ngiyaw-eBooks Home


Maria Janitschek – Die zweite Klasse.

Novelle

aus: Maria Janitschek, Lichthungrige Leute, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, (1895)

»Charakteristisch! Wenn ein Mann jemandem eine abschlägige Antwort erteilt, giebt er auch den Grund an, warum er es thut. Die Frau sagt einfach, »ich mag eben nicht,« und damit basta.«

»Das genügt ja auch,« entgegnete Irene lakonisch. Wozu Worte verschwenden? Eure Rede sei: ja, ja, und: nein, nein.«

»Ich glaube, Sie machen sich über mich lustig.«

Der junge Mann mit den eingefallenen Wangen, den matten und unnatürlich glänzenden Augen erhob sich heftig von der Bank.

Irene legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm.

»Ruhig Freund, keinen Ärger. Setzen Sie sich, ich mache mich nicht lustig über Sie. Aber so setzen Sie sich doch.«

Seufzend ließ er sich auf seinen vorigen Platz nieder, und sie fuhr fort:

»Sie frugen mich, ob ich Ihre Frau werden wolle, und ich sagte: danke, nein. Es ist eine kurze Antwort auf die wichtige Frage, aber ich finde, in solchen Fällen ist die kürzeste Antwort die beste. Sie sind ein zu fein erzogener Mann um das banale Lamento über die Unlogik der Frauen anzustimmen, wie es gebildete Coiumis voyageurs zu thun pflegen. Wenn ich keinen Grund, meine abschlägige Antwort zu illustriren, gebe, thue ichs, weil es mir nicht möglich ist, Ihnen denselben mitzuteilen.«

»Sie sind kein Weib Irene, Sie haben kein Herz, kein Gefühl. Sie wissen, daß ich ohne Sie nicht leben kann; Sie verschmähen mich. Aber mindestens sollten Sie das Messer nicht mit so kaltblütiger Gleichgültigkeit mir in die Brust stoßen, mindestens ein freundliches Wort« . . . .

»Lieber Severin, ich bin ein Weib, und habe auch Gefühl. Aber ich erblicke in Ihnen keinen Unglücklichen. Wenn Sie auch mich nicht besitzen, so besitzen Sie sich selbst, und meine Freundschaft bleibt Ihnen auch, und Gottes Natur und Ihre Talente. Warum sollte ich Sie bedauern?«

»Irene!«

Irene erhob sich, und legte ihre beiden Hände an die Schläfe, wie ein Mensch, der nicht mehr hören noch denken will. Dann gab sie Severin rasch die Rechte, sagte adieu, und verließ ihn.

Er ballte die Fäuste, und fühlte wie seine Augen übergingen. Er wäre gerne aufgesprungen und ihr nachgeeilt. Aber er war so niedergeschmettert durch ihre Antwort, daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Severin war sehr leidend. Leidende sind Kinder, und zeigen unverhohlen wie es ihnen ums Herz ist.

Irene schloß sich dem Schwarm der Spaziergänger der nach der schattigen Hauptallee drängte. Es war ein großer Kurort in der Schweiz, in dem sie sich befand. Gesunde und Kranke trieben sich da umher. Das Hochgebirge mit seiner balsamisch milden Luft, mit seinen grünen Matten und glänzenden Seen, verhieß Heilung, Zerstreuung. Irene war nicht krank, suchte hier das letztere. Sie stand allein in der Welt, ohne Verwandte und Freunde, mit einem Vermögen, das ihr gestattete, sich dem Vergnügen des Reisens hinzugeben. Sie hatte schon viele Bewerber abgewiesen. Warum, das wars eben, was Severin wissen wollte. Liebte sie einen, den sie nicht besitzen konnte?

Irene war schön. Ihr hoher schlanker Leib zeigte in jeder seiner Bewegungen ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit. Ihr Angesicht war nicht gerötet, aber von strahlender Frische, wie der Perlmutterglanz ihrer Augen.

Da sie sehr brünett war, stand ihr die Blässe gut. Das reiche eigenwillige Haar hielt sie mit einem goldenen Ringe gefangen, in einen Knoten verschlungen. Wie alle Menschen, die sich ihrer Kraft bewußt sind, besaß auch Irene in ihrem Auftreten wohlthuende Sicherheit, und etwas ungemein Beruhigendes. Sie reiste viel, und immer ohne Begleitung. Näherten sich ihr in einem Orte zu viel freundschaftsbedürftige Seelen, so verließ sie sofort denselben, und suchte eine andre Gegend auf. Sie las viel und besaß ausgebreitete Kenntnisse.

Aller Augen folgten ihr, wie sie dahinschritt, nachlässiger Eleganz, die Menge mit gleichgültigen Blicken streifend. Obgleich Irene noch nicht hier war, wußte die hiesige Gesellschaft doch um glühende die Leidenschaft des jungen Offiziers zu dem schönen Mädchen. Man war begierig darauf, ob sie seiner Bewerbung nachgeben würde.

Nach etwa einer Stunde kehrte Irene über die jetzt menschenleeren Promenadenwege zurück. Es war nach dem Abendläuten und die Luft bereits herbstlich rauh.

Als sie bei der letzten Bank angelangt war, sah sie eine zusammengekauerte Gestalt dort sitzen. Erschreckt neigte sie sich über dieselbe. Es war Severin.

Seine Augen waren geschlossen, sein Athem ging schwer und mühsam. Über seine linke Wange zog sich eine nasse Furche herab. Irene legte sanft ihre Hand auf seine Schulter.

»Aber mein lieber Freund, was fällt Ihnen ein hier zu sitzen! Wollen Sie sich gewaltsam ruinieren? Kommen Sie sofort mit mir, wir wollen miteinander nach Hause gehen.«

Langsam schlug er die müden Augen zu ihr auf, erhob sich, und ging, ohne ein Wort zu sprechen, neben ihr hin.

Sein Gang war schwankend und unsicher.

Severin wohnte mit Irenen in ein und derselben Pension. Dort hatte er sie auch kennen gelernt.

