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Else Jerusalem – Der heilige Skarabäus

Roman

S. Fischer Verlag, Berlin, 1921.



Euch!

Tanzenden Mädchen, – lachenden Bräute, – spielenden Müttern, – euch  gehört dieses Buch.
Aus der Höhe eueres Daseins lauschet in die Tiefen.
Aus dem Lichte eueres Lebens starret in das Dunkel.
Fühlet – wo ihr lange verurteilt habt.
Denket – wo ihr allzulange vorübergeschritten seid.
Und euer Mitempfinden grüße sie sanft – diese Opfer eueres Glücks. – –



Erster Teil

Die schwarze Katerine



Motto:

Wär ich ein häusliches Weib und hätte, was ich bedürfte,
Treu sein wollt' ich und froh, herzen und küssen den Mann.
So sang unter andern gemeinen Liedern ein Dirnchen
Mir in Venedig, und nie hört ich ein frömmer Gebet.
Goethe.



Knapp hinter der glänzenden Straße, die ein Zentrum des großstädtischen Gesellschaftsverkehrs ist, – aus deren breiten, reinlich asphaltierten Trottoirs sich täglich viele Hunderte von eleganten Herren und geschmückten Damen – müßige Spaziergänger – anlächeln und begrüßen, beginnt jäh und unvermittelt – in allzu schroffem Übergange fast – das Reich der Finsternis. Man biegt bei dem Louvre de Luxe um, einem hochaufstrebenden Bau in reinem, modernem Stil, verfolgt einige Schritte lang die edlen, prunklosen Linien seiner Seitenfront und steht nach zweiter scharfer Wendung am Eingange eines Sackgäßchens, dessen oberes Ende von einer hohen Gartenmauer begrenzt wird. Wenn die Dämmerung hereinbricht und das matte behagliche Grau des Abends sanft über die Dächer der großen Stadt niederrieselt, sinkt unser kleines Gäßchen ohne weiteres in trübselige Nacht. Die Häuschen schrumpfen zusammen – die Torbögen verlieren sich im Schatten – und während die Hauptstraße gleißende Abendtoilette anlegt – flammt hier nur eine einzige rote Laterne auf – schließt ihre nächste Umgebung in einen blutigen Kreis ein . . . Kundige Hände schieben in einzelne der niederen Fensterchen schwelende Öllampen ein.

Die blassen Flämmchen, vom Winde, der durch Ritzen und Löcher fährt, unruhig bewegt, zucken hin und her, rufen und betteln. – Sie sind die stummen Wegweiser . . .

Die Hauptstraße wird still und stiller, die Läden schließen, die eleganten Müßiggänger haben heimgefunden, nacheinander versprühen die knisternden Lampen, und den Putz und Glanz und Luxus decken graue Rollvorhänge bedachtsam zu. Da wacht dort hinten das Leben auf und öffnet hungrig seine versponnenen Schlafaugen. Da öffnen sich Fenster, rostige Torflügel knarren, da schwingt die Luft von Fragen, Plaudern, Lachen. Da fliegen Wolken von Moschus, und Veilchendüfte fliegen auf; Seide raschelt, und Silberreifen klittern, wenn die buntgekleideten Gestalten röckeschürzend aus dem Dunkel der namenlosen Gasse eilen.

Sie sind's!

Geschminkte Lippen, darauf ein lustiges Liedchen blüht! Wiegende Hüften, die das strammsitzende Mieder verformt! Augen, deren gieriger Schein erst mit dem Lichte kämpfen muß . . . Und das spendende Lächeln eingesargt in einer Grimasse! So zieht der Zug von Frauen auf die schöne, blank asphaltierte Hauptstraße hinaus. Der Markt der Liebe ist aufgetan:

Die Buden des Glückes sind gezimmert, und die Verkäuferinnen harren ihrer Kunden. Sie brauchen nicht lange zu warten. Da kommen sie von ihrer Mutter entlassen – oder ihren Bräuten – vom Weine oder von den ernsten Büchern, aus dem Tanzsaale oder aus der Kirche – einerlei – hier finden sie sich, schlingen den Reigen . . . Jetzt schüttelt die Nacht ihre schwarzen Röcke, ein Grüßen, Kichern und hastiges Zurufen beginnt. Durch Flüstern und Flehen rascheln Zahlen, widerliches Sichverständigen klingelt zwischen Seufzern der Sehnsucht und das stumpfe Beharren der Dirne siegt über die entfesselte Brunst des Begehrenden. Mit hochgezogenem Mantelkragen folgen die Männer den Führerinnen, – die schnell in das namenlose Gäßchen zurückeilen, und einen kleinen Augenblick nur tropft das rote Blut der Laterne fragend über die fremden Gesichter hin.

Dann verschluckt die Finsternis, was sich in ihrem Bereiche gepaart hat.


Tagsüber liegt dieses Eckchen Welt still und versponnen da. Die Gardinen sind überall zugezogen, die Tore geschlossen, man hört selten Kinderlärm oder nachbarliches Geplauder. In diesem Viertel wachsen keine fröhlich spielenden Kinder auf. Hier wohnt das Laster und seine vogelfreien Gesellen, – das Verbrechen und seine versteckte Duldung; alles findet gefälligen Unterschlupf, das haltlos von der Ehrbarkeit des bürgerlichen Lebens abgeglitten ist. Diebe und Diebshehler, Bauernfänger, Kuppler, die »leichten Kunden«, wie sie bei der Polizei sagen, finden sich in den beiden verrauchten, ebenerdigen Cafés zusammen, von denen eines die berüchtigte Mama Zimmermann hält. Hier schleichen die Burschen mit gefüllten Taschen hinein, lassen sich von den Mädeln karessieren, anstaunen, werden gesprächig und freigebig; sie hauen Schmuck auf den Tisch und gröhlen dazu – bis sich eine eiserne Hand auf ihre Schultern legt, die sie auftaumeln läßt.

Kontrollmädchen überschwemmen die kleinen, feuchten, elend gebauten Häuschen, denn die Gegend ist ergiebig, sehr beliebt und überfallssicher.

Außer den Streifungen, die von Zeit zu Zeit abgehalten werden und von denen Unternehmerinnen und Wirtinnen verständigt sind, gibt es keine Störungen, kein böswilliges Aufstöbern und Beunruhigen. Man will einen signalisierten Mann fassen oder Hehler überraschen, aber den »guten Mädchen« tut die Polizei nicht überflüssig weh. Die vorschriftsmäßige Kontrolle wird niemals scharf gehandhabt; was sich hier ansiedelt, ist geduldet; und in verdächtigen Fällen bringen schon die Wirtinnen ihre Schützlinge durch . . .

»Dös arme Madel is akkrat wie Glas, kaiserlicher Rat, Euer Gnaden – no ja, – a bissel a Unordnung hat's scho' mit 'n Büchel – aber a so a reines Schaf, kaiserlicher Herr Rat! – Was Euer Gnaden von der wissen wollen, derfens nur fragen auf sie« . . .

So unansehnlich und gering das Gäßchen auch aussieht, in der Branche gilt es als glückliche Chance – als eine gewisse sichere Versorgung, für eine Zeit dort unterzukommen . . .

Zimmer und Betten stehen niemals leer, immer gibt es einen Zuzug von »Jungen, Frischen«, die Wirtinnen wechseln zwar die Damen, aber ihre Hände bleiben blank gefüllt mit dem Gelde der Verdienenden.

Über die hohe Mauer des Soldatenspitals, das die Gasse am unteren Ende breit und massig überquert, rauschen alte, dichtverknorrte Ahornbäume, und der Wind jagt Blätter, Laub und Ästchen über die ungepflegten, schlecht gepflasterten Trottoirs hin. Allerlei Gerümpel liegt hier umher, zerbrochenes Geschirr und verwehte Hadern, Küchenabfälle und altes Zeitungspapier; Rinnsälchen von Wasser, das achtlos aus Fenstern und Haustüren geschleudert wird, laufen zu großen Pfützen zusammen, die den Weg versperren und über welche die Weiber schimpfend mit hochgezogenen Röcken springen. Sie laufen vereinzelt, unfrisiert und schlumpig vermummt, mit Körben und Krügen aus den Haustüren, schlängeln sich um den patroullierenden Wachmann herum und verschwinden in einem der kleinen Schankläden.

Ungepflegt, dürftig, verwittert ist alles, worauf das Auge fällt. Ein einziges wohlerhaltenes Gebäude nur überragt mit Stockwerk und spiegelnder Fensterfront die kleinen niederen Häuschen seiner Umgebung. Hier prangt auch die rote Laterne, das Auge der Straße, und sie trägt mit schwarzen, fetten Lettern auf dem grellfarbigen Glas die Aufschrift »Rothaus«. Sein Erbauer hatte es so genannt wegen der seltsamen, blutfarbenen Ziegelung, die nirgend eine Unterbrechung findet. Das Rothaus ist der Stolz und der Mittelpunkt des namenlosen Gäßchens. Hier wohnt die Elite seiner Bewohner, eine Auswahl der hübschesten und erfolgreichsten Fräuleins. Es galt nicht nur als eine gewisse Auszeichnung, sondern auch als sichere Chance zu höherem Verdienste und geregeltem Einkommen. Man war hier, wenn man arbeiten und nicht nur saufen wollte, – gut versorgt, – die Herren gingen gerne mit, auch noble, – auch »Kavaliers«, denn etwas Vertrauenerweckendes haftete in eingeweihten Kreisen von jeher den Mieterinnen des Rothauses an. Ja, soweit wäre alles fein und gut, wenn die Frau Lorinser nicht dazu gewesen wäre, die die Zimmer nur mit Verpflegung und täglicher Wäsche vermietete. Frau Lorinser war die Portierin, eigentlich Verwalterin des Hauses und einzige Instanz; gegen Dinge, die sie einmal beschlossen hatte, gab es keinen Widerspruch mehr. Das Rothaus gehörte einem alten pensionierten Major, der gar keinen Einfluß auf seine Verwaltung nahm, das Weib wirtschaften ließ, wie es wollte, und zufrieden war, wenn sie ihm nur den Zins monatlich abführte, und in dieser Beziehung war die Lorinser ebenso verläßlich und pünktlich, wie in der Einforderung des Tagegeldes von ihren Damen, das mitunter die beträchtliche Höhe von 20 Gulden erreichte. Zwanzig Gulden täglich . . . Manchmal konnte man es ja verdienen und auch darüber hinaus; aber auch für die Schönsten und Eifrigsten kamen tote Zeiten. Was dann? Die Lorinser hatte das Ankreiden nicht in der Gewohnheit . . . Wer nicht zahlen konnte, saß auf der Straße . . . O, sie war nicht bange um Nachschub, die Frau Portierin.

. . . Fein und vornehm sah es doch her, das Rothaus. . . Blanke Fensterscheiben ohne Risse und Lücken, weiße, kurze Gardinen und hie und da grüne Topfblumen, die, wenn sie auch staubig und dürftig waren, immerhin freundlich herausnickten. Ja, das war sie, tüchtig und pünktlich, rackern konnte die Lorinser wie ein Pferd . . .

Wenn nur das viele, viele Geld immer gleich aufzubringen gewesen wäre! . . . Man braucht halt so viel für Schuhe, Kleider und Wäsche und fast jede hatte noch ein paar »Anhängsel«, Eltern oder Geschwister, die wöchentlich ein paarmal in die kleine Gasse gelaufen kamen und bettelten . . .

Da gab man her.

Was blieb einem dann noch für die Liebe übrig? – –

Das Essen war ziemlich gut und reichlich, aber ohne Wein und Schnaps, und diese Stimulantia konnte man bei solchem Leben nicht mehr entbehren . . . Die Lorinser verkaufte Kognak und Wein und sah es nicht gerne, wenn man darum anderswohin ging. Das fraß das Geld auf, wie die Kuh grünen Klee. . . . Guter Gott, . . . wenn man noch so rechnete, es ging nicht immer gerade aus, und die Lorinser packt die Schuldnerinnen, wie der Teufel eine verfallene Seele . . .

Da gab es denn ein häufiges Packen und Räumen, Einziehen und Ausfliehen, Schimpfen und Komplimentieren im Rothause, das die ganze Umgebung belebte und das lebhafteste Interesse aller seiner Bewohner weckte. Die Lorinser ihrerseits hatte die »stabilen Fräulein« nicht einmal gerne, die nahmen sich gleich allerhand Freiheiten heraus, fanden Freunde und Beschützer, die über jedes sogenannte Unrecht Zeter schrien, sie machten Tratschereien und randalierten und blieben zum Schlusse schuldig.

Nein, nein, da war es besser, immer jungen und frischen Zuzug zu haben – das füllte ihre Taschen . . . Die neuen waren splendid und leichtlebig und witterten nicht hinter jeder berechtigten und notwendigen Forderung gleich Ausbeutung und Gewalt. Die Lorinser pflegte an den Bahnhöfen herumzustehen oder durch die Gassen zu streichen und sich an hübsche stadtfremde Fräuleins anzuhängen. Manchmal gelang es, manchmal nicht – aber immerhin, es entwickelte sich eine Art Geschäft daraus. Die Gegend war durch die Nachbarschaft des Zentrums so gut und ergiebig, und was im Rothaus wohnte – galt nun einmal für nobel . . . Ja, die Frischen, die Neuen, die hatten immer eine feine Zeit . . . und die Frau Lorinser mit ihnen. Sie war der Polizei wohlbekannt, die Vertrauten berieten sich mit ihr, schätzten ihre Winke und unterstützten sie, so daß sie in der Ausübung ihres Gewerbes keine Unannehmlichkeiten oder Überraschungen zu befürchten hatte . . . In dem ebenerdigen Kramladen, wo tagsüber eine stickige Petroleumlampe rauchte, saß ihre eisgraue Mutter mitten unter vollgestopften Regalen und Kisten, die den Raum von oben bis unten füllten und nur ein kleines Fleckchen in der Mitte frei ließen. Wahllos durcheinander gewürfelt gab es da Kleider, Wäsche, Stiefel, Hüte, Seifen und Bürsten, Schönheitsmittel und Parfüms, dickbändige Romane in vergriffenen Einbänden, unzüchtige Bilder und Weihrauchkessel, Spiegel, Spucknäpfe und seidenschillernde Unterröcke, Dinge, die zum täglichen Gebrauche gehörten, und solche, die jahrelang hier moderten und nicht an den Mann zu bringen waren. Das Meiste war gepfändetes oder richtiger zurückbehaltenes Eigentum einstiger Mieterinnen, das die Lorinser gierig zusammenraffte, wo bare Bezahlung nicht mehr herauszuschinden war. Ein kleiner zerzauster Kanarienvogel piepste in einem geschnitzten Käfig, der Liebling seiner ehemaligen Herrin, der ihr nach kurzem Aufenthalt im Rothause nebst einer mageren Garderobe abgenommen worden war, und das Tierchen hatte manches scheltende Wort über unnütze Fresserei mit anzuhören, so oft die Portierin an ihm vorüberkam. Da er nicht singen wollte, fand er keinen Liebhaber; aber er hatte das Singen aufgegeben.

Die Tragödie dieses kleinen Daseins empfanden nur zwei Augen in dem übervölkerten Rothause; diese Augen, groß, grau und aufmerksam, gehörten einem kleinen Mädchen von nicht mehr als sechs Jahren an.

An Frühlingstagen, wenn der Vogel außerhalb des Ladens an die Mauer des Hauses gehängt wurde, da stand dieses kleine Mädchen, in abenteuerlich bunte und allzu lange Kleider gesteckt, vor ihm und sah ihm zu, wie er furchtsam von Stange zu Stange flüchtete. – –

Ganz leise schob sich der kleine braune Finger zwischen die Stäbe hindurch . . . »Sing, sing!« bettelte es draußen. Aber der Vogel duckte sich über seinem Futternäpfchen und piepste schwach . . .

»Gel, du hast a Angst« – dachte die Kleine, – »die Mutter, weißt, die singt immer, aber sie fürchtet sich auch nit vor der« – dieses Wort hat der kleinen Milada schon einmal derbe Puffe eingetragen, erst von der Lorinser, welche das »böhmische Glumpert« haßte wie den Tod, und dann von der Mutter selbst, der »schwarzen Katerine«, die das Mädel ordentlich zauste, während das Lachen schon um ihre roten, vollen Lippen strich . . . Als die Prozedur zu Ende war, brach es lustig aus, und sie bog sich steil aus dem Fenster, ließ es hinunter schmettern, gerade in die Ohren der geifernden Lorinser . . . Dann wandte sie sich an ihre Freundin Janka, die schweigend in der Küche herumwirtschaftete.

»Was – das ist schon ein Krot, ein kleines, springt auf und spritzt« – –

»Dir gleicht sie,« erwiderte Janka seufzend . . .

»Da ist sie auch was Rechtes« erwiderte höhnisch die schwarze Katerine und dehnte den schlanken, feingliedrigen Körper – »soll sich nur umgucken, das Aas, damit sie mal auf alle spucken kann, – wie ich« . . .

Ein flehender Blick der andern kroch zu ihr . . . Aber auf halbem Wege senkte ihn ein drohendes Blitzen nieder, die Katerine schüttelte sich wie eine Katze und ging in ihr Zimmer . . .

Wenn sie in »heiliger Stimmung« war, die Janka, dann blieb sie besser allein. . . .

. . . Die schwarze Katerine war die einzige im Hause, die neben dem Regiment der Lorinser eine Art unabhängiger Selbstherrschaft führte; sie bewohnte mit ihrer Freundin Janka und dem Kinde Milada ein abgeschlossenes Quartier, das aus Küche, Zimmer und Speisekammer bestand, führte den Zins vierteljährlich und direkt dem Hausherrn ab, zu dem sie, wie man deutlich munkelte, dereinst in liebevollen Beziehungen gestanden hatte. – Die Portierin mußte diesen schmerzlichen Eingriff in ihre Rechte dulden. Gegen die Eine und ihr helles Lachen war sie machtlos. Die Katerine war ein feines, geschmeidiges Weib von ausgesprochen slawischem Typus, mit grauen, katzenhellen Augen und einem breiten, süß und sinnlich geschwungenen Mund, dessen melancholische Anmut das übrige Gesicht beherrschte. . . . Einsam und zurückgezogen lebte sie, machte keine Freundschaften, beteiligte sich nie an den gemeinsamen Festen oder Zänkereien . . . Man nannte sie stolz; aber sie war es nicht . . . Apathisch müde war sie, und nichts lockte sie mehr. Nicht einmal Schmuck oder seidene Kleider. Sie war schön und begehrt und bekam reichlich gezahlt, aber das Geld floß ihr nur durch die Finger hindurch . . .

Wenn die Janka fragte: »Wo kommt es dir denn hin?« dann sagte sie: »Ich glaube, ich verliere es. Da stecke ich es in die Tasche, und die hat – mein Seel', schau, die hat ein Loch« . . .

Und sie lachte auf, ein unfrommes Lachen, das hart klingend wie Glockentöne aus ihrem Munde kam. »Aber was schadet das? Wir haben Essen und Trinken, Schatz, wir schlafen warm, was willst du mehr?« . . .

Bis zum Einbruche des Abends lag sie träge und teilnahmslos in ihrem Bette . . . sie sah der Freundin zu, die für sie scheuerte und kochte, und sprach manchmal mit blinzelnden Augen vor sich hin, ohne auf Antwort zu warten, ohne nur Antwort zu verlangen. »Man möchte da liegen bleiben und gar nichts mehr tun. Nich essen und trinken, – sterben vor lauter Schläfrigkeit. Oche, Jan – man möchte kein' Finger mehr aufheben für das blöde Leben . . . Es is halt egal, es is gerade so, als ob unsereins schon tot wäre . . . Lebst du nicht, weil du mußt? – Na siehste, in der Stunde, wo man nich mehr leben will, is dem Menschen sein' Sterbestunde . . . Kapores geht er da« –

Die Janka schälte Kartoffel und ließ sie planschend ins heiße Wasser fallen . . . Der Duft von feinem Kaffee erfüllte die Küche . . .

Aus dem Nebenzimmer, wo das noble Bett der Katerine lüftete, drang frische, kalte Herbstluft ein . . .

»Arbeit' nicht, Janka, schau, deine Handerl sind ganz rot und grob davon . . . Schatz, bring den Wein her, . . . so, wollen wir mal lachen« . . .

Sie trank ein volles Glas, sprang aus dem Bette und stellte sich vor den Spiegel hin . . . »Mein Lachen, weißt, – so –«, sie verschränkte die Hände tief hinterm Rücken, beugte sich ein klein wenig zurück und lachte . . .

»Was, da zerspringen die Menscher unten, – aber ich kann auch anders . . . Horch, Jan' . . . So« . . . und ihr Gesicht verzog sich langsam, die Mundwinkel krümmten sich, ein Ausdruck von Gier und Glück trat in die Augen, und sie lachte leise und tief verhalten vor sich hin, ein Lachen von purpurnem Klang, ein Aufschreien von Glück und Grausamkeit . . . »Gefällt dir das? – Ihnen« – sie machte eine Gebärde nach dem Zimmer hin – »gefällt das – ich merk' schon – die Augen werden gleich rot und heiß . . . wie Feuer spritzt es raus . . . Heiß wird ihnen dabei . . . Mir nich! Ich denk' mir nur . . . Narren ihr! Das lern' ich mir im Spiegel ein . . . Überhaupt der – der bleibt mein bester Freund.« Sie nickte ihrem Spiegelbild zu. »Nich wahr, – was du mir alles zeigst. Stolze Damen, Hoffärtige! Eine feine reiche, die Winterabends am Fenstersitz spinnt . . . Oder aber ein heiliges Nönnlein! – Denkst noch, Jan', die fromme Schwester Cäcilia?« Eins, zwei hatte die Katerine aus dem Handtuch eine Nonnenhaube gewunden, die Augen drehte sie nach oben und aus den blauen Bändern ihres Nachthemdes schlang sie einen Rosenkranz um ihre Finger . . .

. . . »No??« . . . Die Janka lachte: »Eine rechte Komödiantin bist du.« Die Katerine zog ein ernstes Gesicht: »Damit vergnüg' ich mich halt . . . Sonst müßt' ich krepieren vor Langweile. Mal bin ich die und mal bin ich die . . . – Nur das eine stell' ich mir nicht vor . . . tot, still, kalt.« Sie legte den Kopf auf die Schulter, schloß die Augen und blinzelte in den Spiegel . . . »Arme Katerine – was wirst du dann sagen? . . . Aber die Toten schweigen, und die wirkliche Katerine ist auch schon lange krepiert« . . . Die Janka stellte ihr Kaffee hin und sie trank ihn gierig und schnell, so daß der Dampf des heißen Trankes langsam aus ihrem Munde quoll . . .

Dann ging sie ins Bett zurück und zog die Polster frierend über ihren Körper . . .

»Du, Jan'! Das Studentel war gestern da, das blonde kleine, das damals am Nachmittag wieder kam, weißt und Kaffee trank, das ist ein spaßiges Jungchen . . . Wir gingen alle Zeit hin und her und keiner durfte mir nach . . . Och, Goldschatz« – sie lachte auf, – »nun wissen wir vielleicht ja, warum 's kein Geld nicht gibt bei uns . . . Und du, du gehst auch gar nit mehr 'raus!« schloß sie vorwurfsvoll und holte sich einen prächtigen Apfel hinter den Polstern hervor.

Sie biß herzhaft ein und fuhr fort: . . . »Als wir so gingen, macht' ich mir Gedanken vor, als wär' ich seine Mutter, hielt ihn bei der Hand und warnte ihn vor der Katerine und tat ihm schön, – recht wie eine Mutter.« – Die Janka schürte die Glut auf, und ohne den Kopf zu wenden, murmelte sie . . . »Hätt'st auch dein Kind dazu!« »Oche, laß mich in Frieden damit . . . das ist wahrhaftig mein Blut, das mag ich nicht, was Fremdartiges möcht' ich haben, ein blondes, dummes Dingel, das, was einen Menschen braucht. Aber die Kröt' braucht niemanden nich, die weiß alles. Könnt' schon alleinig auf die Straßen gehn.« – »Jeß, Maria – die Sünd!« – »Was? – Nich? – Kann die besser werden, als ihre eigene Mutter is . . . das nich! – Hier gehört sie recht her . . . Auf die Straßen gehört sie . . . Still, sei einmal still, Jan – red' nich! . . . Das is meine Sache . . . basta! . . . Herr Jesus, wenn das Krot nich wär', mein Seel', ich hätte voriges Jahr mit dem Berliner Judenmann fortgemacht . . . Mein Seel', ich hätt's getan. Ich hab's schon satt, Komedi spielen, wenn sie kommen, die Hundsfötter . . . oche ja! Ich möchte auch die Beine lang ausgestreckt lassen mein Lebelang.« Sie spuckte das Apfelgehäuse aus, drehte sich auf den Rücken herum und sah zur Decke empor. . . . »Man is ja gesund, man is ja jung, man spürt ja soweit noch ein bissel Feuer . . . Aber die Luder, die Luder, sie zapfen's mir's ab, alle Tage, tropfenweis, das bissel Jugend und Feuer. Ich geh' ja manchmal nicht auf die Gasse. Aber sie kommen direkte hieher, die Schweine . . . Zorn steigt mir auf, wenn ich klopfen höre . . . Weiß schon . . . Jetzt kommt er und holt sich sein Teil Freude. Und ich muß stillhalten; Augen möcht' er machen, so 'n Fisch, wenn ich ihm Fußtritte geben möcht' . . . Un' manchmal möcht's der Mensch, manchmal is man voll lauter Tränen, grad' wie a Regenfaß, und soll stillhalten . . . Oche, Jan, da tut ein' Menschen so 'n dummes Studentel gut« . . .

»Wo 's Kind is? – Da hat sie noch 's Brot liegen, mußt sie auch gleich mittags zu fassen kriegen.« –

»Weil ich 's ewige Randalieren nicht mag mit dem Teufelsweib unten. Soll ihr aus den Augen gehn« . . . erwiderte die Katerine trotzig. –

»Du horchst niemals nich auf eins,« seufzte die Janka und öffnete die Gangtüre . . . »Milada – Milada« –

Die Janka ging ins Zimmer zurück –; um den zerfurchten Mund herum zuckte es weinerlich . . .

Sie war klein und dürftig und trug den Kopf übermäßig auf die eingesunkene Brust gedrückt . . .

Ihre Gestalt hatte etwas sonderbar Unfertiges und Unreifes, als hätte ein jäher Stoß ihre Entwicklung gehemmt.

Vielleicht war sie an der Lunge krank, doch hüstelte sie nur selten und klagte niemals. Die Gesichtshaut, von Schminke und Puder zerrissen, wies an den freien weißen Stellen, um Stirne, Hals und Schläfen zahlreiche große Sommersprossen auf, die auch die Unterarme und Hände übersäeten. Unruhig sah die Katerine aus ihren Polstern heraus – –

»Was kümmert's dich immer, das Göhr? Die geht nich zugrunde. – Hat sie nix, – stiehlt sie was« –

Die Stimme der Janka bebte und zitterte – – »So ein kleines Kind – das is ja, was wir da machen, schon eine Todsünd' an seiner Seel', wahr und gewiß, Katerine, das ist's!«

Die Katerine fuhr in die Höhe. Sie fauchte, und Flammen fuhren aus ihren Augen . . . So etwas hatte sie erwartet seit Tagen schon. – Sie wußte gut – seit der Brief gekommen war von dort. – Schnell genug hatte die Janka ja ein Tuch darüber geworfen, aber sie hatte ihn doch gesehen, den Brief. Verfluchtes Versteckspiel. – Aber an sie sollten sie doch nich 'ran damit – alle miteinander nich . . .

»Still sei! – Das Kind is mein. Un bleibt mein – und wenn ich krepieren sollt' auf 'm Mist – 's Kind bleibt unter mir liegen – nee, nee – so handeln wir nich. – Du und ich« – –

»Was hast denn auf einmal?«

»Still sei, Jan! Du bist ein Schaf Gottes! Mit dir recht' ich nicht. Hätt' ich denn nicht sonst mit dem Juden fortgemacht, voriges Jahr – wenn's Kind nich wäre, – du hätt'st es zusammengepackt und mit ihm, eins, zwei, drei, nach Hause gefahren – Vaterle auf den Schoß gesetzt! – Was?«

Sie sprang aus dem Bette und schüttelte das rotbraune Haar. »Und ich seine Mutter, ne, ne, so spiel' ich nicht mit euch, Bauernvolk. Schlau seid ihr, aber die Katerine is noch mehr. Weber sein wir arme, aber was wir haben, halten wir fest. – Zähe sein wir.« – Sie stampfte auf.

»Du mußt nicht so gottlos reden un so wild, Katerine, weißt ja –«

»Du mußt nicht so scheinheilig tun, Weibsbild – – was du gern möchtest, les' ich dir aus den Augen 'raus . . . Ne, da wird's bleiben und wird auf die Straße gehn, grad' so wie ich. Was? Um mein' Seel' is dir nich leid? War ich nich auch ein Kind wie das da? Was? – Ne, sag' ich noch einmal und dabei bleibt's. Meine Seel', die soll noch einmal aufwachen und auflachen am letzten Tag.« –

Sie zog die Füße an der Bettkante empor und stützte den Kopf auf die Knie.

Ein Ausdruck von Haß und Hohn entstellte ihr Gesicht – »Wart' nur, bis er hören wird, daß sein einzig Kind, sein Fleisch und Blut auf der Straßen streicht um Gulden drei oder vier. Das Kind, das er vielleicht mit vier Pferden auf samtenen Kissen ins Haus kutschieren möchte, weil ihm seine reiche Frau doch keins nich' bringen kann . . . Janka, wenn du mich um die Stunde bringst, wenn du mich verrätst – –«

Sie sprang auf und hob den Arm. – – Dann ließ sie ihn langsam fallen.

Sie nickte ihrem schönen Spiegelbild zu und sagte weich:

»Aber ich weiß ja, Goldschatz, das tust du deiner armen Katerine nich' an. – Milada – Mi–la–da« – schrie sie selbst durch das Küchenfenster in den Hof.

»Da hockt sie mit den Katzen.«

Schnell glättete sie ihr Haar mit Kamm und Bürste und begann mit klingender Stimme zu singen:


Kde domov muj?
Kde vlast je má?
Kde voda huci po lucinách – –


Plötzlich brach sie ab und wandte sich um . . . Sie war mit sich zufrieden und versöhnlich gestimmt – –

»Janka, Goldschatz – hör' auf zu kochen und zu putzen, schon' deine armen hübschen Handerln! Hol' doch die Waschfrau dazu, – – heut' abend kriegen wir wieder Geld, sag' ich dir. Die Katerine wird fein g'scheit sein heut'. Wart'! – Und überhaupt, warum machst du dich nich mehr schöa, wie früher? Seit vierzehn Tagen, mein Engel, gehst nich mehr spazieren. Drum is dir so mieß.«

Sie streichelte mit ihren feinen Fingern über den Leib der andern und schmeichelte, bis die Janka den Kopf hob und sie mit ihren verwaschenen Augen ansah.

Eben schob sich die Kleine zur Tür herein. »Schnell, komm! Wir machen die Tant' schön . . . Sie soll lachen, sag's ihr!«

»Wenn du nicht lachst, nachher geht dir keiner mit,« sagte Milada ernsthaft. Katinka stupste die Freundin und lachte hell auf.

»Na siehste wohl, aus der macht keiner mehr ein heilig's Bauernmensch. – Goldschatz, aber deine Haarerln sind fett. Lanolin, Puder! Quininewasser und 's Kölnische! schnell, bring her!«

Und sie drückte die Janka fröhlich auf einen Sessel nieder, warf die eigenen Haare, die ihr reichlich und in wilden Ringeln um die Stirne fluteten, mit einer ungestümen Bewegung rückwärts und begann unter – mit böhmischen Schmeichelworten vermischten – drolligen Redensarten und Gebärden das Gesicht und die Hände der Janka mit Creme und Rosapuder zu bearbeiten. Veilchenduft kam auf den Nacken, in die Ohren und Haare, die spröden Strähne zerrte sie in die Stirne, wellte sie auf und legte zuletzt ein schwarzsamtenes mit Flittern bestreutes Band um ihren Hals; . . . sie trat prüfend zurück und klatschte in die Hände.

»Na kuck du mal, wie die Tant' aussieht, was?« – –

»Schön!« sagte Milada kopfnickend und räumte flink die Schachteln und Flaschen wieder weg.

»Jetzt bring 's rote Kleid!« – »Nein, nein!« wehrte die Janka ab und schaute in den Spiegel – »so eine Maskerade noch am hellen Tag!«

Aber Milada brachte es schon geschleppt.

Es war ein aufdringlich grellrotes Kleid mit Rüschen und flatternden Bändern, doch wie sich die Janka auch wehrte, sie mußte hinein; Milada half geschäftig mit, zerrte es hinunter und ordnete mit ihren kleinen Händen Falbeln und Maschen. Dann stellte sie sich neben der Mutter auf und bewunderte.

»Heut abend bringst du einen Grafen mit, Jan,« sagte Katerine wohlgefällig – »aber mußt auch schön 'raus, wo Licht ist.« Milada zupfte sie am Rocke. »Und wenn 's viel Geld geben, dann kaufst mir 'n Vogel von der Lorinser ab, gel', Tant',« flüsterte sie – »jetz' gibt's 'n leich' billig her – er frißt scho' nich mehr« –

Die Janka stolzierte am Spiegel vorüber und bestaunte sich. Nein, wirklich, wie sie da aussah! Gar nit zum Wiedererkennen . . . Da konnte sich eins schon auf der Gasse sehen lassen.

Mit anseinandergespreiteten Knien, steif und vorsichtig setzte sich die Janka nieder. Vorsichtig ein Handtuch auf die Brust gedrückt trank sie ihren Kaffee aus. »Erdäpfel hast – un' Butter im Schrank,« sagte sie zu Milada.

»Später,« antwortete das Kind geheimnisvoll und trippelte aus dem Zimmer in die Küche, mit immer neuen Gegenständen beladen. Frische, nach Veilchen duftende Wäsche brachte sie, Schildkrotnadeln, Kämme und Perlen, sie stemmte sich gegen den Kleiderkasten, öffnete ihn und zerrte die rauschenden, nachlässig aufgehakten Röcke hinunter. »Den gelben?« rief sie hinaus.

»Den weißen!« befahl die Katerine.

»Wenn er aber schon dreckig is?«

»Hauptgut is er noch.«

Die Katerine warf die Nachtjacke ab und stand im bloßen Hemde da, – Arme und Nacken gelblich schimmernd wie Elfenbein. Sie schüttelte das kurze, schwere Lockenhaar vornüber, steckte es hoch und breit wie eine Krone auf, wechselte Wäsche und zog einen langen Schlepprock aus dünnstem, weißem Stoffe über die Hüften. Die roten Seidenbändchen des Hemdes zog sie zu und hüllte sich in ein gestricktes schwarzes Tuch, das hinten halb über dem Kopf schloß, ihre ganze schlanke Figur versteckte und dem sie zugleich ihren Spitznamen »Die Schwarze« unter den Besuchern des Gäßchens verdankte. Sie machte mit den Augen eine funkelnde Bewegung und sagte halblaut: »Komm!«

Kritisch sah Milada zur Mutter empor. Es gefiel ihr doch gar nicht, daß die Katerine immer so schofel ging, während im Schranke die schönen seidenen Kleider hingen.

»Feuer mach an!« rief die Katerine zurück – und »iß!« – die Janka, – dann gingen die beiden Frauen die steile Treppe hinunter.

Eine kleine Pause horchte das Kind, . . . jetzt flog die hohe trällernde Stimme der Katerine noch einmal empor, da nickte es ernsthaft, wie jemand, dem das Erwartete richtig eingetroffen ist. Sofort begann sie mit fieberhafter Eile zu räumen . . . Die verstreuten Kleider, Wäsche, Kämme und Bänder kamen auf ihre Plätze, sie sprang auf den Sessel, ordnete das Geschirr; die schmutzigen Schüsseln und Gläser klapperten in die Röhre, das zerknüllte Bettzeug schleppte sie in die Speisekammer und ersetzte es durch frische, seidene, nach Veilchen duftende Polster aus dem Paradebett der Katerin' und hatte gerade noch Zeit, schmeichelnd mit ihren braunen Fingerchen über den glatten, kühlen Stoff zu fahren. Mit unglaublicher Fertigkeit und systematischer Umsicht ging sie von Möbel zu Möbel und fegte die Unordnung hinweg. Wie ein kleiner eifriger Kobold schürte sie die Glut auf und verpflanzte sie vorsichtig trippelnd in den eisernen Ofen des Nebenraumes. Rotbäckige Äpfel kamen unter die seidenen Kissen der Katerin', und eine Flasche Wein stellte sie bereit. Die Janka brauchte nichts – die war nicht so wunderlich drauf, wie Mutter. Zuletzt betrachtete sie zufrieden ihr Werk. Sie brauchte gar nicht erst nachzudenken, vergessen hatte sie nichts. Der rote Schein der halb zugedrehten Lampe hüllte die beiden Räume in mystisches Dunkel. Soviel schön war's da! Jetzt aber hieß es eilen, denn kam die Katerine zurück, so brauchte sie Licht. Sie steckte eine Anzahl warmer Kartoffeln in die Tasche zu Wachskerzchen und Zündern und schlüpfte hinaus. Man mußte im Rothaus daheim sein, um sich bei Nacht darin zurecht zu finden. Über eine hölzerne Galerie und steile Treppen, durch Gänge und Korridore gewunden, führte der ausgetretene, feuchtglitschige Weg in die kellerartige Wölbung des Hausflurs. Da standen die Fräulein beisammen, hell gekleidet, mit wehenden Boas und weißen Schleiern und tauschten laut und ungeniert ihre Meinungen aus . . . Einige wollten in Etablissements, die anderen blieben in der Straße stehen, das Gros verteilte sich in der Stadt.

»'s Umaziagn in die Etablissementer kost' a Marter Geld und nachher is allweil a Risiko,« sagte ein junges Ding schnippisch und bohrte einen dünnen Spazierstock in die Spitze ihrer Lackschuhe. – »Weil dö Kellner schuftig san und Gauner, blech'n mußt' eahna z'erscht.« – »hát, auf a Nachtmal kommst immer, monchmol auch merr.« –

»Pfui Teufel!« spuckte eine aus. –

»So laß – dö ungarische Funzen!«

»Die geht für a Gollasch!«

»Gollasch is serr gutt!« erwiderte lachend die Ungarin.

»Laßt er scho' 'raus?« fragte die Junge mit den Lackschuhen ein paar andere, die das Gäßchen zurück promenierten.

»Geht's, heut is a grauslicher Kerl da.«

»Seins alle so, hirr. In Budapest« –

»Jeß Maria, mein Magen brummt und dö Kälten dazu!«

»Magst 'n Erdäpfelzucker?« – »Gib 'n her!« »Gullasch is serr gut!« grinste die Ungarin mit dem ziegelroten Gesicht und der kühnen Höckernase. »Sigst wohl!«

»Ungarische Drecksau!« – »Wer gibt dir Drecksau ab?« – »Du!« – »Recht hat's, wer a so Preis drückt wie die, is a a«. – »Stad seids, Leit kommen!« – »Jessas, nur der italische Komissär!« –

Die Janka stolzierte zurück. – »Er laßt scho' außa!« verkündete sie. – Die Mädchen stoben auseinander.

Aus allen Torwinkeln und Ecken glitten sie geräuschvoll und hasteten trällernd an dem Posten, der sie geringschätzig musterte, vorbei – in das strahlende Licht der noch lebhaft bewegten Hauptstraße hinaus.

»Tant'!« sagte Milada wichtig und schob sich an die Janka, die mit stelzenden Schritten unter der Last des rauschenden Kleides dahinschritt, »derfst aber net wieder zwa Gulden nehmen, wia letzthin, wo dich d' Madeln aufg'heißen habn.« – Die Janka winkte trübe . . . »I' weiß eh'«, sagte sie aufgeregt und schob weiter . . .

Ganz eingewickelt in ihr schwarzes Tuch, schlank und fein wie eine Tanne, mit seltsam brennenden Augen, die das Dunkel ringsum zerteilten gleich Flammen, stand die Katerine unter dem sternenbesäeten Himmel. . . . Alle anderen ließ sie achtlos, teilnahmslos an sich vorübergehen. Hämische Blicke trafen sie, wie unbeabsichtigt ein derber Stoß mit dem Ellenbogen oder ein lautes ungeniertes Schmähwort flog daher, – schlug daneben wie ein Stein. Sie wandte nicht einmal den Kopf. Fest und tief atmete sie die kalte Nachtluft ein. Die eingeengten Lungen, von Parfüm, Küchendunst und Bettwärme erfüllt, dehnten sich aus. So ging sie mit leichten wiegenden Hüften die Häuser entlang, ohne zu eilen, ohne zu trällern, der breite Saum ihres weißen Rockes schleppte am Boden und fegte Unrat zusammen. Die anderen zogen um die Ecke und lockten. Sie blieb in der Gasse. Die Besucher kamen zu ihr . . .

Nur in sehr seltenen Fällen ging die Katerine in die Stadt hinunter. War einmal Geldnot im Hause, jammerte die Janka über eine dringende Anschaffung, dann zog sie sich an, fein und rauschend wie eine Dame; in Federnhut und Schleier ging sie am hellen Mittag auf der belebten Hauptstraße langsam auf und nieder. Bog sie dann wieder in ihr Gäßchen ein, so konnte sie sich die Begleitung durch ein einladendes Lächeln auswählen. Sie nahm dann ebensoviel, als gerade im Hause notwendig war, einmal zehn Gulden, das andere mal hundert oder mehr, und man feilschte selten mit ihr.

Abends aber kamen die Männer von selbst. Es gab solche, mit denen sie rasch und hastig die Gasse hinaufschritt, die sie einfach mit sich nahm, wie Gepäckträger, ohne nach ihnen den Kopf zu wenden, ohne sie durch eine Gebärde ihrer vermummten Arme einzuladen. Sie öffnete die Haustüre, pfiff leise auf und Milada huschte mit dem Kerzchen herbei und leuchtete der Mutter, die stumm und steif dem Besucher voranschritt. Aber es gab gar manchen, mit dem die Katerine lachend und scherzend auf und nieder ging, dem sie erzählte oder aufmerksam zuhörte, bis sie zuletzt in ein heißes, lautes Plaudern kam, sich zärtlich und fraulich anschmiegte, und sanftem Drängen willig folgte. Dann blühte ein Liedchen auf ihren Lippen und mischte sich seltsam mit dem knarrigen rauhen Ton der Haustüre und dem Knirschen der hölzernen Treppe. Milada lief hinterdrein, und unbewußt teilte sich dem kleinen Dinge die Erregung der Mutter mit.

»Den hat sie lieb,« dachte das Kind froh, summte die Melodie weiter, während sie auf die Straße lief, um die Janka zu suchen, denn die durfte jetzt nicht hinauf, das hatte die Katerine nicht gern. Stolz war Milada auf die vielbegehrte Mutter . . . Gewissenhaft zählte sie die Besuche an den Fingern ab und freute sich, wenn ihre beiden Hände einmal nicht ausreichten.

Eine wilde, unbekümmerte Kraft, ein sieghaftes Zugreifen und Halten ging von dieser Frau aus, – verführerische Anmut, die auch die geknebelte Kindesseele zu fühlen bekam.

Die Katerin' war ein Mensch jener Art, die, wo sie auch immer stehen, oben stehen und herrschen müssen; deren Regentenlaunen man sich stille fügt, um in der strahlenden Sonne einer guten Minute aufzublühen, Unbill und Kränkung vieler dunkler Stunden zu begraben . . . Wer sie lieb gewann, der klebte fest und kam immer wieder zurück.

Diese Dirne verstand es, in ihren Besuchern die Vorstellung eines persönlich und seltsam gearteten Weibes selbst noch in der Flut bezahlter Liebkosungen und würdeloser Umarmungen zu erwecken und festzuhalten. Man vergaß sie nicht wieder, und es war oft nicht mehr, als eine ungestüme Bewegung, – ein fragendes Wort, oder ein Auflachen in finsterer Nacht, das in der Phantasie des Mannes fortwucherte und die Linien ihres Körpers immer neu auffrischte und beseelte.

Es gab kurze freundliche Zeiten, wo sie einen oder den anderen an sich lockte und festhielt, tagelang in ihrer Wohnung behielt, ihn bediente und um ihn herum wirtschaftete, lieb und gefügig war, wie ein junges Weib . . . Sie verriegelte dann hartnäckig ihre Türe vor anderen Besuchern, hielt dem Maulen der Janka stand, verkaufte lieber ihre Seidenkleider, wenn Geldnot war, und gehörte unweigerlich nur dem einen an.

Einmal war es ein junger Student, dann ein Künstler, der sich in die Gasse verirrt hatte auf der Suche nach Modellen und von dem schönen Körper der Katerine eingefangen wurde – dann irgendein alter Komödiant und Müßiggänger, der sich diese leuchtende Gabe Weiblichkeit willig darbieten ließ. Sie interessierte sich für diese Menschen, fragte sie eifrig nach Familie und Schicksalen aus, beriet mit ihnen, machte Zukunftspläne, ordnete mit geläufiger Zunge verwirrte Verhältnisse, besänftigte schmeichlerisch ihre Unruhe und Leidenschaften, strich alles glatt und entließ sie mit ihren warmen Blicken und süßen Küssen wie eine verzauberte Liebesgöttin . . .

Es gab manch einen, der umkehrte und ihr den Vorschlag machte, sie in neue und geordnete Verhältnisse zu bringen, ja, man versprach ihr, sie zu ehelichen, wenn sie einwilligte, aber sie wies diese Anerbietungen stets unbedingt und mit großer Entschiedenheit zurück.

Das Bewußtsein der tiefsten Erniedrigung allein gab ihr die Kraft, das Süßeste und Innerlichste ihrer mißbrauchten und mißhandelten Natur zu verschleudern.

»Siehst du, Jan – was ich will – geschieht«. – Wie oft hatte die Janka einst diese Worte von den blühenden Mädchenlippen der Freundin gehört und gläubig fromm dazu genickt.

Und jetzt – unter dem geschminkten, mit dünnen feinen Strichelchen gezeichneten Munde leuchteten sie noch manchmal auf, wie ein verlorenes Fetzchen von Purpurstoff. Die Janka nickte noch immer gläubig dazu.

Wenn die Katerine schlief oder in der Nachbarschaft Einkäufe besorgte, saßen die beiden anderen, die Janka und das Kind, eng aneinander geschmiegt auf dem Holzstoß neben der Feuerstelle und sprachen flüsternd von ihr: Wie ihr das neue Kleid gut zu Gesichte stehe und was man ihr wohl zu Mittag kochen könne, damit sie sich recht freue . . . Und über das viele Geld, das sie heute morgens wieder im Schub gefunden hatten. Der feine Herr mit dem Zylinder hatte es dagelassen und seine Adresse auch. Die hatte Milada zerknüllt am Boden gefunden, sie geglättet und steckte sie jetzt vorsichtig in das Päckchen zwischen Staniolpapier und Flittergold ein.

Leicht kann sie's mal brauchen« – meinte sie altklug.

»Was 's jetzt mit 'n langen Magistratsbeamten immer soviel z'reden hat,« bemerkte die Janka nachdenklich und bekümmert.

»Sie lachen halt!« meinte Milada – »sonst is eh nix mit ihm – die Marsnerische sagt, – er zahlt nie nix.« –

Die Janka schüttelte den Kopf. Wenn sie sich über irgend etwas Gedanken machte, zogen sich zwei tiefe Querfalten über die Stirne, und die Augen fielen halb zu.

»Weg möcht' er's halt nehmen von hier,« sagte sie langsam und schwer.

Miladas Augen sprühten auf. – »Aber das tut's nich', gel, das tut's nich'. Mutter geht von hier nich' weg, wegen so ein'!«

»Möchtest wohl gar nicht mit, du?«

»Ich? Nein! . . . Mein lebelang bleib' ich hier, grad' wie Mutter.«

»Oche, Kind, die Welt is so viel schön, so viel hell und gut . . . Wo 's du keine Häuser siehst un nichts als Himmel und Felder und Wiesen und am End' ein' Wald – oh Jesses! –« – Ein Schluchzen stieg aus ihrer Seele.

»Wir haben aber jetzt Blumen, Tant', un' 'n Hansi hab'n wir auch, wirste mal warten, bis der singt,« rief Milada eifrig und vorwurfsvoll – »guck, das Luder! – wie er mir ruft!« Und sie klatschte in die Hände, besann sich, sah nach dem Nebenzimmer, duckte sich und schwieg. »Aber nachher, wenn die Fuchsie blüht, Tant', wirst scho' sehn, wie's hier schön is!« – flüsterte sie noch einmal überzeugend, weil die Janka gar so sorgenvoll und bekümmert vor sich hinstarrte.

Der Magistratsbeamte Raffel oder der »italische Kommissär« – wie er allgemein hieß, weil seine Geliebte, die er nicht selten mit sich führte, eine Toskanerin war, – zählte zu den eifrigsten Besuchern des Gäßchens.

Er hing sich stets an ein Mädchen an, strich mit ihr herum, brachte ihr feines Obst oder Gemüse – überwachte ihre Toilette, änderte an ihrer Frisur – gab ihr »einen Stil« – und gute Ratschläge – aber zog sich sofort zurück, wenn ein ernsthafter Bewerber um sie auftauchte. Dabei führte er ein Dutzend wunderlicher Redensarten, stellte sich einmal ernsthaft, wie ein Pfarrer, dann spaßig wie ein Wurstel an, die Mädchen lachten über ihn, ärgerten sich aber gleichzeitig, weil er sehr schäbig war und außer Obst, das er als Marktkommissär gratis hatte, niemals etwas spendierte, nicht einmal die Zärtlichkeiten, die ihm in sentimentaler Stimmung zuteil wurden, durch kleine Gefälligkeiten belohnte. Jetzt war er an die Katerine gekommen, die ihn bisher durch ihr stolzes und hochfahrendes Benehmen eingeschüchtert hatte, und sie war die einzige, die sofort herausfühlte, daß hinter seinen »Narreteien« das Bedürfnis nach Ausleben und Ausdehnen in dem engen Rahmen gebotener Möglichkeiten steckte. Gleichzeitig erkannte sie darin eine gewisse Verwandtheit mit den Launen und Sprüngen ihrer eigenen Natur, und dankbar für alles Besondere und Neue, das in ihre enggezogene Sphäre trat, nahm sie auch die Absonderlichkeiten des Mannes mit Verständnis und Schwung entgegen. Allabendlich ging sie jetzt mit ihm auf und ab und lachte, wenn er ihr »Gnädige« und »Fräulein« sagte und Miene machte, ihr beim Kommen und Gehen die Fingerspitzen zu küssen. – Warum nicht? – meinte er gelassen; es müsse doch ein Unterschied im Verkehrston mit ihr und den »feinen Mädchen« aus seinen Kreisen geben, die keine Distanz zu halten verständen und sofort beim Nahen einer Männlichkeit insgeheim üppig und geschlechtsbewußt würden. Er sagte ferner, wie schwierig es sei, aus den Frauenzimmern überhaupt das Weib aufzuwiegeln. – Das reine Weib – bitte, nicht im Sinne von »unberührt« oder dergleichen, sondern das von Äußerlichkeiten und Egoismen ausgeschälte Geschlechtswesen. Bei bürgerlichen Frauen hatte er dieses Experiment vollkommen aussichtslos gefunden. Soweit sie ledig sind, haben ihre Geschlechtsfunktionen die Rolle von Heiratsvermittlern und sonst nichts. Von unkontrollierten Regungen keine Spur. – Und erst die Eheweiber! Du lieber Gott! – Das waren Puppen, Zieraffen, man diente ihnen als Versorgung oder als Dekoration, bestenfalls als Zuchthengst. Manch eine hatte auch Gier in sich – aber dann wollte sie auch nur ihr Lüstchen befriedigen, nicht den andern. Das konnte er nicht brauchen. Er verlangte, daß man ihn kannte, ihn ganz genau, nicht einen beliebigen Liebhaber oder sonst eine nette Kundenschablone – i beileibe – sondern gerade und nur ihn, den Hugo Raffel, Marktkommissär mit X-Beinen und Adamsapfel, nackt wie er war, und sich in der Liebe nach seiner ureigenen Weise richtete. Nein, er legte sich mit keiner hin, die sich ihm nicht genau anpaßte und die nicht zugleich nach ihm verlangte, nur nach ihm. O ja, bei ihm hatte ja das alles Zeit . . . Warten konnte er immer. Nur zulangen nicht. Die Katerine schmeckte hinter diesen Worten einen Ernst, der ihr behagte.

»Wissen Sie, Gnädigste, die feinen Mädeln aus unseren Kreisen, die wollen von einer natürlichen, bequemen und durchaus unmethodischen Verbindung nichts wissen. Erstens tun sie so was überhaupt nicht. Und wenn, – dann unter Bedingungen, die es bei einem Manne meiner Qualitäten unmöglich machen. Und wenn sie es tun, dann dürfen sie bis wenigstens fünf Minuten nachher nicht erfahren, daß sie es getan haben. Und nie darf man zeigen, daß man weiß, daß sie gewußt haben, was geschieht; das wäre nicht zartfühlend genug. Und immer muß man vorher betteln und nachher zerknirscht tun und sie bedauern. Herrgott, wie kompliziert ist dieser Apparat – zum Impotentwerden!« –

Er nahm den Hut vom Kopfe und wischte sich mit dem Taschentuch Schweiß ab.

»Bis zur letzten Minute, ja über die hinweg, muß man auf einem lyrischen Schwibbogen balancieren, verliert natürlich das Gleichgewicht und purzelt im besten hinunter. Wo bleibt, frage ich, der Aktionsraum für die persönlichen Instinkte? Wo bleibt die Unbefangenheit? – Man kann sich nicht gegenseitig studieren, aufeinander einkarren, sich sozusagen körperlich auskundschaften . . . Denn die geschlechtlichen Instinkte gleichwie die gesellschaftlichen Manieren zweier Menschen müssen einander entgegenarbeiten, um eine beiden Teilen ersprießliche Verständigung zu erzielen. »Ich, zum Beispiel,« sagte er – und faßte einen der wackelnden Knöpfe seines Überziehers fest, »ich bin einer von jenen, die dabei Zeitung lesen können. Ich pfeife auf alle Illusion. Ich bin perdü und verloren, wenn man von mir Firlefanz begehrt. Es gibt Männer, die eine sanfte Trauer brauchen, die man weder durch ein lautes Wort noch durch ein Lachen in der Konzentration stören darf, . . . die nach einem dummen Witze fertig sind. Andere wieder, die bis zur letzten Sekunde betteln und balzen und dabei schwören, dasselbige Frauenzimmer wäre ohne diese Anstrengung nie und nimmer zu haben gewesen. Lächerliche Phantasten sind das! Korrigieren die Natur! Wie die Kinder verwässern sie das süße Zuckertrankerl, damit es mehr ist. Ich bin einer von jenen, die dabei Zeitung lesen können. Ich verlange keine Präludien, keine hochgespannten Erwartungen, keine tagelange Bereitschaft . . . Rauben Sie mir nicht die Selbstverständlichkeit, und ich bin zu allem fähig.« –

Er breitete im Affekt die Arme aus. Die vorbeistreichenden Mädchen drehten sich lachend nach ihm um. Er machte eine Grimasse des Ekels.

»Ihre Kolleginnen sind konventionelle Gänse – sie haben den »anständigen Mädchen« die Technik abgeguckt. Das ist alles. – Und mehr treffen sie auch nicht. – Kommt ihnen so einer unter, wie ich, dann versagen sie gänzlich wie nasses Schießpulver« . . .

»Ihnen braucht man gar nichts vorreden, keine Sperenzien machen, oder so was« – erwiderte Katerine langsam und nachdenklich, – »man kann auch bissel auf sich warten, – was?« . . . »Versteht sich,« sagte er eilig und freudig, »ich sehe schon, daß ich verstanden werde . . . aber zum Beispiel, dieses Fräulein Rosa, vorige Woche – entsetzlich!«

Sie kniff die großen grauen Augen ein. – »Man studiert's halt vorm Spiegel,« bekannte sie verächtlich.

»Entsetzlich! – Das ist wild und gierig und keucht und sprudelt und zerspringt, das läßt sich duzen und zwicken und stopft sich gegenseitig mit Zoten an! – Hol' mich der Mistbauer, – das ist ein Verbrechen gegen den Verstand der Natur . . . Ja, ich vertrag' das nicht . . . Macht mich zum alten Weibe . . . Bei allem was mir heilig ist, bekenne ich, – das entmannt mich . . . macht mich nervös, hellseherisch, empfindsam . . . Ich sehe Flecken und Schmutz . . . Jede Runzel kommt mir zum Bewußtsein . . . Ich empfinde – Dirne . . . Mach mir nichts vor, Mädchen1 . . . Beachte mich nicht! . . . Iß die Knackwurst aus dem Papier!. . . Schneuze dich! . . . Reich mir die Zeitung . . . Ja, die muß jedenfalls dabei sein . . . Die Illusion des Alltags raube mir nicht, – eheliche, philiströse halbdröselnde Schlafzimmerlauheit gaukle mir vor . . . Sei nicht zu reinlich, Phryne, parfümiere dich nicht! . Quatsche, klatsche und sei grob! – Und frage nicht, ob wir Licht brauchen . . Ich verlange, wenn ich ins Gasthaus gehe, vom Speisenträger auch keine gastronomischen Spiegelfechtereien. Ich kaue gerne lang und fest . . . ich esse Brot nach jedem Bissen, ich lese ein Kapitel hinter jedem Gang . . . So bin ich.« –

Immer wieder hatte er unterbrochen, wenn sich die Katerine umwandte oder sonst von irgend jemandem in Anspruch genommen wurde. Dann ließ er ihren Arm fahren, zündete sich seine Zigarre an und wartete geduldig, bis sie wieder erschien und mit geneigtem Kopfe lauschend neben ihm herschritt.

Sie sprach sehr gerne mit ihm . . . War er einmal nicht da, so nahm ihr Gesicht einen enttäuschten Ausdruck an und sie wurde kratzbürstig und schmissig mit den andern. – Sie ärgerte sich auch, wenn die Mädchen über ihn lachten. – »Dumme Schweine!« sagte sie nur verächtlich . . . Die Männer drohten ihr scherzhaft:

»Na, Schwarze, das G'stell is jetzt dein Jean – was?« Dagegen wehrte sie sich . . . »Wo nit gar, dem bin ich viel zu jung. – Der braucht was Ausgekühltes – –«

Und doch, er war nicht nur spaßig! . . . Sie fühlte eigentümliche brennende Gier aus seinen Worten taumeln und etwas davon stieg ihr ins Blut. Sie sträubte sich auch gar nicht dagegen. Es war ganz süß mit dem da . . .

Er konnte warten, hatte er gesagt.

Und warten mit ein bißchen Liebeshitze in sich, das hätte sie ja auch zu gerne gewollt. –

Manchmal ging sie steif und fremd an ihm vorüber, aber ihre Augen verfolgten ihn erregt und unruhig, wenn seine einsame Gestalt mit flatterndem Mantel durch das Gäßchen schritt.

Gesellte sich eine andere zu ihm, so fuhr sie wie ein Wirbelwind dazwischen und machte ihm Vorwürfe, daß er sich mit den »Menschern« abgebe . . .

Das führte oft zu derben Schimpfereien, ja Handgreiflichkeiten, was die ganze Umgebung belustigte, nur die Janka nicht. Sie verfolgte den Mann mit eifersüchtigem Hasse, denn sie fürchtete für das Renommee der Katerine, das durch den »notigen Kerl« Schaden nehmen konnte. Es dauerte auch nicht lange, und das verwöhnte Weib spürte eine sonderbare, atemraubende Lust nach dem langen Schwätzer, der schiefe, mißbilligende Blicke über sie warf, wenn sie sich an ihn schmiegte und durch das straff angespannte schwarze Tuch ihre weiße Brust schimmern ließ. Das geläufige »Komm mit!« brachte sie diesmal nicht über die Lippen. Ja, sie wurde, je heißer ihr das Blut zu Kopfe stieg und je kitzelnder sich das Verlangen meldete, nur kühler und spöttischer und machte sich lustig über die Männer, die sie wie Kletten hinter sich herzog.

Eines Abends erklärte er der Katerine, wenn er die Zigarre da ausgeraucht hätte, dann ginge er mal gerne mit ihr . . . Sie wurde ganz blaß vor Erregung, ihr Herz begann zu schlagen, sie murmelte etwas, dann ging sie stumm neben ihm her und wies die andern mit einem Kopfschütteln von sich . . .

»Es ist ja noch Zeit,« sagte er einmal, als sich einer der alten Kunden an die Katerine machte, – »die hält aus,« und er schüttelte die Zigarre in seinen hageren, roten Fingern. – – Aber ich mag nit!« fuhr sie geärgert los, stampfte mit dem Fuße und blieb stehen.

»Ah – ah – so« – dehnte er die Worte gleichmütig und sah sie so obenhin an . . .

Sie klemmte die rote Unterlippe ein und schwieg trotzig, wie ertappt. –

Und plötzlich packte sie Angst, der Mensch da werde sich bei der nächsten Straßenecke umdrehen, einfach weggehen ohne Gruß, ohne Erklärung, – und niemals wiederkommen . . . Der wollte nichts von ihr wissen . . .,einfach weil er sah, daß sie – wild auf ihn war . . . das paßte ihm nicht! Und der verrückte Kerl, der konnte ja Ernst machen, . . . dem lag wohl nichts an ihr, . . . an keiner überhaupt . . . Der konnte leicht Ernst machen, . . . und sie da stehen lassen . . . ja, das war ihm leicht, dem Schubjack . . . Aber wenn sie mal wollte, unter tausend – einen – wollte, dann durfte ihr so einer nicht wegwischen . . . Sakrament, nein! – Sie schluckte krampfhaft, ehe sie mit ihrer gewöhnlichen Stimme sagte:

»Weil i grantig bin un' hantig auf die ganze Welt, mag i überhaupt net.«

»Warum denn?« –

»Jeß! unsereins hat auch seine Sorgen,« seufzte sie, »glaubt's leicht, wir lachen und schlampampen 'n ganzen lieben Tag, . . . wenn unsereins zu denken anhebt, – na, guten Tag! – Unsereins hört immer mit 'n größten Elend auf . . . Nachher trinkt man halt!«

»Willst Wein?« – fragte er galant – »wart' mal, armes Viecherl, ich bring Wein.« . . .

Er langte Geld aus seiner Tasche und begann die kleinen Münzen umzudrehen und höchst umständlich zu zählen . . .

»Aber laß!« – sagte sie eifrig und holte aus ihrer Tasche ein Silberstück. – »das langt auf Bouteillewein.«

»Das schon,« erwiderte er und ließ es in die Hosentasche gleiten . . . Unschlüssig, verlegen fast stand sie vor ihm und spielte mit seinen langen, roten Fingern, . . . die Zigarre hielt er schief im Munde und kaute an dem Rohre. Sie hatte helle Angst um ihn. – Und je höher die Angst stieg, um so verführerischer kochte die Gier und verwirrte ihre sonst so hellen Sinne.

Sie atmete schwer. – Und mit einer jähen, kleinen Bewegung ließ sie auch den andern Arm sinken, das Tuch ging auf und Hals und Brüste schimmerten seidig glänzend durch das Dunkel.

»Weiberl,« sagte er und streckte die Hände aus . . . Sie führte seine Finger die Brust entlang . . .

»Magst mich denn?« flüsterte sie flehend. – –

»Wart', ich hol' Wein,« erwiderte er mit belegter Stimme. Sie nickte erschauernd unter seiner Berührung.

»Oben wart' ich,« flüsterte sie, »'s Madel führt dich, pfeif' und sag«: .Zur Katerine' . . .« und sie lief davon . . . Sie warf Milada kurz ein paar Worte hin, schob die Janka, die in der Küche saß und dämmerte, ohne Erklärung hinaus, löschte die Lampe und warf sich mit über dem Kopf verschränkten Armen auf das Bett hin . . . Die Paradepolster klatschten weich zu Boden, Veilchenduft stieg aus ihnen empor . . .

Nein, das war aber ein Kerl! . . .

Das Gefühl ihrer eigenen und besonderen Weiblichkeit war nach langer Pause wieder erwacht und mischte sich heiß und süß in die entzündete Phantasie. Sie, die Katerine wollte einmal – –

Nicht weil er ihr gefiel oder gut zahlte, oder weil sie sich erst am Weine besoff, nee, bloß, weil sie ein bißchen Glück schmecken wollte, 'nen Kuß, bei dem man mitküßte, 'n Mann, den man halt spürte ohne Zwischenraum und das dreckige Gefühl, – der is ein Kunde – –

Nee, 'n Mann für sich wollte sie haben, der war nach ihrem Gusto, – der –

Nix heucheln müssen, nicht einmal Glück. . . . Oche, da ließ sich's mitfühlen . . . Und sie dehnte sich wohlig und breit in dem seidenen Bett, das knisterte und bebte unter ihr und berauschte sie mit weichen Düften . . .

Da hörte sie tappende suchende Schritte auf der Stiege, unsicher und schwer und daneben leichte fliehende . . . Das wars Mädel. Die ging voraus . . ., er stolperte vor der Tür, – lachte und die Tür öffnete sich – kalte Luft drang ein . . . Eine Ewigkeit schien es der Katerine, suchte er in seinen Taschen nach Kreuzern . . . Er grinste und griff Milada ans Kinn. – »Da, du kleines Diebsgesicht!« – Er tappte ins Zimmer und eine weiche Hand kam ihm entgegen . . .

Mitten in der Nacht schlich sich die Janka mit bösen und schlafverquollenen Augen die Treppen hinunter und sah nach dem Kinde aus. Endlich fand sie es im Torwinkel schlafend, blau vor Kälte . . .

»Komm!« sagte sie und zog es in die Höhe.

»Nich, nich!« – lallte Milada erschreckt, – »heut' derfen's ja nich zu Muttern, – gel', Tant« – Mutter is« . . . Janka seufzte auf. Dann nahm sie das dünne schlafende Geschöpfchen in den Arm, preßte es in einem Anfalle hysterischer Zärtlichkeit an sich und flüsterte:

»Gott verzeih' uns allen die Sünd' an dir, arme Seel« –


An den Tagen, die nun folgten, philosophierte die Katerine nicht. Plaudernd und singend ging sie in der kleinen Wohnung herum, schälte große, rotbäckige Äpfel, half der Janka sogar in der Wirtschaft und erzählte dabei die unmöglichsten Details aus ihrer neuesten Liebesgeschichte. Sie kramte in Wäsche und Kleidern herum, richtete sich mit zärtlichen, spitzen Fingern einen feinen Staat am Bette vor und sagte: »Heute möchte man richtig Vormittag spazieren gehen, recht wie 'ne Dame im Glanze. Befehlen: ›Köchin, kochen 's was feins‹, – dann auf der Straßen flamändern und schön einkaufen . . . Un nach Hause kommen un' gut, gu–u–ut papperln. Oche, scheint mir das dumm un' faul, so 'n ganzen lieben Tag nichts machen, als in der Klappe dunsten.« Sie reckte die Arme. – »Ich möcht' heut' was zu tun kriegen Jan, – was recht's, daß man vor lauter Zutunhaben nicht zum Denken kommt. – Und wenn man 'n bissel aufatmet, schnell an sein Glück denken und gleich wieder weiterschaffen müssen. Lehrerin möcht' ich sein. – Wenn's nach Willen der Großmutter gangen wär'! Die hat allemal lamentiert: »Wenn nur 's Mensch recht wüst werden möcht', heilig's Gotterle! . . . Aber schief is ihr 'gangen,« – fuhr sie wohlgefällig fort, zerkaute das Apfelgehäuse und spuckte die Kerne aus. Sie begann sich langsam anzuziehen, probierte ein weißes, spitzenüberrieseltes Nachtkleid, warf es wieder ab und zog ein ernstes schwarzes Schneiderkleid über ihre prächtige schlanke Figur.

»Du, Jan, oder beim Fenster sitzen mit schöne seidene Fäden auf Stramin und goldene Perlen drein, das wär' mir jetzt recht. Mein Seel', ich geh' jetzt aus und kauf' mir so was ein. Weißt, Jan, wie fein ich's im Kloster 'troffen hab«. – Am End' gib ich's G'schäft hier auf und nähr' mich von frommen Werken.« Sie lachte und dehnte sich.

»Sündhaftiges Reden!« murmelte die Janka und zupfte Salatblätter aus.

»Und wie schön ist es,« sagte die Katerine – »wenn man sich in der Nacht breit umdreht im Bette und 's fällt kein Kerl 'raus! – 'n Menschen haben, der dir überall anpaßt. Von dem möchtest du auch kein Geld nicht nehmen, Jan, und wenns mein Seel' lauter Dukaten wären.« – Janka antwortete nicht.

Auf ihrem gelben vertrockneten Gesichte lag heute ein besonderer Zug von Harm und Sorge. Sie bewegte leise die Lippen, als ob sie betete. Unruhig sah ihr die Katerine zu. Was gab's da nur wieder? Alles war doch in Ordnung, sie hatten Geld genug. Sie konnte einmal das Jeiern nicht vertragen; es störte sie in der besten Lustigkeit, wenn die Janka Gesichter schnitt.

»Möchtest 'n Appel? – Er sagt, – der Fraß treibt die unfrommen Gedanken aus. Was für dich, Goldschatz!« Die blanken Zähne knarrten.

– »Koch' uns heut' was fein's! möcht' mich 'n ganzen lieben Tag auf was freuen, bis in die Nacht, Jan, da kommt meiner wieder. – Na, was hast denn? Was gibts denn? – So red'!«

Katerine kniff die Augen ein, die Oberlippe kroch ein wenig hinauf, entblößte das korallenrote Zahnfleisch. Die Stirne kräuselte sich leicht.

»Bist leicht bös du? Na? Red'st oder nicht, Weibsbild?«

Eine eigentümliche nervöse Unruhe zitterte in allen diesen Fragen.

»Mußt mir allemal die frohe Stund' mieß machen, Schatz?«

– »Ich bin 'n Mensch, kann 's nicht mehr zusehn,« knurrte die Janka klagend. – – »Was?« Die Katerine richtete sich auf, die breite süße Oberlippe preßte sich fest über die Zähne. Die Backenknochen wurden kantig, und traten stark hervor, als ob sich die Kiefer fest aufeinander pressen würden.

»Du, die Mutter, die eigene Mutter, die das Gewissen hat vor Gott, die lacht dazu, wenn er's Diebsgesicht nennt un' Sündenbrut, – so ein kleines Kind heißt er so auf! und du lachst noch dazu. Unten steht's auf Männer aus un' sagt: »Bei der Mutter is scho' einer« . . . Das« – die Janka hob den Kochlöffel, – »geht wider Gottes Gebot, – das ist von Übel, – das is wie ein,« – die roten Hände fielen zitternd auf den Scheitel nieder, – »wie ein Mord ans Kind ist das.«

Eine Pause entstand, in der die Janka ihr Herz bis zum Halse emporpochen hörte.

Die andere sagte langsam, schlaff, mit Blicken, die an das dunstbedeckte Fensterglas flatterten, wie müdgewordene Vögel . . .

»'s wär scho' gut, wenns Kind sterben wollt'!« . . .

»Gib's doch weg, gib's weg!« wimmerte die Janka leise.

»Nee! Nee! Abfoppen laß ich mirs Kind nicht von euch. Da kennt ihr die Katerine alle miteinand' nich'! . . . He? Was gibt's denn wieder? Wieder 'n Brieferl von der Frau Bas' gekriegt? Mir scheint, das hat diesmal ein kirchlich Gerüchel . . . Lieber krepieren soll mir's im Dreck, ehe daß die Finger dran greifen. Haste wieder Nachricht von sie? Red'! Wohin fliegste denn jetzt heimlich aus?« – Sie packte sie am Arme. – »Ihr seid halt alle eine Katzenbrut, pfui!« schloß sie und spuckte aus. – Janka sah ihr in die zornigen Augen. »Was willste denn haben? – Ich verrat dir nich', ich bin fertig mit 's ganze Leben, ich bin dein . . . wenn ich hätt' wollen heimmachen, – für mich wär' schon noch Platz dort – immerzu« . . .

»Tut's dir wohl leid, was?« höhnte die Katerine wild – »Ums feine Daheime un 'n Goldonkel von 'nem Prinzen . . . Oche, je, könntest heim noch 'n feines Stallmensch spielen, für die hochgeborene Frau Base.« . . .

Die Janka warf ihr einen Blick zu . . . Sie schürte die Glut auf und das Feuer leckte mit mattem Gezüngel gegen ihr Gesicht.

»Um mich mußt du dich nicht sorgen, – um mich is keine Rede mehr, Katerine,« sagte sie verweisend, – »aber dein kleines Kind schau dir an. Die Seel' is verloren, zeitlich und himmlisch, wenn's hier bleibt. Is vielleicht schon verloren, Katerine, un' wir haben zug'schaut und kein Finger nit gerührt. – Is grade so, wie wennst dem Vogel da zuschaust sterben und kein Tröpferl Wasser gibst und kein Bröckerl Brot und weißt, 's muß dann sterben, heute noch oder morgen und du lachst über die Kreatur Gottes, – wie's sich plagt und mit den Flügeln schlagt . . . Wenn du auch schreist, – schrei – aber wahr is deswegen doch . . . Un schrecklich is die Sünde, heimkommen wird's uns allen. Katerine, horch' auf, kleid's ein! – Katerine, weih's in ein Kloster! – Versprich's der heiligen Mutter Anna – rett dein kleines Kind . . . Steck's in die Klosterschul' ein, da lernt sie Arbeit kennen und 's Gebet und verlangt vielleicht ihr Lebtag nimmer'raus . . . So wahr unser Gott im Himmel is, ich verrat dir nich', vom Haus wissen sie kein Sterbenswörtel; . . . meine arme Seel' gibt mir kein Frieden nich', un ich war beichten . . .«

Sie kniete auf den Boden und schluchzte, das Gesicht in beide Hände gepreßt.

Die Katerine hatte ein hartes Herz bekommen für alles, was litt und zugrunde ging . . . Aber die Janka da! . . . Ein rauhes, wüstes Wort blieb ihr in der Kehle stecken . . .

Im Kloster waren sie ja beide aufgewachsen, die reiche Matschakertochter da und sie, – das Weberkind . . . Brennend sanken die Lider über die starren, verräterisch glänzenden Augäpfel nieder. Diesem Erzklange der Erinnerung horchte jetzt die verschüttete Seele . . . Ohne sich zu besinnen, sank die Katerine neben der knienden Janka nieder. Über ihre blassen, wie ausgehöhlt hageren Wangen strömten Tränen und fielen auf die Hände der Janka, die sie vergebens auseinander zu zwingen strebte.

»Janka, Goldschatz, – sei gut . . . Lache, Liebes! . . . Nein, nein, schau mich an! Weißt ja, deine Katerine hat nichts nich auf der Welt wie dich. Alles rundum is mir nich soviel wert wie dein liebes Gesicht. Was du willst, machen wir. Ja. 's Kind muß in die Klosterschule. Zu den guten Schwestern, ja? – Vielleicht bleibt's drin und bet't uns alle los. Nein, – nur mich, mich. Du bist ja schuldlos wie ein Gottesengel, bist du.«

Und sie wiegte mit Schmeichelworten das Haupt der Janka an ihrer Brust und der alte Zauber, die Gewalt dieser stolzen Seele brach lebendig wieder durch und lullte Schmerz und Gram der andern ein. Katarina versprach ja sogar den Mann fahren zu lassen, ihn nie wieder zu sich zu lassen, wenn der Janka daran gelegen sei.

»Un weißt du, Goldschatz,« flüsterte sie ihr ins Ohr, »heut nacht lassen wir mal gar kein Mannsbild ein und kriechen zusammen ins Bett, so wie damals in der Klosterschul', wo du am kalten Boden geklappert hast vor Angst wegen's Gespenst, was dann die Brief-Wettel war . . . weißt noch?« – Und sie stupste sie in die Seite und lachte und leuchtete ihr mit den grauen Augen so lange ins Gesicht, bis die Janka warm wurde und mit zu schwatzen begann, und als Milada hinaufsprang, um nach dem Mittagmahle zu sehen, war es halb gar und stand auf der erkalteten Herdplatte. Da lachten sie erst alle dreie, dann lief Milada und brachte Würstchen und Gurken, Schokolade und Wein und Äpfel, viel Äpfel und Rosinen und Erdäpfelzucker für sich. Als sie gegessen hatten, kramte die Janka in ihren Schuben, holte ein blauseidenes Bändelchen hervor und begann das erstemal, das widerspenstige Kinderhaar in Zöpfchen zu flechten.

»Je, machst mir 'leicht a schöne Frisur, Tant'?« fragte Milada neugierig.

»In die Klosterschul' gehn wir jetzt, da sitzens die frommen Kinder alle mit Zöpferle un lernen un beten.«

»Mag aber net unter die frommen Kinder gehn!«

»Oh je! Wie wirste denn nicht! – Bilder gibt's da und Bücher und die schöne Nähterei, was 's da gibt!«

»Aber 's Peterle und der Hansi derfen mit?«

»Ja, wo? – Die dummen Viecher in die Schule!«

Janka sah befriedigt auf die zwei steifen dicken Haarzöpfe, die sich wie ein Kreis unter dem kindlichen Nacken schlossen . . .

»Möchtest 'leicht selbst eine fromme Schwester werden! – Wenn du fein brav bist und betest, kannst alleweil im schönen Kloster sein.«

Milada schüttelte sehr bestimmt den Kopf: »Mag net. – Nur im Rothaus möcht' ich alleweil sein.«

Die Katarina blitzte belustigt ihre Freundin an. »Na, na, machts mit Euerer Wallfahrt!« sagte sie gähnend und streckte sich im Bette aus, »ich möcht' a Weilerle schlafen.«


In der Klosterschule hörte eine Laienschwester geduldig die Geschichte der Janka an, schüttelte zum Schlusse bedenklich den Kopf, sah nicht eben vielversprechend auf das kleine dürftige Ding, das mit überernsten Augen herumblickte und sich von Zeit zu Zeit die Nase rieb – und meinte dann, damit müsse sie zur Frau Oberin, aber die habe heute den ganzen Nachmittag Sitzungen, und überdies sei nicht viel Aussicht für so etwas. – Nun ja, die Frau könne allenfalls warten. – Und weil die Janka sie so flehend ansah, setzte sie freundlicher hinzu, – man möchte ja den Leuten gerne allen helfen, aber die Schule sei ohnedies überfüllt und mit Kindern ehrlicher Eltern dazu. Damit ging sie . . .

Unaufhörlich und nervös zupfte die Janka an Milada herum und murmelte dabei: »Schön is da, nich – gar viel feierlich als wie in der Kirchen . . . Schau« – sie wies in den Garten hinaus, wo man Kinder in blauen Schürzen sah, die neugierig zum Fenster drängten. – »Bet' nur, bet'! – Nachher spielst mit ihnen da, Kind« . . .

»Mag nit, i mag wieder mit dir,« erwiderte Milada ohne Trotz, aber mit Festigkeit . . .

Unterdessen kam die Laienschwester in Begleitung einer Nonne zurück, einer dicken ältlichen Frau mit gutmütigen, schlaffen Zügen, die einen schweren Schlüsselbund an der Seite trug.

Die Janka schob Milada vor und wollte wieder beginnen, aber die Schwester wies sie zurück und sagte, sie wisse schon alles, – nein, in die Klosterschule konnte das arme Wurm nicht genommen werden, das möchte ungut sein für die anderen Kinder . . . Besonders sei sie erst sechs Jahre alt, – das wäre viel zu jung . . .

Die Laienschwester sprach drein und die Nonne nickte dazu . . . Natürlich das ginge . . . »O du armes Wurm,« unterbrach sie sich und legte gütig die Hand unter Miladas Kinn . . .

Dann erklärte sie der aufhorchenden Janka umständlich, daß in der Oberhoffgasse – »welches Numero denn, Regina?« – Und Regina blätterte nach und schrieb es der Janka auf . . . Also dort sei eine dreiklassige Volksschule für verwahrloste Kinder, unter geistlicher Leitung natürlich . . . Jedes Jahr werde aus der obersten Klasse eines der Mädchen für ein Kloster ausgemustert. – Da hätte sie dann, wenn sie nur hübsch fromm sei und brav, die Hoffnung, mal hieher oder in einer anderen geistlichen Anstalt unterzukommen.

Die Janka zögerte, sie bat mit dankbaren Augen um mehr . . . Eine Empfehlung vielleicht . . . Nein, nein, nicht nötig, dort werde sie sowieso aufgenommen und sie solle nur der lieben Frau Cölestine sagen, sie seien aus dem Annenkloster hingeschickt.

»Handküssen!« drängte Janka und stürzte sich selbst über die Hand der guten Schwester.

Schon gut – gut.

Milada wollte nicht, schnell schob sie zur Tür hin und zog die Janka am Rocke mit . . . »Fürchst dich halt vor der schwarzen Frau, gelt?« entließ sie die Schwester freundlich und winkte ihr nach . . .


In der Oberhoffgasse stand ein niederes, langes, weißgetünchtes Gebäude mit vergitterten Fensterchen und einer schmalen, mit einem weißen Kreuz geschmückten Eingangstüre.

Dort wurde Milada aufgenommen . . . Janka mußte bitten und versprechen, drohen und schelten und sich hinter dem Schulzimmer verstecken, ehe es ihr gelang, das störrige, jedem Gehorsam feindliche Kind in der fremden Umgebung festzuhalten.

Aber »Tante Cölestine« war eine erfahrene Frau. Sie nahm das schluchzende kleine Geschöpf in ein großes Zimmer, das von oben bis unten mit Büchern, Erdkugeln und ausgestopften Tieren angefüllt war. – Auch ein lebendiger Affe hockte da auf einer Stange, Schildkröten krochen langsam, schwerfällig über ein Häufchen Moos und weiße Mäuse mit langen Schwänzen und blutroten Äuglein huschten bei ihrem Eintritt unter die Regale.

Frau Cölestine ließ die Monde sich drehen, bewegte die Planeten, lockte den Affen von der Stange – hielt ihr ein Mäuschen in der hohlen Hand entgegen, nahm ein Buch mit kolorierten Tafeln, schlug es auf und sagte: »Horch, das alles wirst du lesen können, alle diese Dinge da verstehen, – ganz genau wissen, was oben im Himmel ist und unter dir in der Erde, auf der du stehst. Aber fein hier mußt du bleiben und mir gehorchen. – Willst du das?«

Wie verzaubert blickte das Kind um sich. – Die grauen Augen öffneten sich ganz weit und innig vielleicht das erstemal im Leben, durstige, strahlende Blicke sprühten neugierig in dem Raume umher. – Ein neuer Ausdruck erschien in dem mageren braunen Gesichtchen, machte es plötzlich frisch und kindlich. Sie drückte das Buch fest an sich und nickte, nickte voll von gieriger Erwartung.

»Werd'n wir gleich anfangen mit?« sagte sie zu der Frau, die lächelnd den Erfolg begrüßte.

»Erst sag mir hübsch, wie du heißest und wo du wohnst!«

»Milada Rezek und aus 'n Rothaus bin i.«

»Wirst mich auch lieb haben, was?« . . . Milada schüttelte ernsthaft den Kopf . . . »O nein, i hab' niemanden lieb, als wie die Mutter, die Tant', un 'n Peterle und 'n Hansi.«

»Nu, wird schon werden,« versetzte Frau Cölestine gutmütig und führte die Kleine in das Schulzimmer zurück, wo sie friedlich verblieb. – Und mit dieser Stunde begann für Milada ein neues Leben.

Sie zigeunerte nicht mehr auf der Straße oder in den Höfen herum, indem sie einfach die Zwischenmauern übersprang; nicht mehr wie früher strich sie von Türe zu Türe, besorgte Briefchen, machte Botengänge ins Leihhaus oder anderswohin und lugte mit besorgten Augen auf jeden Mann, der die Straße heraufkam. Ihre kleine Seele war aufgerüttelt und von der Gier des Lernens erfaßt worden. Mit äußerster Geschwindigkeit wollte sie über die Schwierigkeiten siegen, die sie noch von dem völligen Eintreten in das Mysterium der Buchstaben und der Gedanken trennten . .

Sie begann in Zeitungsresten, einzelnen Heftchen von Schauerromanen, die die Kolporteure in die Türen steckten, aus dicken und vergilbten Kalendern stundenlang die Buchstaben aufzusuchen, die sie bereits kannte, mühevoll zu Silben zu verbinden, und sie quälte die Janka so lange, bis sie ihr das Zusammenfügen der Wörter und Sätze beibrachte . . .

Und sie erfaßte, unterstützt von einem zähen Fleiße ungewöhnlich rasch. Ihre kleinen Kolleginnen hatten die Anfangsgründe kaum überstanden, da hockte sie bereits mit einem Folianten, den sie aus dem Kramladen der Lorinser erbettelt hatte, in den Treppenwinkeln und führte die Finger die Zeilen entlang, während die grauen Augen ernst und gewichtig das schwarze Gewimmel zu entwirren versuchten . . . Natürlich hing sie jeden Augenblick an Jankas Schürzenzipfel . . . »Tant', was is a Vergeltung?« »Tant', was is a' sündige Lie–be?«» – und so fort, und die Janka erklärte ihr diese Rätsel, so gut sie selbst sie faßte . . . Sogar der Katerine fiel es auf und sie mußte lachen, wenn sie auf das Kind stieß, dessen Gesicht sich tief in den geöffneten Seiten des Buches verlor. – Aber das Lesenlernen war das erste wirkliche Erlebnis in Miladas Kindesdasein, und noch in viel späteren Jahren blieb es ihr der Wendepunkt, nach dem sie ihre Erinnerungen rückte . . .

»Das geschah, noch ehe ich lesen konnte« . . .

Das Geschäft und alles, was damit zusammenhing, verlor für das Kind allmählich an Interesse, – sie lebte in einer neuen Welt.

Von der ungewohnten geistigen Anstrengung ermüdet, – wie von dem weiten Schulweg, den sie zweimal des Tages zurücklegen mußte, verlangte sie abends nach Ruhe, ja sie schlief oft neben dem Küchenherd, das angebissene Brot in der Hand, ein und die Janka räumte sie in solchem Falle schnell hinweg, denn es gab Besucher, die an dem schlafenden Kinde Anstoß nahmen.

Als aber die »Frau Lehrerin« in einer Zuschrift die »nächtliche Separation« des Kindes verlangte, quartierte die Janka Miladas Strohsack in ein unbewohntes Bodenkämmerchen ein, in dem seit Jahren nur Ratten hausten, eine ganz seltsame Art weiß und schwarz gefleckter Ratten, die den fremden stillen Ankömmling neugierig beschnupperten. Milada versuchte sie zu haschen und mit ihnen zu spielen, – sie wärmte sie nachts unter ihrer Decke, streute ihnen weiche Semmel und lockte sie mit einem Pfiff aus ihren Schlupflöchern hervor. Sie zeigte ihnen Bücher und Tafel, prahlte mit ihren Kenntnissen, belehrte sie, indem sie mit Würde und Strenge die »Frau Lehrerin« kopierte, erzählte ihnen vom Herrn Jesus und den Jüngern, und die Wunder des Heilands klangen glaubhaft in diesen vier einsamen Wänden, wo ein kleines Mädchen predigte und zahme Ratten zuhörten, die vor Verwunderung mit den Köpfen aneinanderstießen.

Einmal belauschte sie die Janka so, – sie faltete die Hände und bekreuzte sich dreimal wie vor einer Erscheinung.

Die Katerine hörte gleichgültig ihrem Berichte zu, aber sie ärgerte sich über das Entzücken und das Interesse der Janka mit einer geheimen, quälerischen Eifersucht.

»Komedien machst mit der Krot her! – Grad wie du eine warst, is die auch, das g'fallt dir. – Buchhockerisch und geistlich« –

Ihre froh aufgeblühte Laune war schnell verwelkt. Mit Raffel war es schon nach einer Woche zu Ende gegangen; er hatte ihr einmal kalt auseinandergesetzt, daß seine Art und Weise nur ein System sei, um für wenig oder gar kein Geld ein bissel Eigenart, ein bissel persönliches Weibtum aus der Marktware zu pressen, zu welchem Leckerbissen so ein armer Schlucker wie er sonst nie gelangen könnte. – Er wende es bei allen Frauenzimmern an – und das Experiment gelinge fast immer, – sagte er. Das ernüchterte sie natürlich. – Auch las er ihr jetzt ganze Nachmittage lang seine Gedichte vor, verlangte Begeisterung für diese »rote Lyrik«, wie er sie nannte und wurde brutal, wenn sie zerstreut zuhörte oder gar gähnte.

So schieden sie denn bald, – er hing sich an ein anderes Mädchen, und sie betrieb ihr Handwerk wie früher.

Kalt und verschlossen und unsinnlicher Natur wie alle Herrschsüchtigen, paßte sie im Grunde wenig zu dem Geschäfte. Tand, Flitter, echter und falscher Schmuck, diese ärmlichen Freuden, die ihre Genossinnen für Geld eintauschten, beschäftigten sie kaum und freuten sie nicht. Sie war es müde, trotzdem sie auf die Schönheit ihres Körpers stolz war, ihn für andere zu schmücken und aufzuputzen, und auch die Phantasie erlahmte, mit der sie bisher die stolze und eigenwillige Seele eingelullt und besänftigt hatte.

Ganz langsam begann sie das Elend und die Hoffnungslosigkeit kommender Jahre zu erfassen, die gierig und unbesieglich wie hungrige Wölfe heranschlichen und auf sie Jagd machten –

Sie legte die Hände vor die Augen und wollte nicht in die Zukunft horchen, – nur dem Tage leben, – wie bisher . . . Aber es gelang ihr nicht mehr.

Immer öfter kam es jetzt über sie: Und in zwei Jahren wirst du noch immer so dasitzen und auf den Männerfang gehen, lachen und lieben, wie's ihnen gefällt. –

Und in fünf Jahren werden sie schon gar nicht mehr gerne mit dir gehen wollen. Sie werden näher kommen, dir ins Gesicht sehen und pfeifen. Du wirst betteln müssen, Katerine, und bitten und in die Luft plappern, wie die anderen es machen.

Ach und erst in zehn Jahren. – Da bist du alt und rheumatisch, hast Runzeln und gefärbtes Haar und wohnst in der Vorstadt. Du wirst dich den Männern auf den Schoß setzen, ihnen zutrinken, wenn sie freundlich sind, und um ein Nachtmahl von Wirtshaus zu Wirtshaus hausieren.

Sie vergrub sich schmerzgierig in diese Vorstellungen, sie sah sich verschlumpt und frech durch die Gassen streichen, wie die Ungarin es tat oder die Blumenliese, die bei Mutter Zimmermann wohnte. –

Heimlich untersuchte sie Körper und Gesicht, ob sie schon Runzeln fände, oder graue Haare oder gar die schrecklichen blauen Wülste, die von verdorbener Schminke und bösem Blute herrührten, die niemals wieder zuheilten oder glatt wurden. Sie strich über das feste noch blühende Fleisch und suchte nach Spuren der Entkräftung und des Verfalles.

Der Gedanke an den Tod stieg ihr zu wiederholten Malen auf.

Der Tod schreckte sie nicht, – nur das Leben bis dahin, das langsame, schreckliche Abwarten der Jahre, die mit eisernen Krallen stetig und unerbittlich ihren Körper zerstörten. – Ehe der Tod kommt, müssen die Jahre gelebt werden, – müssen gelebt werden, zuschauen mußt du dem Tode, grübelte sie . . .

Wann wird der kommen? Es war halt noch soviel lebendig in ihr . . . Manchmal konnte sie toll werden in Spiel und Lachen, sie trank und tanzte dann, schmückte sich und freute sich an den Menschen. Und das alles, alles mußte vergehen, eins nach dem andern matt werden – verschwinden . . . Die Lust am Wein, am Spiegel, an seidigem Zeug, an der Tollheit der Männer und an ihrer Rache. – Eher konnte sie nicht sterben . . . Fang' an, Katerine, fang' an, mahnte es in ihr . . . Fort mit all dem, mach' Schluß! Sein muß es ja doch! . . .

Sie preßte die Hände an die Schläfen, versuchte ihre Gedanken, die an Tod und Elend wie angeeist schienen – loszuhacken, – lief wieder nach neuen Freunden aus, spann sich mit ihnen tage- oder wochenlang ein, sprach von Gott und Seligkeit, machte die bekannten Besserungsversuche durch und schauspielerte sich geschickt in eine reumütige Bekehrte um.

Das zerstreute sie eine kurze Zeit, und die Bemühungen der Männer taten ihr wohl. Ein Student brachte ihr Bücher und die Schriften eines Berliner Magdalenenheimes, sie schrieb auch ein Gesuch dahin, aber in einer momentanen, brutalen und verzweiflungsvollen Laune warf sie alles weg und suchte Lokale auf, die die besseren unter den Kontrollmädchen noch immer vermieden. Von dort brachte sie sich Geld und verschiedene Aufträge mit, trat auch – wiewohl nur ein einziges Mal – in einer Gesellschaft von Börsenjobbern auf, bekam, als sie auf der Bühne stand, einen Muskelkrampf, der sie glatt hinstreckte, eine unangenehme Sensation, die fast ein gerichtliches Nachspiel gehabt hätte, wenn die Recherchen nicht von einem der einflußreichen Teilnehmer niedergeschlagen worden wären. –

So versuchte sie es denn neuerdings mit dem alten Leben, – aber eine Unruhe, die immer wieder zu Exzessen und wilden Szenen führte, beherrschte sie dauernd und ließ sie nicht mehr los. – Und der einzige Grund dieser inneren Erschütterungen war, daß die Katerine den Glauben an die Möglichkeit und Tödlichkeit einer Rache gänzlich verloren hatte.

Weit, meilenweit auf seinem blühenden Besitze stand – Er – sicher und geborgen, lachte das klingende Lachen der Sorglosen und Starken, und ihr tiefster tödlichster Fall erschütterte nicht die sonnengetränkte Luft, die er atmete. Berechnend, kalt und siegessicher hatte sie für sich den Untergang vorbereitet, wie mit Krallen hatte die Idee sie gepackt . . . Gehe unter und reiße mit, was du kannst, – nur so wird er zu Tode getroffen werden, dieser stolze Bauer, – der Herr vom Hofe, – der »Prinz«, wie seine Kreaturen ihn nannten . . . Nichte und Kind und Geliebte erbarmungslos in die Schande gezerrt. – Unter solchen Streichen muß auch sein Stolz und sein Glück verbluten.

Oche, – sie kannte die eiserne Wut, die aus seinen blauen Augen sprühte wie ein Wetterblitz. Er streckte bei Nacht und Dunkel, wenn ihn niemand sah, die Arme aus nach seiner Janka und nach dem kleinen Kinde, – aber bei Tage leuchtete seine Stirne voll Stolz und satter Zufriedenheit, und Kreaturen grüßten demütig, wo er vorüberschritt. Und doch! Einen Triumph hatte sie erlebt in dieser ganzen geopferten Zeit. Damals als er die Botschaft schickte und seine Tochter forderte. Sein Kind, – sagte der Knecht Gottes frech und drehte die Augen von der Hölle zum Himmel empor.

Die Botschaft klingelte sogar . . . He, he, he, Geld bot er ihr . . . der Hund. – Viel Geld bot er der Katerine an, auch ein Häuslein irgendwo im Böhmischen drin für die Janka, mit Gärtlein und Äckerlein . . . Der Pfaffe schmatzte vor Vergnüglichkeit. »Nein«, war ihre Antwort, und wiederum – »nein«. Das Kind ist meine und basta! Ohne Hohn und Zank wies sie den Männern die Türe. Die Janka bettelte mit den Augen wie eine kranke Katze. – »Nein«, sagte sie wiederum, und es blieb dabei. Ha, hatte das getroffen? Hatte es? Sie lauschte in die Heimat . . . Sie spähte in Jankas Mienen . . . Sie durchstöberte Briefe, die kamen und gingen. Klebte an diesem Kinde wirklich sein rotes Blut? Ja? – Nun also . . . Dann warf sie das bleiche Seelchen zum Opfer hin. In tausend Elendsbildern sollte sich der Verrat seines Vaters spiegeln, wie er sich in ihrem eigenen verlorenen Schicksal gespiegelt hatte.

Warte nur, Großbauer, bis sie dir das Nichtchen, die blonde Janka auf dem Gemeindekarren angeschoben bringen! Warte nur, Prinz, bis Gassenbuben und Vagabunden die abgezehrte Landstreicherin in den Herrenhof begleiten! Dann fährt wohl deine Hand nach dem Revolver, der dir im Gurte steckt. »Schieß zu, Hund!« und ihre Augen funkelten. »Triff zu Tode, was dir übrig blieb!«

Lange Stunden konnte die Katerine früher so zubringen, sich diese Bilder der Heimkehr in allen Details ausmalen. Den Kopf vergraben in den Polstern lag sie da, und ihre Glieder bebten krampfhaft auf, wenn sie an eine besonders wilde, eindruckssichere Stelle kam.

Und stets freute sie sich daran, wie heiß und gierig ihr Zorn noch war und wie er gleich roten Feuerzungen an den Opfern emporleckte, die sie der Rache auserkoren hatte.

Allmählich aber und ganz unvermerkt sickerte diese letzte Kraft in den morastigen Boden ab, auf dem sie lebte.

Der Kampf des Daseins, der sie alltäglich auf die Gasse warf, um zu lachen, zu lieben und zu verdienen, und dem eine dumpfe Erschlaffung folgte, in der sie sich mit lügnerischer Phantasie betäubte, mußte notwendig die letzten, bestbewahrten Reste dieser reichen Natur mitleidslos verbrauchen. Immer ferner rückte ihr jede Tatmöglichkeit, – immer bedeutungsloser schienen ihr Haß und Rache, – die Vergangenheit versank in schemenhafte Nebel, – wurde der geborstene Rahmen um Bilder und Dinge, die ohne Zusammenhang und Einzelwirkung auf und niederwogten, nur ein Gewirre von grellen und dunklen Flecken bildeten, die ihre blindgewordene Seele narrten.


Als Milada das elfte Jahr erreichte und in die vorletzte Abteilung der dritten Klasse aufsteigen sollte, begannen sich in der Gasse Neuerungen und Umwälzungen zu vollziehen, die in erster Linie für die Bewohnerinnen des Rothauses verhängnisvoll zu werden drohten. Große Ereignisse kamen da im Gefolge kleiner belangloser Details. Die Gasse wurde gepflastert, auf beiden Seiten glattgewalzt und Bürgersteige errichtet und eine städtische Gaslaterne eingerammt, welche das schwächliche Licht der Rothausflamme, das solange tapfer gegen die umgebende Finsternis gekämpft hatte, jung und siegreich überstrahlte. Und endlich! Auf einem schwarzlackierten Täfelchen mit weißen Buchstaben vollzog sich zugleich die Taufe des namenlosen Gäßchens, das von nun an den Namen »Rothausgasse« tatsächlich zu führen berechtigt war. Soweit schien alles gut und in Ordnung, und man freute sich im allgemeinen, soweit man Grund hatte, der neuen Errungenschaften; die Lorinser blies das qualmende Petroleumlämpchen aus, sobald die Gaslaterne in Kraft trat, denn die war – und das schien die gesetzliche Anerkennung ihrer Oberherrschaft, – gerade vis-à-vis  ihres Kramladens errichtet worden. Die unbequemeren Dinge kamen in der Folge freilich nachgerückt. Es schien, als hätten sich alle Behörden und Gesundheitsämter gleichzeitig verschworen, denn sie überschwemmten nun den vergessenen Winkel mit Vorschriften, Weisungen, Kurrenden und Verwarnungen. Arbeiter rückten auf mit Spitzhacken und Schaufeln. Da wurde die Erde aufgerissen, dort glattgestampft und mit feinem Kies bestreut, Kanäle und Wasserleitungen auf Schäden untersucht und ausgebessert, und das Schnüffeln und Revidieren der Aufsichtsorgane, die sich in den Hausfluren drängten und Keller und Böden untersuchten, schien kein Ende nehmen zu wollen. Die Hauseigentümer und Hausmeister erhielten strikte Weisungen; Zufluß- und Abflußleitungen mußten sauber gehalten, Schmutzwasser und Kehricht durften nicht mehr wie bisher durch das Fenster auf die Straße befördert werden, alltäglich kam das hohe mit Latten verschlossene Gefährt aus der Hauptstraße um die Ecke gerasselt, – und erst widerwillig, dann lachend bequemten sich die schlumpigen Frauenzimmer, den grinsenden und zotenreißenden Gesellen die mit Abfällen gefüllten Kübel oder Kisten zu reichen. Die Lorinser, die eine feinere Nase hatte als alle die anderen, begann bereits zu murren und sich laut zu widersetzen.

Die vielen fremden Augen in der Rothausgasse paßten ihr gar nicht. Sie ahnte eine Gewalt, die hoch über ihrer eigenen Machtvollkommenheit wirkte und privaten Anknüpfungen durchaus unerreichbar war. Sie wurde einmal gröblich angehalten, weil sie den Müllkasten an der Spitalsmauer ausklopfte, und versicherte seitdem jedem, der es hören wollte, daß alle diese neumodischen »G'schichten und Sacheln« eingerichtet seien, um den armen Leuten das Leben noch saurer und plackiger zu machen, als es ohnedies schon war. – Überdies – und sie stemmte die Hände in die Hüften – werde sie schon ihre Wege machen, damit die »G'schaftelhuberei« in der Gassen endlich aufhöre: »So was könnten wir brauchen, – wär' noch schöner!« – Und, »wahr is 's!« tönte es ihr immer zustimmend und achtungsvoll entgegen. – Die Lorinser mußte zu ihrem Schmerze erfahren, daß menschliche Machtvollkommenheit immer nur etwas Begrenztes sei.

»Ihr Wachmann« zuckte bedenklich die Achseln und sagte, das sei städtisch und ginge die von der Polizei nichts an. Ja, wenn die Dinge nicht noch schlimmer gekommen wären! Jetzt nämlich war die Reihe der Säuberung an Hauseigentümern, Mietern und Aftermietern; man lud die erschreckten Leute zur Polizei vor, verlangte von ihnen Heimatscheine, Gewerbescheine, Polizeibücher, ärztliche Bescheinigungen, mit einem Worte eine gründliche Ausweisleistung.

Fast sämtliche Wirtinnen wurden mit Strafen belegt. – »Hol' euch der Teufel, wer hat euch erlaubt, Menscherzeug zu verköstigen. – Zimmermann Elisabet, hat Sie ihre Mieterinnen angemeldet? Zahlt Sie Steuer dafür?«

»Kaiserlicher Rat, – Euer Gnaden,« wimmerte das verdächtige Weiblein . . .

»Ach was, Ordnung muß sein! – Ich werde Sie lehren, niederträchtiges Frauenvolk, gleich Stücker sechs in einem Loch, zu beherbergen!« –

Ein allgemeines wildes Flattern und Wehren begann. Nein, nein, sie gingen da nicht weg, – sie bezahlten doch den Zins ordentlich. – Und warum denn eigentlich? Wo sie bisher waren, hatte man es so getrieben. – Eine ging, die andere kam, und die Wirtinnen machten sich bezahlt, so gut es eben ging. – Da gäbe es schon noch eine Gerechtigkeit! murrte man.

Aber sie verstummten alle, als man ihnen einen gewissen Paragraphen vorhielt und gründlich verdeutschte. –

Massenquartiere wurden ausgehoben und die meisten Mädchen delogiert. – »Wohin, wohin?« jammerten sie. – Die Beamten zuckten die Achseln.

»Erst verschafft euch Papiere aus der Heimatgemeinde, dann meldet euch wieder bei der Polizei!« – Ordnungsgemäß – anders ginge das nicht.

Eine Gnadenfrist von vierundzwanzig Stunden wurde ihnen zugesagt, – kurz genug –, und als diese verstrichen war, begann das Weheklagen und Betteln aufs neue . . .

Die meisten der Mädchen waren bei den Wirtinnen verschuldet und mußten ihre Habseligkeiten zur Deckung zurücklassen.

Ach Gott! Da ging man ja, nackt wie man war, am besten ins Wasser!

Nun was half's, die Wandervögel wurden noch gehörig gerupft, dann flatterten sie aus der warmen Stätte mit gesträubten Federn und hackendem Schnabel in das kalte und feindliche Licht hinaus.

Manche unter den Mädchen freilich wichen nur der Gewalt, drei Wachleute kamen und halfen delogieren.

Sie machten es ruhig, ohne unnötige Brutalität mit dem ganzen Übergewicht amtlicher Selbstverständlichkeit.

Trotzdem kam es zu einzelnen wilden und häßlichen Szenen, zu Schimpfereien und Ansammlungen, die sich bis in die Hauptstraße hinüberspannen. –

In der Rothausgasse war eine Patrouille zurückgeblieben, die die Verführung der Waren aus dem Lorinserschen Trödlerladen beaufsichtigte. Halbwüchsige Burschen standen herum und griffen verdächtigerweise zu, wogegen die Käufer, ein paar graue, dürre Juden energisch protestierten, während die Lorinser mit stumpfen Augen dem Kram nachsah, den sie mit hungrigen Händen zusammengerafft hatte und der nun, in Säcke gestopft, für immer wegbefördert wurde.

»Keine Bewilligung vorhanden, einen Trödelkram zu führen,« hieß es auf der Polizei, und dabei hatte der Kommissär so auf den Tisch gehaun und so wild um sich geschaut, daß die Lorinser vor Schreck auf die Armensünderbank flog.

Zusperren mußte sie und gerichtlich wurde feilgeboten.

Grundgütiger Gott. – Sie sah zu den Fenstern empor, die voll Frauenzimmer standen, welche halb teilnahmsvoll, halb schadenfroh zusahen.

»Sackermentsche Wirtschaft das!« sagte der eine Polizist zu dem andern, aber laut genug, daß die Lorinser es hören konnte, die sich sofort giftig und kampfbereit umdrehte:

»A Sünd is 's und Schand, wiar ös arme Leut' zugrund' richts! Was ein ordentlicher Mensch is . . .«

»Ach was!« unterbrach sie der eine gemütlich, »Ordnung muß sein. – Die Schweinerei da hat lange genug gedauert, – für was wäre denn der Staat da . . . Und da gibt's keine Rebelljon nicht, verstanden!«

Auch das Rothaus war ein wenig gelichtet worden.

Nicht so einschneidend wie die anderen Häuser, – denn die Lorinser war auf den Rat ihrer Freunde wenigstens in dieser einen Beziehung vorsichtig gewesen und nahm nur Kontrollmädchen mit tadellosen Papieren auf. Immerhin wurden die Ungarin, die Helene Marsner und die zwei blutjungen Schwestern Ressel wegen ungenügender und in einem Falle sogar verdächtiger Papiere ausgewiesen. Die Ungarin bekam einen Weinkrampf, blieb auf der Straße liegen und wurde mit dem grünen Wagen weiterbefördert.

Die Katerine und die Janka hatten durchwegs ehrliche Papiere und blieben. Überdies wies die Katerine, als Fleißaufgabe beinahe, die korrekten wöchentlichen Bestätigungen des Polizeiarztes vor, eine Sache, mit der man bei den elenden Verhältnissen der Gasse fast nicht mehr gerechnet hatte.

Der Beamte klopfte ihr wohlwollend auf den Busen. »So ist's recht!« sagte er –

Bald darauf trat Ruhe ein.

Sehr rasch füllten sich die leeren Nester mit frischer Ware – jungen, lustigen Mädchen, wohlausgerüstet mit Papieren und Büchern, und die Wirtinnen quartierten sie froh und unbesorgt ein, denn sie leisteten jetzt eine Art Steuer, die sie instand setzte, »die Räume ihrer Wohnung an Aftermieter abzugeben«.

Kurz, das Bild des Gäßchens, abgesehen von der Tafel, der städtischen Laterne und dem geschlossenen Trödelladen hatte sich in nichts geändert, – fast in nichts, – nur die Quartiere samt Verpflegung, die die »armen alten Wirtinnen« ausboten, waren um gut 40 Prozent im Preise gestiegen. Das kam, wie sie zu den Fräuleins sagten, – von den »verdammten städtischen Lasten und Steuern« her.

Aber sie fügten beschwichtigend hinzu: »Jetzt gibt's da keine unsaubere Konkurrenz mehr. Was reiche Damens sin', die derfen hier nimmer 'rein, sich amüsieren . . . All's aufgehoben . . . Nur für anständige Freimadeln is die Gassen da . . .«

So schien der Weg für die letzte und beste Überraschung wohlgeebnet, die völlig unerwartet, wie eine Bombe einschlug. Das Rothaus wurde verkauft und von der neuen Besitzerin – einer Frau Goldscheider – zu  einem eleganten neumodischen Bordell in großartigstem Stile umgewandelt.

Die ganze Gasse geriet darüber in Aufruhr; daran waren alle beteiligt. Unruhe und Bewegung herrschte überall. – Jessus, ein Bordell in der Rothausgasse! – Na schön, da konnten die andern einpacken. Da war es aus mit dem Einzelgeschäft . . . So etwas fraß die Alleinstehenden auf. Na, wer Glück hatte, kam hinein. Die Lorinser erzählte bereits die fabelhaftesten Dinge. Die neue Gnädige habe sie rufen lassen und genau informiert, aber sie dürfe noch gar nichts sagen . . . Nein, gar nichts . . . Alles käme schon zur Zeit heraus. Aber eine Massenkündigung brachte sie gleich mit. »Kauf bricht Miete,« sagte sie den aufgeregt protestierenden Mädchen. In acht Tagen mußte geräumt sein. Punktum.

Schon wieder ausziehen . . . Wieder wandern . . . Und hier ließ sich der Verdienst so gut an. Man hatte ja der Portierin ohnedies reichlich draufgezahlt, nur um sich im Rothaus einzumieten. O weh! Wohin sollte man mitten im Monat? Die Stadt war überfüllt. Nirgends eine Lücke frei. Nobel und teuer ausgestattet, wie man war, sollte man jetzt in der Vorstadt an den Zwei-Gulden-Ecken passen. In Hunger und Elend wandern. Brrr!

Lachen und Plaudern verstummte im Hause. Die Mädchen schlichen trübselig und jammernd umher und klagten abends den Besuchern ihr Leid.

Auf der weißen Stirne der Katerine brütete eine Falte. Wandern, wandern, jetzt, wo man fast fertig war mit dem Leben, pfui . . .

»Wohin? I' mag keine fremden Mauern net . . . Ich mag mich nicht wieder einwöhnen. Mir is mieß vor 'n Schöntun und Schönmachen an ein'n neuen Platz.« Die Janka saß auf der Ofenbank und zerkleinerte Holz. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung. Ganz klein und dünn schabte sie die Späne, und Milada, die am Boden kauerte, schichtete sie zu hübschen glatten Häufchen auf, – während die absterbende Herdglut sie beide mit freundlichem, rotem Scheine übergoß.

»Ja, – wohin,« seufzte die Janka, »alle wollen's akkurat in der Gassen bleiben. Fünfzehn Gulden zahlens scho' bei der Zimmermann aufs Bett jed'n Tag. Selber wirtschaften wird scho' überhaupt nimmer gehn in dera Gass'n.«

»In dera Gass'n,« wiederholte Katerine ingrimmig geringschätzig. Und nach einer Weile sagte sie rasch:

»Man mechte sich aufrappeln, mechte was anfangen mit sich in so 'ner Zeit. Aber es kommt nichts nach für unsereins . . .

's kommt halt nix Neues nach. –

Und wo 's du hinmachst, du nimmst dein Elend mit. – Ja, wenn man so nackt, wie man is . . ., sie reckte die Arme in die Höhe, als ob sie auffliegen wollte . . . »Aber so is 's egal . . . Um dasselbe Liedel zu singen wie da, wieder wandern und laufen und lachen, – nee . . .«

Sie spuckte aus. »Meinshalb stopft mich zu Mutter Fritschen, – sechse in ein Zimmer.«

»Warum mechten wir denn nich ins scheene weiße Haus mit 'n Wetterhahn und 'n großen Garten voll von Rosmarin und Nelken, Tant? – Jetzt mein' ich, wär's dort am allerbesten für uns,« sagte Milada in all die Stille hinein.

Die Katerine schob die Oberlippe in die Höhe, eine eigentümliche Grimasse, die das korallenrote Zahnfleisch sichtbar werden ließ.

»Aha, da mecht's hin,« sagte sie ganz ruhig. Die Janka sah mit schuldbewußten Augen an ihr vorüber.

Ich sollte wohl jetzt aufspringen, irgend etwas packen und zu Boden werfen, daß es zersplittert, dachte die Katerine, die wartet ja drauf. Oder schreien, brüllen vor Zorn. Warum tu' ich es denn nicht, dachte sie und blieb erstarrt sitzen. Da saß die Janka und krümmte sich in Schuld und Angst. Und das Kind witterte Unfrieden. Es duckte sich zusammen, recht wie ein nestloser Vogel im Wetter draußen. – Angst hatten ja die zwei vor ihr . . . O Jesus! Narrenvolk – kam es ihr in die Kehle, – seht ihr denn nicht, die Katerine rührt keinen Finger mehr. Die hat selbst Angst, Angst, Angst und weiß gar nicht einmal, wovor. – Vielleicht gerade vor dem, was ihr euch denkt und heimlich ausmalt. Wovon ihr flüstert, wenn ihr sie schlafen glaubt . . . – Sie drehte sich zur Mauer und versank, ohne die beiden zu beachten, mit in den Polstern vergrabenem Kopfe in eine ihrer dumpfen und ziellosen Träumereien, die Vergangenes und Gegenwärtiges bunt durcheinandermengten, wie ein leichter, mitleidiger Rausch. Recht hast du, Janka. – Heim machen wollen wir. Ja, ja . . . War es denn nicht schön daheim? Wie eine Vision stieg der Matschakerhof vor ihr auf, – das weiße einsame Gehöft auf der felsigen Anhöhe, dessen Hoftore trotzigbreit offen standen, so Tag wie Nacht. Oche, sie kannte es gut, dieses Bauernschloß.

Sie hatte es geliebt mit einer wilden, unsinnigen und unerklärlichen Leidenschaft . . .

Stundenlang konnte sie mit der Janka herumgehen und bewundern, einteilen und berechnen . . .

Es war ein Spiel, das sie trieb, doch es berauschte sie wie starker Wein . . .

Hier Herrin sein! – Hier, wo der Boden überall lachte und Reichtum trug!

Da hatte sich ihr Stolz in die Höhe gereckt und blindlings zugepackt . . . Es mußte gelingen . . . Sie war die Schönste, die Beste, sie paßte recht hierher.

So hatte sie der Prinz gewonnen . . . Wann? – In ein paar Sommernächten . . . Wie? Spielend, lachend und herrisch zugleich . . . Mit einer Hand voll Liebesworten warb er um sie, an die noch kein Mann herangekommen war . . .

»Klosterleut' dürfen nicht küssen . . . Ah, so will ich dich's lehren, Mädel du«. –

Diese Spätsommertage, diese warmen in Traum und Sehnsucht verspielten Stunden, dieses Bergen, Haschen und Finden ihrer Blicke, Hände und Lippen in den versteckten, kühlen Gängen des Hauses . . .

Sie hatte ja den Bauernprinzen nie sehr geliebt. Den dicken, fetten Kerl, wahrhaftig nich' . . .

Aber stolz war sie auf ihn, denn er war ja der Herr vom Hofe, der erste rundumher . . . .

Wie sich das Kind zu regen begann unter ihrem Herzen, da hatte sie toll vor Glück ihren Körper umfangen. Jetzt mußte er, mußte er ja . . .

Der Matschakerbauer setzt keine Bastarde in die Welt. Unruhig bewegte sich die Katerine hin und her. Ins Kloster zurück geht es ja doch nicht mehr. Rüstete man nicht schon zur Hochzeit? . . .

Die kleine Janka näht, – näht schon das Kranzelkleid . . . Rote Korallen sind der Schmuck der Matschakerbraut. – Sie hatte ihn umgelegt. Ein alter, schöner Schmuck. – Er sieht wie Blut aus, denkt sie, aber legt ihn doch an ihren weißen Hals. Und auf einmal glitschen sie durcheinander wie Patzen von geronnenem Blut. Pfui! – Dann – dann kommt etwas Schreckliches . . . Sie kann sich jetzt nicht besinnen, was, – aber es lauert schon hinter ihren Gedanken, nur traut sie sich nicht hinzu . . . »So geht es immer, wenn man weiter denken will,« murmelt sie klagend und wirft sich in ihrem Bett herum . . . Bleierne Nachmittagsstille brütet.

»Sakrisch Weiberzeug übereinand!« . . . Die Lorinser reißt die Tür auf und stürzt ins Zimmer.

Ganz verwirrt und mit halbgeschlossenen Augen setzt sich die Katerine im Bette auf.

Die grobe Stimme poltert in das zarteste Helldunkel ihrer Gedanken.

»'n Dreckzuber stellt's aus 'n Weg und enkern Fetzen ramts 'mir aus 'n Hof außa. I leid's nimmer drunten. – Jetzt gibt's eh keine Extrawürst' mehr für Euch Bagaschi . . .«

Sie schlug die Tür zu. . . . Und noch über den Gang rief sie giftig zurück: »An Fünfer zahl i' für jeden Tag, den die Bagaschi früher 'raus macht . . .«

Die Janka packte schnell den Wäschekorb und lief hinaus, – während Milada das Küchenfenster aufriß und sagte: »So eine, wie's uns d' Wäsch' 'runterfetzt« – »Was is' denn los?« fragte die Katerine mit fremdartig verschleierter Stimme . . . Milada erklärte eifrig:

»Weil wir d' Wäsch' auf 'n Hof hab'n; auf einmal paßt es ihr net mehr. Und der Zuber auch. – Wart', ich helf' der Tant'.«

Sie ließ das Fenster offen und lief auf den Korridor – und ein kalter regenfeuchter Luftzug drang zur Katerine und ernüchterte sie vollends. – »Ruh' geben!« stieß sie hervor und sprang aus dem Bette. –

Sie legte beide Fäuste an die Schläfe, und ihre Augen irrten langsam angestrengt, wie suchend über das zerbröckelte Mauerwerk hin, zu der verrauchten braunen Decke empor, die über und über mit Fliegenspuren und Spinneweben bedeckt war. Mit steigendem Entsetzen, als gewahre sie dies alles zum ersten Male, weiteten sich ihre Augen und nahmen einen wilden, gequälten Ausdruck an.

Eben noch hatte sie was Blühendes gesehen, Bäume, schimmernde Wiesen, – dahinter ein Haus, blau vom Mondschein.

Blöde lauernd, bösartig fast wurden da ihre Mienen. Große Töpfe, schwarze Töpfe, alles fett und verraucht. Dann das Schaff mit dem Schmutzwasser da. – Dann die schmutzigen Schuhe . . . Sakra, war denn niemand da, der die Sachen ein bißchen sauber hielt – Mit dem Möbel da sollte sie ausziehen. –

Unter dem schadhaften, braunlackierten Küchenkasten steckten Papierstöpsel. Der krachte zusammen, wenn man nur rührte an ihn. Mit diesem alten Krampen ausziehen! . . . Seifengestank und Kaffeedunst . . . pfui Teufel . . . Wie in einer Spelunke sah es da aus . . . Über Mittag schon, und kein Mensch dachte ans Saubermachen da . . .

Ganz schattenhaft sah sie noch einmal das Traumbild wie in weiter Ferne vorüberziehen . . . Sonnenhelle, weißgebohnte Zimmer, eichene Möbel, viel blinkendes Zinngerät, – aus dem spritzte die Sonne noch einmal so hell heraus. –Buntbesticktes, gelbes Leinen über den Fenstern. . .

Und so gut gefügt und stark alles. Wo war das nur hin? Weg, weggewischt alles, grad wie mit einem Schwamm. Das da blieb zurück, und das war wahr.

Hellseherisch sah sie von Ding zu Ding, sah die Flecken, sah Schmutz und Unrat. Und was sie aufnahm, ätzte sich in ihr Hirn ein . . . Ein wüstes Schreien und Zanken unterbrach ihre Gedanken. Dann wurde die Türe mühsam aufgedrückt, und die Janka schleppte den Korb mit der nassen Wäsche ins Zimmer. Milada kam hinterher mit einem Kübel voll färbigem Zeug in der einen und einem Bündel schwarzer, verknüpfter Stricke in der andern Hand. Stier fixierten sich die Augen der Katerine auf diese beiden.

»Un' 'n Strick hab' i' doch abi g'nommen« – sagte Milada triumphierend.

»Alsdann fix aufhängen, Mädel, is eh schad' um die schöne Arbeit,« – seufzte die Janka und schüttelte die Wäschestücke auf, die hie und da Spuren des Erdbodens zeigten . . . Sie begannen die Stricke aufzuziehen, kreuz und quer über Fensterrahmen und Türstock, und die Wäsche paddelte so tief ins Zimmer, daß sich sogar Milada bücken mußte, wenn sie durchkommen wollte. – Auf die Katerine achteten sie nicht. – Die saß ganz ruhig auf dem Bette, kaute an ihren Nägeln und warf kurze böse Blicke um sich.

»Steif seind ei'm d' Finger.«

»Halt's um 'n Häfen,« – riet Milada, die wie eine Katze vom Stuhl zu Boden sprang . . .

Ganz plötzlich und unerwartet brach die Katerine los . . . Milada starrte mit aufgerissenen Augen auf sie, während Janka mit vorgestreckten Armen die Zerstörung aufzuhalten suchte.

»Sakramentsch Sauzeug,« – brach sie schweratmend los, – »fort mit, – sag ich, – Schaffts mir nich die Paddlerei über 'n Koppe, sag ich, – Ruh will ich ha'n . . . Pfui, der Dreck da, – pfui, pfui Teufel, – schau her!« . . . Sie fuhr mit beiden Händen in den mürben Strick, daß die Wäschestücke in weitem Bogen auseinanderflogen . . .

»Man möchte ja rein ersticken im Dreck und Schimmel. – Lebt 'n Mensch so, sag ich . . . Mittag is' un all's noch voll mit Kleider un Schmutz. – Mein Seel' und Gott, ich zerschlag all's, wenn's mir's nich aus 'n Weg räumts, Luder.« –

Sie überschrie sich, kreischte noch einmal auf, fuhr mit den Fäusten an den Küchenschrank, der seine Stützen verlor und vornüber purzelte. Sein ganzer Inhalt ergoß sich lärmend und klirrend über den Boden hin. Schweratmend stand die Katerine da.

Mit furchtsamen Augen fast – zog sie sich langsam gegen die Kammer zurück. – Alle Hitze war verflogen. Rein weg die Gedanken. Ruh' hatte sie jetzt vor sich. Sie sah zu. Sie sah fast lächelnd zu, wie alles in ihr sich zur Ruhe begab. Vor der Wirtschaft da war ihr mieß geworden . . . Unsinn! . . . Natürlich war Dreck überall . . . Warum denn auch weg? . . . »Der liebe Schmutz halt schön warm.«

Und die Wäsche, . . . wie krepiert lag die jetzt da. Eine rote Flanellhose streckte die Beine von sich, grad' wie 'n satter Kerl. – Sie lachte laut und heftig.

»Der Mensch kann nich all's alleine leisten« – begann die Janka weinerlich, – »m'r mechte ja« . . . »Quatsche nich, Jan. Vorwärts, das Waschweib soll sich die Wirtschaft runternehmen. Un' hol' mir Wein, du!«

Sie stand da, warf einen forschenden, schnellen Blick umher, sagte dann trotzig wegwerfend:

»Ach was, eins will sich auch mal Ruhe schaffen« – und ging in die Kammer.

Tut nichts. – Ordentlich wohl war ihr doch geworden dabei . . . Fein . . . Sie setzte sich in den einzigen breitarmigen Fauteuil, der vor dem Bette stand, und bohrte die nackten Füße in das gelbliche, langhaarige Fell des Vorlegeteppichs.

Nein so was, wo sie nur die ganze Zeit die bösen Gedanken hergekriegt hatte! – Wie lange ging das schon? . . . Tod und Absterben und die viele Angst! . . . Die viele Angst vor dem Neuen . . . Gut war's, daß der Krempel verkauft war und sie mit . . Prachtvoll . . Lustig und leicht war das Leben in so 'n Bordell . . . Na, warum sich erst plagen?. . Der Frau schön tun und ein bisserl Katzenschlecken, da sitzen bleiben und sich bedienen lassen, wie 'n richtiges Fräulein. – Jetzt kam's erst schön für sie. Zwischen den Spalt der Türe wurde die Weinflasche geschoben – Sie fuhr drauf los . . . So eine Idee! . . . Wegmachen von hier! . . . Nee, justament dableiben . . . Lachen und lustig sein, damit die Jüdin Lust auf sie faßte. Und erst mal feste trinken . . . Sie setzte wieder an . . . Janka, ich kann dir nich' helfen, für mich is 's noch alleweil fein warm im Rothaus . . .

Jesus ja, die fromme Janka . . . Die sollte heim . . . Natürlich . . . Sollte bloß heim, er – mochte er sie haben, in Teufels Namen! . . . Irgendeinmal krepiert er doch.

