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Janke Carola – Das Räthsel der Unsterblichkeit

Essays

Janke Carola, Das Räthsel der Unsterblichkeit gelöst von einer Somnambule; Fortsetzung des Räthsels der Unsterblichkeit oder "Nur eine Religion", beide im Verlage der Herausgeberin, Dresden, 1868; Weimar 1869

Das Räthsel der Unsterblichkeit

I.

 

Es ist schon sehr viel über die Unsterblichkeit oder das Leben nach dem Tode gesprochen und geschrieben worden, und dennoch hat Keiner den Vorhang zu heben vermocht, welcher uns von dem dunklen Jenseits trennt und uns jene Welt verschließt, die unser Geist bis jetzt umsonst zu enträthseln versuchte.

Noch dunkler und unenthüllter ist die Frage nach der Form, unter welcher ein Fortleben nach dem Tode stattfindet, vorausgesetzt, daß es sich überhaupt nicht mehr um das »Sein oder Nichtsein« nach diesem Leben handelt, die Unsterblichkeit als etwas längst Bewie­senes und Unumstößliches vorausgesetzt wird, und wir von der uns innewohnenden, allen Cultur­völkern eigenen, ewigen Wahrheit ausgehen:

»Es giebt einen Gott«,

und zwar einen persönlichen, das Universum lebenden und regierenden Gott; einen Gott endlich, der uns, seine Geschöpfe, liebt und daher nicht vernichtet, was der ganzen Anlage nach zu etwas Höherem bestimmt sein muß.

Durch großes und tieferes Nachdenken habe ich nun, um es gleich vorweg zu sagen, die fe­ste Ueberzeugung gewonnen, daß die Zerstörung oder der Tod der Seele als etwas absolut Unmögliches dasteht und wir ganz unnöthiger Weise um die nur in einem gewissen Sinne sterbliche Hülle unseres Ich trauern, während doch die Verklärten im schönen Jenseits unseren Schmerz nur belächeln können und harrend an der Pforte stehen, durch welche auch wir einst zu einem freieren und schönern Leben eingehen werden.

Aber wie viele Tausende wenden sich trostlos von dem Geheimnisse ab und sprechen in ihrer Kurzsichtigkeit: Es giebt kein Wiedersehen nach dem Tode; es ist Alles Lüge und Trug, was die Religion uns hierüber sagt. Gott selbst würde aber nicht Gott sein, würde er den ewig im Streben nach Vollendung begriffenen Geist vernichten, oder wollte er die Idee der Liebe, jenes Princip, welches die Welt erschaffen, plötzlich zerstören, indem er den Lebensfaden ohne Möglichkeit der Wiederanknüpfung zerschnitte, durch welchen wir mit diesem oder jenem geliebten Wesen hier auf Erden verbunden waren. Die Liebe, die in ihrem bedeutungsvollen Ahnen weit über das Grab hinausfühlt, wäre dann ein Widerspruch ihrer eigen­sten Natur und Gott überhaupt dann kein Gott der Liebe, Weisheit und Vollendung mehr, sondern nur ein Geist gedankenloser Erschaffung und Vernichtung.

Insofern wir Gott – und mit vollem Rechte – als vollendetsten Gedanken und vollendetste Liebe anschauen, müssen wir, wollen wir mit unserer Ideenwelt nicht in unauflöslichen Widerspruch gerathen, an eine Unsterblichkeit glauben. Denn »der Tod ist nur eine Ruhe der erschöpften Natur«, und »die Kraft, welche am letzten auslöscht«, nämlich die Muskelkraft, ist eben die, durch deren Widerstand die Kraft der Seele sich bildete und sie im Organismus für eine höhere Stufe erstarken ließ. Gleich wie der Schmetterling im Augenblicke seiner Verwandlung die eine Hülle zerstört, um in einer anderen und schöneren Form lebensfähig sein zu können, ebenso durchbricht auch die Seele in dem Augenblicke ihrer geistigen Vollendung die körperliche Hülle, um als der vollendete Gedanke der Gottheit ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzueilen, und das, was wir Tod nennen, ist somit nichts Anderes, als »eine reinigende Kraft«, die von Gott bestimmt ist,


»Das Sterbliche zu läutern und die Flecken
Der mangelhaften Menschheit zu verzehren«,


wie so wahr der große Schiller in seiner »Braut von Messina« uns zuruft.


II.

 

Gott will aber die Seele nicht einseitig ausbilden und eben deshalb stellt er die Bildung des Gedankens, d. h. des Geistes mit der des Gefühls in ein Gleichgewicht, infolge dessen die Seele, die sich in einem ewigen Kampfe mit sich selbst befindet, innerlich erstarkt und so ihre Vollendung möglich macht; denn eben durch den ihr eigenen Widerspruch, durch die mannigfachsten Zweifel wird sie an Weisheit zunehmen und dadurch auch vor jener schwächlichen Empfindelei bewahrt bleiben, die nur zu leicht die Seele für jeden erhabenen Gedankenflug unfähig macht und der Unfreiheit und Unwahrheit in die trügerischen Arme wirft.

Wenn nun auf der einen Seite der Verstand in uns eine gewisse Leere des Herzens bewirken muß, so gleicht das Gefühl auf der andern Seite diesen Mangel an Innerlichkeit wieder dadurch aus, daß es den Geist in das Gebiet der Ahndung hinüberführt und auf diese Weise allein den Menschen befähigt, die großen Segnungen einer wahrhaftigen Religion an sich wahrzunehmen; denn die Religion offenbart sich nicht da, wo ein kaltes Wissen den Menschen beherrscht, oder eine krankhafte Phantasie den für Wahrheit, göttliche Wahrheit, geschaffenen Geist gefangen hält. Die wahre Religion war allemal da, wo Herz und Verstand sich gegenseitig ergänzten und die Seele in Unschuld und Klarheit auch wirklich eine Vereinigung mit Gott suchte und fand.

Die Ausbildung der Seele geht noch langsamer als die des Körpers vor sich, mit welcher letzteren der Mensch mit der Thierwelt zusammenhängt und von dieser in vielen Stücken, sofern das Geistige nicht in Betracht kommt, übertroffen wird; denn hilflos und elend tritt der Mensch in das Leben ein, während die Thiere zumeist gleich nach der Geburt oder doch nur kurze Zeit nachher schon allein laufen und fressen können. Aber daß der Mensch gleich sieht, was um ihn vorgeht, und von vorn herein an die Wahrnehmung gewiesen ist – obschon dieselbe ja nur äußerst schwach sein kann – ist ein Fingerzeig für uns, und dieser weiset bestimmt darauf hin, daß die Seele zwar die Fähigkeit besitze, aus dem durch Erfahrung begründeten geistigen Fond Idee zu bilden, nicht aber von vornherein angeborene Ideen aufzuweisen im Stande sei. Erst mit den Jahren bildet sich die Seele auf dem Wege der Erziehung und Erfahrung aus, indem sie die Belehrungen und Anschauungen in sich aufnimmt, und nun endlich selbst befähigt ist, reproducirend thätig zu sein. Dies ist dann der Zeitpunkt, wo sie sich zu Gott emporrichtet, d. h. das Wirken der Gottheit an sich, in sich und um sich fühlt und begreift.

Es ist also die vernünftige Seele, welche den Menschen von dem ihn instinktiv und in vielen Stücken auch an Kunstfertigkeit überragenden Tierreiche trennt, aber ihn eben deshalb auch allein zu einer noch höhern Ordnung berechtigt und fähig macht.


III.


