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Eleonore Kalkowska – Der Rauch des Opfers.

Gedichte

Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena, 1916


Den bangenden

und den trauernden Frauen

zu eigen

 


Als jäh der Blitz in meine Krone fuhr,

Da fielen von mir alle Blätter, Blumen,

Wie bei der Schur

Von dem betroffenen und entsetzten Lamm,

Der weißen Wolle leichte Wolkenkrumen.

Ich ward ein ausgebrannt, gehöhlter Stamm.

Nicht mehr. Und Tropfen quollen auf, benetzten

Den Schaft, den tief in seinem Mark verletzten.

 

Doch in mir branntʼ noch das Gefühl der Leere.

Da sah ich um mich. Und da war manch Leid,

Das irrtʼ umher und trug ein heiß Begehren

Nach Unterschlupf. So öffnetʼ ich mich weit,

Und höhltʼ mich mehr noch aus zur bloßen Rinde,

Daß alles Leid in mir die Heimat finde.

 

So gingen in mich ein Leid, Schmerz und Grauen

Und Tränenflut von viel Millionen Frauen

Und bleichen Munds gestammeltes Brevier;

Ich ward das Ohr und ward der Herold-Rufer,

Ich ward das Flußbett, und ich ward die Ufer

Des Geistes und des Stromes: Wir.

 


Schwill auf, schwill auf, mein Strom, und künde

Dein brausend Lied. Mit deinem breiten Lauf

Befruchte die verdorrten Seelengründe,

Nimm Tränen auf, nimm Qual und Kampf und Leid —

Und münde

Sie alle, alle in die Ewigkeit.

 


 

 

 

 

 

Fragt nicht: warum?

Bleibt stumm,

Bleibt groß!


 

 

Der heiße Sommer lag, gleich einem Tier,

In brünstiger Umarmung auf der Erde,

Und alles atmet Glut und süße Gier . . .

.     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .

Nur manchmal — nachts — erschauerten die Pferde.

 


Da kam der Tag. . . . Tief in der Erde Schoß

Begann ein Beben, Klopfen, Drängen, Stampfen,

Die Erde wankte und begann zu dampfen

Und lauschte in sich selber atemlos . . .

Und fühlte: wie in ihr das Ungeheuer

Den lästigen Schlaf verstieß, und riesengroß

Emporreckt seinen Leib aus Blut und Feuer,

Bis er mit heißem Druck das Land umwand,

Und sich, wie ihrer frohgefüllten Scheuer

Kornschwere Garben sanken in den Brand.

 


Durch alles Land

Die Glocken hallten,

Trafen uns Frauen

In allen Gauen

Bei friedlichem Walten —

Trafen uns mitten ins Herz.

 

Und das Herz, getroffen,

Brach auf als Wunde

Und füllte die Stunde

Mit langsamem Sickern schwerdunkeln Bluts.

Und als es geronnen,

Da flogʼs in die Sonnen,

Und als schwarzer Fleck für ewig dort ruhtʼs.

 


Durch strahlende Straßen, in langen Zügen,

Flutet das Leben mit stolzer Gebärde —

Flutet hinaus in den Tod.

 

Und ist doch einst, wie aus kostbaren Krügen,

Aus uns hinausgeströmt auf die Erde

In Stunden der seligsten Not . . .

 

Und wir stehen dabei und könnenʼs nicht wenden,

Wir stehen mit fest gefalteten Händen,

Daß der Schmerz in uns bleib wie im Kreis.

 

Wir stehen, die Hände zusammengeschlagen

Wie im Gebet:

Gott, hilf es tragen!

 


Liebe und Tod, zwei ungleiche Zecher,

Kreuzen die randgefüllten Becher,

Trinken mit dunklem, mit schwerem Saft:

Brüderschaft.

 

Liebe und Tod rücken dicht zusammen;

Liebe leiht sich vom Tod neue Flammen,

Tod leiht sich von der Liebe rauschendes Rot;

Wachsen aneinander: Liebe und Tod.

 


Nach Größe ruft die Zeit!

Hört ihr den Ruf?

Er stürzt vom Berg herab zu Tal,

Wie losgelassner Wasser Strahl,

Wie funkensprühnder Pferdehuf!

Hört ihr den Ruf?

Macht euch bereit!

Nach Größe ruft die Zeit.

 

Warʼn nicht wir Frauen immer schon das Ohr

Für jeden starken Ruf der Neuverkündung,

Nicht jeder Flamme aufgetanes Rohr,

Nicht jeden jungen Stromes willige Mündung?

Und nahmen wir nicht Most, noch eh er gor,

Oft froher Hoffnung voll in uns hinein,

Bis in uns seine Trübe sich verlor,

Bis daß er ward zum Wundervater Wein?!

Hört ihr den Ruf der Zeit?

Macht euch bereit!

 

Nach Größe ruft die Zeit.

Hört ihr den Ruf?

Macht euch bereit!

Spannt euch so wie die Klinge vor dem Stoß!

 


Fragt nicht: warum?

Bleibt stumm,

Bleibt groß!

Laßt hinter euch der frühern Tage Zwerge,

Spannt euch zum Turm, spannt euch zum Berge,

Zum Höhnwegweiser für die künftige Zeit.

Hört ihr den Ruf?

Macht euch bereit!

 

 

 


 

 

 

 

 

Vielleicht nie wieder . . .

 

 

 


O letzte Nacht, die er zuhaus verbringt,

Geschützt von unsrer Liebe breitem Dache!

Wie eine Woge hebt sich, schwebt und sinkt

Sein Atem in die Nacht. Wir halten Wache.

 

Und sehn ihn an. Das Auge wird zum Mund

Und trinkt die Züge, alle Zeichen, Narben

Und Schatten. Um dereinst, selbst todeswund,

Nach diesem Bild vergebens nicht zu darben.

 

Die samtne Nacht quillt durch das offne Fenster

Und grüßt mit einem flügelzarten Wind;

Das weiße Bett steht fester und begrenzter

Im Dunkel, das wie lautlos Wasser rinnt.

 

Wie möchten wir im Dunkel ewig kauern!

Und in uns denktʼs: Wird erst die Erde fahl,

Schleicht sich der Morgen scheu durch unsre Mauern,

Dann . . . und wir rufen Gott in tiefster Qual:

 

»Der du die Erd zur Sonne ziehen läßt,

Beschenk sie heut mit andrem Wind und Segeln,

Und nagle mit den hellen Sternennägeln

Den dunklen Mantel an den Himmel fest!

 


Halt auf der Zeiten Rad, das gräßlich surrt!

Du nahmst den Isaak vom Opferblocke,

Eh ihm vom Haupt gefallen eine Locke,

Da Abraham nicht gegen dich gemurrt.

 

Wir trugen alles still jahraus, jahrein;

Doch diesen Kelch nimm, Herr, von unsrer Lippe,

Wir lagen lächelnd nie in einer Krippe

Und nie umwebte uns der Glorienschein . . .

 

Schwach sind wir, elend, Herr, und voll Gebrechen;

Drum rette uns!« Da, wie wirʼs schluchzend sprechen,

Wälzt sich von Osten grau das Ungeheuer,

Von seinem Rücken Blut in Strömen rinnt,

Und speit ins Antlitz uns sein schwelend Feuer,

Der Tag, der Tag, der letzte Tag beginnt!

 


Lippen bewegen sich

Lautlos, erblassen —

Können zu schwere

Worte nicht fassen.

 

Hände suchen sich ganz

Ineinander zu schlingen,

Als könnte so Leben

Leben durchdringen.

 

Augen in Augen

Sich bleischwer versenken,

Noch einmal die Seele

Am Born zu tränken.

 

Und über allem ein rauschend Gefieder

Lautlosen Schreies:

»Kehre mir wieder!«

 

Tausend Seelen knien betend nieder.

 


Ist das noch dieselbe Sonne,

Noch dieselben Platze, Gärten,

Straßen, Häuser, Wagen, Menschen?

Wie sind alle Dinge laut!

Wie mit scharfen Spitzen bohren

Sie sich ein in Aug und Ohren,

Und der Pferde schwere Hufe

Schlagen hart auf unser Herz . . .

 

Ist das noch dasselbe Haus,

Unsre guten, alten Stufen,

Die sich heute widerstrebend

— Eine Herde tückscher Tiere —

Unserm Fuß entgegenbäumen?

 

Ist das noch dieselbe Türe,

Die, wie eines kranken Vogels

Schwinge, vor uns leise bebend

In den leeren Bauer schwebt?

