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Maria Janitschek – Arbeit

Novelle

Aus: Maria Janitschek, Lichthungrige Leute, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, (1895)



Professor Scholz hatte eben seine Demonstration begonnen, als die Thüre des Saals stürmisch aufgerissen wurde, und eine Dame eintrat. Einige Studenten wandten sich unwillig zurück. Das Mädchen eilte an seinen Platz in unmittelbarer Nähe des Dozierenden. Später als das Colleg beendet war, und die Hörer hinaus drängten, sagte der Nebenmann der jungen Dame, der sich ebenfalls zum Fortgehen anschickte:

»Fräulein Strom, warum parfümieren Sie sich mit Phenol? das ist doch zu — emanzipiert.«

»Schönes Parfümieren das«, lachte die Angeredete, ein kernfrisches Mädchen von vierundzwanzig Jahren, und hob ihre verbundene Hand empor, »eine Flasche die mir explodierte, hat mir den Daumen verletzt. Sie lägen gewiß zu Bette, aber ich —«

»Sie sind noch naiv genug bei keiner Vorlesung fehlen zu wollen.«

»Fehlen Sie etwa jemals?«

Streitend waren sie in den Corridor getreten, wo ein Schwarm junger Leute sich um sie versammelte.

Ja die Weiber. Natürlich. Die Flasche ist ihr explodiert, weil sie an Gott weiß was gedacht hat. Wenn sie sich nur die vorlauten Nasen, die sie in alles stecken, verbrennen würden!

Das junge Mädchen parierte die Hiebe, die von allen Leiten auf sie niederfielen, mit fröhlichem Gleichmut. Schließlich trat einer aus den jungen Leuten auf sie zu, lüftete den Hut und sagte:

»Wie ich höre haben Sie sich die Hand verletzt, Fräulein Strom. Ist es eine ernste Verletzung?«

»Nein Herr Korner, eine ganz leichte Fleischwunde. Eine Flasche mit Wasserstoffgas explodierte mir in der Hand, die Glassplitter verwundeten mich ein wenig.«

»Na dann seien Sie froh. Gehen Sie nach Hause?«

»Ja. Sie auch?«

»Ja, ich muß noch vor dem Essen arbeiten.«

»Ich auch. Ich habe wegen des dummen Daumens den ganzen gestrigen Nachmittag verloren. Ich dachte mir: Herrgott wenn du eine böse Hand bekämst, und ins Spital müßtest, in so einen schrecklichen weißgetünchten Saal mit vielen Betten! das ist die Kehrseite des Alleinstehens in der Welt, daß man, wenn man krank wird, in jene fürchterliche Versuchs­anstalt, genannt Spital, geschleppt wird.«

»Sie haben nicht Unrecht. Übrigens hätten wir Kollegen Sie vor dem Hineinmüssen in diese »Versuchsanstalt« bewahrt«

»Gepflegt, wie?«

»Warum nicht? So gut wir es eben verstehen.«

»Na dann, — danke schön.«

Sie waren vor ein hohes, düster aussehendes Haus gekommen und traten in dasselbe ein. Eine Treppe führte sie auf einen langen Gang, an dessen Wänden sich viele Thüren befanden. Die beiden jungen Leute verabschiedeten sich von einander. Jedes ging in seine Stube und warf die Thüre hinter sich ins Schloß, daß es wie ein dumpfer Knall durch den leeren Korridor scholl. Das Gebäude, ehemals ein Kloster, war nach Vertreibung der Mönche in die Hände einer ältern Dame übergegangen. Diese wollte keine baulichen Veränderungen daran vornehmen lassen, und da sich in den obern Stockwerken nur Stuben ohne Küchen befanden, vermietete sie jene an alleinstehende junge Leute. Gegenwärtig bewohnte Fräulein Strom und Herr Korner allein den ersten Stock. Einige Studenten waren jüngst ausgezogen, weil die alte kränkliche Hausbesitzerin ihnen ihrer nächtlichen Skandale wegen gekündigt hatte.

Den zweiten Stock hatten mehrere Beamte gemietet die alle tagsüber nicht zu Hause waren. Fräulein Strom bewohnte nur eine Stube, Herr Korner deren zwei.

In der einen ließ er sich auf eigne Kosten einen Herd aufstellen und einige Spinde, in denen er verschiedene Experimentierartikel verwahrte.

Diese Stube nannte er stolz: mein Laboratorium.

Fräulein Strom ärgerte sich jedesmal, wenn er von diesem Laboratorium sprach.

Wie gern hätte auch sie so einen Winkel besessen um hie und da ein Experiment das ihr im chemischen Institut mißlungen war, aufs neue zu versuchen. Aber sie war arm und konnte sich diesen Luxus nicht erlauben. Ihr verstorbener Vater, ein nicht unbedeutender Privatgelehrter hatte ihr ein Vermögen hinterlassen, das etliche Jahre für Jemanden ausreichte, der sich damit begnügte einmal im Tage zu essen, nicht mehr als zwei Kleider im Jahr zu verbrauchen, und einen Zins zu bezahlen, der die Summe von monatlich zehn Mark nicht überschritt. Josepha Strom, aufgewachsen in vollständiger Bedürfnißlosigkeit, brachte dies Kunststück zu stande.

