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Elisabeth von Heyking – Tagebücher aus vier Weltteilen

Tagebücher

Herausgegeben von Grete Litzmann, Verlag v. Hase & Koehler, Fünfte Auflage, Leipzig, 1926.
Wir bedanken und bei Herrn Gunter Hille, Projekt Gutenberg-DE, der uns die Transkription zur Verfügung gestellt hat.

Vorwort

Im November 1916, im zehnten Jahre unsrer Freundschaft, hat Elisabeth von Heyking mir zum erstenmal von ihrem Wunsch gesprochen, daß ich nach ihrem Tode ihre Tagebücher herausgeben sollte. Schon damals habe ich sie gebeten, selbst die Geschichte ihres Lebens zu veröffentlichen, und diese Bitte in den folgenden Jahren mündlich und schriftlich immer dringender wiederholt. Im Winter 1924/25 war sie entschlossen, die große Arbeit zu beginnen, nachdem sie, angeregt durch die Lebenserinnerungen meines Mannes, mit ihm über die Behandlung schwieriger Abschnitte korrespondiert hatte. Da nahm am 4. Januar 1925 der Tod ihr die Feder aus der Hand, und ich stand, erschüttert von dem schweren Verlust, den ihr Heimgang für mich bedeutete, vor der Aufgabe, mein Versprechen einzulösen. Eine Aufgabe, die nicht ganz leicht zu bewältigen war, weil allein der Umfang – es liegen 25 enggeschriebene Tagebuchhefte vor – einen vollen Abdruck ausschloß. Der Gedanke, die Tagebücher daher in einer Bearbeitung herauszugeben, lag nahe, doch habe ich mich dazu nicht entschließen können. Was das Buch dadurch vielleicht gewonnen hätte an äußerlich glatter Lesbarkeit, hätte es an Wahrheit und Unmittelbarkeit verloren, und so habe ich die Tagebücher wortgetreu abgedruckt und nur, was für den Druck nicht geeignet schien, Wiederholungen und ganz intime Familienangelegenheiten, vorsichtig ausgemerzt. –

Zu danken habe ich Frau Reichsminister Stephanie von Raumer, welche, den Bestimmungen ihrer Mutter folgend, mir den handschriftlichen Nachlaß vertrauensvoll übergeben hat, zu danken auch Herrn Hofrat F. Noetling in Baden-Baden, der, in den 90er Jahren zum Freundeskreis Elisabeth von Heykings in Indien gehörend, das Kapitel Kalkutta durchgesehen und mit einer Anzahl wertvoller Anmerkungen versehen hat. Auch Herr Professor Dr. Paul Joachiemsen hat meine Arbeit dadurch gefördert, daß er mir von der Münchener Universitätsbibliothek die Hilfsmittel beschaffte, die ich für Anmerkungen und Register benötigte.

Vor allem aber bin ich Dank schuldig meinem Gatten, Berthold Litzmann, dessen erfahrener Rat mir bei der Gestaltung des ganzen Werkes, richtunggebend und fördernd noch zur Seite gestanden hat.

München, Oktober 1926.

Grete Litzmann


Einleitung

»Am 10. Dezember des Jahres 1861, als die Sonne im Tierkreiszeichen Schütze stand, morgens um ½ 10 Uhr, da eben im Osten das Tierkreiszeichen Steinbock am Horizont emporstieg, kam in Karlsruhe ein Mädchen zur Welt, über dessen ganzem Leben das seltsam tragische Schicksal gewaltet hat, das die Gestirne in der Geburtsstunde verkündeten.

Der Vater, preußischer Gesandter am Badischen Hof, Albert Graf von Flemming, ein Diplomat der alten Schule, bei dessen Tode Kaiser Wilhelm I. klagte, daß er der einzige seiner Diplomaten gewesen, der seinem Herzen nahegestanden, ein Grandseigneur, dem der ererbte Reichtum die Verpflichtung zu äußerer und innerer Vornehmheit der Lebensführung bedeutete, stammte aus Sachsen, wo in dem jetzt preußischen Landstädtchen Crossen an der Elster sein Stammschloß noch heute steht. Wie dieses Schloß mit seinem schweren, festen Turm aus dem 12. Jahrhundert und dem efeuumrankten, träumerisch stillen Schloßhof, mit dem feierlichen, allegoriengeschmückten Prunksaal und den heiteren zartgetönten Rokokogemächern, so stand Graf Flemming fest und breit auf dem Boden der realen Welt, seine klargesehenen Ziele mit wägender Klugheit und zäher Bedächtigkeit erreichend. Aber neben dieser vernunftbeherrschten Klarheit gab es auch im Bau seiner Persönlichkeit einen Bezirk, wo träumerisches Gefühl und künstlerische Lebensfreude regierten: Mit seinem Violoncell in der Hand war Graf Flemming ein Künstler, dem es gegeben war, in Tönen von seltenem Wohllaut sich Herzen zu erringen, die die zurückhaltenden Lippen nie erobert hätten. Vor allem das seiner Gattin, der schönen, vielumschwärmten Armgart von Arnim, Achims und Bettinas Tochter, die er in unwandelbarer Treue fast zehn Jahre lang umworben und dann in zwanzigjähriger Ehe, ihrer skeptischen Resignation zum Trotz, so glücklich gemacht hat, wie sie selbst es nach dem Tode der über alles geliebten Mutter nicht mehr für sich zu hoffen gewagt hatte. Denn Gräfin Armgart war mit jedem Blutstropfen Romantikerin, und als Bettina im Januar 1859 die Augen schloß, stand sie verwaist in einer entgötterten Welt. Kein Tag, da sie nicht in Tagebuchaufzeichnungen und Briefen wie ein heimwehkrankes Kind zurückverlangte in die von geistig-schöpferischen Kräften erfüllte Atmosphäre Bettinas, in die von gütiger Menschlichkeit erwärmte Lebensluft, die ihre Kinder- und Jugendjahre umweht. Kein Tag, an dem sie nicht »all dem Weltplunder« zum Trotz, den das Leben einer Gesandtin ins Haus trägt, den Weg zu geistiger Erhebung und Vertiefung gesucht hat, aber auch kaum ein Tag, wo sie die sichere Geborgenheit an der Seite des ruhig und fest in der Realität wurzelnden Gatten nicht dankbar empfunden hätte.

Solche schier unvereinbaren Gegensätze der elterlichen Naturen: idealisierende Sehnsucht nach einem romantisch erhöhten, vergeistigten Leben und ruhig-treue Erfüllung der Pflichten, die eine politisch und sozial langsam aber unwiderruflich sich wandelnde Zeit an jedem Tage stellt; überströmender, hemmungsloser Gefühlsreichtum und eine durch Hof- und Diplomatendienst zur zweiten Natur gewordene Affektbeherrschung, die jeden Gefühlsüberschwang weltmännisch bändigt; scharfe, rein intellektuelle Erkenntniskraft, gepaart mit zäher Geduld, und blitzschnelle intuitive Erfassung jeder Stimmungsnuance, die in der Umwelt, von Tausenden unerkannt, schwingt – all diese schier unvereinbaren Gegensätze im seelischen Aufbau der Eltern muß man im Auge haben, um zu erfassen, welche geistige Mitgift dem Kinde bescheert wurde, das an jenem Dezembertage »zart und doch wohlgebaut« zur Welt kam und am 22. Januar in der Taufe die Namen: Elisabeth, Luise, Auguste, Helene erhielt nach ihrer Großmutter Elisabeth, genannt Bettina, von Arnim und den Taufpaten Luise, Großherzogin von Baden, Auguste, Prinzessin von Preußen, nachmaliger Kaiserin Augusta, und Helene, Großfürstin von Rußland.

Drei Jahre hindurch begleitet das Tagebuch der Mutter das Wachsen und Gedeihen der kleinen Erstgeborenen mit immer steigendem Erstaunen über die seltsam früh ausgeprägte körperliche und seelische Eigenart. »Von meinem Kindchen«, heißt es im April 1863, »kann ich nur sagen, daß sie an Leib und Seel schön ist, so reizend in allem und so entwickelt, daß man in einem Staunen bleibt. Sie macht Dinge, daß einem bange wird vor ihrem Verstand, und doch tun wir alles, um sie zurückzuhalten. Sie war vom ersten Moment ab so apart und ist oft wie ein großer Mensch.«

Im August 1864 wird ihr ein Schwesterchen geboren, das den Namen »Irene« Die Dichterin Irene Forbes-Mosse geb. Gräfin Flemming. erhält, vom ganzen Haus aber »Didiwipp« genannt wird. Und in dem nun folgenden Jahrzehnt erscheint das kleine Schwesternpaar unzertrennlich, nicht nur im wirklichen, wörtlichen, sondern auch im tieferen geistigen Sinn: Es ist, als ob die beiden kleinen Menschenkinder, deren ausgeprägte Eigenart fast vom Tage der Geburt an sich völlig entgegengesetzt entwickelt, zusammen eine Einheit bildeten, die alles umfaßt, was an geistiger und künstlerischer Begabung, an seltsamen Charakteranlagen in der vielgestaltigen Vorfahrenreihe lebendig war.

»Wenn ich nicht irre,« schreibt Gräfin Armgart im Juni 1865 an eine Jugendfreundin, Marie Lichtenstein, »wird die kleine zierliche feine Dovelille (Irene) nicht nur die musikalischste, sondern auch die schönste Stimme bekommen, denn in welchen Tönen sie vom ersten Augenblick an quiekte, ist gar nicht anzugeben. Ihre Freude an Musik ist entschieden. Während Mumedei (Elisabeth) mehr den Formen und Farben, dem Zeichnen sich zuwendet und ein merkwürdiges Gedächtnis und scharfen Verstand hat. Denke nur, daß sie Grimms ›Märchen‹ sehr gut versteht, aber Goethes ›Reinecke Fuchs‹ allem anderen vorzieht. Von dem kann man ihr nicht genug erzählen, sie liebt ihn. Sie ist ein absonderlich kluges Kind und ganz apart in allem. So zartfühlend und so überlegt, und doch ganz kindlich. Man kann ordentlich mit ihr etwas überlegen und sie zu Hilfe nehmen. Solch wunderbare Augen sah ich noch nie. Es sind beseelte, große, dunkelbraune Hundeaugen, die in dem lichten Gesichtchen mit den goldhellen Haaren so seidenweich wie ein paar leuchtende Sterne schwimmen. Jeder, der sie sieht, ist davon frappiert. Neulich meinte der Pfarrer, der sie getauft hat, es schimmere ein Stück Himmel hindurch. Sie ist, glaub ich, nicht schön, aber jeder nennt sie so, weil sie den Effekt davon macht.« Im Januar 1867 berichtet die Mutter: »Mumedei, fünf Jahr alt, schreibt, liest, häkelt und strickt schon, und hat entschiedenes Zeichentalent« und ein Jahr später heißt es, daß der Vater sich viel mit ihr beschäftige, und »so ist sie denn schon weit voran, schreibt, liest deutsch und französisch, rechnet gut und lernt sehr gut Geographie.«

Von diesem so frühen Interesse für fremde Länder und Menschen hat Elisabeth von Heyking später oft gesprochen als einem tastenden Vorausnehmen ihres Schicksals, das sie rund um den ganzen Erdball führen sollte.

Auch vom Unterricht bei den vielfältig wechselnden Gestalten ihrer Erzieherinnen hat sie mündlich und schriftlich oft erzählt und es stets bedauert, daß sie nicht wie die jüngere Schwester mit andern Altersgenossinnen eine Schule besuchen durfte. Auch die Mutter klagt: »Mir tut es nur immer so leid, daß ich mein Haus den Kindern nicht kann heiterer machen, es fehlt ihnen an geistig ebenbürtigen Gespielinnen, und Kinder sind doch am glücklichsten mit Kindern.«

Der Keim zu jenem allgemeinen Gefühl des »Fremd- und Alleinseins auf der Welt«, das recht eigentlich den seelischen Grundton in Elisabeths ganzem Leben gebildet hat, wurde also wohl schon in diesen frühen Kindertagen eingesenkt, da außer den Erwachsenen »das tyrannische Schwesterchen«, wie die Mutter sie nennt, die einzige Gefährtin war, »gegen das sie sorgsam und zärtlich wie ein Mutterchen ist«. Aber auch diese engste tägliche Gemeinschaft wird sehr früh getrennt. Fortschreitendes Leiden der Mutter machen langausgedehnte Reisen nach dem Süden nötig, bei denen Elisabeth die Kranke begleitet, während die Jüngere zu Haus beim Vater bleibt.

Frühreife des Geistes, aber auch der Charakterentwicklung sind die Merkmale, die aus allen Äußerungen jener Zeit entgegentreten, und so ist es nur natürlich, daß die Sechzehnjährige, als sie im Herbst 1878 mit der kranken Mutter in den Süden reist, schon ein Herzenserlebnis überstanden hatte, von dessen Tragweite und Nachhaltigkeit die Eltern sich wohl keine Rechenschaft gegeben hatten, als sie die zarte Beziehung eines jungen Offiziers zu ihrer ältesten Tochter energisch abbrachen in dem Augenblick, als Gefahr bestand, daß aus dem schüchternen Verehrer ein ernster Bewerber werden konnte. Fast zehn Jahre später in einer melancholischen Stunde in Südamerika schreibt Elisabeth in ihrem Tagebuch Worte der Erinnerung nieder, aus denen hervorgeht, daß sie das Unrecht nicht verwunden hat, das jenem geschehen und an dem sie sich mitschuldig fühlt, trotzdem sie, ein unerfahrenes Kind, nur einfach getan hat, was man ihr befahl. Schwerwiegender aber war zweifellos das Unrecht gewesen, das man ihrer in moralischer Hinsicht einfach und klar empfindenden Seele zugefügt hatte durch diese schmerzhafte Lektion in praktischer Lebensweisheit. Und die Vorstellung, daß man also die Neigung eines Mannes dulden könne, auch wenn man fest entschlossen sei, ihn nicht zu heiraten, war das folgenschwere Ergebnis dieses Erziehungsmißgriffs. Denn es machte die Bahn frei für die ungleich tiefere Wirkung eines neuen Erlebnisses, dessen Partner, eine Persönlichkeit von seltsam faszinierendem menschlichen und künstlerischen Reiz, von Anfang an als Gatte der jungen Gräfin nicht in Frage kommen konnte. Welche Verheerung diese frühe Leidenschaft bei völliger Hoffnungslosigkeit von Anbeginn in dem Gemüt der nun kaum 17jährigen hervorgebracht, das ist viele Jahre später in rückschauenden Briefen festgehalten, und der Eindruck »marmorner Kälte und Versteinerung«, den die im Herbst 1879 nach Karlsruhe Zurückgekehrte machte, zeigt nur zu eindringlich die furchtbare Wirkung. – Angehörige und Freunde erklärten sich die Wandlung mit der Qual der Tochter, die die Mutter langsam unter ihren pflegenden Händen sterben sah, und niemand wußte von den Verzweiflungen, die die junge und stolze Seele an diesem Kranken- und Sterbebette einsam auskämpfte.

Im Januar 1880 starb Gräfin Armgart Flemming und ließ ihre beiden Töchter, jetzt 18- und 15jährig, verwaist zurück, als einzigen Führer und Berater den Vater, der, ein hoher Sechziger, das Amt, zwei junge, sehr reizvolle, sehr wohlhabende und daher vielumworbene Mädchen zu behüten, wohl als schwere Sorge empfand. Er unternahm zunächst, um die in Karlsruhe schwer lastende Trauerzeit zu unterbrechen, eine Reise nach Italien, wo er für die vielseitig begabten und nach künstlerischen Gesichtspunkten erzogenen Töchter Beruhigung und Ablenkung erhoffte durch die neuen Eindrücke südlicher Natur und Kultur. Schon in München begegneten sie einer befreundeten Altersgenossin aus Karlsruhe, Lita Edle Herrin zu Putlitz, die mit ihrer englischen Erzieherin reiste, und man beschloß die Fahrt nach Süden gemeinsam fortzusetzen. In Verona fand sich als Kavalier zu den jungen Damen der Bruder, Stephan Ganz Edler Herr zu Putlitz ein, der soeben sein Studium der Nationalökonomie mit der Habilitation an der Berliner Universität beendet hatte. Die gemeinsame Italienreise schloß, wie vorauszusehen, mit einer Verlobung zwischen dem Freiherrn zu Putlitz und der jungen Gräfin Flemming.

Diese Entwicklung erscheint angesichts der Umstände so zwangsläufig, daß man der Meinung Außenstehender nur zustimmen kann, die damals, auch schriftlich, äußerten, diese Verbindung sei von den Eltern des Verlobten, dem Intendanten des Karlsruher Hoftheaters, Gustav Gans Edler Herr zu Putlitz, und seiner Gattin, Elisabeth geb. Gräfin Königsmarck, nicht nur vorausgesehen, sondern beabsichtigt gewesen. Hinsichtlich Graf Flemmings Stellung aber, der seine Einwilligung nur zögernd gab, darf man wohl annehmen, daß das Gefühl, durch frühe Vermählung seines ältesten Kindes von einem Teil der Verantwortung für die Töchter entbunden zu sein, ihn schließlich willfähriger gemacht hat, als er zu Lebzeiten der Mutter gewesen wäre. Denn, rein äußerlich gesehen, lag der Vorteil dieser Verbindung nur auf Seiten des jungen Mannes. Daß für Stephan zu Putlitz diese Erwägungen nicht ausschlaggebend gewesen, steht außer jedem Zweifel. Er hat im nahen Zusammenleben während eines italienischen Frühlings den seltsamen Reiz der jugendlichen Elisabeth von Flemming so tiefbeglückend erlebt, daß eine leidenschaftliche Neigung in ihm aufstand, die ihn bis zu seinem frühen Tode unabgeschwächt erfüllt hat. Was aber hat Elisabeth bewogen, diesem sehr jugendlichen Bewerber ihr Jawort zu geben, von dem sie zudem wußte, daß es die Billigung ihrer Mutter nie gefunden hätte?

In den nachgelassenen Papieren finden sich viele Dokumente, in denen sie mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit und Klarheit über ihre Beweggründe spricht, und das Bild, das dem Unbefangenen sich darstellt, ist etwa Folgendes: Die Achtzehnjährige, seelisch und körperlich zermürbt durch die Erschütterungen des vorangegangenen Jahres, fürchtete sich vor der inneren Einsamkeit, in der der Tod der Mutter sie zurückgelassen hatte. Auf weiten einsamen Spaziergängen beginnt sie dem jungen, durch und durch idealistisch angelegten Begleiter, zu dessen Wesensart das Blut des Vaters, des Verfassers von »Was der Wald erzählt«, starke Komponenten geliefert hat, von all ihren Kämpfen und Nöten zu sprechen. Und der junge, von dem Erlebnis einer leidenschaftlichen Liebe über sich selbst hinausgehobene Bewerber beweist ein so beglückendes Verständnis, daß in ihr die Hoffnung aufsteht, an seiner Seite ein neues geordnetes Leben beginnen zu können, das ihr des Lebens wert erscheint. Der akademische Beruf, den der junge Aristokrat sich erwählt, gibt dafür, so glaubt sie, die beste Bürgschaft; sie wird höheren Interessen leben und für ihren geistigen Hunger reichste Nahrung finden. Die stete Klage der verstorbenen Mutter über die innere Leere des äußerlich so glanzvollen Diplomatenlebens in der kleinen Stadt, die so oft von ihr ausgesprochene Sehnsucht nach der beneidenswerten Atmosphäre, in der die Schwester Gisela als Gattin Hermann Grimms im Kreise der Berliner Universität lebte, alles dies stand als vage Vorstellung vor Elisabeth von Flemmings Phantasie, als sie die Verbindung mit Stephan zu Putlitz einging, auf dessen geistige Bedeutung die Familie Hoffnungen setzte, die einzulösen ihm die Zeit nicht gegeben war. Ein Unglücksfall kurz vor der Hochzeit – er stürzte in Hannover bei einer militärischen Reitübung schwer – hat seine von Haus aus gesunde und normale Konstitution geschädigt und wohl die physiologische Grundlage geschaffen für Überreizungszustände, die ihm früher fremd gewesen waren. Jedenfalls zeigten sich schon in den allerersten Wochen nach der Hochzeit auf der Reise so tiefgehende Irritationen, daß die junge Frau nahe daran war, in das Haus ihres Vaters zurückzukehren. Die Hoffnung auf den beruhigenden Einfluß des geregelten Berufslebens, dazu die Aussicht auf eine völlig zwecklose Gesellschaftsexistenz, wenn sie in das Haus des Vaters zurückkehrte, und nicht zuletzt die leidenschaftliche Liebe des jungen Gatten, die immer wieder sieghaft alle Verstimmungen überwand, gaben schließlich den Ausschlag zu dem Entschluß, nach Rückkehr von der Hochzeitsreise das gemeinsame Leben in Berlin zu beginnen.

Der erhoffte beruhigende Einfluß des geregelten Lebens aber blieb aus; die Differenzen zwischen den völlig entgegengesetzten Naturen und ihren Anschauungen von Lebensaufgaben und Pflichten, der bohrende Stachel im Gemüt des leidenschaftlichen Mannes, daß die Frau, die er über alles liebte, ihm nie die Hingabe entgegengebracht, deren sie fähig war, das unumstößliche Bewußtsein im Gemüt der jungen Frau, daß irgendwelche Anlagen und Kräfte in ihr bei dem stark bürgerlich eingestellten Leben als Professorsgattin verkümmern mußten, ehe sie überhaupt sich entfaltet, all dies führte zu Spannungen, denen beide Menschen nicht gewachsen waren, und der Gedanke einer ruhigen Trennung auf durchaus freundschaftlicher Grundlage stand immer häufiger auf und wurde so klar durchgesprochen, daß selbst über die Erziehung des inzwischen geborenen kleinen Mädchens eingehende Verabredungen getroffen wurden. Da führte das Schicksal eine Wendung herbei, die Anlaß tragischer Entwicklung wurde:

Im Hause des großen Nationalökonomen Geheimrat Adolf Wagner begegnet die junge Frau Professor zu Putlitz einem Studiengenossen ihres Mannes wieder, den sie am Tage nach der Hochzeit flüchtig kennengelernt hatte. Irgend etwas in der Erscheinung des Balten – er war der Sohn eines Baron von Heyking, des Kais. Russischen Vizegouverneurs von Kurland – hat ihr die Persönlichkeit beim ersten Sehen aus allen übrigen herausgehoben. Ein Hauch internationalen Weltbürgertums – seine Mutter ist eine Halbengländerin, geb. von Jacobs, und auf der Schule in Riga nannte man ihn »den jungen Lord«, wie im Ministerium in Berlin »den Russen« – die angeborene Kavaliershaltung des Balten, der intuitiv die seelische Verfassung und Unbefriedigtheit der jungen Frau erfühlt, seine flammende Begeisterung für Bismarck, unter dem zu arbeiten er sich entschlossen hat, preußischer Staatsangehöriger zu werden und sich dem deutschen Staatsdienst zu weihen, die ganze Atmosphäre von sieghaftem Selbstbewußtsein eines geistig und körperlich hochkultivierten Mannes, dem das offenkundige Wohlwollen Bismarcks alle Wege zu höchsten Ämtern im innern und äußern Dienst eröffnet – alles das weckt in Elisabeth zu Putlitz' Herzen die Erinnerung an die hochfliegenden Träume, die die Mutter in frühen Jahren für die Zukunft ihres so begabten Kindes hegte: ein Leben an der Seite eines einflußreichen Staatsmannes, bei dem die glänzenden Gaben der Tochter die hohen Aufgaben des Mannes mit zu lösen bestimmt waren. Und so deutlich, wie die junge Frau plötzlich das Leben vor sich sieht, das ihrer innersten Natur Entfaltung gebracht hätte, so klar fühlt der Mann, der den zur Ehe mahnenden Eltern in Riga immer wieder geantwortet, daß keine der Erscheinungen des Berliner Gesellschaftslebens seinen Anforderungen genüge: das ist die Frau, die seinem zwar leidenschaftlich zugreifenden aber der Ausdauer entbehrenden Temperament den immer neuen Impuls zu höchstgesteckter Leistung geben würde. Viele Monate vergehen, in denen beide Menschen sich nur im gesellschaftlichen Leben konventionell begegnen, in denen vor allem die Frau das Geheimnis ihrer Neigung so streng behütet, daß selbst der gute Frauenkenner Heyking irre wird an seiner Hoffnung, sie einmal für sich zu gewinnen. Nur Stephan zu Putlitz, mit den hellsichtigen Augen eifersüchtiger Liebe, fühlt, was in der ganz verschlossenen Seele seiner Frau vorgeht. Und während er noch vor kurzem den Gedanken an eine freiwillige freundschaftliche Trennung für durchführbar hielt, weil er nie daran gedacht hat, daß das, worauf er unter Qual verzichtet, einem andern zufallen könne, beginnt er nun zu fühlen, daß ein ruhiges Zurücktreten angesichts eines glücklichen Rivalen über seine Kräfte geht. Und nun bricht eine Zeit des Kämpfens an, bei der schwer zu entscheiden ist, wer der Bemitleidenswertere ist, die junge mit zäher Energie schweigende Frau, die jeder Laune des krankhaft überreizten Gatten nachgibt, weil sie sich in ihrer Seele schuldig fühlt, oder der Mann, bei dem die idealistische, auf großmütiges Verzichten eingestellte Geistesrichtung einen schier übermenschlichen Kampf führt mit der Leidenschaft des Bluts, die zunimmt in dem Maße, wie er sich fernhält von der Frau, deren Seele er nicht mehr besitzt, vielleicht nie besessen hat. In fürchterlicher Selbstquälerei lädt er den Studienfreund ein, den Sommeraufenthalt auf dem Gute Buckow zu teilen, und führt damit eine Gefahr herauf, der die Liebenden so weit erliegen, daß es zu einer Aussprache kommt. Gleichzeitig aber auch zur klaren Erklärung Elisabeth zu Putlitz', daß sie angesichts der Liebe und des Leidens ihres Mannes – er hat durch Öffnen der Pulsader versucht, sein Leben zu enden – auf ihr Glück verzichtet. Der Brief ist überschrieben: »Mein Freund,« und hält vom ersten bis zum letzten Wort das gesellschaftliche »Sie« fest; er ist mit anderen Dokumenten der klare Beweis, daß keine Schuld am tragischen Ausgang des Konflikts auf ihr ruht. Nach dieser Erklärung reist Heyking ab. Die beiden zurückgebliebenen Gatten aber haben eine Aussprache, in der die Frau, von ihrem Manne auf Ehre und Gewissen befragt, sich zu ihrer Neigung bekennt, zugleich aber auch freiwillig ihr Wort gibt, daß sie ihre Pflicht als Frau und Mutter restlos erfüllen wird. –

Die Aussprache hat eine endgültige Klärung herbeigeführt, und in dem Glauben, durch das in voller Aufrichtigkeit gegebene Wort einen neuen Zustand gegenseitigen Vertrauens geschaffen zu haben, stimmt Elisabeth ohne Arg dem Plan ihres Gatten zu, der den Rest der akademischen Ferien zu einer Erholungsreise an die See benutzen will, zumal auch sie nach den schweren Erregungen der Ruhe und Sammlung bedarf. Stephan zu Putlitz tritt seine Fahrt an. Auf der ersten Station, Berlin, aber überkommt ihn das Bewußtsein seiner völlig verzweifelten Lage: Das Opfer der Frau, die er liebt, anzunehmen, ist seiner geistigen Anlage schlechterdings unmöglich; verzichten und sie mit einem andern glücklich zu sehen, geht über seine Kräfte, so greift er nach der einzig ihm möglich scheinenden Lösung, der Pistole! Mit rührender Fürsorglichkeit sucht er seiner Verzweiflungstat die Wirkung zu sichern, die er sich davon erwartet: er fingiert ein amerikanisches Duell. –

Bis hierher handelt es sich um eine Tragödie zwischen drei durch und durch ehrenhaften und vornehmen Menschen, und verwandtschaftliche Liebe und Verehrung für den lauteren Charakter Stephan zu Putlitz' hätte, so meint man, sein Andenken nicht besser ehren können als dadurch, daß man die fromme Lüge seines Todes aufrechthielt. Das Gegenteil geschah, wobei allerdings Unvorsichtigkeiten den Anlaß gaben, die nur zu verstehen sind aus der Naivität eines durch und durch reinen Gewissens. –

Wenige Wochen nach der Katastrophe reist Elisabeth zu Putlitz mit ihrem Töchterchen und einer Gesellschafterin nach dem Süden und etwa zwei Monate später benutzt Heyking einen Urlaub, um sie in Venedig zu besuchen. Das Paar sieht sich als Verlobte an, die das Trauerjahr abwarten, um sich in aller Stille zu vermählen. Als ihren Verlobten stellt Elisabeth zu Putlitz den Legationsrat Freiherrn Edmund von Heyking ihren Bekannten in Venedig vor, auch ihrem Schwiegervater, der gekommen ist, sie freundschaftlich zu bitten, den Schmerz um den so jäh entrissenen Sohn dadurch zu lindern, daß sie den Großeltern das Enkelkind besuchsweise für einige Zeit überläßt. Erschüttert von dem Schmerz des alten Mannes, entschließt sich Elisabeth schweren Herzens zu dem Opfer, und Herr zu Putlitz scheidet in vollem Einvernehmen von seiner Schwiegertochter. Kaum aber hat die junge Frau das Kind aus der Hand gegeben, so beginnen unkontrollierbare Gerüchte aufzutreten, Sensationsartikel erscheinen in den Zeitungen, die den unerklärlichen Tod Stephan zu Putlitz' als Verzweiflungstat über die Untreue seiner Gattin und die Überlassung des Kindes an seine Eltern als Eingeständnis ihrer Schuld darstellen; Behauptungen, die von der ganzen Welt um so williger geglaubt werden, da die Großeltern sich weigern, das Kind der Mutter zurückzugeben.

Ein in drei Instanzen restlos gewonnener Prozeß führt der Mutter nach zweijähriger Trennung das Kind wieder zu, aber der Haß der väterlichen Familie nimmt, wie unbefangene Augenzeugen berichten, durch diese Entscheidung »alttestamentarische Formen« an.

Den natürlichen Beschützer, ihren Vater, hat Elisabeth bereits im März 1884 verloren. Graf Flemming, zum Schutz seiner so schwer verdächtigten Tochter nach Florenz übersiedelt, erliegt dort einem Typhusanfall, dem der durch all die seelischen Erregungen Erschöpfte keine Widerstandskraft entgegenzusetzen hatte. An seine Stelle tritt, ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle, Edmund von Heyking, der, trotzdem Elisabeth ihm wieder und wieder sein Wort zurückgibt, im Juni 1884 die Ehe mit Elisabeth zu Putlitz schließt. Er tut den Schritt im vollen Bewußtsein, daß Elisabeths Feinde damit auch die seinen werden, und daß sie, ein weitverbreitetes altpreußisches Geschlecht, ihm, dem Landfremden, durch keinerlei Blutsverwandte dem Staat, dem er dient, Verbundenen seine glänzenden Lebensaussichten aufs schwerste schädigen können. Er heiratet in der Gewißheit, »daß er sein Lebensglück, sein Wappenschild und seine Ehre« keiner Würdigeren anvertrauen kann als der von ihm erwählten, fast völlig schutzlosen Frau. Er ist es, der mit zäher Geduld und Klugheit für die nun 22jährige den Kampf um ihr Kind führt, ja er entschließt sich, in den Auswärtigen Dienst überzutreten, um seiner jungen Frau die Anfeindungen zu ersparen, die ihrer in Berlin warten.

Nach einjährigem Urlaub, den das Paar in völliger Stille in Florenz verlebt, nimmt er schweren Herzens eine Anstellung als stellvertretender Konsul in New York an, nachdem Freunde im Auswärtigen Amt in Berlin ihm versichert haben, daß seinem Übergang aus der Konsulatskarriere in den eigentlichen diplomatischen Dienst bei allernächster Gelegenheit nichts im Wege stände; ein verhängnisvoller Irrtum, bei dem für jeden, dem die Verhältnisse im diplomatischen Dienst in den achtziger Jahren bekannt sind, die Vermutung naheliegt, dieser freundschaftliche Rat sei, den Gebern vielleicht selbst nicht bewußt, mit davon beeinflußt gewesen, daß Heykings Ausscheiden aus dem Amt in Berlin seine Freunde der Aufgabe überhob, sich öffentlich zu ihm zu bekennen, eine Aufgabe, die allerdings angesichts des höfischen Einflusses seiner Gegner ein großes Maß von Selbständigkeit erfordert hätte!

So begann das junge Paar denn im Sommer 1884 sein Wanderleben, das beide zwanzig Jahre lang rund um die ganze Welt geführt hat. Ein Leben, in dem weder der für höchste nationale Ziele eingespannte Wille noch die zweifellosen Erfolge, die der Balte aus reiner Hingabe an sein freigewähltes deutsches Vaterland errang, irgend eine Anerkennung fanden; ein Leben, in dem zwei geistig, menschlich und ethisch weit über dem Durchschnitt stehende Persönlichkeiten Gesundheit, Vermögen und Familienglück opferten, ohne den bescheidensten Dank zu ernten! – –

Ruhig, sachlich, ohne Selbsttäuschung und ohne übermäßige Bitterkeit wird in den folgenden Tagebüchern über das Leben in der Fremde und während der kurzen Urlaubsaufenthalte in der Heimat berichtet. Bis zu dem Augenblick, wo unter dem furchtbaren Druck innerer Einsamkeit in Mexiko die starke Quelle künstlerischer Schaffenskraft in Elisabeth von Heyking aufspringt, und der beispiellose Erfolg ihres ersten Buches »Briefe, die ihn nicht erreichten,« wie ein breiter Strom ihr Leben überflutet. Von diesem Zeitpunkt an setzt das Bedürfnis aus, in ausführlichen Tagebuchaufzeichnungen sich von des Erlebens Fülle zu entlasten, das künstlerische Werk tritt an ihre Stelle. Die Jahre des Kämpfens und Reifens aber, von 1886 bis 1904, sind in lückenloser Folge festgehalten. Die Aufzeichnungen sind einfach, rückhaltlos und aufrichtig an jedem Tage niedergeschrieben, ein Denkmal, das Elisabeth von Heyking ohne Wissen und Willen sich selber schuf.

Grete Litzmann

Chile (Valparaiso)

Juli 1886 bis Februar 1889

15. Juli. Wir kamen am 5. früh in Valparaiso an. Am 4. April 1886 erhielt Edmund von Heyking in New York die Ankündigung, daß er zum Konsul in Valparaiso ernannt worden sei. Am 8. Mai wurde die fast zweimonatige Reise nach dem neuen Bestimmungsort angetreten, die über Chikago, Denver, San Franzisko und von dort zu Schiff an der Kalifornischen, Mexikanischen und Südamerikanischen Westküste entlangführte. Die Einfahrt in den Hafen war sehr hübsch, durch den bläulichen Morgennebel hindurch strahlte die Sonne, daß das Wasser glitzerte und die Fensterscheiben der Häuser auf den Hügeln blitzten. Die Lage der Stadt erinnert mich an San Franzisko und an Genua, und sie trug einen so ausgesprochen südlichen Charakter, daß ich gleich sicher war, ich würde mich in ihr wohlfühlen. Wir wurden von Herrn von Seldeneck Deutscher Ministerresident in Chile. vom Schiff abgeholt und quartierten uns im Hôtel de France ein. Während der ersten Tage bummelten Edmund und ich viel herum. Die Stadt erscheint uns nach New York ganz komisch kleinstädtisch. Sie besteht eigentlich nur aus zwei an der See entlanglaufenden Straßen, die von zwei Plätzen unterbrochen werden, in denen öffentliche Gärten angelegt sind. Hinter diesen Straßen erheben sich gleich die Hügel, auf denen einige Villen, meistens aber nur elende Hüttchen zwischen Kaktushecken liegen. Während der folgenden Tage hatte ich viel Besuche von hier ansässigen Deutschen, sah sie auch einmal en masse im Theater, wo spanische Musik gemacht wurde, und lernte noch ein paar bei einem Dinerchen von Herrn von Seideneck kennen. Nach diesen Erfahrungen glaube ich, daß ich mich hier auf die striktesten gesellschaftlichen Pflichten beschränken werde! Ich habe mir dagegen vorgenommen, die Jahre, die wir hier zubringen müssen, zu möglichster Herzens- und Geistesbildung zu verwenden. Herzensbildung, indem ich suchen will, möglichst genau all meine Pflichten zu erfüllen, und zwar sie nicht murrend, sondern gern auf mich zu nehmen; ich will danach streben, immer mehr zu erkennen, wie die Welt und jeder einzelne unter großen sittlichen Gesetzen steht, und wie ein höheres freieres Leben erst dann für uns anfängt, wenn wir uns so weit herangebildet haben, daß wir uns diesen Gesetzen nie mehr zu entziehen suchen, sondern uns mit ihnen innerlich in Harmonie fühlen. So hoffe ich durch inneren Frieden äußere Unannehmlichkeiten auch leichter zu ertragen, ihre Kleinlichkeit einzusehen und in Gedanken mit höheren Gegenständen mich zu beschäftigen. Um aber aus alledem durch die Alltäglichkeit nicht herausgerissen zu werden, will ich mir einen festen Studienplan machen, dessen Innehalten mich immer wieder auf den richtigen Weg bringen soll. Dies nenne ich Geistesbildung. Ich habe mir vorgenommen, eingehend Geschichte zu treiben, mir über die einzelnen Epochen die speziellen Werke zu verschaffen und sie in richtiger Folge zu lesen; gleichzeitig will ich soviel als möglich die Schriftsteller jedes Volkes, dessen Geschichte ich gerade treibe, auch kennenlernen. Ferner will ich so fleißig wie möglich im Zeichnen und Malen sein und hierzu kunstgeschichtliche und kritische Werke lesen. – Voraussichtlich wird unser Leben die nächsten Monate ein stilles und ereignisloses sein, wo wir uns ganz solchen Zielen widmen können. Wir haben es aufgegeben, jetzt gleich nach Vina Gartenvorstadt. zu ziehen, sondern bleiben hier, wo wir diejenigen Ressourcen, die Valparaiso bietet, gleich zur Hand haben.

Seitdem wir hier sind, habe ich gelesen: »Romola« von George Eliot, was an und für sich einen großen Charme für mich hat, da es im geliebten Florenz spielt und dieses mit interessanten Figuren belebt; daneben bezeugt das Buch auch, daß es von einem ethisch hochdenkenden Menschen geschrieben ist, und ich habe viele Stellen darin gefunden, die mir Antworten sind auf das, was ich jetzt gerade suche: ein Sicheinigfühlen mit höheren Gesetzen und ein Aufnehmen des Unangenehmen und Schweren, was uns begegnet, mit dem festen Willen, es zu überwinden, aber nicht ihm aus dem Weg zu gehen.

Edmund las mir einen Artikel von Curtius Ernst Curtius, der Berliner Archäologe und Erzieher des nachmaligen Kaisers Friedrich. vor über »Das Königtum bei den Alten«, in welchem ganz allgemein angenommene geschichtliche Gesichtspunkte total verdreht werden, um die altgriechische Geschichte in Einklang zu bringen mit preußisch loyalen Gesinnungen für das Hohenzollernhaus; darin liegt ein Kriechen vor der augenblicklichen Richtung, wie es jetzt in Deutschland so viel vorkommt. Ein Gegenstück dazu in pietistischer Richtung ist Paul Lindaus Kritik der neuausgestellten Bilder Wereschtschagins aus Christi Leben. Außerdem liest mir Edmund allabendlich aus Goethes »Dichtung und Wahrheit«, an dem wir viel reine Freude haben und woraus manche Körnerchen zu entnehmen sind, die mit dem Leben versöhnen. Daneben lese ich morgens für mich allein aus den verschiedenen Büchern von Ruskin.

18. Juli machten wir einen Teil unsrer Gegenbesuche, fanden die Menschen alle sehr freundlich, aber merkwürdig kleinstädtisch. Die Gesellschaft ist hier in zwei Lager geteilt, die, welche auf den Hügeln, und die, welche in der Stadt wohnen. Jede Partei versucht nun, uns möglichst rasch aus dem Hotel und in ihr Lager hinein zu persuadieren, während uns diese Hotelneutralität gerade lieb ist. Nachmittags fand eine nachträgliche Fête champêtre zu Ehren des 14. Juli statt. Wir gingen nicht hin, sahen aber die Leute aus dem Park herauskommen; eine Menge übertrieben geputzter Damen und Kinder, neben welchen die Toiletten der Pariser Kokotten und ihrer zur Fahrt ins Bois de Boulogne gemieteten Kinder mir in der Erinnerung puritanerhaft erscheinen.

19. Juli, abends, während mir Edmund vorlas, erlebten wir unser erstes Erdbeben, zuerst ein rollendes Geräusch, dann zwei leise Stöße.

21. Juli. Während der letzten Tage las ich »South America« von Galenga und habe es soeben beendet. Galenga hebt den Gegensatz in der Kolonisation von Nord- und Südamerika hervor. In dem einen Land Einwanderer, welche einen wirklichen Staat gründen wollten und die ihnen Nachfolgenden zu Gehorsam gegen ihre Gesetze zwangen, in geordneten Verhältnissen lebten, so daß später die Loslösung vom Mutterland ohne dauernde Unruhen vor sich ging. Südamerika dagegen, von spanischen Soldaten erobert, weniger mit dem Gedanken, eine eigene Kolonie zu gründen, sondern um die Mineralschätze auszubeuten. Spanien selbst ein zu kleines Land, um eine genügende Menge von eigentlichen Arbeitern exportieren zu können, wodurch sie auf die eingeborenen Indianer oder auf Fremde angewiesen blieben. In Südamerika also starkes Überwiegen der Farbigen und Mischlinge. Die vielen Unruhen, Revolutionen erklären sich aus dem ursprünglich aufrührerischen spanischen Geist und der Unreife der Indianer und Mischlinge für die ihnen plötzlich gegebenen freien Staatsformen. Galenga sieht dieses Prädominieren der farbigen Rassen als Fluch Südamerikas an und findet den krassesten Ausdruck der Folgen in den auf dem Isthmus von Panama herrschenden Zuständen. Die einzigen Arbeiter, welche es dort aushalten, seien die Neger, welche daher ganz ihre Bedingungen diktieren könnten. Die Länder Südamerikas, welche G. den geordnetsten Eindruck gemacht haben, sind Chile, Uruguay und Brasilien; bei letzterem sei es die Folge einer festen Monarchie im Gegensatz zu den stets neu erwählten und neu gestürzten Präsidenten. In Uruguay käme es daher, daß die Bevölkerung beinah durchaus weiß sei. Der größte Verderb durch republikanische Verfassung sei in Paraguay zu sehen, welches durch einige als Tyrannen herrschende Präsidenten, durch deren Massenexekutionen, unvernünftige Bauunternehmen und leichtsinnige Kriege jetzt gänzlich ruiniert und in seiner Bevölkerung dezimiert sei. Das Unglück Perus liegt darin, daß kein einheitlich arbeitendes Volk da existiert. Unzählige Mischrassen, welche die groben Arbeiten tun, eingewanderte Europäer, welche den ganzen Handel haben, während die eigentlichen Peruaner nicht arbeiten, sondern nur politisieren und regieren wollen und dabei durch ihre Minen-, Guano- und Salpeterschätze verdorben sind, auf die sie sich zur Deckung aller großen Ausgaben verlassen. Bei Gelegenheit von Chile spricht Galenga viel von den großen Majoraten, die sehr selten von den eigentlichen Besitzern bewirtschaftet worden sind, da das Leben auf dem Land allen lateinischen und spanischen Völkern zuwider sei. Diese Majorate sind jetzt aufgehoben.

12. August. Der Monat schlimm für uns begonnen mit einer schweren Lungenentzündung Stephaniechens. Damals dreijähriges Töchterchen aus erster Ehe. Jetzt ist sie Gott sei Dank wieder wohl, und die furchtbaren Ängste, die ich durchgemacht, erscheinen mir wie schlimme Traumgespenste. Wenn es überhaupt möglich war, so hätte ich das Kind während der Krankheit noch lieber bekommen, da es so rührend geduldig und sanft war. Die Menschen waren sehr teilnehmend und hilfreich für uns. – Eine angenehme Bekanntschaft haben wir an Dr. Bredin gemacht, mit dem es sich nett schwatzen läßt und der hier auch sehr an der unbefriedigenden Geselligkeit leidet. Es fehlt eben alles, was man in großen Städten gewohnt ist, oder sogar in kleinen deutschen, wo doch alle wichtigen Nachrichten und alle neuesten Erscheinungen schnell hindringen. –

Im vorigen Monat gab Herr von Seideneck einen Ball, bei dem wir die hiesigen Menschen en masse kennen lernten, – ich fand keinen, außer dem italienischen Gesandten Carcano, mit dem man sich hätte unterhalten können, wie man es in Europa gewohnt ist. Eine fatale Unterbrechung des Balles war ein ziemlich starkes Erdbeben. Die darauf folgenden Tage benutzten wir zu schönen Spaziergängen in die Zorras. In diesen grünen Schluchten genießt man den Anblick einer schönen halbtropischen Natur und ist allein mit seinen Gedanken, Erinnerungen und Bestrebungen; entschieden die beste Gesellschaft, die man hier haben kann.

Ich las für mich allein: »The Mill on the Floss« by George Eliot. Wie in ihren andern ist auch in diesem Buch der Grundgedanke der, daß es sowohl moralisch falsch wie auch vergeblich sei, nach individuellem Glück als Lebenszweck zu streben. Der Rahmen hierzu ist eine kleinstädtische Gesellschaft, deren Eigentümlichkeiten meisterhaft geschildert sind, und wie in solcher Gesellschaft ein Fehltritt ohne Skandal und mit äußerm Erfolg meist milde angesehen, ein innerer Kampf aber, und wenn er auch durch Sieg gekrönt wird, hart verurteilt wird. Der Gedanke der Resignation ist wohl einer, der immer heilsam und mir besonders jetzt sehr willkommen ist, denn wenn ich mich auch in intimer Familienhinsicht absolut glücklich fühle und dafür täglich dankbar bin, so hat doch mein äußeres Leben vieles, bei dem es gut ist, sich immer wieder daran zu erinnern, daß Resignation überall und eigentlich für jeden des Lebens Endzweck ist. Die Schilderungen der kleinstädtischen Gesellschaft hatten mir auch etwas Tröstliches, denn in einem alten Kulturstaat wie England ist es also auch stellenweise tout comme chez nous au Chile. – Edmund hat mir jetzt Goethes: »Aus meinem Leben« fertig gelesen. Es sind darin viele Gedanken und Aussprüche, die man sich als stete Lebensmaximen merken kann; daneben aber fühlten wir doch, daß das Buch aus einer Zeit stammt, für deren enge Lebensverhältnisse, Weitläuftigkeiten, Fürstendienerei unsre Zeit oder speziell wir beide nicht mehr das richtige Verständnis haben. Ich habe selten ein Buch gelesen, in dem es mir klarer geworden, welch eine Revolution aller Anschauungen und Lebensbedingungen allein die Erfindungen der Eisenbahn und des Telegraphs gemacht haben.

4. September. Am 2. war abends kleiner Ball, wo wir Gelegenheit hatten, das außerordentlich freie Benehmen hiesiger junger Mädchen zu beobachten. Ich fühlte aber recht, wie ich für derartige Vergnügungen zu alt geworden bin. Am frohesten fühle ich mich jetzt, wenn ich ohne Tracas mit Edmund zusammen in einer schönen Gegend bin, wenn wir etwas zusammenlesen oder ich male.

Wir sprachen über unsre Lektüre, unsre früheren Ansprüche ans Leben, unsere zeitweiligen Enttäuschungen und eigenen Fehler und was einem sonst in den Sinn kommt in einer Periode, wo man sich bemüht, über die Vergangenheit ins klare zu kommen, um aus dieser Klarheit nützliche Lehren für Gegenwart und Zukunft zu schöpfen. Solche Gespräche gehören zu unsern meilleurs moments.

16. September machten wir einen allerliebsten Ausflug nach der Laguna, einige zu Wagen, andere zu Pferde. Der Weg führt zuerst auf die steilen Höhen hinter Valparaiso, dann oben auf der Höhe entlang an einsamen Ranchos vorbei; dann endlich geht es an einer steilen Wand im Zickzack herab in ein geschütztes sonniges Tal, das, breit am Meer beginnend, in eine enge felsige Schlucht ausläuft. In diesem sehr geschützten Tal liegt ein verwilderter großer Garten, in dem allerhand südeuropäische und tropische Pflanzen wachsen; besonders schön nahmen sich große Teerosenbäume aus, an denen rote Passionsblumen emporwuchern.

Am 16. September fuhren wir nach Santiago Zu den Feiertagen des diez y ocho, des chilenischen Unabhängigkeitstages, 18.IX. durch eine z. T. wilde, felsige Gegend, die etwas an die Schweiz erinnert. Leider war das Wetter regnerisch und wurde kälter, je höher wir kamen, so daß wir tüchtig froren. Die Eisenbahn war klapperig und schlecht wie ein Omnibus en retraite. Abends fuhren wir ins Theater, wo von einer französischen Truppe »Tell« ganz niederträchtig aufgeführt wurde. Das Theater selbst ist ein schönes elegantes Haus, in feinem Rokokostil weiß und gold dekoriert, die Logenwände rot mit goldenen Lilien tapeziert, von denen die hellgekleideten dunkelhaarigen Chileninnen mit ihren hohen spanischen Kämmen und buntem Blumenschmuck sich sehr vorteilhaft abhoben.

18. September. Morgens fuhren wir in den Kongreß, um zu sehen, wie der alte Präsident Santa-Maria Domingo Santa-Maria. abging und der neue, Balmaceda, José Manuel Balmaceda. sein Amt antrat. Der Kongreßsaal ist ein sehr schöner, hoher Raum, in ganz hellen Farben gehalten, von einem Italiener gebaut. Von außen hat das Gebäude eine gewisse offiziell griechische Monotonie und Kälte, wie man sie auch in Europa so häufig an Staatsgebäuden sieht. Der Saal war gefüllt mit allerhand Großwürdenträgern, denen man die Würde nicht ansah, mit den Mitgliedern des diplomatischen Korps, unter denen Seideneck und Edmund bei weitem die bestaussehenden waren, mit hübsch geputzten Damen und allerhand mehr oder weniger unberufenen Zuschauern. Letztere nahmen der ganzen Handlung, sowohl durch ihr Vordrängen, wie durch ihre einfache Straßenkleidung, noch den letzten Rest von Feierlichkeit und Ordnung. Der ganze Akt besteht darin, daß von dem Präsident der Kammer vorgelesen wird, die Regierungsdauer des alten Präsidenten sei abgelaufen und der neue rechtmäßig gewählt worden. Dann nimmt der alte seine Schärpe ab, der neue tritt vor, empfängt sie und legt sie um, während der frühere wie ein Hündchen, dem man einen schönen Knochen weggenommen, durch den Saal fortschleicht. Dann beschwört der neue Präsident die Konstitution, ernennt sein erstes Ministerium, und die Sache ist fertig. Man kann sich nichts Unfeierlicheres denken, wie die Art, in der alles das behandelt wurde. Mir tat auch der alte Santa-Maria so leid, denn es traten ihm die Tränen in die Augen und er zitterte so, daß er seine écharpe kaum abnehmen konnte. Unsere Manier, den einen erst sterben zu lassen, ehe man den neuen einsetzt, hat doch etwas Humaneres. Nach dem Kongreß gingen die Herren in die Kathedrale, wo ein Tedeum gesungen wurde. Der Gang durch die Straßen mit den Spalier bildenden Truppen und die Kirchenfeier sollen das Schönste gewesen sein. Am Nachmittag waren Rennen, zu denen wir auch noch fuhren. Die Fahrt hinaus durch die beflaggten, dichtgedrängten Straßen war sehr hübsch und die Rennbahn mit der himmelhohen Cordillera als Hintergrund hat etwas überwältigend Großartiges. Die Rennen selbst sind schwach, scheinen auch, für die Damen wenigstens, die Nebensache zu sein, da es ihnen nur darauf ankommt, ihre fabelhaft eleganten Kleider auf der Tribüne bewundern zu lassen. Nach dem Rennen Korso durch den Parque Cousiño, der aber des schlechten Wetters halber nicht sehr besucht war. Abends die Nationalhymne im Theater ohne den Enthusiasmus wie bei uns, dann »Mignon«.

19. September. Morgens Besuch von Dr. Vulpius, dem Großneffen Goethes. Ein schöner aber noch unbeleckter junger Teutone, der viel in Bolivien gewesen ist, als Morgenspaziergang über die Kordilleren wandert und in gleichen Stiefeln und mit gleichem Schritt durch die Salons schreitet. Dann ein nettes mir zu Ehren gegebenes Luncheon bei Herrn Magliano, dem italienischen Geschäftsträger, in seiner reizenden Garçonwohnung. Von da fuhren wir nach dem Park Cousiño, wo die große Revue stattfand. Am interessantesten war das zuschauende Publikum. Schöne Privatwagen mit eleganten Damen die Menge, Indianische Bauern rufen Elisabeth nach: »Una linda preciosa señora!« (»Eine anmutige, liebliche Frau!«). große Char à banc voll geschminkter singender Mädchen, armselige volantenartige Droschken, Scharen von Landleuten zu Pferde, Männer, Frauen und Kinder, die Männer in buntesten Ponchos, Überwurf, faltiger Mantel. großen Strohhüten und Riesensporen, die Frauen in langen, hellen Kattunreitkleidern; dazu mit Leinen überdachte Leiterwagen, von großen schwarzen Ochsen gezogen und einem Huaso Mann aus dem Volke, Branntweinverkäufer. geführt. Drinnen celà grouillait d'enfants, de femmes et de bêtes. – Um den ganzen Paradeplatz herum kampieren in Zelten, Bretterbuden und grünen Lauben die für die Feste gekommenen Landbewohner mit Frauen, Kindern und Haustieren. Alle sangen, tanzten den Nationaltanz, die Cueca, würfelten oder tranken: wir stiegen aus, um es uns in der Nähe zu besehn, und die Leute zeigten eine musterhafte Höflichkeit. Ein sehr wildes Vergnügen sind ihre Pferdespiele, wo sie gegeneinanderreiten und einer den andern vom Pferde zu schieben oder einer von hinten versucht, sich zwischen zwei schon Nebeneinanderreitenden hindurchzudrängeln. Die Leute sind alle ganz fabelhafte Reiter, und wenn man sie für zerquetscht und zertrampelt hält, machen sie sich mit einer geschickten Wendung aus dem Knäuel von Menschen und Pferden heraus und springen lustig weiter. Wehe aber einem unglücklichen Gringo (Fremden), wenn er sie durch irgend etwas beleidigt und dann attackiert wird; wir sahen einen kleinen blonden Reiter in einem sekundenlangen Kampf aus dem Sattel gehoben und am Boden liegen. Zufällig fuhr einer der neuen Minister vorbei und ließ sofort einen Polizisten dem Täter nachsetzen. – Neben dem Lager der Landleute war auch ein Zelt des Diez y ocho-Klubs, Achtzehner-Klub. in welches wir vom brasilianischen Minister geholt wurden, um einen kleinen Imbiß zu nehmen. Die Südamerikaner, die ich dabei kennen lernte, sind wirklich sehr liebenswürdige Leute. Von dem Klub aus sahen wir den Präsidenten vorbeifahren in einer schönen vierspännigen Equipage, von einer großen berittenen Garde gefolgt. – Im Theater wurde »Faust« gegeben, ein bißchen besser, wie die vorhergehenden Vorstellungen; unsre Loge wieder sehr besucht.

20. September. Morgens früh bei herrlichem Sonnenschein kutschierte uns Herr von Seideneck hinaus in die Quinta Normal, einen Mustergarten, wo wir auf der Veranda eines kleinen Restaurants frühstückten bei herrlichem Sonnenschein, umgeben von blühenden Bäumen, mit Aussicht auf die Kordilleren und bei heiterster Laune. Von da zurückgekehrt, fuhren wir zu den Rennen, bei denen ich zwei liebenswürdige Chileninnen, Mme. Vergara und Mme. Garcia de la Huerta de Sanchez kennen lernte. Die Damen aus der hiesigen wirklich guten Gesellschaft haben sehr liebenswürdige feine Manieren und erinnern am meisten an Französinnen. Die Rennen waren viel belebter als am ersten Tag, das Wetter klar und sonnig, so daß der Blick auf die Kordilleren ganz überwältigend schön war. Der Rennplatz ist umgeben von einer Kette montblancartiger schneeiger Riesen, die man mit der Hand zu greifen meint. Bei der Rückfahrt herrliches Alpenglühn.

21. September. Wir unternahmen ein großes Picknick nach Macul, einer Hazienda Farm. der immens reichen Familie C. Die Fahrt hinaus war sehr schön an dem Fuß der Berge entlang. Der große Garten draußen voll von allerhand italienischen Baumarten und schönen Blumen mit grasenden Lamas als natürlicher Staffage, die Schneeberge als Hintergrund.

22. September. Wir fuhren mit Herrn Magliano, uns das Palais von Mme. C. zu besehen. Es ist ein sehr schönes und besonders sehr elegant möbliertes Gebäude, macht aber einen traurig verlassenen Eindruck, da es niemand bewohnt. Mme. und Töchter in Europa, die Söhne in Garçonwohnungen in zweifelhafter Umgebung lebend; dabei wird in dem Haus gehämmert und gearbeitet, als ob die Herrschaft in den nächsten Stunden erwartet würde, und neu bestellte oder reparierte und geänderte Möbel schwimmen beständig zwischen hier und Paris auf und ab. Niemand hat etwas davon, und wenn die Familie hier ist, soll es in dem Palais auch nicht lustiger sein. Mme. C. soll von ihrem Mann sehr schlecht behandelt und von ihm selbst, um sich ganze Freiheit zu erkaufen, auf Abwege geleitet worden sein; als sie Witwe wurde, führte sie abwechselnd in zwei Weltteilen einen sehr leichtsinnigen Lebenswandel. Die Kinder aus dieser Ehe sind kränkliche, sehr elende Geschöpfe, welche ihre Mutter schlecht behandeln, die jetzt eine alternde, gebrochene, kranke Frau ist. Ihr großes Vermögen soll sie ganz allein und zwar ausgezeichnet verwalten. Vor ein paar Jahren starb ihr Bruder, ein alter Geizhals, der hauptsächlich von Cognac gelebt haben soll. In seinem Testament vermachte er ihr 20 000 Pesos, im guten Glauben, dies sei sein ganzes Vermögen; es fanden sich aber statt dessen 4-5 Millionen, die sie alle erbte; seine illegitime Familie, und die scheint hier jedermann zu haben, bekam garnichts. (Ein südamerikanisches Sittenbild!)

23. September. Seideneck fand Erlasse aus Berlin vor, die die Ernennung Herrn von Gutschmids zum Minister mitteilen und sagen, daß Seideneck nach Ankunft Gutschmids, welche vielleicht schon im November stattfinden wird, nach Havanna abreisen soll. Ihm und uns hat die Nachricht sehr leid getan. Er hat jetzt eine brillante Stellung hier und verdiente wohl als Anerkennung für seine Abmachungen in der Kriegsentschädigungsangelegenheit »Es zeigt sich hier, daß das menschliche Handwerkszeug, mit dem die deutsche Politik arbeitet, ganz anders leistungsfähig ist, als die betreffenden Kräfte anderer Nationen. ... Diese Sachlage ist hier sehr praktisch zutage getreten: Von den Kriegsreklamationen aus dem Peruanisch-Chilenischen Krieg wegen Beschädigung ausländischen Eigentums durch chilenische Truppen (d. h. Brandstiftung, die nicht während einer Schlacht oder Belagerung geschehen) sind soeben nur die Ansprüche deutscher Reichsangehöriger von der hiesigen Regierung bezahlt worden, keine andere Nation hat bisher etwas bekommen, noch je Aussicht, etwas zu erhalten. Die deutsche Vertretung schloß einen besonderen Vergleich mit Chile. Die Engländer, von denen viele Nachbarn der jetzt entschädigten Deutschen sind und die nichts bekommen, sind natürlich wütend, sie sagen: ›only Bismarck knows to manage these things‹ – gewiß, aber er hat auch sehr gute Diener.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 3. September 1887. noch eine Weile hiergelassen zu werden. Wir werden schwerlich je einen andern hierherbekommen, mit dem es sich so gut kameradschaftlich lebt.

24. September. Wir bummelten viel in den Straßen herum, und aus Freude daran, mal wieder pariserhafte Läden zu sehen, kauften wir allerhand entzückende Dinge. Abends aßen Edmund und ich bei der reizenden Mme. Echaurren in ihrem wundervollen, höchst eleganten Hause. Mme. Echaurren macht noch ganz den Eindruck eines Kindes, und ihre Mutter, welche ganz bei ihr lebt, empfängt für sie. Diese Mutter ist eine höchst kuriose alte Spanierin, welche mir erzählte, sie sei die intimste Freundin der Königin Isabella. Bei Tisch saß ich neben einem Balmaceda, Bruder des Präsidenten, der auch recht tropisch in seiner Bewunderung ist.

25. September. Morgens holte uns Dr. Vulpius ab, und wir fuhren mit ihm in die Quinta Normal, um dort unter Führung des Professors Philippi das Museum zu betrachten. Unter den amerikanischen Tieren und den Altertümern war einiges recht interessant, daneben aber auch allerhand ridiculer Theaterplunder. Wir lunchten im Restaurant mit Philippi und Vulpius, und die echt deutsche professorenhafte Unterhaltung dieser beiden machte Edmund und mir beim Anblick der Kordilleren einen ganz eigentümlichen, halb komischen, halb rührenden Eindruck: Es gibt doch einzelne so scharf ausgeprägte Gattungstypen, daß sie sich überall gleichbleiben, von keiner Umgebung und geographischen Lage beeinflußt werden.

26. September. Mittags fuhren wir zu den Rennen, zu denen der neue Präsident zum erstenmal kam. Wir saßen in seiner Tribüne mit dem diplomatischen Korps und dem Ministerium und ich wurde dem Präsidenten und der Präsidentin vorgestellt, wobei er mir einen liebenswürdigeren Eindruck machte als sie. Mme. Elias Frau des Peruanischen Gesandten C. M. Elias. war unter den Damen die einzige, die wirklich nach einer vornehmen Frau aussah.

28. September. Gepackt und Besuche und nachmittags fortgefahren. Sehr ungern Santiago verlassen.

15. Oktober. Die ganze Zeit sehr schwer krank gewesen, habe mich nie dem Sterben näher gefühlt und cannot say, that it was a pleasant experience. Dabei von den Ärzten eher kränker als gesunder gemacht und keine wirkliche Pflegerin zu haben. Seit ein paar Tagen stehe ich etwas auf und werde in den Wagen getragen, um spazierenzufahren. Fühle mich schwach und elend und gänzlich decouragiert.

2. November. Morgens mit Edmund in die Palmen quebrada gewandert, in Begleitung eines indianischen Muchacho, Diener. der uns Frühstück nachtrug. Draußen gemalt und den schönen Tag sehr genossen.

9. November. In dieser Zeit gelesen den ersten Teil der »Kulturgeschichte« von Julius Lippert, »Zohar« von Catulle Mendez, verschiedene Artikel in der »Rundschau«, einen über Schopenhauer.

Dezember. Viel ausgeritten. Mehrere Tage krank ... Sehr nettes behagliches Weihnachtsfest, das netteste der drei, die wir zusammen erlebt. Seit dem 29. große Sorgen wegen der Cholera. Der neue Minister Herr von Gutschmid Freiherr von Gutschmid. angekommen. Am 31. Diner für ihn bei uns. Im Anfang allgemein gedrückte Stimmung wegen der Cholera, später tauten die Gäste und wir auf. Das Jahr begonnen mit viel ernsten Gedanken und guten Vorsätzen und mit dem Gebet, daß wir uns erhalten bleiben. In diesem Monat gelesen »Middle march« und »Scenes of clerical life« von G. Elliot. Edmund las mir Treitschke vor.

1. Januar 1887. Mich dünkt manchmal, daß in mir außer dem Geist, der mit dem täglichen Leben sich beschäftigt und sich über dasselbe seinen Vers macht, noch ein andrer höherer Geist wohne, der noch im Werden, sich selbst noch nicht bewußt geworden ist. Es ist mir oft wie ein Schmerz, als fühlte ich ein zweites Leben in mir, das nicht zum Ausdruck kommen kann. Ich habe so keinerlei Gaben und kann gar nichts. Oft will es mich dünken, könnte ich nur das Kleinste leisten, ganz aus mir selbst heraus und selbständig, so käme dieser zweite Geist zur Ruh. Im kleinsten Schaffen müßte ihm so sein wie Gott, der die Welt schuf und sich in ihr bewußt ward. Gelesen das Buch über den »Krieg in China 60« und über den »Krieg 70/71« von Graf Herisson, das erstere vorgezogen. Viel in »Rundschau« und »Revue« gelesen mit Edmund. Ebenso »Über den Tod« von Schopenhauer. Habe mir daraus besonders gemerkt, wie es eigentlich unmöglich ist, daß etwas von uns vergehe, und wir uns garnicht vor dem Tode fürchten sollten, weil dasjenige in uns, was sich gegen den Tod sträubt, der Wille zum Leben, dasjenige ist, was eigentlich die ganze Welt, das Ding an sich ist, welches nie vergehen kann und welches auch nach uns in andern Wesen weiter bestehen wird. Wir sind eine Erscheinungsform des Willens zum Leben, der sich, wenn das einzelne Individuum auch vergeht, in der Gattung stets weiter offenbart. Hinweis auf eine Art Seelenwanderung, d. h. Wanderung des Willens zum Leben aus einer Hülle in die andere ...

Ein nettes Picknick mit Gutschmid und Claire Adelsdörfer nach dem »Zorrashaus« »Der Weg nach unsrer neuen Villa führt auf der alten Fahrstraße nach Santiago, biegt dann links ab in eine Schlucht, die sog. »Zorras«, d. h. Tal oder Schlucht, vielleicht kommt das Wort von Fuchsbau her, weil hier früher viele Füchse gewesen sein sollen. Das Tal, dicht belaubt, sieht immer wie eine schöne Überraschung aus nach dem dürren Felsweg; unser Haus kann man nicht von oben sehen, da es gänzlich von den Bäumen des Gartens verdeckt ist. Vor dem Hause innerhalb des von dem Vorfahrtsweg gebildeten Kreises ist der gepflegte Garten mit Springbrunnen, Palmen und Blumenbeeten, links ein mit Staketenzaun und Schlinggewächsen ganz abgeschlossenes Gärtchen, die sog. Glorieita, darin in der Mitte ein Hügel mit Veilchen und Vergißmeinnicht bedeckt. Rechts vom Haus das Gemüseland, Erdbeeren etc. und einige hübsche Alleen von Linden und Eukalyptus, auch ein Badehaus mit großem Schwimmbassin. Dahinter gehört ein hoher Berg mit Einsiedlerhütte mit zur Besitzung, die hier »Quinta« genannt werden (Landhaus mit Garten). Links vom Hause noch eine tiefe Schlucht, die das alte, jetzt ausgetrocknete Flußbett gebildet hat. Hier stehen nun, das heißt im Frühjahr und Winter, schöne Orangenbäume, die auch Früchte tragen, und die wir besonders pflegen, auch riesige Aloes und Kakteen.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 1. März 1887. gemacht. Am 30. Edmund und ich allein dort gewesen, Edmund einiges vorgelesen aus meiner Choleranovelle, nicht erhalten. die ich in diesem Monat begonnen.

Februar. »Nora« von Henric Ibsen mit Edmund gelesen. Beide sehr ergriffen davon. Eine fabelhafte Satire auf männlichen Egoismus und Überhebung in der Ehe. Wir sagten uns aber beide, daß die Welt für dieses Stück noch nicht vorgeschritten genug sei. All die Tage im Zorrashaus gewesen und dort eingerichtet, was z. T. spaßhaft, z. T. ärgerlich und ermüdend war. »Familienglück« von Tolstoi gelesen; es hat mich darin frappiert, wie merkwürdig T. es versteht, sich in Gedanken und Gefühle eines jungen Mädchens zu versetzen; die Beschreibung von Marias Liebe finde ich meisterhaft; ebenso wie sie sich später nach den ersten Eindrücken und Glück ihrer Ehe zurücksehnt, das doch durch ihre Schuld, etwas früher als sonst wohl geschehen wäre, vergangen ist. Der Grundgedanke aber ist, daß dies Entzücken und Glück immer, auch in den besten Fällen, schwinden müssen, und daß diese besten Fälle eben darin bestehen, daß das Schwinden ruhig und allmählich geschieht ohne Verstimmungen und ohne Katastrophen.

Am 10. Februar nach Los Zorras gezogen. Die Kinder einige Tage später nachgekommen. Den ganzen Monat sehr viel mit Packen und Einrichten zu tun gehabt, dazwischen auch krank gewesen. Etwas an meiner Novelle geschrieben, aber im ganzen nicht zu viel gekommen, hauptsächlich in praktisch häuslichen Dingen gelebt und mich daran gefreut, zum erstenmal, seit Edmund und ich verheiratet sind, ein selbsteingerichtetes Häuschen zu haben.

März. Am 22. Kaisers Geburtstag gefeiert, in Valparaiso durch eine Art Gottesdienst mit musikalischer und historischer Färbung im Turnverein. Kindergesang, Männerchor, Streichquartett, Rede von Pastor Fiedler – etwas Potpourri, aber doch viel würdiger, als das zuerst beabsichtigte Volksfest. Nachher Déjeuner im deutschen Konsulatsrestaurant. Abends Tanz im Turnverein. Wohltuend zu sehen, wie franchement die Deutschen sich amüsierten.

26. März von Los Zorras abgereist Zu einem Ausflug in die Kordilleren. und abends in Panquene angekommen. Eisenbahnfahrt in überfüllten Waggons bis San Felipe; von da zu Wagen auf sehr holprigem Wege am Aconcagua entlang bis zur Hazienda.

27. März. Haus und Garten besehen, den Morgen in Hängematten auf der Veranda gebummelt, unter einem Weinlaubdach, von dem Riesentrauben, blau und rosalich, herabbaumelten. Nachmittags eine hübsche Ausfahrt in die Felder gemacht, wo das Vieh weidete, am Fuß der starren grauen Felsen. Zum erstenmal in Chile wirkliches Grün gesehen auf den Wiesen, und an den graziösen Maitenbäumen. Schöner Sonnenuntergang, die Bergkette im Hintergrund noch leuchtend rosarot mit blaudunstigen Schatten, als die näheren, niedrigeren Berge schon ganz lichtlos waren mit gelbbraunen Felsentönen.

28. März. Mittags per Eisenbahn von San Felipe nach Los Andes gefahren durch ein reiches fruchtbares Tal mit großen Reben und Weiden. Alles in herrlichstem Grün. Los Andes ein kleines sehr niedlich gelegenes Städtchen, mit Blick auf die fernen Gebirge. Von Los Andes zu Wagen gefahren an den Bergen entlang durch schöne reiche Gegend nach einem kleinen Hotel, das am Aconcagua liegt. Das Hotel » Bismarck« von einem Herrn von Knesebeck gehalten, der offenbar bessere Tage gesehen hat, sehr reinlich, einfach und nett.

29. März. Um fünf aufgestanden und per Wagen nach Los Lorros gefahren, dort zu Pferde gestiegen. Auf einem ganz fabelhaften Weg auf mittlerer Höhe eines ganz steilen Geröllbergs, zu dessen Fuß der Aconcagua schäumt, nach dem Salto del Soldado geritten, einer merkwürdigen engen Felsenspalte, durch die der Aconcagua sich drängt. Von da aus weiter bis nach Guardia vieja, einem ranchoartigen Gasthaus, wo wir mittags aßen, ruhten und ich etwas skizzierte. Nachmittags weiter geritten bis Juncal, wo wir abends sehr müde ankamen. Nachtessen im Freien, bei malerischer Umgebung von allerhand Pferdetreibern, die den nächsten Tag nach Argentinien weiter wollten. Sehr kalte Nacht auf Strohbetten zugebracht, wir fünf in einem großen Zimmer, in welchem ein Verschlag für Rose und mich abgeteilt war. Dach mit starker Ventilation!

30. März. Um sechs aufgebrochen unter Führung des pittoresk schmutzigen Ranchobesitzers Don Pedro. Vier Stunden geritten durch eine schauerlich einsame Gegend mit sehr schlechten Wegen, immer schöner werdender Aussicht auf schneebedeckte Berge. Mittags geruht auf einem weiten einsamen mit Felsblöcken bedeckten Plateau am Fuß der sieben Juncal-Gletscher, aus denen ein Lauf des Aconcagua entspringt. Rose Carvallo und ich die ersten Damen, die je bis dahin gekommen. 10 000 Fuß Höhe. Der Heimritt bis Juncal sehr windig, die Nacht in Juncal wir alle kaum geschlafen.

31. März. Früh von Juncal zurück und abends in Panquene angelangt, sehr entzückt von dem Ausflug, die Gegend großartig gefunden, charakteristisch durch die Riesenkakteen. Die Pferde durch Dauerhaftigkeit und Sicherheit über alles Lob erhaben. Mehrere Kondore gesehen.

April. Den 1. April nach Los Zorras zurückgekehrt, wo wir die Kinder, Gottlob, wohl fanden. Ganz stilles regelmäßiges Leben begonnen, Ranke zusammen lesend und ich die Türen malend. Am 6. einen Spaziergang in die Pinische Quinta gemacht, wo eine alte Französin mit ihren zwei Kindern, wovon das eine ein Krüppel und das andre idiotisch ist, ganz einsam lebt. Die alte Frau führte uns durch ihren großen Garten, in dem herrliche alte Bäume stehen und alles malerisch überwuchert ist von Wein, Brombeeren und anderen Schlingpflanzen. Sie machte mir einen tiefen Eindruck durch die Courage, mit der sie ihr schweres Schicksal anzufassen schien, und es war rührend zu sehen, wieviel Freude an der Natur und wieviel Frische sie sich bei alledem bewahrt hatte.

Mai. Viel im Garten herumgepusselt. Im Ganzen d'une humeur noire gewesen, mit viel Heimweh und allgemeinem Desperatsein bei dem grauen und doch regenlosen Wetter und der Abgeschiedenheit von allem, was man früher interessant fand. Edmund mir vorgelesen Treitschke »Geschichte des 19. Jahrhunderts«; selbst gelesen Lindau »Der Zug nach dem Westen«.

Juni. In der Nacht vom 2. auf 3. endlich unsern ersten Regen in Chile erlebt und uns sehr daran gefreut. Am 3. wanderten wir morgens in Regenmänteln und dicken Stiefeln durch den Garten und besahen mit Rührung jede Regenpfütze.

Am 5. im Garten gearbeitet. Blumen gepflanzt, nachmittags einen schönen großen Ritt auf dem alten Santiagoweg gemacht. Ein sehr behaglicher glücklicher Hochzeitstag, wie wir uns noch viele wünschen.

Am 12. Juni. Gegen Mittag Edmund und ich mit Marie nach Santiago abgereist. »Unser Ministerresident hat uns eingeladen, in seinem Hause einige Diners mitzumachen, die er den diplomatischen und sonstigen Spitzen der Hauptstadt gab, wobei Lisa die Honneurs des Hauses machte.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 25. Juni 1887. Schöne Fahrt mit hellem sonnigem Wetter. Unterwegs mit zwei netten alten Chilenen zusammengetroffen, die recht interessant über hiesige Geldverhältnisse sprachen. Herr von Gutschmid war an der Bahn und brachte uns ins Hotel. Abends bei ihm gegessen in seiner ganz reizenden Wohnung mit schönen spanischen Kabinetten, chinesischen Kuriositäten und hübschen Kopien von spanischen Gemälden. Nach Tisch zu der argentinischen Gesandtin gefahren, Madame Uriburu, die uns schön Klavier vorspielte; ihr Salon höchst einfach und der Vorplatz stockdunkel.

Am 13. Juni Besuche gemacht und bei Gutschmid diniert; nach Tisch viele Photographien aus Asien besehen, die mir sehr den Wunsch gaben, einmal dahin versetzt zu werden; den gänzlichen Mangel an großer Vergangenheit und an alter Kultur fühlt man hier so sehr.

Am 14. Juni lunchte Baron Gutschmid bei uns, sehr in Eile, weil er noch allerhand Möbel für den Abend auszupacken hatte; ein großer Kronleuchter lag noch im Hof. Zum Diner war alles sehr gut fertig geworden und die Wohnung sah reizend aus. Ich machte die Honneurs Die Zeitungen berichteten: »Para valernos de una espresion del Figaro, ya que hablamos de una fiesta en la legacion alemana, esencialmente parisiense, por lo graciosa i amena, diremos que, ›notamos entre los asistentes‹, a la señora baronesa de Heyking, personificando la gracia i la elegancia perfecta, porque en ella es inconsciente.« und es führte mich Ruperto Vergara, der mir auf fatale Weise faustdicke Artigkeiten sagen wollte, die aber nur unter Indianern dafür gelten können. U. a. sagte er: »on voit tout de suite, que vous êtes une femme comme il faut, et moi je m'y connais.« »Votre mari a l'air d'être bien amoureux de vous, si j'étais à sa place, j'en ferais autant et plus.« Später sagte er im Beisein des allerdings sehr rauhbeinigen französischen Gesandten und seines Sekretärs: »Sous l'empire on envoyait au moins des gentlemen comme ministres, mais maintenant qu'est ce que c'est que ça.« Madame Uriburu, die neben Gutschmid saß, frug ihn, ob man nicht in Europa die Preise der Weine auf die Menüs schriebe. Sie selbst hatte einige Tage vorher ein Diner gegeben, bei welchem ein beliebiges französisches Menü auf dem Tisch lag, auf dem Turbot und Chevreuil stand, was es in Chile überhaupt nicht gibt. – Dem Diner folgte eine musikalische Soirée von zirka 50 Personen, von denen keine sechs wirklich dem sehr guten Streichquartett zuhörten; die übrigen sprachen unausgesetzt, so daß die Musiker mir leid taten. Eine alte Dame, deren Salons als geschmacklos bekannt sind, sagte zu Gutschmid über seine Wohnung: »Mais oui, pour un appartement de garçon, ce n'est pas mal, vous n'avez pas besoin de plus.« Mir fiel es wieder auf, wie leicht Soiréen hier steif ausfallen, da sich die Damen nie getrauen, allein im Zimmer zu gehn, Plätze zu wechseln und etwas Animation hineinzubringen; sie sitzen auf dem Sessel angenagelt, den sie zuerst einnehmen, bis irgend ein Herr sie erlöst und wieder auf einen andern Platz führt. Nachdem alle Gäste fort waren, amüsierten wir uns sehr gut, da die Musiker blieben und der schwedische Pianist Arnoldson uns reizend vorphantasierte. Recht charakteristisch war mir bei der Gesellschaft ein alter Franzose, der hier ist, weil er große Reklamationen an die hiesige Regierung hat. Er hat jahrelang in Südamerika gelebt und sich viel mit Minen beschäftigt. Jetzt will er eine große Gesellschaft mit Lesseps gründen, um Gold in einem Peruanischen Fluß zu waschen. Er behauptet, es lägen große Goldbänke dort, die seit Jahrtausenden von dem Fluß angeschwemmt wurden. Kaum daß er das Wort »Gold« und »Mine« aussprach, leuchteten seine Augen, seine Stimme bebte, und der ganze Mann machte den Eindruck eines Halluciné. Dieses Goldfieber ist wirklich eine charakteristische Seite hiesigen Lebens, es ist die Spielwut in ihrer höchsten Potenz.

Am 15. Juni machten wir Besuche beim Präsidenten, wo nur zerlumpte Dienerschaft zu sehen war und wir eine Viertelstunde mit dem kleinen Balmacedas Kleiner Sohn des Präsidenten. auf dem Vorplatz warteten. Nachher erschien der Präsident in seinem langen malerischen Rock, in welchem er wie ein altniederländisches Bild aussieht, und dann kam auch die Präsidentin. Beide waren höchst liebenswürdig. Von da machten wir beim Minister Perez H. Perez de Arce, Finanzminister. Visite, wo überhaupt keine Dienerschaft vorhanden war, sondern die Tochter des Hauses unsere Karten entgegennahm. In der Straße war gerade eine Wasserleitung zerbrochen, so daß mich Edmund über die Straße trug.

Am 16. Juni war Lunch bei Gutschmid, mit den Vergara Bulnes und mit Mr. Fraser, dem englischen Minister und seiner Frau. Letztere ist die erste vornehme Frau, die ich seit langem gesehen habe; dabei hat sie einen ihr eigenen rührenden Zauber, der in einer fortwährenden Kränklichkeit besteht, die sie mit wahrhafter, aufrichtiger Religiosität trägt, und behält, obschon sie selbst gar nicht worldly ist, doch die Objektivität, bei andern Eleganz zu bewundern. Sie ist vor Jahren in Rom zur katholischen Kirche übergetreten, weshalb sie einige Jahre von ihrem Mann getrennt gelebt hat; well he must have been the loser by it! Wenn man nur sicher wäre, vom Katholischwerden so reizend zu werden wie sie, könnte man es jedem empfehlen. Unter den Umständen war es höchst taktvoll von Herrn Vergara, ihr zu sagen, daß sie »trop pieuse« sei!

19. Juni. Diner bei den Vergara Bulnes mit der Familie Martinez (er war früher chilenischer Minister in London). Sehr zivilisierte Leute. Bei Tisch wieder ein Menü mit Dingen, die es in Chile gar nicht gibt. Vergaras sollen ganz ruiniert sein und leben von Pump und Spiel, was mir das Diner etwas peinlich machte.

Am 20. Juni Deutsches Diner bei Gutschmid, wobei mir Dr. Möricke sehr gefiel. Die andern unmöglich. Ein Tarapski ließ uns eine halbe Stunde warten, wir setzten uns zu Tisch, schließlich kamen sie, und der Mann sagte als einzige Entschuldigung: »Verzeihen Sie, daß wir nicht von militärischer Pünktlichkeit sind.« Die Frau, gemalt wie eine Kokotte, aß mit Gabeln und Messern in der Luft und ließ alles auf die Erde fallen, wozu Gutschmid sagte: »Der größte Teil des Diners befindet sich unter dem Tische.«

Am 22. Juni morgens Pferde betrachtet und gekauft, abends nach Valparaiso zurückgekehrt.

Ende des Monats hier wohltätige Aufführung im Theater, ein entsetzlich langweiliges Amateurkonzert, dann eine spanische Komödie und zum Schluß ein Tableau: Glaube, Liebe, Hoffnung, letzteres ich. Am Anfang saßen alle Mitwirkende im Kreise auf der Szene, drei fette Italienerinnen besonders als Lockspeise auffallend – es erinnerte sehr an Café chantant in Paris; die einzigen, die es bemerkten, waren wir – den hiesigen Indianern schien es nicht unangenehm aufzufallen.

Juli. In den ersten Tagen ein Diner für Ruperte Vergara gegeben, zu dem niemand kommen wollte, weil sich alle fürchteten, auf dem Heimweg von ihm angepumpt zu werden; aus gleicher Angst aber wollten wir nicht mit ihm allein essen, schließlich war es noch ganz lustig.

Gelesen: »Ein adliges Nest« von Turgenjew und »Helene« von demselben. In ersterem kann die Heldin ihren Geliebten nicht heiraten, weil sich dessen totgeglaubte Frau plötzlich als lebend vorfindet; darauf verläßt die Heldin ihre Eltern und Geschwister und geht ins Kloster. In »Helene« heiratet die Heldin im geheimen und im Bewußtsein des Widerspruchs ihrer Eltern ihren Geliebten, der ein bulgarischer Freiheitskämpfer ist; nach kurzer Ehe aber stirbt er an der Schwindsucht; nun kehrt sie aber nicht etwa zu ihrer kranken Mutter heim, sondern schreibt, daß es für sie keinen Zweck mehr habe, in Rußland zu leben, sondern sie müsse ihres Mannes Andenken treu bleiben und nach Bulgarien gehen, wo gerade gekämpft wird. Dann ist sie verschollen. Diese falsche Sentimentalität und der Mangel an wirklicher Moral in beiden Büchern hat mich sehr frappiert. Schmerz sollte nicht die Folge haben, daß der Mensch sich in selbstsüchtige Betrachtung seiner eigenen Leiden vertieft und so seinen Pflichten aus dem Wege geht, sondern er sollte jeden dahinführen, sich wirklich selbst zu vergessen und nur um so mehr für die Nächsten zu leben.

August. Viel im Garten gearbeitet, trotz entsetzlicher Regengüsse, die uns am 21. [Juli] sogar an der Abreise nach Santiago hinderten.

Am 2. August nach Santiago gereist. Beim Diner zwischen Gutschmid und Vergara Debatte über Don Carlos, »Jetzt ist der berüchtigte Prätendent Don Carlos in Santiago, er macht eine Rundfahrt in den südamerikanischen Republiken; er wird von der vornehmen, hochultramontanen Gesellschaft Santiagos gefeiert, was taktlos gegenüber der spanischen Regierung ist.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 8. August 1887. der kürzlich in Chile gewesen und von den Chilenen, die wie alle Republikaner prinzentoll sind, sehr fêtiert worden ist, besonders von der hiesigen ultramontanen Oppositionspartei. Der spanische Gesandte hat sich darüber natürlich froissiert gefühlt, und sucht Baron Gutschmid und uns, die wir auch zu einem solchen Don-Carlos-Diner geladen waren und mit Ostentation nicht hingingen, seine Anerkennung dafür zu beweisen.

Am 5. August bei Gutschmid mit dem französischen, kolumbischen und bolivianischen Gesandten zusammen. Letzterer eine Art Wilder, der uns aber viel von Bolivien erzählte. Es steht dort eine neue Präsidentenwahl bevor, zu der Arcey und General Chamaco aufgestellt sind; hoffentlich wird Arcey gewählt, der ein Hauptaktionär der Huanchachamine ist und der viel für Eisenbahnen und gutes Einvernehmen mit Chile tun würde, wodurch dann alles dort angelegte Geld sehr steigen würde. Heyking hatte sich überreden lassen, einen Teil des Vermögens seiner Gattin in dieser Huanchachamine anzulegen.

Am 6. August aß Baron Gutschmid bei uns im Hotel, wo es so stark einregnete, daß neben dem Eßtische eine Badewanne stand!

Am 7. August Diner mit allen hiesigen Ministern. Mich führte Señor Amunátegui (M. L. Amunátegui, Minister des Äußern), ein liebenswürdiger alter Doge.

Am 8. nach Valparaiso zurückgekehrt.

Gelesen »Rabagas« par Sardou, was mir durch seinen beißenden Witz, der nicht nur in Worten, sondern in Situationen liegt, sehr gefiel. »Was soll das werden« von Spielhagen hat mir gar nicht gefallen. Es hat alle Spielhagenschen Fehler der embrouillierten Erzählung mit unehelichen Kindern und allen möglichen unklaren Verwandtschaften, dazu fortwährende Attacken gegen Bismarck und ein gänzlicher Mangel an Verständnis für den schönen Patriotismus von 1870. Lassalle, das Sozialistengesetz, Stöcker, die Nihilisten müssen in Spielhagens Kopf stark gespukt haben. Aus alledem hat er einen großen sozialistischen Roman backen wollen, der aber nicht geraten. Höchst unklar, dazu unmögliche Situationen und eine übertriebene Sprache. Außerdem gelesen: »H. Heines Leben und Werke« von Strodtmann.

September. Am 1. eine Einladung zu Browns für denselben Abend zum Diner erhalten. In aller Hetze hingefahren und unterwegs den Wagen zerbrochen. Dort mit dem Intendanten Freire diniert, der früher Minister des Auswärtigen war und mir erzählte, daß er während der Zeit in den Noten Herbert Bismarcks Charakter sehr studiert habe; Herbert Bismarck bekümmere sich um Chile und habe sehr genau Chiles präponderierende Stellung auf dem Pazifik erkannt, während der Fürst Bismarck gar kein Interesse für Chile habe.

15. September mit dem ersten Zug nach Santiago gefahren, müde und zerschlagen angekommen.

17. September. Zum Ball in die Philharmonie gefahren, von wo wir aber nach einer Stunde weggingen, da es zu medio pelo (gemischte Gesellschaft) war, vermischt mit schlechter Luft, einem wackelnden Fußboden, usw.

18. September von Herren gehört, daß am Abend vorher, zum Schluß des Philharmonieballs, eine Art Prügelei gewesen ist!!

19. September. Diner uns zu Ehren bei Alamosa. »Eine zur erzklerikalen Partei gehörige Familie, was dort die beste und vornehmste Gesellschaft ist, im Gegensatz zu den antiklerikalen Regierungskreisen.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 25. September 1887. Gutschmid und Andrada, der brasilianische Gesandte und Schiedsrichter in den Reklamationen, waren auch da. Edmund und ich führten den Herrn und die Frau des Hauses, und Alamosa sagte mir, er gäbe das Diner »para hacer una manifestación para V. V. una ovación muy merecida«. »um eine Kundgebung für Sie zu veranstalten, eine wohlverdiente Ehrung«. Der Ton bei dem ganzen Diner war ein außerordentlich herzlicher und freundschaftlicher. Dadurch, daß die vielen Verwandten der Frau Alamosa da waren, hatte man ganz die Empfindung, en famille zu sein, und man merkte auch, daß sie uns damit gerade die größte Ehre antaten, die sie erweisen konnten. Es war ein fortwährendes Zutrinken nach hiesiger Sitte, was denn den Herren auch zu Kopf zu steigen schien. Der Brasilianer, dem man sonst hier sehr die Cour macht, damit er in den Schiedsgerichten günstig für Chile entscheidet, war offenbar ganz betreten, nicht der Gefeierte zu sein.

24. September. Im Waggon viel darüber gesprochen, daß der Dienst uns recht wenig Chancen bietet, daß man aber auch andrerseits kein Recht hat, etwas anderes zu erwarten, wo soviel andere und vielleicht bessere doch auch nie aus den mittelmäßigen Stellungen herauskommen und man schließlich im Ausland doch immer mehr noch eine Rolle spielt wie zu Hause, wo man ganz verschwinden würde. An einer Station mit den Brown Carvallos zusammengetroffen, die von ihrem Gut zurückkamen, wohin sie mit ihrem Baby Festtag = Hochzeitsreise gemacht hatten. Das sind doch die reinsten Freuden, auf die man immer wieder zurückkommt, und die man sich auch in der bescheidensten weltvergessensten Stellung verschaffen kann, solang nur das Herz noch jung ist und uns nicht Sorgen die Elastizität geraubt haben, welche dazu gehört, um solch kleine Ausflüge in das Reich der Romantik unternehmen zu können.

26. September. Abends viel mit Edmund in seinem Zimmer geschwatzt. Wir sprachen über die Persönlichkeit Christi, und warum die Kirche eigentlich sein Opfer so groß darstellt. Es ist ja doch viel schwerer, sich tagtäglich verborgen und vergessen zu opfern, wie einmal im vollen Bewußtsein einer Mission, im Glauben an eine Idee zu sterben...

Unser neuer Kutscher hat seine Frau und Kind herkommen lassen. Abends starb das Baby, das schon sehr krank hertransportiert worden war. Die Leute hatten über Tags um nichts für das Kind gebeten, sondern es so ziemlich »unattended« sterben lassen; sowie es aber tot war, baten sie um Kleider und Bänder, es auszuputzen, und es schien für alle Dienstboten als eine Art Fest. Marie (französische Jungfer) war ganz aufgeregt, verfertigte ein Kleid, von dem sie meinte, es sei so schön wie das der »Notre-Dame de Lourdes«, und da das Kind damit vor dem lieben Gott zu erscheinen habe, würde uns das Glück bringen. Die Leute schienen es übrigens als un bon débaras anzusehen und geben hier ja überhaupt weniger acht auf ihre Kinder wie wir auf junge Puttkücken. Wäre ich doch eine George Eliot, um die kleinen Misèren schildern zu können, die man so alltäglich vor Augen hat. Ich bin seit längerer Zeit schon in der allerunglücklichsten Stimmung, und bekomme immer mehr einen Dégout vor diesem Leben hier, was für mich noch so viel, viel schwerer wie für Edmund ist, und über das ich doch suche vor ihm nicht zuviel zu klagen. Wie mir oft wirklich zu Mut ist, sag ich zu niemand. In vieler Hinsicht ist mein Leben ein so verlorenes und zerstörtes und ich empfinde so recht die Trauer, die durch soviel Existenzen geht, zu dem nicht kommen zu können, wozu man eigentlich beanlagt war. Es ist ja wahrscheinlich durch eigne Fehler so gekommen, aber warum ist uns die Möglichkeit gegeben, so jung unser ganzes Leben verderben zu können? Oft möchte ich glauben können, daß dies nur ein paar Probejahre sind, und daß sich dann auch das Rad für uns wenden wird, aber wo soll die Wendung, wo soll das Glück herkommen? Wir haben ja gar keine Chancen, sind ganz ohne Freunde, es ist so aussichtslos. Edmund dauert mich so, er muß so bitter werden, wenn er daran denkt, wie anders er sonst dastand ...

12. November. Zur Stadt gefahren und da die Nachricht bekommen, daß es mit dem Kronprinz so sehr schlecht steht – er hat also Krebs und geht von San Remo nach Berlin zurück, – es klingt so hoffnungslos und als suche man ihm nur den Sterbeort aus. Ich konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken und habe auf offener Straße darüber geweint. Es ist zu unglaublich hart für ihn, für das ganze Land, für seine unglückliche Frau! Ich hatte Visiten zu machen und Leute begegneten mir, und ihr kühles teilnahmsloses »what sad news about your crownprince« oder »wie schlecht es dem Kronprinzen geht« ging mir ordentlich auf die Nerven. Wie kann man so konventionell bleiben einem solchen Unglück gegenüber? Ich mag nicht daran denken, so sehr muß ich bei jedem Gedanken daran weinen, – und all diese Leute, die doch Deutsche sind, sprechen davon wie von den Silber- und Kupferpreisen. Ich mochte schließlich mit niemand mehr darüber sprechen, so sehr erschien es mir eine Entweihung. – Haben denn all diese Menschen gar keinen Patriotismus, der sie lehre, diesen Verlust eines Landes und diesen Jammer einer Frau und eines Mannes zu verstehen? O lieber Gott, wenn ich ihm mit meinem Leben sein Leben erkaufen könnte, wie gern gäbe ich es – und ohne das Gefühl eines großen Opfers – wer sehnte sich denn nicht, etwas wirklich Großes, der Menschheit oder einem Teil der Menschheit, also dem Vaterland, Förderliches tun zu können – man preist Christus, man preist die Märtyrer, ja, wer mit Phantasie und Idealismus wäre denn nicht gern ein Märtyrer, wenn er nur die Idee fände, die des Märtyrertums wert wäre! Meine Idee, mein Kultus nun ist Deutschland, in dem ich soviel gelitten, dessen kleinliche nörgelnde Seiten ich so gut kenne, und das ich doch mit so ganzer Liebe liebe. Gott behüte es und diejenigen, die ihm Herr sein sollen! Ein so Großer der Erde, und speziell unsres Vaterlandes scheint im Sterben zu liegen, und doch geht die Welt hier so ruhig und ungestört ihren Gang weiter, – was sind wir kleine einzelne denn, wenn ein so Großer so vergehen kann, wie können wir denn Mitleid, Teilnahme von andern erwarten? Die Welt ist sich ja untereinander so gleichgültig geworden. Diese Gleichgültigkeit selbst erscheint mir aber als ein Mangel an Phantasie, als eine große Herzensunbildung! Ich sehe vor mir in Bildern, die ich malen könnte, den Schmerz und die Verzweiflung all derer, die ihn geliebt, für jeden einzelnen fühle ich, dem mit ihm eine Hoffnung, eine Erinnerung, ein Streben stirbt – und hier scheint sie alle das so kühl zu lassen. Wissen sie denn gar nicht, was ein Schmerz, was das Zweifeln an einer göttlichen Gerechtigkeit ist? ... Wir machten Besuche und aßen dann in einer kleinen Kneipe, – am Tisch neben uns saßen fremde Matrosen, und ich hörte einen sagen in bewegter Stimme: »The crownprince of Germany is dying and he was the most important man for Germanys future«. Das war das erste Wort an dem Tag, das mir ganz sympathisch war, – o lieber Gott, behüte ihn und behüte Deutschland!

Dezember. Am 1. aß A. bei uns, er ist neu angekommen, hat bei den Karlsruher Dragonern gedient, sprach viel von dort und besonders auch von Herrn von M., was mich viel mehr impressionierte, als ich es erwartet hätte. – Die ganze Jugendzeit stand wieder dabei vor mir, und ich empfand die tiefste Sehnsucht danach zurück, weniger vielleicht um dessentwillen, was sie wirklich enthielt, wie um das, was man in ihr alles so sicher erhoffte. Wie viel Unrecht, Enttäuschung und Schmerz seitdem! Ich habe auch, sooft ich an die Zeit zurückdenke, sosehr die Empfindung, gegen M. nicht recht gehandelt zu haben, und doch war mir soviel Falsches über ihn als ganz bestimmt mitgeteilt worden, daß er mir sicher verzeihen würde, wenn er es alles wüßte!

Am 4. zwei Jahre her, daß ich Stephaniechen wieder habe, – viel Angst um sie in der Zeit durchgemacht und sie immer lieber gewonnen, Gott gebe ihr ein leichtes Leben! – Viel mit Edmund über Karriere gesprochen – er findet den Dienst aussichtslos und fühlt sich zurückgesetzt. Ich finde aber, wenn man unparteiisch die eigenen Verdienste betrachtet, so kann man nicht als zurückgesetzt sich ansehen, man findet sich nur dann zurückgesetzt, wenn man sich mit Leuten vergleicht, die bei ebenso geringen Verdiensten durch Verwandtschaft oder sonstige Protektion besonders vorwärtskommen – mit denen aber sollte man sich nicht vergleichen, denn es sind an und für sich unmoralische Fälle, zu denen zu gehören man nicht wünschen darf. – Mit großer Spannung all die Nachrichten aus Frankreich verfolgt, über die Ordensverkäufe und den Präsidentenwechsel – das ist doch ein Schmutz, neben dem das Ärgste in Deutschland immer noch Gold ist. Beginn der Dreyfusangelegenheit. »Heute sind die Depeschen über die skandalösen Vorgänge im französischen Kriegsministerium, Verkauf des Mobilisationsplanes eingetroffen.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 6. Oktober 1887.

9. Dezember. Ein recht glückliches ruhiges Lebensjahr liegt hinter mir, wie ich mir noch viele wünsche, denn mein Leben ist bisher so überreich an Aufregungen gewesen. Ich habe in dem Jahr viel gelesen, bin über manche Sachen weniger verbittert, und im ganzen klarer. – Ich will weiter suchen, meinen kleinen Wirkungskreis hier gut auszufüllen, Edmund aufzumuntern, für die Kinder zu sorgen, mich selbst auszubilden. Vielleicht stellt mir das Leben doch noch einmal größere Aufgaben. Ich wünschte so sehr, daß Edmund hier ein genügend großes Vermögen verdiente, damit wir in Europa eine schöne wohltätige Stiftung machen könnten, – ich möchte so gern etwas Gutes tun und habe dabei noch den besonderen Gedanken, daß es in Erinnerung an Papa geschehen sollte ...

Gelesen: »Lettres de Marie-Louise«. »Correspondence de Marie-Louise« (Erzherzogin von Österreich, zweite Gemahlin Napoleons I.) Paris 1882. Man hat die Empfindung, als seien sie von einer herzensguten, tätigen, kleinbürgerlichen Frau geschrieben, die sich in einem ruhigen, alltäglichen Leben sicher ganz gut benommen hätte, – so war sie ein kleiner Geist avec une grande destinée – and she made a mess of it. Recht viele böse Nachrichten in dieser Zeit über die Cholera, die in der Stadt und auch besonders in unserer Nachbarschaft sehr schlimm ist.

Sehr viel für Weihnachten gearbeitet ... Der Aufbau war in der Gloriette ... Eine warme schöne Nacht, der Baum und die vielen chinesischen Laternen, die an Girlanden aufgehängt waren, machten sich reizend im Freien. In der Kegelbahn hatte ich großen Aufbau mit Baum für die Leute; unsere hiesigen Dienstboten schienen aber so wenig gegenseitig ihrer Ehrlichkeit zu vertrauen, daß sie ihre Geschenke unbesehen zusammenpackten und dann wie Auswanderer mit dem Bündel auf dem Rücken abzogen. Nachher tanzten sie alle hinter dem Hause Cueca, was höchst exotisch und wenig christlich-weihnachtlich aussah.

31. Dezember. Edmund und ich zusammen das neue Jahr erwartet, von Herzen für das letzte dankbar, das uns so viel schöne Stunden gebracht hat, und in dem wir uns immer lieber gewonnen haben; uns noch viel ähnliche Jahre erbeten, in denen wir vier beieinander bleiben mögen. Will uns der liebe Gott im nächsten Jahr auch etwas äußerliche Erfolge geben, so wollen wir es in Dankbarkeit annehmen – der Schwerpunkt liegt für uns aber nicht darin, sondern im Zusammensein; und daß wir uns das erworben, ist etwas so Kostbares, daß wir es selbst mit unseren traurigen Erfahrungen nicht zu teuer erkauft haben. – Vielleicht wären wir in einem heitereren Leben mehr verflacht, hätten nicht so gelernt, aufeinander einzugehn und das Glück innen, nicht außen zu suchen. – Ich habe auch in diesem Jahr Unrechtes getan und gedacht, bin oft ungeduldig und undankbar gewesen, habe nicht genug gegen trübe Stimmungen angekämpft, aber doch scheint mir das Jahr ein kleiner Schritt vorwärts im Erstreben innerer Harmonie. Lieber Gott, behüte uns vier und hilf mir besser werden.

1. Januar 1888. Morgens früh zur deutschen Kirche gefahren, was ein hübscher Jahresanfang war.

5. Januar. Die Nachricht erhalten, daß die Huanchacha Silberbergwerksgesellschaft. die Zinsen eingestellt hat, was ein harter Schlag war.

8. Januar. Viel überlegt, wie wir unser Leben recht billig einrichten können, da die Huanchachazinsen einen großen Ausfall machen; ich bin aber immer ganz froh, wenn ich nur meinen Mann und die Kinder gesund habe.

Am 17. Januar bei Dr. von Schröders, einem ausgewanderten Landsmann von Edmund, gegessen. Er erzählte recht interessant über russische Verhältnisse, u. a. von einer Reise, die Alexander II. durch Distrikte im Süden machen wollte, in denen der Karte nach schöne Chausseen sein sollten, in Wirklichkeit aber nicht einmal gewöhnliche Wege existierten. Der Gouverneur ließ nun in aller Eile Baumstämme in den Morast legen und Kies darüber werfen, so daß der Weg bei der Durchfahrt des Kaisers herrlich war und der Gouverneur eine große Dekoration erhielt. Nach wenigen Monaten aber war der Weg, der seitdem Kaiserweg heißt, im Sumpf versunken, verregnet und verfroren und die Baumstämme standen wie Knüppel heraus. Dann erzählte Dr. von Schröders noch von einem Elsässer, Paraf, der vor sieben Jahren hier herauskam und angab, er könne Gold machen. Wirklich kaufte er Mineralien auf, die nach genauester Prüfung kein Gold enthielten, schüttete in Gegenwart von Chemikern und Mineuren eine Flüssigkeit darauf und siehe, beim Schmelzen fand sich alsbald Gold. Die ganze Santiagogesellschaft geriet in die fabelhafteste Aufregung darüber, es wurde eine Gesellschaft gegründet, der Präsident und die hervorragendsten Leute kauften Aktien, ein großes Bankett wurde gegeben, und bei demselben erklärte Paraf, mit seinem Gelde sollte Elsaß-Lothringen für Frankreich zurückgekauft werden. Da aber diese großen Erfolge immer auf sich warten ließen, wurden die Aktionäre ungeduldig und schließlich mißtrauisch. Es stellte sich heraus, daß Herr Paraf bei den Juwelieren in Valparaiso Gold kaufen ließ, und daß die Flüssigkeit, die er auf die Metalle goß, flüssiges Gold sei. Der Schwindel endete mit einem großen Krach, viele Leute hatten ihr ganzes Vermögen verloren. Paraf verschwand mit Schimpf und Schande, aber ohne Profit. Das Ganze recht Moyen-âge.

29. Januar. Ein Picknick in einer der Palmen quebradas gemacht; der Weg dahin schauerlich. Wir zwei Damen brauchten vier Herren, um uns die Abhänge hinaufzuziehen und zu schieben. Nachmittags zu Wagen und zu Pferd Partie nach den Salinas, eine verkommene verlassene Hazienda, das Haus sehr verfallen, der Garten vernachlässigt, aber voll von ganz prachtvollen Bäumen. Der Besitzer, ein betrunkener Huaso mit un air de brigand de Calabre,aber sehr gastfrei und höflich, machte uns in seinem betrunkenen Zustand die tollsten Reiterkunststücke vor. Das Ganze machte einen seltsamen geträumten Eindruck wie eine Schilderung eines Romantikers – ich mußte unwillkürlich an das Schloß in Gräfin Dolores In Brentanos Roman: »Gräfin Dolores«. denken.

In diesem Monat gelesen: »Eugene Rougon« par Zola, was mir sehr gefallen hat in seinen Schilderungen des 2. Kaiserreichs. Sehr gut auch die zweifelhafte Italienerin mit ihren Konspirationen, ihrer Schlampigkeit und dem dabei doch so großen Charme. »She« by Rider Haggard. Ein ganz seltsames Buch mit modernem Realismus in den kleinsten Details und dabei doch einer schwindelerregenden Phantasie. Zwei Engländer, die im Herzen Afrikas eine 2000 Jahre alte, ewig junge Königin finden. Viel Schopenhauer und etwas Lippert in dem Buch.

»Arme Mädchen« von Paul Lindau. Ein recht betrübendes Buch. Lauter Elend, dem in absehbarer Ferne nicht zu helfen ist. Das Découragement, die Hoffnungslosigkeit so unzähliger Existenzen und daß sie doch existieren müssen – das scheinen mir die Hauptzüge. Sehr schöne Berliner Beschreibungen. In diesem Monat noch den 2. Teil der Kulturgeschichte von Lippert gelesen.

16. Februar. Edmund fuhr schon früh nach Valparaiso, ich blieb bis Mittag in den Zorras. Es wurde mir recht schwer, von den Kindern Abschied zu nehmen. Wir trafen mit Baron Gutschmid an der Bahn zusammen und schifften uns dann auf der Valdivia ein. Zu einer Exkursion nach dem Süden, die der inzwischen zum Gesandten beförderte Baron Gutschmid beruflich zu machen hatte.

17. Februar. Wir haben eine sehr große Kajüte und der Dampfer, ein alter Raddampfer, ist sehr bequem. Der Kapitän ein Deutscher, der sehr liebenswürdig für uns ist. Er erzählte viel von seinen Reisen, u. a. von einem ersten Offizier, der kürzlich an Typhus gestorben ist. Es soll ein mysteriöser alter Pole gewesen sein, dessen eigentlichen Namen niemand kannte. Nach seinem Tode fand man, daß er über und über mit Marken geheimer Gesellschaften tätowiert war und allerhand Schmuck als Andenken an seine verstorbene Frau bewahrte. Sein einziger Sohn ward dann in Australien ermittelt. Man könnte das vielleicht als Novellenfigur verwenden. Abends kamen wir in Tomé an, ein kleiner Ort im Golf von Talcahuano. Wir drei gingen mit dem Kapitän an Land und spazierten durch die Stadt, die pflasterlos, staubig, schmutzig und übelriechend ist. Wir krabbelten auf einen Hügel, der weit ins Meer hinausspringt, und von dem aus wir eine nette Aussicht auf die Bai hatten, halb mit Sonnenuntergang, halb mit beginnendem Mondschein. Oben zwischen Büschen stand ein großes Kreuz, unter das wir uns setzten, inmitten von dem, woraus man »eau de mille fleurs« macht. – Tomé ist ein kleines Seebad und wir gingen nachher mit der plöterigen Badegesellschaft auf der Landungsbrücke auf und ab, die der einzige Spaziergang zu sein scheint.

18. Februar morgens um 6 Uhr kamen wir in Talcahuano an. Wir fuhren mit Baron G. an Land, wobei er solche Eile hatte, ein Boot zu erwischen, daß er die Douanebeamten, die an Bord kamen, beinah umrannte und eine dicke Chilenin, die uns den Weg auf der Schiffsleiter versperrte, um ein Haar ins Wasser warf. Der Gegensatz zwischen seiner nordischen Geschäftigkeit und dem hiesigen Phlegma war sehr amüsant zu sehen. In Talcahuano konnten wir noch gerade in den Zug springen, der nach Concepcion in 20 Minuten fährt. Die Bahn geht zuerst an seltsamem Flugsand vorbei, der sie ganz verschütten würde, wenn er nicht fortwährend weggeschaufelt würde und Snowsheds dagegen errichtet wären. Nachher kommt man an weiten Potreros vorbei, an einem kleinen See und dem Biobio, an welchem Concepcion liegt. – Die Stadt ist sehr reinlich, gut gepflastert und macht einen wohlhabenden aufstrebenden Eindruck. Wir fuhren zu dem deutschen Konsul S., den wir ganz verdattert über unsern frühen Besuch fanden. Mit ihm machten wir einen großen Gang durch die Stadt, besahen das Theater, das neu gebaut wird, viel größer und eleganter, als es eine doppelt so große Stadt in Deutschland haben würde, dabei ist nie eine Truppe dauernd in Chile. Dann gingen wir in das Geschäft des Herrn S., der Louvre von Concepcion, und in sein Privathaus, lernten dort seine fünf Töchter kennen und seine chilenische Frau. Sie erwartete gerade ein Sechstes und hatte denselben geduldigen Kuhausdruck wie Frau Tohde in Cuba. Ich wurde in meiner Ansicht bestärkt, daß Heiraten zwischen Männern einer höheren und Frauen einer niederen Kaste nichts taugen, die Frau muß dabei zu einer bloßen Retorte für den Homunkulus werden. – Concepcion ist Zentrum des Ackerbaus Chiles und soll eine große Zukunft haben. Herr S. erzählte uns, wie auf vielen Gebieten der deutsche Handel hier immer mehr aufkäme und den englischen verdrängt. Nachmittags kamen wir nach Coronel, blieben ein paar Stunden, die ich zu einer kleinen Skizze benutzte. Bei Coronel sind große Kohlenminen, früher sehr viel bedeutenderer Art wie heute, da mehrere der Minen so leichtsinnig betrieben wurden, daß sie einstürzten und von der See überschwemmt wurden. Delames in Valparaiso haben dabei in einer Stunde ihr ganzes Vermögen verloren. – Abends kamen wir in Lota an. Zuerst fährt das Schiff an einer felsigen dichtbewaldeten Landzunge vorbei, auf deren Höhe zwischen den Bäumen das Cousinosche Schloß hervorschaut. Dann biegt das Schiff um und man läuft am Hafen der Stadt Lota ein, die unten am Strand liegt, und über deren Häuser sich die großen Schornsteine der verschiedenen Cousinoschen Kohlenbergwerke erheben. Gleich nach Tisch gingen wir drei mit dem Kapitän an Land und bei Mondschein durch den Park und um das Schloß. Dann durch das obere Lota, wo Frau C. reizende Häuser für ihre Beamten, die alle Europäer sind, gebaut hat, sowie Arbeiterwohnungen, Hospital, katholische und evangelische Kirche. Das Schloß ist noch ganz von Gerüsten umgeben, es hat ein hohes französisches Dach, der Stil war mir aber nicht ganz klar. Der Garten, der ein Gemisch von Parkanlage, Blumengärten, Irrwegen, Lauben, Pavillons, Grotten, Brücken, Treibhäusern enthält, ist das Originellste und Hübscheste, was man sehen kann, dabei überall ein augenerquickendes Grün. Ganz besonders schön sind die vielen Sorten Farrenkräuter, die große Dickichte bilden. Dabei hat man von Zeit zu Zeit Ausblicke auf meerumspülte felsige Landzungen, die an Rügen erinnern. Sehr schön ist ein Punkt, wo in der Tiefe Tropfsteingrotten zwischen Wasserarmen liegen, mit riesigen Farren und Caladiumblättern, und hoch oben eine hängende Kettenbrücke schwebt, von der aus die Aussicht auf die baumbedeckten Hügel, die wäßrige und grünfarbige Tiefe unter einem und das Meer in der Ferne ganz zauberhaft ist. Sehr originell sind auch lange Bogengänge aus Naturhölzern verflochten, an denen sich die reizenden Copigues- und Passionsblumen emporranken. Die Anlagen sind voller Überraschungen – bald sind es reizende Statuen, bald kuriose elegante Pavillons oder Teiche, Treibhäuser, Sitze in großen Bäumen. Auf einigen Rasen sahen wir allerhand Tiere, Guanacos, Lamas und sehr schönes Federvieh. Auch Papageien, Kakadus und Affen sind da. Ganz nahe dabei, stellenweise unter einem, liegen die Minen, man hört die Maschinen arbeiten, die Züge bringen die Kohlen zum Verschiffen auf die Brücken. Schwarze, berußte Gestalten laufen herum, die Schornsteine blasen dicken Rauch in die graue Morgenluft. – Alles ist da unten Arbeit, Mühe, Stampfen, Dampfen, Schnauben, Laufen, damit es da oben alles Schönheit, Stille, Grüne, Poesie und Träumerei sein könne! – Der immense Cousinosche Reichtum stammt von diesen Minen. Für Unbeteiligte wäre es vielleicht schöner, den Park und das Schloß etwas weiter fort davon zu haben, so aber hat es einen gewissen, nicht unangenehmen Parvenuestolz, Ursache und Wirkung so dicht nebeneinander zu sehen, – es ist wie ein Millionär, der sich des Vaters en blouse nicht schämt.

19. Februar nachmittags kamen wir in Lebu an, ein Fischerdörfchen, das zwischen verwitterten alten, z. T. abgestorbenen Bäumen nicht unmalerisch liegt. Wir gingen mit dem Kapitän an Land, begegneten einem Herrn E., der uns das Haus seines Bruders zeigte, welcher mit der Tochter des reichen Vergara aus Vino verheiratet ist und seit kurzem Schwindsucht halber in La Paz sitzt. Wir drei waren ganz bedrückt von der Melancholie, Muffigkeit und Primitivität des Ortes. Ich konnte mir die hübsche kleine Vergara gar nicht in dieser Einöde vorstellen; im Hause ihrer Eltern, in Santiago, habe ich ihr Bild von einem berühmten französischen Maler gesehen und mußte immer denken, was der wohl sagen würde, wenn er die Heimat des Originals sähe. Wir machten einen Spaziergang unter seltsamen efeubewachsenen Stämmen nach einem kleinen armseligen Nonnenkloster, mit Kirche dabei; alles war malerisch, die großen Steine, die grauen Stämme, das dunkle Grün, aber dabei so bedrückend trübselig. Die Folge war, daß wir auf dem Schiff die melancholischsten Gespräche bis abends spät führten.

20. Februar. Morgens fuhren wir zwischen waldigen Höhen an den alten spanischen Forts vorbei in den Hafen von Corral ein. Es ist ein kleiner Ort mit hochdachigen Holzhäusern, alten Festungsmauern, vom Grün halb verdeckt; bei der grauen Morgenbeleuchtung erinnerte es mich an kleine norwegische Stranddörfer. In Corral erwartete uns eine kleine Privatdampfbarkasse, die die deutsche Flagge trug. Wir fuhren in zwei Stunden nach Valdivia. Die Fahrt auf dem Fluß ist reizend, die Ufer über und über mit prachtvollstem Urwald bedeckt. An manchen Stellen hat man begonnen, ihn auszuroden, da strecken dann die verkohlten Bäume ihre schwarzen Äste in die Luft. Sonst aber ist alles dichtes, undurchdringliches Grün mit weißblühenden Olmos und den köstlichen Farren, die bis ins Wasser herunterhängen. An einigen Orten sind kleine Wiesen angelegt, auf denen man Vieh weiden sieht, und hie und da liegt ein Hüttchen am Ufer, das entweder einem deutschen Kolonisten oder einer echten Indianerfamilie gehört... Am Nachmittag machten wir eine Promenade in den Urwald. Die Bäume sind herrlich; und von größtem Reiz sind die Schlingpflanzen, Copigues, mit ihren großen roten Glockenblumen, die sich hoch hinauf in die Bäume ranken. Leid tut mir nur, daß soviel ausgerodet wird, die schwarzen verkohlten Baumriesen strecken die Arme so protestierend in die Lüfte.

22. Februar. Wir machten per Dampfbarkasse einen Ausflug einen der Flüsse hinauf, kamen vorbei an einem Felsenvorsprung, der Loreleyfelsen genannt ist. An einer scharfen Biegung des Flusses sahen wir plötzlich am Horizont einen herrlichen Schneeberg, den Villarica, der bei der gleichnamigen altspanischen Stadt liegt, und wo jetzt das Indianergebiet ist. Es sollen aber auch dort schon viele deutsche Kolonien sein. Es war eine Freude, zu hören, daß jedes gut und freundlich aussehende Dorf am Ufer Deutschen gehört, während die chilenischen Niederlassungen elend und verkommen aussehen.

23. Februar. Von Valdivia abgefahren, mit Dampfer den Titafluß hinauf bis Chamyl, wo wir ein Boot nahmen und nach zweistündiger Fahrt an Land stiegen, dann in einer Stunde nach Los Ulmos reisten, wo wir in einem deutschen kleinen Gasthaus blieben.

