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Lafcadio Hearn – Das japanische Lächeln

Essay.

aus: Lafcadio Hearn, Izumo, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1907, S. 262ff.

Wer seine Vorstellungen über die Welt und ihre Wunder hauptsächlich aus Ro­manen und Novellen geschöpft hat, neigt noch immer zu dem Glauben, der Osten sei ernster als der Westen. Wer jedoch die Dinge aus einem höheren Gesichtspunkte beurteilt, folgert im Gegenteil, daß unter den ob­waltenden Umständen der Westen ernster sein müsse als der Osten, und überdies, daß Ernsthaftig­keit geradeso wie ihr Gegenteil auch bloß eine angenommene Sitte sein könne. Tatsache ist, daß man in dieser wie in anderen Fragen keine all­gemeingültige Regel aufstellen kann, die auf diese oder jene Hälfte der Menschheit genau anwendbar wäre. Wissenschaftlich müssen wir uns damit be­gnügen, die Kontraste im allgemeinen zu studieren, wenn wir auch nicht hoffen dürfen, die so überaus komplizierten Ursachen befriedigend erklären zu können. Einen solchen Kontrast von ganz besonderem Interesse bieten die Engländer und die Japaner.

Es ist zum Gemeinplatz geworden, zu sagen, die Engländer seien ein ernstes Volk, — nicht etwa oberflächlich ernst, nein, ernst bis zu der Grundwurzel des Rassecharakters. Ebensowohl könnte man vielleicht behaupten, die Japaner seien nicht sehr ernst — weder unter, noch auf der Oberfläche — selbst im Vergleich mit weniger ernsten Nationen als die britische. Und in eben dem Maße, als sie weniger ernst sind, sind sie auch glücklicher: ja, sie sind vielleicht noch immer das glücklichste Volk der zivilisierten Welt. Wir ernsten Abendländer können uns nicht sehr glücklich nennen — ja, wir wissen nicht einmal, wie ernst wir sind, und wahrscheinlich würde es uns erschrecken, zu erfahren, wie viel ernster wir unter dem immer wachsenden Drucke des Industriellen Lebens voraussichtlich noch werden müssen. Vielleicht, daß wir erst durch einen langen Aufenthalt unter einem weniger ernst veranlagten Volk zur wahren Erkenntnis unseres eigenen Tempe­ramentes gelangen können.

Diese Überzeugung drängte sich mir unwiderstehlich auf, als mir nach einem dreijährigen Ver­weilen im Innern Japans in dem offenen Hafen von Kobe für einige Tage das englische Leben wieder entgegentrat Englisch wieder von Engländern sprechen zu hören, ergriff mich tiefer, als ich jemals für möglich gehalten hätte; aber diese Regung war nur von kurzer Dauer. Der Zweck meines Aufent­halts war, einige notwendige Einkäufe zu machen. In meiner Begleitung befand sich ein japanischer Freund, für den all dies fremde Leben ganz neu und wunderbar war, und der folgende merkwürdige Frage an mich richtete: »Wie kommt es nur, daß die Fremden niemals lächeln? Sie selbst lächeln und verneigen sich, wenn Sie zu ihnen sprechen, aber die andern lächeln nie, warum dies?«

Tatsächlich verhielt es sich so, daß ich mir die japanische Art und Weise zu eigen gemacht hatte und mit dem westlichen Leben außer Kontakt gekommen war. Erst die Bemerkung meines Freundes brachte mir mein einigermaßen seltsames Benehmen zum Bewußtsein, auch schien sie mir trefflich die Schwierigkeit des Verstehens zwischen zwei Rassen zu illustrieren, die jede ebenso natürlich wie irrig die Manieren und Motive der andern nach ihren eigenen beurteilt. Wundern sich die Japaner über den englischen Ernst, so wundern sich sicher­lich die Engländer nicht minder über den japani­schen Leichtsinn. Der Japaner spricht von den »bösen Gesichtern« der Fremden, die Fremden sprechen mit großer Verachtung von dem »japa­nischen Lächeln«. Sie halten es für Unaufrichtigkeit, ja, manche behaupten sogar, es könne unmöglich etwas anderes sein. Nur einige wenige schärfer Blickende haben es als ein Rätsel erkannt, das des Studiums würdig ist. Einer meiner Freunde in Yokohama, ein überaus liebenswerter Mann, der mehr als sein halbes Leben in den offenen Häfen des Ostens zugebracht hat, sagte mir unmittelbar vor meinem Aufbruch in das Innere des Landes: »Da Sie jetzt darangehen, das japa­nische Leben zu studieren, werden Sie vielleicht imstande sein, etwas für mich herauszufinden — ich kann nämlich das japanische Lächeln nicht ver­stehen, — es ist mir völlig unbegreiflich. Lassen Sie mich von meinen zahlreichen Erlebnissen nur eines erzählen: Eines Tages, da ich von einer steilen An­höhe hinunterfuhr, kam mir eine leere Kuruma auf der unrechten Straßenseite an der Wegbiegung ent­gegen. Ich hätte meinen Wagen nicht rechtzeitig aufhalten können, wenn ich es auch versucht hätte; aber ich versuchte es nicht einmal, weil ich an keine eigentliche Gefahr dachte, ich schrie dem Mann nur japanisch zu, nach der anderen Seite aus­zuweichen, dieser aber begnügte sich damit, die Kuruma an der Wegbiegung mit den Deichselstangen nach außen an eine Mauer anzulehnen. Das Tempo, in dem ich fuhr, gestattete mir nicht, die Pferde zurückzureißen, und ehe ich mich’s versah, drangen die Deichselschafte in die Schultern meines Pferdes — der Mann blieb unverletzt.

Beim Anblick meines blutenden Pferdes verließ mich alle Selbstbeherrschung, und ich versetzte dem Manne mit meiner Peitsche einen Schlag auf den Kopf. Er blickte mir voll ins Gesicht, lächelte und verneigte sich. Das Lächeln brachte mich ganz aus der Fassung — mein Zorn war auf einmal verraucht — ... Merken Sie wohl, das war ein höfliches Lächeln. Aber was bedeutete es? ... Warum zum Teufel lächelte der Mann? Ich kann es absolut nicht begreifen ...«

Auch mir war es damals unbegreiflich. Aber seither ist mir der Sinn manches geheimnisvolleren Lächelns offenbar geworden. Ein Japaner vermag angesichts des Todes zu lächeln — und tut es auch gewöhnlich ... Es ist dies aber weder Trotz noch Heuchelei, noch darf es mit jenem Lächeln krank­hafter Resignation verwechselt werden, das wir ge­neigt sind, mit Charakterschwäche in Zusammen­hang zu bringen ... Vielmehr ist dies eine verfeinerte und lang ausgebildete Etiquette. Es ist auch eine stumme Sprache. Aber jeder Versuch, es nach abendländischen Begriffen des physiognomischen Ausdrucks zu deuten, wäre sicherlich ebenso erfolglos, wie der Versuch, chinesische Ideo­gramme nach ihrer wirklichen oder vermeintlichen Ähnlichkeit mit den Formen uns vertrauter Dinge zu interpretieren.

Da erste Eindrücke vorwiegend instinktiv sind, wird ihnen wissenschaftlich eine gewisse Glaubwürdigkeit zuerkannt, und der allererste Ein­druck, den das japanische Lächeln hervorruft, ist tatsächlich nicht weit von der Wahrheit entfernt. Dem Fremden kann der glückliche und lächelnde Gesichtsausdruck der Eingeborenen nicht entgehen, und dieser erste Eindruck ist in den meisten Fällen ein überaus angenehmer. Das japanische Lächeln entzückt anfänglich — erst später, wenn man das­selbe Lächeln unter außerordentlichen Umständen, in Momenten des Kummers, des Schmerzes, der Ent­täuschung gesehen hat, überkommt uns ein gewisser Argwohn dagegen, ja bei manchen Gelegenheiten mag seine offensichtliche Unangebrachtheit sogar unseren Zorn hervorrufen.

