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Sophie Hoechstetter – Gotische Sonette

Sonette

Sophie Hoechstetter, Gotische Sonette, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1909




Der Gräfin Maria Gneisenau
Geborenen von Bonin




PERSONEN DER GOTISCHEN SONETTE:

EBBA, Prinzessin aus dem Hause Wasa, Herzogin zu Soedermanland,

KLEMENS, einst ein Ordensbruder.

Ein dunkles, gotisches Schloss, um das der Wind weht, was wir hören in der vernichtenden und erlösten Musik der Trauer des Frédéric Chopin.




AUFSTROM



KLEMENS

Oh schliess in deine Schwermut meine Seufzer ein
du bange, sterbeblaue Nacht –
wer in dir übervollen Herzens wacht,
der müsste in den Armen der Geliebten sein.

Ich aber trank von einem wilden Wein,
der hat mein Blut so seltsam wirr gemacht. –
Oh schliess in deine Schwermut meine Seufzer ein
du bange, sterbeblaue Nacht.

Denn was ich will, gleicht einem dunklen Fluss,
der unter den Gebilden der vertrauten Erde
hinzieht, dess Wasser noch kein Licht verklärte,

der ewig sich durch einen Hades quälen muss.
Zur Sonne kommt er nie – der Becher, den ich leerte,
trug jungen Todes ersten Gruss.


KLEMENS

Dann lieb' ich dich, du junger Tod
dann lieb' ich dich, als Rettung vor dem Leben.
Kann es mir meiner Sehnsucht Ziel nicht geben
so lieb' ich dich, wenn du im düstren Boot

mich hinführst, wo kein Wunsch mehr loht
wo keine Lippen mehr nach andren beben
wo keine Flammen mehr zum Himmel streben
wo uns das Bangen nicht mehr droht.

Dann nimm mich, nimm mich hin, Freund Hein,
du Traum, du Eingang in die letzten Reiche
da uns das Erdenlicht, das bleiche

erhöht wird, wie im Sakrament der Wein
zum Blut des Heilands – – weiche, weiche
du wilder Wunsch, ich bin allein.


KLEMENS, DER ORDENSBRUDER

Wo du, dem ich mein Verlangen trug?
Verschauernd in der Inbrunst Beben
wollt' ich dir meinen Tod und all mein Leben
der Seele und der Sinne letzten Atemzug

und meines Herzens Liebesflug
in seliger Verzückung geben –
Die Ehrfurcht sollte mich in deine Nähe heben
wo bist du, dem ich mein Verlangen trug?

Ich rief es manche Nacht, die mich nur fragen liess –
Es steigt der Traumgestirne Glanz
und stirbt in mattem Scheine –

Vielleicht ist Gott nun Dionys
und trägt den Liebesrosenkranz,
derweil ich weine.


KLEMENS, DER ORDENSBRUDER

Wer einen Hilfesuchenden verliess
und wer ein Bangen, das in leiddurchraster
und schwerster Stunde, und in ungefasster
Entbehrung zu ihm kam, verstiess

ist er noch Gott? Es starb, was er verhiess –
Ach, seine Seele war einst weiss wie Alabaster –
an dieses Einst will ich gedenken, wenn erblasster
Vergangenheiten Schatten mahnen, wer mich liess. –

Und zerbrach mir eine tiefgewollte Sendung
und mein Wollen ohne Makel:
eines langen Aufstroms dreigestirnte Fackel,

glühend einer ewigen Vollendung –
meiner Jugend heilige Verschwendung
berg' ich in ein stilles Tabernakel.


EINE FERNE STIMME


»Oh selig, wer noch wandelt,
Wie preisen wir sein Los.«
Graf Platen,
Gesang der Toten.



Selig sind sie, die zu leiden wagen,
denn sie glühen noch im Jugendbrand,
glauben noch an das erlöste Land
da wir nicht mehr nach Erfüllung fragen –

Die da ringen, die da klagen
halten in der weichen Hand,
noch das dunkle Liebespfand
der Natur: die Sehnsucht tragen.

Wenn ihre Kränze die Zypresse flicht,
und wenn ihr Zorn, ihr Handeln,
im eignen Selbstgericht

auch Traum und Trug zerbricht:
sie atmen und sie wandeln
beseligt noch im Licht.


EINE FERNE STIMME

Du kamest von verdunkelten Gestaden
und hattest in das Letzte Einsamsein
– es ist wie Eis und echolos sein Schrei'n –
den Blick getan, der leer war und verraten –

Und müde zog dein Stern, die flimmernden Plejaden
den ewigen Weg, durch Lande, die dir kein
Gedächtnis schenkten, die sich dein
erlöschend Leben nicht zurück erbaten.

