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Felix Hübel – Eros Thanatos

Gedichte

Felix Hübel – Eros Thanatos, Otto Wigand m. b. H., Leipzig, [o. J.]






Denn du warst in abgelebten Zeiten
meine Schwester oder meine Frau.
                           GOETHE

MEINE BLUMEN


DIE bunten Blumen heiteren Übermutes,
die auf der Maienwiese meines Lebens sprossten,
sind alle nun verschwunden.

Lachend kamst einst du des Weges daher
und pflücktest meine Blumen und bandest sie
zu leuchtendem Strausse.

Doch keine Labung reichtest du den Dürstenden;
im Glühen der Sonne welkten sie dahin,
im Glühen der Sonne und in deinen Händen.

Und als, verschmachtend, eine nach der anderen starb,
ihr letzter, müder Duft im Wind verwehte,
da warfst du, überdrüssig ihrer, deinen Strauß hinweg.


BEIM SEKT


IN meines schlanken Glases bleichem Flimmer
des Weines perlend ruheloses Blitzen. Seidner Glanz
des roten Lichts auf meinem Tische gießt geheimnis-
vollen Schimmer
um brauner Schmetterlinge stummen Flattertanz.

Gleicht nicht mein Herz dem Glase und dem Licht,
mein Herz, so schwer von ungeweinten Tränen?
Mein Herz, aus dunkler Nacht umdrängt so dicht
von schmerzlichen Gedanken – melancholischen
Phalänen.


QUAND ON EST MORT

SPRICH ein Mal nur zu mir, wie eine Liebste spricht,
und laß mich beben unter deiner Worte Klang!
Kennst du das kleine traurige Gedicht:
»Quand on est mort, c'est pour longtemps«?

Drücke nur ein Mal meine fieberheiße Hand,
und kühle diesen wilden, wilden Drang!
Schon ruft mich eine Stimme aus dem dunklen Land –
»Quand on est mort, c'est pour longtemps!«

Nein! Meine Lippen küssen sollst du nicht!
Wie leicht, daß in der Wonne Überschwang
ein schmerzensmüdes Herz zitternd zerbricht! –
»Quand on est mort, c'est pour longtemps.«


BITTE

KANNST du mir deine liebe Hand nicht geben?
Im Dunkeln stehe ich und bin auch wie
ein Blinder, der, sich seinen Weg ertastend,
nun hilflos vor dem tiefen Abgrund steht.

Kannst du mir deine liebe Hand nicht geben,
da ich doch nichts als Schatten um mich sehe?
Und willst du nicht den Führerlosen leiten,
der keine Wege mehr im Dunklen sieht?

Willst du mir deine kühle Hand nicht reichen?
Das Dunkel tut so weh, und deine Hand,
nur deine Hand, kann mich zum Lichte führen.
So gib sie mir doch, deine liebe, liebe Hand!


WORTE IN DER NACHT

DURCH die Zweige weint der Wind.
Ich halte deine Hände,
die kühl wie Marmor sind,
und weine auch.

Du bist mein Kind,
nicht wahr, mein Kind bist du?
Und meine Liebe, meine Liebe deckt dich zu. –
Der Mond war nie so blaß wie diese Nacht.

Mit seinem Kinde darf man zärtlich sein –
hörst du ein Raunen in den Weiden,
hörst in der Ferne du den Uhu schrein?
Siehst du die dunklen Schatten über Sterne gleiten? –
Nein, laß mir deine Hand!

Ich tue dir nicht wehe.
Laß mich nur ruhig sein
und immer, immer in deiner Nähe! –
Du Geliebte – – du Geliebte!
– – – –
Jetzt weinst auch du.


DEN Kräften, die sich in mir lösen wollen,
kann niemand als nur du Befreiung schenken.
Drum möchte ich mich ganz in dich versenken:
Du bist mein Können, Müssen und mein Sollen.

Wie Wolken, die am Abendhimmel träumen,
nach Westen wandern, gleichsam hingezogen
zur Glut der Sonne, und in schönem Bogen
das scheidende Gestirn leuchtend umsäumen,

so kreist um deine Schönheit meines Denkens
purpurner Strom, köstliche Worte rauschen.
Du neigst dein süßes Haupt, wie um zu lauschen
Was du empfängst, sind Gaben deines Schenkens.