Und wirklich hat dieses Lächeln gar viele der Schwierigkeiten zwischen den fremden Dienstgebern und ihren eingeborenen Bediensteten verschuldet. Jeder, der an der britischen Tradition festhält, ein guter Diener müsse gemessen feierlich sein, wird das Lächeln seines »Boy« nicht mit Geduld ertragen können. Aber die Japaner fangen jetzt auch an, dieser abendländischen Marotte Rechnung zu tragen, — seit sie gemerkt haben, daß der englisch sprechende Fremde das Lächeln meistens haßt und geneigt ist, es als beleidigend aufzufassen, haben die japani­schen Bediensteten in den offenen Häfen aufgehört zu lächeln und eine verdrossene Miene angenommen.


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Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine seltsame Geschichte ein, die mir eine Dame in Yokohama von ihrer japanischen Dienerin erzählt hat: »Vor einigen Tagen kommt meine Dienerin lächelnd, als sei ihr etwas sehr Angenehmes passiert, und sagt: ihr Mann sei gestorben, und sie bitte, seiner Be­stattung beiwohnen zu dürfen. Natürlich willige ich ein. Es scheint, daß der Leichnam des Mannes ver­brannt worden ist. Nun, am Abend, kehrt sie zurück, zeigt mir eine Urne, die etwas Knochenasche ent­hält — (ich bemerke einen Zahn darunter) — mit den Worten: ›Dies ist mein Mann!‹ Und — so un­glaublich es klingen mag — sie lachte, indem sie es sagte. Ist Ihnen jemals solch ein widerwärtiges Geschöpf vorgekommen?« ...

Es wäre ganz vergeblich gewesen, die Erzählerin überzeugen zu wollen, daß das Benehmen der Die­nerin weit davon entfernt war, herzlos zu sein, daß man es vielmehr heroisch auffassen und ihm eine rührende Deutung geben könnte. Nun muß man aber nicht gerade ein beschränkter Philister sein, um in einem solchen Falle durch den äußeren Anschein irregeführt zu werden. Leider aber verhält es sich so, daß eine ganze Anzahl fremder Ansiedler in den offenen Häfen Japans ausgesprochene Philister sind, denen es gar nicht einfällt, einen Blick unter die Oberfläche des sie umgebenden Lebens zu tun. Mein Freund in Yokohama, der mir die Ge­schichte von der Kuruma erzählte, war ganz anders geartet — er hütete sich wohl, nach dem äußeren Anschein zu urteilen. Das Mißverstehen des japa­nischen Lächelns hat mehr als einmal zu verhängnisvollen Folgen geführt; so in dem Falle eines ge­wissen T., eines Yokohamaer Kaufmanns aus der guten alten Zeit. T. hatte einen sympathischen, alten Samurai in irgend einer Eigenschaft (ich glaube, als Lehrer) engagiert, der nach der Sitte der Zeit einen Zopf und zwei Schwerter trug. Die Engländer und die Japaner von heute verstehen sich nicht sonderlich, aber die Engländer und die Japaner von dazumal verstanden sich noch weit weniger. Anfänglich be­trugen sich die Eingeborenen in einem fremden Dienstverhältnis genau so, als wären sie in einem vornehmen japanischen Hause,1 und dieser unschul­dige Irrtum veranlaßte die Fremden zu allerlei Über­griffen und Grausamkeiten, bis man endlich die Entdeckung machte, daß es gefährlich sei, Japaner wie westindische Neger zu behandeln. Zahlreiche Fremde wurden getötet — was von guten mora­lischen Folgen war — ... Aber ich schweife ab... T. war also sehr zufrieden mit seinem alten Sa­murai, obgleich völlig außerstande, des alten Mannes orientalische Höflichkeit zu verstehen: sein sich zu Boden werfen beim Gruße, und die Bedeutung seiner kleinen Gaben, die er gelegentlich mit auserlesener — an T. ganz verschwendeter — Höflich­keit darbrachte.

Eines Tages nun kam der alte Mann, um eine Gefälligkeit zu erbitten. Ich glaube, es war der Vorabend des japanischen neuen Jahres, wo jeder­mann Geld braucht, aus Gründen, die hier aus­einanderzusetzen zu weit führen würde. Die Ge­fälligkeit bestand darin, daß T. ihm auf eines seiner Schwerter — ich glaube, es war das lange — eine kleine Summe borgen sollte. Es war eine wunder­schöne Waffe, und da der Kaufmann sie auch als ein überaus wertvolles Stück erkannte, lieh er dem alten Manne ohne jedes Bedenken den gewünschten Betrag. Einige Wochen später war dieser in der Lage, sein Schwert wieder auszulösen. Was nun der Anlaß zu dem folgenden unglückseligen Vor­fall gewesen sein mag, weiß niemand zu sagen. Vielleicht, daß T.’s Nerven sehr überreizt waren..., wie dem auch sei, eines Tages erzürnte sich T. sehr über den alten Mann, der sich dem Ausbruch seines Unwillens mit Lächeln und Kopfneigungen unterwarf. Dies steigerte T.’s Wut noch mehr, und er erging sich in beleidigenden Ausdrücken gegen den alten Mann. Doch dieser lächelte bloß und verneigte sich noch immer, worauf T. ihm die Türe wies. Als aber der alte Mann noch immer fortfuhr, zu lächeln und sich zu verneigen, verlor T. alle Selbstbeherrschung, und er ließ sich so weit hinreißen, dem alten Manne einen Schlag zu versetzen ... Aber plötzlich befiel T. große Furcht — denn im Nu schoß das große Schwert aus der Scheide und blitzte vor seinen Augen, und der alte Mann schien nicht mehr alt ... Nun ist aber eine solche haarscharfe Klinge eines japanischen Schwertes eine gar verhängnisvolle Sache, und in der Hand eines Kundigen genügt ein einziger Ruck, um einem damit den Kopf vom Rumpf zu trennen. Aber zu seinem unsagbaren Erstaunen schob der alte Mann mit der Gewandtheit eines geübten Fechters die Klinge blitzschnell wieder in die Scheide, machte Kehrt und verschwand.

Der verdutzte T. verfiel in Sinnen ... Aller­lei Nettes und Liebes von dem alten Mann tauchte in seiner Erinnerung auf ... seine anspruchslose, schlichte Herzensgüte, die mancherlei unverlangten und unvergoltenen Freundlichkeiten, die er ihm er­wiesen, seine makellose Ehrlichkeit ... T. über­kam es wie ein Gefühl der Beschämung — er ver­suchte sich zu trösten, indem er sich sagte: es war seine eigene Schuld; er hatte kein Recht, mir ins Gesicht zu lachen, als er sah, daß ich zornig war ..., ja, er nahm sich sogar vor, sich gelegentlich zu entschuldigen ... Aber diese Gelegenheit bot sich nie mehr, denn noch am selben Abend vollzog nach Samurai-Sitte der alte Mann das »Harakiri« an sich. Er hinterließ einen wunderschön geschriebenen Brief, in dem er seine Beweggründe auseinandersetzte: einen ungerechten Schlag zu empfangen, ohne für die Schmach Rache zu nehmen, ist eine Ehrenkränkung, die ein Samurai nicht überleben darf. Er hatte einen solchen Schlag empfangen — unter allen anderen Verhaltnissen hätte er für die Schmach Rache genommen, aber in diesem Falle waren die Verhältnisse von ganz besonderer Art. Sein Ehren­kodex verbot ihm, gegen einen Mann das Schwert zu ziehen, das er diesem in einer Stunde der Not für Geld verpfändet hatte. Da er nun so außerstande war, sein Schwert zu gebrauchen, blieb ihm nur der einzige Ausweg des ehrenvollen Selbstmordes ...

