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Ellen Key – Mißbrauchte Frauenkraft

Essay

Ellen Key, Mißbrauchte Frauenkraft, Autorisierte Übersetzung von Therese Krüger, Verlag von Albert Langen, Paris, Leipzig, München, 1898


Vorwort

Diese kleine Schrift ist folgendermaßen entstanden.

Im September 1895 forderte mich das Comité für Die Frauenausstellung zu Kopenhagen auf, dort einen Vortrag zu halten. Ich benutzte die Gelegenheit, um einige Gesichtspunkte über die Frauenfrage, die ich schon lange gehabt, öffentlich auszusprechen. Zwar fühlte ich mich fast verlegen dabei, denn meine Gedanken kamen mir so selbstverständlich vor, daß es mir kaum nötig schien sie mitzuteilen. Man durfte annehmen, daß sie für alle entwickelten Frauen nur eine allgemeine Wahrheit enthielten.

Als ich aber später, um Neujahr 1896, denselben Vortrag in Göteborg und Stockholm hielt, und ihn unter dem Titel Mißbrauchte Frauenkraft im Druck erscheinen ließ, entstand ein solcher Sturm von Unwillen gegen mich, so viele Mißverständnisse und Angriffe auf mich wurden in Zeitschriften und Broschüren laut, daß ich mich bereits im März veranlaßt sah, als Antwort ein neues Buch zu veröffentlichen: Frauenpsychologie und weibliche Logik.

Das vorliegende Büchlein nun, das hier in deutscher Fassung erscheint, ist eine von meiner Übersetzerin vorzüglich ausgeführte Zusammenziehung des wesentlichen Inhalts der beiden obengenannten Bücher. Und ich hege die Hoff¬nung, daß meine Gedanken in dieser konzentrierten Form bei den deutschen Frauen ein besseres Verständnis finden werden, als jene beiden Bücher bei ihrem Erscheinen bei den skandinavischen Frauen fanden.

Stockholm, April 1898

Ellen Key





»Des Weibes Geschichte ist Liebe.«

Pontus Wikner.

I.

Bekanntlich handelt es sich bei der sogenannten Frauenfrage vor allem darum, wie die weiblichen Kräfte auf allen Gebieten zu freier Entfaltung gelangen können. Mit vollem Recht haben die Vorkämpfer der Frauensache darauf hingewiesen, daß bisher die Frauenkraft vielfach mißbraucht wurde – dadurch, daß sie ungebraucht blieb. Man bestand darauf, weder Gesetz noch Sitte dürfe der Frau den Weg zu irgend einem Arbeitsfelde versperren, auf dem sie ihre Fähigkeit zu prüfen wünsche. Man hob die vielen Mißbräuche hervor, die von den Frauen selbst, von den Männern und von der Gesellschaft mit der weiblichen Hingebung getrieben wurde, durch falsche Pflichtbegriffe von Seiten der Frauen, durch ungereimte Forderungen und Gesetze von Seiten der Männer und der Gesellschaft.

So ist es wohl überflüssig noch weiter auf diese Mißbräuche einzugehen – oder auf die andere Art von mißbrauchter Frauenkraft, für welche alle männlichen Dichter seit den Tagen Homers einen so scharfen Blick gehabt haben.

Ebensowenig bedarf es noch eines Hinweises darauf, wie reich an Fortschritten die Frauenbewegung gewesen ist. Sowohl in ideeller als in materieller Beziehung ist die Frauenbewegung von Sieg zu Sieg geschritten. Sie forderte das Recht der vollen individuellen Entwickelung und der vollen gesetzlichen Gleichstellung mit dem Manne, ebenso die volle Erwerbsfreiheit; und diese Forderungen haben der Frau in Skandinavien einen Weg nach dem anderen erschlossen, ein gesetzlich geschütztes Recht nach dem anderen errungen. Es fehlen allerdings noch wichtige Rechte, unter diesen an erster Stelle: die Gewalt der verheirateten Frau über ihre Person, ihr Eigentum und ihre Kinder. Aber kein denkender Mensch zweifelt daran, daß um die Wende des nächsten Jahrhunderts dies alles errungen sein wird; daß dann auf allen Rechtsgebieten die Bürgerin soviel gelten wird wie der Bürger, daß die Ehefrau gleich gestellt sein wird mit dem Ehemanne, die Mutter mit dem Vater. Das alles liegt ebenso sehr in der Notwendigkeit der naturgemäßen Entwickelung als im Interesse der Gesellschaft, und ist einfach eine Forderung der Gerechtigkeit.

Aber wenn das alles nun erreicht ist, wird man sich deshalb doch nicht glücklicher in der Welt fühlen, es wird vielmehr um die Wende des nächsten Jahrhunderts eine viel drückendere Müdigkeit auf den Gemütern lasten, als die welche wir kennen, wenn der Mißbrauch der Frauenkraft, auf den ich die Aufmerksamkeit lenken möchte, in derselben Weise zunimmt wie bisher.

Dieser Mißbrauch besteht darin, daß die Frauen ihre frei gewordenen Kräfte in erster Linie auf Gebieten einsetzen, auf denen sie gezwungen sind mit den Männern zu wetteifern, und daß sie dabei zum großen Teil versäumen, ihre innersten weiblichen Eigentümlichkeiten zu entwickeln und zu verwerten.

Daß die Frauen ihre Examina gut bestehen würden, überhaupt ihre Kräfte auf allen Gebieten prüfen würden, sobald sie sich nur erst die Freiheit dazu erkämpft hatten, das war ganz natürlich. Der Nachahmungstrieb ist oft der erste Ansatz zum neuen Sprunge, den der Freigewordene macht, und ohne das Recht und die Möglichkeit, die Freiheit zu mißbrauchen, lernt man nie den rechten Gebrauch davon zu machen.

Auch war es notwendig, daß die Frauen Gelegenheit hatten ihre Tüchtigkeit auf den Arbeitsgebieten des Mannes zu beweisen, weil der bornierte Widerstand gegen die Frauenbefreiung sich größtenteils auf das Unvermögen der Frau stützte. Manch oberflächliches Urteil über die »Natur« der Frauen ist für immer ausgerottet worden durch die neuen und wertvollen Arbeitsresultate, welche die Frauen auf den männlichen Arbeitsgebieten erzielt haben. Diese Resultate aber sind gerade die Veranlassung gewesen, daß die Frauen es immer mehr übersehen haben, daß ihre reichste Begabung dabei oft nicht zur Anwendung gekommen ist. Nach meiner Überzeugung besteht eine entschiedene Wesensungleichheit zwischen der Natur des Mannes und der Natur des Weibes, eine Ungleichheit, die keineswegs durch die Thatsache aufgehoben wird, daß es Frauen giebt mit männlicher Geistesart und Männer mit weiblicher, oder daß sich gemeinsame menschliche Eigenschaften bei beiden Geschlechtern finden, oder daß eine gegenseitige Einwirkung stattfindet, wodurch der Mann sich bis zu einem gewissen Grade die für die Frau charakteristischen Züge und die Frau die für den Mann eigentümlichen aneignet.

Die Fürsprecher der Frauenfrage haben mit Recht auf dieses Sachverhältnis hingewiesen als Argument für die Befreiung. Aber sie haben viel zu sehr versäumt, die Frauenkraft auf ihr wesentlichstes Gebiet hinüberzuleiten, weil es ja das Ziel der Frauenemanzipation war: vor allem die Gleichstellung der Geschlechter zu beweisen und zu fördern. Während nur wenige Fanatiker der Frauensache zu behaupten wagen, daß die Frauen sich schon jetzt, in Bezug auf materielle und geistige Produktion, mit den Männern vergleichen ließen, so meinen doch fast alle ihre Anhänger, daß man nicht von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen dürfe. Erst nachdem sich die Frauenkräfte durch mehrere Generationen entwickelt hätten, könne ein gerechter Vergleich stattfinden. Und aus diesem Vergleich – so hoffen sie – werde die Frau als dem Manne geistig völlig ebenbürtig hervorgehen. – In dieser Zuversicht übersieht man aber die Erfahrungen der Vergangenheit doch gar zu sehr. Denn diese lehren uns z. B., daß die Frauen der höheren Stände inbetreff ihrer Entwickelungsmöglichkeiten niemals so ungünstig gestellt waren wie die Männer der niederen Klassen in derselben Zeitperiode, und doch lieferten oft gerade die niederen Klassen der Welt die »Übermenschen«, nachdem diese viel schwerere Hindernisse überwunden hatten als die, welche einer geistvollen Frau der höheren Stände entgegenstehen, um ihrer individuellen Bestimmung zu folgen. Diese Geisteshelden mußten auch die durch Generationen vererbte höhere Entwickelung und Freiheit entbehren, und doch haben sie die größte geistige Höhe ihres Zeitalters erreicht.

Aber, werden die Frauen einwenden, für die Männer gab es immer Bildungsanstalten, die uns verschlossen waren. Dieser Grund fällt schwer ins Gewicht, aber doch nicht so schwer, als es den Anschein hat. Denn einerseits haben viele Männer diese Hülfe spät oder nie erhalten, und andererseits haben z. B. Künstler oft bei einem privaten Meister eine vorzüglichere Ausbildung erlangt als die Akademie sie geben kann. Und dieser private Bildungsweg ist den Frauen immer zugänglich gewesen, ebensogut wie den Männern. Von noch geringerer Bedeutung ist die Einwendung, die Energie der Frau sei in den höheren Ständen dadurch geschwächt, daß sie so lange der Erwerbsarbeit überhoben war. Nur in Hinblick auf bestimmte Berufstüchtigkeiten ist dies ein Hindernis gewesen. Die Sitte hat der Frau z. B. immer erlaubt, sich der Musik, der Litteratur, den bildenden Künsten zu widmen. Und jede Zeit besitzt irgend einen gefeierten Frauennamen, der Zeugnis davon ablegt, daß die Frau, ohne in der öffentlichen Meinung Anstoß zu erregen, das Höchste auf diesen Gebieten hätte erreichen können, auf denen sie jetzt in der Regel Dilettantin bleibt, wenn ihre Anlagen wirklich die Möglichkeit der Künstlerschaft enthalten hätten. Ebenfalls haben ja Männer aus den höheren Ständen, die ihre geistige Produktion auch nur als Nebensache betrieben – und die sich ihr auch ohne Gedanken an Erwerb widmeten – die Künstlerschaft erreicht.

Am überzeugendsten ist die Thatsache, daß sogar auf denjenigen Gebieten, wo die Sitte der Frau ganz speziell ihre Thätigkeitssphäre anweist, auf den Gebieten der Erziehung und der Gestaltung des Heims, die Männer die neuschaffenden gewesen sind; sie haben die Initiative ergriffen zu reformatorischen Versuchen und haben die genialen Ideen gehabt, welche neue Methoden und Stilarten herbeiführten. Selbst in der Kochkunst ist der Mann der Erfinder gewesen und in betreff der ersten Kinderpflege war es ein Mann, – Rousseau – der in der Frau wieder den Sinn dafür erweckte, ihre Mutterpflichten zu erfüllen!

Aber, wird man vielleicht einwenden, die Erziehung und die Thätigkeit der Frau haben doch bisher stets ihre Gedanken in die alten Geleise geleitet und ihr Gefühl einseitig auf das Heim und die Familie gerichtet. Erst jetzt, seitdem ihr Gesichtskreis weniger eng geworden, seitdem sie nicht länger durch ein einseitiges Frauenideal gehemmt wird, sondern ihre besondere Individualität entwickeln darf, erst jetzt kann man sagen, daß ihre schöpferische Kraft, ihre Fähigkeit zur Initiative wirklich Verwendung finde. Dabei vergißt man aber, daß während eines Zeitraumes von mehr als tausend Jahren die Klöster überall in Europa die Frauen von den Banden der Heimat und der Familie loslösten, und damals waren es ganz sicher die begabtesten, die persönlich entwickeltsten Frauen, welche nach den Kämpfen des Lebens den Frieden des Klosters suchten. Kein Vorurteil hinderte sie, sich der Wissenschaft, der Kunst und der Litteratur zu widmen, und das thaten sie auch. Trotzdem sind alle berühmten Namen aus den Klosterannalen männliche, mit Ausnahme der Dichterin Roswitha, und jenes Zeitalter hat nur ein großes weibliches Genie aufzuweisen, unsere Birgitta.

Endlich muß man noch bedenken, daß die Religion innerhalb wie außerhalb des Klosters ein Gebiet war, das sowohl der Frau als dem Manne offen stand, und doch besitzt die Welt kein berühmtes Andachtsbuch von einer Frau, und noch weniger ist uns ein großer weiblicher Religionsstifter erstanden – es sei denn, man mäße mit dem Maß der Theosophie.

Selbst in unserem Jahrhundert hat die Frau nur auf zwei Gebieten eine thatsächliche Gleichstellung mit dem Manne erreicht. Nämlich als Philanthropin und als reproduzierende Künstlerin, mittelbar schaffend aus dem Stoff, den der Dichter oder der Tondichter ihr gegeben. Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tonkünstlerinnen sowohl als weibliche Philanthropinnen, lassen sich in Menge aufzählen und zwar völlig ebenbürtig mit den größten männlichen Namen, auf demselben Gebiete.

Gerade diese Thatsachen bekräftigen jede auf ihre Weise jene Wesensart, welche die größte weibliche Dichterin des Jahrhunderts, Elisabeth B. Browning, mit der Äußerung charakterisiert, daß die Frauen

. . . »melt, like white pearls; in another's wine.«

Nicht auf sich selbst gestellt, sondern den Gedanken oder die Schöpfung eines anderen in sich verkörpernd, in Beziehung zu der Persönlichkeit eines anderen oder die Leiden vieler mitfühlend – so kommt das eigenste, innerste Wesen der Frau zu voller Blüte. Dieses tiefe Bedürfnis der persönlichen Verhältnisse, der persönlichen Hingebung, um die eigene Persönlichkeit voll zu entwickeln, das ist eine der entscheidendsten Eigentümlichkeiten der Frauennatur. Die Männer gehören nicht allein ethnographisch sondern auch psychologisch mehreren Rassen an; die Frauen nur zweien: der, welche lieben kann und der, welche es nicht kann. Für die kleine Zahl, die der letzteren Rasse angehört, gilt nichts von dem, was ich hier zur Sprache bringen möchte.

Bei der echten Frau erreicht das oben erwähnte Bedürfnis, sich in persönlichen Verhältnissen auszuleben, seine höchste Intensität auf dem Gebiete, welches auch zugleich der höchste Lebenszweck ist: der Mutterschaft durch die Liebe.

Die unzähligen physischen und psychischen Bestimmungen, welche mit der Mutterschaft zusammenhängen und unbewußt oder bewußt jeden Tag ins innerste Dasein des weiblichen Wesens, wie auch in seine wechselnden Stimmungen eingreifen, sind entscheidend sowohl für die Frau, welche nie Mutter wird als für die, welche es wird. Und für die letztere absorbiert die Mutterschaft bis zu dem Grade ihre physischen und psychischen Kraftquellen, daß ihre geistige Produktion das Sekundäre werden muß, daß sie mehr von der Geistesart des Zufalls als der Notwendigkeit haben wird. Aber nur das mit Notwendigkeit Hervorgebrachte bleibt unvergänglich.

Mit dem Einsätze ihrer ganzen individuellen, produktiven Kraft, ihres Herzblutes und ihrer Nerven, mit dem Einsätze der Mühen und Qualen ihrer Tage und Nächte, giebt und erzieht die Frau der Menschheit neues Leben. Mit ebenso großem Einsätze giebt der Mann der Menschheit eine neue Kunstschöpfung, einen neuen Gedanken, eine neue Erfindung.

Für beide Arten der Geburtswehen kann dasselbe Geschöpf nicht dieselbe Kraft haben. Und das ist der Grund, weshalb kein Frauenname unter den ewigen Namen der Menschheit strahlt. Das ist der Grund, weshalb in diesem Jahrhundert – dem Jahrhundert der Frau – nicht zehn Frauen genannt werden können, welche, was geistige Energie und Wert der Produktion betrifft, mit den führenden, männlichen Geistern des Jahrhunderts in Litteratur, Kunst und Wissenschaft verglichen werden können. Und die wenigen Frauen, welche den Vergleich aushalten, sind entweder nicht Mütter geworden, oder haben die eigentliche mütterliche Fürsorge hinter sich gehabt, als sie ihre vorzüglichsten Werke schufen, oder sie haben diese Fürsorge bei Seite geschoben, um dem Schöpfertriebe zu folgen.

Hin und wieder wird es gewiß Frauen geben, die imstande sind zugleich ein Kind zu gebären, und ein geniales Werk zu schaffen, es wird immer eine Anzahl Frauen geben, die im Besitze großer Geistesgaben sind, und eine Anzahl Männer mit großen Zärtlichkeitsgefühlen. Aber ein und dasselbe Geschlecht wird nie imstande sein mit der gleichen Intensität auf beiden großen Lebensgebieten zu leben, und deshalb wird stets das Höchste, das ewig Bleibende, von jedem Geschlecht auf dessem eigensten, speziellen Gebiet geschaffen werden. Und der Schlußsatz wird doch sein: daß die Frau in ihren Geisteswerken nie die höchste Höhe des Mannes erreichen wird, und der Mann umgekehrt nie in seinem Gefühlsleben die tiefste Tiefe der Frau.