Klagst du, mein Freund – nicht achtend
der Hoffnung, die noch aus dem Grabe
ein Rätsel macht?

Es wacht ein andrer Tod – und schmachtend,
Verschmachtend fast hebst du nach neuer Labe
den Mund zur Nacht.


KLEMENS

So lieb' ich die Natur, wenn wildbewegt
die Wogen an die Klippen schlagen
und wenn die Wolken wie Gespenster jagen,
dann fühl ich mich ihr gleich. Im Innersten erregt

glüht dieses Herz, mir in die Brust gelegt
von einem wilden Gott – und all mein Wagen
sehnt sich das Banner roten Glücks zu tragen.
Wann ist es, dass mir meine Stunde schlägt?

Hörst du das Wehen, wie es durch die Buchen gleitet?
Hörst du den Wind, der fern die Segel weitet?
Ach, alles sehnt sich, dass es sich vereine –

Vom Sturm sind meine Arme ausgebreitet –
Wann kommt der Weg, den unser Herz beschreitet
auf dass ich jubeln kann, wie ich jetzt weine –


KLEMENS

Fahl fällt das Mondlicht über Welt und Meer –
ich höre sonderbare Wesen schreiten –
es weint ein Wind aus Weiten
Wehklagen zu mir her.

Das Schloss liegt still, das Schloss ist leer
und Niegelebtes niegewordner Zeiten
will hier wie suchend durch die Räume gleiten,
als wie ein Sein – und wie erinnerungsschwer.

Die Nacht ist bang, die Nacht ist kalt
sie stirbt in dem Verneinen –
auch geht dann auch von mir, was nie Gewalt

und Recht bekam, wie ein verirrtes Weinen
hier – wo die Sehnsucht nach der Einen
mir ewig echolos verhallt.


KLEMENS

Ich brächte dir so gern die roten Rosen
die diesen Herbst noch glühn im Amaranth,
ihr Blühen ist so schön, wie Feuerbrand
und doch sind sie ganz glückverstossen

die Armen, Flammenden und Sehnsuchtsgrossen –
sie kommen nie in deine liebe Hand,
und ihre Blätter taumeln, windentwandt
der Seele gleich – im Heimatlosen.

Du meines Blutes irres Leidentragen
Du meines Blutes dunkles Rätselfragen
Du meines Blutes Purpurdämmerung:

Soll ich wohl lächeln – soll ich klagen
leb' ich in niegewesnen Tagen
bin ich gestorben – bin ich jung?


KLEMENS

Ich wollt', ich wär' dein Herz: dann gäbe ich dem Blut
das durch mich pulste, meines Wollens Farben –
und alle Wünsche, die bisher vergeblich warben
entfachten dich zu junger Glut –

Ich wollt', ich wär' dein Herz, dann hätte ich den Mut
für mich zu kämpfen und wie Feuergarben
entbrennte jeder Blutstrom dir und schüfe Narben,
die du nicht kühlst mit Wasserflut.

Bist du ein Lächeln, das von Pan gesandt
bist du ein Blühen auf den Klippenriffen
bist du ein Bild von Stein, mir abgewandt

ein Bild, das nur die Phantasie erfand?
Bist du ein Meer, auf dem kein Kahn wird schiffen?
Ich liebe dich – und leer bleibt meine Hand.


KLEMENS

Schon taumeln die Gestirne in verwirrtem Leuchten
ihr fieberhafter Glanz erblasst
sie werden matt, der Morgen fasst
sie an mit seinem kalten, nebelfeuchten

Umschatten, und gleich irr-verscheuchten
Gedanken fliehn sie ohne Rast –
Mir ist, als stürbe mir die süsse Last
von der sich meine Schultern bis zur Erde beugten.

Ob du wohl schläfst? Im Schlaf vielleicht
da dürft' ich dich wohl einmal küssen
und dann den Brand nicht fühlen müssen

den Brand der nimmer weicht.
Und ist es Sünde, will ich's zu den Füssen
von Unsrer Lieben Frau mit einem Lächeln büssen.