 


Und sind wir, wir selbst, noch dieses

Graunverzerrte Angesicht,

Das der hämisch blöde Spiegel

Unserm Gram entgegenspeit? . . .

 

Gott hat uns emporgeschleudert

In die Luft, wie eine Münze,

Und was unten war, liegt oben,

Und was oben war, liegt unten,

Und er kann es nicht mehr hören,

Wenn das Herz gen Himmel schreit!

 


Vielleicht nie wieder . . . Noch bebt in der Luft

Dein Atem . . . Noch schwebt scheu auf matten Schwingen

Dein letztes Wort . . . Noch liegt auf allen Dingen

Ein wenig deiner Wärme und dein Duft;

Noch tickt die Uhr, der du befohlen,

Noch zittern unterm Fuß die Bohlen

Von deinem Schritte nach.

 

Noch blüht dein letzter Strauß schwankstieliger Blumen,

Der süß beklommnen Duft ins Dämmern haucht;

Noch sind wir selbst durch deines letzten Blickes

Schmerzhelle Weihe ganz in Glanz getaucht . . .

Und eingespannt

Fast schmerzhaft ist dein Bild in unsre Lider . . .

 

Von fern kommt deine Hand

Und sinkt besänftigend auf das Haupt uns nieder . . .

.     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .

Vielleicht nie wieder . . .

 


Müde, müde und tränenleer,

Leergeweint . . .

Ein dunkler Kahn

Schaukelt träge auf schlaftrunknem Meer . . .

 

Türen werden sacht zugetan,

Dunkle Vorhänge rauschen nieder,

Tagmüde Blumen schließen die Lider . . .

 

Leishufig ins Grau ziehen graue Schimmel,

Schiffe betasten den blauenden Hafen,

Irgendwo dunkelt langsam ein Himmel . . .

.     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .

Schlafen, o schlafen!

 


Seine liebe Wärme

Füllt das Haus nicht mehr;

Es sind alle Stuben

Kalt und leer.

 

Dunkle Schleier wallen

Durch das ganze Haus,

löschten aller Dinge

Glanz uns aus.

 

Und in Traum und Nebel

Unser Sein versinkt,

Bis zum Tag, der ihn uns

Wiederbringt!

 


Nur die Uhr tickt schwesterlich:

»Bau auf mich, bau auf mich,

Einst mein Zeiger bringt die Stund:

Hand in Hand und Mund auf Mund.«

 


Keine ertrüge dies Leid allein,

Dieses Grauen, diese Angst,

Dies mühselige Gefaßtsein,

Da du doch so unsagbar um Einziges bangst,

Keine ertrüge dieses allein!

 

Aber überall, auf den Straßen und Gassen,

In den Häusern und Kirchen, den Gärten und Plätzen,

Wo die ruhlosen Füße dich immer hinhetzen,

Findest du Augen, die dich rufen, dich fassen,

Sich an dich klammern und nimmer dich lassen,

Und so sinkst du hinein, wie ein Tropfen ins Meer,

Und es trägt dich die Welle, trägt hoch dich und weit

In eine bebende, warme Unendlichkeit.

 

Schulter an Schulter, auch wie ein Heer,

Gehen wir Frauen, gehn ich-befreit,

Gehn ich-entblößt,

Gehn ich-erlöst,

Zusammen in einer Wolke von Leid —

Als Einheit gehn wir durch unsre Zeit.

 


Keine ist Anfang und keine ist Ende,

Hemmungslos stürzen durch uns wie durch Rohre,

Wälzen sich in die Weite die Brände

Flammender Not.

 

Keine ist Anfang und keine ist Ende,

Über uns alle strömt gleich fort die Flut

Des Schmerzes, wie über flaches Gelände

Der Wassertod.

 

Keine ist Anfang und keine ist Ende!

Heulend durchbraust uns wie Sturm das Graun,

Und ein Windstoß fegt hoch empor alle Hände

Ins Himmelblaun!

 

 

 


 

 

 

 

 

Aus seinem Verstecke

Kriecht durch der Nacht geöffnetes Tor

Das unaussprechliche Grauen hervor . . .

 

 

 


Dunkel istʼs, Nacht hat die Erde umkrallt;

Wir liegen, ohnmächtig die Hände geballt,

Und in uns ruft es in tiefster Pein:

Mußtʼ es denn sein?

 

Atemberaubend, gleich eiserner Decke,

Befällt uns die Stille; aus seinem Verstecke

Kriecht durch der Nacht geöffnetes Tor

Das unaussprechliche Grauen hervor

Und packt uns am Hals. Und mit weiter Pupille

Starren wir in die gräßliche Stille.

 

Da plötzlich - was war das? Welch Laut durch die Nacht?

Wir schluchzen auf,

Tief schreit unser Blut,

Irgendwo wieder: »Es ist vollbracht!«

 


Und immer breiter klafft der Schlund der Nacht,

Und was dem kurzen Tag wir abgerungen

An Kraft und Fassung, wird verschlungen

Vom schwarzen Schacht, —

Noch eh der ersten Nachtstund Schlag verklungen.

 

Und dann das Nichts, das Nichts, die schwarze Leere,

Die schlammgleich Aug und Ohren uns verklebt,

Nur fühlen können wir, wie steil sich hebt

Das Herz, gleich einer Woge in dem Meere

Der Nacht. Und krampfhaft wie des Krebses Schere,

Die eine Hand sich in die andre gräbt,

Um etwas doch zu halten im Entrinnen . . .

Wie weh tut starre Stille wachen Sinnen!

Weit halten die Augen wir aufgespannt,

Und saugen sie gierig fest an der Wand.

 

Da, langsam, spinnwebgleich, aus allen Ecken

Beginnt ein leichter Schleier sich zu recken.

Und weht... und füllt die Luft mit grauem Flor

Und sinkt,

Sinkt bis herab auf unser Aug und Ohr,

Und bringt,

— Lautlos die schwarze Schale um uns bricht —

Ein zweit Gehör, ein zweit Gesicht.

Und plötzlich ist die Nacht um uns voll Rufe,

Und über unser Herz

Ein Stampfen funkensprühnder Pferdehufe . . .

 

Und unterm Bett hervor ein leises Wimmern,

Und in den Ecken ringsumher ein Schimmern

Entblößter Knochen . . . Und die Mauern lang

Gelagert, so wie halsgebrochne Flaschen,

Kopflose Körper . . . Schwer in dunkeln Tropfen

Gluckst Blut daraus, die Nacht mit Rot zu waschen.

 

Das Fenster ist ein gutes, lichtes Vlies;

Doch wie bewegt durch eines Herzens Klopfen,

Und plötzlich aus des Vorhangs Fläche sprießt,

Wie eine riesige kurzgestielte Blume,

Ein Haupt hervor; es grinst, es nickt, es grüßt . . .

Rief da nicht jemand schluchzend unsern Namen?

Was ist das? — Schwarz das Fenster steht im Rahmen:

Der Kopf verschwand und nahm den Vorhang mit. —

Nun strömen sie hinein in langen Ketten,

Nicht mehr gebändigt von den weißen Toren ...

Und ihre Augen nägelgleich sich bohren

In uns. Sie nahn! — Wir können euch nicht retten,


Geht, geht, o geht! Wir selber sind verloren . . .

Licht, Rettung, Rettung, Licht! Es hat die Nacht

Uns irre gemacht! —

 

Eine helle Woge das Bett überspült,

Wie ist es zerwühlt,

Wie nach Kämpfen, die Leidenschaft heiß gewann . . .

Tod grinst im Räume die Liebe an.

 


Aber schleicht der Morgen näher,

Sendet aus die ersten Späher,

Kommen durch die vielgewundnen

Gassen unsrer Dämmerseelen

Frauen, Frauen, endlos Frauen,

Mit zerschundnen, mit verbundnen

Füßen, die von langer Reise

Dämmerleise

Uns erzählen,

Kommen in den Grund der Seelen

Sich zu stehlen,

Dort, wo unser Bestes ruht . . .

 

Frauen, Frauen, endlos Frauen —

Und sie drängen, und sie eilen,

Wie zur Zeit der Hungersnot

An den Ort, wo man das Brot

An die Ärmsten mag verteilen . . .

 

Ein Gemurmel wirr verschlungen,

Fremde Laute fremder Zungen,

Fremder Glieder Glanz im Grau,

Fremder Blick und fremder Bau,

Und auf irren, schmutzverklebten

Zügen und an schweißdurchwebten

Haaren: Blut!