Es finden in den drei Reichen, nämlich im Thier-, Mineral- und Pflanzenreiche, Uebergänge statt. So bildet z. B., gleichwie die Schwämme, welche hinsichtlich ihrer Beschaffenheit mehr thierische als pflanzliche Stoffe enthalten, die Venus-Fliegenfalle, Deonaea muscipula, welche in Amerika zwischen Nord- und Süd-Carolina wächst, den Uebergang vom Pflanzen- zum Thierreiche; denn ihre zweilappigen Blätter schließen sich sofort, wenn irgend ein Körper oder besonders ein Insekt die inneren Flächen berührt, ohne sich wieder zu öffnen. Man vermuthete daher lange Zeit, daß sie sich von todt gedrückten Insekten ernähre, was sich jedoch schon dadurch als irrthümlich erweiset, weil sie sich auch durch jede andere Berührung unter denselben Eigenthümlichkeiten schließt und in Wahrheit ihre Nahrung wie alle übrigen Pflanzen vermittelst der Wurzeln an sich zieht. (Jedenfalls hat ihre eigenthüm­liche, bei der Berührung durch fremde Körper bewirkte willkürliche Bewegung viel dazu beigetragen, jene irrthümliche Meinung zu befe­stigen.) Ebenso führe ich noch die Polypen an, die aber mehr den Pflanzen als den Thieren ähnlich erscheinen. Nicht weniger Beachtung in dieser Beziehung verdienen die Reste von Muschelthieren, z. B. die Korallen, und namentlich die Steinkohle, die nichts als der Rest von farrenkrautartigen und schachtelhalm­artigen Bäumen ist und den Uebergang vom Pflanzen- zum Mineralreiche bildet. Die Ueber­gangsstufe von der Thierwelt zur Gottheit ist endlich der Mensch, und es leuchtet wohl ein, daß er, je mehr er den thierischen Gelüsten lebt, desto näher der Thierwelt steht, und je mehr er sich von dieser entfernt, höher zu Gott hinaufreicht. Unser ganzes Verhältniß zu Gott liegt also in der Annäherung zu ihm und in der Entfernung von ihm. Ein recht schlagendes Beispiel für die Möglichkeit gänzlicher Verthierung des Menschen bildet die Thatsache, daß man im Jahre 1649 in Polen mitten unter einer Heerde von Bären einen völlig wilden Knaben fand. Derselbe war am ganzen Körper behaart und gab weder einen Laut, noch ein Zeichen irgend welcher Vernunft von sich. Noch merkwürdiger aber ist der im vorigen Jahrhundert aufgefundene dreifüßige Zwerg, welcher an Händen und Füßen mit Schwimmhäuten versehen war, im Wasser lebte, von Fischen und Fröschen sich nährte und für jedwede Bildung ganz unempfänglich war.

Dieser Erniedrigung des Menschen entgegengesetzt ist die Annäherung und Erhebung zur Gottheit vermittelst der Vernunft, des Verstandes, des Gefühls, und so finden wir denn in Christo die Vollendung des Gefühls mit der Vollendung des Gedankens in vollster Harmonie ausgedrückt und begreifen, daß er sich nur so zur höchsten Gotteserkenntniß erheben, zur höchsten Gottesliebe entflammen, nur so Gottmensch werden, d. h. einen Gott in sich fühlen und uns ein erhabenes, der Gottheit nahes Vorbild geben konnte. Bildet daher weder euer Herz, noch euren Geist einseitig aus, sondern sucht nach den Wechselbeziehungen zwischen beiden; in dieser dadurch geschaffenen Harmonie wird für euch die Bürgschaft einer klaren und reinen Gotteserkenntniß und Gotteserhebung liegen und ihr in Wahrheit Gott ähnlich werden. Lasset ab vom Aberglauben und fanatischer Verehrung, die nichts weiter als Götzendienst und gleich diesem eine Entfernung von Gott ist, wie dieser euch hindert, in euch die offenbarte Gottheit zu finden und an eine Unsterblichkeit der Seele mit der Kraft der Ueberzeugung zu glauben. Kämpfet vielmehr mit der Liebe zu Gott für eine wahre Erziehung der Menschheit, indem ihr dem Geiste und dem Herzen jenen großen Trieb zur Wahrheit einpflanzt, der uns allein fähig macht, Gott in seiner Liebe und Größe zu verstehen und die Wunder seiner Werke zu begreifen. Das ist unser Ziel, darin liegt die Auslösung, weshalb der Mensch in der Bibel das Ebenbild Gottes genannt wird. Streben ist die Losung der Menschheit, und gar keine Frage mehr, nach welchem Ziele. Macht ihr aber Gott zu einem Zuchtmei­ster, welcher den Menschen nur zu einem Sklaven seines freien Willens geschaffen, so stellt ihr überhaupt jeden sittlichen Begriff, jede Größe und Weisheit der Gottheit in Frage. Dann ist der Mensch nicht mehr ihr treuester Gehilfe, sondern blos ein nutzloses Spielzeug derselben und sein innerer unveräußerlicher Trieb zur Vollendung eine Täuschung, eine erbärmliche, elende Lüge.

Zum sittlichen Glück, dürfen wir ausrufen, hat die Menschheit diesen Standpunkt im großen qualitativen Ganzen überwunden und auch jene unhaltbaren geist- und vernunft­losen Thesen der Materialisten, nach welchen der Mensch nichts als ein Wesen des Zufalls ist, mit Entrüstung von sich gewiesen und gerade an letzteren den Beweis gesehen, wie einseitig und unwahr das Streben nach Wahrheit werden kann, wenn nicht Verstand und Herz zugleich an der Vervollkommnung des Menschen arbeiten.

Da nun an der Vervollkommnung des Menschen alle Sinne mitarbeiten müssen, so haben wir zunächst unser Augenmerk auf die Ausbildung der einzelnen Sinne zu richten; sie sind die Vermittelungswerkzeuge zwischen unserem physischen und geistigen Leben, und sie üben, heißt nichts anderes, als unser geistiges Ich stärken und vervollkommnen. So wird das Auge sich durch die Anschauung des Schönen veredeln, d. h. fähiger, uns dasselbe vollkommener empfinden zulassen. Ein gebildetes Auge sieht daher auch ganz anders als ein ungebildetes, gerade so wie ein gebildetes Ohr mehr hört als ein ungebildetes, und die Genüsse werden für uns um so vollkommner sein, je mehr unsere Sinne für dieselben ausgebildet sind. Es leuchtet also schon von selbst ein, warum ein gebildeter Mensch hier schon glücklicher ist, als ein roher, unentwickelter, nur den niedrigsten Sinnen fröhnender Mensch, der eben darum auch nur ein halbes Leben lebt und, da das Wie seines Hiers das Wie seines Dorts nothwendiger Weise bestimmt, in Wahrheit ein Verbrecher an seinem unsterblichen Theile ist.

Mit der Bildung der Sinne tritt erst die Seele in ihren eigentlichen Wirkungskreis; es erwacht die Phantasie, welche den Menschen durch Reproduction in das unbegrenzte Gebiet der Vorstellung führt, ihm oft Bilder zeigt, die er noch nie gesehen, oft Töne hören läßt, denen er nie gelauscht und so hier schon annährend eine Idee jenes Reichs als Vorstellung schafft, in welchem wir nach dem Tode unser Leben fortsetzen werden. Deßhalb sind auch die Freuden, welche der Künstler, der Dichter und der Gelehrte inmitten ihres hohen Berufs genießen, wahre Seelenfreuden, und auch das Reinirdische für ihn anmuthiger und schöner, weil er infolge seines Gesichts- und Gedankenganges so Vieles sieht, welches für den Ungebildeten gar nicht vorhanden zu sein scheint oder doch für ihn nicht so mancherlei Beziehungen zu diesem oder jenem bietet. Nicht minder bedeutsam ist aber auch die Ausprägung des Seelenlebens als Gesichtsausdruck. Man vergleiche nur den fein gebildeten Menschen mit dem rohen, nur seinen thierischen Bedürfnissen lebenden Menschen. Wie geistig schaut das Auge des Einen, und wie dumm das des Andern in die Welt hinein. Auf den ersten Blick erkennen wir den leidenschaftlichen Menschen aus seinen Gesichtszügen. Wir sehen also, daß das Seelenleben auch formgebend wirkt und auf dem Gesichte diejenige Seite seines Innern bloslegt, die auf Kosten der andern, sei es nun in dieser oder jener Weise, besonders gepflegt oder vernachlässigt wurde. Der Gesichtsausdruck einer vollkommenen Seele ist nach keiner Seite hin unvollkommen, sondern überall harmonisch durchgebildet und, wie man sagt, ein vergeistigter. Ganz vorzüglich ist dies von Titian auf seinem Gemälde, »der Zinsgroschen« ausgedrückt; man vergleiche nur die nieder«, gemeinen Züge des Pharisäergesichts mit dem edlen, durchweg harmonischen Ausdrucke Christi, und man wird kaum einer andern Meinung huldigen können.