KLEMENS

Geh, Liebe, lasse mich dich nicht mehr wissen –
geh fort aus meines Herzens Düsterheit
geh fort aus meines Herzens Bitterkeit
geh, Liebe, geh mit leicht beschwingten Füssen –

So tief hast du mein Herz zerrissen
du gabst mir Bangen, gabst mir nur das Leid
und all die arme, lange Sehnsuchtszeit
hab' ich nur hilflos um dich darben müssen

Geh, Liebe, geh, sonst weiss ich nichts mehr, geh –
nur dann zur Nacht, wenn ferner Rosen Duft
vom Garten her all meine Sinne ruft

dann heisch' ich deines Körpers weissen Schnee.
Und lieg' doch still in meiner Totengruft,
geh, Liebe, geh.


KLEMENS



Zu dem Bild der Herzogin1


Du stehst an einer Wand, die irre, wirre Blüten
zu dem Gebilde des Erinnerns fasst,
und wendest dich von ihr, so, wie man Schicksal, Last
die einst in ferner Zeit die Seele mühten

hinter sich lässt, als Brände, die versprühten.
Auf welchem Feste bist du heut zu Gast,
in welchem Denken hältst du heute Rast?
Ist es ein Angedenken, in dem Rosen glühten?

Mit deinen seltsam schönen, überfeinen
grausamen Händen greifst du Glied um Glied
von einer Kette, eines Lächelns Schatten zieht

für einen Augenblick um deinen Mund – und flieht
als wende es ein dunkles Weinen –
was ist's gewesen, das dein Herz erriet?


KLEMENS

Ach kommst du nicht – ein Jubeln in den Lüften,
ein Zittern, das die Erde beben lässt,
verkündet taumelnd uns das österliche Fest
und schafft es, dass von allen Grüften

der Stein hinsinkt, mit dem die Götter prüften
ob unser Glaube auch ein Grab umfässt –
ein Grab der Wünsche, tränenübernässt – –
– Ach komm, die Luft spielt schon mit Veilchendüften

– Ach komm, ach komm – komm mit dem Wind
ich trug im Leben schon genug der Schmerzen –
die Frühlingslande der Verheissung sind

zu uns'ren Füssen – Osterwasser rinnt
von allen Bergen, wie mein Blut zu deinem Herzen –
Kommst du noch nicht, mein Auferstehungskind?



PRÄLUDIUM DER LIEBE




KLEMENS

Ich habe deinen Mund geküsst zur Nacht,
ich habe deinen Mund geküsst, und fühlte ihn erblassen
und fühle, dass in deinen tränennassen
geliebten Augen nichts mehr wacht

und fühle, dass du mir dich selbst gebracht –
und alles sinkt, vom wilden Wunsch verlassen
muss ich, Geliebte dich nur still umfassen:
ich habe deinen niegeküssten Mund geküsst – zur Nacht.

Ich kam in Lodern, nahte in Begehren
ich kam zu dir, wie Sturmversehren
auf frühlingsschönes, junges Land – –

Nun halt' ich nur die weisse Hand
und warte, in Erschüttertsein gebannt
auf ihr Gewähren.


KLEMENS

Seh dich an, als hätt' ich dich noch nie gesehn,
Wunderliche, Fremde» du Vertraute – –
eine lange, lange Nacht verblaute
trug sie Glück, trug sie ein Untergehn –

ist mir wohl ein ferner Schmerz geschehn,
sah ich tiefer, als ich jemals schaute?
Wunderliche, Fremde, du Vertraute
hab' ich dich in dieser Nacht zuerst gesehn?

Wollt' den Rosenkranz des Lebens dir um deine
flaumumsponn'ne Stirne legen –
wollt' verwegen

zu dem Siegerziele hin – –
Und nun weiss ich nur das eine,
dass ich hilflos vor dir bin.


KLEMENS

Die weisse Seide deines Kleides schmiegt
sich tief zu matten, weichen Faltengründen.
Und dort, wo ihre Schleiersäume münden
bin ich – mein Denken ist versiegt

wie einem, den die Lust in Träume wiegt,
so dass er nichts mehr weiss von fernen Sünden –
Mir ist, als ob wir jenseits alles Wollens stünden
ich fühle nur die Hand, die kühl in meiner liegt.

Was bist du schön – ich liebe deinen Mund
ich liebe deines blonden Haares Silberscheinen
und deines Körpers stolze Linien im Sich-einen

mit anmutvoll-hingebenden und überfeinen
Gebärden, die wie Gold hauch uns den dunklen Grund
von deiner Grausamkeit in holdem Spiel verneinen.


EBBA

Wohin entgleiten wir – wohin, ach Lieber?
Ich bin so aller Hoffnung weit –
ist's, aus dem Unbekannten in Vergessenheit
und alles geht uns einst vorüber?