Um die Peinlichkeit dieser Geschichte zu mildern, mag der Leser annehmen, T. sei wirk­lich sehr betrübt gewesen und habe für die Hinterbliebenen des alten Mannes großmütig gesorgt. Was er aber in keinem Falle annehmen darf, daß T. jemals imstande gewesen wäre, das Lächeln des alten Mannes zu verstehen — das Lächeln, das die Beleidigung veranlaßt und den tragischen Ausgang bewirkt hatte.


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Um das japanische Lächeln zu verstehen, muß man imstande sein, ein wenig in das alte, natürliche, volkstümliche Leben Japans einzudringen. Von den modernisierten, oberen Klassen kann man nichts lernen. Die tiefe Bedeutung der Rasseverschie­denheiten kommt in den Wirkungen der höheren Erziehung täglich mehr und mehr zum Ausdruck. Statt irgend eine Gemeinsamkeit des Empfindens herbeizuführen, scheint dieselbe vielmehr die Kluft zwischen Abendland und Orient nur zu erweitern. Einige fremde Beobachter sind der Ansicht, dies sei der enormen Entwicklung gewisser latenter Eigentümlichkeiten zuzuschreiben, unter anderem eines an­geborenen Materialismus, der bei den unteren Klassen kaum wahrnehmbar ist. Mit dieser Er­klärung kann ich mich nicht recht befreunden, aber es ist zum mindesten unleugbar, daß, je gebildeter der Japaner (nach westlichen Begriffen) ist, desto ferner scheint er uns seelisch zu stehen. Unter dem Einfluß der neuen Erziehung scheint sich sein Cha­rakter in etwas seltsam Hartes, nach unseren abendländischen Begriffen eigentümlich Undurchdringliches kristallisiert zu haben. Was das Gefühlsleben be­trifft, scheint das japanische Kind uns unvergleichlich näher zu stehen als der japanische Mathematiker, der Bauer näher als der Staatsmann. Zwischen der höchst gebildeten Klasse der ganz modernisierten Japaner und dem abendländischen Denker besteht absolut nichts, was intellektueller Sympathie ähnlich wäre. Auf Seite der Eingeborenen wird dies durch eine kalte, korrekte Höflichkeit ersetzt. Jene Einflüsse, die in anderen Ländern für die Entwicklung höherer Empfindungen von größter Bedeutung sind, scheinen hier die merkwürdige Wirkung zu haben, sie zu unterdrücken. Wir sind daheim gewohnt, verfeinerte Sensibilität mit gesteigertem Intellekt verknüpft zu glauben; es wäre ein grober Irrtum, diese Regel auf Japan anzuwenden. Sogar an einer gewöhnlichen Schule fühlt der fremde Lehrer, wie ihm die Schüler Jahr um Jahr mehr entgleiten, während sie von Klasse zu Klasse aufsteigen; in den verschiedenen höheren Lehranstalten erweitert sich die Kluft noch schneller, so daß noch vor der Graduierung die Studenten für ihren Professor nichts mehr als oberflächliche Bekannte geworden sind. Das Rätsel ist vielleicht in gewissem Maße ein physiologisches und erfordert eine wissenschaftliche Erklärung. Aber seine Lösung muß in erster Linie in den ererbten Lebensgewohnheiten und der von Urvorstellungen erfüllten Phantasie gesucht werden. Diese Erscheinung läßt sich nur dann erschöpfend behandeln, wenn man ihre natürlichen Ursachen völlig erkannt hat — und diese sind wahrlich nicht so einfach. Manche Beobachter folgern daraus, daß die moderne Erziehung in Japan noch nicht imstande war, das feinere Empfindungsleben zu der abendländischen Höhe zu steigern, daß ihre entwickelnde Kraft nicht einheitlich und weise ange­wendet wurde, sondern daß dies nur einseitig und auf Kosten des Charakters geschehen sei. Diese Theorie geht aber von der erst zu beweisenden Behauptung aus, der Charakter könne durch die Erziehung ge­schaffen werden, und übersieht die Tatsache, daß die besten Resultate nur durch Schaffung von Spielraum zur Betätigung präexistierender Neigungen er­zielt werden können, nicht aber durch ein — wie immer geartetes — Unterrichtssystem.

Die Ursachen des Phänomens müssen in dem Rassecharakter gesucht werden. Welche Errungen­schaften immer der höheren Erziehung in ferner Zukunft vorbehalten sein mögen, so darf man doch nicht erwarten, daß sie imstande sein wird, die Natur umzuwandeln. Aber läßt sie jetzt nicht gewisse feine Tendenzen verkümmern? Ich bin der Meinung, daß dies unvermeidlich ist, aus dem einfachen Grunde, weil unter den obwaltenden Bedingungen die Anforderungen der Erziehung die geistigen und moralischen Kräfte überanstrengen. Dieser ganze wunderbare alte nationale Geist der Geduld, der Pflicht, der Selbstverleugnung, der in früheren Zeiten auf einen sozialen, moralischen oder religiösen Idealismus gerichtet war — müßte unter der Disziplin der neuen modernen Erziehung auf ein Ziel konzentriert werden, das seine volle Betätigung nicht bloß erfordert, sondern ganz und gar absor­biert. Denn soll dieses Ziel überhaupt erreicht werden, kann dies nur unter Schwierigkeiten geschehen, denen der abendländische Student kaum je begegnet ist, ja, die ihm kaum verständlich gemacht werden könnten. Alle jene moralischen Qualitäten, die den altjapanischen Nationalcharakter so bewunderungs­würdig machten, sind sicherlich dieselben, die den modernen japanischen Studenten zu dem unermüd­lichsten, gelehrigsten und ehrgeizigsten in der Welt machen. Aber es sind auch Eigenschaften, die ihn zu einem Übermaß der Anspannung seiner natürlichen Fähigkeiten anspornen, häufig mit dem Resultat geistiger und moralischer Erschöpfung. Die Nation befindet sich in einer Periode intellektueller Über­anstrengung. Bewußt oder unbewußt hat Japan, einer plötzlichen Notwendigkeit gehorchend, nichts Geringeres unternommen als die ungeheure Auf­gabe, die geistige Expansion zu dem höchsten Punkte zu forcieren. Der Verlauf einer solchen intellektuellen Entwicklung in wenigen Generationen bringt eine physiologische Veränderung mit sich, die niemals ohne furchtbare Opfer vor sich gehen kann. Mit anderen Worten, Japan hat zu viel angestrebt, aber unter, den obwaltenden Verhältnissen hätte es allerdings kaum weniger anstreben können. Glücklicherweise wird das Erziehungssystem der Regierung selbst von den Ärmsten der Armen mit erstaunlichem Eifer unterstützt. Die ganze Nation hat sich mit einer Begeisterung in die Studien gestürzt, von der auch nur einen annähernden Be­griff zu geben, in den engen Grenzen dieses Aufsatzes nicht möglich ist. Aber ich möchte wenigstens ein rührendes Beispiel anführen. Unmittelbar nach dem schrecklichen Erdbeben im Jahre 1891 sah man die Kinder der zerstörten Städte Gifu und Aichi frierend, hungrig und obdachlos, von namenlosem Schrecken und Elend umgeben, in der Asche ihres zerstörten Heims kauernd, unbekümmert ihren gewohnten Schulbeschäftigungen nachgehen. Ein Stückchen Ziegel aus ihren eigenen zertrümmerten Heimstätten diente ihnen als Schiefer­tafel, und ein Häufchen Lehm ersetzte die Kreide — und all dies, während die Erde noch unter ihnen schwankte.2 Welche zukünftigen Wunder dürfen wir von solch überwältigender Energie des Bildungsstrebens erwarten! ...