Von großer Bedeutsamkeit für unsere Untersuchung ist nun vor Allem die Erkenntniß von der Vollkommenheit der Seele in ihrer Thätigkeit und Leistungsfähigkeit. Denn wäre die Seele wie der Körper theilbar, mangelhaft und vergänglich, so würde eine Ersetzung der fehlenden Sinnesorgane durch die Seele unmöglich sein und der Blinde z. B. keinen Ersatz für den fehlenden Gesichtssinn durch sie haben. Bekannt ist aber, daß sich allemal ein anderes Organ verstärkt und so gewissermaßen die Arbeit mit übernimmt, welche durch das fehlende zu verrichten gewesen wäre. Die Seele, in welcher nun alle Sinne der Idee nach vorhanden sind, und für welche der eine oder andere Sinn nur der von außen empfangende Theil ist, ersetzt nun, weil sie aus dem Ganzen auf das Einzelne wirkt, den fehlenden dadurch, daß sie einen anderen verstärkt, gleichsam durch diese Verstärkung eine Vermittelung schafft und so den Mangel des einen oder anderen Organs dem Menschen durch ihre innewohnende Kraft ersetzt. Wer wüßte nicht, daß Blinde die Farben fühlen, Taube die Sprache aus der Bewegung der Sprachwerkzeuge verstehen und also bei dem Einen sich der Tastsinn, bei dem Andern das Gesichtsorgan um ein ganz Bedeutendes verstärkt. Ich führe hier nur das Beispiel von einem Kinde an, das im zweiten Jahre blind, taub und geruchlos wurde und trotzdem, und zwar durch die Vermittelung des Tastsinns, eine gute Erziehung erlangt hatte. Wunderbar war dabei die Entwicklung und Reife des Seelenlebens bei einem so zarten Alter, und doch sehen wir dabei, wie die niedrigsten Bedürfnisse nothwendig waren, um es zu der Erlernung einer bestimmten Art von Ausdrucksweise seiner Gedanken und seines Willens zu bewegen. So wollte das Kind zu gewohnter Stunde seine Mahlzeit haben; man gab ihm die Suppe, entzog sie ihm alsdann wieder und legte ihm dafür die in Holz geschnitzten Buchstaben dieses Wortes vor. Anfangs sträubte es sich gewaltig gehen diese Methode der Verständlichung, bis der Hunger nachhalf und es so nach und nach die Buchstaben der Wörter Suppe, Messer, Gabel, Löffel etc. kennen und auch andere Gegenstände durch Zusammensetzung der Buchstaben zu Wörtern erfassen lernte. Nachdem es mit Leichtigkeit diese Uebungen drei Monate fortgesetzt und es darin zu einer gewissen Fertigkeit schon gebracht hatte, wurde es zur Fingersprache geführt. Je mehr das Kind dann weiter an Kenntniß seiner Sprache zunahm, je mehr nahm es an moralischer Kraft, Weisheit und Tiefe der Empfindung zu. Ganz besonders aber war bei ihm der Sinn für Fröhlichkeit und Dankbarkeit in hohem Grade entwickelt.

Aus Allem geht nun mit Evidenz hervor, daß die Seele ein vollendetes Ganzes ist, welche die fehlenden Sinne nach Bedürfniß zu ergänzen vermag und stets auch ergänzt. Das war der Ausspruch der Somnambule und eben hierauf stützt sich ihre Lehre von der Unsterblichkeit.

Mit besonderem Ernste wies sie auf Geistes- und Typhuskranke hin, die trotz der Zerrüttung des Gehirns oft so wunderbar scharfsichtig und hellsehend seien, was sich eben nur aus der Selbstständigkeit der Seele erklären lasse, wie denn der Somnambulismus auch nichts anderes sei, als eine Offenbarung der Thätigkeit der selbstständigen, vorausdenkenden, voraussehenden Seele, wobei sich das Bestreben, das Körperliche, d. h. Irdische durch das Reingeistige, Seelische zu überwinden, auf die unzweideutigste Weise kund thue. In einem ganz ähnlichen Falle befinden sich die hellsehenden Typhuskranken; auch hier tritt die Seele aus der unmittelbaren Verbindung mit den Organen heraus und offenbart sich den andern ohne deren Hülfe. Als Beispiel führe ich einen solchen Kranken hier an, welcher sich plötzlich hoch aufrichtete und meine Gedanken fast wörtlich errieth; eine schwer erkrankte Baronin bezeichnete vorher mit großer Bestimmtheit alle Veränderungen, welche nach ihrem Tode im Hause wirklich stattfanden, und so ließe sich noch manches Beispiel anführen, das auf’s Klarste die Vollkommenheit und Unabhängigkeit der Seele vom Körper nachweisen würde.


Frei ist die Seele und unabhängig vom Körper,
Aber im Kampfe allein reift zur Vollendung sie nur.

*

Wäre der Körper allein das A und das O unserer Seele,
Müßt’ mit dem sterbenden Leib krankhaft die Seele verweh’n.

Aber Du täuschst Dich! Denn wenn die letzten Kräfte entschwinden,

Fliegt mit erneueter Kraft jubelnd die Seele empor.


Zweifle an Allem, was Blut hat und körperlich lebet –
An deinem ew’gen Beruf zweifle, Geliebtester, nicht.


IV.


Gott ist ein Geist und als solcher vollendeter Gedanke und vollendetes Gefühl, alles Geschaffene aber ein aus diesem Ganzen hervorgegangenes und seiner eigensten Natur angemessenes Ganze, das somit in seinen kleinsten Theilen die Idee des Ganzen repräsentirt. Die höchste Stelle im Universum nimmt derjenige Theil des Ganzen ein, welcher in seinen Eigenschaften Gott am nächsten kommt, d. h. nach einem Plane, nach einer Idee zu schaffen vermag. Dieser hervorragende Theil im Universum ist der Mensch, sein höchstes Vorbild in der Wahrheit, Weisheit und Liebe aber Christus, dessen hohe Mission es war, die durch tausenderlei Verhältnisse und Lagen ungleiche Menschenmasse zur geistigen Einheit und Freiheit, zur irdischen Erleuchtung und Vollendung zu führen, mit einem Worte erst eine Menschheit zu erziehen. Das war die zweite Schöpfung des Menschengeschlechts, die allein durch ein Angeschautes, d. h. durch persönliche Beispiele und Belehrungen möglich gemacht werden konnte, und eben deshalb mußte Christus als Gott-Mensch geboren werden, unter uns wandeln und für seine Idee, für seine ewig große und schöne Mission als Märtyrer der guten Sache am Kreuze auch sterben. Einmal auf dem Wege der Erleuchtung, war eine Umkehr zur Finsterniß des Geistes nicht mehr denkbar, und was auch die christliche Religion an Schwierigkeiten zu überwinden hatte, sie mußte doch südlich mit ihrem Principe, mit welchem sie der ganzen Welt zurief:

»Seid umschlungen Millionen!«

die Welt erobern und jene Liebe schaffen, mit welcher wir uns alle als eine große Kette von Brüdern betrachten lernten und vor allem die Ueberzeugung in uns aufnahmen, daß ein Gott sei, der als ein liebender Vater unser Leben erhalte und regiere, der uns in Christo eine Bürgschaft für unsern höhern Beruf gegeben und durch ihn allein uns für all’ die großen Errungenschaften auf dem Gebiete des Geistes und der Sitte fähig gemacht habe.

O, sehen wir uns nur in dieser Welt um, ob nicht die Völker der christlichen Religion allein die mächtigsten und auch geistig größten sind, und leugnen wir dann, wenn wir es noch können, den Segen unsers christlichen Bekenntnisses; selbst die genialen Gottesleugner einer neuern Zeit haben zumeist mit der christlichen Muttermilch ihre geistige Befähigung empfangen, sind im christlich-göttlichen Anhauch erzogen worden und können auch bei der hartnäckigsten Verneinung die edle Größe einer wahren christlichen Religion nicht wegleugnen. In diesem christlich-göttlichen Anhauche ist die civilisirte Welt fortgeschritten, hat durch die Kraft des Geistes die entfernte­sten Länder mit einander verbunden und so den Raum vermindert, welcher uns von unsern Brüdern dieses oder jenes Welttheils trennte. Mit Blitzesschnelle durchfliegen unsere Gedanken den Erdenraum, und wohin wir auch sehen mögen, überall erkennen wir den dem Menschen innewohnenden Trieb geistiger Läuterung und Entfaltung. Je tiefer wir aber in das Geistesleben der Menschheit eindringen, je klarer wird uns die Gewißheit Einer Menschheit, d. h. jenes Ganzen, das nicht mehr durch Vorurtheile und Standesunterschiede getrennt, sondern durch die Macht des Geistes und der Liebe unauflöslich in gegenseitiger Ergänzung aneinander gebunden ist. Das ist die Zeit der menschlichen Vollendung, der geistigen und bürgerlichen Freiheit, und es wird dann das prophetische Wort der Bibel erfüllt sein, nach welchem es nur »einen Hirt und eine Heerde«

giebt. Und fragen wir uns nach der Bürgschaft einer solch gesegneten Zukunft der Menschheit, so kann diese wiederum nur aus den gemachten Erfahrungen hervorgehen, daß die Seele im Ganzen lebe, sehe und wirke, ihrer eigensten Natur nach zu Einem Ganzen hier und dort hinstrebe und dieses Streben zu einem höchsten, in Gott ruhenden Ganzen unfehlbar zu der Unsterblichkeit der im Kampfe zur Vollendung gereiften Seele führen müsse.