Sie schüttete den Wein in ein von Veilchen duftendes Glas und trank ihn aus . . . Alle weg von ihr, dann hatte sie Raum . . . Närrin, die sie war, sich die zwei anzuhängen . . Deshalb kam sie auch nich vorwärts . . . Nich in die Höhe kam sie so . . . Anders sollte das werden . . . Sollte die Janka das Dingel mitnehmen, auf 'n Hausaltar stellen. Ihretwegen schon. – Immerzu. Hassen? Haßte sie ihn noch? – – –

Sie ächzte auf wie damals, als sie im grauenden Morgen hoffnungslos vom Hof gegangen war.

Hätte er sie zur Frau gemacht, eingesetzt als Herrin, bei Gott, – sie wäre eine stolze Frau geworden, wie es seinem Hofe gebührte. Das wußte sie, das fühlte sie noch unter den elenden Trümmern ihrer Natur. Eine stolze Herrin, das wäre sie wohl geworden. Gäste laden und bewirten, Wäschespind und Keller füllen mit Kostbarkeiten. Ja, und das Gesinde regieren mit ihren Blicken, das hätte sie getroffen. Und erst das Kind, das Kind! . . . Wäre es ehrlich auf dem Matschakerhofe geboren als seines Vaters Kind unter der lachenden Heimatssonne, wie hätte sie es da geliebt! – Was für eine ehrgeizige Mutter wäre sie ihm geworden! – Der Beste wäre ihr gerade recht gewesen . . .

Nicht um das Kind tat es ihr leid, – nur um den eigenen zerbrochenen Mutterstolz . . . Was war ihr das dumme Bettelding da? Ein Bastard, – elend ins Elend paßte es gut. Brauchte das Liebe? . . . Rechtzeitig saufen lernen mußte es, das war alles . . . Fort mit!

Opfer um Opfer! . . . Sie und ihr Stolz sind auch abgeschlachtet worden . . . Von ihm! . . . Dem leiblichen Vater! . . . Breit und klotzig, die Hände aufgestemmt hatte er sie ausgelacht:

»Was? Frau willst 'leicht werden hier? . . Katerine, sei nicht so hoffärtig! . . . Gefällt dir der Großknecht, dann red' ich dir 'n zu. . . . Äugelt ohnedies mit dir . . .«

Da hatte sie ihn gepackt, stark wie sie war, an der Brust und auf ihn losgeschlagen . . . Hackte ihm mitten ins Gesicht. Und er? Er war stärker. Lachend ließ er sich's gefallen. »Katze!« – sagte er und hielt still wie die Mauer. Da ließ sie ab von ihm, da ging sie hoffnungslos ins Haus.

Aber in der bleichen Früh schlich sie zur Janka hinein und erzählte ihr alles . . . Und das Dingel kniete auf dem harten Boden und streichelte nur immerfort ihre Hände. Die Katerine klagte und jammerte und beschwor: »Goldschatz, komm mit! – Wenn ich allein jetzt geh', geh' ich ins Wasser. Verlaß mich nicht und das Kind! – Goldschatz, wenn du kommst, holt er uns zurück, alle dreie um deinetwillen schon.«–

Und das unselige Geschöpf küßte die im tödlichen Schrecken verkrampften Finger der blonden Janka.

Sie flüchteten vor Tagesanbruch heimlich aus dem Hause, aus dem Dorfe hinweg. Ermüdet und fassungslos, beinahe ohne Mittel landeten sie abends in der großen fremden Stadt. Das erste, was die Katerine hier tat, war, daß sie an den Mann schrieb, sie wollte mit der Janka sogleich zurückkehren, wenn er sie, wie es ihm und ihr zukomme, heiraten wollte . . . Auch die Janka, die sich so nach ihnen sehne, bitte ihn darum. Keine Wohltat verlange sie, nur ein Recht. Wer sie sei, wisse er. Und über ihre Liebe wolle sie nicht sprechen.

»Unser Sommerglück ist nicht gestorben, Andreas, gar lieb und lebendig klopft es unter meinem Herzen und mahnt mich an dich. Mann, bedenke dich und schaffe kein Elend, wo Glück sein kann.«

Umgehend kam eine zornige Antwort. Mehr an die Janka als an sie. Von einem verlaufenen Weibsbild lasse er sich nichts diktieren. Sofort und allein habe die Janka zurückzukommen. Dann wolle er schon sorgen, daß ihr die Landstreicherei mit fremden Weibsbildern vergehe. Für das Kind, das er als guter Kerl als seines ansehen wolle, werde zur Zeit gesorgt werden. Mehr nicht, punktum.

Auf einer durchnäßten Gartenbank in feinem Strichelregen, eng zusammengepreßt und frierend saßen die Mädchen und der blonde Kopf der Janka mit den kindlich flachen Zügen duckte sich wie verloren unter die Schulter der Katerine. Die saß starr und gerade aufgerichtet, mit glanzlosen Augen sah sie ins fallende Dunkel.

So einer war er also! . . . Ausgespien hatte er sie und verscharrt. Der Herr saß am warmen Ofen, und Mutter und Kind durften verrecken.

»Aber die habe ich.« – Das erstemal flog es ihr durch den Kopf, und ein Blitz fuhr über den blonden Scheitel an ihrer Seite hin. – »Komm, Jan, komm!« flüsterte sie heiser. Um sich zu erwärmen, setzten sie sich in eine kleine ebenerdige Kaffeewirtschaft. Da gesellte sich eine fremde Frau zu ihnen. Sie tat freundlich und trostreich, stellte geschickte Fragen, lobte und schmeichelte und erfuhr die Geschichte von den in Verachtung und Zorn gebogenen Lippen der Katerine. – O, er werde schon nachgeben, meinte sie. So ein schönes Frauensbild, und das junge liebliche Fräulein dazu. Ja, freilich werde er nachgeben. Nur aushalten müsse man, austrotzen. Sie sprach noch hin und her, erzählte lustige Geschichtchen, geheimnisvolle Dinge von viel Geld und seidenen Kleidern, zahlte die Zeche und nahm die Mädchen endlich mitleidig mit sich.

»Nach weiteren acht Tagen hatte der Großbauer und Herr auf dem Matschakerhofe Wut und Ingrimm soweit verbissen und fuhr vierspännig in die Stadt, um mit der Geliebten abzurechnen und die ungehorsame Nichte mitzunehmen.

Da war es zu spät. Sie waren beide Kontrollmädchen und lebten in einem verrufenen Hause. Heiß und süß war dieser Moment der Rache gewesen. Und wenn er sie totgeschlagen hätte im nächsten Augenblicke, sie hatte ihn doch so gesehen, wie ihn noch niemand in der Welt gesehen hatte, den stolzen Bauer. – Zu Boden geschmettert. – Bleich bis in den dicken Stiernacken hinunter, alles Blut schien wie weggeschossen. Grauslich sah das dicke gelbe Fleisch aus. Wie tot . . .

»Teufel, Teufel!« – knirschte er, sonst nichts.

Und mit dem Fuße stieß er nach der Janka, – spuckte auf die Wimmernde und ging.

»Teufel!« – Ja, in diesem einen Momente hatte sie etwas gefühlt wie teuflische Lust, wie Höllenseligkeit.

Und sie warf sich neben die Janka hin, zog ihr die Hände vom Gesicht und lachte, – lachte, bis die Wirtin hinzueilte und Ruhe befahl.

Dieses Lachen hatte endlich die Erinnerung an das seine ausgelöscht, das sich in ihrem Ohre eingekrallt hatte.

Über einen Teufel und seine Tat lacht man nicht, gelt, Bauer? – Und jetzt . . . Und jetzt mochte sie heimfahren, die Janka, – warum nicht . . . Sei stille, Jan! – Weine nicht! Er wird schon verzeihn, ist vielleicht auch weich geklopft in all der Zeit . . . Irgendwo im Walde versteckt bekommst ein Häusel . . . Hat Holzknechte genug, der Herr, – die sich's zur Ehre rechnen. Bleibst ja immer doch eine Matschakertochter . . . Der Pfarrer segnet euch für schönes Geld und bettelt unserem lieben Herrgott noch die himmlische Seligkeit für dich ab.

Und so ist allen geholfen . . .

Die Janka taugte wirklich nicht mehr her . . . Nix als flennen und jammern konnte sie . . . Geht nicht bei dem Geschäfte. – Das Geschäft braucht frisches Menschenfleisch. –

Sie setzte die Flasche an und trank . . . Und was ging auf der Welt sie noch eine andere Kreatur an, als just sie selbst . . . Sterben . . . Dummheiten! . . . Wer weiß, was noch auf die Katerine wartet . . . 'n Graf vielleicht und sie federt auf Equipagenpolstern umher.

Jetzt schaukelten die Gedanken wohlig und sänftlich in ihrem Kopfe auf und ab . . .

In dem unklaren Gefühle, vorhin ein Unrecht begangen zu haben, – weichmütig in dem beginnenden Rausche, – stand sie auf . . .

Sie öffnete die Tür und ging trällernd hinaus . . . Mein Seel', da knieten die zwei und wuschen auf . . . Herrgott, wie die wuschen! Alle Töpfe waren draußen, und das Wasser floß nur so . . . Sahen gar nicht auf, so eifrig waren die 'bei . . .

»Janka,« flüsterte sie . . .

Aller Spott versagte, und die vom Trinken glänzenden Augen kamen von der gebeugten Gestalt nicht los . . . Wie ein altes Weib hockte die Achtundzwanzigjährige da. Das war doch die Matschakertochter, – die Blonde da, – nicht? – Warum, warum lag sie dann am Boden und rieb? . . . Und das Kind mit ihr . . . Ihretwillen taten sie es? – Schufteten da miteinander. Um ihretwillen? . . . Ja, wer war sie – denn – selbst . .  ., daß die das taten?

Alle diese Begriffe schienen ihr neu, zum ersten Mal in der Seele zu klingen.

Es war nicht Reue, was plötzlich in ihrem Herzen erwachte, – nur Angst vor der eigenen Person, wie man es bei großen Genies oder großen Verbrechern beobachtet, die plötzlich vor der Kraft der eigenen Natur die Augen schließen und schaudern. Ohne ein Wort zu sprechen, ging sie quer durch die Küche und trat auf den Korridor hinaus. Ein Schleier von Blut flimmerte vor ihren brennenden Augen. Sie lehnte sich an die Mauer – ihr schwindelte. –


Nun brachte jeder Tag Bedeutsames und Neues. Die Lorinser wurde einige Male zu der gnädigen Frau Goldscheider berufen und kam stets aufgeregt und mit einem Sack voll verbürgter Nachrichten zurück . . .

Da sei das Fräulein Olympia, eine »vife« Person, schwarz und klar schön angemalt, die habe ihr alle möglichen Dinge erzählt, – denn die Frau Goldscheider selbst, o, die rede nicht viel – mache nur so, – und grüße nur so, – und gehe aus dem Zimmer. – Aber eine feine Dame sei das, trage auch zu Hause Seidenkleider und große grüne Steiner, ja, das sei mal eine richtige Dame . . Die große Weinstube am Ring war lange ihre gewesen und jetzt habe sie die an die »Italienerin« – Sucher'n seine Alte – versilbert, – und der »Spitzel« habe ihr zum Dank dafür das Bordell verschafft . . . Ganz nach Pariser Muster sollte es hier zugehen, fein und nicht gespart – in nichts. Die Mädchen nickten resigniert.– Ja, wenn der Sucher dahinter steckte! . . Da war wohl alles in Ordnung un' nichts gegen zu machen. Aber die höchste Aufregung verbreitete doch die Botschaft der Gnädigen, sie wolle selbst kommen und sich mal die Fräulein ansehen; die Hübschen und Jungen behielte sie vielleicht für sich.

Die Lorinser machte sich natürlich in ihrer Erzählung furchtbar breit und ließ durchscheinen, daß von ihrem Berichte und ihrer Protektion manches abhängen könne. Eine aus Angst und Hoffnung gemischte Erwartung erfüllte die Bewohnerinnen des Rothauses.

Wie junge Mädchen vor dem Balle krochen sie zusammen und tauschten lebhaft plaudernd ihre Wünsche und Erwartungen aus. Viele hatten wohl schon von solchen Unternehmungen des näheren gehört oder gar gekostet und mischten ihre Zweifel und Befürchtungen ein.

»Nee, sag' ich, ich möchte nich, ich nich,« sagte die große schlanke Rosa entschieden und schüttelte den blonden zerzausten Kopf, – »ich kenne mir schon aus, hab's in Dresden bei Aschermann gesehen, Sorgen haste nich, is scho wahr, aber keen Einnahm' auch nich. Aber wenn du krank bist, legt dich die Madame wohin? – Auf die Gasse . . . Sofort . . . So kannst doch noch im Geschäft fortmachen, aber im Bordell bist fertig.«

»Geh' weg, man hat doch seine »Chanzen« hat man halt.« – Das Wort hatte die Lorinser vom Fräulein Olympia gehört und es machte die Runde. Da gab's keine Kerle von der Straße, sagte man . . . Überhaupt nur fein angezogene, nur Leute mit Geld durften herein . . . Ein feines Essen kriegte man in' Leib und hatte Aussicht hinauf zu kommen. –

Das Fritzerl, ein ganz kleines Persönchen mit Kraushaar und einer Narbe über den roten Puppenlippen, wußte von einer polnischen Jüdin zu erzählen, die sich ein Graf aus dem Bordell geholt und richtig geheiratet hatte . . . Überhaupt verkehrte man mit Kavaliers in so 'nem Hause. Das war natürlich besser als die Kerle von der Straße, die um jeden Gulden handelten. Welche gab es, die ließen es erst zu Skandalen kommen und machten sich in der Dunkelheit davon und zahlten nicht . . . Und die ewige Sauerei mit der Wirtin . . . Immer nur den Beutel offenhalten und schön tun mit den Ludern . . . Sonst sah man keinen guten Blick . . . Un' bei der Polizei sich beklagen! . . . O Jesus, da hatte man immer verspielt . . . Un' so 'ne Dame, die wußte, was einer zukam.

»Ja, so 'ne Dame« – höhnte die Hatschek – »die verlangt von euch Sachen un' daß euch die Haare zu Berge stehen, sage ich euch.«

An jedem der kommenden Tage bereitete man sich sorgfältig auf die Ankunft der Eigentümerin vor. Spannung erfüllte das ganze Haus. Die Lorinser säuberte den jahrealten Schmutz in Stiegen und Gängen weg, die Mädchen schminkten und frisierten sich schon vormittags, kleideten sich sorgsamer an und liefen, wenn die Hausglocke tönte, elektrisiert zu Fenster und Türen. Nur die Katerine war auf einmal kühl, sorglos und gleichgültig geworden.

Sie knipste mit den Fingern. Lachhaft! Nicht so viel machte sie sich Angst um das bissel dreckige Leben da. Hier oder anderswo. Sie habe sich umgesehen, behauptete sie, und es gebe Plätze genug, wo eine wie sie ankommen konnte. Sie blieb ja gerne hier, aber wenn die Jüdin sie nicht wollte, – pah! Geschickt entschlüpfte sie den Fragen und ängstlichen Ausbrüchen der Janka. – Die wurde von Träumen und tiefen Besorgnissen erfaßt, doch die Katerine ließ sich nicht fangen. »Trink, wenn du Angst im Leibe hast, Weibsbild!« – war alles, was sie ihr riet.

An einem verregneten Sonntag, recht frühe nachmittags kam die Goldscheider daher, gerade als niemand an sie dachte. Man wußte nicht einmal, wer sie eingelassen und wie sie hereingekommen war; plötzlich stand sie in einem Zimmer und sah sich um. Sie prüfte die Höhe der Zimmer, untersuchte Fenster und Türen, mit den Fingern wischte sie über das feuchte Mauerwerk und hob mit der Spitze des seidenen Regenschirmes die losen Dielen vom Boden auf. Die Fräulein, zum größeren Teile verschlafen, zerrauft und in schlumpigen Unterkleidern, kamen zusammengelaufen und starrten auf die schlanke Dame mit den roten welligen Haaren und der feingebogenen Judennase, die sie prüfend über einen goldenen Zwicker hinweg musterte.

Die Lorinser schob sich vor und zerfloß in Bücklingen und Devotion. Die Goldscheider winkte sie hinweg, öffnete die Jacke, setzte sich auf einen Sessel und ließ die Mädchen antreten.

Eine nach der anderen mußte ihre Papiere vorweisen. Sie las sie aufmerksam durch, ohne sich zu beeilen, stellte hin und da Fragen, unverfänglich, in harmlosem Tone, nickte, wenn es der Wahrheit entsprechen wollte, warf aber, wo ihr die Angaben zweifelhaft erschienen, einen Blick über die Betreffende hin und lächelte. Es war nur ein Blick und ein Lächeln, aber es genügte. Die Mädchen, die schon manches in dieser Art über sich hatten ergehen lassen müssen, wurden rot dabei. Das Zimmer füllte sich allmählich an. Die Lorinser immer voraus und eifrig bemüht, die Aufmerksamkeit der Goldscheider auf sich zu lenken. Einige der Fräulein hatten sich in aller Eile zurechtgemacht, Haare aufgelöst, Rot aufgelegt und sich mit seidenem Zeug drapiert. Aber die Goldscheider ließ sich nicht täuschen. Nur wer wirklich jung und echt war, fand Gnade vor ihren Augen. Doch das helle Tageslicht machte selbst die Jungen alt und welk. Mehr als zwei Drittel wurden abgelehnt.

»Ja, dich kann ich nicht brauchen,« sagte sie zur Olinka Brecher, und der hübschen Gisi mit den prächtigen blauen Augen lächelte sie freundlich zu. Die errötete wie ein Kind und klatschte in die Hände.

Auch die Rosa Hatschek wollte sie behalten. Aber die sagte kurz: »Ich geh' in kein Bordell!« – »Wie du willst,« – erwiderte die Madame gleichmütig.

Die Janka hatte einen roten Kragen umgetan und stand mit bloßen Füßen frierend da. »Du bist alt,« – sagte die Goldscheider, mit dem goldenen Bleistift abwehrend, und wandte sich an die Katerine, die ihr mit hellen, unerschrockenen Augen ins Gesicht blitzte. – »Na, und ich?« sagte sie spöttisch. – Die Goldscheider zog die Augen hoch, mit dem Blicke der Kennerin umfaßte sie das junge Weib. Das konnte sie wohl brauchen. War vielleicht sogar die Sorte, die sie meinte. »Da bleibe hier!« – erwiderte sie mit einer einladenden Handbewegung. Es war die fünfte und letzte. Alle andern mußten ziehen.

»In acht Tagen also,« – wandte sie sich an die katzenbuckelnde Portierin, »muß alles geräumt sein. – Über Gebühr lange habt ihr Frist. Euch –« sprach sie zu den Assentierten, »werde ich unterdessen anderswo unterbringen. Seid folgsam, und es wird euch gut gehen. Jede von euch bekommt eine feine Ausstattung, Wäsche und Kleider genug. Bei mir könnt ihr verdienen und lustig leben. Bin kein Mensch, der irgendeinem andern unrecht tut.«

Sie stand auf. Die Augen der Katerine funkelten. Jetzt trat sie einen Schritt vor. Unterdessen sagte die Hatschek trotzig: »Wir sin' auch keine Hunde nich. Mitten in 'n Monat aus 'n Haus jagen.« »Wir haben Mietskontrakt,« unterstützte eine andere. »Kauf bricht Miete, das habt ihr schon gehört.« – Die Lorinser nickte lebhaft dazu: »Habe ich – Euer Gnaden – sofort auch gesagt, aber da spricht eins für die Hunde, mecht eins sagen.« – »– So hätten wir ja alles in Ordnung, wie?« – Die Goldscheider knöpfte die Jacke zu. »Ihr fünfe geht mir noch diese Woche zum Lamberg. Daß mir jede den unterschriebenen Zettel mitbringt! Also!« . . .

Die Katerine trat ihr in den Weg: »Es ist noch etwas, was ich besprechen muß.« Sie knüpfte, während sie weitersprach, das Kopftuch auf und schüttelte das kupferige Haar. – »Ein Kind hab' ich bei mir,« ihre Augen begegneten den gespannten Blicken der Janka, – »und die dort gehört zu mir,« fügte sie nach einer Pause leiser hinzu.

»Die muß anderswo Unterkunft suchen, aber wie alt ist das Kind?«

»Elf – zwölf Jahre. Ein ruhiges Kind ist's. Stört nicht. Kann schon bedienen. Nich?« – sie sah herum. – Die andern hörten teilnahmslos zu. Nur die Janka nickte. Sie trat sogar einen Schritt vor und sagte laut und fest:

»Ein anstellig Ding ist die, die kann schon fest bedienen und ei' Arbeit leisten.«

Die Katerine starrte sie an – Die Janka! – Was wollte sie denn?

»Die Polizei hat schulpflichtige Kinder nicht gerne im Hause,« – sagte die Goldscheider wägend.

»Im Herbst«, – erwiderte die Janka wieder, – »ist aus mit der Schul', da kann sie hier Dienst nehmen.«

»Na also magst sie halten einstweilen,« – entschied die Goldscheider, und kurz und schnell, im Weggehen bereits, sagte sie, indem sie die Lorinser ansah:

»Selbstverständlich ist Ihre Stelle zum Fünfzehnten gekündigt« – und sie war verschwunden, ehe man sie recht grüßen konnte.

Die Lorinser stand angewurzelt. »Rotkopf, elendiger!« rief sie dann und stampfte mit dem Fuße. Hinterher gab es Leben und Tumult im ganzen Hause. Nachbarn kamen und erkundigten sich neugierig nach dem Ergebnisse. Man schalt, lobte, haderte und frohlockte. Die Lorinser begegnete allgemeiner Schadenfreude. Man bedauerte die Abgewiesenen, aber die ließen es nicht gelten und beteuerten, sie wären erst gar nicht mal zugelaufen.

Darüber entstand wieder ein Sticheln und Höhnen, und die Trompetenstimme der Gisi siegte, die über allen Lärm tutete: »Aber so was! Kleider, Wäsche mit Monogrammer, seidene Hemden gar, – un' kostet kei' Geld, kei' Groschen nit.« – »Meinste wohl« – gab's ihr die »g'steppte Viktorine«, die vor Neid platzte, schadenfroh, – »na da wirst schau'n, Grasaff, was das kost'!« – »Hab' ich's euch g'sogt, nit wenn's mir hundert Gulden hergelegt hätt', geh' ich in ein Bordell,« prahlte die Rosa Hatschek, »Freimadel heißt's, also frei müssen wir sein. Im Bordell bist g'fangen, wie der Vogel in a' Käfig, wenn's wirst spazieren wollen, gibt's nich. Wenn d' willst un' wirklich nur in d' Kirchen, gibt's auch nich.«

Die Katerine stand abseits, ganz verwirrt von dem Geschehenen. Es war so schnell gegangen. Hatte sie jetzt das große Los gezogen, ja oder nein? Sie verstand nichts. Und die Janka? Wo war die nur hin? – Nein, diese Janka, wie spielte die wieder mit? Sehnsucht faßte sie plötzlich nach Anschluß. Sie trat den andern begierig näher.

»No, man wischt halt aus der Tür, wenn's a so hart is,« sagte jetzt das Fritzerl, die noch ebenso frohlockt hatte, traurig – trotzig.

»Geht's zu, macht's dem Menschen nit so bange,« mischte sich die Katerine ein, »wir fürchten uns erst gar nicht, gelt.«

»Nee, justament nit,« stimmte ihr das Fritzerl beifällig zu, – »prost Mahlzeit – Raben, – i geh.«

»'n Hausiererjuden benachrichtigen,« rief ihr die Olinka giftig nach.

»Wird sich auch abgewöhnen müssen,« bemerkte die Hatschek philosophisch und ging ihr nach, »in dem G'schäft is all's nur für Geld.«

»Siehst und du kannst gar 's Mädel bei dir halten,« wandte sich die Gisi an die Katerine. – Sonst war man ihr ja nicht sehr grün, – aber jetzt mußten doch die paar Auserwählten zusammenhalten gegen die andern. Bei der Anrede fuhr die Katerine aus tiefem Sinnen auf.

»'s Mädel, ja. In a H . . . .n kann ich mirs doch nit stecken,« sagte sie grob und ging davon. Sie mußte Klarheit haben! – Was war denn Neues los? – Was hatte die Janka nur im Sinne gehabt? Wollten die 'leicht das Mädel nicht mehr? War's ihnen gar schon zu schlecht, ang'stochen? Jetzt, wo sie's Mädel haben konnten! Seit Tagen wartete sie auf das erste Wort der Freundin. Aber es kam nicht. Daran rührte die nicht mehr. Warum? . . .


Unterdes saß die Janka auf dem Holzstoß vor der Feuerstelle, so wie sonst. Tränen flossen über ihre Wangen, während sie Milada zwischen den Knien hielt und eifrig mit ihr flüsterte. Mit fliegenden Worten sprach sie auf das Kind ein und preßte die kleinen Hände fest in ihren harten abgearbeiteten. Das Kind hörte zu und nickte nur immer, ernst und verstehend . . . »Ja, Tant', ich weiß.« »Mußt halt passen auf sie,« mahnte die Janka eindringlich, – »und wenn's dir gleich aufbraust . . »wenn 's wild tut und ungut, Kind, . . .« sie starrte vor sich hin und strich sich die Haare aus der Stirn . . . »sie is gut, sie is gut – mußt nit hinhorchen auf jedes wüste Wort, schön bedienen und hinterher sein, weil's keine grobe Arbeit nie nich' kennt . . . Süßes mag's nit . . . Aber ein' Wein und alle Tag Äpfel kauf . . . Sie muß Äpfel essen . . . Was d' Stiegen-Greislerin is, die hat 's ganze Jahr gute . . . Und Kind« . . .

»Schieb 'raus!« sagte die Katerine, die plötzlich eingetreten war, kurz zu Milada. Sie stemmte die Hände in die Seite, übersah die Gruppe und lachte höhnisch auf.

»Was flennst? Wir packen alle zwei und machen fort. Mitsammen, wie wir herkommen sind, mitsammen fliegen wir raus. Fertig.« – Erschreckt starrte die Janka in die Höhe. Dann streckte sie die Hände vor.

»Nein, nein, du bleibst hier, Katerin«, du gehörst in so a Haus, bist doch noch die Schönste hier, und wer weiß, was noch . . .«

»Red' kei' Stuß!« sagte die Katerine finster und kreuzte die Arme. »Ich spei' auf die Jüdin und auf ihr Bordell. Alle miteinander gehn wir 'raus, sag' ich.«

»Sag' das nicht! Schaff dir nich 's Unglück überm Kopfe, Katerin. Wie eine Dame wirst leben hier und keine Sorgen um a Gulden haben. Eine solche wie du macht schon noch Glück bei so was. Du stoß nich dein Glücke von dir, Katerine!« –

»Und du,« höhnte die andere, »wirst im Dreck krepieren ohne mich, oder –« – ihre Blicke wurden lauernd – »gehst ins Kloster 'leicht?«

Die Janka schüttelte den Kopf. Nur ihre Augen sprachen, verkümmerte, treue Hundeaugen. Ein Licht glänzte jetzt in ihnen auf. Worte brauchte es nicht.

»No ja, das hätt' ich denken können. Treu sein kann kein Matschakerblut nich.«

»Katerine, ich war dir treu . . . Solang' du's brauchen konntest, stand ich bei dir. Jetzt geht dein neues Leben an, da paß ich nich' hin. Das spürst du selbst, Katerine. Ich hab' nit gerechnet die Jahre lang, rechne du auch nit . . . Was der Andreas verschuldet hat, sollt ich dir kleinweis zahlen . . . Ich hab's nit gezählet die Jahre lang . . . Aberst 's kleine Geld läppert sich auch zusammen, Katerine. Wer weiß, sind dir die Matschakerleut' noch was schuldig blieben.«

Die Janka war glühend rot und zitterte. Die Gestalt der Katerine sank ein. Dumpf klagend sagte sie: »Un 's Mädel? – Soll sie verkommen im Hause? Bist eine Seele du, weißt gut, was aus dem Mädel da wird.«

Die Janka erwiderte: »Viel und viel ist mir das durch den Kopf gegangen. Tu ich das Rechte? Ich hab' auch vermeinet, – und wie, – fort muß's von hier, muß fort um Jesu willen. Los hab' ich's reißen wollen mit meiner Seel'. Aber die is schwach geworden in den Jahren.« – Sie strich sich mit zitternden Fingern die Haare glatt. »Ihr' Art is zäher, läßt nich locker und los – Deine Art, Katerine. So 'was gehört zusammen im Elend, wie im Glücke. Schieb's nit von dir, hörst du, halt fest dein Kind.«

Katerine, die halb abgewandt stand, machte eine schroffe Bewegung mit der Hand; die Janka hielt diese Hand fest und wiederholte mit seltsam beschwörender Stimme:

»Nein, schieb's nit von dir, sag ich. Acht's nich gering Dein Kind 'is . . Sie will zu dir. Du, wenn ich 's anschau, wie die wird, du Katerine, gib nur acht! Die, die wirst du noch in böse Zeiten brauchen!«

Zweiter Teil

Im Salon Goldschneider



Motto:

»Wollen befreit: Das ist die wahre Lehre von der Freiheit.«
Nietzsche



Im September desselbigen Jahres wurde das alte Rothaus neu eröffnet und fand sofort reichlichen Zuspruch. Schon nach wenigen Wochen merkte Madame Goldscheider, daß das Unternehmen gedeihen konnte und sein Bestand gesichert war. Alte Freunde fanden sich ein und Neugierige; Habitués brachten Gästezuzug, und man war bald einig, daß Material und Wirtschaftsführung im Salon Goldscheider erstklassig zu nennen waren.

Die Preise schienen eben hoch genug, um eine gewisse Sorte Besucher abzuschrecken, – was eine angenehme gesellschaftliche Einheit zur Folge hatte. Man wurde nicht gewurzt, niemals zu überraschenden Ausgaben gedrängt und – was den Gästen am sympathischsten auffiel, – bekam weder von der Madame, noch von den Fräulein scheele Blicke, wenn einer oder der andere auch nur einen Schwarzen trank oder sein Glas Wein bezahlte und weiterging. Freilich kam dies selten genug vor, denn die Fräulein waren jung, hübsch und aufs beste dressiert.

Wahrhaftig, sie waren beinahe gut erzogen. – Sie hatten nicht sowas schlumpig Verkrachtes an sich, – behauptete man – oder die dämliche Frechheit der Abenteurerinnen. – Man wollte dem Salon sogar Eigenart zugestehen. Die Stadt sprach über ihn, lobend oder abfällig – und Lobsprecher wie Tadler einigten sich dahin, daß es »interessant« sei, dort einen Abend zu verbringen . . . Genug – die Eröffnung wirkte in der Residenz wie eine Premiere . . . Man wurde aufmerksam . . . und das ist in solchen Fällen eine Bürgschaft des Erfolges. Die Goldscheider war ursprünglich nicht ohne äußeren Zwang – eher mit innerem Widerstreben – an die Gründung dieses Unternehmens gegangen.

Im Verlaufe ihrer immer mehr sich ausbreitenden Geschäftstätigkeit, die ihr ein sicheres, aber nicht gerade großes Einkommen garantiert hatte, sah sie sich gezwungen, eine renommierte Weinstube mit Damenbedienung käuflich an sich zu bringen, um eine sonst uneinbringliche Forderung einzutreiben. Mit der Führung eines Unternehmens dieser Art nicht vertraut, überließ sie die Leitung gerne der bisherigen ersten Schenkmamsell, einer durchtriebenen Rasse-Italienerin, die überdies den Vorzug genoß, Geliebte des Allerweltmannes und Niemandsfreunds, des gefürchteten Polizeiagenten Teobald Sucher, zu sein, der sie in ihrer Geschäftsgebarung aufs wirksamste unterstützte . . . Das Geschäft hob sich, hatte gute Einnahme, und nach knapp einem Jahre hatte die ehrgeizige Italienerin das Dienen und Geldabführen satt und drängte Sucher, ihr das Geschäft in Pachtung zu verschaffen. Dem leuchtete der Vorschlag Carlottas wohl ein, der Vorteil einer selbständigen Regie war nicht zu übersehen, – aber er kannte die Goldscheider als ebenso geschäftstüchtig wie sie beide und fürchtete eine runde Absage. – Dazu kam es ihnen gar nicht gelegen, daß die Goldscheider oder vielmehr ihr Faktotum, der ehemalige Gymnasialsupplent und jetzige Privatlehrer Horner, gerne des Abends in die Wirtschaft kam, dem Treiben zusah, mit den Gästen und den bedienenden Mädchen anband, Weinsorten prüfte und verwarf und die Frau selbst immer mehr zur Anteilnahme an der inneren Verwaltung zu drängen schien. Besonders interessierte er sich für die Verrechnung mit den drei Kellnerinnen, die von Zeit zu Zeit unter den Blicken der Italienerin verschwanden, obwohl es ihnen – offiziell und polizeilich – untersagt war, sich mit den Besuchern einzulassen. Natürlich waren die Mädchen in ein ungeheueres Abhängigkeitsverhältnis geraten, sie mußten vormittags gröbste Hausarbeit verrichten, wurden bei Ausgängen von der Italienerin bewacht, die ihnen auch jeden Kreuzer abnahm, ja nicht selten Leibesdurchsuchung nach den verheimlichten Trinkgeldern vornahm . . . Es waren drei magere, verblühte und lustlose Geschöpfe, nicht eben alt, aber herumgestoßen und von ewigen Sorgen zermürbt, die ein gequältes Lächeln aufsetzten, wie das Rot auf die Wangen, und unverschämt verschwenderisch mit Liebkosungen und Lockungen herumwarfen. Sie ließen sich alles bieten und erlaubten alles, denn sie wußten, dieses warme Dach war nur eine Vorstufe zu größerem Elend, das sie mit allen Mitteln hinauszuschieben trachteten. Auf eine deutliche Anspielung Horners, wie sich denn eigentlich das oftmalige Verschwinden der drei »Heben« berechnen und buchen lasse, bemerkte Carlotta kurz und pikiert:

»Trinkgelde, sons nix! . . . Bitte, bitte, da is nix verdienen dran.«

Horner schüttelte den Kopf und schnüffelte im »Geschriebenen«. Aber da wurde Carlotta unhöflich und sagte, sie werde sich bei Teobald beklagen.

Nachdem sie Sucher eine Szene vorgespielt hatte, unterbreitete er der Goldscheider ein fein ausgehecktes Angebot. – Er setzte sich eines Abends neben Horner, ließ eine Flasche »privat« anrücken und legte los. Er verlange eine zehnjährige Pachtung mit Vorkaufsrecht und biete dagegen zwölfprozentige Kapitalsverzinsung und – er strich wohlgefällig über seinen glänzend schwarzen Kaiserbart, – »kostenlos die Konzession zur Führung eines Bordells unter den allergünstigsten Konjunkturen.«

»Herr Doktor, ich sage nicht zuviel, wenn ich sage, dort liegt das Geld auf der Straße.«

Horner saß wie aus Stein gehauen und stierte in den Satz seines Glases. – Sucher füllte nach und fuhr geschmeidig fort. – Offenbar interessierte sich ja die gnädige Frau für so ein Geschäft, aber natürlich in großem Umfange, denn in einer Beiselwirtschaft, wie diese, sei nichts zu holen. Da sei doch der Herr Doktor einer Meinung mit ihm. – Horner knurrte etwas, das der andere mit einem geschickten: »Wohl, wohl,« einstrich. Da wäre vor allem die großartige Lage hervorzuheben im Knotenpunkt des Verkehrs. Bei aller Frequenz ein ruhiges und gut eingeführtes Plätzchen, – ein berühmtes, erbangesessenes Weiberhaus . . . Gerade heraus, es sei ihm momentan zum Verkaufe übergeben, – bis dato war es in besten Händen, – bloß ein Satz von der Hypothekenbank auf dem Haus, der belassen wird – alles in allem kulanteste Bedingungen.

»Aber was ist das gegen die Lage, den Ruf, die Eingefahrenheit der Sache. Gold, Herr, liegt dort ungemünzt im Dreck, – mit Respekt, jeder Pflasterstein ist einen Taler wert.«

»Diesmal sollen wir wohl pachten, Verehrtester? Konzession geht auf Ihren geschätzten Namen, wie?«

»Herr Doktor, Sie beleidigen mich, selbstverständlich auf den Namen der gnädigen Frau . . . Ich bin Beamter.« – Er warf sich gekränkt in die Brust. »Kann nur raten, Herr Doktor und meine Meinung sagen. Das ist die: Wir mieten zuerst aus, was sich ausmieten läßt. Zuchtlose Wirtschaft ist jetzt dort, – in der Straße, meine ich – massenhaft Weiber ohne Kontrollbuch; macht nichts. Ich lasse ein paar junge Kommissäre los, wir mieten aus, reinigen, säubern, entleeren, kanalisieren die Gegend mit Vorschriften. So erschweren wir die Bedingungen und den Zuzug, heben die Preise, – machen die Preise, – Sie verstehen.«

»Ja, edler Mann.« – »He, he, zünden den Mäderln ein kleines Feuerl an . . . Meine Sache, Herr Doktor! Was uns nicht paßt, schmeißen wir 'raus aus der Straße, und dann etablieren wir uns, was?«

»Sie ist eine Idealistin,« murmelte Horner und neigte sein Glas. – »Noch eine Flasche!« rief Sucher und nickte seiner Carlotta zu. Er rückte näher: »Sehn Sie mal Herr Doktor, ich könnte die Parnose für mich allein behalten, aber unsere Herren sehen nicht gerne, daß ich mich zu sehr nach außen verengagiere. Und man hat halt auch seine kleinen ehrgeizigen Schwächen. Das da ist ein Beisel, – macht man sich zwischen zwölf und Mitternacht ab. Aber ein Bordell in dieser Gegend, ein Bordell, wie ich es meine . . .« er klopfte sich auf die Brust, – »ist eine Lebensaufgabe. Ich garantiere bei solider Führung hundertzwanzig Prozent Reingewinn. Zwölf bis fünfzehn Zimmerchen, fein besetzt, dazu kleine Küchenwirtschaft, Kaffee, kalte Küche, – Weinderle im Keller, – ein eleganter Salon nebst Musik, Pokerzimmerchen versteckt, zwanzig Knöpfe pro Mann, – Herr Doktor, bei dieser Frequenz, rechnen Sie nach! – Großartig, nich?« – Horner hob das dicke, ungesund bleiche Gesicht. »He? – Zieht's da nicht von irgendwo?« sagte er mit speichelnder Stimme.

Sucher stutzte. Er witterte einen Hinterhalt – Der Horner war ein zu glatter Fisch.

»N' ja, 's geht manchmal direkt ungemütlich zu. Was anderes is ein elegantes, warmes Salonerl, ja das is ganz was anderes. Schön warm's Platzerl 'n ganzen Abend un Mäderln nach Gusto, – junge – Herr Doktor, – mit denen man noch was ausrichten kann . . .«

»Sagen Sie mal, lieblicher Wirt, spukt diese ganze Geschichte nicht nur in Ihrem werten Kleingehirne? Dort haben nämlich die Infamien ihren Platz, Verehrtester.«

»Herr Doktor!« – Sucher machte die beliebte Geste nach der Brust . . . »Ich werde mich nicht auf meine Stellung berufen.«

»Könnt' Ihnen auch nur schaden!« replizierte Horner giftig.

»Also Visier auf, – es handelt sich um das »Rothaus« . . .« er machte eine Kunstpause, – sah Horner, in dessen Gesichte sich keine Miene verzog, bedeutsam an, entnahm dann seiner Brieftasche ein Paket Papiere und streute diese auf den Tisch aus. Pläne, Überschläge und Akten ordnete er flink mit seinen kurzen dicken Fingern und legte sie einzeln auseinander.

»Damit Sie sehen, Herr Professor!«

»Kriechen Sie raus!« knurrte Horner.

»Wie weit ich mich schon mit der Sache befaßt habe, Gesuch, Überschlag, Baupläne, – kennen doch den Goldammer? Architekten? Wie? – Und da haben Sie den Neubau. – Bitte ungeniert einzusehen. – Wenn ich nur den Namen nenne. – Rothaus – was, Herr Doktor, das ist eine Spekulation, he?«

Horner setzte die Brille auf und studierte.

»Es ist nicht von der Hand zu weisen,« sagte er.

»Was? Ein Vorschlag ist das, unter Geschwistern kann er nicht reeller gemacht sein. Das Rothaus bildet heute sozusagen eine Kapazität der Stadt, und der alten Sache neues Leben geben, sozusagen, frisches Fleisch, he, he?«

Horner stopfte die Papiere in seine Tasche.

»Dame Goldscheider wird schwer zu gewinnen sein. Sie hat ihr Geschäft, ein ganz gutes Geschäft, viel zu gut, leider!«–

Kopfschüttelnd versenkte er sich in die frischgebrachte Flasche. Sucher stand auf und überließ den Mann diskret seinen Erwägungen. Doch ehe Horner nach seinem Hute griff, um das Lokal zu verlassen, flüsterte ihm Sucher herbeieilend zu: »Was die dreieinhalb Prozent betrifft, Herr Doktor, ich bin Beamter, – kein Geschäftsmann – ich halbiere.«

Die Goldscheider hörte ihren Freund aufmerksam mit kurzsichtig zwinkernden Augen an.

»Horner,« sagte sie dann, »was du mir da anträgst, nimm mir's nicht übel – paßt ganz und gar nicht für mich . . . nein, ganz und gar nicht geht das. Auf solche Abenteuer zieh ich nicht mehr aus.«

»Hab's ja gesagt, – entwertet bist du, grundverdorben; – das hat das verdammte Bochern, die Schöngeisterei vom seligen David aus ihr gemacht . . .«, er stampfte im Zimmer auf und ab. Seine Augenbraunen hoben sich drohend.

»Als Jungfrau – Elise – hättest du ein Angebot wie das da nicht von dir gewiesen. Da hattest du noch die richtige Unverdorbenheit in dir.«

»Horner, mißverstehe nur nicht. Ich bin einfach nicht tüchtig genug dazu . . . Ich bin eine simple Geschäftsfrau und wo der Verdienst größer ist, packe ich selbstverständlich gerne an. Und Gewissen! – Pah, nicht so viel mache ich mir daraus. Aber hier heißt es in erster Linie Erfahrungen verzinsen. Die hab' ich nicht in mir . . . Mensch, wie ich seit achtzehn Jahren gelebt habe . . . und wie ich mal bin . . .«

»Tugend, meine Teuere, ist ein beliebtes Hindernis auf dieser Laufbahn . . . Es muß genommen werden.«

»Zu spät, Horner, – ich lerne wohl nicht mehr der Art zu. – Gott, wenn ich ein inneres Bedenken hätte, wäre es natürlich des Kindes wegen,« – sie sprach den Namen leise mit gespitzten Lippen – »Alma Luzie« . . .

»Erlaube, ob du in alten Kleidern oder jungem Fleisch handelst, das kann doch der Dresdener Miß mit den langen Zöpfen gleich bleiben. Hör einmal, – ich versteh sonst nicht viel vom Mammon und seiner Berechnung, aber die Verzinsung, die der Edelmann da aufgestellt hat, imponiert mir.«

Sie prüfte die Papiere, notierte sich einiges und schüttelte immer wieder mutlos den Kopf.

»Es ist ein Geschäft,« sagte sie endlich aufatmend, – »das schon. Aber wo nehme ich Erfahrung her, Wirtschaftspraktiken, Kniffe? Menschenskind, so was will doch von der Pike auf erlernt sein. Bedenke!«

»Elise, dir fehlt Leichtigkeit, Schwung und die Grazie des Geistes. Du bist ein schwerer, gründlicher, durch und durch erdgebundener Mensch . . . Das hab ich oft genug gesagt, jetzt beweist du es. – Himmelsakrament, denke an die Idee! Du bist sozusagen Verwalterin des Liebesgenusses. – Du mußt dem rechten Mann das rechte Weib zutreiben und nebenbei deinen Schnitt machen. Lasse dich von der Idee treiben, – Selbstverständlichkeiten, Details fliegen dir zu. Ein kühner Unternehmer findet zur fremdesten Sache die eigene Methode . . . Spielerei, sage ich dir, ist das.« – Er knipste mit den Fingern, »Du, – mach doch eine Studienreise! Daß ich nicht gleich darauf gekommen bin! Sieh, wie die anderen es treiben! Guck den Herren Nachbarn die Technik ab, wenn es mal sein muß!«

Sie blieb zögernd und unschlüssig, aber dennoch sichtlich erregt und befangen; sie sprach vom Kapital, von der notwendigen Lizitation oder überstürztem Verkaufe, überhaupt schrecke sie all das schöne Bargeld, das der Bau erst verschlinge.

»Na, ich sehe,« sagte er sarkastisch, »Dowidl Goldscheiders Witwe ist mit ihren ganzen Betriebskräften in den abgelegten Kavaliershosen stecken geblieben. Mit Gottes Hilfe, lause einen hohen Adel weiter ab und schmücke das Volk damit!« Er ging. – Aber er trieb ihr Sucher zu. Der Ehrenmann lockte nicht mit Phrasen, sondern mit klaren Berechnungen. Für eine hundertprozentige Verzinsung der Kapitalsanlage könne er unbedingt garantieren. – Für den Anfang natürlich. Später müsse es steigen, müsse, Madame! Er selbst kenne Häuser, die mit hundertfünfzig und zweihundert Prozent arbeiteten. Und er nahm Stift und Papier und rechnete ihr vor. Die kleine Geschäftsfrau wurde gierig und heiß. Die Nullen tanzten auf dem Papiere.

Aber sie verstehe doch wahrhaftig nichts davon, klagte sie immer wieder aufgeregt, – so ein ödes Leben, wie sie geführt habe.

Sucher schlug diese Bedenken vollends nieder. »Lachhaft,« behauptete er, – »dafür gebe es keinen Elementarunterricht, keine Fortbildung, das sei lediglich Naturanlage. Provinzweiberln kämen in die Stadt, Dorfhexen, und etablierten sich hier erfolgreich als »Mamas«.

»Die Zügel halten, Gnädigste, wie bei schieche Rösser. 's G'schirr in die Goschen treiben! Sporen ansetzen! Nachher reiten die Ludern von selbst.« – Und stand er denn nicht hinter der ganzen Sache, er, der Sucher? Das sollte nur erst bekannt werden, da werde sie mal passen, wie das wirkte. Sollte nur eine anfmucken, dann nach dem Sucher geschickt! . . . He, he, da werden sie gleich hauslieb, wie die Wanzen!

Und zum Schlusse, als sie schon halb gewonnen war, brachte er die Informationsreise zur Sprache. Da habe der Herr Doktor Horner schon wieder recht. Das sei eine eminent geistreiche Idee. Der Herr Doktor überhaupt ist ein Freund, ein einsichtiger prächtiger Mensch! – Für Budweis, Olmütz, Znaim, Aussig, da könne er selbst mit den besten Empfehlungen dienen . . . Gute Geschäfte dort . . . Tüchtige Leute drauf . . . Dann könne sie ein bissel über die Grenze schaun, Dresden, Hamburg machen. Die deutschen Brüder treiben's schlau. Wenn man die nach ihren Bezugsquellen ausschnüffeln könnte! Es wäre recht vorteilhaft, solche Beziehungen anzuknüpfen – und mit ausländischen Agenten, die sonst das philiströse Österreich meiden, in Verkehr zu kommen. Also, – er streckte die Hand aus. – Und sie, ohne noch das letzte Bedenken abgestreift zu haben, schlug tapfer drein.

Horner triumphierte. »Hat dich endlich die Idee gepackt?« apostrophierte er sie schwülstig. »Fühlst du die verantwortliche . . .«, sie hielt sich ungeduldig die Ohren zu.

»Horner, verwirre mich nur nicht mit Worten. Deine Spekulationen und alles, was damit zusammenhängt, ist mir dunkel. Ich weiß nur, daß es viel für mich zu tun gibt. Liquidation, Gelder beschaffen, – denn ihr meint, ich hab' es dicke liegen. Ich, die ich keinen Sinn für Stil und Farben, überhaupt keinen Geschmack habe, soll nun vierzehn Zimmer einrichten, Wäsche, Kleider besorgen für einen Haufen junger Weiber. Mir ist das alles so fremd und fern. Na, dazu geh ich ja schließlich auf Reisen. Und in Dresden, da küß' ich mir meinen lieben Balg tausendmal ab. Du, Horner,« – sie kniff die kurzsichtigen Augen zärtlich ein und sagte: »Wenn ich mir's recht überlege, so habe ich am Ende das ganze dumme Geschäft nur gemacht, um ein paar Extratage mit meinem Mädel zu verbringen.«

Horner haßte die Goldscheider, wenn sie sentimental wurde. Er machte eine Grimasse und wandte sich ab . . . Nachdem sie die notwendigen Operationen durchgeführt hatte, ging sie auf Reisen; unterdessen kehrte, wie Sucher sagte, der eiserne Besen die Rothausgasse rein.

Die Goldscheider besuchte die berüchtigten Offiziersbordelle in österreichischen Garnisonstädten, die großen und kleinen Häuser der Halbwelt und versuchte in deren Geschäftsgebarung und Treiben möglichst intimen Einblick zu gewinnen. Von Sucher und seinen Gewährsmännern mit Briefen ausgerüstet und weitergeschickt, wurde die energische, splendid auftretende Frau überall zuvorkommend und ohne das Mißtrauen aufgenommen, das man sonst in den Betrieben allen Neugierigen entgegenbringt. Es schmeichelte den Herrschaften nicht wenig, daß man aus der Metropole kam und sich für ihre Wirtschaft und Einrichtungen interessierte oder gar lernen wollte, und sie sparten nicht mit ihren Ratschlägen und Prinzipien. Die Goldscheider hatte offene Augen und einen gesunden, wachen Verstand. Mit Scharfblick fand sie sofort das Springende und Notwendige eines derartigen Unternehmens heraus. Und noch ehe sie ihr Reiserund geendet, war sie zu der entscheidenden Überzeugung gelangt, daß ein Betrieb, dessen Zuschnitt im wesentlichen mit der Führung eines bürgerlichen Haushaltes zusammenfiel, das sicherste Erträgnis garantiere. Alles, was zu sehr an Kneipen-Milieu, Tingeltangel und Straßenmisere gemahnte, trieb wohl neugierige Besucher zu, stieß sie aber ebenso rasch wieder ab. Und Wechseln der Gäste bedingte ein Auf und Nieder der Einnahmen. Das vorzüglichste Nebeneinander solcher unterschiedlichen Bestände sah sie in Hamburg, wo sie die berüchtigten internationalen Matrosenherbergen und Mädchenhäuser aufsuchte und hier den Eindruck einer wüsten sinnlosen Wildheit empfing, die auf Kosten der Besitzer florierte. Diese bestätigten ihr seufzend, daß derart kotige Zügellosigkeiten, wie sie sich Nacht für Nacht in ihren Lokalen abspielten, nur gefährlich, niemals aber einträglich seien. Doch konnten sie sich nicht mehr helfen. Das Geschäft basierte auf seinem Ruf, und der mußte gewahrt bleiben.

Nicht selten riefen sie selbst die Matrosen ins Lokal, gaben ihnen zu saufen und hetzten sie dann durcheinander. Und in demselben Hamburg, draußen im Villenviertel, wo die Alster vorüberfloß, – in nächster Nachbarschaft der einfachen, aber so kostbaren Kaufherren- und Reederhäuser, befand sich die Villa der Georgette de Villiers, einer alten entzückenden Frau mit vornehmem, diskret gepudertem Gesichte, – an die sie von einer Lübecker Agentur warm empfohlen war.

Die Goldscheider, die ja unterdessen Erfahrungen gesammelt hatte und ziemlich harthäutig geworden war, geriet über die Art und den Ton, die an den Abenden im »Salon Georgette« herrschten, in helle Verwirrung. Es gab nur dreimal wöchentlich Empfang. Frau de Villiers sagte mit einem mütterlichen Lächeln, – diese nächtliche Geselligkeit sei so abspannend, und ihre Kleinen liebten den köstlichen Schlaf mehr, als alles andere.

Die erste halbe Stunde ihres Besuches hatte die Goldscheider jedesmal mit dem unüberwindlich peinlichen Gefühle zu kämpfen, irregeführt zu sein, und sie mußte sich insgeheim mit aller Energie versichern, wo sie war, sonst hätte sie ernstlich die Contenance verloren. – Diese lieben, wohlerzogenen, in Weiß oder Rosa gekleideten Fräulein mit dem diskretesten Ausschnitt am Halse, die plaudernd und scherzend die Gäste empfingen, sehr oft in radebrechendem Französisch, das die Georgette unermüdlich ausbesserte . . . Und »ma tante« steckte hier eine Schleife fest und nestelte dort an einer widerspenstigen Locke herum, – und niemandem fiel es auf, wenn im Verlaufe des Abends einige verschwanden und statt sieben Damen vier die Honneurs machten. – Mehr als drei, das bemerkte die Goldscheider, durften das Zimmer niemals gleichzeitig verlassen. – Dazwischen wurde Tee gereicht und Cakes, – »die Kuchen sind uns nämlich verbrannt,« – bekannte ein Mädchen und Georgette drohte ihr lächelnd mit dem Finger dazu. –

Kein Geldklingeln, keine Verrechnung gab's, diese Erfrischungen schienen gratis geboten zu sein, so gratis, wie nur in irgendeiner vornehmen Gesellschaft. Von Zeit zu Zeit ertönte es mahnend: »Pailez francais, mes dames!« Eine oder die andere spielte Klavier, lustige Operettenweisen, und sie sangen dazu zu zweien, zu dreien, nicht selten beteiligten sich sogar die Gäste daran. Als eines der Mädchen, eine wunderhübsche Berlinerin, sich einmal entschieden weigerte, zu singen, sprach ihr die Villiers freundlich zu und schloß mit einer großartigen Geste:

»Aber liebes Kind, unsere Freunde kritisieren nicht, sie genießen nur.«

Und da sang sie auch gleich eine artige Romanze mit einfacher hirtenliedartiger Melodie: »Stets sagt die Mutter, putze dich, sei nicht so wunderlich.« Als sie geendet hatte, klatschte Georgette als erste begeistert in die Hände und sagte mit strahlendem Augenaufschlag zu einem der Herren, der sich ein wenig verneigte: »Nun, Konsul Wychers, reut es uns, daß wir die Kleine da ausbilden lassen . . . Dafür soll uns Paris einmal danken, – hein?« Und eben in diesem Hause geschah noch etwas, das die unbeteiligte Zuschauerin in blöde Verwirrung versetzte.

Madame de Villiers erhob sich einmal, trat auf einen der Herren zu, und indem sie ihm einen Brillantknopf reichte, sagte sie mit der unbefangensten Miene der Welt: »Herr von Palestra, unsere törichte Suzanne hat Ihnen dieses reizende Ding entwandt, wohl um Sie zu necken . . . Eh Sie es ernstlich vermissen, voilá!« . . . Palestra wurde dunkelrot, griff nach dem Knopfe und steckte ihn ein. Er hatte ihn Suzanne, einer zierlichen Elsässerin, die begehrlich damit kokettiert hatte, zum Geschenk gemacht, aber die Villiers fand diese offizielle Manier shoking und stellte ihn daher zurück. Als ihn die Kleine wenige Tage darauf als Brosche vorgesteckt trug, wurde kein Wort mehr verloren.

Und verdient man bei diesem System? fragte sich die Goldscheider wohl hundertmal . . . Sie traute ihren Augen nicht. Der Salon war sehr besucht von nur eleganten, wohlgewachsenen Männern mit vornehmen Namen, die die artigsten Manieren und das zuvorkommendste Wesen an den Tag legten. Georgette trug Schmuck, – echten Schmuck, und Kleider von seltener Distinktion. Sie hatte ihre Loge, ihren Wagen, und ihre ganze Leidenschaft war, – wie sie selbst gestand, – Pferde laufen lassen . . . Sie kramte, als die Goldscheider Abschied nahm, geschmeichelt von dem Eindrucke, den ihr System auf die Fremde gemacht zu haben schien, ihre Weisheit aus. »Ist es denn unumgänglich«, sagte sie. »daß aus der holden Notwendigkeit (de la belle usance) des Liebesgenusses nur ein häßliches Geschäft gemacht werden muß? Um keinen Preis der Welt wollte ich meine Mädchen rohen und unappetitlichen Männern beigesellen wollen. Es würde meine Seele beschweren, Madame, wenn ich diese Schuldlosen, – weil sie zur Lust des Mannes geboren sind, – darum schuldlos, – durch meine Leichtfertigkeit elend machte. Nein, empor sollen sie gelangen durch meine Hilfe. Sehen Sie, Madame, meine Philosophie ist diese: Das ganze Leben ist ein großer Markt. Entweder man kauft oder man verkauft, anderes gibt es nicht. Voyons! Was auf dem Markte des Lebens verkauft wird, wird von klugen Händlern angeboten und bildet sich zu einem Berufe oder einem Handwerk aus. Auch die Liebe ist es, Madame. Täuschen wir uns nicht mehr, die Liebe ist ein Hunger im Individuum und muß wie dieser befriedigt werden. Wie? Fleischhauer, Brothändler, Fischer fühlen ihre Würde, ihre Notwendigkeit im Getriebe und nur das Weib, das Glück gibt, kostbare Augenblicke des Vergessens und der Freude erzeugt, die wunderbarste, beste und unvergänglichste Ware von allen, die ausgeboten werden kann, sinkt zur schändlichen Sache. Gibt es etwas Natürlicheres, als wenn sich die Jugend der Jugend hingibt? Und man verachtet diese Frauen! Unerklärlich ist er, dieser neueste Spleen der Menschen.«

»Der neueste, Madame?« warf die Goldscheider kopfwägend ein.

»Zweitausend Jahre seit dem Bestande des Christentums dauert er. Nun, was wird diese Spanne Zeit in der Geschichte der Welt bedeuten können? Es ist nicht mehr, als die minutenlange Laune eines großen Herrn. Doch will ich nur gleich sagen, daß wir, wir Unternehmer, die Kapitalisten meine ich, wie gewöhnlich die Hauptschuld tragen. Wir rauben den Mädchen zuerst ihre Menschlichkeit und machen sie zu willenlosen und damit freudlosen Sklavinnen. Denn nur der eigene Wille, Madame, schafft Glück.«

Frau Goldscheider meinte lebhaft, diese Anschauungen seien gewiß originell, – sogar bewundernswert – aber sie ließen sich doch bestenfalls nur in einer internationalen und so reichen, vom Adel nicht beherrschten Stadt wie Hamburg unter Voraussetzung eines so gütigen und – pardon – kapitalkräftigen Patronats durchführen. In kleinen Orten oder gar in den modernen Großstädten, da diktiere der Hunger Gesetze.

Madame unterbrach mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln der Verachtung; dann sprudelte sie: »O, madame, tranchons le mot! Ich kenne dieses Geklingel. Excusez, madame, je suis une femme bien agée et je me suis vue quelque fois en face d'affaires différentes . . . Lauter Avantgarden des persönlichen Egoismus sind das . . »nein, nein, halten Sie mich nicht für eine Missionärin, pleiné d'altruisme. – .J'ai mis mon bien á couvert . . . Doch nicht auf Ihre Weise, Madame, gewiß, nicht auf die Ihre. Wie doch sagte man noch vor hundert Jahren? . . . Arbeiter und Volk bedürfen keiner Bildung, keiner Freigeisterei, – das ist gefährlich . . . Sie brauchen nur Gott und Katechismen und le roman obscéne. Und heute? Und abermals in hundert Jahren, wo sind wir dann? – Wir kleben an den alten Ideen, zähe und fest. Das Freudenmädchen, – wenn man es beansprucht und als unentbehrliches Surrogat im sozialen Leben verwendet, kann sehr wohl in reinlichen, – nicht geduldeten –, sondern berechtigten Verhältnissen leben . . . Es muß nicht nur leichtsinnig, naschhaft, lügenhaft, faul und sterbenskrank sein . . . In kleinen Städten wie in großen, in Tausend-Mark-Reunionen wie in Pfennigkneipen, überall können die gleichen Grundbedingungen des Rechtes, der Gesundheit und der Nächstenpflichten herrschen.«

Frau de Villiers stand auf und beendete die Audienz mit den Worten: »Meine Damen würden die Augen aufreißen, wenn ihnen ein grausamer Mensch sagte, er verachte sie um ihres Lebenswandels willen. Sie haben sie gesehen, Madame . . . Sind sie nicht liebenswürdig, klug und bezaubernd, diese Kinder? – Sie glauben, daß sie geliebt und begehrt werden um ihrer Vorzüge willen, weil sie so jung und so hübsch sind . . . Die Wohlgestalt, das Lachen, den Charme intensiverer Weiblichkeit gab die Natur den Courtisanen. – Und ich, Madame, – ich – gebe ihnen den Stolz dazu.« – –

Auf der Rückreise erzählte ihr der Lübecker Agent Wunderdinge von »Georgette«, wie sie in eingeweihten Kreisen kurzweg hieß. Sie verdiene schwere Tausende und wäre längst reich genug, um sich zurückzuziehen.

Aber sie liebe das Geschäft und gönne es niemandem . . . Geradezu fabelhaft sei indes, was sie für ihre Schützlinge leiste. – Wohl verlange sie sogenannte Rasseexemplare, und nichts sei schwieriger, als der Georgette Ware zu verschaffen. Zwanzigmal wohl gingen Sendungen zurück, bis eine konveniere. Sie züchte, – so drückte er sich aus, – den Edeltypus der grande mondaine. Es sei zum Beispiel stadtbekannt, daß Georgette übelbeleumundeten Männern, und waren diese noch so reich und vornehm, ihr Haus entschieden verschließe. Es war eine famose Geschichte im Umlaufe, in der erzählt wurde, daß ein Patrizierssohn und zugleich vielfacher Millionär zu der Tausendmarknote, die als Eintrittsbillet galt, ein ärztliches Zeugnis beibringen mußte, um im Salon Georgette empfangen zu werden.

Die Schilderung der Hamburger Idylle besonders schlug bei Horner, dem sie, zurückgekehrt, über alles Gesehene Bericht erstattete, mit ungeheuerer Wirkung ein. So etwas erreichte beinahe seine geträumten Vorstellungen! Nein, und das gab's im modernen Europa wirklich! Es war ein Glück, daß es seine Mittel nicht gestatteten, denn er wäre am liebsten sofort aufgebrochen, um sich Georgette, deren Namen er immer nur mit dem Ausdrucke höchster Anerkennung ausschnaufelte, zu Füßen zu legen. – Er sagte:

»Diese einzige Frau hat erfaßt, was in einer Zeit banausischer Verwilderung und Degradierung des Genusses not tut; – der subtilsten Weisheit des Frauenleibes hilft sie zum Triumphe. Eine Griechenseele wohnt in deiner Französin, erkläre ich dir.« – Er schlug mit der Faust auf den Tisch. – »Mach's nach! Erziehe dir eine Junge, eine Frische,« – fuhr er händereibend fort, – »eine, die mitten im Kampfe steht, aktiv und ehrgeizig unternehmend. Ein Weib mit Führersinn begabt, das organisatorisches Genie mit den Reizen der Liebesgöttin vereint! Dann packe ein, Männerstolz, . . . Gesetze schaffender! Und du, Egoismus, Gesetze erhaltender! O ja, Elise, wir zwei binden vielleicht die Peitsche für die ungeheuere Machthabereitelkeit einer niedergehenden Gesellschaft . . . Du greife mir eine Junge heraus, sage ich dir! Dann soufflier ich euch Bedingungen. Weiter, wir erheben die Dirnenmoral zum Gesetze. Wartet nur, Besenbinder, womit ihr sündiget, damit sollt ihr bestraft werden! So wird euere gepriesene Evangelienweisheit endlich Wahrheit werden.« Aufgeregt stapfte er im Zimmer auf und ab. »Sehr gut, Madame, ein gefährlicher Sprengstoff kommt aus Ihren Händchen, die man küssen möchte, diese Händchen . . .« Er schmatzte mit dicken Lippen in die Luft.

»Horner, treib nur nicht Afferei!« warnte die Goldscheider trocken, »in meinem Hause nicht!«

»Willst du mich hindern, in meinem Sinne tätig zu sein?« erwiderte er scharf.

»Tue, was beliebt! – Aber bedenke, die Georgette und ihr Kreis sind hier undenkbar . . . Bei uns gibt es keine Palestras und Bingens und Johnstones, die Liebesbedürfnisse á tausend Mark im Bordell decken. Die Georgette hat, wie der Agent richtig sagt, eine Mätressenschule. Es ist ja gerade, wie wenn man in die feinste Kochschule dinieren ginge. Bei mir nicht nachzuahmen! Übrigens darfst du im Rothause nach dem Ideale fahnden,« schloß sie, um ihn nicht zu erzürnen, denn sie brauchte ihn noch.


Im Frühherbste wurde eröffnet. Das neue Haus stand da, getreulich in rotfarbener Ziegelung, mit achtreihiger Fensterfront und einem Halbstock, über welchem ein blinkendes Dachfähnlein vergeblich nach Sonnenstrahlen aussah. An dem gelb und blau lackierten Haustore befand sich ein Messingdrücker, dessen scharfes Schnarren belebend durch das Haus drang. In drei Fiakern fuhren die Fräulein vor. Ein Teppich führte über den Korridor und die erste Treppe empor. Efeustöcke standen im Flur und ein Marmorkindlein hielt eine Lampe hoch. Alles so sauber und licht und rein, wie im Theater war es da. Die Fräulein aus dem alten Rothause sahen sich bedeutsam an. Da konnte man wohl sehen, wo man war . . . Die neue Portierin, Frau Polifka, eine stramme rundliche Person, trat aus ihrer Wohnung und begrüßte sie freundlich.

»Das Luder, meiner Seel', ist fort,« murmelte das Fritzerl ganz befangen und tippte die Katerine an.

Die Vertraute der Goldscheider, das Fräulein Olympia, eine festgeschnürte Dame mit scharfen brünetten Zügen und einer Stirne voll gebrannter Löckchen, machte bereitwilligst Honneurs. Sie öffnete ihnen den mit bordeauxroten Samtmöbeln und weißen Spitzenvorhängen ausgestatteten Salon, der sich höchst wohnlich und vornehm präsentierte. Da gab's Marmorkonsolen mit Vasen und Figürchen, Makartbuketts und Pfauenwedel, alles fein und vornehm umhergesteckt. Das höchste aber war der mannshohe goldgeschnitzte Spiegel, der zwischen den Fenstern stand. Die Katerine klatschte in die Hände.

»Jesus, da is eins ganz und gar,« sagte sie. In dieser kurzen Zwischenzeit schon hatte sich der Ausdruck ihres Gesichtes geändert. Sie hatte unterdes gelernt, sich zu frisieren und zu schminken, gut zu schminken, Fältchen und Furchen auszulöschen, aber der Stift banalisierte nur und nahm den Zügen, die jetzt meist von einem lustigen und selbstgefälligen Lächeln belebt waren, viel von ihrer einstigen fesselnden Originalität.

Die ehemaligen Mieterinnen des Rothauses kamen aus dem Staunen und Augenverdrehen nicht heraus.

Die andern waren blasierter oder stellten sich wenigstens so und zuckten die Achseln. So etwas wie da, sagten sie, hätten sie auch schon mitgemacht. Selbst das Fräulein Olympia ließ durchscheinen, daß sie das alles zwar niedlich finde, aber für jemanden, der, wie sie, in Paris gewesen sei, gäb's keine Wunder zu sehn. Die Goldscheider nahm die Mädchen in ihrem Bureau vor und legte jeder einen vollgeschriebenen Bogen zur Unterschrift vor. Sie unterschrieben alle ohne Zögern. Die Mehrzahl wußte überhaupt nicht, worum es sich handelte, einige behaupteten, es sei ein Kontrakt, »daß sie halt nicht davonlaufen konnten«. – Aber das fiel ihnen vorläufig nicht einmal ein. Nur eine schlanke, blonde Österreicherin, die in der Schweiz Hotelstubenmädchen gewesen war und die Allüren einer Prinzessin mitbrachte, erklärte, es wären »lauter meterlange Zahlen« gewesen, 'ne Rechnung oder so 'was, – aber gerade hoch genug. No was machte das aus, dafür hatte man schöne Wäsche und seine Kleider. Kam die Geschichte da mal in Gang, so gab's Geld genug für alle, vertrösteten sie sich gegenseitig.

Den Mädchen, die schon einmal im Bordell gewesen waren, imponierte vor allem der Ton, den die Madame sofort anschlug. Es wirkte seltsam belebend auf die abgestumpften Gemüter, wenn ihnen die Goldscheider sagte: »Haltet euch nur brav, es muß keine von euch zugrunde gehen. Seid nicht liederlich mit euerm Eigentum und sauft nicht insgeheim! Hier bei mir habt ihr Chancen. Jede kann noch zu einem feinen, ehrlichen Leben kommen, wenn Ihr klug seid.« – Damit kämpfte sie momentan erfolgreich gegen das immer wieder auftauchende Gefühl der vollkommenen Fruchtlosigkeit alles Wollens und Aufstrebens an, aus dem sich zum großen Teile die moralische Schwäche und Verkommenheit der Prostituierten zusammensetzt. Aber Worte und Vorstellungen wie diese klangen den Mädchen in die Ohren. »Ihr seid alle noch jung und fesch, und euch muß es gelingen!«

Sie fürchteten die Madame, aber achteten sie gleichzeitig.

»Sie is a Kanallje, aber sie versteht's! und 's heißt aber doch nicht nur, Geld gebt's her un Geld. Vor die Gäst' schmeichelt's net und streichelt's net, das ist wahr. – Sie is immer gleich, die Kanallje.« Und sie sagten auch, man könne viel schlechter ankommen als hier. Bloß die Kleider, die man zu tragen bekam, fanden fast alle zu rügen. Nicht daß sie unmodern oder gar schäbig gewesen wären, im Gegenteil, alles war von Seide und fesch; aber doch nur die reinste »Stubenmädeltracht«, wie sich die Bibi ausdrückte, die bereits in Aussig und Teplitz gewesen war; bei ihnen im »Excelsior« gab's grad' nur ein Spitzenhemd, das die Fräulein tragen durften, ein seidenes »Bébé« darüber und sonst »nix.« So etwas war hier nicht Mode. Auch nicht spät in der Nacht. Eine oder die andere hatte es versucht und kam halbbekleidet in den Salon zurück, aber sie wurde von der Goldscheider sofort hinausgewiesen. In solchen Dingen verstand sie keinen Spaß.

Auch sonst hielt die Madame eine ordentliche und gleichmäßig strenge Zucht. Zu gleicher Zeit um elf Uhr morgens wurde der Kaffee geschenkt, für jede eine tüchtige Kanne und ein Stück Kuchen, – das schmeckte »fein wie bei Muttern«. Es wurde überhaupt darauf gesehen, daß die Mädchen ordentlich aßen. Nur Schaumzeug und Zuckerwerk, wie anderswo, durften sie sich nicht anschaffen. »So etwas füllt den Magen, aber gibt euch keine Kraft.« – »Das is schon wahr,« sagten die Mädchen und aßen mit gutem Appetit die Knödel, die man auftrug.

Ihre ganze kaufmännische Pünktlichkeit und Pedanterie mengte die Goldscheider in das Geschaukel dieser Wirtschaft. Sie war vor allem darauf bedacht, daß die Mädchen in guter Laune »arbeiteten«. Klatschereien und Bosheiten, die sie untereinander ausheckten und dabei auf Parteinahme der Madame rechneten, wie ortsüblich, scheiterten stets an ihrem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinne. Sie wählte ebensowenig Favoritinnen, als sie Prügelböcke duldete. Was störrig und unbildsam war und sich in den geordneten Bestand des Hauses nicht einfügen wollte, mußte fort. Die Goldscheider stand in regelrechter Geschäftsverbindung mit Provinzhäusern. Sie selbst schätzte besonders ein lebhaftes und reges Wesen; sie munterte die Mädchen durch Zurufe und Anreden auf, fröhlich zu sein und die Gäste, wiewohl in unaufdringlicher und angenehmer Weise, in Stimmung zu erhalten.

»Man muß sich hier amüsieren, versteht Ihr? Das andere gibts überall anderswo auch. Von euch aber müssen die Herren sagen: Die Mädels sind extralieb.«

Von der Goldscheider angeeifert und durch eine gleichmäßige wohlwollende Behandlung, die ohne Härte und Despotie war, unterstützt, fanden die Fräulein die Quelle der Fröhlichkeit, die immer wieder aus Leichtsinn und Jugend sprudelt. Die Goldscheider ließ es sich nicht verdrießen, die Mädchen einzeln vorzunehmen und beinahe individuell zu belehren.

»Schau, du,« sagte sie zur Helene Nippich, einer hübschen, aber dämlichen Jüdin, die an einem weinerlichen Klageton laborierte und mitten im heftigsten Lachen abbrach und zu seufzen und zu jammern begann, – »dein ewiges Romaneerzählen ist dumm, und glauben tut's dir ja doch niemand. Sie lachen hinterdrein. Sag die Wahrheit, wenn jemand gerade fragt, und wenn du nicht willst, mach eine Dummheit darüber. Aber jeiere nicht über dein verlorenes Glück!« –

»Will eine von euch tanzen?« fragte die Madame einmal. »Ich, ich!« tönte es von allen Seiten, aber die Irma, eine fesche Ungarin, flunkerte nicht, sondern hob die Röcke und tanzte einen echten flotten Tschardas, daß die Dielen zitterten und die Vasen nur so mitklirrten. Die Goldscheider ließ sie mit dem Musikdirektor James Stoll, der allabendlich im Salon musizierte, einige Tänze einüben, die sie unter großem Beifall der Gäste zum besten gab. Sie gefiel sehr und feierte einige Wochen wahre Triumphe.

Andere versuchten es auch, aber da sie es plump anpackten, bot es keine Art der Zerstreuung. – Die Bibi, die ohnehin sehr beliebt war, verstand ein kleines Kunststück, das ihr der französische Oberkellner im »Excelsior« so oft gezeigt hatte, bis sie es kapierte. – Sie stellte acht dünne, ungleich große und ungleich gefüllte Weingläser in einer Reihe auf und tippte mittels eines elfenbeinernen Stäbchens die hübschesten Melodien heraus. Ihre Force war die Marseillaise. Dabei blitzten ihre Augen so kriegerisch und der rechte Fuß klopfte energisch den Takt, – das Stäbchen wirbelte in der Luft, genau so wie sie es von Monsieur Charles gesehen hatte.

Dann wagte sich diese und jene mit kleinen, schüchternen Versuchen hervor. – Eine neue und echte Verschämtheit entwickelte sich aus diesem Wettbewerb kleiner Künste, ein wohltuender junger Eifer, der die Augen glänzend machte, – beinahe froh, – und die Reden belebte. – Es war ja nicht viel, was sie boten, aber wahrhaftig, sie vergaßen das allzu bewußte Ziel in ihrer Spielerei, und das wollte die spekulative Goldscheider und sah lachend zu.

Eines Abends stand die Katerine neben dem Klavierspieler, rief ihm etwas zu und begann, indem sie den Kopf schmachtend zurückbeugte, melancholische, böhmische Liebeslieder, die unter den Fräulein eine tiefe Rührung anrichteten. Die Herren waren zuerst verblüfft, dann krähten sie vor Vergnügen. Anstatt wie früher die kleine wohlklingende Stimme in sanfter Färbung anzuschlagen, begann sie jetzt, durch das plötzliche Verstummen verwegen gemacht, zu kreischen und sich zu überschlagen. Die sentimentalen Schmachttöne zog sie über den Gaumen und drehte die Augen zur Decke empor. Sie war späterhin ungemein stolz auf ihre vermeintlichen Triumphe und sprach dann mit Olympia darüber, daß so etwas, doch hübscher sei und großartiger, als 'n bißchen dummes Klingeln mit den Gläsern.

Die Katerine hatte die dreißiger Jahre überschritten, und die fesselnde Eigenart ihres Wesens verflüchtigte sich in dem neuen Milieu mehr und mehr. Schon stellte sie nur noch die um den hungrigen Vorteil des Lebens kämpfende Dirne vor, die sich mit billigen Surrogaten über die widerlichsten Elendsjahre hinwegtäuscht. Mit Jankas Abschied hatte sie das letzte innerliche Band, das ihre Seele an die Vergangenheit knüpfte, gelöst und zerrissen. – Sie war frei. – Sie hatte keine Geschichte mehr hinter sich. – Die Träume zerfielen in Asche. – Ihre Rache war gestorben. – Sie lebte nur mehr für die lärmende Nacht und das Trinkgeld, das sie einbringen mußte. – Sie wollte als die Schönste und Begehrteste gelten und spielte bereits mit allen niedrigen Lockungen und Künsten. Entgegen aller ihrer bisherigen Gewohnheit hatte sie sich an die Olympia zärtlich und sogar bewundernd angeschlossen. – Diese, die die Geschäftsuntüchtigkeit der Katerine bald heraus hatte, versorgte sie mit einer romantischen Geschichte, die sie jedem, der sich mit ihr abgab, unter Ach's und Oh's erzählen sollte und der man natürlich auf hundert Schritte die typische Legende anmerkte. Es kam eine Stiefmutter darin vor, ein alter gräflicher Verführer und ein wunderschöner, edler Student, auf den die Katerine besonders stolz war, den sie herausstrich und lobte und an dessen Existenz sie so fest glaubte, daß sie heftig aufbrauste, wenn jemand den durchaus einwandfreien Edelmut dieses Freundes anzuzweifeln wagte.

Diese Katerine, die niemals Ruhe, niemals das Vergnügen an kleinen Späßen gekannt hatte, die laute und heftige Ereignisse brauchte, um eine immer wieder anschwellende Spannung im Rauschzustande zu beenden, fand jetzt ein Behagen an Geselligkeit und warmem Zusammensitzen, an Plaudern und Lästern, sie wurde vertrauensselig und rechthaberisch, ließ sich erzählen und erzählte wieder, und an allem, was sie tat, schien ihr Temperament zu erkalten. – Ihr noch schöner, feingliedriger Körper zog die Männer an, befriedigte sie, und die Katerine fand hier – wie ehemals auf der Straße – ständige Kundschaft, die ihr gerne treu blieb.

Auf Olympias Rat färbte sie das wilde rotbraune Haar flachsblond und gab sich den Namen Carmen.

Auch trug sie Spieldukaten und einen Mausezahn um den Hals und flunkerte mit einer geheimnisvollen Abstammung und kinderraubenden Zigeunern. – Beide legten mit Vorliebe Patiencen, gossen Blei zu allen  Tageszeiten und lasen die Kreuzerromane aus dem Weltblatte, die sie säuberlich ausschnitten und aufeinander legten.

Immer wiederkehrenden heftigen Anfällen von Atemnot und Herzklopfen begegnete sie mit sympathetischen Mitteln, und da diese nichts halfen, begann sie zu trinken, heimlich natürlich, indem sie Wein in ziemlichen Quantitäten durch Milada auf ihr Zimmer schmuggeln ließ.

Und der Wein trieb ihr auch die Mattigkeit aus den Gliedern, »'s Blutstocken«, wie sie die unheimliche Starrheit nannte, die sich über Unterleib und Beine zu ergießen pflegte. Milada hielt sich den ganzen Tag bei der Portierin auf, schlief in einem Bodenverschlag, dessen kleines Schiebfensterchen auf das Dach mündete und in dem sich ihre alten Freunde, die weiß und schwarzen Ratten, wieder einfanden. Sie wurde im Hause zu allerlei Arbeiten oder zu Laufwegen verwendet. Auch begleitete sie die Goldscheider auf ihren Gängen, wenn es etwas zu tragen oder abzuholen gab. Sie mußte sich das Haar aufstecken, trug unförmlich lange Röcke und meist ein großes gestricktes Umhängetuch, das ihre kindlichen Formen verbarg.

Als die Katerine das erstemal das neue Haus betrat, stand Milada mit großen gespannten Augen vor der Portiertür und wartete auf ein Wort. Sie war monatelang von der Mutter getrennt gewesen, hatte bei fremden, mürrischen Leuten gelebt, die sie nicht besser geachtet hatten, als einen herrenlosen Hund. – Das Kind hatte sich scheu zurückgezogen und in ihren Gedanken das Bild der Mutter mit dem Glorienscheine der süßesten Zärtlichkeit umgeben. Alles, was sie jemals an freundlichen Blicken oder Lächeln empfangen hatte, war in dem einsamen Herzen zu warmem Leben aufgequollen. Nun stand sie an die Mauer gelehnt und ein ungeduldiges Verlangen strich über das braune erregte Gesichtchen . . . Die Mutter in einem seidenen Kleide, mit Federhut und Handschuhen hing an dem Arme eines Fräuleins und sah mit Lachen um sich . . . Beinahe hätte sie sie überhaupt nicht gesehen . . . Aber 's Fritzerl hielt an der Treppe die Katerine, die schnell hinaus eilte, zurück und sagte: »Guck um, das Mädel is da.« . . . Die Katerine warf langsam die Augen zurück, schob die Augenbrauen hoch und sagte nach einer Weile: »Jesus, groß wird die.« Dann faßte sie geschickt die langen knisternden Röcke zusammen und schob der Olympia nach . . . Sonst kein Wort weiter.

Das Kind senkte den Kopf tiefer. Als aber oben das Plaudern und Lachen begann, trollte es sich in den finstern Lichthof hinaus.

Von der Krone, die ihr die gute Frau Cölestine zum Abschied geschenkt hatte, hatte sie Äpfel gekauft und schob sie der Mutter unter das Kissen . . . Sie hatte auch dafür gesorgt, daß die Katerine ein schönes Zimmer zugewiesen bekam, obwohl die Portierin sagte: »Da hier sein sich alle gleich.« – »Oh je, da werden's sehen, Frau Polifka, und schaun, wie die is,« – antwortete Milada altklug und überlegen . . . Und die Portierin, die das anstellige Mädel leiden mochte, ließ es geschehen, daß sie die buntesten Polster und Vasen der Mutter ins Zimmer schleppte. Und als das Wiedersehen vorüber war, erlebte das Kind seine ersten und grausamen Enttäuschungen. Die Mutter galt nicht mehr als die anderen Fräulein. Die Mutter war gut mit ihnen und lachte mit ihnen und plauschte sogar mit dem Fritzerl und der Olinka; – die sie früher nicht einmal angesehen hatte, mit ihnen teilte sie jetzt ihren Wein und kroch zu ihnen ins Bett. – So oft Milada vorüberkam, saßen ein paar im Zimmer der Katerine und plauschten, und die horchte auf ihre Reden, indem sie beide Hände in das hochgekämmte hellblonde Haar vergrub. Unter den Röcken hielten alle die Weingläser versteckt, aber die Mutter trank aus der Flasche und vergrub sie dann sorgfältig unter die Polster. Sie fürchtete sich jetzt vor der Madame. Nein, wie war sie anders geworden!

Das Kind sah zu und grämte sich – der große tiefgewurzelte Stolz auf die Katerine bröckelte langsam ab, ohne daß sie eigentlich wußte, warum, denn die Mutter galt im Hause für schön, und die Männer kamen gerne um sie. Aber die schwarze Katerine aus dem Rothaus, die den Kopf zurückwarf und ihr höhnisches Lachen erklingen ließ, war das nicht mehr. Das Kind begriff in seinem Herzen, daß die Katerine von einer einsamen Höhe herabgestiegen war und jede Distanz zwischen sich und den andern aufgehoben hatte. Sie ging nicht mehr wie früher mit einem Trällern oder hochmütigen Achselzucken an ihnen vorüber; wenn sie frech wurden, aufbegehrten und stritten, so sagte die Katerine weichmütig schläfrig: »Weibervolk, sakrischs, gebt's Frieden! Mir is eh' egal.« Oder sie zog der Gisi, mit der sie stark rivalisierte und oft in Fehde geriet, das Weinglas weg und schrie erbost: »Luder, sauf du nicht mein' Wein, wenn'st d' mit mir krakehlst!« – Wurde der Streit heftiger, so begnügte sie sich mit der gewohnheitsmäßigen Flut von gemeinen Schimpfwörtern und Schmähungen, die ebenso reichlich zurückgegeben wurden.

Wochen und Monate vergingen dem Rothause in gleichförmigem Einerlei; das Geschäft blühte und nahm an Umfang zu, die Mädchen waren vergnügt und eifrig und die Katerine ging an dem Kinde, das Stiegen scheuerte und Zimmer räumte, so fremd und achtlos vorüber, als hätte niemals etwas gemeinsames sie mit diesem Leben verbunden. Es war dieses eine unbewußte, weder durch Haß noch durch Bitternis entstandene Gefühlsleere, die hartnäckig alles abstieß, was in ihre eisig öde Nähe geriet. Ihre Seele lag gelähmt und ging nicht mehr mit, wie verwegen auch ihr prahlerischer Wille in ferne Zukunft zu greifen schien.

Es ließ sie vollkommen ungerührt, daß Milada immer wieder vor ihrer Türe stand, und hineinschlüpfte, wenn sie das Zimmer einmal leer fand. Sie stellte sich dann stille in eine Ecke oder machte ringsum Ordnung, – und wartete, bis es der Frau, die vor dem Spiegel saß oder im Bette lag, einfiel, sich zu ihr zu wenden. – Es geschah niemals anders, als mit hastigen Aufträgen, oder aber sie sagte kurz: »Ich brauch' nix.« – Dann ging das Kind. Halbfaule Äpfel, die in den Läden oder auf dem Boden lagen, nahm es in der Schürze mit; die Katerine mochte sie gar nicht mehr. Wenn in späterer Zeit Anfälle von Atemnot und Herzkrämpfen kamen, krampfte sich die  Katerine fest in die Bettpolster ein, rang mit blauen Lippen nach Luft und jagte Milada, die fassungslos dastand, mit wütenden Gebärden und schimpfenden Worten aus dem Zimmer. Nein, sie wollte allein sein, brauchte keine Aufpasserin, die sie bei der Madame verpetzte. – Sie war nicht krank, das bissel da ging schon vorüber, und sie war wieder obenauf. – Sie verriegelte die Türe und ließ niemanden zu sich, wenn die Schwäche über sie kam. – Milada mußte ihr die Weinflasche ins Zimmer schieben, wie in alten Zeiten, und sich davonmachen. – Sonst schimpfte sie. – Allein, da konnte sie wenigstens schnappen und stöhnen, wie sie wollte und keins schaute ihr neugierig und schadenfroh ins Maul.

Die Katerine sah nicht die Sehnsucht in den grauen Kinderaugen sprühen, die Sehnsucht, dazubleiben, Helferin zu sein. – »Ja, das is a Rabenvieh,« – äußerte sie einmal zur Olympia, »die verkauft mi und no' a paar um a Kreuzer, sag i dir« . . .

Langsam und schwer riß sich Miladas Phantasie von dem Bilde der Erinnerung los. Das alte Rothaus, Janka und die Katerine der früheren Jahre mit ihrem süßen Lächeln und Schmeicheln, ihren begehrlichen Wünschen und phantastischen Einfällen und dem wild aufquellenden Zorne versank, und ein träges aufgequollenes Weib tauchte auf, das sich Carmen nannte, von einem Zimmer ins andere strich, ewig von Weinduft umsäuselt war, vor der Madame demütig speichelte und mit katzenhafter Zähigkeit das warme Plätzchen im Hause verteidigte.

Für das halbwüchsige Mädchen, das unbehelligt in der »Rattenkammer« wohnte, lockerte sich allmählich das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dieser Frau und die eisige Strömung, die aus dem Herzen der Katerine quoll, trieb Milada immer tiefer in eine nur von grellen Blitzen durchleuchtete und ach! so unkindliche Einsamkeit zurück.

Und doch! Die Samen der Liebe sind stark und unverwüstlich. Mutter – blieb für sie stets ein warmes freundliches Wort, in dessen Klang sich traumhaft das Bild eines kleinen hageren Weibes mischte, das sie mit harten roten Händen im Schlafe zudeckte und zu streicheln schien.

All ihr Leben lang, so oft sie einschlafen wollte und die Wärme der Polster sich ihren übermüdeten Gliedern wohltätig mitteilte, hatte sie das unbeschreiblich gütige an Tagesstunden niemals wiederkehrende Gefühl, von solchen Mutterhänden leise berührt zu werden.


Eines Nachts hatte die Katerine im Salon einen Anfall. Sie fühlte Atemhunger, rasendes Herzklopfen und fühlte die schreckhaft bleierne Starre über Bauch und Beine rinnen; mit glasigen Augen die Türe suchend, sank sie vor ihrem Sessel auf die Kniee nieder. Sofort wurde sie energisch angepackt und auf ihr Zimmer gebracht, – wo am nächsten Vormittag die Goldscheider erschien und Nachschau hielt. Sie sagte ihr, es wäre halt besser, wenn sie in einer kleinen Stadt auf einem weniger anstrengenden Posten als Büfettdame oder Schankkassiererin unterkäme, – so etwas wolle sie ihr gerne besorgen. Die Katerine sah sie an, und ihre blassen Lippen zitterten vor Schrecken. – Ob sie denn schon etwas versäumt hätte hier? . . . Ob sie denn nicht so gut tauge wie eine andere, daß ihr die Frau Goldscheider so eine Schande antun wolle . . .

Was sie denn hier so fest halte, fragte die Madame zurück, sie sei ja jetzt doch wahrhaftig lange genug an einer Stelle. – Ob sie sich ihres Mädels willen so schwer von hier trenne? –

Oche die, nein, aber seit der vielen Zeit war sie schon hieher gewöhnt, kannte alles hier. Un' dann, wahr und wirklich! . . . Ihr sei doch nix. – So eine wie sie! – Gesund das ganze liebe Leben. – Sie stützte die Arme in die Hüften und trällerte.

»Ja,« sagte die Goldscheider gelassen, »für ewig kann so doch keine hier bleiben. Bei unserem Geschäft ist die Hauptsache Abwechselung, das weißt du ja.«

»Warum denn grad' ich?« – murmelte die Katerine, und sie fühlte, daß die elendeste Niederlage da war. »Ja, mir ist es egal; – nur die Gäste verlangen Abwechselung, hier wie dort. Wird dir auch ganz gut gefallen anderswo. – An neuen Plätzen faßt ihr immer Geld.« Damit ging die Goldscheider aus dem Zimmer . . . Wenige Tage darauf kam der Doktor Lamberg ins Haus und untersuchte die Katerine gründlich. Sie stand da, spreizte die Beine und lachte. Er war auch lustig, schlug sie über den Rücken und meinte, die überlebe wohl ihn und noch ein paar junge Katzen . . . Sie küßte ihm beide Hände und fühlte sich einer drohenden Gefahr entronnen . . . Nichtsdestoweniger konstatierte er der Goldscheider gegenüber ein vorgeschrittenes, veraltetes Nierenleiden mit den dazugehörigen Herzaffektionen und riet der Madame, – das Übel – schnell aus dem Hause zu bringen . . . »Das sauft und frißt ja doch, was ich und Gott verbieten, und Sie haben die Schweinerei . . . Weg mit Schaden!« . . .

Der Goldscheider, die ohnehin einen größeren Schub im Auge hatte, kam dieser Rat sehr gelegen, denn auch die Anziehungskraft der Katerine hatte naturgemäß im Lauf der Zeit Abbruch gelitten . . .

Nach dem im Hause gehandhabten Brauch kündigte sie eines Tages den ausgemusterten Fräulein an, sie hätten die Koffer zu packen, um abends ihre Reisen anzutreten. . . 's Fritzerl kam nach Pilsen, zwei andere nach Troppau, und als Ziel der Katerine war Braunau genannt.

Zu ihr besonders sagte die Goldscheider, sie habe sich recht sehr umgeschaut und etwas Passendes ausgesucht. Eine American Bar wäre das, nur für Zivilisten, und Trinkgelder gebe es genug . . . Dazu nickte ein Mann in Reisekappe und Röhrenstiefel, der im Bureau saß und schon auf die Katerine wartete. Mit zu Boden gesenkten Blicken hörte die zu. Ihr Gesicht war aufgequollen, und unter der roten Schminke drang die gelblich fahle Hautfarbe durch. Der ehemals so reizvolle Körper hatte seine schlanke Üppigkeit verloren und schwamm in einem weißlichen Fette.

Die Goldscheider rückte den goldenen Zwicker zurecht.

»Dein Mädel behalt ich ohnedies hier. Die Sorge nehm ich dir ab . . . Ruhe brauchst du, sagt der Doktor . . . Und trink nicht, du!« . . .

Katerine machte eine müde Handbewegung . . . Während die Portierin große, schwarz lackierte Koffer in die Zimmer schleppte, ging Olympia plaudernd, lachend und triumphierend umher und setzte sich endlich bei der Katerine nieder, die stumpf Kleider und Wäsche übereinander warf. »Halt, Parfüms laß stehen und Kammzeug auch . . . das bleibt unser.«

Um den Mund der Katerine krümmte sich ein eingesunkener und hoffnungsloser Zug, – sie versteckte ihr Elend nicht mehr, manchmal stöhnte sie und setzte sich nieder.

»Braunau, Braunau, wo das nur sein mag! Muß irgend ein rechtes Nest sein. Ja, ja. Ich wär' schon froh, wenn's mich auf so ein' Posten stellen wollt'. Aber mich laßt's ja ewig nicht los,« – sagte die Olympia voll affektierter Befriedigung und schlug die Füße übereinander. Rot und zerzaust vom Schlaf steckte die Gisi ein erstauntes Gesicht durch die Türe. – »Jeß, is wahr, Katerin, du wanderst? Na so was!« Sie trat näher, – sah die Katerine an und sagte sanft zuredend und gutmütig: »Wirst jetzt hinter ei' schönen Kredenz sitzen mit Kunstbuketter und Champanjer ausschenken. Heidi, das is was feins!« – »Na, aber in Braunau net,« sagte die Olympia hämisch.

Katerine hörte kaum, was die andern sprachen; sie schlug den Kofferdeckel krachend zu, setzte sich rittlings drauf, – legte die Flasche an den Mund und rief: »Jetzt führt's uns zum Schinder.« Aber aus dem Lachen wurde ein häßliches und bleiernes Grinsen, und die beiden andern schlichen unangenehm berührt aus dem Zimmer.

Bis zur Stunde der Abreise schlief sie dann. Es war gegen zehn Uhr nacht, als die Portierin sie weckte. Musikklänge und Stimmengewirr tönte schon aus dem Salon, sie drückte sich, in einen Spitzenschal vermummt an den heraufkommenden Gästen vorüber und holte sich aus dem Bureau die Hutschachtel und einen Schirm. Draußen regnete es in Strömen. Kein Mensch war da, von dem sie Abschied nehmen konnte . . . Nichts, nur vierzehn Jahre der Erinnerung umschwebten sie, wie hungrige, düster krächzende Raubvögel.

Sie sah nicht um sich, sie sprach kein Wort . . . Die Portierin rief: »Na, wo steckt denn jetzt 's Madel?. . . Milada«! rief sie in die Küche und eilte in den Lichthof.

Als sie mit Milada zurückkehrte, fiel der Droschkenschlag eben zu, und der Wagen setzte sich in Bewegung . . .

»Rein wie a Katz« – dachte die Portierin kopfschüttelnd, gab Milada einen verdrießlich verlegenen Stoß und schloß die Tür.

Das Schicksal der Katerine erfüllte sich unheimlich rasch. In Braunau wurde sie von dem spekulativen Varietee-, Chantant- und Barbesitzer Markus Schleicher, der sehr bald einsah, daß diese Person nicht die seinen verehrten Gästen versprochene Großstadtakquisition vorstellen konnte, an einen »Privatzirkel« verliehen, wo sie dreimal wöchentlich den abscheulichsten und niedrigsten Lastern dienstbar war. – Er vertröstete sie witzelnd: »Dabei kannst du dich schonen, mei Kind!« und räumte ihr ein kleines, unheizbares Loch im Hinterhause zum Wohnen ein. – Essen kaufte sie von den Trinkgeldern, die sie ab und zu erhielt. – »Und Kleider brauchst keine dabei« – belehrte sie der Unternehmer . . . Die Katerine tat stumpf und apathisch, was man von ihr begehrte. Fast alle übrige Zeit lag sie in ihrem Bette, eingewurstelt in ein paar flickige Kotzen, während eine mürrische Taglöhnersfrau sie bediente und mit dem Nötigsten versorgte. Nur wenn der Hunger sie zu einem Extraverdienst trieb, stand sie auf, schlumpte hinter die Türe oder legte sich lockend ans Fenster. Auf die Straße zu gehen, war ihr untersagt. Mit ihrer Gesundheit ging es noch schneller bergab, als mit ihrer Laune. Ihr Magen vermochte die derbe Kost, die ihr das Weib reichte, nicht mehr zu vertragen; unter heftigen Atemnöten erbrach sie und betäupte dann den geschwächten und nahrungsbedürftigen Organismus mit Alkohol, den sie sich in großen Mengen zuführte. Wein war ihr zu teuer geworden, sie war bei Schnaps angelangt. Nach einer geraumen Zeit liefen Klagen ein; der »Privatzirkel« beschwerte sich.

– Es sei nichts mit der Person, hieß es, die sei gerade wie ein Schwamm, immer ang'soffen . . .

»So latschet,« – sagte einer der Herren betrübt, »sie bringt kein' Schwung z'samm'. Steht und stiert. Man verlangt doch ein bissel mittun, nit?«

Der Schleicher begab sich wütend in das »Loch«, riß die Hindämmernde mit einem derben: »Sauluder, ausgefault's!« aus dem Bette, drohte ihr mit einer »Watschen«, und befahl ihr, aufmerksamer zu sein und besser zu arbeiten, sonst werde er dafür sorgen, sagte er drohend, – »daß kein Tröppel Schnaps mehr in ihre Pappen liefe. 's schönste Leben hat's, andere müssen Kohlen schleppen in der freien Zeit,« schimpfte er und warf die Türe zu.

Die Katerine faßte einen Entschluß; an den drei Tagen in der Woche, wo sie zur »Arbeit« ging, trank sie den ganzen Vormittag keinen Schnaps. Erst knapp vor der Produktion gönnte sie sich eine erkleckliche Quantität, wodurch sie sich momentan frischer und angeregter fühlte und mit dämmerndem Bewußtsein den schmutzigen Vorgängen um sich herum folgen konnte. Aber das unselige Pech der vom Schicksal Gezeichneten verfolgte sie auch diesmal. An einem Tage hatte sie des Nützlichen zuviel getan. Nackt und mit einer Kerze in der Hand fiel sie mitten in dem zersprengten Kreise der Teilnehmer hin, und eine stinkende Flüssigkeit ergoß sich aus dem Munde der Unglücklichen auf die weißen Felle, die den Boden ringsum verschwenderisch bedeckten.

Schleicher löste sein Versprechen ein. Er gab ihr ein paar kräftige Ohrfeigen, packte ihr ein mageres Bündel Kleider und Wäsche, gab ihr eine Reisekarte und eine Krone in die Hand und spedierte sie in später Nachtstunde in die Großstadt zurück, aus der sie vor drei Monaten zu ihm gekommen war. – Zur Deckung seines »Schadens« behielt er den größten Teil ihrer Garderobe, die sie von der Goldscheider mitgebracht hatte.

Es war Spätherbst und die Saison die schlechteste und unergiebigste . . . Noch ein verschlumptes, unförmiges, ziegelrot geschminktes Weib mehr, das in den Straßen der Vorstadt sich an die Männer herandrängte und mit hungrigen Augen und schmutzigen Worten bettelte.

Die Tragödie des Lasters kennt keine Varianten. Wie es sich die blühende Katerine in den Stunden des Entsetzens ausgemalt hatte, so war es wirklich gekommen. Nur ließ es ihre körperliche Schwäche nicht zu, daß sie von Wirtshaus zu Wirtshaus pilgerte, unermüdlich, bis sie jemand zusammenpackte . . . Diese Prostitution macht sich mit Essen und Trinken bezahlt, und die spärlichen Kreuzer, die mitunter erbettelt werden, gehören der Herbergsmutter, die gierig darauf lauert.

Die alte widerliche Vorstadthexe verfluchte sehr bald den »Schragen«, den ihr das Pech da in die Hände gespielt hatte. Aber sie verkannte nicht, daß die Katerine mit ihren großen schwarzumränderten Augen und dem wirren roten Haar noch ganz ganz gut nach etwas aussah, wenn man sie zurichtete. »Zerreißt eh' mehr Schuh, als 's 'd verdienst,« sagte sie geringschätzig.

So legte sie sie also in ein zweifelhaft weißes Bett, das nach grüner Seife und Bleichpulver roch, gab ihr einen Fächer in die Hand, beschüttete sie mit Parfüm und führte ihr dann die Besucher zu, – Soldaten, – Arbeiter, – halbwüchsige Jungen, – betrunkene Gesellen, die sie mit geheimnisvollen Versprechungen lockte, mit widerlichen Andeutungen von einer feinen Dame, die mal Lust hätte auf so 'nen Kerl; umsonst natürlich; für sie sei nur ein kleines Trinkgeldchen – natürlich.

Nacht für Nacht und viele Nächte hindurch lag die Katerine mit keuchendem Atem, gewaltsam aufgerissenen Augen und Armen da und wartete.

Ein stinkendes Nachtlämpchen brannte auf dem Ofensims, und die Glut des eisernen Öfchens warf gefährliche Strahlen auf das käsige Gesicht, wenn sich die Liebende erhob und den Eintretenden schnapsselig zulächelte. Immer hinfälliger wurde sie dabei, immer schwieriger wurde es der Alten, die Bettlägerige ordentlich aufzuputzen und zuzurichten für die Kunden. Eines Abends aber versagten selbst die wildesten Schimpfworte und Roheiten der Alten, sie puffte und stieß, zeterte und beschwor, sie lockte endlich mit Schnaps und schüttete ihn gewaltsam zwischen die zusammengepreßten Zähne der Katerine, aber es half nichts, die blieb regungslos, und nur unartikulierte Laute drangen zeitweilig über die Lippen . . .

Jetzt begann der Alten bange zu werden. Sie lamentierte und heulte, alarmierte die Nachbarn, schwor jedem, der es hören wollte, daß sie »'s Katerl« gehalten habe, wie ein eigenes Kind, winselte den Polizeimann an, der sehr verdächtig die Situation überblickte, vergeblich nach Papieren verlangte, und fiel endlich in die Knie vor Angst und gleichzeitiger Erleichterung, als sich die Türe hinter den Männern schloß, die mit schwer aufpolternden Schritten die Bahre davontrugen. – Die Katerine war in der Luisenstraße angelangt; vergebens suchte man dort ihre Identität zu ermitteln, ließ sie aber, da der behandelnde Arzt den Fall als hoffnungslos und kurzwierig bezeichnete, mit Fragen und Drängen bald in Ruhe. Zumeist ganz bewußtlos, verlangte sie bei auftauchender Klarheit nur zu trinken und stöhnte widerwillig, wenn ihr die Wärterin Fruchtsaft oder Milch an die Lippen brachte.

Nach etlichen Tagen wurde sie von einem frisch eingebrachten Mädchen erkannt, das kurze Zeit gemeinsam mit ihr bei der Goldscheider gewesen war.

»Die hat ja a Madel dort,« – erzählte sie. – »A so a klans Dienstmensch bei der Goldscheider. No, sauber schaut's aus, die Carmen.« Mit einem leisen Schauder wandte sich das noch jugendfrische Geschöpf von dem aufgeschwemmten Körper, den bläulichen Lippen und dem wildatmenden, keuchenden Brustkorb ab.

Die Goldscheider wurde verständigt, und schon am nächsten Tage erschien die Polifka mit Milada, die bleich und verwirrt herumsah.

»Aus 'n Rothaus sind 's da!« schrie die Wärterin. Die Katerine atmete keuchend, die Augen öffneten sich langsam . . . »Geht's her, sie is bei sich« – erklärte die Wärterin und winkte den beiden.

»No freilich sein wir's, – wir sein's, – no ja, schaun's uns an,« – sagte die Polifka und schob Milada vor sich her. – Der Mund der Katerine schnappte auf. »Jan?« – flüsterte sie fragend . . .

Milada spreizte die Finger auf der Decke und sah in das leichenhafte Gesicht. – »Die Mutter? – Nein, nur Fräulein Carmen,« – dachte sie fluchtartig, – »wie die jetzt ausschaut! Schrecklich!«

Die Portierin mahnte: »Na, sag' ihr was!« . . . Miladas Gedanken liefen wild durcheinander . . . 's Rothaus. – Die Janka. – Die Mutter. – Die da – Mutter? Immer wieder stieg das unbegreifliche Nichterkennen in ihr empor und überwand das Grauen. Ihre Kehle war zugepreßt von Angst und Schrecken. Die Mutter starb da, die schwarze Katerine. Das Spitalszimmer, die eisernen Betten, der keuchende Körper da, die Mutter starb . . .

»Mutter,« flüsterte sie.

Ganz leise, versteckt, von Sehnsucht getrieben, vom Grauen zurückgestoßen streckte sie die braune, abgearbeitete Hand aus und tippte nach den gekrümmten Fingern, aus denen Eiseskälte in ihr junges Blut stieg. Hinter ihr flüsterte die Portierin eifrig mit der Wärterin. Sie steckte ihr etwas zu, die Wärterin nickte. Jetzt schob sie das Mädchen weg und beugte sich über das Bett.

»Jetzt is nich' bei sich . . . Segen's alleweil, wenn der Atem aussetzt . . . glei', in a Weilerl« – sie stemmte sich auf den Bettrand. – »Na, na,« rief sie überlaut, – »aufpassen jetzt, na, na, na, – tot sein mer nicht. Wird sich doch freu'n mit die Gäst aus 'n Rothaus . . . Was? – Augen aufmachen! . . . So! . . . kriegst a Schnaps! . . . Segn's das Mist? . . . Da horcht's auf.« –

Die Katerine öffnete die Augen und sah herum.

»Vom Rothaus sind's da!« . . . Schrie die Wärterin, schob einen Arm unter ihren Polster und hob sie.

»Janka!« – flüsterte die Kranke wieder . . . »Narrisch is 's . . . alleweil führt's die im Mund . . . Also in Gottes Namen. Tu unterschreiben, damit die da im Rothaus bleiben soll. . .« – Unterschreiben – hörst!« Sie legte ein Papier auf und gab ihr den Stift in die Hand . . . »A bissel früher hätt's leicht kommen können,« murmelte sie dabei und sah sich ängstlich um.

In die Augen der Katerine stieg ein Verstehen auf.

»Jan,« keuchte sie, »nit – nit – viel schlimm is 's.«

Die Wärterin legte ihr den Stift in die Hand und schloß ihre Faust darüber.

»Unterschreiben!« – drängte sie – »da hat's die Janka gut.«

Die Katerine wehrte sich. – Sie stieß das Papier weg und den Arm der Wärterin, die sie festhielt.

»Kommt's her!« – rief die – »zeigt's ihr's Mädel!«

Die Portierin trat ein: . . . »Fräulein Carmen!« – rief sie – »i bin's, die Polifka; no freilich – die Polifka – geltns, das Mädel soll bei uns bleiben . . . 's Mädel.«

»'s Mädel,« flüsterte die Katerine, dann wiederholte sie noch einmal: »'s Mädel!« – Ein leichtes Lächeln erhellte das Gesicht, willig ließ sie sich die Finger zur Unterschrift führen. – »Jetzt geht's, geht's,« drängte die Wärterin, »wenn der Herr Doktor kommt, d' erwisch ich's.« . . . Unbeweglich lag die Katerine.

Der eigentümliche Zug um den Mund, der beinahe einem Lächeln glich, umspielte noch im Zustande der Agonie ihren Mund.

. . . Die Wärterin stand auf dem Gange und plauschte mit einer zweiten. – Es war Mitternacht. – Die sieben andern Kranken schlummerten in ihren Betten, und die Katerine wälzte sich in Todesnöten. . . . Der Schweiß stand klebrig auf ihrer Stirne, und die Zunge bewegte sich schwer in sinnlosem, leisem Geplauder . . . Türen wurden auf und zugeschlagen, hin und wieder kam ein Arzt, warf einen Blick auf das Bett und befahl der geschäftig hinzueilenden Wärterin: »Milch einträufeln!« Ohne sich an den Befehl zu kehren, schob die Frau wieder auf den Gang hinaus und setzte ihr Gespräch fort . . . Gegen ein Uhr kam der Portier herauf. »Ob a Bett frei is auf XXV fragt der Doktor Rössler. – Es ist telephoniert worden – gleich bringen's eine 'rauf!« – »No das weiß er eh', daß i 's besetzt hab'. – All's –« – »Aber der Rössler mant – es könnt' eins frei sein heroben.« – »I bin oben un' sö san unten, aber wissen tuns alles besser.«

Aber sie entschloß sich doch hineinzuschauen und fand die Katerine im Erkalten. – Mund und Augen waren gespenstisch von Todesunruh aufgerissen, aber der Körper lag still im tiefsten Frieden.

Unter Streitreden und Widerworten hüllten sie den Leichnam in ein Tuch und trugen ihn hinunter in die Kammer, wo Doktor Rössler die Totenschau vornahm. – Er befahl, das freigewordene Bett sofort zu überziehen, da ein neuer Fall gekommen sei . . .


Bei der Goldscheider ging es indes lustig zu. Wieder war eine Saison glänzend abgelaufen. Da gab's eine Menge frischer, junger, eleganter Mädchen, temperamentvoll und mit angenehmem Witz, – freigebige Herren, die voll Interesse und Lachen mittaten, im Keller teuere Weine und im Salon ein feines Klavier mit Silberton, das der Herr Musikprofessor meisterlich behandelte. In freundlicher Stimmung und bei guten Einnahmen gab er eine Extraration »Klassik«, wie er stolz verkündete. – Ja, man konnte jetzt das »Gebet der Jungfrau« oder »Isoldens Liebestod« in diesen Räumen hören, und das war immerhin etwas wert.

Zweimal wöchentlich kam der Arzt ins Haus und untersuchte die Mädchen. Erkrankte wurden unverzüglich weggeschafft, und wenn die Herren Ärzte Gesichter schnitten und meinten, der Fall sei unbedenklich und Hauspflege genüge, die Goldscheider bestand auf ihrem Recht und brachte die Kranken immer unter; kamen sie ausgeheilt zurück, gingen sie schnell in andere Häuser, meist aber nach der Provinz ab, mit der sie stets einen lebhaften Tauschverkehr unterhielt. Die Madame ließ ein Mädchen nie gerne im Hause weilen, das von ihr aus auf AII, wie die Abteilung der Prostituierten auf der Klinik hieß, befördert worden war.

Freilich konnte die Goldscheider nur selten die Fräulein verwenden, die ihr zum Tausch zurückgeschickt wurden. Aber hier zeigte sich Theobald Sucher auf seinem Posten, und auch Carlotta, die sich jetzt zur untertänigsten Dienerin verwandelt hatte, schuf jedesmal Rat. Beide hatten eine enorme Bekanntschaft unter den Besitzern von Tingeltangeln, Weinstuben, Schaubühnen, öffentlichen und geheimen Bordellen und trieben geradezu Massenverwertung von verwelkenden, durch die Prostitution zugrunde gehenden Geschöpfen. – Carlotta sammelte sie bei der Goldscheider ein und verschaffte ihr als Gegenwert junges Material, das sie mit Vorliebe bei kleinbürgerlichen Tanzunterhaltungen und in Gasthäusern einfing; sie erschien dort mit der Moosmann, einer kleinen, grotesk häßlichen, aber zu allem verwendbaren Näherin, die die Goldscheider aus ihrem ehemaligen Geschäfte mitgenommen hatte. Selbstverständlich ging es in den meisten Fällen nicht an, diese angelockten und gewonnenen Mädchen gleich zu kasernieren. Da gab es solche, die tagsüber in den verschiedensten, freilich schlecht bezahlten Stellungen tätig waren, wie Gouvernanten, Empfangsdamen, Modistinnen, eine gewisse Sorte schicker Ladenfräuleins und Kassiererinnen, kleine unerfahrene Handarbeiterinnen, die von der Goldscheider für halbe Nächte engagiert wurden und den Reingewinn mit ihr zu teilen hatten . . . Carlotta empfahl ihr auch verheiratete Frauen – die berüchtigten Frauen von Reisenden und Agenten, aber dieses Angebot lehnte die Goldscheider entschieden ab. – Die andern aber, zumeist alleinstehende Geschöpfe, zahlten im Salon für das Verzehrte die Gästepreise und kamen immer noch mit einem leidlichen Überschusse davon. – Sie kamen niemals aufs Geratewohl, sondern wurden von der Goldscheider zu gewissen Gelegenheiten verständigt, wenn sie vor jeder Überraschung gesichert war. Trotzdem klopfte die vorsichtige Frau bei Sucher an, und der gefällige Beamte verschaffte ihr dutzendweise Kontrollbücher, die sie in Aufbewahrung hielt.

Noch eine letzte sichere Quelle hatte sich die Goldscheider eröffnet, aus der sie ohne Gefahr Mädchen beziehen konnte, die sie in die Schule nahm, erzog und ausbeutete. Das waren die öffentlichen Gebäranstalten und Krankenhäuser. Sie unterhielt freundliche und gut bezahlte Beziehungen mit den Portiers und den Wärterinnen und konnte mit Sicherheit darauf rechnen, daß es ihr mitgeteilt würde, sobald etwas für sie Passendes eingegangen war.

Sozial entwertete und von widerwärtigen Schicksalen zerzauste Geschöpfe waren es zumeist, denen das Weiterleben wie eine Last erschien und die begehrlich und glückshungrig die Schilderungen und Verheißungen eines sorgenlosen Lebens in sich aufnahmen. Den Wärterinnen floß es honigsüß von den Lippen, wie herrlich dort alles sei; wie wunderfein und voll Vergnügen die Tage dort verfließen. Auf einen derart geebneten Weg kam dann die Goldscheider und räumte den letzten Widerstand mit resoluter Hand hinweg, das heißt, sie versorgte das Kind bei einer der Landweiber, die alltäglich anrückten und es war klar, daß die meisten herzlich froh waren, die drückendste Last vom Halse zu haben. Für sie alle war die Mutterschaft das grausame Erwachen nach einem leichtfertigen genußfrohen Sinnentraum. Da lagen in den mit grobem grauen Leinen überbreiteten Eisenbetten Stundenlehrerinnen neben Dienstmädchen, Handwerkerfrauen neben Bürgerstöchtern, die die Provinz verstoßen hatte, – und ganz unreife, vierzehn bis sechzehnjährige Proletarierkinder, die grau und abgezehrt in ihren Betten lagen, froh, daß sich ein Dach über ihrem Elend wölbte. Bei solchen und ähnlichen Geschäftsfahrten mußte Milada die gnädige Frau begleiten; sie saß neben dem Kutscher und beaufsichtigte das magere Gepäck, das die Angeworbene mit sich führte. Aus dem Innern des Wagens hörte sie anfänglich immer noch Gezeter und Geheul, aber die Goldscheider sprach mit freundlicher Ruhe darüber hinweg, so daß, wenn man bei der Carlotta oder im Rothause ankam, die Augen der »Frischen« begehrlich aufleuchteten. Diese ganz direkte und unleugbare Gravitation der Goldscheider nach Mitteltypen, die noch immer zwischen dem anständigen Mädchen und der bezahlten Dirne sich behaupten mochten, gaben dem Salon seine Eigenart und gewisse Nuancen, die in den Kreisen der Lebewelt Aufsehen erregten.

Es war ein Etablissement der Liebe, in dem der reguläre Dirnentypus beinahe durchgängig fehlte.

Mit gefährlicher Planmäßigkeit brach die Goldscheider räuberisch in die Reihen der Bourgeoisie ein und schlug Breschen, wo immer sie eine Lücke oder Schwäche in der Organisation entdecken mochte. Und wahrhaftig, sie fand deren viele.

Da die Besitzerin des Rothauses all das junge Menschenmaterial, das auf diese Weise in ihren Händen zusammenkam, in ihrem und Carlottas Geschäfte nicht unterzubringen vermochte, verfiel sie auf den Gedanken, damit zu spekulieren, und wie alles, was diese geniale Frau anpackte, gelang auch dieses auf die ausgezeichnetste Weise.

Es entwickelte sich in ihren Händen ein groß angelegter Mädchenhandel, der sehr bald allen europäischen Interessenten bekannt und von ihnen in Anspruch genommen wurde. Dieses letzte Unternehmen bildete nun die Hauptquelle, aus der das rasch sich anhäufende Vermögen der Goldscheider stammte. Sie vermochte das Rothaus in dem vornehm originellen Stile weiterzuführen, dessen Aufrechterhaltung immerhin kostspielig war.

Dafür empfand sie eine geheime Genugtuung darin, daß sich jetzt häufig zu den Stammgästen auch Aristokraten, Fremde, Globetrotter und Schriftsteller von Rufe mischten, die den Salon als Merkwürdigkeit in seiner Art betrachteten. Manche unter ihnen ließen sich sogar in weitläufige Gespräche mit ihr ein und folgten interessiert den Ausführungen der praktischen Frau. Zu jener Zeit trug sie sich mit mancherlei Ideen und ehrgeizigen Plänen; sie wollte zubauen, ein paar intime klubähnliche Räume mit Zeitschriften und Billards, ebenso wie eines der modernen Cabarets eröffnen, aber die Vielbeschäftigte, deren Interesse an zu viele Punkte gebunden war, fand keine Zeit zur Ausführung. Doch auch ohne derartige Reorganisationen fühlten sich die Insassinnen des Rothauses zufrieden genug. Es gab keine Streitigkeiten und keine Klagen, man sah Geld, behielt es eine Weile und konnte fröhlich das junge Leben genießen. Ja, solange sie jung und froh waren, gesund und ergiebig, umgab die Goldscheider ihre Fräulein mit allem Komfort und mit jeglichem Behagen. Es war eine der größten und bestausgenützten Klugheiten der Goldscheider, daß sie niemals im einzelnen und kleinen ihre Machtvollkommenheit zuungunsten der Besiegten ausnützte. Nur mit dem großen sozialen Unrecht, das schwarz geflügelt über den Tiefen des Lebens schwebt, verband sie sich und triumphierte in seiner Gemeinschaft. 


Unterdessen war Milada, das kleine Hausmädchen, in die Höhe geschossen. Ihre schlanke und biegsame Mädchenfigur wäre vielleicht zu besserer Geltung gekommen, hätte sie nicht in den dürftigen und zipfigen Kleidern gesteckt, die die Moosmann aus den verbrauchten der andern für sie zurecht schneiderte. Die schweren, braunen Zöpfe, weit verschieden von dem eigenwilligen roten Haargekräusel der Katerine, waren schlicht geflochten und plump in ihrer Fülle um den Hinterkopf gewunden. Aber die Augen wachten; diese lebendig sprühenden, die mit merkwürdigem Bewußtsein Menschen und Dinge um sich herum festhielten und in ihrem fahlen Glanze dem Nebel glichen, wenn ihn die Sonne zu durchleuchten beginnt. Das Mädchen lief treppauf, treppab, schlüpfte in den Zimmern aus und ein, räumte, bediente, ließ sich anplaudern und wurde das mißbrauchte Sprachrohr für alle Geheimnisse, Klatschereien und die kleinlichen boshaften Intrigen, die hier mehr als in jeder andern Gemeinschaft der Menschen ihre wenig erhebende Rolle spielen. So lebte sie mitten unter diesen bunten gaukelnden Schmetterlingen, wie eine kleine unscheinbare Raupe dahin, die niemandem auffiel und um die sich niemand bekümmerte. Flink und ohne zu verweilen bediente sie im Salon, sorgte für die Bedürfnisse der Gäste und kannte bald deren Wünsche und besondere Neigungen; sie frisierte die Fräulein, kleidete sie an, – kochte Kaffee, überwachte Silber und Porzellan und wußte stets von allem und den Aufenthalt jedes Dinges in jedem Winkel des Hauses; sie verstand es, Brötchen auf eine besondere und appetitliche Weise zu garnieren. Das alles schien so natürlich. Wozu war denn Milada da? Nur ein Mensch kontrollierte diese Verwendbarkeit, das war die Madame. Sie hatte für das Mädchen kaum einen Gruß, nie ein anerkennendes Wort; aber es verschwamm ihr nicht mit den andern Gestalten in einem drehenden, lärmenden Wirbel. Die Goldscheider sah sie. Und über Miladas ganzem künftigem Leben schwebte die Bedeutsamkeit dieses Umstandes . . .

Sie räumte in den Zimmern und hörte erstaunt den Fräulein, die zusammensaßen und miteinander schwatzten, zu.

»I mag gar net ausdenken, wie's amal mit mir sein wird. 's kommt eh' allemal schlechter,« sagte die eine und die andere antwortete: »Ja, ja, so oder so, hinwerden muß der Mensch. Nachher gehn mir wenigstens lustig z'grund.« – Milada wunderte sich. Warum sprachen sie denn so? – Sie, – die das Glück hatten, bei der Goldscheider zu sein! Wie anders klangen dagegen die Worte, die die Madame den neu Eintretenden zu sagen pflegte: »Man muß nicht ohne Geld und ohne Mut dastehen, wenn man aus meinem Hause geht. Spart und seid schlau! Dann kommt Ihr vorwärts.«

Wie oft hatte Milada das gehört! Und oft geprüft, an eigenen Wahrnehmungen gehärtet, wurden diese Worte das erste Gesetz, das sich über den Nihilismus der jungen Seele zur vollen Geltung erhob.

Sie aber besaß mehr, als diese eine Sicherheit: »Wer ins Rothaus kommt, gilt etwas. Wer von hier geht und Geld mitnimmt, dem steht die ganze Welt offen.« Und wie sich aus allen Dingen, an die wir innig zu glauben vermögen, die Seele aufbaut und ihre Kräfte entwickelt, so ersetzte ihr auch der Stolz auf dieses Haus, auf seinen Ruf und seine Geltung den Bürgersinn und das Familiengefühl, die unserer frühen Jugend der Boden einer vielfach verzweigten Gemütsbildung werden.

Kraftvoll und reich veranlagt mußte diese Seele sein, daß sie aus der ärmlichsten und dürftigsten Nahrung noch Stärke und Wärme saugen konnte. Milada war sich stolz bewußt, daß das Rothaus, in dem sie geboren war und lebte, auf der höchsten Stufe seiner Entwicklung stand. Nirgend in allen umgebenden Häusern, in keinem der Geschäfte, von denen man sprach, gab es so schöne, liebe Mädchen und eine so tadellose Bedienung, wie hier. Das hatte sie zu oft von Gästen und Agenten rühmen gehört. »Es lohnt sich,« sagte einmal ein Herr zum andern, »bloß wegen der Madame herzukommen.«

Ja die Goldscheider! Der Name hatte guten Klang in der Branche. Wie oft kamen Gäste, oder auch fremde Agenten, kauften Mädchen auf und nahmen sie mit sich. Was die Goldscheider bei sich hält, hat »Schick«, sagten sie. »Schick und Glück«, seufzte die Olympia ihnen nach. Aber was half das! Die meisten mußten später doch in Häusern wie »Excelsior« oder »La belle Francaise« oder zur Zimmermann unterkriechen. Sie trieben halt viel zu viel Luderei mit dem Gelde, achteten es nicht und warfen es für allerlei Zeug hinaus. Sie tranken, rauchten, spielten Lotterie, schafften sich haufenweise teuere Kleider an, die sie nachher verschlumpten. Und die Moosmann schmeichelte recht und verlockte sie noch dazu. Ja freilich, da wurde die Rechnung immer größer, der Weg hinaus immer steiler. Mutter hatte auch gesoffen und genascht und niemals Geld gehalten. Aber sie, Milada, oh nein! So elend wollte sie doch nicht hinunterkommen, ganz gewiß nicht. Untergehn wollte sie nicht. Etwas Rechtes und Tüchtiges wollte sie werden, daß alle im Rothause, sogar die Frau Goldscheider, auf sie stolz werden mußten. Wenn sie zusah, – oh, da merkte sie wohl, wie gar viele aus dem Rothause hinauskamen in das Leben. So wie jetzt die Anka Balling, die der junge Graf Laurin mitgenommen hatte. Ballett hatte er sie lernen lassen, und nun tanzte sie unter vielen Lichtern in silbernem Kleide umher. Sogar in der Zeitung schrieb man von ihr. Ja, wenn es ihr so gelang! Freilich die Anka war schön, und sie, die Milada, war es nicht . . .