Aber, man muß es eingestehen, die Resultate der modernen höheren Erziehung waren bisher nicht immer günstig. Unter den Japanern des alten Re­gimes begegnet man einer Höflichkeit, Selbstlosig­keit, reinen Herzensgüte, die man gar nicht genügend zu preisen vermöchte. Bei der modernisierten neuen Generation ist dies alles beinahe spurlos ver­schwunden. Man sieht eine Klasse von jungen Leuten, die die alten Zeiten und Sitten bespötteln, ohne daß sie imstande gewesen wären, sich über vulgäre Nachäfferei und schale skeptische Gemein­plätze zu erheben. Was ist aus den bezaubernden und vornehmen Anlagen geworden, die ihnen ihre Väter vererbt haben müssen? Ist es nicht möglich, daß das Beste dieser Eigenschaften sich in bloßen Ehrgeiz verwandelt haben kann, in einen so über­mächtigen Ehrgeiz, daß er den Charakter erschöpft, ihm alle Kraft und alles Gleichgewicht geraubt hat.


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Will man die Bedeutung der hervorstechendsten Unterschiede zwischen dem Rasseempfinden und dem Gefühlsausdruck des Westens und des fernen Ostens verstehen, so muß man die noch mobile, natürliche Existenz der unteren Volksschichten unter­suchen. Mit diesen sanften, herzensguten Leutchen, die gleicherweise dem Leben und dem Tod zu­lächeln, ist es möglich, einer Gemeinsamkeit des Fühlens in schlichten natürlichen Dingen froh zu werden — und durch Vertraulichkeit und Sym­pathie können wir dazu gelangen, ihr Lächeln nach und nach zu verstehen.

Das japanische Kind wird mit dieser glücklichen Anlage geboren, die durch die ganze Dauer der häus­lichen Erziehung sorgsam ausgebildet wird. Sie wird mit eben derselben Sorgfalt gepflegt, die man der Entwicklung der natürlichen Anlagen einer Gartenpflanze zuwendet. Das Lächeln wird ebenso ge­lehrt wie die Verbeugung, das Sich-zu-Boden-werfen, wie das sachte, schlürfende Einziehen des Atems, welches als Zeichen der Freude das Grüßen eines Höherstehenden begleitet, und überhaupt alle erlesene und schöne Etikette der alten Höflichkeit. Das Lächeln soll bei allen angenehmen Anlässen zur Schau getragen werden, wenn man zu einem Höherstehenden spricht, oder auch zu einem Gleichgestellten — ja sogar bei Anlässen, die nicht angenehm sind — es gehört dies zum guten Be­nehmen. Das lächelnde Gesicht ist das angenehmste Gesicht, und Eltern, Verwandten, Lehrern, Freunden und Gönnern das angenehmste Gesicht zeigen, ist eine Lebensregel. Ferner ist es eine Lebensregel, der Außenwelt gegenüber immer eine glückliche Miene zu zeigen, anderen so weit als möglich einen angenehmen Eindruck zu machen. Bricht auch das Herz, es ist eine gesellschaftliche Pflicht, tapfer zu lächeln. Anderseits gilt es als unhöflich, ernst auszusehen oder gar unglücklich, weil dies denen, die uns lieben, Besorgnis oder Kummer ver­ursachen muß — es ist auch zugleich töricht, da es bei denen, die uns nicht lieben, müßige Neu­gierde hervorrufen kann. So von Kindheit an als Pflicht eingeprägt, wird das Lächeln instinktiv. In dem Bewußtsein des ärmsten Bauern lebt die Überzeugung, daß es selten nützlich und immer rücksichtslos ist, seinen persönlichen Schmerz oder Ärger durch seinen Gesichtsausdruck zu verraten. Daher kommt es, daß, obgleich der Kummer in Japan ebenso wie anderswo seinen natür­lichen Ausdruck finden muß, ein unbeherrschter Tränenausbruch in Gegenwart von Höherstehenden oder von Gästen als Unhöflichkeit gilt — und die ersten Worte der ungebildetsten Bäuerin, deren Nerven sich etwa in solcher Weise gehen ließen, sind unwandelbar diese: »Verzeihen Sie meine Selbstsucht — ich war sehr rücksichtslos ...« Die Gründe des Lächelns — dies sei hervorgehoben — sind nicht bloß moralisch, sie sind in gewissem Maße ästhetisch, ihnen liegt zum Teil dieselbe Idee zugrunde, die in der griechischen Kunst den Ausdruck des Leidens regelte. Aber sie sind weit mehr moralischer als ästhetischer Natur, wie wir gleich sehen werden. Aus der primären Etikette des Lächelns hat sich eine sekundäre Etikette entwickelt, deren Beobachtung die Fremden oft zu den ärgsten Mißdeutungen des japanischen Empfindens veran­laßt hat. Es ist eine nationale Sitte, daß, wann immer ein trauriger oder erschütternder Vorfall be­richtet werden muß, dies von dem Beteiligten mit einem Lächeln geschieht.3 Je ernster die Sache, desto accentuierter das Lächeln, und ist die Sache dem, der sie vorbringt, besonders furchtbar, so geht das Lächeln3a oft in ein leises sanftes Lachen über. So bitterlich die Mutter, die ihr Erstgeborenes verlor, bei der Leichenfeier geweint haben mag — es ist höchst wahrscheinlich, daß sie, wenn sie in deinen Diensten steht, mit einem Lächeln von ihrem Verlust berichten wird. Gleich dem Priester ist sie der Meinung, daß es eine Zeit zum Lachen und eine Zeit zum Weinen gibt. Es hat lange gebraucht, bis ich selbst begriff, wie Personen, von denen ich wußte, daß sie eben verstorbene Angehörige sehr geliebt hatten, deren Tod mit einem Lachen verkünden konnten. Aber dieses Lachen war die bis zur äußersten Grenze der Selbstver­leugnung getriebene Höflichkeit und wollte sagen: »Dies mag Ihre Güte als ein trauriges Ereignis an­sehen, aber lassen Sie sich eine so nebensächliche Sache nicht zu Herzen gehen und verzeihen Sie, daß die Notwendigkeit mich zwingt, die Höflichkeit da­durch zu verletzen, daß ich überhaupt davon rede.«

Der Schlüssel zu dem Geheimnis des unbegreif­lichsten Lächelns ist die japanische Höflichkeit. Der wegen eines Vergehens mit Entlassung bedrohte Diener wirft sich zu Boden und bittet mit einem Lä­cheln um Verzeihung. Dieses Lächeln ist das gerade Gegenteil von Frechheit oder Gefühllosigkeit. Viel­mehr bedeutet es: »Sie mögen versichert sein, daß ich von der Gerechtigkeit Ihres erhabenen Spruches durchdrungen bin, und daß ich jetzt die Schwere meines Vergehens einsehe, aber mein Kummer und meine Notlage lassen mich hoffen, meine törichte Bitte um Verzeihung werde Gehör finden.«

Der Knabe oder das Mädchen, die über das Alter der kindischen Tränen hinaus sind, nehmen ihre Strafe lächelnd entgegen. Das bedeutet: »Kein böser Gedanke erfüllt mein Herz, ich habe weit Schlimmeres verdient.« Und der von meinem Freunde gezüchtigte Kurumaya lächelte aus einem ähnlichen Grunde, wie mein Freund intuitiv gefühlt haben mochte, da ihn sein Lächeln sofort ent­waffnete: »Ich hatte sehr unrecht, Sie haben recht, böse zu sein, ich verdiene den Schlag und trage Ihnen deshalb gar nichts nach.«

Aber man muß verstehen, daß selbst der ärmste und demütigste Japaner eine Ungerechtigkeit kaum ruhig hinnehmen würde; seine scheinbare Fügsam­keit ist hauptsächlich in seinem moralischen Ge­fühl begründet. Der Fremde, der sich’s beifallen ließe, einen Japaner aus Übermut zu schlagen, würde sich sicherlich bald überzeugen, daß er einen ver­hängnisvollen Irrtum begangen habe. Die Japaner lassen nicht mit sich spaßen, und solches brutale Vorgehen hat schon so manchem das Leben ge­kostet.