Den folgenden Tag packte das junge Mädchen einige notwendige Toilettengegenstände in ein Köfferchen, bestieg den Omnibus, der zweimal wöchentlich nach Elmen, einem fünf Stunden von hier entfernt liegenden Gebirgsdorfe, fuhr. Sie wollte mehrere Tage dort zubringen, und dann wieder zurückkehren. Severin sandte sie einige Rosen und ließ ihm sagen, sie käme in wenigen Tagen zurück, und hoffe darauf ihn wohl zu finden. Es war sehr früh als sie abfuhr, und alle im Hotel schliefen noch. Da sie erst spät am Abend ihren Entschluß gefaßt hatte, wußte niemand von ihrem Ausflug. Unterwegs änderte sie ihren Plan.

In Elmen angekommen, blieb sie nicht daselbst, sondern fuhr mit einem andern Wagen weiter in die Berge hinein. Der Aufenthalt in dem kleinen Gebirgsstädtchen das sie aufgesucht hatte, erschien ihr so angenehm, daß sie länger als es ihr Vorsatz war, daselbst verweilte. Erst nach einer Woche kehrte sie vergnügt und erfrischt nach D. zurück.

In ihrem Hotel angekommen, wunderte sie sich über die bedeutsamen Mienen mit welchen sie die Gäste anstarrten. Eben als sie das ihr entgegeneilende Zimmermädchen nach Severins Befinden fragen wollte, trat ein Herr auf sie zu und zog ehrfurchtsvoll den Hut.

»Mein Name ist von Romwalt. Die Freundschaft zu Severin, giebt mir das Recht, mich Ihnen nähern zu dürfen, verehrtes Fräulein. Ich habe Ihnen seine letzten Grüße zu überbringen.«

»Wie, schrie Irene auf, seine letzten Grüße? Was heißt das? Severin ist doch nicht –«

»Ja, er ist es,« sagte Romwalt ergriffen.

Da sich eine müssige Gaffermenge um die beiden im Hausflur Stehenden geschaart hatte, bat Romwalt:

»Dürfte ich Sie ersuchen mir für wenige Augenblicke in das Konversationszimmer zu folgen? Ich möchte Ihnen, wenn Sie es gestatten, einiges von ihm erzählen.«

»Severin, Severin,« murmelte Irene, die Hände vor das Antlitz gedrückt, dann warf sie den Kopf in den Nacken und sagte:

»Ich bitte, kommen Sie hinauf in mein Zimmer.«

Sie gingen hinauf, und er ließ sich ihr gegenüber nieder zwischen den blühenden Blumen am Fenster, jenem Schmuck, durch den sie die öden Hotelzimmer wohnlicher zu gestalten wußte.

Romwalt erzählte. Er schilderte die letzten Stunden des Verstorbenen.

Er war der einzige intime Freund, den Severin besaß. Er schien eingeweiht in dessen letztes Geheimniß. Obwohl er sehr zurückhaltend sprach, entschlüpften ihm doch einige Worte die auf ein Geständniß Severins deuteten. Schließlich sagte Romwalt, Irenen offen ins Auge blickend:

»Verzeihen Sie dem Armen den Wahn, in dem er sich wiegte. Mir war seine Mitteilung so überaschend, daß ich darüber fassungslos, vergaß, meinem Freunde die Thorheit seines Beginnens vor Augen zu führen. Er heiraten, mit dem Tod in der Brust! Es mutzte etwas Fremdes in ihm erwacht sein, denn Severin war seine Lebtage den Damen gegenüber ungeheuer zurückhaltend, und kalt. Nie hat eine sein Herz schneller schlagen gemacht, trotz der Bemühungen vieler. Er war ja in seinen gesunden Tagen, eine sogenannte »gute Partie,« jung, reich, schön.

Was das Leben versäumt hatte, der Tod brachte es in seiner Geleitschaft mit: die Liebe.«

»Halten Sie ein,« rief Irene erblassend.

Romwalt sprang auf.

»Verzeihen Sie, wenn mein Gespräch Sie zu sehr ergriff. Ich bin ein Mann und vergesse nur zu oft daß Frauen zärtere Nerven als wir haben.«

Irene machte eine abwehrende Handbewegung und lächelte schwach.

»Ich habe nicht »zarte« Nerven. Im Gegenteil. Es war nur ein Wort das mich – aber vergessen Sie auf meine Person, und berichten Sie weiter über Ihren, über unsern Freund.«

Romwalt der noch immer in stehender Haltung verharrte, sagte sich verbeugend:

»Wenn Sie mir gestatten, mein Fräulein, werde ich mich nach Tisch im Lesezimmer einfinden, um Ihnen noch einiges zu erzählen. Für jetzt glaube ich Sie nicht länger belästigen zu dürfen.«

Irene erhob sich.

»Wohnen Sie hier im Hotel?«

 

Er bejahte.

»Ich mußte wohl bei ihm sein, Nun bleibe ich hier bis zu meiner Abreise, die wie ich denke, du Severins Angelegenheiten geordnet sind, morgen erfolgen wird.«

Sie verabschiedeten sich höflich von einander.

Irene ging nach dem Kirchhof und legte einen Kranz auf Severins Grab.

Bei Tisch sah sie Romwalt nicht, da er auf seinem Zimmer speiste.

Gegen Abend trat sie in den Lesesaal. Ein junger Mann etwa in gleicher Größe wie Irene mit kräftigen ausdrucksvollen Zügen saß in einer Ecke und blies die Wolken einer feinduftenden Havana vor sich. Bei Irenens Eintritt erhob er sich und grüßte artig.

Sie betrachtete ihn mit leiser Verwunderung. Vormittag waren ihre Augen verschleiert gewesen, und sie hatte ihn kaum angesehen. Nun erstaunte sie darüber, daß er so hübsch und mehr als das, eigenartig war.

Seine gehügelte Stirne, der Glanz seiner machtvollen Augen, die stolze Art wie er den Kopf trug, erregte ihr Wohlgefallen. Ein freundliches Lächeln legte sich um ihre Lippen, als sie ihm die Hand reichte. Natürlich bildete den Mittelpunkt ihres Gespräches! Severin.