Aber, wird man einwenden, es muß doch zugegeben werden, daß sowohl die Qualität als die Quantität der weiblichen Produktion in unserem Jahrhundert um ein beträchtliches gesteigert ist. Und die Folge davon muß doch sein, daß der neue Gebrauch der Seelenkräfte der Frau, und ihre reichere menschliche Entwickelung langsam den heutzutage noch herrschenden Unterschied zwischen der geistigen Höhe von Mann und Frau ausgleichen wird? Man vergißt aber, daß diese reichere Entwickelung der Frau ebensogut an die Söhne als an die Töchter vererbt wird. Wenn auch die genialen Frauen in Zukunft zahlreicher werden und ein höheres Niveau erreichen, was in hohem Grade wahrscheinlich ist, so müssen doch die männlichen Genies ein verhältnismäßig ebenso hohes Niveau erreichen, und so wird zwischen den intellektuellen Fähigkeiten der beiden Geschlechter keine wesentlich veränderte Proportion eintreten, ebensowenig wie in der Verteilung der produktiven Arbeit, wie die Natur sie eingerichtet, nach der die Frauen in erster Linie die Mühen für die neuen Leben zu tragen haben, die Männer für die neuen Ideen.

Die Hoffnung auf schließliche Gleichstellung der Frau mit dem Manne, was die geistige Produktionskraft anbetrifft, müßte – wenn die Frauen konsequent wären – auf der Lehre der pessimistischen Philosophie von dem freiwilligen Aussterben des Menschengeschlechts fußen. So viel ich weiß, hat aber der Schopenhauer-Hartmannsche Pessimismus wenig weibliche Anhänger. Die Frauen glauben, daß sie das Glück der Liebe und der Mutterschaft behalten können und dabei dennoch den Männern geistig ebenbürtig werden. Sie bestätigen dadurch eine vortreffliche, männliche Definition des Begriffs »Weib«, ein Wesen, das, wenn der Mann sagt: zweimal zwei sind vier, ihm antwortet: das glaube ich nicht, und was du mir auch beweisen magst, ich behalte doch meine eigene Ansicht von der Sache.

Die Frauen von heute sind mathematisch und wissenschaftlich geschult. Sie glauben an unverrückbare Naturgesetze, unter anderen auch an das Gesetz, demzufolge man nicht eine große Summe Lebenskraft zu einem Zweck verbrauchen kann und doch zugleich dieselbe Summe für einen anderen übrig haben. Sie sehen ein, daß die Muskeln des Athleten dem Gehirn Kraft entziehen müssen, das Gehirn des Gelehrten seine Muskeln entkräften; daß die Tüchtigkeit des Geschäftsmannes auf Kosten seiner kontemplativen Tiefe gewonnen wird; daß die Phantasie des Künstlers ihn hindern wird auf seinen Vorteil im täglichen Leben bedacht zu sein. In Bezug auf sich selbst aber behalten sie ihren Wunderglauben und erwarten, daß die Natur dieses eine Mal nicht mit der einen Hand nehmen werde, was sie mit der anderen giebt.

Auf diesen Wahn gründet sich die Kühnheit der Frau, mit der sie ihre eigenartigsten Kräfte mißbraucht. Ein solcher Wahn aber zeigt sich immer, früher oder später, schicksalsschwanger.

»Wehe dem, der sich einredet, daß die Notwendigkeit seines Wesens Zufall sei,« lautet ein tiefes, sinniges Dichterwort. Nur dadurch, daß sie die Notwendigkeit ihres eigenen, innersten Wesens zum Ausgangspunkt für ihr Streben nach Befreiung macht, wird eine Persönlichkeit wirklich befreit, nicht nur von etwas, sondern auch zu etwas. Nur dadurch, daß sie sich einredeten, die Notwendigkeit ihrer weiblichen Natur sei Zufall, haben die Frauen ihr abstraktes Gleichheitsideal auf Grund der rein menschlichen Wesensgemeinschaft aufstellen können, ganz wie die französische Revolution auf demselben Grunde ihr abstraktes Gleichheitsideal zwischen den Gesellschaftsklassen aufstellte. In ihrem Eifer für diese künftige Gleichheit haben die Frauen Argumente aus der Entwickelungslehre herbeigeholt und dabei übersehen, daß diese ebensowohl Entartungs- als Entwickelungsprozesse aufzuweisen hat. Und während die Frauen noch immer hoffen, daß ihre Intelligenz sich entwicklungsfähig erweisen möge, denken sie nicht an die Möglichkeit, daß andere Fähigkeiten dadurch geschwächt werden könnten. Man hat bereits aus denjenigen Ländern, wo die Frauensache am weitesten gediehen ist, eine Reihe von Zeugnissen dafür, daß die Frauen immer weniger den Anforderungen der Mutterschaft gewachsen sind, und sie deshalb auch immer weniger wünschen. Zuweilen hört man sogar die Äußerung, das Zölibat sei der würdigste Zustand für die Frauen, ja, es sei ein Rest von niedrigen Instinkten, wenn die Frau es nicht vorzieht, sich zu einem Intelligenzwesen zu entwickeln statt zu einem Geschlechtswesen, falls sich nicht beides vereinen läßt.

Es ist das Gefühl des in der Natur begründeten, schwer zu versöhnenden Dualismus im Wesen der Frau, das in unserer Zeit die Frauen antreibt, so eifrig die Lebensschicksale genialer Frauen zu schildern und zu studieren. Einige hoffen darin das Frauengenie über die Liebe siegen zu sehen, andere es in voller Harmonie mit dieser zu finden; andere wieder zu sehen, wie das Herz sein Recht auf Kosten der Produktion behauptet; alle aber hoffen das Horoskop der Frauenfrage nach diesen wenigen weiblichen Sternen stellen zu können. Lesen wir indessen die Sterne recht, so werden wir finden, daß die öffentliche Wirksamkeit – sei es im Geschäftsleben, im Staatsdienste, in der Wissenschaft, der Kunst oder der Litteratur – sowohl von der gewöhnlichen als der ungewöhnlichen Frau unaufhörlich Opfer erheischt. Unzählige Impulse der Zärtlichkeit müssen diese nach außen arbeitenden Frauen unterdrücken, unendlich oft müssen sie die persönliche Fürsorge für das Glück der Ihrigen aufgeben. Eine solche Frau wird gezwungen, ihr Herz gegen das tägliche Anklopfen zu verhärten; täglich muß sie sich von kleinen Kinderhänden, die sie festhalten, loßreißen, oder aus dem Heim, wo sie als Tochter oder Gattin liebe Pflichten zu erfüllen hat.

Noch thun die Mehrzahl der Frauen, selbst der genialen, dieses mit einem Gefühl der Entbehrung und des Bedauerns. Aber wenn die öffentliche Arbeit der Frau langsam zunimmt, wenn das durch fünf bis sechs Generationen so weiter geht, dann werden die Frauen unbedingt seelisch modifiziert sein. Dann wird ihre Einsicht, daß 2 x 2 = 4 ist, männlich fest und klar sein. Aber es könnte auch sein, daß die Summe des Glücks und der Kultur dann nur eine Addition der nämlichen Arten von Werten wäre und kein organisches Produkt, entstanden aus der harmonischen Vereinigung ungleich gearteter Wesen.


II.

In der ganzen Natur herrscht das Gesetz: daß die neuen Organismen während der ersten Zeit als ein Teil des Mutterorganismus leben. Das Muttergefühl ist in seiner tiefsten Wurzel eins mit dem Selbsterhaltungstriebe. Nach der Geburt der Nachkommenschaft ist es auch die Mutter, der die Sorge für die neuen Lebewesen obliegt. So entwickelt sich das Gefühl durch die Obhut der fortan außerhalb der Mutter lebenden Wesen, vom Selbsterhaltungstriebe zur selbstlosen Zärtlichkeit. Beim Menschen erhält die schon bestehende Differenzierung zwischen männlichem und weiblichem Seelenleben durch die ungleiche Stellung zum Kinde, welche die Mutter- und Vaterschaft mit sich bringt, eine noch größere Vertiefung.

Wenn wir uns dächten, daß die Evolution der Menschheit noch ein drittes Geschlecht hervorgebracht hätte, wie es bei gewissen Thierarten der Fall ist, und daß jede Mutter sofort die Sorge für das Kind auf diese Neutra legen könnte, so hätten wir sehr wahrscheinlich jetzt keine Frauenfrage. Das eigentliche Gebären der Kinder hätte nicht bis zu dem Grade die physischen und psychischen Kräfte des Frauengeschlechts in Anspruch nehmen können, daß es nicht einigermaßen neben dem Manne hätte arbeiten und sich auf gleichem Niveau hätte erhalten können.

Nun wurde aber statt dessen die Zärtlichkeit der menschlichen Mutter für ihr Kind zum höchsten Ausdruck entwickelt, des Gefühls, welches mit dem blinden Instinkt beginnt, der das Insekt antreibt, Nahrung zu bereiten für die Larven, die es nie zu sehen bekommt. Schon bei den höheren Tieren wird die Mütterlichkeit zu einer großen, dem Tode Trotz bietenden Liebe. Aber während die Zärtlichkeit des Tierweibchens aufhört, wenn die Jungen für sich selber sorgen können – was sehr bald eintrifft – wächst sich die Mutterliebe beim Menschen, je höher er sich vom wilden Zustande erhebt, immer mehr zu einem Lebensverhältnis aus. Die Bemerkung ist oft gemacht worden, welche ungeheure psychologische Bedeutung die persönliche Pflege, die die menschliche Mutter ihrem Kinde angedeihen läßt, für die Entwickelung der Mutterliebe habe. Ebenfalls ist das Gewicht der Thatsache festgestellt worden, daß durch die langsame Entwickelung des menschlichen Kindes jene Periode verlängert wird, während welcher der Grund gelegt wird zu dem die ganze Persönlichkeit bestimmenden Verhältnis zwischen Mutter und Kind. Je mehr die Mütter geben, je größer wird ihre Zärtlichkeit, denn wo unser Schatz von Leiden, Mühen und Hingebung ist, dort ist auch unser Herz.

Im primitivsten, menschlichen Gesellschaftsverhältnis – im Verhältnis zwischen Mutter und Kind – ist auch der Ursprung enthalten von jenen Mitteln und Formen, durch welche die altruistischen, die sympathischen Gefühle der Menschheit zu höherer Stärke und größerem Umfang entwickelt worden sind. Das Verhältnis zwischen Mann und Weib, das zuerst nur ein Ausdruck für den Selbsterhaltungstrieb des Menschengeschlechts war, erhält durch das Kind, das ein hilfsbedürftiges Wesen ist, den ersten Zusatz von einem über sich selbst hinausgehenden Gefühl. Allmählich entstehen mehrere solcher Gefühle, durch die der Mann im Weibe – und das Weib im Manne – nicht nur ein Mittel, sondern einen Selbstzweck erblickt, ein anderes Ich, eine Persönlichkeit. Und dies führt Schritt für Schritt vorwärts zu dem tiefen Verhältnis zwischen Mann und Weib, welches die Liebe ist. Beim Weibe mag dies persönlichere Gefühl zuerst erwacht sein, denn ihre Mütterlichkeit hatte sie bereits gelehrt, Freude über ein anderes Wesen zu empfinden. Und das Gefühl des Weibes muß dann seinerseits auf den Mann zurückgewirkt haben. Durch alle die unendlich wechselnden, primitiven Formen für das Zusammenleben der beiden Geschlechter – wo das Weib und das Kind des Mannes Schutz bedurften und deshalb auch zum Eigentum des Mannes gemacht wurden – wird so der ursprüngliche Trieb zu Eros umgebildet, zu dem großen Gefühl, von dem schon Plato verkündete: daß es den Menschen gelehrt habe, durch eine unendliche ideelle Sehnsucht, eine unerschöpfliche geistige Sympathie, die Grenzen seines Wesens zu erweitern.

Durch das Muttergefühl ist es auch die Frau gewesen, bei der zuerst der Geschlechtstrieb veredelt wurde, indem sie für den Vater ihres Kindes eine erwachende Zärtlichkeit empfand; durch die Mutterliebe hat sich das Gefühl der Treue, das Keuschheitsgefühl, das Heimatsgefühl und dadurch das Familienleben in des Wortes höherer Bedeutung entwickelt, ist das Familienband immer stärker geworden. Diese aus den Geschlechtsbestimmungen herrührende, außerordentliche geistige Entwickelung vergißt man völlig, wenn man behauptet, ein Hervorheben der weiblichen Eigenschaft: ein Geschlechtswesen zu sein, enthalte notwendig die Verleugnung ihrer geistigen Perfektibilität!

Wir besäßen jetzt nicht eine so hohe und seelenvolle Gattenliebe, eine so intensive weibliche Keuschheit, solch lebenslängliche und tiefe Zärtlichkeitsverhältnisse zwischen den Familienmitgliedern untereinander, wenn nicht gerade die geistige Perfektibilität des Weibes ebenso einleuchtend wäre, wie die des Mannes. Die äußeren Formen zwar für Ehe- und Familienleben wurden durch eine Menge anderer Einflüsse bestimmt. Aber das Innerste, das Unvergängliche in der Entwickelung, der Gefühlsbesitz, der vor allem ist von der Frau geschaffen worden. Dieser Besitz würde jetzt nicht so reich sein, wenn nicht das Gefühls- und Gedankenleben der Frau von Anfang an und weiter durch Jahrtausende auf die Liebe, die Mutterschaft und das Heim konzentriert gewesen wäre.

Die Humanisierung jenes ganzen Lebensgebiets, welches von den Bedingungen für die Fortdauer des Menschengeschlechts abhängt – das ist mit einem Wort die unerhörte Kulturarbeit der Frau gewesen. Und keineswegs ist die Frau unter den Kulturfaktoren der jüngste, im Gegenteil man kann wohl sagen, sie ist der älteste zu nennen.

»Die Geschichte des Weibes ist Liebe«, und diese Geschichte begann, als ein menschliches Weibwesen ein Kind an ihre Brust legte. Für die Kultur ist die seit Jahrtausenden entwickelte, konzentrierte und verbrauchte Produktionskraft der Frau in Anspruch genommen worden. Und, aus dem Instinkt des Tieres hervorgegangen, erhebt die Mütterlichkeit den Menschen jetzt zu denselben geistigen Höhen über das Tier empor, zu denen die Wissenschaft, die Erfindungen, die Kunst und die Litteratur ihn erhoben haben. Ja, zu der durch die schöpferische Kraft des Weibes entwickelten Gefühlswelt stehen fast alle großen Dichter in Schuld. Wäre die Kulturarbeit der Frau nicht vor sich gegangen, besäßen wir keine Cordelia, keine Imogen, und aus diesem Gesichtspunkt kann man sagen, daß es Frauen sind, welche Shakespeares Frauengestalten gedichtet haben.

Denselben Weg hat die Entwickelung genommen, wo wir heutzutage die sympathischen Gefühle in den großen Bemühungen ausmünden sehen, menschliches Leiden zu lindern. Der abgenutzte Ausdruck »charity begins at home« ist jedenfalls kulturhistorisch wahr. Von dem mit dem eigenen Ich zusammenhängenden, zärtlichen Gefühl für das eigene Kind, bis zum grenzenlosen Mitgefühl mit den Qualen des ganzen Menschengeschlechts – das ist der Weg gewesen. Und in jedem einzelnen Individuum wiederholt sich die Geschichte des Geschlechts: durch persönliche Zärtlichkeitsgefühle erweitern sich die Wände der Herzkammer dermaßen, daß Raum für die große Menschenliebe wird.

Diejenigen, welche den Begriff der Mütterlichkeit so auffassen, daß nach meiner Ansicht die Überlegenheit der Frau in etwas bestände, was wir »mit den Tieren gemein haben«, dagegen die Überlegenheit des Mannes in etwas »was uns über die Tiere erhebt« nämlich im Schöpfertrieb, beweisen damit nur, daß sie überhaupt nichts verstehen, weder von Menschen noch Tieren. Wir sehen das Kulturprodukt »die Mütterlichkeit« seinen Ausgangspunkt in der Zärtlichkeit des Tierweibchens nehmen, wir können aber ebensogut jede menschliche Großtat von ihrem Ausgangspunkte, dem Erfindungsvermögen der Tiere, ihrer Phantasie, ihrem Schönheitssinne, ihrem Zusammenhalten, ihrem Ehrfurchtsgefühl und ihrer Opferwilligkeit, verfolgen. Und wie bei den Tieren alle diese Eigenschaften mehr oder weniger mit der Geschlechtsbestimmung verknüpft sind, so ist auch diese innerhalb der menschlichen Kulturarbeit immer noch von größtem Einflüsse.

Ein Zeugnis davon, wie tief diese Bestimmung auf das persönliche Leben einwirken muß, auf seine innigsten und höchsten Momente, also auch auf das höchste geistige Schaffen, liegt uns vor in der Thatsache, welche von psychologischen Verfassern angeführt wird: daß die individuelle Differenzierung am stärksten hervortritt, gerade auf den erotischen und den geistig schöpferischen Gebieten; daß erotische Eigenart ebenso scharf Mann von Mann – und Weib von Weib – scheidet, wie Eigenart in Bezug auf ihre Werke und ihre Arbeitsweise.


III.

Das Neuschaffen auf dem Gebiete der geistigen und materiellen Kultur ist die höchste Kraftäußerung des Mannes. Aber in dieser höchsten Schaffensart ist so wenig eine allseitige harmonische Entwickelung enthalten, daß vielmehr die ersten unter den Neubildnern immer mehr oder weniger einseitig gewesen sind, und das Leben hat selten das höchste Maß von schöpferischem Genie auf mehr als einem Gebiete aufgewiesen. Denn innerhalb des Terrains, auf dem der Mann fußt, gilt zwischen Männern dasselbe Gesetz der Begrenzung, wie zwischen den beiden Geschlechtern.