Untersuchen wir denn schließlich, woraus es sich folgern lasse, daß die Seele im Ganzen lebe, sehe und wirke. Also

1 die Seele lebt im Ganzen und denkt im Ganzen.

Beweis. Trenne ich Theile vom Körper ab, so fehlen sie ihm; die Seele lebt aber in der Vorstellung, sie zu besitzen, und mehr wie einmal ist der Fall vorgekommen, daß Verwundete sich noch im Besitze des einen oder andern Gliedes wähnten, obwohl ihnen dasselbe längst abgeschossen oder amputirt war. Wenn nun auch die Vernunft nicht anders kann, als Fehler zu constatiren, d. h. sie dem Kranken zum Bewußtsein zu bringen, so vermag sie doch nicht die Vorstellung des fehlenden Gliedes zu verwischen; denn die Vorstellung kann nicht vergehen, weil der Körper mit der Seele zugleich entsteht und wächst. Somit verbleibt der Seele die Vorstellung des Körpers, wenn dieser schon längst begraben ist, und schließe ich also vom Einzelnen auf das Ganze, so sage ich mit völliger Ueberzeugung: habe ich die Vorstellung, den Fuß oder den Arm u. s. w. zu besitzen, obschon er mir fehlt, so lebt die Seele nach der Trennung vom Körper in der Vorstellung des Körpers und in diesem Sinne dürfen wir getrost auf’s neue unser christliches Glaubensbekenntnis; unterschreiben, indem wir mit Zuversicht ausrufen:

»Ich glaube an eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.«

2 Die Seele sieht im Ganzen.

Beweis. Sehe ich z. B. den Kopf eines Kindes, Mannes oder den eines Greises, so schließe ich sofort von diesen einzelnen angeschauten Theilen auf die ganze Gestalt, wie überhaupt jeder Theil in der Seele die Vorstellung des Ganzen erweckt, d. h. reproducirend eingreift (Phantasie a posteriori); und auch beim Urtheilen verfahren wir ähnlich, indem wir z. B. sagen: mit dieser oder jener Handlung beweiset er, daß er schlecht oder gut ist u. s. w.

Endlich

3 Die Seele wirkt im Ganzen und strebt zum Ganzen.

Beweis. Künste und Wissenschaften geben der Seele das Unersättliche; denn wie sie in der Philosophie das ganze Leben, überhaupt die ganze sinnliche Welt in den Kreis ihrer Betrachtung zieht und immer auf ein Ganzes hinwirkt, so strebt sie in der Poesie und Musik nach einem universellen, das Ganze umfassenden Ausdrucke. Je größer aber ihr Streben ist, das Ganze zu umfassen, je ausgedehnter muß auch der Kreis sein, in dem sie wirkt.

So habe ich denn bewiesen, daß die Seele nicht nur im Ganzen lebt, sondern auch ein vollkommenes Ganze ist und nicht blos von den Organen, welche der Idee nach sämmtlich in ihr enthalten sind, abhängt. Folglich kann sie auch nicht mit dem Gehirne im Zusammenhange stehen oder dieses wohl als der denkende Theil betrachtet werden. Die Seele ist vielmehr eine geistige Kraft im Zustande des Lebens ohne Organe; denn sie steht oft nicht mit dem Auge und sieht, und hört oft nicht mit dem Ohre und hört. Sie wirft mit dem Tode, dem Wandelungsprocesse, ihre körperliche Hülle wie ein verbrauchtes Kleid von sich und treibt hinüber in den Zustand eines ungebundenen Seins. Der Vergleich mit dem Schmetterling ist daher schön und wahr und ganz geeignet, uns ein Bild von der Möglichkeit unserer Wandelung nach dem Tode zu versinnlichen.

Wir leben hier, und damit will ich meine Untersuchung schließen, im Körper mit der Vorstellung von der Seele; nach dem Tode leben wir als Seele mit der Vorstellung des Körpers (also geradezu umgekehrt, denn es ist eben so richtig, wenn ich sage 4 x 2 = 8, wie 2 x 4 = 8), und eben das ist es, worauf sich das Wiedersehen und das Leben nach dem Tode basirt.

Alter, Krankheiten und Sorgen und was sonst die Kraft der Seele, die in einem anderen Falle gar nicht zu ermessen wäre, in ihrer vollen Entfaltung hinderlich sind und daher die Sehnsucht nach dem Tode, dem Zustande der Ungebundenheit, erwecken, schwinden selbstverständlich mit dem letzten Augenblicke dieses Lebens; die Seele wird frei und lebt nunmehr nach ihrer Vollendung oder Erniedrigung entweder als Seelenschönheit oder Seelenunform weiter.

Der Zweck der Gottheit ist Vollendung; sind die Menschen zur Vollendung gereift, so trennt sich die Gottheit, durch sie, von der Natur, wie sich der Körper von der Seele trennt, die Schöpfung vergeht, und wir haben dann nur eine Gedankenwelt. Großartiger Gedanke!

Wir aber, die wir im Anhauch göttlicher Begeisterung und Ahndung die Wahrheit und Notwendigkeit eines freien, ungebundenen Seelenlebens glauben und in Christo die Möglichkeit und Bürgschaft geistiger Vollendung empfangen, wollen uns im festen Vertrauen hierauf zurufen:

 

Mag auch die Liebe weinen.
Es kommt ein Tag des Herrn;
Es muß ein Morgenstern
Nach dunkler Nacht erscheinen!


Mag auch der Glaube zagen, –
Ein Tag des Lichtes naht;
Zur Heimath führt sein Pfad.
Aus Dämm’rung muß es tagen!


Mag auch die Tugend kämpfen,
Es kommt ein Ruhetag.
Kein Sturmgewölk vermag
Der Sonne Strahl zu dämpfen.


Mag Hoffnung auch erschrecken,
Mag jauchzen Grab und Tod,
Es muß ein Morgenroth
Die Schlummernden einst wecken!


(Krummacher.)


Die weiteren Aufschlüsse, Fragen und Antworten über Unsterblichkeit und besonders über das Seelen­leben wird eine neue Schrift in größerem Umfange erläutern.



Die Fortsetzung des Räthsels der Unsterblichkeit oder »Nur eine Religion«


Schon Moses sagt in seiner Schöpfungsgeschichte: »die Erde war wüste und leer, und es war finster auf der Tiefe.«»Finster und leer!« von diesen zwei unscheinbaren und an sich doch so viel bedeutenden Begriffen will ich ausgehen, um für meine Lehrsätze einen festen Boden zu gewinnen.