»Verzeihen Sie mir eine zudringliche Frage, bat Romwalt, aber dem Freund Ihres Freundes werden Sie dieselbe zu gute halten. Haben Sie Severin nicht geliebt, oder hielt Sie seine Krankheit davon ab, ihm Ihre Hand zu gewähren?«

»Keines von beiden,« entgegnete Irene, »ich habe ihn gerne gehabt.«

»Gerne,« lächelte Romwalt ironisch, »gerne hat man auch seine Großmutter und den Lehrer seiner Kinder.«

Irene drückte sich tiefer in die Polster ihres Sessels. »Ich bin nicht pathetisch, Herr von Romwalt. Ich verabscheue die Steigerungen in der Schilderung unserer Gefühle. Ich liebte Severin, vielleicht nicht mehr als ich andere Freunde liebte. Seine Frau würde ich nie geworden sein, weil ich überhaupt nicht zu heiraten gedenke.«

»Wie schade,« sagte Romwalt fast unwillkürlich, seine Blicke über Irenens edle Gestalt gleiten lassend. Dann versetzte er:

»Erlauben Sie, und Sie wollen nicht pathetisch sein? Ists nicht das höchste Pathos, wenn ein junges Mädchen ausruft: »ich heirate nicht.« Dahinter steckt« . . . .

    Irene unterbrach ihn achselzuckend:

    »Was dahinter steckt, gehört ja nicht mehr der Gegenwart an.«

    »Aber Sie ziehen es in die Gegenwart herein, indem Sie Lebendige dafür bestrafen.«

    »Ich bestrafe niemand.«

»Sie erwecken Liebe, und geben Kälte der Liebe zurück.«

»Brechen wir ab, sagte Irene ernst. Er biß sich in die Lippen. Er war taktlos gewesen, ihr der Unbekannten gegenüber. Er fühlte es jetzt, und ärgerte sich so heftig über sich selbst, daß er kein Wort der Entgegnung fand. Und indem er stumm ihr gegenüber saß, und seine Augen halb zornig, halb beschämt auf ihr ruhen ließ, dachte er bei sich: in welche Kategorie der Frauen gehört diese da?

Sie gewahrte seine forschenden Blicke, und lächelte fein. Sie versteht mich, fuhr er weiter in seinen Gedanken fort. Nach einer Weile sagte er:

»Ich habe Ihnen noch nicht mitgeteilt, wer ich eigentlich bin. Ich setze voraus, daß dies von wichtigstem Interesse für Sie ist.«

»Warum nicht,« erwiderte Irene sanft, »wir haben so viel Trauriges miteinander besprochen, daß wir auch über anderes reden dürfen.«

»Nun denn – (über Scherzhaftes meinen Sie) – ich bin Arzt gewesen. Das heißt ich habe darauf hin studiert, später auch promoviert und mich schließlich in einer großen Stadt als solcher niedergelassen. Aber sehen Sie, eigentümlicher Weise teile ich Ihre Abneigung gegen die Superlative. Die Stellung behagte mir nicht. Ich mochte nicht übertreiben, Rezepte verschreiben, wo ich keine für nötig fand, Vorschriften geben wo es bereits für alle zu spät war. Von dreiviertel Kranken lachte ich zwei und ein halbes Viertel aus. Das erregte natürlich allenthalben große Empörung. Schließlich hing ich die Sache an den Nagel, und wurde Chemiker. Ich erfand ein gut haltbares Präparat zum Anstreichen von Gartenstühlen, Zäunen etc. das mir reichen Gewinn einbrachte. Nun glauben Sie wohl, mich zu kennen, wie? Gefehlt mein Fräulein; Sie wissen noch immer nicht, wer ich bin. Wenn ich es Ihnen sage, werden Sie erstaunen. ich bin ein – Dichter.

Arzt, Lackirer, Dichter!

Ein beneidenswert vielseitiger Mann nicht wahr? Der Dichter in mir ist, glaube ich, der stärkste von den Dreien. Aber ihn habe ich lahmgelegt. Ich hasse ja das Pathos. Das heißt, der Lakirer in mir, haßt das Pathos. Der Arzt verhöhnt es. Der Dichter ist in der Minorität und muß schweigen. Ich glaube, als Dichter würde ich der maßloseste Pathosmensch. Zuweilen sehe ich Kronen und Heiligenscheine über den Häuptern der Menschen. Zuweilen erblickte ich sie Alle in blutroten Scharfrichtermänteln, ein Beil in der Hand, auf einander losstürzen.

In solchen Stunden betrinke ich mich, um die Schwäche zu überwinden. Nach dem Rausch bin ich wieder furchtbar nüchtern.«

»Das ist auch Pathos, sagte Irene. Wozu sich Mühe geben, eine Stimmung auf so gewaltsame Weise zerstören. Schauen Sie sich ruhig die Scharlachmäntel an, was schadets?«

»Es könnte ein Drama daraus werden.«

»Wozu giebts denn Papierkörbe?

»Ich könnte aber die Schwäche haben es drucken zu lassen, um Lichtblitze die in mir aufzucken, und dunkle Probleme zu enträtseln versprechen, auch Andern mitzuteilen.«

»Nun was weiter? dann wäre eine schlechte Komödie mehr in der Welt.«

Romwalt sprang empor.

