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Hermann Horn – Moriturus

Novelle

aus: Schicksal Krieg, Novellen aus dem Weltkriege, Herausgegeben von Richard Rieß, Georg Müller Verlag, München und Berlin

Reginald Bartlett war auf dem Landsitz einer Ver- style='font-size: 13.0pt; wandten seiner Mutter, die von den Tudors ab- stammte. Den Vormittag hatte er Kaninchen geschossen und den Nachmittag Lady Marion-Coverdale-Sinclair im Lawn-Tennis gegenübergestanden.

Er hatte sich eben den Scheitel vor dem Spiegel glatt gezogen, und saß fertig zum Diner im Stuhl neben dem Kamin und rauchte, während er seine glänzenden Lackschuhe betrachtete.

Er dachte an die leichten Neigungen des Gewehrs, mit denen man die kleinen, schnellfüßigen Tierchen in den Schuß bekam, an die raschen, kurzen Sprünge, den Ball im wohlbekannten Schlage zurückzusenden, und an das goldige Braun, das auf der zarten Haut Marions gerade unter dem blonden Gelock des biegsam geschwungenen Nackens lag.

Alles stand in einer ruhigen Atmosphäre vor seinen Augen, die merkwürdig lang auf den Erscheinungen zu verweilen pflegten.

Auch auf dem Diener, der ihm nun die Depesche überreichte und auf einen leisen Wink geräuschlos wieder verschwand.

Der Krieg war da – Kapitän Reginald Bartlett sollte zu seinem Regiment, den königlichen Dragonern, zurück.

Deutlich sah er seine nächsten Aufgaben vor sich, aber irgendwo tief in seinem Innern war ein unangenehmes Widerstreben.

Aus dem entstanden ihm Erinnerungen. Zuerst eine Anekdote von einem schottischen Lord, der ein Gegner des Duells war. Es ist ein Unsinn, sagte er, und nahm das Duell an. Es ist ein Unsinn, sagte er, und schoß die Pistole ab – und auf dem Rasen liegend schüttelte er wieder den Kopf und sagte, es ist ein Unsinn –, dann verschied er.

Und der letzten Weihnachtsnacht erinnerte er sich. Soldaten hatten an einer Straßenkreuzung ein Feuer gemacht, und während die einen nach den Klängen einer Harmonika tanzten, trat ein anderer an einer Ecke einem armen Weib, das auf dem Boden lag, mit den Füßen auf dem Leibe umher, und brüllte schreckliche Flüche.

Er war mit einem verächtlichen Widerwillen davon gegangen.

Dieser verächtliche Widerwillen lebte wieder in ihm, da er sich nun erhob und seine schlanke Gestalt im schwarzen Abendfrack und das regelmäßige Gesicht mit den dunkelblauen Augen im Spiegel betrachtete.

Mit seinem merkwürdig langen Blick besah er sich, selbst ein wenig neugierig. Aber er war so ruhig und beherrscht wie immer.

Marions jüngster Bruder freute sich auf den Krieg wie auf einen Hirsch in Schottland. Ein alter Militär entwarf einen Kriegsplan, und Lady Tudor mit ihrem nervigen Gesicht und den zwei Goldzähnen im welken Munde begründete gewandt nach allen Seiten, wie gut es sei, wenn nun Ruhe werde nach dem Sieg.

Dazwischen saß Reginald Bartlett nun, aß ein wenig, trank ein wenig, sah den Hofhofmeister, der an dem riesigen Büfett mit den großen Silberkannen stand und die Bedienung leitete, die Brüsseler Spitzen am Halsausschnitt seiner Tante, das eigentümliche Zucken am Mundwinkel des Militär beim Hervorstoßen der Worte, und fühlte, wie aus dem Widerwillen seines Innern Trauer ward.

Im Augenblick, da er den Kristallkelch an den Mund setzte und dabei einen erstaunten Blick Marion Coverdales auffing, wußte er warum.

Ihm war, als sei er hier irgendwie von seinem Platz abgedrängt und sei plötzlich allein. Und obwohl er sich sagte, es ist ein Unsinn, warf er doch aus seiner Trauer heraus einen flehenden Blick zu Marion, als wolle er sie zu sich herüber ziehen. Nie war ihm so etwas bisher vorgekommen. Das schöne Mädchen warf auch den Nacken auf und wandte sich an ihren Bruder.

