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Sophie Hoechstetter – Nacht der Geburt

Novelle

Aus: Eos und Hesperos, Hans Heinrich Tillgner-Verlag, Potsdam, 1920


NACHT DER GEBURT

(24. OKTOBER 1796)

GESCHRIEBEN ZU BERLIN IM MÄRZ 1919



Durch die Wälder – durch die weiten Wälder zwischen einem alten Lustschloß und der Stadt Ansbach – kam des Oktober abends ein junger Mann. In seinem Schritt lag Kraft, seine wohlgebildete Gestalt drückte Sinnen- und Lebensfreude aus. Das Jünglingsgesicht war noch herb genug, daß es geistige und edele Dinge zu verraten schien. Der Herbstwind raschelte im goldig gewordenen Laub. Er trieb es hin über die melancholischen Teiche, die, umschattet wie Spiegelbilder rätselhafter Brunnen und Tiefen, verstreut sind in den schweigenden Wäldern. Es war, als tanzten ein wenig Sonnenstrahlen auf den dunklen Spiegeln, Strahlen eines unbegriffenen Lichtes, Augenblicksdinge, trügerische Hoffnungen, die unerbittlich erlöschen mußten, wenn die Wasser sich um sie schlossen. Der Jüngling sah die toten Weiher nur flüchtig an, wider Willen nicht ganz fähig, den Blick überhaupt abzukehren. Sie erinnerten ihn an irgendwelche Augen, und er besann sich in einem Unlustgefühl, an wessen Augen denn. Und er erinnerte sich: diese Weiher glichen ein wenig den Augen antiker Bildwerke in ihrem Toten, ihrem blicklos Tragischen. Beim Himmel nein, der Jüngling suchte andere Augen. Er riß seine Uhr heraus und fand, daß er sich verfrüht habe. So bald konnte er nicht zu seinem Mädchen kommen. Da war noch nicht die Stille im Hause, die sie brauchten. Er mußte sich Zeit lassen. So gab er seinem Schritt ein ruhigeres Maß. Schwermütiges Land, dachte er flüchtig. Am Wege waren vereinzelte Zypressen, die traurig und seltsam dastanden, der Kiefer des Waldes angepaßt und dem Hinstreichen des Windes. Fremdlinge, sich mühend, nicht mehr aufzufallen, und doch für immer aus einer anderen Heimat. Der Jüngling kam an den Rand des Waldes und sah unter sich, rötlich beglänzt im Abendschein, das alte Ansbach – sah es und sah es nicht. Denn etwas anderes war: Am Himmel standen Sonne und Mond – auf eine rätselhafte, niegekannte Weise einander nahe geruckt. – Die Sonne war strahlenlos, ein glühender Ball. Der Mond stand in großer zunehmender Sichel grün und unwirklich da, als wollte er dem stolzen Gestirn entgegenschreiten. Das rote und das grüne Licht verklärten einen unerträglichen Himmel – unerträglich, weil er schien wie eine gläserne Kuppel, die sich atemberaubend herniedersenken will. Sonderbares Himmelzeichen, dachte der junge Mann in der Sprache seinerzeit, und ging betroffen wie unter etwas Rätselvollem, das der Lust verwandt war und doch einem Gefühl beklemmenden Fremdseins mit allen Dingen, sacht weiter. Als die Häuser der Stadt kamen, hatte sich Dämmerung über sie gebreitet. Der junge Mensch wanderte den neuen Weg hinein, sein Schritt hallte auf den Fliesen der steinernen Promenade, am Herriedertor kontrollierte flüchtig der Zollner, und dann erreichte der Jüngling eine enge Straße und ein schmales wappengeschmücktes Haus. Er ging die Treppe hinauf, fand keine Dienerschaft und klopfte ans nächste Zimmer. Der Hausherr, welcher ihn empfing, war ein nicht mehr junger Mann, in dessen Augen eine sonderbare und hilflose Verstörtheit lag. »Ich soll das für die Frau Gräfin abgeben«, sagte der Eindringling und zog ein kleines Päckchen aus der Tasche. »Mein Vater läßt alles Gute wünschen. Die Frau Gräfin schienen Lust zuhaben, aus der Sammlung meines Vaters dieses kleine Figürchen zu besitzen.« Der Graf wurde etwas verlegen und dankte hastig. »Der Baron hat sich doch nicht beraubt« fragte er unbeholfen und fuhr fort: »Sie verzeihen, daß ich Ihnen diesen Abend keine Gastfreundschaft anbieten kann, meine Frau steht vor ihrer schweren Stunde, und ich war gerade entschlossen, zum Arzt zu gehen –« Der junge Gast versicherte, es sei ihm eine Ehre, den Grafen zu begleiten. Da der Hausherr das Geschenk noch seiner Frau bringen wollte, blieb der Fremde ein paar Minuten allein. Enge, Angst, Leid waren in seiner Nähe. Durch die Wände drang ein sonderbares Flüstern. Es schwoll an zu der hilflosen Not des Seufzers und verebbte wieder zu einem grauen Rieseln wie von Staub. Der junge Mensch sah fröstelnd um sich. Er dachte, daß er nicht in diesem Hause wohnen möchte, und sehnte sich fort. Seine lebhaften Schritte tönten fröhlich neben den müden und aufgeregten des Grafen in den dunkelen Straßen der Stadt. An Ketten rasselten ab und zu Öllampen herunter, und diese Laternen waren vielleicht die einzigen Erinnerungen der Emigranten, die Ansbach aufgesucht hatten, an die Schrecken von Paris. Ein weiter Platz tat sich auf, in edler Kühle lag das große Schloß da. Das Mondlicht machte es weiß, und vom Hofgarten herüber rauschten die Linden. Feierliche Stadt, dachte der Fremde. Der Graf blieb stehen und sagte mit einer sorgenvollen Stimme: »Es ist keine gute Zeit, in die mein Kind hineingeboren wird.«  Und er verabschiedete sich von dem jungen Mann. Der sagte ein Scherzwort, hatte ein Lächeln auf den Lippen und ging weiter in den dunkelen Hofgarten hinein. Dort wohnte seine kleine Geliebte, sein Mädelchen.