Doch selbst nach den vorhergegangenen Erklärungen muß der erwähnte Vorfall mit der japa­nischen Dienerin noch immer unverständlich erscheinen. Aber dies meiner Überzeugung nach nur aus dem Grunde, weil die Erzählerin bestimmte Fakten übersah oder wegließ. In der ersten Hälfte der Geschichte scheint alles vollkommen klar. Bei der Mitteilung von ihres Gatten Tod lächelte die junge Dienerin in Übereinstimmung mit der bereits erwähnten nationalen Formalität. Was voll­kommen unglaublich scheint, ist, daß sie aus eigenem Antrieb die Aufmerksamkeit ihrer Herrin auf den Inhalt der Vase oder Aschenurne gelenkt haben sollte. War sie in der japanischen Höflichkeit genügend bewandert, um bei der Todesbotschaft ihres Gatten zu lächeln, so hätte sie auch unbedingt diesen Kodex so weit kennen müssen, um eine solche Ungehörigkeit zu unterlassen. Sie konnte die Vase und ihren Inhalt bloß auf einen aus­drücklichen oder vermeintlichen Befehl hin ge­zeigt haben. Und in diesem Falle ließ sie das sanfte Lachen hören, das entweder die unvermeid­liche Erfüllung einer traurigen Pflicht oder eine erzwungene peinliche Erklärung begleitet. Meiner Meinung nach war sie genötigt, eine müßige Neu­gier zu befriedigen. Ihr Lächeln oder Lachen mochte bedeuten: »Lassen Sie Ihre werten Gefühle durch meinen unwürdigen Bericht nicht aufregen, es ist wirklich sehr unbescheiden von mir, selbst auf Ihren gnädigen Befehl eine so verächtliche Sache wie meinen Kummer zu erwähnen.«

Aber das japanische Lächeln darf nicht als eine Art »sourire figé« aufgefaßt werden, das dauernd als eine Art Seelenmaske getragen wird. Gleich anderen Etikettefragen ist es durch einen Kodex geregelt, der in den verschiedenen Gesellschaftsklassen variiert. Die alten Samurais waren im allgemeinen nicht geneigt, bei jeder Gelegenheit zu lächeln — sie sparten ihre Liebenswürdigkeit für Höherstehende und Intime auf und scheinen gegen Untergebene eine ernste Strenge beobachtet zu haben. Die Würde der Shintō-Priesterschaft ist sprichwörtlich geworden, und jahrhundertelang spiegelte sich der Ernst der Gesetze des Konfuzius in dem Dekorum der Beamten und staatlichen Würdenträger. Von altersher trug der Adel eine noch stolzere Zurückhaltung zur Schau, und die Feierlichkeit steigerte sich noch durch die ganze Ranghierarchie bis hinauf zu jenem schrecklichen Zeremoniell, das den Tenshi-Sama (Mikado) umgab, dessen Antlitz kein Sterblicher erblicken durfte. Aber im Privatleben hatte das Gehaben des Höchstge­stellten seine angenehme Zwanglosigkeit, und selbst heute wird — wenn man von einigen ganz modernisierten Ausnahmen absieht — der Edelmann, der Richter, der Hohepriester, der Minister, der Offizier in den Intervallen seiner Amtstätigkeit daheim die entzückenden Gewohnheiten der alten Höflichkeit walten lassen.

Das Lächeln, das das Gespräch erhellt, ist an sich nur ein kleiner Teil dieser Höflichkeit; aber das Gefühl, welches es symbolisiert, hat sicherlich den größten Anteil daran. Hast du zufällig einen gebildeten japanischen Freund, der in allen Dingen wahrhaft japanisch geblieben ist, dessen Charakter unberührt ist von allem modernen Egoismus und fremden Einfluß, wirst du wahrscheinlich an ihm die wesentlichen sozialen Züge des ganzen Volkes studieren können, — Züge, die sich bei ihm in feinster Blüte entfaltet haben. Du wirst beobachten, daß er in der Regel niemals von sich selbst spricht, und daß er in Beantwortung eindringlicher persön­licher Fragen mit einer höflichen Verbeugung mög­lichst kurz und vage antworten wird. Aber anderer­seits wird er eine Menge Fragen über dich selbst stellen, — deine Meinungen, deine Ideen, sogar un­wesentliche Einzelheiten deines täglichen Lebens scheinen für ihn tiefes Interesse zu haben, und du wirst wahrscheinlich Gelegenheit haben, zu be­merken, daß er niemals etwas vergißt, was er von dir erfahren hat. Aber seiner liebenswürdigen, teilnehmenden Neugierde sind gewisse strenge Grenzen gesetzt, und vielleicht sogar auch seiner Beobach­tung. Er wird niemals irgend eine peinliche Sache berühren und bleibt allen Exzentrizitäten oder kleinen Schwächen gegenüber — die du etwa haben solltest — vollkommen blind. Er wird dich nie ins Gesicht loben, aber er wird dich auch nie bespötteln oder bekritteln.

Du wirst überhaupt finden, daß er nie Personen kritisiert, sondern die Wirkungen ihrer Taten. Ziehst du ihn zurate, wird er nicht einmal einen Plan kriti­sieren, den er mißbilligt, sondern wird sich höchstens dazu herbeilassen, einen neuen anzudeuten, etwa in folgender behutsamer Form: »Vielleicht wäre es Ihrem unmittelbaren Interesse dienlicher, so und so vorzugehen.« Ist er genötigt, von andern zu sprechen, wird er sich in einer seltsam indirekten Weise auf sie beziehen, indem er eine Anzahl von Zügen anführt und kombiniert, die charakteristisch genug sind, um das gewünschte Bild hervorzurufen. Aber in einem solchen Falle werden die erwähnten Züge sicherlich von der Art sein, Interesse zu erwecken und einen günstigen Eindruck zu machen. Diese indirekte Art des Mitteilens ist ausgesprochen die Schule des Konfuzius. »Selbst wenn du keine Zweifel hast,« sagt Li-Ki, »lasse das, was du sagst, nicht als deine eigene Meinung erscheinen.« Und es ist sehr wahrscheinlich, daß du sehr viele andere Züge bei deinem Freund bemerken wirst, zu deren Verständnis es einiger Vertrautheit mit den chinesischen Klassikern bedarf. Aber keiner solchen Kenntnisse bedarf es, um dich von seiner zarten Rücksicht für andere zu überzeugen, und von seiner anerzogenen Selbstverleugnung. Keinem andern zi­vilisierten Volke ist das Geheimnis, glücklich zu leben, so offenbar wie den Japanern, keiner anderen Rasse ist die Wahrheit so tief bewußt, daß unsere Lebensfreude auf dem Glücke unserer Umgebung beruhen müsse, demzufolge auf der Pflege unserer eigenen Selbstverleugnung und Geduld.

Aus diesem Grunde findet Ironie, Sarkasmus, grausam scharfer Witz in der japanischen Gesellschaft keinen Anklang. Ich möchte beinahe sagen, sie kommen im verfeinerten Leben gar nicht vor. Ein Mißgriff verfällt nicht der Lächerlichkeit oder dem Tadel — eine Extravaganz wird nicht kommentiert, ein unwillkürlicher Verstoß nicht be­spöttelt.

