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Georg Hermann – Modelle

Skizzen

Georg Hermann, Modelle, Egon Fleischel & Co., Berlin, 1907


Meinem lieben Freunde
Ludwig Jahn




Motto:

Vorüber gehen Schmerzen so wie Wonnen,
Geh an der Welt vorüber – es ist nichts.
Bidpai.




Vorwort

Eine Reihe kleiner, ureinfacher Skizzen. Weder hoch zum Himmel strebende Gedanken, noch sehnsüchtelnde Liebesträume. Nur das Leben – das plumpe Leben, wie man es täglich um sich sieht, – in seiner ganzen lachenden Rohheit, in seiner ganzen weinenden Freude. Hier war es ein Kopf, dort ein scharfkantiges Profil, dort eine Augenblicksstimmung, die mich reizte, sie mit wenigen flüchtigen Strichen festzuhalten.

Aus einigen dieser Skizzen ließe sich wohl mehr machen, sie ließen sich weiter ausbilden, ausführen, aber mich dünkt, dann würden sie auch noch das Wenige verlieren, das an ihnen eigenartig.

Und das möchte ich nicht.

Der Verfasser.




Ein Glücklicher.

Wenn es auch kalt ist, das Wetter ist schön: folglich fahre ich oben, für zehn Pfennige oben auf dem Omnibus.

Also ich saß oben auf dem Omnibus, und dachte an gar nichts, da trat mir jemand auf die Füße und ließ sich dann schwerfällig neben mich auf den Platz fallen. Das störte mich unangenehm aus meiner behäbigen Ruhe auf. Ich sah mir den Störenfried an, es war ein alter Mann, eine komische Gestalt, mit einem gutmütigen Gesicht. Er trug einen braunen, schäbigen Paletot, einen eingedrückten Hut, ein Cigarrenkistchen unter dem Arm und Handschuhe, Monstra von Handschuhen. Diese famosen Handschuhe bestanden nämlich aus drei Schichten, Leder – Baumwolle – Wolle. An manchen Stellen war nur die Oberhaut zerrissen und die Baumwolle war sichtbar. An anderen Stellen sah das Leder hervor, da Wolle und Baumwolle Zerrissen waren. An den meisten Stellen waren alle drei Schichten zerrissen, und das bloße Fleisch schaute wehmütig – blaurot in die frostigkalte Welt. Wir schrieben nämlich schon Anfang Dezember.

Jetzt nahm mein Nachbar unterthänigst den Hut ab. » Ob sie mich gesehen hat, weiß ich nicht; da unten jing nämlich, müssen Sie wissen – « er wandte sich zu mir – »die Schwester von meiner Schwägerin.«

»Ich hatte leider nicht das Vergnügen, sie zu sehen.«

»Na ja! Ich sage schon! Nu loft man so den janzen Tag ' rum und verkoft nischt!«

»Hm!«

»Sie müssen nämlich wissen, ich handle mit Cigarren, nur mit feine Cigarren, nur echte Havanna, en détail und en gros, einzeln und kistenweise. Wollen Sie vielleicht welche kaufen? Hier hab' ich eine ausgezeichnete Nummer. – Von der habe ich heute dreihundert Stück verkauft – das Hundert kostet mich selbst zehn Mark. Ich lasse es Ihnen für neune. Ich sage Ihnen, es ist ein Spottpreis, Sie kriegen se halbgeschenkt. –«

»Ich bin augenblicklich versorgt, aber eine will ich doch nehmen, um ' mal zu probieren. –«

Ich nahm die Cigarre. Er griff diensteifrig in die Tasche und hielt mir dann ein brennendes Streichholz unter die Nase.

»Jawoll! So läßt einen die Welt sitzen – selbst die Verwandten jeben einen nichts – Gott sei Dank, daß ich so jut versorgt bin, denn auf die könnt' ich mich auch nicht verlassen. – – Aber ich ärgere mich nicht darüber. I! Weshalb sollt' ich auch?! Da hab' ich nu ' ne Schwester, die hier in Berlin wohnt, die andere wohnt in Düsseldorf, reich verheiratet, sag' ich Ihnen, sehr reich verheiratet! Wenn ich nu zu der sage, sie möchte mir zu meinem Geburtstag – zehnten Dezember – Hemden oder wenigstens Handschuh schenken – sehen Sie, meine sind schon sehr schlecht, ich hab' sie mir nur noch ' mal mühsam zusammengeflickt – dann sagt sie – ›lieber Junge,‹ sagt sie – ›wir brauchen unser Geld alleine,‹ sagt sie. Na, ich werd' mich da doch nich drüber ärgern! I bewahre!! ›Du hast dein jutes Auskommen in deinem Stift,‹ sagt sie. Na, da hat sie ja auch janz recht – – sehen Sie, wenn ich jetzt nach Hause komme – ich bin nämlich, müssen Sie wissen, in der Reuterstiftung für alte Kaufleute – – – wenn ich jetzt nach Hause komme, sehen Sie, dann jeh' ich in mein Zimmer, mein eijenes Zimmer, und da ist es jemütlich warm und dann mach' ich die Ofenröhre auf, und da steht mein Mittagbrot fein jewärmt, sag' ich Ihnen, Teltower Rübchen und Hammelbraten jiebt's heute. Mein Liebchen, was willst du noch mehr! Das Leben ist gar nicht schlecht. Aber so ganz ohne Beschäftigung kann ich es doch nicht aushalten, deshalb hausiere ich eben mit Cigarren, nur mit echten Havanna – en détail und en gros – einzeln und kistenweise. – – –

»Einen Garten haben wir auch im Stift, drei Bäume und zwölf Bänke – im Sommer ist es janz schön da. Na, wissen Sie, wie das so immer in solchem Stift is, da kommen auch öfter Zankereien unter den alten Herren vor. Sie geben sich Spitznamen, utzen sich, – ich beteilige mich natürlich an so ' was nich – i! wozu sollte ich auch?!

»Da neulich war Stiftungsfest bei uns, da bekam jeder alte Herr ein gutes Mittagbrot und 'ne Flasche Wein. Na, und denn hab ich doch gered't, ich weiß doch, was gute Sitte heißt. – –«

Er war aufgestanden, lehnte sich an die Brüstung des Verdecks und machte eine pathetische Handbewegung.

»Meine werten, alten Herrn! Objleich wir hier versammelt sind, um fröhlich den Tag zu begehen, den wir heute feiern, so halte ich es doch für meine, respektive unsere Pflicht, des Manns zu gedenken, welcher, objleich er Millionär war, dennoch der Armen gedachte und in seinem Testamente für uns alte Herren und Kaufleute ein Legat aussetzte. Er lebe hoch! hoch!! und noch einmal hoch!!! – Hoch soll erleben! Hoch soll er leben! Dreimal hoch!« sang er vor sich hin.

»›Junge! Du kannst ja Pastor werden! Du kannst ja reden wie ein Abgeordneter! Du hast ein famoses Maulwerk!!‹ so schrieen die ollen Herren alle durcheinander. Es war aber nur der pure Neid von ihnen. – Na, nu wollt' ich ihnen erst zeigen, was 'ne Sache ist, und hab' die Rede in die Zeitung bringen lassen! – Sie müssen's ja gelesen haben. – Natürlich ein bißchen umgeändert. Natürlich! Dann haben sie nur alle beim Mittagessen gesagt, sie hätten 'nen Reporter, 'nen Zeitungsschreiber unter sich. Das war aber auch nur der blasse Neid. Aber das kränkt mich nicht. Das soll mir mein Jlück nicht verbittern. Na, dann eß ich eben von nun an in meinem Zimmer. – Abendbrot müssen wir uns zwar selbst beschaffen, zwei Mark kriegen wir wöchentlich. – Nein, das Leben ist schon famos; man braucht sich gar nichts anderes zu wünschen. Jeder soll solch sorgenloses Alter haben, wie ich! – Mein Liebchen, was willst du noch mehr,« summte er vor sich hin und kletterte bedächtig vom Omnibus herab. – – –

»Kannten Sie den alten Mann, mit dem Sie eben sprachen?« fragte mich ein Herr, der vorhin zugehört hatte.

»Nein!«

»Aber ich kenne ihn. Ein armes, bemitleidenswertes Geschöpf! Er ist ein wenig –«

Der Herr zeigte mit dem Finger nach der Stirn.

»Ja! Durch all das Unglück, was er in seinem Leben gehabt hat.«

»So?? Ach bitte, erzählen Sie mir!«

»Ja, verrückt ist er gerade nicht mehr, aber schwachköpfig, das heißt, es hat das Gute, daß er keine Erinnerung an das Frühere mehr hat, er hat Lethe getrunken,« sagte lachend der Herr.

»Ach bitte, Sie wollten mir doch seine Geschichte erzählen!«

»Ja, da ist nicht viel zu sagen. Er war ein wohlhabender Kaufmann; sein Geschäft ist durch den Fall eines größeren Hauses bankerott geworden, seine Frau ist gestorben, der Sohn nach Amerika gegangen, als Kassierer, natürlich nicht im Auftrage seines Herrn. Er selbst ist jahrelang im Irrenhaus gewesen. Vor kurzem haben sie ihn als völlig geheilt entlassen und aus Gnade und Barmherzigkeit in eine Altersversorgungsanstalt gesteckt. Adieu, mein Herr, ich muß aussteigen.«

»Adieu!«




Eine Unglückliche.

»Ich bin recht unglücklich in meinem Leben gewesen«, begann sie mit weinerlicher Fistelstimme, »mit sechszehn Jahren verlobt, mit siebzehn verheiratet! – Das, was wir die schönste Zeit unserer Jugend nennen, die Zeit, wo der Backfisch die Bälle unsicher macht, die Zeit, wo gefühlvolle Romane verschlungen werden, wo von ewiger Liebe und Freundschaft geträumt wird, habe ich nie gekannt. – Ein Besuch auf das benachbarte Gut, das war alles, was ich haben konnte. Dort gähnte überall dieselbe bäuerlich-spießbürgerliche Langeweile. Die Unterhaltung drehte sich um Ernten, Vieh und wieder Ernten. Keine geistige Anregung. Sie können nicht glauben, wie sehr ich sie vermißte. Aber da mußte ich meine Kinder erziehen, mußte, wenn sie krank waren, Nächte lang an ihren Betten wachen. Später, als sie älter wurden, zu den Lehrern fahren, fragen ob sie versetzt würden. Mußte mit meinem Mann in Gesellschaften gehn, mußte gesellige Abende veranstalten, und mußte – ach, was weiß ich noch alles!

»Aber gnädige Frau, Sie fassen es wohl etwas zu streng auf. Murren Sie nicht über Ihr Schicksal. Ihr Los war doch noch besser, als das vieler andrer Frauen!«

»Ja, mein seliger Mann war reich und angesehen, er wurde sogar einmal zum Reichstagsabgeordneten vorgeschlagen. Natürlich freisinnig! Natürlich! Sie sind doch auch freisinnig?«

Ich nickte, denn ich lasse mich mit Frauen nur ungern in politische Gespräche ein.

»O! Ich bin eine unglückliche Frau,« begann sie wieder, aber ich klage nicht. Nein, ich klage nie. Ich weiß, daß ich bald sterben werde. Ich bin leberleidend. Ich werde von Jahr zu Jahr kränker. Aber ich harre aus. Ich lasse mir nichts merken, man muß ja immer vergnügt erscheinen.

»Gnädige Frau, dürfen nicht so schwarz sehn.«

Ich verabschiedete mich.

* * *

Nach zwölf Jahren sprach ich sie wieder. Sie war recht stark geworden, hatte sich aber sonst nicht viel verändert.

»Nun, gnädige Frau, wie geht es Ihnen?

»Ach! Schlecht! Schlecht! Mit meiner Gesundheit hat es sich zwar Gott sei Dank – unberufen gebessert. Die Carlsbader Kuren haben geholfen, aber mein Leberleiden ist doch ein Damokles-Schwert für mich. Und auch sonst. Man hat soviel Kummer. Meine Tochter hat sich jetzt verheiratet, an einen Fabrikbesitzer und wissen Sie, lieber Herr, wenn ich nun zu ihr komme, sehen Sie, da fühle ich mich so bedrückt. Das ist so fein eingerichtet. Diese schweren Portieren. Die großen Porzellane, die dicken Teppiche, all dieser Prunk, das macht mich so beklommen. Ich bin so einfach erzogen und gewöhnt von Hause aus und nun kann ich mich so ganz und gar nicht in die feinern Verhältnisse schicken. Ach! Und meine Söhne, die lieben Jungen, die sind nun auch nicht mehr hier. Der eine ist Professor in Erlangen und der andere Bauinspektor in Königsberg. Er hat mich so gebeten, ich sollte doch zu ihm ziehn, wenn es mir hier nicht mehr gefiele. Ich würde ihm stets willkommen sein. Sehen Sie, da liegt noch der Brief. Aber nun soll ich mich hier aus all meinen kleinen Gewohnheiten herausreißen, soll den ganzen Umzug leiten. All diese Umstände, dieser Trubel! Ich kann mich immer noch zu nichts entschließen. Ach ja, mein Herr, Sie können nicht glauben, was unsereiner auszustehen hat, der hat auch seinen Kummer und seine Sorgen, von denen sich andere Leute keinen Begriff machen können, die denken, das ist alles so schön, wie es aussieht.

»Allerdings, gnädige Frau sind wirklich bemitleidenswert.«

Ich habe leider Stimme und Gesicht, nicht so in der Gewalt, wie ich es gern möchte. Meine Stimme klang scharf und höhnisch, meine Züge hatten sich zu einem ironischen Lächeln verzogen.

Ich sah es zu meinem Schrecken in dem Spiegel, der mir gegenüber hing.

Die Dame machte einige kühle Bemerkungen, daß sie bis jetzt »gewisse Leute« für fühlende, feingebildete Menschen gehalten hätte, und daß es ihr sehr leid thun würde, wenn sie sich in dieser Beziehung getäuscht haben sollte und so weiter, und so weiter.

Bei einer derartigen Lage der Dinge erachtete ich es unbedingt für das Ratsamste, mich möglichst schnell zu empfehlen.




Zwei Nächte.

I.

Danach hatte er sich nun ein Jahr lang gesehnt, hatte geharrt, gehofft und gerungen. Das war nun das Weib, das er liebte, und es war sein Weib, sein eheliches Weib, es gehörte ihm, ihm und niemandem sonst auf der Welt, nicht mehr der Mutter, nicht mehr den Geschwistern, nur ihm.

Wie hatte er nach dem Augenblick gebangt, da er das erste Mal ihren jungfräulichen Leib sein Eigen nennen durfte. Monate hindurch war er enthaltsam gewesen, wie schwer es ihm auch gefallen war, hatte sich immer mit dieser Nacht vertröstet, dieser glücklichen Nacht, die ja auf einmal herankommen müsse.

Und nun war sie herangekommen.

Soeben hatte er seine Braut – Nein! Nein! sein Weib, sie war ja jetzt wirklich sein Weib vor Gott und Menschen – heimgebracht in seine ihm selbst neue, trauliche Behausung. Im Wagen hatte sie geglüht, gezittert und ihn geküßt.

– Also das war sie, die glückliche Nacht?

– Es kam ihm vor, als ob er sich schon einmal glücklicher gefühlt hätte.