24. Februar. Ich war in der Nacht recht krank, trotzdem ritten wir um 6 Uhr von Los Ulmos ab. Der Weg führte mehrere Stunden durch Urwald, der undurchdringlich wird durch das seltsam wirre Lianengestrüpp, das sich von Baum zu Baum schlingt. Wir kamen an verschiedenen ganz neuen Settler-Hüttchen vorbei, wo die Leute noch ganz in den allerersten Anfängen waren; bei einigen brannte der Wald noch, bei anderen waren in das eben urbar gemachte Land Kartoffeln gesetzt worden, und diese heimatliche Pflanze wuchs neben den großen, schwarzverkohlten Baumstämmen, die stehen geblieben waren. Dieses Benützen des kleinsten Fleckchens Landes, nachdem es kaum urbar gemacht worden ist, und wo man unmittelbar daneben noch mit der Hand in die jahrtausendalte Wildnis greifen kann, hat etwas unbeschreiblich Rührendes. Manche der Settler sind Deutsche; in den Türen stand manchmal ein blondes, blauäugiges Kind, bei dessen Anblick mich Heimweh nach heimatlichen Dorfhäuschen beschlich – ich hab' von ganzem Herzen den armen, fernverschlagenen Menschen Gedeihen und Segen gewünscht. Andere Settlers sind hiesige Halbchilenen und Halbindianer; bei einer ihrer Hütten sahen wir einen recht widerlichen Auftritt: der Mann war schwer betrunken und stürmte mit der Sichel auf seine Frau ein, sie mußte es aber wohl recht gewohnt sein, denn sie lachte nur, daß die weißen Zähne in dem braunen Gesicht blitzten. Als wir durch eine tiefe Schlucht ritten, in der unten ein breites Flußbett war, wo wir die Pferde etwas trinken ließen, begegnete uns eine Schar Indianer mit einem Caciquen; derselbe trug einen schöngestickten Poncho und sein Zaumzeug und Sporen waren schön und massiv aus Silber gearbeitet. Wir unterhielten uns mit dem Alten, der sehr stolz war, daß wir seine Sachen so bewunderten. Der letzte Teil des Weges führt nicht mehr durch Wald, sondern durch sanfthügeliges weizenbebautes Land, das sehr an den Oderbruch und Mecklenburg erinnert. Freilich sahen wir hier in weiter Ferne den Osorno, einen zirka 9000 Fuß hohen, schneebedeckten Vulkan. Während der letzten Stunde ward es recht heiß und staubig wegen der vielen ochsenbespannten Karren, die uns begegneten. Die Räder daran bestehen aus einer runden Baumscheibe, in deren Mitte ein Loch ist, durch das die Achse geht; – sie machen einen schauderhaft knarrenden Lärm, sind aber die einzigen Fuhrwerke, die durch die steilen Wege durchgekommen; et encore! – bei jeder schlechten Stelle liegen viele kaputte Räder und sonstige Reste verunglückter Wagen, auch mehrere tote Pferde. Dicht vor Union kamen wir an einer Tenne vorbei, wo das Korn ausgedroschen wurde, indem etwa 20 Pferde darauf herumliefen, wozu Männer, Frauen und Kinder sie antrieben. Früher soll dies hier überall üblich gewesen sein.

25. Februar. Wir ritten wieder um 6 Uhr fort und waren um 8 in Trumao, wo wir auf einer großen Fähre samt Pferden, Führern und Maultieren übergesetzt wurden. Es sah wieder recht kurios abenteuerlich aus. Von Trumao ritten wir etwa drei Stunden nach der Stadt Osorno; der Führer, hier arriero genannt, ermunterte uns sehr, seine Pferde nicht zu schonen, indem er uns wiederholt zurief: »pique no mas«. Treibe nur an! Kurz vor Osorno begegnete uns ein Reiter, dem man trotz Poncho und chilenischem Zaumzeug gleich den Deutschen ansah. Er ritt an Baron Gutschmid still vorbei, Edmund aber sagte: »Da kommt schon die erste Deputation«, und richtig, auf dem Gesicht des Reiters wich der Ausdruck respektvollen Zweifels, um sich zu dem loyalster Gewißheit zu steigern, und er entpuppte sich als der deutsche Vizekonsul K. Ich sollte durchaus bei seiner Frau wohnen, was wir aber dankend ablehnten.

Zu Tisch gingen wir zu K. und wurden von seiner kleinen, fabelhaft lebhaften Frau an der Tür empfangen. Wir hatten kaum das Haus betreten, so fing sie auch schon an, sich über alles zu entschuldigen, schien von der Idee auszugehn, daß wir höhere Wesen seien und alles schlecht finden würden. Wir wurden ins Eßzimmer geführt, ich mußte mich an die Spitze des Tisches setzen und Edmund und Baron G. neben mich zu meinen beiden Seiten, da Frau K. meinte, ich könne mich sonst unter den fremden Menschen fürchten. Das Essen war sehr gut, echt deutsche Kost, die uns dreien auch sehr gut schmeckte, nur daß wir zu sehr genötigt wurden, und wenn wir nicht so viel nahmen, wie unsre Wirtin erwartete, sagte sie: »Ach, Ihnen ist es gewiß zu power bei uns«, und dann ging es wieder ans Entschuldigen. Zum Aufwarten hatte sie ein nettes deutsches Mädchen, lief aber selbst, vermutlich aus Aufregung, da es eigentlich ganz unnötig war, beständig zwischen Küche und Eßzimmer auf und ab, Teller und Schüsseln schleppend. Einmal verschwand auch gleichzeitig der Mann, um Wein zu holen, so daß wir ganz allein waren, und ich da allerdings mich hätte fürchten können! Nach langer Sitzung standen wir ganz erschöpft auf von all dem Essen und Trinken. Bei Tisch war das siebenjährige Töchterchen zugegen und nachher wurde mir auch der einjährige Sohn mit dicker indianischer Amme vorgestellt, wobei Frau K. in ihrer krankhaften Entschuldigungssucht sich schließlich noch bei mir entschuldigte, daß es bloß zwei Kinder seien! Nach Tisch erschien, um Baron Gutschmid zu besuchen, der hiesige Gouverneur, ein dicker Deutscher, Vater von 15 Kindern, mit seinem Adjutanten, der kein Wort sprach, sondern nur von Zeit zu Zeit seinen Säbel klirrend fallen ließ, und der hiesige Zivilrichter, der sich offenbar auf uns vorbereitet hatte und über die bulgarische Frage, die Verwicklungen zwischen Österreich und Rußland und das falsche Placement des Fürsten Bismarck bei dem Zarendiner in Berlin sprach! Der Besuch dehnte sich ins Ungeheuerliche und Unerträgliche, obschon wir drei mehrmals versuchten, die Herren zum Aufbruch zu bewegen. Dabei hielt der Richter zuerst meinen Mann für den Ministro und richtete an ihn alle seine Reden; als er nun aufgeklärt wurde, schien er zu bedauern, seine Weisheit so verschwendet zu haben, und richtete nun ausschließlich die Worte an Baron Gutschmid. Endlich gingen die Herren, und wir begaben uns ins Hotel mit Kopfschmerzen von zu vielem Essen, Trinken und Sprechen. Abends waren wir so elend, daß wir alle drei nichts tun konnten, sondern ohne Hüte durch Osorno liefen zur Abkühlung. Wir kamen dabei auf die Plaza, in deren Mitte ein Platz für Musik ist; dort setzten wir drei uns platt auf den Boden und brachen trotz Kopfschmerzen in schallendes Gelächter aus!

26. Februar. Morgens früh um 6 wurden uns Pferde von dem Gouverneur geschickt. Ich ritt zuerst ein Pferd, das mir als Damenpferd besonders empfohlen worden war; es ging aber ganz scheußlich, und das war auch kein Wunder, denn es stellte sich heraus, daß es von der Frau Gouverneuse geritten zu werden gewöhnt ist, und da diese Mutter von 15 Kindern 250 Pfund wiegt, konnte es sich an mein leichteres Kaliber nicht gewöhnen. Wir kamen im Wald nach der Mission, wo eine Kirche steht und in einem netten Häuschen ein Padre wohnt, der die heidnischen Indianer zum Christentum bekehrt. Der Haupterfolg soll sein, daß sie jährlich einmal zu einem Feste kommen und dann Geld und Lichter bringen – ich mußte recht an Lippert und die Opferkulte denken! ... Als wir uns abends nach den Pferden umsahen, mit denen wir den nächsten Tag reiten sollten, stellte es sich heraus, daß es schlechte durchgerittene Tiere seien, meines noch dazu ein bekannter Durchgänger. Es gab zwischen Baron Gutschmid und dem Pferdebesitzer eine scharfe Auseinandersetzung, und darauf ward ein Teil der Nacht damit zugebracht, nach anderen Pferden zu suchen. G. trommelte noch den dicken Gouverneur aus dem Schlaf, der uns Pferde sowie die Begleitung des Polizeikommandanten und seines Soldaten versprach.

27. Februar. Nach langem Hin- und Herlaufen und Warten, der Pferde und Maultiere halber, ritten wir endlich um 9 Uhr von Osorno ab, der dicke Gouverneur gab uns noch ein Stück das Geleite. Dann ging es in ziemlich scharfem Tempo durch einen hübschen Wald, der hier und da von Settlers gelichtet war. Wir scheuchten dabei mehrmals große Schwärme grüner Papageien auf, die es sehr viel hier gibt. Sie sehen sehr hübsch aus, wenn sie so schreiend fliegen, aber in Korn und Erbsen sollen sie viel Schaden tun, wie auch die hübschen graugelben wilden Tauben. Um 12 kamen wir in Cancura an. C. besteht nur aus ein paar Häuschen, die malerisch am Flusse liegen, über den eine Fähre geht; auf der andern Seite sieht man in den Urwald hinein und darüber ragt der schneeige Gipfel des Vulkans Llanquihué in die blaue Luft. Wir kehrten in dem Gasthäuschen ein, das von einem Chilenen und seiner netten appetitlichen englischen Frau gehalten wird, aßen mit der Familie, bei der zwei entzückende Chileninnen zu Besuch waren. Die eine mit einem koketten, bezaubernden Gesichtchen und großen glänzenden Augen, so wie man sich Carmen denkt, die andere mit großen klassischen und dabei merkwürdig schmerzlichen Zügen. Hätte im glücklichen Altertum der Begriff Resignation existiert, so hätte sie als Modell zu seiner Verkörperung dienen können. Um halb vier ging es von Cancura weiter, anfänglich ziemlich langsam, da der Weg aus kiesbeschüttetem Knüppeldamm besteht. Wir wurden aber von einem Deutschen mit chilenischem Gefolge überholt, dessen fatales Wesen uns schon in Cancura geärgert hatte, und da wir nun fortwährend seinen Staub schlucken mußten, rafften wir uns auf und jagten in langem Galopp an ihm vorbei. Er versuchte noch ein paarmal, uns zu überholen, was wir aber nicht zuließen. Am meisten amüsierte sich wohl unser chilenischer Soldat über unser Wettreiten. In Europa hätte man es auf dem Weg für ganz verrückt gehalten. Nach 2 ½ Stunden befanden wir uns auf einer Anhöhe und hatten einen ganz entzückenden Blick vor uns. Tief unten lag der blaue See Llanquihué. Auf dem jenseitigen Ufer erhob sich eine lange Kette schöner blauer Berge, die zur alten Cordillera gehören, und von denen einige ziemlich tief herunter mit Schnee bedeckt waren. Der schönste ist wohl der Llanquihué, der zirka 7000 Fuß hoch, steil aus dem See emporsteigt.

28. Februar. Wir gingen auf einen kleinen Dampfer, der uns nach Puerto Varas bringen sollte. Baron Gutschmid erzählte uns viel von allerhand Leuten, die er gekannt hatte, und von interessanten Begebenheiten auf seinen verschiedenen Posten; besonders viel sprach er von der Berliner Gesellschaft. Ich begreife wohl, daß er sich von Chile fort und nach dort zurücksehnt, er hat doch dort etwas, wonach sich zu sehnen lohnt. Ich sehne mich auch manchmal nach Berlin und nach vielen kleinen Futilitäten und Ehrgeiz- und Eitelkeitsbefriedigungen, aber selbst wenn ich dort wäre, hätte ich das alles ja doch nicht. Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man wahrscheinlich in der Heimat, nach der man sich sehnt, mehr Grund hätte, sich unglücklich zu fühlen, wie hier in der fremden Ferne. Oft in der letzten Zeit habe ich darum gebetet, daß sich das Blatt für uns wenden möge. Mein größter Wunsch wäre der, daß wir die Mittel hätten, etwas Großes, Wohltätiges zu tun. Der Welt zeigen, daß wir nicht schlecht sind, sich dann meinetwegen von der Welt ganz zurückziehen, weil es einem selbst in der Einsamkeit am besten behagt, aber nicht einsam sein, weil man muß ... Mama sagte mir oft, daß mir die Demut mangele, – ich fürchte, ich habe sie noch immer nicht!

März. Wir ritten morgens nach dem linken Seeufer. In einem echten Kanoe, d. h. einem großen ausgehöhlten Baumstamm, setzte ich nach dem andern Ufer über und skizzierte dort.

5. März. Morgens ritten wir zuerst auf steilen ziemlich schlechten Wegen durch den Wald. Mit einemmal ging es hinab in eine tiefe Schlucht. Der Pfad war sehr steil und schmal in eine Seite des Berges eingehauen, über dem Abgrund schwebend. Unten in der Schlucht kamen wir auf den seltsamsten Weg, den ich noch je gesehen. Wir folgten einem kleinen Flüßchen, das sich zwischen den Felsenwänden einen so schmalen Pfad gebrochen hat, daß kaum Reiter und Pferd hindurchkönnen. An diesen Felsenwänden sickert langsam das Wasser herab, und es hat sich da eine ganze Welt seltener Moosarten und feiner reizender Farren gebildet. Über dem Flußbett von einer Wand zur andern haben Bambus und Riesenfarren ein dichtes Dach gebildet, und die Sonne von oben durch dies Dach gibt ein seltsam gelbes Licht, ungefähr so, wie das in den Aquarienkästen in Berlin. Der Ritt durch diese seltsame Grotte ist so zauberhaft und unwahrscheinlich, daß man unwillkürlich den Atem anhält. Es herrscht die tiefste, geheimnisvollste Stille in dieser gelbgrünen Einsamkeit, – der einzige Lärm ist das Klatschen des Wassers und Rollen der Steine unter dem Hufschlag der Pferde. Sehr wenige Reisende haben diese Kuriosität bisher gesehen. Ich fand es das Seltsamste, Zauberhafteste, was ich bisher erlebt, man glaubt in eine unmögliche Dekoration einer großen Feerie hineinzuschauen. Dabei ist jedes Mooschen, was auf den Steinen oder halbverwesten Baumstämmen wächst, ein kleines Kunstwerk für sich, und die langen grauen Schleiermoose, die wie in Florida von den Ästen herabhängen, sehen geisterhaft aus. Die Farren sind so groß, daß man bequem darunter wegreitet.

6. März. Ich stand um 6 Uhr auf, um noch einmal in der Grotte zu skizzieren; abends leider einpacken zur Heimfahrt.

10. März. Wie wir in Lota aussteigen wollten, ward Gutschmid ein Telegramm gebracht, welches den Tod unsres lieben alten Kaisers anzeigte und uns alle aufs tiefste bestürzte und betrübte.

11. März. Die Fahrt auf dem Schiff unter all den fremden Menschen, die natürlich nicht verstehen konnten, wie uns ums Herz war, wurde eine wahre Qual. Ich war mit meinen Gedanken immer abwechselnd in Berlin und in San Remo. Es ist so hart, so weit weg zu sein. Ein Herr hatte Zeitungen, die furchtbar traurige Nachrichten über den Kronprinzen brachten. Edmund und ich weinten den ganzen Abend darüber. Dies Unglück scheint so viel entsetzlicher, als der Tod des alten Kaisers, weil es so viel unnatürlicher ist. Mein Gott, gib ihm wenigstens noch ein paar Jahre des Schaffens und Wirkens!

12. März. Mittags in Valparaiso angekommen. Der Kronprinz hat als Kaiser Friedrich III. die Regierung angetreten. Ich habe mich so darüber gefreut, daß er und die arme Kronprinzeß das doch noch erlebt haben. Ich habe während der Reise rechte Charakterstudien an Baron Gutschmid gemacht. Er besitzt einen seltenen Grad unbewußten Egoismus, ist sehr gescheit und unterrichtet, sagt aber dabei, er läse »Renan« nicht, weil er nichts hören wollte, was seinen Glauben erschüttern könnte. Bei ihm ist, wie Edmund sagt, der Verstand dem Willen untergeordnet. Er hat an dem Faktum allein, seinen Willen durchzusetzen, Freude bei Sachen, die ganz gleichgültig sind und über die er auch fortwährend Meinung wechselt, man möchte beinahe glauben, um andern seinen Willen und seine Meinung aufzuoktroyieren. Er ist nervös und sehr heftig und so von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt, daß er alles, was mit ihm zusammenhängt, für besonders gut hält. Ein netter Zug aber ist, daß er sich über all das necken läßt, und, glaube ich, gar nicht übelnehmerisch ist. Er ist der methodischste Mensch, den ich kenne; sein Leben geht nach der Uhr, und genau nach dem, was er für gesundheitszuträglich hält. Was ihn darin genieren würde, schüttelt er ab, es möchten nun wichtige Geschäfte oder liebe Menschen sein. Er gehört ganz zur modernen Bismarckschen Aufrichtigkeitsschule und versteht es, Leuten die größten Grobheiten ins Gesicht zu sagen. Drei Minuten nachher ist er comme si rien n'était, und my good fellowed dieselben Leute. Er kann sehr nervenangreifend und unliebenswürdig sein, dann ist er aber nachher besonders freundlich, als habe er das Gefühl, etwas gutmachen zu müssen, und man schätzt seine Liebenswürdigkeit dann besonders, vermutlich weil es eine seltene Sache ist! Er besteht auf alledem, was er sein Recht nennt, ganz unerbittlich und findet, daß sich dem alles fügen muß. Er versteht es, über politische Angelegenheiten sehr klar und interessant zu erzählen.

Gegen Ende des Monats kamen bessere Nachrichten über den Kaiser. Ich bin in dieser Zeit mit allen Gedanken zu Hause und bete täglich für den armen Kaiser. Wir haben mit soviel Interesse die Proklamationen gelesen und auch die Antwort der Kaiserin auf die Adressen der Wohltätigkeitsvereine. Ich habe eine objektive Freude daran, zu sehen, wie zwei Menschen zu dem kommen und zu dem werden, wozu sie innerlich bestimmt waren und wozu sie sich ausgebildet haben. Es wäre zu traurig gewesen, wenn auch in diesen beiden hervorragenden Leben jene Trauer um das, was sie hätten sein, tun und werden können, getreten wäre, die so viele unbeachtetere kleinere Existenzen bedrückt und Schaffenslust und Freudigkeit erdrückt.

April. Mit größter Spannung alle Nachrichten von Berlin erwartet und mit Betrübnis gesehen, welche Richtung die neue Kaiserin einschlägt, und wie sie sich durch ihre Intrigen gegen Bismarck die Liebe verscherzt, die man so bereit war für sie zu empfinden. Bei dem Gesundheitszustand des Kaisers macht tout ce mouvement, qu'elle se donne, so sehr den Eindruck, als wolle sie noch schnell die Macht ausnutzen und langjährigem Ärger Ausdruck geben. Es hat etwas Unvornehmes.

9. Mai. Seit wir aus dem Süden zurück sind, beinah täglich zwei Stunden geritten, was die einzige Art ist, um vom Spleen nicht ganz übermannt zu werden.

13. Juni. Stephaniechens Geburtstag gefeiert, große Kinderschokolade, nachher Lotto. Jetzt ist man selbst die Mama, die aufbaut und amüsiert, und es scheint doch, als sei es erst gestern, daß man selbst noch das Kind war, das die Nacht vor dem Geburtstag vor Aufregung und Freude kaum schlafen konnte. Und doch, wie weit ist die Zeit! – Kein Rest mehr von dem Home der Kindheit, das Haus verkauft, die Bewohner gestorben und zerstreut, Unrecht getan und Unrecht erduldet, Freunde verloren, lange tief verbittert gewesen und um gescheiterte Hoffnungen getrauert, dann allmählich ruhiger, versöhnter geworden mit Dankbarkeit für das viele, was doch noch geblieben. Das ist meine Geschichte, und ich bete zu Gott, daß das Leben meines Kindes ruhigere, gleichmäßigere Wege gehen möge. Stephaniechen ist, glaube ich, viel vernünftiger angelegt als ich, sie kann manchmal etwas ganz matter of fact haben, und ich suche sie darin zu bestärken. Sie lernt so leicht, daß es eine Freude ist, ihr Unterricht zu geben. Alfredino Der 1885 in Florenz geborene älteste Sohn Alfred aus der zweiten Ehe. sagte neulich ›when one man whip my mama, me whip man!‹. Möge er so chevaleresk, so unerschrocken bleiben. Es war mir ganz rührend, daß der kleine Kerl schon daran denkt, mich zu verteidigen. –

Ich las ›Trois mois sur le Gange‹ par Jaccolliot, was meine Sehnsucht nach einer Reise nach Asien sehr erhöht hat. Im Gegensatz zu Hübner spricht der Verfasser sehr scharf über die Engländer in Indien, über ihr Aussaugen der Eingeborenen und ihre dabei stets aufrecht gehaltene Humanitäts-, Bildungs- und Religionsheuchelei. Einiges über indische religiöse Glauben hat mich sehr interessiert. Mir hat der Gedanke etwas sehr Anheimelndes, daß wir nach dem Tode, je nach unsern Verdiensten, in höheren oder niedrigeren Erscheinungen von neuem leben werden, bis daß wir, wenn wir vollendete Güte erreicht haben, schließlich in den Geist, von dem wir ausgingen, zurückkehren. Aber wozu das Ganze? Ein Satz aus einem uralten indischen Gesang hat mich auch frappiert: ›Ich grolle der Welt, weil sie mich geschaffen.‹

Am 15. Juni. Als Edmund abends nach Hause kam, brachte er die Nachricht, daß unser armer, armer Kaiser gestorben! Es ist nicht zu realisieren, obwohl wir ja schon lange wissen, daß es kommen mußte. Aber er war eine solche Ausnahmegestalt, daß man immer noch hoffte, für ihn müßte ein Wunder geschehen. Wieviel Gutes und Schönes muß er vorgehabt haben, und hat fort gemußt, ohne wirklich etwas haben tun zu können. Ein Märtyrer in einer Nibelungenheldengestalt. Wo ist in solchem Jammer denn noch eine Gerechtigkeit?

29. Juni war eine Trauerfeier in der Presbyterianchurch, die Musik gut, aber das Ganze nicht so recht. Alles klingt so blaß und nichtssagend neben dem, was man für den armen Kaiser selbst empfindet.

Juli. Ich habe all die Zeit Beängstigungen, daß uns ein Unglück passieren wird und bin allmählich so nervös geworden, daß ich eine abergläubische Angst habe, weil ein krächzender Vogel so viel um unser Haus geflogen und in unserm Garten unsre schönste Zypresse umgestürzt ist. Vielleicht trägt die Unsicherheit unserer augenblicklichen Lage dazu bei, das Hinundherschwanken mit unsern Gedanken und nicht wissen, was aus uns werden wird. Durch die Zeitungen erfahren, daß Seldeneck in das Auswärtige Amt zurückberufen ist, nachdem er noch bei Kaiser Friedrich eine Audienz gehabt. Nicht umhin gekonnt, darauf neidisch zu sein. Wahrscheinlich kam dies als Dämpfer dafür, daß wir am Tag vorher durch Briefe gehört hatten, daß man in Berlin mit Heyking sehr zufrieden sei. In wieviel gemeine Gefühle des Neides und der Mißgunst kommt man doch unwillkürlich in der Karriere, auch wenn man, wie ich von uns glaube, zu den Anständigsten gehört... Warum ist es nicht das Hergebrachte, von einem gewissen Einkommen an nur ein Enjoyer zu sein, künstlerisch, kritisch wohlgebildet. Man könnte sich dann zurückziehen, ohne über Aufgeben des Berufs, Verlassen der Pflicht allerhand désobligeante Dinge zu hören, und ließe Platz für die, welche das, was man selbst verachtet, als hohes Ziel ansehen. – Wenn man hört, wie der arme Kaiser für alle, die zu Hause waren und ihn liebten, noch etwas getan, scheint es wie ein besonderes Grignon, nicht dagewesen zu sein. Edmund fühlt es, glaub' ich, sehr, ich weniger. Vielleicht, weil er noch seine Eltern hat. Die Menschen, vor denen man etwas gelten möchte, vor deren Augen einen Erfolge freuen, sind die der vorhergehenden Generation, zu denen man aufgeblickt hat. Was kann einem dagegen daran liegen, vor Jüngeren zu glänzen, über denen man ja allein schon nach Alter und Erfahrung steht. Alte Eltern gehabt zu haben, die man der Natur nach früh verlieren muß, ist auch deshalb ein Unglück. Nicht nur entbehrt man der natürlichen, besten Tröster, man verliert auch die, vor denen Lorbeer und Erfolge Wert gehabt hätten. Wer kümmert sich darum, daß es mir so oft schlecht geht? Wer würde sich darum kümmern, wenn es mir heute ganz besonders gut ginge? Ach Papa und Mama, wo seid ihr?

14. Juli. Viel zusammen gesprochen über die Eventualität, den Abschied zu nehmen und dann in Rom und Zürich zu leben, sogar die Möglichkeit erwogen, daß sich Edmund an der Züricher Universität habilitieren könnte. Nachmittags saßen wir beide auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer und redeten darüber. In unser künftiges gemaltes Tagebuch soll ein Bildchen davon kommen unter dem steht: »Miez und Mauz überlegen sich, ob sie Professoren werden sollen.«

24. Juli Seit dem 15. fortwährend mehr oder minder krank gewesen und mich ein paarmal so schlecht gefühlt, wie nie im Leben. Ich war selten der Empfindung so nahe, von Bewußtsein und Vernünftigkeit Abschied zu nehmen. Dabei plagte mich der Gedanke, wie ich durch die vielen weltlichen Dinge, die ich ungeregelt gelassen habe, wenig fit zum Sterben bin, was doch jeden Augenblick kommen kann. Ich habe mir vorgenommen, viel mehr als bisher mit dem Gedanken an das Sterben zu leben und alles äußerlich und innerlich darauf vorzubereiten.

10. August. Regen und wahnsinniger Sturm, daß wir vollkommen wie in einer Arche Noah leben. Im Hafen sollen viele Schiffe untergegangen sein. Hunderte von Häusern, die nahe an den Cerros Anhöhen gelegen, von denen das Wasser in großen Kaskaden herabströmt, sind unter dem Schutt begraben. Unser Garten ist verwüstet durch Erdrutsche, und die schönsten Bäume sind umgefallen.

13. August. Eine schwere, schwüle Gewitter- oder Erdbebenluft. Man fühlt sich von all dem Schrecken ganz nervös und demoralisiert.

28. August früh. Edmund und ich nach Santiago gefahren. Auf dem Weg überall die Verwüstungen von den Überschwemmungen gesehen. Im ganzen aber sah das Land sehr hübsch aus. Alles grün, die Berge duftig blau. Im Hintergrund in den Gärtchen um die elenden Lehmhütten blühende Pfirsichbäume, wie ein rosaroter Schnee auf dem ganzen Lande zerstreut. Die großen Brombeerhecken dunkelgrün und darüber die Zweige der Trauerweiden, die wie duftige hellgrüne Schleier wehten.

31. August. Uns sehr an unserm Entschluß gefreut, zum 1. Januar Urlaub zu nehmen und dann den Winter in Rom zuzubringen ... Gelesen: »The history of the Conquest of Peru« by Prescott. Wie glücklich dieser Erdteil doch vor seiner Entdeckung gewesen sein muß!

Oktober. Ich recht müde und elend infolge des vielen wear und tear of life. Marie krank an gastrischem Fieber, den Diener weggeschickt wegen eines Attentats auf die tugendhafte Schneiderin. Minna wegen epileptischer Anfälle, durch Trunk veranlaßt, nach Santiago gegeben.

November. In all der Zeit habe ich viel gekocht, was mir ganz neu ist, mich aber amüsiert. Urlaubsbewilligung erhalten. »Die Urlaubsbewilligung ab 1. Januar auf 6 Monate erhalten. So hoffen wir denn etwa am 5. Januar Valparaiso zu verlassen... Wir wollen zunächst nach Italien gehen, um dort den Eintritt milderer Jahreszeit abzuwarten, da der Klimawechsel aus hiesigem Hochsommer in deutschen Winter hinein gefährlich wäre.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 16. Dezember 1888.

Dezember viel gepackt, was sehr angreifend war.

27. Großes Abschiedsdiner bei der deutschen Kolonie für Edmund. Von Valparaiso abgereist, den Garten mit rechter Wehmut verlassen; wir haben da schöne Stunden verlebt.

11. Januar 1889. Von Mittag bis Abend die Küste Patagoniens gesehen. Seltsam zerklüftete Felsen mit abenteuerlich wilden Formen, von der Sonne, die durch das graue Gewölk hindurchschien, in ein zartes, silbernes Licht gehüllt. Mich interessierte es, diese Küste, die ich vor zweieinhalb Jahren von San Franzisko bis Valparaiso sah, nun weiter verfolgen zu können. Dort die glühenden Sandflächen, die brennenden rotvioletten Felsenwände, die tropische Glut, hier die starre silbergraue Kälte und Öde. Es war mir, als nähme ich wiederum ein Buch zur Hand, das ich lange liegen gelassen. Diese Felsenketten haben etwas seltsam Ursprüngliches, als ständen sie dem Schöpfungstag noch viel näher als andre Erdstriche. Es ist ein seltsames Gefühl, so endlose Gegenden vor sich zu sehen, die so gut wie ganz inexploriert sind.

12. Januar. Mittags sahen wir das gefürchtete Kap Pillar, kamen ohne Unfall in die Magelhaensstraße hinein, gerade noch zur Zeit, um einem beginnenden Sturm zu entgehen. Die hohen zerklüfteten Felsen, an deren Fuß noch Moose und verkrüppelte zwerghafte Bäume wachsen, und deren Spitzen mit Schnee bedeckt sind, die weiten Schneefelder und einzelne bis zum Wasser reichende Gletscher erinnerten mich ganz an das nördliche Norwegen. Wie in den dortigen Fjorden, gibt es auch in der Magelhaensstraße Stellen, wo man gar keinen Ausweg mehr sieht und sich in einem Binnensee vermutet. Leider keine Feuerländer gesehen, die sonst gerade an diesen Stellen splitternackt auf ihren Kanoes angerudert kommen.

18. Januar. Morgens ganz früh in Montevideo angekommen. Die Stadt sieht vom Schiff sehr unansehnlich aus. Unser erster Gang an Land war auf den Markt, um uns mit frischem Fleisch und Gemüse zu verproviantieren, da das Schiffsrefrigeratoressen »Der Refrigerator ist ein mit Eis bekleidetes Zimmer, in dem gefrorenes Fleisch, Fische, Milch mitgeführt wurde.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 24. Januar 1889. so sehr monoton ist. Beinahe alle Verkäufer sind Italiener, und die ganze Stadt trägt überhaupt ein so italienisches Gepräge, daß sie gleich mein Herz gewann. In den Läden waren viele europäische Neuheiten, die in Chile noch unbekannt sind. Charakeristisch waren mir die langen Hecken von Agaven, die jetzt in voller Blüte stehen und die Wege einsäumen. Diese Hunderte von Riesenkandelabern, an denen die Blumen wie goldene Lichter sitzen, machten einen ganz eigentümlichen Eindruck.

22. Januar. Nachts spät aufgeblieben, um die Einfahrt von Rio zu sehen, es wurde aber nebelig.

23. Januar. Ganz früh aufgestanden und schon von dem Blick aus der Schiffsluke ganz begeistert gewesen. Die Lage der Stadt übertrifft alles, was ich je gesehen; viel schöner wie Neapel. Dazu ein in Amerika ganz ungewohnter Anblick, daß alle Gebäude so malerisch und alt aussehen ... Wir landeten am Markt, der ähnlich wie in Guayaquil auf Booten gehalten wird. Es war ein bewildering Bild: Die Neger, die Haufen von Ananas, Bananen, Mangos, dazu die grelle Sonne, die heiße Luft, die seltsamen Gerüche. Wir machten eine herrliche Fahrt an einer Fülle reizender Landhäuser vorbei mit himmlischen Gärten; in jedem einzelnen wäre ich gern wohnen geblieben. Die Häuser müssen alle in der Zopfzeit gebaut worden sein, und diese zopfigen Vasen, Balustraden und Schnörkel inmitten dieser Treibhausvegetation machten einen ganz wunderbar malerischen Eindruck. Dabei sieht man allem an, daß es mit Schönheitssinn angelegt ist, die Palmenalleen werden unterhalten und immer wieder neuangelegt, die Straßen sind gut, die Garten z. T. großartig gedacht, nirgends der Indifferentismus gegen das Schöne wie in Chile.

27. Januar ganz früh trafen wir in Bahia ein. Es besteht eigentlich aus zwei Städten, eine die am Strand liegt und die andre auf einem sanften Hügelzug darüber, zu der man durch einen Lift gelangt. Die Stadt ist für Amerika sehr altertümlich, voll von Empirestilgebäuden. Wir gingen zuerst durch den Markt, der noch seltsamer wie der von Rio ist. Die Verkäuferinnen sind alle Negerinnen, z. T. wahre Prachtexemplare von Negerschönheit. Ihre Kleidung besteht aus einem schneeweißen reichgesticktem Hemd und einem ebenfalls gesticktem Rock, den sie z. T. noch sticken, während sie ihn schon tragen. Wir fuhren nach dem Stadtgarten an vielen alten Zopfkirchen vorbei. Der Garten selbst ist sehr schön und still mit alten ehrwürdigen Mangobäumen, von denen zuweilen eine dicke, reife Frucht herabfällt; dazwischen ein paar große, herrliche Fächerpalmen. Wahrscheinlich von der Zeit her, wo Bahia als San Salvador Hauptstadt Brasiliens war, stehen in dem Garten seltsame alte Bänke aus Majolika und Muscheln gemacht, wie man sie in Sizilien sieht. Die Vorsprünge, von denen man die Aussichten hat, sind mit Marmorgeländern umgeben, auf denen schnörkelige Vasen und Köpfe stehen, auch eine Pyramide mit Rokokoverzierungen ist da; wären nicht die mächtigen Palmen, man glaubte in Italien zu sein.

29. In Pernambuco angekommen. Eine ganz flachgelegene, langweilig holländisch aussehende Stadt. Die Häuser hoch, weiß gestrichen mit rötlich spitzen Dächern, dazwischen eine Menge Palmen, was gar nicht dazu passend aussieht.

4. Februar. In San Vincent, einer der Kapverdischen Inseln, eingetroffen. Die schroffen, seltsam geformten Berge höchst malerisch, dazwischen kleinere Miniatur-Saharas mit teilweise weißem, teilweise rotem Sand; es sah ganz aus, wie man sich Afrika denkt.

10. Februar. Abends spät in Lissabon eingetroffen. Da keine Quarantäne war, fuhren wir an Land, zuerst zum Zollhaus und Lazarett, wo uns der Anblick portugiesischer Soldaten mit Pickelhaube sehr erfreute und anheimelte. Wir lunchten in einem Hotel, wo uns die Reinlichkeit, das gute Essen, die Höflichkeit der nicht wie in Chile in Hemdärmeln fungierenden, sondern anständig gekleideten Kellner als lauter lang entbehrte Dinge frappierten. Gute Briefe von Hause vorgefunden, aber ganz entsetzt gewesen über die Nachricht vom Tode des unglücklichen Kronprinzen Rudolf von Österreich

14. Februar. Endlich, endlich in Pauillac angekommen und mit wahrer Herzenserleichterung die »Cotopaxi« verlassen, die uns allen in den letzten Tagen recht wenig sicher erschienen war. Sie ging wenige Wochen danach unter. Abends in Bordeaux eingetroffen. Schmutz, Regen, allgemeine Kofferverwirrung. Im Hotel de France abgestiegen, wo uns alles herrlich und gemütlich erschien. Nach dem Diner, bei dem wir uns seit langem zum erstenmal wieder satt aßen, gingen wir in ein Cafekonzert, von da ins Theater und zum Schluß noch in ein Restaurant. Wir waren sehr lustig, alle in der Stimmung des »Brésilien qui va s'en fourrer jusque là!«

Indien (Kalkutta)

Sämtliche indische Orts- und sonstige Namen sind in der von Elisabeth von Heyking verwendeten englisch-phonetischen Schreibweise wiedergegeben, da bei einer Übertragung in deutsch-phonetische Schreibweise ganz fremdartige Wortgebilde entstanden wären.

Juni 1889 bis April 1893

22. Juni mittags kamen wir in Riga Die letzten Wochen des ersten Urlaubs verbrachten Heykings in Kurland, um die baltischen Verwandten, die Elisabeth großenteils noch nicht kannte, zu besuchen. an, wo wir von Edmunds Eltern erwartet wurden. Nachmittags machten wir eine Ausfahrt in Onkel Percys Percy von Jacobs, Bruder von Edmund von Heykings Mutter. russisch bespanntem Wagen über die merkwürdige Floßbrücke, die über die Düna führt.

24. Juni fuhren wir auf Onkel Percys Gut Abgulden, das früher den Herzögen von Kurland gehörte und an einem See von Wald umgeben liegt. Die Stille und den Wald genossen.

29. Juni. Nach Mitau gefahren, das sehr unansehnlich ist, ein breitgezogenes Valparaiso, jedenfalls Ähnlichkeit im Pflaster! Unterwegs das herrliche Schloß in Ruhenthal gesehen, mit wundervollen Rokokozimmern. Das Schloß gehörte dem letzten Herzog von Kurland, kam dann an Rußland, ward von Katharina an ihren Günstling Zuboff geschenkt, der sich dort vergiftete, als Katharina seine Heirat mit einer Polin erfuhr und ihn nach Petersburg berief. In dem Zimmer, in dem er starb, hängt sein großes Porträt und gegenüber das von Katharina. Abends kamen wir in Weiß Pomusch an und waren sehr entzückt von der ganzen Behrschen Familie. Schwager und Schwester von Edmund von Heyking.

30. Juni. Sehr netter ländlicher Sonntag. Kleiner Familiengottesdienst. Flußbad. Nachmittags im Heu.

17. Juli nach Dünaburg abgereist, dort eine Fahrt durch Festung und Stadt gemacht. Letztere ist wohl das Trostloseste und Verkommenste, was ich je gesehen; die breiten, holprigen Straßen, die elenden, niedrigen Häuser, die schmutzigen, gutmütig vertiert aussehenden Leute sind Bilder, recht für Fieberphantasien geschaffen. Besonders traurig sah ein kleines, graues Dorf am Ufer der Düna aus, all die Häuserchen schienen sich aus Weltschmerz ins Wasser werfen zu wollen. Die ganze Fahrt war höchst seltsam. Der kleine schmutzige Wagen mit einer Fußdecke, auf der man noch einige Heilige entdecken konnte, der gesprächige Kutscher, der uns erzählte, »es ließe sich nicht bestreiten, es gäbe viele Einwohner in Dünaburg«, die nassen Wege, die weite, trostlose Fläche, der bleigraue Himmel, der scharfe Wind, die Melancholie und Hoffnungslosigkeit, die wie ein schwerer Traum über alles gebreitet schien, werden mir immer unvergeßlich bleiben. Rührend war es, an den Fenstern einiger ganz elender Holzhäuschen Blumentöpfe mit kümmerlichen Pflänzchen zu sehen. Der Ausdruck der Sehnsucht nach dem Schönen inmitten der größten Armut und Häßlichkeit. Wie trostreich wäre doch der Glaube, daß es für alle die, welche unter der Schönheitsleere des Lebens leiden, ein schönheitsreiches Jenseits geben wird.

4. September Es wird uns sehr zugeredet, uns hier anzukaufen. Ich bin recht perplex, was ich Edmund raten soll. Unsre Karrierechancen sind ja recht schwach, und es ist sehr deprimierend, sich zu sagen, daß alle ernstgemeinte Arbeit der letzten vier Jahre nur dazu geführt hat, daß uns jetzt Singapore Am 16. August war Heyking das Generalkonsulat in Singapore angeboten und von ihm abgelehnt worden. angeboten wird. Aber andrerseits erscheint es mir beinah kleinmütig, so alles aufzugeben, und das Leben nachher kommt mir so ohne Streben und Ziel vor. Edmund ist in diesen Tagen und unter diesen Menschen ja viel heiterer und zufriedener, als ich ihn je früher gesehen, und ich würde meine persönlichen Neigungen gern dafür opfern, ihn immer so zu sehen, aber es ist mir eben fraglich, ob er so zufrieden bleiben würde, wenn er immer hier lebte. Es würde ihm doch vieles fehlen, denn das Leben auf einem hiesigen Gut ist einförmiger und einfacher, als er es seit langem gewöhnt ist. Dazu kommt, daß er doch bisher gar kein Interesse für Landwirtschaft hat, und zu vielen Reisen würden unsre Mittel auch nicht reichen. Mir gehen all die Gedanken wie Räder im Kopf herum. Ich möchte so gern das Beste für Edmund und Teddychen Kosename für Alfred. finden. Ich habe so viele Wünsche für den Jungen und kann ihn mir so gar nicht in diesem Lande vorstellen, wo die Menschen mir so zwecklos erscheinen, wo sie in fortwährender Opposition leben und sich mit keinem großen Ganzen eins fühlen. Es wäre eine solche Enttäuschung, wenn Alfredino nur ein baltischer Baron mehr würde.

6. September. Wir kamen todmüde in Dorpat an; es ist eine entsetzlich gepflasterte, hügelige Stadt, auf dem Hauptplatz stehen große, alte adelige Häuser. Ich mußte innerlich lachen, als mir einfiel, daß es früher einmal mein Cauchemar gewesen ist, nach Dorpat zu kommen. An die dortige Universität als Frau ihres ersten Gatten, der Professor war. Sollten wir uns hier ankaufen, so würde eine Fahrt nach Dorpat zu den großen Rekreationen des Lebens gehören. Manchmal frage ich mich, wie es mir hier auf die Länge behagen würde. Sehr einleben werde ich mich wohl nirgends mehr, dazu fühle ich mich zu alt und habe zu sehr die Erfahrung des Episodenhaften im Leben gemacht. – Ich lernte eine Baronin Wolff kennen, die mir meine Eindrücke von hier bestätigte. Man wird als Fremde sehr freundlich aufgenommen, aber man bleibt fremd und wird als solche von der Gesellschaft angesehen, die ganz in sich abgeschlossen ist und Fremde gar nicht will. Es dauert auch sehr lange, bis man sich durch seine Persönlichkeit eine Stellung macht, denn jeder ist hier mit sich und seinen Verwandten viel zu sehr beschäftigt, um auf einen andern viel Aufmerksamkeit zu verwenden. Im ganzen merkt man sehr, daß es ein Land ist, in dem sehr selten Fremde reisen.

8. September. Baron Staël sagte mir, daß wir uns wegen des uns angebotenen Gutes entscheiden müßten. Ich dachte während der Nacht viel daran und betete sehr, daß wir eine günstige Nachricht aus Berlin bekommen und Edmund sich nicht in einem momentanen Dépit zu einem übereilten Schritt fortreißen lassen möchte.

9. September. Briefe aus Berlin erhalten, daß Herbert Bismarck Edmunds Bitte erfüllt hat, und er nach Nizza Um nicht nach Valparaiso zurückzumüssen, hatte Heyking gebeten, ihn vertretungsweise nach Nizza zu schicken. kommen soll. Wir müssen ja dankbar sein, daß man Edmunds Bitte gleich berücksichtigt hat, aber mir wird es doch nicht leicht, denn es ist ein zu erbärmliches Pöstchen, und ich habe noch nicht verlernt, für Edmund ehrgeizig zu sein. Edmund meinte, er schäme sich, nach Singapore zu gehn, ich dagegen schäme mich hierüber, weil es doch zu sehr ein Rückschritt ist. Was mir die Sache noch erschwerte, war, daß wir gleichzeitig hörten, Kalkutta sei frei geworden. Ich wäre so stolz gewesen, wenn Edmund dort Generalkonsul geworden wär. Edmund ist mir hier ganz fremd geworden, hat gar nicht mehr das Bedürfnis, sich mit mir auszusprechen. Ich bin aber dankbar, daß er überhaupt im Dienst bleibt, und daß er mich jetzt nicht nötig hat, ist vielleicht nur ein Zeichen, daß er sich sehr glücklich fühlt.

11. September. Edmund sprach mit seinen Eltern über Nizza, die sehr erfreut über die Berufung waren. Kein Mensch hier scheint für die Schattenseiten der Stellung, d. h. die Bedeutungslosigkeit, irgendwelches Verständnis zu haben. Unterwegs sprachen wir über Geldeinrichtungen in Nizza und realisierten zum erstenmal so recht, wieviel wir in Valparaiso von unserm Vermögen verloren haben.

24. September. Ein Telegramm von Kiderlen, Alfred von Kiderlen-Waechter, damals vortr. Rat im Auswärtigen Amt. ob er Edmund für Kalkutta vorschlagen soll! Ich war in fieberhafter Aufregung und Edmund ganz ohne Besinnen dafür, »Ja« zu sagen, er ging noch in der Nacht zum Telegraphenamt. Wir sprachen dann die ganze Nacht zusammen und waren so glücklich, dankbar, wie seit Jahren nicht. Es ist so lang mein Herzenswunsch gewesen, daß Edmund Anerkennung und Erfolg haben möchte. Er hat mich so oft gedauert. Ich habe dem lieben Gott von ganzem Herzen gedankt.

28. September in Berlin angekommen.

7. Oktober. Edmund sprach Herbert Bismarck, der sehr freundlich war und ihm sagte, Kalkutta sei ein politisch sehr wichtiger Posten.

18. Oktober. Abends endlich die Bestätigung vom Kaiser erhalten, nachdem wir während der letzten Tage in entsetzlicher Aufregung gewesen, ob nicht schließlich doch noch etwas im letzten Moment dazwischenkommen würde. Tags zuvor den Abend bei Gerlichs Heykings Vorgänger in Kalkutta, der beurlaubt war. in Potsdam zugebracht, die viel Erfreuliches über Kalkutta erzählten, deren Hitzeschilderungen uns aber doch einigermaßen ängstlich stimmten.

November. Während allen Einpackens für Kalkutta kam am 12. die Mitteilung, daß Onkel Grimms Herman Grimm, Professor der Kunstgeschichte an der Berliner Universität. Bruder gestorben sei. Inmitten all des bustles of life war es so recht ein Erinnern, daß alle Lebensepisoden doch nur Stationen zu dem einen bestimmten Ziele sind. Alles scheint unwahr und vorübergehend, das ist das einzig Wahre und Bleibende. Bei dem Gedanken, was jeder in diesen letzten Tagen und Stunden zu leiden haben wird, ergreift mich immer ein tiefes Weh. Das ganze Leben sollte ein einziges Betätigen des Mitleids sein; wie wunderbar inkonsequent leichtsinnig sind wir doch, daß wir das alles so vergessen können, gegen andre oft so hart sind und uns um so vergängliche Dinge oft so agitieren.

24. November. Edmund morgens nach London Um Informationen für den neuen Posten einzuholen, der der Botschaft in London unterstellt war. abgereist, ich schrecklich traurig. Eigentlich sollte ich mit den Kindern nach Ägypten vorausfahren, der Kurier war schon da, die Schiffsplätze bestellt, aber im letzten Moment war es mir doch unmöglich, so weit von ihm fortzugehen.

6. Dezember. Mittags bei wundervollem Sonnenschein in Genua eingetroffen. Abends kam Edmund von London, gottlob ganz gesund.

9. Dezember. An Bord der Habsburg gegangen.

16. Dezember. Ganz früh endlich in Port-Said angekommen und uns gleich sehr an den orientalischen Gestalten amüsiert, die uns dabei ganz bekannt vorkamen. Wir fuhren mit einem kleinen Dampfer den Kanal herauf bis Ismailije; an einer Station stiegen wir aus und beide Kinder ritten zum erstenmal auf Dromedaren, die da mit Beduinen lagerten. Teddy war herrlich mutig und fühlte sich sehr männlich selbständig. Von da fuhren wir per Bahn nach Kairo. Die Gegend ist nicht hübsch, aber amüsant für uns durch die Bevölkerung, die würdevollen Kamele, die zerbröckelnden Lehmhäuserchen im Stile der chilenischen. Nachmittag in Kairo eingetroffen.

17. Dezember. Schon das Heraustreten morgens früh auf den Balkon ein wahres Vergnügen, der Himmel so blau, die Luft so belebend, über allem ein Schimmer von Sonne und Freude. Man fühlt sich jung und froh, und in einem Winkelchen des Herzens wacht der längstvergessene Kinderglaube auf, daß man doch zu etwas ganz besonders Glücklichem bestimmt ist ... Mit Edmund, Fräulein Below Seit 1889 als Erzieherin der Kinder, später als Gesellschafterin und Vertraute bis zum Tode Elisabeths 1925 im Heykingschen Hause. und den Kindern zu den Pyramiden gefahren. Wunderschöner Blick von der Nilbrücke. Der breite Fluß mit den schrägsegeligen Booten, die vielen Palmen am Ufer, unter denen sich die elenden braunen Lehmhäuschen verkriechen. Dann vom jenseitigen Ufer der Rückblick auf die Stadt mit gärtenumgebenen weißen und roten Palästen, und im Hintergrund die so traumhaft aufragende Zitadelle und Moschee, daß wir sie anfänglich für eine Fata morgana hielten. Die Pyramiden selbst erschienen mir weniger großartig, als ich sie erwartet hatte, um so mehr imponierte mir die Sphinx mit ihrem armen verstümmelten schwermütigen Gesicht und ihren großen biederen Tatzen, zwischen denen noch die Reste eines Tempelchens stehen. Am Nachmittag fuhr ich durch die Muski, wo das Volksleben wirklich bewildering ist, um so mehr, als gerade ein großes Fest stattfand. Manche Straßen waren ganz mit Teppichen überdacht, und unzählige Laternen und rote Tücher mit Stern und Halbmond hingen herab. Dazu wimmelte es von sonderbaren Gestalten, und die Straßen waren so eng, daß man mit jedem Schritt der Pferde einige zu erdrücken meinte. Später fuhren wir noch nach Gezireh, dem hiesigen Bois, und sahen das diplomatische Korps. Das Leben in Kairo scheint sehr amüsant, aber auch sehr futil zu sein.

18. Dezember. Leider mußten wir fort und nach Ismailije zurück. Dort angekommen, gleich durch die Stadt gebummelt. Ein südliches Dünaburg, so trostlos elend und öde. Dazu ein ganz verfallenes khediviales Schloß, welches zur Suezeröffnung sehr luxuriös erbaut worden ist und aus dessen jetzt scheibenlosen Fenstern einst Kaiserin Eugenie und Kronprinz Friedrich herausgeschaut haben.

19. Dezember. Mittags schifften wir uns auf dem »Peninsular« ein. Sehr schönes großes Schiff, luftige Kabinen. Die Gesellschaft fein mittel.

21. Dezember. Die Hitze ganz angenehm; erste Bekanntschaft mit den Punkas Fächer.

24. Dezember. Abends Aden. Nettes Weihnachtsbäumchen für die Kinder.

29. Dezember. Morgens ganz früh in Bombay angekommen. Wir fuhren zuerst an schönen öffentlichen Gebäuden vorbei, die in ihrer Bauart mich sehr an Venedig erinnern. Dann an der See entlang nach Malabar Hill. Die Vegetation fanden wir im Vergleich mit Rio verstaubt und nicht sehr luxuriant; aber höchst interessant sind die Menschen, die man sieht. Besonders entzückten mich die schönen schlanken Frauen mit ihren malerischen Draperien und silbernen Spangen an Armen und Füßen. Reizend sind auch die ganz nackten braunen Kinder.

30. Dezember. Edmund und ich machten morgens einen Gang nach den »towers of silence«. Es ist der Ort, wo die Parsen ihre Toten von großen Geiern zerfleischen lassen. Sehr schöne Mondscheinfahrt mit Edmund, der aber in zu verkribbelter Stimmung ist, um alles so wie ich zu genießen. Wie alle indischen Kutscher wußte auch unsrer den Weg nicht, so daß noch the pleasant excitement hinzukam, to wonder if we should arrive at the right place or somewhere else.

1. Januar 1890. Morgens ganz früh aufgestanden und zu einer Parade gefahren. Ein native Regiment interessierte uns dabei besonders, und wir fanden, daß die braunen Kerle sehr gut aussahen. Die native Officers dauerten uns, denn sie sollen von den englischen Offizieren sehr schlecht behandelt und nicht einmal gegrüßt werden. Es machte aber doch einen seltsamen Eindruck, die sehr wenigen Engländer dieser Menge von Natives gegenüber zu sehen. Von da fuhren wir in die Basare. Das Leben dort ist wirklich unbeschreiblich bunt und interessant; die Menschen haben etwas faszinierend bunt Geheimnisvolles; man möchte immer mehr von ihrem eigentlichen Leben wissen und herausstöbern. Dabei sind sie still und würdevoll und machen einem sehr respektvoll Platz. Wir gingen besonders in Perlenläden, wo wir wahre Schätze sahen. Läden in unserm Sinne sind es nicht, sondern man tritt in ein Zimmer, wo sechs bis acht Kerle hocken, die man für Bettler halten würde, and they handle about millions worth of jewellery. Wir waren auch in den langen bedeckten Basaren, wo die Manchester Goods verkauft werden. Jeder Händler sitzt in einer Art kleinen Loge und unterhält sich friedlich mit seinen Nachbarn. Konkurrenz und Haß wie bei uns und Rivalität kennen sie nicht. Jeder verkauft zum selben Preis. Durch all das Menschengewühl schreitet manchmal eine heilige Kuh, die die Eingeborenen berühren und davon allerhand Heil erwarten. Auch bei Mosaik- und Schnitzereiarbeitern waren wir und bei Silberschmieden, welche aber anfangen, zu sehr in englischem Geschmack zu arbeiten. Herrn P.s Führung war uns Gold wert, denn er versteht es sehr, mit den Eingeborenen umzugehen, welche, sowie ein Europäer gegen sie freundlich ist, wissen, daß es kein Engländer ist.

5. Januar. Morgens früh in Allahabad angekommen, von wo ab die Gegend etwas hübscher wurde; bis dahin hatte es recht nach Lüneburger Heide ausgesehen. Jetzt sah man reich bebautes Land, mit hübschen Mangobaumgruppen, so daß es etwas wie ein englischer Park wirkte. Zwischen den Feldern laufen kleine Kanäle, in welche die Eingeborenen aus niedriger gelegenen Tanks das Wasser in Strohsäcken emporheben.

6. Januar. Morgens um 5 endlich in Kalkutta angekommen, wo wir von Konsul Becker und Dr. Solf empfangen wurden. Wir fuhren gleich ins Generalkonsulat, das sehr schön gelegen ist, wo aber leider kein Platz für die Kinder ist. Ich machte mich gleich auf Boardinghouse-Suche auf mit Dr. Solf. Die Straßen, die ich dabei sah, sind alle baumbepflanzt, die Häuser liegen in Gärten und sehen wie alte verlassene süditalienische Paläste aus. In der Nacht wurden wir beinah aufgefressen von Moskitos. Unser augenblickliches Kampleben ist sehr komisch.

7. Januar. Auf den Maidan Platz (hindustanisch) gefahren, wo ein großes llluminationsfest zu Ehren des Prinzen Albert Victor von Wales stattfand. Wir sahen es ganz als Touristen und waren von dem Effekt sehr entzückt. Längs des Weges waren alle Bäume mit italienischen Lampions behangen, alle offiziellen Gebäude mit kleinen ölgefüllten Gläsern besetzt, und der Effekt war, daß die Gebäude gegen den Himmel ganz zu verschwinden schienen und nur eine Art Feuergerippe stehen blieb. Am schönsten machte sich ein ganz phantastisches, aus Bambusstäben zusammengesetztes Schloß, ebenfalls über und über mit solchen Öllämpchen behangen, das sich in einem Teich widerspiegelte. Das Interessanteste aber waren natürlich die Natives; die Ärmeren draußen auf dem Maidan und die Vornehmeren in der Enceinte. Jeder einzelne ein malerisches Bild, ob er nun Cotton oder goldgestickte Gewänder trägt. Edmund und mich frappierten sehr die Römergesichter, welche viele Bengalen haben, und die durch die togaartigen Draperien noch besonders hervortreten.

8. Januar. Als Edmund und ich uns anschickten, morgens früh auszugehen, erhielten wir die Nachricht, daß die alte Kaiserin Kaiserin Augusta gestorben sei. Edmund fuhr gleich zur Herzogin von Connaught, die ihn bei dieser Gelegenheit dem Prinzen Victor Albert vorstellte. Die Herzogin entschloß sich, Garden-party und Ball nicht zu besuchen, worin wir ihrem Beispiel folgten.

9. Januar. Mittags zur Lady Bayley gefahren, der Frau des Lieutenant Governors, von Bengalen eine liebenswürdige einfache Frau. Etwas entsetzt gewesen über Geschmacklosigkeit der Damen, die zu ihr zu Besuch kamen. Nachher zum Governmenthouse zum Lunch. Lord und Lady Lansdowne sind beide sehr liebenswürdig. Der ganze Zuschnitt des Hauses sehr hofmäßig großartig, die Räume lauter säulengetragene Hallen, in denen sich die native Diener mit ihren roten Röcken sehr gut machen. Es wurde an drei Tischen serviert und wir saßen an dem des Vizekönigs mit Lady Lansdowne, Herzog und Herzogin von Connaught, Prinz Albert Victor, Lord W. Beresford. Lord W. L. de la Poer Beresford, Militär-Sekretär des Vizekönigs. Ich saß neben dem Vizekönig und Lord B. und unterhielt mich mit beiden sehr gut. Edmund unterhielt die Herzogin mit Berliner Witzen, was sie offenbar sehr goutierte... Abend war noch eine große Reception im Governmenthouse, bei der besonders viel native Fürsten waren in herrlichen Trachten und bedeckt mit wundervollem Schmuck. Wir konnten den Prinzen Albert Victor sehr beobachten und er gefällt uns beiden immer besser; er hat Ähnlichkeit mit unserm Kaiser. Wir waren sehr befriedigt von unserm ersten gesellschaftlichen Tag.

12. Januar. Morgens nach einer Vorstadt gewandert, um den Tempel der Göttin Kali zu sehen. In den engen Straßen um den Tempel viel merkwürdiges Leben. Reizende nackte Kinder und halbwüchsige Mädchen in bunten Draperien mit intelligenten Ziegengesichtern. Am Eingang eines Tempels kauerte ein opiumrauchender Fakir. Zum Schluß besahen wir uns noch den Kalighat, dies ist eine Treppe, die zum Gangeskanal hinfährt und wo gebadet wird. Während wir auf den Wagen warteten, der natürlich nicht da war, sprachen wir mit einem sich für einen Brahmanen ausgebenden Manne. Er wußte von Deutschland, daß dort Sanskrit gelehrt wird, und erzählte uns, er sei in einem Missionary-house erzogen worden, habe dreimal die Bibel gelesen, sei aber schließlich doch bei seinem Glauben geblieben. Die Protestanten lehrten, daß Christus Gottes Sohn sei, aber wir alle seien ja Söhne Gottes.

19. Januar. Eine hübsche Fahrt auf dem Hugli bis zum botanischen Garten, der sehr schön ist. Besonders fiel mir ein Riesenbanyanbaum auf, dessen von neuem wurzelschlagende Zweige einen kleinen Wald bilden.

23. Januar. Erste Hindostanistunde. Im Governmenthouse diniert. Ich saß neben dem Vizekönig, mit dem man sich sehr gut unterhält. Nachdem Tanz. Es ist eine leere frivole Welt. Die Männer arbeiten viel, aber the ladies keep themselves going by having always some dissipation on hand. Ich hatte ein langes Gespräch, in dem mir erzählt wurde von einer neuen religiösen Richtung in Indien, die dem Christentum sehr nahe kommt.

1. Februar. Nachmittags einen Vortrag von Reverend Gore gehört, über die Hindu-, mohammedanische und christliche Vorstellung von Gott. Das Publikum, aus lauter Babus Babu oder baboo ist der Sammelname für alle jene Indier, gewöhnlich aus Bengalen stammende Eingeborene, die es zu einer gewissen Bildungsstufe gebracht haben. Der Bengali baboo bevölkert alle Büros in Indien, ohne den baboo wäre das heutige Indien undenkbar. bestehend, war sehr interessant, so kluge ungläubige Gesichter. Mit dieser Art Vorträgen wird aber schwerlich viel Bekehrung gemacht werden. Meiner Vorstellung von Gott nach ist es ihm aber auch ganz einerlei, ob wir Hindus, Mohammedaner oder Christen sind.

7. Februar. Grisbach war im Geological Departement kam zu uns und erzählte sehr interessant von Afghanistan, wo er zwei Jahre im Dienst des Emir gestanden hat. Es herrschen dort noch ganz patriarchalische Zustände. Jeder gewöhnliche Arbeiter kann zum Emir hereinkommen, setzt sich zu ihm, trägt ihm seine Angelegenheiten vor und ruft ihn zum Richter an. Gegen Rebellen soll der Emir sehr hart sein; er läßt sie vor Kanonen binden, gibt den Befehl zum Feuern kühl lächelnd und unterhält sich dann über irgendeinen Gegenstand; besonders soll er es lieben, sich über europäische Länder erzählen zu lassen.

26. Februar. Mittags mit Edmund von Kalkutta abgereist. zu einem Ausflug ins Gebirge. Wir fuhren zuerst durch jungleartige Vorstadtgärtchen, in denen nette kleine Babu-Sonntaglandhäuschen versteckt lagen. Abends kamen wir an den Ganges und gingen über eine seltsame Bamboobrücke bis zum Dampfschiff, auf dem wir im Mondschein übersetzten.

27. Februar. Morgens bestiegen wir die ganz kleine tramwayartige Eisenbahn und begannen den 7000 Fuß hohen Aufstieg nach Darjeeling. Der Weg ist ganz entzückend durch die Fülle der Vegetation und die reizenden Rückblicke auf die dichtbewaldeten Abhänge und die ferne Ebene. Die Eisenbahn fährt dicht an der Landstraße entlang, auf der viel Leben herrscht. Wir beobachteten die verschiedenen Menschentypen: Gurkhas, Lepchas, Bhutias. Sie haben alle etwas freundlich Lustiges und etwas Familienähnlichkeit mit den Chinesen. Nachmittags trafen wir in Darjeeling ein, das von weitem etwas Fremdartiges hat. Ich fuhr per Rickshaw ins Hotel, in dem viel Leben herrschte, weil ein tibetanischer Gesandter mit großem Gefolge gerade da war. Unser großer Koffer wurde von einer kleinen stämmigen Bhutiafrau auf dem Rücken den steilen Berg hinaufgeschleppt.

28. Februar. Morgens früh sahen wir den Kinchinjunga ganz klar vom Fenster aus. Nach der Cordillera imponierte er mir aber nicht so, wie ich erwartet hatte. Wir besahen ein Bhutiadorf, einen Tempel mit Gebetmühlen und amüsierten uns über Gebetfahnen, die an jedem Haus an langen Bambusstäben angebracht sind. Die darauf geschriebenen Gebete sollen z. T. die bösen Geister abhalten, z. T. werden sie jedesmal, daß der Wind sie bewegt, von der Gottheit dem Stifter zugute gehalten.

3. März. Mittags wieder in Kalkutta angekommen. Die Luft erscheint uns sehr drückend nach der Eiseskälte in Darjeeling.

12. März. Mittags fuhr ich ins Governmenthouse, wo ich mit Lady Lansdowne zusah, wie der Vizekönig den Amban empfing, der von China gesandt ist, um die Sikkimfrage zu regeln. Lord Lansdowne saß auf einem Thron, der Amban ward auf einen silbernen Sessel neben ihn gesetzt, und die Konversation fand durch einen Dolmetscher statt. Wir Damen standen auf Sofas hinter spanischen Wänden und sahen alles sehr gut. Abends war ein großes Konzert im Governmenthouse. Ich saß neben Lady Lansdowne, so daß ich den dicken, fidel schmunzelnden Amban gut beobachten konnte, wie er sich mit seinem ganz kleinen Fächerchen fächelte. Sehr komisch war der Moment, wie er Lady Lansdowne zum Tee führen sollte und gar keinen Begriff hatte, wie ihr den Arm zu reichen, und immer ihrem Arm auswich.

14. März. Statedinner zu Ehren des Amban. Als wir halbwegs waren, fuhr der Amban an uns vorbei, und da er zum Konzert sehr viel zu spät gekommen war, bekamen wir Angst, selbst zu spät zu kommen, jagten, was wir konnten, und trafen als chinesisches Gefolge ein! Ich saß neben dem Vizekönig, so daß ich den Amban gut sah, der neben Lady Lansdowne gegenüber saß. Es war amüsant zu beobachten, wie er mit seinen winzigen Händchen und langen Nägeln die ihm neuen Eßutensilien handhabte. Er nahm von allem, wurde aber offenbar aus vielem nicht recht klug. Lord Lansdowne brachte die Gesundheit des Kaisers von China aus, die wohl noch keiner von uns getrunken hatte. Nach Tisch hatte ich ein langes Gespräch mit dem Zivilratgeber des Amban, den sie den tibetanischen Bismarck nennen. Er sagte mir schließlich, daß er sich sehr wünsche, als Gesandter nach Berlin zu kommen, dann würde ich hoffentlich auch da sein und bei seinen Diners präsidieren. Ich wurde nachher sehr damit geneckt, daß ich mit dem Chinesen eine Flirtation zustande gebracht hatte. Wir amüsierten uns alle über the self-possession der Leute und wie sie offenbar durchaus das Gefühl hatten, to be always just doing the right thing in the right moment.

18. März. Mittags kam ein Extrablatt, wonach Fürst Bismarck abgegangen sein soll, was uns sehr konsternierte. Man fühlt in solchen Momenten die Entfernung von Hause so sehr.

22. März. All die Tage eigentlich nur in Berlin gelebt und immer wieder nachgesonnen, wie das wohl passiert sein mag. Behüte Gott unser Land und lasse nicht seine große stolze Zeit schon vorüber sein! Viel an den letzten Aufenthalt in Berlin zurückgedacht und mich gefreut, noch mit all den Leuten zusammengekommen zu sein, die eine ganze Zeit repräsentieren. Viel auch über die eigne Zukunft nachgedacht, auf die diese Begebenheit vielleicht auch von Einfluß sein wird.

31. März. Die zweite Hälfte des Monats sehr still verbracht und mit allen Gedanken in Berlin gewesen. Sehr traurig und niedergeschlagen über Herbert Bismarcks Abgang, der uns immer ein treuer Freund gewesen ist. Viel gedacht an das letzte Gespräch mit Schweninger, Geheimrat Dr. Ernst Schweninger, Leibarzt des Fürsten Bismarck. der meinte, daß Herbert Bismarck keinen persönlichen Ehrgeiz habe. Edmund und ich sind in Sorge um das Ganze und auch um unser eignes Vorwärtskommen, denn Freunde, die sich für uns interessieren, haben wir jetzt im Auswärtigen Amt wohl keine mehr.

12. April abends von Kalkutta abgereist. Zum Sommeraufenthalt nach Simla, wohin das diplomatische Korps jedes Jahr übersiedelte, weil der Vizekönig dort den Sommer verbrachte. Heißer, angreifender Eisenbahntag, Staub, Schwüle, scheußliche Gegend. Abends in Umballa angekommen und von da per Dakhgharries nach Kalka weitergefahren, wo wir nachts um 2 eintrafen. Die Dakhgharries sind sargartige Wagen mit Schiebetüren, in denen man zu zweit ausgestreckt liegen kann. Ich fuhr mit Teddy, und die Fahrt amüsierte mich, besonders das schnelle Ein- und Ausspannen und das lustige Blasen der Postillone.

13. April. Früh um 6 von Kalka abgefahren in leichten, offnen Wagen. Der Weg ist amüsant durch das viele Volk, dem man begegnet, und die endlosen Reihen von Ochsenkarren, die alles nach Simla hinaufschaffen, aber er ist nur an wenig Stellen wirklich hübsch. Im ganzen öde, dürr und vegetationslos und erinnerte uns sehr an Chile. Simla selbst sieht man schon von weitem auf einem langgestreckten Bergrücken und an dessen bewaldetem Abhang liegen. Wir kamen nachmittags an und waren mit unserm Häuschen sehr zufrieden. Es liegt auf einem Hügelchen, von Föhren umgeben, und hat etwas altmodisch Behagliches.

21. April. All die Tage arbeiteten wir an einer Menge Berichte fürs Auswärtige Amt.

1. Mai. Die ganze Zeit krank und Heimweh wie noch nie gehabt. Viel für Edmund abgeschrieben, der sehr viel zu arbeiten hat und den ich sehr wenig mehr zu sehen bekomme.

24. Mai. Den Geburtstag der Königin Von England. gefeiert; Edmund ging zum Statedinner und zum Lever. Währenddem hatten wir Garten und Haus illuminiert. Vom Balkon hing die Flagge herab. Der Effekt der großen weißen Fahne mit dem eisernen Kreuz war höchst malerisch gegen den nächtlichen Himmel von dem flackernden Licht der Illumination erhellt. Die braunen, weißbeturbanten Diener hielten oben und unten die Fahne und sahen recht wie Bilder aus.

16. Juni. Nachts begannen »the rains« mit großer Vehemenz. Viel gemalt und ausgegangen und das Regenwetter sehr genossen, das Simla entschieden sehr verschönt. – Die afrikanische Abmachung Der Sansibarvertrag. hat uns sehr betrübt, und wenn man sieht und hört, wie Leute, die Afrika wirklich kennen, darüber denken, kann man sich der Empfindung nicht erwehren, daß unsre Schicksale kopfloser wie früher geregelt werden und daß diese Abmachung noch einmal sehr bedauert werden wird. Edmund erhielt einen sehr netten Brief von Herbert Bismarck. Kairo ist noch immer unbesetzt und trottet uns im Kopf herum. Aber es ist überflüssig, daran zu denken; es gibt zu viele, die bessere Rechte als wir darauf haben. Wir haben ja auch allen Grund, für Indien dankbar zu sein. – Sir Robert Sandemann, der König von Beluchistan, war in dieser Zeit in Simla und lieferte Edmund Stoff zu einem interessanten Bericht. Ce n'est pas du reste ce que nous manque, und wenn man nur immer gesund bliebe, wäre wenig am hiesigen Posten auszusetzen. Wir haben aber auch gesellschaftlich eine Ausnahmestellung und sind, glaube ich, beide beliebt. Die so undemonstrativen Engländer sagen uns oft, daß sie sich freuen, daß man gerade uns hierher geschickt hat. Vielleicht ist es dank dieser Beliebtheit, daß Edmund hier so viel in Erfahrung bringt; hauptsächlich durch höhere Offiziere, die aber überhaupt eine viel freiere Art sich auszusprechen haben wie unsre Offiziere, und untereinander, von Vorgesetzten zu Untergebenen, herrscht ein viel ungezwungenerer Ton als bei uns.

August. Einen reizenden Brief von Brauer Arthur von Brauer, damals Badischer Gesandter und Bevollmächtigter zum Bundesrat in Berlin. erhalten, welcher schreibt, daß man in Berlin sehr mit Edmund zufrieden sei. B. scheint es für möglich zu halten, daß man Edmund zum Gesandten in Tokio machen würde. Wir waren beide ganz starr. Wie würde sich Edmunds Vater freuen, der noch in seinem letzten Brief schrieb, es sei sein großer Wunsch, zu erleben, daß Edmund Gesandter würde. Merkwürdigerweise erhielt ich mit Brauers Brief einen von Reinhold Stael, die zwei Menschen, die immer bei großen Entscheidungen in unserm Leben auftreten.

3. August. Ein sehr nettes Diner bei Sir F. S. Roberts Damals Oberkommandierender der indischen Armee, später Lord Roberts of Kandahar. mitgemacht, wo der Vizekönig war und wir Sir Robert Sandemann trafen. Ein gescheiter, liebenswürdiger Mann. Man sagt, er ginge in Beluchistan herum, in der einen Hand eine Rupie, in der andern einen Stock. Er soll auf diese Weise dort sehr viel ausrichten. Man sieht ihm an, welch energischer Mensch er ist, und daß er wahrscheinlich, wenn man ihm nur freie Hand ließe, die englische Interessensphäre sehr weit hinausrücken würde. Besonders mit dem Emir Adurrhaman Khan, damaliger Emir von Afghanistan. würde er kurzen Prozeß machen. Von letzterem wird erzählt, daß er kürzlich auf einer Reise an ein Dorf kam, wo für ihn und seine 15 000 Begleiter nicht der nötige Proviant hergerichtet war. Die Dorfältesten entschuldigten sich, daß sie selbst nichts zu essen hätten, worauf ihnen der Emir antwortete, wenn dem so sei, dann brauchten sie auch nicht mehr zu essen, und ließ ihnen sämtlich die Zähne ausziehen. Ein anderes Mal entstand ein Gerücht: »die Russen kämen«. Als der Emir denjenigen festgestellt hatte, der die Nachricht zuerst verbreitete, ließ er einen 70 Fuß hohen Pfahl errichten, mit einer kleinen Plattform auf der Spitze. Dahinauf mußte der Unglückliche mit einer Trompete klettern und erhielt den Befehl, zu blasen, sowie er die Russen sähe, vorher dürfe er nicht herunter. Nach drei Tagen fiel er tot herab. – Sir Roberts lud uns ein, ihn in Quetta Hauptstadt von Belutschistan. zu besuchen. Er wird aber diesen Winter am Persischen Golf sein, wo, wie es scheint, wieder im stillen eine kleine Annexion stattfinden soll!

3. September. Lord Francfort kennengelernt, der mir erzählte, daß er in Moritzburg in Südafrika gestanden hätte, wo er manchmal absolut keine Dienstboten bekommen konnte, so daß er zuweilen das Huhn rupfte, seine Frau es briet und sie es dann gemeinsam verspeisten. – Morgens ließ sich ein Maharajah bei Edmund anmelden. Während der Visite standen Fräulein Below und ich hinter einem Purdah. Vorhang, Schleier. Der Maharajah sprach kein Englisch, hatte sich aber einen Dolmetscher mitgebracht. Er erzählte Edmund, daß ihm früher Simla gehört habe, sein Land sei ihm von der englischen Regierung fortgenommen worden, und statt dessen sei ihm ein andres gegeben. Il ne doit pas avoir gagné au change, denn er und Gefolge sahen ziemlich ruppig aus.

14. September. Nachts ein starkes Erdbeben. Höchst unbehaglich!

21. September. Ich machte einen zweitägigen Ausflug nach Mashobra, Beliebter Ausflugsort in der Nähe von Simla. was mir sehr wohltat, da ich von den unausgesetzten Diners in und außer dem Hause sehr müde war. Wir machten einen großen Gang nach Sipi, einem heiligen Urwald, wo ein hübsch geschnitztes Tempelchen steht und alljährlich ein großer Markt stattfindet, bei dem auch Frauen erworben werden.

30. September. In Simla Herrn Ehlers Otto E. Ehlers, deutscher Forschungsreisender. vorgefunden, der aus Ostafrika gekommen, zuerst in Kashmir war und nun weiter nach Nepal, Assam, Siam will und der so amüsant erzählt.

1. Oktober. Morgens ritt Ehlers ab nach entsetzlichen Schwierigkeiten wegen seiner Leute, die er mit afrikanischer Strenge zu behandeln wünschte, was hier nicht geht. Sein Besuch war uns eine große Freude, denn die rein englische Gesellschaft wird man auf die Dauer etwas müde. Er scheint sich bei uns wohlgefühlt zu haben und betonte, wie sehr es ihm auffiele, daß wir uns mit den Engländern so gut ständen. Nachmittags trank der Vizekönig Tee bei uns. Unser Haus, besonders auch das gemalte Zimmerchen, gefiel ihm sehr, und uns erfreute der Besuch als ein Zeichen, daß wir uns hier doch sehr gut stehen. Ich sagte Edmund, daß der Vizekönig immer so aussähe, als habe er sich zum Motto genommen: »Je veux sortir de cette galère sans commettre de bêtise«, was Edmund sehr amüsierte.

In unsern Gedanken präparieren wir uns sehr darauf, noch ein Jahr ohne Urlaub in Indien zu bleiben, d. h. also den nächsten Sommer wieder in Simla zu sein. Die Kinder wollen wir für den Winter mit Fräulein Below hier oben lassen. Es wird mir sehr schwer, scheint mir aber doch vernünftiger.

20. Oktober. Um 1 Uhr fuhren Edmund und ich von Simla ab, Um der Feier der Regierungseinsetzung des Maharadschas von Patiala durch den Vizekönig beizuwohnen. Patiala ist ein native Staat in Rajputana. und während der ersten Stunden genossen wir die Wagenfahrt sehr. Um 8 kamen wir in Kalka an, wo die Luft echt indisch war, drückend und wattig, als ob man sie mit Händen greifen könne. Wir fuhren schon um 10 im Ticagharry Indischer Mietswagen. weiter; die Nacht war greulich, da wir schreckliche Pferde und einen elenden Kutscher hatten. Einige Male blieben wir im Morast stecken, da der Kutscher vom richtigen Wege abgekommen war. Frische Pferde mußten geholt werden, und es besserte sich alles erst, als Edmund ausstieg und den Kutscher durchprügelte. Die Fahrt durch den Fluß war wieder sehr romantisch und die langen Züge beladener Kamele im Mondschein sehr malerisch.

21. Oktober. Morgens um 6 kamen wir in Umballa an und fuhren um 7 im Extrazug ab. Die Stationen waren alle geschmückt mit komischen kleinen Fähnchen, die mich an südamerikanische ästhetische Attempts erinnerten. Auf den Perrons standen überall viele Natives in ihren »Sonntagsnachmittagsgehröcken«, die in diesem Fall meist aus reizenden Changeant-Seiden bestanden. Um 9 trafen wir in Patiala ein, und auf dem Perron stand der Maharajah, uns alle zu empfangen, in einem entzückenden lachsfarbenen Gewand und sein ganzer Hofstaat ebenfalls in schönsten Kostümen. An der Bahn sahen wir Imperial Service Troops, die sehr gut aussahen, mit mehreren Elefanten. Wir fuhren nun zum Lager, das wie eine Stadt ist, mit Straßen, künstlichen kleinen Gärten, die nur für diese Tage angelegt sind, und auf dem Wege stehen viele komische Triumphbogen, auf denen Jagden, Tiere und Prizefighters in möglichst naiv kindlicher Manier gemalt sind. Unser Zelt ist in der Hauptstraße, nahe am vizeköniglichen Lager. Eigentlich müßte ich Zelte sagen, denn es sind deren zwei, ein sehr großes schönes für Edmund und ein kleines, dumpfes, stickiges, which was supposed to be good enough for me, nach echt orientalischer Auffassung, daß der Mann das beste nimmt, und die Frau, was gerade übrigbleibt. Ich bin aber zu Edmund gezogen, und wir sind sehr comfortable. Bei Tage ist es allerdings sehr heiß, so daß man den Punka Fächer, die stundenlang von Natives mit Stricken in Bewegung gehalten werden. braucht, aber die Nächte sind höchst angenehm. Wir besahen uns die Zelte des Vizekönigs, in denen einige wundervolle golddurchwirkte Stoffe verwendet sind, daneben europäische Kunstindustriehorreurs. In seinem Garten steht ein rein silberner kleiner Tempel, der sehr merkwürdig indisch kostbar unbrauchbar aussieht. Unsere Mahlzeiten haben wir in einem enormen Zelt, wo 2-300 Personen sitzen können; es sind viele Bekannte darunter, aber auch viele provinzialisch aussehende Rauhbeine. Nachmittags machte ich einen Ritt auf einem Elefanten, den uns der Maharajah schickte. Das Tier war prachtvoll mit Goldbrokat behangen und trug eine silberne Howdah. Um hinaufzukommen, gebraucht man eine Leiter, nachdem der Elefant sich vorher auf die Knie gelassen hat. Wir ritten zuerst durch die Stadt und besahen uns die Präparationen für die Illumination. In allen Straßen, die der Vizekönig passieren wird, sind die Häuser weiß bestrichen worden; von unsrer Höhe aus aber konnten wir den malerisch braunschmutzigen Alltagszustand dahinter sehen; auch in das Innere der Häuser konnte ich gut hineinschauen und sah einige reizend hübsche Frauen, die mir freundlich zunickten. Unser Elefant erschreckte alle Pferde, und eins sprang vor Entsetzen in einen der kleinen Basarläden hinein und zertrümmerte die Tonkrüge. Wir ritten in den großen Palasthof, an dessen Tor hübsche geschnitzte und durchbrochene Arbeit angebracht ist. Alles weiß gestrichen. Hinter einer großen Mauer befindet sich das Zenana, Frauengemach. und da sie in diesem Staat sehr streng sind, kommen die Prinzessinnen nie heraus. Mich dauerten sie sehr, aber nachher erfuhr ich, daß sie es selbst nicht geändert haben möchten, weil sie in der Tradition aufwachsen, daß es nur sehr ordinäre Frauen sein können, die draußen frei herumgehn dürfen, und je mehr man sie hütet, desto vornehmer kommen sie sich selbst vor. Der Heimritt bei untergehender Sonne und beginnendem Mondschein war reizend. Die Dämmerung bedeckte alles lumpenhaft Häßliche in den Straßen und nur die graziösen Silhouetten der Tempeldome, der schlanken Säulchen und Kuppeln an den Altanen der Häuser hoben sich vom abendlichen Himmel ab. Auf den Dächern standen und saßen einzelne malerische Figuren mit hellfarbigen Turbanen und schön drapierten Gewändern. Unser Elefant ging mit schweren Schritten dahin und beim Wiegen der Howdah erschien es mir alles wie ein kurioses Traumgebilde.

Bedford erzählte mir, wie der Maharajah durchaus gewollt habe, daß die von Elles W. K. Elles, Gen. Major. kommandierten Truppen für Sir J. Lyall Lieutenant General des Punjab (Hauptstadt Lahore). Spalier bildeten, was Elles ihrer vielen Fieberfälle wegen nicht gewollt. Er konnte den Maharajah aber nur dadurch davon abbringen, daß er ihm sagte, dann würde die Parade sicher schlecht ausfallen und das würde entsetzlich sein, denn der deutsche Generalkonsul sei da, der Vertreter derjenigen Macht, die die schönsten Soldaten der Welt habe, und der würde gewiß in sein Land berichten, wie die Patialatruppen aussähen! Dies hat bei dem Maharajah entschieden! Er soll übrigens an den Truppen nur ein Eitelkeitsinteresse nehmen, sich nie um sie kümmern und Mellis gesagt haben, es sei einerlei, was sie kosteten, wenn sie nur besser wie die aller andern Rajahs wären.

22. Oktober. Edmund fuhr morgens in vollem Wichs, um den Vizekönig zu empfangen, und der ganze Tag zeichnete sich durch beständiges Schießen aus bei den verschiedenen Ankünften, Besuchen und Gegenbesuchen. Wir sahen den Vizekönig von einer Visite zurückkommen in einem ganz wunderbaren Wagen aus Silber mit schweren Goldornamenten, die Polster mit prachtvollem Silber- und Golddamast bezogen. Wir machten auch einen Spaziergang im Moti bagh, d. h. Perlengarten, von dem ich sehr entzückt war. Das fließende Wasser, von Marmor umsäumt, machte einen herrlich kühlen Eindruck und inmitten eines Teiches stand ein reizender weißer Marmorkiosk, zu dem man auf einer Marmorbrücke gelangt. Es ist wirklich eine Moti mit den reizenden kleinen Säulen, welche eine Art luftiges Zimmer umschließen, von dem Marmordach rauscht von allen Seiten das Wasser herunter, so daß es drinnen immer kühl sein muß. Am Ende des Gartens befindet sich eine Art Lustschloß mit einem großen, ganz bemalten Zimmer. Die Malerei hatte etwas präraffaelitisch Rührendes und stellte offenbar die verschiedenen Stadien einer Hinduliebesgeschichte vor. Aus diesem Zimmer tritt man in ein ganz kleines, das ganz goldig flimmert und dessen Wände aus verschiedenen Glasmosaiken bestehen. All die einzelnen Glasstückchen sind mit Gold bemalt und untereinander mit Goldornamenten verbunden, und der Gesamteffekt ist reizend. Aus diesem kleinen Zimmer tritt man auf einen Balkon, von dem aus man einen entzückenden Blick auf den großen Teich hat, in welchen weiße Türme weit hineinspringen und der von weißen Gebäuden umgeben ist. Das goldene Zimmer, der blaue See, die weißen Türme und die grünen Bäume machten ein reizendes Bild, und es schien mir ganz der Ort für ein indisches Liebespaar. Wir fuhren noch zum Pologround und sahen dem Spiel zu, in dem der Maharaja zu exzellieren scheint. Ich lernte ihn kennen, der ein sehr netter Junge ist und mir seine Photographie versprach. Edmund meinte, ich hätte seine Eroberung gemacht, denn er kam ins Lager uns nachgefahren und schwatzte noch viel mit mir im Messtent, Speisezelt während wir Pegs Wörtlich = Sargnagel, wird in Indien für das Getränk Whisky und Sodawasser gebraucht. tranken. Nach dem Diner war Musik im Drawingroomtent und der Maharajah erschien mit seinem Hofe, er in einem entzückenden Goldbrokatkleid mit prachtvollen Perlen. Er sang ein paar englische Lieder und wurde dabei von einem jungen Mädchen begleitet, welches beim hiesigen veterinary surgeon Cox Erzieherin ist. Der Maharajah soll sie sehr bewundern und die ganze Coxsche Familie dadurch sehr einflußreich im hiesigen Staat geworden sein. Ich saß ziemlich eingezwängt zwischen andern Damen und es amüsierte mich, daß der Maharajah offenbar gern mit mir sprechen wollte, aber nicht recht his way to it sah und wie die Katze um den Brei ging. Schließlich hatten wir noch einen langen Schwatz und dann sagte er mir »Schlafen Sie wohl«; ich antwortete »so jao«, was wohl gemeint, aber in der Form nicht seinem Rang entsprechend war. – Sehr viele der schönen Stoffe, welche die reichen Natives tragen, kommen übrigens aus Frankreich und England.

23. Oktober. Mittags fand der große Durbar große Audienz. statt, bei welchem der Maharajah durch den Vizekönig mit full powers investiert wurde. Die Zeremonie fand in einem großen Saal des Palastes statt, und wir Damen saßen in einer Loge, von der aus wir es sehr gut sehen konnten. Am einen Ende des Saales waren drei Thronsessel aufgestellt auf einer Art Estrade mit drei kleinen Goldsesseln davor. Die europäischen Herren in full dress rangierten sich rechts vom Thron, die native Herren links, und diese waren in ihren wundervollen Gewändern entschieden der schönere Anblick. Der Maharajah kam in unsre Loge und ließ uns seinen prachtvollen Schmuck bewundern; er trug unter anderem ein großes Diamantkollier, das früher der Kaiserin Eugenie gehört hat. Dann fuhr er fort, um den Vizekönig abzuholen. Sie kamen mit Sir James Lyall in dem großen silbernen Wagen angefahren und dann unter goldenen Schirmen zwischen der Leibwache und beim Klang des »God save the Queen« in den Saal geschritten. Der Zug sah wirklich schön aus mit den vielen A.d.C's. Aide de camp. in ihren roten Uniformen und den malerischen Natives. Schade, daß die drei Hauptfiguren nicht imponierender waren. Zuerst setzten sie sich in die drei niedrigeren Goldsessel, und der Vizekönig hielt eine Rede, in der er erzählte, was während der Minderjährigkeit des Maharajah im Staate geschehen, und dem Maharajah alle guten Eigenschaften eines guten Herrschers wünschte. Sehr hübsch war, wie er ihm sagte, daß ein vizekönigliches Regieren nur eine temporäre Sache sei, während die Pflichten eines wirklichen Herrschers nur mit dem Tode endigen; wieviel befriedigender, aber auch wieviel schwerer letzteres sei. Der Maharajah hielt darauf eine Antwortrede, dann erklärte der Vizekönig den Maharajah für invested und Sir James und die höchsten Beamten gratulierten. Hierauf führte der Vizekönig den Maharajah zum eigentlichen Thron, und Diener in köstlichen Kleidern mit dem Jackschwanz und Füllhörnern stellten sich dahinter auf, während Schüsse abgefeuert wurden. Das nächste war, daß Mr. Conningham die Rede des Vizekönigs auf hindostanisch wiederholte für diejenigen Natives, welche englisch nicht verstehen, eine höchst einschläfernde Zeremonie. Darauf wurden alle hervorragenden Leute des Patialastaates dem Vizekönig vorgestellt, lauter Sikhs, wunderschöne kräftige Leute, regular fighting men. Jeder brachte dem Vizekönig einige Goldmohurs, die dieser als Gnadenzeichen anrührte, aber natürlich nicht annahm... Beim Diner führte mich der Vizekönig, trotzdem mehr Berechtigte da waren. Ich erzählte ihm russische Anekdoten and we got on capitally. Die Arrangements wurden aber dadurch etwas upset, daß der Maharajah, der zum Schluß kommen sollte, um die Gesundheit der Königin auszubringen, fiebershalber nicht erschien. Der Vizekönig hielt eine höchst interessante und wichtige Rede über die War service troops, durch welche er the overzeal checken wollte. Er sprach mit viel Vertrauen von den indischen Fürsten, daß sie in Friedenszeit ganz die Kontrolle der Truppen haben sollten, und daß er nicht Geld oder zusammengewürfelte Truppen haben wollte, sondern nur in denjenigen Staaten Truppen erheben würde, die sie ganz allein zusammenstellen und erhalten könnten. Nach Tisch waren entsetzlich schwache Taschenkünstler und wir gingen sehr müde zu Bett.

24. Oktober. Wir standen vor 6 Uhr auf und fuhren zu dem Paradeplatz, wo vor Lord Lansdowne die Parade der War service troops von Patiala, Nabha und Jhind stattfand. Die Leute sahen ausgezeichnet aus, besonders die Infanterie, und ihre Kostüme und ganze Ausrüstung war vortrefflich und blinkblank, in den Farben sehr malerisch. Bei jedem Regiment waren ein paar englische Offiziere zur Inspektion, aber sonst stehen sie ganz unter Kommando von Nativeoffizieren, die sehr gut aussehen. Der Maharajah war zugegen in Patiala-Uniform, eine Art grüner Husar, und schien sehr stolz auf seine Truppen. Auf seine Frage bestätigte ihm Edmund: »die Truppen sähen splendid aus«, worauf er frug: »And do you think they will fight?« was uns sehr amüsierte. Mittags besahen wir uns das Schloß und Museum, in welchem neben alten persischen Manuskripten und wundervollem Schmuck Sammlungen von Taschenmessern, Vogelkäfigen und Zahnbürsten (!) zu sehen sind, da der frühere Maharajah es schick gefunden haben soll, wenn er in einen Laden ging, gleich die ganzen Vorräte zu kaufen. Merkwürdig sind zwei enorme Reisenecessaires, die zusammen eine Kamellast bilden und 9000 Pfund St. gekostet haben. Der Maharajah überreichte mir seine Photographie und bat mich, doch bald auf länger zu kommen. Als wir schon fort wollten, kam eine Art Minister des Maharajah zu mir und sagte, H. H. hätte befohlen, daß ich in die Stoffvorräte geführt würde und mir, was ich wolle, aussuche. Wir kamen dann in einen großen Saal, dessen Boden ganz mit kostbaren Stoffen und Shawls bedeckt war, und wo ich wirklich l'embarras du choix hatte, und schließlich reich beladen davonzog. Während wir dann beim Tiffin Gabelfrühstück. waren, ließ sich der Maharajah bei uns melden, und wir saßen ganz gemütlich vor dem Zelt und schwatzten. Nachmittags fuhren wir nach Umballa zurück, höchst entzückt von unserm Stay. Die Pracht war doch weit größer, als wir erwartet hatten, und alles unbeschreiblich luxuriös eingerichtet, z.B. Diener für unsre Diener und für alle diese auch Champagner zu allen Tages- und Nachtzeiten. Merkwürdig war, daß nicht ein englischer Soldat da war, wo sich die ganze Regierung inmitten dieser Tausende von Natives und Nativesoldaten befand.

Umballa gefiel uns beiden sehr gut. Es ist ein ruhiges Garnisonstädtchen mit breiten Alleen und großen Gärten, in denen einstöckige Rambling-Häuser stehen, alle weiß angestrichen, mit breiten Verandas und ganz enormen strohbedeckten Dächern.

25. Oktober. Morgens früh in Kalka und nachmittags wieder in Simla... Es ist nun sicher, daß die russischen Großfürsten den Winter nach Indien kommen, und sie sollen bis nach Peshawar gehen. Höchst kurios.

November. Fürchterlicher Packtrubel, ganz wie es in Baden-Baden immer war in diesen Tagen und viel daran gedacht. Sehr viel für Edmund gearbeitet.

6. November. Sehr schweren Herzens abgefahren, »Alle Simlaner, so auch wir, sind mit Vorbereitungen zu den üblichen Herbsttourneen beschäftigt. Wir haben sehr weitgehende Pläne und denken 6 bis 7 Wochen unterwegs zu sein.« Elisabeth von Heyking an ihren Schwiegervater. 1. Oktober 1890. weil ich die süßen Babas Hindustani-Wort für »kleine Kinder«. nun so lange nicht wiedersehen werde. Die Fahrt bis Kalka ging gut, dann fuhren wir in Tikagharries weiter; natürlich wieder niederträchtige Pferde und ein elender Kutscher, der uns gegen einen Baum fuhr. Wir sprangen in nächtlicher Toilette auf die Landstraße, die Pferde mußten ausgespannt und der Wagen von uns wieder auf den Weg geschoben werden. Edmund prügelte den Kutscher, was unser aller Gefühlen entsprach... Nachmittags um 5 kamen wir in Agra an. Man sieht die Taj Berühmtes Grabdenkmal. etwas von der Bahn aus, sie ist aber von dieser Seite enttäuschend. Sehr hübsch dagegen ist der Blick auf das alte Fort mit seinen roten Mauern und den Tempelkuppeln, die darüber hinausragen, darunter der Fluß Juna vorbeifließend. Morgens früh gleich zur Taj, deren erster Anblick doch viel schöner ist, als man erwartete. Man tritt in ein enormes rotes Sandsteintor, mit Mosaik ausgelegt, und aus der Dunkelheit schaut man in einen tief grünen Garten, an dessen Ende das schneeweiße Marmorgebäude steht. Man kann sich nichts Poetischeres denken. Wir gingen durch den Garten, besahen uns die Taj von allen Seiten und wußten nicht, von wo sie am schönsten sei. An den beiden Seiten des großen Vierecks, auf dem sie erbaut, stehen wieder zwei rote Sandsteingebäude, mit Mosaik ausgelegt, wovon eines eine Moschee ist, das andre »jawab« d.h. Antwort, also das Gegenstück, bloß der Symmetrie halber erbaut. Zuerst enttäuschte uns das Innere der Taj etwas, weil man nicht in die Kuppel hinaufsehen kann; aber der Sarkophag, umgeben von dem wundervollen durchbrochenen Marmorgitter, ist doch herrlich und der ganze Gedanke so schön. Von der Taj aus fuhren wir in das Fort, welches der Kaiser Akbar erbaute und welches eine ganze Stadt in sich schloß. Der Eingang ist wie in eine mittelalterliche Festung mit windender Straße und schräg aufeinanderfolgenden Toren, die auch aus rotem Sandstein sind, mit wunderbaren Mosaiken aus glasierten bunten Kacheln. Zuerst sahen wir die gewöhnlichen Frauengemächer, alle aus Sandstein gehauen; kein Eisen oder Holz ist irgendwie verwendet, und ganz besonders merkwürdig sind die gemeißelten Stützpfeiler der Dächer. Aus diesen verhältnismäßig einfachen Häusern kommt man dann in Akbars eigentlichen Palast, wo es immer reicher wird, eine reizende Abwechslung von Mosaik und durchbrochener Marmorarbeit. Ganz entzückend ist ein weitvorspringender Kiosk mit Fenstern, die wie Marmorspitzen aussehen und von wo aus man einen weiten Blick auf den Fluß und die Taj hat. Schön ist auch ein Bad mit Mosaik und Springbrunnen und einem Hof davor; in den Steindallen ist eine Art großes Schachbrett eingegraben, auf denen Akbar mit lebenden Figuren Schach spielte. Sehr schön ist auch die kleine Privataudienzhalle, lauter Bogen von schlanken Säulen getragen, deren Sockel mit Mosaik ausgelegt sind; aus ihr tritt man auf einen großen Altan, auf dem ein schwarzmarmorner Thron steht, und man kann sich denken, wie die alten Kaiser da abends saßen und die Brise vom Fluß genossen. Kurios ist ein Badezimmer, dessen Wände aus runden Glasscheiben bestehen, auf die versilberte Gypsornamente aufgesetzt sind. Bei Beleuchtung ist der Effekt zauberhaft, und es existiert eine Vorrichtung, durch die ein Wasserfall schräg herunterplätschert, während dahinter Lichter brennen. Sehr großartig ist der große Audienzsaal, eine enorme Halle mit vielen Säulen, die durch Bogen untereinander verbunden sind. Aus einer reizenden Loge herab sprach dann der Kaiser mit dem Volk und den Bittstellern. In all diesen Gebäuden sieht man Reste von wundervoller goldener und farbiger Mosaik auf dem Marmor, es muß wohl über alle Begriffe schön gewesen sein.

9. November. Wir fuhren morgens früh nach Sikandra, dem Grabe des Akbar, welches weit draußen vor der Stadt liegt und zu welchem schöne breite Alleen führen. Durch ein enormes Tor, welches ganz herrlich mit großen weißen Blumen eingelegt ist, tritt man in einen weiten, verlassen aussehenden Park, dessen Stille und Abgeschiedenheit einen großen Zauber ausüben. In der Mitte steht ein mehrstöckiges Bauwerk, das ganz aus einzelnen luftigen Pavillons von rotem Sandstein besteht und entschieden früher eine Art Lustschloß gewesen sein muß und erst später zur Begräbnisstätte Akbars und vieler seiner Verwandten gemacht worden ist. Durch einen gewölbten, tief in die Erde führenden Gang kommt man in das Gewölbe, wo ganz allein Akbars Sarkophag steht und die Einfachheit und Stille wirken sehr grandios. Wir kletterten dann das ganze Gebäude hinauf, und je höher man kommt, desto schöner und weiter wird der Blick. Die oberste Etage muß offenbar erst später aufgesetzt sein, sie ist aus schneeweißem Marmor, ein offener Altan, um den ringsherum ein gewölbter Gang führt, der aus einem Fenster neben dem andern besteht, alle aus durchbrochenem Marmor und jedes Muster verschieden. In der Mitte steht ein Akbar zu Ehren errichteter Prunksarkophag und dahinter eine kleine Säule, auf der früher der Ko-i-noor gelegen haben soll. Der Blick aus diesen weißen Spitzenfensterchen ist reizend über das Gewirr der vielen Pavillons mit ihren bunt glasierten Kuppeln hinweg in den stillen Garten mit seinen vier Toren und der weiten alleendurchzogenen Ebene dahinter. Alle Anlagen aus jener Zeit, die ich bisher gesehen, haben eine schöne Symmetrie, Würde und Vornehmheit, nirgends ist an Platz, Material oder Arbeit gespart.

Von Sikandra aus fuhren wir noch in eine Steinschneiderei-Werkstatt, und es war amüsant zu sehen, mit welch primitiven Utensilien die Leute arbeiten und ihre schönen alten Muster nun auf allerhand kleine Dinge für die Globetrotters anwenden. Dann fuhren wir durch die Nativestadt mit den reizenden vorspringenden kleinen Balkons und der sehr malerischen Bevölkerung zu Ganeshee Lall, dessen Stickwerkstatt wir uns besahen. Die Arbeiter saßen in einem großen Hof, den ein offener Säulenumgang umgibt, an jedem großen Stickrahmen zirka 8 Arbeiter, und es war mir ganz merkwürdig, wie diese zerlumpten, schmutzigen Leute so reizend schöne Dinge zuwege bringen.

10. November. Morgens früh nach Fattehpur Sikri Fattehpur Sikri, das etwa 20 englische Meilen von Agra liegt, war ein Lieblingsaufenthalt der Mogul Kaiser. Das große Tor des Palastes gilt als eines der schönsten in ganz Indien. gefahren, die frühere Residenz Akbars, die er verließ infolge einer Weissagung, daß er einen Sohn haben würde, wenn er das jetzige Agra gründete. Die Stadt liegt auf einem Hügel und man fährt an einem sehr großartigen Stadttor vorbei, zu welchem eine imposante Treppe hinaufführt. Wir stiegen in dem Hause des Premierministers des Akbar ab, welches jetzt sehr privilegierten Besuchern und besonders Hochzeitsreisenden als Bungalow dient. Es ist aus geschnittenem roten Sandstein, in den Zimmern eigentlich kein Stückchen ohne Verzierung und in die Wände sind Nischen eingehauen mit Bogen, welche sehr sarazenisch wirken. Nachdem wir etwas gefrühstückt, begannen wir unsern dreistündigen, ziemlich heißen Gang durch die verlassene Stadt, deren Einsamkeits- und Vergangenheitscharme ich vielleicht noch mehr genossen hätte in weniger zahlreicher Gesellschaft. Denn es ist einer der Orte, den man sehen sollte in Gesellschaft eines sehr gebildeten Mannes, mit dem man auf dem Punkt der geistig-ästhetischen Flirtation steht. Wir wurden zuerst nach dem Glanzpunkt des Ganzen geführt, dem Platz, auf dessen einer Seite die große Moschee steht, auf der andern allerhand Grabdenkmale und besonders dasjenige des Sheik Selim, der dem Akbar die Weissagung über seinen Sohn gemacht hat. Der Sarkophag und Baldachin dieses Grabes ist aus wundervoller Perlmutterinkrustation, das eigentliche Grabhaus darüber ein reines Spitzenwerk aus Marmor, überall luftig und durchsichtig aus Linien bestehend, die sich ineinander aufzulösen scheinen. Das Dach von seltsamen Strebepfeilern getragen, und an den äußern Wänden ausgehauene Koransprüche, die sich getrost neben die des Evangeliums stellen können. An die durchbrochenen Fenster dieses Mausoleums knüpfen die Frauen Faden, wenn sie Wünsche auf dem Herzen haben. Ich knüpfte drei an!! Die große Moschee am andern Ende des Platzes – siebenteilig – soll nach der von Mekka erbaut sein. – Unser Führer war ein uralter Mann, der angab, ein Nachkomme des Sheik Selim zu sein; wie ein Hoherpriester in singendem Ton las er die Koransprüche von den Wänden: »The world is like a bridge, we are to pass over it, not to build our dwellings upon it.« Was ich bisher von mohammedanischen Kirchen gesehen habe, gefällt mir sehr. Der große freie Raum ohne besonderen Schmuck, die kleine Treppe für den Priester haben einen sehr geistigen Charakter. Wir sahen dann die verschiedenen Häuser der Frauen Akbars. Das der Hindufrau im Stile eines Hindutempels, das der portugiesischen Christin ähnlich dem des Premierministers, am schönsten und mit der größten Sorgfalt gemacht ist das der mohammedanischen Frau; es ist klein, liegt aber seinen Zimmern am nächsten, und man hat die Empfindung, daß er sie am liebsten gehabt hat. Alles daran ist zartes reizendes Ornament, keine Handbreit Stein schmucklos. Sehr wunderbar ist das Councilhouse, in dessen Mitte sich ein geschnitzter Pfeiler erhebt, der einen Sitz trägt. Von diesem führen schwebende Steinbrücken in die vier Ecken des Zimmers, und in jeder ist ein Sitz für je einen Minister, während der Kaiser in der Mitte saß; unten im Hof durften nur taubstumme Diener stehen.

11. November. Wir fuhren nach dem Jail, das über die Maßen sauber, luftig und human erscheint. Besonders sahen wir uns die Sträflinge an, die zur Teppichfabrikation verwendet werden und die wirklich wunderbar kunstvolle Dinge liefern.

12. November. Nach einer ganz leidlichen Nacht kamen wir früh in Jeypore an und fuhren gleich, um die Vorbereitungen zum Empfang des Vizekönigs zu sehn. Der zwei Meilen lange Weg von der Bahn bis zur Residency war mit der wunderbarsten Menschenmenge besetzt, die man sich denken kann. Zuerst Infanterie, a motley crew, die kuriosest verwahrlosesten Menschen, die man sich denken kann, dahinter Raiputedle zu Pferde in wunderbaren Getups, jeder nach eigenem Geschmack, die Pferde mit Silberketten und Schenkelbehängen, Glasperlen, silbernen Fußringen und Brokatsatteldecken. Daneben lange Reihen von Staatselefanten, Rüssel und Ohren aufs bunteste bemalt, und mit schweren Golddecken behangen. Weiter standen die früheren Staatswagen, elegante bemalte Ekkas Der eigentliche indische Wagen. mit weißen Ochsen bespannt, welche grüne Samtdecken trugen, in welche auch Hörnerfutterale eingenäht waren, und die den Ochsen fast wie Kleider angezogen waren. Überhaupt hatte man die Empfindung, als sähe man kein Tier mehr, wie es erschaffen, sondern alle nur verkleidet. Sehr merkwürdig war auch eine Reihe von alten Kriegern in Helmen, Panzern und Kettenhemden, und am schönsten fand ich die sogenannten Staatspferde, die sich alle wie Zirkuspferde halten und mit den wunderbarsten Schmucksachen und Behängen aus gefärbten Jackschwänzen zurecht gemacht waren. Der Einzug des Vizekönigs, der früher auf Elefanten und sehr großartig stattfand, war dagegen ziemlich plöterig.

Nachmittags fuhren wir in die Stadt, in welche man durch ein rosa und weißes Tor gelangt, und deren vier Hauptstraßen alle ebenso bemalt sind. Es sieht ein bischen zuckerbäckermäßig aus, aber doch höchst merkwürdig. Die Straßen sind voll von mit Ochsen bespannten Ekkas, Fußgängern in bunten Draperien, Händlern in offenen Buden, europäischen Wagen, Großen des Reiches, die wie bei uns im Mittelalter inmitten ihres Trosses von Anhängern reiten, und zwischen all dem Kamele mit Menschen, bunt bepackt, oder ein einzelner majestätischer Elefant. Wir fuhren in den Palast des Maharajah und sahen dort den großen Durbar, die Visite, welche Lord Lansdowne dem Maharajah machte. In der Versammlung der Natives ein fabelhafter Luxus an Stoffen und Gold. Kurios waren besonders einige noble »thakurs«, Indischer Titel. welche enorme weiße Röcke trugen, die 80 Yards Stoff brauchen sollen. Zu unsrer besonderen Freude fand ein »nautsch« vor dem Vizekönig statt, von etwa 50 Tänzerinnen. Sie tragen schwere Silberringe an den Füßen und darüber Tuchhosen, enorme Röcke, die besonders vorne sehr faltig sind, langärmelige Jacken und Saris, alles mit Gold gewirkt auf verschiedenen Grundfarben; ein höchst anständiges Kostüm. Ihre Bewegungen sind ganz langsam und rhythmisch, sie tanzen zu dreien und die übrigen singen bei einer Art Trommelbegleitung – mich erinnerte es etwas an la danse du ventre in Paris. Das ganze Bild des Maharajahs auf seinem goldenen Thron, die Versammlung von Thakurs um ihn herum und davor die Tänzerinnen, war unvergeßlich wunderbar und ausländisch. Als Lord Lansdowne fortfuhr, hängte ihm der Maharajah eine Blumenkette um und tat Rosen»attar« auf sein Taschentuch, und in die Loge, in der wir Damen saßen, kam ein Herr des Hofes und tat desgleichen für uns, so daß wir als geschmückte, wohlduftende Pfingstochsen abzogen. Abends fuhren wir durch die beleuchtete Stadt. Besonders hübsch machte sich die feurige Silhouette der alten Stadt Amber, welche auf einem Berg liegt.

13. November. Wir fuhren morgens früh in das in einem prachtvollen Garten gelegene Museum. Es ist ein herrliches orientalisches Gebäude, so recht, wie man sich ein Lustschloß des Ostens denkt, mit maurischen Bogengängen, reizenden Höfen und Säulen mit fortwährend variierenden Kapitälen. Gleich in der ersten Halle liegt ein prachtvolles Buch aus, eine alte Handschrift der Mahabaratta, mit wunderbaren Illustrationen. An den Wänden sind dann die interessantesten dieser Illustrationen im großen ausgeführt und außerdem noch Malereien, um Kunst und Geschichte andrer Völker zu illustrieren. Im Museum fesselten uns besonders die Jeyporeprodukte an Email und Brassware. Vom Museum fuhren wir zur School of arts, wo es uns besonders interessierte, wie die mit Silber eingelegten Schilder verfertigt werden. Die Zeichnung hat der Arbeiter ganz im Kopf, hält mit der einen Hand den dünnen Silberfaden und hämmert ihn mit der andern in das Eisen ein. Es ist ganz wunderbar, wie geschickt und sicher er den Faden führt. Nachmittags gingen wir nach der alten Stadt Amber. Zuerst dreiviertel Stunden zu Wagen, mit fortwährenden reizenden Blicken auf verlassene Paläste und Gräber, ihre Kuppeln und Säulchen halbversteckt zwischen tiefgrünen Bäumen und allerlei Schlinggewächs. Wo die Wagen anhielten, standen schon sieben Elefanten bereit, alle buntbemalt und herrlich gezäumt mit Silbergeschirr und bunten Behängen. Der Weg führt an einem See entlang, in dem sich die hoch oben gelegene Stadt spiegelt, dann ziemlich steil in die Höhe durch allerhand malerische Tore, und die ganze Kavalkade der Elefanten, Reiter und der ganze Troß von rotgekleideten Dienern machte sich wunderbar malerisch in dieser Umgebung. Die Stadt selbst ist nach Fattehpur Sikri ziemlich enttäuschend, und ich fand, daß so eine vizekönigliche Visite a very hurried affair ist. Nach einem hurried tea ging es nach Hause, nachdem wir noch einen Hindutempel besehen, an welchem sehr schöne Marmorschnitzereien waren, Figuren und Elefanten im Gegensatz zu den mohammedanischen Bauten, wo immer nur Ornamente daran sind. Der Tempel war offen, und im Hintergrund saß die scheusälige schwarze Göttin mit Riesenmaul und rotem Scharlachmantel; Lichter brannten darin, und das Ganze sah recht grauenhaft heidnisch aus, entschieden keine liebenswerte Gottheit. Abends war im Museum eine »Conversazione«, d. h. ein Fest für Europäer und Natives, dessen Charakteristikum aber war, daß keine Konversation stattfinden konnte, da die wenigsten von ihnen englisch und die wenigsten von uns hindostanisch können. Es war aber ein Anblick wie eine Féerie. Den Weg bis zum Museum war Spalier gebildet von Kriegern in Rüstungen und Kettenhemden, oben stand der Maharajah, ein dicklippiger, großer Mann, in Gold und Schwarz gekleidet, und um ihn herum etwa 100 Thakurs, einer den andern in Brokat und Edelsteinen und Goldmünzen überbietend. Der Maharajah spricht kein Wort englisch, und die Visite des Vizekönigs kann für beide nur peinlich gewesen sein; mit den Thakurs sprach vollends niemand, und als der Vizekönig evidently bored früh fortging, hatte ich recht die Empfindung, daß diese Art Dinge kein success sind vom sozialkonziliatorischen Standpunkt aus. Ein Theaterdekorateur dagegen hätte eine Fundgrube von Effekten gefunden, besonders als der Maharajah und sein ganzes Gefolge die Treppe herabkamen, von Fackeln und bengalischem Licht beleuchtet.

14. November. Edmund und ich fuhren morgens nach dem 8 Meilen entfernten Sanganer, eine uralte Stadt mit halbverfallener Mauer und Festungstor. Davor war offenbar früher ein Graben, der sich in einen Sumpf verwandelt hat, und in ihm fanden wir Bekannte bei der Schnepfenjagd begriffen. Wir dagegen besahen die kuriose alte Stadt, vor allem den berühmten Jaintempel, der das Schönste an Marmorskulpturen enthält, was ich bisher gesehen. Die Jains waren ursprünglich Buddhisten, haben sich aber sehr mit den Hindus vermischt. Unsre Führer waren sehr nett, nur baten sie uns, die Schuhe auszuziehen, um an das Allerheiligste heranzutreten.

15. November. Wir fuhren mit dem Vizekönig und der ganzen Party in das Museum, wo im Garten ein großes Zelt aufgeschlagen war, in welchem Arbeiter von jeder im Jeyporestaat kultivierten Industrie versammelt waren und uns ihr Handwerk zeigten, besonders Emaillearbeiter, Marmorschnitzer und Kattundrucker. Von da fuhren wir in den Palast des Maharajah, um Tierkämpfe zu sehen, Elefanten, Büffel, Antilopen, Wildschweine, Hähne, Schnepfen, Lerchen. Es war ganz amüsant, nur wurden die Tiere immer getrennt, ehe es recht ernst wurde, damit man nicht sagen konnte, daß der Vizekönig bei eigentlichen Tierkämpfen gewesen sei. Abends war großes Statedinner im Palast, und danach begaben wir uns in einen offenen Hof und sahen bei Fackelschein einen sehr hübschen Nautsch. Wenige Tänzerinnen waren wirklich hübsch, aber alle graziös und wundervoll gekleidet, und es war sehr hübsch, wie sie das Drachenfliegen und Schlangenbeschwören in ihrem Tanzen imitierten.

16. November. Morgens früh fuhren wir nach Ulwar, wo wir in der Residency von dem Residenten aufs liebenswürdigste empfangen wurden und uns in dem großen, luftigen Hause inmitten eines schönen Gartens sehr behaglich fühlten. Sehr schade ist es, daß der Maharajah abwesend ist, denn er gehört zu der vorgeschrittenen Sorte indischer Fürsten, interessiert sich für sein Land, spricht gut englisch, möchte seine Frauen gern aus dem Zenana herausbringen, ist kürzlich in Australien gewesen und soll sehr amüsant erzählen über die dortigen free und easy Manieren der Leute, die einen orientalischen Despoten allerdings erstaunen müssen. Wir besahen seinen modernen Sommerpalast, der inmitten eines schönen Parks mit geraden Alleen steht, und ich hatte sehr die Empfindung, daß der Architekt eine Erinnerung an Versailles ins Orientalische übertragen hat. Es sollen ja im vorigen Jahrhundert an den Höfen der indischen Fürsten sehr häufig abenteuerliche europäische Gestalten aufgetaucht sein.

18. November. Von Ulwar, wo wir eine sehr behagliche, ruhige Zeit gehabt, fuhren wir nach Delhi, wo wir erwartet und in Sir James Lyalls Lager gebracht wurden. Dort haben wir ein sehr nettes, behagliches Zelt. Dann fuhren wir zum Haus des Vizekönigs und von da aus alle zusammen, um die verschiedenen Punkte zu sehen, welche in der Zeit der Belagerung Delhis 1857 wichtig gewesen sind.

20. November. Wir ritten nach dem Kootob, welcher von einigen für eine muselmanische Siegessäule, von andern für das eine fertig gewordene Minarett einer riesenhaften geplanten Moschee gehalten wird. Unser Frühstück hatten wir in einem alten Grab, was lustiger war, als es hier klingt. Rund um den Kootob sind allerhand entzückende Gebäude mit schönen Zeichnungen, sie sollen zirka 700 Jahre alt sein. Man sieht aber nicht gut mit all diesen Menschen, die sich doch nicht für die Sachen interessieren und von einem zum andern getrieben werden, immerwährend in der Angst, daß sie sich irgendwo langweilen könnten, which is the surest way of doing so.

23. November. Wir kamen durch viele alte interessante Städte und abends nach Katharpur, wo Sir James den Maharajah auf den Thron setzen soll. – Wir besuchten hier auch die Maharani. Sie ist ein hübsches Mädchen von 16 Jahren, sieht aber wie zwölf aus und ist sehr klein und zart. Sie trug gelbe Atlaspantöffelchen, rosa durchbrochene Strümpfe, rote Atlashosen, eine grüne Jacke mit Gold bedeckt, im Haar eine muschelartige Goldkrone, Perlenschnüre, an denen allerhand Schmuck herabhing, und in der Nase einen Knopf aus Perlen und einem großen Smaragd. Über alles dies einen weißen Gazeschleier, in den sie sich reizend drapierte.

Wir reisten sehr bequem im eigenen Wagen weiter, kamen abends durch Lahore und sahen während der Nacht beim Mondschein eine merkwürdig zerklüftete, wildbergige Gegend, welche aus lauter natürlichen Festungen zu bestehen scheint. Die Luft hat etwas Europäisches; an den Stationen erinnern die herbstlich gelb und rot gefärbten Bäume at home, und das eigentliche Indien scheint weit fort. Mittags waren wir in Attock, wo wir auf hoher eiserner Brücke über den Indus fuhren, der gelbbraun zwischen starren Felsen fern nach Süden fließt. Nach Norden dagegen wird das Land offener; wir konnten vom Zug aus die Festung sehen, die sehr an mittelalterliche Stadtbilder erinnert. Wir sahen merkwürdige Bilder, noch belebt durch große Zeltlager um Attock, wo jetzt die Herbstmanöver stattfinden. Bei dem strömenden Regen aber sahen die Zelte recht uncomfortable aus, und mich dauerten besonders auch die armen Pferde, für die kein Unterkommen da zu sein schien. Ich wurde sehr an Bilder von Brandt erinnert: der graue, schwere Himmel, die gelblich nassen Zelte, die dunklen Gestalten der Soldaten in lange schwarze Mäntel gewickelt, die auf ihren Köpfen spitze Mützen zu bilden schienen.

