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Gerard Keller – Ein Legat

Novelle

Gerard Keller, Ein Legat, Aus: Holländische Novellen, Nacherzählt von Adolf Glaser, Georg Westermann, Braunschweig, 1875



Erstes Capitel.

»Niemand da gewesen, Nohr?«

»Nein, Herr Pfarrer, wie gewöhnlich.«

Pastor Nadering, der mit einiger Eile herangeschritten kam, sah rasch auf seine Uhr, um zu wissen, wie viel Zeit er zu spät kam, trat dann in die Sakristei, schlug vor dem Lehnstuhl, der am oberen Ende des Tisches stand, die Bibel auf und setzte sich etwas weiter auf einem anderen Stuhl in die Sonne. Ganz gemächlich legte er das eine Bein über das andere, nahm die neueste Zeitung heraus und begann zu lesen. Wie er da saß, hätte er eine prächtige Studie für ein Genrebild abgeben können und seine äußere Erscheinung trug dazu nicht wenig bei. Nadering war ein Mann zwischen fünfzig und sechzig Jahren, von blühendem und gesundem Aussehen, hellen, fröhlichen Augen, mit einem kahlen Schädel, der von einem Kranz geringelter Locken umgeben war, was dein Gesichte einen besonders lebenslustigen Ausdruck gab und mit dem kurzen untersetzten Körperbau vollständig im Einklang stand. Er war selbstverständlich in Schwarz, aber sowohl der Schnitt des Rockes und der Hose, als die gefaltete Wäsche deuteten an, daß er sich nicht zu einer festlichen Zusammenkunft vorbereitet hatte. Welcher Art die Zusammenkunft war, ist diesmal allerdings schwer zu wissen, denn als Nohr ein halbes Stündchen an der offenen Kirchenthür gestanden und in die Luft gesehen hatte, legte er die kurze Pfeife bei Seite, ging an die Thür zur Sakristei, und nachdem er angeklopft hatte, steckte er den Kopf hinein und sagte: »Es ist ein Viertel, Herr Pfarrer.«

»So, Nohr, ich danke!«

Nadering legte die Zeitung wieder zusammen, steckte sie in die Brusttasche seines Rockes, schlug die Bibel zu, sah nochmals nach seiner Uhr und verließ dann mit den Worten: »Auf Samstag, Nohr!« die Kirche, um nach seiner Wohnung zu gehen.

Nohr sah in der Sakristei nach, ob der Pastor Alles in Ordnung gelassen hatte, worauf er die schwere Kirchenthür mit einem so heftigen Schlage zuwarf, daß ein paar Sperlinge, die in der Nähe einander nachhüpften, erschreckt aufflogen; dann suchte er seine kurze Pfeife, und damit war der Donnerstagsmittagsdienst vorbei.

»Guten Tag, Herr Walther!«

»Schön Dank, Herr Pastor,« klang es von der anderen Seite der Straße, und ein langer Mensch, mit etwas Donquixoteartigem in seiner Erscheinung, grüßte leichthin mit der Hand, obschon der Pastor, wie es Gebrauch war, den Hut abgenommen hatte. Weit davon entfernt, sich dadurch beleidigt zu fühlen, ging dieser fröhlich auf den Don Quixote zu, reichte ihm die Hand hin und frug:

»Wann kommen Sie denn einmal, Herr Walther, um das Familienportrait bei mir zu sehen?«

»Sofort, wenn es Ihnen paßt, ich habe gerade ein halbes Stündchen Zeit.«

»Schön, das trifft sich gut; auch ich habe noch ein halbes Stündchen bis zum Mittagsessen – und darauf wieder Katechismusunterricht, und soeben erst die Bibelstunde gehalten; ich habe gegenwärtig viel zu thun, da Alles auf mir ruht; glücklicherweise haben wir endlich unseren Mann gefunden.«

So gutmüthig plaudernd, ging der Prediger weiter, rechts und links grüßend, während der Maler, denn Walther war der Maler von Helmstadt, an seiner Seite ging und seine Reputation als Künstler dadurch aufrecht erhielt, daß er so ernsthaft wie möglich vor sich hinsah, als lebe er ausschließlich in der Welt der Ideen, ohne die geringste Gemeinschaft mit der Welt der Wirklichkeit.

»Jeder hat seine Beschäftigung,« sagte er, »ich habe auch die meinige – Donnerstags muß ich immer einen ganzen Tag auf dem Museum verlieren; Sie wissen, daß es dann geöffnet ist.«

»So – nein, das wußte ich eigentlich nicht; ich dachte, es sei immer geöffnet; ei, ei, Donnerstag sagen Sie, das thut mir leid, daß ich da nicht kann, denn sehen Sie, gerade Donnerstag muß ich Bibelstunde halten . . . . Wird das Museum fleißig besucht?« fragte er dann, denn sein letztes Wort hatte ihn unwillkürlich auf diese Frage gebracht.

»Mit Unterschied,« sagte Walther, aber diese Erklärung schien ihm selbst nicht zu gefallen, denn er stand mit einem Male still, und indem er sich mit über einander geschlagenen Armen dem Prediger gegenüberstellte, sagte er mit wehmüthigem Ernste:

»Wollen Sie wohl glauben, Herr Pastor, daß beinahe nie Jemand kommt?«

»Was Sie sagen,« versetzte Nadering und schüttelte bedächtig mitleidig den Kopf, während Walther im bestätigenden Sinne ebenfalls den Kopf schüttelte.

»Es ist kein Kunstgefühl in dem Volke, keine Spur.«

»Traurig, traurig,« sagte Nadering.

»Es fehlt jedes Gefühl für höhere Entwicklung.«

»Das ist leider nur zu wahr, Herr Walther – so zum Beispiel« – Nadering überlegte rechtzeitig, daß der Maler katholisch war und die Mittheilung über die Donnerstags-Bibelstunde daher bei ihm nicht an den rechten Mann kommen würde. Walther war auch nicht sehr neugierig auf das Beispiel, denn das seinige war treffend genug. Er war den ganzen Vormittag auf dem Museum gewesen und kein Mensch hatte sich dort sehen lassen, nur ein paar kleine Jungen waren durch die geöffnete Thür hineingegangen, um zu sehen, was es dort gebe. Als sie nichts Besonderes sahen, hatte der Größte die Mütze des Kleinsten in das Vorzimmer geworfen, und nachdem dieser sein Mützchen zurückgeholt hatte, waren Beide mit einem lauten Jubelgeschrei wieder fortgelaufen. Das war die einzige Huldigung, welche die Bewohner von Helmstadt an diesem Tage der Kunst dargebracht hatten. Wie es mit der Bibelstunde ging, wissen wir bereits, und so geschah es einen Donnerstag nach dem anderen, und mit Recht schüttelten die beiden Herren, Nadering und Walther, den Kopf über den Mangel an höherem Sinn bei ihren Stadtgenossen.

Der Donnerstag war vielleicht auch ein unglücklicher Tag für die beiden Unternehmungen, da es der Markttag und der Hauptversammlungstag für die Clubgesellschaft war. Aber gerade im Hinblick auf das Zusammenströmen von Fremden aus der Umgegend war die Bibelstunde festgesetzt worden und hatte man das Museum für Jedermann unentgeltlich geöffnet. Die Menschen aber kamen wohl auf den Markt und zum Theil besuchten sie die Clubgesellschaft, aber für die Bibelstunde und das Museum blieb ihnen keine Zeit übrig.

»Wenn es gefällig ist, nach Ihnen,« sagte Nadering, nachdem er seine Hausthür geöffnet hatte, und indem er Walther zum Eintreten einlud. Dieser trat ein und sah sich in demselben Augenblicke der Gattin des Predigers gegenüber.

Frau Nadering pflegte ihrem Manne täglich entgegen zu gehen, sobald sie hörte, daß er zu Hause ankam. Es war dies eine von den kleinen Aufmerksamkeiten, welche aus der Zeit stammten, als der Pastor noch schwer an seinen Amtspflichten trug und das Bedürfniß fühlte, sich zu Hause auszusprechen, und welche die liebende Gattin seitdem beibehielt. Obgleich die Zeiten sich verändert hatten und das Predigen und die Krankenbesuche ihn wenig mehr aufregten, würde Nadering doch bei seiner Nachhausekunft die freundlichen Augen nicht gern entbehrt haben, die ihn bewillkommten. Die Frau Pastorin kümmerte sich nicht darum, daß die Welt ihr nachsagte, sie vergöttere ihren Mann! Sie wußte recht gut, daß die Welt oberflächlich urtheilt, und man sich dadurch nicht irre machen lassen darf. Aber wenn Nadering nach Hause kam, sollte er sich auch über sie freuen, und nun brachte er jemand Anderes mit, und nicht allein jemand Anderes, sondern sogar diesen katholischen Maler!

Dieser katholische Maler! Wenn es dabei noch bliebe, aber man wußte von sehr gut unterrichteter Seite, daß er ein feiner Jesuit war, so fein, daß er sich den Anschein gab, als habe er mit kirchlichen Angelegenheiten gar nichts zu thun, während doch der Papst ihm den besonderen Auftrag gegeben hatte, sich so zu halten, damit er auf diese Weise all' die schändlichen Pläne könne ausführen helfen, welche die Jesuiten im Sinne hatten, namentlich in Bezug auf die protestantischen Bewohner von Helmstadt. Und mit diesem Manne trat Nadering in seine Wohnung ein! Kein Wunder, daß seine Gattin plötzlich zurückfuhr und mit dem ernsthaftesten Gesichte, welches sie machen konnte, das Eintreten des Jesuiten in ihr Wohnzimmer abwartete. Sie wartete jedoch vergeblich. Die beiden Herren gingen in ein Seitenzimmer und geriethen dort in ein Gespräch über die Kunst, wozu ihnen ein Familienportrait Veranlassung gab, welches Nadering kürzlich aus einer Erbschaft erhalten hatte. Es war ein unterhaltendes Gespräch. Von der Kunst im Allgemeinen kamen sie auf die christliche Kunst und endlich auf Madonnen und Heiligenbilder, und wer Nadering darüber reden gehört hätte, würde nicht begriffen haben, wie er mit dem feinen Jesuiten auf so vertraulichem Fuße stehen konnte. Es war aber auch nicht unbekannt, daß der Pastor von Helmstadt etwas flau in seinem Glauben war, und darum stand er bereits vierundzwanzig Jahre an derselben Stelle, da keine Gemeinde nach ihm verlangte. Solch' ein Zweifler, der weder Fleisch noch Fisch war, fand nirgends Beförderung.

Frau Nadering hatte dieses Vorurtheil gegen ihren Mann aus seinem eigenen Munde kennen gelernt, und als er nun so lange mit dem Jesuiten in der Nebenstube blieb, dachte sie, es könne am Ende wirklich etwas daran sein, und sie fand, daß er lieber kurzen Proceß mit solchen Leuten machen sollte und daß er jedenfalls seiner Schwäche und Gutmüthigkeit zu viel nachgab. Namentlich fühlte sie dies jetzt, denn es war ein Brief des nach Helmstadt berufenen zweiten Predigers angekommen, auf dessen Inhalt sie entsetzlich neugierig war, weil sowohl ihr Reiseplan für diesen Sommer, als auch die Herrichtung der Fremdenstube damit im Zusammenhang stand. Und dies Alles blieb nun wegen dieses Jesuiten noch ein Geheimniß!

»Ich begreife nicht, über was du mit solchem Menschen so lange plaudern kannst!« sagte sie verdrießlich, als der Prediger endlich in die Wohnstube kam.

»Nun, nun, liebes Kind, wir haben das Gemälde des Onkels einmal betrachtet.«

»Und was will er dafür geben?«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

»Wenn du noch mit ihm darüber gesprochen und einen guten Preis dafür verlangt hättest!«

»Einen Preis?« entgegnete Nadering, »ich habe das Bild dem Museum versprochen.«

»Ganz umsonst?«

»Ganz umsonst, natürlich; ich kann nichts mit dem Gemälde machen und Walther meinte auch, daß es nicht viel werth sei, die Hände allein sind gut.«

»Du hast dich wieder durch diesen Jesuiten übertölpeln lassen.«

»Aber, liebes Weib, nenne Walther doch nicht Jesuit, dazu sind wir denn doch zu verständig – was ist das für ein Brief?«

»Er liegt schon eine Stunde hier. Darum habe ich dich ja so ungeduldig erwartet; er ist von Rodermann.«

»Und wann wird er ankommen?«

»Du weißt wohl, daß ich nicht in deine Briefe hineinsehe,« sagte Frau Nadering, noch mit einem Restchen von Aerger, welches jedoch rasch verschwand, als ihr Gemahl den Brief laut vorlas, wodurch sie mit ihm zu gleicher Zeit erfuhr, daß der neue Prediger in sechs Wochen seinen Einzug halten werde.

»Das ist nun der Siebente, der nach mir hierher kommt,« sagte Nadering etwas verdrießlich, »und Alle sind rasch wieder von hier fortgeholt worden, nur den alten Nadering läßt man in Ruhe.«

Seine Frau seufzte, aber sie empfand sofort Reue darüber, sie wollte den Kummer, welchen ihr Mann vielleicht empfand, nicht vermehren und sagte mit einem Blicke aus ihren freundlichen Augen: »Er würde auch nicht gern von hier fortgehen, nicht wahr?«

»Richtig,« erwiederte Nadering, »wir haben hier Alles, was wir wünschen können, und wenn nun ein College kommt, der etwas mehr in der Richtung der Andersdenkenden predigt, hat die Gemeinde auch Alles, was sie verlangt.«

In dieser Hinsicht irrte er sich übrigens, denn obgleich man ihn leiden mochte und ihn gern sah, waren seine Predigten doch bei Niemand beliebt; sie waren, wie man zu sagen pflegte, weder Wasser noch Milch, und keine der verschiedenen Parteien fand bei ihm ihre Rechnung. Wären nicht einige Zuhörer aus persönlicher Anhänglichkeit ihm treu geblieben, so hätte er meist vor leeren Bänken und Stühlen gepredigt. In diesem Punkte war der sonst so hellsehende Mann vollständig blind.

Sechs Wochen später hielt der neue Prediger seine Antrittsrede, und einige Wochen darauf verließ Pastor Nadering mit seiner Frau das Pfarrhaus zu Helmstadt, um seine lange projectirte Reise auszuführen, die ihm einige Erholung nach den schweren Amtspflichten und seiner Frau etwas Abwechselung in ihr eintöniges Leben bringen sollte. Die Reise ging nicht sehr weit, denn sie hatten in der Nähe, bei Bekannten und Amtsgenossen, freies Unterkommen, und da Nadering überhaupt noch nicht viel gereist war, so erklärte er es für seine Pflicht, zuerst das nähere Vaterland kennen zu lernen.