Er zog sich langsam und ruhig aus; durchaus nicht zu hastig; konnte die Manschettenknöpfe schwer aufbekommen und den einen Stiefel nur mit großer Mühe vom Fuß bringen. Er fühlte sich garnicht sonderlich erregt, eher etwas weich gestimmt. – Er setzte sich ganz ruhig, als ob er vollends allein im Zimmer wäre, auf den Bettrand, ergriff ihn mit beiden Händen legte das linke Bein über das Rechte und wippte nachdenklich hin und her.

»Die Marie – – – Das arme Kind, wo mag es jetzt wohl stecken?

– – – Und im Augenblick zog seine ganze Liebesvergangenheit an ihm vorüber, eine ganze Aera von Liebesgeschichten, eine Legion von Bacchantinnen.

Er gedachte seiner ersten Primanerliebe, der begeisterten, stillosen Briefe, der heinischen Versanleihen. Oh! Sie waren sich sogar so gut, daß sie sich duzten – nicht küßten. Denn das wäre doch zu roh gewesen, und sie beide weinten als er auf die Universität ging.

Er dachte der Marie seines ersten Verhältnisses; ach, das war doch ein nettes, lebenslustiges Ding gewesen! Und lieben, lieben konnte sie. Aber sich wegen eines nicht gekauften Sommerhuts mit ihm zu entzweien! Wegen solcher Kleinigkeit!!

Er dachte der Clara, sie war ihm zu sentimental gewesen. Der Anna, der Frieda, der Grethe, immer mehr und mehr Weiber drangen auf ihn ein. Alle kannte er sie, kannte sie ganz genau, auf manche mußte er sich einen Augenblick besinnen. Er wußte nicht mehr, wo und wann es gewesen war, aber er wußte sie hatten ihn einst lieb gehabt, hatten ihn umschlungen, geherzt, geküßt, als ob er nur allein auf der Welt wäre.

Da war eine kleine Choristin. Da die schöne Ver käuferin aus dem Cravattengeschäft am Platz. Die Tochter aus anständiger Beamtenfamilie. Da eine Musikhochschülerin und die, die, wer denn das? Ach ja! Die hübsche Münchnerin. Wo mag die jetzt sein?

Und immer mehr, mehr. Manche kamen mit ganzen Ballen unbeantworteter Briefe.

Immer mehr, mehr, sogar eine verheiratete Frau, sie lebte ja mit ihrem Gatten unglücklich.

Immer mehr, mehr,

Da plötzlich fühlte er sich an der Schulter berührt: zwei weiche Arme umschlangen seinen Hals. – – Er legte seinen Kopf an die Brust seines Weibes und es schien als ob er leise weinte.

Hatte er ihr vielleicht irgend etwas abzubitten?


II.

An der Garderobe drängte man sich.

Die Damen rafften ihre langen Seidenkleider auf, hüllten sich in die schwanverbrämten Tücher und Überwürfe, bastelten und nadelten an einander umher, gaben ihren Männern die Fächer zu halten mit der Weisung, sie ja nicht zu verlieren, sie wüßten ja selbst, wie kostbar sie wären.

Die Männer zogen ihre Pelze an und alle waren mißmutig, wie die Trinkgeldgesichter der Lohndiener, mißmutig, wie ältere Leute stets Bälle und Hochzeiten zu verlassen pflegen.

Drinnen im Saal setzte die Musik von neuem ein und die tanzenden Paare glitten wie Marionetten an der breiten Thüre vorüber, doch eine fröhliche Stimmung wollte auch hier nicht mehr einkehren. Die Pausen der Musiker wurden länger und länger, die Tänze desto kürzer. Es ging zum Schluß.

Über allem lag eine Übersättigung und Müdigkeit.

Das Brautpaar war auch schon fort, und ein jeder dachte sich das Notwendige.

Die Gespräche erlahmten und schienen, nach den gelangweilten Gesichtern zu schließen, mehr und mehr banal zu werden, nur in einer Ecke versuchte man noch geistreich zusein und zu lächeln.

Ein älterer Herr, der des Guten zu viel gethan hatte, machte kindliche Gehversuche, setzte sich aber, als er sich bemerkt glaubte, schnell wieder hin. – –

»Ach, auch ich werde nach Hause gehen, man wird mich nicht vermissen,« dachte die alte Frau. »Nun hätte ich auch das hinter mir.«

Das sollte nun mit der glücklichste Tag ihres Lebens sein. Ach! sie fühlte sich mißgestimmt, so matt, so zerschlagen! Es war ihr, als ob man mit kleinen Hämmern auf ihrem Kopf herumtrommle. Ja – wenn ihr Seliger noch lebte!

Das war also jener ersehnte Tag, dem sie in Sorgen und Freuden dreiundzwanzig Jahre entgegengesehen, der Tag, zu dem sie ihre Tochter erzogen, der Tag – – –

Fort! Hinaus! Nur allein sein, nicht mit all' diesen Menschen zusammen!

Und wie ein Dieb stahl sie sich fort zur Garderobe. Vorsichtig, daß sie nur von niemandem bemerkt wurde, eilte sie die Treppe hinab und winkte ihrem Kutscher.

So – so.

– Jetzt war sie wenigstens allein.

Wenn sie nur erst zu Haus wäre! –

Sie ließ sich in die Polster zurückfallen und schloß die Augen.

– Das war die letzte. Nun war sie allein, ganz allein, hatte niemanden mehr auf der Welt, sie war abgethan, niemand bekümmerte sich jetzt noch um sie. Ach – Warum war sie kein Mann. Fünfzig Jahr und tot sein! Nichts thun können, nichts im Leben gelernt haben, nichts können, nichts wissen. Mit fünfzig Jahren seine Pflicht gethan haben, seine Kinder erzogen, verheiratet und jetzt allein dasteh'n. Was man selbst dabei geworden, wie man sich selbst Rechnung getragen, danach fragt ja kein Mensch. Man ist abgethan, hat nichts mehr zu erwarten als – und der wird auch noch kommen. –

Sie war angelangt.

Rasch ging sie hinauf. Ohne nur Licht anzuzünden, im dunkeln Zimmer riß sie sich beinah die Sachen vom Leibe. Die alte Dame, sie fühlte sich so totmüde – so – nur zu Bett!

»Das kann ja alles morgen nachgesehen werden.« –

Als sie über den Seidenstoff des Kleides strich, ging es ihr bis in die Haarwurzeln.

Sie warf sich ins Bett und zog die Decke über sich.

Ah – sie fühlte sich so entsetzlich einsam. Niemand bei ihr, niemand. Wenn sie nun jetzt stürbe. Wenn – sie nun – jetzt – stürbe!

Sie dachte an ihre Tochter und es schien ihr plötzlich eine so grenzenlose Niedertracht, eine so ausgesuchte Bosheit, sie zu verlassen, sie eines solchen Menschen wegen so ganz allein zu lassen. Jetzt mit einem Mal zu jenem zu gehören und nicht mehr zu ihr. Was hatte sie ihr denn Böses gethan?

Sie dachte an sich selbst, dachte an ihren seligen Mann, er war nun schon sechs Jahre tot, sie hatten sich stets gut vertragen, sie hatte ihn sogar einmal sehr lieb gehabt, das hatte sich nun auch mit den Jahren abgeschwächt.

Sie sah ihre ganze Vergangenheit vorüberrollen; es war alles stets am Schnürchen gegangen, Not und Sorge hatte sie nie gekannt und doch war es so entsetzlich öde, nichts, wie geboren werden, heiraten, gebären, verheiraten, und sterben, nein – nein – absterben.

Und im Augenblick erfaßte sie, sie wurde sich selbst nicht klar darüber wie es geschehen konnte, ein so ungerechtfertigter Zorn gegen ihre undankbare Tochter, gegen dieses, dieses – widerliche Mannsbild, das ihr die Tochter genommen, daß sie mit aller Kraft die dicken, kleinen Füße gegen die Bettwand stemmte, die Hände zusammenballte, und in ungerechtfertigter Wut laut aufschluchzte.




Das Geständnis.

Und die Leute hatten getuschelt und gezischelt, die Köpfe zusammengesteckt und dann vielsagend geschwiegen.

Beinah' unglaubliche Geschichten hatte man sich erzählt von Fensterpromenaden, Flaniren, heimlichen Zettelzustecken, Küssen, nächtlichen Spaziergängen und – und – und –

Jetzt hatte er es doch durchgesetzt.

All' die Einwände, daß er Spieler wäre, daß er Roué wäre, daß er – alle hatte er sie zu zerstreuen verstanden. Mit bewunderungswürdig rücksichtsloser Beharrlichkeit war er vorgegangen, hatte es als vierzigjähriger, kahlköpfiger, nicht einmal hübscher Mensch verstanden, einem schönen, feinfühligen, neuzehnjährigen Mädchen, einer Millionärstochter, den Kopf zu verdrehen.

Die Eltern wollten und wollten es nicht zugeben. Nie und nimmer. Er wäre verschuldet, Roué, Spieler, seine Familie, seine Schwestern ständen in schlechten Ruf.

Und jetzt hatten sie es doch thun müssen.

Da plötzlich war er ein Ehrenmann, ein reizender, lieber Kerl. Alte Tanten und Großmütter vergötterten ihn. Nun war er – o so geistreich – o so galant. Ja, wirklich ein süßer Mensch.

Nun sprach man von der ewigen Macht der Liebe und der unwandelbaren Reinheit seiner Gefühle. Die Freundinnen der Braut schlugen züchtig die Augen nieder, wenn sie ihn erblickten und schauten nur verstohlen von der Seite zu ihm empor, wie zu einem Heros. Die Großmutter küßte ihn, als ob sie selbst die Braut wäre – aber die Leute steckten die Köpfe zusammen und tuschelten.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Der Hochzeitstag. Die Feierlichkeit im Hause. Erhobenen Hauptes führt er sie vor den Priester. Wie ein König, wie ein Sieger schreitet er zwischen den Gästen hindurch. Seine Gesichtszüge scheinen zu sagen:

»Seht ihr! Seht ihr! Ihr habt sie mir nicht gegönnt, aber ich habe es doch durchgesetzt, ich! ich! Keiner ist unter euch, der mir wohl will, und wie freundlich ihr jetzt alle zu mir seid, wie liebenswürdig, ihr – – –!«

Die Braut, – wie schön sie aussieht! Wie zart und edel die junonische Halslinie wie duftig und lüstern sie sich unter dem weißen Schleier verbirgt!

»Sü–üß! Sü–üß« sagen die Freundinnen und spielen verlegen mit ihren Fächern.

Der Gesang. Alte Tanten und junge Kousinen sehen zur Decke und schluchzen.

Eine erwartungsvolle Pause und der Mann im schwarzen Talar beginnt über Liebe zu reden, und niemand wagt, ihm zu widersprechen. Es ist aber auch zu neckisch, mit anzuhören, wie die beiden in reiner Liebe sich gesucht und gefunden.

Die jungen Herren blicken gelangweilt auf die Spitzen ihrer Lackschuhe; die älteren lächeln verständnisvoll; junge Frauen machen enttäuschte Gesichter, und eine flüstert sogar ihrer Nachbarin zu:

»Dasselbe hat er vor zwei Jahren bei mir auch gesagt! – –«

Endlich hebt der Priester beide Arme und brüllt mit einer Löwenstimme, daß er der Ehe hiermit den Segen im Namen der Religion erteile.

Das Paar wechselt die Ringe – und da, – was niemand erwartet, hängt sie plötzlich an seinem Hals.

Ein langer, schier endloser, flammender Kuß – und zitternde Spannung legt sich über die Gesellschaft. Ein Hauch glühender Sinnlichkeit. Man hört nur das Atmen des kochenden Lebens. Selbst die Kerzen flackern und schaudern, als ob ein Hauch über sie streiche.

Alle, alle kennen sie diese Küsse! So küßt die Unschuld nicht! Solche Küsse giebt kein unberührtes Weib!

Die Damen und die jungen Mädchen werden blutrot.

Die Herrlein schauen ganz beschämt und geduckt krampfhaft auf die Spitzen ihrer Lackschuhe.

Ältere Leute wenden sich ab. –

– In diesem Augenblick zieht eine ganze Geschichte an mir vorüber. Die Vergangenheit: Küssen, Stammeln und Stöhnen. Die Zukunft: Ein blasses, krankes, unzufriedenes Weib, das sich lachend von Genuß zu Genuß schleppt, von Ostende nach Baden-Baden. Verbittert, verlogen, überreizt, eine Bacchantin der Lebensfreude, eine wurmstichige, taube Nuß. –

Wieder hebt er das Haupt, stolz, wie ein König, wie ein Sieger und seine Miene scheint zu sagen:

›Seht ihr! Seht ihr!‹ –

Draußen hinter der Glasthür stecken die Lohndiener die Köpfe zusammen und tuscheln.




Fräulein Ellweit.

Eine Cravattenarbeiterin, von ungefähr fünfundvierzig Jahren. Sie hat ein kleines Gesicht, mit einer etwas gebogenen Nase, roten Bäckchen, schiefem Mund und klugen, grauen Augen. Die Haare sind dünn und braun. Die Gestalt ist klein und ein wenig verwachsen. Ein Rock von unmöglichem Schnitt und verschossener, brauner Farbe; ein schwarzes Hütchen; Stiefel von höchst merkwürdiger Form.

Und da habt ihr sie.

Sie spricht leise und sehr hoch, als ob sie ängstlich wäre und hat die Eigenart, sich dabei dicht an den Zuhörer heranzudrängen.

Man schilt sie nicht, selbst wenn sie wichtige Bestellungen nicht zur richtigen Zeit liefert, denn es ist doch jedem einleuchtend, daß ein Paar Stiefel oder ein Jackett vergehen.

Alles nämlich, was Frauken Ellweit auf dem Leibe trägt, fertigt sie sich selbst an. Es kommt sie zwar doppelt so teuer, wie wenn sie es sich kaufen würde, aber sie ist nun einmal davon nicht abzubringen.

Überall bewundert, belacht und bemitleidet man Fräulein Ellweit.

Der Ruhm außergewöhnlicher Klugheit und Geistesschärfe geht vor ihr her. Man spricht von guten Tagen, die sie einst gehabt, von berühmten Büchern, ja selbst durch Minister befürwortete Broschüren, die sie geschrieben. Man behauptet, sie wäre eine äußerst heftige Sozialdemokratin und in allen Volksversammlungen könnte man sie sprechen hören; während sie stets versichert, daß dies Verläumdungen wären und jeden, der es hören will, ganz heimlich in eine Ecke nimmt und ihm zuflüstert, daß ihre Anschauungen, mehr freisinnig, als demokratisch zu nennen sein und daß sie die Prinzipien, jener »Räuberbande« sogar bekämpfe und auf nichts schwöre, als auf »Christenliebe, Civilisation und humane Menschlichkeit«.

Aber all ihre Schrullen erträgt man gern, denn sie ist wirklich eine ausgezeichnete Arbeiterin.

Eines Tages kam sie, um abzuliefern. Als sie die Cravatten ausgepackt hatte, bemerkte ich unten im Korbe ein langes Couvert mit amtlichen Siegeln.

»Nun, was haben Sie denn da?«

Sie drängte sich ganz dicht an mich heran und sagte leise:

»Der Kultusminister hat es mir zurückgeschickt, daß so ein hoher Mann so wenig Einsicht haben kann! Und da wollt ich es Ihnen einmal zu lesen geben. Sehen Sie, ich glaube, Sie haben dafür Verständnis.«

»Wovon handelt es denn, Fräulein?«

»Ich habe darin meine philosophischen Anschauungen niedergelegt. –«

Beschäftigen Sie sich denn mit Philosophie?«

»Nein! Ich lese überhaupt keine Bücher, das stört mich.