Stehn wir in Ohnmacht nur an trüber
erregter Flut die kurze Spanne Zeit
von unsres Lebens armer Endlichkeit
und sehen bange nach dem Land des Glücks hinüber?

Sind wir nicht Kinder, sind wir nicht Toren
die einer Stunde sich anvertrauen?
Die sich ihre Burg von Sand erbauen.

Sind wir nicht in das Leben verloren
sind wir nicht der Entsagung geboren?
Werden wir einst die Erfüllung schauen?


KLEMENS

Es geht der Mensch und formt sein letztes Sollen
zu dem Gesetze über sich, das diese Welt
erst auferbaut, auf dass er ihr nun hält
was seine Träume ihm gewähren wollen.

Und seines Herzens glühend übervollem
und schrankenlosem Ansturm fällt
die Zeitlichkeit – er hat sich auserwählt:
es ist noch keine Seele in das Nichts verschollen.

Es ist noch keine Seele je gestorben
die in sich um die Ewigkeit geworben –
wie auf der Erde noch keiner verdorben

der einen Freund sich zum Freund gemacht.
Aber alle mussten durch Irrtum und Nacht
bis sie die eigne Erlösung vollbracht


EBBA – KLEMENS

Sie:
Was hast du mit mir gemacht?
»Bin so wirr in Lust und Bangen
mein Mund will an dem deinen hangen
bis der Tag erwacht

dass die Sehnsuchtsnacht
stille mein Verlangen
und zu dir gegangen
alles ist, was je mir Leid gebracht

Er:
Komm, du sollst an meinem Munde sein
an dem Munde deines wilden Knaben
und für dich will ich nur sanfte Hände haben

deine Hände sind wie Frühlingsgaben
deine Lippen tragen roten Wein –
Komm du sollst an meinem Herzen sein


KLEMENS – EBBA


Er:
Komm, du sollst an meinem Herzen sein
meine Arme wollen dich umfassen
fühlst du, wie wir ineinander passen
fühlst du es, mein junges Herzelein?

Komm, wir gehen in den Umkreis ein.
Muss dein liebes Angesicht erblassen?
Ach, ich will dich diese Nacht nicht lassen
will dich küssen bis zum Frührotschein.

Sie:
Bin ich selig? Bin ich in Not?
Wo ist, was mich verbarg, geblieben?
Dein Mund ist rot

Geliebtester als wie mit Blut beschrieben
Käm' einst der Tod
zu mir von deinem Mund, ich müsst' ihn lieben


KLEMENS

Ich habe mir den Tod gewünscht wie ein Vergessener
dem nur durch Sterben noch Gedächtnis wird
– ein halbes Wort, das dann sein Grab umirrt –
Ich habe mir den Tod gewünscht als ein Vermessener

der meint, er wäre dann erlesener,.
wenn um sein Scheiden eine Waffe klirrt.
Ich habe mir den Tod gewünscht, so qualverwirrt
wie je in bängster Nacht ein nun Gewesener –

Der Tod kam nicht – er könnt mich wohl nicht leiden
vielleicht war ihm mein Mund zu wild –
er winkte nur als bleiches Bild

und liess mich dann allein in Weiten –
Ich bring dir nicht den Tod – entscheiden
wird nur das Leben mit uns beiden.


KLEMENS – EBBA

Er:
Nimm dieses selige Heute
das uns zu einander drängt –
bis der Genius die Fackel senkt
sei uns Freude, süsse Freude –

Hörst du das Geläute
den Ruf, der unsrer gedenkt?
Nimm, was er uns schenkt
nimm dieses selige Heute.

Sie:
Ich bin ja dein, will alles, was du willst
ich bin verwirrt von deinen Worten
sie sind mir Führer, Verführer geworden

du, der du meine Sehnsucht stillst
dein Denken geht an andre Pforten
zu dem Gelübde, das du noch – erfüllst.


KLEMENS

Bin ich nicht bei dir mit dem Rot
des Blutes, das dem deinen blühen
und jubeln will, fühlst du denn nicht mein Glühen?
O komm, die mir der Liebe Wunder bot.

Von meines Irrsals, meiner Seele Not
von ihren ach, so bitter frühen
Zerrissenheiten und von meines Lebens Mühen
da lass uns schweigen – unsere Liebe loht.

Komm, du zärtlich umfasstes Leben
lass mich dir Freude sein, Freude geben –
lass mich deine Hände küssen,

nimm das tiefe, tiefe Wissen:
deine Welle macht mich heben
dir entbrennt mein Erdenmüssen


EBBA – KLEMENS

Sie:
Liebst du denn die Erde sehr,
du mein lieber, lieber Knabe
den ich heut am Herzen habe,
liebst du denn die Erde sehr?

