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Elisabeth von Heyking – Liebe, Diplomatie und Holzhäuser

Roman – Eine Balkanphantasie von einst

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1920


Während des ganzen langen, lauen Frühlingstages hatte Axel Kronar durch das Coupéfenster die eintönige Ebene an sich vorüberziehen sehen. Abends traf er endlich an seinem neuen Bestimmungsorte ein. Langsam fuhr der Zug über die große Brücke, die zwei Länder verbindet, und vom hohen jenseitigen Flußufer funkelten ihm die Lichter der Stadt freundlich entgegen.

Ein Kanzleidiener erwartete Axel auf der Station und teilte ihm mit, der Gesandte lasse ihn bitten, nicht ins Hotel zu fahren, sondern vorläufig bei ihm zu wohnen.

So stieg er in eine offene Droschke, auf deren Bock der Kanzleidiener kletterte, während sein eigener Diener mit dem Gepäck folgte.

Der Mond stand am Himmel, spiegelte sich in dem still gleitenden Flusse und beschien die niedrigen weißen Häuschen, die die steilen Abhänge hinaufzuklimmen schienen. Die Droschke holperte bergan auf dem schlechten Pflaster der menschenleeren Straßen, an deren Seiten Reihen junger Bäume standen. Aus nahen Gärten, die Axel nicht genau zu unterscheiden vermochte, strömte der Duft feuchter Erde und blühender Frühlingsbüsche hinaus in die Nacht, Erinnerungen und Heimweh weckend.

Axel aber war weder alt noch jung genug, um sich bei Heimwehgedanken lange aufzuhalten; er stellte Vergleiche an zwischen der kleinen, wie im Zauberschlaf daliegenden Stadt und seinen beiden ersten Posten, Paris und Petersburg, von wo er eben kam, und er fand, daß das Nachtleben hier in bedauerlicher Weise unentwickelt zu sein scheine.

Sein Chef, Baron von Holst, kam ihm in der Eingangshalle der Gesandtschaft mit eiligen Bewegungen entgegen. Er war ein dürrer alter Herr, der so aussah, als habe er sich, trotz aller diplomatischen Diners, an des Lebens Tafel nie recht satt gegessen.

»Salve, salve! Ich freue mich, Sie als lieben jungen Kollaborator hier begrüßen zu können,« sagte er zu Axel. Er sprach hastig und als sei er stets etwas außer Atem. »Kommen Sie nur gleich herein, wie Sie da sind. Der Whistklub, der sich jede Woche ein paarmal vereinigt, ist nämlich heute gerade bei mir, und wir wollen eben etwas soupieren. Herr von Linteloe ist auch dabei, aber Ihre Cousine, die mir übrigens schon viel von Ihnen erzählt hat, war leider nicht wohl genug, um zu kommen.«

Axel folgte seinem Chef in ein kleines Spielzimmer. Seit einigen Stunden angesammelter, dichter Tabakqualm erfüllte den Raum. Von diesem wogenden, gleichmäßigen Gelbgrau hob sich, in langgedehnten, bläulichen Streifen, der Rauch frisch angezündeter Zigaretten ab. Durch den Nebel gewahrte Axel drei ältere Herren, die eben vom Spiele aufgestanden waren.

»Verehrte Kollegen,« sagte Baron Holst, »erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen soeben eingetroffenen jungen Kollaborator, den Grafen Kronar vorstelle.«

 Axel verbeugte sich, und zwei der alten Herren, die beide weiße Bärte trugen, schüttelten ihm die Hand.

»Graf van Stratten, unser Doyen – Herr von Wawerling,« sagte Baron Holst; dann, sich zum Dritten wendend, setzte er hinzu: »Ihnen, Herr von Linteloe, brauche ich Graf Kronar wohl nicht erst vorzustellen.«

»Beinahe wär’s doch nötig,« antwortete mit dröhnender Stimme der Dritte, der die anderen bei weitem überragte und dessen breites, hochgerötetes Gesicht durch den Tabakqualm hindurch glänzte wie ein roter Lichtschein auf nebliger See. »Hat sich nämlich, scheint’s, höllisch verändert, der Kronar! War ein schmächtiger Student, als ich ihn zuletzt sah, damals auf meiner Hochzeit in Eynarshyelm.« Er musterte den Neuankömmling und streckte ihm die Hand hin, die breit, kurz und etwas haarig war: »Na, ’Tag, Kronar! wir duzen uns natürlich noch immer, obschon wir in den zehn – oder sind’s zwölf – Jahren keinen Gebrauch mehr von unserer sogenannten Verwandtschaft gemacht haben.« Er ließ ein wieherndes Lachen erschallen und wandte sich an die drei anderen Herren: »Damals hab’ ich nämlich mit allen Verwandten meiner Frau Brüderschaft getrunken. Es waren so viele, daß ich sie schließlich doppelt sah – aber mein Prinzip war immer, mich mit den Vettern zu duzen von wegen der hübschen Basen.« Und wieder lachte er so laut und wiehernd, als ob eine Fuhre Steine ausgeschüttet würde.

»Sie sind Frau von Linteloes rechter Vetter?« frug Wawerling.

 »O nein,« antwortete Axel, »es besteht nur eine ganz entfernte Verwandtschaft zwischen unseren Familien, aber die Güter stießen aneinander. Wir sind als Kinder zusammen aufgewachsen und haben uns immer Vetter und Cousine genannt.«

Als man am Soupertisch saß, begann Baron Holst seinen neuen Legationssekretär nach seiner Reise und nach Personen in der Heimat zu befragen. Aber bald mischte sich Linteloe ein: »Na, Kronar, du bist ja auch bei mir zu Hause durchgekommen; was sagt man denn da Neues?«

»Ach, lassen Sie doch, Linteloe,« meinte lachend Graf van Stratten, »selbst wenn Ihr Herrscher Sie zum Botschafter auserkoren hätte, dem Grafen Kronar würde er es doch nicht gerade auf der Durchreise anvertraut haben – und das ist ja das Einzige, was Sie hören möchten.«

Axel sah den angeheirateten Vetter etwas erstaunt von der Seite an. Breit und stämmig saß er da mit den schlauen, schwimmenden Äugelchen und dem ergrauenden roten Haar, das sich hell gegen die kupfrige Hautfarbe abhob. Man glaubte an ihm immer noch etwas von den hohen Sporenstiefeln und dem Küraß zu sehen, die er lange getragen, ehe er in die Diplomatie abschwenkte. Botschafter? So, so! Dahin verstieg sich sein Ehrgeiz?

»Ich habe mich gar nicht auf der Durchreise aufgehalten,« antwortete Axel; »aber wie lange bist du denn schon hier?«

»Da haben Sie Recht, so zu fragen,« fiel ihm van Stratten ins Wort. »Vier Jahre nur ist Linteloe hier, die reine Bagatelle. Ein unerfahrener Neuling ist er überhaupt noch und denkt schon an Versetzung. Was soll denn ich da sagen? – Ich bin sechzehn Jahre und zehn Monate hier!«

»Ich auch,« warf Wawerling seufzend ein.

»Verzeihen Sie,« sagte van Stratten, »sechzehn Jahre und zehn Monate weniger drei Tage, lieber Wawerling: vergessen Sie nicht, Sie sind drei Tage nach mir hier angekommen.«

»Ja, an was die Dinge doch hängen,« sagte Wawerling sinnend. »Hätt’ ich mich damals vor sechzehn Jahren die eine Woche in Paris nicht gar so gut amüsiert, so wäre ich drei Tage vor Ihnen hier angekommen, und dann wäre ich heute Doyen; so bin ich nur Vizedoyen.«

»Sechzehn Jahre und zehn Monate!« wiederholte Axel und besah sich die beiden alten Herren, als seien sie Mumien in Glaskästen, von denen der Museumskatalog kündet, daß sie vor dreitausend Jahren lebende Menschen gewesen.

»Und als ich hierher gesandt wurde,« fuhr van Stratten fort, »hatte man mir im Ministerium doch ausdrücklich gesagt, ich würde nur ganz kurz hier gelassen werden.«

»Auch mir«, seufzte Wawerling, »sagte mein damaliger Chef, ich solle nur ruhig hierher gehen, es würde sehr bald was anderes für mich frei werden. Ich habe mich deshalb auch nie vollständig eingerichtet.«

Nun wandte sich Stratten zu Axel: »Lassen Sie sich durch unsere sechzehn Jahre und zehn Monate nicht erschrecken; es ist im Grunde hier nicht so übel, und die Zeit geht auch hier ’rum. Na und außerdem – Sekretäre, wie Sie, werden ja überhaupt nirgends lange gelassen.«

 Er sagte es im Ton der Leute, denen die Schicksale anderer stets befriedigend erscheinen und die sich nicht gern vergegenwärtigen, daß überhaupt nichts im Leben lange dauert.

Aber Wawerling rief: »Lieber Stratten, ältester Freund, den ich hier habe, seien wir doch lieber ehrlich und konstatieren wir, daß die meisten Menschen überhaupt die meiste Zeit damit verbringen, zu warten, daß die Zeit vorübergehe. Wir Diplomaten tun dies scheinbar noch mehr als andere Menschen, weil unser Beruf es mit sich bringt, oftmals auf Posten zu kommen, wo uns tatsächlich nichts anderes zu tun übrig bleibt als zu warten, daß wir auf einen anderen geschickt werden.«

»Ach, lieber Kollege,« sagte Holst mit einem leisen Anflug von Mißbilligung, »man weiß es ja, Ihrer Ansicht nach sollte der Wahlspruch aller Diplomaten lauten: ›o passi graviora dabit deus his quoque finem.‹«

Doch nun frug Axel, die philosophierenden Nachdenklichkeiten der alten Herren unterbrechend: »Aber bitte, erzählen Sie mir, was macht denn hier der einstmalige Prinz Hans Hadubrand und jetziger Despot Urosch der Fünfundzwanzigste? Ich war nämlich gleichzeitig wie er ein Semester in Bonn.«

Die älteren Herren sahen sich vorsichtig um, ob nicht etwa ein lauschender Diener dastehe, aber Linteloe rief unbekümmert: »Was er hier macht, der arme Junge? Na, ich nehm’ an, er langweilt sich; ’s ist nämlich ein tristes Thrönchen, auf das ihn da der Ehrgeiz der Herzogin Mutter gebracht hat.«

»Die Berufung hierher als Herrscher«, sagte Wawerling in seiner versonnenen Art, «gleicht eben manchen Diplomatenernennungen, bei denen auch alles, was dem eigentlichen Antritt des Postens vorausgeht, das Beste an der ganzen Sache ist. Für einen, der bis dahin nur nachgeborenes Söhnchen eines Miniaturhöfchens gewesen, war es ja sicher ganz nett und neu, als ›Souverän‹ Antrittsvisiten bei den anderen Höfen zu machen, – aber – die Erwiderungen bleiben lange aus. Niemand reist gern in diese Gegend. Und so steht denn selten im hiesigen Hofbericht: ›Die Monarchen eilten aufeinander zu und küßten sich wiederholt, worauf die Vorstellung des gegenseitigen Gefolges und Abschreiten der Ehrenkompagnie stattfand.‹ Und was das Land selbst an Zerstreuung bietet, ist eben gering.«

»Nun ja,« sagte Stratten, »amüsant kann es für den Despoten ebensowenig sein wie für uns, aber schließlich – im Vergleich zum Leben in Gnadenhausen- Rattenburg denk’ ich es mir immer noch abwechselungsreicher, hier zu ›despotieren‹. Ich war nämlich mal dort in Spezialmission,« wandte er sich an Axel, »zur Trauerfeier für Hans Hadubrands Vater, den Herzog Hans Eribrand – das war ein großer Weidmann.«

»Ei freilich!« sagte Axel, »Schloß Rattenburg hängt ja ganz voll von seinen Jagdtrophäen – ich war nämlich auch mal dort. Das war zwar lange nach dem Tode des Herzogs Hans Eribrand, aber man hörte doch noch so mancherlei über ihn. Muß ein ausgelassener Herr gewesen sein!«

»Ja, ja,« sagte der Doyen verschmitzt mit den Augen zwinkernd, »einer der Letzten vom lustigen ancien régime! Die schöne Weiblichkeit! Keine war vor ihm sicher!«

»Na, davon hat der hiesige Sohn glücklicherweise nichts abbekommen,« warf Holst ein.

»Nee, wahrhaftig nicht! Der reine Musterjüngling – falls das nämlich mustergültig ist,« sagte Linteloe mit geringschätzigem Lächeln.

»Er ist eben von seiner Mutter erzogen worden, das erklärt alles,« sagte Stratten und wandte sich dann an Axel: »Haben Sie die Herzogin auch kennen gelernt?«

»O ja,« antwortete dieser, »eine strenge Dame – es war so, als ob die Söhne beständig vor ihr stramm ständen.«

»Sie soll in ihrer Ehe mit dem munteren Gemahl sehr unglücklich gewesen sein,« sagte Wawerling.

»Na, er war wohl auch nicht gerade zu beneiden,« fiel ihm Linteloe ins Wort. »Wissen Sie, so ’ne Frau, die immer vom Sockel der eigenen Unfehlbarkeit herabschaut, – ’s ist nicht gerade herzerwärmend.«

»Schon möglich,« sagte der Doyen. »Na, auf alle Fälle hat sie sich bei der Erziehung ihrer Söhne möglichste Unähnlichkeit mit dem Vater zum Ziele gesetzt. Und das scheint sie denn auch völlig erreicht zu haben. Der älteste, der jetzt über Gnadenhausen- Rattenburg regiert, gilt ja für einen Idealherrscher, und unseren Hans Hadubrand hier leitet sie brieflich an, das gleiche für dies Land zu werden.«

»Wenn sie damit für hier nur das Richtige trifft,« meinte Linteloe. »Hans Hadubrand würde möglicherweise besser hierher passen, wenn er etwas weniger vortrefflich wäre. Ich glaube, gerade all das, was er etwa von seinem Vater geerbt haben könnte und was die Herzogin Mutter ihm systematisch aberzogen hat, hätten die Leute hier sicher begriffen – während er so vor lauter Reinheit, Pflichttreue und Selbstüberwindung seinen Untertanen ganz fremd und unverständlich ist.«

»Hat die Herzogin Mutter noch gar nicht Anstalten getroffen, Hans Hadubrand zu verheiraten?« frug nun Axel. »Das ist doch ein Schritt, den Herrscher sonst zur sogenannten Beglückung ihrer Völker möglichst früh zu tun pflegen.«

»Die Herzogin Mutter«, antwortete der Vizedoyen, «besitzt eben einen, unter ihren Standesgenossen seltenen, praktischen Blick für die Realitäten der jeweiligen Lage. Darum hat sie sich sicher gesagt, daß es besser sei, abzuwarten, wie sich die Dinge hier gestalteten, ehe sie das Land auch noch mit einer Landesmutter versieht. Wenn nämlich Urosch der Fünfundzwanzigste sich etwa nicht hätte halten können – und das schien anfänglich mindestens zweifelhaft –, so wäre der Abzug für einen Einzelnen immerhin leichter gewesen als für einen Mann mit Frau und Kind.«

»In der Tat,« bestätigte Holst, »als Hans Hadubrand vor ein paar Jahren hier eintraf, wurden seiner Regierung allgemein nur Wochen, höchstens Monate prophezeit. Jetzt aber gilt seine Stellung im Lande doch immerhin als gesicherter.«

»Und was wohl das Wichtigste ist: Mirojedsky scheint augenblicklich nichts Besonderes an ihm auszusetzen,« sagte Wawerling.

«Ich sag’s ja immer,« seufzte van Stratten, »dies ist ein Ort, an dem man länger bleibt, als man ursprünglich dachte.«

Bald darauf empfahlen sich der Doyen und Vizedoyen, die überall zusammen erschienen und zusammen fortgingen und »die Inseparables« genannt wurden.

Herr von Linteloe blieb noch einen Augenblick länger. »Meine Frau würde sich sehr freuen, wenn Sie morgen bei uns lunchen wollten,« sagte er zu Baron Holst, und dann an Axel gewandt: »Sie hofft, daß du Zeit haben wirst, schon etwas früher zu kommen. Nach der langen Zeit hat sie wohl über vieles und viele mit dir zu sprechen.«

Als auch dieser letzte Gast gegangen war, sagte Baron Holst zu Axel mit wichtiger Miene: »Lassen Sie sich die Begeisterung für unsere Karriere nicht etwa durch unseren vortrefflichen Doyen und Vizedoyen rauben. Sehen Sie, ganz im Vertrauen, die beiden Herren leiden darunter, daß ihre Länder hier keine Rolle spielen und sie daher wenig hervortreten. Wir dagegen« – und der hagere Mann warf sich in die Brust – »haben hier große Interessen, und ohne mich rühmen zu wollen halte ich es für einen unserer wichtigsten Posten. Es gibt hier so viel zu tun, daß ich oft verzweifle, es zu bewältigen, obschon ich den ganzen Tag kaum vom Schreibtisch aufschaue. Nur abends gestatte ich mir zuweilen ein Partiechen oder beschäftige mich ein Stündchen mit den Menüsammlungen, die ich seit vielen Jahren treibe. Im übrigen denke ich labor ipse voluptas! Ja, und noch eins: Der Despot freut sich schon sehr darauf, Sie wiederzusehen. Ich traf ihn heute zufällig, und er bat, daß ich Sie gleich morgen nachmittag zu ihm bringen möge. Ich wollte das vorhin vor den anderen nicht erwähnen – es hätte sonst vielleicht gleich Neid bei den chers collègues erregt. Obschon diejenigen, die Sie heute gesehen haben, darin noch

verhältnismäßig gutartig sind. Mirojedsky dagegen paßt dem Fürsten auf wie eine böse Gouvernante. Ehe wir zu Urosch gehen, werde ich Sie übrigens auch dem Minister des Auswärtigen vorstellen – ich muß sowieso morgen zu ihm. Na, und nun, gute Nacht, lieber Graf.«

In seinem Schlafzimmer fand Axel seinen alten Diener Iwan, den er aus Petersburg mitgebracht hatte; er war gerade mit Auspacken fertig.

»Nun, wie gefällt es dir denn hier, Iwan?« frug Axel, im Tone, den man einem mutigeren Leidensgefährten gegenüber anschlägt. Der weißhaarige Alte sog den Duft feuchter Erde und blühender Büsche ein, der durch das offene Fenster drang. »Die Erde ist gut überall,« antwortete er, »nur die Menschen sind schlecht, aber sie können nirgends schlechter sein als bei uns.« Er atmete noch einmal die nächtliche Luft tief ein: »Ja, es wird mir schon gefallen, die Erde ist gut.«

Axel schöpfte hieraus wenig Trost; er gehörte zu denen, für die die Erde wenig bedeutet, die Menschen dagegen alles sind.

Er blieb noch lange Zeit an seinem Fenster stehen. An Paris und Petersburg zurückdenkend, hatte er die Empfindung, als habe er damit begonnen, aus einem Korb voll Erdbeeren die oberen, großen und schönen zu essen, und als komme er nun an die unteren, minderwertigen Lagen, die aber den bei weitem größten Teil des Inhalts bilden. Er war ja überhaupt ungern hergekommen, während dieses ersten Abends aber hatte er die Empfindung gehabt, als einzig Lebender zwischen lauter Menschen geraten zu sein, die eigentlich tot und vergessen waren und nur in ihrer eigenen Einbildung weiter lebten. Die Wichtigkeit des einen und die Unwichtigkeit der anderen waren sich gleich an Bedeutungslosigkeit.

Was aber mochte aus Liane in dieser Umgebung geworden sein? frug sich Axel; was vor allem neben diesem Manne?

Axel hatte sich auf die Kindheitsgefährtin gefreut, sie war ihm als der eine lockende Lichtpunkt bei seiner Ernennung erschienen, und sich früherer Tage erinnernd hatte er eine gewisse angenehme Neugier empfunden, wie er sie wohl wiederfinden würde. Neugierig war er auch jetzt noch, aber jegliche angenehme Spannung war aus diesem Gefühl verschwunden. Er hatte bestimmte Theorien über den schädigenden Einfluß, den das Milieu haben muß, und war überzeugt, daß er Liane in trauriger Weise verändert finden würde, wenn er sie am nächsten Tage wiedersah.

Ja, die Aussichten waren wirklich nicht heiter! Es galt eben, sich an das zu halten, was ihm im Ministerium versprochen worden war, daß er nämlich nicht sehr lang hier gelassen werden würde.

*

 Als Axel am nächsten Morgen nach seinem Chef frug, wurde ihm gesagt, daß der Herr Minister längst bei der Arbeit sei. Er fand ihn vor dem Schreibtisch sitzend, auf dem sich schon eine stattliche Anzahl frisch beschriebener Bogen häufte. Und Baron Holst schrieb noch immer eilend weiter.

»’Morgen, ’Morgen,« sagte er aufschauend, »schrecklich viel zu tun heut! Haben Sie schon die Zeitungen gesehen? Mindestens Stoff für acht Berichte. Na, aber ich muß Sie doch vor allem mal in die Kanzlei führen. Haben da sehr würdigen alten Hofrat, Muster altväterischer Beamtentreue, aber ein bißchen langsam. Habe deshalb wegen zunehmendem Tempo der Geschäfte bereits zwei Hilfsschreiber anstellen müssen.«

Baron Holst trat bei diesen Worten in die anstoßende Kanzlei. Es war ein großer Raum, an dessen Wänden sich Aktenschränke neben Aktenschränke reihten. In einer Ecke stand ein Kachelofen, zwischen den Fenstern hing eine Landkarte, die für den ihr angewiesenen Platz zu breit war und über den einen Fensterflügel hinausragte. Ein Bild des fernen Landesvaters war, vor den sich stetig ausbreitenden Aktenschränken, auf den einzig freien Fleck an der Wand über der Tür geflohen.

Inmitten des Zimmers stand ein großer Schreibtisch, und vor ihm thronte der Hofrat Agathokles Troll. Von seiner nordischen Heimat her hatte er ein beständiges Frieren mitgebracht. Vom Magen abwärts war er fest in ein karriertes Reiseplaid gewickelt, das ihm über die Füße herabhing. Als Baron Holst eintrat, wollte Agathokles Troll aufstehen, verwickelte sich aber in seine enge Decke, und der Gesandte rief ihm zu: »Bleiben Sie, bitte, ja auf Ihren heißen Steinen, lieber Hofrat, bleiben Sie!« – Axel gewahrte nun erst, daß Agathokles Trolls Füße auf einem Piedestal von Ziegelsteinen ruhten. Mit Ausnahme der Hundstage benutzte er diesen Fußschemel immer, und sobald die Steine erkalteten, wärmte sie der Kanzleidiener von neuem auf dem Küchenherd.

»Sie werden sich hier wohl ein bißchen umsehen wollen, ehe Sie zu Ihrer Cousine ’rübergehen,« sagte Baron Holst, »ich lasse Sie also hier, der Hofrat soll Ihnen sein Reich zeigen. Ich habe noch einen sehr eiligen Bericht zu beenden, aber sagen Sie, bitte, Frau von Linteloe, ich würde pünktlich zum Lunch erscheinen.«

Als Baron Holst das Zimmer verließ, stieg Agathokles Troll nun doch von seinem Piedestal erhitzter Backsteine herab, wickelte sich aus dem Plaid heraus und frug im Tone von jemand, der eine höchste Gunst anbietet, ob er Axel vielleicht irgendwelche Akten zum Studium heraussuchen solle.

»Na, mit der Zeit, lieber Herr Hofrat, mit der Zeit – ich bin in der Hinsicht genügsam.«

Der Hofrat musterte den neuen Legationssekretär aufmerksam. Er hatte viele seiner Vorgänger an sich vorüberziehen sehen. Na, dieser gehörte allem Anscheine nach zu der athletischen Sorte, zu jenen Jünglingen, die allerhand anstrengende und für Agathokles Troll unverständliche Spiele trieben, bei denen es darauf anzukommen schien, mit seltsamen Instrumenten harmlose Kugeln von einem Platz zum anderen zu schleudern, da sie offenbar nie da lagen, wo sie liegen sollten. Auf Rasen in Gärten, über Netze hinweg, auf Plätzen, die mit okkulten weißen Linien durchzogen waren, auch in Salons auf Tischen, sogar vom Pferde herab hatte Agathokles Troll diesen geheimnisvollen Kugelkultus vollziehen sehen, und die Adepten trugen dabei besondere Kleidungen, oder auch nur besonders wenig Kleidung, wie es sonst in der vornehmen Gesellschaft nicht üblich ist. So unbegreiflich der Hofrat auch alle diese selbstgewählte Mühe fand, so zog er doch die sportiven Sekretäre bei weitem jener anderen Kategorie von diplomatischen Jünglingen vor, die nur von der Karriere redeten, mit unstillbarem Wissensdurst Akten durchstöberten, nach ein paar Monaten sich als Landeskenner fühlten und den Augenblick herbeisehnten, wo sie als Geschäftsträger endlich mal ihrem Tatendrang freien Lauf lassen konnten, zum Staunen der heimatlichen Behörde und zur Beunruhigung des armen alten Agathokles.

Er besah Axel noch einmal rasch von der Seite, und sein Wohlgefallen wuchs. Nicht nur athletisch, nein, auch sehr gewinnend und lustig sah dieser Graf Kronar aus. Das war sicher mal wieder einer von denen, für die schon morgens früh Billettchen von Damen kommen, für die die Gärtner Sträuße binden und die Kanzleidiener allerhand geheimnisvolle Botengänge machen müssen, Herren, von denen es heißt, daß ohne sie kein Fest gelungen, und deren Dienststunden oft doppelt und dreifach durch sogenannte gesellschaftliche Verpflichtungen besetzt sind. Agathokles Troll seufzte erleichtert auf: Das Schicksal hatte mal ein Einsehen gehabt und den richtigen Mann geschickt, denn zu einem tätigen Gesandten auch noch einen eifrigen Legationssekretär – das wäre mehr gewesen, als ein Hofrat ertragen kann! Dieser Graf Kronar würde ihm die große Aufgabe seines Lebens nicht erschweren.

Die große Aufgabe von Agathokles Trolls Leben aber war, über die Akten der Gesandtschaft eifersüchtigst zu wachen.

Jedes Aktenstück, das einmal durch seine Hände gegangen und von ihm eine Nummer im Journal erhalten hatte, war fortan ein Küchlein einer Herde, die er liebevoll hütete. Es erschien ihm wie ein Täufling, der durch seine Vermittelung in einen geheimnisvollen Bund aufgenommen war und dem es galt rastlos aufzupassen. Aber viel hatte er auszustehen, um die Alten in Reih und Glied zu erhalten! Es gab welche, die waren die reinen Sorgenkinder: immer unterwegs, bald im Zimmer des Gesandten zum Nachschlagen, bald beim jeweiligen Legationssekretär, in steter Gefahr, verloren zu gehen, andere, die verhältnismäßig leicht zu behandeln waren, weil sie meist hübsch ruhig in den Schränken schlummerten. Lieblinge hatte Agathokles Troll unter diesen – »Einladung der Regierung von ***, der seismischen Konferenz beizutreten«, »Ablehnende Antwort an die Regierung von ***« gehörten dazu –, denn nach ihnen war seit Jahren nicht mehr verlangt worden, die konnten als gesicherter Besitz gelten. Von allen Akten waren ihm aber jene die liebsten, die in zwei großen Schränken unten im Gesandtschaftskeller lagen. Die flößten ihm Ehrfurcht ein. Sie stammten noch von vor seiner Zeit. Irgend ein früherer Hofrat, ein anderer Agathokles Troll, hatte sie einst geordnet. Seit er über die Kanzlei herrschte, hatte kein Gesandter je nach ihnen gefragt. Der Keller mochte nebenbei auch für Holz, Kohle und Wein benutzt werden – in Agathokles Trolls Augen war er vor allen Dingen Katakombe für die Sarkophage toter Akten.

»Nun, Herr Hofrat,« sagte Axel, »nach allem, was mir der Herr Gesandte sagt, scheint es ja hier an der Gesandtschaft viel zu tun zu geben?«

»O ja, Herr Graf, viel zu tun hat es hier immer gegeben,« antwortete Agathokles Troll grämlich, »dafür sorgten schon die Ereignisse.«

»So, so!« sagte Axel, dessen Kenntnisse der Landesgeschichte noch vage waren. »Es ging wohl bisweilen ein bißchen unruhig her?«

»Wenn der Herr Graf das so auszudrücken belieben – allerdings. Es ist hier gegangen wie in allen diesen Ländchen, wenn sie die gepriesene Unabhängigkeit erlangt haben. Eine Zeitlang jagten sich die Staatsumwälzungen, wir haben Offiziersverschwörungen und Ministerkrisen, Königsvertreibungen und Regentschaften gesehen. Einzelne Herrscher und Minister verschwanden durch Mord, manchmal kam es gar zur Ausrottung ganzer Sippen. Die neu erworbene Freiheit betätigte sich eben im Herumexperimentieren mit Parteien und Dynastien, als seien es Patentmedizinen, die die Leute ausprobieren wollten.«

»Hm, ja, das muß allerdings Stoff zu Berichten geliefert haben.«

Agathokles Troll seufzte. »Stoff zu Berichten, Herr Graf? Stoff zu ganzen Tragödien! Sehen Sie den eisernen Schrank dort? Der ist ganz voll mit den geheimsten Akten, und da stehen Dinge drin! – Na, ich denke immer, wenn Shakespeare die gekannt hätte, was hätte er da nicht erst für Stücke schreiben können!«

»Aber jetzt unter Urosch dem Fünfundzwanzigsten gibt’s doch wohl nichts Derartiges mehr zu berichten?«

»Ach, anfänglich schien es, als ob auch unter seinem Regime die Verwirrung andauern solle. Der Prätendent Tscheslav Obradowitsch, ein illegitimer Sprößling der letzten einheimischen Dynastie, spukte nämlich mit Banden an der Grenze. Das hat manchen Berichtsstoff geliefert. Im Augenblick ist es allerdings still über ihn geworden, und es herrscht hier verhältnismäßige Ruhe. Aber dafür haben wir jetzt den industriellen Wettbewerb derer, die hier ein Absatzgebiet suchen, samt allem, was damit zusammenhängt. Das macht auch wieder viel Arbeit, und ganz neue Aktenrubriken sind dadurch entstanden.«

»Na, aber wenigstens sind das keine so schrecklichen Dinge,« sagte Axel belustigt.

»Schrecklich? nein,« sagte der Hofrat, »eher schon komisch. Man pendelt hier ja überhaupt immer zwischen der Tragödie und der Posse hin und her. – Aber,« fuhr er fort, »wenn das auch alles nicht wäre – der Herr Baron von Holst fände doch immer Berichtsstoff. Unter keinem seiner Vorgänger haben die Akten so zugenommen wie unter ihm. Er allein schreibt so viel, wie wir drei kaum zu mundieren vermögen.«

»Ach ja, richtig, Sie haben ja zwei Gehilfen, wo sind denn die Herren?« frug Axel.

»Dort im Nebenzimmer arbeiten die beiden jungen Leute,« antwortete der Hofrat und erläuterte in etwas geringschätzigem Ton: »Da ist der Oskar Helm, ein früherer Seemann. Niemand weiß, wie er gerade hierher geraten, aber der Herr Gesandte hat ihn provisorisch angestellt, weil er eine schöne steile Handschrift hat, mit der er die Berichte des Herrn Gesandten immer auf vier Seiten kriegt, weil nämlich der Herr Gesandte sagt, länger dürfte nichts für das Ministerium sein, sonst würde es nicht gelesen. Und dann,« hierbei ward Agathokles Trolls Ausdruck noch um eine Schwingung verächtlicher, »dann haben wir den Gustav Langenssen – ein früherer Schneider, der ist so fürs Laufende und ist flink, was der Herr Gesandte liebt. Und abends schneidet er die Menüs zurecht und klebt sie in die Albums.«

»Ich möchte die beiden doch kennen lernen,« sagte Axel.

Der Hofrat öffnete die Tür des Nebenzimmers und hätte gar nicht nötig gehabt, die Herren vorzustellen. Es war so unverkennbar, daß der dünne, spitznasige, der eben ein Lineal wie eine Elle hielt, um daran Devotionsstriche unter die fertig mundierten Berichte zu ziehen, nur der Schneider sein konnte. Der blonde, blauäugige Hüne, der die Feder so fest packte, als sei sie ein Schiffstau, und der auf seinem Schreibtisch alle Papiere mit Briefbeschwerern bedeckt hatte, als gewärtige er einen Sturm, mußte ebenso bestimmt der Seemann sein. Axel begrüßte die beiden jungen Leute, die sonst nur den nervös tätigen alten Gesandten und den griesgrämig pedantischen alten Hofrat sahen, so lustig und freundlich, daß Agathokles Troll es beinahe etwas zu viel Leutseligkeit gegenüber von nicht etatsmäßigen Beamten fand.

Als der Hofrat und Axel dann das Zimmer wieder verlassen hatten, sagte Gustav Langenssen: »Wissen Sie, Helm, wenn ich ein hübsches Mädel wäre, in diesen jungen Grafen verliebte ich mich sofort.« Und der Seemann antwortete: »Ja, mich erinnert er an den Maat auf der ›Königin Hella‹. Welchen Hafen wir auch anliefen, dem widerstand keine – es war immer so, als hätten die Weibsbilder nur auf ihn gewartet.«

 Axel aber zog währenddessen im Zimmer des Hofrats seine Uhr und sagte: »Es wird Zeit, daß ich zu Frau von Linteloe gehe. Wohnt sie weit von hier?«

»Nein,« antwortete Agathokles Troll, »bequemer könnte es der Herr Graf schon gar nicht haben. Das nächste Haus in dieser Straße ist es, und zwischen den Gärten der beiden Gesandtschaften ist außerdem noch eine kleine Verbindungstür, die die Herrschaften meist benutzen.«

»Na, bei einem ersten Besuch werde ich doch wohl lieber von der Straße und durch die Haupttür kommen,« meinte Axel lachend.

*

 Es waren wirklich nur ein paar Schritte, aber der Frühlingshimmel war von so lichtem Blau, die einstöckigen hellgestrichenen Häuschen hoben sich so lachend davon ab, und die Reihen junger Kastanienbäume, an denen die grünen Blätterfingerchen eben aus den klebrigbraunen Knospenkapseln hervorgekrochen waren, lockten durch ihre schüchternen Versuche, schon Schatten zu spenden, so sehr zu behaglichem Schlendern, daß Axel unwillkürlich langsamer ging.

Und da stand die Frage des gestrigen Abends von neuem vor ihm: Wie würde er Liane wiederfinden? Ging er einer großen Enttäuschung entgegen? Er merkte, daß er den ganzen Morgen bei Baron Holst und in der Kanzlei eigentlich nichts anderes gedacht hatte, als wie die Gegenwart wohl vor der Kindheitserinnerung bestehen würde.

Er klingelte an dem großen Hoftor, und der Diener, der öffnete, sagte, noch ehe sich Axel genannt hatte: »Die gnädige Frau ist im Garten und hat befohlen, den Herrn Grafen gleich hinzuführen.«

Axel folgte dem Diener durch den Hof und trat von da in den Garten.

Gegen einen Hintergrund dunkler Tannen breitete sich eine Rasenfläche vor ihm aus, die über und über besät war mit Hyazinthen, Narzissen und Tulpen. Nicht in geraden Linien und abgezirkelten Beeten standen die Blumen, sondern sie waren wie zufällig über den Rasen verstreut; zu zweien und dreien, zu fünfen und sechsen vereint, bildeten sie rote und gelbe, weiße und rosa Farbenflecken auf dem grünen Grunde. Sie glichen Menschen, die sich in einer großen Gesellschaft zu Gruppen vereinigt haben, gegenseitiger Neigung und Anziehungskraft folgend. Und Freude des Wiedersehens lag in den stillen Blumengesichtern; den ganzen Winter hatten sie unter der Erde geschlummert, nun waren sie wieder aus den schützenden Hüllen herausgeschlüpft und nickten sich im Sonnenschein zu: Da sind wir, da sind wir! Ganz dieselben wie in all den früheren Jahren, ganz dieselben!

In der Mitte des Rasens aber, wie die Blumen gleichsam aus ihm herauswachsend, stand eine Frau in einem weichen, weißen Gewand. Vor ihr ein gebückter, grauhaariger Gärtner. Und obschon der Alte sie sicher sehr oft gesehen haben mußte, merkte man ihm doch gleich an, daß er sie mit noch größerem Entzücken betrachtete als all die eben erblühten Blumen zu ihren Füßen. Und Axel begriff den Alten. Unwillkürlich hielt er einen Augenblick inne, um auch das Bild zu genießen. Nein, das Milieu, das er am vorigen Abend kennengelernt, hatte Liane offenbar nichts geschadet! Aber wie froh war er doch, daß er sie nicht dort in dem rauchigen Spielzimmer zuerst wiedergesehen, sondern sie hier zwischen den Frühlingsblumen mit dem Hintergrund hoher Tannen und blühender Büsche fand. Dies war ihr Milieu! Aber war es Zufall, daß er sie hier traf, oder hatte sie das überlegt und wohl vorbereitet? schoß es ihm fragend durch den Sinn. Ja, dann mußte sie wohl in den Jahren, die er sie nicht gesehen, eine Lebenskünstlerin, eine Beherrscherin des Effektes geworden sein. Nun, er würde ihr das nicht vorwerfen! Jede Lebenslage so gestalten, daß sie den größtmöglichen ästhetischen Reiz gewährt, erschien ihm noch lange nicht die törichtste Philosophie.

Die Frau in dem weißen Kleide mußte seinen Schritt gehört haben, denn sie schaute plötzlich auf, und ihn erblickend kam sie über den blumendurchwirkten Teppich mit ausgestreckten Händen auf ihn zu.

»O Axel, bist du wirklich da? Du glaubst nicht, wie ich mich gefreut habe, seitdem ich hörte, daß du hierher versetzt seist.«

Also so war sie geworden! dachte er, sie anschauend. Wenig mehr war an ihr zu finden von dem Bilde, das seine Erinnerung von ihr bewahrt hatte, – und wie er so dastand und sie anschaute, fühlte er, wie er plötzlich dies frühere Bild verlor und sich an seine Stelle die jetzige Wirklichkeit schob, die ihm viel reizvoll lockender dünkte, weil da vieles war, das er nicht kannte und das ihr einen geheimnisvollen Zauber verlieh.

»Nun soll es hier aber schön werden, wo du da bist!« sagte sie und schaute ihn an, als sei er die zurückkehrende Jugend selbst.

Und er fand nichts anderes zu antworten, als ihre Worte zu wiederholen: »Ja, Liane, nun soll es schön werden«, weil er gar nicht an das dachte, was er sagte, sondern sie nur immer anschaute.

Und teilnahmvoll blickten die Blumen zu den beiden Menschen auf, die nach langer Wintertrennung auch wieder zusammenkamen, in deren Augen aber die suchende Frage war, von der die Blumen nichts wissen: Was ist aus uns in den Zeiten geworden? Sind wir noch dieselben wie dazumal?

Doch nun wurden sich die beiden bewußt, daß sie sich noch immer bei den Händen hielten, und sie ließen sich plötzlich los. In Lianes Gesicht stieg es wie Frühlingsröte, und sie sagte hastig: »Wie lang ist es denn her, daß wir uns nicht sahen? Zehn Jahre? oder mehr?«

»Ja,« antwortete er, »zehn Jahre müssen es mindestens sein. Es war an deinem Hochzeitstag, daß ich dich zuletzt sah.«

»Eine lange Zeit,« sagte sie, und es klang wie ein Seufzer. »Aber«, setzte sie hinzu, als eile sie über eine Strecke schlimmen Weges, »laß uns nicht von Zeit reden, das Wort klingt mir immer so kalt und lang und leer.«

»Es gibt doch auch glückliche Zeiten,« warf er hin, »und du, Liane, schienst damals solchen entgegenzugehen.«

»Ja, das nimmt man nun einmal bei Hochzeiten immer so an,« antwortete sie etwas verlegen lächelnd und fuhr dann fort: »Wenn ich aber jetzt Leute von glücklichen Zeiten sprechen höre, frage ich mich immer: Irren sie sich nicht? Glückliche Zeiten? Es waren wohl stets nur flüchtige, kaum zu erhaschende Sekunden.«

Armes Cousinchen, dachte er im stillen, den Schnurrbart drehend, du mußt mit argen Lebenspfuschern zu tun gehabt haben! Laut aber sagte er: »Vielleicht besteht die Kunst darin, einmal so glücklich gewesen zu sein, daß ein Schimmer davon über das ganze Leben fällt.«

Ihre Augen begegneten sich, und die seinen schienen zu fragen: Weißt du etwas von solchem Glück? Die ihrigen aber senkten sich beschämt zu Boden, und da stieg etwas in ihm auf wie die Ahnung einer großen Armut.

Aber wo waren sie in den paar Minuten mit Gedanken und Worten denn schon hingeraten, frug sich Liane erschrocken. Das ging ja garnicht. Sie schritt nun innerlich den Weg wieder zurück und frug in gleichgültigem Tone: »Nun, und wie war denn deine Reise?«

Das Lachen, das bei ihm mehr als in den Mundwinkeln in den Augen wohnte, blitzte darin auf. Er schaute sie belustigt an, denkend: Was liegt dir an meiner Reise? das willst du ja gar nicht hören. Aber er antwortete sehr ernsthaft: »Meine Reise, liebe Liane, verlief sehr gut. Ich habe die ganze Zeit zum Coupéfenster hinausgeschaut und doch gar nichts von dem behalten, was an mir vorüberzog. Ich habe es nämlich überhaupt nicht gesehen, weil ich immer nur an ein kleines Mädchen dachte, mit dem ich vor Jahren gespielt, und weil ich nachsann, wie ich sie wohl wiederfinden würde.«

»Nun,« frug Liane, einem plötzlichen Mutwillen folgend, »und wie findest du sie?«

»Beunruhigend,« antwortete er lakonisch.

Zwischen den vielen Blumen waren sie weitergeschritten. Von allen Seiten stieg aus geöffneten Blütenkelchen Wohlgeruch zu ihnen empor. Keine einzelne Blume war besonders zu unterscheiden, es war ein allgemeiner Frühlingsduft, bei dem der Menschen Atem beklommen geht und sie an lauter süße Dinge denken.

So kamen die beiden an eine Stelle, wo der alte Gärtner jetzt arbeitete. Er hatte eben zwei Löcher gegraben und zwei silbrig weiße Ahornbüsche hineingesetzt und wartete nun mit dem Zuschaufeln. »Wird’s so recht sein, gnädige Frau?« frug er, das Käppchen von den weißen Haaren lüpfend, als Liane und Axel vorbeikamen.

Liane blieb stehen, betrachtete die Pflanzen und ließ den einen Busch ein bißchen rücken. »So ist’s gut,« sagte sie, nachdem sie noch einmal prüfend hingeschaut. »So haben sie genug Platz. Ihr weißes Laub wird sich später schön von der Blutbuche dahinter abheben, so werden sie gern stehen. Glaubst du nicht auch?« wandte sie sich an Axel.

»Ja, sie werden sich sicher gut machen,« antwortete er, »aber was meinst du damit, daß sie gern dastehen werden?«

»Es soll doch ihnen selbst ihr Platz gefallen,« antwortete Liane, »wie könnten sie sonst schön gedeihen? Hast du nie darüber nachgedacht, wie furchtbar alt Bäume werden, und wie schrecklich es sein muß, wenn sie während all der langen Zeit denken, daß sie an einem falschen Platz stehen und gern wo anders hin möchten und doch nie fort können?«

»Nein,« antwortete er lachend, »ich habe so viel Menschen getroffen, die an falschen Plätzen zu stehen schienen, daß ich darüber ganz vergessen habe, an die seelischen Leiden der Bäume zu denken.«

»Du lachst mich aus,« sagte sie, »aber ich kenne manche Pflanzen, die aussehen, als wollten sie uns sagen: ihr habt uns so schlecht placiert, daß wir euch keine einzige Blume schenken können, und sie lassen müd die Blätter hängen. Ihnen möchte ich zuflüstern: Es geht euch wie den Menschen, aber tröstet euch; wer an des Lebens Tafel falsch gesetzt ward, den trifft keine Schuld.«

»Und in deinem Garten suchst du nun lauter zufriedene, richtig placierte Pflanzen zu haben?«

»Ja, sie sollen da stehen, wo sie sich am besten entwickeln können und neben denen, die sie lieb haben, damit sie sich nicht, wie wir Menschen, mit dem Glauben der Betrogenen zu trösten brauchen, daß sie vielleicht mal in einen jenseitigen Garten kommen werden, wo alles, was ihnen hier an unerklärlichem Unrecht geschah, ebenso unerklärlich wieder gut gemacht werden wird.«

Sie waren jetzt an das Ende des Gartens gelangt. Hohe, dunkle Tannen verbargen die Grenzmauer, nur ein schmaler Weg war freigelassen, der zu einer kleinen Tür führte. Während sie noch dastanden, ward diese Tür von der anderen Seite geöffnet, und Baron Holst trat eilend in den Garten. Er sah noch nervöser und hastiger aus als sonst.

»Guten Tag, meine gnädigste Frau,« sagte er. »Velis et remis bin ich gekommen und habe mir erlaubt, den kurzen Gartenweg zu benutzen, denn ich fürchtete schon, zu spät zu sein.«

»Also das ist die Verbindungstür, von der mir unser Hofrat vorhin gesprochen hat?« frug Axel.

»Ja,« antwortete Holst, »und auf unserer Seite liegt unmittelbar neben diesem Eingang das kleine Häuschen, das für den jeweiligen Legationssekretär bestimmt ist – das also jetzt Ihr Tustulum werden wird, lieber Graf. Bei der heutigen Überfülle an Geschäften hatte ich nur noch nicht Zeit, es Ihnen zu zeigen.«

»Vielleicht können wir es uns nach dem Lunch alle zusammen ansehen,« meinte Liane.

Der dröhnende Ton eines Gongs erschallte nun vom Hause her, und beinahe ebenso laut klang Herrn von Linteloes Stimme, der von einer offenen Veranda aus zum Essen rief.

»Wir kommen,« antwortete Holst, »wir kommen mit dem Wahlspruch: ciborum ambitiosa fames et lautae gloria mensae

Als sie in dem Speisezimmer saßen, von dessen Wänden alte Schlachtenbilder auf die Speisenden herabschauten, sagte sich Axel, daß das Schicksal, das Liane Herrn von Linteloe zugesellt hatte, offenbar weniger freundlich mit ihr verfahren war als sie selbst mit ihren Pflanzen, deren Natur und Neigungen sie sich zum Studium machte. Diese beiden Menschen brachten sich nicht wie Silberahorn und Blutbuche gegenseitig zur Geltung, sondern des einen polternd burschikose Art ward nur noch fühlbarer durch des anderen sensitive Überfeinerung.

»Trinken Sie von diesem Liebfrauenmilch, lieber Holst,« nötigte Herr von Linteloe am Frühstückstisch, denn er stammte noch aus einer Schule, wo man die schweren Weine liebte, »’s ist ein gutes Tröpfchen.«

»Liebfrauenmilch,« wiederholte Holst gedankenvoll, »memorabile nomen.« Und nachdem er den goldgelben Nebensaft geschlürft, sagte er, sich befriedigt zurücklehnend: »Ein wahres solamen curarum

»So wie diesen Wein«, sagte Herr von Linteloe, sein Glas gegen das Licht emporhebend, »denk’ ich mir das Tränkchen, nach dem man Helena in jedem Weibe sah, und das tut hier not, denn die Helenas sind rar. Ein trister Ort! Besonders junge Leute, wie du, Kronar, und unser Stramm, der nächstens vom Urlaub zurückkehrt, haben mein volles Mitgefühl. – Nichts los, gar nichts, und die Straßen abends wie ausgestorben – na, du wirst es ja sicher schon gestern bei deiner Ankunft bemerkt haben.«

Axel fiel es ein, daß er dies gestern wirklich bemerkt hatte, und vor sich selbst war es ihm heute peinlich, je dieselbe Art von Betrachtung wie Herr von Linteloe angestellt zu haben, denn dieser Tag hatte all solche Gedanken verwischt. Was lag ihm noch daran, ob diese Stadt Vergnügungen bot? Liane lebte ja hier.

Bei Herrn von Linteloes Worten hatte sich eine feine Falte zwischen Lianes hochgezogenen Brauen gezeichnet, und ihrem Mann, der offenbar in ähnlicher Tonart weiterreden wollte, ins Wort fallend hob sie die Tafel auf. Man begab sich nun in einen anstoßenden Saal, vor dessen geöffneten Türen sich der Garten im Mittagssonnenglanze ausbreitete.

Kühl, beinahe dämmerig war es in dieser Halle, in deren Mitte ein großer Flügel stand. Auf Tischen lagen Bücher und Zeitschriften, daneben erhoben sich blütenschwere Fliederzweige in hohen Vasen. Sessel und breite Divans standen umher. Es war so recht ein Raum, darin einen Nachmittag zu verträumen, sich zu versenken in Erinnerungen vergangener Tage und dann, hinausschauend in den lichtdurchflimmerten Garten, zu gewahren, daß die Zeit noch immer schreitet und die Schatten länger werden.

Baron Holst aber waren die fliehenden Stunden stets ein Ansporn zu neuer Tätigkeit.

»Ich muß leider zurück an die Arbeit,« sagte er, »cito pede praeterit aetas. Wollen wir vorher noch Graf Kronars künftiges Tuskulum besehen?«

»Ja gern,« antwortete Liane und wandte sich an ihren Mann: »Begleitest du uns?«

»Nee, Kinderchen,« erwiderte er, »ich empfehle mich jetzt und gehe in den Junggesellenklub.«

Während Liane sich einen Hut holte, waren Holst und Axel in den Garten hinausgetreten. «Was ist das für ein Klub?« frug Axel erstaunt.

»O, was höchst Harmloses, Gymnastik, schwere Hanteln, glaube ich,« antwortete Holst. »Linteloe geht alle Nachmittage hin, um nicht zu dick für die Uniform zu werden. Außer ihm sind es lauter unverheiratete Mitglieder, daher der Name. Na, und das schadet ja nichts, denn Linteloe ist zwar verheiratet – aber – so wenig!« Nun kam ihnen Liane nach, und sie schritten wieder durch den Garten, in dem es jetzt heißer geworden war und die Blumen stärker dufteten. Durch die schmale Verbindungstür traten sie in den Garten der anderen Gesandtschaft. Ein paar Schritte brachten sie zu Axels künftigem Hause.

In dem stillen Hof, um den sich das einstöckige Gebäude erhob, lag die Nachmittagshitze wie gefangen. Eines alten Nußbaums junge Blätter breiteten ein Netz bläulicher Schatten auf den Boden. An den tief herabhängenden Dächern rankten Schlingpflanzen empor, und dazwischen saßen graue Tauben und gurrten leise, wie im Traume. Auf den Treppenstufen, die zur Haustür führten, lag ein schwarzer Kater, auf dessen seidiges Fell der Sonnenschein bläuliche Lichtertupfen setzte. Sein Schnurren ließ die Stille nur noch tiefer erscheinen.

»Wie weltentrückt!« sagte Liane leise. »Ist es nicht wie der Anfang eines Märchens?«

Baron Holst schritt durch die leere Wohnung voran, erzählend, wie Axels Vorgänger sie eingerichtet hatte, und Liane sagte lachend: »Sie und ich, Baron Holst, wir werden Axel etwas beistehen müssen, denn wenn ich mich seiner als kleinen hilflosen Jungen erinnere, der die Türe nicht allein aufmachen konnte, so erscheint es mir ganz merkwürdig, daß er jetzt ein großer Mensch geworden sein will, der sich selbständig Wohnungen einrichtet.«

Bei ihren Worten reckte sich Axel lachend zu seiner ganzen Höhe auf und fühlte sich als erfahrenen jungen Weltmann, der inzwischen das Leben und besonders die Frauen kennen gelernt hatte. Er versuchte, zu ihr mit der ihm sonst eigenen Überlegenheit herabzuschauen, aber es wollte nicht recht gelingen: war er ihr gegenüber vielleicht doch noch ein hilfloser kleiner Junge?

 Baron Holst öffnete eine Tür und sagte: »Dies ist das hübscheste Zimmer.«

Ja, das war wirklich schön. Die eine Wand war von einem einzigen großen Fenster eingenommen, und die Aussicht von da wirkte wie eine Überraschung. Gartenabhänge führten hinab; über Absätze von Flieder, Goldregen und Schneeballengebüsch flog der Blick bis in die Tiefe, wo des Flusses schlängelndes Band sich im Dunst der endlosen Ebene verlor. Und kein Laut drang herauf, es war, als schlafe die Ferne unter duftigen Schleiern, als schlafe der Fluß und die Gärten in der tiefen Mittagsstille. Tausende von Keimen in der Erde, Tausende von Knospen an den Pflanzen schlummerten noch, aber die Frühlingssonne streichelte sie mit zärtlicher Wärme, daß sie alle sich dehnten und sehnten, träumend von kommendem Sommer.

Während Baron Holst noch mit gewohnter Gründlichkeit Axel auf all die Vorzüge der Wohnung aufmerksam machte, blieb Liane an dem Fenster stehen und konnte sich nicht trennen von dem Blick in die flimmernde Weite. Es war, als hielte sie ein Zauber gefangen, und wie sie so hinausstarrte, überschlich sie ein seltsames Gefühl; sie wußte nicht mehr: hatte sie das alles schon einmal in nebelgrauen Zeiten erlebt, oder war es ein Ahnen künftigen Erlebens, das durch ihre Seele zog? – Die grauen Tauben waren vom Dach im Hof aufgeflattert und kamen nun an dem Fenster vorbeigezogen, gerade in den goldenen Himmel hinein. Niemand kann in den Lüften eure Pfade voraussehen, dachte Liane, indem sie den still dahingleitenden Vögeln nachschaute; aber ihr findet doch die Straßen, die euch bestimmt sind, und könnt nur dorthin fliegen, wohin ihr fliegen müßt.

*

Nachdem dann Liane die Herren verlassen hatte, sagte Holst: »Es wird bald Zeit, uns zum Minister zu begeben. Wir wollen zu Fuß gehen, und ich werde den Wagen nachkommen lassen, um von da zum Despoten zu fahren; aber vorher muß ich noch einige Berichte durchsehen, die mundiert werden sollten.«

Während der Gesandte in seinem Arbeitszimmer einen stattlichen Stoß von Schriftstücken durchlas und unterzeichnete, wartete Axel mit Troll in einem angrenzenden Raum. Der Hofrat schaute noch grämlicher drein als am Morgen.

»Heute«, sagte Axel, »soll ich also als ersten hiesigen Eingeborenen den Minister des Auswärtigen kennen lernen.«

»Der ist der Schlechteste bei weitem nicht,« sagte der Hofrat. »Aber Schicksale hat er gehabt! – wie sie eben nur in diesen Ländern möglich sind. Einmal hoch oben, ein andermal tief unten, je nach den wechselnden Parteien und Regenten. Unter einem Herrscher einer der früheren eingeborenen Dynastien war er sogar schon zum Tode verurteilt und saß lange Zeit droben auf der Festung gefangen. Alle Tage ließ ihm sein Fürst sagen: ›Morgen wirst du bestimmt erschossen.‹ Und am nächsten Tage hieß es dann: ›Deine Exekution ist um vierundzwanzig Stunden verschoben.‹«

»Muß recht nervenaufregend gewesen sein,« bemerkte Axel.

»Der Fürst dehnte dies leutselige Spiel aber etwas zu lange aus,« fuhr der Hofrat fort. »Des Ministers Freunde waren inzwischen am Werke, und durch den Druck ihrer Partei in der Omladina zwangen sie den Fürsten, das Todesurteil aufzuheben. Als der Minister dann nach Haus zurückkehrte, sollen seine Kinder ihn umtanzt und umjubelt haben: Papa wird nicht mehr erschossen!«

»Auf alle Fälle kein banales Familienleben,« sagte Axel, und dann setzte er hinzu: »Der Gesandte erwähnte vorhin, daß er, abgesehen von meiner Vorstellung, heute sowieso zum Minister müsse. Liegt etwas Besonderes vor?«

Mürrisch antwortete der Hofrat: »Ach, nur die leidige Holzhäuserangelegenheit.« Und auf Axels fragenden Blick erklärte er: »Der Despot hat da aus allerhand sozialen Humanitätsideen eine Bewegung in Gang gebracht, um für die Arbeiter auf den Staatsdomänen bessere Behausungen als ihre bisherigen Erdhütten zu schaffen, und die Omladina wird die nötigen Kredite auch sicher bewilligen. Daraufhin hat sich eine unserer allerersten Firmen um die Lieferung von zerlegbaren Holzhäusern beworben, und bei dem Weltruf dieser Firma mußte sie eigentlich mit Sicherheit darauf rechnen, den Auftrag zu erhalten, – aber jetzt sind sowohl die Schweizer wie die Amerikaner plötzlich mit gleichen Bewerbungen hervorgetreten.«

Aus seinem Arbeitszimmer, hastig wie immer, zurückkommend hatte Holst die letzten Worte des Hofrats noch gehört, und er wandte sich nun an Axel: »Mit den Schweizern würden wir ja fertig,« sagte er, »und ich habe dem Minister auch bereits gesagt, wenn er etwa Baseler Leckerlihäuschen haben wolle, die beim ersten Regen zerschmelzen, möge er sie immerhin bei denen bestellen. Ganz anders gefährlich sind aber die Amerikaner mit ihrer Bewerbung! Ein neuer Schrecken in der Diplomatie, diese überseeische Konkurrenz! Gab es früher ja gar nicht! – Na, überhaupt, welch sorglos ruhige Zeiten hatten doch die Metternichs und Talleyrands im Vergleich zu uns! Ich fange nämlich wirklich an zu fürchten, daß uns die Amerikaner trotz all meiner Anstrengungen zuvorkommen. Crux est si metuas quod vincere nequeas

»Handelt es sich bei dieser Lieferung eigentlich um eine hohe Summe?« frug Axel.

»Ach nein,« antwortete Troll gelassen, »höchstens um ein paar Millionen Franken.«

Aber Holst fuhr auf und rief: »Darauf kommt es in diesem Fall doch wahrhaftig nicht an! Ganz andere hohe ideale Güter stehen auf dem Spiel! Unser politisches Prestige selbst hängt an diesen Holzhäusern, und es wäre eine Bresche in eine feste Position geschlagen, wenn es je hieße, daß man anderswo als bei uns Holzhäuser bestellen kann.«

Nachdem er hierauf in nervös hastiger Art dem Hofrat noch einmal schleunige Expedition der Berichte anempfohlen hatte, verließ er mit Axel die Gesandtschaft.

Die beiden Herren schritten durch die schlechtgepflasterten Straßen, vorbei an den Reihen hellgetünchter einstöckiger Häuser. Es gab da keine eilenden Equipagen oder Automobile noch hastende Menschen, nur elektrische Straßenbahnwagen glitten klingelnd und surrend vorüber. Auf die Trottoirs vor den zahllosen Kaffeehäusern aber waren an diesem warmen Frühlingstage schon Tische und Stühle gestellt worden; zwischen ihnen standen große Kübel, in denen verkümmerte Oleanderbüsche wehmütig die Blätter hängen ließen. Alle Plätze waren besetzt von Leuten, die Zigaretten rauchten, Kaffee tranken und in den ausgebreiteten Zeitungen Stoff zu angeregten Debatten zu finden schienen. Es gab da Herren in städtischer Kleidung, manche in Gehrock und Zylinder, und neben ihnen Männer in dicken braunen Filzjacken, buntbestickten Wollstrümpfen und schwarzen Pelzmützen.

»Das sind wohl Bauern, die zum Markte in die Stadt gekommen sind?« frug Axel.

»O nein!« antwortete Holst lachend, »das sind sicher zum größten Teil Mitglieder der Omladina – Volksvertreter aus ländlichen Bezirken. Die tragen auch in den Sitzungen noch das Nationalkostüm. Hier in den Cafés setzen sie, wie Sie sehen, die Kammerdebatten fort und kritisieren vermutlich die Regierung – denn es ist ein Volk, das in hohem Maße die gefährliche Gabe leichter Oratorik besitzt. Doch«, sagte der Gesandte stehenbleibend, »wir sind am Ziel.«

Das Gebäude, in dem die auswärtige Politik des Staates gemacht wurde, zeichnete sich nur wenig von den übrigen banalen Häusern ab. Nur ein am oberen Stockwerk vorspringender Balkon ließ den Gedanken entstehen, daß von hier aus in Zeiten politischer Erregung vielleicht Ansprachen an das Volk gehalten werden könnten. Holst und Axel schritten die wenigen Stufen der äußeren Treppe hinan und betraten eine ziemlich geräumige, auffallend schlecht beleuchtete Vorhalle, in die aus dem rückwärts gelegenen Teil des Baues schmale Gänge mündeten. Sie hatten etwas düster Geheimnisvolles, als ob durch diese Wege die Beziehungen des jungen Staates zu allerhand dunklen Faktoren geleitet würden. Axel mußte unwillkürlich an des Hofrats eisernen Schrank sekretester Akten denken.

In der Halle standen und saßen auf schmutzigen Divans mehrere Individuen, deren Gestalten und Ausstaffierung in dem Vorzimmer eines europäischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten befremdlich wirkten. Kräftige, breitschultrige Männer waren es mit finsteren Gesichtern, lauernden Blicken und verschlagenem Ausdruck; flache, an Studentenmützen erinnernde Kappen trugen sie auf dem struppigen schwarzen Haar, kurze Lammfelljacken und verschnürte Ledersandalen; die sehnigen Beine waren über den Leinwandhosen mit Riemen umwickelt.

»Ich habe vorhin zwar Parlamentsmitglieder für Marktbauern gehalten,« sagte Axel, »aber diese Herrschaften müssen doch sicher Briganten sein?«

»Da haben Sie schon richtiger geraten,« antwortete Holst im Weiterschreiten. »Das sind einige der viel besprochenen Bandenführer, von denen uns die hiesige Regierung allwöchentlich versichert, daß sie überhaupt nicht existieren, und die doch hier im Ministerium selbst mit Instruktionen und finanziellen Mitteln für ihre Wühlarbeit jenseits der Grenze versehen werden. Und dort, wo diese seltsamen Emissäre ihre Arbeit betreiben, gehen sie auch nicht so waffenlos einher, wie sie es hier müssen – hier in der Residenz, sozusagen unter den Augen Europas.«

 Auf einer finsteren Treppe stiegen die beiden zum ersten Stockwerk empor. Hier oben war ein Brüsseler Teppich über die Diele gebreitet, gleichsam als Symbol, daß dieser Raum den Beziehungen zu europäischen Staaten gewidmet sei. – Ein dienstbeflissener Kanzleibeamter, der seine brennende Zigarette hinter dem Rücken verbarg, sagte dem Gesandten, daß er die Herren gleich dem Minister melden werde, und führte sie in den eigentlichen Vorsaal.

Es war dies ein mit roter Plüscheleganz ausgestatteter Raum. Auf dem Mitteltisch lag ein Buch, das Axel mechanisch aufschlug. Erstaunt las er den Titel: Von den Ehebündnissen zwischen den savoyischen und bayrischen Fürstenhäusern. »Wie mag das wohl hierhergekommen sein?« sagte er.

»Dies Buch«, antwortete Holst, »hat schon manchen von uns amüsiert. Es lag nämlich schon hier zu Zeiten der früheren einheimischen Dynastien – gleichsam als Beweisstück sozialer Beziehungen zu alten europäischen Höfen – wissen Sie, so wie Parvenüs in ihren Visitenkartenschalen die Karten betitelter Personen obenauf legen.«

Doch nun öffnete sich am anderen Ende des Raumes eine mit Filz beschlagene Doppeltür, und der Kanzleibeamte erschien und lud die Herren ein, in das Kabinett des Ministers zu treten.

Ein älterer Mann mit langem wallenden Barte, bleicher Hautfarbe und seltsam schwermütigen Augen kam ihnen entgegen. Nachdem ihm Holst Axel vorgestellt hatte, hieß er ihn willkommen, und dabei lag in seiner ganzen Art eine gelassene, natürliche Liebenswürdigkeit, die zugleich völlige Gleichgültigkeit war. Eine gewisse geduldige Beschaulichkeit kennzeichnete diesen Minister des Auswärtigen, als habe er in seinem an überraschenden Wechselfällen so reichen Leben gelernt, daß im Wartenkönnen tiefste Weisheit liegt. Und dabei blickten seine Augen sehnsüchtig in die Ferne, als sähe er da nebelhafte Umrisse von allerhand Dingen, die vielleicht einmal greifbare Wirklichkeit werden würden.

Nach den ersten begrüßenden Redensarten suchte Holst auf die Holzhäuserangelegenheit überzugehen, um womöglich eine bindende Zusage zu erhalten. Aber dieser slawische Minister hatte genügend von seinen orientalischen Nachbarn gelernt, um die Kunst dilatorischer Behandlung zu verstehen. Immer wieder wich er mit einer müden Langmut aus; je hastiger Holsts Worte sprudelten, um so schleppender glitten die seinen, begleitet von weichen, langsamen Bewegungen der Hände. Sein ganzes Wesen schien zu sagen, daß, in dieser Welt des Irrtums, die Hinausschiebung einer Entscheidung meist noch das klügste sei. Als Holst noch dringender wurde, sagte er schließlich mit leisem ironischen Lächeln: »Ich befinde mich wirklich in einem Dilemma durch die vielen gütigen Anerbietungen, die ich erhalte, – beinahe könnte ich wünschen, daß die Holzhäuser immer wieder abbrennen möchten, damit ich sie viermal bei den verschiedenen Bewerbern bestellen könnte.«

Holst horchte auf: »Viermal?« frug er. »Ich weiß doch nur von uns, den Schweizern und den Amerikanern?«

Doch der Minister entgegnete auch schon, sich rasch verbessernd: »Gewiß, gewiß, drei – ich versprach mich nur.«

Holst sah ein, daß an diesem Tage nichts zu erreichen sein würde. Aufstehend sagte er beim Abschied, daß er sich nun mit seinem Sekretär zum Despoten begeben wolle, da dieser den Wunsch ausgesprochen habe, Graf Kronar zu empfangen. Da war es, als erwache auf einmal ein lebhafteres Interesse in dem Minister. Mit ganz veränderten, plötzlich scharf gewordenen Blicken betrachtete er Axel. »Sie sind Seiner Hoheit, wenn ich recht unterrichtet bin, bereits von der Universität her bekannt,« sagte er, und ein beinah ehrfürchtiger Ausdruck lag in seiner Stimme.

»Ja,« antwortete Axel, »und ich habe ihn damals auch mal ein paar Tage bei seiner Mutter auf Schloß Rattenburg besucht.«

Die Abschiedsverbeugung des Ministers hatte etwas Respektvolles.

Nachdem die beiden Herren in den wartenden Wagen gestiegen waren, sagte Holst zu Axel: »Bemerkten Sie, wie aufmerksam, ja beinahe neidisch der Minister Sie vorhin plötzlich ansah?, Als wolle er in Ihnen nicht nur jemanden studieren, der seinem jetzigen Souverän früher nahe gestanden, sondern als hoffe er, durch Sie etwas vom Wesen des Souveräns selbst zu ergründen. Denn diese Leute empfinden ihren importierten Fürsten als etwas Fremdes, und sie erkennen mit einer gewissen Ungeduld, daß er ihnen stets fremd bleiben wird. Zugleich aber imponieren sie sich selbst, daß sie es so weit gebracht haben, sich einen echten Prinzen europäischer Züchtung zum Herrscher geben zu können.«

Der Wagen rollte weiter unter alten Kastanienbäumen, die die Straße hier säumten. Man sah jetzt einige Spaziergänger, die das warme Frühlingsweiter herausgelockt hatte. Unter den Männern gab es viel schöne Gestalten und kühn geschnittene Gesichter, bei den Frauen dagegen war wenig Anmut zu finden. Sie hatten etwas Abgearbeitetes, aber sie blickten geduldig und friedlich drein, wie Wesen, denen es selbstverständlich erscheint, daß sie des Lebens Bürde tragen. Sie kritisch musternd dachte Axel: Dieses Volk steht offenbar noch dem Zustand jener Lebewesen nahe, wo das Männchen stets schöner als das Weibchen ist.

Bald wies dann Holst auf ein langes Gitter, hinter dem man Gartenanlagen sah. »Dort stand der Konak des früheren einheimischen Herrschers,« sagte er, »aber sein Anblick weckte die Erinnerung an so viele Untaten, die da geschahen, daß er abgerissen wurde. Der jetzige Fürst wohnt in dem Palais daneben.«

Es war ein moderner, allzu fensterreicher Bau, der dicht an der Straße lag, wo die klingelnde Straßenbahn surrte. Karyatiden, die nichts Sonderliches zu tragen hatten, zierten die Front, und eine Fülle unmotivierter Renaissance-Stuckornamente waren vom Baumeister, wo immer möglich, angeklebt worden.

»Mietsagenturen würden dies als ›Herrschaftliches Haus‹ ankündigen,« sagte Axel.

Wachen standen vor dem Palais, und in der Eingangshalle wurden die Fremden von einer Schar Adjutanten empfangen. Lauter gutgewachsene, brünette Männer waren es, die in ihren schmucken Uniformen besonders vorteilhaft wirkten. Aber etwas verschlagen Finsteres lag im Ausdruck ihrer schönen, scharfen Züge, und Axel, der gern klassifizierte, reihte sie im stillen ein als höher entwickelte Verwandte der in dem Gange des Ministeriums schleichenden Gestalten, elegantere Abarten der gleichen Stammform. Man schritt nun eine breite Treppe hinan und dann weiter durch verschiedene Säle. Und sicher konnte nie ein Zweifel darüber bestehen, wie die einzelnen Räume benannt wurden: der rote Saal war scharlachrot, der gelbe eidottergelb. Vorhänge und Möbel hatte der Tapezier verschwenderisch mit Quasten und Fransen geziert. Dann folgte ein Gemach, bei dem ihm vorgeschwebt haben mochte, nach all dieser westlichen Pracht eine seine Anspielung auf die geographische Lage des Landes zu bringen. Hier hing eine Moscheenlampe, die, mit roten und blauen Birnen verziert, für elektrisches Licht eingerichtet war. Zwischen divanartigen Sitzen standen Wandschirme aus modernem Muscharabi, eingelegte Tischchen und ein kupfernes Kohlenbecken. Es war offenbar »das türkische Zimmer«.

Armer Hans Hadubrand, wo bist du hingeraten! dachte Axel, und in seiner Erinnerung stieg dabei Schloß Rattenburg auf, waldumgürtet in tiefer grüner Stille über dem Residenzstädtchen Gnadenhausen liegend. Er glaubte die uralten dicken Mauern wiederzusehen, die gewölbten Räume, in denen sich seit Jahrhunderten Hausgerät angesammelt hatte, wo jedes Stück seine überlieferte Geschichte besaß. Und wie gestern über die Kindheitsgefährtin, so sann Axel nun über den einstmaligen Studiengenossen nach: Wie mochte der wohl in seiner jetzigen Umgebung geworden sein?

In diesem Augenblick aber wurden auch schon die in den nächsten Raum führenden Flügeltüren von Lakaien aufgerissen, und einer der Adjutanten verkündete: »Seine Hoheit.«

Der Eintretende, der ein paar Jahre jünger als Axel sein mochte, paßte, äußerlich wenigstens, in dies Land hochgewachsener Männer. Er trug dieselbe Uniform wie seine Adjutanten, und auch ihn kleidete sie gut. Im Gegensatz aber zu den Offizieren seiner Umgebung war sein Haar goldig blond und seine Haut von jener hellen nordischen Durchsichtigkeit, deren wechselnde Färbung jede innere Bewegung erkennen läßt. Im Gegensatz zu jenen zeigte aber überhaupt sein ganzes Wesen eine gewisse Durchsichtigkeit, eine Gradheit, die nichts zu verbergen brauchte, weil hinter ihr nur angeborene Treuherzigkeit lag. Seine Augen waren blau und klar, aber bisweilen schien es, als spiegle sich darin ein halb trauriges, halb verlegenes Erstaunen. Unwillkürlich mußte Axel wieder an die unheimlichen Gestalten denken, die er im düsteren Erdgeschoß des Ministeriums gesehen: das waren Untertanen, von deren lichtscheuem Treiben ihr Fürst sicher nichts wußte, – oder sollte etwa gerade das Wissen von ihnen und von noch so manchem anderen seinen Augen diesen neuen Ausdruck traurigen Erstaunens verliehen haben? –

Mit einem Anflug von Befangenheit, die er aber hinter würdigem Ernst zu verbergen suchte, kam der Fürst auf den Gesandten zu und reichte ihm die Hand, weniger wie ein Despot als wie ein sehr wohl erzogener Knabe. Dabei sagte er: »Exzellenz, Sie waren mir stets willkommen, sind es aber doppelt, wo Sie mir einen ehemaligen Studiengenossen bringen.«

Er muß das memoriert haben, dachte Axel; so gewählt sprach er früher doch gar nicht.

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, lieber Graf Kronar,« wandte sich der Herrscher nun an ihn, »und ich hoffe, daß ich Sie hiermit auf eine ganze Reihe von Jahren in meinem Lande willkommen heißen darf.«

Er schien befangener noch als dem Gesandten gegenüber, und Axel dachte: Die Rolle ist ihm mir gegenüber noch nicht ganz geläufig, er erinnert sich wohl auch, daß wir uns früher duzten und ich ihn bei seinem Spitznamen ›Haha‹ nannte.

Der Despot lud die Herren ein, auf den Divans Platz zu nehmen, die aber nichts von schwellenden orientalischen Polstern an sich hatten, sondern sich als asketisch hart erwiesen. Lakaien servierten türkischen Kaffee und Rosenkonfitüren, und Axel, dem diese Art Imbiß noch neu war, kopierte genau seinen Chef, der mit einem der auf dem Brett liegenden goldenen Löffel etwas von der klebrigen roten Süßigkeit in den Mund tat und den Löffel darauf in ein Glas Wasser steckte.

»Das ist so Landessitte,« sagte der Fürst halblaut zu Axel, »in Bonn war der Stoff freilich anders!« Doch dann, als ob er sich bei der Versäumnis einer wichtigen Aufgabe ertappt hätte, wandte er sich wieder mit dem Ausdruck eines wohlerzogenen Knaben zu dem Gesandten und frug ihn, was für Nachrichten er über das Befinden seines Souveräns und dessen Angehörigen habe; er erkundigte sich nach allen Einzelnen mit Namensnennung, offenbar froh, einen Faden gefunden zu haben, an dem sich ein Weilchen spinnen ließ. Axel aber dachte: Ach, Haha, was liegt dir wohl am Befinden unseres Herrscherhauses!

Nachdem der Despot Urosch der Fünfundzwanzigste auf solche Weise hinlänglich erfüllt hatte, was ihm als Pflicht gegenüber dem diplomatischen Vertreter einer befreundeten Macht vorschweben mochte, lenkte er das Gespräch auf die Bonner Tage und auf diesen oder jenen damaligen Korpsbruder, und dann sagte er ziemlich unvermittelt: »Ach, Graf Kronar, drüben in meinem Arbeitszimmer habe ich übrigens noch all die Bilder von damals. Vielleicht würde es Sie interessieren, sie zu sehen? – Seine Exzellenz wird uns sicher einen Augenblick entschuldigen, meine Herren werden ihm Gesellschaft leisten.«

Die Adjutanten und Holst verneigten sich, während der Despot, von Axel gefolgt, in ein nach rückwärts gelegenes Zimmer schritt.

Hier war nichts mehr von der Tapezierherrlichkeit der Empfangsräume zu merken. Ansichten von Rattenburg erblickte Axel, Bilder von Hans Hadubrands gestrenger Mutter und seinen übrigen Verwandten. Ein Gewehrschrank stand da voll Jagdbüchsen, Taschen und Hirschfängern, und an der einen Wand hingen Schläger, Stürmer, Fechthandschuhe samt den Photographien der einstmaligen Korpsbrüder, einzeln und in Gruppen. – Ja, hier gab es offenbar keinen Despoten Urosch den Fünfundzwanzigsten, hier gab es nur einen Hans Hadubrand, umgeben von dem, was er aus vertrauter Vergangenheit in die fremde Gegenwart hatte hinüberretten können.