Ganz erholt und erfrischt kehrten sie wieder in das Pfarrhaus zurück, und noch an demselben Abend kam einer der Nettesten, um Nadering über das gottesdienstliche Leben während seiner Abwesenheit zu berichten. Natürlich war die Hauptfrage, wie Pastor Rodermann gefalle.

»Ach, neue Besen kehren immer gut, aber wenn er erst so lange hier ist wie Sie, werden wir uns besser kennen.«

»Gewiß,« sagte Nadering, dem diese Bemerkung gerade nicht besonders zusagte, »aber wie gefällt er in seinem Thun und Lassen? Seine Predigten kenne ich.«

»O, sehr gut. Er scheint voll Eifer, voll Feuer, voll Lust zur Sache und ist schon überall gewesen.«

»Und hat er alle Amtsverrichtungen gut wahrgenommen?«

»Ohne Ausnahme – ja; aber warten Sie – Nohr hat mir gesagt, daß er am vergangenen Donnerstag Mittag nicht gekommen sei.«

»Nicht?« Nadering zog die Augenbrauen bedenklich in die Höhe, »er weiß doch, daß dafür eine Summe ausgesetzt ist?«

Der Aelteste wußte das nicht bestimmt zu sagen, aber abgesehen davon, glaubte er doch auch, daß die Bibelstunde am Donnerstag wohl ausfallen könnte.

»Hm,« sagte Nadering, »vielleicht!« und er zuckte mit den Achseln und schüttelte dann mit dem Kopfe. Es war eine Frage, über welche er sich nicht so bestimmt auslassen konnte. Aber als der Aelteste weggegangen war, sagte er zu seiner Frau: »Ich hoffe nicht, daß unser College an den Einrichtungen rütteln wird, das könnte üble Folgen nach sich ziehen.«

Aber der College hatte dennoch Lust, daran zu rütteln, und als die beiden Herren den folgenden Tag zusammentrafen, sagte Rodermann sehr bald:

»College, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen wegen der Donnerstagsbibelstunde.«

»So?«

»Ja, ich glaube, es ist besser, wenn wir sie abschaffen, was mir keine Schwierigkeit zu machen scheint.«

»Im Gegentheil; für diese Bibelstunde besteht ein Legat, was Sie vielleicht schon wissen, es ist dafür ein Capital von fünfundzwanzigtausend Gulden festgesetzt, und jeder von uns bezieht jährlich fünfhundert Gulden dafür.«

»Es ist so, aber wie ich höre, kommt nie Jemand; die Herren sitzen im Club, die Damen machen Visiten und die Bürgersleute sind bei der Arbeit.«

»Sie könnten doch aber kommen!«

»Aber sie kommen nicht, und eine Stunde sitzen und auf Menschen warten, die nicht kommen, ist eine Erniedrigung unseres Standes, es ist –«

»College, können Sie die fünfhundert Gulden entbehren?«

»Nein – aber ich werde Ihnen den Vorschlag machen, einen anderen Tag und eine bessere Stunde zu demselben Zwecke zu bestimmen; unsere Absicht ist doch, nützlich zu sein.«

»Ganz richtig,« bestätigte Nadering, »aber, College, es geht nicht.«

»Es geht nicht? Nun, lieber Freund, ich bin jünger, als Sie, aber ich habe schon andere Veränderungen zu Wege gebracht. In meiner letzten Gemeinde habe ich nicht nur den Sonntagsgottesdienst vollständig verändert, sondern auch das Reglement für die Diakonen umgearbeitet und –«

»Standen damit auch Legate in Verbindung?«

»Nicht, daß ich wüßte, aber das macht mir nicht bange. Unser Leben ist ein Kampf und wir dürfen nicht zurückschrecken, wo es sich um das Wohl der Gemeinde handelt. Soll ich die Sache in die Hand nehmen?«

»Ueberlegen Sie zuvor –«

»Wir müssen das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Der geeignete Zeitpunkt ist da: der neue Pastor giebt den besten Vorwand. Sonst sagt man, daß es so lange gegangen ist und auch weiter gehen kann. Wirklich, College, wir dürfen nicht zaudern.«

»Und die fünfhundert Gulden?«

»Das Geld müssen wir aus dem Spiele lassen, wir dürfen den Herrn nicht um einiger hundert Gulden willen verrathen.«

Nadering schwieg und versprach darüber nachzudenken.

Rodermann sah jedoch ein, daß dies lange dauern könne, und er beschloß, die Sache unter der Hand zu betreiben. Es währte nicht lange, so kam Nadering zu Ohren, daß die beiden Prediger die Absicht hätten, dem Kirchenrathe eine Vorstellung wegen der Donnerstagsbibelstunde einzureichen.

»Unsere Ruhe ist hin,« seufzte Nadering, »ich wünschte wohl, daß ich einen Ruf bekäme.«

Es war dies das erste Mal, daß seine Frau diesen Wunsch aus seinem Munde vernahm. Ach, es war sogar der erste Wunsch, den er gegen sie aussprach, ohne daß sie ihn erfüllen konnte.



Zweites Capitel.

Es war wieder Donnerstag und das Museum war wieder geöffnet. In einem Zimmerchen, gerade groß genug, daß ein Tisch und zwei Stühle darin Platz hatten, saß der Custos, der Maler Walther. Vor ihm auf dem Tische lag an dem einem Ende der geschriebene Katalog der Gemälde und am anderen Ende das Foliobuch, in welches sich die Besucher einschrieben; dazwischen stand ein zinnernes Tintenfaß mit den drei unvermeidlichen Gänsefedern, an denen jedoch keine Spur von Tinte zu entdecken war, denn der Name des letzten Besuchers war bereits ganz roth geworden.

Während Walther gedankenlos durch das kleine Fenster hinausblickte, versammelte sich auf dem Marktplatz unten eine Anzahl Menschen um einen Leierkasten, bei welchem ein Vagabond die Bilder, die roh auf ein Stück Leinwand gemalt waren, erklärte, während seine Frau die Orgel drehte und mit dem anderen Arme einen Säugling wiegte. Das war zu viel für Walther. Dafür hatte das Volk Zeit und Aufmerksamkeit und nach seinem Museum sah Niemand sich um! Er konnte den Scandal nicht länger mit anhören, stand auf und ging auf eine Thür zu, an welcher ein weißes Papier angeheftet war, mit den Worten:


Heute geöffnet.
Regenschirme und Spazierstöcke am Eingang abzugeben.
NB. Es darf hier nicht geraucht werden.


Das war die Gemäldegalerie von Helmstadt. Es hingen daselbst ungefähr dreißig Bilder von verschiedener Größe und mehr oder minder werthvoll, so weit man sie bei dem mangelhaften Lichte, das rechts und links durch schmale Fenster einfiel, beurtheilen konnte. Walther selbst war der Erste, der dies einsah, und seit mehr denn zehn Jahren hatte er in zahlreichen Eingaben darauf gedrungen, daß das Museum verpflanzt werden möchte. Aber es schien, daß in ganz Helmstadt kein anderes Local zu finden war, als diese alte Thurmstube, und für die Gemäldegalerie hatte der Gemeinderath niemals mehr Geld übrig, als die 75 Gulden, welche durch das Legat Ronceval zur Erhaltung der Sammlung ausgesetzt waren.

Bevor Walther noch die Schwelle des Museums überschritten hatte, blieb er stehen. Die Töne des Leierkastens und die Stimme des Auslegers drangen plötzlich viel heller herein, also mußte die Thür geöffnet sein. Wirklich hörte man Fußtritte auf der Treppe, die nach dem Museum führte. Sollte es ein Besucher sein? Walther hätte gern nachgesehen, aber er bezwang sich im Gefühl seiner Würde als Custos und wartete mit gespannter Aufmerksamkeit auf die nahenden Tritte. Endlich war der Besucher oben, aber nun wollte Walther durchaus nicht merken lassen, daß ihn die Ankunft überraschte und er blickte so eifrig in den Katalog, als habe er ihn zum ersten Male und nicht schon seit vielen Jahren jeden Donnerstag vor Augen.

»Herr Walther,« begann der Eintretende.

»Ei, Herr Rohr, das treffen Sie gut, es ist gerade Niemand da.«

»So – wissen Sie – ich komme eigentlich im Namen meiner Tochter, die –«

»Wenn Sie nur so gut sein wollten, Ihren Namen einzuschreiben,« unterbrach ihn Walther, indem er ihm das Register vorlegte.

»Ach, das ist nicht nöthig, ich komme nur im Namen meiner Tochter –«

»Das hat nichts zu sagen, Herr Nohr, hier, wenn Sie so gut sein wollen, hinter Nummer 114, das Register ist nicht besonders treu fortgeführt.«

»Nein, wirklich nicht, Herr Walther, ich wollte Ihnen nur ein Wort von meiner Tochter Anna ausrichten; sie möchte Sie so gern einmal sprechen, und Sie wissen, mit den Krücken kann sie schlecht vorwärts.«

»Schön, schön Herr Nohr, ich komme heute Abend auf ein Stündchen – hier, wenn es gefällig ist,« und wieder schob Walther dem Küster das Einschreibebuch vor. Nohr konnte sich nicht länger weigern.

»Es wird recht albern aussehen, Herr Walther,« versicherte er, indem er vergeblich versuchte, die Feder wieder abzugeben –, »ich gehöre ja nur zur Kirche.«

»Der gesellschaftliche Stand hat nichts zu sagen,« erwiederte Walther, »es giebt Grafen und Barone, sie sich nicht um die Kunst bekümmern, und dagegen arme, blutarme Menschen, die dafür leben und sterben.«

Nohr schrieb seinen Namen hinter Nummer 114, ohne zu bemerken, daß Nummer 113 vor zwei Jahren ausgefüllt war; dann frug er, ob er noch etwas hinzufügen müsse.

»Das Uebrige werde ich selber ausfüllen,« sagte Walther, »wir können uns nun ein wenig umsehen.«

»Ein andermal,« antwortete Nohr, »ich mußte hier vorüber zur Bibelstunde und da sagte ich zu Anna, daß ich rasch bei Ihnen einmal vorkommen wollte.«

»Es hat nichts zu sagen, Herr Nohr, Sie brauchen nicht länger zu bleiben, als Sie wollen,« und ob Nohr folgen wollte oder nicht, er mußte mit und stand bald neben Walther im Museum.

»Schön, wirklich schön!« sprach Nohr, ehrerbietig seinen Hut in der Hand haltend, während er den Kopf zurückgeworfen hatte, um ein großes Gemälde zu besehen, welches gerade gegenüber vom Eingang hing, »das ist eine Jagd, nicht wahr, Herr Walther?«

»Richtig,« nickte Walther, »das ist eine Jagd von Wouverman; Verboeckhoven könnte sie nicht schöner gemalt haben. Kommen Sie einmal hierher, von hier aus müssen Sie das Stück besehen.«

Nohr schlich einige Schritte auf den Zehen in der angewiesenen Richtung und erklärte dann, daß es von diesem Standpunkte eigentlich noch schöner sei.

»Aber,« fuhr Walther fort, »dabei müssen Sie sich nicht zu lange aufhalten, Sie sollen noch etwas ganz Anderes zu sehen bekommen, die größten Bilder sind nicht immer die besten.«

»Richtig,« sagte Nohr, »das ist gerade wie bei uns; die längsten Predigten sind auch nicht immer die besten, so eine kurze Nachmittagspredigt, wie wir am vergangenen Sonntag hatten –«

Wenn Nohr auf Predigten zu sprechen kam, war er unbezwinglich. Walther unterbrach ihn noch bei Zeiten und indem er den redseligen Küster an einem Zipfel des Aermels fortzog, brachte er ihn vor ein Portrait. »Das ist ein Raphael, Sie wissen doch, wer Raphael ist?«

Nohr bedachte sich einen Augenblick. »Hat er nicht in –«

»In Amsterdam gelebt,« wollte er fragen, aber Walther wartete die ganze Bemerkung nicht ab.

»Er war der größte Maler, der jemals gelebt hat, und von ihm haben wir hier ein Bild, oder wenigstens eine Copie, aber eine Copie von Meisterhand. Und sehen Sie dort die zwei Portraits, ich möchte darauf schwören, daß sie von Miereveld sind.«

Nohr folgte der angedeuteten Richtung und nickte voll Bewunderung.

»Aber sehen Sie, das Juwel unserer Sammlung ist hier,« und damit führte Walther den guten Nohr in eine Ecke, wo ein kleines Bild hing, das Walther ihm als echten Ostade vorstellte.

»Ja, lieber Freund,« sagte er dann, »wir haben hier sehr viel, weit mehr, als die Menschen wissen. Hier ist noch ein Hobbema, zum wenigsten, wenn es nicht von ihm ist, muß es von seinem besten Schüler sein.«

Nohr blieb zuletzt lange vor einem Bilde stehen, auf dem ein Bürgermeister mit Schöffen abgebildet war und das ihm besonders gefiel.

»Herr, mein Gott,« sagte er, »damals sahen solche Herren anders aus, nicht wahr, Herr Walther?«

»Ja, Herr Nohr, ganz anders. Und sie waren auch danach. Gegenwärtig ist es ein Elend, kein Einziger darunter, der etwas taugt, der Bürgermeister so wenig als der Rest.«

Nohr sah sich um und war froh, daß Niemand gegenwärtig war, aber die offene Thür machte ihm bange; mit einem vielbedeutenden Blick sah er nach dieser hin.

»Ja, Nohr,« sagte Walther, »sie mögen es hören und Jedermann kann es hören; es ist Keiner darunter, der etwas taugt, das beweisen sie jeden Tag. Kein Einziger sieht sich nach dem Museum um und keinen Groschen haben sie dafür übrig.«

»Ich dachte,« sagte Nohr ganz bescheiden, »es sei ein festes Sümmchen dafür ausgesetzt.«

»Ein Sümmchen? Das ist etwas Rechtes! 75 Gulden für das ganze Jahr!«

»Hm,« seufzte Nohr, der als Küster auch nur 75 Gulden hatte und die Hälfte seiner Zeit im Dienst verbrachte.