»Woher haben Sie denn das Verständnis von solchen Dingen?«

»Aus mir selbst! Aus mir selbst!« und die ganze kleine Gestalt hob sich. »Lesen Sie es vielleicht ein, zwei mal und sagen Sie mir dann Ihr Urteil. Ich trete nämlich in dieser Arbeit auf's Energischte der Anschauung entgegen, daß Religion Privatansicht, und außerdem berühre ich noch einige wichtige Tagesfragen.«

Ich war neugierig geworden und fühlte inniges Mitleid mit diesem armen Geschöpf, daß anscheinend ihrem Wissen und Können nach, doch an eine ganz andere Stelle gehörte.

Ich las das Manuskript dreimal, das erste Mal mit unbewaffnetem Auge, das zweite Mal mit Brille und das dritte Mal mit Brille und Fremdwörterbuch, aber was Fräulein Ellweit eigentlich mit der Arbeit sagen wollte, war und blieb mir rätselhaft, wie das Wesen Gottes. Nur das eine entnahm ich daraus, daß ein englischer Gelehrter, namens Darwin, seine ganze Lebensdauer von einigen siebzig Jahren, damit zugebracht hatte, Irrlehren zu verbreiten.

Nach drei Tagen kam Fräulein Ellweit wieder zur Ablieferung.

»Nun haben Sie es gelesen?«

»Sehen Sie, Fräulein Wede, so müßten Sie die Form arbeiten, wie Fräulein Ellweit. Sehen Sie sich's mal an, wie wunderbar das genäht ist. Jeder Stich sitzt da, wo er sitzen muß. Ja, Fräulein Ellweit, ich würde Ihnen gern einen größeren Posten in dieser Façon geben.«

»Nein, ich kann nicht mehr, als fünf Dutzend die Woche fertig stellen, ich schreibe ja jetzt ein Werk über »Sozialpolitik« und das nimmt mich sehr in Anspruch.

»Liebes Fräulein, Sie mögen ja das Beste wollen, aber lassen Sie doch das Schreiben, es bringt Ihnen keinen Nutzen, das Cravattennähen verstehen Sie viel besser. Also ich lasse Ihnen heute zehn Dutzend geben.

»Nein! Nein! ich sagte ja, daß ich keine Zeit habe.«

Zu meinem Leidwesen erfuhr ich später, daß Fräulein Ellweit sich geäußert hätte, wir beide, sowohl der Kultusminister, wie meine Wenigkeit, hätten kein Verständnis für die »augenblickliche Lage der politischen Dinge«. – – –

Bald verließ ich das Geschäft; nach Jahr und Tag kam ich mit meinem Nachfolger im Amte zusammen und erkundigte mich nach allem, auch nach Fräulein Ellweit. Er sagte mir, daß es Fräulein Ellweit sehr schlecht ginge, und daß sie sogar ihren braunen Mantel hätte versetzen müssen. Er lese jetzt grade von ihr eine längere Arbeit über Sozialpolitik, welche ihr der Kultusminister zurückgeschickt hätte, er hätte sie schon dreimal gelesen, könne aber noch kein Urteil darüber fällen, da er nicht so recht verstände, was Fräulein Ellweit eigentlich damit sagen wollte. Sehr viel verspräche sich aber Fräulein Ellweit von ihrer neusten Abhandlung, welche sich »der moderne Mensch und seine Stellungsnahme zur Gottheit« betitle; sie hätte, um schneller damit fertig zu werden, die letzten zwei Wochen nichts mehr für's Geschäft gearbeitet.




Der geschätzte Mitarbeiter.

Zufälligerweise hatte ich auf einem Redaktionsbureau zu thun.

»Ah, Sie kennen Herrn Pietzker noch nicht?« sagte der Redakteur.

»Nein, ich hatte noch nicht das Vergnügen.« –

»Gestatten – Herr Pietzker unser geschätzter Mitarbeiter – Herr Hermann!«

Das kleine, schmächtige Männchen mit dem merkwürdig verzerrten Gesicht und dem unruhigen Ausdruck in den Augen, sah mich scheu und ängstlich an und wich dann einige Schritte zurück, als ob er sich vor mir fürchtete.

Ich äußerte, daß ich mich sehr freute, seine Bekanntschaft zu machen.

Dieses schien ihn zu ermutigen, denn er kniff das eine Auge ein und blinzelte mich nur noch etwas mißtrauisch an.

Erst als ich nochmals versicherte, daß ich mich wirklich freue, ihn endlich einmal kennen zu lernen, da ich schon sehr viel von ihm gehört und gelesen wurde er etwas zutraulicher und seufzte. »Ja – Ja –«

Ich verabschiedete mich und auch Herr Pietzker ging.

Auf der Treppe fragte er mich plötzlich: »Verzeihen Sie, Herr, – wie war doch Ihr Name?« –

»Hermann.«

»Verzeihen Sie, Herr Hermann, was haben Sie denn von mir gelesen?« –

»Ja – augenblicklich – ich müßte wirklich lügen, – man liest ja soviel – aber ich erinnere mich ganz deutliche Ihren Namen gelesen zu haben. Wissen Sie, ich achte ja sonst nicht so darauf, aber der Artikel gefiel mir so ausgezeichnet.« –

»War es vielleicht, das hier?« er drängte sich dicht an mich heran, fuhr sich mit eigentümlich hastigen Bewegungen in die innere Rocktasche, förderte daraus einen Haufen Papier zu Tage und hielt mir ein vergilbtes, zerknittertes Zeitungsblatt unter die Nase.

»Ja – ja – wirklich – so fein empfunden – diese scharfe Beobachtung.«

Sein Gesicht hellte sich auf.

»Ja – finden Sie es auch?« sagte er verschämt und selbstgefällig lächelnd.

Wir waren indessen auf der Straße angelangt.

»O – es hat mir ganz ausnehmend gefallen, wie das junge Mädchen –«

»Ach, Sie meinen doch wohl etwas anderes,« entgegnete Herr Pietzker ganz betrübt.

»Nein! Nein! Ihr Name steht ja darunter – aber sollte ich mich doch –?«

»Da irren Sie wohl, – ich meine das hier« und schon las er. »Ich wohne draußen in einem Vorort, von meinem Fenster aus, sehe ich auf den Hof und auf die endlose Schneefläche, aus welcher sich nur hier und dort krüppelhafte, schwarze Weidenstümpfe in scharfer Silhouette abheben. Ein gutherziges Dienstmädchen pflegt täglich auf dem Hof mit Küchenabfällen die hungrigen Krähen zu füttern, welche genau die Zeit kennen und in großen Schwärmen angeflogen kommen.

»Nun sah ich schon mehrere Tage einen abgemagerten, schwarzen Pudel umherlaufen, der sehnsüchtig den fressenden Krähen zuschaute, ja er versuchte sogar an dem Mahle teilzunehmen, wurde aber mit Krächzen und Schnabelhieben zurückgewiesen.

»Am nächsten Tage war er zeitiger erschienen und machte sich schon über das Fressen her, als zwei Krähen kamen, welche sich auch an der Mahlzeit beteiligen wollten. Knurrend wies ihnen der Pudel die Zähne und jagte die beiden fort. Diese aber kamen bald mit einer großen Anzahl anderer Krähen zurück, welche gemeinsam den Pudel angriffen und ihn vertrieben.« –

»Aber das ist ja wirklich sehr interessant!! Wo haben Sie denn das beobachtet Herr Pietzker?!«

Er drängte sich ganz dicht an mich heran und flüsterte mir mit verschmitztem Lächeln in's Ohr.

»Garnicht, das hab ich mir ausgedacht.«

»So–o–o–o!!«

»Jetzt schreibe ich aber etwas!« er spitzte die Lippen – »ich bin nur noch nicht damit fertig.« –

Wir waren indessen bei einer öffentlichen Anlage angelangt. Herr Pietzker setzte sich auf eine Bank und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen.

»Bitte, Herr Pietzker, würden Sie nicht so freundlich sein, mir noch etwas vorzulesen. Es würde mich freuen, Ihre vielseitige Begabung – –«

»Ja« und er schaute sich ängstlich und scheu nach allen Seiten um, »aber es darf niemand hören außer Ihnen und Sie müssen mir versprechen, daß Sie nicht vielleicht mir zuvorkommen und das Feuilleton schreiben.«

»Aber – mein lieber Herr Pietzker, wie können Sie mir so etwas zumuten, das wäre doch wirklich wenig kollegialisch. Aber ich bitte Sie, Herr Pietzker!«

Und er las mir etwas vor – ich sage mit Fleiß etwas denn was es war, kann ich nicht definieren.

Als er geendet, griff ich mir nach dem Kopf. Er war noch da, aber er schmerzte mich zum Zerspringen. Aufgepaßt hatte ich, wie ein Schießhund, aber eher wäre es mir geglückt, Vögeln Salz auf den Schwanz zu streuen, als hier auch nur einen vernünftigen Gedanken zu erwischen.

Einer von uns beiden mußte unbedingt verrückt sein; entweder ich oder Herr Pietzker.

»Ja ja, Herr Pietzker, das hat mir recht gut gefallen, hoffentlich wird der Schluß auch ebenso hübsch und geistvoll werden.«

»Ich hoffe!« und er lächelte verschämt, aber selbstgefällig.

»Verzeihen Sie, Herr Pietzker, die etwas indiskrete Frage: leben Sie vollkommen vom Ertrage Ihrer schriftstellerischen Arbeiten?«

»Ja – wissen Sie, ich brauche ja nicht viel, ich wohne – er drängte sich ganz dicht an mich heran und nannte leise einen Vorort, in dem sich eine große Anstalt für Geisteskranke befindet. – Aber Sie dürfen es keinem sagen. Sehen Sie, ich kann ja auch nichts dafür, ich bin ja auch garnicht verrückt, meine Frau hat mich nämlich mit Gewalt dahin bringen lassen, aber ich lasse mich auch von ihr scheiden. Meine Frau hat nämlich ein Mäntelgeschäft, müssen Sie wissen.

Na, und ich hab's ja auch ganz gut da, ich kann fortgehn, wann ich will und wohin ich will, nur muß ich immer wieder zurückkommen, denn überall auf der Straße kommen sie mir ja nach; sehen Sie, da ist er ja schon wieder, der Kerl mit der roten Bluse und hören Sie, wie er ruft ›Pietzker, Pietzker.‹«

Mein schwach ausgebildetes Gehör und Gesicht konnten leider nichts wahrnehmen.

Herr Pietzker war aufgesprungen und wollte sich trotz meines Zuredens nicht wieder setzen.

Ich begleitete ihn noch ein Stück und er erzählte mir, daß er sich eine Saisonkarte zur Kunstausstellung gekauft hätte, da er beabsichtige, Kritiken über dieselbe zu schreiben. Er hätte ja schon früher so viel Erfolg mit Rezensionen gehabt.

Damit verabschiedete er sich; ich schied ungern von ihm, denn er war ein sehr lieber, freundlicher Mensch.

Seitdem habe ich ihn leider nicht wieder gesehn; seine Kunstkritiken habe ich voraussichtlich schon gelesen – in einer hiesigen Zeitung.

– Ich vermute wenigstens stark, daß sie von Herrn Pietzker waren.




Ein Beitrag zur Litteraturgeschichte.

Für diejenigen meiner Leser, welche meine Mutter nicht kennen, möchte ich bemerken, daß sie eine ebenso liebe, wie ehrgeizige Dame ist, und daß es der einzige Traum ihres Alters ist, ihren Sohn einst berühmt zu sehen.

Um ihren Herzenswunsch in Erfüllung gehen zu lassen, habe ich nun beschlossen, endgiltig die Bank- und Getreidebranche aufzugeben und mich von jetzt an nur noch der Litteraturgeschichtsbranche zu widmen.


* * *


Manche wagen sogar zu behaupten, daß es von Heine mehr ungedruckte, als gedruckte Briefe und Gedichte giebt. Die Goetheforschung zeitigt jedes Jahr wenigstens fünfhundert Gramm neuer bisher noch nicht veröffentlichter Arbeiten.

Feinfühlend und berechtigt finde ich es, all das dem Publikum zu übergeben, was der Dichter nicht für dasselbe bestimmt hat. Denn im Grunde genommen, hat ja der Autor kein Urteil über seine Werke. Er schreibt und damit gut; »verstehen« thut er nichts davon, denn »verstehen« thut nur der Kritiker.

Da nun mit der Goethe-, Heine- und Schillerforschung Schwierigkeiten verknüpft sind, so sah ich mich gezwungen, ein wenig beackertes Gebiet zum Feld meiner Ausgrabungen zu machen:

»Das frühste Schaffen und den Werdegang der Marlitt.«

Das Gesamtresultat meiner Mühen, hoffe ich bald in einer umfangreichen Arbeit niederlegen zu können und dadurch meinen Namen mit unvergänglicher Flammenschrift an den literarhistorischen Himmel zu schreiben.

Hier möchte ich nur eine Jugendarbeit jener mit Recht später so hochgefeierten Schriftstellerin der Mitwelt übergeben.

Ich habe das nur noch schwer leserliche Manuskript unter ganz eigentümlichen Umständen in Arnstadt von einem Käsehändler erhalten, welcher mir schon lange als ein Ehrenmann bekannt war und für die Echtheit bürgte.

Wir sehen in dieser winzigen Arbeit, schon alle jene Züge scharf und deutlich ausgesprochen, welche die Verfasserin später zum Liebling von Jung und Alt machten.

Ein zartbesaitetes Gefühl für Stimmung paart sich mit einer wunderbar scharfen Beobachtungsgabe, der nichts entgeht. Schon ist die Schreibart krystallklar und edel, wenn auch manchmal noch ein wenig ungelenk. Und mit welcher angeborenen Feinfühligkeit versteht auch hier schon die Dichterin alles irgendwie anstößige oder vulgaire zu umgehen! Ja! Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich mit den Worten schließe:

»Diese Jugendarbeit unserer hochbedeutenden Zeitgenossin dürfte in keinem Bücherspind einer deutschen Jungfrau fehlen. Sie muß und wird Gemeingut der Nation werden.«




Vom Glücke begünstigt.

Mary war sechszehn Jahr alt, also ein reizendes Backfischchen. Im Oktober sollte sie eingesegnet werden und dann noch einige Jahre in dem berühmten Institut des Fräuleins Cordula von Germen in allen Formen des geselligen Lebens und auch noch in einigen Lehrfächern unterwiesen werden. Sie war ein allerliebstes, kleines Persönchen.

Doch da sahen wir sie ja aus der Klavierstunde kommen. Wunderhübsch steht zu ihrem feinen, jetzt von Aufregung erhitzten Gesichtchen, dem dunkelbraunen Lockenhaar, den schelmisch blitzenden schwarzen Augen, das dunkelrote Kleid mit der Goldborde, das kleine, weiße Federhütchen, graziös auf die Locken gesetzt. Stolz geht sie mit ihrer Klaviermappe einher, natürlich nicht, ohne von allen Passanten angestaunt zu werden.

Sie fliegt mit elastischen Schritten die Treppe eines eleganten Hauses empor und klingelt an der Thür der ersten Etage, wo mit großen Buchstaben: »Landschaftsmaler L. v. Brauenfels« zu lesen ist. Ein zierliches Mädchen öffnet.

