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Maria Janitschek – Lilienzauber

Novellen

Maria Janitschek, Lilienzauber, Verlag Kreisende Ringe, Leipzig, 1895

Lilienzauber


Im ersten Jahrzehnt ihres Lebens spielte sie mit Puppen, im zweiten wurde sie selbst eine Puppe, erst im dritten war sie gänzlich entpuppt.

Da stützte sie traurig den Kopf in die Hände und sagte: und jetzt? die Frage Balzacischer Frauen. Aber das sind Romanheldinnen, und Philippine zählte zu den wirklichen Menschen von Fleisch und Blut, wenn auch zugegeben werden muß, daß sie eine etwas ungewöhnlich veranlagte Natur war.

Irgend ein unhöflicher Mann hat jüngst die Entdeckung machen wollen, daß die Männer feinere Riechorgane als die Frauen besitzen. Bei Philippine traf dies nicht zu. Sie roch sozusagen jedem seine Geschichte ab. Und ist der Mensch nicht auch eine Chemikalie, die sich fortwährend ausströmt? – Fräulein Philippine sah auch gut. Denn auf jedem Antlitz vollzieht sich hinter dem derben Spiel der Muskeln noch ein anderes Spiel ohne Blutgefäße und Nervenstränge. Daß ihre Ohren die leisesten Gefühlsnoten der menschlichen Stimme heraus empfanden, und auch das vernahmen, was über die tierische Lautbildung geht, ist ebenfalls Thatsache.

Als ihre Eltern gestorben waren, ergriff sie ein Bangen vor der Einsamkeit. Sie mietete sich eine schmucke Gesellschafterin, die an allen Schaltern der Welt Bescheid wußte, und reiste. Und nun – aber ich bin nicht verantwortlich für Fräulein Philippine, die eine wirkliche Person ist – nun erwachte in ihr ein Wunsch, – wie soll ich mich ausdrücken – die Sehnsucht, einem Manne zu begegnen, den sie recht lieb haben konnte. Auf deutsch gesagt: sie begab sich gewissermaßen auf eine Bräutigamsschau, was manche frommen Leute mit Abscheu erfüllen würde, wenn sie es erführen …

In den Orangenhainen Siziliens träumte sie von Liebe, und schielte als gute sentimentale Süddeutsche auf die Myrtenbäume, deren Aesten sie gern ein Zweiglein entnommen hätte. – Philippine besaß ein nicht unansehnliches Vermögen, das ihr erlaubte, den Gewohnheiten vornehmer Damen zu huldigen. Die schlichte, aber kostbare Eleganz ihres Auftretens – sie legte den größten Teil der Reise in ihrer Equipage zurück, – zog bald die spähenden Augen internationaler Ehekandidaten auf sie. Es meldeten sich zwei verarmte Herzöge, fünf Grafen, und dreizehn Freiherrn um ihre Hand. Aber – Philippine mit ihren feinen Ohren hörte die Schuldscheine in den Smokingtaschen ihrer Verehrer knistern, und »lehnte dankend« ab.

Es ist traurig, jemandem so etwas nachsagen zu müssen, aber um wahr zu bleiben: Philippine war sehr häßlich. Wie? – Folgender Art: Sie besaß eine zu große Nase, eine zu hohe Stirne, einen breiten Mund, unschön gewachsene Zähne, ein ziemlich nichtssagendes rundes Kinn, Wangen ohne lebhafte Farbe. Und aus diesem Kopf sangen die schönsten Augen der Welt ihr Nachtigallenlied der Sehnsucht hinaus. Die Augen waren hellbraun wie die Haare, und das Weiße um die Iris glänzte perlmutterblau. Aber die Augen einer Frau sind nur – Dessert für die Männer, das Letzte, nach dem sie ausschauen. Philippine hatte einen katzenschlanken Körper, denn sie haßte das Gefühl der Sattheit, das nötig ist, um Fett anzulegen. Mit ihren Himmelsaugen und dem ungestalten Munde reiste sie von Ort zu Ort. Sie hätte dreiundvierzigmal Frau werden können, aber nicht einmal eine glückliche. In früheren Jahrhunderten würde ein Mädchen wie sie im Bettlerkleide die Welt durchzogen haben, um zu erfahren, obs einen gab, der es »um seiner selbst willen« liebte.

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts handelt man weniger romantisch. Auf dem Axenstein und in Madonna di Campiglio, in Monte Carlo und im Quartier St. Honoré zeigte man ihr lebhafte Beweise der Verehrung. Ihrer Person konnten die nicht gelten.

Aber Philippine hätte kein Weib sein müssen, um nicht wenigstens einmal die Rolle des an der Leimrute zappelnden Vögleins zu spielen.

Er war aus Edinburg, hieß Edward Stoners, und verfügte über eine ritterliche Aeußerlichkeit. Häßliche Frauen schielen immer nach schönen Männern. Wenn sie reich sind, kaufen sie sich solche, und sind sie arm, schenken sie sich ihnen.

Kaufen konnte man ihn nicht, denn er war selbst wohlhabend; auch bildete Philippine eine Ausnahme unter jenen Frauen. Denn obwohl in ihr der lebhafte Wunsch lebte, einem Manne zu begegnen, den sie lieb haben konnte, äußerlich verhielt sie sich überaus zurückhaltend.

Edward bewarb sich um ihre Hand. Da er ihres Geldes nicht bedurfte, was anders als Liebe konnte es sein, das ihn zu ihr hinzog? Seine edle Erscheinung, verbunden mit der Fülle schöner Eigenschaften, die sie ihm andichtete, bewogen sie, ihm ihr Ja zu geben.

Aha, wird mancher denken, ihre als so scharf gepriesenen Sinne bewährten sich schlecht. Mit nichten. Wenn eine Frau eine Thorheit begeht, hört Verstand und Gewissen keinen Augenblick auf zu mahnen. Aber – Madame hält sich beide Ohren zu und sagt: jetzt will ich nicht hören. Das sind die Augenblicke, in denen die weißen Gewänder zerknittert werden.

Philippine schnitt mit eigener Hand den Myrtenzweig ab. Einen Monat später nahm sie ihr Gatte scherzend beim Kinn und sagte: »Ich reise nach Kauar auf die Löwenjagd. Amüsiere dich indessen gut, Vielliebchen.«

Die Worte, und noch mehr der Ton, in dem sie gesprochen wurden, verblüfften die junge Frau. Mit einem nicht gerade geistreichen Ausdruck im Gesichte wendete sie sich zu ihrem Gemahl:

»Wie? Wie meintest du, Lieber? Wie meintest du? Ich habe dich – falsch verstanden.«

»Sehr einfach«, erwiderte Sir Edward gleichmütig, sich vor dem Handspiegel ein graues Haar aus dem Barte zupfend, »wir können doch nicht auf die Dauer so fortleben, das wäre ja sterbenslangweilig!«

Sie bewohnten eine schöne Villa bei Cannes, die sie für fünf Jahre gemietet hatten.

»La-langweilig«, stotterte Philippine bestürzt.

Er strich sich zärtlich über den seidenweichen Henriquatre.

»Gewiß, mein Kind, ich habe Zerstreuungsbedürfnisse –«

»Eben darum –«

»Anderer Natur als du. Ich brauche Aufregung, Bewegung,

physische Anstrengungen, hm, allerlei, was ich hier in deinem Rosenheim nicht finde.« »Sehr traurig«, sagte Philippine, ihre Thränen hinabdrängend, »aber vielleicht begreiflich. Ich begleite dich auf die Löwenjagd.« »O Gott«, stieß Edward lachend heraus, »das wäre grausam gegen mich, gegen dich und die –«

»Löwen, die wohl Enten sein mögen«, setzte die junge Frau hinzu. »Du denkst nicht daran, die Reise zu machen, du langweilst dich nur hier. Lassen wir den Pachtzins fahren und begeben wir uns anderswohin.«

»Ich muß allein fort.« Sein Ton klang nervös. Heute bemühte sie sich nicht, taub zu sein. – »Wohin?« fragte sie mit erwachender Eifersucht.

Da warf er ihr einen Blick aus halb geschlossenen Augen zu, der sie fast schreien machte. Die tödlichste Gleichgültigkeit und Langeweile sprach daraus.

Sie verließ das Zimmer, ging in den Garten hinab, setzte sich auf eine Bank und begann nachzudenken.

Seine große, schöne, kraftvolle Gestalt mit all den bewußten Bewegungen und Aeußerungen trat vor ihre innern Augen. Und auf einmal begann sie zu sehen. Wie viel Wiederholtes, hundertmal Erprobtes und als gelungen Erkanntes lag in der Art, wie dieser Mensch sich gab, sich auslebte. Ein Leierkasten, der unzählige Male dieselbe Melodie ertönen läßt, bis ein Fremder die Straße heraufkommt, und die alte Musik als neu empfindet …

Philippine ringelte ihre Locken um die Finger und starrte vor sich hin. Eigentlich empfand sie kein Leid darüber, daß er fort wollte, nur im ersten Moment hatte es sie erschreckt.

Jetzt hörte sie die gleichsam ausgesungene Stimme seiner Seele. Er wußte ihr nichts mehr zu sagen. Allerdings, sich selbst belügt man nicht. Und unleugbar war es, daß ein Band sie an ihn festigte: ihre Sinnlichkeit. Aber Philippine war eine zu stolze Natur, um sich durch dieses einzige Band fesseln zu lassen.

Es giebt noch andere Nerven im Menschen als die des Leibes, und jene lagen noch festverknotet und schlummernd in ihr wie vorher, ehe sie Frau geworden.

Warum hatten sie sich nur geheiratet?

Was mochte ihn eigentlich zu ihr getrieben haben?

Sie sprang plötzlich auf und lief in das Gemach, in dem er zurückgeblieben war. Er befand sich nicht mehr dort. Packte er vielleicht schon ein? Sie lächelte.

Nachmittags machte sie einen weiten einsamen Spazierritt. Als sie zurückkehrte, sah sie Licht im Speisesaal und hörte fremde Stimmen. Sir Edward hatte Besuch empfangen. Philippine, etwas erhitzt vom Reiten, mit in Unordnung geratenen Haaren, das bestaubte Reitkleid hoch geschürzt, trat in den Speisesaal. Sie wollte wissen, wer angekommen war, ehe sie sich zur Ruhe zurückzog. Zwei Freunde ihres Gatten saßen mit ihm bei Tische.

»O, ich erinnere mich Ihrer Namen«, sagte sie zuvorkommend nach der Vorstellung, »mein Mann hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Und dann bat sie um einige Minuten Geduld. Sie würde bald erscheinen.

Oben vor ihrem Spiegel gewahrte sie die Unordnung ihres Anzugs und erschrak. Aber gleich lächelte sie wieder. Was lag daran? Jetzt!

Auseinandergehen würden sie doch. Später begab sie sich hinab und nahm Teil an der Unterhaltung, die sich um Sportsangelegenheiten drehte. Gegen Mitternacht reisten Edwards Freunde zurück nach Cannes.

Philippine las aus ihren Augen ihr Urteil: Madame, Sie sind sehr häßlich und Ihr Gatte geht nicht auf die Löwenjagd, aber thun Sie so, als ob Sie es glaubten, es ist chiker.

»Edward«, sagte Philippine sanft, als sie die Treppe nach ihrem Schlafzimmer emporstiegen, »bist Du müde?«

»Nicht im mindesten«, gab er zur Antwort.

Und dann später, als er im Begriff war, sich auszukleiden:

»Edward, bist Du ein Mann?«

Ein verwunderter Blick seiner Augen traf sie.

»Bangt Dir vor der Wunde, die Du einem versetzen könntest, so daß Du lieber ein Lügner würdest als sie zu schlagen?« Er richtete sich stramm auf. »Nein.« »Dann sage mir ehrlich, warum hast Du mich geheiratet?« Er zuckte leicht zusammen und sah sie verblüfft an.

»Aber ich bitte Dich, welche Frage.«

»Beantworte sie.«

»Wie? Unsinn.«

»Durchaus nicht.«

»Bist Du –«, er machte eine bezeichnende Handbewegung nach der Stirne, »bei Sinnen? Ich finde –«

»Finde nichts lieber, Edward, als eine Antwort.«

Er wandte sich ärgerlich ab.

»Du bist wahnsinnig.«

»Und Du eine Memme.«

Seine Stirne bedeckte sich mit Röte, aber er bezwang sich.

»Du bist ein Weib.«

»Gieb Antwort.«

»Grabe nicht in mir, Du reizest mich –« Er runzelte die Brauen.

»Nur dazu, die Wahrheit zu sagen.«

»Philippine.«

»Feigling.«

»Schone Deiner.«

»Ich bitte Dich. Deine Wahrheit wird mich nicht töten.«

»Du willst sie durchaus hören?«

»Wenn Du kein Knabe bist –«

»Parbleu, da hast Du sie, weil ich – neugierig auf Dich war.«

Er wollte noch einiges hinzusetzen, doch sie war nach seinem ersten Satze davongeeilt. Die Geschichte mit der Löwenjagd wäre nicht nötig zu erfinden gewesen.

Mehrere Wochen später überreichte ein Advokat Sir Edward ein Schriftstück, worin Philippine um Scheidung nachsuchte: Wegen »unüberwindlicher Abneigung von beiden Seiten« hatte sie als Ursache angegeben.

Edward willigte ein. Vielleicht ging er nun wirklich auf die Jagd, aber nicht nach Löwen, sondern nach Löwinnen.

Frau Philippinens Aerger über sich selbst kam etwas nachträglich, aber er kam. Der Trotz des um sein Glück geprellten Weibes erwachte in ihr. Nun gerade, sagte sie, den Kopf zurückwerfend.

Sie war ja jetzt bedeutend klüger geworden und wußte, daß außer Geldsucht noch andere Motive die Männlein zu den Weiblein treiben. –

Sie begann ihre Menschensuche mit verschärften Sinnen.

Das Meer mit seinen Unterwassern, in denen es von tausendäugigen, vielfüßigen, kopflosen, umgestülpten Untieren wimmelt, konnte nicht seltsamere Geschöpfe aufweisen, als die Gesellschaft, wenn man sie näher betrachtete.

Da war der Aengstliche, der immer auf Socken geht, nie eine eigne Meinung hat, und sich von seiner Tante oder Mutter das Brauthemd über die Ohren ziehen läßt, da war der verkappte Ehrliche, der seine Gattin zur zwölffachen Mutter macht und kleine Ladenmädchen lehrt, das Vergnügen ohne Folgen zu genießen. Da war der sieche Achtzehnjährige, der von Weib zu Weib schleicht, um gutmütigen Verlegern die Empfindungen seines lyrischen Rückenmarks anzuvertrauen. Da war der Weise, der eine gesunde Maitresse und ein hübsches Einkommen hat. Da war der Tölpel, der an dem Weib seiner Liebe vorüberging, weil ihr Vater der Herr Von war, oder weil sie zu viel oder zu wenig Geld besaß, zu jung oder zu alt, zu keusch oder zu »gefallen« war. O, da gabs noch köstliche Arten, z. B. die Parasiten, die in den Salons jovialer Ehemänner wuchern, jene schlanken frechen Bürschlein, die so hübsch – verstecken spielen können, da gabs noch viele andere, die man vielleicht – sein, aber niemals beschreiben darf.

Philippine ging mit traurigen Augen an all diesen Herrschaften vorüber, sie suchte einen Mann, der sie lieb haben würde, nicht aus Neugier, nicht aus Gewinnsucht oder anderen unlauteren Motiven.

Sie konnte sicher voraussetzen, beim dritten Zusammensein mit einem Menschen, jenen plötzlichen kalten Ruck zu spüren, den man Enttäuschung nennt. War sie zu anspruchsvoll, oder bedurften die andern gar so vieler Nachsicht? Oder gab man sich ihr ehrlicher, weil sie häßlich war, und die Kunst erlernt hatte, ihren Reichtum verbergen zu können? Genug, diese Frau glaubte, ihre erste bittere Erfahrung habe sie gefeit gegen jede folgende. Mehrere Male war sie unfern davon gewesen, aufs neue ihre Kaltblütigkeit zu verlieren. Sie vergaffte sich in einen Schauspieler, der sich mit den bunten Lappen des Dichters, dessen Personen er darstellte, drappiert hatte. Als er sich dem liebenden Weibe gegenüber sah, stieg er aus seiner Verkleidung heraus, und Philippine entdeckte mit Schrecken, daß ihr Held nichts weiter als ein – Kleiderstock war.