Nachmittags trafen wir in Peshawar ein, und es war herrlich, in ein gemütlich warmes Haus zu kommen, wo in jedem Zimmer große Feuer brannten und der Schein der Flammen auf tiefrote turkestanische Teppiche fällt oder an glänzenden alten Waffen und kuriosen Bronzen entlangspielt.

27. November. Großer Regentag. Grau. Die Stadt sieht wunderbar malerisch aus in diesem Regen und ganz verschieden von den indischen Städten, und auch die Bevölkerung war uns ganz neu. Große, wild aussehende Kerle mit langem, struppigem Haar, die Bärte in Erinnerung an den Propheten mit Hennah gefärbt, wunderbare Turbane auf dem Kopf und um die Schultern einen Schaffellmantel geworfen. Frauen sah man nirgends, aber sie müssen sehr schön sein, wenn man von den bildhübschen Kindern auf sie schließt. Wir fuhren in mehrere Teppichläden und wurden im ersten, ehe es an die Geschäfte ging, vom Händler mit Tee und Obst bewirtet. Der Laden war mit Oberlicht eingerichtet, und an den Wänden lagen Berge von Teppichen, Pelzen und Bokhara-Seiden.

28. November. Gottlob der Regen aufgehört, so daß wir uns nach dem Khyberpaß aufmachen konnten. Zuerst fuhren wir durch das breite Tal, das immer steiniger wird bis Jumrad, einer kurios malerischen Erdfestung, wo wir eine Menge seltsam wilder Gestalten, Afridis und Hazaras Leute aus Afghanistan und Bokhara sahen. Nun begann der Aufstieg durch eine wilde, öde, zerklüftete Gegend. Auf den Hügeln stehen vereinzelte Türme, welche die Engländer während des letzten afghanischen Krieges erbauten. Dies sowie die militärische Eskorte, unter der man reitet, und der kalte, schneidende Wind gaben einem ein angenehm gruseliges Gefühl. Mittags kamen wir in Ali Musjid an, dem sehr hoch gelegenen Fort, welches die Mitte des Passes bewacht. Abends sehr müde zurückgekommen.

29. November. Die Stadt bei Sonnenschein besehen, wo wir es sehr amüsant fanden, auf die Dächer der Häuser zu sehen, welche alle von Strohbalkons umgeben sind und auf denen sich das ganze Familienleben abspielt. Unwillkürlich dachte man an biblische Geschichte. Je vornehmer ein Mann ist, desto höher baut er sich sein Haus, damit ihm der Nachbar nicht auf sein Dach schauen kann.

1. Dezember. Früh in Lahore eingetroffen, wo wir gleich das Abenteuer hatten, daß die Pferde unsern Wagen zertrümmerten. Behaglicher Ruhetag bei Lyalls. Das Haus ist ein alter muselmanischer Grabpalast, das eigentliche oktogone Grabgemach ist jetzt Speisesaal, die Wände ganz mit indischen Ornamenten bemalt.

2. Dezember. Wir sahen im Museum interessante gräko-buddhistische Altertümer und bestellten uns indische Möbel in der School of arts. Sehr begeistert von der großen Moschee, ihr äußeres Tor ist ganz aus glasierten Kacheln von wundervollen Farben und Zeichnungen. Im Torweg herrschte malerisches Gedränge von Bettlern, Hökern, Käufern und allerhand Leuten, die viel Zeit haben. Wir sahen nach dem Grab Ranjit Singhs, wo er, vier Frauen und sieben Sklavinnen verbrannt wurden. Wir finden, daß man von Lahore im Vergleich zu andern indischen Städten viel zu wenig Wesens macht.

5. Dezember. Morgens abgereist und um 10 in Amritsar eingetroffen. Zuerst nach dem goldenen Tempel gefahren, der mitten in einem See liegt und zu dem eine weiße Marmorbrücke mit goldenen Laternen führt. Der untere Teil ist aus weißem Marmor mit mattfarbenen Mosaikeinlagen, der ganze obere Teil und das Dach aus Gold. Wundervoll ist die Spiegelung im Wasser, es erinnerte uns sehr an Venedig. Es fand in dem Tempel gerade ein Kultusakt statt, und die Musik dabei erinnerte merkwürdig an die Tingeltangel in der Rue de Caire auf der Pariser Weltausstellung... In einem Garten in der Stadt hingen an einem Baum Tausende von enormen fledermausartigen Geschöpfen, die sich in ihre schwarzen Flügel wie in Trauerschleier einwickeln und sehr lugubre aussehen; die Köpfe sind fuchsartig, und sie haben an einer Stelle rotbraunes Fell. –

6. Dezember. Per Bahn nach Kalkutta zurück. Dr. Solf ist abgereist, so daß Edmund niemand zur Hilfe außer mir hat. Mit Lord Frederic Hamilton angefreundet, Bruder des Vizekönigs, der bis jetzt in der Diplomatie war, zuletzt in Buenos Aires, mit dem ich über Südamerika schimpfte. Innerlich hatte ich dabei die große Angst, ob wir diesen Weltteil nicht einmal wiedersehen werden, denn Baron G. will im März fort, und wir haben aus Berlin gehört, daß Edmund auf der Liste demnächstiger Gesandten steht. Der Kaiser soll unter einen seiner Berichte eigenhändig »sehr gut« geschrieben haben.

24. Dezember. Den ganzen Tag für Edmund abgeschrieben und abends unser erstes Diner, seitdem wir wieder hier sind. Wir waren ganz fidel, trotzdem wir zum erstenmal keinen Baum hatten.

31. Dezember. Ball im Governmenthouse. Keine sehr sympathische Art, das neue Jahr zu beginnen. Seit wir zurück in Kalkutta sind, bin ich beständig angegriffen und oft furchtbar melancholisch. Ich habe niemand, mit dem ich mich darüber und manches andere aussprechen kann. Edmund ist überarbeitet und so präokkupiert, daß man ihm nicht gern mit Dingen kommt, für die er doch kein Interesse hat. Ich beneide oft die Katholiken, die einen Priester haben, dem sie all ihre Ängste und inneren Nöte sagen können; wir Protestanten sollten uns das gegenseitig sein, aber es ist wohl bei allen wie bei uns, daß wir knapp die kleinen täglichen Fragen miteinander erledigen und für nichts anderes Zeit ist. Man geht nebeneinander her, hat sich auch gegenseitig recht lieb und wird sich doch fremd. In mir geht so vieles vor, von dem Edmund keine Ahnung hat, und vielleicht ist es umgekehrt ebenso. Es ist recht unsatisfactory, und ich hatte es mir so anders gedacht. Behüte uns, Gott, und hilf mir gut sein!

5. Januar 1891. Die Post brachte dicke Packen von Lesse, wonach Putlitzens Stephaniechen enterbt haben, wenn sie von mir erzogen wird!

Es ist sehr schwer, hier einmal ein interessantes Gespräch zu führen. Die meisten Leute sind immer noch viel ungebildeter, als man glaubt. Das hiesige Auswärtige Amt ist darin geradezu erstaunlich. Die Leute sind gar nicht imstande, einem etwas über das Land zu erzählen; zuerst hält man es für diplomatische Verschwiegenheit, es ist aber die reine Unwissenheit.

26. Januar. Nachmittags kamen der Großfürst-Thronfolger und Georg von Griechenland hier an. Der Thronfolger hat ein sympathisches Gesicht mit schönen Augen, seine Figur ist aber nicht gut. Der Grieche dagegen ist ein Hüne, hat etwas Ungeniert-Harmloses und spricht deutsch wie ein Student. Ich lernte noch einen netten Prinzen Oblensci und den gefürchteten Onu, russischen Gesandten in Athen, kennen, den die Engländer sehr ungern bei dieser Expedition sehen. Die ganze Reise aber ist so hurried, sie sehen so absolut nichts der wirklich wichtigen Punkte und lernen die Natives nur so oberflächlich kennen, daß ein noch viel größerer Fuchs wie Onu in dieser kurzen Zeit doch nichts anzetteln oder ausspüren könnte. Es war amüsant zu sehen, wie die Natives den Großfürsten zu sehen suchten; ob sie dabei rein loyale Gefühle hatten, lasse ich dahingestellt. Ich hörte einen Native zu Onou sagen, wie sehr er sich freue, daß der Großfürst the poor Indians besuche, und ob der Zar nicht auch kommen würde. Jemand bezeichnete Onu als den Typ des russischen Diplomaten, der aus dem Dragoman entstanden sei. Sehr gut! Die vornehmen Russen haben einen großen Charme durch ein gewisses chevalereskes Wesen und ihre gesellschaftliche Liebenswürdigkeit und Leichtigkeit in der Unterhaltung, was den Engländern so sehr abgeht.

27. Januar. Wir waren von E.s zum Dinner zu Ehren des Zarewitsch eingeladen. Das so schöne Gebäude war von außen so wenig erleuchtet, daß es etwas suspekt aussah, als solle ein Mord darin passieren. Bei seiner Ankunft wurde der Großfürst an allen Gästen entlanggeschleppt und mußte mit jedem shakehands machen, wobei manche Dame eine Verbeugung nur schwach andeutete. Das Dinner fand in einem gänzlich undekorierten Balkon statt, und Geschirr und Glas hatten etwas Schenkenhaftes, auch Essen und Trinken natürlich sehr schlecht. Ich saß neben Onu, mit dem ich mich vortrefflich unterhielt. Der Großfürst guckte oft herüber und sah so resigniert gelangweilt aus. Sehr komisch war, daß während des Dinners plötzlich eine Detonation stattfand. Der Großfürst ward leichenblaß, die E.s puterrot. Es sollen Champagnerflaschen gewesen sein, die barsten. Onou wollte aber durchaus, daß es ein mißglücktes Attentat gewesen sein sollte, und sagte mir: »Maintenant embrassons-nous«, denn das sei obligatorisch nach einem mißglückten Attentat, da es der Zar und die Zarin nach dem von Borki getan. Nach dem Dinner eine große Reception, bei dem der arme Großfürst entsetzlich gedrückt, gestoßen und gepufft wurde und Hunderten der langweiligsten Menschen die Hände schütteln mußte. Ein Schauerfest!!

28. Januar. Nachmittags sehr hübsches Gartenfest beim Vizekönig. Der Thronfolger erzählte mir, daß ihn die Besuche an den Nativehöfen besonders amüsierten und er nur wünschte, langsamer reisen zu können. Besonders die Sikhs scheinen ihm sehr gefallen zu haben.

Februar. Sehr müde und angegriffen in dieser Zeit durch die Geselligkeit, die so sehr nichtssagend ist. Dabei große Sorgen wegen der Revolution in Chile, die für uns so Schlimmes bedeuten kann. Das Leben hier ist so aufreibend durch das bloße wear und tear des Alltäglichen; Edmund und ich spüren es beide, man wird nervös und irritable. Wir beide sind ja sehr zufrieden mit der Stellung, und es wird uns überall gezeigt, daß man uns gern mag – der Vizekönig sagte mir neulich: »We are delighted to have you!« –, aber wir sehnen uns nach etwas Ruhe. Und es ist empfindlich für uns beide, daß gar keine Sekretärhilfe vorhanden ist. Mir wäre es am liebsten, es fiele uns ein hübsches Gut vom Himmel, und wir könnten da ruhig leben und alljährlich eine Reise machen. Edmund aber muß vorwärts kommen, der liebe Gott hat ihm alles dazu gegeben, und ich habe ihn in Indien in ganz neuem Licht sehen gelernt; denn hier, wo ihn alles interessiert und er wirklich Selbständiges leisten kann, ist es erstaunlich, welche große Arbeitskraft er entwickelt. Wenn ich mich je in ihm getäuscht, so ist es, daß ich ihn unterschätzt habe. Ich glaube, wenig Frauen erleben diese angenehme Überraschung.

Sehr viel Globetrotters hier gehabt und nach Möglichkeit hospitable gewesen. Darunter eine Lady Sykes, eine wirklich amüsante gescheite Frau, mit der es sich angenehm kontinental sprach. Gescheite Männer, wenn auch nicht gerade Genies, gibt es in Indien häufig; die Frauen der Beamten und Offiziere dagegen stehen geistig sehr zurück; man vergißt das, solange sie schön, jung, elegant sind, aber bei den mittelalterlichen tritt es doch sehr an den Tag. Sie tanzen auch wahrscheinlich darum noch in einem Alter, when they ought to know better, weil sie selbst dunkel fühlen, daß sie zur Konversation nicht taugen. Hier ist alles physisches Vergnügen, geistige sind sehr selten.

10. Februar. Behaglich ruhig gelebt und diese stille Woche mit Edmund sehr genossen, als ob wir auf einer Hochzeitsreise wären. Edmund arbeitete viel, und wir besprachen das alles und abends lasen wir zusammen. Eine glückliche Zeit, wenn nicht die große Sorge um Chile wäre.

19. Februar. Sehr amüsant zu beobachten ist, wie der allzu gute Eindruck, den der russische Thronfolger gemacht hat, nachträglich verwischt werden soll, indem die Zeitungen erzählen, er hätte ein so sehr ängstliches Auftreten gehabt und sei in beständiger Angst vor Attentaten gewesen, was durchaus falsch ist.

25. Februar. Hier ist große Aufregung wegen des sogenannten »Age of Consent Bill«, eines Gesetzes, wodurch die Regierung verbieten will, daß die Ehen unter Hindus vor dem 12. Jahr der Frau gestattet werden, während es jetzt vor dem 10. ist. Die greulichen Hindus führen ihre heiligen Bücher an, welche es für eine Todsünde erklären sollen, wenn ein Mädchen, sobald es aufhört, völlig Kind zu sein, nicht auch gleich mit seinem Mann lebt. Die Priester, Pundits, sind an der Spitze dieser Bewegung! Heute wurde von Tausenden von Hindus auf dem Maidan ein Monstremeeting abgehalten, um der Regierungsvorlage Opposition zu machen, und nachher zogen sie nach dem Governmenthouse und schrien und schimpften davor. Hoffentlich bleibt der Vizekönig fest und läßt die Bill nicht fallen, wie es ihm einige Members of Council zu raten scheinen.

1. März. Seit ein paar Tagen aufregende Telegramme wegen der Pariser Reise der Kaiserin Friedrich und der dort gegen sie stattgefundenen Demonstrationen. Münster Graf zu Münster, Deutscher Botschafter in Paris. soll abgehen und Waldersee an seine Stelle kommen. Edmund meint, Münster müsse wahrscheinlich über die Pariser Stimmung zu günstig berichtet haben und erklärt es damit, daß alle Diplomaten mehr oder weniger Kosmopoliten sind und den Ort, an dem sie leben, zu freundlich ansehen, weil sie sich, falls sie eben geschickt sind, beliebt machen und die Freundlichkeit, die man ihnen zeigt, leicht als allgemeine Stimmung ansehen.

16. März. Ich machte ein kleines Wickelkind, das ich bemalte, und legte es Edmund hin als symbolisches Geburtstagsgeschenk!....

17. März. Abends Dinner beim Viceroi zu Ehren der Großfürsten Alexander und Serge, Söhne des Großfürsten Michael und der badischen Prinzeß. Der Vizekönig führte mich, und neben mir saß ein Staatsrat aus Tiflis, der mit dem Großfürsten reist, Museumsdirektor in Tiflis und von deutscher Abkunft ist und Edmund aus Tiflis her bekannt. Ein merkwürdiges Wiedersehen! Der Großfürst Alexander, mit dem ich viel sprach, ist einer der schönsten Menschen, die ich je gesehen. – Auf einer Fahrt in einen großen Staubsturm hineingekommen. Es war unheimlich, wie blitzschnell die große schwarze Wolke aufstieg. Mit einmal waren wir wie in Sand eingehüllt, die Pferde gingen auf einer Brücke durch, und die Postillione konnten sie erst nach sehr unheimlichen Minuten in Trab zurückzwingen.

24. März. Am 21. nach Simla abgereist, am 24. angekommen. Die Kinder sehen gottlob prächtig aus; es ist grauenhaft kalt, regnerisch, hagelig, schneeig, und ich recht unbehaglich.

14. April. So krank gewesen, daß ich zu sterben glaubte. Edmund kam endlich an; seitdem erscheint mir alles leichter zu ertragen. Es ist alles wie vorher, aber doch so ganz anders, weil er eben the light of my life ist.

21. April. Ohne die große Angst um Chile, von wo sehr schlimme Nachrichten kommen, wäre unser diesjähriger Sommer ideal, denn Edmund und ich führen ein sehr stilles und glückliches Leben.

22. April. Es kam ein Telegramm, daß der Großfürst-Thronfolger von einem die Fremden fanatisch hassenden Polizisten in Kyoto verwundet worden sei. Der Polizist war ihm als »Bewachung« beigegeben, und der Prinz Georg von Griechenland rettete ihn, indem er einen zweiten Schwerthieb verhinderte, dadurch, daß er den Polizisten niederschlug. Wie angenehm für die Engländer, daß es nicht hier geschah.

25. Mai. Es kam die Rede auf die merkwürdigen europäischen oder Halbblutgauner und Abenteurerexistenzen, die suchen, sich an den Höfen der reichen native Prinzen niederzulassen, um diese auszusaugen. Patiala soll auch so einem in die Hände geraten sein, dünkt sich aber für so klug, daß er Ratschläge nicht braucht. – Dann hatte ich ein langes Gespräch mit General Brackenburg, dem neuen Kriegsminister. Er erzählte mir, welch interessantes Leben er in London und an der Botschaft in Paris gehabt und wie hart ihm Indien danach dünke. Anstatt der so vielseitigen europäischen Interessen hätte hier jeder nur sein eignes enges Arbeitsinteresse, sähe alles vom beschränkt indischen Standpunkt an, und jeder dünke sich dabei furchtbar wichtig. Die Männer seien meist überarbeitet, und die Damen und durch sie der ganze gesellige Ton nicht bloß frivol, sondern albern frivol, worin ich ihm beistimmte. Der General sagte, er mache täglich dasselbe Gebet, daß es ihm in einem Jahr nicht besser gefallen möge, weil das ein Zeichen seiner eignen geistigen Deterioration sein würde. Ich mußte so an Baron Gutschmid denken und an unsere eignen Stimmungen in Chile. Ich erzählte Brackenburg, wieviel schlimmer es dort gewesen. Ich finde es ja hier auch oft unendlich flach und uninteressant, aber unter den außereuropäischen Posten bleibt es doch einer der besten.

16. Juni. Nachmittags besuchte mich Brackenburg, der ein wirklich gescheiter Mensch ist, und mit dem ich einen langen Schwatz hatte, und zwar nicht, wie gewöhnlich hier, über Tagesklatsch oder indian affairs, sondern über allgemein interessante Dinge. Man schätzt das immer mehr, je länger man aus Europa weg ist. Au cours de notre conversation machte er mir eine förmliche Deklaration, was mich erfreute, weil es ein so kluger Mensch ist, der eben aus einem gescheiten Milieu kommt und also Vergleiche machen kann. Außerdem ist es in my condition besonders schmeichelhaft, noch imstande zu sein, jemand zu einer Deklaration anzufeuern ... Ich sehne mich sehr nach Urlaub und Erholung, und der Gedanke, noch 1 ½ Jahr hier zu sein, wird mir täglich schwerer. Von Jahr zu Jahr fühlt man eben doch, wie man das außereuropäische Leben mehr und mehr müde wird.

28. Juni. Das Buch gelesen »Cavour« von Mazade, das mir in seiner angenehmen Schreibweise sehr gefiel. Cavour erscheint einem darin ungeheuer sympathisch mit einer glücklichen Mischung von Konservativem und Liberalem und der großen Gabe, alle Vorkommnisse für seine Pläne zu verwerten. Man bedauert ihn so sehr nach dem Frieden von Villafranca. In einem seiner Briefe an Gräfin Circourt aus dieser Zeit steht, daß ein gefallener Minister, der boudiert, sich immer ins Unrecht setzt und lächerlich macht. Beim Lesen dieses Buches ist mir übrigens so recht aufgefallen, daß diejenigen Staatsmänner, welche ihrer Zeit den Stempel geben, doch die Minister at home und nicht die Botschafter abroad sind, und zum erstenmal in meinem Leben habe ich für Edmund ersteren Posten ambitioniert. Ambition überhaupt ist aber bei mir sehr im Wachsen begriffen, und ich wünschte nur, ich wüßte, was zu tun, um uns vorwärts zu bringen. Ich wünsche so sehnlichst, daß Edmund sich einen Namen und Platz in der Welt machte. Das Klima hier bedrückt mich immer wieder und macht mich apathischer, als es in meiner Natur ist; atmete ich a more exhilarating air, so würde ich in der Hinsicht ganz anders rastlos sein. Es ist aber sehr schwer, so aus der Entfernung zu wissen, what to do and what to leave undone.

1. Juli. An Brauer geschrieben: »Vielleicht wird es Sie interessieren, daß der Bakkaratskandal auch auf Indien eine Rückwirkung hat. Hiesige Militärs behaupten nämlich, daß es dadurch unmöglich gemacht wird, daß der Herzog von Connaught Nachfolger des jetzigen Commander in Chief in Indien werde, wovon viel die Rede war, und das wäre den alten Generälen, die alle selbst nach diesem fetten Posten schauen, gerade recht. Loyalität in unserm Sinne mangelt in Indien nicht nur bei den Natives, was ja nicht so gar erstaunlich ist, aber auch die Anglo-Inder, mit Ausnahme des jeweiligen Viceroy und seiner nächsten Umgebung, zeichnen sich nicht dadurch aus. Unter den hiesigen Beamten ist ein starkes Kontingent von Irländern und auch von Leuten aus Klassen, in denen überall das Frondieren zu Hause ist. Man kann es jetzt hier von Beamten und Offizieren oft offen hören, daß es sich sehr fragen würde, ob, falls die Königin bald sterben sollte, man den Prinz von Wales überhaupt an die Regierung ließe ... Die gestern hier eingetroffene telegraphische Nachricht von dem glänzenden Empfang unsres Kaisers in London erregt hier namentlich unter den Militärs große Freude, hauptsächlich aber, daß die Londoner großen Blätter auf die große politische Bedeutung des Besuches hinweisen. Die Militärs in Indien, welche sich keine Illusion über die Schwäche ihrer Armee machen, wiegen sich jetzt in der Hoffnung, bei dem Kriege, den sie früher oder später nach ihrer Ansicht mit Rußland zu bestehen haben werden, der Bundesgenossenschaft Deutschlands sicher zu sein ... «

7. Juli. Einen sehr erfreulichen Brief von Onkel Grimm erhalten, welcher von Mohl gehört, daß es nur eine Frage der Zeit und Opportunität sei, wann Edmund in den diplomatischen Dienst übertreten werde. Wir beide genossen diese Ermunterung sehr und in unsrer Freude darüber umarmten wir uns, obschon der Chuprassi im Zimmer hockte und die Zeitungen ordnete.

10. Juli. Kostümierter Kinderball, den Lord Beresford gab. Teddy saß, sooft er nur konnte, bei Lady Lansdowne, für die er eine wahre Schwärmerei hat und mit der er ganz wie ein Erwachsener Konversation macht. Er war schon 14 Tage vorher in größter Angst, ob nicht irgend etwas passieren würde, ihn am Ballbesuch zu hindern, und seine letzte Idee war, ob uns der Kaiser nicht am Ende vorher versetzen würde. Ich wünschte, er hätte damit recht gehabt.

22. Juli. Edmund hat jetzt besonders viel zu tun, um über alle russischen Machinationen, die hier an der afghanischen Grenze getrieben werden, zu berichten. Die Russen sollen ein Netz von Agents provocateurs in Indien haben, welche hauptsächlich die Nativepresse bestechen und zur Verbreitung von Unzufriedenheit veranlassen. Man sagt auch hier, daß während der Reise des Zarewitsch Geschenke an Natives gemacht worden sind, die weit über den Wert dessen gingen, was bei solchen Anlässen üblich ist. Augenblicklich sollen die Russen nach Persien und dem Pamir zu sehr tätig sein. Hier weiß man das wohl, verfolgt aber eine Politik des Nichtdaranrührens. Sir F. Roberts, General Collin und Sir I. Browne bilden diejenige Partei, welche die augenblickliche Ruhezeit benützen möchten, um die Grenze und ihre Bahnen zu verstärken, aber sie dringen nicht durch, denn der Viceroy neigt persönlich sehr dazu, to leave well alone, und der ihm neu hergesandte Kriegsminister General Brackenburg hat offenbar von zuhause den Auftrag, ihn darin zu bestärken, alles zu vermeiden, was Rußlands Susceptibility erregen könnte, und Lord Wolseleys Ansicht zu vertreten, daß im Fall eines Krieges die anglo-indische Armee eine rein defensive Haltung einnehmen soll. Während des letzten Ministerconseils hat Sir James Browne auf die Gefahr des russischen Vordringens im Pamir hingewiesen. General Brackenburg erwiderte, dieses fortwährende Vordringen der Russen erinnere ihn an den Ruf »der Wolf kommt!« und er glaube nicht daran, daß Rußland daran dächte, je Indien anzugreifen. Darauf soll der Commander in Chief, Sir Frederick Roberts aufgestanden sein und gesagt haben: »The Hon'ble Member forgot, to tell us the end of the fable, how after all the wolf came and did get the sheep!«

27. Juli, geschrieben an Kiderlen und über hiesige Russenfurcht erzählt.

24. August. Abends ein großes Fest beim Rajah von Kapurthalla, wo tout Simla war. Ich sagte ihm, wie sehr es mich erfreue, daß er mein großes Ölbild von der Magelhaensstraße, welches ich hier in der Amateurausstellung hatte, gekauft hat. – Nachmittags kam ein langes Telegramm von einer noch unentschiedenen Schlacht bei Valparaiso!

30. August. Erregende Nachricht, daß die russische Pamirexpedition eine Grenzverletzung bei Gilgit begangen habe und unter Androhung bewaffneten Widerstands zurückkomplimentiert worden sei ... Die Russen gehn mal wieder in Zentralasien vor und versuchen, wie weit man sie without rebuke wird gehen lassen. Nachmittags kam ein Telegramm, daß Valparaiso genommen und Balmaceda, wie man glaubt, geflohen sei. Edmund und ich waren so froh und dankbar, daß wir bei unserm Spaziergang alles schön fanden, sogar die Berge und einzelne Bäume, an denen wir hundertmal vorbeigegangen, ohne sie zu beachten.

31. August. Edmund schrieb mehrere hübsche Berichte über die zentralasiatischen Vorgänge, und wie die Pamirexpedition die Leute hier aus ihrem Halbschlummer aufgerüttelt hat, so daß jetzt allerhand Grenzbahnen gebaut werden sollen. Da sie aber alles aus ihren regulären Budgeteinnahmen bestreiten wollen, hapert es mit den Mitteln. Eine Anleihe in Gold in England wollen sie nicht aufnehmen, weil sie ja hier ihre Einnahmen alle in Silber beziehen, und da man nie weiß, wie tief die Rupie noch sinken mag, mit der Zinszahlung in unberechenbare Verpflichtungen geraten könnten. Die neuste Idee ist nun, in Indien selbst, und zwar in Silber, eine Anleihe zu erheben, die auch den Vorteil böte, alle eingeborenen Aktionäre durch ihre Interessen an die Regierung zu fesseln ... Nachmittags Telegramm, daß Santiago den Kongressionisten übergeben und Balmaceda geflohen sei, nachdem er noch vorher 60 Söhne von Insurgenten, die er als Geißeln hielt, habe hinrichten lassen.

3. September. Lord Harris, der neue Gouverneur von Bombay angekommen zu Besuch des Vizekönigs, mit dem es sich sehr gut spricht. Er erzählte mir viel von Japan, der netten Art der Leute und ihren poetischen Blumenfesten, was meinen Wunsch, nach Tokio gesandt zu werden, sehr erhöhte. Er hat ein recht ungeniertes Wesen, und ich kann mir lebhaft vorstellen, daß er den Zarewitsch durch seine burschikose Art und sein Erscheinen beim Empfang in gelben Morgenschuhen etwas chokiert hat.

4. September. Große Gesellschaft im Governmenthouse mit gutem Liebhabertheater. Das eine Stück merkwürdigerweise eine große Persiflage der englischen Aristokratie und ihrer Tendenz, to go into business. Leider sind beunruhigende Telegramme über die Gesundheit des Kaisers gekommen, an die wir aber nicht glauben wollen, da die Reutersche Quelle doch keine sehr klare ist. Auch über russische Versuche (gestärkt durch die neue enthusiastische französische Freundschaft) den Dardanellendurchgang zu erwerben, kommen allerhand Telegramme. Wir meinen, man sollte ihnen das doch lieber freiwillig geben.

5. September. Unterhielt mich viel mit Maitland, der ganz Buddhist ist, dies Leben als unser Life of causes ansieht, deren Folgen wir während dem von uns Tod genannten Zustand als ein Life of effects sehen werden, worauf wir dann später wieder geboren werden sollen zu einem Life of causes. Als was wir dann geboren werden, können wir durch unser jetziges Leben und dadurch, daß wir bestimmte Eigenschaften und Anlagen in uns besonders entwickeln, sehr beeinflussen. Diese erweiterte Theorie der Seelenwanderung hat mir etwas außerordentlich Anziehendes.

14. September. Nachmittags besuchte uns der Maharajah von Kapurthalla und trank ganz zivilisiert Tee mit uns, was mich höchlichst erstaunte. Er erkundigte sich viel nach Deutschland, dem Kaiser, den Bismarcks, deren Photos wir ihm zeigten.

27. September. Großes Sonntagstiffin, zu dem auch Pemberton kam, welcher meinte, er habe geträumt, daß er und seine Töchter nach Sibirien verschickt würden, nachdem die Russen Indien erobert. Ich sagte ihm, es sei doch traurig, daß die Handvoll Russen im Pamir sogar bis in die Träume eines Member of Council hineinspukten. Es scheint dort doch Ernsteres passiert zu sein, als wir anfänglich wußten, und die russischen Zeitungen sprechen sehr hochtrabend. Edmund glaubt, daß die Engländer nachgeben werden, denn ihnen selbst liegt an den besagten Gegenden nichts. Es sind aber z.T. vom Emir selbst eroberte Länder, an denen er hängt, und wenn die Engländer ihn in dem Besitz nicht schützen, so fürchtet man, wird er das als Vertragsbruch ansehen und sich mehr den Russen zuneigen.

Oktober. Ende des Monats besuchte mich einmal der Maharajah von Patiala, dem ich zu seinem ersten Söhnchen gratuliert hatte. In Edmunds Abwesenheit halfen mir die Kinder ihn zu empfangen und es war sehr amüsant, wie Teddy sich mit ihm über seine Elefanten unterhielt, ihm nachher eine korrekte Tanzstundenverbeugung machte und ihn bis vor die Haustür begleitete. Dieses frühzeitige Verständnis für Zeremoniell muß einem Orientalen doch sehr gefallen haben. November. Die Kinder sind in Mashobra zu Besuch von Lady Barbours Kindern. Edmund und ich führen währenddem ein ruhiges Dasein, was er damit variiert, daß er den wenigen schönen Damen, die noch hier sind, afternoon tea Visiten macht, oder sie zu solchen »zu mir« auffordert ... Il y a des femmes, qui considèrent le mariage comme un gagne-pain tout comme un autre. Die meisten Männer sind Egoisten. Die liebenswürdigeren sind es unbewußt, die pedantischeren, unangenehmen dagegen érigent leur égoisme en principe und finden so eine Rechtfertigung dafür.

14. November. Nachmittags kam Dr. Harvey aus Abbotabad an, der mir sehr gefiel und mir Courage machte.

17. November. Morgens um 4 aufgewacht und die ersten Schmerzen gefühlt. Ich weckte Edmund aber erst um 5 ½, um ganz sicher zu sein. Gegen 11 war alles vorbei und unser zweiter Junge auf der Welt. Edmund schien sehr glücklich, und ich war dem lieben Gott so dankbar, daß dieser Wunsch so schön in Erfüllung gegangen.

28. November. Edmund reiste nach Kalkutta ab. Es war mir schrecklich schwer, ihn allein reisen zu lassen ... Güntherchen ist eine täglich wachsende Freude. Er gedeiht Gottlob gut bei seiner Flasche, nachdem er es absolut abgelehnt hat, sich von mir nähren zu lassen, obschon ich eine Menge Nahrung hatte. Es war mir das eine große Enttäuschung, denn ich habe grade für dies Baby eine so große Zärtlichkeit, daß ich es so gern genährt hätte. Aber alle Versuche blieben erfolglos. Bei alledem stand ich mehr aus, als bei der eigentlichen Niederkunft.

10. Dezember. Einen sehr netten Geburtstag, nur leider ohne Edmund, zum zweitenmal seit wir verheiratet sind. Er schrieb mir einen reizend lieben Brief mit viel zu viel Anerkennung. Das Baby hat uns einander wieder näher gebracht, was ich von ihm hoffte, und Edmund weiß, daß ich wenigstens suche, das Rechte zu tun, wenn es mir auch oft nicht gelingt, und er muß auch wissen, daß mir nichts zu schwer würde, um ihm Freude zu machen. Ich dachte viel über das letzte Jahr nach, das mir trotz allem Kranksein doch auch viel nette Stunden gebracht hat, mit Edmund wenn er mir vorlas, oder wenn er arbeitete und wir dann seine Berichte besprachen ... Ich bin in diesem Jahr mehr und mehr zur Erkenntnis gekommen, daß wir doch in einem Zusammenhang stehen mit Gott und daß er uns wohl hört. Es ist dies ein tröstlicher Gedanke, und er führt mich zum weiteren Hoffen und Glauben, daß wir mit dieser Existenz nicht zu Ende sind, sondern daß sich das Gute in uns später noch weiter entwickeln wird. Während der langen Stunden, die ich in den letzten Wochen gelegen und nachgedacht habe, ist mir manches klarer geworden, und es kam mir vor, als sei ich Gott plötzlich näher gerückt. Der Wunsch, wirklich gut zu sein, ist in mir sehr wach geworden, und etwas von jenem Mitleid, das Christus unter der Nächstenliebe gemeint, das er selbst im höchsten Maße für uns gehabt und das uns helfen soll, alle kleinlichen Gefühle von Ärger, Ungeduld und Neid zu überwinden.

16. Dezember. Die letzten Zeitungen bringen schlimme Nachrichten von sehr ernsten Kämpfen zwischen den britischen Truppen Gilgits und den wilden Hunza- und Nagartribes. Mehrere englische Offiziere sind schwer verwundet, und es können ihnen in dieser Jahreszeit keine Verstärkungen gesandt werden, denn die hohen Pässe sind jetzt für größere Truppenteile unpassierbar. Man sagt, daß die Hunzas und Nagars russische Gewehre gehabt und von den Russen aufgewiegelt worden seien; erstes greifbares Resultat der Pamirexpeditionen.

30. Dezember. Am 27. reisten wir nach Kalkutta ab, wo wir am 30. eintrafen.

5. Januar 1892. Abends aßen Schwabachs bei uns, ein reizendes junges Ehepaar, das um die Welt reist. Sie erzählten sehr viel vom neuen Regime zu Haus, und wie alle Welt sich über den Kaiser entrüstet und er sich mit seinen unglückseligen Reden lächerlich macht, und wie sehr wir doch seit Bismarcks Abgang in allem zurückgegangen sind. Bismarck soll dem alten Herrn Schwabach gesagt haben: »Ich gehe nicht ab, ich werde wie ein Hund fortgejagt.« Es ist zu betrübend, solche Dinge zu hören. Die Version der englischen und französischen Zeitungen über die Ohrenkrankheit des Kaisers soll doch die richtige sein, und seine stete Unruhe, die seltsamen Reden usw. sollen eben das Resultat seiner furchtbaren Schmerzen und Nervosität sein.

Am 7. Januar war State-ball, zu dem Edmund nicht konnte, weil er nicht wohl ist. Ich ging zum erstenmal in meinem Leben allein zu einem Ball und amüsierte mich wider Erwarten sehr gut. Ein wahres Ereignis bildete das Erscheinen einer Mme. B., alleinstehende Globetrotterin. Sie trug ein weißes Korsett und im übrigen nichts wie zwei Perlenketten über den Schultern. Lady Lansdowne sah ich zum erstenmal steif aussehen, als ihr dies Ungeheuer vorgestellt wurde, und der Viceroy, mit dem ich tanzte, sagte mir: »I have never seen such an exhibition since I was weaned.«

12. Januar besuchten uns drei reizende deutsche Globetrotter: Baron Herrmann, ein entfernter Verwandter Edmunds, Graf Spee und Graf Königsmark, der ein Verwandter Stephaniechens ist, aber von den Vorurteilen seiner Familie frei zu sein scheint, denn er besuchte mich gleich und war sehr nett. Zum Abschied sagte er mir: er könne nun wie ganz Kalkutta sagen: »how awfully nice the baroness is!«

16. Januar. Obschon ich mich noch recht schlecht fühlte, morgens ganz früh aufgestanden und mit Edmund zum Dampfer nach Umbassa gefahren Zu einer Reise nach Burma. ... Um 9 fuhren wir endlich ab, nachdem wir eine Masse Kühe, Bullocks, Kälber und Schafe eingeladen hatten, die alle für Burma bestimmt sind, da dort gar kein Vieh gedeihen soll. Unter den Passagieren amüsierten uns sehr die Burmesen, die alle einen so nett lustigen Eindruck machen. Erster Klasse fuhren auch einige indische Kaufherrn aus Rangoon in der beliebten Tracht der Lackschuhe, weißbordierten Hosen und darüber ein dunkler kaftanartiger Rock. Wir fanden viel Ähnlichkeit zwischen ihnen und den Juden.

20. Januar früh kamen wir in Rangoon an, mußten aber lang im Fluß liegen bleiben, bis uns die Flut erlaubte, anzulegen. Vom Fluß aus gefiel uns Rangoon gar nicht, da man nur große Schuppen und uninteressante europäische Häuser sieht. Die Bevölkerung am Kai war aber sehr malerisch, Burmesen in ihren hellseidenen Tüchern, die sie von der Taille bis zu den Füßen straff spannen, und besonders eine Gruppe von Indern, ein alter Mann mit schneeweißem Bart, golddurchwirktem Turban und faltenreichem, gelblichem Wollkaftan, um ihn herum mehrere reizende braune Kinder. Sie sahen aus wie eine Gruppe aus der Bibel oder aus einem alten 1001-Nacht-Märchen. Die Häuser in der Stadt sind alle aus dünnem, braunem Holz und erinnern darin an die Schweizer Häuser; früher waren sie alle auf hohen Pfählen gebaut wegen der Feuchtigkeit, und man sieht noch einige der ältesten, die nur aus einem Stockwerk bestehen und zu denen von außen eine Treppe hinaufführt, während der offene Raum zwischen den Pfählen als Remise benutzt wird und den Kindern und dem Federvieh als Spielplatz dient. Nachmittags fuhren wir zu der goldenen Pagode, Shwe Dagon Pya genannt. die uns sehr überraschte, da uns niemand erzählt hatte, wie ungeheuer interessant sie ist. Der Weg führte an grauen Holzhäusern der buddhistischen Priester vorbei, Kyaungs genannt, bis an den Eingang zur Pagode. Das Tor wird von zwei Riesendrachen aus Stein beschützt, und von da führte ein bedeckter Treppengang zum Hügel hinauf. Auf beiden Seiten sind Buden, in denen Lichte und sonstige Opfergaben, aber auch burmesisches Spielzeug verkauft wird. Im Halbdunkel dieses Ganges kam uns die steilen, glatten Stufen herab eine Schar reizender junger Burmesinnen entgegen, alle mit den hellroten seidenen Tüchern, von der Taille bis zu den Füßen eng um sie geschmiegt, der leichten Musselinjacke, der Rose hinterm Ohr und der dicken grünen Zigarre im Mund. Alle heiter und mit einem lachenden Gruß für jeden und dem Ausdruck angeborener Koketterie. Ein großer Kontrast nach den verschüchterten eingeschlossenen Inderinnen. Oben angelangt, fanden wir uns auf einem weiten, viereckigen Platz, dessen Mitte von der eigentlichen goldenen Pagode eingenommen wird. Um diese herum erheben sich zahllose kleine Pagoden, Reihen kniender Steinelefanten, zahllose Privattempel, in denen ein oder mehrere ernste Gautamas sitzen, hohe Fahnenstangen mit einem abenteuerlichen Drachen oder Vogel aus schillernder Goldarbeit auf der Spitze. Große durchbrochene Sonnenschirme aus Goldblech, merkwürdige Schlangen mit goldenen Köpfen, die hoch oben in den Lüften von einer Stange zur andern sich winden. Das Ganze ist so märchenhaft und unglaublich, daß mir anfänglich ganz träumend zumute war. Erst allmählich findet man sich zurecht, und aus dem verblüffenden Gesamteindruck lösen sich die einzelnen Bilder und Details aus. Da ist vor allem die herrliche Schnitzarbeit, welche die Dächer der Tempel schmückt und die Säulen darunter zu Portalen vereinigt, phantastische Schnörkel schlingen und verschlingen sich, und durch sie winden sich lange Blumenkränze, aus denen Vögel hervorschauen und zwischen denen Ochsenwagen, Boote, Menschen und Tiere verwachsen scheinen, während oben auf den Kanten der Dächer ganze Reihen von bizarren Tänzerinnen zum blauen Himmel aufschweben und an den weit vorspringenden Ecken seltsam groteske Wesen, halb Engel, halb Drachen, auslaufen. Pagoden, Tempel, Buddhas, Schirme, Stangen, alles wird verbunden durch eine herrliche Vegetation; überall schießen schlanke Palmen hervor, Schlinggewächse spinnen sich am Gemäuer entlang, und große unbekannte Bäume bilden ein Dach über Hallen, in denen Reihen stiller Buddhas sitzen. Erst die einbrechende Dunkelheit vertrieb uns, und wie ein märchenhaftes Liedchen steigt das Läuten der zahllosen Glöckchen auf den Spitzen der Pagoden zum abendlichen Himmel empor.

21. Januar. Edmund und ich machten eine selbständige Expedition per Ticagharry nach der goldenen Pagode. Eine Menge Gläubige hatten sich versammelt, und es sah so poetisch aus, wie sie kniend ihre Blumenopfer den Buddhas darbrachten. Es ist eine gar zu reizende Bevölkerung, so freundlich, heiter und harmlos; all die hübschen Frauen und Mädchen lachen die Fremden an und bringen ihnen Rosen. Sie erinnern halb an Italienerinnen, halb an die kleinen Mädchen im Mikado. Wenn man sie so in der Sonne trippeln sieht, in ihren enganschmiegenden Seidenstoffen, ihren weißen Jäckchen und hellen Crepetüchern, mit ihren graziös manierierten Bewegungen und ihren kleinen freundlichen Gesichtchen, ihren Rosen im Haar und bunten Glasperlen um den Hals, ihren zierlichen Händchen und Fäßchen, sehen sie aus, als seien sie aus einem Märchenbüchel herausgesprungen. Das ganze Land hat etwas Irreelles, als sei es auch nur ein für ein Weilchen lebendig gewordenes Märchen, und als müsse mit der untergehenden Sonne all das Glitzern und Schimmern der Glassäulen, das Glänzen der goldenen Pagoden, das Blinken und Funkeln der bunten Steine auf den Thronen der Buddhas, das Klingeln der tausend kleinen Glöckchen, das Schillern der Drachen und Vögel auf den bunten Fahnenstangen, als müsse das alles dann auch gänzlich verschwinden.

Drei heitere Burmesen erkannten uns sofort als Globetrotter und führten uns herum, wobei wir manches schauten, was wir am ersten Abend übersehen hatten. In manchen Hallen sind ganze Reihen stiller sitzender Buddhas, die wie eine versteinerte Teegesellschaft aussehen. – Mittags fuhren wir in den Rangooner Louvre, wo wir mit einem Ladenkommis ein amüsantes Gespräch hatten. Er erklärte strahlend, daß ganz Burma sich mehr und mehr anglisiere, und zeigte uns mit strahlendem Gesicht horrible englische Wollshawls, von denen er sagte, sie würden bald all die burmesischen Stoffe verdrängen. Wirklich sahen wir auch mehrere Burmesen, die diese greulichen Shawls schon tragen. Arme, reizend heitere und bunte Seidenstöffchen, die ihr von prosaischer englischer, brauner Wolle verdrängt werden sollt; ich freue mich, euch noch gesehen zu haben. Und arme, reizend heitere und sorglose Burmesen, die ihr auch allmählich durch Engländer und die wachsende indische Einwanderung verdrängt werden sollt. Denn die Burmesen sind indolent, und ihr Land hat weite unbebaute, fruchtbare Strecken; der Inder aber ist im Vergleich fleißiger und sein Land ist übervölkert, und so ist es denn nur zu wahrscheinlich, daß die lieben kleinen Burmesen allmählich ganz von Madrasses, Bengalen und Babus überschwemmt werden.

Abends reisten wir ab. Noch lange nachdem wir Rangoon verlassen, sahen wir die Silhouette der goldenen Pagode sich vom abendlichen Himmel abzeichnen, und uns beide erinnerte der Blick, so verschieden er auch ist, an die St. Peterskuppel, die man auch noch sieht, nachdem man Rom schon lange verlassen.

22. Januar. Wir hatten eine angenehme kühle Nachtfahrt, und gegen Morgen sahen wir auf unsrer rechten Seite eine blaßblaue Gebirgslinie, der wir allmählich immer näher kamen, und einen Vordergrund von Palmendickichten, aus denen weiße Pagoden, braune geschnitzte Kyaungs und burmesische strohgeflochtene Häuschen, auf hohen Pfählen gebaut, hervorlugten. Es war eine fortwährende Abwechslung entzückender landschaftlicher Bilder, und die Staffage bildeten große graue Bullocks, die tief im Schlamme steckten, während allerhand bunte Wasservögel um sie herumflogen und eine Art weißer Kraniche sich ihnen frech und behaglich auf die feisten Rücken setzte.

Nachmittags kamen wir in Mandalay an und wurden von Kolonel Cooke, dem Commissioner, empfangen. Auch erwartete uns ein bequemer zivilisierter Landauer, der durchaus nicht in meine Vorstellung von Mandalay passen wollte und den uns Mulla Ismael Khan, früherer Bankier des Königs Theebaw, an den wir eine Empfehlung hatten, zur Verfügung stellte. Kolonel Cook brachte uns in das Dak Bungalow und überließ uns als Führer während unsres Aufenthalts einen seiner burmesischen Sekretäre, Mangi, ein zierliches irreelles, gelblich braunes Wesen, welches einen engen rotseidenen Lappen um Hüften und Beine trägt, einen rosa Turban auf dem Kopf hat und nur halb kniend und mit gefalteten Händen zu uns spricht.

23. früh fuhren wir in Mulla Ismaels Landauer mit dem malerischen Mangi auf dem Bock nach der Arrakan-Pagode. Die Wege sind lang, breit und staubig, aber die malerische Bevölkerung amüsierte uns sehr, und zu ihr wollte uns die amerikanisch nüchterne Benennung der Straßen nach Nummern gar nicht passen. In der mysteriösen, halbdunklen Tiefe der Pagode sitzt ein enormer goldener Buddha, der ganz rauh und schrumpelig ist vor lauter Gold, das ihm allmählich von den Gläubigen als Opfer angeklebt worden ist, und noch immer, während wir ihn anschauten, kletterten fromme Menschen an ihm empor und beklebten ihn mit feinen Blättchen pursten Goldes. Um ihn ist der ganze Tempelhof gefüllt mit knienden Menschen, in helle Seiden gehüllt, welche blaßlila Lotosblumen zu ihm emporhalten. Die wundervollsten geschnitzten Kasten, große eingelegte Glasvögel, Lackspeiseschüsseln stehen herum, während von der Decke Hunderte von verschiedenen europäischen Glaskandelabern herabhängen und die gelb drapierten Pungis ihre Gebete murmeln.

Später fuhren wir nach dem Basar, in welchem horribler europäischer Schund verkauft wird, daneben aber burmesisches Silber, Lackarbeiten, Glasschmuck und vor allem die reizenden burmesischen Seiden. Die Läden werden meist von Frauen gehalten, die ja überhaupt weit tüchtiger, intelligenter und fleißiger als die burmesischen Männer sind. Im Basar trafen wir Mulla Ismael jr., ein burmesischer Dandy, der eben aus London zurückgekommen ist, europäische Kleider trägt und uns nach seinem Hause brachte. Nachmittags fuhren wir nach dem früheren Palast. Derselbe war einst von einer ganzen inneren Stadt umgeben und gegen die äußere durch breiten Graben und Mauer abgeschlossen. Von dieser inneren Stadt aber existiert nichts mehr; sie ist vollkommen rasiert, und auf den weiten, leeren Plätzen stehen jetzt einzelne englische Cottages und Holzkasernen, auf Pfählen erbaut. Der Palast zerfällt zu Ruinen; in der früheren goldenen Audienzhalle wird englische Kirche für die rotberockten Tommy atkins gehalten, und das Ganze heißt Fort Dufferin. Wir wurden ganz melancholisch über den Verfall des Wenigen, was noch übrig ist. Für ihren neuen Zweck ist die Audienzhalle jetzt mit Matten eingeschlossen worden, früher aber war sie ganz offen, und die in ihr kniende Menge konnte von da aus den König und die Königin sehen, die wie Heiligenbilder auf einem Goldthron hinter golddurchbrochenen Türen erschienen, von der Menge noch durch goldene Balustraden getrennt. Es muß ein merkwürdiger götzenhafter Anblick gewesen sein, diese beiden Gestalten in den steifen rubinbesäten Goldanzügen hoch über dem Boden auf einem altarschreinartigen Thron, der nach vorn glatt abfällt und zu dem sie, von der Menge ungesehen, von hinten aufstiegen und dann plötzlich hinter den sich öffnenden Goldtoren standen. Ich verträumte mich ganz in diesen Gedanken, und es war mir, als hätte ich es alles selbst gesehen, den kleinen versimpelten König, die grausame Königin, die Pagen mit den weißen Sonnenschirmen, die bunte Menge, die sich zu Boden wirft, die Tausende gefalteter brauner Händchen, die sich zum Thron emporheben, die Hofdamen und Prinzessinnen, die verräterischen Minister, die europäischen Abenteurer und über dem allem die goldene Halle mit all ihren grotesken geschnitzten Figuren und Schnörkeln, ihren glitzernden eingelegten Glaswänden, die sich wie ein Traumgebilde tropischer Phantasie vom blauen Himmel abhebt. Wir bestiegen bei untergehender Sonne noch einen hohen Turm, den der König erbaute, um von da aus seine ganze Stadt sehen zu können, denn er fürchtete sich doch so sehr vor den Folgen seiner Mißwirtschaft in Gestalt von Rebellen und Mördern, daß er sich nie in sein Land hinauswagte und seinen Palast außer mit der einen großen Mauer, die noch jetzt das Fort Dufferin umgibt, von vielen inneren Barrikaden umgeben ließ. Wir bummelten noch etwas in den Gärten herum, sahen das Sommerhäuschen, wo der König Theebaw und die Königin vom General Prendergast gefangengenommen wurden, kletterten über allerhand verfallende Brückchen und kamen schließlich an den ganz von Lotos und Binsen überwucherten See, auf dem früher vor König und Königin die Ruderwettfahrten gehalten wurden. Ich war so müde, daß wir den malerischen Mangi nach dem Wagen schickten und auf der Landstraße auf ihn warteten. Es dauerte aber so lange, daß uns ganz abenteuerlich zumute wurde und es mich gar nicht verwundert hätte nach all dem Seltsamen, wenn der so irreal aussehende Mangi nie wieder zurückgekehrt wäre und statt seiner ein heiliger weißer Elefant erschienen wäre, uns an den Hof Theebaws zu bringen, um in Gesellschaft steinerner Buddhas Afternoontea aus Rubintassen zu trinken.

24. Januar. Wir fuhren früh zu einem uns sehr gerühmten italienischen Photographen, Signor Beato. Er freute sich offenbar sehr über unsre italienischen Brocken, und wir waren schleunigst so gute Freunde geworden, daß er uns bat, zum Chota hazri-Lunch bei ihm zu bleiben. Dazwischen erzählte er uns von dem Krimkrieg, der Sudanexpedition, der Plünderung des Sommerpalastes, der Eröffnung der japanischen Häfen, lauter Länder und Gelegenheiten, die er gesehen und z. T. photographiert hat. Dabei kennt er alle Welt, hat alle denkbaren Handwerke getrieben und ist ein kurioses Original, wie man es nur in dieser entlegenen Weltecke zwischen diesen kuriosen Ungeheuern, Drachen, Pagoden und all diesen steinernen und hölzernen Unwahrscheinlichkeiten finden kann. Seine Wirtschaft, sein photographisches Atelier, sein Kuriositätenhandel wird von einer reizenden Burmeserin geleitet, die er »Suzanna« getauft hat und deren kluges Gesicht und flinkes Arbeiten mich entzückten. Signor Beato sprach, wahrscheinlich mir zu Ehren, viel von Suzannas Mann, der einer seiner photographischen Arbeiter sein soll; ich fürchte, er ist ein fiktives Wesen. Während wir dort waren, kam ein anderes Original dazu, ein junger Franzose, Conte de la Lande. Sein Onkel war Armeeorganisator bei König Theebaw, konnte aber mit seinen Reformplänen nie durchdringen wegen des Neides und der Eifersucht auf die königliche Gunst seitens der eingeborenen Minister. Er ließ diesen jungen Neffen, der sehr arm ist, herüberkommen in der Hoffnung, daß er einige Geschäfte durch königliche Bestellungen machen würde. Er erhielt auch richtig Aufträge, aber als die Waren aus Frankreich ankamen, war es auch mit der königlich Theebawschen Herrlichkeit zu Ende und die Engländer Herren im Lande. Seitdem lebt nun der Conte de la Lande in Mandalay in einem kleinen Holzhäuschen von einer kleinen Rente, zusammen mit einem burmesischen Pony und einigen Jagdhunden, macht etwas Geschäfte in Rubinhandel und geht dazwischen auf die Jagd. Er hat etwas Verträumtes, Geistesabwesendes wie jemand, der jahrelang ganz allein gelebt hat; dazwischen erzählt er sehr amüsant von früheren burmesischen Zeiten, der Eroberung und den Dacoits, und es ist eine weitere Wunderlichkeit an diesem wunderlichen Ort, jemand zu treffen, der von alten Schlössern in der Bretagne spricht und von seinem Großvater, der ein Chouan gewesen ist.

25. Januar. Graf de la Lande frühstückte bei uns, und nach Tisch bestiegen wir einen Steamlaunch, um die Ruine einer enormen Pagode zu besuchen. Sie ist nie fertig geworden, sondern wurde von einem Erdbeben zerstört, als ein Drittel erbaut war. Sie wäre eins der Weltwunder geworden und macht auch so, wie sie heute ist, einen Eindruck, den ich nur mit dem der Pyramiden vergleichen kann. Es ist ein kolossaler Backsteinbau, durch das Erdbeben von mächtigen Rissen durchzogen, dessen Silhouette an die Engelsburg erinnert. Vom Fluß aus sollte ein von Drachen bewachter Weg heraufführen. Zwei dieser enormen halb sitzenden Drachen existieren noch, zur Hälfte mitten im Dickicht einer alles verschlingenden und überwuchernden Vegetation. Nicht weit von der Pagode hängt oder vielmehr steht eine riesige Glocke, von der niemand recht weiß, wie sie dahingekommen ist. Überall herum liegen Trümmer von Marmorsäulen und geschnitzten Engeln, und alles ist geheimnisvoll still.

26. Januar. Wir mußten früh auf den Dampfer, der uns nach Bhamo fahren soll ... Die Luft auf dem Schiff ist herrlich kühl, und uns beiden tut diese ruhige Fahrt sehr wohl ...

Am 29. kamen wir morgens an den Eingang des sogenannten zweiten Defilés. Der Fluß wird viel enger und tiefer. Die hohen bewaldeten Ufer treten dicht aneinander, und die Vegetation ist so undurchdringlich dicht, daß die Tiger, Leoparden und Bisons, die allein darin hausen, sich unter dem Dickicht Tunnel durchwühlen, um an das Wasser gelangen zu können. Es ist eine merkwürdig stille und einsame Welt, aber so schön, daß sie allein schon die Reise wert ist. Wir begegneten vielen Shans in ihren langen, schmalen Booten mit ihren enormen Hüten. Mittags waren wir aus dem Defilé heraus und kamen nun in ganz seichtes Wasser, das von vielen gefährlichen Sandbänken durchzogen ist. Wir wurden auf einen kleineren, weniger tiefgehenden Dampfer übergeladen, der die Räder hinten hat und wie ein zweistöckiges Puppenhaus aussieht oder wie eine der früheren in Hölle, Erde und Himmel eingeteilten Theaterbühnen. Das beste daran ist entschieden sein netter schottischer Kapitän, der aussieht wie jemand, der bessere Tage gesehen. Nach einigen Stunden kamen wir in Bhamo an. Die Bevölkerung, Burmesen, Shans, Kachims, Chinesen, drängte sich am Ufer, und das Landen in dieser kuriosen, vielartigen Menge war sehr amüsant. Zuerst war einige Schwierigkeit, wo wir unterkommen würden, aber der Agent der Irrawaddy Flottilla Cie. brachte uns in sein gemütlich luftiges Holzhäuschen, dicht beim Jungle gelegen, von dem aus gelegentlich Leoparden in sein Compound wandern. Bei Tisch war viel von Expeditionen die Rede, welche die Engländer von hier aus weiter ins Innere senden. In diesem Jahr sollen 10 Kolonnen unterwegs sein, und da bei ihrem Aufbruch sich eine Menge Generale und Officials zusammengefunden hatten, verbreitete sich im hiesigen Basar und von da aus weiter, wie bei allen orientalischen Neuigkeiten, das Gerücht, daß die Engländer einen Krieg mit den Chinesen beginnen würden. Ganz unbestimmt scheint die hiesige Grenzdemarkation. Die Chinesen reklamieren das Land jenseits des Tayping, der unweit Bhamos in den Irrawaddy fließt, und der hiesige Kommandant Kolonel Prendergast soll sehr der Ansicht sein, es ihnen zu überlassen, da es ganz wertlos ist; aber vermutlich wird auch hier die englische Herrschaft sich wie ein Fettfleck immer weiter verbreiten.

30. Januar. Wir gingen in den chinesischen Tempel, an dessen Tor zu Ehren des Feiertags, chinesisches Neujahr, Würfel gespielt wurde, fanden aber die greulichen, bemalten Götzen recht scheußlich nach den schönen ernsten Buddhas. Sehr amüsant aber waren die Chinesen selbst in ihren buntseidenen Feiertagskleidern. Ein Kind war besonders komisch mit einer großen grünen Jadebrosche inmitten des Hutes und einer Reihe kleiner goldener Götter auf jeder Seite. Wir verlangten Opiumpfeifen zu sehen und waren bald von einer Menge lachender, schnatternder Chinesen umgeben, die nach dem nötigen Zureden aus ihren weiten, seidenen Ärmeln sehr schöne elfenbeinerne und Ebenholz-Opiumpfeifen, mit Silberbeschlägen und Cabochons verziert, produzierten. Nach vielem Lachen, Handeln und Hinundherreden erstanden wir zwei sehr schöne Exemplare. Wir kauften noch ein paar kuriose Waffen und Kleidungsstücke und amüsierten uns sehr über die vielen seltsamen menschlichen Typen, denen wir begegneten. Am kuriosesten sehen die Kachimfrauen aus. Sie tragen als Rock einen gelben oder blauen bis an die Knie reichenden Baumwollappen, der in verschiedenen bunten Garnen gestickt ist. Die Jacke ist dunkelblau, mit roter Wolle und weißen Muscheln benäht, an den Beinen tragen sie gelbe, bestickte Wadenfutterale, die durch eine Masse beinahe haardünner Bambusreifen fest in die Höhe gehalten werden. Ähnliche, nur viel weitere Reifen tragen sie auch um den Leib, und da diese natürlich nicht eng sich anschmiegen können, sondern steif abstehen, sehen sie aus wie wandelnde schwindsüchtig gewordene Tonnen. Es sind alles sehr kleine, aber sehr kräftig gedrungene Gestalten mit struppigem, schwarzem Haar, welches so lang wie die Ohren gehalten ist.

1. Februar. Wir schifften uns morgens zur Rückfahrt ein, lagen abends bei einem kleinen Dorf vor Anker und machten einen sehr abenteuerlichen Spaziergang. Vor einer Pagode standen Stangen, auf deren Spitzen Hähne sitzen, was wohl ein Überrest des alten Glaubens ist, daß Hähne durch ihr Schreien die Geister verscheuchen. Im Dorf waren alle Frauen mit Reismahlen beschäftigt, was mich daran erinnerte, daß Lippert sagt, mit der wachsenden Geschicklichkeit, Wild zu erlegen, sei die Ernährung durch Körner und die Beschäftigung damit immer mehr auf die Frau übergegangen. Ich habe bei dieser Reise überhaupt häufig an Lippert denken müssen, so auch in Bhamo, als die Chinesen am Neujahrstag so viel Lärm machende Crackers abbrannten, offenbar ein Überrest der alten Sitte, durch allerhand Lärm die Geister zu verscheuchen.

4. Februar. Kolonel Cook erzählte sehr interessant über die Punghis, Richtiger Hpungi's, d. h. buddhistische Mönche. die gegen andere Religionen so merkwürdig tolerant sein sollen, daß wir und besonders unsere Missionare sich recht ein Beispiel daran nehmen könnten. Er meinte, daß die buddhistischen Lehren sich vor Christus auch in Palästina verbreitet hatten und daß Christus sehr unter ihrem Einfluß gestanden hat, daher die große Ähnlichkeit beider Lehren. Die Punghis stehen unter einer der katholischen sehr ähnlichen Hierarchie. Ihr oberster Priester, der ungefähr dem Papst entspricht, lebt in Ceylon, wo der Buddhismus auch am reinsten ist; er entscheidet über alle schwierigen Fragen. In Birma gibt es einen obersten Erzbischof, viele Bischöfe, und über jedem Konglomerat von Kyaungs steht ein Abt. Der Erzbischof ist neulich neu erwählt worden, und die Engländer wünschen sehr, daß ein alter, besonders heiliger Punghi, der in der Nähe der großen Glocke bei Mingun wohnt, die Würde erhalten sollte. Er schlug es aber aus, weil er fand, daß er sich dann zu sehr mit weltlichen Dingen beschäftigen müsse. Nirwana, meint Kolonel Cook, hieße nicht »im Nichts aufgehen«, sondern »der Zustand, wo die Seele Ruhe hat«. Cook sagte, daß die englische Regierung sehr versuchte, die Punghis zu ihrem Nutzen zu verwenden, meinte aber, daß der Einfluß, den sie auf das Volk hätten, zwar groß genug sei, um ihnen schaden zu können, selten aber, um ihnen wirklich zu nützen. Es fiel mir übrigens sehr auf, wie der klerikale Typus sich überall auf der Welt gleich bleibt. Die gelben Punghis hier sehen ganz aus wie Mönche des heutigen Italiens oder wie Heilige des Quattrocento.

Wir frühstückten im Klub, der sich in einigen Räumen des früheren Palastes befindet. Ein moderner englischer Frühstückstisch inmitten solch eines vergoldeten, geschnitzten Thronzimmers ist ein recht kurioser Kontrast. An einer goldenen Tür findet sich der blutige Abdruck einer Hand; es soll dies eine Erinnerung an eine Hofdame sein, an welcher König Theebaw Gefallen fand, und welche die eifersüchtige Königin am Tage vor dem Einzug der Engländer ermorden ließ. Die Wände des Klubzimmers bestehen ganz aus der reizendsten bunten Glasarbeit, daneben aber liegen die gemeinsten Brüsseler Bettvorleger als Teppiche und auf Schritt und Tritt sieht man solche barbarische Incongruites.

Am 7. verließen wir das seltsam verträumte und mir kaum wirklich erscheinende Mandalay. Ein Engländer, der bei der Eroberung von Mandalay zugegen gewesen, erzählte uns viel davon, wie prächtig der Palast einerseits, aber wie bodenlos schmutzig er andrerseits gewesen sei, da die Burmesen nur Hunde und Schweine als Scavengers kennen, so daß es nötig war, sofort eine Armee Sweepers aus Indien zu verschreiben. Die Beute muß fabelhaft gewesen sein, und die Sergeants kauften sich gegenseitig um 300 Rupies das Recht ab, eine Nachtwache im Palast zu haben. Ich hörte auch von einer Expedition zu den Chins, die die Engländer jetzt machen, bei welcher sie zu einem Stamm kommen, der die Sitte hat, die toten Vorfahren, wahrscheinlich gedörrt, auf Brettern in seinen Hütten zu bewahren.

Am 8. wider in Rangoon angekommen, wo ich den sehr amüsanten Dr. Marx kennenlernte, der schon zur Zeit von König Theebaws Vater in Mandalay tätig war. Er sagte, dieser König sei ein so toleranter Mann gewesen, daß er ihm sogar eine Kirche und Schule erbaut habe und immer zugestimmt hätte, daß die christliche Religion eine sehr gute sei; die buddhistische sei es aber auch. Er meinte, die Burmesen hätten in ihrer Art viel Patriotismus und Nationalstolz und seien mit der englischen Herrschaft nicht ausgesöhnt.

Am 9. mußten wir uns schon früh um 5 aufmachen, um den Dampfer zu erwischen, der uns nach Moulmain bringen sollte. Man ist ein paar Stunden auf See, dann fährt man den Fluß Salween aufwärts. Auf dem Dampfer war eine seltsame Gesellschaft Eurasier aller Schattierungen, in den merkwürdigsten grellsten Farben gekleidet. Mr. Ferras, ein halber Deutscher, und Mrs. Ferras, eine Nürnbergerin, erwarteten uns auf dem Kai. Es sind beides sehr originelle Menschen, sehr verschieden von allen Anglo-Indern, sehen die Welt von einem eignen ästhetischen Standpunkt an und erziehen ihre drei Töchter und einen kleinen Jungen ganz anders als andre Menschen. Sie erinnerten mich etwas an Tante Gisela Gisela Grimm, geb. von Arnim, jüngste Tochter von Achim und Bettina. und an die Olferssche Familie, mit der sie auch das Bestreben nach bilderhaften Anzügen gemein haben und die Vorliebe für sanfte graue Töne. Die Kinder haben nie wirkliche Stunden, sondern werden von ihrem Vater durch Vorträge und Gespräche unterrichtet. Das erinnert mich auch an das, was ich über Tante Giselas Erziehung gehört. Mr. Ferras hat eine Ähnlichkeit mit Onkel Friedmund, Friedmund von Arnim. auch dieselben grauen Töne und ein gewisses Etwas, als lebe er nicht ganz in der Wirklichkeit, sondern in einer imaginären Welt.

12. Februar. Als wir abends zur goldenen Pagode gingen, erlosch gerade das letzte Glühen der untergehenden Sonne, aber nur um dem herrlichen Silberlicht eines enormen im Himmel hängenden Vollmonds Platz zu machen. Es war so wunderbar schön, daß wir ganz still wurden, und die Frage eines auf uns zukommenden Punghis, »ob wir gekommen seien, den Herrn zu verehren«, schien uns ganz natürlich und nur mit »Ja« zu beantworten. Wir saßen lange auf einem Altan und schauten auf den Fluß und das Palmenmeer, aus dem unzählige Pagoden und Kyaungs sich erheben und steile greifenbesetzte Treppen zu uns heraufführen. Es war ein idealer Abend, so wie man von Indien geträumt hat und wobei man alle bedauert, die zu Hause bleiben müssen. Am Vollmond feiern die Burmesen ihre Feste, und so waren denn viele Andächtige da, die Glocken mit Geweihen zu schlagen, mit denen sie zuerst den Boden berührt haben als Zeichen, daß sie sich mit allem, was auf der Welt lebt, eins fühlen. In einem großen Tempel sahen wir einen enormen weißen Buddha. Sein Antlitz mit den großen, dunklen Augen und geraden Brauen ist seltsam lebend und dabei doch so wunderbar weiß und ruhig. Der Mund scheint sich eben zum Sprechen öffnen zu wollen. Vor ihm auf einem pyramidenartigen Leuchter sind Hunderte von Kerzen angezündet von frommen Händen, auf den Steindallen knien die Gläubigen, winzig klein, und eintönig gemurmelte Worte steigen zu ihm auf, nicht wirkliche Gebete, sondern das hundertfache Wiederholen einzelner Worte, welche die Haupttugenden bedeuten, nach denen wir streben sollen, und die Betrachtungen, die wir machen sollen: »Vergänglichkeit von allem, Unabhängigkeit des Menschen von den Umständen, Gleichgewicht der Seele.« Einer nach dem andern verlassen die Andächtigen den Tempel, eine nach der andern erlöschen die Kerzen, und aus ihrem Qualm schaut fern, geisterhaft und traumartig der kolossale Buddha hervor mit seinem unergründlich rätselhaften Antlitz, ein unerreichbares Etwas. Ein ungreifbares Ideal von Ruhe, Gleichgewicht und Wunschlosigkeit.

Am 20. wieder in Kalkutta eingetroffen und das Landen mittels kleiner elender Boote, in denen man auf einer Matte kauern muß, ganz greulich.

März 1892. Fürst Galitzin dinierte bei uns. Mit seinem leidenden Gesichtsausdruck und einem Arm, sieht er viel mehr wie ein Stubengelehrter aus, als wie ein Reisender, der halsbrecherische Touren durch den Pamir und über den Hindukusch gemacht hat. Er hat eine halb träumerische, aber höchst interessante Art, zu erzählen. Da er auch gerade dort gewesen, sprachen wir viel über Burma und er sagte, niemand scheine hier für die Religion und Kultur Burmas Interesse zu haben, dagegen sei es die erste Frage gewesen, die man an ihn gerichtet nach seiner Rückkehr, ob er glaube, daß Burma ein künftiges Schlachtfeld für England und Frankreich werden würde! Er meinte, es sei ihm aufgefallen, daß die Engländer sich diese ebenso wie die Russengefahr übertreiben. Abgesehen von tatendurstigen Menschen in Turkestan gäbe es keinen Menschen in Rußland, der je ernstlich an einen Zug nach Indien denke. Es läge aber in der russischen Politik, diese Frage immer als eine Drohung gegen England zur Erreichung andrer Zwecke zu benutzen. Der Fürst meinte, ein Krieg gegen Indien sei für Rußland der geographischen Schwierigkeiten halber ganz undenkbar; aber auch angenommen, daß er geführt und glücklich geführt würde, so wäre es für die Russen unmöglich, sich in Indien zu halten. Er sagte: »Wir sind eine große zivilisatorische Macht, wenn wir uns wie im Turkestan dem Chaos gegenüber befinden; aber Indien haben wir nichts zu bringen, denn hier sind die öffentlichen Einrichtungen, die Ordnung und die allgemeine Bildung besser als bei uns.« Ein Viceroy und ein Sir Mortimer Durand seien sehr leicht ersetzt, aber der anglisierte Baboo, die Masse der kleinen Beamten, würden weder zu russifizieren noch aus dem dünnbevölkerten Rußland zu importieren sein. Fürst Galitzin sprach noch viel über Rußland, und wie auffallend es sei, dort in denselben Personen neben höchstem Wissen eine seltsame moralische Unbildung zu finden, eine Mißachtung des Gesetzes.

4. März. Ich fuhr zu einer Garden-party im Governmenthouse und unterhielt mich gut mit Prinz Dam Rong von Siam. Captain Herbert hatte Dienst bei ihm und war mir sehr dankbar, daß ich lang mit dem Prinzen sprach, wozu Engländerinnen in ihrer perennierenden Verlegenheit, sobald es sich um Ausländer handelt, ja nicht zu kriegen sind. Der Prinz sieht wie alle Burmesen aus, spricht sehr gut Englisch und zieht sich wie ein Europäer an. Er erzählte mir von Berlin, daß ihm dessen Klima nicht sehr gefallen habe, und machte die Bemerkung, daß es im Vergleich zu andern europäischen Städten doch noch recht unfertig sei. Es würde so sehr viel da gebaut. Wir wurden sehr gute Freunde und er lud mich sehr dringend ein, ihn doch in Bangkok zu besuchen.

6. März. Alle Welt spricht jetzt von den bevorstehenden Wahlen und von der ziemlichen Sicherheit von Gladstones Rückkehr. Alle hiesigen Beamten und Offiziere sind unglücklich darüber, denn sie erwarten, daß der grand old man in Ägypten und in Afghanistan Dummheiten machen wird. Lord William meinte, es sei zu schade, daß die vielen Selbstmörder, ehe sie ihrem eignen Leben ein Ende machen, nicht auf den Gedanken kämen, Gladstone umzubringen, sie würden ja damit ihren Zweck erreichen und hingerichtet werden und vorher noch eine Wohltat ganz England erwiesen haben!

9. März. Ein außerordentlich erfreulicher Postmorgen, da ein sehr lieber Brief von Didi kam, welche von Rotenhan Wolfram, Freiherr von Rotenhan, damals Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. und Kiderlen Damals Vortragender Rat im Auswärtigen Amt. sehr schmeichelhafte Dinge über Heyking gehört hat. Man läßt uns sagen, wir sollten nur warten, wir bekämen bestimmt etwas Gutes. Wir waren um so froher, als wir jetzt so oft an Deprimiertheit und der allgemeinen zweijährigen indischen Mattigkeit leiden.

11. März. Zu Tisch kam die reizende Frau Schwabach. Nette Deutsche sind mir doch zehnmal interessanter, als all die Engländer put together; oh home, sweet home! Warum kannst du für uns nicht ganz sweet sein!

14. März. Beim Dinner saß ich zwischen Sir Charles und Mr. Beverley, die sich beide in wenig schmeichelhaften Betrachtungen über die letzte Rede des Kaisers ergingen, in welcher er alle Unzufriedenen auffordert, Deutschland zu verlassen. Der Ton, in welchem Fremde über unsre deutschen Angelegenheiten reden, hat während der letzten zwei Jahre nicht gerade an Achtung zugenommen!

3. April. Recht heißer Reisetag. Auf der Fahrt zum Sommeraufenthalt nach Simla. Aber wir waren sehr lustig zusammen, und da wir erfahren hatten, daß wir erst am 6. eine Tonga in Kalka für Simla bekommen konnten, freuten wir uns darauf, im Hotel zwei Tage zu bleiben.

4. April. Wir waren eben in Kalka ausgestiegen, als ein Nativearzt an uns herantrat und uns sagte, er riete uns, gleich weiterzufahren, da die Cholera aus dem Wallfahrtsort Hadwar nach Kalka geschleppt worden sei, und ziemlich stark auftrete. Gleichzeitig wurde mir ein Briefchen von Miß Thomson gegeben, welche schrieb, Teddy hätte Fieber. Wir beschlossen sofort weiterzufahren.

5. April. Wir trafen mittags in Simla ein. Auf der Tongastraße unter Kennedy Cottage erwartete uns Miß Thomson, deren erste Worte waren, Teddy sei delirious, habe Sunfever und würde uns gewiß nicht erkennen. Wie im Traum befand ich mich plötzlich in Kennedy Cottage, sah Teddy in seinem Bettchen mit bläulichrotem Gesicht, purpurnen Lippen, geschorenem Haar und gräßlich schielenden Augen. Während ich ihn ansah, war mir, als stünde jemand hinter mir und sagte unablässig: »there is death written on his face.«

Mai. Des Tags saßen wir nun entweder in Teddys Zimmer oder auf einer überheißen Veranda, nachts wachte ich oder schlief meistens angezogen in einer Art Dachkammer neben Teddys Zimmer. Ich erinnere mich vieler Nächte, die ich dort durchwacht, wie allmählich der Morgen graute und sich die Berge duftig vom Himmel abhoben. Kalte bläuliche Schatten lagen auf den Abhängen, und der Weg, der hinab nach Kalka führt, schimmerte in einem fahlen Licht. Unter dem Haus zogen die Kamelkarawanen vorüber, und ich hörte das Klingeln ihrer Glöckchen, das wie Pagodenglöckchen klang. Dicht am Haus stand ein wilder Kirschbaum, und in seinen Zweigen saßen Spatzen. Ich war damals so abergläubisch, daß ich mir oft sagte: »Fliegt der Spatz links, so wird Teddy schlimmer, fliegt er rechts, so wird er wohl.« Wie kindisch und welche Freude, wenn er rechts flog! Was habe ich dort in dem kleinen Badezimmer gekniet und für Teddy gebetet. Ich erinnere mich einer Nacht besonders, wo ich ganz deutlich fühlte, daß mir all meine Toten nah waren. Ich hätte darauf schwören können, daß sie dicht neben mir standen, und ich habe sie alle gebeten, für Teddy zu beten, und ich bin sicher, sie hörten mich, auch der, der so viel um mich gelitten, hat mir in jener Nacht vergeben, um all der Angst willen, die ich durchgemacht... Wie sehr erinnere ich mich an einen Abend, als ihn die Ärzte besonders schlimm fanden. Wir fuhren zu Tisch nach Haus, und durch den Abenddunst sahen wir auf einem fernen Bergrücken den feurigen Kranz eines Waldbrandes, und mir war, als könnte ich in dem mondklaren, blaßgrauen Himmel Teddys Seelchen höher und immer höher fliegen sehen. Nach Tisch fuhr ich dann allein nach Kennedy Cottage zurück, um mich war alles Dunst und der eine tiefe Abgrund, in den man von unserm Wege aus sieht, sah aus wie die Leere, das Nichts. Darüber stand der Mond, und es war mir, als flöge ich durch diese endlose Weite zu Teddy; als sei er schon längst tot und winke mir, ihm nachzukommen. Während der ganzen Fahrt murmelte ich vor mich hin: »Nun gehe ich, mein Kind sterben zu sehen,« und dann wieder war es mir, als sei nicht ich es, die es sagte, sondern eine andre Frau, weit weit fort, und als hörte ich es nur. Wie habe ich auf jener Fahrt geweint. Wie glücklich sind doch die Katholiken. Und wie sehr habe ich mir in jener Nacht einen Beichtvater gewünscht, dem ich alles hätte sagen und den ich alles hätte fragen können, und ob Gott wirklich Teddys Leben würde als Opfer verlangen. Die Krise kam wirklich in jener Nacht. Das Fieber sank und er schlief friedlich.

18. Mai. Teddy schläft und ißt gut und sein Körperchen und Gesichtchen fangen an, sich etwas zu füllen. Jeder kleine Fortschritt ist eine Wonne für das ganze Haus, und es ist besonders rührend, welches Interesse die native Diener, besonders der gute Manovar an ihm nehmen ... Seitdem Teddy besser ist, haben wir viel Freude daran, unser Haus hübsch einzurichten. Wir haben noch nie so reizend gewohnt. Der große Saal ist entzückend mit seiner Holzdecke und Glaswänden, und all unsere Teppiche und Goldstoffe kommen darin so schön zur Geltung. Für mich ist ein allerliebstes Schreibzimmerchen arrangiert, winzig und höchst gemütlich mit all meinen Lieblingssachen und einem niedrigen Liegesofa mit Teppichen, Shawls und Kissen belegt und dem Dänenprinz darüber.

25. Mai. Die Nachricht kam, daß der Maharajah von Ulwar gestorben und sein bisheriger Premierminister, der während der Minderjährigkeit des jetzigen Rajahs wahrscheinlich zu großer Macht gelangt wäre, ermordet worden sei. Ein orientalisches, 1001nachtartiges Episödchen, wie es im anglisierten Indien nur selten noch vorkommt.

24. Oktober. Nachmittags kamen viele Freunde uns Adieu zu sagen; unter anderem auch Brackenburg, der ein wirklicher Freund ist und uns sein schönes, warmes Haus für die Kinder zum Winter leihen will. Mir wurde recht melancholisch bei all diesen Adieus, denn trotz der furchtbaren Sorge im Frühling um mein Teddykind war doch dieser Sommer der glücklichste und lustigste meines Lebens, und die vielen Freunde, die wir uns hier in Indien erworben, haben doch sehr dazu beigetragen.

Am 25. Oktober reisten Edmund und ich ab. Zu einer Tour durch indische Vasallenstaaten. Es wurde mir sehr schwer, von den drei Kindern fortzugehn. Möchte der liebe Gott sie hüten. Es ist so schwer, hier das Richtige für sie zu finden.

26. 0ktober. Heißer ermüdender Eisenbahntag. Um 6 Uhr trafen wir in Gwalior ein; schon von weitem sieht man den malerischen Felsen, auf dem das berühmte Fort steht, und die Silhouette der Wälle und Türme hob sich violettblau vom rotgoldenen Abendhimmel ab... Der augenblickliche Herrscher Gwaliors ist ein 16jähriger Knabe, der vor zwei Jahren mit einem 11jährigen Mädchen verheiratet wurde. Die Herrscher Gwaliors sind Maharattas, die vom Süden kommend, früher eine sehr kriegerische Rasse waren, ganz Rayputana und die Könige von Delhi unterworfen hatten, als sie ihrerseits von den Engländern besiegt wurden. Alle Großen in den Maharattastaaten tragen immer ein großes Stück feinsten Musselins auf dem Arm, eine Sitte, welche bedeutet, daß ein Maharattakrieger jeden Augenblick fallen kann und sein Leichentuch immer bei sich haben muß, um sich sterbend noch selbst zu verhüllen.

27. Oktober. Über allen britischen Residenzen in Nativestaaten, die ich bisher besuchte, liegt ein gewisser schläfriger sanfter Zauber. Wenn einst mein unruhiges wechselreiches Leben vorüber ist und die 1000 Jahre verflossen sind, nach denen jede Seele wiedergeboren werden soll, so will ich beten, daß dann British rule noch stark und mächtig in Indien sei, und ich als British resident geboren werde, um so dem Nirwana um einen großen Schritt näher zu kommen. Den Maharajah haben wir nicht gesehen. Er hat noch seine 30jährige Mutter, eine sehr temperamentvolle Dame, die es mit den Purdah Regeln nicht allzu genau nimmt, verschleiert in die Basare geht, oder in Häuser eindringt und sich dort Jünglinge sucht. Colonel B. meint, daß die meisten Witwen ein höchst immorales Leben führen, und daß das Suttee Witwenverbrennung. eigentlich ein dem Temperament der hiesigen Frauen wohlangemessenes Institut sei. Seitdem es abgeschafft ist, sollen viel mehr Männer von ihren Frauen vergiftet werden, die nachher, da sie sich nicht wieder verheiraten dürfen, ein recht liederliches Leben führen. Der Vater des jetzigen Maharajah soll auch ein arger Wüstling gewesen sein, der seine Großen zwang, ihre Frauen zu seinen Gelagen mitzubringen. Jede Frau mußte dann ein Bracelet in eine verdeckte Urne tun, und die Männer mußten Bracelets und damit auch die Frau ziehen; zog einer das Armband seiner eignen Frau, so zahlte er eine große Strafe; die andern mußten dann vor den Augen aller übrigen sich für diese Nacht verheiraten, eine Art Kotillontour ins Indische übersetzt.

Am 30. Am Morgen schrieben und lasen wir, und genossen die Ruhe und Behaglichkeit des hiesigen Dasein. So oft ich mal ein paar ruhige Tage habe, denke ich immer, wie sehr ich eigentlich dafür geschaffen war, ein beschauliches Dasein zu führen. Es ist doch nur ein dummer Ehrgeiz, der einen davon abhält, sich irgendwo still zurückzuziehen und dem inneren Menschen zu leben... Es fiel mir hier besonders auf, wie finster und geheimnisvoll all die Leute dreinschauen. Sie gehen wie wandelnde Rätsel einher, und über ihre Art zu denken und fühlen, wissen Europäer, die hier dreißig Jahre gelebt, so wenig wie am ersten Tag. Je mehr man in Indien lebt und je mehr man sich die Existenz dieser Millionen von unzufrieden und unzuverlässig aussehenden Menschen vergegenwärtigt, desto wunderbarer erscheint es, wie die Engländer es fertigbringen, diese Massen zu beherrschen.

31. Oktober. Morgens kam uns zu besuchen ein natürlicher Sohn des letzten Maharajah, der Member des Gwalior Council of State ist. Er sah sehr pittoresque aus mit seinem schön geschwungenen roten Hut, einer enormen Smaragdkette und dem großen weißen Stück Musselin unter dem Arm, von welchem er uns vormachte, wie es als Schlafdecke, als Mantel, als Schwertträger und schließlich als Shroud zu benützen sei. Es war sehr amüsant zu sehen, wie dieser Staatsminister sich mit uns auf den Boden kauerte und uns Musseline zeigte, die er in der Stadt für uns bestellt hatte zum Besehen und von denen wir einige kauften. Ich mußte die ganze Zeit denken, wie urkomisch es gewesen wäre, wenn so ein heimatlicher Staatsminister, etwa Bötticher oder Puttkamer da gehockt hätte!

2. November. Am 31. nachmittags von Gwalior abgereist und heut endlich abends in Hyderabad angekommen, wo uns der nette George Irwin an der Bahn erwartete. Edmund und mich hatte die 50 Stunden lange Fahrt beinah gar nicht ermüdet, aber ich war doch froh in ein nicht schüttelndes Bett zu kommen. Nachmittags fuhren wir in den Klub, um die Ankunft des Viceroys zu sehen. Die Straßen waren alle mit Massen kleiner Fähnchen und Triumphbogen geschmückt und dicht besetzt mit einer Fülle kurioser, malerischer Menschen in allen Schattierungen von blaßgelb bis braunschwarz. Die Truppen des Nizzam bildeten Spalier, und es amüsierte mich besonders die African guard, lauter tiefschwarze Mohren, von Europäern kommandiert. Letztere sahen recht broken down und betrübend aus, und mir war es geradezu schmerzlich, einige Gesichter zu sehen, die einen so absolut deutsch-adeligen Schnitt hatten. Von einem hätte ich geschworen, daß es Maltzahn von den Karlsruher Dragonern war! Wir hatten einen sehr guten Platz, von dem wir die Ankunft des Vizekönigs in einem enormen, mit gelbseidenen Draperien verhangenen Staatswagen gut sahen... Eine globetrottende ältere Jungfrau sagte einem hohen Native: »I hear that your Maharajah, who is only 16, is going to marry; is n't that much too young?« worauf der Native sehr seriös antwortete: »Madame, we have tried him with an adult female und found him quite adequate.«

4. November. Bald nach sieben fuhren wir zu dem großen Bankett, das der Nizzam dem Vizekönig gab. Der über zwei Meilen lange Weg war auf das reizendste illuminiert, und überall auf den Dächern, Balkonen, in den Straßen eine bunt verschiedenartige Bevölkerung, die von den spalierbildenden Arabern und Afrikanergarden kaum zurückgehalten werden konnte. Schließlich hielten wir unter einem Portal, dessen Decke ganz mit Rosen bedeckt war; zu unserm nicht geringen Erstaunen wurden wir dann durch schmutzige, enge Korridore geführt, die den ganz provisorischen Charakter eines wandernden Zirkuseingangs trugen, dann aber, als wir aus ihnen heraustraten, befanden wir uns in Fairyland. Ein weiter Platz von weißen Gebäuden umgeben, in der Mitte Gartenanlagen und alles über und über besät mit tausenden kleiner Flämmchen. Auf der einen Seite eine große Rampe, die in den eigentlichen Palast hineinführt. All dies gefüllt mit einer indischen und europäischen Menschenmenge, unter der sich zwar keine einzige Schönheit befand, die sich aber doch im ganzen durch die vielen europäischen Uniformen, orientalischen Kostüme und dekolletierten Toiletten sehr originell machte. Nach langem Warten erschien endlich der Nizzam. Er ist ein ganz kleines Männchen von zirka 28 Jahren, trägt einen schwarzen Gehrock mit enormen Diamantknöpfen und einen gelben Turban, der wie eine Bischofsmütze aussieht. Sein Gesicht ist ganz regungslos, blaßbräunlich mit dünnem Kotelettebart, und seine Augen sehen stier und stumpf aus, mit schweren müden Lidern. Zu seinem 16. Geburtstag soll ihm eine Tante als passendes Geschenk 350 Mädchen beschert haben – und er sieht danach aus! Als darauf Lord und Lady Lansdowne erschienen waren, wanderte der ganze Gästezug in den enorm langen Speisesaal, der die ganze Länge der einen Seite des großen Platzes einnimmt. Considering die Menge Gäste, so war das Dinner merkwürdig gut. Kuriositäten waren eine Art Pfannkuchen, aus denen kleine lebende Vögelchen herausflogen und zum Dessert Zuckerteller. Ganz neu war es, bei einem Dinner mit einer Masse Natives zusammenzusitzen, die von allem wie wir aßen. Schöne imponierende Gestalten wie in Rayputana habe ich nicht gesehen, sie gleichen mehr den Persern und Türken und dasselbe Intrigenspiel scheint auch hier an der Tagesordnung zu sein. Zu Ende des Dinners hielt der Viceroy eine lange Rede, in der er famos über alle Angelegenheiten des Haidarabad-Staates sprach und Sparsamkeit in militärischen Ausgaben empfahl und dem Nizzam ans Herz legte, sich um die Regierung selbst zu kümmern. Letzteres war ein Hieb gegen den Premierminister, der, selbst ein halber Idiot, von einigen Intriganten beherrscht wird, die damit das ganze Land regieren, d. h. mißregieren.

5. November. Wir standen schon um 5 auf und fuhren alle nach Sekunderabad, was in herrlicher Morgenfrische und Dogcarts ein rechtes Vergnügen war. Dort nahm der Viceroy eine Parade ab von den hier stehenden englischen Regimentern und Nativetruppen. Die Parade war selbst für Laienaugen sehr bummelig und rechtfertigte sehr die herrschende geringe Meinung von der Madrasarmee. Sehr originell sahen die Elefantenbatteries aus; je eine Kanone ist mit zwei enormen Elefanten bespannt, deren Krokodillederdecken, blitzblanke Ketten und funkelndes Zaumzeug ganz wundervoll aussahen, dahinter kamen die Munitionswagen, je mit sechs ganz weißen langhornigen Ochsen bespannt. C'est très beau, mais ce n'est pas la guerre! denn wo das je verwandt werden sollte, ist ganz unerfindlich. – Colonel Neville, ein reizender alter Herr, der jahrelang, wie früher viele katholische Engländer, in der österreichischen Armee gedient hat und nun seit bald 18 Jahren die regulären Truppen des Nizzam befehligt, erzählte mir viel über hiesige Verhältnisse und besonders auch über den Nizzam. Dieser hatte als Kind einen englischen Tutor, welcher aber von den Nobles bestochen wurde, um den Nizzam ganz dumm zu erhalten, damit sie die Herrschaft weiter führen könnten; und als er dann ein bischen herangewachsen war, wurde er ganz in sein Zenana gesteckt und absichtlich möglichst débauchiert... Wir fuhren zu Colonel Neville, um seine Frau zu besuchen, die reizendste und gescheiteste alte Frau, die ich seit Jahren gesehen, und deren Erzählungen zuzuhören, ein real treat war. Sie hat ein wirkliches Verständnis für die Natives, vergleicht sie mit den Italienern, und meinte, daß man mit beiden gut auskommt, wenn man nur genügend mit ihren Lügen rechnet. Sie hat ganz die Empfindung, die Edmund und ich häufig gehabt, daß die Engländer überflüssig rauh gegen Natives sind, und daß eine gewisse Manierlosigkeit überhaupt charakteristisch für anglo-indische Beamte ist.

6. November. Nach dem Tiffin fuhren wir alle nach dem alten Golconda. Ich saß zusammen mit Lady Lansdowne auf der Coach, die Lord William kutschierte. Bei der Fahrt schrien uns viele Leute in den Dörfern an: »Ihr habt das Korn teuer gemacht, gebt uns zu essen!«, was sich auf eine momentane Steigerung der Kornpreise bezog, die die armen Menschen natürlich gleich in Zusammenhang mit dem vizeköniglichen Besuch gebracht haben. In absoluter Unkenntnis des Hindostanischen werden Lord und Lady Lansdowne es wohl nicht verstanden haben und sich mit der Erklärung beruhigt haben: »Those people were making jokes.« Wieder mal ein Fall, wo Ignorance bliss ist. Das alte Golconda liegt hoch auf Felsen und ist mit schönen alten Mauern umgeben. Ein enormes Tor mit gewundenem Eingang führt in den eingeschlossenen Raum. Wir Damen wurden in großen goldenen Sedanchairs die Stufen hinaufgetragen, und die Herren folgten zu Fuß, was dem Nizzam entschieden eine ungewohnte Anstrengung war. Von der Plattform eines alten Gebäudes sahen wir die Reste des einst großen Golconda, Ruinen und Trümmerhaufen und einige schöne weiße mohammedanische Grabstätten mit hohen Kuppeln.

8. November. Wir standen schon um 5 Uhr auf, um zu einer Cheeta hunt zu fahren. Weit draußen bei Serinugar erwartete uns der Nizzam mit Elefanten, Reittieren und Tongas und zwei Karren, auf denen je ein Cheeta in ein gelbes Deckchen gekleidet und mit verbundenen Augen saß. Ein Cheeta ist eine Art Leopard, der in Nativestaaten dressiert wird, um Antilopen zu jagen. Nun ging es holterdiepolter querlandeinwärts, und bald sahen wir eine Herde Antilopen; die Weibchen und Kleinen liefen sofort davon, und es sah reizend aus, wie sie durch das Gras hüpften, ein großer Bock aber blieb ruhig stehen. Mittlerweile war der eine Karren ganz nahe an ihn herangekommen, der Cheeta wurde losgelassen, und obschon die Antilope nun davonsprang, hatte sie der Cheeta doch in wenigen Sätzen erfaßt. Wir ritten, liefen und fuhren nun, so schnell wir konnten, nach dem Ort, wo die Antilope gefallen, und fanden sie am Boden röchelnd, vom Cheeta fest an der Gurgel gepackt. Als Sport fand ich die Sache sehr schwach, aber es war amüsant, die Sache einmal zu sehen, und das hübscheste war entschieden die reizende Fahrt in der kühlen Morgenluft.

10. November. Wir unternahmen eine Fahrt, um alte Waffen zu kaufen. Die Waffenschmiede wohnen alle in einem Gäßchen zusammen, und sobald es sich verbreitete, daß wir Waffen kaufen wollten, waren wir von allen Sorten Indern, Afrikanern, Afghanen umringt, die uns die Waffen, die sie selbst trugen, feilboten. Es sah ganz grauslich aus, diese braune Menschenmenge, die alle ihre Schwerter, Dolche und Blunderbusses auf uns zwei Europäer zu richten schienen. .. Wir begegneten einer vornehmen muselmanischen Hochzeit. Zuerst zirka 10 Männer in allen möglichen Trachten und Waffen. Dann der nach allen Seiten salaamende Bräutigam in Goldbrokat auf einem reizenden Araber, dem man das Gesicht vergoldet hatte; dann nach einer weiteren Schar Männer 6 große Elefanten, auf denen eine Menge Nautschmädchen ritten, in goldverzierten bunten Röcken und grellen Saris. Ihnen folgte die Braut in einem Palaquin, über den ein roter Samtvorhang mit Goldstickerei geworfen war. Dann kamen eine Menge Kulifrauen, welche eine Art Türme und Bäume aus Goldflittern und buntem Papier trugen, die hier immer aus dem Haus der Braut in das des Bräutigams gebracht und an dem Dach befestigt werden. Weitere Kulis trugen ein enormes Bett mit silbernen Füßen nach einer Masse Truhen, Silbergeräten, großen Metalltöpfen mit Essen darin und Geschenken, worunter auch Spielzeug.

Am 14. früh fuhren wir von Haidarabad ab nach Oodeypore Udaipur., wo wir am 17. früh ankamen. Der Weg führte zuletzt durch eine ganz enge Schlucht, welche mit einem großen befestigten Tor abgesperrt ist; die Hügel zu beiden Seiten sind auch mit Festungsmauern bezogen, und dieser Eingang ist recht charakteristisch für Oodeypore, das sich noch ganz von aller europäischen Kultur abschließt. Oodeypore ist der älteste und vornehmste Rayputanastaat; die Maharajahs behaupten, von der Sonne abzustammen, und ihren Stammbaum können sie 3000 Jahre zurückführen. Der große Stolz von Oodeypore ist, daß es nie ganz von den Kaisern von Delhi unterworfen wurde, und daß es der einzige Rayputanastaat ist, der nie seine Königstöchter hat in den kaiserlichen Harem von Delhi geben müssen. Zweimal, als Oodeypore hart bedrängt war, brachten die Krieger ihre Frauen in ein Fort, verbrannten sie alle und machten dann selbst einen letzten Ausfall, von dem keiner zurückkehrte.

19. November. Wir hatten den Besuch des Premierministers, und dann schickte uns der Maharajah als Gastgeschenk eine Menge Körbe mit Süßigkeiten und Obst und einen Sack voll Rupies, welchen letzteren wir natürlich dankend zurücksandten. Wir hörten vom Rajah von Ulwar, der kürzlich an seinem dritten Delirium-tremens-Anfall gestorben ist. Er hatte eine Liebschaft mit der Frau eines seiner Nobles und bezahlte den Mann dafür, der überhaupt sein schlechter Genius war und ihm besonders auch Trinkgelage bereitete. In einem hellen Augenblick hatte der Maharajah versprochen, nicht mehr zu trinken, und den Premierminister angewiesen, ihm nur vier Gläser Whisky täglich zu geben. Der Rajah aber wurde dieses Regime bald überdrüssig, und von dem Cocu volontair aufgestachelt, hielt er eine fürchterliche Schnapsorgie. Vorher hatte er seiner Liebsten geschrieben, ihr Mann möge den Minister umbringen. Der Cocu ermordete denn auch den Minister, sicher, daß der Rajah ihn schützen würde; letzterer aber starb 24 Stunden darauf an Delirium tremens, die Sache kam vor englische Richter, und der Cocu wurde zum Tode verurteilt!

Wir fuhren, um den Palast des Maharajah anzusehen, der, wie alle derartigen indischen Gebäude, eine Mischung von wirklich Schönem und absoluten Incongruities, europäischen Horreurs, ist. Am interessantesten war, zu sehen, wie die Leute in dem Palast leben, welche Scharen da existieren, Hofpoeten, Sekretäre und wie sie alle heißen. Sehr merkwürdig ist der sogenannte Peacock-Saal, mit großen Pfauen aus eingelegtem Glas in Hochrelief an den Wänden. Hier kauern alle Morgen die »Besten« des Landes, die den Maharajah zu sehen wünschen, sei es in seiner Eigenschaft als Landesfürst oder als Hoherpriester. Der Maharajah sitzt auf einer Galerie, die um den Saal läuft, und Petitionen werden von unten zu ihm hinaufgelesen. Die meisten begnügen sich aber mit seinem Anblick, da er ihr Fetisch ist. Die strenggläubigen Oodeyporer sollen, wenn sie krank sind, stets ein Bild des Maharajah am Fußende des Bettes haben und morgens nichts essen, ehe sie ihn nicht verehrt haben.

21. November. Abends fuhren wir alle an das Tor der Stadt, um dem Einzug des Rao von Kotah zuzusehen, welcher kam, die älteste Tochter des Maharajah zu heiraten. Sie ist 19 Jahre alt, was für eine hiesige Braut ein sehr ehrwürdiges altjüngferliches Alter ist. Der Zug kam vorbei, als es schon ganz dunkel war und die neue Sichel des Mondes eben erschien; zu der Stunde, die die Brahminen nach langem Geheimhalten und allerhand Hokuspokus als glücklich bestimmt hatten. Voran kam die kleine Armee des Rao, dann allerhand Nobles zu Pferd und zu Fuß und dann inmitten des Scheins vieler Fackeln der Rao selbst in goldener Howda auf einem enormen Elefanten, der ganz bedeckt war mit silbernen Ketten, Stirnschmuck und schwerer goldgestickter Decke. Auf beiden Seiten dieses enormen Elefanten schritten zwei kleinere, ebenfalls über und über geschmückt, auf denen zwei Sirdars ritten, die den Rao mit großen weißen Yackschwänzen umfächelten. Vor dem Rao ging eine goldflimmernde Menschenmasse von all seinen Anhängern, und in ihrer Mitte schritt eine Schar von Nautschmädchen, die alle paar hundert Schritt stehenblieben und einen ihrer langsam sich drehenden Tänze mit Gesang aufführten. Diese Nautschmädchen werden dem Bräutigam von der Braut samt ihrer eigenen Standarte entgegengesandt und geleiten ihn zu ihrer Wohnung. Das ganze Bild war das echtindischste, was ich je gesehen und hatte den großen Charme, nicht für das Amüsement von Europäern arrangiert zu sein. Hinter dem Rao wurde seine goldene Krone einhergetragen sowie die dichtverhangene große Sänfte, in der seine künftige Frau in ihr neues Land getragen wird. Eine Reise von zirka 200 Meilen, die sie in einem engverschlossenen Kasten machen muß, verheiratet an einen Jüngling, den sie nie vorher gesehen hat. In Oodeypore ist man noch so konservativ, daß eine dortige Prinzeß nie in einem Wagen fahren darf, geschweige denn je in der Eisenbahn reisen. Da unsre Pferde von den unmittelbar vor uns losgehenden Raketen wild wurden, mußten wir aussteigen und wurden sehr freundlich von einem fetten Sirdar des Reiches Oodeypore in seinen Wagen genommen. Wir fuhren nun zum Palast, um bei der Ankunft des Rao dort zugegen zu sein. Wir Europäer wurden alle auf dem Dach eines kleinen Seitengebäudes untergebracht, von welchem aus wir einen herrlichen Blick auf den inneren Schloßhof hatten. Zu unsrer Linken erhob sich schneeweiß das große Palais; wir konnten in eine Art Loggia sehen, in der sich die Höflinge und Prjiwalki dicht geschart hatten, und in der Etage darüber war eine Art Bogenhalle, wie in venezianischen Palästen, in welcher der Maharajah und sein kleiner Sohn saßen, umgeben von einer dichten Menge der Größten des Reiches. Neben diesem schneeweißen Palast ist ein großes Tor, das in das Zenana führt. Vor diesem Tor war eine Art goldenes Gerüst errichtet, in das der Bräutigam einen Speer werfen muß, ehe er in das Zenana eingelassen wird, ein altes Symbol der Zeiten, als sich Männer ihre Frauen noch raubten. Endlich stiegen die Raketen auf, die das Nahen des Rao verkündeten. Endlich schritt der ganze goldene Aufbau von Elefant, Howda und perlenbedecktem Rao durch das Schloßtor an der »God save the Queen« spielenden Wache vorbei, und hielt endlich vor dem Zenanator. Nun erhob sich der Rao und warf seinen Speer genau in die Mitte des goldenen Turrum; dann kniete der Elefant nieder, der Rao stieg ab (keine bequeme Prozedur in seinen goldenen Röcken) und trat in das Zenana. Bei der eigentlichen Feier sind nur der Vater der Braut und ein brahminischer Hoherpriester zugegen, dagegen alle weiblichen Verwandten mit Ausnahme derer, die Witwen sind und die daher Unglück bringen. Die Braut wird given away von ihrem Vater, und die Feier besteht aus gemeinschaftlichem Essen, Zusammenbinden der Kleider und dreimaligem gemeinsamem Umschreiten des heiligen Feuers. Dicht neben dem Dach, von dem aus wir den Einzug sahen, steht ganz unerleuchtet mit schweren Mauern das Zenana, und es war merkwürdig, sich vorzustellen, was hinter solchen Mauern alles vor sich gegangen. Hier war es, daß eine Prinzessin auf Befehl ihres Vaters vergiftet wurde, weil der Ruf ihrer Schönheit nach Jeypore und Jodhpur gedrungen war und die Rajahs beider Reiche um ihre Hand warben und der Rajah von Oodeypore glaubte, nur durch ihren Tod einem Krieg entgehen zu können. Zuerst befahl er einem seiner Sirdars, sie zu töten, der aber empört den Durbar mit gezogenem Schwert verließ, die größte Beleidigung in Indien. Dann wurde ein gewöhnlicher Mörder gedungen, der aber, als er die Schönheit der Prinzessin gewahrte, seinen Dolch fallen ließ und floh. Nun griff man zu Gift, aber zweimal wirkte es nicht. Als ihr zum drittenmal Gift gebracht wurde, stieß die Prinzessin den Fluch aus, »daß nie wieder ein Sohn seinem Vater auf dem Thron von Oodeypore folgen solle« und dann »schlief sie ein«. Von den Morden und Vergiftungen, die in den Zenanas vorkommen, soll man sich keine Vorstellung machen können, und von dem ganzen wunderbaren Leben darin. Durch ihre Sklavinnen erfahren die Purdah nashin Frauen alles, was im Lande vor sich geht, und viele von ihnen sollen so im Staate einen großen Einfluß gewinnen. Ein reizender Irländer, Dr. Mullen aus Bikaner, der sein lebelang in Rayputana gewesen, sprach viel über die native Frauen und meinte, anständig seien nur die gewöhnlichen aus den niedersten Kasten, die es gewohnt seien, mit Männern zu verkehren; aber all die Frauen der höheren Kasten went wrong, wo sich nur immer eine Gelegenheit böte. Daß Männer ihre Frauen andern abträten oder daß Frauen durch ihre Sklavinnen sich Verhältnisse einrichteten, sei ganz alltäglich. Er erzählte viel von Bikaner, wohin seit einem Jahr eine Bahn durch die Wüste führt; in alten Zeiten war es so schwer zu erreichen, daß all die alten Bunnias Eingeborene Bankiers, Geldverleiher. dorthin ihre Frauen und Schätze brachten, und noch heut ist es ein großer Ort für Bunnias, die hauptsächlich in Opium spekulieren und denen schon von alters her mittels einer originalen Art, zu heliographieren, von Ijmere über die Berge und durch die Wüste täglich die Opiumpreise mitgeteilt werden. Natürlich werden auch andere Dinge so mitgeteilt, und die Natives sollen überhaupt einen Nachrichtendienst haben, von dem die Engländer sehr wenig wissen.

23. November morgens kam Dr. Sheperd, ein Arzt und Missionar, und fuhr mit uns nach den Königsgräbern. Es sind dies Plattformen, zu denen Stufen hinaufführen und über denen säulengetragene Kuppeln sich erheben. Auf den Plattformen stehen meist Steinbilder von Göttern und ein Stein mit einer kleinen Abbildung des Rajah und bei den älteren der Frauen, die mit ihm verbrannt sind. Wenn ein Maharajah verbrannt wird, so kommt seine Asche zunächst in ein vorläufiges Grab, bis der eigentliche Cenotaph fertig ist, und die Rayputen glauben, daß sein Gespenst ein Jahr lang unruhig in dem Grab hause. Später, wenn die Brahminen einen glücklichen Tag bestimmt haben, wird seine Asche zum Ganges getragen und in den Fluß geworfen. Möglichst viel Profit scheinen die Brahminen, wie aus allem, so auch aus dem Tod zu ziehen. Als der letzte Rajah starb, sollen sie ganze Lakhs von Rupien aus den Schatzkammern geschleppt, und als der Rajah schon ganz bewußtlos war, seine Hände auf das Geld gelegt haben, als Zeichen, daß er es ihnen schenke ... Am Abend fanden die großen Illuminationen auf dem See statt, one of the sights of India und entschieden die Krone unsres Aufenthalts. Auf dem Wasser fuhren die Boote zwischen zahllosen schwimmenden Lichtchen hindurch, Lotosblumen aus geöltem bunten Papier geformt, in denen je ein Lichtchen brannte, das Einfachste und dabei Poetischste, was ich noch an Erleuchtung gesehen. Wir landeten am Palast und wurden oben vom Maharajah empfangen. Er ist ein schöner und vornehm aussehender Mann, der aber dabei doch etwas entschieden Bäuerisches hat. Er erinnerte mich an einen norwegischen Bauer, der auch einen längeren Pedigree wie mancher König hat und dabei doch immer etwas verlegen und gänzlich ungebildet bleibt. Ich lernte den Maharajah kennen und auch den Rao von Kotah, ein noch ziemlich ungeschlachter Wilder, obschon er drei Jahre im Maja-College in Ajmere zugebracht hat.

24. November. Morgens früh fuhren wir ab und trafen abends in Chitor ein, wo wir froh waren, in den Zelten eine ruhige Nacht haben zu können.

25. November ritten wir ganz früh auf einem Elefanten nach der alten Festung hinauf, um welche zwischen den Rayputen und den Kaisern von Delhi so lange Kämpfe geführt worden sind. Das schönste Gebäude ist eine reizende Siegessäule, über und über mit reizenden Steinfiguren bedeckt.

26. November. Wir trafen nachts in Ajmere ein und fuhren früh zum Maja-College, das für die Söhne der Rayputfürsten und Sirdars bestimmt ist, und kein Sohn eines Bunnias wird darin aufgenommen. Den Jungen wird Englisch, Persisch und Sanskrit gelehrt, aber das Hauptgewicht wird auf die Erziehung gelegt; Bekehrungsversuche werden nie gemacht, im Gegenteil werden die Jungen sehr zum Innehalten ihrer Religionsvorschriften gezwungen. Die Konservativen in den Rayputstaaten sollen aber doch sehr dagegen sein, die jungen Fürsten nach Ajmere zu senden, weil es eben ganz in ihrem Interesse liegt, sie möglichst dumm und zurück zu halten. Vom College fuhren wir in die Stadt und besahen uns einen großen mohammedanischen Platz mit alter Moschee, und man erzählte uns, welch unheimliche, unzufriedene Gesellschaft diese Mohammedaner seien. Zur Mohurrumzeit sollen sich um diesen Platz die gefährlichsten Geister vereinigen, unter denen Emissäre des Emir von Afghanistan, die scheinbar zum Beten kommen, Aufruhr predigen. Das Material für eine Mutiny ist in Indien stets vorhanden, es fehlen nur die Führer. Ein Trost ist, daß der Haß zwischen Mohammedanern und Hindus stärker als je ist; wenn ihre Feste auf den gleichen Tag fallen, soll es stets zu Schlägerei kommen.

27. November. Mittags trafen wir in Delhi ein, wo wir gleich wie in einer echten Globetrotterstadt von Fremdenführern, Hotelagenten und allerlei Shawlmerchants umringt waren. Edmund schüttelte sie energisch ab, und dann fuhren wir in der Stadt herum, a perfect wild goose-chase, um unsre Briefe zu finden, die an den Deputycommissioner adressiert waren und ihm leider in sein Camp nachgeschickt worden sind. Abends nach Kalkutta abgefahren.

1. Februar 1893. Morgens früh kam der Erzherzog Franz Ferdinand an, und Edmund fuhr nach dem Governmenthouse, ihn zu empfangen. Ich hatte einen starken Fieberanfall.

2. Februar. Ich blieb den ganzen Tag zu Bett, um abends zu dem Dinner gehn zu können, das Lady Elliott für den Erzherzog gab. Trotzdem war es eine große Anstrengung, hinzugehn. Sie wurde aber belohnt, denn gleich als ich ankam, stürzte Lady Elliott auf mich zu und sagte, sie hätte so gefürchtet, ich würde nicht kommen können, und ich solle gerade neben dem Erzherzog sitzen, weil er kein Englisch könne und ich mit ihm deutsch sprechen müsse. Der Erzherzog ist groß und schlank, hat schöne, aufrichtige blaue Augen, erinnert sehr an Jugendbilder des jetzigen Kaisers von Österreich und hat eine ganz faszinierend liebenswürdige, so ungeheuer einfache und natürliche Art, zu sein und zu sprechen. Er hat die große Gabe, gegen jeden so zu sein, daß man sich sofort mit ihm zu Hause fühlt und als kenne man ihn seit Jahren. Ich war nach den ersten Minuten ganz unter dem Charme seiner schönen Augen und seiner ganzen so reizenden Art und Weise. Er frug mich viel über Indien und wie mir die Leute hier gefielen. Er sagte, es sei ihm so unangenehm, kein Englisch zu können, aber von zivilisierten Menschen erwartete man doch eigentlich, daß sie Französisch könnten. Er sagte, er habe für Österreich allein 7 Sprachen lernen müssen und hätte überhaupt soviel zu lernen. »Als ich noch ein Privatmensch war«, sagte er, habe er Zeit für Malen, Musik und Photographie gehabt, jetzt müsse er das alles aufgeben, um zu arbeiten. Wir sprachen über die Engländer in Indien, und der Erzherzog frug mich nach unsrer Reise an der Nordwestgrenze, und so kamen wir auf die Russenfurcht der Engländer, die dem Erzherzog auch aufgefallen war. Ich erzählte ihm dann von der Visite des russischen Thronfolgers und von dem Diner mit dem Sodawasserattentat, und als ich ihm sagte, Mr. Onu meinte, man müßte sich nach manquierten Attentaten umarmen, sagte er, er würde jetzt bei Diners, wo er nette Nachbarinnen hätte, auch manquierte Attentate einführen! Später sprachen wir von meiner Rückreise, und der Erzherzog sagte, ich solle doch ja nicht über Italien gehn, das sei ein horribles Land, welches er nicht leiden könne, schmutzig und armselig. Und die Italiener seien lauter Halunken. »In der Geschichte haben sie nie etwas Wirkliches getan, allen andern haben sie Länder weggestohlen, und nun spielen sie sich als Könige auf.« Er wurde bei dem Gespräch ganz erregt, und ich dachte dabei, wie sehr diese so prononcierte und in seinem Fall ja so begreifliche Abneigung in der Zukunft geschichtliche Folgen haben könne! Er schloß damit: »Leider Gottes haben wir sie in unsrer Tripleallianz.« Der Erzherzog erzählte mir dann von seinen indischen Einkäufen und sagte, er sei ein unglücklicher Mensch, denn er habe gar zu viel Verwandte und müsse jedem etwas mitbringen. Er sprach auch von seiner Sammelpassion, und daß er eine große Vogelsammlung mache, für deren Ausstopfung er sich einen besonderen Gelehrten mitgebracht habe. Er sprach von seinen Jagden und daß er seine englischen Adjutanten dadurch entsetzt habe, daß er um 6 Uhr und in seinen Flannels habe essen wollen, während sie um 8 ½ und im Frack zu erscheinen dachten. Er sagte, er liebe es so, »wie es bei uns zu Hause Sitte ist«, um 5 Diner, um 6.30 Theater und um 10 zu Bett. In allem, was er sagte, zeigte sich so viel Natürlichkeit und Einfachheit, so verschieden von all den hiesigen gespreizten Großwürdenträgerchen. Bei Tisch stand vor dem Erzherzog ein Tellerchen mit kleinen indischen Mandeln, von denen er sich ab und zu welche mit der Hand nahm. Lady Elliott sah das und gab ihm einen Löffel, worauf er sich zu mir wandte und sagte: »Da sehen Sie, da habe ich nun eine Lektion im Anstand bekommen.« Die Sportmanie der Engländer scheint ihn sehr zu amüsieren, und ich erzählte ihm, wie man hier bei Minister- oder Generalsernennungen immer fragt: »Ist er ein guter Cricketer, Reiter oder Schütze?« Weil er aber ein so großer Schütze ist, gefällt er den Engländern so sehr, und er erzählte mir, daß er in Hyderabad den Nizzam im Flaschen- und Rupieschießen geschlagen habe, was alle Europäer sehr gefreut habe. Stockinger Österreichischer Generalkonsul in Bombay. sagte mir, daß der Erzherzog ungeheuer wißbegierig sei, sich über alles aufs genaueste unterrichte und mit wirklichem Nutzen reise. Er soll täglich ausführliche Notizen schreiben.

14. Februar. Nachmittags war ein Lawn-tennis im Governmenthouse, wo ich Don Miguel de Braganza kennenlernte, der als Graf Riva globetrottet. – Ein fideler Ungar, Herr von Promei, meinte, wir seien hier alle etwas eingeschlafen und bedürften sehr der Aufrüttelung!

6. März. Edmund und ich machten unsre gewohnte Sonntagsnachmittagsfahrt in den Botanischen Garten, wo wir uns ein reizendes 1 Monat altes Tigerchen besahen. Die schlechte böhmische Damenkapelle, die herumsitzenden Menschen, nachher die Fahrt durch den red road, wo man den Ticagharries begegnet, dann weiter den Fluß entlang, wo sich die Masten und Taue der ruhenden Schiffe wie ein feines Gewebe vom roten Abendhimmel abheben und das kleine Tempelchen grünspanartig schillert, – über all dem lag die Melancholie, welche wohlbekannte Dinge tragen, wenn man sie bald verlassen wird. Die indische Lebensperiode war ja schön und interessant, aber Gott gebe, daß sie bald definitiv vorüber sei. – Nach Tisch stand ich im Garten, wo der Mond schien und chinesische Lampen brannten, und ich dachte, wie freundlich alle Menschen hier für mich gewesen und wie sehr anders das doch zu Hause sein wird. Ich freue mich so gar nicht auf den Urlaub.

11. März. Nachmittags fuhr ich spazieren und hörte die Kapelle der »Kaiserin Elisabeth«, welche hier auf den Erzherzog wartet, ganz vortrefflich spielen. Der so lang entbehrte »Lohengrin« klang reizend heimatlich, und es kam mir dabei der Gedanke, daß es doch noch Dinge zu Hause gibt, auf die man sich freuen kann, so fremd und depaysiert man sich auch dort vorkommen wird.