»Herrgott, rief er, wahrhaftig Sie bestätigen den Satz, daß für das Weib nur eine Thatsache eristirt: die Mutterschaft. Alles übrige, alle die Menschheit bedrängenden Ideen sind ihm fremd, himmelweit entfernt, unverständlich. Was die Welt bewegt, zerstört, was tausenden von Männern die Fackel der Revolution in die Faust drückt, was Märtyrer ans Kreuz heftet, der Frau ist es gleichgültig, weil es nicht an ihrer Nabelschnur hängt.«

»Sie irren sich, versetzte Irene ruhig ihren behauptend, mir ist nichts fremd. Ich empfinde mit den Andern. Aber in meiner jahrelangen Einsamkeit habe ich gelernt alle Ereignisse mit kühlem Auge zu betrachten. Die Natur kennt kein Extrem, überall sie Übergänge und Brücken, um uns nicht zu sehr zu überraschen. Warum sollen wir lärmend und schreiend unser Verhängnis empfangen? Es geht seinen Weg, auch wenn wir ruhig sind. Und überdies finde ich kein Schicksal so schwer um uns wirklich erschöpfen zu können, denn im Augenblick wo uns die Last zu schmerzlich zu drücken beginnt, ist Freund Tod da, und nimmt sie uns ab.«

»Die Philosophie der Elenden, der durchlöcherte Königsmantel mit dem sich das Unglück drapiert.«

»Ich habe nichts zu drapieren.«

»Jedes Weib, das kein Weib sein will, hat etwas zu verbergen.«

Irenens Augen leuchteten auf.

»Wer sagt Ihnen dies?«

»Der Umstand daß Sie unverheiratet sind. Ich schätze Sie auf fünfundzwanzig Jahre. Sie sind schön, begabt und – allein. Das ist seltsam, dahinter verbirgt sich eine Vergangenheit.«

»Sie irren, mehr sage ich nicht, da Sie ebenso wie ich, das Pathos verabscheuen.«

»Ja, aber ich, – ich entferne mich, es ist besser. Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, ich glaube ich bin auf dem Wege Sev –«

Irene sprang auf.

»Still, sagte sie herb, gehen Sie, Sie sind aufgeregt. Vor Sie abreisen, sehe ich Sie wohl noch, adieu.«

Er verbeugte sich flüchtig und ging rasch hinaus.

Irene blieb noch einige Zeit im Lesezimmer. Sie nahm mehrere Zeitungen zur Hand, doch  ohne den Sinn der Worte die sie las zu verstehen.

Schließlich ging auch sie.

Den folgenden Tag verließ sie zeitig das Haus um einen größeren Ausflug in die Umgegend zu unternehmen. Ermüdet kehrte sie spät abends zurück. Am nächsten Morgen glaubte sie Romwalts Stimme zu vernehmen, der unten irgend jemandem Befehle erteilte. Gleich darauf hörte sie das Rollen des Gepäckwagens, der zur Bahn fuhr.

Romwalt ist abgereist, dachte das junge Mädchen.

Nachmittags eben als sie den Weg nach der Promenade einschlagen wollte, hörte sie sich angerufen. Sie wandte sich um, und gewahrte Romwalt, der auf sie zutrat.

»Meine Koffer sind bereits am Bahnhof. Ich wollte nicht fort ohne Ihnen Adieu gesagt zu haben.«»

»Sehr freundlich von Ihnen.«

»Wo waren Sie gestern? Konnten Sie mich nicht an Ihrem Ausflug teil nehmen lassen? Ich hätte so gerne diese Gegend näher kennen gelernt.«

Irene lachte zu seiner geistreichen Bemerkung. Er lachte mit.

»Sie sind wahrhaftig gefährlich, sagte er. Sie lesen aus einem wie aus einem Buche. Um die Wahrheit zu gestehen, ich hätte gerne ein wenig mit Ihnen gestritten. Darf ich mich jetzt Ihnen anschließen?«

»Gewiß,« sagte sie freundlich.

»Könnten wir nicht einen kleinen Spaziergang machen?«

Sie sann einen Augenblick nach, dann sagte sie:

»Eine halbe Stunde von hier am Saum des Waldes da drüben, liegt eine kleine Wirtschaft. Wenn Sie ein Glas Wein trinken wollen, können wir dahin.«

»Gerne« sagte er.

Sie gingen.

Er sah sie ununterbrochen von der Seite an, und lief so, daß sie seinen Schritten kaum folgen konnte. Als sie ihm dies bemerkte, begann er langsamer zu gehen, und fing ein Gespräch über Severin an. Irene hörte geduldig zu, und sprach in Ausdrücken der Sympathie von dem dahingegangenen Freunde. Romwalt erzählte ihr einige Jugendstreiche, die beide miteinander ausgeführt hatten und entlockte Irenen manches Lächeln. Nach kurzer Zeit waren sie bei dem Häuschen gelangt, ließen sich in einer Laube nieder, und bestellten Einiges.

Rings um sie her, breitete sich wie ein erhabnes Märchen die herrliche Landschaft aus. Beschneite Bergkolosse – es war schon tief im Herbst – reckten ihre Häupter in das Blau des Himmels.

Die Weideplätze waren von wimmelndem Jungvieh belebt. Irene sah mit träumenden Blicken hinaus. Ihr marmorblasses unbewegtes Antlitz schien wie erstarrt in seiner Ruhe. Sie mochte die Anwesenheit ihres Begleiters vergessen haben.

Lange betrachtete Romwalt sie, dann wurde er ungeduldig, und sagte:

»Haben Sie noch nie einen Sommer im Hochgebirge zugebracht?«

Sie fuhr empor.

»Wie viele« entgegnete sie, »fast jeden Sommer suche ich die Berge auf.«

»Was interessiert Sie dann so heftig, daß Sie immer fort da hinüberblicken? Sind diese Viehweiden so bedeutungsvoll?«

Sie lachte auf.

»Für mich ja. An diese Wiesen und Plätze und Hügel knüpfen sich Erinnerungen. Sehen Sie dort drüben« – sie deutete auf einen niedern mit Erlen bepflanzten Hügel – »habe ich vor wenigen Tagen mit Severin gesessen. Er sah so elend aus, daß ich nicht den Mut fand, ihm meine beabsichtigte Reise mitzuteilen.«

»Lassen Sie Severin,« fuhr Romwald auf, »reden wir von – uns. Wissen Sie daß ich Sie bereits eine Klasse untergebracht habe?«

»In eine Klasse?« frug sie verwundert.