Tag und Nacht behütete und bedachte das kleine, graue Hausmädchen seine Zukunft, wennschon ihre ganze Zeit mit Arbeiten überlastet war. Sie liebte die Arbeit. Von einer Beschäftigung zur andern spannen sich ihre einsamen Gedanken fort; zum Stillesitzen hätte sie gar nicht getaugt. Fest sich rühren, das war ihr Element. Viel Unordnung wegräumen, mit aufgekrempelten Ärmeln in alle Unordnung fahren, und jedes Ding fein säuberlich an seinen Platz stellen, – dabei wurde ihr wohl! Wie die Fräulein, stundenlang im Bette liegen, mit offenen Augen, und den Fliegen nachgucken, das konnte sie gar nicht begreifen. Freilich arbeiteten die in der Nacht, während sie selbst feste schlief. – »Es macht sie halt auch müde,« dachte sie. »Wenn ich einmal dort oben bin im Salon, geht es mir gerade so.« Sie wußte, daß es dazu kommen mußte, die Goldscheider hatte es ihr beim Tode der Mutter versprochen; und was die versprach, das hielt sie. Doch das Ausspinnen ihrer Träume, das Tasten und Horchen in die Zukunft glich keineswegs den geflügelten Wünschen anderer Menschenkinder. Sie waren an eine strenge, seltsam ernste Wahrscheinlichkeit gebunden, und ihre Phantasie umkleidete in ängstlicher Gewissenhaftigkeit nur die Tatsachen, die sich aus dem Leben, das sie umgab, zu ihr gesellten. Aus einem Erfahrungsschatze, der von elend Gestrauchelten, von Sterbenden und Toten, von müden Leibern und zerbrochenen Seelen berichtete, lernte dieses Kind und baute sich Stufen in die Zukunft empor. Daß die Verachtung der Masse wie ein Felsen über ihrem jungen Ich lehnte, es zu zermalmen drohte, wenn es willkürlich die Flügel rührte, das ahnte sie noch nicht; in völliger Unkenntnis solcher Gefahr glitt das Kind der Katerine ins Mädchenalter hinüber. Sie sparte fürsorglich Kreuzer für Kreuzer, sammelte sie in ein Kistchen, freute sich am Klange des Geldes und streichelte – wie oft – liebevoll ein paar Silberlinge, die sich aus der stumpfen Masse des Kupfers hervorhoben . . . Sie wollte nicht untergehen, nein, nein! – Sie wollte nicht krank und elend bei der Zimmermann oder im Excelsior landen. Und darum liebte Milada das Geld. Es sollte ihr helfen. Dieses nüchterne Kind der Straße setzte auch in seinen Träumen nicht mutwillig über ansteigende Hindernisse hinweg. Es mühte sich, sie zu erfassen und ihnen zu begegnen. In dieser Arbeit wurden die Lippen verschwiegen, schmal und bedenklich, und den lebendigen Strahl der Augen umflorte jene tastende Vorsicht, die Gefahr von ferne wittert und ihr gerüstet steht. –

»Frau Polifka,« fragte Milada eines Sonntagnachmittags, als beide in der gescheuerten Küche saßen, während es im Hause und auf der Straße schlafend still und friedlich war, – »Frau Polifka, was werden's anfangen, wenn's amal von hier fortkommen werden?«

Die Portierin fuhr auf: »Ich? – Von da? – Wegkommen? – Hast du was gehört?«

»I nein,« beteuerte Milada. »Ka Wort net – Aber weil's ja doch nicht ewig da sitzen können. – Nicht?« –

»Wär' mir auch leid! Mein Alter spitzt auf 'n Portier am Egerer Bahnhof, wo er a Maschinenwärter is – Nachher,« sie seufzte auf, »bin i a schon g'nua unter die Fremden gewest.« –

»No und dann?«

Die Polifka sah sie groß an.

»No, wenn's alle zwei nix mehr arbeiten wöllt's,« erklärte Milada, »wo werdt's denn ihr die, schöne Ruh' haben?« – Die Vierzehnjährige machte alte sorgende Augen, indem sie diese Lieblingsworte des Fräuleins Olympia gebrauchte.

Die Polifka antwortete: »Auf die Pfründ gehn wir, der Alte und ich. Aber net vielleicht Armenpfründ. – Unsereins kann scho' auf die Zahlabteilung gehen. – Nachher, wenn'st a brav's Madel bleibst, kannst zu mir in a Garten kommen.«

Milada sah vor sich hin . . . »Garten«, wiederholte sie unsicher, – »wissen's es sein ganz gewiß, daß a Garten dort is?«

»No freili so – zum Beispiel mein Alten sei Tant' is drin, die führt ein Herrgottsleben. – A Fensterteil hat's! – Die, die was zahlen können, habn's natürli' noblichter. – Was sei Tant' is, die is gar a Stubenmutter. Alle tun's ihr handschlecken und schöntun. Alle Weil kriegt's an extra Batzen drauf. No, und Stubenmutter werd' i a natürlich werden.«

Sie legte die Hände in den Schoß und blinzelte zufrieden in die Zukunft.

»Frau Polifka, kann da a jeds 'neinkommen?«

»I wär' mir recht!« – Die Polifka setzte sich in Positur. – »Geld muß ma' habn, dafür heißt's Zahlabteilung. Und zuständig muß man sein. – Das sein die zwei obersten Paragraphen. – Und nachher auch noch unbescholten,« – sie machte eine Handbewegung nach oben, – »für so a' Glumpert is a Armenhaus.« – Sie schwieg, auch Milada sagte nichts mehr . . . Plötzlich hatte sie den Weg aus der engen Straße gefunden. Sie führte ihre Gedanken in einem Garten spazieren . . . Einem großen geräumigen Garten mit Kastanienbäumen und Bänken, gerade so wie der Garten des Soldatenspitals, in dem man aus dem Gangfenster gucken konnte. Bis dahin! – Da war man schon recht alt und müde und wollte gar nichts mehr, nicht hübscher sein, als die anderen und lustiger und eleganter. Gerade wie in den Fräuleinzimmern mußte so ein Fensterteil aussehen; da gibt es weiße dünne Vorhänge und dahinter, vom Licht besonnt, steht das Bett. So war das »selige Ende«. Etwas besseres mochte das Fräulein Olympia auch nicht meinen, wenn sie davon sprach. Das Kind wog und erwog diesen Gedanken. Konnte sie das Ziel erreichen? Zuständig mußte man sein, sagte die Polifka. Das war sie wohl. – Geld! Sie seufzte auf, – ja das brauchte man immer. Das gehörte immer zum »Obenbleiben«, zum guten Anfang und zum seligen Ende. Zu allem! Dafür mußte sie sorgen, solange sie jung und fesch war und Chancen hatte. –

Aber unbescholten? – War sie unbescholten? Was hieß denn das? – Sie zergliederte die Silben, fand aber keinen Sinn heraus und gab es seufzend auf.

Ehe sie an diesem Tage schlafen ging, faßte sie die Polifka schmeichlerisch um und leuchtete ihr mit den großen grauen Augen ins Gesicht.

»Polifka? – Werd'n wir mal zu Ihrer Tant' schauen? Soviel gern möcht' ich mich umgucken, wie 's auf einer Pfründ' is. Ja?«

Und ohne erst Antwort abzuwarten, ein lebendiges Funkeln und Blitzen in den Augen, auf Wange und Stirne, schoß sie davon.

»Schaut's einer das Mensch,« – murmelte die Polifka, dann aber lächelte sie geschmeichelt und versank in freundliche Gedanken.


Zehn schöne Fräulein logierten jetzt im Rothaus. Unter dem Regimente der Frau Goldscheider gefiel es ihnen sehr wohl, sie bekamen zu den reichlichen Trinkgeldern einen kleinen prozentuellen Anteil der Zimmergelder, über die die Goldscheider gewissenhaft Buch führte und den sie keiner Scheidenden jemals vorenthielt. Das mußte man sagen: Dreckig ging es im Rothaus nicht zu. Wagenfahrten wurden nicht aufgerechnet, Theater und Zirkus auch nicht, wenn man einmal hinging. Das leistete die Goldscheider aus der eigenen Tasche. So was stach freilich ab. Die Angela, eine wunderschöne siebzehnjährige Italienerin, war zwei Tage bei der Zimmermann gewesen und davon gelaufen, nachdem sie beinahe ihre ganze Barschaft dort gelassen hatte. Sie erzählte Schauermären aus dieser Winkelwirtschaft. Frühstück kostete gleich einen Gulden, Service am Morgen, Bad, Frisur, Nagelpflege zwei Gulden. Ein Etui mit Seife, Puder, Schminke und Parfüms zwanzig Gulden. Und so fort, da war ja noch besser allein wohnen.

»Ja,« seufzte eine andere »in der Stadt war's schon recht, aber da kriegt ma' halt kein Zimmer aus freier Hand vermietet, und sitzt man fest, gleich geht's Blechen an. Hausmeisterin, Inspektor, Polizeileute, Nachbarschaft, bis 's stad sind. Nachher kannst erst vierzehntägig rausfliegen.«

Die Lulu Wollner, ein schlankes, schwarzhaariges Mädchen mit verträumten Madonnenaugen, bestätigte lachend, daß sie einmal in einem Monat zehnmal wandern mußte, von einem Haus ins andere, bloß weil sie ein evangelischer Pastor überall ausspionierte, verpetzte und jagte, da, wie er bei der Polizei vorbrachte, »seine kleinen Madeln auf dera Straßen alle Abend aus der Schul' kommen.« Ja so was gab's auch. »'s Schönste is doch, wenn eins in ein Kaffeehaus sitzt wie meine Freundin, die Poldl. Der geht's in Berlin doch famos. Sie is in ein Bar und hat ein Verhältnis, der was ihr fürs Kind dreißigtausend Mark angelegt hat.«

Angela hob die Hände abwehrend und sagte in gebrochenem Deutsch: »Ik 'ab durchg'fress' das auch. Bar!!! Alls, alls nix wert. Verflixte Polizz' laßt nix los.«

Darüber einigten sie sich alle. Die Polizei saß ihnen wie der Satan auf dem Rücken und spuckte in jede Suppe. . Blieb einer Geld schuldig und randalierte noch dazu auf der Straße, so wurde das Mädel angeschnauzt, und wenn sie auf ihrem Recht bestehen wollte, dann packte der Polizist sie am Arm, schob sie ins Haus und verbot der Portierin, sie noch einmal hinauszulassen. Gab es eine Streitsache mit der Wirtin, so behielt die Recht, um was immer es sich handelte; sie kannte die Spitzeln, vertrug sich mit ihnen, schmierte sie mit dem sauer verdienten Gelde ihrer Mieterinnen, und so fort ging 's . . . Nein, das Alleinsein taugte zu nichts. Ewige Laufereien gab's, anmelden, abmelden und jede Weile sollte man zum »Alten« hinauf. No, wie der einen erst ansah und ausfragte! Gar die Geschenke mußte man ihm hinaufbringen, – was man von den Gästen bekam, Ringe oder Armbänder und Blusen. Hinterher kamen wieder die Männer und schimpften. Man wußte nicht, wem recht tun. Ja, wer Glück hatte und so 'nen feschen splendiden Kerl für sich kriegte, der nicht erst kundschaftete und heikel war. Der sich sein Mädel forsch aufs Zimmer nahm und sie warm hielt. Ja, wem so was glückte! Lulu erzählte mit leuchtenden Augen von einem jungen Offizier, mit dem sie voriges Jahr in Bruck zusammen kampiert hatte.

»Ganz nah am freien Feld in ein' klein' Häuserl hab' ich beim Fenster g'sessen und alle Abend auf ihn gepaßt . . . Je, war das süß! So ein goldenes Bubi!«

Die Angela warf die Arme in die Höhe . . . »Offizier??? Alle nix wert! Nur nix mit die mach'. – Ich mach' nix mit ein' Offizier . . . Nich' für so viel mal« – sie spreizte die zehn Finger – »goldenes Geld.«

Die Angela war eine Triesterin und ihren Eltern im Alter von vierzehn Jahren mit einem Weinagenten durchgegangen.

In der Großstadt trieb sie sich, bald verlassen, nacheinander als Kindermädchen, Modell und zuletzt als Animierhebe in Nachtkaffeehäusern herum. Dann hatte sie mit Offizieren verkehrt und manche Erinnerung davongetragen. Schließlich kam sie in einem berüchtigten Tingeltangel unter, wo sie unzüchtige Gesten mit ihrer kleinen Krähstimme begleitete; hier wurde sie, als sie im Verein mit zwei Männern unerfahrene Gäste nach der Produktion zu Hazardspielen verleitete, von Sucher abgefaßt und von dem »Alten« trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen auf vierzehn Tage ins Loch gesteckt.

Als sie herauskam, wurde sie großmütig bei der Carlotta engagiert. Auch im Geschäfte der findigen, auf Gewinnst erpichten Italienerin hatte sich im Lauf dieser Jahre eine Wandlung vollzogen. Das Lokal war durch etliche in elegantem Stil gehaltene Separees erweitert; ein Quartett produzierte sich in der großen Gästestube, während sich im Schankraume ein Büfett befand, das die verführerischsten Leckerbissen zur Schau stellte. Drei elegante, in schwarze Seide gekleidete Fräulein bedienten hier, während vier anderen mit herausfordernden Frisuren und Toiletten die Fürsorge über die Separees oblag, wo ausschließlich Champagner verschenkt wurde.

Angela war weder klug, noch temperamentvoll: aber sie gefiel doch sehr und hauptsächlich, weil sie einen gewissen nicht einstudierten Augenniederschlag bewahrt hatte und ein leises weibliches Zurückweichen, wenn es sich um Dinge handelte, die ihr mißfielen.

Und noch eine Tugend besaß sie, die aber der Carlotta sehr wider den Strich ging. Weder durch Geld noch durch Aushungern war sie zu bewegen, mit Offizieren zu verkehren. Ja, sie verschwand, wenn man sie dazu zwingen wollte, und verbarg sich heulend in einem Winkel der Wohnung mit so angstvollen Augen und Gebärden, daß die Italienerin wohl oder übel davon absehen mußte.

Ein junger splendider Bourgeoissohn, durch so viele Vorzüge gerührt, begann sich damals für das schöne hilflose Mädchen lebhaft zu interessieren. Da er überdies geschätzter Stammgast in dem Lokale war, nahm er nach etlichen reichlichen Champagnergelagen das Mädchen aus dem Hause, – was die Carlotta um so eher gewährte, als sie wußte, Angela würde in absehbarer Zeit wieder zu ihr zurückkommen müssen. Nach einem vierzehntägigen Ausflug nach Berlin brachte er sie auf ihr flehentliches Bitten, – da sie sich unter Tränen weigerte, zur Carlotta zurückzukehren, – bei der Goldscheider unter.

Hier behagte ihr die Ruhe und der faule Leichtsinn ihrer Gesellinnen und sie schauderte manchmal, wenn sie an gewisse Stationen ihres Lebens zurückdachte. – »Nur kein' Offizier anrühren,« war der oberste Grundsatz ihrer bösen Erfahrungen geblieben, »ich tu mit kein' nix mehr mach', gar nix, nix« . . .


Geld ist wie Branntwein in ihren Händen,« sagte die Goldscheider zu Horner, – »nie sind die Mädels so untraitabel, als wenn sie Geld in den Händen haben. Damit bekommen sie ein Gefühl der Macht und das berauscht sie.«

»Na du – und deine Eule, – übrigens ›Goldscheider-Minerva‹ ist keine üble Idee, – ihr sorgt schon dafür, daß es nicht lang in ihren Händen bleibt.«

»Könnt's auch nicht brauchen, – ich will grad' keine Hunde aus ihnen machen, denn wo Hundegefühl ist, sind gleich blanke Zähne, aber die jungen Herren mit ihrer Erlösermanie richten mir auch manchmal die schönsten Dummheiten an.«

»Deine spekulative Menschenliebe hat mir immer imponiert. Du bist überhaupt das erste Wesen, dem ich eine Art fühlendes Hirn zusprechen möchte.«. . .

»Und ich sage dir, Horner, wenn ich mein Leben, das heißt alle meine künftigen Jahre nach dem Geschäfte einrichten wollte, ich könnte schier etwas draus machen, aber so . . . hinter mir mag's krachen!«

Ein faunisches Lächeln umspielte seinen Mund. – »Du mein Leben, – was gedenkst du denn noch mit deiner jungen Herrlichkeit anzufangen, wenn dir das da über ist?« sagte er lauernd.

Sie blinzelte ihn belustigt an. »Seit du keinen Alkohol mehr verträgst, Horner, sind alle bösen Geister wach und rutschen dir aus dem Schädel auf die Zunge. Besoffen warst du beinahe umgänglicher.«

»Ich weiß,« – höhnte er, – »du bist eine sentimentale Jüdin, liebst die gebrochenen Herzen anderer, wehmütige Nachtigallenlieder und Schundromane, wo die süße Unschuld zum Schlusse triumphiert und das Laster krepiert. – Alles, was du im Leben nicht brauchen kannst. – Wirst du vielleicht katholisch?«

Sie erkannte hinter seinen Schmähungen die alte gespenstische Unruhe, die ihn immer packte, wenn er irgendwo in seiner Nähe einen Willen witterte.

»Ich trenne gottlob mein gutes Geschäft von meiner schlechten Person,« – sagte sie lachend, »denn mich will ich noch genießen.«

»Ich hätte mir's denken können,« – polterte er gereizt los – »ich hätte dir nicht zureden sollen. Hätte dich stecken lassen sollen, wo du warst! In alten Kleidern! Du hast keinen Schwung in dir! Das Jüdische hält dich nieder. – Dir Griechenland beibringen! – Vergebliche Arbeit! – – Judäa siegt und der selige David behält Recht! – Es ist ja klar, Fichte und Spinoza vorgekaut bekommen, Jahre hindurch, das verträgt kein Hirn, ohne daß sich seine Spiralen aufdrehen.« – –

Sie kramte eine Weile in ihren Papieren, gab der eintretenden Olympia eine Weisung, musterte einen hellblauen Stoff, den die Moosmann zu Schlafröcken verschnitt, – bezeichnete mit ihrem Fingernagel die Modelle im Modeblatt und wandte sich dann wieder an Horner, der zusammengesunken dasaß und mit gläsernen Augen vor sich hinglotzte.

»Bedank' dich, Horner, – ich bin endlich, endlich auf die Wahrheit deiner Worte gekommen. Du hast mich immer Egoistin genannt. Nie hab ich's geglaubt und geglaubt, wer weiß, wie unrecht mir dein Urteil tut. Gerade damals hatte ich mich doch so hundemäßig den andern geopfert. Für die gottselige Mutter, für die Kinder, – dem Vater und dem ganzen faulen Aaszeug in unserem Hause aufgeholfen. – Dann geheiratet, – und wieder gerackert. Erst meine alte bissige Schwiegerfeindin ins Jenseits serviert. – Im Geschäfte geschuftet, – Leute besucht – Kinder bedient, bis mir David so krank geworden ist. Davids Pflege war nicht leicht, Horner, – er sah den Tod vor sich und ich mußte dazu lachen . . . Nicht leicht, nicht leicht . . . Damals, Horner, hab' ich mich für furchtbar gut und selbstlos gehalten. – Du aber hast mich schon erkannt; hast tiefer gesehen. – Eine Gefühlsegoistin hast du mich genannt. Heute weiß ich, daß es wahr ist. Ich hab' sie totgepflegt, alle, alle – für mich. Ich hab' ihnen Gutes getan, mit der ganzen Gründlichkeit, aber das Unerhörte ist das: nicht ein Tüpferl wirkliches Interesse, Herzweh oder Gedanken habe ich für die alle gehabt. Die gottselige Mutter mitgenommen. Sie waren mir alle, alle fremd. Meine Hände können dienen und rackern; fühlen, wünschen kann ich nur für mich und mein Kind, für Alma Luzie lebe ich noch! Kann euch nicht helfen . . . Und was mir die Jahre da bringen, gehört ihr.« Sie stand auf. –

»Schneid' keine Grimassen, Horner! – Gibst mich ja ohnedies schon lange auf . . . Sein Vorteil, ihr Vorteil – was ist mir das? . . . Ich, – für mich – da halte ich mit, – – durch den Dreck auch.«

»Meine liebe Elise, – daß du drin bist, ist ja richtig mein Verdienst; daß du heraus kommst,« – – er lächelte giftig.

»Keine Sorge, Horner, ich zieh' mich am Schopfe heraus. – – Das hat schon einmal ein anderer vor mir getroffen. – Wie?«

»Apage, – Jüdin!« – sagte er kalt und machte eine Handbewegung, die sie verwerfen sollte.

»Möglich! Unsere Art kennt keine Spekulation auf Zeit. – Möglich, daß dies jüdisch ist. Aber die Rasse ist halt zu oft betrogen worden. – Kein Wunder, Horner! Bar geben und bar nehmen! Wir lieben uns und unsere Brut, sonst nichts auf der Welt.« – –


Seltsam und kraus war der Weg, der diese schlaue Frau auf die Höhe ihres Lebens gebracht hatte.

Ihre Kinderjahre waren in trübseligster Not verflossen; aus einem schmalwangigen, vernachlässigten Judenkinde hatte sich ein vollsaftiges, sentimentales Mädchen entwickelt, voll Sehnsucht nach Männerliebe und erotischen Zärtlichkeiten. In einer zweikammerigen Kellerwohnung hauste sie mit ihrem Vater Jonas Chajm Küche, sechs Geschwistern und ebensoviel Bettgehern. Die Pflege der lungenkranken Mutter, die Wartung der kleinen Kinder, die Besorgung der Wirtschaft ruhten einzig auf ihren jungen Schultern, und die sechzehnjährige Elise empfand es wie ein hohes unverdientes Glück, als sich der junge Bocher und Tempelschreiber David Goldscheider mit sanften Worten und freundlicher Teilnahme in ihr geplagtes, bis dahin so sonnenloses Leben einführte. Er erschien ihr besser und von höherer Art, als alle die Männer, die sie umgaben; der Vater und die Zimmerherren – lauter Galizier – lagen ungewaschen, unordentlich gekleidet von früh bis abend auf Strohsäcken oder Holzkisten umher, kauten Zwiebeln zu gesalzenem Brot, leierten mit lauter, singender Stimme ihre Gebete oder gaben einander im Jargon pfiffige Fragen auf, über die sie dann herstürzten, wie hungrige Raben, in deren Mitte ein Stück Fleisch niederfällt. Keiner von diesen starken, gesunden Männern arbeitete. Wenn die Kreuzer im Hause knapp wurden, dann stand einer oder der andere schläfrig und verdrossen auf und kroch die Kellertreppe empor. Wie eine Eule schüttelte er sich auf der Straße und schlürfte auf ein Geschäft aus. Aber am liebsten hockten sie doch den ganzen Tag zusammen und warteten auf Nissim (das ist: Wunder). In dem Milieu der Familie Küche erschien David Goldscheider als Gelehrter, dem ein Ruf in talmudischen Kreisen voranging, und als hochgeehrter Gast. Er war klein und unscheinbar, von gelblicher Gesichtsfarbe; ein blondes, kleines Bärtchen zog sich spärlich unter dem Kinn bis zu den Schläfen empor. Das war ja gewißlich nicht die Art, die der schlanken rothaarigen Elise absonderlich gefiel. – Ihre Gedanken waren vielmehr auf die eleganten, hochgewachsenen »Grabenmänner« gerichtet, denen sie auf ihren Wegen durch die Stadt begegnete. So einer hätte ihr gepaßt. Aber ein armes Judenmädel, das mußte überall zugreifen. David war schließlich der erste, der den süßen Duft der Liebe in ihr muffiges Leben brachte. –

Das früh entwickelte Geschöpf brachte ihm viel Verständnis entgegen, – Lust und Aufmunterung. Es freute sie und gewährte ihr eine seltsam prickelnde Befriedigung, das Blut in Davids Wangen schießen zu sehen, wenn sie ihren Körper an den seinen lehnte. – – Sie griff nach seinen kalten Fingerspitzen, die ängstlich um ihre dünne Bluse krochen, und legte sie schmeichlerisch in ihre Hände, – so daß die Worte in seinem Munde unsicher stolperten und in einem Seufzer verklangen. Was aber David in des Mädchens Augen wirklich und besonders auszeichnete und über die Männer ihrer Umgebung hob, das war seine Herkunft und sein regelmäßiger Verdienst.

Seine Mutter – Judes Goldscheider – war der ganzen Gegend bekannt. Sie hatte einen kleinen Trödelladen durch eisernen Fleiß und zähe Ausdauer zu einem gutgehenden Kleider-, Leih- und Kaufetablissement erweitert. – Eine robuste, zähe und in allen orthodoxen Vorurteilen befangene Frau war sie, die ihre Hausleute in finsterer Zucht hielt und den einzigen Sohn, ihr Schmerzenskind, vergötterte. Daß er nicht ins Geschäft taugte, zu fein, zu zart, zu gebildet war, – das machte zugleich ihren Stolz und ihren Gram aus.

»Es wird einheiraten ä Schwiegertochter,« sagte sie seufzend zu ihren Bekannten, – »de werd' haben ihn und a fertiges Geschäft, – Fraden liegen auf ihr.« . . .

Obwohl die alte Frau den Sohn über die Maßen liebte, hätte sie doch ein faules Dahindämmern niemals geduldet. Als er von dem dreijährigen Studium bei dem Merene Row Wolf Schlojme Aschkenasy in Preßburg übermüdet und schwach zurückgekommen war, da hatte sie ihm sofort eine Schreiberstellung verschafft, deren bescheidenes Einkommen allsonntäglich in den Taschen seines langen schwarzen Rockes klimperte und der Familie Küche sehr imponierte . . . Sie fühlten sich überhaupt nicht wenig geehrt, daß so ein »geruhter« Mann mit ihnen verkehrte, und die graubraunen Hasenaugen sämtlicher Küches rollten demütig nach oben, sooft sie der Judes Goldscheider begegneten, die die Freunde ihres Sohnes geringschätzig musterte. Elise war einmal bei ihr gewesen, um alte Kleider für die Kinder in Empfang zu nehmen, und hatte mit großen Augen in diese neue, feine, stille Welt gestarrt, wo es keine Seufzer und keine Sorgen gab, kein Krankengestöhn, Kinderunruhe und beißenden Zwiebelgeruch. Was war es dort schön! Schwere eichene Möbel, braunsamtene Sessel, silberne Leuchter, »gewichtig, – nit hoh!«, und vor allem der geheimnisvolle, mit goldenen Stoffen verhängte Thorakasten, der das feiertägige Silber und Davids teuere Bücher verschloß.

Die alte Frau mit den merkwürdigen, starren Augäpfeln musterte sie eine Weile scharf und sagte dann: »A Haus voll gesunde Leut' und keiner regt sich zur Arbeit. An zwei Kreuzer, was du dir verdienst, is mehr Broche als an ä geschenkt' Guldenstück. Merk' dir, gebenscht sind die Hände, die sich alles allein machen . . . Nimm für dei Mutter nebbich den Wein mit!«

Was Davids Mutter gesprochen hatte, schlief nicht in Elisens Ohren. – Sie fühlte wohl einen gehässigen, ja feindlichen Unterton in diesen Worten klingen, aber die kraftvolle, nütze Art der Alten sprach zu ihr wie etwas ihr tief innerlich Verwandtes. Als sie wieder nach Hause kam, erschien ihr alles noch finsterer, häßlicher und unerträglicher. Die Mutter stöhnte und hielt an ihrer Brust den kleinen Jainkef, der von Zeit zu Zeit zornig aufwimmerte und die leere Brust wegstieß . . . Das vierzehnjährige Blümchen kochte einen Mehlbrei und schalt auf die kleinen Brüder, die ihre schmutzigen Finger in die süßliche, klebrige Speise steckten. Und nebenan hockten die Männer und schwatzten und kauten an ihren Zwiebeln, wobei sie einander Geschichten erzählten oder mit halblauter Stimme hebräische Lieder sangen.

Der Vater war am Bahnhof, fing Mieter ein, und denjenigen, die er bei sich nicht unterbrachte, so erfinderisch er auch in der Einteilung war, verschaffte er billige und ähnliche Quartiere wie bei sich . . . Solche Hilfe war von den polnischen und russischen Auswanderern sehr geschätzt, und das kleine Trinkgeld, das er dafür nahm, blieb sein Verdienst. Dabei unterhielt sich der kleine, bewegliche Mann mit den glänzenden Augen und dem mit Silberfäden durchzogenen, braunen Bart aufs angeregteste, ließ sich die Schicksale der einzelnen erzählen, ihre Hoffnungen und Aussichten, ließ es nicht an Ratschlägen und Winken fehlen, gab sogar Adressen und zählte die Namen der Wohltäter her, von denen eine milde Gabe zu erwarten war, und lud die Fremden schließlich zu sich auf »ä Plausch« ein. Maul und Beine gingen ihm unermüdlich, und doch konnte er sich nicht entschließen, sie in den Dienst eines Berufes zu stellen. Die einfachsten Geschäfte, die ihm seine zahlreichen Gönner und Wohltäter an die Hand gaben, scheiterten an seinen talmudisch zugespitzten Begriffen von Samstagsruhe, Gebetstunden und Speisepflichten, und da er seine Bettgeher und Freunde in diesem Sinne stark beeinflußte und in die bedürfnisloseste Untätigkeit hineintrieb, – so lebte diese ganze Schar kräftiger Leute von Spenden und Geschenken, die zeitweilig von Wohltätigen in den Keller hinuntergesandt wurden.

Als sich David warm an die Familie Küche anzuschließen begann, lichtete sich für diese ein wenig das Dunkel der Not. Im Verkehre mit ihm geriet Elise plötzlich in den Bereich einer feinen, romantischen und phantasiebegabten Natur, die Ideen und Probleme barg, welche ihr bisher fremd und fern gestanden waren, wie der besternte Himmel. David war unbekümmert und harmonisch, er hatte keinen großen Ehrgeiz und litt nicht an unmöglichen Wünschen. Was er verlangte, bot ihm sein Leben reichlich. – Und darum war er so gut.

Wenn ihm Elise klagte und die stumpfe Not ihres Lebens beschrieb, fragt David unbekümmert: »Wie is das möglich? – Wie kann das sein? – Wie kann man nur so leben?« Oder er zog rasch ein Buch aus der Tasche und begann ihr vorzulesen. – Einen Roman, in dem freie, kühne Menschen Heldentaten vollbringen, oder süße Gedichte von Mondschein und Veilchenkosen, oder die mystische Philosophie eines Orientalen, die jede Hoffnungslosigkeit wie mit liebenden Armen umfängt. – Dann röteten sich auch ihre Wangen, das Gesicht veränderte sich, wurde weicher und kindlicher, und wenn der Hauch ihres Mundes näher glitt, seine blonden, krausen Barthaare fegte, fühlte sie, wie sein Körper erzitterte und die magere Hand nach der ihren griff. – In solchen Momenten freute sie sich ihrer Macht, hemmte die aufsteigenden Lustgefühle nicht und vergaß gerne ihr Elend.

Aber es wurde immer ärger und schwerer. Im Hause fehlte es gar oft an Milch für die Kinder und die Kranke, – sie kauten Brot. – Die Federbetten wurden versetzt, – die silberne Uhr von Chajm, ein Erbstück seiner Väter ging mit.

David konnte nicht helfen; seine Mutter hatte scharfe Worte gesprochen; und wie er es ansah, sie hatte recht.

»Geschnorrtes Geld fällt in ä löchrige Tasch',« sagte sie.

David sagte: »Elise, könnt' dein Vater nicht doch zu einem Geschäft kommen? Es möcht' sich manches besser schicken.« – Und nach einer Weile schnell, um den Eindruck seiner Worte zu verwischen: »Da, die Mutter schickt euch Würste.« Und zagend schob er ein Paket in den Schoß der Tiefbekümmerten.

Und endlich brach die verkümmerte Willenskraft des in Versonnenheit und Elend hinbrütenden Mädchens durch. Sie schob das Buch weg, das David seufzend aufblätterte, und sagte: »Les' nicht, David, heut' werden wir's bereden. David, sag' ihr, wir brauchen nix mehr zu schnorren, net von ihr und net von de anderen. Es muß anders werden bei uns, sonst« – sie atmete tief – »geschieht ein Unglück.«

Ja, und jetzt kam wirklich die Wende.

Mit einem Ruck riß das Mädchen den Kreis Menschen aus ihrer stumpfen Untätigkeit empor. Sie wurde ihre Lenkerin und Herrin. – Sie befahl. – Sie erteilte Aufträge. – Sie drängte ihnen mit brutalem Zwang Tätigkeit auf. Sie lief noch einmal bettelnd und bittend Chajms Gönner durch, und solche, die sich bereits von den vergeblichen Hilfeleistungen ermüdet zurückgezogen hatten, versprachen wieder und halfen aufs neue. Denn sie forderte nicht Geld oder alte Kleider, nein, Arbeit, Arbeit für die Männer und die heranwachsenden Geschwister. – Alle alten Geschäftsversuche wurden neu belebt und aufgenommen.

Ein Kastanienbratofen, der in einer Ecke rostete, kam in Tätigkeit und wurde dem ältesten der Knaben anvertraut. Andere übernahmen die Frühstücksversorgung für die Angestellten in ein paar koscheren Warenhäusern, ein dritter hausierte mit »Jahrzeittabellen« und Erinnerungsbüchern, die unterdessen in einer Kiste verstaubt waren. – Die Bedienung der Kranken, die ärmliche Wirtschaft übernahm die zweitälteste, das Blümchen – und Elise jagte von Haus zu Haus, von Geschäft zu Geschäft, und sammelte Arbeitsaufträge ein.

»Lieber Herr, unsere Leut' machen alles, Zettel austeilen, Päcke austragen, – Auskünfte einholen, Adressen schreiben, was Sie nur haben . . . Vergessen Se nich uns. – Wir sind bedürftig.« – Geld wehrte sie ab: »Nein, nein, werter Herr, Geschäfte geben Sie uns!« Und sie wiederholte die Adresse und das Anliegen wieder, und die Leute gewannen Interesse und Mitleid für das rothaarige Judenmädchen, um dessen Mund ein scharfer harter Zug lag.

Sie hetzte die Burschen und stampfte mit den Füßen, kreischte wie eine Katze, wenn sich einer widersetzte. Sie machte ihnen das Leben und Sitzen im Hause ungemütlich, sie verdarb ihnen mit keifenden Worten die faule Laune. – Wenn sie aber am Abend heimkamen und das verdiente Geld auf den Tisch warfen, da strahlte ihr Gesicht, – sie lud sie zum Sitzen ein, bediente sie, lachte mit ihnen und fragte sie angeregt nach ihren Erlebnissen aus. . . Aber das Geld glitt in ihre Hände . . . Und sie schloß die Faust darüber.

»Se macht mich meschugge,« stöhnte der alte Chajm wohl hundertmal des Tages; denn ihm hatte sie einen Galopinposten verschafft, und er stand vor der Börse und notierte Kurse und lief damit von Kunde zu Kunde. Die Beschäftigung sagte seinem ruhelosen Temperament im Grunde zu, denn er haßte die Beständigkeit. – Aber – es raubte ihm soviel Zeit . . . Unterdessen kamen die Züge aus Kiew, Warschau, Tarnopol, brachten »Jüden über Jüden«, und er stand da und notierte. – Aber Elise lockte ihn mit süßen Worten und noch süßeren Speisen.

»Wenn sie sehen, du schaffst, schaffen sie auch. – Immer laufen sie hinter dir her, weißt du doch.« Und dann pries sie die Zwiebelsauce und die Wecken, die am Abend zu Tische kommen sollten:

»Und wie das schmeckt, wenn man 'n Brösele was geschafft hat.« – Und mit ähnlichen Dingen lockte sie auch die Burschen zur Tätigkeit . . . »Man kann sich 'n bissel Fleisch gönnen, 'n Weißfisch in Öl und ›Barches‹ für Schabbes. Und ordentliche Karten kriegt's ihr zum Spielen.« – Und wie es besser ging, kaufte sie dem einen eine Sportmütze, die er sich schon lange gewünscht hatte, dem andern eine kurze Pfeife, dem dritten den grünseidenen Beutel für die Gebetriemen. – Sie lockte wieder Bedürfnisse und Wünsche in diese von spekulativen Spielereien ausgehöhlten Gemüter und gab ihnen die so sehr notwendige Freude am Kleinen und Erreichbaren zurück.

Aber immer klimperte noch ein übriges Geld durch ihre schlanken, von der harten Arbeit kaum entstellten Hände. Sorge um den kommenden Tag durfte es nicht mehr geben. Und in gar nicht langer Zeit wurde das arge Elend in der Kellerwohnung von einer Behaglichkeit übersonnt, an der jeder der Inwohner seinen gebührenden Anteil hatte. Menschenwürdig war ja das Dasein noch immer nicht, ohne Pflege lag die Schwindsüchtige, ohne einen Strahl Sonne zu genießen, kauerten die kleinen Würmer am Boden, aber sie hatten wenigstens Brot genug, bekamen gesüßte Milch und damit rundete eine satte Zufriedenheit, ein Leuchten des Glücks beinahe, die spitzen Gesichter. – Ja, es schien, als hätte sich Elises Sinn in allem verändert.

Statt wie früher in bloßem Hindämmern Davids Erzählungen oder seinen Büchern zu lauschen, forderte sie ihn jetzt auf, sie in Deutsch, Rechnen und Buchhaltung zu unterweisen. Sehr zu seinem Bedauern mußte er der Drängenden nachgeben. »David, es wird mir gutkommen, – und sitzt man einmal im Geschäft, ist es zu spät, zu lernen,« sagte sie bedeutsam. – So saßen sie manchen Abend, während die anderen im Nebenraume schwelgten und schmatzten, um eine mit weißem Papier bedeckte Kiste und lernten, während die Seufzer der Mutter gepreßt und hohl zu ihnen drangen.

Elise war keine der heißen und begierigen Schülerinnen, die den Stoff verschlingen und immer nach mehr fahnden. Sie suchte Weniges in seiner Tiefe zu fassen. Sie war ungemein gründlich, und was sie begriff, haftete wohl für alle Zeiten.

»Das und das und das muß ich können,« sagte sie und teilte sich das tägliche Pensum ein, wie sie den anderen die Arbeit teilte. »Ein bissel Briefe schreiben auch und vor allem rechnen, gut rechnen.«

Es bestand ein stilles geheimes Übereinkommen zwischen den beiden, obwohl David noch kein bindendes Wort gesprochen hatte.

Oft, wenn er nervös und erregt schließen wollte, hielt ihn Elise fest: »David, noch die paar Beispiele abrechnen, dann kann ich die ganze Art. Und Sonntag, David, gehen wir dafür ins Theater. – Aber für mei' Geld,« fügte sie stolz hinzu.

Ja, Elise hat große Macht über ihn gewonnen und so fest hing er an diesem Geschöpfe, daß seine Mutter, die ihn mit allen Mitteln loszureißen versuchte, endlich verzweifelt nachzugeben begann. David bat um nichts, er forderte nichts, aber er aß nicht mehr, er schlief schlecht, erwachte schweißbedeckt und legte sich mit Kopfschmerzen nieder.

Der alte Doktor Robitschek schüttelte den Kopf. – – »Schaffen Sie Rat, Judes!« sagte er ernst.

»Doktorleben,« jammerte sie, – »ein Kind und so e' Kind und auf diese Weis' drum kommen.« – »Ist denn das Mädel so arg? Wie ich David kenn' . . . .«

Die Alte zuckte mit den Achseln: – »Red't er denn? Spricht er mit seiner Mutter? Ich weiß nur, sie sind Schnorrer und arbeitsscheue Leut'. – Doktorleben, aus Brotmehl backt man sei Leben nur Brot. Wie kann das in unsere Familie passen?« Aber das sah das Mutterauge, Rat mußte geschaffen werden. – Nach einer stürmischen Unterredung mit ihrem Sohne, wo sie ihm unter Tränen schwor, daß sie nie, nie nachgeben werde, zog Judes das schwarze Seidenkleid an und die uralte Zobeljacke, – und holte Elise aus der Kellerwohnung in ihr Haus. Sie prüfte mit ihren starren, entzündeten Augen eifersüchtig und erregt das bleiche, schmalkantige Gesicht, die roten Haare, den dünnen gepreßten Mund und verwunderte sich.

Zu ihrer blinden Freundin Esther Schwarzer sagte sie nachher: »Wenn Sie sie sehen könnten, Esther, nicht mit zehntausend Gulden hätten Ihre Händ sie für David ausgeklaubt. – Aber ich geb' mir den Schlag über die Brieftasche und sog' ja.«

»Gut tun Sie, mein Kind,« – sagte bedächtig die Blinde. Doch eine feste unumstößliche Bedingung knüpfte die alte Frau an ihr Jawort. Die Familie Küche mußte nach Galizien zurück.

Und da sich sämtliche Beteiligten gern einverstanden erklärten, wurde Chajm samt den Seinen noch vor der Hochzeit, mit Geld und nicht mißzuverstehenden Abschiedsworten versehen, in ihre Heimat geschafft.

Dann hielten die beiden Hochzeit.

Das »Praktikantl« und das »Fräulein« wurden entlassen und an ihrer Stelle arbeitete die junge Frau.

Sehr bald erkannte Judes die Verwendbarkeit der Schwiegertochter und verwertete ihre Vorzüge aufs ausgiebigste. – Und Elise fügte sich. Nicht als ob in ihrer Entwicklung ein Stillstand eingetreten oder ihre kaum erwachte Selbständigkeit gebrochen wäre, nein, aber wie zu Boden gehalten fühlte sich ihre Seele mitten in dieser von selbstverständlicher Wohlhabenheit erfüllten Luft. Da gab es Dinge, die ihr gehörten, Dinge, die sie mit scheuer Ehrfurcht betrachtete, ehe sie sich ihrer bediente. Wäsche, – reine, feine Hemden mit Spitzen, die in roten Stichen ihren Namen trugen. Und ein Kleid für den Laden, eines für die Straße und ein schwarzseidenes für die Samstage.

Mit David, der vor Glück strahlte, hatte sie den Alkoven inne, und Judes schlief nebenan in der guten Stube . . . Sie schlief auf einem schmalen, harten, dickbauchigen Samtsofa, und wie sehr der Sohn bat und Elise drängte, – die Alte blieb hartnäckig bei ihrem Willen. »Hast du dir nich' gedenkt, wie du geheiratet hast: Wo werd die Mutter schlafen?« – sagte sie bloß zu David.

Langsam nur, ganz langsam schwand das Unfaßbare und machte der Gewöhnung Platz. – Immer aber blieb Elisen ein Gefühl des Respektes und der ehrfürchtigen Dankbarkeit gegen ihre Schwiegermutter, gegen die harten, gelben Hände, die das alles geschaffen und zusammengetragen hatten. Sie arbeitete und rackerte unverdrossen, pflegte die Frau, als sie nach einer schweren Bauchfellentzündung an Wassersucht hinkränkelte. Sie ertrug die Launen, die Vorwürfe, die Böswilligkeiten der unzufriedenen, niemals ausgesöhnten Mutter.

»Sie gebt mir Gift, mein Kind, sie will mich los sein, – glaub' mir, ich täusch' mich nicht, nicht anrühren soll man an de Roten« – flüsterte sie David zu, während Elise ruhig die Medizin mischte und ihrem Mann, der mit tränenden Augen die Mutter stützte, zulächelte.

»Ich hab' se aus 'n Dreck gezogen, ich hab' ehr 's erste Hemd angezegt,« jammerte die Kranke ihre Gäste an, und wenn diese sie auf das fleißige und pflichteifrige Walten der Schwiegertochter lenken wollten, wehrte sie mit den geschwollenen Händen ab: – »Ich werd' Ihne' was sagen. Se arbeit' ja, – gut, aber für wem? – Für mich? – Was hab' ich davon? – Versorgt sie mei künftig Leben oder ihr's? – Was ich benötig, haben meine Hände geschafft. Bis auf mei Sterbezeug hab' ich mir alles vorbereitet. – Seit se im Haus is, – fragen Se sie, hat se schon einmal mich umgenommen und gesagt: »Nebbich!« – Fragen Se sie! . . . Und ihn? Wie heißt lieb? Haben diese Augen schon gesehen, daß se is wie a Frau mit ihm? Und so a Mann! . . . Gott is gerecht, – glauben Sie mir, – se tragt ka' Kind aus.«

Kurze Zeit nach ihrer Ehe hatte sich Elise wohl guter Hoffnung gefühlt. Aber eine Kiste mit Kleidern, die sie aus dem Magazine ins Geschäft schleppte, brachte sie darum. Sie hatte sich sehr gekränkt und heimlich viel geweint und geklagt, und um sie abzulenken, war David auf den Gedanken gekommen, sie wieder zu unterrichten wie einst. Aber das Rechnen interessierte sie nicht mehr, und mit der Algebra wußte sie vollends nichts anzufangen.

Zu Deutsch, sagte sie damals, und ein bissel Naturgeschichte hätte sie schon Lust.

Und obwohl die Alte gehörig über die »Narrischkaten« herfiel, das setzte David doch für seine bildungshungrige Frau durch, und Elise bekam ihren Lehrer, der sie zweimal wöchentlich unterrichten sollte. Dies war zugleich ein alter Kunde des Goldscheiderschen Geschäftes – »ä Gottesleugner und Tanzmaster«, – wie die alte Frau wegwerfend sagte, – der absolvierte Philosoph und emeritierte Gymnasial-Supplent Arnold Egidy Horner. – Mit der ganzen psychischen Überlegenheit einer verbrauchten Natur trat er der rothaarigen und – wie er kalkulierte – gewiß unbefriedigten Judenfrau entgegen.

Er warf sich in die Brust, sagte gerne »wir Germanen«, trug Normalwäsche und ging dem zottigen Wachhund ängstlich aus dem Wege . . . Auch an Frau Judes drückte er sich gern vorbei. – Sie habe eine verfluchte Manier, durch die dicksten Hosenstoffe hindurch, sagte er, Geld und andere minderwertigen Dinge abzuschätzen.

»Es ist merkwürdig,« sagte er von Elise, »sie ist nicht begabt, sie faßt schwer. Aber sitzt es fest, dann auf einmal quillt es in ihrem Schädel auf, entwickelt sich selbständig, schießt nach allen Seiten aus, und aus einer Idee, einer Vorstellung wachsen ihr Hunderte. – Schwerer Eingang, guter Boden.« – Er stieß David in die Seite und grinste faunisch. Der aber verstand ihn nicht und grinste nur aus Höflichkeit mit.

Aus den bedungenen zweimal wöchentlich wurde bald eine tägliche Stunde, heimlich und lispelnd im Alkoven gegeben, den David standhaft verteidigte, wenn die Alte lärmend dazwischen fahren wollte. – Als diese dann später ans Bett gefesselt war, mußte sie freilich dem verhaßten »Kemedispiel« ohnmächtig zusehen. Weit mehr noch als David suchte Elise dem Argwohn und Unmut der Alten jede Reizung und Ursache zu entziehen. – Sie verbarg ihre Bücher den spähenden Blicken, sie sprach niemals von den Lehrstunden, Horner mußte die Schuhe ausziehen, wenn er kam, und die Stimmen senkten sich zum Geflüster, – bis die rasselnden Atemzüge der Alten Schlaf verrieten.

»Sklavensinn,« schimpfte Horner, der immer voll Rebellionen steckt, die andere auszuführen hatten.

Aber Elise sah ihn mit ihren kalten grauen Augen an. –

»Ihr gehört das alles. Sie ist die Frau, – bis zum Schlusse soll sie es so haben, wie sie will.« Dann blickte David wohl von seinem Buche auf und dankte ihr mit sanften Lächeln.

Ein ironisches Herabziehen ihrer Mundwinkel, das angeboren und nicht bewußt war, verführte Horner lange Zeit. Er meinte sie zu seinen alkoholtollen Ideen-Debauchen und zu manchem andern noch herüberziehen zu können. – Äußerlich und innerlich, sagte er, wolle er sie frei von Zahlenwerten und Rücksichten machen; dann erst sei sie der richtige Kamerad für ihn, – dann könne sie seine Entzückungen teilen und das Ziel erreichen, wo die Fahnen eines neuen und individuellen Glückes flattern. Sie mußte sich geistig sehr anstrengen, um seinen sprunghaften immer wieder vom Weg abschweifenden Philosophien nachzulaufen: das ermüdete sie oft.

Aber an gewissen Punkten blieb sie hartmäulig stehen; ihr Zurückbleiben merkte er nicht gleich. Er erhitzte sich an dem Gefühle, eine Jüngerin gefunden zu haben, und führte seine aus anormalen Instinkten geborenen Spekulationen lustig und luftig spazieren. Viel später erst wurde ihm klar, daß ihr nüchternes, unsinnliches Temperament ihn auf solch spukhaften Ideenritten nie begleitet hatte. Als er es völlig begriff, störte ihn diese Erkenntnis nicht mehr. Auch ihr schlanker, milchig weißer Körper, der ihm in den ersten Jahren ihrer Bekanntschaft Störung und Erregung genug bereitet hatte, verlor die Wirkung auf seine Sinne.

In demselben Jahr, als sich Judes Goldscheider zum Sterben herrichtete, gebar Elise ein Mädchen, das von der Alten den Namen Miriam erhielt und ein kostbares Perlenhalsband mit dem Bedeuten, daß niemand es tragen dürfe als sie, – und erst von dem Tage an, wo sie mit ihrem künftigen Gatten unter einem jüdischen Trauhimmel stehen würde – Die Alte hielt das Kind in den zitternden Händen, und indem sie mit greisenhaftem Eigensinne das weiße spitzige Gesicht, die roten Härchen übersah, herzte sie es und sagte: »Ganz David.« – Elise lächelte. Sie nannte ihr Kind Alma Lucie und duldete nicht, daß es nach dem Tode der Alten anders als so gerufen wurde. –

Mit allem Luxus, den sie für sich niemals in Anspruch genommen hätte, wurde das kleine Mädchen umgeben. Es bekam ein blaugestrichenes Zimmer, weiße Möbel und eine christliche Bedienung. Sie wollte nicht, daß es die düstern hebräischen Gebete und Märchen zu hören bekäme.

David, der Schwache, Willenlose, sah all dem zu. Immer kränklicher und müder, wie er wurde, hatte er die Schreiberstelle längst aufgegeben und saß nun über seine Bücher gebeugt, tagaus, tagein, oder er schrieb seiner Frau die Briefe, für die sie keine Zeit finden konnte. – Alles ging guter Wege. Das Geschäft blühte unter der Leitung der jungen Frau . . . David war beinah vollkommen glücklich. – Nur eins störte ihn und entsetzte manchmal seine fromme und sanftmütige Seele:

Sein Kind war ihm fremd. – – Das sein Kind? – Auf Zehenspitzen ging er manchmal in das Zimmer, wo die Christin in weißer Schürze saß und das kleine Mädchen beaufsichtigte . . .

»Papa,« – sagte es und streckte ihm artig ein Händchen hin. Wenn er es rufen sollte, kamen die fremden graziösen Silben schwer von seinen Lippen: »Alma Lucie«. Er fürchtete sich beinahe vor dem Kinde.

»Wie soll das werden,« dachte er manchmal bekümmert, »wenn sich das Kind einmal für seinen Vater schämt?« Im schwarzen langen Rocke und mit den Löckchen, gerade wie er war . . . Ob das gut ist? Ob das ein Segen ist? Aber er sprach mit Elise kein Wort darüber, obwohl es ihn grämte, wie sonst nichts auf der Welt.

Elise lief aus dem Magazine, aus dem Geschäfte, wo sie eben ging und stand, in das Kinderzimmer mit fliegenden Haaren und erhitztem Gesichte, schwenkte ihr Kind hoch, jauchzte mit ihm und lief wieder glückstrahlend davon. Wie sonnte sie sich in Alma Lucies kindlicher Süße. Wie entzückt war sie von dem rosigen, runden, blütenreinen Körper. Sie umgab ihre Tochter mit allem Hellen und Frohen, das sie selbst nie gekannt hatte.

Das Schicksal schützte Davids Seele vor einem künftigen Konflikte.

Alma Lucie patschte noch in den Kinderschuhen herum, als er sich influenzöser Erkältung wegen niederlegte, von der er sich nicht mehr erhob.

Monatelang dauerte sein Siechtum. – Elise pflegte ihn treu und gewissenhaft, sie duldete nicht, obwohl der alte Doktor Robitschek dringend zu einer Wärterin riet, daß eine fremde Hand seinen Körper berührte.

Das Kind durfte nicht mehr ins Zimmer kommen, die Mutter fürchtete die Ansteckung. Auch damit war er zufrieden.

An einem Frühlingsmittag starb er. Noch am Morgen hatte er wie gewöhnlich seine Gebete verrichtet. Elise kam und roch nach zarter Mandelseife, die schwarze Schürze war bestaubt mit Reismehl und Kamillen.

»Wir haben,« erzählte sie heiter, »Almas Haare gewaschen. Mit Kamillen, damit sie nicht so rot werden, wie die Mama sie hat.«

»Was du mit dem Kind vor hast!« – seufzte er, »erzieh' dir nur keine Gojte an ihr!«

Sie kniff die Augen ein. »David, David!« drohte sie lächelnd.

»Wie du willst,« murmelte er, »es ist doch nur ein Mädel, – zu Gutem,« – fügte er still hinzu.

Sie deckte ihn zu, legte ihm die Klingel in die Hand und ging ins Geschäft hinunter. Ja, und gegen elf Uhr lief sie hinauf, um nachzusehen, denn die elektrische Klingel schellte jäh und anhaltend, schellte noch, als sie bei dem Bette stand, wo sie ihn zusammengekauert fand, von Todesschweiß überdeckt. Die Klingel schellte fort in seiner erstarrenden Faust und machte sie halb wahnsinnig. Eine Lungenblutung hatte seinem Leben ein Ende gemacht.

Sechs Monate darauf wurde Alma Lucie evangelisch, und die Goldscheider folgte einem harten Entschlusse, indem sie das sechsjährige Kind in einem renommierten Dresdener Institut unterbrachte. Der englische Luxus der Erziehung überstieg beinahe ihre Verhältnisse. Aber nachdem sie einmal das Milieu der Goethestraße in sich aufgenommen hatte, wurde es fester Entschluß, daß Alma ihr Jugendleben hier verbringen sollte. Nie wieder sollte sie in das von Alter und Schmutz gebräunte Kleiderlager zurückkehren, in dem ihre Mutter schuftete und feilschte. Nie das durch engste gesellschaftliche Grenzen abgesperrte Ghettomädchen werden, das man mühselig von »Beschau zu Beschau« schleppte, bis es sich einen Mann ergatterte, der sie im besten Falle mitten in eine Kleinbürgermisere setzte. Für die Mutter gab es nur eines, dieses zu verhindern, – arbeiten, arbeiten.

In Dresden kannte niemand sie, niemand wußte von ihr und ihrem bisherigen Treiben. Dort war sie nur Alma-Lucilies little mother. Zweimal des Jahres fuhr sie hin und kam immer wieder entzückt von dem Aussehen und Wesen ihrer einzigen zurück. Oh, dieses schlanke, feine Geschöpfchen, das die ganze romantische Versunkenheit des Vaters in den grauen Strahlenaugen der Mutter trug. Ja, dieses Kind paßte nur in die stille vornehme Goethestraße, in das Haus voll von Bildern, Statuen und von Menschen, die fein, graziös und lachend waren, wie sie selbst.

Das Rothaus trug weit mehr, als sie in einer langen Reihe bester Jahre ihrem Handel abgerungen hätte.

Und wenn sie das Geschäft einmal übergab, war es wiederum ein Vermögen wert. Da schlug sie ein! Der kaum geahnte Glanz einer künftigen Zeit verdichtete sich zu einer strahlenden Sonne, die langsam am Horizonte aufzudämmern begann. Horner spottete und schüttete die Lauge seines Witzes über ihre Zukunft aus.

Aber er hatte unrecht zu spotten. Die Goldscheider fühlte sich noch in der Vollkraft des Lebens und fühlte sich stark genug, aus seinen Tiefen zu reinem Genießen emporzusteigen. Theater, Musik! – Neues Leben!

Gar oft in dem Taumel und Weindunst des mit Lachen und Lärmen angefüllten Salons stiegen diese Bilder vor ihr auf, und ihre aufmerksamen kalten Augen füllten sich mit einem feuchten Scheine, der um die Häupter ihrer lustigen Fräuleins ein Strahlenkränzlein schloß. – Aber sie hütete ihr Geheimnis, hütete es vor jedermann, hütete es ängstlich vor Horner, dem Kronzeugen ihrer Vergangenheit. – In diese Zukunft sollte die zynische Laune des alten Freundes nicht greifen dürfen, wie sehr er auch die Fühler ausstreckte, schnüffelte und bohrte. Allein stehen mußte sie, losgelöst von allen.

In nimmermüder Arbeit, in stetem Ichentsagen baute sich dann zwischen dem reinen Kinde und dieser Welt die Brücke, die sie allein zu überschreiten das Recht hatte, – nur sie – die Mutter. –



Dritter Teil

Der Philosoph



Motto:

»Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermißt,
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe, was man ist.«
Goethe.



Milada klopfte bei dem Fräulein Dubbe an. Die saß vor dem Spiegel und rieb mit einem Lederfleckchen energisch die Schminke ab. »Aha du bist's, kannst schon herein, Milada!« – sagte sie und drehte den Kopf prüfend hin und her – »schau mal, ist alles weg, das rote Zeug?«

»Sie können schon wieder auflegen,« erklärte Milada in sachverständigem Tone . . .

Die Dubbe lachte lustig . . . »He, wie du meinst – ich versuch's wieder einmal mit der Natur, – blaß aber hübsch, gelt? – Morbidezza sagen die Spanier.« Das süße, schmale Oval, von aschblondem Haar umwellt, wurde aufmerksam im Spiegel untersucht. – »In Tränen verwaschen der Augen Glanz« – murmelte die Dubbe und nickte sich zu. – »Macht nichts!« –

Sie legte aufseufzend die Arme um Miladas Hals und flüsterte, indem sie die blauen Augen aufriß: »Ich tu's, Milada, ich tu's.« Dann sprang sie auf, schlug die Türe hinter sich zu und lief hinunter. – Kopfschüttelnd sah ihr Milada nach. – Aber ohne viel über das sonderbare Wesen nachzudenken, machte sie sich über das Zimmer her, – das noch ganz voll morgendlicher Unordnung war. – Überhaupt, die ließ wieder einmal eine bunte Wirtschaft hinter sich . . . Das schöne gelbseidene Kleid mit den vielen, vielen Volants, an denen die Moosmann zwei Tage gezogen hatte, lag am Boden, gerade wie es die Dubbe ausgezogen hatte, und die Absätze der Pantoffel hackten in den Blenden des Ausschnittes fest. – –

So eine Luderei! – Milada kniff die Lippen ein, hob es auf, schüttelte es in den Falten zurecht und legte es auf die Ottomane. – Ja da mußte man vorerst noch Kleider und Wäsche wegschieben, die Fräulein Martha förmlich auf einen Haufen gestülpt hatte. – »Gerade, wie wenn eins schnell davon machen möchte« – dachte Milada. Und überall Zigarrenreste, Zigarrenasche, Weinflaschen und Gläser. – Im Zimmer! Na wart! – Die Dubbe ist eben ein bissel närrisch – das wußten alle im Hause. Aber an einem gottsgewöhnlichen Tag so viel verbotene Unordnung zu schaffen, das sollte die Madame nur sehen! – Die Sonne fiel scharf und helle von der Seite ins Fenster ein, beleuchtete das Schmutzwasser im Lavoir und Kübel, und die versprengten Tropfen um den Waschtisch herum blinkten wie Silber. Also hineinfahren! – Milada krempelte die Ärmel auf und war schon mitten in ihrer Arbeit, als die Türe unsanft aufgerissen wurde und die Dubbe hereinstürzte, totenblaß, verstört, die Augen unnatürlich vergrößert und bebend am ganzen Körper. Sie fegte an Milada vorüber, durchmaß das Zimmer mit fliegenden Schritten und stammelte dabei: »Was fang' ich jetzt an? – – Jetzt ist alles verloren! – – Also jetzt. – – Also jetzt ist's mit mir aus. – – Gott im Himmel! – – Warum läßt sie mich denn nicht los? – Ich werde ja wahnsinnig hier – und sie glaubt mir nicht, daß alles hier mich wa–a–ahnsinnig macht!«

»Aber, Fräulein Martel, Sie haben's hier doch gut,« beschwichtigte die Fünfzehnjährige, indem sie ihr mit dem Besen in der Hand gegenübertrat. – Sie kannte diese Verzweiflungsausbrüche und wußte, wie schnell und sicher sie abflauten. Aber diesmal schien es heftiger zu sein!

Die Dubbe starrte sie wie geistesabwesend an. Dann atmete sie tief und packte sie mit wilder Geste am Arme fest: »Du, du weißt es ja, Geschöpf Gottes, wie sie mich gelockt haben, diese Henkerin,« – sie schüttelte die Faust – »und ihre Helfershelferinnen. Freiwillig ging ich mit, – sagt sie jetzt – – großer Gott, wenn du das auch freiwillig nennen wirst – – –«

»Sie dürfen sich halt nit all's zum Herzen nehmen, Fräulein Martel, – da kommt halt Verschiedenes vor und geht wieder vorbei. Und am End', – das müssen's sehen – ist's hier am allerbesten. – – Die andern sagen . . .«

»Die andern! Das ist's ja! – Die gehören hierher. Ich nicht. Ich gehöre nicht hierher. – Ich komme aus einer andern Welt. – – Ich will zurück.« – Das kreischte sie hinaus, griff nach dem Halse, schluckte und warf dann mit einer wütenden Gebärde einen Hundertguldenschein auf den Boden.

»Vierhundert Gulden bin ich schuldig? – Wofür? – Kreatur, Seelenfängerin, Scheusal! – – Vierhundert Gulden bin ich schuldig . . . Und sie hat mich gerettet, sagt sie. – Vor wem? – Wovor? Ich will's ja zahlen, alles. – Hier ist eine Anzahlung für meine Schuld. – Er, er hat mir's versprochen.« – Sie irrte wieder verzweifelt auf und nieder. – »Jetzt ist's ja schon zu spät! – Auch dazu, – zu spät.«

»Ja, mit Anzahlungen und Versprechungen,« sagte Milada überlegen lächelnd – »richten Sie bei der Goldscheider nichts aus.«

»Sie soll mich freilassen. Dann werde ich zahlen können. Das hat er mir geschenkt heute nacht, – weil er ein Engländer ist und mir geglaubt hat; er hat gesehen, daß ich nicht lüge. Wir haben englisch gesprochen. – Und er hat gesagt, daß er mich heute um einhalbzwölf Uhr am Konsulat erwarte. Aber es ist zu spät. – Sie läßt mich nicht los. – – Sie bringt mich um.«

Nebenan wurde energisch gepocht.

»Sie wollen schlafen,« mahnte Milada, die das Bett ins Fenster legte und die verknüllten Volants glatt strich.

»Oh, aber ich werde mich rächen, ich werde sie zugrunde richten, wie sie mich. Ich schreibe dem Hofrat. – Heute noch. Drei Jahre habe ich in seinem Hause unterrichtet. Wie ein Kind war ich im Hause.« – – Sie packte wieder Miladas Arm. . . . »Ich bin ein feines, anständiges Mädchen, verstehst du, ich halt es hier nicht aus, ich« –

»Fräulein, das ist ganz gewiß das anständigste und feinste Bordell in der ganzen Stadt,« wandte Milada ein.

Die Dubbe starrte sie einen Moment an, dann brach sie in ein schrilles, hysterisches Lachen aus.

»Sehr gut, sehr gut! – – Kostbar bist du! – Das Kostbarste, was ich jemals gehört habe! – – Ja, du meinst es gewiß gut. – – Du und die anderen alle, – Ihr gehört hierher. – – Aber ich bin aus einer andern Welt. – Ich bin doch Lehrerin, – für englische Sprache, – diplomiert bin ich. – Da sind meine Zeugnisse. – In Aristokratenhäusern habe ich unterrichtet – Montholon, – Lucie – aber ich soll diese heiligen Namen in diesen Räumen nicht nennen. Meine gnädige Frau, meine süßen Kinder! Alles ist mir verloren.« – Sie setzte sich vor den Spiegeltisch und brach in ein zorniges Weinen aus. – –

»Schauen's, Fräulein Martel.« – Milada stäubte und bürstete die Fauteuils ab und sprach nach hinten. – »Mit hundert Gulden und noch dazu Geschrei, da dürfen's der Madame freilich nicht kommen. Das hat keine Art. Aber wenn's durchaus 'naus müssen, so sparen's doch weiter. – Zu Ihnen kommen doch die feinsten Fremden. – – Die lassen was aus. – Sparen's die Vierhundert! Und wenn's nur Dreihundert beisammen haben und bitten kommen, da laßt Ihnen die Goldscheider schon 'raus! – Wenn's auch so a Schöne sind.«

In diesem Moment fuhr die Dubbe herum. Sie hatte durch den Spiegel ein horchendes Gesicht gesehen. Die Goldscheider war unbemerkt eingetreten, lehnte jetzt an der Türe und sah mit einem leisen, gekniffenen Lächeln umher. – – Ahnungslos fuhr Milada fort: »Nur machen Sie 's lieber nit bös. Allweil mit ihr in Frieden auskommen, sag' ich Ihnen, ist am besten.« –

. . . »Da hast du den Lappen!« kreischte die Dubbe, wütend gereizt durch den Eintritt der Madame, – »vorwärts, nimm du das Geld,«' – sie stieß mit dem Fuße darnach. »Unsereins hat noch seine Verbindungen, gottlob! Ich werde mir schon anders helfen!« Sie stemmte trotzig die Hände in die Seiten und blickte an der Goldscheider vorbei.

Miladas Mund schnappte ängstlich zu. –

Die Madame winkte ihr: »Geh' mal runter, Mädel, die Moosmann soll dir das Grünseidene mitgeben.« – Sie bückte sich gleichzeitig nach dem Gelde. »Das gehört dir, ich heb' es dir einstweilen auf. – Und du,« – sagte sie zur Dubbe – »meine Liebe, mach' dich parat! – Du fährst in zwei Stunden weg. – Ich verlange hier Anstand. Daß du dich mit deiner Bildung und deiner Gelehrsamkeit nicht besser aufführen kannst, ist traurig. – Du weißt, ich habe dir das Kind versorgt, – – dich von deinen ärgsten Schulden befreit. – – Und kuriert habe ich dich auch – und jetzt machst du Krawall. Nein, mein Kind! – Wasch dich, steck dir das Haar auf. Das Grünseidene zu guter Letzt schenk' ich dir auf den Weg. – Mach' dich so nett, als du kannst. In zwei Stunden kommt der Agent um dich.«

Mit aufgerissenen Augen starrte die Dubbe sie an. – – »Fort?« – keuchte sie, – »jetzt soll ich?« – »Ja, was ist da zu machen? Du hättest mir schon gepaßt. – Du weißt es. Aber das Rothaus ist doch kein Theater für dich.«

Damit entfernte sie sich, während ihr die Dubbe nachlief. Am Gange wurde sie aber von der Moosmann festgenommen, die ihr begütigend zublinzelte und sie ins Zimmer zurückdrängte. Sie trug ein Paket vorsichtig über dem Arme: »Pscht, lassen's jetzt! Lassen's! – – Wir machen's schon wieder gut.« –

Sie packte aus. – »Jetzt werden wir die schöne Dubbe noch wunderbarer machen, und da werden die Baronderln Augen machen. – – Fix auf!«

Milada half, und sie warfen ihr das grüne Tafftkleid über, das ganz mit schwarzem Jett bedeckt war. Nacken und Arme flimmerten in dem Stoff und die Sonnenstrahlen führten einen tollen Tanz auf.

»Sapperdi, sapperdi,« rief die Moosmann entzückt und hüpfte um sie herum . . . »Nein, aber so prachtvoll, gerade wie gegossen. – – Nein, aber ein Brusterl hat das Fräulein, und Ärmerln, ja das glaub' ich schon, was die Frau Goldscheider erzählt.«

Die Dubbe starrte verzweifelt umher. – – »Aber ich soll ja fort,« brach sie geängstigt los – »sie läßt mich nicht mehr hier.« –

»Ja, wo denn? – Die Schönste wird's loslassen! – Ja das wird schon nicht sein. – – Gehn's schnell 'runter, Fräulein, und zeigen's Ihnen so! Nachher wird's Ihnen schon nicht lassen. – Sapperdi, das ist aber eine Pracht.« Schnell steckte ihr Milada die Haare auf, wusch die verweinten Augen aufmunternd lächelnd mit Veilchenwasser, und die Dubbe ließ alles mit sich geschehen, so demütig, zerbrochen und hoffnungslos fühlte sie sich in dem rauschenden Kleide, das sie mit blinzelnden Augen im Spiegel betrachtete.

»Wenn's mich nur halten wird!« klagte sie aufgeregt und rauschte hinunter.

»Die is a narrischer Zeisig,« sagte die Moosmann boshaft. – Dann zog sie das Meßband heraus und nahm Miladas Längenmaß. »Jesus – mir?« – sagte Milada verlegen und wollte zurücktreten. »Willst 'leicht in dem Sack im Salon rumtrampeln?« – –

»Im Sa. . .«

»Na oder wohin,« murmelte die Alte und rollte das Maß ein.

»Sie hält mich, sie hält mich,« jubelte die Dubbe über die Stiege, »ang'schaut hat's mich, aber wie . . . Und ich hab' gesagt, mir wär's recht lieb hier, gnädige Frau. Und sie hat gesagt: Mir erst recht.«

»Na sehn's! Wär' nit aus . . . so eine Person,« schmeichelte die Moosmann.

Milada hielt den Besen umklammert und starrte mit beklommenen Augen durch das Fenster auf die Straße hinaus. Was? In den Salon sollte sie schon? Und wie kam denn das so plötzlich? – Wußte die Portierin davon? – – Oder zog man ihr bloß abends das Kleid an und schob sie ein? . . . Tanzen, singen und die Herren bedienen . . . Vielleicht kriegte sie auch so ein grünseidenes Kleid. Und ein bissel Rot aufgelegt. Ja, dann schon . . . Dann ging's besser. – Sie sah in den Spiegel hinüber. Nein – – schön – schön war sie nicht. – – So wie das Fräulein Gisi oder die jüdische Laura oder die Dubbe da. Wenn die lachte, wie jetzt, lachte alles mit. Grübchen im Kinn und in den Wangen hatte sie. Sie aber, – sie sah so gar ernst drein. Vielleicht ging's so. Über die Dubbe hinweg lachte sie kokett in den Spiegel. Aber da gefiel sie sich auch nicht sehr. Das dunkle Gesicht, der große schmallippige Mund und die Augen, sie konnte sie drehen und wenden, wie sie wollte, sie sahen nicht froher drein. Seufzend gab sie's auf. Da würde die Goldscheider keine Ehre haben. No, am Ende, wenn sie im Salon nicht taugte, sie konnte ja arbeiten. Zur Arbeit konnte sie immer wieder zurückkehren. Sie errötete plötzlich, heiß schoß es ihr durch den Körper. Nein, so denken . . . Rasch packte sie wieder den Besen und kehrte los. –

Die Dubbe legte jetzt Rot auf und zog mit dem Pinsel die dünnen hohen Augenbrauen nach. – – »Vierhundert Gulden, also das heißt jetzt mit dem Grünseidenen fünfhundertachtzig, das werde ich zusammenbringen . . . Soll sie haben. – – Was – glaubst nicht? – Wenn eine so aussieht, wie ich? Und so sprechen kann? – Echt weinen! – Das merken die Männer gleich, wenn man etwas Anständiges ist. . . . Solche wie die« – sie wies mit dem Kopfe nach dem Nebenzimmer, – »können's g'wiß zu Dutzenden finden. – – Aber ein Wesen wie ich verirrt sich nie wieder her. – Verirrt, verirrt, das ist das rechte Wort. – Wie die Königstochter unter Unholden bin ich da.«

Sie öffnete die Haare und legte die aschblonden, weichen Strähne über die Ohren. – »Steht mir das so? Ein bissel alt macht's mich. Nicht? – So ist's besser, was?« Sie richtete die Haare hin und her, zupfte, probierte und kokettierte mit ihrem Spiegelbilde . . . »So und jetzt muß ich spazieren gehn. Mach' runter, Milada, frag' die Oly, ob wir dürfen!«

Sie zog sich rasch an und sang dabei in falschen Tönen und mit schrillem Stimmchen:


»My heart is in highland,
My heart is not here.«



Nein, die Polifka wußte jedenfalls nichts. Der Tag verging wie alle andern. Bis Mitternacht bediente Milada im Salon, dann wurde sie vom zweiten Stubenmädchen abgelöst, und sie setzte sich schläfrig und rechtschaffen ermüdet in der Küche nieder, wo die Polifka Kaffee kochte. – Der Kaffee duftete so schön, und sie schloß die Augen und ließ die Bilder des Tages an sich vorbeiziehen. Die Erinnerung an die vormittägige Stunde brannte wie ein kleiner wunder Riß in ihrem Gedächtnisse fort. – Die Madame hatte natürlich gehört, was sie zur Dubbe gesprochen hatte. Sie hatte die hundert Gulden für sie aufgehoben und bewahrt. – So ein Geld!

Und dann kam das Kleidermessen. Ob das wohl alles zusammenhing, und wie? – Milada plagte sich nicht erst mit Vermutungen und Deutungen. Es gab zu viel im Leben, das sie nicht faßte, und sie hatte gelernt, bei nichts derartigem zu verweilen . . . Es wird sich schon alles weisen, sagte sie sich. Wenn es läutete, lief sie hinaus, öffnete die Entreetüre, verständigte das Stubenmädchen und ging wieder in die Küche zurück, wo sie auf dem Holzstoße saß und die Füße an die Ofenglut heranstellte.

Das Klavierspiel klingelte herüber und Schwätzen und Lachen, besonders wenn die Salontür sich öffnete und die Mädchen ihre Gäste begleiteten.

Die Polifka goß das zischende Wasser über den Kaffee, und eine graue Wolke flog empor . . .

»Heut hat er keinen Satz, euer Kaffee,« – rief das Stubenmädchen in die Küche hinein.

»Ich wir' dir a Schaufel Aschen 'einitun,« – brummte die Portierin, die sehr stolz auf ihre Kochkunst war. Milada putzte eine Batterie Gläser und stellte sie in Reih und Glied auf.

Plötzlich wandte sie sich um und sagte: »Polifka, sagt's mir einmal, – was is denn das, – ein anständiges Mädchen?«

Die Portierin hielt den Aufgußlöffel in der Hand. – – »Mädel, was dir Sachen ausstoßen,« – rief sie, – »da könnt' eins narrisch werden.« – –

»Ich möcht's wissen,« sagte Milada zögernd und bewegte die Hand zur Stirne, eine Bewegung, wie sie jemand macht, der schon viel und vergeblich nachgedacht hat . . . »Haben wir solche bei uns? – Oder kommt so eine – ein anständiges Mädchen mein' ich – überhaupt in kein Bordell.«

»Aber laß mich aus mit deine tramhapperten Sachen!«

Milada stellte sich hinter sie und legte ihr beide Hände auf die Schultern. Es kam ein so inniger Ausdruck in ihre fragenden Augen, daß sich sogar das robuste Gemüt der Polifka seltsam bewegt fühlte. Ihre Stimme dämpfte sich unwillkürlich, und von einer Art Mitleid bewegt sagte sie schnell:

»No, a anständiges Mädel haßt's, – wenn's nur alle Sonntag mit ein Mann was zu tun kriegt . . . Jetzt schieb ab, schlafen!« – Unangenehm berührt stieß die Polifka mit Löffeln und Töpfen herum.

»Die gehört in ei' geistliche Obhut,« – dachte sie beschämt, »so a Fratz, a armseliger.«

Milada schöpfte tief Atem: »So – ich – hab' – halt – gemeint.« –

»Schlafen geh', dalkete Dirn!« brach der Unmut jetzt los – »nix hören will ich mehr von dir« – –

Und sie schob das Mädchen aus der Küche und schimpfte noch eine Weile recht hörbar über Gottes Regiment auf Erden.


Wenige Tage darauf trat die Goldscheider aus dem Bureau und stieß auf Milada, die am Boden lag und die Fliesen scheuerte . . . Sie musterte das braune schmale Gesicht, das zu ihr aufblickte.

»Solche Arbeit gehört nicht für dich,« sagte sie stehenbleibend, – »wozu ist denn die Bedienerin da?«

»Bitte, die wäscht heute, und ich hab' ja sonst nichts zu tun.«

»Du bist deiner Mutter ähnlich,« sagte sie unvermittelt, »sei nur klüger wie sie. – Wie alt bist du denn?«

»Sechzehn,« – murmelte Milada.

»So alt wie Alma Lucie,« schoß es der Goldscheider durch den Kopf, und ein Schimmer von Wärme trat in ihre kalten, grauen Augen.

»Portierin!« rief sie dann.

Die kam herangeschossen. – »Das Mädel soll keine grobe Arbeit mehr verrichten! – – Wie schauen denn ihre Hände aus! – – Und wo schläft sie denn überhaupt?«

»In dem kleinen Kammerl, Euer Gnaden, – in dem – hm, Rattenk. . .«

»Haben wir ein Zimmer frei? Das schmale, seitliche von der Serafine, nein?«

Die Portierin sagte: »Aber am Abend brauchen wir's halt.« –

»No am Abend,« sagte die Goldscheider gekniffen.

Ihre Blicke suchten noch einmal in Miladas Gesicht. Wahrhaftig, sie hatte die unerschrockenen Augen der Katerine.

Die Goldscheider wußte es, das war brauchbares Material. – Sie nickte und ging.

»No Fräulein, da gratulier' ich, jetzt macht sie a Glück,« dienerte die Portierin ironisch mit einem kleinen Beigeschmack von Verdruß.

Milada lehnte stumm am Geländer und sah vor sich hin.

»Wie, wenn ich in der Nacht plötzlich aufwache und die vielen Bilder sind vorbei,« dachte sie beklommen. – – Eine Fülle neuer Dinge stieg empor und tanzte ihr entgegen. Ein Zimmer, Schränke mit festen Schlössern, Kerzen, soviel sie brauchte, Bücher und Zeitungen, fremde Menschen, immer neue, immer andere, – nur freie Zeit und keine Arbeit mehr, . . . Goldstücke, . . . dahinter noch etwas Großes Unsagbares, Gewaltiges. –

Die Welt, die andere Welt, die Welt der anderen. Wie ein Knäuel verknoteten sich die Vorstellungen in ihrem Hirn . . . Sie seufzte tief auf, hob den Kopf und sah verwirrt um sich . . . Vor ihr lag der graue staubige Hausflur und hob sich scharf von dem feucht und rein glänzenden Stücke der Fliesen ab, das sie eben gescheuert hatte . . .

Da tauchte sie die zitternde Hand in den Zuber, wand den Fetzen aus und fuhr in ihrer Arbeit fort, – ohne die Portierin zu bemerken, die ihr mit Kopfschütteln zusah . . .

»Aus der wird im Leben ka' Freimadel net,« – fühlte dieses primitive Gemüt.

Die große Gesundheitslehre, bei tiefen, seelischen Erschütterungen nach dem Nächstliegenden zu greifen, – das Notwendigste zu tun, – welcher Gott hatte sie dieses Kind gelehrt?


Einen hellroten Miederrock, eine weiße dünne Bluse mit roten Maschen und ein ebensolches Zopfband fand Milada beim Erwachen in dem neuen Zimmer vor.

Die Moosmann war da und half sie frisieren und anziehen . . . Unter Ausrufen der Bewunderung flocht sie das dichte braune Haar in Zöpfe und band diese am Hinterkopfe fest.

»Siegste wohl, siegste wohl, jetzt kommen die jungen Spatzen in die Zuckererbsen. – Na, wird sie schauen, wenn sie dich sehen wird!«

Nicht ohne Herzklopfen ging Milada in das Bureau hinunter. Die Goldscheider warf einen flüchtigen Blick auf sie, sagte: »Wart!« und schrieb weiter.

Zehn Minuten lang wartete Milada und hatte unterdessen Zeit, sich im Spiegel zu beschauen . . . Die gutsitzenden Kleider dehnten ihre schlanke Gestalt. Sie war groß . . . Die feinen natürlichen Wellen, die die Schläfen umgaben, kleideten das herbe Gesicht mit den grauen, ruhigen Augen, in denen keine Spur von junger Sehnsucht schimmerte. – Ein tiefes vorsichtiges Tasten lag in ihnen, wie bei jemand, der gefährliche Wege geht und um der Sicherheit des Lebens willen jeden Schritt, den er tut, zu bedenken hat. –

Zehn Minuten lang wartete sie. – Und sie prüfte das Antlitz der Goldscheider, das sie noch nicht aus dieser Nähe gesehen hatte. – In dem rötlichen Haarknoten schimmerten bereits silberne Fäden. – Unebenheiten des Teints fielen ihr auf, eine Fülle von kleinen Sommersprossen, die um Nasenrücken und Backenfleisch liefen. – Eine eigentümliche süßliche Linie lag jetzt beim Schreiben in dem Winkel des Mundes vergraben. – Die Goldscheider trug Türkis-Ohrgehänge mit großen goldenen Kugeln. Sie schrieb sehr aufmerksam und bewegte dabei die Lippen, während sie mit dem kleinen Finger der linken Hand unablässig auf den Tisch tippte. – Plötzlich spritzte sie die Feder aus.

»Komm her!« – Sie musterte das Mädchen und nickte.

»Ich nehme dich also im Salon auf. Du bist das Kind der Katerine, und die war brauchbar hier. – Die Ausstattung, die du bekommst, – schenke ich dir. Das will sagen, ich streiche deine Schuld, wenn ich, – ich – einmal aus dem Geschäfte geh. – Nur mir haftest du mit einer Schuld. – Verstehst du mich? – Sonst niemandem.«

»Ja, gnädige Frau.«

»Du hast vier Jahre hier gedient – und deine Ausstattung ist dein Lohn. – – Die Hauptsache ist, wenn ich gehe, schuldest du niemandem einen Knopf Geld und kannst frei ausgehen, wohin du willst . . . Und jetzt unterschreibe!« – Die Goldscheider schob ihr einen Bogen hin.

Milada nahm ihn entgegen und begann ihn zu überlesen. – Verdutzt, aber ohne ein Wort zu sprechen sah die Goldscheider ihr zu. – Das junge Mädchen nickte dann und schrieb mit steifen, ungelenken Fingern ihren Namen darunter. Die Madame faltete langsam den Bogen zusammen.

»Halt dich und es wird dir gut gehen. Daß du hier aufgewachsen bist, das Leben kennst, hast du vor denen voraus, die fremd herkommen. Du hast genug gesehen und erfahren. Richte dich darnach! – – Man muß nicht untergehen, muß nicht im Dreck verkommen. – Wenn du von hier gehst und Geld hast, oh, – dann wartet die ganze Welt auf dich.«

Frau Goldscheider verstummte. – Sie hatte mehr gesagt, als sie gewollt hatte. – Sie hatte ein wenig aus ihrer eigenen Seele gesprochen und erstaunte jetzt darüber. – An sich hatte sie gedacht, an das stille reinliche Dresden, wo ihr Kind in der Goethestraße wohnte und vom Wiedersehen schwärmte.

Das alles schmolz ihr jetzt mit einem unbegreiflichen und noch nie empfundenen Gefühle der Verantwortung zusammen und drängte ihre schroffe Selbstherrlichkeit zurück.

»Ich denke, ich werd's recht machen, gnädige Frau,« – erwiderte Milada und küßte die dargebotene Hand.

»Bleib oben im Zimmer und warte, nachmittags bringt dich der Sucher in seine Weinstube. Da lernst du mit den Gästen umgehen. Trinkgelder brauchst du ihr nicht abzuführen, – verstehst du! – Ich hätte es so geschafft, sag' dort. Und in sechs Wochen kommst du zurück. Adieu.« . . .

Nun zählte Milada zu den Fräuleins. – Sie besaß ein eigenes Zimmer in der Wohnung, die die Italienerin innehatte, und hier durfte sie tagsüber Gäste empfangen.

Abends war sie nebst drei anderen Mädchen in den Separees beschäftigt, und ihre Hauptsorge bestand darin, daß möglichst viel Champagner genossen wurde, wofür sie extra einen kleinen Prozentsatz einsackten, den aber gewöhnlich die Verrechnung mit der Carlotta verschlang. 

Aber aus den sechs Wochen, die sie in der Weinstube verbringen sollte, wurden sechs Monate, denn sie hatte Glück gehabt, und ihr Geschick hätte sich noch besser gelenkt, wenn der Zufall nicht widrig dazwischen gefahren wäre.

Nachdem Milada einige Wochen hindurch das Spielzeug eines alten Aristokraten gewesen war, der ihr zum Abschied fünfhundert Kronen in einem Postsparkassenbuche schenkte, wurde sie einem höheren Militär überliefert und gelangte schließlich von diesem in die Arme eines Berliner Bankiers. Der war mit ihr zufrieden und versprach ihr, sie für die ganze Dauer seines Aufenthaltes zu behalten. – Milada bekam, was sie an Kleidern wünschte, Blumen, Bonbons, kleine Aufmerksamkeiten, – eine Smaragdbrosche und das Versprechen einer Brillantriviere, wenn sie sich bis zum Schlusse brav aufführen wollte. Im übrigen kampierte er während seiner ganzen freien Zeit in Miladas Zimmer, aß, was die Italienerin ihm vorsetzte, trank und bezahlte die teuersten Weine und sicherte dadurch seiner Freundin einen ehrenvollen Aufenthalt.

»Schön biste nicht und ein Luderchen biste auch nich', aber ich mag dich von wegen des Unterschiedes. Meine olle Hede daheim, na danke sehr! – Bei dir, mein Schweinchen, erhole ich mir von der holden Be–gattung.« –

Er zeigte ihr das Bild seiner Berliner Geliebten, einer dicken, blonden, herausfordernden Person, die aber Milada sehr gut gefiel. – Wenn sie sich nachher im Spiegel betrachtete, wunderte sie sich beinahe. Die karminrote Schminke paßte nicht zu ihrem braunen Gesichte und sie rieb sie insgeheim ab, wo sie nur konnte. Überdies gestand sie sich ein, daß auch hier die Mädchen lustiger und lebendiger waren, als sie es jemals sein könnte.

Sie prahlten zwar nachher, daß ihnen das alles »Wurscht« sei, was sie hier trieben und daß sie auch nur »Tijater« spielten. Aber die lustigen Redensarten der Fritzi,– oder die funkelnden Augen der Paula, wenn Offiziere kamen, die Farben, die ihr auf Stirne und Wangen brannten, wenn sie mit ihr scherzten, – das konnte doch nicht nur Komödie sein! In den Etablissements der Italienerin erkannte Milada das erstemal; sie beobachtete und begriff und ihre Seele erhielt die erste Härte. Mit einem einzigen vollen Blicke umfaßte sie die Schranken sozialer Unterschiede ihrer ureigensten Sphäre; mit lebendigem Sinn fixierte sie die Grade des Klassenelends, die kleinen und feinen Nuancen des Duldens und Erduldens, – und prüfte ihren eigenen Wert an dem Verhalten der Welt, deren Atem sie das erstemal gierig anwehte, gleichwie die Flamme das Reisig krümmt und bewegt, das zu ihrer Speisung vorbereitet liegt.

Ganz fein zuerst und zage schnitt ihr wägender Blick in die stumpfe Masse des sie umgebenden Menschenmaterials, – warf  Lichter und Schatten umher. Sie klomm mit nachtwandlerischer Sicherheit die Stufenleiter ihres Standes empor und die Stufenleiter hinunter. Sie stand im trügerischen Strahl eines Lichtes, das nicht von der Sonne kommt, sie schmiegte sich in die Tiefen des Abgrunds und lauerte auf die letzten Regungen des Lebens . . . Intellektuelle Güte stammt nur aus dem Begreifen der Unterschiede. Hier in den Etablissements der Italienerin erwarb sie sie. – Sie erkannte den tiefen Unterschied zwischen sich, den jugendlichen, in schwarzer Seide stolzierenden Kellnerinnen und jenen im Büfett bediensteten Mädchen, die geohrfeigt wurden, wenn sie eine Widerrede wagten, und die die Gäste auf unverschämteste Weise um belegte Brote und Schnäpse anbettelten. –

Noch bedeutsamer aber empfand sie die Kluft, die zwischen den »Schwarzseidenen« und jenen fremden Fräulein bestand, die Abend für Abend in den Separees einkehrten. Das waren fesche, schmuckbeladene Mädchen, die, in einem Kreise splendider Männer sitzend, der Carlotta verständnisvoll zulächelten und den hellen Morgen noch mit Champagner begrüßten.

Sie lachten und scherzten mit allen, aber lieben durfte sie nur der Eine, dem sie gehörten.

Sie waren alle in festen Händen, und es geschah sehr selten, daß sie die Liebhaber wechselten. Hier bei der Carlotta war sozusagen die Börse der Liebe; hier wurden die Verhältnisse der Lebewelt registriert, immer wieder überprüft und richtig gestellt.

Wenn solche »Verhältnisse« in den Separees waren, durften sich die Kellnerinnen nicht zu ihren Tischen begeben. Auch Milada durfte es nicht. Es war ihnen ebenso verboten, die Herren anzusprechen, Zigaretten zu begehren oder vom Weine zu nippen.

»Schöner sind's net wie unsereins,« kommentierte die Paula nachher neidisch. »Besser schon ka Red' net, aber a saumäßigs Glück haben's halt.«

Milada gab sich mit solchen Erklärungen nicht zufrieden. Der Unterschied zwischen ihrer Sorte und diesen Fräulein, die gewöhnlich die Namen ihrer vornehmen Liebhaber hinter ihrem Vor- und Kosenamen schleppten, mußte doch tiefer liegen und gründlicher gefaßt werden, als ihre kleine mißgünstige Kameradin dies tun wollte. Aber worin es wirklich lag, hätte sie auch nicht zu sagen gewußt. Sie grübelte auch nicht nach, ihr bewegliches Hirn faßte vorerst begierig die Tatsachen auf, sonst nichts. Wie verächtlich wurden die mit zweideutiger Eleganz gekleideten Mädchen behandelt, die mit geblendet zwinkernden Augen ins Lokal schlichen und sich verlegen und frech zugleich nach einem leeren Tische umsahen! Die Carlotta wies sie barsch hinaus und duldete sie nur, wenn sie in Begleitung wieder kamen. . . .

»Barchentröck« hießen sie im Jargon . . . Und manch eine hob zum Trotz ihr Kleid hoch und ließ triumphierend einen schillernden Seidenrock sehen . . .

Ach diese waren so ohne Launen und Falschheit; hungrig verzehrten sie alles, was man ihnen vorsetzte, waren nachgiebig, beinahe devot gegen die Kellnerinnen, zärtlich und dankbar gegen die Männer, die ihnen zahlten. –

Manchmal kamen die »schwarzen Damen« zur Italienerin. Dann wurde es still im Gästezimmer. Sie kamen verschleiert und dunkel gekleidet, zu Zweien, zu dreien und mit ihnen Herren, die ernst dreinschauten und sich glasiere Wein geben ließen. Die Carlotta sagte, daß das die »anständigen Weiber« seien. Und daß sie auf diese Art Gäste schon pfeife! Die ganze Lustigkeit rutsche einem da gleich in den A. . . Sie tat wohl freundlich mit ihnen, aber hinterdrein im Schenkraume maulte sie und schnitt Grimassen. – »Die sollten zu Hause bleiben und d' Windeln waschen, nit daher schau'n wie in a Tijater.« –

Milada gefielen diese Damen sehr. Sie rückten stets zusammen, flüsterten, und ihr fiel es auf, daß diese »Anständigen« immer sehr ernst waren. Beinahe traurig. Sie nippten an dem Weine und lachten zu keinem Scherze. Manchmal setzte sich die Carlotta an den Tisch und erzählte von ihren Sorgen und von der Teuerung am Markte, manchmal rief auch ein Herr ein oder das andere Mädchen heran, gab ihr zu trinken und scherzte. Aber es wollte nicht recht in Gang kommen. Selbst die Paula, die sonst sehr gemütlich war und gleich die Röcke schmiß, wenn jemand eine Hetz anfing, saß ganz stumpf da und entwischte, wo sie konnte.

»Wann legen's Ihnen schlafen?« äffte sie draußen den Fragenden ärgerlich nach, »wohin gehn's denn spazieren? – Haben's noch Eltern? solche fade Stangen, wer brauch' denn die da?«

Als Milada einmal bediente, sah sie, wie eine Dame auf sie deutete und sagte: »Gott, wie jung, das arme Ding da.«

»Wieso denn?« – dachte sie – »das ist doch mein einziges Glück, daß ich noch jung bin und neu.«

Ein Herr rief sie später zum Tische, kniff sie in die Wangen und sagte, es freue ihn, daß sie nicht so geschminkt sei, wie die andern.

»Möchten Sie vielleicht Wein?« – sagte eine Dame . . . Sie begriff nicht gleich, daß es ihr galt. – Das erstemal im Leben wurde sie nicht mit »du« angesprochen. – Ein eigentümliches Gefühl lähmte sie dabei. Die Frauenstimme klang so sanft und beinahe ängstlich. Warum denn nur? »Wein saufen die Luderchen genug,« sagte der Herr und machte einen Schluck – »gelt du?«

»Mir drehn uns um, – und spucken 'n lieber aus,« rief die Paula hinüber. – »Überhaupt, – spucken w'r gerne.« Die Damen sahen sich an. Da hörte Milada im Nebenraum ihren Namen rufen und schob schnell hinaus.

»Die scheint aber sehr dumm zu sein,« sagte eine Dame seufzend hinter ihr her. Die Paula hinterbrachte das später mit boshaftem Lachen, und von dieser Zeit ab war Milada ängstlich und spähte immer vorsichtig ins Lokal, ehe sie eintrat.

Die erste Begegnung mit der Moral war nicht sehr günstig ausgefallen.

In den Nachmittagstunden durften die Mädchen spazieren gehn. Sie fuhren gewöhnlich zu den Praterauen hinunter und nahmen in der Meierei den Kaffee ein. Sie sahen die Fiaker anhalten, Reiter ansprengen, Automobile vorbeisausen, und so oft die Paula einen Bekannten erblickte, fuhr sie in die Höhe und klatschte auffällig in die Hände.

So sah Milada zum erstenmal das Getriebe des eleganten großstädtischen Lebens . . . Sie saß ganz betäubt da und schaute den vielen lachenden Leuten zu, die einander begrüßten, zunickten, sich zusammensetzten und anplauderten.

Mechanisch rührte sie ihren Kaffee, hörte zerstreut Paulas Ausrufe und Bemerkungen an, und ihr ganzes Hirn ging in Fragen auf, die unbeantwortet blieben. – Die da alle . . . – Wer sind sie? – Wie leben sie? – Und worüber lachen sie immer? Sie müssen sich nicht schminken und dekolletieren, – den Herren zuwinken und schöntun; still sitzen sie da und die Herren machen tiefe Verbeugungen und kommen so langsam und vorsichtig näher. »Die Herren gehen gerade wie auf Zehenspitzen,« sagte sie verwundert zu Paula, die ihr am Arme hing.

Einmal wurde ihre Aufmerksamkeit von zwei sehr schlanken, blonden Frauen, anscheinend Schwestern, gefesselt, die in weißen Spitzenkleidern, von Schmuck überrieselt aus ihrem Wagen stiegen, während ein Schwarm von Reitern sie huldigend begrüßte. Zwischen Köpfeneigen und Getuschel suchten die beiden ihren Platz auf.

»Wer die nur sind?« sagte Milada beklommen und starrte ihnen nach.

»Das sein Weiber, die nix anders tun, als ihre Männer betrügen, davon kommen die Brillanten und die spitzenen Kleider,« antwortete Paula geringschätzig.

»Du bist halt eine zehnmal Gescheite!« warf Fritzi hin, die schöne Fritzi, der Stern der Weinstube. Sie war eine wunderschöne Blondine, mit feinen regelmäßigen Zügen, und interessierte sich auf Spaziergängen nur für die kleinen Kinder, lachte ihnen zu, faßte die Händchen an, wenn sie vorbeikamen und suchte sie verstohlen zu sich zu lenken.

Sie hatte ein kleines sechsjähriges Mädchen bei der Mutter daheim, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing, und alles was sie sah, brachte sie in sehnsüchtiger Erinnerung mit »Susi-Mausi« in Verbindung . . . »Na, so ein Kleiderl, – schaut's – muß ich der Susi nähen. – – Merk' dir's, Mila! Sechs Volants am Rock, drei an den Ärmeln, aber himmelblau kriegt's die Suselin.« –

Und etwas ereignete sich zu jener Zeit, das wohl geeignet war, in das Dunkel von Miladas Beobachtungen und Zweifel eine plötzliche und scharfe Helle zu werfen. Sie kamen einmal zu dritt in die Meierei und konnten in dem vollbesetzten Garten keinen freien Tisch mehr finden. Da setzten sie sich neben ein altes Ehepaar, das bereitwillig Erlaubnis nickte. Die Dame hatte ein freundliches, vergilbtes Gesichtchen, das unter einem schwarzen Spitzenhäubchen hervor wohlwollend lächelnd auf die hübschen Mädchengesichter sah. Paula drehte sich suchend hin und her. »Gar ka Militär is wieder da,« seufzte sie ungeniert und begann mit einer Gruppe Radfahrer zu liebäugeln. Nach einer kurzen Weile steckten die alten Leute die Köpfe zusammen. Mit krankhafter Aufmerksamkeit studierte Milada von da ab die besorgte Miene der Frau, die ihre Tischgesellschaft scharf musterte.

»Du Fritzi, die spricht jetzt von uns,« zerrte sie aufgeregt ihre Nachbarin, die in einem Witzblatt blätterte. Ein voller Blitz aus Fritzis blaßblauen Augen fuhr über das alte Paar. – »Na laß sie« – sie war solche Situationen gewohnt.

»Was denkt sie jetzt von uns? – Die denkt, das sind halt, – Freimädel sind das. – Pfui, von denen möchte ich lieber weg, denkt sie,« . . . grübelte Milada vor sich hin. Immerzu zwang es sie, in die unbeweglichen Züge der Frau zu sehen. – In dem Momente kam ein knabenhaft junger Offizier an dem Tische vorbei. Wie elektrisiert drehte sich Paula um und rief ihm, der betreten über den Tisch wegblickte, zu: »Fix Laudon, der wär' scho' mein Gusto.«

Der alte Herr stieß seinen Stuhl zurück und rief: »Zahlen«, während die Dame sofort die Meierei verließ.

Mit großen, unruhigen Augen, in denen es flimmerte und zuckte, verfolgte Milada das Geschehnis.

»Nein, so eine Funzen!« sagte Paula.

»Still könntest du sein!« fuhr Milada zornig zurück, – »das Aufsehen, nicht?«

Unerwarteter Weise ergriff die sonst so besonnene Fritzi Paulas Partei. »Hätten sich ja nicht hereinsetzen müssen, wenn ihnen die Gesellschaft nicht unter die noblichten Nasen steigt.« – sagte sie geringschätzig und blätterte ihre Zeitung weiter.

»Der alte Hund, weil i net gefüßelt hab' mit ihm,« – schrie Paula laut, beinahe zu den Nachbartischen hinüber. Halbes Gelächter wurde laut, Achselzucken und unwillige Abwehr folgte. Und nun geschah etwas Seltsames. – Während Fritzi las und Paula mit rückwärts gewandtem Kopfe die Reihen der Promenierenden musterte, fing Miladas erhobenes Gesicht die verächtlichen Blicke auf, die sie verstohlen und offen von allen Seiten trafen. Das erstemal in ihrem Leben blickte sie mit Bewußtsein in den Abgrund, der ihre Sphäre von der Welt der andern schied.

Neugierige, kalte, grausame Blicke kamen ihr entgegen, – unbeweglich saß sie da und kassierte die Verachtung ein. Wie etwas, – das ihr gebührte.

»Sie sollen nur herschauen und denken . . . Die Junge is auch so eine, – pfui.« –

Es war ja Wahrheit, – Freimädchen waren sie alle drei. – – Milada hob den Kopf . . . Sie war bei der Goldscheider aufgewachsen! . . . Sollte wieder dahin zurück . . . Die Herren da herum wußten wohl, was das bedeutete! . . . Und die Damen . . . Nur zu! Die sollten höhnisch lachen . . . Die Eine dort machte sich ja ganz krumm vor Hinübergucken. Es war doch so egal, was die flüsterten. Hauptsache blieb, daß sie jung und frisch war und abends geliebt wurde. – Kamen die aber mal zur Carlotta, saßen sie still wie die Kühe und mucksten nicht. Alle hatten sie graue Gesichter. – – Aber wie immer sie dachte und wohin sie entfliehen wollte, sie konnte nicht vorwärts dringen, konnte sich nicht retten. Ein schweres, unerträgliches Gefühl der Vereinsamung fiel auf sie nieder. Aus diesen Blicken, diesen geahnten Worten, aus diesen deutlichen Gesten und aus dem Treiben ihrer eigenen ruhlosen Gedanken baute sich Stein für Stein eine Mauer auf, hinter der »die andern« saßen mit ihrem Stolz und ihrer Verachtung, mit ihrem Glücke und ihren Leiden, ihren Einrichtungen und Gesetzen, eine ewig getrennte Welt.

Wenn sich Milada in viel späteren Jahren bemühte, ihr Verhältnis zu der Welt »der andern« in konkrete Form zu fassen, – so schwebten ihr plötzlich viele Menschengesichter vor, die wie zu dieser Stunde in der Meierei mit harten, höhnischen Augen auf sie herüber schauten und ihre freien Bewegungen mit zauberhafter Kraft zu lähmen schienen, – so wie es damals geschehen war. –

In dieser Stunde aber keimte in Miladas Seele zum ersten Male das Bewußtsein eines persönlichen Daseinsgesetzes auf, das außerhalb jedes Willens stand und unbehindert durch alle selbstischen Reizungen hindurch seine ewige Prägung bewahrte. –

– – Nach einem halben Jahre verließ der Berliner die Stadt und Milada kehrte aus dem Etablissement der Carlotta in das Rothaus zurück. 

An einem regnerischen Januarabende geschah es, daß die Goldscheider im Salon ganz unvermittelt auf Milada zuging, sie bei der Hand nahm und Horner hinschob, der seinen gewöhnlichen Platz beim Ofen eingenommen hatte. »Da hast du, Mann, daß du mir nicht ganz einschläfst im Leben . . . Was Junges. Die Tochter von der Katinka ist es, du kanntest sie ja! Damals waren wir beide jünger und die da – so hoch.« –

Er hob das dicke, ungesund bleiche Gesicht empor. »Katinka, – he! – na freilich, – eine Katze war das. – Und das? Jung ist das, – jung,« – er schob den Rest der zerkauten Virginier in die linke Mundecke . . . »He, du Mädel, schmeckt dir die Kost da? – Fette Kost, was?« Er machte eine Geberde . . . »Brauchst Schnaps zur Verdauung? – Sollste haben, wart' nur!« – Er zog sie fest an sich und verschlang seine Hände um ihre Hüften.

Milada konnte sich unter dem Drucke dieser weichen, schwammigen Finger eines aufsteigenden Gefühles der Unlust nicht erwehren.

»Bleib nur, bleib!« murmelte er, »kriegst Schnaps von mir, guten, starken Schnaps, der die fette Kost zersetzt, – den Magen reinigt vom Allzuvielen, – Exkremente wegspült,« murmelte er ihr ins Ohr.

Von Zeit zu Zeit hielt er ein Glas, mit Limonade gefüllt, aus dem er unablässig trank, an ihren Mund.

Trotz des offenbaren Spottes der andern Mädchen, trotz der höhnischen Zurufe, die laut wurden, blieb sie an seiner Seite sitzen. Etwas Neues, etwas Unerwartetes und, trotz der monotonen Schlappheit in der Stimme, seltsam Erregendes tönte da in abgerissenen Worten an ihr Ohr.

Langsam überkam sie unter dem weichen Druck eine Art physischer Erschlaffung; aber sie fühlte, wie zugleich eine niegeahnte und in ihrer Starrheit wonnige Süße ihre Seele erfüllte. »Laß sie lachen, tanzen, toben, du bleib nur ruhig und gerade und schau ihnen zu! – Glaubst du denn, die schwitzen ihr eigenes ernsthaftes Leben aus? – Lachhaft, Mädel! Kein Mensch lebt sein Leben als etwas Fertiges. Jeder von uns lebt nur ein bißchen Fortsetzung irgendeiner fremden und nach unsterblichen Sicherheiten ringenden Materie. – Um die Materie allein handelt es sich doch und nicht um das momentane eselhafte Bewußtsein . . . Du kannst als Kaiserin anfangen und als Dirne enden . . . und im Dirnentraum deiner Materie zum Siege verhelfen. – Ziele sehen ist alles. Wer hat am Ziel gestanden? – Wer war jemals Vollendung? Ganz Bewußtsein, ganz Herr über die Materie? Wer wurde Wirkung? – Goethe? – Jesus? – Hm?? – Unsterblichkeit ist alles, was wir wünschen – ist der Rhythmus des Tanzes, den wir tanzen; – was die Augen aufschließt zum Leben, verfällt seiner Unergründlichkeit und will wiederkommen. Du warst, und du mußt wiederkommen, Phryne! Kann dich bei diesem ewigen Bewußtsein dein bissel Daseinsschweinerei kränken? – Tu, was du willst, lache, tobe, singe, verzweifle, – aber glaube nicht, dieses Leben ist das Bedeutsame an dir. Weißt du, was wichtig ist? – Wichtig ist: – zeitlich zu Ende kommen . . . Verschwenden, verschwenden, umsetzen und die Materie nicht mit zuviel Ichgefühl belästigen.«

Von Zeit zu Zeit mußte sie, einem Winke der Goldscheider oder der Olympia gehorchend, aufstehen, – Gäste bedienen und servieren, sie verschwand auch für einige Zeit aus dem Salon, kehrte aber automatisch an seine Seite zurück und plagte sich, diese dunklen Rätsel zu ergründen, diese Worte, die wie schwere Steine gegen eine riesengroße Mauer polterten.

»Aus Jahrtausenden kommst du, gehst in Jahrtausende und lebst mitunter sekundenlang ein eselhaftes Bewußtsein. Der Teil einer Idee bist du, durch unbestimmbare Zufälle auf einen Düngerhaufen geweht.

Trag dein Geschick wie eine Selbstverständlichkeit, und du wirst reüssieren. – Wurzle im Erdreich, aus dem du kommst, raube ihm Kräfte und Säfte, und du erreichst dein innewendiges Ziel.

So ein Mistkäfer zum Beispiel ist gar nichts übles . . . Der hat  das Savoir  vivre! Freut sich nur seines goldenen Glanzes und achtet nicht darauf, daß er den andern in die Nase stinkt.

Hast du schon einen richtigen Mistkäfer, – gelehrt genannt: Skarabaeus  koprophagus – gesehen? – Nein, du hast noch keinen gesehen,« – wiederholte er ihre Antwort, – lehrhaft bedächtig, – »so, na das ist so ein kleines niedliches, in Grün und Gold glänzendes Käferchen. Wunderschön liebelich, – jedem Auge ein Vergnügen. Nimmst du ihn aber in die Hand, da gießt er ein dunkelbraunes Säftchen aus dem grüngoldenen Afterloch, und in deine neugierige Nase steigt ein niederträchtiger Gestank . . . Merkste was? Das ist die Idee des Düngerhaufens, die sich hier materialisiert.

Der Mistkäfer sagt: ich bin da, he, he, weil ihr einen Düngerhaufen habt, liebe Leute, – faulendes Zeug übereinandergeschichtet, – Unrat und Jauche. He, he, he, da gedeihe ich eben, – werde groß und fett . . . Hättet ihr lauter reinliche Ecken, liebe Leute, dann könnte meine Art nicht in Glanz schießen. Ich trage grünseidene Höschen,« – er griff ihr unter die Röcke, – »goldene Schühchen und goldenes Flitterzeug an Hals und Busen . . . Misthaufen braucht ihr . . Und was wären die doch häßlich ohne mich . . . Siehste, wie die Kreatur sich aufbläht . . .

Hebe dich über die flüchtige Erscheinung hinaus, und du kannst deiner Idee zum Siege verhelfen. – Millionen Erscheinungen mühen sich ab, nützen sich ab und rutschen doch nutzlos und überflüssig weg, wie Exkremente durch den Darm des Daseins. – Dünger, Dünger, Dünger, das sind wir alle, die wir im Triebe leben.« –

Und tiefsinnig blickte er in das geleerte Glas . . .

Dann schwenkte er das leere Glas.

»Bringe Staubzucker, zwei halbe Zitronen mit ausgestochenen Kernen und Wasser. Ich werde dir die Mischung beibringen. – Hast dann einen Lebensvorteil mehr. – Du könntest mir gefallen.«

Gehorsam nahm sie die Tablette und entfernte sich . . .

»Jesus, Hornerchen, mich haben's in Pension gesetzt,« rief die Olympia, die jetzt Wirtschafterin war und mit Schlüsselbund und Geldtäschchen herumstolzierte.

»Das ist das Los von uns Alten,« erwiderte er roh. – Sie warf ihm einen wütenden Blick zu und rauschte vorüber.

Behaglich streckte er seine Beine von sich. – He, he, das Leben sorgt doch immer für kleine liebenswürdige Witze. –

Da hatte er einen Mistkäfer auf den Rücken gelegt, und der strampelte vor Zorn . . . Und der andere Schädling? . . . Der junge? Der kroch aus Leibeskräften liebedienerisch um ihn herum und schnupperte mit seinen Fühlern in die Höhe. – Ja, ja, so ein kleiner Kitzel tat ihm gut. Seine Elise wußte das und versorgte ihn von Zeit zu Zeit. Da hören ihm die Mädel zu, die eine, weil sie glaubt, er läßt Geld hinter sich, die andere, weil sie glaubt, er wird sie beim Schopfe aus dem Sumpf ziehen. – Fromme Gründe haben sie immer. Und wenn es nach ein paarmal Essig ist, mit jeglicher Großmut, dann tanzen sie um ihn herum und höhnen. Aber was machte ihm das aus! Er fühlte sich sauwohl dabei und basta. Wollte er denn wirklich da unter dem Gewimmel und Gekriech den heiligen Skarabäus entdecken? Er lachte lautlos vor sich hin. Vorüber die Dummheiten . . . Auf die Suche ging er nicht mehr. Er freute sich vielmehr an dem niederträchtig dummen Gesichte, das die Novize aufsteckte, wenn er sie vom Schoße ließ und ohne den berühmten »Griff in die Hosentasche« davon ging. Wieviele Schimpfworte waren ihm da schon nachgeflogen. Es war eine seelische Erholung für ihn, ohne jede Gemütsbewegung, ohne innere Auflehnung, ohne das Gefühl, wieder einmal »gesetzmäßig« zu unterliegen, diese Gemeinheiten einzustecken und lachend davonzustampfen.

Milada kehrte jetzt zurück, und er braute, – mit viel Umständlichkeit erläuternd – die Limonade zusammen. »Das wirst du mir vorbereiten, alle Tage,« sagte er. »Deinetwillen hab' ich mich mit dem ›Olymp‹ verfeindet. Ich werde ihn nicht mehr besteigen. – Verstehst du mich?«

Sie nickte. – »Du scheinst ein gefühlvolles Mädchen. – Wie heißt du?« – »Milada.« – »Klingt gut. – Klingt echt! . . – Wie alt?« – »Siebzehn Jahre.« –

Seine Art, mit jemandem zu sprechen, war seltsam genug. Er stand ihr im Profile zugeneigt, beugte das rechte Ohr, das mit Watte verstopft war, leicht herab und sprach im Flüstertone, während die glasigen Augäpfel unruhig und hastig über die Anwesenden hinfuhren. – Milada heftete die grauen Augen klar und bestimmt auf ihn und zwang doch nicht seinen verstörten Blick auf sich.

»Möchtest weg von da?« gurgelte er, indem er die Limonade schluckte. – »Geh fort! Taugt nichts für dich, hier sein. Da, geh hinaus . . . auf Nimmerwiedersehen, verschwinde!«

Sie schüttelte ernsthaft den Kopf. »Das geht nicht,« sagte sie, »ich bin der gnädigen Frau viele Hunderte schuldig.«

»Ha, ha, ha, sehr gut, ausgezeichnet!« – Er pruschte los, und sein Speichel benetzte ihr emporgewandtes Gesicht. »Äffin,« speichelte er, – »du bist frei. Weißt du denn das nicht? Vollkommen frei. Niemand kann dich halten . . . Die Türe dort steht offen . . . Die Stiege ist leer . . . Draußen liegt die Stadt in Nachtstille. – Nur Nichtstuer beleben die Hauptstraße, bummeln am Graben. Geh, sag ich dir, verliere dich in ihrem Strome. Niemand wird dich vermissen, niemand dich suchen. Was bist denn du für die?« – Er zeigte auf die Goldscheider. »Eine unbezahlte Rechnung, sonst nichts. Dort ist die Türe, sag ich, geh!«

Und so stark wirkte die suggestive Gewalt seiner Worte auf diese arme Seele, – daß sie sich erhob und der Türe zuschritt. Aber sie fühlte zugleich seinen Blick, der sich langsam wandte und sie zurückholte. Voll stechender Neugierde sah er sie an, als gewahrte er sie überhaupt das erstemal.

»Seltsam,« murmelte er beinahe erschreckt, »seltsam, alle haben gelacht. Und die eine da, die eine ist gegangen.«


Und auf diese Weise wurde eine Kameradschaft geschlossen, wie sie seltsamer und absonderlicher im Reiche des Geistes nicht gedacht werden kann.

Horner war ein bürgerlich Entgleister. Eine in erster Linie durch physische Anormalitäten hervorgerufene Abneigung gegen Gesetz und Ordnung wie gegen die bürgerliche Norm überhaupt beherrschte ihn; er haßte die »Hühnersteige des Erfolges« ebenso wie die »blödsinnige Umwertung der natürlichen Anlagen und Arbeitskräfte in Würden, Ämter, Titel und Ränge«

»Besiegt bin ich,« sagte er zu Milada, und seine stechenden Augäpfel bohrten sich in ihr Antlitz, – »wodurch? – Durch einen windigen Leutnant, der meine charakteristische Abneigung gegen das Zu-Pferde-Sitzen und Mit-dem-Säbel-Schlenkern als unheilbare Feigheit an den Pranger stellte, und mich vor den Schulbuben und der Welt zum Hanswurst stempelte. Ha, und durch die kretinöse Würde des Herrn Direktors, der gewisse unaussprechliche Befriedigungen und mir zur Daseinsbedingung gewordene physische Reizungen als »zeitungemäße Schweinereien« maßregelte. Und über jeden solchen Kerl bin ich gestolpert wie über einen Stein und richtig hinuntergekollert bis zu dem Dreck auf dem Geleise . . . Aber da bleibe ich!«

Nachdem er im Verlaufe noch die wenigen Vorteile und Würden verloren hatte, die ihm Gymnasialstudien und Universitätsjahre verschaffen konnten, gesellte er sich, teils einem inneren Triebe folgend, teils aus Rache gegen die siegreiche Gesellschaft, die ihn ihre Macht fühlen ließ, »den Enterbten, Unfreien und Besitzlosen« zu, in deren Kreisen er immerhin eine Rolle zu spielen hatte.

Er zählte zu jenen reichveranlagten, aber haltlosen Individuen, für die nur in der entnervenden Atmosphäre der Halbwelt das Reich des Ausruhens und der moralischen Sicherheiten beginnt. Denn an dieser Grenze macht die Gesellschaft mit ihren sozialen Forderungen halt. Man kommt hierher und entledigt sich sofort aller kultureller Scham, Vorurteile und Rücksichten. Hier ist der Schlupfwinkel für das Gesetzlose im Menschen, für das Tier und seine Befriedigung.

Horner fand niemals Behagen an der menschlichen Gesellschaft, – auch jetzt nicht, – wo sie für ihn nur aus Dirnen und deren Liebhabern bestand. Aber in dieser Ecke des Lebens freute ihn wieder das grausame Spiel der Vernichtung, der alles unaufhaltsam entgegentrieb.

»Die Residenz des Triebes,« nannte er das Bordell.

Nichts erhob sich, nichts reckte sich über das andere empor, das nicht in sich bedingt den Keim des Verderbens trug.

Dieses Milieu sagte seinem Hasse zu.

Er kannte diese Typen, – die Auf- und Niedergänge ihres Schicksals, die Erschütterungen und Krämpfe, die langsame Ermüdung, die Erschlaffung der seelischen Funktionen bis zum Absterben alles Selbst-Mitleidens, der primitivsten Eigenliebe.

Er kannte den grauenhaften Abscheu, den diese aus der sozialen Ordnung Ausgestoßenen zum Schlusse auf sich selbst überwälzen, und wie sie mit dem letzten Krampfe, der die ersterbende Seele aufbäumt, zugleich den hinsiechenden Körper verfluchen.

Die moralische Welt hatte zu lange daran gearbeitet, diese nur durch sie möglichen Geschöpfe von der Niedertracht und Verworfenheit ihres Gewerbes zu überzeugen, – und Horner sagte sich, daß es dem löblichen Eifer der Gerechten und Guten gelungen war, in ihnen Selbstverachtung und Selbstaufgabe wie eine soziale Verpflichtung großzuziehen.

Ja, untergehen mußten alle!

Was hatte er hier nicht schon gesehen; Mädchen mit großem und durstigem Willen; Mädchen von aktiver Intelligenz und heftigem Temperamente, die sich wie gefangene Fliegen gegen den giftigen Klebstoff wehrten, der sie festhielt. Und dann auch Mädchen, die in den Sumpf noch das Scheugefühl der Weiblichkeit nachzogen, – und sie alle – die Guten und Schlechten, die Starken und Schwachen gingen zugrunde, mußten zugrunde gehn.

Alles, was Leben besaß, mußte verkommen und verderben.

O Leben, dieses Leben, das er so haßte, und dem er doch gierig und nimmersatt nachjagte!

Das große siegreiche, ewig sich erneuernde, immer und über alles triumphierende Leben! An das keine Niedertracht und kein Makel ankam, das so unirdisch hoch stand, unerreichbar für Haß und Liebe, diese kaiserliche Macht erlitt hier im Verborgenen Schlappe um Schlappe, Niederlage um Niederlage; wie eine weißglühende Flamme brannte das heiligste Mysterium den letzten Rest Menschlichkeit aus seinen Priesterinnen, während die Tugend der andern Sand und Asche darüber streute. Ewig unfruchtbare Wüstenei! – Sahara der Moral! O Prostitution!

»Zeiget mir doch Gesetzmäßigkeit, Harmonie, mathematische Regel, verbesserte Wiederkehr! – Ich sage dir, Fräulein, alles ist Chaos, heuchlerische Rätsel und Unbildung. – Ich leugne, leugne dreimal jeden Fortschritt, jede Emporbildung. – Die Dirne ist das Symbol der Natur. Und was wir Leben nennen, ist nichts weiter, als die Wucherungen ihres geilen, saftstrotzenden, vernunftlosen, eitlen Leibes, der sich überall zur Begattung hinlegt. Euere Philosophie ist undurchdringliches Schlinggewächs, jede Deutung Holzhackerkunst. Wie die Affen hocken die Menschen im Gestrüpp und knacken taube Nüsse.«

So war Horner. Und das Seltsamste an diesem Manne war, daß in ihm trotz der unleugbaren Versumpfung und Verwilderung, neben molluskenhafter Willensschwäche eine zähe, gierige, in allen Nüancen schillernde Energie arbeitete, wie man sie bei den fetten, reglosen Raubpflanzen findet, in deren Schleime die hinzugeflogenen Insekten regungslos ersticken. Und wie diese Raubpflanzen hatte Horner das einzige aktive Bedürfnis, Menschen an sich zu ziehen und sie mit seinem Geiste förmlich zu imprägnieren. Schon in seiner frühesten Jugend fahndete er nach solchen Exemplaren, hängte sich an sie mit zäher, oft unappetitlicher Ausdauer, und traf später immer verbitterter und enttäuschter seine Auswahl.

Sein ganzes Leben lang hatte er die Emotionen seines Willens in wilde Ideenräusche aufgelöst. Er verlangte aber nach dem Menschen, der das zu Wirklichkeiten umschuf, was noch an neuen gärenden »Ichen« in seinem Geiste spukte. – Nach außen wollte er sich projizieren, der geifernden Welt zeigen, welche Kraft sie ausgeschieden, welches Genie sie verloren hatte.

Den Träger seines Willens suchte er, den Menschen, der »die Tat« zu leisten hatte.

O mit wie viel ungesättigtem Triumphe und mit Schöpferaugen wollte er der Entwicklung dieses Wesens im Weltgetriebe zusehen . . .

Das nannte er »den verdammten immateriellen Einschlag« in seinem Blute, der ihm keine Ruhe gab, – kein Festbeißen gönnte. Immer zerrte und rumorte es in ihm, stieß die »Iche« nach irgendeiner Richtung, und sein dicker, schwammiger Körper, – längst Sklave dunkelster Triebe, folgte bedingungslos.

Es war vielleicht nicht mehr, als die alte Sehnsucht des Menschen nach Besitz, nach Sicherheit, nach Unvergänglichkeit. Eine Materialisation der Todesangst. Von der Erde zu gehen und nichts zu hinterlassen, davor graute ihm. Und da er nicht hingehen konnte, um sich auf die einfache Weise des Normalmenschen die Täuschung der Unsterblichkeit vorzugaukeln, indem er Kinder zeugte, suchte er sich ihre Illusion auf diese seltsame und komplizierte Weise zu vermitteln. Dabei litt dieser Zyniker, dieser vor keiner Entweihung zurückweichende Ideen-Arnarchist an einem beinahe krankhaft feinen Instinkte für die Geringachtung, die ihn ringsum traf; dem Instinkte jener Menschen, die sich vor der Welt als unverletzlich preisen und sich doch bei jedem verächtlichen Worte, jeder wegwerfenden Gebärde schmerzhaft aufbäumen; jener Bettler, die sich von der Meinung der Welt zerbrechen lassen, weil sie weder moralisches noch physisches Kapital besitzen, um mit Taten dagegen zu bezahlen. Darum stierte Horner auch unausgesetzt mit höhnisch überlegenen und zugleich von Argwohn gequälten Blicken seine Umgebung an, fahndete nach Spott und Hohn und begeiferte im voraus jeden ihm nahe Kommenden, um nicht der hinterrücks Angegriffene, Geschwächte zu sein.

Hier im Salon der Goldscheider lag er grimmig lauernd, wie in einem Hinterhalte und freute sich der Fäulnis, deren Fortschritte er am Körper der Gesellschaft schadenfroh kontrollierte. Proletariat, Arbeiterinnen, Bürgermädel, feine Frauchen, alles war da vertreten, jede Gattung Femina fand den Weg durch das Hintertreppchen aus der Festung Bourgeoisie ins vogelfreie Land. Und die Herren Knappen, Ritter und Kavaliere tanzten fleißig aus dem Feldlager in die Schlafstuben und legten giftige Bazillen in die weißesten Blütenkelchlein. Satans Amoretten! Ha, ha, ha . . . Er wechselte den Salon der Goldscheider mit Carlottas Etablissement, auch in der Zimmermannschen Wirtschaft schnüffelte er herum oder in dem berüchtigten Salon »Agular«, einem ganz geheim geführten Cercle, wo Bürgermädchen mit Aristokraten, höchste Damen mit Kutschern zusammengebracht wurden, aber immer wieder kehrte er zu Elise zurück und nirgends fühlte er sich so wohl, wie in dem Hause seiner alten Freundin, wo man die Fäden der Einzelschicksale noch verfolgen und zu einem Ganzen verweben konnte. Dieses Weib hatte Intelligenz, die anderen nur Spürsinn. Die anderen fingen ein, was sich fangen ließ, saugten und ließen den Kadaver achtlos zu Boden fallen; die Goldscheider spann ihr Netz mit künstlerischer Fertigkeit und entnahm ihm in schöpferischer Verschwendungslaune nur die goldenen, die richtigen Fliegelein. Das andere ließ sie laufen. Sie tötete nicht – sie betäubte. Sie ließ dem Willen noch immer Betätigung und Spielraum, und dadurch wurde hier die geistfremdeste der Erscheinungen zum sinnvollen Spektakel, während es anderswo zum leeren Marionettenspiel herabsank. – Er sagte zur Goldscheider:

»Mit jeglichem Dinge, das vollkommen seinen Zweck erfüllt, gewissermaßen nicht besser gedacht werden kann, als es ist, ein Mechanismus, der seine eigene Idee vollkommen verwaltet, verbinde ich den Begriff des Runden, Geschlossenen, von allen Seiten Begrenzten und frei Schwebenden . . . Idealform, Kugelform . . . Ich habe wenig solche Dinge gekannt, aber eines davon ist dein Geschäft, darin imponierst du mir Ursprünglich schien es mir, als wärest du zu mager zu dieser Charakterrolle. Aber ich gestehe, daß dies nicht mehr ist, als ein veraltetes Bühnenvorurteil. Du könntest aus dem Hetärenproletariat eine soziale Macht großziehen, wenn es dir noch der Mühe wert schiene,« fügte er noch mit einem lauernden Blick hinzu, »der Gesellschaft einen Galgen zu bauen. Du behandelst die Mädeln als Arbeiterinnen! – Sehr gut! Züchte in ihnen den Begriff ›Ware‹ – soziale Notwendigkeit. Die nächste Stufe schon ist der Erhaltungstrieb, Erhaltungssinn mit seinen wirtschaftlichen Reaktionen: Organisation, Konsumverein, Preisliste, Zusammenschluß. Und eins, zwei hast du eine Führerin unter ihnen, die Parteigesetze diktiert. He, Frau Elise, was sagst du zu dieser Rolle? Greif zu, ehe sie besetzt ist! 's ist was Heroisches dran, das reizt ja euch Weiber. Wir Männer sind nichts mehr wert, haben unsere Rollen ausgespielt, treten ab. Ausgepumpte, widerstandsarme, schimmlige Intelligenzen. Aber euch Weibern, mit den ausgeschlafenen Gehirnen, euch gehört die Zukunft.«

In fröhlichen Momenten, wenn er im Salon saß und das Treiben darin mit scheinbar blöd verglasten Augen betrachtete, kam der alte Ideenrausch über ihn. Dann zog er eines der Mädel, mit Vorliebe eine »frische«, deren Wesen ihm noch neu und geheimnisreich erschien, auf seinen Schoß nieder und begann auf sie einzureden. »Ein modernes Hetärentum,« sagte er, »kann noch auf euerem Menschendünger entstehen, wohlorganisiert, vergeistigt, seiner ungeheuren sozialen Macht bewußt. Das wäre eine Ohrfeige,« frohlockte er, »für die lächerliche Anmaßung der Gesellschaft, die nach jedem Magenkrampf Gesetze von sich gibt. In den Ausguß mit ihren Exkrementen! Gebt der Kübelmoral einen Fußtritt! Mädel, Mädel, ihr, die ihr eueren Körper, euere Jugend, euere Ziele fremden Freuden opfert, ihr dürft hundertmal mehr Anerkennung, Rechte und Würden fordern, als die bleichsüchtigen Jungfrauen hinter dem Stacheldrahtzaun verlogener Gesetze, durch die der Mann in Adams Misere eingehen darf. Was sind sie denn? Werkzeuge der Natur! Reizlose Zuchttiere! Ihr aber, Kinderchen, ihr verachtet allen Zweck. Um euerer selbst willen seid ihr da, königliche Verschwenderinnen!«

Es verdroß ihn weit mehr, als er zeigen wollte, daß die Goldscheider auf seine Phantasien und Sarkasmen nicht mehr in der gewohnten Weise eingehen wollte. Suchte er sie in ihrem Privatzimmer auf, um sich über dieses oder jenes auszulassen, so nickte sie zerstreut oder machte belanglose, witzelnde Einwände, während sie sein Pläneschmieden und seine verbessernden Vorschläge mit offener Skepsis abwehrte. Er witterte hinter dieser Gleichgültigkeit Entschlüsse, Wünsche, Ziele, die ihn und seinen Standpunkt durchaus umgingen und den Bedürfnissen seines täglichen Lebens gefährlich zu werden drohten. Die Goldscheider verschanzte sich und ihre Absichten hinter einer gefälligen und gleichbleibenden Höflichkeit, verriet weder Ungeduld noch Spannung, aber sie schwieg beharrlich. Und je länger dieses Schweigen dauerte, umso unruhiger und erregter wurde er. Er kam sehr bald mit von Galle getränkten Andeutungen, Spitzen und Wortspielen, setzte hierauf zu kleinen Auseinandersetzungen und offenen Fehden über, die endlich mit unliebsamen, lärmenden Szenen endeten, in denen er ihr Verrat an der gemeinsamen Freundschaft, falsches Spiel und hochstaplerische Umtriebe vorwarf, Anschuldigungen, die sich in seinem von Groll und Bosheit ausgepechten Munde seltsam genug ausnahmen. In Wahrheit aber hatte er die Goldscheider durchschaut. Sie hatte sich als Rothausmadame tadellos gehalten, war den vorgezeigten Weg gegangen, ohne vor- oder rückwärts zu blicken, mit der eisernen Notwendigkeit, die die Tätigkeit einer Maschine regiert. – Nachdem sie nahezu neun Jahre hindurch rastlos im völligen Aufgeben ihres Ichs zugebracht hatte, ohne die geringste andere Nahrung für ihre Seele zu finden, als Alma Lucies Pensionsbriefe und die kurze alljährliche Dresdner Reise, nachdem sie ein zufriedenstellendes Kapital erarbeitet hatte, stellte sie sich eines Tages in einem Anfalle von Ermüdung und zärtlicher Sehnsucht die Frage: Was nützt mir all das Geld? Was soll mir die Anhäufung von Reichtümern, wenn ich gezwungen bin, die Reste meiner aufnahmefähigen gesunden Jahre durch diesen Sumpf zu ziehen? Ich werde meine Pläne einschränken, ich werde Alma Lucie nicht zu einer reichen Prinzessin verzaubern, aber ihr dafür den Rest Menschlichkeit, der mir geblieben ist, zu Füßen legen. Bleibe ich noch lange hier, dann bekommt mein feines Töchterchen mit den Sonnenaugen keine Mutter mehr, sondern die Madame ins Haus.

