ngiyaw-eBooks Home


Max Herrmann – Verbannung

Ein Buch Gedichte

Max Herrmann, Verbannung, S. Fischer Verlag, Berlin, 1919



»Und je höher einer im Geiste vorgeschritten,
um so schwerere Kreuze findet er oft, weil die
Pein seiner Verbannung durch die Liebe immer
mehr wächst.«
Thomas von Kempen

ENTSEELTE NACHT

Vater, der die abendliche Stille
meiner kargen Arbeit übersternt,
ach, daß dieses Weges müder Wille
immer weiter sich von dir entfernt!

Eh die große Klarheit ausgeklungen,
ist der Atem, der uns trägt, verweht –
Von der Scham des Wankelmuts umschlungen,
fluch' ich schluchzend meinem Angstgebet.

Und das Licht, das mich zu deiner Halle
halten hieß, ist lange schon verlacht –
Meiner Tränen harte Eiskristalle
starren fühllos in entseelte Nacht.



ICH WEISS, DU GÄBEST GERN DEIN LEBEN HIN

Ich weiß, du gäbest gern dein Leben hin,
dem Dunkel meiner Not mich zu entreißen,
von dem ich rettungslos umgeben bin –

Nur einen Tag nur, einen festlich weißen,
aus Flieder und aus Rosen ganz verklärten,
den Mächten abzuringen, die mich hassen,

im Glück der Weite und im Glanz der Gärten
mich einen Tag den Tod vergessen lassen!

Ich aber, so verkrallt in meine bösen,
verstörten Nachtgeschicke, mag mein Haupt
nicht heben zu dem Glück, das ich nicht glaube.

– Doch all dein Engelswillen, zu erlösen,
ruht nimmer, bis die gottgesandte Taube
den Zweig mir bringt, den Ewiges belaubt.



UND LANDE AN DEM SCHATTENHAFTEN TOR

Kaum ahnst du die Verdunklung der Gedanken,
die noch das Hellste meines Tages quälen,
wenn ich nicht weiß, wo ich den Weg soll wählen
durch dies Gestrüpp, in das die Sterne sanken . . .

Du kennst von meinem krankhaft abgewandten,
wahrhaften Antlitz kaum die eine Falte,
du siehst nicht, wie ich schmerzhaft an mich halte,
die Scham zu schonen der von Gott Gesandten. –

Und wie ich wandle, weiß ich nicht: wohin . . .
Und weiß nicht, ob ich irgend wem entwich,
ob dies zum Ende deutet, zum Beginn . . .

Und zwischen Meer und Wüste sucht mein Ich,
was es vielleicht für ewig längst verlor,
und landet leer an dem verschloßnen Tor.



PSALM FÜR LENI

Über jeder Hütte steht ein Stern,
wenn du lang in ihren Dörfern weilst.

Ihrer Kinder Lippen, die dich lieben,
singen stumm im Himmelsschlüssel-Ton.

Ihre kranken, abgehärmten Fenster,
die sich trostlos unterm Strohdach ducken,
haben plötzlich goldne Engelsaugen,
finden einen Pfad nach Sonnentag.

Ihre kleinen, schüchtern bleichen Gärten
fliegen weit, erlöst, zu Jubelwiesen,
die am Saume deiner Kleider wehn.

Ihre Frauen werden jung und blühen
heller in den Duft der schlanken Birken,
die den welkenden Chausseeen helfen
und wie Kerzen ihre Sehnsucht stillen.

Ihre Männer suchen deine Hände
rastlos wallend durch die wache Nacht.

Über jeder Hütte steht ein Stern,
wenn du lang in ihren Dörfern weilst – – –

Aber deine fernen Freunde weinen.



DU MEINES LEBENS TROSTGEFÄHRTIN

Du meiner Lebensirrfahrt getreue
Trostgefährtin, wo treiben wir hin?
Singt aus dem Rhythmus von Bosheit, von Reue,
Lust und Verzweiflung sich segnend ein Sinn?

Wird uns nicht jede jähe Entzweiung
– wie Geschwister oft Torheit entstellt –
zu einem neuen Flug der Befreiung
aus der tiefsten Zerstörung der Welt?

Band uns nicht stets das erbittertste Streiten
gegeneinander nur heißer in Eins?
Sahen wir nicht durch Tränen die Weiten
seliger Meere voll Sonnenscheins?

Könntest du leugnen, daß uns am letzten
göttlichen Tage Beglückung belohnt,
daß die durch so viel Irrsal Gehetzten
ewig sich lieben auf holderem Mond?

Daß ich nicht sinke, eh uns die neue
Flammenverklärung unendlich krönt:
Gott ist in dir, meines Lebens getreue
Trostgefährtin, mit mir nun versöhnt.



DER ANDRE PSALM FÜR LENI

Dein Erwachen macht die Großstadttore
hoch im Morgen und vor den verschämten,
blassen, kranken Nachtcafés die Vögel
zu bekränzten Gottessängern.

Und wenn deine Augen schlafen gehen,
streichelst du nicht alle heißen Hände,
die nach Händen hungern, und die Küsse,
die im Duft wie Trunkne taumeln
und wie Sterne fallen durch die Nacht!

Aber wenn du steil ¡D ihren Mittag strahlst,
fangen alle Straßen an zu tanzen
weißen Kleids um deine kühlen Füße – – –

Und dein Dichter wird ein Flammen-Strauß.



IM UNRECHT

So verfiel ich Gottes schwerster Fügung,
daß ich plötzlich stets im Unrecht rang:
nüchtern trieb aus jeglicher Vergnügung,
schwächlicher in Festes Überschwang.

Und ob Trauer mich, ob Sinnentrügung
als Verzweifelten zu Boden zwang:
alles wurde klein, daß Selbstbelügung,
Rache oder Drohung in mich drang.

Daß mich blaß aus kleinlichsten Behältern
irgendeine Fäulnis überwand,
daß ich keinem Jähzorn widerstand,

sondern der Geliebten und den Eltern
und dem heimlich heiligen Kamerad
unbewußt Verrat und Schlimmres tat.



LIED DER WEISSEN MONDNACHT

Fabelhafter Schluchten
schlummerndes Getier
hütet unsrer Mondnacht
Silber-Stier.

Schaukelnd zu der Triften
zärtlicher Schalmei
jungfräulicher Hirtin
Lorelei.

Tropfend durch die Zweige
schneeigen Altars
starb ein Stern im Neigen
deines Haars.