15. März. Sehr, sehr busy mit allerhand Packereien und letzten Besorgungen. Dann ins Governmenthouse gefahren, wo wir zum Abschiedstiffin geladen waren und ich sehr daran dachte, wie wir da am selben Platz vor 3 ¼ Jahren bei unsrer Ankunft geluncht haben. Lord und Lady Lansdowne waren sehr freundschaftlich und sagten, sie wünschten uns Kairo und wollten uns dort besuchen! Er warnte Edmund vor Teheran und meinte, die Mißwirtschaft des Schahs sei so arg, daß da sicher bald eine große Conculsion entstehen würde ...

21. März. Morgens früh trafen wir in Bombay ein, und die Verwirrung des vielen Kindergepäcks war wirklich fürchterlich. I settled die Kinder mit Frl. Kruse im Wartesaal, machte selbst einige Kommissionen und fuhr dann zu Syburg. Sein Bungalow liegt entzückend nahe am Meer, mit herrlich kühlen Verandas. Syburg erzählte mir, er habe aus Berlin gehört, daß man mit Heyking sehr zufrieden sei und daß er Bogota oder Teheran bekommen solle, ersteres wäre schrecklich! Dann erzählte er mir recht Betrübendes aus Deutschland und wie wir doch eigentlich heruntergekommen sind. Vom Ostafrikanischen Vertrag sagt man, daß derselbe ganz allein von S. M. gemacht sei; auch von Caprivi war die Rede, und wie ganz ideenlos seine Politik sei, aber man müsse wünschen, seine Politik zu behalten, da später vielleicht ein Schlimmerer an seine Stelle käme. Es war alles Schrecklich deprimierend. Wir fuhren um 2 von Bombay nach Neral, wo wir die Bahn verließen und in Dandies nach Matheran heraufgetragen wurden. Meine Not mit Kulis und Gepäck, der Kampf gegen die allgemeine Hilflosigkeit meiner Familie, die beständige Angst, ob die Kinder nicht zu heiß oder zu kalt hätten, werde ich nie vergessen. Ich war recht froh, als wir oben anlangten und uns in unserm kleinen Bungalow installiert hatten. Wäre ich mit weniger Verantwortung gereist, so hätte ich es genossen, denn der Weg war hübsch im Zickzack an den kurios geformten Bergen entlang. Zuerst hatten wir die untergehende Sonne, und nachher ging die schlanke Mondsichel auf, der Weg ging durch einen dichten Wald, und unsre Schar von Kulis stimmte bei jedem steilen Stück des Wegs einen wilden Gesang an. Es war eigentlich recht merkwürdig und romantisch, und ich dachte mir, wie abenteuerlich das alles wohl Menschen zu Hause erschienen wäre, aber ich war zu angegriffen, um es zu genießen. Aber vielleicht wird es mir in der Erinnerung schön erscheinen, denn ich habe ja die große Gabe, mir nachträglich im Gedächtnis alles hübsch zurechtzulegen; dadurch ist so vieles Schwere verhältnismäßig leicht an mir vorübergegangen. Ich grüble nie über vergangene Unannehmlichkeiten nach.

30. März. Mittags Edmund in Bombay getroffen.

1. April. Morgens um 5 auf und mit mehr als schwerem Herzen gepackt. Mir war ganz herzbrechend zumute, besonders als die Diener adieu sagten. Es war doch die schönste Zeit meines Lebens im lieben Indien, in dem wir so viel Freundliches erfahren und so viele Freunde zurücklassen. Wir schauten aus, solange wir die Küste sehen konnten, und die Diener winkten uns zu, und dann verschwand alles, und es ist wieder ein Kapitel unsres Lebens vorbei. – –

Erholungsurlaub

April 1893 bis Februar 1894

Am 5. April waren wir in Aden. Im Roten Meer hatten wir es so windig, daß wir die Hitze nur an einem Tag verspürten, und waren entzückt von den Menschen, die trotz Indien malerisch aussehen. Im Kanal liefen wir auf und staken fest, trotz größter Mühe loszukommen. Edmund fand in den Zeitungen, daß der Kaiser mit Marschall Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, damals Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. und Kiderlen zur italienischen Königssilberhochzeit reist, und entschloß sich, mit mir in Brindisi auszusteigen und nach Rom zu reisen.

15. April. Morgens um 2 Uhr in Brindisi. Das Landen in der Kälte, Finsternis und Regen, aus dem Dampfer in ein kleines, schwankendes Boot war scheußlich und Europa so unwirtlich häßlich, wie ich es antizipiert hatte. In Brindisi gab es gleich Beispiele der italienischen Bettelei. Zuerst lacht man, aber schließlich ärgert man sich über die Unverschämtheit, neben der der orientalische Backshishschreier harmlos ist. Wir hatten eine schöne Fahrt nach Neapel, wo wir im Hotel Royal am Meer abstiegen. Die Fahrt zum Hotel war lustig, besonders die kuriosen Pferdegespanne amüsierten uns, aber die Menge armseliger, schmutziger Europäer hat etwas schrecklich Revoltierendes, wenn man aus Indien kommt, wo jeder Weiße ein Herr ist. Die Bevölkerung ist auch frech obendrein, was mir besonders auffiel, als ich allein auf Edmund wartete. Nach Indien macht es einen ganz melancholisch, zu sehen, daß es so viel »weiße Natives« auf der Welt gibt! Man hatte sich dort ganz an den Gedanken gewöhnt, daß es allen Weißen gut geht und sie alle anständige Leute sind. Edmund besuchte den deutschen Konsul, der ihm viel von der bevorstehenden Kaiservisite erzählte. Das italienische Königspaar wollte, wie es scheint, die silberne Hochzeit ganz en famille feiern; nun haben sich plötzlich Kaiser und Kaiserin angesagt, hauptsächlich um den schlechten Eindruck zu verwischen, den hier eine Rede Caprivis gemacht hat und die Sendung des General von Loë an den Papst. Der Besuch kommt hier sehr ungelegen, besonders weil er mit einer so kolossalen Suite stattfindet und Italien und die Königsfamilie ja absolut verarmt sind.

17. April. Um sieben kamen wir in Rom an, bekamen im Hotel Quirinal nur ein mäßiges Zimmer, und das ganze Haus machte einen unordentlichen Eindruck. Europa ist ganz wie ich es mir gedacht; ungemütlich und verlassen fühlt man sich hier! Schon das Erwachen in unserm häßlichen Zimmer, das ungefähr so groß wie ein indisches Badezimmer ist, war unangenehm.

Nachmittags fuhren wir auf dem Pincio spazieren, wo eine Masse Menschen waren, vom gemeinsten Globetrotter bis zur Königin. Sehr amüsierte es uns, den Maharajah von Kapurthalla dort plötzlich fahren zu sehen. Er muß sich wohl so fremd wie wir vorgekommen sein, denn er ließ gleich halten und unterhielt sich mit uns, als seien wir Duzbrüder. »Vous êtes Brésilien, je suis Suédois, nous sommes compatriotes.« Dann sprachen wir noch den Prinz Georg von Griechenland.

20. April. Edmund sah Marschall und Kiderlen, die beide sehr anerkennend und freundlich mit ihm sprachen. Leider ist Teheran schon besetzt. Wir hatten auch Besuch vom dänischen Gesandten Grafen Knuth, der uns sehr amüsant berichtete, wie durch das Kommen unsres Kaisers nun auch alle andern Höfe schleunigst haben Abgesandte schicken müssen. Er erzählte auch sehr nett über die Italiener, die er entschieden nicht liebt, über ihre momentane Manier, »de vouloir faire grand«, ihre Kurzsichtigkeit und südländische Mischung von »shrewdness, Torheit und Eitelkeit,« auch von Crispi und dessen zwei Frauen.

23. April. Wir sahen aus einem Fenster des Palazzo di Venezia die Fahrt von Kaiser und Kaiserin nach dem Vatikan in einem dazu aus Berlin mitgebrachten Wagen von einem ganz fabelhaften Luxus, qui écrasait tout. Da aber bloß dieser eine Wagen so wunderbar war und das ganze lange Gefolge in elenden Mietsfuhrwerken fuhr, so sah es ein bißchen aus, wie ein Maharajah in einer Goldkutsche mit dem Rabble hinter sich! Die Menge machte übrigens keine Demonstration, sondern verhielt sich mäuschenstill.

24. April. Garden-party in der englischen Botschaft. Das ganze Fest in dem hübschen Garten war sehr nett, die Toiletten, kuriosen Hütchen und der viele Schmuck machten sich im Grünen sehr gut. Reizend und wie ein altes Bild sah die Königin aus, und es war amüsant, wie sie an Lord Vivians Arm mit Kapurthalla sprach und den ganzen Zauber ihrer bestrickenden Liebenswürdigkeit auf ihn ausgoß. Lord Vivian sah dazu recht steif verwundert drein, als fände er das ein bissel Verschwendung. Das ganze Fest war aber doch manquiert, weil unsre Majestäten nach Tivoli gefahren waren und nicht mehr erschienen. Die übrigen Fürstlichkeiten schienen nicht recht zu wissen, ob sie kommen würden oder nicht, und standen in offenbar übler Wartelaune herum. Nachts gegen 12 besuchte uns Kiderlen und blieb bis 2. Er war ganz reizend, so gescheit und witzig, daß man sich ordentlich freute zu sehen, daß es doch solche Leute in Deutschland gibt. Wir hörten dabei viel Interessantes über des Fürsten Bismarck. Abgang und seine wahnsinnige Heftigkeit gegen S. M.

25. April. Nachmittags sahen wir den Torneo, ein großartiges Reiterspiel, welches von den königlichen Prinzen und einigen hundert Herren in der Villa Borghese aufgeführt wurde. Der Coup d'oeil in der enormen Arena, die Tribünen von Pinien beschattet, war unbeschreiblich großartig, und man konnte sich so recht Szenen aus dem antiken Rom dabei vergegenwärtigen. Sehr amüsant war es, die große Hofloge dabei zu beobachten, in der sich zuerst allerhand fremde Fürstlichkeiten versammelten, bis dann schließlich die italienischen und unsre Majestäten in großartigem Zuge durch die Arena angefahren kamen. Dabei spielte man etwa zwanzig Minuten lang: »Heil Dir im Siegerkranz«, was zum Verrücktwerden klang, so daß das Ende mit einem »Ah« der Erleichterung begrüßt wurde. Bei der Abfahrt geschah dasselbe, und die andern Fürstlichkeiten müssen sich doch sehr froissiert gefühlt haben. Der Großfürst Wladimir machte auch nicht viel Hehl daraus und stand während des ganzen Gespieles ganz allein an der Brüstung, als wolle er zeigen, daß er sich von der Sache gänzlich desinteressiere, und daß es auch noch andre Mächte in der Welt gibt. Es war entschieden sehr ungeschickt arrangiert, und überhaupt wird einem hier oft Angst, wenn man den rasenden Tratra sieht, der um S. M. gemacht wird. Man denkt sich unwillkürlich, wenn das nur nicht noch mal ein Ende mit Schrecken nimmt, denn wir zehren doch rein von unsrer vergangenen Größe und neues Große wird doch auf keinem Gebiet geleistet. Seit ich in Europa bin, muß ich immer an die Französische Revolution denken. Hier ist gerade so viel Verschuldung und Armut und soziale Unzufriedenheit und daneben grundloser Luxus, vermischt mit Wohltätigkeitsgemache!

2. Mai. Abends in Berlin eingetroffen. – Während der ersten Tage unsres Aufenthaltes fand wegen Ablehnung der Militärvorlage die Auflösung des Reichstags statt. Als die Aufregung darüber sich etwas gelegt, wurde Edmund von Caprivi empfangen, und wider Erwarten war dieser sehr freundlich und versprach, an ihn zu denken. Edmund meldete sich auch bei S. M. und erhielt eine Einladung zum Schrippenfest am 2. Pfingsttag nach Potsdam.

21. Mai. Pfingstsonntag in Crossen Schloß Crossen a. d. Elster, Stammschloß der Grafen Flemming aus der jüngeren reichsgräflichen Linie (Iven) seit 1774. und mit Onkel Edmund Edmund, Graf von Flemming, Bruder des Vaters von Elisabeth. zum Kirchhof. Es ist mir so merkwürdig, wieder einmal hier zu sein, ich komme mir wieder ganz jung vor, und als könnte ich so manches Trübe vergessen.

23. Mai. Mittags kam Edmund an und erzählte, der Kaiser sei ganz außerordentlich nett zu ihm gewesen, sei gleich auf ihn zugekommen und habe gesagt: »Na, Heyking, wir haben Ihnen ja so sehr für Ihre famosen Berichte zu danken.« Dann hat er lang über Indien gesprochen und, wie Edmund sagt, in ganz kameradschaftlichem Ton und so, daß er merkte, daß der Kaiser seine Berichte wirklich genau kannte. Von der Sicherheit der englischen Herrschaft in Indien scheint S. M. nicht viel zu halten. Edmund war sehr entzückt von dem Gespräch und meinte, man fühle sich keinen Moment geniert, S. M. aber habe eine so leichte natürliche Art zu sprechen, daß man sich sehr denken könne, daß er sich bei Reden auch mal vergaloppiere. Diese Entrevue mit S. M. ist ja sehr erfreulich, aber ein wirkliches Vorwärtskommen sehe ich doch noch nicht, und der Gedanke, etwa erfolg- und aussichtslos nach Indien zurückzumüssen, ist doch recht hart. Während dieses ganzen Urlaubs ist mir immer das Herz so schwer, und die Geldfragen machen mir soviel Sorge. Mit Edmund kann ich nicht davon sprechen, denn er nennt das: ihn absichtlich deprimieren. Frauen sollen immer heiter sein, gleichgültig, wie ihnen zumute ist, jemand, der sie mal aufheiterte, haben sie nie. Gerade hier in Crossen ist mir so wehmütig zumute, ich muß soviel an meine sorglose ganz junge Zeit denken und komme mir jetzt so heimatlos vor wie ein Blatt im Winde.

Juni. Am 10. fuhren Edmund und ich zu den Kindern nach Buckow. Schloß Buckow i. d. Mark, den Grafen Flemming gehörend, wo Elisabeth die Sommerferien mit ihrem ersten Gatten verlebte. Edmund, Stephanie und ich gingen nachmittags in die Kirche. Wie merkwürdig, gerade mit den beiden da zu stehen. Überhaupt kommt es mir wie ein Traum vor, so hier zu sein. Jede Ecke hat so unbeschreiblich viel Erinnerungen, an manchen Stellen bleibe ich immer wieder stehen und erinnere mich, was ich gerade da vor 10 Jahren gedacht habe. Überall tritt mir meine Jugend entgegen. Mein jetziges Schlafzimmer ist dasjenige, in dem Didi damals sang, und es ist mir, als klänge immer noch: »Ich liebe dich – in Zeit und Ewigkeit.«

15. Juni. Nach Berlin gefahren und Teddy zu Beuster gebracht, welcher meint, er bedürfe nur noch der Schonung, um ganz gesund zu werden. Er meint aber, mein Herz sei angegriffen von dem heißen Klima und ich müsse nach Kissingen.

18. Juni. Eine recht behagliche Zeit in Buckow. Viel in Erinnerungen gelebt und nachgedacht, wie alles so gekommen. Es ist mir, als sähe ich mich gehen und stehn, wie ich vor vielen Jahren war. All die Jugendunruhe und Sehnsucht nach dem Unbestimmten ist verschwunden, verschwunden auch das Gefühl des Unverstandenseins und der Wunsch, sich selbst in einem andern zu finden. Aber auch viel schöne Jugendbestrebungen und Ambitionen sind dahin und mit ihnen das damals felsenfeste Bewußtsein, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein. Ich sitze im Garten, stopfe Kinderwäsche und bin dagegen abgestumpft, daß ich eigentlich so gar nichts geworden bin, von keiner Gesellschaft sehr vermißt werde und für allen früheren Ehrgeiz und den mir damals im Blute liegenden Wunsch, etwas zu glänzen, so wenig Befriedigung gefunden habe. In der Ecke liegen alle meine Kindergedanken, Beschäftigungen und Wünsche und sehen mich mit traurigen Augen an – aber ich bin eigentlich ganz zufrieden so – wenn nur große Katastrophen ausbleiben und man die paar Menschen behält, die man liebt, kann man immer dankbar bleiben. Edmund grault sich vor dem Gedanken, nach Südamerika vielleicht zu müssen. Mir graut ja vielleicht noch mehr wie ihm; wird uns dort etwas angeboten, müssen wir es doch nehmen, so gräßlich dieser ganze Weltteil auch ist. Der einzigste Ort, an den ich vielleicht gern ginge, ist Kairo; aber das scheint so unerreichbar und von so vielen gewünscht. Wie schön wäre es, wenn wir irgendwo ein Gütchen hätten mit behaglichem Haus und großem Garten, etwas, was ein dauerndes Heim wäre, wo die Kinder wirklich Wurzel fassen könnten. Wenn ich sehe, wie glücklich Teddy hier ist, dann wünsche ich mir das so ganz besonders. – Wir fuhren nach Obersdorf zum Gottesdienst, und es war mir so merkwürdig, die Wege wiederzusehen, auf denen ich täglich als Backfisch zu den Konfirmationsstunden geritten bin, die kleine Stube im Pfarrhaus, wo mir Knauert den Unterricht gab, und die rührende kleine Dorfkirche mit dem Altaraufsatz, den kleine weiße Gipsfigürchen zieren.

Juli. Wir entschlossen uns, nicht nach Kissingen, sondern zusammen nach Homburg zu gehn.

4. Juli. Abends todmüde in Homburg angekommen. Unterwegs sehr die behaglichen Bilderchen genossen. Ganz die Art von Gegend, an welche man mit Sehnsucht denkt, wenn man weit draußen an Fieber und Heimweh krank ist.

6. Juli. Wir fuhren hinaus in den Wald, wanderten dort und besahen uns den Hirschpark, wo uns die zahmen Hirsche aus der Hand fraßen. Ein hübscher harmloser Tag und es ist eine gewisse Glückssicherheit, solch einfache Genüsse zu lieben, denn solang man sich nur gegenseitig hat, kann man die ja auch haben, wenn es auch sonst alles schief geht.

8. Juli. Nachmittags durch prachtvollen Wald gefahren. Im Restaurant bekamen wir scheußlich kalten, labbrigen Kaffee, und als Edmund dagegen remonstrierte, gab man uns zur Antwort, alle englischen Herrschaften tränken ihn so! Es ist wirklich recht widerlich, wie der Ort anglisiert ist, das gemeine deutsche Bestreben, nicht deutsch sein zu wollen, tritt zu schamlos auf. In Läden und Restaurants wird man englisch angeredet und die Leute glauben, einem damit zu schmeicheln.

11. Juli. Herrn von Sommerfeld Adjutant a. D. des Kronprinzen, nachmaligen Kaiser Friedrich. getroffen. Eine wahre Recours in dieser Heimat englischer Apoplektiker und Frankfurter Juden. Er erzählte viel über die Kaiserin Friedrich. Ehe der Kronprinz so krank geworden, soll sie mit Herbert Bismarck so eine Art entente tacite geschlossen haben, bei der jeder den andern zu übervorteilen suchte. Die damalige Kronprinzeß wollte durchaus die Battenbergische Heirat durchsetzen und Herbert wollte sich den künftigen Kanzlerposten sichern. Sehr merkwürdig ist zu hören, wie der arme Kaiser Friedrich von der Kaiserin beherrscht wurde, so daß er sie um alles befragte, und wenn ihm Vortrag gehalten wurde, weglief, sie zu befragen, ehe er eine Entscheidung traf. Sommerfeld meint, sie sei viel begabter gewesen als er, aber er viel urteilsfähiger, if only she had left him alone. Es sei damit von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Er habe eine Scheu vor Entschlüsse fassen gehabt, sie dagegen eine Passion dafür, so daß sie für ihn eine Art Entschlußmaschine geworden wäre. Der Eigensinn und Glaube an ihre Unfehlbarkeit sei schließlich so arg geworden, daß sie eine Sache für richtig gehalten habe nur deshalb, weil sie sie gewollt habe. Er meint, es sei eine Krankheit des Willens, daß der Wille eben mit dem Verstand durchgeht.

4. August. Von Homburg mittags abgereist und abends spät in Luzern angekommen, wo bald der von Tells Zeiten her bekannte Sturm begann.

5. August. Viel an die arme Didi gedacht, deren Geburtstag heut ist. Ich erinnere mich so gut, wie sie zum erstenmal unter einem blauen Scheier spazieren getragen wurde, und wie ich bei ihrer Taufe mordoré Schuhe trug. Hätten wir damals verschiedene Kapitel unsres Lebens voraussehen können, wir hätten ihre Windelchen als künftige Tränentüchelchen bewahrt. Aber wenn man alles wüßte, erschien wohl jedes Leben bemitleidenswert.

8. August. Ruhiger Bummeltag in Luzern, nachmittags holte ich Edmund in Brunnen ab. Für a travalling old maid wäre ich nicht geschaffen, es ist mir zu graulich.

9. August. Morgens über Zürich nach Chur und in dem dunklen winkligen Städtchen gebummelt. Von Chur fuhren wir mit Extrapost, was uns sehr an unsre Pyrenäenhochzeitsreise erinnerte. Von Thusis machten wir einen Ausflug in die Via mala – merkwürdig, wie der Rhein tief unten durch die Felsen sich durchwindet. Von da weiter durch den Schynpaß, der uns durch seine Schönheit sehr überraschte. Hohe steile Felsen, dunkle Tannen und tief unten die rauschende blaugrüne Albula. Abends nach Tiefenkastel, wo wir in dem reizenden »Julierhof« übernachteten.

11. August. Über den Albulapaß zu Fuß gegangen. Von da scharf herunter nach Samaden und gegen Abend in St. Moritz eingetroffen. Über diesen Ort war ich sehr enttäuscht. Ein schattenloser staubiger Fleck mit einer Art Meidam, auf welchem mühsam einige Bäumchen und Blumen den Kampf ums Dasein führen, und an dem steif und poesielos die großen Hotels liegen, so daß man von den wenigsten auch nur ein Blickchen auf den kleinen grünen See hat, der das einzig Hübsche ist. Es war so überfüllt, daß wir nur ein teures niedriges Zimmer im Kurhaus ergatterten. Wir versuchten Table d'hote zu essen, wurden aber von dem Gewühl entsetzlicher Menschen abgeschreckt; als Krone schenkte uns der Kellner Bitterwasser anstatt Soda ein, und darauf verließen wir das Lokal in a huff!

21. August. Nach Ponteresina übergesiedelt, das uns viel besser gefällt. Eine recht behagliche stille Zeit gehabt.

29. August. Früh von Ponteresina fort und schöne Fahrt über den Julier gehabt. Kamen bei Sonnenuntergang in Rorschach an, von wo wir bei aufgehendem Mond über den See nach Lindau fuhren.

1. September. Wir gingen trotz strömendem Regen nach Neuschwanstein, dessen Lage herrlich ist. Das Schloß selbst aber recht die Arbeit eines Wahnsinnigen. Keine vernünftige Treppe, dumme Grottenspielereien und Überladung von Bronze und falschen Steinen. Die Zimmer sind das letzte Wort deutscher »stilvoller« Einrichtung: Eichengetäfel, unbequeme steife Möbel, abwechselnd in Goldgrün, Blausilber und Rotgold. Dazu in jedem Zimmer gemalte Paneele aus deutschen Sagen und eine solche Masse von Schwänen, daß man swain on the brain hat. Das Merkwürdigste ist aber der überladene goldene Thronsaal mit Darstellungen auf Goldgrund aller heiliggesprochenen Könige. In einem Halbrund, wie in den ganz alten Kirchen, sollte der Thron stehen, und das Ganze ist recht ein Ausdruck des Glaubens an eine mystische Vereinigung von König- und Hohenpriestertum. Der Papst oder der Zar könnten sich das allenfalls leisten, aber ein kleiner König von Bayern?

2. September. Nach Linderhof gefahren. Leider morgens strömender Regen. So wateten wir denn durch den reizend angelegten Park und sahen zuerst die künstliche Grotte, welche bengalisch beleuchtet wurde, eine recht verrückte Spielerei. Es befindet sich ein kleiner See darin, auf welchem sich der König nachts stundenlang in einer muschelförmigen Gondel rudern ließ. An einem Ende des Sees ist ein häßliches Transparent angebracht: Tannhäuser im Venusberg. Er hat sich überhaupt so viele derartige Sujets malen lassen, daß man die Empfindung hat, daß er zum Teil an falsch dirigierter Sinnlichkeit zugrunde gegangen ist.

11. September. Morgens in Berlin eingetroffen. Langer Besuch von Rudolf Lindau, Damals Geheimer Legationsrat im Auswärtigen Amt. der mir viel vom Rücktritt des Fürsten Bismarck erzählte und sich zu entschuldigen schien, daß er selbst nicht Bismarckfarbe gehalten habe. Es ist ekelhaft zu sehen, wie all diese Leute vor 4 Jahren krochen vor dem Schatten irgendeiner Bismarck genannten Person und wie sie jetzt über die ganze Familie reden. Auch Schweninger besuchte uns; es ist ein merkwürdig gewinnender Mensch voll Herzlichkeit und Sympathie. Er erzählte von der letzten schlimmen Erkrankung des Fürsten und dann von seinem Rücktritt. Er habe es allmählich machen wollen, aber die ganze Sache sei von andern verhetzt und ins Gehässige gezogen worden. Die badischen Herrschaften sollen sehr gegen den Fürsten intrigiert haben. Schweninger sagte, der Kaiser habe ihn einmal zu sich gerufen, als man ihm erzählt habe, daß der Fürst Morphinist sei, und er, Schweninger, habe geantwortet, daß die Leute, die so vom Fürsten sprächen, Schweinehunde seien! –

Edmund und ich suchten den ganzen Tag Wohnungen und Pensionen für die Kinder zum Winter und kamen dabei in die wunderbarsten Häuser, zu Halbverrückten, verarmt Adligen, Junggesellen, zweifelhaften und unter allem Zweifel stehenden Damen.

20. September. Heut begegneten wir Rottenburg Franz von Rottenburg, damals Unterstaatssekretär im Reichsamt d. Innern. und bummelten etwas mit ihm. Es war interessant zu hören, wie schlecht er vom jetzigen Regime denkt; Miquel sei der einzige, der geschickt wäre und etwas verstände, hätte aber die höchstgehenden Ambitionen und Caprivi graulte es auch schon vor ihm. Rottenburg meinte, wenn das Augenblickliche sich völlig abgewirtschaftet habe, würde General von Bülow Reichskanzler und der Bukarester Bülow Staatssekretär werden. Wir sprachen dann noch von der schweren Erkrankung des Fürsten Bismarck und wie wünschenswert es doch sei, daß der Kaiser sich mit ihm noch versöhne, wobei er sich ja gar nichts vergebe, sondern die größten Sympathien erwerben würde.

21. September. Wie eine Antwort auf unser Gespräch brachten die Zeitungen die Nachricht, daß S. M. an Bismarck telegraphiert und ihm für den Winter ein Schloß angeboten habe. Wir freuten uns ungeheuer darüber, und daß der Kaiser solcher Selbstüberwindung fähig ist, gibt einem Zutrauen zu ihm.

Vom 23. bis 30. September. In Buckow eine behagliche Zeit mit den Kindern und Didi verlebt. Im Garten war alles herbstlich gelb und rot, und es lag in allem der wehmütige Herbstfrieden, als wolle uns die Natur lehren: »Was nützt das Hasten und Sorgen, es ist doch alles so bald vorbei.« Ich erinnere mich eines Abends, als Didi am Klavier im Saal saß und ihre alten Lieder sang, die Kinder hatten sich ganz still um uns gekauert, und mir ging immer der Satz durch den Kopf: »Voilà le bonheur qui passe.«

30. September. Eine recht jammervolle hoffnungslose Zeit mit dem vielleicht guten Zwang, daß man es äußerlich vor allen verstecken muß. Unsre Lage ist recht schlimm on the whole line. Keine Vakanz entsteht und wir hätten eigentlich gestern absegeln müssen, haben nun aber 6 Wochen Nachurlaub erhalten; währenddem verlieren wir aber Edmunds Gehalt, von dem wir jetzt so abhängig sind, denn in Chile geht es from bad to worse. Hier in Berlin haben wir auch sehr viel an den Northern Pacifics verloren, die uns Meyer-Cohn ohne jeden Auftrag gekauft hat, und in Chile ist vieles seit unsrer Abreise in unsrer Vermögensverwaltung versehen worden. Nun müssen wir nach Indien zurück, verlieren dadurch unsre ganze Reise nach Europa, die uns ja bei einer Versetzung ersetzt worden wäre. Es ist alles so hart und hoffnungslos. Man schläft mit dem Gedanken ein, fühlt ihn wie einen Alp während der Nacht und wacht morgens damit auf. Der einzig schöne Augenblick ist, während man betet – dann allein stehe ich jemand gegenüber, der schon alles weiß, dem ich alles sagen kann und den ich um alles bitten darf. Oft stundenlang denk' und bet' und wein' ich so vor mich hin und dann wird mir ein bischen ruhiger zumute. Das Traurigste ist der Gedanke an die Kinder. Jetzt gehen wir eigentlich für immer von ihnen fort; sie werden aufwachsen, ohne uns lieben zu lernen, und später uns verurteilen!

Edmund hat Marschall und Holstein gesprochen, die beide etwas tun würden, wenn nur eine Vakanz entstünde. Aber gerade in diesem Jahr, wo soviel für uns davon abhängt, rührt sich keiner. Ich wünsche ja keinem etwas Böses, aber es ist doch sehr hart, wenn man so an alte Leute wie Münster denkt, die Jungen den Weg versperren und dabei das Gehalt gar nicht nötig haben.

Am 8. Oktober kam Didi aus Danzig zurück, mir eine wahre Herzensfreude, denn ich fühle ihr so sehr die wirkliche Sympathie an. Eine wahre Beruhigung, mit ihr reden zu können. Sie hat soviel Trauriges erlebt, daß sie andere versteht.

16. Oktober. Edmund und ich sahen im Weißen Saal die Reichstagseröffnung. In comparison to an Indian show it was but a poor sight, alles steif und hölzern. Der Kaiser sprach sehr deutlich. Caprivi looked like stupidity on a monument; von meinem Platz sah ich gerad auf seinen Schädel herab, dem sicher nie ein genialer Gedanke entsteigen wird. All die Abgeordneten in ihren vielen verschiedenen, z. T. recht schäbigen Uniformen sahen keineswegs imponierend aus. Ein Engländer stand neben mir und konnte sich offenbar nicht in den Gedanken dieses militärischen Parlaments hineinversetzen, denn er frug seine Nachbarn »but will the members of parliament not be allowed to be present?«

15. November. Wir waren abends zu einer Soirée bei Professor Schiemann, die mich recht an Professorenabende von vor 12 Jahren erinnerte. Ich sprach lang mit Geheimrat Raschdau, Damals vortragender Rat im Auswärtigen Amt. der von einem bevorstehenden Revirement erzählte, daß seinen Anfang damit nähme, daß Graf Solms aus Rom abginge, und er hoffe sehr, dies würde eine Wirkung bis auf uns haben.

18. November. Edmund hörte von Kiderlen, er sei für Kairo vorgeschlagen, Kiderlen mache sich aber gar keine Hoffnung, daß es durchgesetzt würde, denn Caprivi scheine nicht sehr geneigt.

22. November. Edmund sprach Holstein, welcher ihm sagte, daß er nach Kairo Als Generalkonsul. kommen würde, und ihm Verhaltungsmaßregeln mitgab.

28. Dezember. Ein entsetzlich aufregender Tag. Wir sprachen Frau von Delbrück, Elise von Delbrück geb. von Pommer-Esche, Gemahlin des ehemaligen Präsidenten des Reichskanzleramts Rudolf von Delbrück. die mit Caprivi gesprochen hatte, und zu unserem Entsetzen erzählte sie, daß er gleich ganz wütend geworden sei, als sie ihm nur gesagt habe, es dauere sie so, daß ich nun ohne die Kinder wieder nach Indien zurück müßte. Wir waren furchtbar niedergeschlagen und fuhren in schrecklicher Stimmung zum Diner zu Marschalls. Es war sehr nett, aber mir entsetzlich unheimlich, daß soviel über unsre Rückkehr nach Indien gesprochen wurde! Als wir in der Droschke saßen, fiel mir Edmund um den Hals und sagte mir, Marschall habe ihm mitgeteilt, wir kämen nach Kairo, die Ernennung müsse nur noch vom Bundesrat bestätigt werden, was eine reine Formalität sei. Wir waren ganz glückselig. Gott hab Dank für dies große Glück!

31. Dezember. Edmund im Auswärtigen Amt, um sich bei Holstein zu bedanken, der es für ihn durchgesetzt hat. Den Abend verbrachten wir bei Robert-tornow, Bibliothekar der Kaiserlichen Hausbibliothek im Schloß. wo es so behaglich und hübsch war in seiner reizenden Bibliothekswohnung im Schloß; er zeigte uns die Hildebrandsche Sammlung und seine eignen alten Bilder, Porzellane und Büsten. Es hatte einen weltabgeschiedenen Alte-Zeit-Charme. Als es 12 schlug, standen Edmund und ich am Fenster und sahen aus dem alten Schloß heraus auf das Wasser, in dem die Lichter der Brücke sich spiegelten, und hörten das schöne Glockengeläute und die Neujahrsrufe in den Straßen. Wie viele Menschen mögen an so vielen Sylvesterabenden aus dem alten Schloß hinausgeschaut haben in die Nacht, aber gewiß selten welche, die sich so glücklich fühlten wie wir beide und die so dankbar beteten, daß es so bleiben möchte! Noch nie haben wir ein Jahr so voller Hoffnung begonnen und mit dem dankbaren Bewußtsein, daß die Wolke, unter der wir 10 Jahre gestanden, sich doch endlich lichtet, und Edmund auf einen Platz kommt für den er wirklich paßt und von wo aus der Weg zu allem führt.

1. Januar 1894. Morgens kamen die lieben Kinder, uns zu gratulieren. Gott behüte sie uns.

Wir waren dann zum Diner bei Roths, Schweizer Gesandten, die seit 17 Jahren hier sind. Er erzählte über den Abgang Bismarcks und wie er bei den fremden Gesandten gegen den Kaiser gearbeitet habe; besonders bei Gelegenheit der Arbeiterkonferenz, on which H. M. had set his heart, versuchte der Fürst durch die fremden Gesandten die Sache scheitern zu machen. Zu Roth sagte er: »S. M. ist von seinen Eltern wie ein Gefangener erzogen worden und jetzt, da er frei ist, hat er die Weltbeglückungsmanie.« Roth meinte, der Fürst habe sich gar nicht klar gemacht, daß von seinem Tun und Reden doch vieles dem Kaiser hinterbracht wurde. Marschall muß einer von denen gewesen sein, die ziemlich früh den kommenden Umschwung geahnt haben, und durch ihn und die badischen Herrschaften ist vieles an den Kaiser gekommen. Auch die fremden Diplomaten bedienten sich dieses Wegs.

9. Januar. Großes Diner bei Delbrücks mit Caprivi, Eulenburgs, Winterfelds, Harrachs usw., lauter alte Exzellenzen. Uns hatten Delbrücks dazu eingeladen, damit Caprivi mich einmal sähe; da ich wußte, daß er allerhand préjuges gegen mich habe, I felt very uncomfortable, aber er war sehr liebenswürdig, erkundigte sich nach Simla und sagte mir, wir brauchten ja nun nicht nach Indien zurück. Er hat ein kurioses Nußknackergesicht; ich fand ihn aber viel netter, als ich erwartet hatte. Auch die andern waren recht freundlich, aber deutsche Steifheit ist der englischen doch noch himmelweit überlegen.

12. Januar. Viele Visiten gemacht, unter anderem auf der Französischen Botschaft, wo es allerhand mysteriöse Leute gab mit russischem Anstrich. Überall wird uns zu Kairo gratuliert, und schon viele haben mir gesagt, es sei bei weitem der angenehmste Posten im ganzen Dienst. Ich genieße dies Gratuliertwerden ungeheuer und entdecke in mir des trésors de jeunesse! Edmund fängt an, sehr nervös zu werden, weil die Bestätigung vom Kaiser so lang ausbleibt. Aber S. M. will uns ja besonders wohl, und ich habe immer die Empfindung, daß, wo er ins Spiel kommt, es uns besonders gut gehen muß.

15. Januar. Heut kam die langersehnte Nachricht, daß der Kaiser die Ernennung unterschrieben habe! So war es denn ein rechter Jubeltag. Nun begann aber gleich eine andre Aufregung, da es nun doch wünschenswert ist, daß ich jetzt bei der Cour der Kaiserin vorgestellt werde. Wir ließen durch Eulenburg anfragen, ob es der Kaiserin recht sei. Es vergingen einige scheußliche Tage des Wartens, schließlich kam am

20. Januar Sommerfeld und sagte, es habe furchtbare Kämpfe gekostet, denn die Putlitze via Asseburgs und Fräulein von Gersdorff hätten gräßlich intrigiert und einmal habe es I. M. bereits abgelehnt. Da sei ihr aber von Eulenburg, Mirbach und besonders Marschall zugesetzt worden, bis sie doch ja gesagt habe.

23. Januar. Bei Raschdaus sprach ich mit Herrn von Deines, Militärbevollmächtigter in Wien, über den Erzherzog Franz Ferdinand, und Deines meinte, er sei sehr von den Russen eingenommen und liebe uns so wenig wie die Italiener. Auch vom Kaiser war viel die Rede, und wie sehr er das Gute will. Das hat er auch jetzt wieder bewiesen, indem er plötzlich seinen Adjutanten Graf Moltke zu Bismarck gesandt, um ihm zu seiner Wiederherstellung zu gratulieren. Alle Welt spricht nur davon.

24. Januar. Edmund hatte Audienz bei S. M., der ihm mit ausgestreckten Händen entgegenkam und sagte, er habe ihm Kairo gegeben als Belohnung für seine famosen Berichte. Der Kaiser instruierte dann Edmund aufs genauste über seine ganze Orientpolitik, und, was sehr erfreulich war, er schien gänzlich abgeneigt, sich da hineinzumischen. Den Österreichern habe er gesagt, Konstantinopel sei ihm einerlei, denn in unsrer Zeit führe man keinen Krieg um eine Stadt. Er sagte auch, die Engländer müßten aufgerüttelt werden, ihre Flotte zu verbessern, er schicke seine Panzerschiffe nicht mehr ins Mittelmeer, um ihnen zu zeigen, daß sie Ägypten allein halten müßten. Edmund kam ganz begeistert zurück über den Geist, die Sachkenntnis und Willensklarheit des Kaisers. Wir sind ja jetzt alle besonders bereit, ihm zuzujubeln, denn sein Entgegenkommen gegen Bismarck ist doch sehr schön und groß, und wie die Adjutanten zu Edmund sagten, aus eigenster Initiative hervorgegangen. Nach der Audienz war es auch bald Zeit, sich für die Cour fertig zu machen. Ich hatte mich etwas davor gegrault; es ging aber doch sehr gut, nachdem das lange Warten erst vorüber war. Es war übrigens nicht so übel, denn durch unser Zimmer mußte alles hindurch, besonders amüsierte mich, als die Russische Botschaft vorbeiging – there seemed to blow an icy wind. Nach der Cour war es noch sehr nett im Weißen Saal, wo wir alte und neue Bekannte sahen und lauter freundliche Gesichter, denn wir haben nun mal das soziale Abendmahl empfangen!

26. Januar. Bismarck kam morgens nach Berlin, um den Kaiser zu besuchen. Von unserm Hause bis zum Schloß war eine dichte Menschenmenge. Ich sah die Vorbeifahrt vom Hotel du Nord. Prinz Heinrich hatte Bismarck vom Bahnhof abgeholt, der auf S. M. Befehl gegen alle Welt, auch gegen Botschafterinnen (Schuwalow!) abgesperrt war. Die beiden fuhren in einem geschlossenen Wagen, umgeben von Gardekürassieren. Es war so großartig wie für einen regierenden Herrn, aber dabei doch alle persönliche Huldigung und Demonstration abgeschnitten, so daß man ein bissel das Gefühl eines 1.-Klasse-Gefangenen hatte. Der Kaiser ist der Held des Tages, und als er nachmittags ausritt, wurde er so umdrängt, daß er kaum vorwärts konnte. It was beautiful managed, und er ist mit einem Schlage ganz enorm populär.

27. Januar. Edmund war beim großen Geburtstagsdiner bei Caprivi, wo ihn Graf Schuwalow anredete: »je crois que nous sommes des Landsleute!« Wegen der baltischen Güter der Schuwalows. Nachher fuhren wir zur Galaoper, zu der wir eingeladen worden waren, und es amüsierte mich sehr, die ganze Hofgesellschaft zu sehen. Die militärischen Bilder hatten etwas Hinreißendes. Wenn man so lang von Deutschland fort gewesen, imponiert das doch. Im Foyer sahen wir Herbert Bismarck, der sehr freundlich Edmund dankte, daß er ihm in dieser Zeit manchmal geschrieben habe. Und mich freute es, daß er sich daran erinnerte, denn seit der Versöhnung des Fürsten sollen die Freunde Herberts wie Pilze hervorschießen.

31. Januar. Hofball. Im ganzen gefiel er mir nicht sehr, weil er so furchtbar voll ist. Ich unterhielt mich lange mit Mr. Bigelow, dem amerikanischen Freund des Kaisers, und viele Menschen sagten mir, ich sähe hübsch aus, was immer erfreulich ist, auch nachdem die Stürme stark an einem gerüttelt haben.

8. Februar. Großer Hetztag. Letztes Packen. Die Kinder kamen zu uns zum Lunch und waren so lieb. Gott behüte sie und lasse sie alle drei zu guten, nützlichen Menschen werden und gebe uns ein frohes Wiedersehn! Um 6 Uhr fuhren sie weg und ich schaute noch lange dem Wagen nach, wie er in dem regnerischen Naßgrau verschwand. – Mit Kiderlen viel über Ägypten gesprochen, wo der Khedive die unter englischen Offizieren stehenden Truppen sehr kritisiert hat. Maher Pasha, der ihn dazu aufgereizt haben soll, hat er entlassen müssen, hat ihm aber eine andre höhere Stellung gegeben, und jetzt hat er den Osmanie-Orden erhalten, den der Sultan allein vergeben kann, was darauf deutet, daß die Türkei in der Sache mit Abbas Khedive Abbas Il Hilmi. intrigiert.

11. Februar. Nachts in Rom eingetroffen ...

13. Februar. Abends im reizenden Neapel angekommen. Gleich auf die »Karlsruhe« gefahren, die einen guten Eindruck macht.

16. bis 17. Februar. Sehr angenehme ruhige Reisetage. Uns viel mit Herrn von Bleichröder unterhalten, der meint, an den Bismarckschen feindseligen Maßregeln gegen russische Papiere sei allein Herbert Schuld gewesen, der überhaupt le mauvais génie seines Vaters gewesen sei.

18. Februar. Gegen mittag in Port Said angekommen, von dort im Extrazug auf der kleinen Bahn nach Ismailije gefahren, das uns so sehr an vor 4 Jahren erinnerte, nur alles vu en couleur de rose. Von Ismailije weiter nach Kairo, wo wir abends ankamen und von Herrn von Richthofen, Der deutsche Schuldenkommissar in Kairo. Herrn von Loehr Der deutsche Konsul in Kairo. und Leutnant Dominick empfangen wurden, der augenblicklich hier ist, um Sudanesen anzuwerben für Ostafrika. Wir fuhren nach Shepheard Hotel, wo es so überfüllt ist, daß wir in einem Speisesaal untergebracht wurden, und lernten noch den Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein Bruder der Kaiserin Auguste Viktoria. kennen, der auch hier wohnt. Sehr dankbar, gut angelangt zu sein. Gott gebe uns hier eine glückliche Zeit!

Ägypten (Kairo)

Februar 1894 bis April 1896

20. Februar. Edmund machte morgens Besuche bei den verschiedenen Ministern und kam sehr befriedigt zurück. Er meinte, sie ständen doch bei weitem höher als irgend etwas Indisches oder Chilenisches. Er hatte aber förmlich Kopfweh von dem vielen Kaffee, den er bei jeder Visite hatte trinken müssen. Später fuhren wir zum deutschen Hospital, wo eine Totenfeier stattfand für den hier verstorbenen Hans von Bülow. Der Musiker, der mit Gräfin Armgart von Flemming, Elisabeth v. Heykings Mutter, befreundet gewesen war. Die arme Witwe dauert mich sehr. Wenn man selbst so glücklich ist wie ich, hat man für den Kummer andrer ein so aufrichtiges Mitgefühl. Dann Kollegen besucht. Wir trafen nur die Russin, Mme. Cojander, die eine reizend lebendige nette Frau zu sein scheint, und die Amerikanerin, Mrs. Penfield, die mich frug »if I talked American, as she talked nothing else!« Zum Tee fuhren wir zu Lord Cromers hinaus, die am Nil in einem ganz indischen Haus wohnen, das einzig schöne Haus, welches ich bisher gesehen, denn alles hier ist für indische Begriffe sehr gedrückt und klein. Cromers waren beide sehr liebenswürdig, und wir sprachen viel über Indien, so daß wir uns gleich at home fühlten. Sie macht den Eindruck einer Frau, die sehr geworried ist, et il y a de quoi, denn man scheint hier in einer fortwährenden Aufregung zu leben. Freilich scheinen Dinge hier auch sehr aufgebauscht und die falschesten alarmierenden Nachrichten in die Welt telegraphiert zu werden, so z. B. ist derjenige Maher Pasha, der den Osmanie-Orden erhalten hat, ein ganz andrer als der Unterstaatssekretär, den der Khedive auf der Reise mit hatte. An Stelle des letzteren ist jetzt Zorab Pasha ernannt, und es ist nach Europa telegraphiert worden »he is believed to have English sympathies«; nicht ganz unwahrscheinlich, da er englischer Sir ist! Seine Frau gehört zu den shady existences von Kairo, which seem to abound, war noch vor ein paar Jahren Garderobiere und ist eine englische Lady, die kein Wort Englisch kann.

21. Februar. Wir hatten ganz früh die Visite von Tigrane Pasha, Minister des Auswärtigen, und von Riaz Pasha, Ministerpräsident. Tigrane ist zirka 40, armenischer Christ, spricht gut Französisch, und ich fand ihn ganz au courant von deutschen Dingen. Er kennt sogar Danzig, und die Beischläge an den dortigen Häusern sind ihm aufgefallen. Er erzählte einiges aus früheren ägyptischen Zeiten, von der allgemeinen Ausräuberei und von den ägyptischen Prinzen, die nach Paris gehen und sich ruinieren. Er meinte auch, es sei schwer für einen Europäer, im Orient sparsam zu leben, weil da keine europäischen Mittelklassen existieren, sondern jeder Europäer zu den Allerersten gehören will. Das stimmt auch für Indien, wo denn auch so viele über ihre Mittel hinaus leben. Riaz Pasha ist ein gemütlicher alter Herr und sagte, wir würden nur die schönen Seiten von Kairo kennenlernen, aber für ihn gäbe es auch Tracas und Anfeindungen, und das Land sei eben so schön, daß jeder es haben wolle. Dann kam er auf ägyptische Finanzen zu sprechen und wie herrlich die ständen. Die Höflichkeit verbot, ihm zu antworten, daß diese Schönheit eben doch ein Werk der Fremden ist! Mittags machten wir Besuche, fanden aber nur Mme. d'Ortega, deren Mann spanischer Generalkonsul vor vielen Jahren war. Seitdem ist sie hiergeblieben und es wäre auch schwer für sie, von hier fortzukommen, denn sie kann sich vor Körperfülle nicht vom Sofa rühren und trägt den Spitznamen »Das gestrandete Walroß«.

Nettes Diner im Klub, welches Herr von Richthofen für den Herzog Günther gab. Ich lernte Baron Heidler, den österreichischen, und Herrn und Frau Maskens, die belgischen Kollegen, kennen. Heidler ist sehr nett und Mme. Maskens eine hübsche Frau, die ihre schönen weißen Zähnchen zeigt. Außerdem war Graf Solms da, der mit erstaunlich offener Bitterkeit über seine Entlassung Als Botschafter in Rom. spricht. Man habe sie ihm wegen vorgerückten Alters erteilt, und er sei darauf gleich zum Lawn tennis gegangen. Edmund glaubt, daß ein Grund seiner Entlassung der war, daß er zu aufrichtig abfällig über König Humbert berichtet habe. Übrigens hörten wir schon in Rom, daß er von den dortigen Finanzfragen nichts verstanden habe und auch seinem französischen Kollegen nicht gewachsen sei, welcher sich sehr bemühte, Italien vom Dreibund abzulenken.

22. Februar. Edmund morgens Besuche gemacht, u. a. bei Moukhtar Pasha, Oberkommissar der Hohen Pforte bei der ägyptischen Regierung. »le Monsieur de Constantinople«, wie er genannt wird. Er erzählte Edmund, daß die Engländer ihn anfänglich ganz übersehen hätten, jetzt aber, wo das berühmte Incident Grenzincident von Wadi Halfa. vorgekommen, erinnerten sie sich plötzlich seiner und beriefen sich dem Khediven gegenüber auf die Türkei. Nachmittags besuchte mich der französische Generalkonsul Marquis de Reverseaux; er ist ein kleiner, sehr zugeknöpfter Herr, sehr steif und förmlich. Sein großer Wunsch ist, von hier fortzukommen, denn er hat sich bisher mit seiner Kolonie gut gestanden; es soll aber hier immer der Moment kommen, wo die französische Kolonie auf ihren Minister böse wird, weil er eben nie so weit gehn darf den Engländern gegenüber, wie sie es wünschen. Herr von Bülow sagte Edmund in Rom, daß die französische Regierung sich gar nicht sehr weit in Ägypten engagieren wolle, sicher nicht so weit, wie die hiesigen Franzosen es möchten, für welche die ägyptische Frage das ein und alles ist, von der aus sie alles beurteilen, mit ebensoviel Recht, wie für die Engländer in Peschawar die afghanische Frage und für die Engländer in Bhamo die chinesische Frage den Knotenpunkt der Welt bilden.

23. Februar. Edmund hatte morgens eine Audienz beim Khediven; es war dies eine Art Privatvisite, denn seine große Audienz, bei der er sein Beglaubigungsschreiben überreicht, findet erst statt, wenn das Anerkennungsschreiben des Sultans da ist. Die Audienz fand in Koubeh statt, einem Landpalast, wo der Khedive seinen ruralen Liebhabereien nachhängen kann. Edmund meinte, es sei sehr einfach gewesen; man habe ihn in ein Zimmer geführt, wo er beinahe über den Khediven gestolpert wäre, da er ihn da noch gar nicht erwartete. Abbas spricht jetzt nur französisch, um zu vermeiden, englisch sprechen zu müssen, versteht aber Deutsch sehr gut, da er in Wien erzogen ist. Er unterhielt sich mit Edmund über seine Gärten und sagte ihm, er liebe das einfache Leben; anfänglich habe er nicht ausgehn können ohne 50 Menschen hinter sich, »mais j'ai changé tout cela«. Edmund sagte ihm, für einen Souverain sei etwas Apparat doch ganz gut. Es war dann vom Kaiser und auch von Bismarck die Rede, und der Khedive bedauerte, letzteren nie gesehen zu haben, worauf Edmund ihm antwortete: »Presque personne n'a vu le prince Bismarck pendant les dernières années de son ministère et on croit même que cela a été une des raisons de son congé, l'Empereur se lassant, de ne jamais voir son ministre.« Hierüber soll Abbas sehr gelacht haben, aber im übrigen sei er sehr ernst gewesen. Edmunds erster Eindruck war aber doch der, qu'il y aurait moyen de s'entendre avec lui. Von da fuhr Edmund zum Haremstor und ließ durch einen Eunuchen der Khediva-mère seinen Gruß entbieten, den sie in gleicher Weise erwiderte. Nachmittags fuhren wir zum Ghesireh Palace Hotel, ein Palais Ismails am Nil, aus dem ein Hotel gemacht worden ist, welches aber schon am Krachen ist. Wir besahen uns auch besonders den Harem, welcher wundervolle Räume hat, und gefielen uns in dem Plan, uns da einzumieten.

24. Februar. Lady Cromer holte mich nachmittags ab, um mich bei der Khediva-mère vorzustellen. Wir fuhren nach Koubeh durch unbeschreiblich häßliche und trübe Gegend und viel Staub, aber mit gesunder Wüstenluft. Dann biegt man in die Gärten ein, die voller Orangen und blühender Mandelbäume sind. Am Eingang des Palastes empfing uns ein Eunuch, ein schlanker langer Mohr. Wir gingen die weißen Treppen hinauf und wurden in einem ersten Zimmer von einer Menge Art Hoffräuleins empfangen. Sie sahen alle ziemlich geschminkt aus, mit merkwürdigen Foulards auf dem Kopf. Im übrigen trugen sie ziemlich dürftige Seidenkleider. Die erste dieser Damen führte uns darauf in einen anstoßenden Saal, wo uns die Khediva empfing. Sie ist eine sehr hübsche Frau mit schönem, schwarzem Haar und Augen, ganz weißem Teint und einem sehr gewinnenden Lächeln. Sie trug eine entschieden Pariser Toilette und wundervolle Perlen. Lady Cromer stellte ihr noch einige andere Damen vor, und dann setzten wir uns, die Khediva auf einen hohen Sessel, Lady Cromer und ich rechts und links auf niedrigere und die andern Damen auf Bänke. Wir unterhielten uns auf Französisch, das die Khediva kürzlich gelernt hat, sprachen von ihrem jüngsten Sohn, der in Nizza ist, und ich beschrieb ihr einen Nizzaer Karneval. Es fällt ihr nicht viel zu sagen ein, aber was sie sagt, ist sehr liebenswürdig. Natürlich erschien Kaffee, von den Hoffräuleins serviert. – Abends war ein Diner bei Cromers zu Ehren des Herzogs Ernst Günther. Ich saß neben Cromer, der ein sehr netter Wirt ist. Er läßt sich nicht wie Lord Lansdowne die geschäftlichen Disteln in den sozialen Blumengarten hineinwachsen. Bei der nachfolgenden Rezeption lernte ich eine Menge hiesiger Spitzen kennen. Sehr angenehm ist Tigrane Pasha bei längerem Sprechen. Amüsant war es, die verschiedenen Typen zu sehen, russische, griechische und italienische Gesichter. Unter ersteren ist Mme. Jonine sehr angenehm, eine geborene Montenegrinerin, die mit ihrem Mann in Serbien und später, da sie dort zu aufwiegelnd wurden, in Rio war, jetzt hier Schuldenkommissare. Sie ist ein Typus von Frau, die man sich mit der roten Fahne vorstellen kann; hier versteckt sie Politik unter l´amour des chiffons.

26. Februar. Zum Diner waren wir bei Tigrane Pasha; außer uns noch Richthofen und die sehr amüsante, lustige Lady Charles Beresford. Sie ist eine alte Freundin des Hausherrn und geniert sich nicht, ihn aufs impitoyableste zu necken. Natürlich war von dem berühmten »incident« die Rede, und Lady Beresford meinte, das gehöre nun einmal zu der Komödie, mit der alljährlich die Fremden in Kairo amüsiert würden. Dann sprach man vom Ballett, und Lady Beresford sagte, der Khedive habe die Röcke der Tänzerinnen kürzen lassen, worauf Tigrane erwiderte: »Madame, je crois, que dans ce genre de questions les Anglais peuvent encore admettre que S. A. exprime une opinion!« Vom Diner gingen wir ins Theater. Es ist sehr hübsch und alle Welt elegant angezogen. Auf der einen Seite im ersten Rang Logen, mit Schleiern abgesperrt, für die Haremsdamen.

27. Februar. Lunch beim Herzog Ernst Günther für den Herzog von Orleans, wobei ich die Hausfrau war.

1. März. Lady Cromer brachte mich nachmittags zu Mme. Riaz Pasha, Frau des Premierministers, eine noch ganz strenge Mohammedanerin, die nie aus Kairo herausgekommen ist und bloß Arabisch spricht. Ihre Tochter und Schwiegertochter empfingen uns in hellen Atlaskleidern, mit Diamanten bedeckt, beide französisch sprechend. Ein Baby der einen wurde auch präsentiert, und die Photos meiner drei, die ich mitgebracht, wurden sehr bewundert. Mme. Riaz sagte, sie betete zu Gott, daß ich die Kinder meiner Kinder groß sehen möge. Riaz Pashas Vater soll Jude gewesen sein und sich zum Islam bekehrt haben, und es ist merkwürdig, wie prononciert der Typus in der ganzen Familie ist. – Abends in der Oper, wo ein großer Ball für das europäische Hospital gegeben wurde. Die Generalkonsulinnen als Dames patronesses des Festes warteten auf den Khediven in seinem Salon. Lady Cromer kam zu spät, und so standen wir übrigen dem Khediven wie eine Art Harem längere Zeit allein gegenüber. Mme. Willebois stellte mich vor. Der Khedive hat ein rundes Kindergesicht und wird entschieden bald zu fett werden, aber von all der Tücke, die ihm die Engländer nachsagen, ist ihm nichts anzusehen. Während wir warteten, sagte jede von uns ihm eine kleine artige Phrase, und mit unsern Buketts in der Hand sahen wir entschieden aus wie Schulkinder in their best behaviour. Von dem kleinen Salon gingen wir dann mit Seiner Hoheit in seine Loge, wo zuerst die Khediviale Hymne stehend angehört wurde. Dann begann vor uns das Tanzen, und nach jedem Tanz kam ein lebendes Bild, worunter »La Vérité« unsrer respektablen Patronage sehr bedurfte, um sie courfähig zu machen. Der Khedive sagte mir verschiedene Nettigkeiten, und wie er alles tun wolle, um uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Wie wir da im Halbkreis in der Loge saßen, sahen wir entschieden wie ein Cafée concert très chic aus, besonders da auch unter uns die verschiedensten Typen vertreten waren. Eine Quadrille d'honneur tanzten wir auch mit, und als wir dann in die Loge zurückkamen, war der Herzog von Orléans erschienen. Ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, denn er ist wirklich jemand, der ein Auge pour le comique hat, und das fehlte natürlich nicht bei dem ziemlich gemischten tanzenden Publikum. Die Haremslogen intrigierten ihn sehr. Endlich kehrten wir in unsre eigne Loge zurück und gaben l'hospitalité dem Herzog von Orleans und seiner Suite, Graf und Gräfin Costa de Beauregard. Es war sehr komisch, daß sie gerade zu uns kamen, aber sie hatten darum gebeten. Unsre Freundschaft mit Reverseaux störte es auch gar nicht, denn er kam, als »der Prétendent« fort war, gleich zu mir. Er kennt den Herzog und sein Gefolge ganz gut, aber hier muß er sie natürlich ignorieren. Nachmittags hatten wir eine Visite Chirols, Leiter des Foreign Depart. der »Times«. der uns die Nachricht brachte, Crispi habe in der Kammer erklärt, daß die letzten Revolten in Sizilien von Frankreich arrangiert seien, sie hätten aber erst im Februar ausbrechen sollen, gleichzeitig mit einem Krieg, nach welchem dann Rußland einen Hafen in Sizilien bekommen sollte. Graf Solms meinte, Crispi sei jemand, von dem man sehr unvorsichtige Dinge gewärtigen könne!

2. März. Maskierter Ball bei dem in Kasr el Nil stehenden Regiment. Es war so dunkel, daß man glaubte, in den Tempel einer mysteriösen Gottheit zu treten, und die Versuche der Engländer, ihre Langeweile durch etwas Äußerliches zu verdecken, von dem sie gehört haben, daß es als amüsant gilt, sind zu kläglich. Wir drückten uns denn auch in Eile.

4. März. Nachmittags besuchte mich Kapt. Myers auf dem Weg nach Indien. Er erzählte mir, wie schön Kairo früher gewesen, vor der englischen Herrschaft und ehe es von Cook envahiert war. Er meint auch, daß die Engländer hier unnütz rüde sind, und wenn es viel Leute wie Nubar und Jacoub Artin gäbe, würden die Engländer nicht hier sein.

5. März. Für Edmund geschrieben: »Es scheint, daß nach dem Wadi Halfa Incident der alte Ismael Pasha die Absicht hatte, herzukommen; sein Enkel, der jetzige Khedive, Abbas II., wandte sich um Hilfe an den Sultan, und dieser bewog Ismael in Konstantinopel zu bleiben, und ermahnte auch dessen Söhne, die hier wohnen, zur Ruhe. Unter letzteren ist es Prinz Hussein Kamil, qui a posé sa candidature für den Fall, daß die Engländer den jetzigen Khediven beseitigen sollten. Prinz Hussein schwärmt für englische Sports und Gesellschaft und spricht viel über die Vorzüge des englischen Charakters im Gegensatz zum französischen, obschon, was er an Schliff etwa besitzt, entschieden auf den Pariser Boulevards ramassiert worden ist.«

6. März. Wir fuhren morgens nach Gizeh, und Brugsch Bey Der Museumskonservator Emil Brugsch. zeigte uns das Museum, das unbeschreiblich interessant ist. Die Königsmumien haben etwas Ergreifendes, wenn man bedenkt, daß es doch diejenigen Leute sind, auf die wir die Anfänge aller Kultur zurückführen können. Es hatte auch etwas Rührendes, Brugsch zuzuhören, der in all diesen Fragen lebt und von all den Mumien spricht wie von seinen Kindern. Es interessierten mich besonders auch die viel jüngeren Mumien aus der neualexandrinischen Zeit, auf welche man gemalte Bildnisse der Toten legte. Unter diesen sind wirklich reizende Bilder, in Wachsfarben gemalt; aber es sind nicht, wie man erwarten würde, klassisch ruhige Gesichter von Menschen, in denen wenig vorgeht, sondern überfeinerte, krankhaft zivilisierte und nervöse Leute, in deren Zügen man alle komplexen modernen Zweifel und Gefühle findet. Ganz besonders entzückte mich das Bild einer jungen Frau mit wundervollen schwarzen Augen und einem seltsam mysteriösen Ausdruck. Diese Bilder interessieren mich um so mehr, als ich eben »Le Masque« von Therry in der Révue gelesen habe, welches von einem solchen Bilde spricht. Sehr seltsam sind auch einige Figuren, die 6000 Jahre alt sein sollen, vor allem, wie sie und die ebenso alten Stoffe, mit denen die Mumien eingewickelt waren, sich erhalten haben. Brugsch machte uns auch auf das Art Kreuz aufmerksam, welches die ägyptischen Götter als Zeichen ewigen Lebens in der Hand halten und aus dem unser Kreuz entstanden sein soll. Es war ein entzückender Morgen voll Stoff zum Nachdenken, und man sagte sich, wie schade es doch ist, daß man inmitten von lifes worry so gar nicht dazu kommt, mehr in solchen Dingen zu leben.

9. März. Der Khedive gab abends ein Diner für den Herzog von Schleswig-Holstein, zu welchem wir auch geladen waren. Ich war die einzige Dame, so daß der Khedive mich führte, und wir unterhielten uns sehr gut über seine Musterfarm, wo er Pferde und Kamele zieht und auch ein Musterdorf gebaut hat. Er macht den Eindruck eines well meaning young man, who may have his little fads, aber mit dem sich doch auskommen lassen müßte. Zuerst sprach er französisch, aber dann ging er ins Deutsche über, und man merkte ihm an, daß er sich wohlfühlte inmitten dieser Nation, die ihn nicht hofmeistern will. Nach dem Diner sprach er mit Edmund und rühmte sich der Ersparnisse, die er in seinem Haushalt eingeführt hat. Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, daß Lord Cromer ihn anfänglich mismanaged haben muß. Er soll ganz weich und lenkbar hier eingetroffen sein und war bereit, sich den Engländern anzuschließen und in ihnen sogar eine Stütze gegen etwaige Gefahren von Konstantinopel her zu sehen. Aber ähnlich, wie es auch in Indien so oft geschieht, hat Lord Cromer sich gescheut, sich in die internen Angelegenheiten des Fürsten einzumischen, und hat es vor allem geduldet, daß er sich mit sehr shady Existenzen umgeben hat.

11. März. Großes Diner beim Marquis de Reverseaux en notre honneur. Sein arabisches Haus ist wirklich entzückend. Ich sprach dort viel mit dem Marquis D'Abzac, ein wirklich vornehmer Franzose. Er meinte, es sei ein Unrecht, daß man in Frankreich nicht Elsaß vergäße und sich mit Deutschland zusammentäte, denn der Feind der ganzen übrigen Welt sei doch England mit seiner Habgier, Hypokrisie und seinem Verdrängen andrer Nationen. Er meinte, die Deutschen, die ein wachsendes Volk seien und der Kolonien bedürften, würden das noch sehr empfinden.

13. März. Wir sind etwas in Sorge über die scheußlichen Angriffe im Kladderadatsch gegen Herrn von Holstein und Kiderlen. Dazu hat in einer Zeitung gestanden, wahrscheinlich würde Kiderlen an Mosers Stelle württembergischer Gesandter; das wäre furchtbar schade. Vom allgemeinen und von unserm persönlichen Standpunkt.

20. März. Heute erzählte Maskens, in der »Étoile« habe gestanden: »Le Baron Heyking suit une politique toute différente que le Comte Leyden, Heykings Vorgänger in Kairo. que nous n'avons jamais pu comprendre.« Später erfuhr Edmund, daß diese Zeitungsnotiz daher stammt, daß er bei einem Diner geäußert hat, er sei nicht genügend Engländer, um Whisky und Soda gern zu trinken!!

21. März. Ein amüsantes Déjeuner beim alten Nubar, der mir sagte, die Sitten unter Ismael Vorgänger des Khediven Abbas Hilmi. seien ganz régence gewesen, nur daß dort vornehme Leute sich schlecht benahmen, während es hier Lakaien gewesen seien, die ihre Herren singierten. Theaterbeziehungen seien damals in Kairo als zum Schick nötig angesehen worden, und er und ein andrer alter Herr, um ihre Inklinationen mit diesem Muß zu verbinden, hätten sich schließlich darauf geeinigt, Protektoren, und natürlich platonische, ein und derselben Tänzerin zu sein.

22. März. Nachmittags besuchten wir die Prinzessin Nazzli, eine emanzipierte verwitwete Tante des Khediven, die eine passionierte Bewunderin Bismarcks ist, von dem sie unausgesetzt sprach und dessen Bilder sie umgeben.

1. April. Morgens Kirche, dann Besuch im Hospital bei den netten, friedlichen Schwestern. Nachmittags mit Lady Beresford nach ihrer Dahabeah Hausboot. gefahren. Sehr nette Leute, mit denen man sich gleich behaglich fühlt, und dabei sehr empfunden, daß es kaum eine Nation gibt, in der der Unterschied zwischen ganz first rate und ein bissel second so sehr zu merken ist wie bei Engländern. Hier in Kairo ist alles, was an Beamten hergeschickt wird, zweiter Güte. Lady Charles soll vor ein paar Jahren durch einen Brief entdeckt haben, daß Lady Brook, die bekannte Freundin des Prinzen von Wales, in gleichen Beziehungen zu Lord Charles stand. Sie beging die Unbesonnenheit, diesen Brief zu zeigen, und als der Prinz von Wales es erfuhr, verbannte er sie aus seinem set, »on account of indiscretion«. Heute erfahren, daß Herr von Gaertner nach Kalkutta kommt. Daß dieser Posten jetzt von Botschaftsräten besetzt wird, hat doch rein Edmunds Arbeit und seine Art, die Stellung dort aufzufassen, bewirkt – ein sehr erfreulicher nachträglicher Erfolg.

7. April. Bairam. Edmund fuhr morgens zum Empfang beim Khediven; derselbe scheint sehr schlechter Laune gewesen zu sein wegen eines Telegramms des »Standard«, worin es heißt, falls der Khedive den Engländern weitere Schwierigkeiten mache, müsse an seinen Ersatz gedacht werden. Der Khedive gave vent to his feelings, indem er das diplomatische Korps nur eine Minute bei sich behielt und es dann entließ, ohne den Tchibouk zu geben, was sonst üblich gewesen. Natürlich wird von nichts als dem »incident du tchibouk« gesprochen. Er ist aber töricht und unerzogen, sich in solchen grossièretés gratuites zu ergehen, mit denen er sich auch da Sympathien verscherzt, wo man bereit gewesen wäre, sie für ihn zu haben.

8. April. Heute erzählte uns Kojander von seiner Mission in Bulgarien, wo er der letzte russische Vertreter war. Den Battenberger hat er nicht geliebt und nannte ihn l'homme le plus fourbe et le plus menteur qu'il ait jamais rencontré. Auch die persönliche Bravour spricht er ihm ab und sagt, die Legende d'Alexandre le héros sei von der Kölnischen Zeitung aufgebracht worden. Er behauptet, Alexander sei ein einziges Mal im Feuer gewesen, und zwar sei am ersten Tag der Schlacht bei Slivnitza eine Bombe in seiner Nähe gefallen. Am zweiten Tag hätte er sich inkognito nach Sofia zurückgezogen, einen Kriegsrat gehalten und, da er die Schlacht für verloren angesehen, die Räumung Sofias anbefohlen. Die Bank und die Archive des Auswärtigen Amts seien dann in der Nacht in die russische Agence gebracht worden. Am 3. Tag der Schlacht sei er bis 2 Uhr in Sofia geblieben, und um 4 ½ sei die Schlacht, die etwa 2 Stunden weit von Sofia stattfand, beendet gewesen, so daß er unmöglich hätte dabei sein können! Später sprachen wir mit Biegeleben, der gleichzeitig österreichischer Vertreter in Sofia war, und der erklärte die Darstellung für falsch, und Alexander hätte Erstaunliches in jenen Tagen mit seinen jungen Truppen geleistet. Will man nicht an absichtliche mauvaise foi glauben, so sieht man, wie schwer Geschichtsschreibung ist und wie jeder jedes verschieden ansieht. D'Abzac erzählte uns sehr interessant aus Afrika, dem Krieg in Italien und dem Deutsch-Französischen Krieg. Er meinte, er hätte Franzosen nie gut gehorchen sehen. »Si j'avais été Napoleon III., bien des fois j'aurais fait fusiller mes généraux.« Alles sei der Chance überlassen gewesen, und für den Krieg in Italien seien keinerlei wirkliche Präparationen gemacht gewesen, sondern es sei eine Kriegführung à l'aventure gewesen. Wirkliche militärische Disziplin gäbe es nur in Deutschland. »Et, que voulez-vous,« sagte er, »le nouveau né allemand porte la main à la tête pour faire le salut militaire à l'accoucheur, tandis que le nouveau français lui fait un pied de nez.« Kojander sprach darauf von der Disziplin der Engländer gegen die Zivilautoritäten, wie z. B. hier, wo kein Engländer zugeben würde, daß Lord Cromer etwas falsch machen könnte.

9. April. Ziviltrauung von Herrn von Loehr und Fräulein Beyerle durch Edmund, der eine sehr hübsche Rede hielt, bei der er hervorhob, was die Pflichten der Frau eines deutschen Vertreters im Auslande sei. Man freut sich immer, einen Mann zu haben, der in Frauen nicht nur Haushälterinnen erblickt. Lunch bei Beyerles. Ich hatte dort ein langes Gespräch mit Prinz Hussein Kamil, für den man sich wirklich interessieren kann. Er sprach von der schrecklich niedrigen Bildung der hiesigen Frauen und meinte, das mache jeden denkenden Ägypter traurig, wenn er in sein Haus käme, so gar kein Verständnis und keinen Rat zu finden. Er sagte, ein Mann fühle sich doch nur glücklich und wohl, wenn er im Einklang mit dem Rat einer wirklich gescheiten Frau handelte. Er erzählte mir dann seine Scheidungsgeschichte und wie sehr er darunter gelitten, und daß er sich seitdem als einziger Passion seinem wundervollen Garten widme.

11. April. Edmund erhielt einen Erlaß vom Auswärtigen Amt, daß er der Konversion einer ägyptischen Schuld von 4% auf 3% widersprechen solle, was ihm ein sympathischer Auftrag war, denn er richtet sich zwar nominell gegen die ägyptische Regierung, eigentlich aber doch gegen England, Edmund ging daher nachmittags zu Lord Cromer und sagte ihm, daß er sich dieses Auftrags zu entledigen habe. Cromer schien sehr überrascht, denn er ist durch langjährige Berliner Tendenz und durch Graf Leyden daran gewöhnt, daß Deutschland zu allem, was er will, schleunigst ja sagt. Und zwar scheint er in diesem Fall so sicher darauf gerechnet zu haben, daß er sich nicht einmal die Mühe gegeben, Edmund um deutsche Hilfe zu bitten. In seinem langen Gespräch sagte Edmund ihm dies und setzte hinzu: »Nach den letzten Artikeln Mr. Chirols in der ›Times‹, welche ein Zurückgehen englischen Interesses in Ägypten konstatieren, nehmen wir an, daß Sie wirklich beginnen, sich von Ägypten zu desinteressieren, denn das werden Sie niemand in Deutschland glauben machen, daß Sie von der ›wickedness‹ von Tigrane Pasha abhängen. Geht Ihr Einfluß hier wirklich bergab, so kann es nur sein, weil Sie es wirklich so wollen.« Lord Cromer meinte, er würde mit seiner Behauptung recht haben, wenn der alte Khedive noch lebte, aber mit dem jetzigen sei alles zu schwierig. Edmund sagte, er sähe dies so sehr ein, daß er überzeugt sei, nur ein Khedivenwechsel würde Cromer à la longue nützen. Auf alle Fälle ist Edmund bei dieser Gelegenheit das gelungen, was ihm von Berlin aus vorgeschrieben wurde.

12. April. Morgens fand Edmunds feierlicher Empfang beim Khediven statt zur Überreichung seines Beglaubigungsschreibens, wobei das Komische war, daß Edmund besagtes Schreiben bei sich zu Hause liegen ließ. Eine große Kavallerieeskorte und ein vierspänniger Louis-XV.-Galawagen mit scharlachrot- und goldbekleideten Kutschern und Dienern, sowie ein zweiter Galawagen für Edmunds Suite holten ihn ab, und natürlich war eine große Menschenversammlung vor dem Hotel und an allen Fenstern to see the show. Edmund fuhr im ersten Wagen, von dem Zeremonienmeister Abrany Pasha begleitet. Vor dem Abdin-Palais war die Wache aufgezogen und spielte »Heil dir im Siegerkranz«, und dazu wurde von der Zitadelle geschossen. Der Khedive kam Edmund bis an die Tür des Audienzsaales entgegen und hörte stehend Edmunds Rede an, auf die er dann die seinige in Erwiderung ablas. Dann setzte sich der Khedive auf einen thronartigen Sessel, Edmund mit seiner Suite rechts von ihm und das ganze Ministerium und das Haus links von dem Khediven. Darauf wurde Kaffee und Tchibouks gebracht, und der Khedive soll for once sehr liebenswürdig gewesen sein. Bei seiner Abfahrt wurde für Edmund wieder »Heil dir im Siegerkranz« gespielt. Leider hatte Edmund ein entzündetes Auge, und ich war durch einen neuen Chamsintag Staubsturm. so krank, daß ich zu Bett bleiben mußte. Das vielgepriesene ägyptische Klima is a froud, denn Neuralgie, Augenentzündungen, Dysenterie und Unterleibsleiden sind à l'ordre du jour.

13. April. Wir gingen mit dem Prinzen Adolf von Mecklenburg-Schwerin nach dem Gouvernementsgebäude, wo der Teppich ausgestellt war, der alljährlich nach Mekka geschickt wird. Der Teppich besteht aus goldgestickten Seiden, die zur Bedeckung des Grabes Ibrahims und der Kaaba benutzt werden. Nachher werden sie in ganz kleine Stückchen in Mekka zerschnitten und zu fabelhaften Preisen als Heiligtümer verkauft. Ich sprach mit einem hiesigen Doktor, der die Wallfahrt mehrmals gemacht, und er beschrieb, wie er von seiner Karawane in 28 Tagen 2500 Menschen an der Cholera verloren habe. Der Schmutz und das Elend sollen schauerlich sein.

14. April. Morgens ganz früh mit Edmund zur Zitadelle gefahren, wo sich der Khedive, die ganzen Minister und Hofchargen versammelten, um den Teppich vor seinem Abgang von dem obersten Sheik segnen zu lassen. Es lag eine gewisse Ironie darin, daß die englischen Unterstaatssekretäre auch alle dabei sein mußten, und die Polizei und Soldaten, welche dem Teppich zu Ehren aufgezogen waren, auch von Engländern kommandiert wurden. Das Schauspiel selbst war wundervoll, als das Kamel, das den Teppich tragen wird, mit einem schwankenden Gebäude aus Goldstickerei auf dem Rücken dreimal um die mitten auf dem Paradeplatz stehenden Teppiche geführt ward, von einer Karawane andrer Kamele gefolgt, auf deren Rücken Trommelschläger sitzen und umgeben von einer Masse Priester, Volk, Soldaten und künftigen Wallfahrern. Dann wird das Kamel vor den Khediven geführt, der den Zügel küßt, was seine muselmännischen Minister und Hofchargen ebenfalls tun. Es war ganz reizend, wie majestätisch das Kamel dastand mit hoch empor gehaltenem Kopf, als sei es ganz durchdrungen von seiner eignen Feierlichkeit. Dabei schwankte das goldene Tabernakel ganz sanft und träumerisch auf seinem Rücken, und das Gold glitzerte in der Sonne gegen den blauen Himmel, wahrend unten ein Gewimmel gestickter Uniformen war mit roten Fes und grünen und violetten Mänteln der Sheiks. Es war das erste wirklich orientalische Bild, das wir seit Indien gesehen. Nach dem Vorbeimarsch des Teppichs folgte die Parade der ägyptischen Truppen, die ganz fabelhaft gut marschieren. Auch Artillerie mit dem schönen Leder und Strickzeug wie in Indien kam vorbei und Kavallerie mit ganz reizenden arabischen Pferden. Wenn die Engländer das Land erst mal ganz schlucken, beneide ich sie darum am meisten.

Nachmittags besuchte ich die Khediva, die mir sehr traurig und inquiète schien. Als ich von ihr herausging, blieb ich eine Weile ganz still auf der weißen Treppe stehen und schaute hinaus in den Garten, der so seltsam märchenhaft in der gelben Sonne vor mir lag. Nichts rührte sich, kein Blatt, kein Halm! An dem Teich standen Flamingos auf einem rosa Bein und spiegelten sich in dem glatten Wasser, man sah keinen Menschen und hörte keinen Laut. Es war wie ein Traum. Hinter mir das schneeweiße, festverschlossene Schloß, an dem kein Laden geöffnet, mit seinen kühlen, dunklen Zimmern, in denen die Sklavinnen lautlos vorbeihuschen, und im innersten Zimmer die arme Frau, die so sehr um ihr früheres Glück trauert und die mir so wehmütig gesagt hat, wieviel Kummer Söhne machen. Ich war nur halb erstaunt, in der Stadt zu hören, daß das Ministerium gestürzt und Nubar Premier geworden ist. An Stelle Tigrane, den wir sehr regrettieren, kommt Butros, der zwar ungebildet, aber natürlich begabt sein soll. Der größte Erfolg Cromers aber ist, daß Mustapha Fehmi Pasha, den der Khedive vor 1 ½ Jahren wegen zu argen Engländertums gestürzt hatte, als Kriegsminister wieder hineingebracht hat. Mir scheint, als wolle man dem Khediven noch a last chance geben und sehen, wie es mit einem Ministerium geht, in dem ein absoluter Engländerfreund ist und neben vielen Nullen der alte Nubar, der un charmeur ist und außerdem einer der gescheitesten Leute, die es überhaupt gibt. Die Gefahr scheint mir darin zu liegen, ob ein so eminenter Mann es verstehn wird, le rôle effacé zu spielen, was nötig ist, damit die Dinge hier glatt gehen. Macht der Khedive auch unter diesem Ministerium Seitensprünge, so ist seine Zeit wohl um. Chirol sagte neulich, dann solle man lieber gleich das ganze Khediviat abschaffen und einen türkischen Statthalter, etwa Moukhtar, hier haben. Uns kann es ja gleichgültig sein, es sei denn, daß die Engländer sich bei der Gelegenheit wirklich mit den Franzosen brouillierten und letztere Ägypten als ein orientalisches Elsaß ansehn lernten. Zum Sturz des Riaz Ministeriums hat Lord Cromer selbst nichts getan, aber er hat die englischen Beamten gewähren lassen, die beim Khediven gehetzt haben. Schließlich hat auch Mr. Chirol in alledem eine Rolle gespielt, denn er verurteilt Lord Cromers bisherige lässige Politik sehr, und dieser mag wohl Angst haben, daß die englische öffentliche Meinung, von Mr. Chirol beeinflußt, einen energischeren Vertreter englischen Prestiges in Ägypten verlangen könnte.

19. April. Nachmittags ein englisches Ehepaar in Koubbah besucht und mich an den Lichteffekten auf der Wüste bei untergehender Sonne und aufgehendem Mond erfreut. Eine minder erquickliche Wüste war die geistige der Unterhaltung. Zulficar, der frühere Zeremonienmeister, soll den Grafen d'Aubigny gefragt haben: »Avez vous des enfants?« »Non.« »Savez vous, si c'est votre faute ou celle de la comtesse?« – Als er später Reverseaux zur feierlichen Audienz abholte und mit ihm im Galawagen saß, frug er auch ihn: »Avez vous des enfants?« »Oui, j'en ai deux.« »Ce n'est pas beaucoup, mais c'est toujours mieux que votre prédécesseur, le Comte d'Aubigny, qui n'en avait aucun. A propos, pourriez vous me dire, si c'est sa faute où celle de la Comtesse?« »Comment, diable, voulez-vous que je le sache.« – Zulficar nach einer longue reflexion: »Quant à moi, je dois avoir à peu près une douzaine d'enfants morts – j'ai perdu le compte exacte!« Wir besuchten die Prinzessin Nazzli. Sie erzählte uns sehr amüsant aus den Zeiten Ismaels, der 870 Frauen hier zurückließ und jährlich für 40 000 Pfund Sterling in Konstantinopel kaufen ließ, abgesehen von den Einkäufen, die er noch privatim machte. Ganz neu war es uns, die Prinzeß sagen zu hören, daß Eunuchen sich auch verheiraten, wie sie es ausdrückte: »merely for household purposes«.

21. April. Nach Tisch kam wie gewöhnlich das Gespräch auf das Umsichgreifen der Engländer in Afrika. Und Kojander sagte, es sei ihm gar kein Zweifel, daß die Engländer schließlich alle andern Nationen herauswerfen würden, auch Deutschland aus Ostafrika, und schließlich in diesem Weltteil allein regieren würden.

22. April. Mr. Chirol hat Edmund den Namen »the kingmaker« gegeben, denn er hat seiner Meinung nach die letzte Krise gemacht. Reverseaux' Secretair hat geäußert, wenn die Engländer in Ägypten sich zu breit machten, würde Frankreich sich mit Deutschland vertragen und den Frankfurter Frieden pour tout de bon akzeptieren, um dann hier ungeniert gegen England vorgehn zu können. Lord Cromer ist nur leider zu vorsichtig, sonst hätte er es jetzt zu einer Khedive- statt Ministerkrisis kommen lassen können, denn in London war man bereit, bis zur Absetzung des Khediven zu gehn.

30. April. Nachmittags machte ich eine Fahrt mit Fräulein von Bülow; es war gerade das ägyptische Frühlingsfest und an allen Fenstern und Balkonen saßen dicke geschminkte Levantinerinnen in weiß und rosa Kleidern und Blumen im Haar und schauten träge auf die Straße oder in den Abendhimmel. Das ist ein spezielles Stimmungsmoment hier: »Langweilige Abende überflüssiger Tage.«

1. Mai. Wir fuhren nach Debreshin und von da zu Esel nach Dashour, wo wir bei Morgans lunchten. Er dirigiert die dortigen Ausgrabungen und es sind beides liebenswürdige, gescheite Menschen, die französischen Entrain und Verve besitzen ohne französischen Chauvinismus. Wir sahen wunderbare Schmuckgegenstände einer vor 4000 Jahren verstorbenen Prinzeß, und es hatte etwas »incongruous«, diese Sachen in einem modernen Koffercompartiment aufbewahrt zu sehen. Nachher stiegen wir in die Grabgänge herab, d. h. wir wurden an einem Strick herabgelassen in eine 14 Meter tiefe Grube, wobei die Araber, die uns herabließen, in einem fort sangen: »Betet für ihn,« was nicht gerade rassurant war. Unten wanderten wir herum und tranken schließlich in der Kühle Tee. Das haben sich die Leute, die dort ihre Toten verscharrten, auch nicht gedacht, daß nach 4000 Jahren Leute einer fremden Rasse in ihren Grabkammern Tee trinken würden. Auf der Oberwelt war es sehr heiß, und über der Wüste und den Palmen zitterte förmlich die sonnige Luft; aber im Vergleich zu Indien doch noch sehr erträglich.

6. Mai. Sehr schöne Kirche, auf die ich mich hier immer freue. Der Prediger macht aus dem Christentum so eine persönliche Sache, die sich für jeden anders gestaltet, und die wir uns jeder selbst erwerben müssen. Ich komme immer aus diesen Predigten mit viel guten Vorsätzen nach Hause. Religion ist die allerpersönlichste Sache, die bei einem jeden ein andres Gewand trägt. Woran man sie aber immer wieder in den verschiedensten Gestalten erkennt, ist, daß sie den Menschen erhebt und ihm ein Streben nach Vervollkommnung gibt.

25. Mai. Reverseaux kam zu mir und schüttete sein Herz aus, wie schwer er es hier gehabt habe, wo all die andern Generalkonsuls eigentlich Diener Cromers zu sein scheinen und er in nichts Widerspruch verträgt und alles gleich als politische Frage und Anfeindung Englands ansieht. Besonders von Heidler und Leyden ist er sehr verwöhnt. Letzterer soll, sowie Cromer mit den ägyptischen Ministern Schwierigkeiten hatte, zu diesen hingegangen sein, um sie zur Rede zu stellen und ihnen auszumalen, wie viel schlimmer sie es haben würden, wenn z.B. die Deutschen hier herrschten, und wie sanft und human die Engländer doch eigentlich seien! – In diesen Tagen spielte eine große Frage wegen Leuchtturmabgaben, über die Edmund Lord Cromer Opposition machen mußte, auf Grund des deutsch-ägyptischen Handelsvertrages. Lord Cromer soll darüber ganz fassungslos und heftig geworden sein, hat aber schließlich in allem nachgegeben, und ihn dann gebeten, Reverseaux und Kojander zur Annahme zu bewegen, was auch gelang. Kojander meinte, Edmund sei in den guten Traditionen deutscher Politik und habe sich die Rolle des ehrlichen Maklers erworben.

27. Mai schrieb ich an Kiderlen, weil ich fürchtete, Lord Cromer (der solche Verfahren liebt) könne sich am Ende über Edmund beschweren. »Lieber Herr von Kiderlen: Sie sagten mir, ich solle Ihnen einmal über hiesige Personen schreiben, und da muß ich wohl anfangen mit dem burra sahib, wie man in Indien sagt, d.h. mit dem großen Herrn Lord Cromer. Bei ihm fällt mir immer Indien ein, weil ich dort so sehr schlecht über sein rauhes, herrisches Wesen habe sprechen hören, und dann, weil er der Typus des weißen Mannes ist, der in langjährigem Kontakt mit ausschließlich niedrigeren, unterwürfigen Rassen einen falschen und übergroßen Begriff seiner persönlichen Macht und Wichtigkeit bekommen hat. Mit diesem Begriff ist er nach Ägypten gekommen und in demselben von den armen Ägyptern natürlich nie gestört worden, leider aber auch nie von seinen europäischen Kollegen, die sich mit Ausnahme der Franzosen und Russen geehrt zu fühlen scheinen, seine Adjutanten zu sein. So verträgt er keinen Widerspruch und behandelt alles sofort als Feindschaft gegen England. Man kann sich keinen Ort denken, wo so sehr wie hier mit großem Geschütz gearbeitet wird, da ist immer gleich die Rede von Englands Freund und Englands Feind, von Tripleallianz oder Dreibund. Man sieht eben aus allem hier, daß es den Engländern hauptsächlich darauf ankommt, bei den Ägyptern und fremden Vertretern den Glauben zu erhalten, daß sie Deutschlands Unterstützung stets auf ihrer Seite haben. Ihren Wunsch nach dem moralischen appui, den wir ihnen zu geben haben, können wir gar nicht übertaxieren, darum dürfen wir aber auch sagen: »We needn't make ourselves cheap.«

Juni. Edmund und ich hatten dieser Tage ein interessantes Gespräch mit Descos. Französischer Legationssekretär. Er meint, die Idee der Wiedererwerbung Elsaß-Lothringens sei für die Franzosen das Ideal gewesen, an dem sie sich geeinigt und aufgerichtet haben, es käme aber darauf an, ihnen jetzt ein andres Ideal zu suggerieren, damit die Elsaß-Lothringensche Frage beiseite gelegt werden könnte, und sie mit uns in Frieden ihre Kräfte auf außereuropäische Fragen richten könnten. Er meinte, während wir uns gegenseitig bewaffnet hypnotisierten, benutze England die Zeit, um einzusacken. Reverseaux hat dieselben Ideen eines Rapprochements und wünscht sich, nach Berlin zu kommen. Er sprach mir mit viel Begeisterung vom Kaiser, über den er viel durch Jules Simon gehört hat.

25. Juni. Morgens früh kam die Nachricht, daß Carnot ermordet worden sei. Le marquis de Reverseaux meinte: »Cela ne vaut guère la peine de vivre en république pour etre traité comme de vulgaires monarques!« Reverseaux reiste nachmittags ab, was ein rechter Verlust für uns ist, ich hoffe aber, daß wir ihn wiedertreffen werden, denn wir haben Ideen gemeinsam, für die es sich lohnte zu leben. Diese Idee ist ein Rapprochement mit Frankreich und dadurch Kräfte frei zu kriegen für die außereuropäische Entwicklung Deutschlands. Ein Ziel, das mir vorschwebt, ist, daß Edmund einmal Botschafter in Paris und von da vielleicht Statthalter im Elsaß würde. Da könnte er wirklich etwas tun.

9. Juli. Edmund erhielt einige Erlasse, wonach man in Berlin wieder englischer geworden scheint. Das Motto vieler dieser Schriftstücke könnte sein: »Wasch mich, aber mach mich nicht naß!« Die letzte Zeit war für uns ziemlich aufregend, weil Edmund Sorge hat, vielleicht etwas zu weit gegangen zu sein in seinem Bestreben, den Engländern hier zu zeigen, daß sie uns und nicht wir sie nötig haben. Es kam ein Erlaß an, wonach Lord Cromer in London, Berlin und Konstantinopel hat klagen lassen über die veränderte deutsche Haltung in Ägypten. Man scheint das aber in Berlin ziemlich kühl aufgenommen zu haben. Die Engländer sind hier auch sehr geladen auf den armen Khediven, und wenn es sich bewahrheitet, daß er eine Cousine des Sultans heiraten will, werden sie noch wütender werden. Man kann dem Khediven nur raten, sich ganz ruhig zu halten, denn sie lauern nur auf den Moment, ihm eine gehörige Demütigung anzutun. Ihre Politik indischen Fürsten wie dem Khediven gegenüber besteht ja darin: »Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt Ihr ihn der Pein.« So haben sie viele ihrer Eroberungen und Annexionen gemacht. Dem designierten Opfer wird ein Schuldbuch eröffnet und jede kleine Abweichung vom britischen Pfad stillschweigend eingetragen, bis die Seite ihrer Ansicht nach voll ist. Dann klappt das Buch wie eine Falle zu und der arme Orientale liegt zerquetscht darin.

10. August. Um 7 morgens von Alexandrien abgefahren, Zu kurzem Urlaub nach Europa. heut ganz früh in Brindisi angekommen und es dankbar empfunden, mit welch andrer Seelenruhe wir diesmal Europa wiedersehn, als bei unserer Rückkehr von Indien. Es ist ein herrliches Gefühl, einen Urlaub zu beginnen, ohne etwas »erreichen zu müssen.«

17. August. Abends spät in Berlin angekommen; nach Buckow weitergefahren und die Kinder gottlob! sehr wohl gefunden. Das Gefühl gehabt, ein semblant von home zu haben.

20. August. Von Edmund hörte ich aus Berlin, daß Lord Gromers Klagen über ihn nichts geschadet hat, da es in eine Zeit fiel, in der man des Kongovertrags halber auf England etwas giftig war. Man hat das schnelle Nachgeben Englands in der Kongofrage mit Edmunds schroffer Haltung in Ägypten in Zusammenhang gebracht und sie ihm daher gedankt. Es hätte aber leicht schief ablaufen können, denn es war so weit gegangen, daß die Königin sich beinah beim Kaiser beklagt hätte. Dies soll noch Graf Hatzfeld abgewandt haben. An den Rand eines Briefes von Sir Edward Malet soll der Kaiser bemerkt haben, »Lord Cromer solle man etwas Höflichkeit lehren!« Edmund hatte den Eindruck, daß seine Haltung im Auswärtigen Amt aber großes Aufsehen gemacht hat, weil es eben so wenig Leute mehr gibt, die Initiative haben und etwas riskieren. Der Botschafter Bülow war gerade in Berlin und sagte Edmund ganz erstaunt, er habe ja ganz etwas Neues eingeleitet. Sehr zufrieden sind natürlich die Kolonialabteilungsleute. Edmund merkte dort, daß man sehr daran denkt, von England etwas Greifbares zu erhalten, und nichts mehr umsonst tun will; man spricht von Samoa, aber eigentlich meint man Sansibar, dessen Verschleuderung jetzt doch S. M. und Caprivi sehr wurmen soll. Im Auswärtigen Amt scheinen aber mehr und mehr Parteiungen zu entstehn. Caprivi soll jetzt in alles mit hineinreden, besonders in Personalia, weil er sich einbildet, jetzt schon was zu verstehn; dann Marschall, den Caprivi impatientiert, dann Holstein und Kiderlen, welche beide auf Caprivi erbittert sind, und endlich die vielen Geheimräte, die sich zu Besserem berufen glauben. Edmunds Eindruck war, daß Marschall zu einer entschiedenen Behandlung der Engländer neigt. Holstein aber hat Edmund gewarnt und ihm gesagt, man wüßte doch nie, wie weit des Kaisers englische Sympathien reichen, in dieser Frage sei er ja sehr deutsch geblieben, aber er hinge an seinen Ferientagen in Cowes, wolle dort freundliche Gesichter sehen und würde dafür auch mal ein Opfer bringen.

1. September. Wir lunchten bei Kiderlen mit Lindenau und Pieper, welcher letztere so spricht, als habe er die moderne Geschichte eigentlich gemacht. Natürlich war viel von Bismarck die Rede und Pieper meinte, dessen eigentliche Ambition sei gewesen, Bundesfürst zu werden. Darum sei ihm die Verleihung eines bloßen Titels eines Herzogs von Lauenburg auch wie eine Ironie erschienen.

3. September. Edmund hat gestern bei S. M. in Berlin dejeuniert. Der Kaiser soll sehr gnädig gewesen und mit Edmunds Haltung in Ägypten zufrieden sein. Man sähe ja nun, daß die Engländer keinen Schritt ohne uns in Ägypten vorwärts könnten, er habe seinen Aufenthalt in England benutzt, um zu sagen, daß man Lord Cromer doch zu etwas größerer Höflichkeit anhalten möchte. Die Kaiserin soll infolge einer Schweninger Kur sehr elend aussehen und Edmund mit maskierter Ungnade behandelt haben.

Oktober. In der Vossischen Zeitung erschien ein Artikel über Edmunds Differenzen mit Lord Cromer und daß man in der deutschen Kolonie in Ägypten sehr froh sei, daß Edmund nicht zweiter englischer, sondern deutscher Vertreter sei.

20. Oktober. Bei scheußlichem Wetter abgereist nach Rom.

28. Oktober. Früh in Port Said angekommen, wo uns Konsul Bronn mit der Nachricht empfing, daß Caprivi abgegangen sei, Osman mit derjenigen, daß unser Haus, unsre Wohnung im Ghezireh Harem abgebrannt sei. Wir mieteten in Kairo einen einzelstehenden Kiosk im Park von Ghezireh, derselbe war früher von Ismael Pasha für Feste gebaut und stand seitdem sehr verwahrlost als Möbelschuppen da.

November und Dezember vergingen ganz mit Einrichten und Auspacken und vielem Ärger über die Langsamkeit der Arbeiter. Dazwischen war ich viel krank.

Am 24. Dezember. Weihnachtsabend zogen wir endlich in unser ganz unfertiges Haus und waren sehr glücklich, aus dem Hotelleben endlich herauszukommen.

Am 27. gab ich ein Weihnachtsfest für die deutsche Schule mit Schokolade, Spielen im Garten, Baum und Aufbau. Die 50 Kadetten vom Schulschiff »Stein« waren auch dabei, und einer, der Edmund nicht kannte, sagte zu ihm: »Die Baronin Heyking ist doch zu hübsch!« Mir wurde beim Anblick der 70 Kinder ganz traurig, und ich dachte so sehr an die meinen. –

2. Januar 1895. Morgens ein Telegramm bekommen, daß Tante Max Maximiliane, Gräfin Oriola, geb. von Arnim, Schwester der Mutter von Elisabeth. am Sylvesterabend gestorben. Es betrübte mich sehr, denn es ist ein ganzes Stück Jugenderinnerung, das damit hingeht. Es sind nur noch so wenige übrig, die mich von klein auf liebgehabt haben, und wie bald werden auch die fort sein.

27. Januar war morgens früh Kirche zu Kaisers Geburtstag und dann großer Gratulationsempfang bei uns. Es kamen zirka 100 Personen, die alle kaltes Lunch bei uns bekamen. Nachmittags weiterer Empfang und abends großes Bankett in der Stadt, bei welchem Edmund eine ganz famose Rede hielt. Alle Deutsche sagten, sie hätten noch nie so reden gehört!

30. Januar. Abends fuhren wir nach Koubeh, um die Hochzeit der Prinzeß Hadshat Hanem, Schwester des Khediven, zu sehen. Der ganze Garten war herrlich beleuchtet, und im Schloß brannten lauter silberne hohe Leuchter. Es wurden uns mit gewohnter orientalischer Schamlosigkeit das rosa Atlasbett, die Nachtgewänder und dann auch die Geschenke gezeigt. Nachdem wir alle in einem großen Saal Platz genommen, wurde die Braut hereingeführt, unterstützt von zwei Brautjungfern. Sie trug ein goldgesticktes rosa Atlaskleid, und von beiden Seiten des Kopfes hingen ihr goldene Fransen in der Art unsrer Weihnachtslametta bis auf die Füße. Sie wurde auf den Thron gesetzt und nach Herzenslust angestarrt. In der Hand hielt sie einen Strauß, und in jeder Blume funkelte ein Edelstein. Die Khediva warf dann kleine commemorative Goldmünzchen unter die Menge, welche Glück bringen sollen, und wir alle krabbelten auf dem Boden danach herum. Zum Schluß gab es Souper in einem Zelt, und einige Einheimische zerrissen Fasanen mit den Fingern und fraßen sie so vor der Khediva. Der Gesamtanblick des Festes, bei welchem nur Frauen jeder Rasse und Schattierung, aber kein einziger Mann waren, gefiel mir eigentlich viel besser als unsre Gesellschaften mit den vielen Fracks.

1. Februar. Empfangstag bei mir. Wie immer sehr überfüllt und angreifend.

4. Februar. Mit Prinzeß Croy zu Madame Izzet, einer Adoptivtochter Ismaels. Ich frug sie, wer denn die Favoritin gewesen sei, für die unser Haus erbaut worden ist. Sie antwortete: »Son altesse n'a jamais eu de préférée, il a été bon envers toutes.« Echt orientalische Auffassung.

10. Februar. Großes Diner bei uns für Prinz Hussein mit lauter hübschen Damen. Es war viel die Rede von unserm gestrigen incident de voiture, wo vor dem Hotel Shepheard ein englischer Polizeioffizier unseren Kutscher malträtiert hat. Edmund hatte volle Satisfaktion verlangt, was den Engländern aber nicht bequem ist.

19. Februar ein Fancydressball bei Lady Walker; ich war ein schwarzer Schmetterling. Ich suche mit der Laterne nach einem Menschen, der mich und den ich interessierte!!

20. Februar. Izzet gab ein türkisches Diner für uns, bei welchem wir alle, um ein großes silbernes Brett sitzend, mit den Fingern aßen. Das Diner war vortrefflich, und dank eleganten Servierens, vieler Wäsche und Waschens war die Prozedur weit weniger eklig, als ich fürchtete. Nachher rauchten wir aus diamantbesetzten Tschibouks. 25. Februar. Ball beim Khediven; die Globetrotters brachten uns beinahe um wegen Einladungen.

1. April. Großer Deutschen-Abend im Hotel Shepheard. Edmund brachte das Hoch aus. Edmund erhielt einen Brief von Kiderlen, der ihm sagt, man hielte ihn im Auswärtigen Amt für zu antienglisch, und ihn warnt, nicht in einen latenten Widerspruch hineinzugeraten und sich mit den Engländern hier gut zu stellen, aber ohne jähen Umschwung. Der Brief ist sehr freundlich, hat uns aber doch etwas konsterniert, weil wir gar nicht das Gefühl haben, in diesem Winter irgendwie antienglisch gehandelt zu haben. Es müssen die Nachwirkungen vom vorigen Sommer sein, und erinnert mich daran, daß betrogene Ehemänner auch meist erst ihr Unglück erfahren, wenn es zu Ende ist. Kiderlen schreibt, es bestände in Berlin das Axiom, man dürfe die Engländer überall zwicken, nur in Ägypten nicht.

5. April. D'Abzac besuchte mich, und wir sprachen davon, wie man sich in Konversationshinsicht ausbilden und vervollkommnen kann. Ein geistiges Milieu trägt natürlich am meisten dazu bei, aber da man sich das ja nicht auf Wunsch schaffen kann, muß man es durch Lektüre zu ersetzen suchen. Man muß erstens amüsante Dinge wissen, zweitens sich ihrer im rechten Augenblick entsinnen, drittens sie in präziser Form ausdrücken und vor allem nie praeokkupiert sein, sondern das Momentane seiner ganzen Aufmerksamkeit wert sein lassen. –

6. April. Abends dinierten Lady Charles und Mr. Chirol bei uns, der eben nach China und Japan reist, wahrscheinlich um von dort aus durch die »Times« dafür Stimmung zu machen, daß es doch undenkbar sei, daß man zwei Völker sich bekriegen lassen könnte, ohne daß für England ein Vorteilchen abfiele.

10. April. Wir haben nicht viel geistige Anregung hier, und ich denke oft an die geistigen Possibilitäten, aus denen nichts geworden ist, an alle die Gedankenkinder, die ungeboren geblieben sind. Und ich sage mir, daß ich wohl einmal während weniger Stunden die Kraft gehabt habe, mein Leben in die Hand zu nehmen und selbst zu formen, daß es mir dann aber aus der Hand geglitten ist und seitdem so dahinrollt, ohne daß ich die Energie hätte, es wirklich zu dirigieren. Ich hatte damals so viel Aspirationen nach künstlerisch-geistigem Leben, aus denen gar nichts geworden, und wir haben so lange in so entlegenen trieblosen Gegenden gelebt, bis das alles in mir eingeschlummert ist. Der Charme mancher Frauen besteht aber darin, daß man ihnen anmerkt, sie hätten vieles leisten können, wenn der Boden nur etwas günstiger gewesen wäre. Vielleicht muß man sich damit bescheiden und suchen, in andern Leistungen zu erwecken. Mir ist jetzt oft so weh ums Herz, wie vor 16 Jahren, als ich selbst 16 alt war und so eine erdrückende Melancholie ohne Ursache in mir trug, die mich zum Schreiben, Malen, Musizieren trieb, zu allem, worin ich das innerste Ich zu betätigen hoffte. Vielleicht sind das Krisen, die man nicht nur beim Erwachsen durchmacht, sondern auch in dem an sich viel traurigeren Moment, wenn die Jugend Abschied nimmt.

22. April. Es kamen sehr aufregende Telegramme, daß Deutschland mit Frankreich und Rußland bei Japan gegen den japanisch-chinesischen Friedensvertrag protestiere. Edmund freute sich über diese neue Politik, die ganz seinen Anschauungen entspricht. Die Engländer hier sind wütend.

5. Mai. Wir hatten eine Zeit reizendster Stille. Tagsüber malte ich an den Türen unsres Saals, und abends las mir Edmund vor, u. a. auch »Werther«. Mich frappierte darin besonders, was er über den Selbstmord sagt, daß es nämlich Leidensgrade so gut wie Krankheitsgrade gibt, die ein Mensch eben einfach nicht mehr aushalten kann und dann so oder so stirbt. Edmund und ich genießen die Zeit so unbeschreiblich und freuen uns an diesem Beispiel, daß wir uns heute wie vor 10 Jahren ganz und gar selbst genügen und nichts andres zu unserm Glück brauchen. – –

10. November. Wir sprachen die Prinzeß Nazzli, die voll von allerhand Prophezeiungen war. Sie sprach von Weissagungen und Propheten als ganz etwas Alltäglichem, und man fühlte sich wie in die Bibel zurückversetzt. Orientalen liegen diese Gedanken doch ganz anders nahe als wie uns. Die Prinzeß sprach aber auch von einer großen Aufregung, die in der mohammedanischen Welt herrsche, von der allgemeinen Unzufriedenheit mit der Mißwirtschaft des Sultans; sie sagte, letzterer habe von den armenischen Greueln nicht nur gewußt, sondern sie angeordnet und sie sich seit Jahren vorgenommen. Solange es sich nur um die Armeniermetzeleien gehandelt habe, seien die Türken ganz gern de la partie gewesen, aber jetzt, wo auch große Zahlen von Türken verschwänden, seien auch alle Mohammedaner voll Abscheu gegen Seine Majestät. Der Sultan soll eigenhändig Leute erdrosseln, sich am Wimmern der Gefolterten ergötzen, dadurch Appetit bekommen und sich das Leben Neros und Caligulas vorlesen lassen. Er hält sich durch die hohen Löhne, die seine ganze Umgebung erhält, und als Leibwache hat er nur Leute, die wegen mehrfacher Morde verurteilt sind. Prinzeß Nazzli sagt, die französische Presse erhalte 40 000 Pfund Sterling, um über alles zu schweigen, und sie meinte, die verschiedenen Botschafter berichteten immer anders über den Sultan, als sie sollten, weil er ihren Frauen und Töchtern derartige Geschenke mache, daß sie eben die Augen zumachten. In den ägyptischen Nativezeitungen erscheinen jetzt enthüllende Artikel über das, was in Konstantinopel vor sich geht, geschrieben von einem Ägypter, der jahrelang in Konstantinopel im Unterrichtsministerium angestellt war, und diese Artikel sollen übersetzt jetzt in Europa in Zirkulation kommen. Hiesige Zeitungen bringen auch die Nachricht, es seien Türken nach Kairo gekommen, um Nubar, Tigrane und Jacoub Artin zu ermorden, gegen welche der Sultan einen besonderen Haß habe wegen ihrer Partizipierung am armenischen Komitee. Tigrane erzählt, es seien eine Menge armenische Witwen hier, deren Männer massakriert worden wären, und es kämen immer noch neue Flüchtlinge an.

21. November. Wir fuhren ins Shepheard, wo wir die Prinzeß Amalie von Schleswig-Holstein, Tante der Kaiserin, kennen lernten. Sie ist eine unternehmungslustige 70jährige Dame, die die oberägyptische Tour machen will.

2. Dezember. Wir fuhren nachmittags zur Prinzeß, um auf ihrer Dahabeah Tee zu trinken, und es war ein so wonniger Tag, daß Edmund und ich im Wagen zueinander sagten, wie dankbar wir doch sein müßten, gerade hier diese zwei Jahre zugebracht zu haben. Bei Tisch wurde uns ein Chiffretelegramm gebracht. Die ersten Worte »Ew. Hochwohlgeboren sind zum« machten uns gleich stutzig, dann aber kam »executio«, was uns wieder die Hoffnung gab, daß es sich um irgendeine juristische Sache handle. Der Glaube aber war zerstört, als »in Tanger ausersehen« dechiffriert war und sich das »executio« als »Gesandter« erwies; es folgte »Erlaß über Ernennung in einigen Tagen«. Wir waren ganz starr und enttäuscht. Wir haben in der letzten Zeit immer an Japan gedacht. Tanger ist so sehr niederdrückend, weil dort so sehr wenig zu tun sein kann. Uns war zumute, als sei uns ein Stein auf den Kopf gefallen. Ich hätte nie gedacht, daß es unser Los sein würde, über das Gesandterwerden so unglücklich zu sein!

3. Dezember. Wir fühlen allen an, daß sie uns bedauern, nur Nubar meint, der hiesige Posten nähme doch täglich an Bedeutung ab, und wir seien doch alle bei Cromer und nicht beim Khediven akkreditiert.

Ich fuhr zum Tee zur Prinzessin von Holstein und erzählte ihr, wieviel uns bei der Kaiserin von Putlitzens geschadet worden ist. Sie war reizend freundlich und versprach, der Kaiserin über uns zu schreiben.

7. Dezember. Ein Reutertelegramm soll die Nachricht bringen, daß Graf Metternich aus London hierher ernannt worden ist. Das macht uns die Sache ganz besonders hart, denn hier, wo jeder die Versetzung als eine disgrace ansieht, gibt dieser Nachfolger ihr noch den Beigeschmack, als sei man mit Edmunds Haltung hier unzufrieden und wolle in englandfreundliche Bahnen einlenken. Und dabei hat Edmund nach besten Kräften hier gearbeitet, hat keine Mühe gescheut und den Posten entschieden gehoben, indem er gezeigt hat, wie empfindlich die Engländer hier sind und wie hoch wir unser Wohlwollen hier uns könnten bezahlen lassen. Das Selbstgefühl aller Deutschen hat er erhöht, und so waren alle hier auf ihre Vertretung stolz. Und nun ein Posten, wo nichts zu tun ist, und wo man nur hoffen kann, daß nichts vorkommen wird, denn für Deutschland kann dabei ja doch nichts herauskommen, nur Unannehmlichkeiten für den betreffenden Gesandten.

9. Dezember. Edmund erhielt endlich Erlasse aus Berlin über die Versetzung, und sie waren so freundlich abgefaßt, daß wir uns sagten, man könne im Auswärtigen Amt unmöglich die Sache böse für uns gemeint haben. Am erfreulichsten war uns, daß man uns bis in den Februar hier lassen will, dann soll Edmund nach Berlin kommen, um sich bei S. M. zu melden, ehe er nach Tanger geht. Wir waren sehr froh darüber, denn das widerspricht am meisten den hier verbreiteten dummen Gerüchten.

22. Dezember. Ein Brief von Kiderlen, der schreibt, er sei ganz verwundert über Edmunds Ernennung, das Auswärtige Amt aber ebenso, denn niemand habe daran gedacht, ihn für Tanger vorzuschlagen, sondern der Kaiser habe alle anderen Kandidaten abgelehnt und gesagt: »Ich brauche dort einen klugen und energischen Vertreter, Heyking soll hingehen.« Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn die Unannehmlichkeit des Orts will ich ja gern ertragen, wenn es nur für Edmunds Karriere nicht schlecht ist. S. M. macht sich ja wahrscheinlich Illusionen über den Posten, aber daß er so ganz direkt an Edmund gedacht hat, macht mich doch glücklich. Es ist nur das Unglück, daß wir all unsre Gedanken auf Ostasien gerichtet hatten. So wird es Edmund entsetzlich schwer, sich in diese ganz andre Richtung einzuleben, und er hat leider die Empfindung, auf den Posten nicht hinzupassen. Ihm wird auch die Abreise von Kairo viel schwerer wie mir, weil er sich hier viel mehr attachiert hatte, und er überhaupt eine sehr weiche, impressionable Natur hat. Und wenn ich dann sehe, wie er bei mir Mut sucht, weiß ich gar nicht, was zu sagen, denn ich habe ja auch ein wahres Grauen vor diesem Posten. Meine letzten paar guten Jahre werde ich in einer Einöde zubringen. Hier war man mal endlich etwas in der Sonne, wurde von Leuten gesehen und konnte sich auch in Deutschland dadurch etwas einen Namen machen; nun wird man wieder in die Ecke gestellt.

2. Januar 1896. Ein recht amüsantes Buch gelesen: »British Barbarians« by Grant Alla. Zwei Sätze frappierten mich darin: »Literature is mainly the expression of souls in revolt«, und dann ein aus Herbert Spencer entnommener Gedanke, daß wir nicht berechtigt sind, die in uns liegenden Ideen als unzeitgemäß zu vergraben, weil sie und wir doch eben unsrer Zeit angehören und jeder verpflichtet sei, für seine Überzeugungen zu kämpfen als Vater der kommenden Zeit.

3. Januar. Die Telegramme brachten die erstaunliche Nachricht, daß ein Dr. Jameson, Angestellter und Protégé von Cecil Rhodes, mit einer bewaffneten Schar in Transvaal eingefallen, von den Boers aber geschlagen und gefangengenommen worden sei.

4. Januar. Unser Kaiser hat an den Präsidenten Krüger telegraphiert, um ihm zu dem Sieg über Jameson zu gratulieren. Edmund und ich waren ganz glücklich über diese Nachricht. Ich erinnerte mich gleich eines Briefes von Neustadl, daß die Delagoabai und Transvaal dasjenige seien, was wir nie dürften in die Hände der Engländer fallen lassen. Gottlob, wenn der Kaiser das erkennt und bereit ist, dafür einzutreten!

5. Januar. Natürlich ist fortwährend von Transvaal die Rede. Deutsche und englische Zeitungen schreiben höchst erbittert. Der deutsche Antagonismus gegen die Engländer bricht gänzlich aus, und der Kaiser kann sich sagen, daß er das ganze Volk hinter sich hat. Ein Auftreten gegen England ist das Populärste, was man heutzutage tun kann. Wenn nur dem Kaiser nicht der Atem ausgeht unter dem Druck des Familieneinflusses, der sicher mit aller Macht nun in Bewegung gesetzt werden wird. Unsre hiesige Inaction wird mir in dieser Zeit zu schwer. Wäre doch etwas zu unternehmen gegen dieses Volk, das uns schädigt, wo es kann, und davon lebt, uns mit Frankreich zu verhetzen. Dabei bin ich sicher, daß es Edmunds Mission sein könnte, in diesem Kampf, der über kurz oder lang mit England kommen muß, neben unserm Kaiser zu stehen. Er braucht jemand, der seine Ideen aufnähme und nicht zuließe, daß sie durch Entgegenwirkende im Sande verliefen. Wie vor 66 und 70 die Armee, so müßte jetzt die Marine ausgebildet werden, damit wir im gegebenen Moment nicht zu weichen brauchten. Ich bin sicher, daß die Begeisterung, die ich für diese Idee im Herzen habe, nicht etwas Vereinzeltes ist, sondern ein Ausdruck der Zeit; aber diese Zeitströmung muß ihren großen Mann finden, der sich an ihre Spitze stellt, sie verkörpert und durchkämpft. Der Kaiser muß das so recht fühlen, denn er gehört unsrer modernen Zeit an, aber die Diplomaten älteren Schlages bei uns kennen ja die Welt zu wenig, um zu wissen, daß die wichtigsten Fragen jetzt außerhalb Europas liegen. Ihnen sind die Kolonialangelegenheiten immer noch unangenehme Zugaben, die zu der eigentlichen Politik hinzugetreten sind.

6. Januar. Viele Leute sagen uns, daß die Depesche des Kaisers eine besondere Genugtuung für uns sei, denn nun könne kein Mensch mehr sagen, daß Edmund wegen antienglischer Richtung versetzt würde. Die Freude, daß Deutschland endlich mal wieder in die Welt eingreift, verdrängt ja momentan die persönliche Unzufriedenheit, aber dazwischen fällt mir doch der Gedanke an Tanger immer wieder wie ein Stein aufs Herz. Was sollen gerade wir dort, die wir soviel Schaffensdrang in uns fühlen.

9. Januar. Ich schrieb an Kiderlen, um ihm zu sagen, wie gern wir in außerordentlicher Mission nach Pretoria gehen würden. Wir wären sehr glücklich über diese Wendung, von dem uninteressanten Tanger loszukommen und an einem momentan wenigstens wichtigen Posten zu stehen. Wie gern diente man dort dem Kaiser, wo man so mit Herz und Seele dabei wäre.

12. Januar. Abends kam ein Chiffretelegramm, und wir waren außer uns, als wir die ersten Worte: »Graf Metternich« entzifferten, da wir nicht anders dachten, daß es nun heißen würde, wir sollten gleich weg; statt dessen kam aber, daß wir bis 1. März bleiben sollten, eine besondere Freundlichkeit von Marschall.

13. Januar. Edmund und ich machten Besuche und genossen die verdutzten englischen Gesichter, daß wir soviel länger bleiben.

14. Januar. Diner beim neuen Okkupationsgeneral Knowles, der uns erzählte: »On New Years I wanted to be particulary polite to all the Consul Generals and went to call on them in uniform, but one Der russische! of them told me, it is not my New Years day! Now have you ever heard of a man who pretends having another New Years day than the rest of the world! They are indeed strange people.«

16. Januar. Wir gaben ein höchst gelungenes Diner für Croys und Arnims. Letzterer entpuppte sich als großer Kolonialfreund und sagte mir, er träume von einer Allianz mit Frankreich gegen England, das uns schade, wo es könne. Er hält Hatzfeld für ein entgegengesetztes Element, da derselbe ganz unter Rothschildschem Einfluß stehe. Ich war ganz entzückt, mal einen Deutschen so ganz unsre Ideen aussprechen zu hören; sie müssen eben doch zeitgemäß sein.