Es ist wahr, daß dieses durch den chinesischen Konservatismus einigermaßen erstarrte ethische System die Ideen auf Kosten der Individualität ver­knöchert hat. Und dennoch wäre eben dieses System durch ein ausgedehnteres Verständnis der sozialen Erfordernisse, durch die wissenschaftliche Erkenntnis der für die intellektuelle Evolution wichtigen Frei­heit geregelt und erweitert, dasjenige, womit die glücklichsten und besten Resultate erzielt werden könnten. Aber wie es jetzt geübt wird, war es der Entwicklung der Originalität nicht förderlich — viel­mehr wirkte es dahin, jene liebenswürdige Mittel­mäßigkeit der Auffassung und Phantasie zu be­günstigen, die noch jetzt vorherrscht. Deshalb kann der Fremde, der sich im inneren Japan aufhält, nicht umhin, sich manchmal nach den scharfen Kon­trasten des europäischen Lebens zu sehnen, mit seinen tieferen Freuden und Leiden und seiner ver­ständnisvolleren Sympathie. Aber nur manchmal, denn die intellektuelle Einbuße wird wirklich durch den gesellschaftlichen Charme reichlich aufgewogen, und wer die Japaner auch nur teilweise versteht, kann sich dem Bewußtsein nicht verschließen, daß sie noch immer das Volk sind, unter dem es sich am besten leben läßt.


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Während ich diese Zeilen schreibe, taucht die Erinnerung an einen Abend in Kyōto vor mir auf. Auf meinem Wege durch das Menschengewühl einer wundersam lichtschimmernden Straße, deren Name mir entfallen ist, trat ich ein wenig abseits, um mir eine Jizōstatue vor dem Eingang eines kleinen Tempelchens anzusehen. Die Gestalt war die eines Kozō (Akolythen), eines schönen Knaben, und sein Lächeln war vergöttlichter Realismus. Während ich so in Betrachtung versunken dastand, lief ein kleiner, vielleicht zehnjähriger Knabe zu mir heran, faltete die Hände, neigte das Köpfchen und betete einige Minuten schweigend vor dem Bilde. Er hatte sich soeben von seinen Gefährten getrennt, und auf seinem geröteten Antlitz lag noch der Ab­glanz der Spielfreude. Sein unbewußtes Lächeln glich so sehr dem Lächeln des steinernen Kindes, daß der Knabe der Zwillingsbruder des Gottes schien. Und ich dachte: »Dieses Lächeln in Stein oder Bronze ist nicht eine bloße Nachahmung, — das, was der buddhistische Künstler darin sym­bolisierte, muß der Schlüssel zu dem Lächeln der Rasse sein.«

Das ist schon lange her, aber die Idee, die sich mir damals aufdrängte, erscheint mir noch jetzt richtig. Wie fremd dem japanischen Boden der Ursprung der buddhistischen Kunst auch sein möge, im Lächeln des Volkes spiegelt sich dasselbe Empfinden wie in dem Lächeln Bosatsus, — das Glück, das der Selbstbeherrschung und Selbstver­leugnung entspringt. »Besiegt ein Mann in der Schlacht tausend mal Tausende, und ein anderer überwindet sich selbst, so ist der, der sich selbst bezwingt, der größere Sieger. Nicht einmal ein Gott vermöchte eines Menschen Sieg über sich selbst zunichte zu machen.«4 Solche buddhistische Texte, — und es gibt ihrer gar viele, — drücken sicherlich jene sitt­lichen Tendenzen aus, die den größten Zauber des japanischen Charakters bilden. Der ganze moralische Idealismus der Rasse scheint mir in jenem wundersamen Buddha von Kamakura verkörpert, dessen Antlitz, »ruhevoll wie ein tiefes stilles Wasser«5, wie kein anderes Werk von Men­schenhand jene ewige Wahrheit ausdrückt: »Es gibt kein höheres Glück als die Ruhe.«6 Diese unendliche abgeklärte Ruhe hat der Orient angestrebt Und dieses Ideal der HEHRSTEN SELBSTBEZWIN­GUNG hat er sich zu eigen gemacht. Und selbst jetzt, obgleich auf seiner Oberfläche von jenen neuen Einflüssen bewegt, die ihn früher oder später in seinen tiefsten Tiefen aufwühlen müssen, behält der japanische Geist im Vergleich mit dem abendländischen Denken eine wundersame kontemplative Ruhe. Er verweilt nur wenig — wenn überhaupt — bei jenen abstrakten letzten Fragen, die uns so viel Kopfzerbrechens machen, auch kann er unserem Interesse dafür kein solches Verständnis entgegen­bringen, wie wir es wünschen möchten. »Daß Sie religiösen Spekulationen nicht gleichgültig gegenüberstehen,« sagte mir einst ein japanischer Ge­lehrter, »ist ganz natürlich, aber ebenso natürlich ist es, daß wir uns keine Gedanken darüber machen. Die Tiefe der buddhistischen Philosophie übertrifft die Ihrer abendländischen Theologie bei weitem, und wir haben sie studiert. Wir haben uns in die Tiefen der Spekulation versenkt, um immer wieder zu finden, daß hinter diesen Tiefen sich noch andere unergründlichere eröffnen, — wir sind zur äußersten Grenze des Denkens vorgedrungen, um immer wieder zu sehen, daß der Horizont stets weiter und weiter zurückweicht. Und Ihr, Ihr habt Vieltausend-jahrelang wie Kinder tändelnd am Bache gespielt und wisset nichts vom Meer. Eben erst seid Ihr auf einem andern Pfad als dem unseren zum Ufer ge­langt, und seine Unendlichkeit dünkt Euch ein neues Wunder. Und Ihr würdet nach Nirgendheim treiben; denn Ihr habt die Unendlichkeit über dem Sande des Lebens geschaut.«


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Wird Japan imstande sein, die abendlän­dische Zivilisation ebenso zu assimilieren, wie es sich die chinesische vor mehr als zehn Jahrhunderten angeeignet hat, — und sich trotzdem seine eigene Art des Denkens und Fühlens bewahren? Eine be­deutungsvolle Tatsache ist verheißungsvoll: daß die Bewunderung der Japaner für die materielle Über­legenheit des Abendlandes sich keineswegs auf die abendländische Sittlichkeit erstreckt. Die orientali­schen Denker begehen nicht den verhängnisvollen Irrtum, mechanischen Fortschritt mit ethischem Fort­schritt zu verwechseln, — auch sind ihnen die morali­schen Schwächen unserer gerühmten Zivilisation nicht entgangen. Ein japanischer Schriftsteller hat seine Anschauung über die Sachlage im Abendlande in einer Weise ausgedrückt, die wohl verdient, einem größeren Leserkreise bekannt zu werden, als dem, für den sie ursprünglich geschrieben worden ist:

»Bei einer Nation hängt Ordnung oder Wirr­nis nicht von etwas ab, das vom Himmel fällt oder aus der Erde wächst. Sie wird von der Charakterdisposition des Volkes bestimmt. Wo das Volk hauptsächlich von Gemeingefühlen beeinflußt wird, ist die Ordnung gesichert; herrschen Privat­interessen vor, ist Zerrüttung unvermeidlich. Soziale Gesichtspunkte sind jene, die zu strenger Pflicht­erfüllung führen, ihr Vorwiegen bedeutet Friede und Wohlstand für die Familie, das Gemein­wesen und die Nation. Private Rücksichten sind jene, die von selbstischen Motiven bestimmt werden. Überwiegen diese, sind Wirren und Um­sturz unvermeidlich. Als Mitglied einer Familie ist es unsere Pflicht, unser Augenmerk auf das Wohl­ergehen dieser Familie zu richten. Als Mitglied der Nation ist es unsere Pflicht, für das Wohl der Na­tion zu arbeiten. Unsere Familienangelegenheiten mit allem der Familie zukommenden Interesse und unsere Nationalangelegenheiten mit allem der Nation gebührenden Interesse zu behandeln, heißt unsere Pflicht erfüllen und von allgemeinen Rücksichten geleitet werden. Wenn wir hingegen die Angelegenheiten der Nation ansehen, als wären sie unsere eigenen Familienangelegenheiten, so sind wir von privaten Motiven beeinflußt und weichen vom Pfade der Pflicht ab.