ÜBERWUNDEN

Wenn zwischen uns der Zweifel schleicht,
Zerwürfnis droht, Betrübnis droht,
daß jedes in der eignen Not
einsames Dickicht todwund weicht;

wenn keiner auf des andern Wort
des Herzens Schlag mehr hören mag,
mein Blick will fort, dein Blick will fort,
schon dämmert blaß ein Jüngster Tag;

wenn alle Sehnsucht sterben will,
wenn alle Zukunft sterben will,
Erinnrung wird sich selber Gift:

dann unverwüstlich wunderbar
wird deiner Liebe Wunder wahr,
die sich unsterblich übertrifft.



VERGELTUNG

Wo darf ich landen, flammende Felder,
ist eine Rast meinem glühenden Pfad
schattig beschieden? Nehmen die Wälder
mich in ihr kühl übergrüntes Bad?

Atmet kein Quell, meine Furcht zu umfassen?
Lockt mich kein Echo ins lüsterne Laub?
Stürzt meiner Stirn tollwütiges Hassen
unter den Sonnenrädern zu Staub?

Hab' ich noch Hände, ein Letztes zu halten,
soll auch Gott in die Ohnmacht hinab!
Verbarg er doch in des Mantels Falten
eifersüchtig den Zauberstab.

Blieb das Lied, die Lüfte zu lösen,
in seiner grausamen Brust versteint,
sei er mit mir in dein Ewig-Bösen
einer nie endenden Rache vereint!



DER TIERE JÜNGSTER TAG

Augen der Tiere, wie habt ihr tausendfältig
den Katafalk meines Grames als Kerzen umstellt,
tausendfach von einsamer Nacht überwältigt,
sterb' ich mit jedem Windstoß euerer Welt!

Tücke des Tages hatte mir hinterhältig
apollinischen Rausches Güte vergällt –
plötzlich stockte der Strom meines Neins überwältigt
vor dem Hof, wo die einsame Dogge bellt.

Schatten an der hallenden Kaserne
wag' ich mich weiter vom Bann dieser Laute umeist:
Nachtgefangene, die ihr mein Lächeln stahlt!

Plötzlich singen alle Tiere wie Sterne
wogenden Hymnus, der sie aufwärts reißt,
daß der ewigen Freiheit Glanz sie umstrahlt.



AN DIE UNGEBORENE SCHWESTER

Zittre nicht, Schwester, ich könnte dich zu mir beschwören,
ach, ich beneide dich um die Nacht, die dich birgt,
warum vermochte mein Schicksal mich nicht zu erhören,
hat mich Gott im Mutterleib nicht erwürgt!

Schwester, das Glück deines Todes ist bei dir geblieben,
leuchtende Lilie im endlos vereisten Tal;
dich hat kein Schwert aus Paradiesen vertrieben,
lockte kein Irrlicht herauf in des Lebens Qual.

Mußte das Schicksal mit lästigem Leben mich strafen?
Darf ich nie des Nirwanas Geborgener sein? –
Schwester, mit dir über Zeit und Entzauberung schlafen
in das Schweigen erloschener Welten hinein!



LETZTE VEREINIGUNG

Niemals war deine Freude mir fühlbar Gefährte,
holte mich lächelnd auf einsamen Irrwegen ein,
keine Mißgunst, mit der ich mein Dunkelsein nährte,
wurde durch deine Hingebung zu heiligem Wein.

Träumst du auch zärtlich, wie ich die Welt durchtaste,
niemals bleibt mir dein Traum leibhaftig Geleit,
wenn ich im grünenden Hain der Erinnerung raste,
liegt deine Sehnsucht in fremden Wintern verschneit.

Immer fühlt' ich doch, wie du dich mütterlich mühtest,
mich zu umfangen, daß mich kein Harm mehr zerquält,
und vielleicht, wenn du längst einmal zitternd verblühtest,
ist deinem Tot-Sein für ewig mein Tot-Sein vermählt.



ER ABER SIEHT SEINEN WEG

Lange war er des Reigens der sphärischen Matten
leidlos teilhaftig und strahlte in ihrem Plan,
Frühlingsstürme gebundenem Geist zu verstatten,
waren die menschlichen Fesseln ihm abgetan.

Doch in den überirdisch unendlichen Spielen
fehlte der Segen der Überwindung ihm ganz
und die Striemen der Stirn und der Hände Schwielen,
süße Verzeihung für Liebe und Lorbeerkranz.

Leidvoll beginnt er zu sinken. Um seine Locken
schmeichelt der Leichtsinn der Paradiese. Er hält.
Hört aus dem Abgrund die trostlos schluchzenden Glocken,
wirft sich besinnungslos in das Weinen der Welt.

In verheimlichte Höhlen geflüchtet erwürgen
die enttäuschten Dämonen am himmlischen Mahl.
Er aber sieht seinen Weg. Und aus toten Gebirgen
schreitet seine Gefaßtheit harmonisch zu Tal.



TRAGÖDIE

Warum brach plötzlich wieder Bosheit in meine Brust,
warum sprang wie ein Tiger Jähzorn aus meinem Leid?
Warum klang schrill wie ein Stachelpanzer mein Kleid,
warum ward Andacht jetzt Klage und jede Liebkosung Verlust?

Gern verschwieg' ich den Harm, der meine Ohnmacht durchjagt,
wär' mit dir Herzlichem herzlich, unbefangen und froh;
aber die Stimme versagt schmerzlich und macht sich roh
und plagt mit gehässiger Schärfe, selber von Schärfe geplagt.

Sankst meinem Schlage entgegen, zu jeder Demut bereit –
ach, und ich tat es und fühlte mich ewiger Sünde bewußt.
Warum ward Andacht jetzt Klage und jede Liebkosung Verlust?
Warum sprang wie ein Tiger Jähzorn aus meinem Leid?

Blaß, ein mißhandeltes Opfer im schwesterlich schweifenden Schwarm,
stiegst du stumm in die Nacht des Gebirgs, da das Mordgerüst ragt – – –
Gern verschwieg' ich den leidvoll im Herzen verhärteten Harm,
der mir die Liebe versagt, der mir das Leben versagt.



DEMUT

Ich muß die Demut ganz zu Ende denken
und in Bereitschaft sein zu jeder Scham –
Nichts darf die Langmut der Legende schenken
dem Prahler, der mit Band und Feder kam.

Doch Band und Feder war gewiß gestohlen
der bangsten Armut als ihr letztes Gut,
so schritt er als Tyrann und riß mit hohlen
Verheißungen in ihr verletztes Blut.

So sah ihn meine Schüchternheit im Glase
und wandte sich wie von dem Widerpart:
Du tiefster Gegner, der mich dennoch trieb!

Daß ich mit selbstentstürmender Ekstase
und gegen meine eignen Lieder hart
mich übertraf und bis zum Selbstmord blieb.