Unterdessen reiste sie in der Welt umher, blasiert, müde, gelangweilt, im Begriff, hartherzig zu werden wie alle Nichtglücklichen.

In einem weltfremden Dolomitenthale machte sie die Bekanntschaft eines österreichischen Offiziers. Seine Alluren mehr noch als sein bestechendes Aeußere gewannen ihr Wohlgefallen. Er gab sich wie ein junger Fürst, der morgen den Thron besteigen soll. Sie verliebte sich in ihn, ritt mit ihm kostbare Pferde zu schanden, und wußte durch das schreiende Verschweigen ihrer Neigung, ihn zu reizen. Dabei war sie eine vollendete Weltdame und reich. Er entflammte von Tag zu Tag mehr für sie, bis er schließlich einmal vor ihr aufs Knie sank und sie zur Gemahlin begehrte.

Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre weißen Hände und lachte ihn an.

»In drei Monaten meinetwegen sollst Du mich haben.«

»Warum nicht übermorgen?« sagte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Wir müssen doch ein Dach über unsern Häuptern haben.«

»Militärfrauen pflegen nicht Hausbesitzerinnen zu sein.«

»Aber sie pflegen auch nicht Wagenburgen zu bewohnen, mein Schatz.« »Nun gut«, meinte er nachgebend, »miete also, kaufe ein, beeile Dich aber.«

Sie beeilte sich, aber sie war verliebt, unabhängig, reich. Sie steckte beständig mit ihm zusammen. In der Stadt, in der seine Garnison lag, beneidete man ihn allgemein um die reiche »Partie«. Er wurde Philippinen gegenüber ein »süßer Junge«. Er vergaß seiner Kameraden, des Klubs, aller Verbindlichkeiten, die er Freunden schuldete, und beschäftigte sich nur mit seiner Verlobten. Rückhaltlos gab er sich ihr mit seiner ganzen blühenden Lieutenantsseele hin.

Eines Abends kauerte Philippine traurig, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu sein, in der Sofaecke ihres Hotelzimmers und starrte vor sich hin. Der Lieutenant bemühte sich, mit seinen hübschen mohnroten Lippen ihre Stimmung wegzuküssen, aber es gelang ihm nicht. Endlich kreuzte er ratlos die Arme über der Brust.

»Ich weiß nicht, was ich thun soll, um deine Mißlaune zu verscheuchen.« »Ich bin eigentlich sehr unglücklich«, sagte sie, ihre Stirn in die Hände legend.

»Arme«, flüsterte er, und lehnte seinen Kopf an den ihren.

Da sprang sie auf, glutrot im Gesichte und lief aus dem Zimmer.

Dieser Gymnasiast! Diese Memme! Dieser Esel! Statt sie an seine Brust zu reißen: warum bist Du unglücklich? bedauerte er sie einfach. Er war gar nicht neugierig zu erfahren, was in ihr vorging. Er stand den Regungen ihrer Seele planetenweit ferne. Der nannte sich Mann, dieser nur aus Instinkten zusammengesetzte Wilde ohne jeglichen Funken Intellekts.

Welch ein Loos, in Gemeinschaft mit diesem Knaben leben zu sollen.

Abermals hatte sie ihren groben Nerven nachgegeben. Abermals ihrem Körper gehorcht, um darüber zur Stiefmutter ihrer Seele zu werden.

Abermals … Ob es denn nie anders mit ihr würde? Ob sie dazu bestimmt war, sich eine Selbsttäuschung nach der andern zu bereiten?

Unter solchen Erwägungen flog sie, in eine Ecke ihres Coupés gedrückt, nach dem Norden. Lieber sterben als die Frau des pausbackigen Lieutenants mit den roten Lippen werden! Lieber – alles, als das.

Sie reiste nach ihrer Vaterstadt, ließ ihr Elternhaus aufschließen und wandelte gedrückt in den Räumen umher, die sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Und hier war's, wo sie den Kopf in die Hände legte und sich sagte: und jetzt?

Müde des Suchens und Wanderns, machte sie den Plan, hier in der Nähe, wo die wunderbarsten Tannenwälder rauschten, sich ein Heim zu bauen, um in der Einsamkeit das zu vergessen, was es doch nicht für sie gab. Philippinens Haus war bald gebaut. Es enthielt wenig Gemächer. Sein Hauptschmuck war ein großer Garten, den die Natur bereits hingezaubert hatte, wofern man unter einem solchen nicht nur englische Parkanlagen versteht. Ein klarer Bach teilte die schattigen Partien des Waldparks in zwei Hälften. An diesen Bach ließ Philippine tausende von Lilien setzen, so daß das blitzende Wasser von silbernen Zäunen eingefaßt schien. Der weiße Schimmer dieser göttlichen Blumen warf auf das Gesicht der hier viel Umherwandelnden seinen Abglanz der Schönheit.

Philippinens alte Dienerin, die für ihre Bedürfnisse zu sorgen hatte, schalt beständig über die gar zu geringen Ansprüche ihrer Herrin. In der That wandte Philippine äußerlichen Dingen, z. B. dem Essen, geringe Sorge zu. Die Portionen, die sie verzehrte, waren winzig. Sie teilte die Meinung, daß die Zeit der Auslöffelung großer Suppenterrinen bald zu Ende sein und man weniger Fütterungsstunden für das Raubtier Magen einrichten würde.

In leichten weißen Cachemir gekleidet, das hellbraune Haar lose am Kopfe befestigt, strich die einsame Frau in der Umgebung ihres Besitztums umher.

Ihr großer Mund war nicht schöner geworden, ihre Nase nicht zierlicher, aber trotzdem hatte ihr Gesicht einen Liebreiz erhalten, der wie ein Licht von innen ihre Haut durchbrach. Selbst der häßlichste Mensch wird schön, wenn die Einsamkeit seine Züge bändigt und still macht.

Eines Tages entdeckte Philippine ein Häuschen, das an ihre Gründe stieß. Die Fenster waren hermetisch verschlossen, das Vorgärtchen lag gänzlich verwildert. Auf ihre Erkundigung erfuhr sie, daß das Haus, dessen Besitzer ausgewandert war, zu verkaufen sei.

Ohne lange zu überlegen, erstand sie das Anwesen, ließ die Räume in Ordnung setzen und das Gärtchen von Unkraut reinigen. Kaum waren die Arbeiten beendet, als sie den Besuch eines älteren Herrn erhielt, der ihr den Antrag stellte, das Besitztum zu pachten. Er kam aus der Hauptstadt, wo er eben seinen Abschied als Oberst genommen hatte. Philippine willigte gerne ein, hatte sie doch beim Kauf des Hauses mehr einer Laune gefolgt, und keine klare Vorstellung gehabt, was sie mit dem Kaufobjekt beginnen würde.

Der Mieter bezahlte den Pachtzins für ein Jahr voraus und zog in sein neues Heim, das er voll Eifer zu bewirtschaften begann. Die beiden Nachbarn trafen sich selten. Da Philippine nie ein weibliches Wesen in seiner Nähe erblickte, glaubte sie, daß er unverheiratet sei. Als der Sommer auf seinem Höhepunkt stand, vernahm sie eines Abends langgezogene Töne durch die Luft zu sich dringen. Es war, als ob ihre Lilien Stimme bekommen hätten und sangen, so rein und unirdisch klangen die Laute. Sie horchte. Eine Geige wars, die gespielt wurde. Wer mochte der Fiedler sein? Gewiß der alte Mann, ihr Nachbar, der seine Einsamkeit sich vom Herzen geigte. Ein unendliches Alleinsein sprach aus diesen Melodien. Sie lauschte und lauschte, über ihre Lilien geneigt. Sie wurde überaus traurig und hätte gerne geweint, nur die Scham vor den hohen weißen Blumengestalten, die mit reinen stillen Augen in ihr Gesicht blickten, hielt sie davon ab. Er geigte noch fort, als sie bereits ihr Schlafzimmer aufgesucht hatte.

Mehrere Tage blieb's ruhig, dann, an einem Sonnabend, hoben die seligen Töne wieder an. Philippine ließ die Näharbeit, mit der sie beschäftigt im Garten saß, in den Schoß sinken und horchte. Daß ein alter Mann so spielen konnte! So voll Feuer; freilich nicht rotem Herdfeuer, sondern den weißen Flammen des Sternenhimmels … Und plötzlich warf sie die Leinwand von sich, sprang auf und lief davon. Sie wählte die Richtung, die in die Nähe des Pachthauses führte. Im Vorgärtchen befand sich eine dicht von wildem Wein umsponnene Laube; dorther drang die Musik.

Philippine blieb außen stehen und horchte. Durch das Laub sah sie einen hellen Kopf schimmern; das war wohl der weiße des alten Mannes! Der Spieler hatte ihr Kommen nicht gehört und geigte weiter. Sie fühlte ihr Herz immer höher schlagen. Redete der da drinnen nicht ihre eigene Sprache?

Zitterte nicht hinter den Lauten ein Schluchzen hervor wie das eines kleinen Kindes, das sich in einen fremden Wald verirrt hat? O, alle Seelen sind kleine Kinder, wenn sie sich unbeachtet glauben.

Philippine wollte in die Laube stürzen, dem da drinnen die Hand schütteln und sagen: »Du, ich versteh' dich, ich versteh' dich.« Aber das wäre allzu närrisch gewesen, und ihm wäre sie wie eine Verrückte erschienen. So schlich sie sinnend weiter, traurig, froh, dem beredten Nachbar im Geiste das weiße Haupt küssend. Von nun an spielte er öfter, und sie lauschte ihm immer hingegebener. Die Töne wurden ihr zu Lettern eines Buches, aus dem sie las …

Diese Melancholie des Alters, dieses großmütige Verzeihen dem Leben gegenüber! Dieses Lächeln, Abendrot auf erkaltenden Lippen! …

Was mochte dieser Greis erfahren haben? Ein adeliges Leid mußte es sein, das seine Seele niedergezwungen hatte. Eine Seele, die selbst noch in ihrem Falle stolz geblieben war und gleichsam zu sagen schien: »Ich bin gestürzt, aber mein Sturz war ein Hinauf, kein Herab, weil ich es war, die stürzte.«

Philippine warf die Anker ihrer Sehnsucht in diese Individualität und schöpfte sich Perlen aus ihrer Tiefe. Sie war keine Phantastin, keine Somnambule, die träumt.

Sie besaß nur helle Augen, die den zweiten Menschen im Menschen erblickten, den Geist, der Körper ist, aus jener Substanz, die heute die Chemiker noch unter keine Rubrik zu bringen wissen.

Sie begann ihn zu lieben, den Alten, mit dem sie, in ihren Lilien ruhend, Zwiesprache hielt. Es war ein Zwitschern über der Erde, hoch oben, wo die Menschen weder weiße noch blonde Haare haben.

Die alte Dienerin schüttelte verwundert das Haupt über ihre Herrin. So viel Lächeln hatte sie noch nie in deren Antlitz entdeckt. Vergeblich forschte sie nach der Ursache. Philippine merkte es und belustigte sich innerlich darüber. Wenn sie zu jemand gesagt hätte: »Ich bin verliebt in einen Greis, der hier nebenan Geige spielt und den ich kaum kenne.« Wie würde man sie angesehen haben?

Eines Spätnachmittags, Vollmondglanz löste den letzten Schimmer der untersinkenden Sonne ab, befand sich Philippine auf dem Nachhauseweg, als sie die fernher lockenden Geigentöne vernahm. Sie verließ ihren Weg und näherte sich dem Häuschen mit der rötlichen Weinlaube.

So hatte er noch nie gespielt, oder waren es die Lüfte, die mitsangen, oder war es der Glanz des Himmels, der in die Geigensaiten tropfte?

Philippine hielt sich nicht länger, sie stürzte in die Laube … Ein blasses Gesicht, von blonden Haaren umwallt, blickte ihr entgegen, ein marmorgleiches Gesicht mit edlen gradlinigen Zügen. Sie griff sich an die Stirne. War das der Geigenspieler? Dieser Jugendliche hier? Dieser Schöne hier? Wer war er? Und wo war der Greis, der Alte, den zu treffen sie geglaubt hatte? Da, da in der Ecke stand er, ein etwas verlegnes Lächeln um die Lippen, und verneigte sich vor ihr.

Der Geiger brach sein Spiel ab. Philippine starrte von einem auf den andern. »Mein Sohn«, sagte der Alte, auf den jungen Menschen weisend, und zu diesem:

»Frau Stoners.«

Sie neigte errötend das Haupt.

»Ich habe Sie hinterlistig überfallen; rechnen Sie das meiner – wie soll ich mich ausdrücken, um nicht banal zu werden – meiner Freude an Ihrer Musik zu gute.«

»Siehst du, Franz«, sagte der Greis zärtlich, auf seinen Sohn blikkend. Und dann zu ihr: »Wollen Sie nicht Platz nehmen, gnädige Frau?«

Sie ließ sich nieder.

»Ich bin erstaunt«, bemerkte sie, sich gewaltsam beherrschend, »zwei Nachbarn zu finden, wo ich nur einen vermutete. Sind Sie schon lange hier?«

»Nein, gnädige Frau, erst seit ungefähr vier Wochen.« »Er ist von einer Konzertreise heimgekehrt«, nahm wieder der Alte das Wort. Philippine sann verlegen nach. Sie hätte gerne gesagt: »Ah natürlich, ich bin Ihrem Namen schon oft begegnet, ich habe glänzende Lobpreisungen Ihres Talentes gelesen u. s. w.«, aber sie konnte sich in Wirklichkeit nicht entsinnen, jemals seinen Namen gehört zu haben, und lügen mochte sie nicht.

Franz Lohden schien ihr plötzliches Schweigen zu verstehen.

»Es war mein erster Ausflug hinaus«, sagte er mit einer etwas verschleierten, melancholisch klingenden Stimme: »ich geize nicht nach Lorbeern, aber mich interessierte es, das Urteil Fremder über mein Spiel zu hören.«

»Und es war ein übereinstimmendes. –«

»Papa«, warf der junge Mensch mit leichtem Stirnrunzeln hin.

Philippine lächelte.

»Ich liebe es sonst nicht, der Mehrheit eine Stimme zu geben, aber diesmal schließe ich mich ihr an. Und – werden Sie eifersüchtig auf Ihren Vater, bis zur Stunde glaubte ich, er sei es, der so wunderbar geigte.«

»Ich alter Mann!«

»Gerade. Diese Musik – man möchte schwören, daß sie nicht aus der Seele eines Jugendlichen kommt.«

Ueber Franz Lohdens Gesicht flog ein Leuchten.

»Das thut sie auch nicht.«

Frau Stoners lächelte.

»Welch verkehrte Welt! Die Jungen fühlen sich alt und die Alten jung. Sie zählen zu den erstern wie's scheint.« »Und sehr, gnädige Frau.« Der alte Lohden seufzte leise, und wandte sich dem Ausgang zu. »Ich will Licht bringen lassen.« »Nein, nein«, rief Philippine, sich erhebend, »wozu denn, wir haben so schönen Mondschein, und überdies – ich muß fort. Adieu, meine Herren. Und Ihnen noch Dank!« Sie drückte Franzens Hand, eine merkwürdige Hand, mit ungewöhnlich langem Daumen und schmal zulaufenden Fingern.

Dann noch ein paar freundliche Worte dem Alten, und die dunklen Baumschatten nahmen ihre entschwindende Gestalt auf …

Bescheidene Menschen klopfen dreimal mit leisem Finger an, ehe sie in ein Gemach treten. Bescheidene Menschen fragen beim Fortgehen: »Darf ich wiederkommen?« Philippine hatte nicht gefragt. Nach einer Woche stand sie abermals in der Laube. Diesmal war der Alte nicht anwesend.