»Ja. Sehen Sie, ich teile die Frauen in zwei Klassen ein, die erste ist die der Handelnden, jener immer hungrigen Kinder, die durch ihre Liebkosungen, durch den rötlichen Schimmer ihrer Haut, das Grübchen in ihren Wangen den Mann entnerven, seine Begriffe verwirren, seine Überzeugungen zerbrechen, ihn in Elend stürzen. Zu der andern Klasse zählen jene gefühllosen, in ihr eigenes Ich Verliebten, die mit der Pose entrüsteter Tugend sich von uns abwenden, wenn wir zu ihren Füßen flehen, und uns ein »Hinweg« zuherrschen, wenn wir am Ziele angelangt zu sein glauben. Diese katonischen Heldinnen empfinde gar nichts, lächeln über unsere Qualen, und beherrschen uns durch ihre Überlegenheit. Teufel auch! Solche Tugend ist Armut, Einseitigkeit, Schwäche, nicht Verdienst.

Kalt, fleckenlos, hartherzig, ohne zu fühlen, gehen sie durch das Leben, eine Schneemauer um sich her errichtend, der sie den Namen »Pflicht« geben, mi die jeden Wärmestrahl verhindert, ihr Herz zu finden.

Zu diesen Frauen gehören Sie, Irene.

Wissen Sie, mir ist die Sünderin lieber als die – Unnatur.«

»Herr von Romwalt,« sagte Irene mit ihrer gedämpften, ruhigen Stimme, »antworten Sie mir auf eine Frage. Wer giebt Ihnen das Recht so mit mir zu sprechen?« Er zuckte zusammen.

»Verzeihen Sie, ich – ich wehre mich gegen Sie.«

Sie stieß einen Seufzer der Ungeduld aus, und erhob sich.

»Ich finde es beginnt kühl zu werden, gehen wir nach Hause.«

»Aber wir kamen ja erst,« rief Romwalt. Und plötzlich zog er seine Uhr heraus, und warf einen bestürzten Blick auf das Zifferblatt.

»Nun ist mein Zug vorüber,« setzte er wie zu sich selbst redend hinzu.

»Sie hatten ja gar nicht die Absicht zu reisen.«

»Zum Teile haben Sie recht.«

Romwalt winkte die Kellnerin herbei, und begann ein Gespräch mit ihr, das sich um Ackerbau und die Milchergiebigkeit der hiesigen Kühe drehte. Als das Mädchen abgerufen wurde, erhob sich Irene. Romwalt folgte ihrem Beispiele. Auf dem Heimweg sprachen sie fast gar nicht. Nach kühlem Händedrucke trennten sie sich in der Einfahrt ihres Hotels.

Irene saß lange, das Haupt in die Hand gestützt, an ihrem Tische.

Die weite kühle Freiheit, die sie so liebte, verengte sich vor ihren Augen, und verschwand unter dem Schatten eines Mannes, der mit leidenschaftlicher Geberde ihr zurief: die Freiheit bin ich, liebe mich, dann bist du frei. Irenens Brauen zogen sich finster zusammen. Sie hatte nichts dazu beigetragen die Neigung dieses Mannes zu gewinnen. Ruhig war sie ihre Wege gewandelt, sie wich ihm nicht aus, das war allerdings richtig. Aber warum sollte sie sich Unbequemlichkeiten auferlegen um anderer willen? Warum blühte die Zauberblume Liebe immer aufs neue unter ihren Sohlen auf, so oft sie auch dieselbe zertrat? Ob einmal die Zeit kommt, da sie sich mit verlangenden Händen nach ihr beugt?

Sie that es ja schon, aber so langsam, so zögernd.

Und verbot ihr überhaupt nicht ein dunkles Verhängniß nach dieser Blume zu greifen? Beschwor sie nicht auf das Haupt desjenigen, dem sie aus ihrer Unnahbarkeit heraus einen Schritt entgegentrat, ein finsteres Schicksal?

Das war nicht Einbildung, sondern Wahrheit. Zwang sie nicht ihre Vernunft, ja, ihre Menschlichkeit einsam ihre Wege zu gehen?

Erst spät gegen Morgen begab sie sich zur Ruhe.

Romwalt ging rastlos umher. Er kaufte in jedem Laden irgend eine Kleinigkeit, fing mit Dienstmännern und müssigen Hotelkellnern Gespräche über Witterungsverhältnisse etc. an, um die Zeit zu verkürzen, bis zu dem Augenblicke, da Irene kommen würde, um den gewohnten Spaziergang zu machen.

Endlich erschien das junge Mädchen. Romwalt eilte ihr entgegen. Nach einem hastigen Gruße bat er:

»Darf ich Sie begleiten?«

Sie blickte ihn unsicher, fast ängstlich an.

»Mir wäre es lieber, wenn Sie mich allein ließen.«

»Und mir wäre das Gegenteil lieber. Wer siegt?«

»Der Bessere,« sagte Irene fein.

»Der Bessere, damit bin also ich gemeint,« lachte er.

Sie biß sich ärgerlich in die Lippe. Romwalt gewahrte ihr Überraschtsein, und warf sich in die Brust.

»Jagen Sie mich fort,« versetzte er, sie mit seinen Blicken ans Herz reißend, »jagen Sie mich fort, wenn Sie können.«

Sie hatte das Schlußwort vernommen, und sah in kühl fragend an.

Er knirschte mit den Zähnen, aber er wich nicht. So gingen sie ein paar Schritte nebeneinander hin. Dann blieben beide wie von demselben Impuls erfaßt stehen, und blickten sich heraus fordernd in die Augen.

Sie hatten sich erkannt. Beide waren einander gleich an Stärke und Energie.

Wenn sie sich nicht vereinten, mußten sie grimmige Feinde werden.

Als ritte ein mutiger Krieger in die Schlacht, so zogen beide mit hochklopfender Brust in die Einsamkeit hinaus.

Beide wußten, daß ein Schicksal für sie auf dem Spiele stand. Als die Häuser hinter ihnen lagen, und keine Menschen ihnen mehr begegneten, blieb Romwalt stehen und sagte sich kerzengerade vor Irene aufrichtend:

»Irene, werden Sie –«

Mit einer Miene des Schreckens prallte sie von ihm zurück.