So behaupte ich, daß der Mangel, welcher sich beim Manne innerhalb der sympathischen Lebenssphäre fühlbar macht, ebenso entschieden ein geistiger Mangel ist, wie umgekehrt bei der Frau das Nachstehen auf intellektuellem Gebiet. Aber den Männern fällt es nicht ein, sich deswegen zu beunruhigen. Die Vergangenheit hat bewiesen, daß sie sich den weiblichen Kulturbesitz reichlich zu Nutzen gemacht haben, ebenso wie die Frau sich den männlichen angeeignet hat, und daß durchaus nicht die Rede davon ist, die Freiheit dieses für die Kultur so unentbehrlichen Austausches anzutasten. Es gilt nur zum Vorteil der möglichst starken, beiderseitigen Produktion folgendes festzustellen: die Menschheit muß im großen ganzen die fundamentale Arbeitseinteilung, welche zugunsten der Kultur bereits zwischen den beiden Geschlechtern stattgefunden hat, beibehalten. Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen möchte ich aber betonen, daß hier ausschließlich von den Gefühlen des Mannes innerhalb der Familie und des Heims gesprochen wird. Ein Mann kann in diesen persönlichen Verhältnissen leidenschaftlicher lieben, aber selten so zärtlich, fast nie so lange und nie so ganz wie eine Frau. Sie hingegen ist oft flüchtiger und seichter in Bezug auf die Gefühle, welche zur unpersönlichen Sphäre gehören, dort, wo gerade der Mann tätig ist und wo er sein Höchstes erreicht. Er nämlich giebt an das Vaterland oder an die Freiheit, an die Forschung oder an die Religion, an die Kunst oder an die Menschheit, was es auch sei, auf das er seine Energie einsetzt – sein Gefühl ebenso voll und ganz hin, als seinen Gedanken. Jedes Geschlecht erhält auf dem Gebiete, auf das es seine Gedanken am stärksten zu konzentrieren pflegt, auch für sein Gefühl, die am stärksten inspirierende Macht.

Noch einmal möchte ich dieses feststellen: ich vergleiche die höchste, schaffende Kraft des Mannes – diese und nichts anderes – mit der höchsten, schaffenden Kraft des Weibes, der nämlich, welche sie dazu verbraucht, eine neue Generation zu gebären und zu erziehen. Zur intensiven Kraftentwicklung des Mannes innerhalb der materiellen und geistigen Kultur kann die Frau als Regel nicht Kräfte über haben, weil diese entweder direkt oder indirekt von einem anderen Zwecke in Anspruch genommen sind. Weil die Lebensfunktionen des Weibes, ihre Ahnungen, Gefühle, Gedanken zuerst vom Kinde absorbiert worden sind, später vom Manne und vom Heim, mußte die Liebe für sie, wie Madame Staël sagt, das Leben werden, während sie für den Mann eine »Episode im Leben ist«. Der Mann hat deshalb intensiver als die Frau seine Fragen an die Rätsel des Lebens gestellt; er hat entdeckt, geforscht, gegrübelt, neue Bahnen aufgesucht, sich bemüht, das Dasein Schritt für Schritt und Stück für Stück als Ganzes in seine Lebensanschauung aufzunehmen; außerhalb seines eigenen Ichs und der Welt den archimedischen Punkt zu finden, von dem aus er sich und das Dasein in ein höheres Licht hinaufrücken könne.

Die Frau hat ihre produktive Energie, ihre Hingebung mehr für das Private, das persönlich Menschliche eingesetzt; der Mann seine produktive Energie und Hingebung mehr auf das Öffentliche, das allgemein Menschliche. Das Dasein ist für die Frau in lauter konkrete Aufgaben, in eine Vielseitigkeit zerfallen, und ihre geistige Entwickelung ist unter dem Einfluß dieser Einwirkungen vor sich gegangen. Sie ist zur höchsten Höhe gestiegen durch das Geben an andere und Nehmen von anderen. Der Mann hat meistens einsam – und je größer er gewesen, je einsamer – seine abstrakten Aufgaben gelöst und die Mannigfaltigkeit zur Einheit zu sammeln gesucht. Er hat durch neue Ideen Bewegung in die Kulturarbeit gebracht. Die Frau hat die Ideen in Gefühle umgesetzt und diesen durch die Sitte Dauerhaftigkeit verliehen.

Die Stellung des männlichen Geschlechts zur sympathischen Lebenssphäre ist deshalb in der Regel nicht kreativ sondern rezeptiv gewesen: eine Assimilierung dessen, was das weibliche Geschlecht darin produziert hat. Und umgekehrt ist die Stellung des weiblichen Geschlechts zur intellektuellen Lebenssphäre in der Regel nicht kreativ, sondern rezeptiv, assimilierend gewesen. Dieses erklärt auch die Gleichwertigkeit ihrer Arbeiten mit denen des Mannes auf den Gebieten der Kunst, wo das Schaffen aus zweiter Hand geschieht.

Der Fortschrittstrieb hat sich bei dem einen Geschlechte auf diesem, bei dem anderen auf jenem Felde gezeigt, daß er aber bei beiden vorhanden gewesen, davon ist unsere jetzige Kultur ein unwiderlegbarer Beweis. Dadurch, daß jedes Geschlecht sein bestimmtes Feld gehabt, ist aber nicht ausgeschlossen, daß große Summen männlicher Gefühle zur Bildung von Heim und Familie verwendet worden sind, und gleichfalls große Summen weiblicher Intelligenz zur Bildung der materiellen und geistigen Kultur; auch nicht, daß sowohl die Quantität als die Qualität der sekundären Werte von beiden Seiten, durch eine steigende Kultur eine entsprechende Vergrößerung erfahren werden. Ja, es ist sogar mit größerer Sicherheit anzunehmen, daß die Zukunft viele mittelbegabte, weibliche Verfasser, Künstler, Geschichtsschreiber und wissenschaftliche Forscher, sowie auch viele Männer mit verfeinertem Gefühlsleben hervorbringen wird – als daß sie mächtige, gewaltige Gefühle und großartige Gedanken hervorbringt. Denn die Macht der Kultur zu harmonisieren schließt leider auch die Macht zu nivellieren in sich.

Die in der Natur begründete, große Einteilung wird aber keineswegs dadurch verrückt, daß gewisse Männer innerhalb der Gefühlssphäre weiblich tief, oder das gewisse Frauen auf dem Gebiete der Intelligenz männlich stark gewesen; ebensowenig dadurch, daß eine Menge Männer keinen Einsatz in den männlichen Kulturbesitz, oder daß eine Menge Frauen keinen in den weiblichen thun.

Ich habe gesagt und wiederhole es, daß das Frauengeschlecht, vom geistigen Standpunkt gesehen, in sich zwei Rassen umschließt: Frauen, welche lieben und solche, welche es nicht können. Daß die letzteren Mütter werden, bedeutet keinen Zuwachs der weiblichen Lebenswerte für die Menschheit, ebenso wie andererseits oft diese Werte bedeutend vermehrt worden sind durch eine Frau, welche nie Mutter geworden.

Unter den Frauen, welche lieben können, finden sich ebenso viele individuelle Ungleichheiten, wie unter denen, die es nicht können. Die letzteren sind nicht selten entzückende Augenblicksmenschen oder reiche Künstlernaturen oder große Sinneszauberinnen; zuweilen sind es klare, kalte Verstandesmenschen, zuweilen auch kleine, enge Alltagsseelen.

Unter den ersteren wieder wird für diese Frau die erotische Liebe das Höchste; jene ergreift die Mutterliebe tiefer; andere fühlen am tiefsten die allgemein menschliche Sympathie, die Mütterlichkeit in der weitesten Bedeutung des Wortes. Bei ihnen allen aber ist es die Stärke in der persönlichen Hingebung, welche das Rassezeichen ausmacht. Daran erkennen sie sich, vom Nordpol bis zum Südpol.

Für diese Frauen ist ihr Dasein als Gattin oder Mutter, Schwester oder Tochter, Freundin oder Helferin, das Lebenentscheidende. Das heißt: sie haben den besten Teil ihrer Freuden und Sorgen, ihrer Träume und Gedanken, Kämpfe und Siege auf Lebensverhältnisse eingesetzt, während es für die Mehrzahl der Männer, und während des größten Teil ihres Lebens, die äußere Arbeit gewesen, welche die ganze Kraft ihrer Persönlichkeit hingenommen.

Meine Beweisführung wird deshalb auch keineswegs durch die Annahme verrückt, daß die Frauen künftig immer leichter und glücklicher Mütter würden und aus dem Grunde große Kräfte übrig haben würden für andere Zwecke, ebensowenig wie durch Erwähnung der Frauen, welche nicht Mütter werden.

Die volle Verwirklichung der Mutterschaft ist das von einer Menge äußerer Dinge bestimmte, und deshalb auch mehr dem Zufall überlassene Moment in der Mütterlichkeit. Die Gefühle sind das wesentliche Moment, und die bestimmen das kleine Mädchen ebenso wie die alte Jungfer.

Aber wenn auch meiner Überzeugung nach sich kein einziger Grund aufweisen läßt zu der Hoffnung, daß die geschlechtliche Differenzierung auf dem psychischen Gebiete immer mehr verschwinden und die Frau dem Manne in Bezug auf materielle und geistige Produktion immer mehr gleichgestellt werden sollte, sondern im Gegenteil jede Stütze, die man zu diesem Zweck heranzieht, sich schwach wie ein Rohr in der Hand der Mutter Natur erweist – so verleiht trotzalledem ein einziger Ausnahmefall von weiblicher Überlegenheit der Forderung auf volle Freiheit für jede Frau, ihrer Individualität zu folgen, die allergrößte und nicht abzuweisende Stütze. Jede Frau muß, ohne daß ihr von der Gesellschaft Hindernisse in den Weg gelegt werden, danach streben dürfen, das heraus zu finden, was die Natur gerade mit ihr beabsichtigt hat.


IV.

Meine Aussprüche, was die sogenannte »Frauenfrage« betrifft, sind von vielen als Ausdruck der äußersten Reaktion aufgefaßt worden. Die »Weiblichkeit« sollte darunter leiden, daß ein weibliches Wesen ein akademisches Examen besteht, einem Staatsdienst vorsteht oder irgendeine Stellung an einem Kontor übernimmt? Eine Weiblichkeit, die so leicht verloren ginge, sei nie von großem Wert gewesen.

Vollkommen wahr. Aber sind denn die Resultate der Arbeit, welche die Frauen auf dieses Examen, diesen Dienst, in diesem Kontor verwendet haben, von großem Wert gewesen? Nur ausnahmsweise. Denn dieselbe Weiblichkeit, die »nicht so leicht verloren geht«, ist schuld daran, daß die Frau ihre ganze Persönlichkeit, ihre volle Energie nicht in die Arbeit hineinlegt.

Schon während der Schuljahre kann man einen Unterschied bemerken zwischen der Arbeitsweise des Mädchens und der des Knabens. Das Mädchen ist pflichtgetreuer in der Arbeit an den erhaltenen Aufgaben, aber sie läßt das Interesse für den Gegenstand selbst in der Schule zurück, während der Knabe in ganz anderer Weise davon erfüllt ist.1 Seit mehreren Jahren schon hat es mich amüsiert den Gesprächen zwischen der Schuljugend aus verschiedenen Schulen zu lauschen; ich bin öfters dieser Jugend auf meinen Wegen begegnet. In neun Fällen von zehn sprachen die Mädchen von irgendeinem »er« oder einer »sie«, von Vergnügen oder von Kleidern; in neun Fällen von zehn sprachen die Knaben von Sport oder von ihren Studien – von der Multiplikationstabelle bis zur Lehre von der Hölle! Und dieser Grundunterschied, der sich in der Schule oft in ähnlicher Weise zeigt, setzt sich später in der äußeren Arbeit fort, wo die ungleichen Lebensverhältnisse, welche die männliche und weibliche Arbeitskraft erfährt, nicht immer so ungerecht sind, wie sie scheinen, zum Teil freilich auch sind.

Seit dreißig Jahren habe ich versucht mir einen klaren Begriff von der Frauenfrage zu bilden, in der mein Gefühl stets die Richtung eingeschlagen hat, welche diese Schrift und jeden öffentlichen Ausspruch von mir kennzeichnet. Und während dieses Zeitraumes habe ich, nicht von den Feinden unter den Männern der Frauenbefreiung, sondern von ihren Freunden – innerhalb des Staatsdienstes, der Geschäftswelt, der Bank- und anderer Geldinstitute – ungefähr das Urteil gehört, welches sich am besten in einer Äußerung eines auf diesen Gebieten hervorragenden Mannes zusammenfassen läßt. Er hatte mit Wärme der Ansicht Stuart Mills von der Gleichheit der Geschlechter gehuldigt. Die Erfahrung aber zwang ihn zu dem Schlußsatz: daß die Arbeit der Frau sich in der Pflichttreue und in der Ordnung auszeichnet, daß sie bis aufs genaueste das ihr Zugewiesene ausführt, daß sie aber nicht die Kraft der Initiative des Mannes, das tiefere Interesse für die Arbeit besitzt.

Während der Mann sich öfters von einer untergeordneten Stellung zu einer höheren emporschwingt durch seine Wachsamkeit seines gewissermaßen schaffenden Triebes, verbleibt die Frau meistens in der untergeordneten Stellung, weil sie dieser Triebkraft entbehrt. Von zehn jungen Männern, welche die Wahl hätten zwischen zwei gleich hochbesoldeten Stellungen, von denen aber die eine mühsamer und verantwortungsvoller wäre, die andere weniger anstrengend aber auch weniger interessant, würden die neun die erste Stellung wählen, während von zehn jungen Mädchen die neun sicher die letztere wählten.

So hat auch ein Disponent für eine der größten Fabriken Schwedens mir die Mitteilung gemacht, daß er noch nie ein einziges Mädchen gefunden, welches so weit gekommen, daß sie die Mechanik der Maschine, die sie wie ein Automat bedient, begriffen hätte. Hingegen sei es kaum passiert, daß nicht ein Junge – mit ganz derselben Volksschulbildung wie das Mädchen – binnen kurzem die Art der Zusammensetzung der Maschine, mit der er zu thun hat, und ihre Thätigkeit begreift.

Man könnte viele solche Beispiele anführen. Sicherlich lassen sich auch dagegen Einsprüche thun, vor allem kann man mir die Frauen aufzählen, welche mit regem Interesse und schaffender Kraft ihre Arbeit ausführen. Auch kann man darauf hinweisen, daß Frauen in Geschäften, Banken usw. zuerst in untergeordneten Stellungen gegen geringen Lohn angestellt werden, daß ihnen dort vorbereitende Arbeiten angewiesen werden, welche nur indirekte Verantwortung erheischen, deren Früchte nie sichtbar werden, eine Arbeit, die auf die Dauer geisttötend und mühevoll ist. Der in solcher Weise Arbeitenden wird dann oft noch immer mehr Arbeit aufgebürdet, sie nutzt sich ab gegen geringen Verdienst und verliert sowohl Zeit als Kräfte, die sie hätte gebrauchen können, um sich in das Geschäft als Ganzes hineinzuversetzen oder um die Eigenschaften zu entwickeln, durch welche ihre Arbeit den höheren, persönlicheren Wert hätte erreichen können, den die Arbeit des Mannes besitzt.

Aber selbst wenn man nicht die hervorragenden Ausnahmen übersieht und auch nicht das Gewicht der eben angeführten Einwendung leugnet, so bleibt doch das Faktum zurück, daß die Mehrzahl der Männer sich gerade durch solch geisttötende, mühevolle Beschäftigungen hindurcharbeiten müssen, ehe sie zu einer einflußreicheren Stellung kommen. Vermag der Mann es nicht, durch diese Beschäftigung hindurch zu dringen, dann bleibt er, ebenso gut wie die Frau, in der Stellung, wo die Gewissenhaftigkeit den Ausschlag giebt. Daß es dem Manne öfter gelingt vorwärts zu kommen, kann ja zum Teil auf der männlichen Kameradschaft beruhen. Im allgemeinen aber liegt doch die Ursache davon tiefer, nämlich in dem großen Grundgesetz, nach dem die Verteilung zwischen den männlichen und weiblichen Kräften nun einmal geschehen ist.

Während der ganzen Jugend des Weibes ist der Traum vom eigenen Heim die Unterströmung in ihrem Dasein. Dafür verläßt sie sowohl ihre Studien als ihre Beschäftigung, wenn sie wohlhabend genug dazu ist. Und sie handelt dabei in voller Übereinstimmung mit ihren Glücksinstinkten, während ein Mann, indem er so handelte, allen seinen Glücksinstinkten ins Gesicht schlagen würde. Und in den meisten Fällen verlassen die Frauen ihre Thätigkeit nach außen ohne Entbehrung, denn nur selten empfinden sie Liebe für die Arbeit als solche, es sei denn in den Fällen, wo sie den Beruf der Lehrerin oder der Ärztin gewählt haben. Die meisten von ihnen haben ihre Beschäftigung erwählt, um zu verdienen, andere aus Thätigkeitsbedürfnis. Sehr wenige nur sind durch eine so ausgesprochene Neigung in eine Bank z. B. oder in ein Kontor getrieben worden, daß ihre Beschäftigung zugleich ein Ausdruck für ihre Persönlichkeit wurde. Für die Männer – und es sind ihrer viele – welche sich in einem ebenso unpersönlichen Verhältnis zu ihrer Beschäftigung befinden, hat es doch den Reiz, daß ihre Arbeitstüchtigkeit in der Regel ihnen ermöglicht, ein eigenes Heim zu gründen. Da aber die Frau im Gegenteil ihre Beschäftigung meistens nach der Heirat verläßt, so wird die notwendige psychologische Folge davon diese sein: der Beruf bedeutet in Wahrheit sehr viel weniger für sie, und: ihr persönliches, innerstes Leben wird sie außerhalb desselben leben.