»Aber,« fuhr Walther fort, »man soll jetzt auch seinen Lohn nach der Arbeit haben, ich bedanke mich für meine Anstellung und dann mögen sie sehen, wo sie einen Custos hernehmen.«

Nohr sah einen Augenblick den Custos forschend an und frug dann zögernd:

»Wenn Sie doch abdanken, Herr Walther, könnten Sie zugleich ein gutes Wort für mich einlegen.«

»Was meinen Sie?«

»Nun, sehen Sie, es ist doch nur Donnerstags, und mit der Bibelstunde ließe es sich einrichten, wenn sie überhaupt fortdauert, denn wie ich höre –« Nohr würde weiter geplaudert haben, denn Walther ließ ihn ruhig fortfahren, aber mit einem Male schwieg der Küster, als er zufällig dem Blicke des Malers begegnete, – »Ich hoffe nicht –« fing er darauf an.

»Ich hoffe nicht, Nohr, ich hoffe nicht, daß die Kunst in Helmstadt jemals so tief sinken wird, daß man den Kirchendiener zum Custos des Museums für Alterthümer und der Gemäldesammlung machen wird. Ich hoffe nicht, daß ein Mensch in Helmstadt ist, bei welchem eine so irrsinnige Idee aufkommen könnte.«

»Lieber Gott, Herr Walther, Sie müssen das nicht so nehmen; ich dachte, wenn Sie doch nicht bleiben wollten, wäre es vielleicht etwas für mich, Sie sagen ja selbst, daß nicht viele Bewerber dafür auftreten würden.«

»Es ist gut, Nohr, lassen Sie uns zu Ende kommen,« sagte Walther, indem er eine classische Stellung als beleidigte Größe einnahm.

Nohr konnte nicht begreifen, was er verschuldet hatte; er ging fort und grüßte zum Abschied, obwohl sein Gruß nicht beantwortet wurde. Im Weggehen besann er sich noch, daß Walther vergessen haben könne, weshalb er ihn eigentlich aufgesucht, und er rief zurück: »Denken Sie auch an Anna, Herr Walther?«

Aber der gekränkte Maler rief dagegen:

»Ich verkehre nicht mit Kirchendienern!«

»Geduld,« dachte Nohr bei sich, »sein Zorn wird sich legen, solch' ein Künstler ist schnell beleidigt und ich möchte doch wissen, warum ich nicht eben so gut Donnerstags in der Thurmstube sitzen könnte wie er. Es kommt so wie so Niemand. Warte nur, wenn er seinen Abschied nimmt, mache ich doch meine Wege, um es durchzusetzen, namentlich wenn die Bibelstunde ausfällt.«

Während Nohr so überlegte und seinen Weg nach der Kirche fortsetzte, blieb Walther mit über einander geschlagenen Armen an der Treppe stehen, als wollte er mit seinen Blicken selbst die Erinnerung an den Mann verscheuchen, der soeben von ihm fortgegangen war. Ein Kirchendiener als Custos! wiederholte er, und warum nicht? Behandeln sie die Kunst nicht danach? Wird man, wenn ich abdanke, etwas Anderes thun, als solch' einen Menschen oder am Ende den Feldwächter zum Custos zu machen; ja vielleicht sogar den Kerl da unten mit dem Leierkasten, der auch in Bildern macht? Aber ich werde es ihnen eintränken, ich werde dafür sorgen, daß das Museum verkauft wird, und wenn der Gemeinderath nur Geld erhalten kann, wird er es gern abgeben.

Dieser Gedanke, der Walther in seiner heftigen Erregung einfiel, beruhigte ihn mit einem Male. Das war eine herrliche Aussicht. Wenn irgend ein Liebhaber in der Residenz das Museum kaufte, verlor er zwar seine kleine Anstellung, aber die Kunst wurde dann doch nicht tiefer erniedrigt und der Gemeinderath sammt den Bewohnern von Helmstadt konnten ihm nicht länger mit Mißachtung begegnen. Zwar war es für ihn selbst ein Verlust, wenn das Museum fortkam, aber dafür bot ihm die Rache vollständige Genugthuung.

Noch denselben Mittag machte Walther ein Verzeichniß der dreißig Gemälde und der wenigen Alterthümer, die das Museum enthielt. Er berechnete den Werth derselben und war überzeugt, daß sein Vorschlag nicht abgelehnt werden würde. »Niemand wird etwas dagegen einwenden,« wiederholte er sich, als er bald darauf das Thurmzimmer verlassen wollte. Da fiel sein Blick auf das Register der Besucher, welches noch immer aufgeschlagen am Ende des Tisches lag. »Nummer 114 F. C. Nohr,« las der Custos. »Daß der Kerl noch seinen Namen einschreiben mußte! Aber Gott sei Dank, es wird der letzte sein und das spätere Geschlecht soll sehen, warum ich das Museum verkaufen wollte. Schande über Helmstadt!« Und er schrieb zitternd vor Entrüstung in die Abtheilung für Charakter und Wohnort: »Kirchendiener und Prätendent für die Anstellung als Custos beim Museum für Gemälde und Alterthümer zu Helmstadt.«

Am Ausgang kehrte Walther noch einmal zurück, er hatte in seinem Eifer vergessen, daß die Zeit des jährlichen Schlusses gekommen war und beeilte sich nun, das Papier, welches am Eingang zu dem Museum angeheftet war, mit einen: anderen zu vertauschen, das die Aufschrift trug: »Geschlossen wegen Reinigung der Locale bis ersten August d. J.«



Drittes Capitel.

Der Bürgermeister von Helmstadt glich durchaus nicht dem Bilde, welches man sich gewöhnlich von solcher gewichtigen Persönlichkeit zu machen pflegt. Er war kein Mann von starkem Körperumfange mit Stentorstimme und einem Gemisch von Freundlichkeit, Bonhommie, Strenge und Brutalität in seinem Charakter, die gewöhnliche Folge eines langwährenden Verkehrs mit allerlei Personen, über welche er gestellt ist, ohne daß sie doch seine Untergebenen sind, – dieser war ein langer magerer Mann, mit scharfer Stimme und einer unzerstörbaren Trockenheit, Kürze und Ernsthaftigkeit in Allem, was er that und sprach. Er war ein Mann von liberaler Gesinnung, aber er war in seinem Wesen wieder so despotisch, daß die Freisinnigkeit verloren ging. Kleinlich rechtschaffen und starrsinnig festhaltend an Dem, was er für gut und wahr hielt, war der Bürgermeister von Helmstadt ein Mann, mit dem kein Mensch umgehen konnte, einer, der nach seinem Tode eine römische Grabschrift beanspruchen konnte, aber im Leben sehr unangenehm und bei Niemand beliebt war.

Noch bevor die Angelegenheit der Bibelstunde vor ihn gebracht wurde, saß er eines Tages in seinem Arbeitszimmer, als Walther sich anmelden ließ.

»Wenn Herr Walther in Geschäften kommt, soll er sich hierher verfügen; beabsichtigt er einen Höflichkeitsbesuch, so mag er mich im Salon erwarten.«

Herr Walther kam in Geschäften und wurde deshalb sogleich vorgelassen. Der Bürgermeister ließ ihn Platz nehmen, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und erwartete die Mittheilung des Malers.

»Herr Bürgermeister, ich wollte mit Ihnen reden wegen des Museums für Gemälde und Alterthümer.«

Es entstand eine Pause, in welcher der Bürgermeister bewegungslos sitzen blieb und seinen Besuch anstarrte.

»Wie Ihnen bekannt ist, bin ich der Custos des Museums – ungefähr seit zwanzig Jahren.«

Das Haupt der Gemeinde zog ein Notizbuch zu Rathe und berichtigte die letzte Bemerkung mit den Worten:

»Im August werden es neunzehn.«

»Neunzehn oder zwanzig gilt gleich, ich wollte es nur erwähnen, um Ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß ich genügend mit dem Museum bekannt bin, über seinen Werth zu urtheilen und die Bedeutung desselben zu beherzigen weiß.«

Diese Einleitung hatte Walther sich vorher ausgedacht, das Weitere, was er sagen würde, sollte davon abhängen, wie der Bürgermeister antworten werde. Dieser schwieg jedoch, und Walther war daher genöthigt fortzufahren.

»In diesen Tagen wurde mir ein Gebot für das Museum gemacht.«

»Ihnen ein Gebot? Ein Custos ist kein Eigenthümer; die Gemeinde ist Eigenthümerin.«

»So ist es, aber eigentlich war das Gebot auch nicht an mich gerichtet; man frug mich nur, ob der Gemeinderath geneigt sein sollte, die Sammlung gegen eine billige Summe abzugeben. Man wollte fünftausend Gulden dafür anlegen.«

Walther schwieg wieder einen Augenblick und erwartete, daß der Bürgermeister bei Nennung dieses Betrages irgend etwas äußern werde. Aber dieser schwieg und als der Maler auch still blieb, sagte der Bürgermeister ganz gelassen: »Fahren Sie fort!«

»Es ist Alles,« sagte Walther, durch diese Behandlung ein wenig entrüstet.

»Wurde der Vorschlag schriftlich gemacht?«

»Hier ist er,« sagte Walther kurz und bündig; »mit meinem Gutachten dabei.«

»Ihr Gutachten ist noch nicht verlangt,« bemerkte der Bürgermeister, indem er das betreffende Schriftstück zurückschob.

Aber das paßte nicht in Walther's Plan, der in dem Gutachten seinem Herzen Luft gemacht hatte und durch allerlei sorgfältig ausgearbeitete und halbversteckte Gehässigkeiten den Herren vom Gemeinderath einmal zeigen wollte, worauf es ankam und wie er darüber dachte.

»Aber Sie werden es nöthig haben.«

»Ich bin der Gemeinderath nicht,« sprach der Bürgermeister, »der Gemeinderath wird beschließen, ob man Ihr Gutachten nöthig hat,« und er schob das Schreiben nochmals zurück.

»Nein,« dachte Walther, »Ihr müßt es schlucken.«

»Mein Herr,« sagte er, »ich bin zu Ihnen gekommen als dem Vorsitzenden des Gemeinderaths, aber mein Gutachten ist an den Gemeinderath gerichtet und nicht an den Bürgermeister.«

»Dann ist es richtig,« sagte dieser, indem er beide Schriftstücke zusammenfaltete. »Wünschen Sie mir in Bezug auf diese Angelegenheit sonst noch etwas mitzutheilen?«

»Nein,« sagte Walther, indem er aufstand.

»Dann wäre ein persönlicher Besuch wohl überflüssig gewesen,« versetzte der Bürgermeister, indem er gleichfalls aufstand.

»Ich habe nur noch hinzuzufügen,« sagte Walther etwas gereizt, »daß ich meine Entlassung als Custos nehmen will, daß ich mich dafür bedanke, länger so behandelt zu werden, daß kein Korn Ehrgeiz vorhanden ist bei – bei Niemand, und daß man eben so gut den Kirchendiener als den Feldwächter zum Custos anstellen könnte.«

»Die Ernennung Ihres Nachfolgers geschieht durch den Gemeinderath auf Vorschlag des Bürgermeisters und Vorstandes,« sagte das Haupt der Gemeinde mit eisiger Ruhe und zog an der Klingel.

»Ich bleibe bei meiner Entlassung,« sagte Walther auffahrend.

»Davon werde ich den Gemeinderath in Kenntniß setzen.«

Als der Maler draußen war, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er hätte sagen sollen, und je länger er darüber nachdachte, um so mehr schien es ihm allmälig, als habe er sie wirklich gesagt, so daß, als er vor seiner Hausthür stand, eine gewisse Beruhigung in ihm herrschte, weil er meinte, dem Bürgermeister einmal tüchtig die Wahrheit gesagt zu haben.



Viertes Capitel.

Die Erinnerung an den Triumph, den er nach seiner Meinung erlebt hatte, drückte Walther zu schwer, als daß er allein damit hätte fertig werden können. Er kehrte also vor seiner Zimmerthür um und ging nach dem Pfarrhaus. Dabei hatte er nur vergessen, daß es Freitag war und daß das Dienstmädchen deshalb die Weisung hatte, jeden Besuch ein- für allemal mit den Worten »der Herr Pastor sind beim Studiren« abzulehnen. Das Mädchen kam förmlich in Verlegenheit, als sie dies dem katholischen Maler sagen mußte. Doch es mußte gesagt werden und ward gesagt, so daß Walther auch im Pfarrhaus die gehoffte Erleichterung nicht fand. Wohin nun?

Da war es nun eine rechte Fügung, daß ihm Nohr begegnete, dessen wiederholter Aufforderung, sich doch noch einmal nach seiner Tochter Anna umzusehen, er nun wohl Folge leisten durfte, wobei er sich heimlich sagte, daß, da es ihm nicht gelingen wollte, das Kirchenhaupt von Helmstadt zum Zeugen seines Triumphes zu machen, doch wenigstens der Kirchendiener davon erfahren sollte.

»Das ist hübsch von Ihnen, Herr Walther, daß Sie auch wieder einmal kommen,« sagte Anna, als Walther eintrat, und ihr blasses Gesicht nahm einen lieblichen, einnehmenden Ausdruck an, da es durch den Schimmer der Freude, der bei dem Eintreten des Malers in ihren Augen glänzte, verklärt war.

Walther hatte seinen Triumph vergessen; er fühlte sich im Gegentheil sehr klein, weil er eines unbedeutenden Wortes wegen, das der Kirchendiener gesprochen, seine Schülerin, die einzige, die in Helmstadt die Kunst ernsthaft betrieb, vernachlässigt hatte.

»Ach, Anna, ich habe in den letzten Tagen so viel im Kopfe gehabt – aber ich bin nun hier und werde nie wieder so lange fortbleiben. Haben Sie viel gearbeitet in dieser Zeit?«

»Nicht viel, aber doch etwas,« sagte Anna, während sie an dem Tische und den Möbeln entlang nach der anderen Seite des Zimmers sich mehr schob als ging, um ihre Mappe zu holen. Walther sparte ihr die Mühe, dieselbe zu tragen, und bald saßen Meister und Schülerin am Tische, betrachteten Zeichnungen und plauderten über die Kunst, während Nohr mit einem zufriedenen Lächeln auf seinem runzeligen Gesichte allerlei Versuche machte, um es noch gemächlicher und gefälliger werden zu lassen.

Bald machte er sich etwas an der Lampe zu schaffen, damit das Licht besser brenne, dann setzte er Gegenstände zur Seite, die durchaus nicht im Wege standen, oder er fegte mit seinem Taschentuche vermeintlichen Staub weg, während er dazwischen kleine Züge aus seiner Pfeife that. Es war ihm anzusehen, wie wohl ihm war; sein Kind hatte ja auch so wenig Genuß, daß solch ein Abend, von dem er wußte, wie viel ihr daran gelegen war, auch ihn glücklich machen mußte. Dabei zeigte sich etwas in seinem Gesichte, das bedeutete: wartet nur, auch ich habe etwas. – Nicht, als ob Nohr auch in der Kunst etwas geleistet hätte, ein einziger Blick in sein runzeliges, unbedeutendes Gesicht und auf seine kurze, ungefällige Gestalt mußte sofort jede derartige Vermuthung vertreiben.