IM LEEREN

Von allen verlassen, in meinen Absturz wach
mit Augen starrend, deren Himmel versteinte,
dämmre ich ziellos entfärbtem Alltage nach,
dem ich ermüdet mich längst ohne Würde vereinte.

Teilnahmlos leb' ich sein Leben mit, durch die kleinen
Geheimnisse seiner verworfenen Stätte verstreut,
witwenhaft fremd und fern diesem Sein oder Scheinen,
zeitlos ohne Rat und Gelüst vor dem Gestern und Heut.

Daß mir von selbst seiner Menschen fest sich verwehrt,
ist mir von keinem mehr Glück oder Unglück beschieden,
leer wie sie bin ich keines Wunders mehr wert
und von der eignen Seele nun unversöhnlich gemieden.



STERBEN

Und ich sinke . . . sinke . . . tückisch sacht
in des Stromes dunkle Not gezogen,
und die Lampe überm Brückenbogen
ist ein Irrlicht nur in meiner Nacht.

Jener auf der steten Pilgerschaft,
bald mir nahe, bald entfliehend ferne,
schwebt vielleicht schon um die toten Sterne,
die der dunkle Schoß zusammenrafft.

Wie sein Schatten noch gen Abend kniet,
stürzen sich die Stimmen fremder Rufer
vag von einem abgetanen Ufer
in die Sonne, die mich nicht mehr sieht.

Bleibt dem Tage, der die Welt umarmt,
eine Spur von meinem Gehn und Geben? . . .
Ach, ich sinke . . . und mein ganzes Leben
ist Entseeltsein, wo sich nichts erbarmt.



BIS ICH SELBST VERRAUSCHE

Sah ich heut im Bilde
fremder Augen viel:
müde, sterbensmilde,
Spott und Angst und Ziel.

Irren jetzt wie Lichter
in des Sturmes Sturz –
War doch der Gesichter
Einkehr allzu kurz.

Daß ich kaum bekannte:
Bin euch herzlich gut.
Und mein Hirn sich brannte
jäh in jedes Blut.

Und ich lieg' und lausche
des Orkanes Hall –
Bis ich selbst verrausche
in der Sterne Fall.



VERURTEILT

Märtyrer der Mühsal, in steinerne Höllen gestoßen,
vom geringsten Wort meiner gottlosen Quäler gewürgt,
ihren Dornengürtel immer auf meinem bloßen,
wehrlosen Herzen, das kein Gebet mehr birgt.

Noch im Traum geängstet von ihren erstarrten
Masken, mit denen schmiegsam Eitelkeit lügt;
jedem Heucheln, womit sie die Seele narrten,
durch erzwungene Mitschuld eingefügt.

Mein Erwachen, mein Wirken und mein Verwehen
ist ihrem Wink, dem ich ewig feind bin, versklavt,
daß keine Brücke zu meinem Glücke mehr führt.

Und der Fehl, daß ich einmal den Götzen berührt,
wird von dir, o mein Vater, so furchtbar bestraft,
daß meine Augen nun nie deine Herrlichkeit sehen!



DER VOLLMOND LOCKT DEN DIEB

Der Vollmond lockt den Dieb. Er taucht aus blauer
Verdunklung seiner Kellerheimlichkeiten.
Schon kann er leicht auf Dächerkanten schreiten
und magisch eingehn in den Stein der Mauer.

Er tanzt wie die Libelle an Altanen:
er spitzt den Mund: saugt Gold aus Nachtverstecken;
die Hände leuchten, Träumer zu erschrecken,
und ziehn um Hunde zauberhafte Bahnen.

Sein Blick erobert schwüle Kemenaten:
die junge Tänzerin, die schlank im Spiegel
sich selbst verführt, zerbricht er wie ein Siegel
und sprengt ihr Bot auf seine Knabentaten.

An seine Finger zwingt er ihre Ringe
und stiehlt den Hochzeitskuß vom Gift der Wangen.
Schon hat der Toten Lust den Dieb gefangen:
starr hängt er in des Mondes Silberschlinge.



DER AM LEBEN STIRBT

In Herzenskälte eingekerkert, hoffnungsleer
harr' ich der Stunde, die Vernichtung heißt.
Die Sommernacht läßt ihren Regen schwer
herniederwuchten auf den müd gekämpften Geist.

Schwer wie ein Leichentuch. Wie Gottes Mantel, der
im Sturm die Sterne in den Abgrund reißt.
Ich harre, starr, ein Stein. Ach, allzusehr
ist mein Gemüt verwittert und vergreist.

Mit keinem Wesen weiß ich mir ein Wort,
mit keinem Ding ein Dach gemeinsam mir.
Sehnsucht erblindete und Demut ist verdorrt.

Kommt ihr zu meiner Mutter, kündet ihr:
Er will nicht, daß es ihn auch nur im Traum noch gibt!
Er will nichts als den Henker, der ihn weder haßt noch liebt!



ODE ZWISCHEN NACHT UND MORGEN

Von den Kissen fließt dein nacktes Haar
über alle Dächer. Weiß geleiten
Birken seine Ufer, und die Monde
spiegeln sich verzückt.

Durch die Böden tappt der graue Mönch,
seine blinden Finger fassen furchtsam
in des Morgens feuchte Mähne, und
pfingstlich grünt sein Stab.

Deine Hände über deinem Herzen
sanft verflochten atmen schon den Hauch,
der sie streift, und träumen sich Geschwister
in den hochzeitlich umarmten Tag.



VERSUCHUNG

Wie herzlich Flieder über deine Mauer
Hände der Sehnsucht reicht, du Maienkirche!
Wie deine Orgel unter ihre mütterlichen Flügel lockt!
Die Deinen singen . . . in unendlich blauer
Geborgenheit des Himmels wiegt die Birke
weißer Gebete Duft um ihre müde
geschlagnen Schläfen . . . Stets sind sie daheim:
daheim, sooft sie kommen, ob verstockt
sie draußen Geiz bestäche, ob der Trieb
mit Tränen wieder ihren Mund belüde –
und der Verirrteste ist doch daheim,
wenn er nach dreißig Jahren wie ein Dieb
sich unterm Schatten einschleicht und im Tau
geweihten Wassers seine wehgedachten Augen kühlt,
ist sein so langes in der Fremde Gehn vergessen,
ist jeder Staub von seiner nackten Brust gespült . . .