Und das Vertrauteste mochte wohl der Jäger sein, der im Zimmer stand und dessen sich Axel sofort aus Bonn und Rattenburg entsann, wenngleich er freilich inzwischen viel grauer geworden war und ganz neue Sorgenfalten über sein gutes ehrliches Gesicht liefen.

»Ja, das ist mein alter Mulicke,« sagte der Fürst, wie in Antwort auf Axels fragenden Blick, »er hat durchaus mit mir kommen wollen, um mich zu beschützen. Nicht wahr, Mulicke?«

»Nu ja,« antwortete der Jäger, »ich werd’ den Sohn meines hochseligen Herrn in so ’ner unsicheren Gegend doch nicht allein lassen – und es ist doch nu mal ein Land, wo sie die Menschen ’runterknallen, wie wir die Rebhühner.«

»In der ersten Zeit hielt er für alle Eventualitäten stets einen Koffer fertig gepackt, und noch jetzt schläft er alle Nacht vor meiner Tür,« erzählte Hans Hadubrand. »Na, du kannst uns jetzt allein lassen, Mulicke.«

Nachdem der Jäger gegangen, wies Hans Hadubrand auf das Zimmer mit den vielen Andenken und sagte zu Axel: »Dies ist mein eigentliches Reich, und ich hätte dich viel lieber gebeten, hier gemütlich eine Tasse Tee bei mir zu trinken, und zwar ohne deinen Chef und ohne meine Adjutanten. Aber der Etikette nach geht es nun einmal nicht, daß ich einen fremden Gesandtschaftssekretär allein empfange. Du mußt mir’s auch nicht übel nehmen, wenn ich dich vorhin vor den anderen nicht duzte und wenn ich dich in Zukunft nicht so häufig sehe, wie ich gern möchte: Aber weißt du, jeder, der auf einem Thron sitzt – wenn es auch nur ein Thrönchen und vielleicht ein wackliges ist –, wird ja mit so viel Neugier, Eifersucht und Argwohn beobachtet.«

»Ja, ja,« sagte Axel, halb belustigt den einstmaligen Kameraden so wiederzufinden, »das ist nun mal die Kehrseite der Größe.«

»Na überhaupt,« fuhr der Fürst fort, »wenn ich so vergleiche, was für ein argloser Mensch ich noch vor zwei Jahren war, und was ich jetzt alles zu bedenken habe. Du glaubst ja nicht, Kronar, wie viel Rücksichten ich nehmen muß.«

»Kurzum: garnicht, Despot,« sagte Axel lachend.

»Ach was Despot!« wiederholte Hans Hadubrand mit einem Ausdruck, als ob das Wort eine Welt von Enttäuschung berge. »Meine Mutter wollte, daß ich bei meiner Thronbesteigung gerade diesen Titel annähme, weil er an ganz alte Überlieferungen des Landes anknüpft, – aber mir scheint er jetzt die reine Ironie, denn ich komme mir oft als der abhängigste Mensch hier vor.«

»Na,« sagte Axel, »Landesvater sein ist immerhin etwas, und als solcher hast du doch gewisse Aufgaben.«

»Ja, Kronar, genau so sprach meine Mutter auch, und sie sagte, es sei Pflicht, einen so außergewöhnlichen Ruf anzunehmen. Es hatte ja auch wirklich etwas Schicksalhaftes, und das Romantische, Abenteuerliche dabei, das lockte mich sogar sehr.«

»Das hätte ich von dir gar nicht vermutet,« sagte Axel, »so wie ich dich in Bonn und Rattenburg gekannt habe.«

»Ach, was hast du dort überhaupt viel von mir kennen können!« sagte der Fürst. »Da stand ich ja beständig unter dem einen oder dem anderen Zwang. Aber dabei lebte eben doch in mir der verborgene Wunsch, auch mal was zu leisten, zu zeigen, was ich könne.«

»Ja, ich verstehe,« sagte Axel, mit leisem Spotte, »das höhere Sichausleben – der Wunsch, der Welt, oder wenigstens einem Stückchen Welt, den eigenen Stempel aufzudrücken – wovon man so träumt als Primaner, wenn man die Reden der großen Männer liest.«

Der Fürst fuhr indessen ernsthaft fort: »Ich bin ja mit so viel Absichten und Plänen hergekommen – alles hier wollte ich reinigen und heben und bessern. Aber ich kann ja nicht, wie ich will – ich vermag ja nicht mal so manches zu verhindern, was ich nach meiner ganzen Erziehung und Auffassung doch verhindern müßte. Die Leute hier wollen mich eben hauptsächlich nur als eine Art Aushängeschild haben.«

»Du hast aber doch schon schöne Erfolge,« entgegnete Axel. »Es wurde mir von deinen Bestrebungen erzählt, die Lage der Arbeiter zu bessern.«

»Ja, das versuche ich allerdings,« sagte der Fürst, und es leuchtete dabei in seinen klaren Augen, »denn weißt du, mich ergreift oft ein so tiefes Mitleid mit diesem armen Volk, das mich gerufen hat. Aber manchmal frag’ ich mich freilich, ob ich eigentlich der Rechte für den Platz bin – ich komme mir bisweilen doch etwas vor wie ein an falscher Stelle gepflanzter Baum, der nun da ausharren muß.«

Die Worte klangen Axel so bekannt: Wo hatte er ähnliche denn kürzlich gehört? Aber er konnte dem nicht nachsinnen, sondern erwiderte nur: »Du mußt gegen solche Grübeleien ankämpfen. Haha, schienst doch früher so leicht zufrieden und froh. Make the best of it, heißt es wohl in jedem Leben – und was sollen wir gewöhnliche Sterbliche denn sagen, wenn du klagen willst.«

»Ach, Kronar,« antwortete der Fürst, »ihr habt es eigentlich viel besser als ich, und du speziell hast es wohl immer besser gehabt – ich glaub’, du bist mir sogar früher manchmal recht neidenswert erschienen. – In Bonn standest du dem ganzen Korpszwang, als Ausländer und Konkneipant, doch viel freier gegenüber als ich – konntest vor allem immer mal weg, wenn du wolltest – na, und hier ist’s nun wieder dasselbe. Ja, ja, Kronar,« fuhr er lachend fort, »dein ganzes Leben besteht aus Wegkönnen, und meines aus Stehenbleibenmüssen! – – Aber ich weiß gar nicht, wie ich auf all das gekommen bin. Eigentlich wollte ich dir unter vier Augen nur nochmals sagen, wie froh ich bin, daß du da bist; es gibt mir geradezu ein heimatliches Gefühl, einen hier zu wissen, den ich von früher her kenne. Und ich hoffe, du lebst dich einigermaßen ein und findest es weniger schrecklich, als die meisten deiner Kollegen es wohl tun – wenngleich sie es vor mir freilich sorgfältig verbergen. Einen großen Vorzug hast du ja vor ihnen und auch vor mir: Ich höre, du hast Verwandte hier wiedergefunden?«

»Du meinst Linteloes?« antwortete Axel. »Ja, Liane ist zwar nur eine ganz weitläufige Cousine von mir, aber wir kennen uns von kleinauf.«

»Da hast du Glück und bist mal wieder zu beneiden,« sagte Hans Hadubrand. »Frau von Linteloe ist ... ja, wie soll ich es nur ausdrücken ... sie ist eben ganz was anderes als die übrigen ... sie gehört eigentlich garnicht hierher.« – –

Als Holst und Axel später wieder im Wagen saßen und nach Hause fuhren, frug der Gesandte begierig: »Hat der Despot vorhin, als Sie allein waren, etwa die Holzhäuserfrage Ihnen gegenüber berührt?«

»O nein!« antwortete Axel, »und ich glaube auch, er ist viel zu korrekt, um mit einem bloßen Gesandtschaftssekretär geschäftliche Angelegenheiten zu erörtern. Er scheint überhaupt die Grenzen, die seiner Betätigung gezogen sind, sehr genau zu kennen.«

»Das ist sicher weise von ihm,« sagte Holst, »denn wenn er je sehr hervorträte und nachher irgend etwas schief ginge, würden ihm die Leute hier und vor allem Mirojedsky nur zu gern die Schuld an allem beimessen.« – Auf sein Lieblingsprojekt zurückkommend, setzte er dann beinahe eigensinnig hinzu: »Wir sollten aber doch trachten, den glücklichen Zufall Ihrer Intimität zugunsten unserer heimischen Industrie auszunutzen.«

*

Die nächsten Tage vergingen Axel rasch. Viel dienstliche Tätigkeit hatte er allerdings nicht, denn obschon Baron Holst ihn gern als lieben jungen Kollaborator zu bezeichnen pflegte, so fand er doch alle Geschäfte der Gesandtschaft viel zu wichtig, um sie seiner Mitarbeiterschaft anzuvertrauen. Er fühlte sich nur dann glücklich, wenn er unter lauten Klagen ob seiner Überarbeitung alles selbst tun konnte.

Dagegen führte er seinen neuen Sekretär der Reihe nach zu den Herren des diplomatischen Korps, um ihn vorzustellen. Hierbei fand Axel einige Bekannte von früheren Posten wieder, denn die Zigeuner der vornehmen Welt ziehen auf gleichen Straßen, treffen sich immer mal wieder und verfehlen nie bei diesen Gelegenheiten zu erklären, daß solche Wiedersehen das Reizendste an der Karriere seien.

Besonders liebenswürdig wurde Axel von dem Gesandten Mirojedsky empfangen. Weil Axel aus Petersburg kam, begrüßte ihn dieser wie einen alten Bekannten, obschon sie sich nie früher getroffen hatten.

Mirojedsky hatte eine unendlich sanfte, weiche Stimme, die bestimmt schien, lauter schöne, traurige Dinge zu sagen, und er ließ sie diese Bestimmung erfüllen. Es war ein Genuß, ihm zuzuhören. Und er selbst empfand diesen Genuß offenbar am meisten. Mit gesenkten Lidern, wie um sich nicht zerstreuen zu lassen, sprach er und lauschte den eigenen Worten, als seien sie Musik. So war er sich immer auch Publikum, und das Leben mochte ihm nie langweilig erscheinen, denn er hatte stets einen Hörer wenigstens, vor dem sich das Agieren lohnte. Es lag dies alles aber bei ihm im Unterbewußtsein. Er erschien sich selbst als durchaus echt.

Axels Audienz beim Landesherrscher war ihm offenbar bekannt, denn er frug sehr bald: »Nun, und wie fanden Sie Seine Hoheit nach all den Jahren?«

»O, sehr wohl, wie mir schien,« antwortete Axel, dem sein Chef große Vorsicht anempfohlen hatte. »Ich fand ihn eigentlich ganz unverändert.«

»Ach, wie Recht Sie doch damit haben,« sagte Mirojedsky, als habe ihm Axel etwas ganz Bedeutendes mitgeteilt. »Ja, er ist jung, noch sehr jung! Mais cela passera,« und er seufzte schmerzlich, so daß es unentschieden blieb, was für Urosch das Bedauerliche sei: seine Jugend oder daß er sie so bald verlieren würde. – Und dann setzte Mirojedsky in seiner melodischen Stimme hinzu: »Ja, wirklich, außerordentlich richtig beobachtet: ein Schwärmer – ein junger deutscher Schwärmer!«

Als die Herren sich verabschiedet hatten und wieder in der Straße waren, sagte Holst: »So macht es le cher collègue Mirojedsky immer: er wartet garnicht erst ab, ob man ihm das sagen wird, was er zu hören wünscht, sondern sagt es lieber gleich selbst und tut dann, als habe man es gesagt. Ich möchte darauf wetten, daß er jetzt einen Bericht nach Hause schreibt, in dem Ihre angeblichen Äußerungen über den Despoten all das enthalten werden, was er möchte, daß dort über diesen geglaubt werde.«

»Ja, hat denn der arme Hans Hadubrand die persönliche Feindschaft dieses gefährlichen Herrn erregt?« frug Axel.

»Das wäre zu viel gesagt,« antwortete Holst. »Aber manche Geschäfte ließen sich früher unter einheimischen Dynastien vielleicht doch besser machen, und auf alle Fälle mag Mirojedsky es zweckmäßig finden, die Meinungen dort vorbereitet zu halten, falls ihm hier mal eine große Änderung nötig erscheinen sollte. Hans Hadubrand ist hier wie manche Warensendungen doch gewissermaßen nur ›zur Ansicht‹ da.«

Während Holst so vormittags mit Axel die Herren besuchte, brachte er ihn an den Nachmittagen zu den Empfängen der Damen.

 »Es gibt hier sieben verheiratete Gesandte,« hatte Baron Holst erklärend erzählt, an dem Tage, da er diese Tournee mit Axel begann. »Jede der sieben Gesandtinnen hat an einem der sieben Nachmittage der Woche ihren Jour und ist gleichsam die über diesen einen bestimmten Tag präsidierende Gottheit; er gehört ihr ganz, und wenn sich etwa je ein achter Gesandter verheiraten sollte, so würde das zu unabsehbaren Verwicklungen führen, denn dann müßten zwei Damen sich in einen Nachmittag teilen, was beinahe einer Minderbewertung ihrer beiderseitigen Länder gleichkäme.«

So lernte denn Axel die sieben Göttinnen der Tage kennen und die geringeren Gottheiten, die sich bei ihnen versammelten. Es war ein kleiner Kreis, der sich alltäglich traf und der, wie es auch in größeren Städten und weiteren Kreisen zuweilen der Fall ist, sich schließlich wenig mehr zu sagen hatte. Das Pingpongspiel war bei diesen Zusammenkünften eine willkommene Verminderung der gesellschaftlichen Vergnügungsarbeit, denn man konnte dann schweigsam zusehen, wie die Bälle über den grünen Tisch hin und her flogen, und fiel einer zu Boden, so war ein neuer viel rascher bei der Hand als ein frisches Gesprächsthema. Jetzt im Frühjahr aber wartete man nur darauf, daß nach der langen Schnee- und Regenzeit der allgemeine Tennisplatz in Ordnung gebracht würde; dann traf man sich draußen zu einer anderen Form des dem Hofrat Agathokles Troll so unverständlich erscheinenden Kugelkultus. Viele fingen auch schon an, von Erholungsreisen zu sprechen; wer Urlaub bekommen konnte, ging im Sommer fort.

»Heute ist Mrs. Pembertons Jour,« sagte Holst zu Axel am Nachmittag des siebenten Tages. »Und nachdem ich Sie in die europäischen Gesandtschaften gebracht, dürfen wir das große Amerika nicht vernachlässigen. Es ist diejenige Gesandtschaft, zu deren Jour ich ohnedies meistens gehe, obschon ich sonst kein Gesellschaftsmensch bin, aber ich muß Mr. Nicodemus Pemberton im Auge behalten wegen der Holzhäuserlieferung, um die er ja mit echt amerikanischer Skrupellosigkeit kämpft.«

»Nun, so gehen wir denn, den Feind in seiner eigenen Höhle aufzusuchen,« sagte Axel lachend.

Als sie in den Flur der amerikanischen Gesandtschaft traten, hörten sie durch die geöffneten Türen des Speisezimmers schon das regelmäßige Klick-klack der hölzernen Raketts, mit denen die leichten Pingpongbälle über den weit ausgezogenen Eßtisch hin und her geschlagen wurden. Die durch Sport der Konversation immer unkundiger werdende Jugend schlug auch heute wieder die Bälle und damit die Stunden tot. Ein paar Damen saßen zuschauend an den Wänden. Liane war unter ihnen und hatte ihren Stuhl neben Madame Oki Abunai gerückt, die Frau des seit kurzem eingetroffenen japanischen Geschäftsträgers. Axel zog es zu Liane, und er versuchte, sich an sie heranzuschlängeln, aber vorerst ließ ihn seine Wirtin nicht los. Mrs. Pemberton war eine sehr schön gewesene Frau, die aber vom ununterbrochenen Kampf, noch immer schön zu scheinen, ganz ermüdet aussah. Ihre Blicke glitten mit einem so sichtbaren Wohlgefallen über Axel, daß er es bemerken mußte; gleichzeitig aber nahm er wahr, daß Mrs. Pemberton, um ihn zu begrüßen, aus einem Kreis von Damen aufgesprungen war, die um den Empfangssalon herum saßen und zwischen denen die Konversation offenbar im Einschlummern gewesen, bis daß eben jetzt Mrs. Pembertons kleiner Hund, der einem weißen Muff glich, in die Mitte des Kreises gesprungen war. Bellend stand er nun da und rollte erstaunt die großen schwarzen Augen von einer Dame zur anderen, denn sie alle beugten sich gleichzeitig zu ihm, erleichtert, ein neues Gesprächsthema gefunden zu haben. Die Wirtin nötigte Axel, sich in den Kreis zu setzen, und nun suchte er die Konversation aufrecht zu erhalten, die der kleine weiße Hund so glücklich in der Damen Runde angeregt hatte.

Baron Holst war währenddem in das anstoßende Rauchzimmer getreten und warf gleich einen forschenden Blick auf Nicodemus Pemberton, um aus dessen Miene zu erraten, ob ihm dieser etwa inzwischen bei der viel umstrittenen Lieferung von Holzhäusern um einen Schritt zuvorgekommen sei. Aber Nicodemus Pemberton stand neben dem wettergebräunten Alpensohn, Herrn Känzli, und beide Gesandte sahen entschieden mißmutig aus, worüber Holst sich freute, denn der Konkurrenten Verdrießlichkeit konnte, seiner Ansicht nach, ja nur ein Steigen seiner eigenen Aussichten bedeuten.

Außer diesen beiden saßen im Rauchzimmer van Stratten und Wawerling, wie immer zusammen, und der Marquis de los Toros hatte sich ihnen zugesellt. Der schweigsam beobachtende Oki Abunai, der jeder Begrüßung einen in seinem Lande als besonders höflich geltenden einatmenden Zischlaut, eine Art gedehntes »ü-hss« vorausschickte, der wohllautend sprechende Mirojedsky, die frisch ins diplomatische Leben verschlagenen Leutnants Belany und Javorina und der vom Urlaub zurückgekehrte überzeugungsstarke Herr van Stramm standen herum.

Man sprach, wie so oft, über den augenblicklichen gemeinsamen Aufenthaltsort, und alle hatten etwas zu klagen.

»Die fürchterliche Kälte im Winter und jetzt die scharfen Winde bekommen meiner Frau sehr schlecht,« sagte der Spanier.

»Der Schmutz in den Straßen ist so widerlich,« bemerkte ein junger Holländer, Mynheer van Bergheem. »Finden Sie nicht auch, Herr Oki Abunai?«

»Ü-hss, sicherlich, aber wir sind in allen Ländern auf Erden ja nur Vorübergehende, da kommt es wenig auf die Straße an,« antwortete der Japaner.

»Diese endlose Ebene, auf die man immer schauen muß, ist für uns Schweizer etwas zu Ungewohntes,« meinte Herr Känzli.

»Ich leide auch unter der Ebene,« bestätigte Mirojedsky, »aber nicht, weil sie mir ungewohnt ist, sondern weil sie mir allzu heimatlich erscheint. Ich weiß überhaupt nicht, was mehr Heimweh weckt, das völlig Fremde oder das, was durch seine Ähnlichkeit mahnt und erinnert.«

»Vor allem fehlt es halt an Zerstreuungen,« seufzte der kleine Belany.

»Aber es bleibt uns unsere interessante und befriedigende Tätigkeit,« entgegnete ihm Stramm mit der Stimme, in der man ein Hoch auf ein Staatsoberhaupt ausbringt.

»Da haben Sie Recht,« sagte Holst, »nos patriam fugimus, nos dulcia linquimus arva, aber die Tätigkeit muß uns alles ersetzen.«

»Ja, sehen Sie, gerade mit der Tätigkeit, finde ich, hapert es recht oft,« sagte der Doyen. »Eigentlich ist unser Leben ein großes Einerlei, das sich auf wechselnden Schauplätzen abspielt, ein bißchen Ehrgeiz, ein bißchen Verliebtheit, sehr viel Mühe und Aufregung um Kleinlichkeiten, die in nichts zerfließen, und – sehr viel Langweile.«

»Man kann die Posten einteilen in solche, wo man selbst schmutzige Arbeit zu tun hat, und in solche, wo man zuschaut, wie andere sie verrichten,« sagte Mirojedsky träumerisch und in die Weite starrend, als sähe er etwas unendlich Trauriges in der Ferne. Einige der anderen blickten sich hierbei mit verständnisvollem Lächeln an, denn zu welcher der beiden Kategorien dieser Posten gerade für Mirojedsky gehörte, war ja niemandem ein Geheimnis.

»Die wachsende handelspolitische Bedeutung der Karriere ist aber doch eine große Befriedigung,« warf Stramm ein, der zu betonen liebte, daß er kein Salondiplomat sei, sondern mit den Zeiten fortschreite und daher auch ein volles halbes Jahr an einer Bank gearbeitet habe. »Wir leben ja gottlob nicht mehr in Zeiten, wo Diplomaten nur Berichterstatter gesellschaftlicher Vorgänge und höfischer Beziehungen waren, heute sind wir vor allem die Wächter unserer kommerziellen Interessen, die Förderer alles dessen, was den Armen daheim Brot verschaffen kann.«

Es klang, als rede er in einem Kolonialverein.

»Brav gesprochen!« rief Holst. »Ja, ja, wir alle sind Vertreter großer realer Interessen.«

 »Wir Amerikaner geben uns überhaupt nur mit praktischen Fragen ab,« sagte Pemberton. »Heute heißt es, sich, womöglich friedlich, die Türen der Welt eröffnen, aber auch eine hinreichend große Macht hinter sich haben, daß niemand auf den Gedanken kommen kann, die Türen vor uns verschließen zu wollen.«

»Man kann auch gute Geschäfte machen, ohne große äußere Machtmittel,« bemerkte Känzli, »vielleicht sogar die besten; denn manche Lieferungen dürften gerade am ehesten solchen Ländern zugewandt werden, von denen keinerlei politische Pression zu befürchten ist.«

»Ja, ja! die ganze moderne Leier von den neuen Absatzgebieten und den wirtschaftlichen Wettbewerben und der Erschließung kaufkräftiger Märkte!« sagte Wawerling in seiner müden Art. »Eigentlich verstehen das unternehmungslustige Kaufleute alles viel besser als wir!«

»Aber, Exzellenz, wenn man Nationalökonomie studiert hat und sich noch eine Weile dem Bankwesen widmet, sind die paar technischen Fragen doch leicht zu meistern,« stellte Stramm mit dem in Betreff eigener Fähigkeiten so glücklichen Optimismus derer fest, die es nicht gesinnungstüchtig finden, überhaupt an Schwierigkeiten zu glauben.

Wawerling fuhr unbehindert fort: »Mir fällt bei alledem immer ein Diplomat ein, den ich vor vielen Jahren mal in einem asiatischen Reiche traf. Er hatte ein Gefühl glücklicher Wichtigkeit, denn das Land, das er vertrat, fing damals gerade an, zu den industriellen zu gehören; es wurde da irgend etwas fabriziert, was mit Wolle und Anilinfarbe zu tun hatte, Decken oder Handtücher, ich weiß nicht mehr genau was für eine horrible Chose – und der Gesandte gab sich so viel Mühe, diese Ware anzupreisen und einzuführen, als sei er der reine commis voyageur. – Aber sicher deckte der Absatz nie die Kosten auch nur der Gesandtschaft.«

Mrs. Pemberton trat nun eilig in das Rauchzimmer und rief: »Will denn niemand kommen und der Meisterpartie zwischen Pigeonnier und Vercoeur zuschauen?«

Einige der Herren folgten ihrer Wirtin in das Pingpongzimmer, und Axel benutzte die Bewegung, um zu Liane zu gelangen. »Endlich,« sagte er, sie begrüßend, »ich konnte gar nicht früher loskommen!«

Madame Oki Abunai war aufgestanden, und Axel nahm ihren Stuhl neben Liane ein, so daß sie von den übrigen etwas getrennt in einer Fensternische saßen.

»Was fandest du mit der hübschen kleinen Japanerin denn zu sprechen?« frug er.

»Madame Oki Abunai und ich sprachen sehr wenig,« antwortete Liane, »aber das Schöne war, daß wir uns dabei doch sehr gut verstanden. Ihr sind nämlich im Grunde auch alle Gelegenheiten langweilig, wo sie längere Zeit mit ihren europäischen Mitmenschen zusammensein muß, aber sie ist mir bei weitem überlegen in der Selbstbeherrschung, mit der sie ihre eigentlichen Gefühle verbirgt, denn das ist ja vor allem eine asiatische Tugend, und wenn wir so nebeneinander sitzen, suche ich immer etwas darin von ihr zu lernen.«

Mrs. Pemberton, die zu den Wirtinnen gehörte, die ihre Gäste gern möglichst durcheinander schütteln, kam nun an die Fensternische. »Aber Graf,« sagte sie neckisch, »Sie verstecken sich ja, und von hier aus können Sie und Frau voll Linteloe die Meisterpartie zwischen Pigeonnier und Vercoeur gar nicht sehen!«

Und sie rauschte weiter zu den anderen.

»Ich fürchte, wir werden nicht in Ruhe gelassen, bis wir uns die Partie wirklich ansehen,« seufzte Liane aufstehend. »Die Holzhäuserlieferung und das Pingpongtournier zwischen Pigeonnier und Vercoeur sind nun einmal die beiden Tagesfragen.«

»Ich habe Pigeonnier früher mal getroffen,« sagte Axel. »Damals machte er der sehr hübschen Frau eines Kollegen die Kur.«

»So? Na, jetzt ist er es, der mit einer sehr hübschen Frau verheiratet ist, und ein anderer Kollege macht der die Kur,« antwortete Liane. »Siehst du, dort stehen sich die beiden Herren gegenüber, Mann und Freund so ähnlich, wie zwei Menschen es nur sein können, die dieselben Schneider, Schuster, Hemden- und Krawattenfabrikanten beschäftigen; sie kämpfen um weiße Pingpongbälle, und Mme. Pigeonnier, dort am Netz, zählt die Schläge und freut sich, wenn Vercoeur auch hierin gewinnt.«

Der Doyen und Wawerling traten nun zu Liane und Axel, schauten, soweit es im Gedränge möglich war, auch nach dem Pingpongtisch und der niedlichen Mme. Pigeonnier, und van Stratten sagte, scheinbar in Gedanken verloren, wie es seine Art war, vor sich hin: »Hübsche Frauen müßten eigentlich immer gleich in doppelter Auflage existieren; damit wäre all die Tragik vermieden, die dadurch entsteht, daß zum mindesten stets zwei Männer dieselbe haben möchten.«

 Liane griff das Wort auf: »Wo sehen Sie denn Tragik, Graf van Stratten? Die Banalität all solcher Dinge finde ich das Abschreckendste daran. Tragik – das wäre versöhnender.«

»In die Tragik, gnädigste Frau, kommt man oft rascher hinein, als man glaubt,« antwortete Wawerling.

Klick klack, klick klack schlugen die Holzraketts gegen die weißen Bälle.

»Vercoeur gewinnt!« »Vercoeur hat gewonnen!« rief man nun von allen Seiten.

Während sich alle Welt mehr und mehr zum Pingpong drängte, hatte Nicodemus Pemberton Baron Holst im Rauchzimmer zurückgehalten, wo Herr Oki Abunai noch immer still und unbemerkt in einer Ecke saß.

»Wissen Sie das Neueste?« sagte der Yankee. »Jetzt bewirbt sich auch Rußland um die Holzhäuserlieferung.«

»Nicht möglich!« rief Holst bestürzt.

»Doch, doch, Sie können sich drauf verlassen,« antwortete Pemberton. »Känzli hat auch gehört, daß Mirojedsky in dieser Sache beim Minister gewesen ist. Er hat drauf gedrungen, daß einer Petersburger Firma Zeysigoff unbedingt der Vorzug gegeben werden müsse, und zwar soll er dabei den gewissen überhebenden Ton angeschlagen haben, den er hier so gern gebraucht.«

»Ja wohl,« sagte Holst beinahe giftig, »als Vertreter der angeblich wohlwollenden Schutzmacht! Und man kann sich ja denken, welche Überredungsmittel dabei außerdem angewandt werden. Na, aber diese Forderung soll er doch nicht so ohne weiteres durchsetzen!«

 »Ganz meine Ansicht,« sagte Pemberton; und als echter Amerikaner sofort das Bedürfnis der Trustbildung empfindend, setzte er hinzu: »Eventuell müßten unsere drei Gruppen eine Koalition gegen die Zeysigoffsche Firma bilden.«

»Eventuell ... vielleicht ...,« sagte Holst zögernd und zuerst noch ganz überrascht von diesem unerwarteten Gedanken, an den er sich erst gewöhnen mußte. Aber gegenüber der neuen Konkurrenz fühlten sich die bisherigen Rivalen doch schon beinahe solidarisch.

Mrs. Pemberton ließ aber auch diese beiden nicht in Ruhe. »O Baron Holst,« rief sie in das Rauchzimmer hinein, »kommen Sie doch, Vercoeur zu gratulieren. Er hat gewonnen!«

Aber Holst war nicht in der Stimmung, irgendeinem Lebenssieger zu gratulieren. Er stürmte nach Haus, hielt Agathokles Troll fest, der eben die Kanzlei verlassen wollte, und setzte über die neue Konkurrenz ein langes Telegramm auf, das der schwergeprüfte Hofrat sofort chiffrieren mußte.

Nachdem alle Gäste gegangen waren und sich Mrs. Pemberton mit ihrem Manne allein befand, rief sie begeistert aus: »Nicodemus dear, dieser Graf Kronar ist ein reizender Junge! Den europäischen Frauen sind wir Amerikanerinnen ja zweifellos überlegen, aber in den europäischen Männern steckt doch so ein gewisses besonderes Etwas – womit ich dir natürlich nicht zunahe treten will, Nicodemus dear

Und als Ergebnis längeren Nachdenkens, wobei sich ihre Blicke in eine Ferne richteten, in der sie eine Vision von Kirchen, Orgeln, Glocken und Hochzeitsdéjeuners mit gräflicher Verwandtschaft erblicken mochten, setzte sie dann sinnend hinzu: »Ich glaube, ich drahte noch heute an Muriel Clarence, sie solle ihre europäische Tour gleich mit einem Besuch hier bei uns beginnen. Meinst du nicht auch, Nicodemus dear

»Ja, ja, tu das, Darling,« antwortete zerstreut Nicodemus Pemberton, dessen Streben im Augenblick mehr auf die Eroberung des industriellen als des matrimonialen europäischen Marktes gerichtet war.

*

Auf das sonnige Frühlingswetter waren einige warme Regentage gefolgt. Der Wind schüttelte die Flieder- und Rotdornbüsche, daß ihre rosa und lila Blüten auf den nassen Boden sanken. Die Hyazinthen, Tulpen und Narzissen waren verblüht, nur ihre spitzen grünen Blätter standen noch im Rasen. Es sah stellenweise beinahe herbstlich aus, aber in Wirklichkeit vergingen die Frühlingsblumen, um dem großen Sommerflor Platz zu machen. Akazien und Kastanien warteten des nächsten Sonnenscheins, um ihre Blumentrauben zu entfalten und ihre Blütenkerzen zu entzünden; an den Linden schwollen die Knöspchen, längs der Wege standen Reihen von Lilien, die nur der ersten heißen Nächte harrten, um im Mondschein ihre weißen Kelche zu öffnen und ihren Atem auszuströmen in die Sinfonie wonniger Sommerdüfte. Und vor allem trieb und sproßte es in Lianes Lieblingen, den vielfältigen Rosen. Die keck und übermütig wuchernden Crimson Rambler, die, mit dem hellen Leuchtstern gemischt, am Hause emporrankten, die gedankenschweren Maréchal Niel, die die gelben Köpfe hängen lassen, die stolzen belle Siebrecht, die aufrecht und siegessicher eine einzige Blüte an jedem hohen Stengel tragen, die erinnerungsreichen Malmaison, die ewig schönen La France – all die lieben alten, all die prächtigen neuen Sorten waren mit Blütenknospen besät, und es dünkte Liane, als sagten sie ihr: »Warte nur noch ein paar Tage, dies wird ein Sommer, wie kein anderer je gewesen.« Denn es war ja die Zeit des Jahres, wo alles hinzustreben scheint zu vollen mächtigen Akkorden, wo die Natur stets von neuem das doch nie erreichte Wunder der Vollendung verheißt und wo der Menschen Herzen so gerne wähnen, daß dieser eine Sommer auch für sie des Lebens hohe Zeit enthalten wird.

Es lag etwas Erwartungsvolles in der Welt, aber auch in Liane selbst, und darüber wunderte sie sich und hätte auch nicht zu sagen vermocht, was sie eigentlich erwartete. Seit Jahren genügte es ihr ja, wenn nur das Leben ruhig dahin glitt, ohne außergewöhnliche Störung und Disharmonie zu bringen, und sie hatte gewähnt, daß sie von ihm niemals mehr etwas Weiteres erhoffen würde. Aber seit einiger Zeit ertappte sie sich auf dem Gedanken, daß die Abwesenheit besonderer Belästigungen eigentlich doch ein recht negatives Glück sei – und – warum sollte gerade sie so wenig vom Dasein fordern, wo doch andere so vieles fanden? – Es konnte jetzt auch bisweilen geschehen, daß das Ticken einer Uhr, dem sie achtlos gelauscht, ihr plötzlich zum Bewußtsein kam und sie mit rätselhafter Angst erfüllte. Sie schaute dann wie gebannt auf die schreitenden Zeiger und sagte sich, daß wiederum eine Stunde hinabgesunken sei in den nie sich füllenden Raum, wo die Zeiten verschwinden, und daß diese Stunde wiederum eine leere gewesen sei, die keine Spur hinterläßt. – Sie versuchte nachzusinnen, woher diese Unruhe über sie gekommen, aber sie konnte keinen bestimmten äußeren Anlaß dafür finden. Ihr Leben war ja nicht anders, als es seit Jahren gewesen. Aber, daß es schon seit Jahren so und nicht anders war, diese Erkenntnis eben hatte sich plötzlich in den Vordergrund ihrer Gedankenwelt gedrängt. War vielleicht Axels Kommen daran schuld? Weil es Erinnerungen an ferne Zeiten weckte, wo das Leben noch verheißungsvoll vor ihr gelegen? War sein Erscheinen für sie zu einem Meilenstein geworden, der, ihr plötzlich vor die Augen tretend, zu sagen schien: »eine große Strecke des Weges liegt schon hinter dir, und sie hat nichts von dem enthalten, was du einst ersehntest.«

Liane sah Axel viel in dieser Zeit. Er wohnte zwar noch anfänglich bei Baron Holst, aber seine Sachen waren eingetroffen, und es galt, sein Häuschen einzurichten. Da nahm er die Gewohnheit an, bei allen Gelegenheiten durch den Garten zu ihr zu kommen, um sich angeblich von ihr Rat zu holen. Manchmal traf er sie dort, wie am ersten Morgen, oft auch saßen sie ein Weilchen zusammen in dem großen dämmrigen Saal und sprachen über tausenderlei Dinge, von einer Frage zur anderen eilend, als wollten sie rasch einen Blick in jede Geisteskammer werfen, wie Menschen in Häusern zu tun pflegen, die sie nach langer Zeit wieder betreten.

Axel studierte und klassifizierte die Menschen gern; so hatte er bald entdeckt, daß Liane zu jenen Frauen gehörte, deren Männer, außer bei den Mahlzeiten, nie da zu sein pflegen und in deren Häusern es stets Gäste gibt, die hauptsächlich zu dem Zweck geladen zu sein scheinen, den Gastgebern über die peinlichen Stunden dieser gemeinsamen Mahlzeiten hinwegzuhelfen. Das war für Axel nun weiter nichts Neues, denn er hatte diesen Typus schon oft und gern kennen gelernt. Was ihn erstaunte, war nur, gerade Liane so wiederzufinden. Er hatte sie von früher her als streng und einfach erzogenes Landfräulein in der Erinnerung bewahrt. Jetzt fiel ihm der erlesene Geschmack, ja die Überfeinerung ihrer Kleidung auf – und Axel schmeichelte sich, dies beurteilen zu können, denn er hatte, auf ziemlich kostspielige Weise, in Paris Toilettenkenntnisse erworben. Aber nicht nur in solchen Äußerlichkeiten war mit Liane eine große Veränderung vorgegangen. Da war vor allem ein neuer, seltsam wartender Ausdruck in ihren Augen, als frügen sie, ob der nächste Akt der Komödie nun endlich etwas Sehenswertes bringen werde. Und ihre ganze Art zu sein war anders geworden. Sie konnte bisweilen nervös lebhaft zu sprechen beginnen, alles ironisch in Zweifel ziehend, um dann ganz unvermittelt in eine müde, schweigsame Niedergeschlagenheit zu versinken; manchmal auch wählte sie Gesprächsthemen, die Axel zwar mit fremden Frauen nie abgeneigt war zu erörtern, die ihn aber bei ihr erstaunten und ihn auf allerhand Vermutungen brachten, weil er nichts Derartiges von ihr erwartet hatte. Sie erschien ihm geheimnisvoll. War alles, was ihn an ihr fremd dünkte, nur dem Einfluß des Lebens im Ausland zuzuschreiben? Oder hatte sie irgendein Geschick erlebt, über das sie innerlich nicht hinwegzukommen vermochte?

Diese letztere Möglichkeit beschäftigte ihn am längsten, und nach der eigenen Natur und vielen ähnlichen Fällen urteilend, die er gesehen, erschien es ihm als das Natürliche, daß eine so vereinsamte und hübsche Frau einmal an irgendeiner kleinen verschwiegenen Glücksinsel gelandet sein mußte. – Aber der Gedanke tat ihm weh.

Jetzt, das sah er, war niemand da, der sie besonders beschäftigte, und das war ihm lieb, so lieb, daß er selbst ganz verwundert war, welche Freude er darob empfand. Ihr Leben schien ganz leer. Seit Herrn von Stramms Rückkehr vom Urlaub war Herr von Linteloe sogar nicht mehr bei allen Mahlzelten anwesend, sondern er unternahm nach einer großen Stadt des Nachbarlandes geheimnisvolle Ausflüge von ein paar Tagen, über die in der Gesellschaft leise gespöttelt wurde. Axel horchte eifrig hin, wenn bei solchen Gesprächen im Herrenkreis auch Lianes Namen erwähnt wurde. Die Sympathien schienen auf ihrer Seite zu sein. Man sprach über sie wie von jemand, der abseits steht und für den man eine gewisse notgedrungene, aber verständnislose Hochachtung empfindet, wie es auch Bücher gibt, die alle Welt für schön erklärt, ohne sie je gelesen zu haben. Axel aber lockte es, dies Buch zu lesen, zu entziffern, was die Jahre auf die Seiten geschrieben, die er einst weiß gekannt, als sie schöner Geschichten und lieblicher Bilder noch zu harren schienen.

Eines Nachmittags, als Axel Liane wieder besuchen wollte, ließ sie ihn, statt in den Saal, in ihr eigenes Wohnzimmer bitten.

Es war das erste Mal, daß er diesen Raum betrat.

Der Duft der ersten Schneeköniginrosen, die in hohen Gläsern umherstanden, flutete ihm bewillkommnend entgegen und mit ihm die Erinnerung, daß Liane auch damals weiße Rosen besonders geliebt hatte. An den Wänden fand er Miniaturen und Pastellporträts von Vorfahren wieder, die er vor Jahren im Hause von Lianes Großmutter gesehen, und mancher Nippes stand da, den er völlig vergessen hatte, der ihm jetzt aber doch wie ein lang entbehrter, wiedergefundener Freund erschien. Auf Liane wartend ging Axel in dem Zimmer umher und besah die alten Meißner Figürchen, die ihm eines nach dem andern wieder bekannt wurden. Da standen die vier Jahreszeiten, an denen so viele Jahreszeiten vorübergezogen; hier schlief noch immer die kleine Schäferin in ihrem harten Porzellanstühlchen und streckte den Fuß vor, von dem das rote Pantöffelchen herabgerutscht war; dort stand auch der Schäfer und blies noch immer auf seiner Porzellanflöte, während um ihn herum die artigen Lämmer mit den blauen Schleifen seinem Liedchen lauschten, das doch niemand je gehört. Dabei fiel Axel plötzlich eine kleine altmodische Menuettmelodie ein, und er summte sie vor sich hin und konnte sich doch nicht besinnen, wo er sie vernommen. Aber da blieb sein Blick auf einem kleinen bronzenen Elefanten haften, der eine Uhr trug, auf der ein winziges Vögelchen saß, während die Muse der Musik in Empiregewand daneben stand und den kleinen Elefanten an einer dünnen Goldschnur führte. Und nun erinnerte er sich, und ganz von selbst fanden seine Finger auch die Schnur am Kasten unter dem Elefanten; er zog daran, und alsbald begann das Vögelchen mit den Flügeln zu schlagen und den Kopf zu drehen, und aus der Spieldose erklang in dünnen zitternden Tönen dieselbe altmodische Menuettmelodie, die er eben selbst angestimmt hatte. Wie die Erinnerung an die Liebesgeschichte eines Urgroßmütterchens war die kleine Weise! So wehmütig, zart und von weither kommend! Und Axel empfand, wie seltsam es war, daß so viele Generationen gekommen und gegangen waren, und daß diese kleinen leblosen Nippessachen sie alle überdauert hatten. Als er und Liane Kinder gewesen, waren diese zerbrechlichen Dinge schon alt, und nun fand er sie genau so wieder, wie er sie einst gesehen; sie hatten sich nicht verändert – aber Liane und er selbst – was waren sie doch seitdem so ganz anders geworden!

Nachdem seine Gedanken bei ihm bekannter Vergangenheit verweilt waren, an die all diese Dinge mahnten, schaute er sich weiter in dem Zimmer um. Da war vieles, was er nicht kannte, Bilder von Leuten, deren Namen er nicht wußte, Ansichten aus Ländern, wo Liane nach ihrer Heirat gewesen war. Eine Welt, die ihn fremd anmutete, ganz wie so manches in ihr selbst. Er studierte die Physiognomie des Zimmers, denn es war ihm, als sei er hier Lianes eigenstem Wesen etwas näher als sonst. – Da fielen seine Blicke auf eine Chaiselongue mit weichen Kissen, an die ein niedriger bequemer Sessel dicht herangerückt war. Und bei diesen beiden Möbeln, über die die meisten achtlos hinweggesehen hätten, machten seine Gedanken Halt. Es dünkte ihn, diese beiden stummen Gegenstände hätten einen ganz bestimmten Ausdruck, etwas Erwartungsvolles. Er konnte nicht von ihnen fortschauen, sie mußten einen bestimmten Sinn haben, mit besonderer Absicht gerade so zusammengeschoben worden sein. Und plötzlich war es ihm, als verstände er, was sie ihm sagen wollten: einer Vision gleich glaubte Axel auf dem Sofa eine Frau liegen zu sehen, und in dem Sessel neben ihr saß ein Mann vorgebeugt und hielt ihre herabhängende Hand, und sie schwiegen beide, denn sie mußten sich alles Liebe gesagt haben, das sich Menschen zu sagen vermögen. Aber ebenso deutlich, wie er diese Vision mit den inneren Augen gewahrte, ebenso bestimmt fühlte Axel auch, daß, falls Liane die ruhende Frau sei, ihr eigener Mann nie der Mann neben ihr sein konnte. War es ein anderer gewesen, der da einst gesessen hatte und dessen einstmalige Gegenwart Axel jetzt fühlte? Doch niemand hatte gehört, daß dieser Platz in ihrem Dasein je von einem anderen eingenommen worden sei. War das Zimmer aber vielleicht dennoch eine Beichte? dachte Axel weiter; eine Beichte nicht gewesener, sondern nur geträumter Dinge? Verriet es, was, die es eingerichtet, vielleicht halb unbewußt zu erleben sich gesehnt – und doch nie erlebt hatte? – Denn es gibt ja Zimmer und ganze Leben, die für nie eintretende Möglichkeiten geschaffen zu sein scheinen. Während Axel so nachsann, war Liane leise hereingekommen, ohne daß er sie gehört hatte. Als er sich nun umdrehte, sah er sie vor sich stehen. Sie war, wie beinahe immer, in Weiß gekleidet und trug einen Hut, dessen langer Schleier sie einer leichten Wolke gleich umgab, und es war ihm, als sei sie eines der duftigen Pastellbildchen selbst, das aus seinem Rahmen an der Wand herabgestiegen und zu ihm geschritten kam. Im Garten schien Liane immer wie eine ihrer eigenen aus dem Boden aufblühenden weißen Blumen, und in dem großen Saal war es stets, als habe sich alles Licht in ihr weißes Gewand geflüchtet, so daß sie dort dem scheidenden Tag bei beginnender Dämmerung glich. Überall, wo es schön war, dünkte es Axel, sei Liane am Platze, aber hier war sie es doppelt. All die seinen blassen Farbentöne liehen ihr noch von ihrem eigenen zarten Reiz; die vielen Dinge in dem Zimmer gewannen Wert, weil sie ihr dienten; die Vorfahren, deren Bilder von den Wänden herabschauten, hatten gelebt, weil sie einst leben sollte, und in der Sinfonie von Erinnerungen, die das Zimmer füllte, war sie für Axel der eine Ton, in den sich all die Melodien auflösten.

»Du wolltest ausgehen?« frug er, auf Handschuhe und Schirm blickend, die sie hielt.

»Ja, aber das hat gar keine Eile,« antwortete sie, die ihm die Enttäuschung anmerkte, »ich habe den Wagen erst für später bestellt.«

Sie setzten sich beide, und er sagte: »Ich kam, dir zu erzählen, daß ich heute Pferde gekauft habe. Nun werden wir hoffentlich oft zusammen ausreiten, und du zeigst mir etwas von der Umgegend.«

»Gern,« antwortete sie, »wenn es dich nicht ungeduldig macht, mit mir zu reiten, denn ich bin recht furchtsam geworden.«

»Du, Liane?« frug er erstaunt. »Aber du warst als Kind, wenn wir auf unseren Ponys ritten, doch so unerschrocken, – wie konntest du je furchtsam werden?«

»Ich bin’s geworden,« erwiderte sie leise, »wie man meistens mutlos wird, nicht aus der Angst, daß da so sehr viel zu verlieren wäre, sondern weil das Beste schon verloren ist – das Selbstvertrauen.«

Er schaute sie an und war betroffen von dem wehen Ausdruck ihrer Züge. Opferrauch gleich umschlang sie der weiße Schleier und erinnerte ihn zugleich an einen anderen weißen Schleier, in dem er sie einst gesehen. Wie ein klarer, erwartungsvoller nordischer Frühmorgen war sie ihm damals erschienen, heute glich sie einem schwermütig müden Tag, wo man sich sehnt, daß es Abend werde, um auszuruhen und zu vergessen, daß alles Erleben nur Leere gewesen.

»Als ich vorhin auf dich wartete, hab’ ich mich etwas in deinem Zimmer umgesehen,« begann Axel von neuem das Gespräch, das zwischen ihnen beiden so merkwürdig leicht ins Stocken geriet, weil es war, als ob sich immer wieder Worte auf ihre Lippen drängten, die sie doch nicht aussprechen wollten. »Ich habe da manches wieder gefunden, das mir von früher her bekannt war.«

Lianes Blicke glitten über das Zimmer. Sie nickte und sagte: »Ja, es ist hier so eine Art Garten der Vergangenheit.«

»War die Vergangenheit immer Garten?« frug er leise.

»Es gab da auch viel Wüste,« antwortete sie vor sich hinstarrend.

»Weißt du, an wen du mich erinnerst, Liane?« frug er nun wieder und antwortete selbst: »An diese kleine Nippesfigur der schlafenden Schäferin erinnerst du mich.« Dabei berührte er leicht die Meißner Statuette, die auf einem Tisch vor ihnen stand, neben einem hohen Glase voll weißer Rosen.

»Vielleicht hast du Recht,« antwortete Liane, als spräche sie im Traume. »Es sind wirklich Jahre meines Lebens verstrichen, in denen ich das Bewußtsein des Schlafes hatte und zugleich nur den einen Wunsch empfand, daß man ja recht leise sprechen möge, um mich nicht zu stören.«

Unwillkürlich mußte Axel an Herrn von Linteloes polternde Stimme denken.

Es war ihm, als hätte Liane gern mehr gesagt, aber sie brach plötzlich ab und begann wieder in lebhafterer Stimme: »Hast du die Photographie von Eynarshyelm erkannt?« Und sie wies auf das Bild eines sich von dunklem Waldeshintergrund abhebenden Schlosses: »Und erinnerst du dich noch, wie du mir meine Lieblingspuppe fortnahmst und sie gerade dort auf der Wiese aufschnittest, weil du ein Puppenherz klopfen sehen wolltest?«

»Nein,« antwortete er lachend, »diese Missetat hatte ich ganz vergessen. Aber etwas späterer Zeiten erinnere ich mich um so besser, und wie du mich damals oft sehr geringschätzig behandeltest, weil du anfingst, eine junge Dame zu werden, die auf Primaner herabblickte.«

»Ich bin ja auch ein paar Jahre älter als du,« sagte sie leise.

»Wirklich?« frug er. »Das wußte ich gar nicht mehr, denn du siehst jetzt so sehr viel jünger aus als ich.«

Sie schaute ihn dankbar und zugleich zaghaft an.

Während der letzten Wochen hatte sie manchmal, einer Angst gleich, die Empfindung gehabt, als sei viel mehr Zeit an ihr wie an ihm vorbeigeeilt.

Wieder schwiegen sie beide. Von einer weißen Rose vor ihnen löste sich ein schneeiges Blatt und fiel herab, als habe die Rose mitgeseufzt, – denn Liane ward sich bewußt, daß sie in der Stille ganz tief geseufzt hatte.

Warum nur? dachte sie; es ist ja nichts, was nicht seit Jahren schon ebenso gewesen wäre. Warum kamen ihr nur all die trüben Gedanken von fliehender Jugend und ungenütztem Leben gerade in diesen Tagen so oft in den Sinn?

Doch sie fühlte, daß sie diese Stimmung niederkämpfen mußte, und sich zwingend sagte sie nun leichthin: »Aber jetzt erzähle mir mal, wie es mit euren Holzhäusern steht, Axel! Gib mir einen Tip, auf wen ich bei diesem internationalen Rennen setzen soll.«

»Was doch die Holzhäuser hier bei allen Gelegenheiten herhalten müssen,« antwortete Axel lachend. »Und weißt du, woran deine Frage mich erinnert?«

Liane schüttelte den Kopf.

»An deine alte Miß Johnson, die zu sagen pflegte, es sei nicht wohlerzogen, in Gesellschaft von persönlichen Dingen zu sprechen, und wem nichts anderes einfiele, der könne ja von den alten Griechen und Römern reden. Die Holzhäuser hätte Miß Johnson sicher auch gestattet, denn die haben etwas eminent Unpersönliches – aber, da sind andere, die sprechen schon genügend von ihnen. Und drum denke ich, Liane: laß uns beide, trotz Miß Johnson, lieber von uns selbst reden, denn das Persönliche interessiert uns doch am meisten.«

»Ach, über mich ist nicht viel zu sagen,« wich sie aus, »aber erzähl du mir etwas von dir.«

»Daß ich mich freue, hier zu sein,« erwiderte er rasch.

»Ich fürchte im Gegenteil oft, daß du es hier bald langweilig finden wirst,« sagte sie. »Dies Städtchen hat ja im Grunde keine wirkliche eigene Bedeutung; es gewinnt sie nur gelegentlich durch irgendwelche äußere Geschehnisse. Es ist ein rechter Gegensatz zu deinen beiden letzten Posten.«

Er hatte sie nur mit Ungeduld zu Ende reden lassen und sagte nun eifrig: »Was liegt mir denn an dem Ort! Ich bin sicher, daß ich mich nie langweilen werde, wenn du mir nur erlaubst, dich oft zu sehen.«

»Mich? Ach, Axel, ich bin ja so ein müder, unfroher Mensch.«

»Ja, Liane, das merke ich ja bisweilen, und es tut mir immer so leid. Aber wie ist das alles denn nur so gekommen?«

»Ach, Axel, wozu?« wehrte sie ab. »Es ist ja doch nichts mehr dran zu ändern.«

»Kannst du es mir nicht doch wenigstens sagen?« bat er und beugte sich vor, damit sie nur ganz leise zu flüstern brauche, weil er wohl wußte, daß es manche Worte gibt, die wir sagen möchten und doch ungesprochen lassen, weil uns der Gedanke ihres Klanges im voraus erschreckt.

»Es ist ja nur,« sagte sie kaum hörbar vor sich hin. »daß man ein ganzes Leben lang an einem Irrtum tragen muß, den man begangen hat in der Unwissenheit frühester Jugend.«

Sie schwieg, und dann, einem der ihr eigenen Stimmungswechsel folgend, lachte sie plötzlich grell auf, als müßte sie einer großen Bitterkeit endlich Luft machen.

»Arme Liane,« sagte er und setzte leiser hinzu, als taste er sich vorsichtig auf unsicherem Grunde weiter: »Die Kunst des Lebens bleibt dann, zu lavieren, die Felsen zu vermeiden und eine verschwiegene Insel zu finden, wo man doch noch glücklich sein kann.«

»Glaubst du, daß es das eigentlich gibt, so recht, recht glücklich zu sein?« frug sie und starrte vor sich hin.

Ein seltsames Gefühl des Zweifels an ihr erwachte für eine Sekunde in ihm. War das Pose? Wollte sie die Antwort hören, die er auf diese Frage so gern gegeben hätte? Er schaute sie forschend von der Seite an, aber es lag etwas so Unabsichtliches, in Trauer Versunkenes in ihrem ganzen Wesen, als habe sie nur einen Gedanken laut ausgesprochen, dem sie im stillen oft nachgehangen. Vielleicht wußte sie wirklich nichts vom Leben, vielleicht war sie wirklich zu der Frage berechtigt. Und er antwortete mit seiner schmeichelnd weichen Stimme: »Du fragst mich das so etwa, wie wenn du wissen wolltest, ob ich glaube, daß es Seeschlangen gibt. Da möchte ich dir antworten: Über das Glück und über die Seeschlangen ist von so vielen Leuten überzeugend geschrieben worden, daß ich zur Ansicht neige, sie kommen wirklich gelegentlich vor, oder wenigstens, daß diejenigen, die behaupten, sie gesehen zu haben, so fest an sie glauben, daß es so gut ist, als existierten sie in Wahrheit.«

Sie lächelte: »Damit gibst du ja zu, daß sie doch nur Illusion sind.«

»Wenn ein einzelner sagte, daß er die Seeschlangen gesehen,« antwortete Axel, »so würde ich auch denken: Illusion. Aber wenn nun zwei zusammen gingen und sagten: wir beide wissen jetzt, wie es ist, so recht, recht glücklich zu sein, so müßte man ihnen doch glauben. Einer wäre dem anderen Zeuge. – Nach dem Glück, Liane, muß man zu zweien suchen.«

Wieder löste sich ein schneeiges Blatt von der Rose und sank herab. Es war, als nicke die Blume bejahend zu Axels letzten Worten, und er hätte gern noch mehr gesagt, und vielleicht hätte sie ihm gern noch länger gelauscht, aber ein Diener trat ein und meldete, daß der Wagen vorgefahren sei.

»Wie schade,« sagte Axel aufstehend. »Aber wo fährst du eigentlich hin?«

»Zuerst muß ich ein paar Besorgungen machen, und dann wollte ich hinauf zur Festung, wo ich gern bei Sonnenuntergang bin.«

»Ich war noch nie dort,« sagte Axel und frug zögernd: »Darf ich?... mich oben einfinden?«

»Ja,« sagte sie, »in einer halben Stunde bin ich dort.«

*

In die Wagenecke zurückgelehnt und im Schatten des geöffneten Schirmes fuhr Liane durch die im warmen Nachmittagsonnenschein noch leeren Straßen. An den Ecken auf der Schattenseite standen Limonadenverkäufer im roten Fes. Geduldig harrten sie mit ihren messingenen Geräten der Kunden, die der Abend bringen würde. Nur die Tische vor den zahllosen Kaffeehäusern waren, wie immer, dicht besetzt, und die verstaubten Oleanderbäume in den großen Kübeln schienen wehmütig zuzuhören, wie die Zigaretten rauchenden Zeitungsleser an den Kaffeetischen gewohnheitsmäßig über die Fehler der gegenwärtigen Regierung debattierten. Aber auch diese Gespräche wurden lässig geführt, als verlohne es nicht recht, über den trotz allem Wechsel stets gleichbleibenden Unwert menschlicher Institutionen viel zu reden, wo sich des Sommers Nahen jedem so fühlbar machte durch wonnig müdes Behagen.

Die Luft und die Sonne taten Liane wohl, und des Wagens Bewegung schläferte schmerzliche Gedanken ein, so daß auch sie sich allmählich träumerischem Wohlgefühl hingab. Sie ließ vor einem Laden halten, trat ein, entdeckte, daß sie ganz vergessen hatte, was sie eigentlich besorgen wollte, und kaufte nun irgend etwas, dessen sie gar nicht bedurfte. Wie die Sommerluft doch so müde und schläfrig macht, dachte sie. Dann stieg sie wieder in den Wagen und sagte dem Kutscher: »Zur Festung.«

An einer Kreuzung der Hauptstraße aber mußten sie halten, um für einen großen Hochzeitszug Platz zu machen. Geschenkträger schritten voran mit Platten, auf denen allerhand Kuchen und Körner lagen, Gäste folgten, und dann kam die Brautkutsche, deren Pferde mit schöngestickten weißen Tüchern behangen waren. Drinnen sah die Braut mit Schleier und Krone. Und dieser Anblick weckte von neuem in Liane all jene Erinnerungen, die sie jahrelang absichtlich einzuschläfern getrachtet und die gerade in diesen letzten Wochen sich doch immer wieder regten.

Sie sah ihre Jugendzeit bei der kränklichen Großmutter auf dem einsamen düsteren Schlosse, wo die langen, dunklen Winter so eintönig schlichen. Und sie selbst war doch gerade voll einer so großen Sehnsucht hinaus in lichte Weiten. Dann hatte sie mal mit der Großmutter in die Hauptstadt gemußt, um für diese einen Arzt zu konsultieren. Ganz zufällig lernten sie dort Linteloe kennen. Eine glänzende, fremdartige Erscheinung, so war er ihr damals entgegengetreten, und als erster Ausländer, den sie traf, dünkte er sie etwas ganz Besonderes, Interessantes. Daß er früher Militär gewesen und dann Diplomat geworden, erschien ihr als der untrügliche Beweis, daß er ein suchender Mensch sei, dem ganz besondere Pfade beschieden waren und die er erst mühsam finden mußte. Von Streberei und all den äußeren Zufälligkeiten, die solche Dinge beeinflussen, ahnte sie damals noch nichts. Aber heute mußte sie mit wissender Wehmut lächeln beim Gedanken, mit wie viel Nimbus ihre Phantasie ihn einst umgeben. Halb erstaunt, halb kindisch geschmeichelt fühlte sie sich ob seines raschen Antrags – des ersten, den sie je erhalten –, und ohne sich zu besinnen, hatte sie »Ja« geantwortet. Denn wie zwingende Schicksalstimme schien ihr diese Werbung, gerade weil sie so außergewöhnlich war und so siegessicher dargebracht wurde. Dieser Bräutigam aus fremdem Lande, der sich in Helm und Küraß wie eine Art Lohengrin ausnahm, verkörperte für sie Licht und Freiheit und eine romantisch lockende Ferne, wo sich die Tage nie gleichen würden. Großmutter und Vormund hatten gern zugestimmt. Es war äußerlich ja auch nicht das geringste einzuwenden gewesen.

Aber dann war die Ernüchterung gekommen.

Immer wieder hatte sie wahrgenommen, daß er ganz anders war, als sie gewähnt: kein Freund, kein Helfer in all dem Unerwarteten dieses neuen Daseins – einer, der fand, daß für den Mann die Lebenseinrichtungen ganz leidlich sorgen, und der nur darauf ausging, alle Annehmlichkeiten mitzunehmen, die sich irgend boten. – Jeder Schmerz hat eine gewisse Würde, dachte Liane, aber in der Art zu genießen offenbaren die Menschen ihre tiefste Rohheit, – und sie hatte erfahren, daß sie an viel heit gekettet war. Angewidert hatte sie sich zurückgezogen. Doch da mußte sie hören, daß sie selbst ihm eine große Enttäuschung sei. Er war verwundert und in seiner Eitelkeit gekränkt, in diesem zarten Mädchen, dessen herb nordische Schönheit ihn anfänglich gereizt, so gar nicht eine jener lustigen Vergnügungsgefährtinnen zu finden, die ihn so sehr zu schätzen wußten. Er dünkte sich bei diesem Kontrakte übervorteilt. In ihrer Beschämung war Lianes erster Gedanke gewesen: nur rasch fort, daß er seine Freiheit zu allen ihm vorschwebenden Möglichkeiten wieder erlange. Aber Herr von Linteloe war keineswegs geneigt gewesen, auf Lianes Wunsch einer Trennung einzugehen. So gern er selbst vielleicht ganz frei gewesen wäre, hing er doch vor allem an äußerlichem Ansehen und an der Karriere – dafür jedoch wäre eine geschiedene Ehe nicht förderlich gewesen. Statt dessen hatte er bald begonnen, anderwärts Ersatz und Zerstreuungen zu finden. So waren sie von Posten zu Posten gezogen, längst schon eines jener vielen Ehepaare, die nicht zusammen, sondern nebeneinander gehen. Liane hatte gewähnt, sich mit alledem längst abgefunden zu haben.

Warum mochte nur gerade jetzt in diesen letzten Wochen der Gedanke immer wieder auftauchen, daß das Leben doch auch ganz anders hätte sein können?

Doch der Hochzeitszug war vorüber, weitergefahren die Braut in Schleier und Krone, deren Anblick so viel wehe Erinnerungsbilder heraufbeschworen hatte. Die Straße war frei, Lianes Wagen konnte sich wieder in Bewegung setzen.

Am Ende der Hauptstraße bog der Kutscher in einen Seitenweg. Und nun ging es hinauf zu der alten Festung, die sich auf hohem Felsen erhebt. Friedlich geöffnet standen jetzt die Tore, über denen im Gemäuer der Türme noch alte Kugeln steckten von fernen Kampfestagen. Aus den schattigen, mit Rasen bewachsenen Laufgräben stiegen die zinnengekrönten Mauern auf; dunkelrötlich zeichneten sie sich ab von dem lichten Nachmittagshimmel. Hoch oben stand unbeweglich eine Schildwache. Und diese einsame Gestalt, die dort in der Höhe winzig erschien, erweckte die Vorstellung von einem, der so klein und bedeutungslos, daß er vergessen worden sei. Liane sah Axel schon wartend auf dem Platze stehen, wo der Wagen halten mußte. Da waren all die trüben Gedanken plötzlich verflogen, und während er ihr beim Aussteigen half, lächelten sie sich beide an, und ihre Augen sagten sich gegenseitig, wie schön es doch sei, daß sie sich heute dies zweite Mal sahen.

Dann gingen sie bis zum äußersten Vorsprung des Bergrückens, der die alte Festung trägt. Steil fiel dort der Felsen hinab, von Gestrüpp und wilden Klematis umwuchert. Tief unten sahen sie die weite Ebene liegen, hinausdämmernd in verschleierte Unendlichkeit. Aus dem nebelhaften Dunste kamen getrennt zwei Flüsse gezogen; silbrigen Punkten gleich blitzten sie auf im Violett der Ferne – ganz weit noch voneinander –, doch sie schlängelten sich durch das trennende Land, unbekanntem Gesetze gehorchend, wuchsen, kamen sich näher und näher. Und am Fuße des alten, die Festung tragenden Felsens, da überspülten sie die letzten Hemmnisse, fluteten ineinander, zu breitem Becken gedehnt, und glitten dann, ein einziger mächtiger Strom, weiter in andere blaue Fernen, wohin Schicksalstimme sie rief.

Schweigend standen die beiden nebeneinander, ganz versunken in diesen Anblick, den Liane liebte und den sie so oft allein gesehen. Ganz dicht bei ihnen, doch durch das alte Gemäuer und die vorspringenden Türmchen der Festung verborgen, lag die Stadt. Ein paar Schritte entfernt stand ein Gefängnis, unten am Fluß sah man eine Kaserne und die Reihen weißer Zelte, die die Soldaten Sommers bezogen, und am jenseitigen Ufer erhoben sich die grauen Umrisse der kleinen Grenzstadt eines anderen Landes. – So waren denn viele der die Freiheit beschränkenden äußeren Merkmale der Zivilisation in Wirklichkeit ganz nahe, aber trotzdem hatte dieser hohe, weit hinausschauende Punkt den seltsamen Reiz von Weltentlegenheit mancher ganz ferner, kaum erforschter Länder, wo Schranken nicht zu bestehen scheinen und wo die Menschen plötzlich anders werden, als man sie daheim gekannt, als dächten sie, daß es gewisse Längen- und Breitengrade gibt, wo vieles, was anderswo wichtig scheint, gleichgültig wird und jeder meint, sich zeigen zu dürfen, wie er in Wahrheit ist.

Axel empfand diesen seltsamen Eindruck und sagte: »Ich bin ja nie weiter wie Petersburg gewesen, aber ich denke mir: tief im Osten muß es ähnliche Orte geben, wo man, wie hier, dies Gefühl der Weltentrücktheit hat. Kommst du oft hierher?«

«Ja, sehr oft,« antwortete Liane. »Und vielleicht gerade deshalb, weil dieser Punkt wirklich an solche entlegene Orte mahnt, durch die ich am Abend langer Reisetage gekommen bin. Im Glanz untergehender Sonne habe ich manche solche Stadt liegen sehen, so seltsam fremd, daß, wenn ihr Bild später in meinem Gedächtnis wieder aufstieg, ich nicht mehr wußte, hatte ich das in Wirklichkeit gesehen, oder war es die Erinnerung einstmaligen Traumes.«

»Und es scheinen gar keine anderen Menschen hier heraufzukommen?« sagte Axel, sich umschauend.

»Nein,« antwortete Liane, »die ziehen wohl alle die Stadtpromenade unten vor. Der einzige, der mir hier manchmal begegnet, ist der Fürst.«

»So?« frug Axel aufhorchend. »Hans Hadubrand geht hier spazieren?«

»Er wird wohl auch die Sehnsucht empfinden, da man doch eigentlich immer einsam ist, dafür wenigstens bisweilen auch allein sein zu dürfen.«

Von der weiten Ebene her kam ein schwacher Lufthauch gezogen. Als hätte er das grelle Nachmittagslicht fortgeweht, so vertieften sich die Farben der Landschaft, und Liane fuhr träumerisch fort: »Jedesmal, wenn ich von den Menschen viel gesehen habe, ist es mir ein doppeltes Bedürfnis, der Natur möglichst nahe zu kommen. Ich möchte mich dann wie Antäos auf die Erde werfen, nicht um Kräfte zu sammeln, sondern um zu hören, was sie mir zu sagen hat, die keinen je zurückweist und die einen Jeden schließlich aufnimmt und all seine unerfüllte Sehnsucht zur Ruhe bringen wird.«

»Aber wo hört eigentlich das auf, was wir Natur nennen, und wo beginnt das Menschliche?« sagte Axel. »Es ist doch im Grunde ein und dasselbe, denn all die Menschenatome, die scheinbar vergehen, werden ja doch immer wieder von der Natur aufgenommen.«

»Da hast du Recht,« erwiderte Liane, »und auch auf seelischem Gebiet ist mir oft, als sei die ganze Welt erfüllt vom Wesen derer, die vor uns gewesen sind. Bist du jemals auf einem Landweg gegangen, nachdem eine Schafherde hindurchgetrieben worden ist? Da wirst du an den Zweigen und Stacheln der Hecken längs des Weges kleine Flöckchen Wolle hängen sehen. So lassen vielleicht auch die Menschen überall, wo sie gewesen, ein bißchen von sich zurück, und da gibt es manche Punkte der Erde, wo viele vieles von sich zurückließen und wo es ist, als flüsterten noch in der Luft tausend Stimmen und erzählten von alledem, was im Laufe der Zeiten die Menschen gerade hier geliebt und gedacht und gelitten haben.«

Axel nickte, und über sein Gesicht huschte es wie erinnerungsreiches Lächeln. »An manchen Stellen von Paris,« sagte er, »habe ich diese Empfindung sehr deutlich gehabt.«

»Mir«, sagte Liane, die hinausstarrte in die bläuliche Ferne, »ist der Markusplatz in Venedig stets als solch ein Punkt der Erde erschienen; da glaubt man an stillen Abenden Tausende von Herzen schlagen zu hören, für die doch längst die Ruhe gekommen ist. Aber auch an Orten, wo die Stimmen der Geschichte und Kunst und Romantik nicht so stark mitsprechen, in einfachen alten Landhäusern, ja sogar in großstädtischen Mietskasernen, ist es mir manchmal gewesen, als hätten, die vor uns gingen, ein bißchen von sich selbst zurückgelassen – etwas Ungreifbares und doch Fühlbares, das uns beim Betreten mancher Orte froh entgegenweht und sich in anderen bedrückend auf uns legt.«

Die dem Sonnenuntergang vorangehenden warmen Töne erfüllten den ganzen Himmel mit ihrem Lichte und legten sich wie Goldstaub über die weite Ebene. Das schlängelnde Band der Flüsse schimmerte jetzt wie eine Kette von Topasen.

»Und empfindest du auch hier oben solch eine Nähe der Vergangenheit?« frug Axel.

»Ja,« antwortete Liane, »gerade hier habe ich oft die Empfindung gehabt, als wollten mir die Felsen und die alten Mauern und drunten die Flüsse von dem erzählen, was an ihnen von früher her haften geblieben ist.«

»Und was haben dir denn deine Flußfreunde erzählt?« frug er.

»Eine kleine Geschichte von einer großen Sehnsucht,« antwortete sie lächelnd.

Da bat er: »Erzähl sie mir wieder, denn ich bin nun einmal kein Dichter und bedarf einer menschlichen Dolmetscherin, um die Sprache der Dinge zu verstehen.«

Als ob sie ungern scheide, sank die Sonne mählich zur Ebene herab. In das Gold der Luft begann sich Rot zu mischen. Liane hatte sich auf die niedere Brüstung am äußersten Felsenvorsprung gesetzt. Von ihrem weißen Schleier umflossen, beugte sie sich ein wenig vor, als lausche sie wirklich leisen Stimmen, die aus den Fluten in der Tiefe zu ihr aufstiegen. Eine Märchenerzählerin aus fernem östlichen Lande dünkte sie Axel. Lichtumgeben hub sie in der Abendstille zu sprechen an:

»Am Bosporus lebte vor vielen Jahren die schöne Sulihah. Sie wohnte in einem weißen Landhaus inmitten eines großen Gartens, der ihrem Mann, dem griesgrämigen Ali, gehörte. Unmittelbar neben diesem Garten lag ein anderer ganz gleicher Garten, in dem ebenfalls ein weißes Landhaus stand, und Sulihah wünschte oft, es wäre ihr Schicksal gewesen, statt in dem einen, in diesem anderen Landhaus zu leben, denn das gehörte dem schönen jungen Hassan. Beim Spazierenfahren an den Süßen Wassern hatte er sie zuerst erblickt, und dann wußte er es einzurichten, daß er sie in ihrem Garten sah, ob auch die Mauer zwischen ihnen noch so hoch war. Und in einer Nacht entstand eine kleine Bresche in der Mauer, gerade dort, wo dichtes Buschwerk stand und niemand sie bemerkte. Sie war nur eng, aber Hassan und Sulihah waren ja beide jung und geschmeidig. Es dauerte eine ganze Weile, daß sie so zusammenkamen, Sulihah, die Frau des alten Ali, der keiner Frau bedurfte, und Hassan, der junge, der sie um so mehr liebte. Niemand wußte davon, oder vielleicht wollte es nur niemand sehen, denn keiner mochte den alten Ali, und jeder war Hassan gut. Wenn sich die beiden genug in die schwarzen Augen geblickt, so schauten sie hinaus auf den blauen Bosporus, und wenn sie sich genug auf die roten Lippen geküßt, so pflückten sie sich purpurne Granaten. Und sie dachten, daß das nie enden würde. – Eines Tages aber ward Ali zum Pascha einer fernen Stadt ernannt. – Sulihah wußte gar nichts von dieser Stadt, sie wußte nur, daß sie Hassan verlassen müsse, und sie fühlte, wie ihr das Herz darüber brach. – Am Abend vor ihrer Abreise waren sie zum letzten Mal zusammen. Immer wieder sanken sie sich in die Arme, und er seufzte: ›Sulihah, meine Rose, ich kann dich nicht von mir ziehen lassen!‹ Und sie weinte: ›Hassan, meine Nachtigall, wie soll ich ohne dich leben!‹ In die tränenreichen schwarzen Augen schauten sie sich, und dann blickten sie, wie in frohen Tagen, hinaus auf den blauen Bosporus. Vom Schwarzen Meere blies der Wind und trieb das Wasser in leicht geträufelten Wellen vor sich her. Eine große Sehnsucht, die wie eine Zuversicht war, erfaßte da Sulihah, und sie sprach: ›Hassan, ich fühle es, ganz sicher kehre ich bald zu dir zurück!‹ – Er aber antwortete: ›Sulihah, wer kehrte je zurück, wie er gegangen? Das ist Schicksal.‹

»Am nächsten Morgen brach der Zug auf: der alte Pascha mit seinem ganzen Troß und die Reihen der Leiterwagen mit den rundgebogenen, mit Stoff bezogenen Dächern für die Frauen und für die zahllosen Dienerinnen mit Gepäck und Geräten. Eine Menschenmasse hatte sich angesammelt, dem Auszug zuzusehen. An einem der Wagen aber schob eine weiße Hand von unterhalb des Verdeckes den schützenden Vorhang eine Sekunde lang bei Seite, und eine Rose fiel zu Boden. Einer im Gedränge hob sie auf, führte sie an die Lippen und murmelte die alten Worte aus Sultan Selims Liebesgedicht: ›Die Rose ging, der Dorn ist mir geblieben.‹ – Das war eine lange, mühevolle Reise! Aber Sulihah waren Mühe und Ermüdung und alles gleichgültig. Sie staunte nur, wie es möglich sei, so lang in einer Richtung auf der Welt ziehen zu können, immer weiter und weiter weg von Hassan und dem Bosporus. Die Erde erschien ihr beinahe so groß wie ihr eigener Schmerz. Endlich kamen sie an in der fernen Stadt, und Sulihah wohnte hier oben, gerade wo wir beide jetzt stehen und wo damals inmitten der Festung das Haus des Paschas stand, den der Sultan sandte, dies Land für ihn zu regieren.

»Stundenlang saß Sulihah hier oben am vergitterten Fenster und starrte hinaus auf die weite Ebene dort tief unten. Alles schien ihr fremd und häßlich, nur der silbrige Lauf der Flüsse zog sie mehr und mehr an. Sie hatte nie früher von ihnen gehört, und eines Tages frug sie: ›Wohin gleiten die beiden, die sich hier begegnen und dann, glücklich Liebenden gleich, zu einem Strome vereint zusammen weiterziehen?‹ ›Dieser Strom fließt dorthin, woher wir kamen,‹ antwortete man ihr, ›er ergießt sich in das Schwarze Meer, dessen Gewässer der Nachmittagswind durch den Bosporus treibt, wie du es oft dort hast sehen können!‹

»Als Sulihah hörte, daß all das Wasser, das hier tief unten vorbeirauscht, zum Schwarzen Meere und zum Bosporus eilt, ergriff sie eine namenlose Sehnsucht, ein unbeschreibliches Heimweh. Sie glaubte es alles wiederzusehen: das blaue Wasser mit den rastlosen Möwen, die dunklen Zypressen, die weißen Landhäuser und verstohlenen Laubgänge. Vor allem aber glaubte sie Hassan selbst zu sehen und wieder seine Arme um sich zu fühlen. Da konnte sie es nicht länger ertragen, sie mußte zurück. Und als niemand sie beobachtete, lief sie hinunter zum Ufer und sprang in die Fluten des Flusses. ›Nehmt mich mit!‹ rief sie den Wellen zu. ›Führt mich zu ihm!‹«

Liane schwieg. Die rote Sonnenkugel versank eben am Horizont, und über dem Himmel flammte ein so brennendes Leuchten, als habe die Sonne die Welt in Brand gesetzt dort in der Ferne, wo ihr glühender Rand den Boden zu berühren schien.