»Mama zu Hause?«

»Zu Befehl«

Sie schlägt die Portiere auseinander; in einem Schaukelstuhl liegt eine Dame, mittleren Alters.

»Mama, süße Mama, denke Dir, Ilse kommt auch zu Fräulein von Germen. O, wie schön, wie herrlich denke ich mir das Zusammenleben mit ihr.«

Die Mama lächelt. »Da wird sich Wohl mein lieber Blondkopf garnicht nach uns zurücksehnen,« sagte sie mit leiser Stimme.

»O doch, doch, ich komme ja in einem Jahr wieder« und lachend geht der kleine Wildfang aus dem Zimmer. – –

Der 8. Oktober der Konfirmationstag Ilses von Stettenheimer und Marys von Brauenfels ist herangebrochen. Mary hatte schon am Morgen ihren Eltern versprochen, ein recht vernünftiges, junges Mädchen zu werden. Scheu drückte sie sich jetzt in die Ecke des Wagens, der sie in die Sankt Petruskirche fahren soll.

Ihr treuer Pfarrer hatte ihr einen sehr passenden Konfirmationsspruch mit für das Leben gegeben. Endlich hatte auch dieser bedeutungsschwere Tag sein Ende erreicht. – – –

Ein trüber Novembertag neigte sich zur Erde. In der Pension Germen herrschte reges Leben. Hatten sie doch alle über den neuen Physiklehrer Professor Erwin Wellern zu zischeln. Alle waren entzückt, begeistert von ihm, nur Mary konnte ihm keine besonderen Reize abgewinnen.

Nun ging alles wieder seinen alten Weg und so war bald ein Jahr vergangen. – – – –

Es waren Sommerferien, und die Zöglinge waren nach Hause gereist, nur Ilse von Stettenheimern nicht. Einige Lehrer und Lehrerinnen teilten noch ihr Los. Ihr Vater, ein deutscher Korvettenkapitän, hatte eine Fahrt nach Indien unternommen, wohin er seine Tochter nicht mitnehmen konnte, und ihre liebe Mutter ruhte schon lange in der kühlen Erde, so hatte Ilse keine bleibende Heimat.

Heute an einem schwülen Augusttage stand sie an das Fenster ihres Stübchen gelehnt und blickte in den an Blumen reichen Park. Mit einem Male hörte sie Schritte, die sich ihrer Thür näherten. Dieselbe wurde auf ihr Herein geöffnet und Professor Wellern trat ein.

»Verzeihung, Fräulein Ilse, wenn ich in Träumen störe,« sagte er, »ich komme um Sie zu fragen, ob Sie nicht Lust hätten, mit mir einen kleinen Spazierganz zu unternehmen, die Erlaubnis von Fräulein von Germen habe ich bereits.«

O, wie gern sagte sie zu.

Schon eine Weile waren sie neben einander hergegangen als Ilse hinfiel und sich den Fuß verstauchte Erwin geleitete sie zu einer nahen Bank. Nachdem sie sich erholt hatte begann er plötzlich:

»Wissen Sie, Ilse, daß ich unglücklich bin, sehr unglücklich bin?«

»Und warum sind Sie unglücklich?« fragte sie leise.

»Weil ich unglücklich liebe.«

»Und wer ist dieses Mädchen, das Sie lieben?«

»Sie sind es, Ilse, Sie, nur allein Sie; wollen Sie mich zum glücklichsten aller Sterblichen machen, wollen Sie meine kleine Frau werden?«

»Ja – aber ich bin arm, ganz arm.

Erwin schwieg betroffen.

Da kam ein Dienstbote.

»Fräulein Ilse, eine Depesche für Sie.«

Hastig erbrach sie mit zitternden Händen das Couvert.

»Erwin! jubelte sie auf, Erwin!«

»Erwin schloß sie glühend in seine Arme.

»Denke dir Erwin, mein geliebter Vater hat hinter einer Fallthür seines Schiffes, welches es früher von einem Seeräuber gekauft hat, neunmalhunderttausend Mark entdeckt.«

Mit Küssen verschloß Erwin ihren Mund.

Nach kurzer Zeit waren Erwin und Ilse von Stettenheimer das glücklichste Brautpaar. Da Ilses Vater keinerlei Einwendungen machte, so durfte Erwin nach einem halben Jahr seine Ilse zum Altar führen.

Auch Mary war nach dem Ferien nicht wieder in die Pension zurückgekehrt. Sie hatte mit ihren Eltern eine Reise durch die Schweiz, Italien und Ägypten gemacht, von wo aus sie die heitersten Briefe an ihre liebe Freundin schrieb.

Sehr befriedigt kehrte sie nach Berlin zurück. Auch hier bot sich ihr wieder neues Vergnügen. Sie sollte nun in die Gesellschaft eingeführt werden, da sie siebzehn Jahr alt war. Strahlend vor Glück und Freude kehrte sie von ihrem ersten Balle heim. Sie durchflog ein ganzen Rausch von Vergnügungen. Bald war sie im Theater, bald im Konzert, bald auf einem Ball, oder in einer Gesellschaft, worüber sie dann Briefe an die liebste Freundin schrieb, deren Hochzeit sie als Brautjungfer beigewohnt hatte.

Auch die ihre lag nicht mehr so fern, denn bald wurde die Berliner Aristokratie durch eine Zeitungsanzeige in das höchste Erstaunen gesetzt. Durch:

»Die Verlobung des Fräuleins Mary von Brauenfels, der einzigen Tochter des Landschaftsmalers Louis von Brauenfels und seiner Gemahlin Olga geb. Freiin von Stein mit dem Grafen Leo von Hochberg zu Hohenfelden, Premierleutnant im dritten Garde-Dragoner-Regiment zu Berlin. . . . . . .«

Bald durfte Graf Leo seine junge Braut heimführen. Mary, durch ihre Heirat in die höchsten Kreise versetzt, wurde das reizendste, zärtlichste Frauchen und von ihrem Gatten sehr geliebt.

Als ihnen Gott nach einem Jahr einen süßen, kleinen Knaben, dem sie nach dem Vater den Namen Leo gaben, schenkte, vervollständigte sich das Glück des jungen Paares.




Dichter.

I.

Es ist Frühjahr. Der Himmel weißblau. Die Luft kühl, klar und sonntagsstill. Eine einsame Möve jagt mit langen, gebogenen Schwingen über das grüne Wasser des Tegernsee. Das Schloß spiegelt epheuberankte Wände und blanke Fenster in der Fläche, die sich leicht kräuselt und hastige Sonnenstrahlen in tausend Goldplättchen zurückwirft. Über den Ortschaften ragen die blaugrünen Wälder empor, in die hie und da noch weiße Häuser, wie mutwillige Ziegen emporgeklommen sind. Aus dämmriger Ferne grüßen noch schneebedeckte Berghäupter.

Die Wiesen, durch die mich der Weg führt, sind hier gelb von den schweren nickenden Blütenköpfe der Ranunkeln, dort flammend von kirschroten Knabenkräutern und Primeln.

Jetzt biegt die Straße mehr und mehr vom See ab. Tiefblaue Enzianen stehen am staubigen Wegrand. Ein Bachstelzenpaar tänzelt eine Weile vor mir her, fliegt dann auf, setzt sich auf das Stakett der Wiesenscheide, tänzelt wieder vor mir her, fliegt wieder auf, und entzieht sich endlich meinen Blicken, indem es sich erst piepsend und zwitschernd eine Weile in der Luft überkugelt, und dann als ein wirrer Klumpen von Beinen und Flügeln irgendwo zwischen dem dichten Gras zu Boden fällt. –

Nun eine hölzerne, tönende Brücke. Das klare, hellgrüne Schneewasser eines Baches schießt und hüpft über glatte Kiesel und Steinplatten. Das junge, wellige Laub der Erlenbüsche flirrt in der Sonne.

Noch eine Biegung des Weges. Neue Bergkuppen tauchen im Hintergrund auf. Alte verschwinden, oder verschieben sich derart zu einander, daß man Mühe hat sie wieder zu erkennen.

Vor mir ein Mensch, in dem man auf den ersten Blick, auch wenn man das Felleisen nicht sähe, den wandernden Handwerksburschen erkennt. Der Schritt bäurisch und schwer, aber weit ausgreifend. Das Schuhwerk dunkelbraun, statt schwarz. Oberleder und Sohle haben sich wegen starker Meinungsdifferenzen von einander getrennt, zwischen ihnen sieht man bei jedem Schritt weiße Zehen Klavierspielen. Die Hosenbeine haben beängstigende Ähnlichkeit mit Kantenmantillen. Der Rock muß schon viel Regen bekommen haben, denn seine Ärmel sind eingelaufen und lassen nervige Unterarme und große, ausgearbeitete Hände, wie Kolbenstangen einer Dampfmaschine, abwechselnd vorschießen und zurückgehn.

Er wandte sich nach mir um. Ein Mann anfangs der Dreißiger. Das braune Gesicht mit den blauen Augen machte trotz der Bartstoppeln einen fast kindlichen Eindruck. Mund, Nase, Kinn von ungeahnter Weichheit. Ich bot ihm die Tageszeit. Er dankte.

»Verzeihen Sie, ich hätte eine Bitte an Sie.«

Unwillkürlich griff ich in die Tasche.

»Nein! Nein! Ich wollte Sie nur ersuchen, ob ich Sie ein wenig begleiten darf, wenn Sie sich nicht meiner schämen.«

»Bitte! Bitte! Durchaus nicht!«

»Sehen Sie, ich unterhalte mich gern mit Leuten, von denen ich glaube, etwas lernen zu können.«

Die Stimme leise und geschmeidig. Die Sprache fast dialektfrei; nur am Tonfall konnte man den Oberfranken erkennen.

»Ich habe seit vier Wochen mit keinem verständigen Menschen mehr geredet; der letzte war ein Schullehrer in Diemendorf. Nun, die ganze Zeit, der Regen und immer von morgens bis abends unterwegs, immer auf der kotigen Landstraße; wohl hier 'mal Holz gespalten, da 'mal Schindeln geschnitten, aber was fällt denn für einen ab? Für einen Teller warme Suppe thut man's ja gern. – Bei dem einen Meister bin ich bis Ende Februar gewesen. Der Mann hat gesagt, er bekäme zu thun. So lange habe ich bei ihm als Knecht gearbeitet, aber wie das so kommt, das hat sich wieder zerschlagen mit dem Bau und da hat er mich auch nicht mehr brauchen können.

»Darf ich fragen, was Sie von Beruf sind?«

»Glaser, dann war ich Maurer, aber ich bin auch schon Knecht und Erdarbeiter gewesen. Ich muß nehmen, was sich mir bietet, denn sehen Sie, besitzen thu ich ja nichts. Meinen guten Anzug und meine Uhr hab' ich in Kirchfelden lassen müssen; aber den Pfandschein gebe ich nicht fort – unter keiner Bedingung! – ich werde es schon einmal einlösen können. Wenn's nu in Bichl nichts ist, geh ich nach Treuchtlingen zu meinem Schwager. Mein Schwager ist nämlich Streckenmeister geworden und der kann mir vielleicht eine Stelle als Erdarbeiter verschaffen. Durchkommen werde ich schon, wenn ich nur ordentlich zugehe. Betteln darf man zwar nicht, die Gensdarmen passen Ihnen sacrisch auf, und wenn sie einen fassen, da sperren sie einen in's Arbeitshaus, da kann man überhaupt »Pfiat Gott« sagen. Und ich meine, es muß auch so gehn, denn fast überall giebt es doch ein Ortsgeschenk, man bekommt fünf Pfennig vom Schulzen; das werden doch oft den Tag vierzig bis fünfzig Pfennig. Ja – nun – die Herberge kostet zwanzig Pfennig, und Essen, nur 'ne Erbssuppe und ein Laib Brot, aber 'was muß es doch sein. Glauben Sie nur, mein Herr, unsereiner hat oft trübe Gedanken, besonders wenn's einem so schlecht geht, und jetzt ist es auch schwer für mich Arbeit zu bekommen, weil ich so heruntergekommen und abgerissen aussehe, da denken alle gleich, man ist ein Vagabund und will nichts thun. Ich war gewiß schon oft nahe daran, daß ich mir sagte, »Rudolf, jetzt gehst du in's Wasser und dann ist es aus mit dir«. – – Ja, mein Herr, wo bleibt da die Gerechtigkeit? Ich bin beim Kommiß gewesen, drei Jahre lang, und wenn es heute Krieg giebt, da muß ich mit, ich mag wollen oder nicht. Dienste verlangt ja der Staat von mir, aber daß er mir dafür irgend ein Entgelt giebt, daß er nur im geringsten für mich sorgt. – Nicht die Spur! – Ich will doch arbeiten, – ich habe Gottlob meine gesunden Glieder – und nun könnte man doch glauben, der Staat würde sich um mich kümmern, würde vielleicht dafür sorgen, daß ich Arbeit fände. Nicht die Spur! Sehen Sie, ich kann nicht begreifen, wie ungerecht es in der Welt zugeht, denen, die es wirklich nicht ver dienen, fällt es von selbst in den Schooß und unsereiner, der plagt und schindet sich gern und ehrlich sein Leblang und muß sich noch freuen, wenn er nicht auf der Landstraße verhungert. Aber glauben Sie mir – und es mag mir noch so dreckig zu Mute sein, wenn ich erst solch paar Stunden wieder gegangen bin, und ich sehe, wie das alles so schön und so grün ist und überall die Blumen und der Sonnenschein, dann werde ich ganz vergnügt und dann denk ich mir, so dies und das aus – wissen Sie, man hat ja viel Zeit, wenn man allein ist – was ich alles thun. würde, wenn ich Geld hätte. – Ich würde mich verheiraten.«

»Warum?«

Er sah mich erstaunt an. »Man will doch auch jemand lieben dürfen. Überall, wo ich nur ein paar Tage bin, könnte ich ja ein Mädchen haben. Früher hab' ich's auch so gemacht, aber jetzt, in den letzten Jahren hab' ich mir gesagt: das ist doch eigentlich unrecht von dir, Rudolf, du machst solch ein armes Mädchen unglücklich, und dann gehst du weg, und da sitzt sie allein in ihrer Schande da, heiraten kannst du sie ja doch nicht. – Und da lass' ich's halt, und es geht auch.«

Ich schickte mich an, links nach dem Gebirge hin abzubiegen.

»Wo wollen Sie hin?«

»Nach Tölz, mich erwartet ein Bekannter dort. Ein junger Maler.«

»Nach Tölz, will ich auch; aber ich muß heut' noch weiter bis nach Bichl. Ich geh' aber besser über Gmunden – wegen der Ortsgeschenke,« setzte er zaghaft hinzu.

»Kommen Sie nur mit mir.«

»Ja, wenn Sie's mir gütigst erlauben. Ich wollte Sie auch schon darum bitten, denn ich gehe für mein Leben gern in den Bergen. Wenn man so höher und höher steigt, und unter einem so das Wasser rauscht. Wissen Sie, man kann es nicht sehen, man hört es nur; und die schwarzen Wälder, und dann immer heller und endlich so frei, so endlos, man glaubt wirklich man kommt in den Himmel und ganz unten, all die Dörfer und Städte, so klein, so ganz klein, wie – –«Er verstummte plötzlich und seine Augen wurden feuchtglänzend.