Ihre Mutter war früh gestorben. Der Vater erzog die Tochter mit spartanischer Strenge. Das hatte wohl seinen Grund darin, daß er zu jenen gehörte, die an die Vererbung des Blutes glauben. Josephas Mutter hatte getrunken, sich zu Tode getrunken. Aus einer Gosse hatte man sie ins Haus gebracht, bereits erstarrt mit blauen verschwommenen Zügen. Da hatte Herr Strom sichs gelobt, sein Kind zur Arbeit, zur Mäßigkeit anzuhalten, damit der Keim des La­sters der möglicherweise in ihr lag, erstickt werde. Josepha wurde ein prächtiges, ernstes, denkendes Kind, das neben dem Arbeitstisch des Vaters aufwuchs und schon in frühen Jahren über die schwierigsten Probleme mit ihm disputierte. Eine alte Wirtschafterin besorgte ihren Haushalt.

Strom erlaubte seiner Tochter das Gymna­sium zu besuchen, das sie mit glänzenden Zeugnissen verließ. Dann frug er sie eines Tages:

»Was willst du weiter studieren?«

»Chemie« lautete ihre Antwort.

»Unsinn«, brummte er, »ein Frauenzimmer Chemie! Medizin wirst du studieren.«

Sie zuckte die Achseln und gehorchte.

Als sie aber bei einer Demonstration des Professors am Anatomietische ohnmächtig wurde, ließ sie der Vater zu ihrer Lieblingswissenschaft übergehen. Bald darauf starb er. Sie stand allein und addierte das Vermögen, das ihr blieb. Es ergab ein kleines Sümmchen. Na, da heißts denn sparen, dachte sie. Josepha hoffte nach einigen Jahren tüchtigen Studiums irgendwo eine ihren Kenntnissen entsprechende Stelle zu erhalten.

Sie mietete das Stübchen im ehemaligen Klo­stergebäude und aß in einer billigen Speise­anstalt. Da sie keine Mutter gehabt hatte, die ihr dreimal im Tag halbrohes Fleisch und starke Weine vorsetzen ließ, sie halbnackt auf Bälle und in Theater herumschleppte, so war die Sinnlichkeit ihrer Natur noch nicht erwacht. Sie hatte auch keine Zeit ihre Adern zu belauschen, und das Wachsen ihres Busens mit einem Bindfaden zu messen.

Ihr beständiges Zusammensein mit jungen Männern stumpfte den sinnlichen Kitzel ab, der für »wohlerzogene Töchter« im Verkehr mit dem andern Geschlecht liegt. Sie war hübsch gewachsen, brünett, mit roten Lippen und schwarzen Augen. Besonders ihr Haar zeichnete sich durch Fülle und Glanz aus. Aber trotz dieser äußern Reize hatte sich keiner in sie verliebt. Das machte eben die vollständige Gleichgültigkeit, die sie den Männern entgegenbrachte, und die nicht ohne Rückwirkung blieb.

Josephas einzige Liebe war ihre Wissenschaft. Das Spüren nach verborgnen Gesetzen, das wunderbar geheimnißvolle Drängen nach Vereingung in manchen anscheinend sich widerstrebenden Stoffen, das hartnäckige Einsiedlertum gewisser Elemente, diese ganze Welt voll beständiger Ereignisse und Bewegung, wie sie sich dem Chemiker enthüllt, gab ihr genug zu denken.

Am Abend des Tages, da Josepha mit der verletzten Hand im Kolleg erschienen war, begegnete sie nochmals Korner. Sie hatte sich ein Stückchen Käse vom Krämer zum Nachtessen geholt, und trug dasselbe in Papier gewickelt heim.

»Gesegnete Mahlzeit«, sagte Korner lachend, »für mich wärs zu wenig.«

»Für mich fast zu viel«, entgegnete sie, »beim vorletzten Bissen schlaf ich ein.«

»Sie essen direkt vorm Schlafen?«

»Ja, denn nach dem Essen werde ich faul, da geht das Arbeiten nimmer. Also laß ich die Mahlzeit bis zuletzt.

»Und Sie schlafen mit einem Stück Käse im Magen?«

»Und wie!«

»Na, alle Achtung.«

»Hoff’ ich auch. Gute Nacht.«

»Gute Nacht. Hören Sie Fräulein Strom . . .

»Ja.«

»Wie gehts denn dem Daumen?«

»Dem Daumen? Ja wahrhaftig, den hätte ich fast vergessen. Ich glaube, er heilt. Mindestens thut er gar nicht weh.«

»Sie sind wohl ein bischen ungeschickt gewesen, wie?«

»Natürlich, sonst wäre mir das Malheur nicht passiert.«

»Aha! Na was ich sagen wollte. Wenn Sie manchmal mein Laboratorium benützen wollen, um einen oder den andern Versuch zu machen, wirds mich freuen. Gute Nacht.«

»Danke für die Erlaubnis, sie kommt mir sehr erwünscht, wirklich sehr erwünscht.«

Sie schüttelten einander die Hände.

Ein liebenswürdiger Mensch, dachte Josepha später, während sie den Käse auf das Brod legte, und mit ihren prächtigen Zähnen zermalmte.

Und dann ging sie öfters hinüber.

Auch er war einige Male bei ihr gewesen.

