ngiyaw-eBooks Home


Francis Jammes – Almaide

Der Roman der Leidenschaft eines jungen Mädchens

Francis Jammes, Almaide oder Der Roman der Leidenschaft eines jungen Mädchens, Hellerauer Verlag Jakob Hegner, Berechtigte Übertragung von Felix Grafe, Hellerau bei Dresden, 1919



AN ALMAIDE

Aus welchem Grunde, aus welchem Geheimnis entstiegen kamst du, gesellig dich zur Seite mir zu setzend?

Sprich, warum steigen, Verwirrung über mich schüttend, deine märchenhafte Anmut, deine schwarze Mähne, fernem Gewitter vergleichbar, vor mir auf? Und warum gewahre ich, nur ich allein, dein hingeschwundenes Schicksal? Und ach, warum beginne ich zu leiden, wenn deiner Augen dunkler Blick, verankert in die Ewigkeit des meinen, mit der Unendlichkeit bitterster Liebe einer Sünde mich klagt, von der ich nichts weiß?



Almaide d'Etremont sitzt müde hingelehnt auf einer Bank. Sie kann Gefühl der Trauer nicht verscheuchen, Trauer, die sich emporreckt aus dem sehnsuchtsvollen Schmerz des altgewohnten Nachmittags.

Die schiefergraue Sonnenuhr, vom Licht erhellt, zeigt schattenhaft die dritte Stunde, und alles drängt sich zur Trauer dieser Seele, einer Seele, verfinstert von der Reue unerlebten Traums.

O längst erloschne Stunden! Kein Rest blieb kläglich vom ewig scheinenden Urlaub jener Kinderzeit, darüber Sonnen sterbenden Herbstes ihren Purpur breiteten. O Almaide d'Etremont! Was rufst du heute, gehüllt in mittäglichen Mantel trauervollen Traums, Gespenster herauf der Hecken, die Jahr auf Jahr ihren feierlichen Schatten werfen auf den Sand der Spielplätze! Siehst du dich wieder, (ein zärtliches Kind warst du) wie du als beste Schülerin aus deinen Freundinnen hinaustratst in die keusche Sphäre duftfrischer Girlanden zum Vortrag der von dir verfaßten Verse? Weißt du es noch, wie man die Eltern dir zu Grabe trug? Erinnerst du dich noch der anmutigen Gefährtin, die als ein Opfer fiel, unschuldig, brennendem Wahnsinn? Und lauschest du dem Klang nicht wieder, den weinend in der Trauer um jene Klara d'Ellebeuse die Glocke rief im rauschenden Winde, als jener kleine weiße Zug, darin auch du gingst, gleich einem Volk lebendiger Lilien an des erhellten Kirchhofs Tore schwankend Einlaß fand?

Wie viele Nachmittage sind seither vergangen! Almaide d'Etremont ist fünfundzwanzig Jahre. Sie kennt die Einsamkeit, die Schatten kennt sie, vom Tode gebreitet über einst belebten Rasen. Gleichförmig sind ihr Flucht und Tritt des Tags, und nichts zerstreut das elternlose Kind. Sie lebt allein auf dem großen Gute, zur Seite eines greisenhaften, schweigsam schwachen Oheims. Kein Wanderer kam, der eines Frühlingsabends am Gitter stillestand, in einer Wolke schwarzen Fliederdufts jungfräulichen Mund zu erbeuten. Umsonst ist es, daß Almaide, am Teiche niedersitzend, aussieht nach dem Fisch des Märchens, der aus grünem Abgrund den bräutlichen King der Tiefe entträgt. Und nichts erwidert ihrem Traum als Schrei der Pfauen, die sich im traurigen Dunkel hoher Bäume spreizen. Und ihrem Grübeln gibt nur neues Grübeln tröstliche Antwort. An ihre Lippen, brennender als einer Passionsfrucht Glut, rührt nichts im Kuß als der entfesselte Wind, der der Kastanien fleischfarbene Lippen bewegt.

Aus ihrem Auge strömt kein heller Glanz, nur heiß und stolz Melancholie, ein Lichtstrom, schwarz über schmaler beweglicher Nase. In bogenförmiger Rundung liegen Kinn und Wangen so köstlich hingezogen, daß jeder Kuß die anmutige Vollkommenheit zu zerstören schiene. Unter breitem Strohhut, behangen mit Blüten reifen Mohns, ergießt sich Haar in dunkeln Wellen auf der Schulter gerundeten Glanz. Und ihre Glieder sind die Anmut selbst, nachlässig hingleitend auf der Bank. Aus Almaidens traumverlorener Hand fällt ein Brief zur Erde.

Es ist ein Brief Eleonorens de Percival, einer Jugendfreundin, die sie später manchmal wiedersah und die ihr nun ihre Verlobung mitteilt mit einer Einladung, der Hochzeit beizuwohnen.

Sie schreibt: O Almaide! Ich fühlte mein Herz über die Ufer schwellen. Nie war mir so schön wie dieses Jahr der Frühling. Vielleicht wollte der Himmel, dieses Vorgefühl der Freude mir zu geben, die Landschaft hundertfältig schmücken. Noch nie so herrlich schienen mir die Wiesen, und wenn die Fliederzweige meine Schläfen streiften, schien mirs, ich müßte ihrem Duft in Ohnmacht erliegen. O Almaide! Möge ein guter Gott, dies ist mein Gebet, auch Dir die gleiche Trunkenheit bescheren. Wüßtest Dus nur . . . Da war ein Abend, ich ging am Arm des Geliebten, und eine Nachtigall begann ihr Lied. Da sank ich hin, mir wars, als bräche öffnend sich die eigne Brust, als stiege neuerschlossen neues Leben in mir auf . . . Als ich mich dann allein in meinem Zimmer fand, bewegte so unendlich mich ein Dankgefühl zum Himmel, so unerschüttert heiß war ich da gläubig, daß ich mir schien, als war ich die ewige Lampe, die nichts versteht, als nur für Gott zu brennen. Da wars, daß ich verstand: hätte die Vorsehung nicht ihn für mich gesandt, ich hätte von der Welt mich abgeschieden, um göttlich nur in Gottes Rausch als ewige Braut zu leben. O Almaide! Bete für mich. Daß doch ein gleich vollkommenes Glück Dich rauschend überschwelle! War ich gestorben, er hätte Dich wählen müssen . . .

Leonore ist glücklich, denkt Almaide . . . Wie ist man stolz, wenn man nicht leidet. Man breitet seine Freude aus vor der Verlassenen Blick. Ich, ich werde einsam bleiben. Ich werde wartend altern. Und jeder Tag des Kalenders wird dem vergangenen Tage gleichen . . .

Arme Almaide, in ihren Augen schwellen die Tränen, ihre Kehle ist zugeschnürt. Sie breitet die Arme aus, pflückt eine Rose und drückt sie bedrückt an ihre Lippen, als wäre die Blüte Zeuge ihrer Schmerzen. Doch dann erhebt sie sich: Genug, denkt sie, fort aus dieser verlassenen Gegend.

Sie verläßt den Garten im Dämmergrau, ihre Schritte gehn über den Hügel, wo nur die schnellen Schläge eines Hammers aus entfernter Schmiede hörbar sind.

Das Schloß derer von Etremont liegt eingesunken im stillsten Teil eines glückhaften Tales. In diesem Lande umfaßt smaragdne Pracht der Wiesen, silberhelle Himmelsbläue und kristallne Klarheit leuchtenden Gebirgs anmutig weiße Herden, stürzendes Gewässer, karmesinfarbene Frucht des Sommers und des strömenden Herbstes errötende Buchen. Hinansteigend zum nahen Wald aufblühender Berge pflückt Almaide traumverloren an ihrem Fuße hingeschmiegten Enzian und frühe Narzissen. Herabwandernd durchs Tal tritt sie in sommerlicher Beete blauen Kreis. Badend taucht sie unter im Bach.

Auf solchem Wege erreicht sie an diesem Abend, trübseligen Gedanken und brennendem August entfliehend, die Wälder. Hier kennt sie verschlungene Wege, als Kind schon saß sie hier an ihrer Mutter Seite. Die Mutter, eine Spanierin aus dem Blute der Alcaraz, sang hier ihr heimatliche Lieder, sich selbst in der Erinnerung entzündend.

Die Mutter starb in Almaidens dreizehntem Jahr. Noch sah das junge Mädchen den flammenden Kaum vor sich, darin ihr Vater die eilig aus dem Kloster Berufene in die Arme schloß, das Totenbett, darauf die Mutter, geschmückt gleich der Jungfrau auf alten Bildern, mit weißem Kleide angetan, in Gott entschlief.

Seit jenem Tage war des Geschlechtes Sitz verhangen vom Verhängnis. Herr d'Etremont verschied nicht lange danach im Irrenhaus, wohin man ihn hatte bringen müssen, indem man dem Kinde einen schwachen und schweigenden Oheim zum Vormund gab, der seiner Nichte Vermögen nicht ohne Nutzen verwaltete und sie ausschloß vom geselligen Leben.

Und tiefer in den Wald dringt Almaide vor. Ihr dünnes weißes Kleid schwingt im Winde, der von sinkender Sonne herabsteigt. Sie tritt an den Rand des Wassers, entkleidet sich und taucht beglückt in einer versteckten Einbuchtung des Flusses in die Tiefe. Vor der bebenden Bewegung ihrer schönen Füße sieht sie gleich weißen Blitzen die erschreckten Fische fliehn. Ihre Haut erschauert, tief und tiefer im kühlen kristallnen Grün untertauchend, darin das Schattenbild der Weiden zitternd sich bewegt. Sie atmet schwer, ihr Rücken neigt sich bebend, ganz von der Flut bedeckt. Vollkommene Stille liegt schlafend auf dem Wasser.

Sie sitzt nieder auf dem Ries, sie fühlt sich glücklich, so entfernt von dem ihr verhaßten Schloß, fern von dem Garten, darin ihr jede Blume ein trauriges Antlitz weist. So kommt sie oft hieher und schmiegt im sinkenden Tage das Ebenmaß des glatten Halses in die sanfte Liebkosung des Wassers. Sie weiß, daß keiner den verlassenen Ort betritt. Empfindung übergroßer Scham kennt sie nicht. Schalt man sie doch im Kloster schon, als sie unbändig und halbnackt durch die Schlafsäle lief.

Doch an diesem Abend, vom Traum gewiegt und kindlich im Scherz den überspannten Brief der Freundin in das fließende Wasser werfend, an diesem Abend hört sie Geräusch vom Uferrand. Sie schaut auf und duckt sich eilends ins Gebüsch.

Ein Hirtenknabe ists von fünfzehn Jahren, mit nacktem Leib, die kurze blaue Leinenhose bis zu den Hüften hinaufgezogen. Er watet durch das seichte Wasser und treibt zwei Ziegen vor sich her. Ohne Almaide zu sehn, verschwindet er, doch sie errötet, da sie ihn erblickt.