Schweigend gingen wir weiter. Das Waldthal stieg sanft fast unmerklich an, wurde enger und enger. Noch schossen durch das saftige, wollige Buchenlaub grüngoldene Sonnenstrahlen, jagten Scheckenfalter über blumige Bachwiesen, schauten neugierig zwischen zierlichen Farnen und breiten Pestwurzblättern mit aufgesperrten Rachen die großen Blütenköpfe des Venusschuh's hervor. Höher und höher. Lustige Lärchen. Dann schwarzgrüne Tannen, dicht und finster, an ihren Wurzeln in ewigem Halbdunkel wachsgelbe Pflanzengebilde. Drüben jäh abfallende, kahle Felswände, zerrissen und zerklüftet, zerlöchert und zernagt. Von unten Brausen, Rauschen und Zischen eines geheimnisvollen Wildwassers, das sich mit ausgebreiteten Armen über gewaltige Blöcke stürzt. Dann gigantische Baumleichen, die tausend Äste und Knubben emporstrecken; bemoost, flechtenüberwuchert, ein unlösliches Wirrwarr. Nun nur noch einzelne Baumriesen mit wetterzersausten Zweigen und der Weg, lehmig, moorig und glatt schlängelt sich durch dunkelgrünes Knieholz, daß tausendfingrig den Boden überspinnt. Noch eine Biegung und die Alm liegt vor uns. Braunes, vorjähriges Gras, dazwischen üppiges, aber krankhaft grünes Kraut; ganz, ganz kleiner Ehrenpreis und weithin leuchtender Enzian. Eine Hütte aus rohen Baumstämmen, daneben ein Brunnen. Riesige, graublaue Felswände mit grünen und weißen Flecken, – Knieholz und Schnee – und darüber der Himmel hellblau, ganz durchsichtig. – Weder Mensch, noch Vieh. Kein abgestimmtes Herdengeläut. Kein Rufen der Hirtenbuben. Nur der eintönige Tropfenfall des Brunnens, silberhell, doch stets im gleichen Rythmus. Hin und wieder der klagende, langgezogene Ruf des Fluevogels und das zänkische Krächzen rotbeiniger Alpendohlen, die hoch oben die Wand umflattern. Jeder Laut scharf, klar und deutlich abgegrenzt.

Wir gehen zur Hütte. Die Thür ist verschlossen. Wir rütteln an ihr, der rostige Ringel knarrt, aber giebt nicht nach. Wir rufen, wie es klingt, so laut, so gell – niemand – nein, das war nur der Wiederhall.

Neben der Thür eine Bank, dort setzen wir uns, müde und erhitzt vom Steigen. Mein Rucksack speit eine ganze Ladung ungeahnter Schätze aus und mein Nachbar versichert mir mit freudeglänzenden Augen, daß er seit Jahren nicht so gut gegessen und getrunken hätte.

Das Gespräch, das lange gestockt hat, kommt wieder in Fluß.

»Wie schön das hier oben ist, das kann man garnicht sagen; das kann wohl niemand, nicht einmal in Versen.

»In Versen?!«

»Nun, – wissen Sie – was man nicht so sagen kann, das dichtet man doch. Sehen Sie, wenn ich zum Beispiel etwas schreiben will, und ich will es recht schön schreiben, dann schreibe ich auch in Versen. Viel habe ich noch nicht gemacht, ich kann mich nicht so ausdrücken, wie ich gern möchte, aber ich fühle das so und dann reimt es sich. Letzten Herbst, da lag ich krank in Mühlberg im Spital, – wissen Sie, in Mühlberg, wo der Mord war. Die Frau hat ihren Mann durch einen jungen Burschen erschlagen lassen. Glauben Sie mir, das hat mich so erregt und da hab' ich darüber ein Gedicht gemacht. Das Gedicht haben sie bei mir gefunden und es hat so gut gefallen, daß die frommen Schwestern es sich alle abgeschrieben haben.«

»Besitzen Sie es noch, oder können Sie es vielleicht auswendig?«

Schon kramte er in der Rocktasche. Ein Knäuel Bindfaden und eine Wulst Papier. Ja, ja da war es. Und er las, erst leise und unsicher, dann laut und bestimmt. Und das erste Mal in meinem Leben schien es mir, als ob ich vor dem Antlitz eines Höheren stände. Der arme, abgerissene Handwerksbursche, mit den zerlöcherten Schuhen und der zerschlissenen Kleidung war ein Dichter, ein geborener Dichter, wenn je einer es war. Wenn auch die Verse hinkten, die Reime manchmal unrein waren, die ganze Darstellungsweise war so gewaltig, so ureinfach wie die graublauen Felswand dort vor mir.

Das Gedicht bestand aus drei Teilen, welche rhytmisch von einander verschieden waren. Der Erste ein Zwiegespräch zwischen dem jungen Burschen und der Frau von fast raffinierter Naivität und großartiger Steigerung. Immer wieder bettelt und quält das Weib. Der Knecht will und will nicht. Sie verspricht ihm goldene Berge, umsonst, er kann sein Gewissen nicht überreden, da gießt sie ihm endlich Branntwein in das Bier und betrunken taumelt er fort. Der zweite Teil: der Mord. Mit einem Spaten schlägt der Bursche, der hinter einem Zaun lauert von rückwärts dem ahnungslosen Mann über den Kopf, wirft sich dann auf ihn und erdrosselt ihn. Die Schilderung von Bürgerscher Kraft. Der Schluß: am Morgen des nächsten Tages stellt der Knecht sich selbst dem Gericht, ganz einfach und ernst, ohne jedes Pathos – »ich hab's gethan, nun muß ich sterben.«

Ich war aufgesprungen.

»Ja Mann!!! Haben Sie denn noch mehr.«

»Ach, wenig, es hat doch keinen Zweck für mich. Für unser einen ist die Hauptsache, daß er tüchtig arbeiten kann. Ich würde schon was dichten, wissen Sie, wenn ich so den ganzen Tag allein gehe, dann fällt mir schon manchmal was ein; aber sagen Sie mir, was könnte es wohl nützen und ich habe ja nicht 'mal immer Blei und Papier, um es aufzuschreiben.« – – –

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Der Abstieg. Heißa, wie das ging. Erst ein Stück Geröllhalde, dann Tannen, dann Buchen, Ahorn, endlich Eberesche und Schneeball. Alles saftgrün und golden. Schon ebener, schon flacher, Wiesen, hie und da auch frisch bestellte Felder. Ein Schloß. Gespreizte Pfauen stolzieren auf dem sonnigen Hof zwischen girrenden Tauben und scharrenden Hühnern. Dachshunde beknurren mißtrauisch meinen Begleiter. Ein Park mit uralten Eichen. Wieder Wiesen, blumig und üppig. Weiße Kapellen mit kühlen, traulichen Nischen. An Kreuzwegen ragende Kruzifixe, gold grundig, blau und rot. Wieder Bäche, von Erlen und Weiden umrahmt, aber schon nicht mehr so wild, mehr geschäftig und fröhlich.

Das Isarthal. Nicht breit. Hier, wie dort bewaldete Hügel. Stromaufwärts die Berge, deren Gipfel jetzt schwere Wolken umlagern. Die Chaussee zieht auf halber Höhe der Hügelkette. Unten der grüne, schäumende Fluß, in ihm langgestreckte, graue Kiesinseln, an ihm rauchende Kalköfen, Fabriken, sausende Schneidemühlen. Dort vorn, so daß man glaubt, mit der Hand es greifen zu können Tölz. Mitten aus diesem Getümmel von Gassen, die am Hügel sich übereinanderranken, die herrliche, ernste Klosterkirche. Aber wir gehen und gehen. Der Weg heiß und schier endlos.

Mein Begleiter ist wieder schweigsam geworden und pfeift nur ganz leise zwischen den Zähnen eine eintönige Melodie. Ich versuche meinen Schritt zu beschleunigen, beginne ein Marschlied zu singen, schnappe aber schon nach den ersten Takten mit der Stimme über und höre unmutig auf.

Da endlich. – Die ersten Obstgärten und dann die ersten Häuser von Tölz.

»Es wird Ihnen gewiß peinlich sein, mit mir zusammen durch die Stadt zu gehn.«

»Aber was glauben Sie denn von mir?!«

»Nein! Nein! Ich möchte es doch nicht, und dann müssen Sie grade aus und ich will hier links am Wasser entlang. Es ist für mich das nächste. Ich will noch heute nach Bichl; da soll gebaut werden und es wäre vielleicht möglich, daß ich Arbeit bekäme. Adieu, und meinen besten Dank.«

Ich reichte ihm die Hand und griff in die Tasche, aber da wandte er mir ganz urplötzlich den Rücken und ging. Bäurisch, schwer, weit ausgreifend. Die Unterarme schoben sich im Takt aus den Ärmeln und zogen sich ebenso wieder in dieselben zurück.

Ich rief ihm nach, aber er blickte sich nicht einmal um.


II.

Im Gasthof empfing mich der junge Maler, welcher mich schon sehnsüchtig erwartet hatte.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Dichter Herrn so und so vorstelle?« sagte er und führte mich auf einen Menschen, von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, zu.

Ich erstaunte. Es war ein Name, der in der Tageslitteratur einen ausgezeichneten Klang hat. Ich erinnerte mich sogar in einer Kritik über seine »Tollkirschen« gelesen zu haben, daß er der erste und eigentliche Überwinder der »Goethe«- und »Heine«-Lyrik sei, und als aufgehender Stern am litterarischen Himmel – ich glaube so hatte man gesagt – eine vollkommen neue Aera heraufbeschwöre.

Der junge Mensch stand auf, fuhr sich mit den ausgespreizten Fingern der linken Hand durch die hohen, gesträubten Haare und äußerte im denkbar gleichgültigsten Ton, daß er sich freue, mich kennen zu lernen.

Es war ein kleiner Kerl. Ein ungewöhnlich großer Kopf saß auf dem kurzen, zierlichen Körper. Das Gesicht war nicht uninteressant, aber der Blick verschleiert, nicht frei, nicht offen. Das linke Auge auch etwas kleiner als das rechte. und dann halbgeschlossen, lauernd, fast roh. Die Nase klein und wohlgeformt. Die Lippen ein wenig geschürzt. Ein minimales Schnurrbärtchen. Die Furchen zwischen Mundwinkeln und Nase tief und deutlich. Der ganze Ausdruck von halb müde, halb spöttisch.

Bald war das Gespräch im vollen Gange und ich kann mit Recht sagen, ich habe etwas bei diesem Gespräch gelernt. Meine gesammten Anschauungen über Kunst und Litteratur wurden energisch durchgepflügt, das Unterste nach oben gekehrt. Manches, was ich für Brotfrucht angesehen wurde schonungslos ausgejätet, und was mir als niederträchtige Distel erschienen war, wurde zur gesunden Nahrung empfohlen; Leute, wie Zola, Ibsen, Maupassant, Böcklin, Menzel, welche ich mit tausend Hoffnungen in's Feld geführt hatte, fielen schmählich unter den Tisch; gerupft, nackt, wie junge Spatzen; man nahm mir Batterie auf Batterie, und die feindlichen Kugeln wüteten in den Reihen meiner Braven, bis ich endlich, klein, geduckt und gedemütigt selbst um Frieden bat, indem ich gern anerkannte, wie entsetzlich ich in der Zeit zurück sei.

Der Maler schlug einen kleinen Spaziergang vor, dem ich mich, da ich nicht mehr zu widersprechen wagte, anschloß.

Unterwegs klagte mir der arme Dichter sein Leid; es gäbe hier keinen verständigen Rotwein, der gewünschte Cigarettentabak – er rauche nur einen ganz bestimmten, echt türkischen Tabak, fünfundzwanzig Mark das Pfund – könne er auch nicht bekommen, und infolge dessen wäre es ihm unmöglich zu schaffen. Ich ehrte seinen Schmerz.

Bald klang aus einem geöffneten Fenster mittelmäßiges Klavierspiel, und, als ich schärfer hinhörte, erkannte ich, daß jemand mit dem gewagten Unterfangen beschäftigt war, den Prolog der »Bajazzi« frei und nach eigenen Intentionen umzukomponieren.

Der Dichter blieb stehn.

»Merkwürdig!«

»Ja«, sagte ich, um ihn nicht von neuem durch Widerspruch zu reizen.

»Ich empfinde dieses Tonstück stets in lichterlohen Flammenfarben und dann säuselt und kräuselt sich ein leichtes Rauchblau dazwischen hindurch.«

Ich stimmte ihm vollkommen bei, denn ich wollte mich nicht wiederum blamieren.

Die Isarbrücke. Unten der schäumende Fluß, welcher sich rauschend an einer Kiesinsel bricht und an den steinernen Bögen emporleckt. Hier und dort zittern schon die ersten Lichter. Abendnebel umflattern die Hügel. Schwere Wolken pressen auf die fernen Gipfel der Berge. Links die altertümliche Stadt mit ihren tausend Winkeln, Gassen, Giebeln, Türmchen, Wappenschildern, Muttergottesbildern; rechts der Villenort, weiße Häuser leuchten aus saftigem Grün; üppige Fliedersträucher voll schwerer, blauer Blütentrauben werfen sich über hohe Steinmauern.

Ich blieb einen Augenblick stehen und sog den Duft ein, der von den Gärten herüberwehte.

»Sehen Sie nur!« Der Dichter schnitt mit einer Handbewegung gleichsam ein Stück aus dem Horizont aus. »Saufein!! Pöbelhaft-famos!!! Sehen Sie!! Sehen Sie!!« Er war hochrot geworden. »Man hat dabei so die undefinierbare, krystallklare Empfindung einer ultravioletten Rückwärtswelle – ähnlich, wie bei einem Trompetenstoß –«

Der Maler kam ganz unvermittelt auf »Toropp« zu sprechen und wir kehrten um.

Den Abend verbrachten wir in traulichem Gespräch im Bräu. Der Dichter gab einige fünfzig Mikoschwitze zum besten – und demonstrierte an eklatanten Beispielen, welche unheimliche, gradezu übernatürliche Macht er über die Weiber hätte.

Da aber der Dichter noch schaffen wollte und ich müde war, gingen wir endlich heim und überließen den Maler, welcher vorgab noch nicht die nötige Bettschwere zu haben, den Küssen der rotwangigen, starkknochigen Kellnerin.

Draußen war es ganz still, nur die unermüdlichen Brunnen plauderten. Der Mond stand hoch am klaren Himmel und zeichnete von Giebeln und Dächern scharfe Schattenrisse auf das holprige Pflaster. Aus der Ferne leuchtete eine goldige Muttergottes.

»Schweineblatt« schrie dröhnend der Dichter.

Da er nicht sagte, zu welchem Blatt er in so vertraulichen Beziehungen stände, durfte ich natürlich nicht wagen, etwas Gegenteiliges zu behaupten.

»Aber sie sollen lange warten bis sie wieder etwas von mir bekommen; lange, sage ich. Solch eine Unverschämtheit, das Geld nicht zur Zeit schicken. Jetzt sitze ich natürlich – es ist nur eine momentane Verlegenheit – wenn Sie vielleicht bis übermorgen – zehn Mark – ich gebe es Ihnen übermorgen bestimmt wieder, verlassen Sie sich darauf, mein Freund.« –

Meine Brust hob sich vor Stolz, er hatte mich Freund genannt. Natürlich gab ich ihm sofort das Gewünschte, denn ich halte es für die Pflicht eines jeden Alltagsmenschen, das Genie, wo er es immer treffen mag, zu unterstützen und außerdem wäre es sowohl für ihn, wie für mich, peinlich gewesen, wenn ich ihm diese, an sich, doch gerechte Forderung abgeschlagen. –

Schade! Seitdem habe ich den Dichter nicht wieder gesehen.