Hatte er mit diesem einen Blick, der seinem gesetzten Wesen nicht entsprach, seine ganze Stellung diesem schönen Mädchen gegenüber verloren?

Es ist ein Unsinn, sagte er sich, aber er fühlte doch, wie tief in seinem Innern schmerzliche Kräfte erwachten, die gegeneinander aufwallten, etwas Unsinniges, Törichtes zu tun begehrten, und dann sich gegen ihn selbst wendend stechend wie eine Nadel zurücksanken.

Und wenn er sich weiterhin sagte, es ist ein Unsinn, so sah er fortan Marion, der er sich genähert hatte wie eine Macht der anderen, weil er sie für seine Frau bestimmt hatte, wenn er jetzt fern von ihr war, doch nur, wie sie den Nacken aufwarf und sich an ihren Bruder wandte.

Die Zeit war jedoch nicht angetan, lange bei solchen Bildern zu verharren. Das Leben war ausgefüllt mit Beschäftigung. Reginald Bartlett führte seine Reitertruppe über das Meer zu den Verbündeten und trabte auf seinem eleganten Hunter neben seinen Dragonern against the Germans.

Der sonnige Tag kam, da er mit seinen Reitern ein Kiefernwäldchen im hohen Riedgras besetzte.

Ein rotes Reh rumpelte in hohen Fluchten aus einem Brennesselbusch, blieb erschrocken stehen und überschlug sich auf einen Schuß, den ihm ein Dragoner zugesandt.

Diese kleine Erhöhung mit dem Wäldchen sollte gehalten werden, bis Infanterie kam.

Man kochte ab, lachte und schwatzte.

Der Kapitän ließ den Feldweg, der durch das Wäldchen ging, mit Schanzgräben flankieren und aus dem Lager eine Festung machen.

Am Vormittag zerbrach Infanteriefeuer die Luft, aber es war in ihrem Rücken.

Die Landschaft dort lag ruhig in ungeheurer Ausdehnung von der Sonne bestrahlt. Weites Ackerland und Wiesen, aus denen stille Bäume ragten und kleine Bäche glitzerten. Nur dort drüben, weit zur Rechten die Straße, die heute morgen ein brauner Streifen war, schien schwarz geworden.

Ungeheure Massen deutscher Reiterei zogen in den Rücken der Franzosen und Engländer, die weit dort drüben im Gefecht lagen. Reginald Bartlett schickte eine Patrouille zurück zur Meldung, denn weit und breit war nichts von englischer Infanterie zu sehen. Er verfolgte lange Mann und Pferd, wie sie durchs hohe Riedgras zogen und dann im Galopp über das Feld. Als er aber nach dem Kanonendonner Ausschau hielt, der jetzt heftig einsetzte und dann wieder nach seinen Reitern sah, waren sie nicht mehr da. Lange blickte er durch’s Glas, ohne etwas zu bemerken, endlich gewahrte er einen Busch, der sich merkwürdig heftig bewegte. Nach und nach erkannte er dahinter die weißen Fesseln von Pferdebeinen, die nach oben standen und sich zuckend bewegten.

Er war so ruhig wie immer und hielt sich das Ganze fern mit den einfachen Worten, die Patrouille ist abgeschossen.

Marions junger Bruder war dabei, und welch ein Unsinn es war, er sah ihn dort an dem Graben entlang kriechen und mit den Händen die Gedärme zurückhalten, die aus dem Leibe drängten.

Er sah es deutlich, obwohl er sich sagte, daß die Patrouille nur von Infanterie beschossen sein konnte.

Er sah auch Marion wieder, sich von ihm abwendend; und er war allein und die Trauer war wach in ihm, während er fern vor sich über dem friedlichen, unbekümmerten Felde kleine Truppen von Menschen wie Ameisen aus ihren Schlupfwinkeln kriechen und wieder verschwinden sah.

Und je höher der Nachmittag aufstieg, desto klarer ward es, daß der Ersatz nicht kam und sie hier nicht zurück konnten.

Weit außen um die dunklen Reitermassen da drüben war nur noch der Ausweg. Aber auch hier war der Weg schon versperrt. Kaum tausend Schritt weit in einer langen, grauen Linie kamen vielleicht hundert deutsche Infanteristen, das Gewehr schußfertig im Arme, die Anhöhe heran.

Deutlich konnte Reginald Bartlett sie durch das Glas erkennen. Sie stolperten durch das Feld wie eine Schützenkette, mit jenen aufgeregten Gesichtern, die das Lebendigwerden des Wildes erwarten.