»Schweigen Sie, schweigen Sie, Romwalt, ich beschwöre Sie darum.«

Und plötzlich hatte sie sich von seiner Seite losgerissen, und entfloh.

Nach wenigen Schritten hatte er sie eingeholt, und warf seine Arme um sie.

»Du stehst, ich sage dir du stehst,« rief er, indem sich seine Muskeln strafften, und seine Hände Irenen umklammerten.

»Gieb Antwort, wozu Minerva spielen?«

Sie verlor ihre Geistesgegenwart nicht.

»Romwalt, sagte sie mit einem ihm fremden Schmelz in der Stimme, »es ist eine finstere Geschichte, ähnlich denjenigen, die man Euch vom Katheder Eueres Gymnasiums aus dem grauen Altertum mitteilt.

Siehe, – presse mich nicht so, sonst kann ich nicht sprechen, – als ich fünf Jahre zählte, verliebte sich nach Kinderart ein blondlockiger Knabe in mich. Er gefiel mir anfänglich nicht, und ich weigerte mich, der Einladung seiner Eltern zu folgen, und den Lustbarkeiten beizuwohnen, die sie uns kleinem Volk zu Ehren veranstalteten. Schließlich fügte ich mich doch von seiner fast hündischen Treue und Anhänglichkeit gerührt, und schloß mit ihm Freundschaft. Aber kaum als ich meinen Fuß in sein Haus gesetzt hatte, erkrankte er, und starb. (Ich weiß nicht mehr an welcher Krankheit.) An meinem zwölften Geburtstag kam eine schöne elegante Dame zu meinen Eltern, und bat dieselben, mir doch zu gestatten ihre lahme Tochter zu besuchen, die, beständig in ihrem Rollstuhl gebannt, mich oftmals an ihrem Fenster vorübergehen sah, und den lebhaften Wunsch geäußert hatte, mich bei sich empfangen zu dürfen. Die Vorstellung mit einer lahmen, mir fast unbekannten Mädchen zu verkehren, war für mich keine lockende. Lange zögerte ich, endlich faßte ich mir ein Herz und ging hin. Ich fand ein mir gleichalteriges Mädchen mit reizenden leidenden Zügen, das mich mit stürmischem Judel grüßte, und mir in rührenden Worten für mein Kommen dankte. Als ich zum zweiten Mal den Weg zu ihr einschlug, vernahm ich auf der Straße die Nachricht, daß sie soeben an einer Herzlähmung gestorben sei. Und weiter – schütteln Sie nicht ungeduldig das Haupt, sondern hören Sie.

Einige Jahre später, ich war eben sechzehn geworden, hielt ein junger Mann, der mit Auszeichnung das juristische Examen bestanden hatte, und eine bedeutende Zukunft besaß, um meine Hand an. Ich gab ihm mein Jawort. Da ich aber so jung war wünschte ich meine freundlichen Mädchenjahre noch zu genießen, und verschob unsere Vermählung für einen spätern Zeitpunkt. Mein Vater war damit einverstanden, mein Verlobter hingegen nicht. Er bat und beschwor mich, die Frist abzukürzen. Ich blieb auf meinem Termin heharren.

Im letzten Monat vor unsrer Hochzeit starb Axel.

Oft wandelte mich eine Art Grauen vor mir selbst an. War ich dazu bestimmt Unheil zu bringen?

Nach meines Vaters Tod lud mich dessen Schwester zu sich ein, bei ihr mein dauerndes Heim aufzuschlagen.

Ich überlegte lange ob ich den Antrag annehmen solle. Die überaus große Zärtlichkeit der alten Dame berührte mich unsympatisch, da ich für dieselbe keine Ursache fand. Genug, ich überwandt mich, und sagte zu. Auf der Hinreise zu ihr begriffen, erhalte ich ein Telegramm, daß sie eben verschieden sei. Soll ich noch weiter fortfahren in meiner Unglücks­chronik? Was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteile, daß sich die Tragödie meiner Verlobung wiederholte? Daß ein junger schöner Mann, der mein Ja besaß, am Tage vor unsrer Hochzeit im Duell, fiel? Ahnungslos traf mich dieser Schlag, denn obgleich ich an meinem Verlobten eine gedrückte Stimmung bemerkte, so frug ich doch nicht nach der Ursache derselben, da ich mir durch ein etwaiges peinliches Geständnis seinerseits nicht die letzten Stunden vor meiner Hochzeit trüben lassen wollte. Ich könnte noch lange fortfahren in der Aufzählung der finstern Verhängnisse, die ich auf alle, die mir näher traten, herabbeschwor. Das traurige Ereignis mit Severin kennen Sie. Ich vermag Ihnen nur ein Wort zuzurufen: meiden Sie mich, ich bin unheilbringend.«

Romwalt sah sie mit unsicherm Blicke an, dann zog er sie an seine Brust.

»Wenn ich auch zu Grunde gehe, ich will daß du mein Weib wirst.«

Irenens eisige Wangen berührten die seinen, es durchschauerte ihn, und einen Augenblick schien es ihm wirklich als hielte er ein Gespenst im Arme . . .

Sie riß sich von ihm los.

»Lassen Sie mich jetzt allein, ich bitte Sie darum.«

»Sie sind ja nicht pathetisch Irene,« versetzte er, sich fassend. »Betrachten Sie diese Ereignisse als Selbstverständlichkeiten. Sterben nicht so oft Kinder vor den Eltern, die Jugend vor dem verwelkenden Alter? Und noch etwas,« fügte er wie erleuchtet mit erhobener Stimme hinzu: »Haben Sie nicht erwogen, daß diese Kranken, Schwachen, Sterbenden bei Ihnen der Kraftvollen, Herrlichen, Jugendstarken heil suchten? Würde nicht Severin vielleicht gesundet sein, wenn Sie sein inbrünstiges Flehen: die seine zu werden, erhört hätten?

