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Maria Janitschek – Raoul und Irene.

Erzählung

Maria Janitschek, Raoul und Irene, S. Fischer Verlag, Berlin, 1897

I.

Sie weinen um mich, schöne Gräfin. Thun Sie es lieber nicht. Oder – wenn es Ihnen Erleichterung schafft, weinen Sie. Es giebt viel Beweinenswertes in der Welt. Nur bemühen Sie sich nicht zu glauben, dass Sie – um mich weinen.

Kennen Sie mich denn? Wer bin ich für Sie? Etwa Raoul von Starewski, der ich für meinen Vater und meine Freunde bin? Raoul, den seine Getreuen »Amaury« nennen, für den die kleinen Mädchen in Chrzanow beten: bekehre ihn o Herr!? Raoul, der bereits etwas über ein halb Dutzend Rencontres hatte, obschon er erst jüngst seinen zwanzigsten Geburtstag feierte? Raoul, der seit einem halben Jahre das Glück geniesst – nein, das will ich Ihnen einige Seiten später gestehen. – – – –

Hören Sie, Stanisla, es thut mir leid, dass Sie einen so unverzeihlichen Fehler gegen die Etikette begingen, aber dass ich es Ihnen sage: Sie haben mit einem Ihnen ganz Unbekannten zu Tisch gesessen, ihm Ihre heissen Liebeslieder gesungen, für ihn die schimmernden Brillanten Ihrer Urahne in Ihr schwarzes Haar gestreut. Stanisla, Sie haben einem Fremden Ihre Liebe geschenkt. Sie sind schön, jung, Ihr Wappen reicht in ferne Jahrhunderte hinab, Sie sind der Augapfel Ihrer Eltern, leider auch meines Vaters, der deshalb Ihren – Irrthum begünstigt. Es wäre jammerschade um Sie, wenn Sie – unglücklich würden. Ich will so grossmütig sein Sie zu retten, indem ich – mich aller Aureolen entäussere, die Ihre weisse Comtessenliebe um mein Haupt gewunden hat.

Ich will mir die Ehre geben, mich Ihnen vorzustellen, ohne Lackschuhe und Claque, ohne den Resedaduft süsser Gespräche, die man mit jungen Damen führt. Stanisla, ich will Ihnen die Puppe wegnehmen, die Sie in mir zu lieben glaubten, und den Mann Ihnen zeigen, den Sie – nicht lieben werden, wenigstens, nach meiner Ueberzeugung nicht. Ihr Herz wird zucken, aber den Arzt kümmert das Aufbäumen seines Kranken nicht, wenn er durch die Operation nur Heilung erzielt.

Ich will meine innern und äusseren Erlebnisse, während des Jahres das ich hier studiren soll, aufzeichnen und Ihnen am Ende der zwei Semester senden. Als erste Freiheit die ich mir nach der Vorstellung meines Ich gestatte: ich will ehrlich sein. So beginne ich gleich mit einem Geständnis. Ich liebe Sie, Stanisla, aber – wie man eine Freundin liebt. Liebte ich Sie anders, so könnte ich allerdings nicht so reden wie ich rede, ich müsste mich vor Ihnen aufputzen, wenigstens bis – nach dem Sündenfall. Ich müsste davor zittern meine wahren Züge zu zeigen, die Ihnen etwa anstössig, und mithin der Vermehrung unserer Rasse irgendwie hinderlich sein könnten. Die Welt und Ihre Erzieherin werden schreien: welche Infamie! er ruinirt dieses reine Mädchengemüt durch die Aufzählung seiner Schandthaten.

Mais non, mes dames. Ich bin kein Betrüger, der sich als Gott zu einem Mädchen einschleicht, um es als – Bock zu verlassen.

Auf Wiedersehen sans masque! . . . . .

* * *

In dieser deutschen Stadt, in der nach Aussa­ge Sachverständiger die berühmtesten Rechtslehrer dociren, ists recht langweilig. Ob es nötig für mich war, in den Hörsälen durch meine Abwesenheit zu glänzen?

Hätte ich das von Chrzanow aus nicht eben so gut besorgen können?

Oder erwartet mein Vater wirklich, dass ich wie ein künftiger Hauslehrer Collegienhefte ausfülle?

Ueberdies stehen unserer Familie seit langen Jahren vortreffliche Rechtsbeistände zur Seite, die mir genugsam praktische Winke geben können, wenn es sich einmal um die Verwaltung meiner Güter handelt. Vor der Hand ist Papa noch ein rüstiger Mann, und denkt nicht daran den Deckel von unserer Gruft zu lüften. Nun ich erfüllte den Wunsch des Alten und bin hier.

Wladi habe ich eine Tagereise vor L. wieder nach Hause geschickt. Meine Tante meint, weil sie nicht ohne Zofe reisen kann, würde auch ich meines Dieners nicht entraten können, und drängte mir den Lümmel auf. Er vergoss Thränen wie ein Quellbrunn Wasser, als ich in – Alexandrowo, heisst glaube ich die Station, zu ihm sagte: »Nun linksum Wladi, sieh zu ob der Skriwanek die Kirschen auch alle abgenommen hat, der Kerl pflegt absichtlich die Hälfte hängen zu lassen, damit seine Rangen zur Nachtzeit sie pflücken können.« Wladi hatte sich vorgestellt zwölf Monate bei mir faulenzen zu dürfen, und nun nach achtundvierzig Stunden schon zurück!

Aber warum soll ich den Tölpel überall hinter mir herschleppen? Weshalb sein Bedientengehirn in mein Thun und Treiben einweihen?

Hier bin ich in einem Hotel abgestiegen in dem ich wahrscheinlich für die ganze Dauer meines Aufenthalts wohnen bleiben würde, wenn nicht ein Uebelstand mich daraus vertriebe: der beständige Speisengeruch, der Zimmer und Corridore erfüllt. Solche Brutalität erträgt meine Nase nicht.

Ich habe ein Arbeits- und Schlafzimmer gemietet. Das erstere nennen sie hier hartnäckig »Salon«, trotzdem sich ein Kleiderschrank und Schreibtisch darin befinden. Die Familie bei der ich wohne zählt zu den besseren Ständen. Papa arbeitet auf irgend einem Bureau, Mama und ein Dienstmädchen besorgen das Haus, die Tochter »studirt«, das heisst sie geht mit einer Musikmappe unterm Arm in eine Gesangschule und wimmert Opernarien.

Es ist interessant das intimere Leben der Deutschen zu beobachten. Wir haben aus unsern Büchern her ganz falsche Begriffe von ihnen. Ich fühle schon jetzt, ich werde wenig zum »Hören« kommen. Die andern Studien werden mich sehr in Anspruch nehmen. Anthropologie ist auch eine Wissenschaft. –

Vor der Hand habe ich mich für drei Collegia einschreiben lassen. Statistik, Nationalökonomie und Völkerrecht. Man findet dass ich für einen Polen sehr gut deutsch spreche. Als ob in der Krakauer Gegend nicht die Söhne aller besseren Familien deutsch verstünden!

Seit mehreren Tagen habe ich nun auch Landsleute kennen gelernt, die hier studiren. Sie wollten mich in einen »Polenclub« schleppen. Ich bin froh, neuen Physiognomien zu begegnen, eine mir im Grunde doch fremde Sprache zu hören, da sollt ich nun wieder den alten Brei aufwärmen, den ich vorgestern verlassen!

Ich liess meine Landsleute »abwimmeln«, wie man das hier bezeichnend nennt.

Meiner alten Gewohnheit gemäss stehe ich spät auf. Hier eigentlich schon früher als zu Hause, bald nach elf Uhr. Um sechs dinire ich bei Spohn, Abends besuche ich die Oper, er das Schauspielhaus. Professor Raudnitz hat die üble Gewohnheit von zehn bis elf Uhr Colleg zu lesen. Ich setzte voraus, dass er dies vor leeren Bänken thun würde. Des Curiosums wegen ging ich eines Morgens dahin, und siehe da – der Saal war dicht gedrängt von Studenten. Was für brave Leute! Sogar ein Prinz soll sich darunter befinden, der jeden Morgen pünktlich vor dem Collegienhaus vorfährt.

Ich werde meine Wohnung wieder verlassen müssen. Das Staccato Fräulein Elviras stört mich. (Die Tochter meiner Wirtin.) Wenn die junge Dame sonst besonders anziehend wäre . . . . Vielleicht würde ich mir einen patentirten Ohrenverschluss (bei den Deutschen ist alles patentirt) kommen lassen, aber diese künftige Operndiva ist mir unausstehlich. Sie ist nicht viel weniger als sechs Schuh hoch, flachsblond und hat die schönsten Zähne, die ich in meinem Leben gesehen. Deshalb lacht sie sehr viel mit etwas forcirt weit geöffnetem Mund. Mich ärgert das schrecklich, denn ihr Odem macht mich nervös. Er riecht nach frisch gemolkener Milch. Die Ergründung dieses Geruchsgeheimnisses überlasse ich physiologisch Gebildeteren als ich es bin. Factum ist nur, dass dieser Duft mich beinahe ohnmächtig macht, obgleich ich ja zugebe, dass es ein respectables Zeichen ist, wenn eine angehende Opernsängerin diesen Geruch der Unschuld an sich hat. Aber –

In unserm Jahrzehnt liebt man mit der Nase. Ich wenigstens. Das erste am Weibe ist mir sein Geruch. O wie liebe ich die Kokette, die, ohne gegen die Regeln des guten Geschmacks zu verstossen, irgend ein kleines, heimliches Veilchen in den Falten ihrer Corsage, oder einen Tropfen flüssiger Marschall Nielrose in den Spitzen ihres seidnen Unterröckchens trägt!

Heute bat mich Mama Eilert mit Thränen in den Augen, ich möchte meinen Entschluss von ihr fortzuziehen zurücknehmen. Ihre Tochter würde bei einer Freundin üben, etc. Sie weihte mich gleich in die Geheimnisse ihres Hauses, ihrer Sorgen ein. Ihr Mann hat nur so und so viel Einkommen, und die musikalische Ausbildung der Tochter kostet sie so und so viel. »Eh bien,« sagte ich, »wenn Ihre Tochter wo anders ihre Uebungen machen will – und« beinahe hätte ich noch etwas hinzu gesetzt, »so bleibe ich wohnen.«

Meine Güte der Hauswirtin gegenüber trug mir wenig Dank ein. Jüngst war ich Zeuge folgenden Gesprächs zwischen Fräulein Elvira und einer Freundin. (Man hört alles durch die Wand durch.)

»Und du gehst ihm zu Liebe zu Lotten um da zu üben?«

»Mama wills. Er zahlt das Doppelte, wie die andern Mieter.«

»Ist er denn so reich?«

»Natürlich, er ist ja ein Russe.«

»O je, am Ende ein Nihilist.«

»Glaub ich nicht. Er ist vom Adel. Auch benimmt er sich ganz anständig.«

»Wie sieht er denn aus?«

»I (für mich qualvolle Pause, dann:) recht hässlich. Hager, nach vornüber geneigt, dunkles, kurzgeschnittenes Haar, eine Nase, die mehr rund als lang ist –«

»Pfui Däubchen . . .!«

»und gar keinen Bart. Sein Mund –«

»Ein Maul –«

»nein, der ist sogar das Hübscheste an ihm, auch –« Gott sei Dank, denk ich, jetzt folgt die Aufzählung meiner Vorzüge; da kam Besuch und die beiden Mädchen unterbrachen ihr Zwiegespräch.

Im Uebrigen, bin ich nicht ein netter Kerl?

Es fängt an langweilig zu werden. Immer Café, Theater, Theater, Café.

Und noch Ärgeres. Neulich eine Gesellschaft bei J. von K. zeigte mir mit entsetzlicher Deutlichkeit, welchen Aussichten ich entgegengehe. In dieser Gesellschaft nämlich, (K. ist ein ehemaliger Studiengenosse Papa’s, bei dem ich meine Karte abgeben musste,) behandelte man mich wie einen elternlosen, wolerzognen Jüngling, den man »lanciren« will. Mehrere Mütter lispelten mir huldvoll zu: »ich hoffe Sie an unserm »Jour« zu sehen.« Die eine empfängt Montag, die andere Dienstag, die dritte Mittwoch, u. s. w. Man kann sich also durch die Woche so durchjouren. Ich begann mit dem Montag bei Frau A. Auf der einen Seite des Salons sassen die Damen, auf der andern die Herren. Nachdem man, weiss Gott aus welchem Grunde, anderthalb Stunden gewartet, (ich dachte der Koch habe sich den Arm gebrochen, erfuhr aber später, dass dieses Hinausziehen des Essens so Sitte hier sei) wurde man in den Speisesaal gelassen. Ich hatte die Ehre, einen sechzehnjährigen Backfisch zu Tisch führen zu dürfen, der mich in die Geheimnisse der Jankoklaviatur einweihte. – –

Dienstag war ich bei Frau P.

Hier sassen die Damen statt wie gestern rechts, links, während die Herren nicht nebeneinander sondern gruppenweis rechts standen.

Bei P’s. brauchte man nicht so lange auf das Essen zu warten. Mein Backfisch war nicht da. Ich sollte noch das Sehnen nach ihm lernen. –

Meine heutige Tischdame – sie hatte entsetzliche, langstielige Augen, die sich förmlich herausreckten und einen polypenhaft umwürgten, war eine – Schriftstellerin. Ich zerging langsam neben ihr. So deutlich ist mir mein Nichts noch niemals zum Bewusstsein gekommen, wie neben diesem weiblichen Homer. Ich schwieg unterwürfig, und liess mir die Lücken meiner Bildung mit ihrem Redeplatina ausfüllen. Als wir uns vom Tisch erhoben sagte sie würdevoll: »Übrigens fängt man erst an mit vierzig Jahren Mensch zu werden.« Da hatte ichs nun weg. Und ich war doch so artig gewesen!

»Ich freue mich sehr auf diese Metamorphose,« sagte ich devot, »gnädiges Fräulein haben Sie wohl schon längst überwunden.«

Mittwoch war ich bei H. Donnerstag bei L. Heute ist Sonntag. Ich habe einem halben Dutzend Puter in die Ewigkeit verholfen, über Blaumalerei, über Maul- und Klauenseuche, über die Vorteile städtischer Findelhäuser gesprochen. Heute, am Sonntag, bin ich müde und abgespannt, von der Erfüllung meiner gesellschaftlichen Pflichten. Auf meinem Schreibtisch liegen fünf Einladungskarten für die nächste Woche.

Mich hungerts immer mehr nach etwas Rundem, Weichem, sich Anschmiegendem, Rosenscheinschimmerndem, Dummem, Naivem, Lachendem; ein Pferd ist das nicht, auch kein Hund . . . . . . . . .