An diesem Abend fühlt die Heimgekehrte Verwirrung im Herzen und heiße Traurigkeit. Früh geht sie zu Bett, nachdem sie ihren Oheim begrüßt hat, der selbst zu den Mahlzeiten sein Zimmer nicht verläßt, wo er den ganzen Tag liegend verbringt. Das Bad war kalt, denkt sie. Sie träumt vom Wasser, golden beschattet, von der Freundin Brief, sinkend und auftauchend aus der tragenden Flut, von schnellen Fischen, vom kleinen Schäfer, der übers Wasser schritt. So drollig war sein Gesicht . . . Und seine Beine rot wie Mais zur Erntezeit, sein schlanker Leib so kräftig . . . Warum kommt er nicht öfter an diesen Ort? Nie hat ihn Almaide dort gesehn. Wie reizend war doch dieser Knabe . . . Er pfiff so gut, und schwarz waren seine zwei Ziegen.



Almaide d'Etremont sieht gern dem Tanze zu, den alte Sitte der Bergbewohner des Sonntags nachmittags rings um die verwitterte Kirche aufführt. An diesem Tage bilden Hirtenmädchen und Knaben dort einen weiten Kreis. Die jungen Mädchen schmücken sich mit der ererbten blutroten Haube, und junger Busen hebt sich unter Tüchern, darauf die Ähren und blau und rote Blüten des Gebirgs eingestickt sind. Sie tragen ihr schwarzes Kleid mit hellblauen Bändern, das rückwärts aufgesteckt ist und so von Himmelsfarbe eingefaßten Flügeln eines Falters gleicht. Und feierlich langsam dreht sich im Kreise der Tanz, so langsam und so von wiegender Melodie begleitet, daß alles singend in Schlaf zu sinken scheint. Diese Bauern des Gebirgs tragen ihr Antlitz so still wie ein unbewegtes Ding. Die Augen allein, dunkelfarbigen Edelsteinen vergleichbar, verraten zärtliche Belebung.

Und wie Almaide den Kreis wiegend dahingleiten sieht, der Melodie lauscht, so ruhevoll und wunschlos, daß nichts zu beschreiben vermag, wie wunschlos und ruhevoll sie klingt, da erkennt sie den kleinen Hirtenknaben, der tags zuvor an ihr vorbei die Ziegen durch das goldne Wasser trieb. Sie weiß nicht, wer er ist, und kennt doch seit langer Zeit alle, die hier zusammenkommen. Dieses Kind ist reizend, denkt sie. Und lächelnd schaut sie, wie der Knabe ernsthaft tanzt, Hände in Händen zweier schöner Mädchen, deren Wangen sind wie erglühende Früchte im Tau. Belustigt denkt Almaide daran, wie sie ihn gestern sah – mit aufgeschürzten Hosen, so nackt beinahe wie ein neugeborner Schäferhund, und wie sie ihn nun hier sieht, angetan mit der wollenen Hirtenjacke, mit Schritt und Stimme im Takte des klagenden Gesangs.

»Wer bist du, Kleiner? Von wo bist du? Wem gehörst du?«

»Ich heiße Peterl, mein Fräulein. Ich bin aus der Gegend von Arramoun.«

»Aber wo bist du bisher gewesen? Ich habe dich noch nie im Ort gesehn.«

»Ich bin jetzt hier für meinen Bruder, der fortgegangen ist.«

»Aber wo warst du bisher?«

»Im Tal von Gavarnie, Fräulein.«

»Und was hast du dort getan?«

»Ich habe Sandalenschnüre geflochten, und mein Oheim hat mich zum Bergführer ausgebildet.«

»Du bist aber noch sehr jung fürs Gebirge. Wie alt bist du?«

»Sechzehn Jahre.«

Das Gesicht des Jungen bleibt unbewegt. Die Fragen schüchtern ihn nicht ein. Er hat ein klares Antlitz: seine Haut ist glatt wie Milch, seine Augen schwarz wie Maulbeeren, seine Zähne sind weiß wie die eines Hasen, seine Lippen blühend in der Farbe des rötlichen Geißblattes.

Seine Mutter tritt an Almaide heran: »Sie sprechen mit meinem Buben, Fräulein? Nimm doch die Mütze ab, Peterl. Sie kannten ihn noch nicht?«

»Nein . . . Lassen Sie ihn zum Tanze zurückkehren. Es ist ein schönes Kind.«

»Ja, Fräulein, hübsch ist er, aber nicht immer brav. Ich muß immer lachen, wenn ich ihn tanzen seh mit diesen Mädchen, die älter sind als er. Welch ein Tollkopf!«

Und wieder beginnen Rundtanz und Gesang, mit engelhafter Anmut sich umschließend. Dem Weihrauch gleich erheben sich die Stimmen, aufsteigend zu den rotbeglänzten Hängen. Nun ist die Stunde, wo der Berg im Golde strahlt gleich einer Frucht, gleich einer Kirche; die Stunde, wo der Sonnenstrahl mit Farben satten Weins auf Gesträuch und Trauben sich ergießt, und wo verwirrte Schatten steigen aus des Tannenwalds azurenem Abend.

Almaide d'Etremont kehrt heim zum düstern Schloß; im Grunde ihres Herzens liegt die Trauer, daß ihr kein Teil gegeben ist an Freuden einfachen Volkes. Ach, warum gehört nicht auch sie zu diesen Hirtenmädchen. Warum darf sie nicht am Abhang wohnen, an dieser Schlucht, wo blaue Leberblümchen zitternd wachsen, in dieser Hirten Hütte. Auch sie könnte an grüner, im Sommer sprudelnder Quelle den Krug sich füllen. Im einfachen Garten würde sie Lilien, Rosmarin und Zentifolien hegen. Mißtönig wäre ihr nicht mehr der Schrei der Pfauen. Ihr Weckruf wäre sonnenfrühes Krähn der Hähne. Zur Erntezeit könnte sie Tag um Tag zu Berge steigen, dem jungen Bruder seine Mahlzeit bringen. Und beide würden sie mit Beeren den Hunger ihrer Zähne stillen. Dem silbernen Gelächter eines Quells könnten sie lausehen. An ihren Lippen dürften sie den zarten Hauch der vollen Rosen spüren, und ihr Getränk wäre himmlisches Wasser felsentsprungener Quellen. Mit grünen Gerten trieben sie die Herden auf die blumenbunte Weide. An ihre Ohren tönte von den Höhn der dumpfe Klang von kleinen Glocken.

Ach, nichts davon! Heimkehren muß sie in gewohnter Weise, einförmigen Ekel hoffnungslosen Lebens mit sich tragen. Arme Almaide! Beengt von traurigen Dienstboten und einem anspruchsvollen schwachsinnigen Oheim, ist sie das Opfer verfluchten Aufenthalts. Gleich einer Nonne auf des Turmes Spitze gewahrt sie nichts als Staub von Hufen müder Schafe. Nichts sonst! Kaum fühlt sie mehr, von allzugroßem Schmerz bedrückt, den Wunsch, Empfindung ihrer Trauer ihrem Tagebuch anzuvertraun wie einst im Kloster.

In ihrem Zimmer beginnt sie wieder Träumen nachzuhängen. Müde sitzt sie und bindet einen Strauß aus Blüten, die verstreut in ihrem Schoße liegen. Sinkender Tag erhellt ihr Antlitz von der Seite, im Dunkeln bleibt die Gestalt. Eintönige Stunden! Quälend empfindet sie die weiche Müdigkeit und eine unerklärliche Unlust, Bedrückung, die nicht weichen will. In ihr ist ein Gefühl der Angst, wie sie es manchmal zerbrechend im Erwachen spürt. Sie fühlt nichts mehr, nur im Bewußtsein eines Augenblicks den Druck des Ellbogens auf ihr Knie; so lästig, daß sie sich aus dem Lehnstuhl erhebt, worin sie ausgestreckt liegt. Sie geht im Zimmer umher, ohne den Gartenhut abzunehmen. Das fließende Weiß ihres Kleides, unhörbar rauschend, erfüllt sie mit qualvollem Sehnen. Berührung seidnen Tuches auf der glatten heißen Haut weckt Unruhe in ihrer Brust.

Wie schön ist Almaide d'Etremont! Im dunkeln Schatten die beschatteten Augen, ihre Blässe hinschmelzend im sterbenden Tag, ihr kräftiger, anmutiger Fuß, der sie bei jedem Schritt wiegend emporhebt, alles an ihr ist Zeichen mütterlichen Bluts, geschöpft aus Gluten spanischer Sonne.

Sie legt ihren Strauß auf den geschweiften Schrank, an dem die kupfernen Beschläge glänzen, und nimmt die Laute von der Wand, ein paar Akkorde anschlagend. Und Almaide läßt sich nieder; ein Knie übers andre gelegt, die Finger um den Hals des tönenden Holzes gepreßt, greift sie in die dumpfen Saiten und beginnt ihr Lied.

Durchs Fenster taucht ihr Blick ins abendliche Blau, das sich erhebt und Glanz auf alle Niederungen breitet. Die Fledermäuse, Gäste wurmzerfressener Dächer, ziehn kreischend zögernde Kreise und fallen flatternd in die spiegelnde Luft. Die starren Zweige der Eichenwälder steigen rauchig gleich einer schwarzen Wolke in die blaue Nacht, die hinfließt über die finstern Alleen als ein kristallener Strom.

Almaide läßt die Laute zur Erde fallen. Das Haupt zurückgeworfen, mit hängenden Armen, verlorenen Augen und zuckendem Antlitz fühlt sie den Schauder dieses Augenblicks. Und – zauberhafte Vision – im Glanz des Mondes, steigend im Zittern seiner Wellen, schaut sie die Ankunft eines jünglinghaften Hirten, der lachend ihr seinen Leib wie eine brennende Blume entgegenstreckt.



Seit Almaide das Kloster verlassen, ist dies die sechste Hochzeit, bei der sie zu Gaste ist. Noch vor dem Morgengrauen erwacht sie im Zimmer, das ihr im Schloß Percival eingeräumt ist, und trauert träumerisch, daß, ach, nicht sie es ist, die Herz und Hände einem langersehnten Bräutigam reichen wird.