17. Januar. Langes Gespräch mit Arnim, welcher im Reichstag eine große Vermehrung der Flotte beantragen will. Er sagte mir viel Schmeichelhaftes über die Stellung, die Edmund hier einnehme, und er sieht es als einen großen Fehler an, einen bekannten Anglomanen wie Metternich hierherzusenden.

20. Januar. Wir dinierten bei Gräfin Landberg, Gattin des früheren schwedischen Generalkonsuls. und ich saß neben Boutros Pascha, der darauf trank, daß wir Botschafter in Konstantinopel werden möchten! Auf meiner andern Seite saß Mr. Louis, und ich stimmte mit ihm über ein, welch ein Segen doch Klöster seien, in denen man zuweilen, wenn man lebensmüde und nervenkaputt ist, eine Retraite machen könne; für uns arme Protestantinnen heißt es, sein Päckchen weitertragen, bis man umfällt oder in eine Maison de santé muß. Und wie nötig hätte man doch manchmal solch eine kleine Retraite. Oft bin ich so herunter, daß ich ruhig vor mich hinweine. Ich habe eben alles auf Edmund gesetzt, und gehe ganz in ihm auf, und jetzt, wenn ich so zurückblicke, sehe ich wie so manches andere Interesse aus meinem Leben geschwunden und abgestorben ist. In der einen Sache lebe ich so intensiv, daß ich notwendigerweise in allem andern verarmen mußte, – if this one thing fails me, upon which I put my all, werde ich bettelarm sein.

22. Januar. Der frühere Botschafter Baron Stumm und seine Frau besuchten mich. Er interessierte mich sofort ungeheuer – aber mit welchem Pessimismus sprach er und wie trübe scheint die Zukunft unsres Landes, wenn man ihn hört. Der Kaiser umgeben von lauter charakterlosen Leuten, die nur den einen Wunsch haben, daß keine neue Arbeit entstehen möge. Über meinen Wunsch, nach Transvaal zu kommen, war er anfänglich ganz erstaunt, aber er verstand mich darin – die meisten Leute verstehn ja überhaupt nicht, daß man etwas leisten will, – doch er warnte mich, das nicht merken zu lassen, weil man dann in Berlin für gefährlich gelte. Er erzählte mir, daß er durch Mißhelligkeiten mit Holstein dazu gekommen sei, den Abschied zu nehmen. Er nannte Holstein eine Schattenpflanze, die nur im Dunkeln leben kann; durch dieses Dunkel aber bestände überhaupt sein Ruf. Müßte er je, wie wir alle, sich unter das elektrische Licht stellen, so würde alle Welt sagen: »Mais ce grand homme n'est q'un homme en carton.« Die Tragik in Holstein sei, einen ursprünglich vornehmen Mann Verräter werden zu sehen. Stumm meint, eine große Schwäche von Holstein sei auch, daß er sich plötzlich Dinge in den Kopf setze, indem er hinter Kleinigkeiten große Intrigen wittre.

29. Januar. Herr Allers, der Maler, der das Bismarckalbum herausgibt, lunchte bei uns, und es war sehr amüsant, diesen Urmenschen über Bismarck als »der Olle« reden zu hören. Die vielen amüsanten und interessanten Menschen, die man hier kennenlernt, waren auch eine Glanzseite vom lieben Kairo.

31. Januar. Ich fuhr mit Prinzeß Croy nach Koubeh zu den Khedivas, Der Khedive hatte sich 1895 vermählt. die uns die kleine Prinzeß zeigten. Comme dernier cri de l'occupation anglaise hat sie eine englische Nurse und trägt das Haar in anglaise Locken.

4. Februar. Der Packer ist dagewesen und so wird denn die Zerstörung unsres reizenden Hauses bald beginnen. Mir wird dabei ganz weh ums Herz. Ich lernte dieser Tage Lord Charles Beresford kennen. Er sagte mir, daß er dagegen sei, daß England Allianzen schlösse, »for at a given moment we shall always play the part of traitors; if we were allied to either, France or Germany, and they took to fighting and we wanted to join as we ought according to our alliance, the Government which undertook this, would at once be overthrown by the poeple. Everybody would say, it is no concern of ours, let them fight it out by themselves.« Lord Charles meint, Englands richtige Politik sei gerade, isoliert zu sein, dabei aber so stark, daß niemand es zu attakieren wagen würde.

5. Februar. Edmund und ich aßen bei Gräfin Landberg im Shepheard und blieben dann dort im Hellmersbergerschen Quartett. Ich fand es eigentlich recht schwach, aber es erinnerte mich an die Quartette Sonntags morgens bei Papa, die vergangen und verklungen sind wie so manches andere, das man kaum schätzte, als man es hatte.

Wie ausruhend wäre es, einmal wieder auch nur auf ein paar Stunden so ganz sorglos wie damals sein zu können! Ich habe diesen Wunsch oft so intensiv, wie man auf einem schwankenden Schiff wünscht, daß es nur auf ein paar Minuten stilliegen möge, oder wie man bei rasenden Zahnschmerzen wünscht, daß sie uns nur endlich auf ein ganz kleines Weilchen verlassen. Ich sage mir oft, daß die furchtbar melancholische Stimmung, in der ich mich seit Wochen befinde, krankhaft sein muß, und suche dagegen anzukämpfen, ohne zu können. Es ist mir, als würde bald eine große Welle, die immer näherkommt, über mir zusammenschlagen. Vielleicht kommt es von den Kopfschmerzen, an denen ich beinah beständig leide.

6. Februar. Wir gaben ein recht wohlgelungenes Diner, bei dem auch Dr. Bumiller Deutscher Afrikareisender, seit 1895 Regierungsrat im deutsch-ostafrik. Gouvernement. war. Er erzählte, daß so viele Deutsche hier, ohne uns zu kennen, die größte Verehrung für Edmund hätten, weil er sich nicht scheue, gegen die Engländer Front zu machen. Es ist ganz merkwürdig, wie tief dies Gefühl in den außerhalb Deutschlands lebenden Deutschen wurzelt. Abends im Klub erzählte Moxley Edmund, in England sei gegen Deutschland eine sehr kriegerische Stimmung und die Engländer sagten, da sie nur ein Söldnerheer hätten, so würde für sie ein Krieg gar nicht die Schrecken haben wie für uns. Lord Cromer soll erzählen, er sei immer viel zu freundlich gegen die Deutschen gewesen, besonders darin, daß er erlaubt habe, Sudanesen anzuwerben.

8. Februar. Wir waren zum Tee bei der Prinzeß Nazzli, wo das Hellmersbergersche Quartett spielte. Ich lernte die Herren kennen und unterhielt mich gut mit ihnen, suchte auch ganz besonders nett zu sein, nachdem ich erfahren, daß Lady Cromer, bei der sie umsonst für den Herzog von Cambridge gespielt, sie nicht aufgefordert hat, mit ihren übrigen Gästen zu soupieren, sondern für sie in einem andern Zimmer servieren lassen wollte. Die Hellmersberger gingen natürlich indigniert fort, und der Diener lief ihnen nach, um sie mit dem Versprechen »there will be champaigne, Sir«, zurückzulocken. – Einer der Herren ist lange in Japan gewesen und erzählte von der hochgradigen Nervosität von Gutschmid. Er meinte, durch die vorjährige Intervention beim Friedensabschluß habe Deutschland viel in Japan verloren; jetzt würden möglichst alle Deutschen von dort entlassen und alle Bestellungen flössen nach England.

9. Februar. Herr von Mumm, Frhr. Mumm v. Schwarzenstein, damals vortr. Rat im Ausw. Amt. der eben von Berlin angekommen war, suchte uns über Tanger zu trösten und sagte, es sei in Berlin in keiner Weise unfreundlich gemeint gewesen. Das Auswärtige Amt soll Edmund für Japan proponiert haben, und dann wäre Gutschmid mit dem man dort unzufrieden ist, nach Tanger gekommen. Der Kaiser soll das aber nicht gewollt haben, um den Japanern, die Gutschmid nicht mögen, »nicht den Gefallen zu tun«, und soll dann gesagt haben: »Dann kann ja Heyking hingehen.« Wir sind ja nach wie vor schrecklich deprimiert und man sieht so recht, wie man vom Zufall abhängt, aber es ist wenigstens nicht als Disgrace gemeint gewesen, wenn es auch hier jeder so ansieht.

10. Februar. Die Erbgroßherzogin von Sachsen kam abends an und wir fuhren auf die Bahn, sie abzuholen. Edmund hatte von Mumm erfahren, daß ihr viel Böses über mich erzählt worden war, so daß es uns recht fraglich schien, wie die Sache hier werden würde. Auch hörten wir von ihm, daß Metternich schon in den nächsten Tagen ankommen würde, mit dem nach Kalkutta versetzten Waldthausen, und daß er dann hier en touriste leben würde, bis Edmund abgeht, was jetzt auf den 7. März festgesetzt worden ist, da Edmund noch eine Konvention mit Ägypten abschließen soll. Wir haben ein gewisses Grauen vor diesem Zusammentreffen.

11. Februar. Zum Tee bei Frau von Willebois to meet Prinzeß Nazzli und dann schnell nach Haus, wo mich zuerst die Prinzeß Amelie von Schleswig-Holstein und dann die Erbgroßherzogin von Weimar besuchten. Letztere Visite verdanke ich der lieben Prinzeß Amélie, die der Erbgroßherzogin klar gemacht, that the devil is sometimes less black than he is painted. Die Erbgroßherzogin blieb endlos, besah sich all unsre indischen Sachen und war offenbar sehr entzückt von allem, inklusive der Hausfrau – es ist ja überhaupt ein Trost, den ich im Leben habe, daß, wenn mich Leute erst kennengelernt haben, sie gewöhnlich von ihren Preventionen zurückkommen. Das Unglück ist nur, daß mich eben wenige kennengelernt haben; hier in Kairo hatte ich endlich einmal a chance! –

13. Februar. Wir lunchten im Ghesireh-Hotel bei der Erbgroßherzogin, und dann machte ihr ein indischer Taschenspieler auf der Terrasse Kunststücke vor, worüber sie sich wie ein Kind amüsierte. Wir haben in diesen Tagen viel mit Mumm gesprochen und es zeigt sich immer mehr, daß unsre Ernennung nach Tanger die Folge einer Verkettung unglücklicher Umstände ist. Der Hauptwunsch des Auswärtigen Amtes war, Metternich von London wegzukriegen, wo er ihnen unbequem war. Da er aber mit S. M. befreundet und für die Cowes-Ausflüge bequem war, wollte S. M. nicht recht ran und man sann auf etwas, daß als Lockspeise für Metternich gut genug erschien und schwankte zwischen Tanger und Kairo und entschied sich für das letztere. Aufs tiefste gekränkt aber waren wir, als wir erfuhren, daß Metternich hier Gesandter werden soll. Mumm sagte, daß Metternich eben ein großer Protégé vom Kaiser sei, der ihn früher auch schon ganz außer der Reihe zum Legationsrat ernannt habe.

15. März. Bairam. Edmund machte morgens Abschiedsvisiten bei Mohammedanern, dann fuhren wir zum Prinzen Hussein und es war mir recht wehmütig, seinen schönen Garten zum letztenmal zu sehen. Ich war auch noch bei Mme. Mukhtar und Mme. Izzet, und wie jedesmal, wenn ich einen gutgehaltenen Harem betrete, empfand ich den größten Neid gegen diese ruhigen, sicheren Existenzen, denen die wahren Lebenssorgen ferngehalten werden, et qui n'ont qu'a se laisser vivre.

17. März. Wir lunchten bei der Erbgroßherzogin von Weimar, die eben zurückgekommen ist aus Oberägypten. Sie war wirklich herzlich gegen mich und sagte mir zum Abschied, sie habe soviel wie möglich über mich nach Deutschland geschrieben und hoffe, es werde mir etwas nützen.

18. März. Wir lunchten zum letztenmal in unserm lieben, großen Speisesaal, in dem wir soviel lustige Diners gehabt und soviel langweilige Globetrotters abgespeist, und in dem wir auch die gräßliche Versetzungsnachricht empfangen. Dann ging ich noch in allen Zimmern herum und erinnerte mich an alles, was ich in den verschiedenen Ecken gedacht und erlebt, und dann war es Zeit geworden, sich fertig zu machen. Wir stiegen in die Wagen und all die Leute weinten, und wir sahen noch einmal nach dem Haus zurück, an dem die Bougainvilliers zu blühen begannen. Dann ging es durch den Hotelgarten, die Allee, über die Brücke zm Bahnhof. Bald war der ganze Perron voll Menschen, sowohl Freunde wie gleichgültige. Es war ein solches Menschengewirr, daß man gar nicht zum Besinnen und zum wirklichen Gefühl des Abschieds kam, und dadurch wurde mir dieser Moment leichter, als ich gefürchtet hatte. Eine solche Masse Blumen waren mir gebracht worden, daß der Waggon ganz voll war, und es recht wie ein Enterrement de premier classe aussah. Endlich war es vorbei, der Zug ging, die letzten Gesichter, die ich sah, waren Tigrane und Mme. Kojander – und die Kairoepisode war vorbei! Mit wie anderen Gefühlen waren wir gekommen, und mit wie anderen Gefühlen hatte ich gehofft, einmal zu gehen. An einer Station kam an unsern Waggon Takri Pasha, der vom Lande gekommen, um uns noch einmal zu sehen, und dann ging die Sonne goldrot unter hinter ein paar Palmen, die sich bläulich davon abhoben, und wie sie zuletzt verschwunden, sagte ich mir, daß dies nun mein letzter Abend in Ägypten sei. Wir kamen sehr ermüdet in Alexandrien an, wo uns Herr von Hartmann in einem malerischen Segelboot bei Mondschein auf die »Werra« brachte.

19. März. Das Schiff ist übervoll und an Bord sind der alte Herzog von Croy und der Erzherzog Franz Ferdinand. Er kam gleich auf uns zu und sagte, er freue sich so, uns nach Indien wiederzusehen. Er sprach während der ganzen Reise viel mit Edmund über Politik und verabscheut die jetzige Kriecherei vor England und die Allianz mit Italien und sagt, die einzige verständige Politik sei ein Drei-Kaiser-Bündnis.

28. März. Abends trafen wir in Berlin ein.

China I (Peking)

April 1896 bis September 1897

13. April. Edmund ging aufs Amt, um marokkanische Akten zu studieren, und er war eben fort, als Mumm sich melden ließ, was mir so am frühen Morgen sehr seltsam war. Er trat ein und als ich ihn frug, wie es ihm ginge, sagte er mit seltsamer Betonung: »Sehr gut!« und dann gleich: »Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen einen andern Posten bringe?« – Ich war ganz verdattert und konnte kaum fragen: »Welchen?« »Peking!« Es scheint, daß Schenk Freiherr Schenk zu Schweinsberg, damaliger Gesandter in Peking. eine neue Dummheit losgelassen hat, über die sich Marschall heut furchtbar geärgert hat, so daß er zu Holstein und Mumm ganz wütend hereinkam und gesagt hat: »Nein, nun sehe ich selbst, daß der fort muß«. (Holstein soll sich darob gefreut haben, weil er im Gegensatz zu Marschall Schenk nie gewertet hat.) Nun war die Frage gleich, »wen hinschicken?« Mumm sagte sofort: »Heyking«, aber Marschall scheint anfänglich gemeint zu haben, wir würden nicht hinwollen; als ihm aber Mumm sagte, er glaube doch, war er sofort dafür. Die einzige Angst, die sie gehabt, scheint gewesen zu sein, Edmund könne da zu aktiv vorgehen wollen, aber sie meinten schließlich, da es ja nur finanzielle Fragen seien, in denen etwas zu erreichen wäre, so schade das ja nichts. Mumm wurde dann abgesandt, bei uns anzufragen, und ich sagte gleich, ich sei dafür und glaubte, Edmund würde es auch sein. Mumm erzählte noch, man habe im Auswärtigen Amt eine gewisse Angst vor Edmund, weil seine letzten Berichte so sehr antienglisch gewesen seien und man von ihm fürchte, er würde eigene Politik treiben. Ich mußte an Stumms Ausspruch denken: »Wenn einer in den Verdacht kommt, etwas leisten zu wollen, so wird er kaltgestellt.« Übrigens kann Edmund höchstens gegen Holsteins Ideen gehandelt haben, Marschall und der Kaiser haben ihn stets gelobt und »so fortzufahren« aufgefordert. Erst am Nachmittag kam Edmund vom Amt zurück und, gottlob, mit dem Wechsel in seinen Aussichten sehr zufrieden. In welch einen Knäuel von Eifersuchten, Mißtrauen, Intrigen und Strebereien hat er aber da hineingeschaut!

15. April. Wir besuchten Onkel Grimm und sprachen ihm von Peking. Die Schwierigkeit wegen der Kinder sah er ein, im übrigen aber meinte er, es sei doch der Unterschied von Tanger nach Peking, als ob man aus einem Zweispänner in einen Vierspänner käme. Ich finde: aus einem Einspänner in einen Zweispänner charakterisiert die Lage besser.

20. April. Wir dinierten bei Mumm, wo Rotenhans Geburtstag gefeiert wurde. Dieser sagte mir, er habe unsre Peking-Idee anfangs nicht begriffen, aber für einen ehrgeizigen Menschen sei es der richtige Posten, denn man sei so unabhängig dort, und könne tun, was man wolle, weil der Posten von hier aus eben nicht zu kontrollieren sei. Er meinte, die Aufgabe würde eben sein, so zu manövrieren und zu berichten, daß man das Auswärtige Amt mit sich zöge. Als Ort muß es wohl ganz entsetzlich sein und manchmal wird man von argen misgivings erfaßt; wie schön müssen doch die Leben sein, in denen das Recht immer ganz klar erscheint, – mir kommt es viel schwerer vor, das Richtige zu erkennen, als es nachher zu tun!

21. April. Edmund ging zu Herrn von Hanneken, der lange als Militärreformator in China gewesen ist, und kam von da zurück voll Begeisterung für all die Aufgaben, die man dort finden würde. Ich war ganz glücklich, daß Edmund so enthusiasmiert für die Sache geworden ist.

26. April. Die Ungewißheit, in der wir leben, ist sehr aufreibend. Nun muß S. M. morgen zurückkommen, und es ist noch gar nicht sicher, was ihm eigentlich vorgetragen werden soll. Holstein möchte uns nach Peking, Winkler nach Marokko und Schenk nach Mexiko. Marschall dagegen hat immer noch eine gewisse Kommilitonenzärtlichkeit für Schenk und will ihn nach Marokko bringen; Holstein soll nun schon Versuche machen, Marschall die Angelegenheit aus den Händen zu spielen und sie in seinem Sinn vom Reichskanzler bei S. M. vortragen zu lassen. Der Gedanke, je im Auswärtigen Amt zu sein, wäre mir furchtbar!

30. April. Edmund war morgens noch beim Baden, als ein Diener vom Auswärtigen Amt kam mit einem Briefchen von Marschall, daß S. M. die Versetzung nach Peking genehmigt habe; es solle aber noch ganz geheim gehalten werden. Edmund war strahlend, und ich gönnte es ihm sehr nach diesen 5 Monaten der Aufregungen und des innerlichen Gekränktseins.

1. Mai. Dieser Arbeiterfeiertag ist auch für uns einer, denn wir haben doch sehr die Empfindung des Feierns und daß eine große Sorge von uns genommen ist. Das war mir immer so schrecklich an Tanger, daß ich mir sagte, der Dümmste könnte das auch noch! Edmund sieht vorläufig, glaube ich, nur die guten Seiten, das Schwere dabei habe ich schon jetzt mehr wie er realisiert. So hoffe ich, es innerlich überwunden zu haben, wenn es ihm am fühlbarsten wird, und ihn dann trösten zu können. Die Kinder sind die Hauptsorge, aber auch ihnen wird ja das, was wir uns auferlegen, zugute kommen. Wir besuchten Onkel Grimm, nachdem Edmund vorher bei Pourtalès gewesen, der ihm sagte, Peking sei nach den Botschaften bei weitem der wichtigste Posten. Onkel Grimm war voll geistreicher Aperçus über die Sache. Sehr interessant war es, ihn über S. M. reden zu hören; er erklärt ihn durch die Koburgsche Abkunft, bei denen alles auf das Rhetorische basiert sei, und durch den Vater, der, wenn er sich im Traum gesehen, immer mit der Hand auf der Hüfte in Rednerpositur dagestanden sei. – – Ich fühlte mich so elend, daß ich mich nach Hause und zu Bett begeben mußte. Manchmal ergreift mich eine große Angst, wie ich die Jahre in Peking gesundheitlich aushalten werde. Aber ich sage mir dann: à la grace de Dieu! Edmund ist jetzt über den Berg, und ich bin sehr müde.

6. Mai. Edmund arbeitet im Auswärtigen Amt in chinesischen Akten und hat den Eindruck, daß so vieles, das für Deutschland dort hätte errungen werden können, an Holsteins Nervosität gescheitert ist. Er geht dem aus dem Wege, sich mal entscheiden zu müssen, darum treiben wir diese ziellose Tâtonnementpolitik. Nach Tisch wurde Edmund aus dem Auswärtigen Amt seine Ernennung gebracht, und zu unserm nicht geringen Schrecken stand darin, wir sollten womöglich in 14 Tagen abreisen.

7. Mai. Edmund war gleich im Auswärtigen Amt, aber Holstein ist ganz verrannt auf dem Punkt, wir sollen durchaus schnell fort. Damit schwindet die Möglichkeit Li hung chang zu sehen, der nach den Moskauer Krönungsfesten hierherkommt, worauf Edmund so großes Gewicht gelegt hat; für seine Informationen behält Edmund gar keine Zeit, das Zusammensein mit seinen Eltern und den Kindern wird uns sehr verkürzt, und all unsre Vorbereitungen praktischer Art sind kaum zu bewältigen. Die Unkenntnis der Auswärtigen Amt-Leute in praktischen Dingen zeigt sich mal wieder so recht, als Herr Klehmet Legationsrat im Auswärtigen Amt. zu Edmund äußerte: »Sie brauchen in Peking doch keine andern Kleider als in Kairo!« und Holstein sagte, es käme ihm besonders darauf an, daß Edmund in Peking sei, wenn Li hung chang herkäme – auch wenn wir flögen, ist das nicht mehr möglich. Marschall ist die Geschichte ziemlich einerlei, aber er ist so von Holstein terrorisiert, daß er auch ganz in seinem Sinne sprach. Die Aufregung über die schnelle Abreise, die Geldaffären, über die wir diese Tage viel nachgedacht haben, bringen uns ganz herunter. Wir sind zu dem Entschluß gekommen, da wir nun so weit fortgehen, unser Geld aus Chile wegzunehmen, das bedeutet aber den definitiven Verlust von 3/4 unsres Vermögens.

15. Mai. Ich lernte Frau von Lebbin kennen, was schon lange mein Wunsch war. Sie ist eine Vertraute von Holstein, Hohenlohe, Caprivi, Radolin usw., kennt Gott und die Welt und soll viel Einfluß haben. Wenn auch keinen distinguierten, so macht sie doch entschieden einen praktisch-klugen Eindruck; man hat die Empfindung, jemand vor sich zu haben, qui saurait toujours tomber sur ses quatre pattes. Sie wohnt in der Wilhelmstraße in einer kleinen Hofparterrewohnung, zu welcher man durch einen scheußlichen kleinen Eingang gelangt; ist man aber erst da, so ist es in den zwei winzigen Zimmerchen höchst behaglich, man sieht auf ein kleines Berliner Hintergärtchen, ist fern von allem Lärm und dabei doch à deux pas des Auswärtigen Amts. Frau von Lebbin sagte mir die liebenswürdigsten Dinge über alles, was sie von mir gehört habe. Wir sprachen auch lange über Peking, über das sie sehr orientiert ist, da Brandt Früherer Gesandter in Peking. ihr Onkel ist, und sie ja außerdem durch Holstein alles erfährt. Es war ein sehr interessanter Besuch.

24. Mai. Als wir am Pfingstsonntag nach dem Tee alle zusammen saßen, kam ein Telegramm, Edmund solle den nächsten Morgen um 11 Uhr nach Potsdam kommen zu S. M.

25. Mai. Ich holte Edmund abends von der Bahn ab. Er war sehr zufrieden von seinem Tag. Er war von S. M., wie bei unsrer Rückkehr von Indien, zum Schrippenfest des Lehrbataillons eingeladen worden, ziemlich als einziger Zivilist. Während des Déjeuners saß er neben Senden-Bibran, Gustav Freiherr von Senden-Bibran, Generaladjutant des Kaisers, Chef des Marinekabinetts. mit dem er lange über China sprach, und der auch so sehr fand, daß es am richtigen Schneid im Auswärtigen Amt fehle, und daß wir entschieden in China etwas haben müßten. Der Kaiser sei ganz dafür. Edmund erkannte mal wieder, wie sehr das Auswärtige Amt (siehe Holstein) dem Kaiser immer in den Arm fällt und dann die eigne Nervosität und Unschlüssigkeit ihm zur Last legt. Nach dem Lunch sprach S. M. lange mit Edmund und fing gleich an: »Na, Heyking, ich habe Sie für China ausgesucht, Schenk hat uns dort auf gut hessisch in den Dreck geritten, während wir unter Brandt die erste Stellung hatten, das muß wieder so werden. Sie haben an jedem Posten gezeigt, was Sie konnten, tun Sie es jetzt wieder.« Die Hauptaufgabe sieht der Kaiser darin, daß China möglichst viel Schiffe usw. bei uns bestellt, und daß wir durch deutsche Offiziere die Militärreform in die Hände bekommen. Hierzu schickt er den Major Liebert hinaus, den er Edmund besonders empfahl. Als Edmund sagte, er hoffe, er solle dort eine Flottenstation zu erhalten suchen, sagte S. M.: »Gewiß« und er ließe ihm dazu auch seine besten Schiffe dort. Er habe dem Admiral Tirpitz, der sein persönlicher Freund sei, gesagt, er würde ihm einen guten Gesandten schicken, mit dem er sich über alles verständigen solle. Edmund schlug Amoy vor und S. M. war damit einverstanden.

30. Mai. Wir machten den ganzen Tag in Berlin Abschiedsbesuche. Bei Onkel Grimm war es mir sehr wehmütig, aber sein Geist und Witz helfen darüber hinweg. Er riet Edmund, sich in China ganz ehrlich auf den Ehrgeizigen auszuspielen, der einen succès personel haben will, und das auch ganz ruhig Cassini Russischer Gesandter in Peking. gegenüber auszusprechen. Wir dinierten mit den Kindern, als sich Schiemann melden ließ und uns erzählte, daß Holstein gegen Edmund irritiert sei; er sage, er habe seine Politik in Ägypten konterkarriert und sei ihm jetzt vom Kaiser aufgedrängt worden. Wir hatten ja schon gefühlt, daß Ähnliches in der Luft liege, waren aber doch sehr starr. Wir sprachen die halbe Nacht darüber. Einen wirklichen Kampf mit Holstein müssen wir zu vermeiden suchen, aber wir müssen uns attaches sichern, wodurch wir direkt zu S. M. gelangen können, wenn mal etwas wirklich Ernstes vorliegt.

1. Juni. Edmund lunchte beim Reichskanzler und kam sehr befriedigt zurück. Er meint, der Reichskanzler stehe entschieden über den Holsteinschen Nervositäten, wolle etwas in China, sei russenfreundlich und habe ihn aufgefordert, sich in wichtigen Fällen an ihn direkt zu wenden.

2. Juni. Abends im Hotel Bellevue bei Edmunds Eltern mit den Kindern. Lange zusammen auf dem Balkon gestanden und auf den Platz hinausgeschaut. Es war recht traurig, dieser letzte Abend.

3. Juni. Belowchen kam mit Güntherchen, der ganz ahnungslos heiter ist, während die beiden Großen sehr traurig waren. Am Abend zuvor waren sie beide in meinem Bett eingeschlafen, Teddie ganz verweint, während Stephaniechen so rührend brav ist und uns immer aufzuheitern sucht. Das liebe Kind! Der Abschied auf dem Lehrter Bahnhof war gräßlich und nicht zum wenigsten traurig als Güntherchen rief: »Wir sehen uns ja alle zu den großen Ferien wieder!« Sie gingen uns alle nach, solange sie konnten. Die lieben drei Gesichtchen, wann werde ich sie wiedersehen? Gott behüte und bewahre sie! – –

Die Reise war heiß und rasend staubig. Einmal hielt der Zug mitten im Wald, und wir hörten den Kuckuck. Es klang so friedlich. Wer doch unter den Bäumen im kühlen Schatten ruhen könnte! –

4. Juni. Die »Augusta Victoria« ist ein wunderbar schönes Schiff. Die Bedienung ist tadellos, das Essen vortrefflich, wir haben zwei herrliche Kabinen. Es war eine wirkliche Wonne, abgefahren und aus aller Hetze und Quälerei heraus zu sein. Ich atmete förmlich auf, es war, als begänne ein neues Leben.

5. Juni. Bei schönstem Wetter an der englischen Küste entlang gefahren. Mittags in Southampton. Dicht vor unserm Halteplatz lag ein schönes Landhaus, halb versteckt in grünen Bäumen. Bei aller Freude und allem Stolz, zu denen zu gehören, die hinausziehen ins wahre Leben, empfindet man doch eine große Sehnsucht beim Anblick solch eines Fleckchens Erde, wo es sich so leicht glücklich sein ließe. Aber das sind die Träume derjenigen, die in den Schiffen hinausfahren, und vielleicht haben die, welche die Schiffe vorbeifahren sehen, auch ihre Träume, und alles kennen und verstehen, heißt: alles bemitleiden.

8. Juni. Sehr schönes Wetter, bei dem man in der köstlichen Luft so recht la joie de vivre empfindet.

9. und 10. Juni hatten wir dichten Nebel, was mir das Entsetzlichste zur See ist. Das unheimliche Nebelhorn tönte ohne Unterlaß alle Minuten, und es klang wie ein Ungeheuer, das vor Entsetzen im Dunkel heult. Alle Türen, welche das Schiff in wasserdichte Kompartimente teilen, waren geschlossen, und man hatte das beruhigende und doch so unheimliche Gefühl, to be prepared for the worst. The worst wäre in diesem Fall Begegnung mit Schiffen oder mit Eisbergen, die um diese Jahreszeit von den nordischen Eisfeldern herabtreiben. Wirklich begegneten wir am Nachmittag des 10. einem solchen Koloß, von dem der Kapitän meinte, daß er an 2000 Fuß hoch sein müsse.

12. Juni. Gegen Mittag sahen wir zuerst Land und hatten dann eine wundervolle Einfahrt. Zuerst an den Inseln vorbei, wobei wir recht an unsern damaligen Aufenthalt in Longbranch Wo sie wohnten, als Heyking 1885 stellvertr. Generalkonsul in New York war. dachten, zwischen Massen von Segelbooten hindurch, an den weißen amerikanischen Kriegsschiffen vorüber und dann an der Freiheitsstatue vorbei, die wir noch nicht kannten und die sich recht großartig ausnimmt. Hier kamen die amerikanischen Zollbeamten an Bord, frugen sofort nach Edmund, ließen ihn keinerlei Deklaration machen, sondern behandelten ihn ganz als reisenden König. Dies und so manches andere, und vor allem die eigne Stimmung, war so recht anders, wie vor 11 Jahren, als wir so forlorn da ankamen, und während wir an den riesigen Gebäuden vorbeifuhren, die jetzt bis 20 Stockwerke hoch sind, sagten wir uns beide, es hat sich doch gelohnt auszuhalten.

13. Juni. Abends fuhren wir von New York ab. Wir hatten das drawing-room in einem sehr eleganten Waggon und waren most comfortable. Sehr hübsch war die Fahrt den Hudson entlang, auf dessen stillen Wassern eine Menge kleiner weißer Segelyachten schaukelten. An den Ufern lagen hübsche Landhäuser, und wir hatten beide den Gedanken, daß es sich in Amerika wohl leben lassen würde.

14. Juni. Morgens früh über die große Brücke über den St. Lawrence-Strom nach Montreal. Dort machten wir eine große Ausfahrt auf einen bewaldeten Hügel, von dem aus wir einen sehr schönen Blick auf die Stadt mit ihren vielen Alleen hatten, auf den großen Strom und das weite grüne Land. Ich hatte nicht erwartet, daß Montreal so schön sein würde.

15. Juni. Ganz früh abgedampft in einem Waggon, dessen Delabriertheit der Canadian-Pacific nicht eben Ehre machte. Mittags in Ottawa, dessen große Parlamentsgebäude sich von der Bahn aus sehr gut machen. Gegen Abend ward die Gegend immer hübscher; wir kamen durch große Wälder mit einzelnen Blockhäusersettlements und an zahllosen Bächen und Seen vorbei. Diese Seen mit ihren waldigen Ufern sind entzückend, voll reizender Inseln und Inselchen. Auf beiden Seiten der Bahn sieht man beständig große Wasserflächen mit zackigen Landzungen, die sich wie Dekorationen verschieben.

16. Juni. Den ganzen Vormittag dieselbe Gegend, die am meisten an ein flacheres, in die Unendlichkeit ausgedehntes Norwegen erinnert. Ein See folgt auf den andern, und man hat die Empfindung von etwas unendlich Großem, unendlich Hübschem und unendlich Monotonem. Steht der Zug einmal still, so hört man die Vögel in den Wäldern singen. An Blumen blaue Iris und rote Lilien, aber der Gesamteindruck ist nur immer Wasser, Felsen, dünne Tannen, und wieder dünne Tannen, Felsen, Wasser. Nachmittags kamen wir an den Lake Superior, der groß und im Nebel verschwindend wie ein wahres Meer erscheint. In kühnen Bogen auf allerhand seltsamen Holzbrücken folgten wir seinen reizend gegliederten und inselbesäten Buchten. Plötzlich hieß es, wir würden um fünf aussteigen müssen, es sei ein großes Unglück auf der Bahn geschehen, und wir würden jenseits der Stelle einen andern Zug besteigen müssen. Um 5 Uhr hielt dann der Zug an einem steilen Abhang über dem See, auf den wir einen so schönen Blick hatten, daß ich ihn schnell skizzierte. Außer unserm Waggon bestand der Zug aus Wagen für Einwandrer und Chinesen, und diese wurden zuerst herübergebracht. Dann begann unser Umzug. Wir mußten dazu durch den ganzen Zug durch, bei hübschen Chinesinnen und stinkenden Chinesen vorbei, und daß dieser Geruch, den wir nun jahrelang riechen sollen, uns schon hier im kanadischen Urwald begrüßte, war wirklich de trop. Wir profitierten bei dem Tausch, da wir eine viel bessere Kabine bekamen, aber mußten 5 Stunden auf das Gepäck warten. Am erfreutesten schienen darüber die kanadischen Moskitos zu sein, die sich in Myriaden auf uns stürzten, aber so wenig von menschlicher Bosheit wissen, daß sie sich anfassen ließen, ohne davonzufliegen. Ebenso zutraulich waren eine Art Wiesel, die ganz dicht an uns heranliefen, – so müssen die Tiere im Paradies gewesen sein. Gegen 10 Uhr setzte sich unser Zug in Bewegung, und zwar war es noch vollkommen hell. Diese uns ungewohnten langen nordischen Tage haben ihren großen Charme.

17. Juni. Gegen Mittag wurde die Gegend immer flacher, bis wir allmählich in die eigentliche Prärie kamen; aber eine Prärie, die in dieser Jahreszeit voll wilder Blumen ist, besonders viel weiße Anemonen, die mich recht heimatlich an Karlsruhe erinnerten. Der Boden ist zum Teil sehr gut, und so sieht man, im Gegensatz zu den vorhergehenden Strecken, viel einfache Häuschen von Settlern, die Ackerbau betreiben oder auch Viehzucht. Abends kamen wir nach Winnipeg, einer sehr aufblühenden Stadt, aber mit jenem far westlichen entsetzlich trostlosen Aussehen des Provisorischen. Scheußliche Plankenhäuser, denen man ansieht, daß sie möglichst rasch zusammengenagelt sind, und zwar nicht, um irgendein behagliches home, sondern nur um die notwendige Unterkunft zu bilden für Leute, die nur den einen Gedanken haben, to make money, and to make it quickly. In den Straßen fahren elektrische Bahnen, es brennt elektrisches Licht, und man sieht die unvermeidlichen Bicyclereiter. Das alles in diesem Rahmen macht das Bild noch trauriger, denn man denkt unwillkürlich an die europäischen Orte, wo man zuletzt elektrisches Licht, Bahnen und Bicycles gesehn hat, und wo eben alles zueinander paßte und nicht höchste Zivilisation neben größter Primitivität stand. Merkwürdig waren uns einige ganz entsetzlich aussehende Indianer, die auf den Bahnhof kamen, und neben denen die Räuber in Fra Diavolo salonfähige Gentlemen wären.

20. Juni. In Banff ausgestiegen. Herrlich erholende Nacht in einem Bett, das weder schwankt noch schüttelt. Morgens mit dem dankbaren Gefühl erwacht, all diese schönen fernen Länder zu sehen. Nachmittags eine hübsche Fahrt mit Kapitän Harper Kommandeur der Mounted Police. nach Devils lake, ein tiefblauer See klarsten Wassers, von hohen Felsen umgeben. Kapitän Harper erzählte recht interessant von den Indianern, für die die Regierung mit Geld und Proviant sorgt und auch Schulen errichtet hat. Sehr merkwürdig sollen ihre Versammlungen sein, auf denen die alten Warriors sich all ihrer Morde und Diebstähle unter lautem Beifall rühmen, und die jungen Männer sich große Wunden beibringen, um auch als Krieger aufgenommen zu werden ... In den Zeitungen haben wir viel gelesen über Li hung changs Besuch beim Kaiser. Der Wahnsinn, Edmund gerade 14 Tage vorher fortgeschickt zu haben, saut aux yeux, und das Warum ist mir ganz unerfindlich. Holstein allein hat das gemacht, but why? aber tant qu'on n'est pas le plus fort, muß man sich halt fügen.

21. Juni. Morgens in aller Frühe abgereist und gleich in die wunderbarste Gebirgsszenerie gekommen. Besonders schön das Kicking Horse Canyon, eine enge Schlucht, in deren Tiefe ein Fluß braust, während der Weg der Eisenbahn in schwindelnder Höhe aus dem Felsen herausgehauen ist. Wir kamen zuerst durch die Rocky Mountains, dann durch die Selkirks, welche noch wilder und großartiger sind. Manchmal ist man ganz umgeben von Gletschern und Schneefeldern, und dabei ist der Weg so eng und die Berge verschieben sich so sehr ineinander, daß man nicht begreift, wie sich die Bahn je wieder herausfinden wird. Sehr schade ist, daß so viele Wälder durch Waldbrände zerstört worden sind, wo sie aber noch stehen, staunt man über die Höhe der mächtigen Stämme.

Am 22. Juni war ich wieder um 5 Uhr auf, um Ausschau zu halten. Wir waren noch immer in wilder Gebirgsgegend und folgten nun den Thompson- und Fraserflüssen; allmählich ward die Gegend flacher und zahmer, und auf die riesigen undurchdringlichen Wälder folgen Wiesen und Dörfer, in denen man viele Chinesen sieht. Um 1 Uhr kamen wir in Vancouver an. Der Zug fährt bis dicht an die »Empress of Japan«, welche weiß und reinlich auf dem silbergrauen Wasser liegt und recht nach einem Kriegsschiff »Die ›Empress of Japan‹ gefällt uns gut – die lieben Engländer haben sich nämlich hier eine Dampferlinie nach Japan und China eingerichtet, deren Schiffe eigentlich verkappte Kreuzer sind. Die Schiffe sind für den Kriegsfall gebaut und die ernstere Bewaffnung liegt fertig in Vancouver. Die Kapitäne sind Marineoffiziere der Reserve.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 22. Juni 1896. aussieht. Wir gingen sofort an Bord und fuhren auch sogleich ab. Das Wetter ist nicht mehr so blau und sonnig wie gestern, und alles scheint in ein silbriges Licht getaucht.

23. Juni. Morgens bewegte See, so daß alle Welt elend war. Edmund und ich halten uns aber tapfer und sind von dem Schiff sehr entzückt und von der netten chinesischen Bedienung. Sie sehen alle sehr reinlich aus in ihren weißen Kleidern und bedienen ganz geräuschlos auf ihren dicksohligen Schuhen. Manche haben einen merkwürdigen, wehmütigen Zug um den Mund, wie bleichsüchtige Mädchen, und als hätten sie einen gewissen traurigen Humor.

24. bis 28. Juni mehr oder minder bewegtes Wasser und viel Nebel, so daß wir am 28. Juni an den Alëuten vorbeikamen, ohne sie zu sehen. Dies ist der Tag, an dem wir den 180. Meridian überfahren und einen Tag verlieren. Morgens war Gottesdienst bei beständigem Nebelhorn, was die Sache nicht verständlicher machte. Wir gingen hin, weil Edmund meinte, es sei eine Höflichkeit. Als solche ließ ich es gelten. Als Erbauung weniger. Der Kapitän hielt den Gottesdienst, obschon ein englischer Bischof und ein Missionar an Bord sind. Der Bischof ist beständig seekrank und die Frau Bischofin fängt alle Konversationen mit der Frage an: »Are you going out as a missionary?« Der Missionar ist klein, dick, blond, fett und schwitzig, seine Frau ist dito, und sie haben vier kleine, dicke, fette und schwitzige Kinder von 4, 3, 2 und 1 Jahr. Da die Chinesen auch ohne Christentum so viele Kinder zustande bringen, daß sie einen Teil davon wieder ersäufen, wird diese Leistung allein sie wohl nicht bekehren! Wie solch ein dicker Mann, der es sich mit seinem dicken Weibe wohl sein läßt und vier dicke Kinder zeugt, andre bekehren will, die auch nichts Besseres und nichts Schlechteres tun, ist mir unverständlich. Da lob ich mir doch noch einen mageren asketischen Jesuiten. –

4. Juli. Zum erstenmal Japan gesehen. Dunkelgraue Inseln in einem silbrigen Meer, auf das durch Regenwolken die Sonne mondlichtartige Strahlen warf. Dazwischen viele phantastische Dschunken. Ich skizzierte die Insel Kukiwasan. Den ganzen Nachmittag fuhren wir zwischen Trümmern von Häusern, die auf dem Meere trieben.

5. Juli. Von morgens früh ab war ich auf der Brücke des Kapitäns, um die Einfahrt in den Golf von Yokohama zu sehen; leider war das Wetter so trübe, daß wir den Fujiyama nicht erblickten. Die ganze grüne Küste mit den malerisch gruppierten Häusern interessierte mich aber ungemein, und ich war recht melancholisch, daß das Glück, in diesem entzückenden Lande bleiben zu können, so nahe an uns vorübergegangen ist. Der Lotse, der an Bord kam, erzählte uns, daß vor wenigen Tagen eine tidal wave im Norden Japans furchtbare Verheerungen angerichtet hätte, und zirka 5000 Menschen umgekommen seien. Dr. Orth, der Dragoman von der Gesandtschaft holte uns in Gutschmids Namen ab und brachte Edmund ein Telegramm des Admirals Tirpitz, der ihm Rendezvous in Chefoo gibt, und zwar möglichst bald, da er Ende des Monats von dort weg will. Um 7 Uhr fuhren wir mit Dr. Orth nach Tokio. Ich hab so viel über Japan gelesen, daß es mir fortwährend so ist, als sähe ich lauter Altbekanntes, inmitten dessen ich schon einmal gelebt hätte. Die Japaner in ihren halb europäischen Kostümen sind sehr enttäuschend, aber die niedlichen Japanerinnen und die bezaubernden babies make up for it. Sehr müde kamen wir in Tokio an, wo wir auf dem Bahnhof von Gutschmids Leuten, Dienern, und Kutschern in sehr komischen japanischen Livreen erwartet wurden.

6. Juli. Wir standen morgens sehr früh bei leider grauem Wetter auf, um nach Nikko zu reisen, wohin uns Gutschmid eingeladen hat. Die Fahrt durch allerhand seltsame japanische Viertel, in denen man die kleinen Häuschen sich öffnen und erwachen sah, war von ganz besonderem Zauber, und auf dem Bahnhof war wieder das reizende Gedränge kleiner, niedlicher Japanerinnen und das Geklapper von Hunderten stelzenartiger Holzschuhe. Diese Chaussure war aber heut wohl am Platz, denn kaum hatten wir Tokio verlassen, so begann ein strömender Regen. Das grüne Land sah dabei noch grüner aus, und die Leute, die im Feld arbeiteten, nahmen Strohmäntel um, in denen sie wie emsige Stachelschweine aussehen. Jedes Eckchen Land ist bebaut und alles ist in kleine Felder abgeteilt, zwischen denen Kanäle hindurchfließen, und die reichlichen Pfützen sind mit Lotos bedeckt, von denen man nicht weiß, ob die rosa und weißen Blüten oder die geschweiften Blätter am schönsten sind. Zwischen all den hellgrünen Feldern erheben sich große, dunkle Bäume, unter denen sich die Häuser der Lebenden und die Gräber der Toten verstecken. Allmählich, als wir uns Nikko näherten, sahen wir die herrliche Cryptomerien-Allee, in der früher der Shogun zu den Heiligtümern in Nikko wallfahrtete. In Nikko erwartete uns Gutschmid gänzlich unverändert, und wir fuhren bei strömendem Regen in Rickshaws über einen Fluß, den eine rote, nur für die kaiserliche Familie geöffnete Brücke überspannt zum Grand-Hotel, wo wir uns an einem guten Tiffin labten. Bei noch immer strömendem Regen bestiegen wir nachmittags wieder die Rickshaws, in gelbes, geöltes Papier eingewickelt, so daß wir alle wie nasse Kanarienvögel aussahen. Zuerst ging es noch einen verhältnismäßig guten Weg bis zu einem Teehaus, wo wir haltmachten und uns trotz des noch immer weiterströmenden Regens an einem Nipponischen Miniaturgarten und an Nipponischen Teemädchen und ihren Prosternationen erfreuten. Von da ab aber begann für die Kulis die eigentliche Arbeit. Zuerst führte der improvisierte Weg mehrmals über einen Gebirgsbach, da die eigentliche Straße durch die Regen weggespült war, und dann begann er, in den kühnsten Zickzacks, den steilen Berg zu erklimmen. Der Weg war aber in einen dicken Sumpf verwandelt, in welchem die Djns bis zu den Knien versanken und über den sie die Rickshaws streckenweise einfach heben mußten. Die Leute aber, die nur einen Hut und ein kurzes Hemd trugen, blieben bei alledem in der besten Laune, lachten an den schlimmsten Stellen, und sobald der Weg sich etwas besserte, sausten sie in voller carrière weiter. So ging es drei Stunden, und immer strömte der Regen, und wir waren von Feuchtigkeit und von nasser, grüner Vegetation ganz umgeben. Ich kam mir vor, als sei ich plötzlich der Bewohner eines Aquariums geworden, in das ein hellgrünes Licht scheint. Überall Wassertropfen und Nebelschleier und eine aggressive Vegetation, die auch den härtesten, glattesten Stein attakiert und in ihm Wurzel zu fassen weiß. Nach drei Stunden waren wir auf der Höhe, und nun ging es an dem Chujenji-See entlang bis zu Gutschmids Haus, welches dicht am Wasser liegt. Es ist ein echt japanisches Häuschen, ganz aus hellgelbem Holz gebaut mit verschiebbaren weißen Papierwänden, die die einzelnen Zimmer untereinander und von der Veranda abtrennen. Der Fußboden ist mit feinen weißen Matten belegt, auf denen man nur in hackenlosen Schuhen gehen darf.

9. Juli. Edmund erhielt Nachrichten, daß in China wieder ein Missionar des Bischofs Anzer Bischof der deutschen katholischen Mission in Shantung. ermordet worden ist, und so entschloß er sich ganz rasch, schon am 12. mit dem französischen Dampfer »Ernest Simons« von Yokohama abzufahren, während wir anfänglich noch ein paar Tage mehr hatten bleiben wollen. Es war recht schade, aber man merkt das Ältergewordensein doch daran, daß man solch kleine Enttäuschungen so sehr leicht nimmt.

11. Juli. Morgens ganz früh nach Yokohama. Den Nachmittag machten wir Kommissionen, fanden aber die Japaner Yokohamas lange nicht so nett und höflich, wie die im Innern des Landes. Abends lernten wir den amerikanischen Gesandten in Peking, Mr. Denby und Mrs. Denby kennen, welche sich einer Kur halber in Japan aufhalten. Er ist ein auffallend gut aussehender älterer Herr mit schönen scharfgeschnittenen Zügen und sie eine recht behagliche alte Dame. Er machte uns aber den Eindruck, in einer gewissen heiligen Scheu vor den Chinesen zu stehen und geneigt zu sein, viel zu viel Rücksicht auf sie zu nehmen. Daß dies zu nichts führt, beweist am besten der abnehmende Einfluß der Engländer, die den Chinesen in allem die Cour machten, in der Hoffnung, in ihnen mal Verbündete gegen Rußland zu finden.

12. Juli. Morgens früh mit dem schönen und geschmackvoll eingerichteten »Ernest Simons« von den Messageries Maritimes abgefahren. Auf dem Dampfer befinden sich einige französische Nonnen, die von einer Menge japanischer Schülerinnen an Bord gebracht wurden; es war rührend, wie die sonst immer lachenden kleinen Japanerinnen eifrig weinten.

13. Juli. Wir kamen morgens in Kobe an. Nach einem unglaublich langen und sehr ungeschickten Manövrieren gelang es endlich, an der Brücke anzulegen, wo uns der Konsul bereits erwartete.

14. Juli. Morgens von Kobe weiter, und zwar bei strömendem Regen, was offenbar das Charakteristische für Japan ist. So sahen wir wenig von der berühmt schönen inneren See. An manchen Stellen wird das Meer ganz eng und kleine pinienbewachsene Inseln liegen darin zerstreut. Wir begegneten viel seltsamen Dschunken, mittelalterlich hoch gebaut, mit viereckigen langen Segeln. Die Beleuchtung fehlte aber gänzlich, und es waren lauter Studien in Grau. Der Abend und die Nacht waren sehr neblig, was in diesem engen Fahrwasser recht unheimlich war.

15. Juli. Wir standen schon vor 5 Uhr auf, um die schöne Fahrt bei Shimoneseki zu sehen. Es war ein grauer trüber Morgen, wie man sie erlebt, wenn man die ganze Nacht bei einem Kranken gewacht hat, wo es auch scheint, als wolle die Sonne nie aufgehen. Die enge Meerstraße schien wie flüssiges Silber, und grau in grau erhoben sich dagegen die hohen Ufer und die zahllosen Dschunken, die zum frühen Fischfang auszogen. Neben uns fuhr ein kleiner japanischer Dampfer und an seinen Seiten brannten noch die Laternen. Wir fuhren ganz langsam und lautlos. Als wir bei den letzten Inseln anlangten, hielten wir, ein winziges Boot legte sich an unsre Seite, und der Lotse, der uns die Nacht hindurch geführt, verließ uns und verschwand in dem hellgrauen Morgennebel. Noch ein paar Stunden und das reizende Japan lag hinter uns in Nebelschleiern versteckt. Mittags ward es klar und das Meer herrlich blau, dafür begann aber auch die Hitze, so daß die Punkas recht wohltuend waren.

16. Juli. Es wird allmählich heißer und vor allem unerträglich feucht. Die schöne graublaue Wasserfarbe verschwindet, und wir fahren in einem café au lait farbigen Meer. Abends spät waren wir am Eingang des Flusses, Hwang-pu oder Wusungfluß. konnten aber der Ebbe halber nicht hinein, und es ward wieder sehr viel hin- und hermanövriert, was entschieden das schwächste auf französischen Schiffen ist.

17. Juli. Morgens um drei setzte sich das Schiff in Bewegung und fuhr den Fluß aufwärts. Wir begegneten vielen Dschunken mit grauen und braunen Segeln; sie führen Holz, welches außen an die Schiffsseiten gebunden ist. All diese Dschunken haben zwei große gemalte Augen und der Chinese sagt: »Ship no have eye, how can ship go?« Man kommt auch an viel europäischen und chinesischen Schiffen vorbei, unter denen die Kriegsschiffe am seltsamsten sind; abenteuerlich hoch gebaut mit großen gelben Segeln und aufs bunteste bemalt mit komischen Mandarinen und sonstigen Figuren. Sehr drollig war es, die Verachtung zu beobachten, mit der einige mitreisende Japaner diese Kriegsungetüme betrachteten. – Die Einfahrt in Shanghai ist recht imponierend, an den Kais entlang mit ihren sehr stattlichen europäischen Häusern, unter denen das deutsche Generalkonsulat sich besonders gut ausnimmt. Es ist ein großes Gebäude, dicht am Fluß gelegen, welches jede Brise empfängt, die überhaupt weht, und das schätzten wir sehr, denn die Hitze war furchtbar und besonders unerträglich durch die enorme Feuchtigkeit. Diese dicke Luft erinnert mich sehr an Indien, und auch sonst ist mir immerwährend, als wäre ich wieder in Kalkutta. Es sind wieder, wie dort, die zwei getrennten Welten, die dicht nebeneinander hergehen, ohne daß die eine irgend etwas vom eigentlichen Wesen der andern kennt. Auf der einen Seite die Europäer in ihren ganz abgetrennten Quartieren, die sie so luftig und behaglich wie möglich einrichten, und wo sie sich durch größeren Komfort als zu Hause für Exil und heißes, erschlaffendes Klima entschädigen. Andrerseits die geheimnisvolle brodelnde Masse der Eingeborenen, die uns in ihren engen, schmutzigen Häusern so namenlos elend erscheinen, und ihrer eigenen Ansicht nach doch eine Weisheit und Zivilisation zu besitzen glauben, die sie berechtigt, verächtlich auf uns herabzuschauen.

20. Juli. Ich skizzierte die vielen reizenden Boote, die unaufhörlich vor unseren Fenstern auf dem Fluß fahren, und dann machten wir eine schöne Spazierfahrt an einen Kanal, auf welchem viele merkwürdig gebaute und beladene Hausböte tief ins Land hineinfahren. Von weitem sieht man sie kommen, und da die vielgekrümmte Wasserfläche durch die Ufer verdeckt ist, scheint es, als bewegten sich die Segel auf dem Lande. Fedrige Bambusdickichte stehen auf den Dünen, im Schlamm am Ufer lagen große schwarze Wasserbüffel, und der Himmel war von zartem Abendrot überhaucht, das sich im Wasser widerspiegelte. Es war ein schöner ruhiger Moment, den man gern fixiert hätte. Es gibt solche Augenblicke, wo das Leben plötzlich still zu stehen scheint, und sich in träumerisches Beschauen verwandelt. Aber wie kurz sind sie! Besonders in diesen ersten chinesischen Tagen hört und sieht man doch so vieles, daß man zu keiner rechten Ruhe kommt. Das wenigste ist dabei wirklich erfreulich, und sowohl Edmund wie ich haben manchmal ein beklommenes Angstgefühl über seine hiesige Tätigkeit, wo er mit der Arbeit ansetzen soll, und was ihm wohl gelingen wird. Mir fällt ein altes Kindergebet ein: »Gib Herr Vollbringen und Gelingen.«

Abends gab Herr Stuebel Deutscher Generalkonsul in Shanghai. eine große Abendgesellschaft von 120 Personen, bei der wir die Notabilitäten der deutschen Kolonie kennenlernten. Mir machen die hiesigen Deutschen einen sehr guten Eindruck. Es scheinen unabhängige Leute zu sein, die das Bewußtsein haben, auf sicherer Grundlage zu stehen.

22. Juli. Schon nachmittags wurde es sehr windig, und in der Nacht wehte der bereits angekündigte Taifun. Edmund und ich schliefen gar nicht. Das Sausen und Brausen war ganz fürchterlich, und ich kann mir jetzt lebhaft vorstellen, wie jemand zumute ist, der im Luftballon durch einen Sturm saust.

26. Juli. Nachmittags fuhren wir bei großer Hitze aus und besahen uns einen chinesischen Vergnügungsgarten. Eine Menge Chinesen in blaßblauen Seidengewändern, die Jeunesse dorée von Shanghai, ergingen sich dort. Chinesinnen, mit weiß und rosa geschminkten runden Gesichtchen, Orangenblüten oder künstlichen Schmetterlingen hinter den Ohren im glänzenden schwarzen Haar, saßen mit ihren niedlichen, in bunte Seide gekleideten Kindern und schlürften allerhand kalte Getränke. In dem Garten ist ein großer Teich, der über und über bedeckt war mit schöngeschwungenen samtigen Lotosblättern und rosa Lotosblüten. Die Chinesen ließen sich alle davon abschneiden, und diese Freude an Blumen und das ganze Treiben in diesem Lokal brachte sie uns menschlich näher. Das Ganze war ja ein besonders ausländisches Bild; die grüne Wiese, in welcher sich die Chinesen wie große blaßblaue Blumen abhoben, der Lotosteich, in dem sich diese seltsamen Menschen gruppierten, um mit langen Zangen einzelne Blüten aus dem Blättergewirr herauszuholen, die buntgekleideten Frauen und Kinder, die unter ihrer dicken Schminke so leblos und artig wie große Puppen dasaßen, einen runden roten Klecks auf der Unterlippe – es war alles so fremd, daß es beinah irreal erschien, und doch hatte dieser Zug, sich harmlos im Freien zu vergnügen, etwas so allgemein Menschliches, daß man unwillkürlich in diesem fernen China an Sonntagnachmittage im Berliner Zoologischen Garten denken mußte! Wenn man in Shangai sieht, wie sehr die Chinesen europäische Straßen genießen, auf denen sie spazierenfahren können, wie sehr sie sich bemühen, in die Settlements hineinzukommen und dort die besten Häuser und Gärten zu kaufen, so sagt man sich doch unwillkürlich, daß dem Lande nichts Besseres passieren könnte, als unter europäische Kontrolle zu kommen, und daß sich die Chinesen dabei sehr bald viel glücklicher fühlen würden.

28. Juli. Nachts um 1 Uhr brachte uns Dr. Stuebel an Bord des He au von der Chinese-Merchant-Gesellschaft, und ich hatte da zum erstenmal so recht die Empfindung, daß wir nun Europa Adieu sagten.

29. Juli. Gegen Abend ward es sehr neblig und kalt, und wir kamen an drohend aussehenden Felsen vorbei, auf denen Sirenen unheimlich heulten.

30. Juli. Morgens ganz früh kam ein Leutnant von Ammon vom »Kaiser« Vom ostasiatischen Geschwader. und brachte die entsetzliche Nachricht, daß der »Iltis« Dort stationiertes deutsches Kanonenboot. vor ein paar Tagen während des großen Taifun auf einer Fahrt begriffen gewesen, auf Felsen getrieben und untergegangen sei. 77 Menschen sind dabei umgekommen! Es war eine gar zu traurige Kunde, und Edmund und ich waren ganz unglücklich. Nach ihm besuchte uns der Admiral Tirpitz. Er ist ein großer, auffallend schöner Mensch und sieht ganz aus wie eine Gestalt aus der nordischen Mythologie, dabei hat er etwas sehr Gewinnendes, und man fühlt sich gleich ganz behaglich mit ihm. Beim Lunch sprach ich lange mit dem Admiral über die Notwendigkeit, daß wir Kolonien erwerben. Er hat ganz Edmunds Ansichten, und es war ein Vergnügen sich mit ihm auszusprechen.

31. Juli. Morgens früh war in der französischen Mission ein Trauergottesdienst für den »Iltis«. Wir begaben uns zum erstenmal in grünen Palanquins hin, und mich rührte der Gottesdienst in dieser fernabgelegenen kleinen Kirche mit chinesischen Chorknaben. Es sind noch nähere Nachrichten über den Untergang gekommen: Als der Kapitän Braun sah, daß sein Schiff verloren, brachte er von der Kommandobrücke ein Hoch auf den Kaiser aus, die Matrosen stimmten das Flaggenlied an, und so singend sind sie in den Wellen verschwunden.

3. August. Der Admiral hat südlich von Chefoo eine Bucht gefunden, von der er glaubt, daß sie sich zur deutschen Flottenstation eignen würde. Eine flache Strecke Landes, auf der sich leicht eine Bahn bauen ließe, führt von da nach Peking, und es sollen dicht dabei große Kohlengruben liegen. Durch die Unentschlossenheit zu Hause und den Mangel an Instruktionen wird aber auch jemand, wie unser Admiral, unsicher. Er sieht überhaupt die Zukunft sehr trübe an und meint, wir würden durch unsre Übervölkerung erdrückt werden, da keine natürlichen Outlets geschaffen werden. Interessant ist seine Idee, die verschiedenen Schutztruppen der Marineinfanterie anzureihen, um so eine Streitkraft zu haben, die man unabhängig vom Reichstag an verschiedenen ausländischen Punkten verwenden könnte.

5. August. Wir hatten wieder eine durch die Hitze beinah schlaflose Nacht, und es war vom frühen Morgen an ganz unerträglich. Um 12 kam Admiral Tirpitz, um uns zu einem Abschiedslunch auf dem »Kaiser« abzuholen, wo wir hofften, etwas Kühlung zu finden. Dies war allerdings eine Illusion, denn auf der Kommandobrücke hatten wir 35 Grad Réaumur im Schatten, in den unteren Räumen stieg die Hitze auf 68 Grad. In dieser angenehmen Temperatur verhandelte Edmund mit dem Admiral Geschäfte, und ich machte mich bei den Offizieren im Schweiße meines Angesichts liebenswürdig. Dann lunchten wir auf Deck, wobei Edmund durch die Hitze beinah krank wurde, und der Admiral brachte uns auf die »Irene« Vom ostasiatischen Geschwader. auf der wir nachmittags um 3 in See gingen.

6. August. Nach einer herrlichen Nacht kamen wir morgens in Taku an, d. h. wir lagen in einer braungelben See und am fernen Horizont sah man einige Masten. Bald erschien ein Dampfer, den der Vizekönig Edmund entgegenschickte, ihn zu begrüßen. Als wir die »Irene« verließen, brachten die Matrosen drei Hochs aus, und die 15 Schüsse krachten zum Abschied. Allmählich näherten wir uns Taku, dessen braune Erdwälle sichtbar wurden. Als wir uns auf der Höhe der Festungstürme befanden, wurde auf der Signalstange die deutsche Flagge gehißt, gleichzeitig und mit erstaunlicher Präzision stieg auf dem Fort die gelbe Drachenflagge auf, und über den Krenelierungen der Wälle erschienen eine Masse roter Fahnen mit weißen Inschriften. Dazu wurden 17 Schüsse abgefeuert, und dann verschwanden die Fähnchen mit derselben Schnelligkeit und Präzision, mit der sie gekommen. In solchen eingeübten Kunststückchen soll allerdings die Haupttätigkeit der Fort-Garnison bestehen. Wir fuhren nun den gelben Peiho hinauf, der mit allerhand Dschunken bedeckt ist und an dessen Ufern Lehmdörfer stehen, welche an ägyptische Fellahhäuser erinnern. In Taku verließen wir den Dampfer und bestiegen den Extrazug, den der Vizekönig für Edmund geschickt hatte. Nach einer Stunde stiegen wir aus und fuhren mit einer Dampfbarkasse, die mit vergoldetem Schnitzwerk verziert war, nach dem Landungsplatz von Tientsin. Dort erwartete uns die ganze zahlreiche deutsche Kolonie, die Damen überreichten mir Blumen, eine chinesische Kapelle spielte die »Wacht am Rhein« und »Heil dir im Siegerkranz«, und der Vertreter Krupps und Präsident des deutschen Klubs brachte ein dreifaches Hoch für uns aus. Wir waren ganz ergriffen von der Herzlichkeit und Freundlichkeit dieses Empfangs, wie wir ihn noch nirgends erlebt haben. Wir stiegen im »Astor House« ab, wo uns der deutsche Wirt, Ritter, sehr behagliche Zimmer eingerichtet hatte. Zum Diner waren wir bei Oberst von Kretschmar, Ein Vertreter Krupps. mit dem ich gleich sehr bekannt wurde, da seine Tochter in Altenburg erzogen ist. Er erzählte mir viel von Cassini, Graf Cassini, russischer Gesandter in Peking. der seiner Ansicht nach gar kein Deutschenfeind sei, und der ihm von der einstmaligen Aufteilung Chinas sprach, bei der er von England ganz absah und das Gebiet zwischen der russischen und französischen Sphäre Deutschland zuweisen möchte. Das englische Prestige sei hier sehr geschwunden, aber der neue Gesandte Sir Claude Macdonald wäre sehr rührig, und Edmund würde viel zu tun haben, um das Gegengewicht zu halten. Es war ein sehr schöner Tag; man sieht hier ein so rühriges und selbstbewußtes Deutschtum, daß man wieder Zutrauen zu seiner Zukunft bekommt. Eine der ersten Aufgaben Edmunds wird es sein, die hiesige deutsche Konzession zu einem blühenden Settlement zu machen. Überall liegen große Aufgaben und seit wir in Tientsin sind, hat Edmund wieder die Freude und Begeisterung für seinen Posten. Sein spezifisch deutscher Ruf hat ihm entschieden schon Freunde im voraus gemacht.

11. August. Morgens früh brachen wir von Tientsin auf. Zum Abschied hatten sich verschiedene Deutsche im Hotel versammelt; es ward uns ein Ständchen gebracht, und als wir uns in Sänften und Rickshaws in Bewegung setzten, spielte man wieder die »Wacht am Rhein«. Die Boote, auf denen wir den Peiho bis nach Tungchau fahren sollen, waren schon abends vorher vorausgeschickt worden, denn in der Stadt liegen im Fluß so viele Boote, daß man nur ganz mühsam durchkommt, und wir so zirka 12 Stunden gewannen. Wir ließen uns also durch die Chinesenstadt hindurch tragen, mit einem Vorreiter des Vizekönigs voran, der unserm Zug durch kräftiges Dreinhauen einen Weg durch das Menschengewühl bahnte. Die Massenhaftigkeit der Menschen frappiert so sehr in China! Wir begegneten einem Begräbniszug, in welchem allerhand Papiergebäude getragen wurden, die dann verbrannt werden, wodurch dem Verstorbenen alle diese Schätze im Jenseits gesichert werden sollen. Durch verdeckte Basare kamen wir hindurch und über eine Brücke, von der aus wir einen hübschen Blick auf die Stadt und die malerische Ruine der verbrannten Kathedrale Im Jahre 1870 von den Chinesen zerstört. hatten. Jenseits der Stadt fanden wir unsre vier Boote. Das große Customhouseboat, in welchem Edmund, Elise und ich wohnen und drei chinesische Hausboote, die wir als Gepäckboot, Eßboot und Grünaus Legationssekretär. Boot eingeteilt haben. Außerdem eine Dampfbarkasse des Vizekönigs, welche uns so weit als möglich schleppen soll. Zur Begleitung und Bewachung sind uns zwei kleine Mandarine mitgegeben, von denen der eine den Kristallknopf, der andere den Porzellanknopf trägt und die wir unsre »Hofräte« tauften. So setzten wir uns denn in Bewegung und fuhren auf dem stellenweis stark ausgetretenen Fluß zwischen endlosen hellgelben Hirsefeldern dahin. Die Hitze ist Gottlob erträglich, zu den Mahlzeiten treffen wir uns mit Grünau auf dem Eßboot und das Dahingleiten auf dem breiten Fluß in der monotonen, aber anheimelnden Gegend hat etwas Wohltuendes, Nervenberuhigendes. Ich kann mir nachträglich vorstellen, daß eine Nilfahrt in eigener Dahabeah sehr schön sein muß.

12. August. Morgens in Ho si, einem nett gelegenen Dörfchen. Hier entstand langes Parlamentieren zwischen uns, den Hofräten, dem Boy Wei chiang als Dolmetscher und unsern Dampferkapitänen, welche durchaus umkehren wollten. Wir bewogen sie aber schließlich, uns weiter zu schleppen, und betrachteten dies als unsern ersten Sieg über chinesischen Eigensinn. Nachmittags verließ uns aber doch das eine Dampfboot und das zweite abends, da es hieß, das Wasser würde seicht und sie hätten keine Kohle mehr. Wir kamen aber bald dahinter, daß es aus Angst vor einer besonders reißenden Stelle des Flusses war, wo vor einigen Tagen ein Boot von Denbys umgeschlagen war, welches wir auch da im Kot liegen sahen. Während die Kulis unser Boot an Stricken vorwärts zogen und mit langen Stöcken weiterschoben, gingen wir drei ein Stück Wegs am Fluß entlang neben den Hirsefeldern. Es war ein wundervoller Abendhimmel, brennendes Rot am Horizont, welches in Gelb und Blaßgrün überging durch violettgraue Wolken zebriert.

13. August. Es ist unbeschreiblich, wie diese chinesischen Kulis arbeiten; knietief im Schlamm watend und das Boot ziehend und stoßend. Dabei sind sie seelenvergnügt und singen und lachen, machen mittags eine halbstündige Rast und essen etwas saures Brot und Bohnen, die uns als Hundefutter zu schlecht scheinen würden. Wunderschöne sehnige Gestalten sieht man unter ihnen, die wie die antiken Wettläufer gewachsen sind.

14. August. Durch Hunderte von Booten hindurch kamen wir morgens ganz früh in Tungchau an. Während die Vorbereitungen für unsre Weiterreise getroffen wurden, hatte ich mal wieder sehr die Empfindung des Episodenhaften im Leben, und ich mußte daran denken, wie wir in Kairo angekommen und abgereist sind, und alles so schnell vergeht. Vielleicht ist unsre Zeit hier schneller um, wie wir denken; aber wir werden wohl die letzten deutschen Gesandten gewesen sein, die per Boot und Sänfte nach Peking kommen, denn in einem Jahr soll ja die Bahn von Tientsin nach Peking fertig sein. Als sich die Verwirrung ob unseres Gepäcktransportes etwas geklärt hatte, bestiegen Edmund, Elise und ich unsre Sänften, Grünau seinen Schimmel, die Hofräte zwei Eselchen. So setzte sich unser Zug in Bewegung. Zuerst passierten wir Tungchau, und um durch die entsetzliche Stadt hindurchzukommen, brauchten wir eine Stunde. Wir kamen durch so enge Gäßchen, daß die Tragstühle beinah auf beiden Seiten die Häuser streiften, und die Träger versanken im Kot bis an die Waden. Jeder denkbare Schmutz und Abfall liegt auf den Straßen, und darin wälzen sich schwarze Schweine und jeder nur mögliche Gestank steigt zum Himmel. Offene Körbe mit menschlichem Dünger werden durch die Straßen auf die Felder getragen und verpesten die Luft, Menschen, deren Zahllosigkeit immer wieder erstaunt, füllen die Straßen und die offenen Läden und starren die Europäer mit verblüffender Neugierde an. Ich dachte mit Sehnsucht an unsre letzten Tage im Hausboot zurück, welches dem europäischen Bedürfnis nach Exklusivität doch etwas Rechnung trägt. Als wir durch Tungchau hindurch waren, kamen wir auf die große Steinstraße, die nach Peking führt und die einstmals eine großartige Anlage gewesen sein muß. Jetzt sieht sie aus, als habe eben ein furchtbares Erdbeben gewütet. Ganze Quadern fehlen und an ihrer Stelle sind fußtiefe Löcher entstanden; an andern Orten sieht es wieder aus, als hätten unterirdische Mächte die Erdoberfläche so aufgerüttelt, daß einzelne Quadern auf die andern gerutscht sind und dadurch unerwartete Berge entstanden; kein Stein sitzt mehr fest am andern, es ist nur eine Frage, wie tief die Löcher dazwischen sind. Auf dieser Straße begegneten wir Reihen von einrädrigen Schubkarren, auf denen hier die größten Lasten fortbewegt werden. Das Rad befindet sich in der Mitte, und auf beiden Seiten werden Kisten, Säcke, Balken oder was es sonst ist, befestigt; ein Mann schiebt den Karren, und es muß ein Kunststück sein, ihn durch diese Löcher und über diese Höcker hinwegzubalancieren. Ich dachte mit Grauen daran, daß unsere Sachen auch so transportiert werden müssen. Außer diesen Schubkarren begegneten wir einer Menge bedeckter Pekingkarren, in denen man hier reist und Besuche macht. Ein federnloser Kasten, in welchem der Unglückliche kauern muß und dank dem Zustand der Wege von einer Seite zur andern geworfen wird, wobei man sich Beulen und Kontusionen holt. Die einzige andre Alternative ist, auf der Deichsel zu balancieren. Diese sehr massiven Karren haben zwei zackige Räder, welche allein den Wegen widerstehen, andrerseits aber auch die Wege stets von neuem ruinieren – sie sind das einzige Fuhrwerk, welches es in und um Peking gibt. Fußtief sahen wir die Räder solcher Karren in Löchern versinken und dann mit Gepolter und Gekrach auf den nächsten Stein springen, kein andres Gefährt hielte das aus. Wir passierten die Palikao-Brücke und machten auf halbem Wege Rast in einem buddhistischen Kloster, wo wir Tee tranken und mit Sehnsucht der japanischen Tempel gedachten. Endlich näherten wir uns Peking.

Wir kamen nun durch einen besonders schmutzigen und stinkenden Teil der Straße und sahen die große Mauer, welche die Stadt umgibt, und auf der sich von Zeit zu Zeit hohe Türme befinden, deren Dächer mit bunten Kacheln bedeckt sind. Durch einen dieser Türme führte das Tor, durch welches wir unsern Einzug in Peking und zwar in die Tatarenstadt hielten. Wider Erwarten ist diese Stadt wie ein weites leeres Dorf von elenden grauen Häuschen und Hütten; der Weg, wenn von solchem überhaupt gesprochen werden kann, ist noch chaotischer als vorher; bald versinkt man im Kot, bald geht es über große Steinhaufen. Dazwischen sind weite leere Plätze voll stagnierenden Wassers. Der erste Anblick ist so schauerlich häßlich, daß man das Ganze für ein Fieberbild und Alpdrücken hält. Endlich, 5 Stunden nachdem wir Tungchau verlassen, bogen wir in die Straße der Gesandtschaften ein, neben welcher die schmutzigste litauische Dorfgasse ein Paradies ist. Zwischen den chinesischen Hütten erheben sich Mauern, hinter denen die verschiedenen Gesandtschaften in umfriedeten Grundstücken liegen. Die unsrige hat ein rotes Tor, durch welches wir passierten und uns dann in einer Allee befanden, auf deren einer Seite die Sekretär- und Dolmetscher-Häuser liegen, auf der andern das Gesandtenhaus. Herr und Frau von Prittwitz Legationssekretär. empfingen uns, und diese beiden sehr liebenswürdigen Menschen waren das einzig Erfreuliche bei der ganzen Ankunft, denn unser Haus ist so verwohnt, finster und bis ins Detail scheußlich, que celà serre le coeur, und man daran verzweifelt, das je einigermaßen hübsch zu machen. Der Garten ist verwildert und voller Gestrüpp, so daß keine Blume darin blüht und es multrig und ungesund riecht. Man fragt sich, wie es je Europäer aus guter Gesellschaft in dieser Umgebung ausgehalten haben. Frau von Prittwitz hat drei Schlafzimmer notdürftig für uns aus zusammengeliehenen Möbeln arrangiert, und unsre Mahlzeiten nehmen wir bei ihr. Die Ärmste hat drei winzige Zimmerchen, die sie aber sehr behaglich eingerichtet hat, so daß sie eine Oase in der furchtbaren Wildnis bilden. – An diesem ersten Abend sahen Edmund und ich den Mond an und wünschten von ganzem Herzen, bald und mit Anstand von hier fortzukommen.

17. August. Drei entsetzliche Tage, während der man voller Verzweiflung von einem Ende zum andern läuft und immer wieder neue Scheußlichkeiten und Geschmacklosigkeiten entdeckt. Keine Tür schließt, keine Tapete ist auch nur erträglich, die vielen Reichsmöbel, die im Hause herumstehen, überbieten sich an Häßlichkeit. Das Ganze hat etwas Grabartiges. Dazu bieten die einfachsten Dinge so große Schwierigkeiten. Es gibt keine Ölfarbe in Peking, keine Matten, um die gräßlichen Fußböden zu bedecken, keine anständigen Tapeten. Sendungen aus Shanghai brauchen wegen der Umladungen und des Wasserstandes vier Wochen und sind furchtbar teuer. Unter dem ganzen Gesandtschaftspersonal scheint nicht ein Mensch zu sein, von dem wirkliche Hilfe zu erwarten wäre. Edmund und ich fragen uns immer von neuem, ob wir nicht einen wahren Wahnsinn begangen haben, diesen Posten anzunehmen, und mir ist zumute, wie ich mir denke, daß denjenigen Unglücklichen ums Herz sein muß, die sich im Rausch für die Fremdenlegion anwerben ließen! Man hofft immer, aufzuwachen und geträumt zu haben.

18. August. Edmund machte seine Antrittsvisite im Tsungli Yamen. ›Tsungli Yamen, ein Collegium, dessen einzige Funktion darin besteht, mit den fremden Gesandten zu verhandeln.‹ Edmund von Heyking an seinen Vater. 5. Februar 1897. Der Weg dahin soll wie alle Pekinger Wege und das Haus dingy und shabby sein. Prinz Kung Onkel des Kaisers von China. empfing Edmund und geleitete ihn in das Empfangszimmer, wo sieben alte Chinesen um einen Tisch saßen, von denen Edmund meint, sie hätten alle wie abschreckende stiere Larven ausgesehen, und der Begriff, mit ihnen ernsthafte Geschäfte zu besprechen, erschien ihm nach dieser Entrevue wie die reine Sinnlosigkeit. Die Stimme der Macht, aber auch nur diese, verstehen sie. Prinz Kung scheint der leitende Mann in diesem Konsortium zu sein, er ist aber dem Opium und Harem ergeben und überläßt viel dem Jung lu, der früher in Washington gewesen, und der der zivilisierteste of the whole lot zu sein scheint. Dieser frug auch Edmund, ob er seine Frau mitgebracht habe, und da es gegen chinesisches Decorum verstößt, davon offen zu reden, frug er Edmund, ›ob er sein kostbares Bündel‹ mitgebracht habe! Im übrigen drehte sich die Unterhaltung um Edmunds Namen, der ›Meeresstille‹ auf chinesisch bedeutet; es soll aber, wie Prinz Kung herausfand, ein Zeichen darin sein, welches ›Streit‹ heißt, und der Prinz meinte, daß es eine schlimme Vorbedeutung habe. Im übrigen soll der Name auch noch irgendwie bedeuten, daß Edmund viel Wein vertragen könne – der Zusammenhang ist allerdings nur für einen Chinesen faßbar. Im Tsungli Yamen wird, wie in allen hiesigen Behörden, die Oberaufsicht von Mandschus geführt, die eigentliche Arbeit aber von Chinesen verrichtet. Der frühere Erzieher des Kaisers sitzt auch darin, und er hat, wie die übrigen Minister, nachts um drei beim Schein einer einzigen Kerze seinen Vortrag bei dem Kaiser, und zwar in kniender Stellung. Es soll dies so angreifend sein, und in der Dunkelheit soll die Gefahr des Stürzens so groß sein, daß jeder Minister ein paar Palasteunuchen besticht, um ihn währenddem zu stützen. Diese Vorträge beim Kaiser, der wie ein Idol dasitzt, sollen den Eindruck schauerlich mysteriöser Kulthandlungen machen. Edmund kam schimpfend von dort zurück. Dies alles gesehen zu haben, ist aber doch interessant, wenn es nur nicht zu lange dauert.

Nachmittags kam eine Depesche des Auswärtigen Amts, ob Edmund glaube, daß bis zum Frühjahr die Flottenstationsfrage gelöst sein würde, da die Admiralität wünsche, dann die ›Prinzeß Wilhelm‹ und die ›Irene‹ nach Deutschland zurückkommen zu lassen. Edmund war höchst perplex, denn wie soll er die Chinesen jetzt plötzlich um eine Flottenstation angehen, ohne equivalents anbieten zu können. Wie soll er wissen, ob bis zum Frühling die Sache gemacht werden kann, und schließlich, warum sollen dann die Schiffe weg, die ja dann gerade doppelt nötig wären?

Wir dinierten bei Monsieur Gerard Französischer Gesandter und begaben uns zu Fuß dahin durch die staubige Pekinger Straße in dekolletiertem Kleid und Diamanten mit zwei Vorläufern, welche riesenhafte Laternen trugen: ›Hier kommt der große Mann des deutschen Kaisers.‹ Jedenfalls war es nicht banal! Die französische Gesandtschaft hat sehr große und schöne Räume; ehe man an das eigentliche Haus herankommt, geht man durch eine riesige chinesische Tempelhalle, die recht schön ist. Wir trafen dort Gassini mit seinem sehr netten ersten Sekretär Pawlow, den spanischen Gesandten Cologan mit seinem greisen Sekretär und Mr. et Mdme. Vissière. Ich unterhielt mich sehr gut mit Gérard, den ich ja früher gekannt, als er noch bei der alten Kaiserin in Baden-Baden Als Vorleser war. Er sprach mit Enthusiasmus von unserm jetzigen Kaiser, was mich amüsierte, da ich weiß, daß S.M. ihm die Autorschaft der ›Société de Berlin‹ nie verziehen hat.

19. August. Grünau und ich packten morgens Konserven aus und räumten sie in den Keller ein, der entschieden der beste Raum des Hauses ist. Edmund ging nach dem Lunch zu Cassini und sprach mit ihm über die Flottenstations-Angelegenheit, wobei er erfuhr, daß die Kiautschou-Bucht den Russen formell abgetreten sei. Somit bleibt nur die Möglichkeit einer südlichen Station, und da wäre Amoy die vorteilhafteste. Schwierigkeiten wären wohl nur noch von England zu erwarten. Edmund telegraphierte sofort nach Berlin und hat überhaupt sehr viel zu tun: das ist entschieden das Beste an dem ganzen Posten.

20. August. Alles präpariert für unsere Auswanderung nach den Tempeln. Die europäischen Diplomaten bezogen in den heißen Sommermonaten außerhalb Pekings gelegene ›kuriose buddhistische Tempel‹ als Sommerwohnung. Präzis um 6 Uhr brachen wir auf, Edmund, Elise und ich in Sänften, Grünau und Herr Cordes zu Pferde. Am frühen Morgen machte Peking einen etwas besseren Eindruck. Sobald man hält, versammelt sich sogleich eine Schar neugierig gaffender Menschen, die aber eigentlich einen ziemlich harmlosen Eindruck machen. Wir passierten die Mauern der Kaiserstadt, über welche Tempel mit geschwungenen Dächern herüberschauen, und die Spiegelung der rosa Mauern und gelbgrünen Kacheln in den breiten Gräben war recht malerisch und erinnerte an Birma. Sehr hübsch ist auch der ›Kohlenberg‹ mit grünen Bäumen bedeckt, zwischen denen gelbe geschwungene Kacheldächer herausschauen. Früher durfte man auf diesem Berg spazieren gehen, aber jetzt haben die Chinesen auch dies den Fremden verboten. Sobald man aus den Mauern Pekings herauskommt, atmet man erleichert auf; die Luft wird rein, man sieht grüne Felder, und die blauduftigen Berge kommen immer näher heran. Die Straße ist außerdem so musterhaft, daß man nicht mehr in China zu sein glaubt, und das kommt daher, weil sie zu dem Sommerpalais der Kaiserin-Exregentin führt. Dies Palais, welches ein Konglomerat von Häusern und Tempeln ist, liegt weithin sichtbar auf einem Hügel in einem großen von Mauern umgebenen Grundstück.

Es ist ein seltsames Gefühl, sich praktisch häuslich in einem chinesischen Tempel niederzulassen! Dieses Gefühl des Seltsamen und Irrealen hatte ich recht, als wir nachmittags um 3 Uhr endlich in unserm Tempel Ta chiao sse anlangten. Von einem Tempel kann man eigentlich nicht sprechen, sondern es sind eine Menge Tempel und Höfe mit Priesterwohnungen, die am Abhang eines Berges zwischen schönen Bäumen stehen und von einer bemoosten grauen Mauer umgeben sind. Durch die ganzen Höfe fließt frisches Wasser, und uralte Pappeln und Zedern beschatten die Häuser mit ihren geschweiften grauen Dächern, auf deren Kanten Reihen kleiner verwitterter Steindrachen sitzen. Wir wohnen in dem höchstgelegenen Tempelchen, hinter welchem eine frische Quelle aus dem Stein hervorsprudelt, einen kleinen Wasserfall bildet und in einem natürlichen Wasserbecken gefangen wird. Um das Haus herum und den ganzen Berg hinan stehen viele schöne Bäume, und es blühen viele wilde Blumen. Ich war gleich ganz verliebt in den Ort und hatte nichts annähernd so Hübsches erwartet. Es ist unbeschreiblich friedlich und still, und wenn wir das ganze Jahr hier leben könnten, hätte ich nichts gegen den Posten einzuwenden.

21. August. Morgens um ½ 6 Uhr schon auf und in dem Wäldchen spazierengegangen, wobei mich ein kleiner Bonze begleitete, der die kläffenden Hunde verjagte und mir wilde Blumen pflückte. Ganz dicht an unserm Haus ist ein besonders heiliger Teich, in welchen das Quellwasser aus einem steinernen Ungeheuerkopf fließt, von beiden Seiten führen Felsentreppen, die mit Glyzinien überwuchert sind, zu einem höhergelegenen Tempel, durch dessen Türen man Buddhas und andre Götzen sitzen sieht, mit den 5 Opfergefäßen vor ihnen auf den Tischen. Vor diesem Teich ist ein kleiner Platz, auf dem eine weiße Steinpagode steht, die sehr an burmesische erinnert. Schlingpflanzen ranken sich daran empor, und eine herrliche Weymouthskiefer hebt sich tiefgrün von dem Weiß der Pagode ab. Wäre es nur etwas kühler und fühlte ich mich etwas weniger krank und hätten wir einen etwas besseren Koch, so wäre alles reizend hier draußen.

Ich mundierte einen Bericht von Edmund über das Tsungli Yamen, welches er sehr amüsant schilderte. Er hat gleich in den ersten Tagen eine Menge Berichte geschrieben, die, unter dem ersten Eindruck verfaßt, die ganze Lage sehr charakterisieren. Über das effacement Englands und die ganz dominierende Stellung des Grafen Cassini hat er berichtet, und hoffentlich werden sie daraus entnehmen im Auswärtigen Amt, daß das, was sie eventuell wollen, nur mit und durch Rußland zu haben ist.

24. August. Unsere Wohnung besteht hauptsächlich aus einer Veranda, ein bißchen wohnlich gemacht durch Drapieren japanischer Crepes und Aufstellen einiger Blumenvasen. Aber es fehlt an allen Ecken und Enden. Wir benutzen Vogelnäpfchen zum Senf und als Aschenbecher. Wenn Edmund nicht so sehr deprimiert über alles Chinesische wäre, könnte es ganz lustig sein. An ein paar Nachmittagen malte ich das Eingangstor unsres Tempels, wobei sich immer Scharen chinesischer Zuschauer hinzustellten. Die Leute sind von harmloser Neugierde, aber eigentlich nie frech.

31. August. Alle Nachmittage auf einen kleinen Hügel mit Baron Grünau geklettert und dort skizziert. Um mir den Weg zu erleichtern, nahm ich mir ein Eselchen, auf welchem ich als Herr ritt; an einer steilen Stelle aber fing das Tier an zu grasen, und als sein Kopf sich so plötzlich neigte, rutschte ich vornüber weg!

7. September. Morgens im Hof skizziert und dabei gesehen, wie die Priester eine Puppe und allerhand Papiersachen als Opfer für die Buddhas verbrannten. Sie trugen fahle, gelbe Priestermäntel, ähnlich wie in Birma, und ihre Prosternationen erinnern sehr an die russische Kirche. 15. September. Einen Ausflug nach dem sogenannten ›Räubernest‹ gemacht. Die Tempel oben sind ganz verwahrlost, Leute, die kranke Augen haben oder sich Kinder wünschen, pilgern dorthin und opfern kleine Porzellanbabys oder Zeugaugen, ein chinesisches Lourdes. – Sehr viel geschrieben. Es ist der erste Ort, der mir je vorgekommen ist, wo man immer für alles Zeit hat. Leider fängt es an, kälter zu werden, wir haben graues, trübes Wetter, so daß von Rückkehr nach Peking immer mehr die Rede ist; für mich ein wahres Grauen! Die absolute Ruhe hier ist mir sehr wohltuend, und ich finde mich mit Freuden in diese Art Einfachheit. Leider aber sehen wir immer mehr ein, daß wir uns mit Prittwitzens nie ernstlich einleben werden. Mit einem netten Ehepaar hätte es so behaglich werden können, denn man ist so ganz aufeinander angewiesen. –

1. Oktober. Wir brachen von dem lieben Ta chiao sse auf, wo ich mich so sehr zufrieden gefühlt habe. Es war ein bedeckter, grauer Tag. Über den Bergen lag ein silberner Nebelhauch und dazwischen schimmerte das Laub in gelblichen und rötlichen Herbsttönen. An den Abhängen blühten große Büsche von wilden rosa Margueriten und blauen Kampanulen auf ihren schlanken Stengeln, – mir wurde ganz weh ums Herz, von all dem weg zu müssen und zurückzukehren in den Pekinger Käfig, und in was für einen ungesäuberten! Nachmittags trafen wir sehr ermüdet in Peking ein, denn gerade der letzte Teil der Reise ist so angreifend und scheint so endlos. Im Hause fanden wir vieles verbessert, denn es sind mehrere Zimmer mit weißer chinesischer Tapete beklebt worden und sehen dadurch heiterer aus. Die mittleren Zimmer sind aber so dunkel, daß wir uns entschlossen haben, die Veranda abzureißen; außerdem werden die entsetzlichen roten Deckenbalken hell gestrichen, und auf den Fußböden hocken Kulis, welche an den Parketts den Schmutz der Jahrzehnte abkratzen.

8. Oktober. Herr von der Goltz Ein neuer Dolmetscher, den Heyking in Berlin erbeten hatte. traf ein. Er hat entschieden mehr Auftreten als die bisherigen Dolmetscher und wird sich wohl nicht von den Chinesen imponieren lassen. Mr. Gérard besuchte uns, und es fiel mir auf, wie sehr er die Gabe hat, so zu sprechen, daß es gleich gedruckt werden könnte! Er sprach von England und seinen Kolonien und meinte, es habe seine Kinder so gut gebildet, daß diese jetzt nur daran dächten, sich ganz selbständig zu machen, wodurch es sich eine ›triste vieillesse‹ geschaffen habe! Sir Claude Macdonald charakterisierte er als eine Soldatennatur, und zwar als eine friedliebende, der bereit sei, seine Pflicht hier zu tun, dem es aber ganz gegen seine Disziplinideen ginge, daß jeder Engländer sich hier berufen fühle, ihm gute Lehren zu geben. Leider hörten wir, daß Signor Bardi, der italienische Gesandte, beinah hoffnungslos an Dysenterie erkrankt ist.

11. Oktober. Der arme Bardi ist gestorben. Edmund, Prittwitz, von der Goltz und Grünau gingen in großer Uniform zum Begräbnis, das auf dem alten portugiesischen Kirchhof stattfand. Edmund sagt, es sei sehr seltsam gewesen, die alten Jesuitengräber zu sehen, deren Verzierungen ganz buddhistische Anklänge zeigen. Ein sehr merkwürdiger Moment sei gewesen, als der Minister Chang, als Vertreter des Tsungli Yamen, in der Kirche erschienen sei und während des Gottesdienstes mit den Gesandten shake hands machen wollte.

12. Oktober. Morgens fand endlich Edmunds Audienz beim Kaiser von China statt. In großer Uniform wurden Edmund, Prittwitz, Grünau, Goltz, Krebs Dolmetscher in 6 grünen Sänften in die Kaiserstadt getragen. Das Innere der Höfe, welche sie passierten, soll sehr delabriert ausgesehen haben, und alles einen ärmlichen, verkommenen Eindruck machen. Eine Zeitlang mußten die Herren in einem ganz kleinen Käfterchen warten, und auch die Halle, in welcher der Kaiser sie empfing, soll so klein sein, daß für die drei vorgeschriebenen Verbeugungen kaum Platz war. Der hinter einem gelbem Tisch ›aufgebaute‹ Kaiser soll jung, kränklich und ganz hébété aussehen, zu welchem Ausdruck die untere Hängelippe sehr beitragen soll; nur die Augen seien schön. Hinter ihm stand ein mit Drachen geschnitzter Paravent, und die ganze Halle soll schmutzig und verwahrlost ausgesehen haben.

24. Oktober kamen unsre 137 Kisten aus Kairo endlich an, welche die ganze Allee des Gartens in vier Reihen ausfüllen. Es ging an ein großes Öffnen und Auspacken, und wir hatten so viel zu tun, daß wir nicht zu den Rennen konnten, welche hier die große soziale Begebenheit bilden, und dies wurde uns seltsamerweise als eine ›antienglische‹ Stellungnahme ausgelegt! Leider aber kamen die meisten unsrer Möbel in schlechtestem Zustand an, da der Kairoer Kirchendiener-Packer sehr töricht gepackt hat. Manche Dinge waren gänzlich zertrümmert, die meisten stark beschädigt, so daß der große Saal zu einer Art Möbelhospital umgewandelt wurde, in welchem chinesische Tischler aufs kunstvollste zu flicken begannen.

Am 27. Oktober waren wir zu einem großen Diner, welches Denby uns zu Ehren gab. Die sämtlichen Gesandten und Chargés d'affaires waren da und ganz wieder Erwarten verlief das Diner sehr gut. An den wenigsten Orten würde eine solche Massenvereinigung des diplomatischen Korps sehr behaglich verlaufen, aber hier scheinen sich alle gut zu vertragen und man fühlte sich ganz en famille. Die japanische Gesandtin, die Baronin Hayashi, im Nationalkostüm verlieh dem Ganzen etwas couleur locale d'extrême Orient.

2. November war Bischof Anzer bei uns, der für ein paar Tage nach Peking gekommen ist und für den es Edmund erreicht hat, daß er mit seiner Mission sich im Heimatsort von Confuzius etablieren darf. Merkwürdigerweise kam am selben Tage eine telegraphische Anfrage von Marschall Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein, damals Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. über die Angelegenheit, über die dann Edmund sehr stolz antworten konnte. Bischof Anzer ist ein gemütlicher Bayer und es schien mir sehr seltsam, ihn in chinesischem get-up mit heliotrop Beinkleidern, stahlfarbenem, wattierten Rock, marineblauer Jacke und Zöpfchen zu sehen.

4. November. Nachmittags hatte Edmund den Besuch von Li hung chang, der hier sehr klein und still geworden ist. Er ist zum Mitglied des Tsungli Yamen ernannt worden, und nach all ihm in Europa erwiesenen Ehren findet er hier zu Hause die Behandlung recht anders. Vor seinem Kaiser mußte er 1 ½ Stunden knien, und als er im kaiserlichen Garten auf dem Rasen spazieren ging, ward er mit Entziehung eines einjährigen Gehalts bestraft! Edmund war ganz degoutiert über ihn, da er sich die Nase mit den Fingern reinigt und dies dann in einen silbernen Becher tut, welchen ihm ein Diener extra dazu hält. Li hung chang sprach hauptsächlich vom Fürsten Bismarck, welcher ihm erzählt habe, er hätte mit der alten Kaiserin Augusta so viel Schwierigkeiten gehabt.

Dienstlich ist dieser Monat voller Aufregungen, denn es ist dem Belgier Vinck Baron de Vinck, belgischer Ministerresident. gelungen, einen belgischen Conseiller in das Tsungli Yamen ernennen zu lassen, was natürlich eine starke Bevorzugung alles Belgischen bedeutet. Dann hat Sheng tao tai die Direktion der künftigen Eisenbahn Peking-Hankow erhalten und will nur amerikanischem und belgischem Kapital die Beteiligung erlauben, während er die bisherigen deutschen Ingenieure entläßt. Auch in der Angelegenheit der Militärinstrukteure zeigen sich die Chinesen wenig entgegenkommend. In all diese Unzufriedenheit kam ein Telegramm von Berlin, ob Edmund und der Admiral sich einig seien über Flottenstation. Edmund telegraphierte ›Amo‹y. Die Chinesen haben sich nun noch eine Perfidie zuschulden kommen lassen: sie ernennen augenblicklich eine Reihe neuer Gesandten, und für Berlin war Lo feng lo schon so bestimmt in Aussicht genommen, daß hier alle Welt davon sprach und Edmund es nach Berlin drahtete. Mittlerweile aber hat Sir Claude Macdonald gegen den für London Ausersehenen Einsprache erhoben wegen Unterschleifen, die er begangen, und plötzlich wird dieser anstatt Lo feng lo nach Berlin bestimmt. Edmund drahtete es an das Auswärtige Amt und erhielt die Weisung, diesen Gesandten abzulehnen. Dies tat er denn in einem sehr kühlen Brief und ging tags darauf auf das Tsungli Yamen, wo er den Chinesen all ihre Rücksichtslosigkeiten vorhielt, ihnen sagte, daß sie ein Glas Wein, welches den Engländern zu schal erschienen, für Deutschland noch gerade gut genug gefunden hätten, und daß sie statt der sanften Musik der Freundschaft auch einmal eine andre, nach einem Kriegsmarsch klingende zu hören bekommen könnten! Die Chinesen sollen sich bei der Unterredung sehr demütig und versöhnend gezeigt haben.

Dezember. Es ist wirklich ein aufregender Posten, und der erste, auf dem mir Edmunds Tätigkeit eine fortwährende Sorge ist. Oft wache ich darüber des Nachts auf, weil mich die Angst darüber nicht schlafen läßt. Edmund soll hier das deutsche Prestige heben, der deutschen Industrie Beteiligung schaffen und eine Flottenstation erwerben! Wir stehen davor und fragen uns: Wie? Wie soll man hier gegen russisches und französisches Übergewicht ankämpfen und gegen chinesische Verranntheit. All diese Fragen präokkupieren mich so, daß ich darüber ganz vergesse, ob mir das Leben in Peking eigentlich gefällt oder nicht, und ich würde auf alle Fälle ein zehnmal fataleres Leben ertragen, und zwar mit Freuden, wenn Edmund hier nur einige Erfolge hätte.

6. Dezember. Nachmittags machten wir eine Sonntagspromenade auf der großen Mauer, von der aus man einen unbeschreiblich melancholischen Blick auf die grauen Dächer Pekings hat. Eine Stadt von Hütten, die sich beschämt unter den vielen entlaubten Bäumen verstecken, mit trostlos weiten, ganz leeren Plätzen dazwischen. Über diesem traurigen Grau in Grau erhebt sich die die Kaiserstadt umgebende Mauer, über welche die gelb gedeckten Dächer der Paläste und Tempel herüberschauen, und am Horizont sieht man duftige Gebirgslinien. Die Kanäle sind schon fest zugefroren, man kommt sich weit weg vor, und das erklärt vielleicht die so ganz besondere Melancholie dieser Aussicht. Beim Zurückkommen schauten wir lang auf die Hatamenstraße mit ihrem Grouillement von grau und blauen Karren und Chinesen in dicken Schafpelzen, und Edmund meinte, es sei doch nicht möglich, daß es lange noch hier so weiter dauere, ein europäisches Regiment müsse doch bald kommen! Hier für den Norden Chinas wird es entschieden Knute und Juchtenleder heißen.

18. Dezember. Den ganzen Vormittag schneite es und nachmittags machten wir in Sänften Visiten. Die Stadt sieht im Schnee höchst malerisch aus, und besonders hübsch machen sich die grünen Kacheln der Dächer gegen den silbergrauen Himmel. All die Steinhundchen hatten weiße Schneemützen auf.

24. Dezember. Draußen weht ein eisiger Sturmwind, den man bis in die Zimmerecken spürt. Den ganzen Tag über baute ich im großen Saal auf, um ½ 8 versammelte sich die ganze Gesandtschaft in Edmunds Zimmer, und dann klingelte ich und alle traten in den Saal, voran die Venselauschen und Hummelkenschen Kinder, bei deren Anblick mir recht wehmütig nach den meinen ums Herz war! In einer Ecke des Saals stand der große Baum, dicht unter ihm Edmunds Tisch und außerdem war noch für 15 Personen aufgebaut. Für die chinesischen Diener hatte ich Pelzjacken, worüber sie besonders froh waren, weil sie sonst zu Weihnachten nie etwas bekommen. Sie dankten mir sehr, »weil sie sich bisher nie für alt genug gehalten hätten, um Pelzjacken tragen zu dürfen, nun hätte ich sie zu dieser Würde avanciert«. Das war echt chinesisch. Ich wollte noch zur Mitternachtsmesse der französischen Kapelle gehen, war aber zu erkältet.

26. Dezember. Ich blieb zu Bett, und draußen pfiff ein so eisiger Wind, daß ich sogar unter den Decken fror. Edmund ging ins Tsungli Yamen, um noch einmal den Gesandten Wang abzulehnen und eine Antwort auf seine Flottenstationsanfrage zu erhalten. Dieselbe war, wie vorauszusehen, eine verneinende, »weil sonst andre Mächte dasselbe verlangen würden«. Als Edmund erwiderte, Rußland habe schon große Mehrbegünstigungen erlangt, sagte der Prinz Ching: Onkel des Kaisers von China. »China sei auch Rußland zu besonderem Dank verpflichtet, weil es bei der Liaotung Intervention Im Chinesisch-Japanischen Krieg. führende Macht gewesen sei.« Es ist betrübend und beschämend zu sehen, daß in Japan Deutschland als diejenige Macht gilt, welche die Japaner um ihre Eroberungen gebracht hat, während in China der Ruhm, den Chinesen geholfen zu haben, einzig Rußland zugeschrieben wird. Es ist schade, daß die beiden Lesarten bei den zwei Völkern nicht gerade umgekehrt sich verteilt haben!

28. Dezember. Mr. Pettnick, ein Amerikaner, der bei Li hung chang Sekretär ist, erzählte mir heut, die Chinesen würden ihm odiöser, je länger er sie kenne; an ein »Erwachen Chinas« sei nicht zu denken, sie seien verrannter und eingebildeter denn je, »and only fit to be sliced up by the different powers«.

29. Dezember. Endlich seit drei Wochen die erste Post, da wir ja jetzt ganz von der Welt abgeschnitten sind und nur noch gänzlich unregelmäßige Landposten erhalten. »Ich bemerke nur, daß demnächst, Anfang Dezember, der Pei ho und der Hafen von Tientsin zufrieren wird, wo dann die Post von hier und nach hier durch Reiter über Land nach Shanghai gebracht wird; hierdurch wird die Dauer der Briefsendungen um etwa 18 Tage verlängert.« Edmund von Heyking an seinen Vater. 13. November 1896.

31. Dezember. Ich war den ganzen Tag recht elend, beschäftigte mich aber mit Frau von Prittwitz' und meinem Kostüm und ging schließlich auf den Macdonaldschen fancy dress ball. Ich stellte die Duchess of Devonshire dar, und es wurden mir mehr Komplimente gesagt, als je auf einem früheren Fest. Es gibt hier eben so wenig hübsche oder elegante Frauen, daß eine nur leidlich gut aussehende wie Honig auf Fliegen wirkt. Die Kostüme waren über Erwarten hübsch, besonders bei den Herren. Zu unsrer aller Erstaunen aber hatte sich Sir Claude statt in Kostüm in seine große Uniform gesteckt, angeblich weil Li hung chang käme. Seine Kollegen hatten sich dagegen auf seinen Wunsch alle kostümiert, nur Gerard war weise, kam im Frack und benutzte dies, um Li zu akkaparieren. Dieser alte Chinese, den ich zum erstenmal sah, frug Lady Macdonald, warum sie so wenig bekleidet sei, und die junge Mrs. Denby, warum sie keine Diamanten hätte! All die Ungezogenheiten, welche er sich erlaubt, sind großgezogen worden durch die auf Bestellungen harrenden europäischen Lieferanten in Tientsin.

1. Januar 1897. Köstliches, kaltes und doch sonnenhelles Winterwetter! Die ganze Gesandtschaft, sowohl Deutsche wie Chinesen, kamen, um zu gratulieren. Ein sehr schöner Jahresanfang war, daß wir unerwartet eine Post erhielten mit, gottlob, sehr guten Nachrichten von den Kindern. Während des Nachmittags kam das nämliche tout Peking, um mir zu gratulieren, so daß ich schließlich ganz erschöpft war.

2. Januar. Edmund wurde vom Tsungli Yamen benachrichtigt, daß der bisherige Gesandte in Petersburg, Hsü, nunmehr für Berlin ernannt sei.

In drei Abteilungen, geführt von den Prinzen Kung, Ching und Li hung chang kamen die sämtlichen Mitglieder des Tsungli Yamens und der übrigen Ministerien, um Edmund zu Neujahr zu gratulieren. Sie wurden mit Schokolade, Champagner und Süßigkeiten traktiert, und da sie sämtliche Gesandtschaften an dem einen Morgen abmachen, sind sie schließlich ziemlich angeheitert.

11. Januar. Wir gaben ein großes Diner und können nur hoffen, daß sich die andern Leute nicht so sehr wie wir dabei gelangweilt haben!

13. Januar. Wir waren zum Diner bei Sir Robert Hart Chef der internationalen Generalzollinspektion, die zum größten Teil aus Engländern bestand. und ich sah die künstlichen Blumen, die Spieldosen und die Goldfische, die seit 25 Jahren bei all seinen Diners erscheinen. Das Haus ist mit Mahagonimöbeln und Straminstickereien möbliert, und dazwischen stehen diese wahnsinnigen Spieldosen, wie sie Rajaherzen erfreuen würden, und wodurch die Zimmer verchinester aussehen, als wenn sie voller Chinoiserien wären. Zwischen all dem stehen die Photos schöner Damen, u. a. auch Mme. Pansas. Der Gedanke an Mme. Pansa ist mir immer ein Trost. Die ist doch auch hier gewesen, hat es auch ausgehalten und ist doch auch gut fortgekommen. Nach Tisch wurde ein Lancier getanzt, was bei Sir Robert stehende Sitte ist; seine Musiktruppe spielte, und um 11 Uhr spielte sie einen Marsch, der das Zeichen zum Aufbruch bei all seinen Diners seit 25 Jahren bildet. Der neuernannte Conseiller belgique am Tsungli Yamen, Wouters d'Oplinter, war auch da et la pensée a du lui donner froid dans le dos, daß er, um irgend etwas zu erreichen, hier auch 25 Jahre bleiben müßte und Zeit haben würde, ein Sir Robert zu werden, mit Goldfischen, Spieldosen et tout le reste!

14. Januar. Die Chinoiserien hatten mich so krank gemacht, daß ich den ganzen Tag zu Bett blieb. Edmund ging abends zu einem Tanz, kam aber ganz disgusted von der Menschheit zurück. Ich fühle mich in exotischen Ländern nie unglücklicher, als wenn ich »Vergnügungen« wohl oder übel verschlucken muß!

16. Januar. Edmund und ich schrieben den ganzen Tag. Draußen schneite es und pfiff der Wind. Wenn man das durch eine Treibhausveranda beobachten kann, so gehört man immer noch zu den Glücklicheren dieser Welt!

17. Januar. Wir hatten zum Lunch Mr. Gerard, Baron Vinck und Wouters, die alle gut aufgelegt waren und höchst interessant erzählten, so daß man sich ganz in der zivilisierten Welt vorkam. Gérard ist éminemment litteraire und Vinck künstlerisch, so daß sie sich gut ergänzen. Der zweite könnte das Stück montieren, welches der erste geschrieben hätte.

21. Januar. Wir haben jetzt schönes klares Winterwetter, bei welchem man gern spazierenginge, wenn man nur wüßte wohin!

26. Januar. Einige Visiten gemacht. Die Straßen Pekings werden mir aber jedesmal entsetzlicher, und ich habe eine physische Repulsion gegen sie, als sollte ich jemand, der mir sehr eklig ist, einen Kuß geben. Abends ein sehr nettes Diner bei Vinck. Er hat eine Masse schöner alter chinesischer Sachen gekauft. Früher hätte mich hier die Sammelwut entschieden auch erfaßt, jetzt läßt es mich ziemlich kühl und ich weiß nicht, ob der Grund ist, daß ich überhaupt abgestumpft worden bin, oder das fortwährende Denken an unsre Vermögenslage. Wenn diese große Wolke sich lichtete, mit wie viel leichterem Herzen wollte ich Peking ertragen! Vielleicht ist es aber ein für uns heilsamer Zwang. Denn wer weiß, ob wir die force morale hätten, hier auszuharren, wenn wir genug hätten, um unabhängig leben zu können. Ich bin alles so rasend müde und sehne mich – ja wonach eigentlich? Ich glaube nach der Abwesenheit von Sorge. Wenn ich aber bedenke, wie schlimm es mir ganz früher ging, und wie leicht ich hätte mein Lebenlang in jener mornen Hoffnungslosigkeit bleiben können, dann bin ich auch für die jetzigen Sorgen dankbar!

1. Februar. Es wehte ein entsetzlicher Staubsturm und die Kälte war durchdringend. Wir ließen uns aber doch in Sänften zu Baron Vinck tragen, wo wir den père Favier kennenlernten. Er ist schon ein alter Herr, der viele Jahre hier zugebracht hat und von jener wohltuenden gleichmäßigen Heiterkeit ist, welche man manchmal bei wahrhaft religiösen Menschen findet.

2. Februar. Chinesisches Neujahr, welches schon seit mehreren Nächten durch unaufhörliches Böllerschießen eingeleitet wird.

7. Februar. Herr von Groot Russischer Vertreter in der General-Zollinspektion. holte mich morgens ab und brachte mich in einen Tempel, wo eine große Neujahrsmesse gehalten wurde. Es wurden hauptsächlich grüne und rosa Steine verkauft und Perlen und wir erstanden allerhand Bronzesachen. Der Blick auf den Jahrmarkt war entschieden sehr malerisch. Von den Stufen des Haupttempels sah man auf die vielen kleinen Buden, die zwischen Fahnenstangen, alten Bäumen und den marmornen Unsterblichkeitsschildkröten aufgeschlagen waren, und zwischen denen sich die bepelzte chinesische Menschenmenge hindurchdrängte, ganz ordentlich und ohne daß irgendwelche Polizei sichtbar gewesen wäre. Ein Mongolenfürst mit seiner Frau fielen mir sehr auf; sie trugen beide rote Goldbrokatkleider, und die Frau trug eine Perlenmütze, auf der große Flügel aus Roßhaar befestigt waren, die mit Perlen bezogen sind. Über die Ohren hingen ihr lange Quasten aus Perlen und Korallen herab. Das ganze Bild war von der schönsten Sonne beschienen, und sobald ich kalt hatte, führte mich Herr von Groot, den alle Chinesen zu kennen scheinen, in einen der Läden, und wir bekamen Tee und Kohlenbecken. Ich habe in dieser Zeit Herrn von Groot häufiger gesehen, der durch seine große Ruhe für mich einen Charme hat. Er gehört zu den Männern, die wissen, daß Frauen ont besoin d' être choyées, und er hat all die Eigenschaften eines guten Freundes, der kleine ennuis und Widerwärtigkeiten aus dem Wege schafft.

9. Februar. Alle Herren der Gesandtschaft gingen auf das Tsungli, um mit dem übrigen diplomatischen Korps den Chinesen zum Neujahr zu gratulieren. Die Reden, das Bankett, die geistlose Unterhaltung sollen eine wahre Farce gewesen sein, recht kennzeichnend für die unüberbrückbare Kluft, die zwischen uns und den Chinesen besteht.

Sir Claude Macdonald ist es gelungen, die Chinesen dazu zu bewegen, den Westriver dem Handel zu eröffnen. Monsieur Gérard verlangt als Kompensation dafür die Insel Hainan und einen weiteren Bahnbau in die Provinz Honan. Edmund telegraphierte es nach Berlin und hofft, wenn die Franzosen jetzt etwas erreichen, daß man bei uns auch endlich Mut schöpfen wird.

17. Februar. Man ist hier entsetzlich isoliert, und außer Grünau haben wir keine Seele in dieser entsetzlichen Stadt, auf deren good will wir wirklich rechnen könnten. Wie groß ist oft die Sehnsucht, nur weg, wegzukommen! Wir fühlen uns oft so exasperiert, daß wir sogar daran gedacht haben, um Japan zu bitten, was vielleicht frei wird, da Gutschmid mal wieder eine fatale Geschichte mit Japanern gehabt hat, die er geprügelt haben soll.

Edmund erhielt eine Antwort aus Berlin, daß wir, falls die Franzosen ihre Kompensationen erhalten, auch unsre Flottenstation erlangen müssen. Dies versöhnte uns ein bißchen mit diesem Ort. Wir sind ja eigentlich Menschen von guter Rasse und würden hier ja alles gern ertragen, wenn man uns nur ein Ziel läßt, das der Mühe wert ist. Die furchtbaren Momente sind, wenn man an Berlin ganz irre wird. Edmund will nun versuchen, die Chinesen dahin zu bringen, daß sie Gérard nachgeben, damit wir freie Hand bekommen, und sich womöglich mit Gérard verständigen, pour qu'il ne nous jette pas des bâtons dans les roues.

20. Februar. Es ist plötzlich ganz frühlingsmäßig geworden. Luft und Himmel sind göttlich, so daß man lange Ausflüge machen möchte, aber in den Straßen taut und stinkt es derartig, daß man doch am besten zu Hause bleibt. Sobald es hier schön wird, empfindet man mehr als je das Gefängnismäßige . . . Heut erzählte Herr Detring, bei den Chinesen ginge das Gerücht, der Kaiser von Rußland käme nach Peking, was mich lebhaft an Indien erinnerte, wo auch immer am Horizont der indigenen Phantasie der Zar in einem großen Schlitten am Horizont auftauchte. Dies Bild scheint in ganz Asien in der Imagination der Leute zu spuken. So viel ist sicher, daß ein Russe, über dessen Bedeutung die Chinesen sich offenbar große Illusionen machen, nach Peking kommt, um dem Kaiser von China den Andreasorden zu überreichen. Ich schrieb an Kiderlen: Damals Gesandter in Kopenhagen. »Lieber Herr von Kiderlen! Ich habe Ihnen schon längst einmal schreiben wollen; die ersten Eindrücke von China waren aber so schauerlich, daß ich es verschob, in meiner damaligen Idee, mit der Zeit vielleicht günstiger urteilen zu können. Da sich aber meine Auffassung dieses Landes stets verfinstert und sich die wenigen Lichtblicke, auf die wir gehofft hatten, in nichts auflösen, so will ich nicht länger zögern, Ihnen ein Lebenszeichen zu geben, welches Sie im günstigsten Fall in zwei Monaten erhalten. Diese Tatsache charakterisiert an sich dieses Land, welches in gewollter Abgeschnittenheit von der übrigen Welt stumpfsinnig weiterlebt, während es durch einen Eisbrecher im Hafen von Tientsin oder durch die seit Jahren geplante Bahn in den Süden in ununterbrochener Kommunikation mit dem übrigen Erdball sein könnte. Aber das wollen die Chinesen nicht und sie sind trotz ihrer bitteren Erfahrungen fortschrittfeindlicher denn je, hassen alles Fremde und Reformen, und Eisenbahnen müssen ihnen aufgedrungen werden, nicht als seien dies Vorteile für sie selbst, sondern Zugeständnisse für fremde Nationen.