Ihrer Söhne, unsrer Feinde

Blut . . .

Denn die graue Spukgemeinde,

Alle diese Schattenseelen,

Steigen auf aus den Kanälen,

Die man um die Erde schlang,

Wo sie viele Monat lang

Wachend, lauschend bei den Ihren

In der Zukunft Dunkel stieren,

Ganz wie wir —

Bei den Unsern.

 

Und sie dringen in uns ein

Bis zu jenem tiefsten Schrein,

Der das Beste warm und still

Birgt, und sich nicht öffnen will.

Und die Motte, die verwegnen,

Und die wilden Flüche regnen

Auf die Tür umsonst und schrill.

Da wird eine von den jungen

Jäh von ihrem Schmerz bezwungen,

Hilflos schluchzt sie wie ein Kind,


Und die ältern, und die grimmern

Sind erfaßt vom gleichen Wimmern,

Wie von einem Wirbelwind . . .

 

Unsre Türe muß zerfallen —

Und das tränenfeuchte Brot

Unsrer Not

Teilen wir mit ihnen allen,

Bei der Sonne erstem Rot.

 

 

 


 

 

 

 

 

In der Menschenpflanze ragenden Schaft

Strömt herauf der heilige Erdensaft,

Strömt die Sonne hernieder . . .

 

 

 


Gottes milde, gütige Hände gleiten über die Erde,

Über die winterwunde, sturmzerrissene Erde,

Gleiten Gottes wundertätige Hände,

Daß Nacht sich wende,

Daß Frühling werde!

.     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .   

O Mensch, sei Erde!

 


Tief in die Seele schnitt das erste Grün.

Die kargen Äste, die, gleich dürren Armen,

Sich in den Himmel reckten um Erbarmen,

Die paßten uns viel besser als dies Blühn

Der Welt umher, dies sorglos rohe »Werde«

 

Viel besser gingen wir auf harter Erde,

Hart wie die Narbe, wo das Fleisch verletzt,

Denn als ward aufgewühlt die Ackerkrume,

Und als die Flur ersproß in Gras und Blume

Hat unser Schmerz auch Keime angesetzt.

 


Aber leise, kaum daß wir es selber wissen.

Beginnt uns das Atmen nun Freude zu spenden,

Und wir sitzen in Sonne, gekost von den linden

Jung-Frühlingswinden,

Wie von lieben, vertrauten, trostreichen Händen;

Und die Seele beginnt leis ihr Segel zu hissen,

Ganz schüchtern, und läßt sich zur Hoffnung tragen

Von den heiligen Erdauferstehungstagen.

 

Und die Sonne strömt Glut:

In die junge Birke, die Weide, die Kastanie, die Linde,

In die Vögel und ihre leis zirpende Brut,

Und in unsrer Adern blasses Gewinde.

 

Und die Erde läßt ihren Saft strotzend steigen

In den Gräsern, den Stämmen, den Ästen und Zweigen,

Und die Pflanzen können den Saft nicht mehr halten,

Sie brechen auf:

In farbigen Blumen von tausend Gestalten.

 

Ganz sacht schließt in uns der Schmerz seine Lider,

Und in der Menschenpflanze ragenden Schaft

Strömt herauf der heilige Erdensaft,

Strömt die Sonne hernieder.

 


Und uns durchrieselt ein seliger Schauer —

Weltatem strömt durch uns und trägt uns weit fort,

Und es eint sich mit dem All unser Sein, unsre Trauer

Zum vollen Akkord.

 


Frühling lockert Zärtlichkeiten,

Jung und stark, in unsren Seelen,

Und sie drängen in die Weite,

Und sie flattern scheu umher —

Vögel, die ihr Nest verfehlen.

 

Und in unsren Händen wachsen

Liebkosungen ungezählt,

Langgestielte zarte Nelken,

Und verwelken —

Blumen, denen Sonne fehlt.

 

Jung und stark erwacht ein Strahlen

Manchmal doch in unserm Blick,

Und zerschellt jäh an den Klippen

Schwarzen Nichts. Und sinkt zurück

In sich selbst. Und unsre Lippen

Beben manchmal, zucken manchmal,

So als ob sie küssen müßten . . .

Und erstarren, schamverworren,

Und verdorren —

Mitten in des Frühlings Glück.

 

 

 


 

 

 

 

 

Ach, daß du wieder da bist!

 

 

 


»Ach, daß du wieder da bist!« Dieses Eine —

Und ist doch alles — unserm Mund entquillt

Wie sprudelnd Wasser, wie die erste Blume

Nach Regen dem verdürstenden Gefild.

 

Im schmalen Brunnen ruht ein klares Wasser

Die ganze große Sonne hat drin Platz,

So unser tausendstrahlig Glückumfangen

In diesem einzigen kurzen Freudensatz:

Ach, daß du wieder da bist!

 


Sommer kam, die Fenster aufzureißen,

Und die Zimmer sind nun voll von weißen,

Schlanken Flügeln, wie bereit

Aufzufliegen in die heiße,

Sonnenfrohe Sommerszeit!

 

Warmes Leben quillt durch harte Quadern,

Und ein jedes Haus

Ist nur eine der unzähligen Adern,

Von dem gleichen Blut durchbraust;

Und wir selbst sind kleine, blasse Venen,

Die sich heiß dem Puls entgegensehnen.

 

Und der Vögel zage Liebesbitte

Und die Hast und Last beschwerter Schritte,

Duft und Windessäuseln in den Blättern,

Bange Frage, frohes Siegesschmettern,

Ein verirrtes Wort, ein Trambahnschwirren,

Ein erinnerungschmerzlich Sporenklirren —

Und der Duft der üppigen, verfrühten

Sommerblüten

Sinkt in unser selbstversunknes Brüten . . .

 


Und dort fern in dämmergrünen Weiten,

Tief von Gärten eingesponnen,

Ganz versonnen,

Tanzt mit leichtem Schwung ein Bogen

Auf den sanft gespannten Saiten

Seiner Geige . . .

 

Schluchzend kommt das Lied gezogen,

Taumelt durch der Stunde Leere,

Wiegt am Wege Blüte, Beere,

Jedes Blatt am Baum . . .

Nimmt uns auf in seinen Reigen,

Und wir stiegen, und wir steigen,

— Frei von aller Erdenschwere,

Von dem blutigen Daseinstraum —

Sonnenstäubchen, durch den Raum.

 


In der Sommerabendluft

Sind die Stimmen alle weich,

Klangbeschwingt und faltergleich,

Und sie taumeln, wie der Duft

Aus den schwerbeblühten Zweigen,

Durch die Nacht in leichtem Reigen . . .

Stimme spricht zu Stimme: »flieg!«

Und versunken ist der Krieg.

 

Taubeperlt, taubeschwert

Und von einem matten Glanze,

Wie die Blätter, die zum Tanze

Heiß der Abendwind begehrt,

Sind die Augen, sind die Stimmen,

Sorge, Tag und Krieg verschwimmen

In der Ferne, in der Nacht. . . .

 

Von Balkonen, Bänken, Gärten

Flirrt das Plaudern, sonnensatt . . .

Plötzlich, einer Stimme Kreischen,

Wie gebieterisches Heischen:

»Kriegszeitung und Abendblatt!«

In den Augen ein Erhärten,

Und die Stimmen — scharfe Gerten —

Zucken, schwirren durch die Stadt.


 

 

 

 

 

Die Trauerfenster gefallener Recken

Als Grabgirlande durchs Land sich erstrecken

 

 

 


Wir gehn durch der Straßen gedehnte Trichter,

— Ist es nicht seltsam, wie Enge zur Weite wird —

Um uns fallen und steigen Gesichter,

Taumeln verirrt . . .

Und wir gehn ziellos, gleich Blättern, gleich herbstwind-verwehten,

Wir gehen mit kurzen und harten Schritten,

Als könnten das Zuviel, das wir gelitten,

Wir von uns fort, in die Erde, treten.

 

Und uns ist, als müßt irgendwo dahinten

Schutz, Ruhe, Anhalt und Ende liegen,

Dort fern, wo gleich Freunden, gleich wohlgesinnten,

Die Häuser sich dicht aneinanderschmiegen.

Und wir gehn scheu, gedrückt an die Mauerwände,

Doch der Raum und die Leere vor uns ohne Ende . . .

 

Und der Blick klimmt bis hoch an die Häuserränder.