Selbstsucht ist jedem Menschen angeboren. Sich ihr ungehemmt hinzugeben, heißt zum Tier werden. Aus diesem Grunde predigen die Weisen die Prinzipien der Tugend, Wohlanständigkeit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit, hemmen wohltätig die Hingabe an private Zwecke und pflegen und fördern gemeinnützigen Sinn. Was wir von der abendländischen Zivilisation wissen, ist, daß sie jahrhundertelang in verworrenen Verhaltnissen fortkämpfte, um schließlich zu einer Art geordnetem Zustand zu ge­langen, aber daß selbst diese Ordnung bei dem Wachstum des menschlichen Ehrgeizes und seiner Ziele ewigem Wechsel und Wirren unterworfen bleiben wird, weil sie nicht auf jenen natürlichen und unverrückbaren Distinktionen zwischen Souverän und Untertan, Eltern und Kindern, mit allen da­mit zusammenhängenden Rechten und Pflichten, auf­gebaut ist.

Dieses System, das Personen, deren Handeln von ihrem selbstsüchtigen Ehrgeiz bestimmt wird, so angemessen ist, wird naturgemäß von einer ge­wissen Klasse japanischer Politiker befürwortet. Bei oberflächlicher Betrachtung ist die abendländische Gesellschaftsform freilich sehr anziehend; denn da sie seit altersher das Resultat der freien Entwick­lung menschlicher Wünsche ist, repräsentiert sie die höchste Stufe des Luxus und des Wohllebens. Kurz gesagt, die bestehenden Zustände im Westen beruhen auf dem freien Spiel der menschlichen Selbstsucht und können nur erreicht werden, wenn man dieser Betätigung ungehinderte Entfaltung läßt. Soziale Erschütterungen werden im Abendland wenig beachtet, aber sie sind die Folgen und zugleich die Ursachen der gegenwärtigen ungünstigen Verhält­nisse ... Möchten die für abendländische Art und Weise so eingenommenen Japaner die Ge­schichte ihrer Nation denselben Verlauf nehmen sehen? Wollen sie wirklich ihr Land zu einem neuen Versuchsfeld für die abendländische Zivili­sation machen? ...

»Im Orient beruht die nationale Regierung seit altersher auf Wohlwollen und hatte stets das Glück und die Wohlfahrt des Volkes im Auge. Keine politische Anschauung ging jemals dahin, daß die intellektuellen Kräfte zum Zwecke der Ausbeutung der Minderwertigen und Unwissenden ausgebildet werden sollten. Das Volk dieses Reiches lebt zumeist von seiner Hände Arbeit,— mögen sie noch so fleißig sein, sie verdienen eben genug für ihre täglichen Bedürfnisse, im Durchschnitt ungefähr zwanzig Sen täglich. Bei ihnen ist nicht die Rede davon, schöne Kleider zu tragen oder in hübschen Häusern zu wohnen, noch können sie je hoffen, zu Stellungen und Rang und Ehre zu gelangen. Was haben diese armen Leute begangen, daß sie nicht auch der Wohltaten der abendländischen Kultur teil­haftig werden könnten? Manche führen ihre Lage auf den Grund zurück, daß ihre ›Wünsche‹ sie nicht zu einer Besserung ihrer Verhältnisse anspornen. Diese Voraussetzung hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Sie haben ›Wünsche‹, aber die Natur hat ihre Fähig­keiten, diese Wünsche zu befriedigen, begrenzt, — ihre Pflicht als Menschen beschränkt sie darin, und auch die Grenzen der möglichen physischen Arbeits­leistung beschränken sie. Sie erreichen so viel, als ihre Lage ihnen gestattet. Die besten und feinsten Produkte ihrer Arbeit gehören dem Reichen, die schlechtesten und primitivsten bleiben für ihren eigenen Gebrauch. Und doch gibt es nichts in der menschlichen Gesellschaft, das seine Existenz nicht der Arbeit verdankte. Um die Bedürfnisse eines einzigen luxuriösen Menschen zu befriedigen, müssen heute Tausende sich rackern und plagen. Es ist gewiß ungeheuerlich, daß diejenigen, die die Befriedigung ihrer durch die Zivilisation entwickelten Luxusbedürfnisse der Arbeit verdanken, vergessen, was sie dem Arbeiter schulden, und ihn behandeln, als wäre er kein Mitmensch. Aber nach abend­ländischer Auffassung dient die Zivilisation nur dazu, Menschen mit ›großen Bedürfnissen‹ zu befriedigen — sie ist keine Wohltat für die Massen, sondern einfach ein System des Wettbewerbs zwischen ehrgeizigen Individuen zur Erreichung ihrer Ziele. Daß das abendländische System der Ordnung und dem Frieden eines Landes in hohem Maße abträglich ist, sehen die, die Augen haben, um zu sehen, und hören die, die Ohren haben, um zu hören. Die Zukunft, der Japan unter einem solchen System entgegengehen würde, er­füllt uns mit Besorgnis. Ein System, aufgebaut auf dem Prinzip, daß Ethik und Religion der Befriedigung menschlichen Ehrgeizes dienstbar ge­macht werden müssen, stimmt naturgemäß mit den Wünschen selbstsüchtiger Individuen überein, und solche Theorien, wie sie in der modernen Form der Freiheit und Gleichheit verkörpert sind, zerstören die festgefügten Zusammenhänge der Gesellschaft und verletzen Anstand und Sitte ...

Da absolute Gleichheit und Freiheit unerreich­bar ist, glaubt man die Schranken durch Rechte und Pflichten feststellen zu können. Aber da jedermann so viele Rechte als möglich für sich in An­spruch nehmen und sich mit so wenig Pflichten als möglich belasten möchte, sind die Folgen endlose Kämpfe und Gesetzstreitigkeiten. Die Prinzipien der Gleichheit und Freiheit können eine Umwandlung in der Organisation der Nation bewirken, indem sie die gesetzlichen Unterschiede der gesellschaft­lichen Rangordnung stürzen und alle Menschen auf ein gleiches Niveau stellen, aber sie können nie die gleiche Verteilung von Besitz und Reichtum herbei­führen. (Man sehe Amerika.) ... Es ist klar, daß, wenn die Rechte der Menschen und ihre Lebens­haltung von dem Grade des Reichtums abhängig gemacht werden, der besitzlosen Majorität des Volkes die Erringung seiner Rechte nicht mög­lich ist, während die reiche Minorität sich ihre Rechte sichern und mit der Sanktion der Gesell­schaft die Gebote der Humanität außer acht lassen und den Armen bedrückende Pflichten auferlegen wird. Die Einführung dieser Freiheits- und Gleich­heitsgrundsätze in Japan würde die guten und fried­lichen Sitten verderben, den Volkscharakter ver­härten und zu einer Quelle des Unglücks für die Massen werden ...