UND meine Seele ist dir ganz vermählt.
Mit all den heißen Kräften meines Lebens,
den innersten, halt ich dich so umfangen,
daß nichts uns trennen kann. Und all des Gebens
wird nie ein Ende sein. Denn ungezählt
sind meine Schätze, die ich vor dir breite
in meinem unerschöpflichen Verlangen,
dich frei und groß zu sehen. Sieh, so spreite
ich selbst den Teppich meines Leids vor dir,
in meines Schmerzes unersättlicher Begier,
damit dein weicher Fuß noch weicher schreite.


UND sei geduldig! Nur noch kurze Zeit,
dann werd ich nichts als ein Erinnern sein,
das wie im Traume deine Stirn umweht,
nur eine Stimme, die von ferne fleht,
nur eine Stimme aus der Dunkelheit. –
Ich werde nichts als ein Erinnern sein.


DOCH dies ist wahr: Mensch ward ich erst durch dich.
Was in mir schlummerte, ist erst erwacht,
als ich dich sah. Als in die tiefste Nacht
der Leiden du mich stürztest, da begab es sich,
daß Unerhörtes in mir auferstand.
Mensch sein heißt leiden, und der wilde Brand
des Schmerzes, den du in mir angezündet,
loht, eine helle Fackel, weit zu Tal.
Und Führer wird dies lodernde Fanal
viel Führerlosen, denen es verkündet:
Hier wohnt ein Mensch, der überwindet!


VIEL Leute gehen morgens in die Stadt.
So grambeladen sind die, daß sie nicht
den Perlenglanz des Staubs am Wege sehen.
Sie haben keine Zeit, stille zu stehen;
sie sehen nicht die Blumen und das Blatt,
das taubesprüht das Licht der Sonne bricht.
So bin auch ich ein Sklave, und mein Gram
liegt schwer auf mir, wie eine schwere Scham.
Denn alle Schmerzen sind uns nur verhaßt,
weil wir uns schämen, mit der Sklavenlast
im Freien unter Frohen herzuschreiten;
weil wir wie Bettler gehen, welche blind,
weil wir nicht Herren unsres Schicksals sind,
und weil wir wehrlos leiden.


IN EINER JUNI-NACHT

NUN bist du nur ein Traum im Dämmerblau,
ein weißer Blütentraum, so still und licht.
Wie eine Blume blüht dein Angesicht
durch dieser Nebelschleier Silbergrau.

Ein Duft von Nelken zittert in der Luft,
weht kühl durch diese bleiche Sommernacht.
Ein Vogel ist vom Schlafe aufgewacht
und lallt im Traume, zwitschert, zirpt und ruft.

Und dich, die wie ein Traum ist, seh ich wie
im Traume, fühle deines Atems Hauch,
so nah bist du! Und bist doch Meilen auch
von mir entfernt: mein Arm erreicht dich nie.

Denn nur mein Traum bist du im Dämmerblau.


UND freudlos rinnen dir die Jahre
in grauem Einerlei.
Kein Kranz schmückt deine braunen Haare,
dir blüht kein Mai.
Und deine Kräfte, sie sind wie verschwendet,
und deine Schönheit ist ein toter Schatz,
und du, die in die Welt gesendet,
um groß zu sein, du findest keinen Platz,
der dir geziemte, denn dein Herz ist leer.
So wird es immer dunkel um dich sein.
In langen Nächten wirst du lautlos weinen,
und nur der Tod wird dir Erlösung scheinen
von deiner Pein.


HERBST


DAS ist der Herbst: die grauen Nebel brauen,
und braune Blätter huschen durch das Grauen.
Die Herbstzeitlosen stehn wie blasse Frauen,
die sehnsuchtsmüde in die Ferne schauen.

Und doch: wie Fäden, die in matter Seide schimmern
– Fäden aus blassem Golde – glimmt ein Flimmern,
durch dieses falbe Dämmern. – Wehes Wimmern
klagt bang: wann wird ein neuer Frühling blauen?