Und der ganz einsam grüblerisch sich selbst verlor,
wird süß Geschwister – hat Empörung ihn besessen,
oder war es, daß unter vogelfreier Nacht sein Singen fror,
nun singt er mit den Deinen brüderlicher
als je zuvor! – – –

Warum ich keiner Mutter Wohlgefallen
und nicht das einzige Glück bin einer Braut
und keines von der Kinder zärtlichen Gespielen . . .
Warum birgt mich kein Boot mit vielen,
und muß auf meiner Planke in den Strudel fallen
und bettet nicht ein Echo meinen letzten Laut – – –

Die Deinen singen ihre Sehnsucht sicher
und ihren Stolz zu einem kleinen Abendstern,
der schüchtern flimmert . . .
Hartnäckig ist mein Haus und ohne Tor
und ohne Fenster, jeder Wiese fern,
die Schlummer schenkt, von lauter Spiegeln
bis in den Wahnsinn Tag und Nacht erkannt.

Sehr traurig bin ich und in meinem Trotz ganz einsam,
verächtlich keinem und von keinem noch geliebt,
und aus der eignen Nachbarschaft verbannt,
in dumpfer Hoffnungslosigkeit von keines Herzens Ruf berührt,
vom Wind verstreut . . . auf allen Hügeln
Golgathas von mir selber bis zum Tod verführt,
nicht einen Hauch mit irgendwelchem Ding gemeinsam . . .

und immer fühlend, daß es den Gesang der Deinen gibt!



VERBANNUNG

Landschaft des Glückes, die ich für ewig verlor,
ihr mich zu Gott entführende Sommer-Chausseeen –
Jetzt umkerkert den Tag mir verhaßtes Kontor,
muß ich beschämt vor dem scheltenden Lohnherrn stehen.

Heimatliche Zisterne der Zärtlichkeit,
traulich umträumt von ewig getreuen Geräten –
Wie bin ich unstet in Gram und Verlassenheit
nun unterwürfig den eisigen Brutalitäten!

Lebend entkomm' ich kaum noch den Götzen der Fron,
die sich gegen die schüchternste Sehnsucht verschworen –
Ach, und ich war doch einst dein lieber Sohn,
Landschaft des Glückes, mir auf ewig verloren!



VERWORFEN

Flammen in meinem Blut! Der Ersehnte entwand
unversehrt sich der Feuersbrunst meiner Wahl;
und ich ging über alles verstört und stand
plötzlich ein einsamer Gast im entzauberten Saal,

grüßte die Augen, sie dankten mir nicht, und ich hing
schüchtern am sänftigenden Dunkel der Blicke und sah
eine Seele entblößt und jagte ihr nach und fing
sie am letzten Gebüsch meiner Träume . . . So nah

kam deine Sehnsucht nun doch meiner Sehnsucht . . . und fiel
aus den schaukelnden Träumen, ein Schemen der Lust –
spielte der unaufhörlich Ersehnte nur wieder sein Spiel? –
oder verwirft mich das Herz in der eigenen Brust?



WEISSE PFEILE UND UMBLITZTES BEIL

Triffst du mich und treibst mich in die Enge,
Trübsal aller Demut eingedenk,
die ich schmählich der bestallten Menge
zugestand, aus Liebe ungelenk:

Schlag' ich in den eignen Nerv den Nagel
und erhebe mich aus Höllen heil,
die ich selbst entzünde, aus dem Hagel
weißer Pfeile und umblitztem Beil.

Pfeile, weiß wie Schnee, gepeitscht von Zweigen
über Wege nach Verworfenem!
Beil, du Sternbild in dem bleichen Neigen

eines Himmels, der aus Nacken-Adern,
blau in Feigheit Abgestorbenem,
flammt zu Bergen, Fäusten, Zacken, Quadern.



EH MICH NEUER TAG UMTÖNT

Wenn der Linden hingegeben
sanftes Singen mählich schweigt,
sich das abendliche Leben
zu versunkner Andacht neigt,

durch der Häuser Heimlichkeiten
magisch das Verstummen rauscht,
und die Sehnsucht dem Entbreiten
letzter Dunkelheiten lauscht:

Was in mir sich dumpf empörte,
fühlt sich sanft zum Klang versöhnt,
fern entgleitet das Verstörte.

Fern ist Lieben, fern ist Hassen –
Bis mich neuer Tag umtönt
und die Engel uns verlassen.



ERINNERUNG

In deinem Garten darf ich nie mehr gehen
und nie mehr Früchte vom Spaliere brechen,
nie abends, wenn die Winde wärmer wehen,
in deiner Laube leise mit dir sprechen.

Im Fell des Windspiels träumten meine Hände;
wie Glöckchen glitten Töne aus dem blauen
Schweigen der Sommernacht. Und wie durch Wände
erblickten wir das Schlummern unsrer Frauen.

Und wir verstummten. Wie du jetzt für immer
stumm bist. – Als dir der Tod die Lippen bleichte,
erhaschtest du noch einmal einen Schimmer
von allem, was uns einst der Sommer reichte?

Oder war ich schon tot in deinem Leben,
und durfte fremdes Lied deinem Ermatten
mehr vom Gefühle seiner Not noch geben –
und ich bin abgeschiedner als dein Schatten?



DURCH MEINE FENSTER FALLEN FLAGELLATIONEN

Einsam bin ich unter Bilder gebettet,
die mich seltsam mit tiefen Stimmen höhnen,
Stiegen gehn durch mein Herz, die von Schritten stöhnen,
und Keller sind an meine Kniee gekettet.

Durch meine Fenster fallen Flagellationen
blutend in mein Angesicht. Die Zeiger
der Uhren machen mich weggeworfener, feiger,
und der Stunden lange, launische Prozessionen.

Die Kälte der Höfe bricht in meine Kissen,
durch mein Atmen jagen sich heiser die frierenden Hunde,
jedes Tor ist an meinem Leib eine offene Wunde,
in die sich Bücherberge und Gebete verbissen.

Über meine Hände strömen die Straßen Licht . . .
Häuser liegen auf meiner Brust wie schwere Visionen.
Durch meine Fenster fallen Flagellationen
blutend in mein Angesicht.



FRUCHTLOS GEKREUZIGTE

Ich wanke gramvoll durch die grau verdrossne
Verdammnis dieser Straßen – mich umklagt
in dunklen Psalmen das umsonst vergossne
Märtyrerblut, dem nie Erlösung tagt.

Kein Heiligenschein wird diese Schar umschimmern,
es blüht kein Glück auf ihrem Golgatha –
wir aber hocken in geschützten Zimmern
und zetern, daß uns nicht genug geschah.