Einmal hatte er sich Papier ausgeliehen, ein andermal ein Kännchen Petroleum. Korner war ein Krösus im Vergleich zu Josepha. Er verdiente seinen Lebensunterhalt teils durch seine Mitarbeiterschaft an einem Fachblatte, das viel in Fabrikantenkreisen gehalten wurde, teils durch Veröffentlichung selbständiger Artikel, die ihm sehr gut bezahlt wurden. Er hatte vor, sich nach beendigtem Doktorexamen zu habilitieren. Er war ein heller Kopf und man prophezeihte ihm eine glückliche Zukunft. Sein Äußeres war eher häßlich als anziehend zu nennen. Die gedrückte Nase schien das an Raum wieder einbringen zu wollen was die zu hohe Stirne zu ihrer Entwicklung bedurft hatte. Die Augen waren ausdruckslos und immer wie in Gedanken verloren. Aber man vergaß der häßlichen Züge über den Geist, der sie belebte.

Korner war unermüdlich thätig. Den Tag widmete er seiner Fachwissenschaft, den größten Teil der Nacht hingegen dem Studium der Litteratur, Philosophie, Medizin. Hin und wieder las er selbst einen Roman. Gewisse Leute behaupteten, er sei ein Streber.

So viel ist sicher, sein Zielen ging dahin, sich so schnell als möglich eine Lehrkanzel zu erobern.

Josepha war diesem ewig beschäftigten, ewig planenden, unruhigen Menschen sehr dankbar, wenn er ihr einen Wink, eine Anleitung in ihrem Studium gab. Sie wurden mit der Zeit immer bessere Kameraden.

Nach eingenommenem Mittagessen unternahmen sie öfters einen kleinen Spaziergang und plauderten über Fachangelegenheiten, die ihnen eben am Herzen lagen. Manchmal gesellte sich auch ein Dritter dazu. Es gab Niemanden, der den freien Verkehr Josephas mit Korner unpassend gefunden hätte. Mochte im Anfang auch einer oder der andere die Schultern gezuckt haben, ein Blick in die klaren wie Stahl funkelnden Augen des Mädchens, in Korners ehrliches Hundegesicht beseitigte jeden Zweifel an der Lauterkeit des Verhältnisses der beiden zu einander. Es war ein glückliches Zusammenleben zweier junger fröhlichen Menschen die sich gegenseitig aneiferten das Höchste zu erstreben und zu vollbringen.

Wurde der eine von ihnen griesgrämig, weil ihm ein Experiment, die Hoffnung auf die originelle Lösung eines schwierigen Problems fehlschlug, so lachte der andere ihn aus, trö­stete ihn damit, wie oft ihm schon schöne Ergebnisse gelungen waren. Zuletzt verzehrten die beiden ihre Mahlzeiten stets miteinander. Er ging in ihr Speisehaus, wo er neben ihr sitzen und plaudern konnte. Sie aß ihr Nachtmahl auf seiner Stube.

Er sollte noch in diesem Jahr sein Doktorexamen machen. Er arbeitete wie ein Rasender. In Momenten, wo ihm die Bücher aus den müden Händen fielen, nahm sie dieselben auf, las ihm vor disputierte mit ihm, und übertrug die Frische ihres Geistes auf den seinigen.

Manchmal fiel ihr auch ein, seine Zimmer, die wie eine Hexenküche aussahen, in Ordnung zu bringen. Dann kehrte er ihr den Rücken denn mit einem Staubtuch in der Hand, erschien sie ihm widerwärtig.

»Laß doch den Kram liegen wie er liegt, wir haben wahrhaftig für solche Geschäfte keine Zeit.«

»Hast Recht«, rief sie und blies in die übereinander geschichteten beschriebenen Papierbogen, daß sie hübsch auseinander flogen, und den Tisch mit malerischer Unordnung bedeckten.

»Man findet sich viel leichter so zurecht. Das Nebeneinander ist so ehrlich und löst keine Tücken des Objekts aufkommen.«

Und einmal sagte er:

»Eigentlich ist deine Stube ganz überflüssig. Du bist ja doch immer hier.

Schlag dein Bett im Laboratorium auf, dann brauchst du keine Miete zu bezahlen«.

»Das Bett ist ja nicht mein eignes, und es mir zu leihen dazu wird sich die Hausfrau nicht verstehen.«

»Da hast du recht,« sagte er, »darauf dürfte sie kaum eingehen, namentlich da sie gerade jetzt so wenig Mietzins einnimmt.«

Der Sommer brach an. Verzehrende Glut lag über der Stadt. Die Hitze machte die Menschen zu Müßiggängern, und diejenigen die keine solchen werden wollten und sich zur Thätigkeit zwangen, fühlten sich schwach und elend.

Korner stand am Vorabend seines Examens. Er war zum Schatten abgemagert. Die letzten Wochen hatte er sich fast keine Nacht Ruhe gegönnt. Die Schwüle benahm ihm den Atem und verursachte ihm Herzklopfen.

»Wenn ich vorher aus der Welt gehe, Strom, (er nannte Josepha stets bei ihrem Zunamen) dann verkaufe meine Möbel und laß für den Erlös derselben mein Buch drucken. Du weißt, wo das Manuskript liegt. Die Vorrede kannst du dazu schreiben, aber lobe mich nicht allzusehr.«

»Nein, das würde ich wahrhaftig nicht thun«, versicherte Josepha; »wenn du eine solche Dummheit begingst, verdientest du kein ehrendes Nachwort. Auf dein Grab würde ich schreiben:

»Hier liegt einer der zu faul zu leben war.«

Als er endlich den Frack und die weißen Handschuhe anhatte, sagte sie ganz blaß zu ihm:

»Na Korner, jetzt sei ein ganzer Kerl.«

Aber während der drei Stunden da er examiniert wurde, war es ihr bänglich zu Mute.