Eigentlich wärs recht gewesen, wenn ich früher als Eleonore mich vermählt hätte. Sie ist drei Jahre jünger als ich. Und doch, bin ich nicht schön? . . . Aber keiner kommt, der mich verlangt, kein Mensch schenkt mir Aufmerksamkeit. Mein Oheim mag keinen sehn . . . Wie qualvoll das ist! Warum ist dieses Kleid hier, das ich anlege, kein Brautgewand? . . . Es ist nur kummervoll für mich, diese Hochzeit anzusehn. Ich werde nichts essen, tanzen werd ich nicht, das alles ist langweilig. . . War ich ihrem Bräutigam begegnet, bevor er sie kennen lernte, hätt er nicht ebensogut mich erwählt? . . . Warum denn nicht? Sind denn nicht alle Dinge dieser Welt vom Zufall gemacht? Aber ich habe kein Glück. . . Man sagt ja auch, daß sie sehr reich sei und daß ich so wenig habe . . . Und mein Vater starb im Irrenhaus . . . Aber ich selbst bin ja nicht verrückt . . . Wenn man einen Oheim hat, wie der meine es ist, wahrhaftig, das ist ein Ehehindernis . . . Wenn man nicht genug Mitgift hat, findet man keinen Mann. Dem Glück der andern sieht man zu . . . Wie blöd! wie aufreizend und traurig . . . Das junge Paar wird nach Spanien reisen. Von dort kam meine Mutter. Mir kam es zu, als junge Frau dahinzugehn . . . Sie werden zusammen schlafen. Ich habe solche Lust, mit irgendeinem zu schlafen. Sie werden das Brausen des Meeres hören. Das Meer ist blau, es leuchtet bis zur Sonne. Sie werden alles tun, was ihnen Spaß macht. In irgendeiner Herberge werden sie sich verstecken, wo es Maultiertreiber gibt. Die Mädchen dort tragen Granatblüten im Haar, Goldlack wird über hohe Gartenmauern wuchern. Eleonore wird ins grüne Tal hinabsteigen, dort werden sie ins Moos zusammen niederliegen . . . Im Bett ists langweilig. Ich muß aufstehn.

Und schon belebt sich lärmend das Schloß. Es wird ein herrlicher Tag. Der ganze Himmel scheint eine frische Blumenglocke, in deren Krone eingeschlossen der Rasenplatz liegt. O klares Licht, brüderlicher als der Regen! O blühende Ferne! Warum, warum verfinstert ihr, grausamer als an andern Tagen, die Seele Almaidens?

Sie setzt sich auf in ihrem Bett und betrachtet, eh sie aufsteht, mit stolzer Bitterkeit das wundervolle Ebenmaß der Arme, liebkosend überhellt vom dunkeln Licht ihrer Augen. Sie atmet den wilden Geruch ihrer Haut, und wiederum ist ihre Brust geschwellt vom Weinen.

Mit ihrem Kleide angetan, ist sie schön wie ein Märchen. Das Kleid, rötlich, sehr weit, glühend wie eine geöffnete Frucht, ist aufgebauscht über der Krinoline. Sie gleicht darin einer zur Erde geneigten Blütenkrone, einer Tollkirsche, die sich auf.

ihren Staubfäden erhebt. Ihr bronzefarbener Nacken, dem Mieder enttauchend, umfaßt wie ein Reich das Wunder dieser exotischen Blume. Bei jedem Schritt auf den Hacken ihrer roten Schuhe scheint Almaide nackt aus ihren brennenden Blumenblättern hervorzuspringen.

Und hochzeitlich aufschluchzt Gesang der Glocken in die engelstille Luft, und schwere Karossen poltern in den Hof. Die Familien aus der Umgebung sind eingetroffen. Da sind die Linnereuil, da sind die Demonville, und da ist der greise zitternde Marquis d'Astin, der mit seinem Holzbein hinkend sich schwer aufstützt auf seinen Freund d'Ellebeuse. Ein jeder betrachtet sein schönes weißes Haar. Nur für dies eine Mal hat er seinen tiefen Klubsessel verlassen, in dem er sitzt und die Aneis übersetzt oder sich in Erinnerungen der Zeit verliert, da er einst das chinesische Reich durchreiste. Es heißt, daß tragische Abenteuer sein Leben in Verwirrung brachten und daß er nun im dämmernden Abend seines Schicksals Bereitschaft lernt, in Frieden einzutreten in Gottes Reich, wie Robinson nach seiner Rückkehr von der Insel. Almaide sieht ihn von ihrem Fenster aus vorbeigehn. Sie unterscheidet seine scharfen Züge und die Falten, die der Schmerz in die gealterten Wangen eingegraben hat. Zwei heitere Jünglinge am Fuß der Treppe verneigen sich tief vor ihm. Er gibt den Gruß zurück, ohne zu lächeln. Der Hufschlag vieler Pferde tönt über den Kies. Nun kommen die jungen Bauernburschen, die Braut zu begrüßen. Sie bringen ihr eine sanfte, mit Epheu bekränzte Kalbin. Und weißgekleidete Bäuerinnen tragen einen Käfig mit zwei flatternden Turteltauben. Die Allee ist mit Lorbeerbüschen eingefaßt, mit Buchs und Schwertlilien. Und der Ton der Glocke, dem unversehens die zwei Tauben Antwort girren, schwirrt unablässig rufend durch den geisterklaren Morgen. Und die jungen Stimmen der Brautjungfern, leicht und hell wie Hagerosen, entblättern sich steigend und wiederkehrend an den Wänden des Hauses. Ganz in der Frühe sind sie aufgewacht, man hat ihnen neben der Schlafkammer der Braut einen Raum bereitet, nun sind sie wach, und heiter lachend erheben sie die schlanken nackten Arme zu ihrem schlafschweren Haar. Langsam bildet sich der Zug. Die Braut erscheint und tritt an ihren Platz. Wie eine Lilie ist sie in einem Strauß von farbigen Blüten. Ihr glattes schwarzes Stirnband ist umflochten von weißem Flieder und Orangenblüten, über ihr Antlitz fällt der Schleier so zart, daß er gleich Schmetterlingsflügeln sich zitternd bläht. Sie senkt die Augenlider, und ihre Wimpern gehn schlagend auf und nieder, als hätten sich schwarze Falter auf das schillernde Enzianblau ihres Blicks gesetzt. Das Oval ihrer Wangen ist schmal, beinahe zu schmal. Und die Nase ist beängstigend zart, so leicht bewegt vom lebendigen Atem, so scharf die Biegung über den zusammengepreßten weißen Lippen. Zart wie Maiglöckchen entquillt ihr Hals der Spitzenkrause, und ihre Hand, ein kleines Wunder an Anmut, entschlüpft dem weiten Ärmel und stützt sich ängstlich gekrampft auf den Arm des Vaters.

Almaide d'Etremont begrüßt umarmend Eleonoren und nimmt sodann, den Gruß des zukünftigen Gatten erwidernd, den Arm des Herrn von Soulere, der ihr zum Begleiter bestimmt ist. Die Wahl ihres Kavaliers gefällt ihr recht wenig. Er ist ein Witwer, und man sagt ihm nach, er rede sehr viel von sich selbst und wenig unterhaltlich . . . Er hätte eine bessere Rolle in den Charakteren von Bruyère gespielt als hier, denkt Almaide. Ich werde ihn reden lassen. Nun gehn sie alle zwischen roten Brombeerhecken zur Kirche. Schwüle lastet schwer. Alles ist schweigsam. Nur ein Frosch im feuchten Gras unterbricht die Stille. Der Kanzel entstrahlt, gefärbt von bunten Fensterscheiben, ein lichter Strahlenkranz, und wie ein Regenbogen entfaltet sich auf kühlen Fliesen die lange Schleppe des bräutlichen Kleides. Die Kapelle gleicht einer Honigwabe in Bewegung, wenn rastlos die Bienenschar ihre Kreise darüber führt. Ein Duft von Wald, Weihrauch und Myrten ist zauberhaft über die heilige Stätte gelegt. Klagend beginnt das Fluten des Harmoniums, vervielfältigt sich unter der Wölbung und bewegt andächtig die Herzen.

Almaide d'Etremont, ins Knie geneigt, die Finger vor dem Antlitz, scheint im Gebet zu liegen: allein so liegend, sucht sie nur allein zu sein und in ihr Herz ein kleines Teil der Ruhe einzulassen, die schweigend aus der Stille aufsteigt. Sie ist liebreizend so. Es ist, als müßte dieser Leib, zu sehr gespannt durch eines Kniefalls Beugung, die Hülle sprengen und gleich einer reifen Frucht sich überschwer loslösen vom Gezweig der Locken.

Almaide erhebt den Blick, sie sieht auf der Scheibe durchscheinend den Täufer Johannes am Rande des Wassers, kindlich angetan mit einem Fellkleid. Da muß sie an Peterl denken. Auch er ein Hirtenknabe, der die Furt im Wasser überschreitet: gebenedeite Zeit, als Herren und Knechte noch eine Familie waren! Dies war das goldne Zeitalter, träumt sie. Ruth, Ähren lesend, neben Boas, der sie zum Weibe nahm. Der reife Mohn stand blutend im Schatten der Schafgarbe. Ein trunkener Saft schwellte die blauen Trauben Kanaans. Die Weiber gebaren im Schatten der Kamele, die jungen Führer des Stamms lagen betend im Wüstensand . . .

Mein Gott, spricht Almaide d'Etremont: Mein Gott, höre mich und mein Gebet. Ich will die Liebe kennen, ich bin so traurig, so vom Unglück geschlagen. Mein Gott, einen zu lieben, tut mir not . . . Ich rufe zu dir . . .

Doch nichts gibt Antwort dieser jungen Seele, nichts als das kleine Harmonium, das eintönig seinen kinderhellen Gesang fortsingt, so wie die Stimme der Winde des Abends über den Gewässern.

Neu bildet sich der Zug, und die Kirche wird leer. Der Duft verdorrter Blätter erhebt sich stärker in die mittägliche Glut. Zwei lange Tische sind in der Scheune aufgestellt^ die Wände mit grünen Zweigen ausgeschmückt. An den einen Tisch sind die Bauern des Ortes geladen. Die Mahlzeit beginnt. Geräusche äußern Tags sind verstummt, das Tor geschlossen, nur das leichte Klirren der Gabeln auf dem Thongeschirr hörbar. Kühl betaut der Schatten den Frieden der Herzen. Herr d'Astin erhebt sich und spricht:

»Wie süß ists mir, mein sehr geliebtes Kind, meine gute Eleonore, von deinem Glück noch reden zu dürfen, da schon für mich die Sonne bald emporsteigt drüben im Reich der Schatten. Ein Pilger bin ich, der zum heimatlichen Dorf kehrt und keinen Wunsch fühlt, als nur im Frieden unter schöner Eiche auszuruhn, die seiner Ahnen schattiges Grab bedeckt. Ulyß vergleichbar bin ich, der, an seinen Herd zurückgekehrt, sich lächelnd der Erinnerung hingibt an Kampf und stürmische Meere. Der Ulme vergleich ich mich, die hundertjährig noch die Freude fühlt, in ihren sterbenden Blättern Herberg zu geben dem zärtlichen Neste deiner Jugend und Anmut.

