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Sophie Hoechstetter – Vielleicht auch träumen

Verse

Sophie Hoechstetter, Vielleicht auch träumen, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1906



PERCHANCE TO DREAM –
Shakespeare, Hamlet Akt 3





VIELLEICHT AUCH TRÄUMEN


Kein Wort der Lebensflucht
Und auch kein Wort der Müden,
Die nur noch die Erinnerung behüten
Die abschiednehmend ihre Seele sucht.

Kein Wort der Not
Und auch kein Wort der Armen
Die niemals Jugend freudig konnt' erwarmen
Die schlafen, während rings das Leben loht.

Ein Wort der Liebe nur:
Hast du in heißen Träumen
Niemals gelebt in Paradiesesräumen
Auf junger Wegespur?

Und kamen nicht zur Nacht
In wild-erhöhten, leidgetränkten Farben
Das Leben und die Wünsche, die dir lange starben
Als groß vollbracht?

Kam nicht bewußt
Dir oft im Traume erst die Größe
Von deiner Liebe, daß du sie erlöse
Zu neuer Lust?


Ward nicht im Traum
Dir manchmal erst die Heimat und das Leben
Zu einem Bild, wie oft es dir dein Herz gegeben
Und wußtest's kaum?

So ist der Traum
Verdichter unsrem Wesen, unsrem Fühlen
Und Wahrheitkünder, der in seinem kühlen
Erschauern führt uns zum Erkenntnisbaum.

So ist Symbol
Der Traum auch jedem Künstlerschaffen –
Beseeltes Bild des Lebens, das wir jäh erraffen
Will uns die Stunde wohl.



ERINNA


Die Küste von Naxos. Der griechische Dichter.
ERINNA, das fremde Mädchen.

ERINNA:
Was sag' ich dir, es sind ja doch nur Worte
Und meine Seele ist's, die nach dir schreit
Wie jene Menschen, die des Paradieses Pforte
Nicht wiederfanden, schrieen auf in Leid
Wer bin ich denn: ein ärmlicher Genoß
Für dich in hohen Ruhmes Hallen
Und du bist schön – und du bist groß,
Ich möchte dir zu deinen Füßen fallen
Und dir die Hände küssen und nur leise fühlen,
Daß du es duldest, wenn mein heißer Mund
Entdürstet und sich seine Gluten kühlen
Den Toten gleich im Meeresgrund.

Begegnung
Der Dichter kommt mit Freunden und Freundinnen.

ER:
Im Morgenglanz das Meer, silbern die Luft!
Stolz hebt sie die Segel der Barken
Im Morgenglanz, in Morgenluft
Werden wir neu erstarken.
Holt uns sie, die wie verstoßen
Von Herd und Genossen
So viele Tage schon einsam irrt,
Das Meer hat ihren Sinn verwirrt
Oh, so sagt ihr, daß auch bei uns
Göttergeheiligt der Fremdling ist.
Ruft sie – ruft sie zum Spiel und zur Freude
Nehmt sie in Eueren Kreis.
(Einige der jungen Mädchen holen ERINNA.)

ER:
Wer bist du? Trägst du Leid
Um eigen oder fremd Geschick?
Wir sahn dich all die Zeit
Mit trübem Blick
Über das Meer hinstarren
In Gram verharren.
Kommt dir der Freund von Fernen her
Kommt dir der Bruder übers Meer?
Sag uns, was dich bedrückt,
Dem Tag entrückt. –

ERINNA:
Nein, nichts von allem ist mir wahr.
Das Meer ist fremd, das Meer ist klar
Und stumm wie tiefste Nacht
Wird mir nichts bringen – hat nichts gebracht.

ER:
Ja wenn du einsam bist
So bleib' in unserm Kreise,
Rast' von der Reise
Bis dich dein Schicksal küßt.
ERINNA sieht erblassend auf die Mädchen, die ihn zärtlich umspielen.

ER:
Wer bist du?

ERINNA:
In dieser Stunde nichts – in Ewigkeit vielleicht
Ein Blatt nur, das der Wind erbleicht.
Sie entflieht.

ER allein:
Du wunderliche Namenlose
Dem Schoße
Von Meer oder Erde einsam entstiegen,
Meine Gedanken müssen zu dir fliegen –
Du sahst mich an – und deine Lippe bebte
Du sahst mich an – in deinen Augen lebte
Ja fast der Zorn, als hätt' ich dich gekränkt
Ich, der den Menschen Schönes nur geschenkt.

ERINNA
in der Nacht am Meer:

Vom Himmel taumeln Wandersterne
In blasser Ferne
Küssen sich Erden- und Meeresrand –
Ich hör' in kühle Weite
Doch unter meinem Kleide
Glüht mein Herz in rotem Brand.

ER
sucht sie in der Nacht:

Weil du nicht kommst, du Fremde
Komm ich zu dir zur Nacht
Und biete dir die Hände
Als Freund, der mit dir wacht.

ERINNA:
Du bietest allen deine Hand
Und würfe sie das Meer wie Sand
Zu deinen Füßen nieder
Gibst allen deine Lieder.
Ich sang ein Lied für dich allein,
Es sollte einzig für dich sein –
Ich habe mich wohl Frevels vermessen
Bin kaum gekannt – vergessen.

ER:
Du bist Erinna?

ERINNA:
Weh mir, daß ich's bin.

ER:
Oh komm zu mir, die Stunde will ich segnen
Da wir uns nun ein zweites Mal begegnen.


ERINNA:
Nein, laß mich gehn, laß mir das Ehrenkleid
Einsamen Schmerzes unentweiht.

ER:
Ich habe dich enttäuscht? Oh, meine Seele glüht
Noch jung, wenn auch der Leib verblüht.

ERINNA:
Wenn das Verblühen heißt, so hab' ich dieses Wort
Bisher verkannt. Verblühen ist dann Glanz,
Ist Schönheit, Rausch – Entzücken –
Ja, dann verblüht die Sonne auch
Wenn sie im Frührot neu dem Meer entsteigt,
Dann altern auch Gestirne,
Wenn sie uns leuchtend grüßen durch die Nacht.