Sie hatte die Uhr in der Hand, und rannte im Zimmer auf und nieder.

Um sieben Uhr eilte sie in das kleine Restaurant, wo sie zu essen pflegten. Er hatte versprochen, geradewegs aus der Universität hinzukommen. Sie war kaum dort, so kam er auch.

»Strom, schau mich an, wie seh ich aus?« rief er jubelnd und schleuderte den Cylinder in eine Ecke.

»Du? Wie einer, der sein cum laude in der Tasche hat.«

In diesem Augenblick kam ein Dutzend junger Leute hereingestürmt und schüttelte Korner die Hand. Man bestellte Wein. Korner ließ Champagner bringen. Die Gläser erklangen. Reden wurden gehalten, aber die schönste hielt der neugebackene Doktor auf Josepha.

Sie zeige daß der Bann endlich gewichen sei, der Jahrtausende lang den Geist des Weibes in seine Fesseln geschlagen habe. Das Knechtthum der Frau habe aufgehört. Sie habe den ersten Schritt und gleich einen weiten gethan, dem Manne ebenbürtig, ihm ein wackerer Kamerad zu werden.

Korner sprach unsinniges und vernünftiges durcheinander. Die andern stießen auf alles beides an. Die Wangen glühten immer höher, die Stimmen wurden lauter.

Zuletzt wurde dem akademischen Leben ein Hoch gebracht. Man umarmte einander, zerschlug ein Dutzend Gläser im Drang der Gefühle und sang das Gaudeamus.

Gegen Morgen trennte man sich.

Josepha ging Arm in Arm mit Korner nach Hause. Die abgekühlte Nachtluft that ihren beiden erhitzten Gesichtern wohl.

»Nun aber, sagte Korner zu Hause angekommen, mit Bedeutung »nun aber —«

»Was hast du vor?«

»Errätst du nicht?« lallte er »Ausschlafen will ich, ausschlafen für die letzten Wochen, für die letzten Monate. Es soll ein solennes Schlafen werden, eine Orgie von einem Schlafen, ein Bacchanal der Nasen- und Kehlkopfstimmen. Servus Strom, du lieber alter treuer Kerl.«

Er warf donnernd die Thüre hinter sich ins Schloß.

Auch Josepha war froh endlich in ihr Stübchen zu kommen. Sie entkleidete sich und warf sich aufs Bett. Der Kopf hämmerte ihr.

Morgen muß ich mir Probierrohre kaufen. Er hat also ein cum laude.

Ob die Schwefelsäure noch ausreicht?

Dann verrannen ihre Vorstellungen in einen großen dunklen Fleck und sie schlief ein.

Korner hatte sein Examen glänzend bestanden, nichts destoweniger besuchte er dieses Semester (es ging bereits zu Ende) noch die Kollegia. Er hatte einige sehr hübsche Untersuchungen gemacht, die ihm das Lob und die Anerkennung seiner Lehrer erwarben. Man prophezeite ihm eine glänzende Karriere. Außerdem hatte er durch eine schriftliche Arbeit die Aufmersamkeit ausländischer Fachgelehrter auf sich gelenkt. In einem Jahre wollte er sich habilitieren. In vier bis fünf Jahren hoffte er einen Ruf als außerordentlicher Professor zu erhalten.

Bis dahin mußte er sich durch Schriftstellern fortzubringen trachten. Bei seinem Streben konnte er das Ziel nicht verfehlen. Es lag Ehrgeiz in seinen Wünschen, aber jener erlaubte, den das Gelingen einer Sache um der Sache selbst willen freut.

Josepha war in Korners Bestrebungen eingeweiht. Mit ihr besprach er sich vor jedem wichtigen Schritte, den er that.

Es bestand ein glückseliges Verhältniß zwischen diesen beiden Menschen!

Sie waren sich mehr als Bruder und Schwe­ster viel mehr als Mann und Frau, sie waren Freunde, ehrliche treue Freunde, gleichstrebende Kameraden, die unter einer Fahne kämpften, auf die gleichen Götter schwuren.

Sie waren zwei durch beständige Gehirn­arbeit beruhigte Menschen, zwischen denen keine unklaren Triebe gährten, und Verdüsterungen ihrer Freundschaft herbeiführen konnten. Sie waren zwei lichthungerige Leute, die nach dem Höchsten strebten: beizutragen zum Wohle der Menschheit.

Wenn es ihnen gelang, auch nur einen Funken mehr Licht unter ihre Brüder zu bringen, dann hatten sie ihren Beruf als Mensch treulich erfüllt.

In diese ihre schöne reine Lebensperiode fiel eines Tages ein dunkler Schatten.

