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Marie Hirsch – Im Nonnengarten

Novelle

Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 56ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

Es hausen keine Nonnen mehr dort. Im Grunde genommen ist's auch kein Garten, sondern nur ein schmaler Fußweg zwischen zwei Hecken, dem man den Namen gegeben hat. Ob einst vor Zeiten, in altersgrauer Vergangenheit, da die Stadt noch katholisch war, der ganze Bezirk, den jetzt dieser Weg durchschneidet – von der Hauptstraße droben bis an den Fluß – ein Ganzes gebildet, ob er zu einem Kloster gehört hat, danach mag man in den Chroniken forschen. Wer aber aus dem Staub und Geräusch der städtisch bebauten, lebhaften Straße, durch den hochgewölbten Torweg des stattlichen Vorderhauses hindurch, in diese grüne Stille tritt und nun im Schatten der alten Linden, zwischen den blühenden Weißdornhecken bis zum Wasser hinunter wandert, der glaubt sich plötzlich, auch heute noch, in ferne Zeiten, weit fort, in ländliche Einsamkeit, in klösterlich traumhaften Frieden versetzt.

Über die Hecken hängen aus den großen benachbarten Gärten zu beiden Seiten Zweige herüber, Fruchtbäume strecken ihre blütenbeladenen Aste in den Nonnengarten hinein, daß seine Bewohner sich an der heiteren Pracht erfreuen, die ihnen freilich nicht gehört. Zur Linken steht eine kurze Reihe von altmodisch niedrigen Häusern. Sie sind einander völlig gleich, sie haben alle die grüngestrichene Tür in der Mitte, ein Stockwerk nur, und darüber, unter dem verschnörkelten Giebel des schrägen, schindelgedeckten Daches ein einzelnes rundes Guckfensterchen. Vor hundert Jahren oder noch früher soll, so heißt es, Herr Dietrich Mönkmann, einer der Bewohner des Vorderhauses, die Wohnungen hier zur Sommerfrische für seine Kinder und Anverwandten errichtet haben. Doch bis auf einen alten Mann ist sein Stamm erloschen; es lebt niemand mehr, der den Namen weiter forterbt. Die heute hier wohnen, sind von mannigfacher Herkunft, von verschiedenem Stand und Blut. Aber, ist es ein alter Zauber des stillen Ortes, ist's eine Folge ihres nahen Beisammenlebens, sie fühlen sich noch, als wären sie eine einzige Familie, in Freud und Leid aufeinander angewiesen. Meist sind es Leute, minder mit irdischen Glücksgütern als mit Kindern gesegnet; alleinstehende Frauen, welche das aufregende Stadttreiben fliehen; Gelehrte, die zu ihrer Arbeit der Ruhe bedürfen. Wer sich in den Nonnengarten zurückzieht, vernimmt von der Welt draußen nur, so viel er will.

Das ist es, was dem Leben hier seine Eigenart, was ihm seinen Reiz verleiht: in diese heimliche Abgeschiedenheit dringt kein Hufschlag, kein störendes Knarren von Wagenrädern, kein unschöner Lärm; aber ein paar Schritte weiter, nur hinauf durch den alten Torweg, und das geschäftig bewegte Treiben der großen Stadt wälzt sich hastig vorüber. Und steht die Stadt sonst in dem Rufe, nüchterne Menschen zu erziehen, die im Feilschen und Mühen um Geld und um Gut ihren Lebenszweck erblicken, so geht aus dem kleinen Nonnengarten ein anderes Geschlecht hervor. Die hier Kinder waren, fühlen einen höheren Ehrgeiz; die Poesie ihrer Jugendheimat hat ihnen allen ein Etwas ins Gemüt gepflanzt, das sie nie ganz verlieren können; ihr Denken und Wollen bewahrt einen Zug zum Idealen. Wie weit das Leben sie auch hinausführt, treffen sie jemals wieder zusammen – wo immer es sei, sie fühlen sich zueinander gehörig, sie grüßen sich froh als Spielgenossen, als Kinder aus dem Nonnengarten.