Männerbekanntschaften, eh bien. Aber immer und ewig in seiner eignen Interessensphäre bleiben? Politik kauen, wissenschaftliche Hypothesen zimmern, von volkswirtschaft­lichen Utopien schwärmen, philosophische Steckenpferde zu Schanden reiten, immer dasselbe. Der A. hat diese Ansichten, der B. jene, der C. andere. Im Grunde aber haben A., B. und C. ganz die gleichen. Der A. spielt Skat ohn Finten, der B. mit etwas mehr Raffinement, aber beide wollen gewinnen. Aussi moi même.

Weshalb schwätzen wir so viel?

Dudu habe ich sie getauft, und sie hat »die Frau und der Sozialismus« noch nicht gelesen. Ich würde überhaupt zweifeln, dass sie lesen kann, wenn sie nicht hier und da die Theaterzettel studirte, um mich hernach zu betteln, sie da oder dort hinzuführen.

Sie hat kurzgeschnittene, braune Löckchen, ein Stumpfnäschen, und närrische, übereinandergewachsene, krumme Zähne. Natürlich ist sie klein, wie könnte ich sie sonst Dudu getauft haben? Trotzdem sie erst siebzehn zählt, hat sie doch schon ein »Verhältnis« gehabt. Ich erwartete das gar nicht anders und es macht mir auch nichts. Ich bin der Mühe des Ueberredens überhoben. – – –

Dudu ist in einem Confectionsgeschäft angestellt mit – zwanzig Mark monatlich. Sie lebt mit ihrer Schwester, die Ballettänzerin ist. Als sie zaudernd im Comtoir stand und überlegte ob die zwanzig Mark Gehalt nicht doch ein ganz klein bischen zu wenig wären um damit Miete, Kleidung und Essen zu bestreiten, sagte der joviale Chef: »Sie haben ja den Abend für sich Fräulein.« Sie verstand ihn. – Ihr erstes »Verhältnis« ist ihr »untreu« geworden, wie sie ganz offen erzählt. Einige Zeit lang knusperte sie Brodrinden als Nachtessen. Sie ist ein ungeheuer hingebendes Dingelchen, und für alles dankbar. Im Biertrinken ist sie mir weit über.

Sie macht mir viel Spass.

Gestern las ich folgenden Satz: »Da der Weise nicht zu unterscheiden vermag was gut oder schlimm sei, so gelangt er zur Unerschütterlichkeit, indem er seinen Beifall zurückhält. Denn hält er etwas für gut oder übel von Natur, ist er immer beunruhigt, sei es, dass er das, was er für gut hält nicht besitzt, sei es, dass er von natürlichem Uebel gequält zu sein annimmt. Wer aber unentschieden ist über das was von Natur gut und schön, flieht und sucht nichts mit Eifer, und so bleibt er unerschütterlich. Pyrrho, Zeitgenosse Alexanders, verwies seine Schüler während eines Sturmes, der sie erschreckte, auf ein Schwein, das ganz indifferent blieb und ruhig fortfrass, als Beweis, wie nur die Ungewissheit, die Unerschütterlichkeit wirke, in der der Weise stehen soll.« Also meine Herren, werden wir wie die Schweine! . . . . .

Die Abende verbringen wir täglich mit einander. Meist bei mir in meiner Wohnung. Dudu beginnt dick zu werden. Sie ist ein allerliebstes Ding, aber verdammt langweilig.

Ich hasse die gelehrten Frauen. Aber so ein klein bischen gesunder Menschenverstand schadet selbst einem Weibe nichts. Dudu leidet an heftigem Magenkatarrh, nichtsdestoweniger trinkt sie eiskaltes Bier, und isst ungezählte Törtchen im Tag. Ich hab ihr ein nettes Zimmerchen in der Nähe meiner Wohnung gemietet, ihr etliche Bücher gebracht, Blumen und einen Canarienvogel angeschafft. Sie langweilt sich aber höllisch und will wieder ins »Geschäft« zurück. Da wars so »nett«, kamen viele Leute etc. etc.

Arme kleine Dudu! Wie wird das zwischen uns beiden? Jeder Tag beginnt langweiliger als der frühere zu werden. Ich habe nicht die pädagogische Ausdauer meiner Freunde. Gabor in Chrzow gab seinem Hund Champagner zu saufen und lachte sich halb tot, wenn er nicht mehr aufrecht gehen konnte. Fred hatte eine weisse Spitzmaus abgerichtet, die ihm viel Vergnügen machte. Ihre Mädchen haben sehr viel von ihnen gelernt. Meinetwegen, wenn man vorhat eine für längere Zeit zu behalten. Aber diesen Vorsatz besitze ich nicht. Und – für meinen Nachfolger sorgen? Fällt mir ein! –

Diese Pausen sind unausstehlich. Ich erscheine mir wie ein Esel. Was sie versteht, langweilt mich zu reden, und was ich vielleicht sagen möchte, versteht sie nicht. Und doch sind die Pausen da. Man kann ja nicht ununterbrochen schnäbeln. – –

Gestern haben wir uns getrennt. Es geschah friedlich und ohne Thränen. Ich habe sie einem meiner Bekannten empfohlen, mit dem ich häufig im Café zusammen bin. Sie ist es zufrieden. Es thut mir immer wohl, wenn ich die Mädchen so vernünftig finde.

Das Leben ist ja nichts weiter als ein Tanz, wo der Mann von einer Schönen zur Andern geht, und sie um eine Tour bittet. Diese Thatsache anerkennen, heisst freilich Madame den Freibrief zur Untreue einhändigen. Treue steht auf zwei kräftigen Füssen und hat mit – Tänzerinnen nichts gemein. Treue trägt Ringe und Ketten, hat ein sauber gewaschnes Gesicht und gut gebürstete Haare.

Indes ich dies alles niederschreibe, ergreift mich wahnsinnige Sehnsucht nach dem Weibe. Einem ganzen, reifen Weibe, das dem stillen, stolzen Julisommermittag gleicht, ohne April schauer und Gekicher einen in seine königlichen Arme nimmt und satt macht. Der Vögelchen, die man um Goldmünzen ersteht, bin ich überdrüssig. Es ist ein ewiges Einerlei mit demselben Vorwort und demselben Nachspiel. – –

Seit mehreren Tagen habe ich mich enger an einen jungen Mann angeschlossen, der Paul Landorff heisst, und aus dem Hannöveranischen ist. Obschon er bereits zum Doktor promovirt wurde, studirt er noch an der hiesigen Universität, und zwar so ziemlich dieselben Fächer wie ich. Sein Vater ist irgendwo in der Nähe Gutsbesitzer. Unser Aeusseres bildet den denkbar schreiendsten Contrast. Er ist über die Mittelgrösse, hellblond, (ein merkwürdig, seidenweiches Haar), der richtige, edle Germanentypus. Ein hübscher Junge. Seine Sprache klingt sanft, etwas gedehnt, so, als ob er jedes Wort überlegte, bevor er es ausspricht. Er schwärmt von Musik, fehlt in keinem Concert, das gegeben wird, und kennt alle Opernpartituren auswendig. Gleich am zweiten Abend unserer Bekanntschaft dutzte er mich, und obgleich ich diese teutonische Sitte, die unter den Studenten üblich ist, hasse, vermochte ich doch nicht ihn zu beleidigen, und sein Du unerwidert zu lassen. Ein köstlicher Zug an ihm ist sein Hass gegen die Detectives, die man hier zu Lande »Schutzleute« nennt. »Ich bitte dich,« sagt er neulich, »es kann sich ja in unserm Staat keine Individualität frei entwickeln. Hinter jeder Strassenecke steht ein Aufpasser mit einem Notizbuch am auswattirten Busen, und trägt deinen Namen ein, sowie du dir erlaubst nach zehn Uhr Abends etwas lauter auf der Strasse zu reden, oder dein Diener am Donnerstag statt am Freitag die Teppiche deines Arbeitszimmers ausklopft.«

Paul ist ein interessantes Studienobject für mich. So weich er äusserlich ist, ein so schwärmerischer Musikfreund er zu sein scheint, sein Inneres ist poesielos wie das Bureau eines Rechnungsbeamten. Den Drang zum Weibe kennt er nicht. Alle die netten, kleinen Thorheiten, die uns so viel Zeit und Geld ko­sten, belächelt er ironisch. Seine Verhältnisse sind nur Stundenverhältnisse.

»Ich werde mich demnächst verheiraten,« sagte er jüngst trocken, »mein Alter hat eine Braut für mich.«

»Wozu thust du das?« fragte ich ihn.

»Um zur Ruhe zu kommen,« war seine Antwort. »Der Zustand eines unverheirateten Mannes ist peinlich. Jedes Frauengesicht beginnt ein Fragespiel mit ihm, jeder Tölpel glaubt irgend ein Verwandtschaftsrecht auf ihn zu besitzen.«

Heute sagte er mir: »Du bist furchtbar pathetisch, mein Junge. Zeige mir einen Ausnahmefall unter den schönen Jägerinnen, von denen du dich so gerne verwunden lässt, und ich will meine ganze Skepsis wie einen Handschuh abstreifen. Es giebt nichts so Conservatives wie das Weib. Von seiner Erschaffung an bis heute ist es sich gleich geblieben, ein Stückchen Spiegelglas, aus dem die Fratze des Mannes schaut. Wenn wir der Frau gegenüber stehen, schneiden wir ja immer eine Fratze. Wie könnte sie sich auch sonst in uns vergaffen, sie, der alles Natürliche so bis in den Tod verhasst ist, die sechs Unterröcke übereinander anzieht, um zu vergessen, dass sie nackt ist, die die Dinge nie bei ihrem wahren Namen zu nennen wagt, und spanische Wände vor jedem Begriff aufrichtet.«

»Und du willst heiraten,« rief ich.

»Gerade ich,« lachte er.

»Es giebt doch Ausnahmefälle –« ich gedachte einer in meiner Heimat . . . . .

»Selbst geprüft?«

»Das nicht.«

»Aha,« nickte er cynisch, »dann Mund halten, Mund halten.«

Gestern in der Oper gewesen. Man gab Joseph und seine Brüder, den Benjamin sang ein allerliebstes Mädel. Noch nie sah ich eine vollendetere Figur. Sie ist die Maitresse des Sängers der den Joseph spielte. In der ungenirte­sten Weise coquettirten sie vor dem Publikum miteinander.

Nach dem zweiten Act –

Manchmal verliert man das Gefühl für die Sprache, und erschrickt ordentlich vor den Lauten, die etwas so Hölzernes, Lebloses besitzen, und nicht im mindesten das ausdrücken was man innerlich empfindet. – – –

Um auf neulich zurückzukommen . . . .

Nachdem das rührselige Lied des verkauften Bruders verklungen war, vernahm ich ein leises Geräusch neben unserer Loge. Paul sah zur Seite, und verbeugte sich vor Jemand.

Ich blickte hinüber. Eine Dame, die eben hereingetreten sein musste, denn ich hatte sie früher nicht bemerkt, lag in einem der rothen Sammtsessel weit zurückgelehnt, und sah auf die Bühne.

Wie soll ich dieses Weib denn schildern? Anmutig? nein. Schön? nein. Prächtig, das ist der einzig be zeichnende Ausdruck. Sie ist eine Thusneldagestalt mit dunkelgelbem Haar, ungewöhnlich breiten Schultern, und einer Taille, die nicht schlank genannt werden kann. Eine jauchzende Kraft verbirgt sich unter der byzantinisch steifen Haltung ihrer Glieder. Sie trug ein goldbraunes Atlaskleid, das den vollen runden Hals frei liess, und sehr gut mit den Rosenfarben ihres Teints harmonirte. Mund und Nase sind breit aber veraten viel Rasse, hingegen ist ihr Kinn von tadelloser Eigensinnigkeit. Die niedere Stirne umrahmen leicht verwirrte Löckchen.

Ich starrte sie an.

Der kleine Benjamin mit seinem süssen Lächeln war versunken. – – –

Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter.

»Gute Ruhe,« sagte Paul. »Ich für meinen Theil möchte nicht hier übernachten. Dort lassen sie schon die eiserne Courtine herab. Willst du sie kennen lernen?«

»Wen?«

»Nicht die Courtine, Frau Capitain Blanc.«

»Frau Capitain Blanc?« . . . . . . . . .

– – – – – – – – – – –

Gestern hat er mich ihr in der Loge vorgestellt. Sie sah mich sehr gleichgültig an.

»Wie ist Ihnen das Bad bekommen, Gnädig­ste?« fragte er sie mit höflicher Kühle.

»Sehr gut wie Sie sehen. Ich bin wieder erfrischt.«

»Nun kann der Rummel von vorne beginnen.«

»Doch nicht jetzt schon. Wir haben September.«

»Ach ja, Sie haben recht. Uebrigens, einige brave Damen haben ihre Empfangsabende schon bekannt geben lassen.«

»Horrible.«

»Finde ich auch. Und wie befindet sich der Herr Gemahl?«

»Aufs Beste. Gestern langte ein Schreiben von ihm aus Santa Cruz an.«

»Der Gemahl der gnädigen Frau« sagte Paul sich zu mir wendend, »dient in der königlichen Marine.«

»Und Gnädige bringen es über sich hier in der staubigen Stadt zu hausen?« fragte ich.

»Ich bin ja nicht immer hier,« versetzte sie mit einen flüchtigen Blick auf Paul, »und überdies hat die See keinen Reiz für mich.«

Wir mussten wieder auf unsere Plätze zurück, die Musik begann.

Ich begegne ihr häufig in den Pausen im Foyer. Sie schleppt ihr Atlaskleid – sie trägt immer Atlas – mit unnachahmlicher Grazie nach sich.

Im Gehen ist sie noch schöner als im Sitzen. Wir sind fast gleich gross, ich um eines Fingersbreite höher als sie.

– – – – – – – – – – –

Ihre Mutter ärgert mich. Das alte Weib starrt einem mit ihren bebrillten Augen bis unter die Haut. Es ist eigentlich gar nicht ihre Mutter, sondern die ihres Gatten. In neuester Zeit sieht man sie beständig an der Seite der Schwiegertochter. Beide Frauen sind überdies erst seit vierzehn Tagen in der Stadt. Sie verbrachten den Sommer in Norderney. Wie hätte mir auch sonst die Erscheinung dieser jungen Frau entgehen können?

Es ist das merkwürdigste Naturspiel. Für gewöhnlich sieht sie ruhig und ausgeglichen aus. Hochmütig, selbstbewusst, beinahe bornirt selbstbewusst.

Dann wieder auf einmal lässt sie den Kopf hängen, die stolzherausgereckte Brust sinkt ein, in den Augen erscheint ein feuchter Glanz . . . . . . . .