»Spielen Sie weiter!« bat sie den Geiger. Es war noch hell am Nachmittag, und sie konnte sehen, wie er leicht errötet war bei ihrem Kommen. »Darf ich gehen, Ihnen einen Sessel zu besorgen«, fragte er, sich halb erhebend. »Man sitzt sehr schlecht auf dieser Holzbank.« »O ich danke«, lächelte sie, »ich bin nicht verwöhnt. Auf meinen Irr- und Wanderfahrten –«

»Sie sind wohl viel gereist?«

»Viel, sehr viel. Aber wollen Sie nicht weiterspielen?«

»Nein, augenblicklich könnte ich nicht.«

»Ich habe Sie aus der Stimmung gebracht?«

»In eine andere hinein.«

»In welche?«

»Sie bringen den Duft der Welt mit sich.«

»Ich? Aber ich lebe ja viel einsamer als Sie. Ich besitze weder einen zärtlichen Vater, noch besondere Fähigkeiten, noch die Aussicht auf Ruhm. Seit einem Jahre bereits verweile ich hier in

der Einsamkeit.«

Er schob die Geige weg und stützte den Kopf in die Hand. »Verzeihen Sie, das wußte ich nicht. Ich dachte, Sie lebten mit Ihrem Gatten zusammen, seien nur zeitweilig hier –« »Mit meinem,« – sie stockte – »nein, ich bin für immer hier und – allein«, setzte sie leiser hinzu. »Wirklich? Verstehen denn Damen, das Alleinsein auf die Dauer zu ertragen?«

»Damen vielleicht nicht, aber Menschen –«

»Sie ziehen scharfe Grenzen wie es scheint.«

»Ach nein«, lachte sie, »ich kenne die Andern nicht, nur mich. Das heißt, ich kenne sie wohl, aber ich habe nicht Zeit genug, mich mit ihnen zu beschäftigen.«

»Hat man auf dem Lande nicht sehr viel Zeit übrig?«

»Weiß Gott, nein«, antwortete sie. »Nirgends vergehen die Tage so schnell wie hier.« »Welcher Beschäftigung verdanken Sie das?« »Das wäre schwer zu sagen«, warf sie heiter hin, »so äußerlich thue ich – gar nichts.«

»Aber?«

»Darf ich fragen, woher diese Geige stammt?«

»Aus Cremona von Guarneri.«

Seine Lippen umspielte ein feines Lächeln.

»Ein herrlicher Ton! Weshalb es wohl den heutigen Geigenbauern nicht mehr gelingt, solche Instrumente herzustellen?« »Eine einfache Frage, die aber niemand richtig zu beantworten vermag. Sind Sie musikalisch?« »Ein wenig. Ich pflege andere Talente. Gegenwärtig bin ich Gärtnerin.«

»Ah das ist schön!«

»Haben Sie meine Lilienanlagen schon gesehen?«

»Nein.«

»Dann lade ich Sie samt Ihrem Vater freundlich ein, sie zu besichtigen.« Er neigte dankend den Kopf. »Die Lilien haben für mich stets etwas Magisches besessen. Als

Knabe, wenn ich recht ungestüm war, brauchte man mir nur eine Lilie zu zeigen, um mich sofort artig zu machen.«

Philippine sah ihn glücklich an.

»Es freut mich, daß meine auch Ihre Lieblingsblume ist. Als ich aus dem Schmutz und Staub der Welt mich hierher rettete –«

»O schelten Sie doch nicht diese Welt, sie ist so schön –«

»Auch sauber?«

»Auch sauber, gnädige Frau. Wo Reine gehen, ists immer sauber.« Sie zuckte zusammen. »Reine? Was ist rein?« »Alles.« »O, dieser blaue Jugendenthusiasmus!«

»Wie, Jugendenthusiasmus? Fanden Sie jüngst nicht mit richtigem Instinkte den Alten aus meinem Spiele heraus?«

»Ja, aber wenn Sie so sprechen –«

»Dann rede ich als ein Zeitloser. Sind wir nicht alle Zeitlose? Sollte wirklich die Glätte oder Gefurchtheit unserer Haut für die zurückgelegten Stationen unserer Entwickelung maßgebend sein?«

»Wie meinen Sie das: zeitlos?« »Wo haben Sie den Stoff zu dieser Robe herbezogen, gnädige Frau?« fragte er mit einem kleinen, boshaften Lächeln. Sie errötete brennend. Seine Augen sahen ganz anderswo hin als auf ihr Kleid; deshalb erriet sie ihn.

»Ja, ich wollte Ihnen vorhin keine offene Antwort geben, seither haben wir drei Sätze mehr gewechselt und sind näher bekannt geworden.«

Er lächelte. In diesem Augenblick kam der Vater herein. Philippine wiederholte ihre Bitte, sie bald zu besuchen. Auf die Lilien war ein brauner Hauch gefallen. Ihre silberne Unbeflecktheit war dahin. – Sie begannen zu welken. Die Sonne hatte allzuhart auf ihnen gelegen.

Eines Nachmittags trat Lohden Arm in Arm mit seinem Sohn in den Garten der Nachbarin. Ihre Wangen erglühten. Erstens würde Franz heute zum ersten Mal beim vollen Tageslicht ihr häßliches Gesicht sehen. Dann mußte er die Versehrtheit ihrer Blumen entdecken. Mehr noch das letztere als das erstere trieb die Röte der Scham in ihre Wangen. Franz verhielt sich fast stumm, während der Alte fortgesetzt das Wort führte. Es lag etwas rührendes in der Art wie er den Sohn, der ihn an Höhe überragte, behandelte. Philippines Augen hingen mit scheuem Entzücken an dessen bleichem Gesichte, dem das Siegel geistiger Vornehmheit aufgedrückt war. Sie bot den beiden an, in die Villa zu treten, um eine Erfrischung zu nehmen. Der Alte lehnte herzlich ab. Sie müßten bald wieder zurück sein aus irgend einem Grunde, den er recht unklar vorbrachte.

Philippine geleitete sie bis zum Gartenthor. Als sie die beiden zärtlich verschlungenen Gestalten langsam ihrem Hause zuwandeln sah, feuchteten sich ihre Augen.

Im Herbst wollten Lohdens wieder nach der Stadt zurück. Bis dahin waren noch etwa sechs Wochen. Philippine zählte die Tage. Wenn zwei Abende Franzens Geigenspiel verstummt war, ging sie hinüber und schalt mit ihm. Ueberhaupt war jetzt ein beständiges Hinüber und Herüber zwischen den beiden Häusern. Wenn sie irgend ein merkwürdiges Mineral, eine Pflanze fand, die sie nicht kannte, oder die ihr interessant erschien, lief sie sofort zu Vater Lohden, der an allem, was ihr wichtig schien, den lebhaftesten Anteil nahm. Auch er bediente sich dieses Freundschaftsrechtes und kam alle Augenblicke zu ihr gestapft, bald um sie einen neuen, selbstgebrauten Schnaps kennen zu lehren, bald um ihr eine interessante Zeitungsnotiz mitzuteilen.

Franz verließ selten das Haus. War er nicht im Garten, so lag er träumend auf der Chaiselongue seines Zimmers, in dem die herabgelassenen Vorhänge ein kühles, wohliges Halbdunkel hervorriefen. Seine etwas feierlich steife Haltung, sowie noch manch andere Sonderbarkeiten in seinem Benehmen, hielt Philippine für Künstlerlaunen. Wenn sie sein Gemach betrat, ergriff sie jedesmal ein Schauer, ähnlich dem des frommen Christen, der in ein Gotteshaus tritt. Scherzend gestand sie's ihm einmal.

»Sie haben viel ähnliches mit mir in Ihrem Wesen«, sagte er, »wie können Sie das empfinden, was nur Anders-Geartete spüren sollten?«

»Ich mit Ihnen?« versetzte sie. »Wissen Sie was Sie damit sagen?«

»Gewiß«, antwortete er heiter, »wir beide haben unser tragisches Erlebnis hinter uns und sind heute zufrieden.« Sie senkte die Augen.

»Wenn Sie nicht unser Leben als ein tragisches Ereignis im Nirwana bezeichnen wollen, dann habe ich nicht eins, sondern mehrere tragische Erlebnisse hinter mir.«

Er lächelte.

»Was das Weib so ’tragische Erlebnisse‘ nennt. Ich glaube nicht an die Veranlagung der Frau zur Tragik. Ein treuloser Freund, ein schlecht sitzendes Kleid, ein schmerzender Zahn –«

»Nein Herr Lohden, doch mehr, mehr. Ich möchte Ihnen erzählen, aber – Bekenntnisse aus dem Munde einer Frau haben stets den Beigeschmack des Trivialen. Ich wollte –«

»Warum?«

Er richtete seine Augen mit mildem Ausdruck auf sie.

»Ich kann jene Frauen, denen man Unbeständigkeit in ihrer Neigung vorwirft, nicht verurteilen. Sucht nicht der Maler so lange, bis er das Modell, welches für ihn den Inbegriff aller Vollkommenheit bedeutet, gefunden hat? Dieses hält er fest. Ich bin überzeugt, daß das Weib treu wie ein Hund ist, wenn es den findet der –«

»Ja: der. Hier liegt das große Fragezeichen.«

»Mit nichten. Der es ganz will. Wir wollen gewöhnlich nur – einiges von ihm.« Philippine spielte schweigend mit den Fransen des Tischteppichs. Als sie aufblickte, hatte er seine beiden Hände vor das Gesicht gelegt.

Manches Erlebte mochte an seinem Geiste vorüber ziehen. Manches Tragische. – Und er war noch so jung, Wie kam all dieses? Sie schüttelte den Kopf. Dann nach einer Weile erhob sie sich und ging fort. Er begleitete sie bis zur Thüre, ohne seine Blicke auf ihr Antlitz zu heften.

Draußen kam ihr der Alte entgegen. »Eben wollte ich zu Ihnen beiden. Ich war im Ort, um einige Kommissionen zu machen. Weshalb wollen Sie schon gehen?

»Ich bin schon seit langem hier. Ich weiß nicht –« Sie fühlte in diesem Augenblick das Bedürfnis, sich dem Oberst an die Brust zu werfen. »Ich werde immer so traurig an der Seite Ihres Sohnes.«

»Das ist kein Wunder«, versetzte der alte Herr mit einem Zucken um die Lippen, »allen gehts so, es ist auch ein zu herbes Schicksal.«

Was denn? Sie wagte nicht zu fragen, und er setzte voraus, daß sie wußte, was alle wußten. Gewiß hatte er ein teueres Leben verloren, oder er war verraten worden von einer, die er nur halb zu lieben glaubte, und doch ganz geliebt hatte. –

Als er wieder einmal mit seiner Geige ihr Herz aufwühlte, sagte sie: »Woher wissen Sie eigentlich all das von mir, was Sie zu wissen glauben, und in der That – wissen. Bin ich denn so redselig?«

»Als ob ich ein Student oder Gefreiter wäre«, lachte er, »der der Worte bedürfte. Seit dem Tage, da mich jener Schicksalsschlag traf«, welcher nur? dachte sie aufhorchend, »habe ich begonnen ein stark innerliches Leben zu führen. Merkmale, die für die anderen gelten, beweisen mir gar nichts. Der Handwerker, der Bürger, der Soldat mögen mit ihren fünf Sinnen empfangen und urteilen, wir äußerlichem Abgekehrten schauen in uns. Unsere Seele gleicht einem Blatt lichtempfindlichen Papiers, das die Gestalt des Anderen ohne dessen Dazuthun aufnimmt und uns enthüllt.«

Philippine sah ihn glücklich an. Wie redete er doch ihre eigne Sprache, die Sprache der Zukünftigen. Sie freilich werden einst ohne Leid zur Erkenntnis gelangen, die ihnen als etwas Selbstverständliches erscheinen wird.

Die aus der Gegenwart Hinanschreitenden müssen noch über Geröll und durch Wüsten, um auf die Höhen der Wahrheit zu kommen …

Eines Nachmittags ruhte Philippine in einer schattigen Anlage ihres Parkes und sah in die wehenden Baumwipfel. »Weshalb sind Sie so traurig?« fragte der Oberst zu ihr herantretend. Er war gekommen, ihr eine neue Erfindung seines gärtnerischen Talents zu zeigen.

Sie sprang auf.

»Sie Ueberfaller, Sie. Lassen Sie mir meine Stimmung, ich lasse Ihnen dafür das Recht, ein besserer Gärtner zu sein als ich. Woher haben Sie nun das wieder?« Er erklärte ihr die Vorzüge des mitgebrachten Garteninstruments. »Aber bitte, kommen Sie mit mir, ich möchte Ihnen dies drüben gleich ad oculos demonstrieren.« »Lassen Sie mich heute hier«, bat sie, »ich bin nicht zum Reden aufgelegt.« »Das brauchen Sie auch gar nicht zu sein. Sie sollen mir nur zusehen.« Sie setzte, den Störenfried gutmütig scheltend, ihren großen Gartenhut auf und folgte ihm. Unterwegs sagte er:

»Einen Traurigen habe ich zu Hause und einen nebenan. Ich halte es für meine Pflicht, die Beiden öfter zusammenzubringen, damit jeder von ihnen erkennt, daß der Andere – doch mehr Ursache zur Gedrücktheit hat.«

»Warum«, fragte sie, über seine Sophistik belustigt, »halten Sie mich für nicht glücklich?«

Der Alte lächelte gutmütig.

»Aber gnädige Frau! Ein Weib in Ihren Jahren, das sich so vor allen Menschen, vor dem Leben mit seinen Anforderungen zurückzieht! Muß man da nicht ein großes trauriges Ereignis voraussetzen?«

»Sie mögen nicht unrecht haben«, versetzte sie kurz, »aber Ihren Sohn sollten Sie nicht mit mir auf eine Ebene stellen. Der ist nicht unglücklich.«

»Doch, unbewußt ist er's«, nickte der Greis. »Sie müssen mir helfen, ihn heiter zu stimmen.«

Die harmlose Art des Alten und das Unglück des Sohnes, dessen er nun zum zweiten Mal erwähnte, das für sie noch immer geheimnisvoll war, vernichteten die Bedenken, die sich oftmals in ihr gegen die Ungebundenheit ihres gegenseitigen Verkehrs erheben wollten.

»Ihr Papa hat mich hierher befohlen, um für eine Stunde Ihr Saul zu sein«, sagte sie heiter, Franz die Hand drückend, der eine Cigarette rauchend in der Laube saß.

»Und noch mehr, um mein raffiniertes Gärtnertalent zu bewundern«, fügte der alte Lohden hinzu. »Kommen Sie nun mit mir. Mein Sohn soll unterdessen seine Cigarette fertig rauchen.«

Sie gingen nach dem Garten. Philippine folgte liebenswürdig seinen praktischen Demonstrationen und sagte ihm allerlei Schmeichelhaftes. Nachher kehrten sie in die Laube zurück, wo Franz unterdessen Früchte und kalte Milch hatte auftragen lassen. Der Hausherr, ein unruhiger Geist, brannte ihnen alle Augenblicke durch, bald um diese, bald um jene ihm wichtig scheinende geschäftliche Erledigung in Garten oder Haus zu besorgen.

Wenn Philippine mit Franz allein war, sprachen beide wenig oder gar nicht. Sie fühlte sich beklommen durch die große überlegene Ruhe, die sein Wesen durchströmte. Er mit seinen Musikerohren mußte es vernehmen, wie ihre Stimme ganz anders klang, wenn sie zu seinem Vater sprach. Er vernahm es auch …

Oft war sie im Begriff gewesen, ihm einiges aus ihrem Leben zu erzählen, aber stets hatte Scham sie abgehalten.

Gerade vor ihm wollte sie sich nicht all' der Thorheiten erinnern, die sie begangen. Aus kurzen angefangenen Sätzen, halben Andeutungen, die sie oft ohne zu wissen machte, erriet er nach und nach ihre ganze Vergangenheit. Ihr ewiges Hinaufwollen und – ihren schlechten Orientierungssinn in den Wegen, die sie dazu einschlug.