Endlich machte er von einer augenblicklichen Pause im Gespräch Gebrauch, um die Einleitung zu seiner Mittheilung anzubringen.

»Herr Walther,« begann er, »wir sind von verschiedener Religion.«

Walther sprach nie über diesen Gegenstand mit Jemand, und Niemand sprach mit ihm darüber. Er sah daher, ohne Antwort zu geben, so erstaunt auf Nohr, daß der alte Mann etwas verlegen wurde und um sein Vergehen gut zu machen, fortfuhr:

»Ich meine, wir dienen Beide demselben Gott auf verschiedene Art –,« aber hier fühlte er, daß er sich immer mehr verwickelte, und als Walther ihn noch ernsthafter ansah und kurz sagte: er sei zu solch' einem Gespräche nicht gekommen, ließ der alte Nohr die Einleitung bei Seite und sagte:

»Nehmen Sie es nicht übel, Herr Walther, ich meinte eigentlich ganz etwas Anderes, denn ich wollte Ihnen von unserem Kirchenrathe etwas erzählen, was mit dem Museum in Verbindung steht, aber es ist ein tiefes Geheimniß.«

»Morgen ist es durchaus kein Geheimniß mehr, Nohr, denn morgen wird im Gemeinderath der Vorschlag behandelt werden, das Museum zu verkaufen; ich selbst habe das Anerbieten des Kaufs erhalten, unterstützt, und soeben dem Bürgermeister überbracht. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihm einmal tüchtig die Meinung gesagt. Ein Geheimniß ist es also durchaus nicht mehr.«

Nohr war so entsetzt über den Verkauf des Museums, daß er anfänglich gar keine Worte finden konnte, um Walther in die Rede zu fallen; endlich rief er aus:

»Aber wissen Sie denn nicht, daß die Bibelstunde des Donnerstags aufhört und Alles an das Museum kommt?«

»Was sagen Sie?« fragte Walther rasch.

»Eigentlich darf ich es nicht erzählen, aber wissen Sie, ich muß immer hereinkommen, um Federn oder Tinte oder dergleichen zu besorgen, und so erfahre ich Eines und das Andere, ich darf es eigentlich nicht erzählen, Sie sind aber immer so gut gegen meine Tochter, daß ich es nicht verschweigen kann – es ist eine Ueberraschung – der Kirchenrath wird die Bibelstunde abschaffen, oder vielmehr, es ist schon geschehen, und das Legat dafür kommt an das Museum. Ich glaube, daß es dreißigtausend Gulden beträgt, ich nehme die Zinsen stets in Empfang am Ersten des Quartals, ausgenommen, wenn der Erste auf einen Sonntag fällt, weil Sonntags die Casse geschlossen ist.«

»Nohr, sie faseln!«

»Wahrhaftig nicht, Herr Walther, ich erzähle, auf mein Wort, Alles, wie es wirklich ist. Als ich das letzte Mal das Geld holte, sagte Pastor Nadering: Sie werden es wohl die längste Zeit geholt haben. Ja, Herr Pastor, sagte ich, ohne zu wissen wie es gemeint war, aber nun ist es im Kirchenrath beschlossen worden, und der Vorschlag wird dem Bürgermeister mitgetheilt werden, der darüber zu beschließen hat, und wenn er Ja sagt, kommt das Geld an das Museum.«

Walther zuckte die Achseln, er verstand des Küsters verwirrte Mittheilung nicht recht, aber immer und immer kam dieser darauf zurück, und nach und nach wurde es dem Maler doch verständlich, daß das Legat Ronceval an das Museum verfallen mußte, wenn die Bibelstunde am Donnerstag aufhörte, und wie Nohr versicherte, hatte der Kirchenrath beschlossen, das dies geschehen sollte.

Walther ließ den Alten plaudern und gab keine Antwort mehr. Tausend Gulden jährlich für das Museum und eben hatte er den Vorschlag eingereicht, die Sammlung zu verkaufen und das von ihm beigefügte Gutachten dem Bürgermeister aufgedrungen! Und was das Schlimmste war, er hatte seinen Abschied verlangt! Es war, um verrückt darüber zu werden.

Nohr war fast eben so verdrießlich als Walther selbst, und zahllos waren die mannigfachen Ausrufungen, wodurch er es zu erkennen gab. Anna dagegen suchte den aufgeregten Maler zu beschwichtigen.

»Ach, Herr Walther, nehmen Sie sich die Sache nicht so sehr zu Herzen, Sie würden noch größeren Aerger gehabt haben, wenn das Museum mehr besucht worden wäre. Vortheil hätten Sie doch nicht davon, und um Vortheil ist es Ihnen auch nicht zu thun.«

»Nein, Anna, das wissen Sie, an Vortheil denke ich nicht. Höchstens hätte ich zuweilen eins meiner eigenen Bilder für das Museum erwerben können.«

Ich glaube nicht,« sagte Anna darauf, »daß Alles schon verloren ist. Sie haben Ihr Gesuch eingereicht, aber der Gemeinderath hat es noch nicht angenommen; wenn Sie die einzelnen Herren veranlassen, nicht in den Verkauf einzuwilligen, so ist Alles in Ordnung. Bleibt aber das Museum, dann läßt man auch Sie nicht gehen, denn ein Ersatz ist für Sie nicht zu finden.«

Solchen Trostgründen konnte Walther sich nicht erschließen.

»Es ist wahr,« sagte er. »Morgen gehe ich zu einigen der Herren, die ich kenne, und Alles kann noch wieder gut werden.«

»Was mich betrifft,« warf Nohr ein, »ich denke nicht mehr an die Stelle.« Walther hörte diese Worte nicht, oder gab sich den Schein, als habe er sie nicht gehört. Er ging bald darauf fort, um in der Einsamkeit über seine That nachzudenken. Hätte er Alles nur einen Tag früher gewußt, so wäre er Custos eines Museums geblieben, für welches jährlich mehr als eintausend Gulden zur Verfügung standen. Er begriff nicht, wie er den Verkauf begutachten konnte, und bei diesem Gedanken holte er die Abschrift seiner Eingabe an den Gemeinderath aus einer Schublade und überlas sie. Er wunderte sich über die dort angeführten Gründe und es schien ihm, daß er jeden derselben triftig widerlegen könne. Er warf sein Gutachten mit Verachtung auf den Boden, aber er nahm es doch wieder auf und las es nochmals durch. Er begann dann auf einem Stück Papier, welches vor ihm lag, die angeführten Gründe zu widerlegen; anfänglich waren es vereinzelte Gedanken, nach und nach kam Zusammenhang hinein und endlich wurde es ein Artikel mit bestimmter Richtung, bei dessen Durchsicht der Gedanke in ihm aufstieg, daß er dennoch trachten müsse, ihn dem Gemeinderath unter die Augen zu bringen, bevor ein Beschluß über den Vorschlag des Verkaufs gefaßt sei. Wie wäre es, wenn er den Artikel in die Helmstadter Zeitung brächte! Der Redacteur, oder eigentlich die Redactrice, war eine alte Frau, die zugleich Herausgeber, Drucker und Verleger war. Wenn er ihr den Artikel in die Hand spielen konnte, war er sicher, daß er gedruckt wurde, denn die Frau war immer verlegen um Stoff; aber sein Name mußte jedenfalls geheim bleiben.

»Wenn Anna mir hilft, ist Alles geordnet,« sagte er zu sich selbst. »Morgen gehe ich zu Anna.«



Fünftes Capitel.

Der Gemeinderath von Helmstadt war versammelt und auf Veranlassung des Bürgermeisters verlas der Secretair die Eingabe, welche hinsichtlich des Museums vorlag. Herr Ronceval, einer der Väter der Stadt und zugleich ein Nachfolger desjenigen Ronceval, durch dessen Kunstliebe dem Museum das Legat von fünfundsiebzig Gulden zugewandt worden war, sprach gegen den Verkauf, während ein anderer Herr sich bemühte, darzuthun, daß die Sammlung fast nur aus Copien bestehe. Herr Ronceval war der Ansicht, daß ohnehin das Legat nicht anderwärts verwendet werden könne, da der Custos lebenslänglich angestellt sei. Aber der Bürgermeister erklärte darauf, Herr Walther habe seinen Abschied selbst eingereicht und stimme sogar für den Verkauf des Museums. Er forderte dann den Secretair auf, das Gutachten des Malers vorzulesen, und dies geschah in so trockner und ausdrucksloser Weise, daß alle Feinheiten, die Herr Walther darin angebracht hatte, verloren gingen, nur der Schluß wurde begriffen, welcher lautete: »Somit hält sich der Unterzeichnete für verpflichtet, den Verkauf des Museums anzurathen, da dasselbe von gar keinem Werthe erscheint für eine Gemeinde, bei deren Gliedern ohne Auswahl die Gleichgültigkeit sehr hervortritt.«

Selbstverständlich trafen diese Worte die empfindlichste Seite der hochehrbaren Väter der Stadt.

Nach einigen scharfen Anspielungen auf die jesuitische Richtung des Malers wurde vorläufig beschlossen, zu untersuchen, ob über das Legat von fünfundsiebzig Gulden keine andere Bestimmung getroffen sei, für den Fall, daß das Museum verkauft würde, und die Herren verließen darauf das Zimmer.

Auf der Schwelle von des Bürgermeisters Wohnung begegnete diesem Nohr, der soeben herauskam, und überreichte Ersterem einen Brief, in welchem er durch eine Commission im Namen des Kirchenraths um eine Unterredung ersucht ward. Der Bürgermeister bewilligte dieselbe für den folgenden Nachmittag.

Bei der Zusammenkunft am folgenden Nachmittag ergriff Pastor Rodermann das Wort und setzte in ausführlicher, salbungsvoller Rede aus einander, daß man eingesehen habe, wie die Bibelstunde am Donnerstage durchaus überflüssig sei; da nun in Bezug auf das Legat Ronceval die Bestimmung herrsche, daß es beim Aufhören der Bibelstunde an das Museum fallen solle, so ersuche man den Bürgermeister, als Executor des Testaments, von dieser Bestimmung abzusehen und im Interesse der Gemeinde von Helmstadt den Willen des Erblassers dahin zu deuten, daß er in jedem Fall das Legat der Kirche zugedacht habe.

»Dieser Vorschlag des Kirchenrathes überrascht mich im höchsten Grade,« sagte der Bürgermeister auf die Rede des Pastor Rodermann; »man verlangt vom Executor, nicht zu executiren; wie mir scheint, ist ein solcher Vorschlag unmöglich. Der Executor ist nicht der Aussteller des Testamentes.«

Einer der Herren von der Commission meinte, der Bürgermeister könne ja ein wenig durch die Finger sehen und thun, als ob die Bibelstunde fortgehalten werde.

Aber der Bürgermeister entgegnete entrüstet, der Mensch habe die Finger nicht zum Hindurchsehen, sondern zum Handeln.

Auch der Notar glaubte ein Wort in der Sache mitreden zu müssen und bemerkte daher, die Bibelstunde habe bereits seit einem halben Jahre factisch aufgehört, da sie vollständig überflüssig gewesen sei.

»Ist dies der Fall,« versetzte der Bürgermeister, »dann ist das Legat an das Museum verfallen.«

»Haha!« lachte einer der Herren, »das ist leicht gesagt, da aber das Museum verkauft wird, so –«

»Das Museum ist noch nicht verkauft, und tritt dieser Fall ein, so kommt das Legat an Diejenigen, die nach dem Museum dazu berechtigt sind, an die Nachkommen der Familie Ronceval.«

Nach dieser Bemerkung entstand eine augenblickliche Pause. Pastor Rodermann überlegte, wie er die in seinem Sinne gänzlich verunglückte Sache wieder redressiren könne.

Noch bevor er jedoch einen Entschluß gefaßt hatte, erklärte der Bürgermeister feierlich, daß die Umstände, die er soeben vernommen habe, ihn in die Nothwendigkeit versetzten, die Zinsen des Legats Ronceval nicht länger auszahlen zu lassen.

»Aber Herr Bürgermeister,« entgegnete Rodermann, »das ist unsere Absicht nicht; wir sind hierher gekommen, um einen gütlichen Vergleich mit Ihnen zu besprechen.«

»Herr Pastor,« versetzte der Bürgermeister, »die Pflicht der Obrigkeit verlangt, daß nach dem Rechte verfahren werde.«

»Lassen Sie uns dann dies ganze Gespräch als nicht stattgefunden betrachten.«

»Herr Pastor, der Kirchenrath hat officiell eine Unterredung mit dem Bürgermeister verlangt. Ich kann also auf Ihren Vorschlag nicht eingehen.«

Pastor Rodermann machte einen letzten Versuch.

»Brüder,« sagte er, »wir sind Menschen, und alle Menschen können irren, vielleicht haben wir einen Fehler begangen, aber lassen Sie uns gegenseitig unsere Fehler und Irrthümer nicht so streng beurtheilen, lassen Sie uns mit christlicher Liebe zu Werke gehen, und dem Bruder, der gefehlt hat –«

»Herr Pastor, die Obrigkeit ist eine Sache und das Christenthum eine andere,« sagte der Bürgermeister kurz.

Und damit war die Conferenz abgelaufen.



Sechstes Capitel.

Ganz Helmstadt war in Bewegung, es schien, als sei nur ein Gegenstand der Rede werth und dieser eine war das Legat Ronceval. Man sprach von der Familie des Testators und von den Umständen, wie das Legat ausgesetzt war. Die Einen glaubten, die Ronceval müßten früher katholisch gewesen sein, und sprachen die Befürchtung aus, daß das Geld sammt und sonders nach Rom kommen werde, Andere, die sich schon etwas mehr in der Welt umgesehen hatten, redeten mit Verachtung von dem Museum und von den anderthalb alten Bildern, die Walther von Zeit zu Zeit aufputze.