»Wie hübsch du das erzählt hast,« sagte Axel. »Aber wie endet die Geschichte? Kam Sulihah je zu Hassan zurück?«

»Ja, siehst du,« antwortete Liane, »den Schluß vernehm’ ich nicht recht, so sehr ich auch hinhorche, was die Flüsse mir erzählen wollen. Einmal hörte ich sie sagen: die Wellen des Bosporus spülten Sulihah ans Land und zu Füßen Hassans, gerade als er mit einer anderen Frau im Garten stand. Die entsetzte sich über den Anblick des fahlen Gesichtes mit den verglasten Augen und dem Seetang im langen Haar. Da befahl Hassan seinen Dienern: ›Schafft den Leichnam weg‹.«

»Nein,« sagte Axel, »dies Ende will mir nicht recht gefallen: ich glaube, es ist anders gewesen.«

»So? Wie meinst du denn, daß es war?«

»Ich denke mir, daß Sulihah nach ihrer Ankunft hier zuerst sehr unglücklich gewesen sein wird, daß aber allmählich Schmerz und Erinnerung verblaßten und sie hier oben wohl noch lange gelebt hat, und schließlich mag sie es sogar vergessen haben, wohin diese Ströme dort unten fließen.«

»So etwas sollte man vergessen können?«

 »Nun, wenn auch nicht ganz vergessen, so wird es doch alles zu einer undeutlich-wehmütigen Erinnerung geworden sein. – Weißt du, die meisten Menschen erleben mal eine kleine Havarie, aber dann wird geleimt und geflickt, und es geht auch so weiter.«

»Das schiene mir der traurigste Schluß,« sagte Liane.

Purpur war jetzt über den Himmel gegossen; dunkel standen lange, schmale Abendwolken dagegen. Dunstige Schleier stiegen auf aus der Ebene, und durch die violetten Nebel glühten noch einzelne Punkte der Flüsse wie tiefrote Rubine.

*

Zögernd wandte sich nun Liane zum Gehen, doch als sie und Axel, die scheidende Sonne im Rücken, nun langsam herabschritten, gewahrten sie eine Gestalt, die ihnen entgegenkam, vom sinkenden Abendlicht beschienen. Es war der Fürst. Er war allein. Nur der treue Mulicke folgte ihm in kurzer Entfernung.

Und Hans Hadubrand mußte völlig traumverloren dahingeschritten sein, denn er war den beiden schon ganz nahe, als er sie erkannte. »Wie, Sie hier oben?« sagte er erstaunt zu den sich tief Verneigenden und blinzelte, als erwache er.

»Ich wollte meinem Vetter doch diesen schönen und so wenig besuchten Punkt einmal zeigen,« antwortete Liane.

»Es ist in der Tat ein interessanter Platz,« sagte der Fürst, »und er redet von so viel Vergangenheit. Ich muß hier oben immer an all die Kämpfe denken, die diese alte Festung oft umtobt haben. Ja – und wozu hat es schließlich doch alles geführt?«

»Nun doch letzten Endes dazu, daß das Land unter Eurer Hoheit Regierung recht glückliche Tage erlebe, wie wir es so sehr wünschen,« antwortete Liane lächelnd.

»Dafür danke ich Ihnen,« sagte der Fürst und schaute sie einen Augenblick fest an. »Wünsche von Ihnen sollte der Himmel eigentlich erfüllen. Aber«, setzte er dann hinzu, »ich sehe da Ihren Wagen, Frau von Linteloe, Sie wollten wohl gerade aufbrechen? Ich möchte Sie nicht aufhalten.«

»Ja,« antwortete Liane, »mit Eurer Hoheit Erlaubnis möchte ich jetzt nach Hause fahren.«

Hans Hadubrand und Axel geleiteten sie beide hinab bis zum Wagen. »Gestatten Sie mir,« sagte der Fürst und bot ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen zu helfen. Er hatte dabei den Ausdruck von jemand, der stolz ist, daß ihm etwas sehr Kostbares anvertraut wird, und sich möglichst sorgsamer Bewegung befleißigt. Dann, als Liane saß und sich dankend verbeugte, grüßte er sie mit geschlossenen Absätzen und der Hand an der Mütze. So blieb er stehen, bis der Wagen davongerollt war. Aus der Ferne wehte Lianes weißer Schleier noch einmal, dann entschwand er hinter einer Biegung des Weges. Es war, als sei die Dämmerung um die beiden Männer plötzlich dunkler geworden.

»Bleibst du noch einen Augenblick hier?« wandte sich der Fürst an Axel.

»Gern,« antwortete dieser.

Schweigend gingen sie zuerst nebeneinander. Auf Axel hatte sich mit der Dämmerung eine Beklommenheit gesenkt. Er wußte selbst nicht recht, warum. Nun hörte er den Fürsten vor sich hin sagen, als würden ohne sein Wissen plötzlich Gedanken laut: »Ja, das war daheim schön. Gewisse Begriffe, gewisse Menschen, die standen dort unerschütterlich fest.«

»Nun, und hier, meinst du, ist es anders?« frug Axel. Er zwang sich, leichthin zu reden, die Beklommenheit abzuschütteln.

»Ich habe die Empfindung,« sagte der Fürst, »auf einem Boden zu stehen, wo kein Punkt ist, der nicht plötzlich nachgeben und einstürzen könnte. Und die, die so wühlen und lockern, sind gerade jene, die stützen und schirmen sollten.«

»Was meint er nur?« dachte Axel und empfand ein Unbehagen – er wußte wieder nicht recht, warum.

Der Fürst aber fuhr fort: »Ja, die vom gleichen Stamm und Glauben sind und vorgeben, unsere Schützer zu sein, die trachten am meisten, uns zu deteriorieren. Da ist ein fortwährendes Appellieren an niedere Instinkte, ein Ausnützen äußerer Wehrlosigteit oder innerer Schwäche.«

Ach so! Also ein politisch Lied! dachte Axel, wahrscheinlich irgendeine neue Tücke Mirojedskys, auf die Haha anspielt. Und dabei atmete er erleichtert auf. Aber worauf hatte er denn gefürchtet, daß der andere anspielen könne?

»Eigentlich«, sagte der Fürst, »sollten sich ja alle Menschen gegenseitig helfen und vor dem Straucheln bewahren, denn wir sind doch alle eins, und von jeder Kreatur geht zur anderen der Ruf: tat twam asi, das bist du selbst!«

Mirojedsky hat doch wohl Recht, dachte Axel: er ist ein Schwärmer.

 »Aber vor allem«, sprach der Fürst weiter, »sollte man doch auf Ruf und Ansehen derer achten, die man sogar rein äußerlich zu den Seinen rechnet; findest du nicht auch?«

»Zweifellos,« antwortete Axel, und, an Mirojedsky und die Möglichkeit irgendeiner wichtigen Information denkend, frug er vorsichtig: »Werden denn gerade augenblicklich besondere Zumutungen an euch gestellt, deren du dich nicht erwehren kannst?«

»Ja,« stieß der Fürst hervor und fuhr dann mit einigem Zögern fort: »Aber laß uns lieber nicht auf Spezialfälle eingehen. Erfahren wirst du es alles freilich auch ohne mich, – aber ich weiß doch nicht, ob ich darüber so mit dir reden darf.«

Er kaute unschlüssig auf der Unterlippe, und Axel empfand auf einmal wieder die anfängliche Beklommenheit; es war ihm, als habe Hans Hadubrand während des ganzen bisherigen Gespräches das Eigentliche auf dem Herzen behalten und als müsse das erst noch kommen. Und wirklich hub der Fürst, wie in plötzlichem Entschluß, jetzt wieder zu sprechen an, hastig und abgerissen: »Übrigens dachte ich gar nicht bloß an politische Dinge, wo es sich um den Verkehr zwischen Staatsmännern und das Schicksal ganzer Völker handelt, – nein, wenn ich sage, daß einer des anderen Ruf hüten sollte, so meine ich, gilt das überhaupt für die Beziehungen von Mensch zu Mensch, und vor allem von Mann zu Frau. Und nicht wahr, Kronar, darin stimmst du doch ganz und gar mit mir überein?«

Er konnte Axels betretenen Ausdruck über diese plötzliche Wendung in der zunehmenden Dunkelheit nicht gewahren und sprach nun, offenbar absichtlich, rasch weiter: »Aber das brauche ich dich ja nicht erst zu fragen. Es versteht sich ja von selbst. In unserer Studentenzeit, da haben wir wohl alle mal Witze über philisterhafte Weltanschauung gemacht und uns mit unseren sogenannten freieren Ansichten bisweilen gebrüstet ... aber an gewisse Begriffe läßt sich doch nicht tasten ... die sind eben heilig und unerschütterlich ... so etwas ... nein, das gibt’s einfach nicht ... doch es wird spät, ich muß nun wieder zurück ... ich steige hier den kurzen Fußweg hinab, der direkt zum Schloßgarten führt ... und du gehst wohl die große Straße ... ja ... also guten Abend, Kronar, guten Abend!«

Und schon hatte er Axel die Hand gedrückt und war davongeschritten, sichtlich bestrebt, den früheren Kameraden nicht zu Worte kommen zu lassen. So war denn auch Axels erster Gedanke: von dem fürstlichen Vorrecht der Monologe macht der gute Haha wirklich ergiebigen Gebrauch! – Axel suchte damit ein gewisses Unbehagen abzuschütteln, das er die ganze Zeit empfunden hatte. Aber es war doch irgend etwas in des Jugendgenossen Worten gewesen, das ihn zwang, nachzusinnen. Und während er nun im Nebel, der von den Flüssen aufstieg, zur Stadt zurückschritt, frug er sich: Was meinte Haha denn eigentlich? ... Von Mann zu Frau? ... sollte das etwa eine Warnung sein wegen Liane? – Und wie Axel nun einmal geartet war, schoß ihm sogleich der Gedanke durch den Kopf: War Haha etwa gar eifersüchtig, mich dort oben mit ihr zu finden? Sie sagte ja, daß sie ihn dort bisweilen treffe. Störte ich ihn? – Aber Axel verwarf diese Annahme ebenso rasch. Solch ein durchaus Korrekter wie der! Nimmermehr! – Doch nun begann er weiter zu grübeln: Lag in seinem Verkehr mit Liane denn überhaupt etwas, das vor strengen Richtern nicht bestehen konnte? Sie sahen sich ungewöhnlich viel, ja gewiß, aber sie kannten sich eben von klein auf, es bestand sogar irgendwelche vage Verwandtschaft zwischen ihren Familien. Und irgendeine Freude mußte man doch in diesem verschlafenen Orte haben. Und außerdem – setzte er, in Gedanken ungeduldig werdend, hinzu – ging das weder den Fürsten noch sonst jemand was an! Der einzige, der zur Einsprache berechtigt gewesen wäre, der kümmerte sich ja überhaupt nicht darum.

*

Als Axel zu Hause anlangte, sah er, daß in der Kanzlei Licht brannte. Er trat ein und fand Agathokles Troll vor dem Schreibtisch sitzend und wie gewöhnlich in die Reisedecke eingewickelt.

»Wie kommt es, daß Sie noch hier sind, Herr Hofrat?« frug Axel.

»Der Herr Gesandte hat noch Arbeit für mich,« antwortete Agathokles Troll, der besonders zu frösteln schien. Auf dem Postament erhitzter Ziegelsteine und im Licht der Reflektorlampe über ihm, die seine glänzende Glatze wie mit einem hellen Heiligenschein umgab, erschien er mehr denn je als der Märtyrer und zugleich Hohepriester eines geheimen Kultes, dessen Symbole die ihn umgebenden Akten waren. »Es ist nämlich ein Chiffretelegramm angekommen,« fuhr er fort, »und der Herr Gesandte konzipiert die Antwort, die ich dann gleich chiffrieren und expedieren soll.«

»Aber Hyelm und Langenssen werden Ihnen doch dabei helfen?« frug Axel.

»Die sind fort,« antwortete Troll. »Es ist ja weit über Kanzleischlußstunde, und so jungen Leuten, die nicht mal etatsmäßige Beamte sind, denen fehlt eben doch das wahre Aufgehen im Dienst. Die wollen sich amüsieren.«

Neidenswerte junge Leute, dachte Axel, die hier Amüsement zu finden vermögen!

In diesem Augenblick trat Baron Holst aus seinem Arbeitszimmer in die Kanzlei. Er hatte die Brille von den Augen auf die Mitte der Stirn geschoben, hielt Papiere in der Hand und sah tief bekümmert aus. »Ah, Kronar,« sagte er, »schön, daß Sie da sind! Sehen Sie,« und er wies auf ein beschriebenes Blatt, »da wird mir von zu Hause telegraphiert, ich solle meinen ganzen Einfluß einsetzen, um uns die Bestellung der Holzhäuser zu sichern, eventuell könne ich der amerikanischen und schweizerischen Gruppe je einen kleinen Anteil an der Lieferung zugestehen – wir würden uns mit pars pro toto begnügen – keinenfalls aber dürfe ich die neue russische Konkurrenz aufkommen lassen. Ja – allen Einfluß einsetzen – das ist leicht gesagt! Wenn nun aber die Leute hier ihre Holzhäuser anderswo als bei uns bestellen wollen, können wir ihnen nichts tun, und das wissen sie. In solchen Fällen aber ist es mit dem Einfluß immer schwach bestellt, denn sehen Sie, Kronar: der Einfluß, habe ich oft bemerkt, ist immer nur da stark, wo man sich denken kann, daß er gelegentlich auch mal, statt von Post und Telegraphendrähten, von ganz anderen Dingen getragen werden könnte.«

»Vielleicht«, meinte Axel, »könnte unsere Firma bewogen werden, sich in der Bezahlungsfrage kulant zu zeigen. Das würde hier doch sicher von Einfluß sein.«

»Da kennen Sie unsere Holzhäuserfabrikanten aber schlecht,« erwiderte Holst. »Das sind große Herren, und die meinen, die Leute hier könnten es sich zur Ehre anrechnen, überhaupt etwas von ihnen zu bekommen. Im Grunde haben sie ja Recht – denn unsere Holzhäuser, ja, die sind eben ein industrieller Begriff, gegen den überhaupt nichts aufkommen kann. Sogar nach Kadinen haben wir geliefert!«

Der hagere Holst hatte sich in die Brust geworfen und war mehr und mehr in Eifer geraten, getragen vom Glauben an die historische Überlegenheit der heimischen Industrie. Ruhiger werdend setzte er hinzu: »Na, was an mir liegt, soll gewiß geschehen. Morgen gehe ich nochmals zu Lazarewitsch. Etiam atque etiam will ich ihm zusetzen, und vielleicht heißt es dann doch schließlich: gutta cavat lapidem. Einstweilen aber, lieber Hofrat, chiffrieren Sie dies vorläufige Beschwichtigungstelegramm, das ich eben entworfen habe, und senden Sie es nach Hause. – Und dann hoffentlich für heute: detur aliquando otium quiesque fessis

Aber noch während Baron Holst diesen Wunsch nach Ruhe aussprach, trat ein Diener ein und meldete den amerikanischen Gesandten.

»Führen Sie Seine Exzellenz in mein Arbeitszimmer,« sagte Holst seufzend.

»Soll das Telegramm nun doch abgehen?« frug Agathokles Troll in stillem Dulderton.

»Nein, nein, Herr Hofrat, warten Sie lieber noch das Ergebnis dieses Besuches ab: nescis quid vesper serus vehat« – und damit verließ Holst eilig die Kanzlei, wo Agathokles Troll, fröstelnd und in die Decke gehüllt, mit Axel zurück blieb. – –

»Mirojedsky arbeitet mit Volldampf, um die Holzhäuserlieferung für seinen Zeysigoff zu erlangen,« begann Pemberton, nachdem er die Zigarette angezündet hatte, die ihm Holst in seinem Arbeitszimmer anbot. »Er läßt alle Mittel spielen, um auf Fürst und Minister einzuwirken. Aber der Fürst wehrt sich einstweilen noch und sucht nach einem Ausweg, denn er möchte nicht in noch tiefere Abhängigkeit von dieser Protektion geraten. Da soll er, wie mir der Hofmarschall vertraulich erzählt hat, die Äußerung getan haben, eine Konkurrenzausstellung von Holzhäusern würde ihm das geeignetste Mittel erscheinen, um zu einer gerechten Entscheidung zwischen den verschiedenen Bewerbern zu gelangen.«

Holst schaute den Amerikaner verdutzt an und konnte sich offenbar nicht sogleich in die neue Lage finden. Der Gedanke, daß die von ihm vertretene weltberühmte alte Firma sich einer Art Schulprüfung unterziehen solle, war ihm nicht sympathisch. Für Anfänger wie jene dort mag das gehen, dachte er, – aber wir! Quod licet bovi non licet Jovi. So antwortete er denn gemessen und zurückhaltend: »Ich weiß absolut nicht, wie man sich bei uns zu diesem ganz unvorhergesehenen Vorschlag stellen wird.«

»Aber verehrter Kollege,« sagte Pemberton, »es liegt doch überhaupt in unserm Interesse, den Fürsten zu unterstützen in seinen Bestrebungen, Mirojedskys Bevormundung abzuschütteln. Und so viel ist ja klar, daß bei einem ehrlichen Wettbewerb die Zeysigoffschen Fabrikate nicht den Preis davontragen können.«

»Das wird Mirojedsky sich selbst aber genau ebenso sagen, und gerade darum wird er nicht auf den Vorschlag des Fürsten eingehen wollen,« erwiderte Holst.

»Aber es wird ihm schwer fallen, einen Grund für die Ablehnung der Ausstellung zu finden, der sich öffentlich vorbringen läßt,« entgegnete der Amerikaner. »Wenn wir drei auf den Vorschlag eingehen, so kann es in der Tat nichts geben, das fairer erscheint. Und Känzli, mit dem ich vorhin sprach, glaubt, daß man bei ihm einverstanden sein wird. Es würde also darauf ankommen, daß Sie die Zustimmung Ihrer Leute erlangten.«

Doch ehe noch Holst antworten konnte, trat wieder ein Diener ein und meldete, Mrs. Pemberton sei vorgefahren.

»Ach ja richtig,« sagte Nicodemus eilig aufspringend, »meine Frau wollte mich ja hier abholen. Da muß ich gleich fort.«

»Aber erlauben Sie, wir sind ja noch gar nicht zu Ende,« rief Holst bestürzt und sichtlich nervös durch die weibliche Unterbrechung. »Wenn Sie gestatten,« und er schritt zurück zur Kanzlei, »werde ich Graf Kronar bitten, Mrs. Pemberton in den Salon zu führen und ihr Gesellschaft zu leisten.«

Axel war noch in der Kanzlei und lauschte den grämlichen Aussprüchen des wartenden Hofrats.

»Lieber Kronar,« sagte Holst ärgerlich, »da kommt eben Mrs. Pemberton, während wir noch mitten in unserm Gespräch sind; tun Sie mir doch den Gefallen und unterhalten Sie sie im Salon, bis wir fertig sind. Mein amerikanischer Kollege wollte gleich weg, wie ein Knabe, den sein Kindermädchen abholt, ich aber sage: jemand, der Staatsgeschäfte besorgen will, muß auch mit der eigenen Frau fertig werden. Domum suum coercuit quod plerisque haud minus arduum est quam provinciam regere

Während Holst in sein Arbeitszimmer zurückkehrte, begab sich Axel zu Mrs. Pemberton in den Salon. Der Amerikanerin tägliche Anstrengungen, noch schön zu erscheinen, waren heute recht erfolgreich gewesen. Mit dem großen Hut und Schleier konnte man sich beim Lampenlicht vorstellen, wie sie einst ausgesehen hatte. »Nun, Graf,« sagte sie und lächelte ihn mit dem neckischen Lächeln an, das vor zwanzig Jahren die Männer bezaubert hatte und heute nur noch auf den stets gleich empfänglichen Nicodemus Pemberton wirkte, »einmal bin ich diesen schrecklichen Holzhäusern nun doch dankbar, da sie mir die Freude verschaffen, Sie zu sehen. Sie kommen ja gar nicht mehr, mich zu besuchen? Aber freilich, ich verstehe: Sie haben hier Ihre Verwandten wiedergefunden – so eine reizende Frau, unsere liebe Frau von Linteloe – da müssen Sie wohl immer bei denen sein.«

Axel sah im Geist Mrs. Pembertons Jour mit dem Pingpong und dem kleinen Hund, und er murmelte etwas von vieler Arbeit und der Einrichtung seines Hauses.

»Oh, ich verstehe es ja sehr gut,« sagte Mrs. Pemberton, »warum sollten Sie auch zu einer alten Frau wie mir kommen?« Und dabei lächelte sie wieder schelmisch und machte eine kleine Pause, um ihm Zeit zu höflichem Widerspruch zu lassen. »Aber wissen Sie, sehr bald wird mein Haus etwas wirklich Anziehendes enthalten: ich habe nämlich eben ein Telegramm erhalten, daß meine Nichte, Muriel Clarence, auf dieser Seite gelandet ist. Sie geht zuerst nach Paris und kommt dann direkt hierher zu mir. Und nicht wahr, Graf, wenn sie erst hier ist, da werden Sie mir helfen, damit sie hier das hat, was wir drüben ›eine gute Zeit‹ nennen?«

»Was täte man nicht für die Nichte einer so schönen Tante!« antwortete Axel und frug dann: »Kommt Miß Muriel allein?«

»Oh, Miß Muriel! nein, das ist zu komisch, Graf! Sie ist ja Mrs. Muriel Clarence, die berühmte Mrs. Clarence! – Ihr Mann war einer unserer bekanntesten Eisenbahnkönige, und er kam damals ums Leben, als er mit dem ersten Probezug über die große, neu erbaute Brücke auf einer seiner Bahnen fuhr – die Murielbrücke hatte er sie getauft: er war nämlich gerade acht Tage mit Muriel verheiratet und auf der Hochzeitsreise. Es war eines der größten und jedenfalls das sensationellste all unserer Eisenbahnunglücke,« fuhr Mrs. Pemberton wichtig fort, als verleihe auch ihr dieser Umstand eine gewisse Bedeutung. »Und nur durch einen Zufall war Muriel nicht selbst mit in dem Eisenbahnzug, als ein Bogen der riesigen Brücke einstürzte und der ganze Zug in dem reißenden Fluß verschwand. – Nun ist sie schon zwei Jahre Witwe und kommt zum ersten Mal nach Europa. Übrigens ersehe ich aus ihrem Telegramm, daß sie mit Mrs. Frank Anderson gereist ist und daß diese auch hierher kommen will.«

»Und wer ist nun wieder Mrs. Frank Anderson?«

»Nein, Graf, das ist zu arg!« rief Mrs. Pemberton ganz erregt. »Da kennen Sie nun sicherlich, ganz wie Ihr gelehrter Chef, all die toten römischen Schriftsteller und wissen dabei nicht, wer die große lebende Mrs. Frank Anderson ist – die Autorin, die Philanthropin, deren Bücher wir in Amerika verschlingen – mit einem Wort: eine unserer führenden Frauen.«

»Ja, sehen Sie, Mrs. Pemberton, ich habe mich von schönen Frauen stets gern führen lassen, und auf welche Ausflüge sie nur immer wollten; aber so eine als ›führend‹ etikettierte Frau? – nein, das klingt mir nun einmal gar nicht, als ob die zu der Art Frauen gehören könnte, von denen ich mich gern führen lasse.«

»Mrs. Anderson war eine unserer gefeiertsten eleganten Frauen,« sagte Mrs. Pemberton, »aber sie hat viel Unglück gehabt und ist dann Philanthropin geworden.«

»Frauen, von denen es heißt, daß sie viel Unglück gehabt haben, sind allerdings häufig sehr anziehend,« meinte Axel, »denn es bedeutet gewöhnlich, daß sie einen unangenehmen Mann hatten, und dadurch werden sie wirklich merkwürdig häufig philanthropisch gegen andere – oder wenigstens gegen einen anderen.«

»Mrs. Andersons Mann war mehr wie unangenehm,« sagte Mrs. Pemberton. »Er war ein gemeiner, roher Kerl. Sie hatte ihn aus großer Neigung geheiratet und entdeckte dann bald, daß er sie so niedrig einschätzte, wie er es selbst war. Schließlich, als das Leben mit ihm ganz unmöglich geworden war, ließ sie sich scheiden. Er sagte dazu nur, nun würde man ja sehen, wie tief sie herabkäme. Sie hat es anfänglich auch schwer gehabt, denn er hatte ihr ganzes Vermögen verschleudert, aber sie hat sich durchgearbeitet und nimmt heute eine Ausnahmestellung ein, sowohl durch ihre Bücher, die alle darauf ausgehen, das Los der Armen zu bessern, wie durch die große Anstalt, die sie in Neuyork gegründet hat und wo bedürftige Frauen in verschiedenen Berufen unterwiesen und für sie Erwerbe gesucht werden.«

»Hier bin ich, darling« sagte in diesem Augenblick Pemberton, mit Holst vom Arbeitszimmer her eintretend, »verzeih, daß ich warten ließ.«

»Oh,« sagte Mrs. Pemberton mit einem neckischen Lächeln zu Axel hinüber, »ich hatte ja inzwischen einen angenehmen kleinen Schwatz mit diesem jungen Herrn – er ist so nett, aber von Amerika weiß er noch nicht viel.«

»Ich wartete ja nur auf die Amerikanerin, die es mich lehren würde,« entgegnete Axel.

»Charming,« sagte Mrs. Pemberton, »quite charming

Nachdem dann das Ehepaar fortgefahren war, begab sich Holst mit Axel zurück in die Kanzlei und entwarf ein neues Telegramm, um die neueste Phase der großen Holzhäuserangelegenheit nach Hause zu melden. Dann dehnte er die langen hageren Glieder und sprach gähnend, aber befriedigt: »Jucindi acti labores

Mochten nun Hans Hadubrands Worte auf der Festung als eine Warnung an Axel gemeint gewesen sein oder nicht, so ließ er sich doch keineswegs durch sie in seinem regen Verkehr mit Liane stören. Er gehörte nicht zu denen, die die schwere Kunst des Entsagens üben, sondern war gewöhnt, dem, was ihn lockte, nachzugehen, um so mehr vielleicht, wenn Widerstände sich geltend machten.

Liane kam ihm dabei auf halbem Weg entgegen. Wenn auch freilich noch unbewußt. – Sie hatte früher nie viel dessen bedurft, was man übereingekommen ist Vergnügungen zu nennen, und was so oft die eigentliche Freudlosigkeit des Lebens nur schärfer zum Bewußtsein bringt. Es hatte ihr genügt, tagelang in ihrem Garten oder inmitten ihrer Bücher dahin zu leben. Jetzt aber war eine merkwürdige Unrast über sie gekommen, und sie vermochte oft kaum mehr sich zusammenhängend zu beschäftigen. Sie nahm ein Buch auf, blätterte darin und legte es wieder fort, ohne recht zu wissen, was sie gelesen. Sie konnte nirgends lange bleiben, sondern wanderte von einem Zimmer ins andere, als suche sie etwas. Sonst pflegte sie in dieser Jahreszeit, beim Durchsehen der Liste einzuladender Menschen, mit einem Seufzer der Erleichterung die vielen Kreuzchen zu betrachten, die wie Todeszeichen neben den Namen standen und die verkündeten, daß, für diese Saison wenigstens, den Betreffenden gegenüber alle gesellschaftlichen Verpflichtungen »abgemacht« seien. In diesem Frühsommer dagegen lud sie alle Bekannten immer wieder ein, organisierte Ausflüge und Tennispartien. Axel muß zerstreut werden, sagte sie sich, und merkte nicht, daß sie nur nach Vorwänden suchte, ihn mehr und mehr zu sehen, weil sie die Tage, an denen sie ihn einmal nicht traf, bereits unerträglich fand. Wenn er bei Gesellschaften in ein Zimmer trat, wo sie war, brauchte sie sich gar nicht umzusehen – sie fühlte seine Nähe sofort; dann gewannen mit einem Schlage die gleichgültigsten Dinge Bedeutung, und sprach sie auch mit anderen, so sprach sie doch nur für ihn. Ging er, so entstand eine große Leere, und sie lebte von da ab nur in der Erwartung des Augenblicks, wo sie ihn wiedersehen würde. – Das Merkwürdige an alledem war nur, daß Liane selbst es nicht verstand.

Axel beobachtete es alles, und da er schon manche Erfolge bei Frauen gehabt hatte, merkte er wohl, wie sehr er Liane beschäftigte. Aber er konnte nicht recht klug aus ihr werden. Wäre sie ein junges Mädchen gewesen, so hätte er ihre naive Unbewußtheit natürlich gefunden. So war es ihm ein Rätsel, wie sie über sich selbst so blind sein sollte. Immer wieder traute er ihr Erfahrungen zu, die sie nicht besaß. Er frug sich sogar bisweilen mißtrauisch, ob sie nicht etwa in ihm bloß das Spielzeug eines leeren Sommers sähe, vergessend, was er doch in anderen Momenten deutlich erkannte: daß sie in Gefühlshinsicht eine Langschläferin gewesen, die eben erst erwachte, durch ihn geweckt. So kam manchmal etwas Gequältes in ihre Art, miteinander zu sein; er glaubte, sie müsse ihn längst verstanden haben, und sie verstand sich selbst doch nicht.

Die gemeinsamen Spazierritte, die sie begonnen hatten, gehörten in dieser Zeit zu ihren schönsten Stunden. Als zuerst davon die Rede gewesen, hatte Linteloe erklärt, vom Reiten verstehe seine Frau nun einmal nichts, und er wolle keinesfalls bei diesen Versuchen zugegen sein; aber es gab immer eine Menge Dinge, von denen es im voraus bei ihm fest stand, daß Liane sie nicht verstehen könne, und für die sie sich bei anderen doch gelehrig erwies. So hatte sie durch Axels Gegenwart ihre anfängliche Ängstlichkeit rasch überwunden. Er weckte wieder die den Zweifel an sich nicht kennende Jugend und zugleich ein so brennendes Begehren nach seinem Beifall. Wenn sie nun neben ihm ritt, auf den Höhen hinter der Stadt oder durch die breite Silberpappelallee zu den Wiesen an den Flußufern, kam jedesmal ein Gefühl großer Befreiung über sie. Es war ihr, als entfliehe sie kettender Vergangenheit und fliege einer Zukunft entgegen, in die seine Augen sie immer weiter lockten, mit ihrem zärtlich bewundernden und doch auch ein ganz klein wenig spöttischen Blick.

Es wurde in der kleinen Fremdenkolonie viel geritten. Sogar Stratten und Wawerling schwangen sich bisweilen auf ehrwürdige Rosse, von denen die Sage ging, die beiden hätten sie gleich bei ihrer Ankunft in der Stadt an den zwei Flüssen erstanden. Man unternahm gemeinsame Ausflüge in die bergige Umgegend, nach einem der in Waldesschlucht versteckt liegenden Klöster. Aber es geschah auch oft, daß Axel und Liane allein ausritten, – und das war ihnen das liebste.

Eines Nachmittags, als Axel kam, um Liane abzuholen, ward ihm gesagt, daß sie noch nicht ganz fertig sei. Während er nun wartend im Hof neben ihrem gesattelten Pferde stand, kam es ihm, durch diese kleine Verzögerung, so recht zum Bewußtsein, welch großes, ungeduldiges Verlangen ihn zu ihr trieb. Bei allen bisherigen Gefühlsstationen längs seines Lebensweges hatte er immer einen Fuß im Steigbügel behalten, bereit weiter zu ziehen, sobald es ihm beliebte, – und es hatte ihm meist bald beliebt. Jetzt war das, scheinbar wenigstens, ganz anders: von den Empfindungen, die ihm sonst nur gefügige Arbeiterinnen an seinem Lebenskunstwerk gewesen, fühlte er sich nun selbst völlig beherrscht. Ja, er konnte keinen Zweifel mehr darüber hegen: er liebte Liane – und war ihr zugleich beinah gram, daß er sie so sehr liebte.

Als sie nun aber aus dem Hause auf ihn zukam, verflogen all diese Gedanken, und nichts blieb übrig als eine große Freude und Bewunderung. Wie sie so da stand in dem eng anliegenden Reitkleid und die grauen Handschuhe überstreifte, sagte er sich, daß er nichts an ihr hätte ändern mögen, – und wenn er auch schwieg, so erzählten es ihr doch seine beredten Augen.

Und es tat Liane wohl, so angesehen zu werden! Heute mehr denn je, wo sie sich nur verspätet hatte, weil Linteloe ihr im letzten Augenblick Vorhaltungen über die Rechnung eines Damenwäschegeschäfts gemacht hatte, die durch ein Versehen an ihn statt an sie gerichtet worden war. »Du könntest wirklich anfangen, all den überflüssigen Firlefanz zu lassen,« hatte er höhnisch gesagt. »Damit machst du doch niemand was weiß. Und wem kommt überhaupt all der dumme Kram zugute? Mir doch sicher nicht.«

Sie fühlte sich noch ganz wund und zerschlagen von dem Gespräch, aber nun sagten es ihr ja Axels Augen, daß es doch solche gebe, denen es eine Freude sei, sie anzuschauen. Seine Blicke waren wie eine leicht über sie hinhuschende und sie doch ganz umfangende Liebkosung, und als er sie nun auf das Pferd hob und ihren Fuß in dem weichen gelben Reitstiefel in den Steigbügel steckte, wehrte sie sich nicht gegen das seltsam wohltuende Gefühl, das von ihm auszuströmen schien. Es war ihr, als sei sie ein kleiner zerzauster Vogel, dessen gesträubte Federchen sanft glatt gestrichen werden und der, noch halb erschrocken, sich doch schon still und wohlig duckt in der Hand, die ihn hält.

Während er wartend im Hof gestanden, hatte Axel einen ganzen Plan entworfen, wie er diesen Ritt zu einer Aussprache benutzen und sie gewinnen wollte; aber sobald er den wehen und bittern Ausdruck um ihre Mundwinkel gewahrte, schwanden alle Pläne – er empfand nur das eine Bedürfnis, sie wieder lächeln zu sehen. Und er begann um dies Lächeln zu werben mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten und indem er, von sich schweigend, ihr lauter Dinge erzählte, von denen er wußte, daß sie sie belustigen würden. Eine Mischung verschiedener Gefühle leitete ihn dabei: es war ihm an sich zuwider, Gram, Schmerz oder auch nur die leiseste Verstimmung bei irgend jemand sehen zu müssen, denn das waren Anblicke, die zu wenig in seine leichte, unbekümmerte Anschauungsweise paßten. Er wich ihnen drum am liebsten ganz aus; wo das aber nicht anging, mühte er sich instinktiv, sie fortzuscheuchen, sogar von den Gesichtern ihm gleichgültiger Menschen. Hier aber, wo es sich um Liane handelte, kam zu dem angeborenen Widerwillen gegen jede Verunschönung des Lebensbildes doch auch noch ein bißchen ganz ehrliches Mitleiden hinzu. Sie fühlte denn auch sofort den spontanen Wunsch, ihr wohlzutun, und gerade in dieser scheinbar unberechnenden Art erschien er ihr unwiderstehlicher denn je.

Sie waren in eine breite Avenue eingebogen, die auf künftigen großstädtischen Verkehr berechnet schien. Vereinzelte hohe, offizielle Bauten kündeten, daß sich hier einmal ein eleganter Stadtteil erheben solle. Aber als Rest der Vergangenheit, die noch so sehr Gegenwart war, daß alles andere Zukunftsphantasie schien, standen da bescheidene einstöckige Häuschen, alle hell gestrichen und nicht ärmlich, sondern genügsam in ihrer Dürftigkeit. Man gewahrte malerische Höfe mit Kürbisranken, die an den herabhängenden Dächern emporkletterten, und schattige Plätze unter alten Nußbäumen.

Aus einem der hellen einstöckigen Häuschen traten gerade ein paar wohlbeleibte ältere Frauen und watschelten auf absatzlosen Schuhen behäbig über die sonnige Straße. Sie trugen weite, faltige Röcke und kurze Bolerojäckchen. Auf dem Kopf hatten sie kleine rote Kappen, flachen Fez ähnlich, um die ihre schwarzen Zöpfe geschlungen waren. So begaben sie sich zur Nachmittagsjause in eines der anderen hellen einstöckigen Häuschen, wo sicher andere ebenso beleibte und ebenso gekleidete Frauen wohnten.

»Solche Menschen sind eigentlich doch nur unveränderliche Wiederholungen eines feststehenden Typus,« sagte Axel. »Genau dieselben müssen von jeher über diese Straßen geschritten sein, und nach diesen werden hier sicherlich immer wieder gleiche gehen.«

»Wahrscheinlich sind sie auf ihre Weise aber ganz zufriedene Menschen,« sagte Liane, »weil sie, so wie sie nun mal sind, in ihr Leben hinein passen und sicher nicht von Besonderem, Wunderbarem träumen.«

»Allerdings nicht!« lachte Axel. »Irgendwelche vage, quälende Aspirationen könnte man sich in diesen würdigen Busen unmöglich vorstellen. Aber neidenswert erscheinen sie dir darum doch nicht etwa?«

»Nein, sicherlich nicht,« antwortete Liane, »denn das eigentliche Leben beginnt doch überhaupt erst beim Fühlen der Unvollkommenheit und Sehnen nach Höherem. Die Sehnsucht ist, glaube ich, das Beste, was wir zu empfinden vermögen; sie hebt uns weit hinaus, nicht nur über solch genügsame Behäbigkeit, sondern auch über all das, was die Welt als ein Erreichen feiert – und was doch meist nur ein Erklimmen von Maulwurfshügeln ist.«

Axel sah sie erstaunt an, denn die Leute, die in der Welt etwas erreichen, worunter ihm vor allem Botschafter vorschwebten, waren ihm bisher nie erschienen, als ständen sie nur auf Maulwurfshügeln. Liane hatte offenbar eine originelle Werteinschätzungsart. Aber wie sah sie doch reizend zu Pferde aus, und wie elegant hob sich die Silhouette ihrer geschmeidigen Gestalt vom lichtdurchfluteten Himmel ab! – Er empfand ein weltmännisch-künstlerisches Behagen, sie zu betrachten. Welch tiefe, angeborene Kenntnis der Pose manche Frauen doch besitzen, dachte er; und Ansichten sind bei ihnen schließlich auch nur Pose. Er entsann sich dabei einer schönen Frau in Petersburg, die, selbst mit Perlen bedeckt, alles Eigentum als Diebstahl zu bezeichnen liebte; einer anderen, die, von dem sicheren Maulwurfshügel der hohen Stellung ihres Gatten herab, die Rückkehr zur einfachen Lebensweise der Erdbebauer als einzig erstrebenswertes Ziel pries. Diese Frauen, die mit solch unerwarteten Ansichten ihrem äußeren Leben völlig widersprachen, waren ihm stets als anziehender, des Ergründens werter Typus erschienen. Er klassifizierte nun Liane zu ihnen.

Sie klassifizierte gar nicht. Sie empfand nur, daß, nachdem sie so lang allein auf der Welt gewesen, nun einer neben ihr stand, den sie von klein auf gekannt, der gleicher Abstammung war und ihr sicher seelisch verwandt sein mußte. Es erschien ihr natürlich, vor ihm auszusprechen, was sie sonst nur dachte. Was er für Pose hielt, war ein völliges Sichgehenlassen.

Sie hatten inzwischen einen Landweg eingeschlagen, der zwischen Weinbergen hinanführte. Auf der Höhe angelangt, hielten sie jetzt, um die Pferde rasten zu lassen, und schauten hinaus auf die weite Ebene mit dem silbernen Band der beiden Flüsse.

»Du sprichst so viel von Sehnsucht, Liane,« sagte nun Axel und schaute sie pfiffig lächelnd an, »aber was meinst du eigentlich damit? Ist es vielleicht so eine allgemeine Geneigtheit, sich zu verlieben, ohne recht zu wissen, in wen?«

»Das ist mir eine neue Deutung, an die ich bisher nicht gedacht,« antwortete sie lachend. »Aber du magst damit für manche Recht haben. Sehnsucht soll ja immer einen Mangel füllen ... Und ...« setzte sie ernster hinzu: »ein ganz liebeleeres Leben ist sicher eines der traurigsten Geschicke.«

»Na siehst du,« rief er triumphierend, »ich habe also doch richtig geraten! Und der passende Gegenstand liegt ja längst zu deinen Füßen. Laß mich es sein, bitte, bitte. Du glaubst gar nicht, wie nett ich bin.«

»Du bist gar nicht sehr nett und machst dich über deine alte Cousine auch noch lustig.«

»Alt? ach, du!« und es zuckte überlegen um seine Lippen. »Bist ja immer noch das ganz kleine Mädchen, das von nichts weiß.«

Sie lächelte mit leiser Wehmut und sagte: »Und du bist, fürcht’ ich, noch immer der schlimme kleine Junge von früher, den wir alle verzogen.«

»Aber jetzt verziehst du mich ja gar nicht mehr,« entgegnete er in vorwurfsvoll klagendem Tone. »Und was der alte Onkel Elmensdal sagte, der doch dein Vormund war, das hast du offenbar ganz vergessen.«

»Was sagte er denn?«

»Daß hübsche Frauen nicht gar so geizig mit sich sein sollten, weil solcher Geiz eigentlich die ärgste Verschwendung bedeute.«

Das Bild des alten jovialen Herrn, der das Leben eine komfortable Sache nannte, stieg vor ihr auf, und sie antwortete lächelnd: »So etwas dürfen vielleicht alte Onkel sagen, aber nicht junge Vettern.«

»Und erinnerst du dich eines anderen seiner goldenen Weisheitssprüche?« fuhr Axel fort. »Der lautete: Was wär’ das Leben ohne ein bißchen Liebe!«

»Ein bißchen Liebe?« wiederholte sie sinnend. »Ja, siehst du, das kann ich mir nun gar nicht vorstellen. Liebe kaum – aber Liebe und ›ein bißchen‹ erst recht nicht – nein, nein, Axel, das paßt nicht zusammen und stillte wohl keine Sehnsucht.«

»Es gibt Menschen, denen gegenüber es ja auch wohl nie bei einem bißchen bliebe!« entgegnete er. –

Axel wollte weiter reden, aber aus einem Seitenweg kam ihnen ein Reiter entgegen, und er erkannte von weitem Mirojedsky. »Wie ärgerlich,« sagte Axel leise, »nun wird er uns begleiten wollen – und es war so schön mit dir allein!«

Sie schaute ihn erfreut an, denn jedes solche Wort tat ihr heute wohl. Und richtig bat Mirojedsky in süßester Stimme: »Haben Sie Mitleid mit meiner Einsamkeit und gestatten Sie mir, mich ein Stückchen anzuschließen!« – Denn nicht nur auf politischem Gebiet machte es ihm gelegentlich Freude, die Kombinationen anderer zu stören.

So wandten sie der Pferde Köpfe und traten alle drei den Heimweg an.

*

Vor Lianens Torweg empfahl sich Mirojedsky. Axel ritt mit ihr in den Hof. Es war ihr, als ob durch die bloße Nähe des eigenen Hauses wieder eine Last auf sie sänke, und vergleichend empfand sie um so stärker die befreiende Schönheit der Stunde, die sie eben mit ihm draußen verbracht hatte. Sie verdankte ihm Freude so gern, und in diesem Gefühl blieb sie, nachdem er sie vom Pferde gehoben, auf der Eingangstreppe des Hauses stehen und sagte: »Du bist mir heute ein rechter Trost gewesen, Axel – ich danke dir dafür.«

In ihm aber wallte ein Gefühl ungeduldigen eingedämmten Wollens bei dem Gedanken auf, sie nun gleich hinter dieser Türe verschwinden zu sehen und sie ihrem eigenen Leben zurückgeben zu müssen, das er haßte und auf das ihn zuweilen eine brennende Eifersucht überkam – so wenig Grund dazu freilich sein mochte. Und er antwortete bitter, indem er unmutig mit der Gerte gegen seine hohen Reitstiefel klopfte: »Du dankst mir, Liane – aber kommt dir nie der Gedanke, daß vielleicht auch ich des Trostes bedürfe?«

»Du, Axel?« frug sie betroffen und sagte dann schmerzlich: »Ach, schleppen wir alle denn Ketten?«

»Früher habe ich das nie empfunden,« antwortete er, »aber jetzt fange ich an, es zu glauben, weil die Kette des Menschen, den wir lieben, notwendigerweise auch zu der unsrigen wird. Und ich sehe ja, wie sehr du an deiner Kette leidest.«

Sie sah ihn erschrocken an. Alles, was er auf dem Ritt gesagt, war ja bloß ein Necken und Geplänkel gewesen, worin sie nur den Wunsch zu sehen geglaubt, sie zu erheitern. Aber diese letzten Worte hatten einen so ganz anderen Klang: da war nichts mehr von Scherz. Sie wollte erwidern, fand aber keine Worte. Während sie sich noch so gegenüber standen und Liane ihn anstarrte, als sei sie plötzlich gewahr geworden, daß nicht ein paar trennende Treppenstufen zwischen ihnen lagen, sondern daß da eine tiefe Kluft gähnte, vor der Schwindel sie ergriff, ging das Hoftor wieder auf, und von der Straße kommend trat Herr von Linteloe ein.

Selbst im Freien wirkte er zu massiv und wuchtig, und es war eine ganz unwillkürliche Bewegung, mit der Liane rasch zurücktrat, um ihm auf der Treppe Platz zu machen. Aber es lag doch noch mehr darin: es war, als wolle sie in den Schutz des Hauses vor dem Abgrund fliehen, der sich da eben, unheimlich dräuend, zu ihren Füßen geöffnet hatte. – Vielleicht aber war gerade der Herr dieses Hauses diejenige Gewalt, durch die sie in den Abgrund getrieben werden sollte! – Linteloe ahnte nichts von dem, was sich da in dem Bruchteil einer Sekunde vor ihm abspielte. Er schien in bester Laune und entsann sich offenbar gar nicht mehr der scharfen Auseinandersetzung, die er ein paar Stunden vorher mit seiner Frau gehabt. Er rechnete es sich auch stets als besonderes Verdienst an, daß er so rasch vergaß, was ihm doch eben noch heftigen Ärgers wert erschienen war; Liane aber sah darin einen Zug, der die Mißachtung solcher ihr zugefügten Kränkungen noch verletzender machte.

»Na, ihr kommt wohl eben von eurem Ritt nach Hause? Und Maximiliane scheint ja nicht ’runtergepurzelt zu sein!« sagte er mit seiner laut dröhnenden Stimme, die immer Erinnerungen an Exerzierplätze erweckte. »Ich bin währenddem mit Nutzen ausgewesen. Donnerwetter, Kronar,« dabei klopfte er Axel auf die Schulter, »ist das aber ein Weib, was ich da eben gesehen habe!«

»Wen denn?« frug Axel.

»Mrs. Clarence, die Nichte der alten Pemberton. Rassig! mein Lieber, rassig! wenn sie auch aus dem Lande kommt, wo, wie man sagt, niemand weiß, wer sein eigener Urgroßvater war, und es also Rasse in unserm Sinn gar nicht geben kann. Müssen aber in diesem Fall feine stramme Kerls gewesen sein, diese eventuellen Großväter! Alle Achtung!«

»So, also die Wundernichte, von der Mrs. Pemberton so gern spricht, ist da?« sagte Axel.

»Ja, und ich war zufällig gerade bei Pemberton, um mal ein bißchen auf den Busch zu klopfen wegen der Holzhäuser, da kamen die Damen an. Es ist nämlich auch noch eine andere dabei, eine Mrs. Anderson – na, die ist weniger mein Genre: höhere Lebensziele, Aufwärtsführung der Menschheit ... Du kennst wohl auch die Sorte, Kronar? – Man findet sie unter den Weibern, wo es für alles andere heißt: rien ne va plus. Ich wurde dann gleich zum Tee dort behalten. Morgen wollen sie zum Fest nach Wawedine kommen, um gleich möglichst viel Lokalfarbe zu sehen. Wir haben verabredet, daß Mrs. Anderson mit Pembertons in deren Wagen fährt und daß ich Mrs. Clarence hinkutschiere.« Als fiele ihm plötzlich Lianens Existenz ein, setzte er dann rasch hinzu: »Denn du hattest doch nicht auf meine Pferde gerechnet?«

Schnell dazwischen tretend antwortete Axel statt ihrer: »Es war ja schon längst verabredet, daß mehrere von uns mit Liane nach Wawedine reiten würden. Ich hole sie morgen nachmittag dazu ab.«

»Na, dann ist ja alles schön,« meinte Linteloe behäbig, setzte aber, als er Lianens kalten und herben Ausdruck gewahrte, rasch hinzu: »Willst du nicht vielleicht heute abend bei uns essen, Kronar? Dann lass’ ich’s noch Stramm sagen, und wir machen nachher ein Partiechen, was?«

Axel aber lehnte die Einladung ab und schaute gar nicht zu Liane auf, um den Blick nicht zu sehen, der vielleicht bittend auf ihm ruhte. Denn es war ihm in der letzten Zeit schon oftmals so gegangen:

er verlangte zu sehr nach ihr, um es nicht irritierend zu finden, sie im ganz kleinen Kreise sehen zu müssen, wo keine Absonderung, sondern nur allgemeine Konversation möglich war; sie aber schien das nicht zu verstehen, und ihre Augen hatten ihm dann jedesmal, deutlicher als sie es vielleicht selbst wußte, gesagt, daß es ihr schon Glück sei, ihn auch nur im selben Zimmer zu wissen.

Heute aber dachte sie nicht daran, ihn zu halten. Sie hatte mit einemmal nur den einen Wunsch, ganz, ganz allein zu sein.

*

So pünktlich auch Axel am nächsten Nachmittag kam, um Liane abzuholen, fand er doch Stramm sowie Zavorina und Belany schon vor, und es glückte ihm nicht, noch ein Wort mit ihr allein zu sprechen. – Sie sah blasser aus als sonst und hatte den etwas ängstlich verwirrten Ausdruck von jemand, der plötzlich aus Träumen aufgeschreckt worden ist. Aber gerade so dünkte sie ihm reizender denn je, weil er fühlte, daß dieser neue Ausdruck das Werk seiner eigenen gestrigen Worte war, und ihm dies Bewußtsein ein wonniges Gefühl von Macht verlieh. Zugleich erschien sie ihm auch rührend in ihrer Befangenheit, und er hätte ihr gern zugeflüstert: warum ängstigst du dich, wo ich dich doch so lieb habe?

Aber es war, als vermeide Liane, ihm Gelegenheit zu geben, mit ihr zu reden. Auf dem langen Weg zum Kloster Wawedine befand sich immer einer der anderen an ihrer Seite, und die Konversation war sehr lebhaft, denn einige Herren hatten die neu angekommenen Amerikanerinnen schon am Vormittag in der Straße kennen gelernt, als Mrs. Pemberton ihren Gästen die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt zeigte, und sie sprachen nun enthusiastisch über die Schönheit von Mrs. Clarence. Der kleine Belany besonders, der nie zuvor eine Amerikanerin gekannt hatte, redete sehr erfahren von »typischer Neuyorkerin«, und Stramm hob hervor, daß Mrs. Clarence nicht nur schön, sondern, wie er genau wisse, durch die Erbschaft ihres Mannes auch fabelhaft reich sei, und zwar sei dies Vermögen ganz korrekt im Eisenbahnbau erworben worden, während der Ursprung manch anderer transatlantischer Millionen vor dem peinlich genauen Maßstab germanischer Feinfühligkeit doch nicht mit Ehren bestehen könne.

Man merkte den jungen Leuten die Freude darüber an, daß endlich durch ein äußeres Ereignis etwas Bewegung in das gleichförmige Einerlei des Lebens kam. Und den anderen, älteren Diplomaten, die die Reiter auf dem Wege einholten und dann draußen beim Feste trafen, ging es ebenso. Von augenblicklichen Eindrücken sich berufsmäßig nährende Menschen, freuten sie sich, daß ihr Bedürfnis nach sensationellen Neuigkeiten durch die Ankunft der interessanten Fremden eine kleine Befriedigung fand, die doch andererseits auf einem Gebiete lag, das jede Notwendigkeit einer Berichterstattung auszuschließen schien.

Der Weg ward voller und voller. Reiter, städtische Fiaker und herrschaftliche Fuhrwerke drängten sich. Auf all den Seitenpfaden, die, von Dörfern und einzelnen Gehöften kommend, sich durch das Gelände schlängelten, sah man Scharen von Landleuten der breiten Straße zuströmen. Hochgewachsene Männer in rauhen braunen Filzanzügen, bestickten Strümpfen und schwarzen Pelzmützen schritten weitaus. Frauen in bunten gefältelten Röcken, die seitwärts emporgerafft das kunstvoll verzierte Hemd darunter sehen ließen, eilten hurtig zum Feste. Spielleute zogen des Weges, den Brummbaß auf dem Rücken, und Zigeuner mit harten Zügen und lauernden Blicken, die einen Tanzbär führten. Weiße Ochsen mit spitzen, weit geschweiften Hörnern zogen lange Reihen bekränzter Leiterwagen, gefüllt mit Bäuerinnen in grell farbigen Nationaltrachten. Zwischen dem jungen Gründer zu beiden Seiten des Weges wogenden Maisfelder glichen diese Frauen in ihren leuchtenden Kleidern seltsam gefärbten Riesenblumen. Und auch darin den Blumen ähnelnd, schienen sie, wenigstens an diesem einen Festtag, nichts mehr von des Alltags Sorgen zu wissen. Mit der etwas feierlichen Freudigkeit von Menschen, denen nichts zu tun ein bemerkenswertes Ereignis ist, schauten sie hinaus in den flimmernden Sonnentag.

Weiter führte der ansteigende Weg durch ein Gehölz alter Eichen, unter deren frischen, noch rötlichen Blättern die Blüten gleich goldenen Quästchen hingen. Die Kühle des Waldes war wohltuend nach der Hitze der Straße. Die Reiter ließen ihre Pferde im Schritt gehen. Dicht hinter Liane reitend sah Axel, wie die Schatten des Geästes über ihre Gestalt spielten, wie die durchbrechenden Sonnenstrahlen plötzlich glänzende Lichttupfen auf ihr Haar setzten. Und die Welt dünkte ihn ein guter Aufenthaltsort!

Nun waren sie an ein ländliches Gasthaus mit breiter, offener Veranda gekommen. Auf einem freien Platz davor standen Bänke und Tische unter hohen alten Bäumen, und dieser Platz ging über in eine große abgemähte Wiese, auf der sich, im vollen grellen Sonnenschein, der weltliche Teil des Festes abspielte. Hunderte von Landleuten, Frauen in den besonderen Trachten verschiedener Dörfer, Männer, die noch ganz bäurisch, und andere, die schon halb städtisch gekleidet waren, wogten auf und ab, standen in Gruppen vor den kleinen Garküchen, wo gebratene Spanferkel feilgeboten wurden, feilschten mit den Hausierern, die allerhand billigen Schmuck, Wohlgerüche und bunte Tücher anpriesen.

Seitwärts davon aber führte der Weg weiter in eine düstere Schlucht, an deren Ende man das Kloster Wawedine gewahrte; dort ruhte der Heilige, dessen Namenstag gefeiert wurde. Aus tiefem Schatten alter Bäume leuchtete das Gebäude gespenstisch auf mit seinen weißen Umfriedungsmauern und dem frisch gekalkten Turm seiner Kapelle. Und von dem Festplatz bewegte sich durch die Schlucht ein ununterbrochener Strom fröhlicher, vielfarbiger Gestalten hin zu dem Wallfahrtsorte. Von der Eingangspforte führten ein paar Stufen hinab in die Kapelle. Wie nun die vielen bunten Gestalten so nacheinander durch diese Tür hinunterschritten und im Dunkel verschwanden, war es, als würden all die leuchtenden Farben der Erde von unterirdischer Finsternis angezogen und verschlungen.

*

 Die Reiter waren bei dem kleinen Gasthaus abgestiegen, und Axel dachte, daß er nun in dem Gewühl der Menge ganz bestimmt die Möglichkeit finden würde, mit Liane allein zu reden. Sein ganzes Wesen strebte danach. Aber sie waren sogleich von Bekannten umringt, und während sie noch alle im Schatten der Bäume standen, kam auch schon Linteloe mit kunstvoller Volte vorgefahren, stolz, der strahlend schönen jungen Frau, die neben ihm auf dem hohen Sitze thronte, sein mustergültiges Kutschieren zu zeigen, stolz auch vor den anderen, als erster mit der Fremden zu paradieren.

Nun mußte man die Neuangekommene begrüßen, die schon im voraus so viel Interesse erregt hatte. Die jungen Herrn besonders drängten herbei, aber sogar die indolente Marquesa de los Toros öffnete ihre schönen schläfrigen Augen, um die Tochter jenes einst gegnerischen und sieghaften Landes genauer zu betrachten.

Und diese junge Frau, die sich von Herrn von Linteloes hohem Wagen leicht herabschwang, hatte wirklich etwas Sieghaftes und dabei der eigenen Kräfte doch kaum Bewußtes, weil sie ihr zu selbstverständlich sein mochten. Nicht nur persönliche Jugend, sondern die unverbrauchte Neuheit eines ganzen Kontinents schien sie zu verkörpern, und Vorräte ungenutzter Fähigkeiten schlummerten wohl noch in ihr wie in ihrem großen Heimatsweltteil. An einen Frühmorgen auf weiter westlicher Prärie dachte man bei ihrem Anblick, an das Wehen frischen Windes, der um Sonnenaufgang einen Hauch von fernen schneebedeckten Bergen auf seinen Schwingen trägt. Es war in ihr das Lachende, Fröhliche derer, denen noch jeder Weg offen steht. – Weil aber dies alles einen so völligen Gegensatz zu ihr selbst bildete, empfand Liane unter allen Anwesenden Mrs. Clarences Eigenart mit einer beinah schmerzhaften Deutlichkeit. Den anderen war die Amerikanerin eine junge Frau, deren leuchtende Schönheit noch gehoben ward durch märchenhaften Reichtum und völlige sorglose Selbständigkeit; Liane aber sah in ihr die Verkörperung der Freiheit, des Höchsten, wonach die Sehnsucht von Völkern und Einzelnen strebt, und Muriel Clarence dünkte sie vor allem neidenswert, weil sie die Reihe goldener Jugendjahre, die vor ihr lagen, noch ganz, wie sie wollte, verschenken durfte. Ihr gegenüber fühlte sich Liane plötzlich bettelarm. Unwillkürlich sah sie sich um, als suche sie dasjenige, was bei der Verteilung der Welt denn ihr als Anteil gegeben worden – – und wie sie so suchend schaute, erblickte sie, zwischen den vielen gleichgültigen, ein paar wohlbekannte Augen, die ihr all die letzten Wochen geschienen hatten. Diese Augen hielten die ihren fest gebannt, als wollten sie sie zwingen etwas zu hören, das nicht länger ungesagt bleiben konnte; deutlicher als mit Worten sprachen die Augen zu ihr: »Wir sind es, die dir gehören, ganz, ganz!« – Es war ein Blick, unter dem sie zusammenzuckte, wie bei einer Berührung. Sie mußte sich abwenden, als sei ein allzu blendendes Licht vor ihr aufgeglüht. Aber dabei flammte es, halb Wonne, halb Schmerz, in ihrem eigenen Herzen auf: »Dann bin ich ja reich, reich!«

Als nun an Axel die Reihe kam, der schönen Fremden vorgestellt zu werden, bemerkte Liane denn auch, daß er dabei nichts von dem Eifer der anderen an den Tag legte und von der Neuerscheinung am kleinen gesellschaftlichen Firmament keineswegs hingerissen wie jene schien. Sie empfand darüber eine ganz unwillkürliche Genugtuung. – Axel aber hätte gar nicht anders gekonnt. Dadurch, daß er Mrs. Clarence zuerst in Gesellschaft Linteloes anfahren sah, verband er sie in seiner Vorstellung ganz unbewußt mit diesem, was ihr in seinen Augen keineswegs dienen konnte. Vor allem aber empfand er grade jetzt keinerlei Neigung, in einer Schar von Satelliten um diesen strahlenden Stern anbetend zu kreisen, weil er sich augenblicklich ganz von der völlig entgegengesetzten Eigenart Lianens angezogen fühlte und sich mit viel zu viel Wohlgefallen in die Rolle des Gebenden hineingedacht hatte, von dem sie Licht und Wärme empfangen sollte.

Aber nicht nur Liane bemerkte die kühle Gleichgültigkeit Axels gegen die schöne Fremde. Dieser selbst, die des Unbeachtetseins ungewohnt, fiel sein Mangel an Beflissenheit auf. Das reizte sie sofort, wie jedes Widerstreben bei Sport und Jagd. Sie wollte nun grade mit ihm ins Gespräch kommen. Aber er stand schon wieder an seinem vorherigen Platze – bei einer sehr zarten, blassen Frau, die sie eben als Frau von Linteloe kennen gelernt hatte.

Bald kamen nun auch Pembertons mit ihrem anderen Gaste angefahren. Darling, die um ihrer selbst willen nicht mehr viel Beachtung zu finden pflegte, sonnte sich im Bewußtsein, durch die strahlend schöne Nichte und die berühmte Freundin selbst an Bedeutung gewonnen zu haben. Geschäftig stellte sie nun vor: »Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota« – und erläuternd setzte sie leise hinzu: »Die bekannte Mrs. Clarence, Witwe des großen Eisenbahnkönigs – Hochzeitsreise – Brückeneinsturz – größtes Eisenbahnunglück der Staaten.«

Oder auch: »Mrs. Frank Anderson aus Neuyork« – »Sie wissen doch, die berühmte Mrs. Anderson, Philanthropin – Schriftstellerin – führende Frau der Staaten.«

Aber neben Mrs. Clarence fand die ältere Reisende weniger Beachtung, nur auf Liane schien gerade sie einen besonderen Eindruck zu machen. Das stille, ernste Gesicht Mrs. Andersons war ihr wohltuend; es sah aus, als habe sie die Antwort auf manche Frage gefunden. Lianen selbst aber starrten heute überall ungelöste Fragen entgegen, gleich rätselhaft grinsenden Gesichtern, vor denen sie sich fürchtete. Am vorhergehenden Abend hatte sie, nach Axels Worten, nur den einen Wunsch gekannt, allein, ganz allein zu sein; dann aber war die Nacht so unerträglich gewesen – mit all der in den dunklen Einsamkeiten aufsteigenden Sehnsucht, mit ihren Zweifeln und ihrem Verzweifeln –, daß ihr jetzt all die gleichgültigen Gesichter und die oft vernommenen Redensarten eine Beruhigung gewährten. Sie empfand die ihr aus dem täglichen Lebenseinerlei gewohnten Menschen wie einen Schutz: so lang die da waren, konnte sicher nichts Absonderliches geschehen, vor allem konnte sie selbst nicht ergriffen werden von dem atemberaubenden Etwas, dessen Nahen sie fühlte, nicht wissend: war es in ihr, oder war es eine von außen auf sie eindringende Macht.

So hielt sie sich geflissentlich im Kreise der anderen, ob sie gleich merkte, daß Axel sich mit ihr abzusondern strebte. Und die anderen blieben vorläufig alle am Eingang der Festwiese, denn der Despot hatte ja sein Erscheinen zugesagt, und er mußte bald eintreffen. Jeder wollte zu seiner Begrüßung bereit stehen.

Abgesehen von dem üblichen Wunsch, wo sich »der Hof« zeigte, dabei zu sein, um seinen Glanz zu empfangen und ihm solchen durch die eigene Gegenwart auch wiederum zu verleihen, leitete die Herren diesmal noch ein besonderes, rein geschäftliches Interesse: Vielleicht würde man bei dieser Gelegenheit über die alle beschäftigende Holzhäuserangelegenheit, die seit Tagen still zu stehen schien, doch etwas Neues erfahren! – Die Beteiligten verhielten sich den anderen gegenüber freilich völlig zurückhaltend, aber es fiel auf, daß Holst, Känzli und Pemberton, die man bisher als Gegner gekannt, heut einträchtig beieinanderstanden. »Ich vermute, Holsts Regierung fängt an, dem Plan der Konkurrenzausstellung geneigter zu werden,« sagte Wawerling zum Doyen, »aber was wird dann wohl Mirojedsky tun?«

»Nun, der sucht doch natürlich Stimmung gegen die Absicht des Fürsten zu machen,« antwortete van Stratten.

Wirklich unterhielt sich Mirojedsky hauptsächlich mit den verschiedenen einheimischen Notabeln, Literaten, Beamten, Abgeordneten und Offizieren, die wegen des erwarteten Besuches des Herrschers ebenfalls zu dem Volksfest erschienen waren. Mit melodischer Stimme bediente er sich dabei ihrer eigenen, ihm geläufigen Sprache, die die anderen Fremden nicht verstanden. Er liebte es, auf diese Weise und mit einer halb gönnerhaften Miene die Stammverwandtschaft zu markieren.

Doch nun ward auf dem Wege eine rasch heransprengende Reiterschar sichtbar, und man erkannte den Despoten mit seinem militärischen Gefolge. Vor dem Gasthaus stiegen die Herren ab, und Hans Hadubrand begann sofort in seiner wohlerzogenen Art, die mehr Pflichttreue als eigentliche gesellschaftliche Gewandtheit verriet, die Anwesenden zu begrüßen. Rechts und links richtete er an die zunächst stehenden Einheimischen ein paar Worte in der ihm noch etwas ungeläufigen Landessprache. So gelangte er zu den fremden Diplomaten. Er suchte offenbar seine Huld ganz gleichmäßig zwischen ihnen zu verteilen; aber während er Mirojedsky gegenüber befangener noch als sonst war und daher auch steifer wirkte, hatte er im Gespräch mit Holst, Känzli und Pemberton etwas natürlich Harmloses, als wisse er sich bei ihnen auf sichererem Boden.

Dann wandte er sich den Damen zu und redete Liane an. Aber er konnte nicht so lang mit ihr sprechen, wie er vielleicht gewollt, denn neben ihr stand Mrs. Pemberton, der man die Ungeduld anmerkte, ihre beiden Gäste vorstellen zu können. »Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota – Witwe des bekannten Eisenbahnkönigs – Brückeneinsturz – größte Eisenbahnkatastrophe der Staaten –« hörte man sie murmeln, und dann wieder: »Mrs. Frank Anderson aus Neuyork, Schriftstellerin – Philanthropin – führende Frau der Staaten –«.– Der Besuch so bemerkenswerter Ausländerinnen war ja aber auch tatsächlich ein Ereignis, das die Aufmerksamkeit des Landesherrschers beanspruchen durfte! – Sich erinnernd, daß ihm die Herzogin Mutter einmal geschrieben hatte, nichts zu versäumen, was den Fremdenverkehr in sein noch wenig bereistes Land lenken könnte, nahm Hans Hadubrand die Absätze zusammen, was er ganz unbewußt tat, wenn er an seine Mutter dachte, und versicherte dabei die beiden Damen, wie sehr er sich freue, sie in seinem Staate zu begrüßen und ihnen gleich dies charakteristische Volksfest zeigen zu können.

»Wir wollen mit dem Besuch der Kapelle beginnen,« sagte der Fürst. Von den Übrigen gefolgt, schritt er nun, zwischen Liane und Mrs. Anderson, durch die Schlucht dem Kloster Wawedine zu.

Überall auf dem Wege wurde er von der Bevölkerung mit einer gewissen gleichstellenden Freundlichkeit begrüßt, und Axel, der sich Lianens halber möglichst nahe hielt, dachte unwillkürlich: Ob Haha in diesen Kundgebungen nicht doch etwas von jener in Gnadenhausen-Rattenburg noch üblichen Untertänigkeit vermißt? –

Schwarz gekleidete Priester mit wallenden Bärten und langem Haupthaar, das unter den steifen, schwarzen Mützen herabfloß, harrten des Despoten am Eingang des Wallfahrtsortes und empfingen ihn mit eintönig psalmodierendem Gesang. So geleiteten sie ihn hinab zur tief gelegenen Grabkapelle. Dort unten schien es zuerst ganz dunkel. Nur ein paar brennende Kerzen bildeten schmale Lichttupfen in der weihrauchschweren Luft. Bald aber erkannten die Eintretenden, daß der ganze Raum angefüllt war mit den Scharen fröhlicher Bäuerinnen, die in langem Strome von der Festwiese zum Kloster gepilgert waren. Hier im Heiligtums still und ernst geworden, neigten sie sich alle, von mystischen Schauern erfaßt, vor einem niedrigen Schreine: andächtig preßten sie die roten Lippen auf das darin stehende goldene Heiligenbild, uralte Gebete murmelnd und in den Herzen junge Wünsche hegend, die doch auch uralt waren. Und man wußte nicht: trugen die festlich gekleideten Frauen ihre Pfauenfedern, Blumen, Münzketten und gestickten Schürzen zu Ehren des toten Heiligen, der da in der düsteren Kapelle begraben lag, oder hatten sie sich also geschmückt, einem lebendigen Liebsten zu gefallen, der draußen auf der sonnigen Wiese ihrer harrte, um, beim wiegenden Rhythmus eintöniger Musik, mit ihnen in die lange Kette der Tanzenden zu treten.

Als nun aber der Despot mit den ihn Begleitenden im Eingang der Kapelle erschien, nahm der oberste Priester das Heiligenbild von dem niederen Schreine auf und trug es dem Herrscher feierlich entgegen. Urosch der Fünfundzwanzigste neigte sich andächtig darüber und berührte mit den Lippen den goldenen Rahmen, wie es vor ihm all die Pilger getan. In Axel aber stieg bei diesem Anblick die Erinnerung an die kalte, nüchterne Hofkirche von Gnadenhausen auf, in deren reformierter Schmucklosigkeit die schwarz gekleidete Herzogin Mutter, mit Schnebbe und Witwenschleier, umgeben von ihren Söhnen, den dogmatischen Ausführungen des Oberhofpredigers zu lauschen pflegte – und er frug sich: was würde die Gemeinde dort von diesem inbrünstigen Bilderküssen ihres einstmaligen Prinzen Hans Hadubrand wohl denken? –

Doch kaum hatte der Despot diese zeremonielle Handlung vollzogen, als mit selbstbewußter Gebärde Mirojedsky, der Gesandte der großen Schutzmacht, vortrat, um nun seinerseits das Heiligenbild unter wiederholter Bekreuzigung zu küssen. Den Priestern aber war dabei anzumerken, daß sie sich vor ihm als dem eigentlichen Vertreter ihres Glaubens verbeugten.

Vor dem Kloster hatte sich inzwischen die festliche Menge gestaut, von Priestern zurückgehalten, um die Grabkapelle während des fürstlichen Besuchs nicht noch mehr überfüllen zu lassen. Nun trat der Herrscher mit seiner Begleitung aus dem Heiligtume und wand sich beinah mühsam durch das Gedränge. Während der Despot langsam zur Wiese zurückschritt und den Damen noch allerlei Erläuterungen über das Kloster und seinen Schutzpatron gab, schob sich plötzlich ein alter Landmann in rauhem Filzrock und bestickten Strümpfen hastig durch die Menschenreihen bis dicht zum Fürsten. Die Pelzmütze ziehend pflanzte er sich vor ihm auf und sagte: »Es ist uns bekannt geworden, daß du auf den Staatsdomänen willst gute Häuser für die Arbeiter bauen lassen. Ich habe Söhne und Enkel unter ihnen, und ich bin aus meinem Dorf gekommen, dir dafür zu danken, denn an so etwas hat wahrlich keiner deiner Vorgänger je gedacht!« Dabei streckte er dem Fürsten die magere gebräunte Hand entgegen.

Über Hans Hadubrands jugendliches Gesicht wallte, unter der durchsichtig weißen Haut, eine Blutwelle auf, seine hellen Augen strahlten, er schien freudig bewegt wie ein belobter Schüler, und kräftig schüttelte er die dargebotene Hand des alten Bauern.

Da flötete plötzlich Mirojedsky, der sich dicht herangeschoben hatte, in seinen süßesten Tönen: »Pater patriae, würde unser Kollege, Baron Holst, sicher sagen – und wahrlich, es ist ein ungemein rührender Anblick.« Dann, sich direkt an den Fürsten wendend, setzte er melodischer denn je hinzu: »Wie sehr werden diese wackeren Leute sich aber erst freuen, wenn sie hören, daß die Anfertigung dieser Holzhäuser Werkstätten des großen stamm- und glaubensverwandten Volkes übertragen worden ist – daß sie also sozusagen von Brüdern hergestellt worden sind.«

Eine tiefere Farbe noch als bisher schoß bei diesen Worten über Hans Hadubrands Gesicht, die blauen Adern an den Schläfen traten hervor, die Stirn faltete sich, und in den Augen lohte es auf. Es war ersichtlich, daß er einen Augenblick ob der beabsichtigten Überrumpelung schwer mit sich ringen mußte, aber dann, sich bezwingend, antwortete er in höflich gemessenem Tone: »Sie können versichert sein, Exzellenz, daß, falls die Zeysigoffschen Produkte bei der beabsichtigten Konkurrenzausstellung als Sieger hervorgehen, auch ich nicht verfehlen werde, Ihnen dazu zu gratulieren.«

Bravo Haha, du hast offenbar nicht umsonst in Bonn gelernt, Hiebe zu parieren, dachte Axel, der die Worte gehört hatte.

Aber nicht nur er, auch einige der anderen Diplomaten vernahmen sie, und alsobald waren sie auch den noch weiter zurückstehenden bekannt. Man sah die Herren, je nach politischer Gruppierung, leise miteinander tuscheln, und der Doyen murmelte zu Wawerling: »Also trotz Mirojedskys Einsprache besteht er auf seiner Ausstellungsidee? Sehr riskant, sehr riskant!« – Jene Einheimischen aber, mit denen Mirojedsky vor des Fürsten Ankunft so eifrig gesprochen hatte, blickten jetzt sichtlich verdrossen auf ihren Herrscher.

Die beiden Amerikanerinnen, die von alledem nur verstanden hatten, daß von einer beabsichtigten Wohlfahrtseinrichtung die Rede sei, halfen nun aber durch ihre Ahnungslosigkeit über die gedrückt gewordene Stimmung hinweg. Mrs. Clarence strahlte den Fürsten an mit ihren glänzenden Augen, ihrem flimmernden Haar und lachendem Munde. »Oh,« rief sie, »das ist hübsch von Ihnen, Hoheit, daß Sie für Ihre Arbeiter sorgen wollen. Ich hab’ es nämlich auch gern, daß es meinen drüben auf meinen Eisenbahnen gut gehe.«

Und Mrs. Anderson sagte ernster: »Ja, Muriel hat Recht, das ist in der Tat hübsch von einem, der noch so jung ist. Der Liebe für die Allgemeinheit wenden sich viele ja erst in späteren Jahren aus irgendeiner schmerzlichen Erfahrung zu. So ist sie oft ein Ersatz für die Liebe zu einem Einzelnen, auf die man verzichten mußte.«

Hans Hadubrand zuckte zusammen und antwortete: »Das, Mrs. Anderson, ist ein Entsagen, zu dem man in meiner Lebenslage ja meist gezwungen wird.«

»Oh, da ist aber was Amüsantes! Das wollen wir uns näher ansehen!« rief nun Mrs. Clarence mit heller, fröhlicher Stimme dazwischen. Man merkte ihr an, daß sie gewohnt war, stets unbekümmert zu tun und zu sagen, was ihr gerade in den Sinn kam. An den kleinen Buden und den wahrsagenden Zigeunerinnen vorbei eilte sie zum Tanzplatz, gefolgt von den anderen.

In der blendenden Sonne wogte da rhythmisch die lange Kette der sich bei den Händen haltenden Tänzer auf und nieder, drängte zusammen, schwoll weit auseinander. Wer neu hinzu kam und an dem Ringelreigen des Nationaltanzes teilnehmen wollte, öffnete die Kette, wo es ihm beliebte, und fügte sich ein. Dazu spielte die Musik eine uralte einförmige Melodie.