ER:
Und weßhalb willst du dann dich von mir wenden?
Ist's, weil mit kinderfrohen Händen
Die Mädchen zärtlich mich umfassen?
Oh, nun versteh' ich dein Erblassen
An diesem Morgen. Komm, Erinna, komm,
Gar manche Fackel mir verglomm,
Doch unsre Fackel soll die letzte sein,
Die wir den alten Göttern weih'n.
Komm, lange sehnt' ich mich
Eh du mir nah
Komm, lange liebt' ich dich
Eh ich dich sah. –
ERINNA:
Was sag' ich dir, es sind ja doch nur Worte
Und meine Seele ist's, die nach dir schreit
Wie jene Menschen, die des Paradieses Pforte
Nicht wiederfanden, schrieen auf in Leid
Wer bin ich denn? Ein ärmlicher Genoß
Für dich in hohen Ruhmes Hallen
Ach laß mich doch zu deinen Füßen fallen
Dir deine Hände küssen und nur leise fühlen
Daß du es duldest, wenn mein heißer Mund
Entdürstet und sich seine Gluten kühlen
Den Toten gleich im Meeresgrund.

ER:
Du Allerholdeste, ich neige mich vor dir,
Vor deiner Jugend, deiner Seele Mut
Die zu mir fand und auf das Schönste mir
Vertraut als gäb' sie sich in Aphroditens Hut.
Du Allerholdeste, ja du hast mich verstanden
Du kamst, gelöst aus alter Sitte Banden
Und bringst mir dich. Ich will dir wiedergeben
Was du mir gabst mit meinem ganzen Leben
Die Einzige, die mir so ganz vertraut
Sei Freund und Schwester mir und Frühlingsbraut.


ERINNA
hilflos bewegt:

Durch schmerzverdunkelte Nacht
Klang mir dein Lied wie purpurner Rausch
Dein Lied ist deine Seele
Deine Seele liebe ich –
– laß mich sie küssen. –

ER:
Deine Seele will meine Seele küssen?
O Kind aus Märchenland,
Seelen, die zu einander müssen
Brauchen des Eros Band.
Steh auf von meinen Füßen
Komm, gib mir deine Hand,
Gib mir den Mund, den süßen
Mein Herz ist voll zum Rand.
Die ewigen Götter lieben die Freude
Und des Lebens Lust ist der Opferrauch
Den wir ihnen in Schönheit bringen
Und so bedeute
Uns dieser alte heilige Brauch,
Daß unsere Seelen zusammen klingen. –

Vereinigung
Wie Mandelbäume im Frühlingsblust
Sind wir mit Reichtum bedacht
Aus goldenen Schalen der Lust

Trinken wir still zur Nacht
Unser vermähltes Blut.

Epilog
ERINNA:
Sonst braucht' ich Worte, brauchte die Geberde
Ein irres Kind der Erde
Die mich gebar
Und jetzt, Geliebter, sag' ich dir in Küssen
Nicht nur die Liebe – alles was von Wissen
Und Tod und Nacht in meiner Seele war
Vermag sie stummen Mund's mit dir zu tauschen
Deinem Herzen lauschen
Kann jeder Nerv des Körpers nun verstehn –
Du wirst nie wieder von mir gehn –
Wir suchten uns durch eine Ewigkeit
Und fühlt mein Blut nur deines Kommens Zeit
So weiß ich, daß es nichts gibt, was uns trennt
So weiß ich, daß im stillen Hain ein Altar brennt
Auf dem die blaue Flamme unsrer Leidenschaft
Gleich wie die Himmelsvenus glüht in Liebeskraft –
– Ja, wenn ich nur in dämmernder Nacht
Den Atem spüre, der dich hebt,
So weiß ich, in uns beiden lebt
Eine Seele, die alles vollbracht.

ER:
Du kamst zu mir, wie ein vergottet Abbild
Des eignen Jugendglühens – bist Erinnerung
Und Offenbarung mir in süßem Zweiklang –
Ich liebe dich, ich liebe dich,
Kein ander Wort weiß mehr mein Mund,
Kein andres Denken kennt mein Herz
Als das noch: du bist mein.
Und wenn ich weinen könnte, o so wär's,
Daß ich dir nicht die erste Liebe dieses Lebens
Mehr geben kann. Aber Tränen
Hab' ich nicht mehr. So goldenstill
In Süße hast alles du getaucht
Hast mich begnadet, daß ich nur noch bitte
Die Spindel, die den Lebensfaden
Uns trägt, sei fruchtbar
Wie der blaue Flachs des Feldes –
Du – du Geliebteste, doch bin ich stolz
Denn eines kann ich vor dir voraus:
Auf meinen Armen trag ich dich
Dem Wind entgegen
Trag dich dereinst durch Tod und Nacht
Und Weltenbrand
Zu letzter Lust



LIEBESNACHT


Uns leuchtete noch keine Nacht so tief
Wie dieses Sommers schwere Liebesnacht,
Da dir dein Herz erwacht, die dir mein Herz gebracht
Die uns zum Leben rief –

Spürst du – fern sinkt das letzte Schweigen,
Fern klingt der Reigen
Verdämmernder Lieder der Einsamkeiten
Gieb mir die Hand,
Erobererland
Liegt viel noch in uns beiden.

Ich fühle, wie Mund und Hände mir begnadet sind
Ich fühle, wie dein Blut zum Herzen rinnt –
Fühlst du die Nacht? Noch keine war so still –
– So still, als seien alle Tränen ausgeweint
So still, als trüge sie Tod und Unsterblichkeit vereint –
Wie diese, die uns zu den Göttern führen will.



IMPROVISATION


Die blaue Sommerluft über den Hügeln,
Der Wind mit leichtbeschwingten Flügeln,
Die Linden voll grüner Hoffnungsherzen
Des Gartens goldne Königskerzen
Sie alle tragen Liebesschmerzen.

Die rotesten aller roten Rosen
Schauen dich mit freundlichen großen
Augen an und denken:
In dich will ich mich versenken
»Dir, Geliebte will ich mich verschenken.«

Sogar der liebe Gott, der es so einsam hat,
Der wünscht, er sei ein Rosenblatt
Von allem Duft des Sommers satt
Und fiel' auf deine Brust
In Sommersonnenlust.