Und längst entwöhnt – rann ein Schauder über ihren Leib. Sie hatte diese Gedanken noch nicht ausgedacht, noch kaum ihren Willen in eine neue Richtung gelenkt, als schon ihr verschüttetes und durch tausend Rücksichten gebundenes Ich mit geradezu eruptiver Gewalt durchbrach und sie zur sofortigen Realisation drängte. Plötzlich packte sie der richtige satte Ekel vor dem geschäftlichen Treiben und den Vorgängen, in deren Mittelpunkte sie stand Immer wieder fragte sie sich gequält: Wozu, wozu? Und war sehr geneigt, zu vergessen, daß es sich einmal um das Geld gehandelt hatte, das jetzt in sicheren Papieren deponiert lag.

Offene Rebellion brach jetzt aus, die Sehnsucht nach Büchern meldete sich wieder, nach schönklingender Rhetorik, der Schilderung ruhmvoller Taten und zärtlicher Begebenheiten. Es schien, als umschwebe sie Davids milder Geist und bestärke sie in ihrem Vorhaben.

Im innigen Kontakt mit der wiedererwachten Vergangenheit stehend, summte sie oft unbewußt hebräische Melodien vor sich hin und lächelte, wenn ihr die Geschichten und Witze einfielen, die die Schnorrer einander an Samstagabenden erzählt hatten. Sie wickelte die laufenden Geschäfte ab, verkaufte Börsenpapiere, zog ihre Außenstände ein, machte Hypotheken flüssig und ihre wenigen Realitäten zu Geld. Sie entrierte keine größeren Geschäfte mehr, zog, wo es anging, ihren Namen zurück und löste unter glaubwürdigen Vorwänden alle persönlichen Beziehungen auf. – Mit Sucher – ihrem allzeit getreuen – allein erwog sie den Verkauf des Bordells. Es war zu Ende des Winters. Und er riet ihr, wenn sie günstig abschneiden wollte, unbedingt bis in den Sommer zu warten, wo vor Anfang einer neuen Saison immer gierige Käufer aus der Provinz bei ihm anfragten. Augenblicklich müßte man selbst suchen und anbieten und bliebe dadurch im Nachteile. – So beschloß Elise zu warten. Und das war eben zu jener Zeit, in der Horner unbequem wurde und zu schnüffeln begann. Sehr zu ihrem Mißvergnügen. Sie wollte den Mann auch nicht mit dem geringsten Zugeständnisse in ihre Zukunft hinübernehmen. Und doch! Gerade ihm gegenüber sollte ihr das skrupellose Loslösen und Entfernen schwerer werden. Sie wußte, wie innig er sich an sie geklammert hatte, wie er sich zu keiner Zeit zugestehen wollte, daß sie seinen Plänen und Erwartungen völlig verloren gegangen war. Sie war den Weg gegangen, den er ihrer Entwicklung gewiesen hatte, und der stets zu Täuschungen und Kompromissen neigende Mann hatte sich daraus eine Art Beruhigung seinem beutehungrigen Ich gegenüber zurechtgelegt. Das alles überschaute die Goldscheider jetzt und fühlte sich in dieser Überlegenheit ihm, dem sie viel Positives zu danken hatte, gewissermaßen seelisch verpflichtet. Es schien ihr geboten, dem Manne da eine neue vollwertige Täuschung für die alte, entfliehende zu bieten. Nicht unvorbereitet, absichtslos, oder nur einer blitzartigen Intention folgend, setzte sie Milada an jenem regnerischen Herbstabend Horner auf den Schoß.

Als sich das Mädchen im Laufe des Abends einmal entfernte, ging sie auf Horner zu und sagte schnell und mit suggestiver Gewalt: »Du, auf das Mädel gib dir acht, das ist Eine. Die hat mir die Rechnung überprüft, wie ich sie ihr zur Unterschrift gegeben habe.« – Horner, den ein dumpfer, höhnischer Argwohn bei dieser »Übergabe« nicht verlassen hatte, knurrte etwas und drückte sich tiefer auf seinen Sitz nieder. Er schenkte ihr die Formalitäten. Daß diese Geschichte da mit dem »Judäischen« in Elise irgendwie zusammenhing, war ihm klar. Feierliche Testamentsvollstreckung! Im Grunde hatte er nichts mehr zu hoffen gehabt, als eine solide Abfertigung. Und er ließ sich herab, Milada dafür zu akzeptieren.

Allein, was die beiden, durch ihre egoistischen Absichten verleitet, nicht erkennen konnten, als sie den Einsatz auf das grüne Tuch schleuderten und einstrichen, das sollte sich im Verlauf des Spieles offenbaren.

Das war keine Spielmarke gewesen, die berufsmäßig klingelte und glänzte, sondern hartes, echtes und unverfälschtes Metall, – das feinste Menschenmaterial, das jemals unter Horners knetende Finger gekommen war. Nun sollte es erst die richtige Form, die richtige Prägung, den vollkommenen Wert erhalten.

In Milada war dem Manne eine Schülerin erstanden, in deren Bildung er das letztemal die Wurzeln seiner Kräfte versenkte.

Seit sie denken konnte, war sie der ermüdenden, ziellosen Wiederkehr ideeller Begriffe preisgegeben, die in der Welt ihrer Wirklichkeit nirgends ein Echo, nirgends ein Spiegelbild fanden und die sie durch ihre wesenlosen, schattenhaft unfaßbaren Formen beunruhigten und verwirrten, – bis sie aus Carlottas Etablissement kommend ohne Übergang die ganze frostige Nüchternheit ihres Berufes dagegen einzutauschen begann.

Alles von einem selbständigen Willen regierte Wünschen, Hoffen und Erwarten fiel da von ihr ab, – trocken, saftlos, verdorrt. – In unserem Leben, sagte sie sich, gibt es nichts, das wirklich erstrebenswert ist . . . Man geht langsam, Schritt für Schritt zurück. – Man wird häßlich, alt oder krank. Die drei Todfeinde der Prostitution, die immer in einer gewissen Entfernung lauern.

Die Wahl ist zwischen der Gasse oder dem Luisenspital. Die es besser haben, enden im Armenhaus.

Scheinbare Erfolge, momentane Glückslaunen, ein Emporkommen in Glanz und Geld sind nichts Dauerndes, nichts Unvergängliches, sind nur ein Umweg dahin.

Ganz zu Beginn hatte sie wohl ein wenig Hoffnung in die Gäste gesetzt; es gab da so manche unter den Herren, die mit den Mädchen lieb waren, sich anfreundeten . . . Aber ihr, obwohl sie im Salon beliebt war, wollte es in dieser Art nicht recht glücken. Man fragte sie wohl oft nach ihrer Geschichte und wie sie hergeraten sei, und sie sagte einfach, sie sei hier aufgewachsen, schon ihre Mutter habe im alten »Rothaus« gelebt. Daran fand man eben nichts Besonderes und ließ sich nicht weiter darauf ein . . . Die anderen wußten mehr zu erzählen, man hielt sich an diese. – Die Camilla zum Beispiel kam aus Genf, und die Gisi war gar im Orient gewesen bei einem Türken. – Die freilich . . .

Und schließlich hatte sie aufgehört, mehr oder anderes zu wollen, als die Madame und ihre Kunden zufrieden zu stellen. – Das gelang ihr, denn sie war jung, friedfertig und peinlich ordnungsliebend . . .

Nur etwas verdroß sie: sie hatte keine richtige Arbeit. Das Faulenzen nicht gewöhnt, litt sie sehr unter der Beschäftigungslosigkeit, bis sie eines Vormittags in den Salon hinunterging und zu räumen begann, ehe das Stubenmädchen kam . . . Die sah sie groß an . . . »Na, Anna, fallen Sie nicht um. Ehe Sie da waren, habe ich das alles alleine besorgt. Wenn Sie nicht petzen, so helfe ich Ihnen alle Tage von oben bis unten. Mir tut's gut, dabei fühl ich mich akkurat.«

Dabei blieb es denn auch. Hin und wieder hielt sie in der Arbeit oder auch im Fröhlichsein inne und dachte nach. Da schien ihr wohl, als hätte sie viele wichtige Dinge vergessen. – Und begannen sich ihre Gedanken unkontrolliert wieder ziellos im alten Kreise zu drehen, dann dämmerten von ferne visionär die grauen Umrisse des Luisenspitals auf, die langen Korridore mit den schwätzenden Wärterinnen, mit den ernsten, bebrillten Ärzten. »Das ist bestimmt. Das ist das Ende von allem,« dachte sie aufatmend, beruhigt, ohne jeden Affekt. So müde und mutlos macht das Leben im Rothause! . . . Bis sie plötzlich mit rauhem Griffe aufgerüttelt sich erwachend in Horners Dunstkreis wiederfand, und er, »der hoffnungsvolle Narr«, stürzte sich mit aufflammender Energie auf dieses neue Material. Er riß sie aus ihrer seelischen Einöde und setzte sie mit einem Schwung auf den blitzenden Turmspitzenknauf seiner Weltanschauung.

»Kannst du dir denken, Mädel, daß du auf die höchste Turmspitze krallst, immer höher hinauf, bis du die Erde zu deinen Füßen hast, die Wege und Straßen der Menschen wie schwarze Striche siehst, auf denen eine Unmasse kleiner Insekten wurln. Da rennen sie, dort rennen sie, hier keuchen sie, zappeln, schleichen, tänzeln, alle aber kommen schließlich auf einer breiten Straße zusammen. Schwarz ist es dort, finster vor lauter Zulauf, und sie eilen besinnungslos in einen großen Rachen, der sie allesamt verschlingt . . . He du, Mädel, auf dem höchsten Turmspitzenknauf wirst du sagen, urteilen oder richten wollen, – das da zog die gute, und das Tierchen die böse Straße; das machte krumme Wege und jenes ging stolz und ehrbar den geraden hinunter. Gibt es vom Turmknauf aus gesehen ein Gerades oder Ungerades, ein Böses oder Gutes am Wege? – Euer Mitzerl, das sich eben dort voll und toll säuft, und die spanische Königsdame, die unlängst die Tugendrose bekam, für uns beide, für dich und mich, stehen sie in der egalen Richtung. – Auf den Schwung kommt es an, den sich die Materie gibt. Aus der Höhe wird gemessen. In der Ebene ist alles, alles gleich.«

Und Milada beschattete die Augen, denn das volle Licht, das sie traf, blendete sie und schmerzte zugleich. Sie fühlte die Enge ihrer Seele. Und sie fühlte, daß sich etwas gewaltsam Eingang erzwang, das größer und bedeutsamer war als sie und alles Lebendige, das sie kannte. Das war – der Gedanke. Und die erste zitternde Frage, die sie an ihn richtete, war: »Müssen wir, wir Freimädchen, zugrunde gehen?«

Und er antwortete ihr mit dem genialen Scharfblick des Volksbildners: »Denke dir, du säßest in einem afrikanischen Urwalde, bist von Hunger geplagt und vom Durste. Über deinem Kopfe, mit dem Finger erreichbar, sitzen fette, süße Früchte, goldene Datteln und Bananen. Keine Kreatur wird sich bedenken, zuzugreifen, du auch nicht. Der Urwald ist gesetzlos, du darfst sogar Papiere wegwerfen; ausspucken darfst du, bon! Nun, meine Tochter, gehe morgen in den kaiserlichen Volksgarten und pflücke dir das schwefelgelbe Röschen, das deinen Augen wohlgefällt. Hoppla, hopp! Da legt der Mann der Wache die Tatze auf dich. Begreifst du das? Ein schwefelgelbes Röschen, das morgen vielleicht schon entblättert ist, und im Urwalde fülltest du dir doch den Ranzen mit edlem Obst an. He? Wie reimt sich das? Wo ist das Gesetz? He du, warum darfst du nicht?«

»Weil es verboten ist und der Wachmann aufpaßt,« antwortete sie bedächtig.

»Siehst du, wie klug du bist! – Die hohe Gesellschaft hat proklamiert: Wer hier etwas abreißt, der hat gestohlen. So etwas nennt man einen Paragraph. – Und daneben steht die Uniform, damit der Paragraph nicht umfällt . . . Gut! – Aber mit dem Wachmann wirst du doch fertig. – Wirst dich doch nicht in den Kasten stecken lassen . . . Bist ja stark und flink . . . Brauchst halt deine Beine, wie?«

»O, wenn er pfeift, kommt noch einer und eine Menge Leute dazu.« »Siehst du wohl,« sagte er hochbefriedigt und lehnte sich zurück. Ein Licht irrte in seinen Augen. »Jetzt hast du die Sache am richtigen Ende gepackt. Es kommt noch einer her und noch einer und wieder einer, das Gesetz erhält Sukkurs von allen Seiten und du, die Diebin, das Mädel mit dem schwefelgelben Röslein, das böse Mädel mit dem guten Geschmack, – das steht allein . . . Alles baumelt an dem Gesetze, wie an einem Stricke, den die Gesellschaft über ihr Terrain ausspannt. Und wer nicht daran baumelt, der stolpert darüber. Und wer stolpert, wird eingefangen . . . Und wer schreit, bekommt eine Maulsperre. So ist das . . . Für deine zwei Fäuste hat der Mann, der dich festhält, fünfzig, deinen zwei Füßchen poltern hunderte nach. – Die Masse macht es – Heerstraßenmacht! – Alleinsein ist in der Ebene stets vom Übel, in der Ebene, wo die Stricke gespannt sind, in der Ebene, wo das Gesetz der Schwerkraft wirkt . . .«

So flatterten mit der Bildung ihrer Psyche noch ein letztesmal seine geheimsten und tiefsten Pläne empor.

»Du bist das Geschöpf,« frohlockte er, »das meine Ideen verwirklichen kann . . . Deine Geburt, dein Werdegang bestimmen dich dazu, Trägerin einer außerordentlichen Idee zu werden.

Ein Dirnenkind, ein Kind der Rache . . . Gesäugt mit Haß, großgezogen mit Niedertracht . . . Du bist der materiellste Ausdruck für den tierischen Egoismus der Starken . . . Ha, ein rachetolles Weib legt die verstoßene Brut ins Dirnennest . . . Prachtvoll! – Deine Mutter war eine Seherin, begabt, sage ich dir, mit höherer Einsicht . . . Andere werden dazu gedrängt, dazu gestoßen, tanzen oder schleichen dazu, aber das Kindlein lag im Drecke drin, noch ehe es ein Gliedlein rühren konnte . . . Wem fiele da nicht der kleine Jude im Stalle ein . . . Wartet nur, Besenbinder, – dieses Kuckucksei soll euch verdammte Überraschungen bereiten.«

Und systematisch, logisch, ohne Übereifer, ohne Übereilung, wie es einem alten Pädagogen geziemt, ging er daran, das Chaos ihrer Erinnerungen, Erfahrungen, unklaren Begriffe zu sichten und zu ordnen, den ganzen Boden ihrer Veranlagung umzuackern und für neuen Samen nutzbar zu machen. – Er verbesserte nach wohldurchdachtem und weitgestecktem Plane ihre Elementarbildung, klärte sie über die Natur, die geographische Welt und die Menschenhistorie auf, gab ihr eine Idee von Kunst und Schönheit und reinigte unerbittlich scharf ihr Denken von Vorurteilen und Phantasien, der Überfülle von Aberglauben und fatalistischen Gesetzen, die geschwächte Seelen so gierig aus dem Weltbild saugen.

Und was das Wesentlichste seiner Lehrmethode war, er schloß nirgends ab, nirgends steckte er Grenzen fest . . .

Er sagte ihr: »Alles, was gedacht, gelehrt, geschaffen werden kann, ist ein durch das menschliche Hirn filtriertes Abbild der Natur. Der gewöhnliche Mensch sieht mittelbar und vermengt alles mit den Schlacken seiner Leiblichkeit. – Die genialen Menschen sehen am unmittelbarsten. – Daher verdanken wir ihnen die vollkommenste Deutung der Natur, die erfolgreichsten Wahrheiten. – Jede Wahrheit ist vergeistigte Natur.«

In jener Zeit, die vielleicht die beste und reichste seines Lebens zu nennen war, schien er merklich gesammelter; sein Wille, der sich während einiger verhaßter Berufsstunden – er war Präzeptor an einer privaten Knabenkorrektionsanstalt – notdürftig wach erhielt und im Verlaufe des Tages durchaus verfiel, spannte sich in Zucht für die Stunde auf, die er in Miladas Zimmer verbrachte. – Er war mitteilsam und angeregt, sein Witz verlor an Schärfe, sein ganzes Wesen gewann Geselligkeit und Feuer.

Frau Goldscheider sah zu und lächelte . . .

Ihr sagte er einmal: »Ihr Weiber alle mit euerer Bourgeoisvergangenheit, mit euern sentimentalen Erinnerungen und Beziehungen zur Welt seid unfrei, nichts wert. – Entwurzelte, die ihre besten Kräfte doch im Mutterboden gelassen haben und anderswo steril bleiben. – Die aber hat nichts zu verlieren. – Setzt nichts ein, – ist weder Mutter, noch Tochter, noch Standesperson. Hinter ihr steht nicht der Schrecken der Deklassierung.

Ich sage dir, wer im Wüstensand Wurzel fassen kann, der muß kuriose Früchte tragen!«

»Bomben vielleicht?« sagte die Goldscheider . . .

»Nein, die Galläpfel meiner Erkenntnis,« erwiderte er händereibend.


Das Wertvollste und Wichtigste, was er Milada gab, war das Bewußtsein ihrer eigenen und nur sich selbst angehörenden Persönlichkeit. Bis dahin hatte sie sich in der Tat nur als Geschöpf ihrer Umgebung betrachtet, als ein brauchbares Werkzeug der Goldscheider, dem Pflichten auferlegt sind und das ohne Murren und Widerstand einem unabänderlichen Geschick entgegengeht. Sie war – im reinsten Wortsinne – selbstlos geworden.

Mit der ihr eigenen ernsten Treue bewahrte ihre Seele als einzigen positiven Besitz den Stolz auf das Rothaus und sein immer wachsendes Ansehen in der großen Stadt.

Mit gleicher Frömmigkeit erfüllte sie das Reglement des Hauses, und es gab keines von jenen acht Geboten, die eingerahmt in den Zimmern hingen, das sie überschritten hätte.

Zu tiefst in unserer Brust liegt das Bedürfnis zu ehren und zu dienen, und in den begrenztesten Verhältnissen zimmert sich der Mensch einen Altar zurecht und stellt den Gott darauf, den er nach seinem Ebenbilde geschaffen hat.

Horner nahm ihr den primitiven Glauben an die Wichtigkeit und Bedeutung des Ortes, an dem sie lebte, und gab ihr dafür den Urglauben an die Freiheit und Unverletzlichkeit des persönlichen Ichs zurück.

Sie sah zuhörend mit großen grüblerischen Augen an ihm vorüber . . .

»Ich sage dir, – du – kannst zur Tür hinausgehen, – bist frei . . . Milada Rezek, der Begriff, der Name, der mag wohl angebunden sein. – Aber das Ich in dir, das Unaussprechliche, Ewige, die Idee, die du nur einhüllst in deiner gefangenen und nummerierten Leiblichkeit, die kann verschwinden von hier, nie wiederkommen, die ist frei. Hast du dir nie ähnliches gedacht?«

»Nie,« erwiderte sie mit von Aufregung verdunkelter Stimme.

»Ich und du – ihr zwei gehört nicht zusammen. Verstehe mich! Du – die ißt und trinkt und schläft und küßt, wenn's die Madame befiehlt – und Ich – das denkt und will und handelt, wie es muß. – Das Du rede ich an, das Ich antwortet mir. Glaube ja nur nicht, daß irgend ein Mensch, irgend ein Gesetz Anrecht oder Gewalt über das Ich hat. – Jede Kette kann es zerreißen, nur die eine nicht, die eigenste Gedanken schmieden. Was in dir vorgeht, ist das Bedeutsame. – Nicht aber äußere Zufälle. Jeder Schritt, den du vorwärts machst, jede Handbewegung verwirbeln die äußeren Zufälle. – Ist denn diese Welt,« er wies um sie herum, »der Inhalt deines Seins? – Beginnst du, endest du damit? Stirbst und bist nichts gewesen als Dirne? – Narretei!« – Er griff an ihre Stirne – »Das ist das Zentrum. Was da drinnen vorgeht, erwogen, beschlossen ist, das steht fest für die Jahrhunderte. Dieser Leib ist nur dein untergeordneter Diener, dressiere ihn, und du hast deine Pflicht erfüllt. Lebe dann als Dirne oder Kaiserin – es ist gleich. – Veränderung brauchst du? Gut! Wollen Kulissen schieben, wart' einmal!« – Er legte den dicken Finger nachdenklich an die Nase. – »Kennst du das flache Wiesenland außerhalb dieser kaiserlichen Stadt? Hast ihr noch nie unter die Röcke geguckt? Erdgeruch, wie? Grüne und gelbe Wiesen breiten sich dort aus und Reihen von Bäumen, die im Frühjahr blütenbeladen sind. Dahinter schwellen Berge um Berge, weiter zurück werden sie dunkler, trotziger, mächtiger, es kriecht der Hochwald an Berglehnen empor und grenzt den Himmel ab. In diesen Bergen und Wäldern, Talkesseln und Mulden gibt es auch Menschen, die leben. Burschen und Mädel, jung und stark wie du, hausen in der Einsamkeit mit den Tieren. Nichts hörst du an heißen Sommertagen, als das Surren von Bienen, Kuhglocken und die Zurufe von Alm zu Alm. Wenn Fremde kommen, verstecken sich die Bursche und Mädel, sie sind leutescheu. Wollen nichts wissen von euerer Welt, eueren Freuden, euere Gesetze gelten dort nicht, oder euer Böses. Du kannst Büschel Blumen pflücken, daran riechen und fortwerfen. Kannst dir Schürzen voll roter Waldbeeren holen, den Mund an den eiskalten Rieselbach legen. Kannst mit den Tieren um die Wette laufen, Grashalme durch den Mund ziehen und in die Sonne stieren. Mach dich auf, fahr hin, verding dich dort! Jede Frau nimmt dort so ein starkes Ding, wie du bist. Du weißt jetzt, daß die Türe unten geöffnet ist. Warum zauderst du, he?«

Sie hielt die Hand, eine längliche, braune Hand mit sehr spitz zulaufenden Fingern, an die Stirne.

»Ich kann mir's doch nicht denken,« klagte sie gepreßt. »Tut nichts, die Welt ist groß und mannigfaltig. Nur eine Kulisse war das. – Etwas anderes nun! Du gehst einmal abends in Shawl und dunklem Kleide statt in den Salon auf die Gasse hinaus. Aber daß du mir vorher die Schminke abgerieben hast!« sagte er streng. »Denn du mußt aus dem Gäßchen hinaus. Schreite getrost ins grelle Licht hinein, du akkommodierst dich schon. Leben ist Anpassung.« Er streckte die Hand aus. »He, bist du mit? Du stehst im Herzen unserer teueren Stadt.«

»Ja,« sagte sie mit hypnotisierten Blicken.

»Nun flink durch die Seitengäßchen getrappt. Studierst die Zettel an den Haustüren. Das paßt dir nicht, jenes nicht, aber hier, halt: »Billiges Zimmer für anständiges Fräulein mit Kost.« – Großartig! Das schau dir an! Du teilst es mit einem bleichsüchtigen Modistenmädel. Auch recht! Wirtin, Beamtenswitwe, Spitzenhäubchen, Hornbrille, flinke Lippen. Vor dem Fenster Blumentöpfe, auf dem Tische alte Photographien. Die Frau horcht dich aus, hört, daß du Waise bist, schluckt Tränen, streicht Butterbrote. . . . Das bleichsüchtige Mädel duzt dich gleich. Erzählt dir von ihrem Cousin, der ein Reisender und unerreichbar ist. Schön. Dann gehst du Arbeit suchen. Arbeit –, ich sage dir, die findet sich in unserer braven Stadt immer. Hilfsnäherin, Tagesbonne, Stickerin, Strickerin, Flickerin usw., was du willst, nur die Nächte, die Nächte, nein, da bleibst du standhaft. Die Nächte nur mit dem bleichsüchtigen Modistenmädel verbracht. Da sitzt ihr Abend für Abend bei der Beamtenswitwe, die erzählt euch vom Seligen. Wenn's hoch hergeht, brüht sie Tee auf. Lockt dich das? Kriech unter! In solche Eckchen kannst immer unterkriechen, brauchst nur den Fuß zu heben.«

Er fuhr fort, indem ein verzerrtes Lächeln, das nicht ohne tiefe Traurigkeit schien, um seine Lippen spielte:

»Nun ist dein Leben entwicklungsfähig geworden. Du wartest auf etwas. Ja, du weißt, daß etwas kommen muß, du und das Modistenmädel, ihr sehnt euch nach etwas, das eueren Witwenfrieden stört.

Ha, kennst du den Frühling im kaiserlichen Volksgarten? – Nein, du kennst ihn nicht. Bäume und Sträucher blühen, duften, singen beinahe. Ein warmes Flüstern zieht durch die Luft, sagt jedem jungen Menschen etwas ins Ohr . . . dir auch . . . du machst große, traurige Augen, wie die anderen bleichsüchtigen Mädeln, und deine Blicke suchen . . . Der Wind reißt und zerrt an deinem Hute, der wilde Frühlingswind jagt dir die Haarsträhne ins Gesicht. Du hältst den Hut mit beiden Händen, und die Röcke tanzen wie närrisch. Das ist der Frühling im Volksgarten.«

Er hielt inne und starrte vor sich hin.

Dann fuhr er auf: »Jeden Morgen denkst du dir: Ha, heute ist der Tag, heute gewiß. – Da spricht dich ein Herrlein an, wohlkonditioniert, ehrbar, – riecht nach Kernseife und Veilchenpomade . . . Macht nichts . . . Die Sache liegt wo anders.«

Horner räusperte sich, sein Lächeln wurde zur Grimasse.

»Und jetzt scheint dir die Liebe ins Leben. Haha, aber anders als bisher . . . Um Gotteswillen, Mädel, alle deine heutigen Vorzüge mußt du vergessen! . . . Um Gotteswillen nicht zu reinlich sein, das ist immer verdächtig. He he, erst äugeln, dann lispeln, mal murren, mal quieken und weinen, dann, ja dann begreift ihr langsam die Herrlichkeiten.« Er legte die Spitzen seiner Finger zusammen und breitete die Hände aus.

»Du heiratest ihn natürlich, kriegst Kinder, kannst kochen und Windeln waschen. Wieder ein Milieu! Behagt dir das?«

Sie erwiderte: »Erstens glaube ich dir nicht ganz, daß ich so frei bin. Die Polizei kann mich auskundschaften und zurückbringen, wenn die Goldscheider es will. Ich kann auch nicht nähen, nicht sticken, überhaupt nichts.« – Sie legte die Hand auf ihren jungen Leib, – »nicht einmal Kinder kriegen kann ich. Es ist ja gut, wie du es sagst, – und doch, es wäre kein Wunsch für mich.«

»Tut nichts, Satan zeigte dir nur die Herrlichkeiten dieser Welt,« sagte er stark. »Alles ist erreichbar, was deine Gedanken ausjagen. Vergnüge dich, spiele mit den Dingen. Würfle! Doch merke wohl! Eins ist nicht besser, nicht wichtiger, nicht erstrebenswerter, als das andere. Überall siehst du ein Drängen, Suchen, Hasten und Vorwärtsstoßen ins Bodenlose. Da steckt der Witz. Im Wichtignehmen, im stolzen Schreiten, im Buckeln und Scharren, und zum Schlusse, eins, zwei, purzeln alle Puppen ins Loch.

In jedes Zentrum ist einzudringen, jede Rolle kannst du spielen. Durch alle diese Erscheinungen gehst du hindurch. Denn in dir ist zugleich alles, was jemals war und ist und sein wird.

Es gibt keinen Stillstand, es gibt keine festen Linien, alles ist Übergang, alles fließt, – wie schon der alte Grieche sagt und die Goldscheider richtig praktiziert, indem sie kleine Arbeiterinnen und brave Ladenmädchen, Gouvernanten und andere Engelchen über die Grenze dieses Bezirkes schmuggelt.« . . .

Und so gelang das schwierigste Experiment. Miladas gefangene Seele riß sich langsam vom Mutterboden los, ihre an die nächste Umgebung geketteten Gedanken verloren sich ins Weite und Grenzenlose und kamen beschwert von neuem, wunderbarem Samen zurück. Die unnatürliche Enge ihrer Vorstellungskraft wich einem beherzten, fröhlichen Aufstieg, und von dem Platze, an dem sie stand, gewann sie bald den vollkommensten Kontakt mit dem pulsierenden Leben der Welt. Sie wußte jetzt: »Es gibt nichts, das abgeschnitten, losgelöst, tot ist. Alles gehört zusammen, eins fließt ins andere über.«

Die Fräulein aus dem Salon, diese hellgekleideten, rotgeschminkten, unter denen sie lebte, und die andern, die im Schatten der Nacht die Rothausgasse auf und nieder gingen, die stolzen Damen auf der Promenade, die verächtlich über sie hinwegsahen und die glücklichen Mädchen, die Arm in Arm gingen, von ihren Müttern behütet,– sie alle gehörten zusammen, bildeten eine einzige kompakte Masse in der Welt der Erscheinungen, in deren ursprüngliche und ewige Einheit kein Gesetz und keine Willkür Grenzen schneidet.


Die zu Ende gehende Saison hatte noch dem schönen Fräulein Kamilla Glück gebracht. Ein russischer Ingenieur, der aus Zufall in lustiger Gesellschaft eingekehrt war, hatte sich vom Fleck weg in das hübsche, blonde Mädel vergafft und nahm sie, nachdem er ihre Verbindlichkeiten auf generöse Weise gelöst hatte, auf seine Reisen mit.

Sie war die beste Attraktion des Hauses gewesen, und doch ließ die Goldscheider sie ohne besonderen Widerstand ziehen. Kamilla nahm überaus umständlich Abschied und sah genau wie eine junge, glückliche Frau aus, als sie in ihrem schmucken Reisekleide, lachend, händeschüttelnd und ihre Intimen zärtlich küssend, das Rothaus verließ.

Die Dubbe hatte natürlich Musik dazu gemacht. Sie war Kamilla an den Hals gesprungen und hatte sie unter Schluchzen und Schreien so fest gehalten, daß das liebe, erschrockene Ding blutrot wurde und zu keuchen begann.

Wassil Milewitsch, der wie ein Jude oder ein Zigeuner aussah, gab ihr einen Stoß in den Bauch.

Da lachte die Dubbe auf und sprang aus der Tür. Wie eine Katze war die. Aber jetzt lag sie in ihrem Zimmer und heulte, und die »Nonne«, wie die linke Anna Milada hämisch nannte, kochte ihr »Kamillentee«,– der hilft vielleicht zu »ein' Ingenieur«.

»Ja, ja,« seufzte die Olympia, – »schön is 's schon, Reisen, feine Hotels, seidene Kleider und zu allem nur ein Mann.«

Man war im übrigen sehr gespannt, welchen Ersatz die Goldscheider nachliefern würde, denn weniger als acht Fräulein waren nie im Hause, hätten auch den Anforderungen nicht genügt. »No vielleicht kriegt's die Fritzi von der Carlotta,« meinte eine.

Die Olympia schüttelte den Kopf. Sie war die einzige, die über die Handlungen der Madame ein wenig informiert war.

»Die hat uns durch'n Doktor Iserstein vorig's Jahr schon sagen lassen, sie geht nicht weg von dort. Wegen 'n Urlaub nach Berlin, den 's kriegt,« erklärte sie. Man wartete also. So etwas war immer von Interesse, besonders in diesem Falle, wo es sich darum handelte, den Posten der Favorite, des sogenannten Champagnerfräuleins, zu besetzen.

Es gab daher nicht wenig lange Gesichter, als zwei Tage darauf ein großes, knochiges Mädchen mit ziegelroten Wangen und glattgestrichenem Blondhaar in das hübsche, mit punktierten Battistvorhängen und gelben Möbeln ausgestattete Zimmer Kamillas einzog. Das war sonst nicht die Art, die die erfahrene Madame für ihr Haus auszuwählen pflegte. Etwas bäuerisch Derbes haftete ihr an. Sie reichte jedem der Fräulein die Hand und sagte, sie heiße Bine Michal und freue sich.

Die Mädchen pruschten los, die Laura zog aus einem ungeschickt gepackten, unförmlichen Pakete Mohnkuchen und einen Zipfel Preßwurst heraus, was die allgemeine Heiterkeit nur erhöhte.

Doch die Neuangekommene drehte sich resolut um und erklärte der dreisten Jüdin, sie sei so, daß ihr die Hand recht lose im Gelenk sitze, und wer mal mit ihr probieren wolle, . . . sie stemmte unternehmend die Hände in die Seiten.

Die Rosa mit den Blatternarben, der diese Art, Streitigkeiten auszufechten, sehr bekannt vorkam, drehte sich indigniert um und sagte schnaufelnd, in der Stadt, da gäbe es keine solchenen »draußischen« Gewohnheiten . . . Von wo die es herbrächte, wüßte sie wohl nicht, aber sie finde das »ordinör« . . . Und sie rauschte würdevoll hinaus und zog die andern hinter sich.

Gleichmütig und mit einem trotzigen Zug in dem frischen Gesicht installierte sich die Neue.

Die Goldscheider hatte sich diese Akquisition keine Mühe mehr kosten lassen. Sie saß eines Vormittags in ihrem Bureau, als die Portierin ein sauber gekleidetes Landmädchen hereinbrachte, das ihr mit dem gutmütig pfiffigen Selbstgefühl der Bäuerinnen eine Karte reichte, auf der in ungelenken, derben Schriftzügen nichts wie ihre eigene, vollständige Adresse zu lesen war. Erfahrungsgemäß fragte sie nicht weiter. Das Mädchen war jung und kräftig, wohl zu brauchen und schien überdies genügend informiert zu sein. Die Michal sprach in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes sehr wenig, zeigte nur eine ungemein rege Neugierde für alles, was sich um sie herum begab, und eine intensive Lust, sich überall zu betätigen, die so weit ging, daß sie im Salon, so oft jemand eintrat, aufstand und lächelnd und einladend zur Belustigung der Gäste dastand. Sie gab es aber sofort auf, als es ihr die Goldscheider, die in normalen Zeiten die Michal wahrscheinlich nie für ihren Salon akzeptiert hätte, als unschicklich verwies. Allein Bine war ungeheuer zuvorkommend und machte ihre Sache gut.

»Für die Zimmermannsche Wirtschaft,« dachte Milada, »wär' das ein richtiger Fang.« Doch auch die verwöhnten Kunden der Goldscheider ließen sich dieses Stück Natur gefallen.

Milada war die einzige, an die sich Bine im Verlaufe ein wenig anschloß. »Rezeks,« sagte sie, »heißens auch bei uns die – Grenzerleut . . . Bist auch von böhmisch-deutsche Landel, net?«

Sie wisse es nicht, erwiderte Milada, – es sei aber möglich, die Mutter sei von dort gewesen, wenigstens habe sie sie öfter böhmische Lieder singen gehört.

Bine vertraute ihr sogar in späterer Zeit Geld an, der stärkste Beweis, den diese enge und argwöhnische Seele geben konnte.

Ihre beiden bösesten und ränkevollsten Gegnerinnen blieben die jüdische Laura mit dem Tizianhaare, auf das sie besonders stolz war, und die »linke Anna«, so genannt wegen einer leichten Lähmung des Armes, den sie immer ein wenig vom Ellbogen abgestreckt trug,– zum Unterschiede auch von dem ganz harmlosen, üppigen Annerle Meitner, einer Olmützerin, die stolz erzählte, daß sie schon mit elf Jahren zu nichts getaugt hätte, als zum Freimädel.

»Aber meine Brüst hätt's sehen sollen, a so, und gestanden wie die Grenadier.«

Die beiden ersteren nun neckten die »zugereiste Bine«, wo sie nur konnten, ahmten Gang und Haltung nach, besonders aber ihre ständige Redensart, mit der sie jede fröhliche Erzählung ebenso wie jeden Streit abschloß: »Hab ich ja Cyrill.«

Wer dieser Cyrill war, das konnte man nicht erfahren. Alles Forschen und Raten und Drängen half nichts, sie schüttelte den Kopf, lächelte verächtlich und schwieg.

Die Michal brachte es fertig, vom ersten Tage an in die Regellosigkeit des Bordellebens Ordnung und Einteilung zu bringen. Mit merkwürdiger Pünktlichkeit erschien sie täglich um zwölf Uhr ausgeschlafen, angezogen und frisiert im Salon, mit einer Handarbeit aus dickem, grauem Hausleinen, das sie in grellblau und rot dicht benähte. Schürzen, Decken, Vorhänge mehrten sich in unglaublich kurzer Zeit. Nach dem Mittagessen schlief sie, und von ihrem Erwachen bis zum Abend rumorte sie in den Schränken und Läden, wusch und putzte, bürstete und nähte an ihrer Garderobe und ordnete täglich aufs neue pedantisch ihre Besitztümer. Um sieben Uhr, erfüllt von Kraft und Tatendurst, erschien sie im Salon, sie machte alle Späße mit, sie zeigte niemals ein verdrossenes Gesicht. Die unangenehmsten und lästigsten Gäste wurden ihr zugeschoben, sie nahm sie ohne Widerrede sogar später, als sie die Sache schon verstand.

»Fräuleins sind aber sehr bequem,« sagte sie nur zu Milada. Im übrigen war sie davon durchdrungen, daß nur die Liebenswürdigsten und Schönsten hier ankämen und daß dies einen Vorzug bedeute, gegen jene »Trampeln«, die zum Waschen, Scheuern und Räumen in die Stadt kämen, eine Arbeit, an die sie sich, wie sie versicherte, nicht mehr gewöhnen könnte. Die leichte und verhältnismäßig reichliche Art des Verdienstes berauschte das Landmädchen, obzwar es immer auf irgendein unbekanntes Übel gefaßt schien, das da nachfolgen müßte und daher ihre Schritte äußerst vorsichtig und schlau erwog. Und doch fügte sie sich erstaunlich schnell und unauffällig in die Schar der Fräulein ein, die alle einen großstädtisch mondänen Anstrich hatten, zum größeren Teil auch Charme und Chick, der von der Goldscheider verständnisvoll geweckt und ans Licht gerückt würde.

Da waren die zwei »Inseparables«, das Fannerl Schwabe und die Putzi Bleier. Die erstere nannte sich eigentlich Fanchon und hatte mancherlei Kapitel durchgeblättert, ehe sie hier ankam. Die Goldscheider hatte das dünne, grazile Proletarierkind mit den Wangen der Schwindsucht und den blauen, lebenshungrigen Augen eigentlich nur auf die Fürsprache eines sehr einflußreichen Gönners aufgenommen, der sich ihrer immer wieder erbarmte. Sie war von kinderhaft unbefangener Freudigkeit, von einer süßen, tändelnden, spielerischen Verlorenheit, die einen alten, müden, vom Leben verbrauchten Menschen wohl einfangen und zu heimlichen Sentimentalitäten verführen konnte. Was hatte der alte Gönner alles mit ihr vorgehabt! Eine Villa hatte er ihr gekauft, sie, die Todkranke, in die Natur gesetzt, mit Sonne und feinem Futter umgeben,– aber sie entwischte ihm, sie wollte nicht. Nein, nein, sie brauchte Leben, Lachen, Kameradinnen, Freunde, sie brauchte eine schillernde, unruhige, von Sang und Klang und nichtstuerischen Illusionen erschütterte Gegenwart. Viel Rhythmus und ein Hauch von Schönheit lag um ihre dünnen, bleichen Glieder, die den steilsten, den kürzesten Weg zum Tode suchten. Sie tanzte und tollte und riß die andern zu Tollheiten hin. Wohl saß sie dann oft stundenlang auf einem Platze mit hochgezogenen Knien und pläpperte Gebete, indem sie den Rosenkranz durch die kleinen, blassen Hände gleiten ließ, hingegeben an Angst und Todesfurcht.

Sie war von Geburt ein Maurerkind, aber sie erzählte gar zu gerne, daß nur die anderen fünf Balger daheim dem alten Schwabe seine richtigen wären. Vor ihrer Heirat mit dem habe es die Mutter mit einem Baumeister gehalten, einem feschen und lustigen Herrn, der Kirchen baute.

»Mir scheint sogar, er war a bissel geistlich . . Irgendwas, hat Mutter immer g'sagt, is g'weiht an ihm.«

»Dann wird's a beschnittener Jud gewesen sein,« sagte die linke Anna.

»No, wenn ihm nur so viel blieben is, daß die Fannerl auskommen is. I leb so viel gern,« sagte sie treuherzig.

Sie konnte unglaublich viel reden, und niemand hörte ihr so eifrig und hingebungsvoll zu, wie die Putzi, ein sehr schönes, aber beschränktes und geiles Ding, ohne Phantasie, beinahe ohne andere Regungen, als derb sexuelle Triebe. Sie war die Tochter eines geachteten Kaufmanns in der Stadt, die sich aber schon im Alter von vierzehn Jahren in versteckten Winkeln von jedermann gebrauchen ließ. Als sie geldgierig und putzsüchtig wurde und nicht wußte, wie man ohne Gefahr seinen Körper verkaufen könnte, fiel sie in die Hände einer berufsmäßigen Kupplerin, die sie wohl aus ihrer Familie nicht loslösen konnte, sie aber heimlich traf, und in den großstädtischen Hauptstraßen ohne weiteres promenierenden Herren mit den Worten anbot: »Schönes, junges Mädchen gefällig?« Ein paar Tage ging das Geschäft flott, aber dann kam die Polizei dahinter, beide wurden angehalten und festgenommen. Bei der nun folgenden Gerichtsverhandlung erklärte das Mädchen kurz und bündig dem weinenden Vater ins Gesicht, es täte ihr leid, das so zu sagen, aber sie hielte es ohne Mann nicht aus. Und der Vater sollte so gut sein und es ihr erlauben, sie werde sich den Namen ändern und nie wieder nach Hause gehen. – Selbst faul und denkträge, hörte sie mit in den Polstern vergrabenem Körper und halbgeschlossenen, flimmernden Augen der beweglichen, phantasiereichen Fanchon zu, die alle ihre kleinen Erlebnisse mit bunten Farben ausschmückte. Was wußte die alles aus ihren Modellzeiten von dem feschen, lustigen Leben der Maler, von ihren Einfällen und Schnacken zu berichten. Und immer sprang sie mitten im Erzählen auf, lief zu dem Spiegel, probierte Tücher und Schleier, steckte Blumen ins Haar und zeigte den Mädchen, wie sie einst gemalt worden war. Dem mageren, bläulichweißen Körper gab sie kokette oder steif stilisierte Positionen. Sie legte sich als schlummernde Nymphe hin, eine künstliche Palme als Wald, den Wasserkrug als Quelle benützend. Das Modellstehen war augenscheinlich ihre freudigste und inhaltreichste Zeit gewesen. Es kam ja nachher mehr »Noblichtes« nach. Aber so warm und weich hatte es sich nirgends mehr gelebt, als unter den jungen Künstlern, in deren Atelier sie lange als einzige Weiblichkeit dominiert hatte. Die waren gut und fröhlich und freigebig, wenn sie etwas hatten. Sie schimpften nie, verlangten nichts Häßliches und waren dankbar für jeden kleinen Dienst. »Fanchon, die Befestigende«, hatte sie der Froh genannt. Der hieß eigentlich Temple, aber was war das für ein goldener Mensch! Hatte nur der etwas, so hatten alle andern genug. Knackwürste, Bier, Käse und Zigaretten, die sie ihnen selbst stopfen mußte. Auf einem Klimperkasten, so 'nem komischen Kinderklavier, spielte der Froh Walzer und Lieder, auch Stückchen aus Opern, so schön und rührend, daß sie ihm stundenlang zuhorchten. Überhaupt der Froh! Den hatte sie lieb gehabt! Meinerseel, so lieb, obwohl er einen krummen Fuß hatte und beinah ein Doktor war, gar kein Künstler.

»Könnt ihr euch ein' Menschen vorstellen, wie der war? – Immer dabei bei Komödie und Tanz. Aber wie er ernst Theater spielen konnte! Daß einem bang wurde zum Weinen.« – Dann protzte sie wieder. »Mein' Hand, mein' Fuß, mein' Rücken, alles haben sie gezeichnet und gegossen und aufgestellt zum Master.« Der Froh hatte sie einmal angezogen, einen grauen Schleier um den Leib, weiße und schwarze wallend um den Kopf, darauf ein Kranz aus dunkelroten Rosen lag. So mußte sie mit geschlossenen Augen die Arme ausstrecken, als suche sie einen Weg. Alle malten sie so. Einer gab einen wunderschönen silbernen Rahmen darum und schickte es in die Ausstellung. »Dämmerung« hieß es und kostete fünfhundert Gulden.

»Jetzt bist billiger,« sagte die linke Anna philosophisch.

Nachher war eine Kneipe, da saß sie obenauf in den grauen Schleiern.

»Rote Flanellhosen unterirdisch, was?«

Aber Fanchon ärgerte sich nie. Unbeirrt erzählte sie fort. Freilich nahm die gute Zeit bald ein Ende. Sie konnten sie einfach nicht weiter malen. Der Professor warf einmal wütig den Pinsel hin und sagte: »Immer nur die Eine kitschen, das geht nicht.« Da brachte ihnen der Froh ein anderes Modell hinauf.

Eine recht Dicke mit roten Haaren, die tat stolz und sagte: »Aber nur den Kopf, bitte, sonst nichts.« So was! Die Künstler! Wo die feinsten Damen »danke schön« sagen und noch obendrein zahlen . . . Aber der Froh sagte, sie solle sich nur hinter der Spanischen zum Spaß ausziehen und den Kopf herausstecken, weil's Gesicht am nackten Körper ganz andere Farben hätte . . . Na das tat sie, dann zog er die Wand schnelle weg. Da stand sie da. Na, jetzt wußte man, warum sie so heilig tat . . . Und der Froh sagte dann: ob sie ihnen nicht lieber ihre älteste Tochter schicken wollte . . . Na die hat gefaucht! –

Besonders redselig wurde sie aber, als sie den Abschied schilderte. Die Bine Michal, die ruhig, breit und zufrieden dasaß und diese Erzählungen wie ein rechtes Gratisvergnügen genoß, konnte es gar nicht fassen, wie einen das Vergangene so anpacken konnte. Wie lebendig wurde alles der kleinen Fanchon und sie wurde mit lebendig, fast so, wie sie es war, als die Bohemiens sie noch liebten und malten.

»Nämlich so war's: Der Froh sagte: »In Dienst kannst du nicht, egal is es ohnehin, nimm dir ein Buch! Was anders kannst nicht anfangen mit deiner Brust. Trink' nur fleißig Milch dazu,« sagte er. Na so war's denn. Sie schenkten mir Bilder in die Stuben und die Bildhauer auch so Sachen, einen roten Aschenteller, alles hat sich dann die Kanallje behalten,– mein erstes Stubenaas. Na, und richtig, am Abend, da gehen wir alle in die Alhambra. Ich zahlte ihnen die Zeche frei, der Roten auch. Aber die sagte gleich, sie spreche heute abend das letztemal mit mir. So ein Aas! Kaffee gab's, Wein und Kuchen und feine »Frackerl«. Ich gab's ihnen auch genug gerne . . . Dann begleiteten sie mich nach Hause. Um elf Uhr nämlich hatte ich Besuch . . . Das war 'n Onkel von Froh. Ein Onkel vom Lande, der gerade in der Stadt war, Vieh einkaufen. Ein guter Mensch war der Froh, nicht? Gleich schickt er mir den Onkel, aber dabei hat er natürlich was ausgeführt.«

»Hat der Onkel auch a Holzfuß gehabt?« erkundigte sich die Putzi und lachte grell.

»Das liegt halt in der ganzen Familie,« sagte die Anna.

»Aber keine Idee, so was,« begann Fanchon aufs neue eifrig . . . »Der Froh hat dem Onkel gesagt, er führt 'n halt zu einer Jungfrau; aber das koste hundert Gulden – fünfzig Gulden erst, die müsse er ihm gleich geben für die Mutter von der Jungfrau, die . . .«

»Auch eine Jungfrau ist,« sagte die linke Anna lachend . . .

»Ja, und fünfzig Gulden nachher dem Mädel . . . Das kann er ihr aber selber zahlen. Na, und hat ihm halt Wunderstückeln erzählt, wie sie is, bis der Onkel närrisch war auf die« –

»Auf dich,« sagte die Anna verbessernd.

»Ja, Schnecken! i – damals – und nach dem . . . An' eiserne Jungfrau wär' schon aus 'n Leim gegangen . . . Also ich weiß aber von nichts . . . No meiner Seel'« – versicherte sie auf ein zweifelndes »Ja freilich« – »sonst hätt' ich mich doch a bissel vorbereitet und net so a hingelegt. . . Na, ich sag' euch, das war ein Spektakel . . . der hat geschimpft . . . Und unten is der Froh mit der Bande gestanden und hat gejohlt:

»Blauer, blauer Fingerhut,– steht dem Onkel gar so gut, Jungfrau soll tanzen,– mit 'n dicken Ranzen –«

Ich sag' euch, schrecklich! Ich hab' z'erscht glaubt, der Alte vertragt's nicht und is vielleicht grad närrisch worden drüber. Er hat aber nur geschrien: »Eine Jungfrau will ich, wo is die Jungfrau?«

Na, was mein Stubenaas war, alles was recht is, ein Maulwerk hat die gehabt! . . . Erst hat's ihm einen Kübel Wasser eingegossen . . . hat gesagt, »da is eine Lawine, nachher wird die Jungfrau a net weit sein.« – Schön, nachher is der Polizeimann gekommen . . . der Onkel von Froh hat ihn beim Kopf festgehalten und geschrien, ob das da eine Jungfrau sei, er soll sich überzeugen, bitte . . .

Und ich hab' gesagt: »Na, seins so gut.« Und er hat geschrien: »Fünfzig Gulden verloren, fünfzig Gulden.« Die Alte hat aber gesagt . . . »für fünfzig Gulden a Jungfrau! . . . So a verdrahter Dorfmichel! Für fünfzig Gulden kriegt's net amol a Sau, die was no a Jungfrau is.«

Nachher hat er müssen a Zehner blechen und ausg'fahren is er wie ein Dampf.«

Die Geschichte befriedigte und weckte allgemeine Heiterkeit.

»Warum hat der dich alsdann nicht geheiratet?« fragte die Bine praktisch.

»Er hat doch auf'n Doktor studiert g'habt,« verteidigte die Fanny lebhaft.

»No, und dann 's Holzbein,« kicherte die Putzi.

»Wenn er aber doch dein Verehrer war,« sagte Bine nachdrücklich. »Es is halt am besten, wenn ein Verehrer tut das Mädel heiraten.«

»Wie Cyrill,« sagte die linke Anna pathetisch.

»Drecksau!«

»Ich werd dir a Drecksau am Buckel geben.« – »Ja, die Zug'reisten sind die giftigsten.« – »Sie wird sich schon an die feine Luft da gewöhnen,« begütigte die linke Anna mit unbeschreiblicher Ironie und stieß Bine an . . .

Da öffnete Olympia langsam die Tür, übersah die Gesellschaft und sagte eintretend mit aller Wichtigkeit, deren sie fähig war: »Diskuriert's nur über eure Dummheiten da, und die Neuigkeit is – unsere Frau tut verkaufen.«

Krach! bumm! Das hatte eingeschlagen . . . Die Mädel sprangen alle auf und überschütteten sie mit Fragen . . .

Nur Bine blieb stumm sitzen, und an der Tür lehnte mit aufgerissenen Augen Milada und hörte zu . . .

»Ich weiß schon lang', daß was vorgeht, sie hat auch solche Andeutungen gemacht . . . Aber ich hab' mir denkt, da redt's nix . . . und gestern, weißt, grad wie wir die Hemden sortiert haben,« – sie wandte sich an Milada, die nickte, »da war der Sucher bei ihr . . . Und da hat er beim Weggehn in der Tür gesagt: »Ein umgänglicher Mensch, g'scheit und versteht's Geschäft.« – Sie hat g'sagt, das is gut, denn es wär' schad ums Geschäft.«

»O weh, ein Mannsbild, da gibt's Schläg',« konstatierte Putzi beinahe mit einem Unterton der Befriedigung.

Die Gisi Geyger kaute an ihren hübsch gepflegten Nägeln . . .

»Ich pack',– der Ferdl will mich ohnedies raus haben, und . . .«

»Gibt's jetzt nicht,« sagte Olympia und bewegte die Hände energisch abwehrend, – »wenn's im Verkauf is, wird nix ausg'lassen, – Inventar muß stimmen.«

»Wenn's mir net paßt, i wer halt wieder anständig; Zeugnisse hab' ich noch und die Frau Baronin in St. Pölten nimmt's Roserl gerne wieder zu sich.«

Leidenschaftlich wurden Pläne gemacht, alle fühlten Wünsche, Unruhe, Unzufriedenheit aufsteigen. – Nur Bine nicht und Putzi . . . Diese sagte nur: »Dem Amschel sein Bruder, – der Hinkende, – der hat uns auch geschlagen, mein Seel' und Gott.« – Endloses, wirres Durcheinander! Wie immer in erregten Momenten, erzählte die Olympia von Paris und verlor sich monologisierend in ihren schönen Erinnerungen. Milada schloß die Tür . . . Auch in ihr war Sturm entfacht. – Verkauft! – Wir werden verkauft! . . . Frühe Kindererinnerungen stiegen in ihr auf.

Sie sah die Mutter mit den roten Ringellocken, in dem kattunenen Rock trällernd durch das Haus streichen . . . Und doch schien ihr jetzt, als hätte sich dahinter eine wildere, tiefere Angst verkrochen, als hinter dem plätschernden Gejammer der andern Weiber.

Und Janka . . . Der blasse Schein einer blassen Frau schwamm auf den Nebeln der Vergangenheit vorüber . . . Wo waren die alle . . . Heute, ja heute, – da kam sie selbst an die Reihe . . . Doch sie war ja frei – frei, – frei. . . . Anders noch, als Horner es meinte. Nicht nur in Gedanken . . . In der Tat . . . Die Worte der Goldscheider klangen auf . . . »Wenn ich vom Geschäfte gehe, hast du keine Verpflichtung mehr. Nur mir haftest du hier.« . . . Sie schloß die Augen und empfand Schwindel, wie jemand, der langsam auf einen Abgrund zugeht. Wohin also? Die Welt ist so groß . . . Wohin? . . . Abschütteln diese und sich warm und weich in ein neues Nest setzen. . . Sie blieb in ihrem Zimmer. –Sie schloß sich ein und drückte die Stirne an das Fenster. . . Mit Gewalt hatte sie vorhin die Dubbe abgeschüttelt, die sich verzweifelt an sie gehängt hatte. . . Ob sie glaube, daß es jetzt für sie auch anders werde. . . Einmal muß sie, muß sie doch hinaus . . . Nicht wahr? . . . Ihr Kind nehmen und nach Deutschland zurück! Diese Dubbe! Die war ja am Tage rein närrisch. Immer kreischend, immer krakehlend und ewig ihre Geschichte wiederholend, ihre Klagen, für die sich niemand mehr interessierte. Und am Abend erwachte sie zur lautesten Tollheit, zu einer Ausgelassenheit und zu Manieren, daß oft die Goldscheider dazwischen fuhr. – – Weg, weg mit ihr, fühlte Milada. Jetzt wollte sie mal ruhig ihre Gedanken ordnen, – an die eigene Zukunft denken. . . »Organisieren,« wie Horner sagte. . .

Etwas Geld hatte sie. Vierhundert vielleicht und eine noble Ausstattung . . . Damit ließ sich in der ersten Zeit leben, bis sie etwas fände. Etwas Sicheres und Gutes . . . Arbeit. – Ach, sie war ja gesund . . . Die anderen natürlich, . . . Fanchon . . . ja, die hatte Angst . . . Milada wußte, daß sie Blut spuckte, und wie Olympia jetzt die Botschaft gebracht hatte, war das Fannerl kreidig unter der Schminke geworden. Die Goldscheider hielt sie, weil sie es dem alten Krögert versprochen hatte . . . Ja, man sagte, er zahle sogar dafür . . . Wenn eine andere kam, dann mußte die fliegen . . . Sicher . . . Und sie war doch so ein liebes Ding, die Fanchon . . . Gut wie ein Kind, und hilflos. Na, da wird es Geplärre geben genug.

Was ging sie das an . . . Sie war dann weit. – Vielleicht gar in Paris!. . .

Aber so sehr sie sich auch bemühte, ihre Vorstellungen aus dem Kreise ihrer Umgebung loszureißen, immer wieder kehrten sie hartnäckig zurück, rückten ihr die bewegten und erschrockenen Gesichter der andern vor Augen und vertrieben die Bilder der Zukunft, die sie ungeordnet, hastig, wahllos immer aufs neue entstehen ließ. Ja, so ging es immer hier. – Ewige Angst vor dem Neuen . . . Alles, was kommen kann, bringt Gefahr . . . Nur an der Gegenwart kleben ist gut. Angst hatten die, Angst. Nicht eine Spur von Mut oder von Glauben . . . Ach, den starken Glauben an sich selbst, die Sicherheit: – »Dir geschieht nichts . . . Du bist unverletzlich . . .« Ja, wer ihnen das einimpfen könnte. Rastlos ging sie im Zimmer auf und ab . . . Gut, gut, aber waren das nicht Worte, im Grunde nur Worte? Aus Buchstaben zusammengesetzt, wie: Unfrei,– verzweifelt, – mutlos? . . . Und war sie in Wahrheit besser dran? Mit diesem Körper? Mit diesem gefangenen, trotz allem, trotz allem gefangenen Herzen? . . . Ein Unterkriechen war doch auch nur ihre Zukunft. Die Goldscheider hatte leicht sagen: »Die Welt ist groß«. . . Horner predigen: »Sei in Gedanken frei«! . . . Ja, aber die Ketten, die Ketten, die sah sie besser. Die Tür zu öffnen, dazu hatte sie Mut . . . Aber den Menschen gefällig ins Auge sehen, um ein freundliches Wort betteln, um Wohlwollen . . . Lügen über sich und alles was hier war. Niemals! Etwas bäumte sich in ihr auf. – Nicht Haß war es, nicht Abneigung gegen die Welt.

Etwas seltsam Scheues, Fremdes regte sich. Empfindung, Mitleid, Mitangst – was war es doch nur? – Nein, das Gefühl der inneren, unzerreißbaren Zusammengehörigkeit mit jenen da draußen, mit jenen, die hier zurückblieben, wenn sie ausflöge. Sie fühlte sich eins mit allen Mädchen, deren Leben im Schoße der Nacht liegt, die aus der Tiefe in das grelle Licht der Sünde tanzen und in die Tiefe zurückfallen, wenn es erlischt. – Sie erkannte:

Es war nicht die elende Schuldsumme gewesen, die sie bis heute an das Rothaus gefesselt hatte, es war vielmehr ein unzerbrechlicher Wille, der tief aus ihrem Innern kam und alles umfing, was sich schutzsuchend in seine Nähe barg. Dieses Gefühl ließ sich in Worte nicht bannen. Es war unsichtbar, allüberall, es herrschte über sie, und sie wußte, es würde sie begleiten und zurückholen, wo immer sie sich befände. Es mengte sich mit allem, was sich in ihr entwickelt hatte, es rang mit dem Einzelwillen, mit dem Persönlichkeitsgefühl, es triumphierte über Horners gebenedeites Ich.

Und so kompliziert war jetzt das Spiel ihrer Empfindungen, daß sie, als Horner eben die Tür öffnete, ihm mit den Worten entgegenstürzte: »Horner, sie verkauft, und ich geh' in die Welt. Nach Paris will ich, dort werde ich leben, endlich!«. . .

Er legte den dicken, schmutzigen Zeigefinger an die Nase.

»Paris ist gut. Schön. Wer hat dich darauf gebracht?«

»Olympia, glaub' ich,« erwiderte sie nachdenklich, aus ihrer Lebhaftigkeit in plötzliche Starre verfallend, – »wie, bist du nicht dafür, daß ich hinausgehe?«

»Ja, ja, so, die Olympia ist dein Orakel? Hab sie gut gekannt in früherer Zeit. War einmal ein stolzes Ding, die da.

Ihr erster Liebhaber war ein Student. Alle Symptome einer bürgerlichen Verlobung. Lyrische Rendezvous, Hotel, Halbjungfernschaft usw. Nachher freilich machte ein Zirkuskünstler reinen Tisch. Mit dem ging's nach Paris, – juchhe, – das war eine himmelblaue Fahrt ins Rosenrote. Dort fand sie einen ausgiebigen Liebhaber: den Verein deutscher Künstler. Als sie sich aber ein bißchen naturalisiert hatte, bekam sie natürlich das Exotische, ein japanischer Jongleur nahm sie in die Arbeit und jonglierte sie durch den ganzen Jardin des plantes, bis der von ihr akquirierte Wildgeruch die hohe Aristokratie anzog. Natürlich war ein Thronprätendent darunter, – Höhepunkt des Kegels! Jetzt schön langsam hinunterkollern. – Die Olympia ist keine von denen, die an glatten Wänden kleben können, ein wirklicher Hochstapler aus dem Freundeskreise Monsieurs unterhielt sie eine längere Zeit, kaufte ihr wirkliche Brillanten, ein reizendes kleines Schloß; das war mehr spanischen Ursprungs. Nichtsdestoweniger empfing sie dort einen deutschen Prinzen, von dessen Gefälligkeiten sie sich in der Charitee ein halbes Jahr zu erholen hatte. – Typisch: Die Rekonvaleszenz ist von jeher ein Rückfall ins Moralische. Sie wird Gouvernante in Beauvais, bekommt nach deux mois von der Gnädigen einen Fußtritt und vom Herrn das Reisegeld nach Deutschland zurück. Hier ersteigt sie nacheinander alle Stufen, die man fallen kann, und landet zuletzt bei der Goldscheider. Nun mache Rechnung! Von ihrer glorreichen Heerfahrt hat sie sich mitgebracht: Eine Unmenge mittelmäßiger Porträts, fünfzig farbige Zelluloidbälle, zwei ungefaßte Brillanten, die Lues und das Familienbild vom gnädigen Herrn. Wozu nach Paris, wozu Schönheit, Jugend, Kraft über die Landesgrenze tragen, – erzeugen wir alles hier ebenso gut. Was?«

Milada dachte: »Wozu spiel' ich ihm die Komödie vor?« und fragte zugleich ergeben: »Also was rätst du mir? Hier bleiben?«

»Blicke um dich,« sagte er. »Lerne sehen! Lerne erkennen! Lerne Geistiges aus den Tatsachen pressen! Verdaue es! Sammle!«

»Ja, aber Horner, kenne ich nicht alles, was sich hier begibt?«

»Du kennst,« – fuhr er auf, – »ha, nichts kennst du, nichts unterscheidest du. Dreck riechst du! Den Kadaver kannst du mit Fingern greifen, mehr nicht. Lerne die Ursache von der Wirkung scheiden! Das Tiefgründliche und Ewige trenne erst reinlich vom Angeflogenen und Vergänglichen! Was typisch ist an dir und deinesgleichen, was sich in allen Spielarten wiederholt, das sammle! Die Besonderheiten im Leben, rote Adern auf bleichem Grunde, findest du schnell hinaus. Das Alltägliche und Gemeine lerne du binden, das, woran du jetzt eben vielleicht stolz vorübergehst, das liebe! Geh hin, presse Menschlichkeit aus bleigrauen Masken! Zeige mir das Rätsel im Menschen, ehe du mit seiner Lösung prahlst!«

»Ich verstehe,« – begann sie zaudernd, – »ich fühle, was du meinst. Ideen, Pläne, ja. Aber ich bin, – ich bin zu sehr von mir erfüllt, Horner,« brach es erregt von ihren Lippen, »ich bin nicht so gut, wie du denkst, ich nage an mir herum.«

»Beiß dir die Zähne dabei aus, ma petite! Wer da glaubt, er müsse, um das Wesen der Sonne zu erfassen, direktement in sie hineinkriechen, der denkt krumm und schief. Leider können wir nicht aus unseren Därmen hinaus, sonst wäre die Kunst der Selbsterkenntnis besser gediehen als bisher. Schaffe dir künstliche Entfernung, spanne deine Energie auf äußere Dinge; gehe auf Reisen mit deinem Intellekt, statt unfruchtbar in dir herumzubohren; inspiziere nicht täglich deine Kasse wie ein Kleinkrämer; wechsle, tausche, borge, kaufe und verkaufe! Und wenn du wieder nach Hause kommst, mache erst Bilanz! Der Überschuß, der dir bleibt, das bist du. Jede Tat ist ein Maßstab für unser Ich. Keine Spitzfindigkeit, und sei sie noch so spitzig, keine Philosophie, und wäre sie noch so dunkel, kann dir so viel Aufklärung über dich geben, wie die kleinste, allerkleinste Materialisation deines Willens. Gehe hin, schaffe Tatsachen, und du wirst dich erkennen. Ha, du Mädel, soll ich dich wirklich gefunden haben, in die Höhe gezerrt haben, damit du einen windigen Franzosen amüsierst?«

Er richtete seine stechenden Augen auf ihr Gesicht. »Hier hast du auszuhalten. Von diesem Platze aus kannst du die Welt erobern. – Trinke, trinke nur aus dem Becher, den du dir selbst eingeschöpft hast. Brauchst nichts anderes. Bist reich genug. Du hast denken gelernt, hast Mut und Lebenstrotz, Besonderheit, Seele. Reich bist du. Und willst das alles in die Welt schleppen, wo es im Überfluß erstickt? Zu den Menschen? Zu den Glücklichen? Schau um dich, schaffe Ordnung! Mache aus dem Proletariat der Dirnen bewußte Menschen! Organisiere sie, lehre sie kämpfen! Dazu habe ich dich erzogen. Handeln gilt es, Mädel, um sich schlagen, stechen und hauen, und kühn sein bis zur Lächerlichkeit. Kennst du die Geschichte des Don Quixote? Du wirst sie lesen. Das ist der wahre Held, an den sollst du dein Lebelang glauben. Alle andern sind dagegen Scheißkerle. Denn sie haben schwarz auf weiß verbrieft gehabt, um welchen Vorteil sie kämpfen.

Ich werde dir etwas verraten, komm näher!

Aus Dirnen lachen kleine Mädchen.

Königinnen wälzen sich auf schmierigen Betten.

Arme Mütter winseln. – – Es gibt kleine, klanglose Worte, an denen Blut hängt. – Es gibt lasterhafte Reden, deren Deutlichkeit nichtssagend ist, wie Glockengebimmel in der Luft. Erkenntnis adelt – Adle deine Welt! – Erschöpfe dein ganzes Wesen im Geben! – Wo man geopfert hat, betet man immer an. – Alte Weisheit! Du wirst sie lieben, sage ich dir, diese Aussätzigen, Zerrütteten, Zerrissenen und Elenden. Und vielleicht, vielleicht wird diese Liebe eine Fackel sein, die Altäre verbrennt. – In dieser großen Selbstopferung verlierst du dich nicht. – Horch! – So wild und brandend das Meer der Menschenliebe sein wird, das du befahren sollst, sein Ausgangspunkt ist ja doch nur eine kleine Rieselquelle im Schlamm und heißt Egoismus.«


Es war grauer Morgen. Milada kam aus dem Salon, in heller Toilette, noch frisiert und geschminkt . . . Die Erregung, die heute das ganze Haus gepackt hatte, zitterte mächtig in ihr nach, denn auch sie stand auf einem Kreuzweg. Die Goldscheider verkaufte. Sie hatte es selbst einigen der Stammgäste erzählt, war spät nachts an Milada vorübergegangen und hatte lächelnd gesagt: »Na, jetzt nimm dich zusammen!« Die Madame hatte mit Horner heftig und laut gestritten, und er war das erstemal, seit sie ihn kannte, nicht in den Salon gekommen. Es waren viele Gäste dagewesen. Fanchon, Gisi, die Dubbe waren bis zur Unmöglichkeit närrisch gewesen. Aber etwas Ungesundes, Zitterndes, Krankhaftes lag in dem Rausche. Die Dubbe trug ihren Herrn, einen kleinen, blonden Grafen, auf den Armen hinaus. Und er streute im Tragen seine Börse über sie aus. Die Bine lag glatt am Boden und klaubte auf . . .

Die tollen Bilder der Nacht taumelten noch durch ihr Hirn . . . Und hinter all dem saß ein stechendes Bewußtsein, das jeden Traum, der sich niedersenken wollte, mit scharfer Klarheit durchfuhr. Über die alle senkt sich der Schlamm, und du kannst nicht helfen . . . Andere kommen nach Junge, Blühende . . . Und auf einmal sind auch diese Tanzenden, Flatternden mit gleichem Elend beladen, mit gleicher Last. Scharen kommen und Scharen gehen, die einen jung, gierig, froh, die andern bleich, zerfetzt, mit zu Tode gequälten Augen. – Sie erheben die Hände: »Hilf uns, hilf du uns, wenigstens mit deiner Seele.«

Sie saß beim Fenster und lehnte den Kopf an die Mauer. Schon drückte der Schlaf auf sie . . . Irgend jemand aber stand vor ihr, zerrte, begehrte etwas . . . »Ich kann nicht,« wollte sie schreien. Kalte Finger rüttelten an ihren bloßen Schultern . . . »Milada, ich bin's«. . . Die Dubbe war's, im Nachtgewand, mit nackten Füßen . . . Sie war abgeschminkt und sah geisterhaft verfallen aus . . .

»Gott sei Lob, du bist auf. – Ich muß mit dir sprechen . . . Nämlich er schläft. – Der süße Bub . . . Die ganze Nacht bleibt er, . . . der süße, . . . gottlob und gepriesen! Das Elendsleben hat ein Ende . . . Hast du gehört, sie hat verkauft! Ach! ich bin heute kein Mensch mehr.«

Sie fiel auf Miladas Bett und hockte sich ganz vorne an den Rand.

»Geh doch schlafen, Martha!«

Die Schatten der Kerzen huschten gespenstisch über die Dubbe, die jetzt die schönen Arme aus dem Hemde steckte. – »Ich sehe noch ganz gut aus, nicht? Zwei Jahre, mein Gott, das ist nicht so arg. Ich bin Lehrerin, habe meine Zeugnisse, hier zu leben, – das war nur –« sie drehte sich vollends herum und ließ die Arme fallen, – »so eine blödsinnige Laune von mir. Jetzt gehe ich zurück in meine Welt.«

»So einfach ist das noch immer nicht mit dem Weggehen, Martha, und dann –« Milada stand auf, feuchtete sich das Gesicht an, – »wovon willst du leben? Wie bekommst du Stunden da draußen?«

»Alle Welt verschafft mir, – Zeitungen, – Institute, – die Botschaft, – ich hab' doch bei der Gesandtin unterrichtet, – I speak a realy english – Angst hab' ich nicht vor dem Suchen.«

»Martha, hast du schon mit der Goldscheider gesprochen?«

»Die?« – Ein Blitz fuhr aus den hochgezogenen Blauaugen . . . »Die hat mich gepackt, wie der Schinder einen herrenlosen Hund. Weißt du, warum sie mich nicht von sich gelassen hat? . . . Nicht einmal zur Carlotta? Weil sie Angst gehabt hat, ich verpetze sie und die anderen, die, die ihr geholfen haben. Aus dem Bette weg hat sie mich gerissen, – das Kind von der Brust gerissen, – zu allererst will ich mein Kind wieder haben . . .«

»Hast du schon die Adresse?« – Milada fragte müde und abgespannt, obwohl sie die Geschichte zum Überdrusse genau kannte . . . Aber diese angstvollen, starren Augen begehrten immerzu Antwort.

»Sie weiß es, sie hat es versorgt. Am Lande draußen bei Fremden . . . Solchen Frauen, weißt du, die Kinderchen aufziehen. Jetzt nehme ich es aber zu mir zurück. – Nein Milada, ich habe keine Angst um mich. – Zwei Jahre sind doch um Christi willen kein Abgrund, in den man unrettbar versinkt. – Ich werde Stunden geben, wieder leben wie früher und das Kind mit mir. Nicht wahr, Milada, zwei solche Jahre sind nichts. Ich kannte ein Mädchen, das lag vier Jahre an Knochentuberkulose, und als es aufstand, heiratete es einen schönen, jungen Mann. So sag' doch etwas!«

Milada machte eine hilflose Bewegung nach ihr hin. »Verrückt,« sagten die andern, wenn die Dubbe daherkam und von ihrem Kinde phantasierte. Irgend jemand wollte gehört haben, es sei gleich nach der Geburt gestorben. Milada faßte ihren Arm: »Du mußt mit ihr sprechen! hörst du? Den Neuen, der hierher kommt, gehst du nichts an, für den bist du eine Summe, mehr nicht.«

»Ja, ja,« sagte die andere mit plärrendem Kindertone, »aber sie muß mich loslassen, sag' ich dir . . . Sie hat viel zu viel Butter am Kopf, die.« – Sie sprang auf und fiel Milada um den Hals. – »Ach, Milada, du bist gut, du bist gut. O, ich werde ganz ruhig mit ihr sprechen. Hundert Dinge sind zu tun. Was denkst du? Erst ein Zimmer mieten oder erst das Kind holen? Das darf keinen Augenblick mehr in fremden Händen bleiben.« – Sie forschte mit starren Augen in Miladas Gesicht. Die Angst von zahllosen Stunden lag in ihnen versenkt.

»Denk dir nur,« flüsterte sie, »wenn ich das Kind nicht finden könnte. Nie wieder.« –

»Marthel, komm morgen vormittag zu mir! Wir wollen alles durchsprechen. Ja, und die Portierin schicken wir ins Findelhaus, damit sie etwas Sicheres erfährt. Jetzt geh schlafen!«

»Schlafen? Was? Ich? Nein, liebe Nonne, ich glaube, ich schlafe überhaupt nie mehr.«

»Dubbe, Dubbe!« Milada faßte ihre herabhängenden Hände – »wie willst du dann morgen mit der Goldscheider reden? Du brauchst Ruhe, geh in dein Bett!«

»Da liegt schon einer drin,« sagte die auf einmal in einem seltsam singenden Tone. »Aber das macht nichts, ich schlafe so nicht. Ich bin furchtbar müde, aber ich schlafe nicht.«

Milada löste die verschlungenen Hände und streichelte sie sanft. »Ach, Nönnchen, du bist warm, ich friere, brr . . . Mach' ich die Augen zu, dann sehe ich das Kind; es weint, es ruft mich . . . Glaubst du mir's? Es ruft mich alle Nacht.«. . .

Von unten ertönte schrill die Glocke. Nach einer Weile klopfte es heftig. »Ist die Dubbe bei Ihnen, Fräulein Milada?«

Das Stubenmädchen sprach verdrossen herein. »So was, so was, laßt's 'n Grafen allein. Wenn das die Madame wüßt!«. . .

Die Dubbe sprang auf. »Jessus, und ich bin wieder abgeschminkt. Milada, schnell, es ist ja Tag. Schau, nicht zum Wegbringen ist der süße Junge.« Sie stand vor dem Spiegeltische, legte eilig Rot auf, betupfte die Lippen, die Ohrmuschel und zog die Augenbrauen nach. Die müden, vergrämten Falten waren verschwunden, die Augen blitzten. Sie schüttelte kölnisches Wasser über das Haar, daß es tropfte. Die Spitzen des Hemdes garnierte sie kokett im Ausschnitte. Bums, die Tür flog zu . . .

Was war das? Ernst, Spaß, Maske, Narretei, Verzweiflung?. . . Von allem wohl ein bißchen, – dachte Milada zerschlagen, dann zog sie sich aus, legte sich hin und schlief fest bis zum hellen Mittage.

Als sie aufwachte, erfuhr sie die Neuigkeiten, die sich unterdessen im Hause zugetragen hatten.

Am Vormittage war der Sucher mit einem Herrn dagewesen und die hatten eine lange, wichtige Unterredung mit der Goldscheider gehabt. Alle drei sahen – so berichtete Olympia – sehr zufrieden aus, als sie zusammen aus dem Bureau traten. Die Portierin hatte nachher die Weingläser ausgewaschen, und was man da roch, war nicht von Pappe, versicherte Fanchon, die sich darauf verstand.

Dann war die Dubbe mit der Goldscheider zusammengeraten. Nachdem die beiden Männer fort waren, ging sie hinein, trotzdem die Portierin sie zurückhalten wollte. Man hörte zuerst nur die Dubbe sprechen, laut, aufgeregt und sprudelnd. Dann sprach die Goldscheider. Gleich darauf kreischte und schrie das närrische Ding, die Dubbe, und als ein Sessel umpolterte, ging die Portierin hinein. Aber da fiel die Dubbe schon hin. Die Goldscheider hatte nur ausgerufen: »Die braucht die Peitsche.«

Und jetzt vor einer Stunde sei die Madame im Fiaker fortgefahren, fein im seidenen Kleide und die grünen »Pletschen« umgehängt . . .

Die Bine erzählte ihr das alles voller Gleichmut und Ruhe . . . Sie stickte an einem Läufer und hielt von Zeit zu Zeit das derbe Stück bewundernd vor sich hin. – –

In Fanchons Zimmer, dessen Wände mit Akten und Nuditäten bedeckt waren, saßen einige der Mädchen herum und besprachen aufgeregt die Ereignisse. »Man weiß nur net, was nachkommt, sie war halt die Ärgste net,« seufzte die Rosa, der es hier sehr gut gefiel.

»Ein Luder is sie,« stampfte Mizzi auf, die erst tags zuvor aus dem Spital gekommen war, »wer der noch die Stange halten möcht!« . . .

»Man möchte meinen!« quietschte die Laura giftig, »hast du die Schläg' schon verkniffen, die dir der lange Amschel verabreicht hat? So eine muckt hier auf.«

»Was? Ich Schläg' gekriegt? Roter Fetzen, verdächtiger!«

»Gib erst den Ring her, den'st mir dort g'stohlen hast!« »Wenn man dich umdreht, koscheres Nachtkastel, und a Stund' beutelt, wie der Amschel sein Lulef, fallt kein echter Ring, höchstens die falschen Zähn' heraus,« warf ihr die Mizzi höhnisch an den Kopf.

Die linke Anna lachte närrisch: »Mizzerl, du kannst's.«

Die Fanchon überschrie den Lärm mit ihrer hohen Stimme; »Seid's stad, man hört ja seine eigene Rede nit.«

Da stürzte das Stubenmädel aufgeregt hinein. »Fräulein, Fräulein, anziehn, schnell! Die Neue ist unten. Unten auf der Straße steht's mit unserer Frau.« Sie eilte weiter, öffnete alle Türen und trug die Botschaft in sämtliche Räume des Hauses. Alles stürzte zu den Fenstern. Nur die Dubbe nicht. Die lag mit geschlossenen Augen auf ihrem Bette und stöhnte.

Auf der andern Seite der Straße stand wirklich für einige Minuten sichtbar die Goldscheider mit einer mittelgroßen, in Grau gekleideten Dame, deren auffallend kleiner Kopf sich unter den Blicken, die sie trafen, ängstlich hin und her bog. Eine schmale, graue Federboa, die nur um den Hals lag, erhöhte den Eindruck des Vogelartigen, während sich die Flügel der altmodischen Mantille im Winde bewegten.

»Lora heißt die,« kicherte Anna, aber niemand lachte dazu. Das Fieber der Erwartung war zu groß.

Die Goldscheider berührte gleich darauf den Arm der Fremden, machte eine einladende Handbewegung. Die Graue fuhr nach dem Scheitel und strich ihn glatt, sichtlich eine Verlegenheitsbewegung. Dann faßte sie resolut ihr Kleid und trippelte mit der Goldscheider über die Straße. Der Drücker erklang . . Ein Beben durchzuckte das Haus und die Mädchen stoben wortlos auseinander.


Ja, es war Tatsache! Das Rothaus war verkauft und ging in den Besitz des wohlgeborenen Fräuleins Josefine Aglaia von Miller über, – einer ältlichen, hageren, verdienstvollen Dame, die runde fünfundzwanzig Jahre Wirtschafterin eines geistlichen Herrn im Herzen der reichen Steiermark gewesen war . . . Ach, welch herrlich fette Diözese! Felder, Wiesen, Vieh, Gemüse und Gartenobst, alles in reicher Fülle, und überhaupt! – Sie wischte sich die Augen, so oft darauf die Rede kam. Es war einige Tage nach Pfingsten, als die definitive Übergabe des Rothauses erfolgte. Seit frühestem Morgen saß die Goldscheider in ihrem Bureau, Leute kamen und gingen, Lieferanten, Agenten, sogar einige der intim gewordenen Hausgäste schlüpften auf ein Weilchen zu der abschiednehmenden Madame hinein. Man wußte ja, daß sie endgültig die Stadt verlasse. – »Irgendwo hinaus nach Deutschland, sagte sie, ausweichend. Auch die Fräulein kamen herunter, jede hatte noch ein Anliegen, einen letzten Wunsch, eine wichtige Sache vorzubringen. Sie sollte noch Streitigkeiten schlichten, rechtsprechen, Ratschläge erteilen. – Die Goldscheider erklärte, daß alles Derartige an die neue Madame zu richten wäre und daß an dem Vorhandenen nichts mehr geändert werde. Man mußte sich zufrieden geben. Die Olympia ganz allein hatte Reiseroute erhalten. Die neue Besitzerin weigerte sich, eine Wirtschafterin oder dergleichen mit zu übernehmen, – sie habe Wirtschaften genug geleitet, sagte sie, und sie verstehe sich darauf

»Und besonders die, – die schaut doch so gerieben aus,« sagte sie. So mußte diese arme Veteranin der Liebe noch einmal wandern, . . . diesmal nach Galizien hinunter in eine große Kantine, wo nur Militär verkehrte. Sie zog eine Grimasse, aber Sucher tröstete sie: »Nur Milchwirtschaft dort. Die Herren sind bedient.«

Gegen Mittag hatte die Goldscheider alles Geschäftliche erledigt und wartete nur auf ihre Nachfolgerin . . . Nachfolgerin! Die Lippen der abziehenden Madame verkniffen sich zu einem Lächeln . . . Die dünne Person mit den bleichen, habgierigen Händen und der ewigen Furcht, es könnte sich jemand von G . . . . g, wo sie fünfundzwanzig Jahre in der Pfarre gehaust hatte, hierher verirren!

»Ich will nämlich neben dem hochwürdigen Herrn begraben liegen.« Also die faßte die Zügel, die sie weglegte.

Als der Sucher die Summe genannt hatte, mit der sich ihr Kapital verzinsen mußte, da loderten die sanften, braunen Augen vor Gier und Freude.

»Ja, aber das Risiko, das Risiko,«' sagte sie immer nur, »kann man denn nicht zu Schaden kommen dabei? – Krankheit, sterben?«

»Aber das ist doch nicht wie beim Vieh, gnädiges Fräulein,« sagte Sucher, »wenn eine krank ist, so wird sie Ihnen unentgeltlich repariert und kommt zur Arbeit zurück . . . Paßt sie Ihnen nicht, dann wird sie verschickt . . . Sie stehen in fortwährendem Tauschverkehre mit erstklassigen Unternehmungen . . . Da haben Sie Fischer in Budweis, Kohlmann in Teplitz, Meher in Brünn usw., is wahr?«

Die Goldscheider nickte.

»Da haben Sie Jonathan in Czernowitz, – welche haben Sie denn gehabt, Frau Goldscheider, von Jonathan, die hat Ihnen schweres Geld in die Tasche gesteckt, die« – er schnippte mit den Fingern.

»Ach ja, die Rosamunde,« log die Goldscheider aufs Geratewohl . . .

»No freilich, 's Roserl . . . Das war ein Leben. Alle Abend um dreihundert Champagner. – Was verdienen Sie daran, Frau Goldscheider?«

»Hundertundfünfzig,« sagte sie.

»Bitte,« – der Sucher lehnte sich zurück, – »nur an Champagner . . . wo bleibt das Essen? – Wo bleibt das Mädel? Bitte . . Was zahlt eine Portion Kaffee?«

»Einen Gulden fünfzig Kreuzer.«

»Selbstkosten?«

»Fünfzehn Kreuzer.«

»Bitte!« – Zurücklehnen und Handbewegung.

Die Goldscheider überdachte diese endlosen, langweiligen Sitzungen, Debatten und Auseinandersetzungen, bis die Alte endlich zugeschnappt hatte wie ein verhungerter Karpfen.

Na, es konnte gehen und stehen. – sie war fertig damit.

Sie war fest entschlossen, insgeheim ohne Abschied und ohne Aufsehen wegzugehen, wenn die Miller eingetroffen wäre.

Abschied, – Blumen, – gar eine Rede, – brrr . . . Und bei dieser Sorte . . . konnte man denn wissen? Beschimpft konnte sie noch werden . . . Den Ausguß an den Kopf kriegen . . . Das Haus im Rücken haben, so schnell, als es nur geht! – Die ewig kühle Madame war zum Schlusse richtig nervös geworden, voll von argwöhnischen Gedanken. Sie warf das Schlüsselbund in die Tischlade, zog den Schlüssel ab, legte ihn in ein Kuvert, versiegelte es und schrieb darauf: »Für das Fräulein von Miller.« . . .

Dann nahm sie aus ihrem Reisenecessaire eine kleine Schere und begann ihre gutgepflegten Nägel zu bearbeiten. Dann läutete sie: . . . »Portierin, – Depesche für mich?« – »Nichts!« – »Gut! – Halt! sagen Sie der Milada, sie soll mal 'runter!«

Ja, die und Horner, – die waren doch noch richtig kopuliert worden. – Sie lächelte hämisch. – Horner hatte sich ausgezeichnet! Hatte sie mit Gift und Galle, mit tausend kleinlichen Bosheiten überschüttet, – würdelose, überflüssige Szenen gemacht, und so ganz programmwidrig. Wozu? –

Er klebte ja jetzt an dem Mädel, prahlte mit ihr. Vielleicht war die wirklich was wert . . . Die Goldscheider ging zurück und fand, wie merkwürdig es eigentlich sei, daß sie von dem Eintritte in dieses Haus an bis zum Schlusse immerzu dieses Mädel vor Augen gehabt hatte, . . eigentlich mit einer gewissen Neugier ihrer Entwicklung zugeschaut hatte.

Die erste Entscheidung, die sie als Madame zu treffen hatte, ging dieses Kind an. Und die ganzen langen Jahre sprach sie etwas Persönliches, Ganzes an, – so oft sie mit ihr in Berührung trat. – Fest am Platze, – solche Menschen mochte sie um sich leiden. Warum nicht auch die letzten Befehle in ihre Hände legen?

Milada trat ein.

»Ich rechne, daß du darüber schweigst . Will nämlich in einer Stunde von hier weggehen. – Kommt später noch eine Depesche für mich, so schick' sie ins Hotel Royal nach! Ja, und halt die verrückte Dubbe im Zaune, bis ich davon bin!« –

Sie blickte nachdenklich auf ihre Nägel, die sie mit einem Lederläppchen rieb.

»Dir wollte ich noch sagen: Laß dich von Horner nicht umnebeln! – Das Leben ist klar, nicht so verwickelt und anspruchsvoll, wie ihm scheint. Geh gerade Wege! Das viele Nachdenken und Grübeln, wie er es tut, ist nur eine Schwäche. Ich rate dir, da zuzuschauen, ob du der« – sie wies auf den Schreibtisch – »neuen Madame nicht zur Hand gehen könntest. Die wird es brauchen, ist ein armes Huhn. Wenn du klug bist, so – – aha – das Fräulein!«

Sie nickte der Eintretenden zu und warf Milada noch einen kurzen, ernsten Blick zu.

»Das ist recht, Fräulein von Miller, Sie treten pünktlich an. In Ordnung ist alles. Da, Bücher, Kassa, und hier sind die Schlüssel. So . . . So, da schauen Sie sich gleich Ihr tüchtigstes Fräulein an! Die Milada. Versteht die Wirtschaft von oben bis unten.« Die Miller hob das Lorgnon und nickte krampfhaft. »Ja, ja, gut, aber sagen Sie mir, wer spektakelt denn so in dem Hause?«

»Ja, das ist hier nicht anders,« sagte die Goldscheider gleichmütig, »Lärm ist schon manchmal hier.« Milada machte besorgt einen Schritt der Türe zu.

»Ich darf Ihne net hereinlassen, Sie, – Jesus Maria« – – ein schwerer Körper stieß an, dann wurde die Tür aufgerissen, und die Dubbe stürzte herein, in Promenadenkostüm, Jacke und Schirm, doch ohne Hut.

»Frau Goldscheider, Sie gehen nicht weg von hier. O nein, so lausig wird das nicht gemacht. Keiner rührt mich an,« schrie sie, als Milada näher trat – und vollendete dumpf drohend: »Ich hab' ein Messer.«

Die Goldscheider bannte die funkelnden Augen mit ihren eiskalten Blicken und sagte: »Hier steht das neue Fräulein, wenn du etwas willst, wende dich an sie! Ich habe nichts mehr mit euch zu schaffen.«

Die Dubbe schüttelte die Faust . . . »Nein Sie, mit mir haben Sie noch zu schaffen, Sie, – sonst niemand. – – Die Neue brauch' ich nicht, – die kennt mich nicht. – – Sie haben mich hergebracht.« – – Sie ballte die Faust und schob sie von sich . . . »So haben Sie mich hergezerrt. – – Reden Sie, Frau! Bleibe ich hier, – oder nicht? – – Bleibe ich hier?«

Die Goldscheider erhob sich. »Du bist dem Fräulein von Miller, der neuen Madame, die da steht, einige Hunderte schuldig . . . Ich zweifle, daß sie dich ausläßt, du bist noch sehr beliebt.«

Die Miller starrte verständnislos auf die beiden . . .

»Ja, was heißt denn das?« stammelte sie . . . »ja, das versteh' ich doch gar nicht.«

»Schinderin, Henkerin! – – Ich – ich lauf also davon, verstehen Sie, Sie und die Neue, ich lauf euch durch das Fenster davon. – Jawohl, jawohl, ich bin es satt, euren Geldbeutel zu mästen. Halt, Sie gehen nicht! – – Sie machen nicht einen Schritt – Sie, heute fall' ich nicht um, o nein, – – ich will wissen, wo mein Kind ist, –– verstehen Sie? Kein Geld, keine Gnade, – – die Adresse geben Sie mir!«. . .

»Fräulein von Miller,« sagte die Goldscheider mit erheuchelter Festigkeit – – »der Doktor Kahane vertritt mich. Ich bin bereit, zwei Drittel dieser Schuldsumme bar zu tilgen. – – Lassen Sie sie laufen!«

»Ach was! Schmusen Sie nicht, Sie alte Gaunerin! – Den Namen, die Adresse will ich haben . . . So klein war es, wie Sie es mir von der Brust gerissen haben.«. . .

Jetzt wurde es der Goldscheider zu bunt.

Sie wollte einfach entwischen, alles liegen und stehen lassen und entwischen, aber ein Blick auf die wie zum Sprung bereite Gestalt der Dubbe hielt sie zurück . . .

»Ein bissel spät meldet sich das Gefühl,« sagte sie und versuchte ihrem Tone hochmütige Schärfe zu geben . . . »Geh doch in die Gebäranstalt! Dort wissen sie es.«

»War ich, war ich dreimal . . . Milada, gelt, du weißt es. Sag's der Kanallje, ob man dort etwas weiß! Wo ist das Kind hingekommen? Ich bringe dich an den Galgen, Schinderin, wenn ich mein Kind nicht wiederbekomme.« Die Goldscheider hielt sich stramm.

»Seht ihr!« wandte sie sich an die Umstehenden, an die Portierin, Milada und das Fräulein von Miller, die mit aufgerissenen Augen und schweratmend dastand. Hinter der Tür drängten sich noch Gesichter. – »Sehen Sie! Ich habe die Person aufgefunden, verschuldet vom Kopf bis zu den Füßen . . . Tatsächlich ohne ein Hemd am Leib, den Koffer hat die Zimmerfrau behalten, – sie war dem Spital schon schuldig, – hätte auf die Straße kommen sollen. – Ist das wahr?« – Mit erhöhter Stimme fuhr sie fort: . . . »Aus Barmherzigkeit habe ich sie mitgenommen, das Kind, das ihr nur eine Last war, ein Unglück im Unglück, habe ich versorgt, – – ja versorgt,« schrie sie erregt, – – »wie Findelkinder versorgt werden; – die Mutter bettelt, daß man sie ins Bordell nimmt, den Vater kennt man nicht. Vielleicht ist das Kind gleich, vielleicht acht Tage später gestorben. – Hat sie nur einmal danach gefragt? Hat sie sich damals gekümmert? Drei Jahre sind beinahe vorüber . . . Jetzt, wo sie ausgefressen, stark, mit Kleidern und Wäsche versehen ist, will sie das Kind.«

»Jesus, Maria Josef!« – Die Dubbe taumelte zurück – Auf einmal schrie sie nicht mehr, kein Trotz, keine Wildheit war mehr in der zusammengebrochenen Gestalt. – Auf einmal sah sie die Wahrheit . . . »Sie weiß auch nichts von dem Kinde,« murmelte sie, – »hat es in die Welt gerollt wie einen Spielball – ein kleines Kind! – Nackt von der Brust gerissen! – Es ist ja nicht wahr . . . Sie sind jetzt nur böse auf mich. – – Um Gottes Barmherzigkeit willen . . . Es ist doch zum Lachen . . . Nicht wahr? Es kann doch nicht verloren gehen . . . Ein Christenmensch und gebucht. Steht doch in den Büchern drin.«

Sie trat nahe an den Schreibtisch . . .

»Sie haben da herum so viel Zetteln, alle Läden sind voll Papier . . . irgendwo wird die Adresse draufstehen . . . Sie«. . . sie faltete die Hände . . . »Sie, wenn ich vorhin . . . ich bin nämlich wie närrisch, – ich schlafe nämlich nicht – ich« – sie wandte sich um, – »Sie werden alle lachen – – aber es ist wahr – – ich sehne mich so nach dem Kind, . . . ich hör's schreien bei Tag und bei Nacht.«

Die Portierin, ein robustes Weib, selbst Mutter von vier Kindern, trat auf einmal neben sie . . .

»Fräulein, wir gehen zur Polizei. – – Wir finden's. Man muß die Matrikel nachschlagen . . . Sie werden sagen wann's zur Welt kommen is, wie es geheißen hat.«

Die Dubbe wandte sich zu ihr und legte beide zitternden Hände auf ihre Schultern.

»Ich weiß ja nichts . . . Nicht einmal, wie es ausgesehen hat, das Kind. – Ich hab' ja nicht einmal das Gesicht gesehen. Es wird einem ja kalt, wenn man daran denkt . . . Die Wärterin und die Goldscheider haben alles gemacht. Das Geld wird geschickt, alle Monat, bis sechs Jahr, haben sie gesagt. Dann kann ich schon wieder draußen sein aus dem Elend, haben sie gesagt .  . . Wie bin denn ich im Bette gelegen . . halb verhungert, – vor Schmerzen und dem Herumirren so schwach . . . Sie haben mich gestoßen: Gib's her – – da gab ich's her . . . Eine Wildfremde nimmt es mit, – mein kleines Kind, – was muß das leiden! – Hunger, Schläge, Kälte. – Aus ist's. Nicht einmal sein Gesichterl hab' ich gesehen.« . . .

Die Unglückliche schluchzte auf, schwankte hin und her und fiel in Miladas Arm, die schützend hinter sie getreten war.

»Sie ist verrückt,« murmelte die Goldscheider und packte krampfhaft Tasche und Schirm.

»Die gehört ins Irrenhaus,« sagte sie zur Miller, die den Mund auf- und zuschnappte . . . »Ja aber, ja wollen Sie mir nicht –« begann die entsetzt . . .

»Sperren Sie die Haustür hinter mir!« zischte die Goldscheider der Portierin zu, und an den verblüfften Gesichtern vorbei, die den Korridor füllten, war sie mit einem Ruck hinaus . . .

Der Knall des zufallenden Tores erweckte die Dubbe .

»Nicht fort! Laßt sie nicht fort!« schrie sie und versuchte sich loszureißen . . .

Aber Miladas kräftiger Arm umklammerte sie fest.

»Sei still, Martha, sei still! – Komm mit mir – alles wird sich finden, wenn du ganz brav und ruhig bist!«

Und sanft zuredend, führte sie die Blasse, wirr um sich Blickende hinaus . .

»Eine Kanallje,« murmelte die Portierin und spie aus; dann trat sie auf die Straße hinaus. Aber von der alten Madame, die ohne Hut hinausgelaufen war, fand sich keine Spur mehr.

Im Bureau stand das Fräulein von Miller mit aufgerissenen Augen, in denen sich ein völliges Versagen aller Verstandeskräfte spiegelte . . . Der kleine Kopf mit der runden, altmütterlichen Sammetkapotte sank auf die Brust.

Die Hände spielten mit der vergessenen Nagelfeile der Goldscheider. Plötzlich warf sie diese hin, wild, jäh, erschrocken, als hätte sie mit einem Schlänglein gespielt.

»Da hab' ich mich fein hereingesetzt,« sagte sie jammernd, »na, das ist ja wunderschön, – der Anfang ist vielversprechend, das muß man sagen.«. . .



Vierter Teil

Der Salon Miller



Motto:

Monument von unserer Zeiten Schande.
Schiller.



Die neue Madame, die nun die Oberherrschaft im Rothause übernahm, war nicht aus dem zähen, wetterfesten Stoffe gemacht, wie ihre Vorgängerin. – Keinesfalls brachte sie die wichtigsten Eigenschaften zur Ausfüllung ihrer Stellung mit.

Ja, auf der Landpfarre in G . . . g hatte sie eine vorzügliche Wirtin abgegeben, war eine fromme und eifrige Dienerin der Kirche und ihres Herrn, – »das treueste Wesen«, wie sich der hochwürdige Herr oft anerkennend über sie geäußert hatte, wenn er abends mit den Honoratioren des Fleckens am runden Tisch beisammen saß.

»Ei ja,« antwortete man ihm, »wirtschaftlich und sparsam ist sie, die Fräulein Josefine« – »aber Gott behüte uns vor dem Teufel!« – fügte wohl mancher in Gedanken hinzu . . . Kein Kooperator hielt es dort aus. Wenn die große Arbeit zur Erntezeit das Fräulein Fini drängte, Dienstleute aufzunehmen, murrten diese und klagten über die Behandlung und das Essen; die zwei alten Ausgedingerinnen, die achtzigjährige Katel und die hundertjährige Urschula, bewegten die zahnlosen Kiefer und drehten die verschrumpelten Äuglein zum Himmel empor, das heißt, nur das »g'schnappige Katel« tat so, – denn »die Urschula,« sagte sie, »is scho gar so viel kindisch.«

Sie hatte mager genug gekocht, im Widerspruch zur fetten Pfründe; hatte auf jedes Quantchen Butter gespart, war jeder Henne nachgelaufen und hatte sie beschuldigt, unter fremder Leute Heu zu legen. Sie hatte auf die pflichtigen Abgaben und Spenden geschaut, gehandelt und gefeilscht um jeden Kreuzer der Taxe für Messen, Trauungen, Taufen, die Länge der Leichenrede berechnet, beinahe den Schwung der Stimme und die Anzahl der Händedrücke, die der hochwürdige Herr mit den Leidtragenden tauschte. Der Pfarrer quoll auf von lauter Erdäpfelfutter und Hülsenfrüchten, – denn das Fräulein Fini eiferte sogar gegen das Fleischessen; es mache nur zornig und unchristlich, sagte sie. Aber dafür wurde ein Nichtchen ausgehalten und ausgesteuert auf dem Pfarrhofe, ein schlankes, schmachtendes Fräulein, das eine merkwürdige Ähnlichkeit mit der Tante Fini aufwies, besonders im heilig-sanften Blicke der braunen Augen und in den dünnen, aber vollkommen schön geschnittenen Lippenlinien, die bei der älteren krampfhaft verbissene Sanftmut, bei der Jüngeren eine gute Anzahl heimlicher Begierden und das Raffinement, sie durchzusetzen, verrieten. Der bleiche, schwammige Teint und die charakterlose Stulpnase gerieten mehr dem Herrn »Paten« nach, der an »das Kind halt gar so viel gewöhnt ist von klein auf.« Fräulein Fini ainée war der Schrecken des ganzen Dorfes. Jede ledige Dirne, die ein Kind hinunterbrachte, wurde von ihr mit Vorwürfen und Lärm empfangen.

»s tut ein' nur leid um das geweihte Wasser,« pflegte sie zu sagen.

Fräulein Fini wusch, kochte, nähte und spann, verrichtete alle Hausarbeit allein, und wenn ihr jemand eine Vorstellung darüber machte, antwortete sie sanft und ergeben: »Wenn der gute Herr zwei fremde Wesen hier erhält, so muß man es ihm wenigstens auf diese Weise einbringen helfen.«

Und eingebracht wurde genug. Die zwei Sparkassenbücher, von denen eins auf den Namen des Herrn Pfarrers, das zweite auf den Namen der »Nichte« lautete, wiesen bereits ansehnliche Beträge auf, abgesehen von den Losen und Wertpapieren, die man im Schreibtische verborgen hielt. –

Das junge Fräulein verbrachte den Winter zum größeren Teil im Palais des Herrn Baron Waldeck in Wien, der reich begütert, Kirchenpatron von G . . .g war – und dessen Wirtschafterin, das Fräulein Petronella, einen reinen Narren an der Pfarrersfini gefressen hatte.

Als sie einundzwanzig Jahre geworden war, geschah etwas, das mit einem Male die traute Pfarrhofidylle unsanft zerstörte.

Nach einer stürmischen Unterredung mit der Tante, deren Details aller Welt verborgen blieben, packte die Nichte an einem Septembermorgen ihren Koffer und fuhr mit dem Hotelomnibus zur Bahn, ohne daß ihr jemand das Geleite gab. Die Tante erholte sich zwar später und erzählte herum, daß die Fini in Paris ein großes Glück mache, denn der Herr Baron selbst besorge ihre Ausbildung; doch schien sie seit jener Zeit gealtert und noch bissiger und unzugänglicher zu sein als bisher.

Zwei Jahre nachher starb auch der hochselige Herr und hinterließ dem Fräulein Fini, »der treuesten Seele«, die beiden Sparkassenbücher nebst dem übrigen beweglichen und unbeweglichen Gut.

Nachdem sie ihrer Nachfolgerin im Amte Haus und Hof, Speisekammer und Keller seufzend übergeben hatte, zog sie in ein kleines Häuschen hinauf, das auf einem Bergplateau lag, in tiefster Einsamkeit, umgeben von Holzschlägen und Kuhweiden. »Auf der lichtigen Höh« wurde es genannt.

Während sie nun in Gesellschaft der Katel und der eisgrauen Ursula die Tage im Nichtstun verbrachte, erwachte plötzlich die alte bohrende Angst vor dem Lebenskampfe wieder in ihr auf. Sollte sie aus der Sicherheit des Pfarrhoflebens wieder ins Weltgetriebe geworfen werden? –

Was tun? – Vom Bargelde leben konnte sie nicht . . . Also spekulieren, – wie es einst ihr Vater – der Rittmeister – getan hatte . . . Aber der war ja elend zugrunde gegangen dabei. Was beginnen? –

Hier in der Einsamkeit konnte sie nicht bleiben.

Und jene Verworfene war in Paris verschollen.

Ihre Gedanken tasteten im Dunkel der Vergangenheit zurück und stießen endlich auf jenen Mann, der des versoffenen Rittmeisters bester Helfer geworden war und dem nach und nach der ganze Wertbestand des Millerschen Hauses, Pferde, Schmuck, Bilder, zugeflossen war, – den Agenten und Wucherer J. Keßler, aber trotzdem »kein Jude«, – wie er jedem versicherte, der sich ihm geschäftlich nahte. Er war es gewesen, der ihr vor 25 Jahren, als die Not am bittersten wurde, den Wirtschafterinnenposten bei dem Pfarrherrn vorgeschlagen und verschafft hatte.

Und eines Tages setzte sich die Miller hin und schrieb an Joachim Keßler, setzte ihm ihre Lage auseinander und bat um seinen Freundesrat. Umgehend erwiderte der Mann. Jetzt hatte er feines Geschäftspapier, auf dessen Kopfe zu lesen war, daß er Realitäten, Käufe, Verkäufe, Tauschgeschäfte vermittle, Informationen einhole, Konkurse ausgleiche, dubiose Forderungen belehne und dergleichen mehr. –

Er schrieb ihr, daß er sich freue, sie durch seine bescheidene Hilfe so wohlversorgt zu sehen und daß er sein möglichstes tun werde, um das nette Kapitälchen irgendwo vertragssicher unterzubringen.

Es wurde Frühjahr, noch einige belanglose Briefe wurden gewechselt, als in die G . . .ger Gebirgsstille ein Telegramm platzte . . . »Prachtvolle Existenz – seltenste Gelegenheit – persönliche Anwesenheit dringend nötig – kommen sofort.« – – Über Hals und Kopf wurde gepackt, das Häuschen »auf der lichtigen Höh« an einen benachbarten Bauer verpachtet, und an einem frostigen Märzvormittag stand das Fräulein von Miller mit vor Aufregung geröteter Nasenspitze in dem großen, hellen Hofzimmer, das das Privatkontor des Herrn Keßler vorstellte. – Er war noch immer der bewegliche Mann mit der Bonhommie des durchaus uneigennützigen Vermittlers, – nur mit dem Unterschiede, daß er jetzt einen Bauch hatte, auf dem eine schwere, goldene Kette baumelte. Und diese beiden Errungenschaften blähten sich gar gewaltig auf, wenn Herr Keßler auch zum Unterschiede gegen früher sagte: »Obwohl ich Jude bin, – nennt und kennt man meinen Namen bis in die höchsten Kreise . . . Und das macht mich stolz, weil ich meinen Glauben nie verleugnet habe, wie so viele heutzutage.«

Keßler sprach nicht viel über seinen Vorschlag. Er legte ihr die Bücher der Goldscheider vor, und sein dicker Daumen lief wie ein eifriger Platzagent von Zahl zu Zahl. Zuerst Entsetzen, dann Schreck, dann Verwirrung – und aus dieser letzteren löste sich eine atemraubende Gier, wie sie wohl der Neuling empfindet, den man vor die Roulette stellt und dem man zum erstenmal die ungeheuren Chancen des Glückes erklärt.

»In Gottes Namen!« sagte die Miller endlich und unterschrieb den Kaufbrief. Die Hypothek, die die Goldscheider darauf nahm, die Verpflichtung der Zinsen, und daß Haus und Geschäft und Einnahme doch ihr gehörten, trotz der verhältnismäßig kleinen Summe, mit der sie den Kauf abschloß, das alles verstand sie nicht. – Aber Keßler gab ihr sein Ehrenwort, daß sie das beste Geschäft abgeschlossen habe, das er in seiner vierzigjährigen Laufbahn entriert hätte.

Die Miller besaß alle passive Energie. Sie verstand zu dulden, auszuhalten, zu warten und dennoch das von ihr Gewünschte durchzusetzen . . . Mit Bitten, Klagen, Drohungen versuchte sie es, und wenn es nicht anders ging, mit Tränen, Verwünschungen und tragischen Szenen. Sie verstand es ausgezeichnet, durch fortgesetzten milden, klebrig zähen Widerstand die Kräfte und den Willen der anderen zu brechen, aber sie besaß keine Spur der emsigen, zielbewußten Tätigkeit, der forschen Sicherheit und der überlegenen Ruhe, mit der die Goldscheider ihr Geschäft zum blühenden Erfolge gebracht hatte. Und in erster Linie fehlte ihr, was die Goldscheider in so hohem Maße besessen hatte: Das Verständnis für die Bedürfnisse, Anreize und Wünsche dieser herabgekommenen Seelen, der intime Kontakt, den die Goldscheider sofort mit der Persönlichkeit der einzelnen genommen hatte.

Solange die Miller im Hause war, fühlten die Mädchen das Fremde, das Unbekannte, – das Drüberstreben ihres ganzen Wesens mit einer Deutlichkeit, die ihren Trotz, ihre innere Wildheit, im besten Falle ihre Lachlust erweckte, – aber niemals Teilnahme. Mit der Goldscheider hatte man gemeinsam gearbeitet. Man verstand ihre Winke, ihre Befehle, ja selbst ihre Härte und Willkür hatte noch Sinn und Zweck. – »Sie is ein Aas, aber sie versteht's.«

Sofort als die Miller eintrat, bildeten sich zwei Parteien, die eine war die Madame, – die andere bildeten die unzufriedenen, ausgebeuteten Sklavinnen, die nicht für, sondern gegen das Interesse der Fremden arbeiteten. Ihr bis ins kleinste tauchender Geiz, ihre Habgier, – die Unsicherheit und untertänige Geziertheit im Verkehr mit den Gästen, die kurze, schroffe Art, die Mädchen abzufertigen, verdroß diese und machte sie im Handumdrehen zu Widersachern. Sie verspotteten und verhöhnten ihr zorniges Auffahren im Salon, wenn irgend etwas geschah, das sie als »unpassend« bezeichnete, das aber in dem Milieu und der Laune als selbstverständlich erscheinen mußte. Am meisten verdroß aber ihre direkt unziemliche Neugierde und das Mißtrauen, das sie gegen alle und alles entwickelte.

Überall witterte sie Feinde und Feindliches . . . Jeden suchte sie als Spion zu gewinnen und eine gegen die andere zu verwenden.

Aber das System gelang ihr schlecht. – Wenn sie durch ein schmeichlerisch katzenhaftes Wort die eine gewonnen glaubte, lief die hin, petzte den andern die Vermutungen oder Beschuldigungen, die sie gehört hatte, und es gab tagtäglich Ärger, böse Launen, Klagen und am Abend störrige verraunzte Gesichter. Das rein Geschäftliche, das Mechanisch-Ökonomische an dem Betriebe war ihr natürlich vollkommen fremd. Sie ahnte nur in instinktiver Habgier, daß hier ungeheuer viel und schnell verdient werden könne. – Aber wo anpacken? – Wo die Schürze unterhalten? – Sie spekulierte nie auf künftige, möglicherweise verdoppelte Einnahmen, bei momentaner Erhöhung der Ausgaben, sondern sie feilschte und drückte wie ein Marktweib bei den täglichen Ausgaben in dem Verkehr mit Lieferanten und Agenten, und diese, die an das unvergleichlich generöse Auftreten der Goldscheider gewöhnt waren, schoben ihr bald das Schlechtere zu überzahlten Preisen zu. Sie aber war glücklich, wenn sie auf diese Weise scheinbar ein paar Gulden ersparte, und frohlockte: »Na wartet, ihr glaubt, die Miller, die kriegt man bloß so herum.«

Die Goldscheider hatte Inseratenagenten beschäftigt, überall Trinkgelder und ein gutes Angedenken hinterlassen, – im Krankenhaus, in der Gebäranstalt, den Vertrauten der Polizei, den Portiers kleiner versteckter Hotels und Absteigequartiere und dafür ein schier unerschöpfliches Mädchenmaterial zur Verfügung gehabt, mit dem sie spekuliert und ihre besten und einträglichsten Geschäfte gemacht hatte. Die Miller sträubte sich mit Händen und Füßen gegen eine solche Zumutung. Das waren lauter »Räuber« und »Diebe«, die sie am liebsten um das »bissel mühseligen Verdienst« gebracht hätten. – Alle derartigen Anfragen, Meldungen und Anträge wurden kurzerhand abgewiesen. – Sie brauchte nichts, sie hatte gerade genug, sie verlangte nicht nach Tausch oder Veränderung. Wo es anging, verminderte sie Ansprüche und Forderungen. – Den Mädchen wurden billigere Kleider, plumpere Wäschestücke zu den früheren hohen Preisen angerechnet. – Als sie aber die bisherigen Deputate an Kerzen, Seifen, Parfüms, Essenzen mitberechnen wollte, erhob sich ein so einmütiger Sturm, daß die Miller diese Forderung wohl zurückzog, aber die Lieferung dieser schönen Dinge einschränkte und jedesmal Gesichter schnitt, wenn sie damit herausrücken mußte. Sogar die im Salon verkauften Speisen und Getränke erfuhren teils Verkleinerung der Portionen, teils Preiserhöhung.

Die Mädchen hetzten die Stammgäste gegen diese oder jene Neuerung auf. – Es kam nicht selten vor, daß sich ein Gast weigerte, den geforderten Betrag zu zahlen, und sich auf die gewohnten Goldscheiderschen Preise berief.

Solche Dinge trugen natürlich nicht dazu bei, die allgemeine Stimmung zu heben und jenen frohen, von der Schwere des Lebens gänzlich unbeeinflußten Leichtsinn zu erzeugen, den zu erhalten das Geheimnis dieses Gewerbes ist.

Bald hieß es in den eingeweihten Kreisen: »Ja das Rothaus, das ist nicht mehr dasselbe, – ah, dort ist es fad. – Nix wie jammern tun 's dort. – So ein ekelhaftes Luder is jetzt die Madame.«

Oder: »Ja früher, wie's die Goldscheider gehabt hat, das war a Leben! Aber jetzt . . . Stier is 's dort. – Ganz herabkommen tun 's dort,« – und so weiter . . .

Nach Ablauf eines Vierteljahres fand die Miller, die die geregelte Buchhaltung der Goldscheider nicht fortführte und sich damit begnügte, peinlich genau die täglichen Einnahmen und Ausgaben zu notieren, daß sich die Summe, die sie herausbrachte, mit dem Gewinste der Goldscheider längst nicht deckte. –

»Ich hab's ja gewußt,« brach sie los, »ich taug' nicht für das Geschäft. – Viel zu gut bin ich dazu. – Ein Patsch bin ich.«

Und dann rief sie die Portierin herauf und warf ihr das schwächliche Ergebnis des Betriebes in so erbitterter Weise vor, daß sich in der ohnedies verärgerten Person der Entschluß festigte, ein Angebot der Konkurrenz endgültig anzunehmen.

»Natürlich graulen's die Gäste schon von der Stiegen aus 'n Haus mit dem Gesicht, was Sie aufsetzen können. Natürlich und gehetzt wird auch ein bissel und der lieben Frau Zimmermann was zugeschanzt – was?«

Und als sich die Person ohne Antwort achselzuckend entfernte, brach ein gewaltiges Ungewitter über das ganze Haus los. Die Miller schimpfte, fluchte und keifte, wie man es diesem an adelige und geistliche Umgebung gewöhnten Geschöpfe nie zugemutet hätte. – Wie eine Wütende, mit vor Bosheit verzerrtem Gesicht fuhr sie in den Zimmern herum, riß Läden und Kästen auf, kramte in den Koffern, warf die Betten auseinander, um die »Diebstähle an ihrem Leibe« zu entdecken, drohte, alle ins Kriminal zu bringen, und warf jeder einzelnen, die ihr in den Weg kam, die Schuld an ihrem Unglücke zu. Tatsächlich hatte sie den Kopf verloren. – Sie sah sich da unrettbar in Verhältnisse gesetzt, – die sie mit ihren schwachen Kräften und geringen Auskunftsmitteln einfach nicht zu beherrschen vermochte. Wie allen schwachen Naturen fiel es ihr gar nicht erst ein, den Kampf damit aufzunehmen . . .

Das Aufreibendste in dem engen Ringe ihrer Gedanken war das Bewußtsein, daß sie sich da mitten in der Möglichkeit eines glänzenden Erwerbes befand und nichts brauchte, als Augen, die das Geld ringsum sahen, Krallen, die es dem grauen Gestein entrissen. – – Da war das Geld, da war es ja! – Die Goldscheider war reich geworden dabei. – – Nein, sie war keine so Durchtriebene, so Geseifte und Gewissenlose . . . Sie nahm zu viel Rücksichten. – Sie hatte zu viel Bedenken.

Sie verwünschte ihre eigene Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit, den Keßler, der sie zu dem Geschäfte überredet, die Goldscheider, die es ihr verkauft, und den seligen Herrn, dessen Tod sie hineingetrieben hatte. – Und die Fräuleins! Ha – Fräuleins! Sie ballte die Fäuste. Offene Rebellion war unter den Menschern! – Eine planmäßige Verschwörung.

Die Gisi, die kam herunter, wann und wie sie wollte. – Unlängst gar im hochgeschlossenen schwarzen Tuchkleide. Jetzt eben hatte sie sie überhaupt nicht hineingelassen. – Sie – die Frau, – die ihr das Brot, ja Fleisch und Torten in den faulen gefräßigen Mund steckte! – Die Mizzi war doch auch eine, aber sie hatte doch wenigstens zugehört und mit ihr geklagt. – Ja, die hatte noch ein bißchen Gefühl. – Jetzt aber die Dubbe! – Sie schnappte vor aufsteigendem Zorn. – Seit drei Monaten beinahe lag die im Bett, pflegte ihre Nerven wie eine Dame . . . »Milch!« – sagte der Doktor, – »viel Schlaf!« – Überhaupt dieser Doktor! – »Für so was ist im Spital kein Platz,« sagte er. – Natürlich, akkurat an jenem Abend war er hereingeschneit, wo die Dubbe einmal richtig im Salon saß und mitspektakulierte.

»Die – soll ich Ihnen auf die Klinik legen, – ha, ha!« lachte er.

Natürlich Komplott! Alles im Bunde gegen sie! Dann lag das Mist doch wieder vierzehn Tage und rührte sich nicht aus dem Bette. – »Aber wart'! Mit der räum' ich gleich auf.«

Sie stieg in den ersten Stock hinauf und blieb horchend an der Türe stehen. – – Natürlich waren wieder ein paar drin! – Sie legte das Ohr an die Tür. – Sprachen über sie und heckten was aus. – Natürlich! – Die Milada? –

Vor Milada empfand sie eine eigentümliche mit Respekt gemischte Abneigung; – sie hatte Horners Visiten passieren lassen, zu Beginn, weil sie ihn für einen zahlenden Gast hielt und später, weil er einfach ihren passiven Hinauswürfen und nörgelnden Bosheiten gegenüber vollkommen unempfindlich blieb. – Nach wie vor ging er bei Milada aus und ein, nur den Aufenthalt im Salon hatte er wesentlich eingeschränkt. – Das System war ihm zu uninteressant geworden.

Jetzt kam ein Mädchen an ihr vorüber, räusperte sich sehr laut, und ehe die Miller noch herumfahren konnte, – öffnete Milada die Türe . . . »Ach, das Fräulein!« sagte sie –

»Ja ich bin's. – Was ist denn das? Liegt die noch immer im Bette? – Aus is damit! – Die schick' ich weg.« –

Sie riß die blaßroten Vorhänge zurück, daß das Tageslicht voll in das eingefallene Gesicht der Dubbe fiel, das sich, während sie weiter sprach, zu einem höhnischen Grinsen verzerrte. Sie preßte einen Umschlag, dem ein schwerer Geruch von Menthol entströmte, fester auf ihre Stirne und Schläfen.

»Nein, nein, das erlaube ich nicht mehr. – Hab' schon mit 'n Sucher verhandelt . . . Sie kommt weg. – Versteht Sie das?«

Die Dubbe setzte sich auf und nahm die drohend aufgepflanzte Gestalt des Fräuleins fest ins Auge. – »Weg mit 'n Luftballon oder mit 'n grünen Wagen? – Von mir aus. Jetzt bin ich erst recht glücklich, weil mir nichts mehr geschehen kann.« –

»Ins Kriminal laß ich Sie bringen, wenn Sie nicht gutwillig geht. Aus dem Hause muß Sie mir. – Das duld' ich nicht mehr!«

»Anziehen soll ich mich halt, was? – Rot machen, lachen, – so, gelt?« Die Dubbe stemmte mühsam die eine Hand in die Seite und wiegte den Kopf. – »Für dich nicht und für niemanden mehr,« stöhnte sie und ließ sich in die Kissen fallen. Sie drehte sich zur Wand und achtete nicht mehr auf die Miller, die mit hoch erhobener Stimme das Strafgericht Gottes auf diese fluchwürdige Kreatur herabbeschwor. Aber das Gefühl ihrer gänzlichen Ohnmacht all diesen Begebnissen gegenüber quoll jetzt so übermächtig in ihr auf, daß ihre Rede in einem Schluchzen abbrach, das dem ungeduldigen Gegreine eines kleinen Kindes glich.

Milada stand am Kopfende des Bettes. Ihre grauen Augen wurden immer strenger und geringschätziger, wie sie der Miller zusah.

»Schicken Sie die ins Spital!« sagte sie nach einer Pause.

»Ins Spital!« echote die Miller. »Man nimmt sie mir dort nicht; gesund ist sie, sagt der Doktor Lamberg. – Gesund ist sie, – gesünder als ich!« krähte sie auf – »das liegt und schlampampt und säuft.« – Sie fuhr zum Bette hin.