Gehen wir nun vom Standpunkte der Naturforschung aus, so ist leicht einzusehen, daß im Uranfang die in der Bildung für die Aufnahme organischer Wesen begriffene Erde finster und in einem gewissen Sinne auch leer sein mußte; denn denken wir uns die Sonne als einen sehr großen, in der Verbrennung begriffenen und darum dermaleinst nothwendigerweise für die Erdbewohner zu scheinen und zu wärmen aufhörender Körper, unsere Erde aber als einen in frühester Zeit von ihr losgerissenen und also auch ehemals und jetzt die Eigenschaften der Sonne in einem gewissen Grade zeigenden Theil derselben, so ist ja nichts so klar, als daß die abkühlende, in einem sehr bedeutenden Maaßstabe feuchte Niederschläge bewirkende Erde um jene Zeit in einen Dunstkreis gehüllt gewesen ist, der einem jeden Lichtstrahle den Zutritt verwehrte, somit also durchaus finster war und eben wegen Mangel an Licht die Entstehung organischer Wesen absolut unmöglich machte. –

In einem solchen Zustande konnte die Erde nicht beharren; es mußten Veränderungen eintreten, die zunächst den Dunstkreis betrafen. – Indem nun durch den Einfluß der Sonne von außen und durch eine mächtige, für den Begriff vielleicht kaum zu bemessende Wärme von innen, die wässerigen, undurchdringlichen Dämpfe sich niederschlugen und als Wasser in den tiefen Stellen der Erde sich sammelten, entstand nach und nach trockener Boden und damit auch das für die Möglichkeit der Entstehung organischer Wesen nothwendige, die Finsterniß aufhebende, über den Wassern (Dämpfen, Dünsten) als Geist Gottes schwebende Licht. – Das war der erste Tag, der Anfang von Allem, was körperlich und geistig, groß und schön ist. – Gott aber sahe, daß es gut war.

Worauf werden wir zunächst dadurch hingewiesen? – Nun, ich denke, es ließe sich nichts leichter auffinden als das; – ich meine auf die Bewegung, als den Hebel alles Seienden, Entstandenen und Schaffenden. – Denn in einer Bewegung, in einem Processe befand sich die Sonne, als sie einen Theil ihrer selbst, unsere Erde, von sich abstieß, die bis auf diese Stunde, trotz allen pfäffischen Concilen, in der ihr von der Sonne angewiesenen Bewegung beharrt und beharren muß, so lange sie nicht durch irgend eine von außen hinzukommende Störung von ihrer ursprünglichen Bewegung gehindert wird, was ohne Frage erst dann geschehen kann, wenn der Sonnenkörper, in Folge verminderter Wärme und Licht erzeugende Bewegung – Oscillation– auch eine verminderte Attraction hervorruft und diese in so rascher Abnahme begriffen ist, daß eine Störung des Gleichgewichts als unausbleiblich bezeichnet werden muß. –

Ohne Bewegung also kein Leben und kein Leben ohne Bewegung. Die Bewegung ist demnach die Ursache alles Vorhandenen, wie ich so eben, wenn auch nicht in weitläufigen Auseinandersetzungen, so doch, denke ich, klar genug nachgewiesen habe. So wissen wir, daß der Schall nichts als eine Schwingung, also doch Bewegung elastischer Körper ist, das Licht und mit ihm die Farben aus der Vibra­tion, d. h. Schwingung kleinster Theile leuchtender Körper entsteht, und auch die Wärme hat ihren Grund mit so vielen andern Dingen in nichts Anderem, als in der Bewegung, gleichviel wie und wodurch sie hervorgebracht wird. –

Und ist nicht unser Denken auch eine aus der Reibung entstehende Bewegung? – Sind Ideen, kurzum irgend eine geistige Thätigkeit ohne Bewegung denkbar? Zeigt nicht schon das Wort »Thätigkeit« an, daß der Geist der unzweideutigsten Bewegung bedürfe? – Ja, Alles, Alles, was vorhanden ist, Alles, was wir wahrnehmen, sei es nun vermittelst des Gefühls, des Gesichts oder des Gehörs, bedarf zu seiner Erhaltung der Bewegung. Bewegung allein ist Leben und todt und unfruchtbar Alles, was derselben entbehrt! – –

Daß es finster und leer im Uranfang unserer Erde gewesen, darüber sind wir einig, und daß mittelst der Bewegung der Keim der Lebensregung sowohl von Außen als Innen gelegt, dagegen wird hoffentlich auch Keiner etwas einzuwenden haben. – Wichtig ist aber, daß die doppelte Bewegung doch wiederum auf eine Einheit zurückgeführt wird, insofern nämlich die Erde ja als ein von der Sonne losgerissener Theil, nothwendigerweise nur seiner ursprünglichen Natur nach, innerlich thätig sein konnte, und daß es somit eine Zeit gegeben haben muß, in welcher auch unsere Erde, gleich einem leuchtenden Meteore, im Weltenraume schwebte, bis sich nach und nach die äußere Rinde abkühlte, der unendlich dichte Dunstkreis verschwand und das Sonnenlicht seinen Einfluß für die Möglichkeit organischer Wesen geltend machen konnte. –

Mit diesem Momente fand nun eine Scheidung der Kräfte statt, die sich bis dahin noch feindlich gegenüber gestanden hatten, durch deren Hemmungstrieb aber unzweifelhaft die Trennung selbst hervorgegangen ist, und die nun, in Folge der Scheidung und der damit eingetretenen Entwickelung und Selbstständigkeit zu einander in wechselwirkende Thätigkeit treten konnten und auch wohl treten mußten. –

Als ersten Factor uranfänglicher Bewegung müssen wir die Wärme bezeichnen; denn vor der Bewegung war es finster und leer auf der Tiefe.

Die Wärme theilte sich nun in zwei große Kräfte, nämlich in die magnetisch-seelische und in die magnetisch-thierische Kraft; der Inbegriff beider ist Gott, der sich somit selbst geschaffen und in der Voraussetzung dieser Möglichkeit also auch von Ewigkeit zu Ewigkeit gewesen ist. Nun könnte es Ihnen aber scheinen, daß ich unter Gottheit jene Summe von Kräften verstünde, die nichts als eine nothwendige Folge stofflicher Bedingungen und die Lösung dieser geistbewegenden Frage nur innerhalb oder mit Hülfe des Materialismus möglich sei. –

O nein! Von diesem Standpunkte kann ich nicht ausgehen, ebensowenig bekenne ich mich als eine Anhängerin des Pantheismus, welcher der nächste Schritt zum Materialismus oder, wenn Sie anders wollen, ein schöngeistiger Materialismus ist, der einen per­sönlichen Gott leugnet und damit überhaupt einen Glauben an eine bewußte, nach bestimmten Gesetzen schaffende Kraft, unmöglich macht. –

Die seelische Wärme, vermöge welcher das Gefühl und vor Allem die weltbewegende Liebe entstand, ist somit nichts Anderes, als jener Ausfluß der Gotteskraft, welche wir aus uns selbst als unendlichste und auch zugleich weiseste Güte wahrnehmen und von welcher es in Psalm 36 so treffend heißt:

»Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen.« –

Diese seelische Wärme durchströmte nun von Gott ausgehend und zu Gott als That zurückkehrend, alle organische Wesen als magnetische Seelenkraft und schuf den Gedanken, den Geist als menschliche Gestalt, d. h. unter der Form, welcher wir als eine Summe von verschiedenen Eigenschaften den Namen Mensch beigelegt haben und die somit nichts Anderes ist, als eine formgewonnene Entäußerung der Liebe Gottes. Gegenüber der seelischen Wärme unter der Form des Gefühls, der Liebe, des Gedankens, des Geistes, kurzum als magnetische, d. h. als anziehende Seelenkraft, die wir weit besser noch das Gottesfeuer, den göttlichen Seelenfunken, oder wenn wir auf seine Rapidität, mit welcher er durch die Seelen schlägt, Rücksicht nehmen wollen, auch Seelenblitz nennen können, steht als Form der zweiten Bewegung der Stoff, die Materie als thierisch- magnetische Kraft, ihr gehört alles an, was der Kennzeichen der ersteren entbehrt und vom Urstoff nicht getrennt, d. h. ohne Stoff nicht gedacht werden kann.

Wenn ich nun auf die Frage, woher der Urstoff seinen Ursprung genommen, auf das Vorhingesagte zurückweise, nach welchem das Licht und die Wärme, d. h. die Sonne als Grund alles Seienden und Erschaffenen bezeichnet würde, so denke ich, erklärt es sich von selber, warum wir Lichtfreunde sind und warum wir im Lichte alles Schöne und Gute, in der Fin­sterniß, alles Schlechte, Verwerfliche, Betrübende und Beängstigende suchen, lieben und verabscheuen.