Denn, was ihr Schicksal ihnen auch brachte, ob Erfolg, ob Verzagen, ob ihr Streben reich gekrönt ward oder mißglückte – eines haben sie vor vielen, vielen anderen Menschenkindern voraus, haben sie miteinander gemein: die Erinnerung an eine sonnige Jugend – Unter den alten, mächtigen Linden durften sie spielen, wie sie wollten; vom großen Vorderhause an bis hinunter zum Wasser waren sie unumschränkte Gebieter; alle einander gleich und vertraut, ohne Unterschied von Rang und von Stand, allmächtig wie Fürsten, frei wie die Zigeuner, und lustig, fröhlich, übermütig, wie eben nur Kinder, sorglose Kinder in einem Kindheitsparadies. Ganz so gut kann es keinem von ihnen im Leben mehr werden – sie kehrt nicht wieder, nichts führt sie zurück, jene selige Zeit, da sie jung waren im Nonnengarten

Es ist Sonntag, die Sonne scheint, und über die noch kahlen Zweige spannt sich ein lachend blauer Himmel mit leichten, lichtweißen, schnellziehenden Wölkchen. In der frischen Morgenfrühe kommen alle Kinder aus den Häusern, treffen hier vor den Türen zusammen. Heute ist keine Schule Endlich sind sie den engen Wänden, der trennenden Zimmerhaft entflohen; der lange strenge Winter ist vorüber. Da und dort liegt unter der Hecke, mahnend an seine überwundene Herrschaft, noch ein Häuflein grau gewordenen Schnees; doch er schmilzt sichtbar zusammen, bis Mittag werden die warmen Strahlen der Aprilsonne auch diesen letzten Rest vertilgen. Hier, neben dem Schnee stecken aus dem feuchtschwarzen Erdreich schon die ersten duftend blauen Veilchen ihre Köpfe scheu hervor. Mit Jubel begrüßt die Schar der Mädchen den lieblichen Fund; sie streiten sich darum; eine jede behauptet, daß sie zuerst die Blumen entdeckt hat, sie allein sie pflücken darf.

Und auch bei den Knaben zeigt sich die Freude, wieder im Freien ihre Glieder tummeln zu dürfen, zuerst in Kampflust. Zwei kleine Bürschlein erproben im Ringen die lange nicht geübten Kräfte. Jetzt ist der eine droben und jetzt der andere. Die Genossen stehen umher, rufen Beifall, fällen ihr Urteil, fachen den Mut der Kämpfenden an. Es gilt zu beweisen, wer in diesem Jahre im Nonnengarten der Stärkste sei.

Der Kreis der Zuschauer hat sich erweitert; neugierig drängen sich jetzt auch die hübschen Mädchengesichter herzu; selbst zwei stattliche Sekundaner, die sonst dergleichen Kinderspielen längst entsagten, bleiben in ihrem Spaziergang stehen.

»Du, Erwin,« sagte der blonde Rudolf, der größere von beiden, »weißt du noch, wie wir zwei miteinander rangen, als wir so jung waren, wie diese hier? Damals, als ich die kleine Käthe beim Spielen gestoßen hatte und du, zornentbrannt, mich darauf deine Fäuste spüren ließest. Weißt du es noch?«

Der andere nickt nur. Das schmale, bräunlich dunkle Gesicht mit den feingeschnittenen Zügen wendet sich von dem Kampfspiel fort, dort hinüber, wo zwischen den anderen die Käthe steht. Sie hat die Veilchen für sich erobert, bindet sie jetzt zum Strauße und blickt nur einmal flüchtig in die Höhe. Die dunklen Wimpern senken sich wieder auf die Wangen, verbergen den Schalk, der hinter den Lidern ihr heimlich lacht. Sie ist dreizehn Jahre alt. Aber schon mit dreizehn Jahren weiß solch ein Frauenzimmerchen – mag es auch tun, als ob es nichts sähe – sehr genau, wenn man es anschaut.

Erwin hat Rudolfs Arm fahren lassen. Er steht neben ihr: »Sind die Veilchen für mich?«

So schnell dreht sie den Kopf herum, daß die langen goldbraunen Zöpfe fliegen. »Für dich?« fragt sie erstaunt, mit unschuldiger Miene; »wie kommst du darauf?«

Ein kleineres blondes Mägdlein spricht dazwischen: »Soll ich dir Veilchen pflücken, Erwin? Ich weiß, wo sie stehen, ich hole sie schnell.«

Und von der anderen Seite ruft Rudolf zu gleicher Zeit: »Wo bleibst du nur? Hast du's gehört, was diese kecken Burschen da sagen? Wir hätten wohl Streiten und Ringen verlernt, sie könnten weit mehr jetzt, als wir Großen«

»So?« entgegnet gleichmütig jener, »das wollen wir sehen.« Es ist ihm just nach Kämpfen zu Sinne. Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, packt er den lautesten der Schreier, drückt ihm kräftig sein Knie auf die Brust und knickt ihn zu Boden, bevor er nur Zeit zum Widerstand hat. Das gibt einen Aufruhr in der Schar, daß die Spatzen auf den Dächern vor dem Lärm erschrocken auseinander stieben.