Sie tun mir ja leid, die Königskerzen
Und die Hoffnungsherzen
Und die roten Rosen
Und der liebe Gott in seinen großen
Einsamen Wolkenschmerzen.


Doch in diesen Sommertagen
Will ich nimmer schmerzlich klagen
Will gar nichts von der Welt
Und nichts vom grünen Feld,
Will nur dich zu besitzen wagen.



GEIGENLIED


Der Tag geht still zur Neige,
Du läßt mit leisem Klingen
Aus deiner braunen Geige
Mir deine Seele singen.

Du spielst die alten Lieder
Vom Tode und von Schmerzen,
Sie klingen auf und nieder
Durch unser beider Herzen.

Sind sie für uns geschrieben?
Erklingen sie als Klagen,
Die einst uns sind geblieben
Nach sommerhellen Tagen?

Das alte, tiefbetrübte
Von Scheiden und Verlassen
»Kann dich, Geliebte
Nicht mehr umfassen« –

Spiel uns ein Lied zusammen
Für heut und alle Zeiten
Und laß wie Liebesflammen
Aufglühen deine Saiten.


Der Tag geht still zur Neige,
Du läßt mit leisem Klingen
Aus deiner alten Geige
Mir deine Seele singen. –



LIEDER AN LIANE


I.

Ich wollte einmal dich in meiner Heimat grüßen,
Ich wollte einmal, daß zu deinen Füßen
Die Wege ziehen, die mir lang vertraut.
Ich wollte, daß mein stilles Land dir brächte
Sein tiefes Sehnen, seine hellen Nächte
Und du es sähest, wie ich es geschaut.

Ich wollte einmal deine Lippen küssen –
Ich wollte einmal deine lieben süßen
Geliebten Augen auf mir ruhen sehn –
Ich wollte einmal – einmal nur dir sagen
Wie lang dein Bild im Herzen ich getragen
Und wie es ruht dort bis zum Untergehn.

Dann aber? Oh ich weiß nicht, was noch wäre
Still ruht die Sehnsucht – ankersstill im Meere
Fragst du den Beter, was er noch begehrt
Wenn ihm sein Gott die Seligkeit gewährt?
Fragst du den Schiffer, der den Hafen sieht,
Ob noch ein Wunsch durch seine Seele zieht?

Ich wollte einmal deine Lippen küssen,
Ich wollte dich in meinem Hause grüßen –
Einmal mit dir allein sein – fern vom Leben.
Ich wollte einmal dir in erstem Schweigen
Die Heimat und mich selbst ganz dir zu eigen
Bedingungslos in deine Hände geben.

II.

Du sollst in meiner Mutter schönstem Bett
So ruhig schlafen, bis du nicht mehr müd' –
Und wenn dir dann der junge Tag erglüht
Wird er dich wecken aus dem Traum der Nacht,
Daß dir erwacht
Der schönere Traum des Lebens.

Du sollst an meiner Mutter stillem Herd
Die alten lieben, guten Worte hören,
Die alten Worte, die das Herz betören:
Von Heimatglück, von fernen Zeiten
Von müden, lang erblaßten Leiden
Die uns noch rühren.

Du sollst in meiner Mutter Gartenland
Die kleinen, bunten Blumen pflücken,
Die überfallend nach dem Steig sich bücken.
Die roten Rosen, die dort einsam blühen
Und erglühen
Für dich allein.

Du sollst in meiner Mutter altem Haus
Die Liebe nehmen, die ich holen will
Aus meiner Seele Tiefe und dir still
Zu Füßen legen, bis der letzte Tag
Uns kommen mag
In diesem Leben.

Du sollst in meiner Mutter Heimatdorf
Die Einsamkeit und frühes Leid vergessen
Und allen Kummer, den du je ermessen –
Weil ich dich führen will und lächelnd tragen
Mit stolzem Wagen
Zu unserm letzten Glück.

Du sollst in meiner Mutter Hochzeitskleid
Von weicher, weißer, weiter Schimmerseide,
Die ein Symbol der Freude für uns beide,
Das liebe gute Wort mir geben,
Das mein Leben
Mit dir vereint.

III.

Nacht ist um uns, die bange
Lautlos sinkende Nacht –
Sie hat nach verblassendem Leide
Erlöstes Sehnen gebracht.
Greift dir ihr Schweigen an dein Herz?
Zieht es dich leise erdenwärts – –
Am Himmel – fern
Löst sich ein blasser Funken,
Ein Augenblick
Er ist im All versunken.
Ein Wunsch flammt auf,
Ein Wunsch – so heiß,
Ein Wunsch, der letzter Liebe Preis.
In deine Arme laß mich sinken,
In deiner Liebe laß mich ertrinken,
Gib mir dich ganz,
Gib mir den Glanz
Von Erdenglück:
Unser letztes Geschick – –
Nicht fort –
Komm – kein Wort,
Kein Wort durchbreche die Stille.

IV.

In unserm Garten liegt ein Feuerschein,
Des letzten Herbstes flammendes Verglühn.
Die stille, weiche Luft ist klar und rein,
Wir sehen rote Wolken südwärts ziehn.

Im Winde tausend goldne Blätter schwanken
Ein letzter Gruß der Liebe, die vergeht.
Die späte Rose blüht; doch müde sanken
Schon manche Kelche auf das Gartenbeet.

Die Mauer ist umstrickt von Scharlachwein,
Mit Liebesarmen nimmt er sie gefangen,
Und selbst der alte, harte, kühle Stein
Erstrahlt in rotem, brennendem Verlangen.

Ein Glühen rings, ein sonnenrotes Sterben.
Ein Sterben, seliger und schöner noch
Als blassen Frühlingslichtes stilles Werben
Das einst auch über dies Gelände zog.


Du lächelst schmerzlich. Weil die Liebe flieht
Von dieser armen, stillen Gartenerde?
Du lächelst schmerzlich, weil der Herbst uns glüht
Und weil er kommt mit strahlender Geberde?

Sieh doch: was hier vergeht, uns bleibt es immer,
Uns grüßt der Herbst, uns grüßt er wunderzart,
Weil unserer Herzen roter Liebesschimmer
Für eine traumeskurze Zeit ihm ward.