Korner war seit kurzer Zeit von heftigen Kopfschmerzen gequält. Entstanden diese durch das allzulange Verweilen in den mit üblen Dünsten angefüllten Laboratorien, die noch dazu meistens schlechte Ventilation hatten, oder trug die geistige Überanstrengung Korners die Schuld daran, kurz, eines Tages sagte der Arzt, der zugleich Korners Freund war:

»Du mußt ausspannen, Alter, sonst gehts dir schlecht.«

»Wie soll ich denn das thun?« frug Korner mürrisch.«

»Na höre, das ist einfach genug,« lachte der andere, »geh aufs Land, iß und trink und faullenze eine Woche.«

»Wohin aufs Land?«

»Egal, geh nach Blumanger hinüber, zwei Eisenbahnstunden von hier, ein kleines nettes Nest inmitten waldreicher Berge.«

»Schauderhaft! waldreiche Berge, reisende Engländer, Table d’hote, frisierte Kühe mit rotbemaschten Glocken.«

»Irrst dich. Dorthin kommen keine Fremden, das Dorf ist fast unbekannt.«

»So, also eine Kolonie von Wilden. Na dann, meine Bücher nehm ich mir aber mit.«

»Das verbiet ich dir. Kein Buch wirst du mitnehmen. Du brauchst vollständige Ruhe.

Zum Teufel, eine Woche ist ja nicht lang, und es genügt vorerst um die überanstrengten Kopfnerven zu beruhigen.«

Beim Mittagessen sagte Korner zu Josepha:

»Ich soll für eine Woche aufs Land, das kann nett werden. Kein Buch soll ich mitnehmen, nichts arbeiten, nichts denken. Geh mindestens du mit, daß man doch einen Menschen in der Nähe weiß, mit dem man ein Wort plaudern kann.«

»Ists teuer?« frug Josepha.

»Nein, denn es ist nur ein kleines Wirtshaus im Ort.«

Josepha überschlug in Gedanken die Summe, die die Reise kosten mochte, und kam zu dem Ergebniß daß sie, wenn sie mitfuhr, jedenfalls dieses Jahr auf ein Winterkleid verzichten müßte.

Na, das vom vorigen Jahr thats vielleicht auch noch.

Nach dieser Erwägung und nachdem es ihr überdies noch eingefallen war, daß die nächste Woche bereits das Semester schloß sagte sie:

»Meinetwegen, ich geh mit.«

Ihr Handkörbchen war bald gepackt, und frohen Mutes gingen sie selbander auf die Reise.

Als das Weichbild der Stadt hinter ihnen ver­sunken war, sahen sie einander doch etwas betroffen an.

»Wenn nur die Woche schon herum wäre, mir ist schrecklich zu Mute,« seufzte er.

»Darfst du auch nicht schreiben?«

»Nicht die Spur. Ich sag dir ja, er hat mir sogar verboten zu denken.«

Josepha lachte auf.

»Also den ganzen Tag essen, na, ich bin neugierig auf den Erfolg dieser Kur. Ich war übrigens so frei und habe mir ein paar Bücher mitgenommen.«

»Du hast . . .« sagte er lauernd.

»Für dich nicht«, rief sie unwillig, »dich geht das nichts an.«

Nach zwei Stunden waren sie in Blumanger angelangt.

Es war ein lieblicher Ort. Die rotbedachten Bauernhütten, umblüht von üppigen Wiesen und Feldern, boten ein überaus anziehendes Bild. Hinter den Häusern führten saubere Wege die waldreichen Höhen hinan.

Korner sah kopfschüttelnd umher.

Mit leichter Mühe fanden sie das Gasthaus, ein reinliches nettes Bauernhaus, in dem ihnen zwei hübsche Stübchen angewiesen wurden.

Nach dem Mittagessen, das aus derber aber wohlschmeckender Kost bestand, gingen sie hinaus.

»Es ist doch seltsam, sagte Korner, und sah umher, die Sonne scheint wie bei uns in der Stadt, aber dabei ists frisch, und keine Spur von Hitze.«

»Ja gar nicht heiß, und es riecht so gut. Am Ende hat der Doktor gar nicht so unrecht gehabt, uns hierher zu schicken.«

Sie gingen spazieren. Eine Stunde, zwei. Dann packte sie’s aber beide.

Es war ihnen, als müßten sie etwas versäumtes nachholen. Er stolperte in seiner Stube herum und zog die Schubladen auf. Josepha schlüpfte in ihr Zimmer, dessen Thür sie sorgfältig hinter sich schloß.

Nach einer halben Stunde, während der Korner heftig in seiner Kammer herumrumorte, klopfte es an ihre Stubenthür.

»Was willst du?« rief es von drinnen.

»Laß mich doch herein,« murrte er.

Sie erhob sich, zog eine Lade auf und ließ einen Gegenstand in dieselbe fallen, dann öffnete sie die Thüre.

Korner mit dem Instinkt eines Hellsehers ging auf die Komode zu, riß die Lade auf, und zog ein Buch heraus.

»Aha!«

»Nichts da!«

»Jawohl eine halbe Stunde lang.«

»Nein, das verbiet ich mir.« Energisch nahm sie ihm das Buch aus der Hand.

»Ich halts nicht aus.«

»Gut, dann geh wieder in die Stadt zurück, zum Bücherlesen bist du nicht hierher gekommen. Übrigens —.«

Ein Gedanke fuhr ihr durch den Kopf.