Dann, denke ich, wird es begreiflich, warum das leuchtende und erwärmende, segenbringende Feuer feine Anbeter gefunden und warum die Naturvölker in ihrer natürlichen und rührenden Einfalt vor der aufgehenden und untergehenden Sonne liebend auf die Kniee fallen, vor ihr in Ehrfurcht und stummer Bewunderung das Haupt beugen. – O, es ist etwas Großes und Erhabenes um das Licht, das in und um uns Wunder wirkt, um das wir uns sammeln, wenn die Dunkelheit hereinbricht und für dessen geistigen Begriff wir ringen und kämpfen; es ist etwas Großes, sage ich, um das Licht, das in uns wirkt und dem wir allein die Liebe zu danken haben. Scheu sucht der Bösewicht, seiner ursprünglichen Bestimmung vergessend, die Finsterniß und drückt noch das Auge zu, wenn er den Mordstahl seinem Nebenmenschen in die Brust stößt; frei und offen grüßt der Gerechte das Sonnenlicht und thut nichts, was die Sonne nicht beleuchten dürfte. – So ist das Licht in Folge seiner natürlichen Einwirkung zum Symbol des Guten geworden und das Sprichwort: die Sonne bringt es doch an den Tag, mag uns zeigen, wie tief der Glaube an der Sonne Wunderkraft im Volke wurzelt und wie sie nicht nur das Gute befördern hilft, sondern auch das nachtgeborene Schlechte und Erbärmliche für die Bestrafung an das Licht zieht.

Mit dem Lichte begann die Weltschöpfung, mit dem Lichte treten wir in das Leben, und auf ein neues Licht hoffen wir gläubig, wenn unser leibliches Auge des Todes Finsterniß umfängt. – Licht ist die Losung alles Lebenden und Licht ist das Bindeglied zwischen seelischem und thierischem Magnetismus, die Vermittlung zwischen dem Diesseits und Jenseits, ohne Licht wären wir Sklaven unseres niedrigsten Sinnenlebens, wenn sich überhaupt ein organisches Leben ohne Licht denken ließe.

Aber was zieht uns denn zum Lichte mit so wunderbarer Kraft? – Ist es der Sinn für das Blitzende, Glänzende, oder ist es unser Farbensinn, welcher in ihm seine Rechnung findet? – Weder das Eine noch das Andere. – Es ist die magnetische Kraft, welche alle Erdenkörper und Erdenwesen durchströmt und sie als Theile des Einen Sonnenkörpers unseres Sonnensystems dokumentirt.

Ich sage des Einen Sonnenkörpers, weil wir ja bekanntlich annehmen, daß außer unserer Sonne wahrscheinlich noch Miriaden anderer Sonnen und anderer Systeme vorhanden seien. – Ob diese Miriaden anderer Sonnen auch von dem einen Geiste regiert und dieser Eine Geist nicht blos dem Einen Systeme eigen ist, wer will es untersuchen? – Hier reicht selbst die gewaltigste Phantasie nicht mehr aus die Formen zu durchdringen, welche Jenseits unseres an sich schon so gewaltigen, nicht zu übersehenden Planetensystems liegen mögen.

»Und der Mensch versuche die Götter nicht,« und wolle nicht das Räthsel unenthüllter, nur geahnter Formen durchdringen! – Gut Ding will Weile haben und sicher geht die Wissenschaft nur da, wo sie sich Zeit nimmt und Schritt für Schritt ihre unmeßbare Bahn beschreitet.

Nächst dem Lichte ist der Magnetismus die wunderbarste Kraft der Natur. – Ihm verdanken wir so Vieles, von dem der Tausendste keine Ahnung hat. – Der Magnetismus durchdringt alle Körper ohne Ausnahme und obgleich wir ihn weder suchen, hören oder fühlen, so sind wir dennoch seiner Herrschaft weit mehr unterworfen, als wir vielleicht glauben mögen. – Ja, ohne die magnetische Kraft wäre ein Planetensystem in seiner wunderbaren Anordnung nicht denkbar und unsere Erde unter keiner Bedingung eine Begleiterin der Sonne, um die bekanntlich alle Planeten sich in wunderbar geordneter Weise bewegen und wegen ihres Ursprungs sich auch so und nicht anders bewegen müssen; denn Sie wissen ja Alle, daß die Planeten Theile des Einen Sonnenkörpers sind, somit Magnetismus besitzen und das Bestreben haben, den größern Körper zu umkreisen. Daraus erklärt sich auch der Umlauf des Mondes um die Erde, der bestimmt zu seiner Zeit, durch irgend eine Erdrevolu­tion von der Erde abgerissen und in eine Bahn geschleudert worden ist, welche ihm mit Hülfe des Magnetismus gestattet, seine Muttererde, als kindlicher Trabant zu umkreisen und mit dieser sich um die durch die Erde gleichfalls ganz nah verwandte Sonne zu drehen. – So können wir das ganze Sonnen- und Planetensystem durchgehen und wir werden stets nur den Magnetismus als die einzig leitende und bewegende Kraft des Einen großen Geistes antreffen und sie aus ihren Wirkungen konstatiren müssen, können wir sie auch nicht mit den Händen greifen, mit unsern Ohren hören oder mit den leiblichen Augen sehen, vorhanden ist sie; denn das unterliegt gar keinem Zweifel. – Und ist es denn mit unserer Seele anders? – Sind wir denn nicht auch von ihrem Dasein überzeugt, obwohl wir ihre Existenz auch nur aus ihren Wirkungen beweisen können?

Am deutlichsten aber wird uns das Vorhandensein einer magnetischen, göttlichen Kraft an uns selbst. – Denn was ist dieses Drängen nach dem Lichte, dieses Fühlen eines unnennbaren Etwas, dieses selige Empfinden der Gottesnähe, das Aneinanderschließen zweier Herzen und endlich die Inbrunst des gläubigen Gebetes anders, als die offenbarte Wirkung des seelischen, göttlichen Magnetismus, der sich zu Gott verhält, wie der Erdmagnetismus zur Sonne, d. h. der göttliche Ursprung, unsere Gottesverwandtschaft, ja, unsere Gottähnlichkeit eben so sicher und unbestreitbar nachweist, wie die Bewegung der Planeten um die Sonne, vermöge des Erdmagnetismus die so nahe körperliche Verwandtschaft dieser zu jenen.

Sie sehen, daß die Religion keineswegs aus der Nothwendigkeit bürgerlichen oder politischen Zwangs hervorgegangen ist, wie uns gewisse überkluge Gelehrte glauben machen wollen, sondern daß sie aus dem Hinstreben zu der Einen Urkraft auf dem seelischen mit Gott identischen Magnetismus beruht und wie Schelling in seiner Naturphilosophie so schön sagt: das Anschauen des Unendlichen im Endlichen bezeuge, oder wie Fichte sich ausdrückt, ein lebendiger, thätiger Glaube an eine moralische Weltordnung sei. – Die Erkenntniß Gottes ist somit nichts Anderes, als das Bewußtsein der Wirkung und thatsächlichen Existenz des seelischen, von der seelischen Urkraft ausgegangenen Magnetismus und die Stärke oder Schwäche hängt folglich ab von der größeren oder geringeren Kraft des seelischen Magnets im Menschen. – Das Letztere aber soll uns jene christliche Duldsamkeit abringen, welche für den religiösen Schwächling nothwendig ist.

Mit dem seelischen Magnetismus treten alle Menschen in ein brüderliches Verhältniß; in ihm liegt die Vereinigung mit Gott als unserm Vater, unserm Schöpfer, unserm Erhalter, und ich glaube, daß Christus mit demselben die große Einheit der Menschen begriff.

In dem Menschen liegt also die Richtung nach der Urkraft, dem Ausgangspunkte des seelischen Magnetismus, als etwas ganz Natürliches und Folgerichtiges: Der Mittelpunkt aller Urkraft ist aber, wie ich schon im Eingange sagte, allein Gott als persönlicher Geist. Wendet sich daher der Mensch von Gott ab, so wird sein seelischer Magnetismus ohne Frage geschwächt; denn eben jene Thätigkeit, welche das Magnetische erhält, fehlt und es geht ihr dann, wie es dem gewöhnlichen Magnete geht, wenn ihm die entsprechende Armatur oder Beschwerung fehlt, oder was auch der Fall sein kann, daß eine Schwächung durch Ueberladung stattfindet. – Ganz genau so verhält es sich mit der Kraft des seelischen Magnetismus im Menschen, die sowohl durch Abkehr als durch übergroßes Hinstreben zu der Einen Urkraft geschwächt werden kann. – In ersterem Falle entsteht roher Atheismus oder religiöse Indifferenz, im letzteren Falle religiöser Wahrsinn, verbunden oft mit liebloser Intoleranz.