In kahler Zelle fror ihr steiles Schwärmen
und hat sich selbst zu fernem Ruhm zerstört –
uns aber mag mit kleiner Wollust wärmen
Gelassenheit, die keinen Vorwurf hört –

Ich fühle die Verbitterung gespenstern
um jede Bank, wo ein Besiegter saß,
sie rütteln ohnmachtsweh an hellen Fenstern,
dahinter Sohn und Braut sie längst vergaß.

Wie eine Schlange krümmt um meine Schritte
sich alles Resignierte ihrer Scham –
der dunkle Schwarm nimmt mich in seine Mitte
hinschmelzend in der Straßen Melodram.

Mit unfruchtbar beschwingten Totenstimmen
schwirrt es aus einer Welt, die sich verriet – –
indes die Sterne dieser Stadt verglimmen,
kleinwinzig wurmhaft unter ihrem Lied.



ICH LOG MICH UM MEIN MENSCHENTUM

Ich log mich selber um Licht und Erlösung,
ich wurde der Gaukler meines Gedichts,
behagte mir in der Wehmut Verwesung
und selbstgefälliger Trauer um nichts.

Bis mich mein Schicksal mit tödlichem Schlage
weithin mähend unrettbar traf,
Wunden grub verblutender Klage,
raubte mir Atmen und Andacht und Schlaf.

Aus der Vergangenheit blieben kaum Glocken,
blieb meiner Sehnsucht kaum Hundegebell,
angstvoll reißt sich mit rührendem Stocken
Stimme der Mutter vom Sohne Rebell.

Stern, den meine Nächte erharren,
der am einsamen Abgrund erfror –
in unheimlich verschlagnem Erstarren
liegt meines Lebens unseliges Moor.

Ich zerstöre, was ich packe
mit bewußtloser Mörderhand,
nächtlich in meiner verlornen Baracke
über das Buch der Erinnrung gebannt.

Grausames Joch der fruchtlosen Jahre
schleppt meine Zukunft im Sklaventrott,
schluchz' ich gebunden auf hartem Altare,
rührt mein Opfer keinen Gott.

Dornen, mit denen ich eitel prahlte,
Tränen, die ich wie Wollust genoß,
wurden zum Kreuz, dem kein Glorienschein strahlte,
dem sich der Himmel für immer verschloß.

Schwestern und Brüder, euer Verbluten
sühnt die Schuld meiner Einsamkeit nicht –
Hoffnungslos in den Gärten der Guten
duld' ich unendliches Selbstgericht.



TODESNÄHE

So leer an Liebe ward meines Lebens Entlegenheit,
wo jeder Traum mit hämischer Schärfe trifft,
daß meines Dichterwahns letzte stolze Verwegenheit
welkt zu Tode an diesem unmenschlichen Gift.

Als mich die Überfülle der Güte umfriedete,
schlug ich zu Scherben das lauter gereichte Kristall –
nun mich der Haß einer Welt in sein Kettenwerk schmiedete,
sehnt sich mein Lied nach dem leisesten Widerhall.

Harr' ich in Demut, aus kalten Verschlossenheiten
endlich den Blick zu empfangen, der mich befreit –
aber der schmählichen Tage Verdrossenheiten
lassen den Liebebedürftigen ohne Geleit.

Näher und näher umkreist der Tod meine Stätte,
und mir blieb kein mütterliches Gebet,
das einst gütig mein Ängsten geborgen hätte,
das nun fern über fühllosen Gipfeln verweht.

Einer Fremde Unrast flicht den Unseligen
auf ihr sinnlos irr umtreibendes Rad . . .
bis er einst, vergessen mit den Unzähligen,
Staub ist auf dem ruhlosen Flüchtlingspfad.



SIE LASSEN MICH ALLEIN

Sie lassen mich allein, wie ich sie stets
allein gelassen – mich, der sich vermaß,
zu sühnen mit des heimlichen Gebets
Entäußrung, was nur flüchtig mich besaß.

Was meine Seele flüchtig ausgetauscht
in einer fremden Bosheit Widerstreit,
schien mir im Sturz der Reue längst verrauscht,
euch aber quält es noch in später Zeit.

Wenn ich den Dämon längst aus mir vertrieb
und neue Unschuld mich umfließen ließ,
daß mir kein Makel in Gedanken blieb,
lag in Verwüstung euer Paradies,

nicht aufzubaun durch Inbrunst des Gebets,
darin mein schuldig Herz sich glaubte rein
zu glühn – Wie ich entwich von ihnen stets,
so lassen sie den Sterbenden allein.



DER UNTERWELTEN EWIGER HIRT

Da er allein sich fand mit dem Getier
auf bunter Fläche, wo die Träume schwiegen
und was er himmlisch hörte jäh verblich,
der Blinde mit dem leuchtenden Visier,
sank seine Seele auf die weißen Stiegen,
da Helligkeit durch alle Schleier strich:
und, daß er sehen durfte, überkam
ihn wie Versuchung und Gefahr zu fallen,
und ängstlich eingeschmiegt in seine Scham
schloß er die Augen vor dem fremden allen.

»Wo ist der Blick, dem ich mich einst hingab,
mit dem der Sonne Melodien mich trafen,
der weiche und der harte Blick des Klanges,
durch den der Himmel meinen Wundern Sinn gab,
den goldnen Lohn und nächtigere Strafen
und sichren Wolkenflug des Überschwanges?«

Und da er sich verurteilter empfand
als je am leersten Tage seiner dunklen
Umzaubrung und von Wirklichkeit verwirrt,
schlug den Versucher seine blinde Hand.
Dann stieß er sich zurück in alle dunklen
Mysterien: – Des Orkus ewiger Hirt.



LIEBE NUR KANN EWIG SEIN

Gottes Krallenhand zerreißt den kranken
Abendhimmel der verhaßten Stadt,
aus der Sterne welken Rosenranken
schüttelt er des Monds vergilbtes Blatt.

Jäh ist wie von fieberschweren Fäusten
alles Licht der Straßen abgewürgt,
in den goldnen Augen seiner treusten
Türme sich das letzte Dunkel birgt.

Der Paläste fahles Glas erblindet,
und der Park bricht taumelnd in die Knie,
mit entseeltem Todesseufzer schwindet
der zermalmten Plätze Melodie.

Und das Schlüpfrige verfemter Keller
speit sein krüppelhaftes Krächzen aus –
Gottes Heilandshand bedeckt mit schneller
Zärtlichkeit das letzte Vorstadthaus.

Wird zum Streicheln über der Ruine
einer Schädelstätte, die ihn rührt,
daß zum Aufgang seiner Liebesmiene
eines Segnenden Gebärde führt.