Gelassen hielt Milada ihren Arm auf. – »Die rühren Sie mir nicht an!« sagte sie und fuhr dann fort: »Unsere Frau Goldscheider hätte so eine wie die da nicht im Zimmer liegen lassen. – Natürlich, wenn's auf den Lamberg ankommt, – der schickt keine hinauf. Der steckt lieber die zwei Gulden für die Visite ein.«

»Zwei Gulden,« stöhnte die Miller und rang die Hände. »No das zahlen wir uns ja allein. Aber das Fräulein hätte den Lamberg bissel schmieren sollen. Dann tut er, was Sie lieber sieht. – Weiteres muß sich das Fräulein mit dem Portier in der Luisenstraße gut stellen. – Und den Beamten in der Kanzlei nicht vergessen. Dann kriegt sie jede Aufnahme ohne den Lamberg auch. Der schert sich nicht weiter drum. – Die gehört seit drei Monaten ins Spital. – Nicht bloß mit den Nerven hat sie's. Unlängst hat sie beim Besuch einen Muskelkrampf bekommen. – Das erzählt sich herum. So was ist doch ein Schaden. Und wenn sie weg ist, geben Sie der Gisi das große Zimmer da; auf das spitzt sie. – Dann wird ihre Laune gleich besser sein.«

In Miladas Worten lag eine so sichere Überlegenheit, daß sofort die ganze nervöse Abgehetztheit und die zappelnden Entschlüsse der Miller sich daran festklammerten, wie Fliegen an einer Leimrute. Selbstvergessen und neubelebt sagte sie:

»Na ja, das geht alles. Aber kommt man denn in dieser Wirtschaft zu etwas? Diese Gisi! Die schöne Spitzenstore hat sie zerfetzt. Und einsperren tut sie sich noch dazu. – Meint's denn eine richtig gut mit mir? Von mir kann eine alles haben, aber Gemeinheiten vertrag' ich nicht. – Zum Beispiel diese Mizzi! Immer hat sie etwas vor. Mit Ihnen streitet's doch auch immer! Ich kann das nicht anhören.«

»Ach Gott, solche wie die Mizzi gibt's dutzendweis. Das wär' kein Schaden.«

Sie nahm der Dubbe den Umschlag weg und erneute ihn.

»Besser die Gisi nicht böse machen wegen des Fetzens, das schadet dem Geschäft.«

»Papperlapapp, das geht ins bare Geld, wenn sie in ihrer Wut einen Vorhang fetzt.«

»Aber wenn die bös gemacht wird, geht's mehr ins bare Geld,« erwiderte Milada prompt. – »Sonst hat der Schöller, wenn er gekommen ist für fünfhundert Gulden Champagner verknallt. Dabei ist mehr wie die Hälfte reiner Verdienst. Gestern abends hat er nicht einmal unsere Zigaretten genommen, sondern mitgebrachte geraucht, so mies war ihm.«

Nach einer kleinen Pause sagte sie vor sich hin, indem sie die Dubbe zudeckte: »Das Geschäft kenn ich doch wie meine Tasche.« So absichtslos das gesprochen schien, es verfehlte nicht seine Wirkung. Die Züge der Miller glätteten sich, färbten sich höher und nahmen einen katzenfreundlichen Ausdruck an.

»Sie schläft, jetzt gehe ich.« – Milada öffnete die Türe, ließ die Miller vorangehen und sah teilnahmslos den Korridor entlang. – Scheinbar. – Denn in Wahrheit beobachtete sie scharf das verhaltene aber bewegliche Mienenspiel der Miller, die offenbar mit sich kämpfte und die Hand ausstreckte, als wolle sie das Mädchen zurückhalten. – Endlich öffneten sich die verkniffenen Lippen: »Sie, Rezek!«

»Ja?«

»Sie sind halt schon lange dabei?«

»Einundzwanzig Jahre, solang als ich lebe.«' – Jetzt sah sie dem Fräulein offen herausfordernd und überlegen ins Gesicht.

»Da lernt man's!« – Unter der grünkarrierten Wollbluse erhob sich ein Widerstreit von Gefühlen und Wünschen, den das gerötete Gesicht mit den zwinkernden Augen nicht mehr zu verbergen vermochte. Aber noch war das Mißtrauen stärker, als ihre Hilflosigkeit. Der halbgeöffnete Mund schnappte mit einem Seufzer zusammen, und sie drehte, ohne ein Wort herauszubringen, Milada den Rücken zu. Während sie den Korridor hinabschritt, um Gisis Zimmer zu erreichen, seufzte sie bekümmert:

»O Gott, o Gott! Einundzwanzig Jahre beim Geschäft, da glaub' ich's!«

Die still und friedlich im Pfarrhause verlebten Jahre erhoben sich wie boshafte Gespenster vor ihren Augen. »Und dabei hätt' ich was Anständiges lernen sollen!« dachte sie und öffnete Gisis Zimmertür, die sie zum Glücke unverschlossen fand. In einem schwarzen Seidenhemd lag das Mädel quer über dem Bett und rauchte kurze Havannas. Daneben stand eine Flasche mit Kognak, die sie beim Erscheinen der Miller mit der Bettdecke zudeckte. Der »Bert!« hatte sie ins Haus geschmuggelt. – Die Gisi hatte gerade darüber nachgedacht, ob sie seinen Antrag, über den Sommer nach München zu gehen und den Malerleuten Modell zu stehen, annehmen solle oder nicht. Er hatte ihr die Vorteile dieses Rutsches klar gemacht, aber sie war nicht für die Bewegung und all den fremden Lärm. Sie war halt gar so bequem, sie wußte schon, da hieß es, sich fort in Staat werfen und promenieren, 's rechte Aushängschild sein für die Männer, grad' wie damals mit dem jüdischen Reisenden, der sie samt einer Bilderausstellung von Stadt zu Stadt schleppte. Es gab wohl Präsenter, Kleider, Schmuck, aber wenn's dem Bertl ja doch über wurde, dann stand sie auf dem Münchner Pflaster, – »selig alleene.«

So weit war sie eben in ihrem Für und Wider gekommen, als die Miller eingetreten war. – »Servus,« dachte die Gisi, »aus is mit der schönen Ruh, wenn das Gestell zu knarren anfängt.« –

Die Miller trippelte hin und her, prüfte den zerfetzten Vorhang, machte »he he« und »hm hm« und konnte sich doch nicht entschließen, die strittige Sache mit einem kurzen Worte aus der Welt zu schaffen.

»Fremden Kognak sauft's!« dachte sie wütend, »und Zigarren soll ein Frauenzimmer rauchen, aber um ein paar Gulden möcht' sie raufen. Ich verlang' halt nur die Hälfte,« schloß sie ihre Erwägungen ab.

Die Gisi paffte unverschämt weiter, obwohl auch sie im Grunde wünschen mochte, die Sache beizulegen, denn es gefiel ihr immer weniger, aus ihrer schönen Bettruhe in die Münchner Malerquartiere zu rücken.

Sie erhob sich gähnend, spuckte auf die glimmende Zigarre und warf sie dann ins Lavoir. Dann setzte sie sich auf den Bettrand, begann die hohen, schwarzlackierten Knöpfelschuhe anzuziehen und warf die Füße hoch, daß die Miller, so oft sie hinblinzelte, ein festes, weißes Bein bis zur Grenze in der Luft baumeln sah. – Das genierte sie trotz allem sehr.

»Ich werde halt da einen neuen Vorhang hergeben müssen,« brachte sie hervor und hatte sofort das demütigende Nachgefühl, daß sie ihre Sache sehr schlecht gemacht habe. Die Antwort lautete auch prompt:

»Ich hätt's auch akkurat bezahlt! – Der Bertl hat mir's überhaupt strengstens verboten und überhaupt.« Der Schuhknöpfler flog der Zigarre nach und die Gisi stellte sich fest auf ihre hübsch beschuhten Füße auf. Der Blick war unverkennbar. Ganz kalt wurde der Miller dabei. – Sie ahnte Unheil. – Und in dem lähmenden Bewußtsein, daß sie gar nichts tun konnte, um es zu verhindern, um überhaupt etwas in diesem Hause zu ändern, – ja, weil sie nicht einmal imstande war, sich selbst vor dem Schicksal, das ihrer harrte, zu verkriechen, sondern ihm von Tag zu Tag näher rückte, – hob sie zwei Finger ihrer Rechten empor und rief in höchster Erregung:

»Gottes Faust trifft die Lasterhaften und die Stolzen. Wehe euch allen!«

Damit gelang ihr unbewußt weit mehr, als alle ihre wohlkalkulierten Bosheiten und Tücken bisher erreicht hatten. Gisi stand sprachlos da. – Eine Ohrfeige, – in Gottes Namen, das hätte sie verstanden. – Aber so etwas war ihr noch nicht vorgekommen. – Und eine eigene Befriedigung erfüllte sie vom Kopf bis zu den Zehen, als die Miller draußen war. Lang warf sie sich wieder über das Bett hin und dachte über das sonderbare Erlebnis nach.

Aber darüber reifte der Entschluß, Bertls Vorschlag endgültig abzulehnen. – Hier gingen gar wunderliche Dinge vor.

Am nächsten Mittage schickte das Fräulein durch die Portierin an Milada die Aufforderung, sich sofort anzuziehen, um das mit ihr zu besorgen, was sie – die Madame – gestern angeschafft habe.

Den ganzen Weg bis zum Spitale gingen die beiden Frauen wortlos nebeneinander her. Die Miller sah Milada mißtrauisch und prüfend von der Seite an, aber in dem braunen, ernsten Gesichte zuckte keine Empfindung auf. – Der Portier dort kannte sie gut. Die Miller war innerlich über die Selbstverständlichkeit empört, mit der er ohne weiteres die zwei Gulden einsteckte, die ihm Milada in die Hand drückte.

Von seiner Seite, sagte er, könne der Transport gleich heute erfolgen, und oben, – »das wissen's eh, Fräulein.«

Dann stiegen sie in den ersten Stock hinauf.

»Bitte, Geld,« sagte Milada. – Seufzend griff das Fräulein in den grünen Pompadour. – Milada schüttelte den Kopf. –

»Zu wenig!« sagte sie – »weniger als fünf Gulden nimmt ein Beamter nicht.« – Und da das Fräulein mit fliegenden Augen noch zögerte, setzte sie hinzu: »So viel hat die Frau Goldscheider auch gegeben.« – Das wirkte.

Dann erlegte sie die Leihgebühr für die Tragbahre nebst Trinkgeldern. – Und als die Miller alle diese Posten mit hörbarem Seufzen beglichen hatte, stand der Aufnahme der Dubbe nichts mehr im Wege . . .

»Wer wird mir all das bezahlen?« jammerte die Miller, als sie auf der Straße standen, – »bitte das ist also vollkommen verlorenes Geld? Nicht? An wen soll ich mich wenden? Wer wird mir das hereinbringen?«

»Die Neue,« erwiderte Milada lakonisch.

Die Miller sah sie verständnislos an.

»Nun ja, das Fräulein muß jetzt an einen Ersatz denken. – Und sich billig etwas Passendes versorgen.«

»Der Sucher ist böse,« bekannte die Miller kleinlaut.

»Der wär' auch viel zu teuer,« erwiderte Milada kurz. –

Pause. – Milada schritt tüchtig aus, das Fräulein trippelte hinter ihr her. Ihr war sehr elend zumute.

Immer wieder streckte sie den Arm aus, immer wieder riß es sie zurück. Hundert Pläne machte sie, hundert Redewendungen probierte sie, – alles verwarf sie wieder.

Endlich, als sie zur Einbuchtung der Hauptstraße kamen, sagte sie recht kläglich, indem sie Milada am Ärmel zupfte: »Man könnte ja jetzt hin, – dorthin, – wo man was Passendes, – was besonders Passendes natürlich – vielleicht umsonst – hm – haben könnte.« – –

»Umsonst nicht,« sagte Milada, – »aber billig.«

Dann drehte sie um und ging den Weg zurück, während die Miller mit einem fast eisigen Gefühl der Wut und Selbstverachtung hinter ihr her ging.

»Nämlich das ist dort unten am Quai,« zeigte Milada mit dem Schirme.

»Wahrscheinlich so ein Agentl! – Agenten überlaufen mich genug,« nahm die Miller resolut das Gespräch auf.

»Aber woher!« sagte Milada wegwerfend, – »bei so einem werden wir doch erst nicht Audienz nehmen.« –

Das »wir« chockierte die Miller. – Aber trotzdem fuhr sie tapfer fort: »Diese Hotelportiere sind auch nichts Verläßliches.« –

»Es ist kein Hotelportier« – wies Milada ab.

Einen ganz kurzen Moment hatte die Miller den verwegenen Einfall, ein verzichtendes Machtwort zu sprechen und ohne Umstände der Situation, die sich für sie immer peinlicher gestaltete, ein Ende zu machen. – Sie war doch die Herrin. – Aber dann stand sie wieder da, hilflos, unberaten.

Am besten die Person ignorieren! Kein Wort mehr sprechen! Wie wenn ich einen Dienstmann neben mir hätte. Wart', – sie kriegt auch eine Krone von mir . . . »Für den Weg,« werd' ich sagen, so ist's gut. – Voll innerer Genugtuung rückte sie entschlossen aus und versuchte dem flüchtigen Schritte des schlanken Mädels beizukommen. – Als sie ans Quaiufer kamen, blieb Milada unschlüssig stehen. Sie übersah erst die große, vornehme Häuserreihe, die von der Ufersenkung als neues Stadtviertel emporstrebte, und schüttelte den Kopf.

»So und jetzt weiß sie's nicht!« sprang die Miller giftig vor, – »na, das ist schön. So ein Weg! Da hätt' ich ja gleich das Adressenverzeichnis von der Goldscheider mitnehmen können!«

Mit einem unbeschreiblichen Blicke sah Milada auf sie nieder.

»Wenn Sie Fräulein den Namen da,« – sie wies in eine schwarze Ecke, wo neben Bauplätzen und Kohlenlagern ein paar schiefe vergessene Häuschen klebten, »in dem Adressenbuch finden, dann« – sie senkte bescheiden die Augen, – »ist's gewiß besser, Sie gehen morgen alleine hin.«

»So eine Frechheit!« mit einem Zischen förmlich öffnete sich das Ventil ihres angestauten Zornes. »Ja was untersteht Sie sich denn eigentlich, ja, was glaubt . . .?«

»No Fräulein!« – Milada berührte ihren Arm, den die Miller wie gestochen zurückzog. – »Es handelt sich eigentlich darum; ich traue mich nicht recht, Sie da hinaufzunehmen. Da oben« – sie hielt inne und sagte dann, indem sie mit dem Schirme Figuren in den Sand zeichnete: »Da oben ist's nämlich nicht immer sicher für Fremde. Man bekommt ja wunderbare Ware dort oben. Und wenn »der struppige Edi« – so heißt der Herr – gut gelaunt ist, – halb umsonst. Aber es ist halt jedesmal ein bissel riskant. Die Zimmermann ist einmal schrecklich geprügelt worden dort oben. Na, aber mich kennt der Edi viele Jahre, ich glaube, mir tut er nichts an, auch wenn er unglücklicherweise nicht besoffen ist; dann ist er nämlich sehr böse, und dann richt' ich auch nichts aus.«

»Ja, aber wie untersteht Sie sich, mich zu so einem Kerl zu führen? Das wird ja immer schöner. Ich kann solide Vermittler haben, soviel ich will, brauch keinen Totschläger. In diese Räuberhöhle« – sie wies auf die Häuschen, »bringt Sie mich nicht.«

»Fräulein,« flüsterte Milada, beinahe wirklich erschreckt, und ging rasch einige Schritte vor, »schreien Sie nicht so! Machen Sie den da nicht aufmerksam auf uns!«

Ein Polizeimann schritt ernst und stramm an ihnen vorüber; und doch faßte sie ein wohlgezielter heller Blick.

Die Miller wurde blaß . . . »Das ist doch, das ist doch,« bebberte sie, – »wie hat Sie das Herz, mich, – mich . . .«

»Ja bei dem Geschäft muß man solche Winkel kennen,« sagte Milada überlegen, »die andern geben Ihnen doch nur Stadtbekanntes ab. – Tauschware! – Der Edi aber liefert Neuheiten! Besonderheiten! Solche, von denen man in einer Woche erst reden wird. – Einmal, es war gerade flaue Zeit bei uns, – nicht so arg wie jetzt, aber doch, – holte sich die Goldscheider ein Mädel herauf, die« – »Aber wenn Sie geht,« unterbrach die Miller ungeduldig, – »kann ich doch um Jesu willen nicht hier stehen bleiben, – ich sinke ja in den Boden hier. Was soll ich denn anfangen?«

Ganz langsam hatte sich Miladas Ton geändert und nahm eine kräftige Nuance protegierender Vertrautheit an. . . »Schauen Sie dort das neue Viertel, dort, wo die eleganten Häuser sind! – Sehen Sie? Dort gehen Sie auf und ab! Machen's, als ob Sie Wohnung suchen wollten und warten Sie, bis ich wiederkomme. Dort ist alles ganz sicher.«

Und schnell, ohne die Einwilligung abzuwarten, überquerte sie den Weg und trat in den Schatten der verlorenen Häuschen ein. –

Nach Verlauf einer halben Stunde kam Milada wieder, elastisch, fröhlich und schon von weitem der einsam Promenierenden zuwinkend, eine Intimität, die die Miller noch vor einer Stunde protestierend zurückgewiesen hätte. Aber in der Viertelstunde am Quaiufer angesichts der verrufenen Quartiere, in der Nähe herumvagierender Zuhälter und des patrouillierenden Wachmannes hatte sie Miladas kräftige Persönlichkeit als Schutz und Heil empfunden und sich ihr ergeben unterworfen.

»Nun?« fragte sie nichtdestoweniger grämlich, – »lang genug hat's gedauert.«

»Aber ich habe was Ordentliches ausgerichtet,« erwiderte Milada, – »kommen Sie!«

Ihre braunen Augen flammten wie Sonnen vor Eifer und Vergnügen. Ein ganz leiser Duft von Alkohol und Moschus umwehte sie noch.

»Ich hab' mitsaufen müssen,« erzählte sie, »ein riesig großes Glück, daß er so besoffen war, der Edi. – Schauen's, der ganze Rock ist voll von dem Zeug! So haben wir uns zugetrunken.« –

Sie lachte und putzte an sich herum. – »Also, Fräulein, denken Sie nur, wir bekommen für acht Tage, vom ersten angefangen, ein Mädel zu uns, das die Frau von einem Mann ist, – der nächstens – aufgehenkt wird! – Was? –!!!« »Jesus Maria und Josef,« sagte die Miller und blieb stehen. 

»No ja, er hat ja einen Advokaten umgebracht. – Sie ist auch gesessen, aber gleich wieder frei gekommen und die ganze Stadt spricht von ihr. Dem Edi seine Frau hat sie nämlich gleich, als sie aus dem Loch kam, zu sich genommen, in ihre Stadtwohnung natürlich. Seine Frau, das ist eine elegante Person, Fräulein, mit so großen Brillanten und in Seide gekleidet. – Nobel! Sie war gerade oben, und mit ihr habe ich das alles abgemacht und sie kriegt auch die fünfhundert Gulden dafür. – Dem Edi keinen Kreuzer, hat sie geschworen. Und bloß, weil sie mit 'n Edi furchtbar gestritten hat, hat sie mit mir das Geschäft gemacht.«

»Fünfhundert Gulden! – Um Gottes willen, das ist ja eine Riesensumme. – – Wie kann sie denn so was versprechen?«

»Fräulein, das Geschäft mach' ich mit meinem Gelde, wenn's sein muß, und verdien' daran.« – –

»Papperlapapp! Ihr Geld! Zahl' Sie lieber Ihre Schulden ab! Überhaupt so ein dummes Gerede.«

Die Miller pflanzte ihre lange Gestalt würdevoll auf, und der Schluß des Weges verlief unter eisigem Schweigen.


Am andern Tage ging die Dubbe aus dem Hause. Merkwürdig ruhig, ohne Widerstreben, ohne Szene fügte sie sich dem Befehle.

Eingehängt in die beiden Spitalsdiener schlich sie die Treppe hinunter. – »Ich komme wieder, ich komme wieder,« wehrte sie jeden Abschied ab. – Als sie auf die Straße trat, wurde sie plötzlich sehr schwach. Sie blieb stehen, schien sich auf etwas zu besinnen, und ihre Augen suchten Milada, die eben den Kutscher bezahlte. Dieser fiel etwas ungemein Klägliches, Jammerndes in Marthas Gesicht auf, aber ehe sie Zeit fand, sich ihrer anzunehmen, war diese von den Männern eingehoben, und das Brett fiel zu. –

Ohne erst die weiteren Anordnungen der Miller abzuwarten, räumte Milada mit der Portierin das Zimmer aus, säuberte und wichste den Fußboden, lackierte Möbel auf, spannte frische, rosarote Vorhänge und verzierte sie mit Schleifen; dann schleppte sie Vasen und Blumentöpfe hinauf, entnahm dem Vorrat feines, seidenes Bettzeug, stellte verschwenderisch Parfüms, Zerstäuber, kristallene Toiletteflaschen, elfenbeinerne Toilettesächelchen, die die Goldscheider massenhaft aufgespeichert hatte, auf Trumeau und Waschtisch und führte zu Mittag die Miller in das Zimmer hinauf.

»Das bleibt für die Birkner,« sagte sie, »fein – was?«

»Das will ich der Gisi geben,« sagte die Miller trotzig.

»Die Gisi ist jetzt ohnehin wieder fesch, – die braucht nichts zum Auspulvern mehr. – Was? Wie lustig die gestern waren? Gutes Geschäft, was?«

Die Miller würdigte sie keiner Antwort.

Milada strich mit der Hand über die rosarote Seidendecke. – »Es ist doch besser,« bemerkte sie harmlos, »daß wir den Kaffee wieder so ausschenken, wie bei der Goldscheider. Die alten Gewohnheiten sind die besten. Alles lebt auf dabei. – Brötchen werden wir heut machen. – Um fünfundzwanzig Kreuzer verkaufen, wo sie uns fünf kosten, – ein hübscher Verdienst, was?«

»Sie hat die Gescheitheit mit 'n Löffel gefressen,« sagte die Miller höhnisch, aber ohne zu widersprechen, und drehte sich aus der Türe.

Milada ging in die Küche. –

»Frau Riedl, bringen Sie Wurst und Kaviar aus dem Keller, ich soll Brötchen machen. Und Sie, – wenn die Miller herumschnüffelt, sagen Sie ihr, bei der Goldscheider gab es noch Sardinen drauf, aber die Milada spart und gibt gehackte harte Eier, ja?«

»Jesus Fräulein,« sagte die ewig bekümmerte Nachfolgerin der resoluten Polifka, – »wenn eins Sie anschaut! – Wie Sie bei der Wirtschaft noch lustig tun können!«

Milada sagte: »Wissen's, Frau Riedl, mich geht's schon bald nichts mehr an, ich –« sie machte eine Pause und flüsterte geheimnisvoll: »Ich mach eine Erbschaft nach 'n Vatern. – Ein Riesenbauer is das, – nu und jetzt is er hin und muß blechen. Haltens 's bei sich, Frau Riedl, aber ich mach mich selbständig.«

Frau Riedl schlug die Hände zusammen . . . »Das is ein Glück. – No mir hat's immer vorg'schwebt. Dera Fräulein schlagt's no einmal ein. – No, und jetzt is 's richtig wahr.« –


Als Horner kam, wühlte Milada in den Briefschaften der Dubbe, die sie in dem Messingbett eingekeilt zwischen Drahtmatratze und Leisten gefunden hatte.

»Fräulein Sekretär, – Serviteur,« sagte er.

Sie warf alles hin und lachte ihm entgegen.

»Horner, ich halt sie bei den Hörnern fest. – Sie dreht, sie windet sich, sie kann nicht los. – Ich erzähl' Sachen herum – urkomische, – und führe ich sie aus, seh ich, daß es großartig zu dem schon Geschehenen paßt. – Das mit der Erbschaft geht natürlich im ganzen Hause herum. Alle kommen fragen. Den Marx, den du mir gestern geschickt hast, halten sie für die Dokumente. – Alles wird mir gelingen, alles was ich will.«

Sie breitete die Arme aus und die schlanke, junge Gestalt bekam Schwung.

»Ich glaube ich könnte jetzt –«

»– Die Bordellmama von ihrem Throne stoßen und dir selbst die Krone des Rothauses aufsetzen,« sagte er höhnisch.

»Ja, und deinen Ideen nachjagen, wie Schmetterlingen,« vollendete sie.

»Na also, so weit hast du's ja noch nicht gebracht,« sagte er zufrieden, »schnell, welche Rolle, welche Würde hast du dir zurecht gelegt? Lumpenverweserin? – Fetzen-Inspektorat? – Welcher von den sechsundsiebzig Hochmutsteufeln ist in dich gefahren? Wart', das wird saubere Bastarde geben! Schlechte Befruchtung für euch! – Wilde Ehe! – Na mir kann's recht sein! – Ich schau dir zu.« –

Er klemmte seine Brille auf die Nase und schnüffelte in den Papieren herum. – »Also der Dubbe ihr Unsterbliches schleppst du da weg?«

Sie wog die Papiere in ihrer Hand. »Ja, das ist ihre ganze armselige Habe – Heimatschein, Prüfungszeugnis, noch Zeugnisse, – Briefe, – Gedichte. – Eingeklemmt in ihrem Bette fand ich es. – Das arme Wurm! – Daran hat sie gehangen.« –

»Viel verloren an diesem Leichnam?«

Sie zuckte die Achseln. – »Ah, die hat sich alles abverdient. – Das sind ja nur Ziffern, über denen die Miller sitzt und brütet.«

»Gestorben, woran eigentlich?«

»Aber sie ist doch noch gar nicht tot.«

»Unsinn! Versteh' mich bitte,« herrschte er sie an. – »Wenn eine hier krepieren will, – ist sie schon im Leben einmal gestorben.«

»Ja, das ist freilich eine Geschichte,« sagte Milada, und legte die Hand über das Paketchen . . . »Sie ist aus guter Familie, – Lehrerin für englische Sprache und hat in einem Hause einen Studenten unterrichtet. – Jung war sie damals, bildschön.«

»Halt, es steigt das Thema: . . . Liebe, Ehre, Unschuld, – Jammer, Verzweiflung und ohnmächtige Verlassenheit, – vorüber, vorüber!« – unterbrach er sie.

»Horner, das ist unnatürlich,« sagte Milada, »und darüber hab' ich in keinem deiner Bücher Aufklärung gefunden: Das Weib ist physisch so organisiert, daß sie Kinder empfangen muß. Warum fällt die Verachtung euerer Welt und die Rache des Gesetzes auch auf die, deren gesunder, reifer Körper nur seine ehrbare Verpflichtung erfüllt? – Das ist widersinnig, erkläre es!«

»Deine Frage,« sagte er höhnisch, »ehrt schon den Gefragten ungemein. Ich werde einen Polizeimann damit belästigen und dir seine Erläuterung zu Füßen legen.«

»Nein, Horner, diesmal entkommst du mir nicht. Klarheit will ich. Sind denn diese Gesetze wirklich nur für die Gesicherten und Glücklichen da? Alles, was hilflos ist, steht außerhalb? Daran wurde nie gedacht? Es soll untergehen?«

»Man muß es sogar noch stoßen, steht im Ehrenkodex,« sagte er mit grimmiger Ironie. »Aber bleibe mir mit deinem Mitleid vom Leibe. Die Mutter mit dem Kinde ist nichts Hilfloses, ist nichts Verlorenes. Die bedürfen deiner Fürsprache nicht. Sie rächen sich, sie rächen sich. Schau zu! Um vaterlose Kinder webt eine ungeheuere Kraft. Zum Guten, – zum Bösen? Wer weiß das?« – Er ballte die Fäuste. – »Aber Kraft ist in uns. Wenn die Menschen klug wären, – vor dem vaterlosen Kinde würden sie sich noch besser hüten, als sie es bisher getan. Sollen sie nicht so üppig aufwuchern lassen in eigenster Freiheit, wie dich und mich. Sollten sie lieber hübsch in Gesetzchen sperren, Paragraphen anlegen wie Maulkörbe. Schau dich um in dieser Welt! Vergleiche Verbrecherlisten! Spioniere den Eroberern nach, den Dirnen! Vaterlose Kinder sind das. – Der Staat ist ein Pfuscher, sag' ich dir. Ein Marktweib, wie deine Miller, die um den Tagesvorteil bange ist, der die Zukunft aus den Händen fällt.« Er hob den Zeigefinger. »Nur in der Tretmühle der Ehe erzeugt man die einzig wertvollen, frommen, milden und verwendbaren Staatsbürger. Jede willkürliche Erzeugung ist untersagt. – Verbrecherische Nachahmung der Schutzmarke  ›Mensch‹ wird verfolgt und als unlauterer Wettbewerb geahndet. Was willst du noch wissen, Homunkulus?«

»Geahndet,« wiederholte sie mit gerunzelter Stirne. »Ja. Die Dubbe da hat mit einem Schlage alle ihre Stunden verloren, in der Gesandtschaft hat man sie hinausgeworfen. Der Bursch', der es ihr angetan, ist auf Reisen gegangen. Sein Vater hat sie beinahe geschlagen vor Wut. Seine Mutter ist herumgelaufen und hat es mit gerungenen Händen erzählt. Nur die Stubenfrau hat sie gehalten und gefüttert. Als es dann so weit war, hat sie keine Unterkunft und keinen Arzt gehabt. Du, Horner, eine Nacht und einen Tag ist sie von einem Krankenhaus zum anderen gelaufen, von einem Findelhaus ins andere, nirgends war ein Platz. Als ledige Frau, sagte man ihr, hätte sie schon vor drei Monaten zur Arbeit kommen müssen. Sie ist auf der Straße gestanden und hat sich gewunden vor Schmerzen und Angst. Da ist eine Wärterin hinausgekommen und hat ihr das Wort abgenommen, daß sie nachher, wenn sie fertig ist, ins Bordell geht. Dann hat sie sie hineingenommen, für eine Cousine ausgegeben, und sie hat ein Bett gekriegt.«

»No siehst du, wie einsichtsvoll die Leute sind,« warf er ein. »Alle ihre Wäsche haben sie ihr ausgezogen,« sagte Milada mit visionären Augen und einer Stimme, als sähe sie die Dinge alle, die sie schilderte. – »Wie Schläge, sagte sie, war das, als sie nach ihrem Hemde greifen wollte und die Oberwärterin schrie: Liegen lassen, Trottel! – Da gibt's keine eigene Wäsche! – Dann kommt der Doktor: – »Mädchen oder Frau?« – Die Madame sagt: »Mädchen.« – Er pfeift in die Hand und sagt: »Hemd hinauf!« – Du Horner, die Martha hat nachher noch gerade genug erlebt. – Aber in ihrem größten Elend hat sie diese Aufnahmestunde nicht vergessen können. – Immer wieder hat sie es erzählt. – Und wie das Kind da war« – Milada hielt inne. – »Das ist nämlich so. – Das Kind kommt in ein kleines Betterl am Boden. – Sie war sehr schwach, hat nicht hinunterlangen können, und daß man's hinaufheben sollt, hat sie sich nicht getraut zu sagen. – Sie hat sich auch geschämt, es zu verlangen. – Weil sie doch nicht verheiratet war. – Die ganze Nacht hat es gewimmert. – Sie hat Angst gehabt um das Kind und hat immer nur gesagt: Trinken! – Die Wärterin hat ihr Wasser in den Mund gegossen, sie aber hat die Milch gemeint, die ihr aufgestiegen ist und die sie dem Kinde geben wollte. – Aber sie hat sich nicht getraut. –

Was sie hier getrieben hat, das weißt du ja, Horner? – Alle drei Monate ein Riesenkrach. – Und gespart wie ein Narr. – Und zuletzt hat sie alles in seidene Fetzen gesteckt und in Champagner verjubelt. – Es ist halt ewig die alte Leier. – Jeder Wille kommt um hier. Es gibt nichts Gerades. Es gibt keine Sicherheiten. – Wir stehen allen Zufällen zu rettungslos preisgegeben. Krankheit, Alter, Schulden, alles wird gleich eine Krise bei uns, man bessert sich nicht mehr. Jede rettende Bewegung bedeutet sicherstes Einsinken.« –

Er sah sie an, seine Augen funkelten ingrimmig. »Es hat sich schon jemand selbst beim Schopfe gefaßt und aus dem Sumpfe gezogen, sagt man.«

Sie fuhr fort: »Darum ist es uns auch so gleichgültig, was im Leben mit uns geschieht. Weißt du, Horner, wer Besitz im Leben hat, welcher Art auch immer, Hoffnungen und Ziele, der handelt. Der gibt acht auf sich, lebt mit Bewußtsein, der baut. Wir bauen nicht. Wir zerstören nur Uns zuerst . . .«

»Dafür wird euch auch dermaleinst viel Dummheit vergeben, Mägdeleins! Wie steht ihr mit dem Himmel, werteste Dame?«

»Gilt nicht, Horner! Die Hölle hat noch keine Madame fürchten gemacht und das Versprechen der ewigen Seligkeit noch keine Zimmerfrau bezahlt. Der feste Besitz macht stark. In der Luft baumeln taugt nicht lange. Nie habe ich es so empfunden wie jetzt, daß es Lebenssicherheiten sind, die unsere Anlagen wecken. Wer von diesen Sicherheiten ausgeschaltet ist, verdirbt. Ich sage dir, Horner, ich werde mit Bewußtsein leben. Was immer mit mir geschieht, willenlos werde ich nichts mehr über mich ergehen lassen, das weiß ich. Ich will nicht zugrunde gehen wie alle.« –

Er rieb sich kichernd die Hände. »Ja das Karma, Mädel, das schlimme Karma! Wirklich! Was machen wir mit dem?« –

»Das pack' ich wie einen Stier bei den Hörnern und wende es. Und sei's! Ist das, was ich da wage, ein Untergang, so ist es doch das Schicksal, das ich mir selbst bereitet habe. Nichts, das mir wie ein Strick über den Kopf geworfen würde.«

Horner sprang auf. Sein Gesicht bebte und zuckte und Speichel floß aus den Ecken seines Mundes – »Sieg! Mädel,« kreischte er auf. – »So hat der alte Horner nicht umsonst auf dem Misthaufen gesessen und gelauert. Es stinkt! Der heilige Skarabäus ist gefunden!« . . . Er trat zwei Schritte zurück und senkte den fettigen Hut ehrfurchtsvoll zu Boden. –


An einem Nachmittage, zu ganz ungewohnter Stunde, kam Horner ins Rothaus. – Er fand Milada im Bureau, eifrig mit der Moosmann beratend, die plötzlich wieder in Gnaden aufgenommen worden war.

»Heut haben wir inseriert,« sagte Milada, – »wegen der Birkner, weißt, – drei Zeitungen haben's nicht genommen, achte werden die Notiz morgen bringen. – In drei Tagen haben wir ein Leben hier – Servus! Lauter neue Kleider werden genäht. Schau, alle gleich. Und die Birkner kommt in Weiß.«

Oben in ihrem Zimmer stieg er verdrießlich von einem Fuß auf den andern. – »Ich weiß nicht, du redest zu viel, – du denkst zu viel, bist sehr wichtig geworden die letzte Zeit. – He, hast unglaubliche Erfolge zu verzeichnen – was? – Möchte nur wissen, ob du auch ebenso genau weißt, wohin du einmal deinen werten Totenkörper placieren wirst.«

»Mein Seel'!« sagte sie, »darüber hab' ich noch nicht nachgedacht.«

»Weil du eine Gans bist. Wie kannst du je im Leben etwas erreichen, wie kann dir je im Leben ein nahes oder nächstes Ziel wichtig sein, wenn du dein Endziel nicht vorgesehen hast. – Wie magst du dich je in ein Abenteuer, in eine Spekulation einlassen, wie magst du dich in das Meer von tausend Möglichkeiten werfen, wenn du nicht die Sicherheit hast, daß dein gewagter und verspekulierter Körper – krepiert – eine sichere Heimstätte hat? Da hast du das Geheimnis des Friedhofes, die Beziehungen der vornehmen Ahnengrüfte, – des prunkvollen Sarges auf die Heldentaten des einzelnen aufgedeckt. Weiter nichts! – Das ist ein bezahlter Einsatz. – Gibt dir Leben, Schwung, Mut. – Du mit deinen Phantasien, deinem Weltbeglückungsmysterium ramme dir erst diesen festen Pflock in den Grund der Erde ein! Solange du das nicht hast, fehlt deinem Wollen die Feder, – deinem Ehrgeiz – Leichtsinn, deinen Entschlüssen – Rückgrat. Das beste, was ich für dich zu tun gesonnen bin . . . denn ich, ich halt' auch deine Entwicklung nicht mehr aus, – ich bin müde.« –

Sie sah ihn an. Sein Gesicht war bleicher, aufgeschwommener und ruheloser als sonst. – Seine buschigen Augenbrauen, stark zusammengezogen, verdeckten halb die starren, stark verkleinerten Pupillen. – Sie kannte die Symptome.

»Horner, du trinkst wieder,« sagte sie nur.

Ohne sie anzusehen, nestelte er an seinem Rocke herum und zog aus der Innentasche ein großes Kuvert hervor. – »Da hast du,« sagte er hastig, »nimm's, – kostenlos und taxfrei, – eine wunderschöne Leiche!«

Milada sah ihn sprachlos an.

»Du mußt nämlich wissen, daß ich oft und mit wahrem Gefühl an deinen toten Körper gedacht habe. Er ist mir sympathisch, – ich liebe ihn sogar. – Niemanden mehr wirst du reizen, niemand wird dich begehren, niemand wird dir eine Liebkosung bezahlen. Glaub' nur nicht, daß Eifersucht oder sonst ein Pathos dahinter steckt! – Lachbar.«  Er knipste mit den Fingern.

»Aber es macht mir einen heidnischen Jux, die einzige Waffe, die das Leben mörderisch trifft, täglich neu geschliffen zu zücken und zu schwingen. – Die letzte Aktualität, die ich mir gestatte, ist die Vorstellung von allem, was da lebt und atmet, – nach seinem Tode.

Mädel, diese Duzbrüderschaft erzeugt allein die scharfe, feine Atmosphäre, die die Daseinslust auflöst und die Willenskräfte schön langsam zersetzt. – Darin bade ich täglich aufs neue und wie ein Sieger erhebe ich mich. – Ha! sieh mich an, schau ich nicht aus wie einer, der zum Schlusse doch gesiegt hat?«

Er richtete sich auf. Seine Augäpfel rollten, die Spitzen des Schnurrbartes zitterten.

»Hast du dir das schon einmal vorgestellt,« begann er plötzlich leise, »hast du schon einmal daran gedacht, daß plötzlich alles aus ist für dich? Mit einem Schlage – Schluß! – Jetzt siehst du noch die graue Wand, zählst die Stachelkränze am Plafond, hörst den Straßenlärm, du sprichst etwas, sprichst von Abendessen, wünschest dir gerade Radieschen dazu, zarte, rote, – ha, und auf einmal, bum! – ist alles aus.

Denk' dir jetzt das Nachher, ganz deutlich und detailliert. Aber an den Fortschritt denke nicht dabei, nicht an die Biologie, Deszendenz oder Wiederkehrstheorie!« schrie er heftig, »laß mich aus mit Historie, Kultur und Ewigkeitsdusel. – Das ist uniformierter Unsinn, sag' ich dir. – Denkst nichts dabei, fühlst nichts dabei, meilenweit fremd rückt dir das, – gegen das Nachtmahl, das liebe, warme Nachtmahl, das du nicht mehr verdauen wirst, wenn du nach dem Kaffee krepiert bist.«

Er zog sie an dem Arme zu sich, sprach an ihr vorüber und seine heisere Stimme sank zum Geflüster. »Denk' an die nächste Stunde, denk' an das niederträchtige Ameisengekribbel der kleinen Minuten, die jede eine Beschäftigung, ein Ereignis, eine Tatsache aus dem Leben schleppen. Denk' an die Straßenlaternen, die angezündet werden, hübsch eine hinter der andern, rot und frech im Novembernebel, und die du nicht mehr leuchten sehen kannst, wenn sie dich im bleiernen Lichte des Nachmittags in die Erde befördert haben. – Das ist das Schreckliche, das ist es, was unser lebendiger Körper nicht fassen will und wogegen sich das Graugehirnchen sträubt und schüttelt. – Dieses Hirn, das groß genug ist, die Kulturmission der künftigen Jahrtausende zu übersehen, schrumpft zu nichts zusammen, wenn es sich darum handelt, die Stunde zu erfassen, die nach seinem Stillstehen heranbricht. Stürze dich in den Abgrund dieser Stunde: – Gefeit, sage ich dir, mit wahrer Hornhaut um das zarte Seelchen kommst du mir wieder empor.«

Sie hatte beide Hände um das Gesicht gelegt und hörte ihm gespannt zu.

Seine Stimme klang wie heiseres Geflüster, es war nicht leicht, ihm zu folgen.

»Wie? – Du liegst im Zimmer, Fliegen und anderes Kriechzeug sitzt auf deiner Stirne. – Das Morgengrauen hellt sich auf, Sonnenstrahlen tanzen dir auf der Nase . . . Jetzt kommt das Milchweib und der Bäckerjunge . . . Gerade zur Stunde, wo du dich sonst warm und schlafhungrig umzulegen pflegtest. – Eine Stimme in der Küche meckert fröhlich . . »Die zwei Semmeln nicht mehr für den Herrn, der ist Sie nämlich gestorben.«

Man schmeißt unnützes Zeug in dein Zimmer, Bügelbrett oder nasse Wäsche, – Dinge, die du für dein Leben nicht ausstehen konntest . . . Feder und Tinte nehmen sie dir ungeniert vom Schreibtisch weg . . . Schreien laut und erzählen sich Schnacken. Und du liegst da und Fliegen scheißen auf dein Gesicht . . . Was? Da spürst du die knöcherne Hand im Genicke! – Was sind Jahrtausende, die versprochen sind, gegen diesen einzigen Morgen, der dir nicht mehr anbricht? – Was sind alle Gestirne, die da oben tanzen, gegen die roten Straßenlaternen, die du nicht mehr brennen sehen kannst, – wenn du mittags krepiert bist! Hier liegt die Wunderkraft der Todesangst eingebettet, – die Wunderkraft, die Bettler, Narren, Heilige aus uns gemacht hat. Weil niemand den Mut hat, diese Vorstellung ans Tageslicht zu reißen, zu entkräften, zu Phantomen zu verdünnen. – Weil wir Affen lieber mit einem feigen Sprunge in die ewigste Ewigkeit hinüber turnen, – als . . . Aber ich sage dir, Fräulein, es gehört auch ein Mut dazu! Wie mir's das erstemal aufgestiegen ist, gebebbert und gestöhnt habe ich, wie ein kleiner Bub. – Ich war ein kleiner Bub damals und nach Papa Hirn und Mama Weisheit habe ich gejammert, damit sie ihr Bübchen trösten . . . Stumm waren die. – Da kam ich darauf – im Suchen, Betäuben, verstehst du mich? – stieß ich darauf.«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Wollust hilft – – hündischer Betrug! – Nichts wie sie! – Nichts so einzig und andauernd wie sie. – Die Fleischeslust, – merke dir das, Dirne, und nütze es aus, wie du magst! Die Fleischeslust ist die einzige Empfindung, die das Todesbewußtsein in uns erdrosselt. Nur im Augenblicke ihrer Herrschaft bieten wir dem Tode ein Paroli. Frei von Verwesung wird unser Leibliches und Seelisches . . . Alles lacht . . . Erdenschwere aufgehoben . . . Das Bübchen liegt da und zittert vor Lust . . . Schöpfer und Schöpferkraft ist in ihm . . . Aufdämmern der neuen Kreatur . . . Welten grüßen . . . Aber . . . Das Bübchen lag da allein . . . Zu – allein. – Das Bübchen spielte nur – Ha, ha, ha! . . .« Er lachte heiser . . . »Da hat es wieder den großen Herrn betrogen!« – Er war häßlich anzusehen . . . Sein Gesicht war verkniffen, der Mund schlapp und triefend geöffnet . . . Sein schwammiger Körper zitterte in der Erregung der Rede nach. Miladas Gesicht bog sich zurück.

»Aber jetzt dafür,« begann er von neuem, »jetzt bin ich fein draußen . . . Ich seh ihn aus der nächsten Nähe, den Herrn Bruder . . . Ich stoß ihn mit den Ellenbogen an . . . Ich kenne seine windigen Kulissenspäße . . . Fazit:

Ich hänge mich an nichts, liebe nichts, gewöhne mich an nichts, das ich mich nicht zugleich mit dem Auge des Überlebenden zu betrachten gewöhne. Ihr alle, alle,« – er beschrieb einen großen Kreis um sich herum, – »seid für mich schon einmal gestorben . . . Für mich gibt es kein Nervengequieke mehr, keine Überraschungen . . . O, eine bequeme Sache ist mir das Leben. – So ausgetreten weit, wie ein alter Stiebel.« Er rieb sich die Hände, kam langsam zu der Situation zurück und wandte sich direkt an seine Zuhörerin:

»Also Fräulein Milada Rezek, Ihrer ehrbaren und liebenswerten Leiche,« – er verbeugte sich, – »in Anbetracht dessen, daß bald die Osterglocken läuten, – habe ich mir erlaubt« – er verbeugte sich wieder, – »eine kleine Aufmerksamkeit ergebenst zuzudenken.« Sie nahm das Kuvert entgegen und öffnete es neugierig.

»No was, zweite Klasse ist doch ganz fein,« protzte er. »Merkwürdig billig, wenn man bedenkt, was man alles extra bekommt:

Ein schönes schwarzes Tuch, vier Kerzen, bitte, dicke! – Ich hab' sie selbst ausgesucht . . . Und einen Perlenkranz als Draufgabe . . . Wenn sonst keiner da ist, macht der sich ganz gut aus . . . Das ist ja in deinem Falle anzunehmen. –

Laß dich mal ansehen! Sarg – gutes Mittelmaß, das stimmt . . . Die Leute rechnen immer 15 Zentimeter mehr. Man streckt sich nämlich.«

Sie drehte sich herum: »Du, das find' ich eigentlich verrückt von dir,« sagte sie, und ein Schauer flog durch ihr Herz . . .

»Das find' ich impertinent. – Kannst dich hinlegen und sterben, wenn du willst, wo du willst. – Das ist nichts? Fühlst du keine Ruhe, keine immense Sicherheit? Ist dir von nun ab nicht alles, was um dich geschehen mag, ebenso wichtig als Wurscht? Was brauchst du denn noch zu sorgen, zu fürchten? Geradezu ideal ist jetzt dein Leben gestellt. – Mir machst du keine Sorge mehr.«

»Sag', willst du denn um jeden Preis meinen Tod erleben?«

Er brauste auf: »Dumme Gans! Alle Türen stehen offen. Jetzt kannst du erst recht leben! – Bis man die Erwartung des Todes überwunden hat, so gründlich, daß man ihm Servus! sagen kann, wo man ihn trifft, dann erst werden die Lebenskräfte frei. Jetzt kannst du handeln! Tue, was du willst, brenne der Madame durch, dräng' dich ins moralische Leben, werde Schneiderin oder tanze auf dem Seil über den Marktplatz! – Kauf' dir drei neue Hemden und mache dich selbständig – alles egal! Du hast jetzt den Wickel in der Hand. – Dreh auf!«

Er schob ihr das Kuvert geschlossen zu.

»Sperr' ein das ehrliche Begräbnis – fort damit!«

Ohne dem überreizten Mann zu antworten, nahm sie es und legte es in die Lade . . . Er zündete sich eine Virginier an . . .

»Und es ist numeriert?« fragte sie nur.

»Selbstverständlich! Protokollarisch. – Abteilung, Gruppe, Reihe, Grab! – Kannst dir's anschaun!« erwiderte er wohlgefällig. – »Liegst schön! Nicht viel Nachbarschaft rings herum. Neue Anlagen. Aber eine wunderbare Luft dort. – Dritte Klasse war mir zu schofel. – Ordinär an die Mauer gepreßt und immer so massenhaft beisammen, wie die Schweine. Wahrscheinlich für Staatsdiener eingerichtet. – Na ja.«

Die Zigarre hing aus einem Mundwinkel. – Das ganze Gesicht legte sich langsam in müde apathische Falten.

Milada kannte diese plötzlichen Anfälle von dumpfer Erschöpfung, die sich nach dem Genusse von Alkohol ebenso wie nach heftigen physischen Erregungen bei ihm meldeten, ihn oft mitten im Gespräche überfielen und unempfindlich machten gegen alles, was um ihn herum vorging . . .

»Tja, tja, laß gut sein, – glaube mir!« stotterte er, »Narretei alles, – alles Närrischkeiten . . .«

Milada stand aufrecht beim Fenster. Es schien ihr, als dehne sich die enge Rothausgasse zur weiten grünen Ebene aus. Unter dem blassen ausgespannten Himmel sah sie in regelmäßiger Reihe kleine schwarze Hügel aufgeworfen. Eines davon war ihr Grab.

Stumme schwarze Erde, die ihrer harrte. – Das erste Eigentum, die erste Sicherheit – Seltsam! Wie kam das nur über sie? – Etwas Junges, Tolles, Kampfbereites, wie sie es noch nie empfunden hatte, quoll in ihr über und machte ihr strenges Gesicht – jung und gut.

»Denk', wie du willst, Horner! Ich mag doch leben, – leben, leben. – Neugierig bin ich auf die Zukunft; was sie auch bringt, willkommen ist es mir. – Und am Ende« – – sie drehte sich zu ihm und vollendete:

»Du, eines weiß ich: Wie es auch kommen wird, am Ende werde ich sagen: Schön war sie doch, die Wanderschaft.«


Die Miller saß in ihrem Bureau und las den »Berichterstatter für alle Katholiken deutscher Zunge.« – Ein unerhörtes Ereignis!

Sie saß da, eine schwarze Spitzenhaube auf dem ergrauenden Scheitel, die hundert grämlichen Falten des blassen Gesichtes glatt und feierlich auseinander gezogen . . . Palmsonntagsmorgen! Sie war eben aus der Messe gekommen, hatte dann sofort die Gelder des vergangenen Abends mit den noch nach Weihrauch duftenden Fingern gezählt und mit höchst befriedigtem Gesichte in der Kasse verwahrt. – Das war ein Verdienst in diesen letzten Tagen! – Diese Birkner! Nicht zu glauben. was die herzog! Gar nichts Besonderes war an ihr. Ein blankes gepolstertes Gesicht mit wasserblauen Augen und eine blonde Zopffrisur . . . Weißes Kleid, rote Schuhe, rotes Band um den Hals. – Aber was die erzählte! Von dem Mörder. Erst war der Miller zu gruselig dabei. – Aber dann gewöhnte sie sich dran. – Jeden Abend dasselbe. – Sie hörte gar nicht mehr hin. Ja, sie hatte mit dem Advokaten eine Liebschaft gehabt, sagte sie, aber davon wußte Robby nichts . . . Der wollte halt immer, sie sollte gut leben, schöne Kleider tragen, fein essen! Bitte, mit fünfunddreißig Gulden Schreibergehalt! Und der Alte war so knauserig . . .

Der Aufruhr! Die Männer hüpften hinter ihr her wie närrisch. Und immer neue, und immer frischen Zuzug gab's. Die halbe Nacht, bis die Portierin bei vollem Hause zusperrte. Natürlich Kavaliere! Wer nicht fünfzig Gulden zahlen wollte, hielt sich an die andern Mädels. Und auch in die war jetzt, weiß Gott, ein Teufel – sie bekreuzte sich rasch, gefahren. – Ein Wesen machten die her! Zogen von Zimmer zu Zimmer, durch Stiegen und Korridore, eine hinter der andern, die Männer mit, – und johlten . . .

Überhaupt gab's keinen Champagner mehr im Hause. – So reich Milada eingewirtschaftet hatte, – für Summen, die der Miller uneinbringlich geschienen waren, – alles weg. –

Um acht Uhr früh war heute die Rezek weggefahren, Vorräte besorgen, Gansleberbrötchen, Pasteten, Kaviar – – – Und so war's noch fünf Tage! – Gottlob! Diese Ostern gingen herrlich ein1 Dafür durfte man schon dankbar sein. –

Sie versenkte sich wieder in die Lektüre des begonnenen Artikels: »Katholische Fürsorge für die verwahrloste Jugend« und faßte dann, ohne aufzusehen, die reichliche Post zusammen, die ihr die Portierin oben auf den Schreibtisch legte. – Die Miller las aufmerksam zu Ende, spendete in ihrem Herzen dem guten Autor reichlichen Beifall und lehnte sich dann behaglich aufseufzend zurück. Die Milada wird schon die Post besorgen. – Sie hatte sich das alles eingebrockt, sie mochte es nun auch auslöffeln! Anfragen, Ankündigungen, Angebote. – Sie, die Miller, gab schon nachher ihre Befehle dazu. Viel müheloser, viel sorgloser lebte sie jetzt dabei. – Das mit der Rezek war eine ganz feine Idee von ihr. – Natürlich durfte man ihr's nicht zeigen, aber die verstand was davon. Die Miller hatte sich nämlich einen, wie sie glaubte, unfehlbar feinen Plan zurechtgelegt. Vorläufig alles überlassen, ihr fleißig auf die Finger sehen, fleißig zugucken, alles notieren und behalten, und dann –hm, – hinaus damit! So was möcht' sich gern unentbehrlich machen und der Frau übern Kopf wachsen. Eine, die ihr nachrechnete, das wär' so recht. – Ging es so fort, wie jetzt, nur ein halbes Jahr noch, ja, dann konnte sie freilich auf etwas hoffen! – Denn hier sterben? – Nein!

In Wahrheit hatte sich die Miller vollkommen Miladas Herrschaft unterworfen und dabei den Mechanismus der Wirtschaft gänzlich aus den Augen verloren. – Milada verhandelte mit den Agenten, mit Lieferanten, mit den Mädchen und mit den Gästen, sie besorgte die Küche, die Schneiderei und die Buchhaltung, nur die Kassa behielt sich die Miller vor . . . Ans Bargeld durfte niemand heran. Denn die Einnahmen allein, das war ihre feste Überzeugung, stempelten sie zur Herrin über das Ganze. –

Milada war zu klug, um das Regiment nach außen hin an sich zu reißen; überall schob sie »das Fräulein« vor, aber es wurde auch nicht eine Verfügung getroffen, die das Mädchen nicht überprüft und gutgeheißen hatte. Sie ließ der Miller stets das Bewußtsein, daß sie selbst das Richtige erkannt und angeordnet habe. Das Zauberwort, mit dem Milada in allen strittigen Fällen siegen konnte, blieb stets: »Wie's bei der Goldscheider war.« – Das schob die Riegel des Geizes, der Bosheit und des dummen Trotzes zurück, der die Miller manchmal überfiel und sie selbstherrlich und störrisch machte, wie ein verprügeltes Kind. –

Im Gedränge mit Agenten oder den Fräuleins verstand es jetzt die Miller, sich so lange zu drehen und zu winden, hinter Ausflüchte und Redensarten zu schlüpfen, bis sie Miladas Urteil eingeholt hatte. Dann hieß es »Rezek, Rezek, – ich hab' zu tun, machen Sie das mit dem Herrn so ab, wie ich's schon gestern angegeben hab'.«

Später freilich durchschauten die andern das Manöver. Sie wandten sich direkt an Milada, mit der sich ein Anliegen schneller und angenehmer abwickelte, als bei dem ewig unsicheren Gezappel der Miller. Das erstemal, seit sie das Geschäft besaß, kam über diese das wohlige Gefühl des Ausruhens, der zuwartenden Behaglichkeit.

In der Küche alles in Ordnung, – die Riedl parierte, die Fräulein ohne Hader und Zank. – – Milada hatte ihr gesagt: »Fräulein sprechen zu viel mit den Mädels. Das dürfen Sie nicht, das schadet dem Respekt. Immer nur das Notwendigste.«

Und sie hielt sich stramm daran. Auch in Miladas Verhältnis zu den anderen hatte sich unterdessen unmerklich und langsam viel geändert. Schon die Geschichte mit der Erbschaft, die sie bestehen ließ und durch knappe Bemerkungen unterstrich, hatte ihr eine neue Würde gegeben, die sie nach allen Seiten klug und geschickt ausnützte. Sie hatte nicht mit Andeutungen gespart, als ginge es der Miller im Geschäfte nicht zum besten mit den Hypotheken und der ewigen Sparerei und wie die froh und glücklich sei, wenn sie ihr mal aushelfe. Aber dafür mußte man halt da mittun und dabei bleiben, damit das eigene Geld nicht auch noch heidi ginge. Das hatte ihrer zu erringenden Stellung im vorhinein eine feste Basis gegeben. Daß sie bei der Goldscheider nicht gehangen hatte, war allgemein bekannt; auch ihre gute Abstammung, sowie die Geschichte der schwarzen Katerine spukte fort, und daß die ehemalige Madame ganz gut gewußt hätte, warum sie das Mädel so fest bei sich hielt. Im Anfange wohl gab es hin und wieder unvermeidliche Reibungen, Verdächtigungen, Murren . . . Besonders die Mizzi tat alles, um Milada bei der anderen zu verhetzen und herabzusetzen. Aber die Vernünftigen kamen bald darauf, daß keine Spur von Liebedienerei oder Herrschsucht in Miladas Beginnen lag. Man war gewöhnt, sie arbeiten und wirtschaften zu sehen; und ihre erweiterte Tätigkeit fiel daher nicht übermäßig auf. Sie erkannten sehr schnell, daß es in ihrem Vorteile lag, mit dem Fräulein durch Milada zu verhandeln, und eine kurze, bündige Abfertigung von ihrer Seite wirkte längst nicht so aufreizend, als die langatmigen Tiraden der Miller, die schließlich auch zu keinem Erfolge führten. Wohl sagte ihr eine oder die andere: »Geh, du bist ein rechter Narr! – – Laßt dich ausnützen von der da und kommst um dein Verdienst.« Und die Gisi, mit der sie vertrauter war, wie mit den anderen, schlug ihr vor, doch mit ihr ein Geschäft zu eröffnen, vielleicht eine feine Weinstube – der Bertl ließe sie sicher auch nicht im Stiche dabei – »und hier, da hast ja eh nix für dein' Plag'.«

Da erwiderte Milada: »Schau, ich bin hier aufgewachsen. . . . Mir tut's so leid um das Rothaus. Ich kann's nicht sehn, daß die 's gar so hinunterjagt. Deshalb bleib' ich hier.«

Diesen einfachen Standpunkt Miladas begriffen ihre Genossinnen und achteten ihn auf ihre Weise.

Alle anderen waren fremd und zugeflogen; wenn es ihnen beliebte oder nicht mehr gut ging, dann kehrten sie unbedenklich dem Rothause den Rücken zu. Milada aber blieb. Sie war das Kind der Gasse.


Es klopfte. Es war Miladas kurzes hartes Pochen, und ohne ein Herein abzuwarten, trat sie in das Bureau ein. Sie kam in Hut und Jacke, das Gesicht gerötet von der scharfen Frühlingsluft.

»Das war eine Schererei,« sagte sie mißlaunisch, »bis ich heute die Sachen zusammengetrommelt habe, keiner will Sonntag liefern . . . Das kostete einen Haufen Trinkgelder.«

Sie schob der Miller die Abrechnungen hin, die diese mit besorgter Miene prüfte . . . In Hut und Jacke, beim Schreibtische stehend, öffnete Milada die Post. – »Fräulein, für morgen ein Souper zu sechs Gedecken. Zur Birkner, – aus dem Jockeyklub. Extra serviert von zwölf bis zwei. Das wird was eintragen.« Sie las weiter und lachte.

»Nein, die Leute sind komplett närrisch. Lauter Anfragen aus der Provinz. Grad' als ob wir die Person gepachtet hätten. So, das geht alles den Edi an . . . Und da sind Rechnungen. Die vom Schuster ist auf Gegenrechnung. Nur eintragen! . . . Das da ist ein Angebot vom Ascher . . . Da kann man hinschaun, wenn Sie wünschen. Eine Witwe aus St. Pölten, schreibt er. So . . . Gott, ich bin müd.« – Sie setzte sich hin.

Und während sie den Hut abnahm und das niedergedrückte Haar mit den Fingern aufschüttelte, begann ganz unvermittelt die entscheidende Auseinandersetzung zwischen ihr und der wie eine Bildsäule dasitzenden Miller. Milada hatte dabei mit dem unheimlichen Untergefühl zu kämpfen, daß sie an dem, was sie da sagte und vorhatte, eigentlich unbeteiligt wäre und nur interessiert der Entscheidung eines fremden Schicksales zusähe. – Die Miller wieder war durch Miladas bisheriges Benehmen so durchaus in Sicherheit gewiegt worden, daß die Unterredung sie völlig unvorbereitet traf und sie in ihrer Entscheidung, wie sie erst später gewahr werden sollte, durchaus überrumpelt wurde.

»Ich muß heute mit dem Fräulein über mich sprechen,« begann Milada.

»Ja, was gibt's denn?« piepste die Miller sofort in den höchsten Tönen und ahnungsvoll, während Milada beruhigend kühl erwiderte:

»O, es ist nichts . . . ich will nämlich nur fort von hier.«

Einen kurzen Augenblick blitzte in Fräulein von Miller die Erinnerung an Bergesgrün und Waldesstille auf, die Erinnerung an einen frechen roten Mund, der vor Jahren dieselben Worte gesprochen hatte . . . Aber das verwischte sich sofort und sie rief entrüstet aus: »Ja, was fällt Ihr denn auf einmal ein? Na das wär' noch schöner,« und klammerte sich sofort an ein Recht: »Sie ist eingeschrieben, Sie steht in den Büchern drin. Das wär' mir erst recht. Da möcht' ja jeden Tag eine andere kommen und sagen: Ich bitt', ich geh' . . . Und was mach ich hernach?«

»Ich weiß nicht, wie das Fräulein mit den andern steht. Mit mir ist es überhaupt anders. Ich bin in den Büchern nicht geführt, denn ich war der Goldscheider nicht einen Kreuzer schuldig. Jetzt in den paar Monaten ist einiges angelaufen, Kleider und Schuhe. Ich möchte eben wissen, wie viel als ich dem Fräulein schuldig bin.«

»Schuldig? Mir? Mutter Gottes!« Die Miller lachte hysterisch auf. – »Fünfunddreißigtausend Gulden, die ich bar ausgezahlt habe, – abgerechnet, was der Keßler eingesteckt hat. Und die vielen Rechnungen, die ich bezahlt habe. Schuldig! Alles Geld, das mir der Hochwürdige hinterlassen hat für fünfundzwanzigjährige treue Dienste. Mutter Christi! Ich sag' nur, wenn der meine Not sähe! – Er hat mich immer gewarnt. – ›Josefine‹, hat er gesagt, ›Dummheiten werden Sie noch genug anstellen, eine Gemeinheit – nie!‹ Recht hat er, tausendmal recht! Ist schon gemacht die Dummheit!«

Sie drehte die Augen nach oben, als klage sie sich an.

»Sehen Sie, Fräulein, gerade so muß ich an meine Zukunft denken. Ich habe niemand, der sich meiner annimmt, wenn ich es einmal brauche. Ich muß zur Zeit sehen, daß aus mir was wird.«

»Aus mir wird? – Ja was heißt denn das wieder? Sie ist doch schon etwas.«

»Was bin ich denn, Fräulein?« Es bereitete Milada eine eigentümliche Genugtuung, das Fräulein zu quälen und in die Enge zu treiben, ehe sie zu dem entscheidenden Schlage ausholte.

»Was, was geht das mich an?« stotterte die Miller, »das, das ist doch« – – Plötzlich änderte sie die Tonart. Sie sprach schnell und sich überstürzend:

»Rezek, geht Ihr etwas ab bei mir? – Gerade Ihr? Hab' ich Sie nicht gehalten wie, wie –, trotzdem mich die anderen dafür auffressen möchten. Bei mir werden Sie halt bleiben, Rezek? Bei mir« . . .

Milada schüttelte den Kopf . . . »Doch nur so lang, als mich das Fräulein brauchen kann. Was tun Sie denn mit mir, wenn ich krank werde?« . . . »Krank, krank, warum sollen's denn auf einmal krank werden?« – »Weil wir eine nach der anderen krank werden müssen bei dem Leben und frühzeitig krepieren.«

»Mutter Christi!« schrie die Miller jetzt wirklich entsetzt. »Was bleibt denn dann für mich übrig, was ist denn das für ein Geschäft, das so schön langsam abstirbt?«

»Das Geschäft stirbt nicht aus, nur die Mädeln sterben,« entgegnete Milada höhnisch, »da müssen immer junge frische dran . . . Fleißig junges Blut einführen, ist die Hauptsache dabei.«

Die Miller senkte den Kopf. Das war ja ein ewiger nie endenwollender Kampf hier. Man konnte sich also nicht einmal daran gewöhnen. – Nein, kaum hatte man die Ecken und Schwächen geglättet, die jedes frische Nebeneinander mitbrachte, wurde man einfach auseinandergerissen und neue fremde Gesichter kamen daher gegangen, die wieder Behandlung beanspruchten. Nein so was ging über ihre Kräfte, das hielt sie nicht aus.

»Ja, das Fräulein muß jetzt nämlich schnell daran denken, das Personal zu ändern,« sagte Milada jetzt, »immerfort derselbe Stand, das geht nicht. Und bei der Gelegenheit, habe ich mir gedacht, gehe ich auch. Solang ich jung und kräftig bin, muß ich mich versorgen.«

Da die Miller nichts antwortete, fuhr sie fort: »Hier bin ich bald so bekannt, daß ich nirgends mehr ankomme. Aber mir ist auch mies vor dem Geschäfte, ich will was anderes unternehmen . . . Geld hab' ich ja . . .« Pause, in der die Augen der Miller sich schreckhaft erweiterten. – »Wirtschaften kann ich. – Entweder ich etablier' mich, oder ich geh' zur Bühne, – wie die Gisi. Heiraten könnt' ich ja auch, wenn ich draußen bin.«

Die Miller saß stumm und starrte in die Luft. – So also war das Geschäft beschaffen, die glänzende Kapitalsanlage ohne Regie, ohne Betriebsstörung. Ausgezeichnet! Eine heiratet, eine stirbt, eine tanzt. Alle machen sich's bequem, ja was geschieht denn dann mit ihr?

Sie mußte zahlen, zahlen, Agenten unterhalten, inserieren, schleichen, lauern, Spitzel bestechen, sonst packte die Polizei sie fest und riß ihr die erworbenen Schätze aus der Hand. – Ja, aber wenn alle, die sie ergattern konnte, so dächten wie diese! Was dann?

Sie raffte sich auf und mit einem Aufwand von hohlem Pathos rief sie: – »Warum ist Sie alsdann überhaupt herzugekommen? – Niemand hat Sie hergelockt. – Von selbst ist Sie gekommen.«

»Erstens hat mich meine Mutter der Goldscheider überlassen,« sagte Milada, »aber,« fuhr sie fort in der klaren Regung, daß sie jetzt für alle sprach, die hier im Hause wohnten: »Aber von wo immer man hereingetrieben ist, man muß nicht da verkommen, Fräulein! – Wenn eine in die Fabrik arbeiten geht, muß sie nicht gerade warten, bis ihr die Maschine den Fuß abdreht. – Zwischen dem Müssen und Wollen ist hier nur eine Tür, die man zu öffnen braucht. – Man muß bleiben, wenn man an die geschlossene Tür glaubt. Aber ich glaube längst nicht mehr dran. Ich glaube nicht an ihre Macht, mich festzuhalten. – – Oder irgendeine hier im Hause.«

Der Boden brach unter den Füßen der Miller zusammen.

Unbarmherzig fuhr Milada fort: »Ich spreche gar nicht von den geistlichen Anstalten, wo man nur hinschreiben muß, um loszukommen.« Also die auch noch im Bunde gegen mich, wimmerte die Miller innerlich. Geistliche Anstalt! – Plötzlich durchzuckte sie eine Idee.

»Milada,« sagte sie, »so wahr Gott über uns ist, ich red' jetzt aufrichtig mit Ihr. –Bleib' Sie bei mir die Jahre, die wenigen Jahre, zwei Jahre vielleicht, – dann, dann, wenn ich so viel hab', als ich denk', – dann kriegt Sie das Geschäft von mir. So wahr mir Gott helfe!« sagte sie feierlich. »Ich habe mich einem Schwesterorden verlobt. Aber das kostet noch viel Geld, dort, wo ich's meine. – Die Kongregation der Kreuz-Jesu-Schwestern in Steiermark ist es. Und dann kriegt Sie das Geschäft von mir. – Und billig kriegt Sie's, oder – gar – umsonst.« –

Sie vergrub den Kopf in beide Hände. – Nun hatte sie alles Irdische geopfert. Sie wollte keine Antwort mehr hören. –

Milada sagte: »Fräulein Miller, Sie meinen's ja vielleicht gut. Aber das ist mir zu ungewiß. Wer weiß, was in ein paar Jahren mit uns ist? Besser, wir machen es gleich ordentlich aus. –

Ich möchte ja dem Fräulein auch nicht Verlegenheiten schaffen, besonders, wo mir an dem Geschäfte liegt, – ich, ich möchte schon darauf rechnen, besonders wenn's das Fräulein so meint. – Redlich bin ich, sparsam, tüchtig, – ich versteh' das Geschäft. Und ohne das kommt das Fräulein hier nicht mehr aus. Eine Fremde hereinnehmen, käme jetzt viel teurer. Wenn mich das Fräulein als Wirtschafterin behalten will mit einem Fünftel Anteil am Gewinn und ohne Verpflichtung im Salon, dann will ich gerne bleiben.

Die Miller fuhr auf: »Ein Fünftel Anteil!?« fragte sie entsetzt.

Milada erwartete ein Donnerwetter und stand gerüstet.

»Vom Gewinn?« sagte die Miller wieder vor sich hin.

»So viel, Fräulein, verdient meine Arbeit,« sagte Milada fest, »und natürlich, wenn Sie gehen, habe ich das Vorkaufsrecht, denn, wie Sie vielleicht wissen, ich habe Geld. – Das Geschäft kann ja wieder gut werden wie früher« – sie lehnte sich vertraulich an den Schreibtisch. – »Also Fräulein, gilt es? Dann sollen Sie die Rezek mal arbeiten sehen!«

»Ein Fünftel,« wiederholte die Miller ein drittes Mal, aber diesmal fürsprechend, überlegend, beinahe triumphierend. Dann, ohne sich zu besinnen, faßte sie nach der kräftigen braunen Hand, die da vor ihr lag, und hielt sie fest. – »Ja, ja die Hauptsache ist, daß ich loskomme. Bald! In Gottes Namen! Ein Fünftel!

Rezek, jetzt ist Sie mir mit Leib und Seele gebunden, – versteht Sie?«

»Kontraktlich sogar, Fräulein,« erwiderte Milada fröhlich und schwenkte die Hand. – »Jetzt wird die Sache flott! Zuerst erleichtern wir uns, Fräulein! Die Laura muß hinaus und die Anna, die Meitner meine ich. – Für heute nacht wird Punsch gebraut, das ist billig und beliebt. – Um Mitternacht. Fünfunddreißig Kreuzer ein Glas, ich rechne auf vierzig Portionen. Dann muß man von der Spizzari ein paar Mädchen borgen für die nächsten Abende. Wir kommen nicht aus. Und,« – jetzt klingelte es, – »Aha, das Futter kommt.«

Sie öffnete die Türe und sprach noch zurück: »Fräulein Miller, es wird gut sein, wenn Sie ein bissel was verlauten lassen vor den Leuten. – Man weiß, daß ich fort wollte.« Und sie nickte ihr zu und verschwand in der Küche.


Am grünen Donnerstag vor Ostern bat die Bine Michal um Urlaub für einen Tag. Sie wollte gerne nach Hause, Eltern und Geschwister besuchen und zugleich Cyrill wieder sehen, der auch »auf Urlaub von den Soldaten kam.« – Man konnte ihr das wohl erlauben, meinte Milada, und die Miller stimmte zu . . .

»Ich möcht' aber noch etwas bitten,« sagte Bine, entnahm ihrer Tasche ein Geldstück und hielt es zwischen zwei Fingern in die Höhe. – »Wieder nach Hause schicken? – Du hast doch erst!«

Die Michal schüttelte den Kopf. – »Nein, kauf' was Schönes für Cyrill! Ich mag nicht spazieren, und den anderen trau' ich nicht recht. Wenn ich Ostersonntag nach Hause fahr', will ich Cyrill was Schönes bringen . . . Ist genug Geld? Was?«

»Genug, längst. Was soll es denn sein? Stock, Brieftasche, Zigarrentasche? – Überhaupt, beicht' einmal, was is denn der Cyrill? Verwandter?«

»O nein!« Bine richtet sich stolz auf. – »Mein Bräutigam doch.«' Und auf Miladas erstaunten Blick fuhr sie vertraulich fort: »Jetzt is er schon ein Jahr beim Militär und weil er einzige Sohn is, – kein' Vater nicht hat, nachher kommt er überhaupt bald los. Im Deutschen weiß ich nicht, wie man da sagt. – Im Herbst is er los, der meine, und dann! Nu, aber die Bine hat auch g'spart daweile. Wird er Augen machen, Cyrill, was?«

»Ich weiß, wie du die Kreuzer g'halten hast; darum also, heiraten wollt ihr zwei?«

»Hm, seine Mutter hat Häusel ang'schafft. Kuh steht auch schon im Stall. – In eine Jahr achthundert Gulden hab' ich zu Hause geschickt. Und bring' wieder was mit. Ich will nicht Sparkassa, nicht Postbüchel, was seine Mutter is, die is sehr brav.«

»So, na ja. – Aber sag', Bine, – weiß seine, – nein – weiß er, der Cyrill, wo du hier bist?«

»No das glaub' ich. Vor zwei Jahren, bald nachher war fort ins Militär, nach Ungarn, sagt seine Mutter zu meiner Mutter, – aber die, was is Vatern seine zweite Frau: Schick's Mädel in Stadt! Ist große scheene Person. Soll sie verdienen auf Häusel und ein bissel Vieh . . .«

»Was? Seine Mutter hat dich hergeschickt, zur Goldscheider geschickt?«

Bine schüttelte den Kopf. »Ah nein, Adresse hab' ich von der Hausierfischer bekommen, was alle Sonntag in Dorf kommt. Und was is meine zweite Mutter, die, was als Mädel auch Köchin war in Stadt, hat gesagt, das is feinste Haus, da soll ich her. – No und wie ich das letzte Geld geschickt hab', schreibt sie, wie Cyrill sich freut auf das Heiraten. Aber er is alleweil mitten in die ungarischen Wälder und kann gar nicht zu mir kommen. Aber in jedem Brief schreibt sie, steht, ›grüße meine liebe Braut.‹«

»Na, da wird's dir ja noch mal fein gehen,« sagte Milada nachdenklich. »Einen Stock will ich dir besorgen. Aber, Bine, hör' einmal, mit dem Gelde sei vorsichtiger! Du sollst auch, auch wenn's seine Mutter ist, nichts weggeben, wenn du nichts Schriftliches dafür bekommst. Man kann nie wissen.«

»Jesus, ich bin doch mit Cyrill in Schule gegangen. – Wie meine Mutter« – sie bekreuzte sich – »gestorben is, kein Mensch war so gut, so seelensbrav zu mir, wie Cyrill und seine Mutter. Och die hab' ich am liebsten in der Welt.«

Jetzt, wo einmal der Bann gebrochen war, wurde sie breit, gemütlich und redselig. »Vater is auch brav, aber ein Trau mi' net. Und gar seit er die zweite hat. Wo sie ihn hinstellt, steht er. Na und mich mag's nicht gern, weil ich im Dorf immer Erste war, beim Tanz und sonst noch und ihre zwei Menscher nicht.«

»Und jetzt zu Ostern wollt ihr euch am End' verloben?«

»Ih wo! So was gibt's am Dorf nicht! Da wird g'heirat' und gut is 's.« – Milada schüttelte den Kopf. – Verspricht die sich im Dorf einem Burschen und spaziert direkt in ein Bordell, wie in einen Dienst, aus dem man jederzeit intakt und frohgemut austreten kann. – Lebt hier ehrlich, rechtschaffen, man möchte beinahe sagen pflichtenfroh und verdienstlich, als gälte es, das beste Zeugnis nach Hause zu tragen, – bringt Ordnung, Regelmäßigkeit, eine ganze Schar häuslicher Tugenden in das Chaos des Dirnenlebens. – Und wartet auf den Bräutigam, auf Haus und Hof, Feldarbeit und Blumen, auf ein kleines, ruhiges Dorfglück. Auf Kinder wartet sie auch. Natürlich, die kann sich doch ein Leben ohne Kindergeschrei und Wiegenhutschen nicht vorstellen. – Und das alles soll ihr der Verdienst  des Schandlebens versilbern, vermitteln, näherrücken. – Unfaßlich und doch wahr. So sprach das Leben. Unzählige Männer bezahlen ihr unterdessen Liebkosung und Körperwärme, – schwächen und verderben hundertmal Kraft und Gesundheit. Ebenso fühllos, wie die rauben und brandschatzen, läßt sie gewähren. Das alles dringt nicht zu ihrer Seele vor, die den Traum eines künftigen Weibglückes fest einkapselt.

»Wenn nur die ehrlich sind mit ihr,« dachte Milada eigentümlich bewegt. – Sie traute nicht. Dieser Cyrill, der nie schrieb!

Ach was, die Bauernhäute sind dick und am Ende ist ihnen natürlich das liebe Geld lieber, als eingebildete Jungfernehre. –


Die kleine Fanchon lag im Bette. – Nichts fehlte ihr, – gar nichts. – Eine Kleinigkeit. Ein Karbunkel in der Achselhöhle. – Sie zeigte es nicht einmal her und verbot ihren Freundinnen strenge, es der Miller zu berichten. – Oder gar Milada. – Am Ende läßt sie die am Abend nicht hinunter. Und sie wollte, – sie wollte doch – für jeden Fall mittun.

»Allweil im Frühling schlag' i aus. – Und wie i ganz a klans Mädel war, hat der Doktor immer scho' g'sagt, der April, das is mei bester Feind. Aber wenn i den übersteh', geht's wieder a ganzes Jahr.«

Bine Michal, die strahlend von ihrem Urlaub zurückgekehrt war, saß geduldig an dem Bette der Kleinen und hörte die phantasiegeschmückten Erlebnisse an, die Fanchon so gerne und anschaulich zum besten gab. – Sie ließ ja dafür auch gerne den Bericht des ungeheuren Triumphes über sich ergehen, den Bine zu Hause und im Dorfe gefeiert hatte. Cyrill war nicht gekommen, er war halt zu weit in dem Ungarn drin. »Und Vater hat sich gefreut, is immer um mich herum und hat Seidenkleid angerührt und Hut und das Tascherl mit 'n Parfüm. – Schade, daß Cyrills Mutter auch gerade auf Jahrmarkt in Dobran war. Schönen Brief hat sie aber geschrieben und auch von Cyrill eine gepreßte Vergißmeinnicht zugelegt. »No und sie und ihre Madeln sind gestiegen vor Zorn, wie sie mir gesehen haben,« triumphierte Bine. »Was sie is, meine Stiefmutter nämlich, hat gleich geschrien: ›Ich krieg' von ihr Ohrfeigen, wenn ich im Dorf so Maskerade mach mit Hut und Glanzschuhen.‹ Aber da hat Vater dagestanden und gesagt: ›Untersteh' dich, sie ist Fräulein, schlag' deine Kuhmenscher!‹«

Unterdessen waren auch zwei neue Mädchen eingerückt. Klanglos und ohne Vorbereitung, nach Goldscheiderischem System, war die freche und übellaunische Mizzi mit dem dicken Annerl abgefahren. – Was dafür gekommen war, ließ sich sehen.

Da war zuerst die Ilonka Arrigazzi, bestimmt, als neuer Stern am Himmel des Rothauses aufzugehen. – Sie nahm auch sofort die ihr gebührende Stellung ein. – Fabelhafte Toiletten brachte sie mit, sehr versiertes Weltdämchenbenehmen und die eigenhändig unterschriebene Photographie eines dicken, europäischen Potentaten.

Tatsächlich war Ilonka – Brunnenmaid in Marienbad gewesen und kam dann, als sie in dieser Funktion eine kleine Differenz mit der Badeverwaltung gehabt hatte, zu einer mädchenfreundlichen Tante, – der dicken Frau Breslauer, die sie mit noch zwei Nichten in die Lebewelt des internationalen Bades einführte. Nach Schluß der Saison wurde sie via Aussig nach der Hauptstadt befördert. – Die madre mia in Tirol freute sich, daß ihre Tochter mit dem ungarischen Vornamen, der die einzige Erinnerung an den Vater war, so gut fortkam in dem »mondo freddo«, und schrieb ihr, daß sie täglich zu der süßen Madonna bete, es möge ihr besser ergehen, als ihr, der armen Giusta Arrigazzi.

Weniger Lärm verursachte die Ankunft des andern Fräuleins. Ein blondes, fesches Ding war wohl die Karla Neuern auch, nur hatte sie jetzt ein blasses verschrecktes Gesichtchen und verdächtig gerötete Augen, die das Sonnenlicht nicht gut vertrugen . . . Die Miller hatte verläßliche ärztliche Bescheinigungen gesehen, aber sie war schon erfahren und fürchtete. »Nein, der Neuberger in Prag ist so weit verläßlich,« sagte Milada.

Es stellte sich auch heraus, daß die Entzündung der Augen eine ganz unbedenkliche Erscheinung war. Das Mädchen mußte erst ein bißchen Befangenheit niederkämpfen in dieser Umgebung, denn sie war, wie der Neuberger geschrieben hatte: – »ein hochanständiges Mädchen, das bisher nur in einer Weinstube gedient hatte.« – Über ihre persönlichen Verhältnisse hielt sie den Mund und sagte nur, sie stünde allein auf der Welt und das sei ihr gerade recht.

Jede Weile schrillte die Klingel durch das Haus, und die Fanchon hielt es gar nicht mehr im Bette aus. Neugierig guckte sie auf den Gang, hockte auf das Fensterbrett und versuchte, etwas von der »warmen Sonne« zu kriegen. Denn sie fror mit ihren nackten Beinen und litt Schmerzen, die sie trotzig verheimlichte.

»Fräulein Ilonka, bitte in den Salon!« tönte die scharfe Stimme der Miller.

»Schau, um die is ein ewiges Geriß,« bemerkte Fanchon traurig.

»Fräulein Bine, bitte in den Salon!«

»Jesus, da geht's am Ende unten schon an,«' rief Fanchon erschrocken aus und blickte an sich hinunter.

»Samstag!« bemerkte Bine mit philosophischer Ruhe und legte die Arbeit zusammen.

Da schlüpfte auch schon Fanchon aufgeregt in ihre rotseidene Abendtoilette. Horch! Klavier! Schon?! Ja, das Geschäft stieg langsam wieder in die Höhe. Der Birkner Rummel hat den Salon nicht vergebens der Lebewelt in deutliche Erinnerung gerückt.

Milada als Wirtschafterin wurde sympathisch begrüßt. – »Goldscheiderische Schule,« sagte man wohlwollend. Im schwarzen hochgeschlossenen Seidenkleid, eine weiße Spitzenschürze vorgebunden, empfing sie die Gäste des Salons. Ihre scharfen, aufmerksamen Augen waren überall. – Sie hatte die berühmte Witterung für alle Typen der Besucher.

Ohne aufdringliches Fragen, ohne aufdringliche Zutunlichkeit bediente sie die Stammgäste. – Niemals gestattete sie den Mädchen Annäherung oder Intimität mit dem Besucher, ehe er nicht selbst seine Wünsche bekannt gegeben hatte.

»Ihr seid schöne junge Mädeln,« sagte sie ihnen, »gesund und lustig; – warum sollt ihr euch den Männern durchaus an den Hals werfen? Irgendwann eine Absage erhalten? Ihr könnt es euch aussuchen. Zu euch kommen sie doch. – Schließlich wenn ihr mal nicht in Stimmung seid oder gerade einen nicht wollt, – Kinder, ihr müßt nicht. – Bleibt oben!«

Dieser kleine Spielraum, den sie der Menschlichkeit freiließ, rächte sich nur selten durch ungerechtfertigte Launen oder Unbotmäßigkeit der einzelnen. Im schlimmsten Falle bestand sie darauf, daß das Mädchen den Salon verließ und nicht mehr heruntergelassen wurde. Sie löste wohl diese oder jene von allzulange währenden, fruchtlosen Unterhaltungen ab und stellte sie Reflektanten zur Verfügung. Aber niemals wirtschaftete sie hastig im Interesse des Geschäftes umher oder zeigte den brutalen und anwidernden Übereifer der Bordellmamas.

Nur kein Lärm, kein häßlicher Streit, Vorwürfe und Beschuldigungen, die das Ansehen des Salons herunterbringen und die nackte Struktur der Dirnenexistenz den enttäuschten Augen der Liebhaber bloßlegen mußten.

Auch darin war sie Horners Schülerin geworden.

An diesen Frühlingsabenden war der Salon schon in den späten Abendstunden besetzt. Die Fräulein kamen aus den Zimmern hervor, guckten hinein, entfernten sich aber wieder und stürmten beim ersten Glockenläuten neugierig auf den Gang.

An einem Tische saß die Arrigazzi in einem kirschroten Samtkleid, üppig und froh in ihrer vielbegehrten Weiblichkeit.

Sie unterhielt einen vornehm aussehenden Mann mit leicht ergrautem Spitzbarte, der so verbindlich und interessiert zuhörte, als säße er in dem Boudoir einer Weltdame. Schon war Champagner angerückt. – Doch beide verschmähten ihn.

In der andern Fensterecke des Salons unter Blattgrün und Pflanzen halb versteckt ließ sich die Gisi von einem behäbigen und renommierenden Reisenden, der unaufhörlich in die Hosentasche griff und mit Geld klimperte, über Bertls plötzliche Abreise trösten. Der Dicke war aber eigentlich nichts für sie, und ihr hübsch frisierter Kopf spähte nach der Tür, ob nicht bald eine käme, die ihr den unbequemen Gast abnähme. – Kaum daß Fanchon eintrat, sprang sie auf, zog sie an den Tisch und sagte: »Schauen's, das ist unser kleines Fannerl.« – Und weg war sie.

An einem Tische im angeregten Gespräche saßen zwei junge Männer bei schwarzem Kaffee und Zigaretten; hier blieb Gisi stehen und fuhr dem älteren, braunlockigen schmeichelnd über die intelligente Stirn. »Bleib heute da!«' sagte sie zärtlich.

»Nein, Mizzerl, wir tragen eine Enttäuschung spazieren.«

»Ich bin die Gisi,« erklärte sie gekränkt und warf den Kopf zurück. 

Die Männer lachten. »Und was verbindest du mit der Besonderung deiner Person, Gisi? Was kannst du denn so gut, daß es sich lohnte, dich extra zu kennen und zu nennen?«

»Treu sein,« erwiderte Gisi bedeutungsvoll.

»Das wird schlecht bezahlt,« warf der andere ein.

»Wenn ich einen lieb hab', so braucht er mich nicht zu bezahlen, aber Sie, Sie,« sie maß den Sprecher blitzend, – »Sie wären nicht darunter.«

Der schwarze junge Mensch kniff die scharf bebrillten Augen ein:

»Warum nicht?« sagte er.

»Sie sind mir zu gescheit,« sagte sie und ging weg.

»Bravo Mädel! – Was sagst du zu der Sibylle?«

»Weiberart! Vermutlich hat die Zärtlichkeit für deine Person nur mir gegolten.« – Der Schwarze lachte auf und ging dem Mädchen nach. Bei der Türe stieß er mit dem Mediziner Gust Brenner zusammen, der ihn an der Schulter faßte und herumdrehte.

»Überfüllungsverbot, Seidner!« sagte er heiter.

»Unser Philosoph da«, zitierte ihm der Braunlockige entgegen, – »sieht drein, als sollt' er in den Hörsaal hinein, als stünde lebendig und verführerisch da– Physik und Mathematika – gelt, Gustel?« –

Seidner setzte sich achselzuckend nieder. »Man sollte jeder Situation geben, was ihr gebührt,« bemerkte er trocken.

»Als Lebemänner, Freund Gust, haben wir uns also blamiert. Die Birkner ist längst nicht mehr hier. Was beschließt die werte Corona? Ich für meine Person sage, der Kaffee ist gut, die dort nicht übel und unser Philosoph elektrisch.«

Gisi stand wieder an der Türe; die blonden Haare zu einem Zopf geflochten, im lichtblauen Prinzeßkleide, kokettierte sie zu dem Tisch hinüber. – »Na, Seidner, stell' den Kontakt her!«

»Aber Kurzschluß werde ich bitten, ich muß heute noch auf die Bude.«

»Mit euerer Erlaubnis, das ist unser Herrenrecht,« wurde wieder zitiert, und der Schwarze sprang energisch auf . . . Man hörte Gisis munteres Lachen verklingen.

»Wie ich den kenne, Gust,« sagte Joszi, »können wir uns nunmehr zu zweien einrichten.«

»Wünschen Sie auch Kaffee?« fragte Milada und nahm die geleerten Tassen weg.

»Wenn Sie Bier haben, bitte.« Milada nickte. »Eine Flasche Pilsner,« sagte sie.

»Hast du ihre Augen angeschaut?«

»Sie ist überhaupt prachtvoll,« schwärmte Gust, der die Arrigazzi im Auge hielt.

»Ich meine die Braune, die Wirtschafterin dort.«

»Die, – die ist nicht einmal mehr jung.«

»Hm,– aber Augen hat sie, – die gehören unter ägyptischen Himmel und in das Steinhaupt einer träumenden Sphynx.«

»Auch noch dazu.« – Dann sah er zu Milada empor, die ihm eben mit einem konventionellen Lächeln die Bierflasche servierte. »Mir ist ihr Blick direkt unsympathisch,« sagte er dann und versenkte sich wieder in die Reize der Tirolerin, die immer verführerischer in ihrem Fauteuil zurücksank. – Unterdessen füllte sich der Salon mit Gästen und Mädchen. Der Klavierspieler trommelte einen Marsch, und ein dicker unbeweglicher Herr führte mit meisterhaftem Striche die Geige dazu.

»Das ist ein preisgekrönter Konservatorist, den kenn' ich,« sagte Joszi.

»Und?« . . .

»Verdient hier mehr, als wenn er bei der Frau Gräfin Soundso Jourkonzerte absolviert.«

Die Fanchon war mit dem Reisenden verschwunden, kam indes bald wieder zurück und gesellte sich einer Schar elegant gekleideter, knapp dem Knabenalter entwachsener Burschen zu, die lärmend eingetreten waren und Plätze und Mädchen sofort mit Geschrei, Befehlen und Wünschen usurpierten.

»Das sind die Salonapachen,« sagte Joszi verärgert, »da mache ich Platz, Gust. Mit dem Gesindel bleibe ich nicht gern beisammen.«

Gust trank sein Bier, zwang sich zum ruhigen Beobachten und trug eine gewisse Verachtung zur Schau, die sofort den Neuling verriet, während Joszi mit halblauten Flüchen und Verwünschungen um sich warf, Glossen über seine Umgebung machte, und einen Strom von Bosheiten über die Jungen ergoß, die tüchtig zu zechen begannen und in rüpelhaft brutaler Weise mit den Mädchen herumulkten und aufbegehrten. Besonders einer von ihnen trieb es bunt; ein schlankes blasses Kerlchen war's mit von Alkohol glänzenden Augen und zitternden Mundwinkeln, der, wenn er bestellte, das Geld zugleich auf den Tisch warf und wie ein ungezogener Junge raunzte und strampelte, wenn die Puzzi, an deren Busen er seinen Kopf gewälzt hatte, von ihm wegrücken wollte.

»Laßt's do meine Lackschuh a wohin legen, unten is dreckig,« schrie er. »Was, dö san fein, meine Lackschucherln?« Er hob die Beine empor und kokettierte mit seinen schmalen Füßen. – Die linke Anna breitete die Arme aus. »Daher vielleicht?« – »Jesses ja! An dein' Brusterln die Schucherln! – Maderl, i zahl dafür, komm her!«

»Und mein Kleid? So nobel bist du längst nit,« sagte die und strich über das Gelbseidene hinunter. – Die Bine aber band eine Serviette vor und nahm ernsthaft die Beine des Burschen in die Höhe . . .

»Di mag i net,« schrie er, »so a Mensch. Auf Servietten meine schönen Schucherln. Geht's her, Mäderln, i zahl. Und überhaupt, di mag i net, Böhmakin mit 'n Gebirg', da krieg'n meine Schucherln Schwindel« . . .

Wiederum stand Gisi am Studententische, mit einem Kranz um die geöffneten Blondhaare.

»Habt's Ihr eine Hacken im Hause?« fragte Joszi mit kaltem Ingrimm und glotzte vielversprechend zu der Gruppe hinüber.

»Warum bist du nicht lieber gekommen, du?« sagte Gisi und beugte sich über ihn, »aber du hast ein Liebchen, was?« und sie zeigte auf einen Ring, der einen roten Stein in Herzform trug.

»Hm, meine selige Großmutter hätte es mir vielleicht vergeben, sie war vorurteilslos. Aber schau, ich wüte mich, und da bin ich zu nichts nutze . . . Schütte dem Kerl dort Vitriol ins Gesicht, und ich mach ein Gedicht auf deine schönen Augen.«

»Ja, da möcht' das Fräulein gut zanken, der Menzel ist ihr ans Herz gewachsen, das Ferkel. Aber ein Gedicht könntest du mir doch dichten, ein rührendes.«

»Die dort ist das Fräulein?«

»Ach nein! Die Alte mein' ich. Das ist ja die Milada.«

»Heißt sie so? Gut. Ich mag Menschen leiden, die mit ihren Namen zusammenstimmen. Wenn ich die Augen sehe und den Namen höre, fühle ich: – zerfetzter Purpur, – sehe einen Thron, der langsam in den Schlamm versinkt. Du, Gust . . .«

Der lachte eben unwillkürlich auf und beobachtete die Szene vor sich, die immer widerlicher und breiter wurde. »O ein Lausbub,« sagte er, »aber nicht ohne Humor.« –

Irgendwoher hatte Menzel eine Krone aus Silberpapier genommen und setzte sie auf den Kopf. Die Musik intonierte eine Cakewalk, Fanchon schürzte das rote Seidenkleid und machte rhythmische Tanzbewegungen dazu. Sie war nachlässig geschminkt, die roten Flecken saßen aufdringlich auf Stirn und Wangen und gaben dem lächelnden Gesichte etwas Starres, Fratzenartiges.

»Schau dich in meine Schucherln ein, Salome, spiegle dein Angesicht in ihrem Glanze,« deklamierte Menzel und hob abwechselnd die Füße empor.

»Widerliche Kloake!« zischte Joszi.

»Tanze, tanze deinem alten Vater etwas vor! I zahl alles, i bin der Herodes, i bin dei' Vater, i hab' a Verhältnis mit dir.«

»Mordsbesoffen is er!« schrie Joszi.

»Kusch, Johannes!« gröhlte ihm Menzel entgegen.

Die Burschen ringsum wieherten vor Vergnügen. »Menzel, heut bist du zum Schießen!« Er stemmte den Kopf gegen Puzzis Brust und schwang seine Füße auf Fanchons Schultern. –

»Zahlen! Ich geh'!« –

»Servus, Johannes! Geköpft wirst nachher.«

»Schau, sie geht auch,« sagte Gust und sah der schönen Arrigazzi nach, die mit ihrem Kavalier flüchtete.

»Fanchon hinaus!« rief plötzlich die scharfe Stimme der Miller, die von Milada unterrichtet worden war, – »Fanchon!«

»So laß mi aus, er laßt mi net, so laß aus! sag' ich.«

Sie zerrte einen Fuß von ihrem Halse hinunter, aber Menzel schob ihn immer wieder eigensinnig und brutal hinauf, als plötzlich ein schriller Schrei erklang, der über den Lärm des Salons emporstieg.

»Halloh,« sagte Gust, »mir scheint, da ist was los.«

»Den Kerl erschlag' ich,« brüllte Joszi und stürzte vor.

Ganz blöd und verständnislos stand Menzel jetzt auf beiden Füßen.

»Was hat's denn?« lallte er in einem forciert trunkenen Ton und sah auf die sich windende Fanchon hinunter. – Im Nu waren die Gruppen aufgelöst und drängten sich um den Platz.

»Halloh, Joszi, hilf mir, pack' an!« Gusts Stimme klang frisch und hell in dem heißen, stillgewordenen Raume.

Da stand schon Milada über Fanchon gebeugt und hob ihren Kopf in die Höhe. Wie war die blaß! – Der Mund war verzerrt im Krampfe.

Der junge Mediziner kniete nieder und legte den blonden Kopf mit dem sturren Haar an die schwach atmende Brust. –

»Ist das Mädchen krank?« fragte er aufblickend.

»I wo, besoffen ist das Schwein,« sagte die Miller mit einem Zornesblick. – Milada sagte zu den Mädchen, die halblaut flüsterten:

»Wißt ihr etwas?«

»Die schleppt sich doch schon eine Woche mit 'n Abszeß,« erklärte eine mürrisch. – »Na, und wie der Herr Menzel jetzt trampelt hat, wird's ihr halt aufgangen sein.«

»So!« Gusts blaue Augen loderten. »Packen Sie an!« sagte er kurz zu Milada. »Ich bin Mediziner,« fügte er hinzu, und hatte die Leblose schon an seine Brust gebettet, während Milada die Füße stützte. Joszi blieb zurück, er knackte scharf mit sämtlichen Fingern. Wie eine Kriegstrommel klang es.

»Na aber so was! Was sagt's dazu? Mit die schönen Schucherln da wehtun, was?« sagte Menzel, lachte dumm und sah an sich hinunter. Als er wieder aufblickte, stand Joszi ihm mit verschränkten Armen dicht gegenüber. Noch vor zwei Minuten hatte er zwischen einer Ohrfeige geschwankt oder einem echten schottischen Boxergriff, der den Jüngling da kopfüber in den Dreck legen sollte, den die Mengen verschütteten Getränkes ringsum verursachten.

»Aber ein Bürschchen und ein besoffenes dazu,« dachte er verächtlich. Er schob die Augenbrauen zusammen, so daß sie eine Linie bildeten, bannte ihn durch seine Blicke, wie die Schlange ein flatterndes Vögelein. »Ja – a,« begann er in unheimlich freundschaftlichem Tone, – »liebliche Schuhchen haben Sie da an, schöne Schühchen, Glanzschühchen.« – Pause. – Menzel zwinkerte blöde . . .

»Mistkraxen hast!« brüllte Joszi los, »dreckige Batschkoren hast du, elende alte Hufe, die auf den Misthaufen gehören, so –« und tief aufatmend hackte er mit dem Absatz seiner riesigen Bergsteiger zweimal gewaltig auf die elegante Fußbekleidung seines Gegenüber, das blökend zurücktaumelte. – »Wenn einer von den Herren noch etwas haben will,« grüßte er mit der Hand zurück, »Joszi Wallner heiß ich und sitze von zwölf bis zwei Uhr mittags in der Mensa beim fünften Fenster rechts.«

Draußen war er, während der kleine Menzel am Boden saß und in ohnmächtiger Wut die verblaßten Schuhe hinunterzerrte, die den aufschwellenden Fuß gottsjämmerlich zwickten und quälten.


Unterdessen erlangte Fanchon das Bewußtsein wieder. Gust hatte ihr ein mit Essig getränktes Tuch vorgehalten, und mit entsetzten Augen sah sie herum. – Auf alle seine Fragen antwortete sie: »Nichts, nichts, nichts is mir.«

Sie hatte offenbar Angst und war jeden Moment bereit, in ein Geheul auszubrechen. – Milada sprach ihr zu. – »Aber Fanni, der Herr Doktor ist gut, meint es so gut mit dir. – Schau, der Lamberg schickt dich sofort ins Spital, . . . und is grob mit dir. –«

»Sie fürchtet sich nämlich,« wandte sie sich an Gust, »daß sie die Stelle hier verliert, wenn sie ernstlich krank ist. – Wenn du gescheit bist, braucht kein Mensch davon zu wissen.«

Da hob Fanchon den Arm und zeigte ihm die Wunde. Er fand in der linken Achselhöhle einen nußgroßen, halbgeöffneten, verunreinigten, von den Hemdspitzen brandrot gedrückten Abszeß, den Arm angeschwollen und schmerzempfindlich bis zum Handgelenk.

Er wusch die Wunde, öffnete sie völlig, entleerte sie, wobei er konstatierte, daß sie »ein tapferes Frauenzimmer« sei, weil sie dabei nicht schrie, noch jammerte. – »Hat mir vorhin viel weher 'tan,« sagte sie leise. Von Milada forderte er Lysol, Jodoformgaze und Verbandstoff. Letzterer fand sich nicht, da zerriß sie dünne Taschentücher, nähte sie schnell zusammen, und er begutachtete sie kopfnickend.

Der scharfe Geruch von Lysol und Jodoform breitete sich rasch aus und zog den Korridor entlang. – Schweigend assistierte Milada. – Flink und geschickt und ohne jedes Zeichen von Ekel oder Schwäche hatte sie seine kurzen Befehle befolgt, Fanchon gestützt, den Arm gehalten, Eiter und Blut entfernt, und jetzt stand sie am Fußende des Bettes und lächelte dem Mädchen, in deren bleiches, gespanntes Gesicht nach dem Anlegen des straffen Verbandes ein Schimmer von Behagen trat, ermutigend zu. Plötzlich entdeckte Fanchon, daß sie nackt dalag. – Mit einer Gebärde, die fast den wehen Arm mitriß, zog sie die seidene Decke über sich.

Es war eine sehr seltsame, in diesem Milieu doppelt befremdliche Bewegung gewesen, und die Blicke des jungen Mannes trafen verblüfft und unsicher mit Miladas Augen zusammen, deren graue Tiefen eine ängstliche Frage verdunkelte. – »Wie? Lachst du über uns? Über sie? Über diesen Vorgang?« – Er wurde, ohne zu wissen, warum, blutrot, löste beinahe gewaltsam seine Blicke von den ihren, die ihn gefangen hielten, und stelzte mit langen Schritten zum Waschtische hin.

Genau, wie er es von seinem Professor auf der Klinik gesehen, gab er, während er sich die Hände trocknete, die letzten Weisungen.

»Sie dürfen den Arm nicht viel bewegen, nicht aus der Ruhe bringen, – verstehen Sie? Zur Sicherheit bleiben Sie ein oder zwei Tage liegen. Wenn Sie sich gründlich ausheilen, ist die Sache schnell vorbei. Sonst ziehen Sie sich lange damit herum. – Sie soll nichts Scharfes essen,« wandte er sich an Milada, »und Ruhe haben.« – Er war so erfüllt von der Wichtigkeit seiner Rolle, daß er vollkommen die Wirklichkeit vergaß und den Ort, wo er sich befand. – Und während er Milada das Handtuch zurückgab, sagte er anerkennend: »Sie sind ein sehr guter –« Assistent, wollte er vollenden, doch plötzlich traf ihn aus ihren Augen ein Aufleuchten, dankbar zagend und zugleich so kühn und hoffend, daß er sofort seinen Irrtum begriff, aber auch die Kontenance verlor und verlegen schwieg.

»Hinunter darf ich also nicht?« erkundigte sich Fanni schüchtern und besorgt.

Milada senkte den Kopf und sagte mit stark markierter Höflichkeit:

»Wünschen der Herr Doktor zurück in den Salon? Wir danken auch sehr für die Bemühung.«

Plötzlich erkannte er die grelle Komik der Situation. Er befand sich in einem öffentlichen Hause, dokterte da herum, gab Ratschläge, befahl Ruhe, – so eine Dummheit! – Überlegenheit und Situationsgefühl hatte Gust nie besessen. Einen scheuen Blick warf er auf Fanni, die vergrämt und mißmutig dalag, einen zweiten auf Miladas Geldtäschchen, murmelte ein paar Worte und drückte sich zur Tür hinaus. Unzufrieden mit sich und durch weiß Gott was auf einmal bedrückt, suchte er nach Überrock und Hut. Milada brachte ihm beides. Sie wurde ihrer Erregung kaum bewußt, und doch glühte das Blut in den braunen Wangen, die Hände zitterten und ballten sich heftig, als sie ihm den Rock hinhielt.

Unterdessen dachte er verdrießlich: »Joszi und Seidner werden sich toll lachen über mein neuestes Samariterstückel.«

Er hatte schon einmal einen kleinen frierenden Burschen, den er obdachlos in den Straßen getroffen hatte, hereingenommen, und der war am andern Morgen mit Uhr und Brieftasche echappiert!

Gust haßte jeden Reinfall und alles, was das liebe Ich in den Augen der anderen herabsetzen konnte. Daher sagte er auch jetzt ziemlich kurz:

»Zeigen Sie's doch Ihrem Arzte! Die Geschichte ist verschweint und braucht Behandlung.«

Milada sagte: »Sie kommen also nicht mehr?« Die verhaltene Bitte, die in diesen Worten lag, bewegte ihn.

»Ich will dem Lamberg nicht dreinkommen,« sagte er ausweichend.

»Ach der, der kümmert sich nicht darum. Es gäbe hier so viel zu helfen. – Vielleicht, – kommen Sie doch wieder.«

Den Hut in der Hand trat er aus dem Korridor auf die Straße hinaus. Kopfschüttelnd, nachdenklich und innerlich mit dem Erlebnis beschäftigt, was sonst gar nicht seiner Gewohnheit entsprach, ging er seines Weges, kam vor das gewohnte Kaffeehaus und zögerte, einzutreten. Ein förmlicher Widerwille packte ihn vor den Kollegen, vor Joszi, der ihn jetzt ausfragen und über alles die Tunke seines Witzes ausgießen würde . . . Wahrhaftig, darnach stand ihm jetzt nicht der Sinn. – Er nahm die Sache nicht tragisch. Aber frozzeln lassen, – nee! – Gust versenkte die Hände in die Taschen seines Überziehers. – Hm, er konnte sie ja kaltblütig schneiden, wenn sie damit anfingen. Aber gerade das würden sie mißverstehen, herumdeuteln, spionieren. – Oder einfach die Tatsache erzählen, genau, wie sie vorgefallen war. – Alles andere, die Geschichte mit dem Zudecken und der Blick und daß er, Gust, beinahe rot geworden war, das erklären, wiedergeben, ging nicht an. Undenkbar einfach! Das konnte er niemandem, selbst Joszi nicht, der sein Intimster war und den er für sehr hochstehend achtete, erklären, wieso ihm diese Geschichte ins Hirn gestiegen war. Er fand die Freunde eifrig über eine philosophische Frage disputierend. – Joszi saß da und betrachtete mit grimmigem Vergnügen seine ausgestreckten Pedale, während er mit Gust, der eine ungewöhnlich ernste Miene aufsetzte, einen flüchtigen Gruß tauschte. Aufatmend dachte Gust: »Er hat nicht geplaudert, ergo nimmt auch er den Vorfall menschlich ernst.« Und das befestigte sofort seine nachdenkliche Ergriffenheit.

Als beide den Heimweg antraten, erzählte Gust dem Freunde plötzlich ohne jede Aufforderung die Details von Manchons Unfall. Der nickte, paffte seine Kuba und sagte: »Man soll sich ja alle Frauenzimmer vom Leibe halten. Derartige aber ganz besonders, das sag' ich dir.«

Gust fühlte, wie er errötete . . . Das zweitemal heute und wieder um dieselbe Geschichte . . . Blödsinn! »Na hör' einmal, wie kommst du darauf?«

»No, nur so nebenher. Die Affäre hat so einiges in mir aufgeschüttet. Freilich, ein lädierter Kerl, wie ich . . .« Joszi war sehr sparsam mit Details aus seiner Vergangenheit. Und gerade in dieser Stimmung packte Gust die Andeutung doppelt.

»Hast du denn eins der Mädeln gekannt?« fragte er gespannt.

»Die? – bewahre! – Aber beinahe ähnlich begann mal eine schöne Geschichte.! Long, long, ago! Darum, wenn du's hören willst . . .« Er warf den Rest seiner Zigarre weg. – »War damals noch jünger, als du heute bist . . . So 'n rechter Losgeher und Ehrenkavalier. Und brachte an einem Abend, ähnlich wie der heutige, so ein Mädchen aus den Händen eines Schweinekerls los. Es war im Kaffeehaus, er gab ihr zehn Gulden, – dafür sollt' sie, – ah – pfui!« – unterbrach er sich . . . »es ergab sich, daß ich das Mädel unsinnig lieb bekam. Hatte, hol' mich der Teufel, das Gefühl, – dieses Weib auf der ganzen großen Welt sei extra für mich geknetet und gebacken, und das dürfe ich um keinen Preis wieder verlassen. In Tollheit und Ernst ergriff sie mich, wie sonst nichts in meinem Leben. Ich wurde verträglich, gut, fleißig, ehrgeizig, – was du willst.« – Er brannte sich eine Zigarette an und fuhr fort: »Schwer Geld, lieber Junge, hat es gekostet, die aus ihren Mießematten loszukriegen. Als ich sie draußen hatte, dankte ich Gott. Sie weinte, als sie ihr neues Zimmer betrat . . . Ich hab' nicht mit ihr gewohnt, denn – nimm mir's nicht übel! – ich wollte sie heiraten. Und die verkommene, getretene Weiblichkeit, dachte ich mir, erholt sich am besten in der Einsamkeit. Ich meinte nämlich, sie müsse einen Ekel haben vor allem, was Mann heißt. Und wenn ich sie selbst nicht berühre, kalkulierte meine Weisheit, weihe ich mir sie zum Weibe.

Das selige Ende war,« – er warf die halbgerauchte Zigarette hin, – »daß sie sich mit dem Bäckerjungen,« – er verschluckte etwas, oder hustete, – »einließ. – Das erzählte mir der Briefträger aus Zorn darüber, weil sie ihn abgewiesen hatte. – Sie leugnete es nicht. – Sagte, sie halte es ohne Verkehr nicht aus, und da ich, ich – nicht wollte, – sagte sie, – nahm sie den Rotzjungen ins Bett.«

Eine Pause entstand. »Du brauchst nach nichts zu suchen und nichts zu sagen, Gust. – Darauf gibt es keinen Reim. Das sind ganz klanglose und ruhmlose Dinge. Pointenlos, wie mein ganzes Leben wahrscheinlich sein wird. Eine von jenen Anekdoten ist das, nach denen man unbehaglich herumsieht und fragt: Erlauben Sie, soll das ein Witz sein?«

»Das ist aber unerhört gemein,« brach Gust erregt los.

»Unerhört? Gemein? – Das alles sagte ich mir im Anfange auch. Und der Kitzel des Erlebnisses hielt mich monatelang im Banne. Etwas Unerhörtes und Gemeines zu erleben, war für meinen Adam eine besonders feine Vorstellung, die zwar den heftigsten Schmerz verflachte, aber meine Nerven peinigte und meine Aktionskräfte stagnieren ließ. Später aber, als ich von Kollegen, von Philistern am Biertische ganz ähnliche kleine Anekdötchen hörte (in Parenthese: die Helden spielten alle eine pfiffigere Rolle als ich), da machte ich den berühmten dicken Strich unter das Ereignis und trachtete, es gründlich los zu werden. Da war aber auch schon die alte Moral nachgehinkt, holte mich ein, und sagte mir ins Ohr: Ja, sag' einmal, guter Freund, wie hattest du das Recht, dieses Geschöpf von seinen Lebensgewohnheiten so durchaus abzuschneiden und zu begehren, daß es strikte genau nach deiner Musterkarte weiter existiere. Das bißchen Schöpferkraft in dir hat dich genarrt. Einem Kinde kannst du deine Züge borgen, aber einem anderen Ich keine beliebig neue Seele geben. Es war tölpelhafte Großmannssucht von dir, guter Freund, ein Weibchen, dem die Lust viele Monate hindurch wie Alkohol war, mit brutaler Kraft in einen Winkel zu setzen und es den Zuckungen und quälerischen Erregungen deiner ethischen Entsagung preiszugeben. Und bei dieser Meinung bin ich stehen geblieben. Wie du siehst, kein Anlaß zu brüderlicher Teilnahme. In irgendeinem Kausalnexus ist mir die Geschichte heute abend wieder lebendig geworden. Das ist alles. Gute Nacht! Bist eh schon daheim.«

»Komm mit mir hinauf, Joszi, trinken wir noch eins drüber! Wird dir gut tun.«

»Hol' mich der Teufel, Junge, behandle mich nicht wie ein Mägdelein mit wunden Innenflächen. Doch dein Vorschlag scheint mir nicht übel. Trinken wir noch eins drüber, füllen wir den schlaffen Bauch mit Römerblut! Ich habe Sehnsucht nach Sehnsucht. Wiederhole das, Gust! Es ist ein tiefes Wort.« Er blieb in der Hausflur stehen und breitete die Arme aus. »Ach Olly Polly! Du fehlst uns in dieser Nacht, um ein Symposion würdig zu begehen. Probiermamsellchen mit den schmiegsamsten Hüften, der alleredelsten Rundung . . . Mein heidnisch gestimmtes Gemüt würde aufjauchzen, wenn du jetzt hinter diesem Pfeiler, –« er starrte in den dunklen Hof des Brennerschen Hauses, – »auftauchen würdest und in deiner unnachahmlichen Urwüchsigkeit ausriefest: »Machts ka Wasser net, i' hab an Mordsappetit.« –

Gust lächelte. Er war in seltsam träumerische Befangenheit geraten und die pathetisch-ulkigen Ausbrüche des Freundes gestatteten ihm, immer tiefer und wohliger in seiner Stimmung unterzutauchen. Nur manchmal warnte eine Klarheit: Dirne, – Dirnenblicke – Bordellwirtschaft. Aber dann strömte gleich eine heiße Welle aus dem jungen Herzen empor und riß die unbequeme Warnerin mit sich.

Beim ersten Stocke angelangt, blieb Joszi stehen. »Apropos, wie bist du momentan mit Brenner senior gestellt?«

Gust zuckte die Achseln. Im Aufwärtssteigen antwortete er:

»Spioniert hinter mir her – wie gewöhnlich, – dankt kaum, wenn ich grüße, und ist Kavalier von oben bis unten, wenn ich Geld verlange. Langweilig! Alles, wie gewöhnlich.«


Am nächsten Tage läutete Gust Brenner wieder an der Türe des Rothauses. Bitte, glaubt ja nicht! – – Sein Gesicht drückte Pflichtgefühl, Reserve und Entschlossenheit aus. Er war vollkommen ernüchtert. Nachdem er sich am frühen Morgen korrekt die Meinung gesagt hatte, belächelte er seine Schwärmerei von gestern nicht ohne privates Wohlgefallen. Wieviel überschüssige Wärme noch in ihm lag! Die Nacht war lang und heiter gewesen. Er sah den schnarchenden Joszi an, der in seinen Kleidern zerwühlt und unordentlich auf dem Kanapee lag, die Krawatte bis zum Nacken verschoben, den Kragen weich und aufgeschwemmt vom Weine und Nachtschweiß. »Hm, – er ist doch, – bei allem Werte, der liebe Joszi, ein bißchen stark Boheme, – ein wenig déraciné.« Gust gebrauchte oft französische Worte, eine Erinnerung an seine Kindheit, wo diese Sprache zwischen ihm und seiner Mutter als Demonstration gegen den Vater verwendet worden war. . . . Kein Wort war aus Joszi herauszubringen. Er rülpste nur und drehte sich nach der Wand.

– Hm, die Nacht noch so toll, Weinlaune noch so verführerisch, du lieber Gott, – deshalb konnte man sich doch erst ordentlich ausziehen und seine Siebensachen auf den Platz legen. –

Er hob Joszis silberne Uhr vom Boden auf, sie zeigte stumm und vorwurfsvoll die dritte Nachtstunde. »O,«' sagte Gust beinahe indigniert. Nach einer Weile ging er gebadet, rasiert und die wohlige Kühle frischer Wäsche am übernächtigen Körper ins Kaffeehaus, – während sein Genosse sich unappetitlich räkelte und von einem Morgenschlaf in den anderen fiel.

Gust hatte noch nicht an das Rothaus gedacht. Vielleicht war ihm ein Erinnern aufgeblitzt, aber mit gewohnter Pedanterie verwies er es auf eine andere Stunde. Als er bei der Morgen-Trabuko angelangt war, holte er in ausgiebiger Muße die Vorgänge des vergangenen Tages herauf. Chronologisch genau als Betrachtender, als Kritikus, ganz ohne Empfindelei. Salonbesuch, die Wirtschafterin mit den grauen Augen und dem ominösen Geldtäschchen, der Unfall eines Mädchens, erste Hilfeleistung . . . Alles das war möglichst banal. Fanchon war wahrscheinlich kalt gewesen, darum hatte sie sich zugedeckt. Und das andere Mädel mit der Pseudobildung, Gott, die wollte halt den Lamberg und das Extrahonorar ersparen. Eine ganz tüchtige Person scheinbar . . .

Den Vormittag verbrachte er dann wie gewöhnlich auf der Klinik, speiste mit Joszi in der Mensa, entschlug sich aber des darauffolgenden Kaffeehausbesuches wegen eines dringenden Weges, – beruflich, – fügte er hinzu und drückte eine halbe Stunde später den Messingknopf an der Türe des Rothauses nieder.

Die Portierin öffnete, das Stubenmädchen stürzte hervor, grüßte höflich und fragte, ob er ein bestimmtes Fräulein zu sprechen wünsche.

Er sagte unwirsch, er käme nachschauen, wie es um das Mädchen stehe, das er gestern verbunden habe. Darauf zog sie ein bedenkliches Gesicht, sagte: »Bitte einen Moment« und klopfte an dem Bureau der Miller an. Gust stand unschlüssig da und wütend über die komische Rolle, zu der er sich wieder verurteilt hatte, als sich die Türe öffnete und die Miller mit einem holden Lächeln heraustrat. Sie hatte ja erfahren, daß der blonde Mediziner Gust Brenner sei, der einzige Sohn des steinreichen Eisenhändlers Brenner, und sie war Geschäftsfrau genug, die Annäherung eines solchen Herrn wärmstens zu fördern.

»O, Herr Doktor, wir sind ungeheuer dankbar . . . zu freundlich von Ihnen!« . . . Dann drückte sie auf einen Knopf und sagte, sich zurückziehend: »Fräulein Milada wird sich die Ehre geben.«

Er ging über die Treppen, und im oberen Halbstock kam ihm Milada entgegen.

»Ach, wie gut!« sagte sie aufatmend.

»Wie geht es?« sagte er.

»Die ganze Nacht hat sie gejammert,« sagte sie und half ihm aus dem Rock –, »Fieber hat sie auch.«

»War der Lamberg da?« sagte er, unangenehm berührt.

»Ach,« sagte Milada. »Darum kümmert er sich doch nicht, – ich – habe sie gemessen.«

»Sie? – So.« Er war verblüfft und wußte nichts zu sagen. – Und dabei staunte er, wie merkwürdig ihm ihr Gesicht heute vorkam . . .

Man konnte an diesen großen, grauen Blicken vorüber sich kaum durch den Korridor drängen.

»Wo ist sie?« fragte er ungeduldig.

Sie ging voran und öffnete Fanchons Zimmertür. . . . In diesem Augenblick suchte er sich mit der Autorität seines Primarius zu wappnen, dessen Blicke, Gebärden und rücksichtslose Bonhomie er zu kopieren begann. Fanni lag bleich und mißmutig im Bette, der dicke, blonde Zopf fiel hübsch geflochten über die Polster zu Boden hinunter.

Neben ihr saß ein Mädchen mit einer Handarbeit, groß und derb mit freimütigen Augen, das sich sofort erhob. – »Bleib da!« sagte Fanni mit weinerlicher Stimme.

»Ich komme dann wieder.«

»Er tut mir aber weh.«

Bine streichelte und entfernte die Hand, die sie hielt . . . »Aber geh, das ist ein guter Herr,« – und sie machte eine plumpe Verbeugung.

Die Ehrerbietung, die man ihm da entgegenbrachte, vertrieb schnell seine gereizte Stimmung. – »Wie geht's Ihnen?« fragte er freundlich.

»Net so gut wie Ihnen.«

Er lachte; – »Was wissen denn Sie von mir? – Also!« – – Er nahm den Arm empor. – – »Na ja, überall Abszesse im Entstehen, aber das ist schon nicht mehr schlimm. – Die werden wir in ihrer Blüte köpfen. – Fieber hat sie jetzt nicht, – Sie, Professor.«

»Weil sie seit morgens nichts wie Milch bekommen hat,« wandte Milada ein.

Er öffnete den Verband, drückte die Wunde aus, reinigte sie und legte ihn aufs neue über . . . Mit einer ziemlichen Sicherheit und so schnell, daß Fanni nicht einmal Zeit zum Raunzen und Jammern fand.

»Sie verstehen aber viel,« sagte er belustigt, »da ist ja unsereins beinahe überflüssig.«

»O, das nie,« rief sie warm. Und ihre Blicke grüßten die seinen, die unsicher an ihr vorüberglitten.

»Schmerzen hab ich,« begann Fanni, die fand, daß sich die beiden viel zu wenig mit ihr beschäftigten, »wie soll man denn liegen und da – und da, überall tut's weh . . . Und jucken tut's so viel.«

»Da bekommen Sie Streupulver dagegen,« sagte Gust beschwichtigend, den das Widerstreben verließ, nachdem er sich gemütlich in eine gutsitzende Rolle eingespielt hatte, – »die kleinen Pusteln bekleben Sie mit Salizylpflaster, wissen Sie, wie?«

»O ja, eine kleine Öffnung.« . . .

Aha, – dachte er, die war auf einer Klinik Wärterin und hat etwas behalten, aber intelligent ist sie jedenfalls. – Und förmlich wie befreit von einem lästigen Drucke fühlte er sich nach dieser Entdeckung.

»Kann ich hier schreiben?«

»Da müssen Sie zu mir, Herr Doktor« –

»Sie kommen doch noch einmal herein, geltens?« bettelte Fanni, »und was darf ich denn überhaupt essen? Sie gibt mir rein nichts.«

»Da hat sie sehr recht Suppen, Milch, weißes Fleisch, nichts Scharfes, – oder Alkohol.«

»Mag i eh nit.«

»Aber Fanni, und der Kognak, den du dir immer zusammenbettelst?«

»No ist dees vielleicht a a Kohl?«

Gust schob schnell auf den Korridor hinaus, und Milada kam ihm nach mit krampfhaft verzogenem Gesichte. Und dann ging es hell los. Milada legte die Hände in den Schoß, beugte den Oberkörper vor und lachte, während er mit rückwärts verschränkten Armen an der Mauer lehnte und jungenhaft lustig mit einstimmte.

»No, no,« rief Fanni gekränkt hinaus.

Milada tippte ihn am Ärmel, zog ihn weiter und sagte: »Ich werd's erwischen!«

»Es wird nicht so schlimm werden,«' erwiderte er und folgte ihr in das Zimmer.

Ein kleiner Tisch war als Schreibtisch ausgestattet und zwischen die Fenster gestellt. Nichts von dem intensiven, undefinierbaren Geruche, der in Fannis Zimmer herrschte und ihn immer ein wenig aufdringlich umschwärmt hatte, war hier zu spüren. Das Fenster stand offen, und die Luft, die heute rauh und neblig war, strich herein. Es war ein nüchternes, alltägliches Zimmer, das beinahe einer Studentenbude glich, in der es nur an dem notwendigen Chaos von Wäschestücken, Büchern und Pfeifen mangelte. Strenge Ordnung herrschte hier. Sie rückte ihm Feder und Tinte zurecht und öffnete die Briefmappe. Schnell räumte sie beschriebenes Papier hinweg, und er setzte sich nieder. – Das schaut alles förmlich gebraucht aus, dachte er, während er schrieb. »Also dreimal des Tages die juckenden Stellen lau waschen und abpudern! Die Pusteln können Sie pflastern; wiederkommen werden die Dinger sowieso, aber sie sind schon harmlos.« Er sprach nach rückwärts und dabei streiften seine Blicke eine Reihe Bücher, die auf der Kommode standen und deren goldbedruckte Köpfe ihn weit mehr beunruhigten, als die ominösen Toilettengeheimnisse in Fanchons Zimmer. Marx, Das Kapital . . . Der Einzige und sein Eigentum – Parerga und Paralipomena – Kraft und Stoff – Bebel – Fournier – ihm schwindelte. Und beinahe schmerzhaft wogte die Flut der Gedanken zurück. Was ist das für ein Frauenzimmer und wie kommt das hierher? Bedeutet das eine andere, eine originelle Art von Männerfang? Er erhob sich brüsk. Da empfing ihn ein trauriger Blick, ernst, verstehend, rätsellos.

Halb hatte sie den Mund geöffnet, doch sie schwieg . . . senkte sogar ein wenig den Kopf, daß er die schweren braunroten Flechten sehen konnte, die um den Hinterkopf lagen.

Er suchte nach einer vermittelnden Bemerkung, nach einem kurzen, abschließenden Wort . . .

Da erhob sie wieder den Kopf und sagte langsam, ganz ohne Pathos und die Worte wägend: »Wie Sie gut sind!«

»Guter Kerl meinen Sie wohl, so etwas wie dumm,« – stieß er schroff hervor und ärgerte sich sofort, daß er mit ihr einen so intimen Ton anschlagen mußte.

»Wo waren Sie Wärterin?« sagte er knapp darauf.

»War es niemals.«

»Haben Sie auf einer Bude gekiebitzt?«

»Ich bin nie aus dieser Gasse herausgekommen,« sagte sie, »ich bin hier geboren, – kenne nicht viel anderes von der Welt.«

»Wie ist das möglich?« fragte er betreten, und sein Auge irrte über die Bücher hin.