»Was sind das alles für famos schöne Männer! Die sehen ja selbst aus wie die verkleideten Prinzen Shakespearescher Stücke, deren Länder auf keiner Karte stehen!« sagte Mrs. Clarence, die Tänzer beifällig musternd. »Ich möchte auch mit tanzen, das geht doch sicher?«

»Gewiß geht das,« antwortete Hans Hadubrand belustigt und setzte dann hinzu: »Ich für meine Person muß es sogar.« Denn er entsann sich, daß die Herzogin Mutter ihm noch kürzlich geschrieben hatte, er solle jede Gelegenheit wahrnehmen, sich möglichst national zu geben, um alle etwa noch für Tscheslav Obradowitsch vorhandenen Sympathien zu entkräften und die Liebe des Volkes auf seine eigene Person zu lenken. – Und so trat er mit der schönen Fremden in die Kette ein, zwischen zwei junge Bauern. Javorina und Belany sowie einige andere folgten diesem Beispiel eilfertig. Bald weit ausladend, bald sich dicht aneinander schiebend, wogten die Tanzenden nun weiter.

»Mit seinen sogenannten Untertanen auf der Wiese herumhüpfen – so hätte ich mir das Leben eines Despoten nun gar nicht vorgestellt!« sagte Mrs. Clarence. »Ist das bei allen Herrschern üblich?«

»O nein!« antwortete Hans Hadubrand lachend, »das tun sicher die wenigsten. Auch ich hab’ es nie getan, ehe ich hierher kam. Bei mir zu Hause wäre man sicher höchst erstaunt, den Landesfürsten so zu sehen. Dort geht es überhaupt ganz anders zu – Graf Kronar könnte Ihnen davon erzählen.«

»Ja richtig ! wo steckt denn nur dieser Graf Kronar?« sagte Mrs. Clarence, mit einem leichten Ton von Ungeduld. Denn die an Huldigungen aller Männer als an etwas Selbstverständliches Gewöhnte hatte nicht vergessen, daß bei ihrem Eintreffen auf dem Fest Axel sich nicht wie die übrigen zu ihr gedrängt hatte. Durch dies ganz Absichtslose war er ihr, abgesehen vom jungen Landesherrscher, als einziger unter allen aufgefallen. Nun blickte sie, nach ihm suchend, die Kette der Tänzer entlang.

Aber Axel hatte sich nicht dem Reigen angeschlossen. Als Hans Hadubrand in seiner Rolle Urosch des Fünfundzwanzigsten mit der schönen Muriel unter die Tanzenden getreten war, hatte er die lang ersehnte Gelegenheit wahrgenommen, sich Liane zu nähern, die bei Mrs. Anderson geblieben war. Und alsobald fühlte sich Liane von seiner Gegenwart umfangen, fühlte wieder das atemberaubende Etwas, das zu ihr drängte, fühlte den Blick, mit dem er ihr sagte: »Ich gehöre dir ganz, ganz.« Aber der Blick war jetzt brennend, ungeduldig und beinah grausam geworden. Er schien nicht nur zu geben, sondern auch zu fordern – und wenn er sie vorhin wie mit Reichtum überschüttet hatte, so war ihr jetzt, als würde sie gezwungen, ihr Letztes zu geben. Denn der Blick sagte: »Wie ich dir, so sollst du mir gehören, ganz, ganz!« –– Wie aus weiter Ferne drangen daneben die Geräusche des Festes zu ihr, und die Stimmen der Bekannten klangen wie durch Nebel.

»Wie leben denn die Menschen hier, wenn sie nicht gerade auf Wiesen tanzen?« hörte sie Mrs. Anderson fragen.

»Oh, denkbar einfach,« antwortete der Doyen.

»Jeder bebaut sein Äckerchen, das Ihnen in Amerika wie ein Taschentuch groß vorkäme, zieht ein paar Schweine und pflanzt ein Dutzend Pflaumenbäume. Und sind die Jahre nicht gar zu schlecht, und werden wegen sogenannter Fortschritte nicht allzuviel Steuern erhoben, so fühlen sich die Leute dabei ganz zufrieden.«

»Ja, der erste Schritt auf dem Wege zum Fortschritt ist eben meist: aus zufriedenen Menschen erst mal unzufriedene zu machen,« sagte Wawerling. »Was nachher kommt, ist zweifelhafter.«

»Und doch muß es wohl so sein,« meinte Mrs. Anderson.

»Na, mir scheint, es wäre viel besser, die Leute hier zu lassen, wie sie nun mal sind,« warf Mirojedsky giftig ein.

»Und was weiß man von den hiesigen Frauen?« frug Mrs. Anderson.

»Ach, denen geht es schrecklich!« rief die kleine Madame Pigeonnier, die, zwischen ihrem Mann und Vercoeur in einer blaßblau und mauve Schöpfung aus der rue de la Paix einherging. »Sie haben kein Vergnügen, keine Freiheit und müssen ihr Leben lang diese komischen Trachten tragen, die doch höchstens mal für einen kostümierten Ball passen!«

»Die hiesigen Landfrauen dürften allerdings wenig Beifall bei Ihnen finden, Mrs. Anderson,« sagte Stramm gemessen, »denn jede frauenrechtlerische Bestrebung liegt ihnen fern. Sie kennen nur den häuslichen Beruf, und ihre Stellung ist wohl am deutlichsten dadurch gekennzeichnet, daß sie bei Tisch den Männern aufwarten und sich zum Essen nicht neben sie setzen dürfen.«

Mrs. Anderson lächelte: »Nun, dieser letzte Punkt ließe sich ja vielleicht abändern, aber im übrigen irren Sie, wenn Sie glauben, daß ich eine solche Frauenexistenz nicht hoch schätzte. Ich glaube im Gegenteil, daß es der Mehrzahl der Frauen stets Endziel bleiben wird, für einen Mann zu leben. Das weiß niemand besser, als wer für die Frauen zu sorgen sucht, die einen selbständigen Beruf ergreifen mußten. Hinter wie mancher solcher Bestrebung steckt doch ein Mann, dem zu Liebe oder zum Trotze sie gewählt wurde. Cherzez l’homme heißt es oft bei Frauenvokationen!«

»Und das sagen Sie?« frug Madame Pigeonnier erstaunt. »Sie, Mrs. Anderson, eine der berühmtesten Frauen, auf die wir uns immer den Männern gegenüber berufen, um zu beweisen, daß wir doch auch etwas leisten können?«

Mrs. Anderson sah mit belustigter Nachsicht auf die kleine Pigeonnier, der Vercoeur eben sogar helfen mußte, den blaßblauen, mit Veilchen bestickten Chiffonschirm aufzuspannen, da sie dies offenbar nicht allein zu leisten vermochte. Und sie antwortete: »Was heißt Ruhm für eine Frau? Wenn die Berühmteste ehrlich ist, wird sie Ihnen sagen, daß sie ihn gern hingäbe für eine Frühlingsstunde, da sie jung war und glaubte geliebt zu werden. Ruhm – das ist ein Ersatz für jene, die das entweder nie besessen oder es verloren haben.«

Sprechend waren sie weiter geschritten und hatten das dichteste Gewühl verlassen. Nun vernahmen sie plötzlich eine seltsam wehmütige Weise. Sie gingen den Tönen nach und gewahrten einen blinden Sänger, der am Wegesrande saß. Langes weißes Haar umrahmte des Alten braunes, gefurchtes Gesicht mit den toten Augen. «Doppelt traurig tönte seine Weise inmitten der vielen frohen Klänge des Festes, und nach jeder Strophe strich er mit dem Bogen über die eine Saite seines Instrumentes, dieselbe einförmige Kadenz wiederholend.

»Können Sie verstehen, was er singt?« wandte sich Mrs. Anderson an Mirojedsky.

»O ja,« antwortete er. »Es ist das alte Volkslied von der schönen Maid von Kassowo, deren Geliebter vom Kampf nicht heimkehrte. Da zog sie aus, ihn zu suchen, und fand ihn tot auf dem Schlachtfeld liegend. Von da an irrte sie ruhelos durchs Land, und ihr Schmerz war so heiß und so brennend ihr Weh, daß die grünen Pinien, die sie streifte, verdorrten.«

»Das ist ein schönes Gleichnis,« sagte Mrs. Anderson, »und richtig beobachtet: denn der Wahn, als sei nun alles vernichtet, ist wohl die erste Folge eines jeden überwältigend großen Schmerzes – aber von da müssen wir uns durch ihn noch einen weiten Weg führen lassen, denn jeder Schmerz will etwas von dem, den er trifft. Wie manche Tiere blind geboren werden, so haben auch wir geschlossene Augen, bis Liebe und Schmerz uns zu Sehenden machen.«

Van Stratten nickte verständnisvoll. »Ja, ja,« sagte er sinnend, »Liebe und Schmerz sind Zwillinge, die Hand in Hand über die Erde schreiten. Jedem Menschen begegnen sie wohl einmal im Leben, und Sie mögen Recht haben, Mrs. Anderson, daß sie für jeden eine bestimmte Botschaft haben.«

»Liebe und Schmerz sind die größten Pfadfinder,« sagte Wawerling, »zu denen darf niemand Nein sagen.«

Die Worte drangen zu Liane. Sie blieb unwillkürlich stehen, und gebieterisch Antwort heischend erhob sich die Frage vor ihr: Liebe und Schmerz, was weißt du Blinde von ihnen?

Wie sie nun, während die anderen weiterschritten, noch so sann und traumverloren auf den fahrenden Sänger starrte, klang Axels Stimme plötzlich sanft und schmeichlerisch neben ihr: »Hörtest du es, Liane? Zur Liebe sollen wir nicht Nein sagen – ach Liane, ich liebe dich, ich liebe dich so sehr! Und glaub mir’s nur: eigentlich liebst du mich auch, du willst es nur nicht sehen – und wir könnten doch so glücklich sein, so glücklich.«

»O Axel,« rief sie schmerzlich erschrocken, »warum mußtest du das sagen! Es war ja alles so schön, wie es war.«

Sie schaute sich ängstlich suchend nach den anderen um, aber die waren ihren Blicken entschwunden, durch neue bunte Gruppen von Landbewohnern verdeckt. Und mit leiser, bebender Stimme, in der sich die Worte überstürzten, fuhr Axel fort: »Du fragst, warum ich es gesagt habe, Liane? Ja, da frag mich lieber, warum ich es nicht schon längst gesagt habe. Ich konnte gar nicht mehr anders. Seit Wochen denk’ und fühl’ ich ja nur dies eine, eine – und eigentlich ist es ja alles noch viel, viel älter, und ich habe es gedacht und gefühlt seit damals, wo wir zusammen Kinder waren.«

Er war in diesem Augenblick selbst ganz überzeugt davon. Alles Dazwischenliegende war vergessen. In ihr aber stieg die Erinnerung auf an vergangene Tage mit ihren Spielen und all ihrer unbewußten Seligkeit, und die Erinnerung warb für ihn und nicht nur für ihn, sondern für die Jugend selbst und ihren süßtörichten Glauben an eines jeden Recht auf Glück. – Ihre Kniee zitterten, und sie fand nichts zu antworten, überwältigt von dem Wunderbaren, das da so plötzlich in ihr Leben getreten war. Immer noch sprach er leise und flehend zu ihr, und sie erschauerte, denn es war ihr, als seien all diese süßen Worte schimmernde Perlen, die sich von einer Schnur gelöst und ihr vom Nacken am Rücken entlang rieselten.

»Wir könnten so glücklich sein,« wiederholte er.

Und sie war nie glücklich gewesen.

Aber während sie noch so stand, zitternd und einer Antwort unfähig, kam die lange Kette der Tanzenden wie eine Menschenwoge von ferne herangerollt. Denn lang schon waren ja Hans Hadubrands Blicke, nach Liane suchend, unruhig umhergeirrt. Ein unbestimmtes Gefühl erfüllte ihn, daß er sie vor irgend etwas schützen müsse. Nun, als er sie von weitem bei dem blinden Sänger allein mit Axel erspähte, entsann er sich im selben Augenblick, wie er sie oben auf der Festung mit ihm getroffen, – und ohne alles Überlegen, nur einem unabweislichen Müssen folgend, gab er dem hin und her flutenden Reigen einen plötzlichen gewaltigen Impuls – und die ganze Kette quer über den Platz mit sich ziehend kam er zu ihr heran gebraust.

All die bäuerischen Tänzer folgten willig, lachend und scherzend über ihres Fürsten scheinbaren Jugendübermut. Unter allen ahnte vielleicht nur Mrs. Clarence seinen wahren Beweggrund. Ihr war seine Zerstreutheit aufgefallen, und auch sein suchendes Spähen nach verschiedenen Richtungen war ihr nicht entgangen. Und mit der Erfahrenheit, die viel bewundert zu werden verleiht, hatte sie auch schon erraten, wer es war, der nicht nur den Landesfürsten so sehr beschäftigte, daß er ihr selbst nur mit halbem Ohre lauschte, sondern auch den Grafen Kronar gefangen hielt, daß er sich um sie überhaupt nicht kümmerte. Ja wirklich, die beiden Männer, die Mrs. Clarence hier bemerkenswert dünkten, die wurden also von derselben blassen, schmächtigen Frau in Banden gehalten! Einer Frau, die noch obendrein einen eigenen Mann besaß! Die sittliche Entrüstung einer frei verfügbaren Witwe regte sich in Mrs. Clarence, mehr vielleicht noch das Erstaunen einer, die bisher nur allzusehr begehrt worden. – So kam sie, mit der ganzen Kette von dem Fürsten geführt, hingerast, wo Liane und Axel standen.

»Kommen Sie, Frau von Linteloe, kommen Sie!« rief Hans Hadubrand und streckte aus der Kette heraus die Hand Lianen entgegen. Und ebenso griff die schöne Amerikanerin nach Axels Arm: »Kommen Sie, kommen Sie doch, Graf Kronar!« Ehe beide recht wußten, was geschehen, befanden sie sich im Reigen, wurden von der Menschenwoge im Takt mit fortgerissen.

Weiter und weiter durch die gaffende Menge zog die Kette ihre langen Schlangenlinien, von Urosch dem Fünfundzwanzigsten angeführt. Ein anderer Reigen fürwahr als die Polonäsen, neu erstandenen Menuetts und Gavotten, deren Pas Hans Hadubrand bei den Hofbällen daheim, unter den kritisch musternden Blicken der gestrengen Herzogin Mutter, mit zierlicher Feierlichkeit einst ausgeführt! – Er schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Und die Bauern in Pelzmützen und Filzröcken, die Bäuerinnen mit den Pfauenfedern und Münzketten kreischten vor Vergnügen, jubelten diesem fremden jungen Herrscher zu, der sich so ganz national zu geben wußte! –

Endlich, nach einer Zeit, die Liane eine Ewigkeit gedünkt, war die eintönige Tanzmusik verstummt. Aber der Rhythmus dröhnte in ihrem Kopfe weiter, daß ihr schwindelte. Im selben Augenblick waren all die anderen wieder da. Nun lachte man und neckte den Fürsten über seinen lang ausgedehnten Ringelreigen. Nur Mirojedsky stand abseits und murmelte etwas von »Popularitätshascherei«. – Von Axel blieb Liane getrennt durch die Hinzutretenden. Die waren, wie sie immer waren. Ganz unbefangen. Als sei gar nichts geschehen. Und Liane fühlte doch, daß ihre ganze Welt sich verändert hatte. »Ihr Schmerz so heiß, so brennend ihr Weh, daß die grünen Pinien verdorrten« – so tönte es in ihr selbst.

Die Sonne senkte sich. Jemand sagte, es sei Zeit, an den Heimweg zu denken. Aber der Fürst mußte das Zeichen zum Aufbruch geben. Beinah widerstrebend tat er es erst, als er die deutlich wartende Haltung der Diplomaten bemerkte. Er war nun wieder ganz gemessen, peinlich höflich in seinen Verabschiedungen, drückte allen die Hoffnung aus, sie demnächst auf dem Hofball an seinem Geburtstag wiederzusehen, lud auch die beiden Amerikanerinnen dazu ein. Dann war er, von seinen Adjutanten gefolgt, in einer rasch entschwindenden Staubwolke davongeritten.

Ehe nun die Übrigen ihre Pferde und Wagen bestiegen, war noch allerhand zu verabreden, denn alle wollten Mrs. Anderson und Mrs. Clarence irgendwie feiern. Wie geistesabwesend stimmte Liane allem zu. Frühstücke und Diners wurden rasch arrangiert und von Mrs. Pemberton geschäftig notiert. Und natürlich durfte das siebzehnjährige Jubiläum von Stratten und Wawerling, das in ein paar Tagen war, nicht vergessen werden. Zu dessen Feier mußte wie immer ein Ausflug gemacht werden! Am besten über den Fluß zur kleinen Grenzstadt, dort essen und tanzen und dann bei Mondschein zurück!

Alle hatten beigestimmt. Nur Linteloe erklärte, er werde wahrscheinlich verhindert sein. Er schien überhaupt nicht sehr guter Laune. Mrs. Clarence hatte sich zwar von ihm nach Wawedine fahren lassen, aber während des Festes hatte sie sich gar nicht um ihn gekümmert, und wenn sie zwar den Heimweg wieder auf seinem hohen Wagen zurücklegte, so fand er doch, daß sie den törichten jungen Leuten, die den Wagen reitend eskortierten, zu viel Beachtung schenke. Linteloe hatte das demütigende Gefühl, daß diese begehrenswerte junge Frau, deren lebenswarme Schönheit allerhand Empfindungen in ihm weckte, ihn offenbar nur als nützlichen und anspruchslosen Freund in die zahlreichen Kategorien ihrer Bewunderer einrangiert habe.

Ein großes Gedränge war auf dem Weg. Die vielen Gefährte hatten den Staub aufgewirbelt, so daß er die ganze Luft erfüllte. Die Abendsonne stand tief und schien den Reitern ins Gesicht. Niemand fand mehr etwas zu sagen. Alle waren müde und erhitzt.

Es war Liane eine Erlösung, als sie sich endlich wieder in ihrem Zimmer befand. Da war es kühl und still, und alles schien unverändert so, wie sie es vor ein paar Stunden verlassen. Aber sie selbst kehrte ja verändert zurück. Immer wieder klangen ihr Axels Worte in den Ohren, und immer wieder begann sie von neuem zu zittern, als sei sie nach schwerer Krankheit zum ersten Mal aufgestanden. Ganz erschöpft warf sie sich auf das Sofa. Sie hatte noch gar nicht seelische Umschau halten können, stand noch ganz unter dem physischen Eindruck des Staunens, der Verwirrung. – Mit Anstrengung erhob sie sich nach einiger Zeit und zog sich an, um zum Abendessen mit Linteloe fertig zu sein. Als sie aber in den Speisesaal trat, war da nur ein Gedeck gelegt, und der Diener sagte, er habe geglaubt, sie wisse, daß Herr von Linteloe in den Klub gegangen sei und gar nicht zum Diner heimkehre. Oft hatte sie ähnliches verletzt, heute empfand sie es befreiend und angenehm. Was bestand überhaupt zwischen ihnen beiden? Nicht einmal gemeinschaftliche Mahlzeiten.

Sie trat einen Augenblick in den dunkelnden Garten. Rosenduft strömte ihr entgegen, und sie streifte mit der Hand über eine der weißen Rosen, die am Hause blühten. An der Kühle der Blumenblätter bemerkte sie, wie glühend ihre Hand war, und des blinden Sängers Lied fiel ihr wieder ein: »Ihr Schmerz so heiß, so brennend ihr Weh, daß die grünen Pinien verdorrten.« Dann aber vernahm sie ganz deutlich Axels Stimme: »Wir könnten so glücklich sein, so glücklich.« Dabei hatte sie wieder das seltsame Gefühl, als seien seine Worte Perlen, die sich von einer Schnur gelöst und ihr vom Nacken herab am Rücken entlang rieselten. Sie schauerte zusammen. Nach dem heißen Tag war die Nacht kalt geworden. Sie gewahrte es erst jetzt. Es schüttelte sie wie im Fieber.

In ihr Zimmer zurückgekehrt, setzte sie sich mechanisch an den Schreibtisch. Vor ihr stand die Meißner Figur der schlafenden Frau, mit der Axel sie selbst einst verglichen hatte. Sie wunderte sich, daß die Augen der kleinen Schläferin noch geschlossen waren, und halblaut sagte sie vor sich hin: »Du bist ja erwacht, erwacht.« Und nach einer langen Zeit, während der sie ganz unbeweglich dagesessen hatte, stöhnte sie plötzlich laut auf: »Oh, besser schlafen, schlafen, als zu spät erwachen – viel zu spät!«

Draußen hatte sich der Wind erhoben, sie hörte ihn in den Wipfeln rauschen. Nun begann irgendwo ein loser Fensterladen zu knarren. Da mußte sie an eine Meerfahrt denken, die sie einst daheim als ganz junges Mädchen gemacht; ein Sturm hatte sich damals erhoben, sie erinnerte sich ihres Grausens vor den schwarzen Wasserabgründen, und wie sie immerwährend gedacht hatte: wir dürfen nicht darin versinken, wir dürfen nicht untergehen, denn ich weiß ja noch gar nichts vom Leben, vom wunderschönen Leben!

Das wunderschöne Leben! wie bitter das doch heute klang. Nichts hatte es gebracht, und nun, wo es zu spät war, da hielt es ihr alles hin. Wie zum Hohne!

Sie zog ein Blatt Papier an sich, nahm die Feder zur Hand, und zögernd, suchend begann sie zu schreiben:

»Lang sind wir uns fern gewesen. Aber dann bist Du mir gesandt worden. Ich habe Dich wiedergefunden. Denn ein Wiederfinden war es. Und zugleich doch etwas so völlig Neues. Seltsam beklommen war mir an dem Morgen, da Du nach all den Jahren zu mir in meinen Garten kamst. Wie würdest Du es bei mir finden? Was brachtest Du selbst? – Und wie in meinem Garten sahst Du Dich alsobald in meinem Leben um. Ich konnte Dir nichts verbergen. Da sagten mir Deine Augen: manches magst Du haben, aber Notbehelf ist es alles, das Köstlichste, die Blume, die allein erst die Wüste zu Garten wandelt, besitzest Du nicht. – Ich aber wußte, daß Du recht gesehen. Jene Blume hat mir nicht geblüht. Und weiter sprachen Deine Blicke, daß Du mir brächtest, was ich nie gekannt. Sie sagten, daß Du mich liebtest – und heute, da flüsterten es auch Deine Lippen.

»Da ist eine große Sehnsucht in mir erwacht. Wie mit Zauber zieht es mich zu Dir hin. Was der Quell dem Wüstenwanderer, das scheinst Du mir. Aber zugleich erfüllt mich eine große Angst. Mir ist, als hörte ich, wie im Märchen, eine Stimme, die warnend raunt: trink nicht von mir! – Es ist, als wolle mich die Stimme vor mir selbst retten. Ahnend fühle ich, daß das Unbekannte, das Du mir bringst, mich, wie des Märchens verzauberte Quelle, ganz verwandeln würde, und daß ich an der Verwandlung zugrunde gehen müßte.

»Denn es ist zu spät, Axel, es ist zu spät! – Das ist das Wort, das mir die warnende Stimme zurufen will, das traurigste Wort der Welt. Und ich muß es Dir sagen. Denn ob Du gleich bist wie ein König aus sagenhaftem Lande, der mir mit geheimnisvollen Gaben naht, und ob ich sie gleich begehre wie nichts je auf Erden, so bebe ich doch zurück, wie vor dräuendem Verhängnis, und ich fühle: erblüht die Wunderblume zu spät, so ist auch sie nur Notbehelf, vermag nicht mehr die Wüste zu Garten zu wandeln.

»Nein, was Deine Blicke gesagt, was Deine Lippen geflüstert haben, das kann nicht sein. Wir müssen es vergessen. Ach und Dir, Axel, wird das rasch gelingen, denn viele Morgen liegen ja vor Dir. Und wenn Du auch heute mein Bild im Spiegel jeder gleitenden Welle und im Kelch jeder Blume zu sehen glaubst, so wird es in Deinem Gedächtnis doch bald verblassen, und Du wirst Dich auf den Klang meiner Stimme nicht mehr besinnen können, wenn Du ihn auch jetzt im Schweigen der Nacht und im Brausen der Tage einzig und allein zu hören wähnst. Denn Du bist jung. Und was Du für Liebe zu mir hältst, ist es nicht viel mehr Liebe zu Deiner eigenen Jugend? – Jugend, die erleben und immer mehr erleben möchte, die alles willkommen heißt, weil sie sich selbst eine ewige Allüberwinderin deucht und noch nicht grauenerfüllten Auges eigenes Schwinden geschaut hat.– Ach, wie oft ward für Liebe gehalten, was nur überschäumende Jugend war!

»So ist es mein traurig Los, für uns beide weise zu sein. Auf daß nichts sei, was die wehmütige Schönheit dieses Wiederfindens einst in unserer Erinnerung trüben könne. Wir müssen uns dabei gegenseitig helfen, Axel. Ganz aufrichtig. Da ja keiner von uns beiden fliehen kann. Ich bitte Dich darum. Und ich weiß, wenn Du dereinst zurückdenkst an diese Zeit, so wirst Du mir danken für diesen Brief – den zu schreiben mich so bitter schmerzt.

»Du aber, liebe noch lange die eigene Jugend!« –

 Liane hatte oftmals im Schreiben innegehalten und vor sich hin gestarrt, ohne doch etwas zu sehen, und hatte dann weiter geschrieben, und war wieder aufgestanden und im Zimmer auf und ab gegangen. Es war mehr ein Selbstgespräch als ein Brief.

Sie hatte nicht beachtet, daß die Tageshelle schon längst siegreich gegen das elektrische Licht kämpfte. Jetzt sah sie, daß der Morgen gekommen war. Es konnte sogar nicht mehr ganz früh sein, denn sie hörte allerhand Geräusche im Hause. Vielleicht war sie vor Erschöpfung am Schreibtisch etwas eingeschlafen, ohne es selbst zu wissen. Nun steckte sie, was sie geschrieben, in ein Kuvert, klingelte und sagte dem eintretenden Diener, der Brief solle sofort zum Grafen Kronar gebracht werden.

Sie hatte es alles hastig getan, als wolle sie sich nicht Zeit lassen, anderen Sinnes zu werden. Als der Diener aber gegangen war und sich der Brief unwiderruflich auf dem Weg zu Axel befand, spürte sie nichts von jener inneren Befriedigung, die der Lohn des Guten sein soll. Nur eine bleierne Müdigkeit überkam sie, so daß sie nicht einmal mehr die Kräfte besah, sehr unglücklich zu sein. Es war, als würde ihr ein Betäubungsmittel gereicht und als wisse sie einschlafend, daß beim Erwachen der große Schmerz unabwendbar dasein würde.

*

 Für Ritte, Gebirgstouren oder Reisen war Axel zu jeder Morgenstunde stets bereit, aber er gehörte nicht zu den prinzipiellen Frühaufstehern. So hatte er auch an diesem Morgen lang geschlafen und war grade im Begriff, allmählich zu erwachen, als Iwan ihm Lianens Brief brachte. Der Anblick ihrer Handschrift ermunterte ihn sofort völlig, und mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie all seine Fähigkeiten nach dem Schlafe neu erfrischt erwachten, so stellte sich auch alsobald sein Verlangen nach ihr wieder ein. – Was konnte sie ihm geschrieben haben? – Das Kuvert fühlte sich dick an. Gespannt riß er es auf. Unabänderliche Abwehr ist gewöhnlich lakonisch, das wußte er; ihr gestriges Schweigen hatte ihn darum auch etwas beängstigt. So sah er es als ein günstiges Zeichen an, daß sie überhaupt schrieb – obgleich er sonst Literatur als Beimischung zur Liebe nicht sonderlich schätzte.

Er war erstaunt über den Brief. Skrupel religiöser oder ethischer Art, auch materielle Bedenken hatte er von Frauen vernommen – einiges Derartige gehörte gewissermaßen dazu. Liane aber sprach nicht, wie er es erwartet, von Pflichten und nicht von Linteloe – der spielte in ihrem Leben offenbar eine noch kleinere Rolle, als Axel gedacht –, sie schien nur eine Art von Grauen zu empfinden, wie vor einem Schicksal, das sie doch unabweislich anzog. Na, solches Grauen würde wohl zu überwinden sein, dachte Axel; denn eigentlich liebte sie ihn ja, das ging aus dem Brief doch klar hervor. – Aber sie schien zu bezweifeln, daß er sie wirklich gern habe. Wie kam sie nur darauf? – Er war sich in diesem Augenblick seiner Gefühle so völlig sicher! – Er las den Brief noch einmal durch. Einiges schmeichelte ihm. König aus sagenhaftem Land, der mit geheimnisvollen Gaben naht, hatte ihn noch niemand genannt. Es klang hübsch. Das war ja auch gerade so reizend an Liane, daß man durch ihre Augen erst so recht gewahrte, was für ein netter Kerl man doch eigentlich war. Sie besaß die Gabe, alles über das Banale empor zu heben. Man selbst fühlte unter ihren Blicken so etwas wie Flügel wachsen. Dabei erinnerte er sich vergleichsweise anderer Frauen, in deren Nähe aller Schwung so leicht erlahmte und wo Dichtung stets Versfüße blieb. – Aber was sollte das eigentlich, daß sie in dem Brief so viel von seiner Jugend sprach, als sei sie selbst alt? Es lagen doch nur ein paar Jahre zwischen ihnen. Zu spät? Warum denn? Damals, früher – ja da war es, für ihn wenigstens, eben zu früh. Bei ihrer Hochzeit hatte er sich zwar seinen ersten Verzweiflungsrausch angetrunken, den in der allgemeinen Festesfreude niemand beachtete, aber unmöglich wäre es darum doch geblieben – er war ja erst Student. – Und nun konnte es doch so nett werden. Aber offenbar wollte sie noch ein bißchen persuadiert werden. – Zu spät? Das reizte ihn zum Widerspruch, darauf wollte er ihr schon antworten. – – Und jetzt sagte er sich zögernd und mit einem gewissen Unbehagen, daß er ihr wohl schreiben müsse. Er würde sie zwar in wenigen Stunden bei dem Frühstück sehen, das sie für die beiden Amerikanerinnen an dem Tage gab, aber durch diese unternehmungslustigen Fremden drohte ja alle gewohnte Ruhe aus dem Leben heraus zu kommen, und man würde gewiß nicht mehr so leicht wie bisher ungestört zusammen sein können. Er war in der Stimmung, wo jede äußere Schwierigkeit zum Sporn wird, und wenn es auch völlig gegen seine Prinzipien verstieß, schriftliche Beweise von Gefühlen längs seines Lebensweges zu streuen und dadurch stumme und doch beredte Zeugen bestimmter Episoden zu schaffen, deren Natur es im Gegenteil gebot, sie in möglichstes Dunkel zu hüllen, so hatte er doch die hohe Warte solch kühler Erwägungen längst verlassen. Auch Prinzipien mußte man gelegentlich untreu werden können! Er sah Lianens Brief nun als eine Art Invite an – na gut, war Korrespondenz Trumpf, so würde er eben zeigen, was er von dieser Farbe hatte. Und Axel, der kein Held der Feder war, begann zu schreiben – nachdem er gebadet und gefrühstückt hatte.

Er fing mehrere Briefe an und zerriß sie wieder. Sprechen wäre so viel leichter gewesen! Da wirkte doch die äußere Persönlichkeit mit – und auf die konnte sich Axel stets verlassen; auch schien ihm, daß das sicherste Argument einer Frau gegenüber schließlich doch immer bleibe, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen, daß sie gar nicht anders konnte als wieder zu küssen. – Tinte und Papier! welch schwacher Ersatz!

Unsicher und nicht sonderlich befriedigt las Axel den Brief durch, der schließlich zustande kam und den er von Iwan, nach Einschärfung größter Vorsicht, hinübertragen ließ. Er war kurz und lautete ungefähr:

»Was willst Du Dank in Jahren? Da werde ich nicht danken, da werde ich mich nur erinnern, daß Du uns beide um das Glück gebracht hast. Und warum? Dein Leben ist leer, und mein Herz ist so voll! – Und was redest Du von zu spät? Du bist ja jung – jung wie jeder, der noch gar nicht gelebt hat. In Deinem Brief ist nur eines ganz wahr: daß Deine bisherigen Gärten eigentlich Wüsten waren. Wenn Du aber wirklich an Jahren alt geworden sein wirst und zurückdenkst an diese Zeit, dann wirst Du Dich nicht, wie Du heute wähnst, ›an der Ungetrübtheit ihrer wehmutigen Schönheit freuen‹, sondern Du wirst bereuen, wie nur das Versäumte bereut werden kann. Du wirst weinen, bitterlich, über die selbstgewollten Wüsten, die hinter Dir liegen. Verweise mich nicht auf Dankbarkeit, die ich in Zukunft ob Deiner Weisheit empfinden soll – glaub mir: oft ist die größte Weisheit, nicht weise zu sein. Wach auf, wach auf, Du meine Gegenwart, daß wir den schönen kurzen Tag nicht verlieren! Heut laß mich vor Dir knieen, heut laß mich Dir danken, danken, danken dürfen!«

*

Sie war böse über diesen Brief. Axel merkte es gleich, als er zu dem Frühstück kam. Und wie er vorausgesehen, war keine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen.

Der schönen Mrs. Clarence Lebensgeister waren an diesem Tage wie Fohlen, die auf weiten Wiesen tollen. Sie hatte etwas Aufwirbelndes an sich und zwang alle Herrn in ihre Gefolgschaft. Man merkte, wie sehr sie gewohnt war, von Satelliten nicht nur umschwärmt zu werden, sondern für jeden das richtige Feld zu bestimmen, wo er sich in ihrem Dienste betätigen sollte. In der Art, wie sie die Menschen zu verteilen wußte und für etwaige Notfälle stets Reserven behielt, lag etwas Feldherrnhaftes. »Überschäumend und dabei innerlich ganz kühl und überlegt« – sagte, sie beobachtend, Wawerling zum Doyen. Unter den Anwesenden erregte zwar der türkische Gesandte, Aschir Pascha, als erster Osmane, den sie kennen lernte, die Neugier der schönen Amerikanerin, aber er wandte sich bald Mrs. Anderson zu und vertiefte sich mit ihr in ein Gespräch über die Lebensbedingungen der türkischen Frauen. So verteilte denn Muriel ihr frohes Lachen und strahlendes Blicken, ihre ausgelassenen Fragen und etwas peremptorischen Verabredungen gleichmäßig auf alle übrigen. Axel gegenüber mochte der Ton der Fremden ein klein wenig verschieden klingen – er glaubte es zu fühlen –, aber es war eine ganz leise Schwingung, nur gerade so bemessen, daß die anderen, falls sie etwas davon merkten, sich angefeuert fühlten und jeder sich trotzdem sagen konnte: das Rennen beginnt eben erst, auch ich habe Chancen.

Stramm, Javorina, Belany waren gestartet. Bei den letzteren, die bisweilen die diplomatischen Babies genannt wurden, war hauptsächlich Jugendübermut im Spiel. Das wäre ja eine famose Hetz, wenn einer von ihnen beiden diesen Hauptpreis erränge! Und sie hätten es sich gegenseitig gegönnt. Legationsrat von Stramm dagegen hatte erst ernstlich nachgesonnen, ob es ratsam sei, der auch auf ihn wirkenden Anziehungstraft der Fremden nachzugeben. Und er war in nächtlicher Überlegung zum Schluß gekommen, daß hier einmal persönliches Wohlgefallen und Karriererücksichten den gleichen, recht angenehmen Weg wiesen. Schön, steinreich – Ausländerin zwar – aber aus einem Lande stammend, für das daheim, besonders an höchsten Stellen, ostentative Freundschaft bestand – was konnte man mehr verlangen? – Dazu dies blühend frische Aussehen, das zu Hoffnung auf gesunde Nachkommenschaft berechtigte – ein Punkt, auf den Stramm aus patriotisch-bevölkerungspolitischen wie aus Familiengründen gleich großen Wert legte. Freilich waren da gewisse Hemmungslosigkeiten, die nicht ganz zur künftigen Mustergattin eines strebsam korrekten Beamten paßten. Aber Stramm, dem es überhaupt nicht an Selbstvertrauen gebrach, schmeichelte sich, eine junge Frau so lenken zu können, wie es seiner höheren männlichen Einsicht entsprach, und sie zum Dienste seines Emporkommens zu formen. Er hatte ja auch seinerseits wahrlich einiges zu bieten. Tüchtigkeit, unerschütterliche Grundsätze, an denen ein noch ungefestigtes Weib Halt finden konnte. Und in der Karriere gute Aussichten, die sich, abgesehen von der Verwandtschaft mit einem der höheren Chefs daheim, auf wirtliche Leistungen gründeten. Er war ja, wie er zu betonen liebte, kein gewöhnlicher Salondiplomat! Hatte sogar ein halbes Jahr in einer Bank gearbeitet. Sprach mit Vorliebe von wirtschaftlichen Aufgaben. Erschließung neuer Märkte für die heimische Industrie. Bei allem Festhalten an alter Tradition, Glauben und Gesinnung also doch durch und durch »moderner Mensch«. Eine, wie ihm schien, für eine Amerikanerin sicher besonders lockende Mischung. – Wawerling sagte von ihm: »Er erinnert mich immer an Annoncen, die man gelegentlich liest: alte Ritterburg, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet, steht zum Verkauf.«

Und so war es. Muriel Clarence brauchte sich nur als Käuferin zu melden. Aber einstweilen lebte sie offenbar lieber noch als Touristin. Und eben jetzt widmete sie einige Augenblicke ihrem Gastgeber und ließ sich die alten Schlachtenbilder des Speisesaales erklären, die seinem Geschmack und früheren Berufe Rechnung trugen.

Nach dem Essen ging man in den Garten, über den die plötzlich eingetretene Hitze ihren einschläfernden Bann breitete. Mrs. Clarence aber war solchen Einflüssen überlegen. Voller Vitalität und Energie gruppierte sie die Gäste, um photographische Aufnahmen von ihnen zu machen. »Wie eine Karte von Europa werden Sie alle zusammen sein,« sagte sie. »Das gibt für meine Freunde in Clarenceville den amüsantesten geographischen Anschauungsunterricht.«

Es dünkte Axel, als würden die Gäste nie gehen. Aber endlich waren sie fort. Nur Stramm blieb noch im Gespräch mit Linteloe in der offenen Türe des Saales stehen, die zum Garten führte.

Liane war wieder hinausgetreten in den Schatten der blühenden alten Linde, und vor ihr im leuchtenden Sonnenschein lag ein Beet weißer Rosen. Axel folgte ihr, und sofort begann sie ihm ob des Briefes Vorwürfe zu machen. Sie zwang sich, hart mit ihm zu sprechen, wie es in den wonnig warmen Sonnentag gar nicht hineinpaßte. So viel Schärfe, dachten die Lindenblüten, und wir duften doch so süß!

Er antwortete nicht viel; hörte scheinbar demütig zu; und verstand es dabei doch, sie durch seine Art zu sein und zu blicken ins Unrecht zu setzen. Und Liane, die anderen Männern gegenüber so spöttisch abweisend zu sein wußte, fühlte, wie sie vor ihm hilflos wurde, weil sie etwas anderes in ihm sah als in allen übrigen, etwas, das wie ein Stückchen ihrer selbst war, und dem sie nicht lange weh zu tun vermochte. – Dann war er gegangen. Aber seine beste Hilfstruppe ließ er ja stets bei ihr zurück – die Erinnerung an gemeinsame frühe Jugend. Die arbeitete beständig in ihr für ihn.

Sie schaute ihm nach, wie er durch den Garten zur schmalen Seitentüre ging, die in die andere Gesandtschaft führte. Und sie entsann sich, daß als Kinder »Mann und Frau« immer ihr Lieblingsspiel gewesen war. Zankten sie sich dabei, so pflegte Miß Johnson zu sagen: »Du solltest nachgeben und deinem kleinen Vetter den Gefallen tun, du bist doch die ältere.«

Ach, dies schreckliche »älter sein«! Damals sollte sie deshalb dem kleinen Vetter immer nachgeben – heute mußte sie auch wieder die Vernünftigere sein und ihm Nein zu sagen wissen. Und sie fühlte sich nicht alt, nicht vernünftig. Die Worte seines Briefes wurden schon wahr: sie fühlte sich jung werden in der Glückssehnsucht, die er geweckt.

»Der kleine Vetter!« sagte sie leise vor sich hin. Und dachte, ihm nachschauend, welch großer Vetter er geworden, mit schlanken und zugleich kräftigen Gliedern und mit diesen zärtlichen Augen, die sich ins Herz hineinschmeichelten und bisweilen etwas herrisch und spöttisch sein konnten, – so recht einer, dem viele viel zu Gefallen tun, was Miß Johnson vielleicht zu viel gedünkt hätte! – Und Liane gewahrte mit Schrecken, wie all die Eiswände, die so lange ihr Schutz gewesen, vor ihm zerschmolzen, wie es in ihr weich und warm und sehnsüchtig wurde, so daß sie sich scheute, ins eigene Herz zu schauen.

Während sie noch sinnend im Garten stand, waren Linteloe und Stramm aus der Saaltüre getreten und näher zu ihr herangekommen.

»Es ist schade,« hörte sie Stramm sagen, »daß wir nicht jetzt mit einem alles schlagenden Angebot einer unserer großen Firmen hervortreten können, denn die anderen scheinen am toten Punkt angelangt zu sein.«

»Da sich nun aber keine unserer Firmen für die Sache zu erwärmen scheint,« antwortete Linteloe, »so habe ich in meiner Berichterstattung hauptsächlich hervorgehoben, daß aus der Konkurrenz der vier Bewerber sicher eine gegenseitige Gereiztheit unter ihnen zurückbleiben wird, die zu fördern wir allen Grund haben. Eine keimende Animosität zwischen anderen zu kultivieren, ist nämlich ein so erstrebenswertes und nutzbringendes Ziel, daß man dafür sogar einen momentanen Vorteil der heimischen Industrie preisgeben könnte. Es ist, um mich eines Beispiels aus meinem früheren Beruf zu bedienen, als entsage man freiwillig einem kleinen taktischen Erfolg, dem strategischen Gesamtplan zum Nutzen.«

Stramm nickte beifällig. »Diese Auffassung entspricht unsern allerbesten Traditionen, und ich glaube zu wissen, daß sie an maßgebenden Stellen geteilt wird. Immerhin meine ich, Herr Minister sollten es sich überlegen, ob nicht doch eine unserer Holzhäuserfirmen zu einem Angebot anzuregen wäre. Ein Erfolg im jetzigen Augenblick könnte für den Herrn Minister eventuell von großen persönlichen Folgen sein.« Und sich an Liane wendend fuhr er fort mit der wichtig-geheimnisvollen Miene, die er gern annahm, wenn er auf die besonderen Informationen anspielte, die ihm durch seinen einflußreichen Verwandten an der heimischen Zentrale zu Gebote standen: »Ich habe nämlich aus guter Quelle gehört, daß man nicht mehr mit Aderhold zufrieden ist; er soll es in seiner Berichterstattung aus Tokio völlig versehen und sich ganz von den Anschauungen entfernen, die man bei uns im Ministerium über Japan hat, – es wird ihm darum allgemein nicht mehr viel Zeit gegeben – höchstens bis zum Herbst hält er sich noch – dann . . .« Und Herr von Stramm machte eine Gebärde, die bedeuten konnte, daß der arme Aderhold dann mit einem Besen in unbekannte Tiefen fortgefegt werden würde.

Aber Lianen dünkte das dem Botschafter in Tokio prophezeite Geschick nichts sonderlich Bemerkenswertes, denn sie hatte gerade darüber nachgedacht, wie rasch doch jener große Besen kommt, der die Menschen nicht nur von der diplomatischen, sondern von der Lebensbühne überhaupt wegfegt und allem ein Ende macht, ob es nun Leid oder Freud gewesen. Und sie antwortete lässig: »Mag sein, Herr von Stramm. Aber Sie hören es im diplomatischen Wäldchen ja immer knistern und knacken und lieben es, von diesem oder jenem alten Baum zu sagen, er sei morsch und werde als nächster fallen.«

»Gnädigste Frau scheinen nicht viel von meinen Informationen zu halten,« sagte Stramm etwas pikiert. »Nun, ich kann nur – natürlich ganz vertraulich – wiederholen, daß die eventuelle Neubesetzung Tokios bereits im stillen erwogen wird. Im übrigen werde ich mir gestatten, kommenden Herbst an dieses Gespräch zu erinnern.«

Linteloe hatte mit sichtlicher Spannung zugehört. Nachdem dann Stramm gegangen war, sagte er erregt: »Das wäre ja großartig, wenn sich das erreichen ließe! Und daß Stramm die Sache überhaupt so erwähnt hat, beweist mir, daß ich tatsächlich in Frage komme. Auf alle Fälle könnte es nichts schaden, wenn du gegen Stramm etwas verbindlicher wärst, Maximiliane: ein Wort von ihm an seinen Onkel im rechten Augenblick kann vielleicht entscheidend sein.« – Doch sie anschauend gewahrte er, daß sie ganz traumverloren dastand und kaum zuzuhören schien, und er rief gereizt: »Aber du kümmerst dich natürlich nicht um meine Interessen! Hast wohl den Kopf zu voll von dieser Geschichte mit deinem Vetter!«

Sie zuckte zusammen wie unter einem Hieb, und ihre Herzschläge jagten plötzlich wie die Hufe durchgehender Pferde. »Was willst du damit sagen?« frug sie kaum hörbar.

»Ach, vor mir brauchst du nicht so geheimnisvoll zu tun,« erwiderte er voller Überlegenheit, aus der auch etwas wie ärgerliche Mißgunst klang. »Das kann ja jedes Kind sehen, daß du und die alte Pemberton es drauf anlegt, Kronar und die schöne Clarence zusammenzubringen. Kuppelei steckt nun mal allen Weibern im Blut.« – Dann setzte er hinzu, indem seine Blicke geringschätzig über Liane glitten, wie sie so durchsichtig zart inmitten der weißen Rosen stand: »Na, der Kronar kann sich übrigens gratulieren, wenn’s gelingt. Steinreich, kerngesund, bildschön – Donnerweiter ja, das ist freilich eine Frau, wie ein Diplomat sie brauchen kann!«

Unwillkürlich zog Liane das Spitzentuch, das sie trug, fester um sich, als wolle sie sich schützen vor dem Schimpf, den dieser höhnisch vergleichende Blick ihr antat. Und im selben Augenblick mußte sie an Axels Augen denken, wie sie oft so schmeichlerisch liebkosend auf ihr ruhten, bis sie tief im Innersten ihres Wesens ein Erschauern weckten. Und gerade heute, da sie sich brechenden Herzens von dem Glücke abgewandt hatte, das jene Augen verhießen, heute, wo sie, wund und wehe von dem Kampf gegen sich selbst, ein so großes Verlangen nach verstehender Zärtlichkeit und tröstenden Armen empfand, die sie und all ihre unerfüllte Sehnsucht zur Ruhe gewiegt hätten, – da mußte sie statt dessen auch noch so gekränkt werden! – Eine große Bitterkeit erfüllte sie.

Linteloe aber, der sich eine neue Zigarre angezündet hatte, fuhr fort: »Diplomaten sollten eigentlich nur Amerikanerinnen heiraten. Die nützen heutzutage für die Karriere, packen das Leben frisch und lustig an und wissen nichts von all euren nordischen Träumereien und nebelgrauen Theorien.«

Etwas wie Zorn lohte in Liane auf. Mit erhobenem Kopf und hochgezogenen Augenbrauen antwortete sie herb: »Ich hindere dich nicht, es mit einer zu versuchen. Vor Jahren bat ich dich: laß uns auseinander gehen. Heute wie damals wäre es mir eine Erlösung.«

Er lachte. »Ganz wie ich sagte: Die mißverstandene nordische Frau! Nora, oder wie sie sonst alle heißen mögen! Kein Wort darf man mehr sagen, sonst bekommt man gleich die ganze neue Leier zu hören: ich will mein eigenes Leben leben, Freiheit, Frauenrechte und so weiter.«

Liane war dichter an ihn herangetreten. »Ich beschwöre dich,« sagte sie leis und eindringlich, »laß heute nur das Spaßen. Mir ist’s so bitterer Ernst. All die Jahre tragen wir nun schon an unserem Irrtum, und ich fühle ganz deutlich, daß noch Schlimmeres daraus entstehen wird. Ach, laß uns auseinandergehen. Es muß doch möglich sein!«

Er nahm die Zigarre aus dem Mund, sah Liane erstaunt an und antwortete dann barsch: »Auf den Unsinn hab’ ich dir, denk’ ich, vor Jahren endgültig geantwortet; ich spüre gar keine Lust, mich lächerlich zu machen und mir die Karriere zu ruinieren mit so einer albernen Scheidungsgeschichte. Und nach dem, was Stramm vorhin sagte, weniger denn je.« Ruhiger werdend und in seinen behäbig polternden Ton übergehend, setzte er hinzu: »Im übrigen weiß ich wirklich nicht, worüber du dich eigentlich beklagst. Für gewöhnlich genieren wir uns doch nicht sehr – und das ist mehr, als man von vielen Ehen sagen kann.«

Die Zigarre im Munde und die Hände in den Taschen schritt er breit und wuchtig ins Haus zurück.

*

Es war ein paar Stunden später.

Liane saß noch immer auf der Bank unter der blühenden alten Linde, wo sie sich zusammengekauert hatte wie ein mißhandeltes Tier, das sich fürchtet. Sie wußte nicht, warum sie da geblieben. Aber es war ja ganz einerlei, wo sie blieb.

Nachdem Linteloe gegangen, hatte sie zuerst ein solches Gefühl verzweifelnder Hoffnungslosigkeit erfaßt, daß ihr war, als müsse sie gleich hin zu Axel stürzen und ihm schluchzend sagen: Tröste mich und hab mich lieb! Tröste mich, weil ich gar so verlassen bin! Hab mich lieb, weil ich nie geliebt wurde! Und wenn es auch nur eine Stunde ist, so schenk meinem Leben doch diese eine Stunde der Seligkeit!

Aber leise und langsam kamen dann andere Gedanken.

Erinnerungen stiegen auf an Frauen, die sie früher gekannt. Und die schattenhaften Gestalten jener Verhärmten hoben die Hände abwehrend gegen sie, bewegten die bleichen Lippen beschwörend. Und sie hörte sie warnen: »Halt ein, halt ein, du Fata Morgana Erschauende! Erkennst du denn gar nicht den Beginn des alten Stückes, das du uns voll Mitleid und Staunen ob unserer Verblendung spielen sahst? Ganz wie einst wir glaubst heut du, der Vorhang ginge auf zur Uraufführung von nie noch Gewesenem, einzig für dich geschaffenem Wundersamen, – und es ist doch nur die Wiederholung eines der kläglichsten Schauspiele der kleinen Gesellschaftsbühne, bei der du in der schmerzlichsten Rolle auftreten würdest. Erkennst du sie wirklich nicht wieder, die Tragödie der Frau, für die die Liebe in zu später Stunde gekommen, die glaubt sich dem, den sie liebt, nie genügend schenken zu können, weil aller Seligkeit des Gebens doch die Bitternis anhaftet, sich nicht am Morgen des Lebens gegeben zu haben, – die Tragödie der Frau, die in seinen Zügen angstvoll forscht, ob auch er dies »zu spät« empfindet, und die dann um ihn kämpft und ringt – mit anderen und mit den eigenen Jahren – und schließlich doch immer unterliegen muß.«

Liane schauderte zurück. Nein! besser als das war es immerhin, des Lebens Leere die paar Jahre, in denen sie überhaupt noch empfunden wurde, weiter zu ertragen. Bald mußte ja der Augenblick nahen, da all das gleichgültig ließ; und noch ein bißchen später kam dann die Zeit, wo sich die Blicke zu trüben beginnen, wo graue Nebel aufsteigen aus den Gärten eigener kleiner Vergangenheit, so daß die Erinnerung sich kaum mehr zurecht findet in dem, was doch einst selbst erlebte Gegenwart gewesen. Ach, alles würde ja so schnell vorüber sein! –

Während Liane in Gedanken versunken saß, war des Nachmittags Glut in linden, lauen Abend übergegangen. Der alte Gärtner hatte mit dem langen Schlauch den durstigen Rasen besprengt. Nun mischte sich der Geruch der nassen Erde mit dem Duft der Rosen und Linden. Jenseits der Flüsse in weiten Fernen versank die glühende Sonnenkugel inmitten violetter Nebelschleier.

Es war die Stunde, wo die Sehnsucht über die Erde schreitet, sich gern zu einsamen Menschen neigt, die unter blühenden Linden träumen, und ihnen leise allerhand süße Dinge zuraunt. Und die Sehnsucht spricht dann oftmals mit der Stimme ihrer Schwester, der Versuchung. – Ob sich Liane auch wehrte gegen das Verlangen nach Glück, indem sie sich die Vergänglichkeit alles Glückes vorhielt, hörte sie doch immer wieder ein leises, lockendes Flüstern: Glaub du nicht den Glauben der Mutlosen, es gibt doch ein Glück so groß, daß es, ein Leben ganz erfüllend, noch weit in die Zeiten ausstrahlt, – und unbewußt weißt du das auch schon längst; denn wenn dich manche Stätten besonders anzogen und du in ihnen einen unerklärlichen Zauberhauch verspürtest, so war es ja gerade, weil sie Glücksgärten der Vergangenheit sind, wo etwas von einstmaliger Seligkeit zurückgeblieben ist, das die zarten Fühlfäden deines suchenden Herzens erkannten! – –

*

Es folgten nun in den verschiedenen Gesandtschaften allerhand Veranstaltungen zu Ehren der Fremden.

Dann war der Tag von Strattens und Wawerlings Jubiläum gekommen, an dem der traditionelle Ausflug gemacht werden sollte. Liane wäre jetzt froh gewesen, nicht mitfahren zu müssen, denn sie hätte sich am liebsten ganz abgeschlossen, um völlig dem Leid und der Sehnsucht nachzuhängen, die, statt der einstmaligen Leere, jetzt ihr Leben erfüllten. Sie würde es nicht vermögen, heute lustig zu scheinen. Aber wie sollte sie jetzt noch absagen? Sie selbst war es ja, die schon in Wawedine mit Mrs. Pemberton die ganze Partie verabredet und die anderen dazu aufgefordert hatte. Sie mußte hin. Aber das sollte das letztemal sein. Die Begegnungen mit Axel während der vergangenen Tage waren allzu schmerzlich gewesen. Er hatte eine Art, sie anzuschauen, die ihr jedesmal die Empfindung gab, als ginge sie an einem, der flehend die Hand ausstreckt, kalt und hart vorüber, und wenn er sie so vorwurfsvoll angesehen hatte, war ihr so wund und weh zumut geworden, daß sie am liebsten aufgeschluchzt hätte: Mach es mir nicht noch schwerer, denn ich leide ja so viel mehr als du, der du frei bist! – Sie fühlte, daß sie das alles nicht länger ertragen konnte. Diese eine Landpartie noch, sagte sie sich, und dann sollte es ganz still werden. Im dunkeln Zimmer wollte sie liegen und weinen, weinen. Sie mochte an keine Zukunft denken, denn es war ihr, als sei dies der letzte aller Tage, – und doch mußte sie weiter sinnen: Wenn sie Axel bäte, Urlaub zu nehmen? Das wäre eine Lösung! – Ja, das mußte er tun. Dann blieb er den ganzen Sommer über fort und ließ sich versetzen. Kam möglicherweise gar nicht mehr wieder. Vielleicht war es heute wirklich das letztemal im Leben, daß sie ihn sah? – Dieser plötzlich entstandene Gedanke tat ihr so weh, daß es wie ein physischer Schmerz war und sie unwillkürlich die Hand aufs Herz preßte. Aber mußte sie denn nicht wünschen, daß er ging und nie wiederkehrte? lag darin nicht ihre einzige Rettung? – Doch sie vermochte nicht, es zu wünschen, verlor sich im Chaos eigener Widersprüche, sehnte sich nach irgendeiner Hilfe, die von außen zu ihr käme.

Und plötzlich stand sie blassen Gesichts und mit Augen, um die qualvoll durchwachte Stunden blaue Schatten gelegt hatten, im Zimmer ihres Mannes. Sie wußte selbst nicht recht, wie sie dazu gekommen. In der Angst, die sie vor diesem Nachmittag empfand, und von dem Wunsch nach Schutz und Rettung getrieben, mußte sie wohl, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu ihm geflohen sein, in der dunkeln Empfindung, daß er derjenige sei, der ihr helfen sollte.

Aber sie blieb erstaunt in der Türe stehen: Friedrich, der Kammerdiener, packte eben einen kleinen Koffer, und Herr von Linteloe stand daneben. »Ja, natürlich, packen Sie den Smoking, einen leichten Flanellanzug und die neuen seidenen Pyjamas ein – und vergessen Sie nicht wieder die Hälfte«, hörte sie ihn polternd sagen. Nun wandte er sich zu ihr: »Was willst denn du hier, Maximiliane?«

Sie fühlte sich schon zurückgeschreckt, aber sie nahm sich zusammen. Der Gedanke schwebte ihr vor, ein Mensch müsse zum andern kommen und sagen können: Bruder, ich bin verirrt, hilf du mir und führe mich. – Sie wollte in diesem Augenblick vergessen, daß gerade die sich die allernächsten sein sollten, selten so zueinander kommen können, weil zwischen ihnen nicht erbarmende Liebe besteht, sondern, hinter der Maske flüchtiger Gier, der Haß der Geschlechter sich lauernd birgt. Sie wollte sich nur erinnern, daß sie beide einst den Weg gemeinsam angetreten hatten – mit gutem Willen doch mindestens. Vielleicht würde er ihre Not jetzt doch ein bißchen heraushören. Und sie sagte sanft und leise: »Ich komme wegen der Flußfahrt von heute nachmittag. Ich wollte dich sehr bitten, nicht wahr, du kommst doch mit mir? Es wäre mir so sehr lieb.«

»Aber was sind denn das nur für Kindereien. Maximiliane,« antwortete er ärgerlich. »Ich hab’ doch schon neulich, als die Sache in Wawedine verabredet wurde, gesagt, daß ich mir aus solchen Geschichten nichts mache. Aber ich hindere dich ja an nichts, und wenn es dich amüsiert, so fahr meinethalben, so viel du willst, – du bist doch alt genug, um ohne mich zu einem Ausflug zu gehen.«

Aber sie wollte den Versuch, ihn umzustimmen, noch nicht aufgeben, denn sie empfand eine wachsende Bangigkeit bei dem Gedanken an dieses Alleinsein, das ihm, durch langjährige gleichgültige Gewöhnung, so natürlich für sie erschien. Und sie legte zaghaft die Hand auf seinen Arm und begann von neuem: »Ich wäre dir so sehr dankbar, wenn du mir den Gefallen tätest und mich gerade heute nicht allein ließest. Mir . . . mir ist so beklommen . . . und wegen der Fremden . . . und auch weil es doch Strattens und Wawerlings Jubiläumsfest ist . . . muß ich doch wohl hin.«

»Ja, das ist immer so,« antwortete Linteloe ungeduldig. »Zuerst arrangierst du Sachen, nachher hast du keine Lust darauf. Dafür kann ich nichts. Und was ist das überhaupt für ein Unsinn, ein Fest zu geben, weil Leute das Unglück haben, siebzehn Jahre in diesem gottvergessenen Nest gelassen zu werden, – ich würd’ es mir an Strattens und Wawerlings Stelle verbitten.« Und sich selbst in Erregung hineinredend, um eine gewisse Verlegenheit zu verbergen, fuhr er fort: »Außerdem wollte ich dir gerade sagen, daß ich verreisen muß. Ich hab’ ein Telegramm bekommen wegen einem Paar Jucker, die ich mir anschauen will – ich fahr’ jetzt mit dem Mittagszug und werd’ wohl frühestens übermorgen zurückkommen, also laß mich, bitte, mit Friedrich fertig packen. – Und was deine Landpartie betrifft,« setzte er hinzu, »so hast du ja deinen Vetter, der dich begleiten kann.« Sie schloß die Türe, und es lag etwas schicksalhaft Endgültiges in der kleinen Handlung. Sie war alt genug, um allein zu fahren, und sie hatte ja den Vetter – das war alle Hilfe, die sie gefunden!

Und dann glitt ein seltsames Lächeln über ihr Gesicht: Das wiederholte sich so in regelmäßigen Intervallen, daß Herr von Linteloe Pferde zu besichtigen oder sonst irgendein dringendes Geschäft in der benachbarten Hauptstadt zu erledigen hatte. Vorher sprach er immer besonders laut und erregt, sah unternehmend und pfiffig aus und reiste dann jedesmal sehr eilig ab. Nachher, wenn er von diesen Ausflügen zurückkam, war er in mehr elegischer Stimmung und fand an der von seiner Regierung befolgten Politik, wie auch an den Leistungen des Kochs und des gleichmütigen Friedrich, mehr noch als sonst zu bemängeln. Liane hatte das alles längst beobachtet, und wäre es ihr entgangen, so hätte es immer Leute gegeben, die nicht eher geruht, bis sie, die schön und noch jung war, es gewußt. Sie hatte es indessen immer geflissentlich übersehen: Wie sie beide nun seit Jahren standen, fühlte sie sich auch gar nicht berechtigt, Aussetzungen zu machen. – Aber heute dünkte es sie, als sei alles auf der Welt doch recht sonderbar eingerichtet, und in ihr Zimmer zurückschreitend lachte sie plötzlich laut auf – hart und freudlos.

*

Herr von Linteloe war abgereist. An Lianens Tür hatte er ein eiliges »Adieu, adieu« gerufen und war dann, zur Belustigung des nachschauenden Friedrich, wie ein Schüler die Treppe hinabgelaufen.

Während der heißesten Tagesstunden hatte Liane hinter herabgelassenen Gardinen in dem dunkeln Zimmer gelegen. Es war schwül. An den Fensterscheiben surrte eine große Brummfliege. Liane schlief nicht, aber sie war auch nicht wach. Es war ein seltsam hindämmernder Zustand. »Ich warte,« sagte sie einmal halblaut. Aber worauf denn nur? – Andere, die warteten auf das Glück, auf irgendein großes Lebenswunder; sie wohl nur noch darauf, daß alles vorbei sei. Und es würde ja alles bald vorüber sein, dieser Tag und alle folgenden – und würden nichts enthalten haben, was zu leben wert gewesen. Eine grenzenlose Verzweiflung überkam sie. Ein physischer Schmerz am Herzen.

Dann trat die Jungfer ein, zog die Gardinen auseinander, legte ein leichtes weißes Kleid zurecht und sagte, daß es Zeit zum Ankleiden sei.

Als Liane fertig war und sich im Spiegel betrachtete, fand sie sich hübsch, trotz Blässe und traurig müden Augen, und sie freute sich darüber, denn es war ja das letztemal, daß er sie sehen sollte, – das stand noch immer ganz fest bei ihr.

Hitze und Weinen hatten sie völlig ermattet. Es war ihr, als seien all jene Kräfte von ihr gewichen, die die Fähigkeit des Wünschens verleihen. Sie hatte die Empfindung, etwas ganz Zartes, Durchsichtiges geworden zu sein, einem kleinen Licht zu gleichen, das der leiseste Lufthauch zu löschen vermag. Wehrlos fühlte sie sich, tat sich selbst bitter leid. Sagte zum eigenen Spiegelbild: Dich hat das Schicksal um alles betrogen.

Die Jungfer bat, den Abend ausgehen zu dürfen, ihr Bräutigam komme von auswärts. Diese Vorstellung brachte Liane beinah um alle Fassung. Hastig gewährte sie den Urlaub: »Gewiß, gewiß, ich brauche Sie erst wieder morgen vormittag . . . ach . . . und . . . seien Sie recht glücklich.«

Dann fuhr sie fort, und die Bewegung des Wagens tat ihr wohl; sie war wie ein weiches Wiegen, das, den Kummer einschläfernd, über ihn hinwegtäuschte.

Als sie unten am Quai, wo die Flußdampfer anlegten, aus dem Wagen stieg, hatte sich ein Teil der Gesellschaft schon versammelt. Man begrüßte sie von allen Seiten und frug: »Nun – und Herr von Linteloe?«

Es kostete sie Mühe, aus den düstern Tiefen eigenen Empfindens aufzutauchen. »Mein Mann«, antwortete sie, »läßt sich sehr entschuldigen. Er hat in Pferdekaufangelegenheiten vorhin ganz plötzlich verreisen müssen.«

Über manche Gesichter glitt ein verständnisvolles, alsobald unterdrücktes Lächeln.

»Da erlauben Sie, daß ich Sie tröste!« rief van Stratten. »Das ist althergebrachtes Recht des Doyens und heutigen Jubilars.« Und er reichte ihr den Arm, um sie über die Bretterbrücke auf das Dampfschiff zu geleiten.

»Und ebenso des Vizedoyens und Mitjubilars,« fiel ihm Wawerling ins Wort und bot Liane von der anderen Seite den Arm.

Nun kamen Pembertons mit ihren beiden Gästen an. Mrs. Clarence sah heute besonders schön aus, und sie mußte wissen, daß ihre Jugend den grellsten Sonnenschein nicht zu scheuen brauchte, denn sie blieb mitten auf dem Quai in dem blendenden Lichte stehen, daß ihr kastanienrotes Haar wie blankes Kupfer aufleuchtete. Dabei lachte sie laut und hell und zeigte ihre schimmernden scharfen Zähnchen, die wie weiße Kerne in einer rosa Frucht glänzten. Der urwüchsige Zauber unverwüstlicher Lebenskraft ging von ihr aus.

Liane sah sie vom Deck aus so stehen, und im selben Augenblick erinnerte sie sich des eigenen Bildes, wie es sie vorhin aus dem Spiegel wehmütig angeschaut hatte, einem kleinen Lichte gleich, das so leicht auszulöschen wäre. Wieder fuhr ein Wagen vor, dem Madame Pigeonnier mit ihrem Mann und Vercoeur entstieg. Beide Herrn trugen dieselben Panamahüte und hohen Hemdkragen, hatten die hellen Flanellbeinkleider aufgekrempelt, daß man die gleichen gelben Schuhe gewahrte, und ihre bunten Socken und auffallenden Krawatten und Westen stammten offenbar von den nämlichen Fabrikanten.

Die beiden Jubilare, die auf dem Verdeck etwas abseits standen, schauten von oben der Ankunft des Trios zu. »Warum hat eigentlich Madame Pigeonnier einen Flirt mit Vercoeur?« sagte Stratten sinnend.

»Weil sie mit Pigeonnier keinen haben kann, da sie mit ihm verheiratet ist,« antwortete Wawerling. »Einen anderen Grund habe ich nie entdecken können.«

»Wenn sie sich nur nicht mal irrt und Pigeonnier für Vercoeur hält!«

»Das Verhältnis Madame Pigeonniers zu Vercoeur gleicht dem Ausflug, den wir heute unternehmen,« sagte Wawerling. »Wir fahren nach dem linken Flußufer, weil wir am rechten wohnen; wohnten wir dagegen drüben am linken, so kämen wir nachmittags hierher an das rechte gefahren – mehr Sinn hat beides nicht. Aber es ist nun einmal in der menschlichen Natur der Hang tief eingewurzelt, über irgendeinen Fluß zu schauen und sich einzubilden, daß es am jenseitigen Ufer besser sein müsse, nur weil es eben das jenseitige ist.«

Alle waren nun allmählich versammelt. Der Kapitän des kleinen Flußdampfers stand schon oben auf der Brücke.

»Fahren wir nun endlich?« frug die Marquesa de los Toros, sich erschöpft fächelnd.

»Ja gleich. Aber Kronar fehlt ja noch, wo bleibt er denn?«

Liane wußte längst, daß er fehlte. Zuerst hatte sie sich damit beruhigt, daß er ja sicher noch kommen werde; dann aber, als die letzten Minuten verrannen, ohne ihn zu bringen, hatte sie, in uneingestandener Verletztheit ob seines Säumens, sich einzureden versucht, daß es ja das beste für sie wäre, wenn er fort bliebe. Aber jetzt, als der erste Pfiff des Dampfers ertönte und sie sich sagte, daß er nicht mehr kommen könne, daß sie ihn also heute gar nicht mehr sehen werde, sondern diesen ganzen langen Abend unter all den gleichgültigen Menschen verbringen müsse, da überkam sie plötzlich dieselbe große Verzweiflung wie vorhin in ihrem Zimmer: daß, gleich dieser Fahrt, das ganze Leben verrinnen und nichts enthalten werde, was zu leben wert gewesen. Sie fühlte wieder denselben physischen Schmerz am Herzen und wußte nun, daß, was sie sich auch vorzutäuschen versucht hatte, sie ja einzig und allein gekommen war, um die paar Stunden zu sein, wo er war. Wußte auch, daß sie nie anders können würde, als immer und immer wieder zu kommen, wohin er wolle, nur um bei ihm zu sein.

»Oh,« sagte Mrs. Clarence, »ich weiß, wo Graf Kronar ist. Er begegnete uns auf dem Weg hierher, da fiel mir ein, daß ich meinen Kodak vergessen habe, und er ist zurückgefahren, ihn zu holen.«

»Ah, da ist er!« riefen einige Herrn, die, an der Reeling lehnend, den Quai überschauen konnten. »Eilen Sie sich, Kronar, eilen Sie sich!«

Mrs. Clarence beugte sich auch vor, daß die Sonne wieder ihr flammendes Haar beschien: »Hurry up, count, I want my kodak.«

Liane war bei Mrs. Clarences ersten Worten ganz blaß geworden, aber jetzt, als sie hörte, daß er da sei, und er auch schon auf Deck kam, war ihr, als stocke ihr der Atem. Es war eine so überwältigende Seligkeit, ihn wieder zu sehen und zu wissen, daß sie wenigstens die nächsten Stunden in seiner Nähe sein werde, – was auch nachher kommen mochte. – Aber sie empfand gleich einen Unterschied an ihm. Sonst galt ihr sein erster Gruß – und war es auch nur ein suchender Blick. Heut dagegen ging er gleich auf Mrs. Clarence zu.

»Ich hätte es Ihnen nie verziehen, wenn Sie mit meinem Kodak zu spät gekommen wären,« sagte die Amerikanerin kokett lachend, und er antwortete, ebenfalls lachend: »Da würde ich Ihnen nachgeschwommen sein und nicht nur über diesen Fluß, sondern sogar über den Atlantischen Ozean.«

Der Dampfer glitt durch das träge warme Wasser, und wie er weiter hinauskam auf den Fluß, schien die Stadt aus den blauen Fluten emporzuwachsen und die Anhöhe hinan zu klimmen. Die Luft flimmerte, und die große Helligkeit löste die Umrisse auf, daß die Häuser wie einzelne weiße Flecken schienen. Der Turm der Kathedrale stieg auf wie ein blendender Strich, nur das alte Gemäuer der Festung bewahrte auch im vollen Sonnenlicht etwas schwermütig Düsteres, als sei es müde von allzuviel Erlebtem.

Den anderen war es ein altgewohnter Anblick, und die meisten hatten wohl den Sinn für seine Schönheit längst verloren, aber Mrs. Clarence war voller Wißbegier. Sie versuchte, sich die Belagerungen und Kämpfe, die um die alte Feste stattgefunden, ausführlich von Favorina und Belany erklären zu lassen. Die beiden Babies fühlten sich auf diesem historischen Gebiete zwar nicht sonderlich zu Hause, die Fragende aber fanden sie um so anziehender. Stramm dagegen benutzte die Gelegenheit, mit seinen wie immer gründlichen Kenntnissen einzuspringen. Belehrung zu erteilen war ihm angeboren, auch wo er als Kurmacher auftrat. Schließlich faßte Mrs. Clarence aus Clarenceville, Dakota, die verschiedenen Auskünfte in die Worte zusammen: »Ja, ich sehe, es ist dies also auch einer der Plätze Ihres Weltteils, wo die Menschen sich totschlagen lassen mußten, ohne recht zu wissen, weshalb. Diejenigen, die das heutzutage nicht mehr mögen, kommen über das große Wasser zu uns. Da sind solche Dinge gottlob unmöglich.«

Stramm fand dies keine passende Bemerkung im Munde der Frau, die er im Geiste schon als die seine sah. Er sagte: »Ich könnte mir vorstellen, daß gerade die Amerikaner mal in Kämpfe gerieten, von denen sie erst recht nicht wüßten, weshalb noch wozu.«

Axel widmete sich während der Überfahrt ganz Mrs. Clarence. Liane saß den beiden auf dem Verdeck gegenüber, und während sie ihnen zuschaute, sagte sie sich, daß diese zwei Menschen schön zusammen aussähen. Ein neues bitteres Gefühl stieg in ihr auf.

Es bot auch nur einen schwachen Trost, den Doyen zum Vizedoyen leise sagen zu hören: »Sehen Sie, das ist nun ein echtes Produkt des Landes, wo die Frauen am besten verstehen, mit den Männern zu flirten, und ihrer in Wirklichkeit am wenigsten bedürfen.«

»Ja, ja,« antwortete Wawerling, »sie scheint zu den Frauen zu gehören, die, wo sie auch hinkommen, wie plötzlich auftretende Kinderkrankheiten wirken: ein jeder, der nur einigermaßen im richtigen Alter steht, verliebt sich in sie, so wie man in gewissen Jahren sicher die Masern erwischt.« Fernen Erinnerungen nachsinnend setzte er dann hinzu: »Beides schien damals gleich schlimm und ernst; aber nachher – wer von uns dächte nicht mit wehmütiger Rührung an die Zeiten zurück, wo man sich selbst so interessant vorkam, weil man Masern oder eine unglückliche Liebe hatte.«

»Ach ja, Jugend, Jugend!« seufzte Stratten. »Jetzt schaut man zu, und sehen Sie, die Kinderkrankheit grassiert ganz wie damals. Die Babies Javorina und Belany haben schon gehörig Feuer gefangen, und den schönen Kronar« – er blickte zu Axel, der sich die Mysterien des neuesten amerikanischen Kodaks von Mrs. Clarence erklären ließ – »den schönen Kronar scheint Jungamerika auch schon ganz in seine Interessensphäre gezogen zu haben. Und die Tante sekundiert getreulich.«

Liane horchte auf, und Linteloes Worte fielen ihr ein. Konnte doch etwas Wahres daran sein? – Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie bei dem Gedanken. Und dann wieder sagte sie sich: Ich müßte das doch als ein Glück und eine Rettung ansehen. Denn ich hatte mir ja vorgenommen, ihn zu bitten, zu verreisen und sich versetzen zu lassen. Und dies – dies würde eine weitere Reise bedeuten als irgendeine räumliche. Eine wirkliche Trennung wäre es. – Allein sie fühlte, daß sie Entfernung vielleicht ertragen konnte, – aber dies mit erleben, mit ansehen zu müssen? – Nein, nie! – Und sie hätte zum Schicksal schreien mögen: nicht auch das noch! –

Der Dampfer war am jenseitigen Ufer angelangt und hielt nun vor der kleinen Grenzstadt der Nachbarmonarchie. Über den schmalen Landungssteg drängten sich die ländlichen Passagiere, allerhand Leute in bunten, malerischen Trachten. Mrs. Clarence besah das alles voller Neugier. »Ist es nicht zu komisch,« sagte sie zu Nicodemus Pemberton, »man fährt über ein Flüßchen, das viel schmäler als der Mississippi ist, und dann heißt es mit einemmal: nun sind wir ganz wo anders! – Für uns Reisende ist es ja nett, all diese drolligen kleinen Staaten kennen zu lernen, mit ihren malerischen Eigentümlichkeiten und vielen amüsanten Rivalitäten, aber manchmal möchte man ihnen doch zurufen: Wie unpraktisch! begrabt doch eure Streitigkeiten und tut euch zusammen!« – Doch der Onkel antwortete: »Uns können sie recht sein, wie sie sind. Gerade diese Rivalitäten werden unsere Geschäfte fördern.«

 Vom Landungssteg ging es eine steile Böschung hinauf. Axel stand da und half den Damen. Als nun Liane über die Planke schritt und er ihr die Hand entgegenstreckte, schaute er sie forschend an, und da erschien sie ihm mit einemmal so zart und traurig, daß sie ihm leid tat. Eine Ahnung mochte in ihm aufsteigen, wie sehr viel zu ernst sie das Spiel nahm, das er Liebe nannte und in das sich oft so viel Grausamkeit mischt. Einen Augenblick erfaßte es ihn wie Angst vor den Verantwortungen unbekannter Zukunft; erdachte daran, inne zu halten, sah sogar die Möglichkeit aufdämmern, durch einen nachdrücklicher betriebenen Flirt mit der entgegenkommenden Amerikanerin die eigenen Gefühle in andere Bahnen zu lenken. Aber es war nur eine sekundenlange Regung. Er war nicht der Mensch langer Seelenkämpfe. Alsobald beherrschte ihn schon wieder ein Bedürfnis nach Machtbewußtsein, ein Siegeshunger, ein beinah grausames Verlangen nach ihr – und dazu kam ein bißchen ganz junge, ungekünstelte Verliebtheit, die noch das Beste in der komplexen Mischung seiner Gefühle war.