Der blassen Gräfin war eine Ruhepause vergönnt, sie hatte die Dienerin hinausgesandt und lag allein. Sie konnte das Mondlicht sehen, wie es die Giebel des gegenüberliegenden Hauses so silbern machte. Und sie konnte die weiße Kühle des Elfenbeins fühlen, das sie in der Hand hielt. Es war ein kleiner griechischer Gott, und ihre Finger umschlossen seine edle Form. Die Gräfin war beruhigt dadurch. Sie war sogar ein wenig glücklich für den Augenblick. Der höfliche Emigrant, ein Baron aus dem Süden, den die Revolution in Paris überraschte, und der mit vielen hundert Franzosen ins Ansbachsche geflohen war, hatte ihr neulich das Petschaft mit dem Griechengott gezeigt und nun ihren Wunsch danach erraten. – Die Leute in Ansbach errieten ihr Verlangen nie. – Die Gedanken der bleichen Frau dämmerten ein wenig in fremde, nie betretene, von Sehnsucht überflackerte Länder hinüber. Die gute Gräfin hatte nie eine Reise gemacht. Aber sie wußte von Iphigeneia, von Orest und Pylades, von den Helden Homers, von Achilles, von Antinous; das blaue Griechenmeer und selige Inseln taumelten durch ihre Vorstellungskraft. Wie schön mußte es gewesen sein, unter den alten Göttern zu leben, dachte sie schmachtend und emphatisch. Und ihr Fühlen ward für einen Augenblick zum Ozean, auf dem silberne Kähne schwammen, von schönen Knaben befahren – – – Die Gräfin umklammerte das weiße Elfenbein, eine kranke, nie erfüllte Sehnsucht floß über ihre Seele, sie spürte den schwachen Strom ihres Lebens in der Ekstase einer unbegriffenen Hingabe – »ach er möchte wie ein Quell versiechen«. Und ihr war, als weitete sich das düstere Zimmer, als erblicke sie blühende Länder, durch die spielend und träumend ihr junger Sohn schritt. In halbe Bewußtlosigkeit sinkend, glaubte sie, wie Millionen Mütter vor und nach ihr, daß sie einem Heiland das Leben geben würde, einem jungen Gott. Ermattet, hinfließend, wie geblendet schloß sie die bleichen Lider.


»Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,
Wird zu keinem Dienst der Erde taugen


Als der Graf zurückkam, war es, als nahte mit seiner verschlossenen und ein wenig ängstlichen Gestalt wieder die Erdennot. Die Nacht brach herein, und die Gräfin rang mit Seufzen und Schmerzen – – –