»Aber,« meinte Einer, »Walther hat ja selbst die Anregung dazu gegeben, daß das Museum verkauft werde.«

»Ja,« meinte ein Anderer, »aber der Artikel in unserer Zeitung, der sich dagegen ausspricht! Wissen Sie schon, wer ihn geschrieben haben soll? Man sagt, daß es die Tochter des Kirchendieners Nohr gewesen sei.«

»Richtig, Anna Nohr war es,« entgegnete ein Anderer. »In Sparta ertränkte man die verkrüppelten Kinder, hier läßt man sie leben und das ist ganz gut. Aber solch' ein Wesen müßte nicht schreiben, das sollte verboten sein. Die Frauen und die Kirche sind die beiden Dinge, die die Gesellschaft untergraben, und was dann noch gut daran bleibt, wird durch die Kunst verdorben, das ist meine Meinung.«

Die Nachkommen der Familie Ronceval hielten sich anständigerweise zurück und Einer davon erklärte, als man ihn um seine Meinung frug, er würde gern auf seine Ansprüche verzichten, wenn er nicht befürchten müsse, dadurch Veranlassung zu Streit zu geben, aber er würde nach seinem Gewissen handeln und seine Pflicht als ehrlicher Mann erfüllen, sobald die Zeit gekommen sei – ein Ausspruch, welcher allgemeine Bewunderung erregte.

Inzwischen legte, der Bürgermeister die Hände nicht in den Schooß, er forderte die Aeltesten des Kirchenrathes auf, eine Erklärung abzugeben, ob die Bibelstunde am Donnerstage gehalten werde oder nicht?

In Folge dieser Anfrage fand eine vollzählige Versammlung des Kirchenrathes statt.

Pastor Nadering eröffnete die Sitzung mit einem Gebete, er gab darauf eine kurze Auseinandersetzung über die zu verhandelnde Angelegenheit, und sprach alsdann seine Meinung dahin aus, es sei das Beste, daß man stillschweigend die Bibelstunde wieder fortsetze, denn wenn dieselbe auch keinen Nutzen bringe, so schade sie doch auch nicht.

Darauf folgte Fußgestampf als Zeichen des Beifalls und Scharren als Ablehnung.

»Ehrwürdiger Vorsitzender, werthe Brüder,« klang eine Stimme von dem unteren Ende des Tisches, »wenn ich die Frage recht begriffen habe, beschränkt sie sich darauf: sollen die Herren Nadering und Rodermann fünfhundert Gulden beziehen für Etwas, das sie nicht thun?«

Lebhafter Tumult unterbrach hier den Redner, aber er fuhr noch lauter fort: »Wir sind hier, meine Herren, unsere Meinung zu äußern, und wir haben lange genug darum hin und her gesprochen, um endlich die Sache bei ihrem rechten Namen zu nennen. Aus dem Legat Ronceval werden tausend Gulden an die Pastoren zu Helmstadt ausbezahlt für die Abhaltung einer Andachtsstunde, welcher Niemand beiwohnt und die sie deshalb auch gar nicht halten.«

»Wer sagt das? sie werden dieselbe halten.«

»Ich bitte, mir nicht in die Rede zu fallen, ich habe das Wort.«

»Sie machen Mißbrauch mit diesem Vorrechte.«

»Sie behaupten Dinge, die nicht zu beweisen sind.«

Von allen Seiten erhoben sich Widersprüche; der Redner sollte das Gesagte zurücknehmen, aber er weigerte sich und der Lärm wurde endlich so stark, daß der Präsident auf Schluß der Sitzung antrug.

Drei Tage später fand wieder eine Versammlung statt. Auch diesmal machte Nadering den Vorschlag, die Bibelstunde wieder einzuführen, aber Rodermann entgegnete, es sei unter der Würde des Kirchenrathes, sich dem Bürgermeister zu beugen, und darauf hielt er eine feurige und hinreißende Rede, in welcher er die Ansicht seines Collegen glänzend bekämpfte.

Bei der weiteren Discussion zeigte sich, daß die Ansichten viel zu getheilt waren, um heute zu einem Resultate gelangen zu können. Die Versammlung wurde daher wieder um zwei Tage hinausgeschoben.

Ehe diese Versammlung zu Stande kam, saß Pastor Nadering bei seiner Frau im Wohnzimmer. Die Frau Pastorin war beschäftigt, seine Bäffchen nachzusehen, während ihr Mann die Zeitung las.

»Du weißt doch,« sagte die Frau Pastorin, »daß Walther kürzlich hier gewesen ist? Wahrscheinlich wegen des Gemäldes, das du ihm versprochen hast.«

»Es ist wahr,« sagte Nadering, »ich hatte ganz vergessen, aber ich will es ihm morgen gewiß senden.«

»Ach, lieber Mann!«

»Gerade jetzt, Frauchen; du weißt, daß eine Streitfrage zwischen dem Kirchenrath und dem Museum schwebt und ich will nicht den Schein auf mich laden, als ob ich deshalb mein gegebenes Wort vergessen könnte. Morgen früh erhält Walther das Bild.«

»Wirklich, Nadering, du gehst zu weit.«

Aber der Pastor gab keine Antwort mehr, denn er war mit einem Male vollständig in seine Zeitung vertieft, in welcher er die Nachricht gefunden hatte, daß er auf der engeren Wahl zu dem Pastorat Riethausen stehe. Er theilte es seiner Frau mit. Dieser traten Thränen in die Augen, und er selbst war sehr aufgeregt.

»Solltest du Lust dazu haben?« fragte sie.

»Deine Familie hat dort einigen Einfluß,« entgegnete er.

»Ob ich wohl einmal schreibe?« Nadering dachte einen Augenblick nach. »Frage darin zu gleicher Zeit an, wie es sich dort lebt; da wir nun fünfhundert Gulden weniger haben werden, ist die Sache wohl zu überlegen,« versetzte er.

Seit diesem Augenblicke bewegte sich das Gespräch der Eheleute heute ausschließlich um den Ruf nach Riethausen, über die Veranlassung dazu, über die Annehmlichkeiten desselben und über Alles, was näher damit in Verbindung stand.

Am anderen Morgen früh wartete Nohr schon in der guten Stube bei Pastor Nadering.

»Vorsichtig, Nohr, vorsichtig,« sagte der Pastor, während die beiden Männer das Bild in die Kiste legten und einen Strick darum banden.

»Sie sagten also, Herr Pastor, daß ich das Bild erst in mein Haus bringen soll.«

»Ja, Nohr, denn wir wissen nicht, ob Walther das Stück gleich auf dem Museum haben will, und da er sehr weit wohnt, so würde es nur ein unnöthiges Hin- und Hertragen sein. Sie können ihn also fragen, wo er es haben will, und die Kiste so lange in Ihre Wohnung setzen.«

»Ich werde sie in das Stübchen meiner Tochter bringen, denn Sie wissen doch, Herr Pastor, daß meine Tochter malt.«

»Ja, Nohr, und sie findet gewiß darin einen Trost für ihr hartes Schicksal. Es ist wieder ein Beweis, wie liebreich die Vorsehung für Jeden von uns sorgt.«

»So denke ich auch, Herr Pastor. Aber wenn sie in ihrem fünften Jahre den Unfall nicht gehabt hätte, glauben Sie, daß sie ohne Talent geblieben wäre?«

»Die Wege des Herrn sind unerforschlich, Nohr. Daß Ihre Tochter malt, ist gut, aber Sie müssen dafür sorgen, daß sie nicht in Zeitungen schreibt, denn das schickt sich für eine Frau noch weniger als für einen Mann.«

»Anna schreiben, Herr Pastor? Das arme Kind hat Thränen genug darüber vergossen, nachdem sie in dem letzten »Eingesandt« in der Zeitung all die Gehässigkeiten gegen sich las, dem Himmel sei's geklagt!«

Pastor Nadering zuckte die Achseln. »Lieber Freund,« sagte er, »die ganze Geschichte hat eine betrübende Wendung genommen, und wenn sich so Viele einmischen, wird es nur immer schlimmer.«

Nohr wollte noch etwas sprechen, aber der Pastor nickte ihm zu, als wollte er sagen: es ist genug; tragt die Kiste nun weg.

Fünf Minuten später stand dieselbe in Nohr's Wohnung, wo bald darauf auch Walther erschien, den er benachrichtigt hatte. Dieser öffnete die Kiste und betrachtete das Bild mit einer Art von Mißtrauen. »Man will mich damit bestechen,« murmelte er, »aber wir wollen erst sehen, von welcher Seite der Wind weht. Wir wollen es hier vorläufig stehen lassen.«

Als Walther darauf wieder fortgehen wollte, bat ihn Anna um irgend eine Arbeit, und frug, ob er ihr nicht eins seiner Bilder zum Copiren schicken wolle.

»Copiren Sie doch dies Bild hier,« sagte er, »dann habe ich zugleich einen Vorwand, weshalb ich es vorläufig zurückbehalte.«

Dieser Walther war doch ein feiner Jesuit!



Siebentes Capitel.

In den nächsten Tagen kam in den Sitzungen des Gemeinderathes der Vorschlag zur Verhandlung, der den Verkauf des Museums betraf, und wir könnten Manches aus den schönen Reden der Gemeinderäthe hier wiederholen; aber da man sich vorläufig nicht einigte, so verzichten wir darauf und verfügen uns inzwischen lieber wieder nach dem Stübchen von Fräulein Anna Nohr, wo wir diese mit ihrem Lehrer vor dem Bilde des Pastor Nadering finden.

»Ein Memmeling?« sagte Walther. »Es ist unmöglich!«

»Memmeling,« wiederholte Anna und nickte zustimmend, was jedoch ganz überflüssig war, da Walther bereits sechsmal die Sache selbst untersucht und jedesmal mit derselben Verwunderung ausgerufen hatte, daß er es nicht glauben könne.

»Ein echter Memmeling, es ist ganz undenkbar, und nun in diesem Neste zu sitzen und Niemandem sagen zu können, daß ein echter Memmeling gefunden ist!«

Das gelähmte Mädchen sah den lebhaft erregten Mann mit einem unbeschreiblichen Blicke aus ihren sanften Augen an und ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie sagte: »Und ich –?«

»Es ist wahr, Anna, Sie haben Recht. Aber begreifen Sie denn auch wirklich, was ein Memmeling ist? Nein, Sie können es nicht begreifen. Wenn Sie – aber nein, ich kann es Ihnen nicht sagen –« und wieder ging Walther in dem kleinen Stübchen auf und ab und versuchte es sich selbst abzustreiten, daß es kein Memmeling sein könne, obgleich er wußte, daß es nun doch einmal ein Memmeling war.

Die Entdeckung hatte Anna gemacht, als sie das Bild reinigte, um es zu copiren; sie hatte den Maler sofort zu sich bitten lassen und Beide brachten nun geraume Zeit damit zu, sich über die Entdeckung zu verwundern.

»Ob Pastor Nadering es wissen mag?« fragte Anna endlich, um etwas Abwechselung in das Gespräch zu bringen.

Diese Frage versetzte Walther plötzlich in eine ganz andere Stimmung; er hatte das Bild empfangen, aber nicht angenommen, und da es nun ein so werthvolles Stück war, konnte Nadering es zurückverlangen. Er wollte keinen Augenblick versäumen, um die Sache in Ordnung zu bringen, aber freilich, wenn die Gemeinde das Museum verkaufte, wie stand es dann mit dem Bilde? Der arme Walther wußte keinen Rath. Er verwünschte den Augenblick, an welchem er beschlossen hatte, das Museum verkaufen zu lassen, er verwünschte sich selbst, den Gemeinderath, den Bürgermeister und den Pastor, der, seiner Ansicht nach, das Bild auch früher hätte schicken können. Er wußte nicht, was er jetzt thun oder sagen sollte.

»Wäre es nicht am besten, wenn Sie zuerst einmal mit Pastor Nadering redeten?« fragte Anna.

»Nadering?« wiederholte Walther gedankenlos.

»Oder mit dem Bürgermeister?«

»Niemals mit dem, niemals, niemals! Nein, ich werde zum Pastor Nadering gehen und ihm Alles offenherzig sagen, und wenn er das Bild – Aber nein, das wird er nicht thun.«

Fünf Minuten später stand Walther im Studirzimmer des Predigers.

Dieser empfing den Maler ganz besonders freundlich.

»Um Ihnen die Wahrheit zu sagen,« meinte er, »ich hatte Sie schon früher erwartet. Was giebt es Neues in der Kunst? Sie finden mich in einer vortrefflichen Stimmung. Helmstadt ist zwar ein allerliebster Ort, aber meine Frau hat noch Verwandte in Riethausen; genug, es hat einmal so sein sollen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?«

Walther hatte für nichts Sinn, als für den neuentdeckten Memmeling. »Herr Pastor,« sagte er, »Sie fragen mich, was es Neues in der Kunst gebe. Ich weiß eine große Neuigkeit.«

»Was Sie sagen!« versetzte Nadering, »aber machen Sie sich's doch bequem und zünden Sie eine Cigarre an. Sind Sie in Riethausen bekannt? Es soll ein angenehmes Leben dort sein.«

Walther nickte und sagte dann ziemlich ernsthaft:

»Ich wollte mit Ihnen wegen des Gemäldes sprechen, Herr Pastor.«

»Sie haben es doch erhalten? Ich habe Nohr den Auftrag gegeben, Sie davon in Kenntniß zu setzen; aber solch' ein Kirchendiener hat auch mancherlei zu thun und der Mann wird alt. Mein Gott, das werden wir Alle mit der Zeit, wenn wir es nur in Ehren werden, nicht wahr? Ja, ja, Herr Walther, ich habe hier Manches erlebt in Helmstadt.«

Der gute Pastor, der soeben sein Berufungsschreiben nach Riethausen empfangen hatte, war durchaus nicht in der Stimmung, Geschäfte zu verhandeln. Er hätte gar zu gern sich einmal über Eins und das Andere ausgesprochen und da kam ihm Walther gerade sehr gelegen, der in kirchlichen Dingen ohnehin keine Partei nahm. Dieser aber ging auf sein eigenes Ziel los:

»Hören Sie, Herr Pastor,« sagte er so laut, daß der Andere allerdings für den Augenblick schweigen mußte, »Sie haben mich gefragt, was es Neues in der Kunst gebe; ich bringe eine große Neuigkeit. Es ist ein Memmeling gefunden worden.«

»Ein was?«

»Ein Memmeling!«

»Ei, ei, ich habe die Zeitung noch nicht gelesen, ich lese sie immer erst des Mittags.«

»Es steht auch noch nicht in der Zeitung, denn der Memmeling ist hier gefunden.«

Nun gerieth Nadering doch etwas in Verlegenheit, denn er wußte von Memmeling gerade so viel wie Rohr, der Kirchendiener. Rubens, Raphael, Murillo und Rembrandt, sowie einige neuere Maler waren die Künstler, deren Namen er kannte; aber Memmeling!

