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Sophie Jacot des Combes

Gedichte

Sophie Jacot des Combes, Gedichte und Variationen, Art. Institut Orell Füssli, Zürich, 1922

ERSTER TEIL

Gedichte.


Die Sonnenblume.

Wolle Gott in mir entfalten
was ich bin,
Seiner Strahlen Bild zu halten
ist mein Sinn.

 
Alles tausch’ ich für die Wonne,
Ihm zu blühen, ein;
möge Freude meiner Sonne
Leuchten sein.

Das Lied.

Wie die Welle sich dem Himmel schenkt
und ihr Duft durch dunkle Nacht ihm folgt,
dass ein frischer Tau die Erde segne —

 
gib, o ahnend Lied, der Sonne Dich,
finde sie durch dunkle Nacht,
küsse Du, ein Morgentau, die Welt!

Erwachen.

Die Freude trug mich weltenweit,
umfloss mich, machte staunend mich zum Kinde,
ich jubelte, vergass den Tag, die Zeit,
und nun — verweht im Winde
ist alle meine Herrlichkeit.

 
Wo such’ ich sie? Kühl schattend kost der Baum,
von Berg und Wiese sinkt die Nebelhülle,
nie leuchtete so licht der Länder Saum,
getränkt von ewiger Himmelsfülle —
und lebende Gewissheit ist mein Traum.

Herzens Frage.

Warum so nimmer, nimmer rastend
und immer heimatlos?

 
Tröste Dich, Herz, Dein Leben ist’s,
und Antwort sei Dein Wallen Dir!

 
So wie des Flusses Wellenlauf
aus reiner Quelle Ursprung fliesst,
in Uferschlucht, dem Rand gehorsam:

 
brich Du aus Tiefe vor! Den Ufern treu,
folg Deiner Quelle Lauf, nur Himmel über Dir,
und heller weiter Heimat strömst Du zu.

Erblühende Rose.

Aus der Wurzeltiefe steigt der Saft,
todesnah das Leben engend,
lichtwärts drängend
losgelöste, eingeschlossne Kraft.

 
Wirrsal kreist; entzündet tobt und glüht,
alles fassend, eine Flamme
hoch im Stamme,
bricht die Rinde. — Eine Rose blüht.

Unterscheidung.

Wo wir mit mutigem Geist
meistern die folgsame Hand,
entglüht uns das Werk,
leuchtend, ein irdischer Schein.

 
Doch wie aus strahlendem Blick
glänzt, was das Herz sich vollbringt,
entglüht uns ein Göttliches:

 
wo überströmendes Herz
fliesst in ordnende Kraft,
dort leuchtet himmlisches Licht.

Vorsommertag.

Trunken von Sonne und Müdigkeit,
von Grasduft
und sommerlichem Chorgesumm —
wie Sensenton taumeln die Schritte
durch hohe klingende Wiesen.

Mittag.

Selbst Pan lässt matt die Flöte sinken
im Wellenschein der weissen Luft,
drin flimmernd goldne Bienen blinken,
berauscht vom süssen Sommerduft,
den sie aus sonnenschweren Kelchen trinken;
indes im hellen Sensenblinken
die bunten Halme niedersinken.

Wandlung.

Gestern sah ich Mäher schreiten,
mischte fröhlich meine Stimme
in die munteren Schnitterlieder.

 
Aber heute, heute ging ich
tränenüberströmt vorüber.
Sensen fauchten, eine volle Wiese fiel,
Reih’ um Reihe sank zur Erde,
legte sich und starb.

Der Apfelbaum

Du stehst in roter Apfelpracht,
rund auf der Wiese da,
strahlst aus des Bodens sichere Kraft,
dem Lichte liebend dargebracht;

 
und trägst, die Du empfangen hast,
aus Erde wachsend himmelsnah,
gereifter Gaben süsse Last
voll würz’gem Duft und kräft’gem Saft.

Zeit.

Zeit fliesst wie ein Strom,
in den wir greifen;
wir spüren ihn fliehn
und halten ihn nicht.

 
Schneller und schneller
hastet er dahin,
zieht uns tief
zu sich hinab.

 
Schon netzt er kühl
unsere Stirnen. Gebeugt
harren wir einer Welle,
die uns umfasst.

Nachdichtung nach Calderon.