Mißverstehen Sie nicht Ihre Erfahrungen? Mir scheint es, manchen von jenen, die der Instinkt zu Ihnen führte, die Leben begehrten von der Lebenreichen, hätten Sie retten können. Die Freude, das Glück kann ungeahntes hervorbringen. Vielleicht lebte Axel, wenig­stens durch sein Kind, wenn Sie nicht so lange die Vermählung hinausgeschoben hätten.

Nicht Tod, Leben brächten Sie, wenn Sie wollten. Du mußt wollen Irene« stammelte er, sie aufs neue an sich reißend. Sie starrte ihn mit erschrecktem eisigen Blicke an, so daß er selbst erschrak.

»So wie du mich jetzt,« murmelte er, »hat mich einst ein Kind angesehen, das mich besuchte, und das Skelett hinter meinem Bette erblickte.«

Irene entgegnete nichts, sondern streckte ihre Hände gegen ihn, wie in Abwehr.

Romwalt gewann es über sich zu lächeln. Seinen Arm um ihre Schultern gelegt, zwang er sie, mit ihm weiter zu gehen.

»Liebe Irene, Sie werden unmöglich von mir verlangen, daß ich wie ein durch Lesen von Romane, aufgeregt gewordenes Mädchen urteile. Ihre Erfahrungen besagen gar nichts, höchstens daß ein großer Fond von Kraft und Gesundheit in Ihnen ruht, der die Schwächern mit Bewunderung für Sie erfüllt, und dazu bestimmt, sich Ihnen zu nähern. Hätten Sie mir gesagt:

»Romwalt, ich liebe einen andern,« dann würde ich mich bemüht haben, meine Leidenschaft für Sie nieder zu kämpfen.

Aber um eines Wahnes willen weiche ich nicht. Irene, ich verlange nicht, daß Sie in nächster Zeit mein werden sollen, aber lassen Sie mir die Hoffnung, daß dieser Tag nicht allzufern sei. Unter Allen, die Ihnen begegnet sind, gestehen Sie, hat keinen die Natur mehr für Sie geschaffen als mich.«

»Ich gestehe mir eins, daß ich Sie bedauere, von Herzen bemitleide.«

Die Konsequenz mit der dieses Weib, das so aufgeklärt und vernünftig erschien, an ihren dunklen Vorstellungen festhielt, empörte ihn. Sie gingen beide, oder vielmehr eilten dahin, da er sie mit sich fortdrängte.

Beide voll stählerner Lebenskraft, voll heiß sprudelnden Blutes, voll Jugendschönheit, umgeben von einer Natur so groß so gewaltig, voll neuer Knospen unter dem fallenden Laube. Und da sprach dieses Mädchen von Gespen­stern, und versuchte den Geruch der Verwesung in die balsamische Gottesluft auszustreuen!

Ohne Ziel, ohne Zweck, von Zorn, Liebe, Begehren, heimlichen Schauern getrieben, zog Romwalt Irene mit sich fort.

Er hatte wieder einmal den Tag, an dem der Dichter in ihm seine hunderthäuptige Gestalt emporeckte, und alle andern Gefühle und Erwägungen erdrückte.

Was Romwalt durch Selbstkasteiung überwältigte, die blendenden Phantasien und hoch­gehenden Wünsche eines Geistes, heute brachen sie hervor in ihm, mit lavaartiger Glut.

Er hatte ein Weib am Arme, ein Weib wie er es seit langen Jahren gesucht, geträumt, ersehnt hatte. Er hatte sich frei gemacht von dem Joch seines Berufs, er fühlte den olympischen Hauch seines Genius um sich. Es jauchzte in seinen Adern, in seinem Herzen.

Sie waren auf einen schmalen steinigen Weg gekommen, der in steilen Windungen den Berg hinabführte. Zur linken Seite tauchte jetzt tief unter ihnen ein grüner See auf, während die andere Seite, das von der Abendsonne beleuchtete friedliche Thal zeigte. Romwalt der in seinem Taumel nicht mehr mit den Schwierigkeiten des Weges rechnete, drängte Irene unaufhaltsam vorwärts.

Endlich blieb sie stehen und sagte: »Nun wollen wir umkehren, der Pfad wird ungehbar, kommen Sie, seien Sie wieder ruhig, wir wollen vernünftig sein.«

Er lachte laut auf.

»Während ich im Himmel schwelge, und Ihre Seele von Ihnen begehre, erwägen Sie, ob Sie sich nicht etwa die Schuhe zerreißen könnten auf steinigem Weg, und ermahnen mich »vernünftig« zu sein! Irene!

Warum zieht das Weib den Mann immer herab, entweder durch ihre Zügellosigkeit, oder durch ihre Kleinlichkeit? Irene, werfen Sie die Erbärmlichkeit, die Schwäche Ihres Geschlechts von sich.

Seien Sie groß! Sagen Sie mir, daß Sie mein Weib werden wollen.

Ich habe so lange nach einer Frau gesucht, der das Wörtchen: »sehr« fremd ist. Nun fand ich eine, doch diese leidet an einer andern Schwäche. Müßt Ihr denn alle krank sein, alle? Sie sind so edel, so einfach, seien Sie auch gegen mich edel, opfern Sie mir Ihren Aberglauben.«

»Es ist keiner«, sagte sie, ihn mit ihren kräftigen Händen zum Stillstehen zu zwingen suchend. Erfahrungen sind kein Glauben, sondern Tatsachen.«

»Du lügst,« schrie Romwalt, jetzt mit auflodernden Augen, Du willst keinen Mann weil Du eine kalte in Selbstsucht erstarrte Egoistin bist. Was gehts Dich an, wenn ich sterbe, nachdem du mein warst? Siehe, das willst Du Dir aber ersparen, Du willst nicht aus deinem Scheintod heraus, weil er Dir bequem ist. Du fürchtest die Flammen, weil sie Dich versehren könnten. Feige, Feige, Feige!«

»Romwalt, rief Irene, »halte ein, ich kann nicht anders.«

Er aber ergriff sie und hob sie empor.