»Ich habe seit einigen Jahren einen Freund, – einen wunderbaren Lehrer, der sich meiner warm angenommen hat. Ich« – sie strich sich über die Stirne und sprach das Folgende sehr schnell, – »war in meinem Leben schon sehr übel dran. Ich hatte mich aufgegeben, – als Horner kam. Kennen Sie ihn, den Supplenten Horner?«

Ohne die Frage zu beachten, brach er los: »Wie vermögen Sie dann mit Ihrer Intelligenz hier auszuhalten? Wie kann ein Mensch, der das aufgesogen hat, in diesem Milieu weiterleben?«

»Man braucht mich,« erwiderte sie leise.

»Sind Sie Mitbesitzerin?«

»Nein!«

»Haben Sie, – –« er hustete, – »hier irgendwelche Verpflichtungen, ich meine, – – zu erfüllen?«

»Nicht mehr.«

Ein heftiger Zorn übermannte ihn. »Das ist schändlich,« murmelte er unterdrückt . . . »Nein, nein, das ist tausendmal schlimmer.« In instinktiver Abwehr suchte er die Türe.

»Kommen Sie morgen?« fragte Milada, ohne sich von ihrem Platze zu rühren. Seine blauen Augen verfinsterten sich, nervös zupfte er an dem englisch gestutzten Schnurrbärtchen. »Ich habe mit dieser Dummheit begonnen,« sagte er grob.

»Miladas Gesicht spannte sich in Erregung. Er sollte nicht fortgehen. So nicht. Ansehen mußte er sie noch ein letztes Mal, ehe er jetzt ging.

»Darf Fanni aufstehen?« fragte sie schnell und wahllos. Sie hatte es erreicht. Er fuhr herum und sah sie höhnisch an. »O, Sie sind eine besorgte Geschäftsfrau,« sagte er.

»Haben Sie etwas gegen das Geschäft?« gab sie zurück.

»Ich verachte die Sucht, Geld aus diesen Geschöpfen zu pressen.«

»Wissen Sie, daß viele dieser Geschöpfe, Fanni auch, von Brot und Erdäpfelkost völlig entkräftet waren, ehe sie dazu griffen? Daß sie zugrunde gegangen wären ohne dieses Geschäft, das sie doch wenigstens vor dem Ärgsten schützt.«

»Und woran, glauben Sie, werden diese, Fanni auch,« er wiederholte ihre Worte, »in diesem Hause zugrunde gehen?«

»Sie haben recht,« bekannte sie sehr ernst, »zugrunde gehen werden sie hier auch.«

»Und ich meine, dabei zu helfen, ist ein trauriges Gewerbe.«

»Sie machen dafür das Geschäft verantwortlich?« sagte sie betreten und schüttelte den Kopf. »Das Geschäft ist doch nur die wirtschaftliche Antwort, es ist nur da, weil sich das Bedürfnis danach breit und geltend macht und durch alle Straßen streicht.«

»Opfer braucht das Leben, es handelt sich hier um das moralische Ehrgefühl der einzelnen,« sagte er wichtig, indem er in den Überzieher fuhr.

»Es ist nur schade, daß Hunger und Verzweiflung zumeist stärker sind als dieses,« erwiderte sie halblaut.

»Hunger und Verzweiflung! – Ewige Melodie, die jeden Fall begleitet. Warum schütteln die Sattgewordenen die Kette nicht ab?« Er machte eine Handbewegung. »Alle diese Jungen, – – Sie?«

»Weil es das Schicksal mancher Menschen ist, Ketten zu tragen.«

»– – Wenn sie sich versilbern lassen,« lachte er gezwungen auf und ging die Treppe hinunter . . .

Den ganzen Tag hindurch hielt seine Stimmung an; er war eine Beute der widersprechendsten Empfindungen. Doch als die Nacht anrückte und er sich zur Ruhe begab, sammelte sich alles, was ihn bewegte, um einen geheimnisvollen und atemlosen Punkt der Erwartung, der alle nachrückende Überlegung und alle Entschlüsse einfing und in verwegene Träumerei auflöste. Das letzte, was ihm vorschwebte, als er entschlummerte, war: »Morgen seh' ich sie wieder, morgen« – – –


In der Folge kam der junge Mediziner Tag für Tag ins Haus Die Wunde Fanchons heilte ohne Störung zu, und er leitete noch die Nachbehandlung, als das Mädchen längst schon in den Salon hinunterging. Freilich legte sie sich alle Tage knapp nach dem Mittagessen nieder, um welche Zeit »der Doktor«, wie er kurzweg hieß, ins Haus zu kommen pflegte, jammerte und greinte ein bißchen, ließ sich messen, Nahrung vorschreiben, ein bißchen bedauern, ein bißchen trösten und ein bißchen anfahren. Der befremdliche Eindruck, den in ihm das Milieu zuerst erzeugt hatte, verwischte sich, nachdem er Einblick in das alltägliche Leben seiner Bewohner gewonnen hatte. Er ließ daher auch die Ironie und die Überlegenheit fallen, die er lange wie einen Panzer über jede anfängliche Unsicherheit und Verlegenheit gebreitet hatte. Er wurde resolut und unbefangen, und seine wahre, liebenswürdige Natur kam zum Durchbruche. –

Gusts Kindheit war durch Frauenlaunen und feindliche Einflüsse aller Art zur Einsamkeit gezwungen worden. Die Studentenjahre beherrschten die älteren Kollegen; vornehmlich Joszis überlegene Weltklugheit und Seidners jüdische Dialektik, denen er sich, das verwöhnte Muttersöhnchen, ungewappnet und hilflos unterordnete.

Und doch schlummerten in ihm kampfsüchtige und selbstische Triebe, die nur auf die Gelegenheit warteten, sich auf ihre Art hervorzutun und eine Situation zu beherrschen.

Hier im Rothause schien sie gegeben zu sein. Den Mädchen genügten die acht Semester seines Studiums vollauf, um sich von ihm mancherlei Krankheiten diagnostizieren und kurieren zu lassen.

Er verordnete zurückhaltend und gab nur Pülverchen und Salben, die dem gebildeten Laien bekannt und zugänglich sind. Aber man kann nicht leugnen, daß die Autorität, die er im Hause von der Miller abwärts bis zur Portierin besaß, seinem Selbstgefühl schmeichelte und einer inneren Wichtigtuerei entsprach, die vielleicht gar nicht ohne die ernste Neigung war, zu helfen, wo es not tat. Er sagte sich, daß seine Rolle hier im Hause einen ernsten und bedeutsamen Charakter anzunehmen begann. – Und die Idee gefiel ihm, daß er, der Patriziersohn, als Mensch und Arzt zum Helfer der Enterbten und bürgerlich Rechtlosen eingesetzt war.

Wenn christliche Missionäre, sagte er sich, nach dem Inneren Afrikas ziehen, sichere Gefahr bei problematischem Erfolg auf sich nehmen, um ein paar wilde Seelen zu römischen Christen umzumodeln, – warum sollte nicht unsereins aus der Sicherheit der bürgerlichen Sphäre in die Einöde und Verlassenheit der Prostitution eindringen können?

So ging er denn mit gehobenem Bewußtsein alltäglich einen bequem gepflasterten Passionsweg, ohne indes seine Freunde im geringsten einzuweihen. Denn einem langgezogenen »Siehst du wohl?« Joszis oder einer satirischen Attacke David Seidners fühlte sich sein heroischer Entschluß noch lange nicht gewachsen. –

Kaum, daß er ins Rothaus eintrat, verließ alles, was nicht gerade schlief, die Zimmer und eilte ihm entgegen, – Sie drängten sich um ihn mit Fragen und Wünschen, verlangten Trost, Ratschläge, Medizin, andere Nahrung und vor allem, daß er die Alte bestimme, Wein zu geben, – wenigstens einmal des Tages. – Gusts Besuch bildete eine angenehme Unterbrechung des ewigen Einerlei.

Ohne, daß er es wußte, war er plötzlich mit den Mädchen intim geworden. Er erzählte Geschichten aus der Klinik, aus dem Studentenleben, von seinen Reisen, er wußte alle Neuigkeiten des Bezirkes, in dem das Rothaus und die Krankenhäuser standen, packte sie harmlos aus, und die Mädchen nahmen jede Anregung so dankbar und begierig auf, wandten jedes Detail und besprachen die ältesten Vorfälle, die er hereinbrachte, als neu, interessant und spannend.

Gust brachte den Atem des Lebens ins Haus. Es war wunderlich, wieviel Schalkhaftigkeit, Witz und Frohsinn da zusammengepfercht war und sich langsam aus der befangenen und gedrückten Weiblichkeit rettete. – Wie die Mädel so gar nicht zynisch oder aufdringlich waren. – Wie sie die dümmsten Streiche, die kindlichsten Witze ersannen, und sich krank lachen wollten, wenn es ihnen gelang, ihn mit in die Kreise dieses plötzlich erwachten Übermutes zu ziehen.

Er kannte Goethe zu wenig, sonst hätte er in dieser Zeit hundert Belege für das Dichterwort gefunden: »Und des Mädchens frühe Künste werden nach und nach Natur.«

Es lag ihm ferne, diese jugendlich entflammte, wogende Stimmung, die im Hause zu herrschen begann, auf den Einfluß seiner Person zurückzuführen. – Und doch war nur er es, er, der junge, liebenswürdige Mensch mit den strahlenden, blauen Augen und den festen, warmen Händen, die übereifrig anpackten, wo es nötig war, der dieses Frühlingswunder vollbracht hatte. Er war eine ziemlich sinnenmatte, bedenkliche Natur, wie seine überfeinerte, hysterische Mutter es gewesen war. Wie sie, liebte er enthusiastisch alles Schöne, Helle, Graziöse und alles, was seine Sinne koste und umschmeichelte. Aber er griff nicht hastig zu; er liebte nicht brutale Befriedigung oder die Ekstasen der Fleischeslust.

Er bewunderte wohl die schöne Arrigazzi, aber seine Sinne verwirrten sich nicht, wenn sie, über Rheumatismus klagend, nackt und duftend in ihrem Bette wartete. Er massierte die schmerzende Schulter und deckte sie dann sorgsam zu, – »denn solche Stellen sind äußerst zugempfindlich,« sagte er. Des Mannes innerste Reinheit und Unbefangenheit war es, die alle diese durch den Schmutz gezerrten Frauensinne noch einmal zur kindlichen Unschuld heiligten.

Er plauderte mit Gisi ein tadelloses heiteres Französisch, – die Sprache, die ihm Kinderjahre und Mutter ins Gedächtnis zurückrief.

Die schweigsame Karla taute auf, und ihre Augen leuchteten in verräterischem Glanze, wenn er die Schönheit des Riesengebirges pries, das ihre Heimat war. – Immer wieder wollte Fanchon wissen, ob er den »Froh« nicht kenne, und wenn er es verneinte, konnte sie es kaum begreifen. – Er solle nur zum Magistrate gehen und ihn von ihr grüßen, riet sie ihm an, da würde er einen Burschen kennen lernen!

Die intellektuelle Vermittlerin zwischen der schroffen Selbstherrlichkeit, die er im Anfange empfunden hatte und diesen »Geschöpfen«, die sein bürgerliches Urteil zum ruhmlosesten Untergange verdammt hatte, war die sonderbare und noch immer nicht ganz erfaßte »Wirtschafterin« des Hauses, diese Milada Rezek, mit den Augen einer Sphinx, die unter ägyptischem Nachthimmel unfaßbare Geheimnisse träumt . .

Ihre kalte, scheinbar so verschlossene Intelligenz, die aller Koketterien der Weiblichkeit entbehrte, zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft an, während die unbeirrbare Sicherheit ihres Wesens, die schroffen Linien, mit der sie ihre Sphäre einschloß und verteidigte, ihn immer wieder abstieß und sein bürgerliches Vorurteil reizte. Und doch, langsam, Schritt für Schritt kam er ihr näher. – Sie reizte seine Neugierde, sie stachelte seine Teilnahme, erzählte ihm die Schicksale der einzelnen, verband rührende Bilder und Bilder des Ekels zu einem Ganzen, und ließ ihn die unsichtbar wirkenden, sozialen Triebfedern hinter den Tragödien des Lasters erkennen. Zum Schlusse schenkte sie ihm die eitle Freude, in der Wildnis dieser Schicksale Pfadfinder und Entdecker gewesen zu sein.

»Sie ist ungeheuer interessant, – sie fesselt mich,« sagte er sich, – »so ungefähr wie Zola seine Typen ›Germaine‹ und ›Nana‹ interessiert haben mögen. Ich bin davon überzeugt, Joszi wäre begeistert von ihr.«

Das letztere sollte eine Art Rechtfertigung für das unleugbare Bedürfnis sein, täglich einmal in die leuchtende Tiefe ihrer Augen zu blicken. »Sie reizt mich nicht, ich vergesse fast, daß sie ein Weib ist, mir ist sie nur Problem,« wiederholte er sich alle Tage gewissenhaft und vorsichtig, so wie ein Leidender täglich seine bittere Medizin auf süßen Zucker tröpfelt.

Niemals fiel es einem der Mädchen ein, ihn auszufordern, daß er abends in den Salon komme oder sonst welche Beziehungen anknüpfe; nirgends im Verkehre selbst mit den Eitleren und Lasterhaften ergab sich eine verletzende Intimität, eine zudringliche Annäherung.

Milada sagte ihm einmal geradeaus, daß es ihr unangenehm wäre, wenn er mit Horner hier zusammenträfe. Tatsächlich hatte sie auch dem die Besuche des Doktors verheimlicht. Weil, so rechtfertigte sie ihr Verhalten, Gusts Interesse doch nicht ihr galt und Horner eine Schilderung seines Wirkens jedenfalls mißverstehen würde. Ach! Milada griff in jenen – für alle Zeit – wie mit rosigem Schimmer umschliffenen Tagen zu vielen »Weil und Aber,« zu Erwägungen und Kompromissen, die ihrer einfachen, klaren Natur sonst ferne lagen.

Gust erwiderte auf ihre Bitte: »Unangenehm? Das glaub ich wohl. Aber doch wohl nur ihm. Er hat einen Riesenrespekt vor allem, was Muskel besitzt. Was? Das wissen Sie nicht? Stadtbekannt ist das. – Nennen Sie nur einmal en passant Joszis Namen!«

»Da werde ich mich schön hüten,« antwortete Milada lächelnd. – Im stillen freute sie sich über ihr Geheimnis.

Horner war, wie so oft schon, in einen Zustand von Unruhe und dumpfer Mißlaune geraten, in der ihm nichts Fremdes oder Unerwartetes entgegentreten durfte. Und dann war es so köstlich, die wunderbaren Dinge, die sie auffing, dachte und erwartete, in ihrer Seele zu bewahren, statt sie dem ewig nörgelnden Manne in gedrehten und erkältenden Worten vorzusetzen. –

Da platzte ein Donnerwetter in die Idylle. Plötzlich wurde eines der Mädchen, die so lange mit Unwohlsein und Medizinieren gespielt hatten, ernstlich krank.

Es war die Putzi Bleier, die von einem Fieber gepackt wurde, das weder durch ihre übertriebene Lustigkeit, noch durch Gusts verordnete Einpackungen oder vor der Wut der Miller weichen wollte, die von der seit Wochen im Hause spukenden »Doktorei« genug bekommen hatte. »Sie ist allgemein schwach, blutarm, – mangelhaft genährt,« sagte Gust am vierten Tage, »ich kann keine spezielle Erkrankung finden, – viel Milch geben Sie ihr, – und wenn das Fieber heruntergeht, gebratenes Fleisch und Rotwein. – Sie darf für keinen Fall aus dem Bette!«

Und das sagte er direkt dem Fräulein Miller, das ihm sehr freundschaftlich nachsah.

Kaum war er aus dem Hause, stürmte die Miller in einem Paroxysmus der Wut in Putzis Zimmer, schimpfte sie ein Aas, ein Luder und eine Intrigantin . . . Und sie solle sich, wenn sie Lust habe, weiter krank zu sein, ins Spital legen . . . Und von der Doktorei habe sie genug . . . und wenn er noch einmal ins Haus komme, schmeiße sie ihn auf die Straße hinaus . . . Wenn eine ernstlich krank sei, dann hole sie und zahle sie den Doktor Lamberg. Und ihr scheine, der Kerl bringe geradezu die Krankheiten ins Haus! . . . So einer probiere an den Menschen herum, wie am lieben Vieh. . . Na danke schön! . . . Aber sie lasse auf der Stelle den Lamberg holen . . So . . . Und da werde man erfahren . . .

Putzi weinte und jammerte, – stieg mit ihrem Fieber aus dem Bett und kroch in den Salon . . . Das Fräulein sollte nur sehen, daß ihr eigentlich gar nichts fehle . . . Wozu denn den Lamberg?

Natürlich schickte Milada sie ins Bett zurück und ertrug achselzuckend die Vorwürfe und Schmähungen ihrer Gebieterin.

Am anderen Tag wurde der Doktor Lamberg gerufen. Er erkannte bei Putzi den Ausbruch eines Thyhus, schimpfte, daß man ihn so spät habe holen lassen, ordnete unverzüglich den Transport ins Spital und die Desinfektion des Zimmers und aller Gegenstände an.

»No ja, – no schön, – no, da weiß man ja, woher das kommt,« sagte die Miller verbissen und voll Anzüglichkeit. Milada mußte sofort in die Aufnahmekanzlei des Spitales und hatte nicht Zeit, nach dem wie wild sich gebärdenden Fannerl zu sehen, das auf Befehl der Miller auch untersucht werden sollte. – Der Lamberg sagte, die kenne er noch von der Goldscheider her, die sei ihm schon damals verdächtig gewesen . . Aber jetzt wäre es halt besser, man brächte »die kleine Gefahr«, – er kitzelte sie am Halse, – aus dem Hause fort. »Tuberkeln sind keine schönen Gäste.«

Kaum war er draußen, so legte die Miller los. So, jetzt könne man dem lieben Herrn Gust die Hände küssen, sagte sie zu Fanni, die im Hemde wie geistesabwesend dasaß, – die eine Typhus, die andere Tuberkulose. – Das sei ein Doktor, aber was für einer! Der kam natürlich aus der Totenkammer direkt hierher; patzte da herum . . . Ihr Schaden sei es wohl, aber den wollte sie gerne tragen, wenn nur sie und die andern dabei verschont blieben . . .

Fanni hörte nur das eine . . . Sie müsse fort von hier. Hier war sie wie zu Hause, alle waren freundlich zu ihr, hier war sie die »kleine Fanchon!«

Sie stützte den Kopf in die Hand . . . So viel Besinnung blieb ihr, daß sie vor der da nicht zeigen durfte, wie es sie traf. »Steht es denn gar so schlecht mit mir?« fragte sie zwischen den Fingern hindurch.

»Na ob! Der Lamberg sagt, das ist ihm noch nicht vorgekommen, wie die Krankheit hitzig is in ihr. – Grad, wie wenn einer herumgetipftelt hätte an ihr.«

»Nachher muß ich halt sterben,« sagte Fanchon plötzlich und ließ die Hände sinken. Ein starres, hageres Kindergesicht mit entsetzten Augen kam zum Vorschein. Der Miller wurde unbehaglich. »Ja sterben!« sagte sie dann, »gleich sterben, – so ein dummes Gerede . . . Die Dubbe, die is auch nicht gestorben, is jetzt beim Unger und treibt sich dort um. – Ich hab' keinen Kreuzer dafür bekommen,« schloß sie giftig.

Aber da das Mädel nicht antwortete, wurde ihr doch bange. Sie zuckte die Achseln und ging aus dem Zimmer. An der Tür horchte sie, – aber sie hörte nichts mehr. Ganz still blieb es.

»Man kann nicht alle schonen und alleweil selbst der Patsch bleiben. Das redt gleich vom Sterben, und acht Tage später flitschelt es in seidenen Kleidern herum.«

Als Milada kam, empfing sie sie gleich mit der Nachricht, daß die Fannerl aus dem Hause müsse. – Die Zimmermann habe ihr schon ein paarmal sagen lassen, wenn sie zum Sommer den Bestand vermindere, sie möchte auf zwei der drei reflektieren. – Also das wäre gleich eine davon, eventuell die Putzi auch. –

Auf Miladas Frage, ob denn die Fanni davon wisse, antwortete die Miller verlegen: »No, der Lamberg hat's halt gesagt.«

Das Mädchen ging hinauf, fand aber die Türe verriegelt, und die anderen erzählten ihr, die Fanchon habe jeder, die zu ihr kam, nur gesagt: »Ich muß sterben, ich muß sterben, – aus is's mit der Fannerl.«

»Jetzt betet sie,« berichtete die Michal, die durch das Schlüsselloch sah . . .

»Bin ich froh, daß ich mich von dem Kerl nicht hab' berühren lassen,« sagte die Arrigazzi frech . . . »Am End hätt er mir auch so was ankuriert.«

»Wer redet so einen Blödsinn daher?« fuhr Milada herum.

»Ich werd' mir Blödsinn aufheißen lassen, wegen dem Haderlumpen, da schaut's her!« . . schrie die Arrigazzi empört und stellte sich auf . . . »Und ich sag's just . . . Dein dreckiges Studentel hat uns die Krankheiten ins Haus gebracht.«

Was war das? Wer hatte das ausgestreut? . . . Sie wollte der Arrigazzi nach, die sich in ihren flitterbestickten Unterröcken dumm und pätzig entfernt hatte, aber sie besann sich. – Er und seine hilfsbereiten Hände wurden beschmutzt, in den Dreck gezerrt wie alles! Das war so plötzlich, so ganz unerwartet gekommen, daß sie kaum Zeit hatte, sich zu sammeln, – die Erregung, in die sie versetzt war, zu verbergen.

Besser war's, gar nicht hinzuhören.

Sie wandte sich um und ging ins Bureau hinunter. Da lief ihr Gisi nach, die blonde, liebe Gisi, die ihr von allen Mädchen am nächsten stand, und flüsterte: »Mila, ich hab' so viel Angst! – Warum er nur das gemacht hat!« – – Da packte sie ein Schmerz. »Aber, Gisi, – du auch, – tust du so was nachreden?«

»O ja, Mila, das derfst schon glauben . . . Wie meine Mama in Krakau gelegen is im Spital, da haben sie ihr auch was eingespritzt, nachher hat sie rote Flecken bekommen und Blaserln, grad wie's die Putzi gekriegt hat . . . Wahrheit!«

Milada blieb stehen. »Gehts zum Teufel, seids alle närrisch geworden . . . Der Doktor, der Gust, wird Krankheiten ins Haus schleppen! – Ich will wissen, wer das aufgebracht hat.«

»No weißt – er is halt studiert und möcht' lernen, und da denkt er sich, das sind Freimädel.«

»Nein, das denkt er nicht, kennst ihn doch, wie gut er ist! Helfen will er.«

»No ja, helfen hat er ja nachher wollen, aber erst ein bissel probieren,« beharrte Gisi.

Ganz bleich und verstört setzte sich Milada zum Schreibtische hin . . . Also, das war sein Erfolg! – Das hatte er davon, der gute Mensch, daß er in diese Elendsstätte eingedrungen war und mitarbeiten wollte. – So lohnten sie ihn ab . . . Diese Frauenzimmer! – Diese gedankenlosen, blinden Dinger! . . . Wie die Eulen hockten sie zusammen und stierten ins Licht und krächzten es an! – Er hatte der Putzi eine Injektion gegeben gegen die rasenden Leibschmerzen, die sie gepackt hatten. – Und jetzt machten sie ihn beinahe zum Mörder! – – Er würde ja lachen . . . Nicht so viel möchte er sich daraus machen! – – Dazu war er zu stark, zu sicher, zu überlegen . . .Sie hob die Augen empor, und ihr schien, als fühle sie seine lachenden Blicke, – warm, beruhigend, beschwichtigend.

Wir wollen doch das Notwendige tun, nicht wahr?

Wir! – Und plötzlich rissen ihre Träume entzwei . . . Wohin, wohin verirrte sie sich! Was verführte sie, – zog sie zu ihm? – Was ging da in ihr vor? . . . Gust ist fremd, fremd, fremd! – Er ahnt nicht, was du willst, wie selbstherrlich und verwegen du seine Güte deutest. Er kann wegbleiben und nie wiederkommen. – Endet wirklich alles Streben und jedes Ziel in dem befriedigten Egoismus der Kreatur? . . . Hatte Horner recht, so zu sprechen? . . . Aber alle ihre Gedanken bekamen etwas Gezwungenes, Unnatürliches. Ein Widerstreben, eine gewisse zornige Verachtung erfüllte sie gegen das, was sie nicht zu denken wagte und wohin sie doch mit allen Gedanken strebte. Wir! – Wir beide . . . Und mit immer steigender Erregung erkannte sie, wieviel Gewalt bereits diese Vorstellung über sie gewonnen hatte. Wie sie bei allem, was sie vorhatte und tun wollte, bei jedem fernen und fernsten Ziele ihn, den Mann, an ihrer Seite sah. Und kraftlos ergab sie sich. »Wir müssen etwas tun für Fanchon,« sagte sie ihm in ihren Gedanken, »für dieses kranke, kleine Mädchen, dessen Flatterseelchen jetzt gelähmt ist in Schreck und Grauen.

Wissen Sie, Gust, sie soll nicht in die Hände der Zimmermann kommen, nur damit die Miller mit 75 Prozent abschneidet, nicht wahr, das soll sie justament nicht!« – Und sie erzählte ihm die Geschichte dieses Proletarierkindes, das das erstemal im Leben Fleisch zu essen bekam, als es sich dreizehnjährig dem Maurerpolier am Baue hingab . . . »Ein Paar Frankfurter mit Saft« – – und die Mutter hörte seufzend dem schwungvollen Bericht über das feine Essen zu, das ihre Älteste erbeutet hatte, und sagte neidisch: »Jo, jo, so gut han i's a amol g'hot.«

Da ertönte draußen die Entreeglocke. – Milada sah auf die Uhr. – Seine Stunde! Gust war da . . . Schnell eilte sie hinaus, öffnete die Haustür und zog ihn, beinahe ohne Gruß, in das Bureau . . . Dabei bemerkte sie, daß sie selbst noch in Jacke und Hut war, so wie sie vom Spitale nach Hause gekommen war.

»Denken Sie sich, Herr Doktor!« sagte sie ohne Einleitung, »die Putzi hat Typhus und ist schon im Spital.«

»Also doch,« sagte er nickend.

»Sie hat die ganze Nacht deliriert, da kam früh der Lamberg, und sie mußte weg.«

»Freilich mußte sie weg! Wird desinfiziert oben?«

»Jetzt,« nickte sie, »aber die Fanchon auch, Herr Doktor, denken Sie doch, die Arme soll auch weg. Sie ist tuberkulös, sagt der Lamberg, und die Miller jagt sie weg.«

»So, so,« sagte er, sichtlich unangenehm berührt über die Ungeschicklichkeit, mit der sie ihm diese Mitteilungen vorsetzte. »Er kennt sie nämlich schon lange, seit die Goldscheider hier war,« beeilte sie sich, zu erklären.

Verdutzt stand er da und drehte seinen Schnurrbart.

»Ich möchte ihr so gerne helfen,« sagte sie jetzt leise und beschämt, auch aus der Fassung gebracht, – »man hat ihr nämlich gesagt, wie es mit ihr steht, daß sie sterben muß.« –

»Wer hat ihr das gesagt?« unterbrach er.

»Der Lamberg und das Fräulein.«

»Das ist aber eine Gemeinheit,« brach jetzt sein Unmut hervor, erlösend für beide, – »wie kann die es wagen? Und so roh sollte ein Arzt sein? – Das glaube ich nicht.«

»Sie jammert und betet oben, ich weiß keinen Rat.«

»Tuberkulose war ja klar, – ein ganz klarer Fall, aber ihr ins Gesicht sagen, so einem kleinen Frauenzimmer, das ist arg,« sagte er und ging im Zimmer auf und ab. – – »Na also, was soll mit ihr geschehen?«

Sie sagte: »Da über die Straße, sehen Sie, dort, wo das verhängte Parterrefenster ist, da wohnt die Zimmermann . . . Die nimmt solche Wa – Mädchen, – behält sie bei sich oder verkauft sie weiter. Bei ihr ist es nicht so schlimm, obwohl die armen Dinger recht gefangen leben, das ganze Jahr keine Luft kriegen, außer einmal monatlich im Wagen. Aber sie kennt böse Winkel, – sehr böse, da verschwinden solche junge beschädigte Geschöpfe, wie die Fanni eines ist, auf Nimmerwiedersehen. – Und davor möchte ich sie behüten.«

Er ging noch immer auf und ab.

»Ihr, ins Gesicht! Das ist stark von den Leuten. Das arme Ding! Hängt sie denn mit viel Geld hier?«

»Sie ist der Miller buchrichtig, wissen Sie . . .«

In diesem Satze wurde sie unterbrochen, denn die Miller schob ihre lange Gestalt vorsichtig herein. Mit einer kühlen, kleinen Verbeugung grüßte sie »das Studentl«, der beinahe keine Notiz von ihr nahm.

»Fräulein Milada,« sagte sie würdevoll, – »die Frau Zimmermann will einen Auszug der Rechnung haben . . . Die Fanni . . .«

Da pflanzte sich Gust entschlossen und breit vor ihr auf. »Die Fanni,« sagte er, schon beim ersten Worte aufbrausend, »kommt ins Spital, verstehen Sie, aber nicht zu dem Weibe da drüben.«

»Auf wessen Kosten, frag ich,« sagte die Miller spitz, – »das geht ins Geld, verstehen Sie? Ich – überhaupt – nehme die nicht ins Haus zurück.«

Die Miller blinzte ihn wie eine böse Katze an, die sich überlegt, ob sie ihren Feind anfallen, oder erst behutsam umschmeicheln soll.

»Das Mädel wird aus der Spitalspflege in ihre Familie zurückgehen. Irgendwem gehört sie wohl an. Und ein Kind wie die da läßt man drüben nicht kurzweg verkommen.«

»Sie hat kein Zuhause,« warf Milada ein.

Und die Miller sagte: »Sie ist mir ein großes Stück Geld schuldig, – an der Person kann ich nicht verlieren. – Die ist noch sehr brauchbar. – Was, Fräulein Milada? – Übrigens, wenn sich der Herr Doktor für sie so interessiert. . .«

Gust machte dieselbe Bewegung nach seinen Schläfenhaaren, wie er es bei sehr ernsten Fällen von seinem Primar gesehen hatte.

»Snob,« würde Joszi sagen, dachte er nicht ohne Befriedigung über die Situation, in die er geraten war . . . Nun heißt es aber, sie behaupten. Und kräftig fuhr er die Miller an, denn er hatte ihre Schwäche und Unfähigkeit durchschaut: »Wird sich schon jemand finden, der Sie entschädigt.« Milada sah mit großen, warmen Augen zu ihm hinüber. Angezogen von diesem Blick wandte er sich zu ihr. Stumm sagte er ihr: »Laß gut sein, ich werde es schon machen.« – Die Miller wand sich vor Unruhe und Zweifel. »Ja, aber das muß ich genau wissen, Herr Doktor, ob ich, – nämlich die Fanni ist eine sehr gesuchte Person, die Zimmermann hat sie schon angeschaut. Die Milada soll sagen, ob es möglich ist, von dem Preis abzugehen. – Bei 500 Gulden sind es . . .« Und da er von der Höhe der Summe betroffen schwieg, fuhr sie gereizt fort: »Ich bin auch nicht mehr jung, ich bin keine gesunde Person, ich bin auch krank . . . Die Milada soll sagen, ob ich gesund bin.«

»Das Fräulein ist ein bißchen nervös,« sagte Milada immer in der gleichen Stellung. »Krank bin ich, krank, elend,« jammerte die Miller, – denn sie witterte eine Falle und fühlte dunkel, daß die Goldscheider den Herrn Doktor da hinausgeworfen hätte, wenn er sich solchermaßen in ihr Spiel gemischt hätte. Aber dazu fehlte ihr durchaus der Mut und die Willenskraft.

»Ich brauch ein Heim, nicht sie . . . Ich brauche Pflege, – nicht sie . . . Ich verliere mein Geld, meine Ruhe, meine Nerven. Wer schaut auf mich?«

»Nehmen Sie alle Morgen Bäder von 18-2l Grad und Einpackungen!« ordinierte Gust rasch . . .

Die Miller streckte die Hände von sich . . . »Nein, nein, an mich rühren Sie nicht an!« schrie sie boshaft und retirierte aus der Tür . . .

Milada mußte lächeln, wenn sie daran dachte, wie vorsichtig das Fräulein morgens die lange Nase in warmes Seifenwasser steckte . . .

»Na hören Sie mal, das ist hier eine schauderhafte Wirtschaft . . . Die Person ist ja durch und durch hysterisch.«

»Sie ist nicht zu brauchen,« sagte Milada höflich.

»Also was ist, werden wir das Mädel heraushau'n oder nicht, Milada?«

Das erstemal nannte er sie beim Namen . . . Da schossen ihr, der Tiefverschlossenen, Tränen empor.

»Hat sie nicht wenigstens eine Tant' auf dem Lande?« fuhr er fort, »ein Jahr draußen, Waldluft, Milch, Ruhe, da ist sie vielleicht gerettet, auf eine Zeit wenigstens.«

»Sie ist knapp siebzehn Jahre,« sagte Milada leise und wie verloren.

»Herrgott, siebzehn Jahre! Und für solche Kinder sollte es keinen Schutz geben . . . Das gehört der Straße! Pfui!«–

Nein, Joszi hätte unrecht, – es ist kein Snobismus, der ihn antreibt, nicht »die Ethik der Gelangweilten«. Vielmehr dämmerte ihm die Erkenntnis einer unerhört grausamen Verantwortung auf, die die Gesellschaft, der er angehörte, auf schwache, mühsalbeladene Kinder überwälzte.

Milada trat entschlossen vor ihn hin. »Herr Brenner, es handelt sich nicht um das Geld, das Geld bringe ich allein auf, – ich bin nicht arm – aber um einen Menschen handelt es sich, der mir hilft, die Wege finden . . . Wo ich hinkomme, ich, die Wirtschafterin, weist mich Verachtung fort. – Wir haben unsere Spitäler, unsere Ärzte, unsere Polizei und den Verdienst, auf mehr dürfen wir nicht Anspruch erheben. Was immer ich unternehme, und wenn ich der kleinen Fanni nur ein paar armselige Jahre retten wollte, ich brauche dazu die Einrichtungen, die Gesetze, die Wohltaten, – ich brauche Ihre Welt!«

Er sah sie an. »Was sind Sie doch für ein seltsames Mädchen! . . . Fatum – sagten Sie einmal« . . . tönte seine Stimme unbeherrscht . . . »Aber warum müssen Sie gerade hier leben? . . . Erklären Sie mir das!«

Er faßte sie fest beim Arme. – Die Berührung durchzuckte sie. – Ganz starr blieb sie stehen.

»Gibt es keine anderen Interessen für Sie, Milada, als dieses Elend?« fragte er wieder herb.

Das erstemal im Leben erschütterte sie die Berührung eines Mannes. – Ein fremdes, unbekanntes Gefühl, das rauschartig ihre Sinne durchdrang und alle Energien, alle Kräfte, die sie je gesammelt hatte, durcheinander wirbelte, wie Streu, erfüllte sie so gänzlich, daß sie das Bewußtsein der realen Dinge verlor. – – Diese Straße und das Rothaus, – Fanchon, ihre eigenen Wünsche, fern, fern, unerreichbar ferne . . .

Nur er stand da und preßte ihren Arm. . . Alles Lebendige hielt den Atem an . . .

»Ich gehöre in dieses Elend,« sagte sie mühsam, erstickt.

»Also gut, ich werde Ihnen helfen,« sagte er rauh und trat zurück . . . »Fanni kommt nicht in jenes Haus. Sie soll gerettet werden, – soweit es möglich ist, natürlich . . . Mein Vater ist Mitbegründer eines Tuberkulosenheims. – Es gibt Freiplätze dort . . . Sie wird einen erhalten . . . Sind Sie zufrieden?«

Sie atmete tief auf . . . Aber an ihm vorüber, scheu und ratlos flatterten die grauen Blicke in die Rothausgasse hinaus.

»Nur Fanchon muß wollen . . . Sie ist so eigen, so ängstlich.«

»Mir traut sie, denke ich. Auch das wird gemacht . . . Befriedigen Sie die Miller!« Er lachte auf, aber es war nicht mehr das helle, unbefangene Jungenlachen. – »Erst den Drachen erschlagen, dann die Jungfrau herausholen . . . Sankt Georg und mein Schwert!« – Der Scherz war unpassend und schlug nicht ein, das fühlte er; verstimmt öffnete er die Tür und ließ sie vorangehen.

Fanni lag aufgestützt in ihrem Bette und war gerade mit dem Niederpressen ihrer goldenen Stirnlöckchen beschäftigt, die Schläfen und Stirne dicht und hoch einsäumten . . . Die Augen waren vom Weinen ein bißchen verschwollen und gerötet, aber um den Mund lag bereits wieder das phantastisch eitle Puppenlächeln, das sie gerne aufsetzte, wenn sie in guter Stimmung war . . .

Als sie die beiden eintreten sah, ließ sie die Arme sinken, ihr Gesicht nahm einen scheuen, ernsthaften Ausdruck an.

»Nun, Fanni, wie geht es?« sagte Gust und holte sich einen Sessel . . .

»Unser Herr Doktor,« sagte sie gespreizt, »war gar nicht sehr mit mir zufrieden.«

»Sehen Sie mal!« begann er mit dem Ton, mit dem der Primar an Krankenbetten die gewichtigsten Worte auszusprechen pflegte und der soviel bedeutete als: »Jetzt existiert für dich auf der ganzen Welt nichts als ich und das, was ich dir zu sagen habe.«

»Sehen Sie mal, Fanni, – das wissen Sie ja, daß Ihre Lunge Dummheiten macht.«

»Ach was!« unterbrach sie heftig, »die Zimmermann hat gesagt, solche wie ich werden achtzig alt.«

»Die Zimmermann war bei dir?« mischte sich Milada ein.

»Na, und ob! Und g'sagt hat sie . . .«

»Die Zimmermann ist ein altes Weib, die soll sich ihre Weisheit behalten,« sagte er, »aber das ist schon richtig . . . Wenn Sie vernünftig sind, können Sie lustig weiterleben. Das Fräulein Milada und ich, wir wollen Sie von hier loskriegen und in eine Anstalt zu guten Menschen geben . . .«

»Mich wegnehmen von hier?« sagte sie starr und setzte sich auf.

»Am Land werden Sie sich schnell erholen . . . Im Freien stundenlang liegen und unter der Aufsicht des Arztes sein.«

»Jesus Maria und Josef, wenn Sie mich schlecht gemacht haben vor den Leuten!« stieß Fanchon heraus und warf die Decke von sich . . . »Schamens Ihnen, schamens Ihnen, wenn's die Zimmermann aufg'hußt haben gegen mich . . . So einer sind Sie gar!«

Sie ballte die Fäuste und brach in ein zorniges Kinderweinen aus. Er schob Milada, die sich einmengen wollte, zurück und sagte strenge:

»Seien Sie nicht närrisch, Fanni! Hier gehen Sie zugrunde. Wir meinen es gut mit Ihnen. Wenn es Ihnen lieber ist, verständigen Sie Ihre Eltern, – die sollen Sie nach Hause nehmen, und dann . . .«

»Das erleben Sie nicht, Sie Salberlschmierer Sie! Mich nach Hause nehmen! . . . I mag net und i geh net . . . Verstehn Sie mich? So, erst haben's mi verpatzt, Sie Studentel, und jetzt möchtens mi ganz aus der Welt schaffen, damit nix aufkommen sollt? Na, na, da kennen's die Fannerl schlecht . . . I geh' zur Polizei . . . Mi müssen's hier lassen, i hab mein Buch!«

Sie sprang mit beiden Füßen aus dem Bette und riß sich den Schlafrock von der Schulter. – Ihre Augen funkelten böse, und die Tränen liefen über die bleichen, hageren Wangen hinunter.

Mit verlorener Haltung stand Gust mitten im Zimmer. Vor ihrem heftigen Ausbruche war er aufgesprungen und sah wie geistesabwesend auf die kleine Furie, die ihn mit Unflat bewarf.

Milada, die etwas Ähnliches vorausgesehen hatte, packte sie am Arme. »Halt dein Maul!« sagte sie strenge. »Prügeln sollte man dich, du Gans, bis es in deinem Schädel hell wird . . Marsch ins Bett jetzt! Gesund sollst du werden am Land!«

»G'sund werden!« höhnte Fanchon außer sich, »Kuhmist soll ich fressen und a Gras, was? Und dank schön sagen dafür, daß er mi da ausbissen hat . . . Mit mir werd's net so schnell fertig, wie mit der Putzi . . . I bin gar zäh.«

»Ach die Kanallien!« sagte Milada angeekelt und gab dem Bette einen Ruck.

»Ja, schaun's nur her, Ihnere Pflasterei zeig i bei der Polizei an. Das hat der Lamberg auch g'sagt. Und der is a Doktor, aber Sie san a Studentl.«

»Kusch!« schrie Milada wütend und hob die Hand. Wie ein kleiner, bissiger Hund verkroch sich Fanchon ins Bett . . . »Tut's dir leid um dein' Schatz?« rief sie noch aus den Polstern hervor . . .

Die Tür des Zimmers öffnete sich, wurde zugeschlagen. . . Milada wandte sich nicht einmal um. Sie wußte, was geschehen war . . . Sie wollte ihn nicht ansehen . . . Nein . . . Plötzlich zitterten ihre Beine so heftig, daß sie sich an dem Tisch festhalten mußte . . . Er konnte ja noch nicht weit sein . . . Über dem Korridor auf der Stiege war er jetzt.

Sie mußte ihm nach . . . Zwei Worte sagen . . . Das da erklären. Die Zimmermann . . . Aber wie im Traume hatte sie sekundenlang die Bewegungsfreiheit der Glieder verloren . . . Er ging . . . Und sie konnte nicht nach. Sie stand da. Ein dumpfes Beben erschütterte die Luft . . . Vorbei! – Ohne Fanchon anzusehen, ging sie hinaus.

Nachtwandlerisch durchschritt sie den Korridor, blickte in das Bureau. Hut und Rock waren verschwunden. Der Stock mit dem weißen Studentenknopf lehnte vergessen in der Ecke.

Fluchtartig hatte Gust das Haus verlassen.


Herr Doktor! Ich quälte mich eine Woche lang, ehe ich diesen Brief zu überlegen begann.

Sooft in der bestimmten Stunde die Klingel ertönte, dachte ich, jetzt kommt er zurück . . . Und abermals eine Woche verging, – da wußte ich, Sie kommen nicht wieder, und da bin ich nun . . . Ist es möglich? Sind Sie dem verängstigten, verhetzten Kinde böse, das sich an das elende Leben, welches es kennt, fester klammert, als an tausend frohe Möglichkeiten, die ihr allesamt fremd sind und sie erschrecken?

Ja, wären die Verheißungen gleichbedeutend mit Gesundheit und Glück, sie fürchtete sich, sie gegen die Gewißheit des täglichen Erwerbes einzutauschen. So gründlich verliert niemand Wagemut und Zutrauen zum Schicksal, wie wir im Rothause.

Ich fragte mich diese beiden Wochen: Kann diese Erfahrung dem Herrn Brenner die Freude am Gutsein trüben?


Herr Doktor! Ich versuchte unlängst auf Gisis Zither eine Melodie hervorzukratzen. Beinahe wollten die Töne kommen, da verspürte ich Schmerz in dem Daumen, der die Töne sucht, einen heftigen, ziehenden Schmerz, und ich konnte nicht weiter. Kurz darauf erschien an der geröteten Stelle ein Bläschen. Da sagte mir Gisi, die Instrument und Spiel kennt: »Jetzt gerade mußt du weiterzupfen, sanft bekommst du nicht das harte Fleisch, das notwendig ist, um jemals eine schöne Melodie hervorzulocken. Die wehleidige Haut muß weg!« – Schau, was der alte Holzkasten von dir fordert! – dachte ich mir.

Wie viel schwieriger muß es sein, eine richtige schöne Melodie aus der verstummten Seele eines Menschenkindes zu heben. Müßte sich da nicht auch über unsere zartgewöhnte, wehleidige Nächstenliebe erst die harte Haut legen, die gegen den kleinen, selbstsüchtigen Schmerz unempfindlich macht? Entschuldigen Sie! Ich lese dies durch, es klingt, als wollte ich Sie belehren. Das liegt mir ferne. Die Wahrheit ist ja, daß ich, ich selbst die Vermittlung zum wirklichen Leben notwendiger habe, als jemals. Ich bin mutlos geworden. Alles schlüpft mir aus den Händen. Auch Fanni. Ich kann nicht zugreifen. Nichts halten. –

Horner ist lehrhaft. Er ist der Meister der Theorie. Wenn ich ihm aber die Hand hinhalte und sage: führe mich zu einer Tatsache, – dann versagt der ganze Mann!

Unsere Fanni geht zur Zimmermann. Das einzige, was ich erreiche, ist, daß sie mir versprochen hat, nicht aus der Straße zu gehen, ohne mich zu verständigen. Der letzte Rest ihres Lebens wird dort zugrunde gehen. Vielleicht komme ich dann für sie um Ihre Hilfe bitten. Ich wage noch nicht zu denken, daß zwischen Ihnen und uns alles aus ist.

Adieu sagt IhnenMilada Rezek.


Mit dem Absenden dieses Briefes löste sich die Spannung, die über Miladas Wesen lag, in hundert zage Hoffnungen auf.

Am dritten Morgen, zu früh beinahe für ihre Erwartung, deren geheimste Fieber noch nicht ausgekostet waren, kam die Antwort.

Ein braunes, pergamentartiges Briefchen lag da im Einlaufe unter Angeboten, nackten Photographien und Rechnungen. Sie nahm es mit spitzen Fingern heraus, hielt es eine Weile fest, ehe sie es erbrach. Goldlinien sah sie, kleine, feine, schattenlos flüchtige Buchstaben und fühlte einen unbestimmten Duft darüber. – Er schrieb:


Me voilá, mein Fräulein, – ich grolle nicht. Ihr Brief wirkt wie Sie: ernst, klug und ein bißchen geheimnisvoll. Nehmen Sie Dank hierfür! Dem kleinen Wutpinkel bin ich nicht böse. Gott ziehe ihrem Leichtsinn bald eine Grenze, sonst ist es für jedwede Hilfe zu spät. Womit ich bemerkt haben will, daß mein Vorschlag, sie in »Humanitas« unterzubringen, völlig aufrecht erhalten bleibt und jederzeit einzulösen ist. Fräulein Milada, ich ehre die unbegriffenen Gründe Ihrer mysteriösen Selbstaufopferung. Ich – nehmen Sie's mir nicht übel – habe gar keine Lust, mich abzuhärten, mich irgend weiter mit solchen undankbaren Affären abzugeben. Daß ich im übrigen vorurteilslos denke, – sagt dieser Brief. – Nicht wahr?

Ich war unterdessen in Berlin und werde voraussichtlich das Sommersemester dort zubringen. Doch vorher kommt Pfingsten und für mich Vogelgesang, Wiesengrün, Waldluft und hundert andere schöne Dinge. Wenn ich zurückkomme, wollen wir uns sprechen. Besuche ich Sie, – oder Sie mich?

Ihrer Entscheidung harrt Gust Brenner.


Sie legte den Brief weg und öffnete das Wirtschaftsbuch. Mechanisch trug sie Ziffern ein, rechnete und schrieb. Die große Spannung war verflogen und hatte eine Leere zurückgelassen, die sie beinahe körperlich schmerzvoll empfand. »Aber was erwartete ich denn Großes von ihm?« dachte sie dazwischen. »Was habe ich erwartet? Elementarstes Begreifen, Überbrücken jeder Kluft, – ein Händereichen und Hilfeleisten für mich, – für alle. – Lächerlich! Für ihn kommen Pfingsten wie etwas Besonderes im Jahre, etwas Freudiges, das man genießen will.« Er war in Berlin gewesen, dachte in die Zukunft. Das schien alles so natürlich, wenn sie sich an Gusts Stelle versetzte. Freilich, wenn Milada nachdachte, . . . Gusts Besuche waren ihr ein schwerwiegendes, bedeutsames Ereignis gewesen, sein Fernbleiben ein Konflikt, der ihre Seele beinahe zu Boden rang. Ja, aber für Gust! Für den Mann löste sich das alles in lauter bedeutungslose Momente auf, die in seinem reichen Leben spurlos verschwanden. Der Rechenfehler steckte also in ihrem Kopfe, und die ganze Kombination stimmte wieder mit dem wahrhaften Wesen der Dinge nicht überein. Das war es. In ihm war gewiß Güte und Helferdrang. Aber die Strömung trieb ihn von ihr und ihrem Milieu hinweg in eine andere Welt, der diese Kräfte angehörten, die sie verbrauchen würde . . . Was verführte sie zu dem Glauben, er sei in den Kreis ihrer Interessen getreten, strebe der Bahn zu, die sie sich gezogen hatte. Ach, alle seine Güte, sein frohes Selbstvertrauen, es war ja nur die Unbefangenheit des Freien, die wie eine Sonne in diese Räume geleuchtet hatte. Während sie und Horner Pläne schmiedeten, nach Begriffen und Einkleidungen suchten, nach Systemen, – hatte er gleich eine Entscheidung bei der Hand, ein scharfes Ja oder Nein, das alle Hindernisse siegreich aus dem Wege räumte.

Noch einmal öffnete Milada seinen Brief, prüfte die klare, ungeschnörkelte Handschrift. – »Besuche ich Sie, – oder Sie mich?«

Da war ja scheinbar eine Brücke geschlagen von ihr zu ihm. Durfte sie sie betreten? Aber, – sie las halb weiter, wägend. »Ich – nehmen Sie mir's nicht übel – habe gar keine Lust, mich abzuhärten, mich irgend weiter mit solchen undankbaren Affären abzugeben.« Aber, – er stand am anderen Ufer, fest, sicher, unbeirrt, auf seinen Willen gestützt. »Ich habe keine Lust.« Sie sah ihn ganz deutlich vor sich, wie er diese Worte aussprach.


Horner hatte seine böse Zeit. Gusts Besuche und verschiedene Details über sein Treiben im Hause waren hauptsächlich durch Vermittlung der Miller zu ihm gelangt und er witterte hinter Miladas hartnäckigem Schweigen ein Interesse an dem »jungen Laffen«, das er mit boshaften Anschuldigungen, giftigen Spitzen und hochtrabenden Vorwürfen beschoß.

»Ich höre, du machst jetzt Geschäftchen in irdischer Glückseligkeit! Faule Papiere! Schwindelpapiere! No, ich bin ja ohne Risiko. Aus der Kompagnie gestrichen? – Wie?«

»Ich weiß nicht, was du erfahren hast, Horner, das Richtige gewiß nicht.«

Er machte eine verwerfende Handbewegung. »Deine Sache! Habe dir längst Prokura erteilt. Lachhaft, von irgend jemand das Große, das Runde zu erwarten! Ich schau wieder zu, treib du mit dem Strome, Weib, es gibt nichts anderes für dein Geschlecht.«

»Horner, du hast mir immer gepredigt: Fürchte dich nicht, greif' zu! Das Unerhörte packe und halte es fest. Was du fassen kannst, genieße zugleich!« . . .

»Aber was du niemals verdauen wirst, dazu recke dich nicht in die Höhe! Verschwende deinen Appetit nicht an das Überflüssige, an Spalierobst und Delikatessen! Du brauchst harte Nahrung. Verkaufe dich nicht an Luxusunternehmungen, den groben Schwindel der persönlichen Glückseligkeit! Das, mein Fräulein, habe ich stets hinzugefügt. Doch pardon! Du liebst, du bist natürlich glücklich. Aber ich sage dir, meine Dame, das ist sekundäre Erscheinung. Tote Reflexe. Das Grundübel liegt tiefer. Wie? Was? Wendest dich ab? Steht dein holdes Glück auf so tönernen Füßen? Natürlich, ich vergesse, du liebst . . . Da beschränkt man sich gerne mit dem, was man besitzt. Das Horchen in die Tiefe der Dinge hast du wohlweislich aufgegeben«

Ein heftiger Widerwille gegen diese Art des Gespräches quoll in Milada empor Wozu? was soll das? Was wird damit erreicht? dachte sie gequält.

Er streckte den schmutzigen Zeigefinger gegen sie aus.

»So sprich nur!« sagte sie leise, aber unerschrocken, indem sie in seine hämisch funkelnden Augen sah.

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was? – Entspringt das vielleicht nicht deiner elenden, verhungerten Weiblichkeit, daß du dich blind und kampflos dem ersten besten Laffen hinwirfst, daß du dich an einen grünen Jungen hängst, dem das Maul von Honig und Süßigkeit glänzt . . . Der nicht mehr kann, als die Augen zum Himmel drehen und mit dem Steiß wackeln.«

Der Unflat seiner Rede empörte sie. Sie wurde eine Schattierung blässer. »Was du da sagst, ist Verleumdung,« sagte sie beherrscht.

»No natürlich,« sprudelte er, »das Fräulein fühlt sich ja hochgeehrt, sozusagen geheiligt, entsühnt, was? Jetzt ziehst du den berühmten, neuen Menschen an, legst deine Gesinnung ab wie ein schmutziges Hemd, brichst mit allem, was da war und sein wird, he? Auf dieses Bubenstück bürgerlicher Spekulation fällt sie hinein! Bloß weil seine Herrlichkeit die verhunzten Fetzen ihrer Magdlichkeit kitzelt. Mir ekelt's vor dir, pfui, pfui! Verstehst du das nicht? Der ganze stinkige Witz ist, daß er das Portemonnaie im Rocke behält, statt bar zu bezahlen . . .«

Finster, die Lippen aufeinander gepreßt, in feindlicher Haltung stand sie vor dem geifernden Manne.

»Du mißbrauchst dein altes Recht, Horner,« sagte sie schweratmend . . Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Denke darüber, wie du willst! Ihn kennst du ja nicht. Was aber schwerer ist, unfaßbarer, du kennst mich auch nicht Trotz alledem. Deine Rede ist Schmutz. Trifft an uns beiden vorüber.« . . .

Er stand verdutzt da – – Diese stahlharten, blanken Worte ohne gewollte Schärfe, ohne Spitze berührten ihn wie dumpfe Hiebe.

»Ich kenne ihn nicht, – – sehr gut! – Ich kenne ihn nicht!« grimassierte er, »vier Jahre ist er auf der Schulbank gesessen, knapp vor mir, und ich hatte das Glück, in sein hochnäsiges Milchgesicht zu sehen Ich kenne ihn nicht – – Seine französische Selbstbiographie hat so begonnen: ›Mon pére est le troisiéme plus riche de la ville.‹ Ein Gelächter war er mir schon in der kurzen Hose, ein Symbol des Schmarotzeradels. – – Qualle hab ich ihn genannt, deinen Liebsten, damit du es weißt, damals schon. In meinem Buch kann ich es dir zeigen,« – er schlug sich auf die Brusttasche, – »da steht Qualle hinter seinem Namen.«

Sie antwortete nicht mehr. – Horner blinzelte sie von der Seite an. Er wußte, daß er fehlgegriffen hatte, und retirierte langsam. »Bist du denn schuld daran? Kann einer für sekundäre Erscheinungen? Das Grundübel habe ich dir gezeigt, weil du es wolltest. Ich sage dir ja, es ist ein ewiger Kampf in unserem Leibe. – Ewig belästigen uns Fremdkörper, es wimmelt in uns von unsichtbaren Feinden. Was hättest du haben müssen,« – prahlte er, »ein Fürst wäre für deine Weiblichkeit zu schlecht gewesen. – So ein Menschenexemplar! – Wenn ich dich anschaue, Mädel, es tut mir wahrhaft leid um dich!«

Seine Stimme gickste. – Ihr Stillschweigen und ihre starre, abwehrende Haltung bedrückten ihn. Er wand sich, bettelnd, komödienhaft, falsch . . .

»Glaubst du, ich mache mir Sorge um dich? Du findest schon wieder 'naus, sage ich mir, – du schon! – Und schadet dir auch gar nicht, so ein Reinfall. Man ist imprägniert, man ist . . . No, warum bist du ganz stumm, – du?« – Er zupfte sie am Ärmel. – »Sei so freundlich und klatsch nicht! Ja? – Ich bin ein friedliebender Mensch . . . Was geht das auch alles mich an? – Ich mag keine Sensationen mehr erleben, weißt du! – Mich siehst du ohnedies nicht mehr hier,« kreischte er los, – »was geht mich das alles an? – Hol' der Teufel dich und ihn! Meinethalben könnt ihr glücklich werden miteinander. Glücklich, verstehst du? – Ich hindere dich nicht . . . Meine Gesundheit ist ohnedies geschwächt . . . Ich wünsch' dir Glück, – du, du, – neun Kinder wünsch' ich euch .«

»Laß das!« wehrte sie ab. – Sie machte eine lässige, mechanische Bewegung zur Tür . .

Horner hielt sie zeternd am Rocke fest. »Du,« zischte er, und sein Gesicht verzerrte sich in Angst, – »mach mir keine Szene her! – Klatsche nicht hinter meinem Rücken! – Ich bin ein kranker Mensch. Eine derartige Aufregung könnte mich töten. – Sage, was du willst, – berate dich mit ihm, – fliehe, aber nichts von mir, hörst du? – Wenn du mich noch einmal hier siehst, kannst du mir ins Gesicht spucken! Hörst du? – Ins Gesicht spucke mir! Spucke mir ins . . .«

Milada stand fest und sah ihm starr in die verkrampften Züge. –

»Und das habe ich für einen Mann gehalten,« dachte sie, – »das sollte mir helfen.« – Sie fuhr sich über die Stirne . .

»Ja, ja, ich gehe schon. – Erst gibst du mir dein Ehrenwort, daß du reinen Mund hältst! So. – Bin halt ein alter Mann, ein geschwätziger Mann. – Ja, ja . . . Also adieu . .« Er ergriff den Hut, stülpte ihn auf und drängte sich zur Tür hinaus . . . Sie ließ die erhobene Hand wie in Erstarrung sinken.

»Das hab' ich gar nicht geahnt! – Hab' ihn für einen mutigen Menschen gehalten . . . Für einen, der sein Leben einsetzt . . . Der für seine Ideen zugrunde geht. Alles Lüge! – Alles Illusion! – – Dringe ich denn nie zur Wahrheit vor? – – Alles ist anders, als mein Kopf es erfaßt . . . Ewiger Irrtum!«

Und Gusts Worte klangen auf: »Mit einem Maikäfer konnten wir Jungens den durch die Klasse jagen . . . Hier spielt er vermutlich den großen Herrn, – das sieht ihm ähnlich, dem Schubiak.«

Schulbuben hatten Horner durchschaut, sie nicht! – Für sie war er der Erlöser gewesen. – Sie lehnte nachdenklich die Stirne an das Fenster . . . Sollte sie alles verwerfen, was er sie gelehrt hatte? Und wieder in die kahle, nutzlose, willensleere Verzweiflung der Kinderjahre stürzen? Ach, sie fühlte schon den eisernen Ring der Einsamkeit, der sich fest und fester um ihr Leben schloß.


Die Pfingstfeiertage brachen frühlingsfreundlich heran. Frühlingsfeierlich! Samstag kam eine im Kuvert eingeschlossene Ansichtskarte aus dem Gebirge. – Zwei Unterschriften: Gust und Joszi. – Und von seiner Hand noch die flüchtigen, schwingenden Worte: »Fein, sein ist's hier.« – Milada studierte das kolorierte Bildchen mit den schneebedeckten Bergen, den kleinen, verstreuten Häuschen im Tal an den grünen Hängen, den stürzenden, weißgedruckten Wasserfällen . . . Aber ihre Phantasie arbeitete lahm und widerwillig.

Es war ja doch nicht so!

Zu Mittag stürzte Bine hochgerötet und erregt in ihr Zimmer.

»Milada,« rief sie, »wird sie – mir nach Hause erlauben? Nur auf einen Tag, und den Tag zahl' ich ihr meinetwegen. – Schau her, ich hab' Nachricht, daß der Cyrill nach Hause kommt auf Feiertage.«

»Er schreibt dir's?«

»Nein, die Toni Stadler. – Die ist meine Kameradka. – Schreibt mir, – schau, – daß bei uns großes Fest ist und Tanz und daß Cyrill kommt, besuchen . . Ich muß heim. Milada, – ich geb dir, was du willst, wenn du mir läßt.«

»Ich? – Ich sag' schon nicht nein.« Milada nahm den Brief, las ihn durch. War es gut, diese naive Freude da durch ein Mißtrauen zu kränken? »Du, – warum schreiben dir's deine Leute nicht?« sagte sie bloß.

»No, sie werden halt glauben, weil ich Ostern hier war, – die Alte wird's nicht erlauben. Und wollen mir Herz nicht schwer machen. Aber wenn ich komme überrascht . . . Du, da wird's Hetz sein« . . .

»Ich werd ihr's sagen . Morgen willst du hin?«

»Abend bin ich zurück . . Sag' ihr, Mutter is krank . . . Auf die sag' ich's gerne.«

Ohne die zustimmende Antwort abzuwarten, die ihr Milada nach einem gar nicht leichten Kampfe mit dem Fräulein brachte, hatte die Bine voll Eifer und Erwartung schon gepackt, – ein kleines Handköfferchen, in das sie ein Hauskleid legte, – rotseiden natürlich, – und ihre neuerdings zu einem ansehnlichen Haufen angewachsenen Handarbeiten.

Die Nacht, wie immer vor den Feiertagen, war laut und lärmend vergangen . . . Die Witwe aus St. Pölten, welche Ascher der Miller angeboten hatte, war auch erschienen. Sie war klein, blond und üppig, hatte glashelle, freundliche Augen und ein ebensolches Lachen. Sie plauderte eifrig und lachte manchmal hörbar über den ganzen Lärm hinweg auf, so daß die Miller sehr ärgerliche Blicke hinschoß und deutliche Zeichen ihrer Mißbilligung gab. Sie liebte es nicht, wenn das Geschäft zur Unterhaltung herabsank und in dem leeren Geplapper und Gelabber Sinn und Zweck des Beisammenseins über den Haufen geworfen wurde. Diese Unmanier hatte die kleine Witwe aber aus den guten Kreisen mitgebracht. Übrigens war der Herr Albrecht im Salon, und diesen Mann zu bedienen und zu verabschieden, wäre ihre Aufgabe gewesen. Er war Schuhlieferant des Rothauses und ein ehemaliger Vertrauensmann der Goldscheider. Der Miller lieferte er nur Schuhe, – sie hatte keinen Sinn und Verstand für »andere Ware«, behauptete er. Er war ein unangenehmer Kunde, der nie bezahlte, nie Trinkgeld gab und alles pünktlich auf Gegenrechnung notiert haben wollte. Die Miller mochte ihn nicht, hätte ihn gerne bedient und schnell verabschiedet. Mit seinen groben, roten Händen, den schwerfälligen Bewegungen und struppigen, roten Haaren paßte er nicht in das Milieu. Seine langatmigen Erörterungen und stotternden Witze waren ihr unerträglich. Auch die Witwe mochte ihn nicht leiden. Sie machte die vergeblichsten Anstrengungen, ihn loszuwerden. Zweimal wöchentlich kam sie von St. Pölten nach der Stadt, und immer war der schmierige Schuster da, der sie zärtlich umwarb. Er wäre glücklich, gestand er ihr zu, »die fa–a–dde Ka–ka–rla« los zu sein . . .

Wenn die Sti–ieffel e–e–nge sind, g–giebt s–sie die Miller z– zurück . . . Wa–a–as s–soll ich aber t–tun?« stotterte er und lachte täppisch.

Die Witwe wurde auch sonst poussiert. Ihre bürgerliche Vergangenheit, über die sie wie ein Star plapperte, gab ihr Ansehen.

Der Salon leerte sich erst, als die hellen Streifen im Osten aufglühten und wie geöffnete Strahlenbündel auseinander strebten.

Frühlingsfeierlich waren die Pfingsten angebrochen. Der Morgen war frisch. In Überzieher vermummte Gestalten verließen das Haus, zogen eilig ihre Straße. Licht um Licht an den Fenstern erlosch.

Um halb sechs Uhr zog die Bine aus. Ein großer Federhut überschattete das Gesicht. Die Hand, die sie Milada zum Abschied reichte, war kalt und zitterte.

»Wie ich mir freue!« flüsterte sie leise vor sich hin.

»Komme mir pünktlich zurück!« sagte Milada, die bei der Haustür stand, »du weißt ja.«

»Weiß ich,« sagte Bine und schob eilig hinaus . . .

Milada war müde und verbraucht. Vom frühen Morgen dem Schelten und Klagen der Miller standhalten, – die Mädchen befriedigen, vermitteln, zanken . . . Sofort, wenn ein Gast sich entfernte, in die Zimmer laufen, das Zimmergeld abfordern, spionieren, ob er nicht zu viel Trinkgeld hinterlassen hatte . . . Und das ewige Schnüffeln und Lauern im Rücken haben, ob sie selbst auch nichts behalten habe!

Während sie jetzt der Portierin half, das verwüstete Zimmer in halbe Ordnung zu bringen, stieg die Szene mit Horner wieder auf, mit allen ihren widerlichen und schmutzigen Details. Klarer als jemals empfand sie es, daß von ihm nichts weiter zu erwarten war.

Was der Mann geben konnte, das hatte sie empfangen. Fertig war er – und jetzt verglühte nur noch Haß und Angst in ihm.

Angst, – sie könne seine Armut durchschauen, Haß gegen alles, was stärker, reicher war, als er. – Was nach ihm kam! – –

Sie öffnete die Fenster im Salon. Morgenlicht drang ein, drang mit blitzenden Speeren durch den dicken, grauen Dunst hindurch.

»Laß dich von Horner nicht umnebeln! Geh deinen geraden Weg! Glück ist das einfachste der Gefühle.« So hatte die Goldscheider gesprochen. Damals hatte sie noch an eine Mission, an Horner, an die Zukunft geglaubt. Eins nach dem andern war verblaßt, verklungen. Wie die Sterne jetzt da oben schwinden, wenn die Sonne kommt, – die Wahrheit! . . .

Sie schickte die Portierin zur Ruhe, noch hörte sie die schweren, tappigen Schritte über die Stiegen, das Öffnen und Schließen der Korridore, dann herrschte tiefe Stille.

»Alles schläft,« dachte sie, »sie sind so müde, da schlafen sie auch gleich ein. Ich allein bin wach im Hause.« Und wie dieser Gedanke ihr Bewußtsein durchdrang, schien ihr plötzlich, als bedeute er mehr, hätte tieferen Sinn in sich, als ihm ursprünglich zuerkannt war . . . Schlafen! – Ja, sie alle schliefen, spannen in tiefer Dämmerung den bilderreichen, bunten Traum des Lebens aus. Verschlossen sind die Läden ihrer Seele, das Tor der Wirklichkeit versperrt und die leichtfertigen Finger drückten die Lider zu. – »Die Dämmerung ist gut, Schlaf und Traum eine Wohltat, nicht wecken, nicht rufen, laßt uns Arme im Traume glücklich sein.« – Sie aber hatte ins Licht gesehen. Sie kannte die Sonne. Das starke Feuer hatte ihre Augen gefüllt, ihr Innerstes durchdrungen, daß alles Verstaubte, Lichtfeindliche aufsprang und in tausend Atome verwirbelte

Als Wissende erhob sie sich über das Schauspiel ihres Milieus. Sie kannte die Fangnetze, die Künste und die brutale Willkür der Unternehmer, die kunstgerecht Schlingen ausbreiten, auf Opfer warten und Opfer packen und sie der Vernichtung zuführen. Sie kannte ebenso das durch keine Behörde überwachte System der Ausbeutung, wie die rechtlose, aus allen Gesellschaftsgesetzen gedrängte Stellung, die die erwerbende Dirne in den Kulturländern einnimmt, so durch Gewalt am Eigentum beraubt ist, wie an Gesundheit und Freiheit.

Sie kannte die Zimmermannsche Wirtschaft, in der die Mädchen wie Gefangene gehalten werden, – im Hause nur notdürftigst gekleidet herumliefen, weil die Alte ein Entwischen fürchtete. Selbst die polizeilichen Revisionen wurden dort zu einer in der ganzen Gasse bekannten Orgie verwandelt, in der das schönste Mädchen den Herren zur Verfügung stand und während der ganzen Zeit des Amtierens hinter ihnen nackt mit einer Kognakflasche im Arme einherlief. Sie kannte den Versand mißliebiger oder verbrauchter Mädchen bei Nacht und Nebel, den geheimnisvollen Empfang der Novizen, die systematische Ausbeutung der Jungfräulichkeit, all das kannte sie zur Genüge, – bis zum Überdruß, bis zum Ekel, bis zur stumpfen, mechanischen Gewöhnung, und dagegen kam keine Träne mehr auf, keine schmeichlerische Illusion. – Kein Lächeln kühlte diesen Schmerz, kein Wort heilte solche Wunden, kein rettender Gedanke erklomm die Pyramide dieses Elends.

Sie war zum Fenster getreten und ihr Auge suchte ungeblendet in das feurige Sonnenauge zu dringen. – Zwiegespräch hielt sie mit ihm – – »Wie in eisernen Klammern hält mich das Elend fest,« sagte sie, »ich kann mich nicht rühren. – Zum Aufatmen zu enge ist der Ring, der mich umgibt. – – Ich will helfen, besser machen . .

Und lebe da und helfe nach alter Weise mit schuften und regieren . . . Ich steige zwar langsam in die Höhe, aber auf Leichen . . Ich will nicht . . Ich will nicht mehr,« wiederholten ihre Gedanken zornig.

»Was würdest du tun, wärest du ausgebrannt, leer und öde, eine schwarze Höhle, hättest kein Licht und keine Glut, um deine Welt und deine Menschen zu lieben und zu wärmen? . . . Möchtest aber . . . Müßtest . . . Die Sehnsucht darnach wäre geblieben in deinem toten Herzen und würde weinen . . .«

Durch die Kühle des Morgens drang eine warme Welle, – kroch kosend über ihr Gesicht zu den starrgeballten Händen, die am Fenstersimse lagen, und öffnete sie, die Handflächen aufnehmend nach oben gewandt. – Und in dieser Stille antwortete eine Stimme: »Törin . . . Dann würde ich ja nichts mehr zu lieben finden . . . Die ausgebrannte Sonne hat sich mit ihrer Welt getötet . . Ich würde nicht mehr lieben können . . Lieben, lieben bleibt die ewige Verheißung des Lebens. Wer lieben muß, der hat zugleich die Macht der Liebe, der trägt seine Sonne in sich, die unversiegliche. Der hat das warme Wort, die gütige Hand und den rettenden Gedanken. – Der hat die Helfer. – Auch du hast sie.« –

Langsam wich sie vom Fenster zurück.

Auch ich hätte sie, die Helfer?. . .

Fern von allen Worten, Bildern und Ideen, die sie zu ernüchtern begannen und haltlos machten, wie sie sie früher geblendet und gestützt hatten, läge in ihr die Möglichkeit, Tatsachen zu ändern, Tatsachen zu schaffen? Der Gedanke war groß und erfüllte sie mit wunderbarem Schauer. Hand anlegen, arbeiten, schaffen! Beglückt und eifrig, wie ein kleines Kind begann sie ihre Erinnerungen zu sichten, stellte Dinge fest, stützte sich auf Details, auf allerlei Episoden, auf eine Fülle von Ereignissen, die freundlich zusammenströmten und ihre Seele von einem schweren Drucke befreiten. Ja, da und dort war es geschehen, da und dort hatte sich ihre Kraft schon offenbart, hatte eine Tat schon geholfen, hatte ein energisches Zugreifen Verzweifelten den Ausweg gewiesen. – Die Dubbe fiel ihr ein, Fanni, Kamilla; und mancher anderen Fremden, Unsteten hatte sie einen Augenblick des Ausruhens gegönnt; es war ihr gelungen, sie mit geschicktem Schwung über einen inneren Abgrund zu heben. Nie hatte sie ein Ende, ein Verzweifelnmüssen gelten lassen. Sie hatte die Sehenden auf die Blinden, die Satten auf die Hungernden, die Lebenden auf die Toten gewiesen. Und da blieb immer noch ein Fünkchen Mut haften. Die Sonne im Menschen erlischt ja nicht, solange er wandelt! –

Doch, was bedeutete das alles?

Das jähe Glücksgefühl, das Milada noch eben durchrüttelt hatte, erstarb, Schatten schlichen sich ein. Was sprach der einzelne Fall, die Erhebung der einzelnen? Was bedeutete Gisis Glauben, ein leichtsinnig frohes Lächeln Fanchons gegen die große, entsetzliche Not aller? Tausende ächzen unter dem Drucke des Elends, unter dem Fluche. Wer bricht das große Schweigen der Welt, wer überbrückt den uferlosen Sumpf? »Wißt ihr denn nicht? Euer Schweigen zerbricht uns alle, alle?« – Und Milada hob den Arm und hielt ihn gegen die erwachende Stadt, über die das erste traumhafte Lächeln des Lebens aufstieg.

»Was erfahrt ihr von unserem Dasein? Ihr Frauen, die ihr die Röcke zusammenfaßt, wenn ihr uns begegnet und uns mit neugieriger Verachtung streift . . .Ihr Männer, die ihr abends kommt, wenn wir im Lichtscheine des Salons stehen, mit Schminke und Tand verbrämt, um euch mit der Wärme unserer Körper zu dienen, mit unserem Leichtsinn euere Erdenschwere aufzuheben und die ihr die Tür gleichgültig zuschlagt, wenn ihr gesättigt seid von uns. Was kümmert euch die Tragödie des Altwerdens, des Entblätterns, der Fluch unserer kranken Körper, entselbsteter Seelen, die die Gegenwart in ein Klingeln und Klirren von Scherben, die Vergangenheit in einen Schauder, die Zukunft in ein Grab verwandelt.

Wer von euch findet den Mut, an unsere Häuser zu pochen, an unsere versperrten Seelen und zu fragen: Zeige dich, Schande, wie siehst du bei Tage aus?« – – –

Milada atmete tief auf. Da mußte ein starker Wille kommen, stark und freudig, siegsicher, wie der Frühling kommt, der die verbrauchten Herbstesblätter auseinanderfegt und das, was leben will und blühen, lockt und bindet. – Dieser Wille mußte kommen. – Dieser Mann! – Er, der aufstehen wird und sagen: »Kommt, folget mir nach!«

Sie saß bei dem geöffneten Fenster, zurückgelehnt und zog den roten Vorhang über die frierenden Arme. Das Licht tanzte und flirrte und hob sich hoch. Was war das? Sie riß die Augen gewaltsam auf.

War nicht eben jemand hier gewesen? – Einer, der so sprach? –

»Kommt und folget mir nach!«. . . Wer war es?

Gust? Er war es doch nicht. Gust?

Sie erblickte die Armenschule im Traume, an der grauen Wand hing so häßlich, so blutend, so arm ein Mann. In seinen Händen hielt er ein Herz, aus dem eine Flamme stach.

Stille, stille, alle stille! Frau Zölestine erzählte vom Erlöser. Jesus von Nazareth am Kreuz.

Gust war doch so schön und glücklich. Gust lebte.

Sie lächelte weich und schlief fest ein . . .

Als sie erwachte, goß die Sonne ein betäubendes Licht in alle Ecken des Zimmers, das Stubenmädchen stäubte und fegte darin und rief der Auftaumelnden zu: »Na, dös sein aber Pfingsten, was, Fräulein Milada!«


Pfingstsonntags Stille! Die Miller hatte dem Drängen Miladas nachgegeben und im Zirkus einige Logen gemietet. Eingepackt in zwei Fiaker waren die Fräulein unternehmungslustig hingefahren. Von dem alten »Geizkasten« hatte man nicht einmal das erwartet.

Die Putzi rümpfte zwar die Nase und meinte, wo sie bisher war, da hätte man sie allgemein zu Abendvorstellungen geführt und nicht zu so schäbigen Produktionen, wo nichts wie Kinder waren und höchstens Studenten und alles um die Hälfte billiger; was aber nicht hinderte, daß sie sich in höchsten Putz warf, einen Federnhut von ungeheueren Dimensionen aufsetzte, der den Neid der andern weckte und Gisi zu der Bemerkung veranlaßte: »A Schand is 's, mit ihr auszufahren, ausschaun tut's wie a Schauspielerin«

Milada war mit Karla zu Hause geblieben. Auch die Witwe mit Rosinchen hatten sich dazu eingefunden, und so war das Geschäft nicht »ganz verwaist«, wie die Miller befürchtet hatte.

Rosinchen spielte Klavier, die Witwe naschte aus der unergründlichen Tiefe ihres Pompadours Konfekt und Karla schlief in ihrem Zimmer. – Das Gebetbuch auf der Brust, war sie eingeschlafen, und auf dem hübschen, ein wenig aufgedunsenen Gesicht zogen Tränenspuren Furchen durch die Schminke hindurch.

Milada saß in ihrem Zimmer und ließ ihre Gedanken, – während Rosinchens eintöniges Spiel mitdudelte – in die Ferne gehen. An die blonde Kamilla dachte sie und ob die noch immer ihr Geld allmonatlich ins Genfer Schwesternstift sandte.

Sie dachte an Bine, die wohl jetzt bei den Ihren saß, neben Cyrill am Ehrenplatze, – glückselig und stolz. – Und gleich hinter der üppigen Schönheit der Arrigazzi, die vor einigen Tagen nach Abbazzia entführt worden war, tauchte Fanchons spitzes Gesicht auf, wie sie es heute in den rotgewürfelten Spitalskissen liegen gesehen hatte, mit Augen, die angstvoll und drohend zugleich in einem seltsam gelblichen Schimmer schwammen. Sie war sehr krank, konnte sich nicht bewegen, aber die Wärterin sagte:

»Dös Aas kommt schon wieder in d' Höh'.«

Milada brachte ihr Früchte und Schokolade mit, aber ganz gegen ihre Gewohnheit hatte sie diese kaum angesehen, sondern gleich mit zum Weinen verzogenem Gesichte geflüstert: »Bös bin ich, bös bin ich.« –

»Mit mir auch?«

»Bös bin ich,« wiederholte die Kranke eigensinnig zwischen den Zähnen, – und sonst war nichts Gescheites aus ihr herauszubringen, während die Pfingstsonne auf den bleichen Fingern spielte . . .

Milada dachte: – »Mit der ganzen Welt, mit den Menschen, die lachen und fröhlich sind, während dir die bittersten Tränen kommen . . .

Mit den Glücklichen und Gesunden, mit allen, die jetzt nicht in Spitalspolstern liegen, hoffnungslos und verlassen. Ich glaub' dir's, Fanni.« Und dann jagte sie die Gespenster weg, und ohne Übergang, in fieberhafter Intensität, stand Gusts Bild vor ihr . . . Ganz aufgelöst in ihrem inneren Erschauen, lauschte sie dem Klang seiner Stimme, fühlte seine Augen in den ihren ruhen und empfand den Duft seiner Nähe mit solcher Kraft, daß sie erschrak.

»Wissen Sie, so, – den Hut in der einen, die Weinflasche in der andern Hand, so stehe ich auf dem höchsten Berge und duze die Natur.«

Das war der ganze Mann. So jung und immer drauf los mit lachenden Augen. – Das aber war zugleich die andere Welt, die Verkörperung alles dessen, was leben will, nach Glück und Genuß greift . . .

Ein Schatten verdunkelte plötzlich das sonnige Sehbild der Gasse. Auf der gegenüberliegenden Seite stand Horner und schwenkte den Knotenstock durch die Luft.

Sie nickte und ging hinunter, um zu öffnen. Er sah sie unter hochgezogenen Augenbrauen fragend an, aber da ihr Gesicht gleichmütig und sogar heiter blieb, trat er, nachdem er ein paar Worte gemurmelt hatte, ins Haus hinein.

»Diese Feiertage,« schimpfte er, »nichts rückt einen so aus dem Geleise, wie die. – Wenn die nicht wären, könnte man manchmal ganz gut glauben, man sei gestorben . . . Auf einmal kommt so ein roter Tag und rüttelt dich auf. Da steht die Frau um acht Uhr auf, statt um sechs, Kleider findest du nicht geputzt . . . Dafür bimmeln Glocken und der Herr Nachbar singt: »So leb denn wohl, du stilles Haus.« – – Pfui! sag ich dir, nichts riechst, wie verbrannte Butter im ganzen Hause. Und tu, was du willst, auch in deine alten Nebelaugen steigt der rote Glanz. Auf einmal siehst du alles . . . Die Flecken im Rock genieren dich auf einmal . . . Die vertretenen Schuhe. Jahrelanger, lieber Schmutz auf deinem Filz« . . Er stierte melancholisch auf seinen Hut und drehte ihn herum . . . »An allen Ecken und Enden stößt du auf die Welt, auf Nebenmenschen, auf Tatsächliches und Hauptsächliches. Kurzum, du fühlst, du lebst. Feiertagsstimmung der lieben Christenheit! Das kommt mir vor, wie das steifgeflochtene, pomadisierte, mit grellblauen Flitzchen gebundene Sonntagszöpfchen einer kleinen, rotznasigen Trine. Wie eine Laus sitze ich auf dem fremden Gestank und ärgere mich.« Er schlug mit dem Stock auf.

»Ja, Horner, das Mitleben ist gar große Kunst.«

– – – »Nicht bei euch,« sagte er, »deshalb zieht es mich auch immer an dem Schopfe zu euch zurück . . . Hier ist die Alltagsstimmung eingefroren.« Er machte sich's behaglich, zündete sich eine Virginier an . . . So war's recht . . . Alles vergessen.

Lachhaft auch, – so ein Söhnchen und er – er – Er, der die da gemacht hatte, – wie sie dastand und lebte . . .

»Ich sage dir, Mädel, und folge mir . . . Je öder und willenloser du bist, um so höher trägt dich die innere Kraft deines Wesens. Du kannst nur das Detail wollen, deine Materie sucht das Ziel. – Leben mit der Gewissenhaftigkeit und Energie des Uhrpendels, seine Geburt als ersten Bewegungsstoß betrachten, sonst braucht es kein Bemühen mehr. Du hörst das feinste Ergebnis meines Erdenwallens. Ich schenke es dir.« – Er sprach pathetisch und geschraubt, wie immer, wenn er unwahr war und seine Reden einen besonderen Zweck verfolgten.

»Ich sage dir noch mehr. Das Menschenleben ist wie eine Flasche edlen Weines, die in eine Pfütze ausgelaufen ist. – Wer erkennt noch in dem latschigen Brei die Merkmale des fürstlichen Getränkes? – Aufgesaugt hat es das Schmutzgerinnsel, zerkleinert und zerteilt in tausend Atome. Die Würze ist verloren, der Duft in alle vier Winde verflogen . . . Die Kraft ist verflackert. Ach ja, ach ja.« Er gähnte und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab . . .

»Was sind unsere Ideen, unsere Emotionen, unsere Willensdemonstrationen, unsere großen Taten denn anderes, als farbige Blasen, die über der Kloake unseres Daseins emporsteigen und beim ersten Druck zerplatzen wie Flöhe. Außerhalb unserer Sehweite verpuffen sie wirkungslos, ziellos, – item – wir sehen nichts davon. Das ist ihre ganze Besonderheit, wir wissen nichts davon. Witz und Betrug jeder persönlichen Glückseligkeit.« Milada hatte, nachdem sie ihm die Limonade zurechtgestellt, ihre Stellung beim Fenster wieder eingenommen. Halb hörte sie auf ihn, halb verflocht sie seine Worte in ihren eigenen Gedankengang.

»Diese Philosophie und Fanchons zornige Tränen, das monotone Spiel da unten und das parfümierte Seidengeraschel der Arrigazzi, – wie seltsam –« dachte sie, – »das alles ist ja eins, gehört innerlich zusammen, trägt die gleiche Nuance, verbreitet die gleiche, kraftlos süßliche Stimmung. Jedes für sich genommen, scheint zwar anders, und doch fühle ich in diesem Augenblick – körperlich beinahe – den Zusammenhang aller dieser Dinge.«

Er sprach weiter, immer bemüht, sie hineinzuziehen, mitzureißen, wie sonst; immer stolpernder wurde seine Rede, immer erregter durch die dunkle schweigende Gestalt, die bereits von den Schatten des späten Nachmittags umflossen wurde.

– – – Sonnige Pause, – – hohe Berge, – – Gust, – – Frauen, die lachen. Sie verkrampfte die Hände. Das gehörte ebenso zusammen. Die Nachmittage in der Meierei fielen ihr ein, wo sie diese Frauen von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. Eine von diesen gehörte zu ihm. Ganz gewiß gab es irgendwo ein Mädchen, dem er von seinen Reisen lange Briefe schrieb, mit dem er bereitwillig die Schönheit teilte, die er empfand; die er in solcher Dämmerstunde, wenn die sinkende Nacht alle Gegenstände, alle Gefühle mit grauen Schleiern verhängt, bei den Händen faßte. Ah! Ein dumpfer Schmerzenston kam über ihre Lippen.

Sie schüttelte den Kopf . . . Weg, weg . . .

Horner sprach fort . . . Rosinchens Spiel wand sich durch seine abgerissenen Worte, wie eine schläfrige Schlange sich durch Wurzelwerk und Gestrüpp windet.

Das hypnotisierte die Zeit . . . Der Nachmittag war ewig . . . Kamen die anderen noch nicht zurück?. . . Sie preßte die Lippen fest aufeinander . . .

Horner streckte den Daumen gegen sie aus. »Dir, dir sage ich . . . du wirst einmal schwer sterben. So viel Zähigkeit hast du in dir.«

Vom Fenster her antwortete ihre Stimme: »Du irrst, leicht werde ich sterben, schon weil ich so gerne sterben will. Ich werde müde sein.«

Sie kam näher und stützte sich wieder auf den Tisch.

»Jeder Mensch, denke ich mir, bekommt von der Natur seinen Anteil Kraft mit, die er in Arbeit umzusetzen hat. Jeder zu notwendiger Wirksamkeit – –«

»Komm zur Sache, komm zur Sache! Rupfe nicht an den Ideen, wie eine Ziege am Gras!« schalt Horner, der anderen nicht gern zuhörte.

»Schau, wenn irgendeine schwere Sache zu vollbringen ist, so geht man eben dran, ohne sich's zu überlegen, ohne Widerstände und Schwierigkeiten zu beachten, nur das Ziel im Auge. Siehst du, da trägt uns die Kraft. Oftmal in meinem Leben ging es mir so, als ich mit der Goldscheider abrechnete, – ehe ich mit der Miller sprach, als ich noch im Salon bediente und so nach Freiheit dürstete. Und nachher übersah ich stets die Strecke, den Sprung, den ich gemacht habe, jeden neuen Vorteil maß ich an meiner Müdigkeit. Ich habe mich ausgegeben. Heute, jetzt, so, wie ich da bin, nochmals vor solches Muß gestellt, ich könnt's nicht mehr leisten. Ärger noch. Wollt's nicht mehr. Es scheint mir nichts mehr so wunderwert, das Ziel ist ja auch nur Weg. Einer bleibt da stehen, der andere dort. Jeder so weit, als ihn seine Kraft getragen hat. Ich erkenne es klar, je kraftärmer wir werden, um so leichter sterben wir. Der Verbrauchte kennt keinen Todeskampf. Wer das Leben wirklich geliebt hat, wer seine Kraft rückhaltlos hingeopfert hat und sich erschöpft hat im Erdulden, dessen müdgelebte Seele verneint – und verlangt nach Ruhe. So stirbt man selbstverständlich, wie sich das gelbe Blatt im Herbste loslöst, ohne Bedauern, ohne das Bewußtsein, etwas Köstliches aufgeben zu müssen.«

Ganz dumpf und monoton, ohne Pause beinahe, setzte Horner ein:

»Aber die unverbrauchte, unausgenützte, unverzapfte Kraft gärt und tobt in dem alternden Körper weiter, fordert von ihm ihre Ausnützung und Verwertung. Rächt sich für die Schlappheit ihres ungerechten Verwalters, jagt ihn von Wunsch zu Wunsch, von Ziel zu Ziel, jagt ihn durch alle Bezirke der Qual, treibt ihn durch die Straßen der Begierden, sperrt ihn in das Labyrinth der Sehnsucht, martert ihn . . .

Und zuletzt zersetzt sie sich in Todesangst . . In der blinden, abgründigen Angst vor dem Sterben, vor der großen Abrechnung mit den Gläubigern, in Angst, die schwer wie Blei in den lebendigern Adern stockt. Was?«

Er sprang auf. »Recht hast du, Balg, Pelikanbrut! Hast dein Sprüchel gut gesagt. Bums . . . Krach!. . . Eine Schmeißfliege, die um dein gares Gericht brummt, hast totgeschlagen? – Wie?« Seine Augen rollten, seine Lippen bebten in ungewöhnlicher Erregung, der Speichel sprühte sie an. »Brav nachgedacht, Dirne! Ein Philosophenkopf könnte es nicht besser leisten. Sauber stilisiert hat sie es auch. Und zum Satan, wahr ist es! So, jetzt drehe mit deiner Weisheit einen Strick und hänge den alten Horner auf . . . Da, da sitzt diese faulende Kraft.« Er riß sich die Weste auf und zerrte an dem grauen Trikothemde. »Und hier« – er schlug sich auf die Stirne – »hat sie ihre Fabrikation aufgeschlagen und leitet Abfall und stinkige Jauche durch meinen Leib, verpestet mir das Leben . . . Erzeugt Giftblasen, Höllenbilder, Tod und Teufel, und Träume . . . Träume! Wäre ich müde, Mädel, wäre ich nur auch müde.« Er beugte sich vor. – »Komm her, ich sag dir was, – ich habe eine geile Seele. Geil, schamlos, nackt, widerlich, wie ein fettes, altes Weib, in dem libido rast . . . Damit betrüg' ich meine Gläubiger. He, he, da steige ich zu den Ärmsten, Besitzlosesten und kauf mir die Seelchen auf. Mach sie zu meinem Eigentum. He, he, merkst du was? Dich hab' ich auch so gekauft. Billig warst! Ein feiner Fang! Hast Schulden abgezahlt, sag' ich dir, wie keine. Da war's auch ruhig . . .

Die Strecke überblicken, sagtest du? Nach rückwärts schauen?« begann er flüsternd, vertraulich beinahe und doch lag ein Grauen in dem Tone, »siehst, das trau ich mich nicht. Nein, nein, lieber Alpdruck, – lieber Angst, nur nicht stehen bleiben, Umschau halten . . .«

Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß sie nur die ergrauten Haare und den schwärzlich-grauen Fettansatz des Nackens sah. Der Ekel, der ihn jetzt erfüllte, teilte sich ihr mit.

Plötzlich zischte er in die Höhe. »Aufgehängt den Alten? Zappelt er schon? Hängt ihm die Zunge aus dem Halse? Tut nichts. Gibst dem wüsten Schädel da nichts Neues. Kenn' ich auch. Hab' ausgekostet die Exekution, ich alter Wüstling, wie ein Zuckerbonbon.« Er machte die Gebärde des Aufhängens.

»Horner!« rief sie entsetzt.

»Nee, ich nicht. Nachher, weißt, macht man es nicht mehr. Nach solchen Orgien legt man sich lieber hin, ruht aus. Ein alter Schweinehund. Wenn der Körper nicht will, muß halt die Seele her. He, he, lustig! Was?

So'n bissel Onanie – – schadet dem Gemüte nie.« – Und dazu knipste er widerlich toll mit den Fingern und hob das leere Glas empor.

Rückwärts gehend, ohne den Blick von seinem verkrampften, höhnisch lächelnden Gesichte wenden zu können, schritt sie dem Ausgang zu.

Fort, fort, den Mann nicht mehr sehen, nicht mehr anhören . . . Sie ertrug es nicht mehr. »Wie eine Leiche, wie eine Leiche,« dachte sie erstarrt, – »weg von ihm! Ich muß mich retten, das tötet ja.«

Ohne recht zu wissen, was sie tat, ging sie in den Salon, setzte sich neben Rosinchen, war glücklich, den Duft des Lebens zu fühlen, der stark aus dem dichten Blondhaar quoll. Sie naschte Konfekt von der Witwe, lief in Karlas Zimmer, weckte diese, riet ihr, sich schön zu machen, heute kämen feine Gäste, ging in die Küche, kostete vom Nachtmahl, ließ sich einen Teller voll zur Seite stellen und bei all dem dachte sie nur: »oben in meinem Zimmer sitzt eine Leiche.«

Sie stand mit der Portierin im Korridor, guckte nach den Wagen, die die Fräulein zurückbringen sollten, und sah, nach rückwärts schauend, Horner –, der die Stiegen hinunter kam. Sie drückte sich an die Wand, griff mit beiden Händen nach der Schürze der Portierin und sprach immerzu.

Da stand er vor ihr. »Nun,« sagte er, sardonisch lächelnd, »da scheiden wir, wie sich's gebührt, mit gegenseitiger Verachtung.«

Er ging zum Tor. – Sie streckte mechanisch den Arm aus. Allein, sie konnte keine Worte mehr finden, sie wußte, es war umsonst.

Und als der Knall der zufallenden Türe an ihr Ohr drang, da atmete sie plötzlich tiefselig auf und heißer Lebensodem strömte in ihr Herz. Es war ihr, als hätte sich die Seele wirklich aus der Umarmung einer Leiche gerettet.

So ging Horner aus dem Hause der Glücklosen in seine Welt zurück. Heimtückisch wie ein Dieb trug er das letzte Gut Miladas, ihr Mitleid, mit sich fort.

In diesem Augenblicke wurde Milada – frei.

Eine unendlich versöhnende Dankbarkeit, die aus dem All zu kommen schien und in das All zurückwallte, segnete sekundenlang ihren entweihten Leib.



Fünfter Teil

Erlebnisse



Motto:

Das selbständige Gewissen ist Sonne deinem Sittentag.
Goethe.



Am zweiten Feiertage zur Frühstunde war Bine ganz unerwartet ins Rothaus zurückgekehrt . . . Niemand hatte sie eintreten sehen, niemand erinnerte sich, ihr geöffnet zu haben.

Als Milada an ihrem Zimmer vorüberkam, hörte sie ein schwaches Geräusch, sie öffnete die Tür und erblickte sie. Sie saß, völlig angezogen, so wie sie gestern morgen von hier weggefahren war, auf ihrem schwarzen Holzköfferchen, und doch lag etwas in der Verwirrung ihrer Kleider, das Milada auffiel. Die Taille war, wie in großer Hast, schief zugehakt, der Spitzeneinsatz hing hinten über den Kragen hinaus, der schwarze Federhut, schlecht befestigt, war gerutscht und zog die Zöpfe, die um den Kopf lagen, in den Nacken hinab.

»Bine, was gibt's denn?« – Und als das Mädchen langsam, schwerfällig aufsah, da wußte Milada: Es ist etwas Arges geschehen . . .

»Was ist dir geschehen? Steh auf, sag' ich! So steh doch auf, Mädel!«

Ein Zucken, das jetzt starr und verzerrend über das bleiche Gesicht lief, weckte die Glieder der Sitzenden wie aus schwerem, eisernem Schlafe auf.

Aber es war nur der Beginn eines schrecklichen Ausbruches.

Sie schlug der Länge nach auf den Boden hin, begann zu schreien, zu heulen und warf den Kopf so krampfhaft hin und her, daß er jedesmal schwer auf den Leisten aufdröhnte.

Im Nu war das Zimmer gefüllt . . . Die meisten der Mädchen – im Hemde – umstanden durcheinander sprechend die Tobende . . . »Was hat's denn? – Ja, is 's denn net heimgefahren?« – »'n Doktor holen!« – »Die hat a Gift in sich.« – »Jesus Maria und Josef!« –

Vergebens versuchte Milada sie in die Höhe zu ziehen . . . Die anderen unterstützten sie. – Die Putzi goß resolut eine Kanne Wasser auf sie, während die linke Anna mit lustigem Grinsen Eau de Cologne verspritzte. Aber krampfhaft und eisenfest stemmte sich das Mädchen gegen den Boden an. Sie stieß mitten im Schreien Worte aus, die niemand verstand, sie raufte wild gegen die helfenden Arme, sie schnappte nach Miladas Hand, die ihren Kopf zu schützen suchte.

»Es hilft nichts,« sagte die linke Anna endlich und ließ die Flasche sinken, – »wenn ka Mann da is, muß man's austoben lassen«. . . Die Portierin drängte sich vor . . .

»'s Fräulein läut' umanand, was da los is . . . Aber schamens Ihna, Fräulein Bine, – a so a Ramasuri im Haus. Schaun's scho bei die Fenster rauf, die Leut. Glei' hab'n wir die Polizei da . . . Wie bei der Zimmermann is nacher.«

Das wirkte scheinbar . . . Bewegungslos blieb Bine liegen . . . Jetzt riß Milada sie auf. »Was hast denn? – Was is geschehen mit dir?« riefen die Mädchen durcheinander. – »So red' doch, Menschenskind!«

»Ich weiß nicht, ich bin ich . . .« Wie blöd stand Bine da und glotzte sie alle an. – Ihr Gesicht war eingefallen, die Augen verschwollen und rot – »Sitz' ich auf Wiesen draußen ganze Nacht,« sagte sie leise zu Milada.«

»Warst am End' gar net z'haus?«

»Warst du zu Hause, Bine?«

»Weiß ich schon alles,« schluchzte Bine schwer und müd . . . »alles, alles«. . . dann sah sie im Kreise umher, langsam, widerwillig, von einer zur andern, bis ihr Blick an Miladas Gesicht hängen blieb. In diesen grauen, guten Augen versank ihr unendlicher Gram.

»Bleib ich schon ruhig,« flüsterte sie ihr zu und nickte. Und damit setzte sie sich wieder auf ihr Holzköfferchen, legte die Arme über die Knie, den Kopf darauf und rührte sich nicht mehr.

Ganz verdutzt und verständnislos sahen die andern einander an.

»B'soffen,« konstatierte Anna.

»Meschugge,« sagte die Putzi.

Nur Milada beschlich eine finstere Ahnung.

»Geht's schlafen!« sagte sie den andern.

Ohne weiteren Versuch, das Mädel aufzurütteln, nahm Milada ihr nur den durchnäßten Hut vom Kopfe und legte eine Decke um den frierenden Körper. – Dann trieb sie alle hinaus.

Nach einer Stunde lag Bine ordentlich im Bette ausgestreckt und schlief fest. – Wie verwüstet sah das derbe, sonst so gesund frohmütige Gesicht aus. Die Finger hielt sie in Schreck und Abwehr ausgespreizt. Der Atem glich einem unruhigen Keuchen. Es war, als liefe sie, liefe immerzu.

»Der arme Hascher,« sagte Gisi, die schon am Kopfende gestanden hatte, als Milada eintrat. »Was glaubst denn?« –

Gisi sah reizend aus in einem grünen, lichten Hauskleid, und mit einer gütigen Bewegung, die mütterlich und weich war, richtete sie der Schlafenden die Polster zurecht.

»Irgendeine Niederträchtigkeit,« entgegnete Milada kurz.

»Von ihm?«

»Von ihm.«

»Allweil is so ein Hundskerl dabei, wenn unsereins verreckt,« stieß Gisi zornig hervor, »nachher heb' dir a Herz auf für'n Rechten!«

Sie kollerte den Hut mit dem Fuße weg, und das ganze liebe Gesicht wurde hart.

»Glaubst, daß 's jetzt schläft?«

»Was weiß ich?«

»Will er sie nicht?«

»Tut's dich wundern, Gisi?«

»Das – scho – net,« sagte Gisi kleinmütig . . . Dann seufzte sie auf und ging hinaus.

Gegen Mittag meldeten die Fräulein, die Michal habe die Türe verriegelt und man höre sie im Zimmer umherräumen. – Aber ganz ohne Zögern öffnete Bine sofort, als Milada sie anrief. Sie hatte ihre Sachen aufgeräumt, das Bett geglättet, sich frisiert und angezogen . . . Sogar für den Abend war sie hergerichtet, das konstatierte Milada sofort mit einer gewissen inneren Beruhigung. Ihr Gesicht war abgemagert, verhärmt, scharf hoben sich die brennroten Augenlider von der stark gepuderten Haut ab.

»Nun sag', Bine, was hat's denn nur gegeben heute nacht?«

»Heute nacht? – Ganz verrückt war ich von dem Sitzen auf der Wiesen.«

»Warst du denn nicht zu Hause?«

Bine drehte sich um und sah Milada bedeutsam an. Ein Schlucken arbeitete sich in ihre Kehle herauf, und mit erstickter Stimme sagte sie: »Aus is.« – Dann ging sie mit dem alten, schwerfälligen Schritt auf Milada zu und faßte sie bei der Hand.

»Du hast doch alles von mir gewußt. – Warum bist du mir nicht dreingefahren: ›Narrkopf, was willst? Bist schlecht, verdorben, – nix für braven Mann. – Ein Luder bist, verkommenes. . . . Warum? – Warum?‹« –

»Wer hat dir das gesagt?«

»Wer? – Alle. – Alle. – Der geistliche Herr, Vater, Mutter, Bozenka auch und –« sie schluckte »Cyrill. – Milada wie du mir jetzt ansiehst, – wahr is, – nicht, Milada?« – Sie wartete keine Antwort ab und fuhr fort:

»Ach was, weg alles, weg . . . Geld, Häusel, Kuh – der Mann, – alles . . . Aber so mit mir wirtschaften, so niederträchtig wie Zigeunerin mich ausjagen aus meiner Mutter Hof. Und hinter mir 'n Pfaff mit 'n Vaterunser schicken, pfui, pfui!

Ich steh' da, wie alte, arme Hund im Regen und weiß gar nicht, was sie von mir wollen, – alle prügelns los und schimpfen. Schlagen dann die Tür zu, und Mädel kann gehen. Jetzt weißt du alles.«

»Nein, Bine, erzähl' erst mal ordentlich!« sagte Milada und streichelte die kalte Hand.

Milada entnahm der folgenden, verworrenen, von zornigen Tränen unterbrochenen Erzählung, daß Bine die ganze Familie gleich bei ihrer Ankunft in einer auffallenden, freudiger Überraschung nicht gleichkommenden Verlegenheit angetroffen hatte. Das Haus war geschmückt, die Tafel pfingstlich gedeckt, aber kein Gast zeigte sich, alle ihre Fragen wurden so karg und kalt beantwortet, so daß sie noch in der Stunde der Ankunft den Vater anpackte und ihn fragte, was es denn gäbe.

Der sagte verwirrt: »die Mutter weiß was auf dich,« und machte sich eilig los. Von Cyrill war überhaupt nichts zu sehen. Sie ging zu seiner Mutter hinüber, – dort war eine versperrte Tür, alles, sagte der Dienstbote, sei ins Böhmische zur Kirche hinüber gegangen. Es sei eine solche Unruhe im Hause gewesen, die Mutter habe ihr finstere Blicke zugeworfen und immer so höhnisch mit den Lippen gelacht und die jüngste Schwester, die Bozenka, angeschrien, weil sie ihren – Bines – Hut in die Hand genommen habe. Und ihr sei von all dem so ängstlich geworden, daß sie sich nicht mehr getraut habe, eines von ihnen anzureden. Mit den Schwestern habe die Alte immer die Köpfe zusammengesteckt und geflüstert und einmal hörte sie, wie der Dienstbote von drüben durchs Fenster rief: »Im Hofe wartet er.« Wie sie die Bine sah, fuhr sie erschrocken zurück, und die Mutter schimpfte. Da sei ihr ein Licht aufgegangen.

»Wer wartet im Hofe?« fragte sie.

»Geht dich an, du Mensch, geh nur, er wird dir's selbst sagen.«

Und sie ging hinaus in den Hof. Niemand war da. Aber sie hatte den Hund gehört, der hat gewinselt, weil er sie erkannte. Wie sie zu ihm will, steht einer vor der Hütte, hält dem Bembor das Maul zu. Der Cyrill ist es in Uniform . . .

Bine schweigt und starrt vor sich hin. Dann fährt sie im Berichte fort: Wie sie ihn begrüßen will, stößt er gleich ihre Hand weg und sagt, er wisse schon, daß sie ein Stadtluder geworden sei, und er tät sich schämen für sie vor der ganzen Verwandtschaft. Und seine Mutter tät ihm den Kopf abreißen, wenn er noch mit ihr kommen würde. Das Sündengeld möcht' er nicht mit den Fingerspitzen berühren, das habe auch längst der geistliche Herr an sich genommen. Und jetzt solle sie rasch zurückmachen ins Luderleben, wo man sich seidene Fetzen anschaffe und Goldketten.

Wie sie in ihrem Entsetzen anheben will, stehen alle um sie herum, Vater, Mutter, alle schimpfen los, die Bozenka hält die Laterne dazu, und die andere, – die nimmt Cyrill um den Hals und lacht zu ihm auf. Da hat sie alles gewußt. Cyrill fuchtelt mit dem Säbel und schreit, daß er sie niederstechen möchte am liebsten. Und Andulka sagt ihm: »Steck' ein, Cyrill, wär' nicht wert, daß du was anstellst wegen der.« – Ich fahr Mutter an den Hals und sag': »Das hast du wollen, du.«

»Ja,« sagt sie, »ärgerst dich, daß er lieber braves Mädel nimmt.«

»Wo is mein Geld?« sag' ich zu Vatern.

Schreit sie: »Geld brauchen Geld nicht von dir, Stadtmensch, elendiges. Da frag' den Hochwürdigen, wo dein Geld hin is!«

Steht der Pfaff schon daneben, aber so ein langer, schwarzer aus dem Böhmischen drin, den sie gar nicht kannte. Der sagt, daß er sich unterstanden habe, das Sündengeld zu reinigen, indem er ein Altarbild der heiligen Magdalena stiftete.

»Während er spricht, seh ich, daß Andulka lacht und Cyrill lacht und dreht den Schnurrbart so.« Bine sprang auf. – »Da bin ich über sie und hab' sie zwischen Fäuste gepackt, wie Narr hab' ich gewürgt und immerzu am Halse, bis sie mir weggerissen haben von ihr. Was noch war –« sie schüttelte den Kopf – »nichts mehr. Alle sind ins Haus. Der Pfaff ist dagestanden wie Leiche und hat gebetet über mir. Eine stellt Koffer in den Hof, Hut fliegt aus Küchenfenster nach. – Er schreit mir »s Bohem!« nach und aus war's.

Wie ich auf die Bahn gekommen, – wie – weiß ich nicht. In Nacht war ich hier. Da draußen bin ich auf der Wiesen gesessen, hab' ich geschlafen oder gewacht, weiß ich auch nicht. Weiß ich nur, daß ich tot sein möchte.« – Sie lehnte den Kopf an die Mauer und nickte vor sich hin. Milada stampfte auf.

»Nein, so geht das nicht! Gib mir die Postrezepisse, Bine, ich geh' zum Doktor Morgenstern, gleich. Der wird helfen.« –

Bine sah sie mit ihren verquollenen Augen verständnislos an.

»Wir gehen zum Advokaten! Denken sollen die an den Skandal . . . Ich sehe schon, was dahinter steckt.«

Bine machte eine Bewegung . . . »Kannst du und kann Advokat – Cyrill nicht zwingen, mich noch lieb zu haben!«

An der Türe stand Gisi und horchte zu.

Auch die Putzi mit ihren tiefen, glänzenden, blauen Augen starrte ins Zimmer.

»Ach was, die haben ganz gut gewußt, wo du bist, das ist alles abgekartet, Schwindel . . . Der Soldat ist auch ein Hund –«

»Nein,« sagte Bine bestimmt, »der hat mir lieb gehabt früher in Schule, – aber« – und ein grüblerischer Zug erschien um ihren Mund, – »jetzt haben sie ja doch recht gehabt mit alles . . . . So eine, wie ich, – die is schon schlecht, – paßt nicht auf Dorf« . . .

Langsam, langsam arbeitete sich das Sittenbewußtsein in diesem schwerfälligen Geschöpfe auf . . . In ihrem Gesichte zuckte und arbeitete es, man sah wie die gerechte Seele sich plagte, mit der neuen, grausamen Erkenntnis fertig zu werden.

»Ich hab' mir ja immer gedacht, ich hab' mir ja gedacht in die erste Zeit, so viel Geld und gute Leben und alles schön, da muß Sünd' und Bosheit auch dabei sein. Und wenn ich alle Monat Geld auf Post tragen hab', hab' ich mir gedacht: Hast's dir verdient ohne Arbeit. Aber wie nix is kommen, alles war gut, hab' ich halt gedacht, es kann auch so schönes Leben sein, ohne daß Böses nachkommt. Jetzt weiß ich. Wie ich war armes Ding mit Tuchel um Kopf, hat mich Vater lieb gehabt, Bozenka auch und Cyrill. Alle Leut' zu Hans. Und jetzt mit goldene Ketten schmeißen sie mir vom Dorfe. Das is Strafe kommen.«

Putzi: »Sind leicht Ärgere bei euch im Dorf.«

Gisi: »Kannst noch an' Bessern kriegen, als der gemeine Kerl is.«

Milada mit zornigem Augenblitzen: »Das Geld müssen sie dir zurückgeben.«

»Und du hast ihm ka einzige Watschen gegeben?« erkundigte sich die linke Anna neugierig.

»Vitriol in d' Fatzken, so an' böhmischen Geldfresser!«

Sie vollendete nicht, denn es läutete einigemal von der Portierloge aus. Die Mädchen stürzten auf den Korridor.

»Also, Bine, hör' mich!« sagte Milada schnell, »Kopf hoch und weiterleben . . . Ich, ich werde dir helfen . . . Laß sie alle. – Denk' an das Kommende.« Sie hatte nicht den Mut, das Lügengespinst weiter um dieses gequälte Geschöpf zu winden . . . Sie vollendete beinahe flehend: »Bine, es hat dir doch ganz gut gefallen hier? Warst glücklich, wie?«

Bine nickte: »Weil ich nach Hause denkt hab'. Weil ich mir gefreut hab' auf Cyrill – auf – unser Häusel, auf Garten . . . Ja, alles, alles hab' ich gesehen, wie's wird.«

Sie stand auf. Der grüblerische Zug um ihre Lippen vertiefte sich und etwas Gebrochenes, Wehes klang durch die alte Bedächtigkeit des Tones hindurch.

»So was is gut und schön mit Geld von schwere Arbeit, weißt . . . da wird's wirklich . . . Da ist auch die Freude richtig . . . Weißt?. . . Aber so sündig leicht und schnell schafft sich Mensch kein Glück aus.« – – Nach einer Weile fügte sie sehr bestimmt und wie jemand, der mit einer Sache zu Ende gekommen ist, hinzu; »Recht haben's doch gehabt . . . Braves Mann kann so eine nicht mehr heiraten . . . Wär' schad' um ihn.«

»Das ist kein braver Mann, der so handeln kann.«

»O,« sagte Bine und hielt Miladas Arm zurück . . . »Cyrill ist braver Mann . . . Sonst hätt' er zugelangt zu mir, wie ich da – zu dem Geld . . . Sie – freilich – – sie,« – ein Hassesblick leuchtete auf, – »hat mir dazu geschickt. Ich hätt' ich laufen sollen, – wie – wie heut nacht aus Vaterhaus . . . Ja – da war Teufel hungrig in mir . . .«

»Dein Geld müssen sie zurückgeben,« wiederholte Milada, obgleich sie genau fühlte, daß Geld in Bines Bewußtsein jeden Wert verloren hatte. – Aber sie klammerte sich daran mit leidenschaftlicher Energie – und alle Bitterkeit, die in ihr aufquoll und den Tatsachen gegenüber so machtlos war, entlud sich immer wieder in derselben zornigen Forderung . . .

Etwas krampfte sich in ihr zusammen, als Bine jetzt sagte: »Bin ich dummes, junges Ding kommen in Stadt . . Mutter hat mir Adresse geben, bei Polizei haben's Witze gemacht, no, hab' ich denkt, alles is gut . . .

Hätt' mir jemand g'sagt, tu's nicht, Mädel, bleib fort! – Schweres Arbeit is besser für dich, – das wär gut,« – sie hob die Achseln: – »War halt niemand dafür da . . .« Beide schwiegen. – Die Zimmerglocke ertönte. – Beide horchten.

Aber unten rief man: »Fräulein Bine!« Das Nahen von Schritten tönte. Einem mechanischen Zwange gehorchend, öffnete Bine die Tür und trat hinaus . . . Milada ging ihr nach . . . Sie sah die volle, schwere Figur langsam einem Manne entgegengehen, ihm die Hände reichen, – einen Gruß erwidern, sprechen . . . Jetzt kam das Paar an ihr vorüber . . . Bine sah vor sich hin . . . Der Mann hielt sie am Arme fest und lachte derb, bis sie hinter der Zimmertür verschwunden waren.


Der Sommer begann mit Sturmstößen und Regen. Mitten im Unwetter ging Milada den Weg zum Luisenspital. Sie hatte vor einigen Tagen einen Brief von Fanni erhalten, worin ihr diese mitteilte, daß sie jetzt aus dem Spital komme und lieber ins Wasser springe, als zur Zimmermann zurückzukehren, die alle ihre Kleider mitgenommen habe, damit sie sie wieder einfangen könne . . . Milada kannte dieses von den Wirtinnen gehandhabte System und hatte daher ein Bündel Wäsche und Kleider mitgenommen, dem Mädchen aus der dringendsten Not zu helfen.

Neben Milada ging »das Rosinchen«, ein langaufgeschossenes, blondes Mädel mit lieblichem Gesicht, das die Witwe aus St. Pölten vor kurzem zugebracht hatte . . . Rosinchen trug eine große Schachtel und hatte mit der linken freien Hand gehörig zu tun, den breiten, weichen Hut vor dem stoßenden Winde festzuhalten.

»Is nur gut, daß ich die kurze Chose hab',« bemerkte sie mit einem Blick auf die Wasserlachen.

Aus anständigem Hause stammend, war Rosinchen mit fünfzehn Jahren von einem Offizier verführt worden . . . Da dieses Verhältnis Folgen hatte, und das Mädchen brutal aus dem elterlichen Hause gestoßen wurde, quartierte er sie bei einer Winkelhebamme in St. Pölten ein; das Weib hatte Unglück, der vereinbarte Eingriff mißlang, – es gab einen Riesenskandal, der Offizier wurde strafweise versetzt, und die Pforten des elterlichen Heims verschlossen sich dem unglücklichen Mädchen für ewig. Nachdem sie im Spital notdürftig genug geflickt worden war, nahm sich ihrer die Witwe an. Unter der Vorspiegelung, ihr in der Hauptstadt einen Posten zu verschaffen, brachte sie das Mädchen nach unterschiedlichen Zwischenstationen im Salon Miller unter, – einstweilen nur »leihweise«, da sie sich mit ihr immer wieder in St. Pölten zeigen mußte.

Einem dunklen Instinkte gehorchend, hatte sie Milada jetzt in das Luisenspital mitgenommen. Sie war zwar durch Gewohnheit zu abgestumpft, um Mitleid oder gar Gewissensbisse zu empfinden, aber sie dachte, der da täte es gut, wenn sie sähe, wo das bequeme Leben unfehlbar enden mußte. Etwas wie eine unausgesprochene Warnung sollte darin liegen und konnte vielleicht das in süßen Illusionen eingewiegte Kindergemüt aufrütteln. Auf dem Wege plauderte Rosinchen unaufhörlich; sie erzählte von den Tanzstunden und ihren Freundinnen und dem ersten Ballkleid, das sie zum Abiturientenfest bekommen hatte; von dem Glasschranke, wo Mutter alle Spielsachen aufbewahrte und in dem eine Puppe stand, die gehen konnte.

»Aber Mutter is da so komisch. Als ob's nich besser wär', man kriegt's zum Spielen. Nein, alls hinter Glas versteckt und wir konnten heulen.« Dagegen sprach sie höchst selten von der Schicksalstragödie, die sie erlitten, und auch nie unaufgefordert. Den Offizier nannte sie den »jungen Herrn«, den Aristokraten, der sie nach ihm besessen hatte, den »alten Herrn«.

Milada war neugierig, welche Eindrücke das Leben und Treiben im Hause auf das Gemüt der Siebzehnjährigen machte, aber da war nicht viel zu erfahren. »Die Gisi ist die Schönste, sie hat so a liebe Manier mit die Herren, die Putzi fliagt wie a Narr herum«, und vor der Miller hatte sie Furcht. – Sie möchte auch viel lieber einen oder höchstens zwei Herren für sich allein haben . . . Und von der Witwe loskommen, die immer Geld wollte. Das war alles.

Ja aber, fragte Milada, was wohl Vater und Mutter dazu sagen würden. Rosinchen warf ein Mäulchen auf. – Mutter hätte ja nicht so sein müssen, immer viel zu streng. Da sei eine Puppe im Glaskasten, – na und wenn man sie mal richtig herausnahm, gab es Haue. So was! Als ob eine Puppe nicht zum Spielen wäre! . . . Und so fort ging das Geplauder, bis sie ins Spital kamen.

Fanni kam ihnen im grauen Anstaltskittel entgegen, sehr blaß und abgemagert, aber »kerngesund«, wie sie erzählte.

Sie war heiter, ausgelassen froh sogar, ganz entgegengesetzt der Stimmung, die Milada nach ihrem Briefe erwartet hatte, quittierte die mitgebrachten Kleider mit Dank, zeigte ihnen aber geheimnisvoll lächelnd ein dunkelbraunes Samtkleid mit Schwanbesatz, ein wenig abgenützt und vertragen, das sie mit Stolz als ihr Eigentum bezeichnete. Und dann schimpfte sie über die Wärterin, über die Zimmermann, die sie bestohlen hatte, aber jetzt liege ihr schon nichts mehr dran, denn sie mache ein Glück, – o, so ein Glück!. . . Das sei eine ganze Geschichte, – denn die Olympia, die erste Wirtschafterin der Goldscheider, die sei nämlich auch da, und von der habe sie das Kleid geschenkt bekommen und »ein Geschäft, – wunderbar und alleweil in der frischen Luft« . . .

»Die Olympia?« – »Ja, aber miserabel is 's scho dran. Dort hinten liegt's. Siehst, – wo nur allweil zwei liegen dürfen . . . Hast du g'wußt, daß die richtig a so wie ich haßt? Fanni haßt's. Mit an Praterwirten geht's und unten is in Wirtshaus und a jeden Abend is Musik. Sie spielt d' Harfen und i sollt singen. Weiße Kleider kriegen wir mit ungarische Bandeln . . . 's heißt Pußta-Herberg. – Fein, was?«

»So krank ist die Olympia?«

Die Fanni machte ein Gesicht. »O ja, die macht's nimmer lang, hat der Doktor gesagt. – Wenn's scho auf dera Abteilung liegt überhaupt. – Dafür hat's mir auch das braune Kleid g'schenkt. Weil's halt nicht mehr spazieren gehen wird.«

Milada wirkte sich die Erlaubnis aus, und die Wärterin führte sie hinüber. Da lag die schöne Olympia im Bette, ein Gespenst mit aschgrauen, eingefallenen Zügen, zitternden Händen und einer erschreckend dünnen, tonlosen Stimme. Es dauerte eine Weile, ehe die Kranke den Sinn dieses fremden, dunkel beschatteten Gesichtes erkannte, das sich über sie beugte. Sie rollte mühsam die Augäpfel herum, fixierte den Blick . . . Ach, sie kam aus weiten Fernen!

»Ja Oly, was machst denn du?«

»Da, da,« die Kranke griff sich an den Hals, »zu viel feucht Praterluft, viel feucht.«

»Wirst wieder gesund werden,« flüsterte Milada ergriffen.

Die ehemals so flotten »Sechser« an der Stirne hingen grau und feucht, verklebt vom Schweiße, über die Wange herab.

»Stimm' hin,« flüsterte Olympia, – »halt – werd' ich jetzt. . .«sie machte mühsam die Gebärde des Harfenspielens. . .

»Und die Fanni wird dazu singen, – ob die das so treffen wird wie du?« – Milada beugte sich nieder.

»Er hat g'sagt, – viel – nicht, – so 'n bissel, – aber, – aber –« sie zuckte mit der Achsel, griff nach der versagenden Kehle. – – Dann langte sie nach der Tafel, die neben ihr auf dem Bette lag und schrieb: »Fanni ist sehr, sehr krank, Fanni, – Doktor gesagt, – nichts aushalten.«

»Zu ihm gesagt,« flüsterte sie noch mit Anstrengung.

»Ist er gut zu dir?«

Olympia legte die Tafel bin und zuckte mit den Achseln. Dann nickte sie schnell und schloß die Augen.

Milada nahm ihre Hand.

»Krank!« flüsterte Olympia, – und ein Abgrund von Ungemach lag in diesem einzigen Worte. – Eine Träne kroch unter den Augenlidern hervor und sickerte in den groben Stoff des Hemdes.

»Du geh halt wieder nach Paris, da is es viel besser für dich, du,« versuchte Milada zu scherzen.

Olympia schüttelte den Kopf, und doch glitt der Traum eines Lächelns um ihren Mund.

»Grüß alle,« hauchte sie, »schön war's!«

Welche Bilder mochten jetzt in dem blutleeren Hirn Reigen tanzen! Der Goldscheidersche Salon, das schwarze Seidenkleid der Wirtschafterin, das Geldtäschchen, Musik! . . . Oder noch weiter zurück, – – Paris, – Lachen und Leben, – rauschende Feste, – sonnige Spazierritte im Wäldchen, – Bälle, wo das nackte, glühende Fleisch Triumphe feierte . . . Und Liebe für das Herz!

Schön war's! – Feierliche Aussöhnung des Fleisches mit dem Schicksale . . . Jeder Krampf gelöst . . . Frieden!

»'s Maul halten!« fuhr die Wärterin grob dazwischen, »a was, – sie muaß, – der Doktor hat's gesagt . . .«

Milada beugte sich rasch nieder, küßte die Stirne der Kranken und drückte der lauernd dastehenden Frau ein Geldstück in die Hand.

»Weil's dann gleich über unserans geht,«' entschuldigte die sich schnell.

Drüben war Fanni in eifriger Schilderung der Herrlichkeiten begriffen, die ihrer harrten. Eine wichtige Rolle spielte darin das weißgrüne Band, das sie tragen sollte, und die Kokarde dazu im Haare und die vielen ungarischen Kavaliere, die kamen . . . »Magnaten nennt man die, und die kommen in goldenen Wagen mit grünen Federbüschen daher«. . . Und Rosinchen riß die blauen Augen bewundernd auf . . . Nach der »Produktschon« luden die Herren die »Künstlers« ein zu Champagner und Austern und was halt sonst auf der Karte das Teuerste war. Und am Sonntag erst, da kamen die richtigen Zigeuner, – braune Kerls mit Augen wie Kohlen . . . Ja, das war was zum Liebhaben! Und während sie sprach, mit dem halbblinden Spiegel oberhalb des Waschtisches kokettierte, spuckte sie tüchtig in das Tuch und um die Lippen blieb ein feiner, blaßroter Streifen zurück.

Zum Schlusse versprach sie dem Rosinchen, sie wolle, wenn noch etwas von der »Produktschon« frei wäre, an sie denken . . .

»Wann er gut gelaunt ist, nachher sag' ich's ihm . . . Ich möcht eh lieber Posen stellen – so – Wehmut – oder Dämmerung – mit die Schleiers . . . Ich end' eh no beim Theater . . .«

»So ein Talent is schön,« atmete Rosinchen ganz gefangen.

»No so schnell is ja unserans auch net zu was kommen,« tröstete Fannerl, hochbefriedigt von dem Eindrucke, den sie gemacht hatte. – – Sie begleitete dann die beiden über den Korridor, immer noch lebhaft plaudernd, fragend und überall Grüße bestellend.

»Du, Mila, horch, 'n Doktor, – dein'n, – weißt, – 'n Gust, hab' i vorgestern da g'sehn . . . Er war in unserer Abteilung . . . Na, und i grüaß, und er, siagst, – so macht er mir, der öde Ding . . . Magst 'n no?«

Ein Hustenanfall unterbrach sie. Die zarte Gestalt schwankte hin und her und rang verzweifelt nach Atem, dem das helle Blut, das zum Schlunde empordrang, den Weg verlegte. –

»Wirst schaun, daß d' hoam kommst, Mensch, sakrisches!« schimpfte die Wärterin, die, mit Ballen Watte beladen, an ihnen vorbeikam, – »na wart, wenn dich der Schiffer sieht.« – Rasch fuhr das blutbefleckte Tuch in die Tasche des Kittels. Sie nickte einen Abschiedsgruß und lief zurück, von dem Schelten der Wärterin begleitet. – »Da rennt's mit dem Funzerl Lungen, was 's noch in sich hat,« sagte diese zu Milada und schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Haben Sie – das Blut gesehen?« fragte Rosinchen schaudernd.

»So leben sie, – so sterben sie,« dachte Milada.

»Nicht wahr, die lebt nimmer lange?« forschte die andere und hielt den Hut mit beiden Händen, denn der Gewittersturm umtoste sie. – Und ohne die Antwort der in tiefem Sinnen Verlorenen abzuwarten, fügte sie bedauernd hinzu:

»Grad', wo sie so ein Glück machen soll! Pech, was?«

Milada antwortete nicht. In ihrer Seele schwirrten aufgescheuchte Erinnerungen, – wie Nachtvögel gegen das Licht . . .