Wir können froh und lächelnd von ihm scheiden,
Ein sterblich Abbild ist, was hier vergeht
Von dem Unsterblichen, dem, was uns beiden
Als unvergänglich vor der Seele steht.

Bis auf der alten, lieberoten Erde
Das letzte, leise Wort uns klingt,
Bis zu uns als geleitender Gefährte,
Der letzte Erdenton noch dringt.

Bis wir den letzten Blick noch tauschen,
Wenn einst der Tag uns letzten Abschied bringt –
Und wenn im fernen Windesrauschen
Das Herz im All versinkt.


V.

Ja, du bist schön
Und deines Mundes Lächeln
Ist holder noch als weicher Geigen Klang.
Du bist so schön
Und deiner Augen Tiefe
Ist reiner als ein letzter Schwanensang.

Du bist so stolz,
Daß kein unreines Denken
Dir nahen könnte – keine Schuld sich zeigen.
Du bist so stolz
Daß keines Fremden Urteil
Dich loben dürfte, weil du ganz dein eigen –

Du bist mir Freund,
Denn unsre Seelen kamen
Zusammen in dem teuersten der Worte.
Du bist mir Freund
Zusammen schlossen
Wir auf des Paradieses Pforte.

Du bist mir alles –
Meiner Liebe Erbe
Und meiner Liebe Erdreich wurdest du.
Du bist mir alles
Und an deinem Herzen
Schließt leise sich des Leidens Türe zu.


BOTSCHAFT


So viele lange Tage mußt' ich warten –
Dort, wo bei Felsgestein und feuchten Mosen
Zum Winkel des Vergessens wird der Garten,
Dort harrten längst schon dein die roten Rosen.

Und endlich sehe ich, daß du mit deinen zarten
Geliebten Händen hast für diese losen
Blumen mir hingelegt das Buch des Barden.
Ich lese – spüre fernen Sturmes Tosen.

Kein Wort von dir – nur die verlohten
Inbrünste alter Zeit. Nichts als die herben
Verklungenen Lieder eines großen Toten.
Oh du Geliebte, hat mein Sehnsuchtswerben
Mir keinen einz'gen Gegengruß entboten?
Da – halt – ein Bleistrich
einsam muß ich sterben.



AM TEICH


Vom Teich herüber klingt aus einem Nachen
Durch unsre Nacht der sanfte Ton von Flöten –
Wir sind am Uferrand – ich sehe seine flachen.
Bespülten Steine sich wie Kupfer röten.

Denn aus den Wäldern steigt in blutigem Entfachen
Seltsamen Lichts der Mond, als wie in Nöten –
Und plötzlich, da erstirbt dein liebes Lachen
Und eine Stille kommt, die keine Worte töten. –

Es suchen meine Hände sanft die deinen
Und über ihre Frauenanmut neigen
Sich meine Lippen. Klang es wie ein Weinen,
Das keines wollt' dem andern zeigen?
Oh du, ich fühle, wie sich unsre Seelen einen
In diesem ersten, schmerzerfüllten Schweigen.



AN TONI SCHWABE


Nie ging ein Dichter unbeirrter seine Straße –
Nie war Erlesnes stiller, unvergeßlicher gegeben.
Wie ein sehr kostbares Gefäß in edlem Maße
Ist deine Kunst, Symbolum deinem Leben.

Und in der strengen Formen schönste Vase
Füllst du des Weinlaubs rauschdurchglühte Reben.
In einen Kelch vom Venetianerglase
Stellst du »Camille de Rohans« rosenschweres Beben.

Die Sünde machst du rein – wie aus Gewitterstöhnen
Uns klingen mag das Jubelwort: Genesen!
Einsamer Seelen Schmerz läßt du ertönen
Zu einem Schwanenlied sehr seltner Wesen –
Und deine Erdenliebe hat von allem Schönen
Das Vornehmste sich nur zum Eigentum erlesen.



OSTERSONNABEND


Aus fernen Gründen, die noch keiner nannte,
Weil alle dort wie eine stille Welle
Im Strome des Vergessens sinken, sandte
Der Welterhalter junge Lebensquelle:

Nun fuhr der Tauwind brausend durch die Lande –
Am Berghang blüht die blaue Küchenschelle,
Ich zittre, weil mir jäh das Herz entbrannte
In dieses Abends keusch-verklärter Helle.

Durch klare Stille tönen stark die Glocken.
Ja, dieser Abend ist durchbebt von Freude,
Von einer Freude, die sich wie erschrocken
Bewußt wird dieses kindersüßen Heute.
Du glühst, mein Herz? Wohl dir, du kannst frohlocken:
Dein Ostern kommt mit lenzlichem Geläute.



AUS FREMDER SEELE


Einst liebt' ich dich. Du gabst mir über Grüften,
In denen schwere Tote von dir ruhten,
Die bleiche Hand. In losen Sommerlüften
Erstarben jenes Tages heiße Gluten.

Dein Haar war weiß. Um deine Hüften
Lag die Erinnerung. Ich sah, daß dunkle Fluten
Dir einst zum Herzen gingen. Deine Augen prüften
Die meinen – ich sah deine Lippe bluten.

Die Nächte waren schwer, wie Blut aus Wunden,
Die Tage dieses Irrsals gotterhellt –
Ich glaubte das Mysterium gefunden,
Mich dünkte, ich erlebe eine Welt –
Da sagtest du ein Wort – und dieses Wort zerschellt
Mir böser als der Tod noch meine letzten Stunden.



DER GARTEN MEINES ELTERNHAUSES


Dort am Ruinenberg, von Mauern eingeschlossen,
Zieht sich der Garten bis zum Haus im Tale
Dort wußt' ich alles gut. Und mit gar stolzen Rossen,
Die es nicht gab, und mit dem Schwert vom Stahle,

Das nur ein Holzteil war, ein Stücklein Leitersprossen,
Zog ich zum Kampf. Und wie aus einer vollen Schale
Hab' ich Erobererlust auf diesem Land genossen –
Selbst Blumen wurden zum Erinnerungsmale.