Trauer haben viel Fenster angelegt,

Der Gardinen frohe Windtanzgewänder

Hat der große Sturm mit sich fortgefegt,

Und den schwarzen Raum kommt kein Antlitz zu modeln,

Düster starrt er hinein in der Straße Brodeln;

Die Trauerfenster gefallener Recken

Als Grabgirlande durchs Land sich erstrecken.

 

Aber hier und da fängt mit roten Zetteln

Das Leben frech an, um den Vorrang zu betteln,

Und die feiste Schrift drauf schreit laut: Zu vermieten:

Und von ihrem rechtmäßigen Platze verdrängt,

Hat die Trauer sich in die Straße gesenkt,

Kommt mit schüchterner Geste sich uns zu bieten,

Und wir nehmen die fremde Trauer noch mit.

 


Eine ist — ihre kindlich zarte Gestalt

Ist vom Witwenkleid und Schleier umwallt,

Ihre Lippen sind rot, zuckend und schmal,

Wie ein Wundrand, den jäh ein Dolchstoß gerissen,

Doch bebt manchmal um sie eines Lächelns Strahl,

Wie bei Kindern, die um ein Geheimnis wissen.

 

Ihre Augen sind ganz durchsichtig und klar,

Wie ausgewaschen vom vielen Weinen,

Und man sieht durch sie durch, alles Hehles bar

Ihre Seele scheinen,

Und zu unterst, tief leuchtend, liegt auf dem Grund

Das gleiche Lächeln wie um den Mund.

 

Als er tödlich verwundet lag, frugen sie ihn

Nach seinem Wunsche. — »Ein Blatt!« - Und er schrieb

— O des heiligen Quells, der die Kraft ihm geliehn —

Fünf Worte: »Ich hab dich so lieb« . . .

 

Seinem Zettel des Hauptmanns Brief war gesellt,

Worte wie Geigenton zart:

»Gut, tüchtig, lieb, brav« und »Andenken bewahrt«

Und ein Trompetenstoß drunter: »ein Held!«

 


Und als sie den ersten Schmerz von sich geweint,

Stieg ein Lächeln empor und verblieb,

Und nun flüstertʼs und schluchztʼs und oft jubelt es gar:

»Ein Held und hatte mich lieb!«

 


Eine sieht, kaum atmend, in scheuer Gier

Vor der Türe des Zimmers, das ihm gehört.

Die Stille dahinter brütet, wie ein unwirsches Tier,

Das man oft schon in seiner Ruhe gestört.

Endlich drückt sie die Klinke. Mit leichtem Wanken

Weicht die Tür zurück. Das Tier reckt sich hoch,

Wirft ihr auf die Schultern die lastenden Pranken,

Ganz dicht am Hals.

 

Und die Dinge, die er so oft berührt,

Die er geliebt und zum Leben verführt,

Das Bett, der Tisch, die Stühle, der Ständer,

Die gebrauchte Feder, der halbabgerissene Kalender

Wachen auf, rächen ihr Abseitsliegen,

Kommen sich an sie zu drängen, zu schmiegen,

Stürzen in ihre Seele hinein,

Saugen sich fest, als sollt sie verbluten,

In den Hals gräbt das Tier fest die Pranken ein . . .

 

Da packt sie des Fensters weißstarrend Gestelle,

Reißt es auf; Taglärm taumelt über die Schwelle,

Luft kommt sie, gesegnet, zu überfluten,

Gesang. In des Abends entgleitenden Schimmer

Ziehen Rekruten.


Und sie lauscht. Lauscht mit leise verlöschendem Blick . . .

Und hinter ihr, im fröstelnden Zimmer,

Sinken lautlos die Dinge in sich zurück.

 


Da draußen, wo die Hauser inmitten der magern

Junggärten, wie Tiere, die ihrer Herde

Freudig entsprungen, im Grünen sich lagern,

Pflegt eine, — im Wind schwarz ihr Schleier weht —

Mit unendlicher Sorgfalt und zarter Gebärde

Ein blumenbesätes, schmal-hohes Beet,

Und neigt sich und liebkost mit Andacht die Erde

Und lächelt geheim, wenn ein Wind niedergeht:

 

»Erde pocht an Erde und trägt still-bereit

Bis zu dir meine bebende Zärtlichkeit;

Wind atmet in Wind und schmiegt um dein Grab

Den Duft all der Blumen, die ich dir gab.«

 


Zwei Frauen. Sie haben sich früher gekannt.

Ein Zufall. Sie reichen sich wieder die Hand.

 

Ein Zögern: »Istʼs wahr, dein Mann an der Front,

Freiwillig, sage, wie hast duʼs gekonnt?«

 

Ein Lächeln. »Wir sind aus dem gleichen Holz,

Wir zwei. Ich fühltʼ, daß er anders nicht konnt,

So ließ ich ihn ziehen — mit freudigem Stolz

An die Front.«

 

»Ja, aber wenn er nun draußen fällt,

Was wird dann mit dir — allein in der Welt?«

 

Ein tieferes Lächeln das Antlitz durchsonnt.

»Leben trennt, Tod eint. Der gleiche Stich,

Die gleiche Kugel für ihn und mich,

An der Front.«

 


Doch hat einer der Brand, der ringsum entfacht,

Erfüllung ihres Schicksals gebracht.

 

Schnell kam es, wie schwirrender Kugelflug,

Des Alltags leeres Gefäß zerschlug.

 

Einquartierung. Im Mai. Auf eine Nacht,

Irgendwo, in der Welt. Nahe der Schlacht.

 

Er und sie. Sonst nichts. Sie zwei. Er und sie.

Und ein Feuer, das Himmel und Erde spie.

 

Und eine Hand, die sie hart, die sie degenscharf,

Ohne Widerred ineinander warf.

 

Und die Stunden der Nacht schlagen eilig und stumm

Feurige Büsche rings um sie herum.

 

Die erste Kugel, in erster Schlacht,

Hat ihm seines Schicksals Erfüllung gebracht.

 

Sie aber lebt weiter im feurigen Ring,

Damit sie für immer ihr Schicksal umfing.

 


Aber eine — ihr Antlitz ist dämmerweit —

Gießt leise in eines Augenpaars Locken,

Mit kaum hörbarer Stimme und währendem Stocken,

Ein seltsames, strahlendurchflochtenes Leid:

 

Weißt du, all das unausgelebte Leben,

Das dort auf dem Feld, in den blutigen Graben

Hinausgeströmt aus zuckenden Wunden

Ins All, kommt in den wallenden Stunden

Der Dämmerung flügelnd mich zu umschweben;

Und ich kannʼs nicht beschwören:

Ich muß ihm gehören.

 

Und eine Hand zwingt mich nieder und zwingt mich zu lauschen

Hinaus und hinein,

Und da ist ein Raunen, da ist ein Rauschen,

Das fremd meinem Sein;

Und die Nebelgestalten, da draußen, sich bauschen,

Sinken mit mattem Silbergeflimmer

Ins Zimmer,

Bringen Geschenke voll trübem Gedenken

Mit blutigem Schein . . .

 


Bringen Kraft, fremdem Wesen entquollen,

Mir angeschwemmt,

Bringen ein Leben-nicht-lassen-wollen,

Das mir sonst fremd,

Bringen ein heißes Umfangen von Dingen,

Die kaum ich geahnt,

Und ein Tasten und Suchen und Vorwärtsdringen

Auf Wegen, die Fremde gebahnt.

 

Und wie Nacht, die jählings vom Blitze zerrissen,

Durchströmt meinen Reichtum ein Schauer der Scham,

Daß mein Sein, ganz ohne mein Wollen und Wissen,

Vom Schlachtfeld ein fremdes Eigentum nahm.

 


Sturm tat ihr wohl!

Der einen, der jungen, der festen, der herben

Kam er die Erdoberfläche zu kerben,

Zerrtʼ die Bäume heraus und die Nester hohl,

Wie ward ihr wohl!

In ihr erwacht urweltlicher Gesang

Längst verblichner Geschlechter,

Und heißer Kampf und Vernichtungsdrang

Durchtobt sie wie Siegesgelächter.

 

Krieg kam übers Land!

Wie vertausendfacht da die Gesänge erwachten,

Wie sah sie auf die zarten Glieder, die Hand

Herab mit herbem Verachten.

Wie lauscht sie da draußen den kampffreudigen Rhythmen,

Dann, schnell überdacht,

Ging sie dem Roten Kreuz sich zu widmen,

Doch ganz nahe der Schlacht.

 


Schlachthöllenspuk gellt!