OFT, wenn die Abendsonne sinken will,
stehn kühle, schwarze Schatten um mich her.
Sie sind sehr finster, und sie sind sehr still,
durchsichtig sind sie, doch sie sind so schwer,
daß, wenn sie ihren Reigen um mich ziehen,
die Erde zittert. Und ich kann nicht fliehen:
Gleich einer Mauer ragen sie und strecken
gierige Hände aus nach mir und recken
die scharfen Krallen wild nach meinem Hirn.
Und Tropfen Schweißes perlen auf meiner Stirn.
Ich bin gelähmt, möchte um Hilfe schreien;
wird niemand kommen, um mich zu befreien?
Und eh vor Schmerzen mir die Sinne schwinden,
kann ich nichts mehr als deinen Namen finden.


FÜR dich, für dich nur, hab ich eingesammelt,
was mich mein Leben Schönes finden ließ,
und was in trunknen Stunden ich gestammelt
von Liebe, galt nur dir, denn dich verhieß
ein Ahnen mir, längst eh ich dich gekannt.
Nun fand ich dich – und du kommst nie zu mir.
Und doch ist meiner Seele eingebrannt
einzig dein Bild: ich bete nur zu dir.
So hab ich oft um einen Gott gerungen
als Kind, geweint, gebetet und gefleht
um einen Gott, der, wenn er mich bezwungen,
nicht wie ein Sieger stolz von dannen geht.
Und fand als Knabe schon, daß ER nicht ist.


UND hätt ich ein Mal nur dein Herz gehabt,
hätt ich es eine Stunde nur besessen,
und hättest du nur ein Mal mich gelabt
mit süßem Troste: nie könnt ich's vergessen!
Ich würde blühen wie ein Frühlingsbaum,
im Herbste würd' ich goldene Früchte tragen
und würde hoch ob allen Menschen ragen
und würde glühen wie ein schöner Traum
in reifen Sommernächten allen denen,
die Gram verzehrt und die fruchtloses Sehnen
so bleich und trostlos machte, daß sie wie
Blumen im Herbste welken, denen nie
die Sonne schien. –
So bin ich selbst wie sie! –
Und das Leben geht seinen stillen Gang.
Und der Weg ist lang,
und die Qual ist lang.


NUN kommt die Nacht und winselt wie ein Tier,
das keine Ruhestätte finden kann.
Und niemand kommt und streichelt es zur Ruh.
Aus dunklen Winkeln springt der Wahnsinn auf
und lacht und läuft in irrem Lauf
und kommt zu mir.
Und ich bin wie die Nacht – –
und wie ein Tier – – –
und niemand kommt – – –


NICHTS ist die Liebe, nichts als jener Tod,
das große Sterben, das in jäher Glut
im Herbste aufflammt, gelb und purpurrot.
Lieben heißt reif sein, reif sein aber gut
zum Sterben, denn so will's der Schöpferwille.
Wenn unsre Kräfte strömend überfließen
und alle unsre Brünste sich ergießen,
sind gleich der Flamme wir, die rauschend loht
wir glühen, strahlen, flackern – und sind tot,
verzehrt von unsrer eigenen Überfülle.


IN jedem deiner Worte kann ich's lesen:
Du bist nicht mehr, nein, du bist schon gewesen!
Nicht daß dein Frühling ging und fast dein Sommer
schwand,
nein, dies ist nichts! Dem Leben abgewandt
steht mancher, ehe er sein Leben lebte
und ehe ein Mal ihn die Glut durchbebte,
die Liebe heißt, und ehe er entbrannt
ein Mal zur Flamme seines höchsten Seins.
Doch diese sind nur in sich eingekehrt,
und ihre heißen Augen blicken tief,
und trunken sind sie jenes süßen Weins,
von dem so manchen Becher sie geleert,
als sie ihr Schicksal zum Gelage rief.
Nun rasten sie und werden neu erstehen
und werden stärker, werden heißer leben
und werden über allen Schmerzen schweben
und heiter, wie auf Blumenwiesen, gehen,
bis sie das Ziel erreichen, jene Tugend,
die große Liebe, starkes Leben heißt.
Doch du, hättst du auch eine zweite Jugend,
du wärest dennoch tot, denn niemand reißt
dein Herz empor aus der Versunkenheit,
in die du selbst dich stürztest, als dein Hoffen
keine Erfüllung fand. Als Dunkelheit
gleich einem Trauermantel dich umgab;
als der Enttäuschung Pfeil dich jäh getroffen,
da grubst du deinem Herzen selbst ein Grab –
und nimmer steht es auf.