Und steig' ich manchmal wieder jene steilen
Steintreppen zu den alten, lieben Orten,
Wo alles fast wie einst noch lange möcht' verweilen,
So weiß ich, hier bin ich einst reif geworden –
Hier in der Jugendheimat, die so viel konnt' heilen,
Hier stand ich harrend vor des Lebens Pforten.



KASPAR HAUSER


Woher du kamst, sollt'st du zu wissen wagen!
Du aber ahntest nicht, welch' Irrsal dich geboren –
Du Armer löstest nicht die letzten Menschheitsfragen,
Du standst wie wir vor strengverschlossenen Toren.

Als ich ein Kind war, hatt' ich unter allen Sagen
Die deines Lebens mir als schönste auserkoren –
Und heute klingt aus ihr mir noch das Klagen
Der Menschen, die sich in die Welt verloren.

All unser Wissen schläft im dunklen Grunde –
Was sollen wir als Ziel und Herkunft nennen?
In deiner Todesnacht sprachst du mit bleichem Munde
Von einem Weg, den sie hier nicht mehr kennen –
Den letzten Menschheitsschmerz, der noch die letzte Stunde
Umnachtet, seh' ich in dem deinen brennen.


FRÄNKISCHES LAND


Der brandenburgsche Adler grüßt von manchen Toren,
Und Römertürme schauen trotzig in die Weiten,
Und Keltensteine, die sich in das Jetzt verloren,
Vergeßne Königsgräber bergen Wald und Heiden.

Im Felsgestein, bei windzerwühlten Fohren
Die Reste von Geschlechtern alter Zeiten –
Die Menschen, welche dieses Land geboren,
Wird immer die Vergangenheit begleiten.

Land der Verlassenheit – Land der Erinnerungen,
Du Land der Schwermut und verschollner Klagen,
In deinen Wäldern schlafen Götterdämmerungen,
In deinen Tälern wohnen alte Sagen –
Wem du das Lied Melancholie gesungen,
Wird es als Grundton seines Wesens tragen.



WEIMARSCHES LAND


Wacholderbäume stehen gleich Cypressen
Am kahlen Felshang, und die wilden Reben
Umschlingen Rosenbüsche, die sie zärtlich pressen,
Sie wecken hier ein Spiel von Leben –

Denn alles schweigt. Still und vergessen
Stehn Mühlen, deren Arme haltlos schweben,
Und nur vom Wind als Spielzeug sind besessen,
Dem Freiesten der Freien hingegeben.

Die Erde ist ein liebender Vergelter
Und trägt die Ernte sommerlicher Zeiten.
Zu Tale stürzen sich die blauen Wälder
Mit ihrer wilden Blumen Seltsamkeiten,
Und ewiger Wind trägt über goldne Felder
Das Lebenslied von Kommen und Entgleiten.



DER TREULOSE


Wir ritten jubelnd durch die Nacht,
Fern lag das Schloß – vor uns das Meer
So weiß wie Diamanten.

»Mein Liebster, ach, es ist vollbracht,
Wie wir liegt keiner nimmermehr
In Liebesbanden.«

Am Wege steht ein armes Kind
Mit Augen, schwer vom Schmerz,
Und Blut an seinen Füßen –

»Was wirst du blaß, sag mir geschwind
Was wirst du blaß, geliebtes Herz?
Das Mädchen wollt' dich grüßen!«

»Laß, Liebste, es war nur der Wind,
Der spielt zum Scherz
Mit einer alten Weide.«

»Nein, Liebster, meine Augen sind
So klar und hell wie Erz.
Das Kind steht auf der Heide.«

»Nein, Liebste, nein, es ist der Mond
Der macht das Land so hell.
Er tut dir nichts zuleide.«

»Weißt du, wo dieses Kind wohl wohnt
Mein Weggesell'
Das Kind im weißen Kleide?«

»Und so wird meine Lieb' belohnt
Und so vergißt du schnell
Was heute eint uns beide?«

»Ja, unser ward das Sakrament
Vom Priester dargebracht –
Wen ließest du im Leide?«

»Ist's nicht genug, daß eine brennt
Die Reue in der Nacht –
Entscheide –«

Da habe ich ihn angeschaut
Und bin aus tiefem Traum erwacht
An seiner Seite.

Die Nacht ist hin, der Morgen taut,
Im Herzen fühl' ich Grabeslast
Hin ging die Freude.

Der Tag wird hell, der Tag wird laut
Mein Glück floh ohne Rast
Ins Weite – fort ins Weite.



SPÄTER AUGUST


Schon werden die Tage so seltsam still
Und die Nächte schicken den Sternenregen
Zur dunkelnden Erde – wieder will
Der Sommer seinem Herbst entgegen.

Über dem Städtlein liegt Mondenlicht
Und die Menschen wandeln zu zweien
Im Schatten von Giebeln verschlungen dicht
Den Liebesreihen.

Einst gingen wir auch durch die stille Stadt
Und hörten fern das Posthorn klingen
Und den Fluß, der leise ans Ufer trat –
Unser Leben war Singen –

Unsre Schritte hallten durch schlafende Nacht,
Wenn der Mond erblich und die Sterne sanken
Als hätten sie schmerzlichen Weg vollbracht –
Unser Leben war Danken.

Wo bist du, mein einsamer Herzgenoß?
Nun seh ich Fremde den Liebesweg schreiten –
Die Turmuhr schlägt – so riesengroß
Faßt mich das Sehnen alter Zeiten.


Oh Jugendglück – oh Jugendlust,
Heut' gehst du in fremden Gestalten.
Wie die Sterne vom Himmel im späten August
Sind wir gestürzt – die Lieder verhallten.


KLAGE


Im Abendschein
Harr' ich auf dich –
Du kommst zum Tor herein
Und küssest mich –

In Sehnen ging der Tag,
Der Abend geht in Lust,
Was uns auch kommen mag,
Ich lieg an deiner Brust.

Wie Gold und süßer Wein
Ist uns die Zeit –
Und jung und rein
Zu allem Glück bereit.

So war es einst,
So war es einst im Mai,
Mein einsam Herz du weinst,
Bald ist auch dies vorbei.

Denn alles nimmt uns ganz
Das Leben und der Tod –
Es raubt den Frühlingskranz,
Er stiehlt die Not.