Wenn man von den Fürsprechern der Frauensache die Forderung aufstellen hört, die Frau solle dazu erzogen werden, männlicher, energischer zu werden, ganz und gar in ihrer Arbeit aufgehen zu können, dann haben sie recht, insofern als es nicht wegzuleugnen ist, daß der Tand und die geistige Flüchtigkeit der Frauennatur es größtenteils sind, welche der Tauglichkeit der Frau auf den männlichen Arbeitsgebieten im Wege stehen. Aber gerade bei der Frau, die am meisten frei von diesen Schwächen ihres Geschlechts ist, findet sich oft ein desto größerer Fond von echt weiblichen Wesensbestimmungen. Und im Falle diese weder in den Lebensverhältnissen noch in der äußeren Arbeit zum Ausdruck kommen, werden sie sie unfehlbar zu einem, der Arbeit weniger hingegebenen, in der Arbeit passiveren Geschöpf machen als der Mann ist. Und wenn allmählich diese echt weiblichen Wesensbestimmungen durch die äußeren Arbeitsinteressen abgeschwächt werden sollten, so wird man die Frauen nach einer Richtung hin verändert haben, die schicksalsschwer werden kann in Bezug auf das Glück in den Ehen, welche sie schließen werden.

»Da haben wir endlich der langen Rede kurzer Sinn!« werden uns hier die Frauenrechtlerinnen entgegnen. »Wir sollen zum alten, erniedrigenden Standpunkt zurückkehren, nach dem es unsere Pflicht war, eingesperrt in ›der stillen Welt des Heims‹ zu sitzen und auf einen Mann zu warten.«

Man sollte meinen, in einer Zeit, wo der Kampf ums Dasein eine solche Höhe erreicht hat, daß die Mehrzahl der Frauen die Wahl hat, entweder zu hungern oder irgend welche Arbeit zu ergreifen, würde diese Ansicht keinem denkenden Menschen mehr zugetraut werden können. Am allerwenigsten denen, die wie ich an eine Zukunft glauben, in der kein einziges Mitglied der Gesellschaft sich der Arbeitspflicht mehr entziehen darf. Ohne zu arbeiten erreicht die Frau ebensowenig wie der Mann eine allseitige, intellektuelle und ethische Entwickelung, und die Frau bedarf deshalb der Arbeit weit mehr, als die Arbeit der Frau bedarf. Die zur Arbeit untaugliche Frau gerät immer in irgend ein erniedrigendes Abhängigkeitsverhältnis, und das erniedrigendste ist die Ehe, aufgefaßt als Versorgung. Die arbeits- unlustige Frau füllt die Leere ihres Lebens aus mit einem Kultus des Dilettantismus, der Bagatellen und Abenteuer, von denen das gefährlichste die Ehe ist, aufgefaßt als Zeitvertreib.

Ich wende mich also nicht gegen die Arbeit der Frau. Aber was ich sagen möchte – und in einer zugespitzten Form, nicht um zu verletzen, sondern um gehört zu werden – ist folgendes: es ist ein großer Irrtum der Frauenemanzipation gewesen, daß sie das Hauptgewicht auf die Arbeit der Frau gelegt und nicht auf ihr Arbeitsgebiet. Das Vermögen einer Arbeit, die Entwickelung eines Menschen zu fördern und ihn zu beglücken, steht im Verhältnis zur Übereinstimmung mit der Natur des Arbeitenden, und ganz dasselbe thut die Brauchbarkeit der Arbeit. Und aus diesem Grunde hat man wohl Veranlassung die Besinnungslosigkeit zu bedauern, womit die Frauen sich in Lebensbahnen hineinbegeben, auf denen sie ihre weibliche Gestaltungsart nicht verwerten können, und auf denen sie daher mittelmäßige Werte hervorbringen, nicht zu eigener Freude und zu geringem Nutzen für die Gesellschaft. Ich bedaure die Frauen, welche nicht wählen können, sondern aus Brotnot gezwungen sind die erste beste Arbeit zu ergreifen, die sich anbietet, wie wenig Neigung sie auch dazu verspüren. Aber ich richte mich gegen die Frauen, welche sich, völlig frei, ihren Lebensberuf aussuchen können, und die dennoch mit keinem Gedanken daran denken, so zu wählen, daß das Weibliche in ihrer Natur in der Arbeit Verwendung findet. Die Frau auf naturgemäße Arbeitsgebiete hinzuleiten – das hätte das Hauptinteresse der Frauensache sein müssen, statt dessen aber weist man die Frau in kritikloser Weise auf jedes männliche Arbeitsgebiet.

Die Natur korrigiert zwar jeden Mißbrauch der Freiheit, aber sie korrigiert ihn langsam und in ernster Weise. Die Frauen würden mehr als einer schmerzlichen Zurechtweisung aus dem Wege gehen, wenn sie anfingen einzusehen, daß das Leben in Wahrheit keinen Gebrauch hat für ihre Arbeiten auf den Gebieten, wo sie dieselben nur in geringerem Werte als die Männer hervorbringen, sondern vielmehr auf denen, wo sie größere Werte hervorbringen. Glückt es ihnen solche Gebiete zu finden, dann giebt die Arbeit ihnen auch eine reichere Entwickelung und durch den volleren Gebrauch ihrer innersten Kräfte, ein größeres Arbeitsglück. Das volle Glück besteht in der vollen Entwickelung aller Möglichkeiten unseres Wesens zu dem damit beabsichtigten Zwecke. Und obgleich dieses volle Glück sich zwar nicht nach eigenem Gutdünken des Weibes erreichen läßt, so kann sie doch durch die Wahl ihrer Arbeit dem Glücke näher kommen, als wenn sie sich irgendeine Verrichtung aussucht, die sie zwingt viele ihrer weiblichsten Eigenschaften in sich zu verschließen, ja, sie zu unterdrücken, und die sie allmählich durch die zu großen Arbeitsmühen verdorren, ja zugrunde gehen läßt. Denn es darf nie vergessen werden, daß sie weder physisch noch psychisch imstande ist, solch große Arbeitslasten zu bewältigen, abhängig wie sie, unter allen Umständen, von den Bestimmungen ihres Geschlechts ist.

Aus dem tiefsten Naturgrunde der Frau quellen noch andere Eigentümlichkeiten, welche dazu beitragen, die Energie in ihrer geistigen Produktion, sowie auch in ihrer Arbeit nach außen hin zu hemmen. Die Frau wird ebensogut wie der Mann in ihrer Produktion von mangelhafter Ausbildung, von ausbleibender Inspiration, von fehlendem Selbstvertrauen, gelähmt. Sie, wie er, kann durch eine zufällige Mißstimmung oder Zerstreuung gehindert werden. Aber während die Frau also an derselben Ohnmacht wie der Mann zu leiden hat, entbehrt sie daneben sehr oft der Kraft, in den unproduktiven Zeiten ihr ganzes Wesen auf die Arbeit einzusetzen. Er vermag dann jede Widerwärtigkeit, jede Entbehrung zu tragen: er jagt dem Ziele nach ohne Rücksicht auf die Gefühle, welche er zertritt, er geht ganz auf in der Leidenschaft für sein Werk, seine Entdeckung, seinen Plan. Die Frau hingegen ist oft zu platonisch in der Liebe zu ihrem Werke, gerade weil sie so stark aktiv ist in ihren persönlichen Verhältnissen. Sie muß tausend kleine Dienstleistungen verrichten, tausend kleine Freuden bereiten und bedarf selber einer Menge kleiner Annehmlichkeiten und Erheiterungen. Sie kann die Blumen auf ihrem Arbeitstische nicht entbehren, sie kann nicht übersehen, was Takt und Geschmack erheischen, nicht die Gefühle anderer verletzen, ebensowenig wie die eigenen, dadurch, daß sie einen Strich macht durch die Rücksichten auf »Anstand und Würde«. Mit einem Worte: der Mann sammelt seine Energie zu einer ganzen Zahl, die Energie der Frau wird eine Bruchzahl, welche oft bis in die Milliontenteile zerkleinert ist.

In meiner Jugend habe ich oft über diesen Gegenstand nachgedacht, unter anderem auch bei einer Anekdote von Arne Garborg. Dieser hatte sich sehr lange damit abgemüht, die Bettdecke in seinem Studentenzimmer nett übers Bett zu breiten, aber vergeblich. Schließlich brach er in die Worte aus: das ist doch sonderbar von der Natur eingerichtet, man muß Weib sein, um die Decke über das Bett breiten zu können!

Und wenn sich auch viele Männer besser zu helfen wissen als der norwegische Dichter, so ist es doch sicher, daß der Sinn fürs Detail – der zum Kleinlichkeitssinn ausarten kann – bei den Frauen auf Kosten ihres Gefühls für das Ganze entwickelt worden ist, wie umgekehrt das Gefühl für das Ganze bei den Männern auf Kosten ihres Detailsinnes entwickelt ist. Sollte die Frau, während einer starken und anhaltenden Konzentration auf öffentliche Arbeit, ihren Sinn für Einheitlichkeit, Ganzheit stark entwickeln, würde sie sehr wahrscheinlich ihre Geschicklichkeit verlieren in den vielen kleinen Dingen, durch die sie das Heimatsgefühl schafft. Und das Dasein würde an Wärme verlieren, wenn es an Licht gewänne.

Zu den für das Heim unentbehrlichen Dingen können freilich geschmacklose Dekorationsarbeiten, unnützer Luxus im Leinenschrank oder sklavische Erfüllung konventioneller Gesellschaftspflichten, nicht gerechnet werden. Je eher die Frauen aufhören, ihre Kräfte durch die Beschäftigung mit so vielem Überflüssigem zu zersplittern, je besser für das echte Behagen wie für die echte Schönheit.

Was sie dagegen zu bewahren bestrebt sein müssen, das ist ihre Fähigkeit für jene Art von Fürsorge, die das Herz wahrhaft zu stärken, die Lebensfreude zu erhöhen und die Schönheitseindrücke zu steigern vermag. Diese Fürsorge aber erheischt eine elastische Wachsamkeit und viel freie Zeit, und daraus folgt, daß die entkräftete Arbeitssklavin oder die leidenschaftlich in Anspruch genommene Künstlerin sie in der Regel nicht ausüben können.


* * *


Um das oben Gesagte zusammenzufassen, so hat uns also die Erfahrung folgendes gelehrt: solange die Berufsarbeit für die Frau nicht das zentrale, sondern das peripherische Interesse ist, solange behält sie während der Arbeit ihre weiblichen Eigentümlichkeiten und die Arbeit wird dann, in der Regel, von sekundärem Wert sein. Soll sie andererseits erster Klasse werden, müßte sie denselben Platz im Leben des Mannes einnehmen. Und nimmt sie diesen Platz ein, so wird auch allmählich die Folge davon sein, daß der Frauentypus physisch wie psychisch modifiziert wird. Für die moderne Wissenschaft wird dann das alte Gerede von der Weiblichkeit, die durch die Emanzipation verloren geht, in Wahrheit nicht nur ein beschränktes Vorurteil. Wenn die Frau, ganz wie der Mann, buchstäblich und geistig die Tür hinter sich schließt, sich blind und taub macht gegen alle jene feinen Nuancen und Halbtöne des Lebens, für welche sie jetzt einen so offenen Sinn besitzt, wenn sie gleich dem Manne den Lebensverhältnissen den zweiten Platz und dem Lebenswerk den ersten in ihrem Herzen giebt – ja, dann hat die Modifikation stattgefunden, die man unglaublich fand, als sie uns vom eigenen Großvater vorausgesagt wurde, die aber bedenklich genug wird, wenn sie als folgerichtige, psychologische Erscheinung an uns herantritt.


V.

Aus allem geht klar hervor: je geistiger begabt eine Frau ist, je tiefer wird auch der tragische Dualismus in ihrem Dasein.

Verheiratet sie sich, treten die angedeuteten Konflikte zwischen Gefühl und Arbeit ein. Bleibt sie unverheiratet, kann sie sich allerdings ihrer Produktion freier hingeben, aber diese verliert qualitativ, was sie selber an Entwickelung und Lebensgefühl verliert.

Und des Lebensgefühles, der starken und tiefen Eindrücke, bedarf ja gerade der schaffende Künstler vor allem. Aber die Frauen, auch die verheirateten, entbehren diese Eindrücke oft in hohem Grade. Hier entschleiert sich ebenfalls schon früh der tiefe Unterschied zwischen der Natur des Mannes und der des Weibes. Der Knabe zeigt im Spiel die Neigung seines Geschlechts, das Neue zu prüfen, zu abenteurern und zu erfinden, und diese Sinnesart ist es, welche unverständige Mütter oft an ihren Knaben als Unart und lästigen Übermut verurteilen. Das Mädchen dagegen verfällt selten auf mutwillige Streiche; sie begnügt sich damit, aus der Ferne es dem Bruder nachzumachen.

Wenn der geniale Mann von seinen menschlichen Leiden und künstlerischen Instinkten dazu getrieben wird, die Höhen und Tiefen des Lebens zu messen, sich in alle Lebenssphären hinein zu stürzen, passiert es ihm nicht selten, daß er auch jene Sphäre tangiert, welche unser Bellmann in der Strophe schildert:


»Hier liege ich im Rinnstein
Und betrachte meine alten Schuh'!«


Die weiblichen Genies werden selten in einer ähnlichen Situation angetroffen.

Aber andererseits sind es auch nur Männer, welche die Fahrten zwischen Inferno, Purgatorio und Paradiso gemacht haben.

Besäße nicht der männliche Übermensch seine intensive Sinnlichkeit, seine dämonische Tiefe, seine Verwandtschaft mit Lucifer und Prometheus, so wäre er nie groß geworden als Religionsstifter oder Denker, als Dichter oder Prophet. Die ethischen Instinkte, welche den Umfang der weiblichen Lebenssphäre, die Mannigfaltigkeit ihrer Lebenseindrücke verringern, sind es auch, welche die Intensität ihrer genialen Inspiration abschwächen.

Während der Mann seine Stärke und Schwäche hat in der Abhängigkeit von dem, was die Bibel den »Teufel und unser eigen Fleisch« nennt, hat die Frau ihre Stärke in der Abhängigkeit von dem dritten großen Feinde der Seele: der Welt. Mit dieser Abhängigkeit hängt das Konventionelle der Frau zusammen, ihre Nachgiebigkeit dem Schein und der Äußerlichkeit gegenüber. Hiermit hängt aber wiederum ihre Macht zusammen, die Sitten zu bilden und zu befestigen.

Es wäre zum Schaden für die Kultur, wenn die Frauen von dieser ihrer Sinnesart abließen, und wenn sie sich dadurch auch der künstlerischen Höhe des Mannes nähern sollten.

Die Frauen, welche ein sehr ungebundenes Leben geführt haben, sahen früher oder später ein, daß ihr innerstes Wesen nicht in Harmonie mit diesem Leben gestanden, welches das Gefühl verletzte, das das tiefste Pathos des Weibes ausmacht – das Wort in der antiken Bedeutung von Leidenschaft sowohl als Leiden aufgefaßt – die Mütterlichkeit. Es ist die Mütterlichkeit, welche bei jeder Frau, deren Liebe wirklich Wert besitzt, schon in ihrem erotischen Gefühl die Zärtlichkeit größer werden läßt, als die Leidenschaft. Die instinktive Zärtlichkeit für die neuen Lebewesen – die geborenen sowie die ungeborenen – ist es, welche in der unbewußten Tiefe der Frauennatur die Keuschheit und die Treue entwickelte. Selbst wenn es den Schein haben sollte, als widerspräche die Handlung einer Mutter zum Beispiel, welche ihre Kinder für ihre Liebe verläßt, diesem, so zeigen die darauffolgenden Konflikte aufs deutlichste, daß die Ausnahme selber die Regel bekräftet. Ja, es ist die, das ganze Wesen durchbebende Gewißheit, daß die große Liebe eines ist mit der »Heiligkeit der Generation«, welche die Frau antreibt der Mahnung dieser Liebe zu folgen, selbst wenn sie dadurch das Schicksal der kleinen Seejungfrau2 auf sich nehmen sollte, durch deren Geschichte die Ahnung, daß die große Hingabe jeden Schritt auf Messerschneiden thut, sich wie eine purpurfarbene Wolke über den Himmel der Kinderphantasie zog. Es ist die Mütterlichkeit, welche auf dem erotischen Gebiet die Frau dem Manne ebenso genial überlegen gemacht, wie er ihr intellektuell überlegen ist. Der größte Gewährsmann auf diesem Gebiete, Goethe, verkündet, daß


»Wahre Liebe ist die, die immer sich gleich bleibt,
Wenn man ihr alles gewährt, wenn man ihr alles versagt.«


Und die größten Dichter der Liebesschicksale, Shakespeare, Goethe und Turgenjeff haben ein solches Gefühl fast nur durch Frauen offenbar werden lassen.

Aber die größten Dichter haben, neben den Frauen, Jahrhunderte hindurch zugleich den erotischen Idealismus des Mannes entwickelt, den einzigen Weg, auf dem man ein tiefes Glück im Verhältnis zwischen Mann und Frau erreichen kann. Es sind nicht die für die Mannigfaltigkeit und die geheimnisvollen Tiefen des Lebens blinden Sittlichkeitsfanatiker, welche das Problem lösen werden. Aber ebensowenig die Alltagsklugen, welche ihren idealistischen Mitschwestern den Rat geben möchten, ihre Ansprüche auf die Innigkeit, die Treue und das sympathische Zusammenleben in der Ehe, auf die Schönheit in den Lebensgewohnheiten im gemeinschaftlichen Heim, auf die Feinheit in den Ausdrucksmitteln des Gefühls, nicht zu steigern.