Liebst du morgen sie nicht mehr?
Geht dein Müssen dann zu Grabe,
müde, und am Greisenstabe
weil das Herz so leer?

Er:
Du kannst ja lachen!
Warum weiss ich erst heut', dass du lachen kannst?
Mein Liebchen tanzt

was will mein Liebchen aus mir machen?
Kommst du und bannst
die Schweren, die mich zerbrachen –


EBBA

Noch liegt vor uns, wie einer bleichen Hand
erschreckend Mahnen, diese tote Zeit
der Zukunft, da der Weg nun weit
uns auseinanderführt, dem Glücke abgewandt –

Ach kaum gekannt und kaum erkannt
ist uns die Freude und die Traurigkeit –
und schon der Weg bereit
in fremdes Land.

Ich weiss, du musst noch wieder von mir gehen
ich weiss es, dass die Dämmerung sinkt –
aus Weiten klingt

ein Ton, wie bangen Nachtwinds Wehen,
der nur noch Seufzer in sich trinkt – –
Ich aber trage deines Mundes Lehen.


KLEMENS – EBBA

Er:
Wie ist dein Mund so weich
wie eine süsse Frucht, wie eine junge Blüte
wie ist dein Mund so voller Güte
wie ist dein Mund so gnadenreich –

er ist der Schirasrose gleich
ihr Duft betört uns im Geblüte – –
ach bist du müde – bist du müde?
Wie ist dein Mund so gnadenreich

Siehst du das Mondlicht seltsam gleiten
wie Hände, die vermessen sind
dass noch etwas dich berge, nicht zu leiden?

Sie:
Wir beiden
Geliebter, wissen, letztes Sehnen rinnt
bis in die Stunde, da wir nicht mehr scheiden



DIE FERNE



EBBA

Wann kehrst du wieder? Ferne klingt der Ton
von einem Ruf, den ich nicht ganz vernommen,
der nur sehr nahe an mein Herz gekommen –
Mir war's, als säh' ich rote Fackeln lohn,

und war doch nur ein Kranz von Sommermohn
ein Rosenwölkchen – fern im Morgenschein geschwommen
ein Lächeln, das ich wirr beklommen
hinnahm – und das mir schatten gleich entflohn – –

Doch still zur Nacht, wenn in dem schmerzlich düstern
Gebüsch des Hains – im Rauschen ranker Rüstern
die Stimmen der Natur so seltsam flüstern,

dann weiss ich von nie welklich schönen Kränzen
und sehe über flüchtigen Sommers Tänzen
Gestirne, die sich suchen, auferglänzen –


EBBA

»Es waren zwei Königskinder«
vor denen lag der Tod,
so wie das Abendrot
als Tagesüberwinder

und dunkler Nacht Verkünder,
so, wie ins lecke Boot
der Strom kommt, kam die Not –
und war kein Rettungfinder.

Es kam der Tod und hob die Hand
doch sie sank in sein armselig Gewand,
die so viele schon umworben:

es lächelten beide in Jugendbrand:
wir sind ja schon lange in deinem Land,
schon lang in einander gestorben.


EBBA

Aus blasser Weite ein verirrter Klang –
was rief mich zu des Gartens schwarzen Hainen,
wo nur das Lied von Lassen und Verneinen
mir meine Frühzeit sang –

Die Eiben stehn so mitternächtig bang
als wüchsen sie bei alten Totensteinen –
die Stille dunkelt, nur ein fernes Scheinen
vom Himmel geht den Weg entlang.

Führst du mich einst den Weg aus Nacht und Traum
führst du mich einst den Weg der weissen Stille
da selig-wunschlos aller Wille

hinsinkt, wie über Welt und Raum
des weichen Schneefalls Taumelflaum
hinsinkt – vergehend, und wir wissen's kaum –


KLEMENS

I

Lang bin ich fort von dir, der Weg ist weit
und fern der Tag, da Heimwärtslenken
den Schritt beseligt und sich deiner Hände Senken
auf meine Stirne legt und mich befreit.

Nun bin ich fort von dir, und doch so glückbereit –
bereit zu letztem Nehmen und Verschenken
und fühl doch nur im Eingedenken
des weichen Rosenmundes Zärtlichkeit.

Doch wenn durch Raum und Dämmer sacht
des Mondstrahls sanftes Gleiten
die Hügel und die Weiten

so seltsam lebend macht,
dann ist es mir, als breiten
sich deine Hände über meine Nacht.