Wie grauenhaft alle Lebensbedingungen in dieser Barbarenstadt sind, können Sie sich gar nicht vorstellen, denn selbst wer die entsetzlichsten schmutzigsten orientalischen Dörfer gesehen, ahnt nicht, was Peking ist. ›Je rentre dans la grande cloaque‹, soll ein vom Urlaub zurückkehrender Europäer gesagt haben, als er sich wieder vor den Anblicken und Düften der Straßen Pekings befand, und besser wird diese Stadt nie geschildert werden. Wir leben hier wie in einem Gefängnis in die Gesandtschaften eingeschlossen, und was man in den Straßen sieht, ist so unanständig, und was man riecht, so widerlich und gesundheitsgefährlich, daß nur ausgeht, wer durchaus muß. In die paar Gärten, die es in Peking gibt, darf kein Europäer eintreten, alle Sehenswürdigkeiten sind uns verschlossen, und um auf die Umfassungsmauer der Stadt zu gelangen, haben uns die Chinesen nur einen Aufgang eröffnet, der so weit abseits liegt, daß sich auch das von selbst verbietet. Der Europäer ist hier eben ein mißachtetes, gehaßtes Wesen, wenngleich er Gesandter heißt. Die Chinesen schließen sich von uns ab, soviel sie nur irgend können, und da keiner von ihnen eine europäische Sprache ordentlich kann, so fehlt jede Möglichkeit, sich persönlich gut mit ihnen zu stellen und sie zu beeinflussen. Mein Mann empfindet das sehr, denn er hat gerade die Gabe, sich bei Menschen beliebt zu machen, und für die ist hier nicht der geringste Raum. Chinesen verstehen nur die Dollar- oder Kanonensprache. Im übrigen befindet man sich einer großen starren Mauer gegenüber, gegen die alle europäischen Gedanken und Argumente spurlos abprallen, und zwischen den Europäern und Chinesen besteht eine derartige Anschauungskluft, daß sie nie zu überbrücken sein wird. Was sie auch früher gewesen sein mögen, heute sind die Chinesen schmutzige Barbaren, welche keine europäischen Gesandten, wohl aber europäische Herren brauchten – je eher, je besser! Die Russen und Franzosen haben das längst eingesehen, und rücken hier unaufhaltsam von Sibirien und von Tonking aus vor. Daß der ganze Norden Chinas russisch werden wird, ist wohl eine Tatsache, und ich glaube, es wäre ganz verkehrt, etwa unsere Forderungen in der Gegend von Amoy nicht auszusprechen, um dadurch ein russisches Vordringen im Norden zu verhindern, denn der ist ihnen sowieso verfallen. Welchen großen Vorteil die Franzosen und Russen hier vor uns haben, daß sie Grenzen besitzen, von denen aus sie drohen und Forderungen stellen können, erweist sich bei jeder Gelegenheit, wo sich die Chinesen ihnen gegenüber etwas zuschulden kommen lassen, und sie dann sofort von ihrer festen Basis aus einen Schritt vorwärts gehen können. Wir sind den Chinesen zu weit weg, und wenn wir nicht unsre Position in Ostasien auf die Stufe derjenigen Hollands oder Belgiens herabsinken lassen wollen, müssen wir hier eine Station erwerben, von der aus wir dann auch für unsere Industriellen Eisenbahnen in das Land hinein verlangen können. Von der bloßen Gesandtschaft aus kann man mit den Chinesen nicht mit Erfolg arbeiten. Wir müssen uns unsern Platz an dem großen chinesischen Trog erwerben, an dem die besten Plätze von den Russen und Franzosen schon genommen sind. Fressende Völker sind ja noch weniger anmutig wie – nach Byron – essende Damen, nachdem wir aber in Ägypten den Engländern dabei zugeschaut und hier Russen und Franzosen in voller Kautätigkeit finden, möchten wir endlich mitmachen dürfen. Der Gedanke an diese Möglichkeit hat uns ja allein dazu veranlaßt, in dieses furchtbare Land zu ziehen, und wir würden alles Schreckliche hier ja gern ertragen, wenn wir sie dafür aus einer Möglichkeit zur Wirklichkeit werden sehen. Als wir in so überstürzter Weise vorigen Sommer von Berlin abreisen mußten, dachten wir, daß es sich um ganz besonders dringende Aufgaben handele, – die Aufgaben sehen wir ja nun, allein uns fehlt der Glaube, denn mein Mann hat doch allmählich den Eindruck bekommen, daß man in Berlin nicht recht will und mit dem Gedanken einer Flottenstation nur kokettiert. Lieber Herr von Kiderlen, in Darmstadt oder Karlsruhe läßt es sich wahrscheinlich auch ohne besondere Ziele ganz gut leben, aber in Peking ist die Existenz nur auszuhalten, wenn man von dem Bewußtsein getragen wird, wirkliche Aufgaben zu verfolgen, über die man die tausend Entbehrungen vergißt, die man hier täglich erduldet. Zum Verzweifeln aber ist es, wenn man daran irre wird. Ein deutscher Gesandter hat es ja hier ohnedies schwerer, als alle andern. Die Franzosen und Russen helfen und stützen sich durch dick und dünn, wir dagegen stehen hier ganz isoliert, denn die Freunde haben längst vergessen, daß wir mit ihnen gegangen sind, und haben wohl verstanden die Erinnerung daran bei den Chinesen zu verwischen, und unsrerseits ist ja auch nichts geschehen, um sie wachzuhalten. Italien und Österreich sind durch kindliche Dolmetscher hier vertreten, und wir haben von diesen Alliierten um so weniger Hilfe zu erwarten, als wahrscheinlich kein Chinese je von der Tripleallianz gehört hat. Die einzige Möglichkeit, hier etwas zu erreichen ist durch the good will von Rußland. Dagegen ist es unmöglich anzukämpfen, und so widerlich die Russen auch gerade hier sind und so sehr Zweiter-Klasse-Beamte sie hier herausschicken, so wird man doch nur durch sie zu etwas gelangen. Heute noch wurde auf der englischen Gesandtschaft geäußert: ,There is nothing to hinder them from marching into Peking to-day.'

Ich frage mich oftmals, warum wir nach dem geliebten Kairo gerade nur vor die Alternative des furchtbaren Tanger und des schrecklichen Peking gestellt worden sind. Wir sehen hier alles so hoffnungslos an, daß wir uns sehnen, so bald als möglich fortzukommen, und, falls Japan jetzt frei wird und man, wie schon früher einmal, an uns für dort denken sollte, wir gern bereit wären hinzugehen. Wir hätten dort doch ein menschliches Dasein, könnten uns im Freien bewegen, hätten europäische Ärzte und könnten unsre Kinder hinkommen lassen. Wir denken oft mit Sehnsucht an die hübschen Tage in Hamburg bei Ihnen, und ich hege ein besonderes grief gegen das Schicksal, welches es nicht zuließ, daß wir Sie in Kopenhagen besuchten... Mein Mann empfiehlt sich Ihnen in dankbarer Freundschaft, und ich bleibe Ihre aufrichtig ergebene E. H.«

25. Februar. Edmund ging am Nachmittag auf das Tsungli und kam mit der erstaunlichen Nachricht zurück, daß ihm die Chinesen angeboten haben, eine Anleihe von 1 Million Taels in Deutschland für sie zu vermitteln. Wenn sich in Deutschland die nötige Beteiligung findet, wäre es ein herrlicher Erfolg für Edmund; wir fürchten nur, daß am Ende nicht der nötige Mut zu Hause existiert. Außerdem hat Edmund die Zusicherung aus dem Tsungli mitgebracht, daß nur Krupp die Befestigung Port Arthurs erhalten werde. Franzosen und Belgier sollen sich sehr um die Anleihe bewerben.

26. Februar. Morgens war der Empfang des diplomatischen Korps beim Kaiser von China zu Gelegenheit des Neuen Jahrs. Edmund kam mittags mit den Worten von da zurück: »Il y a eu un incident«, was lebhaft an Kairo erinnerte. Das Incident besteht darin, daß Gérard und Edmund, nachdem sie die Audienzhalle verlassen, wieder den Mittelweg einschlugen, auf welchem sie gekommen, statt einen kleinen Seitenweg, wie es bisher üblich. Ein Minister des Tsungli Yamen, Ching hsin, faßte darauf Edmund am Ärmel und suchte ihn auf die Seitenstiege zu zerren. Nun ging Edmund natürlich erst recht den Mittelweg, und mit Ausnahme des Doyen folgten ihnen alle übrigen Anwesenden. Das Zerren am Ärmel scheinen alle gesehen zu haben, und Edmund sagte, er hätte am liebsten gleich dort sich beim Prinzen Kung beschwert, hätte es dann aber unterlassen, weil es doch eben im Palais des Kaisers stattgefunden. Prittwitz und Goltz wurden nun mit einem Brief an das Tsungli Yamen geschickt, in welchem Edmund verlangte, Ching hsin möge kommen und sich entschuldigen, widrigenfalls Edmund nicht bei dem morgigen Festessen für das diplomatische Korps erscheinen würde. Abends sagte Pawlow zu mir, er habe gesehen, wie Ching hsin Edmund am Kragen und Ärmel gezerrt habe, und er würde ihm zu Hilfe gekommen sein, wenn er nicht zu weit abgestanden hätte. Die Gravität der Sache wurde mir erst jetzt klar, als ich so die andern darüber reden hörte. Edmund und ich sprachen dann noch bis spät in der Nacht darüber.

27. Februar. Statt der Entschuldigung kam ein unpassender Brief des Tsungli Yamen, Edmund sei den falschen Weg gegangen, und da sei es sehr natürlich gewesen, daß Ching hsin ihn gezogen habe. Außerdem kam ein Sekretär des Yamen, um Edmund zu bitten, doch zu dem Lunch zu kommen, den er sehr kurz abfertigte und erklärte, er verlange Entschuldigungen. Bald darauf kam der alte Denby, den die Chinesen gestern abend bewogen haben, Frieden zu stiften, allerdings on the understanding, daß Ching hsin einen Entschuldigungsbrief schriebe. Der alte Denby ist leider halb verchinest und gehört einer Schule an, für die wir Neuen kein Verständnis mehr haben. Er stammt aus der Zeit, wo die Gesandten hier mühsam erreicht hatten, überhaupt empfangen zu werden, und stolz auf diesen Lorbeeren ruhten, sich gegenseitig einredeten, China sei ein großes Reich mit einem wirklichen Hof, und sie seien wirklich Gesandte an einem Posten wie jeder europäische. Sie schraubten vor sich selbst den Posten in die Höhe, um sich selbst wichtiger und größer zu erscheinen und sich nicht eingestehen zu müssen, bei welchen Barbaren sie eigentlich akkreditiert wären. Die jetzigen neuen Gesandten stammen aus einer neuen, mehr die Realität sehenden Zeit, und sie lassen sich nicht mehr durch China imponieren. Es war sehr kurios, wie der alte Denby immer wieder auf das Protokoll der früheren Audienzen zurückkam und eigentlich der Advokat der Chinesen war. Edmund blieb aber dabei, daß er ohne genügende Entschuldigungen zu dem Lunch auf dem Tsungli Yamen nicht erscheinen werde. Nun saßen wir wartend, und vor der Tür standen die Sänften für alle Herren bereit. Als aber bis 12 Uhr 15 keine Entschuldigung gekommen war, wurden die Sänften abbestellt, und wir luden alle Herren der Gesandtschaft zu unserm Lunch ein. Während des Frühstücks kamen noch ein paar Boten des Tsungli, Edmund möchte doch kommen, die natürlich abgewiesen wurden. Endlich um 2 Uhr 15, als wir von unserm Lunch aufstanden, kam ein Brief von Ching hsin, der sagte, er sei zerknirscht, aber das Wort Entschuldigung nicht enthielt. Unter allen Umständen aber fand Edmund, daß dies nicht mehr der Moment war, um nun noch zu dem Bankett zu gehen. Während des ganzen Nachmittags hatten wir nun Visiten von allen Herren, die von dem Bankett zurückkamen. Bis um ½ 3 Uhr hatte man dort auf Edmund gewartet, z. T. durch Schuld des alten Denby, der immer noch dachte, Edmund würde noch kommen, und nicht den nötigen Schneid hatte, den Chinesen zu sagen, Entschuldigungen seien durchaus nötig. Die Chinesen sollen übrigens in a great state of mind gewesen sein, und alle Herren meinten, die Lehre sei ihnen sehr gesund gewesen.

28. Februar. Da der Brief des Ching hsin nicht eine eigentliche Entschuldigung enthält, hat Edmund nochmals an das Tsungli Yamen geschrieben, er verlange Chings persönliches Erscheinen und seine Abbitte. Gérard und Pawlow sind eifrig dabei, den Chinesen Nachgiebigkeit zu raten, weil sie fürchten, daß Edmund aus der Angelegenheit Vorteile ziehen könnte. Edmund sprach mit Pawlow über die Flottenstationsfrage, der ihm sagte, von Rußland hätten wir am wenigsten Opposition zu fürchten, aber es würde doch schwer zu erreichen sein, denn selbst kleine Länder, wie Holland, würden Gegenkonzessionen verlangen. Das Telegramm Herrn von Holsteins, wodurch er Edmund vor einigen Monaten in vollster Präparation aufgehalten hat und in welchem er sagte, es lägen Nachrichten vor, wenn wir hier ein Geringes nähmen, daß Rußland gleich ein Großes fordern würde, erweist sich also als ein bloßes Resultat seiner Ängstlichkeit und Nervosität, denn es ist seitdem im Gegenteil bekannt geworden, daß der Zar Li hung chang das Versprechen gegeben hat, keine Länderabtretungen zu verlangen, sondern sich mit der Bahn durch die Chinesische Mandschurei zu begnügen. Von der Nervosität Herrn von Holsteins aber wird Deutschland practically regiert! Das ist die eigentliche verantwortungslose Nebenregierung.

1. März. Wir machten einen Besuch bei Lady Macdonald, und ich war wieder entsetzt über die entsetzlichen Straßen mit ihrem Schmutz und Gestank und der armseligen Menschheit, die sich darin grau und trübe hin wälzt. Ich habe oft die Empfindung, als lebten wir wirklich in der Kloake der ganzen Welt, wo alles Schmutzige und Schreckliche von allen Weltenden zusammenfließt. Dazu die stumpfsinnige Trübseligkeit des ganzen Orts und aller Menschen; alle Leute, denen man begegnet, sehen wie Bettler aus; man sieht nie etwas Hübsches und Freudiges. Ich ertrage es nur dadurch, daß ich Haus und Garten nie verlasse; müßte ich viel ausgehn, so würde ich tiefsinnig, denn ich bin jemand, der so sehr vom Schönen lebt und von einer kongenialen Umgebung abhängig ist. Hier lastet das Häßliche wie Blei auf mir, und dann fühle ich mich so grenzenlos isoliert. Ach, dieses Gefühl des Alleinseins, wie es uns trotz allem durchs Leben begleitet! Wie ein Gefühl der Angst überkommt es mich oft des Nachts, und mir ist dann, als schwebte ich allein, ganz allein im dunklen Äther über einer ausgestorbenen Welt.

Hier, wo ich soviel Zeit zum Nachdenken und Erinnern habe, fallen mir oft frühere Lebensbilder ein. Ich sehe besonders so oft ein ganz junges Mädchen nachts am offenen Fenster; am Himmel steht der Mond, aber große, schwarze Wolken jagen an ihm vorbei; die Straße unten ist naß, die Laternen flackern unstet im Winde, manchmal hört man Sporenklingen auf dem Trottoir. Drüben an der Ecke des Hirschgartens blüht der große Baum hellgelb, und der Wind bringt einen leisen Frühlingsduft mit sich. – Wie oft habe ich da gestanden und soviel Fragen an die Zukunft gestellt und Pläne gemacht. War ich das wirklich? Schon damals habe ich jenes geheime Buch der unerfüllten Wünsche zu schreiben begonnen, in das ich seitdem täglich mit müderer Hand eine unerklommene Höhe mehr verzeichne.

Wenn sich nur der eine große Wunsch hier erfüllt, durch den allein ich das Leben hier ertrage! Alles eigne Leben in mir ist so sehr abgestorben, und so vieles, woraus hätte etwas werden können, ist verkümmert. Ich lebe beinahe mehr in Edmunds Beruf wie er selbst und fühle die Schwierigkeiten und Hoffnungslosigkeiten so sehr intensiv. –

2. März. Nachmittags kamen Ching hsin und Li hung chang zu Edmund, und ersterer entschuldigte sich wegen des Ärmelincidents. Li hung chang sagte, es täte ihm so leid, daß dies vorgekommen, weil er selbst in Deutschland so besonders gut aufgenommen worden sei. Die übrigen Tsungli-Yamen-Minister sollen sich in ihrem effarement an Li gewandt haben, er möge »auf Grund seiner Kenntnisse europäischer Dinge« die Sache wieder in Ordnung bringen, und Li's Prestige soll nun sehr gewachsen sein. Zu der Erledigung der Sache haben aber entschieden Pawlows und Gérards Warnungen sehr beigetragen, daß leicht Ernsteres daraus entstehen könne.

3. März. Wie jetzt beinahe täglich, war mir wieder recht wenig wohl, und so schrecklich abattue ohne eigentlichen Grund. Ich fuhr nachmittags mit Grünau in chinesische Seidenlager, was mich wieder etwas aufrappelte. Die Luft war schön und man empfand so eine Sehnsucht, nach irgendeinem hübschen, grünen, reinlichen Ort zu können; – statt dessen nichts wie diese graue, trübselige Scheußlichkeit. Zum Diner waren wir bei Baron Vinck, der sehr weit weg wohnt, und die Sänftenreise bis dorthin war besonders lugubre. Die Straßen sind hier nachts völlig unbeleuchtet und gänzlich menschenleer, und zwischen den endlosen niederen, grauen Mauern vorbeigetragen zu werden, hat etwas ganz Beklemmendes, als sei man allein noch lebendig in einer ausgestorbenen Welt. Manchmal begegnet man einem Chinesen, eine Laterne in der Hand, und diese undeutlichen Gestalten, deren Umrisse auf Augenblicke aus der Finsternis auftauchen, scheinen wie arme irrende Seelen; sie suchen auch den Weg, und alle bei ungenügendem Licht.

4. März. Wir gingen mit Grosvenor, Hugh Grosvenor, Sekretär der englischen Gesandtschaft. Vinck, Serceys Graf Sercey, 1. Sekretär der französischen Gesandtschaft. und Vidals Kapitän Vidal, französischer Militär-Attaché. in die Chinesenstadt, um Curioläden zu sehen. Das größte Curio ist immer wieder die Stadt selbst mit ihrem stets von neuem verblüffenden Schmutz und Gestank. Es gibt Straßen, in denen die Unrathaufen bis an die Dächer reichen und nur auf der einen Seite ein kleiner ebener Steg freibleibt, der jetzt aber, im Tauwetter, natürlich auch kaum passierbar ist. Andere, breite Straßen, haben in der Mitte eine Art erhabenen Damm, auf dessen Seiten allerhand fliegende Läden errichtet sind, und daneben viel tieferliegende Fußsteige, in welche natürlich aller flüssige Schmutz von oben herabsickert. Bei noch anderen Straßen findet sich eine Art Trottoir wie angeklebt an den Mauern, und die eigentliche Fahrstraße in braunem Unrat-Schlammstrom führt drei bis vier Fuß tiefer daneben. Die Bettler, denen man in Scharen begegnet, sind abschreckend schmutzig, in die unmöglichsten Lumpen gehüllt, z.T. sogar ganz unbekleidet. Sie bilden eine besondere Gilde und sind nach Straßen verteilt, und von ihrem Erwerb haben sie ihren Häuptlingen gewisse Abgaben zu machen, von denen diese wieder dem obersten Chef der ganzen Gilde, der stets ein kaiserlicher Prinz ist, Prozente zahlen müssen. So wird denn sogar der nackte, verhungernde Bettler in China gesqueezed. Für die Obdachlosen soll es in Peking ein Haus geben, dessen Räume nicht etwa mit Betten versehen sind, sondern welche mit Federn angefüllt sind; da sollen allnächtlich Hunderte dieser beinahe nackten, nie gewaschenen, mit jedem Ungeziefer bedeckten Gestalten hineinkriechen. Man denke sich, welche Ansteckungsherde!

Wir kamen in einen sehr merkwürdigen Hof, in welchem Ballen schöner, alter Seiden und Samte lagen, die von dort auf den öffentlichen Auktionen versteigert werden. Am Eingang dieses Hofes saßen eine Reihe seltsamer Bettlergestalten; einer von ihnen hatte sich seiner Lumpen gänzlich entledigt und fraß die unzähligen Läuse, die darauf promenierten. Die Gourmets sollen sie nur aussaugen und dann die Häute ausspucken, wie wir die Traubenschalen!! Unser Spaziergang währte 3 ½ Stunden, und wir kamen aus dem Wirrsal kleiner Straßen schließlich ganz in der Nähe des Himmelstempels heraus. Die hohen Wipfel der alten Bäume winkten verlockend über die Mauern, welche das weite Grundstück des Himmelstempels umgeben; aber wie überall, wo es in Peking hübsch ist, darf der Europäer ja nicht eintreten. Sir Macdonald meint auch, daß Peking abends ganz den Eindruck einer City of the dead macht, und welche Bilder Dante hier gefunden hätte.

6. bis 9. März zu Bett wegen Fieber und Gliederschmerzen, eine Art Influenzaanfall. Die erste Seepost kam wieder an von Shanghai nach Tientsin, und ich bekam eine Menge Briefe von zuhause, u. a. einen von Mumm, der uns bestätigt, Holstein wolle nicht recht an die Flottenstation heran. S. M. soll unter einen Bericht Edmunds »sehr gut« geschrieben haben, einen andern seinem Flügeladjutanten vorgelesen haben, und Cassini soll sich gegen Radolin Hugo, Fürst von Radolin, damals Botschafter in Petersburg. sehr lobend über Edmund geäußert haben. Von alledem erfährt man durch das Amt natürlich keine Silbe, ein Auszug des Radolinschen Gesprächs mit Cassini ist Edmund sogar geschickt worden unter sorgfältiger Weglassung der anerkennenden Worte. Es ist alles so kleinlich. Auch einer der berühmten Hatzfeldschen Berichte, aus Zeitungsausschnitten zusammengestellt, über die sibirische Bahn, wurde Edmund geschickt. Welch trauriges Machwerk! Aber der Mann ist Botschafter, Paul, Graf von Hatzfeldt, damals Botschafter in London. leitet mit Holstein die Politik, wird von ihm in allen ernsten Fragen zu Rate gezogen und hat den schmählichen Sansibar-Vertrag abgeschlossen! Alle großen Gedanken des Kaisers scheitern an der Schattenexistenz Holstein, der an einer auf Krankheit basierten Nervosität leidet, allen Dingen aus dem Wege geht, wo es zu einer wirklichen Handlung und Entscheidung kommen und er vielleicht gezwungen werden könnte, aus dem Dunkel herauszutreten. Denn er liebt Macht ohne Verantwortung! Obendrein leidet er an persönlichem Haß gegen die Russen, der sich auch uns hier in der Flottenstationsfrage zeigt und sicher schon oft noch ernstere Folgen gehabt hat. Denn warum ist nach Bismarcks Abgang der Neutralitätsvertrag Mit Rußland. nicht erneuert worden? Man sagt, weil Caprivi ihn für zu kompliziert hielt; Caprivi aber war in jenen Tagen noch ganz am Gängelband des Auswärtigen Amts, d. h. Holsteins, und wenn der den Vertrag hätte erneuern wollen, wäre er damals nicht an Caprivi gescheitert. Die Zeiten, wo Caprivi sich zu emanzipieren versuchte, kamen erst viel später, da stürzte er denn auch bald. Warum ist ferner nach S. M.s Telegramm an den Präsidenten Krüger Rußlands Anerbieten, darin mit uns zu gehen, wenn wir ihm in seinen antienglischen orientalischen Plänen freie Hand ließen, nicht angenommen worden? Durch Holstein-Hatzfeldsche Manipulationen, von denen der eine Rußland persönlich haßt und der andre unter englischem Einfluß steht!

14. März. Ich habe eine Woche mit Kranksein und in tiefster moralischer Depression zugebracht. So vieles hier würde anders werden, wenn man es nur den Kaiser wissen lassen könnte. Aber wie? Edmunds Berichte, die dem Auswärtigen Amt unbequem sein und die Inaktion und Ängstlichkeit dort klarlegen könnten, werden S. M. ja nie vorgelegt werden.

Es war ein milder, grauer Tag, und Grünau und ich benutzten ihn, um eine Ausfahrt zu machen in einer Siberiènne, einem zweiräderigen Karren, auf welchem ein freier, federnder Holzsitz angebracht ist und in welchem man nicht so sehr wie in den Pekinger Karren geschüttelt wird. Wir fuhren an der langen, hohen Mauer der Tatarenstadt entlang, wo ein leidlicher Sandweg ist, so daß unser Pferdchen ordentlich traben konnte, und wo man wenig Menschen, nur abschreckenden Bettlern und langen Kamelzügen, begegnet. Gegen den grauen Himmel nahm sich die hohe, gelbliche Mauer gut aus und ihre hohen Türme mit glänzenden grünen Kacheldächern. Neben dem breiten Sandweg zieht sich ein moderner Kanal hin, und auf seinem jenseitigen Ufer stehen zwischen entlaubten Bäumen die grauen, kleinen Häuschen der Chinesenstadt. An der Mauer treiben sich Scharen fetter, schwarzer Schweine herum, die in den Unrathaufen wühlen. Sehr malerisch ist der Ausgang der Chinesenstadt mit den doppelten grauen Toren, durch die man in die enge Straße sieht mit ihrem Gewirr von Menschen, seltsamen Aushängeschildern und zottigen Kamelen. Dann geht es über eine Art Zugbrücke hinaus, und zum erstenmal seit dem ersten Oktober befinde ich mich wieder außerhalb der verpesteten Stadt Peking. Ein ganzer Zug brauner, zottiger Kamele mit Lasten beladen steht da, die von weit, weit hergekommen sind, und man hat plötzlich die Empfindung, selbst auch weit, o wie weit weg zu sein von allem bisher Bekannten und Gewohnten. Wir fuhren durch allerhand holperige Landwege, auf denen unsre Siberiènne manchmal ganz seitwärts lag, auch durch etliche Sümpfe mußten wir, und dann wieder an Kamelherden uns vorbeidrängen, die nicht ausweichen wollten trotz des Schreiens unsrer Mafus. Das ganze Land ist noch graugelb und die Bäume kahl, nur die dunklen Flecken der Nadelhölzer beleben das Bild, und im Hintergrund zieht sich die blaßblaue ferne Bergkette. An einem Brückchen verließen wir den Wagen und gingen zu Fuß nach einem Tempel, den wir eventuell mieten wollen. Das ganze China scheint ein weites Grab, und in allen Abhängen, die die Wege einfassen, sieht man kleine und große Stücke menschlicher Gebeine aus dem Boden herausragen. Wir besahen ein altes Grab inmitten einer stillen kieferbewachsenen Fläche, und dann besuchten wir eine Pagode. Ein hoher, massiver Turm, an dessen unterem Teil allerhand Götzen angebracht sind. Darüber erheben sich 9 oder 10 Dächer, die alle mit Glöckchen besetzt sind. Der Wind spielt in diesen kleinen Glöckchen, und ihr leises Klingeln über all den umliegenden Trümmern in der kahlen, grauen Welt war unbeschreiblich trübselig. Verfallene Stufen führen hinauf und allerhand Steinornamente und große Marmortafeln liegen herum. Hübsch war eine weiße Marmorschildkröte mit der hohen Stele auf dem Rücken, die sich, von der Sonne einen Augenblick hell beschienen, scharf abhob von dem blaugrauen verschwommenen Hintergrund. Ein erhalten gebliebenes Sinnbild der Unsterblichkeit, von Trümmern und Zeichen des Vergänglichen umgeben. Durch die tiefliegende Dorfstraße, deren spitzgewölbtes Tor etwas seltsam Mittelalterliches hat, gingen wir nun zu unserem Tempel, der klein aber recht hübsch ist, besonders durch die vier Türmchen an den Ecken seiner Umfassungsmauer, die auch wieder recht mittelalterlich ins Land hinausschauen.

15. März. Sir Claude Macdonald kam zu Edmund und machte ihm bittere Vorwürfe, daß er in der Anleiheangelegenheit ohne ihn vorgegangen sei. Es scheint, daß durch das Auswärtige Amt das Foreign office den Wortlaut von Edmunds letztem Chiffretelegramm erfahren hat!! Edmund war ganz sprachlos. Soll nun aus der Anleihe etwas werden, so müssen wir mit England gehen, während wir sie leicht hätten allein haben können.

16. März. Edmunds Geburtstag. Gott behüte ihn und halte ihm Kummer fern und gebe ihm reichen Erfolg! Trotz dieses Exillandes war der Tag befriedigender als voriges Jahr, wo wir ihn so sehr traurig in Kairo verlebten. Nachmittags besuchte uns Li hung chang und wünschte Edmund tausendjähriges Leben (hoffentlich nicht in Peking!). Außerdem kam er, um mitzuteilen, daß die Chinesen die Anleihe dringend wünschten und bereit seien, als Pfand die Grundsteuer zu geben. Edmund telegraphierte dies gleich nach Berlin.

19. März. Ich schrieb an Mumm: »Lieber Herr von Mumm, haben Sie tausend Dank für Ihren liebenswürdigen Brief vom 1. Es war mir eine besondere Freude, von Ihnen zu hören, denn ich bin seit Wochen krank, lebe abwechselnd im Bett und auf der Chaiselongue, da ich das hiesige Klima absolut nicht vertrage, und habe noch nie ,the joylessness of life' so ganz realisiert wie während dieses entsetzlichen Winters in Peking, umgeben von der grauen, trostlosen Häßlichkeit und Armseligkeit, und dabei belastet durch das erdrückende Gefühl der Abgeschnittenheit, des Gefängnishaften. Wenn ich unser Exil überhaupt überlebe, so werde ich an Peking nur mit schauderndem Frösteln zurückdenken über all das Grauenhafte, was ich hier habe sehen müssen. Wenn man im Grab an Peking zurückdächte, müßte das Totsein an Reiz gewinnen. Man erlebt hier ungeschriebene Kapitel aus Dantes Inferno. Ein Inferno, wie eine kalte nordische, armselige, trostlose, grau in graue Phantasie es träumen könnte! Es kann keinen zweiten so abschreckenden Ort geben, den die arme Sonne bescheinen muß, sonst würde sie das Geschäft aufgeben. Wie gern täten auch wir das! Lieber Herr von Mumm, wozu sind wir eigentlich hierher geschickt worden? Für die schwächliche, ängstliche Politik, die man offenbar hier treiben will, paßte doch Baron von Schenk unendlich viel besser; denn er ward rund und fett, indes man hier über Deutschland die Achseln zuckte, was uns nicht schlafen läßt. Mein Mann ist doch wirklich zu schade für dieses kindische Kokettieren mit Flottenstationsplänen und nervös-ängstliche Fallenlassen aller Vorsätze, sobald eine Schwierigkeit entstehen könnte. Bei der ersten Gelegenheit, wo es mein Mann so weit gebracht hatte, daß wir handeln konnten, und es hier allgemein erwartet wurde, wird von Berlin abgeblasen. Und wegen welcher nichtiger Vorwände, weil Rußland sofort ganze Provinzen annektieren würde! Als ob es damit, wenn es überhaupt Wert darauf legte, auf uns zu warten brauchte! Diese ganze Weisheit basiert auf einem Gespräch des Fürsten Radolin mit Graf Cassini, in dem dieser geäußert hat, wir sollten es doch wie Rußland und Frankreich machen und einfach zugreifen. Dahinter wird mit großer Schlauheit gesucht, Cassini wollte uns hineinhetzen, um selbst Provinzen schlucken zu können, und wir kommen uns sehr klug vor, indem wir sagen: »Nun gerade nicht, ein Russe hat es geraten, folglich muß es schlecht sein!« Aber so liegt es nicht. Wenn Rußland wollte, könnte es den ganzen Norden Chinas besetzen; das liegt aber nicht in seinen vorläufigen Plänen. Auf Jahre hinaus wird es hier Eisenbahnen bauen, Banken gründen, Schulen einrichten und das Land so viel sicherer und ohne Aufsehen absorbieren. Es ist ja in der glücklichen Lage, warten zu können, weil es eine zielbewußte Politik betreibt und Schritt für Schritt nach dem Persischen Golf und den östlichen eisfreien Meeren vorgeht, und es ist auch immer sicher, dafür die nötigen Mittel zu finden, weil es ja nicht von einem gedankenlosen Reichstag abhängt. Gewaltsame Annexionen großer Provinzen wünschen sich weder die Russen noch die Franzosen, dazu sind die Chinesen ein zu schwer verdauliches und unassimilierbares Futter. Was aber alle hier besitzen und was jeder, der dies Land mit seinen Possibilitäten kennt, auch für Deutschland wünschen muß, ist, eine Tür in Händen zu haben, die nach China hineinführt. Und da es nicht eine lange Landgrenze sein kann, wie Rußland und Frankreich sie haben, muß es eben ein deutsches Gegenstück zum englischen Hongkong sein. Solange wir hier nicht festen Fuß gefaßt haben, werden wir nie in Ostasien au sérieux genommen werden. Wir sind gern nach Peking gegangen, solange man glauben konnte, daß es sich hier um besondere Aufgaben handelte, für die man meinen Mann speziell als geeignet hielt. Da das aber nicht der Fall ist, so kann ich nur sagen, daß es eine unnötige Grausamkeit ist, verheiratete Leute an diesen furchtbaren Ort zu schicken. Kinder den Gefahren eines Pekinger Aufenthaltes auszusetzen, wäre ein unverantwortliches Unrecht...«

22. März. Edmund war bei Chang yin wang und kam von diesem Diner ganz schwermütig zurück. Die Geistlosigkeit solcher Feste und das Bewußtsein, eben bei absoluten Barbaren zu sein, drückten ihn ganz nieder.

23. März. Admiral Tirpitz und andere Herren wollen im April heraufkommen. Diese Aussicht ist ganz herrlich.

24. März. Tiefer Schnee. Ich malte eine Ecke der Gesandtschaft, während der Schnee in dicken Flocken fiel.

4. April. Wir gaben ein Diner, zu welchem wir Li hung chang geladen hatten. Der alte Mann hat ein recht pfiffiges Gesicht, und mittels Goltz' unterhielt ich mich viel besser mit ihm, als ich erwartet hatte, so daß Goltz meinte, es sei ein regelrechter Flirt geworden. Ich hatte Befehl gegeben, daß der silberne Becher im Vorzimmer bleiben müsse, und so wurde uns dieser schreckliche Anblick erspart.

6. April. Wir fuhren in Siberiennen nach den außerhalb gelegenen gelben Lamatempeln. Die Wege waren so schauerlich, daß wir mehrmals umwarfen. Der Tempel ist aber so schön, daß der Ausflug doch lohnte. Wir saßen dort unter grünen Zypressen, zwischen denen die weiße Marmorpagode schimmert, unter der ein tibetanischer Lama begraben sein soll und die mich mit ihrem goldenen Aufsatz recht an Birma erinnerte. Um uns herum standen eine Menge Mönche, Chinesen und Mongolen, in seltsamen Pelzmützen und schmutzigen Brokatröcken; besonders eine recht schöne Mongolin mit goldenem Filigrankopfschmuck wich nicht von meiner Seite.

Tirpitz, den wir in den nächsten Tagen erwarteten, kommt nicht, sondern geht direkt aus Japan nach Berlin, da er zum Staatssekretär im Reichs-Marineamt ernannt ist. Einerseits erfreut uns dies sehr, da wir an ihm jemand in Berlin haben werden, der sich für China interessiert, und dem wir unsre Wünsche werden direkt mitteilen können. Andrerseits aber ist es ein Jammer, daß ihn Edmund nicht noch vorher sprechen kann.

10. April. Ich las eine Beschreibung Pekings von dem armen Ehlers, an den wir so oft denken, und dem wir, wenn er noch lebte, soviel anvertrauen könnten von dem, was wir wünschten, daß hier geschähe. Durch seine Freundschaft mit S. M. und seine Gabe, für Dinge Stimmung zu machen, würde er vieles hier erreicht haben.

18. April. Ostersonntag. Wir ließen uns nachmittags in den Petang Katholische Kirche. tragen, wo Gottesdienst mit hübscher Musik war. Trotz der seltsamen chinesischen Mützen der Priester, der chinesischen Chorknaben und der chinesischen Gemeinde hatte diese Feier doch etwas anheimelnd Heimatliches, was auch wohl der Grund war, daß das diplomatische Korps ohne Unterschied der Konfessionen versammelt war. Nach der Kirche war Tee bei père Favier und dann besuchte ich noch die netten Nönnchen, die aus aller Herren Länder stammen und das Glück der Resignation auf dem Antlitz tragen.

19. April. Wir erlebten einen ganz fürchterlichen Staubsturm, durch den die Sonne förmlich verfinstert ward und die ganze Luft dick und gelb schien.

21. April. Edmund hatte infolge des Staubsturms einen heftigen Rheumatismusanfall und auch ich bin recht wenig wohl. Doch hatte ich viel im Haus zu tun, denn am

22. April kamen Kapitän Zeye Nach Abberufung des Admirals Tirpitz zeitweise Kommandant des Geschwaders. mit Graf Zeppelin Flaggleutnant. und Geheimrat Franzius mit Neffen, um einige Tage bei uns zu bleiben. Der Geheimrat ist ein kleines buckliges Männchen, der mich lebhaft an Robert-tornow erinnert, er hat ein sehr gescheites Gesicht, und dabei etwas sehr Liebenswürdiges. Er ist an den Kieler Docks angestellt und wird herausgesandt, um zu studieren, welcher Punkt für die Flottenstation am geeignetsten sein würde. Den Süden hat er bereits bereist und ist für Amoy und Samsa nicht sehr eingenommen; jetzt soll Kiautschou untersucht werden, wofür die Marine am meisten eingenommen ist, und neuerdings scheint es ja auch, daß die Russen ihre Ansprüche darauf fallen gelassen haben.

23. April. Edmund, der noch immer ganz krank ist, arbeitete aber mit Zeye und Franzius; sie wissen offenbar beide, daß das Auswärtige Amt nicht recht heran will, und daß S. M. wird persönlich eingreifen müssen, wenn aus der Sache etwas werden soll. Sie meinen, Tirpitz werde sicher in dem Sinne mit S. M. reden.

25. April. Wir standen morgens ganz früh auf, und gleich nach dem Frühstück um ½ 7 brachen der Geheimrat und ich in Karren nach Wan schau schan Sommerresidenz der Kaiserin Exregentin. auf, während die anderen Herren zu Pferde folgten. Die Wege waren in einem so furchtbaren Zustand, daß man sich gar keine Vorstellung davon macht, bis zur Achse versanken die Wagen im Kot und standen oft so schief, daß es unmöglich schien, nicht umzufallen. Vor dem Tor wurde es besser, und ich hatte mich auf die Deichsel gesetzt und genoß die schöne Luft und das knospende Grün. Die Landschaft erinnert entschieden an Oberitalien mit der blaßblauen Gebirgskette, gegen die sich Weidenwäldchen und einzelne Pinien abheben. Auf der Straße herrschte viel Leben, da die Kaiserin Exregentin und häufig auch der Kaiser in Wan schau schan sind. Wir begegneten grünen Sänften, in denen schlafende Großwürdenträger einhergetragen wurden, und zerlumpten Soldaten auf kleinen zottigen Pferdchen, Offiziere mit der Pfauenfeder sprengten dahin. In Wan schau schan wird trotz des vielerwähnten Geldmangels stark gebaut. Von dort bogen wir den Hügeln zu und erreichten gegen 12 Pi yün sse, unser eigentliches Ziel. Dieser Tempel liegt reizend zwischen grünen Bäumen am Abhang eines Berges. Ein Marmortriumphbogen bildet den Eingang, durch den man aufwärts auf eine hohe Treppe sieht, die zu einem zweiten Bogen und endlich zu der Pagode führt. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf die schier unermeßliche Ebene. Um den Tempel steht ein kleiner Hain von weißstämmigen Fichten, und an einem Tempeltor blühte ein gefüllter Mandelbusch; es war eine Fülle von reizenden rosa Blüten, wie ich sie noch nie vorher gesehen. Der Tempel enthält merkwürdige Höfe und Bauten. In einer Halle sitzen über 500 Genien, überlebensgroße, goldlackierte Figuren, in einer andern sind die Höllenstrafen dargestellt, genau wie auf unsern alten Bildern; zwei wundervolle alte Cloisonée-Vasen und reizende eingelegte Laternen stehen am Hauptaltar. Wir kamen zwar sehr gerädert durch das Rütteln der Karren nach Hause, aber doch sehr entzückt.

27. April. Den Morgen waren Kuriohändler in Massen vor unserm Haus versammelt und es entstand eine wahre Börse um die vier Herren. Abends gaben wir ein großes Diner für den neuangekommenen österreichischen Gesandten, Baron Czikann, Baron Czikann von Wahlborn. den ich in Berlin bei Eperjessys Hochzeit vor 16 Jahren kennengelernt hatte. Er scheint noch in den Flitterwochen des Gesandtendaseins sich zu befinden und dadurch die Schrecknisse Pekings zu übersehen, spricht von seinem künftigen Gesandtschaftspalais mit griechischer Fassade, und das allein beweist ja, welchen Illusionen er sich hingibt. Zehn Offiziere und ebensoviel Matrosen sind mit ihm heraufgekommen und werden hier abwarten, bis er seine Audienz gehabt hat. Diese neue Gesandtschaft soll hier entschieden mit einem gewissen Trara installiert werden, ich fürchte nur, auf die chinesische Dickfelligkeit macht nichts einen Eindruck.

2. Mai. Wir gaben ein großes Abschiedsdiner für unsre Herren und hatten dazu auch Li hung chang und Baron Czikann und seine österreichischen Offiziere eingeladen. Der Tisch war so schön mit weißem Flieder dekoriert, daß es sogar dem alten Chinesen auffiel. Er hatte uns sehr schöne Fische geschickt, und die erschienen serviert mit kleinen Fahnen, auf denen stand, daß dies kostbare Geschenke Li hung changs seien. Unsern Herren machte es entschieden Spaß, mit dieser größten chinesischen Kuriosität zusammen gespeist zu haben.

5. Mai. Die alte Mrs. Denby holte mich morgens ab, und wir fuhren nach dem verlassenen kaiserlichen Jagdpark Wan hei lo, in welchen eigentlich kein Mensch hinein darf. Der Park ist von einer hohen Mauer umgeben, und wenn man eintritt und die blumigen Wiesen, die halbüberwachsenen Teiche und die schönen Blumen sieht, glaubt man wieder in Europa zu sein. Das Jagdschlößchen, welches verfallen auf einer kleiner Insel inmitten des schilfigen Wassers liegt, wurde von Chen lung gebaut, und alles dort erinnert an die gleichzeitigen Louis XV. Lustpavillons in chinesischem Stil, wie man sie in Frankreich, Deutschland und Sizilien so oft gesehen hat. Ich hatte, wie so oft, die Empfindung des früher schon Erlebten. Auf einem Hügel steht ein Teepavillon mit geschwungenen Dächern, über die Arme des Teiches führen Marmorbrücken, die z. T. ganz eingestürzt sind, z. T. noch eben zusammenhalten – mais sans conviction, als wüßten sie, daß der Ruin und Verfall ja doch nicht aufzuhalten sind. All die Louis XV. Chinesen und Chinesinnen, die dort Tee getrunken und kleine Pfeifchen geraucht haben, sind ja auch längst dahin und verschollen. Im Hof des eigentlichen Schlößchens blühte eine wundervolle Glyzinie, die alles überwucherte, und im Rasen standen unzählige Veilchen und Wicken. Ich skizzierte, und nachher lunchten wir im kleinen Teepavillon lauter praktische Büchsenkonserven, die sich recht merkwürdig machten in dieser Umgebung von 1700. Wir selbst machten uns wohl auch merkwürdig: drei praktische Amerikanerinnen und eine Deutsche, welche letztere allein wohl das sah, was einst gewesen.

8. Mai. Ich stand morgens vor fünf auf, um einige Tage nach Pi yün sse zu ziehen. Ich ließ mich tragen, und der kleine Dr. Merklinghaus, Dolmetscher. der zum Schutz mitgeht, fuhr im Karren nebenher. Er nimmt seine Rolle sehr ernst und teilte mir mit, er trage Revolver und Apotheke bei sich. Um 6 von Peking weg, waren wir um 10 in Pi yün sse und fanden dort das Wohnhaus von Wey chiang reizend dekoriert, mit indischen Stoffen und Blumensträußen. Frau von Prittwitz, die einige Tage bei mir bleiben will, kam nach und zum Tiffin fand sich Czikann mit all seinen Herren ein. Es war sehr gelungen und machte Koch und Diener in der Wildnis alle Ehre.

Wir blieben bis zum 20. Mai in Pi yün sse zusammen und malten eifrig die schönen Höfe, Buddhas und die Pagode. Wegen der gerade stattfindenden Frühlingswallfahrten, welche täglich Hunderte von Pilgern herbrachten, versuchten die Mönche uns erst wezukomplimentieren, aber all ihre Versuche scheiterten an unserm Entschluß, ruhig dortzubleiben. Die Scharen von Pilgern besahen sich unsre Malereien zwar mit größter Neugier, waren aber nie unverschämt. Einigemal waren wir auch in dem neben Pi yün sse gelegenen kaiserlichen Jagdpark; ich malte dort die Fassade des gleichzeitig wie der Sommerpalast zerstörten Palais. Die grünen Wiesen voll wilder Blumen, vor allem blauer Iris, waren ein ungewohnter Anblick, und noch ungewohnter die wirklich schön gehaltenen Wege. Sehr malerisch sind die Trümmer des Palais mit den Resten eines goldenen Daches und ein großes Schwimmbassin, in dem sich jetzt rote Fische zwischen Entengrütze tummeln. Der geschnitzte Thronsessel, auf dem sich der frühere Kaiser vom Bade ausruhte, steht noch in der Bogenhalle, die um das Bassin führt. Aus diesem Park hat man einen sehr schönen Blick nach der jetzigen Sommerresidenz Wan schau schan mit ihrem großen künstlichen See, dem Damm und der Kamelrücken-Brücke, die darüber führt. Der Kaiser und die alte Kaiserin sollen dort große Feste geben, und wir sahen ein Dorfkind, welches uns akrobatische Kunststücke vormachte, und erzählte, Hunderte von Kindern müßten so dem Kaiser vortanzen.

Am 1. Juni kehrte ich schweren Herzens in das furchtbare Peking zurück, um Marquis Salvago zu bewillkommnen, der zum italienischen Gesandten ernannt ist. Sie sind wirklich alle: er, sie, Vater und Kind hergekommen, und die arme Marquise ist offenbar in hellster Verzweiflung über diesen furchtbaren Ort, und sie ist wohl auch die letzte Frau, die hierher paßt, dazu hat sie ein scheußliches Haus und einen Garten, der der Sahara gleicht.

2. Juni. Heute war Gérard bei Edmund und erzählte ihm, es seien sehr beunruhigende Nachrichten von Tientsin gekommen, wo in der chinesischen Bevölkerung eine große Gärung gegen die Europäer herrschen soll, wegen angeblicher Kinderraube durch christliche Chinesen. Diese Kinderraube würden in Zusammenhang gebracht mit der bevorstehenden Einweihung der neuaufgebauten französischen Kirche, die im Jahre 70 zerstört worden war.

6. Juni. Heut wurde uns erzählt, wie beim Überreichen des Katharinenordens an die Kaiserin derselbe zu Boden und einige Diamanten heraus gefallen seien, die sich natürlich bei dem Suchen der Eunuchen und Dienerinnen nicht wiedergefunden haben. Die schlaue alte Dame sandte nun den Orden an Li hung chang und schrieb dazu, sie schicke Orden und Diamanten zurück, er möge sie wieder einsetzen lassen, was er denn grollenden Herzens tat. Der schlaue Li scheint trotz aller Schlauheit hier doch gehörig ausgenutzt zu werden. So muß er für Prinz Kung die Gegengeschenke an den Zaren aussuchen, »da er ja in Europa gewesen sei«, und das bedeutet denn, sie zu bezahlen. Weder der Kaiser noch die Prinzen haben für solche Gelegenheiten irgendwelche Vorräte, sondern sie müssen sich dazu die schmutzigen Kurioleute kommen lassen, and their great object is, to return for a fine present an inferior one.

27. Juni gaben wir ein großes Diner für den nach Berlin neuernannten Lo hai huan. Alle Deutschen waren dabei, die Österreicher und Italiener, so daß wir 22 waren. Lo hai huan ist ein ganz behaglicher alter Herr, der noch nie in Europa gewesen, but he seems bent upon being delighted with everything. Anfänglich hantierte er mit Messer und Gabel wie mit chop-sticks Chinesische Eßstäbchen. herum, nachdem er mir aber ein Weilchen zugeschaut, machte er mir alles nach. Er sagte mir, »er fühle sich so mollig bei uns, daß er auch Lust bekäme, Wein zu trinken«, und das tat er denn auch sehr reichlich. Edmund ließ den Kaiser von China leben, und Lo hai huan unsern Kaiser und Kaiserin, was von seinem Dolmetscher und von Krebs übersetzt wurde.

28. Juni. Strömender Regen und ich packe für den Sommer.

1. Juli. Während ich morgens bei Lady Macdonald malte, kam die europäische Post und brachte leider sehr bedenkliche Nachrichten vom armen Onkel Edmund, der für mich so sehr ein Stück Jugend verkörpert und stets so lieb gegen mich gewesen ist. Außerdem sagte der Admiral von Diederichs sich ganz plötzlich an.

3. Juli. Den ganzen Morgen fieberhaft zu tun; es war schon alles für den Sommer weggepackt, Vorhänge und Teppiche eingekampfert und fortgeschlossen. Wir wurden gerade fertig, bis der Admiral, sein Sohn und Herr von Ammon nachmittags eintrafen. Abends hatten wir die Mitglieder der Gesandtschaft zu Tisch, die wohl waren; es herrscht aber allgemein Dysenterie bei den Europäern und bei den Chinesen Cholera. Der Admiral ist ein ganz einfacher, bescheidener Mann, der aber sehr die Absicht hat, hier etwas zu erreichen. Gott gebe es!

In diesen Tagen traf die Nachricht von Marschalls Rücktritt und Bülows Ernennung Zum Staatssekretär des Auswärtigen Amts. ein. Eine einzige Zeile Reutertelegramm, so daß für Spekulationen über Gründe und Folgen der weiteste Spielraum gelassen ist. Bei solchen Gelegenheiten bedrückt die Entfernung so sehr.

11. Juli. Briefe von Didi und von Onkel Edmund erhalten, wonach es ihm recht schlecht zu gehen scheint, was mir ein sehr großer Kummer ist. Und dazu kommt noch die Gewißheit, daß er über Crossen Schloß Crossen, das Flemmingsche Stammschloß. anderweitig verfügt hat, und die Sorge, was Sommers aus den Kindern werden soll, wenn die Möglichkeit des Aufenthalts in Buckow Flemmingsches Gut in der Mark, das auch Graf Edmund Flemming gehörte. wegfällt. Es sind so viel Gedanken und Sorgen zugleich und so viel bittere Regrets, denn Papa rechnete ganz sicher darauf, daß Onkel Edmund an mich denken würde. Wenn man bedenkt, daß mein Großvater sein ganzes Testament so gemacht hat, daß Papa möglichst vorteilhaft bedacht sein sollte, so ist es wohl eine seltsame Ironie, daß nun gerade Didi und ich leer ausgehen werden. Mir geht die Sache schrecklich nahe.

14. Juli. Sir Claude aß bei uns im Garten, was ohne die unerträgliche Hitze sehr nett gewesen wäre; es war aber so heiß, daß Edmund eine Art kleinen Ohnmachtsanfall hatte. Die Nacht war qualvoll. Edmund lief im Hause herum nach einem kühlen Eckchen suchend und ich ihm nach, um ihm zu fächeln.

16. Juli. Mit Herrn Krebs morgens ab nach Fa hei sse; die Wege so schlecht, daß Edmunds Sänfte ein paarmal beinah umschlug. Es war aber eine wahre Wonne aus der Stadt heraus zu sein; es ist mir jedesmal, als würde mir eine große Sorgenlast abgenommen – ich habe noch nie eine so deprimierende Stadt wie Peking gesehen. Und das Land ist im Gegenteil so schön. Wir wollten eigentlich nur für einen Tag nach Fa hai sse, um dann den Umzug von Peking aus zu besorgen, beschlossen aber gleich draußen zu bleiben.

Fa hai sse liegt oberhalb des Städtchens Murshi ko, an einer Art Bergmulde zwischen einem Gehölz von Lebensbäumchen. Schlängelnde Wege führen hinauf durch grüne Wiesen, über die vom Berg herab jetzt trockene Bachbetten ziehn. Am Eingang des Tempels, zu beiden Seiten des großen gelbdachigen Tores stehen hohe alte Zedern. Dann kommt man in einen malerischen alten Hof mit verfallenen Glockentürmchen, zwei Steinschildkröten, deren hohe Stelen von überhängenden Akazien beschattet werden, und einer hohen imposanten Treppe, die zum eigentlichen Tempel führt. Unsre Zimmer liegen um einen viereckigen Hof, in welchem zwei herrliche weißstämmige Kiefern stehen, mit alten Bronzevasen und Räucherbecken und Stelen und Säulen aus verwittertem Stein. Der Farbeneffekt der graublauen Stämme, die sich kalt und gespensterhaft von den warmen grüngrauen Steintönen abheben, ist ganz entzückend. Außer unsern rechtmäßigen Zimmern eroberten wir in hartem Kampf von den Priestern noch die Eingangs-Götterhalle zur Benutzung als Wohn- und Speisezimmer. In ihr steht ein Altar voll bronzener Götter, mit Räucherbecken und Vasen davor. An beiden Schmalseiten des Tempels sitzen auf erhöhter Estrade und in dreifacher Lebensgröße vier groteske Kriegergestalten, welche man in vielen chinesischen Tempeln trifft, und welche die Geister, der vier Weltrichtungen darstellen. Sie tragen seltsame Rüstungen und unter ihren Füßen kauern Teufelsgestalten. Die eine Figur spielt stets Gitarre. All dies stammt aus der Zeit der Tempelerbauung, 1440, und war wohl selten seitdem gereinigt worden. Mit Hilfe unsrer christlichen Boys wurden die Götzen vor allem von mir gehörig getübbed, Altar und Bronzen schräg in eine Ecke gestellt, und dann der ganze Raum wohnlich mit Möbeln und indischen Draperien hergerichtet. Eine besonders schöne Bronzefigur, welche mit gefalteten Händen zu beten scheint, stellte ich auf ein hohes Postament an eine der roten Säulen gelehnt, welche das hohe Giebeldach tragen, und sie sieht jetzt ganz wie eine gotische Figur an einem Pfeiler aus. Während der nächsten Tage war ein recht unbehaglicher Zustand des Einrichtens und Tapezierens und ich wohnte in allen möglichen Winkeln, zwischen Petroleum- und Sardinenbüchsen, während die Arbeiter die eigentlichen Zimmer vornahmen. In all diese Konfusion kam der Baumeister Schiele hinein, der die Bauten an der Gesandtschaft machen soll.

24. Juli. Unser letzter Tag mit Grünau, der uns so liebgeworden und dessen Zeit bei uns in China nun leider vorbei ist.

25. Juli. Wir standen um 4 Uhr auf, um Grünau abreisen zu sehen. Er weinte und war offenbar sehr traurig, und uns wird er schrecklich fehlen, denn er war ja der einzige, mit dem wir uns hier wirklich herzlich standen.

27. Juli. Nachmittags nach fürchterlicher Hitze hatten wir ein starkes Gewitter, und die langersehnten Regen brachen los.

30. Juli. Edmund und ich machten mit Maski und Tinchau Zwei Hunde. einen großen Spaziergang an den jetzt rauschenden Bergbächen entlang, über Steine und durch Pfützen, auf den höchsten Berg hinter unserm Tempel. Der Blick von dort ist ganz überraschend, vorn auf die weite schönbebaute Pekinger Ebene, seitwärts auf den breiten Hunho, die Luko chiao-Brücke und die ganzen jenseitigen zackigen und wildaussehenden Berge. Edmund und ich waren entzückt von dem Blick und würden ja überhaupt in China ganz glücklich sein, wenn wir auf dem Lande leben könnten und nicht in die furchtbare Stadt zurück müßten. Es ist wirklich ein schönes malerisches Land.

30. Juli. Kapitän Brussatis vom »Cormoran« Vom ostasiatischen Geschwader. kam an. Er ist mehrere Jahre erster Offizier auf der »Hohenzollern« gewesen und erzählt sehr interessant von dieser Zeit. Er meint, daß bei S. M. sich allmählich eine große Erbitterung gegen England angesammelt habe. Sehr hübsch beschrieb er, mit welcher Frische und welchem Enthusiasmus der Kaiser an alles herantritt; will er etwas, so kann es ihm gar nicht schnell genug gehen, und er ist voller Gedanken und Initiative. Aber auch aus diesen Schilderungen gewinnt man den Eindruck, als ob die Regierung und speziell das Auswärtige Amt eigentlich nur da seien, um S. M. in allem zu hemmen.

l. August. Sobald Brussatis abgereist war, kam der Bischof Anzer an, welcher auf Urlaub nach Berlin und Rom geht und Edmund adieu sagen wollte. Er lud uns ein, zu dem nächsten Pfingsten zu ihm nach Shantung zu kommen, um bei der Einweihung seiner neuen Kathedrale zugegen zu sein.

Die Hitze während all dieser Tage ganz entsetzlich. Der angenehmste Augenblick ist noch das allabendliche Baden in dem kleinen Bach, den die Regengüsse gebildet haben. – Ein ganz ruhiges ländliches Dasein und Abwesenheit von allen Sorgen ist das Ziel meiner Wünsche. Man könnte eigentlich so leicht sehr glücklich sein!

11. August. Edmund las mir den ganzen Nachmittag Zeitungen vor, die allerhand Interessantes enthielten über Bülows Ernennung und die Flottenvergrößerungsabsichten des Kaisers. Kiderlen war als künftiger Staatssekretär auch mehrmals genannt, was uns sehr freute.

Am 29. August bekam Edmund ein Telegramm vom Auswärtigen Amt, das erste Bülowsche, daß in Petersburg mit der dortigen Regierung vereinbart worden sei, wir sollten Kiautschou bekommen, sobald die Russen ihrerseits einen Hafen in Korea besetzt haben würden. Obschon die Sache eventuell ad calendas graecas verschoben sein kann, so freuten wir uns doch sehr, daß überhaupt darüber verhandelt wurde; Edmund lebt seit der Nachricht auf und kann sich mit Recht sagen, daß er viel dazu beigetragen hat, indem er durch Berichte und Briefe die Sache immer von neuem angeregt hat, auch kürzlich in einem Privatbrief Hohenlohe Chlodwig, Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Reichskanzler. direkt gebeten, die Frage mit Petersburg doch direkt zu behandeln. Wie sehr wünschte ich, wir erlebten die Realisation und in nicht allzu langer Ferne.

12. September. Seit einiger Zeit erscheinen Zeitungsnotizen, China wolle mit Rußland Kiautschou befestigen; die englischen Zeitungen sind wütend darüber und loben nun Kiautschou bis in den Himmel, nachdem vorher nie ein Mensch darüber geredet hat; es ist beinah zuviel des Guten, denn es wird die Abtretung nur erschweren. Edmund erhielt die telegraphische Genehmigung zu seiner Hafenreise, er solle aber einen Drahterlaß über Kiautschou abwarten, was uns sehr gespannt macht, denn man sieht doch, daß sie sich in Berlin darum kümmern. In dieser Zeit viel Sorge durch Briefe von Didi, welche so sehr drängt, ich möchte zum Winter zu Onkel Edmund kommen. Ich kann das aber nicht tun, ohne daß er mich direkt darum bittet, und dann wäre es für mich ein ganz entsetzliches Opfer, Edmund hier ganz allein zu lassen. Ich hoffe immer, dieser Kelch geht an mir vorüber. Einen jeden hält doch die trübe Sorge an der Hand, aber die Einbildungskraft in ihrem rosa Wölkchen schiebt sich dazwischen und gaukelt uns etwas vor, so daß wir die graue Frau etwas weniger deutlich merken. Glücklich sind die Projektemacher!

15. September. Edmund erhielt hier die Abschrift eines geheimen Vertrags zwischen Rußland und China, wonach ersteres Kiautschou auf 15 Jahre pachtet. Es geht aus dem Vertrag hervor, daß Rußland dort Hafenbauten usw. anlegen wird, d. h. sie scheinbar von den Chinesen wird ausführen lassen, um das Geheimnis des eigentlichen Herrn zu wahren. Wenn das alles erst einmal geschehen, so weiß ich nicht, was die Russen plagen sollte, uns dann noch Kiautschou gewissermaßen zu schenken. Edmund und ich sind schrecklich deprimiert, denn es sieht doch ganz so aus, als seien wir so recht mis dedans worden. Der Gedanke der Flottenstation ist doch der eigentliche Lebensgrund auf diesem furchtbaren Posten; wenn der wegfällt und wir ganz einsehen, daß hier für Deutschland nichts zu erreichen ist, so weiß ich nicht, wie wir das Leben hier ertragen sollen. Man fühlt sich so gedemütigt und beschämt.

17. September. Ein Militärinspekteur, Herr von Broen, kam aus Tientsin und erzählte uns, wie sehr die Russen dort und in der Provinz Shantung arbeiten und überall Emissäre haben, wie sehr auch die chinesischen Autoritäten, z. B. der Generalgouverneur von Tientsin, unter russischem Einfluß stehen.

18. September. Ein Telegramm von Didi, Onkel Edmund sei gestorben. Ich kann es nicht aussprechen, wie mich das betrübt. Wohl niemand verliert soviel an ihm wie ich, denn seit Jahren ist er so gut zu mir gewesen, wie Papa nicht hätte besser sein können. Den Kindern hat er in Buckow das schönste home gewährt, und für mich ist es, solang er lebte, ein wirkliches Zuhause geblieben. Das fällt nun alles weg und ein Lebensabschnitt schließt mit seinem Tode, und mehr denn je werde ich von nun an das Gefühl haben, ein Blatt im Winde zu sein und kein Fleckchen Erde mehr zu wissen, wo ich wirklich hingehöre. Vor kurzer Zeit war er noch so frisch und freute sich so am Leben. Und so viele ganz alte Leute bleiben weiter, die andern nur eine Last sind. Warum konnte er nicht noch ein bischen leben, der soviel Gutes tat und für mich wie eine Vorsehung war? Buckow und Crossen werde ich wohl nie wiedersehen, und es ist ein sehr wehes Gefühl, Orte, die man so liebt, an Fremde gehn zu sehen. Für mich hatte dort jeder Baum und jeder Stein seine Sprache, die ich verstand. Die letzten Urlaubszeiten aus Kairo habe ich so sehr in Buckow genossen, nun ist das alles vorbei; mit dem armen Onkel Edmund habe ich Papa und meine Jugend ein zweitesmal verloren. Mir ist jetzt oft zumute, als sei die schönste Zeit des Lebens vorüber, ohne daß ich es im Augenblick gewußt hatte.

23. September. All die Tage krank und elend und zu Tode betrübt und immer mehr realisiert, wieviel wir verloren haben. Und das Leben geht weiter, und man muß sich einrichten mit diesem neuen drückenden Stein im Schuh.

25. September. All die Tage sehr viel geschrieben, um die neuen Bestimmungen über die Kinder zu treffen, welche durch Onkels Tod nötig werden. Viel Sorge, viel Kummer und viel Bitternis gegen diese neue Ungerechtigkeit, daß wir als letzte Flemmings von den ganzen Flemmingschen Gütern auch nicht das kleinste Eckchen haben werden. Mit einem Federstrich hätte uns der Onkel von all unsern Sorgen erlösen können, wir hätten jetzt ein festes Zuhause und könnten uns die dienstlichen Kränkungen und Schwierigkeiten so viel gleichmütiger ansehen. Es grämt mich so schrecklich, zu sehen, wie Edmund sich hier abmüht und abarbeitet, und es doch zu gar nichts führt, weil man in Berlin ja doch alles laufen läßt. Dazu das Übelwollen Holsteins, welches wir in so vielen Dingen merken. Mich dauert es um Edmund, der zu gescheit und zu schade ist für die Rolle, die man ihn hier spielen läßt. Und ich frage mich oft, ob die Leute, die so fleißig und scharfblickend wie er sind, in Deutschland so herumwimmeln, that one can afford, ihn hier so verkümmern zu lassen!

Nachmittags besuchte uns Sir Claude, und wir begleiteten ihn ein Stück Wegs zurück; das erste Mal seit Wochen, daß ich wieder ein Stückchen gegangen bin. Wir saßen zwischen Steinen auf dem sonnverbrannten Gras und sahen auf die weite, blaue Ebene vor uns. Es könnte hier alles ganz gut sein, mit der Einsamkeit und andern Übelständen sind wir ja alt genug uns abzufinden, wenn es nur nicht eine so schrecklich deprimierende Rolle wäre, die wir dienstlich hier spielen müssen. Wir sind jetzt über ein Jahr hier und Edmund arbeitet unausgesetzt, aber das Auswärtige Amt hängt wie Blei an ihm. Ich fragte mich, wie schon so oft, ob denn das Ende all unsres Strebens, unsrer Arbeit, unsrer Opferwilligkeit ein Leben sein soll, welches den cachet de la médiocrité trägt? Einerseits Geldsorgen, quälende Gedanken über die Zukunft der Kinder, gänzliche homelessness, andrerseits dienstliche Kränkungen, fortwährendes Schieben an einem Stein, der nicht rollen will, wissen, was Deutschland hier not täte, aber es nicht ausrichten dürfen, sich immer wieder stoßen an kleinen gemeinen Seelen, die aber eine unterirdische Macht besitzen; dazu eine gänzlich aufgeriebene, zerrüttete Gesundheit und täglich mehr zunehmende Schwermut. O Gott, hilf uns!

4. Oktober. Abends kam der neue Militärattaché Herr von Teichmann, an, ein großer, gut aussehender junger Mensch.

China II (Erwerbung von Kiautschou)

Oktober 1897 bis Juni 1899

5. Oktober. Morgens um 5 Uhr auf und per Sänfte, Pferde und Esel mit Edmund, Teichmann und Krebs von Fa hai sse aufgebrochen Zur Hafenbesichtigungsreise. zur Station Fon tai, wo wir unsern Waggon bereit fanden. Wir fuhren in vier Stunden nach Tientsin, was wohl sonderbar erschien, wenn wir an unsre letzte Reise dachten, für die wir vier Tage im Boot brauchten. Es war eine wahre Wonne, wieder mal in einer Eisenbahn zu sitzen, man kam sich so zivilisiert vor und als läge Peking wie ein böser Traum hinter uns.

6. Oktober. In Tientsin wohnen wir sehr behaglich bei Dr. Eiswaldt. Morgens früh gingen wir alle die deutsche Niederlassung zu besehen, die, mit Ausnahme der Polizisten in deutschen Farben, aber noch sehr chinesisch aussieht. Die Lage am Fluß ist aber hübsch, und man hat das Gefühl, daß hier mit der Zeit etwas werden kann. Trotz starken Windes krochen wir überall herum, auch auf ein altes chinesisches Fort, und suchten einen Platz für das künftige Rathaus und Konsulat aus.

7. Oktober. Ganz früh auf, per Bahn nach Tongku und von dort auf einer Launch an den braunen Takuforts vorbei auf die See, wo ganz weit draußen die »Prinzeß Wilhelm« auf uns wartete. Sie ist das Schwesterschiff der »Irene«, und wir konnten uns ganz vorkommen, als seien wir um ein Jahr zurückversetzt. Es war eine solche Freude, all die netten, weißen Matrosen zu sehen und überall deutsch reden zu hören. Der Kapitän Thiele ist ein sehr liebenswürdiger feiner Mann, und all die Offiziere machen einen so frischen braven Eindruck, daß einem wohl ums Herz wird.

8. Oktober. Morgens in Chefoo vor Anker gegangen. Es wurden Kohlen eingenommen, und Edmund tauschte Besuche mit andern Kriegsschiffen aus. Abends dinierten wir auf der »Arcona.«

9. Oktober. Morgens früh verließen wir Chefoo und kamen an dem Iltisgrab vorbei.

10. Oktober. An hohen Felsen vorbei, zwischen einigen Inseln hindurch und dann in die Kiautschou-Bucht eingelaufen. Ein enormes Bassin, welches sich z. T. in das flache angeschwemmte Land verliert, so daß man sein Ende nicht so recht sieht. An den andern Seiten dagegen sind Inseln und Felsenküsten, welche die Bai gut schützen. Die Felsen sind ganz eigentümlich zackig und in ihren duftigen Farben erinnerten sie an die Küstencordillera und auch an zentralasiatische Gebirge. Der erste Eindruck ist zwar recht malerisch, aber doch sehr öde und verlassen. In der Bai liegen die sogenannten Horseshoerocks und von diesen ließe sich leicht nach Womans point eine Mole bauen, durch die dann ein geschütztes Bassin entstände, an welchem die Werften angelegt würden. Wir ruderten gleich an Land und machten mit Kapitän Thiele einen Explorationsgang nach dem höchsten Hügel, von dem aus man einen guten Überblick hat und ich eifrig skizzierte. Sehr komisch waren zwei chinesische Mudforts, an denen wir vorbeikamen, und vor denen Haufen lumpiger Kulis, die sogenannten Soldaten, herumlungerten. Die Fortkommandanten hatten Kapitän Thiele gleich an Bord besucht, und Krebs mit ein paar jüngeren Offizieren ging dann, die Visite zu erwidern. Wir sollten durchaus zu einem chinesischen Mahle kommen, zogen es aber vor, an dem hohen Strand zu lunchen, in einem aus Rudern und Segeln improvisierten Zelt. Kapitän Thiele ließ dazu über unserm Zelt die deutsche Fahne wehen, und was wir von so ganzem Herzen wünschen, war so scheinbar wahr. Es war ein sehr interessanter Tag, und die Marineherren meinten, aus der Kiautschou-Bucht würde sich doch viel machen lassen. Edmund und ich sind sehr dankbar, es gesehen zu haben, und zwar ich als erste deutsche Dame. Von irgendwelchen russischen Unternehmungen ist nichts zu sehen. Das ist eine Besitznahme, die nur auf dem Papier steht, und von der wir uns nicht sollten abhalten lassen, wirklich zuzugreifen. Die Chinesen hatten übrigens schon von unserm Besuch Wind bekommen, denn es lag ein Kriegsschiff da, welches offenbar schon im voraus von Peking hinbeordert war.

12. Oktober. Mittags in Wosung angekommen und dann per Pinasse mit Kapitän Thiele nach Shanghai, wo wir im Generalkonsulat abstiegen. Die nächsten Tage in Shanghai, wo es uns diesmal dank der Kühle sehr gefällt. Wenn man aus der Pekinger Verbannung kommt, starrt man Gas, elektrisches Licht, zweistöckige Häuser, Wagen, fahrbare Straßen und elegante Läden wie Wunder an. Edmund lernte den hiesigen Tao tai kennen, der Englisch und Spanisch spricht, in einem schönen europäischen Haus wohnt und ganz zivilisiert lebt; kein Chinese in Peking, der sich irgendwie mit ihm vergleichen könnte.

18. Oktober. Abends großes Diner beim neuen Tao tai von Shanghai, Mr. Tsai, der ganz eigentümlich zivilisierte Chinese, der den Verkehr mit Europäern liebt. Sein Haus in Bubbling well road ist ganz europäisch eingerichtet. Als wir ankamen, bildete die Leibwache Spalier, der ganze Garten war mit roten Laternen erleuchtet, und es spielte chinesische Musik. Mr. Tsai führte mich ganz zivilisiert zu Tisch und benahm sich auch während dem Essen ganz manierlich. Das Diner bestand aus 18 Gängen, wovon immer zwei chinesisch und einer europäisch war, und die chinesischen Gerichte, von einem berühmten Koch zubereitet, schmeckten sehr gut.

21. Oktober. Diner mit dem Tao tai, der sich nach Tisch lang mit mir unterhielt und meinte, in China würde es nicht besser werden, so lang zu Tsungli-Ministern nur Leute genommen werden, die nie aus Peking herausgekommen seien. Für einen Chinesen ein selten aufrichtiger Ausspruch.

24. Oktober. Erster Tag unsrer Yangtse-Fahrt. Mit uns sind Herr von Ammon, Herr von Teichmann und Herr Krebs. Der Fluß ist anfänglich enorm breit, so daßs man die flachen Ufer kaum sieht. Allmählich heben sich einige Hügelzüge aus der Ebene und bei Kiang yin hatten wir einen hübschen Blick, den ich skizzierte. Nachmittags kamen wir an großen Überschwemmungsgebieten vorbei und endlosen zirka 20 Fuß hohen Schilfwiesen. Kleine Creeks, Bucht. an denen Bäume stehen, mit grauen Hütten, führen malerische Dschunken landeinwärts. An einem derartigen Creek hielten wir, um chinesische Passagiere aus einem großen flachen Boot aufzunehmen. Bei Sonnenuntergang war die Landschaft besonders schön. Violette Bergzüge im Hintergrund, davor Bäume und riesige Schiffe, die aus dem Wasser hervorragten, und Züge wilder Enten, die über den goldroten Fluten hinziehen, und sich scharf widerspiegeln. Das ganze Land ist durchzogen von Wasserflächen, die bei der untergehenden Sonne golden glitzern.

26. Oktober. Dritter Flußfahrtstag und leider Regenwetter. Gleich morgens kamen wir an ganz steil abfallenden hohen Felsen vorbei, die mit Bambus bewachsen sind. Schwärme weißer Möwen flatterten auf, als wir vorüberfuhren. Mittags waren wir in Kingkang und gingen trotz Regenwetter an Land, um die Silber- und Porzellanläden zu besehen. Die Straßen in der Chinesenstadt sind eng und mit großen Steindallen gepflastert; sie standen voller Wasser, in dem sich die Chinesen in gelben Wachstuchröcken und großen, gelben Regenschirmen, von denen das Wasser floß, widerspiegelten. An den Läden zu beiden Seiten hingen lange, schwarze Schilder mit goldenen Inschriften, und das Ganze erinnerte lebhaft an Bildchen, die man von Hildebrandt gemalt gesehen hat. Ein mir besonders trauriges Genrebildchen bildeten zwei halbnackte, nur mit ein paar Lumpen behängte Kinder unter einem großen gelben Regenschirm. Das ältere war blind und wurde von dem kleinen geführt, und sie kamen in den Laden, uns anzubetteln. – Am Flußufer existiert ein »Bund« Kai. mit Bäumen und einigen europäischen Häusern, und es machte alles einen trübselig verregneten Eindruck.

27. Oktober. Morgens ganz früh kamen wir in Hankou an, und es begrüßten uns auf dem Schiff der Konsul Thyen und Herr und Frau von Falkenhayn, zwei reizende Menschen. Er ist hier an der Militärschule. Wir gingen gleich an Land und waren ganz erstaunt, einen reizenden »Bund« zu finden, mit großen luftigen Häusern, die sehr an Kalkutta erinnern. Hankou gefiel uns gleich auf den ersten Blick über alles Erwarten gut. Das europäische Settlement ist sauber und freundlich, und davor liegt der mächtige breite Fluß, auf dem hier auch wirklich reges Leben herrscht. Rotbeflaggte Kriegsdschunken feuerten einen Salut, und viele »Sampans« und große Boote mit blauen und gestreiften Segeln fahren am »Bund« vorbei. Die Besichtigung der Stadt begannen wir gleich damit, daß wir per Rickshaws zur deutschen Niederlassung fuhren, deren Lage am Fluß und bei der künftigen Eisenbahn ganz vortrefflich ist. Mit etwas Unternehmungsgeist kann daraus Großes geschaffen werden. Hoffentlich fürchtet man sich nicht, den Reichstag um Geld anzugehen. Von dort fuhren wir nach dem italienischen Konvent, und die netten Schwestern zeigten uns die Säle voll chinesischer Frauen und kleiner Mädchen, die alle Spitzen machen und Stickereien. Dann kamen wir an einer Teeziegelfabrik vorbei. Die ganze Straße duftete danach. Nach dem Tiffin fuhren wir per Steamlaunch den Fluß hinauf. Das Wetter war köstlich und die seltsamen braunen Häuser, die vielen Boote, die geschwungenen Tempeldächer so recht, wie man sich China gedacht hat.

Mittags war der »Cormoran« angekommen, und zum Diner in das Konsulat kamen mehrere der Offiziere Falkenhayns. Herr von Falkenhayn ist, wie so viele Leute, mit großen Hoffnungen nach China gekommen und ist enttäuscht, hier nichts erreichen zu können, weil er eben an chinesischem Dünkel, Mißtrauen und Fremdenhaß scheitert. Die Marineherren sind ebenso freudig im Gedanken an die Flottenstation herausgekommen, aber Monat um Monat vergeht, es geschieht nichts, und auch sie verlieren den Mut. Wenn es doch Edmund gelingen wollte, in Berlin etwas Schneid und Unternehmungsgeist wachrufen.

28. Oktober. Der »Cormoran« ist eigens nach Hankou gekommen, um Edmund nach Wuchang zu bringen, wo der Vizekönig Tshang tshi tung wohnt, den Edmund besuchen wollte und der ihm den Besuch nur an Bord eines Kriegsschiffes erwidern konnte. Wir dampften langsam den Fluß hinauf und hatten schöne Blicke auf die Stadt Wuchang mit ihrem alten Gemäuer und dem so sehr malerischen Reihertempel. Begleitet wurden wir von einer chinesischen Jacht, die die deutsche Flagge trug, und sie salutierte, worauf wir vom »Cormoran« dies erwiderten. Gegen elf waren wir vor der verabredeten Haltestelle, wo wir eine Menge chinesischer Soldaten aufgestellt sahen, grüne Stühle, rotgekleidete Diener und sogar ein roter Schirm »Das Zeichen ausübender Gewalt.« als höchstes Ehrenzeichen auf Edmund warteten. Einer der deutschen Instrukteure, die im Dienst Tshang tshi tungs stehen, ein etwas dunkler Ehrenmann, kam an Bord in einer Phantasieuniform, um Edmund im Namen des Vizekönigs zu bewillkommnen. Dann verließ Edmund den »Cormoran« mit seinem ganzen Gefolge von Zivil- und Militärherren, unter denen sich Herr von Teichmann in seiner schönen Kürassieruniform mit Helm besonders gut ausnahm. Ich blieb an Bord und sah der Abfahrt und Landung zu. Und diese, auf einer schmutzigen braunen Treppe, die dicht besetzt war mit einem Gewühl blaugekleideter Chinesen, war wieder mal so recht chinesisch. Alles an Land sah ärmlich, unreinlich, verlottert aus; die reinen weißen deutschen Boote bildeten einen Trost fürs Herz! Dreieinhalb Stunden waren die Herren abwesend; endlich kehrten sie wieder unter erneutem, sinnlosem Schießen der Jacht und eines anderen, ganz abenteuerlich aussehenden chinesischen Schiffes zurück. An den Besuch hatte sich ein chinesisches Diner von zirka 100 Gängen angeschlossen, wodurch sich das Fest so unendlich ausgedehnt hatte. Der Besuch selbst soll darin sehr komisch gewesen sein, daß Tshang tshi tung 10 Minuten ganz schweigend dagesessen habe, ehe er endlich zu sprechen begann. Edmund war dabei die Geduld ausgegangen, und nicht wissend, daß ein Deutsch redender Chinese anwesend war, hatte er seinen Herren gesagt: »Wenn er nun nicht bald anfängt, gehe ich ab!« Als es endlich zum Gespräch kam, nahm Edmund die Gelegenheit wahr, Tshang tshi tung Falkenhayn ans Herz zu legen. Bald danach erfolgte der Gegenbesuch des Tshang tshi tung an Bord des »Cormoran«. Er kam in einem Boot, von einer Pinasse gezogen, daneben mehrere andere Boote voller Mandarinen und rotgekleideter Soldaten und merkwürdigerweise auch ein paar Dschunken voller Tragstühle. Erneutes sinnloses Schießen der chinesischen Schiffe. Von der Campagne aus konnte ich alles gut sehen. Tshang tshi tung sieht aus wie ein kostbares Elfenbeinmännchen, und sein langer Bart gibt ihm merkwürdigerweise etwas Jüdisches. Im Vergleich zu den Pekinger Chinesen sehen alle hiesigen aber doch viel reinlicher und besser soigniert aus. Edmund und all die andern Herren standen am Fallreep, um Tshang zu erwarten. Als nun Edmund ihn auf die aufgestellte Ehrenwache aufmerksam machte, verstand der alte Herr dies nicht und meinte, Edmund fordere ihn auf, die steile Lazarettreppe hinabzuklettern, und er schickte sich auch an, dies trotz seiner Jahre unerschrocken zu tun, als er noch glücklich zurückgehalten wurde. Kapitän Brussatis, den Deutsch sprechenden Chinesen vergessend, rief aus: »Da wär' mir der alte Kerl beinah in das Loch hineingekrochen!« Die Chinesen blieben nun eine halbe Stunde an Bord; es wurde von der Kapelle gespielt und zum Schluß noch Kanonen gezeigt. Dann verließ Tshang tshi tung den »Cormoran«, der einen Salut abfeuerte, welcher wieder von der chinesischen Jacht beantwortet wurde. Damit war des Tages Arbeit vorbei. Ich habe noch nie soviel schießen hören und hatte vollstes Mitgefühl für den Kapitänshund, der wimmernd und winselnd herumkroch.

29. Oktober. Kapitän Brussatis lieh mir nachmittags die Pinasse, und ich fuhr damit den Yang tse hinauf bis vor den gelben Reihertempel, den ich vom Wasser aus skizzierte. Wir waren bei 30 Meter Tiefe vor Anker gegangen, und als wir nun wieder fort wollten, stellte es sich heraus, daß der Anker durch die kolossale Strömung ganz tief und so fest eingesunken war, daß die fünf Matrosen trotz aller Anstrengung ihn nicht mehr losbekommen konnten. Der ausgezeichnete Steuermann übergab mir das Steuer, um selbst mitzuziehen, aber es half alles nichts. Schließlich wurden zwei vorbeikommende Dschunken herangerufen. Die Chinesen wußten sofort, um was es sich handle, trotzdem unsre Leute sich nicht mit ihnen verständigen konnten, und mit vereinten Kräften kam der Anker schließlich hoch. Mittlerweile war es ganz dunkel geworden, wir hatten eine aufregende Fahrt zurück und wurden zu Hause schon ängstlich erwartet.

30. Oktober. Kapitän Brussatis, der mittags mit mehreren Offizieren mit der Dampfpinasse nach Wuchang gefahren ist zu dem Militärinstrukteur Gentz, ist vom chinesischen Pöbel mit Steinen beworfen worden. Auch gegen die Dampfpinasse, auf welcher die Flagge wehte, sind Steine geworfen worden. Die Sache nahm ein so ernstes Ansehen an, daß Edmund beschloß, unsre Abreise noch aufzuschieben und Telegramme nach Berlin und an den Admiral abschickte. Uns allen schwebt die Möglichkeit einer Satisfaktion vor!

31. Oktober. Durch unser Hierbleiben ist die Sache sehr bekannt geworden, und die Chinesen haben offenbar Angst bekommen, denn es wurden mehrere Tao tais zu Edmund geschickt, um zu fragen, was geschehen sei. Edmund ließ aber keinen vor, und dadurch steigerte sich offenbar ihr Mißbehagen.

1. November. Edmund schrieb an Tshang tshi tung, was geschehen, und behielt sich vor, Satisfaktionsforderungen zu stellen.

2. November. Ich wollte morgens in das italienische Kloster, meine Chaircoolies verstanden dies aber nicht und schleppten mich statt dessen anderthalb Stunden in der Chinesenstadt herum. Ich habe selten malerischere Bilder gesehen, von engen überdachten Straßen, in denen die Menge goldener Schilder einen förmlich metallisch schillernden Schein hervorriefen. Dazu das Gewühl von Menschen und die Mannigfaltigkeit der Läden. Es war aber doch ein solches Treiben, und die Menge drängte sich so um mich, daß ich sehr froh war, als es mir endlich gelang, die coolies nach Hause zu dirigieren. Dort war ein von Rotenhan Wolfram, Freiherr von Rotenhan, Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. unterzeichnetes Telegramm eingegangen, Edmund solle Satisfaktionsforderungen mit Admiral vereinbaren, falls aber militärisches Eingreifen nötig würde, nach Berlin drahten. Edmund war sehr befriedigt, weil dies etwas Spielraum läßt.

4. November. Wir haben bei dem so liebenswürdigen und behaglichen Konsul Thyen ein ganz reizendes Dasein, aber Edmund wird nervös über das Warten auf den Admiral, der seinerseits auf Befehle von Berlin wartet. Während wir mit Falkenhayns und Brussatis bei Tisch saßen, erhielt Edmund ein Telegramm mit der entsetzlichen Nachricht, daß unsre Mission in Shantung überfallen, ein Missionar ermordet sei und ein andrer vermißt würde. Wir alle hatten die Empfindung, vor einem Ereignis mit weittragenden Konsequenzen zu stehen.

6. November. Edmund telegraphierte an das Tsungli, daß er es verantwortlich für alles mache und vorläufig Maßregeln zur Sicherheit der Missionare fordere. Edmund konferierte dann lange mit Brussatis, und sie kamen zu dem Entschluß, die Sache in Wuchang möglichst rasch zu erledigen, da sowohl Edmund wie der »Cormoran« jeden Augenblick abberufen werden können. Und da vom Admiral noch immer keine Nachricht da war, schrieb Edmund Tshang tshi tung, er möge einen von ihm unterzeichneten Entschuldigungsbrief durch den Tao tai an Bord des »Cormoran« bringen und dann einen Salut von Schüssen von einem chinesischen Kriegsschiff für die deutsche Flagge feuern lassen. Herr Cordes brachte den Brief in das Yamen in Wuchang und sah dort acht Leute im Kang sitzen, welche die Übeltäter gewesen sind, außerdem Proklamationen in den Straßen angeklebt, daß der Generalgouverneur die Tat im höchsten Grade mißbillige und den Chinesen befehle, gegen die Europäer höflich zu sein ... Sehr bald entstand ein großer Volksauflauf vor dem Konsulat, und es erschien der Tao tai in seiner grünen Sänfte, umgeben von Reitern und Vorläufern, darunter kleine Kinder mit großen Blechkappen, die sich frierend in ihre recht fadenscheinigen grünen Röcke wickelten. Der Tao tai hatte den Entschuldigungsbrief bei sich, und nachdem er von den Dolmetschern geprüft, empfing ihn Edmund. Darauf fuhr Edmund per Pinasse nach dem »Cormoran«, und der Tao tai folgte in seiner abenteuerlichen Holzdschunke mit ihren blauen Segeln. Es war ein ganz seltsames Bild, als dieses Fahrzeug sich neben den schneeweißen »Cormoran« legte und wie die dicken Chinesen in ihren Festgewändern das Fallreep hinaufwatschelten. Es wurde verabredet, daß die deutsche Flagge morgen um 1 Uhr in Wuchang salutiert werden sollte. Kapitän Brussatis forderte uns auf, morgen mit ihm nach Wuchang zu fahren und dann gleich mit ihm nach Shanghai zurückzureisen, was wir gern annahmen, denn wir gewinnen dadurch zwei Tage und sind um soviel eher mit dem Admiral zusammen und wegen der Missionare aktionsbereit.

7. November. Morgens ganz früh nach Wuchang gedampft. Als wir um die Ecke bogen, an der Edmund vor 11 Tagen zum Besuch gelandet war, sahen wir drei chinesische Kriegsschiffe vor uns liegen; auf einem war die deutsche Kriegsflagge gehißt, und es fiel, sobald sie unsrer ansichtig wurden, der erste Schuß. Wir legten uns längsseit und hörten die 21 Schüsse. Dann wendeten wir und dampften an Hankou entlang beim Klang von »Muß i denn«, das die Kapelle spielte. Es war inzwischen ein Telegramm vom Fürsten Hohenlohe gekommen, Krebs und ich dechiffrierten es sogleich oben auf der Campagne, am Boden hockend. Es sagte, Edmund solle scharfe Genugtuungsforderungen stellen, auch über Vorfall in Wuchang. Dafür ist es ja nun leider zu spät. Unsrer Idee nach ist es aber auch besser, daß wir Tshang tshi tung milde durchgelassen haben, denn wenn man ihn unnötig gedemütigt hätte, würde man die hier ansässigen Deutschen geschädigt haben. In Shantung und Peking aber ist nichts zu verlieren, und dort sollen sie um so schärfer heran.

8. November. Edmund will als Bedingungen von dem Tsungli Yamen in Peking fordern: Absetzung des Gouverneurs von Shantung, Erbauung der von Bischof Anzer begonnenen Kathedrale auf chinesische Kosten und mit kaiserlicher Schutztafel, Schadenersatz und Bestrafung aller Schuldigen, persönliche Entschuldigung des ganzen Tsungli Yamen auf der Gesandtschaft.

9. November. Wir kamen schon morgens um 10 in Wosung an und gingen ganz nah vom »Kaiser« vor Anker. Es kam sofort ein Offizier vom »Kaiser« zu uns an Bord, teilte uns mit, der Admiral sei in Shangai zur Beratung mit Kapitän Thiele und Becker auf dem Generalkonsulat, und übergab Edmund einen Brief, worin er sagte, »er habe Allerhöchste Befehle, die ihm sofortigen Aufbruch zur Pflicht machten«. Es ward 4 Uhr, bis er zurück und dann sofort zu uns an Bord des »Cormoran« kam. Er erzählte uns, daß er direkten Befehl von S. M. habe, Kiautschou zu besetzen. – Was wir so lang geträumt und als unerreichbar angesehen haben! Aus Shangai hatte der General Telegramme und Post für uns mitgebracht. Ein Telegramm von Rotenhan, der Kaiser habe sich persönlich mit dem russichen Kaiser darüber verständigt, daß unser Geschwader sofort Kiautschou besetzen solle. Edmund solle nach Peking zurückkehren und Sühneforderungen bis dahin verschieben. »Gottlob, daß wir unsern Kaiser haben«, war das erste dankbare Gefühl. Seiner Initiative allein ist doch offenbar das Vorgehen zu danken. »Kaiser«, »Prinzeß« und »Cormoran« gehen morgen abend nach Kiautschou, »Irene« und »Arcona« sind im Dock in Shanghai und Hongkong, sollen aber möglichst rasch folgen. Möge Gott Gelingen geben zu dem Unternehmen. Wir haben es zum Wohle Deutschlands gewünscht!

10. November. Ein sehr gehetzter Tag, da wir so schnell wie möglich nach Peking zurück müssen. Edmund ist überhäuft mit Telegrammen, und Krebs, der mit nach Kiautschou gegangen ist, fehlt sehr. Teichmann und ich chiffrierten den ganzen Nachmittag. Dazwischen hatte ich noch viele Kommissionen und gar keine Bedienung. Dazu Reporter, Briefe vom Admiral und in alles das hinein ein Telegramm aus Berlin, Edmund möge die Deutsch-Asiatische Bank unterstützen, welche Anerbieten für die Bahn Nanking-Soochow macht!

11. November. Den ganzen Morgen wie ein Kuli gepackt. Zum Frühstück kam Kapitän Becker, und wir fragten ihn, ob es ihm nicht bedenklich wäre, des Reparierens halber noch hier zu sein, da ihm die chinesischen Kriegsschiffe doch leicht beim Ausfahren Schwierigkeiten machen könnten. Es war eine Freude, zu hören, mit welch ruhiger Sicherheit er antwortete: »Wenn ich heraus soll, so komme ich auch heraus!« Edmund schrieb bis 1 Uhr nachts einen Bericht nach Berlin über die Erledigung der Wuchangaffäre und betonte, daß es ihm gerade in diesem Augenblick wichtig erschienen sei, den von Peking halb unabhängigen Tshing tshi tung nicht unnötig zu kränken, da von ihm soviel deutsche Interessen abhingen.

12. November. Morgens ganz früh auf und Edmunds langen gestrigen Bericht abgeschrieben. Währenddem verfaßte Edmund einen Brief an Tshing tshi tung, um ihm die deutschen Vorschläge für die Nanking-Soochow-Bahn zu empfehlen. Um 1 Uhr lichteten wir die Anker und blickten mit besonderem Interesse auf die »Arcona«, die nicht weit von uns lag. Unter vielen Schiffen, die wir dann passierten, zeigte mir Edmund eins, auf dem die deutsche Flagge wehte. Es war die »Long Moon«, die der Admiral gechartert, um Proviant und Zelte nach Kiautschou zu bringen, und die nach Nagasaki klariert ist. Ich sah mir das Schiff mit Herzklopfen an, denn man hat doch die Empfindung, den spannendsten Kriegs- und Flibustierroman mitzuerleben. Im Wosungfluß lagen viele kleine chinesische Kriegsschiffe, die wir alle darauf taxierten, ob sie uns wohl etwas tun könnten oder nicht.

13. November. Ganz herrliche Seefahrt. So warm, daß man ohne Mantel auf Deck sitzen konnte. Zum erstenmal »auf See« für Edmund abgeschrieben, wozu auch Teichmann herangeholt wurde, so daß wir eine Art Kanzlei in der Kajüte hatten. Edmund komponierte seine Note an das Tsungli, und als wir auf der Höhe von Kiautschou waren, schauten wir sehnsüchtig nach der Richtung, wo hoffentlich bald die deutsche Flagge weht.

14. November. Morgens 10 Uhr in Chefoo, wo gleich Lenz an Bord kam. Er hatte ein Telegramm aus Berlin für den Admiral, welches er nach Kiautschou sowohl telegraphisch wie durch reitenden Boten befördert hatte. Es war in Marinechiffre, worin immer Worte en clair sind, und wir konnten daraus entnehmen, daß es sich um einen Aufschub handelte. Die Sache erschreckte uns etwas, aber wir nahmen schließlich an, man wünsche in Berlin, daß Edmund zuerst die Forderungen stelle und nachher besetzt werde, was, wie die Daten bisher vereinbart, kaum mehr möglich gewesen wäre. Während wir noch im Hafen lagen, änderte sich das Wetter, es begann Wind zu wehen, die See kräuselte sich, und man sah einzelne Kämme. Als Dr. Lenz das Schiff verließ, war schon eine starke See, so daß sein Boot hin und her geworfen wurde. Trotzdem lichteten wir um 2 Uhr die Anker und verließen den Hafen in dem Moment, als auf der Signalstation das Zeichen »Sturm« aufging. And storm it was! wie ich mich nicht erinnere, je einen ärgeren mitgemacht zu haben; dabei ein sehr kleines Schiff, welches alle schwere Ladung in Chefoo gelöscht hatte, nur noch Petroleum führte und so leicht war, daß es sogar von kleinen Wellen hin und her geworfen wurde. Das Stampfen und Rollen war unbeschreiblich. Alles im Schiff schien lose geworden und schlug und dröhnte gegeneinander; wir schwankten so, daß wir beständig Wasser schöpften. Zum Diner kam nur Edmund und der Maschinist. Der Kapitän war, pour comble de malheur, infolge von Chefoo-Cocktails seekrank. Zwischen 9 und 10 lag ich zu Bett und Edmund auf dem Sofa, als plötzlich ein rasender Krach kam. Das Schiff senkte sich, als müsse es umschlagen, der Lärm war furchtbar; Koffer, eiserner Chiffrekasten flogen von einer Kabine in die andere. Gleich darauf kam der Kapitän und sagte, er hielte es nicht für sicher, gegen den Sturm weiterzufahren, und würde versuchen, einen Nothafen anzulaufen. Wir befanden uns auf der Höhe der Miaotau-Inseln und liefen in die kleine Bucht Hopesound ein, wo wir nachts vor Anker gingen. Aber auch dann war das Rollen noch immer furchtbar, und Edmund und ich waren, ohne uns darüber ausgesprochen zu haben, in der gleichen Angst, ob unsre Ankerketten halten und wir nicht am Ende zwischen den Felsen ins Treiben geraten und scheitern würden. Ich hatte mir vorgenommen; Schmuck, Tagebuch und vor allem den Chiffre zu retten. Die ganze Nacht in Kleidern auf dem Bett gelegen. Unvergeßlich scheußliche Stunden.

15. November. Das Tageslicht zeigte uns eine sturmgepeitschte Bucht, von zackigen Felseninseln umgeben. Das Meer gelbbraun, mit bösen weißen Kämmen, der Himmel bleiern, heulender Wind, eisige Kälte, gelegentliche Schneeflocken. Außer uns hatte sich noch ein andrer Dampfer in die Bucht gerettet und eine Menge grau und trübselig aussehender Dschunken, deren Zahl noch während des Morgens wuchs. Zerzaust und zerschlagen kamen sie eine nach der andern hereingesegelt. So lagen wir den ganzen Tag, Edmund und ich einerseits dankbar, in Sicherheit zu sein, andrerseits in peinigender Unruhe wegen der Verzögerung.

16. November. Der Sturm legte sich etwas, und so fuhren wir endlich morgens ab und waren nachts spät vor der äußeren Takubarre.

17. November. Herrliches Wetter, Sonnenschein, als sei nie ein Sturm gewesen. Als wir die Takuforts passierten, ward die deutsche Flagge gehißt und Edmund mit 17 Schuß salutiert, ganz wie vor anderthalb Jahren, als wir ankamen. Aber mit wie andern Gefühlen kommen wir jetzt! Ein uns von Eiswaldt entgegengesandter Diener überbrachte ein Chiffretelegramm von Rotenhan, es lautete: Nachdem Kaiser Nikolaus unserm Kaiser die Kiautschoubucht bereits zugesagt habe, hätte die russische Regierung nachher Einsprache erhoben und Prioritätsrechte geltend gemacht, worüber noch verhandelt würde. Dem Admiral sei telegraphiert, Besetzung zu verschieben, bis Edmund seine Forderungen gestellt und diese abgelehnt seien. Wäre die Bai schon besetzt, so solle er vorläufig keine Hoheitsrechte beanspruchen. Edmund solle sein Verhalten entsprechend einrichten. Wir waren ganz vernichtet, denn wir hätten alles eher erwartet wie Schwierigkeiten von den Russen, nachdem ihr Kaiser ausdrücklich zugesagt hatte. Ich weinte unaufhaltsam während des Dechiffrierens, mit dem wir noch fortfuhren in der Eisenbahn von Tangku nach Tientsin. – Eiswaldt und Krause waren uns vor zwei Tagen nach Tangku entgegengekommen und waren gerade im Begriff gewesen, ein Schiff auszuschicken, um nach uns suchen zu lassen. Von dieser Reise und der Ankunft in Tientsin habe ich nur eine wirre Erinnerung. I felt like stunned – es war zu unerwartet und grausam in all unser Hoffen hinein. Auf dem Tientsiner Bahnhof stand ein Vertreter der Firma Wahl und Co. in Köln, der Edmund gleich beiseite nahm und ihm sagte, er wisse von einem Bruder Weng tung hos, daß Pawlow und Dubail im Tsungli gewesen seien und gesagt hätten, China solle sich auf keine Landabtretung einlassen, denn Rußland und Frankreich hielten Deutschland unter dem Daumen. Es war zu empörend. Sobald wir im Konsulat in Tientsin eintrafen, ging es ans Dechiffrieren der dort angesammelten vielen Depeschen aus Berlin wie aus den Konsulaten, und dabei stießen wir plötzlich auf die uns ganz beglückende Nachricht, der Admiral habe am 14. bereits die Forts an der Kiautschoubucht besetzt. Von dem Moment an faßten wir wieder Mut, denn jetzt können sie eigentlich kaum wieder heraus. Gott segne die Marine!

18. November. Ein eisiger Tag und schneidender Wind, so daß ich kaum den Weg vom Konsulat bis zum Bahnhof zurücklegen konnte. Von der Endstation Maziapu »Unser Bahnhof wird übrigens mehrere Kilometer vor der Stadt liegen, um nicht das ›feng shui‹, d. h. das good luck oder die guten über der Stadt wehenden Geister zu stören!« Elisabeth von Heyking an ihren Schwiegervater. 5. III. 1897. in Chairs nach Peking. Bei der Kälte war der Gestank geringer, und die fabelhaften Stadtmauern und Tore, die weiten, öden Plätze machen doch immer wieder einen ganz eigenartigen Eindruck.

19. November. Ein Reutertelegramm, die deutsche Presse verlange die permanente Okkupation von Kiautschou und die »Times« stimme bei und rate England, in ähnlichen Fällen ebenso energisch zu sein.

20. November. Als Edmund sich eben anschickte, in die Sänfte zu steigen, um ins Tsungli Yamen zu gehen, nachdem er seine Note schon vorher hingeschickt, kam ein Telegramm von Rotenhan, er möge durch Eisenbahnforderungen die Chinesen nicht erschrecken und den Russen in die Arme treiben. In Berlin würden russische Vermittlungsversuche abgelehnt, russische Regierung hielte an Prioritätsansprüchen fest, Deutschland dagegen betrachte die Zusage des russischen Kaisers als bindend. Nachdem dies dechiffriert war, ging Edmund ins Tsungli, und es war ein wirklich aufregender Moment, als wir ihn fortgehen sahen. Gott helfe ihm, das Richtige zu treffen! – – –

Als Edmund zurückkam, erzählte er mir, man habe ihm im Tsungli sogleich erklärt, über die sechs deutschen Forderungen ließe sich verhandeln, aber erst dann, wenn Kiautschou geräumt sei. Edmund erwiderte, das sei der einzige Punkt, über den er nicht verhandeln könne, worauf Prinz Kung sehr erregt sagte, dann könnten sie überhaupt nicht verhandeln. Edmund frug darauf ganz freundlich, ob sie wollten, daß er nach Berlin drahte, das Tsungli Yamen lehne ab, mit ihm zu verhandeln. Da fiel Prinz Ching ein: Nein, sie wollten verhandeln, aber die jetzige Situation sei zu demütigend für sie, Deutschland hätte China vergewaltigt, wie es das keinem andern Lande gegenüber wagen würde. Edmund erwiderte, von Vergewaltigung könne gar keine Rede sein, denn die chinesischen Truppen hätten sich ganz freiwillig aus den Forts zurückgezogen, und China habe in Berlin erklären lassen, daß es an den freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland festhalte. Schließlich versprachen sie in einigen Tagen schriftlich Antwort und hatten es eilig, abzubrechen, weil sie nach Wan schau schan müßten zur Kaiserinmutter. Kung soll anfangs sehr erregt gewesen sein, aber nachher wäre die ganze Unterredung in sehr freundschaftlichem Ton geführt worden, und er habe sich bemüht, die Chinesen nicht zu erschrecken. Die Prinzen haben ihm fortwährend zugetrunken. Li hung chang soll finster und ohne eine Silbe zu reden in einer Ecke gesessen haben. Später kam ein Telegramm vom Admiral Diederichs, er habe einen widerspenstigen General gefangennehmen müssen, letzterer bäte dies dem Tsungli anzuzeigen. Von Freinademetz Provikar und Vertreter des nach Europa beurlaubten Bischofs Anzer. kam ein herzzerreißender Brief über die Morde und die Schuld der Mandarinen.

21. November. Mittags kam eine sehr einfältige Note vom Tsungli Yamen, Edmund möge dem Admiral befehlen, Truppen und Schiffe zurückzuziehen, früher könnten keine Verhandlungen über Sühneforderungen begonnen werden. Wir engagierten Wey chiang und yim als Boys für den General und gaben ihnen einen langen Brief, an dem sowohl Edmund wie ich den halben Tag geschrieben hatten, an den Admiral mit.

22. November. Morgens kam Salvago und erzählte, Pawlow und Dubail hätten den Chinesen den Rat gegeben, ohne Zugeständnisse zu machen, die Sache in die Länge zu ziehen; wir würden schon zur Evakuation gezwungen werden. Unsere Forderungen fänden übrigens weder Russen noch Franzosen zu hoch, nur die Eisenbahnforderung dürfte keinesfalls bewilligt werden. Unter den Chinesen soll eine Spaltung bestehen, Li hung chang, der ganz von den Russen bestochen ist, soll, als die erste Nachricht kam, ausgerufen haben: »Das bringe ich sofort in Ordnung; wir richten eine Adresse an den Zaren und bitten ihn, uns zu schützen.« Das kam nicht zustande durch die Opposition Weng tung hos, der erklärte, damit würde China seine Unabhängigkeit verlieren. Nun soll sich Li aus allen Verhandlungen herausgezogen haben, was sein finsteres Schmollen erklärt. Ein Tsungli-Yamen-Mitglied soll geraten haben, man solle es doch auf einen Krieg mit Deutschland ankommen lassen, Deutschland habe zwar eine große Armee, aber mehr wie 50 000 Mann könne es doch nicht nach China bringen, und die würden von den Millionen Chinesen leicht ins Wasser gedrängt. Pawlow und Dubois sollen ihm geantwortet haben, das sei doch nicht so sicher! Nachmittags kam Sir Claude Macdonald und sagte, ihnen sei es sehr recht, daß die Chinesen einmal eine tüchtige Lehre erhielten; wie sich aber England zu einer permanenten Besetzung von Kiautschou stellen würde, könne er nicht sagen. Er erzählte dann noch, der chinesische Gesandte in Berlin habe im Auswärtigen Amt die Forderung der Evakuation gestellt und hierher telegraphiert, das Amt habe geantwortet, das machten der Gesandte und der Admiral. Li hung chang soll darauf ausgerufen haben: »Das ist der Kaiser ganz allein, der die Besetzung angeordnet hat.«

23. November. Morgens früh erhielt ich ein reizendes Telegramm des Admirals, daß er Kiautschou Stadt besetzt und dabei in Waffenbrüderschaft unsrer gedacht habe. Dann ein Telegramm Rotenhans, Edmund möge im Tsungli erklären, er zweifle zwar nicht am guten Willen der Pekinger Regierung, Deutschland hätte aber zu oft deren Ohnmacht den Provinzialbehörden gegenüber erlebt und zöge es daher vor, selbst für Sicherheit und Erfüllung seiner Forderungen zu sorgen.

24. November. Den Chinesen fängt es an, schwül zu werden, daß Edmund ihre Noten unbeantwortet läßt und sich gar nicht wieder auf dem Tsungli anmeldet. Er gebraucht ihre eigne Taktik des Verschleppens, woran sie von Europäern nicht gewöhnt sind, denn sie kennen mehr den Typus Gerard, der Tag für Tag im Tsungli ihnen stundenlang auf dem Pelze saß. Jetzt sprechen sie schon nicht mehr von Evakuation, sondern bitten nur, der Admiral möge keine zu arge Pression ausüben, da es im Volke gährte. Dieser Ausspruch ist einigermaßen komisch, denn Chinesen selbst haben Salvago erzählt, der Admiral sei in Kiautschou mit Freudencrackers empfangen worden, weil die Leute viel durch die Okkupation verdienen und sich über die Aussicht freuen, aus der chinesischen Mißwirtschaft herauszukommen. Nach dem Tiffin kam ein Antworttelegramm, zum erstenmal wieder von Hohenlohe unterzeichnet, das Edmund ermächtigt, dem Tsungli zu sagen, daß wir Kiautschou als Pfand für die Erfüllung unsrer Forderungen besetzt hielten, und da wir auf einen langen Aufenthalt rechneten, die nötigen Einrichtungen treffen würden. Wir waren ganz selig. Daß während dieser ganzen Zeit nie ein Telegramm mehr von Hohenlohe unterzeichnet war, hatte uns sehr bekümmert, denn wir fürchteten, er habe sich am Ende von allem zurückgezogen. Nun möchten wir beinah glauben, daß er in Petersburg gewesen ist, um zu verhandeln. Edmund hatte eine Visite von Sir Claude, der ihm erzählte, das ganze geheime chinesische Conseil wisse nichts von einer Abtretung Kiautschous an Rußland; wenn etwas derartiges abgemacht sei, so hätte das einzig der von Rußland gekaufte Li hung chang zugestanden. Es existiere von den Russen zu den Chinesen nur ein Schutzbündnis, das sich aber nur auf den Fall bezöge, daß China von den Japanern attakiert würde.

25. November. Nachmittags kam der japanische Gesandte und zwar im Auftrag Li hung changs, um Edmund anzudeuten, daß Li ganz weich geworden sei und à tout prix verhandeln wolle. Das muß Edmund natürlich verhindern, und so schrieb Edmund eine übrigens schon vorher geplante Note an das Tsungli, in der er sich beschwerte, daß seine ganzen Sühneforderungen in ganz Peking bekannt seien, und daß dies nur dann erlaubt sei, wenn wir aufgehört hätten, mit China in Frieden zu leben. Er wisse auch ganz genau, wer das Tsungli-Yamen-Mitglied sei, das diese Indiskretionen begangen und dadurch China den schlechten Dienst erwiesen habe, als sei es nicht mehr imstande, ohne fremden Schutz seine eignen Angelegenheiten zu ordnen! Edmund hofft, dadurch Li zu mißkreditieren und den Zwiespalt im Tsungli so zu verschärfen, daß nicht ein Nachgeben auf der ganzen Linie stattfindet. Außerdem war Edmund bei Herrn Knobel, Holländischer Ministerresident. der es sich angelegen sein läßt, hier heftig über das deutsche Vorgehen zu schimpfen. Edmund frug ihn, ob er aus dem Haag Instruktionen erhalten habe, uns hier Schwierigkeiten zu machen! Das wirkte, und dieser Volontär der Russo-Franken erging sich in Entschuldigungen.

27. November. Gleich nach dem Tiffin erschienen Chang yin huan und Weng tung ho bei Edmund. Ich saß in der Veranda und konnte so die Unterredung hören. Zuerst war von Edmunds starker Erkältung die Rede, dann langes Schweigen. Darauf sagten die Chinesen, sie seien vor allem gekommen, um zu sagen, wie sehr sie es mißbilligten, daß Edmunds Forderungen bekannt geworden seien, und sie sähen ein, daß das für ihn kränkend wäre. Edmund sagte, die Indiskretion sei durch das Tsungli passiert, worauf beide protestierten: »Aber nicht durch uns!« Edmund: »Nein, nicht durch Euch!« »Nun, du hast den Namen nicht genannt, so wollen wir es auch nicht tun, aber wir wissen, wen du meinst.« »Gescheite Leute verstehen sich auch, ohne zu sprechen!«

Wieder lange Pause, worauf die Chinesen frugen, wann Edmund würde zur Verhandlung ins Yamen kommen können. Edmund antwortete: »Er könne überhaupt nicht mehr ins Yamen kommen, denn die Chinesen hätten ja geschrieben, daß sie nicht verhandeln könnten, so lange nicht die Besetzung zurückgezogen sei; da er dies nun nach Berlin gemeldet, müsse er nun warten, bis er eine neue Note des Tsungli erhalten, in welcher die Chinesen erklärten, trotz der Besetzung verhandeln zu wollen. Sie antworteten: »Über Zurückziehung der Truppen brauche man nicht mehr zu reden.« Wieder Stillschweigen, worauf sie fortfuhren: »Da sei ein Punkt, über den sie sprechen wollten: Edmund habe den Gouverneur Li ping so angegriffen, und sie gäben ja auch zu, daß er in der Behandlung der Missionare gefehlt habe, aber er hätte auch viele gute Eigenschaften und habe z. B. in der Finanzverwaltung seiner Provinz viele Ersparnisse gemacht.« »Diese Ersparnisse könnten China teuer zu stehen kommen,« warf Edmund hin und führte dann aus, Li ping habe seit Jahren gegen die verschiedenen Missionare aufgereizt, und wie der Hauptmusikant dirigiere, so bliesen dann die kleinen Musikanten. Und daher hätten sich auch die kleineren Mandarine fortwährender Vergehen gegen die Mission schuldig gemacht. In Deutschland würden alle religiösen Fragen sehr ernst genommen, und darum müßten diese Verbrechen gegen Missionare ganz besonders gesühnt werden. Die Chinesen antworteten, in China nähme man die Religion auch sehr ernst, und die Regierung sei sich bewußt, alle schützen zu müssen; sie würden auch tun, was sie könnten, um Sicherheit zu schaffen, aber die Provinz Shantung habe dafür einen schlimmen Namen, daß sie durch Räuberbanden heimgesucht würde. Edmund warf hin, er habe auch davon gehört, daß diese sogenannten Räuberbanden revolutionäre Tendenzen verfolgten. Ferner sagten die Chinesen, Edmund habe ihnen von einem »gefangengenommenen« General geschrieben; das klänge so kriegerisch und kränke sie. Edmund antwortete, er sei bereit, seine Note abzuändern und von einem »zurückgehaltenen« General zu sprechen. Übrigens glaube er, sie versichern zu können, daß Deutschland den dauernden Besitz des Generals Dhang China nicht streitig machen wollte! Die Mandarine betonten noch einmal, daß sie alles friedlich zu arrangieren wünschten; sie wüßten ja, daß China der Freundschaft Deutschlands viel verdanke. Chinas guter Wille sei aber doch auch für den deutschen Handel von großem Wert. Edmund sagte, er freue sich, zu hören, daß sie die Freundschaft Deutschlands zu schätzen wüßten, und sie möchten nur an das Beispiel des Sultans denken, der habe als einzigen Freund den deutschen Kaiser gehabt, und wie groß und mächtig stehe er nun durch diese Freundschaft da. Die Mandarine betonten nochmals, sie wollten alles in Freundschaft regeln und keine andre Macht habe ja auch in der Frage mitzureden. Edmund sagte, er möchte dies noch einmal ausdrücklich hören, ob wirklich keine andre Macht an dem besetzten Gebiet beteiligt sei. Sie antworteten: »Nein, nein!« (Die Dolmetscher aber meinten nachher, das »Nein« hätte sehr zweideutig geklungen.) Darauf empfahlen sie sich, nachdem noch viel über Edmunds Katarrh geredet worden war. Dr. Franke meinte, auf Krankheit oder Nahrung nähmen sie auch bei den wichtigsten Dingen Rücksicht. Edmund sprach die ganze Zeit sehr ruhig und leise und vermied alles, was sie froissieren konnte. Wenn sie nun schließlich tun, was wir wollen, so kann man ihnen ja den Gefallen erweisen, sie zu behandeln, wie sie es mögen, und sie nicht unnütz zu demütigen.

Reuter brachte die Nachricht, daß Prinz Heinrich als Kommandant des nun verstärkten Geschwaders herauskommen würde. Das wäre eine wahre Freude und würde hier Deutschland eine enorme Stellung machen. – Die Russen müssen Contreordre erhalten haben, denn sie kamen alle nachmittags zu Besuch und waren viel höflicher als je zuvor.

29. November. Lady Macdonald besucht, die uns mit allem aushelfen will, falls wirklich Prinz Heinrich kommt, was durch ein Telegramm bestätigt wird. Nachmittags trafen Dr. Eiswaldt und der Vertreter Bischof Anzers, Provikar Freinademetz, ein, ein großer hagerer Mann mit einem Märtyrergesicht. Er verlangt die Absetzung von 6 Beamten außer Li ping, die Erbauung zweier weiterer Kirchen und sieben fester Häuser und schätzt die ganze Summe auf 60 000 Taels. Herr Sommer, der Agent von Telge und Co., der augenblicklich hier ist, um einen Kontrakt mit Li hung chang zu unterzeichnen, daß die bei Schichau bestellten Torpedojäger von deutschen Offizieren herausgebracht werden sollen, kam nachmittags, um mir zu sagen, er sei von Li hung chang beauftragt, mich zu bitten, ob ich nicht meinen Einfluß ausüben wollte, um Edmund gegen Li milder zu stimmen. Durch Edmunds letzte Note habe Li so gänzlich en face verloren. Ich habe selten so gelacht.

2. Dezember. Nach dem Tiffin ging Edmund mit Prittwitz und Eiswaldt ins Tsungli. Über eine Evakuation wurde nicht mehr geredet, und gegen alle Kirchen, Häuser und sonstigen Forderungen der Mission waren die Mandarine sehr entgegenkommend. Wirkliche Schwierigkeiten werden nur über die Absetzung des Gouverneurs gemacht.

3. Dezember. Nach dem Tiffin erschienen wieder Weng tung ho und Chang yin huan und saßen bis nach 5 bei Edmund. Sämtliche Forderungen sind durchgesprochen und bewilligt worden. Die Absetzung Li pings haben sie sehr geschickt motiviert: »Er habe so viele Ungelegenheiten bereitet, daß der Kaiser seines Treibens müde geworden sei!« Über die Forderung: »Ersatz der dem deutschen Reich entstandenen Kosten« ist lange gesprochen worden. Sie sagten, China habe momentan sehr wenig Mittel, und das möge bei den Forderungen bedacht werden. Edmund erwiderte: »Es gäbe ein Mittel, wodurch die Kosten für China sich vielleicht herabmindern ließen.« Darauf sagten sie, ja, sie wüßten wohl, worauf das hinausliefe. Herr von Marschall habe ja schon dem Gesandten Ha su gesagt, daß wir eine Flottenstation haben wollten, und jetzt habe das Chang yin huan bei seiner europäischen Reise auch wieder gehört, und da sie Deutschland wegen Liaotung viel Dank schuldig seien, würden sie sich auch entschließen, uns eine Flottenstation zu geben. Aber wir möchten uns doch einen andern Punkt als Kiautschou aussuchen, einen Hafen in dem soviel reicheren Süden, wo doch auch unsere Handelsinteressen lägen. Wenn die Besetzung Kiautschous zu einer dauernden Okkupation würde, so wäre damit in Europa der Glauben erweckt, jeder könne sich hier nehmen, was er wolle, und China sei ganz wehrlos. Sie gäben ja zu, daß sie das seien, aber hieraus könne der Untergang Chinas entstehen. Edmund antwortete, Deutschland wünsche sehr, daß China nicht nur fortbestehe, sondern sich auch kräftigen möge, und gerade deshalb solle es doch China gern sehen, wenn wir uns hier im Norden festsetzten, wo wir dann China eine Hilfe sein könnten und ein Gegengewicht gegen andre, z. B. gegen Japaner. »Ja«, sagten sie, »die Einmischungen der Japaner sind uns sehr unangenehm.«

Abends bekam Edmund ein Telegramm zu lesen, das der japanische Gesandte aus Berlin erhalten. Unser Kaiser habe den Reichstag eröffnet und dabei gesagt, die Flotte sei ungenügend für den Schutz der deutschen Interessen. Soeben habe er das Geschwader in Ostasien verstärken müssen, um Sühne für die Morde in Shantung zu verlangen und die Kiautschou-Bucht dazu besetzen lassen. Diese Worte seien mit enthusiastischen Bravos aufgenommen worden, und abends im Reutertelegramm stand: Nach seiner eigentlichen Rede habe der Kaiser sich an die Abgeordneten gewandt und ihnen gesagt, er habe nicht gezaudert, seinen einzigen Bruder jetzt nach China zu schicken.

5. Dezember. Heute begonnen, meine Kiautschouskizzen auszuführen, und dabei durch langweilige Besuche unterbrochen, die mich aber lange nicht so wie im vergangenen Jahr öden. Der Gedanke an die Realisation unsres Lebenstraums, für Deutschland ein Stück China zu erwerben, hilft mir über alles hinweg; über die kleinen Lebensmiseren und die großen persönlichen Enttäuschungen. Nachmittags erhielt Edmund ein Telegramm von Bülow, es lägen Anzeichen vor, daß Rußland uns eventuell helfen würde, es müßten aber akute Konflikte mit China vermieden werden, damit sich nicht eine chinesisch-japanische Gruppe mit englisch-amerikanischem Hintergrund bildete, deren Spitze dann gegen Rußland und uns gerichtet sein würde. Wir hielten unentwegt an Kiautschou fest. – Das war ein herrliches Telegramm, denn es billigt vollkommen Edmunds Haltung hier, der ja schon on the high way dazu ist, eine Flottenstation in aller Freundschaft zu bekommen. Edmund will nun dem Tsungli vorschlagen, ihr Kaiser solle dem Prinzen Heinrich, wenn er herkommt, Kiautschou als Freundschaftsbeweis geben.