Aber der junge geschlagene Held, indem er sich den Sand aus den Augen reibt und von den Knien der Sonntagshose sorgsam die feuchte Erde abklopft, erklärt sehr ruhig: es sei keine Schande, von einem Größeren besiegt zu werden. Als den besten Kämpen im Nonnengarten könne er Erwin nicht anerkennen, bevor er nicht auch den gleichaltrigen Rudolf bezwungen habe.

Doch Erwin lächelt überlegen: »Wir zwei kämpfen nicht.«

»Weshalb? Haltet ihr euch zu gut, noch mitzumachen? Oder verträgt eure hohe Freundschaft den Wettstreit nicht?«

»Weshalb nicht Erwin?« fragt auch Rudolf, leise des Freundes Schulter berührend. »Laß uns ihnen den Willen tun.« Was liegt denn daran? Unsere Freundschaft wird wahrlich nicht darob ins Wanken geraten, daß beim Ringen einer den andern besiegt.«

Erwin wirft den Kopf zurück, seine Augen blitzen: »Die meine nicht«

»Nun, und meine ganz gewiß nicht,« versetzt jener lachend. Und er stellt sich dem Gegner.

Das ist denn doch ein anderes Schauspiel, als da vorhin die Jungen sich rauften Diese zwei sind wohlgeschult. Rudolfs Gestalt ist kräftiger, größer, aber Erwins schnelle Geschmeidigkeit hält ihm die Wage. Das Kampfglück schwankt. Jetzt rufen die Zuschauer dem einen, jetzt dem anderen Beifall. Und jetzt stehen sie, ohne zu atmen, schweigend, ganz Auge; denn die beiden haben einander fest umklammert, jeder preßt den anderen an sich, keiner kann ihn zu Boden drücken. Der Kampf muß damit ein Ende nehmen: sie sind einander gleich an Kraft

Aber indem ihre Arme sich lösen, da Rudolf aufatmend zurücktreten will, wendet Erwin den Kopf. Da drüben hinter den sich drängenden Knaben, reckt die Käthe ihr schlankes Figürchen gewaltsam empor, um zu erspähen, was sich begibt. Auf den Zehenspitzen stehend, schaut sie aus großen, dunklen Augen neugierig herüber. Und da sie seinen Blick erfaßt, hebt das übermütige kleine Ding den Veilchenstrauß an das Stumpfnäslein, als ob sie den Duft einsaugen wolle. Ihre lächelnden Lippen bewegen sich, bilden ein Wort. Er kann es nicht hören, doch er sieht es. »Dem Sieger« sagt sie.

In derselben Sekunde hat er Rudolf wieder gepackt, fast umgeworfen. Der aber, ob des plötzlich unvorhergesehenen Angriffs in Feuer geraten, setzt sich mit verdoppelten Kräften zur Wehr. Bisher war es ein Wettstreit den Zuschauern zuliebe, nun erst wird es Ernst. Aber auch im Ernste muß Erwin Meister bleiben. Er zum mindesten glaubt es. Stolz hebt er wieder den Kopf, zu ihr hinüber zu schauen, und ... statt den Gegner zu Fall zu bringen, kommt er selber ins Schwanken, sein Fuß gleitet aus, er verliert den Halt – rücklings stürzt er zu Boden.

Ein Jubel sondergleichen erhebt sich. Dem heiteren, für jeden zugänglichen Rudolf gönnen alle den Sieg; vor dem stillen, hochfahrenden Erwin fühlen sie eine geheime Scheu. Und also umringen sie denn jenen, sie lassen ihm nicht die Zeit, nach seinem geschlagenen Widersacher sich umzuschauen; vier zugleich heben ihn auf ihre Schultern, ihn im Triumph durch den Nonnengarten zu tragen. Erwin hatte sich schnell wieder erhoben.

Er sieht, wie die Käthe zu jenem hineilt: »Da, Rudolf, den Strauß bekommst du als Sieger« Und Rudolf lacht und nimmt ihre Blumen und schwingt sie hoch.

Das sieht er, nichts weiter, und will auch nichts sehen.

Dieselbe Kleine, die vorhin anbot, ihm Veilchen zu pflücken, kommt ihm eilig nachgelaufen, will seine Hand haschen, will ihn trösten. Er stößt sie zurück und stürmt ins Haus, hastig die steile Treppe hinauf. Er hört nicht, wie die Mutter ihm nachruft. In dem Zimmerchen, das er hoch oben unter dem Dach allein bewohnt, riegelt er die Tür zu. Er mag den Sonnenschein draußen nicht sehen, die Helle schmerzt ihn. Und er will die lustigen Stimmen, das Lachen, das durch alle Wände, durch das geschlossene Fenster hereindringt, nicht hören noch wissen. So sitzt er am Tisch, das Gesicht in die Arme gestützt. Er denkt nicht; er fühlt es in allen müden, wunden Gliedern: er unterlag, Käthe bot ihre Veilchen dem Sieger – und Rudolf, sein Rudolf, nahm sie und lachte ...