Klumpen, aus Leibern und Erde gemischt,

Spritzen hoch in die Luft, wie purpurner Gischt;

Bajonette und Säbel schlagen die Scharten,

Aber sie, außer Schußweite, fern im Zelt

Sicher gestellt,

Darf nur die Verwundeten warten.

 

Kühl versteht sie ihr Amt,

Ohne unnützes Mildevergeuden;

Aber liegt einer im Todeskampf,

Ist sieʼs, die zum letzten Mut ihn entflammt

Mit brausenden Worten von heldischem Kampf

Und von Walhallas Freuden.

 


Ihr junges Antlitz ist so vom Schmerz zerwühlt,

Als hätte ein Tonbild, da kaum es vollbracht,

Eine reißende Sturzwelle überspült

Und zunichte gemacht.

 

Ihre Augen sind aufgerissene Straßen,

Grundlos und in ewiges Dunkel getaucht,

Als ob Sonne und Mond ihrer ewig vergaßen

Und nur Schnee und Nebel in ihnen geraucht.

 

Und dem, der an ihr vorübergeht,

Wird sein eignes Gesicht zu Spott,

Und es entflieht seinen Lippen wie Stoßgebet:

Ihr helfe Gott!

 


Sie bat um die Wahrheit. Solch hilflos Flehn

Sah er nie. Da könnt er nicht widerstehn,

Und sagte es ihr:

 

Drei Stunden lag er in Grauen und Not,

Drei Stunden wußte er seinen Tod

Und rief nach ihr . . .

 

Und griff in die Luft und griff in den Wind

Und rief wie ein krankes, gequältes Kind:

»Mutter, Mutter, hilf!«

 

Und rief — schon lag auf den Augen der Flor —

Zwischen Blut, zwischen Schaum noch rang sichʼs hervor:

»Mutter, Mutter, hilf!«

 

Und sie war fern, war fremd seiner Qual,

Und wußtʼs nicht einmal . . .

.     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .     .

Darüber zerbrach sie gleich dürrem Schilf.

 


Eine schweigt, seitdem sie die Nachricht empfing . . .

Zeit und Raum konntʼ die Stunde nicht halten,

Irgendwo, wie ein Blitz, im Leeren sie hing

Und hat der Tag bleiernen Ring

Gespalten;

Zerstört von den Flammen,

Kommt gestern und morgen nimmer zusammen.

 

Und sie schweigt. Denn sie kann von den Dingen nicht reden,

Wie früher. Und zeitlos die Zeit verrinnt.

Das Gestern ist ein Haus mit geschlossenen Läden,

Das Morgen — ein Wort. Und doch, leise, spinnt

Sie das Graugarn des Grams. Und es sind neue Fäden

Zu ihrem Kind.

 


Über das wunde, zerklüftete Land

Schauert ein Ruf. Wie ein sturmflügelnd Band,

Aus tausend blutroten Fäden geknüpft.

Zuckt es und gleitet und wirbelt und schlüpft,

Steigt starr in den Himmel und fällt in sich zusammen,

Wie tote Flammen,

Und erwacht von geheimen Schlägen geschwellt . . .

Über die wunde, zerklüftete Welt

Schauert ein Ruf.

 

Es ruft das Blut,

Das junge gebäumte, mähnenschüttelnde Blut,

Und es ruft grauer Stunden wimmernde Brut,

Es ruft irren Schmerzes blühnde Narretei,

Und der Angstschweiß der Einsamkeit löst sich als Schrei

Und ruft, ruft. . . .

 

Wann hört je die Welt solch fragendes Rufen?

Es taumelt dahin über Straßen und Stufen,

Stürzt in Schule und Hörsaal und Arbeitsstätte,

Durchfegt leerer Zimmer erblindete Kette,

Klirrt an den Gläsern verlassner Gastmähler,

Fliegt spähend über Berge und Täler,

Betastet Schiffswracke, geborstene Schwingen

Stolzer Luftvögel, und flieht zu den Dingen,

 

Den kleinen, herrenlos wordenen Dingen,

Hängt sich an zerfallende Kleider als Klette

Und sinkt in die Knie vor einem Bette,

Einem glatten, leeren, weißblühenden Bette

Im verlassenen Zimmer . . .

Und verbrennt die Lippen und wühlenden Hände

Und schreit nach dem Ende!

 

 

 


 

 

 

 

 

Wer sagte, daß sie tot sind?

 

 

 


Die Nacht spricht:

 

Tot sind sie, tot, und alles ist zu Ende!

Fühlt ihr denn nicht die Leere eurer Hände,

Die steife, starre Leere, die sich nie,

Niemals mehr füllen läßt. Fühlt ihr denn nicht

Das Welken eures schmal gewordnen Mundes,

Der nie mehr blühnde Zärtlichkeiten formt

Und draus die Worte schwer zur Erde fallen,

Leblos wie Steine. Und seid ihr nicht alle

Nachtwandelnde und mondscheinkranke Kinder,

Die sich längs kalter, feuchter Wände tasten

Und offne, nie gefüllte Augen haben,

Um die die reiche Welt vergebens wirbt?

 

In eurer Dunkelheit schwingt eine Glocke,

Und diese Glocke trägt nur einen Ton,

Dumpf hallt er durch die aufgebrochnen Stunden,

Die keinen Anfang und kein Ende haben;

Und ist so wie zwei dürre, schwache Arme,

Die um ein Leeres in die Luft gespannt,

Tot . . . tot . . . tot . . .

 


Der Tag spricht:

 

Wer sagte, daß sie tot sind?

Ist der Weltäther denn nicht voll von ihnen,

Fast bis zum Bersten, so wie eine Glocke

Aus Glas, die durch zu schweren Ton gefüllt?

Und hat ein Gott die Luft nicht so gestaltet,

Daß sie bewahrt den Umriß der Entschwundenen,

Und nur mit mattem Glanze ihn umhüllt?

 

Wer sagte, daß sie tot sind?

Seht ihr sie nicht an eurem weißen Tische

Beim Abendmahl, in ihren Lieblingssessel

Geschmiegt und lehnend an der dunklen Wand

Des Zimmers . . . Dort in eures Bücherschrankes

Lastendem Schatten, in dem Grell des Spiegels

Aufzuckend und — so wie ein Bild gespannt —

In jeder offnen Türe willigen Rahmen?

Seht ihr sie nicht so, daß die Luft ihr streichelt

Und die Berührung fühlt in leerer Hand? . . .

 


Wer sagte, daß sie tot sind?! Seht doch nur,

Wie alle Flammen windlos sich bewegen,

Die glatten Wasser dunkle Töne raunen,

Und Mondlicht durch verschlossene Türen bricht . . .

 

Wer sagte, daß sie tot sind?! Glaubt es nicht!

 

Sie sind um uns, wenn morgens flügelschnell

Die Türen gehn mit schlaferwachtem Knarren,

Sie sind um uns, wenn aufsteigt das Gebell

Der Hunde an den milchbeladnen Karren.

 

Sie sind um uns, wenn aufwacht das Gestampf

Der lastbeschwerten Tiere in den Gassen;

Sie sind um uns, wenn leicht sich hebt der Dampf

Aus den gefüllten, warmen Frühstückstassen.

 

Sie sind um uns, wenn lärmfroh das Gemisch

Der bunten Kinder eilig flieht die Schule;

Sie sitzen mit an unserm Mittagstisch

Und nehmen Platz auf jedem leeren Stuhle.

 


Sie sind um uns, wenn, wie in einem Horn

Ein langvergessner Ton, in uns ein Lachen

Erklingt. Und spein uns ihren Groll und Zorn

Ins Antlitz aus den erdgefüllten Rachen.

 

Sie sind um uns, wenn Straße um uns gähnt,

An Ecken schwindend grüßen sie uns leise,

An die Laternen stehen sie gelehnt,

Gleichsam umwogt vom Glorienlichteskreise.

 

Sie sind um uns in jedem Stundenschlag,

Sie schieben vorwärts alles Uhrwerks Räder,

Sie wandeln Tag in Nacht und Nacht in Tag,

Sie drängen zwischen Bogen sich und Feder,

 

Sie drängen zwischen Zunge sich und Hirn,

Sie wandeln Wort und Klang in unsern Stimmen,

Sie drängen sich vor Sonne und Gestirn,

So daß ihr Licht uns wird zum matten Glimmen.

 

Sie sind um uns und werden um uns sein;

Es werden ihre Wunden ewig bluten

In unser Leben, und ein roter Schein

Wird unsern fernsten Tag noch überfluten.