Sie merkte, daß er sie erkannte. Anfänglich lauschte sie mit zitterndem Bangen, ob er nicht eines Tages ein Verdammungsurteil, eine Miene der Geringschätzung hervorkehren würde. Als er aber gleich freundlich und liebevoll mit ihr blieb, erfüllte sie jauchzendes Glück. Er besaß jene Milde, die ein gewaltiges Unglück dem Menschen verleiht. Er sah ihre emporgestreckten Arme, wie hätte er schelten können, daß ihre Füße durch Staub gegangen waren?

Sie bedurfte eines Menschen, der sie vor ihr selbst rechtfertigte, und erfreute sich, plötzlich eine Beschäftigung, ein Amt, einen Beruf gefunden zu haben, der doch reichere Ernte verhieß, als das Geigenspiel. –

Der Vater mit der Weisheit des Greises hatte recht besessen: sie bedurften einander.

Einmal machte sie eine kleine Reise. Um dem magischen Einfluß ihrer Nachbarschaft zu entfliehen, wie sie sich halb eingestand. Aber sie kehrte bald zurück. –

Bei ihrer Heimkunft fand sie ihr Wohnzimmer aufs sinnreichste mit Blumen geschmückt.

»Der Herr Oberst«, berichtete die Dienerin, »war jeden Tag hier und erkundigte sich nach Ihrer Ankunft. Er hat eigenhändig die Blumen aufgemacht.«

Sie mußte doch hinübergehen, ihm zu danken. – Er war augenblicklich abwesend, Franz in der Laube mit seiner Geige beschäftigt. »Ich bin beinahe eifersüchtig auf Sie«, sagte er, sie still, wie es seine Art war, begrüßend.

»Mein Vater liebt Sie mehr als mich.«

Sie ärgerte sich über ihr Erröten.

»Haben Sie schöne Einkäufe gemacht?« fragte er.

»Einkäufe«, wiederholte sie zerstreut, dann sich besinnend fügte sie schnell hinzu: »jawohl, ja. Ich glaube es ist gut, was ich mitbrachte.« Er senkte den Kopf und lächelte. Sie fühlte Thränen in ihre Augen steigen. Nach einer Weile begann er von gleichgültigen Dingen mit ihr zu reden.

Er besaß jene keusche Zartheit, die großmütig darauf verzichtet, den Schleier von der Seele des Andern zu lüften, bis diese – es selbst thut. Er war das im Leben, was die Rosenkreuzer in der Kunst sind, jene Maler in Frankreich, die wundersame Bilder schaffen, den zweiten Menschen, der ihnen durch das heiße Fleisch des ersteren entgegenblickt in feinen jungfräulichen Linien und dem Königsbewußtsein seiner Ewigkeit. Wie sie immer mehr um sich griff, die Ahnung vom Zweiten! Kunst und Künstler überwältigte sie, den Bauer am Pfluge und den dickbauchigen Positivisten, daß sie beide stumm aufhorchten, auf die weiten goldenen Flügelschläge über ihren Häuptern. Philippine, von plötzlichem Glücksbewußtsein überschauert, lachte leise vor sich hin. Und mit einem Male stand der alte Lohden vor ihr und ergriff ihre Hände. »So habe ich Sie gern, wenn Sie lachen, und seien Sie mir auch gegrüßt, vielmal gegrüßt!« »Ja, gnädige Frau, lachen Sie«, sagte Franz, »Sie haben alle Ursache dazu.« »O Gott ja, mir kommts beinahe selbst so vor«, dachte sie innerlich.

Ueber Nacht war's gekommen und hatte die Blumen sterben gemacht. Philippine ging mit zitterndem Herzen umher. Nun würden sie gehen, die Beiden. Den ersten Reif, hatte der Alte gesagt, wollten sie noch abwarten, dann ihr Winterquartier in der Stadt aufsuchen. Und Franz hatte dazu genickt. Nein, er durfte nicht fort ohne sie! Als ob sie einen Zweiten wie ihn fände!

O diese Häßlichkeit, knirschte sie, ihr Antlitz vor dem Spiegel betrachtend. Und diese Versehrtheit! Wenn sie noch unberührt wäre von den Küssen falscher Illusionen!

Rein wie ihre Lilien! Er müßte sie lieben, er müßte! (In ihrer Angst, ihn zu verlieren, vergaß sie, daß es für ihn ein Aeußeres am Menschen nicht gab). Aber häßlich und unrein wie sie war! Er konnte nicht seine Arme um sie legen, er, der Künstler vom Stamme der Zukünftigen. Da gabs nur eins: Resignation. Doch ein Vollweib wie Philippine! Resignieren auf etwas, heißt sich zu schwach bekennen, es zu erringen. Nein, die resignierte nicht. Eher starb sie. Nächte lang rannte sie in ihrer Stube auf und nieder. Sie zerquälte sich das Gehirn. Vermutungen und Entdeckungen, die sie gemacht zu haben glaubte, verwirrten ihren Kopf. Franz war warm gegen sie gewesen, und doch wieder, wenn sie alles in allem überdachte, eisigkalt. Natürlich, wenn seine Blicke ihr Gesicht streiften, mußte er eisig werden. Und dagegen gabs kein Mittel auf Erden. Mehr als einmal mochte er sich in der Seele gesagt haben: schade!

Schade! … Dieses Wort, das so manchmal zum Todesurteil eines menschlichen Glückes wird …

Aber nein. Sie wollte den glühenden Mantel ihres Willens um die Schultern sich schlagen und vor ihn hintreten mit dem lachenden Zauberspruch: und trotzdem.

Er mußte sie lieben, er mußte, denn mußte nicht auch sie ihn lieben?

Wenn er sie aber nicht aufheben sollte? Dann, ja dann …

Sie fühlte ihre Sinne schwinden.

Dann, ja dann …

Ohne ihn weiterleben? Unmöglich.

Das Ewige in ihr, der Zweite, blieb ruhig, und ließ den Ersten: das zappelnde Kind, gewähren.

Die Wangen von Purpur überflammt, vom Fieber geschüttelt, die Lippen blutrünstig, weil sie die Zähne hundertmal im Tage darein vergrub, um nicht aufzuschreien, so machte sie sich, einen Tändelschritt affektierend, nach dem Garten des Nachbars auf. Sie wußte nicht, was sie heute dort sagen sollte, um ihren inneren Sturm, der seinen Augen nicht verborgen bleiben konnte, zu rechtfertigen. Oder doch? Sie würde sagen: heute Nacht ist ein Reif gefallen, Sie ziehen nun in die Stadt, Sie haben ganz recht, dies zu thun, ebenso wie ich recht habe, zu sterben, wenn Sie fortgehen. Nein, das letztere würde sie nicht sagen, nein, das doch nicht.

Sie reichte ihre eiskalte Rechte Franz, der eben von einem Freunde Abschied nahm, von dem er besucht worden war. »Schade, daß Sie nicht früher kamen«, sagte er, die dargereichte Hand schüttelnd, »Ernst Leuchtenberg ist ein prächtiger Geselle.«

»Heute Nacht ist der erste Reif gefallen«, stammelte sie sinnlos.

»Jawohl, mein Vater hat es mir mitgeteilt, früh schon im Jahre.«

»Sie ziehen nun wohl bald nach der Stadt?«

»Ich weiß nicht, wahrscheinlich«, antwortete er gleichgültig.

Ihre Pulse hämmerten.

»Ich freue mich auf den Winter, er ist so schön auf dem Lande.«

»Werden Sie hier bleiben?«

»Gewiß, wo sollte ich sonst hin?«

Er verstummte.

Ihre Hände ballten sich krampfhaft …

Plötzlich sprang sie auf.

»Adieu Nachbar! Ich gehe wieder.«

»Warum so schnell?« fragte er aus seiner Sofaecke, wohin er sich eben niedergelassen hatte.

»Warum? … weil …«

»Was ist Ihnen widerfahren?«

Er erhob sich und trat zu ihr. Seine Augen ruhten über ihrem Haupte mit jenem seltsamen Blick, der ihr schon oft an ihm aufgefallen war.

»Warum glauben Sie, daß mir etwas widerfahren sei?«

»Ihre Stimme ist ja ganz verändert, meinen Sie das merkt man nicht?« »Ich habe mich erkältet … Schnupfen, … ich weiß nicht ….« »Ah so«, sagte er kurz, und kehrte auf seinen Platz zurück. Sie biß sich auf ihre wunden Lippen. »O werden Sie mir nicht ungeduldig, ich bin es ohnehin schon selbst –« »Ich bin ja nicht ungeduldig, nur solche Kindereien sollten Sie meiden, sie stehen Ihnen nicht.« »Mir stehen?!« lachte sie gepreßt. »Wissen Sie etwa, was mir stünde? ich wäre froh, wenn Sie es wüßten.«

»Die Ruhe«, sagte er einfach.

»Die Lüge, die Maske. Ich bin nie ruhig gewesen.«

»Vergeben Sie, das ist unrichtig. Ich verstehe mich auf Stimmen; die Ihre klang immer ruhig und rein. Ich liebte sie deshalb. Sie hatte etwas so unmittelbares, etwas wie … wie – Ihr Gesicht.«

Ein Peitschenschlag hätte Philippine nicht mehr zusammenzucken gemacht … Eine solche Niederträchtigkeit! Eine solche Perfidie! Und aus dem Munde eines Mannes, des Mannes, den sie liebte! …

»Ich kann nichts für meine Häßlichkeit«, sagte sie mit bleichgewordenen Wangen! Etwas ihr unbewußtes, kindisch Weinendes im Ton ihrer Worte machte ihn stutzen. Einen Augenblick blieb er stumm. Ein leichtes Rauschen nach der Thüre hin zeigte ihm, daß sie sich entfernte.

Seine Hand streckte sich flehend und gebieterisch nach ihr aus.

»Frau Philippine!«

Sie zauderte einen Augenblick, dann kehrte sie zurück und sank neben ihn in einen Sessel.

»Philippine!«

Ein Weinen, wie er es nie vernommen, stieg aus ihrer Brust.

»Philippine!«

Er zog sie neben sich.

»Bist Du denn nicht schön? Ist Deine Stirn nicht köstlich, gleichen Deine Augen nicht dem Mondschein, der auf weiten blauen Meeren ruht? Sind Deine Lippen nicht wie brennende Rosenkelche? Bist Du nicht schlank wie Deine Lilien? O Du bist ja so schön, so schön … Du weißt gar nicht wie schön …«

Ihre Augen waren groß aufgegangen, wie die des von den Menschen Verstoßenen, der sich elend dünkt, und am jüngsten Tage vernimmt, wie herrlich er sei ….

Und sie flüsterte mit irrem Lächeln:

»Ich schön, ich?«

Da stand er auf und legte seine Hände auf ihren Kopf:

»Ich bin blind, Philippine, und ich sehe Dich wie Du bist, nicht wie Du scheinst …« Sie lag vor ihm auf den Knien und er war doch so ruhig und bedurfte nicht ihrer von Liebe und Schmerz überströmenden Worte.

»Eine schwere Krankheit vor sechs Jahren, … aber ich bin zufrieden, vorher das Bild der Welt in mich aufgenommen zu haben. Nun kenne ich ja die Farben des Regenbogens, den Glanz der Gestirne. Aber ich kann Dir versichern, das, was man erblicken kann mit Hülfe der Netzhaut, ist nicht das letzte. Deshalb bin ich so ruhig, denn ich sehe ebenso gut, ja noch besser, als die anderen.«

»Und mich, mich siehst Du schön«, stammelte sie, seine Hände umklammernd.

»Ich sehe ein goldnes Band um Deine Stirne flattern, ein weißes Kleid Deinen Leib umschließen, Du gleichst in Deinen reinen herben Linien den Gestalten Martins, die mir so teuer sind … Du kennst ihn doch, den in die Lilie verliebten Maler des sinnenden Paris?«

»Ob ich ihn kenne! Aber – doch Du hast recht, Deinen Augen mag ich erscheinen wie seine lyratragenden Mädchen.«

»Ich will Dir sagen warum«, flüsterte er, zu ihrem Ohr sich beugend, »Du bist arm und schlank und weiß wie sie, denn das Glück hat Dich noch nicht schwanger gemacht …«

»Franz«, sagte eine Stimme und der Greis, der leise herangekommen war, schlang von rückwärts seine Arme um den Sohn.

Der Blinde lächelte.

»Komm mir zur Hülfe, Papa, man ärgert mich. Diese Frau hier behauptet häßlich zu sein, und ich finde sie so hübsch.« »Sie ist die Liebste«, sagte der Alte, sie in seine Arme ziehend. Und Franz fügte hinzu: »Und im nächsten Jahrhundert wird man ohne blind zu sein – sehen.«

»Mit den Augen des Zweiten«, ergänzte ihn Philippine, ein ahnendes Lächeln um die Lippen, auf denen noch Blutstropfen ihrer bettelnden Liebe standen.

In elfter Stunde

Herbststurm schnob um das Haus und blies mit pfauchendem Munde in den Kamin, daß das Feuer sich duckte und ungeduldig aufsprang, und die feine graue Holzasche in der Küche umherflog.

Maris Magdolna saß am Herde und schälte Kartoffeln. Sie hörte nicht das Pusten des polternden Gesellen, ihre Gedanken waren weit weg. Vor vierzehn Tagen hatte ihr Ilona, ihre Tochter, einen Enkel geschenkt. Den vierten Buben in den fünf Jahren ihrer Ehe. Wenn noch zwei kamen, stand der König Taufpathe, und es gab einen Dukaten königlichen Taufgeschenks. Das wäre so übel nicht, denn es ging ihnen nicht allzu üppig, den beiden jungen Leutchen. Leben konnten sie ja von ihrem winzigen Einkommen; aber wenn besondere Fälle hinzutraten? Freilich, warum auch an so etwas denken?

Waren sie nicht jung, und besaßen rüstige Arme? Ilona wusch für das Stuhlrichterische Haus in Lugos, sieben Kinder und eine kränkliche Frau, da gabs das ganze Jahr zu thun. So fein hatte sie's freilich nicht, wie Aranka, Maris' Schwiegertochter. Der Sohn war Pandur und bezog einen hübschen Monatsgehalt, nebst freier Wohnung.

Allerdings, das Leben eines Panduren!

Wer bürgt seiner Gattin dafür, daß ihn nicht morgen das Messer eines Landstreichers durchbohrt, oder die Rachsucht eines Zigeuners ihm heimlich Gift ins Getränk mischt? In manchen Gegenden Südungarns »arbeiten« Räuber und Wirte zusammen, genau so wie in Sizilien. Aber – brauchte man sich gleich das Aergste vorzustellen?

Maris Magdolna galt als frohgemute Frau. Sie war es auch. Nur heute, heute … lags am Wetter, oder an dem Ereignis der letzten Wochen, daß sie innerlich so aufgeregt war?

Heilige Maria! da hatte der Teufelssturm beinahe das Feuer ausgelöscht. Sie erhob sich rasch, und blies mit vollen Backen in die qualmenden Scheite.

Sie war ein kräftiges Weib, hochgewachsen, vom vielen Arbeiten schlank erhalten.

Ihr Gesicht war gebräunt, mit einem leichten Anflug von Bartflaum um den noch immer hübschen Mund. Haare und Augen waren dunkel, die ersteren von vielen Silberfäden durchzogen. Sie stellte den Topf auf den Rost, warf die geschälten Kartoffeln hinein, that einige Fingerspitzen Salz dazu, und ließ sich wieder auf ihren Stuhl nieder.

Nebenan lag ihr Stübchen, sauber, armselig, von jenem leisen Modergeruch erfüllt, wie ihn Räume, die selten benützt werden, zu haben pflegen. Thatsächlich hielt sie sich fast ständig in der Küche auf. Die Stube benützte sie nur zum Schlafen, seit dem Tode ihres Mannes. Es war kaum drei Monate her, daß ihn eine Lungenentzündung weggerafft hatte. Er war ebenso wie sein Schwiegersohn in den gräflich Pálfischen Forsten bedienstet gewesen. Er hatte getrunken, sein Weib geprügelt, hie und da ein Stück Geld beim Kartenspiel in der Csarda verloren, aber alles in allem: er war doch ein braver Mann gewesen.

