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Maria Janitschek – Die arme Ziska.

Novelle

aus: Maria Janitschek, Lichthungrige Leute, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, (1895)

Ziska ließ sich am Wege nieder. Sie war müde geworden. Sie wandte langsam das Haupt zurück. Und da sah sie aus blauer Ferne die Türme, Kuppeln und Häusergiebel einer Stadt emporragen. Und sie erkannte den einen Giebel. Es war der ihres Hauses.

Vor wenigen Stunden war sie aus der breiten steinernen Einfahrt geschritten, unter der es immer so kühl war. Es war überhaupt kühl in dem ganzen Hause. Ziska schüttelte ein leises Frösteln. Sie schloß die Augen. Um sie her lagen grüne Felder und Wiesen von Blumen und Früchten strotzend. Und die Sonne brannte darauf, und ein breiter tiefer Ton zog durch die zitternde Luft. Das war die See zu der Ziska wollte. Wie ein blauer Berg stieg sie hinter der grünen Einförmigkeit auf. Und auf ihrem Gipfel sah Ziska wieder die goldne Fabel brennen, die ihr die entlegnen Stunden ihrer Kindheit erleuchtet hatte. Die alte Indierin, die nach ihrer Mutter Tod der Vater zu ihrer Pflege ins Haus genommen hatte, erzählte ihr dieselbe jeden Abend vor dem Schlafengehen.

Und dann blickten die eigentümlich geheimnißvollen Augen der Alten ins Weite, Ungemessene, als läsen sie die Zukunft:

»Ein weißer Mann von göttlich schöner Bildung wird es sein, der dich erlöst. Ein Bruder fremder Gottheiten.«

Ziska wuchs heran als die geheime Braut eines fremden Göttersohnes.

Sie wuchs und wuchs und wollte nicht aufhören empor zu blühen. Alle erschienen klein gegen sie. Ihr blauschwarzes bis an die Kniee reichendes Haar, war so eigenartig wie ihre nächtigen Augen. Ihre Eltern waren aus Konia eingewanderte Griechen. Hier in Norditalien war dieser exotische Typus eine Seltenheit.

Eines reichen Seefahrers Kind, konnte Ziska der Freier nicht lange fehlen. Und er kam eines Tages. Es war ein reicher Kaufherr aus der Umgegend. Der Vater ließ Ziska auf sein Zimmer kommen. Als sie vernahm zu welchem Zwecke, erlosch ihr der Atem fast in der Brust. Endlich! So lange sie denken konnte, erwartete sie ihn, der sie erlösen sollte. Ihr ganzes bisheriges Leben war ein Sehnen nach ihm gewesen. Abgeschlossen von der Welt, wie alle Töchter vornehmer Familien, hatte sie niemanden besessen, dem sie ihr junges träumeschweres Herz hätte erschließen können. Erzieherin, Beichtvater, und sonstige Freunde ihres Vaters, alle waren alt und grau wie er, und ohne Interesse für die Fragen einer hochfliegenden Mädchenseele. Ziska mußte viel gegen ihre stürmische zügellose Natur kämpfen. Oft hätte sie den engen Mauern ihres Hauses beinahe geflucht, die sie, die die Unbegrenztheit liebte, einschränkten. Oft hatte sie nach einem warmen Liebeswort, einem Kuß, einem Hände­drucke gelechzt, wenn das graue Einerlei ihrer Umgebung ihr zu erdrückend wurde. Aber sie hatte alle Sehnsucht, alles Begehren ihres heiß und schnell kreisenden Blutes gewaltsam unterdrückt, ihm zu Liebe, ihm, der eines Tages erscheinen würde sie zu erlösen. Und dieser Tag war endlich gekommen.

Mehr todt als lebendig vor Beklommenheit wankte sie die Treppe empor nach des Vaters geräumigem Arbeitsgemach.

Außer ihrem Vater war noch ein Zweiter anwesend. Das mußte Er sein.

Und sie hob ihr gesenktes Antlitz empor, und sah ihn an.

Es war ein nicht häßlicher Mann in mittlern Jahren mit einer leisen Neigung zur Beleibtheit, der sich vor ihr tief verbeugte.

Ziska erstarrte.

So sah er aus? So, gerade wie alle andern? Beinahe wäre sie in Thränen ausgebrochen um das goldne stolze Märchen ihrer Mädchenphantasie, das beschämt vor der Gestalt dieses Mannes verblaßte.

»Dieser edle Mann, mir ein langjähriger treuer Freund, begehrt deine Hand Ziska,« sagte ruhig der Vater, »du wirst es sehr gut haben an seiner Seite. Ich gebe meinen Segen, wenn du dein Jawort giebst. Willst du?«

»Ich habe meinen Bräutigam anders geträumt,« sagte Ziska leise, »wird denn dieser da mich erlösen, mich lieben können?«

»Dieser da hat ein heißeres Herz als mancher von unsern jungen Fanten, die beim Tournier den Preis erringen,« sagte der Vater.

Ein heißes Herz. Ziska sah dem Manne in die Augen, dann legte sie zagend ihre Hand in die seine, und wandte sich an den Vater.