Man schlenderte durch die stillen Gassen des kleinen Städtchens. Es war dunstig und warm. In den Gärten vor den einstöckigen Häuschen blühten verstaubte hochstämmige Rosen und vermischten ihren Duft mit dem herben Geruch der Thuja. An den offenen Haustüren lehnten müßige Leute, die nach des Tages Hitze still und voller Behagen in den goldenen Abendhimmel hinausstarrten.

»Bene vixit, qui bene latuit,« murmelte Holst im Vorübergehen.

»Was für ein komischer kleiner Platz,« sagte Mrs. Clarence geringschätzig.

»Nun, im fernen Westen haben Sie doch erst recht komische kleine Plätze,« sagte Stramm im Ton beleidigten Europäertums.

»O ja,« antwortete sie lachend, »sehr komische, unfertige, häßliche Orte. Doch mit einem großen Unterschied: auch die kleinste Stadt bei uns in Amerika sieht erwartungsvoll aus, als könne sie in der Zukunft eine der allergrößten werden. Seitdem ich aber in Europa bin, fällt es mir auf, daß Städte und Menschen oft etwas Resigniertes an sich haben, als wüßten sie im voraus genau, was aus ihnen höchstens mal werden kann, und als sei das alles nicht sonderlich lohnend.«

Liane nickte vor sich hin. Lohnend? War ihr eigenes Leben das je gewesen? – Und wieder hatte sie die Empfindung, daß sie nur darauf warte, daß alles zu Ende sei.

Von der Hauptstraße aus traten sie in den kleinen Stadtpark. Die Linden dufteten süß, auf den Rasenplätzen wucherten Gänseblümchen, wilde Federnelken und blaue Glockenblumen zwischen den kleinen Herzchen des Zittergrases. Es war eigentlich ein banaler Ort, und doch lag ein gewisser wehmütiger Reiz darüber, den Liane empfand. Sie gedachte der Generationen von Menschen, die hier gewandelt waren, deren Leben wahrscheinlich nie spannend, sondern recht alltäglich kleinbürgerlich gewesen, und die doch in diesem Garten ihr bescheidenes Maß an poetischen Stunden gefunden haben mochten.

»Woran denkst du?« frug Axel, der sie so träumerisch sah.

»An die Leute, die hier gegangen,« antwortete sie. »Kleine rührende Liebesgeschichten in engen hausbackenen Umgebungen glaub’ ich an mir vorüberziehen zu sehen.«

Und weil seine Gedanken auf dieselben Dinge gerichtet waren, verstand er sie und nickte: »Ja, man könnte auch hier glücklich sein.« Wie er aber die Worte gesprochen hatte, erstaunte er über sich selbst. Das glich ihm doch so wenig, was er da eben gesagt, – glaubte er es eigentlich wirklich?

Mrs. Clarences Interesse an dem Park erwachte erst, als die Gesellschaft an ein Rundell kam, wo, inmitten einer Gruppe Zierpflanzen, die Büste des Landesherrn stand. Von hohem Sockel schaute der weiße Marmorkopf herab auf die scharfen blaugrauen Spitzen der Agaven und die gelben, roten und purpurschwarzen Blätter der Coleus – so buntscheckig wie das Reich selbst, über das der Monarch herrschte. Dieser Punkt mußte natürlich photographiert werden, um in der Sammlung zu prangen, die einst Clarenceville bewundern sollte. Kritischen Blicks betrachtete die Amerikanerin den Souverän inmitten seines vielfarbigen Blattpflanzenbeetes. »Für Dekorationszwecke ist das monarchische System doch eine großartige Institution,« sagte sie, »und sollten etwa je all die Herrscher abgeschafft werden, so verlöre Europa doch eine seiner amüsantesten Attraktionen.«

Bei Stramm, der in der Beurteilung der Amerikanerin beständig zwischen physischem Wohlgefallen und geistiger Mißbilligung auf und ab schwankte, nahm bei diesen Worten das Mißfallen bedenklich zu. Frauen waren ja Wesen, die immer erst vom Mann die richtigen Lebensdirektiven erhielten; aber es würde schwerhalten, dieser republikanischen Rekrutin beizubringen, vor welchen Begriffen unbedingt geistig Front zu machen war.

»Jetzt wollen wir aber ins Hotel zum Essen,« meinte der Doyen, und die Marquesa, die alle Bewegung als möglichst zu vermeidendes Übel betrachtete, stimmte so eifrig bei, als ihre indolente Art es überhaupt zuließ.

Goldener Abendglanz lag noch über der Welt, aber im Hotelgarten waren die Bogenlampen schon angezündet, und Motten und Nachtfalter umkreisten die großen hellen Kugeln. In dem kleinen Kiosk begannen die Zigeuner ihre Geigen zu stimmen. Der Wirt kam eilfertig den Gästen vom jenseitigen Ufer entgegen und geleitete sie unter den jungen Bäumen an den Reihen kleiner Tische entlang, wo die städtischen Stammgäste bereits saßen. Sie alle blickten den Neuangekommenen mit unverhohlener Neugier nach, und die Frauen pufften sich untereinander mit den Ellbogen, um gebührende Aufmerksamkeit auf die vorbeiziehenden Hüte der Damen zu lenken.

Mit gerechtem Stolz wies der Wirt auf die lange Tafel, die für die neuen Gäste gedeckt worden war. Zwischen flachen Blumensträußen in Papiermanschetten, Öl-und Essighaltern und allerlei Flaschen stand da auch ein zinnerner Landsknecht mit einer Fahne in der Hand, auf der die Worte »Guten Appetit« zu lesen waren. Porzellanene Salzfässer ohne Löffelchen, kleine Bündel Zahnstocher, die mit Bändchen in den Landesfarben der verschiedenen Exzellenzengäste zusammengebunden waren, vervollständigten die sinnige Dekoration. In der eigenen Heimat hätte wohl keiner von ihnen ähnliche Lokale aufgesucht, aber hier unterbrach es die Gleichförmigkeit des Daseins – war eben jenseitiges Ufer.

Nachdem man sich gesetzt und die stets müde Marquesa ermattet auf einen der graden Holzstühle gesunken war, hob sie die langstielige Lorgnette an die Augen, musterte ungeniert die Leute an den kleinen Tischen, ließ dann das Glas wieder sinken und faßte ihre Eindrücke, enttäuscht seufzend, in die Worte zusammen: »Als Galerie ist das wenig.«

»Wie meinen Sie das?« frug Mrs. Clarence.

»Ja, sehen Sie,« antwortete die Spanierin, »das bißchen wirkliche Interesse unseres Lebens besteht doch oft nur in dem, das die Galerie daran nimmt.«

»Wenn wir hier von Zuschauern umgeben essen,« sagte Wawerling, »muß ich immer daran denken, daß früher die Leute von weither kamen, um die Könige von Frankreich speisen zu sehen.«

»Wir sind überhaupt Reste aus jenen Zeiten,« seufzte Stratten.

»Und vielleicht werden wir auch noch mal, ganz wie jene, davongefegt,« sagte Wawerling im voraus resigniert.

»Wir müssen eben trachten, uns den modernen Forderungen anzupassen; dann werden wir auch ferner unentbehrlich bleiben,« entgegnete Stramm, der in den Augen der schönen Amerikanerin keineswegs als leicht abkömmliches Requisit einer entschwindenden Periode gelten wollte.

Doch sie sagte leichthin: »Nun, sollte es wirklich je so kommen, daß Sie auf dieser Seite keine Verwendung mehr fänden, so lad’ ich Sie alle schon jetzt zu mir nach Clarenceville ein. Dort ist alles absolut neu und nur fürs Nützliche. Es wär’ ein großer Kontrast.«

Stramm runzelte die Stirn. War sie überhaupt erziehbar? –

Liane saß zwischen den beiden Jubilaren, die sich wie immer um sie bemühten. Aber sie vermochte kaum, ihnen mit Aufmerksamkeit zuzuhören. Immer wieder glitten ihre Blicke über die flachen Blumensträuße und den zinnernen Landsknecht hinüber zu dem Tischende, wo die Jugend eine lustige Ecke bildete und die irrepressible Amerikanerin das Feuer ihrer Konversation und ihrer Blicke mehr und mehr auf Axel richtete. Sie sah, wie er darauf einging und Mrs. Clarences Entgegenkommen halb belustigt, halb bewunderungsvoll erwiderte. Ahnte nicht, daß er sie selbst dabei genau im Auge behielt, beobachtend, welche Wirkung sein verändertes Gebaren auf sie ausübte. Bemerkte statt dessen, wie wohlgefällig Mrs. Pemberton auf der Nichte Fortschritte schaute.

Allmählich aber litt Liane so sehr, daß sie nicht mehr hinsehen konnte. Ihre Blicke irrten umher, blieben schließlich an einem der benachbarten Tische haften. Zwei alte Leute sahen auf der einen Seite. Der Mann las durch eine große Brille in der Zeitung, die Frau war über einen Strickstrumpf gebeugt. Ihnen gegenüber saß ein junges Paar, das scheinbar zusammen eine illustrierte Zeitschrift betrachtete; unter dem Tisch aber drückten sich die beiden verstohlen die Hände. Liane konnte es von ihrem Platz aus grade sehen. Und wie sie es sah, stiegen Tränen brennend in ihre Augen. Arme alltägliche Menschen waren es ja, und in wenig Jahren würden sie sorgendurchfurcht und gebückt sein wie die beiden Alten, aber diese eine Abendstunde gehörte doch ihrer Jugend und Liebe – die konnte ihnen nie wieder geraubt werden.

 »Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?« summte der Doyen den Geigen nach. »Finden Sie nicht, Frau von Linteloe, daß diese Kapelle besonders gut spielt?«

Doch nun klopfte Holst an sein Glas, um die Gesundheit der Jubilars auszubringen. »Eheu fugaces labuntur anni,« begann er, pries die liebenswerten Eigenschaften der beiden, durch die sie während siebzehn Jahren die Herzen der vielen Kommenden und Gehenden gewonnen und sich bei allen Anwesenden ein monumentum aere perennius errichtet hätten. Er wünschte ihnen Glück ad multos annos und schloß: »Nunc est bibendum

Die Gläser klirrten aneinander.

»Aber jetzt wollen wir tanzen, bis das Schiff abfährt!» rief Mrs. Clarence. »Sagen Sie den Leuten, daß sie uns spielen sollen!«

Die Marquesa und der Doyen hoben die Tafel auf. Vom Garten wanderte man in den zu ebener Erde gelegenen Hotelsaal, wo auf den schokoladenbraun tapezierten Wänden loyale Buntdruckporträts fürstlicher Personen hingen und die winterlichen Feste der städtischen Honoratiorenkreise abgehalten wurden.

Die Zigeuner saßen auf einem kleinen Podium. Nun stimmten sie den ersten Walzer an.

Schon wirbelten Vercoeur und Madame Pigeonnier durch den Saal, und die Marquesa, die Tanzen nicht zu den Bewegungen rechnete, glitt wie eine majestätische Galeone stolzer Armada mit dem Doyen davon. Liane lehnte an der Wand; sie sah, wie Axel, in der Türe stehend, noch mit ein paar anderen Herren sprach und dann die brennende Zigarette in den Garten warf. Jetzt muß er gleich kommen mich zu holen, dachte sie. Aber statt seiner stand der Vizedoyen vor ihr und verbeugte sich: »Gnädigste Frau, darf ich bitten?«

Ehe sie sich mit ihm unter die Tanzenden mischte, sah sie noch, wie Axel, ohne nach ihrem Platz zu schauen, geraden Weges auf Mrs. Clarence zugeschritten war und diese nun mit ihm durch den Saal flog. – Als Liane längst wieder neben Wawerling stand, tanzten die beiden noch immer, und sie konnte die Blicke nicht von ihnen wenden. Wieder sagte sie sich, wie schön sie zusammen aussähen, und dann kam es ihr vor, als müsse Mrs. Clarence wissen, daß sie das fand, und als spiele deshalb dies spöttisch-siegreiche Lächeln um ihre Lippen. Mrs. Clarence dachte aber eigentlich gar nichts, sie lächelte nur, weil ihr das gut stand und weil ihre stets überströmenden Lebensgeister im Tanz eine befriedigende Betätigung fanden. Axel dagegen beobachtete Liane, und jedesmal, wenn er mit seiner strahlenden Tänzerin an ihr vorbeikam, fühlte er die schmerzliche Frage ihrer Augen und tat, als bemerke er sie gar nicht. Und dabei erschien sie ihm immer reizvoller, je mehr er gewahrte, wie sehr er die Macht besah, ihr wehe zu tun.

Wie unerträglich schwül ist es doch hier, dachte Liane; und sie mußte, ohne selbst davon zu wissen, es wohl auch ausgesprochen haben, denn Holst, der neben ihr stand, bot ihr den Arm und sagte mit einem Blick auf die Tanzenden: »Zwar ist es dulce desipere in loco, aber es war doch draußen viel angenehmer. Wollen Sie ein bißchen ins Freie gehen?«

Sie traten hinaus, blieben aber vor den weitgeöffneten Flügeltüren des Saales stehen, denn Liane fühlte, daß sie weiter hineinsehen mußte. Schwermütig klangen die Geigen der Zigeuner hinaus in die Nacht, und es war Liane, als wiederholten sie immer und immer wieder dasselbe: »Wozu der Gram? Alles vergeht. Bald reißt die Saite, tönt nimmermehr.«

Trauriger als Schmerz dünkte sie der Geigen Trost.

Doch nun entstand eine Bewegung in dem Saale. Belany war in die Mitte des Raumes getreten und rief laut: »Damentour, i bitt’ schön! Damentour!«

Liane sah, wie aus einer Gruppe an der jenseitigen Wand Mrs. Clarence heraustrat; sie sah sie hochaufgerichtet und mit siegessicherm Lächeln durch den Saal schreiten, und sie wußte instinktiv, daß der, den sie holen wollte, nur Axel sein konnte. Da erwachte ein unbekanntes Gefühl in ihr. Ein Erbrest aus Urtagen mußte es sein, wo Kampf um alles, was des Besitzes wert schien, brutal und offen, als des Daseins Hauptzweck, von Jedem gegen Alle geführt wurde: sie vergaß völlig, wer und wo sie war, sie wußte nur das eine, daß sie nicht ertragen könne, nicht ertragen wolle, diese Frau noch einmal in seinen Armen zu sehen. Eine rasende Begierde zu leben flammte in ihr auf. Sie wollte nicht nur warten, bis alles zu Ende sei! – Und ehe noch Mrs. Clarence den Saal durchschritten hatte, stand sie selbst vor Axel, hielt ihm eine Rose hin und sagte: »Laß uns tanzen, Axel!«

Sie hatte die dunkle Empfindung, daß da in diesem Augenblick, wo sich alles nur um Tanz und Blumen zu drehen schien, eine große tragische Entscheidung gefallen war, – und dann wieder, daß es eigentlich gar keine Entscheidung mehr sei, sondern nur Erfüllung von längst Bestimmtem.

Er hatte den Arm um sie gelegt, und sie glitten durch den Saal. Sie tanzten und tanzten, als sei dieser eine Tanz ein ganzes Leben, das sie in rasender Eile auskosten wollten. Und die Zigeuner fühlten, daß das zweie seien, für die es sich zu spielen lohne, bei denen es sich nicht um eine gesellschaftliche Vergnügung handelte, sondern wo die tiefsten menschlichen Gefühle, von Qual bis zu Wonne, den Reigen führten. Da ließen sie ihre Geigen allzumal singen: »Tanzt, tanzt und vergeßt qualvollen Lebens drückende Last. Alles vergeht, alles ist wechselnder Täuschung Schein. Tanzt, tanzt und vergeßt!«

Aus dem Chor der Instrumente erhob sich die Stimme einer einzelnen Geige. Immer weicher, sanfter und eindringlicher ward ihre Sprache. »Es schwindet die Zeit, und am Abend der Tage sitzt ihr als Bettler am Rande des Weges, denket dann weinend heutiger Stunde, wo der Becher sich schäumend euch bot. Keinen Tropfen verschmähten Trankes bringt euer Sehnen je dann zurück.«

Liane wußte von nichts mehr um sich herum, hatte alles andere vergessen, fühlte nur etwas Berauschendes, durch das es klang: »Wo alles Täuschung, nennet ihr Leben, was doch vielleicht nur ein Traum, scheltet träumen, was schöner als leben. Tanzt, tanzet und träumt!«

Weit weg in Traumesreich war Liane. Und die ganz schmeichelnde Stimme sang: »Wer wollt’ es sagen, daß geöffnete Augen Leben bedeuten; starren doch auch die Toten ins Leere. Aber wenn süßeste Wonne sie hält, schließen die Menschen die Augen. Alles ist täuschender Schein.«

Wie süßes Locken, wie fernes Brausen, wie der Liebesruf aller Wesen fielen die Geigen nun allzumal ein: «Scheuet «euch nicht, glücklich zu sei»! Gleitet dahin in das Reich selig geschlossener Augen!«

Sie hatte längst die Augen geschlossen und glitt in seinem Arm weiter und weiter durch den Saal, der sie Weltenraum dünkte. Und plötzlich fühlte sie: die Bogen der Geiger strichen ja über Saiten, die auf ihrem eigenen Herzen gespannt waren! im eigensten Innern hörte sie die Wundermelodie, fühlte das Schwingen und Zittern, vernahm ein Schluchzen und Jauchzen. Wie ist dies Lied nur in mich hineingekommen, dachte sie; bin ich denn nicht eine stumme Harfe? –

Nun hielten Axel und Liane im Tanzen inne. Durch die weit geöffneten Türen wehte ihnen die laue Abendluft süßen Lindengeruch entgegen. Wie in einem den Tanz fortsetzenden Traumesrhythmus schritten die beiden hinaus in den Garten.

Still war es draußen, heimlich und dunkel. Gedämpft nur klangen der Geigen Stimmen bis zu ihnen: »Gleitet dahin, gleitet dahin in das Reich selig geschlossener Augen.«

Doch da tönte eine andere Stimme feierlich in den Chor: von nahem Glockenturm dröhnten schwere Schläge durch die Nacht.

Liane horchte auf. »Weißt du, was da schlägt, Axel?«

»Der neue Tag, glaub’ ich.«

»Ja – aber weißt du, welcher Tag es ist? – Sommeranfang ist’s, Axel, Sommer!« Und mit leiser Stimme, die zurückbebte vor einem großen Mysterium, und aus der es doch klang wie verhaltener Jubel, wiederholte sie: »Sommer ist’s, Sommer!«

Während die beiden draußen also dem Sommer entgegenschritten, lehnten Stratten und Wawerling nebeneinander in einer der offenen Flügeltüren. Sie schauten den Tanzenden zu, sahen, wie die Herren jetzt Mrs. Clarence umdrängten, hatten aber auch beobachtet, wie Liane ihr in der Damentour bei Axel zuvorgekommen war.

»Diese Überflutung des europäischen Marktes mit amerikanischer Ware ist im Grunde recht bedauerlich,« meinte Wawerling.

»Man sollte sich dagegen verbünden,« sagte Stratten. »Im übrigen scheint mir, als habe sich Frau von Linteloe vorhin ganz erfolgreich dagegen gewehrt.«

»Ich fürchte, sie ist überhaupt keine Frau, die sich wehrt,« entgegnete Wawerling. »Seit Linteloes hier sind, hab’ ich sie beobachtet – was soll man in meinem Alter sonst tun? Sie tat mir immer so leid, und ich wünschte ihr – ich weiß selbst nicht recht, was; aber seit einiger Zeit, da tut sie mir nicht nur leid – da hab’ ich manchmal Angst um sie.«

»Dann wünscht’ ich allerdings, Jungamerika wäre lieber jenseits des Ozeans geblieben,« sagte der Doyen inbrünstig.

»Ach lieber Freund,« erwiderte Wawerling, »hier wird Jungamerika wohl nur den letzten äußeren Anstoß bilden. C’était écrit, gilt da. Und das einzig Verwunderliche ist wohl nur, daß es nicht längst schon so gekommen ist. – Aber jetzt«, setzte er hinzu, »ist’s hohe Zeit, daß wir zum Aufbruch mahnen, wenn wir das letzte Schiff noch erreichen wollen. Rufen Sie dort unsere beiden aus dem Mondschein in die Wirklichkeit zurück! – Ja, ja, ’s ist hart, alter Freund, nur noch Zuschauer zu sein, wo süßer Klang und süßer Duft, die beiden uralten Kuppler, am Werke sind.«

*

Liane erinnerte sich nie recht genau, wie sie vom Hotel fort und zum Schiff gekommen waren. Es kam ihr nachher alles wie ein Traum vor, wo manche Bilder zum Greifen deutlich hervortreten, anderes im Nebel verschwimmt und das Wunderbarste selbstverständlich scheint.

Sie saß auf Deck, und Axel saß neben ihr. Sie sprachen gar nicht, und es war seliger als alle Worte, so zusammen zu schweigen.

Sie fuhren am festunggekrönten Felsen vorbei; dunkel hob er sich ab vom lichtdurchflossenen Mondscheinhimmel. Axel wies hinauf: »Erinnerst du dich, Liane?« Sie nickte. »Ja, dort oben erzählte ich dir die Geschichte von Sulihah.«

»Und nun bist du meine Sulihah,« flüsterte er.

In der Dunkelheit des Verdecks war er ganz dicht an sie herangerückt. Von der Schulter bis zur Fußspitze fühlte sie seine Nähe an sich entlang. Er hatte ihre herabhängende Hand ergriffen. Das Pulsieren seines jungen, ungestümen Blutes teilte sich ihr mit, und es überkam sie ein seltsam willenloses Gefühl, das von beängstigender Süße war.

Dann legte das Schiff an. Die Gesellschaft, die sich auf dem Dampfer verstreut hatte, versammelte sich wieder. Vercoeur und die kleine Pigeonnier tauchten aus einer dunklen Ecke des Verdecks auf. Stratten und Wawerling stiegen mit Holst und der Marquesa verschlafen gähnend aus der Kajüte empor. Als sie sich nun alle auf dem Quai rasch voneinander verabschiedeten, klang es aus mancher Stimme wie Befriedigung, das auch dieses Vergnügen überstanden war. Holst aber fand auch für diese im modernen diplomatischen Leben häufig wiederkehrende Stimmung den richtigen Ausdruck im Weisheitsschatz der Alten. Die Tageseindrücke zusammenfassend sagte er: »Forsan et haec olim meminisse juvabit.« Liane konnte nicht sprechen. Vermochte kaum zu stehen. Ein Zittern in den Knieen. Die Glieder wie zerschlagen. Sie war froh, daß keiner den anderen viel beobachtete, weil jeder es eilig hatte, nach Hause zu kommen.

Nun waren alle fortgefahren. Und jetzt erst gewahrten Axel und Liane, daß der Linteloesche Wagen, der sie abholen sollte, nicht da war. Suchend schauten sie umher. Da kam der Diener angelaufen. »Die Pferde sind auf dem Weg hierher gestürzt,« rief er atemlos, »das eine ist offenbar schlimm verletzt – der Kutscher spannt sie aus, ich bin rasch hergelaufen, um es der gnädigen Frau zu sagen.«

»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen,« sagte Axel, »denn Fiaker gibt es hier um diese Stunde nicht.«

Liane nickte.

»Dies ist der Schlüssel zum Torweg,« sagte der Diener. »Wenn der Herr Graf ihn in die Nische legen wollten, finden wir ihn nachher, wenn wir mit den Pferden kommen.«

Ganz leer waren die Straßen. In keinem der kleinen niederen Häuschen brannte ein Licht. Nur sie beide und der Mondschein wachten auf der Welt. Sie fühlte, wie sein Arm sich um sie legte und er sie im Schatten der Häuser ganz dicht an sich zog. Und sie ließ es geschehen. Geschehen lassen – das schien tiefste Bestimmung. Wieder empfand sie seine Nähe, von den Schultern bis zu den Fußspitzen, aber jetzt so intensiv, daß es sie durchrieselte. Da hob er ihren Kopf, der an seiner Schulter lehnte, beugte sich über sie und küßte sie im Mondschein dieser wonnig warmen Sommernacht. Und auch das ließ sie geschehen. Willenlos. – Kaum wagend, es ganz zu glauben, und doch schon mit unterdrücktem Jubel in der Stimme, frug er bebend: »Liane, Liane, ist’s denn wahr? ist’s denn wahr? Liebst du mich?«

Und sie antwortete leise, wie träumend: »Ich weiß es nicht – aber – ich bin sehr müde und sehr allein – und ich sehne mich – ach, so sehr.«

Große Tränen standen jetzt in ihren Augen, und wie jemand, der eine langgetragene Last abwälzen möchte, seufzte sie kaum hörbar: »Ich kann nicht mehr weiter ...«

Doch er hatte die Worte vernommen und dachte den Satz auf seine Art mit der Selbstverständlichkeit der Jugend zu Ende: Natürlich konnte die reizende kleine Liane nicht weiter ... sich wehren ... Keine Frau konnte das auf die Länge ... und wozu auch? Und er fand sie so entzückend, so viel geheimnisvoll lockender als vorhin die schöne Amerikanerin und all die jüngeren Frauen – und er würde ihr das so sehr zu zeigen wissen!

Von all der Müdigkeit, die in ihrer Stimme lag, merkte er nichts. Wie sollte seine Jugend wissen, daß dies »ich kann nicht mehr weiter« ein ganzes Lebensergebnis war? Er ließ sich nur von dem eigenen Ungestüm leiten, das in diesem Augenblick ganz unüberlegt und echt in ihm war und ihn selbst unwiderstehlich machte. Und er küßte sie immer wieder in dem Zauber der Vollmondnacht.

Inmitten all dieser neuen auf sie einstürmenden und in ihr selbst erwachenden Gefühle ward sie aber von der Angst vor dem Unbekannten erfaßt, das ein jeder Mensch für den andern ist. Suchend schaute sie nun ihn an, der, die Vergangenheit verwischend, bis in alle Zukunft Gegenwart für sie sein sollte, und, wie man das Schicksal nach seinen Rätseln frägt, frug sie: »Axel, bist du wirklich so lieb, wie du scheinst?«

Doch er, jetzt schon ganz übermütig und mit dem Ton selbstvertrauender Jugend, für die Liebe ein Sieg ist, antwortete: »Versuch es doch, Liane, versuch es!« – Sie aber wäre am liebsten nur so mit ihm weiter gegangen, bis in alle Ewigkeit hinein ...

Doch da waren sie schon die Anhöhe hinauf. Gleich mußten sie am Hause sein. Und beide überkam es wie eine Angst, sich nur jetzt nicht trennen zu müssen. Das war nicht möglich! Sie dachten es beide, und er sprach es aus. »Liane,« sagte er schmeichelnd, »in solcher Nacht geht man doch nicht schlafen, nicht wahr? Und es wäre so schön, noch ein bißchen zusammenzubleiben. Geh noch mit mir durch den Garten. Ich habe den Schlüssel zur kleinen Gartentür bei mir.«

Sie zuckte zusammen, denn ihr war diese ganze Nacht wie ein Traum, und die Berührung mit der Wirklichkeit schmerzte sie. Aber sie ging neben ihm wie unter einem Banne, und mit jeder Sekunde wuchs die Gewalt, die er über sie gewann: sie konnte gar nicht anders als tun, was er wollte. Und er fuhr fort: »Es ist ja wie Schicksal, daß die Pferde gestürzt sind und die Leute unten bleiben mußten. Niemand sieht uns.« Da fiel ihr ein, daß die Jungfer beurlaubt war – auch das wie vom Schicksal bestimmt.

Einen Augenblick sträubte sich gewohnheitsmäßiger Stolz in ihr. Es schien so unfaßbar, daß sie etwas tun könnte, was niemand wissen durfte. Aber der Stolz war nur eine schwache Schranke gegen die viel stärkeren Mächte, die sie beherrschten. »Schenk mir noch eine einzige kleine Stunde. Wem raubst du sie denn? Komm, ach komm!« hörte sie ihn bitten. Und sie wußte nicht, wie es geschah, aber sie nickte ganz leicht mit dem Kopfe, und ihre Augen antworteten: Ja!

In ihm war jauchzender Jubel. Kein Wissen, daß er eine Wüstenwanderin gerufen, die mit ausgestreckten Händen, wie zu endlicher Oase, kam und die daran zugrunde gehen mußte, wenn sie, statt all dessen, was ihre Herzenssehnsucht  in ihm sah,  nur eines der täuschenden Gaukelbilder fand, die, Fata Morgana gleich, längs öden Lebenswegs erstehen.

*

Er eilte ihr durch den nächtlichen Garten voraus, um die Pforte zu öffnen und Zwan, falls er aufgeblieben sein sollte, zu entfernen.

Wie eine Nachtwandlerin folgte sie ihm langsam nach. Wußte nicht, was sie tat, schritt dahin, wie Knospen sich öffnen und Blüten duften – Geschick erfüllend. Was sie mußte, war zugleich eigener Wille geworden. Wie träumend brach sie einen Zweig weißer Rosen ab, wie träumend murmelte sie dabei: »Ich wollte ja nicht, ich wollte ja nicht – aber ich will – ich will.« Und ging weiter, mit den dunkeln Worten auf den Lippen und den leuchtenden Blumen in der Hand, als trage sie das Symbol eines geheimen Kultes und wiederhole die Erkennungsformel seiner Geweihten.

Wartend stand Axel an der angelehnten Gartentür. Als er Liane von der anderen Seite auf dem Kiesweg kommen hörte, öffnete er das Gatter, ließ es leise hinter ihr zufallen und zog sie dann hastig durch den mondbeschienenen Hof in das Haus. – Er versuchte zu sprechen und vermochte es nicht; seine Kehle war wie ausgetrocknet, so daß er schluckte und schluckte und doch nur einen leisen, heiseren Laut hervorbrachte. Sie gewahrte seine echte Bewegtheit und war ihm dankbarer dafür als für alle Worte. Seine Hände zitterten – da wußte sie nur noch, wie sehr sie ihn liebte. Er tat ihr beinah leid: sie wollte ihm helfen, ihm sagen, daß sie gern gekommen sei. Aber als sie nun zu sprechen versuchte, merkte sie, daß auch ihre Stimme bebte und versagte und daß ihr Herz so stark pochte, daß ihr der Atem stockte. Da nahm sie die weißen Rosen, die sie im Garten gepflückt, und reichte sie ihm wortlos hin.

Und er schloß sie in die Arme, trug sie auf den Divan, kniete vor ihr und küßte sie, wie kein Mensch sie je geküßt. Nun hatte er sich wiedergefunden, da sie sich verloren, – und seine schmeichlerische Stimme sagte ihr tausend süße kleine Worte, wie sie sie nie vernommen und die sie umfingen gleich den Maschen eines silbrigen Netzes. Sie schloß die Augen und fühlte, wie sie ganz sacht hinabglitt in eine endlose Tiefe, weit, weit fort aus der Welt.

Sie wußte nicht mehr, wo sie war. Seltsame Bilder zogen an ihren geschlossenen Augen vorüber. Sie lag in einer lila Lotosblume, die auf goldenem Wasser trieb. Hoch über ihr im Abendhimmel schaukelte ein Blütenzweig, und Tausende der kleinen weißen Blättchen flatterten auf sie nieder und umrieselten sie, liebkosten sie wie mit zärtlichen Lippen, mehr, immer mehr, bis sie ganz bedeckt war. Aber plötzlich wandelten sich all die sanften weißen Blättchen zu Purpur. Von allen Seiten züngelten kleine eilige Flammen zu ihr empor. Feuergarben schossen empor, überströmten sie mit Millionen Funken. Es brannte die Welt, der Himmel stand in Flammen – sie selbst loderte in unbekannter Glut – wollte fliehen, mußte doch bleiben – vermochte nicht sich zu rühren. Glühende Ketten hielten sie. Eine blutrote Sonne kreiste dicht über ihr – senkte sich versengend immer tiefer in sie. Doch da, als die Spannung schmerzhaft unerträglich geworden, tönte von ferne, näher und näher kommend, das Sausen riesiger Schwingen durch die wabernden Lüfte – unter mächtigem Flügelschlag erlosch zuckend, das wilde Feuergewoge, erlosch die glühende Sonne. – Von weitgespannten, weichen Fittichen fühlte sie sich emporgehoben, weit fortgetragen aus dem Funkenregen in einen stillen blaßlila Himmel hinein. Tief unten lag ein Meer; das sang sich nach dem Sturm selbst zur Ruhe – es rauschte – leise, träge. Die Welt war voller Rosenduft – und durch Lianens ganzes Wesen zog eine traumhafte Seligkeit – wie die Erfüllung unendlicher Sehnsucht.

Als sie die Augen wieder öffnete, begegneten sich ihre Blicke.

Was wird sie nun sagen? hatte Axel, eingedenk ähnlicher früherer Situationen, sich beinah ängstlich gefragt. Das Nachher war manchmal so unerquicklich. Da gab es Frauen, die verzweifelt taten, andere, die die Hände vor das Gesicht hielten und sagten: »Was mußt du von mir denken!« Bedauernswerte, die in den Zwischenakten der Liebe auch noch Ehrenerklärungen zu hören verlangten. – All das schien glücklicherweise nicht Lianens Art zu sein. Sie sagte gar nichts, schaute ihn nur lächelnd an. Und dann schloß sie die Augen wieder und lächelte weiter.

Denn sie gehörte nicht zu denen, die sprechen, wo Schweigen die Eingabe tiefster Herzensweisheit oder das Ergebnis höchster Kunst ist. – Es kam ihr auch gar nicht in den Sinn, daß er anders empfinden könne als sie selbst. Beobachten, nachdenken mußten ihm so fern liegen wie ihr, und hätte er sie gefragt: »Was mußt du von mir denken?« so hätte sie sicher geantwortet: »Weiß ich denn noch, was denken ist? Ich liebe dich ja.«

Da empfand er eine große Dankbarkeit, nicht so sehr, daß sie sich ihm geschenkt, als dafür, wie sie jetzt war. So gelassen, beinah strahlend. Sie nahm es alles lächelnd – ja ... beinah ... selbstverständlich. – Sollte sie? ... Doch der häßliche Gedanke huschte nur wie ein Nachtfalter an ihm vorüber. – – – – – –

Das erste Morgenlicht begann zu dämmern. Ein fahler Schein zuerst, der in schwefelgelbe Töne überging, in die sich dann leuchtendes Rosa mischte. Die Helligkeit wuchs, die ersten Vogelstimmen piepten in den Wipfeln der Bäume. Bald würde draußen der Gärtner zu arbeiten beginnen. Es war Zeit – Liane mußte gehen.

An der Tür blieb sie noch einmal stehen und schaute sich zärtlich im Zimmer um, als wolle sie sich ganz genau einprägen, wie es alles gewesen. Und als sie so auf der Türschwelle stand, sank er vor ihr auf die Kniee, beugte sich nieder und streichelte ihre kleinen grauen Schuhe: »Dank euch, ihr lieben Schuhchen, daß ihr gekommen seid!«

Nun war sie fort. Im Garten verschwunden. Er stand an der Pforte, ängstlich lauschend, ob sie rasch und unbemerkt nach Hause kommen würde. Er befand sich in einem Zustand gemischter Gefühle, über die er da im ersten Augenblick noch keine ganz klare Einsicht besaß. Es war Erstaunen dabei. Wenn ihm dies noch vor wenigen Tagen vorausgesagt worden wäre – er hätte es kaum geglaubt. Er war auch stolz. Sie, die nie Eroberte ...! Und doch war auch schon der Schatten einer leisen Enttäuschung da. Sie war nicht mehr ganz sie.

Liane aber schritt durch den erwachenden Garten und dachte an keine Angst; denn hatte der Stolz sie vorhin auch nicht zu bewahren vermocht, so war er doch jetzt ein Halt, daß sie erhobenen Hauptes ging, wo andere schleichen. Sie wollte auch gar nicht nach Hause und schlafen, sie wollte wachend ihrem großen Glücke nachträumen – mochten doch schlafen, die zu vergessen hatten! Ihr war, als sei sie zum erstenmal im Leben wirklich erwacht! –

Bei einigen Blumen blieb sie stehen, streichelte leise mit seinen Fingerspitzen die bunten Blüten, schaute mit zärtlichem Verstehen in ihre tiefen, geheimnisvollen Kelche, wo wonnetrunkene Käfer ruhten. – Liebesnächte waren auch hier gefeiert worden. Die verschwiegenen Blumen, die trunkenen Käfer, die zwitschernden Vögel – sie alle hätte Liane an sich pressen mögen, denn sie sah die Natur mit neuen Augen und fühlte sich im Einklang mit ihr, selbst ein Teilchen der sommerlichen Wunderwelt, wo Millionen Lippen sich öffneten, wo alles Liebe war. Sie hob den Kopf, schaute hinauf und immer weiter hinein in den Frühhimmel, und ihre Lippen bewegten sich – sie wußte selbst nicht: waren es Worte, war es ein Kuß, den sie formten und hinaufsandten dem lichten Tag entgegen.

*

Während der Morgen weiter schritt, dachte sie so unausgesetzt an ihn, daß es ihr unabweisliches Bedürfnis ward, die Gedanken irgendwie in eine Handlung umzusetzen, die sich auf ihn bezog; ihm einen Gruß zu senden, wenn es auch erst ein paar Stunden her war, daß sie ihn verlassen hatte. Sie wünschte sich, ihm irgend etwas schenken zu können, denn sie hatte die Empfindung, unermeßlich reich zu sein und noch millionenmal mehr Liebe zu besitzen, als sie ihm schon gegeben hatte. Es war ihr, als quelle dies Gefühl unaufhaltsam aus den Tiefen ihres Herzens und erfülle die ganze Welt, als verbinde es sie beide so, daß keine Entfernung, keine Trennung je mehr zwischen ihnen bestehen könne.

Da legte sie die kleinen grauen Schuhe, die er gestreichelt hatte, in ein Kästchen – die wollte sie ihm schicken. Zierlich und zart waren sie und doch Symbole der mächtigsten Raumüberwinderin, der Liebe! – Weiße Rosen entblätterte sie darüber, bis daß die Schuhchen ganz davon bedeckt waren. Ehe sie dann den kleinen Kasten schloß und zu ihm sandte, vergrub sie noch einmal die Hände in den duftenden weißen Blütenblättchen, als solle jedes einzelne ein bißchen von ihr annehmen und zu ihm tragen. Dabei durchschauerte sie ein seltsam süßes Gefühl, als seien die atlasglatten Blättchen, die über ihre Finger rieselten, zu lauter Liebkosungen seiner zärtlichen Lippen geworden. Wahrlich, keine Entfernung mehr bestand zwischen ihnen! – Durch die Liebe glaubte sie plötzlich ungeahnte Zusammenhänge zu gewahren: Menschenlippen und Blumenblätter, Menschentränen und Tauestropfen, waren sie nicht ein und dasselbe? –

Am Nachmittag dieses Tages wurde Axel von einer großen Ungeduld ergriffen. Er konnte es nicht mehr ohne Liane aushalten. Er mußte sie sehen.

Und wieder, wie schon einmal, ließ sie ihn in ihr Wohnzimmer bitten.

Als er eintrat, sah er sie auf dem Sofa liegen, und kaum hatte der Diener die Türe geschlossen, da kniete er auch schon neben ihr und hatte ihre herabhängende Hand ergriffen und seinen Kopf an sie gelehnt. Und im selben Augenblick fiel ihm das visionhafte Bild ein, das er gesehen, damals, wo er zum erstenmal in diesem Raume gestanden hatte. Die Vorahnung des Heute war es gewesen. Dies die Möglichkeit, auf die sie und das Zimmer gewartet hatten.

*

Am übernächsten Tag kehrte Herr von Linteloe zurück. Er ward gleich durch die Nachricht von dem den Pferden zugestoßenen Unfall so sehr in Anspruch genommen, und seine, nach solchen Reisen stets gedrückte Stimmung verschlechterte sich dadurch derart, daß er sich weniger denn je darüber Gedanken machte, wie seine Frau die Zeit seiner Abwesenheit verbracht haben mochte.

Gleich in der ersten Zorneswallung entließ er den einheimischen Kutscher Tschedomil Petrowitsch. Er fand tröstliche Aufnahme in den Armen Maritza Georgewitschs, einer ihm wohlgesonnenen hochbusigen Näherin, und überließ ihr vorläufig die Sorge für sein materielles Dasein. Als Dank für die von ihr auf jedem Gebiet geübte Gastlichkeit erzählte er ihr, während er, auf eine neue Stelle wartend, herumlungerte, was er so im Laufe der Zeiten in den Häusern der Fremden mitangesehen. Am schlechtesten erging es bei diesen Darstellungen naturgemäß demjenigen Hause, aus dem er eben so plötzlich entlassen worden war. Die zärtliche Näherin erhielt genauen Aufschluß über die häufigen geheimnisvollen Reisen Linteloes, deren Ziel und Zweck dem Dienstpersonal ja längst keine ungelösten Rätsel mehr waren.

»Die arme Frau,« sagte Maritza Georgewitsch mitleidig, indem sie eine Nadel einfädelte und an einem Gebilde aus weißem Tarlatan eifrig weiter nähte. »Aber es ist ja freilich nur ein kümmerliches Figürchen.« Und sie empfand wohlig die eigenen molligen Rundungen, das breite Gesicht unter dem weitausladenden, kunstvoll toupierten Haaraufbau.

»So wie sie ist, findet sie aber doch auch jemand, dem sie gefällt,« entgegnete Tschedomil und setzte mit gehässiger Befriedigung hinzu: »Na, es geschieht dem Mann ganz recht.«

Maritza Georgewitsch richtete die hochbusige Gestalt aus den weißen Tarlatanwogen empor und horchte gespannt auf. Sie wies darauf hin, daß, wo sie beide so manches teilten, ihr die nähere Kenntnis des Angedeuteten eigentlich nicht vorenthalten werden dürfe. Und Tschedomil erzählte denn auch, ohne weitere Nötigung, von Axels sich häufenden Besuchen und den gemeinsamen Spazierritten.

»Ach,« sagte Maritza, indem sie etwas enttäuscht hinter dem sich blähenden Tarlatan wieder untertauchte, »das ist bei all den fremden Damen doch so üblich.«

»Ja,« erwiderte Tschedomil mit schlauem Augenzwinkern, »aber es ist nicht dabei geblieben.« Und er berichtete mit sichtlichem Behagen, daß die am Morgen nach dem Wagenunglück vom Urlaub zurückgekehrte Kammerjungfer festgestellt habe, daß Frau von Linteloe die Nacht keinesfalls zu Hause verbracht habe. »Das Seltsamste aber ist, daß seitdem die Schuhe fehlen, mit denen doch Frau von Linteloe tags zuvor zum Ausflug gegangen war.«

Nun ließ Maritza die Arbeit aus der Hand gleiten. Ihre Augen starrten verblüfft aus dem breiten Gesicht, und sie wiederholte verständnislos: »Die Schuhe fehlen?« – Sie mochte zwar von Liebhabern gehört haben, die, außer der Gunst ihrer Erkorenen, auch manches Stück aus deren Besitz zu schätzen wußten und gelegentlich mitnahmen, – aber Schuhe? Was konnte Graf Kronar damit anfangen? Da hätte er doch Verwertbareres wählen können! –

Noch ganz verwirrt von diesem seltsamen Einblick in die Liebesgewohnheiten der internationalen diplomatischen Gesellschaft, begab sich Maritza Georgewitsch gleich darauf in das Haus des Ministers Lazarewitsch; denn das weiße Tarlatangebilde, an dem sie, Tschedomils Worten lauschend, so eifrig genäht hatte, war bestimmt, von der Ministerstochter Zelena beim Hofball an des Despoten Geburtstag getragen zu werden, und es sollte ein letztes Mal angeprobt und kritischen Blickes überprüft werden.

Maritza Georgewitsch wurde denn auch gleich von der Ministersgattin empfangen. Ihre Exzellenz Madame Lazarewitsch war eine große, zur Fülle neigende Dame, deren Gesicht meist blaurot glänzte. Wegen der Stellung ihres Mannes, die sie bisweilen mit den fremden Diplomaten zusammenbrachte, hatte sie etwas Französisch gelernt, und aus dem gleichen Grunde erachtete sie es für nötig, europäische Tracht zu tragen und der Pariser Mode, so weit sie ihr bekannt wurde, mit Maritzas Hilfe zu folgen. Aber sie pflegte oft und ohne ersichtlichen Grund zu seufzen, als drückten sie diejenigen Vorkehrungen, die westlicher Geist zur Eindämmung der Fleischesfülle ersonnen hat. Sie sehnte sich offenbar zurück nach den, in dieser Hinsicht wenigstens, so viel größere Freiheit gewährenden Sitten des Orients.

Das Tarlatankleid ward dem ebenfalls schon stattlichen Umfang versprechenden jungen Fräulein Jelena Lazarewitsch anprobiert und noch mit einigen fröhlichen grünen Bändern und künstlichen Rosenbuketts geziert, woraus die in Farbenfreudigkeit mit ihrer Näherin ganz übereinstimmenden Damen das Werk für vollendet erklärten. Dann lud Madame Lazarewitsch Maritza leutselig ein, sich zu ihr auf das mit grellen einheimischen Teppichen belegte Sofa zu setzen, und ließ die landesübliche klebrige Rosenkonfitüre auftragen wie auch eine bei der augenblicklichen Temperatur und ihren eigenen apoplektischen Zuständen wohltuende geeiste Limonade vom nächsten Straßenverkäufer holen. Man löffelte und trank und besprach das bevorstehende Geburtsfest des Despoten. Madame Lazarewitsch erkundigte sich, ob Maritza vielleicht schon gehört habe, was diese oder jene Dame beim Hofball tragen werde. Aber darüber war Maritza wenig bekannt, und sie empfand es peinlich, für die ihr erwiesene Gastlichkeit nicht auch ihrerseits etwas bieten zu können. Da kam ihr durch glückliche Eingebung das von Tschedomil Vernommene wieder in den Sinn. Wichtig und stolz, so Neues über Mitglieder der fremden Gesandtschaften zu wissen, wiederholte sie der gespannt aufhorchenden, immer blauroter werdenden Madame Lazarewitsch und der nicht weniger neugierigen Jelena die Geschichte von Frau von Linteloes zunehmender Intimität mit dem schönen Grafen Kronar und den unter verdächtigen Umständen verschwundenen Schuhen.

Kaum war Maritza gegangen, so begab sich Jelena Lazarewitsch eilends zu ihrer Freundin, der Tochter des gegenwärtigen Kriegsministers General Wukowitsch. Fräulein Ljubitza Wukowitsch, deren Vater früher einmal Gesandter in einer europäischen Hauptstadt gewesen war, brüstete sich gern mit diesem Aufenthalt vor den Freundinnen, die nie außer Landes gekommen. Ihrer eigenen Heimat und deren menschlichen Produkten gegenüber trug sie eine nachsichtig herablassende Beurteilung zur Schau, und sie hatte sich deshalb auch noch immer nicht entschließen können, die Bewerbung eines Bruders ihrer Freundin Jelena, des Hauptmanns Milosch Lazarewitsch vom Stabe ihres Vaters, zu erhören. Sie suchte statt dessen den Umgang mit den fremden Gesandtschaften, hoffend, unter den diplomatischen Jünglingen vielleicht einen begehrenswerteren Gatten zu finden, und kopierte in billigem Material die Pariser Toiletten Madame Pigeonniers. Der stattlichen Jelena war es eine Genugtuung, der überschlanken Ljubitza, die stets so überlegen tat, all das zu wiederholen, was sie soeben von der Näherin vernommen.

Einige Eingaben eigener Phantasie fügten sich wie von selbst der Wiederholung ein, und sie schloß: »Nun siehst du es, Ljubitza, wie deine geliebten Ausländer eigentlich sind!«

Madame Lazarewitsch ihrerseits konnte die Heimkehr ihres Mannes aus dem Ministerium kaum erwarten. Unterdessen bereitete sie sich auf einen behaglichen Abend vor. Alltäglich focht sie mit sich selbst den Kampf aus, ob sie den beengenden Panzer westlicher Zivilisation schon vor dem Nachtmahl oder erst beim Schlafengehen ablegen solle. Heute entschied sie sich widerstandslos für das erstere. Nicht die halbe Freude wäre es gewesen, diese Neuigkeit unter solchen Hemmungen vortragen zu müssen. In voller Bewegungsfreiheit wollte sie sie ihrem Manne servieren, zusammen mit des Nachtmahls Eiern in würziger Knoblauchsoße und dem pikanten Paprikaspanferkel. So schlüpfte sie in eine weite Morgenjacke, unter der die befreiten Komprimiertheiten auseinanderfluteten. Erleichtert aufatmend wartete sie.

Der Minister aber kehrte spät heim. An diesem Nachmittag hatte sein allwöchentlicher Empfang der Diplomaten stattgefunden. In gewöhnlichen Zeiten pflegte er dieser Amtsfron mit müder Resignation entgegenzugehen. Es kamen da eben etliche Herren, denen es galt höflich zuzuhören. Da war einer, der ihm gern erzählte, daß sein Land in Europa zwar klein sei, in Afrika aber ein Riesenreich besitze, – was Lazarewitsch wegen der Entfernung gleichgültig ließ. Ein anderer, der vor ihm mit dem Bau eines Friedenspalastes in seiner Heimat prunkte, – was Lazarewitsch ein überflüssig Unternehmen dünkte: denn wozu eine Behausung bauen für etwas, das es auf Erden ja gar nicht gab? Langweilig waren all diese Dinge, ließen sich indessen mit Hilfe von Kaffee und Zigaretten ertragen. – Doch das hatte sich nun alles geändert. Und zwar wegen der verwünschten Holzhäuser! – – Mehr denn je waren die fremden Herrn heut gekommen. Der eine, mächtigste, der doch für gewöhnlich so süß zu flöten wußte, um ganz unverhohlen mit der Entziehung traditionellen wohlwollenden Schutzes zu drohen, falls auf dem Ausstellungsprojekt bestanden würde; seine drei Konkurrenten, um zu drängen; die übrigen, um sich zu informieren. Alle vier Bewerber hatten um die Wette ihre Landesprodukte gerühmt, ihre erstaunliche Billigkeit hervorgehoben, die sie beinah als Geschenke erscheinen ließ. – In der Pose der uneigennützig Gebenden aber liebte der Minister die Fremden am allerwenigsten. Ferne Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht wurden dabei in ihm wach. Er entsann sich eines hölzernen Pferdes des Altertums. Was konnte nicht alles, so gut wie hölzernen Pferden, hölzernen Häusern entsteigen! – Friedliche Durchdringung nannte man das Joch, das schon manchem Volk, in anfänglicher Gestalt scheinbarer Wohltaten, aufgelegt wurde! – –

Durch seine glückliche Gabe besänftigender Rede war es dem Minister schließlich aber doch gelungen, die erregten, erfolgsüchtigen Herrn noch einmal zu beschwichtigen. Sogar Mirojedsky. Den einzigen ja, der gefährlich werden konnte. Auf dem Heimweg überlegte Lazarewitsch, was nun weiter zu tun sei. Die Omladina hatte die Holzhäuservorlage zum Glück ja noch gar nicht beraten. Diese Beratung und die voraussichtliche Bewilligung der Kredite mußten vorläufig verhindert werden. Das war das Dringendste. Dazu galt es Lazarewitschs persönliche Freunde unter den Volksvertretern zu bewegen, die anderen, augenblicklich zur Debatte stehenden Fragen derart hinauszuziehen, daß es gar nicht zu einer Besprechung der Holzhäuservorlage mehr kam, ehe die Session vertagt wurde und die Abgeordneten in die Sommerferien gingen. Damit war der Vorwand gegeben, die ganze Angelegenheit der augenblicklichen heftigen Betreibung zu entziehen. Und Zeitgewinnung, Aufschub der Entscheidung war hier, wie so oft, einzige Weisheit. – – Lazarewitsch atmete erleichtert auf, diesen Ausweg gefunden zu haben. Aber er dachte dabei, wieviel Ungemach des Herrschers jugendliche Beglückungssucht doch heraufbeschworen hatte. Ganz unnötigerweise. Die Arbeiter der Staatsdomänen hätten ja, wie bisher, auch ohne Holzhäuser ganz glücklich weiter gelebt. Dieser importierte Fürst war eben im Geist der in seinem Geburtsland grassierenden sozialen Gesetzgebung befangen! – Einer gewissen Teilnahme für solche Regungen konnte sich der Minister allerdings nicht erwehren. Warmherziger Weltverbesserungsdrang war eine Art Herrscherbetätigung, deren er sich von den früheren einheimischen Dynasten nie zu versehen gehabt hatte! Etwas Sympathisches lag darin. Aber etwas Fremdes. Und das Fremde verdroß Lazarewitsch. Er empfand die Distanz zwischen Urosch dem Fünfundzwanzigsten und allem Landesüblichen. – Lazarewitsch hatte den Fürsten persönlich eigentlich gern – es lag sogar ein kleiner Zug unglücklicher Liebe in diesem Gefühl. Und er würde sich, so lang es irgend ging, mit seiner Verantwortung schützend vor ihn stellen. Aber wenn er ihm doch nur einmal wirklich beikommen könnte! –

Als ihm dann bei des Nachtmahls Eiern in würziger Knoblauchsoße und bei pikantem Paprikaspanferkel, die Gattin erzählte, was sie von Maritza vernommen, sagte er sich denn auch: Vielleicht würde es noch einmal ganz nützlich sein, gegenüber der halb unbewußten Überheblichkeit des Fürsten und seiner Neigung zum Fremden, ihm vorhalten zu können, wie es in den beiden, ihm nächststehenden Gesandtschaften zuging! – Lazarewitsch schmunzelte. Wer zu fern gehalten wurde, um lieben zu dürfen, vermochte vielleicht eines Tages doch wenigstens zu kränken!

*

Während so das Gerücht, einer kleinen Quelle entspringend, in vielerlei Kanäle zu sickern begann, lebte Liane achtlos dahin. Blind und taub für alles, was nicht der Eine war. Traten ihr andere Menschen überhaupt ins Bewußtsein, so empfand sie den Wunsch, ihnen irgendwie wohlzutun, sie zu beschenken, denn sie alle taten ihr leid, dünkten sie arm im Vergleich zum eigenen unermeßlichen Glücksreichtum. Alles auf Erden war ihr ja durch ihre Liebe gegeben: Die Sonne schien nur, um ihrer Seligkeit zu leuchten, und der ganze Sommer war nicht wie andere Sommer – es war ihr Sommer. – Nichts besaß mehr die Macht, sie aus ihrer Verzückung zu reihen. Des Alltags kleine Verdrießlichkeiten merkte sie gar nicht, war wie jemand, dem die Höhe der täglichen Rechnungen gleichgültig sein kann, weil er weiß, daß er über einen geheimen, nie endenden Schatz gebietet. – Und all solche Äußerlichkeiten waren ja auch gar nicht das wahre Leben. Das wahre Leben war die wundersame Steigerung aller Fähigkeiten, die sie staunend in sich fühlte und die alle ihn beglücken sollten. Denn wenn sie jedem Menschen gern ein paar Blumen in sein Lebensgärtchen gepflanzt hätte, so wollte sie ihn, den sie liebte, mit Blüten überschütten. Wäre sie eine schaffende Natur gewesen, so hätte sie jetzt, ihm zu Ehren und durch ihn inspiriert, Bücher geschrieben, Bilder gemalt oder die Melodien festgehalten, die sie im eigenen Innern klingen hörte. Und manchmal war ihr, als könne sie das alles, als sei jede frühere Hemmung des Allein- und Ungeliebtseins von ihr genommen. Ein alle Schranken verwischender Wahn war ja über sie gekommen, eine erdentrückte Gehobenheit, der alles möglich dünkte.

Wenn Liane sich so ganz in ihren Traum eingesponnen hatte, konnte es geschehen, daß sie ihre wirklichen Lebensumstände vollständig vergaß, kaum noch wußte, wer sie eigentlich war. Und sie mußte sich oft gewaltsam zusammennehmen, um an Axel nicht Blicke oder Worte zu richten, die jedem kund täten, wie sehr sie ihn liebte. Das war die einzige Beschränkung der Vollkommenheit dieser Tage.

Unter solchen Umständen war es kaum verwunderlich, daß die anderen aufmerksam zu werden begannen. Die meisten beobachteten gutmütig belustigt, manche, für die des Lebens Lenzesfreuden weit zurücklagen, mit leiser Wehmut, andere, die gleiche Wege wandelten, mit einer gewissen Genugtuung. Niemand aber entrüstete sich sonderlich, denn die Sympathien aller waren seit Jahren ganz auf Lianens Seite. Auch war jeder Einzelne schon zu sehr mit den eigenen Sommerurlaubsplänen beschäftigt, um sich noch viel um anderes kümmern zu mögen. Gleich nach des Despoten Geburtsfest würde ja der allgemeine Aufbruch beginnen.

Nur Mrs. Pemberton empfand eine gewisse ärgerliche Enttäuschung. Sie besaß in hohem Maß die in ihrem republikanischen Heimatlande so verbreitete Vorliebe für Adelstitel und hätte es gar zu gern gesehen, wenn sich noch vor dem Urlaub zur schönen Nichte ein gräflicher Neffe gesellt hätte. Die Nichte selbst schien weder enttäuscht noch ärgerlich. Höchstens erstaunt. Es war das erstemal, daß es ihr geschah, zwei Männern zu begegnen, die ihr gleich gut gefielen und gleich unerreichbar blieben. Aber Sorgen, die die Augen trüben und den Teint welken, war das nicht wert. – Es gab ja viele Männer auf Erden, und sie trug viele Pfeile im Köcher. –

*

So kam des Despoten Geburtsfest heran. Aber es war kein festlich froher Tag für Hans Hadubrand. Die Telegramme und Briefe aus Gnadenhausen-Rattenburg erweckten Heimweh. Er erinnerte sich, wie zu Hause sein und der Geschwister Geburtstage gefeiert worden waren. Mit einem Aufbau hatten sie stets begonnen. Auf dem Tische stand ein Kuchen mit brennenden Lichtchen, die sich jährlich um eines mehrten. Rund herum lagen zwischen Blumen die Geschenke. Der erste Blick, etwas angstvoll gespannt und doch eigentlich im voraus sicher, war allemal gewesen, ob der jeweilige Herzenswunsch denn auch wirklich erfüllt worden sei. Und er war es immer. Vom Unterricht wurden die herzoglichen Kinder sämtlich an jedem Geburtstag dispensiert. Wie hatte er da mit den Brüdern und Schwestern herumgetollt! In der Erinnerung wenigstens wollte es ihm so scheinen, wenn es in Wirklichkeit auch vielleicht nur ein durch die Nähe der Herzogin Mutter sanft gedämpftes Tollen gewesen sein mochte. Nachmittags erschienen oben auf der Rattenburg diejenigen Kinder der Gnadenhausener Gesellschaft, die des Umgangs mit den jungen Prinzen und Prinzessinnen wert befunden wurden. Zuerst waren sie etwas schüchtern, aber allmählich tauten sie beim Spielen auf. Dann saß man an langer Tafel auf den gelben Damaststühlen des Speisesaals, und die Lakaien, in Kniehosen und wappengezierten Röcken, servierten dampfende Schokolade und Baisertorte. Beim Einschlafen überdachte man noch einmal all die Herrlichkeiten des Tages, und der Herzogin Mutter Gutenachtkuß schien zärtlicher als sonst.

Wie anders war doch alles hier! – Mulickes biederes Gesicht am frühen Morgen das einzige Anheimelnde. Sogar einen Kuchen mit Lichtchen hatte der Gute als sein Angebinde gebracht. Und er trug dabei den Ausdruck eines Verbannten, der einem Leidensgenossen in der Fremde eine kleine Freude zu bereiten sucht. Aber den in solcher Lage natürlichsten Geburtstagswunsch, daß nämlich die Gefangenschaft bald vorbei sein möge, durfte Mulicke nicht aussprechen, denn es lag ja in der Natur dieser Verbannung, daß man ihr im Gegenteil Dauer wünschen mußte, da sie nur durch beschämenden Mißerfolg und katastrophale Ereignisse endigen konnte. – Schulfrei wie daheim war der Tag gar nicht. Zuerst kam die Fahrt durch die holprigen, beflaggten Straßen zur Kathedrale.

Der endlose Festgottesdienst in fremder Sprache und fremdem Glauben. Das lange Knien vor den altersgeschwärzten Ikonen, die Hans Hadubrand nicht wie gütige Heilige anlächelten, sondern finsteren Mächten gleich aus ihren goldenen Schreinen auf ihn herabstarrten. – Ins Palais zurückgekehrt, folgten die Beglückwünschungen durch das Ministerium und die Geistlichkeit. Mit dem Hausorden von Gnadenhausen-Rattenburg und dem Landesorden Nikephoros des Großen angetan, hatte sie der Despot entgegengenommen, und eingedenk des Vorbildes, das er für solche Gelegenheiten stets in seiner Mutter sah, hatte er pflichttreu getrachtet, für jeden die richtigen verbindlichen Worte in der, ach, so schweren Sprache zu finden. – Und bei allem, was er so als Urosch der Fünfundzwanzigste tat und sagte, war ihm, als schaue ein anderer zu, der Hans Hadubrand hieß.

Dann waren die Herren des diplomatischen Korps zur Gratulation erschienen. Von seinem Hofstaat umgeben und im Beisein des Ministers Lazarewitsch hatte sie der Despot empfangen und dazu noch rasch die Orden der Länder, die die Herren vertraten, angelegt. – Der Anciennetät nach standen die Missionschefs in großer Uniform in einer Reihe. Hinter ihnen ihre Sekretäre und Attachés. All die einzelnen Gruppen Symbole von lauter Staatsoberhäuptern, die, angeblich überhaupt, heut aber ganz besonders, von freundschaftlichen Gefühlen für Urosch den Fünfundzwanzigsten erfüllt sein wollten! – Der Doyen trat aus der Reihe vor und verbeugte sich tief vor dem Herrscher. In kurzer, wohlgesetzter französischer Rede brachte er die Glückwünsche aller zum Ausdruck. Dann schritt Urosch der Fünfundzwanzigste von einer Gruppe zur anderen. Jeder Missionschef hatte noch einen kleinen Satz zur Rede des Doyens hinzuzufügen, einen Gruß, ein besonderes Wort seines Souveräns zu überbringen. Der très-cher frère von so manchem, ihm kaum bekannten hohen Herrn war Hans Hadubrand ja geworden! – Auch Mirojedsky flötete Wünsche für eine »weise, die wahren Interessen des Landes fördernde Regierung«. Trotz der süßesten Töne seiner schönen Stimme wirkte er dem Despoten gegenüber stets erzieherisch, hatte etwas Herablassendes, als spräche er mit einem Vasallen seines eigenen Herrschers.

Am wohlsten wurde dem Fürsten beim Anblick der Gruppe, an deren Spitze Herr von Linteloe stand. Die militärischen Uniformen, die diese Herren trugen, kannte er ja so genau! Sie hätten ebensogut in Gnadenhausen-Rattenburg sein können! Und plötzlich fühlte er sich für einen Augenblick gar nicht mehr als Urosch der Fünfundzwanzigste, sondern ganz Hans Hadubrand. Aber er wurde mit einem Ruck doch gleich wieder Urosch, denn er durfte ja keinerlei Vorliebe für Altvertrautes zeigen, noch merken lassen, daß, nächst Mulickes biederem Gesicht am Morgen, diese Uniformen das einzige Anheimelnde waren, das der Tag gebracht. – Und es merkte es auch wirklich keiner. Nur Axel lächelte leise und dachte: »Musterhaft, Haha, wirklich musterhaft! Sogar die Herzogin Mutter müßte mit dir zufrieden sein.«

Nachdem sie alle gegangen, war Lazarewitsch allein beim Fürsten geblieben. Er hatte offenbar noch etwas, das er sagen wollte. Da blickte ihn Urosch der Fünfundzwanzigste so erwartungsvoll an, wie einst Hans Hadubrand nach dem am heißesten begehrten Geschenk auf dem Geburtstagstisch herumgespäht hatte. Brachte ihm der Minister zum Geburtstag vielleicht doch noch Erfüllung seines Herzenswunsches? Seines immer leidenschaftlicher werdenden Herzenswunsches, einen kleinen Anfang machen zu dürfen, um dem Volke, das ihn berufen, bessere Lebensbedingungen zu schaffen? – Es war ja nur ein kleiner Schritt zu dem ihm vorschwebenden Ziele. Aber wieviel würde schon der wett machen an eigenem Entbehren! – Ja, das Bewußtsein, ein bißchen Segen verbreitet zu haben, das wäre wahrlich das schönste Geburtstagsgeschenk.

Aber Lazarewitsch setzte statt dessen seinem jugendlichen Herrscher mit kühler Bestimmtheit auseinander, daß die Omladina nunmehr bis zum Herbst vertagt werden müsse, ohne daß es zur Beratung der Holzhäuservorlage vorher käme. Er rechnete es sich dabei zum Verdienste an, durch diesen Ausweg die beginnende Gereiztheit der großen stamm- und glaubensverwandten Schutzmacht zu besänftigen. Bei Mirojedskys unverhohlener Abneigung gegen des Despoten Plan einer Konkurrenzausstellung sei dies die einzige augenblicklich mögliche Lösung gewesen.

»Und dann ... im Herbst?« frug der Fürst gespannt.

»Bis dahin wird sich die Erregtheit hoffentlich allerseits gelegt haben,« antwortete Lazarewitsch gleichmütig. »Oder ich würde eben nach neuen Aufschubsgründen suchen müssen. Es liegen ja tatsächlich sehr viel eiligere Vorlagen noch vor, die wir, wegen Überbürdung der Omladina und weil die ländlichen Abgeordneten dringend nach Hause müssen, jetzt ebenfalls zurückstellen. Die müssen in der Herbstsitzung natürlich als erste erledigt werden.«

»Aber es soll mir doch nicht etwa zugemutet werden, etwas, das ich versprochen habe – und an dessen Erfüllung mir so viel liegt – ganz aufzugeben?« rief Hans Hadubrand.

Der Minister blickte zwischen den halbgeschlossenen Lidern seiner seltsam tiefen Augen hinaus ins Weite und sagte gelassen: »Die Staatsnotwendigkeit hat Herrschern schon Schwereres zugemutet. Bedauerlich ist nur, daß Hoheit sich – besonders neulich in Wawedine – persönlich engagiert haben. Denn im übrigen: die Angelegenheit selbst wird ja, wie so manches, bald vergessen sein.«

»Das kann Ihr Ernst nicht sein!« brauste Hans Hadubrand auf. »Ich müßte mich ja vor dem Volke schämen. Erinnern Sie sich doch, wie gerade in Wawedine der alte Bauer mir so beglückt dankte, daß seine Söhne und Enkel es nun besser haben würden als er. Sollte ich mich da etwa nicht engagiert fühlen? Es wäre eine Schmach, die Leute nun zu enttäuschen.«

Der Minister zuckte kaum merklich die Achseln und antwortete dann in nachsichtigem Tone: »Ja, wenn Hoheit wirklich derart an diesen Holzhäusern hängen, müßte man eben im Herbst eine Verständigung mit Mirojedsky herbeiführen und seinen Zeysigoffwerken die Lieferung unauffällig übertragen. Denn eins steht fest: wir dürfen wegen solcher Lappalie keine dauernde Gereiztheit Mirojedskys riskieren. Er ist zu einflußreich bei seiner Regierung.«

»Aber durch diese fortwährenden Konzessionen begeben wir uns ja in immer tiefere Abhängigkeit,« entgegnete der Fürst. »Sie werden mir doch sicher beipflichten, daß die Zeysigoffwerke keinem der drei anderen Bewerber gewachsen sind. Wenden wir ihnen also die Bestellung zu, so erhält das Volk für die von der Omladina bewilligten Kredite nicht die bestmögliche Ware. Damit würden wir also, aus Angst, wider unser besseres Wissen handeln.«

Lazarewitsch lächelte still und halb wohlgefällig. Wie war das doch alles so jung und unverdorben!

Und Hans Hadubrand fuhr eifrig fort: »Bei einer Konkurrenzausstellung würde, aller Wahrscheinlichkeit nach, die weltbekannte von Baron Holst empfohlene Firma siegen. Und in deren Händen sähe ich persönlich die Lieferung auch am liebsten. Noch kürzlich erfuhr ich, wie sehr auch Graf Kronar die dortigen Erzeugnisse rühmen soll.«

Der Minister horchte auf, und seine Züge verfinsterten sich. Also der Jugendfreund steckt dahinter! dachte er. Und scheinbar gleichgültig warf er ein: »Ich wundere mich, daß Graf Kronar überhaupt Zeit und Gedanken hat für die Errichtung bescheidener Holzhäuser, die dereinst hiesigen Arbeitern Unterkunft gewähren sollen. Ich glaubte, sein Sinnen sei auf ganz andere Dinge gerichtet – um im Baufach zu bleiben, möcht’ ich sagen: eher auf die Ausstattung eines verschwiegenen Liebesnestes.«

»Was meinen Sie damit?« frug Hans Hadubrand, und dabei fühlte er, wie sein Herz plötzlich zu hämmern begann.

»Nun, man hört so allerhand über seine immer näher werdenden, ja sogar nächtlichen Beziehungen zu einer anderen Gesandtschaft,« antwortete Lazarewitsch in die Ferne starrend und fuhr dann lässig fort: »Eine Gesandtschaft, die ihm hier räumlich naheliegt und deren Herrin ihm schon von früher her intim bekannt sein soll.« Doch aus der Ferne zurückkehrend, gewahrten seine Blicke nun, wie in des Fürsten Antlitz eine jähe Blutwelle stieg. Was ist es doch eigentlich für ein lieber Junge, dachte er: errötet, wenn man so etwas andeutet, wahrhaftig ganz wie ein junges Mädchen! – Und beschwichtigend setzte er rasch hinzu: »Vielleicht ist übrigens alles, was man da beobachtet haben will, in Wirklichkeit nur freundschaftliche, beinah verwandtschaftliche Intimität – es wird ja so manches übertrieben und falsch gedeutet.«

»Jedenfalls ist es völlig unstatthaft, uns zu Weiterträgern von Gerüchten zu machen und damit den Ruf einer Dame anzutasten, die über derlei völlig erhaben ist,« sagte Hans Hadubrand in scharfem Tone. »Ich erwarte von Mitgliedern meiner Regierung und Umgebung, daß sie solchen Ausstreuungen aufs bestimmteste entgegentreten, Die Angelegenheit ist hiermit für mich erledigt.« Er sah aus wie ein zürnender heiliger Georg, der sich anschickt, unter den Augen der bedrohten Frau, den Kampf mit dem Drachen aufzunehmen.

Der Minister verbeugte sich. Vor dem Zorn des Despoten hatte er plötzlich etwas ganz Untergeordnetes angenommen. »Ich hielt es für meine Pflicht, Hoheit zu informieren – grade wegen Hoheits früherer Kameradschaft mit dem betreffenden Herrn,« murmelte er.

Im selben Augenblick meldete der diensttuende Adjutant, daß sich verschiedene ländliche Abordnungen bereits im Gartensaale zur Gratulation versammelt hätten. »Hoheit wollten dazu, wenn ich nicht irre, die fremden Dekorationen ablegen,« erinnerte er.

Der Despot nickte. »Ja, danke – und – ich will auch eine leichtere Uniform anziehen.« Es war ihm plötzlich, als ersticke ihn der hohe Kragen. Welche Wohltat, einen Augenblick allein sein zu können! dachte er. Hochaufgerichtet schritt er dann zur Tür seiner Privatgemächer. Niemand sollte sehen, wie tief Hans Hadubrand getroffen war.

Auf den Tag, für den der Fürst nur die farblose Einförmigkeit zeremonieller Handlungen vorausgesehen hatte, war der tiefe Schatten herber Enttäuschung gefallen, in die sich bittrer Schmerz mischte. Hans Hadubrand fühlte ihn dumpf bei allem Agieren, das seine Rolle Urosch des Fünfundzwanzigsten im weiteren Verlauf der Stunden erforderte. Aber er schob ihn einstweilen tapfer beiseite, gestattete sich nicht, dem zu lauschen, was sonst überlaut geworden wäre. Erinnerte sich eines gern gebrauchten Satzes der Herzogin Mutter: »Persönliches Wohlbehagen ist bedeutungslos.« – Wie oft mochte sie sich den wohl selbst, gegenüber den Aufgaben des eigenen Lebens, vorgehalten haben, in den Jahren, da Hans Hadubrand noch ein ahnungsloses Kind gewesen! – Unwillkürlich verglich er heute, zum erstenmal wohl, was er vom Wege der Mutter wußte, mit dem, was sich ihm über die Pfade anderer offenbarte. Empfand ihr gegenüber nicht bloß das bisherige Bestreben äußerer Nachahmung, sondern eine keimende innere Übereinstimmung. War ihr dankbar für jahrelanges Beispiel, das, mehr vielleicht als gleiches Blut, in ihm eine Ähnlichkeit herangebildet hatte, die ihm heute half. Eine Ähnlichkeit freilich nur, sofern sie zwischen erfahren hartem Alter und schwärmerisch weicher Jugend überhaupt möglich.

Erst am späten Nachmittag waren alle Nummern seines Tagesprogramms durchgemimt, konnte er sich endlich etwas frei machen. Es zog ihn zur alten Zitadelle. Nur von Wulicke gefolgt, stieg er hinauf. Wie so manches Mal früher. Damals mit der uneingestandenen Hoffnung, daß freundlicher Zufall ihn die Frau dort finden lassen möge, die gleich ihm den einsamen Ort zu lieben schien. Heut mit der Angst, sie zu treffen. Nicht mehr allein, sondern mit seinem eigenen Jugendfreund. Wie einmal schon. Vor wenigen Wochen. Und er entsann sich, wie ihn bei jener Begegnung eine plötzliche Angst um sie befallen hatte. Ein so unabweisliches Bedürfnis, sie zu schützen, daß er dem Freunde sogar warnende Worte gesagt, über die er sich nachher selbst gewundert hatte.