Am nächsten Tag in aller Frühe, als Korner noch schlief rannte sie auf das Postamt, und gab ein Paket ab. —

Eine Stunde später, nach dem Frühstück, begann er wieder Josepha um das Buch zu quälen. Einige Zeit ließ sie ihn betteln, dann zog sie den Aufgabeschein aus der Tasche und hielt ihm Korner lachend unter die Nase.

»Da ist das Buch. Diesen Zettel darfst du lesen, so oft du willst. Ich schenk dir ihn sogar.«

Er polterte eine Zeit lang, dann ergab er sich widerwillig. Er rannte wie ein gefangener Vogel immerfort um das Haus herum.

»So geh doch weiter,« sagte Josepha. Sie gingen weiter, erklommen den nächsten Berg­rücken und stiegen in ein Thal hinab. Hier blieben beide halbtot vor Müdigkeit im Schatten sitzen. Die Augen fielen ihnen zu, und sie schlummerten ein.

Josepha erwachte zuerst und weckte Korner mit einem Strohhalm, den sie ihm um die Ohren strich.

»Mir scheint dir wirds nicht schwer, die Vorschriften deines Arztes zu befolgen. Du bildest dich zu einem prächtigen Murmeltier aus.«

Er rieb sich lachend die Augen, und sprang auf.

»Gehn wir!«

Sie gingen den schmalen wurzelbedeckten Waldweg zurück. Alle Augenblicke stolperte eins von ihnen, und lachte auf.

Mittlererweile kam der Vollmond den Himmel herauf. Die Vögel waren längst eingeschlafen und vollständige Stille herrschte in den Wäldern.

Einmal blieben die beiden jungen Leute stehen. Sie wußten nicht warum.

»Gefällts dir?« frug Josepha,

»Ich weiß nicht,« entgegnete er, »es ist mir noch so bunt im Kopf, ich kann noch keinen Eindruck gewinnen.«

»Mir gehts ebenso,« versetzte sie. Am Abend saßen sie lange in der Wirtsstube und disputirten über ein wissenschaftliches Thema. Die Wirtsleute standen mit offnen Mäulern dabei.

Ist sie seine Frau? Ist er ihr Mann? Warum schlafen sie nicht in einem Zimmer? Warum trägt sie nicht einen Ehering? Aber anständige Leute sinds jedenfalls. Er behandelt sie voll Achtung, und sie hat Respekt vor ihm. Der Arzt soll sie herausgeschickt haben? Vielleicht ist eins von ihnen verrückt? Ja so wird es sein. Aber ganz anständig sind sie trotzdem, und mordsmäßig gescheidt.

Am dritten Tag sagte Korner:

»Schließlich ist dieses Leben doch erträglicher als ich dachte. Freilich, vier Tage sind noch lang. Wenn nur ein paar Bekannte heraus kämen. Aber die Kerle sind alle zu bequem.«

Josepha hatte große Sehnsucht nach ihren Büchern. Aber sie schwieg, um in Korner nicht die alte Stimmung zu wecken.

Sie wanderten umher.

Anfänglich noch mit steifen Schritten, dann immer elastischer, zuletzt mit wirklichem Genuß am Gehen. Früher redeten sie immerfort über ihre gegenseitigen Interessen, über ihre Arbeiten, Pläne, etc. Allmählich sprachen sie von Anderm. Sie legten die Hand auf die Erde, spürten ihr leises Leben, und sahen sich verwirrt an.

Was bedeutete dies millionenfache Pulsen da unter den sanft bewegten Halmen? Was sagten diese Herzschläge alle, was wollten sie? Und die Berge, die im silbernen Vollmondlicht so bewußt schwiegen, was verschwiegen sie?

Und der dunkelgrüne Teich dort unten im Thal was erblickte sein geheimnißvolles Auge?

»Es ist doch seltsam,« sagte Korner einmal ums andere Mal, und schüttelte den Kopf. Und am fünften Tage sagte er:

»Es ist doch schön.«

Jetzt dachte er immer weniger an die Bücher. Josepha packte schon zwei Tage vor der projektierten Abreise ihr Köfferchen.

»Warum packst du denn schon?« rief er beinahe unmutig.

»Um doch etwas zu thun zu haben,« entgegnete sie.

»Ich begreif’ dich nicht, sagte er, mir gefällt im Grunde dieses Feiern ganz gut, ja, ganz gut.«

Und ein träumerischer Ausdruck flog über sein Gesicht.

Josepha blickte zu Boden.

Ja gefallen gerade würde es ihr auch.

»Aber ich weiß nicht, ich werde doch froh sein, wenn wir in der Stadt sind.«

Er zuckte schweigend die Achseln, und ging in den Wald.

Es waren die blauen melancholisch süßen Tage des Spätherbstes. Noch einmal sammelten die Blumen ihren ganzen Reichtum an Duft, und streuten ihn in die Lüfte. Noch einmal schmückte sich der Horizont mit den durchsichtigsten Farben, ehe schweres Schneegewölke darauf empor stieg.

Ein milder Goldglanz lag auf allem, eine sanfte Wärme, eine Liebe, die leises Mitleid zu sein schien.

Die beiden jungen Leute, die bereits ganz gute Fußwanderer geworden waren, erwarteten jede Nacht das Aufsteigen des Mondes. Des Morgens schliefen sie länger, aber Abends konnten sie sich nicht trennen von dieser bestrickenden Natur.

Das süße Gift des Nichtsthuns hatte sich bereits ihren Herzen mitgeteilt.