DOCH ich will meiner Leiden König sein
und meiner Schmerzen Herrscher, will mich so
kastei'n,
daß mir das Blut aus allen Poren dringt.
Hörst du ein Stöhnen, gehe ruhig weiter,
und spotte meiner, sei ganz heiter,
und denke lächelnd: Sieh, er singt!


UND ich will so geduldig sein,
wie nie ein Mensch es war,
und will auf deine Liebe warten
so Jahr um Jahr,
auf deiner Liebe Sonnenschein.
Und nichts soll mich von meinem Ziele wenden,
zu tragen dich auf nimmermüden Händen,
und dich, nur dich, zu lieben ohne Enden.


EIN namenloses Grauen fällt mich an.
Ich habe Furcht. Bin ich denn noch ein Mann?
Ich habe Furcht, ich werde sterben müssen,
in jeder Faser fühle ich den Tod
und träumte doch so wild von heißen Küssen.
An deinem Mädchenmunde wollt' ich zitternd hängen
und meiner Seele Flammen ganz in deine drängen.
Und deines Atems Hauch wollt' ich ertrinkend trinken,
in deinem Wesen wesenlos versinken.
Doch weil ich dich so liebte, nahmst du alles mir
und wurdest meines Leids Vollenderin.
Ja, auch das Letzte nahmst du, denn du nahmst
den tiefen Schmerzen ihren tiefen Sinn.


NACHT IM WALDE

DIE Kiefernstämme ragen steil und schwarz.
Ich liege wie in einem tiefen Schacht,
am Grunde eines Brunnens, den noch keiner maß.
Hoch über mir schweigt dunkelblau die Nacht.

Ich höre dieser Stille rätselvollen Ton:
Sind das die Sterne, die ihr Licht ergießen?
Ein blasses Flimmern rieselt es herab,
ein lautlos Leuchten seh ich abwärts fließen

zu mir! zu mir! der ich im Finstern bin,
so grauenvoll bedrängt von Kerkermauern.
Ich recke meine Hände hoch empor
und fühle Sternenfunken dran herniederschauern.


IN DER REITBAHN

HEISSE Pferdeleiber dampfen,
leises Keuchen, rhythmisch Stampfen
hallen durch den Nebel.

Dieses hohle, bange Klopfen!
Von der Decke fallen Tropfen,
so wie Tränen fallen.

Mußt du immer mit mir reiten,
du Gespenst verklungener Leiden?
Muß ich stets dich sehen?

Geisterhaftes Hufeschlagen –
Alter Traum aus alten Tagen,
fliehe mich! Verstumme!

Störrisch zerrt mein Roß am Zügel,
springt zur Seite. Und die Bügel
hätt' ich fast verloren.

Hast auch du Verrat gewittert,
edles Roß? – Es steht und zittert. –
Sahst auch du Gespenster?

Sahst auch du ein Lächeln schimmern,
weißer Zähne weißes Flimmern
durch das Nebelgrauen?

Weg du Spuk! Vergeh, verschwinde!
Weh mir, daß ich stets dich finde,
wenn die Nebel geistern!

Heiße Pferdeleiber dampfen.
Heimlich Lachen durch das Stampfen
girrt mir in die Ohren.


DURCH DIE DÄMMERUNG

NUN ward mir fremd mein eigener Schritt
in diesem grauen Schweigen.
Ein anderer tritt meinen Tritt
auf diesen dämmernden Steigen.

Mein eigenes Gespenst bin ich,
das ruft und zögert und rastet,
mit irren Händen jämmerlich
nach lebendigem Leben tastet,

und immer nur ins Leere faßt
mit flehender Gebärde;
ein revenant, ein toter Gast
auf dieser blühenden Erde.


MÜDE

WOHL möchte ich nun schlafen gehen;
wie wehe mir ist, das weißt du nicht.
Du hast mich so sehr müde gemacht. –
Horch, wie die Abendwinde wehen!

In meinem Bette kalt und tief,
da laß mich nun alleine ruhen,
von meinen Träumen zugedeckt,
als wenn ich schlief.