Wohl hatten sie tüchtig arbeiten müssen, aber dafür besaß sie auch etliche hundert Gulden Erspartes. Heute brauchte sie nicht mehr zu sorgen. Ihr Gärtchen gab ihr Gemüse, ihre Kuh Milch, aus dem Schweinestall tönten die hoffnungsvollen Quikstimmen etlicher Ferkel.

Sie war keine arme Frau, mit ihren geringen Ansprüchen konnte sie sich sogar reich nennen …

Die Kartoffeln brodelten lustig im Topfe, bald waren sie gar. Maris setzte sich an den etwas verräuchert aussehenden Tisch in der Ecke und verzehrte ihr Mahl, das eine Schüssel saurer Milch vervollständigte. Es mundete ihr trefflich, sie leckte sauber den Löffel ab, und lehnte sich zufrieden in ihren Strohstuhl zurück.

Das Feuer brannte hell, denn sie hatte vorhin etliche mächtige Buchenscheite nachgelegt. Holz gabs ja hier die Fülle. Ringsumher lagen Wälder, nichts als Wälder. Eine halbe Stunde weiter hauste ein Forstgehülfe mit den seinen. Etwas rechts ab, gegen die Hügel zu, lag Lugos, das nächste Städtchen. Wenn man die Richtung zur Linken einschlug, immer dichter in den Wald, erblickte man bald die phantastischen Giebel des Pálfischen Jagdschlosses. So war Maris, obgleich einsam, doch ringsumher von Nachbarn umgeben.

Das Gefühl der Furcht kannte sie übrigens nicht. Das Rauschen der Bäume vor ihren Fenstern klang ihr beruhigend, wie Andern der Schritt der Patrouille nachts vor ihrem Hause.

Nachdem Maris sich ein wenig gerekelt, ein wenig gegähnt, ging sie nach dem Stall und schwatzte ein Weilchen mit ihren Tieren. Später schlüpfte sie in ihre Küche zurück, holte aus einem Schrank eine Flasche hervor, goß sich von der bräunlichen Flüssigkeit in ein Glas und leerte es in einem Zuge.

Danach wurden ihre Augen lebendiger, der Wachholder that immer seine Schuldigkeit …

Mittlererweile war es draußen stockfinster geworden. Maris zündete eine kleine Öllampe an mit jenem altväterischen grünen Schirm, der zum Auf- und Niederklappen ist, holte sich aus der Stube ein Strickzeug und begann zu arbeiten. Die Uhr nebenan schlug sieben. In einer Stunde konnte man Schlafen gehen. Sie fühlte schon jetzt Müdigkeit ihre Augen bewältigen. Die Strümpfe gehörten János, dem ältesten Sohn ihrer Tochter. Die hatte in diesem Augenblick wohl mehr zu thun als die Mutter. Bis die drei Rangen gesättigt und zu Bett gebracht waren! Das jüngste war ein gutes Kind. Ilona war am dritten Tag nach seiner Geburt schon wieder auf den Füßen. Ein Prachtweib! Maris Magdolna liebte sie heiß, aber trotzdem, zusammen wohnen mit ihr? Kindern zwei Mütter geben ist Unsinn, und sie wußte, sie würde nimmer davon lassen, die Buben nach ihrem Kopf erziehen zu wollen; erschien ihr doch Ilona selbst noch immer als Kind. Es war schon besser so, wenngleich sich nicht leugnen ließ, daß … hm, manche Tage unerträglich langsam verstrichen, trotz der Pflege des kleinen Haushalts. Wenn man noch brennende Sorgen um etwas gehabt hätte! Etwas, das die Gedanken ununterbrochen in Spannung erhielt! Aber – hm, den Kindern gings wohl, ihr auch, was sollte sie bekümmern, ausfüllen, beschäftigen? Sie war vor kurzem fünfzig Jahre alt geworden, fünfzig Jahre…. Das Strickzeug glitt lässig in ihren Schoß. Eigentlich ein merkwürdiges Alter für die Frau. Man ist fertig mit seinem Tagewerk, und entdeckt, daß man nicht im geringsten schon zum Schlafengehen Lust hat. Man setzt sich im Armstuhl zurecht und erwartet etwas. Aber – es kommt nichts …

Der Sturm sprang mitten in die brennenden Scheite, daß ein sprühender Funkenregen aufspritzte.

Maris Magdolna wandte erschreckt den Kopf nach dem Herde. Tolles Wetter! Rauch, Funken und Unruhe. Da und dort in der Ecke raunt und knackt es, graue Schatten tanzen über die rußigen Wände der Küche, das ist die Asche, die aufstäubt …

Fünfzig Jahre! Wenn der Mann noch lebt in einer Familie, oder wenn jüngere Kinder da sind, oder wenn man um Geld arbeiten muß, aber wenn keines von den dreien der Fall ist? Hm. Zwanzig, dreißig Jahre noch vor sich, heilige Maria, das ist eine lange Zeit! Eine merkwürdige Zeit! Etwas Kühles kroch über Maris' Schultern …

»Jedes Alter hat seine Pflichten«, hat der Schulmeister vor vierzig Jahren gesagt, »und euere Pflicht ist's, ruhig zu halten, wenn ich euch prügle, ihr Teufelsrangen.« Die Frau lächelte leise in der Erinnerung an jene Zeit. Aber gleich quälte sie wieder die frühere Frage.

Welche Pflicht hat das Weib mit fünfzig Jahren? Die Rosenernte ist ja vorbei. Man wird die Dienstmagd fremden Glückes. Man hilft Anderer Rosen einheimsen. Schließlich, sollte sie doch mit Ilona reden? Wegen der Kinder ließ es sich ja am Ende einrichten, sie würde bemüht sein, sich in deren Erziehung nicht einzumischen, ob aber der Schwiegersohn einverstanden war, wenn sie zu ihnen zog? Sie zweifelte daran. Hatte er doch schon oft geäußert, daß er zwar gerne sähe, wenn die Mutter sie ab und zu besuchte, aber für beständig zwei Frauenzimmer um sich zu haben, wäre des Guten zu viel u. s. w. Schließlich sei auch die Mutter eine alte Frau, und sie seien jung, und das tauge nicht zusammen. Ihr Sohn hatte die Mutter seiner Frau bei sich, sollte auch sie noch hinzuziehen? Zwei Schwiegermütter in einer Wirtschaft, heilige Maria, das ging nicht. Horch, hatte es nicht nebenan aufgeschrien? Natürlich! Dieses Teufelstier, die alte Sau, biß wieder ihr Jüngstes. Die Bestie, die! Was sie nur gegen das Ferkel hatte. Maris Magdolna erhob sich lauschend. Es war wieder ruhig geworden, bis auf das Brausen des Sturmes. Das Ferkel war so lieb, rosig und rund, und sauber, wie geleckt.

Die Frau trat zum Herd, und stocherte in der Glut. Sollte sie noch nachlegen oder das Feuer ausgehen lassen?

Nebenan schlug es halb acht.

Eigentlich konnte sie ja auch gleich schlafen gehen? Wer sagte ihr, daß sie bis acht warten mußte? Sie ging zur Thür, die ins Freie führte und legte die eiserne Kette vor. Dann trat sie zum Tisch und wollte die Lampe ergreifen, um hineinzugehen. Weiß Gott, sie fühlte heute so gar keinen Schlaf. So 'n Sturm macht alles unruhig, die Bäume und die Leute. Da, wie es wieder knarrte und winselte. Mein Gott, wer da draußen jetzt ohne Obdach herumirrte in dieser Nacht. Sie hatte es eigentlich doch gut, herrlich, hier in ihrer warmen Küche. Brauchte nur die Hand auszustrecken, um Brot und Schnaps zu erreichen, um die Decke von ihrem Bett fortzuziehen und in den mächtigen Eiderdaunenkissen zu versinken. Ja, sie hatte es gut, Essen und Trinken und Ausruhen nach Herzenslust, was wollte sie mehr? Ein schönes Leben, ein gutes Leben, ein ehrliches Leben. Am jüngsten Tag wird Christus sagen: Maris Magdolna, du hast deinen Mann und deine Kinder gut betreut, deine Tiere litten keine Not, du gingst jährlich zur Osterbeichte und sonntäglich zur Messe, hier ist die Krone des Lebens. Setze sie dreist auf, sie gebührt dir.

Die Thränen traten ihr in die Augen wie sie an all dieses dachte. Das wird sehr schön werden, wenn nur die Zeit bis dahin – die nächsten zwanzig, dreißig. … Sie war so gesund, hm, würde vielleicht noch länger leben.

Heilige Maria! Aber was grübelte sie, der Herr wirds zum Besten lenken … Ohne Lampe trat sie in die Stube, und kam mit einem grauschwarzen, verschlissenen Buch zurück. Wo dieses lag, wußten ihre Hände immer, auch im Dunkel. Sie hatte sich in eine Stimmung hineingebracht, die sie gerade nach diesem Buche greifen ließ.

Allerdings sei ehrlich gestanden: außer ihm besaß sie nur zwei andere: eine Räubergeschichte und ein Traumbuch, das ihr einst eine Nachbarin zu kaufen angeraten hatte. Maris Magdolna schlug die Bibel auf. Sie las mühsam. Ihr brauner Zeigefinger folgte immer dem Worte, das sie buchstabierend vor sich hinmurmelte.

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

Saget, die ihr erlöset seid durch den Herrn, die er aus der Not erlöset hat; und die er aus den Ländern zusammen gebracht hat, vom Aufgang, vom Niedergang, von Mitternacht, und vom Meer; die irre gingen in der Wüste, in ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, da sie wohnen konnten; hungrig und durstig, und ihre Seele verschmachtet; und sie zum Herrn riefen in ihrer Not, und er sie errettete aus ihren Aengsten; und führete sie einen richtigen Weg, daß sie gingen zur Stadt, da sie wohnen konnten, … … daß sie gingen zur Stadt, da sie wohnen konnten – –

In diesem Augenblick zischte die Flamme der Lampe hoch auf und erlosch. Die Frau fuhr erschreckt zusammen. Sie hatte wohl gestern überlegt, ob das Öl auch für heute langen würde, aber sie war zu faul gewesen, nach Lugos um neues zu gehen.

Während sie etwas ratlos nach Zündhölzern suchte, um noch einen Versuch mit der Lampe zu machen, ertönte ein Klopfen. Das Weib riß die Augen auf, und starrte auf die Thüre. Heilige Maria, wer konnte das sein?

So spät, und – sie, sie hatte kein Licht.

Einen Augenblick lang hörte sie nichts als das mächtige Hämmern ihres Herzens, dann reckte sie die kraftvollen Arme aus und schritt zur Thür.

»Wer da?«

Keine Antwort. Es war der Sturm, dachte sie erleichtert aufatmend, und trat an den Tisch zurück. Da pochte es abermals. Also doch jemand. Sie legte die Hände trichterförmig an den Mund. »Wer ist es, ich lasse keine Unbekannten bei Nacht in mein Haus.« »Es ist ein recht, recht müder Pilger, Frau, laßt mich ein wenig an euerem Herd ausruhen, ich bitte euch herzlich darum.«

Maris Magdolna horchte mit vornübergebeugtem Körper. Es war eine milde Stimme, aber auf das konnte man nichts geben, das Räubergesindel verstellte sich oft. Das Weib trat zum Herd, ergriff resolut die eiserne Ofengabel, und so bewaffnet, riß sie die Kette von der Thüre und öffnete. Ein hochgewachsener, in einen dunklen Mantel gehüllter Mann, lehnte an der Schwelle. Er hatte den Hut in der Hand und sie sah, wie der Sturm in seinem Haar wühlte.

»Was wollt ihr?«

Er schob sie sanft zurück und trat ein. Sie pflanzte sich hoch vor ihn hin und wehrte seinem Weitergehen. »Was wollt ihr?« »Ausruhen.« Und nach einem flüchtigen Blick auf sie, lächelnd:

»Leg doch dein schreckliches Mordinstrument fort, Frau, ich will dich nicht berauben.«

Sie sah ihn herausfordernd an.

»Das kann jeder sagen und mir stehts frei, es zu glauben oder nicht.« Und indem sie den Griff ihrer Waffe fester umklammerte: »ausruhen, in dieser Stunde, woher kommt ihr denn?«

»Ist kein Licht da?«

Er tappte mit ausgestreckten Händen zum Herde. Die letzten verglimmenden Scheite warfen rötliche Scheine über den dunklen Küchenraum. »Das Öl ist ausgegangen«, sagte Maris Magdolna gepreßt, »aber ich werde gleich hell haben.«

Sie tappte suchend an der Wand umher, zog einen Span aus der am Herde aufgestapelten Holzschicht, hielt ihn in die Glut und steckte ihn in den eisernen Ring an der Wand.

Da war es licht.

Der Fremde ließ langsam den Mantel niedergleiten und setzte sich auf den einen der beiden Strohstühle.

»Darf ich mich hier niederlassen, ich bin furchtbar müde.«

Sie starrte in das bleiche, vornehme Gesicht, auf die fein gekleidete Gestalt mit den schlanken, weißen Händen. Ihr Schrecken beruhigte sich. »Nun, fällt die Prüfung gut aus?« fragte er lächelnd ihren Blickend folgend. Sie errötete. »Ich bin ohne Mann.«

»Schäme dich nicht deiner Vorsicht, Wirtin, du bist doch ein unerschrocknes, tapferes Weib.«

»Haben euch Räuber verfolgt?«

»Ach was, Räuber! Hier giebts keine Räuber.« Dann gingen seine Augen groß auf, »ich komme vom Pálfischen Schlosse.« »Seid ihr am Ende gar einer der gräflichen Gäste und habt euch verirrt?«

Er antwortete nicht. Er drängte zurück, was er vielleicht gern ausgesprochen haben würde. Aber dieses schwerfällige, langsam erfassende Begriffsvermögen der Frau. Er hatte es sofort herausgespürt. Es würde ihr unendlich viel Mühe machen, ihm zu folgen, wahrscheinlich würde sie das überhaupt nicht können … So schwieg er, nur seine Blicke verrieten eine traurige Märe, ein Schicksal, das alte, blutige, mit dem immergleichen Ende. … Sie konnte ihre Augen nicht von ihm losreißen. Sie verstand ihn nicht und wurde wieder ängstlich. Da senkte er den Kopf und gewahrte die Bibel.

»Das Buch! brav von dir, brav.«

Eine Weile wars still, es schien, als sei er bemüht, über etwas in sich Herr zu werden, dann lächelte er plötzlich, glücklich wie ein Kind …

»Weib, Weib.«

Seine Arme streckten sich nach ihr aus. Sie fuhr bebend zurück. Voll Schreck, voll Abscheu …

Ah, also das hatte er vor …

Dieser Hund! Ihre Hände griffen instinktiv nach der Kante des

Herdes, wo ein Scheit Holz lag. Wenn er sie berührte, niederschlagen würde sie ihn, zu Brei schlagen, das stand fest.

»Was hast du denn?«

Die Ruhe seiner Stimme machte sie erröten.

»Ich bin die Mutter verheirateter Kinder.«

»O Gott!« Er sprang auf. »Das glaubst du, wolle ich von dir.«

Ihre Hände glitten nieder. Er trat dicht zu ihr hin, hob mit der Rechten ihr Kinn in die Höhe und blickte ihr in die Augen. »Frau, Frau, glaubst du denn, daß der Mann nur den einen Dienst vom Weibe verlangt? Geh doch …«

Sie senkte den Kopf.

»Was wollt ihr dann? Ihr seid nicht arm wie eure Kleider zeigen.«

»Nein, ich will weder ein Almosen, noch dich demütigen; meinst du nicht, daß es noch anderes giebt, was die Frau schenken kann?«

Maris Magdolna strich mit den Händen über die breiten Hüften.