Sie raten dadurch zu einem unerhörten Mißbrauch der Frauenkraft. Denn, was die Frau lernen sollte, das ist, ihre Ansprüche mit größerer Anmut und Weisheit zu stellen, mit größerer Rücksicht auf die Sinnesart des Mannes. Niemals aber darf sie ihrer Aufgabe untreu werden, bei sich selber und dem Manne das Gefühlsleben zu verfeinern. Von der Perfektibilität auf diesem Gebiete liefert die Geschichte der menschlichen Bildung, sowie die Weltlitteratur – auf der man die Steigerung von Jahrhundert zu Jahrhundert verfolgen kann – einen so entscheidenden Beweis, daß jegliche Skepsis auf diesem Punkte nur Vorurteil und Unwissenheit ist. Dank der Möglichkeit, ihr Brot selbst zu verdienen, sündigen die Frauen heutzutage seltener dadurch, daß sie eine Ehe gegen ihr innerstes Wesen eingehen. Sie thun es aber häufig dadurch, daß sie ihr ganzes Wesen nicht mit in die Ehe hineinnehmen. Die Frauen schließen die Ehe oft mit einer durch Überanstrengung, Ehrgeiz, Studienpedanterie oder Selbstanalyse unterdrückten Weiblichkeit: das Herz oder die Seele oder die Sinne geben sich halb. Und doch besitzt die Frau nur durch die Ganzheit ihrer Hingabe Macht, das Glück hervorzubringen und es zu empfinden.

Jetzt mehr denn je müßten die Frauen ihre ganze Macht anwenden, um in der Ehe durch eine bald gebende, bald fordernde Zärtlichkeit, die »Selbstbehauptung der Frau unter Selbsthingabe« zu verwirklichen. Das Zusammenleben zwischen den geistig entwickelteren Frauen der Jetztzeit und den gefühlsverfeinerteren Männern muß nämlich neue Formen annehmen. Und es wird Sache der Frau sein, diese freieren, aber eben durch die Freiheit festeren Formen auszubilden.

Der Ernst dieser Aufgabe, welche die Zukunftskultur der Frau stellt, macht es beunruhigend, zu beobachten, wie viele der Frauen es übersehen, daß ihre befreiten Kräfte, ihre ausgeprägtere Individualität, ihr waches soziales Gefühl, ihre größere Bildung, ihr erweiterter geistiger Gesichtskreis – daß das alles ein größeres Ziel hat, als die Gleichstellung mit dem Manne zu bezwecken in den Fällen, wo die Natur ihn stärker ausgerüstet hat, und wo die Frau nicht zum Manne emporreichen kann, ohne als »Weib« zugrunde zu gehen.


VI.

Daß Ganzheit und Fülle in allen persönlichen Verhältnissen – und vor allem im ehelichen – von größter Bedeutung, besonders für die Produktion der genialen Frau ist, erhellt daraus, daß sich unter den großen weiblichen Genies des Jahrhunderts nicht eines findet, von dem man nicht beweisen könnte, daß die stärksten Wogen der Eingebung, mit den Wogen des Blutes, durch das Herz gegangen sind. Die mit künstlerischer und dichterischer Schaffenskraft begabten Frauen haben auch in Bezug auf die Erotik am meisten bekommen und am meisten genommen. Ihr Gefühl hat ihre Genialität vertieft, ihre Genialität hat ihr Gefühl erhöht und vertieft, und ihre Seelen- und Herzkräfte haben nur dann aufgehört sich gegenseitig zu vervielfältigen und zu steigern, wenn sie es versuchten, die Begrenzung zu sprengen, der sie, wie alle Wesen, unterworfen waren.

Das geheimste Urteil des Weibes über den Mann ist folgendes: nur unter der Bedingung hätte er ein »Erfolg« werden können, wenn Eva zuerst erschaffen und später bei der Erschaffung Adams zu Rate gezogen wäre. Die weiblichen Verfasserinnen suchen öfters den ursprünglichen Irrtum zu korrigieren, indem sie ihre Männer nach dem Ebenbilde des Weibes erschaffen.

Es ist aber auch nicht dieser Teil ihrer Werke, welcher die Ursache ist, daß Madame Staël, George Sand, Charlotte Bronté, George Elliot, E. B. Browning und noch einige andere, nach ihrem Tode leben.

Dieses ihr zweites Dasein wird von der Intensität in dem Leben, welches sie als Frauen einmal lebten, genährt, so wie auch von ihrem Mute, dieses ihr innerstes Wesen mitzuteilen – demselben Mute, welcher Eleonora Duse zu der einzig dastehenden, modernen Künstlerin macht, deren Offenbarungen vom Wesen des Weibes tief sind wie diejenigen der größten Dichter.

Und wollen die Frauen auf dem Gebiete der Kunst und der Litteratur die weibliche Originalität geltend machen – müssen sie die Scheu überwinden, ihre Perlen vor die Sorte Kritiker zu werfen, vor denen Jesus von Nazareth warnte.

Selber verachtete er die Warnung, wie jeder große Geist. Aber den Frauen im allgemeinen fehlt es noch sehr an diesem »Volltönenden« der Individualität, dem stolzen Beruhen auf sich selber, welches den strahlenden Mut zur Selbstmitteilung verleiht, aller Roheit und Mittelmäßigkeit zum Trotz. Auch in dieser Beziehung werden die Frauen vergebens die Höhe des Mannes anstreben, ohne denselben Weg gehen zu müssen wie er: die Kunst hat ebensowenig wie die Wissenschaft einen Frauenweg. Die Behauptung, das Feine, Abgetönte, Diskrete innerhalb der Kunst sei gerade der besondere Ausdruck für die Frau, zeigt nur an, daß man die männliche Kunst nicht gehörig kennt, denn dort kann man dasselbe »Weibliche« bis zum höchsten Grade entwickelt finden.

Der Stil wird wie die Persönlichkeit, denn Stil ist intensive und konzentrierte Selbstmitteilung. Stil ist – in meinen Handlungen wie in meinen Werken – ein anderer Name für Mut. Solange die Frau das starke Wort, das persönliche Bekenntnis, die nackte Natur, fürchtet, solange bleibt sie ein Echo und wird keine Stimme. Und dieses schwache Echo ihrer eigenen Stimme ist es, welches die Männer nicht lieben. Sobald aber eine Frau wirklich mit eigener Stimme ihre eigenen Gefühle fürs Leben und die Menschen, für die Natur und Kunst ausspricht, zeigen sich die Männer als willige, wenn auch ungeübte Zuhörer; der Mangel an Übung freilich führt es mit sich, daß sie zuweilen das echt Weibliche mit dem Damenhaften verwechseln.

Die Frau, welche nicht ihre Geistesfrucht ebensowohl wie ihre Leibesfrucht mit ihrem Blute ernährt, welche nicht ebenso fähig der Entsagung ist, ebenso rücksichtslos Gefahren gegenüber wird, wenn es das Leben ihres Werkes gilt als das Leben ihres Kindes, ist nicht berufen auf dem geistigen Gebiete zu gebären. Und – wenn sie arbeiten muß – sollte sie, lieber als selber zu dichten, mit der Feder wirken, um die Aneignung und das Verständnis der bedeutenden Werke anderer zu fördern, lieber sich dekorativen Aufgaben widmen als selbständig innerhalb der Kunst wirken; lieber Amanuensis werden bei dem Gelehrten, als für eigene Rechnung mit wissenschaftlichen Untersuchungen sich abgeben.

Eine solche Frau, mit schwacher Produktionskraft, aber mit großen Interessen und reicher Intelligenz, und die zugleich unabhängig von äußerer Arbeit ist, mißbraucht ihre Kräfte, im Falle sie sie nicht als Vermittlerin der Kulturwerte anwendet.

Wenn man den Einfluß vergleicht, den die Frau besaß, als sie die Salons schuf und die Briefwechsel unterhielt, in denen die Litteraturkritik jener Zeit zum großen Teil ausgeübt wurde, mit dem Einfluß, den sie jetzt besitzt, so fällt der Vergleich schlecht aus für den Schluß unseres Jahrhunderts. Besonders wenn man ihn mit den Schluß des vorhergehenden mißt, wo der vermittelnde, alles durchdringende, geschmeidige, zusammenhaltende Einfluß der Frau eine Großmacht war. Was die Kultur dabei gewonnen, kann man durch ein einziges Beispiel darlegen. Hätten sämtliche weiblichen Romane und Gedichtsammlungen in der deutschen Litteratur nie das Tageslicht gesehen, so besäße dennoch die Litteratur dasselbe Gepräge und dieselbe Bedeutung, die sie jetzt besitzt. Könnte man sich aber den Einfluß einer Rahel Varnhagen fort denken, so würde auch mehr als eine Erscheinung anders gewesen sein.

Freilich muß man zugeben, daß Frauen mit einer solchen Tiefe des Verstandes, einer solchen Kraft der Inspiration, wie eine Rahel, geboren werden wie andere Genies, und es nicht in unserem Willen liegt eine Rahel zu werden. Aber mehr als eine Rahel verfaßt heutzutage mittelmäßige Schönlitteratur. Gehetzt von dem Kampf ums Dasein oder vom Ehrgeiz und der Konkurrenz gegen die Männer, hat die Frau, mit oder gegen ihren Willen, ihrem Platz als Friedensstifterin und Wunderheilerin entsagt, um selber in den Kampf zu gehen und Wunden zu empfangen. Und es ist eine alte Wahrheit, daß wenige durch Wunden schöner werden. Das Kulturleben der Jetztzeit ist auch im hohen Grade dadurch verläßlicht worden, daß man die geistige Grazie bei den Frauen so sehr vermißt, ihr früheres, uneigennütziges, edelmütiges Interesse für die Wissenschaft, die Kunst und Litteratur, dies Interesse, diese mütterliche Sympathie, welche eine sonnige Wärme schuf, in der die Früchte der Kultur an Saft und Duft gewannen.

Die unparteiische Teilnahme der Frau milderte den Parteisinn und die Selbstkonzentration, welche jetzt herrschen, seitdem die Frauen es nicht länger als ihre Aufgabe auffassen, die Wortführer der geistigen Interessen zusammen zu halten und den gesellschaftlichen Ausdruck des Kulturlebens zu verfeinern. Kaum eine versteht heutzutage Zuhörerin zu sein, sehr wenige verstehen es mit der Anmut früherer Zeiten zu erzählen und die inhaltsreichen, anregenden Meinungskämpfe, in denen die Klingen blitzten ohne zu verwunden, gehören jetzt der Vergangenheit an.

Und vor dieser, wie vor so vielen anderen Folgen der befreiten Frauenkraft steht man mit der Frage:

»Hat die Kultur wirklich so viel gewonnen durch die direkte Arbeit der Frauen innerhalb derselben, daß es die Abnahme ihres indirekt befruchtenden Einflusses aufwiegen kann?«


VII.

Ich habe vorhin erwähnt, daß die Frau in den reproduzierenden Künsten und in der Philanthropie volle Gleichstellung mit dem Manne erreicht habe. Und sie hat es gerade dadurch erreicht, daß sie ihre weiblichen Eigentümlichkeiten nicht zu unterdrücken brauchte, sondern im Gegenteil auf diesen Gebieten volle Verwendung dafür fand, obgleich ihr natürlicherweise hier dieselben Konflikte zwischen ihren privaten Verhältnissen und ihrer öffentlichen Wirksamkeit entgegen traten, wie auf allen anderen Bahnen.

Bedenkt man aber, in welcher Weise die Frauen auf dem Felde der Philanthropie ihre Kräfte anwenden, so findet man, daß auch dort vielfach Mißbrauch herrscht, insofern das Mitgefühl und Rechtsgefühl, welches die Frauen eingesetzt haben um das Leiden zu lindern, besser angewandt wären in Bestrebungen ihm vorzubeugen. Man mag die Wohltätigkeit noch so gut organisieren und ausüben, das Elend wird immer bleiben, solange die Arbeitslosigkeit überhaupt eintreten kann; man mag den Schandfleck der gesetzlich geschützten Unsittlichkeit abwaschen – die Prostitution wird dennoch bleiben, solange zahllose Frauen der niederen Stände für einen Wochenlohn von wenigen Kronen eine Körper und Seele verzehrende Arbeit verrichten müssen; solange die Ehe unerreichbar ist für zahllose Männer und Frauen und es immer mehr wird, je häufiger die Frauen, von der Brotnot gezwungen sind in den Kampf ums Dasein als Konkurrenten des Mannes einzutreten. Es wird erst einer neuen Kulturepoche bedürfen, welche neue soziale Verhältnisse schafft, ehe diese und andere böse Folgen des jetzigen Systems beseitigt werden können.

Dann werden auch durchgreifende Änderungen in der häuslichen Ökonomie stattfinden, damit diese in Zukunft nicht so viele Frauenkräfte zu verschlingen braucht ohne wesentliche Resultate für das häusliche Behagen, wenn man nämlich bedenkt, was sich durch kollektive Arbeitsmethoden erreichen ließe. Und erst dann wird der Staat über die Mittel verfügen, um den Frauen eine freie, volle Ausbildung ihrer verschiedenen Anlagen zuteil werden zu lassen. Je eher die Frauen einsehen, daß die Frauenfrage im innersten Kern eins ist mit der sozialen Frage, je besser sowohl für sie wie für die kommende soziale Neubildung, von der Mirabeaus Worte am Anfang der französischen Revolution gelten:

»Wenn die Frauen nicht mithelfen, wird nichts geschehen!« – – –

Die Schule und die Erziehung ist naturgemäß das rechte, eigentlichste Arbeitsfeld für die weiblichen Kräfte, aber fast auf keinem Gebiete werden die Frauen so gehemmt als hier, durch Übertragung des männlichen Systems auf die weiblichen Lehranstalten. Freilich haben bei uns zulande oft weibliche Hände neue Lappen an das alte Gewand geflickt, aber das Gewand selbst in die Rumpelkammer zu tragen, dazu hat ihnen der Mut gefehlt. Ich kann hier nicht näher auf einen Gegenstand eingehen, über den sich Bände schreiben ließen. Der Zustand der Schule zeigt uns übrigens das entschiedene Unvermögen in Bezug auf selbständiges, neuschaffendes Wirken – und obendrein auf den Gebieten, die unserem Geschlecht am nächsten liegen – in hellster Beleuchtung.

Was die Erziehung im Hause betrifft, so bringen hier weiblicher Dilettantismus und weibliche Halbheit wohl ihre üppigsten Triebe hervor. Heutzutage sprechen die Mütter von der Erziehung und denken über die Erziehung nach und – verpfuschen sie in schlimmerer Weise, als in jenen Zeiten, wo die Kräfte der Mütter noch nicht befreit waren, wo die Mütter es noch verstanden zu Hause zu bleiben und ein behagliches und würdiges Heim zu schaffen, wo die Kinder zum großen Teil sich selber überlassen wurden, und ihre eigentliche Erziehung erhielten durch die guten, festen Sitten des Hauses, die stets die einzigen, tief wirksamen Erziehungsmittel gewesen sind und bleiben werden. Jetzt hat die Mutter tausenderlei Beschäftigung, und zugleich übt sie ihre zersplitterten Kräfte an – der Übererziehung ihres Kindes. Die Resultate werden freilich danach. Manche Mutter würde sich heutzutage der fehlerhaften Zeichnung in der Auffassung des Charakters ihres Kindes schämen, wenn sie sie in ihrem Gemälde erblickte; sie würde ihr Manuskript ins Feuer werfen, wenn sie so viel Unsinn darin fände, wie sie durch die Leitung ihrer Kinder ins Leben ruft und unvergänglich macht.

Solange es nicht zur Wahrheit wird, nicht bloß in Festreden und Zeitschriften, sondern im Leben, daß die Aufgabe der Mutter das wesentlichste Gebiet für die Kraftentfaltung der Frau ist, solange wird sie auch die Ausbildung für ihren Mutterberuf nicht erhalten – welche kein Maturum ersetzen kann!

Diese Ausbildung wird ihr klar machen, daß es keine Wissenschaft giebt, keinerlei künstlerische Produktion, die solche Forderungen an eine Frau stellt, so absorbierend ist, wie die wirkliche Erziehung eines einzigen Kindes. Sollen Körper und Seele des Kindes, sein Gefühl und sein Geist, die volle Entwickelung erhalten, deren sie fähig sind, so reicht oft die ganze Seele, das ganze Herz einer Mutter nicht aus für die Aufgabe. Sie müßte sich denn selber erziehen, und zwar in jeder Stunde ihres Lebens. Sie müßte auch den Vater ihres Kindes dazu erziehen, ihr Mitarbeiter zu werden, in ganz anderer Weise als die Väter es jetzt im allgemeinen sind. Auch müßte sie dar» auf hinwirken, daß die Schule zu etwas ganz anderem würde, als sie jetzt ist. Und endlich müßte sie mithelfen unsere Gesellschaft so umzubilden, daß in ihr die Kinder zu edler Menschlichkeit aufwachsen könnten.

Aber bisher hat sie kaum angefangen ihre frei gewordenen Kräfte diesen Aufgaben zuzuwenden.

 

VIII.

Nun noch Eines – der Friedensgedanke!

Gerade in Bezug auf den Friedensgedanken mehr als bei jeder anderen Gelegenheit konnte man erwarten, daß hier das Mütterlichkeitsgefühl die Frauen antreiben würde den ersten Schritt zu thun. Aber auch in diesem Falle sind es Männer gewesen, welche den Mut hatten an die Friedensbotschaft des Christentums zu glauben, Männer, welche freilich anfangs den anderen, wie die Apostel am Pfingstsonntag, von süßem Weine trunken schienen, zu denen sich jetzt aber einige von den ersten Geistern der Menschheit gesellt haben.

In Zukunft müssen wir nun aber unsere Hoffnung auf die Frauen setzen, in Bezug auf jene langsame Umbildung der Gefühle, welche in dieser Sache so unendlich wichtig ist, und ohne welche die äußeren Verhältnisse dem Völkerfrieden nie Festigkeit verleihen können. Denn das Christentum – das einst als starker Glaube, der die Welt besiegte, den Völkern die Botschaft des Friedens brachte – erweist sich jetzt als der schwache Glaube, der sich jeden Tag von der Welt und ihrem Unfrieden besiegen läßt. Jahrhundert auf Jahrhundert hat die Weihnachtsbotschaft »den Frieden auf Erden« verkündet, und das Gelübde ist getan, daß der Krieg mit Feuer und Schwert soll vertilget werden. Aber diejenigen, welche über diese Worte predigen, verschließen jetzt die Versammlungssäle vor der Botschaft des Friedens, und diejenigen, welche der Verkündigung in der Weihnacht lauschten, sprechen schon am Weihnachtstage von Kriegsgerichten und Militärvorlagen.