Die magnetische Seelenkraft, welche unsern Geist belebt, den Körper stählt, ist ewig und unsterblich. – Sie kann ebensowenig wie die des Magnets vergehen; denn sie verändert nur den Ort, sofern überhaupt eine Abkehr von der Urkraft nicht stattfindet. – Sie ist der Nervengeist, der den ganzen Körper durchströmt, ohne Auge ficht, ohne Ohr hört und ohne Gehirn denkt; kurzum eine durchaus selbstständige Kraft.

Stirbt der Leib, so tritt die Seele in den Zustand eines ungebundenen Seins, angezogen von der Einen göttlichen Urkraft, welche sie nun ganz in sich aufnimmt und dadurch selbstschaffender, göttlich-vollendeter Geist wird (d. h. als zu der Einen Urkraft zurückgekehrt, in derselben die vorherbestimmte Form findet und dadurch auch in einem gewissen Sinne göttliche Selbstständigkeit erlangt.)

Hier führe ich zur Erläuterung ein schönes Gedicht von Theodor Seemann an:

 

Du fragst mich, was die Seele sei?
Ein lichtgeborner Gottesfunken,
Der in dem Körper freudetrunken
Die Kräfte feines Daseins mißt, –

Wohin sie geht? Ins große All,
Zurück zum urgebornen Orte,
Von wo sie Gott mit seinem Worte
Zum Pilgergang ins Leben rief.


Der Zustand des ungebundenen Seins, in welchen der Geist nach dem Absterben des Leibes tritt, ist aber nichts Anderes als das, was wir unter der Unsterblichkeit der Seele verstehen. – Das ist die Stelle, wo uns die Naturwissenschaft ein gebieterisches Halt zuruft, oder mitleidig zu lächeln beginnt, wenn der kühne Geist jene Arbeit zu übernehmen sich erdreistet, gegenüber welcher allerdings die vielen Instrumente mit Rad und Kamm, mit Walz und »Bügel« sich als völlig unzureichend erweisen müßten. – Wir wollen aber darum mit der Naturwissenschaft nicht rechten, weil sie vor einer Arbeit zurückbebte, welche eben nicht in ihr Bereich gehörte; dafür aber kann die Philosophie wohl verlangen, von einer Seite ungeschwächt zu bleiben, die über die realen Dinge forschend nicht hinausgehen will; da ja mit diesem an sich durchaus nicht verwerflichen Principe, noch bei weitem kein Beweis geliefert ist, daß über das Reale hinaus weiter nichts gedacht werden kann.

Wie unzureichend diese Annahme des Materialisten ist, beweiset ja stündlich unser Denken und Fühlen, das nur zwangsweise und künstlich von seiner natürlichen Richtung nach der Urkraft, der göttlichen Urstätte, der Heimath des lichtgebornen Geistes abgelenkt werden kann; es ist daher völliger Irrthum, wenn man die Behauptung aufstellt, Gewohnheit und Erziehung hätten uns allein jenes Streben und Trachten nach einer göttlichen Heimath verliehen, und Lug und Trug sei der Glaube an eine unsterbliche Seele. – Nun, wir wollen die an einer offenbaren Schwäche seelischen Magnetismus Leidenden nicht verdammen; aber wir wollen inniges Bedauern mit ihnen haben, daß ihnen das abgeht, was das Leben doch erst eines Lebens werth machen kann; ich meine den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben an eine höhere Lebenssonne, an ein völliges Einswerden mit Gott, dem Urquell des Lichts und der allbeseligenden und thatstärkenden Liebe, die, wie wir nachzuweisen gesucht haben, allein aus den Einwirkungen einer gewissen, wiederum aus dem Lichtkörper erklärlichen magnetischen Kraft abgeleitet werden muß.

So merkwürdig uns nun die ganze Weltordnung erscheinen mag, so bleibt das Merkwürdigste doch immer der Menschengeist, der im Streben nach der Urkraft das größte und wunderbarste Zeugniß von der Größe und Erhabenheit seines Schöpfers ablegt und in seinem Ahnen Formen erschloß, die bis dahin keines Weisen Fernrohr erreichte, kein Mathematiker gemessen und kein Chemiker nach ihren Bestandtheilen analysirt hat. Und wenn wir die Materialisten fragen wollten, auf welche Weise man jene ahnungsvolle Thätigkeit des Menschengeistes erklären tonnte, so würden sie aller Wahrscheinlichkeit nach sich in jenes Schweigen hüllen, das ebenso gut das Zeichen tiefer Weisheit, als dasjenige eminenter Gedankenarmuth sein kann, wenn sie nicht sonst rundweg erklären, über derartige Dinge überhaupt nicht disputiren und Aufschluß geben zu wollen.

Es ist wahr, solche Fragen kann nur eine Wissenschaft lösen, welche den Menschengeist nicht« als eine Summe von Processen betrachtet, sondern die auf dem Wege eines logischen Denkens zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß der Menschengeist ursprünglich und, wenn auch zunächst nicht ohne Stoff denkbar, so doch ganz entschieden in seiner göttlichen Regsamkeit auf einen höhern Ursprung zurückweist. – Diese Wissenschaft, die spekulative Philosophie, die keineswegs, wie von gewisser Seite nicht ohne lächerliche Wichtigthuerei behauptet wird, einem verhungerten Rosse gleicht, wenn sie sich nicht herbeilassen will, am leichten Karren des Materialismus zu ziehen, und welcher letzterer unter keiner Bedingung berufen sein kann, über die wichtigsten Fragen der Menschheit, nämlich über Gott und Unsterblichkeit, ein entscheidendes Wort zu sprechen.

Nur die Philosophie, welche mit dem Stande der gesammten Wissenschaft vertraut ist und die gemachten Forschungen und Entdeckungen auf den verschiedensten Gebieten für ihre Zwecke zu verwenden weiß, ist im Stande, über Dinge zu urtheilen, die sich nicht mit physikalischen und mathematischen Instrumenten messen lassen, dafür aber einen Glauben an eine ewige, göttliche Idee im Menschen unbedingt fordern. – Nur dürfen Sie allerdings nicht annehmen, daß die Seele einen Schlags entstanden sei, das hätte eben so wenig Sinn, als wenn ich sagen wollte, der Mensch überhaupt sei ohne weitere Vorbereitung in die Welt gekommen. – Wir dürfen uns ja nur unsere Erde nach ihren durchlaufenen Perioden vorstellen, um zu der Wahrheit zu gelangen, daß Alles und vorzugsweise jedes organische Wesen einer eminenten Vorbereitung und Entwickelung bedurfte, ehe es die gegenwärtige Stufe zu erreichen im Stande war. – Die längste Vorbereitung bedurfte aber der Mensch, denn er ist in der letzten Schöpfungsperiode unserer Erde entstanden oder geschaffen worden. – Warum? – Die Beantwortung wird wohl ein Jeder selbst übernehmen, da sie sich eben ganz von selbst ergiebt.

Genau betrachtet ist die Oberfläche der Erde ein großer Leichenacker, der alle Thierformen einschließt, nur der Mensch fehlt darin. – Erst als die ersteren sich vollendet und die Möglichkeit für die Existenz des Menschen durch jene gegeben, entstand der Mensch als Abschluß der gesammten Schöpfung. – So stufenweise wie die thierischen Formen entstanden, in derselben Weise entwickelten sich die vegetabilischen. – Und ist denn die Bildung des Geistes eine andere? Nur langsam vom bloßen Gefühl zur Idee, zum höchsten Gedankenflug entwickelt sich der Menschengeist; aber anfangs im unsichersten, nur die äußeren Einflüsse bekundenden Gefühle zeigt sich die Gewißheit seiner dereinstigen alles überwindenden Kraft, die in ihrer göttlichen Hoheit sich noch offenbart, wenn bereits die leiblichen Organe dem Menschen ihren Dienst versagen.