 


Wie ist uns der Tod jetzt vertraut!

Er stieg von seinem flammenden Rosse,

Er ward unser Tisch-, unser Bettgenosse

Und jeden Wortes mitschwingender Laut.

 

Es hat sich der Tod mit dem Leben vermählt,

Zu innigem Bund und täglichem Schalten;

Kein Tod, dem rauschendes Leben heut fehlt,

Kein Leben heut ohne Todeserkalten.

 

In uns Lebenden wie unsäglich viel Tod,

Doch das Leben der Toten ist in uns gedrungen:

Sie stehen in uns blühend lebensrot,

Und wir sprechen manchmal mit ihren Zungen.

Leben und Tod ineinander verschlungen

Wie Betender Hände. So wie im Brot

Getreide verschiedenem Korne entsprungen,

Wie Abendstille und flammendes Rot.

 

Leben und Tod, ein einziges Sein,

Wie See und Welle, wie Mörtel und Stein.

Wer will die Schwellen des Windes nennen,

Wer will die Flamme vom Holzscheit trennen?

Wir Kinder der Eltern: Leben und Tod,

Wir haben alle Grenzpfähle verloht.


Und alle Tage empfangen wir

Totenbesuch, ungebeten,

Wir lassen schon immer halb offen die Tür . . .

 

Wir halten schon immer Blumen bereit

Aus duftenden, matt-farbenen Beeten,

Und ein Licht durchflammt unsre Dämmerzeit . . .

 

Sie brauchen nur einzutreten.

 


Eh unser Tag zum Abend verblaßt,

Kommt immer zur Totenfeier ein Gast.

 

Denn jeden Tag trifft es irgendwen,

Der uns einmal in die Augen gesehn,

Irgendwie, irgendwo, irgendwann . . .

 

Und jeden Tag kommt solch blasser Schemen,

Und jeder Tag ist ein Abschiednehmen

Von etwas, das kaum war und doch jäh zerrann.

 

 

 

 

 

Laß es genug sein, Herr!

 

 

 


Noch niemals ging der kurze, blasse Tag

So widerstandslos an der Nacht zugrunde,

Noch niemals fiel mit solchem harten Schlag

Vom Turm ins kahle Land herab die Stunde . . .

 

Noch niemals wälztʼ solch Nebel sich durchs Land

Und ließ die graue Welt in Grau verschwimmen,

Noch niemals trug der Wind so viele Stimmen

Und wuchs und wandeltʼ sich von Wand zu Wand . . .

 

Noch niemals ging in unsrer Brust der Schritt

So tief-gelassen seinem Ziel entgegen,

Noch niemals von der Erde Schultern glitt

So scheu und sacht der grelle Sommersegen . . .

 

Noch niemals, niemals gab es solchen Herbst.

 


Die Welt ist zu eng, der Himmel zu nieder;

Er gleicht einer eingesunkenen Decke,

Wenn wir nur die Glieder,

Das Haupt ein wenig zur Höhe recken,

Gleich stoßen wir an das beengende Blau.

Wir passen nicht mehr hinein in den Bau,

Wie er uns mißfällt!

 

Unser Weh ist zu groß, größer wie die Welt;

Erde und Himmel könnenʼs nicht fassen,

Wo sollen wirʼs lassen?

Es reckt sich um über die Sterne zu ragen —

Wir müssen ein Loch in den Himmel schlagen!

 

 


Wenn wir nicht wenigstens die Kissen hatten!

Wie war der Kopf am Tage uns so schwer,

Und trugen dennoch aufrecht ihn umher.

Nun endlich dürfen wir ihn kraftlos betten . . .

 

Verschweigen werden es die guten, weißen,

Die Kissen, wenn wir sie vor Qual zerbeißen,

Verschweigen werden es die guten Pfühle,

Wenn wir in wildem Schmerz in ihnen wühlen.

Hier, wie geschlagen von den Henkersbütteln,

Darf unser Körper zucken und sich schütteln,

Hier endlich fällt uns ab die blöde Scham,

Und ungehemmt entquillt uns unser Gram.

 

O weiße Kissen, unser letzter Trost . . .

 


Aber wir alle, wir haben Stunden,

Da wir ganz ruhig, fast heiter geworden,

Als gehörten wir einem unsichtbaren Orden

Von Schwestern, durch gleiche Regel gebunden,

Die in Gott das Zeitliche längst überwunden.

 

Und alle Dinge, die unsre Hände berühren,

Und alle Laute, die unser Leben verbrämen,

Sind uns so unwirklich, so nur Abbild und Schemen

Von einer Welt, deren eherne Türen

Unser Schmerz gesprengt, daß wir fast uns schämen,

Daß andere all dieses ernst noch nehmen.

 

 


Ja, von einem Wollen getragen zu sein,

Wie der Bogen, die Klinge, der Schleuderstein,

Und dem Feinde entgegen mit offner Brust —

Vielleicht ist das Lust.

 

Aber so zu sitzen tagein, tagaus,

Mit dem Herz voller Wunden und Scharten,

Und lächelnd noch leugnen den tiefsten Graus,

Und warten . . .

 

Aber so zu verfolgen mit weitoffnem Blick

Der Fähnchen Zug auf den Karten,

Und denken: vielleicht naht grab dort das Geschick,

Und warten . . .

 

Und so zu eilen mit irrendem Fuß

Durch die Stadt voller Jubelstandarten,

Und zittern: vielleicht bringt dies Wehn letzten Gruß,

Und warten und warten und warten . . .

 


O, das ist mehr als Mariä Pein,

Und gäbʼs einen Gott da droben,

Er hätte schon längst einen Stern als Stein

Aus seinem Himmel gehoben,

Und ihn auf die Erde, die tränengetränkt,

Als Wurfgeschoß und als Grabmal gesenkt. —


O gute Straßen, gute, schicksalsferne

Wohnungen Andrer: Säle, Plätze, Gärten

Voll wohltuender Fremde, kühler Harten —

Gesegnet und gesucht, ihr die ihr außerhalb

Des eignen Schicksals liegt . . .

 

Wie hassen wir der eignen Wände Alp,

Wie webtʼs uns krallenfingrig in den Ecken,

Der sanfte Tag bei uns wird trüb und falb,

Der Sonnenstrahl gleicht gierigem Zähneblecken,

Von einem tückisch sprungbereiten Tier,

Und unsre Klingel bebt voll geiler Gier

Und sehnt sich nach des letzten Stoßes Wunde . . .

 

Der lieben, guten, alten Räume Runde

Gähnt nun als Leeres, und die offne Tür

Gleicht einem saugend vorgeschobnen Munde . . .

Und wir,

Wir stehn und warten still auf unsre Stunde.

 

Schon scheint der Sofawinkel sich zu senken,

Gleichsam von leidgefälltem Haupt gefüllt,

Die Kissen alle auf den Ruhebänken

Sind heut schon bebend und wie schmerzzerknüllt.

Die Bücher, Bilder, die schamlosen Zeugen

Des Künftigen, sind voll gierigen Atems Wehn,

All diese wird einst unser Herzblut säugen,

Sie werden wachsen, während wir vergeh«.

 

Und Schlingen in der Luft rings um uns hängen,

Und keine Tür schließt ohne Widerstand,

Etwas will immer sich dazwischen drängen

Und legt aufs Haupt mit spitzem Druck die Hand . . .

 

O Segen sei Euch Straßen, Plätzen, Wegen,

Wohnungen Fremder, tröstlich schicksalsstumm

Und kühl und lärmfroh. Segen sei Euch, Segen —

Zu Haus, zu Haus geht unser Schicksal um.

 


Wir sind: der verworrene Ton einer kranken Geige,

Wir sind: die zerbröckelnde Blume an verdorrtem Zweige,

Wir sind: des gefangenen Windes hilfeflehender Hall,

Wir sind: erdunkelte Sterne auf dem Flug durch das All.

Wir können nicht mehr fluten in seligem Gebraus,

Nicht mehr schluchzend und jauchzend ins Weite uns schwingen,

Nicht mehr erglühend das Dunkel durchdringen,

Und konnten das alles: nun ist es aus.

.      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .      .

Wir möchten nach Haus.

 


Weiße Himmelsblüten, rieselt nieder,

Füllt mit weißem Schlaf die wunden Lider

Der Welt!