Am Abend so vieler und so bunter Abenteuer, da mein Schritt mich trug von Chinas Küste zu den Ufern des nebligen Albions, an solchem Ziele ruh ich, die Augen himmlisch erhoben, vertrauend auf das himmlische Gestirn, das zum Ziel geleitet Chaldäens Magier wie Genuas Schiffer. Wie viel gewitterhafte Sommer haben Falten meinen Wangen unvergänglich eingegraben! Viel rauher Keif hat meine Stirn mit Spuren ewigen Schnees belastet, mit der Mahnung, daß bald der erste Gipfel eines andern, eines himmlischen Reichs erreicht sei.

Mein sehr geliebtes Kind, nun sitzest du hier für immer an der Seite des Mannes, den dein Herz gewählt. Seine Klugheit wird dein Stolz sein und dein Glück seine Güte. Möge dich Gott in deinem Kinde segnen. Ach, daß ich nicht tat wie ihr, meine Freunde! Unter des irdischen Paradieses golden reifenden Früchten hat der Schöpfer dem Menschen eine Gefährtin gewollt. Verstattet einem Greise, der schon den Weg zum Grab hinabsteigt, die einsame Alleinsamkeit seines Lebens zu beklagen.

Wahrlich, schön ist» zu reisen. Prächtig ists, ein Prunkgewand mongolischer Fürsten anzutun, lehrreich, als Priester verkleidet, wie ich, einzudringen in die Weinberge Chinas und von solcher Reise mit einem hölzernen Bein die Rückkehr anzutreten. Wie freundlich ists, an der Seite der Jesuitenpatres in Peking den Sternenhimmel zu erforschen und in der Mitte eines anmutvollen Volks das Fest des vierten Mondes mitzufeiern- Doch um wie vieles seliger ist das Leben jenes, der nach dem Spruch des göttlichen Herrn gelebt und der sterben wird wie der Ackersmann der Fabel, die Hände in seiner Kinder Hand.

O lasset, Freunde, ehe meine Stimme schweigt, mich euch den Talisman verraten, den ich von meinen weiten Wegen mitgebracht habe. Er wird vielleicht vor mancherlei Gefahr euch hüten: Lebt, Freunde, nicht zu sehr in Traumen, aus ihnen zeugt sich Schwermut. Ich kannte eine junge Wilde, die, Dornröschen gleich, von Träumen sich berauschen ließ – so sehr, daß sie nach siebenjährigem Schlaf im Schmerz über ihr Erwachen starb.

Und traget auf euch die Sorgen des Haushalts. Ihr sollt den Hühnerhof besorgen und Gemüse züchten im Garten. Euer Weg führe euch zu den Bedürftigen des Orts. So säet ihr in die Herzen eurer Kinder, der Söhne und Töchter, die euch geboren werden, Liebe zur Wahrheit und zur Natur: und so ists getan im Sinne und Werk des Schöpfers, der unsrer Freuden und unsrer Tröstungen Zuflucht ist.

Und nun, ihr meine Kinder, sag ich euch Lebewohl. Nicht ohne rührende Bewegung betrachte ich zum letztenmal die roten Hecken dieses Gartens, darunter sich – nun sinds schon fünfundsiebzig Jahre – geliebte Schatten vermählten. Doch ach, auch süße Freude fühlt mein Herz, daß ich nach ungezählter Trübsal nun der ewigen Ruhe entgegenatme, glückselig, daß der Allmächtige mich begnadet hat, einmal noch ein geliebtes Gestern in euch auflebend schaun zu dürfen.«

Nach diesen Worten läßt sich Herr d'Astin mühsam auf seinen Sessel nieder. Seinen Worten folgt ein ehrfurchtsvolles Schweigen, dann lauter Beifall. An der Seite des Redners sitzt zitternd eine schwarze Gestalt. Es ist die Großmutter der armen Klara d'Ellebeuse, die uralte Madame d'Etanges, welche in ihre geäderten und dürren Hände schluchzt. Und unversehens, mit einer reizenden und schmerzlichen Gebärde, die Augen mit einer Hand bedeckend, reicht sie die andre ihrem alten Freund d'Astin, der einen Kuß auf ihre Finger drückt, an denen alte Ringe weinen.

Und Almaide d'Etremont, schön wie eine Sternennacht, im brennenden Kleide, blickt nach dem alten Edelmann, der zitternd sein Glas erhebt.

. . . Wie gut er doch ist!. . . Mir ist er lieber als der junge Ehemann. . . Und groß ist Almaidens Freude, da nach beendigtem Mahl Herr d'Astin zu ihr tritt:

»Recht lange hab ich dich nicht mehr gesehn, mein schönes Kind. Ich rühre mich so wenig von der Stelle. Wie gehts deinem Oheim? Immer noch närrisch? Das ist kein Unglück . .. Aber deine liebe Mutter, dein Vater, ach, wie charmant waren sie. Wie! du mit deiner Schönheit denkst nicht ans Heiraten? Nun, du brauchst nicht zu erröten. . . Ach so, ich verstehe. . . dein Oheim?. . . Das könnt ich mir denken . . .«

»Mein Gott,« fährt Herr d'Astin lächelnd fort, »nichts dauert ewig. . . Granatblüten sind geschaffen, um gepflückt zu werden. Und wenn dein Argus von Onkel den Baum zu sehr bewacht, glaub mir, meine Liebe, es wird ihm einer die Blüten stehlen. Mir tuts wahrhaftig leid, nicht jung genug dazu zu sein. . . Was sagst du?. . . Du langweilst dich dort? Du gehst so selten aus? Aber mich wirst du doch besuchen?. . . Am Dienstag seh ich meine Freunde bei mir. Du kommst doch auch?«

Almaide erwidert: »Sie sind so gütig, Herr d'Astin. Wie gern käme ich, aber ich kann es nicht. Mein Oheim sieht mich zwar wenig, aber er leidets nicht, daß ich das Schloß verlasse, um Besuche zu machen. Die Erlaubnis für heute ist eine große Ausnahme. Vielen Dank, Herr d'Astin, vielen Dank . . .«

»Nun gut, mein Kind,« entgegnet der alte Edelmann mit einem Ton schmerzlicher Heiterkeit: »So will ich deinem Oheim zu seinem Sarg die schönste Eiche meiner Wälder stiften.«

Er spricht diese Worte schon stehend, über seinen Krückstock gebeugt, spöttisch kichernd, und erinnert so ein wenig an Voltaire. Aber eine unendliche Güte entstrahlt seinen Augen, obgleich es ihn zu erheitern scheint, daß er das junge Mädchen in errötende Verlegenheit bringt. Er richtet seine Augen auf sie mit dem verstehenden Wissen eines alten Mannes, der immer noch das Wunder der Schönheit verehrt, doch der den Illusionen der Jugend gerührt und zweifelnd zulächelt.



Einige Tage nach der Vermählung Eleonorens wandert Almaide zum Flusse, der den nahen Wald bespült. Nicht weit vom Uferabhang, mitten im dichten Gebüsch, trifft sie Peterl, der seine Flöte bläst. Sie bleibt stehn und scherzt zu ihm hinüber: »Es ist wohl sehr schwer, so zu blasen?«

Und sie nimmt das hölzerne dreieckige Instrument und berührt mit heißen Lippen hauchend seinen Rand.

»Nein, nicht so, Fräulein, Sie müssen die Flöte von links nach rechts, dann von rechts nach links gleiten lassen und nacheinander über die zwölf Löcher blasen.«

Ein sanfter Schauer durchflutet den Abend, nachhangend einem lichten Regenschauer.

Wollige weiße Wolken jagen sich unter der flüssigen, tiefblauen Himmelsglocke. Auf grünem Wasser erweitern sich die Tränen blauer Weiden zu lichten Kreisen, und Bewegung ist, wo vom Grunde steigend Blasen an der Oberfläche sich auflösen. »Komm, gehn wir hinunter zum Fluß,« sagt sie zu ihm. »Setzen wir uns hier nieder, magst du?«

Der Knabe setzt sich nieder zu Almaidens Füßen. Sein Blasinstrument zu den Lippen hebend, bläst er die Wangen auf über dem hohlen, widertönenden Buchs.

»Wer war das hübsche Hirtenmädchen, mit dem du neulich tanztest. . . Ich meine die mit den Lackschuhen und den lila Strümpfen.«

»Das ist meine kleine Freundin, Fräulein.«

»Wie, deine kleine Freundin?«

»Meine Geliebte, Fräulein.«

Almaide wird rot und fragt:

»Wie heißt sie?«

»Mailys.«

»Seid ihr versprochen?«

»O versprochen . . . nein, wir sind viel zu jung . . .«

Dann spitzbübisch: »Wir unterhalten uns auf dem Berge.«

»Womit unterhaltet ihr euch?«

»Wir lieben uns, Fräulein.«

Almaide errötet, bleibt einen Augenblick stumm, sodann:

»Und wie macht ihr das, wenn ihr euch liebt?«

Bei dieser Frage beginnt ihr Herz zu schlagen, ihre Ohren sausen. Sie weiß kaum, ob sies bedauern soll, gefragt zu haben. Sie streckt die Hand aus und fühlt durch den dünnen Battist ihrer Ärmel die brennende Wange des Knaben. So verharren sie einen ewigen Augenblick, stumm, unbeweglich, betäubt vom zögernden Begehren und vom starken Duft, der aus der roten Minze aufwärts steigt.

Mein Gott, um so schlimmer, denkt sie. Wie gut ist es, so zu sein.

Doch wie sie, kaum fühlbar, zu eigener Bequemlichkeit, beinahe ohne eignen Willen, den jungen Kopf an sich zieht, da reckt sich der Knabe ein wenig in die Höhe wie eine Ziege, die von einer Hecke rupft. Und einen Mund pflückt er, viel süßer und viel zarter als einer Frucht zerschmelzendes Fleisch.

Und so erhebt sich dann allein das Mädchen. Ohne ein Wort zu sagen, geht sie fort.

Seit diesem Tage finden sie einander wieder und liegen zusammen. Das Heu, hoch aufgeschichtet im schwindenden August, behütet ihre Küsse, behütet sie so gut, daß keiner es ahnt und keiner sie stört. Umschlungen liegen sie, gewiegt vom Gelächter fliehender Bäche und vom schlaftönigen Lärm weidender Ziegen. Manchmal gehn sie zusammen in die Heide. O Entzücken, eins in des andern Arm, sich einzugraben in den Glutgarten reifer Trauben! Wie fühlen sie zutiefst die Vernichtung der Wollust, wenn die Schmelzöfen des Nachmittags tiefe Wunden in ockerfarbenes Gelände reißen, wenn herabschießend die Tränen eines Gewitters unversehens durch die Blätter prasseln. O langer Heimweg inmitten hoher Weinstöcke, wenn schon vergebens die Drossel den gepflückten Beeren nachzirpt. Und o Verweilen unter dem Feigenbaum, wenn Almaide, in goldner Trunkenheit erliegend, nur ächzend noch mit ihren Wimpern schlagen kann . . . Schon kommt der Herbst, und nun verbergen sie im Bergwald ihre Liebesraserei.