Aber der Platz, wo die alten Geschütze aus fernen Kampfestagen standen, war leer. Nur die Gestalt einer einsamen Schildwache, oben auf der äußersten Mauer, zeichnete sich gegen den leuchtenden Himmel ab. Und Hans Hadubrand dachte: wozu sollten auch die beiden hier heraufkommen? Hatten ja wohl andere Möglichkeiten, sich zu sehen. Wie hatte Lazarewitsch doch gesagt? – Aber er verscheuchte die Erinnerung an die häßlichen Worte, all die Vorstellungen, die sie wachriefen, Wollte sich wenigstens das Bild der Frau ungetrübt in wehmütiger Schönheit erhalten. – Wie würde sich die Herzogin Mutter zu all dem wohl stellen? fuhr es ihm durch den Sinn. And die Antwort stand alsobald vor ihm: Von allem, was das Licht zu scheuen hatte, was ungesetzlich war, wandte sie sich unerbittlich ab, besonders wo es sich um Frauen handelte. Sie kannte keine Konzessionen, im Bewußtsein eigener Selbstbeherrschung und Würde. Und wahrscheinlich hatte sie Recht. Hans Hadubrand erinnerte sich, wie sie einst selbstsicher gesagt: »Je älter du wirst, um so mehr wirst du einsehen, daß ich eigentlich immer Recht habe.« Er überließ sich ja auch gewöhnlich ganz ihrer Führung. Aber in diesem einen Fall konnte er nicht urteilen, wie sie es sicher getan hätte. Allzu stark sprach anderes in ihm. Jedem Irrenden gegenüber war ja Hans Hadubrands erster Impuls überhaupt niemals Verurteilung, sondern stets der Wunsch, die Hand zu reichen und zu helfen. Und nun gar hier! – Er sah Liane in der Einsamkeit ihrer Ehe, die ihm, so wenig wie anderen, ein Geheimnis geblieben; die mit zu dem von ihr ausgehenden rührenden und anziehenden Etwas gehörte. Den Wunsch, sie zu hüten, sie mit sanfter Zärtlichkeit zu umgeben, erweckte diese Vorstellung, erweckte ihr bloßer Anblick. Etwas Flehendes lag darin. Er selbst hatte diesen Ausdruck zu wehem Warten und müder Trauer sich steigern sehen. Und es hatte einen Augenblick gegeben, grade hier oben auf der alten Zitadelle, wo es ihn beinah übermächtig getrieben hatte, zu ihr zu sprechen: »Komm mit mir weit fort, auf daß wir das Leben zusammen noch einmal beginnen. Laß mich dich lieben, weil du nie geliebt wurdest, laß mich dir jede Enttäuschung ersetzen.« – Aber er durfte ja nicht. War auf seine Weise, ganz wie sie selbst, ein Gefesselter. Und Heimliches, Verbotenes hätten seine Gedanken nie mit ihr in Zusammenhang zu bringen vermocht. Zu hoch, wie auf weißer Bergesspitze, stand sie ihm ja. Und auch er selbst stand sich zu hoch. Er dachte: wir, die stets Beneideten, von mißgünstiger Begehrlichkeit Umspähten, dürfen unsererseits nie begehren, was eines anderen ist. Etwas Strenges, Alttestamentliches lag darin. – Aber nun war ein von Hemmungen Freier, ein Gespiele ihrer Kindheit gekommen und hatte, in ihres Lebens Leere hinein, all die Worte gesprochen, die ihm selbst verwehrt geblieben. – War es gar so unverständlich, falls sie sie erhört hatte? Mußte man verdammen? – Hans Hadubrand konnte es nicht, konnte ihr nicht Richter sein. Fühlte sich im Gegenteil, so hart er auch gegen sich selbst war, ganz zu ihrem Anwalt werden, der überall für sie nach Entlastungen suchte und sie, wenn nirgends sonst, so doch im Mitleid seines eigenen Herzens fand.

Dann dachte er an den Freund. Bittrer war das. Und seltsam, daß es gerade der sein mußte, den er schon in den gemeinsamen Studententagen ob seiner größeren Ungebundenheit beneidet hatte. Und er frug sich: wird Kronar die eigene Unabhängigkeit benutzen, um die Frau nun auch völlig zu befreien? – Ihm selbst wäre das als das einzig Mögliche erschienen. Aber über Axel empfand er Zweifel. Er konnte ihn sich nicht vorstellen, Opfer bringend und freiwillig Fesseln auf sich nehmend. Als der geborene reizvoll lustige Ausflügler erschien er ihm, nicht als dauernder Gefährte langer, vielleicht schwerer Reise. Hans Hadubrand hatte ja, auch nach den gemeinsamen Bonner Tagen, so manches im Lauf der Jahre über Axel gehört. Allerwärts wurden ihm Erfolge nachgerühmt. Jede Stadt, in der er geweilt, trug wohl in seiner Erinnerung einen oder auch mehrere Frauennamen; falls er sich nämlich erinnerte. Aber wenn er wirklich so war, was sollte dann aus Liane werden? Sie war doch sicherlich keine leicht Vergessende! – Und wieder empfand Hans Hadubrand die ungeheure Angst um sie.

Es war das erstemal, daß die schöne Mrs. Clarence sich in einer Residenz befand, deren Herrscher Geburtstag feierte, und sie hatte diese seltene Gelegenheit benutzt, um möglichst viele der dabei zu erlangenden Eindrücke für die Freunde im fernen Clarenceville, Dakota, fest zu halten. Früh schon war sie mit dem sie stets begleitenden Kodak vor der Kathedrale gewesen und hatte des Herrschers Anfahrt, sein Aussteigen, die Begrüßung durch die Geistlichkeit am Portal in rasch aufeinander folgenden Bildern aufgenommen. Dann war sie zum Palais geeilt, und sämtliche zur Gratulation eintreffenden Deputationen, wie auch die Auffahrt des diplomatischen Korps, waren in der Straße von ihr photographiert worden. Die Milliardärin arbeitete angestrengt, als sei sie die Angestellte einer Filmgesellschaft. Bei alledem wurde sie zum mindesten ebensoviel angestarrt, als sie selbst anstarrte, und da sie nie in Erwägung zog, ob ein von ihr erregtes Aufsehen etwa anderer als wohlgefälliger Art sei, so war sie mit sich und dem Tage zufrieden.

Abends entkleidete sie sich dann zum Hofball, und nachdem sie abgelegt, was sich irgend entbehren ließ, behängte sie das nunmehr Unverhüllte mit den märchenhaften Perlen, die ihr der verstorbene Mr. Clarence in der Verliebtheit seiner kurzen Ehe geschenkt und die sie jetzt bei der Durchreise in London und Paris noch reichlich ergänzt hatte. So glich sie, in ihrer strahlenden Schönheit und dem schimmernden Geschmeide, einer herrlichen Statue, auf der ein Schmuckhändler seine kostbarsten Waren ausgestellt hätte. Ähnliches war in der Stadt an den zwei Flüssen nie geschaut worden. Als sie mit Mrs. Pemberton und Mrs. Anderson den Gelben Saal betrat, wo bei Hofbällen das diplomatische Korps, zusammen mit dem einheimischen Ministerium, in Erwartung des Herrschers Aufstellung zu nehmen pflegte, verstummte bei ihrem Anblick denn auch das Summen aller Gespräche. In der plötzlich entstandenen Stille aber entrang sich den Lippen Favorinas und Belanys ein gleichzeitiges bewunderndes »Ah«, wie man es während Feuerwerken aus der lautlos gaffenden Menge plötzlich zu hören pflegt, wenn eine surrend aufgestiegene Rakete sich gegen den nächtlichen Himmel in Garben blendender Sterne weit entfaltet.

Der Eindruck, den Mrs. Clarence hervorrief, wurde aber noch verstärkt durch den Vergleich mit den Damen des einheimischen Ministeriums. Breit und behäbig trugen viele der älteren, die auch nur die eigene Landessprache kannten, die langen bauschigen Röcke der Nationaltracht, dazu boleroartige Jäckchen über hohen weißen Blusen und auf dem Kopfe flache rote Käppchen, um die sich das graue Haar in Zöpfen legte. Nur Madame Lazarewitsch, als Frau des Ministers des Äußern und dadurch in Verkehr mit den fremden Damen stehend, hielt es für ihre Pflicht, der Pariser Mode zu folgen, so weit sie ihr bekannt wurde. Beim Hofball erfüllte sie diese Aufgabe, indem sie, über den Panzer westlicher Zivilisation, ein dekolletiertes Kleid angelegt hatte. Von der Mitte seines Ausschnittes aber stieg vorn ein schwarzer Samtstreifen empor, der ihre umfangreiche Büste in zwei Hemisphären teilte und dann oben, um ihren dicken kurzen Hals, ein hohes Band bildete. Es war nicht schön und machte sehr heiß. Infolgedessen glänzte denn auch Madame Lazarewitschs gedunsenes Gesicht besonders apoplektisch über dem schwarzen Halsband.

Aber sie ertrug dies gern: gab ihr doch der die ausgeschnittene Taille emporhaltende Samtstreifen die beruhigende Gewähr, daß trotz ihrer Konzession an europäische Balltracht keine Gefahr bestand, daß die schützende Hülle tiefer als beabsichtigt von der mühsam eingedämmten Fülle hinabgleiten konnte. Denn entblößt wie diese transatlantische Dame hätte Madame Lazarewitsch sich doch nimmer zeigen mögen! – Und auch die dünne Ljubitza Wutowitsch, die sonst zur Nachahmung ausländischer Toiletten neigte, fühlte, daß das in diesem Falle ebenso gut Mangels halber als wegen Überfluß unratsam sein könne.

Die jungen Herren umdrängten Mrs. Clarence alsobald und ließen sich für Tänze vormerken. Auch Stramm war unter ihnen, wie alle dem Zauber verfallen, aber er begann doch, sich besorgt zu fragen, ob es nicht vielleicht Grade von Schönheit und Reichtum gibt, die dem Weib eine unziemliche Eigenbedeutung verleihen, während es doch eigentlich einer Null gleichen sollte, die erst durch den Gatten, als Ziffer, Bewertung erhält.

Die Damen des diplomatischen Korps verbargen hinter wohlerzogenem Lächeln etwaige Gereiztheit über das allzu starke Strahlen dieses neuen Sternes und trösteten sich mit dem Gedanken, daß es ja ein an ihrem Horizonte nur rasch vorbeiziehender sei.

Alle waren sie da. – Feierlich stolz die Marquesa de los Toros, die in den Festberichten der Zeitungen stets »eine Verkörperung altspanischer Hofetikette« genannt wurde. Fremdländisch, mit seinem bräunlichen Hälschen und zerbrechlich dünnen Ärmchen, die kleine Madame Oki Abunai, stets verbindlich lächelnd, aber etwas geniert in dem europäischen Ballkleid, das lose an ihr hing und die Vorstellung erweckte, als enthalte es kaum einen Körper. Voll raffiniertefter weiblicher Verführungskunst, und dabei mit einem Stich ins Gassenbubenhafte, die niedliche Madame Pigeonnier. Und auch andere, die sich sonst seltener blicken ließen, hatten sich zu diesem Ball, der ja Dienst war, eingefunden. Mefrouw van Bergheem mit den großen, ruhigen Kuhaugen, den sanften, weichen Bewegungen. Mutter vieler kleiner Kinder, schien sie wie ein Bild der Fruchtbarkeit, und ihre volle weiße Brust, an der sich so viele hungrige Kindermäulchen satt gesogen, trug sie stolz vor sich her. Neben ihr Gräfin Karasin, languissant und rätselhaft, mit künstlich erweiterten dunkeln Pupillen und blau geäderten Schläfen unter dem flammend aufzüngelnden, brennend roten Haare – wie den Visionen eines Opiumtraumes entstiegen. Nun ein Öffnen der Flügeltüren. Und wie zuerst vor der Schönheit, so jetzt ein Verstummen vor der Herrscherwürde. Von seinem Hofstaat umgeben das Erscheinen des Despoten auf der Schwelle. Einen Augenblick blieb er so stehen, kerzengerade, ordengeschmückt. Dann kam er mit raschen Schritten in den Saal. Wie einer, der einen Anlauf nimmt. Von Gruppe zu Gruppe schritt er, wie am Morgen, jetzt sich hauptsächlich an die Damen wendend.

Als aber Hans Hadubrand bei seinem Rundgang an Liane herantrat, da wußte er auch, daß wahr sein müsse, was er vielleicht noch bezweifelt. Ein so neuer, verträumt seliger Ausdruck lag auf ihren Zügen, als lausche sie einer wundervoll süßen Melodie, die keiner sonst vernahm. Eine Verklärtheit, die auf ihr Antlitz zaubern zu dürfen einen Augenblick lang sein eigener sehnlichster, aber rasch unterdrückter Wunsch gewesen. Und nun mußte er in qualvoller Hellsicht gewahren, daß einem anderen beschieden worden, was er sich versagt hatte. Sein Herz kämpfte sich zusammen in einem neuen, jähen Gefühl. Es lohte etwas in ihm auf, das er nie empfunden. Ein Erbrest aus Urzeiten. Unverhüllter Haß, wütende Eifersucht gegen den Bedenkenloseren, von dem das Weibchen erbeutet worden. Und nach der Frau ein Verlangen, so schmerzhaft, daß es auch beinah zu Haß wurde. Er mußte sich Zwang antun, um für Lianens Glückwünsche mit freundlich-gleichmütigen Worten zu danken, hätte am liebsten aufgeschrien: was hast du dir, was hast du mir angetan! – Doch dann erschrak er über das häßlich Fremde, triebhaft Ungezügelte, das sein wahres Wesen mit aufgepeitschten Wogen einen Augenblick überflutet hatte. Er schämte sich dessen, was da so plötzlich aus unbekannten Tiefen kampf- und gewaltsüchtig in ihm emporgelodert war. Und er sprach nun länger mit Liane, als er es sonst vielleicht getan, mit beinah demütigem Tonfall, wie um Abbitte zu tun für böse Gedanken. –

Sie aber ahnte nichts von dem, was in ihm vorging. War allzu sehr in anderem befangen. – Am Morgen war es ihr ja gelungen, Axel über das Gartengitter einen Gruß zuzurufen, als er sich grade in großer Uniform von seinem Häuschen zu Holst begab, um ihn zur Gratulation zu begleiten. Und wie sie einst, in frühester überschwenglicher Jugend, einen Lohengrin in Linteloe zu sehen gewähnt, so war ihr bei dieser Begegnung Axel wie Apoll, Merkur und Eros in einer Person erschienen. Diese Vision hatte verklärend über dem ganzen Tag gelegen. Die diplomatische Uniform erschien ihr schön, weil von ihm getragen, und die ganze Karriere, über die sie sonst zu spötteln liebte, hatte plötzlich Wert und Inhalt, da er sie zierte. Es war eben alles anders als bisher, weil sie selbst eine andere geworden. Die letzten Tage hatten Jahre samt ihren Erfahrungen, ihren Enttäuschungen davongeweht. Kaum eine Erinnerung daran lebte noch. In ihr war plötzlich Raum für jede ganz naive Schwärmerei, jede jugendliche Begeisterung. Sie dachte nicht nach, sie empfand nur, empfand sich selbst als etwas ganz Neues. Und nun war sie hier, im selben Raume wie er, und sie würden zusammen tanzen! Wie schön war doch das Leben! – Und Liane lächelte den Fürsten, lächelte alle an, ohne sie doch recht zu sehen, denn sie sah ja nur das Glück des Augenblicks.

Dann wollte sich der Fürst an Mrs. Pemberton wenden, aber die neben der Tante stehende irrepressible Nichte kam ihm zuvor. »Highness,« redete sie den Despoten an, »I’ve caught you several times this morning with my kodak, but now J want to look right well at you in all your finery. lang=EN-US Why you ’re just lovely.« Hans Hadubrand errötete, denn er war auf Gnadenhausen-Rattenburger Hofbällen an so unverhohlene weibliche Bewunderung nicht gewöhnt worden. Halb verlegen versuchte er in ähnlichem Tone zu antworten. Stramm aber, der der schönen Muriel Worte vernommen, kam schweren Herzens zur endgültigen Überzeugung, daß trotz aller Pädagogik, die er sich zutraute, aus dieser wilden Blume des fernen Westens nie das Eheweib heranzubilden sein würde, wie es sich der strebsame Beamte diplomatischen Dienstes wünschen muß.

Im Thronsaal, wo die übrige Gesellschaft wartete, eröffnete nun Urosch der Fünfundzwanzigste den Ball. Schritt mit der Marquesa de los Toros durch die Touren der ersten Quadrille. Feierlich schön, mit halb gesenkten Lidern, führte sie, unendlich hochmütig, die Verbeugungen aus, glich einem Ahnenbilde, das von den mit Goldleder bespannten Wänden eines düsteralten spanischen Palastes in all seiner fernen, gemessenen Grandezza herabgestiegen. War sie auch noch so modern gekleidet, so glaubte man doch immer um ihr schmales, in länglichem Kinn verlaufendes Gesicht den hohen Spitzenkragen aus Philipps des Zweiten Zeiten zu sehen – und hinter ihr, die Schleppe tragend, den kleinen, scheu verliebten Pagen. Man fühlte die Eigenwertung. Herablassende Huld erwies sie dem Tänzer – und wär’ er ein Herrscher, in dessen Reich die Sonne nie verschwände.

Nach Rang und Würden waren bei den Quadrillen die Paare geordnet. Und Liane, der der Kriegsminister Wukowitsch zuteil geworden, führte den einem altgewordenen Banditen Gleichenden sicher durch alle Windungen der Touren. Dann aber folgte ein Walzer, und nun glitt sie in Axels Arm durch den Saal. Da lag in ihm eine so sieghafte Ausgelassenheit und in ihr eine so frohe Hingabe, daß sie, trotz der vielen anderen tanzenden Paare, als die eigentliche Verkörperung des Tanzes erschienen.

Manche Augen folgten ihnen. Auch van Stratten und Wawerling, die ewigen Zuschauer des Lebens anderer, blickten ihnen nach. »Erinnern Sie sich unseres Gesprächs neulich auf der Landpartie, als diese beiden auch gerade tanzten?« frug Wawerling.

Der Doyen nickte. »Ja ... und ...?«

»Ich glaube, er hat seitdem große Fortschritte gemacht.«

»Wirklich ... Sie meinen?« sagte Stratten. »Aber sie machte doch immer einen so kühlen, abweisenden Eindruck?«

»Vielleicht gerade deshalb,« antwortete Wawerling und fuhr dann sinnend fort: »Sehen Sie, ich glaube, der Liebesweg mancher Frau legt folgende Etappen zurück: erst ein Wann, der anfänglich brutal ist und dann völlig gleichgültig wird, weil es ihm zum Axiom geworden, daß seine Frau ja doch kein Temperament besitze. Dann eine Zeit des Hindämmerns, aus dem sie eines Tages doch erwacht, gleichsam von einer Angst vor dem Examen gepackt. Sie wird plötzlich inne, daß sie ja vom Leben gar nichts weiß. In dem Moment kommt dann gewöhnlich ein anderer des Weges – der der Liebhaber wird. Und solche Art Frau fällt ihm mit mehr Naivität und Illusionen in die Arme als manches kleine Mädel, das mit sechzehn Jahren sein erstes Abenteuer hat. Sie überschüttet ihn mit all ihren aufgespeicherten Zärtlichkeitsschätzen, glaubt in ihm den lang ersehnten Zweck ihres Lebens gefunden zu haben und verklärt ihn vor sich selbst, aus einem oft uneingestandenen Rechtfertigungsbedürfnis. Er dagegen hat sich selbst immer nur als Darsteller flüchtiger Gastrollen betätigt und fühlt sich, oft sehr bald schon, unbehaglich in der ungewohnten Herospartie.«

»Was beweist, daß Frauen meist falsch wählen,« fiel der Doyen ein.

»Ach lieber Freund, wählt man denn je in solchem Falle? Das ist Schicksal, und das Schicksal ist selten eine freundliche Macht.«

»Und Sie meinen, dann folge, auf die Enttäuschung durch den Mann, die Enttäuschung durch den Liebhaber?«

»Ja,« antwortete Wawerling, »und die tut dann noch weher. Sehen Sie, die Liebhaber sind nämlich den Ehemännern viel ähnlicher, als die Frauen meinen, schon deshalb, weil der eigene Mann ja sicher mal der Liebhaber einer anderen Frau gewesen ist und der eigene Liebhaber mal der Mann einer anderen Frau werden wird.«

»Und in dem Fall, der uns beschäftigt? Was prognostizieren Sie da?« frug Stratten.

»Auch da«, sagte Wawerling mit bekümmerter Miene, »wird, fürchte ich, der alte Satz wieder wahr werden: die Geschichte so mancher Liebe ist die Geschichte eines Irrtums. Und das macht mich recht besorgt. Ich könnte mir denken, daß diese Frau an solchem Irrtum zu Grunde ginge.«

»Na, na,« sagte Stratten beschwichtigend, »mir scheint im Gegenteil, sie sieht recht glücklich aus in ihrem sogenannten Irrtum. Und warum überhaupt Irrtum? – Der Kronar kann ja gerade der Rechte sein? Er ist doch eigentlich ein charmanter Junge!«

»Charmant, ganz charmant,« bestätigte Wawerling, »und sie empfindet ihn vorläufig sicher als den Rechten – weil er im rechten Augenblick kam.« Und dann setzte er nachdenklich hinzu: »Vor zwanzig Jahren muß ihm Linteloe übrigens merkwürdig ähnlich gewesen sein.«

Doch nun näherte sich ihnen Aschir Pascha, der Mrs. Anderson am Arme führte. Die beiden hatten eine seltsame, auf Gegensätzen beruhende Freundschaft geschlossen. Neckte man den Moslem mit dieser Vorliebe für eine bekannte Frauenrechtlerin, so antwortete er: »Eine so selbständige Frau ist mir immer noch lieber als eine, die des Beistands eines fremden Herrn bedarf, um sich die Handschuhe zuzuknöpfen.« – Wobei er vielleicht an die kleine Pigeonnier dachte, die derartige Hilfeleistungen gern beanspruchte.

Auch Mirojedsky trat, melancholisch dreinblickend, zu der Gruppe, und Mrs. Anderson begrüßte ihn mit den Worten: »Sie sehen ja gar nicht geburtsfestmäßig aus – eher, als trauerten sie. Ist es, weil die Holzhäuser, von denen hier so viel gesprochen wird, endgültig begraben sein sollen?«

»Warum endgültig begraben?« frug Mirojedsky melodisch und unendlich traurig, als handle es sich um einen teuren Kranken in extremis, für den er dennoch auf Rettung hoffen wollte, »sagen wir doch lieber nur: verschoben.«

»Na, wenigstens wird man eine Weile nichts mehr davon hören,« sagte Stratten, »und das ist immerhin eine Erleichterung. Sie nehmen mir das doch nicht übel, lieber Mirojedsky?«

»Aber keineswegs,« flötete Mirojedsky. »Niemand leidet ja mehr als ich unter diesen Dingen, die so unästhetisch sind. lang=FR style='font-size:14.0pt; Aber was wollen Sie? Ce sont les tristes nécessités du service. style='font-size:14.0pt; Er machte dabei eine Gebärde, als streife er Schmutz von seinen großen, blassen, merkwürdig grausam aussehenden Händen – und war im Gedränge verschwunden.

»Was meinte er damit?« frug Mrs. Anderson, und Aschir Pascha, der ihr gern politische Betriebe enthüllte, antwortete: »Mirojedsky wollte damit sagen, daß er einem System zwar scheinbar blind diene, sich über dessen Natur aber doch klar sei. Hinter all diesen sogenannten Ländererschließungen und Völkerbeglückungen und den dazugehörenden Kämpfen um Lieferungen verbirgt sich ja in Wahrheit der Wunsch nach Länder- und Völkerverspeisung. Es fängt damit an, daß einem dafür reif erachteten Volke irgendeine Sache aufgedrängt werden soll – ohne die es bis dahin ganz zufrieden lebte. Lieferungsbewerber stürzen von allen Seiten herbei. Ist die Bestellung erst erfolgt, so kommen die Zahlungsschwierigkeiten, die ihrerseits nur durch eine auswärtige Anleihe behoben werden können. Natürlich verlangen die Banken desjenigen Landes, dessen Industrie die Bestellung erhielt, diese Anleihe zu vermitteln. Um aber den Zinsendienst sicherzustellen, muß ihnen irgendeine Einnahmequelle verpfändet werden. Und so geht es immer tiefer in den Sumpf zunehmender Abhängigkeit.«

»Ja, es ist alles nicht schön,« stimmte Wawerling bei, »und ich bin oft froh, daß ich hier keine sogenannte aktive Politik zu vertreten habe.«

Sie wurden durch hinundherströmende Menschenfluten auseinandergeschoben. Andere Gestalten füllten ihre Stelle.

Zu Lazarewitsch, der gelangweilt im Saale herumstand, gesellte sich für einen Augenblick Oki Abunai. Der kleine gelbliche Mann aus dem fernen Osten war dem Minister eigentlich der liebste unter den Diplomaten. Nie noch hatte er etwas von ihm begehrt! – Sie begrüßten sich beinah herzlich. Und der Japaner hatte auch gleich einen seiner liebenswürdigen Sätze bereit. »Wie ist dieser Frühling hier doch schön gewesen mit den Tausenden blühender Pflaumenbäume – ich glaubte daheim in Nippon zu sein!«

Weiter wogte der Ball. Vor Lazarewitschs Augen tanzte jetzt die überschlanke Ljubitza Wukowitsch mit seinem Sohne Milosch. Er artete der mütterlichen Fülle nach, hatte einen Stiernacken, der den Kragen der prallen Uniform zu sprengen drohte, ein breites, gewalttätiges Gesicht. Packte seine Tänzerin wie ein Schlächter eine magere Ziege. Aber Ljubitza, mit den starren Zügen einer tragischen Maske, dachte resigniert: sicherer war er immerhin als jene anderen, die überhaupt nicht zugriffen und denen man immer wieder aus der Hand glitt, trotz aller Bereitwilligkeit, sich halten zu lassen.

Eine Lichtung bildete sich nun. Man erblickte Urosch den Fünfundzwanzigsten, der eben mit Mrs. Clarence getanzt hatte und nun einen Augenblick neben ihr stehen blieb. »Famos tanzen Sie, Hoheit,« sagte Muriel und strahlte ihn mit leicht geröteten Wangen an. »Es war, als fegten wir über die Prärie. Schade, daß hier nicht alle Abend Hofball ist. Aber morgen reise ich ja doch weg.«

»So bald schon? Ich bedaure es,« erwiderte Hans Hadubrand höflich aber zerstreut, denn seine Blicke folgten Liane, die eben mit Axel aus dem Ballsaal in eine anstoßende Galerie trat.

»Ja,« sagte Muriel, »ich will den Schluß der Saison in London verbringen und Besuche auf englischen Gütern machen, und wahrscheinlich fahre ich auch noch nach St. Moritz und Paris. Aber ich komme im Herbst wieder her,« setzte sie in tröstendem Tone hinzu, denn sie war gewohnt, daß ihre Abreisen Herzschmerz verursachten. »Und nicht wahr, Hoheit, eine ganz große Photo von Ihnen kriege ich noch morgen vor meiner Abfahrt? Ich werde Ihnen dafür auch meine schicken. Alle europäischen Männer wollen mich immer so gern haben –- ich meine mein Bild.«

Auch der Minister Lazarewitsch sah, wie die beiden zusammen sprachen. In müßiger Betrachtung der Perlenreihen Muriels sann er vor sich hin: Was mochten die wohl wert sein? Sicherlich ein Riesenvermögen, wie keines in seinem Lande überhaupt existierte. Und was stand nicht sonst noch hinter dieser Frau! Eisenbahnen, Bergwerke, eine ganze Stadt! Geld! viel, viel Geld! Es war ihm, als sähe er Rollen und Rollen von neu geprägten Goldstücken. Genug, um den Staat, dessen Verschuldung eine seiner vielen Sorgen bildete, ganz zu sanieren, die drückenden Subsidien der stamm- und glaubensverwandten Schutzmacht abzuschütteln, sich von dunkeln Abhängigkeiten zu befreien und geheimste Ziele zu verfolgen. – Plötzlich kam es ihm wie eine Eingebung: dies viele Geld war ja sozusagen herrenlos, war mitsamt der Frau zu haben! – Und sofort stellte sich die Forderung ein: dann mußte man dies Geld eben erlangen! – Das war ja ein glänzender Einfall, den er da gehabt! – Er begann zu überlegen: Es war ja gelegentlich von dieser oder jener Prinzessin für den Despoten geflüstert worden. Schon bei seiner feierlichen Einholung in Gnadenhausen-Rattenburg hatte die Herzogin Mutter Lazarewitsch angedeutet, daß man, nach Stabilisierung aller Verhältnisse, an die wichtige Frage einer vorteilhaften matrimonialen Verbindung herantreten müsse. Aber Lazarewitsch kannte aus den Institutionen seines Landes den Begriff der Ebenbürtigkeit überhaupt nicht, und er sagte sich, daß in Amerika vermutlich diese Allerreichsten das Äquivalent für Prinzessinnen seien. Und ein recht annehmbares, setzte er innerlich hinzu, denn diese transatlantische Milliardärin war ja schön wie eine Märchenkönigin ! Lazarewitsch dachte über Frauen eher orientalisch – vielleicht war das ein Rudiment aus den fernen Türkentagen; auch war er fürs Greifbare. Und welche Verbindung konnte greifbarere Vorteile bieten als eine mit der stärksten Macht auf Erden, dem Geld? – Auf alle Fälle lohnte es sich, diesem Gedanken nachzugehen. Er schaute sich noch einmal um nach dem Paare. Aber der Fürst hatte sich inzwischen von der schönen Amerikanerin getrennt und tanzte jetzt mit einer seiner eigenen Landestöchter. Denn die Herzogin Mutter hatte Hans Hadubrand geschrieben: »Auch die Füße eines Herrschers müssen zu seiner Popularität beitragen.«

In der nun folgenden Pause schritt der Fürst zwischen den Gästen herum. Er bewegte sich dabei in der Richtung zur Galerie, in die er Liane und Axel hatte treten sehen. Aber Liane mußte inzwischen wohl von einem neuen Tänzer geholt worden sein, denn Axel stand allein auf der Schwelle. Der Fürst trat zu ihm.

»Ich sah dir von hier aus zu,« begrüßte ihn Axel, »und ich dachte dabei, wenn dies Gnadenhausen- Rattenburg wäre, würde morgen im Hofbericht sicher zu lesen sein: Zwischen den Tänzen zeichnete Prinz Hans Hadubrand verschiedene Anwesende durch leutselige Ansprachen aus.«

Der Fürst lachte, aber es lag Wehmut in dem Ton. »Das klingt so devot und albern,« antwortete er. »Aber heut sehn’ ich mich doch nach etwas heimatlichen Klängen ... und ... allem, was hier sonst noch fehlt.«

Axel nickte. »Man verstand dich eben dort – nicht nur der Sprache nach.«

»Ja,« antwortete Hans Hadubrand, »das war’s wohl. Und danach schau’ ich mich schon den ganzen Tag um: jemand, der mich verstände, mich und ... meine große, große Enttäuschtheit.« – Richtig, die Holzhäuservertagung, dachte Axel. Und Hans Hadubrand fuhr fort: »Du bist hier der, den ich am längsten kenne ... Da müßte es eigentlich ein Verstehen geben ... Aber ... mir will manchmal scheinen, als sei da etwas, das sich trennend zwischen uns schiebt.« – Axel wollte widersprechen, aber der Fürst wehrte ab und ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Vielleicht täusch’ ich mich, Kronar, und es ist gar nichts Besonderes, sondern nur, daß eben letzten Endes jeder Mensch stets eine Einsamkeit bedeutet. Aber gerade weil ich das für mich selbst so oft empfinde und Rat und Hilfe in vielen Fragen so schmerzlich vermisse, wollt’ ich dir heute sagen: wenn es dir je auch so gehen sollte, und du hättest große und schwere Lebensentscheidungen zu treffen und ständest ganz allein und ratlos davor – dann komm zu mir! – Ich würde dir durchhelfen, so viel ich nur irgend könnte, – das versprech’ ich dir. Ja, Kronar, das wollt’ ich dir sagen ... und du brauchst mir gar nichts darauf zu antworten. Und nun ... ja, nun wird wohl gleich das Souper sein ... und ich muß hin an meinen Platz.«

Dabei war der Fürst auch schon in den Ballsaal zurückgekehrt, um weiteren Pflichten nachzukommen. Er war zufrieden, daß er gesprochen, obschon es ihm schwer geworden. Wie ein unabweisliches Gebot war es ihm erschienen, und er dachte: vielleicht hab’ ich ihr damit doch etwas helfen können.

 Axel schaute ihm verwundert nach. Was meinte er denn? – Große und schwere Lebensentscheidungen? Das klang nach Karriereangelegenheiten – aber da hatte Axel doch keinerlei Entscheidungen zu treffen? Es ging ihm in seiner diplomatischen Laufbahn bisher ja auch recht gut. Er liebte sie sogar, denn sie bot doch mancherlei Abwechslung und Annehmlichkeiten.

– Haha wollte ihm doch nicht etwa den Übertritt in seinen eigenen Staatsdienst anbieten? Axel mußte bei dem Gedanken lachen. Und dann fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn: es konnte sich doch nicht auf – Liane beziehen? Er krauste die Stirn. Aber ... was für Entscheidungen konnte es denn da für ihn geben – – Ach was! – – Das Ganze war halt ein vages Aussprachebedürfnis des guten Haha – er hatte ja selbst gesagt, daß er sich vereinsamt fühle; na, und zwischen Mirojedsky und Lazarewitsch mochte das Leben ja auch wirklich nicht grade leicht sein. Aber warum nahm er auch alles mit diesem heiligen Ernst? Und gar diese Holzhäuser! – Wär’ er mehr dem leichtlebigen Vater nachgeraten, hätte er eigentlich besser hergepaßt. Ein bißchen Amüsement würde ihm niemand verargt haben. – Immerhin ... vielleicht wär’ es doch gut ... etwas vorsichtiger zu sein – Liane war so sehr unbekümmert – und ... etwas Eitelkeit seinerseits auf die Eroberung einer so reizenden Frau war am Ende verzeihlich – aber man befand sich nun einmal nicht in Paris oder Petersburg, sondern in einem elenden Nest, wo wahrscheinlich jeder jedem aufpaßte. Danach mußte man sich eben richten. – – Doch nun war es hohe Zeit, sich nach seiner Tischdame umzusehen! –

Während der Despot sich mit dem diplomatischen Korps, den Ministern und sonstigen Notabeln in den Speisesaal begab, stürzte sich die tanzende Jugend und die ganze übrige Gesellschaft in eine Halle im Erdgeschoß, wo große Büfetts errichtet waren. Alles schob und drängte sich durcheinander, wie hungrige Tiere, die zur Krippe strömen. Etwas bestialisch Gieriges lag auf den Gesichtern. Eine Gelegenheit, wo Milosch Lazarewitsch zur Geltung kam. Mit vorgebeugtem Kopf, gestrafften Armmuskeln, abstehenden Ellbogen bahnte er der Schwester und Ljubitza Wukowitsch einen Weg durch die Menge, schaffte ihnen Platz vor den Tischen mit hochaufgetürmten Gerichten. Zerknittert, zerrissen vom zerrenden Gedränge wurde Maritzas Werk, das weiße Tarlatangebilde. Schlaff hingen die fröhlich-grünen Schleifen. Aber Jelena achtete dessen nicht, sagte bewundernd zur Freundin: »Schau nur, wie stark Milosch doch ist.« Und Ljubitza dachte resigniert: wenigstens wird er uns nie zu kurz kommen lassen! –

Zum Servieren an den Büfetts der Halle entlieh die Hofverwaltung gern Personal aus den Gesandtschaften, da ihr die nötigen Lakaien fehlten. Linteloes Diener Friedrich, der, wie einst sein Herr, bei den Kürassieren gedient hatte, war dazu besonders begehrt. – Am Morgen nach dem Ball erzählte er gähnend beim Frühstückskaffee der Jungfer: »Gegen sonst geht es hier bei Hof schon ganz manierlich zu. Früher, da steckten sich die Herrn Offiziere die kalten Poulardenflügel und Hummerscheren gleich von den Schüsseln weg in die Taschen; jetzt liegt doch wenigstens Papier zum Einwickeln da.«

Nach des Fürsten Geburtstag begann der alljährliche Sommerauszug.

Als erste hatte die schöne Mrs. Clarence am Morgen nach dem Hofball die Stadt an den zwei Strömen verlassen. Aber die große Brücke entführte sie der Zug den Blicken ihrer vielen Bewunderer. An anderen Ufern würde sie die ihr gewohnte Rolle der Eroberin weiter spielen.

Und auch andere Akteure verließen mählich die Residenz. Die turbulente Omladina war vertagt worden, und die Abgeordneten ländlicher Bezirke saßen wieder in ihren heimischen Dörfern und entlegenen Höfen, zwischen Feldern, wo der Mais emporschoß, Melonen anschwollen und die vielen, vielen Pflaumen reiften.

Nun konnte auch die Regierung feiern. Die Familien Wukowitsch und Lazarewitsch hatten noch rasch die Verlobung Ljubitzas und Miloschs bekannt gegeben, dann waren die beiden Väter, wie die übrigen Minister, in ausländische Bäder gereist, um Karlsbader Sprudel oder andre Quellen zu gebrauchen, die der erregten Galle wohltun. Die Familien all dieser Herrn blieben unterdessen daheim, versteckt hinter den geschlossenen Fensterläden ihrer Stadtwohnungen, oder sie zogen hinaus in die Weinberge, wo einige von ihnen kleine Sommerhäuser besaßen. – Die Geschäfte wurden währenddessen von den Unterstaatssekretären geführt. Gar zu gern hätten sie emsig schürend gewirkt, aber es war ihnen aufs strengste eingeschärft worden, alle etwa auftauchenden Fragen dilatorisch zu behandeln. Die unheimlichen Gestalten, die sonst, als Erscheinungen aus einer Welt dunkler Umtriebe, durch die Gänge der Ministerien zu schleichen pflegten, waren zeitweilig verschwunden, untergetaucht in unbekannte Tiefen, wo sie, leise wühlend, künftige Gelegenheiten vorbereiteten.

Urosch der Fünfundzwanzigste hätte gern auch einige Wochen wirklicher Ferien gehabt, um, fern von seinem ihm so fremden und unverständlichen Reiche, wieder einmal als Hans Hadubrand, in den lieben alten Wäldern Rattenburgs und den wohlbekannten Feldern um Gnadenhausen, Rehböcke und Rebhühner zu schießen. Aber auf eine briefliche Andeutung dieses Wunsches hatte die Herzogin Mutter geantwortet, Reisefürsten gebe es mehr als genug aus der Welt, Urosch habe vor allem im eigenen Lande zu bleiben, er möge sich in einen der dortigen schwer zugänglichen Gebirgsbadeorte begeben, um die Aufmerksamkeit des großen Publikums auf diese Schwefelquellen und die durch ihre rationellere Ausbeutung möglichen Einnahmen zu lenken. Hans Hadubrand hatte beim Lesen des mütterlichen Briefes unwillkürlich die Hacken zusammengenommen, und dann war Urosch der Fünfundzwanzigste auf schwierigen Saumpfaden nach Andronikowice gezogen. Dort ließ er, in primitivsten Holzwannen, die erfreulich gesunden jungen Glieder von den bläulichen Fluten der heißen kohlensauren Schwefelquelle umsprudeln.

So war es denn ganz still geworden in der Hauptstadt, über der die schwüle Hitze brütete.

Auch die Diplomaten, die niemand mehr vor sich hatten, bei dem sie etwas erreichen oder über den sie etwas berichten konnten, waren einer nach dem anderen abgereist. Pigeonniers und Vercoeur brachen, als erste nach den Amerikanern, auf und sandten den Zurückbleibenden Postkartengrüße aus Trouville, wo die beiden Herrn, in identischen modernsten Badekostümen, vor den vergleichenden Blicken Madame Pigeonniers in den Wellen plätscherten. Währenddessen erstieg Känzli die steilsten heimatlichen Bergspitzen, die so viel leichter zu erreichen waren als der kleinste diplomatisch-industrielle Erfolg, und die Inseparables trachteten danach, etwas fliehende Jugend in Gastein zu erhaschen. Die Marquesa de los Toros war, stöhnend ob der Anstrengung, in kurzen Etappen nach San Sebastian gefahren. »Mein Mann will durchaus, daß wir uns dort bei Hof in Erinnerung bringen,« hatte sie vor der Abreise Madame Aschir-Pascha anvertraut, »aber es wird recht ermüdend werden – man ist dort so sportiv geworden. Ich beneide Sie um das stille Leben, das Sie diesen Sommer führen dürfen!« – Madame Aschir, die ihres Mannes Urlaub in der strengen Haremsabgeschlossenheit seines Hauses am Bosporus verbringen sollte, hatte dem neidend zugehört, worüber die andere klagte. Sehen und gesehen werden schwebte ihr als unerreichbares Lebensziel vor; sie war aber viel zu orientalisch-zurückhaltend, um Klagen ob der Beschränkungen ihres Loses verlauten zu lassen. Und diesmal würde sie ja eine große Zerstreuung selbst mit sich bringen, denn Mrs. Anderson hatte sich entschlossen, ihre türkischen Freunde zu begleiten, um an Ort und Stelle Studien über die Lebensbedingungen mohammedanischer Frauen zu treiben.

Erstaunen erregte in der kleinen diplomatischen Gesellschaft Oki Abunais Reiseziel: er erklärte, mit seiner schmächtigen Frau auch nach Andronikowice zu wollen. »Sie müssen despotentoll sein, liebster Abunai!« neckte man ihn, aber er erwiderte, grade dieser gebirgige Badeort würde ihn sicher an die Schwefelbäder seiner fernen Heimat erinnern. »Ob er etwa mit Urosch dem Fünfundzwanzigsten dort eine Allianz abschließen will?« frug man lachend untereinander; denn tätigkeitsdurstigen Geschäftsträgern sei nie recht zu trauen – und nun gar einem japanischen! –

Alle Abreisenden wurden von den lieben Kollegen an den Bahnhof begleitet, denn das gehörte so zur Sitte, und es brachte auch etwas Abwechslung in die immer monotoner werdenden Sommertage. Die häßliche graue Bahnhofshalle wurde dann jedesmal für einige Minuten von den lichten Kleidern und hellen Hüten der Damen erfüllt. Man schaute neugierig in die Eisenbahnzüge, die vom großen orientalischen Reiche kamen. Bisweilen enthielten sie Bekannte, mit denen man sich rasch begrüßte, bisweilen auch ließen geöffnete Waggontüren schönäugige fremde Frauen erblicken, die den Schleier hier schon weniger streng trugen als daheim. Aus ihren Abteilen strömte ein seltsam beklemmender Duft, wunderliche Traumbilder suggerierend: Rosenöl, Weihrauch, Jasmin und alle geheimnisvollen Narden des Orients mischten sich da mit dem Geruch türkischen Kaffees, blonden Tabaks und alter seidig-glatter Gebetsteppiche. – Ein Durcheinander von Stimmen ging hin und her. In den verschiedensten Sprachen tönten all die kleinen törichten Redensarten, die bei solchen Abreisen üblich sind. – Hatte sich dann der Zug fauchend in Bewegung gesetzt, langsam der großen, zwei Länder verbindenden Brücke zurollend, so winkten ihm die Zurückbleibenden nach und sagten sich tröstend: »Nächstens ist an uns die Reihe.«

Nur Linteloe wollte, wie alle Jahre, erst im Dezember Urlaub nehmen. Denn dann war er sicher, »zu Hause von den richtigen Leuten gesehen zu werden«, machte in der heimatlichen Residenz die Neujahrsgratulation, die Cour und die Hofbälle in militärischer Uniform mit und ließ sich von den allerhöchsten Gnaden-Sonnen und Sönnchen bestrahlen. Liane mußte ihn natürlich begleiten, denn eine Ehe, gegen die sich äußerlich nichts einwenden ließ, gehörte für einen Mann, der Karriere machen wollte, zu den allererforderlichsten Requisiten. Er erhob da auch nie Einsprache gegen die Höhe der Schneiderrechnungen seiner Frau: Courschleppen, Hofballkleider, das waren Geschäftsspesen, Ausgaben, die in seinem Dienst gemacht wurden und seinem Ansehen zugute kamen. – Die Sommer verbrachte er dafür nominell auf seinem Posten, in Wirklichkeit aber mehr in der großen Stadt der Nachbarmonarchie, wohin er seine Inkognitoausflüge möglichst häufte. Wie Liane während seiner vielen Abwesenheiten die Zeit verbringen mochte, hatte ihm nie Gedanken gemacht.

Früher hatte es ihr gegraut vor derartigen Sommern, bei denen sie nie gewußt, was beklemmender war: die Länge, die die Tage morgens früh zu haben schienen, oder ihr rasches, inhaltloses Vergehen, dessen man abends inne wurde. Aber das war jetzt ja alles verändert. Jede Sekunde war lebenswert geworden. Sie freute sich über die Abreisen der anderen und die zunehmende Stille, in der die ganze Welt einzuschlafen schien und wo nur sie und Axel miteinander wachen würden. Das Dasein war ihr zu jener verschwiegenen Glücksinsel geworden, von der Axel einst gesprochen, und sie sehnte sich, in dieses Wunderreichs geheimste Winkel und Wonnemöglichkeiten ganz zu versinken. Sie ließ sich dabei völlig von instinktiven Gefühlen leiten, lebte und liebte und dachte so wenig über die Dauer solchen Glückes nach, wie Neugeborene über des Lebens Länge grübeln. –

Als letzter der Gesandten reiste Holst ab. Beinah widerwillig. »Deus nobis haec otia fecit,« sagte er zwar, aber ohne Dankbarkeit für diese von Gott geschaffene Muße. Ja, wenn der große Holzhäuserwettstreit vor diesem Urlaub beendet worden und er als Erringer, wenigstens eines Teiles des Auftrags, hätte abreisen können – das wäre eine andere Heimkehr geworden! Belobt und dankbar verehrt von der heimischen Industrie, würde er dann die wohlverdienten Erholungswochen zu Hause verbracht haben. Aber so! – Zu ärgerlich war diese Verschiebung. Freilich ging es den übrigen Bewerbern nicht besser, und Holst seufzte denn auch: »Solamen miseris socios habuisse malorum«, aber er empfand diesen Trost als gering.

Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die zurückbleibenden Mitglieder der Gesandtschaft, als der Zug, der den Chef entführte, endlich über die Brücke davonrollte. Nun würde man ein paar Monate Ruhe haben, dachten sowohl der Hofrat wie seine zwei Gehilfen. Denn in Agathokles Troll hatte sich während der letzten Zeit die gute Meinung noch verstärkt, daß Axel keiner derjenigen Geschäftsträger sein werde, die die Akten vermehren und danach trachten, sich durch Berichterstattung hervorzutun. Und die beiden jungen Hilfsschreiber waren in ihren ersten Eindrücken ebenfalls bestärkt worden. Hatten so mancherlei beobachtet: Wie zierlich waren doch die Fußspuren, die sich bisweilen auf dem Weg zu Graf Kronars Häuschen fanden! Er war wirklich einer wie der Maat von der »Königin Hella«! –

Ja, manchesmal liefen die kleinen Füße auf verstohlenem Pfad, manchesmal öffnete sich die kleine Tür zwischen den beiden Gärten. Und konnte sie ihn nicht sehen, so wurden Briefe zu ihm hinübergetragen. Sie zauberte sich seine Nähe vor, indem sie ihm schrieb, glaubte immer so viel Neues zu haben, das sie ihm sagen müsse. Und es war doch immer dasselbe. Liebe, Liebe, die die ganze Welt plötzlich mit neuen Augen sieht, die wähnt, Seligkeit auf Erden gefunden zu haben:

»Alles um mich her ist verwandelt! Kaum kann ich glauben, daß es dieselbe Stadt geblieben, in der ich Jahre verlebt, ehe Du kamst. Du hast alles verklärt, und überall ist jetzt Schönheit, die mir bisher verborgen, denn Du hast meinen Ohren befohlen: ›hört!‹ und zu meinen Augen hast Du gesprochen: ›seht‹ – Klang und Licht sind um mich geworden, die Öde hast Du gefüllt und meine Armut in Reichtum gewandelt.

»Mit den unsichtbaren Fühlfäden der Sehnsucht, die von jedem Menschen ausgehen und mit denen wir nach Verwandtem tasten, habe ich unbewußt wohl immer schon zu Dir gestrebt. Wie die Bäume tief im Erdreich ihre Wurzeln nach der Richtung strecken, wo sie guten Boden spüren, so habe ich Dich geahnt und gesucht. Seit ich Dich gefunden, kenne ich mich erst selbst und fühle mich werden zu dem, das verborgen in mir lag. Du gabst mir alles, denn Du gabst mir das Leben, erst durch Dich kenne ich es. Du bist der Erste, der Einzige, der mich geliebt. Du hast mich geschaffen: denn wer liebt, ist ein Schöpfer – sieh, ich bin Dein Werk. – – Doppeltes Wesen hast Du mir, Deinem Geschöpfe, verliehen, denn oft braust und sprudelt es in mir von wonniger Lebenslust, daß ich Dir zujauchzen möchte: ›halte mich stolz in die Höhe und laß die Sonne mich strahlend bescheinen, denn ich bin ein topazener Becher voll schäumenden Trankes der Liebe!‹ Manchmal aber ist mir bang um all mein Glück, dann möchte ich zu Dir flehen: ›halte mich zärtlich und sanft im schmelzenden Scheine des Mondes, denn ich bin ein opalener Kelch, drin tausend Tränen ruhen.‹ – Ehe ich Dich kannte, wußte ich nichts von dieser überquellenden Lebensfreude, ehe ich Dich kannte, besaß ich nichts, das zu verlieren ich bangen konnte.« –

Sie hätte ihm Stunde auf Stunde weiter schreiben mögen. War ja so sicher, daß er sehnsüchtig danach verlange, daß auf alles, was sie empfand, auch die Antwort in ihm töne.

Der wirkliche Axel empfand es seinerseits als höchst reizvoll, diesen Sommer, der sonst recht öd und langweilig geworden wäre, in Gesellschaft einer so anmutigen Frau zu verleben, die ihn anbetete. Denn die Tatsache, daß er Liane leidenschaftlich begehrt und alles daran gesetzt hatte, sie zu erringen, verblaßte ganz allmählich in seinem Bewußtsein vor der so viel greifbareren ihrer grenzenlosen Hingebung.

Ein süß bezauberndes Erlebnis auf der Lebensreise, eine seltsam interessante Erfahrung war diese ihre Liebe zu ihm! – Beglückend schmeichelhaft, von einer so reizenden, eleganten und sicher oft heiß umworbenen Frau dies Absolute des Gefühls zu empfangen. Diese Schrankenlosigkeit hätte er ihr eigentlich nicht zugetraut. Es war eine Offenbarung. Eine Erweiterung der Sammlung menschlicher Dokumente, die sich allmählich im Leben bildet. Man lernte doch nie aus! – Aber ... wie mochte ihr Leben denn vor ihm gewesen sein?

Er begann über sie nachzusinnen.

So kam es wohl, daß bisweilen, wenn sie am verzücktesten war, er immer noch fern, unerreichbar blieb. Ihr und sein eigener Beobachter. Wie bisher stets, so auch hier. Denn so oft und gern er auch schon in dem Stücke mitgespielt, das ihn am reizvollsten dünkte, wenn es ein feines prickelndes Salonstück blieb, so hatte er sich doch nie ganz in der Rolle vergessen. War immer er selbst geblieben. Und vielleicht war es gerade dieses Selbstsein, was manche Frauen gereizt und angezogen hatte.

Ein bißchen exaltiert dünkte ihn Liane wohl bisweilen. Solche Grade des Gefühls, für einen anderen empfunden, hätte er wahrscheinlich überspannt und abgeschmackt genannt. Aber er selbst war ja ihr Gegenstand, unwillkürlich beeinflußte das im Urteil. Und man sah sich durch ihre Augen wirklich selbst auch anders. Alles wurde durch sie wie auf Flügeln zu einer höheren Ebene getragen. Karriere ward zu innerer Berufung; was sonst Prosa, plötzlich Poesie. Nur bisweilen – ein bißchen ermüdend diese Höhenluft.

Liane ahnte nichts von seinen Betrachtungen. War zu allem Beobachten selbst zu völlig hingerissen. Und wie sie sich gab, empfand sie als so natürlich, daß sie überhaupt nicht darüber nachdachte. Ihre eigene Atmosphäre atmete sie endlich. Erlebte Vollendung. Liebte in ihm ein Bild, das in ihrem Innern entstanden, die eigene Schöpfung, an der ihre Sehnsucht seit Jahren gearbeitet hatte. Konnte ihm darum auch mit Recht sagen, daß sie ihn immer geliebt habe.

*

Wegen der in der Stadt zurückgebliebenen Geschäftsträger und Sekretäre hatte Liane wie allsommerlich ihren wöchentlichen Empfangsnachmittag beibehalten, bot so den Verwaisten einen Versammlungsort. Im Garten wurde Tennis und Krocket gespielt. In der Halle stand der Tisch mit Tee und kühlen Getränken. Herr von Linteloe erschien jetzt nie bei diesen Gelegenheiten. Er hatte beständig Vorwände zu allerhand Fahrten und hielt sich hauptsächlich in der Nachbarmonarchie inkognito auf, da er ja die Gesandtschaft von Stramm wohl verwaltet wußte. Liane kannte oft nicht einmal seine Adresse. Er sagte, für etwaige Notfälle wisse man sie in der Kanzlei. – Wenn Liane nun so allein ihre Gäste empfing, nur Axel zur Seite, verträumte sie sich bisweilen völlig in die Vorstellung, daß sie wirklich ganz zueinander gehörten. Verabschiedete er sich dann aber höflich korrekt vor den Augen der anderen und verließ sie mit ihnen, so kam es jedesmal wie ein schmerzliches Erwachen über sie. Ach, wenn sich doch all das, woran sie nicht denken mochte, abschütteln ließe, und daß sie beide zusammen fortkönnten, weit, weit fort! Sie empfand ein solches Verlangen danach – und überhaupt nach ihm, obschon er doch eben erst gegangen – daß sie es ihm sagen, ihm gleich schreiben mußte:

»Oftmals muß ich jetzt traumhaft schöner Gegenden gedenken, in denen ich früher geweilt. Aber allein. Meiner Vereinsamung wurde ich dort damals im tiefsten Innern bewußt durch die grenzenlose Sehnsucht, die grade all die Schönheit um mich her in mir erweckte. Denn Schönheit ist höchste Erfüllung, und wir gewahren sie zwar allein, aber zugleich fühlen wir uns arm vor ihr. Schönheit und Liebe gehören zusammen: die schönsten Punkte der Erde sollten wir nur sehen mit dem Einen, dem Liebsten.

»Und so wünsche ich jetzt oft, ich könnte mit Dir, als eine durch Dich Reiche, wiederkehren zu jenen herrlichsten Stätten der Erde, daß äußere Schönheit unser Glück noch steigere. Denn unsere Liebe erscheint mir wie ein köstliches Gemälde, würdig, in kunstvollem Schreine eingerahmt zu werden; sie ist gleich jenen schönen Venezianerinnen, die Brustolon wert schienen, daß er die Füße der Sessel schnitzte, auf denen sie ruhten; sie ist wie ein süßer Zaubertrank in einem Pokale, um den Gestalten von Benvenutos Hand sich im Reigen schlingen. Unsere Liebe ist auch wie eine neu gekrönte Königin, vor der Priester einen Goldteppich ausbreiten, daß sie darüber zum Allerheiligsten schreite – sie ist das Allerheiligste selbst, gefaßt in einen Strahlenkranz funkelnder Steine, das Allerheiligste, vor dem wir uns geblendet neigen.

»Vergessend möchte ich mein ganzes Leben hinter mir lassen und von starken Schwingen getragen hinausziehen mit Dir in die Weite. All die Stätten wollten wir aufsuchen, um die der Zauber liegt, den große Liebe hinterläßt.

»In den Bogengängen des Markusplatzes möchte ich mit Dir spät am Abend wandeln, wenn es ringsum still geworden ist und nur all die süßen Worte leise widerzuklingen scheinen, die dort seit Jahrhunderten geflüstert worden sind in seligem Vergessen, daß die Zeiger oben auf dem Zifferblatt der großen Uhr währenddessen unaufhörlich weiterrückten.

»Vor der Spitze des Serail möchte ich im flachen Kaik mit Dir in den Sonnenuntergang schauen. Hellgolden ist dort der ganze Himmel; wie ein blaßlila Traum steigen die Umrisse der Stadt aus den Fluten; kuppelgekrönt hebt sie sich ab von dem leuchtenden Äther, sehnsuchtsvoll streben die schlanken Minarette hinauf in flimmernde Höhen. Über den rasch dunkelnden Bosporus glitte dann unser Nachen, Geisterhänden gleich berührten uns die silbernen Fittiche der Möwen, die ruhelos über die grünen Wogen gleiten. Schon schlummern die weißen Paläste, doch in den grauen Holzhäusern glimmen hinter dem geheimnisvollen Gitterwerk der Fenster einzelne Lichtchen und glühen wie wartende Augen hinaus in die Nacht. Abendwind rauscht in den schwarzen Kronen der Pinien. Wir aber neigten uns näher hinab zum Spiegel des Wassers, und aus der Tiefe stiege zu uns ein uraltes Lied von der Meere überbrückenden Liebe Heros und Leanders.

»Viel weiter noch möcht’ ich Dich führen, südliche See durchqueren, auf deren glattem Spiegel das Schiff bei nächtlicher Fahrt eine goldene Spur zeichnet. Zu dem Lande ziehen, wo die Dasein erzwingende Sonne ihre heißen Strahlen tief in den Schoß der Erde senkt und versteckteste Keime aus dem Schlummer weckt. Dort, wo Leben in immer neuer, bedrückender Fülle entstehen und vergehen, weniger Spur hinterlassend als unser Schiff auf dem Meer, dort ist das schönste Denkmal menschlicher Kunst ein Grab – das Grab, das Schah Zehan der Taj Mahal errichtete. In einer Mondnacht würden wir dorthin wallfahren, auf dem Weg, an dem die düstern Zypressen wie Reihen trauernder Wächter stehen. Langsam, voll Schauerns würden wir Hand in Hand schreiten und dann plötzlich das weiße Wunder vor uns aufsteigen sehen. Eine Schaumwelle, die im Kusse des Mondes zu Marmor erstarrte. Hätten wir nie davon gehört, noch je das Wort Taj vernommen, – wir wüßten doch gleich, daß dies Denkmal Liebe ist. Und Wahrheit der Spruch, der über dem Eingangstore steht: Wenn etwas auf Erden schön ist, so ist es dies, so ist es dies, so ist es dies!«

Axel mußte beim Lesen des Briefes lächeln. Sicher wäre es nett, mit Liane zu reisen – aber eben halt unmöglich. Denn dazu würde die Ahnungslosigkeit auch des ahnungslosesten Gatten doch nicht reichen. Höchstens war es denkbar, daß man sich vielleicht mal zufällig und sehr vorsichtig bei einem gemeinsamen Urlaub irgendwo träfe. Ja, die Schrankenlosigkeit, die sprach eben aus solchen gewagten Phantasien! – – Und welch seltsame Reiseziele Liane vorschwebten! Venedig, das ging noch, da konnte man morgens am Lido baden, und abends spielte Musik auf der Piazza, und man traf stets Bekannte. Aber Konstantinopel, eine Stadt ohne Theater und elektrisches Licht, wo man nachts in den löcherigen Straßen über kläffende Hunde stolpert und die einheimischen Frauen wie unförmige schwarze Bündel aussehen! Und gar Indien, wo man zu den wirklich guten Tigerjagden von den Maharadjas ja doch nicht eingeladen wird! – Nein, da wären ein paar Wochen in Paris oder Monte Carlo doch ganz anders lustig.

Im übrigen schmeichelte ihm der Brief, aber zugleich fühlte er sich etwas unbehaglich. Wie bisweilen schon, wenn Liane so recht in Schwung geriet. Bis zu Brustolonschen Sesseln und Cellinischen Pokalen vermochte er noch zu folgen, denn wie die meisten reichen jungen Diplomaten verfügte er über gewisse Kunst- und besonders Kunstgewerbekenntnisse und hatte die übliche Passion des Sammelns fragwürdiger Antiquitäten. Aber bei den weiteren Etappen, die das Cousinchen spielend überwand, verließ ihn der Atem. Als neu gekrönte Königin war ihm die Liebe bisher nie begegnet, und daß Liane ihr Verhältnis zu ihm gar als allerheiligst bezeichnete, erschien ihm ein neuer Beweis, welch glückliche Gabe Frauen doch besitzen, sich über die Natur der Pfade, die sie wandeln, hinwegzutäuschen.

Aber täuschten sie sich wirklich? oder taten sie nur so? – Man wurde nie recht klug daraus.

Und Axel sann weiter: Da war auch dieser seltsame Zug, daß man durchaus und bei jeder der Einzige, der Erwecker sein sollte. Darin, dachte er, gleichen sich offenbar alle Frauen. Die Marchesa von Via Larga legte großen Wert darauf, daß ich ihr das glaube, obschon ich einige meiner Vorgänger persönlich kannte; ja sogar Totette, genannt Toujoursprête, hat mir, während wir vom Moulin rouge durch das nächtliche Paris zu Maxime fuhren, im Fiaker zugeflüstert: »Chienchien chéri, t’es mon unique amour.« – Und nun – er stockte, denn es kam ihm doch etwas wie ein Sakrileg vor, ihren Namen diesen beiden anzureihen – aber es war doch so – ja, auch sie – die ja sonst himmelweit entfernt von jenen war – auch Liane liebte es, in zärtlichen Momenten oder wenn sie von der öde und Leere ihres Lebens erzählte, zu sagen, daß sie nie jemand vor ihm geliebt habe. – Warum nur? – Es klang doch so unwahrscheinlich. Man hatte ja, ehrlich gesagt, gar kein Recht, das zu erwarten. Erwartete es ja auch eigentlich nicht. Und die Leichtigkeit, mit der sich solche Dinge oftmals anbahnten, bewies ja, wie begründet es war, von gegenteiligen Voraussetzungen auszugehen. Gerade deshalb aber irritierte dies Betonen, dies Versichern. Erweckte den Verdacht: sollte man irgendwie düpiert werden?

Er lächelte jetzt stets mit höflich verschleiertem Zweifel bei solchen Gelegenheiten, vergessend, wie sehr er selbst vor wenigen Wochen Liane eine Unerweckte genannt, und daß ihn grade dies gereizt hatte. Angeborene Skepsis und anerzogenes Bestreben, nur ja weltmännisch erfahren zu sein, ließen ihn nicht an ihre absolute Wahrhaftigkeit glauben. So wenig sein Herz nachzufühlen vermochte, daß er, bei ähnlichen Worten anderer Frauen, vielleicht den letzten kläglichen Ausdruck jener großen Sehnsucht vernommen hatte, ein Leben gehabt zu haben, wo es wirklich nur einen Einzigen gegeben hätte.

Einmal war es Liane, da er so lächelte, als sähe sie auf seinen Lippen einen nie noch bemerkten, seltsam spöttischen Zug. Eine tödliche Angst ergriff sie, wie vor einem Erwachen, das zugleich Untergang sein müßte. Und sie rief: »O Axel, du kannst doch nicht etwa zweifeln? Wie solltest du nicht der Einzige sein? Es ist ja nicht möglich, daß man das zweimal erlebt – denn das Aufhören – ja, das könnte man ja gar nicht überleben.«

Es gelang ihm rasch, sie zu beruhigen. Was vermochte nicht ein bißchen Zärtlichkeit über sie! – Aber es blieb doch etwas in ihr zurück. Konnte es wirklich Dinge geben, wo sie sich nicht bis in die letzten Tiefen verstanden? –

Wenn solcher Gedanke aber einen Augenblick auftauchte, war es ihr nachher, als sei sie damit illoyal gegen ihn gewesen. Dann konnte sie sich nicht genugtun, um das wieder gut zu machen, überschüttete ihn mehr denn je mit allem, was ihre Zärtlichkeit ihr nur immer eingab.

In dieser Zeit sagte sie ihm einmal: »Ich möchte so gern, daß du mir bisweilen schriebst. Weißt du, ich dächte es mir so schön, wenn mir morgens beim Erwachen ein Brief von dir gebracht würde; noch halb im Schlummer ist ja das Denken an dich das erste, was mir das zurückkehrende Bewußtsein bringt, und bekäme ich da einen Brief von dir, so wäre es wie eine Antwort auf meine Gedanken. Ganz kühl käme er aus der frischen Morgenluft, und ich würde ihn an mich halten und küssen und wärmen – als wärst du es selbst – und dann würde ich ihn behutsam öffnen; zuerst überflöge ich die Seiten einmal ganz rasch, und dann würde ich sie langsam Wort für Wort lesen und immer wieder zu den Stellen zurückkehren, die die liebsten, süßesten wären. Nicht wahr, du schreibst mir manchmal?«

»Aber Liane, denk doch nur, wie unvorsichtig das wäre und wie viel Unheil oft aus solchen Korrespondenzen entstanden ist. Daß du mir schreibst, ist schon riskant genug; aber befinden sich deine Briefe erst mal bei mir – na, so ist da wenigstens niemand, der ein Recht hätte, hineinzuschauen, und du weißt: sie liegen wohlverschlossen in der alten Samttruhe. Es wäre aber viel gefährlicher, wenn Briefe von mir zu dir gingen und dann womöglich gefunden und gelesen würden.«

»Ja siehst du, Axel, an all so was denk’ ich gar nicht, es fällt mir überhaupt nicht ein, und wenn es mir in den Sinn käme, würde ich mir sagen: mein Leben an sich ist eine kurze, völlig bedeutungslose Sache und hat nur Wert durch dich, und je mehr es von dir enthält, um so wertvoller ist es.«

»Ich hoffe, du wirst mir glauben, daß ich, wenn ich vorsichtig zu sein suche, ausschließlich an dich denke.«

»O ja, Liebster,« rief sie rasch, »ich weiß ja, wie du es meinst und wie du mich zu schützen suchst! Es ist nur manchmal eine so grenzenlose Sehnsucht in mir, mehr und mehr von dir zu haben, all die Fesseln abzuwerfen und immer bei dir zu sein. Nicht du bist ja mein Unrecht, nein! Mein ganzes übriges Leben, das ist meine Schande, und es ist mir wie eine Entweihung, daß ich das verstecken und verheimlichen soll, als schämte ich mich seiner, was gerade das Beste und Wahrste meines Daseins ist.«

 Es standen Tränen in ihren Augen. Beschwichtigend strich er über ihre Hand. Er fing an, diese Ausbrüche an ihr zu kennen, und es dauerte ihn, zu sehen, wie sie sich quälte im Konflikt eines von Natur wahren Menschen, der sich durch eigene Leidenschaft und äußere Umstände in Lüge und Halbheit hatte drängen lassen. Er sah keinen Ausweg dafür und fühlte sich etwas als Schuldigen – und es war ihm lästig, sich als Schuldigen fühlen zu müssen. Die Bilder anderer Frauen tauchten vor ihm auf; die waren doch auch zu Rücksichten gezwungen gewesen, aber sie nahmen das alles nicht so tragisch, sondern alle Vorsichten und kleinen Intrigen, um Verdacht irre zu leiten und Entdeckung zu verhindern, waren ihnen eigentlich nur Spaß und amüsantes Beiwerk. – Liane konnte ja oft sehr reizend und verführerisch sein, und sie liebte ihn, – sie liebte ihn – ach, beinah zu sehr; aber es gibt Frauen, die für den Mann bequem, und andere, die für ihn unbequem sind, und zu den bequemen – ja zu denen gehörte sie nun einmal nicht.

Während er so dachte, empfand sie, daß etwas Ungreifbares zwischen sie trat. Sie fühlte sich plötzlich müde und allein, und die Tränen, die ihr in den Augen gestanden, fielen nun wirklich langsam hernieder: große, schmerzende Tropfen.

Ach, bleibt im Leben doch immer alles nur Sehnsucht?

Sie nahm sich vor, nicht mehr zu schreiben. Vielleicht war es ihm lieber. Aber nur wenige Tage später schrieb sie dann doch eines Morgens in der Frühe:

»Heute Nacht, wie so oft, träumte ich von Dir, und aufwachend, noch im Dunkeln, wollt’ ich Dir gleich sagen: ›Liebster, auch die geheimnisvollen Wege, die wir willenlos im Schlafe wandeln, führen mich doch immer zu Dir!‹ – Aber die tastende Hand fand Dich nicht.    Greift ja immer nur in die Leere.   –   –

Ach, daß uns nichts auf Erden trennte! Ach, daß wir das Leben zusammen begonnen hätten!« –

*

Bisweilen liebte es Axel, allerhand Fragen an Liane zu richten, die doch eigentlich nur quälend für sie beide sein konnten. Aber die Zeit seines brennenden Verlangens war vorüber, und sie wurde ihm mehr und mehr zu einem interessanten psychologischen Fall. Der Hang zum Beobachten, den mancher als diplomatische Qualifikation an ihm rühmte, wandelte sich da allmählich in Freude am Sezieren. Zur Nachfolgerin ihrer eigenen, einst von ihm zerlegten Puppe war Liane geworden. Ohne daß sie es ahnte. Ihre in Jahren angesammelte Sehnsucht sich auszusprechen benutzend, hatte er ihr intimstes Vertrauen erworben, und sie empfand ihn nicht mehr als ein Anderes, er dünkte sie ganz ein Stück ihrer selbst. Wenn er sie nun so nach vielem ausfrug, konnte sie gar nicht anders als antworten, und es lag bei aller Schmerzhaftigkeit doch zugleich eine gewisse Wonne in diesem seelischen Entkleiden, in der Möglichkeit, einmal im Leben vom eigenen Elend, von all den Dingen reden zu können, die niemand wußte. –

Sie waren zusammen ausgeritten. Dann hatte sie bei ihm Tee getrunken, in ihrem Glückszimmer, wie sie es nannte, von dessen einem breiten Fenster aus sie einst die grauen Tauben unsichtbar vorgezeichneten Schicksalsweg im goldenen Himmel hatte fliegen sehen. Nun saß er in einem breiten Ledersessel und hielt sie auf seinen Knieen. Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und empfand ein warmes, einschläferndes Behagen, daß sie am liebsten ganz still gewesen wäre, um durch nichts die Süße der Stunde zu stören. Und sie dachte, höchstens wie eine Katze schnurren möchte man jetzt. Er aber war in einer grübelnden Stimmung und wollte von ihrem früheren Leben wissen. Halb träumend noch flüsterte sie ihm zu: »Ach Axel, über mein Leben ist ja so wenig zu sagen. Daß ich verheiratet bin, ist eigentlich alles, und das weißt du ja. Und das beste von jenem ganzen Kapitel ist, daß es längst vorüber und abgeschlossen ist. Weißt du, als ich mich damals ganz jung verheiratete, da hatte ich so seltsame kindliche Erwartungen all des Herrlichen, was das Leben nun bringen würde. Aber statt dessen war alles so schrecklich traurig. Da war mir dann zumute, als sei das gar nicht ich selbst, sondern als stehe ich erschrocken daneben und wolle all das Häßliche nicht mit ansehen müssen. – Kannst du das verstehen, Axel?«

»O ja, Herz,« antwortete er und sann dabei nach, welche andere Frau er ganz ähnlich hatte erzählen hören.

Liane aber fuhr fort: »Ich frug mich damals immer: ist das wirklich das ganze Leben? Und etwas in mir antwortete: o nein, das eigentliche Leben ist ganz anders, warte du nur. Heute weiß ich, daß schon damals mein eigentliches Ich deiner harrte. Denn all die Jahre, ehe ich dich gefunden, ahnte ich, daß es etwas auf Erden gibt, das ich nicht kannte und dem es mich doch unbewußt trieb die Arme entgegenzustrecken. Manchmal war dies angstvolle Erwarten eines großen Mysteriums so stark, daß es mir den Atem raubte, und ich weiß nicht, ob es mehr Grauen, mehr Sehnsucht war.«

Ohne es zu ahnen, hatte sie seine Gedanken in die Richtung gelenkt, wo sie gerne schweiften. Er nahm ihre Hand, küßte jede Fingerspitze, wie er wußte daß sie es liebte, und sagte, sie mit halb zugekniffenen Augen betrachtend: »Aber in all den Ländern, wo du gewesen, müssen doch viele Männer bemerkt haben, daß du unglücklich warst, und versucht haben, sich dir zu nähern?«

Sie lachte ganz unbefangen: »O ja, Axel! viele, viele! Und es war so komisch und oft auch so widerlich, daß sie mich alle mit dem trösten wollten, was mich doch gerade unglücklich gemacht hatte – so nach homöopathischem Prinzip: Gleiches heilt Gleiches.«

»Aber es hätten doch auch sehr nette und verführerische Leute darunter sein können?«

»Nun ja, vielleicht waren auch solche darunter, aber durch den Schrecken, den ihnen der eigene Mann vor der Liebe eingeflößt hat, sind Frauen oft für lange gefeit.«

»Nein, sag mal wirklich: war gar keiner da, der dir gefiel?«

»Wenigstens nicht mehr, sobald ich merkte, was sie eigentlich wollten. Weißt du, mir erschien das weder sonderlich schmeichelhaft noch lockend. Ich hatte immer genug Phantasie, um genau vorauszusehen, wie häßlich und banal es alles sein würde, und genügend ruhiges Besinnen, um zu wissen, daß, wenn ich es nicht war, diese so sehr verliebt tuenden Leute sich doch recht rasch trösten und statt meiner eben eine andere finden würden.«

»Ich glaube nicht, daß viele Frauen so kühl überlegen,« sagte er spöttisch, aber sie fiel ihm ins Wort: »Ach Axel, ich kenne die Gesellschaft, in der du die letzten Jahre gelebt hast und aus der du urteilst, ja so genau. Und ich weiß, es gibt da wirklich recht viel Leichtsinn. Aber noch mehr wird doch nur affichiert. Du kannst mir glauben, viele der Frauen, denen du wegen bestimmter Allüren mißtraust, sind eigentlich ganz einwandfrei – vielleicht sogar philiströs hausbacken in ihrem verstecktesten Innern. Ich will damit nicht sagen, daß Treue gegen den Mann dabei das Leitmotiv ist. Moderne Frauen sehen sich nicht mehr so wie früher als Gegenstand an, der für den Besitzer intakt gehalten werden muß. Was sie tun oder nicht tun, geschieht um ihrer selbst willen – und es gibt auf dem moralischen Gebiet eben Dinge, die zu tun sie ebenso wenig Lust hätten wie mit dem Messer zu essen. Vererbung, Sensitivität, Gewohnheit, die entscheiden da wohl.«

Er sah sie erstaunt an, als wolle er etwas fragen. Sie aber war herabgeglitten auf einen Schemel ihm zu Füßen, lehnte einen Arm auf seine Kniee, stützte den Kopf darauf und schaute voller Zärtlichkeit zu ihm auf. Doch als sie gewahrte, daß er sprechen wollte, und sie die bösen Gedanken ihm von der Stirn las, da hob sie abwehrend eine Hand gegen ihn empor und berührte leise seine Lippen. »Nicht sprechen, Axel,« bat sie flüsternd, »nichts sagen, was uns beide nachher betrüben würde! Ich will dir antworten, ohne daß du fragst.« – Und sich näher an ihn schmiegend, so daß ihre Weiche und Wärme ihn ganz umflossen, sprach sie mit leiser, bebender Stimme: »Du und ich? Das wolltest du fragen? Wie das möglich war? wie das gekommen?

– Aber wir, Axel, du und ich, das ist ja etwas so ganz anderes – das war so nötig, so unabänderlich bestimmt, wie daß dort unten die beiden Flüsse sich begegnen und vereint zusammen weiterrauschen. Und glaub mir: damit eine Frau so sei wie ich zu dir, da muß eine so grenzenlose Liebe über sie kommen, wie sie wohl sehr selten ist! Da gibt es dann keine Rücksicht, keine Überlegung, keine Gefahr mehr – da gibt es nur das ein und einzige auf Erden! Und was man auch tut, nie hat man der eigenen Liebe genug getan. Ach Axel, ich wünscht’, ich wär’ die Welt, daß ich sie dir schenken könnte.«

*

So schwand der Sommer dahin. Der Herbst war gekommen. Verblüht schon, ganz braun der Astern bunte Federblättchen.

Jetzt, wo es kühl geworden, ritt die kleine diplomatische Gesellschaft wieder viel hinaus ins Land. Durch die breite Silberpappelallee am Fluß, längs Wiesen, über denen Nebelstreifen standen. Zwischen Maisfeldern, wo die goldgelben Kolben geerntet wurden und die langen dürren Blätter raschelten. Auf Hügel hinauf, wo die Rebenblätter rot und golden waren und die Trauben in purpurschwarzer Fülle hingen.