 

O wie möchten wir uns auf die Erde hinstrecken,

Ganz flach auf die Erde, und das schmerzheiße

Antlitz einwühlen in all diese weiße

Kühle und Rast,

Und beseligt warten, bis alle Ecken

Unsrer Gestalt mit Weiß überblaßt . . .

 

O sinke nieder, du guter Schnee!

Schneiʼ den ganzen Himmel herab auf die Erde,

Daß die Zeit, die vor der Zeit war, wieder werde

Und der Schöpfer spreche sein letztes »Vergeh«!

 


Man tat uns dieses an und frug uns nicht!

Den großen Tod beschlossen alle Lande,

Und uns, uns frug man nicht; uns hörtʼ man nicht,

Man löschte unser Wort so wie ein schwelend Licht,

Umloht, durchglüht von roten Hasses Brande.

 

Man tat uns dieses an und frug uns nicht,

Als ob wir nichts damit zu schaffen hätten,

Als ob nicht wir des Lebens einziges Tor,

Nicht wir des heiligen Stromes ewige Betten!

 

Es können Männer nicht versteh«, nicht wissen,

Was töten heißt, was sterben sehen heißt;

- Sie sind von einem Drang hinweggerissen

In Zeugung und in Totschlag, und es weist

Ihr ganzes Sein zur raschen, kühnen Tat;

Sie sehn das Leben so wie einen Dom

Der Fremde, wenn er dasteht, kühl vollendet.

Doch wir, wir sind es ja, die ihn gespendet,

Wir die Erbauer, die in unsrem Leib

Mit heiligem Schauer fügten Zell zu Zelle,

Bis er bereit stand, um die hohe Welle

Des Orgelklanges in sich aufzunehmen,...

Und heut sehn wir das Werk, das wir errichtet,

Zu viel Millionen Malen rauh vernichtet!

 

Wir Frauen, die wir allzu lang geschwiegen.

Doch heute warʼs zuviel. Es sind in uns

Die Leiden höher als der Mund gestiegen,

Sie drängen machtvoll sich aus uns heraus,

Zum Wort geworden in die Welt zu stiegen!

Wir waren Ohr, nun werden wir zum Mund.

Wir waren Aug, nun werden wir zur Hand.

Wir wollen es mit Hand und Mund verhindern,

Daß solche Blutzeit unsern Kindeskindern

Noch einmal wird!

 

Wir wollen, wenn die blutige Zeit verbraust,

Von Land zu Land uns an den Händen fassen

Zu einer Kette Nimmer-wieder-lassen,

So fest, daß nie sie sprengt die Männerfaust.

 

Wir waren Aug, nun werden wir zur Hand!

 


Laß es genug sein, Herr!

Sieh her, wir nahen dir in langem Zuge,

Gebeugt durch Qualen ungezählter Tage,

Betäubt durch Wucht des steten Sturmgeläuts,

Und tränenleer gleich umgeworfnem Kruge.

In unsrer Schultern ungewohnte Trage

Kerbt tief sich ein das Kreuz.

Und unaufhaltsam quillt die einzige Frage,

Wie Wasser, wo man tief die Erde schlug,

Aus unser aller Lippen: Herr, o sage,

Warum dies alles, und, o Herr, genug!

 

Warʼs Zorn, der dich ergriff, daß wir gewachsen

Wie Babels Turm, uns drohend einzunisten

In deinen Himmel, da du uns gleich Dachsen

Bestimmt das Sein am Erdenbauch zu fristen?

Fehlt dir in unsrem liebenden Umfangen

Die Demut, die das Nicht-Verstehn gebiert,

Da du gewollt, wir sollten dich empfangen

Wie einen, der im Dunkel sich verliert?

Nun wohl! Wir liegen unter deinem Fuße

Zertreten und gekrümmt gleich einem Wurm,

Du wolltest Buße, nun, wir taten Buße;

Wir sind zermalmt von deines Zornes Sturm.

Ein Raum bleibt zwischen dir und uns nun leer. —

Doch nun genug, genug, o Herr, nicht mehr!

Warst müde du des kleinen Erdgeschehens,

Gleichmäßig grau im Guten und im Bösen,

Wolltst du in einem Großen dich erlösen,

In der Erschüttrung des Vernichtungswehens?

Warʼs der Zerstörung wahnwitzige Gebärde,

Die groß genug dir schien um dich zu reizen,

Dich in ihr auszuströmen auf die Erde,

Wie Sodom sie mit Blut und Brand zu beizen?

Nun wohl! Es stieg empor die Opferwolke

Aus deinem Volke,

Gleich einem rotgefärbten Nebelsud

Stieg sie empor, geschweißt aus Rauch und Blut.

Es bluteten der Erde Eingeweide,

Getroffen tief von deines Schwertes Schneide.

Die Bauten, die sich in den Himmel reckten,

Bis zur Vernichtung gierige Flammen leckten,

Zerwühlt, weit aufgerissen, liegt das Land

Durch deine Hand.

Nun aber, Herr, zurück nimm deinen Zorn!

Leit deine Kraft in andre Quellen über!

Sieh, fast verschüttet liegt des Werdens Born,

Und was noch daraus quillt, ist matt und trübe.

Gieß deine Kraft hinein und schaffe Werke,

Wie sie auf Erden niemals noch gediehn.

Anbeten wollen wir dann deine Stärke

Auf unsern Knien.

Doch tatst du dir noch nicht genug im Rasen,

In Wut und Blut, so magʼs denn sein;

Doch dann, dann senke — wie bei Totenvasen

Den Deckel — auf die Erde, schwer wie Stein,

Den Himmel nieder. Komm uns zu zermalmen,

Füll um uns her die Luft mit giftigen Gasen,

Und lasse uns vergehn in ihrem Qualmen

Wie Seifenblasen!

Stoß rauh zurück die hochgereckten Hände —

Nur mach ein Ende!

 

 

 


 

 

 

 

 

Pniel

Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott

von Angesicht gesehen und meine Seele ist genesen,

I. Moses 32. 31.

 

 

 


Ja, daß wir dich verloren haben, Herr,

Das war der Schlag, der unser Sein zertrümmert;

Denn alles trugen wir in dich hinein,

Und in dir wuchs, was nun in Nacht verkümmert.

So wie der mannigfache, dunkle Samen

Ans Licht heraus aus seiner Dumpfheit strebt,

So mündete in deinen heiligen Namen,

Was uns an Kampf und Qual und Leid durchbebt, —

Und alle Tage sprachʼs im Flammenstrauch;

Heut ist dein Name leerer Klang und Rauch.

 

Ja, an dem Tag, Herr, der zum Wanderwald

Des Landes grün Geäst zusammenraffte,

Schlug in uns ein der Blitz, und in dem Spalt,

Der jäh durch unser ganzes Wesen klaffte,

Versankst du, fielst du, unser Herr und Gott.

 

O Herr, wie einsam machtest du uns da!

Ein jedes Leid wirft lastend seinen Schatten

Nun in uns selbst — und bleibt uns ewig nah,

Es bohrt sich in uns ein wie schwarze Ratten,

Und nie befreit uns mehr ein Sternenwind.

Nun darf sich alle Erde an uns heften,

Ganz fest und stark. Und unsre Häupter sind

Wie Beeren schlaff an erdennahen Schäften.

 

Nicht, daß du Schwerstes rauh uns auferlegt,

Fiel unser Sein von dir, wie abgesägt;

Schon oft quoll Opferblut aus unsrer Rebe

Für dich. Und gern. Doch daß du wolltst, daß Er,

Der lieb uns ist, die Hand zur Bluttat hebe,

Das füllt uns gegen dich mit trotziger Wehr.

 

Zusammenbrach der vielgefärbte Bogen,

Den du, als Zeichen deines ewigen Bunds

Inmitten unsres flachen Erdenrunds,

In einer gütigen Stunde hochgezogen,

Und in uns stieg empor ein solches Grauen,

Daß wir nicht mehr vermochten dich zu schauen,

Und so verhüllten wir das Angesicht.

 


Und unsrer Liebe Ohnmacht ward zum Hassen,

Und es klammert sich an dich und will dich nicht lassen

Und fordert von dir mit gebäumter Kraft:

Rechenschaft!

Du hast die Gesichter verwandelt in Fratzen,

Die wirkenden Hände in würgende Tatzen,

Du hast die Zungen nach innen gedreht,

Daß keins deiner Völker das andre versteht,

Du zerstörtest den guten, den wehrenden Damm

Und tauchtst uns in Blut, und tauchtst uns in Schlamm;

Du fuhrst, o Gärtner, mit eisernem Rechen

Über das blühende fruchtbare Land,

Du füllst uns mit Ekel und Grauen bis zum Rand,

Daß wir oft unser Leben möchten erbrechen,

Wer sonst als du?