Doch indessen er so in wortlos dumpfen Brüten befangen sitzt und grübelt und sich sagt, daß er nie, nicht bis ans Ende seiner Tage dieses Leid verwinden werde, hat der Apriltag sich verwandelt. Die Sonne barg sich hinter Wolken, es ist dunkel geworden, und große, weiße Schloßen« schlagen plötzlich laut prasselnd an die Scheiben. Der Hagel wird die jungen Blüten drunten vernichten, so wie ihm heut' sein Hoffen vergällt ward. Arme Veilchen Ist es ein Trost, an ihr Schicksal zu denken? Vielleicht. – Sinnend schaut er hinaus in das Treiben von Wind und Wetter. Dann schiebt er die lateinischen und griechischen Lexika, die auf dem Tische liegen, zur Seite, aus einem geheimen Fache zieht er ein dünnes Büchlein sorgsam zusammengehefteter Blätter. Und jetzt gleitet seine Feder über den Bogen:

Wie das Wetter niedersauste,
Hat's die Knospen jäh getroffen;
Da sie ihm den Strauß tat reichen,
Da zerbrach mein junges Hoffen.


Aber nach dem Regenschauer
Kehrt dem Laub die Sonne wieder –
Wenn die Lieb' sich von mir wendet,
Bleiben treu mir meine Lieder ...

Er hebt das Haupt auf, seine Augen leuchten, er fühlt sich wie befreit. Ob auch andere junge Poeten schon Ähnliches dichteten oder dachten, was tut das? Die Verse strömen ihm aus seinem Herzen, nehmen die drückende Last mit sich fort. Es klopft.

»Bist du es, Mutter?« ruft er schnell, wirft das Löschblatt über das Geschriebene, springt empor und schließt die Tür auf.

Doch in der Spalte erscheint nicht die Mutter mit ihrem blassen Witwengesicht – sondern Rudolf.

Eine Sekunde stehen die beiden stumm einander gegenüber. Dann tritt Rudolf ein, zieht hinter sich die Tür ins Schloß und faßt des Freundes beide Hände:

»Das kann nicht sein, was die Knaben unten behaupten, daß du mir zürnst, weil ich dich besiegte? Wir sind keine Kinder mehr. Der Ehrgeiz im Nonnengarten als der Stärkste zu gelten, darf unmöglich uns auseinander bringen. Und – nicht wahr, Erwin? – auch das war Verleumdung, daß du um der Käthe willen mir gram sein könntest. Da,« und er wirft mit verächtlichem Schwung die halbwelken Veilchen auf den Schreibtisch, »da, nimm ihr Geschenk, wenn's dich danach verlangt. Um solch ein kleines bezopftes Ding, das so viel Launen hat wie Haare auf dem runden Köpfchen, werden ernste, ehrliche Freunde, wie wir es sind, sich nimmer entzweien«

Nein. Erwin fühlt, wie ihm das Blut in die Wangen steigt. Er hätte nicht so männlich handeln, dem Siegespreis so leicht nicht entsagen können »Du hast recht, unsere Freundschaft steht höher. Und, Rudolf,« fährt er leise fort, »du sagst oft, daß du Respekt vor mir hast, seit dem Tage, an dem ich dich einmal zu Boden zwang. Von heute an, wo du mich an Kraft wie an Großmut besiegtest, will ich mich dir beugen. Schau her, so soll's sein«

Er ist zu seinem Schreibtisch getreten, von den heiligen Blättern, die bis heute noch niemand erblickte, auch der Freund nicht, zieht er die Hülle. Unter die Verse, die er vorhin geschrieben, setzt er den dritten:

Ist die Kunst mir Lebenssonne,
Die mich wärmt, mich froh begeistert,
Sei die Freundschaft mir der Leitstern,
Der mich aufwärts lenkt und meistert.

»Du bist ein Dichter« ruft Rudolf in bewunderndem Staunen ob dieser ihm unglaublichen, noch nie dagewesenen Leistung.

Aber Erwin entgegnet bescheiden, wie er bis heute niemals war: »Du bist ein Mann, und das ist mehr. Doch mit deiner Hilfe will auch ich einer werden.«

Es ist April – früh am Tag, früh im Jahr, wie in ihrem Leben. Aber der Bund, den die beiden jetzt in gehobener Begeisterung erneuen, wortlos, Aug' in Auge, Hand in Hand, der wird dauern, wird sich bewähren in Sommersgluten und Herbstesstürmen.

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