»Wenn es wahr ist, was du sagst, folge ich ihm als Gattin.«

Und dann landeten sie alle, die reichbeladnen Schiffe mit den glänzenden Geschenken für die Braut. Und es kamen die Gäste aus allen Himmelsgegenden.

Und glänzende Feste gabs eins nach dem andern. Ziska nur schüttelte einmal ums andere mal das Haupt.

Was wohl dieser Hochzeitstag ihr bringen würde, dieser Tag den man so feierte, um dessentwillen sie seit Jahren das Märchen träumte, um dessentwillen sie mit der Reinheit der Engel gewetteifert hatte.

Sie traten ins Brautgemach, und Ziska sank ohnmächtig in die Arme ihres Gatten.


* * *


Es war Herbst und draußen brausten die Stürme und man erzählte sich viel von gescheiterten und versunkenen Schiffen.

Ziska lag in einem Lehnstuhl und kaute mit den weißen Zähnen an einer dicken Strähne ihres blauschwarzen Haares. Um sie her saßen einige Frauen mittleren Alters und beobachteten ängstlich jede ihrer Bewegungen.

»Wenn es ein Knabe wird,« meinte die eine der Frauen, die Schwester von Ziskas Gatten, – »dann muß er die Tochter von Laura Chiari heiraten.«

»Aber wenn es ein Mädchen –«

»Daran wollen wir nicht denken,« riefen die andern.

»Es ist ein Knabe, seht nur wie frisch ihre Augen sind,« sagte Donna Cäcilia.

»Die Augen! Auf die Augen gebe ich nichts,« ließ sich eine tiefe Stimme vernehmen, »seht ihren Mund an. Bemerkt ihr die gelben Flecke um denselben, das bedeutet ein Mädchen, sowahr ich eine Croce bin.«

»Nun und wenns auch ein Püppchen wird, wärs auch kein Unglück. Wir wollen es recht schön putzen.«

»Ich habe in meinem Schrank ein Stück feinsten Leinenzeuges, das noch unverarbeitet ist, das soll es haben zu seinem Heiratsgut.«

»Wo ist Pietro?« rief Ziska, plötzlich aufspringend, mit zorniger Stimme.

»Um Gotteswillen steht nicht so rasch auf,« bat erschreckt Donna Cäcilia, Ihr –« aber ehe sie ihren Satz beendet, war Ziska bereits aus dem Zimmer gestürmt.

Sie eilte über einen, über mehrere Gänge bis zu einer schweren eichenen Thüre. Diese stieß sie ungestüm auf und trat in ein hohes geräumiges Gemach. An seinem Arbeitstisch, über einen Haufen Schriftstücke und Papiere gebeugt, saß Pietro Villano. Bei Ziskas raschem Eintritt erhob er sich erschreckt. »Was ist geschehen?«

»Pietro, die Frauen langweilen mich, schick sie fort,« rief Ziska erregt. »Warum sitzest du ewig hier und liest oder studierst, statt mit mir zu sein? Ich weiß es. Damit dich das unaufhörliche Schnattern deiner Verwandten nicht stört. Aber mich stört es, Pietro. Sie haben bereits mein Kind verheiratet, noch ehe es geboren ist. Sie verbittern mir die Freude der Erwartung durch ihre Voraussetzungen. Ich habe ein Dutzend schwatzhafter Weiber geehlicht. Wo ist die Erlösung, das Glück, das ich von dir hoffte? Du bekümmerst dich gar nicht um mich. O daß mein Vater gestorben ist!«

»Ach« sagte der Kaufmann resigniert, und schob du Pläne, an denen er gearbeitet hatte, zurück. Ziska war in einen der hochlehnigen Lederstühle gesunken und weinte krampfhaft.

Der Mann wandte sich fassungslos ihr zu.

»Meine Liebe was willst du eigentlich von mir? Ich habe zu arbeiten, und kann nicht stets um dich sein. Ich habe meine Verwandten ins Haus genommen, damit du Zerstreuung hast. In kurzem wirst du ein Kind besitzen, das dich erheitert. Was verlangst du eigentlich?«

»Nichts, nichts, nichts!« rief Ziska, sich die Lippen blutig beißend, und rannte hinaus.–

Ziska lehnte am offenen Fenster.

Sie konnte nicht schlafen. Sie sah in die schwarze Nackt hinaus, die Luft roch feucht, denn der Sturm wehte von der See herüber.

Er zerwühlte Ziskas Haar und benahm ihr den Atem. Und sie lachte, und erhob die Arme und ließ ich von ihm umschlingen und küssen und bedräuen.

Und ihre Wangen brannten, und ihre Augen füllten ich mit großen Thränen. Dann kam der Mond aus zerrissenen Wolken hervor, und beleuchtete ihre weiße Gestalt. Und da schämte sie sich und schlich zurück auf ihr Lager und legte die Arme um ihren Gatten.