Almaidens Leidenschaft wird heißer, je mehr sie wissend wird in den Armen dieses kleinen Fauns. Sie gibt sich hin, ohne Furcht, ohne Scham, ohne Bedauern, ohne Gewissen. Sie findet in der ewig frischen Brandwunde der Küsse den beißenden Saft einer purpurnen Frucht, die aufgelöst durch alle ihre Glieder gleitet. Den einst so trauervollen Park erfüllt Erinnern glühender Umarmungen. Das heisere Rufen der Pfauen verdüstert nicht mehr trauervoll die Schatten; er strahlt jetzt auf im Sonnenglanz, blendend und aller Freuden voll. Die launenvolle Unruhe des Oheims, die Briefe Leonorens, sie lassen Almaiden gleichgültig, fast feindselig. Nun sinds die Stunden des Verlangens und Erwartens, die auf dem Zifferblatt der Sonnenuhr ein spitzer Zeiger hold erblühter Sonnenblumen anzeigt.

Zu zweit erklettern sie felsige Bergwege, sie finden einander in verlassenen Schafställen. Noch sind die Rotbuchen überhangen von Blättern, rötlich, wie im Feuer geglühte Kupfermünzen. Weiche Tannennadeln aus dem ewigen Abend blauen Friedens liebkosen ihre schlagenden Wimpern, und entzückt verfolgen sie den Flug der weißen Rebhühner in der erwachten zitternden Leere. Keiner im Dorf verwundert sich, die beiden zu sehn, wie sie fast täglich zusammen sind. Man weiß, daß Almaide Freude an solchen Spaziergängen hat, von denen sie mit blühenden Zweigen heimkehrt, und nichts Besondres ist dabei, daß sie einen Führer mit sich nimmt. Es ist gefährlich, allein im Gebirge umherzuwandern.

O stürzendes Wasser, erstarrt im Glanz des Falls, o Bläue des Himmels, im Purpur vergoldet! Raubvögel, niedertauchend in schlafende Abgründe! Höhlen, vom flüssigen Saphir der jungen Bäche durchzogen! Ihr alle seht: den Schritt der beiden zärtlichen Geschöpfe.

Die dunkeln Blüten des Seidelbastes sind ihnen Einladung zum Verweilen; Empfang und Gruß ist ihnen jeder Rasen, der grüner schimmert als die Täler, darin die Hirten des Märchens in Liebe hinstarben.

Almaide hat für diese Gebirgsausflüge ihre Kapuze und ihren schottischen Schal hervorgesucht. Sie selbst hat den grünen Eisenhut und die Herbstzeitlosen auf der reinen und leuchtenden Seide eingestickt, die über ihrem Busen sich bauscht. Und Peterl hat sie noch lieber so. Sie erscheint ihm in solchem Kleid nicht mehr als das Schloßfräulein, nun ist sie ihm eine Schwester der Hirtenmädchen, von denen er kommt, eine Schwester der Mädchen, die aus dem leuchtenden Schnee des Abends den ebenmäßigen Schatten der Herden heimgeleiten.

Wie gut, daß endlich sich Almaidens Schwermut zerstreut! Ach, wie herzzerreißend war das Leben, das sie bis jetzt geführt hat! Nun flieht er hin, der Ekel frühern Seins, der bittere, ewig gleiche Schmerz, der in der Seele schrecklich sich erhob, das Unrecht, ungeliebt von jedermann zu sein, Unrecht für sie, deren Herz überströmte von Bitterkeit und atemloser Eifersucht, wenn auf den Dächern der Ställe die Turteltauben flügelschlagend sich vermengten.

Jetzt hätte sie den Tod gewählt anstatt der Rückkehr ins Gewesene. Den Tod, den einstens sie ersehnte, wenn nachts durchs offene Fenster an ihr lauschendes Bett ersterbend der Gewitterwind aus eines Feigenbaumes dichten Blättern schlug. . . . Und wenn sich nichts darüber erhob als immer und immer dieses eintönige Stöhnen.

»Hast du mich lieb? Sag doch, daß du mich lieb hast, Peterl,« verlangt sie. Und die blanken Augen des Knaben brennen in jenen des jungen Mädchens. Seine einzige Antwort sind Liebkosungen, Küsse, deren Zahl sie zahlt. Dann senkt er seine Wimpern unter der Begierde wie ein Wanderer des Waldes unter einem Bienenschwarm und trinkt berauscht den Duft dieser Wiesenblume.

»Wo warst du gestern? Gestern, ach, hab ich dich nicht gesehn. Wo bist du gewesen? Sags, ich will wissen, wo du warst.«

»Gestern mußte ich Touristen auf die Fünffingerspitze führen.«

»Das ist nicht wahr . . . Du bist bei Mailys gewesen. Geh fort, ich mag dich nicht mehr.«

»Ich war nicht mit ihr. Ich war im Gebirge.«

»Du lügst. Küsse mich.«

Und Almaide läßt auf sich dieses Eichkätzchen der Berge spielen. Ihm gibt sie sich ohne allen Rückhalt. Sie, der man im Kloster mit Recht vorwarf, sie zeige allzusehr den Hochmut ihrer Rasse, sie bietet den Küssen des kleinen Hirten das unbewegt makellose Oval ihrer Wangen, das an die ruhevolle Verachtung, an den wollüstigen Stolz irgendeiner Unstern Königin erinnert.

Wie gering ist nun ihr Bedauern, noch nicht vermählt zu sein! Wie ist es möglich, daß noch vor wenig Tagen ihr Wunsch ein Leben war wie jenes der Eleonore von Landelaye. Was tuts zu dieser Stunde Almaiden, daß ihre Freundin Spanien betritt am Arme eines abgelebten, bleichen Gatten! Die Glut aller Länder der Welt ist in Almaidens Herzen und all ihr Wein, all ihre Granatblüten und Liebe aller Länder und alle Melodien. Ah! hundert- und tausendfach mehr als der vollkommenste aller Edelleute ist ihr der schwarze Bock dieses Tales, der sie mit blühenden Lippen liebkost. Sie lieben sich! Der Herbst entflieht. Nach schwarzem Sommer und blutrotem Herbst kommt Winterszeit, und so im Winter ist es Wollust für Almaiden, sich zu erinnern: an blaue Wälder, erstes Versteck der Liebesfreuden, an Bäche, daran die Tauben eines Märchens gern verweilten, an Libellen auf smaragdnem Wasser, an das Dröhnen der Dreschmaschinen, Begleitmusik zum Girren der Tauben, zum Schweigen der Küsse. Sie denkt an die septemberwarmen Ställe, verschlossen vor dem weißen Brand des Mittags, an die Inbrunst der Küsse und an den roten, gebauchten Krug aus Ton, daraus sie Wasser tranken, das plätschernd der lockern Erde entsprang.



An einem Februartag muß Peterl drei Touristen, die tags zuvor in der Herberge abgestiegen sind, auf einen Gipfel führen.

Bevor er sie abholt, im frühesten Morgengraun, ist er in den Schloßgarten geglitten bis unter Almaidens Fenster. Sie hat ihr Fenster nach Süden offen gelassen, und mit Hilfe der Äste des Feigenbaums ist er emporgestiegen in ihr Zimmer.

»Still, sei ganz leise . . . Wie lieb von dir, daß du gekommen bist . . . Seit einer Stunde warte ich auf dich. Du bist ja ganz erfroren5 schau . . . hier liegt man gut . . .«

Man hört die Wetterfahne auf dem Taubenschlag.

»Ihr werdet Sturm haben.«

»Sie wollen trotzdem aufsteigen.«

»Wie viele sinds?«

»Drei.«

»Wie spät ist es? Drei Uhr?«

»Schon halb vier.«

»Sei vernünftig. Du mußt jetzt gehn. Horch, der Wind in den Bäumen. Es wird doch keine Lawine geben?«

»Nein.«

»Also geh . . .«

»Leb wohl.«

Schon ist er vor der Kirche. Die vierte Stunde schlägt mit heiserem Ton, zart wie gesprungenes Glas, das zitternd weint. Die Touristen sind da. Peterl geht an der Spitze. Sein Schritt ist gleichmäßig und langsam, er braucht beim Aufstieg seinen Stock fast nie, er läßt nur seinen Fuß für einen Augenblick tastend auf dem steinigen Weg ruhn, um das Gleichgewicht der Steine zu prüfen.

Das erste steile Gelände ist erstiegen. Sie durchwaten einen reißenden Waldstrom. Die dröhnenden Gewässer zerstäuben ihren feinen Schaum an den Felswänden, prallen zurück, kommen wieder, fließen sekundenlang langsam zwischen den Kieseln und zerplatzen zischend in jähem Sprung.

Peterl erklärt warnend, es werde Sturm auf der Höhe geben.

Dann hat er wieder sein nachdenkliches Gesicht, seinen Traum, von Schritt zu Schritt gewiegt im regelmäßigen Stoß der Eisenspitze auf den Fels. Er denkt an das junge Mädchen, von dem er kommt, und ein Schauer faßt ihn, da er so lange noch nachher in seiner Achselhöhle fühlt, wie süß und rund noch eben Almaidens Schulter da geruht. Er denkt: die Herren, die da mit mir gehn, haben sicherlich nicht solch hübsche Freundin . . . Und es rufen ihn erinnernd Almaidens zarte Lippen, die Nase schmal und unbeweglich in ihrem edeln Schwung, die Hingabe der Augen, die schöne, kräftige Weichheit ihrer Brüste und dunkler Reiz der Hüften unter dünner Decke.

Dem Horizont enttaucht mit einemmal der scharfe Umriß des Gipfels. Den Nebel zerreißend erscheinen hier und dort gleich himmlischen Adern die dunkelblauen Kanten, durchfurcht von den Netzen des Schnees. Im Steigen und Wechsel des Ausblicks scheinen die Berge stufenförmig stehend ihren Ort zu ändern, ihre Spitzen zu erneuern.

Sie treten ein in die Nacht der Tannen. Noch immer tasten hörbar die krummen Stöcke den Felsboden auf der Seite, wo kein Abgrund ist. Nun sind sie auf der ersten Schneefläche . . . Vorsicht!

Peterl geht voraus, den Weg zu bahnen. Erst zögert er, dann setzt er entschlossen seine Schritte in den Schnee, der ihm bis zu den Knien reicht. So entstehn Löcher, in die ein jeder der Wanderer seinen Fuß der Reihe nach setzt, und all die Öffnungen schimmern grünlich wie ein tiefer Fluß.