Gust ist da, – Gust war oben, – Fanni hatte ihn gesehen. – Also war er nicht in Berlin. – Sie hatte mit dieser Tatsache abgerechnet. Aber nun, wo er hier war . . . wo er in der Nähe war, . . . sie ihn sehen konnte, – morgen, übermorgen vielleicht . . . Bange und glücklos war das Gefühl der Ernüchterung, das sie jetzt durchdrang . . . Gust würde wiederkommen . . . Der Herr war er dann, der Gast . . . Wenn er befahl, mußte sie ihn gehorsam in das Zimmer der Schönsten führen.

Nein, – schrie das Weib in Qual auf, – nein . . . Ich kann das Haus verlassen, – die Straße, – kann alles, – alles vergessen, – ich kann . . .

Sie blieb einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln . . . Rosine bettelte vor einem Konditorladen, und sie nickte . . . Der Laden war leer, – Rosine löffelte Ananas und lächelte vergnügt die Verkäuferin an, die sie mißtrauisch fixierte.

»Ich muß ein Ende machen damit,« dachte Milada, »schnell, schnell, jetzt, ehe ich nach Hause komme und Gust vielleicht dort sitzen sehe . . . mit Gisi oder Thea . . . dann darf niemand es merken . . . ich will nicht . . . ich will nicht.«

Und doch schien es ihr beinahe unmöglich, so mit ihm zu verkehren, wie bisher. Zuviel hatte sie gedacht; ihn zu innig mit ihrem innersten Leben verknüpft . . . Sie kam nicht mehr los. – Der Druck seiner Hand, sein Lächeln, sein Blick, sein Wille, seine Kraft, das macht nicht mehr Gust Brenner aus, den Fremden, den Herrn. Ihr Eigentum war es geworden, der reiche Inhalt ihrer stillsten Stunden. Der Pfingstmorgen mit seinen unerhörten Versprechungen stieg wieder verführerisch auf. Alles dieses zur Wirklichkeit wandeln, vermochte sie das? Wie oft hatte sie früher zu Horner gesagt: »Was ich will, erreiche ich, ich fühle es. Ich habe die Sicherheit, es wird.«

Und hier? Erlahmte ihre Kraft? – ihr Glaube? – Hier, wo Willenserlösung zugleich Daseinserfüllung wurde?. . .

»Je, Sie essen das nicht?. . . Schaun's, wenn Sie nicht gleich essen, so zergeht's Ihnen. Nachher schmeckt's dumm . .« Rosinchens Stimme klang schüchtern in die Stille . . . Milada erhob sich, zahlte, – während Rosinchen sehr schnell das zugeschobene Tellerchen Fruchtcreme auslöffelte . . .

Dann begann Milada hastig ein Gespräch mit dem Mädchen und ließ krampfhaft den Faden der Unterhaltung nicht los, bis sie in der Rothausgasse waren. – Freilich, als sie den teppichbelegten Korridor hinausschritten, durchzuckte sie die Gewißheit von Gusts Anwesenheit mit solcher Macht, daß sie sich unwillkürlich am Geländer festhalten mußte. Sie trat in den Salon mit einem wunderbar erleuchteten Gesicht, so daß zwei fremde Gäste, die abseits beim schwarzen Kaffee saßen, sie neugierig und erstaunt musterten.

Die Gewißheit brannte so lebendig in ihr, daß sie geradeaus in den kleinen Salon ging und ihn durchflog. Da saß Gisi mit ihren Freunden und nickte ihr zu.

Und an dem anderen Tische Bine in einem neuen, blauen Atlaskleid, mit Spitzen garniert; sie saß allein, aber sie hatte eine Flasche Rheinwein vor sich stehen und trank, indem sie das Glas immer gegen die lachenden Männer am Nebentisch neigte.

Als sie in ihr Zimmer wollte, noch immer der unerklärlichen Ahnung ihrer Seele lauschend, hielt die Miller sie auf . . . »Was sagen Sie zu der Bine? Wie die jetzt geworden ist!! Fünfzig Gulden Weinlösung hat sie gemacht mit einem allein. – Bitte am hellen Nachmittag! Das bin ich, meine Liebe.« –

»Wieso?«

»No, wie Sie fort sind,« flüsterte sie kniffig, »geh' ich hinauf, leg' ihr den atlassenen Schlafrock hin, – sonst nichts. – Und nach fünf Minuten guck ich durch's Schlüsselloch, zappelt sie drin, macht Grimassen und droht mit der Faust. – Aber munter is sie. – Und ausgesackelt hat sie einen Kunden. – Das ist ein Geschäft! Tausend Listen gibt's da, wie im Krieg.«

Milada kehrte sofort mit ihr in den Salon zurück. –

Sie wußte, daß es ein Trug gewesen war. – Sie suchte ihn nicht mehr. – – Die Nacht rückte vor. Gäste kamen und gingen. Man schickte zur Zimmermann, holte Reserven herbei, das süße Rosinchen ging von Arm zu Arm, und Milada vergaß in den Anforderungen der nächtlichen Arbeit Schreck und Erwartung, die sie nachmittags gefangen gehalten hatten. – Nur einmal wieder wurde ihre Aufmerksamkeit im Salon festgehalten.

Sie sah Bines weinrotes Gesicht mitten im Kreise von lachenden Menschen auftauchen, hörte die aufgeregte, laut schreiende Stimme, sah sie wütende Gesten und geballte Fäuste machen, – während die Mädel laut kreischten und die Männer atemlos und gespannt zuhorchten. – Solche Intimitäten erfuhr man nicht immer. – Na, da gab's ja schöne Schweinereien im Dorfe. Und natürlich steckt ein Pfaff dahinter. Milada trat näher und hörte, wie Bine erzählte: ». . . Da pack' ich Luder am Hals, so, so . . .«

»Geh hin, Schniagl, sie braucht ein Modell.«

»– – – Und sag': Verreck!«

Also das war es! Sie gab ihre Geschichte zum besten. – Besoffen vom Wein, berauschte sie sich noch an ihrem Zorne, daß ihr das dunkle Blut gefährlich in die Augen stieg. – Vor diesen wiehernden Männern – die bedächtige, mißtrauische, verschlossene Bine! . . . Pfui, war die zertrümmert!

»Schrei nicht so, bedenk' dich!« sagte sie und faßte Bine am Arm.

»Ein Pereat dem Cyrill!«

Bine schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Auslassen!« schrie sie wütend.

»Bravo, so is recht! Nur nix gefallen lassen!«

Milada zuckte mit den Achseln.

Im großen Salon packte die Miller sie an: »Was sagen Sie dazu? Wieder zwölf Flaschen Rheinwein! Das bin ich, meine Liebe.«

Treppauf, treppab, die schwach erleuchteten Korridore durchschleichen, an den Zimmertüren horchen, von den maulenden Mädchen Geld fordern, – sie beschwichtigen, – wieder hinunterhetzen in den Salon und das Quittierte der Miller ablegen, – in aller Eile berichtigen, erklären, streiten oder achselzuckend Verdächtigungen einstecken, – das war Miladas antreibende, nie stille stehende Nachtarbeit. Dazwischen hieß es Bestellungen notieren, in der Küche servieren, Brötchen vorrichten, Stammgäste bedienen, verabschieden.

Aufknöpfen, zustecken, Haare ordnen, – die Stubenmädchen beaufsichtigen, daß sie die Spuren der Liebesfeste verwischen, und von der einzigen, immerwährenden Angst entnervt, die alle Inhaberinnen und Wirtschafterinnen dieser Art in einer gewissen kitzelerregenden Spannung erhält, unzeitgemäße Revisionen könnten verschiedene unzukömmliche Dinge und Vorgänge aufdecken und den berühmten Skandal heraufbeschwören, dessen Folgen unabsehbar sein könnten.

Um zwei Uhr morgens begann ein Exzeß.

Milada war gar nicht im Salon, als die Miller verstört hinauslief und verzweifelt nach ihrer Wirtschafterin schrie.

Als die aus den Zimmern heruntergelaufen kam, war alles schon im vollsten Gange . . .

Bine stand mit hocherhobenem Stuhl sinnlos schreiend und halb entkleidet, im Zimmer, während sich die Männer in hellem Schrecken aus ihrem Umkreise geflüchtet hatten.

Das Ärgste aber war: die Miller knickte händeringend und in stummer Verzweiflung vor einem Herrn zusammen, der sich legitimiert hatte und sie mit scharfen Fragen inquirierte.

Was an der Erzählung des Mädchens dran sei? – Ob sie ordnungsmäßig angemeldet wäre? – Wie es mit der Verrechnung stehe? – Ob sie gewaltsam zurückbehalten werde? – Denn daß die nicht gutwillig hier wäre, sei ihm klar. – Und überhaupt! Dies Gelage hier! Ob sie eine Schand- und Schankkonzession zugleich habe?

Und was dergleichen unbequeme Fragen mehr sind.

Zitternd, fassungslos, wie eine auf frischer Tat ertappte Schwerverbrecherin, stand die Miller vor dem Inquisitor.

»Ich hab' ja gewußt,« dachte sie, »es wird über mir zusammenbrechen, jetzt ist es da, – jetzt ist es da!« Polizei – Gerichte – Zeitungen – Kerker – ewige Nacht . . . Diese Vorstellungen schwirrten durcheinander, als Milada kam und die Situation erkannte.

Vor allem wurde mit kühnem Griffe das Rosinchen und eine zitternde, zopfbaumelnde Anna, die von der Zimmermann geliehen worden war, in eine Kohlenkammer gesteckt, während die Witwe als Aushilfsköchin in den Souterrainräumlichkeiten verschwand. Dann, während Bine mit weinheiserer Stimme weitertobte, der Stuhl auf Weinflaschen und Gläser niedertaumelte, ging sie an die Rettung der Miller, die ihr mit ersterbenden Äuglein entgegenzwinkerte. In einem Tone, durch dessen Devotion doch eine stark markierte Sicherheit klang, erklärte Milada Bines Verhältnisse.

Sie erbot sich, die Zeugenschaft anderer Mädchen auf der Stelle zu erbringen, zeigte nebst Bines in tadellosem Zustande befindlichen Dokumenten die Atteste des Kommissariats, – Ergebnisse letzter Revisionen im Hause vor, und stützte sich zur Erhärtung ihrer Angaben auf Herrn Theobald Sucher, der seit Urbeginn die Agenden des Salons führe.

Selbstverständlich sei die gnädige Frau bereit, auf Verlangen des Herrn Kommissars sofort zu schließen, bis eine eingehende Untersuchung die völlige Ordnungsgemäßheit des Betriebes klargestellt habe.

Er sagte, er verzichte vorläufig darauf. Ihre Erklärung genüge ihm. Es scheine wirklich nur die besoffene Kreatur da drin zu sein, die beanstandet zu werden verdiene. Im übrigen werde er, um seiner Pflicht ganz zu genügen, in den nächsten Tagen . . .

Und damit fuhr er in den schnell bereit gehaltenen Rock. . .

Milada wechselte mit der Miller einen Blick und überließ es der Aufseufzenden sodann, die letzten Formalitäten zu erfüllen.

Mit Hilfe der Portierin warf sie der tobenden Bine einen Teppich über den Kopf und schleppte sie aus dem Zimmer.

Mit wild rollenden Augen saß Bine auf dem Boden und starrte um sich. »Kriech ins Bett!« schrie ihr Milada zu und sperrte die Tür vom Korridor aus zu.

Das Haus fand erst in den späten Morgenstunden seine Ruhe.

Als Milada in ihr Zimmer ging, lief Gisi im Nachthemd auf sie zu. »Du, Milada, der Seidner war auch da . . . Mit dem Langen is nix, der mag kein Mädel mehr . . . Gar keine, sagt der Seidner . . . Aber der Doktor Gustl laßt uns alle grüßen. Du sollst mal zu ihm! – Bist froh?« fügte sie neugierig hinzu und sah Milada an . . .

»O du Dummerl, was geht der mich an?« sagte Milada ganz regungslos und stille.

»Ich hab' mir's halt denkt,« sagte Gisi kleinlaut und wie gekränkt.

Sie kam aber gleich ab und sagte: »Da schau her!« In ihren Händen hielt sie einen Riesenapfel, goldgelb mit granatroten Adern. »Das hat mir der Seidner gegeben. – Ein Philosoph is er . . . Aber mit dem langen Studenten is nix. – Joszi heißt der. Und dem – siehst, dem könnt' ich gut sein. Wenn er aber – –« Plötzlich schüttelte sie den Kopf, warf beide Arme um Miladas Hals und küßte sie inbrünstig auf den Mund.

»Da hast 'n Apfel!« flüsterte sie weinerlich und verschwand . . . Milada preßte das glatte, kühle Obst an ihre warme Wange und lächelte. Wenn es auch seltsame Apostel gab, gekommen war sie heute doch noch, die frohe Botschaft.

Zwei Tage darauf, die Speisestunde im Hause war schon vorüber, trat die Michal in Miladas Zimmer. –

Da diese schrieb, blieb sie eine Weile sitzen, mit gesenktem Kopfe und ohne sich zu rühren.

»Willst was?« fragte Milada, indem sie flüchtig aufsah.

»Ja,« sagte Bine schuldbewußt, – »möcht' ich gern was.«

»Was denn?«

Bine sah auf, und ihre Augen flackerten unruhig. »Bist böse?« fragte sie unsicher und noch einmal heftig und anklagend: »Bist auch böse, du?«

Milada schüttelte langsam den Kopf. – »Das nicht, aber leid tut es mir um dich . . . Wie kannst du nur so was machen?!«

Bine wehrte ab. »Weiß ich schon alles . . . Also werd' ich nicht hier bleiben . . . Gib mir fort, ja!«

»Hast du Geld?«

»Nein, brauch' keins«. Tu mir austauschen! Fort, weit fort in andere Stadt . . . Hier bin ich Narr von allen und Narr vor mir . . . Bleib' ich da, weiß ich, da, da, da hab' ich früher gesessen und gedacht an alles und mir gefreut. . . Und da kommt Zorn in mir. Und ich muß mir streiten und schlagen . . . Bin ich fort von da, is gut . . . Niemand weiß Geschichte von mir. Stoßt sich niemand an mir und sagt: Dummes Luder, da!«. . .

»Ja, aber . . .«

»Schau', hab' ich da Antwort auf meinen Brief.« Bine zog einen Brief hervor und öffnete ihn . . . »Ist deutsch,« fügte sie hinzu, da Milada sie zweifelnd ansah.

»Jesus, – die Spizzari weiß was für dich . . . na so eine Idee!« Milada verzog das Gesicht . . . Und im stillen dachte sie: das ist doch wieder das ganze umsichtige, willensbewußte Geschöpf . . . Zaudert nicht, läßt nicht mit sich handeln . . . Sucht sich selbst den Weg . . . Den Weg! Wie schade, daß er in diese Enge treibt!

»Ist ja egal!« antwortete Bine ruhig auf Miladas Bedenken.

Und dieses einfache Wort voll Resignation und Hoffnungsleere packte Milada. Sie sagte warm, indem ihre arbeitsgewohnten Hände die glatten, dicken des Mädchens streichelten . . . »Bine, du hast ja viele Dummheiten gemacht . . . Aber diesmal – sei klug! Geh nicht unbedacht von uns! . . . Fortgehen ist immer tiefer kommen, Bine . . .«

Die Michal starrte vor sich hin . . . »Machen alle Narren aus meinem Unglück.« Sie streckte abwehrend die Hand gegen Milada aus . . . »Weiß ich, – ich zuerst . . . Aber mir« – dumpf vollendete sie, – »kommt's rauf in Hals und muß ich schreien, wie wildes Viech.«

»Du darfst nicht trinken.«

»Bin ich nicht immer betrunken . . .« sagte Bine leise vor sich hin, und zugleich stieg ein blutiges Rot in ihr Gesicht . . . Sie schämte sich.

Milada wandte den Kopf ab.

Wieviel schöne Menschlichkeit war noch in diesem Weibe! . . . Wieviel, wieviel gab's noch zu zerstören!

Und visionär sah Milada Fall für Fall, Tiefe für Tiefe aufdämmern, – in deren Nacht Bines Ich rettungslos versinken mußte.

Hilf! Hilf! schrie es in ihr auf.

Dagegen war Horners Spekulation, seine waghalsigen Gedankenkünste machtlos. Ihre eigenen Wünsche – krank, ziellos verflatternd . . . Milada atmete tief auf. – Aus der Ferne klang beschwichtigend Gusts Stimme: »Fanni bekommt einen Freiplatz im Tuberkulosenheim . . . Hierher soll sie nicht mehr zurück. Die wollen wir retten.«

Kraftvoller als alle Ideenräusche, die gleich farbigen Blasen über diesen Morast emporsteigen, waren diese paar Worte . . . So kam die Hilfe. Prunklos, unscheinbar, aber kompromittierend mit Realitäten, in wirksamem Bunde mit dem Leben. Er konnte das . . . Gust, – der Freie! – Alle andern waren Sklaven gegen ihn.

Nach einer Weile sagte sie ruhig: »Bine, ich möchte dir was raten, geh in Dienst! . . . Stark bist du, scheust keine Arbeit . . . Lege dein Buch zurück, und ich geh' mit dir in ein Bureau, das Dienste ausgibt.«

»Kann nicht mehr arbeiten,« erwiderte Bine kurz und trotzig.

»Wieso? Hast doch jahrelang schwer genug gearbeitet zu Hause.«

»Bei uns? War ich froh und Arbeit war Spaß. Jetzt muß ich trinken, lachen, schreien, jetzt muß ich mir viel und viel aus Kopfe schlagen Tag und Nacht . . . Arbeit ist für Mensch, der nicht denkt . . . Und, – weiß ich nicht wie's kommt, – aber kann ich gar nicht mehr arbeiten . . . Bin immer müd.«

Und wieder der gleichgültige Blick ziellos vor sich hin, der dem Gesichte beinahe etwas tierisch Stumpfes gab.

Und Milada wußte, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte.

Darin lag ja die zerstörende Macht dieses Lebens. Wie mit dünnen Seidenfäden umspannen seine langen Stunden den tätigen Willen, banden die Kraft, knickten alle Triebe in den erschlaffenden Gliedern. Nicht nur psychischen Ursprungs war die Angst vor der Welt, das Zusammenkriechen in einem lichtlosen Winkel des Lebens, nein, – dem verweichlichten Körper, der sich nachts in orgiastischen Erregungen abnützte und den Tag in dumpfem Halbschlafe verbrachte, war jede Auffrischung und Belebung, jede Regeneration durchaus versagt.

Nun geht und verlangt von diesen Geschöpfen Freude, Mut, Erhebung, Tatkraft, Wünsche . . . Verlangt von einem entzündeten, in böser Geschwulst erkrankten Finger, daß er sich zierlich neige und beuge, daß er packe und festhalte. – Geht, geht mit euern Ansprüchen!

Die da sind nicht schuld an ihrer inneren Verkommenheit, die sie gleich einer Seuche anfällt und hinwirft.

Nein, die Erde ist es, in der sie wurzeln, aus der sie Kraft und Leben saugen sollen und der euer Hochmut, euer Haß, euere unbeschreiblich tyrannische Moral Wärme, Segen, Lebensmöglichkeiten durchaus entzogen hat.

Milada also sagte, indem sie Bines Hand, die auf dem Tische ruhte, mit ihren festen, arbeitsrauhen Händen drückte; »Bine, vielleicht ist es besser für dich, wenn du dir deine Zukunft allein bestimmst. Vielleicht bedenkst du es anderswo ruhiger. – Ich werde selbst zur Spizzari gehen . . . Aber eins sage ich dir, . . . ob du hierbleibst oder fortkommst, schließ nicht ab mit dir!

Solange du dich nicht aufgibst, – kann dir das Leben nichts anhaben. Das ist eine sichere Wahrheit.«


Das Bureau der Spizzari befand sich mitten in dem allerwinkeligsten Judenviertel; eine schmale, kaum mannshohe Tür führte in das rauchgeschwärzte, niedere, aber ziemlich ausgedehnte Gelaß, das Küche und Schlafzimmer in einem darzustellen schien. Mitten unter Koffern, Körben und Effekten mit Kleidern oder Wäsche saß die vertrocknete wie mit Schimmel bedeckte Margot, deren linksseitige Hüftverkrümmung in dem großen, braunledernen Altvaterstuhl einsank und die sich, als sie die Tür gehen hörte, sofort eifrig über ihr großes Dienstbotenregister hermachte. Dabei blinzelten ihre furchtsamen, rotgeränderten Augen nach dem Eindringling, und sie atmete hörbar auf, als sie Milada erkannte. – Auf deren Anfrage deutete sie stumm nach hinten, und Milada ging durch die Tapetentür in den Hof hinaus . . . Dort führte eine schmale, gewundene Holztreppe in das Allerheiligste der Firma, in das Bureau der älteren Schwester, deren Firmatafel harmlos genug den »Verkauf und Vertrieb von kosmetischen Mitteln und Pariser Spezialitäten« ankündigte.

Milada klopfte an; als sich Frau Spizzari durch ein Guckloch genau und ziemlich umständlich über die Art des Besuches informiert hatte, hängte sie die große Schürze an einen Haken und öffnete.

Die ziemlich umfangreiche Dame mit dem Doppelkinn, dem glattgestrichenen, ehemals hochblond entfärbten Haar, das aber bereits allenthalben von schwärzlich-weißen Strähnen unterbrochen war, dem einen scharfen Raubauge, während das andere tot und starr unter dem schweren Lide lag, war die in verschiedensten Kreisen ebenso bekannte als gefürchtete Zwischenhändlerin, Gelegenheitsmacherin und Dunkelfreundin Madame Nelly Spizzari – rekte Spitzer, – ehemalige Tänzerin, wie sie stolz hervorhob, und rechtmäßige Gattin des Weinagenten Jochele Spitzer, – den die Last dieser Lebenshälfte in ein Irrenhaus getrieben hatte.

Hier saß sie gewöhnlich vor einem respektablen, mit Zeitungen und Druckschriften angeräumten Schreibtisch, umgeben von mannshohen Regalen, die rings um das Zimmer liefen und mit grünen Vorhängen überspannt waren. Darunter gab es große und kleine Postpakete, schon fertig verschnürte und versiegelte Paketchen, Musterproben, Schachteln voll orientalischer Seltsamkeiten aus Wachs oder Hartgummi, Geheimmittel und andere Spezialitäten, Bücher und Photographien, deren oberer Belag harmlos das Antlitz der Gartenlaube wies, und all dies in reichster Auswahl und größter Vollständigkeit, – ein unbeschreibliches Arsenal von Sachen und Sächelchen, die an Eingeweihte zu hohen Preisen verkauft wurden.

Aber ihre ganz respektabel angewachsenen »Kreuzerchen« verdankte die Spizzari diesem Geschäfte ebensowenig, wie der Dienstvermittlung ihrer Schwester Margot, sondern einzig und allein der Gelegenheitsmacherei und dem Vertriebe von Mädchen in öffentliche Häuser, – aber streng »solid«, wie sie sagte: Nicht ein Deka Fleisch geht von mir aus über die Grenze zu »Se.« – – Mit diesem verächtlichen »Se« faßte sie alle außerhalb Österreichs befindlichen Kuppelhäuser zusammen.

Madame Spizzari war in der dreifachen Art ihres Geschäftsverkehrs zur Pedantin geworden. Sie sah es nicht gerne, wenn eine Angelegenheit in einem Raume verhandelt wurde, die ihrer Natur gemäß in einen andern gehörte.

Darum nickte sie jetzt auch Milada freundlich zu und zog an einer Stelle den grünen Vorhang zurück, der eine braunlackierte, in den Regalen ziemlich geschickt verborgene Türe sehen ließ. Das Zimmer, in das sie führte, war vollkommen finster. Die Spizzari bewegte den Taster, da zeigte sich ein kleiner, kahler Raum, vorzimmerähnlich, mit Strohsesseln und einem länglichen Tischchen, auf dem sich Schalen mit Zigarren und Zigaretten verschiedenster Art und Güte befanden. Eine Kognakflasche mit sechs Gläsern und ein ziemlich abgegriffenes Patiencespiel, das vielleicht nur einem Zufalle seine Anwesenheit verdankte, vervollständigte die Einrichtung. Das Zimmer schien fensterlos.

In einer Ecke lehnte eine große, schwarze Mappe, schachtelähnlich und breit, die ein englisches Schloß versperrte.

Frau Spizzari machte eine einladende Handbewegung.

»Schön, daß Sie kommen und nicht Ihr Fräulein.« – Sie dehnte die erste Silbe des letzten Wortes sehr verächtlich. – »Kleinigkeit, red't die Stuß zusammen.«

Milada war ihr wohlbekannt. Sie verfolgte deren Entwicklung im »Geschäfte« und war jederzeit bereit, ihre Tätigkeit und Tüchtigkeit anzuerkennen . . . »Wir haben doch Gott sei Dank ka schwebende Sach' miteinander? Wie?«

»Ich glaub' nicht, Frau Spizzari. Aber die Michal, das wissen Sie ja, will wandern.«

»Is ganz gut für euch und für sie . . . Hat das a Sinn?«

»No, was haben Sie für Anträge? Ich schließ' nur etwas aus, Nelly, – Galizien.«

»Haben Sie schon gehört? Bin ich meschugge? Von der ehemaligen E. Goldscheider nach Galizien!. . . Das wär' e Karriere mit 'n Hintern voran . . . Etwas Millersche Red' lernen Sie sich schon an, mei' Kind.« – Aber sie war trotzdem heiter gestimmt, setzte ihre Hornbrille auf und öffnete mit einem Schlüssel, der an ihrer Uhrkette baumelte, die geheimnisvolle, schwarze Mappe. Während sie in ihren Schriften und Aufzeichnungen blätterte, Finger netzte, Briefe öffnete, kleine, zusammengerollte Papierchen liebevoll glatt strich, fragte sie beiläufig: »530 – wie, is sie Ihnen schuldig? Wie gehen die Prozente ab, Fräulein Milada?«

»350 Gulden, Frau Spizzari, und die üblichen 30% das wissen Sie ja. Aber uns wäre Austausch lieber. Denn wir brauchen was Neues. Wir brauchen für die Herbstsaison, – sagen wir vom August ab – frische Leute.«

»Im August sperrt Redisch in Agram zu. – Da bekommen Sie mit 25%, Rindfleisch müssen Sie teuerer zahlen . . . Nu?« sagte sie, zog einen Brief heraus, »etwas werden Sie zugeben müssen bei dem Geschäft, Sie Zigeunermädel! – Jetzt in der Brunnenmad-Saison is starke Nachfrag.«

»Nicht einen Groschen, Frau Spizzari . . . Sie kennen doch unser Prinzip . . . Aber haben Sie keine bestimmten Anträge diesmal?«

»Warten Sie, mei' Kind, ich kann Ihnen doch ka Bowel empfehlen; was Lehmann in Kaschau abgibt, lockt doch bei euch kein – – – mehr aus n' Latz Nu sehen Sie! . . . Olmütz, Ostrau, Znaim, Brünn, alles nix . . . Aussig, Aussig, da sitzen die Weberschen. O weh, die zahlen schlecht,« sie rückte die Hornbrille auf die Stirne. – »Weber hat gute Ware, aber die Damens kommen beinahe nackt aus dem Haus . . . A altmodische Manier . . . Natürlich fallt von der Seiten wenig ab – 45% werden Sie nehmen.«

»Keine Rede!«

»Fräulein Milada, etwas sechs Jahre is se bei Ihnen und ä Schönheit war sie nebbich nie.«

»Nur vier Jahre, Nelly – Und die lob' ich mir erst gar nicht auf. Sonst haben Sie nichts?«

»Wie heißt nix? Aussig legen wir einstweilen beiseit. Ich hab' da –« sie hielt die Hände über einem Schriftstück geschlossen. »Wollen Sie machen, Fräulein Milada, ein gutes und solides Geschäft? – Ich werd' offen reden mit Ihnen. Sie sind nicht meschugge und werden Aussig mit 45% abgeben, wo Sie können haben für kurante Ware überall 25%. Aber man hat sich schon ausgebowelt und eingebowelt. Ich will mit Ihnen machen das Geschäft und noch ein Geschäft – Sie verstehen mich. – Was sagen Sie zu Budweis – Fischersches Etablissement?«

»Nun?«

»Wie heißt nun? Wenn die Leute wollen, so zahlen sie Ihr Fräu–äu–lein zwamal aus . . . Glauben Sie mir, Leut', die Geld haben, haben ganz ä andere Ausdünstung. Schmecken tut de Miller wie ä alte Psalmfibel . . . Fischer! – Rechte Hand mit den Fürsten und Grafen. Brauchen die ein Mädchen? Die brauchen ka Mädchen . . . Die können haben bis hinunter zum Roten Meer . . . Aber los werden möchten sie gerne eine.«

»Los werden, Frau Spizzari, und aus Budweis?«

»Reden Sie nix, Sie verstehen Ihr Geschäftel, aber das Geschäft verstehen Sie noch lange nicht,« erwiderte die Spizzari übellaunig. »Das Mädel hab' ich mir nix für Sie aufgehoben und nicht für für ä andern. – Das Mädel is ä seltene Okkasion . . . Wenn Fischer nicht Malheur gehabt hätt', möcht' sie die Stadt nicht sehen . . . Etwas ä Skandalgeschicht' mit ä Leutnant, – for de Polizei is se längst weg . . . Schulden hat sie keine aufgelaufene, und Fischer bezahlt Ihnen 40%. – Nu? – Is das ä Geschäft?«

»Haben Sie eine Photographie?«

»Ob ich hab'!« Sie entnahm dem Briefe ein Bild und reichte es Milada.

»Nun? Is das ä Person? – Nicht? – Machen wir? Bon? – Fischer is ä Kavalier. – Fischer schreibt – und wie! – Er verliert bei der Meiße. – Nu, ich bitt' Sie, Offiziere, das is ä heikle Geschichte . . . Wenn er Ihnen gibt 30% . . .«

»40, Nelly –«

»40 – 30 – même chose! Wenn Fischer in Budweis mit der hiesigen Miller ä Geschäft macht, spuckt er sich in die Brieftasch' . . . Ich hab' pleine Händ', abzuschließen. De üblichen Prozente schreiben Sie ihr ab . . . Das übrige liquidier' ich für die Vermittlung.«

»Das wäre ein gutes Geschäft, meine liebe Nelly, – aber – für – Sie, und nicht für uns. Hat das Mädel keine Schulden, so hat sie keine Kleider. Das kennen wir schon . . . Unsere Bine kann sich sehen lassen. Er soll sie anständig ausstatten, oder 75% bar auszahlen. – Mit dem Abschreiben, liebe Nelly, das is so 'ne Sache, wissen Sie. Wert, der in der Luft hängt.

»Ä Kopferle,« murmelte die Spizzari ärgerlich.

»Nützen Sie doch mal Fischer aus, wenn der schon in Missematten sitzt. Ich kenn' doch das. Wie gerne gibt man nach.«

»Gute Seele, was Sie sind!«

»No, Frau Spizzari, ich könnt' mir's auch bedenken, eine zu übernehmen, der die Polizei auf der Kappen sitzt. Na, na, nur gerade! Fischer ist sonst kein Hasenfuß. Der ist mit Sucher dick genug. Aber, wie gesagt, ich mach' Ihnen keine Schwierigkeiten mehr. Entweder zahlt er 75%, 50 an uns, 25 an Sie, oder er stattet das Mädel vollkommen aus . . . Für alle Fälle behalten wir Bines Koffer zurück, bis die andere eingerückt ist . . . Das ist unser gutes Recht, wie Sie wissen. Tut mir leid genug, unsere Bine in die Wirtschaft zu stecken.« – Der alte Rothausstolz meldete sich bei der jungen Wirtschafterin . . .

»Hat sich was! Ob der Apfel wurmig is von innen oder von außen . . . Honorieren Sie mir l2 1/2 bar und ich liefere Ihnen die War'.«

»Kann ich nicht. Müßte mir das Geld aus der Tasche stehlen. Schauen Sie, Frau Spizzari, handeln Sie nicht mehr! Wir werden doch nicht bares Geld auslassen, wo wir bestimmt keines sehen werden.« – Die Spizzari beutelte mit dem Kopfe.

»Alles auf Fischer. Er wird mir doch das gesunde Leben herunterreißen, der Gesell. – Was is mit meine Barauslagen, Fräulein Milada?«

»Die tragen wir selbstverständlich.«

»Werd' ich mir die Füß' ablaufen können zu Ihneren Fräulein . . .«

»Das zahle ich Ihnen bei der Übergabe, wenn's sein muß, aus meiner Tasche . . . Also sicher, wie die Bank,« schloß Milada und reichte ihr, sich erhebend, die Hand.

Die Spizzari hielt sie fest.

»Sie gefallen mir. – Sie sind doch ä Köpfele, wie ä Nuß. – Sie gefallen mir seit jeher. Sie haben feste, nebbich gut verbrauchte Händ'. – Alles für die Madame?«

»Och,« sagte Milada leichthin, »man verdient schon auch dabei.«

»Na na, nicht werden Sie verdienen! Alles werden Sie dem langen Schem überlassen.« –

Sie stand eine Weile nachdenklich da, dann legte sie die Hornbrille ab, stopfte Fischers Brief in den umfangreichen Busen, sperrte fürsorglich die schwarze Aktentasche und winkte Milada zu . . .

Milada traute ihren Augen nicht. Plötzlich, einem geheimnisvollen Drucke nachgebend, verschob sich die graue Wand und zeigte eine weißlackierte, mit goldenen Knöpfen verzierte Tür. Auch die wurde geöffnet, und nun sah Milada den entzückendsten und vollkommensten Baderaum, den sie jemals erblickt hatte. Ihr Beruf hatte sie in verschiedene Hotels, Privatwohnungen, Absteigquartiere geführt, aber diese fein ersonnene Pracht, eine verwirrende Zusammenstellung von rosa Marmor, blitzendem Kristallglas und wasserlichtem Atlas, über den Blüten und Kirschenzweige hingen, war ihren staunenden Augen durchaus fremd und ungewohnt. – Hundert Lichter, hundert Reflexe . . . Wolken von Parfüms . . . Und wie jetzt das Wasser in die muschelgleich geformte Wanne lief, tönte ganz leise verborgene Musik dazu.

»Jesus,« sagte Milada.

»Das glaub' ich,« antwortete die Spizzari, und sogar das tote Auge drehte sich befriedigt herum.

»Ja, aber warum – – –?«

»Nu weil. – Und daneben . . .« Der wasserhelle Atlasvorhang schwebte zur Seite und ein Schlafzimmer kam zum Vorschein, das in ähnlich raffiniert-luxuriöser Weise ausgestattet war. Stumm stand der Gast.

»Da kann der Kaiser her,« antwortete Milada dann ehrfürchtig.

»Ich nehm' auch sei' Mischpoche,« erwiderte die Spizzari.

»Jetzt sehn Sie, wie sich's die Nelly vorstellt,« sagte sie, als sie den Weg zurücknahmen. – »Zwanzig solche Zimmerl, ä Schwarzer beim Tor, Spielsalon, Wintergarten –«. Sie schnalzte . . . »Mei' Kind, ich hab' Nizza studiert. Da verdient man die Millionen . . . Was, Fräulein Milada, das is nix ä so wie bei der langen frummen Miller daheim?«

»Das ist ja wie ein Traum,« sagte Milada und starrte auf die braunen, mürrischen Regale, hinter denen gut verborgen die bunte Herrlichkeit war . . .

Die Spizzari faßte Milada bei der Hand und sagte bedeutungsvoll: . . .«Sagen Sie mir, mei' Kind, verkaufen will se nicht?«

»Ver–kau–fen?« – Milada erschrak ein wenig. Diese Möglichkeit hatte sie bisher noch nicht in Betracht gezogen . . . Die Miller verkaufen! – Fremde Hände im Geschäfte. – Und sie – überflüssig – hinausgedrängt. Sie war darauf nicht vorbereitet. Das kam zu früh, viel zu früh für ihre Pläne. – Aber es kam. – Ungerufen. – Ungewollt. – Wie das Schicksal kommt.

Und sie fühlte, daß sie ihm entgegenging, indem sie erwiderte: »Och, wenn ihr anständig geboten werden möchte. Es steckt so viel Kapital und Mühe in dem Geschäft.«

»Kapital, mei' Kind, ist Nebensache. – Und was die Müh' betrifft! – Unter uns gesagt, die Miller kann ka Leintuch grad' breiten . . . In der Branche weiß man, wer das Geschäft hält. Man möcht' auch auf die gewissen Leut' Rücksicht nehmen. Man kann sich's auch überlegen. – Fragen kost' kein Geld. – Es handelt sich darum,« – sie betonte Silbe für Silbe – »ob se will, ob se verkaufen will –.«

»No,« warf Milada hin, »schließlich, das darf ich so sagen, ich bin kontraktlich die Nächste dazu. – Am Ende stehe ich nicht ohne Kapital da.«

»Ob! Glauben Sie, man spricht in der Branche umsonst von Ihnen?« rief die Spizzari elektrisiert. »Die gewissen Leut' haben die Verhältnisse im kleinen Finger.«

»Die Sache liegt so,« sagte Milada, »daß ich den Goldscheiderschen Hypothekensatz übernommen habe. – Auch habe ich einen zweiten, kleineren mit Keßler gemeinsam drauf. – Es ist also nur Formsache, wenn ich heute noch nicht Mitbesitzerin bin. – Bei der Miller braucht das günstige Zeit, und sie mißtraut jedem. Zum Verkaufe müßte ich sie präparieren. – Wenn Sie heute an sie herantreten, steigert sie die Summe ins Maßlose. Aber wenn ich sie bei einer Krise packe, nach ihren nervösen Magenkrämpfen, wenn sie die Zukunft schwarz sieht, wenn ich eine Geschäftsstockung benütze oder gar herbeiführe –« sie hustete –,  »da könnte man viel erreichen.«

»Ich sag' ja, ä Köpfele, de Fräulein Milada!« kreischte die Spizzari entzückt, »mit Ihnen is ä Vergnügen zu arbeiten. – Nu, so Gott uns das Leben schenkt –« sie brach ab . . . Auch Milada ging zur Tür – beide fühlten: genug!

Eine seltene Auszeichnung folgte nun, die nur Eingeweihte würdigen können. Die Nelly begleitete ihren Gast bis an die Treppe, beugte sich hinunter und rief nach: »Fallen Sie nicht, mei' Kind!« – Dann stand Milada auf der Straße. Sie fühlte instinktiv und mit besonderer Zufriedenheit, daß sie das erstemal in ihrem Leben vollbewußt selbständig und ohne aus Spekulationen sich entwickelndem Zwecke gehandelt hatte und daß zugleich der gefährliche, aber berauschende Kampf mit Werten begann, denen Wirklichkeiten gegenüberstanden. Kein Jonglieren mehr mit Phantomen, nein, ein langsames Vorrücken und Nachsetzen von Tatsachen. – Nun hieß es, den Einsatz wagen. – Sieg oder Niederlage! – Mitten in einem Reigen aufblühender Gedanken rauschte ihr befreiter Wille der Zukunft zu. – –

Nun könnte man beinahe Gust Brenner besuchen, dachte sie plötzlich im Weitergehen. Unzählige Male hatte sie versucht, an ihn zu schreiben, hatte begonnene Briefe wieder vernichtet, ohne eigentlichen Grund, nur aus dem unbewußt ängstlichen Gefühle, daß Ernüchterung über sie hereinbrechen müßte, wenn sie wieder mit ihm zusammenträfe. Jetzt blieb sie stehen, beinahe erschrocken vor der Größe der Erwartung, die sie jubelnd erfüllte.

Ihn besuchen! – Warum auch nicht. – Zeit blieb genug, den Umweg über den Quai zu machen. »Und man muß nur nicht glauben, daß es etwas Besonderes sei, dieser Besuch,« sagte sie sich. Er hatte sie geladen . . . Grüße geschickt durch den Seidner. Wenn man es von den vielen romantischen Gedanken losschälte, da sah man erst, daß gar nichts dahinter war. Und eilig, mit immer kühleren Gründen das Rätsel des fieberhaften Widerspruchs ertötend, verfolgte sie ihren Weg . . . Da war der Quai. Da rauschten die schmutzigen Wellen des Flusses. Proletarierkinder tauchten die Füße ein. Soldaten mit ihren Liebchen promenierten auf dem kiesigen Weg. Die Sonne streute all ihr Gold auf Dächer und Fenster der Quaihäuser. Milada stand am Ziel. Unfreundlich starrten die blinden, mit Drahtnetzen versehenen Fensterchen des vom Alter geschwärzten Magazins sie an, über dem eine vom Wetter hergenommene Tafel verkündete: »David Brenner, engros Eisen, Stahl- und Draht-Magazine«. Lasten von Eisenplatten, Eisenstäben, Reifen, Ketten und Netzen lagen auf der Straße aufgeschichtet; knapp vor der Einfahrt befand sich ein mächtiger Haufe Abfall, rostige Nägel, Späne, verbogene Plättchen, scharfe, glitzernde Blechecken, und zwei halbwüchsige Burschen knieten davor, beschäftigt, die brauchbaren Stücke aus Schutt und Spänen zu sichten. – Eine Weile stand sie unschlüssig daneben und sah ihnen zu. Da klapperte ein Wagen, mit Eisenplatten belegt, durch die Einfahrt und trieb sie zur Seite. Der Kutscher half dem Pferde, das schwer anzog, mit Zurufen und Stößen.

Eilig drängte sich Milada, von den neugierigen Blicken der Buben begleitet, in die Hausflur. Sie trat in einen viereckigen, finstern Hof hinaus, der mit Kisten, Fässern und Handwagen angefüllt war.

»Da geht's nöt weiter,« belehrte sie ein Mann, der dort arbeitete. »Der Alte ist vorn.«

»Und der junge, der Doktor?«

»Eh a, dort im Neubau.«

Da ging sie zurück und öffnete kurzgefaßt eine Türe. Ein Glockenzeichen ertönte. Vor die gepolsterte Kontortüre trat ein alter Mann von großer, hagerer Statur und mit einem kleinen, starr gestutzten, weißlichen Schnurrbart.

»Suchen?«

»Herrn Brenner.«

»Den alten oder den jungen?«

»Den Doktor,« erklärte sie kühn.

Er kniff die Augen ein. »Tut nichts,« sagte er, »den Alten dürften Sie bei dieser Gelegenheit noch kennen lernen. Der Herr Doktor von Ihren Gnaden wohnt im Halbstock, nächste Tür rechts. Habe die Ehre.«

Ganz verblüfft stieg sie die eiserne, peinlich sauber gehaltene Wendeltreppe empor. War das ein Angestellter? Oder gar . . .? Nein, da war keine Spur von Ähnlichkeit. – Und das beruhigte sie ein wenig. An einer weißlackierten Tür, dem ersten, das sie in diesem Hause freundlich anmutete, fand sie Gusts Visitkarte vor. Auf einmal wurde sie vollständig klar und ruhig. Sie übersah ihre Situation. Sie sammelte in ihrem Kopfe die ersten notwendigen Worte, die sie ihm sagen mußte. Sogar die Abschiedsworte fielen ihr ein. Es überfiel sie kaum noch ein neugieriges Bangen, als sie die Klingel zog. Hell bimmelte ihr Stimmchen durch das Haus. Sie horchte. Noch einmal. Nichts rührte sich. Nichts. – – Und sie empfand jetzt erst die Erregung der letzten Stunde, als sie in dem fremden Hause zu frösteln begann, ein banges Gefühl, wie längst verhaltenes Schluchzen, in ihre Kehle stieg. Der Wunsch, ihn wiederzusehen, mußte brennend gewesen sein. Die Sehnsucht – unüberwindlich. Alle Widersprüche, Gründe, jedes Für und Wider, – Lüge . . . Nur ihn sehen wollen, müssen, blieb Wahrheit in ihr. Und nun stand sie vor einer versperrten Türe!

Aufgeschreckt aus all ihren Träumen durch die einfache Tatsache, daß der Student an diesem wunderbaren Frühlingsnachmittage nicht zu Hause war, starrte sie das tote Glasauge des Schiebers an, als müsse es sich in seiner Höhlung drehen und Einlaß gewähren. – Sie klopfte heftig, obwohl sie sicher wußte, daß es umsonst war. »So kein Glück,« dachte sie endlich resigniert. »Nichts mehr kann ich von ihm erwarten – aus!«

Und doch schrieb sie, einem plötzlichen Impulse folgend, auf die schwarze Tafel, die zur Seite hing, ihren Namen auf und die Worte dazu: »War da« . . .

Jede Klarheit über ihr Handeln zurückweisend, versuchte sie möglichst unauffällig das Haus zu verlassen.


Langsam schlenderte Gust Brenner durch den lauen Frühlingsabend nach Hause. – Er hatte sein Nachtmahl am Wege eingekauft und war fest entschlossen, den Abend studierend in seiner Bude zuzubringen. Er war sogar gereizt aufgefahren, als Joszi an der vollständigen Einhaltung des Programms zu zweifeln wagte, während Seidner vielsagend grinste.

»So ein Unsinn!« dachte er, »als ob man es nur in der dumpfen Kaffeehausluft aushalten könne – oder mit Weibern . . . Als ob es nichts anderes gäbe« . . . Überhaupt der Seidner, dem tat der Frühling nicht gut, ewig strich er jetzt durch die Gassen auf die »Katzerljagd« . . . Einfach ekelhaft. Schließlich – er, Gust, – und das war gewiß nicht das Schlechteste an ihm – konnte für die Dauer sein »Bourgeoistum« nicht verleugnen – »die Hofratsahnen«. Gut, Joszi konnte lachen. – Er war eben allein. Aber hinter ihm stand nun mal atemlos die Familienerwartung. Und hol's der Teufel! man konnte es drehn und wenden, – aber die Herkunft legt Verpflichtungen auf.

Joszi war eine Vollnatur, – gewiß. – Aber der hatte abgeschlossen. – Er wollte keinen Rahmen um sein Wesen schließen. – Gut. Der strebte nicht. In keinem Sinne. – Ein »öder« Geselle, wie er selbst sagte, kein Wollender.

Und Seidner! – Gott, er, Gust, war ja durchaus vorurteilslos, gewiß, aber Seidner war ja doch nur ein Jude. »Ein starker Temperamentmensch auf Basis eines wohlgeordneten Zahlensystems.« Das war der Richtige. Ein Streber, ein Empordringling, ein Abenteurer auf sozialem Gebiete. – Kam aus Ungarn, lebte von Stipendien, trieb Journalismus, brüderte sich an extravagante Existenzen an und hatte schon einen Ruf in der Großstadt. – Einer, den die Lust anwandelt, nach allem zu greifen. – Und dem vielleicht Begabung zu allem hilft.

Aber er, Gust. – Gott, ohne Überhebung: Das Patrizierblut in ihm duldete eben Debauche in keinem Sinne . . . Mahnte zur Ruhe, zur geraden Linie . . . Philisterei auch ein bißchen . . . Sein Großonkel Benno – mütterlicherseits natürlich, war ein volkserwählter Minister gewesen – und doch ein Philister, wie er stolz unter sein Konterfei geschrieben hatte . . .

Man mochte über diese Menschen – Hofräte, Regierungsräte, Präsidenten – lächelnd die Achseln zucken, – Gott, er kannte ja seine Verwandten auch, ihre Schwächen und Schrullen und schonte sie nicht . . . Aber feine, klare Menschen waren es doch, Menschen, die die Linie des Schicklichen, sagen wir immerhin des Korrekten, nicht um Haaresbreite überschritten hatten. –

Und das war auch etwas. – – No ja, Witze konnte man schließlich über alles machen. Notwendig war nur, daß er seinem ureigensten Wesen treubliebe. Er–Gust . . . Und darin lag gewiß eine achtenswerte Kraft, wenn man den Eifer der Beeinflussung von jener Seite erwog. Jawohl, und heute wird studiert!

Während er über die Stiegen schritt, hob er frohgemut den Stock mit dem weißen Knopf und summte »Gaudeamus igitur«!

Vor seiner Türe stand er paff. – – »Milada war hier« – So was! Dagewesen – – – Milada – – die Wirtschafterin! . . . Ja, wie denn?

Er hatte total vergessen, daß er sie in seinem Briefe beinahe zu sich gebeten hatte, daß, als Seidner das letztemal die Absicht aussprach, ins Rothaus zu gehen, er halb scherzend, halb renommierend einen Gruß an Milada bestellt hatte und »ob er sie denn nicht mehr sehen würde?« Alles das verwischte sich in verlegenem Ärger, der ihn erfaßte, als er jetzt mit dem trockenen Schwämmchen den Namen und die Botschaft weglöschte.

Er fand es unanständig, – shocking, daß sie ihn so ohne weiteres besuchte. – »Überfiel« – nannte er es.

Schließlich war das keine Gesellschaft für ihn. Er hatte das damals erkannt und darum gebrochen. – Und diese Art, sich einzudrängen! –

Er hatte das Abendbrot eingenommen, schenkte sich ein Glas feinen, gelben Weines ein, zündete sich jetzt eine Zigarette an, öffnete die Oberfenster und rückte seinen Schreibtischsessel zurecht, um zu studieren.

»Milada – war da.« – Prachtvoll. Der Alte hatte natürlich Posten gestanden, wie immer. – Und hatte an dem unwahrscheinlichen Federnhut und den Simili-Brillanten sofort das Wild gewittert. – Der verstand sich auf so was. – – – Und spätestens am nächsten Ersten erwarten ihn die obligaten Blicke, Redensarten, Sticheleien. Der ganze Apparat väterlicher Fürsorge arbeitete.

»Milada war da.« Eine originelle Verständigung . . . Und das Beharrungsvermögen dieser . . . Nein, der Ausdruck paßte nicht auf sie . . . Etwas Besonderes hatte diese Wirtschafterin immerhin an sich . . . Dirnenhaft war nichts an ihr . . . Das hatte auch Joszi sofort herausgehabt. Augen einer Sphinx, die Wunder träumt . . . O ja, etwas lag darin, sehr viel sogar.

Er lehnte sich zurück, sog den Duft der Zigarette ein und versuchte ihr Gesicht in der Erinnerung nachzubilden. – Aber nur der Blick der großen, grauen Augen schwebte ihm zu. Wie über eine Brücke gingen seine Gedanken darüber und in die Vergangenheit zurück. Da wachten Worte auf, die sie gesprochen hatte, gleich jenen geheimnisvollen Schriftzügen, die nur auf Wärme warten, um sichtbar hervorzutreten.

»Ich brauche eine Vermittlung zum Leben« und »so viel, so viel gibt es hier zu heilen, zu helfen – –.« Wieder packte ihn stark der Reiz des Unbegriffenen, der dieses Mädchen umgab.

Mißverstandene Romantik? Spleen? Was war es bei ihr? Gott weiß, was. Jetzt ergriff sie natürlich die typische Sehnsucht nach Erlösung und Rettung. Jetzt klammerte sie sich an ihn. »Das sind die Früchte der verfluchten sozialdemokratischen Strömung,« fluchte Gust, »macht die Köpfe voll und toll. Verführt zu tollen Taten.« Sie sah auch so aus, wie eine Anarchistin, Revolutionärin, wie – – Corday? – Nein. – Wie die Luise Michel.

. . . Und glücklich, daß er diesen Vergleich gefunden hatte, ging er ihm träumerisch nach.

In seiner Mutter Besitz war eine alte Lithographie der berühmten Kämpferin gewesen, und schon als Knabe hatte ihn der tiefe, abwehrende, ins Fernste gewandte Blick, die herrisch geschwungenen Lippen seltsam angezogen und gerufen.

»Gust, liebe nur das Heitere!« Das war die oft vernommene Mahnung seiner Mutter gewesen. – Ja, wie konnte man die dunklen Triebe der Seele zwingen, dirigieren, wenn sie doch immer geheimnisvoll und stark nach dem Düstern, Tiefen, Verborgenen griffen!

Seine kleinen Cousinen Franzi, Betty und Loni – konnte er sich damit zufrieden geben? Mädchenjausen, Lesekränzchen, Komödienspiel gab's dort genug. Nicht Joszi machte ihm die Sachen ekel und leer, nein, die eigenste Natur bäumte sich auf gegen dieses Vielzuviel an Rosigem, Süßem und verlangte nach Metall, – Edelmetall. Das gab dann den richtigen Klang.

Und nun kam ihm der Sinn seiner damaligen, ohne alle Fragen ethisch unantastbaren Tätigkeit im Rothause zum Bewußtsein. Er kannte unter seinen Freunden niemanden, der ihm das so selbstlos, ohne Zweck, ohne Nebenabsicht, ja ohne die geringste Selbstbefriedigung nachgemacht hätte. Joszi schon gar nicht. Was der tat, tat er eingestandenermaßen nur aus Laune, aus Menschenverachtung . . . Er – Gust – vollbrachte es bewußt, in Klarheit! . . .

Er wollte Fanni retten, wollte der andern ein bißchen Licht und Leben in den Kerker bringen.

Bequem, die Arme unter dem Kopfe gekreuzt, spann er seine Gedanken in den Abend hinaus. – Er lockerte den Hemdkragen und schloß die Augen. Das Geheimnis kam immer näher, beugte sich über ihn, küßte seine blauen Jungenaugen. – Da öffnete er sie weit, und sie waren heiß und trunken vor Begehrlichkeit.

Dieses Mädchen! . . . Die hatte doch was an sich. Was Starkes, Freies, Elementares. – – Das hatte auch Joszi erkannt. – Vor der Art, sagte er damals, solle man sich hüten. Er zog die Stirne kraus. Dieses Lied wurde ihm seit seiner frühesten Jugend gesungen. – Diese Schlummermelodie durchzog sein ganzes Leben . . . Hüten, – hüten; – vorsichtig sein und nie frisch zugreifen. – – »Tu dir nicht weh! . . . Verletze dich nicht! . . . Laß dir nichts nahe gehn! Sei heiter!«

Solange Mama noch lebte, hütete sie ihn wie ein seltenes Kleinod. Er war ja ihr Einziger und alle Liebe ihres einsamen Herzens fiel ihm zu. Er liebte sie ja auch. Gewiß. – Närrisch sogar. – Aber sein Jungenleben ging drauf! – Nicht mal allein über die Gasse durfte er gehen oder mit Kameraden über Land.

Wie sehnsüchtig und heimlich Tränen schluckend, hatte er oft in seinem Zimmer gesessen bei Schokolade und Kuchen, wenn die anderen unter seinem Fenster Schneemänner bauten, Fußball spielten oder Kähne schwimmen ließen. »Bubi, das ist gefährlich, gib acht auf dich!« Und er hing an Mutters Falten und ließ sich einlullen.

Dann starb die Mutter. Und an ihre Stelle rückten gleich drei. Die Großmutter mit tausend Altfrauenängsten und den zitternden, elfenbeinernen Händen, die ihn mit dem Kreuz über Brust und Stirn zu bannen schienen, Tante Hofrat, die ihm die höchsten Stellen im Staate versprach, wenn er würdig bleiben würde, und die das Vorbild des seligen Onkels Benno wie eine Rute schwang, – und er, – der Alte, der Spion . . .

Den fühlte er immer im Nacken. – Woher es kam, er konnte es sich nicht erklären. – Er wußte genau, der Alte spionierte, wußte alles, – notierte alles, er saß ihm im Nacken und gab acht.

»Kriech, wohin du willst, ich weiß alles, wie der liebe Gott.«

An der Tür horchte er wahrscheinlich auch, erbrach Briefe. – Pfui, pfui, dieses Netz von Vorsehung um ihn herum! . . .

War er denn nicht endlich Mann geworden? Durfte er nicht tun, was ihm beliebte? Tante Hofrat würde umfallen, wenn sie erführe, daß ein Mädchen aus dem – Hause – zu ihm käme.

»Glück ist Ordnung,« hatte Onkel Benno gesagt. – Und das war die Richtschnur seiner Erlebnisse gewesen – bisher. Denn jetzt mußte er sich losreißen, sich wenigstens innerlich befreien.

Liebelei, – Heiraten. – Diese ewig zitternde Sorge der Großmama! Unsinn! – Aber leben wollte er, endlich mitleben mit den andern, wie die andern. – Er mit seiner blöden Schüchternheit – ja, schüchtern war er –, er Gust Brenner, der Allerweltsmann, der Kavalier! Schüchtern war er, tief innerlich furchtsam und befangen. – Und das war ihr Werk, die Frucht ihrer Erziehung.

Hat er denn bisher Mut gehabt, wirklich einem Weibe näher zu treten?

»Hüte dich vor Jüdinnen! – Nähmädchen geh aus dem Wege! Eine Konservatoristin ist das verdorbenste Geschöpf.« – Und so fort. Da soll einer Unbefangenheit bewahren!

Recht würde ihnen schon geschehen, wenn er jetzt so einer in die Hände fiele. Davor hatten sie ihn freilich nie gewarnt. Das dachten ihre keuschen Gemüter gar nicht aus. – Wie beneidenswert frei und sicher war dagegen Joszis Auftreten. Was hatte der schon für Dinge erlebt! Und wie wirkte er! Daher kam denn auch die spielende Überlegenheit, mit der Joszi ihn immer behandelte, der gewisse kleine Unterton von Verachtung, – die Gönnermiene. – Er sprang erregt auf und durchmaß das Zimmer mit großen Schritten.

Jetzt hatte er genug davon. Jetzt wollte er mal so drauf los leben, wie es ihm gerade paßte. – Ohne Rücksicht auf Tantes Stellung und Onkel Bennos Beispiel. Hol der Teufel die Ahnenreihe! Übrigens, er war ja nicht mal Jurist, was ging ihn da ein Eisenbahnhofrat an? –

Jetzt wollte er ihnen zeigen, daß er etwas anfinge und durchsetzte ohne Patenrummel und Beschwörung.

Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und legte ein Blatt auf. – Die Aufschrift? – »Liebes Fräulein« – Nein; – »Liebe!« – Nein; – es machte sich zu geschraubt. Am besten natürlich so: »Milada! Wollen Sie Montag nachmittags wieder kommen? Ich mute Ihnen nicht zu, mit mir allein zu sein –«

Er schüttelte den Kopf, – das klang ja wie Ironie. – Also anders. – Er legte ein neues Blatt auf und schrieb flott und flüchtig:


»Milada, wollen Sie nächsten Montag noch einmal kommen? Der unglückselige Zufall, daß wir uns diesmal verfehlt haben, soll doch nicht entscheidend für unsere Beziehungen sein, nicht wahr? Es freut mich sehr, Sie nach so langer Pause wiederzusehen. Au revoir!

Gust Brenner.«


So klang's am besten. – Und jetzt schnell zur Post damit! Sonst mischt es die Bedienerin unter die Geschäftsbriefe, und er zappelt wieder im Netz. Erregt von all den Gedanken, aber zufrieden mit sich, wie noch nie, schob er den Hut auf das sturr stehende Blondhaar und ging aus dem Hause.

Und dieser Brief gelangte ins Rothaus. Milada legte ihn nachts, wie jedes andere verliebte Mädchen es tut, unter ihr Kopfkissen, und bei Tag trug sie ihn in der schwarzen Geldtasche verborgen, die festgeschnallt um ihre Taille hing. Wenn sie sich unbeobachtet wußte, nahm sie ihn mit den Fingerspitzen heraus und betrachtete die kleinen, flüchtigen Buchstaben, die ihren Namen gefügt hatten, mit andächtiger Verwunderung. Das Leben kam ihr entgegen, reichte ihr die Hand. – Ihn wiedersehen! Seine Stimme hören! Sagen dürfen: Gust! Das Glück wollte nicht enden.


Herr Teobald Sucher, Polizeiagent, Detektiv und rechte Hand des Herrn Regierungsrates, saß in Abteilung II der k. k. Polizeidirektion und ärgerte sich.

Der große Mann mit dem noch immer kohlschwarzen, loyal zugeschnittenen Barte hatte heute allen Grund, mit dem Weltregimente im speziellen unzufrieden zu sein. In den zwanzig Jahren, da er den Dienst »im Kanal«, so wurde die Abteilung II im Hause benannt, zu führen hatte, war ihm Ähnliches noch nicht vorgekommen.

Er, der Sucher, eine Nase! – Im Vorübergehen.

»En schleichand«, wie der Treulich sagte, Kommissär erster Klasse und Nebochant in gleicher Rangstufe. Eine gefrorene Weisung vom Herrn Chef und Regierungsrat, – er, der Sucher, möge sich künftighin in engeren Schranken bewegen, sonst müsse man davon absehen, ihn für interne Angelegenheiten in Verwendung zu bringen.

Das war sehr gut! . . . Auf einmal! Auf einmal trennten sich ihre Wege und Interessen,– seine und die des Herrn Regierungsrats . . . famos!

Der Herr Regierungsrat, das wußte alle Welt, begünstigte Bordelle, Kasernierungen und das nummernrichtige Reglement. – Als Freund der bürgerlichen Ordnung fand er diese schöne Einrichtung sehr zweckentsprechend, und man wandte sich in den zünftigen Kreisen niemals vergeblich an ihn, wenn es sich darum handelte, den Kuppelei-Paragraphen gefahrlos zu umgehen.

Und er, der Sucher, sozusagen seine Vertrauensperson, sein Gesinnungsgenosse und Jünger, die ausübende Gewalt, er, der, soweit er sich erinnern konnte, niemals gegen die Prinzipien und Wünsche des Herrn Chefs aufgestanden war, im Gegenteile dieselben praktiziert und gefördert hatte, wo er konnte, – er, der den beiden Herren Kommissären die ihnen täglich zugeteilte Suppe mit allem Eingekochten bereitwillig auslöffelte und die ganze Geschichte da sozusagen am Finger laufen ließ, – er bekam einen Verweis, was, einen Stüber, eine ganz kommune und unbestrittene Diurnistennase angehängt, – und warum, warum?

Wegen der Schandperson, der Gerson, die er aus den Fängen einer Hebamme gerissen hatte, deren Wohltäter er sozusagen war und die er wie eine Prinzessin bei Jonasch einquartiert hatte. – Bitte, im eigenen Zimmer und auf eigene Rechnung. – Wo erlebt das eine beim Amschel oder bei Klepetar? – Nur weil er, der Sucher, für sie gebürgt hatte.

Er hatte Stellung, war Geheimer . . . Er führte das Register . . . Er bekam Revisionen . . . Wer zählte hier noch mit? Der Treulich, der Windhund, oder gar unser Baron, – der Landskron? . . . Kümmerten sich die um etwas? – Der Treulich war versoffen und faul und hatte zu nichts Zeit, als zum Zigarettendrehen und Weiber kneifen.

»Unser Baron« trug eine Schnurrbartbinde im Amte und roch nach Parfüms wie eine Ballettdame. Dem durfte man eine Prostituierte überhaupt nicht ins Bureau bringen. . . . Der fluchte die Menscher einfach zur Tür hinaus . . . Er hatte dem Chef direkt gesagt, daß er Erbrechen und Zustände bekäme, wenn er mal auf Revision befohlen wäre. Wer war also der Mann?

Wer leitete die Abteilung II? Der Herr Regierungsrat, der die eine Hand nach oben hielt und die andere nach unten und sozusagen die Verbindung zwischen dem obersten Befehle und dem untertänigsten Dienste darstellte? Oder der Treulich, dem die Frühstückskarte vom »Blauen Stern« wichtiger war, als alle Amtsagenden zusammengenommen? Er war es, er, der Sucher.

Wo immer sich etwas abspielte, bei der Polizei, in den Häusern, im Spital, wo man sich nicht weiterhelfen konnte, da hieß es: »Der Sucher soll 'rauf!« Und der Sucher, der kam und zog den Frauenzimmern die Würmer aus der Nase. Der machte keine Umstände und brauchte keine Redensarten . . . Flink, flink ins Register oder ins Loch.

Und dieser verdienstliche Beamte wurde abgekanzelt. Einfach angeschnauzt wegen eines Schlampens. Dieser verdienstliche Beamte wurde sozusagen amtsmüde gequengelt. Na gut, werden sehen, wie's da wird.

Und er warf das Extrablatt auf den Tisch und versenkte sich grollend in seine Neuigkeiten.

Eine geraume Weile schon stand Milada vor dem Schreibtische und suchte ihr Anliegen vorzubringen. – Der Sucher kannte sie sehr gut, aber er wurde schikaniert, so wollte er auch schikanieren.

Er brummte, indem er schiefe Blicke auf ihre Papiere warf: »Geht mich nichts an. – Sachen des Dr. Treulich. – Bin nicht da zum Parteienverkehr. – Scher Sie sich zu dem oder zum Teufel, es ist eh alles eins – hier.«

»Herr Sucher, die Dinge haben wir doch immer mit Ihnen gerichtet,« sagte Milada drängend und schob ihm die paar Dokumente hin, wobei ein Stück Silber über den Schreibtisch rollte und in seine Hand fiel. – »Es soll bald erledigt sein, das Mädel kommt in acht Tagen.«

Er steckte das Geld in die Westentasche und schob die Papiere zur Seite. – »Gibt's nicht mehr; ohne daß das Frauenzimmer persönlich erscheint, wird nicht angemeldet.«

»Aber ich bringe Sie Ihnen ja dann herauf, Herr Sucher.«

»Hat sie alles in Ordnung? Von wo kommt sie?« sagte Sucher und schielte wieder nach den Papieren.

»Aus Budweis,« sagte Milada selbstbewußt . . .

Jetzt schaute Sucher auf und sein rechtes Auge zwinkerte unverschämt.

»Fischer gibt euch ab?« sagte er geringschätzig . . . »Prima Ware muß das sein.«

»Sie war bei ihm als Kellnerin gemeldet.«

»Gibt's schon gar nicht,« schnauzte Sucher grob und schob ihr die Papiere hin, »kriegt sie überhaupt kein Buch. Von mir aus nicht. Gehn's zum Herrn Regierungsrat damit.«

»Aber Herr Sucher«. . .

»Gibt's nicht,« schrie er noch einmal . . . »Stelln's sich mit ihm her, wenn er die Laune hat . . . Er hat g'sagt, ohne sein Stempel kommt ka' Hur mehr aus 'n Amt raus. Meinetwegen! Also gehn's eini!« sagte er giftig. »Jetzt is der Wind so bei uns. Derarte Frauenspersonen, die werden gleich wieder abgeschoben. Ich darf keine Büchel mehr ausstellen.«

»No Herr Sucher, machen Sie mir keine Schwierigkeiten, vielleicht geht's doch. Sie wissen ja, wie das bei unserm Geschäft ist. Ich will Ordnung machen, ehe sie einsteht.«

»Ja, ja, da glaubt man immer, der Sucher, der kann alles machen. Der is wie der liebe Gott. Und ich, der dumme Kerl, mach's. Dann packt mich der da drin an die Hörndl! . . . Der Treulich is a Nebochant, der Baron ein Musterknabe, ich bin der schwarze Peter hier. Er steht sich natürlich mit allen Parteien gut – is der Herr Regierungsrat und Euer Gnaden. – Er bekommt die Orden und ich den Strick. Macht nix für's Bewußtsein. – Aber die Gerson, die soll mir wieder in die Gassen kommen!«

»War was mit ihr?« erkundigte sich Milada gefällig.

»A Sauluder is 's, a scheinheiliges. – Mit vierzehn Jahren hat's ang'fang'n, da is der Thomas ihre Wärterin, die Strebler, – mit ihr zum Lamberg gegangen, – der Lamberg schickt's weg, weil der saudumme Fratz no Jungfrau war. In a Stund' bringt's die Strebler wieder, – war schon repariert, der Leibesschaden. Kriegt's a Buch und hilft dera Thomas, der verdächtigen Engelmacherin, Geld fressen. In ein' Jahr drauf liegt s' mit 'n Abortus oben, – halb krepiert . . Was macht's? Legt's Buch zurück . . . Um Gottes willen, sie mag nimmer mehr dabei sein . . . Was soll man machen? . . . Muaß man's lassen. – Net? Was? – Aber der Mensch soll ka Herz haben . . . Was muß i meine Finger in die Sauce stecken? . . . I hab's bei mir g'halten, die Rosa, wie meine Tochter . . . Zum Bedienen bei der Meinigen hat's ka Schneid gehabt . . . No, was machen wir mit der? sag' ich zur Carlotta . . . A Masseurin. – Gut. I bring's zum Jonasch in der Prinzengasse unter, i bezahl's Zimmer, i bürg für die Rosa, – sag' ich dem Jonasch.

Wir annoncieren. – Sie kriegt zu tun. – Ganz schön zu tun . . . Jonasch ist ein guter Kerl, aber leben muß er . . . Sie braucht a gute Nahrung, sie braucht Schlafröcke, sie braucht Wäsche. – Ich bitte, ich kann doch das verdienstliche Geschöpf in kein Bordell stecken, wenn sie nicht will. – So was darf doch nicht sein, wenn's auch unser Herr Chef verlangt . . . Da kenn' ich die bezüglichen Paragraphen zu gut.«

»Natürlich, weil ihr keinen Profit gehabt hättet,« dachte Milada bei sich.

»No sehen Sie; der Zins is halt groß, und da hat der Jonasch nach und nach ein bisserl Beschlag aufs Geld gelegt. So weit is gut.

Da kommt so ein dreckiger Federfuchser herauf, – ein Jud' natürlich, ein Tagedieb, macht dem Jonasch einen Radau, wie er dazu käme, das Mädel auszunützen, – sie hat kein Buch, sagt er, sie is keine und sie will keine Hur sein, und droht mit die Zeitungen und mit 'n Advokaten und Tod und Teufel, und der alte Esel gibt mich an. Mich!

Ja, wie der meinen Namen hört, da springt er . . . Natürlich, der Agent, der Konfident . . . Das is a Fressen . . . Eins, zwei steckt er bei uns oben und macht ihnen ein Getöse her, nicht zum Sagen. Und er wird nicht aufhören, bis die Welt die Schweinerei weiß.

Sie, das nennt er a Schweinerei! – Und unser Herr Rat, man kann grad' sagen was man will, aber das muß man ihm lassen, in solche Sachen kennt er sich aus. Und abräumen kann er's, so ein Kerl, wenn er auch ein Jud' is. Wissen Sie, was er ihm sagt?

Ja, sagt er, los kommt sie dem Jonasch, wenn das Geld bezahlt wird . . . Aber dann muß sie stante pede in ein Bordell, weil sie mit ihrem Körper erwiesenermaßen unzüchtiges Gewerbe getrieben hat, – oder – er, der Jud', muß sie heiraten, – das ist dasselbe . . . Ha ha. So spricht das Gesetz . . . Können's Ihnen ein bissel grüne Galle denken, was der Israelit gespuckt hat . . . Wieso? – Was heißt das? – Was bedeut' das? Er sagt, das haßt und bedeut', daß sie keine Beschäftigung hat, keine Unterkunft, unter polizeilicher Aufsicht steht, wegen Gefahr der geheimen Prostitution und vom Gesetz aus entweder a Hur oder a verheiratete Frau sein muß. – Nachher kann's machen, was s' will . . . Schluß! sagt er, wenn man sich in solche Sachen mischt, nachher muß man die Konsequenzen daraus ziehen, sagt er –«

»No, und –?«

»Nix; Myrtenkranz wird er bestellen gangen sein, der Jud',« lachte Sucher giftig.

Die Tür öffnete sich, der diensthabende Kommissar Dr. Treulich trat mit einem Aktenbündel unter dem Arme ein. – Milada kannte ihn.

Er wurde kurzweg der dicke Kommissär genannt, leitete persönlich mit dem Sucher die Revisionen und war dann ein äußerst nachsichtiger und gemütlicher Herr . . .

Heut sah er geärgert aus, denn er kam vom Vortrage beim Rat, der plötzlich sämtliche Rückstände des Jahres aufgearbeitet haben wollte. Diese verfluchte Masseusegeschichte, die bereits in einem Blatte erschienen war, hatte das empfindliche Rechtsgefühl des Beamten getroffen . . . »Was gibt's?« fragte er kurz.

»Sie meldet eine neu eingetretene Schanddirne an, Herr Kommissär – – Goldscheider, Herr Kommissär, das is sonst alles in Ordnung.«

»Lassen's mir die Leut' nicht ins Bureau 'rein!« sagte der Treulich kurz und warf die Tür hinter sich zu.

Sucher dienerte: »Jawohl, Herr Kommissär!« und sagte: »Gehn's, bevor der Alte kommt! Heut sind die Herren nicht auf Komplimente eingerichtet.«

Milada wollte noch etwas sagen . . . Aber er schob sie an den Achseln hinaus und schloß die Tür. Der war wieder einmal grob, – der Mensch.

Im Herbst, wenn er mit Anträgen kam, da konnte er schon zutunlicher sein . . . Alter Schurke! . . .

Aber jetzt war sie ja frei . . . Jetzt wartete Gust auf sie. – Sie ging durch die sommerliche Luft und mühte sich, die letztgewonnenen, häßlichen Eindrücke zu verwischen, die sich wie schwarze Schleier um den Rosenschein des heutigen Tages wanden. – Umsonst! – Das heimlich lockende Freudengefühl, das sie die ganze Woche mit all ihrer Gedankenkraft festgehalten hatte, wollte sich nicht mehr einstellen. – »Zu dumm, diese Idee,« dachte sie traurig, »vor meinem Besuche noch so einen Gang zu machen! Wozu alles durcheinander mengen und verderben!« – Sonst schüttelte sie Grobheit und Verachtung der Beamten leicht ab, – wenn nur ihre Sache durchging – Aber diesmal! Sie hatte sich verweichlicht und verzärtelt, die tausend warmen Gedanken, die unterdessen in ihrem Herzen aufgetaucht waren, machten sie empfindlicher, widerstandsloser. Sie hätte heute zu allen Menschen gut sein, von widerwärtigen Gedanken sich frei und rein halten mögen.

Warum durfte sie der Kerl, so oft es ihm beliebte, abfertigen und hunzen? Hatte sie gar kein Recht? Nicht einmal das, sich den inneren Frieden zu bewahren? Durfte da jeder kommen, roh in die Seele greifen und ihren Feiertag zuschanden schlagen?

Ein starkes, wildes Zorngefühl brannte in ihr auf. – Ihre Hände ballten sich. – Sie ging sehr hastig. – Warum ließ sie sich das bieten? Immer wieder? Warum sprang sie nicht auf und packte ihn bei der Brust und schüttelte ihn, diesen Schurken, bis seine Feigheit winselte?

Sie fühlte den Zorn gleich einem elektrischen Schlag durch ihre Nerven gehen. Ah, so war es gut . . . So – fühlte sie sich beinahe gereinigt.

Da kam sie zur Polizei, um ein Recht zu fordern, eine gesetzmäßige Formalität, und sie behandelten sie wie eine Verbrecherin, wie einen zugelaufenen Hund, den man aus Gnade nicht dem Schinder übergibt . . . Dafür mußte man ihnen noch die Hände lecken. Diesem alten Schuft, der die Kuppelei und jeden Menschenschacher tausendmal ärger trieb, als die geriebenste Bordellmama! Und der andere, der dicke Kommissär, der sich bei den Revisionen mit Champagner und Kognak ansoff und die Mädel nackt aufmarschieren ließ! In der warmen Sommerluft überfiel sie ein Frösteln. Mit diesem Sklavenblut im Leibe, mit dieser feigen Hundeseele greift man nicht nach Liebe, nach Glück, träumt man nicht heimliche Träume. Der eine warf sie wie ein Bündel zur Tür hinaus, der andere fing sie auf und wollte sich an ihr freuen.

Armer Gust! Das wußte er noch lange nicht! Für ihn war die Prostituierte halt doch noch das Weib, das gibt. Er kannte sie doch nur im Lichte des Salons, lachend jung und toll. – Ihr tiefstes Elend, ihre elendeste Schmach, die ganze qualvolle Tragödie ihrer Menschlichkeit, die ahnte er ja gar nicht . . . Daß ein Sucher sie mit Füßen wegstoßen durfte, daß der Treulich seinem Pudel viel mehr das Recht einräumte, im Vorzimmer zu warten, als ihr, daß sie der verkommenste Taglöhner, wenn ihm nur ein paar Silberstücke in der Tasche klingen, als Sache ansieht, deren er sich ungescheut bedienen darf! – Und plötzlich graute ihr vor dieser Zusammenkunft.

Sie sah eine Reihe kläglicher und leerer Stunden vor sich, die sich immer schaler und gezwungener wiederholten, sie fühlte die Fieber seiner Erwartung und ihre Unfähigkeit, ihm irgend etwas dagegen zu bieten. Und sie fühlte die Ernüchterung, die sich wie der eiskalte, graue Winterhimmel über seine Wünsche schloß, und die Verzweiflung, die wie Wüstensand über sie wehte und sie begrub.

Da strebte sie wie in Flucht vor ihren eigenen Gedanken vorwärts, versuchte das sie Umgebende zu erfassen, horchte gespannt auf das Gespräch zweier Schulmädchen, die geschlossenen Armes vor ihr herzappelten, und fand sich endlich in der Hausflur wieder, wo das Dröhnen fallender Eisenplatten, die auf einen Wagen geschichtet wurden, das flüchtige Geräusch ihrer Schritte verschlang. Sie wandte verstohlen den Kopf, sah den alten Mann im Lichthofe stehen, aber er notierte etwas, blickte gar nicht um, und völlig unbemerkt verschwand sie hinter der Gangtür. Die Wendeltreppe war dämmerig und es roch nach Feuchtigkeit und frischem Mörtel. Da fiel Gusts Stimme wie helles Licht über das Geländer. Sie blieb stehen.–

»Guten Tag, Milada! – Immerzu den Schneckengang herauf! Ich strecke schon meine Fühler aus.«

»Guten Tag, Herr Doktor,« erwiderte sie. – Der Klang ihrer Worte erschreckte sie beinahe. – Das erstemal in ihrem Leben hörte sie ihrer Stimme zu. – Es schien ihr, als klänge sie rauh, ungefällig, gezwungen.

»Wie wird das wieder?« dachte sie geängstigt. »Ich kann gewiß nicht so sein . . .« Er streckte ihr die Hand entgegen. – Gierig griff sie danach. – Wie warm und stark war diese Hand.

»Salve!« sagte er heiter und ließ sie an sich vorüber eintreten.

»Die Illumination einer Kerze hätten Sie sich leisten können,« bemerkte sie und versuchte sich in dem finsteren Raume zu orientieren.

Er lehnte ihren Schirm in eine Ecke. – »Wozu? Ich kenne mich hier aus, und meine Freunde sollen es lernen. – Ist's gefällig, Dame?«

Er öffnete die Zimmertür. Und ein Strom roten Lichts brach ein. Durch breite, mit weißen Mullgardinen verhängte Fenster sah sie den sonnenbeglänzten, schimmernden Fluß breit und träge vorüberziehen. Im Hintergrunde sanft ansteigend sommergrüne Berggelände . . .

Und darüber stand die Sonne, hoch, königlich im Purpurmantel, wie sie von ihrer Erde Abschied nahm. – Rote Tränen sprühten durch das All.

»Wie schön!«

»Nicht wahr? Und eine glimmrige Kerze im Vorraum hätte den ganzen Eindruck verpatzt. Man muß aus dem Dunkel treten, um das Licht so zu empfinden . . . Aber legen Sie ab!«

Sie nahm Hut und Jacke ab und steckte die Haarnadeln fester in den dicken, braunen Haarknoten.

Er trug die Sachen ins Nebenzimmer, kam von hinten, umfing sie ganz leicht: »Spiegel?«

»O danke, nein.«

Er ging quer durch das Zimmer und pfiff. – Eine kleine Pause entstand. »Nein, hier lebt man üppig,« sagte sie und überblickte den weißgedeckten Tisch, auf dem eine Schüssel Aufschnitt stand, ein Korb Früchte und drei Flaschen Wein.

»Ich erwarte Gesellschaft,« erwiderte er kurz. . .

Sie hatte noch nicht in sein Gesicht geblickt. Ganz langsam, ganz sparsam genoß sie das Glück seiner Gegenwart – Sie war bei ihm, hörte seine Stimme, sein Wesen umfing sie wie eine süße, nie endende Liebkosung.

»Sagen Sie mir,« begann er plötzlich unsicher und wurde in seiner Unsicherheit brüsk, »waren Sie denn gar nicht erstaunt, daß ich Ihnen immer wieder schrieb?«

»Ich dachte mir, Sie wollen mich wiedersehen,« erwiderte sie sanft und staunte gleich über den milden Klang, den ihre Stimme annahm. Ganz sachte hob sie jetzt die grauen Nebelaugen, in denen rote Pünktchen flirrten und flimmerten, zu ihm empor . . .

»Wie jung er ist, wie schön, wie jung!« sangen ihre Augen . . .

»Fräulein Milada!« Er trat neben sie. »Wir wollen uns klar darüber werden. Ich hasse nebulose Zustände, das wissen Sie vielleicht. Sie, Milada, interessieren mich; Ihnen bin ich, – bin ich – sogar gut, – ich halte Sie – trotz alledem – für – eine Dame: aber ich hasse den Ort, wo Sie leben müssen, und diese Geschöpfe verachte ich.«

»Ich muß nicht dort leben,« erwiderte Milada ganz starr, »jeden Moment steht es mir frei, zu gehen, – ohne zu fliehen.«

»Tun Sie es doch! Warum denn bleiben? Wenn ein unglückseliger Zufall, Unwissenheit, List, was weiß ich, Sie hineingeweht hat, – so bleiben Sie doch nicht des Verdienstes willen an so einem Ort, Milada! Fühlen Sie denn nicht, wie dieses Geständnis Sie herabsetzt?«

»Der Verdienst ist es nicht, Herr Doktor. – Ich tue es, weil ich sie alle liebe. – Diese kranken, verdorbenen, zerstörten Geschöpfe, – das ist die Familie, der ich angehöre.«

»Ich hab' mir's doch gedacht,« brach er erbittert los, »mißverstandener Humanitätsdusel steckt dahinter, ölige Sentimentalitäten! – Ich kann Ihnen sagen« – und er schlug sich auf die Brust – »diese Frauenzimmer verdienen kein Mitleid, kein Opfer. Das ist zusammengesetzt aus Liederlichkeit, Frechheit und Komödie.«

»Sie sprechen von denen, die Sie kennen, – von den geschminkten, aufdringlichen, hungrigen Frauen, die sich nachts an Ihre Rockschöße hängen, die für Geld alles tun möchten. Ach, das sind die, die bis an den Hals durch ein Meer von Elend wateten und an den Strand geschwemmt werden . . . Die letzten Zuckungen der Kreatur, die sich sättigen will. Ja –« sie atmete tief auf – »die sind so, wie Sie sagen . . . Ich aber, Herr Brenner, ich sehe den Beginn. Ich sehe die ersten wilden, schüchternen oder verzweifelten Kämpfe mit dem Schlamm . . . Ich hab' sie neben mir, wie sie über die spiegelnde Fläche tanzen, wie sie gleiten und fallen, sich aufraffen, grausend vorwärts schauen, hoffnungslos nach rückwärts, wie sie einen, den entsetzlichsten Moment, stehen bleiben – die Arme ausstrecken und dann, dann sinken, – langsam, langsam, unaufhaltsam, mit Augen, die den Tod grinsen sehen. Ich sehe sie jene Bahn beschreiten, wo sie so werden müssen, wie Sie eben sagten.« – Fest und entschlossen fuhr sie fort: Wenn diese Mädchen damit beginnen, dann sind sie harmlos und lieb und lachen. Sie lächeln zu allem. Sie machen Ihnen und Ihren Freunden das Leben leichter. Niemand verachtet sie da. Sie spüren nicht Haß und Spott. Niemals kommt jemandem der Gedanke: Die wird verlogen und elend werden. Verlogen, verloren und zu allem Gemeinen fähig. – Und zwar gerade durch dich und deine Liebe. Man geht von ihr, wenn man genug hat. Und hinter dem ersten, der noch gebettelt hat, kommt der zweite und dritte; für die ist sie dann nicht mehr die Schenkende, sondern die Anbietende geworden. Dafür, daß sie einmal ganz und gar Geschlechtswesen war, bleibt sie ihr lebelang die Dirne.«

Er faltete die Stirne. »Und solche, die den Leichtsinn im Blute stecken haben? Was wird über diese phantasiert? Die lieber verkommen, als ehrlich arbeiten? Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, daß die, die sich retten wollen, in dieser Welt keinen Weg frei haben. Lächerlich!«

»O, lieber Herr Brenner! Für die, die den Leichtsinn im Blute stecken haben –« sie setzte einen Augenblick aus – »es gibt solche; doch auch für die bleibt es noch immer ein grausames Unrecht, daß sich ihnen der Weg ins Elend so bereitwillig und unaufhaltsam öffnet. Da nützen die Starken und Sicheren die Schwachen und Irrenden doch zu sehr aus.«

»Das scheint mir freilich eine sehr bequeme Philosophie,« sagte er hochmütig.

»Das ist durch bitterstes Denken, durch jahrelange Erfahrung erworbene Wahrheit.« Sie sah vor sich hin, mit zusammengezogener Stirne und angestrengt, als suche sie nach Worten. »Es gibt doch auch Menschen, die den Drang nach Blut und Marten im Leibe stecken haben. Die so unbedenklich morden würden, wie andere genießen, wenn dieser dunkel gefährliche Trieb nicht durch eiserne Gesetze gefesselt worden wäre. Du darfst nicht morden, ist Hausgesetz der Religion. Irrenhaus oder Galgen bilden seine eiserne Klammer. Da lernte das menschliche Wesen die Selbstzucht. Es ist das Wahrzeichen der guten Gesetze, daß sie überflüssig werden. – Das Mordgesetz wird es allgemach. Doch zeigen Sie mir das Gesetz, das uns Führer würde in der Wildnis des Geschlechtstriebes. Zeigen Sie mir eine einzige feststehende Regel in sexuellen Dingen, die nicht sofort eine andere, ebenso beglaubigte umstoßen würde. Und da, auf diesem schwanken Grunde wagt man es, die Moral aufzustellen wie eine Guillotine, an der Menschen verbluten? –

Bitte, glauben Sie nicht, daß ich das alles allein zusammengedacht habe! So klug bin ich nicht. Vieles haben mir die Bücher, das meiste mein Lehrer gegeben – Horner.«

Unverwandt sah er sie mit trotzigen Jungenaugen an. »Das sind die schlecht verdauten sozialistischen Ideen,« wütete er los. »Das ist nichts neu Gesagtes, nichts Überwältigendes. Horner, no ja, der schwamm immer gern im Pathos herum. Sie werden die Tatsache nicht leugnen, die sich alljährlich von neuem begibt. Eine Unmenge in mäßig guten Verhältnissen lebender junger Mädchen, die ihren Naturtrieb in einer Beziehung zum Manne befriedigen könnten, drängen sich zur Prostitution und drängen nur und werfen alle sozialen Vorteile von sich, weil der Beruf bequem ist und ihnen einen Luxus, ein Wohlleben verschafft, das ihnen bei bürgerlicher Betätigung im Rahmen einer engen Häuslichkeit versagt wäre. Es liegt in der Natur, sage ich Ihnen, nicht im Äußeren des Organismus. – Die Dirne ist durchaus unmütterlich, – sie will kein Kind, sie haßt es. – Die echte Frau aber ist vor allem und über alles Mutter.« Er setzte ab und fuhr dann triumphierend fort: – »Es gibt Klöster, Anstalten, Marthahäuser, Heilsarmee, Hilfsaktionen jeder Art. – Lesen Sie einmal andere Bücher, als die, die Horners Urteil gestempelt hat. In England scheut sich keine hochgeborene Lady, einer Dirne Wohltaten zu erweisen. – Will sie denn? Nirgends blüht das Laster so erschreckend wild auf als dort, in der Metropole der sozialen Wohlfahrt; – das ist auch Wahrheit, Milada. – Ich habe es ja sofort gewußt, daß Sie eine Versprengte sind. Aus der Mädchenschule entsprungen und auf Horners impotenter Philosophie ins Schlaraffenland einer neuen Moral gesprengt. Hol' der Teufel diese Dreckgeburt! – Milada, ich habe es Ihnen schon einmal versichert und ich wiederhole es Ihnen: Lassen wir all das Drum und Dran. – Lassen Sie mich nicht deuteln, erklären, feststellen! Und vor allem: suchen Sie mich nicht zu überzeugen! – – Sie achte ich. Ich frage nicht mehr, wie es möglich ist, wie sich ein Mädchen von Ihrer Bildung, Ihrer Intelligenz, Ihrer – Weiblichkeit in diesem Milieu abfindet. – Ich will nicht wissen, welcher Mensch Sie hineingebracht hat . . . Ich will nicht. . .« Er stampfte mit dem Fuße auf. – Ein Schauer rieselte durch ihre Seele. »Es genügt mir, zu verstehen, daß irgendein Mensch, irgendwo in der Welt ein Verbrechen begangen hat. – Schluß! – Ich werde kein Wort mehr verlieren.« Sie wollte sprechen, da legte er die Hand auf ihren Mund.

»Nicht, Milada, ich warne Sie. – Ich fühle jetzt, daß ich es nicht ertragen werde. – Ich will – jetzt – nichts wissen . . . Ich will – den Tag genießen . . . Ich habe mich so auf diesen Tag gefreut.«

Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie einen Gedanken gewaltsam abschütteln. Es lag unendliches Glück in der Berührung seiner Hand . . . Und doch dachte sie: »Wie fremd ist dieser geliebte Mensch meinem innersten Leben . . . Horner mit seinem von Leidenschaften zerrissenen Gesichte steht mir näher. Dieser da will nur seinen fröhlichen Sommertag zu Ende feiern.« – Sie schüttelte wieder den Kopf, als müßte sie den Gedanken wehren. – Also helfen wir ihm dazu!

»Milada,« sagte er plötzlich weich, und der Atem seines Mundes streifte ihre Stirn. Sie erschrak, wie plötzlich es stille in ihr wurde . . . wie alles aufhorchte . . . wie diese Stimme alles Rebellische niederzwang.

»Ich fürchte, Sie nehmen die Dinge in dieser Welt zu schwer. Damit kommt man nicht weiter . . . Sie kommen mir vor wie jemand, der alles fremde, herrenlose Gepäck, das er auf seiner Straße findet, aufladet und weiterschleppt.«

Sie schlug die Augen zu ihm auf und lächelte müde.

»So ist es, nicht wahr, Milada? Abladen müssen Sie ein wenig, Stück für Stück. – Machen Sie sich's leicht, – jetzt wenigstens. – Sie haben so traurige Augen. – Grau wie der Nebel . . . Ich dachte mir: Die soll man hell machen können. Dann werden die roten Pünktchen wie Sonnenstrahlen flimmern und den Nebel auftrinken . . . Das lockte mich. – Was gehen fremde Dinge uns zu dieser Stunde an?« Er zog sie neben sich auf das Sofa. »Ich habe ja auch kein freudiges Leben gelebt. Hin und her bin ich geworfen worden zwischen einem tyrannischen Vater und meiner armen, kranken Mama . . . Die hat mich lieb gehabt, sonst niemand auf der Welt. Davon erzähl' ich Ihnen ein andermal.« Er streckte ihr beide Hände hin . . .

»Also wollen wir fröhlich sein, wir beide – ja?«

»Abladen,« dachte sie, »wer das könnte! Nur ein bißchen ausruhen am Wege und dann weitergehen . . . Gut wäre das.« – Sie reichte ihm die Hand.

Er streichelte befangen ihr Haar und wurde dabei rot wie ein kleiner Junge.

»Wie komme ich aber allein durch, wenn niemand hilft, niemand mit mir geht,« dachte sie bekümmert. – – »Laß die Jungfernschaft besteuern!« knurrte irgendwo Horners heisere Stimme herüber.

Gusts Hand ruhte auf ihrer Wange, hatte von ihrem Denken Schmerz und Schärfe genommen. Wenn ich todmüde bin, – zu Hause, – fühlte sie – dann schlafe ich gerade so ein.

»Kommen Sie nach nebenan, Milada . . . Das ist Mamas Zimmer gewesen . . .« Er öffnete die Tür zum Nebenraum . . . Ein weißes, helles Gemach. Ganz hellpolierte Möbel, weiße, gehäkelte Schutzdecken, auch über dem Klavier; – dünne, milchfarbige Gläser, mit Frauenhaar gefüllt; überall Vasen und Nippes. In jedem Fauteuil ein seidener Polster und das Messingbett reich mit Maschen und Bändern geziert.

»Fein, was? O, Mama hatte künstlerischen Geschmack. Sie hielt etwas darauf.« Sie bemühte sich, ihm zuzuhören. – Er sprach weiter von seinen Freunden, vom Studentenleben . . .

»Nie werde ich etwas sagen, das ihn amüsiert, fesselt. Er will von meiner Welt nichts wissen, ich finde nicht in die seine. Alle diese Dinge sind fremd, fremd.«

Er plauderte fröhlich weiter. »Oly ist ein famoses Mädel. – Die wird Ihnen gefallen. Immer lustig, fesch, immer braucht sie a Hetz, – aber dabei ein Geschäftsgenie. – Auf ihren Vorteil los wie eine Katze . . . Ein zahmes Raubtier, sagt der Joszi . . . Übrigens der, der paßt zu Ihnen. – Der geht Ihnen auf alles ein. Das ist auch so ein Demagog. Der hat schon in der Schule Anarchie gemacht. – Kommen Sie, Milada, jetzt zeige ich Ihnen etwas.« – Er öffnete das Fenster, und sie sah auf Brettern zwanzig oder mehr kleine Blumentöpfe mit Kakteen. »Die pflege ich allein. Das war Mamas Lieblingsblume. Die braucht gar nichts, sagte sie immer, gar keine Pflege und blüht doch. – Ich habe noch keine blühen gesehen, aber ich freue mich närrisch darauf. – Als kleinem Jungen versprach mir Mama oft, wenn ich ihr in diesem oder jenem nachgab, daß ich die scharlachroten Blumen bekommen würde. Und alle Morgen lief ich hierher und öffnete das Fenster und freute mich auf das Wunder. – Sie sieht nicht schön aus, nicht wahr, aber der Gedanke, daß sie einmal blühen wird . . . Herrgott, ich hab' ja was für Sie.«

Er warf das Fenster zu und lief hinaus . . . Nach einer Weile kam er wieder mit am Rücken versteckten Händen . . . »Das hätte ich Ihnen eigentlich beim Eintritt geben sollen.« – Und er reichte ihr Blumen.

Sie wurde ganz rot, und ihre Augen leuchteten auf . . .

»Für mich?«

»Hm – Kamelien . . . Ich habe lange nachgedacht . . . Und mir Ihr Wesen vorgestellt, welche Blume eigentlich paßt, da wählte ich Kamelien. Das ist die stolzeste Blume. Die kommt mir immer vor, als wollte sie sagen: Wenn man so aussieht wie ich, braucht man nicht zu duften.«

»Wenn Sie wüßten,« stammelte sie mit zuckenden Lippen, »wie – mich – das – alles – –«

»Nicht weinen!« sagte er weich – »Nicht – –« Er hielt sie fest.

Seine Augen blitzten sie an. »Sie sind jetzt so hübsch.«

Sie blieb kerzengerade stehen und rührte sich nicht. Eine Bangigkeit, die süß und weich durch ihre Glieder rann, hemmte jede freie Bewegung. Das Ungewohnte und Besondere der Situation und ihre Empfindung zugleich, die sich in wunderbarer Harmonie zu dem Erlebnisse der Stunde fügte, verwirrten sie wie glühender Wein. Sie dachte und sprach ohne die gewohnte scharfe Selbstkontrolle. – Etwas in ihr schien die Augen zu schließen, – in tiefen, tiefen Schlaf zu versinken. – Die wach wurde, – die jetzt lachte und trunkene Worte sprach, die die Arme hob und um den Hals des Geliebten schlang, die die Blumen ins Haar steckte und mit einer ungestümen Bewegung den schweren Zopf löste, daß er jäh wie eine Schlange über den Rücken in seine Hände fiel, die ein leises, silberfeines Lachen lachte und dabei immer sagte: »Lachen wir nur nicht!« und im selben Momente nicht wußte, warum sie das sagte, – das war ein glückseliges, wach gewordenes Kind mit brennenden Wangen und erzitternden Gliedern, – eines, das die Schleier seiner Träume tief errötend um den ahnenden Körper wand.

Ach eine von jenen tausend, abertausend Freudevollen, die die eigene Wesensvollendung im Ich eines anderen grüßen . . .

Sie saßen eine lange Weile eng umschlungen auf dem Kanapee, und er hielt ihr eine lange Rede, wo Glück, Sonne, – Freiheit, Berge und Einsamkeit immer wiederkehrten . . .

Sie fühlte nur den warmen Atem seines Mundes und streichelte seine Hände, die sich um ihr Gesicht breiteten . . .

Dann hörte sie sich selbst . . . Ihr war es, als wäre dies nun die fremdeste aller Stimmen, die sie jemals aus ihrem Innern tönen gehört hatte . . . Sie kam aus dem verborgensten Schacht, von dessen Dasein sie bisher nichts geahnt hatte, der sich nun willig öffnete, dunkel gefangenen Regungen Freiheit gab.

Und während sie noch sprach, brachen in jähem Erröten über die Nacktheit, in der sie ihre Seele sah, Tränen aus ihren Augen; und ohne sie zu verbergen oder wegzuwischen, ließ sie sie auf Gusts Hände tropfen, die er in ihrem Schoße gefaltet hielt.

»Siehst du, das ist die natürliche Reaktion, mein Lieb, was du jetzt sagst, das verstehe ich . . . Die Umgebung macht dich krank; du wirst ganz anders sein, wenn du frei bist . . . Wenn du in meine Berge gehst,« sagte er ebenso ergriffen und bewegt . . . Sie schüttelte den Kopf.

»Ich bitte dich, schweig'! Du kennst dich selbst nicht; das ist alles nicht neu, sag' ich dir. Du glaubst, wer weiß, was du mit deiner Opferung leisten kannst . . . Zum Beispiel die Tochter von Dr. Farkas. Kennst du sie? – Nein? – Also schau' her! Die geht aus dem Hause, setzt sich in den Kopf, sie muß Pflegerin werden, Spitalsschwester. Jetzt ist sie in der Abteilung vom Pahlen, – weißt du? Bitte, ein gebildetes Mädchen aus gutem Hause in dieser Umgebung. Da hast du genau denselben Fall. Jedenfalls leidet sie. Wird daran zugrunde gehen. Als Weib zweifellos. Ich bitte dich, wer traut sich noch an so was heran? Kein Mensch. Es ist nicht jeder so vorurteilslos. Es nützt nichts, man muß sich in den Linien seines Kreises drehen. – Diese Art Humanität, wenn ich sie überhaupt gelten lassen soll, verlangt eine andere Zeit . . . Möglich, daß sie kommt . . . Sie wird andere Menschen vorfinden. Heute ist sie deplaciert, glaube mir!«

Sie faßte seine Worte nur halb. Sie verklangen in dem Jubel, der sie erfüllte. Eines nur war ihr ganz klar. Er war gut zu ihr, er liebte sie.

Und sie fühlte zugleich, daß dies die höchste Gnade war, die ihr armes Leben bisher empfangen hatte.

Er sagte: »Ich werde dir erzählen, viel erzählen . . . Ich hab' ja auch viel durchgemacht, was niemand ahnt.«

Sie nickte ihm zu und erwiderte: »Ich kann nicht sprechen wie du. So ungebunden nicht; so frei ist nichts in mir wie in dir. Festgeballt ist alles . . . Fühl' her!« – Sie legte seine Hand an ihr pochendes Herz und fuhr fort: . . . »Aber das zu denken ist ja das Schönste . . . Nichts sagen müssen, nichts erzählen müssen, nicht ewig lange, kalte Worte suchen – und doch so bestimmt fühlen, er weiß alles, kennt mein Leben, meine Gedanken, meine Sehnsucht, und das alles nur, weil er mich liebt . . . Nein, so . . . Er liebt mich nur, weil er das alles weiß . . . Oder wie denn? Gust, ich bin dumm . . . Was ist denn das Richtige?«

Sie sah ihn an . . . Und unter dem glühenden Blicke ihrer Augen, die von roten Lichtern zuckten, füllten sich seine blauen, leicht gerührten Jungenaugen mit Tränen an . . . Nein, so hatte ihm noch kein Mensch angehört. So ganz. – »Das Richtige ist –« begann er – –

Da klangen Schritte über die Treppe, der Schall von lauten, lachenden Worten kam mit.

Gust erhob sich aufgeregt; »Still, da sind sie – Joszi und O – –, warte, sei ruhig, – wisch dir die Augen – –«

»Jungchen, da sind wir . . .« Ein schlankes großes Mädel stürzte ungestüm zur Tür herein, kniff aber die Augen, mandelförmige, schwarzglänzende Augen mißtrauisch ein, als sie Milada erblickte und wandte sich affektiert zur Tür. »Joszi, mach keine Dummheiten,« sagte sie gezwungen hochdeutsch, »komm, es ist nämlich eine Dame da.«

»Er hat sich so eine knallrote Judennase aufgesetzt, – es war eine reine Schand' mit ihm auf der Straße. – Gemauschelt hat er auch. So was!« – Sie legte den umfangreichen Federnhut und das kurze Jäckchen ab und stand in einem hochgeschlossenen, dunkelblauen Leinwandkleide da, die schmalen rundlichen Schultern von einem breiten Spitzenkragen umsäumt. – Die Bubenfrisur über der niederen Stirne, das schnuppernde Näschen und darunter ein breiter, weicher, sinnenfroher Mund. Reizend war sie. – Und wie sie die andere grüßte . . .

»Schau, Milada, das ist Olly-Polly – unsere –«

»Bitt schön, ich heiß' Olga Pollini für jedermann. Mein Vater war ein Italiener . . .«

»– Und hat Puppen gemacht, wie Sie sehen . . . Guten Abend. Heut läßt ihr der Tropfen Blaublut, der in ihr schwimmt, keine Ruhe. Sie hat mir erklärt, sie werde mit mir nur mehr auf der linken Seite verkehren – –«

»Geh, sei stad, Aufschneider!«

»Du, Olly, gib mir mein Knöpferl!« Joszi hielt sich mit dem Daumen die Hemdbrust zu.

»Hab's nicht,« sagte sie schnippisch – »meiner Seel', und gib a Ruh'!«

»Ich bitte alle Wohlgesinnten um Entschuldigung,« sagte Joszi resigniert und zwinkerte mit seinen kurzsichtigen Augen im Kreise umher, »diese Dame fühlte das perverse Bedürfnis, aus einer kleinen roten Granatkäfernadel, mit der ich mich gewöhnlich hier abzuschließen pflege, einen Ersatz für ihr mangelndes Strumpfband zu konstruieren. Ich sage nur das Eine . . . Olly-Polly kam heute zu Mittag – ohne Strumpfband, – also sozusagen halb toilettiert zu mir . . . Denn was sonst noch unter diesem blauen Flügelkleide . .«

»Du bist schon wieder unappetitlich, schweig einmal!«

»Oho! – Sage mir, es ist sündhaft, aber sage nicht, es ist schlecht!« Er wandte sich indigniert ab. – »Merke dir, Freund Gust, nie sind die Weiber unverschämter, als wenn sie uns betrogen haben. – Als sie heute mittags auf meine Bude gerückt kam, – raunzig, schmeißerisch, da habe ich genau gewußt, was vorgegangen ist. – Das waren nur die unschuldsvollen vormärzlichen Mütter, die uns nach einem Treubruch lind, liebkosend, schmeichlerisch nahten . . . Die heutige Generation ist in der Technik voraus. Gar nichts weiter hättest du beichten müssen – Olly! Deine Wut über mich und mein Häufchen Dasein war Beweis genug.«

»Na, da hört sich aber alles auf! Als ob ich ihm gebeichtet hätte! Was hab' ich dir gebeichtet? Du – red'! Was hab' ich dir erzählt?«

»Alles. – Daß du nicht im Geschäft warst, wegen deiner kranken Tant'. – Daß die kranke Tant' mit dir im Prater war. Daß die Tant' so gut is und so arm, daß deine Frau Mutter dich gestern abend mit warmem Nachtmahl hingeschickt hat. – Das reine Rotkäppchen! Daß du von der armen Tant' ein goldenes Kettelein bekommen hast und nicht vom Herrn Wolf. – Daß du Czardas tanzen kannst . . . Daß die Tant' wollen hat, weil sie verkühlt ist, sollst du dir ein hochgeschlossenes Kleid anziehen. Und daß man mich wegen meines blöden Geschaus ohrfeigen möcht! Sonst nichts. Alles in einem Atem, ohne daß ich eine Frage wagte. – Indizienbeweis geschlossen. – Ich erhebe keine Anklage.«

»Olly, die Tant' muß gut mit dir umgegangen sein. – Wenn du ein hohes Kleid anziehst, – das weist auf Zeichen und Wunden,« sagte Gust lachend.

»Na, spanische Wand vor!« schloß Joszi philosophisch, »gehen wir aus dem Alkoven dieser Dame . . .«

Er goß Wein ein und reichte den beiden Mädchen die Gläser. – »Bravo, Gust!« schnalzte er, »jetzt bist du in der richtigen Reihe. Da kannst du bleiben!«

»Alles das habt's ihr im Keller! Dein Vater muß schauderös Geld haben, was?«

»Komm hin, mach auf, war zu,« brummte Joszi.

Gust lachte. »Bitte Aufschnitt! Bitte Obst! – Bedient euch! – Iß doch auch!« sagte er halblaut zu Milada, – »geh, iß!«

Milada befand sich das erstemal in so gearteter Gesellschaft. Der Typus Olly war ihr durchaus fremd. Sie kannte nur die Weiblichkeit ihrer eigenen Sphäre, die, ob sie jung oder alt, schön oder häßlich, klug oder dumm war, in allen Zwischenstufen trotz Großmäuligkeit und Frechheit dem Manne gegenüber Unterwürfigkeit bewahrt und immer bereit ist, ihren Willen unter seine Anforderungen zu beugen.

Dieses Mädchen aber, dem Frohsucht und leichter Sinn auf der Stirne geschrieben schien, fand ihrem Liebhaber gegenüber einen so selbstbewußten Ton, eine halb kokette, halb launisch gebietende Sprache, die ihr am Tische unbestrittenermaßen Übergewicht und Herrschaft gab und die Milada ganz ungewohnt anmutete.

Gisi war schöner als diese, Fanni konnte ebenso drollig mimen und erzählen . . . Und doch . . . So wagte man nicht in ihrer Umgebung mit Herren zu sprechen.

Olly kramte in der Obstschüssel, knackte Mandeln und steckte sie dem kauenden Joszi in den Mund. Sie erzählte Gust von den ewigen Streitereien im »Modesalon Bruckner«, wo sie Probierfräulein war, kopierte die dicken Damen, die kaufen kamen, sie anlorgnettierten und dabei sagten: »Hoffentlich steht das auch einer üppigen Figur.«

Und dabei lag über Ollys Aussehen und Auftreten, von dem schwarzen Federnhut an bis zu den durchbrochenen Strümpfen, dem ausgelassenen Aufgirren beim Lachen und einem trotzigen Aufstampfen bei Joszis Sticheleien, eine so natürliche und vollsaftige Weiblichkeit ausgebreitet, – so etwas urgesund Starkes und Williges, das über jede Kritik und nörgelnde Beobachtung mühelos zu triumphieren schien. »Ich bin ich, – und wem ich nicht passe, auf den pfeife ich! – Ich Olly.« – So sprachen deutlich die Blicke, die sie öfters auf ihr schweigsames Gegenüber warf.

»Was glaubt denn die, die is mehr wie ich, weils den Gust einfädeln kann?« Olly war wirklich irritiert. – Sie war gewohnt, bei solchen kleinen intimen Zusammenkünften in der andern weiblichen Teilnehmerin sofort eine Busenfreundin zu erwerben, die sich ihr bereitwillig und bewundernd unterordnete und der von den Männern und dem Schmause das blieb, was sie – Olly – zu verschmähen beliebte und ihr großmütig zuschob.

Dieses »Fräulein« da würdigte sie keines Blickes. Da saß sie und starrte mit Augen wie die Mühlräder »Gusts seine Kredenz« durch und durch. Und 'n Apfel schälte sie, bevor sie ihn z'sammaß. – Untern Tisch hatte Olly geschaut, da gab's auch nix, was das Stillschweigen oberhalb entschuldigen konnte, – also wozu kam sie denn her? So eine rechte Zimpernocken. Und Olly lehnte sich zurück.

»Lauter graue Nebel ziehen auf,« sagte Gust, beugte sich vor und sah Milada an . . . »wenn wir das auf der Bergwand sehen, dann wissen wir, – 's tröpfelt bald.«

»O nein, ich bin voll lauter Glück,« flüsterte sie leise und eifrig, – »aber ich sagte dir ja, Gust, ich kann nicht heraus damit, es sitzt zu tief . . .«

So, jetzt noch flüstern! – Olly hatte genug.

»Mordshunger hab' ich,« erklärte sie plötzlich resolut, »erlauben Sie, Fräulein?«

»O bitte,« erwiderte Milada und reichte ihr die Schüssel.

»Jesus, Sie haben ja noch alle Haarnadeln im Zopf stecken . . . Ja, wie is denn der 'runtergefallen?« sagte sie harmlos staunend und trat hinter Milada. – »Schauens, wenn Sie sich zurücklegen, nachher könnten Sie sich verletzen.« Sie machte das unschuldigste Gesicht und klaubte mit rührendem Eifer die Haarnadeln hinaus . . . »Je, wer so a Haar hätt'. – I mit mei Rattenschwanzl dagegen. I sag's immer, wenn i so a Haar hätt'!« –

»Hätt' ich es schon längst nutzbringend angelegt.«

»Geh, schweig! – Da wär' ich gar nimmer hier. – In Amerika wär' ich – ganz bestimmt. – So was gibt ein Ansehen. – Man weiß, man is wer. So a prachtvolles Haar. – Aber Sie bauen's net recht auf. So was soll locken. – Offen soll's sein . . .«

Und um der andern zu zeigen, wie königlich sicher und großmütig ihre Weiblichkeit war, öffnete sie mit schnellen Griffen den schweren, braunroten Zopf, und kupfrig glühend, wie ein Purpurmantel sprang das Haar um Miladas Oberkörper.

»No!« – Joszi hielt im Essen inne. – »Prachtvoll,« sagte er und klemmte den Zwicker auf die Nase . . .

Olly sagte: »Noch net fertig.« Sie holte aus dem Gürtel die Narzissen, die ihr der Hausherr beim Eintritt überreicht hatte, und steckte sie festgepufft zu beiden Seiten in Miladas Haar. – »Na?«

»Wie reizend du jetzt aussiehst,« sagte Gust und küßte sie auf die Schulter.

Hochbefriedigt kehrte Olly auf ihren Platz zurück . . . Jetzt mußte die doch sehen, was für Eine sie war, – Olly . . .

»So leicht war mir noch nie,« sagte Milada mit vor Staunen trunkenen Augen – »nun können mir alle meine Gedanken wegfliehen. – Nichts hält sie mehr auf. – Wunderbar ist das.«

»I sag' halt, nackt muß der Mensch sein, nachher hat er keine Sorgen.«

»Eine verflixte Erfahrung!« bemerkte Joszi.

»Probierens es einmal,« sagte Olly, und das mütterliche Wohlwollen wich nicht mehr aus ihrer Stimme, – »i sag's immer. – Die Sorgen stecken nur in den Kleidern.«

»Wenn man nicht weiß, wer sie bezahlt – ja.« –

Olly ignorierte ihn. – »Is aber amal alles unten, alles –, nachher weiß man nichts mehr von der Welt! – Ich mach's alle Tag a so.«

»Muß einmal nachschaun, ob vis-á-vis kein Kabinett zu vermieten is »

»Du, heute ist Olly höllisch philosophisch.«

»Das macht die Gesellschaft.«

»Mach ich euch ernst?« fragte Milada gespannt. – »Ich freu' mich doch so mit. Das kann gar nicht sein, daß ich euch ernst mache. – So wie ein Kind möchte ich sein . . . Wenn ich nur recht wüßte, wie Kinder fröhlich sind.«

»Jedes nach seiner Art. Mein höchstes Freudegefühl als Kind war schnupfen und rülpsen.«

»Und ich,« sagte Olly voreilig, »hab – nein, das kann ma net sagen« – brach sie ab.

»Schöne Sachen!«

»Is net wahr.«

»Du hast es doch selbst gesagt . . .«

Olly stellte das Weinglas hin. – »Gesagt?« sagte sie unsicher.

»No natürlich – Ich bin tief betrübt, Olly, dabei wird man nicht alt.«

»Siegst, du Ekel, daß 's net wahr is,« etschte sie, »das is 's gar nicht, was du meinst. – Sondern –«

Plötzlich hörte man am Korridor eine scharfe Stimme: »Häußler, löschen Sie aus! Ich mache Nacht.«

»Früher als gewöhnlich,« sagte Joszi und zog die Uhr.

»Selbstverständlich, weil ich Gäste hab'.«

»Kinder, das sag' ich euch, allein bringts ihr mich nach zwölf Uhr nicht mehr aus dem Haus hinaus. Das ist ja direkt unheimlich. – Wie ein Gespenst läuft mir da einer nach und schaut mich mit der Blendlaterne an. – Ich hab' so geschrien.«

»Er auch, er hat noch mehr geschrien, wie du.«'

»A Nervenfieber kann man sich holen. – Überhaupt, das kann ich euch sagen: So was Rücksichtsloses, wie ihr – weißt, Joszi, nachher darfst du dich über nix mehr aufhalten.«

»Oho, hab' ich dir's nicht gesagt, Gust. Es war eine Eselei von uns beiden. Sie wird unsere Ästhetik nicht zu würdigen wissen.«

»Lasse ihr – du ahnst nicht, wie sehr manche Eselei dem Verstande schmeichelt,« sagte Gust und lächelte Milada zu.

»Bei meinem Schutzgott Pan! Alle zwei waren wir besoffen – und mit dem letzten Rest unserer Nüchternheit haben wir sie hinausgeschmissen. – Germanisch war das – Jahnisch! – O Gust, in meinem dicken Schädel dämmert es. Was waren wir zwei für Schafsköpfe damals.«

Er blickte trübe in sein Glas. – Olly trommelte auf seinem Rücken.

»Ekel, – Lümmel, schweig!«

»Frag den Herrn Wolf!« schluchzte Joszi, »der soll dir sagen, was das bedeutet.«

»Is er schon wieder besoffen,« sagte Olly resigniert. – »So viel Rücksicht soll er doch nehmen, wenn er schon weiß, er vertragt nichts.«

Joszi hob sein Glas gegen Milada: »Schätzbare Dame, ein armer Mann bittet um euere Gunst. – Olly, du Schlange, – schon schreibst du dir den Entschuldigungsbrief für alles Voraussichtliche und Wahrscheinliche auf. Zerreiße den Schein. – Heute betrinke ich mich nicht. – Heute wird mit Bewußtsein gelebt . . . Zum Beweise diene dir, daß ich, nachdem ich dieses Glas Wein ausgetrunken habe, dir auf einen halben Kreuzer sagen werde, wieviel du heute mittag in die Postsparkasse eingelegt hast.«

»Du lügst!«

»Niemals. – Da ich nicht der Mann bin, die Tatsachen des Lebens durch Wunder zu verdunkeln, so sei gleich bemerkt, daß ich in deinem Retikule gekramt habe, während du draußen warst. – Das Rezepisse war nämlich drin.« Gust setzte das Glas hin. – »O Olly-Polly – o, o, o. Und das nach dem einstündigen Vortrag, den wir dir gehalten haben?«

»Pierrette ist tot,« echote Joszi düster und machte eine Handbewegung: »Unwiderruflich verloren. – Sie versteht nicht den Sinn ihres Daseins. – Sie hat sich aufgegeben. – Die Lacerte ist zur Ameise geworden. – Die Grille singt nicht mehr, – sie sammelt. – Mimi Pinson strickt Strümpfe an . . . Und stirbt an Fettherz.« –

Olly war überführt; sie hielt den Obstkorb mit beiden Armen umklammert, stopfte Konfekt, holte sich Beere um Beere, nicht ohne die besten auf Joszis Teller aufzuhäufen . . . »Jetzt kommt der alte Blödsinn,« sagte sie nur verächtlich, – »und nachher wird er schnarchen . . .«

»– Wer, frage ich, fabriziert genügend Illusionen, ein Weib zu lieben, dem ein ziffernmäßiges Jahreseinkommen nachzuweisen ist? – Mehr noch, das auf seinen eigenen süßen Namen ein Postsparkassenkonto offen hat. – Wer gruppiert seine heiligen Jugendtage wie goldene Stufen um einen Altar, den Opfergaben dermaleinst zum Zinshause ausbauen sollen? . . . Olly-Polly, und dich sah mein seliger Geist mit einem hektischen Lächeln dem Grabe zutanzen . . . In dir erlebte ich die erhabenste aller Grisettentragödien . . . fort mit dir! . . . Du schwillst auf. – Alle Ecken deines Leibes werden rundlich, alle Kanten deines Wesens schleifen sich ab . . . Olly, weiche von mir!. . . für mich riechst du schon lange nach Zwiebel und Barchent . . . Du, du warst mir das Symbol des Frühlingsopfers, – der Schwindsucht, – der süßen, – unbedenklichen, augenschließenden, verschwenderischen, blütenschwellenden, reizwildesten Magdlichkeit. –

Du hast mir für ewig die Unbefangenheit im Verkehre mit dem Andersgeschlechtlichen geraubt. – Und das ist deine größte Sünde . . . Ich kann nicht mehr lieben . . . Nur spekulieren kann ich noch. – Gust, meine Mannheit stirbt an einer guten Partie . . .«

Olly ärgerte sich wirklich, wenn die Rede auf ihre Sparkasseneinlage kam. Sie hatte ihr Geld an zwei oder drei Stellen verteilt, kaufte von Zeit zu Zeit Lose, hütete aber ihr Geheimnis wie ein Heiligtum und konnte bissig und kratzig werden wie eine Katze, wenn die Freunde nach Ursprung, Umfang und Zweck der Kapitalien forschen wollten. Natürlich war dieses Thema dadurch eine unerschöpfliche Quelle des Amüsements für beide geworden. – Sie sagte jetzt auch scharf und kniff dabei die köstlich geschweiften Augen verächtlich ein: »No, Dickerl, sei froh! Brauchst dir wenigstens keine Vorwürfe zu machen, daß du was dazu beitragen tust.«

»Das fehlte noch. Ich würde mich schämen an einer derartigen, gewalttätigen Verfettung deiner Natur mitzuarbeiten. Du, die geboren ist, um zu verschleudern, dem ersten Windstoß lachend eine Brustvoll Blüten hinzuwerfen, daß die dicken Bürgersfrauen auf der Promenade sich bekreuzen über so viel Unzucht und Verschwendung! –

Olly, wie schauderhaft wirst du in geordneten, sicheren Drei-Zimmer-Verhältnissen sein! Deine kleine Schmetterlingsseele wird auf dem Gesäß hocken . . . Kriegt Schwielen vor lauter Artigkeit . . . Wie wirst du losziehen auf das lästerhafte Blühen, auf Rosenblätter und Frühlingstage! Nichts ist gut als der Juliregen, wirst du sagen, denn da wachsen meine Zwiebeln in die Höhe . . . Oh, oh, oh.«

»Oh, oh, oh,« echoete Gust.

»Was dich jetzt reizend, graziös, unersetzlich macht, was deine Fähigkeiten, dein kleines Raubtierhirn so fein und listig entwickelt hat, Olly, – was dir überhaupt eine Nuance, einen farbigen Stich in diesem Leben gegeben hat, das war das gedankenlose Tändeln von heute auf morgen, der Singsang und das Trallalla. – Ach, die inbrünstigen Sorgen deiner siebzehn Jahre um den Federnhut, die Seidenfalbel und die Handschuhe aus Gaze, – wo sind die hin? Weine, Pierrette, du kannst ihr Entschwinden nicht grausam genug beklagen. Im Winter warst du süß und warm und gefällig, um im Sommer mit nacktem Hals und Armen zu paradieren: im Sommer sangest du, Zikade, um im Winter nach der Melodei zu tanzen . . . Unbedenklichkeit, Kindersinn, Gleichmaß aller Werte gab dir Grazie und Feuer. Du hast nicht gedacht, nur begehrt, du hast nicht gewollt, nur gebraucht, du hast nicht gepampft, nur genascht . . . Du warst göttlich! . . . Pierrette, wo ist dein Zauber? Die Illusion ist zerrissen, Pierrette darf keinen Geldbeutel haben.«

Sein Glas war leer. – Mit einem Sprung war Gust im Vorzimmer und stellte eine neue Ladung auf den Tisch.

»Ja, was ihr aus 'n Menschen machen möchts!« sagte Olly leise vor sich hin . . .

Milada saß, die beiden Arme aufgestützt am Tische und hörte zu. Die Hände verwühlt in dem schweren flimmernden Haare lauschte sie mit verträumten Augen und halbgeöffnetem, heißem Munde. Gust lehnte seinen Kopf an ihre Schläfen, und die Ringel der Haare hielten seine hellen Wangen umfangen.

»Ist er nicht glänzend?« fragte er leise, »aber es geht ihm tiefer, als er merken läßt.«

»Ich sehe es,« gab Milada ebenso zurück.

Joszi sah wieder tiefsinnig in sein gefülltes Glas.

»Wo ist dein süßer Zauber geblieben, frage ich? Wo die Abenteurerlust deines jungen Leibes? Weißt du noch? Leidenschaft, Liebe, Lust an einem Abend königlich verschwendet, nur um früh morgens warme Schokolade zu bekommen. Schokolade mit Windbeutel . . . Weißt du noch, Olly?

Ach Weiber, Weiber! Wer hat in das goldene Chaos eueres Wesens Ordnung und Zucht gebracht? Sich an euch vergriffen, Ladenfräulein, Putzmamsellen, Grisetten, – Schmetterlinge in unserem Leben? Wer hat euch gestört in euerem Treiben? Wer hat euch rechnen gelehrt? – Olly-Polly, das süßeste Weibträumelein, endet als Charkutiere. – O, o, o!«

Olly fuhr sich mit ihren zehn Fingern in die leicht aufgesteckten Haare und schob die Frisur nach vorne. – »Das dumme Gered, was?« sagte sie halblaut zu Milada gewandt. – Sehens, so sind aber unsere Herren. Für sich, da wärens furchtbar idöal, wollen net durch solche Dummheiten, wie Geld oder Versorgung gestört sein. Nur verliebt und ins Blaue 'rein reiten mit die Gedanken! . . . Nur nix vom Reellen! Das verdirbt ein'n den Appetit an der warmen Schüssel. – Un' nachher, wenns auskühlt is, prost Mahlzeit! Dann stehen wir da mit die schönen Gefühle. Na, laßts gut sein! Auf die Achseln fall i kein' von euch net. I brauch mei Leben besser.«

Sie stand auf, ging zum Klavier und hob den Deckel. »Komm her, Dickerl, begleit mich lieber!«

Er stand auf . . . »Olly,« sagte er schluchzend, »du raubst mir den letzten Glauben an das Weib. An euere Dummheit hab' ich fest geglaubt, gerechnet habe ich mit dieser einzigen und ergiebigsten Quelle des Frauengemütes. Hilft nichts . . . Nymphen, Dryaden, Göttinnen – alles leerer Wahn . . . Blauer Dunst, – Schnack.« –

Er stand ein wenig schwankend da und sah mit verquollenen Äuglein Milada an . . . »Sehen Sie sie bloß an! Geschaffen, aufgebaut zu Mannes Lust und Freude . . . Und das spart! Das gründet sich eine Zukunft! – Das lebt und liebt mit Vorsicht!« Er trat auf Olly zu, umschlang sie und sang mit starkem Baß:

»Auf diesem Kanapee, da will ich sterben – –!«

»Geh weiter, du bist und bleibst ein Wurstel.«

»Aber einer von jenen todernsten, die, wenn sie einmal in die Kiste steigen, nicht mehr in die Höhe kommen. – Ollychen, das schwör' ich dir zu. – Etsch! Betrunken bin ich doch nicht. – Du wirst heute Arbeit haben, mich herumzukriegen, Circe.« Und er hob sie hoch in die Höhe, wirbelte sie ein paarmal herum und sang dabei:

»Und dieses Kanapee, man kann es auch beerben, – –

Doch muß es erst gestorben sein . . .«

»Was, der kennt die Weiber!« sagte Gust mit strahlenden Augen. – »Dem parieren sie auch . . .«

»Er ist ein guter Mensch!«

»O, ein Idealmensch. Paß auf: Er hat einen Schwur geleistet, Olly nicht zu berühren, außer wenn sie ihn darum bittet. Das ist die größte Hetz.« –


O – alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du entschwunden?«


sang Gust leise mit zu Ollys hohem, sehr angenehmem Sopran . . .

»Merkwürdig unirdisch ist das alles, – so schön, so schön,« dachte Milada. – Diese lieben Menschen . . .«

»Trink doch, du machst Augen, wie eine Sphinx, lächelst – und schon sammelt sich der Nebel zu Tränen . . . Liebe, du bist so schweigsam. – – Wie kürzt man doch deinen Namen ab? – Milada, das ist so schwerfällig.«

»So wie ich,« sagte Milada und stand auf . . .

»O nein.« – Ein Feuer stieg in Gusts Augen. »Du bist schlank und sehnig wie ein Bube. Das hab' ich gern.« Und er drückte seinen blonden Kopf an ihre Hüften an.