Ja, Hunderte von Beispielen beweisen uns, daß krankhafte Zustände des Leibes nicht nur nicht den geringsten Einfluß auf den Geist, die Seele auszuüben vermögen, sondern daß das geistige Vermögen im Gegentheil, während gewisser krankhafter Zustande zunimmt. – Beweis hierfür sind die Nervenfieberkranken, die vom Wahnsinn Befallenen, die in der letzten Minute ihres Lebens, d. h. da, wo sich die Seele von den körperlichen Fesseln befreit und in den Zustand der Ungebundenheit tritt, um zur Urkraft, fessellos wie sie gewesen, zurückzukehren, ihr volles, ungetrübtes Bewußtsein zurückerlangten, und ganz besonders die Somnambulen, deren Hellsehen auf nichts Anderem beruht, als auf krankhafter Abspannung des rein Körperlichen, wodurch das rein Geistige frei wird und nun in jenen Zustand übergeht, welcher uns die Seele als ein für sich Bestehendes, im Körper sich zwar Vollendendes, aber nach dem Physischpsychischen Processe auch ohne Körper mögliches und somit unsterbliches Wesen hinstellt.

So kannte ich eine 14jährige, also verhältnißmäßig sehr junge Comtesse, welche sich Monate lang im Somnambulen-Zustande befand und darin Fragen beantwortete, die billigerweise selbst den Gelehrten wegen des jugendlichen Alters in Erstaunen setzen mußten. – So sagte sie von der Sonne, daß sie von allen Körpern das meiste Salz und die meisten Metalle enthielte, wovon die Naturwissenschaft nichts ahne. – Auf die Frage, ob die Seele unsterblich sei, antwortete sie: »Ja, die Seele lebt im Ganzen, wirkt im Ganzen und verliert sich in das Ganze; das ist, sie geht zur Urkraft zurück. Die Urkraft aber ist allein Gott, als der Erschaffer des großen und wunderbaren Weltalls.«

Und als ich sie dann weiter fragte, ob wir Gott zu verstehen im Stande seien, antwortete sie: »O ja! Sehet die Sonne an, durchströmt sie nicht alle Körper? Wirkt und schafft sie nicht fortwährend? Wandelt sie nicht die kleinsten Keime in schön geformte und nützliche Ganze um? – Ja, Gott ist die körperliche und geistige Sonne; die geistige Sonne ist die Liebe und in der Liebe allein ist das Erfassen des allmächtigen Gottes denkbar; denn sie führt uns zur Tugend, die Tugend zum Siege über die Leidenschaften und dieser Sieg endlich zu Gott.« –

Und wie verhält es sich mit dem Wiedersehen nach dem Tode? – »Du frägst noch?« – antwortete sie mit vorwurfsvoller Stimme, »wenn du weißt, daß Gott die Liebe ist?« –

Aber wie werden wir uns wiedersehen? – fragte ich weiter. – Wir werden uns im Gedanken wiedersehen und dieser wird uns im verklärtesten und schönsten Gesichte erscheinen, während das Gefühl der Seele den Ausdruck giebt; »denn die Seele nimmt mit dem Nervengeiste den Abdruck hinüber und du siehst deine Lieben schöner und verklärter wieder, als du sie hier jemals gesehen, jedoch alles im Verhältniß zur Vollendung, welcher die Seele hier im Leben entgegengereift ist. – Haben die Menschen sich aber durch thierische Leidenschaften und Untugenden verunstaltet, so erscheinen sie auch dort in einer dieser Verunstaltung entsprechenden, widerlichen Form, von welcher sie sich aber im Mittelpunkte der Urkraft schneller losringen, als sie es hier zu thun die Kraft besaßen. Dasselbe findet auch mit den Seelen statt, die auch ohne Leidenschaft und Untugend durch einen jähen und schnellen Tod an der Vollendung im Diesseits gehindert worden. – Kind, wie Jüngling oder Jungfrau, Mann oder Weib gleichviel in welchem Alter, müssen in diesem Falle einen Läuterungsproceß im Jenseit durchmachen, bevor sie als vollendeter Gedanke in die unmittelbare Nähe Gottes zurückkehren, d. h. an einem göttlichen Wirken selbst theilnehmen können.« –

Wie finden und erkennen wir aber Gott?

»In der Liebe«, fuhr sie fort, »d. h. in der Übereinstimmung des Gedankens und des Gefühls; denn wir werden Ein Gedanke und Ein Gefühl mit Ihm durch unsere Vollendung.« – So sprach ein vierzehnjähriges Mädchen, ein Kind also noch im Zustande des ungebundenen Seins ihrer Seele, krank am Körper, aber stark an Scharfsinn und Geist. – Ich habe später oft noch derartige Fragen an die junge Somnambule gerichtet; aber Alles, was sie in diesem merkwürdigen Zustande sagte, trug den Stempel der größten geistigen Ueberlegung, und gewiß geht aus den Worten hervor, daß Betrug ihr fern lag und daß sie von rein göttlicher Kraft beseelt war. –

Besondere Beachtung aber verdient für die Ergründung des Räthsels der Unsterblichkeit eine Aussage derselben, nach welcher allerdings das Dunkel dieser hochwichtigen Frage fast ganz aufgehellt oder doch gewiß damit eine jener Hypothesen gebildet worden ist, die der Wahrheit so nahe steht, daß ein Zweifel ihr gegenüber kaum noch denkbar sein dürfte. Als ich sie nämlich auch eines Tages während ihres Zustandes des Hellsehens fragte, ob sich die Unsterblichkeit nicht noch anders als durch die Liebe Gottes, d. i. durch die Urkraft erklären lasse, antwortete sie mit verklärter Stimme: »O ja; denn es giebt viele Wege, die zur göttlichen Erkenntniß führen.« –

Und wie vermagst du die Unsterblichkeit der Seele ferner zu beweisen?

»Aus den Ahnungen, welche die Seele immer nach Oben weisen und deren Untrüglichkeit schon so oft durch irdische Erfüllungen nachgewiesen ist.«

Aber woher entstehen diese Ahnungen?

»Aus der Thätigkeit des seelischen Magnetismus, der Urkraft, insofern derselbe mit dem des Menschen in eine Wechselwirkung tritt und das Bild einer höchsten Gedankenwelt in dem Spiegel der Seele reflectirt. – Da nun nichts reflectirt werden kann, was nicht wirklich vorhanden ist, und jeder Reflex also auf eine Wirklichkeit zurückführen muß, so ist dadurch mit der Gewißheit einer »andern« Welt auch die Notwendigkeit einer Bevölkerung dieser andern Welt unzweifelhaft geworden. Diese Bevölkerung kann aber nur aus dem Seelenleben gewonnen werden; d. h. sie kann nur aus dem im Menschen wirkenden und sich zu einem, wenn ich so sagen darf, Seelenkörper oder noch besser Seelenwesen vollendenden seelischen Magnetismus entstehen. Da dieser aber einer der Miriadentheile Gottes und er selbst ewig und unvergänglich ist, so ist jeder Zweifel an der Unsterblichkeit unserer Seele ein Verbrechen an der Wahrheit des logischen Denkens.«

Das war, wenn auch nicht der Wortlaut, so doch der Sinn des genannten Beweises oder der Behauptung einer unbedingten Unsterblichkeit der Seele aus dem Munde jener jungen Somnambule.

Hiermit will ich meine Untersuchung schließen und zum mindesten hoffen, aufs Neue das Interesse für eine Frage angeregt zu haben, die wichtig genug ist, uns unser ganzes Leben hindurch zum ernstesten Denken anzuregen. – Möge sie der Glaube an eine weise und moralische Weltordnung befestigen, dieser aber Sie, meine verehrten Leser, siegreich über die Stürme und Zweifel dieses Erdendaseins hinwegtragen. – Wer auch von uns zuerst von hier abscheide, der möge getrost das irdische Auge mit der Ueberzeugung schließen:


»Es giebt einen Gott und eine unsterbliche Seele!«


Unsterblichkeit! Gedanke, der du Leben
Und Licht ins Dasein strahlst und über Zweifel siegst!
Wie hoch kannst du den Menschen heben,
Wenn du den Menschen überfliegst!

Wenn Grau’n der Nacht an meinem Pfade lauschet,
Dann leuchte du herab aus deines Lichtes Fülle,
Erhebe mich, wenn laut das Leben mich umrauschet,
Zur Ruhe deiner Geisterstille.

Geheim entlaubt die dunkle Hand den Wald,
Und Schweigen ruht um langst versunk’ne Trümmer,
Du trittst hervor aus deinem leisen Schimmer,
Wie eine rettende Gestalt.

Du winkst, wenn mir die letzte Thrän’ entfließet.
Mich zur Vergötterung hinauf.
Ein Mensch, ein müder Pilger schließet,
Ein Gott beginnet seinen Lauf.


Tiedge’s »Arania«