»Die Halben, die Kranken, die Verkrüppelten mögen sterben, damit Platz wird, für die Ganzen und Wahrhaftigen.«

Und wie man einen Becher mit verdorbenem Inhalt von sich stößt, so schleuderte er sie von sich weg, hinab in das aufzuckende grüne Gewässer . . . .


* * *


Dann ward es still, ganz still in ihm. Seine Arme sanken schlaff herab.

Er wollte sich das Haar aus der Stirne streichen, aber er vermochte seine Finger nicht zu bewegen.

Widerwillig drückte er die Faust an die Brust.

»Dummes Zeug, das bäumt sich und schreit, und ich bin doch nicht pathetisch.

Nein, ich bin nicht pathetisch, sonst liefe ich jetzt zum Richter da hinab, und würfe mich auf die Kniee und riefe: sperren Sie mich ein, ich habe getötet. Oder ich flöhe weit fort irgendwohin, wo man mich nicht kennt und strafen kann. Aber ich bin nicht pathetisch. Ich will ganz ruhig weiter gehen, als ob nichts geschehen wäre, da hinan, auf dem Weg weiter, bis« –

Die Ausführung dieses Gedankens brachte er nicht zu Stande. Er war plötzlich so matt geworden, und seine Vorstellungskraft zerging in einen einzigen dunkeln Fleck.

»Das Wasser«, murmelte er, und schwankte.

Dann taumelte er wie ein Betrunkener von der einen Seite des Weges zur andern.

Aber er drang vorwärts, immer höher und höher.

Er sah die Wege und Bergkuppen sich hochrot färben. Blut oder Sonne? dachte er. Wie heißt doch der Gelehrte, der da behauptete, daß die ganze Schöpfung aus einem Stoffe sei? Blut oder Sonne, alles eines.

Plötzlich blieb Romwalt wie angewurzelt stehen. Er hatte die Höhe erklommen. Er sah mit einemmale unzählige schneeweiße Berghäupter neben sich, und jedes hatte eine goldne Strahlenkrone auf.

»Könige« rief er und erhob grüßend die Hand, »ich komme zu euch, um Brüderschaft mit euch zu schließen. Ich bin auch ein König, aber meine Krone habe ich in den See geworfen, weil . . . . sie unecht war.«

Und plötzlich schossen ihm heiße Thränen aus den Augen, und er warf sich zu Boden. Der eisige Schnee der bereits mannshoch diese Höhe bedeckte, that ihm wohl. Er drückte sein brennendes Antlitz tief in das kalte weiche Flockenbett und verlor die Besinnung.

Als er erwachte schmerzte ihn sein Körper so unaussprechlich, daß er sich nicht zu regen vermochte. Er konnte die Augen nicht aufschlagen. Er versuchte seine Gedanken zu ordnen, aber es wollte nicht gehen. Nach und nach verschwanden die Schmerzen, und ein Gefühl wonnevoller Müdigkeit ließ ihn einschlummern. Er träumte, daß er flöge, weit über sonnenbeglänzte Thale. Es schwindelte ihn, er wurde unwillig und wollte festen Boden fassen. Aber als er bereits diesem nahe war, fing auch der Boden an zu fliegen. Häuser und Bäume erhoben sich, alles wurde zum roten sich schwingendem Chaos. Er packte einen Baum, der gerade an ihm vorbeiflog, umklammerte denselben und ließ sich mit ihm fallen. Da hatte er den Boden gewonnen; er fühlte kalte Ströme seinen Leib durchschauern, und riß die Augen auf.

Über ihm leuchtete ein goldner Winterhimmel. Und plötzlich stand die Wirklichkeit vor ihm. Er wollte aufstehen und glaubte es auch gethan zu haben, aber er hatte nicht einmal den Arm erhoben, denn sein Körper war ganz steif. Wie lange ich wohl schon hier liege, dachte Romwalt, es wäre an der Zeit hinab zu gehen, denn ich bin ja nicht pathetisch und will hier nicht erfrieren.

Er machte eine Anstrengung um sich aufzurichten und meinte eine Zentnerlast zu heben, als er sich endlich auf die Knie gebracht hatte.

Höher kam er nicht. Da sich wieder alles um ihn herumzudrehen begann, und er keinen einzigen festen Punkt für sein Auge fand, dachte er bei sich: ich gleite auf den Knieen hinab, stehen könnte ich doch nicht. Er bewegte sich wirklich, wie er glaubte eine riesige Strecke Weges, in der That aber nur zwei Schritte nach vorwärts.

Mit großer Anstrengung hielt er das immer wieder sinkende Haupt aufrecht, und gewahrte tief unter sich im beschneiten Thale eine dunkle Linie, die sich langsam weiter bewegte. In ihrer Mitte war ein größerer Punkt.

»Als ob ich nicht wüßte, was dies ist,« lispelte Romwalt. »Der Leichenzug Irenens ist's, die sie aus dem Wasser gefischt haben und nach dem Kirchhof bringen.«

Irene!

Ob ich noch zurecht hinab käme, wenn ich mich beeilte? Er wollte eine heftige Bewegung machen, und sank zurück in den Schnee.

Lange Stunden vergingen.

Vom winterlichen Himmel glänzte der Mond nieder. In seiner geisterhaften Helle kam etwas den Berg herauf.

Es war ein kleiner Zug von Menschen, die sich nach rechts und links verteilten, und forschend die verschneiten Gestrüppe auseinander bogen, als suchten sie nach etwas.

Allen voraus schritt eine Frau. Sie sah blaß aus, wie nach einem erlebten großen Schreck.

Plötzlich blieb sie stehen. Zwischen weißem Strauchwerk lag der Körper eines Mannes. Sie neigte sich zu ihm nieder, und legte das Ohr an seine Brust.

Ein schwacher Herzschlag tönte ihr entgegen.

Dann nahm sie das halberstarrte Haupt zwischen ihre fieberheißen Hände, und lispelte:

»Romwalt du hast mich – verdient. Du sollst mein Gatte werden.«

Nach den Leuten sich umwendend, sagte sie:

»Hier! Aber faßt ihn behutsam an.«