Der Frühschein stand noch nicht am Himmel, der Mund, der eben noch einen anderen genossen, schmeckt Rauch und Nebel und kalte Feuchte. Der junge Emigrant war auf dem Heimwege. Noch nie hatte er um diese schauerliche Stunde vor dem ersten Frühlicht eine Wanderung gemacht. Sein Blut war erregt, sein Herz gesättigt, sein Körper überwach und feinerer Sinnesempfindung als sonst. Er blieb oben am Hügel stehen, aufatmend, ein wenig fassungslos in augenblicklicher Schwäche, und sah und hörte plötzlich nie gefühlte Dinge. Ging der Aufruhr durch diese Welt?? Alles ward so lebendig. Die Hügel bebten in einem dumpfen Atmen, als wollten sie sich anschicken, mit unerhörter Stimme zu sprechen. Der Wind in den Büschen rief verwehende Liebesworte, der Wind über den Wipfeln klang wie aus unermessenen Weiten und Zeiträumen herüber. Und vom Grunde der Erde stiegen kleine, gequälte, zagende Rufe, kleine Laute von Lebewesen, während man doch gedacht, die Nacht der Natur gehört dem Schlaf – und nur Menschen vermögen es, sie mit der Stimme ihres Blutes zu erfüllen. Wo bin ich? dachte der Mann und sah halb irren Auges die pathetischen Wolkenmassen um den Mond zerrinnen, der weiß, silbern, kalt aus tragischer Höhe herab über die stille Stadt schien und über die unermeßlichen Gründe des Weltalls. Wo bin ich – fühlte der Mensch, fühlte sich verlassen, verzweifelt, hilflos vor dem schmerzensvollen Bild der Nacht – und wußte in Sekundenschnelle wieder: mein Mädchen ist noch warm von meinen Küssen. Und er lächelte zart – und wußte plötzlich, wie sollten wir die Welt ohne den Eros ertragen? Wie vermöchten wir anders das schmerzliche Gefühl des Alleinseins im All zu überwinden, als durch die Nacht der Vereinigung?? Er ging weiter. Aufruhr durchströmte die Natur. Finsternis und Licht begannen ihren Entscheidungskampf. Ewiges Ringen und Erdensymbol, ewige süße Tragödie jedes neuen Morgens! Wohl dem Begnadeten, der in seinen Tag etwas mit hineinnehmen kann von dem Dunkel, aus dem er immer wieder in sein Leben das Mysterium der großen Schatten holen darf. Wohl dem Menschen, dessen hellster Gedanke vermählt ist mit dem Geheimnis der Nacht der Geburt und dem ewigen Mythos der Erde.


Im trüben Frühlicht verblaßten die Sterne, Die Blicke eines Vaters suchten ein Stück Himmel ab, das in die enge Gasse dämmerte. Er suchte seines Kindes schönen Morgenstern. Das Auge fand auch ein Gestirn, das vereinsamt aus Nebeln schien. Es war nicht die blaue Flamme der Venus und nicht des Jupiters rötliches Flimmern. Blaß, in bangem Sehnsuchtslicht stand der Uranus am Himmel, als der Morgenstern des Knaben, der nun das Licht seiner tragischen Welt erblickte, als der Morgenstern Augusts, Grafen v. Platen. Der Vater seufzte – und wußte nicht warum. Die Mutter sank zurück in ihre nie gelebten Träume. Das Kind weinte in seinen ersten Tag hinein.

Über dem Tal, in dem Ansbach liegt, klangen vom Hügel herunter Glocken. Von der Kirche des Friedhofs klangen sie, wo einer frommen Stiftung gemäß zum Gedächtnis der Toten der Morgenruf zu den Lebenden kommt. Mit quälenden, schrillen und schmerzvollen Tönen pflanzte sich ihr Geläute fort – getragen von den Seufzern der Abgelebten, die keinen Tag mehr sehen. Klage und Gruß der Erdgeborenen, Erdversunkenen, hinauf zu den Hügeln – – zu denen, die im Lichte gehen werden, oder in der Unsterblichkeit:


»Dich Wandersmann dort oben
Beneiden wir so sehr –
Du gehst von Licht um woben,
Du hauchst im Äthermeer.«

Wir, die wir keine Taten
Und keiner Worte Wehr
Bereit zu unsren Gnaden,
Empfinden dich so schwer!

Du wirst Olymp erreichen
Einsam und kinderlos –
Du wirst der Welt entweichen,
Ohnʼ daß ein Frauenschoß

Von dir empfing die Pfände
Für neues Erdgeschick.
Du bringst vom Menschenlande
Dich unbefleckt zurück.

Zurück dem ewigen Kreise,
Der (wie dereinst auch du)
Beschloß die große Reise
Den alten Göttern zu.

Sie freien nicht, sie bilden
Nicht mehr aus Blut und Schleim –
Zu ihren Lichtgefilden
Kehrst du als Jüngling heim.

Der Erde trübe Bande
Siegreich zerbrachst du dir,
»Doch unter ihrem Sande,
Du Guter – schlafen wir. –«