OPFER DIESER WEIHNACHTLOSEN WELT

Und dennoch ist mehr Weihnacht in der Welt,
als eure Werkelnot sich eingesteht;
mehr Raum soll sein für Feste und Gebet
als für erpreßte Müh und Hungergeld.

Die spärlichste Entscheidung: sich ans Glück
verraten oder elend frei zu sein,
engt ihr mit tödlichen Gesetzen ein,
und keine Lust darf zu sich selbst zurück.

Ich aber wollte wie beim ersten Schritt
die Wallfahrt meines Lebens neu beginnen,
dankbar erleiden, was ich stöhnend litt,
was mir verrann, sollte als Glück verrinnen.

Doch Glück wird Haß in eurer Härte Fron,
und Dankbarkeit empört sich und zerbricht,
und alle Sehnsucht nach dem Himmelslicht
der holden Weihnacht ist verdorrt in Hohn.

Da jede Stunde in ein herbes Joch
gezwängt sich keinem Stern verweilen mag,
und wunder Mühetag an Mühetag
gedrängt, und keine Rast im Sterben noch.

So welkt, der blühen will wie wilder Wein,
in sonnenloser Haft der Dürftigkeit,
und bald muß ich nach ausgestandner Zeit
ein Schatten ohne Allerseelen sein!



GLÜCKLOSES GLÜCK

Mir hilft kein Traum, mich selber zu ertragen:
nie hebt ein Schlummer, der in Gott vergeht,
mich in des Mondes sanften Muschelwagen,
um den das Wiegenlied der Wolken weht.

In die Betrübnis solcher Flucht verschlagen,
die niemals vor der Hoffnung Pforte steht
und spricht »Am Ziel!« – Die nie in goldnen Tagen
sich prangen sieht als Sieger und Prophet!

Von keiner Wohligkeit, von keinem leuchten,
das eltern-hutsam einen Abend wärmt,
blieb eine Laube um den ganz Verscheuchten.

Und noch sein Glück ist so, daß es verschmachtet
und seinem Tiefsten fremd sich hilflos härmt
und jeden Trost des Augenblicks verachtet.



DENN ICH MUSS EINSAM DUNKEL WERDEN

Wer kann dies Bröckelnde, Zerbrochne bannen,
dem ich nun, fern von dir, verfallen bin?
Du aber gibst dich deinem Hasse hin;
als wüßt' ich nicht, wie deine Tränen rannen,
wenn wir zu schüchtern waren: Siege sanken,
die deine Siege hießen, aus Musik
ward Mühsal, und ich küßte dich und schwieg
und diente dir mit Wünschen und Gedanken.
Was ließ ich mich so kümmerlich verzetteln
im letzten Sommer, der vielleicht mir blieb,
glücklich zu sein? . . . Denn morgen bin ich Dieb,
Knecht, Narr, und muß auf fremden Höfen betteln.
O hätte ich das Blut zum Abenteuer,
das leichten Tempos tanzt im Aderblau!
Die Linden duften ja für uns, und schau:
für uns die Lilien der Johannisfeuer!
– – Für dich! . . . Denn ich muß einsam dunkel werden
mit meiner letzten, irren Angst allein!
Du aber wirst der schönste Engel sein
in einem großen Himmelreich auf Erden!



KEIN WELTENWANDERER BEFREIT MEIN HERZ

Selten geschieht es, daß vor meiner Höhle »Einsamkeit«
der Schatten eines Weltenwanderers zu wesenloser Zwiesprach hält,
doch ich erwartete mir immer seine ganze Welt,
daß sie mich schrankenlos befreit!

Und jener spricht – entseelte Rede, die an meiner Wand zerschellt,
und meine Widerrede überholt ihn aberweit,
in seinem Klang, in meinem Klang nichts, das verzeiht,
unzugänglich bleibt jeder mit selbstischen Träumen und Ängsten verstellt.

Ein letztes Mal flammt Hoffnung in mir hell:
Der Wandrer wird jetzt in dein liebloses Verließ eintreten
und eine Weile tröstlich bei dir sein – – –

Aber der Schatten zerfloß mit dem Hahnenschrei schnell,
und das Echo höhnend mit meinen eignen Gebeten
läßt mich entmenscht allein.



AUS SEHNSUCHTSSCHWEREN TAGEN

In diesen Tagen, da ich ohne dich soll sein,
reift soviel Zärtlichkeit und wartet dein,
und meine Liebe leuchtet wie ein Glas voll Wein,
das dir den Willkommtrunk kredenzen will
und dich an meines Gartens Grenzen still
begrüßen und ganz ohne Worte sagen:
»Kehr' wieder, bitte, bei mir ein
und laß von meinem Herzen wieder dir die Stunden schlagen!«

In diesen Tagen, da ich ohne dich soll sein,
legt sich Liebkosung zu Liebkosung gleich Perlangebinden,
daß du mit ihnen wieder deine Schönheit schmückst,
wenn du dich über meine Augen bückst,
wirst du An-dich-Gedenken wie dein treu bewahrtes Abbild wiederfinden,
und wie du von den Linden
die schwülen Düfte pflückst,
sollst du aus meinen Sehnsuchtswunden einen Kranz um deine Schläfen winden.

Denn diese Tage sind von dir erfüllt
bis an den Rand, – bin ich nicht nur dein Kleid?
Bin Schattenleib, der meine Seele, dich, umhüllt,
dich mein Unsterbliches! Und wie ich schreite,
geh' ich nur immer deinem Schritt entgegen,
und so werd' ich heut nacht zur Ruh' mich legen,
daß ich in deine Träume gleite
und unsre Hochzeit wird aus Ruderschlag zu dir und Herzeleid.



UND ICH WAGE KEINEN TOD

Da des Sees verstocktes Schweigen
mich zum Sterben fast verführte,
alles, was mich lang leibeigen
wollte und in Knechtschaft schnürte,
sehnte sich hinabzusinken
in das lockend Ungewisse,
wo die Himmelswiesen winken
und der Wolken Schattenrisse.
Was erwart' ich noch vom Tage,
der mich wieder kleinlich beugt?
daß ich Wundersames sage,
daß mein Lied den Gott bezeugt,
den ich Schwacher nicht ertrage? –
Dennoch wird auch dieses Sehnen
nur ein eitles Sichgenießen,
und in dessen Abschiedstränen
schon die Freudentränen fließen?



OSTERLIED

Alle Frühlingsbläue,
jedes frische Feld,
wenn ich ohne Reue
schwärmend mich erfreue
an der warmen Welt:

wird in deinen lichten
Gliedern höchstes Glück,
und in himmlisch schlichten,
dämmernden Gedichten
bleibt sein Duft zurück!