»Sehn Sie das da unten?«

»Ja, es schneit. . .«

»Ja, und auch eine Windhose . . . Achtung . . . legen wir uns nieder . . . Dieser Schneesturm verbrennt Gesicht und Hände, fast mochte man sagen, es seien Funken . . . Da . . . ein Marder, da unten . . . sehn Sie den Marder? . . .«

»Bleiben wir ruhig.«

Sie verharren unbeweglich, das Gesicht gegen die Erde, angekrampft an ihre Stöcke, aus Angst, der Windstoß könnte sie forttragen.

Endlich entschließt man sich zur Rückkehr. Bis zu den Grenzen des Himmels ist nichts als eine einzige ungeheure Wölbung, gelb und weiß, auf der nichts lebt, keine Bewegung, kein Geräusch. So tödlich ist die Einsamkeit, daß der Flug einer Fliege den Horizont zum Schaukeln brächte. Der Sturm ist zu gewaltig, unmöglich ist es, den Gipfel zu erreichen, Sie müssen hinabsteigen.

Das Abgleiten beginnt. Peterl, als erster, setzt sich auf den abhängenden Schnee und läßt sich gleiten, indem er mit dem Stock die schwindelerregende Schnelligkeit eindämmt. Die andern folgen lachend, über und über bedeckt von dem zu Kugeln geballten Schnee, und empfinden bei diesem fast wagrechten Flug das Wunder eines Schläfers, der auf dem Rücken ausgestreckt träumt, daß er fliege.

Bald werden sie über den Gletscherschnee hinaus und in Sicherheit sein. Schon sind tief unten die Bauernhöfe sichtbar, wo sie dann ein Frühstück nehmen können. Peterl denkt, wie nett es dort mit Almaiden wäre. . . Aber die Berge sind jetzt noch zu gefährlich. Im Sommer werden sie dahingehn können, frische Farnblätter wird er auf die Erde breiten . . . und zwei Ziegen werden sie dorthin bringen. Lachend werden sie versuchen, die blaue Milch in seinen strohgeflochtenen Hut zu melken, wie vergangenes Jahr. Sie war so schön am Sonntag, als sie von der Messe kam . . . Sie ist gut . . . All die kleinen Mädchen des Orts beschenken sie mit Schneeglöckchen, mit großen Sträußen von Schneeglöckchen. Das stimmt ihn manchmal traurig, wenn sie ihn über einem solchen Blumenstrauß zu vergessen scheint. Im Sommer, da wird er ihr blaue Disteln bringen . . .

»Hört einmal . . .«

»Was denn?«

»Wo ist der Führer?«

»Aber eben war er ja noch da.«

»Ich seh ihn nicht mehr . . .«

Am nächsten Tag, gegen Abend, zieht man aus einer Gletscherspalte Peterls Leiche. Unter seiner Mütze hervor war ein Faden von Blut geronnen und seine Brust davon gefleckt wie die Brust eines Rotkehlchens.



Der Schloßgärtner bringt Almaiden die Nachricht von Peterls Tod. Sie zeigt keinerlei Bewegung, so fürchterlich ist die innere Erschütterung. Sie sagt:

»Welch ein Unglück!« Und taumelt, um niederzusitzen, auf die Bank neben der Sonnenuhr. Ihre Augen sehn nichts. Die Trauerweidebeginnt sich zu drehn. Ihr ist, als zähle sie Ziffern, als laste auf ihr ein häßlicher Traum, aus dem sie erwachen möchte . . . Aber er dauert weiter. Almaide fällt in Ohnmacht. Sie fühlt nicht mehr, wie ihr Kopf auf die Lehne der Bank aufschlägt, sie knickt zusammen und erwacht erst nach einer langen Viertelstunde.

Sie erträgt alles mit Mut, den Besuch bei den Leidtragenden, den Anblick des toten Peterls. Die Mutter sitzt bewegungslos neben dem Lager, worauf das Band gelegt ist. Seine Nasenflügel sind starr, weiß, wie nur die bläuliche Blässe ist, die am Abend der Wintertage den Schnee auf einem schattenlosen Gipfel bedeckt.

Auf der Schwelle der Küche, die in ein Totenzimmer umgewandelt ist, gluckst ängstlich mit erhobnem Fuß eine Henne nach den verstreuten Küchlein. Die Wachsflamme zittert, glüht auf, tropft und schwelt über dem Kruzifix und dem Weihwassergefäß, worin ein schwarzer Lorbeerzweig steckt. An der Wand hängen ein Rucksack und eine Kürbisflasche. Eine Katze putzt sich anmutig vor dem erloschenen Herd. Eine alte Bäuerin in schwarzer Kapuze verrichtet ein Gebet, hüstelt und geht davon. Schöne Mädchen vom Ort knien einen Augenblick nieder, geängstigt von einem unbegreiflichen Ereignis, von der Unbeweglichkeit eines Kindes, dessen Gliederzartheit sie vielleicht einstens entzückte.

Almaide d'Etremont wirft sich hin, sie träumt: diese braune Kappe, dieses Gewand trug er an jenen Tagen, als er mit den Hirtenmädchen tanzte . . .

Sie versucht zu beten, aber sie kann es nicht. Weiter geht ihr Traum. . . . Mit den Hirtenmädchen. . . Als er mit den Mädchen tanzte. Dieselbe Locke fiel ihm in die Stirn, als er das erstemal mir begegnete . . . Als mir ein Zweig die Stirn verletzte . . . Die Herde hatte sich verlaufen. Ich glaube, es ist das schwarze, das immer blökt . . . Es ist Zeit, von hier fortzugehn. Oh! wie das weh tut . . .

Sie erhebt sich.

»Sie sind gut, daß Sie gekommen sind, Fräulein. Er hat Sie so geliebt. . . Sehn Sie her, man hat auch seinen Stock gefunden. Es war Blut an der Spitze . .

Almaide bleibt unbewegt und fragt: »Wann ist das Begräbnis morgen?«

»Um neun Uhr, Fräulein.«

»Sie werden im Schloß alles holen lassen, was Sie brauchen.«

Sie geht heim, legt sich nieder, ohne zu essen, und versinkt in ihren traurigen Traum. Sie ruft sie wieder, diese Idylle von fünf Monaten. Von Augenblick zu Augenblick vergißt sie Peterls Tod, so frisch sind ihre Erinnerungen. Und oft geschieht es, daß sie sich sagt: . . . übermorgen werde ich ihn in der Furt bei den Weiden wiedertreffen, die Hagebuchenhecken sind vertrocknet, die Blätter verbergen uns nicht mehr. Wir werden uns in acht nehmen müssen . .. Und dann denkt sie: Gibt es nichts, was mich hindert, zu gehn und ihn wiederzusehn? . . .

Und ehe sie sich noch die Antwort gibt, daß Peterl in einen Abgrund gestürzt ist und nun dem toten und blauen Schnee gleicht, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß ihr Leib allmählich sich gerundet hat. . . Aber wie ist es möglich, daß sie an dies seit zwei Monaten nicht gedacht hat . . .

. . . Und mit einemmal verbrennt ein Strom von Blut ihr Antlitz, sie erstickt einen Schrei voll Scham . . . Den Leichenzug des kleinen Hirtenknaben am nächsten Morgen begleitet sie nicht und bleibt während der folgenden Tage unbeweglich in ihrer Bestürzung. Schwanger! Sie ist schwanger . . .

Was tun? Arme Almaide! Gleich einer Frucht wird ihre Schönheit reifen, Frucht einer Leidenschaft, worin verschlossen alle Erfüllungen schöner Tage ruhn werden. Der Trauer und der Angst zum Trotz wird, in diesen Boden gesät, mächtig ein neues Leben unter Almaidens Herzen seine starken Säfte treiben. Tage vergehn. Sie kommt wieder zu sich. Die tödliche Unruhe liegt noch auf ihr, aber die wilde Willenskraft, die in ihr brütet, wächst in gleichem Maß, wie das Gefühl, Mutter zu sein, sich ausprägt. Sie ist zu sehr Frau, um sich nicht in der Verteidigung zu verschanzen, und ihr erstes Verteidigungsmittel ist die Sorge, ihren Zustand zu verbergen. Sie nimmt die Schwangerschaft im Grunde der eignen Seele hin mit einer Art bitterer, finsterer und leidenschaftlicher Ergebung. Doch diese flammende Sünderin hängt fest an ihrer Frucht, nicht anders als eine Blume. Und dieser gesunden und schönen Seele kommt niemals der Gedanke, daß über den Bergen böse Feen zu finden sind, die in den Lenden unfruchtbarer Schluchten schwarze Lilien pflücken, deren Duft das Kind im Mutterleib tötet.



Zwei Monate gehn dahin, und es ereignet sich ein neuer Trauerfall. Aber Almaide wird davon kaum berührt. Ihr Oheim stirbt an einem Schlaganfall, man findet ihn eines Morgens leblos in seinem Bette.

Taumelnd wie im Traum, verstört von ihrer fürchterlichen Angst, begleitet Almaide den Leichenzug, ohne der Zudringlichen zu achten, deren Habgier schon den nahen Zusammenbruch des Schlosses errechnet. Was soll sie beginnen, allein in der Welt? . . .

Nach der Leichenfeier wird sie von Eleonore de Landelaye angesprochen:

»Meine liebe Almaide, du bist sehr zu bedauern. Glaub mir, wir denken oft an dich. Mein Mann hat dich gern, er hat an dich gedacht . . . ich weiß, wie heikel es ist, unter den gegenwärtigen Umständen von diesen Dingen zu reden - . . aber die Gelegenheit ist da und wird vielleicht nicht wiederkehren . . . Da stehst du allein in der Welt, hast keinen Arm, um dich darauf zu stützen . . .«

Almaide beginnt zu ahnen, was ihre Freundin ihr raten wird. Sie fühlt, wie in ihrer Brust erstickend ein Blutstrom sich staut. Aber kein Bedauern, nur dumpfe Erregung ist in ihr.

»Nein,« sagt sie, »laß mich gehn.«

»Nein, meine liebe Almaide,« beharrt Eleonore, »ich kann nicht schweigen. Es ist nur dein Schmerz, der dich so reden läßt. Aber hör mich an . . .«

»Nein, schweig –«

»Doch, ich will es haben, hör mich an . . . Kainer hat mich gebeten, mit

dir zu reden. Du kennst Herrn de Soulere, er war dein Begleiter bei meiner Hochzeit. De Soulère ist unabhängig, er ist reich, er liebt dich.«

Almaidens Antwort auf diese Worte ihrer Freundin ist nur ein schmerzlich ausbrechendes Gelächter. Gleich einem Ertrinkenden sieht sie, in wenigen Sekunden, eine lange Reihe von Bildern an sich vorüberziehn. Sie sieht im Geist den langweiligen Gatten, den man ihr anträgt, seine Gebärden, seine Verbeugung, alles, was ihr an Eleonorens Hochzeitstag so lästig war. Ach! Dieser Mann, den sie kaum kennt, ist ihr verhaßt . . . Sie haßt ihn mit allen Kräften, mit dem ganzen unvernünftigen und prachtvollen Haß eines jungen Mädchens . . . Und dann auf einmal erscheint, sich widerspiegelnd in ihren vom Irrsinn geweiteten Augen, das Gebirge – zu gleicher Zeit, da das schreckliche Klopfen der Pulse ihr Ohr mit dem Rauschen eines Wasserfalls erfüllt . . . Sie glaubt Peterl zu sehn, am Rande eines Abgrunds den Knaben, sich aufbäumend wie eine schlankgliedrige Ziege. Schon gleitet er auf den weißen Rasen . .. er stürzt. Er ist gestürzt; er ist tot. Auf seinem Bette liegt er tot, mit der kastanienbraunen Mütze über seinen Augen. O, seine Küsse waren heiß, so heiß.