7. Dezember. Edmund hatte wieder eine lange Sitzung mit seinen beiden Mandarinen und telegraphierte dann nach Berlin: »Habe Weng tung ho und Chang yin huan heute vorgeschlagen, daß, nachdem wir Missionsangelegenheit als völlig geordnet erklärt und auf Entschädigung für Reichskosten verzichtet haben werden, Kaiser von China aus freier Entschließung und aus Dankbarkeit für Liaotung dem Prinzen Heinrich die Kiautschou-Bucht übergeben möge, wobei ich darauf hingewiesen, daß hierdurch dem Prinzenbesuch ein eminent freundschaftlicher Charakter aufgeprägt werden würde, im Gegensatz zum jetzigen Eindruck. Im Prinzip akzeptierten die Mandarine, anbieten jedoch, Kiautschou zum Vertragshafen zu erklären, und versprechen, daß er keiner andern Macht angeboten werde, daß wir dort eine Niederlassung nebst Eisenbahn erhalten, und daß uns außerdem ein andrer Hafen im Süden abgetreten werde. Da ich vorläufig auf Kiautschou bestand, haben Mandarine dies nicht ganz abgewiesen, sondern nur betont, daß Chinas Ansehen durch ihren Vorschlag wiederhergestellt werden würde, und gebeten, ihn S. M. zu unterbreiten. Als Bedingung stellen Chinesen bisher, daß wir Kiautschou räumen, ehe Übergabe eines Hafens, welcher es auch sei, stattfindet und ehe Prinz Heinrich eintrifft. Annahme südlichen Hafens zugleich mit den uns in Kiautschou zugestandenen Vergünstigungen erscheint für uns vorteilhafter. Für Chinesen liegt Vorteil in Wahrung äußeren Scheins und Sicherung Kiautschous gegen irgendwelche Ansprüche. Mandarine drängen auf Abschluß, wie mir scheint, aus Besorgnis vor Territorialangriffen Englands oder Japans.«

Die Anerbieten der Chinesen sind eigentlich viel günstiger, als was wir uns selbst ausgebeten haben, denn bei den Vorteilen, die wir in Kiautschou haben sollen, kommt es praktisch darauf heraus, daß wir statt einen, zwei Häfen erhalten. Wir wären damit auch alle Dankbarkeitsverpflichtungen gegen die Russen los, nur ist es wohl möglich, daß ihnen Kiautschou als Vertragshafen noch fataler wie als deutsche Kolonie wäre. Wenn es ihnen in Berlin darauf ankommt, viel und in Frieden zu bekommen, so müssen sie mit Edmund zufrieden sein; wir haben aber manchmal unsre Zweifel daran, weil wir fürchten, daß zwischen den Ansichten des Auswärtigen Amts und der Marine nicht voller Einklang herrscht.

9. Dezember. Telegramm von Bülow, Edmund möchte weitere Erörterungen mit den Chinesen einstellen, bis S. M. seinen Willen wegen der letzten Vorschläge geäußert haben werde.

11. Dezember. Sehr nettes Diner bei Pawlow. Die Russen werden entschieden liebenswürdiger. – Während der nächsten Tage sehr in Unruhe, daß noch immer keine Antwort von Berlin eintrifft. Die Chinesen kommen täglich auf die Gesandtschaft, sich zu erkundigen.

14. Dezember. Endlich morgens ein Telegramm von Bülow, das von S. M. inspiriert und wenig freundlich klang. Es könne von keinem andern Hafen als Kiautschou die Rede sein und evakuiert würde nicht. Dazu eine lange Vorlesung von Bülow, Edmund solle Pawlow sagen, Deutschland sei sich bewußt, indem es sich südlich von der russischen Interessensphäre in China niederließe, in dauernde Interessengemeinschaft mit Rußland zu treten. Und da Frankreich immer nur schwer dazu zu bringen sei, einen Schritt zu tun, der es mit England verfeinden könne, würde unsre Freundschaft Rußlands Stellung in China verdoppeln. Hätten wir uns dagegen den Engländern territorial hier genähert, so hätten wir auch ihrer Politik Konzessionen machen müssen. – Diese Abhandlung ist geradezu kindisch, wenn man weiß, wie pieds et poings liés hier die Franzosen den Russen gehören, und wie unangenehm es gerade den Russen ist, daß wir nach Kiautschou und nicht nach dem Süden gegangen sind! Und den Engländern haben wir damit gerade einen Gefallen getan! Und die Schroffheit gegen die Chinesen verstehe ich auch nicht, denn sie wollten uns ja alles geben, was wir verlangten, nur eben auf ihre Art, und dabei wären wir die besten Freunde geblieben. Wir waren den ganzen Tag recht deprimiert und enttäuscht.

15. Dezember. Nachmittags kamen wieder Weng tung ho und Chang yin huan. Sie wollen uns Kiautschou stillschweigend überlassen, in dem Vertrag soll gesagt sein, die an Deutschland zu zahlenden Kosten würden später vereinbart werden, und ein geheimer Vertrag soll enthalten, solange wir in Kiautschou blieben, würden wir von diesen Kosten nicht sprechen. Wenn S. M. darauf eingeht, kann die Sache noch immer freundschaftlich arrangiert werden ohne Konflikte, die doch nur unsern Handel hier schädigen würden.

17. Dezember. Herr Sommer hat soeben seinen Vertrag abgeschlossen, daß die bei Schichau bestellten Torpedoboote von deutschen Offizieren herausgebracht werden sollen. Herr Bauer aus Tientsin bewirbt sich bei Li hung chang um eine elektrische Bahn, die durch Siemens und Halske gebaut werden soll, von dem Endpunkt der jetzigen Bahn bis an die Stadtmauer von Peking. Edmund hat die Sache beim Tsungli sehr befürwortet und in seiner Note gesagt, es sei kürzlich eine Dame unsrer Gesandtschaft (es war meine neue Jungfer!) hier angekommen, habe aber in die Stadt nicht mehr hereingekonnt, weil die Tore schon geschlossen waren. Die Kaiserlichen Hoheiten und Exzellenzen möchten sich doch vorstellen, welch eine Enttäuschung das für den Reisenden sei, vor einer so schönen Stadt zu stehen und dann nicht herein zu können! Li hung chang verspricht Bauer goldene Berge, wenn er nur bei Edmund Versöhnungsversuche machen wolle und ihn dazu bewege, die Verhandlungen wegen Kiautschou wieder aufzunehmen. Da in Kanton aber wieder ein deutscher Missionar bestohlen worden und in Swatow ein Mandarin zur Vertreibung unsrer protestantischen Missionare das Volk aufhetzt, bleibt Edmund hart. Auch schwebt seit acht Jahren eine Forderung der Firma Carlowitz, deren Bezahlung er verlangt.

19. Dezember. Telegramm von Bülow über den Vertragsentwurf mit den Chinesen. Die Grenzen des von uns zu behaltenden Gebiets werden angegeben, und zwar soll das Land auf 99 Jahre gepachtet werden. Die Bahnforderung wird besonders betont, und etwa nötige Flußregulierungen sollen uns erlaubt sein. Bergwerkskonzessionen sollen wir erhalten wie die Franzosen im Süden und die Russen in der Mandschurei. Unser Ziel ist, in Kiautschou einen Freihafen zu bilden mit Grenzlinie in unsrer Zone für diejenigen Waren, die nach dem Innern gehen.

22. Dezember. Die Chinesen haben heut endlich die Carlowitzforderung bezahlt, und daraufhin hat Edmund die beiden Mandarine Weng tung ho und Chang yin huan nachmittags empfangen. Edmund ließ die Nachricht von Bauer hinbringen, der dafür von Li das Versprechen erhielt, daß niemand wie er, d. h. Krupp, die Befestigung von Port Arthur erhalten werde. Edmund teilte den Mandarinen die Hauptbedingungen des Vertrags mit, und sie sollen von dem Wort Pacht sehr entzückt gewesen sein.

24. Dezember. Ein merkwürdiges Weihnachten. Edmund und Prittwitz hatten den ganzen Tag zu arbeiten. Kurz vor dem Aufbau kamen Boten von Chang yin huan und Weng tung ho, die für mich Vasen als Weihnachtsgeschenke brachten, die abends bei den verschiedenen Kennern große Meinungsverschiedenheiten hervorriefen, indem die einen sagten, es seien number one pieces, die andern erklärten, es wäre moderne kiu-kiang-Ware und 75 cents wert.

25. Dezember. Edmund erhielt die Antwort des Admirals aus Kiautschou, der entschieden mehr behalten will, als man im Auswärtigen Amt als Grenzen des abzutretenden Gebiets angegeben hat.

27. Dezember. Morgens kam ein langes und böses Telegramm von Herrn von Bülow. Man sei in Berlin verwundert, daß Edmund in seinen letzten Telegrammen die Abtretung nur beiläufig erwähne, da doch S. M. den schleunigen Abschluß so sehr wünsche. – Höchst ungerecht, wenn man bedenkt, wie hier gearbeitet worden ist, daß Edmund tagelang auf die Antwort des Admirals hat warten müssen und daß alle Schriftstücke ins Chinesische übersetzt und abgeschrieben werden müssen. Ich wollte eigentlich, daß Edmund dem Auswärtigen Amt ziemlich deutlich zu seiner Rechtfertigung telegraphierte. Er drahtete aber schließlich nur: »Habe gestern Entwurf des Tsungli mit meinen Korrekturen zurückgesandt. Nachdem endlich Äußerungen des Admirals und Generalkonsuls erhalten, übergebe heute Vertragsentwurf Tsungli.«

28. Dezember. Nachmittags ließen sich wieder Weng tung ho und Chang yin huan bei Edmund melden, der unaufhörlich hustet und Fieber hat. Ich ging währenddem aus, Besuche zu machen. Als ich zurückkam, waren die alten Bonzen immer noch da, und im Vorzimmer lag ein Telegramm an Edmund. Es kommen aber täglich so viele, daß ich achtlos daran vorüberging. Als ich später ins Arbeitszimmer kam, hatte Edmund es eröffnet, es war von Freinademetz: »Große Unruhe in Tsanschofoo. General vertreibt Katechisten, droht mit weiteren Europäermorden, seit einem Monat kein Täter ergriffen. Mandarine fahrlässig und noch ohne Instruktionen.« Das war ein Donnerschlag. Edmund war gerade friedlich und weit in seinen Verhandlungen gelangt, hatte Eisenbahnen und Bergwerke durchgesetzt. Edmund telegraphierte nach Berlin, er habe vom Tsungli telegraphische Absetzung des Generals verlangt und glaube, wirksame Maßregel würde Bildung einer chinesischen Schutztruppe unter deutschen Offizieren im Schutzgebiet sein. Darauf schrieb Edmund ans Tsungli eine sehr scharfe Note, in der u. a. vorkam, daß »Deutschland heute weniger als je in der Stimmung ist, auch nur dem kleinsten seiner Untertanen etwas antun zu lassen, ohne die vollste Genugtuung zu erzwingen«.

30. Dezember. Morgens ein weiteres Telegramm von Freinademetz: »General Wan pen huan kommt in Christengemeinde Ti chang chang; beim feierlichen Empfang sagt er den Katechisten: ,Macht euch fort, zwei Europäer bereits massakriert, andere werden folgen, wir wollen keine europäische Religion!' Zitiert Dorfhaupt, verbietet, Platz den Europäern verkaufen, Verkauftes müßte rückgängig gemacht werden.« Edmund telegraphierte dem Auswärtigen Amt: »Weiteres Telegramm Provikars meldet empörende Äußerungen von General Wau pen han, beantrage, wenn nicht seine telegraphische Absetzung erfolgt, diplomatische Beziehungen abbrechen und vorläufig nach Tientsin abreisen zu dürfen.« Und an den Admiral von Diederichs: »Habe mit Abbruch diplomatischer Beziehungen gedroht. Könnten Euer Exzellenz nicht eine demonstrative Bewegung ausführen?«

Nachmittags kam Wouters zu uns und meinte, wir sollten unsre Koffer noch nicht packen, die Chinesen würden unter allen Umständen nachgeben. Und richtig kam um ½ 9 eine Note des Tsungli, daß sie den Gouverneur von Shantung telegraphisch angewiesen hätten, den General zu entfernen und zur Verantwortung in die Hauptstadt zu zitieren. Die Notwendigkeit des Abreisenmüssens ist also for the present erledigt.

31. Dezember. Aus Berlin kam ein Telegramm, das uns im höchsten Maße aufregte und empörte: »Ich nehme mit um so größerer Befriedigung davon, daß Verhandlungen über Kiautschou mehr in Fluß gelangen, Kenntnis, als S. M. zu Ihrem Telegramm 114 bemerkt hatte: ,Zehn Tage, nachdem ihm telegraphiert worden, wie kommt das?' Die Tendenz der Chinesen, zwar über Missionsangelegenheit abzuschließen, aber Verhandlungen über Kiautschou hinzuziehen, ist mir nicht unbekannt und vom chinesischen Standpunkt begreiflich. Ihre Aufgabe ist es, ihnen klarzumachen, daß sie vor Erledigung von Kiautschou-Sache auf Beilegung der Missionarsache keine Aussicht haben. Auf Idee der Bildung einer Schutztruppe in Shantung kann nicht eingegangen werden, weil sie uns falschen Auslegungen von dritter Seite aussetzen würde. Dagegen dürfte Euer Hochwohlgeboren nicht schwerfallen, die neuen Vorfälle als Druckmittel zu verwerten, um Chinesen zu rascherem Abschluß über Kiautschou zu bringen.« – In Berlin scheint man sich keine Vorstellung davon zu machen, daß Telegramme zwischen Tsintau-Forts und hier oft zwei volle Tage unterwegs sind und das Übersetzen und Abschreiben der Noten auch Tage erfordert. Daß es S. M. lange erschienen, ist vielleicht begreiflich, aber es hätte sich wohl ein Wort der Erklärung von Bülow finden lassen können! Edmund war außer sich, denn er hat mit äußerster Anstrengung gearbeitet, und alle übrigen Gesandten hier sprechen von seiner Energie, und unser Prestige hat sich durch sein Auftreten enorm gehoben. Dann gleichzeitig von zu Hause die Insinuation der Lässigkeit zu erhalten, ist etwas hart. Der ganze Ton der Depesche ist auch so, daß man sich ärgern muß. Ich schrieb sofort an Grünau, erzählte ihm von unsrer Deprimiertheit, von allem, was Edmund bisher erreicht hat, und daß von irgendwelcher Anerkennung aus Berlin keine Rede ist. Wenn man sich erinnert, daß Admiral von Diederichs sofort zur Exzellenz gemacht worden, Edmund, der hier den weitaus schwierigeren Teil hat, nur Rüffel bekommt, ist es wirklich etwas hart! – – – Wir begannen zusammen mit der Gesandtschaft das neue Jahr. Das alte hat uns durch den Tod von Onkel Edmund schweren Kummer und Enttäuschung gebracht, aber um Kiautschous willen ist es uns ein gesegnetes Jahr! Ich gedachte viel der Kinder, mit denen uns das neue Jahr wieder zusammenführen möge. Möchten sie alle drei ruhige, glückliche Leben haben, ohne viele ups and downs. Ich weiß nicht, ob ich mein Leben in der Hinsicht viel anders haben möchte, denn ich war wohl für Aufregungen prädestiniert und habe schon als Kind oft die Empfindung gehabt, daß mir ganz besondere Erlebnisse bevorständen. Aber wenn ich für die Kinder Wünsche hege und mir ihre Zukunften ausmale, so denke ich immer an ruhige, zufriedene Existenzen zu Hause, die sich anschauen wie friedliche deutsche Landschaften, mit Wiesen und Bächen, über denen sich der Abendhimmel goldig wölbt. –

1. Januar 1898. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Ich bitte Seiner Majestät alleruntertänigst zu meiner Rechtfertigung unterbreiten zu wollen: daß ich Telegramm 73, Vertragsentwurf enthaltend, am 19. Dezember erhalten, Telegramm 76, welches mich anwies, Äußerungen Admirals und Generalkonsuls darüber einzuholen, ging mir 19. so spät zu, daß ich es nicht weitertelegraphieren konnte, da in Peking nach Sonnenuntergang wegen Schließung der Stadttore Telegramme weder abgehen noch ankommen. Auf mein Telegramm an Admiral vom 20. erhielt ich Antwort 25. Am 26. und 27. habe ich Noten über Missionsangelegenheiten und Vertragsentwurf, der durch 27. erhaltenes Telegramm Nr. 80 modifiziert worden, ins Chinesische übersetzen lassen, am 28. Verhandlungen geführt. Ich habe nicht einen Tag versäumt.«

Nachmittags kamen Wen tung ho und Chang yin huang zu Edmund und blieben lange sitzen. Als sie gegangen waren, mußte Edmund sich hinlegen, denn er war gänzlich abgespannt und so heiser, daß mir recht angst um ihn wurde.

2. Januar. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Gestern erschienen Unterhändler mit Erklärung, sie hätten Order, Vertrag zum Abschluß zu bringen, gestanden alle Punkte zu, bemühten sich aber mit unglaublicher Hartnäckigkeit, etwas vom Südeingang der Bai zu behalten. Als ich dies zurückgewiesen, erklärten sie, dem Kaiser Vortrag halten zu müssen und morgen Antwort zu bringen.« – Telegramme von Berlin, die ein wahres Paket sind. Als Edmund hinüber zu Prittwitz zum Entziffern ging, war ich in wahrer Herzensangst, ob es wieder Unfreundlichkeiten gegen Edmund enthalten würde. Ich war ganz glücklich, als er zurückkam und mir sagte, es enthielte nichts Schlimmes. Die europäische Post brachte interessanten Brief von Mumm. Er erzählt, der Reichskanzler habe damals auf geschäftlichem Weg in Petersburg wegen der Besetzung Kiautschous anfragen wollen. S. M. aber habe direkt und offen an Kaiser Nikolaus gedrahtet, der ebenso geantwortet habe, seine Rechte auf Kiautschou seien im vorigen Jahr abgelaufen, und er habe dort nichts zu erlauben und nichts zu verbieten. Zwei Tage darauf sei die Einsprache des Grafen Murawjew erfolgt. Das Auswärtige Amt sei sehr stramm geblieben, und speziell Holstein sei sehr für Durchhalten gewesen, da sonst Prestige auf ewig verloren sei. Es habe aber die große Angst bestanden, ob S. M. durchhalten werde, der Ton des ersten Befehls an Diederichs und der des zweiten, der ihn abänderte, seien so sehr verschieden gewesen... Vom Admiral Depeschen und Beschwerden der Chinesen über Vorgehen des Admirals.

3. Januar. Vormittags eine Masse Schreiberei. Nach dem Tiffin ging ich zu Lady Macdonald. Als ich aus der englischen Gesandtschaft herauskam, begegnete mir Edmund, der mir erzählte, Weng tung ho und Ghang yin hun seien eben auf der Gesandtschaft gewesen und hätten Ausflüchte gemacht. Da sei Edmund sofort aufgestanden und durch die Veranda in mein Wohnzimmer gegangen. Die Chinesen hätten ihm Franke nachgeschickt, er möchte doch wiederkommen; er habe geantwortet: nur wenn sie absolute Zusagen brächten. Darauf gingen sie ab very much loosing their faces, und unsre chinesischen Diener sollen ganz verwirrt über diese unerhörte Begebenheit sein. Edmund erzählte mir dies auf der Straße, und auf dem ganzen Wege wurden wir von einer ganzen Menge Chinesen und schmutztriefender Mongolen dicht umgeben und begleitet. Das ist uns hier noch nie passiert, und es mag doch sein, daß die Leute wußten, wer Edmund sei und uns nicht eben freundlich gesonnen waren. Edmund telegraphierte nach Berlin: »Da Unterhändler heute wieder Ausflüchte gebrauchten, brach ich Verhandlungen ab und erklärte, morgen ins Tsungli zu kommen, wo Prinzen anwesend sein müßten.«

4. Januar. Sir Claude erzählt, Li hung chang habe Angebot vom Finanzminister Witte für große Anleihe unter russischer Garantie... Telegramm aus Chefoo, im Missionsgebiet herrsche Unruhe und ein englischer Missionar sei ermordet. Herr Bauer hörte aus dem Yamen, die Chinesen würden keinesfalls nachgeben. Der Deutsch redende Chinese Yu Yin chang aus Tientsin, der zu Verhandlungen besonders heraufbeordert worden ist, sagt, sie würden sich in alles fügen. Aus Berlin fragt Herr von Bülow an: »Sind jetzt englische Kriegsschiffe in Port Arthur?« Admiral Diederichs telegraphiert über Berliner Instruktionen und Landkaufangelegenheiten...

Gleich nach dem Tiffin begab sich Edmund auf das Tsungli und ließ sich von der gesamten Gesandtschaft begleiten, so daß es ein imponierender Aufzug war. Die beiden Prinzen, das ganze Tsungli Yamen mit Ausnahme von Li hung chang waren anwesend. Edmund ließ folgende Rede durch Franke chinesisch vorlesen:

»Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! Von einem Tisch, auf dem lauter schöne Dinge stehen, eine Auswahl zu treffen und sich die schönste Sache herauszusuchen, ist nicht schwer, und jeder unerfahrene Mensch kann das. Aber wenn man von Schwierigkeiten umgeben ist, denjenigen Weg zu wählen, der am wenigsten Gefahren bringt, ist eine Aufgabe, an der sich die Weisheit der erlauchten Geister erprobt, und im politischen Leben ist, wenn der Staat gefährdet scheint, die schwierigste Aufgabe des wirklichen Staatsmannes die, den Weg zu finden, auf dem sich das Ziel eines erträglichen Ausgangs erreichen läßt. Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! China befindet sich heute in einem solchen gefährlichen Moment, das Staatsschiff ist von Klippen umgeben, und Eurer Weisheit, meine Herren, ist es überlassen, es vom Scheitern zu retten. Ich bin gekommen, Euch in wahrer Freundschaft für China zu sagen, welchen Kurs Ihr steuern müßt. Erlauchte Prinzen und meine Herren Minister! Ich erkläre Euch auf das bestimmteste, namens meiner hohen Regierung, daß Kiautschou ein deutscher Hafen ist und bleiben wird. Deutschland hätte gar nicht nötig, über diese Tatsache weitere Verhandlungen zu führen, denn da ist nicht eine Macht in der Welt, die einen Finger rühren würde, um China zum Wiederbesitz von Kiautschou zu verhelfen, und China selbst ist ohnmächtig; es hat weder eine Armee noch eine Flotte. Aber aus alter Freundschaft für China haben wir den Weg der Verhandlungen gewählt und Euch einen Vertrag proponiert, durch welchen die Ehre und das Ansehen Chinas gewahrt und die Ansprüche Deutschlands auf das bescheidenste Maß heruntergedrückt sind. Wir beanspruchen keine Gebietsabtretung, sondern wir erkennen an, daß das Gebiet fortdauernd dem Kaiser von China gehört, und verlangen bloß, daß ein kleines Stück Land uns pachtweise überlassen werden möge. In Europa ist allgemein die Ansicht verbreitet, daß wir die ganze Provinz Shantung in Anspruch nehmen würden, und ich erkläre Euch offen, daß unsre Militärs ein weit größeres Gebiet, als ich es beansprucht habe, zu behalten wünschen. Unsre Truppen haben bereits dreimal soviel Gebiet besetzt, als ich fordere, und wenn binnen kurzem unsre Verstärkungen hier eingetroffen sein werden, können wir noch weit mehr besetzen. Aber die Regierung meines erhabenen Herrn und Kaisers hat aus alter Freundschaft für China lediglich einen schmalen Streifen Uferland an der Kiautschoubucht zu pachten verlangt. Und Ihr zögert noch und macht Schwierigkeiten? Dabei verfahrt Ihr nicht einmal von Eurem Standpunkt aus weise. Denn Ihr habt mir bereits zugestanden, daß die ganze nördliche Landzunge und fast die ganze südliche Landzunge an der Bucht von Kiautschou uns überlassen werden soll. Aber mit verhängnisvollem Eigensinn haltet Ihr an der theatralischen Prätension fest, auf dieser südlichen Landzunge eine kleine Station besetzt zu halten. Diese Station würde für Euch nicht von dem geringsten praktischen Nutzen sein, und Ihr habt dies Verlangen, das für jeden Staatsmann in Europa unverständlich ist, lediglich gestellt, weil Ihr Euch von Eurem chinesischen Aberglauben nicht freimachen könnt, daß der Schein mehr wert ist als die Wirklichkeit, und daß man den Schein noch retten kann, wenn die Wirklichkeit längst verloren ist. Seht Ihr denn aber nicht, daß Ihr Euer Gesicht unwiderbringlich verlieren würdet, wenn Deutschland die Kiautschoubucht behielte, ohne mit Euch einen Vertrag abzuschließen? Dann würde das eintreten, wovor Ihr Euch jetzt fürchtet, daß in Europa die Meinung sich verbreitet, man könne China beliebige Gebietsteile entreißen, ohne Verhandlungen zu führen. Dann könnte es sich ereignen, daß auch andre Mächte sich diese angebliche Erfahrung zunutze machten, und dann wäre der Augenblick eingetreten, von dem ich oben gesprochen, und Ihr selbst, nicht Deutschland, hättet das Staatsschiff Chinas zum Scheitern gebracht! Wenn Ihr dagegen den maßvollen Vertrag, den wir Euch vorschlagen, abschließt, dann wird man in Europa sagen, daß auch ein so mächtiges Reich wie Deutschland sich veranlaßt gesehen hat, auf die Wünsche Chinas Rücksicht zu nehmen und nur ein kleines Gebiet pachtweise und in aller Freundschaft erhalten und den größeren Teil des bereits besetzten Gebiets wieder geräumt hat. Als guter Freund Chinas rate ich Euch in dieser feierlichen Stunde, diesen Weg zu betreten. Ich habe sehr scharfe Befehle von meinem Herrn und Kaiser erhalten, und dies ist vielleicht die letzte Stunde, die Ihr noch frei habt. Ich will Euch einiges andeuten, was erfolgen würde, wenn Ihr zu Eurem Unglück etwa nicht den vorgelegten Vertragsentwurf annehmen wolltet: Wir würden weder die Stadt Kiautschou, noch die Stadt Tsinio räumen, wie wir jetzt beabsichtigen. Wir würden die Kosten für unsre Okkupation, auf die wir bei Vertragsabschluß verzichten wollen, durch alle Mittel eintreiben, und sie würden sich auf viele Millionen Taels belaufen. Und solange Ihr nicht einen Vertrag mit uns geschlossen habt, wird es Euch unmöglich sein, einen Cash Kupfer irgendwo in Europa zu leihen, und China würde vor dem Bankrott stehen. Auf keinem Markt Europas könnt Ihr eine Anleihe erhalten, solange Ihr mit Deutschland nicht völlig ins reine gekommen seid. Bedenkt dies alles wohl, ehe Ihr mir eine abschlägige Antwort gebt.«

Nach dieser Rede wandte sich Prinz Kung an Edmund mit der Frage: »Wenn wir Deutschlands Bedingungen annehmen, wird es dann die Garantie übernehmen, daß nicht andere Mächte ähnliche Verlangen stellen?« Darauf sagte Edmund, der Prinz könne wohl nur zwei Mächte meinen. Die eine wünsche, soviel er wisse, nur eine ganz kleine Bai im Süden, an der China kaum ein Interesse nähme; was die andre Macht beträfe, so müßten die Chinesen über deren Absichten am besten unterrichtet sein, da sie sie sich ins Land geladen hätten. (Die russische Besetzung Port Arthurs ist ein Werk Li hung changs und soll zwischen ihm und Prinz Kung zu heftigen Auftritten Anlaß gegeben haben.) Darauf frug der Prinz nochmals, ob Deutschland garantieren würde. Und Edmund antwortete, das sei zuviel verlangt, daß Deutschland Chinas Schlachten schlagen solle. Nun rief Chang yin huang: »Lassen wir fallen!« und nun gaben die Chinesen alles zu. Im letzten Moment machten sie noch einen Versuch, die Pachtzeit von 99 Jahren auf 50 herabzusetzen, was Edmund nicht zugestand.

Ich hatte zu Hause in größter Spannung gewartet, und als ich die Sänften ankommen sah, lief ich hinaus, und Edmund rief mir gleich entgegen: »Es ist alles erreicht!« Wir waren unbeschreiblich froh, und Edmund telegraphierte sofort an das Auswärtige Amt... Bald darauf kam folgendes Telegramm von Bülow: »Seine Majestät der Kaiser haben geruht, von Ihrer Aufklärung huldreichst vollen Akt zu nehmen und sprachen hierbei die Erwartung aus, daß Sie in Ruhe und Umsicht, aber ohne sich durch Nebenfragen ablenken zu lassen, alle Bemühungen auf das Kiautschou-Abkommen konzentrieren möchten, dessen Zustandekommen für unsern allergnädigsten Herrn in allererster Linie steht.«

Na, der Wunsch von S. M. wäre ja nun erfüllt!

5. Januar. Edmund arbeitet den ganzen Tag an der Note über die Missionen und über die Eisenbahnen und brachte die ganze Route der Bahn mit Stationen und Bergwerken hinein.

6. Januar. In drei je 10 Mann zählenden Gruppen kamen die Minister des Tsungli und die sonstigen chinesischen Großwürdenträger, um auf allen Gesandtschaften ihre Neujahrsvisite zu machen. Die erste war von Prinz Kung, die zweite von Prinz Ching, die dritte von Li hung chang geführt. Zu uns zu kommen, muß ihnen doch scheußlich sein, aber patriotische Entrüstung kennen sie doch offenbar nicht, nur die Sorge um das persönliche Ansehen. Und es sind lauter so alte Leute, daß man ihre Apathie begreift, denn sie sagen sich offenbar, »das wird alles immer noch ebenso lange dauern wie wir«. Als sie fort waren, erhielt Edmund folgendes Telegramm von Bülow: »Bitte Pachtsumme, Pachtzeit und alle vorgenommenen Vertragsänderungen sofort telegraphisch melden.« Das war alles. Kein Wort des Dankes, der Anerkennung! Unwillkürlich denkt man doch an den Dank des Hauses Österreich! Na, man hat sich ja nicht des Dankes, sondern der Sache halber abgemüht, aber seltsam ist es doch. – Edmund antwortete: »Ich habe Vertragsbestimmungen ohne Abänderungen durchgesetzt.«

Edmund erhielt folgendes Telegramm: »Hoheitsrechte für vorgeschriebenes Gebiet müssen tatsächlich unverkürzt erreicht werden. Zum Schein eine kleine Enclave für chinesischen Posten können Sie zugestehen. Hohenlohe.«

Es scheint ihnen in Berlin der Atem ausgegangen zu sein! Und wenn das Telegramm einen Tag früher angekommen wäre, hätten die Chinesen ein bißchen »face« retten können. Nun müssen sie sich in Berlin beinah schämen, daß alles erreicht ist. –

7. Januar. Aus Berlin kam ein Telegramm, als Pacht solle 50 000 Mark geboten und bis 300 000 gegangen werden. Na, Edmund wird es ihnen wohl umsonst schaffen. Vom Admiral, von Lenz und Eiswaldt kamen Gratulationstelegramme, nur in Berlin kann man kein freundliches Wort finden!

10. Januar. Edmund hat täglich Visiten von Yin chang wulo, durch den der ganze Eisenbahn- und Bergwerksvertrag gemacht wird. Dies geschieht ganz im geheimen; niemand weiß davon, nicht einmal Pawlow. Alle sind mit der Verpachtung Kiautschous beschäftigt und haben die Noten darüber natürlich schon vom Yamen irgendwie bekommen. Währenddem bringt Edmund den Eisenbahn- und Bergwerksvertrag als Teil des Missionsvertrags herein, an den niemand mehr denkt, weil man sich nur für Kiautschou interessiert. Die Chinesen scheinen in dieser Sache auch wirklich dicht zu halten.

22. Januar. Herr Sommer und Herr Hagge, letzterer ein Vertreter der Firma Wahl, die die Shantungbahnen bauen will, waren zum Tiffin bei uns. Herr Hagge war ganz enthusiastisch darüber, wie es Edmund verstanden hat, die Eisenbahnkonzession zu erreichen, und meinte, nun sei doch endlich mal jemand da, der es verstände, mit den Chinesen umzugehen. Das würde so leicht keiner Edmund nachmachen. Nach dem Tiffin gingen wir auf die Stadtmauer, wo sich le tout Peking einfand, um die Sonnenfinsternis zu beobachten, die China soviel Unheil bringen soll. Ein gütiges Schicksal blies aber Wolken auf, als die Sonnenfinsternis gerade begonnen hatte; so war der Schein wieder einmal für die Chinesen gerettet. Ihr Aberglaube ist, daß ein Drache die Sonne verschlingt, und in allen Höfen der kleinen grauen Häuser konnte man von der Mauer aus kniende Frauen sehen, die Küchenutensilien gegeneinander schlugen, um den Drachen durch Lärm zu verscheuchen. Denn es scheint den Chinesen als böses Omen, daß diese Sonnenfinsternis gerade an ihrem Neujahrstag stattgefunden hat.

25. Januar. Edmund erhielt folgendes Telegramm von Bülow: »Wie stehen Verhandlungen über Pachtpreis? Antwort wegen Reichstagsverhandlungen bis 25. unentbehrlich.« Edmund antwortete: »Telegramm 25. nachmittags erhalten. Chinesen haben Pachtpreisfrage nicht angeregt, scheinen sich mit Tatsache, daß Pacht zugesagt, zu begnügen, ohne wirklich Zahlung zu erwarten.«

27. Januar. Edmund schrieb an das Tsungli, daß nach Berichten aus Shantung es keinem Zweifel mehr unterläge, daß die Missionare durch Anhänger der Großen Messersekte ermordet worden seien und daß die Mandarine sich scheuten, gegen diese vorzugehen. Man möchte doch endlich einschreiten.

3. Februar. Abends bekamen wir einen sehr interessanten Brief von Goltz aus Kiautschou. Er ist zur Dienstleistung beim Prinzen Heinrich kommandiert. Das erfährt nun Edmund so beiläufig. Vom Auswärtigen Amt hat er keine Silbe der Mitteilung erhalten. Ein Depeschenkasten kam an, der kein Metallogramm und eigentlich gar nichts enthielt. Es ist eine sehr kränkende Behandlung. Durch das Auswärtige Amt hat Edmund noch nie ein Wort erfahren, daß der Prinz hier herauskommt, geschweige denn, ob er nach Peking kommt und was in solchem Fall an Empfang durchgesetzt werden soll. Jetzt lesen wir in chinesischen Zeitungen, daß die Chinesen ihn in Shanghai von einem ehemaligen Tao tai begrüßen lassen wollen, und Edmund muß in der Sache hier Schritte ergreifen, ohne ein Wort der Instruktion von zu Hause.

4. Februar. Edmund drahtet an Stübel, daß der Prinz in Shanghai vom Generalgouverneur empfangen werden müsse und schrieb dasselbe an das Tsungli. Hoffentlich kommt der Prinz hierher. Wegen des deutschen Prestige und auch für uns. Aber der Besuch beim Kaiser von China wird schöne Kämpfe kosten.

9. Februar. Von Stübel kam die Nachricht, daß Prinz Heinrich Wosung anlaufen, aber nur als Admiral auftreten werde. Goltz telegraphierte, daß er nicht vor 10. März in Kiautschou erwartet würde. Sehr unangenehm ist, daß über die Langsamkeit seiner Fahrt in den ausländischen Zeitungen boshafte Bemerkungen gemacht werden, was nach der theatralischen Abfahrt nicht erstaunlich ist.

15. Februar. Morgens war Audienz beim Kaiser von China, die diesmal außergewöhnlich ordentlich verlaufen sein soll. Trotzdem meinte Eugen Wolf, den Edmund mitgenommen hatte, daß es ihm ganz unglaublich erschiene, wie sich die europäischen Staaten eine solche Behandlung ihrer Repräsentanten gefallen ließen.

23. Februar. Sir Claude Macdonald erzählte heut, er habe in englischen Zeitungen gelesen, daß der Kaiser sich so sehr über den Kiautschouvertrag gefreut habe, daß er Herrn von Bülow eigenhändig dekoriert habe. Sir Claude sagte: »But why, the dickens, did he not decorate your husband as well?« Ja warum? Wir nagen ja die ganze Zeit an der Verbitterung darüber, daß an Edmund nicht mit einem Sterbenswörtchen der Anerkennung gedacht wird. Es ist so ungerecht und kränkend! Admiral von Diederichs hat mir auch gerade über diesen Punkt geschrieben und meinte, schließlich würde es doch einmal an den Tag kommen, wer den Kiautschouvertrag eigentlich gemacht habe! – – –

24. Februar. Wir hatten ein Diner bei Mr. Dubail, der mir erzählte, wie aufregend er den hiesigen Posten fände. Von den Chinesen sei nichts zu erreichen, als wenn man ihnen mit Kanonenschießen drohe, und es sei doch eine angreifende Aufgabe, dreimal wöchentlich das Tsungli mit Krieg zu bedrohen! Von den Schwierigkeiten des Postens mache man sich zu Hause keinen Begriff.

6. März. Gleich nach dem Tiffin ging Edmund mit der ganzen Gesandtschaft auf das Yamen. Er blieb über drei Stunden dort, was noch nie vorgekommen, so daß ich mich recht ängstigte. Als er endlich nach Hause kam, war Besuch da, und er flüsterte mir zu: »Es ist alles unterzeichnet.« Dann telegraphierte er nach Berlin: »Melde gehorsamst, daß heut Tsungli Yamen ganzen Vertrag unterzeichnet. Groß Sekretäre Weng tung ho und Li hung chang waren zur Unterzeichnung vom Kaiser ernannt. Vertrag hat drei Teile: 1. Verpachtung von Kiautschou, 2. Eisenbahn- und Bergwerkskonzessionen, 3. Prioritätsrechte. – Pachtsumme unerwähnt geblieben. Habe ungesäumte Zurückziehung unsrer Truppen versprochen.« – Edmund erzählte später, daß diese ganze Verhandlung vollkommen freundlich verlaufen wäre. Die alten Bonzen seien sehr höflich gewesen und hätten sich mit Edmund über alle möglichen Themata unterhalten. Es habe aber so rasend lange gedauert, weil die vier Texte erst ganz fertig geschrieben und dann noch miteinander verglichen werden mußten. Es sei sehr angreifend gewesen und wie gewöhnlich bitter kalt im Yamen.

8. März. Kapitän Truppel telegraphierte an Edmund, er habe folgendes Telegramm von S. M. erhalten: »Sämtliche Truppen in engeres Pachtgebiet zurückziehen, da Vertrag nach meinen Wünschen unterzeichnet.« – Ein Glück, daß Kapitän Truppel dies an Edmund telegraphiert, denn in Berlin hält man ja nicht einmal der Mühe für wert, ihm eine solche Sache mitzuteilen, die er doch der hiesigen Regierung anzeigen muß! Auf Schritt und Tritt begegnen wir dem Bestreben, ja nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, als habe Edmund Verdienste bei der Sache. Admiral Diederichs telegraphierte: »Gratuliere herzlichst zum glänzenden Erfolg, welcher Ihren Namen dauernd mit der zukunftsreichen Erwerbung Deutschlands verbindet. In treuer Waffenbrüderschaft Diederichs.« Edmund freute sich sehr darüber, denn das ist das Urteil eines Mannes, der hier alles miterlebt hat. –

10. März. Herr von Bülow telegraphierte: »Bitte Ihr Originalexemplar nebst einer vollständigen Abschrift einzureichen.« Das war alles, nach viermonatiger Arbeit! Nicht einmal ein »Danke«. – –

Aus Hongkong erhielt Edmund die Nachricht, daß Prinz Heinrich dort angekommen sei. Wegen Maschinenreparatur müsse die »Deutschland« vier Wochen dort bleiben; ob Bedenken vorhanden gegen einen Ausflug des Prinzen nach Kanton. Da ist nun der Prinz schon in China, und vom Auswärtigen Amt liegt nicht ein Wort der Instruktion vor, daß er überhaupt kommt und was für ein Empfang zu verlangen ist. Eugen Wolf, der hier im Hotel Tallien sitzt, märchenhafte Nachrichten fabrizierend, drückte sein Erstaunen aus, daß für Edmund noch immer keine Anerkennung eingetroffen ist. –

Edmund zeigte mir ein Exemplar des Vertrags, und es freute mich, seinen Namen darauf zu sehen. Der Vertrag ist in gelbe Seide eingebunden und liegt zwischen zwei mit gelbem Brokat bezogenen Tafeln, die selbst wieder in einem gelben Brokatkasten ruhen, wie sie benutzt werden für alle Akten, die dem Kaiser von China vorgelegt werden.

15. März. Die nachmittäglichen Reutertelegramme brachten die überraschende Nachricht, daß Sir Claude Macdonald K.C.B. Knight Commander of the Bath (hoher englischer Orden). geworden sei. Eine Auszeichnung, die ihn, der doch am besten weiß, wie England hier kneift, am meisten erstaunen muß. Leider mußten wir abends zu einem großen Diner, wo auch die Engländer waren. Es wurde Sir Claude allgemein gratuliert; wir standen daneben und konnten uns nur sagen, daß es sich mehr lohnt, England schlecht, wie Deutschland gut zu dienen! Edmund fühlt leider die Bloßstellung so, daß er sich ganz daran aufreibt. Er sagt, er möge nicht mehr unter Menschen gehen, weil er allen die Verwunderung anmerke. Ich suche ihm das alles auszureden, aber es grämt mich so sehr für ihn. Wenn er nur gerecht beurteilt würde, könnte er nicht anders wie gut beurteilt werden.

16. März. Nach dem Tiffin war Chang yin huan bei Edmund, um das Zeremoniell beim Empfang des Prinzen Heinrich zu besprechen. .. Heut kam auch noch die Nachricht, daß Herr von Brandt den Roten Adler 1. Klasse bekommen hat! Wofür? Ich fühle, wie wir spitefull werden und verbittert!

2. April. Chang yin huan hatte Edmund sagen lassen, daß die Verhandlungen über den Empfang des Prinzen Heinrich viel leichter gehen würden, wenn Edmund einmal den alten Li hung chang in seiner Wohnung besuchen würde. So ging denn Edmund hin bei einem bitterkalten Staubsturm. Der Prinz wird seinen Besuch in Wan schau schan dem Kaiser machen, der ihn stehend empfängt und ihm dann einen Platz zum Sitzen neben sich anweist. Dagegen haben die Chinesen stipuliert, der Prinz solle dem Kaiser nicht zuerst die Hand reichen, sondern abwarten, ob er es täte, weil Handschütteln eine in China nicht übliche Grußart sei. »Ihr werdet gewiß über all das lachen, für die Chinesen sind dies (die Empfangszeremonien) viel revolutionierendere Fragen wie Kiautschou!« Elisabeth von Heyking an ihren Schwiegervater. 5. IV. 1898. Den Chinesen ist einesteils lieb, daß der Besuch in Wan schau schan stattfinden soll, weil dort alles gut gehalten wird, während das Stadtpalais sehr delabriert ist, andrerseits meinten sie, Wan schau schan gehöre der Kaiserin-Exregentin, die vielleicht Schwierigkeiten machen könnte. Als aber die Möglichkeit besprochen wurde, den Besuch in der Stadt zu machen, sagten die Chinesen gleich selbst, in der gewöhnlichen Gesandtenaudienzhalle könne der Prinz den Kaiser nicht besuchen, sondern er müsse in sein Studierzimmer kommen, das sei aber so ein heiliger Raum, daß nur der Prinz ganz allein dahinein dürfe. Darauf ging Edmund natürlich nicht ein. So wird es wohl bei Wan schau schan bleiben, und dem Prinzen wird ein Pavillon angewiesen, wo der Kaiser ihm auch den Gegenbesuch macht.

10. April. Edmund erhielt morgens durch Chang yin huan die definitive Antwort, daß Prinz Heinrich in genau der Weise empfangen werden würde, wie Edmund es verlangt habe, und dazu die überraschende Nachricht, daß die Kaiserin-Exregentin den Prinzen auch zu empfangen wünsche. Alle Diplomaten sind starr und sehen es als großen Erfolg von Edmund an, denn so etwas ist noch nie dagewesen. Am starrsten würden sie wohl sein, wenn sie wüßten, daß Edmund ohne alle Instruktion hat handeln müssen, weil er vom Auswärtigen Amt heutigen Tags noch keine Silbe der Nachricht überhaupt erhalten hat, ob Prinz Heinrich nach Peking kommt.

13. April. Gerade vor zwei Jahren kam Mumm zu uns, um uns den Pekinger Posten anzubieten! Wieviel hat Edmund in der Zeit erreicht! Und gerade an diesem Jahrestage bringen uns die deutschen Zeitungen die Nachricht, daß der Generalkonsul Stübel für seine Verdienste um Kiautschou den Kronenorden 2. Klasse erhalten habe! Wir saßen den ganzen Abend und überlegten, was wir tun sollten! Es ist alles so kränkend und verbitternd, daß man am liebsten abginge. Unter allen in Peking anwesenden Journalisten herrscht große Aufregung über den Empfang des Prinzen; Edmund teilte den Times- und Reutervertretern die Einzelheiten mit, und letzterer schickte darüber ein für Edmund sehr schmeichelhaftes Telegramm ab.

16. April. Edmund erhielt folgendes sehr komische Telegramm von Bülow: »Haben Sie mit chinesischer Regierung über Besuch des Prinzen Heinrich verhandelt, und mit welchem Ergebnis?« Sie haben offenbar aus Reuters Telegramm von Edmunds Erfolg gehört und wissen nun nicht, welches Gesicht sie dazu machen sollen. Edmund telegraphierte alle Einzelheiten und schloß: »Kaiserin-Exregentin hat von sich aus Wunsch geäußert, S. K. Hoheit zu empfangen, und Befehl gegeben, alle bisher Europäern verbotenen Palastanlagen Prinzen zu zeigen. Kaiser und Kaiserin haben Wunsch, würdigen Empfang zu bereiten, und freuen sich auf Empfang. Jedenfalls ist ein völliger Bruch mit bisherigen Traditionen des chinesischen Hofes erreicht worden.« – Eigentlich können sie in Berlin nur zufrieden sein, aber wir sind so mißtrauisch und verbittert, daß wir im Gegenteil auf jeden Rüffel gefaßt sind.

17. April. Teddies Geburtstag. Gott behüte ihn und lasse ihn eine unabhängige Karriere wählen. Mir haben die Verbitterungen einen Knacks gegeben. Ich war den ganzen Tag krank zu Bett.

20. April. Von Bülow folgendes Telegramm: »Seine Majestät ist einverstanden mit Ergebnis Ihrer Besprechungen. Kündigen Sie nunmehr Besuch formell an und beschleunigen Sie formelle Einigung. Drahtbericht sobald diese erfolgt ist, und benachrichtigen Sie Prinz Heinrich mit Zusatz, daß Seine Majestät bestimmt hat: Seine Königliche Hoheit hat als mein Vertreter zu fungieren, und mit seiner Standarte und im großen Topp in Tientsin einzulaufen.« Na, wenigstens ist es kein Rüffel, aber verwunderlich, daß dieser Befehl an Prinz Heinrich durch Edmund geht!

21. April. In dieser ganzen Zeit kommen sehr beunruhigende Nachrichten aus dem Shantunger Missionsgebiet, sowohl von Eugen Wolf, der dort ist, als auch von Teichmann. Beide schildern die Großmessersekte als sehr gefährlich. Edmund war im Tsungli und erhielt das Versprechen, daß 1000 Mann hingeschickt werden sollten.

22. April. Bischof Anzer, aus Europa heimkehrend, besuchte uns, und es war wirklich wohltuend, mit welcher Anerkennung er von Edmunds Verdiensten um die Mission und das ganze Deutschtum hier redet. Er war ganz sprachlos, daß noch keinerlei Anerkennung für Edmund eingetroffen, und schiebt es ganz auf Holsteins und Brandts Einfluß. Ich hatte mit ihm eine wirklich freundschaftliche und erleichternde Aussprache, die mir sehr not tat, denn ich bin innerlich so sehr herunter und deprimiert.

7. Mai. Morgens kam ein Telegramm, Prinz Heinrich würde am 13. eintreffen in Taku. Nun begann eine fieberhafte Arbeit an allen Ecken und Enden. Ich fühle mich oft tödlich müde und wirkliche Hilfe hat man ja so wenig. –

10. Mai. Das meiste im Hause ist nun fertig und für Peking wirklich sehr hübsch, aber ich bin absolut éreintée.

13. Mai. Prittwitz kam mit der beunruhigenden Nachricht, daß aus Shanghai die Warnung gekommen sei, es bestände ein Komplott gegen den Prinzen, das in Peking von Kantonesen ausgeführt werden sollte. Während des ganzen Vormittags kamen Anfragen von den andern Gesandtschaften. Um 11 Uhr gingen all unsre Herren fort in Sänften an die Bahn. Auf den Stufen, die zum Hause hinaufführen, waren alle Diener aufgestellt in ihren schönen hellblauen Seidenröcken, darüber gelbe Atlasjacken mit unserm Wappen gestickt; auf dem Kopf die Mandarinenhüte, zu denen ihnen für diese Gelegenheit auch wirklich von der chinesischen Regierung die Mandarinenwürde mit weißem Knopf verliehen worden ist. Vor dem Haus in der staubigen, stinkenden Straße hatte sich eine zahllose Menge Chinesen in Lumpen aller Art versammelt, und im Hotel Tallien saßen alle Europäer Pekings bis auf das Dach hinauf. Eine sogenannte Wache chinesischer Soldaten hat ihre blauen Zelte vor der Gesandtschaft aufgeschlagen und daneben war chinesisches Feuerwerk aufgebaut, mit dem die Ankunft gefeiert werden soll. Endlich kam ein reitender Bote, der Zug sei am äußeren Tor; bald darauf traf in einer Sänfte Dr. Franke ein und reitend Dr. Velde; beide so verstaubt, daß man sie nicht erkennen konnte. Dann, nach wenigen Minuten, öffneten sich die Tore, ein furchtbares Geknatter von Feuerwerk begann und eine Sänfte mit gelben Riemen erschien, getragen von Kulis, auf deren Uniformen ich den schwarzen Adler hatte sticken lassen. Von beiden Seiten marschierten Reihen deutscher Soldaten, die sich unserm Haus gegenüber aufstellten. Als die Sänfte niedergestellt war, stieg S.K.H. Prinz Heinrich aus, reichte mir die Hand und sagte, daß er sich meiner von früher her erinnere. Mittlerweile waren in Sänften und reitend Edmund, das Gefolge und eine Unmasse Chinesen in den Hof gekommen. Der Prinz trat ins Haus und stellte mir seine Herren vor. Dann zeigten wir ihm seine Zimmer und die Besuche der Chinesen begannen; voran der alte Prinz Ching, den ich noch nie gesehen, und der es offenbar gut meinte, da er mir auf europäisch vehement die Hand schüttelte, d. h. er ergriff zu diesem Zweck meinen Daumen. Sehr wohltuend war es zu sehen, wie ganz de haut en bas unser Prinz die Chinesen behandelte. Natürlich blieb es bei den gewohnten Redensarten, »der Staub sei sehr arg gewesen«, »S. K. H. bedürfe wohl der Ruhe«, worauf er zu Dr. Franke sagte: »Ja, es wär' mir allerdings der größte Gefallen, wenn man mich in Ruhe ließe. Sagen Sie ihm das höflich auf chinesisch.« (Daneben stand Yin chang, der so gut deutsch kann wie wir!) Der Prinz ist groß und schlank und hat auffallend schöne dunkelgraublaue Augen mit einem sehr festen und dabei doch lieben Blick. Die Nase und ganze Gesichtsbildung erinnern sehr an den Kaiser Friedrich. Er ist echt seemännisch wettergebräunt und würde überall auffallen als besonders sympathisch und vornehm aussehend. Er war offenbar sehr starr über den ersten Eindruck von Peking, dessen Staub und Schmutz und abschreckende Häßlichkeit ja stets die kühnsten Erwartungen übertreffen. Edmund, den ich nur sekundenweise sprechen konnte, erzählte mir, der Prinz habe ihn ganz reizend freundlich empfangen und sich aufs eingehendste mit ihm unterhalten. Er erzählte, daß S. M. ganz allein an Kiautschou festgehalten hätte, Hohenlohe sei ganz dagegen gewesen, Bülow abwesend in Rom und das ganze Auswärtige Amt in Schrecken vor Rußland. Der Prinz klagte ganz wie wir über jeglichen Mangel an Information und schimpfte über das Auswärtige Amt, speziell über Holstein. Um 8 Uhr war Diner mit der ganzen Gesandtschaft und dem ganzen Gefolge. Der Prinz ließ seine Kapelle spielen, was eine große Freude war. Zum erstenmal seit langer Zeit wieder gute Musik! Der Prinz saß neben mir, und wir kamen bald auf ernstere Themata. Ich nahm die Gelegenheit wahr und erzählte ihm von diesem Winter; wie schwer es alles für Edmund gewesen, ohne Instruktionen, oft ohne Nachricht über die nötigsten Dinge, und dann wieder Befehle, die so überflüssig waren, wie die Auszahlung der Pachtsumme, die Edmund dem Deutschen Reich reineweg gespart hat. Ich erzählte ihm auch, wieviel leichter es gewesen wäre, wenn man Edmund von Anfang an alles gesagt hätte, was man wollte; anstatt, nachdem Kiautschou bereits abgetreten, dann mit den Nachforderungen zu kommen. Ich sagte ihm, mit welcher Begeisterung wir hier an die Arbeit gegangen sind, und wie Holstein gegen uns arbeitet und hindert. Der Prinz schien das Auswärtige Amt gründlich zu kennen, und speziell auch Holstein. Er sagte, es sei kläglich gewesen, wie das Auswärtige Amt sich habe einschüchtern lassen. Murawjew habe sein scharfes Telegramm nur abgeschickt, um zu sehen, ob das Auswärtige Amt Nerven habe oder nicht. S. M. allein sei standhaft geblieben und habe gesagt, er hätte das Telegramm des russischen Kaisers in Händen, und darauf fuße er. Der Prinz sagte, S. M. hätte das zweite Telegramm an Diederichs erst dann abgeschickt, als er sicher gewesen, daß es zu spät ankommen müsse und daß die Besetzung bereits erfolgt sei. Es ist ganz leicht, mit dem Prinzen harmlos und einfach zu sprechen, man fühlt sich nie geniert.

14. Mai. Der Prinz gab seine Befehle für Wan schau schan, und so reizend er ist, so bestimmt kann er auch sein. Es wurde Goltz gesagt, daß er die Kaiserin direkt im Namen S. K. H. anreden müsse, da der Prinz die Konversation selbst in der Hand zu haben wünsche, und für diese Anrede schrieb der Prinz einiges auf. Leider sind aber sehr beunruhigende Nachrichten da über Komplotte, und auch dafür wurde alles besprochen. Man hatte die Empfindung, vor einem großen Moment zu stehen, über dessen Verlauf wir uns keineswegs so ganz sicher fühlten.

Früh um 5 Uhr standen wir auf und frühstückten mit dem Prinzen. S. K. H. war sehr munter und erzählte sehr heiter. Edmund brach um 7 Uhr auf, da er im Tragstuhl den ganzen Weg machen wollte. Mir war doch schrecklich schwer ums Herz, denn daß die Chinesen ihn besonders hassen, ist ganz klar, und wenn irgend etwas geplant wird, ist es mindestens ebensosehr gegen ihn wie gegen den Prinzen. S. K. H. ritt erst um ½ 8 Uhr ab und sprach während der Zeit mit mir. Er sagte, es sei ihm ein Herzensbedürfnis, dem Kaiser zu schreiben, welche Verdienste Edmund um Kiautschou habe, er selbst habe das erst hier recht eingesehen, und es sei eine wahre Freude zu hören, wie anerkennend alle Welt hier von ihm spräche und welche Stellung er sich hier gemacht habe. Ich dankte dem Prinzen und sagte ihm, damit sei mir ein wahrer Stein vom Herzen, weil ich so sehr sähe, wie sich Edmund abgräme. –

Ich hatte während des Tages hunderterlei Dinge zu tun, für die ich dankbar war, denn sie halfen mir über die schrecklichen Stunden hinweg, während denen ich mich doch so ängstigte, daß mir vor Herzklopfen oft der Atem verging. Endlich, zwischen vier und fünf Uhr, kamen die Soldaten zurück, und Leutnant Robert sagte gleich als erstes: »Es ist alles brillant verlaufen.« Dann erzählte er mir, die Mandarine hätten zuerst sehr versucht die Truppen wegzudrängen, aber er sei doch schließlich von einem Hof in den andern gelangt, und der Prinz habe dann durchgesetzt, daß die Truppe vor seinem Pavillon Stellung genommen hätte, und er habe sie ganz besonders dem Kaiser von China gezeigt, der zu Fuß an ihnen vorbeigegangen sei. Es klang wie ein Märchen, wenn man weiß, wie der Kaiser von China sich sonst benimmt. Bisher hat man ihn nur hinter einem Altar aufgebaut gesehen, ob er überhaupt Beine besitzt, hat niemand bisher wissen können! Bald danach kam S. K. H. zurück, schrecklich verstaubt und müde. Er drückte mir die Hand und sagte: »Na, wir sind alle wieder gut zurück, Ihr Mann kommt dicht hinter mir!« Dann ging er schlafen, und Kapitän Müller erzählte mir, er könne mir nur zu Edmunds Erfolg gratulieren. Bei weitem am interessantesten sei der Besuch bei der Kaiserin-Exregentin gewesen. Sie habe den Prinzen in einem großen Saal empfangen, der voll der schönsten Bronzen und Cloisonnerien gestanden. Hinter der Kaiserin war ein großer Lackschirm und vor ihr ein Altartisch mit Räucherbecken aufgestellt; auf beiden Seiten dieses Thrones merkwürdigerweise große Körbe, gehäuft voll mit Orangen. Die Kaiserin soll für ihre 65 Jahre merkwürdig rüstig aussehen und ein sehr energisches Gesicht haben. Sie trug die große mandschurische Haartracht und ein sehr kostbares gesticktes Kleid und war nicht geschminkt. Sehr merkwürdig soll gewesen sein, daß zwischen all den wundervollen Sachen, die herumstanden, ganz elende Blechlampen hingen. Edmund kam auch bald und war ganz entzückt von der festen bestimmten Art, mit der der Prinz aufgetreten sei. Prinz Ching sei gleich vor der Kaiserin niedergekniet, um ihre Befehle zu erwarten; Prinz Heinrich habe aber sofort die ganze Direktive des Gesprächs übernommen, indem er direkt durch Goltz eine Ansprache an die Kaiserin richtete und die Grüße des Kaisers und der Kaiserin überbrachte. Die Kaiserin-Exregentin soll darüber anfänglich überrascht gewesen sein, sich dann aber schnell gefaßt und Goltz geantwortet haben. Der Prinz erklärte nach einigen Höflichkeitsredensarten, die ihn begleitenden Herren vorstellen zu wollen. Das ging auch wieder gegen alle chinesischen Begriffe; die Kaiserin faßte sich aber schnell und sagte: Der Gesandte sei ihr schon vorteilhaft bekannt durch seine Bestrebungen, die Freundschaft zwischen Deutschland und China zu fördern, und sie hoffe, er werde so fortfahren; Goltz kenne sie durch sein gutes Chinesisch. Die Kaiserin ließ dem Prinzen allerhand Geschenke bringen: Jadevasen, Seidenstoffe, Porzellanvasen, von ihr selbst angefertigte Malereien und einen Orden, den sie besonders für diese Gelegenheit gestiftet hat. Das Komischste war, daß weitaus die kostbarsten Geschenke für die Kaiserin Friedrich bestimmt waren, die nach chinesischen Begriffen ja weit über dem Kaiser und der Kaiserin steht. Zum Schluß bat Prinz Heinrich die Kaiserin, ob sie die Damen des diplomatischen Korps empfangen wolle, die ihr gern vorgestellt werden möchten, nicht aus Neugier, sondern, um von ihrer Weisheit zu lernen. Die Kaiserin antwortete, sie würde die nächste Festlichkeit benutzen, um die Damen einzuladen. Von der Kaiserin begab sich der Prinz zum Kaiser, und zwar mit allen Herren. Der Kaiser erwartete ihn stehend und lud ihn dann ein, sich auf einen Sessel neben ihn zu setzen. Er soll wie immer sehr verängstigt und kränklich ausgesehen haben und im Gegensatz zur Kaiserin in der Konversation ganz unbeholfen sein. Edmund meinte, es hätte sehr komisch ausgesehen, wie er am Ärmel des Prinzen herumtastete, um ihm nach europäischer Sitte die Hand zu drücken. Der Prinz bestand darauf, daß die von S. M. dem Kaiser gesandten Porzellanvasen in seiner Gegenwart hereingebracht wurden. Das war wieder eine große Neuerung, denn bisher sind solche Geschenke stets durch Palastkulis abgeholt worden und mögen sich häufig unterwegs verkrümelt haben. Prinz Heinrich ging nun in den ihm angewiesenen Pavillon und hatte eine scharfe Altercation mit Prinz Ching und den übrigen Tsunglis, bis das Bataillon Seesoldaten aus dem Vorhof geholt und vor seinem Pavillon aufgestellt wurde. Als der Kaiser unter seinem roten Sonnenschirm dann angegangen kam, um den Besuch zu erwidern, präsentierten die deutschen Soldaten das Gewehr als erste europäische Truppe, die der Kaiser von China gesehen hat. Er soll über das Trommeln entschieden erschrocken sein und offenbar gedacht haben, nun sei seine letzte Stunde gekommen. Der Prinz führte ihn dann aber in ein kleines Nebenzimmer, wohin nur noch Goltz als Dolmetscher gerufen wurde, und da soll dann der Kaiser mehr Zutrauen gefaßt haben und ein bißchen aufgetaut sein. Nach diesem Besuch wurden alle Herren durch Prinz Ching durch die Anlagen und verschiedenen Pavillons geführt, sahen das Malzimmer der Kaiserin und fuhren auf einem kleinen Dampfer über den künstlichen See. Kaiser und Kaiserin sollen sich von ihrem Palais aus diese ganze Wanderung angesehen haben. Bei dem Prinzen Ching, der in der Nähe von Wan schau schan ein Palais besitzt, fand dann ein Diner statt. Edmund erzählte, der Prinz habe beim ersten Glas gesagt: »Heyking, das erste Glas trinke ich mit Ihnen und danke Ihnen für den Erfolg des heutigen Tages.« Edmund sagt, der Prinz habe bei jeder Gelegenheit versucht, ihn vor den Chinesen herauszustreichen.

Ein Diner auf der englischen Gesandtschaft beschloß diesen denkwürdigen Tag, von dem Cockburn meinte, wir wüßten gar nicht, was für eine große Begebenheit wir erlebt hätten.

16. Mai. Der neue französische Gesandte, Monsieur Pichon, hatte in Paris angefragt, ob er auch ein Fest für den Prinzen geben solle, und den Befehl dazu erhalten. Die Chinesen, die in Politik nur gewisse Grundbegriffe kennen, z. B. denjenigen, daß Deutsche und Franzosen sich immer fressen wollen, waren ob dieses Festes ganz desorientiert. Amüsanter war noch, daß Pawlow sich offenbar gar nicht freute und noch wenige Tage vorher zu uns sagte: »Le diner français n'est pas du tout une chose arretée.« Wie oft sieht man es doch in ganz kleinen Dingen, daß, wenn wir uns nur mit Frankreich gutstehen könnten, wir eigentlich nichts mehr auf der Welt zu fürchten hätten.

18. Mai. Goltz erzählte mir, das in Berlin offenbar bestehende Übelwollen gegen Edmund stamme auch von Tirpitz her, der behaupten soll, Edmund habe ihm in der Kiautschoufrage entgegengearbeitet. Ich war wie aus den Wolken gefallen, denn wir haben uns mit Tirpitz ja so sehr gut gestanden, und wie konnte Edmund anfangs anders, als von Kiautschou abraten, nachdem ihm Cassini gesagt, daß Rußland darauf schon verbriefte Rechte habe. Es ist schrecklich, in dieser angreifenden Zeit auch noch diese Sorge haben zu müssen.

19. Mai ritt der Prinz morgens ab nach der Mauer mit Prittwitz, Goltz, 12 Marineherren und 2 Kammerdienern. Vorher war große Verhandlung gewesen, wer die Expedition bezahlen würde; schließlich bat das Tsungli Yamen darum, dem Prinzen den Ausflug anbieten zu dürfen. Dies wurde angenommen und Tallien Hotel in Peking mit dem Ganzen beauftragt. Er schickte dem Tsungli eine Rechnung von 5000 Dollar, die ihm mit dem Bemerken zurückgeschickt wurde, er möge mehr verlangen. Das Tsungli hatte nämlich von der kaiserlichen Hauptkasse 30 000 Dollar verlangt und hatte Angst, daß dieser sein allzu großer sqeeze am Ende doch selbst in Peking Aufsehen erregen würde!

22. Mai. Der Prinz hatte sich zu einem Besuch im Tsungli Yamen angemeldet. Nach 1 ½ Stunden kam er zurück, und sein erstes Wort an der Haustür war: »Frau von Heyking, Ihr Diner heut abend ist um 6 anstatt um 8 Uhr!« Um 8 Uhr zum Diner wurden nämlich Prinz Ching und alle chinesischen Großwürdenträger, mit den Europäern 24 Personen, erwartet. Der Grund der Veränderung war, daß der Prinz im Tsungli einige Schwierigkeiten gehabt hatte. Die Chinesen wollten, daß er noch einmal nach Wan schau schan käme, dem Kaiser die Verleihung des Schwarzen Adlerordens anzukündigen. Der Prinz weigerte sich und bestand darauf, daß der Kaiser in die Stadt käme; schließlich willigte Prinz Ching ein, es dem Kaiser vorzutragen, sagte aber, dann müsse er noch nachts nach Wan schau schan. Um dies zu ermöglichen, wurde unser Diner um 5 Uhr von 8 auf 6 Uhr verlegt! Ich stürzte in die Küche, und an alle europäischen Gäste wurden reitende Boten geschickt; eine tolle Verwirrung! – Die Chinesen kamen um 6 Uhr und wurden vom Prinzen empfangen, der ihnen das Haus zeigte. Sie sahen sich auch die vier neuesten Bilder der Prinzessin Heinrich an, und Prinz Ching frug, ob das vier verschiedene Prinzessinnen seien, worauf Prinz Heinrich erwiderte: »Nein, das erlaubten ihm seine Mittel nicht.« Gegen 7 Uhr waren die Gäste zusammen und das Diner fertig, die Köche hatten wirklich Erstaunliches geleistet. Da es ein Herrendiner war, sah ich es mir vom Saal aus an. Nach dem Diner empfing ich die Herren im Saal, Prinz Ching schüttelte mir wiederholt die Hand und ging dann schleunigst ab nach Wan schau schan. Es scheint mal wieder eine ganz enorme Forderung zu sein, daß der Kaiser binnen 24 Stunden in die Stadt kommen soll. Später saß ich neben Prinz Heinrich, als er mit Li hung chang ein längeres Gespräch darüber hatte, daß die Chinesen Zölle erheben in Teilen unsres Gebiets, wo sie es nicht dürfen. Es amüsierte mich, wie der alte Li alle seine Kniffe von Ausreden anwandte und der Prinz es persönlich kennenlernte, gegen welche Schwierigkeiten man hier anzukämpfen hat. Er sieht es übrigens sehr ein, denn er sagte noch abends zu Edmund: »Was tun Sie mir leid, mit diesem Volk zu tun zu haben.« Bei Tisch soll Li besonders objectionable gewesen sein, indem wieder der silberne Becher erschien!

23. Mai. Endlich ein ruhiges, spätes Frühstück, bei dem mich der Prinz frug: »Was glauben Sie wohl, was mir Li hung chang gestern gesagt hat?« »Wahrscheinlich, daß er wünsche, mein Mann käme von Peking weg!« »Nein, er hat mich gebeten, ich möge ihm doch erklären, warum jemand, der sein Land so gut bedient habe, wie Heyking, keine Auszeichnung erhalten habe!« Wir waren ganz starr, und ich hatte nie gedacht, daß Li hung chang das gerade sagen würde! Der Prinz fuhr fort zu erzählen: Li hätte ihn dies durch den alten Sir Robert fragen lassen, der es gar nicht habe übersetzen wollen. Der Prinz habe geantwortet: In Deutschland diene man eben nicht der Belohnung halber! Abends nach dem Diner ging ich mit dem Prinzen in unserm illuminierten Garten auf und ab. Wir hatten ein langes Gespräch über chinesische Dinge. Wie schade, daß er nicht die Entscheidungen über Kiautschou zu treffen hat; dann ginge alles schneller und praktischer. Aber das Reichsmarineamt ist dort allmächtig und scheint sich nicht mit Lorbeern zu bedecken. Allein schon die Wahl des Gouverneurs Rosendahl, den auch der Prinz für möglichst ungeeignet hält. Der Prinz sprach auch von uns, wie leid wir ihm täten in diesem furchtbaren Ort leben zu müssen und daß er sich dafür verwenden wollte, daß wir bald fortkämen. Gott gebe es!

24. Mai. Der letzte Tag ist nun gekommen, und zum letztenmal weht die schöne weiße Prinzenstandarte über unserm Tor. Der Prinz ließ vormittags noch einmal seine Kapelle kommen und im Saal noch einmal all meine Lieblingsstücke spielen.

Die Chinesen haben nachgegeben, wie immer, wenn sie einem ganz festen Willen gegenüberstehen. Der Kaiser ist eilends in die Stadt gekommen, um den Prinzen noch einmal zu empfangen. Um 11 Uhr begab sich der Prinz in das Palais und sah ganz famos aus in großer Uniform und dem Band des Schwarzen Adlerordens. Ich weiß nicht, wann er mir am besten gefällt. Er sieht immer brillant aus. Gegen 2 Uhr kehrten die Herren zurück und sagten, dieser Besuch sei ganz besonders interessant gewesen. Nachdem die eigentliche Entrevue vorübergewesen, hätte der Kaiser sie bis an einen See begleitet, wo sie ein Boot bestiegen. Ein sehr schönes, malerisches Bild sei es da gewesen, wie der Kaiser unter dem gelben Schirm am Ufer stehen blieb, Prinz Ching neben ihm kniend.

25. Mai. Nach einem letzten netten Frühstück verließ der Prinz um 8 Uhr die Gesandtschaft. Edmund und ich fuhren bis Tientsin mit. In Tientsin waren chinesische Soldaten aufgestellt in seltsamen Trachten und Hüten aus rotem Wachstuch, die einen wilden musikalischen Begrüßungslärm veranstalteten. Über den Fluß war eine Schiffbrücke gebaut, und der Prinz ging zu Fuß bis an den Wagen, während er mich in seine gelb dekorierte Sänfte setzte, was die chinesischen Begriffe offenbar gänzlich verwirrte. Der Prinz, Edmund, Eiswaldt und ich fuhren dann in einem Wagen zum Konsulat, und ich mußte rechts von ihm sitzen. Er hat immer solche kleinen Artigkeiten für mich. Im Konsulat war ein großes Völkerfest. Das erste Glas trank der Prinz mit Edmund und mir und sagte, er danke uns für die Zeit in Peking und für Edmunds viele Arbeit, durch die seine Mission gelungen sei. Er sprach es sehr laut, so daß alle es hören mußten. – Als wir uns auf der Bahn verabschiedeten, küßte er mir die Hand und sagte mir die herzlichsten nettesten Dinge, und ich habe das Gefühl, daß wir an ihm wirklich einen Freund gewonnen haben.

26. Mai. Ruhetag in Tientsin, dessen wir sehr bedurften. Pawlow kam aus Peking und arrangierte einen Ausflug nach Pei ta ho – 8 Stunden Eisenbahn, von der Station noch eine Stunde Sänfte nach dem Badeort. Ein gänzlicher Luftwechsel und ein wahres Entzücken, das Meer zu sehen.

1. Juni. Zurück in unsern schmutzigen Pekingkäfig, wo wir die angenehme Überraschung hatten, daß Treutler Legationssekretär v. Treutler in Tokio. aus Japan abends bei uns eintraf. Es war eine große Freude, jemand bei uns zu haben, mit dem wir uns über vieles aussprechen können. Während seines Aufenthalts kam ein Telegramm aus Berlin, S. M. habe aus Anlaß des Besuchs Prinz Heinrichs Edmund den Kronenorden 2. Klasse verliehen. Nach den Telegrammen des Prinzen ist dies, weiß Gott, schwach, und nachdem Stübel vorher denselben erhalten, ist es eigentlich mehr kränkend wie auszeichnend! Wir waren sehr außer uns darüber. Es hat auch den Nachteil, daß Edmund eigentlich jetzt gleich telegraphisch um Urlaub bitten wollte; wenn wir es nun aber tun, sieht es zu sehr nach einer Demonstration aus. –

Eine recht bedrückte und deprimierte Zeit durchgemacht. Wenn man sich Fehler bewußt ist, nimmt man Strafen ja auch hin, – aber hier in China hat Edmund doch, weiß Gott, sein möglichstes geleistet! Bei entsetzlicher Hitze hatte ich die sommerliche Einkampferung und Verpackung des Hauses zu machen und fühlte mich dabei so grenzenlos degoutiert von allem. Wozu all die Mühe? Hätte man doch irgendwo ein Stückchen Erde zum Ausruhen. –

14. Juni. Sehr krank geworden an Dysenterie und Fieber. Entsetzlich gelitten und mich dabei so schrecklich unglücklich und verlassen gefühlt und mich so unbeschreiblich gesehnt nach einem bißchen Heimat. Im Fieber sah ich immer all die wohlbekannten Ecken von Buckow und Crossen vor mir! Wie schön muß es jetzt dort sein, und es ist mir alles verloren! Dr. Velde Neu hingesandter Stabsarzt. war ausgezeichnet, aber auch ein Arzt kann wenig tun, wenn es dem Kranken ganz einerlei ist, ob er gesund wird. Die beste Arznei ist doch die Lust zu leben. Sobald ich ein bißchen wohler war, fingen gleich die Mühen und Nöte wieder an, und niemand, der mir dabei hülfe oder auch nur ein ermunterndes Wort für mich hätte. Während meiner ganzen Krankheit eine maßlose Hitze, die schon genügt, um elend zu machen. Edmund dadurch sehr irritabel und dabei sehr beschäftigt mit der Bahn Tientsin-Chingkiang, die die Deutsch-Asiatische Bank bauen will. Um Urlaub geschrieben. – –

Juli. Einen ruhigen Monat in Pei ta ho, wo ich mich allmählich erholte und alles Ärgerliche und Kränkende zu vergessen suchte. Könnte man doch so ein beschauliches Leben weiterführen während der paar Jahre, die man noch zu leben hat, und brauchte sich nicht immer abzumühen und zu quälen. Es ist so hart, einen Kampf führen zu müssen, um ein Plätzchen an der Sonne, wenn sie doch andere so voll bescheint. Hätten wir irgendwo ein eignes Haus, wie gern zögen wir uns dorthin zurück; wir sind beide so müde. Es geht ja aber nicht wegen der Kinder. Nun, wir werden ja auch mal unsre sechs Fuß Erde haben und damit ist alle Not vorbei.

Mitte Juli fing die Regenzeit an; es goß sechs Tage und Nächte. Die Eisenbahndämme stürzten ein, kein Dach war mehr fest, Häuser fielen um, und wir waren von der ganzen übrigen Welt abgeschnitten, da auch der Telegraph nicht mehr ging. Eis, Fleisch, Sodawasser und Kohlen gingen uns aus... Ich erhielt von Geheimrat Franzius sein Werk über Kiautschou zugesandt, mit Illustrationen von S. M. und den Bildern aller Marineherren, die je in Kiautschou gewesen. Von Edmund ist gar keine Erwähnung getan, und es sieht so aus, als ob die ganzen Verhandlungen und der Kiautschou-Vertrag lediglich eine Marinesache gewesen sei. Man sollte sich vielleicht nicht über solche Dinge ärgern, und doch tut man es und grübelt, was man denn hätte bessermachen können, und wie dem allen entgegenzuarbeiten wäre. So wird man in einen Kampf gezogen, wo man sich doch nur nach Ruhe sehnt.

1. August. Wir saßen auf unsrer Veranda und Edmund las mir vor, als das Telegramm vom Ableben des Fürsten Bismarck eintraf. Edmund ging die Nachricht sehr nahe; er ist doch durch den Fürsten in den deutschen Dienst gekommen. Wir telegraphierten gleich an Herbert Bismarck. Abends saßen wir lange auf der Veranda und schauten auf das mondbeschienene Meer und sprachen von diesem großen, nun verflossenen Leben. Wie sehr ist er angefeindet und wie sehr sind ihm noch die letzten Jahre damit vergällt worden! Was mag da für Maulwurfsarbeit gewesen sein, bis der Kaiser so von ihm abgebracht war!

3. August. Bischof Anzer kam bei uns an. Er erzählte uns, daß im Auswärtigen Amt noch lange nach der Besetzung Kiautschous, bis in den Dezember hinein, der Wunsch bestanden hätte, aus Kiautschou wieder herauszugehen und alles aufzugeben. Der Bischof meinte, es sei nur S. M. zu danken, daß aus der Sache etwas geworden sei. Dem entspricht ja auch, was Prinz Heinrich erzählte, und sehr merkwürdig ist nur, daß Mumm uns diesen Winter schrieb, das Auswärtige Amt sei stramm gewesen, und an Allerhöchster Stelle sei man schwankend geworden. Das muß Holsteinsche Geschichtsschreibung sein und erinnert sehr daran, wie Holstein Edmund sagte, wir könnten nie in Ägypten antienglisch auftreten, denn es sei auf S. M. kein Verlaß! –

7. August. Briefe von Mumm und Richthofen. Danach sind unsre Gegner Tirpitz, Holstein und Mühlberg. Wie wir zu letzterem gekommen sind, ist mir ganz unerfindlich. Wir waren über die Briefe sehr froh, denn sie zeigen, daß wir doch noch ein paar Freunde haben, und beide schreiben, daß wir an Prinz Heinrich einen großen Freund gewonnen haben.

8. August. Bei Vidals, die weit draußen am Meere wohnen, einen reizenden Tag verlebt, und es sehr genossen, mal gescheite Leute von andern als chinesischen Dingen reden zu hören. Es gibt eine gewisse Lustigkeit, ein pétillantes Etwas, das man doch nur bei Franzosen findet. Ich frage mich, ob sie wohl immer so sind, oder ob es nur ein für Freunde angelegtes Kleid ist. Ersteres müßte reizend sein.

13. August. Infolge von Telegrammen wegen der Tientsin-Chingkiang-Bahn, um die die Deutsch-Asiatische Bank sich bewirbt, mußte Edmund, trotz greulicher Hitze, nach Peking abreisen. Die Commisvoyageurseite des hiesigen Postens ist ihm in der Seele zuwider geworden. Die Bahnangelegenheit steht schlecht, denn Engländer und Amerikaner machen uns Konkurrenz, und die Chinesen sind störrisch und frech, weil sie den neuen sanften Berliner Kurs gemerkt haben.

28. August. Ein Telegramm von Bülow, daß S. M. bei der Lage in Ostasien Edmund in Peking für unentbehrlich halte, daß Edmund aber nach Erledigung der Bahnangelegenheit auf zwei Monate nach Japan könne, wenn seine Gesundheit es erfordere. Das war eine arge Enttäuschung, wenngleich es ja beweist, daß man mit Edmund nicht unzufrieden ist. Edmund ist außer sich darüber, denn er ist wirklich abgearbeitet, und außerdem gibt es wohl niemand, der Peking so sehr haßt wie er. Ich suche so sehr ihm das Schmeichelhafte der Sache vorzuhalten, aber er freute sich so sehr, nach Hause zu kommen.

September. In den ersten Tagen ein Telegramm, Mr. Balfour habe dem Grafen Hatzfeldt gesagt, der hiesige englische General habe den Befehl erhalten, eventuell die chinesische Seezollstation zu besetzen ... Alles, was hier geschähe, richte sich aber nicht gegen uns, sondern ausschließlich gegen Rußland. – Den Grund zu allem bildet der englische Knochenneid auf die russische Bahn nach Newchang. So sind sie beinahe in einen Krieg hineingetaumelt. Einige Tage später brachte Reuter die Nachricht, der Zar wolle einen Friedens- und Entwaffnungskongreß einberufen. Dieser Gedanke ist ihm offenbar angesichts der hier eben noch beschworenen Gefahr gekommen.

Die große chinesische Neuigkeit ist, daß der Kaiser Li hung chang abgesetzt hat, angeblich auf Veranlassung von Sir Claude Macdonald. Der Kaiser soll es um so lieber getan haben, als Li ein Günstling der alten Kaiserin ist, mit der sich der Kaiser veruneinigt hat.

17. September. Große Aufregung in Pei ta ho, da am Horizont sechs riesige englische Kriegsschiffe auftauchten und ein kleineres zwischen ihnen und Sir Claudes Haus auf und ab fuhr. Ich besuchte nachmittags Sir Claude, mit dem sich Edmund etwas verkabbelt hat, und suchte die Verknurrung in Ordnung zu bringen. Sir Claude erzählte mir, er habe keineswegs Li hung changs Absetzung verlangt, aber ihn im Tsungli Yamen offen angeklagt, von den Russen bestochen zu sein. Da sich der Kaiser neuerdings die Tsungliverhandlungen alle mitteilen läßt, habe er Li hung chang daraufhin Knall und Fall entlassen. Dieser soll aber keineswegs geknickt sein, sondern sagen, er würde bald wieder obenauf sein. Sir Claude sagte auch, die sechs englischen Kriegsschiffe seien nur da, weil der Admiral den Mannschaften in Shan hei kwan ein Picknick geben wolle. Glaub's, wer mag!

21. September. Der englische Admiral hat wirklich 800 Mann in Shan hai kwan gelandet. Dem Tao tai soll hierbei angst und bange geworden sein, und er telegraphierte sofort dem Vizekönig in Tientsin, es solle offenbar Shan hai kwan annektiert werden. Nachdem sie aber ihre Sandwiches verzehrt, schifften die Matrosen sich wieder ein, und die sechs Schiffe fuhren nach Newchang weiter, um dort die Russen etwas anzuärgern.

22. September. Edmund erhielt ein Telegramm von Goltz, die Kaiserin-Exregentin habe die Regierung wieder übernommen. Wir gingen gleich zu Sir Claude, der uns sagte, er habe ein gleiches Telegramm und außerdem eins aus Tientsin, wonach in Peking große Unruhen ausgebrochen seien, der Kaiser vergiftet und aller Verkehr zwischen Tientsin und Peking unterbrochen sei. Sir Claude bestellte ein großes Geschwader nach Taku, und Edmund telegraphierte dem Prinzen, auch ein Schiff hinzuschicken.

23. September. Morgens früh fuhren wir von Pei ta ho nach Tientsin, und auf der Fahrt vernahm man allerhand seltsame Gerüchte. 12 000 Mann seien aus Lutai nach Peking beordert worden, und dort hätten große massacres stattgefunden. Ob der Kaiser noch lebte oder nicht, wußte man nicht; dagegen wurde mit Bestimmtheit erzählt, Chang yin huang sei enthauptet worden.

27. September. Morgens kam ein Telegramm von Goltz aus Peking: Der Kaiser habe auf Rat seines Favoriten Kang yo wei, der ihn durchaus zu einem Peter den Großen machen wolle, ein Edikt erlassen wollen, daß in China europäische Kleidung einführte. Die Kaiserin habe davon Wind bekommen, sei aus Wan schau schan in die Stadt geeilt, habe den Kaiser in europäischer Kleidung gefunden, ihm die Kleider vom Leibe gerissen und ihn nach einer heftigen Szene gezwungen, ihr die Regentschaft zu übertragen. Der Kaiser sei in eine lange Ohnmacht gefallen, daher das Gerücht seines Todes. Da der Eisenbahnverkehr wieder aufgenommen, fuhren wir nachmittags nach Peking. In den Straßen befanden sich keine der erwarteten Barrikaden, nur die gewöhnlichen namenlosen Schmutzbarrikaden und der mefitische Gestank. Im Gesandtschaftsgarten dagegen sah es reizend aus.

Der Rasen herrlich grün nach dem vielen Regen, 12 Fuß hohe Sonnenblumen und manneshohe purpurote Coleussträuche. Goltz erzählte uns, Li hung chang habe wieder Aussicht auf die höchsten Posten. Augenblicklich ist der Marquis Ito Japanischer Ex-Premierminister. aus Japan hier. Er soll am Tage vor der Regentschaftseinsetzung eine lange Audienz beim Kaiser gehabt haben, um ihn zum Berater nach Peking zu engagieren. Ito selbst soll aber sehr skeptisch sein über die chinesische Reformfähigkeit und die Korruption hier doch noch weit über seine Erwartungen finden. Pawlow erzählte Edmund, der Kaiser habe mit seinem kantonesischen Vertrauten einen Plan verabredet gehabt, wonach die Kaiserin durch den General Juan chi kai nach Mukden gebracht und dort eingesperrt werden sollte. Dann sollte China in eine Art japanisch-englische Vormundschaft gestellt und Ito wahrscheinlich zum Reformator bestellt werden. Der General war bereits in Peking und hatte alles mit dem Kaiser und seinen Vertrauten verabredet und war abgereist, um seine Truppen zu holen. Da erfuhr die Kaiserin von dem Plan, ließ sofort die Züge zwischen Tientsin und Peking stoppen und zwang den Kaiser zur Abdankung. Daß die Japaner an all dem beteiligt sind, scheint sicher, sie sollen auch an all den Revolten im Süden mitwirken. Salvago erzählte, der Kaiser habe in letzter Zeit die Subsidien, die die Tataren sonst regelmäßig bekamen, nicht mehr zahlen lassen, die Kaiserin verschaffe sich im Gegenteil einen Anhang, indem sie unter die Tataren Geld austeilen ließe.

26. September. Es ist ein Edikt erschienen, durch das der Kaiser und Prinz Ching als schwer krank geschildert werden. Die Chinesen sagen, das sei ein schlimmes Zeichen und bedeute für beide den Anfang vom Ende. – Marquis Ito besuchte Edmund am Nachmittag und soll sehr gesprächig und mitteilsam gewesen sein. Er meinte, er sei in einem schlechten Moment nach China gekommen, es sei niemand da, mit dem er verhandeln könne. Bei seiner Audienz seien sowohl der Kaiser wie Prinz Ching ganz gesund gewesen, die Krankheitsnachrichten seien alle »manufactured news!« Pawlow sagt ganz zynisch, es sei wohl sicher, daß der Kaiser von seiner »Krankheit« nicht genesen, sondern bald sterben werde, und es würde schon davon gesprochen, wen die Kaiserin als Nachfolger adoptieren würde. Sir Claude gab ein Diner, zu dem nur Japaner geladen waren, es scheint dort entschieden zu »bündnisseln«.

28. September. Nachmittags ein Empfang in der japanischen Gesandtschaft, wo sich le tout Peking einfand und ich Ito kennenlernte. Ein auffallend häßlicher Mann, aber im Vergleich mit den sogenannten chinesischen Staatsmännern war es eine wirkliche Freude mit ihm zu sprechen – man muß nur nicht den Fehler begehen, Japaner durchaus mit Europäern vergleichen zu wollen. – Chang yin huan ist nun wohl als definitiv gerettet zu betrachten. Der Arme soll an squeezes zirka 500 000 Taels gezahlt haben, allein 30 000 um überhaupt im Gefängnis schlafen zu können, da er sonst hätte im Hof übernachten müssen. Jede Tasse Tee soll er ähnlich haben erhandeln müssen. Pawlow ist in einer Ekstase über den »Takt« der Kaiserin von China (der darin besteht, daß sie alle Reformen des Kaisers aufhebt und in alle höchsten Stellen von Russen bezahlte Leute hineinsetzt!).

29. September. Ich ritt nachmittags mit Vidal längs der Stadtmauer, inwendig, auf komischen kleinen Pfaden zwischen den elenden grauen chinesischen Hütten. Es fiel uns auf, welche Massen chinesischer Soldaten in der ganzen Stadt waren. Zerlumpte vagabundenartige Gestalten, die zu je zwei Mann an einem großen Gewehr schleppen, das in einen blauen Fetzen gewickelt ist. Wir kehrten an der äußeren Mauerseite zurück, und gegen den regnerisch grauen Himmel hatten die verwitterten Stadtmauern und die drohenden Türme mit ihren blaßgrünen Dächern einen seltsamen Charme de tristesse. Wir ritten an langen Zügen chinesischer Soldaten vorbei; ihre roten dreieckigen ausgezackten Fahnen waren das einzig Grelle in der grauen Landschaft. Natürlich riefen sie uns allerhand Schimpfworte nach, da aber kein Dolmetscher dabei war, konnte es uns ja einerlei sein. Der Kaiser hat einen Fluchtversuch gemacht, ist aber am Tor des Palastes von den Wächtern der Kaiserin arretiert worden.

30. September. Der Kaiser sitzt gefangen auf einer Insel im Stadtpalais. Sechs seiner Beamten sind infolge seines Fluchtversuchs ohne Untersuchung sofort hingerichtet worden. Chang yin huan ist nach Turkestan verbannt. Als wir nachmittags ausreiten wollten, begegnete uns Sir Claude mit der Nachricht, zwischen der Station und der Stadt seien soeben Mrs. Beton im Karren und der Dolmetscher Mortimer zu Pferde vom Pöbel angegriffen und mit Steinen beworfen worden. Mrs. Beton sind auf dem Karren ihre Kleider auf dem Leibe zerrissen worden. Dem amerikanischen Bischof soll es ebenso ergangen sein, die Tragstühle voller Steine geworfen und dem Dolmetscher Dowrie durch einen Steinwurf eine Rippe zerbrochen. Sir Claude war entschieden nicht à la hauteur de circonstances, denn er konnte sich trotz allen Zuredens von Edmund nicht dazu entschließen, sofort ein Detachement Marinesoldaten heraufzubeordern. Den Russen ist der jetzige verworrene Zustand nur recht, denn sie denken dabei alles durchzusetzen, was sie noch wollen. Wären gestern Deutsche dabei gewesen, so hätte Edmund sofort ein Detachement requiriert. Gleich nach Tisch bekam Edmund einen Brief Salvagos, seine Frau sei nachmittags in der Nähe des Petang vom Pöbel angegriffen worden. Man habe sie hauen wollen und ihr die entsetzlichsten Schimpfnamen zugerufen. Nur mit Mühe und mit Fausthieben hatten ihr Mafu und ihre Träger ihre Sänfte durch die Menge durchgebracht. Edmund ging gleich auf die italienische Gesandtschaft, und indessen kam die Mitteilung, daß für morgen eine Versammlung des diplomatischen Korps einberufen sei. Das ist alles, was Sir Claude a trouvé! Es scheint, daß in der chinesischen Bevölkerung doch eine ziemliche Aufregung besteht und das Gerücht verbreitet worden ist, alle Europäer müßten fort!

1. Oktober. Morgens Versammlung des diplomatischen Korps bei Cologan, wobei gemeldet wurde, daß auch der père Favier sowie einige Japaner attakiert worden seien. Cologan schrieb eine Note an das Tsungli im Namen des ganzen diplomatischen Korps, und außerdem haben noch Edmund, Sir Claude und der Amerikaner, besonders geschrieben. Pawlow hat um 20 berittene Kosaken telegraphiert, um die ›Gesandtschaften zu verteidigen‹. Sir Claude sagte, zwei Kreuzer kämen nach Taku mit Detachement und Geschütz, bereit zum Ausschiffen. Edmund telegraphierte an den Prinzen Heinrich, ein Schiff bereitzuhalten. – Ich war krank während mehrerer Tage. Angriffe auf Europäer kamen noch mehrmals vor. Mittlerweile kam Antwort von Prinz Heinrich, daß er uns dreißig Mann Seesoldaten schicken würde auf Befehl von S. M. Als Pawlow sah, daß die Besetzung Pekings keine reinrussische sein würde, suchte er zurückzuziehen, aber nun war es zu spät. –

7. Oktober rückten nachmittags die deutschen, russischen und englischen Detachements in Peking ein. Leutnant Robert, der schon mit Prinz Heinrich hier gewesen, befehligte unsre Leute, die bei weitem am besten aussahen. Später traf noch ein japanisches und italienisches Detachement ein. Sehr komisch ist, daß die Franzosen immerfort auf ihr Detachement warten, das von Saigon kommen soll und nicht eintrifft. In Peking mehren sich dabei die üblen Nachrichten. Père Favier hat von allerhand üblen Absichten der Chinesen gehört. Ganz nah von Peking stehen etwa 13 000 Mann Truppen unter mohammedanischen Offizieren, unbesoldetes, undiszipliniertes Menschengewühl, die offen aussprechen, sie seien gekommen, um die Europäer zu vertilgen, sobald der Fluß zugefroren und die Schiffahrt eingestellt sein würde. Herren der englischen Gesandtschaft wurden von diesen Banden angefallen. Das diplomatische Korps protestierte und verlangte in rührender Einmütigkeit ihre Zurückziehung; Russen und Engländer drohen mit Besetzung der Bahn Tientsin, und es wäre wohl dazu gekommen, wenn nicht die Japaner voreilig erklärt hätten, dann würde Japan 5000 Mann landen lassen. Das erkaltete den russischen Enthusiasmus.

13. November. Lady Macdonald hatte l'idée malencontreuse, den Plan zu starten, daß wir Damen um eine Audienz bei der Kaiserin von China bitten sollten. »Die Times-Darstellung ist eine tendenziöse Schönfärberei der englischen Gesandtschaft, die von ihren Landsleuten angegriffen wurde, weil sie nichts zur Verhütung der grausamen Verfolgungen durch die Exregentin getan hat; deshalb sucht sie plötzlich die scheußliche alte Kaiserin als Muster aller Tugenden hinzustellen, deshalb wurde auch die Damenaudienz mit allen Mitteln gefördert, um den Schein der Fremdenfreundlichkeit zu erzeugen.« Edmund von Heyking an seinen Vater 21. XI. 1898. Es entstand ein Potpourri von Herren- und Damenmeetings und außerdem größte brouille in den Gesandtschaften, weil Lady Macdonald und Mme. Pichon den Grundsatz aufgestellt haben, es sollten nur die Gesandtinnen gehen. Darob entsetzlicher Hader.

9. Dezember. Heute erklärten wir, ich würde zur Audienz der Kaiserin nur gehen, wenn Goltz als Dolmetscher mitginge. Bis jetzt sind mit den Chinesen nur der französische Dolmetscher und ein Japaner verabredet worden, und Sir Claude hat die erstaunliche Schwäche, Lady Macdonald ohne Dolmetscher gehn zu lassen.

10. Dezember. Die Audienz ist auf den 13. festgesetzt worden. Das Mitgehen von Goltz ist von den Chinesen sofort genehmigt worden. Lady Macdonald schickte ein Zirkular an alle Gesandtinnen, wo sie uns als ihre »honorables colleagues« anredet und einen Entwurf zu ihrer Ansprache an die Kaiserin vorlegt. Man weiß nicht, was man zu solcher Wichtigtuerei sagen soll. Das schönste aber war, daß diese Ansprache von den Japanern und uns korrigiert werden mußte, weil sie einen politischen Beigeschmack hatte, den Edmund keinesfalls zulassen konnte.

13. Dezember. Auf heut 12 Uhr ist die Audienz festgesetzt worden. Das bis dahin warme Wetter hielt leider nicht an, und es wehte ein eisiger Nordwind; trotz dickster Pelze klapperte ich vor Kälte. Die sieben Gesandtinnen und vier Dolmetscher fanden sich in der englischen Gesandtschaft ein, von wo unser Zug sich in Bewegung setzte. Zirka 50 Reiter eskortierten uns, d. h. unsre eigenen Diener und die üblichen Polizisten, die auch die Gesandten zu den Audienzen abholen. Wir kamen am Kohlenhügel vorbei und von da ab standen chinesische Soldaten Spalier, für hiesige Verhältnisse sahen sie leidlich reinlich aus. Gegen 12 Uhr kamen wir am Chiao-yuan-Tor des Palastes an, wo wir unsre Sänften verließen und vom Prinzen Ching, den übrigen Ministern des Tsungli Yamen und einer Menge Hofbeamten empfangen wurden. Es waren meist ältere Leute, und sie sahen recht malerisch aus mit ihren pergamentartigen Gesichtern, den dunkelblauen, wappengestickten Röcken und den schönen Pelzen. Die meisten trugen Ketten aus Jadeperlen oder dicken Turquoiskugeln, was sich zu den übrigen Farben sehr gut ausnahm. Wir bestiegen nun offne Stühle, die mit rotem Tuch überzogen waren, und wurden von je 6 Palasteunuchen getragen; die Dolmetscher gingen neben uns, und ich sagte zu Goltz: ›Dieses Erlebnis hatten wir uns auch nicht vor 20 Jahren in Karlsruhe träumen lassen.‹ Der Weg führte vorbei an der Cheng Kuang Halle, die von 1891-94 als Audienzraum diente. Dann wurden wir über die Marmorbrücke getragen, von der aus man ein sehr hübsches Bild hätte haben können, wenn der Wind nur nicht so arg gewesen wäre, daß uns beinah Hüte und Decken weggeflogen wären. Rechts und links sieht man ziemlich große Seen, an deren Ufern Tempel und Pagoden zwischen Bäumen liegen. In den Seen befinden sich Inseln, auf denen Pavillons stehen mit hochgeschwungenen Dächern. Zum erstenmal, daß China so aussieht, wie man sich China vorgestellt hat. Wir kamen nun durch das Tu-hua-Tor, hinter welchem auf einer am westlichen Seeufer entlangführenden Eisenbahn einige Salonwagen, aber ohne Lokomotive, bereit standen. Diese etwa eine halbe Meile lange Eisenbahn, Schienen und Wagen, ist ein Geschenk, das seinerzeit ein französisches Syndikat in der Hoffnung, mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, dem Vater des Kaisers verehrt hat, und die zum Gebrauch des Kaisers im Palastgarten untergebracht ist. Eine Dampfmaschine aber ist als zu ›fremd‹ abgelehnt worden, und da der Betrieb durch Maultiere als zu unreinlich galt, so werden die Wagen durch Eunuchen gezogen. Diese armen Kerle, die entschieden einen harten Tag durch uns hatten, spannten sich denn an einem gelben Seile vor und zogen uns bis an den Eingang der Audienzhalle. Rechts wurde der alte Peitang, die im Jahre 1886 von der katholischen Mission dem Kaiser retrozedierte Kirche, sichtbar, und dann passierten, wir die wunderhübsch gelegene Tsu-kuang-Ko, die Halle des Purpurglanzes, in der die erste Audienz im Jahr 1874 und dann noch einmal eine im Jahr 1891 stattfand. Alles sah reinlich und wohlgepflegt aus. Am Endpunkt der Eisenbahn wurden wir empfangen vom Prinzen Ching und von einer Menge dort aufgestellter Dienerinnen des Palastes, junge Mandschurinnen, die z. T. ganz hübsch waren, nur selbst für hiesige Begriffe gar zu arg geschminkt. Sie trugen grelle seidene Kleider und schienen eine Vorliebe für Rosa zu haben. An ihren breitabstehenden Frisuren waren große rosa Blumen angebracht. Jeder von uns waren drei solche Dienerinnen zugeteilt, und die Art, wie sie und die Eunuchen sich um uns bemühten und uns beim Gehen zu stützen suchten, erinnerte mich lebhaft an Kairoer Haremserlebnisse. Nach Durchschreitung eines weiteren Tores gelangten wir in einen kleinen, ziemlich dürftigen Warteraum, wo uns mehrere Prinzessinnen empfingen, darunter die Frau des Prinzen Ching. Sie ist eine ältere Frau und zeigte ihre ungeschminkte Pergamenthaut. Ihre Lippe ist weit vorhängend, und ich glaube, daß ihr die ganze Geschichte greulich war, obschon sie sich wie die übrigen sehr bemühte, liebenswürdig zu sein. Sie trug ein grünliches Seidenkleid, in das lila Lotosblumen eingewebt waren. Die jungen Prinzessinnen überboten noch ihre Dienerinnen in rosa Schminke, rosa Kleidern und rosa Blumen. Mit diesen Damen erschien auch der Obereunuche des Haushalts der Kaiserin, der zum Trost für sonstige Defekte Exzellenz und ein Hauptsqueezer ist.

Es ward uns nun angekündigt, daß auch der Kaiser uns sehen würde, und nach wenigen Minuten wurden wir aufgefordert, die Audienzhalle zu betreten. Wir schritten durch einen viereckigen Hof, in dem einige schöne Bronzen standen, und befanden uns darauf in der Audienzhalle I-lau-tien. Es ist ein mittelgroßer Raum, der Boden mit gemeinen Brüsseler Teppichen, die Wände dagegen mit schöner chinesischer Schnitzerei bedeckt. In der Mitte befand sich eine erhöhte Estrade, zu deren beiden Seiten kleine Treppen hinaufführten, und oben saßen, gleich rechts an der Treppe, ein schmächtiger großäugiger chinesischer Jüngling, der Kaiser, und weiter hinten in der Mitte und erhöhter, eine gelbe Frauengestalt mit harten energischen Zügen in dem ungeschminkten pergamentartigen Gesicht, die alte Kaiserin.

Nachdem wir uns alle unten aufgestellt hatten, wurden unsre Namen durch Prinz Ching dem Kaiser und der Kaiserin genannt, wobei wir uns verbeugten. Dann verlas Lady Macdonald ihre englische Begrüßungsadresse, deren chinesische Übersetzung durch Herrn Popoff erfolgte, wobei dieser rammolierte Greis mehrmals stecken blieb. Die Kaiserin murmelte darauf ein paar Worte zu dem neben ihr knienden Prinzen Ching, die uns dann wieder von den Dolmetschern übersetzt wurden. Ich hatte währenddem Zeit, mich etwas umzusehen. Wir standen unten in einem Gedränge von Eunuchen, und der Raum war für die Gelegenheit wirklich erstaunlich klein. Außer den Schnitzereien war nichts Schönes zu sehen. Vor der Estrade standen Chrysanthemen in modernen kiu-kiang-Blumentöpfen.

Wir wurden nun aufgefordert, die Estrade hinaufzugehen, und man merkte der Aufgeregtheit der Chinesen an, in welcher Angst sie sich befanden, ob auch alles gut verlaufen würde. Wir gingen der Anciennität nach, zuerst Lady Macdonald, dann ich die Treppe rechts hinauf, und oben war die Estrade so schmal, daß man vor dem Kaiser stand, ohne eigentlich Platz zu haben, sich zu verbeugen. Ich machte tant bien que mal einen Plongeon und sah mir möglichst genau das sehr sympathische und gewinnende Gesicht des Kaisers an. Er hat einen traurigen müden Zug, in dem Augenblick aber siegte offenbar das Amüsement, all die merkwürdigen europäischen Frauen zu sehen, über seine Melancholie. Er lächelte mich freundlich an und gab mir halb verlegen sein gelbes dünnes Händchen. Wenn ich chinesisch könnte, so hätte ich sicher nicht der Versuchung widerstanden, ihm meine Sympathie für seine gescheiterten Bestrebungen auszusprechen. Etwas weiter zurück und erhöhter saß die Kaiserin; vor ihr stand ein Tisch mit gelber Atlasdecke, auf dem kleine goldene Schalen standen. Die Kaiserin streckte mir über den Tisch ihre Hand hin, hielt mich damit fest, und steckte mir mit der andern Hand einen goldenen Ring mit einer Perle an den Finger. Währenddem erkundigte sie sich nach meiner Gesundheit, und Goltz, der nahe herangetreten war, verdolmetschte von unten aus. Ich war sehr froh, darauf bestanden zu haben, daß Goltz mitgehen müsse. Nachdem wir alle oben vorbeidefiliert, und somit die eigentliche Audienz vorüber war, merkte man recht den Chinesen die Erleichterung an, daß alles sans accroc vorübergegangen sei. Wir wurden nun aufgefordert, in einen durch einige Höfe getrennten Raum zu gehen, um eine Mahlzeit einzunehmen. Diese war in der Chun-ngo-chau genannten Halle bereitet, in der einer der früheren Kaiser seine Audienzen hielt. Ein größerer Raum, der ganz und gar mit Holzwerk getäfelt ist. In der Mitte stand ein großes chinesisches Ruhebett aus geschnitztem, schwarzen Holz, es hatte einen weitvorspringenden Baldachin und die Rückwand war von einer sehr schönen Stickerei, große Vögel auf creme Atlas, gebildet. Um dieses Paradebett standen große Pflanzen in Porzellantöpfen, besonders viele sogenannte Buddhafinger, dahinter erhoben sich große Wedel aus Pfauenfedern und von der getäfelten Decke hingen elektrische Lampen herab, was zusammen mit der allgemeinen Sauberkeit einen für Peking ganz verblüffenden Eindruck machte.

In der Halle standen zwei Tische, die mit mindestens hundert Schüsselchen chinesischer Leckerbissen besetzt waren. An dem einen nahmen die Dolmetscher Platz mit Beamten des kaiserlichen Haushalts. An den andern Tisch setzten wir uns mit den zirka 10 Prinzessinnen. Prinz Ching aber hatte sich zu uns an ein Nebentischchen gesetzt, und es dolmetschten für uns zwei Chinesen, die recht gut französisch und englisch konnten. Wir hatten nun Zeit, die Prinzessinnen zu studieren, unter denen auch ein zehnjähriges kleines Mädchen war. Sie trugen alle rosa Kleider mit grellen Borten besetzt, und in den Haaren einen etwa 1 ½ Fuß langen Kamm, an dem große rote Quasten und rosa Blumen angebracht waren, so daß die Breite des Kopfes größer als die der Schultern war. Vorn im Haar und auf der Stirn trugen sie mehrere Schmuckreihen, hauptsächlich Perlen, und die beliebtesten Motive waren offenbar Phönixe und Drachen. An den kleinen Fingern hatten sie alle goldene Nägelfutterale und jede so einen Ring, wie die Kaiserin ihn uns geschenkt hatte. Sie sagten, die seien ausschließlich für die Verwandten der Kaiserin bestimmt. Die Prinzessinnen legten uns selbst vor und tranken uns mit chinesischem Branntwein zu in Jadeschalen. Die Eunuchen halfen servieren, und unter ihnen befand sich auch der berühmte Günstling der Kaiserin, der falsche Eunuche, der den Spitznamen »kleiner Schuster« trägt, von einem Ledergeschäft seiner Eltern.

Nach dieser Mahlzeit gingen wir in die kleinen Nebenräume, wo allerhand chinesische Bibelots standen, und es so ungefähr wie in einem eleganteren Kuriosilätenladen aussah. Dort wurde geraucht, d. h. von allen Prinzessinnen. Von den europäischen Damen rauchte nur ich. Dann wurden wir in den Speisesaal zurückgerufen, aus dem mittlerweile die Eßtische verschwunden waren, und die Kaiserin erschien nochmals. Sie kam hereingegangen auf Eunuchen gestützt, und wir konnten sie jetzt viel besser sehen, als auf der etwas dunklen Estrade. Sie sieht 10 Jahre jünger aus als sie ist, dabei ganz ungeschminkt, nur den Augenbrauen ist etwas nachgeholfen, was die Härte des Gesichtsausdrucks noch erhöht. Ihr Haar ist schwarz, nur am Nacken fängt es an, zu ergrauen. Sie war viel einfacher als die Prinzessinnen frisiert, und trug nur den breit abstehenden Kamm und über der Stirn und um den Hals sehr große, aber ganz flache Perlen. Ihr Kleid war aus gelbem Atlas mit hineingewebten lila Lotosblumen und mit lila Borten besetzt, in die silberne Reiher eingestickt waren. Dazu trug sie einen prachtvollen goldgelben Crepe-de-Chine-Mantel, der ganz und gar mit lila Hortensien bestickt und mit weißem Fuchspelz gefüttert war.

Die Kaiserin setzte sich zuerst auf einen roten Lacksessel, der mit einer Zobeldecke belegt war, und sagte uns, wie sehr sie sich freue, uns bei sich zu sehen. Sie betrachte uns als zu ihrer Familie gehörig, und wies dabei zur Bekräftigung auf ihre Hand, um zu zeigen, daß sie genau denselben Ring trüge, wie sie ihn uns soeben geschenkt habe. Lady Macdonald sagte darauf, wir hofften die Kaiserin noch oft zu sehen, und sie erwiderte darauf, Mitglieder von einer Familie könnten sich nicht oft genug sehen. Darauf erschien die junge Kaiserin, die wie alle die übrigen Prinzessinnen aussah, nur dabei recht verschüchtert. Die alte Kaiserin sagte ihr etwas, und darauf ging sie auf jede von uns zu und reichte uns die Hand. Die alte Kaiserin sagte darauf, sie würde uns außer den Ringen noch andere Geschenke machen, und es wurden allerhand gelbe Kasten angeschleppt, die wir zu Hause vorfinden würden. Nachdem wir uns bedankt, stand die alte Kaiserin auf und trat ganz dicht an uns heran, sie war ganz umdrängt und ich konnte bei den Chinesen nichts von der furchtbaren Angst merken, die sie vor ihr haben sollen. Prinz Ching war der einzige, der jedesmal, wenn er mit ihr sprach, sich wieder hinkniete. Sie sprach nun mit jeder einzelnen von uns und sagte mir, daß sie von meinem Malen gehört habe. Ich antwortete der Kaiserin deutsch und möglichst laut, daß ich mit großer Bewunderung die Malerei gesehen habe, die sie für den Prinzen Heinrich gemacht, der zuerst den Anstoß zu dem Empfang der europäischen Damen gegeben habe. Goltz übersetzte dies. Nachdem die Kaiserin mit jeder Dame einzeln gesprochen hatte, ließ sie uns jeder eine Tasse Tee reichen; zuerst mußten wir aus unsrer Tasse trinken, dann trank sie daraus, dann wir noch einmal. Nachdem sie dies mit jeder Dame getan, küßte sie jede auf die Backe und erklärte, von nun ab seien wir Schwestern.

Es war dies eine sehr komische Zeremonie, die übrigens gegen allen chinesischen Brauch gehen soll. Ich hatte die Empfindung, daß die alte Kaiserin absolut einen guten Eindruck auf uns machen wollte, um alle Greueltaten wegzuwischen, die wir während der letzten zwei Monate von ihr gehört haben. Dabei verlor sie etwas das Maß.

Wir wurden nun aufgefordert, uns zur Beiwohnung einer Theatervorstellung in den I-nien-tien genannten Raum zu begeben. Der Weg dahin führte unter Galerien, in denen zahllose große Laternen hingen, durch eine Menge Höfe, an reizenden Pavillons vorbei, die von Wasser umgeben sind. Jetzt war das Wasser gefroren, aber im Sommer muß es reizend aussehen, wenn sich alle diese Erker mit geschwungenen Dächern und den weißen Marmorbrücken in dem Wasser widerspiegeln. Die I-nien-tien, in der auch die Theatervorstellungen stattfinden, zu denen die höchsten Würdenträger des Reiches befohlen werden, unterscheidet sich von andern chinesischen Theatern nur durch die größere Sauberkeit. Die Darsteller sind alles Eunuchen, Zutritt haben natürlich nur die höchsten Hofbeamten und die besonders geladenen Gäste. In einer großen einstöckigen, jetzt im Winter mit einem Glasdach bedeckten Halle, in der einige Bäume stehen, ist in der Mitte eine viereckige Bühne aufgeschlagen. Der ganze Raum ist mit rotem Tuch bekleidet, an den Galerien und Säulen waren scheußliche Drachen aus buntem Tuch angebracht und geschmacklose Fransen und Troddeln. Die Kaiserin, der Kaiser und einige Prinzen, unter denen sich auch ein dickes rundes Kind befand, nahmen in einer Art großer Loge Platz, die sich gerade gegenüber der Bühne befindet und vorn bis zur Erde reichende Glasscheiben als Türen hat. Wir mit dem Prinz Ching und den Prinzessinnen saßen in einer Art Glasgalerie rechts von der Bühne. Wir konnten gerade in die Loge der Kaiserin hineinschauen. Sie war in all ihrem goldgelbem Staat in einer Art Kang etabliert, während der arme junge Kaiser dahinterstand, und nur ein kleines rot und grünes Seidenkleid trug, nachdem ihm alles Gelb von ihr verboten worden ist. Ob er wohl auch der Meinung ist, daß man von seinen Verwandten nie genug sehen kann?

Das erste auf dem gelben Theaterzettel angegebene Stück hieß: »Wu-fu-wu-tai.« Es war eine allegorische balletartige Pantomime, die den Wunsch ausdrücken sollte, daß die fünf glücklichen Umstände oder Segnungen (wu-fu), langes Leben, Reichtum, Heiterkeit, Tugend, ein glückliches Ende, fünf Generationen (wu-tai) zuteil werden möchten. Da das Wort für »Fledermaus« im chinesischen »fu« gesprochen wird, ist die Fledermaus ein Symbol des Glücks, die fünf Segnungen wurden durch fünf rotgekleidete Leute in Fledermauskostüm dargestellt. Ebenso ist die Bedeutung eines Gürtels gleichlautend mit der einer Generation, tai, die fünf Generationen wurden durch ebenso viele Gürtel angedeutet. Fledermäuse und Gürtel führten einen wilden Tanz auf zwischen Scharen anderer Balleteure, die als Wolken verkleidet waren, und vereinigten sieh schließlich zu einem großen lebendem Bild, auf dem die Figuren den Schriftcharakter für Glück darstellten. Das zweite Stück hieß: Hua-hu-tieh, der bunte Schmetterling. Es war ein Singspiel, das die Abenteuer eines wie ein bunter Schmetterling gekleideten und gewandten Räubers zum Inhalt hatte.

Während der Vorstellung brachte ein Eunuch die Mitteilung, daß die Regentin auch die Verleihung von je vier Seidenrollen an die Dolmetscher als Geschenk verfügt habe. Ungefähr um 3 Uhr verließen wir das Theater, wo es recht langweilig und recht kalt gewesen war. Die Dienerinnen frugen uns, und zwar durch die chinesischen Dolmetscher, ob wir auf das W. C. zu gehen wünschten. Ein paar Damen, deren Wissensdrang keine Grenzen kannte, bejahten dies und wurden von den Eunuchen und Dienerinnen abgeführt. Sie sagten, es sei dort alles sehr reinlich gewesen, nur hätten sie sich kaum des Diensteifers der Dienerinnen erwehren können, und als sie herausgekommen seien, hätten sie alle Palastbeamten teilnehmend gefragt: »Chau, buchau?« d. h. gut oder schlecht! – Es folgte nun eine zweite Mahlzeit, von etwa hundert Schüsseln, was wie alle Recommencements im Leben au charme mangelte. Dann kam die Kaiserin nochmals, sagte uns allerhand Liebenswürdiges und entließ uns. Der Rückweg verlief genau wie der Hinweg, aber mehr wie je fielen mir Schmutz und Gestank in den Straßen auf, sobald wir den Palast verlassen hatten. In Peking sieht man recht drastisch, daß es vielen schlecht gehen muß, damit es einigen wenigen gut gehen kann. Die wenigen haben natürlich kein Interesse daran, etwas an diesem Tatbestand zu ändern, und die vielen sind hier viel zu indolent und stier, um es zu versuchen.

Zu Hause wurden die kaiserlichen Geschenke gebracht: Vier Rollen ganz unbenutzbarer Seide, grell und schreiend, zwei seidene Taschentücher, die wie so vieles in China maupings hatten, und dann als Komischstes zwei Kasten voll chinesischer Kämme aller denkbaren Modelle und Sorten. So war auch dieses kuriose Erlebnis vorüber.

31. Dezember. Wir beschlossen das Jahr mit einem Diner bei Knobels, Niederländischer Ministerresident. auf welchem die Art von Heiterkeit herrschte, die sich im Aufsetzen von Papiermützen äußert. Ich fühlte mich so angegriffen und übermüdet, daß ich vor 12 Uhr aufbrach. – Dies Jahr hat uns viel Gutes gebracht. Am Prinzen Heinrich hat sich Edmund einen Freund erworben, und er ist in weiten Kreisen durch die hiesigen Erfolge bekannt geworden. Aber der Mangel an Anerkennung aus Berlin quält ihn beständig, und er führt hier ein ganz isoliertes Leben, während er eigentlich für ein gewisses Maß an Geselligkeit geschaffen ist und besonders auch etwas Damengesellschaft bedarf. Seit der Abreise der Marquise Salvago hat er das ganz verloren. Er leidet auch mehr wie mancher andere Mann unter der hiesigen Unzivilisation, weil er essentiellement ein Mensch ist, der Komfort und die Freuden einer zivilisierten Stadt nötig hat. Mit der Freiheit und dem sans gene des hiesigen Lebens weiß er nicht recht etwas zu beginnen. Er tut mir immerwährend viel mehr leid, als ich mir selbst, und für ihn kann ich nur sehnlichst wünschen, daß wir bald von hier fortkommen. Die Frage der Kinder wird auch eine immer brennendere. Dagegen ist es mir ein unbeschreiblich beruhigendes Gefühl, daß wir uns hier rangieren und noch alle Jahre etwas zurücklegen. Solang wir es hier aushalten, sind sowohl wir als die Kinder geborgen, und das Gefühl ist mir sehr viele Opfer wert. Heiter ist es ja auch für mich nicht, so ein Jahr nach dem andern hier hinfließen zu sehen wie welke Blätter, die vom Baum fallen und nie wieder frisch werden können. Aber ich sage mir dann immer wieder, daß solche Regrets doch auf recht eitlen und egoistischen Betrachtungen beruhen. Wenn wir nur ein paar Freunde mehr in Berlin hätten. Mumm ist nach Luxemburg versetzt und Kiderlen soll in Ungnade gefallen sein. Daß wir so sehr fremd und vereinsamt sind, ist eigentlich das Traurigste an unsrer ganzen Lage.