»So, so,« sagte er, »also hier ist er gefunden?«

»Er ist augenblicklich in meinen Händen. Herr Pastor, wir sind ehrliche Männer, das Bild, das Sie dem Museum geschenkt haben, ist ein echter Memmeling.« '»'

»Was Sie sagen! Das ist ja merkwürdig! Nun das freut mich; ich dachte eigentlich, es sei nicht viel daran, und Sie auch, nicht wahr?«

»Damals ja, aber seitdem bin ich nach andächtiger Beschauung zu einer anderen Ueberzeugung gekommen. Das Bild ist viel werth und darum – darum wollte ich Sie fragen, ob Sie es noch weggeben wollen?«

»Noch? Ich habe es dem Museum zum Geschenk gemacht und einmal gegeben bleibt gegeben. Wenn ich es gewußt hätte,« sagte Nadering, indem er lachend mit dem Finger drohte, »hätten Sie es nicht bekommen, Herr Walther. Ei, ei, daß ich dem Helmstadter Museum ein so gutes Bild geben mußte!«

»Aber es ist noch nicht angenommen.«

»Nicht doch, Herr Walther, nicht doch; ich habe es Ihnen zugesandt und Sie haben es behalten. Es ist nur gut, daß ich meinen Ruf nach Riethausen nicht früher erhalten habe, sonst hätte ich das Bild mitgenommen und Niemand hätte darauf geachtet, daß es ein Memmeling sei. Wer war denn dieser Memmeling eigentlich?«

Walther war halb und halb entrüstet über diese Frage, durch welche der Pastor seine Unkenntniß auf dem Gebiete der Kunst verrieth; aber er fühlte doch große Ehrfurcht vor dem Manne, der seinen Vortheil vergaß und nur sein gegebenes Wort im Auge behielt. Aber vielleicht ahnte dieser gar nicht, was das Gemälde werth sei, und um ihm damit zugleich anzudeuten, wer dieser Memmeling war, sagte Walther: »Das Bild, Herr Pastor, ist seine zehntausend Gulden werth.«

»Zehntausend? Wenn ich das gewußt hätte, würde ich mich zwei Mal bedacht haben – und das Bild würde mir auch wohl nicht geschenkt worden sein. Nun, das wird das Museum sehr im Preise steigern, wenn es verkauft wird.«

»Sie bleiben also bei dem Geschenke!«

Nadering sah einen Augenblick Walther nachdenklich an, aber nur einen kurzen Augenblick, dann sagte er ruhig: »Es thut mir zwar leid, Herr Walther, daß ich das Bild verschenkt habe, aber da es einmal geschehen ist, würde ich unehrlich handeln, wenn ich einen Formfehler benutzen wollte, um es als ungeschehen zu betrachten; überdies habe ich es selbst geschenkt erhalten und nur zwei und einen halben Gulden Porto dafür ausgelegt, diese können Sie mir wieder erstatten und dem alten Nohr ein gutes Trinkgeld geben.«

»Herr Pastor, ich habe die größte Ehrfurcht vor Ihnen.«

»Aber warum, mein lieber Herr Walther?«

»Wegen Ihrer Rechtlichkeit.«

»Aber bester Freund, wir predigen jeden Sonntag den Menschen vor, daß sie rechtschaffen sein sollen und da müssen wir doch auch durch die That unseren Worten Nachdruck geben. Um Eins möchte ich Sie jedoch ersuchen: sagen Sie es nicht meiner Frau. Nicht, als ob sie – sie denkt genau ebenso wie ich, aber eine Frau, Herr Walther – Sie sind nicht verheirathet!«

In diesem Augenblick wurde ein anderer Besuch angemeldet und Walther hielt sich nicht länger auf.

Nadering dachte an die ganze Geschichte mit dem Bilde kaum mehr, denn es gingen ihm jetzt andere Dinge im Kopfe herum. Fiel ihm das Bild ein, so bedauerte er den Vorfall wohl; aber der Gedanke, daß er nach Riethausen berufen sei, verdrängte Alles, denn – »der Herr hat Alles wohlgemacht!«

»Herr Walther mag hereinkommen,« sagte der Bürgermeister zu dem Gerichtsboten, als er seinen Brief geschlossen und geklingelt hatte, und Walther wurde in das Bureau gelassen, wo er, wie ein Verurtheilter vor seinem Richter, vor dem Sessel des Gemeindevorstehers stand.

»Hoffentlich habe ich Sie nicht gestört, Herr Bürgermeister, ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen. Wir haben ein Memmeling erhalten.«

Der Bürgermeister bewahrte ein achtunggebietendes Stillschweigen. An was er dachte, war durchaus nicht in seinen Zügen zu lesen und Walther sah sich nach einer Pause genöthigt, seiner Mittheilung eine andere Form zu geben und zu erzählen, daß dem Museum ein Gemälde von hohem Werthe geschenkt worden sei.

»Ich werde die Nachricht darüber abwarten,« sagte der Bürgermeister unbeweglich.

»Die bringe ich Ihnen, Herr Bürgermeister.«

»Das scheint mir nicht genügend. Wer ist der Geber?«

»Der Herr Pastor Nadering.«

»Ich werde von diesem Geschenke des Herrn Pastors Nadering der Gemeindeverwaltung Nachricht geben, sobald ich schriftlich darüber in Kenntniß gesetzt bin.«

»Aber, Herr Bürgermeister, ich habe das Bild schon im Hause, das ist doch mehr als ein schriftlicher Bericht.«

»Sobald das schriftliche Anerbieten gemacht ist, wird die Gemeindeverwaltung beschließen, ob das Geschenk angenommen wird.«

»Aber bedenken Sie, Herr Bürgermeister, daß wir nicht viel Schwierigkeiten machen dürfen, es handelt sich um ein Bild, das seine zehntausend Gulden werth ist, und wenn wir viel Umstände machen, entgeht es uns am Ende noch.«

»Ich erkenne Ihre gute Absicht, Herr Walther, aber der Eifer darf uns nicht verblenden,« erwiederte der Bürgermeister.

Walther verneigte sich, er beschloß sich zu fügen. Aber sein Besuch hatte noch einen anderen Grund.

»Herr Bürgermeister,« sagte er, »wenn der Gemeinderath das Gemälde annimmt – was er doch sicher thun wird –«

»Ich muß bitten, keine Voraussetzungen in Bezug auf diesen Entschluß zu machen.«

»Also wenn er es annimmt, sollte dann noch die Rede von dem Verkauf sein können? Bedenken Sie, Herr Bürgermeister, einen Memmeling! In allen Katalogen und Kunstgeschichten wird man den Memmeling von Helmstadt verzeichnet finden. Kunstkenner aus aller Herren Länder werden hierher kommen, um unseren Memmeling zu sehen. Wirklich, Herr Bürgermeister, wir dürfen das Museum nicht verkaufen.«

»Herr Walther, ich werde diese Angelegenheit mit den Gemeinderäthen überlegen, sobald ich einen schriftlichen Bericht über die Schenkung erhalten habe.«

»Und dann, Herr Bürgermeister, gesetzt den Fall, daß das Museum nicht verkauft wird, würde ich gern die Anstellung als Custos behalten.«

»Es steht Ihnen in diesem Falle frei, sich wieder um die Anstellung zu bewerben, es sei denn, daß Ihre Entlassung überhaupt nicht angenommen würde.«

»Wenn ich dieselbe zurückzöge, Herr Bürgermeister?«

»Eine Gemeindeverwaltung ist eine öffentliche Behörde, die man nicht heute so und morgen anders behandeln kann; Ordnung ist in jedem Verwaltungszweig nothwendig.«

»Darf ich auf Ihre Fürsprache rechnen?«

»Eine gute Sache bedarf keiner Fürsprache.«

Der Bürgermeister stand auf und Walther verließ ungetröstet und mißmuthig das Bureau.

Das Erste, das er darauf zu thun hatte, war, mit Pastor Nadering zu sprechen wegen des schriftlichen Anerbietens.

Nadering hatte gerade Katechismusstunde, aber als Walther dringend um einen Augenblick Gehör bat, erschien der Pastor im Sprechzimmer, und alle Schüler benutzten die Gelegenheit, um rasch nachzusehen, aus welchen Bestandtheilen die Rüstung des Glaubens zusammengesetzt sei und wie die seligmachende Gnade mit den guten Werken in Einklang gebracht werde.

»Verzeihen Sie, Herr Pastor, daß ich Sie belästige, aber der Bürgermeister verlangt eine schriftliche Mittheilung wegen der Schenkung des Gemäldes, sonst will er nichts davon wissen.«

Nun hatte Nadering am vorigen Abend, trotz seines Ersuchens an Walther, über die Sache zu schweigen, selbst Alles seiner Frau mitgetheilt und diese hatte sich – aber wahrhaftig nicht sehr rasch – darein gefunden, weil es nun doch eine abgethane Sache war, und jetzt kommt Walther, um ihm zu sagen, daß der Bürgermeister nichts davon wissen will, und erzählt ihm das in einem Augenblicke, wo er mit seinen Schülern eins der wichtigsten Capitel bespricht!

»Ich werde mir die Sache überlegen, Herr Walther, aber jetzt kann ich keine Erklärung weiter geben.« Und im Geiste fühlte er bereits, wie ihn seine Frau wegen der zehntausend Gulden umarmte.

»Ich glaubte, daß Sie unwiderruflich Verzicht geleistet hätten?«

»Morgen werde ich Ihnen Antwort geben – verzeihen Sie mir, ich habe es heute sehr eilig mit der Vorbereitung zur Prüfung. Adieu, Herr Walther, nehmen Sie das Geleite mit.«

Der Pastor trat in das Zimmer zurück und alle Bücher waren verschwunden, aber sämmtliche Schüler wußten genau Auskunft zu geben über das Zusammenwirken der Gnade und des freien Willens, des Glaubens und der Werke. Die Stunde war denn auch bald vorüber und der Pastor kam nachdenkend zu seiner Frau, denn zehntausend Gulden auf der einen Seite und ein Versprechen, welches er gegeben hatte, ohne zu wissen, was er damit that, auf der anderen, gab wohl Veranlassung zu ernsten Gedanken.



Achtes Capitel.

»Wie wir vernehmen,« so lautete einige Tage später ein Bericht in der Helmstadter Zeitung, »ist hier am Orte ein Gemälde des berühmten Memmeling entdeckt worden und beabsichtigt der Besitzer, dies Meisterwerk der niederländischen Schule dem hiesigen Museum zum Geschenk anzubieten.«

Niemand achtete darauf. Als aber alle Zeitungen diesen Bericht nachdruckten und selbst die größten fremden Blätter die Gelegenheit ergriffen, um kunsthistorische Notizen über den berühmten Memmeling beizufügen, da begannen die Einwohner von Helmstadt zu begreifen, daß es sich um eine wichtige Angelegenheit handle, und es wurde nun überall von dem gefundenen Gemälde und über die Einzelheiten der Entdeckung desselben geredet.

Da erschien plötzlich ein eingesandter Artikel in der Helmstadter Zeitung, welcher das Publicum auf die rechte Spur bringen sollte.

»Herr Redacteur,« lautete dieser Artikel, obschon Jedermann wußte, daß so etwas, wie ein Redacteur, in Helmstadt gar nicht vorhanden war und die alte Wittwe, welche die Druckerei mit ihrem Obergehülfen fortführte, Alles in das Blatt aufnahm, wenn ihr der Einsender nur bekannt war. – »Herr Redacteur, in Ihrem vielgelesenen Blatte wird von einem Gemälde berichtet, welches man hier gefunden haben soll. Ich will nicht behaupten, daß die ganze Sache eine Erfindung ist, aber ich möchte nur darauf aufmerksam machen, daß in der letzten Zeit viele nachgemachte Gemälde in den Handel gebracht worden sind. Es ist schwer anzunehmen, daß alte, gute Bilder sich so mir nichts dir nichts finden, denn ein wirklich werthvolles Bild pflegt man sorgfältig zu bewahren und nicht zum Aufhängen in eine Thurmstube zu verschenken, wo einige Copien sich befinden, die ohnehin bald verkauft werden sollen. Für die Aufnahme dieser Zeilen würde Ihnen dankbar sein.

Ein aufmerksamer Leser.«

Die Zeitungsnummer, in welcher dieses »Eingesandt« erschien, war ein Ereigniß in Helmstadt. Jeder las den Artikel und die Meisten bewunderten den gesunden Verstand des »aufmerksamen Lesers«. Andere allerdings theilten diese günstige Ansicht nicht, am wenigsten Walther, und in einer der nächsten Nummern las man:

»Der »aufmerksame Leser« würde besser gethan haben, zu untersuchen, bevor er spricht, denn sein Geschreibsel beweist seine große Unkenntniß in Sachen der Kunst. Ich habe das Meisterstück des Memmeling genau studirt und hege nicht den mindesten Zweifel über seine Echtheit. Wohl werden Gemälde verfälscht, aber in gewinnsüchtiger Absicht, wovon hier keine Rede sein kann. Der Finder hat das Bild in uneigennütziger Weise dem Museum überlassen und die Art, wie er selbst es erhielt, läßt keine Fälschung vermuthen. Ueberdies, wie bereits gesagt, ist das Stück echt, wie ich nach meiner Untersuchung versichern kann. Was die Bemerkung betrifft, daß man werthvolle Bilder sorgfältig bewahre, so scheint der »aufmerksame Leser« nicht zu wissen, wie Hunderte, ja Tausende der ausgezeichnetsten Meisterstücke gefunden wurden, nachdem sie jahrelang im Besitz von Personen waren, die ihren Werth nicht kannten. Man kann sehen, daß der Mann keine andere Zeitung liest als die, deren »aufmerksamen Leser« er sich nennt. Die irrige Vorstellung von dem Verkauf des Museums und sonstige Anspielungen halte ich der Beantwortung nicht werth; der Schreiber hätte besser gethan, seinen Namen unter den Artikel zu setzen, wie dies geschieht von

I. J. Walther, Custos des städtischen Museums
zu Helmstadt.«

Das schlug ein. Der »aufmerksame Leser« hatte jedenfalls Unrecht; der Artikel von Walther, von diesem unterzeichnet, widerlegte ihn in allen Theilen. Walther war ein ausgezeichneter Mensch, das hatte man immer gesagt, der Andere wird es nun wohl bleiben lassen.