In diesen Momenten übt sie auf mich einen närrischen Zauber aus.

Paul ist mir rätselhaft.

Er schlägt dieser Frau gegenüber einen Ton an, der mich empört. Und sie duldet diese mitleidig ironische Sprache. Erst einmal habe ich sie den Kopf zurückwerfen und ihn zornig anblitzen sehen. Das war als er sagte: »Ich be­greife übrigens nicht, warum Sie schon aus Norderney zurück gekehrt sind. Jetzt ist es erst schön dort. Die plebs hat sich verlaufen.« . . . . . . . . . .

– – – – – – – – – – –

»Ich hoffe Sie bald bei mir zu sehen,« sagte sie neulich leichthin zu mir!

Ob sie das ernst gemeint hat?

Paul lachte.

»Ich hole dich Donnerstag ab. Wir besuchen sie gemeinsam.« Heute ist Montag.

Gestern waren wir dort. Sie hat eine Flucht von Zimmer, die für meinen Geschmack zu pomphaft eingerichtet sind. Zu viel Tape­ziererlaunen. Es flimmert von den brennenden Farben persischer Teppiche, seidner Tempelvorhänge die ihr Mann aus dem Osten mitgebracht hat. Ausgestopfte Pfauen und anderes Gethier, kokett in Blumengruppen placirt, steht herum. Daneben auch viel hübsche Waffen, Rüstungen und exotische Kunstgegenstände aus Elfenbein und vergoldeter Bronce. Ihr Boudoir hat die Form einer Muschel. Die Wände sind mit hellblauem Sammt ausgeschlagen. Viel Nippes in Perlmutter und venetianisch gearbeitetem Silber sieht man aufgestellt. Gute alte Gemälde vermisse ich. Ihr Mann hätte keinen Sinn dafür, sagt sie. Es scheint auch sie nicht. Dagegen besitzen sie einige hübsche Marmorwerke.

Sie trug ein elfenbeinfarbiges Kleid und sah herrlich aus.

»Gnädige Frau, schenken Sie uns bald eine Tasse Thee,« sagte Paul impertinent, »Sie sehen mein Freund sieht leichenblass aus, Ihr Interieur macht einen so überwältigenden Eindruck auf ihn.«

Sie lachte herzlich, und sah mich freundlich an. Wie entzückend sie sich neben dem Samovar ausnahm! Heute erschien sie mir gar nicht thusneldenhaft.

Als sie Paul die Theetasse hinreichte schwankte diese in ihrer Hand und das goldene Löffelchen fiel zu Boden. Ich beugte mich schnell um es aufzuheben, und als ich es ihr hinreichte, war ihr Gesicht mit dunkler Glut übergossen.

Später brachte der Diener eine Karte herein. »Der Prinz von Hohenwart.«

»Ich lasse bitten,« sagte sie gleichgültig.

Ein elegant gekleideter, hochgewachsener Mann mit einer grossen Glatze und vielen Fältchen um die Augen trat ein.

»Sie sehen Gnädigste, ich löse mein Wort,« sagte er nach einigen zwischen ihm und mir gewechselten Phrasen, Paul kennt er schon. »Ich versprach, mich Ihnen lebendig zu bringen, woran Sie damals zweifelten, als Sie mich im Sturm auf meinem »Seelenverkäufer« in die See rudern sahen.«

»Allerdings, es war sehr – kühn von Ihnen, und ich möchte kein zweites mal Zeuge davon sein.«

Er blickte sie an wie der Hungrige eine lecke­re Pastete, die hinter einem Schaufenster steht.

»Durchlaucht können wohl nicht schwimmen, weil die gnädige Frau so ängstlich um Sie war,« warf Paul hin.

»Dalmatiner? Sechzehntes Jahr hundert,« flüsterte der Prinz, sich etwas sehr nahe auf den Arm Irenens beugend, dessen Handgelenk kostbare Spitzen einsäumten. Ich vergönnte Paul diese kühle Abwehr seiner Grobheit.

»Erraten, Prinz, mein Mann brachte –«

»Apropos, kann ich das Bild Ihres Herrn Gemahl zu sehen bekommen? Warum wählte er Durant?«

»Ich weiss nicht. Vielleicht weil er sich zu jener Zeit gerade in Paris aufhielt. Aber wenn Sie mir folgen mögen . . . . .« sie erhob sich, und führte uns – wir schlossen uns höflich dem Prinzen an, – vor ein Oelbild, das noch stark nach Firnis roch. Ein schöner Mann mit biedern, geradlinigen Zügen und grossen, dunklen Vollbart sah uns von der Leinwand entgegen.

»Ah fainos, tres charmant,« rief der Prinz, das Monocle ins Auge klemmend und vor dem Bilde hin und her hüpfend, »ganz wie im Leben. Und wann kommt er wieder?« wandte er sich an die schöne Frau.

»Wohl nicht vor nächstem Frühjahr,« antwortete sie.

»Wie?« rief ich aus, »den ganzen Winter werden Sie allein bleiben?«

»Das bin ich schon gewöhnt,« sagte sie lächelnd zu mir, »in den ersten Jahren meiner Ehe allerdings, da fiels mir sehr schwer.«

In den ersten Jahren ihrer Ehe? Kann sie denn schon so lange verheiratet sein?

»Unsere gnädige Wirtin ist ja nie allein, wenn sie nicht allein sein will,« flirrte seine Durchlaucht, die Augen auf Irene heftend. Sie seufzte leise.

»Gestatten Sie gnädige Frau, dass wir uns empfehlen,« sagte Paul, »wir haben noch Einiges für diesen Nachmittag vor.«

Er berührte leicht ihre Hand mit den Lippen und verbeugte sich steif vor dem Prinzen.

»Auf Wiedersehen,« grüsste sie mit ihrer melodischen Stimme.

Wir liessen die Beiden vor dem Bild zurück.

»Hättest du noch bei ihr bleiben mögen?« fragte unten Paul.

»Allerdings,« antwortete ich etwas gereizt. »Wie kamst du dazu –«

»Entschuldige,« rief er lachend, »ich weiss eigentlich selbst nicht, wie ich mich dieses Verfügungsrechtes über dich bediente, aber sei versichert, wenn der anwesend ist, kommt es doch zu keinem vernünftigen Gespräch mehr.«

»Er verehrt sie sehr?« fragte ich.

»Das thut er,« nickte Paul.

»Und sie?«

»Sieht in ihm eine Figur aus einer Kinderspielschachtel.«

– – – – – – – – – – –

Ich weiss nicht, soll ich trauern oder froh sein? Jemand, der in die ganze Sache eingeweiht ist, berichtet mir, dass mein Sohn gestorben ist. Sie war ein dummes, junges Kind, und ich war nicht viel gescheidter . . . . . . . .

Etwas höchst peinliches ist mir, passirt. Seit vorgestern bin ich der Held des Tages. In den Kaufladen den Souterrains der Küchen spricht man von mir. Man wird mein Bild in einer jener entsetzlichen illustrirten Zeitungen bringen, wo die Dargestellten immer Verbrecherphysiognomien erhalten, von begeisterten Lehrjungen ausgeschnitten und mit Kleister an die kahlen Wände ihrer Kammern geklebt werden.

Pauvre Raoul!

Wie das kam?

Meinen Oliven-Knüppel unterm Arm, bummelte ich harmlos. Plötzlich, an der Biegung der G.strasse, rasen mir pfauchend mit hochgehobenen Hufen zwei Pferde entgegen. Ich, ohne zu überlegen, stürze mich ihnen entgegen. Sie bäumen sich und bleiben stehen. Erst jetzt bemerke ich, dass sich hinter den Thieren ein Gefährt befindet, in dem eine Dame halb besinnungslos ruht. Ein Blick auf das Cabriolet belehrt mich, dass dasselbe unbeschädigt geblieben ist. Ich springe auf den Sitz, ergreife die Zügel, die den Händen der Dame entglitten sind, und kutschire im schnellsten Tempo weiter. Als der dem Wagen nachlaufende Janhagel nicht mehr sichtbar ist, halte ich an.

»Wohin befehlen Sie Gnädigste?«

»Ach mein Herr, –« schluchzt sie fassungslos.

»Beruhigen Sie sich, bitte,« sag ich, und stelle mich vor. »Ich möchte Sie gern geborgen wissen.«

»Ich wohne nicht hier, sondern in Blauheim, (ein Ort in der Umgebung) bin mit Papa hereingefahren, um Einkäufe zu machen –«

»Und während Sie Ihren Herrn Vater erwarteten, –«

»Scheuten die Pferde. Es war vor dem Hause des Antiquitätenhändlers Bory. Papa wird tot aus Angst um mich sein.«

Indessen hatten sich abermals Neugierige um uns gesammelt. Ich fuhr schnell vor das mir bezeichnete Haus zurück. Ein alter Herr kam uns vom andern Ende der Strasse leichenblass entgegengestürzt.

»Aber Mädel, was hast du denn angerichtet?« . . . .

»Nur jetzt nicht viel reden Papa« . . .

»Ich danke Ihnen mein Herr,« sagte zu mir die Hand fast zerdrückend.

Das Fräulein nannte meinen Namen. Der Alte stutzte.

»Wie ist mir denn? Sind Sie nicht Paul Landorffs, meines künftigen Schwiegersohnes Freund?«

»Allerdings,« antwortete ich, »Paul ist mein Freund und ich freue mich sehr die Bekanntschaft der Herrschaften gemacht zu haben, wenn auch unter etwas abentheuerlichen Umständen.«

Vater und Tochter lächelten.

»Jetzt erinnere ich mich Ihres Namens, natürlich,« sagte sie. »Kommen Sie bald zu uns hinaus.«

Ich versprach es, und trollte beschämt weiter, von den bewundernden Blicken einiger an ihren Ladenthüren stehenden Commis gefolgt.

Abends kam Paul zu mir, schlug mir auf die Schulter und sagte:

»Bravo!«

Wie leicht ist es, ein »famoser Kerl« zu sein!

Irene glaubt in mir einen Banalen vor sich zu haben, deshalb giebt sie sich manchmal – selbst banal. Jetzt redet sie beständig von meiner »Bravour.« Und ich kann es nicht ausstehen, Handlungen, die vorüber sind, wieder aufzuwärmen. Ueberhaupt dieses endlose Geschwätz!

Uebrigens scheint sie viel Antheil an Pauls Braut zu nehmen.

»Ist sie schön, jung? Wie benimmt sie sich in der Gefahr? Hat sie Chic? Welchen Eindruck macht ihr Vater?«

So regnete es nur auf mich herab.

»Schön? nein, jung? nein.«

»Was zieht ihn dann an ihr an?«

Dieselben Fragen bei jedem Weib ob sie Näherin oder Prinzessin ist! Paul hat recht. Sie sind alle gleich. Merkwürdig! Wie ich Irene banal werden sah, ergriff mich ein heisses Verlangen nach dem Weibe in ihr. Bis jetzt erschien sie mir als herrliches Kunstwerk vor dem ich mein Knie beugte. Seit gestern habe ich sie – im Negligee gesehen, und das macht meine Pulse klopfen. Es ist kein Glorienschein, der ihr Haupt umgiebt, riefs in mir, es ist gelbes, weiches, knisterndes Haar, in das ich meine Hände einwühlen, mit dem ich meine Lippen kühlen möchte, wenn sie von ihren Küssen verwundet sind. Sie sah meine Augen mit jenem nachdenklich, starren Blick auf ihrer Gestalt ruhen, den das Weib stets richtig deutet, und geriet in Verlegenheit.

Ich fühlte Mitleid mit ihr und begann von gleichgültigen Dingen zu reden. »Pauls Braut ist nicht schön,« sagte ich, besitzt aber etwas, das viele Männer anzieht: einen ausgeprägten Muttertypus.«

»Was verstehen Sie darunter?« fragte sie mit horchenden Augen.

»Jenen weichen überquellenden, anscheinend nur aus Muskeln und Fleisch bestehenden Leib, der wie ein lockerer Erdboden gleichsam den Reichthum der Keime erraten lässt, der in ihm ruht.«

Irene erröthete.

»Und glauben Sie wirklich, dass dieser Typus Männer anzuziehen vermag?«

»O ja,« erwiderte ich, »schon des halb weil er sich unter keine Maske verkriechen kann, denn sein Charakterisches ist zu ausgeprägt.«

»Aber der Mann sucht doch nicht die Mutter sondern die Geliebte im Weibe.«

Irene! Irene!

Es war gesagt, gerne hätte sie es wieder zurückgenommen, aber es war gesagt.

»Nicht alle,« erwiderte ich sittsam zu Boden blickend um sie zu ermutigen, »manche Männer, und es sind nicht die unmännlichsten, erblicken im Weibe nur einen lieblichen Aus­ruhepunkt, eine friedliche Rosenlaube wo sie sich zu erholen wünschen von ihrer Icheinsamkeit.«

Sie schwieg und war – schön, weiter nichts.

Ueber Pauls Gesicht flog bei meiner Mittheilung, dass ich nun einmal allein Frau Blanc besucht habe, ein Zug den ich nicht zu enträtseln vermag . . . . . . . .

– – – – – – – – – – –

Mir wirds mit jedem Tage klarer; diese Frau ists, die meine Phantasie geträumt hat, als sie sich eine Geliebte erschuf. Irene ist schön und klug ohne viel Geist zu besitzen, sie hat manches Kindliche an sich, doch zugleich die süsse Reife der Frau.

Ob sie zu den Hartnäckigen gehört, die ihre Keuschheit nur einmal opfern?

Sie hegt eine herzliche Liebe für ihren Mann. Ich glaube genau dieselbe wie zu ihrer »Maman.« Er verdients auch nicht besser. Wozu heiraten, wenn man in beständiger Scheidung lebt? Allerdings, ich würde mich als Gatte für solche Neigung bedanken. Ob sie übrigens wirklich lieben kann? Ich glaube kaum. Es liegt auch in ihrer Seele das byzantinisch Starre, das oft ihr Aeusseres charakterisirt. So neulich. Ich war mit Paul beim Thee dort. Sie plauderte entzückend mit uns, hatte alles Conven tionelle von sich gestreift, war wie ein Kind, ein Mädchen von siebzehn Jahren, da wurde der Prinz gemeldet. Wie eine Marionette schnellte sie auf, und vorbei wars mit aller Natürlichkeit und Frische. Sie mag ihn nicht. »Ich begreife nicht warum sie ihn empfängt,« sagte ich später zu Paul. Er lachte.