LETZTER GRUSS

WENN dieser schlummerlosen Nächte letzte käme,
und ich an einem dunklen Morgen sanft entschliefe,
wär'st du auch Meilen fern, du würdest jäh erschrecken,
als ob dich eine fremde Stimme riefe.

Hat doch in all' des bitteren Wachens Stunden
mein müder Geist dich ruhelos umschwirrt,
sodaß er noch ein mal zu dir nun irrt,
eh' er sich heimgefunden.


FEIERTAG

VOLLER tönet des Meeres dumpfer Schlag.
Herz, mein Herz, heut' hast du einen Feiertag!

Aus der Wogen wildrauschendem Getön
klang dir immer noch ein ruhelos Gestöhn.

Nun hinter dir, weit hinter dir die Qual;
Herz, mein Herz, nun endlich jauchze einmal!

Horch, dies zitternde, dunkle Wellengeläut!
Herz, mein Herz, ein Feiertag blühet dir heut.


EIN GLEICHNIS

IN einem Traume sah ich mich
mit einem Messer in der Brust.
Doch ging ich ruhig meines Weges,
den ungeheuren Schmerz verachtend,
der mir das Herz zerriß.
Und da kamst du:
»Um Gott! Wer tat dir das?«
Und ich: »Wer sonst, als du! Und weißt es nicht?«
»So will ich dich erlösen!« Und du faßtest
das Messer. Deine Augen waren kalt und blau.
Das Messer faßtest du und zogst mir's aus der Brust.
Und deine Augen waren kalt und blau wie Stahl.
Doch über deine Hand, die schneeig weiße,
quoll qualmend meines Lebens roter Strom.
Nur deine Augen sah ich noch. Ich lächelte.
Und ich verblutete.


EIN MONDAUFGANG

VON einer bleichen Mondesahnung wurde
des Himmels Antlitz fast verzerrt. Was vorher
nur finster war, das wurde furchtbar jetzt.
Des Meeres Raunen wurde eine Klage,
die mir das Herz zerriß. Ein düsteres Drohen
quoll's aus den schwarzen Wassern, die voll Gier
an messerscharfen Felsen nagten. Jäh
sprang eine wilde Furcht in mir empor.
Und da geschah es, daß das Übermaß
des Schmerzes, der so lange mich zerfleischt,
mich grauenvoll verstörte. Und ich kannte
mich selbst nicht mehr. Nur eines dachte ich:
Dich! Dich!! für die ich tausend Tode einst
gern sterben wollte. Eines fühlt' ich nur:
Dich! der ich eine Seele schenkte, die
nicht mein war, und die du getötet hast!
Aus einer Wolke quoll's wie schwarzes Blut
in zähen Tropfen, und die Finsternis
griff würgend nach der Kehle mir. Da reckte
ich meinen Arm empor, und wie ich's tat,
ich weiß es nicht. Doch alle Kraft der Seele
und alle Herzensglut legte ich in ein Wort:
und fluchte dir! – die meine Sonne war.


SYLVESTER

ICH blicke rückwärts: und das alte Leid
schaut mich aus brennend heißen Augen an.
Ist es denn wahr, daß ich die ganze Zeit
versunken lag in dieser Schmerzen Bann?

Ich blicke vorwärts: aus der Dunkelheit
ein lauernd' Heer von neuen Qualen droht;
und wie ein Kind, das nach der Mutter schreit,
so schreit mein Herz in seiner tiefen Not.


ALTE BRIEFE

AUS alten Briefen steigt ein zarter Duft.
Mir ist, als ob mich deine Stimme ruft.

Du, meines Lebens wunderbarster Traum,
schon schwandest du? Ich träumte dich ja kaum!

Auf deiner Schrift verschlungenes Gewirre
starr toten Auges ich. Ich ging wohl irre.

Das weiß ich jetzt. Doch weiß ich es zu spät,
wie immer – wenn man in die Irre geht.

Nun brennt mein Herz, so daß ich weinen muß.
Der Duft aus deinen Briefen streift mich wie ein Kuß.

Genug der Traumeslügen! Meine Hand
umfaßt die Briefe. Da! sie sind verbrannt!

Noch eine Flamme, die nicht sterben will –
ein Knistern – Raunen – nun ist alles still.

Doch immer, immer hängt noch in der Luft
aus deinen Briefen dieser müde Duft.