Obgleich die abendländische Zivilisation in der Art, wie sie sich der Befriedigung selbstischer Wünsche anpaßt, auf den ersten Blick etwas sehr Lockendes hat, muß sie doch schließlich zu Ent­täuschung und Demoralisation führen, da ihre Basis auf der Voraussetzung beruht, daß den ›Wünschen‹ der Menschen natürliche Gesetze zugrunde liegen. Die abendländischen Nationen sind erst durch Kämpfe und Wirren der ernstesten Art zu dem ge­worden, was sie sind, und es ist ihr Los, den Kampf immer weiter fortsetzen zu müssen. Eben jetzt sind ihre bewegenden Elemente in teilweisem Gleichgewicht und ihre Verhältnisse relativ geordnet. Aber bringt ein Zufall dieses momentane Gleichgewicht ins Schwanken, kommt alles wieder in Verwirrung und Umsturz, bis einer Zeit neuerlicher Kämpfe und Leiden eine zeitweilige Stabilität folgt. Der jetzt Arme und Machtlose mag dann vielleicht in der Zukunft zum Reichen und Mächtigen werden und vice versa. Ewiger Umsturz ist ihr Los. Friedliche Gleichheit kann erst auf den Ruinen der abendländischen Staaten und aus der Asche der ausgestorbenen abendländischen Völker erstehen.«


* * *


Bei solchen Anschauungen darf Japan freilich hoffen, einige der sozialen Gefahren, die das Land bedrohen, abzuwenden. Aber es scheint unver­meidlich, daß seine künftige Transformation mit einem moralischen Rückgang Hand in Hand geht. In den ungeheuren industriellen Wettkampf mit Völkern hineingedrängt, deren Institutionen nie auf Altruismus beruht haben, müßte es notgedrungen jene Qualitäten entwickeln, deren verhältnismäßiger Mangel gerade den wundersamen Zauber seines Lebens ausmacht. Der Nationalcharakter muß fort­fahren, sich immer mehr und mehr zu verhärten. Aber man sollte nie vergessen, daß das alte Japan dem neunzehnten Jahrhundert moralisch ebenso überlegen war, wie es materiell hinter ihm zurückstand. Die Sittlichkeit war ihm zur zweiten Natur geworden. Es hat, — wenn auch in beschränkten Grenzen — manche jener sozialen Be­dingungen verwirklicht, die unsere größten Denker als die glücklichsten und höchsten ansehen. Durch die ganze Stufenleiter seiner komplizierten Gesell­schaftsordnung hat es sowohl das Verständnis wie die praktische Übung öffentlicher und privater Pflichten in einem Maße ausgebildet und gepflegt, desgleichen man im Ausland nicht findet. Selbst seine moralischen Schwächen waren nur das Re­sultat eines Übermaßes dessen, was alle zivilisierten Religionen einstimmig als Tugend proklamieren: die Selbstaufopferung des Individuums für die Fa­milie, die Gemeinde und die Nation. Es war die Schwäche, von der Percival Lowell in seinem Werk »Die Seele des fernen Ostens« spricht, — einem Buche, dessen wunderbare Genialität in ihrer ganzen Bedeutung ohne persönliche Kenntnis des Orients nicht gewürdigt werden kann.7 Bisher war Japans Fortschritt auf dem Gebiet sozialer Sittlichkeit, ob­gleich größer als der unserige, hauptsächlich ein solcher in der Richtung gegenseitiger Hilfe; es wird Japans zukünftige Pflicht sein, sich die Lehre jenes mächtigen Denkers vor Augen zu halten, dessen Philosophie Japan weise angenommen8 hat, die Lehre, daß »die höchste Individualisierung mit der größten gegenseitigen Abhängigkeit verknüpft sein müsse«, und daß — so paradox die Behauptung klingen mag — das Gesetz des Fort­schritts sich zugleich auf der Linie vollkommener Trennung und vollkommener Vereinigung bewegen müsse.

Aber auf jene Vergangenheit, die eine jüngere Generation jetzt geringzuschätzen vorgibt, wird Japan dereinst so zurückblicken, wie wir auf die altgriechische Kultur. Es wird zu der schmerzlichen Erkenntnis gelangen, daß es die Fähigkeit zu ein­facher Lebensfreude eingebüßt hat, wird den Ver­lust des göttlichen Vertrautseins mit der Natur be­klagen und der wundersamen Kunst nachtrauern, die sie widerspiegelte. Es wird ihm dann klar werden, wieviel leuchtender und schöner die Welt damals war, — es wird vielen Dingen nachtrauern, — der altvaterischen Geduld und Selbstverleugnung, — der alten Höflichkeit, — der tiefmenschlichen Poesie des alten Glaubens. Es wird sich auch über vieles wundern, doch mit leiser Wehmut — am meisten vielleicht über die Gesichter der alten Götter, weil ihr Lächeln einst das Spiegelbild seines eigenen Lächelns war.




Endnoten:



1 Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern dauert bloß für eine Lebenszeit fort, das zwischen Mann und Frau für zwei Lebenszeiten, aber das zwischen Herr und Diener für die Zeit von drei Existenzen.

2 Nach dem Ausbruch dauerten die Stöße, obgleich ihre Stärke und Heftigkeit abnahm, noch sechs Mo­nate fort

3 Natürlich ist das gegenteilige Verhalten für den Kondolierenden üblich.

3a Anmerkung von ngiyaw eBooks: im Original wahrscheinlich Druckfehler: dort heißt es »Lachen«

4 Dhammapada.

5 Dammikkasutta.

6 Dhammapada.

7 Indem ich meine tiefe Bewunderung für dieses herrliche Werk ausdrücke, muß ich gleichwohl be­merken, daß einige der darin enthaltenen Konklusionen, insbesondere die letzten Schlußfolgerungen gerade das Gegenteil meiner eigenen Anschauung darstellen. Ich bin nicht der Meinung, daß die Japaner keine Individualität haben. Ihre Individualität ist nur weniger augenfällig und offenbart sich langsamer als die der Abend­länder. Ich bin auch überzeugt, daß vieles, was wir im Abendland Persönlichkeit und Charakterstärke nennen, nur die — mehr oder weniger von der Kultur über­tünchten — Überbleibsel und Merkzeichen primitiver aggressiver Tendenzen sind. Das, was Spencer die höchste Individualisierung nennt, bedeutet sicherlich nicht die außerordentliche Entwicklung von Kräften, die nur auf aggressive Zwecke gerichtet sind. Und doch manifestiert sich diese abendländische Individualität eher und häufiger darin, als in irgend etwas anderem. Bis jetzt sind in Japan dominierende brutale, aggressive oder krankhafte Individualitäten äußerst selten zu finden; was uns in japa­nischen intellektuellen Kreisen als scheinbare Schwäche frappiert, ist der relative Mangel des Spontanen, des schöpferischen Gedankens und der originellen Auf­fassung höherer Art Vielleicht ist dieser Mangel eine Rasseneigentümlichkeit: die Völker des fernen Ostens scheinen während ihrer ganzen Geschichte eher rezeptiv als schöpferisch gewesen zu sein. In keinem Falle glaube ich, daß der Buddhismus, der ursprünglich die Religion einer arischen Rasse war, dafür verantwortlich gemacht werden kann. Die gänzliche Verbannung des Buddhismus aus dem öffentlichen Schulunterricht scheint nicht anregend gewirkt zu haben, denn die Meister der alt­buddhistischen Philosophie zeigen noch immer eine weit höhere Fähigkeit des philosophischen Denkens als der Durchschnitt der Graduierten der kaiserlichen Universität Ich neige wirklich zu der Meinung, daß eine intellek­tuelle Neubelebung des Buddhismus, eine Übereinstim­mung seiner hohen Wahrheiten mit den besten und grundlegenden Lehren der modernen Wissenschaft die schönsten Resultate für Japan ergeben würde. Ein einheimischer Gelehrter, Mr. Inouye Enryō, hat mit diesem hohen Ziel vor Augen tatsächlich in Tōkyō ein philo­sophisches Kolleg gegründet, das eine einflußreiche In­stitution zu werden verspricht.

8 Herbert Spencer


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