»Pietro, Pietro, wache mit mir, nur ist so wunderlich zu Mute. Sage nur daß du mich liebst, und daß du mich mehr liebst als alle andern Menschen auf Erden, sonst vergehe ich vor Elend.«

Pietro seufzte. »Eben habe ich so schön geträumt.« Er rieb sich die Augen dann sagte er gutmütig:

»Schlafe liebes Kind, die Nacht ist zum Schlafen da. Morgen beim Frühstück wollen wir über die Liebe reden. Da –«

Seine Worte erstarben in langen gleichmäßigen Atemzügen. Er war eingeschlafen.

Sie kaute an ihren Haarsträhnen und wachte mit glühenden Augen. . . .

Das Kind war richtig ein Mädchen. Die Basen stritten sich, ob ihm blau oder rot besser zu Gesicht stehe. Donna Cäcilia entschied sich für blau, Donna Lucia meinte hingegen, rosa bedeute Glück, und kleine Kinder müßten rosa tragen, ihre Stimmung werde dadurch heiter, und ähnliches.

Als das Kind aus den Windeln war, umringten vom Morgen bis zum Abend einige Frauen dasselbe und spielten mit ihm Kleidchenprobe. Wenn der Vater herüberkam sagte er:

»Ei, ei wie bist du schön,« und er trug es vor den Spiegel. »Da sieh mal wie hübsch du bist.«

Dann warf sich das kleine Ding ein Kußhändchen zu, und die ganze anwesende Verwandtschaft brach in einen Freudenjubel aus. Ziska begegnete ihrem Kinde ernst, aber deshalb wurde sie auch von der Kleinen weniger geliebt, denn diese war an lächelnde Gesichter gewöhnt. Man überließ Ziska das Kind nicht gerne. Man verwarf ihre Erziehungsprinzipien als zu strenge erfüllte jede Laune des Kindes, und verzog dasselbe zu einem kleinen allerliebsten Äffchen. Anfänglich hatte Ziska um ihre Mutterrechte gekämpft, gestritten aber nach und nach wurde sie dessen müde, und endlich fühlte sie nichts mehr in ihrer Brust für das kleine Wesen. Sie ließ es schmücken, aufputzen, sich vor dem Spiegel Kußhände zuwerfen, und wandte ihr Gesicht weg, um nicht sehen zu müssen, wie diese junge Seele vergewaltigt wurde.

Ziska wandelte traurig in den weiten Hallen ihres Hauses, auf den öden Gängen und Korridoren umher. Selten ging sie aus.

Sie suchte ja nichts, denn der Glaube an ein Finden hatte sie längst verlassen.

Nur in den Sturmnächten schwoll ihre Brust von unterdrücktem heißem Leben. Dann fühlte sie eine unaussprechliche Sehnsucht in sich aufwogen. Dann fühlte sie ebenso wie als Mädchen, die beseligende Erwartung eines Unaussprechlichen. . . . . .

Aber nur in den schönen wilden Sturmnächten.

Bei Tage ging sie blaß, kalt, scheintot umher.

Wenig Leute erblickten sie. Einmal sah sie ein junger Mann, der von Zeit zu Zeit in geschäftlichen Dingen mit ihrem Gatten Unterredungen hatte. Er begegnete ihr auf dem Gange wie sie einherschritt, träumend, traurig, ihr weißes Kleid hinter sich herschleppend, als ginge sie hinter einer Bahre. Er hielt den Athem an. Sie gewahrte ihn, und sah seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.

Sie vergaß dieselben nicht.

In der Nacht, als alles in lautlose Ruhe um sie her versunken war, strahlten sie vor ihr auf wie fernes Meeresleuchten.

Ob er es ist, frug sie sich müde.

Nach einiger Zeit begegnete ihr abermals jener Mann. Er richtete die Augen voll verzehrenden Feuers fest auf sie.

Sie zuckte ein wenig die Achseln und schnellte die stolzen Brauen höher. Einmal lud ihn ihr Gatte zu einem Feste.

Ziska sprach einige flüchtige Worte mit ihm. Als er ihr beim Abschied die Hand reichte, zitterte dieselbe, und Ziska fühlte das Zittern sich ihrem Herzen mitteilen.

Nicht lange darauf brachte man ihren Gatten todt nach Hause. Er war, als er eine Ratsversammlung verließ, über die Treppe gestürzt, und hatte sich das Genick gebrochen.


* * *


Es war eine von jenen verzauberten Sturmnächten, als Ziska sich sagte: er soll mein Gemahl werden.

Er las ihr die Gedanken von der Stirne, als er ihr begegnete. Denn es lag ein Glühen über ihr wie über einer Braut.

»Aber kannst du auch wirklich lieben?« frug sie. »Mich hat noch niemand geliebt. Weißt du, was lieben ist? Es ist ein Feuer, das vergoldet und verzehrt zugleich. Es ist ein langsames Sterben, denn von Zwei, die sich lieben, muß der eine sterben, weil der, der mehr liebt, ihn tötet. Aber es ist ein herrlicher Feuertod. Es ist Wahnsinn, aber göttlicher Wahnsinn. Es ist die größte Glorie der Sterblichen, willst du mir sie geben?