Die im Morgendämmerschein
prächtig freudig aufgewacht,
schlafen schmerzensmüde ein
in dem kalten Arm der Nacht.

 
Himmelsfarben, goldgestreift,
bergen prunkend Schnee und Eis,
und in einem Tage reift
alles, was das Leben weiss.

 
Rosen wachen auf und blühn,
leben nur, um zu verglühn,
schon im knospen todbereit.

 
Auch in einem Tag ersteht
Menschenschicksal und vergeht.
Aus der Stunde wuchs die Zeit.

Melancholie.

Lastend sinket graue Schwere,
schwarz umhüllend milden Schein,
dampfend steiget Dunstes Leere,
rauschend stürzen Wolken ein.

 
Felder liegen, ungereifte,
gussdurchwühlt ist aller Grund,
Frucht, die hellen Himmel streifte,
geht im wirren Strom zugrund.

 
Erdgebeugt die höchsten Zweige,
darin wiegend Leid genas;
einsam wallend Herz, verschweige
Deiner Trauer Übermass.

Bescheidung.

Leis legt die Nacht sich nieder
auf unruhvollen Tag;
es schmerzen Haupt und Glieder,
ich tat, was ich vermag.

 
Der Sonne nachzufliegen,
ich hab’ es nicht vollbracht.
Dürft’ ich wie Mondschein liegen
im kühlen Tal zur Nacht.

Nächtliche Erquickung.

Lautlos sinkt die Nacht zu Tal
über Lieben, über Hassen;
auch um meine Lust und Qual
hüllt sie schweigend und gelassen

 
ihre Schatten. Was ich fühle
ahnt sie, greift sie tief verborgen,
hebt mich sanft auf ihrer Kühle
hoffend in den neuen Morgen.

Im Walde.

Gefangen ganz
in dunkler Stille,
wie atm’ ich tief
des Waldes Kühlung.

 
Im Grunde fliesst
ein warmes Leuchten,
des Himmels Strahl
auf klarer Welle.

 
Und schwingend schwebt,
die Ufer bindend,
von Glanz betaut,
der Brücke Bogen.

Herbstabend.

Herbstfarben dicht zusammenstehn
wie Wand, umhegend einen Raum;
vom abendlichen Glanz ist kaum
ein letzter schwacher Schein zu sehn.

 
Und Färb um Farbe rüstet sich,
ins Schattendunkel einzugehn,
und sehe sie doch flammend stehn
und strahlen tief und feierlich.

 
Ich denke an ein Angesicht,
von Todesschatten schon umhüllt,
es leuchtet frei und glanzerfüllt
im fernen unsichtbaren Licht.

Erinnerung.

Wo meine Kindheit ging,
erlebnisahnend sinnbetört,
dort schreitet nun mein Fuss
und trägt Vergangenheit:
der Ahnung Widerschein,
dem Auge lebhaft vorgestellt.

 
Wie oft zerbrach
die neu und neu erfasste Welt!

 
Doch Eines blieb
so unerreicht,
so unbetört;
die Ahnung selbst.

 
Was jene Wiese füllt,
was schweigsam, schweigsam ihr entsteigt,
was jenen Wald umfängt
und aus ihm tief und tiefer schweigt:
noch heute fühlt es neu in mir
das ahnend sinnbetörte Kind.

Herbstwunsch.

Da ich gehe in den Herbst,
möcht ich sicheren Ganges schreiten,
leise,
wie auf Wiesenteppich, der die Schritte dämpft.

 
Und mög einst, die meine Spur getragen,
Wiese, blühn im Frühling.

Madonna.

Was uns bewegt, Dir ist es nicht zu gross,
denn aller Menschen Leiden barg Dein Schoss;
die Tränen, die Du einst geweint,
sind Duft, dem Himmel nun vereint.

 
Gebete, die der Weihrauch um Dich webt,
Du hast sie alle selber tief durchlebt;
empfängst sie, hüllst sie in des Himmels Schein,
und wer Dir naht, wird in Dir Kind und rein.

Der Ring.

Ach, wie so heftig ergreift nach Erfüllung uns Trauer.
Schwand uns, verging unsre leuchtende hohe Zeit,
einsam verzagend, atmen im Schauer
nächtlicher Angst wir tiefste Verlassenheit.