Sie fingen an Gefallen am Träumen zu finden, an ziellosen Wanderungen, am Versinken ihrer Blicke in den weichen blauen Farben des Himmels.

Und eines Abends als der Mond herrlicher denn je in den sanft bewegten Luftwellen schwamm, und ein Vogel träumte, daß es Frühling sei, und im nahen Busch sein verspätetes Liebeslied zu zwitschern begann, da flü­sterte Korner mit erstickter Stimme:

»Josepha!«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Der Tag der Abreise war gekommen.

Stumm stiegen die beiden jungen Leute neben einander ins Koupee.

Sie atmeten erst erleichtert auf, als die Stadt vor ihnen sichtbar wurde.

Als sie in ihr Haus traten, erschien ihnen hier alles verwandelt.

Mit einem leisen Adieu verabschiedeten sie sich vor ihren Thüren.

Josepha in ihrem Zimmer angekommen, warf sich seufzend aufs Sopha.

Die Größe ihres Verlusts stieg vor ihren inneren Blicken auf.

Ihre Stube erschien ihr wie das Gemach, in dem ein treuer Freund gestorben und hinaus getragen worden war.

Ja der Freund war tot.

Und der Gewinn dafür?

Sie schaute mit flackernden Augen vor sich, dann verbarg sie das Antlitz in den Händen.

Am nächsten Tag ging sie zagend in ihr Speisehaus. Ob er kommen würde? Er kam. Wie sonst setzte er sich neben sie und begann zu plaudern.

Aber es lag etwas erkünsteltes in dem Gespräche. Die frische Natürlichkeit fehlte. Und so oft sich ihre Finger berührten, zuckten sie zusammen, und Josepha errötete glühend.

Sie vermieden es, einander ins Gesicht zu sehen, und doch fühlte Josepha seine Blicke, die dann und wann verstohlen auf ihr ruhten. Abends brachte sies fast zur Verzweiflung, daß sie nicht wie sonst harmlos zu ihm eilen und mit ihm plaudern durfte, wie sie es zu thun gewohnt war. Und doch hätte sie um keinen Preis der Welt den Fuß in sein Zimmer gesetzt, Jetzt nicht mehr. Es war alles aus. Das Paradies, in dem sie in Unschuld gewandelt, war hinter ihr versunken.

In der Dämmerung warf sie ihren Mantel um, und huschte hinab um sich ihr Abend­essen zu holen. Als sie zurückkehrte umfingen sie im Dunkel des Korridors zwei starke Arme.

Sie wollte schreien, aber Korner preßte seine Lippen auf ihren Mund.

Taumelnd erreichte sie ihr Zimmer. Sie zitterte noch eine Stunde nachher und vergaß ihr Päckchen zu öffnen. Nächsten Tags kämpfte sie mit sich, ob sie ihr Speisehaus aufsuchen sollte oder nicht. Schließlich siegte der Hunger. Korner war nicht da. Sie dankte es ihm in ihrem Innern. Aber am Abend wiederholte sich die Szene von gestern. Er lauerte ihr wieder auf und preßte sie an sich, daß ihr der Atem verging.

Schließlich wagte sie es nicht mehr ihre Schwelle zu überschreiten.

Am dritten Abend hörte sie, wie er vor ihrer Thüre auf und nieder ging.

Ob er anklopfen wird? dachte sie, und sprang auf, um den Schlüssel umzudrehen. Aber dieser stak draußen. Sie mußte, um ihn herein zu bekommen, die Thüre ein wenig öffnen. Als sie die Hand hinausstreckte, fühlte sie sie ergriffen.

»Josepha, Josepha!«

Und Korner umschlang das bebende Mädchen. Sie schloß die Augen, und als er in seinen Küssen einen Augenblick inne hielt, um Atem zu schöpfen, sagte sie das Wort, das den Mann aus dem Himmel seiner Wonne so schnell zur nüchternen Erde zurückführt. Sie sagte:

»Was soll daraus werden?«

Aber er mußte es erwartet haben, das Wort, denn er lächelte und entgegnete ruhig:

»Eine Heirat.«

Etliche Tage später klopfte er bei ihr an.

Sie war nicht zu Hause, und so ging er eine Stunde im Gange auf und nieder, bis sie endlich kam.

»Wo warst du?« rief er, sie mit eifersüchtigen Blicken verschlingend.

Sie zuckte die Achseln.

»Spazieren.«

»Von nun an nicht mehr ohne mich,« sagte er, und dabei fiel ihm ein, wie es möglich war, daß er ein Jahr lang neben ihr hatte hingehen können, ohne zu bemerken, wie schön sie war. Und wie er sie so anblickte, ging in ihrer Brust ähnliches vor; durch seine Häßlichkeit strahlte ihr ein warmes Licht entgegen, eine noch ungebrochne Leidenschaftlichkeit, eine zwingende Kraft, daß sie zum ersten mal dachte: wie schön ist er, und seine Küsse heiß erwiderte.

Und eines Tages sagte er ihr:

»Da wir beide arm sind, (dein Kapital reicht höchstens hin um einen Teil des Mobiliars zu bezahlen, das wir haben müssen, —) so war es meine Pflicht, mich schnell um eine Stellung umzusehen, die uns die Mittel an die Hand giebt, unsern Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich habe auch eine gefunden.«

 

 »Wo?« rief Josepha.