»Nein.«

»Setz dich hierher.« Er rückte ihr den zweiten Strohstuhl hin. »Nein, näher, ganz zu mir.« Sie zögerte, trat unruhig von einem Fuß auf den andern, lachte gezwungen und warf endlich zornig den Kopf in den Nacken.

»Heilige – sagt endlich, was ihr eigentlich wollt. Das alles, was ihr da vorgebt, ist ein Herumgehen um den heißen Brei. Man dringt nicht des Nachts in ein Haus, wenn man gut angezogen ist und nicht verfolgt wird. Ich bin eine erfahrene Frau, mich täuscht keiner?« …

»Das war tapfer gesprochen, Wirtin. Du verlangst also eine Vorstellung in aller Form. Höre. Wie ich heiße, kann dir gleichgültig sein, denn morgen bin ich nicht mehr in dieser Gegend. Soviel will ich dir indes zu deiner Beruhigung sagen: ich stehe in naher Beziehung zu deinem Brodherrn –«

»Dem Herrn Grafen?«

»Ja, dem Herrn Grafen.«

Der Fremde sagte die letzten Worte mit besonderer Betonung.

»Und nun will ich aber auch wissen, wie du heißest.«

»Ach, euer Gnaden –«

»Unterstehe dich. Euer Gnaden ist nur der Herrgott. Ich bin ein sterblicher Mensch. Sage mir: Freund. Also wie heißest du, Wirtin?«

Sie nannte ihm ihren Namen.

»Maris Magdolna, setze dich zu mir.«

Nun ließ sie sich endlich neben ihm nieder.

»Gieb mir deine Hände.«

Sie wollte nicht recht. Seit heute morgen hatte sie sie nicht gewaschen, es mochte allerhand – hm, und er ein so feiner Herr … Mit einem Griff hatte er die beiden braunen Zögernden gefangen. »Kannst du mir jetzt ruhig in die Augen blicken oder hast du noch Mißtrauen in dir?« »Ihr seid … so seltsam, mein Lebenlang ist mir so etwas nicht vorgekommen.« …

Sie sah halbverschämt, halb nachdenklich vor sich hin.

Seine dunklen, strahlenden Augen ruhten mit weichem Ausdruck auf ihr. Und plötzlich hatten seine Arme ihren Nacken umschlungen, und sein Haupt lag an ihrer Brust.

Sie schrie leise auf und wollte sich losmachen.

»Warum bebst du denn, Maris Magdolna?« fragte er mit geschlossenen Lidern, »ich sagte dir ja schon, daß ich nichts Unrechtes von dir will. Sei doch still.« …

Sie zuckte unruhig auf ihrem Sessel hin und her.

»Aber – euer Gnaden, gnädiger Herr, Barátom, aber, aber …«

»Maris Magdolna, ich bin so müde, ich habe heute mit Leuten, die mir nahe standen, gebrochen, ich gehe in eine fremde Zukunft, laß mich meinen Kopf an eine Menschenbrust lehnen, ich brauchs.« Und als sie noch immer unruhig blieb: »Wie unrein muß das Weib sein, daß jede Berührung des Mannes gleich unlautere Befürchtungen in ihm erregt. Maris Magdolna, seid ihr Frauen nicht auch Menschen, die den Menschen im Manne verstehen können? Wir haben ja noch anderes in uns als jenen einen Trieb … Was erniedrigt ihr uns doch so tief … Maris Magdolna, verstehst du mich, sag?«

Sie hatte einen gesunden Verstand, weshalb sollte sie ihn nicht verstehen? Sie sah ihn mit heimlichen Staunen an.

Während er sprach, ruhte sein Kopf mit geschlossnen Augen an ihrer Schulter. Er sprach wie im Traum. Sein bleiches Gesicht mit der kühn geschwungenen Nase, dem schmallippigen Mund, war unendlich vornehm. Feiner Duft stieg aus seinen Haaren, seinen Kleidern.

Sie wagte sich nicht zu rühren … »Ja, ihr habt recht«, flüsterte sie mit schwerer Stimme, »ich … ich … ich glaube, ich verstehe euch, … aber …«

»Siehe, Maris, wenn hier keine Frau, sondern ein Mann wohnte, glaube mir, ich hätte dasselbe gethan, was ich jetzt thue; es drängte mich nach all dem, was ich dort oben erlebt«, er wies mit einer müden Handbewegung in die Richtung, wo das Schloß lag, »an einer schlichten Menschenbrust auszuruhen, denn mir ist sehr traurig zu Mute.«

Seine Lippen preßten sich fest aufeinander.

»Darf ich euch etwas Branntwein holen?«

»Sei ruhig.«

Sie schwieg zögernd und sah vor sich hin.

Der Span in dem eisernen Ring überm Herde verbreitete ein ungewisses, flackerndes Licht. Draußen hatte der Sturm nachgelassen, es war ganz still. Und hier, hier in der schwarzen, weiten Küche saß sie, Maris Magdolna, einen Mann in den Armen, einen Mann, den sie gar nicht kannte …

Sie betrachtete ihn heimlich.

Und da kroch langsam eine Empfindung, wie ein Schlänglein aus einer heißen Felsritze, aus ihrem Herzen. Und die Empfindung wurde zum Gedanken, zum Wunsche … Sie seufzte.

Der Ruhende schlug die Augen auf.

»An was dachtest du, Frau?«

»O nichts«, stammelte sie.

»Maris Magdolna, du dachtest an etwas.«

»Nein, nein …«

»Und doch dachtest du an etwas.«

Er setzte sich aufrecht; seine Augen warfen sich wie Haken in die ihren und zogen ihre Seele heraus.

»Maris Magdolna!«

»Ich dachte …« sie kehrte den Kopf von ihm ab, »wenn ich … jünger wäre …«

Da stand er auf und legte seine beiden Hände auf ihre Schultern.

»Also du haftest immer an dem einen? Frau, Frau, wenn du schön wie ein Teufel und heiß wie ein Seraph wärst, ich würde dich verachten, denn die Reinheit fehlt dir.«

Sie blickte ihn voll stummen Staunens an.

»Ich gehe wieder«, sagte er traurig.

Ihre Hände faßten seinen Arm.

»Geht nicht, geht nicht, sagt mir vorher, … ich … ich … glaube, ich hab euch doch nicht verstanden …« Sie fuhr sich über die Stirne.

Er sah mitleidig-gütig auf sie herab.

»Maris Magdolna, du hast noch viel Lebenszeit vor dir, jene köstlichen, stillen Jahre, da die Leidenschaft den Geist frei läßt, denke darüber nach, wie tief ihr den Mann erniedrigt, indem ihr in ihm nur das Raubtier erblickt, wie ihr Gottes Absichten vereitelt, der gesagt hat: wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, gehet ihr nimmermehr in mein Reich ein. Denke darüber nach, Maris Magdolna, lerne rein werden wie die Lilien am Felde und den unlautern Glauben deiner Seele überwinden.« Sie starrte ihn mit geöffnetem Munde an, sie verstand ihn und verstand ihn nicht. Er hob den am Boden liegenden Mantel auf, legte ihn langsam um die Schultern, und ging mit gesenktem Haupte hinaus.

Sie stand eine Weile starr auf demselben Flecke, und sah vor sich hin, und plötzlich stieg Glutröte in ihr braunes Gesicht. Mit einem Schritt war sie in der Kammer, warf einen Blick auf die Uhr, riß ihr Wolltuch aus dem Schrank, schlang es um sich, löschte den brennenden Span in der Küche aus, und trat ins Freie. Draußen lief sie ein Stück, als ihr einfiel, daß sie die Thüre unverschlossen gelassen hatte. Sie rannte zurück, versperrte die Hütte und eilte den stockfinsteren Waldweg entlang.

Sie strauchelte nicht, sie kannte jede Baumwurzel, jeden Stein am Wege, hatte sie doch in den langen Jahren ihres Lebens fast täglich diesen Weg gemacht.

Von ferne drangen ihr langgezogene, heisere Töne entgegen, dann Stimmengemurmel, endlich erblickte sie einen rötlichen Fleck inmitten des Walddunkels. Sie eilte darauf zu. Es war das Häuschen ihres Nachbars Artner, der vor kurzem Weinlese gehalten, und Most ausschänkte.

Im Flur lehnten einige betrunkne Burschen, und brüllten ihr etliche Witzworte zu. Einer wollte seinen Arm um sie schlingen, sie stieß ihn zurück, daß er an die Wand taumelte, und riß die Stubenthüre auf. Eine massige, graublaue Rauchwolke drang ihr entgegen. Ein Haufe johlender Bauern saß um einen langen Holztisch. Lachen vergoßnen Weines, halbleere Gläser, Scherben bedeckten denselben.

»Basszama, die Maris!« »Éljen, éljen Alte«, »schmuckes Liebchen, brauchst einen Mann?« »Sakerment –« von allen Seiten bot man ihr Wein an, sie sollte ihnen zutrinken. Sie focht mit den Armen um sich.

»Laßt mich in Frieden, Buben, wo ist der Wirt?«

»Hier«, rief ein kleiner, verwildert aussehender Bauer mit schwarzen lustigen Augen, »was willst du Magdolna, du weißt, ich liebe dich schon seit langem …«

»Ich dich auch«, entgegnete sie, einen Burschen auf die Hand schlagend, der sie am Kinne fassen wollte, »aber um das zu erfahren, kam ich nicht bei Nacht und Nebel zu dir. Hört, vor einer Stunde war ein Mensch bei mir, groß, schlank mit blassem Gesichte, und weißen Händen. Er war in einen schwarzen Mantel gehüllt. Ist einer von euch diesem Manne begegnet, kann mir jemand –«

»Das ist Graf Pista, hol mich der Teufel«, schrie der Wirt in die Hände klatschend, »seit drei Tagen wollen ihn hier Leute in der Gegend gesehen haben –«

»Graf Pista, des Herrn Bruder«, rief Maris erbleichend, »der ist doch – tot …«

»Hörtest du ihn schnaufen, oder war er –«

»Halts Maul«, donnerte der Wirt den Burschen an, »sag lieber du, was wollte er von dir, setz dich, setz dich Maris, und erzähle.«

»Laß, laß«, rief Magdolna ihn abwehrend, der ihr einen Sessel hinschob, »ich geh wieder, ich wollt nur wissen, ob ich geträumt habe, deine Auskunft indes – –«

»Hoho, laß mich erst reden, die Aufklärung folgt ja –«

»Was er gewollt hat«, antwortete sie auf die ihr von allen Seiten entgegengebrüllte Frage, »ausrasten wollte er, ausrasten, er schien müde, und sagte, er sei des Ausruhens bedürftig.«

Ein wüstes Gelächter erhob sich.

»Sonst wollte er nichts«, schrieen sie, »sonst nichts?«

Maris spie aus und ging nach der Thüre. Der Wirt sprang ihr nach.

»Komm doch einmal vormittags, Magdolna, wenn die drinnen«, er wies auf seine Gäste, »noch an der Arbeit sind, will dir auf alles Rede stehen.« Und dann neigte er sich an ihr Ohr. »Du weißt doch, daß das Gerücht, welches unser Graf aussprengen ließ: Graf Pista sei auf einer Meerfahrt ertrunken, ein falsches war. Der Graf verließ seine Familie, Meinungsverschiedenheiten wegen, wie man erzählt. Er wäre weit fort in ein fremdes Land, hat mir einmal der Büchsenspanner verraten, dort arbeitete er in einer kleinen Stadt bei einem Schreiner um Lohn. Vor kurzem, munkelt man, sei er zurückgekommen, um seine Vermögensansprüche geltend zu machen, nicht zu seinen eignen Gunsten, er wolle drüben einen Palast für arme Landsleute bauen, oder so etwas. Er ist eben hier oben –« der Wirt deutete auf seine Stirne, »nicht ganz geheuer.«

Maris Magdolna hatte aufmerksam zugehört, jetzt lachte sie klingend auf.

»Auf bald, Artnerbruder, auf bald.«

Ehe er noch Zeit gewonnen, ihren Gruß zu erwidern, war sie draußen im Dunkel verschwunden.

Graf Pista sollte es gewesen sein, hm, murmelte sie auf dem Heimwege. Und wie, wenn es – der Heiland war, der an ihrem Herde gesessen hatte? der Heiland, der Heiland …

Als sie die Thür ihrer Hütte aufschloß, drang ihr ein fremder, unendlich feiner Duft entgegen.

Wie, wenn es der Heiland gewesen wäre? …

Sie setzte sich an den kalten Herd und weinte.

Warum hatte sie ihn nur fortgehen lassen, warum mit ihren schmutzigen Gedanken besudelt? …

Warum, warum? …

O jetzt, auch wenn es nicht der Herr selbst, wenn es nur einer war, der in dessen Fußtapfen kam, mit stillen, aufgethanen Armen, würde sie ihm entgegentreten.

Ein Narr, sei der, meinte der Artner. Warum denn? Weil er die Elenden liebte, und aus seinem Grafenschloß zu den Armen niederstieg, um ihnen einen Palast zu bauen?

Ist nicht auch Christus aus seiner goldnen Herrlichkeit herabgekommen zu den Armen, um ihnen lichte Treppen zu bauen, die geradeswegs in das Reich seines göttlichen Vaters führen? …

Den nächsten Tag fütterte sie schon in aller Frühe ihre Tiere und begab sich dann auf den Weg zu ihrer Tochter. Sie mußte jemand ihr Herz ausschütten. Sie erzählte alles. Die junge Frau horchte auf, und schüttelte den Kopf. Es war doch ein gar zu seltsames Benehmen für einen Menschen, er wird wohl, – mehr als ein solcher gewesen sein. – – –

Als Maris Magdolna in ihr Häuschen heimkehrte, drang ihr eine Schaar pulsender Gedanken entgegen, setzte sich zu ihr, und redete mit lauten Stimmen. Und sie vergaß, daß sie einsam war. Das tönte, und fragte und antwortete um sie. Die Gedanken waren wie kleine, unschuldige, lärmende Kinder, mit süßen Stimmen. Maris Magdolna lächelte und – unterhielt sich.

Ob sie im Stalle stand, oder die rote Herdglut schürte, ob sie wusch, oder abends sich in ihre Daunen vergrub, er war überall um sie, der heilige selige Chor sie emporziehender Gedanken.

Sie wußte es gar nicht, welch königliches Gastgeschenk der Fremde, der eine Stunde an ihrem Herde geruht, ihr dagelassen hatte. –

Ihre Zukunft war plötzlich von einem Inhalt erfüllt worden. Die nächsten zwanzig, dreißig Jahre würden nicht leer sein. – Sie hatte etwas zu thun bekommen, eine Beschäftigung, eine Pflicht, sie mußte über etwas nachdenken, klar werden, sich schön machen für den jüngsten Tag, da sie den Heiland wiedersehen würde …

Im Frühjahr trat eines Tages ein Bauer bei ihr ein. »Ich stand«, berichtete er, »gestern in Lugos auf dem Markte, um meine Zwiebeln zu verkaufen, als ein feiner Herr auf mich zukam.

’Kennst du eine Frau, dieses Namens?‘ Er nannte den euern. ’Ja‘, antwortete ich, ’die kenne ich, sie ist des frühern Forstaufsehers Weib.‘ ’Bring ihr das‘, sagte er, und gab mir die Düte. ’Sie soll es sorgsam benutzen.‘ ’Aber meine Zwiebeln, Herr‘, wendete ich ein, ’wer wird sie indessen statt meiner verkaufen?‘ Da drückte er mir ein Goldstück in die Hand, dessen Wert das Zehnfache der Zwiebeln betrug. Ich wollte mich bedanken, doch er war schon im Gedränge verschwunden. Der Miska, dem ich unterwegs begegnete und alles erzählte, meinte, das müßte Graf Pista gewesen sein, den unser Herr hergerufen habe, um sich mit ihm zu versöhnen. Heute früh sollen die beiden Brüder abgereist sein.«

Maris Magdolna reichte dem Bauern ein Glas Schnaps, und ging dann, die Düte in zitternder Hand, in die Stube. Sie hatte geglaubt, Gold oder etwas von besonderem Schmuck, würde der Inhalt sein. Statt dessen waren es winzige Körner, irgend ein Blumensamen …

Sie saß lange Stunden vor der unscheinbaren Papierhülle und grübelte und grübelte …

Später setzte sie den Samen in ihrem Gärtchen ein. Nach langer Zeit drangen winzige Pflänzchen hervor. Sie wartete ihrer unermüdlich. Und sie wurden höher, immer höher. Und sie wuchsen der Sonne entgegen.