ABSCHIED

Nun bin ich nur noch eine kleine Weile
auf eurem Weg. Schon schweigt der erste Stern.
Und wie ich noch mit euren Schatten eile,
bin ich euch schon um tausend Träume fern.

Schon weiß ich nicht mehr zwischen euren Blicken
mich sanft zu schaukeln in des Himmels Blau.
Schon steh' ich unter schwereren Geschicken
im Totenhof der dunklen Abendfrau.

Schon streifen eure Worte meine Wangen
wie eines längst entführten Windes Traum.
Schon bin ich endgültig von euch gegangen,
ich Überschatteter vom Blutschuld-Baum.

Schon schlucken mich die Schluchten böser Straßen
in einer fremden, bösen Abgrund-Stadt;
dort ist, den eure Lügen gern vergaßen,
so stark, daß er mich bald bezwungen hat.

Und wie ich Brot und Wein mit euch noch teile,
winkt mir der Bote schon des dunklen Herrn.
Es schneit . . . Und über eine kleine Weile
bin ich verweht . . . Stumm scheidet Stern um Stern.



DU NUR HATTEST ZAUBERHAFTE WORTE

Keiner sah die lieben Heimatlichter
meiner aufgezwungnen Lebensflucht –
du allein geleitetest den Dichter
schützend durch die dunkle Dulderschlucht.

Keiner brachte bis zur letzten Pforte
stummen Friedens meinen Erdenwahn –
Du nur knüpftest zauberhafter Worte
seidne Leiter an den Mondaltan.

Keiner wußte, wenn es mich verführt,
wo der Abendhorizont sich rötet,
daß ein heiliger Reim mich sanft berührt –

und: wenn je entsühnend auferstehn,
die das Eifern meiner Liebe tötet,
werden sie durch dich ins Leben gehn.



DER ABSTURZ

Traf nicht wie Gottes Auge der unbestechliche
einzige Schein mein wahllos schwaches Verweilen –
ich aber hoffte durch eine oberflächliche
falsche Gefaßtheit dem Äußersten zu enteilen.

Des Gebirges Entfremdung umschloß uns wie Eisen,
das die Entarteten in den Abgrund verbannte,
schattenhaft hinter uns schlich ein Verhülltes mit leisen
Meuchelmordschritten ins qualvoll Niegekannte.

Und es begehrt der allzu bereite Begleiter,
daß ich in seinem Gesicht meine Sterne erblicke –
doch schon sinkt meine Seele weiter und weiter
in den ewigen Wald meiner dunklen Geschicke.

Jeder in seinen eitlen Gesichten erblindet,
stürzen wir haltlos durch die Wirrnis der Stille –
bis Gottes Auge mich tödlich ein letztes Mal findet
und mein Herz sich ergibt: »Herr, geschehe dein Wille!«



DEIN HAAR HAT LIEDER, DIE ICH LIEBE

Dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer –
O glückte mir die Welt! O bliebe
mein Tag nicht stets unselig leer!

So kann ich nichts, als matt verlegen
vertrösten oder wehe tun,
und von den wundersamsten Wegen
bleibt mir der Staub nur auf den Schuhn.

Und meine Träume sind wie Diebe,
und meine Freuden frieren sehr –
dein Haar hat Lieder, die ich liebe,
und sanfte Abende am Meer.



VERWANDLUNG

Ich wünschte, mich verwandelte das Weh
der Welt in eine Weide an den Wegen,
die trostlos frösteln durch den Morgenschnee
verödet grauem Schicksalstag entgegen.

Daß ich mein Teil am Bösen unsrer Zeit
vollkommen büßte, daß mich jedes Sterben
und Einsamsein und jede Häßlichkeit
und jeder dunkle Schauer mag verderben!

Daß ich mich so verlöre in dem weit
verlornen Winterschweigen weißer Steppe,
daß nur ein einz'ger wüster Schächer seit
Unendlichkeit sein Sterben zu mir schleppe.

Und stürbe mit dem letzten Fluch für mich.
Und Raben stürzten auf das Tote. Ferne
verging der letzte Ton der Welt. Dann schlich
ein Spuk herauf und löschte alle Sterne.



DICH LOCKT ADONIS IN DEN JUNGEN TAG

Der Schlaf liegt locker unter deinen Lidern
wie Blütenstaub, der bald ins Licht entfliegt,
des Morgens Melodie ist deinen Gliedern
in rührend sanfter Biegung eingeschmiegt.

Dein Atem tänzelt zwischen deinen Lippen
des Traumes letzte Takte, und es ruhn
der Hände Pferdchen reglos an den Krippen
des Linnenlaubes wie vor Aufbruch nun.

Nun spiegelt sich Adonis glanzumfangen
im Brunnen deiner Traumversunkenheit
und winkt ein Frührot über deine Wangen
und lockt dich in des Tags Unendlichkeit.



MUTTER!

Trauer umfaltet mich mit entseelenden,
regenschweren Melancholieen,
durch die Verwirrung der Nacht mit quälenden
Augen die Schattenschwestern entfliehen.

Nach ihres Leichenkleids fröstelndem Flore
Weiden mit steifen Spukhänden greifen,
im Labyrinthe verschollener Tore
muß die Mutter unerlöst schweifen.

Schleicht ins Versteck ein Krüppel verspätet,
tastet sie fiebernd ihm übers Gesicht –
aber den Heiland, nach dem ihr spähtet,
findet, erloschene Sterne, ihr nicht.

Roh umschnürt dir der Morgen die Kehle,
zerrt dich zurück nach den blinden Verließen –
ewig muß meine schuldige Seele
unter dem Eis deiner Liebe hinfließen.



LEGENDE DER VERZAUBERTEN ZELLEN

Die Nonnen nächtigten in ihren Gärten,
denn Angst stieg plötzlich aus den schwülen Zellen,
sie beteten zum kühlen Gott der Quellen,
und Stern und Springbrunn wurden Traumgefährten.

– Die Morgenmühle klappert. Hunde bellen. –
Als sie mit rührend zagen, unbeschwerten
Schritten zurück in ihre Räume kehrten,
begannen sich die Dinge zu entstellen.

Und Altarschmuck und Kranz und Buch und Bild
sind schamlos wie in Liebeskrampf verflochten.
Aus steilen Kerzen brünstig Brodem quillt.

Und eh die Fraun zu flüchten noch vermochten,
fühlten sie plötzlich hüllenlos sich schweben,
süß einem Unsichtbaren hingegeben.



VERLORENES PARADIES

Ob das Rührend-Dürftige deines Haares
und der Schläfe Schatten schmerzhaft nah
meine Lippen wollte: immer war es
Nacht, bevor ich Stern an Stern dich sah.