KLEMENS

II

Sie sind so weiss, wie Frauen der Legende,
die in das grosse Schaun von letztem Leid
aus Dunst und Dämmer aller Menschlichkeit
gegangen sind, dass sich ihr Ziel vollende

und dass kein wilder Wunsch ihr Wesen mehr entbrennte –
Als ein Symbol von tagesferner Zeit,
die mir herüberwinkt in die Verlassenheit
so seh' ich deine weissen Sehnsuchtshände

Von stiller Trauer sind sie sanft umfangen –
die Schönheit schuf sie – aus dem Blut
langer Geschlechter, die dahingegangen –

vielleicht in Hochmut und wohl auch in Glückverlangen
(denn wissen wir, was bei den Toten ruht?)
schuf sie der Schönheit letzter Künstlermut.


KLEMENS

III

War's nicht zuerst, eh' wir uns selbst bedacht,
dass ich sie küsste, statt ein Wort zu sagen,
das meine scheue Lippe noch nicht wagen
nicht einmal flüstern wollte, als du mir erwacht?

Sie sagen mir, dass sie in weicher Nacht
ganz nahe meinem kranken Herzen lagen
und dass sie meine Zärtlichkeiten tragen
die ihnen wirr mein Mund gebracht –

Sie sind so fern von allem irren Tuen,
sie sind mir deines Leisesten geliebtes Bild,
und sind so seltsam schön und wunschgestillt

als wären sie gesegnet, um nur traumgewillt
auf einem Tabernakel sanft zu ruhen,
das deines Wesens Letztes noch verhüllt –


EBBA

Weicher Mondglanz, komm herein
mach' von weissem Licht umhangen
meine Hände, meine Wangen
in verklärtem Dämmersein –

gib mir deinen holden Schein
gib mir meines Bluts Verlangen:
den Geliebten zu umfangen –
weicher Mondglanz, deck' mich ein.

Wogen drängen zur Küste
sie nahen in sehnenden Klagen
sie kommen in werbendem Wagen

Fern geht ein Segel, es grüsste
gleich Schatten aus lichteren Tagen – –
Wie soll ich die Nächte ertragen –


KLEMENS (in einer fremden Stadt)

Die Stadt ist fremd – der Tag hat sich geneigt.
Ich geh durch alt-barocke Gassen,
durch einen Garten, der verlassen
in der Erinnrung goldner Jugend schweigt.

Ich trete in den Dom, der Weihrauch steigt
zu einer späten Messe. Wessen Hassen
und letzte Liebe mag wohl das Gebet umfassen?
Welch Liedlein hat der Fiedler Tod gegeigt?

Die Dämmrung sinkt. Ich bleibe vor dem Bild –
dem Bild in Rosen – der Madonna stehn
und bin in wachem Traum gewillt

zu frommem Glauben einzugehn –
ein Glockenton, der Herzweh stillt,
begleitet mich im Abendwehn:

Geliebte, sei gegrüsst!


EBBA

So lang ist's, dass die Schwalben südwärts flogen
so bange lang erstarben unseres Sommers Sonnen –
nun sind wie müde, bleiche, arme Nonnen
die winterkühlen Nebel aufgezogen

vom Tal bis an die got'schen Bogen
der Burg – in Schweigen eingesponnen
in blasser Flut gelöst, verronnen
ruhn alles Lebens junge Wogen.

Und leise taumeln weisse Flocken – –
was macht mich jählings süss erschrocken
als sei der liebste Gruss gebracht?

Von unsichtbaren, dunklen Glocken
klingt es wie ahnendes Frohlocken
durch die Dreikönigsnacht.


KLEMENS

Ich sehe fern dich unter den Arkaden
der Burg- mit einem blassen Lächeln gehen,
und sehe deine grünen Schleier wehen:
du hast den Frühling dir zu Gast geladen –

Der liegt nun wie ein Kuss auf den Brokaten
des schweren Kleides, als ein leises Flehen
du möchtest, wunderliche Frau, hinüber sehen
nach dem, der ferne von des Glücks Gestaden.

Ich sehe dich durch stille weite Räume,
du wunderliebe Frau, so lautlos schreiten
und meine Sehnsuchtsarme weiten

sich dir, wie hier die wilden Lorbeerbäume
zum Himmel streben – und sich in die Farbe kleiden
die deine Schleier um dich breiten.