Bald ist zu Ende gar
Wie erst das Glück, dein Schmerz
Bald trägt, was dein einst war,
Ein andres Herz.

AM THUNERSEE


Komm mit – der See schickt weiße Tauben
Als Freudenboten aus dem Grund hervor.
Komm mit – ich weiß dir viele Brombeertrauben
Am Waldesknick, am Felsentor.

Komm mit – ich weiß ein Boot mit goldnem Segel,
Das trägt uns weit hinaus ins Blau,
Komm mit, die weißen Taubenvögel
Sie grüßen dich, du stolze Frau.

Komm mit, ich weiß dort hinter Lorbeerbäumen
Ein helles Haus –
Und glühendrot Geranien träumen
In blaue Nebelluft hinaus.

Komm mit – ich weiß dir dort blutrotes Lieben,
Komm mit, komm mit zu unserm See –
Und dieser Tag sei in mein Herz geschrieben
Bis es vergeh –

Komm mit – du weißt doch, daß wir müssen,
Komm mit, komm mit zur Liebesnacht,
Und sieh, wie unter tausend Küssen
Uns jung das Paradies erwacht –


Komm mit, komm mit, blutrote Blumen sterben
Im Herbstesgrau –
Komm mit, ich will mit meinem Leben um dich werben
Du schönste Frau.



ABENDSTIMMEN


Der Sommerwind streicht übers Gras
Hin über die bebenden Herzen,
Über die goldenen Königskerzen,
Und meine Augen sind von Tränen naß.

Dort reifen Beeren sommerrot,
Wir pflückten sie zu zweien.
Die Schnitter ziehn in Reihen,
»Es ging ein Schnitter, der heißt Tod«.

Mein Liebchen liegt im kühlen Grab,
Meine Stirne streifen des Sommers Hände,
Oh fänd' ich dich am Ende
Der Welt, ich ging hinab.

'S ist alles heimatfernes Land,
Drauf meine Füße treten können,
Ich fühl's im Herzen brennen,
In unstillbarem Brand.

Die Wandervögel ziehn zu Tal,
Das Abendrot wird blaß und blässer,
Mir wär es besser,
Zu sterben, wie das Himmelsmal.


Die Schnitter ziehn den Weg hinab,
Meine Stirne streifen des Sommers Hände,
Wenn ich doch endlich Ruhe fände
Bei dir im Grab –



EINER TOTEN


Die Nacht ging hin – der Morgen tagt
Und muß die Welt des Traums zerstören –
Ich kann die Worte, die du einst gesagt
Nur noch mit meinem Herzen hören.

Der Saal ist still – dein leichter Tritt
Der war, wie wenn sich Töne sanft verlören,
Verklang – und ich kann deiner Füße Schritt
Nur noch mit meinem Herzen hören.

Das Haus ist leer – die Sonne blickt so kalt,
Was hilft dem Einsamen, sich zu empören?
Ich kann die Stimme, die mir lang verhallt
Nur noch mit meinem Herzen hören –

Der Garten schläft – einst klang mir dort
Dein Lachen – klang, mich zu betören –
Ich schleiche mich von seinen Wegen fort,
Dein Lachen werd' ich niemals wieder hören –

Was ruf ich dich – mir ist dein Trost versagt,
Was ruf ich dich, die Ruhe dir zu stören –
Ich muß die Stimme, die mich tief verklagt
Ein langes Leben noch im Herzen hören.



EIN MUTTERLIED


Wir dachten einst, was in uns lebt,
Kommt uns erhöht noch in den Kindern wieder
Gleich einem Rausch, der nimmer stirbt –
Wir dachten einst, die Welle, die uns hebt,
Stürmt fort in ihnen, wie die hohen Lieder,
Mit denen uns die Liebe wirbt.
Uns trug die Welle einer Leidenschaft,
Uns trug der Freiheit und des Willens Kraft,
Wir wollten voll Inbrunst und frohem Schrecken
Titanenseelen erwecken. – – – – –
– – – – – – – – – – –
Mein kleiner Niels, der freit die reiche Braut –
Mein kleiner Frank ist Pfründenhüter worden –
Und aus den Augen meiner Tochter schaut
Die Selbstsucht, die gewinnt an allen Orten –
Und meine Jüngste, über deren Bett
Einst meine ersten Witwentränen flossen,
Ist eine Tänzerin und tanzt vor dem Parkett
Beethovens Trauermarsch, den Leidgenossen,
Denselben, den sie an dem Tage spielten,
Als sie die Erde auf das Grab dir wühlten.
– – – – – – – – – – –
Oh alle sind sie »gut«
Und alle tragen Ehre
An ihrem Namen –
Sind mein Blut
Und sind die von mir kamen
Aus Todesschwere
Meine Seele wollt' ich ihnen verschenken,
Meine Seele und dein Angedenken
Du Freund –
Dein Gepräge und meines sollten sie tragen,
Unsre Herzen sollten in ihnen schlagen,
Wenn die Grabeserde sich über uns bräunt.

Ja – sie sind alle recht und gut,
Sie, die wurden aus unserem Blut,
Und alle tragen geehrte Namen,
Doch als wir beide zusammen kamen,
Da glaubten wir, Erlöser zu zeugen,
Oder doch solche, die unter sich beugen
Alles was klein und niedrig ist.
Nun sind sie alle Fremde geworden,
Keiner trägt einen Ritterorden
Und keiner den Alltag vergißt –
Von denen, welchen das Leben ich gab.
Wenn ich zu ihnen gehe,
Wenn ich sie sehe,
Ist mir, als stünd' ich vor unserem Grab.



LIED DER GRÄFIN MALMAISON AN EIN JÜNGLINGSBILD VON ANTHONIS VAN DYCK


Da wird einer sein, schön und stolz wie du,
Aus meiner Liebe geschaffen,
Deinen Namen muß er tragen,
Er soll mein kleiner König sein –
Lieben wird er dich,
Weil ich dich liebe,
Weil der kommt, ja nimmer wäre
Wüßt' ich nicht dich
Du schöner Knabe
Den ich heimlich liebe
– – – – – – – – – – –
Klingt nicht durch den alten Saal
Ein verlorenes Kinderlachen –
Spricht nicht aller Schönheit Lust
Aus dem Bild zu mir ins Leben –
So wird es dir wiedergeben
Was dereinst mit mir doch stürbe:
Sollst sein kleiner König sein,
Wie du heute meiner bist –.