Bliebest in dein lieblos fremdes Zimmer
aus dem Lachen unsrer Lust verbannt,
zwischen uns und deinem Gott stand immer
einer starren Abkehr Winterwand.

Losgelöst durchschwebte ich die Weiten,
treulos leugnend deiner Enge Leid,
Rhythmen durften mich im Spiel begleiten,
doch kein Seufzer deiner Einsamkeit.

Und aus Buch und Bildern holt' ich helle
Frühlingsfreuden und ein Sommerglück,
ließ als Splitter unter meiner Schwelle
das Gedenken an dein Leid zurück.

Nicht daß deine Einsamkeit sich rächte:
sie erbittet Gottes Nachsicht mild,
doch er stellt gerecht in meine Nächte
des verlornen Paradieses Bild.


(Meiner Mutter zum Gedächtnis)



MAGDALENA

Als wir schon nicht mehr an Erlösung glaubten,
und daß ein Schicksal blühn und schenken kann,
als sich die Gärten unsres Glücks entlaubten,
verstohlne Sehnsucht nur nach Süden sann,

als unsre bangen, jeder Ruh beraubten,
irrenden Seelen fiel Verzweiflung an
und aus zerfetzten, wirren, wegbestaubten
Ewigkeitswandrern Gott zu schrein begann:

kam Klang und Klang und silberte die Brücke,
die zwischen Palmen die Oase traf,
da Magdalena saß am Brunnenrand.

Sie wußte nichts von zweifelhaftem Glücke,
doch gab sie göttlichen Jahrhundertschlaf.
Da wurde meine Sehnsucht Wüstensand.



TROSTLIED DER BANGEN REGENNACHT

Keine Furcht der Erde
kann uns hange tun:
Sieh, wie sanft die Pferde
Wang' an Wange ruhn!

Ganz allein gelassen
in der bittern Nacht,
wo der Wind die blassen
Weiden zittern macht,

wo ein siecher Regen
bös, sehnsüchtig rinnt,
an viel fremden Wegen
Bettler flüchtig sind,

ruhn sie Wang' an Wange,
wie Erlöste ruhn,
keine Furcht kann bange
ihrer Inbrunst tun.

Alles, was sie leiden,
schlummert Haupt an Haupt –
Und die blassen Weiden
stehn wie lenzbelaubt.



BIRKE, AUFLODERNDE GÜTE

Birke, du Güte des Glanzes,
wie du die Sichel besiegst,
wenn du Diana des Tanzes
dich an die Mondschwester schmiegst!

Mit einem Husch deiner Zweige
sprühst du die Heere zu Staub,
deine grünklingende Geige
macht ihre Schwertlieder taub.

Deine Wurzeln erdrosseln
bald die Schlangen der Schlacht,
deine sterntrunkenen Drosseln
spotten dem Absturz der Macht.

An einem Blitz deiner schlanken
Freiheit das Schwarze zerstiebt
aller Rachegedanken:
Laubherz und Laubherz sich liebt.

Laubherz und Laubherz umschlungen
schläfern mein Schluchzen ein,
aus den versunkenen jungen
Waldaugen blüht Sonnenschein.

Birke, auflodernde Güte,
birg mich in dein Gebet,
wie auch der Höllensturz wüte,
dein weißes Gottlachen besteht.

Gott lacht unterm Klingen des Kranzes
silbern, umfriedet, gottleis.
Birke, Diana des Glanzes,
rette die Welt in dein Weiß!



MEINE GÜTE IST NUR EIN GEDANKE

Herr, meine Güte ist nur ein Gedanke,
ist nur ein Wort, das ein Windhauch zerreißt,
niemals überschreit ich die Schranke,
die meiner Seele Verdammnis mir weist.

Herr, meine Güte ist nur ein Verlangen,
das vor der Wahrheit der Welt nicht besteht,
mit dem Todesmal auf den Wangen
freudlos durch unnütze Frühlinge geht.

Herr, meine Güte ist lässiges Lieben,
glückloser Hingebung Selbstbetrug,
zwischen den Steinen der Unrast zerrieben,
muß sie verwehn wie ein ärmlicher Spuk.

Bringen ihrer Sehnsucht Segen
andre in Selbstentäußerung dar?
Blüht an allen Erdenwegen
das unsterbliche Menschenpaar?

Die in großer Verkleidung eilen
ängstliche sich schenkend von Haus zu Haus –
Ach, meine Güte ist kein Verweilen
über die Stunde des Kummers hinaus!

Wenn sie entseelt in die Arme sich sanken,
war ihrer Werke keines verwaist –
Meine Güte ist nur ein Gedanke,
ist nur ein Wort, das ein Windhauch zerreißt.



WIEDER SOHN SEIN DEM TAG UND DER NACHT

Ich kenne dich, Fremdling in fremdem Gewand,
ich weiß, warum du dein Haupt nicht entblößt,
wo alle entblößten Hauptes stehn,
ich weiß jede Linie in deiner Hand;
ich weiß um den Sturm, der dein Sanftsein verstößt,
wenn die Visionen dich höhnend umwehn.

Deine Sehnsüchte reichen höher als du,
deine Gedanken vertun deine Güte,
der Irrgarten deiner Empörung blühte
unerfüllbaren Exzessen zu. –

Ich kenne, Frau, deine heimlich frierende
Einsamkeit mitten im Lärm der Cafés,
wenn du auch durch unsagbar rührende
Blicke dich als die standhaft Verführende
lügst um den Heiligenschein deines Wehs.

Weiß ich doch um das Grasen des Rehs,
sanft, wo Sonne die Lichtung umrieselt! . . .
Komm, ich will mit dir in den Wiesen
menschenferner Geheimnisgebirge
wieder Sohn sein dem Tag und der Nacht,
schlummerdes Reh im Heimatgebirge,
von den Gebeten der Quellen umrieselt,
von den Flügeln der Wälder bewacht. –

Wie tummeln sich jene Masken behende
im Reigen verächtlicher Sympathie –
daß ich mein Haupt zu euch wieder wende:
fremde Schwester Melancholie,
fremder Bruder, durch den ich vollende,
was meine Sehnsucht unsagbar macht:
Wieder Sohn sein dem Tag und der Nacht!

Wieder mit euch in den schweigenden Wiesen
menschenferner Geheimnisgebirge,
von den Gebeten der Quellen umrieselt,
von den Flügeln der Wälder bewacht,
in den seligen Heimatgebirgen
wieder als Glück und Blühen genießen
Weite der Welten und Harmonie,
sterbliches Spiel unsterblicher Riesen,
heiligen Tag und heilige Nacht!