1. Januar 1899. Ich begann das Jahr krank und konnte mich gar nicht wieder erholen. Edmund erhielt mit der Post einen Erlaß von Herrn von Bülow, daß ein sechsmonatiger Urlaub unmöglich sei, weil der hiesige Posten zu wichtig, um ihn so lange unbesetzt zu lassen.

Edmund könne aber um dreimonatigen Urlaub bitten. Falls drei Monate zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nicht ausreichten, so mache ihn Herr von Bülow schon jetzt darauf aufmerksam, daß er dann an die Neubesetzung Pekings denken müsse, und eine Versetzung Edmunds nicht beantragen könne, weil kein Posten vakant sei. Sachlich ist ja einiges Wahre daran, aber Edmund war entsetzlich niedergeschlagen, weil er sich so brennend Urlaub und Versetzung wünscht, und die Form des Erlasses so unfreundlich ist.

Februar. Die Tage verstreichen damit, daß Edmund klagt und ich ihn aufzuheitern suche, indem ich den David zu seinem Saul spiele. Aber auch mich ergreift oft eine grenzenlose Müdigkeit und Unlust. Das Gefühl der Abhängigkeit von andern Menschen geht mir so gegen die innerste Natur, und ich möchte so gern nichts Wollenmüssen.

Die Verhandlungen über die Tientsin-Chingkiang-Bahn hätten jetzt die beste Aussicht, abgeschlossen zu werden, aber in Berlin machen sie auf einmal die unerwartetsten Schwierigkeiten und stellen Bedingungen, die die Chinesen unmöglich erfüllen können. Wenn dieser Eisenbahnvertrag abgeschlossen würde, könnten wir hoffen, bald auf Urlaub zu gehen.

21. Februar. Prinz Lichnowsky kam nachmittags an. Er ist Botschaftsrat in Wien und hat einen sechsmonatigen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. Mich frappierte gleich sein auffallend gescheites Gesicht, mit tiefliegenden klugen Augen und einer rechten Denkerstirn. Es ist ein wahres Vergnügen mit ihm zu sprechen, denn man glaubt ihn seit Jahren zu kennen; er ist absolut natürlich, und man hört keine Banalitäten von ihm. Ihn kennenzulernen war mir, als käme ich plötzlich in frische kräftige Luft.

24. Februar. Wir machten mit Lichnowsky einen Ritt, um ihm die Stadt und Tempel zu zeigen. In einem Tempelhof fanden wir eine Menge Kamele, auf denen mongolische Wallfahrer gekommen waren, um die großen Bronzelöwen angebunden, die den Tempeleingang bewachen. Das war ein entzückend malerisches Bild mit den vielen Mongolen in ihren zottigen Pelzmützen und ihren gelben und terrakottafarbenen Röcken. Im Tempel selbst opferte gerade ein mongolischer Fürst dem Buddha. Er hatte eine Masse Leute mit sich und seine Frau, die einen ganz fabelhaften Schmuck aus Silber, Korallen und Türkisen auf dem Kopf und um den Hals trug. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie sehr sich Lichnowsky für alles interessiert, und mit jemand zu sprechen, bei dem man sicher ist, verstanden zu werden und dem Vorurteile und Banalitäten fremd sind.

27. Februar. Edmund telegraphierte in diesen Tagen nach Berlin, daß er den Chinesen angedeutet habe, wenn die jetzige illegitime Weiber- und Eunuchen-Regierung uns in der Eisenbahnfrage zu viel Schwierigkeiten mache, so würden wir uns genötigt sehen können, dem Kaiser wieder zu seinem Recht zu verhelfen. Die Chinesen sollen hierüber sehr verdutzt gewesen sein, sind aber in solcher Angst vor der alten Kaiserin, daß sie nicht gewagt haben, ihr Edmunds Drohungen mitzuteilen. Von Berlin verlangt man, daß Edmund scharf auftrete, mehr drohen kann er aber nicht, und sie sind dagegen schon sehr abgebrüht. De Martino war bei Edmund und sagte ihm, Italien werde die San moon bay in der Provinz Chekiang fordern, als Zeichen der bestehenden guten Beziehungen. England habe seine Unterstützung zugesagt. Morgen werde der »Marco Polo« in die San moon bay einlaufen. Außer Edmund und Sir Claude ahnt niemand etwas davon. – Nachmittags hatte ich ein langes Gespräch mit Lichnowsky, der mir helfen will, von Peking fortzukommen.

28. Februar. Nachmittags eine Réunion des diplomatischen Korps, die ziemlich steif verlaufen sein soll. Der Amerikaner möchte sein Detachement loswerden, weil es ihn in seinem engen Raum geniert. Giers möchte seins wegschicken, um den Chinesen als Wohltäter zu erscheinen, und da muß Pichon natürlich mit. Demgegenüber erklärte Edmund trotz alles Drängens, daß er sich gar nicht über einen Zeitpunkt äußern könne; Czikann unterstützte ihn und natürlich auch Martino, in dessen Vorhaben ein Wegschicken der Truppen jetzt natürlich nicht paßt. Martino war im Tsungli gewesen und hatte von den Chinesen die Antwort erhalten, daß Italien ein viel zu unbedeutendes Land sei, um eine Flottenstation verlangen zu können. Er schien über diese Antwort sehr froh, und meinte, das würde seine Regierung dazu bringen, energisch vorzugehen. Abends waren wir alle bei Knobels zum Diner und theatralischen Soirée. Es war ein Abend so melancholisch, wie er nur sein kann, wenn man sich durchaus amüsieren soll.

5. März. Den ganzen Morgen mit Lichnowsky Kuriohandel getrieben. Es waren sicher 40 Händler da, alle mit ihren Bündeln und Sachen. Nachher ging Edmund in das Tsungli, um nochmals eine lange Debatte über die Eisenbahnfrage zu haben. Er nahm Lichnowsky mit, den dieses größte Kurio Pekings so sehr interessierte. Mir war es sehr lieb, daß er gesehen hat, mit was für Schwierigkeiten man hier zu kämpfen hat.

6. März. Wir waren zum Tiffin bei Groot mit Lichnowsky, der leider gleich von dort zur Bahn reiten und abreisen mußte. Es war eine Freude, einen so gescheiten Menschen kennengelernt zu haben, und bei ihm so viel Sympathie und Verständnis gefunden zu haben; aber jetzt scheint es hier nur um so grauer und trüber. Ich sehne mich so sehr nach jemand, bei dem ich etwas Erheiterung und Aufmunterung fände, statt das alles täglich von neuem aus mir selbst schöpfen zu müssen. Ich nehme mich so sehr zusammen, mich nicht niederdrücken zu lassen, und suche immer das Gute im Leben zu sehen und selbst harmonisch und heiter zu bleiben, aber es ist oft, als ob gerade meine Zufriedenheit Edmund noch mehr exasperierte, als er es ohnedies ist. Er merkt es nicht, wie nah ich oft dem Weinen bin und mich nach ein ganz klein wenig Ermunterung sehne. –

7. März. Edmund kam heut sehr froh aus dem Tsungli Yamen zurück, denn er hatte ein langes Gespräch mit Chang yin mao gehabt und es ist einige Aussicht, daß die Chinesen auf die Berliner Eisenbahnwünsche eingehen; Gott gebe es, vielleicht können wir dann doch noch in diesem Sommer nach Hause. Sehr komisch sind die Italiener in ihrem Vorgehen. Die Gesandtschaft besitzt nicht mal einen Chiffre mit den Konsulaten, und so geht jetzt dieser ganze Verkehr durch Edmunds Vermittlung. Über die eventuellen chinesischen Streitkräfte sind sie auch ganz im unklaren. Martino und der Kommandant Incoronato kamen zu Edmund hereingestürzt und frügen: Combien de vaisseaux de guerre la Chine a-t-elle?« Edmund sagte, beide hätten Tränen in den Augen gehabt, und Martino hätte mit zitternder Stimme zu ihm gesagt: »Cher ami, mon roi, mon pays comptent sur vous!« Sie sind ganz kopflos in das Abenteuer hineingegangen, und bei den ersten Schwierigkeiten wissen sie nicht, was tun.

15. März. Hsu yun cheng und Chang yin mao waren bei Edmund, und die Chinesen scheinen auf unsre Wünsche eingehen zu wollen. Kaum aber hört eine Sache auf, fängt auch schon eine neue an. Jetzt kommen sehr schlimme Nachrichten aus Shantung, und Bischof Anzer bittet um militärischen Schutz, und der neue Gouverneur Jaeschke hält eine militärische Expedition für absolut nötig. Das italienische Unternehmen hat mit einem großen Krach geendet. De Martino ist von der Regierung desavouiert und abberufen worden. Es wird gesagt, er habe ein Ultimatum ausgegeben, trotzdem er schon Gegenbefehl gehabt habe. Die Wahrheit scheint zu sein, daß das Ministerium Angst bekommen hat vor einer Attacke in der Kammer und Martino als Sündenbock fallen mußte. Hier, den Chinesen gegenüber, ist die Sache eine schlimme Blamage für alle Europäer. Martino wird so scheußlich behandelt, daß man unwillkürlich seine Partei ergreift, trotzdem er uns allen ja wenig sympathisch war. Außerdem ist man ja immer besonders mitleidig für alle Formen des Unglücks, die für einen selbst so sehr im Bereich des Möglichen liegen.

Der arme Edmund ist schrecklich erkältet und sieht alles so sehr deprimiert an. Wenn wir doch einen Posten bekämen, wie er ihn sich jetzt wünscht! Die Sehnsucht nach Taten und nach der Gelegenheit sich auszuzeichnen scheint bei ihm ganz vorüber zu sein, und er wünscht sich nur Ruhe. Er hat nicht diejenige Charakterhärte, die dazu nötig wäre, um es in Peking auszuhalten trotz allen Mangels an Anerkennung, trotz häufiger absichtlicher Kränkungen, trotz des Ausbleibens aller Informationen, trotz der Nichterfüllung der geringsten Wünsche. Wenn es ihn also wirklich befriedigt, so werde auch ich suchen in irgendeinem obskuren Ruhepöstchen mich wohl zu fühlen. Edmund spricht auch viel von Abschiednehmen, und auch damit wäre ich einverstanden, wenn ich nur wüßte, wovon wir leben sollten. Ohne Kinder wäre es alles sehr einfach. Wie grau ist doch das Leben geworden. Wenn nur Edmund wenigstens wieder gesund wäre! Gott behüte mir ihn!

17. März. Edmund so heiser, daß man seine Stimme kaum hört. Dazu Husten und etwas Fieber. Ich bin in entsetzlicher Angst um ihn. Dr. Velde meint aber, es sei gar nichts dabei zu machen.

23. März. Ich traf den Timeskorrespondenten Morrisson, der voller Bewunderung für Edmund ist. Er sagte, Edmund habe eine neue Art der Politik gegenüber China inauguriert, die jetzt von allen Ländern befolgt würde, und es sei eine Freude zu sehen, wie zielbewußt er arbeite. Jäschke und Anzer drängen sehr auf militärische Expedition nach den aufrührerischen Gebieten, besonders Yi chao. Das Auswärtige Amt hat eine ganz seltsame Anfrage gestellt, ob wir dadurch in einen latenten Kriegszustand mit China gedrängt werden könnten und ob Angriff auf Taku und Tientsin auf alle Fälle vorbereitet werden müsse. Die kennen die Chinesen noch immer nicht und bilden sich ein, daß dies Volk von sich aus zu einem Krieg sich aufraffen würde wegen einiger Sfrafexpeditionen in Shantung!

26. März. Palmsonntag morgen kam ein Telegramm vom Prinzen Heinrich, der uns sehr freundlich vorschlägt, uns am 5. April mit der »Kaiserin Augusta« in Taku abholen zu lassen; bis zum 8. sollen wir bei ihm in Tsingtau bleiben und dann mit ihm und der Prinzessin nach Shanghai weiterreisen, von wo die Prinzeß Ende April nach Deutschland heimkehrt. Dies war der letzte Anstoß, und da es Edmund in keiner Weise besser geht, so telegraphierte er nach Berlin um 3 Monate Urlaub, weil Dr. Velde für ihn eine Kur in Ems oder Karlsbad für notwendig halte. Ich telegraphierte noch besonders an Richthofen, um ihn um Hilfe zu bitten. Gott gebe, daß wir nun endlich fortkommen. –

31. März. Ich war ein paar Tage krank, stand aber heute wieder auf. Von Berlin bleibt alle Antwort auf unser Telegramm aus. Edmund ist entsetzlich nervös über diese Ungewißheit. Ich ertappe mich dagegen manchmal dabei, mich in Peking ganz wohl zu fühlen. Aber die Sorge um Edmunds Gesundheit drückt mich beständig.

1. April. Ich machte zum erstenmal in meinem Leben Gedichte, und zwar französische!

2. April. Ostersonntag. Ich ließ mich in den Petang tragen zum Gottesdienst, den ich nun schon zum drittenmal dort höre. Sehr lächerlich waren mir nur die guten Pichons am Ehrenplatz in verstaubten Reitanzügen, vor denen Monseigneur Favier bei der Prozession zweimal eine tiefe Verbeugung machte. Die katholische Kirche Salaam machend vor dem Vertreter der französischen Republik, der selbst, libre penseur, mit einer Protestantin verheiratet ist, hat mir immer etwas unwiderstehlich Komisches! Nachher alle zum Tee bei père Favier und allgemeines Klagen über Peking, und doch, wie glücklich könnten Menschen hier sein, die sich sehr lieb hätten. Man hätte so alle Zeit für einander und würde durch nichts abgezogen.

4. April. Von Berlin ist noch immer keine Antwort da, und Edmund sehnt sich so unbeschreiblich fortzukommen! Er sieht nur die drei Monate in Europa und nicht die dahinter drohende Rückkehr nach China. – Gegen drei Uhr rief Edmund mit sehr aufgeregter Stimme nach mir, und an der Tür seines Arbeitszimmers sagte er: »Wir sind versetzt!« »Wohin?« »Nach Mexiko!« Ich stieß nur einen Schrei aus, und das ganze Herz krampfte sich mir zusammen. Ich fing an nervös zu schluchzen, ohne doch eine Träne weinen zu können, und frug nur immer wieder: »Was haben wir getan, um das zu verdienen!« Ich hatte ein so vernichtendes Gefühl bitterer Kränkung und Demütigung. Solange ich konnte, habe ich Edmund immer wieder gebeten, auszuhalten und es nicht alles so grenzenlos schwer hier zu nehmen. Und das ist nun das Ende! Erst nach einer ganzen Weile sagte Edmund: »Es ist ja gar nicht so schlimm.« Dann gab er mir das Telegramm. Es lautete: »S. M. habe mit Bedauern von Edmunds Erkrankung gehört, bewillige in Gnaden den erbetenen Urlaub, auch dürfe Edmund sofort abreisen und solle Prittwitz die Geschäfte übergeben. Da aber die erbetenen drei Monate zur Wiederherstellung der Gesundheit nicht ausreichen dürften, andrerseits aber der Posten nicht länger unbesetzt gelassen werden könne, so habe S. M. Herrn von Ketteler aus Mexiko nach Peking ernannt, mit dem Befehl, umgehend nach China zu reisen. Für Edmund könne z. Z., falls er nicht vorziehe in den vorläufigen Ruhestand zu treten, nur Mexiko in Betracht kommen, da kein andrer Posten vakant sei. Die Verhältnisse in Mexiko gestatteten es, daß Edmund diesen Posten erst Anfang nächsten Jahres antrete. Herr von Bülow wünsche Edmund baldige Wiederherstellung und gute Reise.« – Das Telegramm war ja, im Vergleich zu früheren, entschieden sehr freundlich abgefaßt, aber ich konnte doch anfänglich gar nicht hinwegkommen über das bittere Gefühl der Kränkung und Zurücksetzung. Der bloße Gedanke, von China, wo Edmund so vieles geleistet hat, nach Mexiko zu kommen, wo wir gar keine Interessen haben, was schlechter bezahlt ist und wo das Klima greulich sein soll! Zu wissen, daß man nach China nicht zurück braucht, ist ja das beste an der Sache und das einzige, was Edmund zunächst sieht. Wir kamen überein von Ruhestand oder Mexiko einstweilen gar nicht zu reden, sondern nur zu sagen, daß wir ein Jahr Urlaub hätten und Ketteler ernannt sei. Dann kamen Telegramme vom Prinzen Heinrich, die »Kaiserin Augusta« werde am 6. in Taku sein und uns abholen.

Nun ging es an ein fieberhaftes Packen, um zum morgigen Zug fertig zu werden. Dazwischen allerhand Besuche, und es ist geradezu komisch, wie einstimmig alle gratulieren, daß wir hier wegkommen. Mir wird das Gute allmählich klar. Man darf nur nicht an Mexiko als überhaupt in Betracht kommend denken. Es ist ein Ausweg, um Zeit zu gewinnen. Edmund und ich chiffrierten bis spät in die Nacht hinein nach Berlin, unter anderem, daß wir bis zu Kettelers Ankunft in Peking bleiben und jetzt nur für einige Tage nach Tsingtau gehen würden.

6. April. Ganz früh bei schauerlicher Kälte zum Bahnhof. Um 2 Uhr an Bord der »Kaiserin Augusta«. Wir gingen sofort in See und fuhren an der Küste von Shantung entlang.

7. April. Um drei Uhr nachmittags an der Reede von Tsingtau, schon von weitem hatten wir die deutsche Flagge wehen sehen. Prinz Heinrich winkte uns von der »Deutschland« und kam dann gleich in seiner Pinasse angefahren, reizend frisch und liebenswürdig, und brachte uns an Land. An der langen Landungsbrücke, die ich am 10. Oktober 1897 gezeichnet, empfing uns Gouverneur Jäschke, und dann wurden wir gleich auf den Poloplatz gebracht, wo die Prinzeß sich befand. Sie gefällt sehr durch ihren so sehr gewinnenden Ausdruck und die große Einfachheit ihres Wesens. Wir lernten dort gleich ein gut Teil der Tsingtauer Welt kennen, in der man sich durch die vielen Offiziere wie zu Hause vorkommt. Sehr nett war es, Falkenhayns wieder zu treffen. Vom Poloplatz gingen wir durch die Stadt Tsingtau, deren Straßen und Läden alle deutsche Namen tragen und etwas an die Ausstellung Alt-Berlin erinnern, zum Gouvernements-Yamen, in dem damals General Chang hauste. Der chinesische Charakter ist ganz beibehalten, aber es herrscht peinliche Sauberkeit und es brennt elektrisches Licht.

8. April. Das erste,Frühstück haben wir mit dem Prinz und der Prinzessin, und er dehnt es zu einer behaglichen Länge mit Schwatz aus, gerade wie in Peking. Nachher ging ich bei wundervollem Wetter mit dem Prinz und der Prinzeß auf den Signalberg, wo die deutsche Flagge weht und von wo aus man einen herrlich weiten Blick auf beide Buchten hat. Der Weg hinauf ist ausgezeichnet von den Pionieren gebaut. Es war doch ein merkwürdiger Moment da oben zu stehen und sich zu sagen, daß der Traum in Erfüllung gegangen, daß alles ringsum deutsch ist.

9. April. Edmund machte einen langen Spaziergang mit dem Prinzen; ich fand unterwegs einen Punkt zum Skizzieren, und die Prinzeß blieb bei mir sitzen unter aufgehängter Wäsche. Zum Tiffin kamen protestantische Missionare, und es rührte mich, mit welcher Anerkennung sie von Edmunds Tätigkeit sprachen. Abends wurde Billard gespielt. Die Prinzeß gewinnt man immer lieber durch ihre reizend liebenswürdige Art und Weise. Bei dem Prinzen ist ein großer Tätigkeitsdrang, ähnlich wie beim Kaiser, und die Sehnsucht, sich nützlich zu machen. Er ist übrigens in einer gewissen oppositionellen Stimmung gegen the powers at home, wie wir sie ja häufig durchmachen, die aber bei einem Prinzen sehr verwundert. Über die Neuorganisation in der Armee ist er sehr unzufrieden und äußert: »Wer einen Bismarck entlassen konnte, sollte doch mit Tirpitz fertig werden!«

10. April. Morgens kutschierte die Prinzeß Edmund auf den Paradeplatz, wo für ihn eine Parade stattfand, und dann noch in das Lager, in dem wir damals durchaus mit den Chinesen essen sollten. Edmund sagt, er hätte einen reizenden Morgen gehabt voll merkwürdiger Gedanken und Empfindungen. Es ist seltsam, den Ort so wiederzusehen. Überall wird gearbeitet, 3500 Kulis sind beschäftigt, vorläufig allerdings bei lauter Regierungsarbeiten. Möchten doch die Privatunternehmer nicht ausbleiben und wirklich etwas daraus werden! Nachmittags wurden wir mit der Pinasse auf die »Deutschland« gebracht. In der Kajüte des Prinzen, die reizend eingerichtet ist, ganz weiß mit vielen Aquarellen, fand ein größeres Diner statt, und nachher war Ball auf Deck, zu dem le tout Tsingtau eingeladen war. Das war der Abschluß unsres Aufenthalts, und es tat uns aufrichtig leid, dem Prinz und der Prinzeß adieu zu sagen. Überhaupt ist mir der Gedanke, von China wegzugehen, viel schwerer geworden, seit wir in Tsingtau gewesen sind, denn man ist sich hier so recht der großen Aufgaben bewußt geworden. Edmund meint aber, die Ansprüche der Missionare stiegen in letzter Zeit so sehr, daß notwendigerweise zwischen ihnen und der Regierung ein Krach entstehen müsse, und er sei froh, daraus heraus zu sein.

14. April. Wieder in Peking. Die Wagenburg unsrer Kisten begrüßte uns im Hof, und es ging sofort ans Packen. Die nächsten Tage waren aufreibend, da wir plötzlich beschlossen, in acht Tagen fertig zu sein, um dann mit Aufenthalt in Japan über Amerika zu reisen. Dazu allerhand Abschiedsdiners.

26. April. In diesen Tagen kam der Schwarze Adler an, und Edmund schlug in Berlin vor, daß er ihn dem Kaiser überreichen wollte, sobald die Tientsin-Chingkiang-Bahn zur Zufriedenheit abgeschlossen sei. Edmund arbeitet nun mit Macht daran, die verschiedenen Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Es ist aber doch eine greuliche Arbeit, sich so für die Happigkeit der Banken aufreiben zu müssen. Die Banken sind manchmal viel unerträglicher wie die Chinesen! In Yichao steht noch immer das Detachement, welches die Strafexpedition unternommen hat, und Edmund wünscht sehr, daß es nun zurückgenommen wird, denn es kann zu immer neuen Konflikten führen, besonders da man hört, daß unter den Chinesen große Erbitterung herrscht.

2. Mai. Einige Tage krank gewesen an Fieber. Dabei wird es heiß und man sehnt sich weg, und der Zustand in dem ganz ausgeräumten Haus zwischen Kisten so sehr unbehaglich. Über die Bahn sind noch unendliche Weitläufigkeiten gewesen, aber am 10. soll gezeichnet werden.

9. Mai. Im letzten Augenblick, wo alles zum Unterzeichnen bereit war, kam ein Telegramm der Hongkong-Shanghai-Bank aus London, das unter nichtigen Vorwänden den Abschluß unmöglich macht. Dahinter steckt der Wunsch der Engländer, unsre militärische Pression auszunützen, um hier bei dieser Bahn Bedingungen zu erreichen, die sie allein nie durchsetzen würden, um dann nach diesem Präzedenzfall die gleichen Bedingungen für ihre bisher wertlosen Konzessionen im Süden zu bekommen. Gegen Abend kam Urbig aus Tientsin und teilte Edmund mit, nun habe auch Herr von Hansemann telegraphiert, und zwar noch maßlosere Bedingungen gestellt, als die Hongkong-Shanghai-Bank. Edmund und ich waren ganz herunter, denn die Sache ist nun wohl als endgültig gescheitert anzusehen. Enfin, man hat mal wieder seine Schuldigkeit getan, aber mich grämt der Gedanke, daß Edmund, der so unablässig gearbeitet hat, mit einem Mißerfolg hier endigen soll.

11. Mai. Reuter bringt beunruhigende Telegramme, daß Rußland und England sich über China verständigt und es in zwei große Interessensphären geteilt hätten, und in Berlin schaut man ruhig zu, und Edmund erhält wie gewöhnlich kein Wort Instruktion.

Am 18. Mai wurde endlich der Vertrag über die Tientsin-Chingkiang-Bahn doch noch unterzeichnet. Gérard hat ganz recht: »En Chine même les succès laissent un mauvais arrière gout.«

24. Mai. Edmund erhielt ein nettes Telegramm von Bülow, daß nunmehr die Detachements zurückgezogen werden sollten, daß Edmund den Schwarzen Adlerorden übergeben möge und danach seiner Abreise nichts im Wege stünde. Nun ist also endlich die Sorge über dies llmonatige Schmerzenskind, die Bahn, gehoben! Die Girandolen, die unser Kaiser der Kaiserinwitwe schenkt, sind angekommen. Wunderschöne Dinger und viel zu gut. Die Audienz zur Überreichung wird auf den 30. festgesetzt. Unsre Abreise soll dann am 1. Juni stattfinden. Ich war den ganzen Tag von entsetzlichen Kopfschmerzen geplagt, daß ich mich zu Bett legen mußte. Edmund ging zum Essen in die Messe, und ich machte währenddem ein kleines Gedicht:

Je parcours une fois encore
Les chambres, que demain je vais quitter.
Regardant le soleil couchant qui les dore,
Je songe à ceux qui vont les habiter.

Ils regarderont avec indifference
Les endroits qui me furent chers,
Peu-être même avec impatience
Changeront-ils ma chambre vert clair.

Ils changeront les meubles de place,
Curieux ils fureteront partout.
Des étrangers se mireront dans la glace
Qui me reflétait belle pour vous.

Ils regarderont sans comprendre,
Qu'ici vivait un être triste et lassé.
Ils ne pourront pas entendre
Les sanglots confus du passe.

Ils ne sauront pas que dans ces choses
Traînent des lambeaux de mon coeur,
Ils ne sauront pas qu'ici repose
Le Souvenir d'un peu de bonheur.

29. Mai. Den ganzen Vormittag gepackt. Später kamen die Mandarine und Kulis, die vom Tsungli geschickt wurden, um die Geschenke abzuholen. Edmund und ich gingen dann aus, um Besuche zu machen. Als wir heimkehrten, wurden wir mit der Nachricht empfangen, daß die Chinesen die eine Vase aus der Berliner Porzellanmanufaktur hatten hinfallen lassen und sie in tausend Stücke zertrümmert sei. Abends spät kam noch Hsu chung cheng zu Edmund und beschwor ihn, bei der morgigen Audienz nichts von zwei Girandolen zu erwähnen, sie würden die eine in Berlin nachbestellen. Später erfuhren wir, daß sie in den europäischen Läden Pekings herumgelaufen seien, in der kindlichen Hoffnung, etwas zu finden, was sie an Stelle dieser Vase der Kaiserin unterschmuggeln könnten.

30. Mai. Morgens ging Edmund mit allen Herren zur Audienz. Die alte Kaiserin soll buddhahafter als je dagesessen haben, und der Kaiser elender und unterdrückter denn je. Edmund übergab ihm persönlich den Orden, den er sich auch gleich ansteckte.

1. Juni. Morgens um 5 Uhr holte mich Edmund, um die letzten großen Kisten adressieren zu lassen. Beim Frühstück kamen alle unsre Leute, um uns adieu zu sagen, was mir viel mehr leid tat, als ich gedacht hatte. Nachher kamen eine Menge Bekannte, und um 10 Uhr ging es endlich fort, zum letztenmal in den grünen Sänften. An der Bahn war le tout Peking versammelt zu Pferde und zu Wagen, und es gab endloses Abschiednehmen. Es war ein herrlicher Moment, als sich der Zug in Bewegung setzte und Peking definitiv hinter uns lag. In Tientsin wurden wir von vielen Deutschen abgeholt, und abends gaben sie uns ein großes Festessen.

2. Juni. Morgens ganz früh fort. Noch einmal an den Taku-Forts vorbei, die Edmund zum letztenmal salutierten, und dann hinaus auf die »Kaiserin Augusta«, die der Prinz uns geschickt hatte. Es war wie: Nach Hause kommen.

4. Juni. Morgens in Tsingtau. Prinz Heinrich kam gleich von der »Deutschland« zu uns herübergefahren, saß längere Zeit bei uns und ließ sich erzählen über den Bahnvertrag und die Audienz. Es waren noch ein paar reizende behagliche Stunden, die wir dort verlebten, der Prinz so liebenswürdig und reizend wie möglich. Eigentlich sollte uns die »Kaiserin Augusta« nach Shanghai bringen, als aber der Prinz hörte, daß wir gern möglichst bald nach Japan wollten, gab er Befehl, daß die »Kaiserin Augusta« uns nach Nagasaki bringen sollte. Nachmittags gingen wir in See, hatten eine recht gute Fahrt, bei der wir nur einmal in der Nacht beinahe von einem japanischen Torpedoboot angerannt wurden, und am

6. Juni liefen wir in Nagasaki ein.

6. Juni. Die Einfahrt in Nagasaki ist ganz reizend, und nach dem trostlos braungelben China ist es eine wahre Wonne, mal wieder so tiefgrüne Berge zu sehen. Wir waren sehr behaglich in dem Nagasaki-Hotel untergebracht, und ein solch zivilisiertes Haus, die reinen Straßen und die vielen gewaschen aussehenden Menschen waren eine Relevation nach drei Jahren Peking. Ich genoß besonders die Rickshawfahrt durch die Stadt mit den schönen Blumenläden, den malerischen Brücken und dem vielen Grün.

7. Juni. Leider arges Regenwetter. Nachmittags gingen wir in allerhand absonderliche Läden, wo man durch Miniaturgärtchen im Regen watet, Hühnerleiterchen hinaufklettert und in winzigen, mattenbelegten Zimmern die niedlichsten Kurios besieht. Abends gingen wir mit dem Konsul Beeck und einigen Marineherren in das Restaurant zur Wistaria, wo wir ein japanisches Diner und Geishafest hatten. Leider strömender Regen, daß man nicht in den allerliebsten kleinen Landschaftsgarten konnte. Das Haus war mit Matten belegt, so daß man Stiefel ausziehen mußte, und beim Essen hockt man auf Kissen am Boden. Ganz hohe Leuchter stehen herum, die alle paar Minuten von den Dienerinnen geputzt werden, wobei sie sich graziös hinknien. Die sonderbaren Speisen wurden uns in entzückenden Lackschüsselchen auf reizenden Lacktischchen von den allerliebsten Geishaschülerinnen, den Mapos, gebracht, die sich dann vor uns hinknieten und uns aufs liebenswürdigste und nichtssagendste anlächelten. Nach dem Essen fanden dann Tänze statt, die eigentlich mehr Posen und Pantomimen sind. Wir waren ganz entzückt von der Grazie der Tänzerinnen und ihren wundervollen Kostümen.

8. Juni. Nachmittags hellte sich das Wetter auf, und wir hatten einen netten Abend auf der Veranda. Die Ähnlichkeit von Nagasaki mit Luzern fällt uns immer mehr auf, nur daß dort nicht wie hier enorme Papierfische auf den Dächern der Häuser flattern, die bedeuten, daß in dem Jahr in dem Haus ein Knabe geboren worden ist und ihm Geschenke gemacht worden sind. Für jedes Geschenk wird ein Papierfisch an den hohen Mastbaum vor dem Haus angebunden.

9. Juni. Morgens kehrte die »Kaiserin Augusta« nach Kiautschou zurück, und wir realisierten zum erstenmal, adrift on the world zu sein.

10. Juni reisten wir ganz früh nach Mogi, wo wir in einem halb japanischen halb europäischen Gasthof wohnten, und die ganze Nacht klang aus einem gegenüberliegenden Teehaus Gitarrengeklimper zu uns herüber.

11. Juni. Morgens per kleinen Dampfer von Mogi, das reizend liegt, über die Inland Sea übergesetzt nach Tokuyama. Von dort per Bahn nach Miajima. Dort mit kleinem Boot nach der Insel übergesetzt. Sie ist mit prachtvollem Wald bedeckt, und schon von weitem sieht man den Tempel und den weit in die See hinausgebauten Fori. Wir wohnten in einem bezaubernden japanischen Hotel. Es besteht aus lauter einzelnen Häuschen für Liebespärchen, die in einem großen Park zwischen plätscherndem Wasser liegen. Wir schliefen köstlich auf dicken Matratzen, die auf den Boden gelegt wurden.

12. Juni. Morgens besuchten wir die entzückenden Tempelanlagen, die bei Flut ganz von Wasser umgeben sind, fütterten die zahmen Rehe, die durchs Wasser laufen und machten noch einen langen Spaziergang durch den Park an alten malerischen Bäumen am Meer entlang. Ich wäre gern an diesem bezaubernden Ort geblieben. –

13. Juni. Gestern spät abends in Okuyama, morgens früh wieder ab und mittags in Kobe eingetroffen. Wir fuhren gleich auf die »Empress of India«, um Kettelers zu besuchen. Er hat sich wenig verändert, seit ich ihn vor etwa 18 Jahren als Leutnant in Karlsruhe sah. Sie ist noch ganz jung, liebenswürdig und elegant, noch nie aus Amerika herausgekommen, spricht wenig Deutsch und hat keine Ahnung, was ihrer in Peking wartet!

14. Juni. Mit einem Dolmetscher von Kobe aus nach Osaka gefahren. Eine interessante blühende Handelsstadt mit amüsanten Vergnügungsstraßen, wo wir uns Theater und Ringkämpfe ansahen. Diese letzteren, in einer riesigen Arena, erinnerten so sehr an Beschreibungen altrömischer Kampfspiele, daß man dabei vollkommen das Gefühl des schon Erlebten hatte. Abends weiter nach Kioto, wo wir in dem hochgelegenen Yaamihotel wohnten, von dem aus man eine himmlische Aussicht auf die tief gelegene Stadt hat mit ihren großen Tempeln und den jenseitigen Bergen. Ein japanisches Florenz. In der Stadt entzückten mich am meisten die Palais, besonders das des Shogun mit seinen wundervollen Malereien auf Goldgrund. Es frappiert, zu sehen, wie sehr japanische Kunst unsern Geschmack beeinflußt hat, und wieviel wir doch noch immer von ihnen lernen können in liebevollem Ausarbeiten des einzelnen, und vor allem im Maßhalten. Von Kioto aus waren wir einen Tag in Nagoya, wo wir das alte Schloß besahen, das etwas an die Pekinger Tore und Türme erinnert. Den nächsten Tag in Jokohama, leider bei fürchterlichem Regenwetter, so daß wir von all den schönen Blicken auf den Fuji Fujiyama gar nichts hatten. Von dort nach Tokio, wo wir bei Graf Leyden in der hübschen Gesandtschaft mit Wedels frühstückten. Leyden und Wedels klagen über Japan, das uns wie ein wahres Paradies erschien. Wie gern wäre ich dort geblieben. Wedels sind nur in Madrid und Paris gewesen, da erscheint ihnen Verbannung, was uns als ein Zivilisationszentrum vorkommt. Es wird eben mit verschiedenem Maß auf der Welt gemessen. Sie klagen auch darüber, daß Prinz Heinrich kommt, und wie leicht ist hier doch so ein Prinzenbesuch im Vergleich zu Peking.

Zurück nach Jokohama und gleich mehrtägige Tour unternommen nach dem reizenden Miyanoshita und nach dem Hakonesee, mit Rückweg über ein schwefelreiches Gebirge. Größtenteils zu Fuß und entzückt von der schönen Gegend. Dann fuhren wir nach Tokio zu dem Diner, das Graf Leyden für den Prinzen gab. Der Prinz begrüßte uns wie alte Freunde und trank Edmund bei Tisch zu, indem er sagte: »Mit Ihnen geht mir doch das liebste Stückchen Ostasien verloren.« Alle Welt schaute sich nach uns um, und als der Prinz dann Abschied nahm, sagte er nochmals ganz laut zu uns: »Ich danke Ihnen für alles, was Sie hier draußen für mich getan haben!«

Es amüsierte mich sehr, die vielen Japaner bei diesem Fest zu sehen; sie benehmen sich ganz manierlich, aber die wenigsten unter ihnen sprechen auch nur eine Silbe einer europäischen Sprache, und da nicht, wie in Peking, Dolmetscher dazwischen gesetzt werden, so sitzt man stumm nebeneinander. Wir blieben einige Tage und besahen uns alles gründlich. Die Gesellschaft würde vielleicht nicht ergiebiger sein, als in Peking, aber was bietet nicht alles dies bezaubernde Land. Bei unsrer Gesandtschaft scheint niemand zu sein, der das so recht genösse und verstände.

Am 7. Juli mittags mit der »Empress of India« abgefahren. Als wir an der »Deutschland« vorbeikamen, standen alle Offiziere auf der Brücke, riefen uns glückliche Reise zu, und die Musik spielte, und von der »Kaiserin Augusta« riefen sie uns auch gute Wünsche nach.

Und so schloß die ostasiatische Lebensperiode!

Ein Urlaubsjahr in Berlin

Juni 1899 bis Mai 1900

Am 18. Juli endlich in Vancouver angekommen und am 19. mit der Canadian-Pacific-Bahn weitergefahren. Wieder eine sehr unangenehme Reise. Der Zug sehr überfüllt und viel zu lang, so daß wir zeitweise mit 5 Lokomotiven fuhren. Die ganze Bahn macht einen sehr heruntergekommenen Eindruck und wir erlebten in den fünf Tagen drei Eisenbahnunglücke. Dabei waren mehrere Ingenieure mit uns, die sagten, die Bahn sei in einem ganz gefährlichen Zustand. Die Gegend war wieder verblüffend schön, aber bei dem fortwährenden Gefühl der Unsicherheit konnte man auch das nicht recht genießen. Als wir in Montreal auf die amerikanische Bahn umstiegen, war alles verändert, Ordnung, Pünktlichkeit und Komfort traten wieder ein.

24. Juli. Abends kamen wir in New York an, statt bei Hitze, wie wir erwarteten, bei strömendem Regen. Aber auch so machte die Stadt einen überwältigenden Eindruck, nicht zum wenigsten das Waldorf-Astoria Hotel, wo wir abstiegen und unsre Ankunft durch Dagobert Chinesischer Diener. großes Aufsehen hervorrief.

25. und 26. Juli blieben wir in New York, das wohl die fabelhafteste Stadt ist, die man sehen kann. Abends waren wir auf den »roofgardens«, Vergnügungslokale, die auf den Dächern 20 Stock hoher Häuser angelegt sind, und wo es auch im Sommer immer kühle Brise gibt.

Am 27. Juli an Bord des »Fürsten Bismarck« abgereist. Herrliche Überfahrt. Nette Gesellschaft und alles an Bord so ausgezeichnet.

Am 3. August kamen wir in Southampton an, wo uns Mlle. Berton Stephanie an Bord brachte.

4. August. Den ganzen Tag über mit Stephanie Bekanntschaft gemacht, die ein liebes gutes Kind ist, voll des besten Willens. Nachmittags in Kuxhaven angelangt, wo Dagobert mit Jubelrufen der Menge empfangen wurde. Nach Hamburg weiter, wo uns Belowchen auf der Bahn empfing und dann auch gleich Teddy aus Kassel ankam, der größer geworden, aber sonst ganz unverändert derselbe geblieben ist. Im »Hamburger Hof« fanden wir Günther vor, der zu Bette lag. Von den drei Kindern ist er am meisten verändert, so daß ich ihn gar nicht wiedererkannt hätte. Wir blieben etwas in Hamburg, denn ich war so übermüdet, daß ich nicht weiterkonnte. Wir haben ja auch nirgends mehr ein anderes home, also ist dies Hotel so gut wie jedes andere! Wir waren ja nun wieder alle beisammen, aber ich kann zu keinem Frohsinn kommen. Noch nie habe ich so sehr den Mangel eines festen Rückhalts empfunden. Wir sind so grenzenlos allein auf der Welt. Immer wieder muß ich an die unsichere Zukunft der Kinder denken.

11. August fuhren Edmund und ich zur Prinzeß Heinrich nach Kiel. Es war ein reizender Tag. Die Prinzessin ließ sich viel von Japan erzählen und fuhr uns spazieren. Von da abends nach Berlin, wo wir acht Tage blieben. Im Auswärtigen Amt sprach Edmund mit Richthofen, der ihm erzählte, das Auswärtige Amt habe Edmund ruhig den gewünschten Urlaub geben wollen, aber S. M. soll persönlich erklärt haben, er hätte Privatnachrichten, wonach Edmund zu krank sei, um nach Peking zurückzukönnen. Den Posten in China aber wolle er keinesfalls unbesetzt lassen. Danach habe man hin und her beratschlagt, zwischen Ketteler und Tattenbach geschwankt und dann habe Richthofen noch als Bestes vorgeschlagen, Edmund den freiwerdenden Posten in Mexiko anzubieten. Er meinte, wir sollten ruhig hingehen, es sei gar nicht so übel, wir könnten von dort ja oft auf Urlaub. Daß wir dazu die Mittel nicht haben, konnten wir ihm natürlich nicht sagen. An ein Revirement scheint er nicht zu denken, und was nützte es auch. Die frei gewordene Botschaft in Rom hat S. M. gleich seinem Flügeladjutanten Wedel gegeben und er soll noch andere so placieren wollen. – Edmund war beim Arzt, der ihm verordnet hat, nach Reichenhall zu gehen.

24. August. Heut nacht kam Edmund an. Von Reichenhall nach Berlin zurück. Nachdem ihm zuerst bedeutet worden war, daß S. M. ihn beim Sedandiner am 1. September sehen wollte, war er telegraphisch aus Reichenhall zum 25. nach Potsdam befohlen worden. Außer ihm nur noch Holleben Botschafter in Washington. da. S. M. ist gleich auf ihn zugekommen und hat ihm gedankt für alles, was er in China erreicht habe, und dann noch zweimal Ähnliches gesagt. Zu einem Aussprechen von irgend welchen Wünschen kam es nicht, aber es ist immerhin etwas, daß Edmund sich überzeugen konnte, daß S. M. auf alle Fälle gar nichts gegen ihn hat. Auch I. M. soll sehr gnädig gewesen sein. Edmund saß neben ihr, und sie hat sich sehr freundlich mit ihm unterhalten.

Am 29. August fuhren wir zu Stumms Der frühere Botschafter Freiherr von Stumm. nach Holzhausen, wo wir Sommerfeld und Graf Seckendorff trafen. Holzhausen ist ein entzückendes Schloß in wundervollem Park, und in allem merkt man nicht nur den großen Reichtum, sondern Kunstsinn und Geschmack. Dazu ein so gescheiter, vorurteilsloser Mensch wie Stumm, der sich an der Komödie des Lebens amüsiert, und seine so sehr angenehme Frau. Mit Sommerfeld war es gleich so behaglich wie immer, und er versprach, uns in diesem Sommer zu helfen. Er schiebt alles auf Holstein, meint aber auch, daß Bülow Damals Staatssekretär des Auswärtigen Amts. niemand anderes aufkommen lassen will, und daß Edmund den Namen habe, eine exzeptionelle Arbeitskraft, aber auch sehr selbständig zu sein.

Am 31. August reiste Edmund zurück nach Reichenhall und Stephanie und ich nach Buckow. – – –

Am 28. Dezember war ein Diner bei Bülow. Außer uns noch Radolins, Schöns, Chelius aus Rom und der singende Bülow. Ich saß neben Bülow, der mich gleich als altbekannt begrüßte, weil wir uns damals bei dem kleinen Eisenbahnunglück im Schlafwagen kennenlernten, und außerdem fanden sich allerhand Anknüpfungspunkte durch Papas Freundschaft mit seinem Vater. Einmal sprach er von dem zunehmenden Interesse für überseeische Dinge, und daß S. M. eigentlich nur die Berichte der überseeischen Gesandten läse. Es blieb aber ganz bei allgemeinen Dingen. Nach Tisch hatte ich ein langes Gespräch mit der Gräfin. Sie ist eine entzückende Frau, voller Charme und Natürlichkeit. Sie redete mich gleich auf Mexiko an und sagte, sie hätte eben bei Tisch erst von Heyking davon gehört und wie schwer es mir würde. Nun nahm ich mir ein Herz, schilderte ihr die ganze Lage und bat sie, mir bei ihrem Mann zu helfen. Sie sagte mir, daß sie sich sonst nie in solche Dinge mische, was auch allgemein von ihr gesagt wird, aber in diesem Fall dauere er sie so sehr, daß sie mir helfen wolle, wenn sie nur irgend könne. Übrigens solle ich doch direkt mit ihrem Mann sprechen. Als es schon ganz spät war, kam Bülow direkt auf mich zu, führte mich in eine entlegene Salonecke, wo er sich mit mir auf ein Sofa setzte. Er wollte offenbar ein Gespräch herbeiführen, denn er fing gleich an, er sei à son corps défendant in seine jetzige Stellung getreten, klagte über allerhand und meinte, jede Stellung im Ausland sei vorzuziehen. Ich antwortete: »Doch wohl nicht jede!« Er: »Nein wirklich, seien Sie mit jeder auswärtigen Stellung zufrieden, da hat man doch Ruh' und Unabhängigkeit!« Nun sagte ich, wenn er so mit mir spräche, müßte ich fragen, ob ich ihm ganz aufrichtig darauf antworten dürfe. »Aber selbstverständlich, ich bitte darum!« Nun erzählte ich ihm all meine griefs gegen Mexiko und fügte hinzu, wenn es nicht Europa sein könne, so gingen wir auch gern nach Japan, wohin ich doch zwei meiner Kinder mitnehmen könnte. Er antwortete, er sei ganz bereit, uns Lissabon, Athen, Kopenhagen, Stockholm zu geben, aber es sei nichts frei. Und Leyden schimpfte zwar über Japan, wollte deshalb aber noch lang nicht abgehen. Nun sagte ich: »So geben Sie uns wenigstens eine Urlaubsverlängerung.« Da wurde er ganz böse und sagte sehr rasch: »Nein, das geht gar nicht!« Natürlich machte ich ein sehr betretenes Gesicht, denn er war förmlich heftig geworden; da setzte er hinzu: »Ich muß Ihnen sagen, daß Ihr Mann Feinde hat, die behaupten, er habe schon seinen Krankheitszustand sehr übertrieben, um aus Peking fortzukommen, und wenn ich Ihnen jetzt Nachurlaub gäbe, so hieße es, Sie wollten durchsetzen, einen andern Posten zu bekommen, wie Sie es schon mit Tanger-Peking gemacht haben!« Nun antwortetete ich: »Was die Krankheit anbetrifft, so kann ich unsre Feinde nur an den Stabsarzt Velde verweisen, und was Tanger-Peking betrifft, so möchte ich hervorheben, daß wir Peking schon einmal direkt abgeschlagen hatten, während wir noch in Kairo waren, und es dann nur annahmen, als es Herr von Marschall zum zweitenmal anbot, damals, als wir bereits im Begriff waren, nach Tanger abzureisen.« Bülow antwortete: »So, so, also so verhält sich das!« Nun legte ich mich aufs Bitten, aber er war ganz dagegen und sagte: »Da täten Sie beinah besser daran, carrément zur Disposition zu gehen, obschon man selten wieder hineinkommt. Allerdings würde ich Ihnen versprechen, in dem Fall an Sie zu denken. Man ist ja vielleicht glücklicher, aus dieser ganzen ekelhaften Karriere heraus zu sein und ruhig irgendwo in Italien zu leben, aber meine Erfahrung ist, daß die Leute immer alle wieder hinein wollen. Mir wenigstens rennen sie das Haus ein mit Petitionen, und wenn Sie heut auf Mexiko verzichten, so habe ich morgen ein Dutzend Bewerbungen darauf.« Ich antwortete, ich bäte nur um noch ein paar Monate Urlaub, um noch etwas mit den Kindern zusammen sein zu können und nicht in der so schlimmen Jahreszeit über den Atlantischen Ozean zu müssen. Er sagte, er wolle also dem Kaiser darüber Vortrag halten, aber »das sage ich Ihnen, Frau von Heyking, wenn der Nachurlaub abgelaufen ist, verlasse ich mich darauf, daß Sie auch wirklich nach Mexiko gehen, und mich nicht etwa bloßstellen, indem Sie dann z. D. gehen.« Ich versprach ihm das und frug ihn: »Wenn wir nun wirklich nach Mexiko gehen, wollen Sie uns dann in der Erinnerung behalten, denn ich habe so sehr die Empfindung, daß es ein Posten ist, auf dem man vergessen wird.« Er antwortete: »Nein, ich verspreche Ihnen, daß ich Sie dort nicht vergessen werde, übrigens soll Ihr Mann morgen noch einmal zu Lichnowsky kommen, an dem Sie einen glühenden Freund haben, und noch einmal alles mit ihm besprechen.« Damit war das Gespräch zu Ende, denn die Fürstin Radolin, die wie alle andern auf uns gewartet hatte, kam, um uns adieu zu sagen. Ich hatte eine sehr schlechte Impression von dem Gespräch, hatte an vielen Dingen gemerkt, daß Bülow offenbar von Holstein sehr gegen uns bearbeitet worden ist, denn er hatte mir viel härtere Dinge gesagt, als das sonst einer Dame gegenüber geschieht, und ich hatte die Empfindung, daß das Ärgste wohl noch Edmund durch Lichnowsky gesagt werden sollte. Als mir daher Gräfin Bülow beim Abschied sagte, sie freue sich so, daß ich Ihren Mann gesprochen, und hoffe, ich hätte alles erreicht, hatte ich Mühe, nicht zu weinen, und sagte: »Je n'ai rien obtenu du tout, car le comte ne comprend pas la question des enfants, dont il s'agit surtout pour moi, et je vous en supplie, madame, de m'aider auprès de lui.« Sie hielt mich bei beiden Händen fest, sah unbeschreiblich teilnehmend aus und sagte: »Oui, ma pauvre enfant, je vous promets de faire pour vous tout ce que je pourrais.« Im Flur beim Adieusagen war Bülow sehr affable, und ich mußte ihm meinen weißen Fuchsmantel genau zeigen.

Je mehr ich zu Hause über das Gespräch nachdachte, um so mehr sagte ich mir, daß Bülow sehr viel Irriges über uns mitgeteilt worden sein muß, und so entschloß ich mich nach einer schlaflosen Nacht, an Bülow zu schreiben. Ehe ich dann aber den Brief absandte, ließ ich mir den getreuen Sommerfeld kommen, denn ich graulte mich, etwas so Ungewohntes zu tun, wie einem Vorgesetzten meines Mannes über dienstliche Dinge zu schreiben. Er riet mir sehr, den Brief zu schicken und sagte: »Das Gespräch von Bülow mit mir sei etwas so Außergewöhnliches, daß es mich ganz berechtigte, auch einen außergewöhnlichen Weg einzuschlagen.« Delbrücks, mit denen ich auch sprach, meinten, das alles sei Holsteinscher Einfluß, sie hätten Beweise dafür, daß ihm Heykings Hiersein aus irgendeinem mysteriösen Grunde sehr unheimlich sei. Lichnowsky sagte Heyking dann noch, Bülow sei jetzt voller Wohlwollen für uns, aber er könne niemand für uns totschlagen und der vom Kaiser aufoktroyierte Einschub Schöns hätte alle Kombinationen umgestoßen. Er böte uns an, den Urlaub bis April zu verlängern, aber verlangte, daß wir dann wirklich nach Mexiko gingen, und daß wir nicht etwa auf anderm Wege versuchten, etwas anderes zu erlangen, ihm etwa den Prinzen Heinrich schickten, um etwas zu erbitten. Lichnowsky sagte noch, Bülow vertrüge es nicht, daß ihm von andrer Seite in sein Departement hineingeredet würde, immer natürlich mit der einen Ausnahme. Übrigens ließe uns Bülow doch versprechen, daß wir nicht lang in Mexiko gelassen werden sollten.

31. Dezember. Um Mitternacht fand die sogenannte Neujahrscour statt. Wir versammelten uns alle in der Kapelle, die so hübsch aussieht, wie eine protestantische Kirche es sein kann, d. h. eben möglichst katholisch. Es war sehr heiß, die Musik zu laut und die Predigt sehr unverständlich. Ich mußte immerwährend denken, wie es wohl sein würde, wenn unter uns eine Mine gelegt sei und plötzlich alles zusammenfiele. Das merkwürdige war, daß die neben mir sitzende Gräfin Redern, geb. Lichnowsky, dasselbe dachte, und wir uns beide verständnisvoll anschauten, als es mehrere Male unter uns so seltsam zu rollen anfing. Es wäre ein ganz interessantes Ende gewesen und man wäre in guter Gesellschaft zugrunde gegangen! –

1900 begann für uns, indem die Schüsse fielen, Eulenburg die Uhr zog und Dryander Oberhofprediger. ein Zeichen gab, da zu dieser Minute die Majestäten eigentlich schon auf dem Thron stehen sollten. The rest of the Service was hurried over und das neue Jahrhundert begann also damit, daß die Kirche behind time war. – Nach der Kirche begann die Defiliercour und zwar im Weißen Saal, auf den wir einen hübschen Blick hatten, indem wir die Treppe von der Kapelle hinuntergingen. Ich kam an den Majestäten gut vorbei mit meinen beiden Knixen, und in den nächsten Sälen fand ich dann viele Bekannte, die alle während der drei Jahre recht alt geworden sind. Nichts verdeutlicht einem aber besser, wie alt man selbst geworden ist. – Als die Herren endlich auch kamen, gab es eine wahre Schlacht im letzten Zimmer um den spärlich vorhandenen Punsch. Man riß die Gläser von den Plateaus über den Kopf des kleinen Menzel Adolf von Menzel. hinweg, mit dem ich mich lange über Papa unterhielt. Edmund und ich fuhren davon in dem Bewußtsein, das Jahrhundert zwar sehr vornehm, aber sehr hungrig und erschöpft begonnen zu haben. Beim Herausfahren aus dem Schloß war die Statue des alten Kaisers durch einen Scheinwerfer hell beleuchtet; es war das erste Mal, daß ich sie hübsch gefunden habe. Die ersten Tage vergingen ganz mit Visiten. Es war mir komisch, Stephanie zur Gräfin Brockdorff zu bringen als etwas ganz Selbstverständliches, wenn ich mich daran erinnerte, wie ich vor sechs Jahren nach allerhand Kämpfen endlich mit der lieben Tante Louise dahin konnte.

So geht es: Man bekommt die Dinge, wenn sie einem gleichgültig geworden sind, und vielleicht ist das ganze Leben nicht mehr viel wert, wenn man erst dahin gekommen, daß einem auch die Rosinen des Kuchens keinen Spaß mehr machen.

12. Januar. In diesen Tagen hatte ich auf einem Diner bei Goltz Pascha ein Wiedersehen mit Major Morgen, den wir von seiner Sudaneser Anwerbungszeit in Kairo her kennen. Er machte mir wieder denselben Eindruck von jemand mit durchdringender Willenskraft. Jetzt ist er Flügeladjutant von S. M., der sehr aufgebracht sein soll, daß die Engländer unsre Schiffe anhalten und auf Kriegskonterbande für Transvaal hin untersuchen. Wir können aber nur die Faust in der Tasche ballen. Morgen freilich meinte, wenn es ganz schnell gemacht würde, so könnten wir ein Armeekorps in England landen und damit das ganze Land unterwerfen.

16. Januar. Wir fuhren zu Podbielskis ins Postmuseum, wo vor dem tout Berlin in einem eisig kalten, zugigen Rotundensaal ein gänzlich unverständlicher Vortrag über Fernsprecher gehalten wurde. Am Büffet nachher drängten sich 300 Personen, um erwärmenden Tee und Punsch zu ergattern. Ich eroberte zwei Tassen für Edmund, dem es recht schlecht ging. Sehr viel sprach ich mit dem General Verdy, früherem Kriegsminister, ein sehr geistreicher alter Mann, der so schöne Verse improvisiert. Er sagte mir, ich sähe aus wie ein kleiner Spatz, der davonfliegen möchte, und damit hatte er so recht. Mir ist oft so sehr nach Davonfliegen zumute.

17. Januar. Edmund war so erkältet, daß er zu Bett blieb. Währenddem kam der Hofrat Paulus von Schulte zu mir, um meine Bilder zu besehen. Er schien sehr zufrieden und sagte, er würde damit eine sehr interessante Ausstellung machen können. Ich war sehr froh über diesen Erfolg.

Abends war dann Stephaniechens erster Ball, der sogenannte Kavaliersball im Kaiserhof. Um drei Uhr kehrten wir heim und sie hatte sich prachtvoll amüsiert, war auch zu allem engagiert gewesen. Als Ballmutter kam ich mir recht komisch, eigentlich déplacée vor, aber das sieht einem ja zum Glück niemand an. Die Angst aller Leute ist jetzt, daß die kranke Mutter der Kaiserin stirbt und alles abgesagt wird.

18. Januar. Wir waren auf einem netten Diner beim amerikanischen Botschafter White, zu Ehren eines Spezialgesandten des Kongostaates, Mr. de Bernaert. Er sieht ganz aus wie Ohm Paul. Ich saß neben ihm und er erzählte mir, daß le cercle le plus spirituel, den er je gekannt habe, derjenige gewesen sei, der sich vor 50 Jahren um Bettina versammelte. Von da ab hatten wir natürlich Anknüpfungspunkte die Menge. Es ist mir oft merkwürdig, wie leicht ich mich mit Ausländern unterhalte und dabei auch die Empfindung habe, ihnen zu gefallen; mit Urteutonen wird mir das alles so viel schwerer.

19. Januar. Wir sollten eigentlich in den Reichstag, um die Interpellation über die englische Beschlagnahmung deutscher Schiffe zu hören, aber Edmund war so erkältet, daß wir es aufgeben mußten. Abends war im Kaiserhof das 600-Personen-Diner für die Kinderheilstätten. Ich saß am Tisch von Frau von Spitzemberg, zwischen dem österreichischen Botschafter Szögyeny und Humbracht. Mir gegenüber Hohenthal. Sehr viel Spaß machte mir, daß mein chinesisches rotgoldenes Drachenkleid so bewundert wurde. Ich wurde fortwährend darauf angeredet. Stephaniechen gefiel offenbar sehr. Viele Herren und zwar auch von den älteren connaisseurs ließen sich ihr vorstellen.

20. Januar. Abends ein langweiliges Diner bei Wildenbruchs, dem ich es übelnehme, daß sie mich so niedrig taxieren, mich zu dieser vornehm sein sollenden Gesellschaft einzuladen, wo sie doch gescheite Künstler- und Schriftstellerkreise haben!

21. Januar. Den ganzen Tag, wie jetzt immer, Besuche gefahren. Abends eine kleine musikalische Soirée bei Frau Richter, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Die erste Person, die ich dort sah, war Gräfin Bülow, die aber kaum mit mir sprach. Außerdem nur Renvers und Lichnowsky und Graf Keßler, der eben aus Mexiko kommt und vor allen erzählte, wie scheußlich es dort sei. Edmund und ich waren sehr unangenehm impressioniert von dem Abend; es war offenbar vor unserm Eintritt von unsrer Versetzung gesprochen worden, und man hatte uns beklagt und das hatte Gräfin Bülow verstimmt.

22. Januar. Ein reizendes Diner bei Frau Schwabach mit der ganzen englischen Botschaft und sonstigen Ausländern. Gottlob einmal heraus zu sein aus der ganzen Kleinlichkeit und Mißgunst! Wenigstens den Vorteil wird Mexiko haben, daß es das nicht hat.

23. Januar. Abends die Cour, bei der Stephaniechen vorgestellt wurde. Sie sah sehr hübsch aus, und es hatte sie gar nicht impressioniert, denn sie sagte mir nachher: »es war ja d'une telle platitude!« Viele alte Bekannte gesehen und viel neue kennen gelernt, aber amüsant sind solche Dinge nicht. Malen und Schreiben ist mir lieber!

24. Januar. Ein Diner bei Harnack, wo man endlich mal was Kluges reden hörte.

25. Januar. Solms erzählte Edmund, er habe ein Gespräch mit Bülow über uns gehabt. Als er beiläufig sagte: »Heyking hat seine Sache in China doch ganz gut gemacht,« hat Bülow geantwortet: »Ganz gut? Ausgezeichnet hat er sie gemacht!« Und als Solms nachher gesagt, es sei doch schade um mich, ich sei eine so nette Frau, hat Bülow gesagt: »Eine ganz bedeutende Frau!« Nach Mexiko sollen wir aber doch! allerdings nur für anderthalb Jahre.

Wir frühstückten bei Harrachs; sie ist eine entzückende Frau, durch ihre Schönheit schimmert ihre Seele hindurch. Von dort brachte ich Stephanie zu Frau von Wedel ins Hausministerium, wo Tanzstunde für die Söhne des Prinzen Albrecht sein sollte. Als wir aber vorfuhren, sahen wir die Flaggen auf Halbmast und erfuhren, daß nun doch die Mutter der Kaiserin gestorben ist, was die tanzende Jugend ja nun schon seit 14 Tagen befürchtete. Mir ist die Ruhe sehr willkommen, nur das Ausfallen der Hofbälle ist schade, weil Edmund dadurch um die Gelegenheit eines Gesprächs mit S.M. kommt.

27. Januar. Alle Gratulationen bei S.M. fallen aus, und überhaupt wird diese Trauer strenger als je genommen. – Edmund war zum Diner beim Reichskanzler, wo die Hauptperson Dr. Leyds Gesandter der Transvaal-Republik. bildete, der sagte, die Buren fänden es viel bequemer, Ladysmith nicht einzunehmen, weil die Engländer so sich dort selbst zu beköstigen hätten. Er soll energisch und interessant, aber mit Vorsicht zu genießen sein, denn er sucht uns offenbar mit den Engländern zu verhetzen. Man sagt sogar, daß er den Engländern habe stecken lassen, auf deutschen Schiffen sei Konterbande für Transvaal. Danach ist es denn amüsant, Frau vom Rath sagen zu hören: »Leyds hat mir gesagt, was ihm so schrecklich sei, wäre die Animosität, die in Deutschland gegen England herrsche!«

30. Januar. Edmund reiste nach Karlsruhe, da ihn der Großherzog zu sehen wünschte.

5. Februar. Edmund hat beim Großherzog und der Großherzogin sehr befriedigende Audienzen gehabt. Vom Großherzog meinte er, daß er ein bischen sehr gerne Leitartikel spräche, aber von der Großherzogin war er sehr charmiert. Sie soll in wirklich gescheiter Weise über China gefragt haben, und zum Schluß ließ sie Stephanie und mich sehr grüßen und sagte zu Edmund: »Ich freue mich, daß Sie uns besucht und dadurch Gelegenheit gegeben haben, Ihnen zu danken für alles, was Sie für Deutschland getan haben.« Im übrigen war Heyking ganz impressioniert von der Öde und Langeweile Karlsruhes und meinte, schlimmer könnte es in Mexiko auch nicht sein! – Nachmittags beim Tee der Gräfin Gröben lernte ich den Herausgeber der »Woche« kennen, der mein Bild haben wollte, um meine bei Schulte ausgestellten Aquarelle zu besprechen.

6. Februar. Dejeuner bei Jacksens, wo ich neben dem mexikanischen Geschäftsträger saß, der mir als besten Trost über sein eignes Land sagte: »Na, Sie werden ja hoffentlich nicht lange dort bleiben müssen!« Ein schrecklicher Gedanke, jahrelang nur mit diesen kaffeefarbenen Leuten umgehen zu müssen.

8. Februar. Ein recht besetzter Tag. Beim Photographen, da außer der »Woche« auch andre Blätter mein Bild haben wollen wegen meiner Ausstellung. Besuch von Professor Pietsch, der sich meine Bilder besehen. Er erzählte viel von der früheren badischen Zeit, wo er ja auch Papa gut gekannt, und von dem Viardotschen Kreise. Als er einmal von einer Reise von Paris kam, redete ihn die alte Kaiserin auf einem Hofball an: »Lieber Professor, haben Sie bei Ihrer Reise nicht ein Mittel gefunden, die beiden Völker zu versöhnen, die von Gott dazu bestimmt sind, sich gegenseitig zu ergänzen?« Alles das in dem bekannten Ton und der alte Kaiser schweigend danebenstehend!

9. Februar. Wir aßen mit Waldows und Richthofens im Bristol, was sehr gemütlich war und an die alten Kairoer Zeiten erinnerte. Richthofen ist durch seine jetzige Größe ganz unverdorben, also ist sie ihm auch sehr zu gönnen, aber er gehört zu den Leuten, die sich imponieren lassen, sogar durch eine Kaiserin von China! Richthofen hatte am Abend vorher bei Bülow mit S. M. gespeist und sagte, der Kaiser beabsichtige die Schulreform von neuem aufzunehmen. Von Transvaal und der Flottendebatte im Reichstag soll nicht einmal die Rede gewesen sein; das würde keiner glauben, der davon in den Zeitungen gelesen!

10. Februar. Zu Schulte gefahren, wo meine Aquarelle gehängt worden waren. Danach großes Diner bei Tirpitz mit allen Spitzen, auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe. war da. Der alte Herr ließ sich mir vorstellen. Er ist ein merkwürdiges kleines, gebrechliches Männchen und hat seltsame Augen, wie die eines kranken Vogels, der früher mal sehr scharf gesehen hat. Wir kamen auf Mexiko zu sprechen, und er sagte mir: »Ich bin ganz unschuldig daran, aber S. M. macht alles Derartige jetzt selbst.« Ich dankte ihm, daß er uns Dr. Velde nach Peking geschickt habe, und erzählte ihm viel von China und daß man die Chinesen gar nicht niedrig genug taxieren könne. Er sagte: »Ja, der Chinese ist wohl das Niedrigste von Orientalen, und dann geht es aufwärts bis zum Russen.« Ich antwortete ihm, darum kämen auch die Russen so gut vorwärts in China, weil sie eben doch dasselbe seien, nur in verbesserter Auflage, sie brächten kein moralisches Handgepäck mit. Fürst Hohenlohe sagte: »Ja, ethische Dinge haben dort keinen Kurs!« Dann sprachen wir von Japan, und ich sagte ihm, der Hauptunterschied sei der, daß die Japaner den Begriff »Patriotismus« kennten. Als der Reichskanzler nach Tisch ziemlich früh aufbrach, kam er noch besonders auf mich zu, und in seinen Vogelaugen blitzte ein kleines aufgewärmtes Fünkchen, als ich ihm sagte, wie sehr ich mich freute, ihn endlich kennengelernt zu haben. Zu Tisch führte mich der liebe Admiral von Diederichs, und wir tauschten viel Erinnerungen aus; er meinte, Kiautschou sei für ihn doch der Höhepunkt innerer Energie und Schaffensfreudigkeit gewesen, und ich konnte ihm nur antworten, daß es auch für uns der Höhepunkt des Lebens gewesen. Es war doch ein merkwürdiges Schauspiel, die beiden, die es alles gemacht, Diederichs und Edmund, da am Tische Tirpitz' sitzen zu sehen, zuschauend, wie herrlich weit er es gebracht hat! Übrigens war Tirpitz die Liebenswürdigkeit selbst und sagte, es müsse möglich gemacht werden, für uns einen andern Posten als Mexiko zu finden. Nach Tisch lernte ich auch Admiral von Senden kennen, der sehr über die Chinesen schimpfte, von denen man nie wisse, wie man mit ihnen dran sei und die jetzt wieder alle Ingenieure von der Bahn in Shantung verjagt hätten. Ich sagte ihm, es wäre aber eigentlich nicht schwer, die Chinesen in Ordnung zu halten; das System meines Mannes, gelegentlich mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, habe stets gut gewirkt. Ich hatte die Empfindung, als sei die Marine von Ketteler nicht unsinnig entzückt. Senden erzählt mir, Prinz Heinrich käme am 13. an, es sei großer Empfang auf der Bahn und großes Diner im Schloß. Für Edmund ist bei alledem kein Platz! Ich sprach noch mit Egloffstein über den Prinzen Heinrich, und er horchte ganz verwundert auf, als ich beiläufig erwähnte, der Prinz habe 14 Tage bei uns gewohnt.

15. Februar. Großer Ball bei Kanitz, wo sich Stephanie wieder herrlich amüsierte. Vor einem Jahr tanzte ich noch so lustig, jetzt sitze ich in der Reihe venerabler Ballmütter; so dreht sich das Rad. Ich hatte ein langes Gespräch mit General von Hahnke über Transvaal und warum wir die jetzige Lage der Engländer nicht etwas benützten. Er meinte, im Auswärtigen Amt sage man, ohne große Flotte ließe sich nichts machen, und schließlich sei S. M. doch ein halber Engländer.

Wir aßen mit unserm lieben Below, der on the way to Peking ist, und mit Falkenhayns, die aus Kiautschou heimgekehrt sind. Sie erzählten, die Marine behaupte, Edmund wolle ihr den Kiautschouruhm streitig machen, auch sei er gegen die Chinesen zu scharf aufgetreten. Der erste Vorwurf ist geradezu lächerlich, wenn man bedenkt, daß jeder, mit Ausnahme eben von Edmund, eine Belohnung für Kiautschou bekommen hat. Und die jetzt gegen die Chinesen angewendete sanfte Manier hat schon glücklich dazu geführt, daß in Shantung Unruhen ausbrechen, die von der chinesischen Regierung unterstützt werden. Below ist entschieden etwas desorientiert bei dem Gedanken an die Reise nach Peking, und ich wiederum kehrte so gern dorthin zurück, without having to face new horrors in a new horrid place!

19. Februar. Enormer Ball von Solms im Kaiserhof. Ich fühle mich doch schon ganz anders bekannt als vor einem Monat beim ersten Kaiserhofball, was aber nicht bedeutet, daß ich mich amüsiere. Die pièce de résistance des Abends war die Herzogin und künftige Königin von Württemberg, der ich vorgestellt wurde. Kleine Fürstlichkeiten waren in Menge da, und ich saß neben der Fürstin Stolberg auf der Stufe des haut pas während des Kotillons, was sicher von jetzt ab le dernier cri du chic sein wird! Beim Diner neben Mutzenbecher, der über Holstein schimpfte. Er erzählte, während er in Rom unter Solms Botschaftsrat gewesen, habe er die Holsteinsche Politik des Nachlaufens als recht wenig vorteilhaft erkannt, beim Urlaub Holstein darüber Vortrag gehalten und am Schluß gesagt, vielleicht würde er bei diesen Anschauungen nicht mehr für Rom gewünscht. Holstein habe erwidert: Im Gegenteil, und alles habe ihn außerordentlich interessiert. Als aber Mutzenbecher dann nach Rom zurückkehrte, fand er, daß er auf der Botschaft boykottiert war, und Solms erzählte ihm schließlich, er habe einen geheimen Erlaß erhalten, Mutzenbecher sollen alle Nachrichten aus Berlin ferngehalten werden, und es sei zu beobachten, ob er nicht eigne Politik betreibe!

Frau von Varnbüler erzählte Edmund, sie wisse, daß man ihn im Auswärtigen Amt als brillante Feder schätze, man fände ihn aber zu unabhängig und sagte, was sollen wir machen, wenn er uns in einen Krieg verwickelt. Das ist also wieder Holstein!

21. Februar. Goltz erzählte uns, daß S. M. bei ihm speisen würde. Ich warf hin: »Fragen« Sie doch S. M., was er in Mexiko Besonderes vorhätte, daß er meinen Mann gerade dorthin schickt.« Goltz antwortete: »Soviel ich Heyking jetzt kennengelernt habe, weiß ich ganz genau, warum man ihn gerade dahin schickt; er wird nur noch Posten erhalten, wo er ganz unschädlich ist!« Ich sagte: »Auf seinem letzten hat er es doch aber gut gemacht?« »Eben deshalb! Bei uns sucht man die Leute so aus, um sicher zu sein, daß sie nichts tun!« Also so endet das Lied!

22. Februar. Pietsch besuchte mich und brachte mir sehr gute Besprechungen meiner Bilder. – Edmund und ich sind rasend deprimiert à mesure que le moment approche. Der Abreise nach Mexiko. Ich machte den Vorschlag, nicht nur Stephanie, sondern auch Günther und Belowchen mitzunehmen nach Mexiko; vielleicht erträgt sich das Exil dann leichter. Aber es dauert mich so sehr, daß Stephanie, die hier so gut debütiert hat, nun aus allem herausgerissen wird und ihre nächsten Jahre bei diesen Halbwilden zubringen soll. – Abends Riesenball auf der österreichischen Gesandtschaft. Viel schöner Schmuck und elegante Kleider; über das meinige, in China gestickte, wurden mir viel Komplimente gemacht, und eine Menge Menschen sprachen von meinen Bildern. Edmund sagt, wir würden durch meine Kleider und Aquarelle berühmt! Wenn es nur etwas nützte!

24. Februar. Morgens sind wir immer todmüde und deprimiert, mittags erholt man sich ein bißchen und macht Besuche; von 6 bis 8 ist dann ein toter Punkt, wo man durchaus sich etwas legen muß, und nachher zieht man sich für die Bälle an und ist schließlich in der Nacht am allerwachsten! – Mein alter Freund Üchtritz sagte mir, er hätte es noch nie erlebt, daß Menschen sich so rasch eine besondere Position in Berlin gemacht hätten wie wir. Darum muß man ja eben nach Mexiko!

26. Februar. Ganz kleines intimes Diner bei Dürckheims. Ich saß neben dem Reichskanzler. Das Männchen war ganz besonders unscheinbar, verschwand beinah unter dem Tisch und sah mehr wie je wie ein gerupftes Hühnchen aus. Wir kamen über die merkwürdigsten Themata ins Gespräch. Wiedergeburten, Buddhismus, Unsterblichkeit. Fürst Hohenlohe meinte, Unsterblichkeit tauge nicht für jedermann, sondern nur die Übermenschen verdienten das; die übrigen sollten eingestampft werden. Ich sagte, wer in völkerreichen Ländern wie Indien und China gelebt habe, wo das Menschenleben gar keinen Wert hat, könne ihm nur recht geben. Wir sprachen von Frauenfrage, kamen über den hiesigen Künstlerinnenball, auf den nur Frauen dürfen, zum Thema der Liebe zwischen Frauen! Dann erzählte mir der alte Fürst, die Kommission, vor der jetzt die Lex Heintze beraten wird, habe so absurde und verschärfte Paragraphen hineingebracht, daß das Ministerium beschlossen habe, das Gesetz lieber fallen zu lassen. Er werde nun aber von pietistischen Damen, wie Frau von Goßler Gattin des Kriegsministers. und Gräfin Brockdorff, bestürmt, das Gesetz doch in dieser verschärften Form einzuführen, und den Kriegsminister hätten sie ihm damit auch schon einmal auf den Hals geschickt. Jetzt drohten sie, den Kaiser ins Gefecht zu führen; da habe er aber geantwortet, dann gäbe es eben eine Ministerkrise. Wir sprachen noch über Literatur, und er meinte, »Am Meer« von Heine sei sein Lieblingsgedicht. Wir hatten wirklich quite a pleasant chat, und nach Tisch dankte mir der Hausherr, daß ich den alten Herrn so gut unterhalten hätte. Eine Ironie ist es aber doch, daß diese liebenswürdige kleine Mumie für das Wohl und Wehe Deutschlands verantwortlich ist. Holstein mag er ja freilich sehr bequem sein. Röder erzählte, wir gelten allgemein als das Opfer Holsteins, der ja nun einmal einen anständigen, unabhängigen Menschen nicht vertragen könne. Ich hörte, auch die Kaiserin sei mit den jungen Prinzen bei Schulte gewesen und habe meine Bilder mit besonderem Interesse betrachtet, und Mme. Boutiron erzählte mir, auf einem Monstrediner des türkischen Botschafters sei beständig von Stephanie und mir gesprochen worden, und zwar immer in den höchsten Tönen. Wenn es uns nur zu etwas verhülfe!

27. Februar. Zum Lunch bei der reizenden Fürstin Ferdinand Radziwill, die besonders nett zu mir ist und es auch so beklagte, daß S. M. in einer solchen Abgeschiedenheit und Bewachung durch eine besondere Clique lebe, daß man gar nicht an ihn herankäme. Das ist ja unser ganzes Pech!

Abends sahen wir »Die versunkene Glocke« von Hauptmann.

1. März. Below besuchte uns morgens. Er reist übermorgen nach Peking und nimmt unsern guten Dagobert mit, der mir ein so wahrer Trost gewesen ist. Er selbst möchte gerne bleiben, aber seine Eltern quälen ihn mit Briefen. Mir ist das Herz oft zum Brechen schwer. Wieviel lieber ginge ich nach Peking zurück. Dabei hört man, daß Ketteler dort alles verkehrt macht und unbeliebt ist. Selbst Holstein sagte das zu Below! Hätte es Edmund doch noch länger dort ausgehalten. Es wäre so viel weiser gewesen. Abends kam Below noch einmal, und wir erzählten ihm viel von Peking. Wie anders wäre alles gegangen, hätten wir wenigstens ihn dort gehabt!

2. März. Vormittags besuchten wir Bertuchs, die mir die freundlichsten Dinge über meine französischen Gedichte sagten. Sie schlugen mir vor, im Frühling nach Paris zu ihnen zu kommen und dort Malerei zu studieren und Literaten kennenzulernen; ja, wer das könnte! Als wir von Bertuchs kamen, begegnete uns Prinz Heinrich, der an uns vorbeifuhr und uns sehr freundlich grüßte. Nachmittags kam die Nachricht, daß er uns morgen nachmittag sehen will.

3. März. Um 1 Uhr brachten Edmund, Stephanie, Günther und ich den guten Dagobert auf den Anhalter Bahnhof, von wo er mit Below abreiste. Es war uns allen schrecklich schwer ums Herz, und ich mußte beständig weinen. Es war unser letztes Stücklein China, das da fortging, ein Rest aus der Zeit, wo wir etwas auf der Welt waren und wollten, wo wir noch mit so viel Mut und Energie ans Leben herantraten. Von da fuhren wir zur Leichenfeier des alten Groeben. Ich war so verweint wegen Dagobert, daß man sicher glauben mußte, ich hätte eine unglückliche Liebe für den alten Groeben gehabt!

Nachmittags fuhren wir ins Schloß zur Audienz beim Prinzen Heinrich. Er empfing uns ganz so harmlos freundlich wie in China; ist womöglich noch schöner und dem Kaiser Friedrich noch ähnlicher geworden. Wir saßen am Kamin bei ihm, ich servierte den Tee, es wurde geraucht und natürlich fortwährend von chinesischen »brennenden Fragen« geredet. Ehe der Prinz von andern Dingen sprach, sagte er gleich, er habe, sobald er Bülow gesehen, ihn auf Edmund angeredet und schien alles, was der ihm geantwortet, sehr befriedigend zu finden. Er hat sich offenbar von Bülows Glattheit ganz und gar täuschen lassen. Wir mußten ihm natürlich danken, aber er merkte mir an, wie mir's ums Herz war, und ich fand Gelegenheit, ihm von den Kindern zu sprechen, und bat ihn, ein Wort wegen Hamburg bei dem Kaiser für uns einzulegen. Er meinte, Hamburg sei doch ein viel zu kleiner, unbedeutender Posten für Edmund, und sagte schließlich, an S. M. wendete er sich nicht einmal für seine militärischen Kameraden. Wir blieben 1 ½ Stunden bei ihm. Es war ja ziemlich ergebnislos, aber eine Freude, einen so guten und echten Menschen zum Freunde zu haben. Ich habe immer das Gefühl, daß alles für uns an einem Wort hängt, daß man aber wie im Traum nicht vermag, dieses eine Wort zu sagen. S. M. ist für uns wie mit einer chinesischen Mauer umgeben! Könnten wir doch aus all dieser Erniedrigung heraus. Wären die Kinder nicht, ich zögerte keinen Augenblick. Ich muß dabei immer an die »Versunkene Glocke« denken. Es hat jeder so einen tiefen, unheimlichen Schicksalsbrunnen, in den er hinab muß, er mag wollen oder nicht. –

10. März. Wir waren zum Diner bei Hohenthals, wo wir den Reichskanzler und Richthofen trafen. Letzterer ist wirklich ein guter, wenn auch vielleicht ungeschickter Freund. Er hat versucht zu erlangen, daß Edmund provisorisch zur Stellvertretung Metternichs nach Hamburg geschickt würde; es ist ihm aber abgeschlagen worden, um nicht die Gefühle des Legationssekretärs Prinzen Schönburg zu froissieren. An unsre Gefühle denkt kein Mensch! Zum Schluß kam der alte Reichskanzler zu mir und sagte mit seinem hohen Stimmchen: »Sie waren heute so entouriert, daß man gar nicht zu Ihnen gelangen konnte!« Gräfin Hacke suchte mich über Mexiko aufzuheitern und zwar mit derjenigen Erfahrungsphilosophie, zu der man selbst ja immer mehr kommt, daß eben jeder sein Päckchen zu tragen hat und die Welt keine Vergnügungsanstalt ist.

Bei einem großen Diner bei den Hans Wedels trafen wir Frau Cosima, die hier ist mit Tochter und Sohn, um den Bärenhäuteraufführungen beizuwohnen. Sie ist eine energisch und gescheit aussehende Frau und hat dabei etwas sehr Liebenswürdiges. Komisch ist es aber, die Gemeinde zu beobachten. Sie sprechen alle mit Frau Cosima mit einem Augenaufschlag und Stimmfall, als träten sie in eine Kathedrale, und doch kann man beim Betrachten des Lebens der Frau Cosima am allerwenigsten religiöse Empfindungen haben.

13. März. Zum Diner beim Reichskanzler. Das alte Herrchen empfing uns mit seinem Sohn Alexander an der Tür und verschwand ganz unter seinen vielen Gästen. Die schöne Prinzeß Daisy Pleß war da und die viel schönere Gräfin Schönborn. Fürst und Fürstin Stolberg, Henckels, Castells und die russische und englische Botschaft. Wir dinierten im großen Kongreßsaal, und auf dem Tisch standen schöne Empire-Bronzeaufsätze. Nach Tisch setzte sich der Reichskanzler neben mich. Schwarzkoppen und Röder versuchten in das Gespräch sich einzudrängen, aber der alte Fürst verstand sie zu ekartieren und zu zeigen, daß er mit mir allein reden wollte. Er fing zuerst wieder von der Lex Heintze an, und sein Refrain war: »Die Welt wird zu dumm, zu dumm!« Er sagte: »Posadowsky hat mich betrogen, er hat mich versichert, das Gesetz würde nicht durchgehen, sonst hätte ich es niemals eingebracht!« Wir sprachen von den allgemeinen Wahlen und welch unglückliches Geschenk Bismarck damit dem deutschen Volk gemacht hat in seiner Feindschaft gegen die Bourgeoisie, im Vergleich zu der ihm sogar die Gefahren der Sozialdemokratie gering erschienen. Der Fürst sprach dann von Bismarcks »Erinnerungen« und erzählte, daß er jetzt die Jugenderinnerungen Eugen Richters läse. »Den Mann hätte man zum preußischen Finanzminister machen sollen, wir haben nie eine so große Kapazität gehabt, aber er hatte sich das preußische Beamtentum verfeindet, und wo das einmal haßt, da wächst kein Gras mehr!« Er erzählte, daß er daran dächte, seine Memoiren zu schreiben, aber jetzt käme er nicht dazu, und wenn er erst mal vom Dienst zurückgetreten sei, würde es ihm gewiß wie so vielen gehen, die mit dem Zwang zum Schreiben auch die Fähigkeit dazu verlieren. In bezug auf unsern Kummer über Mexiko sagte er mir ganz crûment, es kämen jetzt so große Ungehörigkeiten vor, weil S. M. sich eben in alles mische und die Versetzungen ganz allein bestimme. Bei dem ganzen Gespräch war der alte Herr wieder reizend teilnehmend, und er hat large vornehme Ansichten, wie man sie von preußischen Junkern nie hört. Wir hatten sehr lange gesprochen, so daß alle Gäste darauf aufmerksam geworden waren, und als wir gingen, ward ich von vielen damit geneckt.

Aber in einer gutmütigen Weise, es waren ja auch beinah lauter Fremde, und unter denen hat man ja nie Feinde.

14., 15. M ä r z. Zwei Ruhetage, die aber durch scheußliche Sitzungen beim Zahnarzt verdorben waren. Man stirbt stückweis. Mit Haaren und Zähnen fängt es an, und was schließlich von einem übrigbleibt, wird so eklig sein, daß man froh sein wird, diese Hülle der endgültigen Verwesung zu übergeben.

16. März. Edmunds Geburtstag gefeiert. Sein letztes Lebensjahr ist das härteste gewesen, dessen ich mich entsinne. Möchte sich doch in diesem Jahr das Blatt endlich für ihn wenden! Major von Falkenhayn kam, ihm zu gratulieren, und war so warmherzig, wie es eigentlich nur die Leute sind, die draußen zusammen gewesen sind. Er ist soeben mit großem Avancement nach Karlsruhe versetzt worden, und Kapitän Müller ist geadelt und kommt in das Marinekabinett. So hat jeder andere, der in Ostasien war, etwas Gutes bekommen.

17. März. Ich hatte die große Freude, daß morgens ein Exemplar der »Revue blanche« eintraf, in der die »Fleurs de Lassitude« »Revue blanche«, Mars 1900. abgedruckt sind. Das war wirklich einmal etwas ganz Erfreuliches, uns selbst Erarbeitetes. – Nachmittags war eine ganz kuriose Versammlung bei Frau Richter. Das geistreiche und vornehme Berlin, vor dem ein Mr. van der Velde vortrug, wie wir eigentlich unsre Häuser einrichten sollten und was eigentlich schön ist. Danach sollten wir alle unsre schönen behaglichen Erinnerungsstücke verbrennen und in modernem linienverzierten Mobiliar wohnen!

Auf einem sehr netten Diner bei den Muskauer Arnims wollte mir Sommerfeld einreden, daß es ohne Holstein im Auswärtigen Amt nicht ginge, und ich sollte doch suchen, mich mit ihm gut zu stellen. Ich möchte wohl wissen, wie! Graf Kanitz erzählte, im »Lokalanzeiger« seien meine Gedichte bereits annonciert.

19. März. Nachmittags besuchten wir Gräfin Tiele-Winckler in ihrem schönen neuen Haus in der Tiergartenstraße. Berlin ist noch so kleinstädtisch, daß man über sie mißgünstig spricht, weil sie sich etwas auffallend kleidet und soviel reicher wie andre Leute ist. Mißgunst scheint mir überhaupt die charakteristische Seite von Berlin, nur ja nicht jemand aufkommen lassen! Abends gingen wir in den »Biberpelz« Von Gerhart Hauptmann. und amüsierten uns köstlich.

20. März. Auf der Soiree bei Lucadous wurde ich auf meine Gedichte angeredet. Die »Norddeutsche« hat »Etoile mysterieuse« abgedruckt. Sehr komisch, daß ich gerade da hineingekommen bin!

22. März. Mittags mit Stephanie und Edmund nach Kiel gefahren, wo uns Herr von Witzleben und Fräulein von Plänckner abholten. Im Schloß standen Prinz und Prinzessin Heinrich auf der Treppe, empfingen uns aufs herzlichste und führten uns selbst in unsre Zimmer. Bei Tisch erzählte Prinz Heinrich, daß er von Bülow die schriftliche Zusicherung habe, daß wir nur ganz kurz in Mexiko gelassen würden. Danach erzählte der Prinz Edmund, der Kaiser habe bei seinem neulichen Besuch in England aufgezeichnet, wie die Engländer es machen müßten, um die Buren zu umgehen. Diese Richtschnur des Kaisers sei genau von Lord Roberts befolgt worden, der dadurch allein gesiegt habe, und der englische Botschafter habe neuerdings namens seiner Regierung dem Kaiser für den ausgezeichneten Rat gedankt. Es scheint doch kaum glaubhaft, wenn man dabei an das kaiserliche Telegramm an Krüger denkt!

23. März. Gleich nach dem ersten Frühstück kamen der Prinz und die Prinzessin, uns zu einem langen Spaziergang abzuholen trotz heulenden Sturms. Zum Dejeuner war der ganze Hofstaat da und ein Marinedoktor, der sehr lange in einem Hospital in Yokohama gewesen ist. Der Prinz spricht am liebsten über ostasiatische Dinge; man sieht, daß sein ganzes Herz daran hängt und ihm die hiesige Abhängigkeit und Untätigkeit schwerfallen. Ich kann es ihm sehr nachfühlen. Für mich hat der Orient einen ewig hinziehenden Charme. Über viel Dinge sieht der Prinz hier zu Hause auch sehr klar, gerade weil er weggewesen. So war die Rede vom Fürsten Hohenlohe und seiner absoluten Effaziertheit. Dazu bemerkte der Prinz: »Das ist der einzige Reichskanzler, den mein Bruder vertragen kann!«

24. März. Morgens mit Prinz und Prinzeß bei Sturm und Schnee zur Werft gefahren, wo die »Deutschland« liegt. Es war mir ganz melancholisch, sie so abgetakelt hier wiederzusehen, und dem Prinzen ging es ebenso. Er empfindet es so sehr, daß seine Expedition damals mit so unendlichem Trara begonnen wurde und nun so im Sande verlaufen ist. Nach dieser sehr kalten Expedition noch Déjeuner und dann Abschied. Der Prinz fuhr nach Bremen und wir nach Berlin zurück.

In Berlin fand ich einen Brief von Gräfin Bethusy Pröpstin des Stiftes Altenburg. vor, daß ihre Schwester, Gräfin Moltke, Gattin des damaligen Brigadekommandeurs in Breslau, Graf Moltke. anbietet, Stephanie zu sich zu nehmen, während wir nach Mexiko gehen. Das wäre für Stephanie eine sehr glückliche Lösung.

26. März. Unendlich viel zu tun alle diese Tage mit Reisevorbereitungen. Wir wollen am 25. April auf »Wilhelm dem Großen« von Cherbourg reisen und vorher noch ein bischen in Paris sein. Ich plane die Herausgabe meiner Gedichte als Bändchen und will das dort besprechen.

28. März. Nachmittags war ich bei Wildenbruch, der über meine Gedichte ganz fabelhaft anerkennend und freundlich sprach. Der hat es verstanden, wie einem ums Herz ist, um gerade so schreiben zu müssen, und seine Herzlichkeit war mir unendlich wohltuend.

Ich lernte Herrn von Waecker-Gotter kennen, der viel über Mexiko erzählte. Die Stadt muß recht unerquicklich sein, ebenso die Kolonie. Es scheint so ein Reiseexplorationsland zu sein. – Baron Korff, der aus Ostasien zurückkommt, sagte, dort hieße es nur: »Ja, zu Heykings Zeiten ging es alles besser!«

30. März. Wir begannen Abschiedsbesuche zu machen und hatten dann ein sehr nettes Diner mit Sascha Schlippenbach, Dirksens, Keßler im Bristol. Es wurde mal von gescheiten Dingen gesprochen, und ich genoß den Abend sehr. Keßler kennt die ganze neue Literaturrichtung und interessierte mich sehr. Er forderte mich auf, für den »Pan« zu schreiben.

31. März. Wir fuhren zur Eröffnung der Meyerheim-Ausstellung. Seine früheren Bilder gehören einem überwundenen Standpunkt an und sind doch die besseren. Das Bestreben eines alten Künstlers, sich dem ihm fremden jungen anzupassen, hat mir immer etwas Tragisches. Es ist auch so schade, daß er nicht beim Tiermalen blieb; seine Affen sind so unendlich viel besser als seine Mensehen. Daß wir doch alle vom Affen zum Menschen wollen! Selten Erkenntnis der Grenzen! – Nachmittags waren wir bei van der Vliet. Er hat meinen »Repos« ins Russische übersetzt, und wir hatten ein mich sehr interessierendes literarisches Gespräch, bei dem er mir viel von den jungen deutschen Dichtern erzählte, über die ich so wenig weiß. Van der Vliet dichtet und übersetzt die schwermütigsten Dinge, und dabei sind er und seine Frau so reizend rundliche, wohlige Menschen, Urbilder der Behaglichkeit. Sie tragen ihren Weltschmerz wie eine gebratene Wachtel in Speckscheiben eingewickelt. – Wir sagten bei Varnbülers adieu, und sie war wieder reizend anzuschauen. Dem unschuldvollen Stephaniechen gefällt sie besonders – der Zauber der Frauen, die sehr geliebt worden sind!

1. April. Abschiedsbesuche, die ich ganz schrecklich finde, denn die Sache geht mir zu nah, und es ist furchtbar, sie so mit jedem durchzusprechen. Bei Oriolas war viel die Rede vom Flottengesetz, und Waldemar erzählte Edmund, in der geheimen Sitzung habe Bülow den Abgeordneten gesagt, vor zwei Jahren habe er ihnen noch erklären können, daß keine Gefahr für einen Krieg mit England bestände, das könne er ihnen heut nicht mehr sagen! Es ist sonderbar, daß alles so kommt, wie wir es in Ägypten vorausgeahnt haben. Nur für Edmund ist bei alledem kein Platz. –

2. April. Bei Whites adieu gesagt und einen musikalischen Nachmittag mitgemacht. Diese Art der Unterhaltung entspricht dem weiblichen Betäubungsbedürfnis. Musikalisches Opium! – Edmund und ich sahen Björnsons »Über unsre Kraft« in Lindaus Loge. Ein ergreifendes Stück und ein genußreicher Abend!

4. April. Keßler war früh bei mir, und ich las ihm meine Gedichte vor. Er, Wildenbruch und auch Goldmann Vertreter der Wiener »Neuen Freien Presse« in Berlin. sagen, ich müsse Deutsch schreiben. Ich versuche es jetzt, aber es geht unendlich holperig.

Edmund hat einen Konsul aus Mexiko kennengelernt, der ihm erzählte, das dortige Klima sei wegen der Erkältungen so sehr gefährlich. Am Abend bekäme man Schüttelfrost und morgens sei man tot. Wenn die dazwischen liegende Nacht nicht gar zu unangenehm ist, wäre diese Art und Weise wenigstens eine rasche; sie nennen das pleuresia fulminante!

6. April. Frau von Kurowski war bei mir und riet mir, ich möge doch zu Holstein gehen und ihn direkt bitten, uns zu helfen, er habe einen Fond von Gutherzigkeit. Sie meinte, ich solle es ganz ohne Edmunds Wissen tun, aber dazu konnte ich mich nicht entschließen. Ich besprach es doch mit Edmund. Ihm geht es gegen das Gefühl, wie mir auch; aber vielleicht wird man sich später einmal Vorwürfe machen, dies Mittel nicht versucht zu haben. Ich fuhr nachmittags in die Großbeerenstraße, wo Holstein wohnt. Es war mir eine ganz unheimliche Fahrt. Die Parterrefenster waren mit Hyazinthen bestellt – das nahm mich eigentlich für den Mann ein – vielleicht hat er doch irgendwo einen weichen Punkt. Ich sprach nur mit der Portiersfrau, die meinte, morgens vor 10 Uhr sei er zu Hause. Ich konnte den ganzen Tag an nichts andres denken, und es ist alles Unsicherheit und Unruhe. Da steht man wieder vor einer Frage und weiß nicht, was recht und unrecht ist. Das Richtige zu tun, ist ja gar nicht schwer auf der Welt, nur das Richtige zu erkennen. Wüßte man mit absoluter Sicherheit, was das Wahre ist, wer würde noch in das Unwahre verfallen!

7. April. Ich war so erkältet, daß ich zu Bett blieb. Im andern Zimmer lag Günther ebenfalls zu Bett an Röteln, dabei wurde bei mir und im Salon gepackt, und draußen regnete es in Strömen. Der Straßenlärm, das Klingeln im Hotel und das unaufhörliche Knistern des Papiers beim Packen machten mich ganz nervös und unglücklich. Wieviel solcher unbehaglicher Packzeiten habe ich schon durchgemacht. Mir ist manchmal, als bestände mein ganzes Leben in Vorbereitungen für Reisen, die ich nie zu machen wünschte, an Orte, die ich nie sehen wollte.

8. April. Edmund fuhr um ½ 12 zur Audienz beim Kaiser und da es so sehr lange dauerte, hoffte ich so sehr, daß er mit etwas Gutem heimkehren möchte, und ich betete so sehr darum, daß dieser Kelch an uns vorüberginge. Als Edmund wiederkam, waren seine ersten Worte: »Ich habe gar nichts über uns sagen können, aber es war sehr interessant!« Der Kaiser soll in größter Eile gewesen sein, weil er so lang mit einem Professor über die Wiedererbauung der Saalburg gesprochen hatte. Er sagte: »Na, Heyking, Sie wollen auf ›Wilhelm dem Großen‹ fahren, das ist ein gutes Schiff. Sagen Sie Holleben ganz persönlich von mir, daß der Burenkrieg von den amerikanischen Wahlen abhängt, denn wenn Mc Kinley gestürzt wird und die demokratische Partei siegt, so werden die Amerikaner intervenieren, und das wäre doch sehr wünschenswert. Versichern Sie Porfirio Diaz Präsident der Republik Mexiko. meiner besonderen Hochachtung und tun Sie alles, was Sie können, um ihn zu stärken. Vielleicht fällt Ihnen etwas Besonderes dafür ein. In 20 bis 30 Jahren wird es doch zu einem Kampf zwischen denen und Nordamerika kommen, und wir müssen sie stärken, um uns den Markt offenzuhalten. Wenn Sie kulturgeschichtlich etwas für unsre Museen bekommen könnten, wären wir Ihnen sehr dankbar.«

Edmund war über diese wenigen Worte sehr froh. Natürlich haben S. M. Militärinstrukteure vorgeschwebt, und darauf muß man nun suchen hinzuarbeiten. Edmund will an S. M. direkt über die nordamerikanischen Dinge schreiben.

11. April. Nachmittags bei Covarrubbias, Mexikanischer Geschäftsträger in Berlin. die uns eine herzbeklemmende Schilderung von Mexiko machten, wie ungesund es sei und wie entsetzliche Schwierigkeiten das ganze Leben dort böte. Edmund und ich waren ganz herunter, ich rettete mich in mein Bett und las ganz neue deutsche Dichter. Wie gut, daß jedem sein Opium wächst!

12. April. Heut besuchte uns Goldmann, der immer voller Sympathie ist. Er erzählte uns, daß er ein paarmal dies oder jenes versucht habe, über Edmund in die Blätter zu bringen, aber Bülow habe mit den Journalisten eine Art Liebenswürdigkeitsring geschlossen, und alles, was im entferntesten nach einer Kritik Bülows aussehen könnte, sei nicht in die Blätter hineinzubringen.

15. April. Ein grauer, trüber Ostertag. Edmund sieht Mexiko etwas heiterer an, seitdem er von dort ganz zivilisierte englische Zeitungen gelesen hat. Ich erhielt von Mistral Empfehlungskarten an Anatole France und an Henry de Régnier. Nachmittags letzte Abschiedsbesuche. Wenn man hier in Berlin ganz unabhängig leben könnte und nur mit ein paar gescheiten Menschen verkehrte, würde es ganz nett und anregend sein. Aber an diesen Winter denke ich wie an eine große Strapaze zurück. Meine ganzen Interessen liegen in einer total andern Richtung. Zuletzt noch zum Klausner Onkel Grimm, den wir endlich einmal zu sehen bekamen. Er sieht elend aus, aber sobald er ins Sprechen kommt, ist er voll Geist wie immer. Auch das wird alles bald zum Vergangenen gehören. Von dort ins Lessingtheater; wir bekamen noch die zwei letzten Billetts, um die Sorma in dem entsetzlich quälenden Stück »Nora« zu sehen. Dort trafen wir Varnbülers, die sehr freundschaftlich waren. Ich merke überhaupt, wie schlecht es uns geht, auch daran, wie freundlich viele Menschen gegen uns sind, denn quoiqu'on en dise, man hat mehr Freunde im Pech wie im Glück. Dies sage ich nicht aus einer optimistischen Auffassung des menschlichen Charakters, ganz im Gegenteil – es macht den meisten Leuten viel mehr Spaß, bemitleiden zu können, als beneiden zu müssen. –

17. April. Obschon es unser Abreisetag war, mußte ich den Vormittag liegen bleiben, weil ich so rasende Kopfschmerzen hatte. Auch der Nachmittag ging wie im Halbtraum vorbei. Ich war eigentlich ganz dankbar, mich so elend zu fühlen, denn wir waren schließlich auf der Bahn, ohne recht zu wissen, wie. Wir stiegen ein und sahen auf dem Perron die Gesichter der Kinder – – und dann verschwand alles im Dunkel – es war vorbei! – und wir fahren wieder hinaus ins Weite. Wenn es nur den Kindern gut geht! Und möchten sie doch ruhigere Leben wie wir haben. – –

18. April. Die Fahrt durch das Konkurrenzländchen Belgien frappierte mich sehr. Es ist so enorm bebaut, und eigentlich steht eine Fabrik neben der andern. Es regnete noch immer in Strömen, wie die letzten drei Monate in Berlin, aber nach der französischen Grenze wurde es schön, und wir fuhren schließlich bei herrlichstem Sonnenschein nachmittags in Paris ein.

19. April. Es ist eine Wonne, diese heitere, sonnige Stadt wiederzusehen, mit den vielen Leuten, die zu leben scheinen nicht irgendeines tragischen Fluches halber, sondern um das Leben zu genießen. Ich fuhr morgens aus, um Mistrals Empfehlungsbriefe bei Anatole France und Henry de Régnier abzugeben. Anatole France wohnt in Villa Said 5., so bekam ich die Avenue du bois de Boulogne zu sehen, mit all den Reitern, den schönen Häusern und knospenden Bäumen. Ich wartete auf Anatole France in einer netten kleinen Halle voll alter Kuriositäten, aber leider war er krank, so daß ich ihn nicht zu sehen bekam. Régnier ist in Amerika. Ich fuhr dann noch zur Redaktion der »Revue blanche«. Monsieur Felix Fénélon und noch ein andrer Herr empfingen mich aufs liebenswürdigste und sagten mir, meine Gedichte hätten hier sehr gut gefallen. Es war ganz anders, als ich mir einen Redaktionsbesuch vorgestellt hatte, so behaglich und freundschaftlich. Ich las ihnen noch einige neue Gedichte vor, und sie wollen sie herausgeben, sowie ich einen Band zusammen habe. Außerdem aber sagten sie mir, daß sie auch sehr gern Blätter aus meinem chinesischen Tagebuch herausgeben würden, und forderten mich auf, ihnen einen Roman, der in Berlin spielen sollte, zu schreiben. Wir besprachen alles gründlich, und der ganze Besuch war ein succès complet.

21. April. Tagsüber in der Ausstellung, die mir lange nicht so imponiert, wie die letzte. Alles noch unfertig, furchtbarer Staub und trotz der großen Ausdehnung verbaut und crowded up, so daß eine Sache die andere verdeckt und man die Plätzebestechung wittert. Abends holte uns Herr Wolf vom Berliner Tageblatt ab. Mit ihm fuhren wir in das Cabaret des Quatre Arts in Montmartre. Interessantes Lokal. Die Wände sind bedeckt mit Karikaturen von Léandre, die Sänger Leute, die ihre Lieder und Gedichte meist selbst machen, die Sujets politischer und sozialer Art. »Inauguration du Pont Alexandre III«, »Complainte des petit déménagements«. Von da noch in zwei Cabarets »Le ciel« et »L'enfer«, die Kellner als Engel resp. Teufel travestiert, in dem ersten eine Art Abendmahltisch, in dem zweiten wurden die Herren als »cocus«, wir als »belles impures« betitelt. Von da auf den Platz, wo der Moulin rouge ist und dann zum Schluß soupiert bei Maxim, wo zahllose aufgedonnerte Kokotten waren. Es mißfiel mir sehr, aber weniger die armen Frauenzimmer, als die Männer, die da ihre Nächte zubringen.

22. April. Zum Tee bei Funck-Brentanos. Er ein reizend gescheiter alter Herr, die Frau sehr lieb, aber am nettesten die Tochter Claudine, die sehr schön dichtet. Diner bei Münster Deutscher Botschafter in Paris. mit seinem Neffen Groeben, Schlözers, Asseburgs und Bassewitz. Münster erzählte, die Russomanie der Franzosen sei sehr abgekühlt, der Haß gegen die Engländer sei dagegen in fortwährendem Zunehmen.

23. April. Wir dinierten bei Mme. St-Cère, mit Braun und Gautier vom »Figaro.« Es war ein reizend amüsantes Diner in einem winzigen Zimmerchen mit einem kleinen parfum de bohème.

25. April. Morgens von der Gâre St. Lazare ab auf dem Norddeutschen Lloyd-Extrazug nach Cherbourg. Ich hatte so Kopfschmerzen, daß ich den Abschied von Europa kaum merkte. Um 3 Uhr 30 in See gegangen. Ginge es nur auf einen guten Posten, ich würde Europa nicht regrettieren! –

Mexiko

Mai 1900 bis Februar 1903

19. Mai 1900. In Mexiko kommt man an, ohne recht zu wissen wie. Man sieht nichts von einer großen Stadt, nur ein paar Fabriken, und plötzlich hält der Zug in einem schuppenartigen Bahnhof. Ein Wagen brachte uns in das Hotel Sanz, das an der Ecke der so bombastisch beschriebenen Alameda Pappelallee. liegt; sie ist nichts, als ein kleiner Platz mit staubigen Bäumen bewachsen. Beim Eintritt in das Hotel sieht man in einen kleinen Hof mit einer Fontäne, die so plätschert, als lohne es sich nicht mehr der Mühe. Links vom Eingang ist das Bureau, rechts an der unteren Stufe der Treppe hockt eine kleine weiße Marmorstatue, eine junge kniende Frau darstellend, die dem Eintretenden die Hände entgegenstreckt als flehte sie: »Bringt mich denn keiner endlich von hier fort.« Nach diesem seltsamen Willkommen steigt man die Treppe hinauf. Um den inneren Hof mit der unlustigen Fontäne läuft die Veranda, auf die kleine Zimmer münden, an die sich je ein etwas größeres Zimmer mit Fenster nach der Straße anschließt. In zwei solchen Zimmern sind wir untergebracht, und hier heißt es nun aushalten. Der einzig zivilisierte Mensch im Hotel ist die amerikanische Haushälterin; sie sagt, sie sei grau geworden durch den Ärger des hiesigen Lebens. Im übrigen sind nur schwarze und stier aussehende mexikanische Bedienstete im Hause, und die Stubenmädchen, schlampig, verwahrlost, sitzen meist schlafend auf der oberen Veranda und tun damit entschieden das beste, was in Mexiko zu tun ist.

20. Mai. Zum Diner hatte uns Herr von Prollius Deutscher Legationssekretär in Mexiko. in das Restaurant Recamier geladen. Wir fuhren in einer schmutzigen Droschke hin. In den Straßen stand das Regenwasser stellenweise so hoch, daß es über das Trittbrett spülte. Das Restaurant ist dingy und verwahrlost, und aus den Nebenräumen drang wüstes Lärmen zu uns.

29. Mai. Unendlich melancholische Tage. Je mehr ich von dieser Stadt sehe, desto schrecklicher finde ich sie in ihrem namenlosen Schmutz, ihrem Staub, der alles durchdringt, und der furchtbaren zerlumpten Bevölkerung. Eine italienische Stadt dritter Güte ist Gold im Vergleich damit. Die Straßen sind entsetzlich lärmend durch das schlechte Pflaster. Für die nächsten Jahre ist außerdem alles in besonders chaotischem Zustand, weil alle Straßen aufgerissen werden, um endlich eine Kanalisation einzurichten. Daher soll besonders viel Fieber und Typhus herrschen, und deutsche Ärzte raten, Herbst und Winter fortzugehen. Nirgends sieht man etwas Augenerfreuendes, denn die paar grünen Plätze sind gänzlich verstaubt durch die Staubwirbelsäulen, die fortwährend aufsteigen. Erfreulich war die Bekanntschaft von Sir Henry und Lady Dering zu machen, die entsetzlich über Mexiko und die hiesige Gesellschaft klagen. Der Präsident gibt bei jeder seiner Neuwahlen, also alle vier Jahre, ein Diner, zu dem er auch die Gesandten einlädt, und damit ist die Geselligkeit erschöpft. Die Minister oder reichen Mexikaner erwidern kaum die Karten, die man bei ihnen abgibt. Sie sollen die Fremden detestieren und sich mehr und mehr abschließen, besonders seit so viele Yankees ins Land strömen, und sie wollen vor allem nicht, daß ihre Frauen in Kontakt mit fremden Frauen kommen. Der italienische Gesandte ist der einzige, der hier etwas zu tun hat, wegen italienischer Arbeiter, die hier einen Strike begonnen haben. Er ist aber, kaum angekommen, infolge des furchtbaren Staubes, an einer schlimmen Augenkrankheit erkrankt. Mit ihm und dem niederländischen Baron Gevers, dem belgischen Geschäftsträger, Herrn Peltzer, wohnen wir hier in dem schlechten, teuren Hotel Sanz und bilden eine kleine mißvergnügte diplomatische Kolonie.

30. Mai. Heute überreichte Edmund sein Beglaubigungsschreiben im Palacio Nacional in der Stadt. Er sagt, es sei ziemlich feierlich gewesen, der ganze Saal gefüllt mit Offizieren. Porfirio Diaz soll für seine 71 Jahre merkwürdig jung aussehen. Solche Gesandtenempfänge sind hier öffentlich, so daß eine Menge Leute zusahen, die deutsche Kolonie und auch Damen.

Der Aufenthalt hier wird mir besonders schmerzlich, seitdem die Zeitungen täglich Telegramme aus Peking bringen. Die Aufrührer, »boxers« genannt, stehen dicht vor Peking, haben Eisenbahnen und Brücken zerstört, und es sollen jetzt endlich europäische Truppen in die Gesandtschaften berufen werden. Es muß recht schlaff dort gearbeitet worden sein, daß es so weit hat kommen und daß Peking hat abgeschnitten werden können, ohne daß Truppen zur Stelle sind. –

Nachmittags fuhren wir nach Schloß Chapultepec, um Madame Diaz zu besuchen. Der Wagen hielt am Fuß des Berges, in dessen Inneres man durch einen Tunnel hineingeht. Dann wird man durch einen Lift auf die obere Terrasse gezogen. Der Tunnel soll noch aus der Aztekenzeit stammen. Oben hat man eine überraschend schöne Aussicht auf die weite Ebene, in der Mexiko liegt, und auf Landstädtchen zwischen Eukalyptuswäldchen. Von dort sieht man den entsetzlichen Staub nicht, und die Berglinien sind schön. Chapultepec ist der erste Ort in Mexiko, von dem ich mir denken könnte, daß man dort ganz glücklich leben könnte... Madame Diaz ist eine Frau von einigen 30 Jahren, hübsch, liebenswürdig und elegant. Wir sprachen Spanisch mit ihr, was sie zu freuen schien.

31. Mai. Baron Gevers wollte nachmittags mit mir einen Ausflug nach den »schwimmenden Blumeninseln« machen. Der Wind und Staub aber waren so entsetzlich, – man konnte nicht die Häuser auf der andern Seite der Straße sehen, – daß ich nicht hin konnte. Baron Gevers fuhr dann ein Stück Wegs, um sich die Gelegenheit für ein andermal anzusehen. Er meint aber, es seien Wege, die eine Dame kaum machen könne. Die Straßen in diesen Vorstädten sind in chaotischem Zustand, enthalten Haufen jeglichen Unrats, darin wälzen sich Hunde, Schweine und Kinder. Die Gebäude bestehen aus einem einzigen langen einstöckigen Lehmhaus, das in Zellen abgeteilt ist. Jede solche Zelle hat eine Tür, die natürlich offenstehen muß, um Licht und Luft einzulassen. So sieht man denn in das rasende Elend, den Schmutz und die Krankheiten einer jeden solchen Indianerwohnung bis ins Innerste hinein. Man sieht da Pockenkranke, Triefäugige, mit Schwären Bedeckte, eine wahre Musterkarte physischen Elends. Der Kanal, auf dem man zu den »schwimmenden Blumeninseln« gelangt, ist mit dickem, bräunlichen Wasser angefüllt, auf dem allerhand Schmutz und Unrat treibt. Das sind die einzigen »schwimmenden Inseln«, die noch in der Umgegend von Mexiko anzutreffen sind. Früher sollen hier wirklich Blumengärten gewesen sein, falls es nicht etwa damals auch schon mexikanisch-yankeesche Reklame gab – aber diese Gärten sind längst verkotet und verschlammt, und von dem Landweg, der den Kanal entlangläuft, weht immmer neuer Staub auf das schmutzige Wasser und die schwimmenden Unratinseln. Wie sehr die Reklame hier floriert, beweist, daß, als kürzlich nachts ein ziemlich starkes Erdbeben stattfand, am nächsten Morgen in den Zeitungen zu lesen war, es sei zu schade, daß sich solche Erdbeben nicht in der Winterreisezeit einrichten ließen, denn sie seien a novel and curious, experience und würden gewiß viele Reisende in das interessante Land ziehen.

1. Juni. Nachmittags unternahmen wir eine Fahrt nach der Guadaloupe-Kirche. Nachdem man durch einige anständige Straßen gefahren war, kam man durch unnennbare Gegenden. Aus dem Boden steigen mefitische Dünste auf, daß man förmlich die Typhuskeime um sich schwirren zu sehen meint. Der Wagen balanciert zwischen Steinhaufen und sumpfigen Löchern; manche Straßen bestehen aus einer dicken, braunen Schlammasse, andere stehen voll Wasser, in dem sich die langen Reihen von Lehmhütten spiegeln. Man weiß nicht mehr, fließt das Wasser in die offnen Türen hinein, oder wird der Schmutz des Innern in das Wasser hinausgegossen. Manche Straßen haben in ihrer Mitte einen schmalen erhöhten Streifen, auf dem der Kutscher den Wagen ängstlich zu erhalten sucht; dann sind auf beiden Seiten lange, tiefe, stinkende Pfützen, und man fürchtet jeden Augenblick, in das nasse, braune, entsetzliche Etwas zu gleiten. Die Bewohner dieser Stadtteile sind namenlos elend und verkommen. Man sieht da in Höfe hinein, die so viel Elend, Schmutz und Schlechtigkeit enthalten, daß sich das Herz zusammenkrampft und man es alles für Fieberphantasie halten möchte. Aber es ist Wahrheit, und keine Feder vermag die ganze Wahrheit zu schildern. Inmitten dieses braunen Schmutzes sind einzelne Läden in grellen Farben gestrichen, und dazwischen Annoncen von Jahrmarktsbuden mit unmöglichen Wasserfällen, Riesentieren und nackten Weibern, alles möglichst in die Augen springend, auf die stumpfen Sinne dieser verkommenen rohen Menschen berechnet. Inmitten von alldem erheben sich Kirchen mit verfallenen Türmen und verwitterten Kuppeln, und man weiß nicht recht, sollen sie dieser elenden Menschheit Trost oder Hohn sein. Ganz erstaunlich ist die Anzahl Kinder, die man überall und jedenfalls auf jedem Schmutzhaufen sieht; und wenn man bedenkt, zu welch elendem Verkommen sie geboren werden, so sollte hier entschieden eine Prämie auf Kinderlosigkeit gesetzt werden. Solch haufenweise tierische Menschheit, wie man sie hier oder in China sieht, ertötet in mir jeden Rest von Unsterblichkeitsglauben. Ich begreife ihn in einer kleinen deutschen Provinzstadt, wo jeder jeden kennt und man sich sagt, »der arme Herr Soundso ist gestorben, er war so nett, nun sehen wir ihn erst im Jenseits wieder«. Aber bei diesem Haufen von Wesen, die ekliger und kaum höherstehend als das niederste Tier sind, da bildet der Gedanke an ein mögliches Weiterleben nur einen Grund zu neuem Entsetzen. – Nachdem wir aus der Stadt heraus waren, kamen wir auf eine löcherige Chaussee, die durch eine trostlose Gegend führt. Speicher, Schuppen, alles von abschreckender Häßlichkeit. An einer Seite der Chaussee ein Graben fettigen Wassers, dessen Oberfläche mit öliger irisierender Haut bezogen ist. Abfälle jeder Art treiben darauf herum, und Frauen knieten am Ufer und wuschen namenlose Lumpen darin oder schöpften Wasser daraus in zerschlagenen Tongefäßen; eine Frau wusch sich die Haare in diesem grünlich-fettigen Wasser, und dann, um sie zu trocknen, warf sie den Kopf hin und her wie ein tanzender Derwisch. Ein eisiger Wind wehte, denn es war ein Gewitter gewesen, im Gebirge hingen noch graue Wolken und am Ende der Chaussee hob sich die Guadalupe-Kirche hell ab von einem heinahe schwarzen Bergrücken. Es wurde so kalt, daß wir umkehrten, ohne bis hin gekommen zu sein. Der Rückweg war beinahe noch schlimmer als der Hinweg. Ich erkannte alle furchtbaren Pekingdüfte wieder, hier aber zieht noch durch alles der säuerliche Pulquegeruch, der am meisten erinnert an die Luft in Kajüten seekranker Menschen.

11. Juni. Hiesige Spielhöllen und Hahnenkämpfe gesehen. Schon in den Straßen steht es voll kleiner Buden und Tische zum Spielen, bis um einen Centavos herab kann man da setzen, und ganz kleine Kinder kommen an diese Tische und versuchen ihr Glück mit irgendeiner winzigen Münze. In den eigentlichen Spielhäusern stehen dann primitive Roulettes, und man sieht große Silberhaufen, die auf eine Nummer gesetzt werden. Die Spieler sind meist unheimliche Gestalten, und man sieht deutlich, wie sie den Revolver mit der Hand in der Tasche halten. Hinter einem dieser Säle war eine kleine Arena, von einer Brüstung