Aber deine Seele muß mit gegenwärtig sein. Sie muß mit ihrer himmlischen Musik das Herz durchdringen, sonst wird es traurig. Hast du eine Seele, die mitlieben kann?«

»Zwei habe ich, denn die deinige ist mein, ich fühl’s,« sagte er mit jenem Ton der Überzeugung, der im Stande ist eine Frau gläubig zu machen.

Und Ziska lehnte ihr liebes wildumlocktes Haar an seine Brust, und flüsterte: Endlich.

Als er an diesem Abend von Ziska fortging, sah er im Vorzimmer ihre Zofe sitzen, die Wangen rot vom Schlafe, denn sie war sehr träge, und schlief fast ununterbrochen wo sie ging und stand. Ihr Leibchen war der Hitze wegen geöffnet, und ließ die Contouren ihrer weißen Brust erblicken. Guardi neigte sich über die Schlummernde und drückte einen inbrünstigen Kuß auf ihren halbgeöffneten Mund.

Ziska sah den Vorgang durch die Portiere ihres Gemachs, die sie zur Seite geschoben hatte, um dem Bräutigam noch einen letzten Liebesblick nachzusenden.

Sie stürzte wie ein verwundetes Tier zusammen.

Nach der Stunde in der sie sich ihm gleichsam durch ihre Bekenntnisse angetraut hatte, ging er so unbewegt von ihr, daß er Zeit fand, die roten Lippen einer Dienerin zu kosten.

Der nächstfolgende Tag war jener, an dem Ziska im Wege ausruht, müde, todttraurig, und zurückblickt nach der Stadt mit den öden, leeren, fremden Menschen. Ziskas Diener ist voraus, um ihr das alte kleine Haus, das ihr Vater einst in einer Laune hart am Ufer der See erbaute, wohnlich herzurichten. Die Schiffe segeln alle vorüber, aber keines landet hier, denn der eigentliche Hafen ist vor der Stadt. Höchstens ein kleines Fischerboot legt hie und da an.

Ziska wird einsam sein. Aber davor bangt ihr nicht. Wird sie nicht den herrlichen Sturm hören wenn er mit donnernder Stimme die Wogen anspornt, aufzuschäumen? Wird nicht die Luft sich in breiten Strömen auf sie ergießen, und ihre Seufzer empfangen wie eine fühlende Freundin? Ziska preßt die blauschwarzen Flechten zwischen die Zähne um ihr Schluchzen zu ersticken. Einsamkeit, ein verlassner Seestrand, kreisende Möven, ein alter tauber Diener werden fortan die Umgebung bilden, in der Ziska, ein Weib geschaffen zu beglücken, glücklich zu sein, ihr Leben vertrauern wird.

Aber Ziska will keine Brosamen des Glücks, keine halben Gefühle, keine flüchtigen Vergnügung sie will den königlichen Hermelin der Liebe ganz um die Schultern tragen, nicht mit einem dürftigen Zipfel desselben fürliebnehmen.

Ziska erhebt sich und geht weiter der purpurnen See zu. – – –

Es war ein viereckiger mit Marmorplatten ausgelegter Raum, den sich Ziska als Wohngemach in dem Hause an der See auswählte.

Nur die notwendigsten Möbel standen darin. Aber sie bedurfte keiner glänzenden Einrichtung. Sie wollte ja nicht eingekerkert zwischen den Wänden bleiben, sondern draußen verweilen an dem mit kostbaren Muscheln ausgelegten Strande, wo der frische salzige Wind wehte. Sie hatte absichtlich nur den einen Raum herstellen lassen, damit sie nicht genötigt war die Verwandten aus der Stadt, die sicher die Neugierde oftmals hertrieb, bei sich bergen zu müssen. Sie wollte jetzt gar niemanden um sich sehen. Hatten doch alle dazu beigetragen, sie um ihr Glück zu betrügen. Was für Wundermärchen hatten sie ihr von den Wonnen der Ehe erzählt!

Welche Bilder der Seligkeit entrollt! Und was war die Wirklichkeit? Der ewig rechnende Kaufmann mit dem gutmütig unwirschen Gesichte, dessen Antwort auf das schauernde Umfangen seines jungen Weibes lautete: »Morgen beim Frühstück wollen wir über die Liebe sprechen,« hatte ihr Herz wahrhaftig nicht befriedigen können.

Und der Andre, auf den Ziska gehofft hatte? Dieser konnte seiner Braut nicht einmal eine Stunde lang die Treue bewahren, ihr, die in der Liebe nur mit Ewigkeiten zu rechnen verstand.

Eines Nachts erhob sich Ziska, weckte ihren Diener, und befahl ihm ihr Maulthier zu satteln, und ihr zu folgen.

Sie ritt nach der Stadt um ihr Kind zu sehen.

Der Diener öffnete das schwere eichene Hausthor und sie schlich hinauf, über die breite Treppe in das teppichbelegte Gemach, in dem sich das Bettchen des Kindes befand. Aber das kleine Lager stand leer. Im Nebenzimmer unter dem grünseidnen Baldachin lag Donna Laura, ihre Base, und an ihrer Seite, die Ärmchen um ihren Hals geschlungen, ein süßes Lächeln auf dem Gesichte, schlummerte die Kleine. Ziska preßte die Hand auf ihre Brust und sagte: fürwahr hier bin ich überflüßig geworden.