Wenn er mit seinen abgesessenen Dragonern dort in jene kleine Mulde hinabstieg, konnte er sie wie die kleinen Kaninchen in die Schüsse seiner Leute laufen lassen.

Dann würden sie sich überstürzen, schreien, fluchen, zuckende, unbekannte Bewegungen machen, und der Weg war frei.

Welch ein Unsinn, daß er jetzt erneut Widerwillen und Trauer in sich fühlte und einsam und verlassen war, wie da Lady Marion sich ihrem Bruder zuwandte, der drüben mit offenen Gedärmen im Graben lag. Welch ein Unsinn, daß ihn jetzt diese Trauer wieder überkommen sollte – aber nicht dieser stechende Schmerz sollte folgen, nicht der.

Eine ihm selbst unbekannte Stimme schrie aus ihm den Befehl zum Aufsitzen – ein wildes, überhitztes, nach Besinnungslosigkeit begehrendes Vorwärtsstreben beseelte ihn und die ganze Mannschaft, die nun in rasender Karriere, eng zusammengepreßt, dahinsprengte.

Erst hörte er nur sein Blut rauschen und die Sättel knarren, als aber die Dragoner ihr »hurree – hurree –« ertönen ließen, da sah er schon wieder alles weit von sich und die spuckende Angst – es ist ein Unsinn – es ist ein Unsinn – war wieder da – –.

Und ohne, daß sie den Schlag hörten, überstürzten sich Mann und Pferd – schrien – fluchten – zuckten in unbekannten Bewegungen, und während Reginald Bartleffs Pferd zurückwich, hörte er einen seiner Leute in fürchterlicher Wut fluchen und vernahm jetzt auch die schrecklichen, maschinellen Explosionen des Maschinengewehrs, das die Deutschen aufgestellt haben mußten.

Droben an dem Kieferstamm, wo ihn sein Pferd abwarf, hörte er noch dies unerbittliche, gleichmäßige rrtack – rrtack – tack – tack – tack – rrtack – tack – tack – tack – tack – tack – wie knarrende Kammräder, die ineinander laufen.

Es war aus mit ihm, – er war unzweifelhaft mehrfach getroffen – aus beiden Seiten quoll das Blut.

Er richtete sich auf, lehnte sich an die zerborstene Rinde der Kiefer und gewahrte, wo er war.

Neben ihm lag das geschossene Reh von heute morgen, mit eingefallenen Lichtern und der Zunge aus dem Geäse, und im hohen Gras ringsum summten still die Insekten. Eine bewegliche Fliege mit grün schillerndem Leibe saß auf seiner Hand.

Er hätte gerne eine Zigarette geraucht, aber die Kräfte langten nicht mehr und so sah er mit seinen großen Augen, die so merkwürdig lange auf den Gegenständen verweilten, auf den armseligen Kadaver des getöteten Tieres.

Bald lag er auch so da – aber das war nicht das, was ihn bewegte.

Dies schreckliche Fluchen des Soldaten, das er eben vernommen, führte ihn zu jener Stunde zurück, da ihn die Kriegsdepesche erreichte. Er fühlte den Widerwillen wieder, die Trauer der Einsamkeit, und die Abweisung Lady Marions, da sie seinem sehnsüchtigen Blick nicht folgen wollte. Ob er heute so gehandelt hätte, wenn das damals sich nicht ereignet hätte, und warum war er damals so gewesen?

Er sann in die Dunkelheiten seines Lebens hinein. Irgendwo hatte ihn die Kraft verlassen, wohl hatte er in Gewohnheiten und Gebräuchen geruht, aber irgendwo hatten sie nicht ausgereicht – –.

Da vernahm er aus rauhen Kehlen drüben, wo die Deutschen gestanden, ein Lied singen, und der Gedanke kam ihm zum erstenmal, daß dort der Sieg über die Truppen seines Landes erkämpft worden war, und wiewohl er sich sagte, es ist ein Unsinn – kam ihm doch die Angst, ob irgendwo England die Kraft verlassen hätte, und ob irgendwo seine Gewohnheiten und Gebräuche nicht ausreichen würden – zu siegen.

Er sann in diese Dunkelheiten hinaus und starb mit schwerer Trauer belastet.

Ein Hund von einem belgischen Leichenfledderer raubte ihn aus.