Die Frauen müssen also anfangen, ohne auf Hülfe von Seiten der Verkündiger des Christentums zu rechnen, für den Frieden zu arbeiten, sowohl die, welche im Glauben an den Friedensfürsten die Siegeskraft für sein Reich zu finden meinen, als die, welche glauben, daß die Menschheit in sich Kräfte genug besitzt, seine Friedensbotschaft zu verwirklichen. Die Frauen müssen sich von der hypnotischen Gewalt befreien, welche die Gewohnheit auf die Gemüter ausübt, die sie in den Glauben einwiegt, der Volkswille werde von blinden Naturkräften getrieben, gleich dem Meere, dessen wildem Rasen er oft gleicht. Möchten sie sich doch statt dessen klar machen: daß der Volkswille die Summe von dem Willen jedes Einzelwesens ist. Solange die Einzelwesen den Krieg lieben, wird er bestehen, und er wird aufhören, sobald sie ihn verabscheuen. Der Anfang zur Bildung des Volkswillens geschieht aber auf den Knien der Mütter! Die Mütter selber erziehen die Söhne zur Brutalität, solange sie nicht die Intelligenz und Geduld besitzen, wirkliche Erziehungsmittel zu finden statt der Gewaltmittel, welche beim Kinde die niedrigen Instinkte nähren, weil es dann einem Schwächeren die Schläge wieder giebt, die es selber empfangen hat. Ebenso schädlich ist es, die Neigung zum Militarismus aufzumuntern, und Äußerungen einer kleinlichen und engen Vaterlandsliebe zu loben. Möge statt dessen doch jede Mutter das Renommieren, die Kraftäußerungen der Roheit und des dummvermessenen Übermuts, einen jeden Sieg, der mit geballter Faust gewonnen ist, mit ihrer brennendsten Verachtung strafen, dagegen jeden edlen Streit zur Verteidigung eines Schwächeren mit ihrer zärtlichsten Liebkosung belohnen!

Auch möge sie nur nicht glauben, daß sie ihren Knaben anzufeuern braucht, sich für sein Land zu schlagen. Dadurch erweckt sie nur in seiner kindlichen Seele eine flammende Sehnsucht nach dem Kriege, damit er mit dem Erbfeinde eine Lanze brechen dürfe! Die Kampfeslust, welche das Christentum seit zweitausend Jahren nicht hat ausrotten können, die braucht wahrlich nicht durch die Worte der Mütter genährt zu werden; sie wird in dem Augenblick, da man ihrer wirklich bedarf, niemals fehlen.

Will aber die Mutter ihren Sohn lehren, sein Vaterland zu lieben, so möge sie ihn in der Natur dieses Landes aufwachsen und tief aus diesem Schönheitsquell trinken lassen; sie sättige ihn mit den Sagen und Liedern seines Geburtslandes, erzähle ihm von den friedlichen Großtaten seines Volkes, auch von dessen Kriegs- und Heldentaten, welche einst der höchste Ausdruck der Vaterlandsliebe waren: aber sie sage ihm dabei, daß dieses Ideal ein vergangenes sei, daß der höchste Ausdruck der Vaterlandsliebe jetzt das Streben und Leben für die Kultur seines Landes sei. Und schließlich möge sie die Liebe für das eigene Heimatland in innige Verbindung bringen mit der Liebe für Freiheit, Entwickelung und Menschenglück.

Ein Jüngling, der so erzogen ist, wird auch einst sein Land leidenschaftlich lieben. Sein Herz wird bei jeder Drohung gegen die Unabhängigkeit des Vaterlandes still stehen und wird höher geschwellt werden vor Freuden bei den Segnungen des Friedens. Sein Auge wird glänzen, wenn er im fernen, fremden Lande den Laut seiner Muttersprache hört; auch für ihn wird das Heidekraut röter leuchten auf dem Hügel, wo er als Kind gespielt, auch er wird in der Stunde der Gefahr freudig sein Blut vergießen für die heimatliche Erde, um jeden Fußbreit Landes zu verteidigen, um das Freiheitserbe seiner Väter und die Hoffnung der Zukunft zu schützen. Aber nie wird er, von einem falschen, oberflächlichen Patriotismus getrieben, imstande sein, ein anderes Volk zu überfallen, seine Freiheit zu verletzen und seine Entwickelung zu hindern.


* * *

Die Friedensbewegung, die soziale Neubildung, die Schule – diese brennendsten Fragen der Zeit stehen und warten auf die frei gewordenen Frauenkräfte, die dort in Übereinstimmung mit ihrer innersten Natur angewandt werden könnten, dieser Natur, deren Stärke gerade die ist:

daß für sie zwei und zwei niemals vier sind!

Oder mit anderen Worten: daß die Frau gegen alle Systeme und politischen Gründe der Männer, gegen ihre Statistik und Tabellen, ihre Schlußfolgerungen und Auseinandersetzungen, ihren eigenen Glauben, die Hoffnung und das Vorgefühl einsetzt: daß es viele Momente giebt, welche nicht in den Berechnungen einbegriffen sind, und daß sie sich deshalb als fehlerhaft erweisen werden.

Eine Frau3 hat ein tiefsinniges Wort ausgesprochen: daß das Bezeichnende für die beste wie für die schlimmste Frauennatur ihre Wildheit sei, diese mit der Urnatur tief verbundene Wesensart, die bei den vorzüglichsten Frauen in der großen Hingabe kulminiert und bei den schlimmsten im Verbrechen, sich bei beiden aber als ein Unvermögen äußert, die Resultate der gegebenen Kultur als für sich verpflichtend anzuerkennen.

Und wie sollte man den Begriff das ewig Weibliche besser ausdrücken können als gerade durch diese »Wildheit!« Sie kennzeichnet jene Anmut der Naivität, jenes Unvorhergesehene, Stimmungsvolle, Impulsive und Unmittelbare, das sich vollkommen hinreißen läßt, das mit den Systemen und Programmen, mit der Logik und den Formen spielt. Der Mann wiederum, und wenn er auch mit der Wildheit des Genies in das Bestehende einbricht, ist nie befriedigt mit seinen neuen Gedanken, ehe er bewiesen hat, daß in diesen neuen Gedanken 2 x 2 auch wirklich 4 werden; oder daß in seinem Rausche auch Logik und System ist.

Die schnelle Intuition der Frau, ihre spontane Hingebung, ihr starkes Instinktleben, vor allem ihr inniges Naturgebundensein durch die Fruchtbarkeit, die Mütterlichkeit – all dies ewig Weibliche verleiht ihr jene Intensität des Empfindens, jenen Seherblick, der sie in der Vergangenheit zur Prophetin machte, in der Gegenwart bald zur Inspiration des Mannes werden läßt, bald zu seiner Verzweiflung. Und diese Wildheit ist auch die »weibliche« Eigentümlichkeit aller genialen Frauen, deren Siege innerhalb der Wissenschaft, der Litteratur und bildenden Kunst gerade durch den vollen Gebrauch dieser Kraft gewonnen werden. Ohne Zweifel besitzt das Genie oft etwas von der Eigenart des anderen Geschlechts, aber der geniale Mann hat mehr von der weiblichen Natur, als die geniale Frau von der männlichen, und durch diese Verdoppelung wird das männliche Genie das größere der beiden. Andererseits ist es wieder die Wildheit in der Natur des Weibes, welche zur Begrenzung ihres Genies wird.

Die Wesensverwandtschaft, welche zwischen dem »ewig Weiblichen« und dem Schöpferischen im Genius des Dichters und des Künstlers herrscht, ist auch der Grund, weshalb diese die Frauen besser verstehen als andere Männer und umgekehrt, von ihnen besser verstanden werden.

Durch das Formelle, Logische und Systematische in der männlichen Natur wird der Dutzendmensch unter den Männern auch noch dürrer und eingebildeter sein, mehr der bloßen Form huldigen, mehr Philister sein, als die Frau von derselben Sorte. Der weibliche Dutzendmensch muß sich immer etwas Gewalt antun, ehe es ihm glückt, das wilde Element in seiner Natur auszurotten, entweder dadurch, daß es von der angeborenen weiblichen Schwäche: der konventionellen Weiblichkeit besiegt wird, oder von der erworbenen männlichen Schwäche: dem pedantischen Formalismus. Die jetzige Erziehung und gewisse Berufsarbeiten tragen dazu bei, die weiblichen Dutzendmenschen in bedenklicher Weise zu vermehren.

Aber es gilt die weibliche Wildheit zu retten, wenn die befreite Frauenkraft dem Kulturfortschritt zugute kommen soll.

Diese Fähigkeit, eine Sache poetischer aufzufassen als der Durchschnittsmann, ist es auch, welche gar die Alltagsfrau so wundergläubig macht, und ihr schon seit den Tagen Evas die Kraft verleiht selber Wunder zu thun, oder wenigstens die Weltbegebenheiten in einer, nicht allein dem Adam, sondern auch der Vorsehung unerwarteten Weise zu drehen und zu wenden.

Ein deutscher Denker sagt: wäre das Weib nicht in die Schöpfung hineingekommen, so würde es dem ordnenden Verstände des Mannes schon seit langem geglückt sein mathematisch klar und bestimmt das Problem des Daseins zu lösen. Aber jetzt habe es immer ein Rest im Dasein gegeben, der in die übrigen Zahlen nicht aufgehen wollte. Dieser Rest sei das Weib. Sie mache es unmöglich das Leben als reine Mathematik zu behandeln. Durch das Übersehen des Faktors das Weib seien alle mathematischen Resultate der Männer hinfällig geworden. Dies wüßten die Propheten und Philosophen sehr wohl. Sie ließen Mathematik Mathematik sein und Wirklichkeit Wirklichkeit. Aber sie wissen, daß hinter der Wirklichkeit die Mystik steht. Und ihre Macht wird durch das Weib repräsentiert.4

Diese Macht des Weibes ist durch alle Zeiten aktiv gewesen in derselben Weise wie die Naturkräfte, deren Gesetze unbekannt waren, deren Wirkungen man aber wahrgenommen hat.

Die wahre Bedeutung der Frauenbewegung ist daher die: daß man jetzt anfängt diese weibliche Kraft zu entdecken und bewußt in den Dienst der Menschheit zu stellen.

Aber die Frauen müßten dabei einer anderen Macht ähnlich werden, welche auch erst in unserem Jahrhundert der Kultur dienstbar gemacht ist, nämlich: der Elektrizität. Diese hat nicht aufgehört am Himmelsgewölbe ihre wilden Zickzackwege zu gehen, obgleich sie jetzt auch in der Arbeitslampe auf unserem Tische leuchtet. Die Frau aber ist nicht ihren eigenen wilden Weg gegangen, den Weg der Revolte gegen all das Böse in der Gesellschaft, welches die Folge der einseitigen Macht des Mannes gewesen ist. Die Frauen haben gefürchtet, daß man ihnen den Sinn für das Nützliche absprechen werde, sie als unlogische und phantastische, untaugliche Arbeitskameraden belachen werde, im Fall sie sich nicht als Nullen hinter einer männlichen Ziffer aufreihten, nicht innerhalb des vom Manne festgestellten Rahmens arbeiteten. Und so ist die Welt sich gleich geblieben. Aber erst wenn die Frau ihr eigenes, lebhaftes Vibrieren für den Kulturfortschritt einsetzt, wird dieser anfangen sich in anderer Richtung zu bewegen.

Jedesmal, wenn eine Frau den Mut hatte zu revoltieren, hat sie Bewegung hervorgerufen. Elizabeth Fry, Florence Nightingale, Josephine Buttler, Harriet Beecher-Stove, Fredrika Bremer, Camilla Collet und mehrere sind Beispiele dafür. Mögen die Frauen jetzt also vereint gegen den Seelenmord der Schule, gegen den Massenmord, gegen die Menschenopfer des jetzigen Produktionssystems revoltieren! Die Frau muß Stimmrecht haben und in allen bürgerlichen Gebieten des Lebens auftreten dürfen, weil die Gesellschaft ja Mütter gebraucht, ebensogut als Väter. Die Geschichte zeigt uns schon Regentinnen, welche Mütter ihres Landes waren. Die Zukunft muß noch vielmehr solche Landesmütter aufweisen können, Frauen, welche, wenn ihre eigenen Kinder ihrer Pflege nicht mehr bedürfen, ihre Kräfte für die Gesellschaft gebrauchen, sie überall da einsetzen, wo man der Mütterlichkeit bedarf. Und vor allem ist sie unentbehrlich um den jungen Gedanken Interesse und Schutz zu geben, jenen zarten Anfängen, welche der Prophet und Dichter in die Volksseele säet.

Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, um auf diese weibliche Kraft, welche noch immer ihrer Befreiung wartet, hinzuweisen, wenn nicht die Geschichte ihrer Entwickelung die Wahrheit von Feuerbachs Worten bekräftigte: auf die einfachsten Wahrheiten kommt der Mensch immer am spätesten.

Diese weibliche Kraft ist es auch, welche die Menschheit, fast ohne sich der Bedeutung ihres Kultus bewußt zu werden, jeden Weihnachten anbetet in der Gestalt einer jungen Mutter mit ihrem Erstgeborenen auf dem Arm. Wenn die Kraft der Mütterlichkeit einst auf Erden in ihrer vollen Selbstherrlichkeit hervortritt, dann wird sie, in einer tieferen Bedeutung als bisher, der Welt die Erlösung gebären.


IX.

Man fürchtet, wenn man die fundamentale Einteilung der Natur in ein wesentlich männliches und ein wesentlich weibliches Kulturgebiet festhält, werde dies in der Folge zu einer Reaktion gegen die Frauenbefreiung führen. Ich glaube im Gegenteil, daß es zu einer stärkeren Aktivität führen wird, daß die volle Befreiung der Frau auf diesem Wege schneller und sicherer gewonnen wird. Gerade weil ich fest überzeugt bin von der Wichtigkeit des schließlichen Sieges der Frauenbefreiung, trete ich gegen die jetzige Taktik der Bewegung auf.

Ich übersehe durchaus nicht, daß die jetzige Frauenbefreiung mit Notwendigkeit von dem Gesichtspunkte der menschlichen Gleichheit von Mann und Frau ausgehen mußte und der daraus folgenden Möglichkeit für die Frau, dem Manne auch geistig völlig gleichgestellt zu werden. Dieser Gesichtspunkt war um so natürlicher, als die Bewegung in Gang gesetzt wurde von den begabtesten Frauen, den Ausnahmen, welche zuerst den unleidlichen Druck der Verhältnisse empfanden.

So verhält es sich bei den meisten Emanzipationen. Die Frauen vergessen allzuleicht, daß es nicht nur die Frauenkraft gewesen ist, die gehemmt wurde; daß auch unerhörte Summen von männlichen Kräften, auf Grund der Differenzierung der Beschäftigungen und ihrer Absperrung durch Privilegien und Standesunterschiede, Gesetze und Vorurteile, geopfert sind, um den Formen Festigkeit zu geben, welche einen bestimmten für die Kultur teuren Inhalt umfaßten, eine gewisse Arbeitsteilung, die einen bestimmten Kulturzweck förderte. So schildert uns denn die Kulturgeschichte fortwährend, wie gewisse Formen Festigkeit gewonnen, und wie später Evolutionen und Explosionen sie umgebildet oder zersprengt haben, wie die Befreiung gekommen durch die kräftige Selbstbehauptung eines Individuums oder einer ganzen Klasse gegen die Forderung der Gesellschaft auf Unterordnung. Die Kultur bedarf einer gewissen Festigkeit und einer gewissen Beweglichkeit: Konservatismus und Radikalismus. Das Ideal aber, auf welches alle Kulturarbeit, mit ihren Aktionen und Reaktionen abzielen muß, ist folgendes: in jeder Beziehung solche Verhältnisse zu schaffen, die sowohl in Freiheit als in Festigkeit bestehen; Formen, welche der Ausnahme ebensowohl wie der Regel Raum gewähren, welche das Individuelle ebensogut als das Typische schützen.

Als die Frauenemanzipation anfing, waren die Verhältnisse, was die eine Hälfte der Menschheit betrifft, alles andere als ideal. Festigkeit, Raum für die Regel, Schutz für den Typus, alles das war da. Aber nur wenig Bewegungsfreiheit, wenig Platz für die Ausnahme, wenig Schutz für das Individuelle.

So entstand derselbe Kulturverlust, als wenn man – ausgehend vom Gesichtspunkte der geringeren Kraftentwicklung des Mannes auf den Gebieten des Familienlebens und der sympathischen Gefühle – ihm die Möglichkeit des Familienlebens zu leben, als Philanthrop zu wirken usw. wegreglementiert hätte. Er hätte also nicht nur selber sine geringere Entwickelung des altruistischen Gefühlslebens erhalten: es wäre auch der vertiefende Einfluß des Gefühls auf seine geistige Arbeit teilweise ausgeblieben. Dadurch, daß die Intelligenz der Frau nicht gehörig entwickelt wurde, war folglich das ganze Niveau ihres Kultureinsatzes niedriger geworden, wie auch ihr Einfluß im Heim und in der Familie geringer war.

Denn je entwickelter Gedanken und Phantasie sind, je reicher wird auch der Gefühlsinhalt, und je reicher der Inhalt ist, je tiefer und frischer wird das Gefühl selber, bei der Frau wie beim Manne. Bei beiden wird man finden, je enger der Gefühlsinhalt je größer ist die Möglichkeit, daß das Gefühl selber bald erschöpft wird, oder daß der Konventionalismus den lebendigen Inhalt lahm legt.