Joszi rief vom Klavier hinüber. – »Sie sieht aus, wie eine fliehende Gemse, die über große, große Abgründe, – hupp – hupp – hinübersetzen will . . .«

»Ich werde zu dir Mila sagen, ja?« – – –

»Drum Brüderchen, Ergo bibamus!«

Olly saß am Klavier und schlenkerte mit den Füßen. – »Spiel' was von Wagner!« bat sie und drehte die Augen empor. – »Wie der Tristan den Liebestrank trinkt, ja!«

Er intonierte mit Macht:


»Im schwarzen Walfisch zu Askalon,
Da kneipt ein Mann drei Tag, –
Bis daß er steif . . .«


Sie warf ihm ein paar Noten an den Kopf. Lachend stand er auf und trat mit einem gefüllten Weinglas in der Hand auf Gust und Milada zu.

»Sehen Sie, Milada,« sagte er, »der da, der, unser Gust, das ist ein glücklicher Mann. Schauen Sie ihn gut an, – das ist der Mensch der ewigen Jugend. – – – Heil, Leibfuchs! Es lebe deine Art!«

Er trank das Glas aus und zog Olly auf seinen Schoß nieder. –

»Jetzt wird gedichtet . . . Paß auf, es steigt die erste Strophe.« Er schlug mit zwei Fingern den Takt an.


»Landsknecht, braune Landsknecht –
Reiten in die Stadt, – schrumm, schrumm,
Die vor den anderen allen
Die schönsten Jungfrauen hat – –
Stolze, echte, kleine,
Dicke, süße, feine,
Ja Jungfrauen – haaat –
Jungfrauen hat.«


Olly stieß mit dem Ellbogen Baßtöne auf dem Klavier.

»Ich werde fortgehen müssen,« sagte Milada plötzlich und faßte die Haare zusammen . . .

»Oho, so geht das nicht, mein Schätzel! Ausreißen willst du – gibt's gar nicht.« – Er strich ihr über die Wange.

»Mila, gib mir jetzt einen Kuß!« bat er leise . . .

»Also jetzt kommst du, Olly. – Verpatz nicht den Singsang. –«


»Landsknecht, braune Landsknecht
Reiten aus der Stadt, schrumm, schrumm.«


»Im Takt bleiben!« schrie Olly und warf die Beine in die Höhe.

»Olly, wir sind noch nicht bei Ex. – Wenn es so weit ist, telegraphier ich drahtlos.«

»Komm, komm, Mila, – die machen zu viel Lärm. Wenn die Olly lustig ist, bleibt sie besser allein. Komm zu mir herein, ich sag' dir was.«

Milada sah ihn groß an, aber sie folgte ihm. – Mit einer Grimasse stieß Olly ihren Partner an. Ein eifersüchtig ärgerliches Gefühl beschlich sie für einen Augenblick. – Wenn nur der Dicke da nicht einschlafen wollte unterdessen! – Resolut nahm sie ihm das Glas weg.

»Aus is!« erklärte sie dem kläglich Dreinschauenden.

Im Schlafzimmer war es hell vom Monde. Die Nachtluft blähte die weißen Mullgardinen. Gust klatschte in die Hände.

»Frisch ist es hier, nicht wahr? – Kein Rauch, kein Lärm. – Da haben wir's fein, gelt?«

Sie stand am Fenster und flocht das im Mondlicht flimmernde Haar zu einem Zopf.

»Warum läßt du das Haar nicht offen?« fragte er gekränkt.

»Es paßt nicht zu mir,« erwiderte sie leise.

»Sei doch fröhlich, Herz!« sagte er zärtlich, – »warte, ich bringe uns noch Wein.«

Er nahm von einem Regal eine dunkle bauchige Flasche. »Das ist nur für dich, allerfeinster.«

»Aber ich danke, ich trinke doch nichts mehr.«

Milada erschrak, so leer und förmlich klangen ihr die eigenen Worte. Was für eine Rolle spielte sie da! Er war ganz Zärtlichkeit, ganz Wärme. – Und sie – ein unerklärlicher Zwang lag wie ein eiserner Reifen um ihre Sinne.

»Ich kann mir nicht helfen, ich finde keine Glut in mir,« dachte sie schaudernd, »ich kann ihm nichts wiedergeben, bin so mit allem fertig.«

Plötzlich faßte sie seine Hände. – – »Ich möchte wie Olly sein,« sagte sie gequält, – »lustig und leicht und willig, wie Olly. – Ich kann es nicht – du wirst es bald sehen. – Du wirst erschrecken vor mir. Nie im Leben kann ich so sein wie sie.«

Er stampfte auf. – »So sollst du auch gar nicht sein. Ich liebe dich, wie du bist. Herb wie eine wilde Frucht bist du. – Verstehst du das denn nicht? Dein Wesen berauscht mich. – Vom ersten Moment hat es mich gepackt. Ich halte dich und dein Schweigen höher, als alle Ollys der Welt. Ich bin doch kein Junge, der auf ein bißchen Temperament fliegt. – Milada, sag mir, was mich so lockt! Ich kenne mich selbst nicht mehr. Und bin doch ein Mensch, der nie aufhört, sich zu beobachten. Es ist nicht Sinnlichkeit, nicht Begierde allein, obwohl du schön bist. Ich, Mila, ich habe noch kein Weib so angeschaut, wie dich.« –

Er fiel vor ihr nieder und drückte seinen Kopf in ihre Röcke. Vom Nebenzimmer ertönte das sachte Anschlagen des Klaviers, und Ollys hohe Stimme schmetterte los.

»Ich möcht' an dir zugrunde gehen wollen,« flüsterte er heiß.

»Gust, Gust.« Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre kalten Hände und suchte seine Lippen.

»Das war kein Kuß,« flüsterte er erregt. – Er zog sie neben sich auf den Bettrand nieder . . .

Sie nahm seine beiden Hände, – drückte sie von sich. – Ihre Stimme klang schleppend und schwer.

»Du, Gust, – es ist, – ich weiß es, – lächerlich, wenn ich jetzt fortgehe, du wirst lachen hinter mir, die anderen auch. Ihr wißt, – wohin ich gehe. – Ich habe nichts zu fürchten, nichts zu vergeben, nichts zu verlieren. – Ich weiß es. – Und doch – ich will nicht deine Geliebte sein für diese eine Stunde, – ich will nicht . . .«

Sie sprach ganz leise, und doch fiel jedes Wort lastend und wuchtig in die dunkle Stube hinein.

»Ich weiß, du wirst mich deshalb nicht um ein Haarbreit höher achten.«

»Schweig!« sagte er wild und schüttelte sie am Arme. »Wie wagst du mit mir zu sprechen.«

»Mich, meine Menschlichkeit, mein Ich, – du ahnst nicht, wie errungen, wie schwer, – das alles verliere ich in dieser einen Stunde. Ich besitze nicht mehr. – Und du, – – wirst morgen nicht einmal wissen, ob ich da war, oder eine andere.«

»Das ist nicht wahr,« knirschte er und preßte ihren Arm, – »sprich nicht so! Ich bin doch nicht betrunken. Frag doch einmal, ob ich Olly hier hereinnehme . . . Ich will nichts. – – – Ich muß dich fühlen, ganz, wie du bist, dich auftrinken, damit ich alles verstehe.«

Sie hatte nicht die Kraft, ihn von sich zu weisen.

Er zog sie nieder, und sie fühlte, wie kräftig sein Arm sich um ihren Leib schloß.

»Ich will nichts von dir,« flüsterte er an ihrem Halse, aber schweig, schweig jetzt nur!«

Olly sang nicht mehr. Nur das Klavier klagte ein wenig . . . Gusts Atemzüge waren tief geworden, sie bewegten ihre Schläfenhaare. Er schlief wohl, der Glückliche! –

Wieder verging eine Weile . . . Ihr Kopf sank langsam nieder . . .

Plötzlich fuhr sie auf . . . Eine Stimme, . . . ganz gewiß, eine Stimme hatte sie gerufen . . . Laut, scharf, unwillig . . . Es mußte furchtbar spät sein . . .

Unruhig setzte sie sich auf. – Da fühlte sie sich ins Bett zurückgeworfen.

»Quäl mich nicht mehr!« flüsterte Gust . . . Sein heißer Atem wehte sie an. »Wozu treibst du das? Wozu?«

Sie fühlte seinen Atem keuchend und stöhnend an ihrem Ohre vorüberwehen . . . Wie oft erlebt!

In diesem Augenblick floh eine Anzahl grauenhafter Bilder und wüster Erinnerungen an ihr vorüber und erwürgten jedes Liebesempfinden. Hundertmal erlebt!. . . Da war nichts, was ihr gegolten hätte, ihr, Milada . . . Der Leib nur, der arme, willenlose, war es, den er begehrte, um den er stöhnte und zitterte . . . Er und die anderen . . . »Laß, laß!« Sie drückte seine fliegenden, suchenden Hände von sich . . . Schreckhaft deutlich sah sie vor allen anderen – den alten, hageren Herrn vor sich, den ihr die Goldscheider, als sie fünfzehnjährig war, zugeführt hatte. Eine rosa Rose steckte damals an ihrer Brust . . . Der Erste war das. Und dahinter ein Zug von Männern, von jungen, alten, – freundlichen und widerlich rohen. Ein Laut des Ekels drang von ihren Lippen. Sie hielt die Arme zur Abwehr emporgestreckt . . . Ein stummer Kampf entwickelte sich im Dunkeln. – Sie kämpfte mit der Gier, mit dem Beuterechte des Mannes . . . Nicht Gust war es, der sie jetzt forderte, die Gier aller überfiel sie mit brutaler Kraft. – Die Brunst der Jungen und Alten, die sie besessen hatten, erkauft, leckte an ihrem ermüdeten, wunschlosen Körper empor.

»Laß, laß!« – Sie umfaßte seine Armgelenke und hielt sie fest. »Gust, ich sage dir« – sie erhob ihre Stimme hart, fast mit drohendem Klange – »du hättest keine Freude an mir.«

Da ließ er von ihr ab.

»Schrei nicht!« knirschte er, »die hören.«

Sie sprang auf, ordnete Haar und Kleider. Sie fühlte durch seine Erbitterung den verletzten, tief gedemütigten Mannesstolz . . . »Niemand wird glauben, daß du mich jetzt nicht besessen hast,« sagte sie in namenloser Traurigkeit und blickte auf ihn, der seinen Kopf in die Polster wühlte, – – »laß mich gehen! Ich kann nicht – nicht einmal erklären kann ich es dir.«

Er antwortete nicht.

Da öffnete sie den Riegel und blickte ins Nebenzimmer. Joszi saß im Klaviersessel weit zurückgelehnt, so wie sie ihn verlassen hatten, und spielte mit leichten, mühelosen Griffen eine Melodie nach der andern, leise, süße Klangvariationen, wunderliche Akkorde, die sich lösten, haschten und in Sehnsucht miteinander verschmolzen, während die kleinen Äuglein selig und weltvergessen auf der bemalten Decke des Zimmers herumspazierten.

Mit bitterbösem Kindergesichte hockte Olly in einem Fauteuil und blickte auf den unermüdlichen Spieler hin. Wie erlöst sprang sie auf, als sie Milada sah . . . Die Rivalin! – Die Erfolgreiche! –

»So ein Fadian!« schimpfte sie, »mit der blödsinnigen Klimperei verpatzt er den ganzen Abend. – So schweig schon!« schrie sie wütend.

Er schlug den Deckel zu. – Fröhlich zwinkerte er Olly an.

»Siehst du wohl, daß ich heute nicht betrunken bin?«

»Gemeiner Mensch!«

»Nein, mein Liebchen, Nachtisch halt ich nicht.« –

Milada griff nach ihrem Hut. –

»Kommen Sie mit, Fräulein Olly? Es ist spät geworden, scheint mir.«

»Zwölf Uhr durch,« verkündete Joszi.

Erstaunt blickte Milada auf. Ihr war, als seien viele, viele Stunden vorbeigegangen.

»Wüßt' nicht, was ich da noch verloren hätte!« sagte Olly gähnend.

»Nein, Olly.« – Joszi nahm ihr Gesicht in beide Hände. – »Du nimmst nur das deine wieder mit. – Ausgenommen meine Granatkäfernadel. – – Aber ich schenk' dir sie.«

»Gustl, Kerzen!«

Die Mädchen zogen sich schnell an. – Gust erleuchtete die Treppe. – Er war blaß und nervös und nagte die Oberlippe. – Sie faßte seine Hand und sah ihn liebevoll an. Ganz unmerklich schüttelte er den Kopf . . .

»Ich schreibe dir,« sagte Milada. – Er nickte stumm und heftig. –

»Holst mich morgen ab, Dickerl?«

»Ich werde die Gnade haben – Aber Olly, – baden, – baaaden!« rief er ihr über die Stiege nach. –

»Kusch!« sagte Gust und zog ihn ins Haus.

Olly machte eine lange Nase zurück.

Unten öffnete der verschlafene, grinsende Hausmeister und ließ sie auf die mondscheinstrahlende, menschenleere Straße hinaus.

»Zärtlich ist mein Alter, was? Das muß man ihm schon lassen . . . Dafür hab' ich aber sonst nix von ihm,« begann Olly auf der Straße die Konversation.

»Was sind Sie denn eigentlich, Fräulein Olly?«

»Ich? – Probiermamsell bin ich eigentlich,« antwortete Olly kurz. »Grad auch kein Vergnügen. Schließlich is man doch nur bei der Schneiderei. – Aufstecken, garnieren, angeben. – Aber was tragt denn so a Geschäft? Net amal auf an Sommerhut und a anständiges Kleid.«

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. –

»Welchen Weg nehmen Sie?« erkundigte sich Milada.

»Ich wohn' in der Grabnergassen. – Gehn wir durch die Stadt! Ich hab's gern bei Nacht.«

»Dann begleiten Sie mich ein Stück nach Hause. – Ich wohne,« – kleine Pause – »dort beim Louvre de Luxe herum.«

»Schöne Gegend!« lachte Olly. »Kenn ich gar gut! Dort hat die Bruckner 's alte Geschäft gehabt. – Jetzt sind wir nobel im Glaspalast drin.«

»Trauen Sie sich dann allein weiter zu gehen?«

»Ich? Trauen? – Jesus! Ich bin der geborene Nachtvogel. Spricht mich einer an und is er a Netter, so nehm ich ihn a Stückel mit. Is er mies, nachher häng' ich ihm a Mordstrumgoschen an . . . Glaubens vielleicht . . .« Sie brach ab. – »Das, was der Joszi heut z'samm geredt hat, därfens net alles so ängstlich nehmen . . . No ja – i bin keine Klosterschwester net, – aber a Schlechte bini a net.« –

Und schnell packte Olly ihre Daseinsphilosophie aus.

»Schauns, unsereins hat ka Kapital und ka Sicherheit, kein' Lebensvorteil mein ich, als daß man jung, hübsch und lustig is . . . Unsere Herren, die sein gewöhnt, daß alls so hudri-wudri an ihre schönen G'sichter und ihre Kunststückel verschleudert wird. – Sie treiben ihr G'schäft no' lang weiter und mir san scho' fertig. – Und schauns, wenn jetzt, grad so wie i bin,« – Olly blieb stehen, stemmte die rechte Hand in die Seite und ließ sich von Milada begucken, – »a alter verbrauchter Ding daherkommt und genießen möcht', was mich selbst nix kost, da wär' ich doch komplett meschugge, wenn ich den wegschicken wollt', bloß, damit 's der Illusion von Joszi net weh tut.

I sag's frei heraus, i mach mir a Geld dabei. – Und das schadt doch niemandem nix. – Wenn i damals net zugriffen hätt, – und i hätts beinah' net tan, weil mir der Mensch, der Joszi, – na, i hab' was mitgemacht mit dem; – wenn i aber net zugriffen hätt', nachher möchten mich die Sorgen – a so – herrichten.« – Sie machte die Wangen hohl.

»Haben Sie denn auch Sorgen, Olly?« fragte Milada.

»O, haufenweis. – A Schwester mit sechzehn Jahren, – die is Ihnen leichtsinnig, – entsetzlich! Mit Offizieren tuts gehn! – Grad wie der ärgste Schlampen, net? Natürlich nix wie Pflanz dahinter. Persianjacken um 250 Gulden – das ja, aber in a Sparkasse kein Kreuzer. – Und wie oft tragts no' die Hemden ins Versatzamt. Wenn i so was seh, reißt's mit mir. Und unsere Mutter, die is a bissel hakel drauf. Nachher setzt's alle Tag an Krach. – Und dann meine eigene Geschichten!« Sie seufzte tief auf. »I hab' schon was durchgemacht in mein'm Leben. – Mit'n Joszi auch. Heut hat er g'lacht und g'sungen, aber vor a sechs Monaten hätten S' uns sehen sollen alle zwei! Das war a Leben – – Jesus Maria! Zum Wasserspringen. – Er halt's a so net aus, hat er g'sagt. – Und nur ihm darf ich gehören. – G'rauft hat der Mensch mit mir fast alle Tag . . . Aber ich, ich hab' mir net anders helfen können. – Achtzehn Gulden hab ich Gehalt, Frühstück und Mittagessen. Er hat ja gar nix. – Bissel Stundengeben oder so was. Hab' a nie was wollen von ihm oder angenommen, niemals, meiner Seel' und Gott. Aber schauens, denkt denn er, was nachher mit mir geschieht? Er hat mich ja gern gehabt, jetzt nimmer so wie früher, o längst nimmer . . . Jetzt is ein versteckter Haß in ihm und eine Bosheit. – Aber nie hat er gefragt: Was fangt das Mädel einmal an, wenn ich sie satt hab'. – Und bei aller Lieb, dazu wär's ja doch einmal gekommen. – Und wenn ich dann an ein' andern komm, der hätte mich schon ärger sitzen lassen. – Mit an klan Wurm oder a Krankheit oder sonst was. – Was bleibt so eim armen Frauenzimmer nachher übrig? Das wissens eh! Und verkommen will i net. – Ich will net. – Ich hab' zuviel in der Familie g'sehen. Und noch was. – Ich bin in die feinen G'schäft' herum und seh' alle Tag viel schöne Sachen. Und ich hab' halt a Sinn dafür. Soll i immer a verwaschene Blusen tragen und an ausbleichten Girardihut?« Sie sah Milada so ernsthaft an, als hänge ihr Seelenfrieden von der Beantwortung dieser Frage ab.

»Das kann ich auch verstehen,« nickte Milada, »wenn man so ausschaut, wie Sie.«

»Also sehens, da hab' i damals zugriffen. – Er –«, sie machte wieder eine Pause–, »aber am End' interessiert Sie das gar nicht?«

»Sehr,« sagte Milada, »erzählen Sie nur weiter!«

»Ich hab' zuerst geglaubt, Sie seien viel zu stolz für mich, Fräulein, is aber nicht wahr.«

»Warum sollte ich denn stolz sein?«

»No, weil's den Gust kriegt haben. So einen lieben, reichen Menschen, das ist ein Glück – Der Lohnert is alt und ein Ekel, aber ich kann mich grad nicht beklagen. Freilich, angenehm is was anders.«

»Und was wollen Sie denn einmal mit dem Gelde beginnen?« fragte Milada voller Interesse.

»Hm,« schnupperte Olly vielsagend, »ich hab' Ideen im Kopf. Bis ich mir amal alles abbeutelt hab'. Die Mutter, 'n Bruder, die Schulden. Dann mach ich mir ein Geschäft nach meiner Laune. Glaubens, was? Lauter seidene Ballkleider und Kostüme. I kenn' a Frau, die verschafft mir die feinsten Kleider von Fürstinnen, die, was sie nur einmal höchstens anhaben. Nachher leb' ich nach mein Gusto, mit'n Joszi natürlich, wenn er mich noch mag.« Eine Pause entstand.

Dann begann Olly wieder lebhafter: »Sie brauchen natürlich kein' andern nicht neben 'n Gust! Der führt Sie fein aus, was?«

»Ich hab' ja so wenig Zeit. – Den ganzen Tag bin ich beschäftigt.«

»No, dafür haben Sie die ganze liebe Nacht für ihn, gelt?« sagte Olly lachend und legte den Kopf auf die Seite.

»Da bin ich erst recht nicht frei.«

»Servus! Wo sind's denn da, in was für ein G'schäft?« fragte Olly neugierig.

»Warten Sie, um die Ecke noch, dann kann ich es Ihnen sogar zeigen.«

Olly warf einen heftigen Blick um sich – Sie kannte die Gegend. Und dann fiel noch einer in Miladas ruhiges Gesicht. –

Sie durchquerten die Kärntnerstraße, gingen die Seitenfassade des Louvre ab, und am Eingang eines einsamen Gäßchens blieb Milada stehen. Eine einzige rote Laterne brannte am unteren Ende auf und beleuchtete weithin sichtbar die Front des zweistöckigen Hauses, das sich stolz und herausfordernd von seiner baufällig niederen Umgebung abhob.

»Dort, Fräulein Olly, ist unser Geschäft.« –

Olly fuhr zurück. – »Maria! – Aber nein – das ist ja, das ist ein dummer Witz.« – – –

»Wirklich wahr. Ich bin dort Wirtschafterin,« sagte Milada.

»Das ist ja das Rothaus,« stieß Olly hervor . . .

»Ganz richtig! Im Rothause bin ich Wirtschafterin.«

Olly blickte sie mit steigendem Entsetzen an. Wirklich? fragten ihre großen Augen.

Ja ja – antworteten Miladas Blicke.

»Also gute Nacht, Fräulein Olly, ich muß laufen!«

Mechanisch legte Olly ihre Fingerspitzen in die dargebotene Hand. »Gute –«, sie vollendete nicht.

Plötzlich riß sie ihre Hand los und rannte davon. –


Drei Tage darauf fand sich in der Abenddämmerung Milada wieder bei Gust ein, – und wurde ohne Schranken seine Geliebte.

Sie empfing folgenden Brief.

Mila lieb! – Eben komme ich vom Kaffeehause, wo mit Joszi erster Zusammenstoß war. Wie erwartet, ist er riesig vernünftig, schätzt Dich hoch, ohne Vorurteile usw. usw. Nebensächlich, – nicht?

In der Erinnerung falte ich die Hände und danke Dir für den gestrigen Abend. Er hat den Rest der Bitterkeit aufgesogen, der noch gegen Dich in meinem Herzen war. Du darfst mich nie mehr so elend, eine Beute der freudelosesten Stimmungen zurücklassen, wie Montag nacht. Nicht, daß Du Dich mir versagt hast, war es, diese Qual bindet mich noch fester an Dich. Versage Dich mir oft mein Lieb, ich brauche diesen Stachel beim Weibe. – Aber die Dunkelheit hat böse Zungen, sie raunte mir später Deine Worte vergiftet ins Ohr. – Nichts mehr davon!


Mila lieb, ich frage nichts mehr, ich will nichts wissen, nicht von den anderen, nicht von Dir. Eines weiß ich: Unser Glück gehört der tiefen Einsamkeit. Ich bitte Dich sehr, halte mit Äußerungen über Dein äußeres Leben, mit allem, was Dich betrifft, zurück gegen Menschen, die irgend mit mir in Verbindung stehen. Ich werde schon sorgen, daß wir fürderhin allein bleiben. Gegen Olly war Deine Offenheit jedenfalls ein arger Verstoß. Die ist wie vor den Kopf gestoßen und sie mußte uns viele heilige Eide schwören, gegen jedermann zu schweigen. Ich habe die Absicht, um derartiges künftighin zu vermeiden, irgendwo entfernt ein Zimmer zu mieten. Natürlich mit Klavier für Joszi.

Du kommst doch Freitag? Sei gegrüßt! Antworte!

Gust.«


Lieber Gust! – In großer Eile mittelst Rohrpost. Die Miller ist erkrankt und zu Bette, – ich kann nicht zu Dir. Schrecklich, – nicht? Sei lieb, Gust, und komm her! Beim Auf- und Abrennen schaue ich Dich an und in meinem Zimmer findet sich immer eine liebe Viertelstunde. Lieber, es gibt noch vieles zu besprechen. Deine briefliche Rede klingt mir so fremd. So möchte Gust nicht sprechen, dachte ich, wenn er mir ins Auge sieht. Solche Worte fließen aus Deiner Feder, nicht aus Deiner Seele, – Mann. Ich kenne Dich besser und ich wünsche, daß Du das Bewußtsein Deiner Persönlichkeit aus meinen Händen empfängst und daß seine Schönheit sichtbarlich und kühn zutage tritt in allem, was Du beginnst und erfassest. – In die Einsamkeit flieht, was zugrunde gehen soll.

Du aber – liebst das Leben in Deiner Milada.«


Gust geriet in erhebliches Schwanken.

»Milada kann nicht kommen,« sagte er zu Joszi, der auf dem Kanapee lag und rauchte, »sie will, wir sollen hin, – was meinst du?«

»So gehn wir halt!«

»Aber mir ist, – weiß Gott, – die Geschichte nicht gemütlich. Es ist doch, – meinst du nicht? – es ist mir peinlich, dort hinaufzugehen.«

Hinter Rauchwolken hervor zitierte Joszi: »Bist mit dem Teufel du und du und willst dich vor der Flamme scheuen?«

Gust bekam einen roten Kopf. – »Du wirst doch nicht glauben, daß sie – –«

»Aber bitte dich, geschundener Liebhaber, fahr doch nicht gleich auf! – Und vor allem komplizier' dir das Einfachste nicht! Sie kann nicht kommen, du willst sie sehen, ergo geh hin!«

»Joszi, tu mir den einzigen Gefallen und nimm meinen Zustand ernst!«

Joszi setzte sich auf und machte sein viereckiges Gesicht: Das heißt, er klemmte die Zahnreihen fest und gerade aufeinander, wie er zu tun pflegte, wenn ihm eine Sache totenernst erscheinen sollte. – »Recht so?«

»Hanswurst!« sagte Gust und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Plötzlich, nach einigem Schwanken, nahm er aus seiner Brieftasche Miladas Brief und reichte ihn wortlos dem Freunde hin.

Joszi drehte das Blatt zwischen den Fingern, dann stand er auf, trat zum Fenster und las es durch.

Nach einer Weile sagte er bedächtig: »Es ist so, wie ich mir dachte. Diese Frauenzimmer sind gefährlich, wenn wir ihnen die Gunst, die wir genießen, nicht bezahlen dürfen. – Ach was, Liebhaber, fahr nicht auf! Ich denke jetzt gar nicht an Geld. – Das wird schon mehr kosten. – Das –« er hieb mit der Hand durch die Luft, legte sich wieder hin und brannte eine frische Zigarette an.

»Ja, aber was riechst du denn da wieder besonderes heraus?«' sagte Gust, innerlich sehr geschmeichelt durch den Erfolg, »du machst einen ganz nervös mit deiner Vivisektormiene.«

»Gustel, komm her, sei brav! Versprich mir eines! Lasse dich zu nichts gebrauchen, versprich nichts und verpflichte dich zu nichts, ohne dich vorher mit mir beraten zu haben! Innerhalb dieser einzigen Linie mach alle Dummheiten, die du willst!« – Er reichte ihm die Hand hin.

Es lag ein so seltsam zwingender Ernst in diesen Worten, daß Gust, der langen Tradition seiner Erziehung folgend, einschlug.

»Bene! Schließlich ist auch mit deinem gesunden gebenedeiten Egoismus zu rechnen, Gust, – Sohn des alten David Brenner.«


Das Geschäft hatte wie immer in den Sommermonaten erheblich nachgelassen. Die Miller jammerte saisongemäß und versuchte, das Abgängige durch allerhand Abzüge und Berechnungen einzuholen. Der Stand der Mädchen verringerte sich – Die es sich leisten konnten, bekamen Urlaub und fuhren in die Bäder. Darunter war die Putzi, die eines Tages plötzlich über Geld verfügte und ebenso geheimnisvoll, wie sie gekommen war, am frühen Morgen in die Welt hinaussegelte. Auch die linke Anna kam endlich in die Provinzepoche. Sie war mit der Zeit so gallig und scharf geworden, daß sie sogar den gutmütigsten Stammgästen über wurde. – – Dafür schnaufelte eine dicke polnische Lola im Hause herum, – das Urbild eines Kastens, der willenlos mit sich herumschieben ließ, während die Zimmermann das Prachtexemplar eines kleinen, frechen, durch und durch verluderten Blondinchens ablegte, das Mizzi Chvojka hieß und eine Zeitlang dort Star und Liebling der alten Mama gewesen war; es war eine gut verwendbare, gefällig plaudernde Kreatur, die hinter der steilen, mit unzähligen Löckchen bedeckten Stirne alle erdenklichen Gemeinheiten beherbergte.

Auch der Abschied der Bine Michal war nun gekommen. Sie nahm den Bescheid, daß sie nach Budweis komme, mit Kopfnicken auf, erkundigte sich nicht erst nach Verhältnissen und Bedingungen, und auf Miladas erstaunte Frage sagte sie langsam: »Ist doch ganz alles eins . .«

»Wenn sie dir unrecht tun, rühr' dich, Bine! Krawalle mache nicht, aber rühre dich! Das wirkt immer.«

Bine schüttelte den Kopf. »Mir tut keiner mehr was an,« erwiderte sie stumpf.

An einem Abende im Spätjuni zog sie aus. Die Spizzari holte sie im Einspänner ab, schnüffelte dabei im Hause herum und blickte Milada bedeutungsvoll an. »In a paar Tagen erst kommt euere Budweiserin herein, – Fischer schreibt, sie hat a große Angst vor der Polizei«

»Na, das is schön. Am Ende hetzt sie mir die Geheimen hinauf,« sagte die Miller.

»Meine liebe Frau, Sie denken etwas zuviel für das Geschäft,« hohnlächelte die Spizzari und empfahl sich.

Im Korridor gab es ein unaufhörliches Küssen und Umarmen Bine wanderte aus einem Arm in den andern.

»Da hast a seidenes Tüchel,« schluchzte Gisi und band ihr etwas um den Hals, »es ist so zugig auf der Bahn.«

Milada sagte noch als letztes Wort: »Kopf hoch, Bine! Rühr' dich!«

Dann klapperte der Wagen über das Pflaster. Einmal noch bog Bine den Kopf zum Schlage heraus. – Aber Milada stand nicht, wie sie fest erwartet hatte, am Tor und nickte . . . Festgeschlossen die Läden; blind und stumm starrte das Rothaus sie an.

Bine seufzte . . »Der Doktor« war halt oben bei ihr. Und sie verkapselte ihr Herz in diese letzte schmerzliche Enttäuschung.


Miladas Verhältnis zu dem »Doktor«, wie man Gust allgemein im Hause nannte, hatte schon nach wenigen Tagen eine in diesen Kreisen blitzschnell erworbene populäre Legitimität erworben, die alle Art von lästiger Rederei und Beobachtung, wie sie sich in der bürgerlichen Sphäre an jede Verbindung zwischen Mann und Frau anhängen mag, durchwegs ausschloß. – Man ist hier viel neidloser, gutmütiger, gefälliger in den natürlichsten Angelegenheiten des Lebens.

»Die hat's amal gut,« seufzt eine oder die andere. Nie aber ergeht man sich in zweideutigen, sich selbst trostspendenden Vermutungen, Unglücksprophezeiungen, schmutzigen Gerüchten, in dem schnüffelnden und wühlenden Gründesuchen, in den an Neid gemästeten Sorgen, wie das wohl enden werde, und daß man das überhaupt nicht verstehen könne, wie der oder jener sich dieser oder jener beigesellen könnte. – Und auf Gust, der aus dieser engen Welt sexueller Vorurteile kam, machte das selbstverständliche Platzeinräumen, diese Achtung vor der Entschließung der anderen, einen ganz wohltuend beruhigenden Eindruck.

Man quittierte einfach die Tatsache, daß Gust und Milada ein Paar waren. Sogar die Miller nahm es ohne Widerspruch und Klage hin.

Sie begrüßte ihn, so oft sie ihn am Gange antraf, mit ehrerbietiger Reverenz und versäumte nie lobend hervorzuheben, was für ein gediegener Mann doch dieser Brenner geworden sei.

Dagegen hatte er nach langem Kampfe mit Milada durchgesetzt, daß er alles, was er im Hause verzehrte, persönlich an die Miller bezahle, wobei er sehr oft eine große Geldnote hinwarf und das aufgezählte Kleingeld liegen ließ.

Für die Fräulein bildete dieser tägliche Besuch beglückende Abwechslung wie ehemals.

Und wie ehemals, wurde Gust auch jetzt bei seinem Eintritt ins Haus von der enthusiasmierten Weiberschar umringt, und er hatte Mühe genug, sich von ihnen loszukaufen. Er tat dies angelegentlich, nicht ohne stark zu Schau getragenen Herrenhochmut, wobei er im stillen auf Miladas Fürsprache und Einwand wartete. –

Doch sie schwieg. – War es ein glücklicher Instinkt, der sie leitete, oder nur der selbstsüchtige Egoismus der Liebenden, sie zeigte keine Spur von Absicht oder zweckförderndem Eifer in ihrem Benehmen.

Sie war jung geworden, lebte absichtslos. Sie lebte eine neue, selig beschwingte Kindheit, sie war voll von dummen trunkenen Worten, von einem hellen, aus durchsichtigstem Nichts emporsteigenden Lachen, das hinflattern mochte, wo immer es wollte.

Sie blühte. – Und die tausend späten Blüten ihrer Natur streute sie gedankenlos und glücksträge über das Stückchen grauer Straße aus, das sie gemeinsam wandelten. Sie lachte zu dem Ringelreihen, den die Mädchen um Gust tanzten, ebenso wie zu seiner krausen Stirne, zu dem übertriebenen Abwinken, sie parodierte seinen Zorn gegen die Miller und vergnügte sich kindisch damit, ihm die Lobesworte zu wiederholen, die in seiner Abwesenheit von jenen saueren Lippen fielen.

»Sie sagt, du kommst ihr vor, wie ein Marquis, – wart nur, – Po-sa, – ja, wer ist denn das?«

»Blödsinn!« knurrte er.

»Du verdienst ihre Liebe nicht.«

Er schnitt eine Grimasse. – Sie nahm ihn um den Hals und bat: »Ich könnt' auch ein brummiges Wort über dich nicht ruhig ertragen. Darum, Gustel, sei vorsichtig, wenn die Mädels dabei sind. Besonders die Mizzi ist ein Biest.«

»Amüsant ist sie wenigstens.«

»Ich mag sie nicht leiden.«

»O bitte, – ich auch nicht. – Überhaupt, brr, brr. – Keine einzige verdient Sympathie.«

Milada schwieg.

Und so konnte Gust ganz ehrlich und selbstbewußt zu Joszi sagen: »Ich schwöre dir, ich bringe sie von Tag zu Tag mehr ab. – Wir sprechen gar nicht mehr darüber. – Aber ich fühle, wie ich sie loslöse. Wenn sie jemals Pläne hatte in bezug auf mich, jetzt hat sie sie völlig aufgegeben.«

»All right«, antwortete Joszi, dessen ewiges und unerreichtes Ideal englisches Phlegma war.

Und doch tauchte Gust vollkommen und ohne jedes Hindernis in der Atmosphäre des Rothauses unter. Seine verweichlichte und nach bedeutsamen Situationen eitel haschende Natur schaukelte dabei wohlig und weich auf den kritiklosen Wogen der Bewunderung, die ihn umgaben. Seine Zuneigung zu Milada war gemischt aus Leidenschaft zum Weibe und Bewunderung für sich; es gab nicht einen Augenblick, wo er es nicht groß empfand, daß er sie liebte.

Er kam schon am späten Vormittage mit Büchern und Skripten beladen, setzte sich an Miladas Schreibtisch, denn er behauptete, hier besser studieren zu können, als zu Hause, wo ihn der Lärm der Eisenladungen und das Spiegeln und Glitzern des Flusses störten. Bald darauf brachte er Zigaretten und seine lange Pfeife ins Hans, hängte sie zu Miladas Schlüsselbund und vermählte ihre große graue Staubschürze mit seinem Lüsterjanker, den er bei der Arbeit zu tragen pflegte.

Er füllte das Zimmer mit seiner lauten, warmen Stimme und mit dem feinen Dufte der Ägyptischen an. Wie ein kleiner verzärtelter Junge verlangte er stets nach Miladas Gegenwart. Und konnte sie nicht abkommen, so pfiff er eine schmetternde Fanfare, die sie, wie sie behauptete, gleich einem Stricke heraufzog.

Dann nahm er sie in den Arm und begann sie zu lehren: »A a a, der liebe Gust ist da – I i i, da fehlt Milada nie« – und hielt sie so lange fest, bis sie den ganzen Unsinn tadellos nachplapperte.

Sie war so voll von den tausend kleinen Zärtlichkeiten und Erfindungen ihrer Liebesstunden, der Redensarten und Streitereien um nichts, der Verse und Reime, die ihm durch den Kopf wirbelten und die er der Entzückten mit Gymnasiastenpathos vorsprach, der ganzen neuen fremden Welt, deren Frische und Leben sich ihr auftat, wie ein weites grünes Panorama vor den Augen des Gefangenen, so daß sie nachtwandelnd in den Räumen lebte, die sie seit ihrer Kindheit kannte, – mechanisch ihre alten Pflichten erledigte und doch so zauberhaft mächtig an der andern Sphäre sog, – daß sie, die stets Beherrschte, von einem nervösen Wortesuchen befallen wurde, wenn sie jemand aus ihrer Umgebung plötzlich und unerwartet ansprach. Mitten in ihrer Beschäftigung, wenn sie Leinen zerschnitt, aufräumte, die Mädchen antrieb oder schalt, verdichtete sich das Bewußtsein seiner Anwesenheit zu einem so intensiven Glücksgefühl, daß sie einige Sekunden innehielt und, die Hand aufs Herz gepreßt, wie durch einen Schleier vor sich hinstarrte. Sie belauschte nicht mehr so ängstlich und angespannt die Ereignisse in ihrem Kreise. Sie ruhte aus.

In diesem ganzen Liebesglücke, das Miladas Wesen wohltätig aufzulösen schien, gab es eine dunkle und blutende Wunde, die mit feinen Schmerzäderchen das Gesunde und Lebendige um sich anzufressen schien. Milada erfaßte ein stetes und immer steigendes Grauen vor der Vergangenheit und allen Bildern der Erinnerung, die unheimlich und gespenstisch in ihr aufquollen und ans Licht drängten. – Sie konnte den Gedanken nicht fassen, daß der Geliebte jemals mit seinen lachenden Jungenaugen das Elend ihrer frühesten Kinderjahre übersehen sollte, daß sie ihm, entblößt von jedem romantischen Schein und mitleidigen Zufallsspiel, als das geächtete und verstoßene Kind der Straße erscheine, das sie in Wirklichkeit war.

In ihr Bewußtsein krallte sich langsam und stetig die Angst ein, seine Liebe und Zärtlichkeit müsse ernüchtert und vernichtet von ihr lassen, wenn er die tausend Häßlichkeiten erführe, durch die sie hindurchgegangen war, die unaufhörlichen Demütigungen und Stöße, die Seele und Leib erfahren hatten, seit sie sie in Klarheit ertrug. Ach, und diese Klarheit ging mit ihr vom frühesten Kindesalter an, als jene im Dämmerschein bleicher Erinnerung lebende Frau noch um sie besorgt war, die Janka hieß und die sie manchmal vor den Schlägen und Schimpfworten der Mutter und ihrer Liebhaber gerettet hatte.

Eine Spanne Zeit rein und unberührt vom Schmutze war doch jede einmal gewesen. – Sogar die Lasterhaftesten hatten den Frieden der Kindheit gehabt. – Nur sie nicht. – Einmal in einem Aufruhr der Leidenschaft hatte Gust sie in die Arme gepreßt und gestammelt: »Hätte ich dich früher gekannt, Milada, hätte ich dich gekannt und bewahrt vor dem Fürchterlichen hier!«

Damals hatte sie verstanden, daß er trotz alledem daran dachte, und mit Schaudern empfand, wo sie lebte. Und so heftig packte sie einmal die Vision eines imaginären Verrates, einer Gefahr, deren Wesenheit ihr undeutlich blieb und die sie doch zu tiefst entsetzte, daß sie wie gehetzt ins Zimmer stürzte, in dem er saß, und entgeistert auf ihn blickte.

Der Knall einer zufallenden Tür im Hause hatte sie genarrt.

Doch er war da und rief ihr schmollend entgegen:

»Endlich, Mila, ich langweil' mich wie ein Flickschuster.«

Sie preßte seinen Kopf an sich. – »Du,« sagte sie mit vor Aufregung belegter Stimme, – »geh nie von hier weg, ohne mir zu sagen: Mila, morgen komme ich wieder, – oder –«

»Oder?«

Sie lächelte mühsam und hob den Finger: »Oder sag: Ich komme überhaupt nicht mehr.«

Er sah sie erstaunt an: »Was fällt dir ein?«

»Feigheiten!« murmelte sie und schüttelte in einem kleinen seligen Augenblicke die Qual vieler Stunden ab.

Am ruhigsten und glücklichsten fühlte sie sich, wenn sie in freien Momenten bei ihm saß und mit vorgeneigtem Kopfe seinen Erzählungen lauschte. Gust hatte das heftige Bedürfnis, sich mitzuteilen, er erzählte gut und anschaulich und war ein wenig eitel darauf. Er sprach gerne von seiner Mutter, die er abgöttisch geliebt hatte, von dem feinen stillen Patrizierhause, dem sie entstammte, von den wundervollen Miniaturen, Porzellan und Altwiener-Möbel, in deren Mitte die Großmama gelebt hatte, – sie selbst eine Reliquie aus vergangener Zeit. Seit Jahren war sie nicht mehr auf die Straße gegangen, hatte keine Zeitungen gelesen und keine neuen Bücher. Alle ihre Interessen schlummerten in ihrer Wohnung. – Großvater war ein alter hagerer Herr gewesen, mit blauen Augen und einem braunen Bratenrock. – Aber wie hatte der die Schönheit geliebt! Überall hatte er ihr nachgespürt und zusammengekauft, was man ihm anbot. – Ein Museum hatte er angelegt. Von Elfenbeinminiaturen allein gab es dreihundert Stück, als Großpapa starb. »Denk dir nur, Mila, wie der Mann war! Kein häßlicher oder kranker Mensch durfte über seine Schwelle treten. – Er ertrug es nicht. – Mit seinem besten Freund brach er den Verkehr ab, als dieser ein fressendes Geschwür an der Nase bekam. – Und dabei war er gut wie ein Kind. Tante Alma sagt, ich schlage nach seiner Art – aber ich glaube es nicht. – Ich bin nicht Ästhet – so durch und durch. – Und dann, in mir ist doch viel verpatzt, – durch ihn, durch den Einschlag von Vaters Seite. Darüber täusche ich mich nicht. – Ein brutaler Selfmademan ist er, doch ohne die einfache Selbstverständlichkeit, die sonst diese Leute auszeichnet. Die unausstehliche Präpotenz der Reichgewordenen, des Machthabers von ungefähr. Kannst du dir denken, wie die arme Mama darunter litt. Weißt du, Mila, diese Stille zwischen den beiden, dieses ewige Schweigen, wie hat das auf meiner Kindheit gelastet.«

Sie streichelte seine Hände: »Alles vorbei, – alles vorbei!« murmelte sie und küßte sie.

»Und zu denken, daß sie geopfert wurde, – diese schöne, süße Frau mit dem phantastischsten Herzen, das je einer Frau gehört hat. – Ihre Gedichte, ihre Märchen, alle Dinge, die sie mir vormachte! Alles lebte ja. Alle toten Dinge, vom Schrank angefangen, bis zum kleinsten Wollknäuel, lebten, wenn sie wollte. Was haben wir für Spiele ersonnen, für wunderbare, wunderbare Streifzüge durch diese zwei Zimmer, die unsere Welt waren! Denn unten lebte er, und nur in den allerwichtigsten Momenten ihres Lebens ging sie zu ihm hinunter. – – Einmal, – da trug man sie ohnmächtig herauf.« Gust sprang auf. »Seit dieser Zeit, seit dieser Stunde hasse ich den Mann, der sich meinen Vater nennt.«

Er war ganz Emphase, ganz Held. Und Milada bewunderte ihn, den furchtlosen, stolzen Ritter, – der jeden Monat fünfhundert Gulden von dem Manne bezog, der sich »seinen Vater nannte« und dem er überdies eine Anzahl Rechnungen präsentieren ließ, über deren Einlösung er mit Herzklopfen wachte.

»Wie glücklich muß sie gewesen sein, daß sie dich hatte!«

»Aber ehe sie mich hatte! Sechs Jahre lebte sie allein mit ihm, neben ihm. In diesem schrecklichen, schwarzen, dröhnenden Hause, das von oben bis unten mit Eisengerümpel angefüllt ist. – Sie, die aus einem Paradiese kam! – Ich kann es nicht begreifen, warum er eigentlich seine Hand nach ihr ausstreckte. Sie paßte so gar nicht zu ihm und zu seiner Art. Sie verschloß auch die reichen Schätze ihres Wesens vor ihm, ihr Gesicht verwandelte sich förmlich in seiner Gegenwart. Als sie krank wurde, schrie sie auf, wenn er ihr nahte. Ich ließ ihn auch zum Schlusse nicht zu ihr, und ich glaube, Mila, deshalb haßt er mich so furchtbar.«

»O, niemand haßt dich, Gust, er auch nicht. – Wer könnte dich hassen!« sagte sie kopfschüttelnd und bestimmt.

»Was liegt mir an seinem Hasse! Glaube mir, es ist das passendste Verhältnis zwischen uns. Seinen Haß begreife ich. Seine Liebe würde mich anwidern. Da fühle ich wie Mama. Schließlich, in Geldsachen benimmt er sich ganz anständig. Und mehr verlange ich nicht von ihm.«

»Und wenn du erst Doktor bist, ein fertiger Mensch, dann nimmst du erst gar nichts mehr von ihm an.«

»Das hat noch gute Weile, – du. – Mit dem Studium überhaupt. Ob es richtig war, daß ich Medizin wählte. Mama hatte jedenfalls große Dinge mit mir vor. Das sagte auch Großmama immer. Aber sie starb und nahm alles mit. Meine Zukunft auch.«

Sie legte schnell ihre Hand auf seinen Mund. »Sprich nicht so, Gust! Du mußt nur wollen. Du mit deinen wunderbaren Anlagen wirst in die Höhe kommen, – federleicht.«

»Weißt du, Mädel, was ich oft denke. – Ich gehöre in die Natur. – Ich fühl's. Bauer hätte ich werden sollen, – Förster, so etwas. Du hast keine Idee, was ich fühle, wenn ich in den Bergen bin. Da fällt das Kleine und Gemeine, was ich an mir habe, wie jeder Mensch, einfach von mir ab. Ich werfe mich auf den Boden hin, umarme die schöne Erde. Ja, aber mach es ihm begreiflich! Wenn man mit ihm reden könnte! Meiner Seel, Mila, ich möcht' umsatteln. Gott! so ein Gut irgendwo draußen in Kärnten, Tirol ist leicht bewirtschaftet. Und dann! – Herrgott!«

Er zog sie fest an sich. – »Dort könnt' ich leben, ohne Schranken, ohne Konvention, ohne die ewige Sorge: Was sagen die anderen dazu? Da möcht' ich dich gleich zu mir nehmen, Schatz, und behalten und selig sein mit dir. Dann soll der ganze k. k. Hof- und Staatsbeamtenkalender auf dem Kopf tanzen. Ich fiedle die Musik dazu.«

»Gust, du denkst doch nicht meinetwegen so. – Das wäre – sag', willst du alles nur meinetwegen?« Sie rückte ein bißchen weiter fort und sah ihn ernsthaft an. Sie hob den Zeigefinger. »Du, tust du überhaupt hier studieren?«

»Na und ob! Den ganzen Nachmittag heute studierte ich, was schöner ist, – – dich zu küssen von der Stirne abwärts bis – –«

Sie legte sich in seine Arme, bat: »Gustel nicht bummeln! Das alles geht mir so im Kopfe herum, was ich da in deinem Leben treibe. Ist es gut?«

»Süß ist es, Mädel, – herrlich süß. – Was willst du von mir? Ehrgeiz? Habe keinen. – Jetzt nicht. – Laß mich glücklich sein! Versinken in dir. Ist das nicht mühsam genug, du Allertiefste?« Er küßte sie gierig.

Sie hielt ihn noch zurück. »Das ist nicht alles,« erklärte sie entschieden. »Du darfst meinetwegen nicht bummeln, Mann. Die Liebe würde mich nicht stolz machen, wenn . . .«

»die Prüfungen dabei zu kurz kämen. – Moralisiere nicht, Schatz! Das besorgen schon die anderen reichlich. Morgen ist ohnehin Familienfest bei Tante Hofrat. Weißt du, was es da gibt? Blondzöpfige Gymnasiastinnen, bleich wie Jausenkaffee und altgebacken, wie der Kuchen, den sie servieren. – Schlagsahne, so süß und fest wie Tantes Reden. – Und den Höhepunkt bildet Asti spumante aus Likörgläsern getrunken. – Brr! Und deshalb muß morgen mein braunes Lieb allein bleiben.«

Sie hörte träumerisch zu. – »Gust,« sagte sie nach einer Weile, »ich möchte etwas von dir.« Er öffnete ihre gefalteten Hände und erwiderte großartig: »Erheben Sie sich, Madame! Es ist gewährt.«

»Nimm mich einmal aufs Land hinaus! Einen ganzen Tag laß mich im Walde liegen, wo ich nichts sehe, als Himmelsfarben – und dich. – Die Miller wird entsetzt sein, wenn ich um Urlaub komme. Aber ich möchte so ungeheuer gerne.«

»Die Miller erschlage ich ohne weiteres,« erwiderte er ernsthaft.

Sie lachte und lehnte ihr Gesicht an das seine. »Ich weiß bestimmt, diese Sehnsucht hast du mir ins Herz gelegt.«

»Die Miller erschlagen zu sehen, – gewiß.«

»Nie hab' ich sonst in die Ferne gedacht, hinaus gewollt aus der Straße. – Und jetzt fühle ich, wie es mich zieht. – Gerade als ob mir die Erde etwas erzählen könnte.«

»Das glaub' nur fest, Milada, das kann sie auch.«

»Du, wenn ich so neben dir bin, wie jetzt, wenn ich dich fühle, Mann, – warm und lebendig, dann ist mir gerade, als wäre ich schon ein großes Stück gewandert zu ihr, – als sei ich in dir – der Erde näher gekommen. Wie verbannt war ich allzeit von ihr.«

Er schüttelte den Kopf. »So etwas kann ich mir nicht vorstellen. – Seit ich denken kann, habe ich mir immer aus der Natur Kraft und Widerstand geholt. Mich macht das Einerlei des Alltags nervös. Ich brauche Erregungen, Anreize, eine Fülle von Eindrücken, die nicht immer so kurzweg zu haben sind. – In der Natur stelle ich keine Forderungen mehr, ich finde alles harmonisch und gut. Im Leben habe ich die Notwendigkeit vieler Dinge nie begriffen. Wenn ich auf hohen Bergen gestanden habe, – ja. So habe ich, am Matterhorn stehend, unter Gerinnsel von körnigem Eis, unter dem Niedergehen der Lawinen den Tod meiner Mama verschmerzt. Ein Jahr nach der Katastrophe konnte ich da oben das erstemal um sie weinen.« – Seine helle Stimme umflorte sich.

»O Gust, wie fehlt mir dieser innere Zusammenhang mit dem ganz Großen, Reinen. – Gut ist das, – etwas lieben, das nicht im Menschensein wurzelt, nicht von Willen und Laune abhängig ist, was sich niemals ändert. – Und unter dessen Einflusse man das Bitterste erträgt!«

Gust rezitierte:


»Wenn dich ein Mäde! verraten hat –
So liebe flink eine andere!
Oder noch besser, du lässest die Stadt,
Schnüre dein Bündel und wandere!«


»Auch dafür mag es gut sein,« nickte sie ernsthaft. – »So, jetzt muß ich aber hinunter.«

»Keine Idee, jetzt will ich mich erst unterhalten.« –

»Na erlaube!«

»Aber ich habe mich wirklich nicht unterhalten dabei,« sagte er kläglich, – »ich kann mir nicht helfen, ich bin so roh.«

Und er umschlang sie mit beiden Armen und küßte die Augen, die sich unter dem heißen Atem seines Mundes schlossen, die Lippen, deren stilles Lächeln verklang.

»Hab' mich doch lieb, hab' mich doch lieb!« flüsterte er der Reglosen zu.

Da seufzte sie auf, zog ihn zu sich nieder, grub ihren Kopf in seine Schulter ein, damit er den todesstarren kalten Ausdruck nicht sehe, der langsam ihr Gesicht überzog. – Sie fühlte nur Eiseskälte und Grauen. – Und seine junge, tolle Liebe raste über diesen schweigenden Körper hin.

Sie ließ die Fülle seiner Liebkosungen still über sich ergehen und preßte sein jäh erblaßtes Gesicht beschwichtigend an sich, küßte die starr gewordenen Augen, die vor Begierde nach den Schauern dieses ermatteten Frauenleibes brannten.

»Liebe mich, liebe mich, wie ich dich!«' Ein grübelnder, angespannter Zug trat da in Miladas Antlitz hervor, über seine Werbung hinweg blickte sie ins Nichts, das sich unheimlich schnell mit lasterhaften Bildern bevölkerte, mit Erinnerungen und Tönen, die Glanz und Glück aus ihrem Leben wischten. – Mit schmerzhafter Deutlichkeit wurde sie sich schmachvoller Umarmungen bewußt, wo die aufgepeitschte Lust noch über den müden Zwang der Gewohnheit gesiegt hatte.

Zu viel, zu viel war über sie hinweggegangen. – Unter den Gluten solcher Leidenschaft fröstelte sie. –

Sie fand sein teueres Gesicht fremd, nichtssagend und verändert. Eine wilde Angst erfaßte sie in solchen Augenblicken. – Sie wollte sich erheben, seinen Namen rufen, – ihn aufrütteln, aber das Gewicht seines Körpers drückte sie gewaltsam nieder. – »Was ist das?« dachte sie schaudernd, – »lieb' ich ihn denn nicht? – Es ist doch Gust, Gust ist es.«

Und das Gefühl der Dirnenhaftigkeit durchpeitschte sie erst in dem Momente, da sie, – die so viel heilige Freude verschwendet hatte, – für den erwählten und begehrten Mann nichts mehr übrig fand.

Wenn er eine Weile später seinen Kopf still und wunschlos an ihre Brust bettete, die erschlafften Arme um ihren Leib schloß, da strömte ihre Zärtlichkeit wieder über, und sie neigte sich voll Inbrunst zu ihm.

In solchen Stunden dämmerte die Deutung des Liebesrätsels in ihrem gepeinigten Leibe auf.

»Etwas könnte ich lieben, vollkommener wie ihn, – und ohne Wehe und Reue, etwas, das klein, schwach und hilflos zugrunde gehen müßte ohne meine Liebe . . . Ein Kind!«

Und voll wilden Zornes sah sie an ihrem Körper nieder, der ihre Sehnsucht nur einschloß, um sie mitleidslos zu zerstören.


Die Bine Michal war bereits vierzehn Tage an ihrem neuen Aufenthaltsorte, als eine Depesche in das Rothaus kam:

»Kranke Tante kommt heute abend einhalb zehn Uhr erwartet mit Wagen. – Hecht. Budweis.«

Das war der Telegrammstil des Hauses Fischer in Budweis im Verkehr mit seinen Kommittenten.

Milada nahm am Abend einen Einspänner und fuhr zur Bahn hinaus.

Unterdessen saß Gust mit Joszi in einer Weinstube fest. Sie hatten Olly gemeinsam im Geschäfte abgeholt und sie dann nach Hause begleitet.

Joszi saß mit lang ausgestreckten Beinen vor seinem Weinglase, summte unablässig vor sich hin, während er sich aus Gusts offenliegender Zigarettentasche bediente. Der plauderte eifrig und kramte breit seine Erlebnisse aus.

»Weißt du, es ist geradezu spaßhaft, was Milada für Briefe von Horner hat; du hast keine Idee von dem Panegyrikus auf ihre Person. Er schreibt vorzüglich.«

»Eine einzige gute Sache kenne ich von ihm: »Über die homozentrischen Empfindungen Ekel und Wollust,« – wunderlich gefaßt, aber gut.«

»No, er ist fraglos eine starke Intelligenz. Und in die Mila war er natürlich verschossen. – Jetzt is es aus. Über meine Erscheinung kam er nicht hinaus.«

Wie viel sattes Behagen lag in dem hübschen jungen Gesicht. Er strich den englischen Schnurrbart nieder und legte sich vertraulich über den Tisch.

»Komm mal mit, Joszi, lies ihre Aufzeichnungen durch! Wie die ihre Philosophen begriffen hat. Fabelhaft! – Eine Art hat sie, die Dinge frisch und neu zu sehen, die an die Genialität des Kindes mahnt. – Die möcht' ich studieren lassen! – Alter, das ist eine Idee! Gehen wir doch alle drei nach Berlin! Da haben wir gleich eine Lösung.«

»Eine kostspielige,« sagte Joszi trocken.

»Nebensache!« – – Gust war schon Feuer und Flamme. »Ich lasse ohnedies meine Miniaturensammlung auf, das trägt ein paar Märker – – wie?«

Joszi pfiff vor sich hin. – »Und was für eine Rolle spiel' ich in dem Stück?«

»Du bereitest sie vorerst für die Matura vor. – Sie wird das spielend machen. Unter uns, das Leben hier ist mir über. – Na, Alter! Was meinst du dazu? Stunden verschaffst du dir dort ebensogut wie hier. Im übrigen lebst du mit uns.«

Joszi klopfte seine Zigarette ab. »Du glaubst doch nicht wirklich, daß sie ohne weiteres mitgehen wird,« sagte er und zwinkerte lebhaft mit den Augen.

Gust sah ihn erstaunt an: »Mila – mit mir? – Auf der Stelle. – Du kennst sie nicht, – da sehe ich, daß du keine Ahnung hast, was aus ihr geworden ist. Wenn ich ihr heute den Vorschlag mache, nach Afrika zu reisen, ist sie morgen bereit.«

»Na na.« – »Willst du wetten?« sagte Gust erhitzt. – »Meinethalb! Aber sie gilt nur für Berlin. Afrika ist mir zu entlegen.« Und er streckte ihm gemächlich die breite Tatze hin: »Topp!« – Gust schlug ein. »Mir scheint, du hast Pech mit dem Prophezeien, Joszi! Hast geglaubt, wer weiß, was für hochverräterische Dinge das arme Mädel mit mir vor hat. – Ich versichere dir auf Ehrenwort, daß sie noch keine einzige Annäherung in dieser Form gesucht hat.«

»Das beweist mir nur, daß sie sehr, sehr viel klüger ist, als ich einem Frauenzimmer jemals zugestanden hätte. – Sie hat dich durchschaut.«

Gust antwortete scharf: »Danke! Sie hält mich wahrscheinlich für zu dumm dazu? Nun mein Lieber, das könnte ja auch der Fall sein.« Er lehnte sich zurück und spielte nervös mit seiner Uhrkette.

Joszi riß die Augen auf. – Die kleinen, sonst so verquollenen und träge wirkenden Augen bekamen einen glasscharfen, runden Blick.

»Oho, gekränkt!« sagte er. – »Geh, du Schafskopf, in unserem Verhältnisse honigeln! – Du weißt ganz gut, daß – ach hol' der Teufel das Erklären und dich dazu.«

»Lieber Joszi, ich weiß es, daß du und Seidner mich im Grunde immer unterschätzt habt. Gott, ich hab' das so hingenommen. Aber auf sie wälzt euere gute Meinung nicht über! – Sie denkt vielleicht anders über mich.«

Nach einer Weile sagte er einlenkend und mit einem lachenden Blick in das krause, aus tausend Fältchen verärgerte Gesicht des Freundes: »Das soll uns den Abend nicht verderben, Leibbursch. – Wart', ich bestell' einen Tokayer, und wir lassen unser Dreieck Berlin W. hochleben.«

»Latet anguis in herba,« murmelte Joszi unbehaglich hinter ihm her und versenkte sich kopfschüttelnd in sein Weinglas.

Indessen trabte ein Einspänner beim Rothause vor. Zuerst stieg Milada aus, hinter ihr ein kleiner wohlgenährter Judenbengel in Stulpstiefeln und Reisekappe, die er auf dem schwarzen Krauskopf unablässig hin und her schob. – Zuletzt, in einen dichten blauen Schleier eingemummt, in einem altmodischen indischen Schal verpackt, kam die Olmützerin hervorgekrochen.

»Wir haben – Kleinigkeit! – Verbindungen bis in die Türkei,« erzählte der Mann Milada, – »wenn Sie meinen, der Sultan hat a Person im Harem, die was mein Vater nicht erst unter die Händ' gehabt hat –!«

Aus dem Mädel selbst war kein Wort herauszubringen. Ganz verstört blickten die schwarzen Augen aus dem länglichen, schmalgeschnittenen und bleichen Gesichte hervor. –

»Dieses erschreckte Mädel da sollte im Mittelpunkte einer Offiziersaffäre gestanden haben?!« dachte Milada – »gar nicht zu glauben.«

»Sie muß sich erst ans Licht gewöhnen, was, Lolo?« sagte Fischer junior und stupste sie, – »dann wird sie euch was vorerzählen, was, Lolo?«

Das Mädchen atmete sichtlich auf, als ihr Begleiter sich empfahl. – Milada führte sie in ihr Zimmer, brachte ihr Kaffee und Gebäck und half ihr, den Schrank einräumen.

Sie war ganz sorgfältig ausgestattet worden.

Nach einer Weile setzte sich Lolo auf den Bettrand nieder und sah Milada stumpfsinnig zu.

»So, jetzt ist's genug,« sagte diese, »ich muß hinunter. – Du kannst dich heute ausschlafen. Aber morgen sei parat!«

»Bist du die Wirtschafterin?« sagte das Mädchen plötzlich mit einer tiefen, heiseren Stimme, die wie eingerostet und verdorben klang. –

»Ja, – aber man sagt ›Sie‹ zu mir,« erwiderte Milada trocken.

»Sind heute Offiziere unten?«

»Offiziere? – Gibt's hier nicht.«

Die schwarzen Augen erweiterten sich schreckhaft. –«Nicht? Zu euch kommen keine Offiziere? Nicht ein einziger kommt?« Sie griff an den Kopf und schob den Oberkörper hin und her. »Jesus, mein Gott! Jesus, mein Gott!« seufzte sie.

»Ich meine, du könntest froh sein, du bist sie jetzt los,« erwiderte Milada kurz.

»Da möcht' ich gleich sterben,« wimmerte Lolo, – »da möcht' ich am liebsten gleich sterben.« Und so wie sie da saß, ging ein wildes, schmerzliches Weinen los. – Milada zuckte die Achseln – »No no, wirst hier auch leben können,« sagte sie beschwichtigend, »gib nur acht, daß das Fräulein dich nicht so sieht, sonst gibt's Spektakel, die mag das Geheule nicht leiden.« – – –


Nachmittag um zwei Uhr begannen die stillen Stunden im Hause. Die Fräulein schliefen fest, die Portierin schob das schmutzige Mittagsgeschirr zusammen, schärfte der Waschfrau ein, nicht zu klappern und zu lärmen, und streckte sich übernächtig auf den Fußboden hin.

Die Miller machte ein Nickerchen im Bureau, während Milada in ihrem Zimmer saß, Briefe schrieb und in den Zeitungen blätterte, die Gust alle Tage mitzubringen pflegte. Die Julisonne brannte heiß und glitzernd durch die verhängten Fenster. Milada trug einen ganz dünnen blaßblauen Schlafrock, der sie kleidete und den braunen, gutgeformten Nackenansatz frei ließ.

»Schau nur!« sagte sie zu Gust. – Er lag auf dem Bette und rauchte. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne. Er war mißgelaunt, unzufrieden mit sich.

Drei Tage waren seit dem Gespräch mit Joszi vergangen, und er hatte noch nicht Gelegenheit oder Stimmung gefunden, Milada in das Berliner Projekt, das ihm immer mehr zusagte, einzuweihen. Was ihm vorher so selbstverständlich und kinderleicht geschienen hatte, nahm jetzt an Schwierigkeit und Hemmnissen aller Art zu.

Sie war hier geschäftlich gebunden. – Persönlich! Sentimentalität, Pflichtgefühl und hundert andere Dinge sprachen mit. Gott, er vermied es ja, darüber mit ihr zu verhandeln, aber er fühlte es instinktiv heraus. Immer war sie in Tätigkeit, immer vollauf interessiert. – Im Grunde spielte er die Nebenrolle, das Vergnügen neben der viel wichtigeren Arbeit. –

Wenn sie es ihm also abschlug, oder ihn bestimmen wollte, das Projekt aufzugeben; wenn sie, wie Joszi vermutete, gar nicht im geringsten die Absicht hatte, in eine neue Linie zu schwenken! Dann war er ja blamiert. Trotz Liebe und Leidenschaft einfach blamiert. Und diese Aussicht bedrückte ihn. – Sie war so furchtbar selbständig. Geradezu unangenehm ausgeprägt, dieses Ichgefühl in ihr! – Und ein Fiasko nach diesem Gespräche mit Joszi! Es war beinahe Ehrensache für ihn geworden.

Milada setzte sich neben ihn und öffnete einen Brief. – »Von der Fanni« erklärte sie.


»Liebe Milahda! Ich spil schon in den Auen auf Zitter, heißen tuhts drei Mohren. Es get mihr auch gut indem ich schon Zitter spihlen kan und tahnze. Was er is, is er aufbraußerisch und tuht was kraffelieren. Sohnst säuft er. Die Olimpiha liehgt noch und Alleweil in gleich, wie auch meine bruhst. Komm hinuhnter, mir is schon bahng. Und wenn Dir die Zimmermann mein rotseihdes Kleid gehben täht, – das Luder. Griß ale, wie auch die Bine. Nuhr die Karnalje nich!

In Ewigkeit und Liebe

Den ich kan nich weg.

Fanni.«


»Reizend,« sagte er mit herabgezogenen Mundwinkeln.

»Willst mal runter?«

Er schüttelte den Kopf. – »Nicht denken.«

»Gust, du bist faul.«

»Unsagbar.« – Er stützte sich auf einen Arm.

»Der Alte hat recht,« sagte er plötzlich und markierte ein Gähnen, – »ich muß fort.«

»Will er das?« –

Gust nickte. »Ja. Heute nach dem Frühstück hatte ich die Ehre. – Na, er benahm sich soweit generös. Was mit meiner Sommerreise ist, fragte er sehr katzenfreundlich. – Und Berlin? – Weißt du was?« Er schob sie ein bißchen von sich. – »Er is uns einfach dahinter gekommen.«

Milada klemmte die Zähne ein. »Woher vermutest du das?«

»Och und den nicht kennen! – Der weiß überhaupt alles. Als Gymnasiasten war er mir beinahe unheimlich dadurch. Wieso, durch wen, das weiß ich nicht. – Aber er weiß alles. Vielleicht ist Olly momentan bestochen.«

»Aber geh!«

Er zuckte die Achseln. »Is ja auch egal. Er wird halt unbequem werden.«

»Was wirst du machen, Gust?«

»Fortreisen natürlich.« Er legte sich wieder zurück. Nun konnte eine Szene kommen, der man einfach die Spitze abbrach, in dem man sagte: »Du kommst ja mit.«– Vederemo! –

Sie ging zum Fenster und blinzelte hinter den Spalten der Jalousien auf die grell flimmernde Straße. Ganz ohne zu denken, nur hypnotisiert von dem grellen Lichte, starrte sie eine Weile hinaus. Dann wurde ihr der Kopf wirblig und sie setzte sich zu ihren Briefen nieder. Sehr aufmerksam und angestrengt mußte sie buchstabieren, um den Sinn des Geschriebenen zu erfassen. –

Der Dr. Lamberg zeigte die Mizzi an, die ihm das drittemal Honorar schuldig geblieben sei. – Er werde sie einfach nicht mehr untersuchen. –

Milada warf den Brief hin. – »Schau den Lamberg! Tausende verdient er mit diesen Untersuchungen, und wenn . . .«

»Ich sollte meinen,« sagte er plötzlich sehr scharf und mit bebender Stimme, »wir hätten über andere Dinge zu sprechen, Milada.«

Sie sah ihn befremdet an. Er hatte die Arme verschränkt und heller Zorn loderte in seinen Augen auf.

»Ist es dir denn wirklich durchaus gleichgültig, ob ich von dir fortfahre oder nicht? Beliebst du auf einmal aus Marmor zu sein?«

»Aber, Gust! Du fährst auf ein paar Wochen fort, darauf präpariere ich mich, seit ich dich kenne,« sagte sie und sah ihn beinahe erschrocken an.

»Wenn ich jetzt fortfahre, dauert es Jahre,« erwiderte er, »und wer weiß, ob ich jemals wieder zurückkommen kann.«

»Gust!« Sie schrie nicht, sie hob nur die Arme ein wenig auf.

Er sprang auf und kniete vor ihr nieder. Es war etwas in ihr Gesicht getreten, das ihn entsetzte, bleigrau und starr, – ein Versagen aller Lebenskräfte.

»Siehst du Mila, ich wußte es ja.« – Ein tiefes triumphierendes Atemholen. –

»Das sollte Joszi sehen,« war sein erster Gedanke.

Er umfing sie zärtlich. »Du mußt nicht immer die Unverletzliche spielen wollen.« –

(»Wo bleibt seine Wette, – der Esel.«)

»Aber ich wußte ja nicht,« murmelte sie hilflos, »ich dachte wirklich, nur auf kurze Zeit.«

»Du sollst nicht wissen und sollst nicht denken, Mila lieb, nur auf mich sollst du jetzt hören und vertrauen.« – Er zog sie neben sich nieder.

»Schau her, mein Liebes, seit drei Tagen denke ich verzweifelt über uns nach. Du hast es mir nicht angemerkt, ich wollte dich nicht in den Kampf mit hineinziehn. – Wollte mit mir allein fertig werden. Der Alte ist mir dahinter gekommen. Er haßt mich, gönnt mir keine Freude im Leben. Er wird unsern Verkehr zu verhindern wissen. Mila! Er hat die Macht, ich weiß es. Es wäre nicht das erstemal, daß seine Faust mir ein Glück zerstört. – Ich muß meine Vorkehrungen treffen. Muß gewappnet sein, wenn er anrückt. Dazu kommen noch andere Sachen, die ihm eine gefällige Handhabe bieten. – Du, Mila, in deiner Stellung bist du vogelfrei. Ein Wink von ihm, und du wirst gezwungen, die Stadt zu verlassen. Alle diese Gedanken, diese Vorstellungen, diese Möglichkeiten zerreißen mir das Herz. – Ich habe keine Ruhe zum Studieren. Es ist die ewige Angst um dich, die mir keine Ruhe gibt. – Dieses Milieu! – Mila, ich bin ein Mann, darüber komme ich doch nicht hinaus, ich leide sehr.« Er lehnte den Kopf an ihre Schulter und seufzte auf.

»Was ist das?« dachte sie, – »das Ende? Reißt jetzt der Schleier, ist mein Glück aus?« Und dann starrte sie verzweifelt in das Dunkel ihrer Seele hinab. Alles schien sich geflüchtet zu haben, sie fand keinen Trost für ihn, kein gütiges Wort, kein Verstehen. Alles das hatte er doch vorher gewußt. – »Was sag' ich ihm?« dachte sie, »er wartet auf ein Wort.« Aber Milada verschmähte selbst im Zusammenbruch die Krücke der Lüge. Sie schwieg.

»Ich weiß, ich fühle es, so muß ich zugrunde gehen mit unserer Liebe.

Du lebst hier, ich fern in einer andern Welt. Wenn nichts zwischen uns wäre, als die Nacht, die gräßliche Nacht, die du hier verlebst, müßte ich Marter leiden.

Ich habe versucht, nicht daran zu denken, aber wenn ich zu Hause sitze und den Kopf auch in die Polster vergrabe, es läßt mich nicht los. – Ich sehe . . . Pfui!« – er sprang auf. – »Mila, wenn ich nicht verrückt werden soll, muß das ein Ende nehmen . . . Schau mich nicht so an! Ich laß ja nicht von dir. Eher könnte ich von meinem Leben lassen. Mila, du weißt ja, niemals wird mich ein Weib so besitzen, wie du. – Niemals werde ich mich so verlieren.«

»Verlieren – –?« murmelte sie.

Er strich sich über die Stirne. – »Schau, wie ich brenne!« sagte er und genoß eine Weile die Kühle ihrer Finger. – Dann nahm er einen frischen Anlauf.

»Mila, hör' zu! Ich habe mit Joszi darüber gesprochen. Er weiß alles. Er kennt meinen Gemütszustand. Gemeinsam haben wir einen Plan entworfen. – Es ist kein Projekt, das meiner momentanen Stimmung entspringt. Es ist nach allen Seiten hin erwogen. Wir verlassen die Stadt und gehen gemeinsam nach Berlin. – Alle drei.« – Er sah sie an. – Sie stützte das Gesicht in beide Hände und hörte aufmerksam zu. – Eine tiefe Falte schob sich zwischen ihre Augenbrauen. – Sie wägte die Worte. – Ihm wurde sehr unbehaglich zumute.

»Wir gehen alle drei nach Berlin. Ich kenne mich dort aus. Das Leben ist ganz anders, größer, freizügiger, regsamer. Dort lebt man das moderne Jahrhundert. Hier denkt man es nur. Man lebt unter Millionen nur sich selbst.

Du weißt ja nicht, wen alles ich im Rücken habe. Tanten, Onkel, Cousins, alle in angesehenen Stellungen. Und sie drängen sich in mein privatestes Leben, wie in ein Gastzimmer ein. – Hier bin ich immer en famille.«

»Und da soll ich mit dir nach Berlin?«

»Scheint dir das kein Grund, Milada? Meine Entwicklung ist in . . .«

»Nein, Gust, ich denke nur darüber nach.« Sie hatte die Hand über die Augen gelegt.

Er zerrte am Schnurrbart.

»Joszi und ich werden nie heiraten, das ist bestimmt,« sagte er nervös. »Es scheint vielleicht, als ob wir aus rein egoistischen Motiven . . . Das ist nicht richtig. Joszi schätzt dich ungeheuer. – Er weiß ganz gut, wem ich einmal . . .«

Er setzte ab und zog ihr unruhig die Hand von den Augen. – »Schau mich doch an, wenn ich spreche. Dein Abwesendscheinen macht mich nervös. Wir wollen, daß du Medizin studierst in Berlin. Du bist so begabt, und hier geht alles, alles zugrunde. – – Ein solcher Beruf, – ich denke mir an einem Kinderspital praktiziert – wird dich ungeheuer befriedigen.«

»Gust,« sagte sie schmerzlich lächelnd, »was du alles zusammenträumst!«

»Zweifelst du daran? Ist so was nicht möglich? Wird es nicht sein?«

»Ich bin zu alt,« sagte sie immer mit demselben gerührten Ausdruck im Gesichte, den wohl ein Erwachsener annimmt, wenn er mit einem geliebten Kinde spricht . . .

»In sechs oder sieben Jahren kannst du fertig sein.«

»Gust,« sagte sie mit dem intensivsten Ausdruck, dessen eine Menschenstimme fähig ist, »du hast ja keine Ahnung, wie alt und müde ich bin. – Ein neues Leben! –« Sie atmete auf. – »Wenn du vor fünf Jahren gekommen wärst, jetzt ist es zu spät.«

»Du gehst also nicht mit uns, du weigerst dich?« sagte er und stand auf.

»Ich bin der Miller kontraktlich verpflichtet. Solange sie das Geschäft hat, muß ich hier sein. Aber das ist es nicht. – Die kann sich gut heute schon ins Kloster einkaufen. – Täte es auch gerne. – Dann bin ich ja frei. – Frei? – Frei?« –

Sie schüttelte ganz leicht den Kopf.

Er stampfte mit dem Fuße auf. – »Du hast mich nicht lieb! Alles war Lüge und Laune von dir.« Und er warf sich wieder auf den Sessel und verbarg den Kopf an der Lehne. –

Joszi hatte recht behalten. Er war der Genarrte. Aber warum nur? – Was hielt sie fest? Berlin war ihm im Grunde Wurst. Aber jetzt konnte er einfach nicht mehr zurück. – Jetzt mußte er durch.

»Fürchtest du für dein Geld? – Ich . . .« Das war brutal gesagt, und ehe er weiter sprechen konnte, hatten ihn ihre Arme umfangen.

»Sprich nicht so!« sagte sie leise.

»So stell' mich nicht vor ein Rätsel! Du versteckst dich mir hinter einem Bollwerk von Rätseln. Ich erlahme daran.«

Sie hatte ihre Lieblingsstellung beim Fenster eingenommen, während er mit nervösen Fingern eine Zigarette drehte und sie zerkrümelte.

»Gust, du bist glücklicher als ich,« sagte sie endlich tief aufatmend, – »du findest Worte, – ich suche sie umsonst. Ich sehne mich so unsinnig, ich grabe und wühle in mir herum, alles erscheint mir grau, schattenhaft unmöglich. – Ich weiß, ich kann es dir nicht klarmachen.«

Sie trat zu ihm und kniete neben seinem Sessel nieder. »Du, ich steh' nicht allein. Ich kann nicht so unselig glücklich sein, – ich allein satt, während die anderen hungern.«

»Ah das verstehe ich,« sagte er großmütig und befreit zugleich, denn ihm dämmerte eine neue glückliche Lösung. – »Du hast Mädchen um dich herum, die an dich glauben, denen du sozusagen Messias geworden bist. – So ähnlich ist es doch. Die würden ein derartiges Abbrechen, – Flucht, wie du sagst –, als einen Verrat oder was Ähnliches betrachten. Das ist ja im allgemeinen natürlich. – Alle diese Geschöpfe sollen, ich versichere dich, bürgerlich repariert werden. – Ich bin mit der Präsidentin des Magdalenenheims gut befreundet, gib mir die Adressen. Fanni ist ja wahrscheinlich auch drunter. Man wird sich ihrer annehmen, werktätiger, als du es jemals könntest. No, dann bist du doch los und frei?«

»Gust, wie wundervoll einfach und grauenlos sind die Dinge im Abgrund, wenn dein Finger sie mir zeigt. – Frei? – Horner sagte mir einmal:

»Wenn du ahntest, Mädel, was das heißt: frei. – Frei vom Sollen und Können mag leicht jemand werden, aber von Wollen und Müssen frei, – das ist Gottes Vorrecht. Das höchste Attribut der Göttlichkeit wäre – allfrei. – Du,« sagte er mir, »kannst den Wickel, an dem du hängst, wie ein Papierdrache am Knabenfinger, – nur aufdrehen, – länger wird der Strick, das ist deine Freiheit. – Und du wirst schon spüren, wenn der Wickel ein Ende hat. – Dann reißt's dich zurück und wenn du noch so hoch in den Wolken sitzest.« Das sagte mir der Mann . . . Und ich fühle, wie es zieht . . . Er hat ein Ende.«

»Du opferst mich also einer fixen Idee auf?« fragte er sehr verächtlich, aber beherrscht. Sie sah ihn bittend mit großen, zwingenden Blicken an: »Kannst du es nie gewesen sein lassen, Gust? Was ich hier gesehen und gelebt habe von frühesten Kindheitserinnerungen an, alle Elendsbilder bis zu den Stunden, den gesegneten Stunden mit dir? Alle Jahre meines Lebens, kannst du die auslöschen mit deinem Hauch wie schwelende Lichter? – Gust, ich habe gelogen, wenn ich gelacht habe, gescherzt habe und dich geküßt. Ich durfte nicht lieben. Ich durfte mein Ich nicht an ein anderes Ich verschenken. – Ich bin unfrei. – Solche Menschen, wie ich, sollen einsam sein. Ich hatte nicht die Kraft, gerade fort zu leben, als du in mein Leben tratest. – Ich irrte ab. Ich liebe dich.«

Ganz erschüttert beugte er sich zu ihr nieder. Sein Gefühl wand sich verzweifelt zwischen zwei eisernen Klammern. Wozu all das Schmerzliche sagen und anhören müssen? Ich lasse sie ja doch nicht. Berlin oder nicht Berlin. Justament, weil alle es wollen, ich lasse sie nicht. –

Und die andere Klammer preßte sich schmerzhaft gegen seinen weich gewordenen Willen. – Richtig die Wette verloren! – In nächster Minute fällst du Esel ihr um den Hals und bittest ab. Und Joszi mit seiner göttlichen Selbstgefälligkeit hat wieder recht behalten. Sie fuhr fort:

»Wohin ich gehe, nehme ich diese gelebten Tage mit. Dieses Dasein hat meine Seele aufgebaut. Mich würde das Neue erdrücken. – Ich könnte keinen Widerstand leisten mit meinen gebundenen Kräften. – Milada wäre nicht mehr. . . . Nein, sei ruhig! Ich will, daß du mich anhörst.«

Sie strich sich schnell über die Stirne. »Einst wollte ich den Sinn solcher Existenzen verstehen lernen. Verstehen lernen, was wir sind. Warum wir in Winkeln versteckt, willensberaubt leben müssen, so zugrunde gehen. Und als ich endlich sah, durch ihn, durch Horner –« sie stand auf, wie getragen von dem Gedanken, – »da ging es ans Rebellieren. Umprägen wollten wir zwei. Etwas ganz Neues schaffen. Ein neues Recht. Lach nicht! Das waren berauschende Ideen. Es war meine Jugend. Daß ich die gelebt, danke ich ihm mein lebelang. Das wurde alles anders. Ich lernte. Viele Bücher kamen, ernste schweigende Gedanken, Zahlen und eiserne Gesetze, die geboten mir Halt. Gedanken, die mich zurück jagten, – Gedanken, die mich vorwärts schoben und solche, die mich still in die Arme nahmen zum Ausruhen. Da wurde mein Zorn kalt und tot. Einen Augenblick blieb es still in meinem Herzen. Dann sprangen tausend kleine Keime auf. Jetzt kann ich nur noch lieben. Und helfen muß ich, Gust. Ich kenne das Leben nicht nur von draußen, ich gucke nicht nur neugierig hinein. Ich weiß, wie man es anpackt. Viel Geld gehört dazu. Viel mehr Liebe noch. Ich weiß etwas, Gust, was alle deine Freunde im Magdalenenheim nicht wissen können. Manche braucht einen kleinen Stoß, um ganz zu fallen, und manche nur ein Lächeln, um sich wieder zu erheben. Wir alle brauchen immerwährendes, nie endenwollendes Verzeihen, eine Hand, die sich nicht ballt. Du sagst mir richtig: Nicht eine konntest du bisher retten. Retten? Ist ein Augenblick des Glückes, des Ausruhens, des Vertrauens nicht Rettung gewesen? O Gust, den Hungernden, dem man gerade gibt, bewahrt man möglicherweise vor Verbrechen und Verderben. Dem ist geholfen, und die Versuchung erhebt sich vielleicht nie mehr in der ursprünglichen Gewalt. Satt ist er und ruhig geworden. Du hast eine Tatsache geschaffen, sie ist ein Bollwerk, darüber kommt er nicht mehr hinaus. Was ich der einzelnen da tue, es ist geschehen, und die Minute war ihr gesegnet. Gust, ich muß helfen. Hier in der Brust brennt das Mitleid mit meinesgleichen, wie eine Wunde, mein ganzes Leben hat eine Tatsache gereift: Ich habe diese elenden Geschöpfe lieb.«

Während sie so sprach, war in Gusts Gesicht ein harter Ausdruck getreten, der sonst frauenhaft gütige Mund zog sich in einer scharf gepreßten Linie auseinander. Wenn ihn Milada jetzt angesehen hätte, dann würde sie die drohende Ähnlichkeit mit dem eisernen Gesichte des David Brenner wahrgenommen haben. Aber sie stand beim Fenster und die Augen blickten in das Sonnenlicht, bis sie sich schmerzhaft zusammenzogen, abwendeten und unter den schützenden Lidern bargen.

»Mein Vater ist ein reicher Bauer,« begann sie sehr leise, als spräche sie mit sich selbst und durch jedes Wort lief eine zitternde Bewegung.

»Wie ein Fürst, sagen die Leute, sitzt er auf seinem Hofe. Mutter kam aus dem Gebirge, aus einem armen, hungrigen Weberdorf. Wie war die schön und süß! Sie konnte lachen und singen. Alle Herzen bettelten bei ihr. Er aber wollte sie nicht heiraten, stieß sie von sich, da zog sie mit mir, der Ungeborenen, in dieses Haus. Sie ließ niemanden an sich heran. Selbst kreuzigte sie ihren Stolz. Hier gebar sie mich. Diese Luft atmete ich ein. Der Himmel erzählte mir die ersten Märchen. Wenn es regnete, trank ich die Tropfen mit offenem Munde. Den Blättern lief ich nach, spielte mit ihnen, zankte, wenn sie mir entglitten. – Wenn ich fror, hieß es, such' dir deine Decke!

Da ging ich hinaus und fand die Sonne. – War ich hungrig, so hieß es: such' dein Essen! – Da ging ich hinaus, und immer, siehst du, immer gab mir die Gasse genug . . . Niemand erbarmte sich sonst meiner. – Die Straße nahm mich auf. – Die Straße ist meine Mutter. – Hab' ich nicht tausend Schwestern so?«

Die Stimme brach. – Durch Gusts Körper fuhr es wie ein elektrischer Schlag. –

Gewalt, – anders ging es nicht; da mußte er Gewalt anwenden. Sonst entglitt sie ihm.

Und wild zog er sie an sich heran, bedeckte den schluchzenden Mund mit Küssen.

»Ich liebe dich, Mila. Niemals hat mich ein Mensch so erregt, wie du. Nicht das Weib allein, glaub' das nicht, das Menschliche an dir, dein wunderbares Wesen.«

Er bog ihren Kopf zu sich und sah ihr fest in die Augen . . . »Wirst du leben können ohne mich? Glaubst du, – du kannst es?«

Er preßte seinen Kopf an ihre Schulter, fest, wütend, schmerzhaft fest.

»Denn ich muß fort. – Verstehst du das? Für mich gibt es keine Wahl mehr, verstehst du mich? – Ich wollte dir's ersparen, warum zwingst du mich dazu?« Er ließ sie los und wandte sein Gesicht ab. Auf seiner Stirne sammelten sich Falten.

»Ich habe mein Ehrenwort gegeben.«

Sie sah ihn verständnislos an. – »Wieso – dein –«

Er stampfte auf. – »Wieso? Warum? Quäle mich nicht mit Details! Ich bin Offizier. Das Verhältnis zu dir ist offenbar infolge anonymer Anzeigen in Kreise gedrungen, wo man in derlei Standesfragen sehr, sehr peinlich ist. – Der Oberst meines Regimentes hat mich rufen lassen und mir das Ehrenwort abgenommen, ins Ausland zu gehen, nachdem ich in einen Bruch mit dir nicht eingewilligt habe.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht.

»Milada, du hast ja keine Ahnung, wie die Welt urteilt. Du bist in einem glücklichen Wahn. Alles was du denkst und sagst, mich ergreift es, ich sehe deine Seele darin. Aber die Welt verwirft dich mit allen deinen Zielen. Du hast keine Ahnung, sage ich dir, wie viel Schmutz man schon auf unser Verhältnis gehäuft hat. Du bist die Wirtschafterin, ich der Geliebte, der im Bordell herumlungert. Da hast du noch eine wohlwollende Meinung. – Aber es gibt Kreise, da sagt man noch ganz anderes über uns, da bin – nein, laß mich das nicht ausreden.

Was sind mir alle diese Dreckseelen gegen dich, gegen dich, wenn du mir bleibst, Mila! Ich hab' ja auf der Welt nichts mehr als dich.«

Gust glühte. – Die richtige Temperatur war über ihn gekommen. – Die Unbequemlichkeit und Spannung, die die ersten Worte, das ganze notwendige Zwangsmittel überhaupt, ihm auferlegt hatten, wich langsam einer theatralisch erhabenen Sicherheit, in der sich seine Augen feuchteten und seine Stimme anschwoll vor Verachtung und Sehnsucht.

»Mila, ich habe ja nichts mehr auf der Welt als dich.«

Und Milada hörte zu, bleich, mit erloschenen Augen. Die sonst so ruhigen, festen Hände zuckten nervös durch die Luft, als wollten sie etwas abwehren, wegdrängen.

»Dann mußt du es ja meinetwillen, dann natürlich, und ich – ach Gust, bitte nicht. – Es ist entsetzlich zu denken, daß du meinetwillen das erleben mußtest. – Bitte mich doch nicht! Wenn du mich willst, wenn du mich mitnimmst, wenn du mir jemals verzeihen wirst, Lieber, Armer –«. Sie schlang die Finger ineinander und drückte sie gegen die Stirne. –

Es war so viel tonloser Jammer in diesen Worten, daß sich Gust tief unter der Decke seiner eitel befriedigten Männlichkeit ergriffen fühlte. Er suchte den alten, leichtsinnig frohen Burschenton heraus. Das war die richtige Walze, die mußte jetzt wohltätig wirken.

»Ach was Mila, glaub' nur nicht, daß ich es bedauere, von hier fortzukommen. – Im Gegenteil, dankbar bin ich dir für den Anstoß. – Von selbst hätte ich mich vielleicht schwer entschlossen. – Aber jetzt, jetzt, – ich freu' mich unbändig auf das neue Leben mit dir und Joszi. – Da wirst du mal Gemütlichkeit kennen lernen. Man muß nur Berlin kennen.« Er faßte sie in die Arme.

»Und wird dein Vater –?«

»Still, sag' ich. – Will nichts mehr davon wissen. Lern' du jetzt Polka francaise tanzen und Käsekuchen essen, damit wir dort anständig bestehen. Die Gramfalten weg, weg sag' ich, – weg!«

Sie lächelte. – »Brav! Zum Lohn dafür brauchst du nicht mehr zu denken. Das Programm der nächsten sechs Stunden entwerfe ich. Paß auf, Mila! Jetzt gehst du erst hinunter und bringst eiskalten Schampus herauf. Feinste Nummer demi sec. Da süffeln wir eine Flasche und üben uns in echt preußischen Hurrarufen. Dann geh' ich heim, und gegen acht kommst du auf meine Bude. Joszi wird auch zugegen sein. Bitte dich, erwähne nur um Gottes willen nicht, daß du von meiner Affäre weißt. Das sind so Dinge, die streng geheim zuhalten sind. Allez, demoiselle!«

Mit einem Seufzer der Erleichterung warf er sich aufs Bett hin. Und während sie über die Stiege ging, langsam, schwankend wie in einem Rauschzustand, aus dem sie vergebens ihre gewohnte, prüfende Nüchternheit zu retten suchte, während dieses Augenblickes, der ihr zeitlos dünkte, weil über ihn die Wogen der Vergangenheit und einer in blauen Umrissen auftauchenden Zukunft förmlich zusammenschlugen, klang seine laute Stimme triumphierend und weckend durch das Haus:


»Muß i denn, muß i denn – zum Städtle hinaus,
Und du, mein Schatz kommst mit . . .«


Milada blieb einen Augenblick horchend stehen, die Fräulein bewegten sich unruhig im Schlafe, während die Miller ärgerlich auffuhr und mit dem Kopfe wackelte.

Sechster Teil

Einsamkeit



Motto:

Unsterbliche heben verlorene Kinder.
Goethe.



Mit Lolo, dem neuen aus Budweis zugereisten Mädchen, hatte sich die Miller eine dauernde Plage aufgeladen. – Ach für diese gute tüchtige Michal, für dieses liebenswürdige Geschöpf so etwas in Tausch nehmen zu müssen. Und Milada hörte, wie unordentlich, verrauft und unwillig das Mädel sei, ganz ohne Schick und Charme. – Wie sie sich gar nicht fürs Geschäft interessiere, im Salon herum sitze, kaum antworte, wenn sie jemand anspreche; natürlich, da war denn auch der Verdienst entsprechend. Das konnte man noch brauchen in der toten Saison, wo zumeist nur Fremde kamen, Ausländer, die was Besonderes verlangten, aber nicht so eine Tote. Und die Miller ging maulend und schmälend herum, wie immer, wenn sie irgendwo eine Einbuße ihres Gewinnes witterte.

Seit dem kläglichen Geheule bei ihrer Ankunft hatte Milada aus Lolo nichts mehr herausbekommen können. Sie blieb unzugänglich, verstockt und antwortete auf alle Ermahnungen und Befehle: »Ich mach ja so, ich schaff« ja ohnehin.« Hübsch war sie genug, um zu gefallen: Kohlschwarze Augen funkelten, wenn sie mal geradeaus und unerschrocken blickte. Aber sie saß meist zusammengesunken und apathisch in einem Sessel, zupfte die Haare aus dem Knoten und fuhr wie aus dem Schlafe auf, wenn sie jemand anredete. Merkwürdigerweise war sie bei ihren Genossinnen schnell beliebt geworden. Sie war sanft und gefällig, borgte den anderen Parfüms, Kämme und Hemden und tat ohne Widerspruch, was man von ihr verlangte.

Natürlich für Männer, die sich amüsieren wollten, war das gedrückte Geschöpf nichts, man ließ sie nach ein paar kläglichen Späßen wieder los, und so saß sie zum Verdrusse der Miller bald vereinzelt im Salon und zupfte, verloren vor sich hinstarrend, die Haare aus dem Knoten aus.

»Was redet sie denn mit euch?« erkundigte sich Milada bei den anderen.

»Geld haben's ihr gestohlen bei Fischer – sie redt ja mit uns a net viel.«

»Angst hat s' in sich, sie fürcht' sich, das is alls. – Alls is Angst, warum, waß ma net,« mischte sich eine andere ein.

Da ging denn Milada direkt zu ihr. – »Du, was is mit dir, gestern hat sich ein Herr direkt beim Fräulein beschwert. – Ja, meine Liebe, so geht das nicht fort, so darfst du dich nicht aufführen.«

»Ich bin mit keinem frech gewesen.«

»Davon ist keine Rede. – Aber du stößt sie ab, – gibst keine Antwort. – Trutzt. – Grad' wie jetzt. So schau mich doch nur an! Ich beiß doch nicht. – Sei aufrichtig! Was ist eigentlich wahr mit dir?«

Und ganz leise strich Milada über das gewellte, blauschwarze Haar. – Mit linden, leisen Strichen schloß sie die Stirne ein, die trotzig gesenkte. – »Nun?« –

»Fräulein, Fräulein!« Plötzlich sank Lolo in die Knie. – »Lassen Sie mich doch fort von hier! Um Christi willen, ich muß sonst sterben. Ich taug' ja ohnedies nicht her.«

»Na Mädel, Mädel, tu' nur nicht so! Warst doch zwei Jahre bei Fischer. – Da lernt man die Arbeit kennen. Mach erst nicht solche Komödien vor mir!«

»Ach Fräulein, ich hatte ja dort nur ihn. – Es kam ja keiner an mich heran, als Karl. Ich schwör's bei meiner Mutter, kein Mensch. Und weil der andere, sein Hauptmann, justament wollte, kam das große Unglück über uns. Ich hab' Karl gebeten: ›So laß ihn doch, ich tu's meiner Seel' nicht aus Liebe. – Wer weiß, schad't er dir, Karl! So laß doch nach!‹ Und Karl wollte nicht und nicht. Da kam's. Und der Steger, Karls Ordonnanz, steckte mir Geld und Reisebillet zu am letzten Abend. – Dann sperrte mich David Fischer ein. – Und weg war's. – Das Reisebillet auch.«

Das runde, weiche Gesicht nahm wieder den schreckhaften, scheuen Ausdruck an.

»Fräulein, das ist die reine Wahrheit, das schwöre ich bei Gott und meiner Seligkeit.«

»Heul' nicht wieder! Hättest du lieber gleich gesprochen! Jetzt erzähl' mal ruhig! Wie bist du überhaupt zu der Fischerschen Bekanntschaft gekommen? Du bist aus Prag, was?«

Das Mädchen nickte. – »Lolo heiß ich ja gar nicht. Poldi Schwartza heiß ich, bin aus Prag. Mein Vater . . .« Sie hielt mit angstvollen Blicken inne.

»Weiter,« drängte Milada.

»Ach Fräulein, bringen Sie 's nicht unter die Leut', er wird am End' weg müssen von sein Posten, und das wäre sein Tod.«

»Von mir aus sei ruhig! Erzähle!«

Und Lolo beichtete alles. Sie war aus guter Familie Ihr Vater war Portier im gräflich Czerninschen Palais auf der Kleinseite. – Sie hätte nie aus dem Hause müssen. Aber die Frau Hofrat Winter, die seit jeher im Czerninschen Park spazieren gehen durfte, die wollte sie partout um sich haben. Da war der junge Herr Karl noch Kadett gewesen und das Fräulein Aglaia fünfzehnjährig. Wie Freundinnen waren sie zusammen. Und erst die Dame! Sie sagte, wenn sie, die Poldi, alles brav tue, was die Herrschaft fordere, dann werde es ihr nicht schlecht ergehen. Wie eine Tochter würde man sie halten. Damals war sie glücklich. Als der Herr Karl Leutnant wurde und nach Hause kam, da schickte die Frau Hofrätin die Aga in die Schweiz. – So viel weinte sie damals, aber die gnädige Frau sagte: »Nun haben wir ja den Karl zum Liebhaben da.« Sie bekam die Wäsche vom Fräulein Aga, Blusen und Putzschürzchen und hatte es fein gut.

Abends gingen die Herrschaften ins Theater, da mußte sie Tee kochen, Kuchen schneiden und Aufschnitt richten, für den Herrn Leutnant servieren, der zumeist alleine aß. Nur sie saß bei ihm, denn sonst schmeckte es ihm nicht, sagte er. Er sprach oft mit ihr davon, daß er wohl versetzt werde, und dann nehme er sie mit als Wirtschafterin . . .

Lolos Augen leuchteten jetzt wie Sterne. Ihr Oval rundete sich, der Mund bekam frohes Leben.

Und auf einmal! Auf einmal war alles aus. Wenn sie geahnt hätte, daß es so kommen würde, sie hätte gewiß geschwiegen. Sie hatte es ja auch nur Karl gesagt, weil ihr gar so bange war und totenübel oft. Und Karl, der ging direkt und sagte es seiner Mutter. – O Gott, das war ein Tag! Alle schrien, die Frau Hofrat, die Köchin, aber Karl am meisten. – Sie wurde in das Dienstbotenzimmer gesperrt. Spät am Abend kam Karl, streichelte sie und sagte, sie solle nur ruhig sein, ihre Eltern würden es nie erfahren und er verlasse sie ganz gewiß nicht. Und nach zwei Tagen setzte Karl sie in eine Droschke und brachte sie zur Frau Kratochwil. Die war eine gelähmte Frau und saß immer nur im Rollstuhl. Aber geschickt war sie doch sehr, und trotz all der großen Schmerzen ging alles gut vorbei. – Bei der Frau Kratochwil blieb Lolo fünf Monate, etwas zahlte Karl für sie, aber sie räumte und kochte für die Frau, die viele, viele feine Kunden hatte. Sogar in Equipagen fuhren sie an.

Da wurde Karl nach Budweis versetzt. – Aber dort durfte sie – als seine Geliebte nämlich – nicht wohnen. Das hätte die Leute dort zu sehr geärgert. – So mußte sie in das Fischersche Etablissement als Kellnerin eintreten. Karl erlaubte ihr bloß zu bedienen, und er sagte es auch so dem Alten, und der verschwor sich heilig und teuer, es solle so sein.

So weit ging es gut. – Bis die schreckliche Geschichte mit Karls Hauptmann anging. – Mitten im Lokal wollte er sie umarmen und küssen und sagte laut, die Mädel seien alle gleich für alle Gäste. Und wenn sie sich bei Karl nicht sperre, warum für ihn, und solche Sachen. Und wie sie doch Karl gebeten habe, er möge nachgeben. Nein, hätte er gesagt, eher haue er ihn in Stücke. – So und richtig, einmal ging's los. Karl ohrfeigte ihn, und der Hauptmann schoß mit dem Revolver auf ihn. Sie fiel auf den Boden hin und sah gar nichts mehr. Alles ging drunter und drüber. Der Oberst kam selbst und machte Fischer einen Spektakel, das Lokal müsse ihm gesperrt werden, und schrecklich war's.

David hatte sie in ein Zimmer gesteckt, wo man von außen überhaupt keine Tür sah. – Da hasardierten sonst Offiziere. Abends kam die Ordonnanz, brachte ihr ein paar Bleistiftzeilen von Karl, Geld und ein Billet nach Prag. Er schrieb, sie solle nur gleich fort, Fischer zahlen, wenn er was fordere, und nach Prag zur Kratochwil ziehen. Bis sie von ihm hören werde. Er müsse wahrscheinlich nach Galizien, wenn's nicht schlimmer käme. – Die ganze Nacht weinte sie durch.

David sagte, im Hause sei die Polizei und suche nach ihr. Und Karl säße im Arrest. Und nach ihr suche die Polizei, weil sie all das angestellt habe und in Prag mit der Kratochwil auch noch etwas.

Und sie mußte aus dem Zimmer in dunkelster Nacht und in den Keller hinunter. Da saß sie lange, lange, bis sie einschlief vor Weinen und Müdigkeit.

Nach einer Zeit holte sie David wieder und sagte, die Polizei glaube, daß sie schon lange fort sei, und sein Vater habe viel, viel Strafe zahlen müssen für sie – hundertfünfzig Gulden und das sei sie ihnen schuldig. – Karl, der sei nach Galizien versetzt worden und müsse vom Militär, wann er noch mal was mit ihr zu tun kriegte, denn er habe sein Ehrenwort gegeben.

»Und Fräulein, wie er mich aus dem Keller führte, ich schwör es bei allen Heiligen, Fräulein, da hat mir David mein ganzes Geld gestohlen. Karls Brief und die Fahrkarte und das Geld, alles war weg. – Ich sagte es ihm gleich, aber er schimpfte noch, weil ich laut sprach. Und so hat er mich noch vierzehn Tage eingesperrt gehalten. – Wenn ich weinte, brachte er mich in den Keller und ließ mich im Finstern hungern, bis ich ihn um Verzeihung bat.« – Lolo schluchzte. – »Eine Zeitung brachte er mir, da stand, daß Karl in Galizien war und drei Monate Festungsstrafe hatte.

Und so hat er mich auf die Bahn gebracht. Die letzte ganze Nacht war ich noch im Keller. Um fünf Uhr früh sind wir weggefahren, hierher, Fräulein, und er sagte mir, ich müsse bleiben, sonst käme ich mit dem Schub nach Prag.«

Sie rang die Hände. – »Mein armer Vater! Und Karl weiß auch nichts von mir. – O Fräulein, ich hatte ihn doch so lieb. Wenn er wüßte, wo ich bin. Wenn er das wüßte, wo seine Poldi ist, – da gäb's ein Unglück mit ihm. Seinetwegen schweig ich zu allem, schweige, schweige.«

»Lolo, du warst doch dumm,« sagte Milada, die aufmerksam zugehört hatte, »das Geld hat der Judenbengel gewiß gestohlen, und alles, was er dir erzählte von Polizei und Strafe, war ausgestunkene Lüge. – Du dummes Ding, hättest doch lieber laut geschrien, wärest ihm lieber auf der Bahn durchgebrannt!«

»– – weil doch sonst Karl weg mußte vom Militär,« weinte das Mädchen. »Fischer, der wußte ja das von der Kratochwil auch.«

Da schwieg Milada. – Sie preßte die Lippen aufeinander und nickte. –

»Ja freilich, den Mann mußtest du schonen,« sagte sie kurz. –

»Lolo, hör zu! Du sitzest da verflucht im Drecke. – Aber das macht nichts. – Dem David werden wir einmal auf die Finger klopfen. Vielleicht kann man den Judenbengel so schrecken, daß er mit etwas Geld ausrückt. – Dann ziehst du frei. – Wein' nicht, Mädel!« – Sie stand eine Weile still und zog die Stirne in enge Falten. – »Sei ruhig! Sieh mal, überall kann man oben bleiben. – Denk' an Karl, dem dein Opfer hier die Ehre gerettet hat. – Siehst du, da hast du auch die deine wieder! Jetzt muß man vor allem an die Kratochwil schreiben, ob sie von ihm Briefe hat. – Ja? Und halte dich hier ruhig! Vielleicht helfe ich doch.« –

»Ö Fräulein! Fräulein – –«

Sie faßte nach Miladas Hand, und diese festen Finger fuhren beschwichtigend über die erhitzte Stirn hin . . .

Von David Fischer aus Budweis kam umgehend ein grober Brief zurück. Er wisse nichts von der Meiße, und Geld habe er keins gesehen. Geld! Wenn er überhaupt zu Geld gekommen wäre, auf welche Weise auch immer, so hätte er rechtmäßig die schmutzigen Spielschulden vom Herrn Leutnant bezahlt. Die Lolo, die sei überhaupt so ein geriebenes Lügenmensch, die schon im Elternhause als zehnjähriges Mädel mit Buben herumgelegen sei, das wisse man von der Frau Kratochwil usw. . . . Und wenn sie jetzt keine Ruhe gebe, werde er, Fischer, noch mit anderen Petites aufwarten.

Milada warf den Brief hin. – »Und ich sage dir, er hat das Mädel doch bestohlen. Noch was anderes ist dahinter. Die väterliche Einwilligung, die er uns da gegeben hat, ist heilig falsch. – Das wird ihm den Kragen brechen.« –

»Ach Mila, Mila, was häufst du noch alles auf diese paar Wochen!« sagte Gust und rang die Hände. – »Die Miller einkleiden, das Geschäft verkaufen, Fanni retten und jetzt noch diese parfümierte Aktion! Du wirst sehen, wir kommen nicht weg, und Joszi handelt schon wegen einer Wohnung.«

Milada sagte: »Alles wird sein, Gust. – Das Schwierigste ist doch überwunden. Die Miller beichtet heute. Und morgen unterschreibt sie die Eingabe. Aber das da muß ich noch ordnen! So was kann ich doch nicht im Rücken haben. Gelt? Wenn ich nur wüßte, wie ich dem Kerl beikomme. – Denn wenn da eine Fälschung nachweisbar ist, weißt, Gust, da geht er ja doch höllisch ein.«

»Ist denn das alles verbürgt, was das Mädel deklamiert?«

»Durchaus, dafür stehe ich ein. – Sucher freilich – müßte vorsichtig umgangen werden. Wenn der Treulich die Sache bekommt, oder gar der Baron, die würden ihm schon aus privatem Ehrgeiz einen Denkzettel geben. – Ah was! Jetzt, wo ich aus dem Geschäft gehe, liegt mir nichts mehr an polizeilichen Gnaden.« –

»Was hat denn Sucher damit zu tun?«

»O, der ist liiert mit Fischer.«

»Eine saubere Verbrüderung! Wie weit bist du mit der Spizzari?«

»Fein! Die zahlt aus. – Mich und Keßler und das Fräulein.«

Stillschweigen.

»Gust, möchtest du das Mädel mal anhören?«

Er räkelte sich . . . »Das könnte man ja! Ich glaube, du bist nicht unparteiisch genug.« – Sie hob bittend die Augen.

»O Gust, wenn du eingreifen würdest!« sagte sie zage . . .

Gust lächelte ironisch. Wieder einmal konnte er Joszi eine Nase drehen. –

Er zupfte an dem englisch gestutzten Schnurrbart und sagte laut: »I bewahre! Ich mache nichts. – Die Sache scheint empörend, aber selbst stecke ich die Finger nicht in den Sudel hinein.«

Sie runzelte leicht die Stirne. – »Hast du Gründe?«

»Unter anderem habe ich es Joszi zugesagt,« bekannte er zögernd.

»Dem? Der schien mir anders. Durchaus frei und vorurteilslos.« –

Gust lächelte ironisch. – »Da irrst du dich. – Joszi ist der kaiserlichste Mensch, den ich kenne. Übrigens gestehe ich zu, er hat die Erfahrung für sich.«

»Dürfen uns Erfahrungen so einengen? Reißt nicht vielmehr jede neue Erkenntnis eine Schranke zwischen Mensch und Menschen nieder? Mir wenigstens geht es so. Findest du es nicht ein wenig selbstsüchtig, Gust, sich von Erfahrungen bestimmen zu lassen?«

Er zerknüllte den Rest seiner Zigarette und sagte: »Mila, du idealisierst uns. Wir sind einmal nicht zu Großem geboren.«

»O Gust,« sagte sie warm und trat zu ihm, »ich habe dich an Fannis Bett gesehen, ich habe gesehen, wie du die Wunde verbandest und ohne Scheu pflegtest.«

»Ich bin Arzt,« fiel Gust rasch ein.

»Aber du freutest dich, daß es ihr besser ging. – Nicht? Helfen wolltest du ihr. Gust, – fasse den Begriff Arzt nicht zu enge!« –

Er fing ihre Hände und hielt sie fest. – »Mila, wenn ich nicht wüßte, daß wir in sechs Wochen über alle Berge sind, tät' ich es nicht.«

Sie sah ihn mit strahlenden Augen an. – »Und wenn wir mal dort sind, wollen wir die Unglücklichen ganz vergessen, du? Könnten wir das? – Du und ich?«

»O, laß uns mal erst dort sein!« sagte er unbehaglich und erhob sich.

Zu Taten war Gust niemals sonderlich aufgelegt. Na, Milada gab so ganz das Terrain auf, da war er ihr im Grunde ein bissel Revanche schuldig.

»Willst du Lolo hören?«

»Könnte man ja.« – Und er setzte sich in den Sessel und nahm eine hochnotpeinliche Miene an.

Nach einer Weile kam Lolo ins Zimmer, warf verstörte, jammernde Blicke umher, und erzählte noch einmal umständlich ihre Geschichte, – wobei Milada sie stets mit kurzen und präzisen Fragen unterbrach, deren Beantwortung ein immerhin klares Bild der Sachlage gab. Besonders intensiv examinierte sie über die elterliche Einwilligung. Ob sie sich vorstellen könne, daß ihr Vater jemals die Erlaubnis zu solch einem Leben gegeben hätte. – Da hob Lolo die Arme und schrie so überzeugend: »Nein, nein! Eher schießt sich Vater doch tot,« daß Milada und Gust einen Blick wechselten. Und ehe die beiden es hindern konnten, kniete sie vor Gust nieder und bat unter stürzenden Tränen um Befreiung, daß Gust in impulsiver Aufregung sagte: »Los kommt sie für alle Fälle, Mila. Wir schicken sie nach Prag zurück. – Aber der Hund bekommt erst einen Hieb, der soll ihn zeichnen – für alle Zeiten.«

Und er versank in ein tiefes Stillschweigen, währenddessen er mit drohend gefurchter Stirne Zigarette um Zigarette vertilgte.


Tadellos gekleidet, den allerleichtesten Panamahut in die Stirne geschoben, kam Gust in den Vormittagsstunden auf die Abteilung II der k. k. Polizeidirektion und verlangte in etwas hochfahrendem Tone den Kommissar Dr. Treulich zu sprechen.

Im Grunde war er wirklich sehr ruhig und frohgemut. – Vor allem war Joszi ein Esel. Aus einer solchen oder ähnlichen Sache jemals eine Affäre konstruieren zu wollen! Lachhaft! Eine einfache Anzeige an die vorgesetzte Behörde leiten, – weiter nichts. – Ganz gut, daß er ein bißchen hinter Joszis Rücken lebte – Da konnte man ihm dann, ganz ohne die Sucht, imponieren zu wollen, haarscharf beweisen: – Das und das und das, mein lieber Bruder, stimmt nicht recht. –

Übrigens war ihm in diesem Augenblick um Gerechtigkeit zu tun. »Selbst der loyalste Bürger hat die moralische Verpflichtung, sich gegen Willkür und Tyrannei aufzulehnen,« sagte sein Onkel Benno. – Na, da war ja heute die geschätzte Familientradition mit ihm einverstanden.

Unterdessen dienerte der Sucher. – Welcher Art denn die Angelegenheit des Herrn sei? – Keine Neugierde, bewahre! Es sei nur usuell, der Herr Rat wünsche nämlich eine kleine Sortierung der Fälle . . .

Gust sah ihn von oben hinunter an: »Sie, Herr Sucher, kann ich den Herrn Kommissar sprechen, ja – oder nein? Geben Sie ihm das!« Er zog eine Visitkarte heraus.

Mit einem impertinenten Lächeln nahm sie Sucher entgegen. In kurzem Dienstschritt durchmaß er das Bureau, öffnete behutsam die Nebentüre, wo Dr. Treulich gähnend hinter seiner Zeitung saß, und winkte Gust mit den Augenbrauen. – »In unbekannter Angelegenheit,« meldete er dem Kommissar mit einem Blick über den Kopf des Besuchers, der scharf an seiner Nase vorbei die Tür schloß.

»Gustav Brenner.«

»Bitte, womit kann ich dienen?«

»Sie erlauben, Herr Kommissar, daß ich in medias res eintrete,« sagte Gust mit einer kleinen, eleganten Verbeugung und begann ohne Zögern in wohlgesetzter Rede die ein wenig verwickelte Geschichte Lolos auszubreiten, vermied mit Geschick jede Detailkrämerei und steuerte direkt auf den Kern der Angelegenheit zu.

Der Kommissar hörte aufmerksam zu, unterbrach ihn einige Male durch Fragen und notierte die Antworten auf einem vor ihm liegenden Block.

Gust hatte dabei das befriedigende Bewußtsein, durchaus ernst genommen zu werden, und fühlte, daß er immer fließender und überzeugender sprach. – Endlich kam er zu Ende.

»Erlauben Sie, Herr Brenner, welche Zeit ist seit dem mutmaßlichen Diebstahle, ich meine seit seiner Entdeckung durch die Besitzerin bis heute verflossen?«

»So zirka – mit Bestimmtheit vermag ich das nicht anzugeben – aber vier bis sechs Wochen, denke ich.«

»So, das ist ja ganz günstig. Das genügt mir. Bitte zu bleiben! Die andere Sache, das mit der angeblichen Dokumentenfälschung« – er kratzte sich mit dem Federstiel hinterm Ohr – »das ist freilich Ressort des Herrn Regierungsrats selbst. – Wir haben strikte Weisung, derartige Vorkommnisse sofort hinauf zu melden. Ich habe bloß darüber Protokoll aufzunehmen und bitte daher um Angabe Ihrer Generalien.«

»Meiner?«

»Nur eine Formalität,« sagte Dr. Treulich, indem er die angesagten Daten niederschrieb und halblaut murmelnd das Protokoll aufsetzte. »Bitte zu unterschreiben. – So, danke, das Mädchen lasse ich in den nächsten Tagen vorladen. – Das Haus ist mir ja auch aus Revisionen bekannt – Ist doch sonst riesig anständig, dieser Goldscheidersche Salon, es kommt nie etwas vor. – No, aber gelogen und gejammert wird halt überall in den Häusern.«

»Ich habe hier den Eindruck der Wahrheit empfangen,« sagte Gust zurückhaltend.

»Gewiß, gewiß,« beeilte sich der dicke Mann, der dem Besucher so dankbar war für diese Unterbrechung in der schwitzenden toten Julizeit, »sonst hätten sich Herr Brenner auch nicht dafür interessiert. – Ich finde es natürlich privatim, privatissime sehr am Platze« – er dämpfte unwillkürlich seine Stimme – »wenn sich solche Männer, wie Sie, ohne Scheu einsetzen, – insofern das Gesetzbuch nicht immer genügenden Schutz zu bieten in der Lage ist. – Das System, wir können es nicht leugnen, hat Lücken.«

»Nicht wahr, Herr Kommissar,« sagte Gust strahlend, »ja, wenn alle Beschwerden zu Ihnen vordringen könnten! Sie sind ein Mensch.«

»Ach nee, man denkt halt datüber nach,« wehrte Dr. Treulich ab.

»Nein, Herr Doktor, ohne Kompliment, ich habe mir die Sache ganz anders darstellen lassen. – Leider! – Ich gehe nun um ein Vorurteil ärmer von hier weg. – Sie sind ein Mensch! – Freilich bis man mit der gehörigen Portion Energie die Türschranzen überwindet . . .« Er warf einen bezeichnenden Blick in der Richtung der Schreibstube.

Dr. Treulich erwiderte durch einen ebenso bezeichnenden Blick nach oben, in der Richtung des Allerheiligsten.

»Ja sehen Sie, Herr Kollega,« begann er jovial, »so hat jeder Beruf seine Licht- und Schattenseiten. Ach herrjeh, solange man noch hinter der grünen Schranke steht wie Sie.« – Er fuhr sich über das schüttere Haupthaar.

»Ich dräng' erst auch nicht 'raus, Herr Kommissar,« lachte Gust fröhlich, »bin ein Kerl ganz ohne Ehrgeiz.«

Und nun ergab es sich, daß Dr. Treulich Gustav Brenner eigentlich kannte! Er war ja der Sohn des Eisenhändlers kaiserlichen Rates Brenner, – ja – na freilich. Er, – Treulich – war A. H. der Franconia, und beim A. H. Kommers der Teutoburger habe Gust – o, er erinnerte sich genau, eine stramme Rede gehalten. – Sehr stramm und warm. –

Die beiden Herren schüttelten einander noch einmal die Hände. Gust ließ seine goldene Zigarettendose springen . . . »Da möchte Milada Augen machen,« dachte er, »so was läßt sie sich freilich nicht träumen.« – – Und in diesen Augenblicke wurde er seiner Mission von Herzen froh.

Man sprach noch dies und das, – von dem gar nicht eifervollen Fuchsennachwuchs, dann über die drei Mitglieder hohe »Lothringia«, die den Juden noch Satisfaktion gebe – diese Rückständigkeit! – und dann empfahl sich Gust.

»Ich bin Ihnen auch sehr verbunden, Herr Kommissar.«–

»Aber das ist doch nur Pflicht . . .«

»Habe die Ehre.« – – »Habe die Ehre.«

Gust durchschritt die Schreibstube, ohne den Sucher eines Blickes zu würdigen, der sich seinerseits nachlässig erhob, um dann sofort vom Herrn Kommissar die notwendigen Erläuterungen zu diesem Falle einzuholen.

Denn, den Namen, den er auf der Visitkarte gelesen hatte, den kannte er. – – Und das war ein Besuch, der ihn interessierte.


Unterdessen besuchte Milada das Emauskloster, ein großes, weißgetünchtes, schmuckloses Gebäude, das der Kongregation der ehrwürdigen Kreuz-Jesu-Schwestern gehörte und das sich mit seinen vielen vergitterten Fenstern und der festgeschlossenen braunen Pforte gut in die Physiognomie der stillen Straße fügte.

Blasse, undeutliche Erinnerungen schwangen um sie herum. – Sie sah die Janka, die ein kleines, widerspenstiges, nach Moschusseife duftendes Kind durch die enge Klostertür zwängen wollte. – Sie fühlte die kühle hagere Hand der grauen Frau, die sanft auf ihrem Scheitel lag, und eine Stimme, die voll Mitleid sagte: »O armes Kind!« . Wie weit das zurücklag! Es schien ihr ganz unbegreiflich, daß sie selbst das erlebt hatte. – Und doch! Die Erinnerung an diesen ersten Klosterbesuch der Kindheit hatte tief im Verborgenen einen merkwürdig intensiven Duft behalten, der sie mit hundert geheimnisvollen Beziehungen erfüllte, als sie jetzt den kühlen, schmalen Gang zum Sekretariat ging.

»Sie wünschen wohl die Schwester Verwalterin zu sprechen?« bemerkte die junge Nonne, die ihr geöffnet hatte und zögernd Miladas Karte prüfte.

»Ich möchte mit der Frau Oberin sprechen.«

Der Schatten eines Lächelns flog um den ernsten Mund der andern. – »Mit der Frau Oberin kann man nicht sprechen,« sagte sie und entfernte sich geräuschlos. Halbwüchsige Mädchen im blauen Leinenkittel und festgeflochtenen Zöpfen gingen paarweise an den Fenstern vorüber und sahen sie neugierig an. – Aber die befehlende Handbewegung einer ältlichen Nonne trieb sie auf die andere Seite des Hofes, der mit Kastanienbäumen bepflanzt war.

»Wir haben Ihre Eingabe erhalten,« sagte plötzlich hinter ihr eine leise, klanglose Stimme, »wir sind geneigt, unter gewissen bindenden Voraussetzungen in die gewünschten Verhandlungen einzugehen.« – Milada wandte sich um. Eine ältliche, hagere Nonne mit strengen, leidenschaftslosen und ausgebleichten Zügen stand vor ihr.

»Wollen Sie mich das Fenster schließen lassen.«

»Ja, Fräulein,« sagte Milada befangen und rückte sich auf dem harten Sitz des schwarzen Ledersofas zurecht.

»Man sagt zu mir Schwester Verwalterin,« bemerkte die Nonne, indem sie starr in den Hofraum blickte. – Dann zog sie den grünen Vorhang zu. – Das Licht war ausgeschlossen.

»Sie sind von der Petentin autorisiert, die Verhandlungen zu leiten. Haben Sie die nötigen Papiere bei sich?«

Milada nickte.

Die Nonne entnahm ihrer Mappe ein Formular und breitete es auf dem Tische aus.

»Hier ist der vorschriftsmäßige Aufnahmeschein. Er wird doppelt ausgestellt und von beiden Parteien unterschrieben. – Dr. Heinrich von Görz – wie Sie sehen – hat hier bereits unterfertigt. – Diktieren Sie! – Name?«

Milada erhob sich, stützte sich ein wenig auf den Tisch. – »Fräulein Josefine von Miller-Gerrold.«

»Alter?«

»Zweiundfünfzig Jahre.«

»Beschäftigung?«

Milada stockte. – »Ich weiß nicht?« sagte sie zögernd.

»Die Beschäftigung aus dem letzten Jahre der Weltlichkeit ist hier anzugeben.«

»Besitzerin eines Freudenhauses Rothausgasse 2,« sagte Milada fliegend.

Die Nonne murmelte: »– Inhaberin eines städtisch konzessionierten Pensionates. – –Wünscht?« – Sie sah auf.

»Sich zurückzuziehen,« fuhr Milada trocken fort.

Die Nonne sagte, indem sie die Worte niederschrieb: ». . . Wünscht, reuerfüllt und durchdrungen von der Verwerflichkeit ihres bisherigen Wandels, durch kirchliche Werke und Bußfertigkeit den Rest ihrer Jahre in klösterlicher Abgeschiedenheit zu läutern.« – Milada nickte. – Eine Pause entstand. – Sie sah auf den von leisem Luftzug bewegten Vorhang und hatte die sichere Empfindung, daß sich jetzt ihrer beiden Blicke auf einem schwärzlichen kreisrunden Fleck desselben trafen und verstanden. Nur eine Sekunde lang. – Dann senkten sich die Augen der Nonne auf das Papier nieder.

»Petentin verfügt?«

»Über ein aus Bargeld und Wertpapieren bestehendes Vermögen von fünfundvierzigtausend Gulden und einem zweiten Satz von viertausend Gulden auf einem in der Umgebung Wiens befindlichen Landgute.«

»Bewegliches und unbewegliches Vermögen, Eigentum und Besitz jeder Art liefert Bittstellerin demütig dem Mutterhause aus und bittet nur um die Gnade, im heiligen Asyle sich den Gesetzen der Kongregation bedingungslos und willenstot unterwerfen zu dürfen. – Unterfertigen Sie!«

Milada gehorchte.

»Wir wurden ermächtigt, Ihr Gesuch an maßgebende Stelle zu leiten. – Im Triestingtal befindet sich eine Zweiganstalt unseres Mutterhauses, zum heiligen Herzen Mariä«, das noch zwei Stiftplätze für Weltmüde zu vergeben hat. – An unserer Frau Oberin liegt es, dieselben nach Verdienst und« – die Nonne seufzte auf – »Dringlichkeit zu vergeben. In vierzehn Tagen erhalten Sie schriftlichen Bescheid. – Die ausgewiesene Summe muß von dem Tage, an dem die Bewilligung einläuft, zu Händen unseres Sachwalters Herrn Dr. Heinrich von Görz bereit liegen. – Drei Tage nach Erhalt des Bescheides öffnen sich der Büßerin die Pforten des Asyls. Ich habe nichts mehr zu bemerken.«

»Wir bitten um Berücksichtigung,« sagte Milada und verneigte sich tief vor der steif und teilnahmslos dasitzenden Nonne, dann trat sie auf den Korridor hinaus, wo sie von der kleinen grauen Pförtnerin wieder in Empfang genommen wurde.

»Gelobt sei Jesus Christus!« grüßte sie die Eilende.

Und weil Milada nichts antwortete, vollendete sie selbst: »In Ewigkeit, Amen!« –

Und ein unaussprechlicher Vorwurf belastete die weltscheue Stimme.


Zwei Tage nach Gusts Besuche in der Polizeidirektion wurde Lolo vorgeladen, zum großen Mißvergnügen der Miller, die aus diesen Laufereien nur Ärgernis und Verwirrung prophezeite und mit aller Energie erklärte, sie für ihre Person habe es satt, sich an weltlichen Händeln zu verunreinigen. Denn seit der Verkauf des Geschäftes beschlossen war, hatte sich ihr Wesen und ihr Interessenkreis vom Grunde auf verändert. Ihr Mißtrauen, die Gier nach Gelde, sogar die natürliche, nörgelnde Bosheit ihres Charakters waren wie verschwunden.

Jeden dritten Tag ging sie zur Beichte, schloß sich dann fastend in ihr Zimmer ein und vermied ängstlich den Verkehr mit den Fräulein, für die diese wunderliche Heilige eine ewige Quelle der Heiterkeit wurde.

Die Lolo kehrte strahlend aus dem Kommissariate zurück und erzählte Wunder, wie freundlich und gut die Herren oben mit ihr gewese