EIN ABSCHIED


Einst war das Wort von Tod und Untergang
Euch nur die Form für letzten Überschwang –
Einst war das Wort, daß nichts mehr bliebe
Euch nur der Lockruf letzter Liebe.

Nun steht ihr schweigend – alles ist versunken,
Ihr habt zu früh den Becher ausgetrunken –
Dem Genius eurer Herzen sinkt die rote Fackel
Und eurer Liebe heil'ges Tabernakel.

Liegt euch zertrümmert an der Erde.
Was euch undenkbar schien, daß es je werde,
Ist nun geschehn. Die Abendschatten schreiten
Über den Park – des letzten Tags Entgleiten.

Stumm seid ihr, während euer Herz zerbricht
Und euer Mund sinnlose Worte spricht.
Ihr geht zur Nacht. Die trank wohl manches Lebens Rot,
Und eure Seele weint um euren jungen Tod.

Ihr geht, und eure Lippen schließt die Scham –
Ihr geht und wißt kaum, waß euch alles nahm.
Ihr geht und wißt, ihr werdet weiterleben
Voll Hohn wohl wieder lächeln, lieben, nehmen, geben.


Ihr geht – und dort, wo euch die erste Stunde,
Und auch die letzte nun verschloß die Munde,
Da klingt das Wort, das ihr jetzt nicht mehr fandet,
Das Wort, das eure Seele einst umbrandet:

Es ist das Wort von Tod und Untergang,
Die letzte Form von jungem Überschwang –
Es ist das Wort, daß nichts mehr bliebe,
Der alte Lockruf letzter Liebe.

Die Zeit durchtönt es und die Ewigkeit,
Das alte Lied vom letzten Menschenleid,
Das alte Wort vom letzten Lieben:
Es ist kein Rest von uns geblieben


EIN DIRNENLIED


Einst, da ich liebte, war ich schön wie Gott
Ja, ich war herrlich, gleich den Ungewittern
Die über welterstarrter Winternot
Erzittern –

Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut
Und meine Augen glühten gleich Gestirnen
In irrer Glut –
Jetzt geh' ich mit den Dirnen –

Ich nehme die Liebe von jedem Munde,
Ich nehme die Lust zu jeder Stunde,
Ich liege am Grunde
Dort, wo der Ekel ist.
Ich suche – und lache meinem Funde
Zu schlecht für die Hunde
Zum flüchtigen Bunde.

Aber etwas in mir es nimmer vergißt:
Einst, da ich liebte, war mein Mund voll Blut
Und meine Seele schrie in seligem Entstarren
Und eine Welt erstand aus dunkler Glut –
Jetzt bin ich leer – dem Lachen gleich von Narren.



INFERNO


»Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung sinken«,
Laßt, die ihr eingeht, hinter euch die Glut
Von allen Wünschen still ertrinken –

Laßt, die ihr eingeht, hinter euch die Klagen,
Ruhmlos versickerte das rote Blut –
Ihr wart, und das hat niemand viel zu sagen.

Laßt, die ihr eingeht, eure müden Hände
Über euch streicheln, als das letzte Gut
Von Leidgenossen an des Handelns Ende.

Laßt, die ihr eingeht, der Verzweiflung Ringen
Und eine letzte haßerfüllte Wut
Euch noch ein letztes Mal erklingen.

Denn auch dies eine wird euch abgerungen
Auch dieser letzte Lebenston bald ruht
In ewiger Starrheit eingezwungen.

Laßt, die ihr eingeht, jedes Hoffnungswerben,
Dies zu bezwingen nützt kein Heldenmut:
Den Tod mit dem Bewußtsein, nie zu sterben.



DER DRUIDE


Du gabst mir eine herbstliche Verbene
Als ich dich um die heil'ge Mistel bat,
Nach der ich mich mein ganzes Leben sehne,
Ich, der im Kleid des Barden vor dich trat.

Blau wie der Himmel zu der Götter Ruhme,
Blau wie dein Auge war mein Sängerkleid –
Du aber gabst mir die Druidenblume,
Die mich nun der Entsagung weiht.

Das Bild des Mondes über jungen Nächten,
Es zeigte mir im Traum mein letztes Glück –
Nun aber huldigt es den ewigen Mächten
An meinem Priesterstab als Krönungsstück.

Du ließest eins – ich kann noch für dich beten
Wenn über die Bretagne der Sturmwind flieht,
Wenn unsre Menhirs klingen, daß die Steine reden,
Wenn durch die Nacht der Wahnsinn zieht –

Kennst du die Nächte ohne Ruh und Ende,
Die Nächte, schauerlicher als das Grab –
Wenn wir voll Haß und Wut die Hände
Zum Schicksal heben, das dies Leben gab?


Du gabst mir eine herbliche Verbene
Als ich dich um die heilge Mistel bat –
Nun kommt die Nacht, soviel ich mich auch sehne,
Die Nacht des Opfers, das kein Ende hat.