»Die Frauen lieben es Etliche in der Reserve zu haben«, sagte er. »Wenns auch eklige Kerle sind, man kann nie wissen, wozu einer noch zu gebrauchen sein wird.«

Vor mehreren Tagen war ich mit meinem Freunde in Blauheim, Natalie ist wirklich ein liebes Mädchen. Ich möchte nicht ihr Gatte, wohl aber ihr Freund sein. Sie besitzt etwas so Gütiges, Warmes in ihrem Wesen. Ihr Alter ist ein prächtiger Kerl.

Es ist schier unglaublich wie schwer man dazu kommt Collegia zu hören. Ich begreife Paul nicht, der arbeitet, sich amüsirt, und dabei noch Zeit findet zum Faulenzen. Ich komme zu gar nichts. Freilich, viel Schuld trägt sie mit daran. Ich denke ununterbrochen an sie. Jüngst sah ich sie tiefbewegt.

Ich habe da einen armen Kerl der manchmal Wege für mich besorgt, denn Frau Eilerts Mädchen hat wenig Zeit. Diesem sollten neulich, – er ist Vater von stark einem halben Dutzend Kinder, die Frau ist schwer brustleidend, seine paar Habseligkeiten gepfändet werden, weil er Steuern und was weiss ich noch alles, schuldig war. Zufällig erfuhr ichs durch meinen Friseur, der die Neuigkeiten des ganzen Viertels kennt. Ich steckte Anton ein paar Geldnoten in die Hand, als er kam um einige Commissionen für mich zu machen. Er heulte vor Freude. Natürlich musste das verdammte Plappermaul es weiter plaudern. Ihre Dienerschaft erfuhr es, schliesslich auch sie.

»Sie sind ein edler Mensch,« sagte sie, mich mit ihren grossen, feuchten, blaugrünen Augen innig anblickend. Ich edel! Bon dieu, du weisst, dass keiner weniger als ich dieses Epitheton verdient!

Wenn die Leute nur nicht Kammerdiener­thaten mit Herrenthaten verwechselten! Jemand Geld schenken, oder das Leben retten, liegt in der Macht jedes starkfäustigen, nicht unvermögenden Burschen.

Es giebt andere Thaten, zu denen ein alter Adel des Geistes erforderlich ist. Die können nicht alle thun. Weiss der Himmel, so eine habe ich noch nie vollbracht . . . . . . . . .

Irene würdigt mich in letzter Zeit mehr und mehr ihres Vertrauens. Es ist schurkisch von mir, dieses Vertrauen entgegen zu nehmen, habe ich doch Wünsche die – Manchmal möchte ich beinahe glauben, sie sei – mir gut. Sie seufzt, und sieht mir mit einem Ausdruck so schmerzlichen Flehens und Fragens in die Augen, dass ich ganz verwirrt werde. Was will sie von mir?

Paul hat den Tag seiner Hochzeit festgesetzt. Er kommt seltener zu Frau Blanc. Aergern ihn die Leute, die er dort findet? Mich dünkt das thöricht. Eine anmutige Frau hat naturgemäss einen Stab Verehrer um sich. Mir ist vielmehr die Alte im Wege, die in letzter Zeit wieder unaufhörlich Irene umstrickt. (Ich bitte um Verzeihung für den Kalauer, es ist wirklich so, sie arbeitet an unnatürlich langen Strümpfen für Waisenkinder.) Ein Offizier und ein junger Professor, die ich häufig bei Irenen treffe, gefallen mir nicht übel. Der erstere macht Gedichte, und der zweite huldigt leidenschaftlich dem Reitsport. Man sieht, der Beruf hat nichts gemein mit den innern Anlagen eines Menschen.

Weil ich von Gedichten spreche! . . . . .

Neulich komm ich zu Frau Blanc. Der Diener lässt mich in ihr Zimmer. Sie käme gleich. Das Fenster neben ihrem Schreibtisch steht offen. Ein unartiger Wind hat die zierliche Mappe mit Briefschaften herabgeworfen. Feine weisse und bunte Blätter liegen durcheinander auf dem Boden. Ich bücke mich, und hebe die Briefe auf. Selbstverständlich lege ich sie, ohne einen Blick nach ihrem Inhalt zu werfen, auf den Tisch zurück. Da guckt noch ein vorwitziges, weisses, grosses Blatt, – kein Brief – unter den Fransen des Fauteuils hervor. Ich greife nach ihm. Unwillkürlich bleibt mein Auge auf ihm haften. Es ist ein – Gedicht. Ich begehe die Niederträchtigkeit es zu lesen.

»Cismoll« steht darüber. Hier ist es.

Schliess deine Augen, die braunen,
Und hör mich an.
Auf umbrandeter Klippe den Kaiserpalast,
Den marmorpfeilergeschmückten kennst da.
In der blauen Mondnacht kam der Sturm
Und wollte Einlass in die Fürstenballe
Und zerschlug die glänzenden Fensterscheiben,
Die purpurverhangenen . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Schliesse die Augen, die braunen,
Neig mir dein Ohr:
Warum beim ersten Kommen
Zerbrachst du Fenster und Thor? . . .
Warum beim ersten Kommmen
Deines Antlitzes wilder Glanz,
Warum hast du nicht sanft genommen
Meiner Seele weissen Kranz?

Als du zum zweitenmale kamst
Da warst kein Sturm du mehr,
Als stiller Regen glittest du,
In meine Seele schwer.

Schliess deine Angen, die reinen . . . .
Als Regen glittest du –
Schliess deine Augen zu. – – – – – –
Nun müssen wir beide weinen . . . . . .


Als ich zu Ende gelesen, tritt sie herein. Ich gehe ihr entgegen, das Blatt zwischen den Fingern, und ziehe ihre Hand an meine Lippen. Beim Anblick des Papiers wird sie glutrot, und so verlegen, dass sie mich nicht anzusehen wagt.

»Sind Sie die Verfasserin?«

Sie senkt den Kopf und nickt. Mir schwinden fast die Sinne. Ich kniee vor ihr nieder und drücke mein Gesicht in ihre Hände. Als ich aufblicke, rollen zwei Thränen ihre Wangen herab.

Ich kam zu Hause wie ein Wahnsinniger an. Gilt das Gedicht mir? Wenn nicht, warum wurde sie so verlegen, wesshalb diese Thränen ? Warum entrüstet sie sich nicht über meine Freiheit?

O, nicht eine, eine ganze Fülle von Erfahrungen hat mir dieses Blatt Papier gebracht.

Ich habe eine Seele in ihr entdeckt.

Jetzt bitte ich ihr ab, dass es Augenblicke gab, in denen ich in ihr nur eine Geliebte zu erwerben hoffte. Eine Champagnergenossin. Ich glaube, ich werde in ihr eine Gefährtin besitzen, eine, die Schulter an Schulter mit mir geht. O Irene, wie beginne ich dich zu lieben!

Ich kann nicht zu ihr hin. Ich müsste ihre Kniee umfassen, und ihr alles gestehen.

Heute morgen kam ein Billet von ihr: »Warumkommen Sie nicht?« Nachmittag war ich dort.

Ich traf sie von einem Kreis Bekannter umgeben.

»Wie gehts Paul Landorff?« fragte sie mir Thee einschänkend leichthin.

»Ich glaube gut,« entgegnete ich. »Ich habe ihn einige Tage nicht gesehen.«

Sie blickte mich traurig an.

Sie meint wohl, sie sei Schuld, dass ich meinen Freund vernachlässige. Die langweiligen Gäste rührten sich nicht von der Stelle. Sie seufzte einigemale leise auf, was ihr von Maman einen stumm verweisenden Blick eintrug. O dieses alte Weib!

Ich stehe einem Rätsel gegenüber. Heute kam ich zu ihr. Sie empfing mich kalt, abstossend, beinahe verletzend. Dabei brannten ihre Wangen wie von einer innern Aufregung. »In vierzehn Tagen heiratet Paul,« sagte ich im Laufe des Gesprächs. Ich dachte die Neuigkeit würde sie interessiren, da der Termin der Hochzeit ursprünglich für sechs Wochen später anberaumt war.

Sie schnellte von ihrem Sessel auf.

»Reden auch Sie nur von dieser Hochzeit? Ich begreife nicht. Jeder der hereintritt weiss von nichts anderm zu sprechen. Als ob mich das kümmerte wann – als ob es gar nichts anders mehr in der Welt gebe als Paul Landorffs Hochzeit.«

Ich machte ein verblüfftes Gesicht, und bat um Entschuldigung.

Sie schwimmt in Thränen. Die Alte und ihr Hausarzt geben ihr Brom und Chloral. Sie verschmäht beides. Sie will wach bleiben um zu weinen. Das arme Weib! Und ich, der sie liebt, gehe neben ihr her und kenne nicht die Ursache ihres Leids. Wenn ich sie nur einmal allein träfe. Aber daran ist gegenwärtig kein Gedanke.

Gestern erzählte ich Paul von ihr.

»So, krank ist sie,« sagte er trocken. »Davon wusste ich nichts. Glaube, es sind nur hysterische Zustände. Sie hat keine Kinder.«

Heute, heute. – – – – –

S’ ist Mitternacht. Mir ist, als ob ich ein Wunder erlebt hätte und daran sterben müsste vor Glück . . .

Der Boden tanzt unter meinen Füssen.

Ich war bei ihr. Sie war einen Augen blick allein. Ich wagte es ihre beiden Hände zu ergreifen, und tief in ihre Augen schauend, sie um den Grund ihres Kummers zu fragen. Sie neigte ihren Kopf an meine Schulter.

»Erraten Sie es denn nicht? Sie!« schluchzte sie unter hervorbrechenden Thränen. Da kam jemand. Sie liess sich auf ihren Sessel fallen und drückte das Taschentuch vors Gesicht.

O Irene; rate ich recht????

In der Oper gewesen. Im letzten Akt erschien sie. Ein dunkelblaues, schweres Kleid umhüllte ihren herrlichen Leib. Sie sah erhitzt, verweint aus. Ihr erster Blick galt – unserer Loge. Ich grüsste hinüber, und sie dankte mir, wie es schien mit – schmerzlichem Lächeln. Wenn sie so dasitzt, mit tief gesenkten Lidern, die Mundwinkel etwas herabgezogen, das gelbe Haar leise vom Kopfe aufstehend, möchte ich sie mit jener Kaiserin Eudoxia vergleichen, deren Bildnis ein alter Maler uns überliefert hat. Es liegt viel monarchisch Starres in ihrer Haltung. Und doch sprudelt hinter dieser abweisenden Aussenseite ein warmer Quell jung­frischen Sehnens. Schliess Deine Augen, die reinen . . . . . . Nun müssen wir beide weinen . . . . . . Noch that ichs nicht. Aber ich fühle, ferne steht es mir nicht mehr. Es ist ein quälendes Verhängnis. Sie scheint ihrem Mann herzlich zugethan zu sein, und doch der Zwiespalt zerreisst ihr das Herz. Die Alte streut Pfeffer in ihre Wunden, ich wollte wetten, sie ahnt alles. Deshalb blickt sie mich so forschend und missbilligend an. Ich ging für einen Augenblick hinüber.

»Sind Sie allein?« fragte Irene. Ich nickte, über diese Frage beglückt. »Maman wird gleich erscheinen,« setzte sie müde hinzu.

»Maman« erschien auch. Sie dankte mir kaum. Ich begreife selbst nicht, weshalb ich so thöricht bin und zögere Irenen das zu sagen, was ich früher oder später doch sagen werde. Denn dass ich ein Recht zu meinem Geständ nis habe, bezweifle ich nicht. Fasse ich ihr ganzes Benehmen mir gegenüber zusammen, ihre Launen, ihre Verwirrung, ihre Thränen, dann wieder ihre sonnige Liebenswürdigkeit, und das – das zuletzt Geschehene, so kann ich nicht zweifeln, dass ihre Neigung mir gehört. Es ist die Neigung eines Mädchens. Ein Weib würde nicht kämpfen, sondern ergreifen was es begehrt. Doch Irenens Ehe ist keine Ehe. Er ist stets weit von ihr. Sie hat sich die ganze Scheu vor der Liebe und ihrer unerbittlichen Forderung bewahrt. In ihrer äussern Erscheinung liegt das schon ausgeprägt, dieses abwehrende kühl Jungfräuliche.

Nun ist sie ratlos in ihrer Brünne, unter der die goldnen Flammen ihrer Liebe lodern. Ich will dich erlösen du Asenkind mit dem Lichthaar!

Draussen brennen die Sterne am winter­lichen Himmel.

Dass sich nicht Blumen aus der Erde hervordrängen! Dass sich die Vögel nicht aus dem Süden herbeitum meln! Meine Nerven gleichen den Saiten einer Harfe. Sie zittern und schwingen immerfort: cismoll, cismoll!!

In ihrem Schlafzimmer brennt Licht.

Dort sitzt sie am Rand ihres Lagers, das Goldhaar gelöst, und gedenkt dessen, der hier unten vom Fieber geschüttelt zu der Gardine hinaufstarrt, die sein Schönstes verhüllt.

Was geht mich Deine Hochzeit an, Paul? Ich werde nicht auf ihr erscheinen. Was geht mich die ganze Welt an, sie ausgenommen die Einzige!

Es geht nicht so länger. Ich sterbe vor Sehnsucht nach ihr. Morgen stürze ich mich ihr zu Füssen.

Schliesse die Augen, die reinen,
Und hör mich an . . . . . . . .

Heute Morgen. Was wird heute Abend sein?

Vor acht Tagen zum letztenmal diese Blätter berührt.

Eigentlich Unsinn das ganze Vorhaben.

Schöne Gräfin Stanisla, du hast aus mir einen Dummkopf gemacht. Besser übrigens als etwas anderes, Comtesse. –

Andere junge Leute betränken sich in meinem Falle, oder scherzten sich bei Dirnen halbtot. Ich finde keinen Geschmack an der Betäubung.

Als ob die Leute mir’s ansähen! Jeder der auf der Strasse mir begegnet scheint mich mitleidig zu betrachten. Eigentlich müssten sie lachen. Denn – es war höchst komisch, höchst heiter, wie aus einer Shakespearischen Narrenkomödie. –

Es ist Dämmerung. Eine Dämmerung voll Sterne. Ich stürze aus meinem Hause. Mein Pelz steht offen trotz der Winterkälte, ich spür es nicht. Musikklänge, von irgend einer Eisbahn her, dringen zu mir, sie beflügeln meine Sohlen. In einer stillen, vornehmen Strasse, vor dem stillsten, vornehmsten Hause mache ich Halt und ziehe die Glocke. Der Portier öffnet mir, ich eile die Treppe hinauf, werfe dem mir entgegenkommenden Diener meinen Pelz zu, und eile der Zofe voran. Sie meint besorgt ob die gnädige Frau auch empfängt, sie sei heute sehr unwohl, habe den Divan noch nicht verlassen. Was geht das mich an? Mich empfängt sie. »Herr von –« höre ich das Mädchen melden, die Portiere rauscht nieder und ich liege vor der angebeteten Frau auf den Knien. Sie überlässt mir stumm ihre Hände, dann richtet sie sich auf. Sie ist überaus blass, ihre blaugrünen Augen phosphoresciren . . . . .