Lange, schmale Knospen trieben sie.

Und eines Morgens blickte ihr ein heiliges, wie silberner Schnee leuchtendes Blumenantlitz entgegen.

Die erste Lilie, die unter ihren Händen erwacht war.

Sie kniete still nieder vor der Blume. Und nun wußte sie es gewiß: kein Anderer als der Heiland konnte es gewesen sein, der bei ihr war, kein Anderer, und die weiße Königsblume sollte ihr seine Worte wiederholen.


Königin Judith

Die Welt war für ihn ein jubelndes Ja.

In seinem Lande herrschten zwei Gottheiten: Allah und Christus. Er aber war mächtiger als beide, denn er lebte. Und wenn die fahrenden Sänger, die aus den dinarischen Gebirgen niederstiegen, von Hof zu Hof ihre Heldenweisen erklingen ließen, vergaßen sie nicht, Kronios zu singen.

Er hatte nie eine ruhmwürdige That vollbracht, nie das Schwert geführt oder ein Gesetz gegründet, aber er war ein Fürst des Bösen, und der Teufel und Gott berühren sich ja in so vielen Stücken. –

Seinen Reichtum hatte er von seinem Vater geerbt, der als schöner, gefeierter Greis mit achtundneunzig Jahren gestorben war. Dieser hatte wieder von seinem Vater geerbt. Woher nun der die Goldbarren und Juwelenschätze besaß, konnte sich niemand erinnern. Wer wüßte auch mit Bestimmtheit anzugeben, woher sein Reichtum stamme? Meist ist es sehr gut, daß über der Quelle dieses Wissens – Gras gewachsen ist …

Kronios stand in dem Alter des Mannes, wo seine ihm bewußt gewordene Kraft wie ein schlummernder Blitz in ihm ruht, bereit, bei der ersten Willensregung hervorzubrechen, zu zünden …

Er hatte nur das Ja des Lebens vernommen.

Auf seinem Schlosse, das sieben Stunden südlich von Mostar, zwischen meilenweiten Wäldern lag, hatten sich die heitersten und mörderischsten Begebnisse ereignet. Meistens hatten sie gut geendet, denn ihr Held war stets – das Weib gewesen. Und Kronios mit seinen vierzig Jahren Erfahrung, die er in allen Ländern der Erde gesammelt und zu seinem Nutzen ausgebeutet hatte, mit seiner fürstlichen Schönheit, die er durch alle Zaubermittel der Kunst noch zu erhöhen wußte, siegte immer im aphrodisischen Kampfe.

Eines Tages hatte er wieder einen Weg durch die Welt unternommen.

In allen Städten war ihm das Ja erklungen von roten und blassen Lippen. Gelangweilt begab er sich auf den Heimweg. In der Hauptstadt Österreichs machte er Halt. Wiens Kavaliere hatten eben einen neuen Sport erfunden: das Abschlagen der Tischecken mit der Faust. Kronios besaß viele Freunde unter den Konkurrenten des Herrn Abs. Obzwar seine juwelenfunkelnden, weißen Hände sehr zart aussahen, verbarg sich doch viel Muskelkraft in ihnen.

Er hieb innerhalb vierzehn Tagen dreißig Tischen die Ecken ab. Nachdem er die Beglückwünschungen seiner gräflichen und prinzlichen Freunde entgegengenommen und diese zur nächsten Hochwildjagd auf seinen Gütern eingeladen hatte, reiste er nach Hause.

Unterwegs schlug er seinem Diener, der sich erlaubte, gegen eine unsinnige Laune seines Herrn Protest einzulegen, zwei Backenzähne ein. Und doch sehnte er sich nach Protest, und doch schrie alles in ihm nach dem Nein, dem einzigen Neuen, das für ihn auf der Welt war.

Einst schlenderte er, eine Flinte auf der Schulter, von seinem Lieblingshund begleitet, durch die Wälder. Er war in mißmutiges Sinnen versunken und dachte weder daran, zu schießen, noch irgend eine bestimmte Wegrichtung zu verfolgen. Plötzlich stand er auf einer holperigen Straße. Vor ihm lagen einige ärmliche Lehmhütten, von Aeckern umgeben.

Es war Ljubne, das nächste Dorf der zu seinen Liegenschaften zählenden Orte. Sein gleichgültiger Blick streifte leise angewidert die armseligen Behausungen der Leute. Er wollte umkehren, da gewahrte er etwas, das ihn fesselte.

Den Rücken ihm zugewandt, leicht nach vorne geneigt, stand die hohe, schlankhüftige Gestalt eines Mädchens im hellgrauen Rock, der fast weiß aussah. Eine Fülle tiefschwarzen, krausen Haares umgab ihr Haupt, von dem das Tuch herabgeglitten und zu Boden gefallen war. Sie grub Kartoffeln aus der Erde.

Kronios blickte sie prüfend an. Es war die Gestalt, die er bevorzugte, die Form, die ihm die liebste war. Wenn sie sich jetzt zurückwendete und ihm ein häßliches oder mißgestaltetes Gesicht zeigte! Er würde sie schlagen vor Wut.

Er schlich näher. In diesem Augenblicke kehrte sie sich heftig um. Sie sah die stolze Gestalt eines Mannes im Jagdanzuge vor sich. Blitzende, graue Augen über einer kühn geschwungenen Nase schauten nach ihr; der von einem seidenweichen Schnurrbart halbverborgene Mund lächelte …

Das war er, er, der Teufel von Mostar, kein anderer konnte es sein. Ihr entsetzter Blick hing einen Augenblick wie gebannt an ihm, dann hob sie zitternd die Hacke und grub weiter.

Er hatte sie angesehen, angesehen und war stehen geblieben. Seine Pupillen waren groß aufgegangen. Kein Wort kam über seine Lippen. Dann wandte er sich um.

Und ein Schauer lief durch seinen Leib … Judith hatte keine Eltern mehr und lebte bei ihrer Verwandten, einer armen Krämerin. Sie mußte im Feld arbeiten und manchmal nach Mostar hinüber, um Einkäufe zu machen.

Keiner that ihr etwas zu Leide, ihr Leben zu rauben, brachte niemand Gewinn, und das andere, was sie außer diesem besaß, war ihr behütet von dem Vorurteil, das die meisten Burschen gegen sie hatten: sie war Jüdin. In jener Gegend wollten weder Mohammedaner noch Christen mit den Juden gemeinsame Sache machen.

Deshalb fand auch die Ware der alten Zilla so kargen Absatz. Außer den paar jüdischen Familien, die bei ihr kauften, bedienten sich die Bauern nur in seltenen Fällen ihres Ladens.

Judith ging vom Haus auf das Feld und vom Feld nach Hause, ohne an weiteres zu denken.

Sie redete mit fast niemand. Bei den paar Glaubensgenossen in Ljubne achtete man sie um ihres Schweigens und ihrer Arbeitsamkeit willen.

Als Kronios nach Hause kam, ein leises Brennen auf seinen Wangen, überraschte ihn eine Depesche, die ihn in eine Raserei der Wut versetzte.

Ein Onkel von ihm war in Agram gestorben, und die Verwandten erwarteten ihn zum Leichenbegängnis. Da der Onkel schon tot war, nützte es nichts, ihm noch hunderttausend Tode auf den Hals zu wünschen. Kronios ließ einpacken und fuhr nach der weit gelegenen Bahnstatron. Unterwegs hatte er dem Kutscher befohlen, den Weg durch Ljubne zu nehmen. – – –

Der Onkel war in die Gruft seiner Väter gesenkt worden. Darauf folgten verschiedene Feste, wie es in jener Gegend nach Begräbnissen üblich ist.

Bei einem gemeinsamen Ausritt, den Kronios mit seinem Vetter machte, scheute sein Pferd und schleuderte ihn ab. Er hatte keinen weiteren Schaden genommen, nur das Schlüsselbein gebrochen. Verzweifelnd vor Unmut ließ er sich zu Bett bringen und tyrannisierte vierzehn Tage lang seine Umgebung auf die erfinderischste Weise. Nur manchmal zog es wie der Schein eines Friedens, einer kommenden Seligkeit über sein Antlitz, dann wurde er ruhig …

Judith schritt, ein Päckchen unterm Arm, auf der schmalen Straße längs des Waldes dahin. Sie hatte in Uika, dem nächsten Orte, einiges Geschäftliche zu besorgen.

Am Himmel zogen schwere Wolken herauf, und sie ging rascher, um noch vor Anbruch der Nacht und des Gewitters zurück zu sein.

In Uika erledigte sich alles zu ihrer Zufriedenheit. Frohgemut begab sie sich auf den Heimweg.

Es dunkelte bereits stark, und ein näher schallendes Grollen ließ das heraufziehende Gewitter ahnen. Nun galt's noch das letzte Stück Weges. In einer Stunde konnte sie zu Hause sein. Da raschelte es neben ihr und ein großer, grauhaariger Alter trat ihr in den Weg.

»Gott lohne Dir Deine Schönheit«, grüßte er.

Sie erwiderte nichts, denn Entsetzen lähmte ihre Zunge. Der Alte – im Dorf ging die Rede, er sei ein verkleidetes Weib – war das langjährige, erprobte Werkzeug Kronios', wenn dieser Gewaltthätiges vorhatte.

Sie sah dem Grauen starr in die Augen und begann zu laufen. Aber schon nach wenigen Schritten hatte er sie ergriffen.

»Wozu das?« sagte er mit leiser Verächtlichkeit. »Du weißt, sein Wunsch läuft schneller als Wind und Welle. Er verlangt nach Dir, also wehre Dich erst nicht, es wäre vergeblich.«

Sie wußte, daß dies richtig sei.

Deshalb schalteten die Mädchen in ihrer Litanei ein:

»Und vor dem Teufel von Mostar bewahre uns, o Herr!«

Wo hätte sie, das arme Judenkind, Hilfe oder Schutz suchen sollen? Nachher vielleicht … sie preßte die Zähne zusammen.

Ein Schreien nützte da nichts. Beim ersten Laut, den sie von sich gegeben hätte, würde das seidene Tuch, das er bereit hielt, ihren Schrei erstickt haben. Sich zur Wehre setzen, half ihr auch nicht, denn seine grobknochigen Händen waren den ihren an Kraft überlegen.

So ließ sie sich widerstandslos auf das im Dickicht harrende Pferd heben, das er hinter ihr bestieg. Sie galoppierten fort.

Nach einer Zeit, die ihr schnell wie ein Augenblick und doch endlos wie eine Ewigkeit erschienen war, hielten sie. Ein steinernes Gebäude erhob sich vor ihnen.

Ringsumher herrschte tiefes, nur von lautlosen Blitzen unterbrochenes Dunkel.

Ihr Begleiter hob sie vom Pferd und trug sie durch das Portal, über eine Treppe.

Hier legte sich ein Arm sanft um ihre Schultern.

Sie schlug die Augen auf. Eine Frau in reichen Gewändern geleitete sie zärtlich über einen mit Teppichen bedeckten, halb dunklen Gang. Am Ende desselben stieß sie eine Thür auf und zog Judith in ein Gemach.

Aus einem silbernen Waschbecken duftete laues, mit kostbaren Blumenessenzen durchtränktes Wasser ihr entgegen. »Wasche dir den Staub von der Stirne, mein Lämmchen«, bat die Frau, »hier ist ein Kamm, hier Nadeln, hier Kleider.«

Sie wies auf einen Haufen seidener Gewänder, die auf niedrigen, türkischen Divans ausgebreitet lagen. Eine rote Lampe ließ die Juwelen daran funkeln.

»Ich lasse Dich zehn Minuten allein. Nach dieser Zeit komme ich und hole Dich hinüber zu Deinem glücklichen Gebieter, der vor Ungeduld nach Dir schmachtet.«

Die Frau verschwand hinter einer Portière.

Als sie nach zehn Minuten wieder erschien, stand Judith noch an derselben Stelle, im selben Kleide, kalt, herb, unbeweglich.

Das Weib errötete vor Zorn.

»Warum gehorchtest Du nicht«, fragte es. »Du solltest Dich ja umkleiden.«

Judith antwortete nicht. Da nahm sie die Frau an der Hand, führte sie durch mehrere matt erleuchtete Prunkgemächer, schlug endlich einen schweren Vorhang zur Seite, ließ ihn hinter dem Mädchen herabgleiten und verschwand …

Zuerst ward's Nacht vor Judiths Augen … Eine von Duft und Wärme geschwängerte Atmosphäre drang ihr entgegen. Dann erblickte sie in dunkelblauen Samt bekleidete Wände, Sofas mit weichen, gleißenden Fellen, eine bronzene Räucherschale, von der Duftwolken aufstiegen, einen gedeckten Tisch, von Silber und Krystall blitzend, und endlich – – ihn.

Er trug einen kurzen, gelbseidenen Rock, von einem scharlachfarbenen Gürtel um die Mitte gehalten. Seine Füße staken in hohen, mit Spangen geschmückten Schuhen.

Und die Füße bewegten sich und trugen ihn ihr näher …

»Judith!«

Ein Flüstern wie von Geigen …

Ein Duften wie von Rosen aus den Sultansgärten am blauen Bosporus, ein Rauschen von Seide …

Hinsinken hätte sie müssen oder sich die Haare ausraufen vor Verzweiflung.

Sie schlug die Augen zu ihm auf.

Zum zweiten Mal sah er diese Augen auf sich gerichtet und der Schauer von neulich durchrann ihn wieder.

Sie war so weiß wie die Gardenien im Kruge, die dort dufteten. Das Haar über ihrer Stirn knisterte verräterisch. Und die Augen brannten wie in Todesglut.

Wahnsinn ergriff ihn.

Er faßte ihre Hand. Sie war eisig.

Dann trat er zum Tisch und goß eine purpurne Flüssigkeit in ein Glas.

»Trinke, Judith, Du sollst warm werden.«

»Nein, ich trinke nicht.«

Und wie er langsam das Glas zurückstellte, trat sie ihm einen Schritt näher. »Ich will doch trinken, Herr, gebt mir das Glas.« Er reichte es ihr froh. »Und diese Früchte, diese Früchte, locken sie Dich nicht? Pfirsiche aus Marseille, Trauben aus Tokay, Nüsse aus dem Kaukasus. Darf ich Dir eine Mandarine schälen? Sie sind heute aus Granada angekommen. Willst Du nicht Platz nehmen? Hier!«

Sie hatte das Glas Cypernweins langsam geleert.

»Ja, ich will Platz nehmen, aber nicht neben Euch, Euch gegenüber, damit ich – Euch besser sehe.« Vor seinen Augen begann es zu sprühen. Sollte er, sollte er … das letzte Kapitel zuerst zu lesen beginnen?

Aber er wußte aus Erfahrung, daß man sich durch den überstürzten Genuß seiner Lieblingsspeise um den Geschmack daran bringt … Nein, er wollte sich bezähmen, er, er …

»Stolze Bäuerin«, sagte er, um den Sturm seines Innern zu beschwichtigen, »stolze Bäuerin, warum hast Du die Kleider verschmäht, die ich Dir hinlegen ließ?«

»Ich habe mich noch nie mit getragenen Gewändern geschmückt.«

Ein Blitz der Freude fuhr über sein Antlitz.