EBBA

Lieder, lang verklungen
tönen mir zum Leid –
schwere Einsamkeit
hält mich tief umschlungen –

Hoffnung auf den jungen
Tag, der uns befreit
liegt so weit, so weit
in den Dämmerungen

Doch durch mein Geblüt
geht der Sehnsuchtsgrosse
schwere Namenlose

Und im Herzen glüht
und am Herzen blüht
dir die rote Rose.


KLEMENS

Ich möchte, wenn mir meine Toten winken
und wenn das tief geliebte Leben,
das, ach so schmerzlich tief geliebte Leben
die letzten Schatten des Vergehens trinken

du wolltest mir ins schwerste Dämmersinken
noch jenes Lächeln deiner Augen geben
das ist, wie einer jungen Quelle lichtes Heben – –
Doch weiss ich, wo du bist, wenn meine Toten winken?

So wünsch' ich, wenn ich fort bin, dass du meinen
geliebten Frühling grüsst – und wenn im Abendscheinen
die Taler leuchten, die du liebst

und ferner Wind die Wipfel weiter Wälder weinen
und jubeln lässt: dass du mir dann in deinen
Gedanken eine Seele gibst – –


EBBA

Die Flamme des Orions sinkt der Stunde –
ein unaussprechlich Schweres wirbt
wie ein Verführer, der ein Kind verdirbt
durch diese Nacht, durch diese weite Runde –

die weissen Rosen öffnen bleiche Munde
als ob ein Beten stirbt
müd' eine Grille zirpt
im Wiesengrunde – –

Wer schläft in solcher Nacht, die silberblau
den weiten Mantel von Brokat
um ihr Geheimnis wirft, wie eine Frau

noch Schutz sucht, wenn sie sich verloren hat – –
Wo bin ich? Fern erwacht die Stadt
und meine Stirne küsst der Morgentau.


EBBA

Zur Laute

Wenn er wieder heimwärts kehrt
winken ihm wie Girandolen
weisse Hände, die verstohlen
nachts ein krankes Herz beschwert –

Und von eigner Glut versehrt
leuchten flammende Gladiolen –
Tuberosen und Violen
atmen, wenn er wiederkehrt.

Und ich will ihm dann die bleichen
Blumen meiner Träume reichen
und das lieberote Schwert –

und der blassen Hände Neigen
hat ihm nichts mehr zu verschweigen,
wenn er wiederkehrt.



DIE ERFÜLLUNG



»Und in dieser Flut ergiessen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens –«
Friedrich v. Hardenberg


KLEMENS

Lautlos das Land im nebelweichen
Hereinbruch dieser Nacht, so dunkel-weit
der Saal in wesenloser Dämmerzeit
von aller Stimmen, aller Farben Schweigen –

Und dort, wo Schatten sich in Schatten gleichen,
ganz tief ertrunken in der Traurigkeit,
dort ist die dunkle Tür – und doch ihr Schloss bereit
sich einer liebeschweren Hand zu neigen.

Wo bin ich? Alles, was ersehnter
Erfüllung Ziel ist, liegt in enggedehnter
Raummacht – in grabverschwiegner Ruh –

Nur einer unsichtbaren Flamme Bleichgespenster
im Deckenwölben – und dort an dem Fenster
dem matten Nischenfenster – endlich du


KLEMENS

Ach, endlich du – und bist so tief erblasst
doch deine Hände, die sich langsam geben
sind stark, als wollten sie mich zu dir heben –
der jetzt nur still dein Sein umfasst –

Den du so tief verwundet hast
du liebes, du geliebtes Leben – – –
zu meinem Herzen kommt in leisem Beben
der schmalen Schultern leichte Last.

Ach, endlich du – hier ist, was dir wohl nah
so lange schon, was des Erwachens Frühen
und deiner Tage helles Leuchten sah –

Die Lichter, die am Berghang wie in Mühen
durch Nebel glimmen, waren jede Nacht dir da:
Nimm nun mein Glühen!


EBBA

Du kamst als Morgenleuchten in die leeren
Gemächer, denen noch kein Tag erwacht
Du kamst als Licht, das mir die düstre Nacht
in der das Lebenswissen seinen schweren

und dumpfen Schlaf mir schlief und das Entbehren
wie Lasten lastete, voll Glanz gemacht –
du kommst als Flamme, die mein Herz entfacht
du kommst als Flammen, die mein Sein versehren.

Du bist wie Hirtenfeuer auf den dunklen Hügeln
von einem tiefgeliebten Heimatland –
zu einem Glühen, wie ich's nie gekannt,

erhebst du mich mit starken Flügeln –
du bist wie Hirtenfeuer auf den dunklen Hügeln
von einem tiefvertrauten Heimkehrland.