Man besuchte die Damen der Familien Lazarewitsch und Wukowitsch draußen in ihren Weinberghäuschen. Da wurde von den jungen Mädchen fleißig an Ljubitzas Ausstattung gestickt. Und die hochbusige Näherin Maritza Georgewitsch schnitt zu, heftete, ließ die Nähmaschine surren. Gleich nach der Rückkehr der Väter vom Urlaub sollte die Hochzeit sein. Ganz ländlich war es hier draußen. Madame Lazarewitsch hatte den Kampf mit dem Panzer westlicher Zivilisation aufgegeben und trug lose weiße Jacken. Mit aufgehaktem Uniformkragen, aus dem der breite, braunrot gebrannte Stiernacken quoll, räkelte sich Milosch zwischen der sich häufenden Wäsche. Schon ganz besitzerhaft. Und Ljubitza ging einher, bleicher und zerbrechlicher denn je, mit großen brennenden Augen und den Zügen einer tragischen Maske. Ihr Anblick griff Liane seltsam ans Herz. Wie sehr wiederholten sich doch in allen Ländern die Schicksalswege! Aber während sie selbst den ihren einst in blinder Ahnungslosigkeit betreten, schien diese ihn sehenden Auges einzuschlagen. Und sie hätte ihr zurufen mögen: Halt ein, halt ein! damit es nicht zu spät sei, wenn einst die Liebe zu dir kommt.

Im Mondschein ritten sie dann alle heim. Es wehte schon kalt auf den Höhen.

Nun begann man die Beurlaubten zurück zu erwarten.

Als erste kehrten Aschirs zurück und brachten Mrs. Anderson wieder mit. Es war selbstverständlich, daß die Amerikanerin und Liane – als beinah einzige anwesende fremde Frauen – häufig zusammenkamen. Dadurch traf Mrs. Anderson auch Axel oft. Und bald besaß sie eine viel genauere Einsicht in das Wesen des wirklichen Axel als Liane selbst. Mrs. Anderson hatte sich schon bei ihrem ersten Aufenthalt im Frühjahr von Liane angezogen gefühlt; jetzt kam sie ihr nahe, gewann sie lieb. Es war ein Gefühl, das sich auf vorausschauendem und doch ohnmächtigem Mitleid aufbaute. Wie Kindern gegenüber, denen mit den Erfahrungen der Vorhergegangenen auch nicht viel zu nützen ist, weil innerer Besitz selbst erworben sein will. Aber wenn sie machtlos war, zu verhindern, so hätte sie doch wenigstens gern darauf vorbereitet. Und so suchte sie, wenn sie mit Liane allein war, Gespräche anzuregen, die diese, wenn sie wollte, auf sich beziehen konnte. Bisweilen erzählte sie dabei von ihrem eigenen Leben, von all der Bitternis, die es enthalten hatte und wie sie dann zu süßester Menschenliebe gewandelt worden.

An einem grauen Nachmittag saßen die beiden Frauen in Lianens weiter Halle. Sie hatten Tee getrunken. Das Summen des Kessels war eben verstummt. Auf den Tischen zwischen den vielen Büchern und Zeitschriften standen jetzt die letzten Herbstanemonen und Georginen in hohen Vasen. Es dämmerte. Durch der Fenster Scheiben sah man undeutlich, wie draußen im Garten rot- und gelbe Blätter von den Bäumen niedersäuselten.

»Der Herbst«, sagte Mrs. Anderson, »ist vielleicht mehr noch als der Frühling eine Zeit der Sehnsucht. Aber einer Sehnsucht, die nicht mehr vorwärts, sondern zurück schaut. Kein frohes Erwarten: was wird nun werden? sondern ein wehes Nachdenken: warum konnte vieles nicht anders sein, als es gewesen? – Meine Gedanken gehen heute schon den ganzen Tag solche rückwärts führenden Pfade.«

Leise, manchmal innehaltend, als spräche sie im Halbdunkel nur für sich, fuhr sie fort: »Immer wieder muß ich dem einen nachsinnen: in welch tiefen Täuschungen befinden wir uns doch oft gerade über diejenigen, von denen wir am meisten zu wissen wähnen. So ganz anders sind sie, als wir sie in unserm Verklärungsbedürfnis sehen. – Der, den ich am meisten geliebt, den hab’ ich nicht gekannt ... und auch er hat mich nicht gekannt. In seinen Armen hab’ ich gelegen, habe geglaubt, wir gäben uns alles – und weiß doch heut: nie schmolzen unsere Seelen ineinander. – Aber ... gibt es das denn je? – Ich habe von der Möglichkeit solcher Seligkeit geträumt, sie zu besitzen gewähnt – aber ... ein selbst geschaffenes Phantom war es, das ich herzte, tönern der Götze, zu dem ich betete. – Wie eine Halluzinierte war ich in blindem Glauben der Vision gefolgt, die die Liebe mir vorgezaubert ... und zu einem Abgrund hatte sie mich geführt. Und doch fühlte ich gleich da schon, im Augenblick tiefsten Schmerzes und zermalmendster Beschämung ob meiner Täuschung und Selbstvergeudung: die Liebe würde trotz allem in mir weiter leben und mich auch ferner führen. Wohin – das wußte ich damals freilich noch nicht. – Es kamen dann die Zeiten der großen Einsamkeit, der öden Leere, die dem ersten Staunen über den Schmerz folgen. Das Verlorensein. Das Suchen: wohin mit all dem, das meine Seele erfüllt? – Da stieg die Frage auf: Ist die Liebe zum Einzelnen vielleicht immer Irrtum? ist vielleicht irgendwo eine große hungernde Masse, die die Hände nach Gaben ausstreckt, während ich bei dem Einen verharrte, der meiner nicht bedurfte? mußte ich ihn verlieren, um sie zu finden, um zu erkennen, daß ich den Vielen gehöre? – Es kam mir allmählich die Ahnung, daß ich arme Schiffbrüchige, die ich wähnte alles verloren zu haben, vielleicht doch so viel gerettet hatte, daß ich ihnen noch zu geben vermochte. Da begann ich mein Inventar aufzunehmen: mein armes Herz war so zertreten, daß es wie gestorben schien, aber meine Hände, die waren stark geblieben. Und ich beschloß: die sollten dienen. – So wurde ich zuerst Krankenschwester, denn es war damals Krieg und Mangel an Pflegerinnen. Und meine Hände, die noch brannten von den Küssen eines, der mich nie geliebt, verbanden nun jene, die auf fernem Schlachtfeld verbluteten. Oft ist mir dabei gewesen, als fühlten die Verwundeten: heut tröstete uns eine, die sich unser wirklich erbarmte, weil ihr Herz einst ebenso schwer gemartert wurde wie jetzt unsere zuckenden Glieder. – Das gemarterte Herz aber genas mählich bei der Liebesarbeit der Hände. – – Später dann, als der Krieg vorüber, wandte ich mich anderen Schmerzen zu, fand immer neue Aufgaben, weil es ja immer neue Leiden gibt. In meinen Anstalten nennen sie mich nur ›die Helferin‹ – – über diesem Namen suche ich all jene anderen zu vergessen ... mit denen gerufen zu werden ich mich einst so sehr gesehnt.«

Sie schwieg. Schatten schwollen aus den Winkeln, füllten den Raum. Im Dunkeln gewahrte Liane Dinge, die sie im Tageslicht von sich schob, nicht sehen wollte.

Noch einmal hub Mrs. Anderson an. Wie aus der Ferne, durch Nebel kamen die Worte: »Überschau’ ich heut mein Leben und manche andre, die ich genau gekannt, so sehe ich, daß da doch eigentlich jeder scheinbaren Erfüllung alsobald, gleich einer unzertrennlichen Schwester, die Enttäuschung folgte. Wir hoffen immer auf das Vollkommene, aber es bleibt hienieden doch stets ein Nest unbefriedigter Sehnsucht. – Abkehr von jedem persönlichen Wünschen, freies Entsagen – das wäre wohl höchste Weisheit.«

Es war Liane, als müsse sie sich an etwas klammern, das im Nebel zu zerrinnen drohte. Sie wollte widersprechen – in einer Art Loyalität gegen diesen Sommer, ihren Sommer – und mußte sich dabei doch entsinnen, daß sie gerade während dieses Sommers bisweilen empfunden hatte: es blieben doch immer Unerfülltheiten.

Immer tiefer war das Abenddunkel im Saale geworden. Kaum noch sichtbar die beiden Frauen.

*

Axel und Agathokles Troll erwarteten den vom Urlaub zurückkehrenden Holst auf dem Bahnhof. Und sobald der emsige Mann hurtig den Waggon verlassen und die beiden mit einem eiligen »salve, salve« begrüßt hatte, waren seine nächsten Worte auch schon: »Quid novi ex Africa?« Womit er die Holzhäuser meinte. – Aber von diesen wußten die beiden nichts Neues zu melden.

»Die Hauptpersonen sind ja noch nicht wieder hier,« sagte Axel. »Der Despot ist immer noch in Andronikowice und beneidet vermutlich Lazarewitsch, der seine Auslandsreise, wie verlautet, mit einem Besuch bei der Herzogin Mutter in Gnadenhausen- Rattenburg beschließen will. Auch Mirojedsky fehlt noch.«

»Wenn sie erst alle da sind, wird’s schon wieder losgehen.« meinte Agathokles grämlich seufzend. »So ein Sommerurlaub hat die Menschen noch nie geändert.«

»Da haben Sie Recht, lieber Hofrat,« sagte Holst, »coelum non animum mutant, qui trans mare currunt. Und auch von mir gilt das, denn ganz wie hier hab’ ich auch daheim für unsere Interessen weiter gewirkt, und es ist mir geglückt, zu erreichen, daß man unsererseits nicht nur in die Konkurrenzausstellung einwilligt, sondern jetzt sogar mit allem Nachdruck auf ihr bestehen will. Känzli und Pemberton werden gleiche Instruktionen mitbringen. Dann kann Mirojedsky seine Obstruktionspolitik unmöglich auf die Länge weiter betreiben – wenn es auch freilich noch einen harten Kampf mit ihm kosten mag. Aber nil sine magno vita labore dedit mortalibus! – Und sobald die Ausstellung überhaupt beschlossen, können wir uns auch als Sieger betrachten. Dafür kaviert die Überlegenheit unserer Industrie.«

Allmählich trafen dann die übrigen ein. Die kleine Pigeonnier, eingerahmt von Mann und Freund, die identische Herbstkostüme von Poole trugen. Mefrouw van Bergheem mit den vielen kleinen Kindern, zu denen sich bald ein noch kleineres gesellen sollte. Gräfin Karasin, ebenso Traum eines Opiumrauchers wie die Marquesa ein lebend gewordener Velasquez. Känzli, durch Bergbesteigungen neu gestählt. Mirojedsky, hinter süßesten Flötentönen ärgere Tücke denn je verbergend. Und die beiden Inseparables, auch nach Gastein nur wehmütige Zuschauer der Lebensäußerungen und -irrungen anderer. Oki Abunai und seine schmächtige Frau fehlten noch, konnten sich offenbar ebensowenig wie der Despot von den heißen Schwefelquellen Andronikowices trennen; aber das japanische Ehepaar war ja stets so still, daß man seine Abwesenheit eigentlich gleich wenig wie sein Vorhandensein bemerkte.

Man begrüßte sich und tat unendlich charmiert, sich endlich wieder zu sehen. Aber trotz dieses beglückenden Umstandes ließ der Herbst sich recht eintönig an. Liane dachte nicht mehr daran, wie im Frühling, für Axel Zerstreuungen zu organisieren, die ihr selbst damals immer neue Vorwände geboten hatten, ihn möglichst viel zu sehen. Sie wähnte, daß seit dem Sommer des Lebens Zweck für ihn ganz ebenso erfüllt sei, wie er es für sie war, und daß er, so wenig wie sie selbst, dessen noch bedürfen könne, was man Vergnügungen zu nennen pflegt. Auch sonst schien niemand recht da, der die Marionetten zum Leben zu elektrisieren vermocht hätte. – So blieb nichts, als zu schwatzen. Untereinander, übereinander. Und es konnte nicht ausbleiben, daß die Zurückkehrenden erfuhren, wie rege sich der Verkehr in ihrer Abwesenheit zwischen denen gestaltet hatte, die in den beiden aneinander grenzenden Gesandtschaften zurückgeblieben waren. In der allgemeinen Unbeschäftigtheit erregte dies Thema viel Interesse. Man lachte, tuschelte, aber ohne Bosheit. Schließlich drangen solche Andeutungen auch zu Holst, der sonst eigentlich nur Dienstliches zu hören pflegte. »Du lieber Himmel,« seufzte er vor sich hin, »die Jugend hat ja stets von sich sagen können: nitimur in vetitum semper cupimusque negata. Und hier sind der Entschuldigungen so viele und offenkundige. Aber auf eines muß geachtet werden: es darf keinesfalls ein wirkliches Gerede daraus entstehen.« Und er sann nach, wie dies zu verhindern sei. Im Dezember würden Linteloes ja sowieso auf den gewohnten Winterurlaub gehen. Aber bis dahin? Vielleicht konnte er bei passender Gelegenheit diesem allzu unwiderstehlichen Grafen Kronar nahelegen, etwas in der Umgegend zu reisen. Land und Leute kennen zu lernen, gehörte ja sozusagen auch zu den diplomatischen Aufgaben. – Trotz aller milden Nachsicht empfand es der Gesandte aber doch als recht lästig, sich mit solchen kleinen Überlegungen abgeben zu müssen, wo so große Dinge wie die Holzhäuser auf dem Spiele standen! –

Wie Holst, so sorgte sich auch Mrs. Anderson. Aber sie dachte weniger an gesellschaftliche Konsequenzen als an all den Herzschmerz, den sie für Liane voraussah. Wenn sie sie doch mit sich nehmen und weit fortführen könnte! Heraus aus dieser Ehe, heraus aus dieser Liebe, die beide gleich falsch, gleich erniedrigend waren!

Axel selbst bemerkte bald mit Unbehagen die besonders geartete Atmosphäre, die ihn umgab, und begriff sehr wohl ihren Grund. Er machte Liane innerlich dafür verantwortlich. Sie verstand eben gar nicht, vorsichtig zu sein. Und es war doch so nötig. Sowohl wegen der nun einmal erweckten Neugier der Zurückgekehrten als auch wegen Linteloe. Denn nun, wo das sommerliche Unbeachtetsein vorüber, beschränkte er seine Inkognitoexkursionen doch einigermaßen, war wieder mehr auf seinem Posten anwesend. Es durfte doch keinesfalls zu irgendeinem fatalen Abschluß dieser an sich ja reizenden Zeit kommen! So etwas war vulgär, schlechte Gesellschaft. Und konnte ja so leicht vermieden werden. Liane mußte das einsehen und mehr Rücksichten nehmen. Für sich ... und auch für ihn. Denn auch für ihn selbst galt es, ein gewisses Dekorum zu wahren. Es war etwas ganz anderes, als ein Mann vieler Erfolge zu gelten, oder sich mit einer bestimmten Frau derart zu affichieren, daß auch eine tolerante Gesellschaft es nicht mehr übersehen konnte. – Und in diesem Nest von einer Stadt war nun einmal alles so sehr sichtbar. Ach, er fing doch an, des Ortes recht überdrüssig zu werden! – Ohne es sich selbst ganz einzugestehen, sehnte er sich nach Abwechslung, Zerstreuung, Neuheit.

In diesem Augenblick trafen Pembertons und Mrs. Clarence wieder ein. Die beiden Damen brachten ganze Vorräte an Lebensfrische aus St. Moritz und Koffer voll neuer Toiletten aus Paris mit. Mrs. Pemberton übersah sofort die Lage in ihrer ganzen Verschlafenheit. »Wie war es denn hier den Sommer?« frug sie Javorina und Belany im Tone voller Bereitschaft zu freundlicher Bemitleidung. Und die beiden diplomatischen Babies antworteten denn auch einmütig: »Nu, a bissel fad war’s halt schon.« – Axel, der daneben stand, sah auch nicht aus, als ob er sehr anders dächte, – und wirklich war in dieser Sekunde plötzlich der Gedanke vor ihm aufgetaucht, ob die auf Urlaub Gewesenen nicht vielleicht doch manches vor ihm voraus gehabt hätten, – ein Gedanke, auf den ihn seine Gefühle für Liane bisher nicht hatten kommen lassen. Die beobachtende Mrs. Pemberton wußte damit genug, und daß auch illegitime Flitterwochen bisweilen raschem Wandel unterliegen. »Das wird jetzt anders werden,« sagte sie resolut, »Muriel ist ja wieder da.«

Sie begann sofort, Vergnügungen systematisch zu organisieren und Bewegung in die eben noch stagnierende Gesellschaft zu bringen. So wenig die Stadt an den zwei Flüssen sich, auch dazu eignen mochte, so wußte sie doch täglich etwas Neues zu unternehmen. Bald auch sollte in der Hauptstadt der Nachbarmonarchie eine viel angekündigte Chrysanthemumausstellung stattfinden. »Das wäre ein nettes Ziel für einen Ausflug von ein paar Tagen,« meinte Mrs. Pemberton. Der Vorschlag wurde von allen jungen Elementen der diplomatischen Gesellschaft, auch ohne besonderes Interesse für japanische oder sonstige Blumen, mit Begeisterung aufgenommen. Auch Liane sagte gleich freudigst zu. Mrs. Clarence lud sich sogar noch Gäste dazu ein: die beiden Fräulein Lourencao, Töchter eines neu eingetroffenen Gesandtenpaares, von der unbegüterten Sorte, die Feste absagen müssen, um nicht immer wieder in denselben Fähnchen zu erscheinen, Dinereinladungen mit Tee und Butterbrötchen erwidern und frühzeitig altern, in der aufreibenden Sorge, des Daseins Fassade einigermaßen aufrecht zu halten. Die beiden sollten mal ’raus aus ihrer häuslichen Misere und einige unbekümmert lustige Tage haben! – Und auch Fräulein Jelena Lazarewitsch lud die gebefrohe Amerikanerin ein, denn sie fand, daß die Frauen dieses Landes bei der Verteilung von Vergnügen denn doch gar zu kurz kämen. Und Madame Lazarewitsch, der die jugendliche Witwe aus Clarenceville, Dakota, seit dem Hofballe etwas unheimlich war, gab ihre Erlaubnis, als sie hörte, daß ja Mrs. Pemberton die Führerin der Expedition sein würde.

Inzwischen bekam aber Nicodemus Pemberton seinen allherbstlichen Gichtanfall, bei welcher Gelegenheit es Tradition war, daß Darling, wie er seine Frau dann mehr als je nannte, nicht von seiner Seite wich, mit ihm Patiencen legte und ihn auf jede Weise verhätschelte. »Es ist diesmal gottlob nicht schlimm,« sagte Mrs. Pemberton am Teetisch, wo sich, wie immer, viele Bewunderer Muriels eingefunden hatten. »Immerhin ist es möglich, daß ich nicht mit auf den Chrysanthemumausflug werde fahren können. Dann müßte Frau von Linteloe so freundlich sein, die Jugend zu chaperonnieren.«

Es war aufs liebenswürdigste gesagt worden, aber Axel fuhr doch zusammen. War Liane denn so sehr viel älter als Madame Pigeonnier, Gräfin Karasin oder Mrs. Clarence, die doch auch fuhren? – Er vergegenwärtigte sich ihr sein geschnittenes Gesicht, das in den letzten Monden so wundersam aufgeblüht war, ihre Augen, die so zärtlich strahlten, sobald sie auf ihm ruhten, und Loyalität wie auch objektives Urteil zwangen ihn, sie mindestens ebenso anziehend wie jene zu finden. Aber es blieb ihm doch ein peinlicher Eindruck von Mrs. Pembertons Worten zurück. Gab es vielleicht wirklich Menschen, die Liane mit artiger Deferenz in die gleiche Kategorie wie Mrs. Pemberton einreihten? – Er kam sich dabei plötzlich selbst etwas komisch vor. Mochte nicht dran denken. Begann nervös, hastig mit Mrs. Clarence ein ausgelassenes Gespräch, wie die übermütige Amerikanerin sie liebte. – – Und hatte dabei immer und immer wieder ein ganz leises Frösteln zwischen den Schultern.

*

Das Rennen um den großen Preis von Amerika war wieder in vollem Gange.

Stramm aber beteiligte sich nicht mehr daran. Seine Korrespondenz mit dem einflußreichen Verwandten und sonstigen Persönlichkeiten daheim war reger denn je, und er ging einher mit geheimnisvollen Mienen. – Eines Mittags, wo er allein mit Linteloe und Liane gespeist hatte, sagte er flüsternd und sich umschauend, ob die Diener das Zimmer verlassen hätten: »Gnädige Frau wollten es mir in diesem Frühjahr nicht glauben, aber ich habe doch Recht behalten: Aderholt wird abgesägt – Gesundheitsrücksichten – die übliche Formel. Er dürfte vielleicht schon aus Tokio abgereist sein.«

Liane schwieg, aber Linteloe platzte heraus: »Nun, und der Nachfolger?«

Stramm wurde sofort undurchdringlich: »Darüber habe ich einstweilen noch keine bestimmten Informationen. Aber,« setzte er dann hinzu, »vielleicht erfahren wir schon sehr bald Näheres, denn – was ich noch mitteilen wollte – ich erhielt vorhin einen Brief meines alten Gönners, Geheimrat von Hindermeyer, der ja, wie der gnädigen Frau vielleicht nicht gegenwärtig, im Ministerium Dezernent für Japan ist. Er befindet sich augenblicklich auf dem Heimweg von einer kleinen Urlaubsreise in unsern hiesigen Gegenden, und er schreibt mir, daß er hier einen kurzen Halt machen will. Tag und Stunde seiner Ankunft wird er noch drahten.

Und natürlich trägt er mir viele Empfehlungen auf.«

»Das ist ja höchst interessant,« sagte Linteloe, »und selbstverständlich muß er unbedingt bei uns wohnen.«

»Bei den hiesigen Gasthofsverhältnissen, und da meine Junggesellenwohnung ja gar nicht auf Besuch eingerichtet ist, wird er sicher sehr dankbar dafür sein,« antwortete Stramm.

»Also schreiben Sie’s ihm gleich, lieber Stramm, wie sehr meine Frau und ich uns auf seinen Besuch freuen.«

»Telegraphieren wird schon besser sein,« meinte Stramm, »denn er will offenbar recht bald wieder daheim sein. Sicher wegen der Neubesetzung Tokios.«

Nachdem sich Stramm empfohlen hatte, sagte Liane leise, ohne aufzublicken: »Meine Gegenwart ist für diesen Besuch doch wohl nicht unumgänglich nötig? Ich habe mich nämlich schon bestimmt verabredet, die nächsten Tage zur Chrysanthemumausstellung zu fahren.«

Linteloe brauste auf: »Das wäre ja noch schöner! Natürlich ist deine Gegenwart nötig – wie kannst du überhaupt so fragen!«

»Aber Herr von Hindermeyer kennt mich ja gar nicht – was kann ihm denn dran liegen, ob ich da bin? Und zu dem Ausflug habe ich doch schon fest zugesagt.«

»Da mußt du halt absagen. Niemand kann das übelnehmen, wo du selbst Logierbesuch bekommst.«

Sie stand auf, näherte sich der Tür und sagte kläglich: »Und ich freute mich schon so darauf, auch mal herauszukommen und ... die schönen Chrysanthemen zu sehen.«

Dieser Einwand stimmte Linteloe milder, denn für den Wunsch nach Vergnügen hatte er stets Verständnis, auch wenn das betreffende Vergnügen an sich ihn persönlich nicht lockend dünkte. »Das tut mir leid,« sagte er etwas weniger polternd, »aber es geht wirklich nicht.« – Und dann setzte er mit schlauem Augenzwinkern hinzu: »Sei nicht kindisch! Wenn wir’s nur geschickt anfangen und ein bißchen Chance haben, kannst du vielleicht bald ganz von hier herauskommen und die Chrysanthemums in ihrer Heimat sehen.« – Aber sie hörte ihn nicht mehr, hatte das Zimmer eilig verlassen, mit Tränen der Enttäuschung, der Ohnmacht in den Augen.

Am Nachmittag erzählte sie es Axel. »Es ist sehr schade,« sagte er, »aber natürlich mußt du da sein, wenn ihr einen Gast habt – und gar einen Mann aus eurem Ministerium. Darüber kann man gar nicht verschiedener Ansicht sein.«

»Findest du das wirklich auch?«

»Ich fände es kindisch, darüber diskutieren zu wollen.«

»Aber es wäre doch so schön!« sagte Liane. »Weißt du, schon so ein bißchen zusammen reisen – wovon ich ja immer träume – um die anderen brauchten wir uns ja nicht viel zu kümmern. Meine einzige Hoffnung ist, daß der Besuch sich vielleicht erst für nach dem Ausflug ansagt, dann könnten du und ich doch noch mit.«

»Du und ich?« wiederholte Axel erstaunt. »Ja, weißt du – ich muß den Ausflug unter allen Umständen mitmachen.«

»Du würdest fahren, wenn ich hier bleiben müßte?« sagte sie mit großen, ungläubigen Augen. »Das ist doch undenkbar!«

»Das Gegenteil wäre undenkbar,« sagte er. »Überleg es nur einen Augenblick, und du wirst es einsehen. Jedes Gerede würde dadurch berechtigt. Und wir müssen wirklich mehr Rücksichten nehmen. Als ich Holst um den Urlaub für die Chrysanthemumpartie bat, gab er ihn mir zwar bereitwillig, sagte aber dabei, noch lieber würde es ihm sein, wenn ich jetzt überhaupt etwas reiste, mir das Land hier ansähe, unsere Konsulate inspizierte. Ich verstand recht gut, was er meinte.«

»Oh, wie grausam ist das alles!« jammerte sie. »Und was geht es die Menschen an? Wir nehmen ihnen doch nichts. Axel, ich bitt’ dich, versprich mir, daß du nicht fortgehen wirst!«

In diesem Augenblick wurden Mrs. Anderson, van Stratten und Wawerling gemeldet. Liane wollte sie eigentlich unter irgendeinem Vorwand abweisen lassen, aber Axel merkte es und hielt sie mit einem warnenden, beinah ärgerlichen Blick davon ab. Er fühlte sich so irritiert, daß er für die Unterbrechung dankbar war. Und während er früher stolz empfunden hatte: diese Frau liebt mich, so sagte er sich heut unwillig: diese Frau hält mich an der Leine. Er vermochte kaum seine Nervosität vor den anderen zu verbergen und empfahl sich rasch. – Und auch Liane erschien ihren Besuchern recht einsilbig und zerstreut.

Als die beiden Inseparables später nach Hause gingen, sagte denn auch der Doyen: »Ich fürchte, das Charakteristische der Lebenshöhepunkte ist, daß man sich nur kurz auf ihnen halten kann.«

»Ja,« antwortete Wawerling, »und wenn der Abstieg erst beginnt, kommt man meist noch tiefer hinab, als man vor dem Aufstieg stand.«

»Andererseits heißt’s aber doch auch: amantium irae amoris integration,« sagte Stratten. »Stimmt aber nur bisweilen,« entgegnete Wawerling. »Außerdem ist das Lateinisch und daher ausschließlich Holsts Sprachgebiet.«

*

Nicodemus Pembertons Gichtanfall hatte sich glücklicherweise rasch gebessert, so daß Darling ihn verlassen konnte. Lianens Hoffnung aber, daß sie doch noch würde mitfahren können, erfüllte sich nicht, denn Herr von Hindermeyers Depesche meldete seine Ankunft gerade für den Tag, an dem die Ausflügler abreisen sollten. Sie ließ es Axel, den sie inzwischen nicht wiedergesehen hatte, gleich wissen, und sie hoffte nun, ja sie nahm eigentlich bestimmt an, daß er im letzten Augenblick irgendeinen Grund vorschützen werde, um auch zu bleiben.

Da, nachdem die Reisenden schon fort sein mußten, ward ihr durch den alten Iwan ein Brief von Axel gebracht. Ein Brief, den, wie sie wehmütig konstatierte, allerdings ein jeder hätte lesen können. Er schrieb, wie sehr er der Cousine Verhinderung bedaure, und versprach, ihr die schönsten Chrysanthemumexemplare mitzubringen. – Sie war wie versteinert. Das war alles? Nicht mal um Abschied zu nehmen, war er gekommen? Die Arme hingen ihr schlaff herab. Sie fühlte sich wie zerschlagen.

Inzwischen füllte Linteloe das Haus mit polternd und geschäftig betriebenen Vorbereitungen für den Gast. Er überraschte die Haushälterin, indem er persönlich das Logierzimmer revidierte. Mit Friedrich und dem Koch führte er längere Beratungen noch als sonst über Menüs und Weine. – Die Delikatessen, die das Land bot, waren vorhanden, Kaviar, Lachs, Gänselebern – und auch nach den Produkten der Nachbarmonarchie hatte man rechtzeitig telegraphiert. – Er muß sehen, daß wir es wohl verstehen würden, auch auf einem großen Posten würdig zu repräsentieren, dachte Linteloe, und überhaupt kaptiviert man der Menschen gute Meinung ja am sichersten durch den Gaumen.

Am Nachmittag ging Linteloe endlich etwas aus. Da konnte es Liane nicht länger ertragen. Sie flog durch den Garten zu Axels Häuschen. Sie empfand ja ein so brennendes Verlangen, wenigstens in seinem Zimmer zu sein. Als würde sie ihm dadurch ein bißchen näher gerückt. Sie mußte hin!

Iwan öffnete. Sie sagte, auf seinen erstaunten Blick antwortend, daß sie käme, sich ein Buch zu holen. Nachdem er sie eingelassen hatte und gegangen war, blieb sie zuerst wie gebannt stehen. Starrte mit zuckenden Lippen umher in dem wohlbekannten Räume, dem Glückszimmer! Zum erstenmal war sie hier allein. Und fühlte sich doch umgeben von all dem, was entschwundene Stunden hier zurückgelassen hatten. Sie sog des Zimmers Duft ein, den sie unter Tausenden wiedererkannt hätte. Sie strich mit zitternden, zärtlichen Händen über die vertrauten Dinge auf dem Schreibtisch, und es war, als hafte etwas von ihm daran. Sie lauschte der Stille und hörte ein Flüstern. All die lieben Worte, die er ihr hier je gesagt, tönten wieder. Sie erinnerte sich. Oh, wie sie sich erinnerte! – Glanzumwobenes Zauberland stieg wieder vor ihr auf. Das war doch hier gewesen? – Aber – wie war denn das andere gekommen? – Das, wodurch es möglich geworden, daß sie hier allein stand? – Etwas hatte sich zwischen ihn und sie geschoben – sie wußte nicht mehr wann –, und es war angewachsen, bis es heute einer hohen, bösen Mauer glich. Es schien jetzt ja so oft, wenn sie zusammen waren, als könnten sie sich gar nicht mehr verstehen; aber dann, sobald sie voneinandergegangen, fiel ihr plötzlich ein, wie sie vielleicht hätte sein und sprechen sollen, welche Worte, welcher Stimmklang wohl alles geklärt hätten. Und daraus schöpfte sie jetzt in dieser wehen Stunde doch wieder Mut: ja, es mußte irgendein Versehen von ihr selbst sein! Viel lieber wollte sie daran glauben als an irgendeine Schuld, eine Gleichgültigkeit von ihm. Unwillkürlich wehrte sie sich gegen diesen Gedanken mit aller Leidenschaft. Denn er war doch der selbsterkorene, selbstgeschaffene Gott, den nicht mehr anbeten zu können Ende von allem, vom Leben selbst, bedeutet hätte. Sie verteidigte ihn jetzt vor sich selbst. Seine Reise war nötig gewesen ... er hatte nicht anders gekonnt ... sie sah es ganz ein. – – Und sie sank auf die Kniee, umschlang die Lehne des Sessels, auf dem er zu sitzen pflegte, lehnte den Kopf daran und flüsterte, als sei es ein lebendes Wesen, zu dem sie spräche: »Nicht wahr, du hast mich doch lieb? O sag es mir, sag es mir, du hast mich für immer lieb!« –

 Gegen Abend traf Geheimrat von Hindermeyer ein. Es war ein kleiner rundlicher Mann mit spitzem Bäuchlein, der jetzt auf Urlaub jegliche Amtlichkeit abgestreift hatte und von dem die Behaglichkeit derer ausströmte, die dankbar jedes Gute mitnehmen, das sich längs der Lebensstraße bietet. Seine Zähne bestanden aus eitel Gold, und er zeigte sie beim Essen und Sprechen sehr, als sei er stolz auf diesen Besitz. Das gab ihm das Aussehen eines seltsamen Götzen des Reichtums, der Schätze im Munde trägt. Den von Linteloe fürsorglich bestellten Speisen sprach er mit Kennerschaft zu. »Die Kochkunst ist vielleicht doch die höchste Kunst,« sagte er, indem er die Trüffeln sorgfältig mit den goldenen Zähnen kaute, »und gottlob herrscht in ihr noch keine Sezession, sondern altbewährte Rezepte.« –

Aber mehr noch als der Koch fand Liane bei ihm vollsten Beifall. Der kleine rundliche Mann verliebte sich sofort in ihre schlanke nordische Schönheit, und er zeigte sein Wohlgefallen ganz ebenso harmlos fröhlich und unbefangen wie seine Wertschätzung der Gänselebern. Stramm fiel es sofort auf, aber sogar Linteloe, der sonst Erfolge Lianens nie sah, mußte es bemerken. Da schmunzelte er belustigt und pfiffig: das war wirklich ein glücklicher Zufall! Und dabei wäre sie, wenn er es nicht noch verhindert hätte, um ein Haar grad heute weggefahren – wo sie vielleicht mal seiner Karriere nützen konnte! –

Am nächsten Morgen fanden sich Liane und der Gast als erste im Frühstückszimmer ein. »Nun, haben Sie gut geschlafen?« frug sie. Und er antwortete: »Ich weiß gar nicht, wie ich geschlafen habe, aber geträumt habe ich die ganze Nacht von Ihnen, schönste Frau.« Und ihr belustigtes Erstaunen gewahrend: »Sie sind mir doch nicht bös, daß ich Sie so nenne? man kann Sie ja gar nicht anders nennen – schönste Frau.«

Nun trat Linteloe ein. »Ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich mich etwas verspätet habe,« sagte er, »aber unser Dolmetscher hat mir soeben interessante Neuigkeiten gebracht: Der Fürst und Lazarewitsch sind in der Stadt. Der Fürst ist gestern abend aus Andronikowice angekommen, der Minister mit dem Nachtzug direkt von Gnadenhausen. Übrigens soll auch der japanische Geschäftsträger Oki Abunai wieder hier sein – er war nämlich auch im Schwefelbad, wo der Fürst den Sommer verbracht hat,« setzte er erklärend hinzu. »Und dann hat der Dolmetscher noch erfahren, daß Holst, Känzli und Pemberton gleich heute zusammen zu Lazarewitsch gehen wollen – es ist nämlich sein diplomatischer Empfangstag. Sie haben alle drei den Auftrag, aufs schärfste darauf zu dringen, daß die Konkurrenzausstellung für die Holzhäuser nun endlich zustande komme. – Durch meine Berichte sind Sie über die Angelegenheit natürlich orientiert?« wandte er sich an den Geheimrat.

»Natürlich, natürlich,« antwortete dieser zerstreut und fuhr fort, ganz fasziniert zuzuschauen, wie Liane mit zierlichen Bewegungen eine Birne schälte. – Glücksmensch, dachte er, der sieht so was Reizendes nun alle Morgen! Ich vergäße darüber jede Konkurrenzausstellung der Welt! Dies ist ja aber auch hors concours Einzig! – Er ahnte natürlich nicht, daß dies gemeinsame Frühstück nur ihm zu Ehren von Linteloe inszeniert worden war.

 »Da nun aber der Fürst und Lazarewitsch wieder hier sind, – würde es Sie nicht vielleicht interessieren, die beiden kennen zu lernen?« frug der Hausherr. »Das ließe sich sofort arrangieren.«

Der Geheimrat ließ vor Schreck alle güldenen Zähne sehen, »Gott bewahr’ mich!« rief er. »Ich bin doch hier zu meinem Vergnügen!« Und er folgte schon wieder dem Spiel der langen schmalen Finger. »Aber Sie selbst«, sagte er dann, »werden wohl zu tun haben, wenn in die hiesige politische Windstille jetzt wirklich ein Stürmchen angebraust kommt; da möcht’ ich nicht stören. Vielleicht gestatten Sie, daß mir die Frau Gemahlin ein bißchen was von der Stadt zeigt – und heut nachmittag muß ich ja leider wieder fort.«

»Aber warum denn so rasch!« protestierte Linteloe eifrig, und auch Liane fand es nötig, ein paar Worte des Bedauerns zu äußern.

»Machen Sie’s mir nicht noch schwerer,« wandte sich der Geheimrat seufzend zu ihr. »Es ist nämlich grausam, denn ich muß wirklich zurück – ganz im Vertrauen – wegen der Aderholtschen Nachfolge. Tokio darf nicht lange unbesetzt bleiben, und eine falsche Ernennung ist so rasch gemacht, wenn man nicht sehr aufpaßt. – Ja, ja, Malheure verhindern – das ist ein großer Teil der Tätigkeit von uns armen, viel verkannten Geheimräten.«

»In der Tat sehr wichtig, äußerst wichtig,« murmelte Linteloe beifällig. »Da Sie nun aber unerbittlich sind, will ich sofort anspannen lassen, und meine Frau soll Ihnen die wenigen Sehenswürdigkeiten dieses tristen Städtchens zeigen.« – Dabei überlegte er: soll ich sie instruieren, daß sie ihn auf der Fahrt direkt drum bittet? Aber sie ist so unberechenbar, tut’s dann womöglich grab nicht, oder macht’s ungeschickt. Nein, besser, ich sag’ ihr gar nichts.

Dann fuhren die beiden in den kühlen grauen Herbsttag hinaus. Durch die breite Silberpappelallee am Fluß entlang zu einem Wäldchen, wo ein früherer Fürst überfallen und niedergemetzelt worden war. An einem Garten vorbei, wo einst ein Palais gestanden, das wegen zu grausiger Erinnerungen abgerissen worden. Zu einer schäbigen Kapelle, wo man in schlimmer Nacht ein gemordetes Herrscherpaar eilig verscharrt hatte. »Lügübre Sehenswürdigkeiten,« meinte der Geheimrat. »Aber ich schau’ ja doch nur Sie an, schönste Frau! Also führen Sie mich nur weiter durch dies makabre Reich.«

Und sie brachte ihn hinauf zur alten Festung. Lauter Punkte waren es, wo sie mit Axel oft gewesen. Hier oben aber wehte sie Erinnerung besonders schwermütig an. Wie hatten sie doch so selig verträumt dort auf der Brüstung im Frühling gesessen und hinausgeschaut auf die zwei Flüsse! Und sie hatte ihm von Sulihah erzählt. – Sie fröstelte. Die Schwermut des Gedenkens spiegelte sich auf ihrem zarten Gesichte, ließ sie in den Augen des kleinen rundlichen Mannes noch rührend liebreizender und schutzbedürftiger erscheinen. »Und weiter haben Sie hier nichts?« frug er bedauernd. »Da langweilen Sie sich wohl recht und wünschen sich fort?«

»O nein,« entgegnete sie rasch, »ich bin bisher sehr gern hier gewesen.«

»Sie haben scheint’s alle Tugenden,« sagte er, »sogar die bei Diplomaten seltenste der Zufriedenheit.« – Und dabei dachte er: jede andere hätte doch die Gelegenheit wahrgenommen und mich angezapft, ihrem Mann zu einer netten Versetzung zu verhelfen; aber sie ist wirklich in allem wie eine Lilie auf dem Felde.

Nun fuhren sie heimwärts. Unter den entblätterten Kastanien der Hauptstraße schlenderten Menschen, die die spärlichen Sonnenstrahlen suchten.

»Wer waren die beiden alten Herrn, die Sie eben grüßten?« frug Hindermeyer.

»Unser Doyen, Graf van Stratten, und Herr von Wawerling,« antwortete Liane. »Und denken Sie, die sind schon siebzehn Jahre hier und erzählen mit Vorliebe, bei ihrer Ernennung habe man ihnen gesagt, sie würden nur ganz kurz hier gelassen werden, – aber dies sei nun mal einer der Orte, wo man viel länger bliebe, als man dächte.«

Den Geheimrat schauderte. Siebzehn Jahre hier! – Na, der schönsten Frau hier neben ihm sollte es nicht so ergehen, wenn er noch ein Wort mitzureden hatte. Die war denn doch zu schade für dieses Nest. Die gehörte anderswohin ... und zwar ... möglichst bald.

Die beiden Inseparables schauten währenddessen dem Wagen nach.

»Mir fällt da eben ein Satz aus Ollendorfs Grammatik ein,« sagte Wawerling. »Er lautet: Die schöne Frau führe lieber mit dem jungen Vetter als mit dem alten Geheimrat.«

»Aber ich weiß nicht, ob sich der junge Vetter ebensosehr danach sehnt,« antwortete Stratten. »Ich sah gestern die Abfahrt der Ausflügler – sie hatte etwas von der ›Abfahrt nach Kythera‹, und er schien höchst beflissen im Dienste Jungamerikas.«

»Ja, es ist eben ganz so gekommen, wie ich’s voraussah!« sagte Wawerling bekümmert. »In der Liebe zahlt meistens der eine mit Gold, der andere mit falschen Scheinen.«

»Aber als mildernden Umstand muß man hinzusetzen, daß er gewöhnlich nicht weiß, daß sie falsch sind,« entgegnete Stratten.

»Er hält sie für echt, weil sie das Beste sind, was er hat.«

In der blassen Herbstsonne schritten die beiden Alten weiter durch die holprigen Straßen und warfen sich gewohnheitsgemäß ihre aphoristischen Gedanken zu – wie Pingpongbälle.

*

Der Minister Lazarewitsch war nicht so gut gelaunt heimgekehrt, wie es nach einer glücklichen, die Galle beruhigenden Karlsbader Kur zu erwarten gewesen wäre. Und zwar obwohl er gerade in Karlsbad einen Erfolg – oder doch wenigstens Teilerfolg – davongetragen hatte. – Mirojedsky war gleichzeitig wie er zur Kur dort gewesen, und in dieser inoffiziellen Atmosphäre hatten sie über die Holzhäuserfrage – und manches andere – eine zwanglosere Unterhaltung geführt als je in der Stadt an den zwei Flüssen. Dabei hatte Lazarewitsch hingeworfen, daß, wenn nur Mirojedsky von seiner Forderung bedingungsloser Bestellung bei der Firma Zeysigoff absehen und auf die Konkurrenzausstellung eingehen wolle, er sich anheischig machen würde, mit Hilfe Wukowitschs die Prüfungskommission ganz unauffällig derart zusammenzustellen, daß Mirojedsky mit ihrem Richterspruch zufrieden sein würde. Zwar hatte Mirojedsky geantwortet, daß ihm an den Holzhäusern viel weniger liege als gerade an der Prestigefrage – aber schließlich war er doch auf die Abmachung eingegangen, betonend, daß dies nur aus persönlicher Gefälligkeit für den Minister geschehe. Lazarewitsch wußte wohl, was dies zu bedeuten hatte, und er hätte viel lieber das ganze Netzwerk der Abhängigkeiten und Subsidien abgeschüttelt, statt sich tiefer darin zu verstricken. Aber was sollte er tun! Es war doch immerhin eine Art, aus dieser unglückseligen Sache herauszukommen, ohne die übrigen Bewerber öffentlich zu brüskieren –- und vor allem: ohne den leider so sehr engagierten Despoten bloßzustellen.

Nachher in Gnadenhausen waren aber die Dinge gar nicht seinen Wünschen gemäß verlaufen. Zwar hatte ihn die Herzogin Mutter für ein paar Tage auf die Rattenburg geladen und huldvoll aufgenommen; als er jedoch sein Projekt einer Heirat des Despoten mit der schönen amerikanischen Milliardärin vorbrachte, war es gewesen, als ob sich da vor seinen Augen die alte Fürstin zu Eis verwandelt habe. Kalt wehte es ihn von ihr an. Bei aller gleichmäßig bewahrten Huld der Form empfand er plötzlich die Distanz, die ja auch ihr Sohn so sehr um sich zu verbreiten wußte. Lazarewitsch versuchte der Herzogin Mutter die ungeheuren Vorteile darzulegen, die diese Verbindung für sein Land haben würde: Sanierung der ganzen Finanzen, Befreiung aus mancher Abhängigkeit, Möglichkeit sozialer Fürsorgemaßregeln – lauter Ziele, die auch gerade dem Wesen Urosch des Fünfundzwanzigsten entsprachen. Die alte Herzogin in dem langen schwarzen Kleide, mit dem Witwenschleier und der Schnebbe, die ihr scharf und spitz bis zur Nasenwurzel reichte, hörte ihm aufmerksam bis zu Ende zu. Und dann sagte sie: »Liebe Exzellenz, die Vorteile für das Fürstentum auf rein finanziellem Gebiet sehe ich allenfalls, und hätten Sie zur Zeit einen Herrscher aus einer Ihrer früheren einheimischen Dynastien, die den Ebenbürtigkeitsbegriff nicht kannten, so wäre diese Heirat vielleicht zu erwägen – obschon mir in dem Fall die Bereitwilligkeit der betreffenden Dame weniger sicher erschiene. Urosch der Fünfundzwanzigste aber ist nicht nur Despot Ihres Fürstentums, sondern auch Prinz von Gnadenhausen-Rattenburg; und zwar bliebe er das, auch wenn er das Fürstentum je verlieren sollte – was, wie Sie mir ja leider zugeben müssen, doch immerhin mal eintreten könnte. Nach Gnadenhausen-Rattenburg aber – ja, da paßt nun einmal keine aus – wie sagten Sie doch? – ja richtig: aus Clarenceville, Dakota, importierte – ›Prinzessin‹ kann ich nicht sagen, denn das könnte sie, nach unseren Hausgesehen, ja gar nicht werden. Bei Ihnen Herrscherin, würde sie bei uns nur morganatische Gemahlin sein.«

Im Verlauf der weiteren Unterhaltung hatte die Herzogin Mutter dann angedeutet, daß sie selbst bereits Umschau gehalten und Fäden angeknüpft habe, um eine matrimoniale Allianz zustande zu bringen, die den Bedürfnissen des Fürstentums ebenso genüge wie den Ansprüchen des Hauses Gnadenhausen-Rattenburg. Auch denke sie daran, im Winter des Sohnes Residenz zu besuchen. Lazarewitsch wußte sehr genau, daß die Herzogin den Despoten stets gut beriet und bei allem die Interessen des Fürstentums wohl erwog; aber es gab eben doch Punkte, wo Gnadenhausen-Rattenburg und was damit zusammenhing den Vortritt hatte. Da war dann plötzlich die Distanz da. Das Fürstentum und die dazu gehörten: Orient! –

Jetzt bei seiner Rückkehr sah Lazarewitsch mancherlei Widerwärtigkeit und Langeweile voraus. Und richtig: kaum daß er angekommen, ließen sich auch schon drei dieser etwas wollenden oder, schlimmer noch, etwas aufdrängenden Herrn zum gemeinsamen Besuch bei ihm für den Nachmittag ansagen. Nun, er wußte ja, was sie fordern würden, als hätten sie es ihm schon gesagt: die endliche Einberufung der vom Fürsten angeregten Konkurrenzausstellung. Im Bewußtsein seiner geheimen Karlsbader Abmachung sah Lazarewitsch diesem Verlangen aber mit Ruhe entgegen. Er würde den Herren versprechen, Mirojedsky dazu zu überreden und sich aus dessen, ihm ja schon gegebener Zustimmung nachher bei den Dreien ein Verdienst machen. Alles Weitere war dann Sache der Prüfungskommission. Und die würde eben richtig zusammengesetzt sein. –

Kurz, ehe die drei Gesandten kommen sollten, ward dem Minister aber noch Oki Abunai gemeldet. Der wenigstens wollte nie was. Da waren keine Fatalitäten zu befürchten. Ja, den wollte er gleich empfangen. – Mochten die drei anderen, wenn sie inzwischen kamen, etwas warten. –

Um die Zeit, da Linteloe annehmen konnte, daß der gemeinsame Schritt der drei Gesandten erfolgt und ihr Besuch bald beendet sein würde, machte er sich seinerseits auch auf den Weg zu Lazarewitsch, um ihn über den Stand der Angelegenheit zu sondieren. Schon von weitem sah er die drei Herrn aus dem Ministerium heraustreten. Eifrig und offenbar erregt untereinander redend. Zu seinem Erstaunen blieben sie dann in der Straße stehen, wo ihre drei Equipagen warteten, und setzten ihr lebhaftes Gespräch auch da noch fort. Sobald sie ihn selbst aber erblickten, winkten sie ihn heran, wie Leute, die etwas auf dem Herzen haben, das sie gar nicht rasch genug weitergeben können.

»Stellen Sie sich vor!« –

»Sie werden’s kaum glauben!«

»Es ist ja auch unerhört – eine derartig hinterlistige Geschäftsführung!« So schwirrten die Sätze durcheinander.

Am empörtesten schien Holst. »Okstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit!« rief er.

»Von diesen verschlagenen Asiaten muß man eben auf alles gefaßt sein!«

»Ja wahrlich: lated anguis in herba

»Daß die Geschäftsträger aber auch gar nichts gemerkt haben!«

»Wären wir doch nicht auf Urlaub gegangen!«

lang=FR »Quos deus perdere vult, dementat prius

»Die ganze Geschichte ist wie ein Hohn – macht uns lächerlich!«

»Das ist ja grade das Greuliche dabei, Cedere maiori virtutis fama secunda est; illa gravis palma est, quam minor hostis habet

»Und was soll nun werden?«

»Ach um einen deus ex machina

Wie Pfeile flogen, wie Donner grollten Holsts Zitate.

Linteloe stand zuerst ganz verwirrt zwischen den Entrüsteten.

»Sie können’s auch kaum glauben,« sagte Känzli, der noch am ruhigsten war, »aber es ist tatsächlich so: Oki Abunai hat dem Fürsten in Andronikowice Angebote für die Holzhäuser gemacht, und zwar zu Preisen, die alle von uns angedeuteten bei weitem unterboten. Und der Fürst ist darauf eingegangen, hat die Lieferung den Japanern sozusagen fest versprochen. Lazarewitsch ahnte nichts davon, hat es von Oki Abunai erst unmittelbar vor unserer Ankunft erfahren. Er war selbst noch ganz fassungslos, erzählte es uns alles, als wir mit unserer gemeinsamen Note ankamen.«

»Ich glaube nicht, daß man bei mir zu Haus gewillt sein wird, das so einfach hinzunehmen,« sagte Pemberton, dem man die doppelte Gereiztheit des knapp überstandenen Gichtanfalls und der Enttäuschung anmerkte. »Despot kann man sich ja nennen, aber derartig autokratische Eingriffe sind doch nicht zulässig in einem Lande, wo es eine Volksvertretung gibt.« – –

Sobald sich Linteloe losmachen konnte, kehrte er eiligst heim. Er schmunzelte, und seine kleinen Augen blickten pfiffig. Vielleicht war dies die Chance, ohne die es nun mal kein Gelingen gibt, – es galt den Versuch, sie richtig auszunutzen! –

Wie er erwartet hatte, traf er den Geheimrat mit Stramm bei Liane am Teetisch. Er erzählte, was sich soeben ereignet, und dann sagte er, langsam jede Silbe betonend und mit großer Assürance: »Damit ist nur eingetreten, was ich voraussah. Ich habe nämlich Oki Abunai seit seiner Ankunft im Auge behalten, denn ich witterte gleich, daß der hier etwas beabsichtige. Als er dann aber gar für den ganzen Sommer nach Andronikowice zog, war ich meiner Sache so ziemlich sicher. Ich fühlte instinktiv: das tut er nicht umsonst. Grade aber weil ich diese japanische Konkurrenz kommen sah, habe ich meinerseits stets darauf hingewirkt, daß wir uns nicht – wie mir manchmal nahegelegt wurde – auch noch um die Holzhäuserlieferung bewarben; denn ich sagte mir, daß es vorteilhafter für uns sei, uns, bei dieser an sich geringfügigen Gelegenheit, das billige Verdienst einer wohlwollenden Haltung gegenüber der großen asiatischen Zukunftsmacht zu erwerben. Sache unserer Vertretung in Tokio dürfte es sein, dies dort ins rechte Licht zu setzen, damit wir die Früchte solcher Haltung auf anderem Gebiete ernten.«

Sehr stark, wirklich sehr stark! dachte Stramm bewundernd; das muß ich unbedingt gleich meinem Onkel melden.

Auch der Geheimrat nickte beifällig. Gottlob, der Mann schien ja beinah so schlau, wie die Frau schön war. Das traf sich wirklich mal gut. Dadurch wurde ihm selbst ein Gewissenskonflikt erspart, falls er die Möglichkeit haben sollte, der schönsten Frau durch eine glänzende Versetzung ihres Mannes von hier fort zu helfen.

*

Die Nachricht war inzwischen zu Mirojedsky gelangt, und er hatte sich augenblicklich zu Lazarewitsch begeben. Diese Auseinandersetzung verlief, trotz süßer Flötentöne, weit peinlicher noch als die Unterredung mit den drei anderen Bewerbern.

Nachdem Lazarewitsch sich derart von vier Gesandten hatte Unannehmlichkeiten sagen lassen müssen wegen eines Vorkommnisses, an dem er sich unschuldig fühlte, empfand er seinerseits das Bedürfnis, sie jenem weiterzugeben, der das ganze Unwetter mal wieder mutwillig heraufbeschworen hatte. Erregt, zornerfüllt ging er zum Fürsten.

Aber der Despot war nicht der ob dessen, was er angerichtet, erschrockene Knabe, als den ihn der Ministerpräsident zu finden erwartete. Er hatte die Rattenburger Miene aufgesetzt – wie seine Minister zu sagen pflegten –, und die Distanz war hergestellt. Die Vorwürfe, die Lazarewitsch machen wollte, schnitt er ab, kam dem Angriff mit Angriff zuvor. Die Brauen zusammengezogen, sagte er: »Während meines Aufenthaltes in Andronikowice bin ich, durch untrügliche Beweise, über gewisse Vereinbarungen in der Holzhäuserfrage unterrichtet worden, die, ohne mein Wissen, zwischen Ihnen und Mirojedsky in Karlsbad getroffen worden sind. Danach sollte die von mir angeregte Konkurrenzausstellung zu einer reinen Posse erniedrigt werden, die die anderen und auch mich betröge, die Bestellung aber sollte bestimmt der Firma Zeysigoff zufallen, obschon wir doch von ihrer Minderwertigkeit im Vergleich zu den übrigen Bewerbern alle überzeugt sind. Lieber als dies zuzulassen, entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen, indem ich mein eigenes Projekt der Ausstellung schweren Herzens aufgab und Herrn Oki Abunais Angebot annahm. Persönlich hätte ich, wie Sie wissen, am liebsten Holsts Firma mit der Lieferung betraut gesehen, weil ich sie für die beste unter den Bewerbern halte; aber ich bin überzeugt, daß die Japaner aus eigenstem Interesse uns gut bedienen werden, weil sie mit ihrer Industrie in Europa ja erst Fuß fassen müssen. Da außerdem ihre Bedingungen auch noch weit billigere sind als die der übrigen, so glaube ich für die Interessen des Fürstentums, so gut ich konnte, gesorgt zu haben. Ich wüßte wirklich nicht, was dagegen einzuwenden wäre.«

»Mirojedsky findet sehr viel dagegen einzuwenden,« entgegnete Lazarewitsch. »So viel, daß ich fürchte: es kann für das Fürstentum und auch für Eure Hoheit sehr üble Folgen haben. Er sprach von Entziehung der traditionellen Freundschaft seiner Regierung.«

»Ich kann nicht finden, daß das Land bei dieser Freundschaft je besonders gut gefahren wäre,« entgegnete der Fürst. »Zunehmende Abhängigkeit hat sie ihm gebracht.«

»Mirojedsky sagte auch, daß wenn Hoheit die von seiner Regierung gehegten Erwartungen so gar nicht erfüllten und nur Schwierigkeiten schüfen, gegen die Einsetzung eines homogeneren Herrschers nichts einzuwenden sein würde.«

Der Fürst richtete sich hoch auf. Unter der durchsichtigen Haut der Schläfen traten die Adern blau hervor. Er sagte schroff: »Ich habe das Bewußtsein, dem Fürstentum gegenüber meine Pflicht getan zu haben.«

»Mirojedsky ging so weit, Tscheslav Obradowitsch zu nennen. Er warf hin: wenn dessen Banden einbrechen sollten, würden sie viele Anhänger im Lande finden. Das möchten Eure Hoheit bedenken.«

 Dies war Lazarewitschs schärfster Pfeil. Aber er prallte ab. Sehr hochmütig, beinah nachlässig antwortete Hans Hadubrand: »Das Fürstentum würde mir freilich leid tun, wenn es je unter solchen Herrscher kommen sollte. Aber ich? – Ja, verehrter Herr Ministerpräsident, halten Sie es denn wirklich für ein solches Glück, hier Despot zu sein, daß man es sich durch Preisgabe des eigenen Gewissens erkaufen möchte?«

Nun lenkte Lazarewitsch sofort ein. Im allerinnersten Herzen gefiel ihm ja des Fürsten Haltung. Er verglich ihn mit früheren Dynasten, die alles hingenommen hätten, nur um sich zu halten. Auf solchen Unterschieden beruhte eben wohl die Distanz. »Ich wiederhole ja nur Mirojedskys Worte,« sagte er, »weil die Situation tatsächlich recht kritisch ist. Im übrigen«, und er starrte mit seinen seltsam tiefen Augen in die Ferne, »möchte ich doch betonen, daß sich Hoheit auf mich persönlich verlassen können – und – ich glaube – auch auf das übrige Ministerium. Ich werde Hoheit mit meiner Verantwortung decken, eventuell die Konsequenzen ziehen – und – einstweilen einen Ausweg suchen.«

Nachdem der Minister gegangen, verließ Hans Hadubrand die ruhige Sicherheit, die er zur Schau getragen, doch etwas. Zwar, dessen war er gewiß, daß er recht gehandelt hatte. Denn jede Intrige gutheißen, jeden Schmutz übersehen – das konnte doch unmöglich des Lebens Sinn und Aufgabe sein. Aber was war der Sinn? Und wie konnte man die Aufgaben lösen? Wie schwer, wie dunkel war das alles. – Und – man stand so allein.

*

Während all dieser Vorkommnisse verlief der Ausflug in die benachbarte Hauptstadt aufs glänzendste, und ahnungslos genossen die Reisenden die schnell eilenden Stunden des Vergnügens. Zwar den ursprünglichen Zweck, die Ausstellung zu besuchen, hatte eigentlich nur Gräfin Karasin erfüllt, und eine neue Sorte giftig grün blühender Chrysanthemen in Mengen bestellt, um sie in ihrem Salon als Kontrast zu ihrem rot flammenden Haar aufzustellen. Es hatte eben eine Überfülle sonstiger belustigender Dinge gegeben. Die paar Tage reichten gar nicht aus für alles, was sich bot. Allein schon aus den Hotelfenstern die breiten Quais längs des Flusses zu sehen, mit den vielen gutgekleideten Menschen, war eine Augenweide; durch die wohlgehaltenen Straßen zu schlendern oder im sausenden Fiaker zu fahren, eine lang entbehrte Wohltat. Die ganze Stadt so merkwürdig neu, mit prächtigen Magnatenpalais und lockenden Schaufenstern. Darüber thronend die hochgelegene Burg. Auf einer Insel im Fluß ein Restaurant mit lustigem Getriebe und aufwühlender Zigeunermusik.

Die letzten Rennen des Jahres fanden gerade statt in diesem Lande der schönen Pferde und feschen Equipagen. Man war dabei einer Menge Bekannten begegnet, aus aller Welt und auch aus dem Lande selbst. Reizende Frauen mit fein geschnittenen Kameenzügen und graziös biegsamen Gestalten waren aus ihren großen Herrschaften mit Viererzügen zu den Rennen gekommen; Männer mit eleganten Figuren, feurigen Blicken, scharf gebogenen Nasen. Alle kannten, duzten sich untereinander. Eine Rasse, eine Welt für sich. Die aber Fremde – stundenweis wenigstens – voll bestrickender Liebenswürdigkeit in sich aufnahm.

Mrs. Clarence hatte dann alle, die sich so zusammengefunden, zum Diner ins Hotel geladen, und es war nachher bei Zigeunermusik bis tief in die Nacht getanzt worden. Wie immer und überall war Muriel, trotz aller anderen Schönheiten, auch hier die Gefeierte, die Königin. Und genoß, das zu sein, in frohster Laune. »Ist das Leben nicht glorios!« rief sie und stieß ihren Champagnerkelch gegen den Axels. Sie zeichnete ihn aus, trotz aller feurigen Huldigungen der Landessöhne. – Und auch das verstand sie, immer neue Vorwände zu schaffen, um in anmutigster Weise die Gebende zu sein. Mit den Fräulein Lourencao und Jelena Lazarewitsch hatte sie selbstverständlich Vielliebchen gegessen und ebenso selbstverständlich verloren. Das bot den Anlaß zu einer Wanderung durch die Läden der Stadt mit Einkäufen für die drei. Ganz ausstaffiert wurden sie, daß sie strahlten. Und auch für Ljubitza mußten Hochzeitsgeschenke besorgt werden.

Axel verstand Muriel völlig in diesem Bedürfnis, vergnügte Sorglosigkeit um sich zu erblicken. Es war ihm, als lerne er sie jetzt erst kennen. Und er entdeckte viel Verwandtes. Nur keine Trübseligkeit! das war ja auch sein Lebensmotto. Es wollte ihm aber gerade hier in dieser lustigen Welt plötzlich scheinen, als habe er davon in den letzten Wochen etwas viel gesehen. Na, überhaupt – wenn man mal wieder einen Blick in die wirkliche Welt tat, merkte man erst, was doch alles in der Stadt an den zwei Flüssen fehlte! –

Aber nun waren die Ferientage vorbei. Gleich sollte die Rückreise angetreten werden. Im Augenblick der Abfahrt vom Hotel wurde Mrs. Pemberton noch ein Eilbrief gebracht. Muriel erkannte auf dem Umschlag die Handschrift Nicodemus Pembertons, und sie neckte die Tante: »Drei Tage Trennung! Wie mag die der Onkel ertragen haben! Das erfordert mindestens einen Eilbrief!« –

Erst als man im Zuge saß, wurden die von den Herrn auf dem Bahnhof rasch eingesteckten Zeitungen, wurde auch der Brief gelesen. Da zeigte es sich aber, daß er nicht die von Muriel der alternden Tante prophezeiten Zärtlichkeitsergüsse enthielt, sondern ausschließlich von dem handelte, worüber auch die Zeitungen kurze Telegramme brachten – von den Holzhäusern! – Nicodemus Pemberton berichtete über die unliebsame Überraschung, die ihm und seinen beiden Kollegen bei dem Besuch im Ministerium geworden, und fuhr dann fort: »Natürlich sind wir alle drei sehr ärgerlich und auch entschlossen, uns diese Plötzlichkeit des Fürsten nicht gefallen zu lassen. Tatsächlich kann er die Lieferung ja gar nicht persönlich vergeben, und Oki Abunai weiß das auch recht gut, aber er hat damit gerechnet, durch öffentliche Kompromittierung des Fürsten die Sache zu erzwingen. Am wütendsten aber ist Mirojedsky. Er soll Lazarewitsch eine schlimme Szene gemacht haben. Drohte mit nichts Geringerem als Preisgabe des Fürsten, da er sich der großen Schutzmacht gegenüber undankbar erweise, ging soweit, Tscheslav Obradowitsch als eventuellen Nachfolger zu nennen. Der würde allerdings ein willfähriges Werkzeug in seiner Hand sein! – Natürlich hat Mirojedsky seine vielen hiesigen Krippengänger sofort mobilisiert, und es herrscht große Aufregung in der Stadt und besonders in dem ihm nahe stehenden Teil der Presse. Der Fürst hat freilich auch eine Partei für sich, und einstweilen sucht ihn Lazarewitsch auch noch zu decken. Aber man darf sich nicht verhehlen, daß tatsächlich sowohl Minister- wie Fürstenkrise besteht. Holst, der so zornig ist, daß er eigentlich nur noch Lateinisch spricht, hat, fürchte ich, Recht, wenn er sagt, nur ein deus ex machina könne noch Katastrophen abwenden. – Vielleicht werden die Holzhäuser übrigens noch andere Opfer fordern: Holst soll nämlich sehr aufgebracht gegen Kronar sein, er hätte mehr aufpassen sollen – was ich übrigens ungerecht finde. Aber enttäuschter Ehrgeiz macht leicht ungerecht! – Auf alle Fälle freue ich mich unendlich auf unser Wiedersehen, mein Darling!«

Mrs. Pemberton teilte natürlich nur Muriel den ganzen Brief mit und erzählte den übrigen Ausflüglern nur so viel vom Inhalt, als sie angemessen dünkte. Aber das Fehlende konnte sich jeder leicht selbst ergänzen. So verlief die Rückreise denn in sehr anderer Stimmung als die Ausfahrt. –

Am gedrücktesten waren Kronar und Fräulein Lazarewitsch. Die rundliche Jelena hatte ja von klein auf Staatsumwälzungen, Dynastienwechsel, Ministerkrisen erlebt, und so schlimm und gefährlich es auch oft um ihn gestanden, war der Papa doch immer wieder obenauf gekommen – aber unheimlich waren solche Zeiten doch allemal und voll schauerlicher Möglichkeiten: im Haus Papa schwermütiger, Mama apoplektischer denn je. Und grade jetzt hatte alles so gut gestanden: Papas Partei am Ruder, Milosch mit Ljubitza verlobt, und dadurch auch die Wukowitschgruppe gewonnen. Ach diese dummen, dummen Holzhäuser!– – Axel seinerseits wußte, als habe er es ihn sagen hören, was Holst denken mochte. Dachte es ja selbst jetzt. Warum war er denn nicht während des Sommers ein paarmal nach Andronikowice gefahren, statt die ganze Zeit in der langweiligen Stadt zu bleiben? Es wäre ja nur richtig gewesen, sich mal beim Fürsten zu melden, und bei ihrer alten Kameradschaft hätte ihm Papa auch sicher von den Anerbietungen Oki Abunais erzählt. Dann würde es ihm gewiß gelungen sein, den Fürsten von dieser unglückseligen Übereiltheit abzuhalten, oder wenigstens wäre die eigene Regierung durch ihn gewarnt worden. Dann wäre er jetzt der große Mann! – Ja, warum hatte er das denn nicht getan? Und er antwortete sich alsobald: weil es Liane ja nicht zugelassen hätte, daß er verreiste. Daß er selbst gar nicht daran gedacht hatte, war ihm entfallen. Er empfand sich als Opfer ihrer Schuld.

Muriel sah die Fältchen um Jelenas kläglich herabgezogene Mundwinkel und ward des Mitleids voll für dieses eben noch so fröhliche Mädchen, dessen Lebensschiffchen schon wieder zwischen böse Krisenklippen zu treiben drohte. – Und vor allem sah sie den Unmut in Axels Augen. Nein, so durfte ihr schöner Ausflug nicht enden! – Dieser nette Mensch, der ihr in diesen Tagen und fern von der Cousine noch so viel besser als bisher gefallen, den sie eigentlich jetzt erst recht entdeckt hatte, der mußte wieder froh und munter werden. Seine Augen lachten ja so hübsch um die Wette mit den Lippen, wenn er ausgelassen war! Dem sollte sein grämlicher Chef nichts anhaben. Und auch an den Fürsten dachte sie. Auch so ein netter Mensch. Und ebenfalls bedrängt, in Gefahr sein Despotenthrönchen zu verlieren. Wenn sie es recht bedachte, eigentlich die beiden Männer, die ihr bisher im Leben am besten gefallen hatten. Denn der mit seiner Brücke verunglückte Mr. Clarence war ja doch eine sehr kurze, recht vergessene Episode! Aber diese beiden, die sollten nicht verunglücken! Da durfte es keine Katastrophe geben. Es mußte ein Ausweg gefunden werden. Sie begann nachzusinnen. Eigentlich eine Lappalie diese ganze Sache! – Sie rechnete. Und das verstand sie. Ihr Kopf blieb stets kühl, praktisch ihr Denken – bei allem Übermut. Ja, es würde gehen. Ohne sie zu inkommodieren. Denn das lohnte nicht. – Und plötzlich lachte sie Axel hell an: »Cheer up! Sie werden sehen, es geht alles gut!« –

Im Bahnhof, die heimkehrenden Töchter erwartend, standen Herr und Frau Lourençao, blaß und kümmerlich im kalten Winde fröstelnd und wie immer den Eindruck erweckend, als hätten sie für die Jahreszeit nicht die richtige Kleidung an. Und neben ihnen Madame Lazarewitsch, blauroter denn je in dem, seit der Rückkehr aus den Weinbergen, neu angelegten Panzer westlicher Zivilisation, aber heut mit angstvollem Sorgenausdruck, der nicht recht zu dem breiten Antlitz passen wollte. Nicodemus Pemberton, auch etwas grämlich, aber doch erstrahlend, sobald er Darling erblickte. Und etliche andere.

Und wie sie nun noch alle so standen und Madame Lazarewitsch sich für den Ausflug ihrer Tochter bedankte, sagte Mrs. Clarence plötzlich laut und vernehmlich, so daß alle Umstehenden es hören mußten: »Liebe Madame Lazarewitsch, sagen Sie doch bitte dem Ministerpräsidenten, daß ich in einer Stunde bei ihm sein werde. Ich will ihm dann persönlich mitteilen, daß ich hier, wo ich eine so nette Zeit gehabt habe, ein kleines Andenken an meinen Aufenthalt hinterlassen möchte. Ich hab’ mich drum entschlossen, Ihrem Lande die vielbesprochenen Holzhäuser zu schenken. Meine telegraphische Bestellung an das amerikanische Haus, das sie mir liefern soll, geht noch heute abend ab.«

Alle schauten sie staunend an. Am starrsten die Familie Lourençao. Wie war der Besitz doch so verschieden auf der Welt verteilt! – Madame Lazarewitsch begriff anfänglich kaum. Diese Selbständigkeit! Solchen Entschluß fassen! Durfte das denn diese blutjunge Frau, und konnte sie, was sie da so leichthin versprach, denn auch wirklich ausführen? Es handelte sich ja um Millionen! – Fräulein Lazarewitsch verstand die Tragweite der Worte schon besser: sie hatte ja in diesen Ausflugstagen Einblicke in Milliardärverhältnisse getan; und so war sie es, die, als erste, der schönen Amerikanerin dankend um den Hals fiel und, früherer Episoden im bewegten Leben ihres Vaters gedenkend, ausrief: »Nun ist Papa mal wieder gerettet!«

Auch Axel war anfänglich der Atem etwas vergangen. Donnerwetter ja, ein Leben mit solchen Möglichkeiten, das war freilich »glorios!« Und jetzt bemerkte er gar, daß die schöne Frau, die eben spielend ein Landesschicksal zurechtgerückt hatte, ihn lustig und wie in geheimem Einverständnis anzwinkerte: »Sagte ich nicht, cheer up, es wird alles gut?« – Ja, hatte sie es denn etwa für ihn getan? – Gerettet war er auf alle Fälle vor den Folgen seiner sommerlichen Untätigkeit. – Das war einmal eine Frau! Die war kein Hemmnis – die wußte zu helfen! –

*

Gerettet war auch Hans Hadubrand. Wußte es aber selbst noch nicht.

Die Tore des Palais waren geschlossen. Die verstärkte Wache im Hof versammelt. Offiziere in großer Zahl. Von Wukowitsch ausgewählte Leute. Milosch, der Stiernackige, als Kommandant. Einstweilen hielten sie noch zum Fürsten. –

Aber übel stand es. Demonstranten zogen durch die Straßen. Kaffeehauspolitiker und allerhand andere Gestalten, von denen niemand recht wußte, wo sie plötzlich hergekommen. Unbekannte. Stets Bereite. Kleinere Gruppen zuerst. Dann immer dichtere Züge. Alle zum stucküberladenen Palais gewandt. Die Meisten nicht wissend, worum es eigentlich ging. Die Wenigen mit harten Lippen, finsteren Brauen. Entschlossene.

Hans Hadubrand hatte hinaus gewollt. Mit ihnen reden. Sie aufklären. Meinte, ein Wort von ihm müsse genügen. Sie könnten gar nicht anders als begreifen, daß er allein sie nicht betrog, weil er ja nichts von ihnen wollte. Schon machte er sich auf, zu ihnen zu gehen – da – eine Wandlung in seiner Umgebung. Die Sprache der Offiziere beinah barsch. Befehl der Regierung sei, den Despoten unter allen Umständen im Palais zu halten. Milosch erklärte, wenn der Fürst jetzt hinausträte, sei alles verloren, Straßenkampf unvermeidlich. Schützen wollten sie ihn. Aber der Schutz sah Gefangenschaft recht ähnlich.

Nun saß Hans Hadubrand einsam in seinem Arbeitszimmer, zwischen all den Andenken an Rattenburg; entsann sich, wehen Herzens, mit welchen Wünschen und Absichten er von dort hierher gekommen. Draußen im Flur hörte er die Posten auf und ab patrouillieren. Wußte, daß auch Mulicke mit Gewehr und Pistole vor der Türe stand, fest entschlossen zu äußerster Verteidigung seines Herrn – in diesem Lande, wo man bekanntlich die Herrscher, wie daheim die Rehböcke, niederknallte.

Die Schritte der Wache übertönend Lärm und Rufen von der Straße. Wachsender Tumult. Anschwellende Haufen vor dem Palais. Johlen zu seinen Fenstern hinauf: »Fort mit dem Fremden! Fort mit dem Andersgläubigen! Er entzweit uns mit unserm Mütterchen Rußland! Er verrät uns an ein Heidenvolk! Fort, fort!« – Stoßen, schieben. Andere Scharen drängen zum Palais. Kleinere aber. Puffen, keilen gegen die Ersten. Gröhlendes Widersprechen: »Er will unser Bestes! Er will uns von der Knechtschaft befreien! Wir sind nicht Vasallen!« Hinaufschreien: »Hoch der Despot! Hoch Uroschl« Dagegenanbrüllen: »Fort mit ihm! Wir wollen keinen Fremden! Hoch Tscheslav Obradowitsch! Tscheslav! Tscheslav!« Und wieder: »Urosch! Urosch!« Tosen. Toben. Lallen.

Vor Mirojedskys Gesandtschaft auch Züge, Gruppen, Gedräng, Gebrüll. »Verlaß uns nicht! Der Fremde will uns ausliefern! In Heidenhäusern sollen wir wohnen! Du bist unseres Glaubens!

Schütz uns! Du allein bist unser Freund! Hoch Mütterchen Rußland! Hoch Mirojedsky!«

Unschlüssig beratschlagten indessen Lazarewitsch und Wukowitsch im Ministerium. Was sollte geschehen? War Tobenlassen vielleicht das klügste? Zogen sie heim, wenn sie genügend gegröhlt hatten? Oder sollte man es riskieren, die Straßen säubern zu lassen? Aber konnte man sich auf die Truppen verlassen? Hatten Mirojedskys Rubel nicht vielleicht auch da schon gewirkt?