»Du hast Rasse.«

»Dieses Kleid ist fast neu«, sie sah an sich herunter, »und es ist meine Lieblingsfarbe.« »Silberweiß oder hellgrau. Liebst Du denn nicht rot, die Farbe der Liebe?«

»Ich liebe nicht die Liebe, die rot ist.«

»Alle Liebe ist rot.«

»Nein, Herr, es giebt eine Liebe, die weiß ist, die verschwiegene, meertiefe …« »Judith!« Seine Augen griffen nach ihr. »Du, Du bist ein köstliches Weib. Weißt Du es?« »Ich habe über mich nie nachgesonnen. Seit meine Eltern tot

sind, mußte ich viel arbeiten, und früher war ich ein Kind, dem ein Apfel mehr zu denken gab, als sein eigen Ich.«

Kronios lehnte sich in die weichen Felle seines Divans zurück. Die Räucherschale dampfte, und die Karaffe vor ihm mit der blutroten Flüssigkeit wurde leerer.

»Trink«, sagte er, ihr Glas füllend.

»Ich trinke nicht mehr. Der zweite Schluck würde mir schaal schmecken.«

Er sah sie mit loderndem Blicke an.

»Woher hast Du diese Sprache, Mädchen? Du redest wie Frauen meines Standes.« »Eures Standes?« Sie schüttelte das Haupt. »Ein edler Freund meines Vaters – hundertjährig ist er gestorben – hat mich gelehrt, die Worte zu setzen. Worte sind Perlen, pflegte er zu sagen; schlecht gefaßt verlieren sie an Wirkung …«

»Wer war dieser Mann?«

»Sie sagten, er sei ein berühmter Rabbiner aus Syrien gewesen. Dort hatte er Zerwürfnisse und mußte fliehen. Er trieb sich lange in der Welt umher. Alt und krank ist er eines Tages zu uns gekommen; damals lebten noch meine Eltern …«

»Also daher die morgenländischen Glutfarben deiner Rede.«

»Ich lese auch viel in der Bibel.«

»Und berauschest Dich an der Vergangenheit Deines Volkes. Aber jetzt sollst Du Dich an der Gegenwart berauschen, Judith.« Er erhob sich, legte den Arm um sie und sah in ihr Gesicht. Sie bewegte kaum die Wimpern. »Wollt Ihr Euch nicht auf Euern frühern Platz begeben, Herr? Habt Ihr keine Harfe?« »Eine Harfe? Nein, aber einen Flügel, doch Du kannst sicher nicht Musik darauf machen.« »Nein, auf keinem Instrument. Ich wollte die Harfe auch nicht in meinen, sondern in Euern Händen sehen.«

»In meinen …?«

»Ihr erinnert mich an David. Euer goldnes Kleid, Euer Gürtel – – « »Du meinst den König, der die Psalmen erfand?«

»Den meine ich, ja; er hatte alles, nur eins nicht …«

»Was war das?«

»Hunger.«

»Ah! Wahrhaftig! Aber siehe, ich bin nicht David, ich habe Hunger … nach Dir.«

Er kauerte sich neben den Perlmutterstuhl, auf dem sie saß.

»Wollt Ihr nicht auf Euern früheren Platz gehen, Herr?«

»Nein, Judith.«

»So zeigt mir etwas Hübsches.«

»Das will ich.« Er schlang den Arm um sie. Sie blieb unbeweglich sitzen.

»Ich dachte, Ihr seid ein reicher Herr; Ihr habt also bloß eins zu zeigen.« Seine Augen lohten auf. Der erhobne Arm glitt herab. »Verstehst Du Dich auf Juwelen?« »Ich glaube.« Er erhob sich und brachte ein goldnes Kästchen mit köstlichem Geschmeide und Edelsteinen her.

»Woher habt Ihr das alles?«

»Geerbt, geschenkt erhalten.«

»Es sind schöne Steine. Wer wird sie nach Euerm Tod besitzen?«

Ein Schatten flog über Kronios' Gesicht.

»Ich weiß nicht; das ist mir auch gleichgültig.«

»Mir wäre es das nicht. Wenn ich stürbe, müßte ich alles mit mir nehmen, was ich im Leben liebte, selbst den Rubin, der an Freudentagen meine Stirne geschmückt hat. Aber nehmt die gleißenden Steine fort, sie ermüden meine Augen.«

Er schob das Kästchen weg; sie erhob sich.

»Das Gemach ist schön, aber zu warm. Man möchte glauben, ein Greis wohnt hier.«

Kronios' Brauen schoben sich zusammen.

Eine seltsame Sprache führte dieses Mädchen. Sie stand in der Mitte des Zimmers in ihrer hohen, schlanken, starren Größe und sah um sich. Etwas Fremdes umgab sie, etwas Herrisches. Noch kein Weib hatte hier mit dieser Miene gestanden. Alle hatten gebebt, gejauchzt, geweint auf diesen seidnen Pfühlen, gerichtet hatte noch keine.

Er sah stumm auf sie. Ein Neues, ein Typus, den er noch nicht kannte. Oder war es kein Typus, nur eine Einzelerscheinung?

In jedem Falle war er ihr dankbar.

Eine noch unerklungene Note …!

»Wozu habt Ihr so viel Schmuck in diesem Zimmer? Damit es verblendet, nicht wahr?« »Judith«, sagte er erstaunt, und schlang den Arm um sie. Seine Stirne stand in gleicher Höhe mit der ihren. »Bist Du groß!«

»Seht Ihr das erst heute? Ja, von dem Schmuck sprachen wir. Warum schmückt Ihr das Zimmer so, in dem Ihr – Siege feiern wollt? Ich an Euerer Stelle …«

Sie lachte mit einem tiefen, heißen Lachen.

»Was würdest Du?« fragte er, den Atem anhaltend.

»Hinaus mit all den Herrlichkeiten, den Teppichen und Fellen, den silbernen Dreifüßen und goldenen Schränkchen, hinaus mit den Duftschalen; nichts als dürftige Kahlheit dürfte hier sein, aber in ihrer Mitte würde ich stehen, ich, ich, ich, und der Sieg würde vor mich hinknien und meine Füße küssen …«

Ihr Antlitz brannte in weißer Blässe.

Seine Nüstern flogen, das Herz in seiner Brust schrie vor Glück und Erstaunen.

»Königin Judith, komm«, stammelte es mit erstickter Stimme.

»Wohin?«

»Hier herein …«

Er schlug einen goldgestickten Vorhang zur Seite. In rosafarbnen Scheinen lag ein Raum da, dessen Mitte ein Lager einnahm, schimmernd in weißer Seide und Purpurstoffen.

»Euer Schlafgemach. Ein Aufgebot von Glanz! Ihr braucht ihn also überall. Er ist Euere Krücke. Ohne ihn …« »Meinst Du«, fragte er flammend, »man erkennt den König auch ohne Krone?«

»Dann thut sie doch weg.«

»Aber die meisten wollen ihn nicht ohne sie.«

»Wer sind diese?«

»Deine – Schwestern.«

»Ich habe keine Schwestern.«

Sie reckte sich höher.

Das war anders, als er sich's vorgestellt hatte. Ganz anders. Dieses Mädchen, die Jüdin vom Acker der Zilla!

»Königin Judith«, murmelte er, in heißem Entzücken seine Blicke über sie gleiten lassend.

»Königin ohne Krone im Arbeitskittel …«

Und er dringender:

»Judith!«

»Ihr bettelt!«

»Mädchen!«

Seine Blicke lohten zornig auf. Dann, um ihrer Herrlichkeit ein

Ende zu machen, der Herrlichkeit, die einen lähmenden Zauber auf ihn ausübte, flüsterte er ihr ein Wort ins Ohr. »Schlafen gehen? Ja. Aber zuvor laßt mich mein Nachtgebet beten, wie ich's allabendlich thue.« Ehe er das spöttische Wort aussprach, das er aussprechen wollte, hatte sie sich mit ausgebreiteten Armen zu Boden geworfen.

»Herr des Himmels, tränke mich mit Deiner Kraft, damit ich hart werde wie der Keil Deines Grimmes, der die Burgen der Feinde zerschmettert! Herr des Himmels, erhitze mich am Feuer Deiner Flammen, damit ich werde wie Dein sengender Blitz, der die ehernen Herzen Deiner Hasser zerschmilzt! Herr des Himmels, gieße Deinen Sturm in mich, der mit reißenden Händen die Stärke Deiner Widersacher zu Boden streckt!« Sie erhob sich mit geschlossenen Augen und begann sich zu entkleiden. Zuerst die groben Lederschuhe, dann das graue Gewand, dann den roten Rock der Ljubnerinnen.

»Schmücke meine Stirne mit dem Edelstein Deiner Wachsamkeit, denn ich bin machtlos, siegle meine Lippen mit dem Kuß des Herrschers, der sich tränket aus unberührten Gewässern!«

Das letzte Stück fiel … Mit dem weißen Gesichte und den geschlossenen Augen streckte sie sich auf das Lager des goldnen Kronios. Ihr grobes Hemd, das die keusche Brust bis zum Halse verhüllte, blickte befremdend aus dem Spitzengeriesel der seidenen Pfühle. Ihre Hand hob sich langsam zum Haupte, um die Nadeln aus dem Haare zu ziehen.

In seinem dunklen Reichtum quoll es nieder.

Und nun lag sie da in ihrer ganzen wehrlosen Jungfräulichkeit, mit dem weißen Gesichte und den geschlossenen Augen, auf der Stirne einen Zug übermenschlicher Hoheit. Sie hatte etwas Erschreckendes an sich, Flammen, die man nicht sah, aber fühlte.

Kronios stand reglos in der Mitte seines Gemachs. Ihm war, als röche er Weihrauchduft, als tönten Orgelklänge um ihn … als sei er wieder ein Kind, das an der Seite des Großvaters im vergoldeten Betstuhl der Kronios in Mostar saß. Er wollte lachen und konnte nicht, er wollte – Mann sein und brachte es nicht weiter, als daß er vor dem bleichen Weibe, das auf seinem Lager ruhte, aufs Knie sank.

Sie legte ihre Hand auf sein Haupt.

»Betest Du nie zu Nacht, Kronios?«

Er antwortete nicht, er konnte nicht. Er neigte sein Haupt unter ihrer Hand. Und auf einmal quoll heißes Weh in ihm auf … ein wildes Sehnen nach etwas. Er schob rauh ihre Finger herab und stand auf. Sein Fuß stieß an einen ihrer groben Schuhe. Er wollte lächeln. Er fuhr mit der weichen, juwelengeschmückten Hand über das rauhe Tuch ihres Rockes, um zu sich zu kommen, um sich zu erinnern, daß ein irdisches Weib, ein Weib mit klopfendem Blut in den Adern, auf seinem Lager ruhte; aber die kalte Majestät, die von den Pfühlen dort ausging, lähmte seine Bemühung. Er trat ans Fenster und legte die Stirne an die Scheiben. Seine Gedanken glichen eben noch blühenden Blumen, die ein Sturm ausgerissen hat. Sie wirbelten in seinem Kopfe herum, er konnte keinen von ihnen haschen, sich erklären. Er legte die Hände an die Schläfen. Und plötzlich wandte er sich um, in erwachendem Grimm.

Er stürzte an das Lager.

Sie ruhte unbeweglich in ihrer vorigen Stellung, atmender Marmor.

»Judith«, schrie er, mit aufblitzenden Augen, »zitterst Du nicht vor mir?«

Da schlug sie langsam die Wimpern auf.

»Nein, Kronios, warum sollte ich Euch fürchten?«

Ihr Blick durchdrang ihn mit der Ernsthaftigkeit und Reinheit eines betenden Kindes.

Seine Hände glitten schlaff herab.

Er senkte die Stirne.

Und dann, nach einer Pause, tönt es leise, ganz leise, als schäme sich das Wort seines Zeugers: »Steh auf, Mädchen!« … Er trat wieder ans Fenster. Ein grauer Schimmer stieg über den Wäldern empor. Die Bäume

begannen ein leises Zwiegespräch. Der Tag fing an zu erwachen.

Sein Tag von Damaskus …

Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Die Bäuerin vom Acker der Zilla stand vor ihm. Das Tuch lag wieder züchtig auf ihrem Haupte und verbarg ihr Haar. Ihr weißes Antlitz blickte ihm ruhig entgegen.

»Lebt wohl, Kronios!«

»Du gehst«, sagte er hochaufatmend und starrte sie an.

»Fürchtest Du Dich nicht? Noch ist es fast Nacht.«

»Ich fürchte nichts.«

»Weißt Du wo hinaus?«

»Nein.«

»Dann … Du … Du gehst also wirklich?«

Um seine Lippen zuckte es.

»So komm, komm!«

Er schritt ihr voraus durch eine Reihe schwach erhellter Gemächer. Zuletzt öffnete er eine Thüre. Sie führte auf eine steinerne Treppe, die ins Freie ging.

»Lebt wohl«, sagte Judith.

»Nein, warte, … ich will Dich geleiten«, er sprang ins Zimmer zurück, riß den seidenen Stoff, der einen Divan bedeckte, an sich und hüllte seine Schultern darein.

»Und noch etwas, hier in diesem Kasten, … warte«, das Schloß gab dem Druck seines Fingers nach, »hier ist eine Pistole, für den Fall, daß Du eine unliebsame Begegnung hast; sie ist geladen … es ist Nacht, vertheidige Dich, weißt Du auch den Weg? Zwei Stunden zuerst steil, dann sachte …«

»Ich kenne Euere Wälder, Kronios, als Kind spielte ich oft hier in der Nähe Eueres Schlosses.«

Sie öffnete die Thüre und trat hinaus.

Er folgte ihr.

»Ein Stück laß mich an Deiner Seite gehen …«

Und als sie unten waren, gab er ihr die Richtung an, die sie einschlagen sollte. Und dann schritt er noch eine Weile neben ihr hin.

»Nun kehre ich um. Königin Judith!«

Sie standen einander gegenüber.

»Eine letzte Bitte! Laß mich … Deine Lippen küssen, Mädchen!« Ihre Augen lohen auf. »Ich bin kein Mädchen. Seit acht Tagen bin ich das Weib des Jussuf.«

Er taumelt zurück.

Jetzt kann er das Königliche ihrer Reinheit erfassen, das bewußte Tragen ihres Szepters …

»Warum sagtest Du mir das nicht früher?«

»Weshalb hätte ich es thun sollen?« Ihre Augen blitzen.

»Nur eine Wissende konnte Dich überwinden, Kronios.«

Ein zitterndes Rot strömt in sein Gesicht.

Er möchte sie niederschlagen und gleichzeitig die Sohlen an ihren Schuhen küssen.

Mit abgewendetem Gesichte sagt er:

»Leb wohl, Judith!« Und dann ganz leise: »Du hast ihn wohl lieb … sehr lieb?« … »Ja, ich liebe ihn.« Die ganze einkrallende Sinnlichkeit und schamrote Keuschheit,

mit der nur ein jüdisch Weib lieben kann, zittert aus ihrer Stimme. »Und er wird Dir … diese Nacht … glauben …« Da schreit sie auf.

Diese Nacht – glauben! O Gott! Wenn er es nicht thut, … wenn nicht, daran hat sie noch nicht gedacht, nein. Ihre Augen weiten sich, sie beginnt zu laufen, … wenn er ihr nicht glaubt, wenn nicht, … wenn nicht …!

Jener Teufel, der sie um ihr Glück gebracht hat, um ihre verschwiegene, weiße, meertiefe Liebe, weil sie seinen Augen behagte!!

Kurze, abgebrochene Schreie stößt ihr Mund aus, das Tuch gleitet von ihrem Haar, die schwarzen Strähne flattern um ihre Stirne, … sie ist ganz Nerv, ganz Stöhnen, ganz zuckendes, schreiendes Leben, Haß, tobender, besinnungsloser, ekstatischer … Plötzlich wendet sie sich und eilt zurück, ein Stück Weges und noch eins … dort, dort steht er an einen Baum gelehnt, ein Lächeln der Sehnsucht um die Lippen … sie kreischt auf, wirft die Arme empor, reißt ihre Waffe heraus, und schießt ihn mitten in die Brust.

»Königin Judith!« Aus seinen brechenden Augen trifft sie ein Blick heißer Liebe, der ersten Liebe des goldenen Kronios …