KLEMENS

Ein Becher bist du, überschmückt vom Chrysoprase
und von des Mondsteins blassem Zärtlichsein
ist seines Aufbaus weisses Elfenbein –
und wie gebannt in stürmische Emphase

und doch in einem reinsten Ebenmasse –
– erfüllt von einem dunklen, fremden Wein
umflossen von dem grünen Schein –
hebt sich des Kelches schlanke Vase.

Ich trage diesen Kelch in hohen Händen –
und neige diesen Kelch zu meinem Munde –
ich trinke, trinke, und wie von Legenden

hör' ich ein Klingen aus dem fernen Grunde
wo des Entbehrens letzte Leiden enden
für eine mitternächt'ge Stunde.


KLEMENS

Komm zu mir, lass mich den letzten Schleier küssen,
der dich einhüllt, bis er langsam sinkt – –
einer Wolke gleich, die fern noch winkt
ehe wir das Morgenrot begrüssen

komm zu mir, lass mich zu deinen Füssen
ruhen, wie man Göttern Opfer bringt,
wenn die dunkle, schwere Glocke klingt
die verkündet, dass wir sterben müssen.

Fühlst du, dass die Stunde sich erfüllt?
Sterben will ich in dir, lustgestillt,
und in dir will ich heut' auferstehn –

Weisst du, dass ich deinem Blut gewillt
bin zu einem Untergehn –
Lass mich deine Schönheit sehn –


KLEMENS

Und deines Haares wachgeküsstes Wehen
liebkost dir deine schmalen, blassen Wangen
und will die Helle deines Seins umfangen
in einem letzten Abwehrflehen –

Werd' ich in dieser Nacht dich ganz verstehen?
Erfüllst du mir mein tiefstes Lustverlangen?
Ich habe dich in einem zärtlich-schweren Bangen
zu schön gesehen.

Und alle Stimmen jubeln, die so lange ruhten –
Ach komm, ach komm und sieh mich an
was nie noch war, wird sich uns nahn

und in des Wollens dunkle Gluten
versinken – in des Fühlens Fluten
in der Erfüllung weissen Ozean


EBBA

Dies ist die Nacht der Asphodelosblüten –
Vergessens sterbebleiche Blume winkt,
Vergessens sterbebleicher Schatten trinkt
die letzten Dinge, die mich noch umhüten –

und alles fällt mir in dem selig-müden
Von-nichts-mehr-wissen und versinkt – – –
Die Glocke meiner Einsamkeit verklingt –
Dies ist die Nacht der Asphodelosblüten

So seltsam fliesst die dunkle Flut
des nun Vergangnen, Abgewandten,
wo das Verborgenste geruht –

Und Flammen bang geliebter Glut
fühl ich zu meinem Herzen branden,
zu meinem Blut.


KLEMENS

Dies ist die Nacht, da wir das Letzte schauen,
dies ist die Nacht, die uns zerbricht
und uns der Zukunft erste Kränze flicht,
wir wollen dieser Nacht uns anvertrauen.

Auf dunkler Eb'ne, hinter Gram und Grauen
entbrennt in düstrem Gluhn das Rätsellicht,
und von uns fällt das bange Erdgewicht
dies ist die Nacht, da wir das Letzte schauen.

Und wie vom Abschied irr bedroht
und quälend wirr, in unbegreiflich schwerem Müssen
trinkt unser Mund des andern Rot –

So bang und süss ist unsre Not
als wäre, was wir zu einander küssen
der Tod – –


LETZTES SONETT


Und langsam sinkt die Nacht so unaussprechlich tief
in Schmerz, als trügen wir vom letzten Erdenleiden
die Schuld – es singt aus wesenlosen Weiten
die Stimme, die uns zu einander rief –

Was war's, das unerlöst so bange schlief
und das nun kommt, als müssten wir verscheiden –
und das nun kommt, wie dunkles Flügelbreiten –
Ach, langsam sinken wir so unaussprechlich tief – –

Klaglos und fern verhallt ein letztes Weinen –
der schwere Purpurvorhang neigt
sich von dem Eingang zu dem seltsam Meinen.

Glühende Nacht in seligem Vereinen
glühende Nacht – ein weisses Leuchten steigt
und hüllt uns ein in lichtes Scheinen –
Oh schwerste Nacht.


1 das Ebba in weissem Festkleid, vor einer mit Gobelins behängten Wand stehend zeigt.