Der Leberknödel.

Kennt ihr solch echtes und rechtes Matschwetter?

Der Himmel ist bleigrau und nur am Horizont hinter den ragenden Frauentürmen zeichnet sich ein heller, gelblicher Streifen. Der Schnee fällt langsam in dicken Flocken, als ob Bettfedern ausgeschüttelt würden und bildet auf dem Boden und auf den Pfützen eine graue Kruste. Man glaubt bei jedem Schritt auf einen Frosch zu treten, so quakst und quulkst es unter den Stiefeln.

Solch Wetter also war es, als vor dem Wirtschaftsgebäude des dritten Bataillons zwei Wagen standen und wir neugierig hinüberschauten zu den Militärgefangenen, die kommandirt waren Torf abzuladen.

Der langsame Schritt und die Griffe klappten heute wieder einmal garnicht. »Selbst der lumpigste Sau-Rekrut hätt' sich g'schamt, so an Arbeit zu liefern.«

Aber endlich hieß es doch mit »Kett!« weggetreten. Und dieses Kommando lautete für uns Einjährige in freier Übersetzung: zur Kantine weggetreten.

Als ich in den Flur trat, schlug mir aus der Küche, die Thür war halbgeöffnet, ein angenehmer, süßlicher Duft entgegen.

»Ah, heut' giebt's Leberknödel!« sagte ein Kamerad und schnalzte mit der Zunge.

Jetzt trat einer vom Strafkommando ein. Es war ein junger Mensch mit freundlichem Gesicht; die Augen endlos gutmütig, der Mund fast kindlich weich. Die graue Kleidung, das glattrasierte Gesicht, das kurzgeschorene Haar hatten nicht einmal vermocht, sein Aussehen zu dem eines Verbrechers umzustempeln, und das will viel sagen. Er näherte sich der Küchenthür, leise, ganz leise. Seine Nasenflügel blähten sich, seine Augen füllten sich mit dicken Thränen. Den Kopf hatte er vorwärts gebeugt, und es schien nicht, als ob er ginge, sondern als ob ihn jemand vorwärtszöge. Seine ganze Gestalt zitterte. Einen Augenblick schmiegte er sich an die Thürfüllung, – man sah, wie er mit sich kämpfte – aber dann, blitzschnell, ein Griff der Hand, eine Bewegung, und ein ganzer dampfender Knödel verschwand hinter dem Gitter seiner Zähne. Da klangen schwerfällige Tritte, ein Aufseher kam die Treppe herab. Das Gesicht des Sträflings wurde dunkelrot, Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Mit aller Gewalt arbeiteten die Kinnbacken, aber es gelang ihnen nicht, die zähe Masse so schnell zu zerkleinern.

»Was hast du da im Maul?« fragte der Aufseher.

Der Sträfling antwortete nicht, er kaute und kaute.

»Na, wirst schon sagen, was du da im Maul hast?«

Krampfhaft arbeiteten die Kinnbacken. Es sah aus, als ob er ersticken wollte, so rot war er geworden.

»Himmel, – Hergott – Kruzifix – Sakrament – Sakrament!! Willst sagen?!«

»A Leberknödel,« kam's endlich zurück.

»Wo hast'n her?«

»Genumma, da vom Brettel, seit sechs Jahren han i koa Leberknödel mehr 'gessen; i wullt nur moal schaugen, ob's so war'n wie's, mei Mutterl selig immer gemacht hat. – Un jetzt 's ganze Maul han i mi verbrannt un stickt wär i beinah a d'ran.«

Wie ich später erfuhr hat der Lump noch sechs Wochen Arrest bekommen.




O Santa vergine.

In München, in jenem roten Haus der Sonnenstraße, von dem der Komiker, Papa Gais, singt, daß, wenn eine hineingeht, zwei wieder hinauskommen, lag ein Mädchen.

Erst heute hatte man sie in die Klinik gebracht und nur mit Mühe noch von ihr erfahren können, daß sie Adda Ducci hieße, aus Tarent gebürtig, achtzehn Jahre alt wäre und hier seit einem Jahr mit gerösteteten Maronen und Apfelsinen handle, über alles andere verweigerte sie jede Auskunft.

Ärztliche Hilfe war zu spät gekommen und der Professor hatte mit gewohnter Sachlichkeit seinen Zuhörern gegenüber bemerkt, daß der Fall in einigen Tagen zur Obduktion vorliegen werde. –

Ein junger Volontärarzt stand jetzt an ihrem Bett und sah ihr forschend in die Augen und auf den Mund, an dem er schon vorhin ein leises Zucken bemerkt hatte.

Sie würde sterben. Zweifellos! Und diese Schreibereien, die man ihretwegen hätte!

Die großen, braunen Augen der Kranken waren weit aufgerissen, leuchtend und fiebrig. Die gelösten, schwarzen Haare fielen in unordentlichen Strähnen auf die Decke. Die Farbe des klassisch-edlen Gesichts war marmorweiß; die kleinen, blutlosen Lippen hatte sie fest und trotzig auf einander gepreßt.

In dem Bettchen neben ihr lag der kleine Weltbürger, er hatte blaue Augen und schwarze Haare, wie der Arzt zu seinem Erstaunen bemerkt hatte.

– – – Plötzlich begann die Kranke unruhig zu werden.

»O Santa vergine« stöhnte sie.

Der Arzt beugte sich zu ihr nieder.

»Fräulein Ducci, kennen Sie den Vater des Kindes nicht?«

Das Mädchen sah ihn erstaunt an, als ob sie nicht verstände.

Der junge Mensch wiederholte seine Frage auf französisch, dann noch einmal laut, langsam und deutlich auf deutsch.

Die Kranke schien sich zu beleben; ihre Augen wurden noch größer, sie versuchte sich aufzurichten, aber es gelang ihr nicht mehr.

»Ja, das Vater, das ist kluger Mann, Dottore, hier in die Stadt, wie Sie.«

»Soll ich ihn rufen lassen, daß er nach seinem Kind sieht?« fragte der Arzt, dem daran lag Näheres zu erfahren.

Sie schüttelte unwillig den Kopf.

»Er darf nicht – wissen, er will mich nicht mehr lieb haben, er hat mir fortgejagt.«

Dicke Thränen rannen ihr über die Backen.

Dann drehte sie sich nach der Seite, auf der das kleine Bett stand.

»Ja, du da, bambino, du sollst, wie dein Vater Dottore werden.«

Doch schon im nächsten Augenblick begann ein Zittern über ihre Züge zu laufen; sie begann zu röcheln, als ob sie stark verschleimt wäre.

»Kampfer! Kampfer!!« rief der junge Arzt.

»O Santa vergine« stöhnte sie, dann streckte sich ihr Körper.

Der Arzt drückte ihr die Augen zu.

»Santa vergine« sagte er.




Frau Stute.

»Nun, Frau Stute, wie geht es Ihnen denn? Wie geht's denn Ihrem Mann?«

»Wissen Se nich? Haben Se nich jehört, mit Stuten? Det hat doch in alle Zeitungen jestanden. Ich hatte schon lange jemerkt, daß er immer so eijentümlich war, und wenn ich einmal mit ihm spazieren jing, dann is er immer am Kanal langjegangen und dann hat er mir jefragt, ob ich nich mit ihm in's Wasser jehn wollte.«

»»Stute««, hab ich jesagt, »»mach nich so'n Unsinn, ick ängstje mir, komm weg.«« Na, denn is er auch jejangen und hat jesagt, denn müsse er es eben alleine thun.

»Na – also und neulich komme ich nu vom Markt nach Hause, un wie ick in die Stube trete, da hängt doch eener am Fensterriegel. »»Herrjeh««, schrei ick, »»Stute««, un wie ick doch so schärfer zusehe, da seh ick doch kein Jesicht un das hängt auch allents so schlamprig. Ick jeh also hin. Denken Se, da hat er doch seine Sachen jenommen, ausjestoppt, und an den Fensterriegel jehängt. Un Stute steht hinter'n Spinde un will sich halbtot lachen. Er wollte nämlich nur mal sehen, wie ick mir dazu stelle.

»Na un das wurde und wurde nich besser mit ihm.

»Also nächsten Freitag denk ich, du wirst Stuten Aale zum Mittag machen, die ißt er jern, und das muntert ihn jewiß een bißchen auf.

»Wie ick nu von'n Markt zurückkomme un in's Zimmer trete, da schwenk ick noch so mit 's Fischnetz.

»»Sieh mal, Stute, vor zehn Groschen einen Aal, so'n Tier.««

»Herrjeh«, schrei ick, da hängt die verfluchte Puppe schon wieder »mach doch keenen Unsinn, Stute.«

»Aber es regt sich nichts. Ich sehe hin, das is – das is doch wahrhaftig Stuten sein Gesicht. Ick fasse ihm also jleich in de Tasche, ob er das Portemonnaie noch hat. Ja, das hat er noch jehabt.

»Dann hab ick ihn nu losjeschnitten, janz warm ist er noch jewesen, aber in's Leben jebracht haben wir ihn doch nicht mehr.

»Jott, Sie wissen ja och, wie jlücklich ick mit Stuten jewesen bin, wie jut un anständig er mir behandelt hat. Noch zuletzt is er in's Opernhaus mit mir jejangen uf 'n dritten Rang und so fein haben wir mit 's Perspectiv runterjekukt. Wissen Se, darauf hat ja Stuten wat jehalten.«

Und sie weinte, daß ihr die dicken Thränen die Backen hinunterliefen.

Endlich beruhigte sie sich.

»Aber denken Se, wat für een Jlück ick jetzt jehabt habe, da war ich also nach einem Zeitungsinserat jejangen – als Wirtschafterin. Das war nu een Witwer, un dem hab ick doch jleich so jefallen, daß er mir jeheiratet hat. Een Schutzmann is es, een reizender Mann und sieben Kinderchen hat er, eens immer niedlicher, wie 's andere.«

»Nee! Wie ick mir freue.«

»Na. Dann gratuliere ich Ihnen auch.«




Unter Geschäftsfreunden.

Auf der Börse herrscht große Aufregung Herr . . . oder nennen wir ihn lieber Meyer, Kragenweite vierundfünfzig, hat sich erschossen. Soeben erzählt es Herr Mosenthal, der es von Herrn Landsberger gehört haben will. Ein Haufen Börsianer umringt ihn.

»Erschossen! – Totgeschossen!! – Unmöglich – un an reizender Mensch ist es gewesen. Witzchen hat er gemacht, wissen Se noch, den über die Harpener und die Wasserleitung, unglaublich, um ein paar lumpige tausend Mark sich zu morden, weil sie ihm keiner borgen wollte. –«

»Waaas!« schreit Schlesinger und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen; warum ist er nicht zu mir gekommen? Ich hätt' sie ihm gern gegeben und – wenn ich se nischt wiederbekommen hätte – aber – sich zu morden!!«

Indes sitzt Herr Meyer in Todesängsten zu Haus. Soll er sich erschießen, aus dem Fenster springen, drei Chloralhydrahtpulver nehmen – er litt schon in der letzten Zeit an Schlaflosigkeit – oder – ja, was von den dreien soll er thun? Morgen wird unfehlbar das Verhängnis über ihn hereinbrechen, morgen unfehlbar! – da stürzt Herr Mosenthal in das Zimmer –

»Mensch! Meyerleben, du lebst?« schreit er im Tone des höchstens Erstaunens. »Auf der Börse hieß es, du hättst dich erschossen, na, ich hab's gleich nich geglaubt. Also, was soll ich dir sagen, Meyer, geh zu Schlesinger. Schlesinger hat auf der Börse gesagt, er will dir das Geld borgen, schenken will er es sogar, hat er gesagt.«

Meyer springt auf, nimmt seinen Hut und an dem erstaunten Mosenthal vorüber aus dem Zimmer – zu Schlesinger.

»Herr Meyer!!!« schreit Herr Schlesinger.

»Herr Schlesinger, um's Himmelswillen, ich bin ein ruinierter Mann!«

»Was woll'n Se von mir? Ich hab doch nischt! Gehn Se doch zu Mosenthal, der hat auf der Börse gesagt, er will Ihnen gern Geld geben, schenken will er's sogar, hat er gesagt.«

»Herr Schlesinger, ich bitte, ich beschwöre Sie –«

»Was woll'n Se von mir? Ich hab doch nischt!«

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –

Am nächsten Tage war es kein leeres Gerücht mehr, der Makler Meyer, der stets die reizenden Witzchen gemacht hatte: ›Wissen Se noch, den von de Harpener un de Wasserleitung‹, hatte sich wirklich erschossen.

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –

»Warum is er nischt zu mir gekommen? Ich hätte ihm gern was geborgt, geschenkt hätte ich's ihm sogar,« meinte Schlesinger.




Das arme und das reiche Kind.

Wie das so kommt, wir, – wir drei, Ernst, Albert und ich – hatten unser Gespräch ruhmvoll mit Nietzsche, Soziologie und Nationalökonomie begonnen und waren endlich in das Gebiet persönlicher Bekenntnisse gelangt.

»Also – hört mal, Jungens, da ist mir neulich eine sehr delikate Sache passiert, wißt ihr, so von psychologischem Interesse!« –

»So!« sagt Albert und lacht mich vergnügt an.

»Ich komme vergangenen Sonnabend aus einer Gesellschaft und treffe noch ein einsames, kleines Mädchen, das auf der Bordschwelle entlang balanziert. Natürlich eine Gräfin! Natürlich! Was dachtest du denn? Also ich sage: »Mein Fräulein, dürfte ich unterthänigst, Ihnen meine Begleitung anbieten?« »O bitte,« erwidert sie, und lächelt mich zärtlich an. Ein nettes Mädchen! Hübsch, sauber, gefällig, freundlich, jung – höchstens achtzehn Jahr. Wirklich tadellos! Es sah auch ganz wohnlich bei ihr aus. Zwar wie immer, die chinesischen Fächer, der aufgespannte Papierschirm, der von der Decke bammelt, die roten und blauen Fliegenpuscheln, die Lampe mit der rosa Balleteuse als Schirm, der eiserne Waschtisch, der Duft von Veilchenseife, der halboffene Schrank, das Photographiealbum und der obligate Aschbecher; aber sogar zwei Polsterstühle und eine grünsammetne Tischdecke, das alles so in rosa Licht, recht schummrig und gemütlich.

»So!« sagt Albert und blinzelt mich lustig an.

»Wie?«

»Ach! Garnichts! Garnichts!«

»Na Mensch, denn rede doch nicht immer dazwischen!! –. Also – ja – ich will eben gehen, da sagt mit einem Mal die Kleine zu mir: »Ach, bleib doch noch ein bißchen da, plaudern wir noch ein wenig. Du bist so ein netter Mann! Ach, bleib doch noch, ja, bitte!! Ich setze mich in den Lehnstuhl, die Kleine setzt sich mir auf den Schooß, legt den Arm um meinen Hals und plappert drauf los, was das Zeug hält. Wirklich reizend. Im Zimmer die trauliche rosa Beleuchtung, draußen der klare Nachthimmel, und auf den nassen, blinkenden Dächern der Mondschein. Das Mädelchen patscht mir dabei mit den Händchen im Gesicht herum, zupft an meinem Schnurrbart, kitzelt mir das Kinn, küßt mich – –

»Sooo?« sagt Albert und grinst mich so recht niederträchtig an.