SANSSOUCI


Verschnittener Taxus, weiße Götterbilder
Und breite Treppen, über die
Verblaßte Seidenschleppen ziehen müßten –
Ein altes Schloß in kühler Pracht.
Ein Park, durch den man »irrt«
Und der Ruinenberg
Mit seiner Schwermut von gestürzten Säulen
Und einem Opferstein
Für Götter, die schon lang gestorben:
Fridericus Rex wollt' ohne Sorge sein,
Fridericus Rex floh in das Land Romantik.
Wir lächeln?
Oh ein Lächeln voll Verstehn:
Das Alter kam, und es war schrecklich einsam.
Die Fahnen mit dem brandenburgischen Adler ruhen aus
Und ohne Sorge will ihr König sein –
Er baut sich einen Traum aus jungen Tagen,
Der blaue Flieder steigt aus feuchten Gründen,
Der Tulpenbaum, die Rebe blüht –
Dann reifen an Geländern goldne Früchte,
Und die Allee hinab fegt der Septemberwind
Die ersten gelben Blätter – –
Da droben auf der letzten der Terrassen,
Da sitzt ein alter Mann, ein alter König –
Und die Romantik blüht.
Sie soll sein müd gewordenes Herz
Mit neuen, süßen Jugendschauern füllen.
Ist denn nicht alles da, was Jugendsehnsucht heißt?
Das Schloß, die Götterbilder und die goldnen Früchte,
Der Park, durch den verirrte Schritte ziehn, –
Der Park, durch den verwirrte Seufzer glühn –
Ein traurig-ernster Teich in müdem Schweigen
Und eines Springquells frohes Wasserspiel –
Und der Ruinenberg, auf dem der Jüngling
Zu alten Göttern lächelt und zu jungen Taten
Sich rüstet ?–
Fridericus Rex? –
– – – – – – – – – – –
Der Führer plaudert: »Vor'jes Jahr um Pfingsten
Hielt unser Kronprinz hier mit seine Reiter
Und kaiserliche Hoheit wollten nicht
Erst aus dem Sattel steigen –
Und ritten man die Treppe rauf zum Schloß.«
Und wieder müssen wir ein wenig lächeln.
Das Pferd war gut geschult, –
Jedoch in hundert Jahren
Wird's eine wunderschöne Anekdote sein,
Von einem königlichen Kavalier
Der, ach nicht schnell genug zu seiner Dame konnte
– – – – – – – – – – –
Fridericus Rex wollt' ohne Sorge sein:
Es ist ja alles da, was Jugendsehnsucht heißt:
Der Park, durch den man irrt
Und eine Bücherei von Cedernholz – Voltaire –
Und der Ruinenberg.
Und alles Spiel der herrlichsten Romantik.
Wir lächeln?
Wir haben alle unser Sanssouci,
Den Park, durch den man irrt
Und den Ruinenberg
Mit seiner Torsen von antiker Pracht,
Mit seiner Schwermut von gestürzten Säulen
Und einem Opferstein für jene Götter,
Die lange tot sind –
Wir haben alle unser Sanssouci im Herzen:
Wir träumten es in unsrer frühen Frühzeit,
Eh' noch das Leben und die Liebe kam,
Das goldene Leben und die rote Liebe,
Die gleich dem Frühlingswind sich jubelnd hebt
Und durch die große Macht der Dämmerungen
Und durch die Himmel jungen Überschwangs
Den Weg hat.
Wir wissen eins: um eines Lächelns Willen
Haben wir fröhlich alle Marmorbilder
Und alle großen Bücher, alle Schwermutstempel
Und alle Sanssoucis in unsrem Herzen
Auf Nimmerwiedersehn verschenkt.



EIN JUDENFRIEDHOF


Was ihr im Leben nicht suchtet, nicht kanntet,
Und was euch der Gott nicht gab,
An den ihr glaubtet, ihr Toten,
Das liegt nun über dem verlassenen Ort,
Wo euch die Erde wieder nahm,
Die euch nie Heimat war:
Die Schönheit.
Die Totenmale stehen still wie Wandrer,
Die dem Sturme trotzten.
Und ihr und eure Taten seid vergessen,
Doch eurem Staub erblüht
In Herbstes- und in Frühlingsblumen
Vom Sommerwind beseelt:
Die Schönheit.
Der Wind streicht über sommerhelle Gräser,
Die Nelken blühn im Sonnenglanz
Geschmiegt an eure grauen Steine.
Der Erde Grund ist lieberot
Und sehnsuchtsbleich
Vom Thymiane:
In Schönheit.
Der helle, helle Sommerhimmel grüßt herein
Und wie in bebender Lust
Zittert die Silberpappel.
Und der kronenschwere Wald
Sieht wie ein Mysterium des Schweigens
Zu euch herein:
In Schönheit.
Ihr armen Knechte der Welt, ihr Toten,
Zu euch ist nie ein Erlöser gekommen,
Der eure Augen und eure Herzen
Auftat und euch das
Evangelium gebracht hat,
Das Evangelium:
Der Schönheit.
Was ihr im Leben nicht suchtet, nicht kanntet,
Und was euch der Gott nicht gab,
An den ihr glaubtet, ihr Toten,
Das spricht zu mir an diesem alten Ort,
Wo ich so manchen Sommertag verträumt
Und weiter Fernen, ferner Zeiten dachte:
In Schönheit. –



FRIEDERIKE LOUISE, MARKGRAFIN VON ANSBACH, PRINZESSIN VON PREUSSEN


Einst war das Wort von Tod und Untergang
Dir nur die Form für jungen Überschwang –
Einst war das Wort, daß nichts mehr bliebe,
Dir nur der Lockruf letzter Liebe.

Das Leben kam und trug nicht deiner Träume Bild
Wie ein Vernichtungsstrom, der reißend, wild
Das Zarte knickt, zog es in jäher Flucht
Den Lebenskahn aus seiner stillen Bucht

Und ließ ihn über trübes Wasser gleiten –
Und stößt ihn aus in letzte Einsamkeiten –
Und führt ihn fort vom letzten Feste
«Rien ne nous reste» –

«Que notre douleur» – wo klang es einst?
Die blassen Lippen singen's, während du doch weinst –
In einem toten Garten klingt ein Lied
Von einer, die vom Leben schied.

«Rien ne nous reste que notre douleur»
Wir geben diesem alten Wort Gehör,
Wir, die das Leben blühend umfangen
Hören mit schmerzlich-sehnsüchtigem Bangen


Das alte Wort von Tod und Untergang,
Es ist ein leiser, ferner, stiller Klang,
Der wie ein längst verschollenes Gedicht
Von einer zärtlich-armen Seele spricht.

Wie manchmal uns Erinnerungsschatten grüßen,
Schatten, die uns mit kleinen, melancholisch süßen
Seufzern erfüllen und uns lächelnd sagen,
Einst wirst auch du es klagen:
«Rien ne nous reste» –


DEVISE


Ich nahm mir einen stolzen Lebensspruch,
Den schreib' ich noch in dieses Buch
Und will ihn halten ohne Furcht und Reue
Und was auch kommt, ich halte ihm die Treue:
Denn jeder Tag, der mir erlosch,
Er war »Sans crainte et sans reproche.«