Sie schreit:

»Nein .. nein . . ich bitte dich darum . . geh . . ich bitte dich . . geh . . laß mich in Frieden . . .«

Herr d'Astin tritt zu ihnen:

»Liebe Eleonore, möchten Sie uns einen Augenblick allein lassen . . .

»Mein Kind,« sagt er zu Almaide, »du leidest sehr, nicht wahr?«

»O ja, ja, ich leide . . .«

»Mein Kind, dir tut ein langes Ausruhn not . . . ich bitte dich, vertrau dich mir an. Du wirst eine Zeitlang auf meinem Schloß Wohnung nehmen. Wir werden allein sein. Nichts wird dich stören . . . ich weiß nicht warum, mein liebes Kind, es will mir scheinen, daß der Wille deiner teuern Eltern aus mir spricht. Willst du, sprich, willst du mit mir kommen?«

»Ja,« antwortet sie still.

»Nun gut, so verlassest du diese Räume noch heute abend. Ich werde meinen Hausverwalter hersenden, der darauf achten wird, daß nichts zerstreut werde. Du magst dich einen Augenblick auf deinem Zimmer ausruhn. Wir werden in zwei Stunden aufbrechen. Mein Wagen ist hier. Wir werden nächster Tage herschicken, um mitzunehmen, was du nicht augenblicklich brauchst.«

 

Almaide d'Etremont ist bei Herrn d'Astin untergebracht. So viele Ereignisse verhindern sie manches Mal, klar zu denken, und so stark ist diese Zerstreuung, daß sie zu zeiten ihren Zustand vergißt. Es gelingt ihr – seltsam genug – dank ihrem traumhaften Hindämmern, das Wunder des Frühlings zu atmen, der seinen ersten Schmuck über das alte Haus ausbreitet.

In ihr ists wie das Rieseln einer Quelle im Gras. Dann spricht sie zu sich: Sei still. Nichts gibt es, was dich beunruhigt.

Doch bald erwacht sie aus ihrem Traum, und Wirklichkeit durchbohrt sie wie eine Klinge, deren kalten Stich sie dort zu fühlen glaubt, wo ihres Herzens Mitte sein muß. Der Duft des Flieders verursacht ihr Übelkeit bis zum Erbrechen. Alle Gerüche sind ihr unerträglich.

Herr d'Astin läßt sie allein, so lang und so oft sie mag. Sie wandert über die Rasenplätze, sie streichelt mit unendlicher Zärtlichkeit den niedern Kopf des alten Hundes, der sie begleitet. Sie spricht zu ihm: »O wie du gut bist, du. Ach, wenn du wüßtest . . .«

Und von Sekunde zu Sekunde fühlt sie den Dorn des Schmerzes in sich wachsen.

Der Zustand des jungen Mädchens beunruhigt Herrn d'Astin. Er weiß, wie sehr das Kind dem unglücklichen Vater nachgerät, er weiß, in welchem Traumleben so viele derer von Alcaraz verdüsterten.

Manchmal versucht er Almaiden zu zerstreuen. Er führt sie herum in der uralten Behausung, die verschüttet ist wie ein abenteuerliches Buch. Hier atmet der Duft einer andern Welt. Die Dinge, die er aus China mitgebracht hat, erinnern an Sindbad den Seefahrer. Im Empfangsraum steht eine Sänfte, mit einer großen Puppe des himmlischen Reiches darin, welche die Hand durch den Türvorhang streckt und einen roten Hybiskuszweig herabhängen läßt. Hinzutretend bewundern sie das himmelblaue Kleid dieser reizenden Gliederpuppe, deren Kopf, zurückgelehnt, gleich einer ewigen Rose das zartverächtliche Lächeln der Lippen zeigt.

Hier und dort stehn seltene Möbel, mit Perlmutter eingelegte Sessel und Lehnstühle, mit so dünnen Stoffen überzogen, daß man durchscheinende fleischfarbene Pfingstrosen unterscheidet, die auf der Lehne erblühn. Die Füße eines solchen Lehnstuhls stehn in indianischen Pantoffeln, so klein, so zierlich, daß man an Aschenbrödel denkt.

Und an den Wänden sieht man heitere Gemälde, glatt wie Porzellan, auf denen mongolische Prinzessinnen Blumen einkaufen oder sie mit kleinen, zurückhaltenden Bewegungen feilbieten.

Eines Abends, als Almaide trauriger als sonst erscheint, sagt sich Herr d'Astin, daß er gegen diese rätselhafte Niedergeschlagenheit nicht länger anzukämpfen vermag, die er unmöglich dem Tode eines selbstsüchtigen, mürrischen Oheims zuschreiben kann. Er fragt:

»Mein liebes Kind, du scheinst mir einen großen Kummer zu haben?. . .«

Almaide verharrt schweigend im Schatten der Lampe.

Er setzt sich neben sie und faßt sie bei den Händen.

»Sprich, was hast du?«

Die Stimme des alten Mannes ist so sanft, so gütig, daß unter ihr das junge Mädchen erschauert wie unter einem Hauch der Liebe. Wie einer, der in Schluchzen ausbricht, atmet sie tief die Luft in einem unterbrochenen Seufzer ein. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, ihre Nasenflügel zittern.

Endlich gleitet sie auf dem Teppich in die Knie, und weinend, die feuchte und brennende Wange in die alten gefurchten Hände schmiegend, die sie umklammernd mit den Fingern halt, legt sie ihre Beichte ab.



Ein Morgen folgt auf diesen schreckensvollen Abend. Herr d'Astin läßt Almaiden zu sich auf sein Zimmer bitten.

»Sitz nieder, mein Kind,« sagt er, »hier mir gegenüber . . . Die ganze Zeit der Nacht hat mir dein Schicksal zu denken gegeben. Nun muß ich zu dir reden.«

Er sagt dies sanft und ernsthaft. In seinen Streckstuhl gelehnt, sitzt er, die Füße auf einem Schemel, eingehüllt in das chinesische Frauengewand, das er daheim so gerne trägt. Seine Arme liegen flach gestützt auf den Armlehnen des Sessels, seine Hände umfassen fest ihren eichenen Knauf. Sein Leib ist leicht vorneüber geneigt, nach rückwärts geworfen die weiße gewellte Haarmähne. Das Grün des Auges – klar wie Tag im Winter – liegt starr auf der Diele. Feuer flackert durchsichtig, und Güte erhellt barmherzig ein schmerzensreiches Antlitz.

Herr d'Astin beginnt: »Die ganze Nacht hab ich an dich gedacht . . .«

Und wiederum Schweigen, Zögern . . . Vor den Fenstern jagt im Sturme der Mai. Zart und grün sickert sein Schimmer durch die kleinen Scheiben. Eine Kaffeekanne surrt auf der Kohlenglut. Almaidens Blicke schweifen ratlos in Angst über die Dinge und Zieraten des nie betretenen Raums. Zur Rechten hängt eine Schiffskarte, verrußt wie eine alte Muschel. Darunter steht zu lesen: Indischer Ozean. Auf Wände und Gestelle verstreut sind Waffen, Ankertaue, Vögel, Schmetterlinge, Straußeneier. Im Hintergründe groß auftauchend zwei Gemälde.

Das eine: braunhaarig eine junge Frau. Krankes, schmachtendes Gesicht, das Auge Trauer und Sehnsucht. Die Hände greifen spielend nach einem Spitzentuch, nach einem Kolibri. Ein Negermädchen, zu ihren Füßen kauernd, füllt einen Korb mit gelben Blumenkelchen, prangend gleich Früchten, mit rosigen Früchten, zart wie Blüten.

Das andre Bild zeigt ein Chinesenmädchen, vornehm und reizend. Über runder Stirn hochgekämmtes Haar ist an den Seiten mit Nadeln und Blumen aufgesteckt. Geschlitzte kleine Augen lächeln sinnlich herab. Die Nasenflügel sind wie Nelkenblätter; der Mund, gebogen und klein wie eine Kirsche, ist holdes

Rätsel: will er widerspenstig sich schließen, oder will er geöffnet nur im Kusse sich erschließen, zärtlich wie eine Bonbonniere aus Korallen über dem gerundeten Elfenbein des Kinns?

Sie trägt ein grünes Kleid (die gleiche Farbe hat der Mantel des Herrn d'Astin), und zu beiden Seiten sieht ein veilchenblauer Gürtel, im Rücken geknotet, in breiten Schmetterlingsflügeln hervor.

»Die ganze Nacht und noch des Morgens« – beginnt von neuem Herr d'Astin, »hab ich an dich gedacht, mein Kind. Hör mich an . . .«

»Ich habe viele Schmerzen gekannt . . . das Alter hat mich weise gemacht. Ein Mensch, der viel gelitten und gelebt hat, wagt nicht mehr zu verdammen – weil göttliche Barmherzigkeit ihm selbst vielleicht bald not tun wird.