»Maman wird gleich erscheinen, vorher – versprechen Sie mir . . . . dass . . . . sagen Sie ihm nie, was . . . . Sie – sehen . . . .«

»O Irene,« will ich ausrufen, »sei doch nicht so verzehrend stolz du Göttliche,« – da verliert sie die Fassung, ein Thränenschwall bricht aus ihren Augen, – »Paul, Paul, dass du mir das anthun konntest!« schreit sie verzweifelt auf, und sinkt in die Kissen des Sofa’s.

War das nicht lustig für – den Zeugen?

Das Wetter ist prachtvoll. Ich habe mit einigen Freunden eine famose Schlittenparthie gemacht.

Paul ist mit seiner jungen Frau nach Frankreich gereist. Frau Blanc liegt an einer Gehirnentzündung krank.

Wie glücklich das weibliche Geschlecht doch organisirt ist! Ein Kummer, und sofort ist eine Krankheit bei der Hand mit Betäubung, mitfühlenden Freunden, besorgten Aerzten, kurz und gut einem starken Läutapparat, der alle Welt in Kenntnis von dem Vorgefallen setzt, und zur Theilnahme zwingt.

Alles erkundigt sich bei mir nach Frau Blancs Befinden. Vermag nicht Auskunft zu geben, meine Herrschaften. Uebrigens wie kommen Sie dazu mich . . . . . .

Gestern debutirte ich wieder einmal im Colleg des Professor Kreidner. Er sprach über soziale Wirthschaftsstatistik und die Abänderung gewisser Gesetze. Ein sehr interessantes Thema aber – nicht für alle.

»Ich bin ein Esel.«

Ein Schusterjunge schrieb es mit Kreide an unsere Hausthüre. Noch niemals hat mich ein Satz so tief ergriffen und überzeugt wie dieser.

Ob ich nicht doch einmal hingehen sollte mich nach ihrem Ergehen zu erkundigen? Der Gatte soll in Shanghai sein, selbst Prinz Hohenwart ist augenblicklich abwesend. Er hat eine Rechtsstreitigkeit in Wien auszufechten, bei der es sich um den nicht geringen Nachlass von einer Million Gulden handelt. Es ist zu wünschen, dass er gewinnt, denn man behauptet, die Summe seiner Schulden übersteigt die Einwohnerzahl unserer Stadt.

Ich gehe doch hinauf zu ihr. Sie kann ja nicht dafür, dass sie –

Warum nur gerade ihn?

Ich kanns doch nicht über mich bringen. Beim Hausthor kehrte ich wieder um.

Gestern war ich oben. Sie sass in einem weiss­seidnen Schlafrock am Fenster. Sie sieht aus wie eine Lilie, auf die ein Hagel nieder­gegangen ist. Ach Gott, sie sieht wunderbar schön aus in ihrer Gebrochenheit.

Weichen Gesichtern verleihen Thränen einen verschwommenen Ausdruck, härter gemeisselten geben sie verführenden Reiz. Sie ist schlank geworden, und die Krankheit hat ihr das byzantinisch Starre geraubt.

»Gnädige Frau,« sagte ich, ihre Hand küssend, »ich danke Ihnen, dass Sie wieder gesund sind.«

Sie ahnt nichts von der Tragödie, die sich in mir abgespielt hat. Sie lächelte schmerzlich.

»Ja es ist ein angenehmes Bewusstsein der Hand der Aerzte entronnen zu sein.«

»Wir reisen nächste Woche an den Genfersee,« sagte Maman hereintretend.

Könnten Sie das nicht allein besorgen, verehrte Frau, hätte ich gerne geantwortet.

»Ich mag nicht reisen,« rief Irene im launischen Tone eines Backfisches. Sie sieht aus wie siebzehnjährig, wenn sie mit schmollenden Lippen der Alten widerspricht.

Mich dünkt – – – – – – –

Es ist zu toll. Nun hebts wieder zu grünen und blühen an in mir. Also die Enttäuschung hat nichts gefruchtet, die Demütigung nichts weiter erreicht als das, was in mir glühte, noch mehr zum Glühen zu bringen. Hydra . . . . . .

Ich bin oft bei ihnen. Mit der Alten, allmählige Aussöhnung. Mich scheint sie leiden zu können, nur ihn hat sie gehasst. Und das verarge ich ihr nicht. Packt doch auch mich zuweilen eine ähnliche Stimmung gegen ihn. Wie wohl die Beziehungen zwischen ihm und Irenen gewesen sein mögen? Ob er – Freiheiten genoss? Ich weiss nicht, ich kann mir keinerlei Intimität zwischen ihnen Beiden vorstellen. Er ist ein so herber, abweisender Charakter.

Wie kommt es nur, dass keine Vorstellung, wie niedrig sie auch sei, meine Neigung zu dieser Frau verkleinert? Sie hat mich zu einem lächer lichen Kerl gemacht, und doch . . . . Wie wenn ich mein Herz in ihre frische noch unvernarbte Wunde presste, dass sie sich mit ihrem Blut und Fleisch über ihm schlösse? Wie wenn ich ihre weiche Stimmung benützte, um sie für mich zu gewinnen? Wenn doch alles würde, was ich so heiss erwünscht?

Er ist angekommen und hat mich besucht. Seine Seele scheint durch nichts ihr Gleichgewicht verlieren zu können.

»Die Tabellen zu meinem Buch sind endlich fertig gestellt. Da brach ich schnell unsere Reise ab,« sagte er leicht hin, »um nun die letzten Abzüge und Correcturen durchzusehen. Ich schreibe eine Abhandlung über Wirtschaftsstatistik. Jetzt kann ich ja ungestört arbeiten, das ewige Wirtshausrennen ist nicht mehr nötig.«

Und diesen trocknen Patron hat sie geliebt!

Ich sass ihr zu Füssen und spielte mit den Troddeln ihres Hauskleides. »Ist es wahr?« fragte sie leise.

»Natürlich,« rief ich instinctiv erratend was sie meinte, und fühlte die Röte des Zornes mir ins Gesicht steigen. »Es ist wahr. Er scheint im Glück seiner Flitterwochen ganz aufzugehen, spricht von nichts anderm als den Nackenlöckchen seiner Frau, ihrer schanken Taille, ihrer Kunst zu küssen.«

Zuerst erblasste sie ein wenig, dann lachte sie hell auf.

»Sie sind ein Lügner. Solche Gespräche führt er nicht.«

»Ich will nicht dass Sie ununterbrochen an ihn denken,« rief ich gereizt.

»Kind,« lächelte sie, und streichelte begütigend meine Hände. Ich entzog sie ihr.

Ich mag nicht – spielen.

Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich fühlte dass ich im Begriff war, meine Fassung zu verlieren, da sagte sie etwas, das mich wieder still machte.

»Ich sehne mich so nach Egbert. Kopf und Herz sind mir wund. Ich möchte mich an einer starken Brust ausruhen.«

Ich sass beschämt da, und blickte in ihr schönes, leidendes Gesicht. Ausruhen möchte sie sich, und hat niemand an dessen Schulter sie es thun kann.

»Ich zweifle, dass es einen Mann auf Erden giebt, der Ihr – Freund sein möchte, gnädige Frau,« sagte ich.

Sie warf mir einen erschreckten Blick zu.

»Sprach ich ausschliesslich von Männern? Ich zöge vielleicht eine Frau vor. Ich war immer ziemlich einsam, habe nie eine Schule besucht, nie Unterhaltungen wie andere junge Mädchen genossen. Meine Eltern deren einziges Kind ich war, trieben einen wahren Cult mit mir. Sie vergönnten mich Niemandem. Die grossen Reisen die wir alljährlich machten, verhinderten von vornherein jede innigere Anschliessung an Freunde. Als Mama starb, zog Vater auf eine Besitzung in Südfrankreich, die er einmal käuflich an sich gebracht hatte. Hier im Schatten hundertjähriger Bäume, durch hohe Mauern von der übrigen Welt abgegrenzt, durch den eintönigen Gesang des nahen Meeres in sanfte Melancholie gewiegt, verbrachten wir mehrere Jahre. Ich dachte nie anders als dass es immer so fort gehen würde, denn Vater war in den letzten Jahren reisemüde geworden. Ich sah mich als altes Fräulein mit silbernen Haaren auf diesen Moosbänken sitzen und dem Schlummer entgegenträumen, den die Menschen Tod nennen, der mir nur eine geringe Veränderung meines jetzigen Traumlebens zu bedeuten schien. Eines Tages erschien ein Mann, der meinem Vater Grüsse von Freunden aus Cypern brachte –«

»Dieser Mann trug in seinen Kleidern einen Duft von Seetang und Romantik der –«

»Sie haben recht, der mich voll heisser Sehnsucht nach der Welt, nach Zerstreuung, nach lachenden Menschen erfüllte. Er warb um meine Hand, erhielt sie, und – die Einsamkeit hatte eine andere Gestalt angenommen. In ihren Grundformen war sie dieselbe geblieben.«

»Und Ihr Vater?«

»Starb im ersten Jahr unserer Ehe, während ich eben meine erste, einzige, grosse Reise mit Egbert machte.«

»Und wie kamen Sie hierher

»Egberts Mutter lebte hier.«

»Und das Haus in der Provence, mit dem stillen von hohen Mauern umschlossen Garten?«

»Ist verkauft worden.«

»Wie schade!«

»Aber in zwei Jahren gedenkt Egbert sich von seiner Stellung zurück zu ziehen, dann wollen wir hier friedlich und zufrieden leben.«

»Meinen Sie?«

Dieser Egbert scheint mir ein gefühlloser Fisch zu sein, sonst könnte er unmöglich seine Frau allein lassen.

Irene hielt grausamerweise in ihren Confessionen inne, eben als sie interessant zu werden versprachen. Ich liess sie nicht ruhen.

»Und hier, hier gerieten Sie gleich in den Strudel der Gesellschaft?«

»O nein, dafür sorgt schon Maman« antwortete sie lächelnd. »Maman ist sehr eifersüchtig.«

»Im Namen ihres Sohnes . . . .«

»Mag sein. Ich verkehre mit wenig Familien. –«

»In einer derselben trafen Sie –« Sie nickte.

»Er war anders wie die übrigen. (Welche sagte das nicht von ihrem »Er«). Ich lud ihn ein mich zu besuchen.«

»Er thats lange nicht, – dann –«

»Packte er gleichsam meine Seele mit beiden Händen und starrte in ihr Innerstes –«

»Und?«

»Er liess sie bald los. Er muss etwas entdeckt haben, das ihm misfiel. Er übersah dass sie –«

»Fahren Sie fort Irene!«

»Dass sie in seinen Händen zurückgeblieben war. Um – fertig mit mir zu werden, verheiratete er sich.«

»Sie mögen recht haben. Und jetzt, was thut das arme Waisenkind von Seele?«

»Es – fröstelt.«

Sie sah wunderschön aus, in ihrer melancholischen Naivität. Furchtbar jung und thöricht. Ich liebte sie noch viel mehr als sonst.

Was mag er missfälliges an ihr gefunden haben? Denn wie aus allem hervorgeht, war er nahe daran sein Knie vor ihr zu beugen.

Mir ist flau zu Mut. Ob es nicht das beste wäre: auf und davon? Freilich, ich glaube auf der dritten Eisenbahnstation würde ich das Coupé verlassen und zurückeilen. Es ist um den Verstand zu verlieren.

Acht Tage mags her sein, da traf ich Paul.

»Saperment du siehst schlecht aus,« rief er mir die Hand schüttelnd, »Junge, Junge! Na. Komm doch manchmal zu uns hinaus, die Luft meiner Häuslichkeit wird dir wohl thun. Keine Zeit hast du,« setzte er auf meine Einwendung hinzu, »ja alle Wetter, nimmt sie dich denn jeden Tag in Anspruch?«

»Wer?« fragte ich trocken.

»Na wer? Glaubst du, du lebst in der Wüste? Immer die alte Geschichte, wenn eine Ältere einen Jüngern ins Joch spannt.«

»Red keinen Unsinn.«

»Mund halten, das weiss ich besser.«

»Die Verläumdung wird ihr nicht wehe thun.«

»Welche Verläumdung?«

»Ach was, lassen wir diesen Stoff ein für allemal,« sagte ich unwirsch.

»Es sollte ja nur eine harmlose Bemerkung sein,« fuhr er fort. »Kein Mensch sieht ihr ihre vierunddreissig Jahre an. Adieu Alter.« Ich sprang dem rasch davon Eilenden nach.

»Du hör, weshalb kommst du gar nicht mehr hin?« stotterte ich, um ihn fest zu halten. Mein Interesse an dem berührten Thema war aufs heftigste erwacht.

»Was soll ich bei ihr machen?« entgegnete er mit seiner gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit. »Geist besitzt sie nicht, Witz noch weniger, ihr Äusseres ist für meinen Geschmack nicht anziehend, das Juvenile an ihr ärgert mich, denn wenn man dessen letzten Grund nachspürt –«

»So entdeckt man ihn in einem unbefriedigtem Herzen.«

»Meinetwegen. Sie soll sichs doch zum Kuk­kuck befriedigen lassen.«

»Wenn der Richtige käme,« sagte ich über Paul hinweg blickend.

Er lachte auf.

»Du irrst. Dieses Weib bringen keine vier Pferde vom »Pfade der Tugend,« wie man die Angststrasse zaghafter Gemüter so poetisch bezeichnet. Sie geht ihren Trott weiter aus – Bornirtheit wie die meisten Frauenzimmer.«

Hätte ich den Grund von Pauls Abneigung gegen sie erkannt?

War es vielleicht der, dass sie ihn abwies, als er in sie zu dringen begann?

Ich betete sie innerlich noch glühender an. Aber – eins. Bei dem Heil meiner Seele, das kann ich ihr nicht vergeben. Und doch ists gerade das, wofür sie am wenigsten verantwortlich gemacht werden kann: ihre vierund dreissig Jahre. Vierunddreissig Jahre! Mein Vater pflegt zu sagen: mit zwanzig beginnt das Weib alt zu werden. Und sie ist vierzehn mehr! Ich möchte sie schlagen dafür. Ich lief gleich von Paul weg zu ihr. Hohenwart war dort. Er hat gewonnen und sieht sehr vergnügt aus. Während sie mit ihm kokettirte, denn das that sie unleugbar, hatte ich Musse sie zu betrachten. Natürlich! Wo hatte ich denn früher meine Augen gehabt? Dieses volle überreif ausgebildete Fleisch des Unterkinns! Diese beginnenden Hahnenfüsse um die Augen, wenn sie lacht. Die Furche die sich von der Nase herab bis in die Mundwinkel zieht.