Und sie schlich die Treppe hinab, weinte still vor sich hin, und ritt wieder an die See zurück.

Ziska wollte einen Menschen ganz für sich allein besitzen, ihm alles sein.

Sie zählte noch nicht ganz achtzehn Jahre. Einmal fiel ihr plötzlich ein, sich schön zu kleiden. Sie wand elfenbeinfarbne Perlenschnüre durch ihr schwarzes Haar, zog seidne schleppende Gewänder an, setzte sich an den Strand und blickte in die weite purpurne Wasserfläche vor sich.

Und da hatte sie eine Vision.

Sie sah ein Schiff heraufziehen mit goldnen Segeln und am Steuerruder stand ein Mann von göttlich schöner Bildung und der grüßte sie wie eine alte Bekannte und sagte zu ihr: »Wartest du schon lange? Ich bin aufgehalten worden von Wind und Wogen sonst läge ich schon längst an deinem Halse.« Und dann führte sie ihn in das Haus hinein.

Aber das war nur eine Vision.

In Wirklichkeit fuhren viele Schiffe vorüber nach dem Hafen. Aber keines hielt vor ihrem Hause.

Eines Tages machte sie eine Entdeckung.

Vom Strand aus zog sich ein Felsenriff mitten durch die schäumende Brandung, weit ins Meer hinaus. Um Mittag, zur Zeit der Ebbe ruhte es da, wie ein häßliches Skelett seine nackten Rippen gegen Himmel gekehrt, und man konnte zwischen ihnen umhergehen und die wunderlichen Anemonen und Seesterne finden, die sich hier angesammelt hatten. Aber gegen Abend, wenn die Flut stieg, verschwand es, und in den nächtigen Stunden trieben hohe Wasserberge über ihm.

Ziska mußte immerfort nach der Klippe starren. Sie hatte etwas gefunden, das sie beschäftigte, anzog, das wie ein Mensch erschien und verschwand. Oft saß Ziska stundenlange auf dem felsigen Geäst, bis die Wasserwogen stiegen und stiegen, ihre Fußsohlen netzten. Dann eilte sie in ihr weißes marmornes Haus hinüber.

Einmal als die Abendsonne über dem Meere lag, kam langsam ein Segelboot heraufgeschwommen. Es war ganz von der Himmelsglut gefärbt. Die Segel blähten sich leicht, wie grüßend das marmorne Haus und seine Bewohnerin, die still auf der Treppe saß, die weißen Perlenschnüre im Haar.

Am Steuerruder lehnte ein Mann und blickte herüber. Ziska regte sich nicht. Aber der Mann legte an, und sprang leichtfüßig ans Ufer und gradeswegs in die Mitte ihres Hofes.

Er sagte nichts, sondern starrte sie an.

Er war nicht schön, aber so, daß jeder Mensch er ihm begegnete, sich nach ihm umwenden, und denken mußte: wer mag dieser sein.

Ziska erhob sich und ging seinen staunenden Augen entgegen.

»Ich bin allein zu Hause, mein Diener ist in der Stadt, was wollt ihr?« sagte sie trotzig.

»Ich hielt euch – in der Ferne, – für eine schöne Blume, und wollte euch pflücken, lächelte der Blonde. Nun ich sehe, daß ihr nur ein Weib seid, gehe ich wieder.«

Sie entgegnete gar nichts, und er bestieg sein Schiff und segelte hafenwärts.

Nach einigen Tagen kam er aus der Stadt zurück und ließ langsam sein Boot dahin treiben. Die Segel waren nicht aufgezogen.

Ziska saß auf der Klippe, denn es war am Vormittag. Er kam so nahe an ihr vorüber, daß sie einander bei den Händen hätten fassen können.

»Warum tragt ihr die Perlenschnüre nicht im Haar, sie standen euch so gut,« sagte er, sie aufmerksam betrachtend.

»Wer seid ihr, daß ich mich für euch schmücken soll?« frug sie.

»Ich bin ein Künstler,« entgegnete er. »Dort drüben wo die weiße Wolke am Horizonte ruht ist meine Vaterstadt St. Giorgio.«

»St. Giorgio,« sagte Ziska, und ließ ihre Augen träumend hinüber schweifen. Wie oft war ihr Vater hinüber gerudert in seiner schönen Barke, als kleines Mädchen sie mehrere male mit ihm.

»Lebt noch die alte Doretta, die so kunstvolle Meßgewänder stickte?«

»Ja sie lebt noch, sie ist meine Base,« antwortet der Jüngling.

»Seid ihr ein Landrini?«

»Antonio Landrini.«

»Der berühmte Bildhauer?«

Er nickte freundlich.

Sie sah ihn an, und sah ihm nach, wie er fort­segelte, der weißen Wolke zu, hinter der seine Heimat lag.

Einmal kam er wieder. Da war aber stürmisches Wetter und zwei Ruderer lenkten sein Boot, indeß er müßig hingekauert lag, und in die Luft starrte.

Und vor dem Marmorhaus stieg er ab.