Das war geschehen, als die Frauenfrage in Erscheinung trat. Während es dem Manne immer mehr geglückt war, sein Recht als Individuum zu behaupten – unabhängig von Rasse und Stand, von Klasse und Zunft – war die Frau immer mehr nur als »Geschlecht« betrachtet worden, nach dem bezeichnenden Ausdruck um das Jahr 1700. Oberflächliche Galanterie, Toiletteinteressen oder ein gedankenlos geführter Haushalt nahm die Zeit der meisten Frauen in Anspruch. Und unterdessen wurden die Gefühle immer oberflächlicher, bis die große Reaktion durch Rousseau kam. Es war aber doch eine Inkonsequenz von ihm zu übersehen, daß, wenn man der Frau ein reicheres Gefühlsleben geben wollte, man ihr auch eine reichere Lebensbildung verschaffen müsse. Dagegen war es ein außerordentlich berechtigter Protest gegen den Zeitgedanken vom »Geschlecht«, wenn bei uns Thorild, der schwedische Schüler Rousseaus hervorhob: die Frau sei vor allem ein mit Verstand begabtes Wesen, ein Mensch, ein Mitbürger, ein Freund, ein Verwandter, eine Hausmutter und zu allerletzt eine sie.

Thorild stellte dieselbe Rangordnung auf, wie später Stuart Mill und die anderen Förderer der Frauensache. Und von dieser mußte man ausgehen, wenn es glücken sollte, die Augen der Zeitgenossen für die »natürliche Hoheit des weiblichen Geschlechts« zu öffnen.

Die Selbstbehauptung der Frau als Individuum, die erst mit einem qualvollen Gefühl der Ohnmacht und Minderwertigkeit anfing, mußte fortschreiten, bis sie als Resultat ein Machtgefühl zeitigte und zwar außerhalb der Sphäre des Heims. Dadurch war ihr die Möglichkeit gegeben zu beweisen, daß die Frau zugleich ein menschliches Wesen und ein geschlechtliches Wesen sei. Die Frauen mußten sich in ihrem Klassenkampf organisieren, wie die Arbeiter es jetzt in dem ihrigen thun; sie mußten durch gemeinschaftliches Solidaritätsgefühl angefeuert werden, um sich gegenseitig zu stärken. Sie mußten zu ihren Bemühungen angereizt werden durch die Hoffnung, alles erreichen zu können, denn nur dadurch, daß man, wie Strindberg sagt, »nach dem Himmel zielt, erreicht man den Waldesrand«, das heißt, wenn man noch ungeübt in der Kunst des Schießens ist. Vor allem mußten sie durch Selbsterwerb ökonomische Unabhängigkeit erreichen. Schon Almquist5, mit seinem Blick für das Zentrale in jeder Sache, betonte energisch als das Wesentlichste die Frage nach dem Rechte der Frau zum Selbsterwerb, zur Ausbildung in der Berufstüchtigkeit und daß nur die Frau, welche durch ihre Selbsttätigkeit imstande ist einen Platz außerhalb der Ehe auszufüllen, und selbst für sich zu sorgen, völlig frei in ihrer Wahl des Gatten sei, und fügte hinzu: nur der Mann, welcher die Liebe einer solchen Frau gewinnt, kann mit voller Gewißheit sagen: ich bin geliebt.

Dieser ideelle Gesichtspunkt, was den Erwerb der Frau betrifft, hatte außerdem noch die praktische Notwendigkeit zum Bundesgenossen. Es ist kein Zufall, daß die Erweiterung der Frauenrechte steten Schritt gehalten hat mit der Umbildung der Eigentums- und Produktionsverhältnisse: direkt und indirekt ist es eine Folge der Entwickelung des Kapitalismus und der Großindustrie, daß eine Frauenklasse nach der anderen gezwungen wird, den Ausweg des selbständigen Erwerbs und der Arbeit außerhalb des Hauses aufzusuchen.

Aber seitdem man bei uns in Skandinavien immer mehr für die Befreiung der Frau eingetreten ist auf Grund ihrer menschlichen Gleichheit mit dem Manne, die heutzutage keiner mehr bestreitet, ist der nächste Schritt vorwärts – durchaus nicht rückwärts! – die Berechtigung der Befreiung zu betonen auf Grund ihrer Ungleichheit. Denn ebenso sicher, wie es ein großer Kulturverlust war, daß nicht die weibliche Individualität, sondern nur »das Geschlecht« sich geltend machte, ebenso sicher wird es auch ein großer Kulturverlust sein, eine die Individualität nivelliernde Gleichförmigkeit, wenn man das an individueller Differenzierung so unendlich reiche Geschlechtsmoment übersieht und unterschätzt, das heißt, wenn der Mann und die Frau nur als gleichberechtigte Menschen betrachtet werden und nicht als männliche und weibliche Menschen. Wenn man immer davon spricht, daß der Mann und die Frau doch zuerst und vor allem Menschen sind, so möchte ich an die tiefsinnigen Worte eines alten indischen Gesetzgebers erinnern, die unser Geijer6 anführt:

»Der Mann ist eine Hälfte, die Frau ist eine Hälfte, Vater und Mutter mit ihrem Kinde sind ein ganzer Mensch.«

Aber Geijer fügt hinzu, jeder könne auf eigene Hand sein Dasein vervollständigen, denn gute und verdienstvolle Taten seien keine schlechte Nachkommenschaft. Unzählige kinderlose Frauen haben die Wahrheit von Geijers Zusatz bewiesen – und heutzutage mehr denn je, seitdem die Kräfte der Frauen immer mehr befreit worden sind.

Das viele dabei die tiefe Wahrheit, welche in dem uralten Worte des Weisen liegt, übersehen haben, das gerade rief die jetzige Reaktion in der Frauenfrage hervor. Und von welchem einseitigen Standpunkte auch die Wortführerin der Reaktion in Deutschland, Laura Marholm, die Frauenfrage betrachtet, wie sehr sie die Frau nur in ihrer Eigenschaft als Geschlechtswesen hervorhebt, so enthalten ihre Übertreibungen dennoch einen größeren Reichtum an, für die Zukunft, fruchtbaren Gesichtspunkten in Bezug auf die Frauennatur, als auf der anderen Seite die Übertreibungen der Frauenrechtlerinnen.

Die Reaktion einer Gedankenströmung gegen eine andere Gedankenströmung ist eine unablässig wiederholte Erscheinung während der Spiralbewegung, welche der Entwickelungsgang uns zeigt. Immer von neuem vollendet sich wieder ein Kreislauf, und man nähert sich abermals dem Ausgangspunkte, aber mit jedem Male liegt dieser auf einer höheren Stufe. Deshalb ist es nicht die Reaktion der einen noch lebenskräftigen Idee gegen die andere, welches das Verabscheuungswürdige ist, sondern die künstliche Reaktion, welche mit äußeren Machtmitteln eine bestimmte Zeitbewegung zurück zu zwingen sucht, ehe sie ihren Lauf vollendet hat, eine Reaktion, die schon überlebte Ideen als Hülfstruppen im Kampfe für ihre egoistischen Zwecke verwendet.


X.

Die Anhänger der Emanzipationsbewegung heben mit Recht hervor, daß die äußeren Verhältnisse ebenso wie auf den Mann auch auf die Frau einen starken Einfluß ausüben, daß die Natur der Frau modifiziert werden kann nach dem, was man von ihr verlangt und nach dem, wozu man sie berechtigt. Auf diese Erfahrungswahrheit gründet man ja auch die Hoffnung, daß die Frau, wenn sie erst ihre weibliche sowohl als ihre menschliche Individualität voll und frei entwickeln kann, die höchsten Höhen erreichen «wird. Hier aber ist der Punkt, wo die weibliche Logik ihren unglücklichsten Salto mortale macht. Und ich möchte es den Frauenrechtlerinnen, die bisher für jeden anderen Gesichtspunkt als die gesetzliche und intellektuelle Befreiung der Frau unzugänglich gewesen sind zum Bewußtsein bringen, daß hier ihre Beweisführung wirklich etwas überspringt.

Der logische Gedankengang, den ich ihnen gegenüber betonen möchte, ist dieser: Gerade weil die Frauennatur sich modifizieren läßt, nach dem, was man von ihr verlangt und wozu man ihr das Recht erteilt, müssen wir eine Entscheidung treffen, ob wir in Zukunft die vorwiegend weiblichen Kulturaufgaben, die Vertiefung und Veredlung des Lebens im Heim als höchstes Ziel für die Frau aufstellen wollen, oder die speziell männlichen Kulturaufgaben: Arbeit und Produktion auf materiellem und geistigem Gebiete. Sollen wir in erster Linie die Forderung der höchst möglichen Entwickelung des Weibes als Weib, oder als Mensch stellen? Sollen wir annehmen, daß ihre Kräfte ihre höchste Verwendung finden auf den weiblichen oder auf den männlichen Gebieten?

Für die Frauenrechtlerinnen ist diese Frage schnell entschieden. »Möge die Frau,« sagen sie, »nur vollkommen Mensch werden, nur vollkommen geistig entwickelt! Wir glauben mit unerschütterlicher Sicherheit, daß niemand sich wegen unserer weiblichen Natur zu beunruhigen brauche, die Natur wird sich schon selber schützen.«

Aber will man denn nicht einsehen, daß wenn einerseits die Erfahrung uns lehrt, daß die Frauennatur sich, durch die Anforderungen, die man an sie stellt, die Rechte, welche man ihr zugesteht, in intellektueller Richtung modifizieren läßt, so wird sie auf dem mütterlichen und sympathischen Lebensgebiete der Modifikation ebenfalls ausgesetzt sein, durch die Anforderungen, die man an sie stellt und die Rechte, welche sie erhält? Versteht man denn nicht, daß, wenn es sich gezeigt hat, daß die eine Seite der Natur – die Intelligenzseite – wegen Mangel an Ausbildung verkümmern kann, dies auch der Fall sein wird mit der anderen? Und daß das Gefühl mindestens ebensosehr der Ausbildung bedarf, als der Verstand? Man sollte doch bedenken, daß Gefühle, welche an gewisse Begriffe gebunden sind, dadurch gestärkt werden, daß die Träume eines Menschen, seine Hoffnungen, Gewohnheiten, seine Arbeiten und Erinnerungen sich um diese Begriffe sammeln; daß durch die unaufhörliche Wiederholung die Gefühle inniger, mannigfaltiger werden und sich immer mehr um einen bestimmten Vorstellungskreis konzentrieren, indem sie sich gleichzeitig oft von einem anderen Kreis entfernen? Weiß man denn nicht, daß ein starkes Gefühl am Anfang stets bestrebt ist, alle anderen Gefühle umzubilden, um sich später, durch die Lösung von der Verbindung mit anderen Gefühlen und der Begrenzung durch sie, zum Alleinherrscher aufzuschwingen?

Das ist ja auch der Grund, weshalb der Mensch, der nach einer bestimmten Richtung hin der Stärkste ist, nicht zugleich auch der Harmonischste, der allseitig Entwickeltste ist; ja selbst bei den Naturen, welche die größte Vielseitigkeit bekunden, findet sich immer etwas Einseitigkeit vor, und niemand dürfte die Erfahrung leugnen: je größer der Umfang unserer Thätigkeit ist, je weniger intensiv arbeiten wir auf jedem Gebiet; je mehr Thätigkeiten wir umspannen, je weniger fest wird unser Begriff von jeder einzelnen.

Unter der unablässig modifizierenden Einwirkung eines starken Gefühls auf Phantasie, Willen, Gedanken, treten neue geistige Zustände ein. Alles wird umgewertet. Das, was einst nur als Mittel galt, wird jetzt Selbstzweck, und das, dem einst unser höchstes Streben galt, sinkt zur gleichgültigen Nebensache herab.

Das Buch, welches uns unsere erste, tiefe Lebensweisheit gab, sagt uns in wenig Worten dasselbe:

»Niemand kann zween Herren dienen.«

Diesen Satz werden die Frauen vielleicht besser verstehen, wenn ich den Mann als Beweis anführe. Keinerlei äußere Schranken haben seine Gefühlsentwicklung gehindert. Das einzige Hindernis war das Ideal der Männlichkeit, welches die Forderung enthielt, jedes weichere Gefühl zu unterdrücken. Aber es ist ihm, natürlich im Verhältnis zum Kulturniveau, jederzeit doch möglich gewesen, ebenso frei, ja oft freier, seinem Gefühlsleben wie seinem intellektuellen Leben zu leben. Und trotzdem zeigt seine Entwickelung eine ebenso bestimmte Einseitigkeit nach einer Richtung hin, wie die der Frau nach einer anderen. Es muß also wohl die Begrenzung der menschlichen Natur, durch das eben besprochene psychologische Gesetz, die Hauptursache gewesen sein, daß er seine vollkommnere Entwickelung in der einen Richtung um den Preis einer unvollkommneren in der anderen gewonnen hat. Denn alles hier im Leben muß bis zu einem gewissen Grade mit dem Aufgeben von etwas anderem erkauft werden.

Wie viele edle, feine Gefühle haben die Männer nicht auf diese Weise während ihres furchtbaren Wettkampfes miteinander opfern müssen! Auch hat der Mann seinem Ziele nicht nachjagen können, ohne daß noch ganz andere Leidenschaften, als die schöne, große Schaffenslust des Genies entwickelt worden sind. Bei denen, die nicht von dieser getrieben wurden, war der Ehrgeiz, die Herrschsucht, die Gewinnsucht meistens die Triebkraft. Und diese Leidenschaften würden allmählich auch anfangen, in der Seele des Weibes die zärtlichen Gefühle zu bekämpfen, im Falle die männlichen Arbeitsgebiete immer mehr zu ihrem Hauptinteresse würden. Alle die feinen Wurzeln ihres Wesens würden aus einem neuen Erdboden neue Nahrung ziehen, und so würde auch das Blütenblatt ihres Wesens andere Farbe erhalten.

Diejenigen, welche »glauben«, die Frau könne auf die Dauer die ganze Kraft ihres weiblichen Gefühlslebens für die Aufgaben des Familien- und des häuslichen Lebens bewahren, und außerdem die ganze Intensität und Konzentration des Mannes erwerben, seine Genialität, wo es geistiges Schaffen und Forschen, wo es Entdeckungen, Geschäftsunternehmungen gilt – die glauben eigentlich an etwas ganz anderes als an die Gleichheit der beiden Geschlechter. Sie glauben an die absolute Überlegenheit der Frau.

Könnte die Frau wirklich mit derselben Ganzheit und Hingebung die Forderungen der beiden Gebiete erfüllen, dann wäre sie die von der Natur reicher ausgestattete, sie wäre in Wahrheit der Übermensch. Und wäre dies wirklich so, dann hätten wir jetzt keine Frauenfrage. Dann wäre es der Frau, trotz der Mutterschaft und Kinderpflege, geglückt, die Leitung der ganzen Kulturarbeit zu übernehmen, denn wir sehen es schon in sehr frühen Kulturstadien, beim freien Wettkampf zwischen Mann und Mann, daß nicht der stärkste Körper sondern der stärkste Geist Sieger bleibt, eine Erfahrung, der die Sage selber Ausdruck verleiht, dadurch, daß die Riesen stets den kürzeren ziehen.

Aus psychologischen Gründen weit mehr als aus physiologischen möchte ich folgenden Satz aufstellen: daß derselbe Evolutionsprozeß, der die Frau vornehmlich zur Bildnerin des Kulturfonds der Gefühle gemacht, während der Mann zum Bildner des Kulturfonds der Ideen wurde, auch künftig die Aufgabe des einen Geschlechts zum sekundären für das andere machen wird, im Falle jeder auf seinem Gebiete das Höchste erreichen soll.

In dieser Beziehung existiert kein: sowohl – als auch, sondern nur ein: entweder – oder!

Auch der Religionsstifter, welcher auf das Gefühlsleben unmittelbar den größten Einfluß ausgeübt hat, zeigte dies erst an seinem eigenen Vorbilde und dann später, indem er seine Nachfolger aufforderte sich stets zu erinnern, daß das Verfolgen eines großen geistigen Zieles es notwendig macht, »Vater und Mutter zu verlassen«, das heißt persönliche Verhältnisse und Gefühle den zweiten Platz einnehmen zu lassen. Und den zweiten Platz müßten sie auch bei den Frauen einnehmen, welche als ihr erstes Ziel setzen, dieselbe geistige Höhe wie der Mann zu erreichen.

Hier ist die Wegscheide. Hier sind wir vor die Wahl gestellt.

Nur dadurch, daß die Erziehung, das Arbeits- und Gefühlsleben des ganzen weiblichen Geschlechts aufhören, sich um die persönlichen Verhältnisse zu konzentrieren, kann jene Vertiefung, jene Pontentierung des intellektuellen Wesens der Frau vor sich gehen, aus der die großen Genies entstehen.

Es gilt nicht bloß vom Genie, sondern auch von den ausgeprägten Zeittypen, daß sie das Resultat einer gewissen Zeitrichtung sind. Die spartanische Mutter erreichte ihre hohe Geisteskraft, weil ihr Volk die Unterdrückung des Muttergefühls forderte; die Frau des Mittelalters wurde zur wundertätigen Heiligen, weil die Zeit sich nach einer solchen Heiligkeit sehnte; ganz dieselbe hysterische Erscheinung, die im Mittelalter der Frau die höchste Ehre verschaffte, war auch die Ursache davon, daß die Frauen massenhaft als Hexen auftraten, während des Zeitraums, als starke »Nachfrage« nach solchen war. Die vornehme Dame der Rokkokozeit war eine ebenso kalte Mutter wie die Spartanerin, weil ihre Zeit ebenfalls die Unterdrückung des Muttergefühls verlangte, wenngleich aus anderen Motiven.

Es ist nämlich immer durch die Unterdrückung gewisser Momente und zugleich durch die Steigerung anderer, daß ein gewisser Zeittypus entsteht.