»Ja! – Unterbrich mich nicht immer! Weißt du Albert, du bist wirklich der geborene Cyniker! Für die Poesie des Alltagslebens, jenen feinen, zarten Duft, der uns das Dasein erst zum Dasein macht, hast du auch nicht die Spur von Verständnis!! – Und mit einem Mal, – denkt euch, – da springt doch die Kleine auf und holt aus der Kommode ein Heft, ein richtiges, altes Schulheftchen, für zehn Pfennig mit einem blau und rot marmorierten Deckel. – Und ist das wohl glaublich! die Kleine macht Gedichte. Trotz allen Schmutzes und Lasters, ihre Seele ist rein ge blieben, sie hat sich ihr liebes Kinderherz bewahrt. Sie hat sie noch keinem außer mir gezeigt; sie hat mir zwar nur ein Gedicht vorgelesen, aber ganz nett, durchaus nicht schlecht.«

»Ach soooo!!« – Albert griente, wie ein Oktoberfuchs.

»Zum Donnerwetter, unterbrich mich nicht immer!!!«

»Die Kleine aus der Kürassierstraße, vier Treppen, schwarzes Haar, braune Augen, blaß, rundes Gesichtchen, Stupsnase. Natürlich!!«

»Jaaa – ja . . .«

»Das hättest du doch gleich sagen können. Natürlich! Das Gedicht hat sie auch keinem außer mir gezeigt. Nicht wahr, die Geschichte von dem armen und dem reichen Kind? Wo das reiche noch das arme mit Wohlthaten überhäuft? Natürlich! Das ist aber garnicht von ihr, das hat sie nur geschwindelt, es stand ja Weihnachten vor zwei Jahren im Lokalanzeiger.«

Ich saß, wie versteinert. Ernst lächelte still vor sich hin; Ernst ist überhaupt so einer von den Stillvergnügten, die nie was sagen. Ich möchte wetten, der Hallunke kannte sie auch.




Meine Wirtin.

Nun – wer sagt, daß sie jung sei, der lügt einfach – aber wer vielleicht zu behaupten wagt, daß sie hübsch sei, ist zum mindesten ein Gewohnheitsverläumder.

Sie ist zweiundfünfzig Jahre alt, und niemand kann sich erinnern, daß sie auch nur jemals leidlich gewesen. Nein, sie ist solche richtige, alte Jungfer! – Schrumplig wie ein Bückling; dürr wie die Habsucht; nicht arm, aber schmutzig geizig. Sie selbst bewohnt nur die Küche und einen Hängeboden; ist auch wenig daheim, weil stets da oder dort Kaffeeklatsch.

– – Letzthin bittet sie mich also, ich möchte ihr doch für einen Abend mein Zimmer überlassen, sie bekäme Besuch. – Hierbei lächelt sie so recht jüngferlich verschämt – und ich möchte doch ja so freundlich sein, ihre Einladung anzunehmen, es wäre ihr so peinlich, so unangenehm, mit einem Herrn allein zusammen zu sein.

»Mit einem Herrn?!«

»Ja! Ich werde mich doch nun bald verheiraten!«

»Verheiraten??!«

»Ja, Herr Hermann, dann können Sie natürlich auch nicht länger bei mir wohnen. Es thut mir leid, Sie sind immer ein so ruhiger, solider Mieter gewesen.«

»Aber, liebes Fräulein, Sie scherzen!!«

Sie lächelte verschämt: »Nun ganz so alt, ist man ja grade auch noch nicht, und wenn man auch nicht die Hübscheste ist, so kann man doch auf – –«

»Aber, Fräulein, ich denke Sie sind eine Männerfeindin; Sie haben es doch immer gesagt!«

»Ja, wissen Sie, so die jungen Leute, die verachte ich; so unsolide und so unmoralische, denen kommt es ja garnicht darauf an, ob sie ein armes Mädchenherz unglücklich machen, aber es giebt doch, Gott sei Dank, noch ältere, wirklich nette und ruhige Leute, und wenn da einer ehrliche Absichten hat, braucht man ihm nicht gerade vor den Kopf zu stoßen.«

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –

Der Abend. Sie war kaum wiederzuerkennen, so hatte sie sich aufgetakelt, ihren Reizen mit kosmetischen Hülfsmitteln nachgeholfen. Und der Bräutigam, – ein famoser Kerl! – ein gemütlicher, behäbiger Kleinbürger, ungefähr zwanzig Jahr jünger, als meine Wirtin, aber was will das sagen, die Liebe überbrückt ja leicht dergleichen kleine Altersunterschiede.

Einen großartigen Kalbsbraten hatte meine Wirtin gemacht, mit Sahne – sie kocht hervorragend, daß muß ihr selbst der Neid lassen – einen steifen Grock – es war kalt draußen – und sogar Cigarren hatte sie besorgt, alles was recht ist – ganz rauchbare Cigarren.

Und wir waren recht vergnügt und guter Dinge.

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –

Halb Berlin suche ich schon nach einem neuen Zimmer ab, und kann keines finden, das mir zusagt.

Vor acht Tagen kommt nun meine Wirtin nach Haus, wirft die Küchenthür, daß es durch die ganze Wohnung dröhnt. Was hat sie denn nur? Ich muß doch einmal nachsehen.

Sie sitzt auf einem Stuhl und weint.

»Diese Männer! Diese Männer!! Diese Männer!!! Ja! Und Sie und Sie sind auch so einer!«

»Aber, Fräulein, wa–a–s, was ist denn nur los?«

»Ia, dieser schlechte Mensch, jetzt läßt er sich verleugnen und will es nicht wahr haben, aber Sie, Sie, Sie waren doch selbst dabei, wie wir uns verlobt haben.«

»Ich? Nein! Sie haben mir gesagt, es ist Ihr Bräutigam!«

»Aber ich verklage ihn. Schadenersatz muß er mir leisten. Fünfundzwanzig Mark habe ich seinetwegen ausgegeben! Fünfundzwanzig Mark hat er mich gekostet, dieser schlechte Mensch; ein armes Mädchen zu betrügen!! Aber die Männer!! Die Männer!! Alle sind sie nicht anders. Alle!! Alle!!«

Der Prozeß – gewinnen kann sie ihn nie – wird in einer Provinzialstadt geführt. Ich habe ihr schon gesagt, sie möchte sich nur drei bis vier blaue Scheine zurechtlegen. Mein Zimmer kann ich auch wieder behalten, sie hat es mir sogar drei Mark für den Monat billiger gelassen, weil ich durchblicken ließ, ich hätte schon ein anderes in Aussicht.

Aber warum will meine Wirtin auch durchaus heiraten!




Frau Trude.

Es war am Ende der Vorstadt. Dort, wo Grund und Boden noch nicht mit Goldstücken gepflastert werden mußte, um ihn zu erwerben – wo noch inmitten von Flieder und Weißdornhecken kleine graue Häuser eines höchst merkwürdigem Baustils lagen, wo es noch echte einbeinige Taubenschläge gab und richtige, eierlegende Hühner, die sich geschickt unter Lattenzäunen hindurchzwängten; ja, wo sogar im Sommer Kohl und Kartoffel auf schwarzem, zerrissenen Erdreich gedieh und im Herbst übermannshohe Sonnenblumen an den staubigen Wegrändern Spalier bildeten. Dort war es.

Vom geöffneten Küchenfenster sah Frau Trude gerade den festgetretenen, glatten Steig herunter, der mitten durch die langgestreckte Gärtnerei führte. Draußen wollte es Frühling werden. Das braune Zweiggewirr der Himbeersträuche, längs des Weges, hüllte sich schon in zarte, grüne Schleier, an den knorrigen Obstbäumen blitzten frische, harzige Tropfen. Aus den Warmbeeten stieg ein feiner, grauer Rauch auf und von den geweißten Scheiben der Gewächshäuser blendete die Sonne. Der Himmel war hellblau, die Luft ganz klar, fast warm und so still war es, nur zwei Spatzen brachten weit drüben auf einer einsamen Erle ihre Meinungsverschiedenheiten zum Austrag – und irgendwo auf der Chaussee, ganz fern, da klang's wie Peitschenknall.

Schon fünf Minuten lang sah Frau Trude durch ein Gewirr von Goldfäden – ihre Stirnlocken – gerade den Steig entlang, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken. Mit beiden Händen hatte sie das Fensterkreuz umklammert und drückte die Stirn gegen ihre Daumen. Frau Trude war groß, schlank, blaß und blond; nicht alt, kaum achtundzwanzig, doch schon etwas müde; nicht gerade hübsch, aber nicht häßlich, wenn auch die Nase ein wenig breit und die Lippen gewölbt – doch das Haar! das Haar!! – Schwere, üppige Goldflechten schlangen sich ihr um Stirn und Nacken. – Es fiel ihr bis über die Hüften, wenn sie es auflöste, sodaß es sie ordentlich wie ein Mantel umgab. – O! Ihr Haar war schön! das hatte man ihr schon oft gesagt.

. . . . Mit einem Mal war alles wieder da; sie wußte, daß es wieder wach werden würde, es hatte ja nur in ihr geschlummert, die ganze Zeit, die ganzen vier Jahre über hatte sie sich ja vor diesem Augenblick gefürchtet, hatte ihm in freudigem Bangen entgegengesehen, und heute, wo es draußen so klar und so ruhig, die Luft so weich und so hell, sie so ganz allein – ihr Mann hatte mit dem Gehülfen einen Vorgarten zu richten – war es mit einem Male wieder da, alles, auch nichts entging ihr.

Sie stand hinter dem Ladentisch an einem Winterabend. Jedes Mal wenn die Thür aufging kam eine Flut von Kälte mit herein, mit klammen Fingern drahtete sie wachsgelbe, französische Rosen und weiße Nelken – ja sechs Dutzend Rosen und drei Dutzend Nelken – und sah durch die feuchten Scheiben auf die Straße ob er nicht schon draußen wartend auf und ab ginge. Wenn er nur heute recht spät käme, daß er nicht so lange zu frieren brauchte. Nein! hübsch war er gerade nicht; eher – so blaß und zart, aber gut, so gut, freundlich, klug; wie nett und ruhig er erzählen konnte, in allem wußte er Bescheid. – Da kam er mit hochgeklapptem Kragen am Fenster vorüber. O sie hätte ihn so gern hereingeholt; im Laden war es doch wenigstens etwas wärmer, doch der Chef mußte ja jede Minute wiederkommen. – – – Es war ihre erste Herrenbekanntschaft, trotzdem sie nun schon vierundzwanzig war. Bisher hatte sie sich gehalten; wenn man ihr auch überall Schlingen und Fallen legte, sie war allem ausgewichen und jetzt – Sie wußte selbst kaum, wie es gekommen war. Ja! doch! Letzten Mittwoch! – Es regnete noch so, da bot er ihr Schirm und Begleitung an. Nun hatte er sie schon acht Abende hintereinander vom Geschäft abgeholt. – –

Aber er hatte noch nicht ein böses Wort gesprochen. Sie hatten zusammen geredet, wie zwei große, verständige Menschenkinder, über Gott und die Welt. Nur manchmal hatte er sie angesehn mit seinen dunklen Augen, so eigenartig, so bittend und dann kam sie sich plötzlich so klein, so weich, so schwach vor: wo waren da ihr Stolz und ihre Vorsätze, sie hätte ihm um den Hals fallen mögen und sagen, daß sie ihm ganz, ganz – aber dann sprachen sie wieder ernst, verständig, gesetzt, fast zu ernst; sie lachten nur selten, ja doch einmal – es war aber auch zu komisch.

Frau Trude bastelte an ihrem Kragen als ob er ihr zu eng wäre und sie beängstige, endlich öffnete sie die Haken.

Dann nach zwei Monaten – er hatte immer noch nicht zu ihr gesprochen, trotzdem er litt, das sah sie – im Februar, am zwölften Februar, als sie in der Konditorei saßen in jener Ecke – es war so unangenehmes, grelles Licht und auf den Gesimsen standen so bunte Vasen . . . Ihr Gespräch war verstummt, die Standuhr pendelte hastig, im Nebenzimmer klapperten Teller und Löffel.

Nächte lang war sie zu Haus mit sich zu Rate gegangen, hatte geweint, wie ein Kind, aber jetzt stand es in ihr fest. Sie nahm seine schmale, weiße Hand zwischen ihre großen, roten, schwieligen Finger – ja, vom Blumenbinden bekommt man arge Hände – und sagte ganz leise, sie hörte sich noch selbst sprechen. »Sieh mal Ernst! ich habe lange mit mir gekämpft; ich habe dich doch so sehr lieb, und – – – – –«

»Trube!!« Wie er aufsprang, er war fast weiß geworden, aber seine Augen strahlten. Er küßte sie ganz leise auf die Stirn, trotzdem der kleine Konditorlehrling eben hereintrat und sie verschmitzt lächelnd ansah.

Frau Trude schoß das Blut in die Wangen, ihre Ohren brannten ihr wie Feuer.

Nun war sie wieder bei ihm, wie damals . . . . Wie ihm die Hände bebten und wie er sie küßte; mit seinen kleinen Fingern nestelte er an ihrem Kleid herum, wußte nicht, wie die Schleifen und Bänder zu lösen. . . . Sie dachte eigentlich sie müßte sich vor ihm schämen, weil er doch ein Mann war – aber sie schämte sich garnicht, sie fand es ganz natürlich.

»Hast du aber schönes Haar, Trude!!«

»Ja – soll ich es aufmachen?«

Da fielen auch schon die Strähnen herunter; wie sie den Kopf schüttelte, breiteten sie sich aus, umwallten wie ein goldiges Gewebe Schultern, Brust und Rücken.

»Wie Du jetzt aussiehst?! Wie das Mädchen aus dem hohlen Baum im Grimmschen Märchen! Da kam der Königssohn, nahm sie auf den Arm und trug sie in sein Schloß. – So! –«

Sie klammerte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.

Dann spielte er mit ihrem goldenen Haar, lies Flechte für Flechte durch seine Finger gleiten, wandte sie um sein schmales Handgelenk, wühlte sich ganz in die Strähnen hinein und plötzlich lag er mit dem Kopf an ihrer Brust und weinte – so hatte sie noch nie einen Mann weinen sehn.

»Was ist dir?! Warum weinst du denn so, Ernst?!«

»Weil ich allein bin.«

»Nein! Du bist ja bei mir

»Ja jetzt, aber bald, da wird jeder wieder allein sein unter ganz fremden Menschen.«

*

Frau Trude zitterte am ganzen Körper.

Dann am zehnten Juni, als sie ihm sagte, sie hätte sich verlobt, er wäre zwar nur ein ganz einfacher, ungebildeter Mensch, wie er zu ihr passe, ein Gärtner, aber er wäre ehrlich und ordentlich, sie wollte versuchen, ob sie ihn mit den Jahren lieb gewinnen könne; sie dürften nicht mehr zusammen kommen. – Er solle verständig sein und sich darein ergeben – es müßte doch einmal ein Ende haben – er könne, dürfe sie ja nicht heiraten; er müsse eine kluge und reiche Frau nehmen, die aus seinem Stand wäre, kein armes, ungebildetes Mädchen, wie sie. Sie müsse jetzt ihrem zukünftigen Gatten treu sein. Wie sie ihm das alles ganz ruhig sagte und er ganz ruhig. erwiderte:

»Ich bin Donnerstag um einviertel zehn in der Konditorei, und werden sehen, ob du es über's Herz bringst, mich warten zu lassen.«

Frau Trude kaute hastig an ihren Lippen.