Ueberhaupt der ganze Körper mit seinen breit ausladenden Hüften, den majestätischen Schultern, die mich früher entzückt haben! Es ist die Fülle die das reife Alter anzusetzen beginnt, nicht das holde elastische Pfirsichfleisch der Jugend, das sie besitzt. Diable, wo hatte ich meine Augen gehabt?

Ich entfernte mich bald wieder.

Ich besitze nicht die Freiheit des Geistes mich über solche Äusserlichkeiten hinweg setzen zu können.

Ich verlange vom Weibe Jugendschönheit. Schönheit ohne Jugend ist mir widerwärtig. Wolkenloser Herbsttag aber – Herbsttag, der unendlich verschieden ist vom Lenz.

Ich hasse die Wehmut solcher Herbsttage.

Es ist doch kein rechtes Sichfreuen können mehr, wenn die Sonne auch noch so brennt und leuchtet. Ich könnte nie Lippen berühren, auf die vierunddreissig Sommer ihre bleichenden Küsse gedrückt haben.

Leb wohl meine Irene! Du bist schuldlos daran, aber – ich kann nicht.

Ich kann nicht . . . . . . . . . . . . . .

Gestern bei Landorffs gewesen.

Sie geht ganz im Mutterglück auf, das sie demnächst erwartet. Sie ist runder und hausfraulicher denn je. Das Glück tropft ihr nur so aus den Augen. Er behandelt sie wie seine Urgrosstante mit herzlicher Ehrerbietung. Sie bedient ihn wie eine Magd. Der Alte sieht zu, und strahlt über das Glück seiner Kinder.

Heute begegnete ich Hohenwart, der mit Ire­nen aus der Blumenhalle kam. Sie ging mit gesenkten Augen an mir vorüber. Sie sieht blass aus, recht vergrämt, alt. Sie sah mich nicht.

Wie lange werde ich es noch aushalten ohne sie?

Ich wiederstehe tapfer. Denn – beglücken, das kann sie mich doch nicht mehr.

Wir sind eigentlich erbärmliche Wichte. Immer schauen wir durch die Brille eines Andern die Verhältnisse an. Wenn der nun dunkle Gläser trägt? So reich müsste jeder sein, um sein eigenes Glas zu besitzen.

Warum bat mir der Thor nur das gesagt? Kannte er meine Schwäche?

Hols der Teufel!

Gestern war ich bei ihr. Als ich auf dem Puff zu ihren Füssen sass, ergriffs mich so toll, dass mir – die Augen übergingen.

»Raoul,« sagte sie sanft, die eine Hand auf meinen Kopf legend, und mit der Andern meine Rechte ergreifend, »Raoul, Sie sind ein Kind.«

Ach, was kam sie von selbst auf das leidige Thema! Nun sollte es ausgeschöpft werden.

»Für wie alt halten Sie mich?« fragte ich.

»Für achtundzwanzig bis dreissig Jahre,« gab sie harmlos zurück.

»Herrgott, und meinen Sie, dass ich in diesen Jahren noch als nachschreibendes Studentlein herumspazieren würde?«

»Warum nicht?« meinte sie, »Studien sind doch an kein bestimmtes Alter gebunden.«

»Ich bin zwanzig Jahre alt, gnädige Frau.«

»Nicht möglich, Sie scherzen,« lachte sie auf.

»Und Sie sind achtzehn,« sagte ich frech.

»Ein wenig mehr,« gab sie schelmisch zur Antwort. »Viel mehr?«

»Aber welche Ungezogenheit,« rief sie, mir einen leichten Schlag versetzend, »wer wird Damen nach so heiklen Dingen fragen.«

O diese erbärmliche Kleinheit der Frauen, die immer das scheinen wollen, was sie nicht sind!

Aber eins ist Thatsache. Je mehr ich dieser Frau zu vergeben habe, um so heftiger liebe ich sie.

Ihr Benehmen gegen mich bleibt sich gleich, obschon sie nun weiss, dass ich fast ein Kind gegen sie bin. Augenscheinlich liegt ihr blutwenig daran, in welchen Beziehungen wir zu einander stehen.

»Irene,« bat ich, »jagen Sie diesen Hohenwart zum Teufel, ich ertrage es nicht ihn hier zu sehen.«

»Keine Unvernünftigkeiten,« sagte sie kühl. »Er ist mein alter Bekannter.«

»Sie lieben ihn,« versetzte ich.

»Ich liebe ihn nicht, aber er ist mir sehr gut, solchen treuen Menschen setzt man nicht den Stuhl vor die Thüre.«

Verdammtes Mitleid des Weibes!

»Wenn Sie glaubten dass – Ihre Hingabe einen von Ihnen Ungeliebten aus einer Gefahr errettete, würden Sie das Opfer bringen?«

Sie errötete bis über die Ohren, verliess ihren Platz, und machte sich an ihrem Blumentisch zu schaffen. Die Alluren eines Back­fisches! Ich hasse die Vertraulichkeiten der Freunde einer Frau.

Dieses Betasten ihrer Psyche, diese Händedrücke und andern »Selbstverständlichkeiten«, die ihnen gewährt werden. Wenn ich ein Weib besässe, heiliges Feuer, keine Fingerspitze dürfte sie mir den »Freunden« hinreichen.

Landorff ist Vater eines »gesunden Jungen.« Er macht ein gleichgültiges Gesicht dazu.

»Nun ja,« sagte er, »ich habs nicht anders erwartet. Du bist übrigens krank, Freund, Du leidest,« setzte er ernsthaft hinzu, »an der Hyperbelosis. Jedes Verhältnis erscheint Dir in unnatürlich vergrösserten Formen, jeder Mensch ein Gigant, jedes kleine Mädchen eine Sybille.«

»Kleine Mädchen,« lachte ich, »seit wie lange –«

»Du wirst eine lächerliche Figur,« rief er erbost, »ich weiss wohl das man mit zwanzig Jahren noch eine Kaulquappe ist, (er zählt um sechs mehr), aber das Kaulquappenthum macht man mit sich allein ab.«

»Und ich?« fragte ich gereizt.

»Du prahlst damit und übersiehst, dass man dich auslacht.«

»Wer lacht mich aus?«

Er blieb die Antwort schuldig.

Ich gab sie mir selbst, und werde ihr gemäss handeln. Nur ein einziger kann es sein, und dieser soll Rede stehen. Eigentlich bin ich Paul dankbar. Er treibt mich nur schneller zu dem Schritt, den ich früher oder später doch gethan hätte.

Im Vorzimmer bei Frau Blanc.

Hohenwart sass drei Stunden bei ihr um mein Weggehen abzuwarten, ich aber wollte das seine abwarten.

Ich glaube wir hatten beide rothe Köpfe. Irene warf ab und zu einen besorgten Blick auf uns, sah mich liebevoll an, und drückte Hohenwart, ohne dass es gerade sehr notwendig war, zweimal die Hand. Schliesslich erhob er sich.

»Amüsiren Sie sich gut, gnädige Frau!« und dabei sieht er mit vieldeutigem Lächeln von mir auf sie.

Ich folgte ihm auf dem Fusse.

»Dürfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie mit Ihren letzten Worten andeuten wollten?« sagte ich mich vor ihm aufstellend.

Er mass mich lächelnd.

»Ich könnte wahrhaftig nicht mehr angeben –«

»Das ist keine Antwort, Durchlaucht,« versetzte ich trocken, »vielleicht geben Sie diese lieber meinem Kartellträger, den ich morgen Ihnen zu senden die Ehre haben werde.«

Er neigte den Kopf mit geringschätzigem Blicke.

»Soll mir willkommen sein.«

Die Hohenwarts sind übrigens weit jüngeren Adels als wir. Im siebzehnten Jahrhundert begegnet man ihren Namen noch unter den Kaufleuten, die für den grossen Kurfürsten Waaren aus Frankreich und Holland lieferten. Erst Mitte des achtzehnten werden sie geadelt. Anfangs unseres Jahrhunderts erhob sie Friedrich Wilhelm in den Grafenstand, den er später zu einen erblichen Fürstenrang umwandelte.

Mein Vater soll erst den Ausgang des Kampfes erfahren. Uebrigens, es ist ja nicht mein Debüt.

Paul hat mir die Bitte, mein Sekundant zu sein, abgeschlagen. Ich fand Ersatz für ihn in Kraptow der gern zusagte. Das werde ich übrigens Paul nie vergessen.

»Wenn du Dummheiten machen willst, mach sie zum mindestens allein. Mein Name wäre mir zu schade dazu.« Der gute Freund! Wur­stigkeit, heisst das edle Wort hinter das ähnliche Menschen wie er, ihre Gleichgültigkeit gegen alles verbergen, was sie aus ihrer dick­lichen Ruhe bringt. Als ich nicht unterlassen konnte ihm einige Bemerkungen über seine Freundschaftlichkeit zu machen, sagte er:

»Wenn Ernst an der Sache wäre! Aber es ist ja pure Coquetterie von dir.«

Auf mein verwundertes Gesicht:

»Du willst ihr imponiren, sie vielleicht zu einer That herausfordern. Ich kann dir im vorhinein versichern, dass die kein Gott zu einer That bewegt. Erlasse mir das Nähere. Sie wird weinen, sich auf den Boden wälzen, dir vielleicht schwören, dass sie dich toll liebt, aber »schlecht kann ich nicht werden,« in der Pose eines weiblichen Josef ausrufen.«

Es ist vorbei. Zwanzig Schritte Distanz. Dreimaliger Kugelwechsel. Er schoss wie ein Lyriker. Ich wollte grossmütig sein. Erst zuletzt . . . . . . . . Ein kleiner Denkzettel könnte nicht schaden, dachte ich mir. Die Kugel streifte ihm leicht die Schulter. Eine harmlose Fleischwunde.

Irene hat die Stadt verlassen. Das Duell ist Geheimnis geblieben, dafür sorgte seine Durchlaucht.

Heute habe ich ihre Adresse erfahren.

Sie wohnt in der Umgebung von hier auf einem Landhaus, das »Maman« gehört.

Man weigerte sich mich zu ihr zu lassen. Sie wäre nicht zu Hause. Dann warte ich bis morgen, sagte ich ruhig.

Hierauf wollte man mir mit der Miene der Wichtigkeit gestehen, dass sie »krank« wäre. Sie muss strenge Weisungen gegeben haben, mich nicht vorzulassen.

»Das ist nicht wahr,« herrschte ich den Diener an, da bat er mich ganz kleinlaut ihm zu folgen.

Sie kam uns auf der Treppe entgegen.

»Ich wollte eben ausgehen,« sagte sie mit einem Blick auf den Menschen, »es ist nett, dass Sie mich besuchen.«

Wir durchschritten nebeneinander den Garten, der die Villa umgiebt.

»Fidonc, gnädige Frau,« sagte ich, »Sie heucheln wie eine Comödiantin.«

Nun wars geschen.

Sie sank auf eine Bank und drückte das Taschentuch vor das Gesicht. An dem convulsischen Beben ihres Leibes erkannte ich, dass sie schluchzte. Ich liess mich neben ihr auf die Bank nieder und zog ihr die Hände vom Gesicht.

»Irene, liebe, gute Irene, zürnen Sie mir? Um Ihretwillen habe ich seiner geschont, ist das der Lohn dafür? Haben Sie kein freundliches Wort für mich? Ich hätte fallen können . . .«

»O er ist grossmütiger als Sie.«

»Wie,« rief ich, und fühlte ein Brennen in meinen Wangen, »wie soll ich das verstehen?«

»Er gab mir sein Ehrenwort Ihnen –«

Ich sprang auf. Ich wollte hinwegstürzen. Ausser meinem Vater will ich niemand mein Leben schuldig sein. Sie hing sich an mich.

»Wohin wollen Sie?«

»Zu ihm, um ihn einen Schuft zu nennen.«

»Raoul!« sie sank mit aufgehobenen Händen vor mir nieder, »Raoul, erbarmen Sie sich. Keinen neuen Skandal. Sie machen mich unmöglich, Sie zwingen mich zu fliehen.«

Ich beugte mich über sie.

»Ist das Liebe zu ihm?«

»Schon einmal,« sagte sie sich erhebend, schwach, »habe ich Ihnen erklärt, dass ich ihn nicht liebe, ihm aber gut bin, ihn als Freund achte. Und – überdies, einen Prinzen Hohenwart schiesst man nicht wie den ersten Besten zusammen.«

»Ah! In der That, dass wusste ich nicht. Ich dachte Mensch sei Mensch, Leben sei Leben . . .«

»So meinte ich es nicht . . .«

»Hoffentlich,« sagte ich ihr ins Auge sehend, »ich möchte nichts Erbärmliches an Ihnen entdecken.«

»Nichtwahr, Sie gehen ruhig nach. Hause?«

»Das weiss ich nicht.«

»Raoul«

»Wie, wenn ich – Bedingungen daran knüpfte,« flüsterte ich ihr zu.

»Welche Bedingungen?«

Sie ist wirklich harmlos. Ich drückte meine Lippen auf ihre Hand.

»Wenn ich schon ehrlos bin, so will ich doch mindestens –«

»Ehrlos?« . . . .

»Gewiss, ich werde mein Leben fortan als Geschenk eines grossmütigen Rivalen zu betrachten haben –«

»Ach Gott –«

»Aber Ihre Liebe soll mich blind, taub, stumm machen –«

»Raoul!«

»Irene!«

Ich presste sie an mich.

»Spiel keine Komödie! Du liebst deinen Gatten nicht, liebst Hohenwart nicht, ich kann wohl sagen, auch Paul hast du nicht geliebt, nein Irene, du hast ihn nicht geliebt,« sie wehrte sich wie eine Wahnsinnige in meiner Umschlingung, »lass dein Leben nicht ausklingen, ohne einen Glücklichen geschaffen zu haben, hörst du? Ich liebe dich mehr als du ahnst dass man dich lieben kann, ich verzeihe dir – alles, – o ja, ich habe dir viel zu verzeihen – alles, aber –«

Der Brunhilde war es gelungen sich von mir loszumachen, sie stand da, schwerathmend, roth, mit zerzaustem gelben Haar, zornig, schön, schön genug um zum Verbrechen zu reizen.