»In Glarau.«

»In Glarau! Welche um Himmelswillen?«

»Die eines Leiters der chemischen Fabrik dort.«

»Du! stammelte sie, und schlang die Arme um seinen Hals. Du, der so glänzende Aussichten hatte?«

»Ah was, laß die Vergangenheit. Das ist — vorbei. Reden wir von der Wirklichkeit. Also ich habe die Stelle angenommen und mich durch einen auf zehn Jahre lautenden Kontrakt sicher gestellt. Der Gehalt ist nicht besonders hoch, aber immerhin reicht er hin um uns beide vor kleinlichen Sorgen zu bewahren.«

Nachdem er von ihr fortgegangen war, fiel ihm ein, daß er eine unbeschreibliche Dummheit begangen hatte. Für sie beide reichte der Gehalt allerdings gut aus, aber würden sie beide auch immer allein bleiben? Wenn nun noch ein anderes, mehrere, viele, dazu kämen?

Warum hatte er sich das nicht überlegt, und darnach seine Bedingungen gestellt? Oder noch besser, warum hatte er sich nicht geduldet, bis ein vorteilhafteres Anerbieten eintraf?

Das dumme Fieber war an allem schuld. Aber jetzt ließ sich nichts mehr machen. Das Schriftstück war abgesandt.

Sie heirateten und reisten in ihre künftige Heimat.

Ihre Häuslichkeit war nett und traulich.

Sie hielten sich ein Mädchen, das Josepha bei der Erfüllung ihrer Hausfrauenpflichten an die Hand ging.

Die Fabrik war groß und beschäftigte eine bedeutende Anzahl von Arbeitern.

Korner hatte viel zu thun.

In seinen freien Stunden stürmte er nach Hause zu seiner jungen Frau.

Es war eine diabolische Kraft, die diese beiden einander in die Arme trieb.

Gerade weil sie ihre Jugend in herber Enthaltsamkeit zugebracht hatten, konnten sie sich kaum sättigen an ihren gegenseitigen Liebkosungen.

Seltsam genug, daß sich manchmal ein Zug von Wut, ja Haß in dieselben mischte. Sie glichen dem Schmeicheln des Raubtieres, bei dem die Kralle hervortritt.

Weshalb dieser aufzuckende Krampf ihrer Herzen?

Weil sie zu begreifen anfingen, (besonders er,) daß das Opfer groß, sehr groß war, mit dem sie die Lust bezahlt hatten.

Am Ende des ersten Jahres schenkte Josepha ihrem Gatten ein Kind. Ihr Hausstand gedieh. Es ging alles in Ordnung, wenn sie gut zu rechnen und zu sparen verstand.

Als sie aber im zweiten Jahr Zwillinge gebar, da schwankte das Schifflein ihres Wohlstands bedenklich.

Korner arbeitete mit verdoppelter Kraft. Er mutzte sehr fleißig, ungewöhnlich fleißig sein, um die Not seiner Familie fern zu halten.

Er schrieb für eine Reihe von Zeitungen.

Er schrieb Artikel, Essays, Notizen, alles was ihm Bezahlung einbrachte.

Seine Eigenart hatte er längst begraben müssen. Er sank zum literarischen Handlanger herab. Sein Stil wurde schleuderisch, ungleichmäßig. Was er einst gehofft hatte: neue Entdeckungen auf dem weiten Gebiete seiner Fachwissenschaft zu thun, neue Ausblicke zu gewinnen, die Ergebnisse so mancher von ihm gemachter Untersuchungen praktisch zu verwerten, dies schöne Planen sollte sich nicht verwirklichen. Er mußte es ertragen als Mann angesehen zu werden, der mehr versprochen hatte, als er zu halten im Stande war.

Und an dieser geistigen Gelähmtheit wer anders trug die Schuld daran, als die Not, die unerbitterlich mit der Peitsche hinter ihm stand und ihn antrieb zu schaffen, zu schaffen, zu schaffen, gleichviel ob wertvolles oder nichtiges, nur viel, damit Brod ins Haus kam.

Nach fünfzehn Monaten gabs abermals ein Kleines im Kornerschen Hause.

Die Mahlzeiten wurden immer kärglicher. Jetzt begann er unwirsch zu werden. Das war kein Leben mehr, das war ein Rackern, ein Frohndienst ums tägliche Brod. Und Jahre lang keine Aussicht, keine Hoffnung auf Verbesserung der Verhältnisse!

Josepha, die mit ihren vier kleinen Kindern sehr viel Mühe und Sorge hatte, und die den nagenden Kummer ihres Mannes mitfühlte, wurde immer blässer.

Da geschah es, daß eines Tages der Arzt zu ihr sagte:

»Frau Korner, Sie müssen ausspannen, wenn auch nur für kurze Zeit. Die Medizin die ich Ihnen verordne ist höchst einfach: Nichtsthun und gesunde Luft.«

Bei diesen Worten blickte sie zu Korner hinüber. Es war ein schmerzlich verstehendes Lächeln, mit dem sich die beiden ansahen. Später trat sie zu ihm, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und sagte:

»Weißt du noch, was für stolze hochstrebende Leute wir waren? da kam das »Nichtsthun« und jener kleine Vogel der so bestrickend sang, und verwandelte uns.«