 
Sinken zerbrochen goldene Flügel nieder,
Tränen, und wären es Ströme, sind solchem Kummer zu klein.
Unermessene Sehnsucht nur heilet die Schwingen uns wieder,
und neuer Aufstieg wird neue Erfüllung sein.

Der Feuerreiter.

Aus tiefem Schlaf, darin der Tod
mit Balsamfrucht die Wunden kühlt,
schreckt neuer Brand zu neuer Not
mich hoch. Die Flammen fühlt
mein Blut; mein Herz bricht auf im Feuerschwall,
mir glüht in jedem Funken eine neue Wunde;
der Glockenschall
trägt Furcht und Grausen in die Runde.

 
Bin ich allein? Es tönt aus heisern Kehlen:
Brand! Rette Dich!

 
Ich lache in ihr Schrei’n:
wovor? wohin?
Flieh ich dem eigenen Sinn,
dem höchsten Sein?
Wenn Eure Glocke stürmt:
Feuer! und Graus! und lauf! —
so baut und türmt
mit lichten Wogen,
die Flamme mir in tausend Bogen
den Weg zu neuem Sturmritt auf.

Herbst.

Funkelnd wie duftender Wein
Herbstrot glüht empor.
Reifender Trauben Trunkene
taumeln und schwanken.

 
Reifender Herbst,
trunken in Dir,
übermächtigen Lebens voll,
übermächtiger Liebe voll,
trunken bis in den Tod!


ZWEITER TEIL

Variationen.


VARIATIONEN ÜBER EIN THEMA.


So überkommt mich ein verborgner Geist:
heut Dämon mir und morgen höchstes Glück;
der heute Himmelsgnaden mir erweist,
er wirft ins Elend morgen mich zurück.

 
Er wandelt Nacht zu Tag und Tag zu Nacht,
er ist’s, der Segen spendet und verflucht.
Gewinnen kann im Schatten seiner Macht
mich nur der Tod, der tröstend mich versucht.

 

 

Die Wolke, die mich eingehüllt
in ihres Himmels Seligkeit,
die mich getragen und erfüllt,
entschwebt zu lichter Helligkeit.

 
O unermessne Traurigkeit!
Mein Alles schwebt und flieht in ihr.
Tod, öffne Deine Flügel weit,
Du dunkle Wolke über mir.

 

 

So ganz schliesst Du
in Dir mich ein,
nichts weiss ich mehr
und bin nur Dein.

 
Verlässest mich
in tiefster Not.
Nun hilf Du mir,
o liebster Tod.

 


Was ist das Dasein mir
fühl ich Dich nicht:
ein höhnend Schattenspiel,
verstellt Gesicht,

 
der Alpdruck einer Nacht.
O Bild zerbrich,
so schlecht und ohne Wert!
Ich fürchte mich.

 


Frost bannt den Fluss; wie bin ich arm,
nichts mehr erzittert, nichts mehr schwingt,
und nichts durchwallt mich sonnenwarm;
es schweigt der Strom, der Leben bringt.

 
Dich ruf ich, Tod. Nun klingt ein Ton,
und es erbebt des Eises Joch.
Hör ich in meines Kummers Fron
der Hoffnung leisen Atem noch?

 

 

Eine Welle in Dir
durfte ich sein.
Du schleuderst mich fort,
in das Land hinein.

 
In der Klippen Gestein
wirft der Wind mich umher,
leckt die Sonne mich aus.
Wo rauschst Du, mein Meer?

 

 

Von Dir, Rose, bin ich trunken,
tief in Deinen Grund versunken.
Lockst Du, Sonne, auf dem Hügel?
Rosenblätter sind mir Flügel!

 
»Schmetterling, mir sollst Du sterben,
in mir will ich Dich verderben:
spür’ die Flügel brechen, sinken,
in mir sollst den Tod Du trinken.«

 

 

Ewig suchen wir Dich,
Sonne, lebendes Licht!
Dass Du bist,
wir Sterbliche fassen es nicht.

 
Wendest Du Leuchtende
Dich von uns Armen,
mög schneller Tod
sich unser erbarmen!

 

 

Erfasse mich, Sturm,
ich fürchte Dich nicht!
Weiss einer den Weg,
weiss wie er steigt, wie er fällt?