»Nun gehe ich,« sagte ich ruhig, »Sie wissen alles, Ihre Sache –«

»Sie wollen von mir erpressen was ich –«

»Nein, nein,« ich ergriff ihre Hand, »Ich will nichts erpressen, ich wollte Sie nur vorbereiten, damit Sie nicht zu sehr erschrecken, wenn die Stunde, meine Stunde über Sie kommt, denken Sie daran Irene!«

Ich ging. Langsam. Als ich ein Stück weiter war, sah ich mich um. Sie stand noch an derselben Stelle, die Augen wie abwesend vor sich gerichtet. Hatte endlich das Zittern meiner Seele sich der ihren mitgetheilt? Ich flog zurück und in ihre Arme. Meine Lippen suchten die ihren. Als ob man aus einem marmornen Kelch Feuer tränke! . . . . .

Dann lief ich fort.

Nun weiss ich, dass sie mich nimmer lassen kann.

Landorff war bei mir.

»Wir sind doch die Alten, wenn ich dir auch als Philister erscheine, he?«

Ich weiss nicht, so herzlich wie früher kann ich ihm nicht mehr begegnen.

»Du weisst, dass Hohenwart nach Italien gereist ist?«

»Seit wann?« fragte ich erstaunt.

»Seit gestern. Ich kam eben von einem Ausflug zurück, als er den Zug bestieg. Er war in einige Mäntel gehüllt, und sein Kammerdiener leistete ihm Dienste als ob er gelähmt wäre.« Die Schlaue! Hat sie ihn gewarnt?

»Höre Raoul,« sagte Paul im Laufe des Gesprächs, »vergiss mir auch die Schutzleute nicht. Du scheinst ein toller Kerl zu sein, der sich einbildet im sechzehnten Jahrhundert zu leben. Hier kann man sich nicht a la Cellini aufführen.«

»Sei Du ruhig,« lachte ich, »mit deiner Polizeifurcht erreicht man weniger als mit meiner Unbekümmertheit.«

Er sah mich forschend an. Ich fühlte wie ich unter seinen Blicken errötete. Der Tölpel.

Die Geschichte vom Eisen, das man schmieden soll, solangs warm ist, hat ihre Berechtigung. Meine Thusnelda war heute als ich sie im Smoking besuchte – sie ist wie alle Weiber auf das Aeussere ihrer Anbeter eitel, – viel weniger herb als sonst. Sie reichte mir mit niedergeschlagenen Augen die Rechte. Ich begnügte mich nicht mit den Fingerspitzen, und bog ungestüm ihren Kopf an meinen Mund. Sie stiess einen Schrei aus, und stemmte die Hand gegen meine Brust. Ich bin ihr aber an Stärke überlegen. Zuletzt fühlte ich ihre Lippen sich gegen meine pressen. Sie küsst mit geschlossnen Augen. Sie schämt sich. Das verdammte Geziere! »Wessen man sich wirklich schämt, das thut man nicht, Irene,« flüsterte ich ihr ins Ohr. »Du spielst die Verschämte.« Sie errötete brennend. Die Alte hat die Gicht und hütet das Zimmer. Die Gute!

Irene wird täglich fassungsloser und – schöner. Sie scheint langsam zu erkennen, dass Paul nur auf ihren Intellect wirkte, ich aber – sie ist köstlich in ihrer Verwunderung über sich selbst. –

Mir wird es immer deutlicher, dass noch keiner die Hand ernsthaft nach ihr ausgestreckt hat. Ihr Gatte kam mit der Kühle des rechtmässigen Förderers, und die Andern scheint ihr erster Widerstand zurückgestossen zu haben. Die Narren! Je weiter der Graben ist, desto höhere Lust darüber hinwegzusetzen. Sie ist ganz verwundert über diese Art der Werbung . . . . . . . . .

Es ist hübsch ein Weib, das man lieb hat, zu erziehen. Sie ist ganz unerzogen in diesem Punkte . . . . . . . . . . .

Neulich, als wir uns küssten, rief sie plötzlich: ich kann nicht mehr, und rannte schluchzend davon.

Komm nicht mehr zu mir, schreibt sie heute, ich muss mich sonst töten.

Es ist infam von mir, aber ich thu’s. Ich gehorche ihr. Sie hat nun erkannt so oder so, und spricht noch vom Töten.

Warum kommst du denn gar nicht mehr? (Nach einer Woche.) Als ich hinauskomme ist sie byzantinisch steifer als sonst. Man darf sich nie von einer Frau erwarten lassen. Während sie dies thut reflectirt sie, und hat Musse zum Posiren.

Unerwartet muss man sie ereilen.

Vier Tage nicht draussen gewesen. Entweder biegts oder brichts jetzt. Ich bin müde. Seit sechs Monaten umgirre ich sie. Ich bin schon das Muster eines Asketen ihretwegen geworden, demnächst wird man mich zur Anbetung auf einen Kirchenaltar ausstellen können.

Sie schreibt nicht, und ich gehe nicht hin.

Heute Abend war ich draussen. Sie kam mir bleich wie eine wandelnde Leiche entgegen. Bei meinem Anblick fuhr sie erschreckt zurück. Wie muss ich erst aussehen? Ich biss sie in die Lippe vor Wut.

»Wie lange noch die Komödie?«

»Ich müsste sofort Hand an mich legen wenn ich –«

»So thus doch dann, zum Teufel,« sagte ich gemein, »aber vorher –«

Sie bleibt standhaft.

Heute habe ich den grässlichsten Moment meines Lebens gehabt. Es war Nacht. Ich und Irene auf dem Balcon. Ich erlaube mir eine kleine Vertraulichkeit, sie fährt auf, ist im Nu auf der Brüstung und – ich weiss noch immer nicht wie ich es angefangen habe, sie rechtzeitig zu erhaschen. Das Teufelsweib!

Nun bin ich ratlos. So gehts nicht mehr weiter, und anders will sie nicht. Ich, der Zwanzigjährige, kann doch nicht eine vierunddreissigjährige Frau heiraten. Lieber als gemeiner Soldat nach Indien gehen oder sich eine Kugel vor den Kopf schiessen. Nur keine Lächerlichkeit.

Sie riecht so gut, deshalb liebe ich sie so wahnsinnig . . . . .

Freilich verträgt sich das, dummer Junge. Man kann davor zittern sich lächerlich zu machen, hingegen tollkühn allen Gesetzen zum Trotz seine Persönlichkeit durchsetzen.

Eine Dirne zu heiraten würde ich dreist vor der Gesellschaft verantworten, aber eine Frau die älter als ich ist, niemals.

Heute ein peinlicher Auftritt.

Es klopft an die Thüre spät nach mittags. Herein tritt sie. Sie, Irene die stolze Byzantinerin. Mit gesenktem Haupte trat sie auf mich zu und streckte mir stumm die Hände entgegen. Was sich in diesem Augenblicke meiner bemächtigte? Wut, grenzenlose Wut. »Wie kommen Sie dazu mich zum Mitschuldigen zu machen, wenn Sie Ihren Ruf einbüssen?« rief ich zornig. »Wie die Frau die ich anbete, zu compromittiren?« Hyperbelosis! Sie eilte weinend davon.

Wenn eine anständige Frau ihrem Fall nahe ist, verliert sie vielmehr den Verstand als ein Mädchen. Irene benimmt sich ununterbrochen wie eine Wahnsinnige. Sie schreibt mir täglich ein Dutzend Briefe und läuft stets selbst sie zur Post zu tragen, wo sie bereits Aufsehen erregt.

Ich will sie gemein haben und doch hasste ich sie, wenn sie die letzten Grenzen des Erlaubten überschritte.

Gestern sass sie drei Stunden lang meinem Fenster gegenüber auf einer Bank und starrte herüber. Ich nahm Hut und Stock und eilte fort, um des quälenden Anblicks los zu sein. Auf der Strasse lief sie mir nach. Sie wich nicht, bis ich sie in einen Wagen hob, und nach Hause brachte.

»Was willst du denn von mir?« fragte ich sie finster »wenn du das nicht thust, was ich wünsche, so lass mich in Ruhe.«

»Da hast du mich,« stammelte sie, und warf sich vor mich hin. Ich glaube ich habe sie geschlagen. Meine Augen waren voll Blut gefüllt.

»Du sollst dich nicht verwerfen, Weib,« schrie ich sie an, »du sollst nicht, hörst du?«

»Du willst es ja doch,« sagte sie tonlos, das schöne Haar auf den Boden schleifend. Es war ein höllischer Anblick für mich.

Ich heirate sie einfach. Ich kann nicht anders. Wenn nur der eine verdammte Gedanke nicht wäre! Der eine! Ich habe ihre Sinnlichkeit geweckt. Die treibt sie mir entgegen. Nichts anders, keine seelische Notwendigkeit. Seit damals im Garten beginnt ihre Glut. Zuerst schüchtern dann heftiger und heftiger. Heute! – Und dabei habe ich die Ueberzeugung, dass ihr erster Schritt aus meinen Armen sie in die des Todes führen wird. Paul hat recht. Das ist eine unheilvolle Natur. Und er kannte sie ja nicht einmal so wie ich!

Hätte ich das alles geahnt!

Hols der Teufel. Die Menschheitsapostel erwecken zuerst die Seelen ihrer Weiber, dann – das übrige. Ich habs umgekehrt gemacht. Weshalb Bedenken, Junge?

Die Alte ist gestorben. Es war nicht Gicht, sondern Brustwassersucht, woran sie litt. Wieder ein glänzender Triumph für die Wissenschaft der Aerzte.

In acht Wochen soll Capitän Blanc hier eintreffen.

Meine Koffer waren gepackt. – Sie hat sich auf dem Bahnhof beinahe unter die Locomo­tive geworfen. Man brachte sie bewusstlos nach Hause.

Ich glaube, auch ich verliere den Verstand. Ich liebe sie, sie liebt mich. Sie will mein sein, ich liebe sie aber so sehr, dass ich sie nicht töten kann. Und sie ist so schwach, zu schwach um, wie sie sagt, ihre Hingabe überleben zu können. Sie ist zu sehr Weib um mit offenen Augen sich zu sagen, dass, je höher ein Individuum steht, um so mehr königliche Rechte ihm zukommen. Sie ist ein klägliches Weib, wie ich ein kläglicher Mann bin. Ich liebe sie mehr als mich selbst, aber eine ironische Bemerkung über unser ungleiches Alter, könnte mich – wenn sie meine Frau wäre, zum Revolver greifen machen.

Paul hat recht. Wir verdienen nichts Besseres als Schutzleute, wir Modernen mit dem ausgebildeten Geruchssinn und der zehrenden Todesangst uns lächerlich zu machen.

Sie sitzt im Garten, schwarzgekleidet, blass, hager, mit grossen eingefallnen Augen, aus denen verweinte Nächte herausschauen.

Meine Irene! Ich knie vor sie hin, und lege mein Haupt in ihren Schooss. Ihre Hände ruhen auf meinen Schultern. Sie ist ganz mäuschenstill. Ganz Demut, ganz Weib. Und auf einmal rieselt ein warmer Regen auf mich nieder.

Wie müssen diese Augen das Weinen gewöhnt sein! Ich umschlinge die theuere Gestalt, küsse ihr Antlitz, ihr knisterndes Haar. Da kommt Sonnenschein in ihr Gesicht. Der Regen versiegt. Ihre Lippen trinken mir den Odem weg, die Berührung ihrer streichelnden Hände macht meine Nerven schreien. Ihr Geruch berauscht mich. Ach wenn ich dieses Weib doch einmal, endlich! ganz umschliessen, die verdammten Hüllen von ihrem zitternden Leibe reissen dürfte, der wie eine Flamme ist, die mit tausend goldnen Lippen nach dem Sturm dürstet.

Aber – sie töten? Nein. Sie, für immer an mich fesseln? Nein. Ich kanns nicht.

Die Wolken ziehen sich immer drohender über unsern Häuptern zusammen. Immer drohender. . . . . . .

Heute stürmte Landorff zu mir ins Zimmer.

»Pfui,« sagte er sich vor mir auf pflanzend, »wenn ich nicht mit Deinem Alten Mitleid hätte –«

»Was willst du denn?« fragte ich verwundert.

Er sah mich an und wurde ruhiger.

»Du bist krank. Raoul, meiner Seel’ du bist krank. Ich nehme mein Wort zurück. Hör Junge, mach was du willst, aber verlasse die Stadt, es geht so nicht. Sie zeigen mit den Fingern auf euch.«

»Auf –«

»Euch, jawohl. Du machst ja das Weib unmöglich, man wird sie ins Irrenhaus bringen.«

Ich griff mir mit beiden Händen an den Kopf, mir wurde schwarz vor den Augen.

»Ich kann nicht ohne sie fort, Paul, du hast ja vielleicht erfahren –«

»Natürlich hab ich das, deshalb komme ich ja her. Geh doch mit ihr fort.«

»In ein paar Wochen kommt ihr Mann.«

»Es giebt doch Mittel und Wege eine Heirat zu lösen, will sie nicht?«

»Sie wollte schon, aber – ich will nicht.«

»Wie? Hör ich recht? Du liebst sie bis zur Tollheit und –«

»Ich kann nicht Paul. Unsere Jahre, bedenke doch den Unterschied unserer Jahre . . .«

»Mensch,« schrie er, und schlug sich vor den Schädel, »nach so viel Besinnungslosigkeit, das einzig Vernünftige, die einzige Befreiung – in einem Monat könnt ihr wieder getrennt sein –«

»Ich werde sie bis zur Verrücktheit lie­ben –«

»Wie? dann, dann begreife ich – nichts mehr –«

»Ich bitte dich, ich bin nicht allein. Ich habe Familie, Freunde, Bekannte. Sie werden ihre Blicke vor mir senken um mich nicht in Verlegenheit zu setzen, sie werden ahnen, dass dieses Weib mich toll gemacht hat, und ich von ihr berauscht zum Altar taumelte, der für mich nichts weiter als einen – Betthimmel bedeutet; sie werden – o diese elende neugierige Brut, diese –«

Paul warf sich auf mich. Ich glaube ich habe zu toben angefangen.

»Es giebt nur ein Mittel,« rief er, »erbarme dich über dich selbst und benimm dich noch drei Tage wie ein normaler Mensch. Alles soll gut werden.«

Er stürzte davon.

Sakerment. Ein blöder Gedanke! Wenn er meinen Vater hierher citirte! Der Alte ist ohnehin schon seit langem in Besorgnis um mich. Verdammte Freunde mit ihrem unerwünschten Diensteifer!

Sie ist wieder in der Stadt in ihrer alten Wohnung. Die ganze Dienerschaft ist entlassen, nur eine alte Köchin behielt sie. Die ist so ziemlich in Alles eingeweiht. Ein unverschämtes Kupplerinnengesicht. Ich möchte sie an speien, so oft sie mir mit vielsagendem Lächeln öffnet. Und Irene zittert vor ihr, und schlägt die Augen nieder wenn sie mit ihr spricht. Wie erbärmlich ist dieses Gefühl der Unsauberkeit, die das Weib gleich an sich zu empfinden vermeint. Wir fühlen uns nie besudelt. Sie besudeln sich selbst durch ihre steten Gedanken an Besudelung.