Der Andere ließ es denn auch dabei. Aber ein Dritter mischte sich ein und die Zeitung brachte folgenden Artikel:

»Ich halte es nicht für nöthig, meinen Aufsatz zu unterzeichnen, denn es ist mir um die Wahrheit und nicht um Personen zu thun. Herr Ignatius Johannes Walther mag seinen Namen unter die Antwort an den »aufmerksamen Leser« gesetzt haben, damit Jedermann über seine Kunstkenntniß und Erfahrung in Erstaunen gerathe. Herr Ignatius hat das Bild untersucht, darum, Ihr Bewohner von Helmstadt, darum ist es so! Die Aussprüche dieses Herrn sind unfehlbar, wie die des Papstes, und fordern Unterwerfung und Glauben.

»Wir unsererseits huldigen einer solchen Autoritätslehre nicht, wir unsererseits erkennen jedem Individuum das Recht zu, seine eigene Meinung zu haben, und selbst wenn Ignatius von Loyola sagen würde: »so ist es,« blieben wir doch bei der Frage: wo ist der Beweis? und dieser Beweis ist nicht geführt.

»Wie die Sache sich auch verhalten mag, wir bedauern, daß ein Mann, dessen gesellschaftliche Stellung ihn zu doppelter Behutsamkeit veranlassen sollte, wissentlich oder unwissentlich darin mitgewirkt hat. Wir sind die Letzten, welche in Sachen des Glaubens einseitig oder gehässig auftreten möchten, aber wer berufen ist, einer Gemeinde zum Führer zu dienen, sollte sich alles dessen enthalten, was seinem Rufe einen Makel anheften kann.

Ein Freund der Wahrheit.«

»Walther kann hierauf nicht schweigen,« versicherte ein Herr im Club einige Tage darauf.

»Walther kann hierauf nicht antworten,« sagte ein Anderer, »es ist Hohn und Schimpf.«

»Hohn und Schimpf! Ich glaube, daß er dem Lästermaul Eins versetzen wird,« sagte ein Dritter, »die Jesuiten sind so, es braucht Einer dem Anderen nur einen Wink zu geben und es geschieht.«

»Reden Sie mir nicht davon,« sagte der Rath Sander, »ich kenne das von meinen Reisen her; aber der Das geschrieben hat, hat Haare auf den Zähnen. Wer, glauben Sie wohl, mag es sein?«

Der Gefragte zuckte die Achseln mit vielbedeutendem Lächeln und blickte seitwärts nach einem Tischchen, wo ein Officier und ein junger Advocat saßen. »Meinen Sie?«

»Ich halte den Hauptmann für den »aufmerksamen Leser« und den Anderen für den »Freund der Wahrheit«.«

»Haben die Herren schon die Reichszeitung gelesen?« fragte ein Vierter, der, den Stuhl in der rechten und die genannte Zeitung in der linken Hand, den Anderen sich näherte.«

»Nein, was steht darin?«

»Hören Sie: In Helmstadt ist ein kostbares Gemälde entdeckt, welches als ein großer Gewinn für die Kunst betrachtet werden kann. Man hat die Entdeckung dem Herrn Walther zu danken, einem Manne, der sein stilles, ganz der Kunst geweihtes Leben dort in Zurückgezogenheit verbringt und sich ausschließlich mit der ausgezeichneten Gemäldesammlung beschäftigt, welche das Eigenthum der Gemeinde ist. Das Bild ist vier Fuß breit – Nun ja, hier kommt eine Beschreibung des Bildes, die den Herren wohl gleichgültig sein wird. Aber dann folgt: Es versteht sich von selbst, daß in Helmstadt die unverständige Menge den Namen Memmeling nicht kennt und das Publicum nicht begreifen kann, wie ein werthvolles Stück verloren gehen und nachher wiedergefunden werden kann. Einige Schreiber haben die Helmstadter Zeitung zu ihrem Werkzeuge erkoren, um ihre Dummheit vollkundig zu machen. Einer, der sich »Freund der Wahrheit« nennt, hat bei dieser Gelegenheit wie ein Schuljunge über Dinge abgeurtheilt, von denen der Bursche nicht den geringsten Begriff hat, wir wollen nicht näher darauf eingehen, denn Herr Walther steht zu hoch, um sich über das Raisonniren von Menschen zu ärgern, die zu früh der Schule entlaufen sind.«

»Habe ich es nicht gesagt, daß die Jesuiten zusammenhängen wie Kletten? Kaum ist an den Bienenstock angestoßen, so kommen sie alle heraus, um ihren Stachel zu gebrauchen.«

Die »Reichszeitung« ging drei Tage lang von Hand zu Hand. Dann kam die »Fackel« an die Reihe, welche den Artikel des »Freundes der Wahrheit« vollständig abgedruckt und als Bemerkung beigefügt hatte: »Dies ist ein neuer Beweis, wie sehr man vor den Ränken einer gewissen Partei, die im Finstern schleicht, auf der Hut sein muß. Leider hat dies der dabei betheiligte Geistliche nicht beherzigt und sich als ungetreuer Hirte seiner Gemeinde gezeigt.«

»Ich habe es immer gesagt, daß du das Gemälde nicht hättest fortgeben sollen,« sagte Frau Nadering zu ihrem Manne.

»Ja, Kind,« antwortete der Pastor, »aber das sagtest du doch mehr des Geldes wegen, nicht wahr?«

Die Pastorin machte ein böses Gesicht und erwiederte nichts. Ihr Mann schien es darauf abgesehen zu haben, ihr Unrecht zu geben.



Neuntes Capitel.

Der Gemeinderath hatte sich wieder einmal versammelt, und diesmal stand die Berathung, den Verkauf des Museums betreffend, auf der Tagesordnung.

Pastor Nadering hatte den Kirchendiener Nohr abgesandt, um auf den Verlauf der Verhandlung zu achten und dann sofort Bescheid zu bringen, denn das Ehepaar im Pfarrhause erwartete mit Spannung den Schluß. Der ungeschickte Kirchendiener kam jedoch zu früh zurück und brachte die Nachricht, daß der Antrag zurückgezogen sei. Er konnte jedoch weder die Auskunft geben, welcher Antrag, noch ob irgend etwas Weiteres verhandelt worden, und so ließ der Pastor ihn gehen und war froh, als der Mann fort war, denn er fühlte, daß die Einfalt desselben ihn fast zornig machte.

Kaum war Nohr hinaus, so klingelte Walther. Das Dienstmädchen folgte der erhaltenen Weisung, indem es versicherte, daß der Herr Pastor nicht zu sprechen sei. Bei sich selbst glaubte sie, dies ganz besonders geschickt gemacht zu haben, und ging in diesem Bewußtsein zur Frau Pastorin, die an der Studirstube stand, um zu hören, wer geschellt habe.

»Wer?« fragte Nadering seine Frau.

»Walther!«

»Walther – laß ihn sofort eintreten.«

»Das Mädchen hat ihn fortgeschickt.«

Dem Herrn Pastor entschlüpfte ein halblauter Fluch. Noch nie war er so böse gewesen und er eilte in seinen Pantoffeln an die Hausthür und riß sie auf.

»Herr Walther!« rief er, so laut er konnte, und sobald die Vorübergehenden sahen, daß der Pastor Jemanden rufe, stimmten sie mit ein.

»Warten Sie nur, Herr Pastor, ich werde ihn holen,« sagte der Bäckerjunge und ließ seinen Wagen stehen, um Walther nachzulaufen.

»Der Pastor ruft Sie, Sie sollen gleich zu ihm kommen,« sagte der Bäckerjunge, welcher der Ansicht war, daß der Pastor der Erste in der Gemeinde sei und überall zu befehlen habe.

»Sage deinem Pastor, daß er zu mir kommen kann,« antwortete der Maler und wollte weitergehen, aber glücklicherweise kam ein anderer Mann, der mehr Menschenkenntniß besaß, und brachte die Sache in Ordnung. Einige Augenblicke später war Walther in Nadering's Studirstube. Aber der ganze Vorfall war nicht unbemerkt geblieben und es war vorauszusehen, daß die Helmstadter Zeitung und die »Fackel« ihre Meinung darüber aussprechen würden.

»Man kann Ihnen wohl gratuliren, Herr Walther,« sagte der Pastor, »die Sache ist ja wohl zu Ende?«

»Das heißt, Herr Pastor, der Verkauf wird vorläufig noch nicht beschlossen, wie ich voraussagte, und mein Abschied ist auch noch nicht angenommen. Alles Uebrige ist vorläufig unentschieden.«

»Nun, ich werde den Abschluß hier wohl nicht mehr erleben. Ich gehe nach Riethausen, wie Sie vielleicht schon gehört haben, und da mein College Rodermann, aus Malice gegen den Bürgermeister und mich, die Bibelstunde nicht wieder einführen will, so wird es wohl dabei bleiben, daß das Legat an das Museum fällt. Wer ist denn nichts über das Gemälde gesagt worden?«

»Kein Wort!«

»So – kein Wort. Ei, ei!« Der Pastor rückte sein Käppchen hin und her. »Wissen Sie, was der Bürgermeister ist –,« sagte er dann – »aber wir wollen nicht darüber sprechen. Hoffentlich finde ich in Riethausen einen anderen Gemeindevorstand. Sie müssen einmal nach Riethausen kommen, Herr Walther. Im dortigen Rathhause befindet sich eine Folterbank und andere Alterthümer, eine sehr werthvolle Sammlung! Ich bin mit meiner Frau drei Tage dort gewesen, als der jetzt verstorbene Prediger daselbst wohnte.«

Walther versprach es und verließ darauf das Pfarrhaus. Als er zu Hause ankam, fand er eine Bestellung von Nohr, welcher bitten ließ, ihn im Vorbeigehen zu besuchen, und da Walther selbst den Wunsch hatte, Anna zu erzählen, was geschehen war, beeilte er sich sofort, der Einladung zu folgen.

»Was ist denn nun beschlossen worden, Herr Walther?« fragte Anna, indem sie den Maler mit gespannter Aufmerksamkeit anblickte.

»Alles geht vortrefflich,« entgegnete Walther, indem er ihr die Hand reichte. Anna faßte tief bewegt diese Hand, während ihr die hellen Thränen aus den Augen liefen.

»Gott sei Dank!« sagte sie mit einem tiefen Seufzer. »O, Herr Walther, wenn Sie wüßten, in welcher Sorge ich um Sie gewesen bin.«

»Ja, wahrhaftig,« bestätigte Nohr, »sie hat ganze Nächte nicht geschlafen.«

Walther blieb bewegungslos stehen und hielt Anna's Hand noch immer in der seinigen. Es wurde ihm so sonderbar zu Muthe. Er, der sein Lebenlang nur an sich selbst und seine Liebe zur Kunst gedacht hatte, der in den Menschen ausschließlich feindlich gesinnte Wesen gesehen, und der so einsam stand, wie selten Jemand, entdeckte mit einem Male, daß ein Wesen für ihn fühlte und wegen seines Schicksals in lebhafter Sorge war, ja, fast mehr als er selbst an dem, was ihn betraf, Antheil nahm. Aber auch Anna empfand in diesem Augenblicke, daß sie zu viel gesagt hatte; ein tiefes Roth bedeckte ihr sonst so blasses, schön geschnittenes Gesicht und sie entwand sanft ihre Hand der des Malers, dessen dunkles, durchdringendes Auge auf sie gerichtet blieb. Sie ahnte, was in ihm vorging, denn zum ersten Male in ihrem Leben hatte ein solcher Blick sie getroffen. Aber ach! zum ersten Male empfand sie auch recht drückend ihr Unglück; denn wie gern würde sie sich diesen Blicken entzogen haben, wenn ihre gelähmten Glieder es ihr gestattet hätten.

Ihre Aufregung überwältigte sie und sie brach in lautes Schluchzen aus. Walther hatte Mitleid mit ihrer Lage und wollte sich entfernen.

»Nun,« sprach er gutmüthig und tröstend, »ich komme bald einmal wieder und erzähle Ihnen das Uebrige.«

Aber Anna that sich Gewalt an und sagte rasch: »Meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu entfernen, es ist schon vorbei, mir ist ganz wohl und ich schäme mich, daß ich mich so kindisch betragen habe.« Dabei versuchte sie, ihn lächelnd anzusehen.

Walther nahm nun Platz und erzählte den ganzen Verlauf der Angelegenheit. Alles war hängen geblieben und verschoben worden, so daß die Sache nur zurückgezogen zu werden brauchte, um wieder in Ordnung zu sein, und das war auch für die Herren vom Gemeinderath das Bequemste.

»Sie werden nun gewiß mit doppeltem Eifer die Gemäldesammlung in Ordnung bringen,« sagte Anna, ohne den Maler anzusehen, denn sie war noch fortwährend befangen darüber, daß sie ihm vorher ihre Gefühle verrathen hatte.

»Ja,« versetzte Walther seufzend, »das werde ich thun; aber hier in Helmstadt wird nach wie vor Niemand außer Ihnen, Anna, Interesse daran nehmen.« – Und wieder blieb sein Blick an ihr haften, und wenn er sich nicht rasch entschlossen hatte, seinen Besuch zu beenden, so würde er sofort bereits etwas gesagt haben, worüber er doch lieber noch erst einmal nachdenken wollte, obgleich er eigentlich schon fest entschlossen war.

»Auf Wiedersehen, Nohr,« sagte er, und zu Anna gewendet: »Ich komme bald einmal wieder.«

An der Thür blieb er noch einen Augenblick stehen und wollte etwas sagen, aber es kam nicht dazu. »Sollte die gute Anna wirklich . . .?« dachte er, und der Gedanke erfüllte ihn so sehr, daß er in der Nacht viele Stunden lang wach blieb. Auch Anna that kein Auge zu.



Zehntes Capitel.

»Der Bürgermeister von Helmstadt wünscht Herrn Pastor Nadering zu sprechen und bittet denselben zwischen zwei und drei Uhr auf das Rathhaus zu kommen.«

»Warum nicht gar,« sagte Nadering, als er die kurze officielle Einladung empfing. »Ich soll zum Bürgermeister kommen, der sich nicht einmal für das Gemälde bedankt hat? Ich will nicht Nadering heißen, wenn ich das thue.«

Aber die Verantwortung für diesen Entschluß schien ihm doch etwas schwer; er ging also sofort nach dem Wohnzimmer, um mit seiner Frau darüber zu sprechen.

Die Frau Pastorin gab ihm unbedingt Recht, er mußte doch seine Würde als Pastor wahren.