Sie saß beim Herdfeuer und hielt die zarten Hände über die Glut, denn es war kalt.

Er setzte sich zu ihr und sah sie an. Dann sagte er: »Ihr seid sehr schön«, und dann fuhr er wieder weiter.

Zwei Monate lang blieb er dem Marmorhaus ferne, denn es war die Zeit des Winters, und heftige Stürme bewegten die See.

Einstmals im Lenz tauchte aus weiter Ferne ein schimmerndes Segel auf, und bewegte sich mühselig durch die dunkelgrünen Wogen­thäler.

Und als die Barke bei dem Marmorhause angekommen war, sprang Landrini ans Land und ging in den großen stillen Hof.

Er fand Ziska nicht. Und da drang er weiter, hinein ins Haus. Sie saß in ihrer Stube, blaß und ernst. Und als er ihr näher trat, erhob sie sich, ging auf ihn zu, und legte ihre Wange traurig an seine Schulter.

Er aber schlang seinen Arm um sie.

Später gingen die Sterne auf, und die Barke schaukelte leise in den schlafenden Gewässern.

Die Beiden aber saßen stumm bei einander, so fürchterlich ernst, als müßten sie sterben.

Es war nur die Ehrfurcht, die sie schweigen ließ, die Ehrfurcht vor dem Gotte, der bei ihnen weilte.

Ziska erhob sich, schneeweiß im Gesichte, denn das Glück hatte all’ ihr Blut nach dem Herzen gedrängt, und sagte:

»Antonio, wirst Du mein Gatte?

Er zuckte zusammen.

»Dein Gatte? Ich liebe dich, allein du bist kein Weib, das man in seine Häuslichkeit führt, dem man die Schlüssel zu Küche und Keller übergiebt.«

»Und ob ich’s bin« lächelte sie, »des einfachster, Landmannes Frau könnt ich werden, wenn ich ihn liebte. Du sollst sehen, wie demütig und arbeitsam ich sein kann.«

Er schüttelte ungläubig das Haupt.

»Du hast ein Kind, warum liebst du es nicht?

»Das Kind ist Pietros Tochter. Aber wenn ich selbst dies vergesse, wie kann ich es lieben, da es mich unaufhörlich an meinen Ehebruch erinnert? Als ich es empfing, dachte ich an den andern, an dich. Als es geboren war, und ich es mir zur Freundin her anziehen wollte, rissen es fremde Hände von meiner Brust. Was will ich noch?

Ich bin allein, wie ich es als Mädchen war, da ich der Erfüllung meiner goldnen Träume entgegenharrte.«

Antonio schwindelte es.

Ihr Gatte?

Träumte er nicht von einer sanften lieblichen Frau, die seine Werkstätte in Ordnung hielt, und die grübelnden Gedanken, die ihn quälten, durch freundliche Scherze verscheuchte? die ihm Zügel auflegte, wenn seine Phantasie ins Grenzenlose hinüber raste? Diese da? Sie wird ihn mit sich fortreißen in die Untiefen ihrer dämonischen Natur. Sie wird den maßvollen Künstler in ihm tödten, wenn sie nicht sogar den Mann in ihm tötet, und er ein willenloses Werkzeug in ihrer Hand wird.

Nein, ihr Gatte, niemals!

Er floh in die Nacht hinaus.

»Liebst du mich nicht?« rief sie ihm nach.

»Lieben? Mich schauderts vor dir.«

Sie saß still am Strande, und sah hinüber in die Richtung, wo seine Heimat lag.

Ihn hungerte drüben nach ihr.

Und er kam.

Als er die Musik ihres Herzschlags vernahm, und das Knistern ihres blauschwarzen Haares an seiner Wange fühlte, wurde er willenlos, und umschlang ihre Kniee mit der Inbrunst des Gläubigen, der zu Gott um den Himmel fleht.

»Ja ich gebe mich dir, wenn du dich mir giebst aber du mußt auf das kleine Wörtchen »ewig« schwören. Menschenewigkeit! Ist sie denn lange?«

»Sei es,« stammelte er.

Sie zwingt ihn, ihr seinen Namen zu geben, denn ohne den Segen des Priesters will sie nicht sein werden.

Diesmal verstrichen lange Wochen, ehe er wiederkam. Und beinahe wäre er nicht gekommen.

Er habe viele Aufträge, stammelte er zu seiner Rechtfertigung. In seiner Barke befinde sich eine eben vollendete Arbeit, eine Büste, bei deren Aufstellung er selbst gegenwärtig sein müsse. Er wollte ihr dieselbe nachher zeigen, sie sei sehr schön geworden. Seine Arbeiter erwarteten ihn bereits in der Stadt. Er könne sich nicht lange aufhalten.

Ziska starrte ihn an mit ihren verweinten großen Augen.

»O Antonio, nicht weiter,« flehte sie.

Und dann zog sie ihn hinab zum Strand.

Und da begann es wieder, das alte wahnsinnige Spiel. – –

»Ziska« lallt er, sein glühendes Antlitz in ihr kühles Haar pressend, »wann endlich wirst du mein Weib?«

Fast steht sie im Begriffe sich fester in die Arme zu schmiegen, die sie umschlungen halten, und zu sagen: Ich verzichte auf die Stola die unsere Hände umwickeln soll.