Heute brachten wir die ganze Nacht Brust an Brust zu. Unsere Lippen sind zerfleischt und wund. Ihr Mund gehört mir, er muss büssen für alles übrige mir Versagte. Ich war ganz in ihre gelbe Haarmähne eingewühlt, als sie plötzlich bitter zu schluchzen anfing.

»Was hast du denn?« fragte ich betroffen.

»Der arme Egbert, der arme Egbert,« winselte sie.

An meiner Brust weint sie um den Andern! Ich ballte ihr eine Flechte zwischen die Zähne, dass sie zu klagen aufhörte.

»Kannst ihm ja angehören,« sagte ich hämisch, »ich habe sein Recht nicht verletzt.«

»Ich kann nicht mehr,« stöhnte sie, ihr Gesicht auf das meine drückend.

»Das hast du dir auch bei Paul gedacht.«

Sie zuckte zusammen und – lachte. Mitten aus der tiefsten Tragik heraus, ein übermütiges Backfischlachen.

»Du, wenn ich denke, wie dumm ich damals war. Das hab ich für Liebe gehalten! Dieses armselige kleine Gefühl, diese winzige Unruhe.«

Ich hatte ihr rosiges Ohrläppchen zwischen den Zähnen.

»Sei ruhig, sonst beiss ich dirs ab. Red’ von niemand, nur von mir und dir.«

In drei Tagen kommt ihr Mann. Eben schickte sie mir die Depesche her. Er muss etwas erfahren haben. – Sie liegt auf der Erde und rauft sich das Haar. Grosser Gott, was soll ich thun?

Stundenlang bin ich in der Stadt umhergeirrt, ohne zu wissen, wohin meine Füsse mich trugen.

»Eine Dame hat sich zweimal nach Ihnen erkundigt,« sagte mir das Mädchen als ich nach Hause kam. Irene! Ich stürzte zu ihr.

»Mein armes Lieb, komm in meine Arme!«

Sie sank auf die Knie vor mir. Meine Thränen benetzten ihre Stirne.

»Höre Irene, es ist – bitter, was ich jetzt sage, aber es bedeutet den einzigen Ausweg den ich für dich finde, – von mir rede ich nicht – mir wird was ich verdiene – sei Egbert wieder was du ihm warst. Ich habe dich nicht entehrt, Irene, du kannst ihm ruhig in die Augen blicken.«

»Raoul,« schrie sie, »jetzt, wo ich mit allen Fibern, mit jedem Nerv mich von ihm abgewendet habe, zurückfinden zu ihm? Unmöglich. Es ist mir ganz unmöglich. Ganz, Raoul, ich bin aus ihm fort, verstehst du das? Er ist mir ein Fremder, fremder als fremd, jeder Unbekannte ist mir vertrauter als er, denn ich kann nicht verstehen wie ich ihm so viel alles gewähren konnte. Ich – hasse ihn – –«

»Nicht zurückfinden . . . Weib, Weib, ich bitte, ich beschwöre dich, thus, versuch es!«

»Ich kann nicht,« rief sie aufspringend und sich schüttelnd dass ihre Haare wild flogen. »Lieber –«

Ich rannte weg.

Ohne dass sie’s weiss will ich L. verlassen. Der einzige Ausweg für uns beide! Blanc mit seiner ruhigen Manneswürde wird sie wieder zur Vernunft bringen. Sie wird sich ergeben. Er nimmt sie auf seine Reisen mit, sie zerstreut sich . . . . . .

Ich werfe in Eile meine Sachen in die Koffer, der Diener holt mir einen Wagen, da ist der Bahnhof, nein, Gott sei Dank, sie ist nicht da. Ein Billet nach Genf. Warum gerade dorthin, ich weiss nicht, der Name kommt mir zufällig auf die Lippen, es hätte ebenso gut Nizza, oder Cöln sein können . . . . . .

Ich springe ins Coupé, allein, allein, Gott sei Dank! Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich will mich freuen aber – es geht nicht. Teufel, die Müdigkeit und dabei die glühende Unrast, ich möcht am liebsten wieder hinausstürzen, zurück, zurück . . . . . . . aha da kommts schon. Aber hier in der Westentasche, da ist ein Freund der mich ruhig machen wird. Chloral! In letzter Zeit mein Wein, mein Brod, meine Mutter die mich in Schlaf wiegt. Ich esse statt zwei sechs Pulver, das wird wirken, ich werde schlafen bis München. –

Mein Kopf schmerzt unsinnig.

Ich sehe keine zehn Schritte weit. Nacht in den Augen. Der Wagen hält vor den »Jahreszeiten.« Man fragt mich etwas, ich nicke. Dann bin ich auf einmal in einem Zimmer, in einem Zimmer mit jenem entsetzlichen internationalen Pomadengeruch, mit dem aufgeschlagenen Waschkasten, und der feuchten, grauen Flanelldecke auf dem Bett. Teufel, ist das ekelhaft. Und warum nur das alles eigentlich? Ich hätte so schön . . . . ja warum bin ich nur fort? Wohin will ich denn? Es ist sehr gut, dass ich dieses Buch mechanisch herausgezogen habe, um darin zu schreiben. Das ordnet die Gedanken ein wenig.

Da unten steht ein Schutzmann und glotzt herauf. Ob das nur zufällig ist? Schutzmann?! Warum bringt mir dieses Wort – etwas nickt in mir und lächelt.

Ach ja, Schutzmann. Paul der . . . . Landorff! Schade dass er nicht hier ist! War doch ein netter Junge. Bis zuletzt. Da rannte er, glaube ich davon, nun – ja warum nur? O wie mich die Schläfen schmerzen! Da drüben schlagen sie ein Placat an. »Einziges Auftreten von Irene Abendrot.«

Irene! ! ! ! ! ! ! ! – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Sie haben mich ins Bett gebracht.

»Leiden Sie oft an solchen Zufällen?« fragt ein Mann mit einer Brille, über mich gebeugt. Die Leute scheinen ihn geholt zu haben. Er wohnt nebenan und heisst Doctor Siebmaier.

Ich, Ohnmachtsanwandlungen?!

Auf einmal muss ich ihm ins Gesicht lachen, und springe aus dem Bett.

»Bestellen Sie mir bitte Sect, und ein ordent­liches Diner, ich habe seit sechsundvierzig Stunden nichts gegessen als Chloral. Muss heute noch Weiterreisen.«

Weil er ein so dummes Gesicht macht, drücke ich selbst auf die Klingel. Man bringt mir Essen. Er schickt sich an zu gehen.

Zwei Fremde standen sich gegenüber, jeder dem Andern zum Anspeien gleichgültig.

»Reisen Sie weit?« fragte er mit nachdenk­licher Miene sein Geld einstreichend.

»Nach L.« antwortete ich innerlich jubelnd.

»Ich dachte, Sie kämen von dort?«

Natürlich, Schafskopf, deshalb gehe ich schleunigst wieder dahin zurück!

Das Essen war vortrefflich.

Ich habe alle im Hotel reichlich beschenkt. Diese guten Menschen! Sie wünschen mir eine glückliche Reise. Ich gehe mir mein Weib zu holen. Die Sonne muss sich verstecken vor meinem Glück. Wenn alles klappt kann ich übermorgen mit Irenen wieder hier im Hotel sein auf dem Weg nach Italien. Sie soll sich einen Ort dort aussuchen um einige Wochen auszuruhen bis wir uns einschiffen. Denn ich will mit ihr nach Indien hinüber, o ich bin ganz klar bei Verstände, nach Indien, wo ich keine Tanten und Onkels habe, die – lächeln könnten, . . . . dort wollen wir uns küssen bis wir sterben . . . . . .

Im Coupé. Mein Vater wird sich nicht weigern mir mein Erbtheil auszubezahlen. Ich bin ja sein einziger Sohn. Ohne Geld kämen wir nicht weit. Sie darf mir nichts mitnehmen.

Endlich sind wir aus Baiern. Ich möchte weinen vor Glück O Irene, mein Weib, so hat doch die Liebe zu dir meine Feigheit besiegt; du sollst aus mir einen ganzen Kerl gemacht haben! Ob ihre Lippen schon heil sind?

Sie hat keine Ahnung wo ich bin. Wenn sie sich ängstigte! Nun ich verliess sie ja erst vorgestern. Heute Nacht will ich noch zu ihr.

Herrgott, wie ist mir? Wann sollte Blanc kommen? Ich weiss nicht heute oder morgen. Aber was geht er mich an? Ich hole meine Braut, wenn er sich weigert sie herauszugeben, schlage ich ihn nieder.

L.! Meine Aufzeichnungen sind beendet. Das nächste Blatt soll sie, sie schreiben, die Asentochter mit dem Goldhaar und der Keuschheit der Griechengöttin Athena.

Spät Abends wurde heftig an der Klingel der Eilertschen Wohnung gezogen. Frau Eilerts Dienstmädchen kam erschrocken zu öffnen. Raoul von Starewski, leichenblass, ein verzerrtes Lächeln um die Lippen stand im Corridor.

»Bitte Koffer herein besorgen,« sagte er flüchtig, und wollte in die Wohnung treten.

»Aber – Sie sind ja von uns ausgezogen,« sagte das Mädchen geängstigt, und starrte den jungen Menschen an.

»So, bin ich das lächelte er, »mag sein,« fügte er hinzu, sich durch das wirre Haar fahrend, »ich habe so viel auf der Reise zu denken ge habt . . . . . . aber die Hände kann ich mir doch bei Ihnen waschen.«

Er blickte das Mädchen bittend an. »Die Koffer können im Hausflur stehen bleiben, ich habe einen eiligen Weg vor.«

Die Dienerin bat ihn einzutreten, und führte ihn in das früher von ihm bewohnte Zimmer, wo sie ihm Wasser ins Waschbecken goss.

Er sah sich glückselig lächelnd in dem Raum um, wusch sich, bürstete sich und eilte dann davon.

Unterwegs riss er sich den Hut vom Kopfe. Die frische Nachtluft schien ihm wohl zu thun. Er murmelte ununterbrochen einen weiblichen Namen vor sich hin, verirrte sich in den Gassen, fluchte zornig, und riss endlich an der Glocke eines ihm wohlbekannten Hauses in einer stillen, vornehmen Strasse. Der Portier öffnete schläfrig, warf aber dann einen tief verwunderten Blick auf ihn. Ehe er noch Zeit gefunden hatte, hinauf zu leuchten, war Raoul schon die Treppen emporgesprungen und läutete Sturm.

Eine fremde Person öffnete sofort, auf dem mit Teppichen belegten Corridor brannte das Gas. Er sah verwundert um sich, da erschien die Köchin.

»Kann ich hinein?« sagte er, sich seines Ueberziehers entledigend. Die Alte schien starr geworden zu sein.

»Ja, wissen Sie denn nicht, Herr Baron?« . . . .

»Was denn?« fragte er ahnungslos.

»Na so was, na so was!« zeterte das Weib, die Hände über den Kopf zusammenschlagend.

»Ja was ist denn?« Die Augen Starewskis gingen weit auf »reden Sie augenblicklich!«

»Na so was, na so was!« kicherte die Person.

Nun wars mit Raouls Geduld zu Ende. Er packte sie an den Schultern.

»Reden Sie sofort oder –« rief er sie unsanft schüttelnd.

Sie machte einen Schritt zurück und grinste ihn höhnisch ins Gesicht.

»Na . . . na . . . aber so was, das Sie das nicht wissen . . . . ich . . . . hihi, denken Sie: die Gnädige . . . . die . . . . die . . . die Gnädige . . . fort, mit der Durchlaucht, fort . . alle beide . . . durchgebrannt miteinander, durchgebrannt, ja, aber, Herr Jeses, Herr Jeses . . . na . . . na . . . .«

Raoul war an die Wand getaumelt, sie schob ihm rasch einen Stuhl hin. Er stiess ihn mit dem Fuss zurück. »Reden Sie!«

Seine Augen hefteten sich drohend auf sie.

Nun, nun, erschrecken Sie nicht gleich so, es ändert nichts, und der Mühe wert . . .

»Reden Sie!«

»Ja aber . . .«

»Reden Sie!« brüllte er die Hände ballend.

Na, na, reden Sie, reden Sie, ich red ja schon. Wie der . . . der ich mein die mir wird schon selbst ganz schwummelich . . . . . wie also, die Frau mein ich, erfahren hat, dass Sie verreist seien, fing sie wie eine Tolle an, na, – Sie kennen das schon –«

»Weiter, weiter . . . . .«

»Das war vorgestern. Am Abend kam der Prinz an. Er fand sie am Boden liegend mit zerrissenem Haar, na, ein Anblick sag ich Ihnen, dass Einer von der Lieb hätt’ kurirt werden können. Ich liess ihn hinein, weil ich froh war, dass ein Mannsbild kam, was ihr vielleicht den Kopf zurechtsetzen konnte. Er redete ihr zu, wie einem kranken Pferd. Sie kamen nicht ganz gut davon. Dann befahl er mir, sie anzukleiden.

Ich zog ihr Schuhe an, und legte ihr einen Mantel um. Er redete immer auf sie ein, ganz nahe an ihrem Ohr, und dabei streichelten sie seine Hände. Zuletzt war sie ganz willenlos. Er trug sie die Treppe hinab, und fuhr mit ihr in einem geschlossnen Wagen davon. Gestern ist der Capitain angekommen. Er ist augenblicklich weitergereist, ihr nach, wie sie sagen . . . . .

Die Polizei soll sowas wie eine Spur von ihnen entdeckt haben. Eine saubere Frau das, aber ich habs immer gesagt, wies eine mit ihrem Mann macht so –«

Die Alte sah sich plötzlich allein, Raoul war fortgestürzt. Von der Treppe her schallte noch sein schneidendes Gelächter.

Instinctiv eilte er nach Hause.

Als die Dienerin ihm die Thüre öffnete, und seine wildrollenden Augen, den Schaum vor seinem Munde sah, prallte sie entsetzt zurück.

Aber es war schon zu spät.

Er hatte sich auf sie gestürzt, und sie zu Boden geschlagen. Auf ihr Hülfegeschrei eilte ein hochgewachsener, weisslockiger Greis herbei, Raouls Vater, der einer Depesche Pauls folgend, eben hier angekommen war. Es gelang ihm nicht den Tobsüchtigen zu beruhigen. Wärter mussten geholt werden, die ihn fesselten und vorläufig ins Spital brachten.

Man hofft indes ihn heilen zu können. Er ist zu schwach, zu schwach selbst, um eine ernsthafte Krankheit zu haben.