 

Und Worte hören wir, so viele Worte,

Breitspurige Worte, tönende und harte,

Heißflammende und schwere, schmerzerstarrte,

Matt atmende und schon im Mund verdorrte

Und Worte, die ein schluchzend, mühsam Stammeln, —

Doch all die Trostesworte kann man sammeln

Wie Münzen in den Kirchenklingelsack,

Sie geben alle einen gleichen Ton:

Noch nie betretene Gipfelhöhn als Lohn

Am Friedenstag.

Mag sein! Jedoch dort oben auf dem Stein,

Da können nur gefallne Sterne tanzen,

Doch wir, wir Frauen sind erdgeborne Pflanzen,

Die nur im Erdreich wurzelstark gedeihn;

Mag unser Reich ein wenig tiefer liegen,

Wenn wir uns nur an Erde dürfen schmiegen.

 

 


Und heimlos wurde unsrer Demut Freude,

Heimlos ward der Verehrung tiefste Lust,

Da eingestürzt dein ragendes Gebäude

Zum Trümmerwust.

Nun irrte scheu umher, mit wunden Füßen,

Der Demut und Verehrung knieend Grüßen.

 

Da flog die Kunde um von Mund zu Munde,

Daß aufgegangen eine hohe Saat

Im Land und mancher staubbedeckten Schrunde,

Nun stand sie da und wuchs von Stund zu Stunde:

Die Tat.

 

Da stürztʼ sich unsrer Demut Heimverlangen

In tausend Tempel, die sich aufgetan

In jungen Helden, die da sterbend sangen

Und blühnden Mundes in die Schwerter drangen,

Wie in das Feuer jungen Holzes Span.

 

Es flammten in uns auf die Opferkerzen,

Die tausendfältigen, die sonst dir gebracht,

Und spiegelten sich in den Waffenerzen

In jeder Schlacht,

Und webten immer ihren zagen Schimmer

Ums Haupt des Helden, eh er sank in Nacht.

 

Und doch, o Herr, wir können dich nicht missen.

Seit du dich uns genommen, gleichen wir

Berghäusern, deren Dach hinweggerissen

Vom Sturm. Wir können in uns selbst nicht wohnen

Und irren heimlos, wie ein unstet Tier,

Durch unwegsam Gestrüpp im Dunkel hin.

 

Oft meinen deinen Atem wir zu spüren,

Doch von uns wie durch eine Wand getrennt;

Er kommt uns niemals wieder anzurühren,

Und unsre Seele kennt

Nun nie mehr deines sanften Hauches Führen,

Und in uns brennt

Wie Schwefellauge unsrer Leere Pein . . .

Herr, Herr, wir können ohne dich nicht sein!

 

Wir hatten dich gelästert, Herr, uns reutʼs.

Sieh her, wir haben gegen deine Wand

Die beiden Arme weithin ausgespannt,

So wie am Kreuz.

Es wachsen in die Wand fast ein die Arme,

O stürze sie, erbarm dich, Herr, erbarme!

 


Komm auf uns nieder uns zu überfluten,

Wie Wogenbranden und wie Sternensang,

Wie Sonnenunterganges sanftes Bluten

Am Bergeshang.

 

Schiff dich als Wind hinein in unsre Segel,

Als Wind, der in die Ferne trägt und stößt,

Und schlägst du uns, so sei des Landmanns Flegel,

Der Korn aus den gefällten Ähren löst.

 

Füll uns mit deinem Atem, Herr, der leichter

Als Luft ist, daß der Flug uns wird vertraut,

Wenn nicht in deine Näh, du Nie-Erreichter,

So doch so hoch, daß unser Auge schaut

Die Erd von oben, gleich den freien Winden . . .

Herr, laß dich, laß dich von uns wiederfinden!

 


Wir tasten uns durch die Nacht. So tief die Schwärze

Des Raums. Kein Stern zerbricht die Finsternis.

Wir aber, Herr, sind selbst verloschne Kerzen . . .

Und unser Fuß sucht scheu und ungewiß

Den Boden als ein Fremdes . . . Und empfängt

Ihn als ein Eiland, das die Flut geschenkt.

 

So dunkel ist die Nacht. Und doch wir lassen

Nicht ab im Suchen. Schon im Suchen liegt,

Im Ruf, der sich um das Ersehnte schmiegt,

Im Wege, den die Füße strauchelnd fassen,

Und der doch zielwärts führt, ein leises Wehn

Der künftigen Seligkeit . . . So gehn wir, gehn . . .

 


O Herr, o Herr, es rieseln sanfte Strahlen

Die Kuppel, die uns überwölbt, entlang,

Wie lichter Wein an dunklen Opferschalen,

Wie einer Quelle monderhellt Gerank,

So wie ein strahlend Vlies, das sich entrollt,

Wie eines wundersamen Regens Gold . . .

 

O Herr, schon tastet sichʼs mit einer süßen

Liebkosung nach den wegemüden Füßen,

Schon wächst an uns empor die lichte Hülle,

Schon streichelt sie die Hände, das Gesicht,

Und sprengt das Tor der starrenden Pupille —

O Herr, wie glüht und wächst in uns das Licht:

Du warst es nicht,

Der uns gestürzt in dieses Grauenvolle;

Du warst es nicht,

Und Lästerung sind alle unsre Grolle,

Und Sünde das vermessene Gericht —

Du warst es nicht.

 

Wir sehen nun — es baden unsre Lider,

O Herr, in Licht — tief in der Erde Schoß

Lag eine Macht, die fremd dir und zuwider,

Sie wuchs in langer Muße riesengroß,

Und rang an jenem Einen Tag dich nieder,


Und du bist heut verwundet und verstoßen,

So wie dein Sohn, als er mit seinen bloßen

Und blutigen Gliedern einst am Kreuze hing.

 

Wir fühlen, Herr, die Qual, die dich umfing

Seit jenem Tag. Du hast aus deinen Tiefen

Das Herrlichste, was du besaßt, errafft,

Dir warʼs, als ob da unten Stimmen riefen,

So tatst du es in eines Körpers Haft;

Und heut siehst du, daß du das Kreuz-Verscheiden

Den Einzigen ließt ganz umsonst erleiden.

 

Du siehst uns an voll Trauer und voll Liebe,

So wie dein Sohn zutiefst nach dir verlangt,

Als er geschwankt,

Getroffen von der Gier der Geißelhiebe —

O, Herr, wir sind zur gleichen Qual erlesen

Wie du. Wir trugen deinen Sohn, du weißt,

In uns als Gott durchleuchtend unser Wesen,

Doch auch als Kind, des wir noch nicht genesen,

Und dessen Blut in unsern Adern kreist . . .

 


Vielleicht, o Herr, soll Er den Tag erschauen

Durch uns, wenn diesen Kampf das Licht gewinnt;

Vielleicht blüht dann empor aus all dem Grauen

Dein Kind, o Herr, und unser heilig Kind.


Bist du es nicht, Herr, Herr, der um uns wirbt

Im Röcheln der Vergehnden, in dem Grauen,

Das aus den Seelen quillt, die jäh zermürbt,

Sehn, wie das lichte Weiß der Fahnen stirbt,

Und schwarz und rot die Todesnebel brauen?

 

Bist du es nicht, Herr, der mit den gekrümmten,

Tastenden Sterbehänden nach uns faßt,

Und in den heisren Lauten, den verstimmten,

Auf uns herabsenkt letzten Seufzers Last?

 

Ist alles dieses nicht dein heilig Greifen

Nach unsrem Sein, daß vermillionenfacht

Der Opfertod nicht wieder sink in Nacht,

Ohnʼ der Erlösung heilige Frucht zu reifen?

 

Bist duʼs nicht, Herr, der unser Herz geweitet,

Daß es zu einem Strom von Leiden schwoll,

Und deine heilige Qual und deinen Groll

In künftige Geschlechter überleitet,

Auf daß dein Geist so wachse in den deinen,

Um Kraft des Bösen ewig zu verneinen?!

 


Du bist es, Herr! So haben wir dich wieder!

Stürz in uns ein! Schon geht der Flügelschlag

Von deinem Atem in uns auf und nieder,

Geweitet allem Licht sind unsre Lider. . . .

Aus deinem Geist ward uns, o selige Wendung,

Die schönste Sendung, ward der neue Tag!