 
O rauschender Strom, brausende Welt!
Wer scheidet Lust von Not?
Einklang jubelst Du, Sturm,
Du ungeschieden Leben und Tod.

 

 

Du Abendstern, mein flüchtig Sein
erleuchtest Du mit sanftem Schein;
was wirr und trüb, wird licht in Dir,
des Himmels Frieden gibst Du mir.

 
Im kalten blassen Morgenschein
verblüht Dein Glanz, ich bin allein.
Und fahl und traurig leuchtet mir
der Tod den letzten Gruss von Dir.

 

 

Weil ich einmal Dich erraten
in des Herzens Urgefühl,
leben Freuden mir und Taten
über menschlichem Gewühl.

 
Dürfte Dir mein Herz nicht taugen,
wolltest Du nicht in mir sein:
ich verhüllte meine Augen,
ginge still ins Dunkel ein.

 

 

DER STERN

Ein Zyklus.


Du, zu fernem Schein verwandelt,
Stern, der meine Nacht erhellt;
ich, in Trauer umgewandelt,
abgetrennt von aller Welt.

 
Und ich reisse meine Schwere
tief aus meinem Dunkelsein,
halte sie in finstre Leere,
bangend, wie ein Schild hinein.

 

 

Immer tiefer meine Not.
Meine Schwere ausser mir,
und in meinem Innern loht
nicht ein Schimmer mehr von Dir.

 
Dunkel, leer, von Last umgrenzt.
Nicht ein Funke mehr erglänzt.

 

 

Mächtig spaltest Du mein Schild,
Licht aus meiner Tiefe quillt.
Wie die Kerze hält den Schein,
darf ich, Stern, Dein Träger sein.

 

 

Nun schweben und leuchten wir, liebster Stern,
Du strahlst aus mir, Dich trägt mein Kern.

 
So flammt zu der Ewigkeit Tor
das Leben aus Tod empor.

 
So trag ich und halte Dein Licht.
Du Stern, verlasse mich nicht.

 

 

Will ich Deinen Glanz verschenken,
find ich Blindheit rings um mich;
doch ich lasse mich nicht kränken,
ich verschwende lachend Dich.

 
Immer heller fühl ich leben
Deiner Strahlen Kraft und Ruh,
immer strahlender zu geben
Deinen Schein, so hell wie Du.

 

 

Tosend teilt ein Blitz die Nacht.
Alles um Dich lodert, brennt,
flammend glüht das Firmament,
und das Letzte wird vollbracht.

 
Ungekannt, auf leise Art,
senke ich Dich still und sacht
in der Erde dunkle Nacht.
Und so wird Dein Glanz bewahrt.


DON JUAN.

Variationen.


Kaum weicht die Liebesnacht dem Tag,
so ruft Ihr laut und klagt mich an:
Don Juan, Don Juan!

 
Er war’s, er hat uns ausgelacht,
wo ist er nun, der falsche Mann,
Don Juan, Don Juan?

 
Wir, Deine Liebchen vor Gericht,
wir sagen Deine Sünden an,
Don Juan, Don Juan!

 
Und ich will sie bereuen nicht,
weil ich sie nicht bereuen kann,
denn ich bin Don Juan.



Neues Liebchen, liebe mich,
alle Poren halten Dich,
fühl doch, wie Du lebst in mir.

 
Spüre meiner Liebe Macht,
hoch empor aus Liebesnacht
schwebe auf, entfliehe Dir!

 
Doch so hell uns Tag umglänzt,
Du bleibst von der Nacht umgrenzt,
glaubst von mir Dich tief bedroht.

 
Ewig in Dich selbst verbannt,
gleitest Du aus meiner Hand
und zurück in Deinen Tod.

 


Mädchen, wie ist die Nacht mir schwer,
ich sehne mich, Mädchen, nach Deinem Leib,
und nach Deiner Seele noch mehr.

 
Du trägst mich so wie ein Kleid ins Licht,
und trägst mich doch nur zum Zeitvertreib,
denn meine Seele trägst Du nicht.

 

 

Tief atm’ ich einen Augenblick
Dich ganz in Deiner Schönheit Duft,
doch Du, voll Angst um Dein Geschick,
zerstäubst der Liebe zarte Luft.