Da – wie durch Zauberschlag – eine Veränderung des ganzen Bildes. Der Besuch der Amerikanerin, der Retterin! – Unbekümmert kam sie, zwischen den Johlenden hindurch. »Habe Ärgeres daheim bei Streiks gesehen. Sie werden sich ja gleich beruhigen und anders schreien, sobald sie wissen!«

Und plötzlich wußten es alle. Von dem die Vorstellung von Ansprachen ans Volk erweckenden Balkon herab verkündete Lazarewitsch mit weithin schallender Stimme die frohe Botschaft. Und wohin seine Stimme nicht mehr drang, lief die Nachricht von Mund zu Mund durch die Menge, füllte mit einem Schlag die ganze Stadt. »Geschenkt bekommen wir die Holzhäuser! Gar nichts brauchen wir zu zahlen.« – »Wer schenkt sie uns?« – »Eine fremde Frau!« – »Kann die denn das, eine Frau?« »O ja, die kann das!« – »Der gehören Bahnen und Städte und Fabriken!« »Und Land! so viel, viel, mehr als das Fürstentum!« »Wo ist die Frau? Die wollen wir sehen!« – »Eben war sie hier im Ministerium.« »Ja, aber jetzt ist sie in die amerikanische Gesandtschaft. Da wohnt sie.«

Da war die Menge auch schon dort. Vergessen das eben noch umjohlte Palais des Despoten, vergessen das eben noch bejubelte Haus Mirojedskys. Die ganzen Menschenmassen, schwitzendes Fleisch, stinkender Atem, stierende Augen, zerzaustes Haar, zerrissene Kleider – alles gedrängt, gepreßt, geknäult vor Nicodemus Pembertons Gesandtschaft. Hinauf schallend aus Tausenden heiser geschrieener Kehlen: »’rauskommen, ’rauskommen! Wir wollen die sehen, sehen!« – Schon donnerten Fäuste gegen die Haustür. Es hätte kein Sträuben geholfen. Aber sie sträubte sich ja auch gar nicht. An das weit geöffnete Fenster trat Muriel – stand da – in all ihrer sieghaften Schönheit – eine Blendung, eine Vision – und – lachte, lachte! Lachte immer wieder! – – Das Leben glorios! – ein kapitaler Spaß! –

*

Am nächsten Morgen brachte das Regierungsblatt an erster Stelle die Nachricht, daß eine hochherzige Fremde, Mrs. Muriel Clarence aus Clarenceville, Dakota, U.S.A., dem Lande die für die Arbeiter benötigten Holzhäuser geschenkt habe. Weiter hieß es: »Wir sprechen an dieser Stelle der edlen Frau den tiefgefühlten Dank nicht nur der Regierung, sondern des gesamten Volkes aus. Seine Hoheit der Despot Urosch XXV. wird sich heute zum gleichen Zweck persönlich auf die amerikanische Gesandtschaft begeben.« Und dann fügte das Blatt hinzu, mit der glücklichen Unverfrorenheit aller offiziellen Blätter und ihrem seltsamen Glauben an Blindheit, Taubheit und Gedächtnisschwäche der Welt, da wo ihnen diese Eigenschaften wünschenswert scheinen: »Wir möchten hierbei bemerken, daß alle anders lautenden Nachrichten über die Lieferung besagter Holzhäuser, die während der letzten Tage in der Hauptstadt kursiert haben, auf völlig freier Erfindung beruhen.«

Oki Abunai versuchte zwar sofort bei Lazarewitsch Vorstellungen zu erheben, aber sie konnten naturgemäß nur matt sein. Mirojedsky begnügte sich damit, in schmelzendster Stimme giftige Bemerkungen zu machen über »diese Bettler, die sich von Parvenüs beschenken ließen«. Und damit war er einmal in seinem Leben, ohne es zu wissen, in vollem Einklang mit Hans Hadubrands innerster, aber wohl verschwiegener Meinung.

Von allen Beteiligten am schmerzlichsten getroffen war Holst. Da er Axel gegenüber noch eine gewisse kühle Zurückhaltung beobachtete, war es Agathokles Troll, dem er in der Kanzlei seinen Kummer anvertraute. »Ja, lieber Hofrat,« sagte er seufzend, »oleum et operam perdidi, aber es ist nun mal so, bonus vii semper tiro. Jetzt heißt es eben factum illud, fieri infectum non potest. Und es muß still getragen werden, denn levius fit patentia quicquid corrigere est nefas. Aber gealtert bin ich an dieser Sache, lieber Hofrat, und muß leider gestehen: non sum qualis eram, sondern fühle gar sehr: quid valeant humeri, quid ferre recusent. Und dieser Mißerfolg wird mich bis zum Ende wurmen, so sehr, daß ich beim Sterben mehr mortem donatam quam vitam eraptam empfinden werde. Nur der Gedanke gewährt mir einigen Trost, daß man auch von mir einst sagen wird: magnis tamen excidit ausis

Agathokles Troll, der, in die Reisedecke gewickelt, auf dem Piedestal erhitzter Backsteine thronte, hörte geduldig zu, ohne allzuviel zu verstehen, denn sein Latein war, trotz des in dieser Hinsicht so auffrischenden Verkehrs mit Holst, stark eingerostet. Aber das begriff er wohl, daß der dickleibige Aktenstoß, der die Aufschrift »Holzhäuser« trug, sich raschem Ende näherte. Die Ankunft des amerikanischen Geschenks würde man, wehen Herzens, noch nach Hause melden müssen, vielleicht die Genugtuung erleben, daß an diesem, wie an vielen Geschenken des privaten und Staatenlebens, nachträglich Aussetzungen gemacht wurden, – und dann konnte man das große Aktenbündel abschließen und es, zu hoffentlich endgültiger Ruhe, in einen Schrank der Katakomben für tote Akten betten. – Agathokles Troll empfand bei diesem Gedanken tiefe Genugtuung.

Neben Holsts offensichtlicher Trauer erschienen seine beiden Mitbewerber beinah vergnügt. Für Pemberton bedeutete die Lösung der Frage ja tatsächlich einen amerikanischen Sieg – wenn auch in anderer Form, als er ihn sich ursprünglich gedacht – und Känzli trug die Enttäuschung fest und unerschütterlich, wie seine heimatlichen Berge einen gelegentlichen Schneefall.

Für die Unbeteiligten gar war es alles, seitdem die Katastrophengefahr ja endgültig vorüber, nur belustigendes Schauspiel und abwechslungsreicher Berichtstoff.

Aschir Pascha führte Mrs. Anderson durch die erregte Stadt. An die Zeiten zurückdenkend, wo von droben auf der Festung türkische Statthalter das Land beherrscht hatten, sagte er: »Das ist nun eines der Völker, die stets nach mehr Freiheit, nach Gebietserweiterungen und sogenannter Erlösung unterjochter Stammesgenossen schreien, – und was wir hier sehen und erleben, ist ein kleines Beispiel dessen, was sie aus dem machen, das sie bereits besitzen. Mich erinnern solche Völker immer an die Menschen, die schon mit diesem Leben nichts Rechtes anzufangen wissen und dabei durchaus auf ein ewiges prätendieren.«

Der Fürst, mit Lazarewitsch und großem Gefolge von seinem Dankesbesuch bei Mrs. Clarence zurückfahrend, begegnete ihnen. Er wurde von der wogenden Menge umjubelt. Die Popularität der schönen Fremden hatte sich plötzlich auf ihn erstreckt. Die gestern noch ausgestoßenen Beschimpfungen vergessen. Jetzt schallende Hochrufe ihm nach. Und laute Wünsche: er solle die reiche Frau zur Fürstin nehmen! – Ein neuer Götze war gefunden, der, für den Augenblick wenigstens, sogar Mütterchen Rußland verdrängte.

Und Hans Hadubrand, korrekt für die Ovationen dankend, ward trauernd inne, daß er tiefen Ekel und Widerwillen vor denen empfand, die zu beglücken er gekommen. – Zwischen sich und den Massen, da hatte er ja keine Distanz gewollt. Denen war sein ganzes Herz entgegengeflogen. Für Jeden unter ihnen wollte er da sein, zu jeder Stunde, in jeder Not. Und nun war die Distanz doch da. Unüberbrückbar. Riesengroß. Durch das unabänderliche Wesen der Masse selbst bedingt. – Volk? – Ein vieltausendköpfiges Ungetüm, und jedes dieser Tausende von Gehirnen immer nur eingerichtet, um stets von neuem durch eine Lüge betrogen, durch einen Wahn betört zu werden. Ohren, die nie den Klang der Wahrheit unterschieden; Augen, die nie die Wirklichkeit zu sehen vermochten; Mäuler, die aus gleicher Verblendung jauchzten oder schmähten. – Arme! Arme! – und auch – ewige Selbstfopper! – ewige Narren! –

*

Liane hatte Axel seit seiner Rückkehr kaum gesehen und noch gar nicht allein gesprochen. Die Chrysanthemen brachte er nicht. Hatte sie wohl vergessen. Eine Geringfügigkeit, aber dennoch – wie sehr schmerzte es sie! – Daß Mrs. Clarence ihn auf dem Ausflug ganz auffallend ausgezeichnet hatte, hörte sie aus den Bemerkungen der anderen wohl heraus. Nun ja, sie drängte sich ihm eben auf! – Und begreiflich war es schließlich, wenn die Avancen dieser so plötzlich zum Volksidol Gewordenen, von allen Umworbenen, ihm schmeichelten. Etwas anderes konnte, wollte sie nicht glauben. Nicht gewahren, was Hellsichtigeren, wie Mrs. Anderson, doch längst offenkundig: daß das Machtgefühl über sie, das er Liebe genannt hatte, ihn nicht mehr reizte, weil allzu sehr erprobt. Für ihn suchte und fand Liane stets Entschuldigungen, verklärte ihn unwillkürlich immer wieder vor sich selbst. Und dabei half ihr, ohne daß sie es wußte, das Wertvollste ihres eigenen Wesens, ein bißchen ungenutzte Mütterlichkeit, die, ihr selbst unbekannt, in ihrem Herzen herangereift war und es jetzt so stimmte, daß, wenn Axel die Saite des Schmerzes berührte, die des Verzeihens alsobald miterklang. – Ihm gegenüber konnte sie gar nicht anders. Da war nichts in ihr als Liebe und Süße.

Aber vielleicht grade weil sie für Axel so sehr all’ ihrer Milde bedurfte, ward sie allem anderen gegenüber jetzt um so schroffer. Widerwillen, Ekel erfüllten sie, wenn sie an all das dachte, was sich während dieser Tage hier abgespielt hatte. Sie überbot noch Mirojedsky an bitter höhnischen Worten über den Tanz ums goldene Kalb, den die ganze Stadt, ja auch die Fremden, um diese Frau aufführten. Und gegen die Frau selbst, da erwuchsen in ihrem Innern dem Haß und Neid so verwandte Gefühle, daß sie manchmal darob schauderte. Wo geriet sie nur hin? – Sie fühlte sich gegen diese Eine auf Erden zu Dingen fähig, die sie sich nie zugetraut.

»Man wird noch böse, böse,« sagte sie finster zu Mrs. Anderson, die oft zu ihr kam. Sie hatte sich nie deutlich mit ihr ausgesprochen und fühlte doch, daß die ältere Frau alles wußte und verstand. Und Mrs. Anderson antwortete: »Böse kann nur werden, wer noch etwas für sich will. Er ist es dadurch eigentlich schon.«

»Aber wenn alles Wollen nur ein Liebenwollen ist, kann das denn böse sein?« frug Liane.

»In jede Liebe zu einem Einzelnen mischt sich doch auch Eigenliebe,« antwortete Mrs. Anderson. »Liebten wir wirklich, so müßten wir, den wir lieben, lächelnd in den Sarg betten können, wo er allem Erdenleid entrückt wäre. Und ebenso müßten wir ihn lächelnd in den Armen einer anderen sehen können, wenn das ihm Glück bedeutete.«

»Aber das wäre dann doch nimmermehr Liebe!« rief Liane.

»Das wäre Liebe, die sich zu reiner Güte gewandelt hat,« sagte Mrs. Anderson, »und das ist das Höchste, was wir Menschen zu erreichen vermögen.«

Doch zu schwer dünkte Liane noch diese Lehre. Es war ihr, als ob Hoffnungslosigkeit wie ein graues Ungetüm an ihr heraufkröche und sie mit schweren Tatzen niederdrückte. Das konnte doch nicht von ihr gefordert werden? Ach, wie viel leichter: nicht leben, als leben in solchem Verzicht. – Dann, nachdem Mrs. Anderson gegangen, ergriff sie eine plötzliche Unrast. Sie wollte sich zu Ruhe zwingen. Aber sie konnte nicht still sitzen. Und was nutzte auch das tägliche, stündliche Warten zu Hause? Das Beben bei jedem Geräusch im Flur? Das Lauschen, ob die eine geliebte Stimme ertönte? – Er kam ja doch nicht. – Und so lief sie hinaus in die herbstliche Welt! –

Nebel umfing sie. Von den beiden Flüssen sich erhebend kroch er durch die Straßen. Sie stieg hinauf zur alten Festung.

Oben war es weltentrückter noch als sonst. Die Ebene, die Stadt, die ganze übrige Welt lag geborgen unter einer dichten Schicht weißlichen Dunstes. Einsam war es wie über den Wolken.

Doch auch Hans Hadubrand, von Mulicke gefolgt, hatte es dort hinaufgetrieben. Er und Liane waren sich seit seinem Geburtstag nicht mehr begegnet. Es war nur einige Monate her, aber als sie sich nun plötzlich gegenüberstanden, dünkte es sie doch beide, als kehrten sie nach weiter, weiter Reise hierher zurück. Unwillkürlich hatten ihre Blicke etwas Fragendes: wie war der Weg während dieser verflossenen Monde? – Und konnten es sich doch beide so ungefähr von einander vorstellen. Sie, weil seine Erlebnisse dieser Zeit ja offenkundig vor aller Augen lagen; er, weil ihm, was sie betraf, eine schmerzende Hellsicht eigen war. Er hatte während des Sommers oftmals ihr Bild heraufbeschworen, wie sie an seinem Geburtstag gestrahlt, wünschend, daß ihr beschieden sein möge, lang so zu bleiben. Aber er fürchtete für sie, weil er den kannte, den sie zum Gefährten erkoren hatte.– Und nun sah er sie wieder. Und da war etwas Wehes. Aber nicht mehr das Weh um Unerlebtes, das er einst an ihr gekannt. Ein anderer Zug heute. Konnte es Angst sein? Angst vor nahendem Erleben? –

Sie gingen in den einstmaligen Laufgräben auf und nieder. Es war kalt. Der Nebel stieg, sandte schon Schwaden hinauf zum alten Festungsgemäuer. Die Umrisse der Dinge verschwammen. Sie sprachen über die letzten Ereignisse. »Es waren häßliche Tage und schwere für Eure Hoheit,« sagte sie. Und er antwortete: »Häßlich, ja, da haben Sie wahrlich Recht; und schwer hauptsächlich deshalb, weil man so ganz allein, so verkannt ist, niemandem sagen kann, was man eigentlich gewollt.«

»Ich weih es auch ohne Worte, daß Hoheit nur Gutes gewollt.«

»Ja Sie, Sie!« Wie ein Stöhnen klang es durch den Nebel, so viel Sehnsucht und Trauer lag in seiner Stimme. Und er fühlte in diesem Augenblick wieder: das war die Eine, die alles in ihm so sehr verstanden und erraten hätte, daß aussprechen wirklich kaum nötig gewesen wäre. Doch in rasch verändertem Tone sagte er dann: »Meine Mutter kommt nächstens her. Ich glaube – sie will mich verheiraten.«

»Dann wird ja das Alleinsein aufhören,« sagte Liane mit herzlicher Wärme.

»Klingt es nicht eigentlich komisch, wenn man von einem Mann sagt: er wird verheiratet?« frug Hans Hadubrand.

Sie lächelte. »Was soll da komisch sein? Wir sagen doch: er wird geboren, er wird begraben. Was dazwischen liegt, geschieht auch nicht viel freier. Wir alle leben wohl das Leben, das wir leben mußten.«

»Mußte man denn wirklich?« frug er leise mit seltsamer Betonung. Er wußte selbst nicht, wie ihm die Worte über die Lippen gekommen. Der Nebel dämpfte ihren Schall, verschlang sie, als ob sie nie gesprochen worden.

Aber Liane hatte sie vernommen und schien sich nicht zu wundern. Sie dünkten sie klanggewordenes eigenes Grübeln. Alles schien möglich in der Gelöstheit von allem, in dem schwebenden Grau ungreifbarer und doch undurchdringlicher Scheidewände, hinter denen gewohnte Begriffe, Menschen und Hemmungen versanken. Und wie im Traume, wo alles aussprechbar, antwortete sie: »Ich glaube, es war so: man wollte nicht, aber man mußte – und da man mußte, wollte man auch.« – – – Und da entsann sie sich plötzlich, wie sie, mit diesen selben Worten auf den Lippen und weißen Rosen in der Hand, durch nächtlichen Garten zu Axel geschritten war. – War es der Richtige, zu dem sie damals gegangen? Sie hatte sich das noch nie gefragt. Warum nur jetzt? Kam es vom Nebel, der, alles ausschaltend, sonnenscheuen Gedanken eine Einsamkeit schuf, wo sie haltlos wie graue Gespenster auftauchen durften? –

Und auch auf des Fürsten Lippen drängte sich wieder eine Frage an die schattenhafte Frau, die neben ihm schritt: Hat das Wollen, das ein Müssen war, denn wenigstens Glück gebracht? – Doch diesmal sprach er die Frage nicht aus. Fürchtete die Antwort.

Sie gingen voneinander.

In der Stadt kam es über Liane wie ein Erwachen. Heller war es hier. Die Laternen leuchteten jetzt durch den Nebel. Wieder erfaßte sie Unruhe, als versäume sie irgend etwas. Sie eilte heim. Rannte beinah. Und wirklich, als sie schon dicht an ihrer Haustür war, trat Axel aus ihr heraus auf die Straße. Beinah hätte sie ihn verfehlt! Aber nun sah sie ihn doch noch. Und er hatte also zu ihr kommen wollen? Dann war ja alles gut! Plötzliche Freude erfüllte sie. Jedes andere Gefühl war vergessen. – Und hastig, noch halb außer Atem, begann sie, als müsse sie sich entschuldigen: »Ich war etwas ausgegangen, Axel – wenn ich nur gewußt hätte, dann wär’ ich zu Hause geblieben – oben auf der Festung bin ich gewesen – und dann traf ich den Fürsten – das hat mich aufgehalten.«

»So, so, den Fürsten,« sagte er etwas spöttisch.

»Aber du wolltest zu mir,« fuhr sie fort, »willst du nicht hereinkommen?«

»Nein, unmöglich,« sagte er rasch, »es ist spät geworden ... und ... ich habe noch eine Verabredung. ... Ich kam ... man sieht sich jetzt so selten –«

»Das ist freilich wahr, Axel,« unterbrach sie ihn, »aber ich bin immer da für dich, wann du willst! Daran kannst du doch nicht zweifeln?«

Er antwortete nicht auf ihre Zwischenfrage. Als habe er sie gar nicht gehört, fuhr er fort mit beginnender Ungeduld: »Also ich kam, um zu fragen, ob wir vielleicht morgen nachmittag noch mal zusammen ausreiten wollen. Es wird ja schon kalt, man muß die paar Tage noch wahrnehmen. Paßt es dir?«

»O Axel, wie sollte es mir denn nicht passen!« »Na, dann auf Wiedersehen morgen ... ich muß mich eilen.« Flüchtig beugte er sich über ihre Hand und war in der Dunkelheit verschwunden. –

Aber in ihr ließ er helle Freude zurück. Oder redete sie es sich nur ein? –

*

Als Axel am nächsten Tage kam, um Liane abzuholen, fand er sie schon im Hofe bei ihrem Pferde stehend, dem sie Zucker auf der flachen Hand hinhielt. Die Strahlen der kühlen Herbstsonne drangen grade einen Augenblick durch die Wolken, umspielten sie, setzten helle Lichter auf das seidige Haar des Pferdes und die kleine rote Jacke, die sie in der Kälte gern beim Reiten trug. Es war ein Bild, recht angetan, einen Maler eleganter Frauenporträts zu entzücken. Und Liane, die, wie jede Frau, fühlte, wenn sie hübsch aussah, freute sich, daß sie Axel grade heute diesen ersten Eindruck gleichsam als Bewillkommnungsgabe bieten konnte. Sie wollte ihm ja so gern gefallen! – Als sie begrüßend zu ihm aufschaute, lag denn auch eine so völlige Hingabe in ihrem Blick, daß ein Fremder die Geschichte ihres Herzens darin gelesen hätte. Er aber schien das nicht zu beachten.

»Mrs. Clarence hat mir vorhin geschrieben, ob ich heute mit ihr ausreiten wolle,« sagte er. »Ich habe geantwortet, daß wir uns schon verabredet hätten, aber ich sei sicher, daß es dich freuen würde, wenn sie mit uns käme, und wir würden sie abholen.«

»Oh, wie furchtbar schade,« sagte Liane, »es wäre so schön gewesen, endlich mal mit dir allein zu sein.«

»Ja gewiß,« erwiderte er, und seine Stimme hatte wieder den ungeduldigen Klang, »aber das konnte ich ihr doch nicht gut antworten. Es ist ja an sich besser, uns öffentlich nicht viel allein zu zeigen. Und – etwas Rücksicht muß ich auch auf Mrs. Clarence nehmen, denn ohne ihr unerwartetes Lösen der Holzhäuserfrage hätt’ ich rechte Unannehmlichkeiten haben können – Holst war so ärgerlich, daß ich die japanische Intrige nicht bemerkt hatte.«

»Ja glaubst du denn, daß sie es etwa für dich getan hat?« frug Liane erstaunt. Er antwortete nicht, sondern zuckte nur die Schultern. Ihre Freude war verweht.

Mrs. Clarence kam den beiden schon in der Straße entgegengeritten. Sie war enttäuscht gewesen, daß Axel sich schon mit Liane verabredet hatte. Auf dem Ausflug war es netter gewesen, da hatte sie ihn für sich gehabt. Das mußte wieder so werden. Wozu brauchten denn ältere Cousinen jüngere Vettern so zu beschlagnahmen? – Jetzt ging von der Amerikanerin eine beinah aggressive Frische aus. Bei jedem Sport, den sie betrieb, schien es immer, als sei das gerade die Beschäftigung, die besonders für sie erfunden worden sei.

»Falls bei Ihnen drüben je ein weibliches rough riders Korps organisiert wird, sollte Ihnen die Führung übertragen werden,« sagte Axel mit bewunderndem Blick. Und sie antwortete lachend: »Dann machte ich für Sie eine Ausnahme und nähme Sie mir zum Adjutanten.«

Sie ritten den Hügel hinab durch die breite Avenue. Die niedern Häuschen, zu beiden Seiten der Straße, schienen sich fröstelnd zu ducken, um dem scharfen Wind keine Angriffsflächen zu bieten. »Mit ihrem hellen Anstrich sehen sie doch wirklich aus wie die armen Lourençaos, die im Winter noch Sommerkleider tragen,« sagte Axel.

Die Höfe und Gärtchen, die noch vor kurzem, vom Laub der alten Nußbäume beschattet, groß erschienen waren und als enthielten sie geheimnisvoll lauschige Plätzchen, zeigten jetzt, in dieser blätterlosen Zeit, ihre letzten kahlen Winkel und Ecken, ihre ganze Dürftigkeit.

»Im Winter erst sieht man die Welt, wie sie wirklich ist,« sagte Mrs. Clarence, und Axel antwortete: »Sie liegt dann vor uns wie ein Mensch, den man bis in seine letzten Möglichkeiten kennt.«

Der Wind wehte plötzlich stärker über den Fluß von der weiten Ebene her, und Liane empfand, daß es viel kälter war, als sie in dem geschützten Hof vermutet.

Die Reiter hatten die Stadt hinter sich gelassen und trabten nun durch die lange Allee, über der die unzähligen kahlen Äste der alten Silberpappeln sich wölbten und ineinander schlangen, gleich dem unausgefüllten tausendteiligen Eisengerüst eines modernen Riesenbaues. – Liane blickte hinauf in das lange Gewölbe der Zweige, an denen die letzten leuchtend gelben Blätter zitterten. Und sie entsann sich der vielen Frühlingsritte, die sie hier mit Axel unternommen, als diese selben Blätter grün gewesen. Wie ein Schauer überkam sie das Bewußtsein des schnellen Vergehens der Dinge. Wann ist etwas, wann ist es vorbei? dachte sie. Wir wähnen etwas fest in der Hand zu halten, öffnen sie und gewahren: sie ist leer. Als habe das Schicksal, wie ein Taschenkünstler, sein Spiel mit uns getrieben. Vielleicht glauben wir auch manchmal noch glücklich zu sein und sind es doch längst nicht mehr. Andere mögen es sogar schon wissen, nur uns selbst ist es noch nicht ins Bewußtsein getreten.

Ein scharfer Windstoß pfiff plötzlich durch die kalte Luft. Das dürre Schilf am Ufersaum senkte sich in langer Wellenlinie. In den Baumeswipfeln knackten dürre Äste. Die Sonne gab den Kampf gegen die grauen Wolken auf und verschwand. Ein fahles Licht breitete sich über die Erde.

»Es wird ein früher, schlimmer Winter werden,« sagte Axel in dem mißmutigen Ton, den er jetzt oft anschlug. »Man sollte eigentlich irgendwohin in den Süden – nach Nizza oder Kairo.«

Liane fröstelte bei den Worten, sie wußte selbst nicht warum. Mrs. Clarence aber antwortete: »Ich denke sehr stark daran, bald in den Süden zu reisen.« Und dann setzte sie hinzu: »Sie sollten Urlaub nehmen, Graf Kronar, und auch hinkommen – mir ist nämlich aufgefallen, daß Sie, seit wir von unserm Ausflug zurück sind, wieder anfangen, recht morose zu werden.«

Im stärkeren Wehen des Windes konnte Liane nicht hören, was Axel erwiderte; sie gewahrte nur, daß er wieder den spöttischen, etwas gelangweilten Ausdruck hatte, den sie immer häufiger an ihm wahrnahm und der sie jedesmal mit unbestimmter Angst erfüllte. Und Mrs. Clarence hatte es also auch bemerkt, daß er sich veränderte! – Aber was war es nur, das diesen bittern Zug oft plötzlich auf seine Lippen rief? – Sie versuchte dann immer ihm etwas ganz Besonderes zuliebe zu tun – und hatte nun doch schon oft erfahren, daß er dadurch nur noch ungeduldiger und mißmutiger wurde. – – Doch ihr stets nach Entschuldigungen für ihn suchendes Herz fand auch dafür eine Erklärung. War es nicht möglich, daß er, wie sie selbst, an der Halbheit ihres Lebens litt? Ach, wenn er heute vielleicht empfand, daß was im geheimen ihr beider wahres Leben war, es auch frei und offen werden sollte – oh, dann mußte ein Ausweg, eine Befreiung zu finden sein!

Sie waren jetzt weit draußen und ritten auf holprigem Landweg durch ein langgestrecktes, tiefes Tal. Neben ihnen erhob sich der hohe Eisenbahndamm. Feuchtigkeit stieg aus den Wiesengründen und hing wie gefrorene Schleier in der Luft. Alles war farblos. Um die entblätterten Hecken längs des Bahndammes schlangen sich die dürren Ranken der wilden Klematis, an denen die vertrockneten Blütendolden wie graue Netze hingen. Die Kälte nahm mit jedem Augenblick zu.

»Es sollte mich nicht wundern, wenn wir einen Schneesturm bekämen,« sagte Axel, zum gleichmäßig grauen, niedrig herabhängenden Himmel schauend.

»Aber dann wollen wir doch lieber gleich nach Hause!« rief Mrs. Clarence.

Sie kehrten um, und die Pferde, die schon auf dem Ausritt durch die Kälte schärfer als sonst gegangen waren, legten sich nun in die Zügel und drängten zum Stalle.

Liane ritt ganz dicht an den Telegraphenstangen, die dem Bahndamm folgten, und sie vernahm, wie oben im Winde ein Schwingen und Vibrieren den Drähten entlang lief, daß sie summten und surrten. »Wenn ich so die Drähte klingen höre,« sagte sie, »glaube ich immer, sie möchten uns etwas erzählen. Und ist es nicht seltsam zu denken, daß sie vielleicht gerade in diesem Augenblick eine Nachricht tragen, die möglicherweise einen von uns betrifft, – und wir stehen hier drunter und ahnen es nicht!«

»Was sollte uns denn heute gerade geschehen?« erwiderte Axel. »Ich habe im Gegenteil die Empfindung, als ob überhaupt nichts mehr in der Welt passiere.«

Lianens Art, leblosen Dingen Gedanken und Gefühle anzudichten, war ihm immer fremd gewesen. Heute machte sie ihn nervös. Mrs. Clarence, die die beiden beobachtete, dachte: Es fehlt nur der Name; im übrigen ist es doch genau wie in so mancher richtigen Ehe: was der eine sagt, ärgert bestimmt den anderen. Sie fühlte sich selbst auch irritiert und beschloß: Man muß wirklich suchen, ihn aus diesem aufgezwungenen Dienst zu befreien; froh scheint er ihn doch wahrhaftig nicht zu machen!

Zu immer stärker werdenden Böen erhob sich der Wind. Aus dem fernsten Ende des Tales hörte man ihn, leise zuerst, dann lauter und lauter heranrauschen. Nun umsauste er die drei Menschen, die sich unwillkürlich bückten, und trieb dürre Zweige und tote Blätter in einer großen Staubwolke vor sich her. Und auf den Flügeln des eisigen Windes ward, außer dem Summen der Telegraphendrähte, noch ein anderer Ton zu ihnen getragen: das ferne Rollen eines Eisenbahnzuges, das in wenig Sekunden zu lautem Poltern und Fauchen anschwoll.

»Der Nachmittagsexpreß,« sagte Axel, sich umschauend.

Im selben Augenblick donnerte der Zug auch schon an ihnen vorbei. Lianens Pferd, das dem Damm zunächst war, machte einen erschreckten Seitensprung und jagte dann in wilden Sätzen davon. Sie versuchte es zu halten, aber es hatte das Gebiß zwischen die Zähne genommen und fühlte ihre schwachen Versuche gar nicht. Sie aber, die sonst ängstlich zu Pferde war, empfand heute keinen Schrecken bei der wilden Jagd; es war ihren allzu gespannten Nerven beinah eine Erleichterung, so durch den Raum zu fliegen, daß sie kaum noch wußte: war es das Pferd, das sie davontrug, war es der immer stärker werdende Sturm, der sie vor sich herfegte. – Allmählich aber ließ das Tempo etwas nach, sie fühlte, wie des Pferdes Maul weicher wurde und es wieder dem Zügel gehorchte. Zitternd stand es endlich still.

Axel und Mrs. Clarence waren weit zurückgeblieben. Als sie nun nachkamen, rief die Amerikanerin: »Na, das war aber mal ein Ritt! Sie eilten ja, als wollten Sie den Expreß einholen. Sie sind diesen Ort sicher auch recht müde und führen lieber heute als morgen mit jenem Zuge nach Hause? Und Sie gehen ja auch wohl bald auf Urlaub?«

»Ich sehne mich nicht fort,« antwortete Liane mit Anstrengung, »denn ich bin hier glücklich gewesen, und mehr als das kann man nirgends sein.«

 Ein heftigerer Windstoß fegte über sie hin und brachte die ersten Schneeflocken.

»Wir müssen machen, daß wir nach Hause kommen,« sagte Axel.

Schweigend ritten sie nun in dem fahlen Lichte, sich bückend unter dem Sturme. Es war, als seien sie alle drei plötzlich von einer seltsamen Hast und Angst befallen. Rascher und rascher wurde der Gang ihrer Pferde, als triebe auch sie geheime Schicksalsmacht. – Eilt, eilt! brauste es oben in den Lüften und stieß die Reiter vorwärts, wie raschelnde Blätter und dürre Halme. – Warum nur die Eile? – Man wartet, wartet! man hastet, hastet! wer weiß je, weshalb? – – Eilt, eilt! sauste der Wind und packte sie von neuem und schleuderte sie weiter im Wirbel des aufgewühlten Staubes. – War da etwas, wovor sie flohen? Oder winkte ihnen ein Ziel? – Das wußten die Staubkörnchen nicht, und auch die Menschen wußten es nicht. – – Eilt, eilt! heulte der Sturm.

Erst als sie wieder in der Stadt im Schutz der Häuser angelangt waren, fielen die Pferde in ruhigere Gangart. Hier fühlte man den Wind viel weniger als draußen; den ersten Schneeflocken waren keine weiteren gefolgt: es schien, als wolle das Unwetter vorüberziehen. Sie sahen sich nun verwundert an, wie Leute, die zusammen im Dunkeln denselben Schauer vor einer unheimlichen Nähe empfunden haben und sich dessen schämen, wenn sie bei plötzlicher Helligkeit gewahren, daß, wo sie Grausiges vermuteten, in Wirklichkeit gar nichts ist.

Mrs. Clarence lachte zuerst. »Wovor haben wir eigentlich Reißaus genommen?« frug sie.

»Vielleicht vor dem Schatten kommender Dinge!«

antwortete Axel ebenfalls lachend. »Meine Cousine wollte ja sogar die Telegraphendrähte davon singen hören!«

Liane durchschauerten die gleichgültig hingeworfenen Worte, und das seltsam beklemmende Gefühl einer rätselhaft spukartigen Gegenwart, das die beiden anderen lachend abgeschüttelt hatten, legte von neuem seinen Albdruck auf sie.

Als sie sich der Gesandtschaft näherten, überwand sich Liane so weit, zu Mrs. Clarence zu sagen: »Ich hoffe, Sie kommen herein und wärmen sich bei einer Tasse Tee?« Doch die Amerikanerin antwortete, daß Mrs. Pemberton sie erwarte.

»Dann werde ich Sie natürlich noch bis dorthin geleiten,« sagte Axel.

»Aber ich kann doch sehr gut allein nach Hause reiten!«

»Nein, das geht wirklich nicht,« entgegnete Axel mit lustigem Augenzwinkern, »bedenken Sie nur: eine künftige Herrscherin!«

Sie schaute ihn blinzelnd von der Seite an und frug dann, indem sie den Kopf herausfordernd hob: »Künftige Herrscherin ... von wem?«

»Doch vermutlich dieses ganzen Ländchens,« erwiderte Axel. »Unter den Einheimischen soll seit Ihrer Holzhäuserschenkung viel davon geredet werden. Nun, und was den Fürsten betrifft ...«

Sie unterbrach ihn lachend: »Oh, der Fürst ist als Mensch sehr nett. Aber an seiner Seite hier Despotin spielen? Nein, Graf Kronar, das lockte mich denn doch gar nicht auf die Länge. Wer mein Mann sein wollte, der müßte mit mir gehen und meine Angelegenheiten drüben führen – dem Wert nach bedeuten sie, sollt’ ich glauben, mehr als dies ganze Fürstentum; und die Sicherheit der Stellung wär’ jedenfalls größer als die eines hiesigen Herrschers von Mirojedskys Gnaden.«

Sie waren vor der Gesandtschaft angelangte Axel wollte Liane aus dem Sattel heben, doch der am Tore wartende Stallknecht hielt schon ihr Pferd, und sie hatte sich bereits allein herabgleiten lassen. »Laß Mrs. Clarence nicht warten,« sagte sie hastig zu Axel. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« tönte es von den Davonreitenden zurück.

*

Liane schritt rasch ins Haus. Sie hatte noch immer dies unerklärliche Gefühl, als müsse sie fliehen vor etwas Drohendem, das sie nicht sehen konnte und doch in ihrer unmittelbaren Nähe fühlte. Im Vorzimmer kam ihr Friedrich entgegen: »Der Herr Minister hat schon mehrmals nach der gnädigen Frau gefragt und läßt bitten, gleich zu ihm zu kommen.«

Sie sah ihn erstaunt an: es klang so unwahrscheinlich.–

Als sie in das Arbeitszimmer ihres Mannes trat, schritt dieser, breiter, mächtiger, wichtiger noch als sonst, auf sie zu. »Liebe Maximiliane,« sagte er feierlich, »ich gratuliere dir – ich bin zum Botschafter in Tokio ernannt.«

Sie sah ihn starr an und verstand zuerst nicht recht. »Was bist du?« frug sie.

Und er wiederholte: »Ja, ich begreife dein Erstaunen, aber es ist wirklich so – ich bin zum Botschafter in Tokio ernannt.«

Ihr war, als sause der Sturm, den sie draußen gelassen, jetzt plötzlich hier im Zimmer um sie her, und sie griff unwillkürlich nach einer Stuhllehne, denn sie fühlte, wie sie schwankte. Es brauste ihr in den Ohren: deshalb die Eile, deshalb die Eile! – Und Windeskobolde kicherten laut: wir wußten es längst!

»Nun, du stehst ja da und findest kein Wort,« sagte Herr von Linteloe. »Du glaubst es wohl am Ende nicht?« Er nahm ein Blatt vom Schreibtisch und hielt es ihr hin: »Da lies! Es ist die Dechiffrierung des Telegramms – es kam vorhin an, während du aus warst.«

Und die hämischen Luftgeister höhnten ihr in die Ohren: Ja, weises Menschlein, jetzt kannst du es auch lesen; wir aber erhorchten es längst draußen an den klingenden Drähten, wo du ahnungslos entlang rittst! –

Herr von Linteloe war so ganz selbstgefälliger Wichtigtuerei voll, daß er es nicht weiter beachtete, wie verstört Liane noch immer dastand. Die Hände auf dem Rücken ging er mit wuchtigen Schritten auf und ab. »Ja, ja,« sagte er, »das haben wir fein gedeichselt! Und wacker geholfen hast du dabei, Maxichen, – hätte es dir gar nicht zugetraut. – Hindermeyer war ja ganz vernarrt in dich, und dem haben wir’s sicher mit zu verdanken. Jetzt siehst du wohl ein, wie weise es war, daß ich dich damals nicht zu der dummen Chrysanthemumpartie fahren ließ?« – Er schmunzelte pfiffig. »Und das Schönste ist: wie wird sich mancher ärgern, der schon dachte, ich sei kalt gestellt und solle hier verschimmeln. Nee, nee, Kinderchen! Das wahre Leben geht überhaupt erst los! Jetzt kommt meine Zeit.« – Er war völlig selbstzufrieden. Da durfte nun auch etwas Gutes für Liane abfallen, und er wandte sich gönnerhaft zu ihr: »Für dich, Maxichen, freut’s mich erst recht. Ich hab’ ja oft gemerkt, daß du hier zu allem die Nase rümpftest – na, im Grunde hattest du ja Recht damit, denn was hat eine Frau wie du hier überhaupt vom Leben? Aber jetzt! jetzt kommst du gerade auf den Platz, wo du hingehörst.« – Und dann, nach einem Augenblick des Sinnens, fuhr er fort: »Ich sehe übrigens Tokio nur als einen Übergang an. Wir müssen unser Augenmerk von jetzt ab auf Washington richten. – Wird sich vielleicht gerade von Tokio aus gut fingern lassen.« –

In seinem Auf- und Abschreiten war er nun wieder an die Tür gekommen, neben der Liane noch immer regungslos stand. Er pflanzte sich vor sie hin und betrachtete ihre schmale, biegsame Gestalt in dem enganliegenden Reitkleid, ihr Haar, das vom Winde etwas zerzaust war, und ihr fein geschnittenes Gesicht, das sich, nach der Kälte draußen, jetzt im warmen Zimmer zu röten begann. Sein Blick war zuerst achtlos zerstreut über sie hingeglitten, dann aber wurde er aufmerksam, blieb prüfend haften. Zum erstenmal seit Jahren achtete er auf ihr Äußeres und bemerkte erstaunt, wie hübsch sie war. Und es fiel ihm ein, daß sie zwanzig Jahre jünger als er und eigentlich seine Frau sei. Da streckte er plötzlich die breiten, etwas haarigen Hände nach ihr aus und, wie man einen lang beiseite geworfenen Gegenstand wieder aufnimmt, weil sich unerwarteterweise eine Verwendung für ihn gefunden, so ergriff er die Frau, zog sie an sich und hatte sie schmatzend geküßt, ehe sie noch wußte, was geschah! – Oh, es war doch eine famose Welt! –

 »Laß mich, laß mich!« schrie Liane und wand sich ihm aus den Händen.

»Na, hab dich doch nur nicht gleich so, als ob ich ein wildfremder Mensch wäre,« polterte er in seiner gewohnten Art, aber es klang weniger rauh als sonst, denn er war eben doch vor einer Stunde Botschafter geworden und fühlte sich infolgedessen so sieghaft, daß ihn heute nichts auf lange verstimmen konnte. »Du hast mir ja noch gar nicht gesagt, daß du dich freust, Maxichen! Da, komm her und gratuliere mir, Frau Botschafterin!« Er sagte es mit dem Ton, in dem man zu einem Hunde spricht, der apportieren soll.

Sie starrte ihn entsetzt an, nur nach der einen Möglichkeit spähend, an ihm vorbei und an die Türe zu gelangen. Im selben Augenblick wurde geklopft, und der Kanzleidiener trat ein. Er brachte eine Depesche. Linteloe riß sie auf: »Ach, die ist eigentlich an dich.« Und er las lachend vor: »Der schönsten Frau und Botschafterin möchte als Erster aufrichtig gratulieren der getreue Hindermeyer. – Ja, Maxichen, ich kann nur wiederholen: das hast du fein gemacht.«

Der Kanzleidiener, der wartend stehen geblieben war, meldete nun: »Ich habe die Herren von der Kanzlei geholt, sie sind unten. Auch Herr Legationsrat von Stramm ist da.«

»Bitten Sie die Herrn heraufzukommen,« sagte Linteloe und wandte sich dann mit der Amtsmiene an Liane: »Bitte, laß uns jetzt. Ich habe Telegramme zu schreiben und will Stramm zum Hofmarschall schicken, um dem Fürsten Mitteilung zu machen. Nachher wollen wir unsere Dispositionen treffen. Ich soll mich nämlich sofort zu Hause melden, da werden wir am besten schon morgen mit dem Nachmittagsexpreß fahren. Zur Abschiedsaudienz muß ich natürlich noch mal hierher zurück ... und um alles, aufzulösen ... Packer bestell’ ich gleich telegraphisch bei Knauer ... na, das besprechen wir alles ...«

Liane rannte in ihr Zimmer, stürzte keuchend an den Schreibtisch und schrieb, ohne sich auch nur zu setzen, mit zitternder Hand auf einen Zettel: »L. ist nach Tokio ernannt – ich komme sogleich zu Dir – muß Dich sofort sprechen.« Sie klingelte, steckte den Zettel in ein Kuvert und gab es dem eintretenden Diener: »Bringen Sie das sofort hinüber zu Herrn Grafen Kronar, aber schnell, schnell! und kommen Sie gleich zurück und sagen Sie mir, ob der Herr Graf wieder zu Hause ist.«

Dann schloß sie sich ein, erfüllt von dem ganz neuen Entsetzen, daß ihr Mann ihr nachkommen könnte, und wartete bebend.

Nach wenigen Minuten war der Diener zurück.

»Nun?« frug sie atemlos.

»Der Herr Graf ist zu Hause, ich habe ihm den Brief selbst gegeben.«

Sie lief an ihm vorbei, die Treppe hinunter und durch den Garten nach Axels Haus. – Der Diener schaute ihr kopfschüttelnd nach: »Na, wenn das alles nicht noch mal schlecht endet ...«

*

Mit ganz verstörtem Ausdruck stürzte Liane Axel in die Arme, und es fuhr ihm durch den Sinn, wie sehr sie sich in der kurzen Zeit, seit sie vorhin neben ihm geritten war, verändert hatte: sie sah ja beinah alt aus!

»Axel! was sagst du dazu? ist es nicht entsetzlich?«

»Ja, Liane, was soll ich sagen,« antwortete er, indem er sie mit zärtlicher Sorgfalt und doch schon zurückhaltender Förmlichkeit zu einem Sessel geleitete und selbst einige Schritte von ihr stehen blieb. »Es ist so hart für mich, dich zu verlieren, und ich kann den Begriff noch gar nicht fassen, hier ohne dich zurückzubleiben. Aber ...«

»Es ist eben unmöglich!« rief sie, ihn unterbrechend.

»Aber«, fuhr er unbeirrt fort, »mein Egoismus darf nicht mitreden. Ich muß hierbei nur an dich denken, und da kann ich doch eigentlich nicht anders als dir gratulieren.«

Sie sah ihn ungläubig an: »Gratulieren? Du mir? O Axel, wie kannst du so reden! Seit ich diese Nachricht gehört habe, ist mir, als sei ich verurteilt worden, in wenigen Tagen zu sterben – denn ohne dich sein, das wäre Tod – und ich will nicht sterben, Axel, ich will nicht ohne dich sein – o hilf mir, hilf mir, eine Rettung zu finden!«

»Ja, meine arme Liane, es ist doch auch für mich schrecklich traurig! Und es trifft mich so völlig unvorbereitet. Denn, ehrlich gestanden, ich hatte eigentlich nie daran geglaubt, daß gerade dein Mann ... Aber, nicht wahr, solch plötzliche Wechsel, das ist doch nun einmal das Wesen unserer Karriere. – Es hätte ja auch sein können, daß ich versetzt worden wäre – ich habe sogar in letzterer Zeit manchmal daran gedacht – denn man hatte mir ja versprochen, daß ich nicht lang hier gelassen werden würde. Na, und das wäre doch noch viel härter für dich gewesen, hier allein zurückbleiben zu müssen, wo wir zusammengewesen sind.«

»Ich hätte es einfach nicht ertragen,« sagte sie.

»Durch diese ... unerwartet brillante Beförderung deines Mannes kommt ihr dagegen an einen interessanten, wichtigen Posten, wo ihr politisch en vue sein werdet. Das wird dich zerstreuen. Und da man deinem Mann ja, wie es scheint, sehr wohl will, so ist Tokio womöglich nur ein Übergang für ihn, und er erhält bald etwas noch Glänzenderes – vielleicht gar Washington.«

Wie vermochte er nur in diesem Augenblick an solche Dinge zu denken? frug sie sich. Und warum sprach er so viel von ihrem Mann? –

Er aber fuhr fort im Ton eines Menschen, der eine geschäftliche Bilanz zieht: »Auf alle Fälle wirst du in Tokio einen großen und eleganten Kreis haben, wo du ganz anders als hier zur Geltung kommst. Denn in diesem elenden Nest – ja, was hat denn da eine Frau wie du überhaupt vom Leben?«

»Dich,« rief sie, »dich habe ich gehabt – und das wäre mir genug wo immer auf Erden!«

»Liebe Liane, die Erinnerung an deine Liebe wird auch mir diese Stadt und diese ganze Zeit mit Schönheit verklären.«

Sie sah ihn an mit schmerzlichem Erstaunen. Das war alles so gar nicht das, was sie zu hören gekommen! Sie war zu ihm geflüchtet wie ein armes verwundetes Tier, das sich fürchtet und der menschlichen Nähe bedarf, – und nun fühlte sie, daß sie gar nicht bis an ihn herankam, daß auch jetzt etwas zwischen ihnen stand. Konnte es wirklich sein, daß er den Glanz der neuen Stellung für sie so hoch einschätzte? Er sprach ja beinah wie Linteloe selbst! – Aber er liebte sie ja, da mußte er doch ebenso wie sie empfinden, und es mußte ihr gelingen, dies seltsam Trennende, was sich zwischen ihnen erhob, zu durchbrechen. Sie stand auf, trat dicht an ihn, und ihn umschlingend flüsterte sie mit flehenden Tönen: »Axel, ich bin so unglücklich, so unglücklich! Du darfst mich nicht allein lassen. Ich kann mein früheres Leben nicht mehr ertragen – ich weiß ja jetzt erst, wie entsetzlich es war.«

Er streichelte beschwichtigend ihr Haar: »Wir müssen uns fügen, Liane – da gibt es nichts anderes.«

»O doch, Axel, doch, es muß anderes geben! Wir müssen einen Ausweg finden können, wenn wir nur recht wollen!« Und immer erregter werdend fuhr sie fort: »Jede Stunde habe ich dich mehr geliebt und immer gedacht: noch mehr kann man nicht lieben! Aber wie unzertrennlich ich an dir hänge, das weiß ich doch erst, seitdem die Möglichkeit, dich zu verlieren, vor mir steht. Schau, ich bin zu allem bereit. Ich will hingehen und mir meine Freiheit erbetteln oder erkämpfen und dann ganz zu dir kommen – sag nur, daß ich darf!«

»Aber Liane,« antwortete er müde und als lohne es nicht, darüber zu diskutieren, »das wäre ja rein unmöglich. Wie sollte dein Mann dazu kommen, in eine Scheidung zu willigen, gerade jetzt, wo er die höchste Stufe unserer Karriere erreicht hat und mehr denn je deiner gesellschaftlichen Hilfe bedarf?«

Sie aber rief: »Wie kannst du glauben, daß mich gesellschaftliche Erwägungen halten werden, wo meine ganze Seele nach dir schreit! Und bin ich wirklich ein Etwas, das wider seinen Willen einem anderen gehört, so muß ich mir eben meine Freiheit zurückrauben.«

In seiner schon ganz resignierten Stimmung begann er ihre Schrankenlosigkeit als unharmonisch zu empfinden. Er hätte gern wehmütig zärtliche Betrachtungen über die Flüchtigkeit der Dinge mit ihr ausgetauscht, wie sie gutem Geschmack und eigener Blasiertheit in dieser Lage entsprachen. Nichts aber war ihm ferner, als mit großen Entschlüssen in sein Leben einzugreifen, weil eine ephemere Beziehung, durch die Gewalt äußerer Umstände, etwas früher abschloß, als vorauszusehen gewesen.

Sie aber fuhr in steigender Bewegung fort: »Ich kann dich nicht lassen. Seit Wochen fühle ich nur den einen Wunsch in mir wachsen, ganz offen und ehrlich bei dir sein zu können und nicht mehr vor der Welt verleugnen zu müssen, was mir als Höchstes gilt. Aber wenn das unmöglich ist – ach, ich bin ja so klein und demütig, wo es sich um dich handelt – dann will ich bei dir bleiben, ohne daß ein Mensch es weiß. Für die Welt werde ich tot sein und nur leben in den Stunden unserer Liebe.«

»Liane, ich werde nie vergessen, daß du dazu bereit warst. Aber wenn ich einginge auf das, was du mir heute in der ersten Verwirrung vorschlägst, so würden wir es binnen kurzem bitterlich bereuen, und du hättest das Recht, es mir vorzuwerfen.«

»Nie, nie würde ich das bereuen und nur wünschen, daß ich den Mut gehabt hätte, früher diesem Doppelleben ein Ende zu machen, das wie eine Entwürdigung auf mir lastet und uns heute in diesen Konflikt gebracht hat.«

Er sah sofort die Möglichkeit, die sie ihm ahnungslos bot, und sagte in verletztem Tone: »Es tut mir weh, daß du unsere Beziehungen als eine Entwürdigung empfindest. Da hatte ich noch mehr Recht, als ich dachte, dir zur Ernennung deines Mannes zu gratulieren, – in Tokio wirst du von diesem Doppelleben befreit sein.«

Sie war in einen Sessel gesunken und blickte verstört zu ihm auf: »O Axel, verzeih mir! was habe ich denn in dieser schrecklichen Angst gesprochen, daß du mich so mißverstehen konntest? Ich wollte dir ja nur sagen, daß ich mit dir gehen will, wohin es immer auch sei – und als was du nur willst.«

Nun lenkte er wieder ein. Sie tat ihm ja leid in dieser so unverhüllt gezeigten Fassungslosigkeit, und wenn er sich auch immer klarer ward, daß er selbst nicht mehr viel für sie empfand, so war es doch wunderbar mit anzusehen, wie völlig sie von ihm abhing und wie ihr ganzes Wesen auf ein Wort, eine Berührung von ihm antwortend vibrierte. So sagte er denn, weicher als bisher und indem er sich zu ihr setzte: »Das sind schöne Träume deines Herzens, liebste Liane, und deine Worte werden in meinem Gedächtnis bleiben. Aber meine Rolle ist, dich zu schützen und zu verhindern, daß du irgend etwas aus Liebe zu mir tust, wodurch du in den Augen unserer Gesellschaft sinken müßtest.«

»Ach Axel, denk nicht an all das! Das ist ja jetzt alles so gleichgültig! Sag nur das eine, daß du mich brauchst, wie ich dich – das wird mir über alles hinweghelfen.«

 Er sah, daß ein Ende gemacht werden mußte, und stählte sich zu den letzten unwiderruflichen Worten, die ihr unverständiges Gebaren, ihre Schrankenlosigkeit leider nötig machten. Er sprach hart und scharf: »Wenn ich das sagte, was du jetzt hören willst, so würden wir vielleicht eine kurze Zeit des Rausches durchleben; dann aber würde unfehlbar der Augenblick kommen, wo gerade deine Liebe und dein Feingefühl leiden müßten. Denn wenn du es auch möglicherweise innerlich überwändest, daß dein eigener Ruf zerstört wäre, so –« seine Betonung wurde schneidend – »könntest du es dir später doch nie verzeihen, daß alle Aussichten meines Lebens und meiner Karriere durch deine Schuld vernichtet wären.«

Wie Hammerschläge auf einen Sarg fielen seine Worte in die Stille des Zimmers, das so ganz andere vernommen hatte. Er empfand das Unschöne, bedauerte sich selbst und verargte es ihr, daß sie ihn dazu gezwungen, so zu sprechen.

Nun schwiegen sie beide und saßen sich stumm gegenüber, als hielten sie zusammen Wache bei einem Toten.

Nur Lianens Lippen bewegten sich unmerklich. Unhörbar begann sie sein Wort zu wiederholen: »vernichtet – vernichtet«. Als sei es eine uralte Totenklage in vergessener Sprache, deren Sinn sie suche.

Und mit einemmal begann sie zu verstehen. Nicht nur diese Worte, sondern die eigentliche Bedeutung alles anderen, das er vorher gesagt. Und nicht nur, was er gesagt, nein, auch alles, was er nicht gesagt, verstand sie. Sein ganzes Wesen lag offen vor ihr. – Da entsann sie sich plötzlich einer Jahrmarktsbude, in der sie vor Jahren einmal gewesen und wo, durch rasch wechselnde Bilder einer Laterna magika, in wenig Sekunden die Verwandlung eines jungen lebensvollen Gesichtes zu einem Totenkopf gezeigt wurde. »Ach wie bald, ach wie bald schwindet Schönheit und Gestalt,« knarrte es dazu auf einer Drehorgel, und das hexenartige alte Weib, das die Bilder zeigte, hatte, als der Totenkopf von der Leinwand herabgrinste, unheimlich kichernd gesagt: »Det, meine Herrschaften, is nu det Bleibende, un viel Staat is da dermit nich zu machen,« – Ganz dieselbe Verwandlung hatte sie jetzt an sich vorüberziehen sehen, und mit dem, was sie nun anglotzte, war wahrlich auch kein Staat zu machen. Das war so häßlich, so grauenvoll, daß sie sich angstvoll abwenden wollte, – und doch mußte sie hinstarren, wie gebannt: denn es war ja das Dauernde, das, was übrig blieb, nachdem alles, was sie hinzugedichtet hatte, abgefallen war.

Wohin war der Axel entschwunden, den sie geliebt? hatte er sich da vor ihr so völlig verwandelt? oder war das, was sie nun sah, der eigentliche, wirkliche Axel, den sie nie vorher gekannt?

Im Fluge der Gedanken durchlebte sie die Geschichte der letzten Monate und verstand es nun alles: die Tragödie der Frau, zu der die Liebe in zu später Stunde gekommen und die, wie immer sie die Frage lösen mag, doch schließlich die Verlierende und Verlassene sein muß, – die hatte sie in diesen letzten Monaten ahnungslos selbst gespielt, hatte des alten jammerreichen Stückes bekannte Situationen gar nicht wieder erkannt, hatte es für etwas nie Dagewesenes gehalten, nur weil es sie selbst betraf. Von Tag zu Tag war sie durch die eigenen Gefühle weiter fortgerissen worden; versunken in ihres Lebens späten Traum, staunend vor der Revelation, die sie sich selbst bot, hatte sie nicht bemerkt, wie er inzwischen anders geworden. Oder, wenn sie es bemerkt, es nie doch richtig gedeutet. Heut endlich begriff sie: es mochte ihn anfänglich gereizt haben, zu erfahren, wie sie, die kalt Genannte, wohl sein könne, wenn sie liebte – ganz wie er einst das Puppenherz schlagen sehen wollte; nachdem es ihm aber mehr noch gelungen, als er je für möglich gehalten, da hatte er sich innerlich zurückgezogen wie von etwas, das zur Machtprobe gedient und der Neugier keinerlei Überraschung mehr bieten kann. Nur eine Etappenstation hatte sie für ihn bedeutet, von der er wohl vorausgewußt, daß er nicht lang bei ihr verweilen würde. Frug sie sich dagegen, was er denn ihr gewesen, so fand sie nur die eine Antwort: alles, alles! – Nie hatte sie überlegt, wie das Leben einst ohne ihn sein würde – da konnte eben nichts mehr sein, da hörte alles auf.

Und wie sehr hatte sie ihm dies Empfinden gezeigt! Nichts hatte sie zurückbehalten, war sich bei allem Geben noch arm erschienen, daß sie ihm nicht noch mehr geben konnte.

Eine Blutwelle brennender Scham durchströmte sie, die Hitze stieg ihr bis zu den Schläfen, und ihre Adern begannen plötzlich unerträglich zu pochen. Oh, die Schande, die Schande! – Und was sie nie getan, wenn sie ihm ihre schrankenlose Liebe noch so sehr bewiesen, weil sie da stets gedacht, daß er gar nicht anders empfinden könne als sie selbst, – das tat sie jetzt, schlug die Hände vor das Gesicht, Erinnerungsbilder zu bannen: was mußte er von ihr denken? was hatte er wohl schon seit Wochen gedacht? –

Denn er war ja gar nicht der Axel, den sie geliebt, den sie als einen Teil ihres eigenen Ichs empfunden. Der Axel war mehr als verloren – der war überhaupt nie gewesen. Ein Phantom hatte sie mit dem Reichtum ihrer Herzensphantasie geschmückt, einem Fremden sich geschenkt. – Wie fremd, wie fern er ihr war, das hatte sich ihr erst jetzt eben in dieser einen furchtbaren Stunde offenbart. Als ein Unbekannter stand er plötzlich vor ihr.

Was sie ihm vorhin vorgeschlagen, war ja vielleicht unmöglich – er mochte Recht haben und klarer sehen als sie –, das würde sie dann verstehen lernen müssen und sich fügen. Aber es war ja kein Ton echten Schmerzes von seinen Lippen gekommen! Wie bei der Probe eines Stückes, wo nur markiert wird, war es gewesen, kein Ausdruck, keine Wärme – Worte nur Worte, die sie angeweht mit kaltem erstarrenden Hauch.

Eisig durchrieselte es sie jetzt. Von dem Nacken abwärts durchdrang sie die Kälte bis in die Fingerspitzen. Sie sah regungslos, ins Leere starrend; fröstelnd zusammen gekauert, als erdrücke sie eine ungeheure Schneelast. – Und Schnee, lauter Schnee glaubte sie zu sehen, rings um sich her und weiter, jenseits des Fensters, die ganze Welt erfüllend, ein Grabtuch allem, das einst gelebt. Und dort draußen in dem dämmerigen Weiß ... lag da nicht etwas Dunkles, eine Gestalt, halb schon bedeckt und versunken? – Seltsam vertraut erschien ihr die verschwimmende Vision ... wo hatte sie das Bild schon gesehen? oder ... war das sie selbst, die sie dort liegen sah? – Da entsann sie sich, daß das ja ein Gemälde Wereschtschagins war, das sie vor Jahren gesehen und das jetzt, in der Todeseinsamkeit dieser Stunde, plötzlich hier vor ihr erstand und sie eigenes Erlebnis dünkte. Denn so wie heute ihr, so mußte einst dem vom Schnee verwehten Soldaten auf dem Schipkapaß ums Herz gewesen sein. So ganz verlassen. Sie glaubte es zu fühlen: dies Sinken, Sinken, immer tiefer hinab in das weiche Weiß, dessen Kälte alles tötete. – Und es war ja gut, daß es so war, denn von der verschneiten Einöde, zu der des Lebens Irrweg sie geführt, da gab es kein Zurück, kein Vorwärts, da gab es nur noch ein Untergehen.

Aber ... sie war ja gar nicht der Soldat auf dem Schipkapatz ... sie war ja Liane – Liane? ... wer war denn das ...? Liane? Das war eine Unglückselige, die eben einen Mann, der sie nicht mehr liebte, angebettelt hatte – angebettelt, sie weiter zu lieben! – Liane ... das war eine, der wahrlich wohl gewesen wäre, tief unter dem Schnee zu liegen.

Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Oh, daß sie doch nie mehr aufzuschauen brauchte! –

Doch durch die geschlossenen Lider ward ihr plötzlich Axels Nähe bewußt, und sie erinnerte sich, wo sie war ... bei ihm ... in dem Zimmer ...

Sie schnellte empor. Fort, nur fort! – Nur hier nicht weiter denken, dazu blieb ja noch so viel Zeit! Nur fort, ehe die Kräfte sie verließen! Fort und ihm verbergen, so viel noch zu verbergen war. – Der Stolz hatte sie damals nicht bewahrt, als sie zum erstenmal hierher gekommen, eine morsche Schranke nur war er gewesen zwischen ihr und den stärkeren Mächten, die sie gezogen hatten – aber jetzt rief sie ihn an, durch diese Stunde mußte er ihr helfen.

Hochaufgerichtet stand sie vor ihm. Er hatte sich auch erhoben und fühlte sich erleichtert, als er in die erzwungene Starrheit ihrer Züge blickte. Gottlob, sie hatte sich beruhigt, – das hätte sonst sehr unbequem werden können, dachte er.

Und sie sagte: »Ich glaube, du hast Recht, Axel. Es hatte mich nur alles im ersten Augenblick so sehr verwirrt. Aber ich sehe es jetzt ein ... ich bin wohl immer eine große Träumerin gewesen. – Doch nun will ich lieber rasch hinüber gehen ... grad heute könnten noch Besucher kommen ... um zu gratulieren.« Sie zwang sich, ihm die Hand zu reichen: »Ich weiß noch nicht genau, wann wir reisen ... es soll sehr eilig sein ... na ... irgendwo wirst du uns ja noch Adieu sagen.«

Er beugte sich nieder, doch sie hatte ihm ihre Hand so rasch entzogen, daß er kaum ihre Fingerspitzen küssen konnte. Er wollte eigentlich mehr in diesem Augenblick, denn ihre Selbstbeherrschung dünkte seinem Selbstgefühl jetzt doch etwas zu stark. Nun, sie war ja immer anders, als man erwarten konnte, ohne Maß und Gleichgewicht, und hatte offenbar alles, was sie vorher gesagt, gar nicht gemeint. Nerven und Pose, wie moderne Frauen nun mal sind!

Er aber blieb in der Rolle: »Liebste Liane, was ich dir jetzt auch sagen könnte, wäre banal im Vergleich zu allem, was ich empfinde.«

Oh, der Schnee! wie er sie wieder umrieselte, daß sie vor Frost erzitterte!

Nun standen sie an bei Stubentür. Ein großer Jammer stieg in ihr auf ob all dessen, was diese Stunde getötet, und das Bewußtsein endgültiger Vernichtung wollte sie übermannen. Aber es gelang ihr, das Stöhnen, das sie schon in der Kehle fühlte, niederzuringen. Nur noch ein paar Sekunden länger Haltung bewahren! Nur diesem Fremden nicht noch mehr preisgeben!

Auf der Schwelle fiel ihr ein, wie er, als sie zum erstenmal von ihm gegangen, hier vor ihr niedergesunken war und ihre kleinen grauen Schuhe gestreichelt – und wie sie sich noch einmal zärtlich umgeschaut hatte, um sich genau einzuprägen, wie es alles gewesen, und es nie zu vergessen.

Ach, daß es ein Vergessenkönnen gäbe! –

*

Die kleine Tür zwischen den beiden Grundstücken fiel hinter ihr zu. Achtlos, ohne sich umzuschauen, ob irgend jemand sie sehe, und selbst nichts sehend, schritt sie in den Garten.

Da stand plötzlich eine große dunkle Gestalt vor ihr. Sie wäre beinah dagegen angerannt. Sie prallte zurück – es war Linteloe.

Nie vorher war er ihr begegnet, so wenig Vorsicht sie auch stets geübt. Aber heute, beim letztenmal, da mußte er sie sehen! – Es erschien ihr beinah komisch, und sie empfand plötzlich eine nervöse Lust, zu lachen. Endlos zu lachen. Aber sie fühlte zugleich, daß dies Lachen alsobald in ein Weinen übergehen würde, das nichts auf Erden je mehr stillen könnte. Zitternd vor Erregung kämpfte sie das Lachen nieder, zitternd vor Erbitterung, daß dieser andere Fremdling ihres Lebens sich ihr hier in diesem Augenblick in den Weg stellte.

»Aber Maximiliane,« polterte Linteloe los, »wo warst du denn? Überall such’ ich dich – es ist doch wahrhaftig viel zu besprechen – und du bist nirgends im Haus zu finden. Ja, wo warst du denn? wo kommst du her?«

Sie schwieg einen Augenblick. Eine der Verzweiflung entspringende, unbekümmerte Verwegenheit flammte in ihr auf und die Sehnsucht, endlich nicht mehr lügen zu müssen. – Ach welche Seligkeit wäre es doch gewesen, hätte sie jetzt alles von sich abwälzen und hinausschreien dürfen: »Ich komme von dem Einzigen, den ich je geliebt, und ich beschwöre dich, dem ich ja gar nichts bin, gib mich frei, schenk mir die paar Jahre, daß ich mein bißchen Leben mit ihm leben kann!« – Ja, wie gern hätte sie das gesagt. Aber der Einzige, den sie je geliebt, der liebte sie ja gar nicht mehr, der war ihr ein Fremder geworden, von dem sie nicht wußte: hatte er sie überhaupt je geliebt? – Die ganze Schmach der letzten Stunde stand vor ihr, daß ihr die Wangen vor Schande brannten, aber zugleich auch die Öde und Vereinsamung der früheren Jahre, die lange Kette der Kränkungen, die sie endlich zu jenem Einzigen getrieben hatten. Alles durchlebte sie noch einmal, in eine Sekunde zusammengedrängt. Und wie eine schauerliche und doch lockende Vision, wie ein unheimliches Bild, das von Blitzlicht grell beleuchtet wird und dann wieder in Nacht versinkt, so erhob sich mit einem Schlage die Möglichkeit vor ihr, sich an beiden zu rächen, – sie brauchte jetzt nur ein einziges unvorsichtiges Wort zu sagen. – Aber es war nur die Vision eines Augenblicks, eine Phantasie der dem Wahnsinn nahen, zermarterten Nerven. Frei sein! dachte sie – frei von beiden – das mußte sie erlangen – aber nicht so, nicht so.

Und sorgfältig die Worte wägend vor dem Mann, der sie frug und der doch gesehen haben mußte, von wo sie kam, antwortete sie tonlos: »Ich war einen Augenblick bei Axel, um ...«

Er fiel ihr rasch ins Wort: »Ach so! Du hast deinem Vetter« – er betonte die verwandtschaftliche Bezeichnung – »wohl gleich meine Ernennung mitteilen wollen.«

»Ja,« sagte sie, »das habe ich getan.«

»Er fand’s wohl auch famos?«

»Er gratulierte mir sehr.«

»Na, das will ich meinen! Aber daß du dazu bei diesem Schneewetter ’rausläufst, ist doch mal wieder zu verrückt.«

Sie gewahrte jetzt erst, daß große Flocken fielen. Es mußte schon eine geraume Weile so geschneit haben, denn über den Garten lag bereits eine dicke weiße Schicht gebreitet.

»Komm nur schnell nach Haus,« fuhr Linteloe polternd fort. »Es gibt so viel zu ordnen vor unserer Abreise.«

*

Keiner fehlte am nächsten Nachmittag in der häßlichen grauen Bahnhofshalle, durch die der Wind eisig pfiff. Alle standen sie da, die lieben Kollegen und die Damen und jüngeren Herrn des diplomatischen Korps. Auch Lazarewitsch, Wukowitsch und andere von der Regierung waren erschienen. Und der Fürst hatte einen Adjutanten mit einem Strauß für Liane gesandt. Er selbst war am Vormittag bei ihr vorgefahren. Unangesagt, ganz plötzlich. »Ich höre zwar durch den Hofmarschall,« hatte Hans Hadubrand gesagt, »daß Herr von Linteloe jetzt nur zu kurzer Meldung nach Hause berufen ist und schon in einigen Tagen zurückkommt zur Überreichung seines Abberufungsschreibens, – aber es schien mir fraglich, ob Sie ihn dann würden hierherbegleiten können, denn Sie werden daheim ja viel für Ihren neuen Posten vorzubereiten haben. Drum bin ich gekommen – sehen mußte ich Sie doch auf alle Fälle noch einmal.« – Wie gut er es doch alles erriet! dachte sie. Denn das stand ganz fest in ihrem Innern, daß sie von der Stadt an den zwei Flüssen heute für immer ging. Ein paar Banalitäten über Japan hatte der Fürst dann noch mit ihr und Linteloe im Ton eines artigen Knaben gesprochen. Beim Abschied hatte er ihr fest die Hand gedrückt und mit seinen klaren, guten Augen tief in die ihren geblickt: »Ihr Hiersein hat für mich viel bedeutet ... Sie wissen’s ja ... und ich werde jetzt noch mehr allein sein ... Aber trotzdem ... über diese Versetzung freue ich mich für Sie ... grade für Sie ... mehr als ich sagen kann.« – Dann war er fort gewesen.

Da alter Landesetikette gemäß, die Intrigen und Beeinflussungen vorbeugen sollte, der Despot eigentlich nicht in die Häuser fremder Vertreter gehen durfte, fühlte sich Linteloe sehr geschmeichelt durch diesen Besuch. »Ich bin jetzt eben Botschafter,« sagte er, »das hebt alle derartigen Vorschriften auf.« Doch auch Liane erschien ihm in einem neuen Lichte: den Hindermeyer hatte sie zu kaptivieren verstanden und sich, wie er jetzt sah, mit dem Despoten offenbar besonders gut gestanden. Vielleicht war sie doch nicht nur eine unbrauchbare, weltfremde Träumerin. Und er setzte gönnerhaft hinzu: »Hier hast du recht gut abgeschnitten, Maxichen. Hoffentlich gelingt es dir bei den japanischen Majestäten ebenso.«

Jetzt auf dem Bahnhof war er voll der neuen Würde, wirkte pomphaft, überlebensgroß. »Ist das Reisenecessaire der Botschafterin auch schon im Coupé?« frug er mehrmals laut den langmütigen Friedrich. Es war solch eine Genugtuung, den Titel vor den anderen auszusprechen. Denn er war ja der erste, der je direkt von diesem Posten aus Botschafter geworden. Das verlieh dem Ganzen ein besonderes Gepräge, auch in den Augen der anderen. Sie fühlten sich mit geschmeichelt – und doch auch verstimmt. »Fortunae filius!« begrüßte Holst den scheidenden Kollegen und seufzte dann resigniert: »Non cuivis homini contingit adire Corinthum.« Aber die Befriedigung überwog doch bei ihm, denn diese Versetzung enthob ihn mancher Sorge, und er war plötzlich merkbar freundlicher gegen Axel. Und ganz wie er dachte Mrs. Pemberton und gratulierte voller Aufrichtigkeit. Das war wirtlich eine brillante Lösung: der Weg frei für Muriel – falls sie nämlich wirklich wollte; was bei einer so Verwöhnten ja nie sicher vorauszusagen war.

Mrs. Anderson stand einen Augenblick etwas abseits mit Liane. Sie umschlang sie und flüsterte hastig: »Sie müssen sich frei machen, mein armes Kind ... und dann kommen Sie zu mir, arbeiten Sie ... Anders werden Sie es nicht ertragen.« – Aber Liane starrte sie nur wie all die anderen an, mit Augen, die nichts sahen, und auf ihren Lippen war ein verzerrtes Lächeln, wie festgefroren.

»Sie ist so stolz, als Botschafterin fortzukommen, daß sie uns alle kaum noch bemerkt,« sagte die kleine Pigeonnier pikiert zu Vercoeur. Der nickte und antwortete: »Ja, armer Kronar, den wird sie rasch vergessen haben.«

Nun drängten alle zu Liane heran. Zärtliche Umarmungen der Damen. Handküsse der Herren. Auch er darunter. Ganz wie all die übrigen.

Die beiden Inseparables sahen zu, hatten wohl, wie manche andere Augen auch, grade auf diesen einen Abschied gewartet. »Wissen Sie noch, Wawerling,« sagte van Stratten mit leisem, halb wehmütigem Spotte, »wie wir beide manchmal so besorgt um diese hübsche Frau waren? und tragische Ausgänge befürchteten? – Na, das war nicht nötig, und ich glaube, wir können beruhigt heimgehen. Das Stück ist aus. Banal, banal.«

Der Vizedoyen zuckte die Achseln: »In unserer Gesellschaft endigen solche Dinge doch meist so – banal, banal. Aber ich erinnere mich, wie sie einmal sagte, Tragik wäre versöhnender.« –

Jetzt waren die Abreisenden eingestiegen. Standen am Coupéfenster. Noch ein paar Worte hin und her. Rufen. Tücherwinken. Schon rollte der Zug lärmend, fauchend aus der Halle.

An dem Weg ging es entlang, wo Liane vor genau vierundzwanzig Stunden geritten war. Alles noch so nahe. Zum Greifen nahe. Und doch schon so fern – wie längst Verstorbene.

Über die große Brücke fuhr nun der Zug. Einen Blick noch zurück auf die Stadt, auf die hellen Häuser, die die Anhöhe hinaufklommen. Droben die Festung. Ein Erinnern. – Sulihah, arme Sulihah!  Dann drehten die Räder sich rascher und rascher. Am jenseitigen Ufer entschwand der Zug. –

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Einige Wochen später stand in den Zeitungen eine Notiz, die durch Funkspruch von hoher See übermittelt worden: Der Dampfer, auf dem sich der neuernannte Botschafter von Linteloe mit seiner Gemahlin eingeschifft hatte, war auf dem Ozean schwerem Unwetter begegnet. Der Kapitän hatte die Weisung gegeben, daß die Passagiere ihre Kajüten nicht verlassen sollten. Trotz dieser Anordnung mußte Frau von Linteloe aber doch auf das Verdeck gegangen sein. Zwar hatte sie niemand der Wachehabenden dort bemerkt, aber am Morgen nach dem Sturm war sie verschwunden. Es blieb nur die eine Erklärung, daß sie von einer Sturzwelle erfaßt und hinweggespült worden sei.

An vielen Punkten der Welt ward es gelesen. Auch in der Stadt an den zwei Flüssen. Axel las es, ganz wie Tausende anderer. Nichts sagte ihm, wie es in Wahrheit zugegangen. Kein Ahnen kam ihm von dem letzten Kampf, wo entsetzliches Grauen vor dem Tode und namenlose Sehnsucht nach dem Ende miteinander gerungen hatten und die Sehnsucht schließlich doch Siegerin geblieben war, weil der Ekel vor sich selbst und die Wegesmüdigkeit zu übermächtig geworden. Keine innere Stimme hatte ihn gerufen in dem Augenblick, da sie in den nächtlichen Wellen versank, keine innere Stimme flüsterte ihm heute die Erklärung zu, wie es alles gekommen. Denn er hatte sie in den Armen gehalten und war ihr weit mehr als irgendein anderer Mensch gewesen – und hatte sie doch kaum gekannt.

Aber ein großes Bedauern stieg jetzt in ihm auf. Er sah sie wieder vor sich, wie er sie in diesem Zimmer oft gesehen, und empfand noch einmal den ganzen rührenden Zauber ihrer zarten Schönheit. – Dabei fiel ihm aber ein, daß er sich während der letzten Wochen ihres Zusammenseins manchmal mit Bangen gefragt hatte, ob ihre Züge nicht Spuren des Verblühens und künftigen Alters zeigten, – und in aller Trauer empfand er es doch schon als eine Erleichterung, daß er sie nun nie würde alt sehen können. Ihm selbst kaum bewußt, hatte seiner Jugend davor gegraut.

Er stand auf und öffnete die Samttruhe, in der er ihre Briefe bewahrte. Jene Briefe, die sie ihm, eigentlich gegen seinen Willen, geschrieben hatte. Scheu entfaltete er die bekannten Blätter, nicht wissend, wie ihn das alles heute anmuten würde, und doch voll eines beinah neugierigen Verlangens, ihre Worte noch einmal zu vernehmen. Ach, er brauchte ihre Stimme nicht zu fürchten, keinen noch so leisen Vorwurf würde er von ihr je vernehmen – Liebe, lauter Liebe quoll aus diesen Seiten. Sie überschüttete ihn mit ihres Herzens Reichtum, dichtete ihn um, bis er erschien als der, den sie in ihm gesehen, war noch jenseits des Todes die Gebende.

Er aber sagte sich beim Lesen ihrer großen Liebe, daß er sie doch sehr glücklich gemacht haben müsse. Das also hatte sie doch vom Leben gehabt. Durch ihn. Und in der Erinnerung an sie liebte er die eigene Jugend.

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Belgrad 1905. – Crossen 1919.