Sie dachte an ihren Mann, an die vier Jahre, die sie nun schon zusammen lebten. Er hatte ihr zwar nie ein böses oder gemeines Wort gesagt, aber sie merkte, wie er sich ihr gegenüber bedrückt, unfrei fühlte, wie er sich stets Zwang auferlegte, wie er glaubte, sich jede Gunstbezeugung von ihr erkaufen zu müssen. Es war ihr, als schäme er sich, in ihrer Gegenwart seiner Kraft und seiner Plumpheit, – sie dachte an all jene schwülen Nächte, wenn sie erst den Tag über wie ein Lasttier geschuftet und dann – wie sie dann geweint und die Hände gerungen, während er neben ihr, wie ein Sack schnarchte. – – Aeh, er schnupfte sogar –

Frau Trude schien es plötzlich, als bekäme sie keine Luft mehr, sie öffnete das Mieder, schlich auf den Zehenspitzen, als fürchte sie, einen Schlafenden zu stören, von der Küche in's Zimmer.

Wieder und wieder malte sie sich jene Zeit von ehemals aus, wie rein waren sie doch gewesen, wie zwei Kinder. Wie hatten sie sich lieb gehabt. Wie hatte sie ihm die Locken aus der Stirn gestrichen, ihn geküßt, als wollte sie ihn ersticken. Nichts Schwüles, nichts Dumpfes, nichts Brutales, wie sie es später kennen gelernt hatte, nein! Helle, reine Freude, die sie an einander hatten. Und wie hatte er immer mit ihren Haaren gespielt, sich nicht satt an ihrer Schönheit sehen können. Ihr Mann, der wußte wohl garnicht, wie wunderbar ihr Haar wäre, er kannte ja kaum ihre ganze Schönheit.

Frau Trude fror und dann überlief es sie wieder brühheiß.

Ob ihm ihr Haar noch gefallen würde, wenn er jetzt käme? Ob es noch so rein goldig war, wie früher? Ob sie ihm überhaupt noch gefallen würde, wenn er jetzt käme? Ihr Kleid fiel zu Boden, sie trat an den Spiegel und öffnete das Haar, ließ prüfend Strähne für Strähne durch ihre Finger gleiten.

Wieder und wieder malte sie sich aus, jenes Glück von ehemals.

*

Als der Gärtner am Nachmittag heimkam, fand er die Wohnung verschlossen. Er dachte seine Frau wäre fortgegangen und wartete eine Zeit lang, doch als sie sich immer noch nicht zeigte, ahnte er Schlimmes. Er holte einen Schlosser und ließ die Thür öffnen. In der Küche brodelten ruhig die Speisen auf dem Herd; im Zimmer – niemand; die Nachmittagssonne durchflutete das stille Gemach; er wandte sich um. O Gott! Was war das?! War das menschenmöglich?! Am Kleiderriegel; in der Ecke; dem Spiegel gegenüber; Frau Trude; erhängt; ihr Hemd bis zu den Hüften heruntergestreift; am Boden ihr Kleid; ihr Haar gelöst, die goldne Flut fiel ihr über Rücken, Brust und Schultern: ein sonnendurchleuchteter Mantel. Mit beiden Händen hatte sie sich fest in ihre Haare gewühlt, sich derart in die Strähnen verstrickt, daß man die Finger nicht öffnen konnte.

Der baumstarke Mann brach zusammen. Lange Zeit fürchtete man ernstlich um seinen Verstand. Und alle erstaunten, als er schon nach dreiviertel Jahren von neuem heiratete; aber was blieb ihm übrig, sein Hauswesen brauchte eine Verwalterin, sein Geschäft eine Stütze. Er fand beides in einem jungen, unscheinbaren Geschöpf von zwanzig Jahren. Sie war Binderin gewesen, – besonders auf Kränze eingearbeitet, – und dies kam seinem Betrieb gut zu statten.

Sie lebten aber auch sonst sehr glücklich mit einander, denn der Gärtner war ja, wie gesagt, ein guter Mann.




La Bête

In dem kahlen, staubigen, grauen Atelier eines jungen Akademikers, stand auf einem Podium die schwarze Grethe Modell.

Die schwarze Grethe hatte einen fleischigen Kurzakt, welcher vor zwei Jahren noch unberührt und edel gewesen war, jetzt aber unter leichtsinnigem Lebenswandel gelitten hatte. Die Brüste waren nicht mehr so straff gespannt, das Becken zu breit. Nur Rücken und Hals waren noch von der augengefälligen Schönheit einer Junostatue.

Das Modell hatte sich einen Lappen um die Lenden geschlungen, der in schweren Falten herabfiel.

Den einen Arm hielt sie weit vorgestreckt, den anderen rückwärts gebeugt, als ob sie mit einer Keule zum Schlage ausholte. Die ganze Last des verkrümmten Körpers ruhte auf dem Standbein.

Das war so eine echte Akademikerpose.

Schon über eine halbe Stunde verharrte sie in dieser unnatürlichen Gliederverrenkung, regungslos, in Schweiß gebadet, halbtot, in allen Muskeln krampfte und zuckte es ihr.

Plötzlich klopfte es.

»Herein!«

Ein kleines, niedliches, wohl achtjähriges Mädchen, Grethes Schwester, die gekommen um sie abzuholen.

»Wart nur, es ist gleich zu Ende!« sagt der blasse, junge Mensch; sein Gesicht hat einen Zug von Verrohung und läßt nicht eine Spur jener künstlerischen Feinfühligkeit erkennen, die sich in seinen Arbeiten ausspricht.

Die Kleine weiß nicht, was sie sagen soll und blickt zur Erde, bald aber überwindet sie die Scheu und spielt vergnügt umher.

»Treten Sie nur herunter, Grethe, es wird heute doch nichts!«

Grethe atmet auf, reckt sich, wie um die Gliedmaßen wieder in die richtige Lage zu bringen, steigt herunter und setzt sich dem jungen Menschen gegenüber auf einen Stuhl, so daß sich fast ihre Kniee berühren.

Der junge Mensch macht einige Witze und unflätige Redensarten und beginnt immer erregter werdend, den bloßen, heißen Körper des Mädchen zu betasten.

Da löst Grethe den Knoten, der den Lappen zusammenhält und sitzt nun vollends entblößt, schamlos und lüstern vor ihm.

Die Kleine, welche bisher wenig auf beide geachtet, wird dunkelrot, bohrt sich mit ihren beiden Patschchen in die Augen und läuft hinter eine Staffelei.

Und diese beiden Tiere lachen, über dieses ehrbare Jüngferchen, – wiehern, pruschen, brüllen, so widerlich, so ekelhaft, so – so – aeh.

»Haben Sie es gesehn? Haben Sie es gesehen?« schreit die schwarze Grethe und schlägt sich fortwährend auf die dicken, bloßen Schenkel. »Kostbar! Kostbar!!!«




Der Wohlthäter der Menschheit.

I.

Eine einsame, ärmliche Krankenstube auf schmutzigen, zerwühlten Kissen liegt ein todeskranker Mann. Vor dem Bett stehen auf dem einem Stuhl Medizinflaschen. Auf dem anderen sitzt seine Frau und liest ihm scheinbar ruhig, aus einem Buche vor. Ihre rotgeweinten Augen irren über das Papier, auf dem die Buchstaben ihr zu tanzen scheinen, hin und wieder huschen ihre Blicke auch zu dem Kranken hinüber. Er darf ja nicht merken, daß sie ihn beobachtet, denn er hat es nicht gern.

Der Kranke hat den Kopf zurückgebeugt, so daß der gewaltige rote Vollbart emporstarrt. Die Wangen und Schläfen sind entsetzlich eingefallen, die Nase schon unheimlich spitz. Die Augen flackern, wie Irrlichter, manchmal hell auf, manchmal scheint der Glanz in ihnen fast zu verlöschen. Der Atem klingt röchelnd und metallisch, als ob man in weiter Ferne Blechgeschirr klappern hört.

Es klingelt. – Ein eingeschriebener Brief! –

»Ah, mein Gehalt! – Gott sei Dank! – Ich wußte, Frau, es würde zur rechten Zeit kommen.« –

Der Kranke richtet sich mühsam empor und erbricht hastig den Umschlag.

»Herrn Schulz«

»teile hierdurch ergebenst, daß es mir »aufrichtig leid thuen würde, wenn Sie »Ihre Thätigkeit nicht voll und ganz »wieder aufnehmen könnten, daß ich »Ihnen aber in diesem Falle, wie Sie »doch wohl selbst einsehen werden, »nur das halbe Gehalt zahlen kann.

Hochachtungsvoll.«

– –  –

Er sank zurück und weinte, schluchzte wie ein Kind.

Siebzehn Jahre in demselben Geschäft als Barchentzuschneider gearbeitet, um einen Hundelohn mit Lust und Liebe gearbeitet, um hundert Mark monatlich. Sein Leben ruiniert, durch die vornübergebeugte Haltung, durch das fortgesetzte Staubschlucken; seine Gesundheit in den öden, dumpfigen Räumen gelassen, und jetzt, da man abgenutzt, abgebraucht, wie ein alter, ausgetretener Schuh auf die Straße geworfen. – Ah! –  –  –  –  –  –  –

»Frau, morgen gehe ich wieder in's Geschäft.« –

»Richard, bleib doch nur zu Haus, ich werde hingehen und ihn bitten.« –

»Das wirst du nicht thun, Frau! Von Lumpen nehme ich keine Geschenke an!! Von –  –  –«

Ein Hustenanfall verhinderte ihn am Weitersprechen.

Am nächsten Tage war er im Geschäft.

In einer Woche war seine Beerdigung.


II.

Die ganze, kleine Stadt ist festlich illuminiert. Der Herr Bürgermeister giebt ein Diner, sämtliche Honoratioren des Ortes sind versammelt, um einen Gast zu ehren, einen reichen Kaufherrn aus einer großen Fabrikstadt. Für ihn giebt man das Fest, denn er ist der Wohlthäter des Ortes, der Wohlthäter der Menschheit.

Kaum haben die Lohndiener mit den Trinkgeldgesichtern die Soupe à la reine aufgetragen, als sich der dicke Herr Bürgermeister langsam erhebt, seine wichtigste Amtsmiene aufsetzt und eine wohl auswendig gelernte Rede von Stapel läßt.


»Meine verehrten Anwesenden!

Einen herrlichen Tag begrüßen wir heute, einen Tag der den Bürgern unseres Ortes ewig unvergeßlich bleiben wird. Wir haben heute die Ehre und das Vergnügen einen geliebten Mitbürger, ein Kind unserer Stadt wieder unter uns zu sehen, zu bewillkommenen. Einen Mann, der in dem Getümmel der großen Welt, seine kleine Heimatstadt noch nicht vergessen hat, der treu an ihr und ihren Bürgern hängt. Einen Mann von edler und herrlicher Gesinnung, geachtet von allen wegen seiner Klugheit, geliebt von allen wegen der Güte seines Herzens. Eine erhabene Gestalt, wohl wert, jenen des klassischen Altertums an die Seite gestellt zu werden. Und doch ein Mann von echter deutscher Schlichtheit und Bescheidenheit.

Seht nur, wie still und bescheiden er dort sitzt, als ob all diese Worte nicht ihn, sondern einen anderen beträfen. Und dennoch ist er es, den wir heute hier festlich begrüßen, er, der den armen Waisen dieser Stadt wie ein liebevoller Vater, ein Heim geschenkt hat.

Meine Herren! Erheben Sie mit mir das Glas. der Wohlthäter dieser Stadt, der Wohlthäter der Menschheit. Er lebe hoch! hoch!! und noch einmal hoch!!! – Hauskapelle Tusch!!!!«




Mein Freund, der Leichenträger.

Ich kam von der Beerdigung eines Bekannten und traf meinen Freund, den Leichenträger. Ein Mann von Witz und Welt.

»Es war doch zu schrecklich«, sagte ich, »wie die Tochter durchaus mit in die Grube springen wollte, und wie sie schrie und jammerte. Es konnte einen Stein erbarmen.«

Mein Freund, der Leichenträger, der so etwas wohl schon gewohnt war, zuckte die Achseln.

»Ich will Ihnen da 'mal eine Geschichte erzählen, hören Sie zu! – Da war also hier der reiche Müller gestorben. Sie müssen ihn doch auch gekannt haben, den alten Geizhals. Wie wir nun den Sarg aufheben und die Leiche aus dem Haus bringen wollen, da, denken Sie nur, werfen sich die Kinder schreiend und weinend vor die Thürschwelle, weil sie den Vater nicht aus dem Haus lassen wollten. Mit Gewalt haben wir sie fortbringen müssen. . . .

»Also, sechs Wochen später, die Erbschaft war eben geteilt worden, und jedes von den Kindern hatte seine paarmal hunderttausend bekommen, sitzen sie noch ganz traurig beim Abendbrot; mit einem Male geht die Thür auf und Vater Müller kommt rein. »Na, Kinderchen, da bin ich wieder!« . . .

»Und wissen Sie auch, was die Kinder da gemacht haben? . . .

Die Treppe haben sie ihn »runtergeschmissen«! . . . . Adios!« –

Er ist doch ein entsetzlicher Cyniker – Mein Freund, der Leichenträger!




Der Lump.

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war klug, und der andere war dumm. Als sie größer wurden, kamen sie auseinander und erst nach fünfundzwanzig Jahren sahen sie sich wieder.

Da war der eine sehr reich, hatte Ämter und Würden, ja, er war sogar Stadtverordneter und Ritter verschiedener, teurer Orden. Der andere aber hatte nur das, was er auf dem Leibe trug; er war nichts, garnichts im Leben geworden.

Der arme Dumme!

Nein! – Ihr irrt, es war ja der Kluge, aus dem nichts geworden.

»Kannst du mir nicht helfen, Bruder?« –

»Helfen –?!« Und sein feistes Gesicht schwamm beinah in Mitleid. »Helfen –?! Nein, helfen kann ich dir leider nicht. – Aber einen guten Rat will ich dir geben:

Fein still halten!
Ja nicht mucken!
Zu allem schweigen!
Stets dich ducken!«




Künstlerelend.

Sehr gute Freunde waren sie gewesen und dann waren sie Schriftsteller geworden.

Der eine aus Anlage und Neigung, der andere aus mangelnder Begabung.

Der erste baute trotzig auf eigene Kraft und verkam, ging zu Grunde in tausend kleinen Widerwärtigkeiten.

Der zweite fand bald eine Menge gleichbeanlagter Genossen und wurde, als die Reihe an ihn kam, der ehrwürdigen Sitte jenes Kreises gemäß, unter schallendem Tusch der Reklametrompeten auf den Schild gehoben.

Nach Jahren – als er schon lange der »berühmte« Mann war – traf er zufällig seinen alten, lieben Freund. Der Ärmste war kaum noch ein Schatten seines früheren Ich's, geistig wie körperlich gebrochen.

Wohl ein Stunde unterhielt sich auf offener Straße mit dem Unbekannten der Berühmte. Und dann ging er tief gerührt heim und schrieb seine herrliche Novelle: »Künstlerelend«.