 
Zerfliessest mir in meiner Hand
wie Nebeltau im Sonnenschein;
dort, wo Dich meine Glut gebannt,
bin ich im weiten Raum allein.

 

 

Verlass der Festung Felsenstand,
winde um Dich mein fliegend Band,
bin ich auch Wirbel nur und Sand,
ich brenne hell wie Sonnenbrand!

 
»Mich schützen Fels und Dach und Wand!
Von mir verbannt,
weh weiter, unnütz leichter Sand!«

 
Ha, wie der Sturm zum Felsenrand
mich blitzend jagt,
in Saus und Braus
durch Dach und Wand ins Haus.
Kein Spalt noch Ritze bleibt,
durch die er mich nicht treibt,
bis ich in mich geschlossen ganz,
Dich Liebchen! — und Du bist mein Tanz!

 

 

So viele Liebchen halte ich,
und alle, alle fürchten sich
und können mir doch nicht entfliehn,
sind Wellen sturmbewegt.

 
Nicht eine hebt zum weiten Raum
sich selber hoch; es glänzt ihr Schaum,
indes mein Grund im Sonnenlicht
sich trunken überschlägt.

 

 

Wie des Brunnens Wasser springen,
drängt empor mein heller Strahl,
niederneigend zu umschlingen,
Euch, Ihr Liebchen, ohne Zahl.

 
Wollt Ihr meinen Glanz vermischen
in die Furcht um Euer Blut,
flieht er Euch — und sollt’ er zischen
in der Hölle Flammenglut.

 

 

Um Rache habt Ihr nur gewacht,
der Hölle Glut
mir angefacht,
den schlimmsten Tod
mir zugedacht.

 
Doch ich, ein frisches Morgenrot,
in meiner Höllengluten-Pracht,
ich Don Juan,
ich hab Euch wirklich ausgelacht!

 
und habe Euch doch liebgehabt.
Wart mir zu Eurer Zeit
die Ewigkeit.

 

 

Du nur bleibest mir verhüllt,
die mich wie der Tod geschmerzt;
niemals hab ich unerfüllt
Dich aus meinem Sinn gescherzt.

 
Du, so leise mir entschwebt,
Du allein ruhst tief in mir,
und in meinem Wunsche lebt
herrlich mir ein Bild von Dir.


LIEBE.

Ein Zyklus.


Lass mich los, Du falsche Nacht
und Du, Tag, in öder Pracht!
bin ich auch dem Tod geweiht,
Ihr zerreisst die Ewigkeit.

 
Lieber will ich nackend stehn
und in alle Winde wehn,
aber lasst doch fühlen mich,
hier vergeh ich, einzig ich.

 
Ach, wie hab ich Euch geliebt,
Nacht, in Deinem Stillesein,
legte Dir mein heisses Haupt
tief in Deinen Schoss hinein.

 
Und Dir, Tag, hab ich getraut,
mit Dir meinen Traum gebaut,
hoch und licht — und war ein Trug,
Nacht aus seinen Fenstern schlug.

 
So ist Liebe das Vergehn.
Gut; und ich will stehn und stehn und stehn,
einzig Liebe ohne Kleid
und vergehn in Ewigkeit.

 


Das hast Du, Liebe, aus mir gemacht:
ich stehe traurig ohn’ Tag und Nacht.

 
Ich kann nichts sagen, ich weiss nichts mehr,
nicht einmal klagen, mein Wort ist leer.

 
So stehe ich bloss und ohne Kleid
und sterbe in Liebe und Ewigkeit.

 

 

Hervor denn, Liebe,
verlasse mich,
hervor aus mir,
zerreisse mich!

 
Mit Tag und Nacht
umhülle Du mich,
denn einzig und ohne Kleid
höhnt nur der Tod
die Ewigkeit.

 

 

Sind es Schmerzen, ist es Wonne,
Liebe nur, wenn es vollbracht?
Strahle Tag, in Deiner Sonne
bis Dich löscht die kühle Nacht.

 
Komme Nacht, und immer wieder
schenke allen Augen Ruh,
beug die Ungeduld der Lider,
streben sie dem Tage zu.


 
Leuchtend will den Traum ich bauen,
Tag, mit Deiner klaren Pracht!
Das Geheimnis Dir vertrauen,
Balsam Du, o stille Nacht.