Aber da erwacht ihr altes Hoffen auf die Erlösung in ihr. Ja, zu seiner frommen, demütigen Gattin soll er sie machen, nicht die wilde dämonische Geliebte will sie ihm sein.

Wie sie die Augen zu ihm erhebt, erblickt sie etwas, worüber ihr Herz fast stille steht.

In Antonios Barke haben die Ruderknechte einen Gegenstand der bis jetzt bedeckt war, von den schweren Umhängen entblößt.

Es ist das Haupt eines Mannes, das frei und kühn aus dem edeln Halse emporwächst. Ein leises Lächeln spielt auf dem himmlischen Gesichte und mildert den göttlichen Stolz der Züge. Die weiten Augen blicken ins Grenzenlose und umfassen das All in ihrer Pupille.

Ziska schreit auf.

Antonio erwacht aus seinem Rausche.

»Apollo!« ruft er, sich erhebend, und in die Barke springend, »Siehe, das ist die Arbeit von der ich sprach. Mein Werk.«

Und wie er die Hand auf den Scheitel des hehren Jünglingshauptes legt, fühlt er sich wachsen im Angesichte seiner Schöpfung. Und alles Irdische, alle Begehrungen und Wünsche des Blutes sind zergangen in diesem Moment. Mein liebender Mann, ein Künstler steht hier, der nur eines will, das Geheimnis der Schönheit das er enträtselt hat, seinen Mitmenschen offenbaren.

Mit einem Schritt ist Ziska in der Barke. Und wie sie Antonios kalte Herrschermiene erblickt, schreit ihr Herz laut auf im Weh ihrer Liebe.

Sie kauert sich vor dem Gotte nieder, und starrt ihm in das weiße unbewegliche Antlitz. Hinter den goldumränderten Wolken sinkt die Sonne ins Meer.

»Ich muß zur Stadt,« sagt Antonio ernst. »Ich möchte ihn noch gerne vor Anbruch der Nacht hineinbringen.«

»Und wann kommst du wieder zu mir?«

»Zu dir?«

Er findet kein Wort. Er ist plötzlich traurig geworden, aus seinen Götterträumen erweckt.

»Bald,« entgegnet er mit gesenktem Auge.

In ihr aber ist plötzlich etwas geschehen. Wie der Biß eines Raubtiers gehts durch ihr Herz.

Sie atmet schwer auf, dann umschlingt sie Antonio mit ihren warmen liebenden Armen.

»Antonio eine Bitte, dann magst du weiter ziehen. Laß deinen Gott da hinüber tragen auf das kleine Eiland, das mein Ruheplatz ist. Hier in der schwärzlichen Barke, zwischen den umherliegenden Segeltücher vermag ich seine Züge nicht ganz zu erkennen. Da oben auf der Klippe, inmitten der purpurnen Wogen, wird sein seliges Antlitz wie eine Offenbarung uns ergreifen. Erfülle meinen Wunsch.«

Und der Künstler, von dem eigenartigen Gedanken selbst ergriffen, half ihn hinaufheben auf die graue Klippe, so daß es aussah, als sei ein überirdisch Bild den Wogen entstiegen.

Ziska ging in ihre Stube und bereitete den harrenden Ruderknechten ein Getränke und sagte ihnen sie mögen trinken und guter Dinge sein, bis ihr Herr weiter fahre.

Sie tranken und schliefen ein.

Und Ziska saß mit Antonio allein, inmitten des wogenden Meeres auf der Klippe, zu Füßen des Griechengottes, und sprach dithyrambische Liebesworte zu Beiden. Dann kam der große bläuliche Vollmond hinter den Wellenbergen hervor.

Und die Wasser netzten höher und höher das felsige Eiland.

Ziska ließ ihr Haar frei fluten im Wind, und öffnete ihr Gewand am Halse, daß die weiße sammtne Haut hervor leuchtete.

Antonios Blicke begannen trunken zu werden. Noch einmal faßte er seine Sinne zusammen und sagte »ich muß fort, ich muß fort,« aber da lächelte sie und deutete nach seiner Barke, in der die Ruderknechte lagen und schliefen.

»Du müßtest deinen Gott allein hinabtragen, die helfen dir nicht.«

Dann vergaß er seinen Vorsatz und die Welt. Sie hatte ihm ihre rothen Lippen zum Trinken gereicht. . . . .

Der Mond und die weite stille See umher.

Und sie beide allein.

Was fehlte da zu einer großen unaussprechlichen Seligkeit?

Der Mann der den Mut hatte, diese Frau zu lieben. . . . Ziska sah auf den Halbbetäubten an ihrer Seite mit mitleidigen Augen.

Er fürchtete sie. Er gehörte nur so lange ihr, als seine Sinne begeistert an ihrer Schönheit hingen. Wie seinen Blicken ihre körperliche Gestalt entschwand, und die Vernunft, die Scharfrichterin der Liebe, ihre kalte mahnende Stimme erhob, war es vorbei mit seiner Leidenschaft für Ziska.