Das leuchtete ihm ein, namentlich da er eigentlich gar nicht mehr Pastor von Helmstadt war, seitdem er den Ruf nach Riethausen erhalten und angenommen hatte. Er schrieb also: »Der berufene Pastor von Riethausen ist zu einer Unterredung mit dem Bürgermeister von Helmstadt bereit und wird zu der angegebenen Zeit zu Hause sein.«

Nadering war gewiß nicht übelnehmend und Niemand konnte ihm nachsagen, daß er sich selbst überschätzte; aber jener Brief hatte ihn denn doch etwas erbittert und mit klopfendem Herzen setzte er sich gegen zwei Uhr in sein Studirzimmer, um den Bürgermeister, für den Fall, daß dieser kommen würde, zu erwarten. Fünf Minuten nach Zwei wurde geschellt: es war der Bürgermeister. Nun bereute es der Pastor, daß er nicht selbst gegangen war; es wäre eine so kleine Mühe gewesen, und er sah ja auch, daß der Bürgermeister nicht so schlimm sei, wie er geglaubt hatte, sonst würde er nicht zu ihm gekommen sein. Der gute alte Mann machte denn auch viele Entschuldigungen und er würde in diesem Augenblick gern eine Lüge gesagt haben, wäre er nicht zu ehrlich gewesen, eine solche überhaupt zu ersinnen.

»Herr Pastor,« begann das Haupt der Gemeinde, »viele Schreibereien verderben oft die Sachen, und da ich die einfache Geschäftsordnung liebe, so komme ich zu Ihnen. Ich wünschte eine kurze Unterhaltung und bitte zugleich auch um eine kurze Unterredung für einen Anderen.«

»So viel Sie wollen, Herr Bürgermeister, ich werde sehr gern zu Ihnen kommen.«

»Ich möchte Ihre kostbare Zeit nicht rauben. Die andere Persönlichkeit wird bald hier sein und wünscht einiges Nähere von Ihnen über das Gemälde zu wissen, welches Sie der Gemeinde geschenkt haben.«

»Wofür man sich nicht einmal bedankt hat!« Diese Worte brannten Nadering auf den Lippen, aber er durfte doch dem Bürgermeister gegenüber sich nicht so kleingeistig zeigen, um darauf Gewicht zu legen.

»Ach, das Gemälde, Herr Bürgermeister – es stand mir nicht im Wege, aber ich machte mir auch nichts daraus, ich dachte, im Museum wäre es besser aufgehoben, denn, sehen Sie, ich hatte keine Ahnung davon, daß Streitigkeiten darüber entstehen würden.«

Der Bürgermeister hatte gar kein Verlangen, ein langes Gespräch zu führen. Er kam wegen des Gemäldes und erwartete einen Sachverständigen, der kommen sollte, um darüber zu entscheiden, ob kein Zweifel an der Echtheit des Bildes zu finden sei. Der Pastor dagegen hätte gern ein wenig über seine Versetzung nach Riethausen geplaudert und begann damit, dem Bürgermeister zu erzählen, daß seine Frau dort Verwandte habe und was er bereits über das Leben daselbst wußte. Während er im besten Plaudern war, kam der Sachverständige, den der Bürgermeister aus Amsterdam hatte kommen lassen. Dieser richtete eine Menge von Fragen an den Pastor, auf welche der gute alte Mann wenig Auskunft wußte; trotzdem erklärte der Sachverständige, welcher das Bild schon gesehen und untersucht hatte, daß alle Umstände für Echtheit des werthvollen Stückes sprächen.

»Und nun, Herr Pastor,« sprach der Bürgermeister, »sage ich Ihnen im Namen der Gemeinde Dank für das Geschenk. Der Secretair ist beauftragt, Ihnen den Rathsbeschluß über die Annahme nebst der officiellen Danksagung zukommen zu lassen.«

»Nicht nöthig, Herr Bürgermeister, nicht nöthig, – wozu soll sich der Herr Secretair so viel Mühe geben –«

»Ich liebe die Ordnung in jeder Hinsicht, Herr Pastor. Nehmen Sie auch noch den besten Dank für die Aufklärungen, die Sie dem Herrn Sachverständigen gegeben haben.«

Und mit festem, langsamem Schritt verschwand der Bürgermeister. Hinter ihm ging der Sachverständige. Letzterer hatte auch bereits mit Walther conferirt, und die Gemeinde konnte versichert sein, daß von Betrügerei oder Nichtverständniß keine Rede sei. Das Bild war ein echter Memmeling. Anna Nohr hatte die Entdeckung gemacht, und Walther blieb der glückliche Bewahrer des seltenen Schatzes.


* * *


Wir übergehen die vielen Gerüchte, welche über alle die zuletzt erzählten Vorgänge in Helmstadt umliefen. Der Kirchenrath mußte nun endlich wegen der Bibelstunde des Donnerstags Beschluß fassen, und da Pastor Rodermann längst eingesehen hatte, daß die Sache vollständig verloren war, so benutzte er die Gelegenheit, um in schwungvoll überladenen Reden zu erklären, wie der irdische Vortheil allezeit dem Trachten nach dem Reiche Gottes nachgesetzt werden müsse, und er erzielte damit einen solchen Eindruck auf die Aeltesten der Gemeinde, daß diese sehr geneigt waren, ihm eine Zulage von fünfhundert Gulden anzubieten, um ihn für den Ausfall der Bibelstunde zu entschädigen. Pastor Nadering blieb seiner Ansicht bis zum Schluß getreu und brachte dadurch den ganzen Kirchenrath gegen sich auf.

Nach der letzten Sitzung in dieser Angelegenheit begleitete Pastor Rodermann den Rath Sander nach Hause, denn er hatte sich Tags zuvor mit dessen Schwester, die zwar häßlich und sehr verwachsen, aber auch sehr reich war, verlobt. Zwar ist das Reich des Herrn nicht von dieser Welt und Gold ist nur Staub, aber wenn man es einmal mit in den Kauf erhält, wird der Herr es nicht als Sünde anrechnen. Es war eine Prüfung mehr für den ehrwürdigen Rodermann, er wird dagegen streiten und mit Gottes Hülfe den Sieg erringen.

Nur ein kurzes Gespräch und ein Händedruck, dann verließ Rodermann, trotz der Bitten seiner Braut, das Haus des Rathes Sander wieder, um, wie er sagte, dem Kirchendiener Nohr einen Besuch zu machen.

»Ist der alte Mann krank?« frug der Rath.

»Krank? Ja, sehr krank an der Seele, schwach und wankend im Glauben – wir sprechen später darüber.«

Nachdem Rodermann in der Stube des Kirchendieners Platz genommen hatte, begann er salbungsvoll:

»Ich komme, um ein ernsthaftes Wort mit Ihnen zu sprechen, Nohr. Wie ich höre, haben Sie Absichten mit Ihrer Tochter. Sie wollen dieselbe mit einem Manne verheirathen, der – bei aller Achtung vor seinem Talent – nicht der rechte Mann für sie ist.«

Der Kirchendiener rückte hin und her auf seinem Stuhle; er hatte so etwas erwartet, aber gehofft, daß Pastor Nadering mit ihm davon reden werde und dann hatte die Sache gute Wege, aber dieser – das war ein lästiger Patron.

»Ich rede nicht davon,« fuhr Rodermann fort, »ob Ihre Tochter überhaupt für die Ehe geeignet ist.«

Nein, dachte Nohr, darauf werde ich dir dienen.

»Hören Sie, Herr Pastor,« sagte er, »meine Tochter ist mindestens an Leib und Gliedern so gut wie Fräulein Sander, aber davon will ich nicht reden, nur so viel sage ich, kein Mensch hat sich selbst geschaffen und ich glaube nicht, daß es die Absicht des lieben Gottes ist, Jemand zum Krüppel zu machen, um –«

»Mensch, du vermißt dich, in die Rathschläge des Allerhöchsten eindringen zu wollen,« donnerte der Pastor. »Wurm, du empörst dich gegen deinen Schöpfer! Soll sich der Töpfer vom Thon sagen lassen, ob er ein Gefäß der Ehre oder der Unehre aus ihm machen darf?«

Nohr war vor Schrecken blaß geworden. Glücklicherweise war seine Tochter mit Walther ausgefahren, um zum ersten Male einen Arzt zu besuchen, mit welchem der Maler wegen ihr gesprochen hatte und der sie elektrisiren sollte. Wäre sie zu Hause gewesen, der alte Mann hätte sich kaum zu fassen vermocht, so aber fühlte er sich den Vorwürfen des zornigen Rodermann gegenüber Manns genug, um ihm entgegen zu treten.

»Der Herr Pastor Nadering,« begann er –

Aber Rodermann ließ ihn nicht weiter reden, sondern unterbrach ihn mit den Worten: »Suchen Sie nicht Ihre Sünde dadurch zu vergrößern, daß Sie sich auf einen Anderen berufen. Gottes Weisheit ist hoch über Euren beschränkten Verstand erhaben: beugt Euch vor seinem heiligen Namen!«

»Das trachte ich auch zu thun, Herr Pastor, aber –«

»Klopfet an Eure Brust, Nohr, und fragt Euch selbst, ob Ihr Gottes Namen verherrlicht, wenn Ihr Euer Kind der Abgötterei überliefert.«

»Aber, Herr Pastor, Walther ist ein guter Mensch und denkt in Glaubenssachen sehr freisinnig.«

»Freisinnig!« wiederholte Rodermann. »Verblendeter! Was ist diese Freisinnigkeit anders, als Verleugnung des Höchsten! Das nennen Sie einen Vorzug! So Jemandem wollen Sie Ihr Kind anvertrauen! Wissen Sie nicht, daß Sie die Tochter damit in ihr Verderben rennen lassen?«

»Ich muß bitten, Herr Pastor,« sagte Nohr, innerlich bebend, »nicht so weiter zu reden. Sie sind Geistlicher, aber ich bin ein alter Mann und will solche Anspielungen nicht hören. Meine Anna ist nur die Tochter eines Kirchendieners, aber sie ist ein anständiges Mädchen und Niemand soll so von ihr sprechen.«

Nohr war aufgestanden. Er war böse, ernsthaft böse. Man konnte ihm sagen, was man wollte, aber Anna durfte man nicht antasten und solche Dinge sollte Niemand von ihr reden.

»Nein, das will ich nicht,« murmelte er, indem er noch einmal den Kopf schüttelte.

»Aber, Freund Nohr, ich sage ja nichts Schlechtes von Ihrer Tochter, ich sage nur –«

»Und ich sage, Herr Pastor, daß die Sache Sie nichts angeht, verstehen Sie mich. Wenn ich meine Pflicht nicht thue, können Sie mich wegjagen, darüber hat der Kirchenrath zu beschließen; aber über Anna hat der Kirchenrath nichts zu sagen und ich will einmal keine schlechten Redensarten über sie hören.«

»Sie scheinen zu vergessen, mit wem Sie reden! Ich komme hierher als Seelsorger der Gemeinde; aus diese Weise empfängt man keinen Geistlichen, am wenigsten, wenn man selbst eine kirchliche Anstellung bekleidet. Aber ich sehe, daß auch hier der christliche Geist nicht durchgedrungen ist. Bruder Nohr, Sie sind tief zu beklagen.«

»Das kommt darauf an, Herr Pastor,« sagte Nohr, der nun einmal warm geworden war und nicht nachgeben wollte. »Wir haben hier in Frieden gelebt, so lange Ihr Vorgänger und Pastor Nadering hier standen, aber seitdem Sie gekommen sind, leben wir in Streit und Unfrieden; ich bin nicht umsonst siebenunddreißig Jahre Kirchendiener gewesen.«

Rodermann stand auf. – »Was Sie soeben gesagt haben, paßt nicht in Ihren Mund. Nohr, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, um darüber nachzudenken, und wenn ich bis dahin nichts von Ihnen vernommen habe, werde ich wissen, was ich als Seelsorger und Mitglied des Kirchenraths zu thun habe.«

Rodermann ging und überließ Nohr seinen Gedanken. Dieser wäre gern zu Pastor Nadering gegangen, aber Nadering war nach Riethausen gereist, wo seine Frau das Maß zu den Gardinen nehmen und die Farbe der Tapeten bestimmen mußte.

Nohr zog an seiner ausgebrannten Pfeife und überlegte. Dann starrte er geraume Zeit nach dem Schränkchen von Eichenholz, zu welchem Anna den Schlüssel hatte. Er wußte wohl, was es enthielt; er hatte immer für sein Kind gespart und hätte dies auch bis zu seinem Tode gethan, wenn es nöthig gewesen wäre. Aber Walther hatte genug, um zu leben, und am Ende war es gar nicht passend, wenn der Schwiegervater des Custos des städtischen Museums Kirchendiener blieb. Ueberdies war er alt. Pastor Rodermann gefiel ihm nicht und wer konnte sagen, ob der zweite neue Pastor nicht noch schlimmer war. Weggejagt zu werden oder vor Pastor Rodermann Abbitte thun, war eine Wahl, an die er gar nicht denken mochte. Das Einzige, was ihm übrig blieb, war, seine Entlassung zu fordern.

Als Walther und Anna zurückkamen und die frohe Nachricht brachten, daß der Arzt vollkommene Heilung in Aussicht gestellt habe, hatte Nohr bereits einen festen Entschluß gefaßt, und am nächsten Morgen in aller Frühe zog er seinen Sonntagsanzug an, ging zum Präsidenten des Kirchenrathes und ersuchte diesen, auf Grund seines vorgerückten Alters ihm eine ehrenvolle Entlassung zu ertheilen. Er kam damit der Anklage des Pastor Rodermann zuvor und diesem blieb nichts übrig, als im Stillen seiner Braut und seinem Schwager zu erzählen, daß er aus Mitleiden mit dem alten Mann sich habe bewegen lassen, nicht selbst auf dessen Entlassung anzutragen.

Sechs Wochen später hielt Pastor Nadering seine Abschiedspredigt und zum letzten Male functionirte Nohr dabei als Kirchendiener und saß auf seinem altgewohnten Platze hinter der Kanzel. Er hätte in Thränen ausbrechen mögen, aber er hielt sich tapfer. Nur einen Augenblick wurde ihm schwer ums Herz, als Nadering sich der Erinnerung der Zurückbleibenden anempfahl und dabei auch Derer gedachte, die ihm in untergeordneter Stellung mit Eifer und Liebe in seinem Beruf beigestanden hätten. Alle blickten dabei nach Nohr, als sei etwas Besonderes an dem alten Mann zu sehen, der siebenunddreißig Jahre lang unbemerkt seinen Dienst verrichtet hatte.

Daß das Legat an das Museum fiel, weiß der Leser; wenigstens hat er es aus dem Vorhergehenden schließen können.

Was das Schicksal der Personen betrifft, so kann ich den Leser versichern, daß Alles genau so gekommen ist, wie er es sich denken wird.