Du hast, mein Herz, geliebt, weil dir zu lieben not tat und Bedürfnis war. Was du empfandest, war nicht häßliches Gefühl. Die Liebe, die du gabst, war jene der Natur und nicht die Liebe, die in unsrer Zeit durch eine Vernunftsehe käuflich und zu verhandeln ist, und mit der man ganz nach Wunsch im Herzen junger Mädchen die schönste aller Regungen kunstvoll erzeugt. Dieser Stein der Weisen, diese Transsubstation, gesucht von vielen Alchimisten – ach, mein Kind, man hat sie längst entdeckt. Väter und Mütter verkuppeln ihr Kind dem König Midas. Glaubst du, daß Gott ein solches Wuchergeschäft mit Menschenseelen ohne Zorn anzusehn vermag? Nein, nein . . . denn jede Frau ist einem Manne bestimmt und jedem Mann eine Frau. Geschöpfe, Dinge, sie alle wollen nur aus freiem Herzen einander sich hingeben. Sieh dieses frühlingshafte Tal: das weiße Rebhuhn sucht nach dem Gefährten, des Leberblümchens Blüte neigt sich nach des Leberblümchens Kelch, der Ginster strömt den zärtlichsten Geruch, weil seine Griffel nun befruchtet werden. Mein Kind, ich kenne Qual einsamer Herzen, den Durst nach Liebe, Schmerz verlassener Seelen, der mit Schluchzen schwellt . . Liebste, du mußt nicht weinen, sei still, bist du nicht meine Freundin? Ich bin dein Freund, und heftig rührt mich dein Schicksal. Was du getan hast, ist vor Gott nicht sträflich. Aber Fluch einer Menschheit, wenn sie ein junges Mädchen ächtet, das hilflos weint, ohne Vermögen, ohne Rückhalt in der schrecklichsten der Wüsten! Nicht du bist schuldig, Almaide, schuld hat die selbstsüchtige, von allen Lastern gesättigte Welt, verweigernd einem armen Kind, was sie an Tieren billigt und am Vogel im Käfig. Denn Heuchelei ist Wiege aller Übel. Recht müßt es sein, daß jede Jungfrau, deren Herz verlassen sich verzehrt, sich wählen dürfte, wem sie sich hingebe, und solches Recht, es müßte fraglos sein. Es müßte stehn, fest und auf ewig außerhalb der Sitte, entzogen den Verträgen und der elterlichen Macht. Und dürfte, sage ich, ein jedes Mädchen (wie schön wär dies) die Schranken des erzwungenen Zölibats zerbrechen und mit all jenen hadern, die ihr Tun verdammen: und so entginge sie verächtlicher Verachtung der Gesellschaft, und an dem Tag, da sie sich Mutter werden fühlt, müßte sie sagen dürfen: ich geh dahin, wohin es gut mir scheint, da ihr mir einen Platz im Hundestall verwehrt.«

Die Stimme des Herrn d'Astin zittert und erhebt sich: »Sei nicht so angstvoll, liebes Kind. Gib mir die Hand, und hab zu mir Vertrauen.«

Er wendet sich zu dem Bilde der Kreolin, das breit den Hintergrund des Zimmers ausfüllt, und weist Almaiden mit einer Bewegung des Kopfes darauf hin:

»Dies war die Freundin eines meiner Freunde. Sie starb als Opfer einer Schande, die von erlogenen Vorurteilen in ihr gezüchtet ward. Sie nahm Gift, und ihr tragisches Ende verwirrte auf ewig die Gedanken des Mannes, der sie liebte. Ihr Name war Laura Lopez.«

Dann auf das Bild der Chinesin deutend:

»Diese hieß Li-Tse. Sie war die Tochter eines Mandarins. Er widersetzte sich unsrer Heirat. Da gab sie sich mir hin. Ich wünschte nichts, als ewig sie zu lieben und das Kind zu herzen, das sie mir versprach. Doch man verriet dem Vater die Verbindung, und da er fand, sie hätte sich durch Liebe eines Christen entehrt, ließ er sie den Schweinen vorwerfen. Und so verlor ich die holdeste der Geliebten und die Blume eines ganzen Frühlings.«

Herr d'Astin blickt auf, die Stirn schwer in die Hand gestützt. Er lauscht dem Rauschen der Flammen und dem Rauschen des Windes durch den Garten. Vielleicht, denkt er, ist dies derselbe Wind, der einstens über jene Gärten Chinas flog, wo im Dunkel dichten Gesträuchs der junge Marquis seine Geliebte Li-Tse unter sich sich biegen fühlte, geschmeidiger und süßer als ein blühender Quittenzweig.

Almaide liegt zu Füßen des alten Mannes, der seine Hand im Zeichen des Kreuzes über ihr bewegt und spricht:

»Sei ohne Furcht. Erschütterung faßt mich an bei dem Gedanken, daß meine arme Li-Tse niemals des Glücks genoß, das deine Augen sehn werden: das Glück, Mutter zu sein. Du wirst sehr stolz auf dieses Kind sein, da Gott es ist, der es dir schickt.

Wenn ich noch wenige Monate am Leben bleibe, wirds mir Erinnerung sein an jenes Kind, das man mir nahm. Ja, Gott schenkt es uns. Wir werdens froh willkommen heißen. Ich hinterlasse ihm, da ich kein Kind mein eigen nenne, ein Erbe groß und schön. Dir selbst wird Reichtum manchen Kummer aus dem Wege räumen. Du wirst, meine Freundin, dieses Kind nicht im Geheimen aufziehn, wirst seinen Vater nicht verleugnen, obgleich dies ohne Mühe möglich wäre. Nein, vor die Augen dieser Welt wirst dus hinführen, die man verachten lernen muß mit solchen Worten: Dies ist das Kind von Fräulein Almaide d'Etremont und einem kleinen Hirten des Gebirgs.« Und Almaide, noch immer kniend und ihre Hand in die Hände des Edelmannes schmiegend, fühlt ihr Herz von tiefer Zärtlichkeit durchflutet. Nach einer langen Pause hebt sie das Haupt, und im Glanz ihrer Jugend, mit aufgelösten Haaren, taucht sie die brennenden Augen, leuchtend von Tränen, in die Augen des Greises, in Augen, die blauer strahlen und klarer als azurener Himmel im April. Sie schlingt die schönen Arme um den Hals des Herrn d'Astin und murmelt:

»Mein Freund, du bist gut . . .«



Ein Sommer kommt und schwindet, bekränzt von roten Disteln und von blauen Schlehen.

Septemberende ist gekommen, und mit dämmernder Röte erfüllt sich der Park des Schlosses von Astin. Abend für Abend gleicht überströmend reifen Weinbergen; alles wird purpurn, alles glüht golden. Die Zweige, dunkel und karmesinfarben, noch angetan mit der Last des Laubs, hangen schwer auf den Rasen. Kein Windhauch atmet über den rostbraunen Wassern der Springbrunnen. Und in den Wolken späten Flieders steht nackt ein Marmor, eine jagende Diana hebt über ihrer Stirn Girlanden unsichtbar zum Himmel auf.

Am Fuß der Freitreppe ruht der Marquis d'Astin auf seinen Sessel hingestreckt, hat spielend seinen Stock dem Hunde hingeworfen, der ihn wiederbringt, und sieht aus ferner Tiefe der Allee Almaiden auf sich zuschreiten.

Sie sitzt neben ihn nieder. In ihrem Arm gewiegt, das Kind, rührt an der Mutter weiß und schwellend hingereichte Frucht mit Lippen, die gleich feuchten Anemonen schimmern.

Herr d'Astin schaut lang betrachtend auf sie nieder und spricht:

»Wie schön ist dieser Abend, meine Freundin. Dies Sterben eines Nachmittags ist süßer Sammlung voll. O möchte doch mein Leben so sich enden und das Gewölk des Todes eilends meinen Blick verschleiern, daß ich hinüberschlafend das kristallene Blau himmlischer Landschaft sichtbar sehe. Sei nicht traurig, Kind, über solchen Worten. Noch gibst du mir Freude . . . aber mein Leben wollte ich nicht von neuem beginnen. Dies ist der letzte Herbst, gewißlich, den ich klaren Auges schaue. Auslöschen werde ich an einem Abend gleich dieser Sonne, die den Märchenwald der Berge golden einhüllt. Ein Jüngling noch, fand ich auf diesen Wiesen Liebe und Kuß der Hirtenmädchen, so wie du die Liebe eines Hirten fandst. Und nur den Augen der Welt macht deine Jugend einen Unterschied von meiner Jugend, die vergangen ist. Wie sehr einander gleich sind alle Dinge. Und diese Berge bäumen sich nicht anders als das Meer, und sie verwahren in den Höhlen ihrer Täler, gleich wie das Meer im Abgrund seiner Wogen, Andenken vieler Stürme. Dort unten, sieh, nah jenem weißen Kirchturm, schläft in Frieden Klara d'Ellebeuse, die deine Freundin war, und Laura Lopez, von der ich dir erzählte an jenem Morgen, da du beichtetest. Sie beide starben an der Liebe, wenn auch die Menschen sagen, man sterbe nicht daran.

Die eine war die Keuschheit, Leidenschaft die andre, und dies ist oft das gleiche Ding. Die eine unterlag, ich weiß nicht mehr welch unergründlich reinem Wahn, die andre im Schrecken über ihre Hingabe. Mit einem Wort, mir scheint, sie beide starben an der gleichen Krankheit, als Opfer eingeborenen Stolzes.

Doch dich, mein Kind, dich hat gerettet, daß du in früher Kindheit die Erzieher verlorst. Alle Dinge sind einander gleich – und alle Geschöpfe, Sind denn die Rotkäppchen unsrer Berge, die wie die Haselstauden, wenn der Saft sie treibt, der Liebe nicht widerstehn können, anders als Fräulein Almaide d'Etremont? Zu mir zurückgekehrt bin ich aus vielen Vorurteilen, von denen auch der Rechtschaffenste nur schwer sich trennt. Und um so eher darf ich solche Meinung äußern, als mein Alter sie erlaubt. In langen Jahren habe ich die Schönheit nie geschändet. Im Zustande der Reinheit lebte ich, als welcher allein das Alter edel und der Jugend vergleichbar macht. Doch, Kind, – nun darfst du nicht lächeln – ich weiß: hätt ich als junger Mensch in deiner Nähe gelebt, seis als Hirte oder als Marquis, und wärs unmöglich mir gewesen, dich als Gattin heimzuführen, gewißlich hatte ich versucht, dich mit Gewalt zu nehmen. Und dieses weiß ich: wär ich zu diesem Ziel gelangt, ich hätte selber mich verflucht, wenn ein Gedanke der Mißachtung meinen Geist betreten hätte.

Ich weiß auch dies: daß jedes traurige Herz eines jungen Mädchens, verdammt zur Einsamkeit, durch den Anblick der Freude ihrer Freundinnen beständig gequält, geschwellt vom Wunsch, die Liebe zu verschenken, sich hinzugeben und ein Opfer nur zu sein – daß solch ein Herz geringster Liebkosung unterliegt, die ihm Gewißheit kommenden Glücks verspricht. Und welch es ist die glückliche Frau, so von der Frucht des reichen Weinbergs aß und wagen dürfte, Almaiden zu schelten, wenn sie im Grunde einer Schlucht eine armselige Beere aufliest?«

Herr d'Astin verstummt. Er faßt mit seiner Hand die freie Hand Almaidens, die träumerisch noch immer ihrem Kinde die smaragdne Blässe ihrer Brüste reicht, daraus der weiße Tau des Lebens quillt.

»Ich fühle es, du sprichst, wie Gott zu sprechen heißt. Doch ach, gibt es noch Menschen, welche reden so wie du?«

Sie hebt das Haupt, der Antwort harrend, die nicht kommt.

Der Herr Marquis d'Astin ist hinübergeschlafen zum ewigen Frieden.