Er fürchtete, daß sie eine schlechte Haushälterin werden könnte, daß sie zu viel an ihre eigne Pflege denken, und seine Werkstätte nicht in Ordnung halten würde. Er war ein kleinlicher Mensch, wenn er nicht schuf, und dann, dann gehörte er überhaupt keinem Weibe, sondern der Schöpfung, die er zum Leben erweckte. Ziska sieht im Geist ihn erwachen. Sie sieht ihn emporfahren, die Knechte auf­wecken, und hinüber eilen nach der Stadt, betrübt über seine Säumniß.

Und sie wird wieder allein sein, mit ihrer verzehrenden Leidenschaft für ihn.

Sie streichelt mit ihren zarten Händen sein Antlitz, seine geschlossnen Augenlider.

Plötzlich beginnt sie zu zittern. Grenzenlos allein erscheint sie sich, wie ein dahintreibender heimatloser Vogel. Und niemand, der sie aufnimmt und in seinem Schooße bergen will.

Antonio fährt empor.

»Ich muß fort.«

Da blitzt ein grünliches Feuer aus ihren Augen.

Sie schlingt die dicken Strähne ihres langen Haares um seinen Hals und zieht sie fest und fester zusammen, und wirft sich auf seine Brust.

Er wehrt sich mit krampfhafter Anstrengung, mit schreienden Augen.

Aber sie küßt ihn unbarmherzig weiter. Und dann wird er ganz ruhig.

Es ist auch nötig, denn die Kraft mit der sie ihn nieder hält, beginnt zu erlahmen. Die Mondscheibe ist ganz heraufgestiegen und schaut lautlos über Ziskas Schulter, dem Erdrosselten ins Gesicht.

Die Ruderknechte schlafen.

Ziska liegt gebrochen auf der Erde. Da kriecht etwas an ihren Sohlen herauf, etwas kaltes Zuckendes.

Sie richtet sich auf. Es ist eine Welle. Und eine zweite und dritte folgt der ersten nach, und jede schwillt höher.

Ziska stützt das Haupt in die Hand, und schaut mit todten Augen ins Wasser.

Es wird ein kurzer Kampf sein, überlegt sie, und dafür eine lange Ruhe.

Ah!

Sie wird nach Luft schreien, wie sie jetzt nach Liebe schrie. Die Liebe ist unbarmherziger als der Tod. Sie kam nicht. Er kommt immer, wenn man seiner wirklich begehrt. Und Ziska erblickt sich, wie sie auf den Wassern dahintreibt, die schwarzen Haare hinter herschleppend, wie früher ihr weißes Gewand. Wie einsam segelnde Fischer sie erblicken, ein Kreuz schlagen, den Leichnam in ihr Boot ziehen, und nach der Stadt bringen.

Ein Schauer ergreift sie, ein Mark und Bein durchrieselnder vor den gleichgültigen Augen der fremden Menschen, die ihren schönen Leib erblicken sollen.

Ihr Auge schweift Vernichtung suchend umher, und plötzlich bleibt es auf dem weißen Antlitz des Gottes haften.

Und ein Freudenschrei entringt sich ihrem Munde. Sie will aufspringen, aber Antonios starrer Körper hängt mit fürchterlichem Gewichte an ihr. Sie muß erst ihr Haar von ihm loslösen. Es will kein Ende nehmen, Faden für Faden loszumachen, von dem unkenntlich gewordenen Hals der Leiche.

Zuletzt reißt sie in fiebernder Ungeduld die dunklen Strähnen mit blutigen Wurzeln von ihrem Scheitel.

Sie ist frei.

Sie eilt zu dem Gotte hin, und umschlingt ihn. Wenn sie sich so in die Tiefe gleiten läßt, findet sie kein menschliches Auge mehr. Aber wie wenn sie in der Todesangst die Arme emporwirft?

Der Strick, den die Knechte früher zur Heraufschaffung der Büste benützten, liegt noch am Boden, naß geworden von den bereits die Klippe überflutenden Wellen.

Ziska hebt ihn auf, und knüpft ihn um sich und die marmorne Jünglingsbrust. Er wird fest halten.

Dann lehnt sie das schwindelnde totblasse Haupt an die Schulter des Gottes, und schließt die Augen.

Und die Wellen steigen höher und höher. Drüben in der Barke ist es noch immer still.

Sie schlafen.

Eine Möve kreist um Ziskas Haupt, und läßt sich an der Seite des Toten nieder. Ziska schauert.

Das Wasser ist ihr bereits bis zum Gürtel gewachsen. Jede Sekunde kann ihre letzte sein.

Der Mond rückt näher und näher.

Er leuchtet in das apollinische Antlitz, das sie fragend ansieht. . . .

Da kommt eine Welle, und küßt ihren Mund. Und aus der Welle tönt das goldne Märchen der Indierin:

»Ein Mann von göttlich schöner Bildung wird dich erlösen.«

Und mit einemmale begreift Ziska, und den Gott umschlingend gleitet sie hinab in die purpurne Tiefe, in die tiefste Tiefe, wo die Perlen geboren werden, und die weiße Ruhe wohnt.