Das Genie wieder entsteht dadurch, daß gewisse Eigenschaften durch die Erblichkeit und durch eine Auswahl, welche in der Richtung des Zeitideals geht, gesteigert werden. Aber hauptsächlich durch das Streben und Sehnen eines ganzen Zeitalters nach einer bestimmten Richtung hin, kann man es spüren, wie das Genie »vorbereitet« wird. Denn Erblichkeit und Auswahl reichen nicht hin, um das zu erklären, was – trotz aller Erklärung – immer ein Wunder bleibt, die Genesis des Genies. Der Saft ist in den Stamm, in die Zweige gestiegen, ehe er in Blume und Frucht ans Tageslicht tritt: die Sehnsucht der Zeit, das Lebensbedürfnis des Volkes hat sich dem großen Genie entgegengestreckt, ehe es geboren wurde. In dieser tiefsten Bedeutung des Wortes wird jeder große Geist ein Kind seines Volkes. Und dies meint Renan, wenn er sagt, das wenigstens eine Million Menschen notwendig seien, um ein Genie zu gebären – gleich wie man einer Million Rosen bedarf um einen einzigen Tropfen Rosenöl herauszupressen.

Halten wir nun den Gedanken fest, daß es für die Menschheit am wichtigsten sei, solche weiblichen Geisteswunder hervorzubringen, dann müssen auch wir anderen Frauen uns daran gewöhnen, je eher je besser, unsere persönlichen Verhältnisse als Nebensache aufzufassen. Es ist nämlich die Zersplitterung der Frauennatur zwischen Familiengefühl und allgemein menschlichem Gefühl die Ursache gewesen, daß aus dem gemeinschaftlichen Streben eines ganzen Volks, aus seiner Sehnsucht in einer bestimmten Richtung, niemals ein weibliches Genie höchster Art entstanden ist. Nur dadurch, daß das ganze weibliche Geschlecht nicht länger seine Kraft in erster Linie auf das sympathische Lebensgebiet richtet, sondern das männliche Geistesschaffen auch für sich als das Höchste betrachtet, kann jene Intensivierung der Schaffenskraft des Weibes stattfinden, welche der Menschheit schließlich weibliche Genies geben würde, die in jeder Beziehung den männlichen gleich wären. Aber ehe dieses geschehen könnte, müßte die Frauenkraft jahrhundertelang sich in der nämlichen Richtung bewegen wie die Manneskraft, sowie ja auch jedes besondere männliche Genie aus den Mühen und Hoffnungen ganzer Jahrhunderte und aus den, in einer bestimmten Richtung lebhaften und wirksamen Bestrebungen seiner eigenen Zeit entstanden ist.

Stellt man aber bewußt die Erreichung der höchsten geistigen Höhe des Mannes als das schließliche Ziel für die Entwickelung der Frau auf, ist man der Meinung, daß sie dann erst vom »Muttertier« zum Vollmenschen geworden, wird es sich auch ohne Zweifel zeigen, daß im selben Masse wie die Intelligenz der Frauen geschwächt wurde, dadurch, daß sie unverbraucht blieb, jetzt ihre rein weiblichen Gefühle verkümmern werden.

Daß die meisten Frauen jetzt noch ihr höchstes Glück darin finden, Gattin und Mutter zu werden, beweist nichts für die Zukunft. Der Gedanke ist beweglich und gelangt schneller ans Ziel als das Gefühl, welches sich nur langsam dahin bewegt, wo der Gedanke vorauseilt. Hat sich einmal das ganze Frauengeschlecht die Erreichung der höchsten geistigen Höhe des Mannes für ihre Entwickelungsarbeit als Ziel gesetzt, dann werden auch die Gefühle, nach einigen Jahrhunderten, in Übereinstimmung damit umgebildet sein. Ausbildung, Arbeitsgewohnheiten, Arbeitswahl, Erblichkeit, Auswahl – alles wird dann zusammenwirken, um Männer sowie Frauen anzutreiben, materielle und geistige Werte zu produzieren. Die Frauen werden immer weniger Zeit und Neigung haben zur Entwickelung der erotischen und sympathischen Gefühle, und der Geschlechtserhaltungstrieb wird – da die Liebe ihn nicht veredelt – ihnen mit vollem Recht als Brutalität erscheinen. Die Schule wird dann noch die einzige Klasse erhalten, die ihr jetzt abgeht: die Klasse für Wickelkinder, wo die Frauen, bei denen die Liebe zu den kleinen Kindern als unausrottbarer Atavismus hervortritt, Beschäftigung finden könnten.

Der Begriff »Heim« bekäme immer weniger Inhalt; das öffentliche Leben, die Klubs und der Verkehr würden die freie Zeit immer mehr ausfüllen und Gedanken und Gefühle beschäftigen.

Aber was werden wohl die Opponenten dieser Zeit sagen?

Sie werden sagen, daß das Dasein durch diese Gleichförmigkeit an Schönheit und Interesse unendlich verloren habe. Sie werden sagen, daß je weniger die Liebe bedeutet, je mehr die geistig Entwickelten deshalb auf die Ehe herabsehen, desto tiefer sei das Intelligenz-Niveau gesunken, ganz wie das Niveau des Mittelalters zum großen Teil sank durch das Cölibat der seelenvollsten Menschen auf Grund der damaligen herrschenden Mißachtung der Ehe, wenn schon dieses aus anderen Motiven hervorging. Sie werden sagen, daß, seitdem das »krämerhafte Abwägen von Geschlechtsgewicht« aufgehört, die geistigen Werte, die man zu wägen bekommen, immer leichter geworden seien. Sie werden sagen, sie können jetzt die Speisekammer der Kultur mit vielen Säcken anfüllen, die bis obenhin voll der nützlichsten Produkte sind, aber wie wenige große und wilde, organisch und frei wachsende Genies, männliche sowohl als weibliche giebt es jetzt!

Auch werden sie sagen, daß Kunst und Litteratur gesunken seien, seitdem die Männer ihre höchsten Inspirationen: die Schönheit im Gefühl der Frau und in ihrem äußeren Wesen, verloren. Denn die Erscheinung, welche jetzt ausnahmsweise hervortritt, daß, wenn die Frau die Studien und den Sport intensiv betreibt, der Frauenkörper seinen eigenen Charakter verliert, und einen männlichen annimmt – wäre dann die Regel.

Und schließlich werden die Opponenten sagen, daß das Leben der Gesellschaft im ganzen sich nicht in dem Grade veredelt habe, wie man angenommen, nachdem die Frau – jetzt, wo sie alles erreicht und dem Manne völlig gleichgestellt worden – ihre Mütterlichkeit auf allen Gebieten betätigen könne. Auch die Frau würde dann die Fragen »praktisch« nehmen; nicht von zu großer Sentimentalität beschwert sein oder von zu großem Mangel an Rücksichtslosigkeit. Sie würde für die Mißverhältnisse einen klareren und kühleren Blick haben, ja, die Mehrzahl der Frauen wie der Männer würde versuchen, die Wildheit beim Genie und Gefühlsmenschen innerhalb der beiden Geschlechter zu zähmen; Frauen wie Männer würden es lernen, »die Welt so zu nehmen wie sie ist«, diese schwere Kunst, in der bisher nur gewisse Männer die höchste Meisterschaft errungen haben.

Ohne mich zu beunruhigen, denke ich mir die Möglichkeit des eben geschilderten Zukunftsbildes. Denn derjenige, welcher an die Entwickelung glaubt, ist ebensowenig Pessimist, wenn es das Vermögen der Natur gilt, sich selbst im großen ganzen zu schützen, wie er Optimist ist in Bezug auf das Vermögen der Natur, sich während jeder Kulturperiode zu schützen.

Ein Zustand, wie ich ihn eben geschildert, ist ebenso möglich, wie die totale Entartung des

Familienlebens während der römischen Kaiserzeit oder wie die Unterdrückung der Natur durch die Askese des Mittelalters. Aber ebenso sicher, wie die Germanen in die Römerwelt hineinbrachen und die Renaissance in das Mittelalter, wird aus der Menschennatur, die an Erneuerungen unerschöpflich reich ist, eine neue Zeitrichtung hervorgehen. Und nach einer solchen Intelligenzperiode wie die geschilderte, würde eine andere kommen, wo die Macht der Reaktion ein Frauenideal zur Geltung brächte, gleich der »kuhäugigen« Hera des Homeros, mit ganz niedriger Stirn, aber mit der Nahrung für einen Herakles in ihrem schwellenden Busen!

Ich fürchte keineswegs das Aussterben des Menschengeschlechts durch die Frauenemanzipation. Ich habe nur gesagt, daß von denen, welche die Erreichung der geistigen Höhe des Mannes als Ziel der Frauentwicklung aufstellen, die Logik dieses Zugeständnis fordert: daß das Aussterben die schließliche Folge sein würde, im Falle sie ihr Ziel erreichten. Aber sie erreichen es nicht, denn die Frau ist glücklicherweise ein unendlich viel tieferes, reicheres, herrlicheres und – furchtbareres Wesen als die Frauenrechtlerinnen.


XI.

Um meinen Satz von der psychischen Begrenzung zu widerlegen, hat man sich auf die großen weiblichen Begabungen berufen, und besonders oft den Namen der Sonja Kovalewsky genannt, als ein Beweis dafür, daß große Gefühle sich mit großen Geistesgaben vereinen lassen. Dieses habe ich nie bestritten.

Aber keine meiner äußeren Erfahrungen hat mir, was meine Auffassung der Frauenfrage betrifft, solche Klarheit und Festigkeit verliehen, wie der Umstand, daß ich Gelegenheit hatte, dies größte Frauengenie, welches die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts hervorgebracht hat, näher kennen zu lernen.

Haben denn die, welche Sonja Kovalewsky gegen mich anführen, so ganz Sonjas Biographie von A. Ch. Leffler vergessen? Eine Biographie, die trotz der Einseitigkeit in gewissen Gesichtspunkten, dennoch mit überzeugender Wahrheit offenbart: daß die Lebensverhältnisse der Sonja Kovalewsky – als Tochter, Gattin, Mutter und liebendes Weib – alle ihre Tragik, ihren mehr oder weniger tiefen Konflikt erhielten durch die Unvereinbarkeit, nicht von Genie und Liebe, sondern von einer großen, genialen Produktion mit den Pflichten und der Fürsorge auf den weiblichen Lebensgebieten?!

Sonja Kovalewsky war selber die erste, die dies hervorhob. Sie, die in der Jugend keck mit Spencer eine Lanze brach für die Rechte der Frau – wobei George Elliot als Preisrichter fungierte – sie, die damals noch »überzeugt war, die unwiderlegbare Wahrheit« auf ihrer Seite zu haben, wurde durch ihre eigenen Lebenserfahrungen immer mehr überzeugt: daß der richtigste Gesichtspunkt der sei, den Spencer verfocht.

Sie fühlte Tag für Tag, wie unzureichend sie war für die mannigfachen Aufgaben des Daseins, wie unfähig, die Mittel zu finden, wodurch man seine Nächsten glücklich macht. Zuweilen wurde sie von Haß ergriffen gegen ihre ganze geistige Entwickelung, die sie daran gehindert hatte, das Leben zu leben. Sie empfand nicht nur wie Madame Stael, die gern alles, was sie an Geist besaß, hingegeben hätte für die Schönheit der Madame Recamier. Nein, Sonja war noch viel verschwenderischer: sie beteuerte wieder und wieder, daß sie ihre ganze literarische Begabung jedem hinwerfen möchte, der es der Mühe wert hielte, sie aufzunehmen, wenn sie dadurch gewisse Retouchen in ihrem Gesichtchen gewonnen hätte! Und sie versicherte, daß sie gern ihr ganzes mathematisches Genie und ihren Ruhm für das einfache Liebesglück einer bürgerlichen Frau hingäbe. Aber – sie wußte auch, wenn sie dieses hätte haben können, dann würden die Geister sie doch nicht in Ruhe lassen. Der Streit zwischen ihrem Geistesleben und ihrem Herzensleben hätte bald wieder begonnen, jener Streit, der ihr Dasein so schmerzlich zerrissen, und sie gehindert, sich voll und ganz an eine der beiden Richtungen hinzugeben, mit Ausnahme der Zeit ihrer Jugendjahre, als sie das Weib in sich erstickte und so eine volle Entwickelung für ihr mathematisches Genie gewann. Um welchen Preis – das wußte sie selber am besten. Und deshalb behandelte Sonja Kovalewsky, während ihrer letzten Lebensjahre, die Frauensache mit großer Skepsis. Sie hielt an der Berechtigung der Befreiung fest. Aber sie war fest überzeugt von der Notwendigkeit, sich einem der beiden Lebensgebiete ganz hinzugeben, um Kraft und Ruhe zu gewinnen. Und sie empfand es selber tief, daß, wenn eine Frau mit der Naturbestimmung der Hingebung diese für ihre Geistesarbeit opferte, sie zu einem unglücklicheren und unvollkommneren Geschöpf würde, als durch das entgegengesetzte Opfer. Alles dieses machte, daß Sonja nicht Worte hatte, die stark genug waren, um den oberflächlichen Blick der Frauenrechtlerinnen zu tadeln, wenn es die komplizierten Probleme des Lebens galt, vor allem dies eine Problem, welches sie ihrerseits unlösbar gefunden: sein Leben als Weib harmonisch mit geistiger Produktion zu vereinigen. Für sie war es einleuchtend, daß das Geschlecht, dem die Liebe stets das höchste Ziel im Leben bedeuten wird, sich nie, als Ganzes genommen, zur intellektuellen Höhe des männlichen Geschlechts emporschwingen könne.

Sonja Kovalewsky wußte auch, daß, obgleich George Elliot bei dem erwähnten Turnier mit Spencer durch ihre Worte und ihr mütterliches Lächeln sie, Sonja – damals die junge, eifrige Zelotin der Frauensache – antrieb, dem Philosophen die Stange zu halten, sie im Grunde doch auf seiner Seite war. Sicherlich wollte sie auch die Befreiung der Frau vom Zwang des Gesetzes. Aber das Wichtige dabei war für sie nicht, daß die Frau das Niveau des Mannes erreichen sollte. Das Wichtigste war, daß die Frau Freiheit erhielt, alle ihre intensiv bestimmenden Einflüsse auszuüben, alle diese kleinen, feinen, kaum merkbaren Einflüsse, wodurch eine Frauengeneration nach der anderen als Mütter und Hausmütter, die Zärtlichkeitsgefühle, die Pflichtbegriffe, die Opferwilligkeit aufgebaut haben, die später ihren strahlenden Ausdruck in den großen menschlichen Taten oder Schöpfungen erhielten.

George Elliots ganze Produktion ist eine einzige Offenbarung ihrer Lebensanschauung, welche das große Gesetz von der Unzerstörbarkeit der Energie auf das ethische Gebiet überführte. Jede Handlung erhält lang andauernde und weit um sich greifende Folgen. Die Entscheidung, welche man zu jeder Stunde in jedem kleinen Verhältnis trifft, diese Entscheidungen bilden den Charakter, bestimmen den Typus, modifizieren die Gefühle. Wähle ich wiederholt so, daß ich meinen höheren Pflichten untreu werde, gewöhne ich mich daran, gewisse Pflichten zu versäumen, gebe ich gewissen Stimmungen immer nach – dann tragen später diese Entscheidungen, diese Gewohnheiten, diese Nachgiebigkeit ihre Früchte im großen Augenblick meines Lebens. Und mein Schicksal steht unerbittlich vor mir, mit Notwendigkeit aus all den Folgen gebildet, die meine erste Nachgiebigkeit gegen das, welches mir damals nur eine ungefährliche Schwäche erschien, allmählich nach sich gezogen. Und aus den Entscheidungen, den Gewohnheiten, den Stimmungen, denen Männer und Frauen ganzer Generationen gefolgt sind, bilden sich die tausend feinen Fäden in den Banden, die eine Gesellschaft zusammenhalten und ein Volk in der Stunde der Gefahr erretten. Für George Elliots Lebensansicht war es deshalb durchaus vor allem anderen wichtig, daß jede kleine Stadt in der Welt eine Mrs. Poyser habe, welche mit ihrer warmen Mütterlichkeit und ihrer gesunden Lebensweisheit die Herzen ihrer Umgebung erweiterte und ihr Gehirn klärte; eine Dolly Winthrop, die an ihrer breiten Brust auch Platz für das mutterlose Kind hatte, die die Kunst verstand mit weichen Händen tiefe Wunden zu verbinden, die mit »the milk of human kindness« Arme wie Reiche sättigte, und die solchergestalt in jeder unentwickelten Seele die Macht der Güte stärkte.7

George Elliot selber wußte, daß sie mit ihrem empfindsamen Gewissen nie ihre Produktion hätte bewältigen können, wäre sie zwischen zwei Pflichtgebieten hin- und hergerissen gewesen. Aber sie war kinderlos, und ihr Gatte hegte die tiefste Ehrfurcht, die innigste Sympathie für ihre Arbeit. Er hatte Zeit und Lust, all die kleinen Pflichten auf sich zu nehmen, die sie nicht erfüllen konnte, und diese Anordnung trug in diesem Falle dazu bei, das Glück beider zu fördern. Aber wäre er durch seine eigene Arbeit daran gehindert gewesen die ihrige zu schützen, und hätte das Mutterglück ihr Wesen erfüllt, dann wäre die Folge davon ohne Zweifel gewesen, daß Konflikte gekommen wären, die ihrer Arbeitsintensität und künstlerischer Abrundung Abbruch getan. Wir haben ja in unserer eigenen Litteratur Beispiele solcher Wirkungen gesehen. Unter ihnen war A. Ch. Leffler, deren Produktion während der ersten Periode ihres Schaffens weniger reich an Lebensinhalt, aber künstlerischer in der Form war, als in der zweiten Periode.

Eine Frau, die zwei, oft scharf getrennte Wirksamkeitskreise hat, wird erst zwischen ihnen hin- und hergerissen unter einem Gefühl von unaufhörlicher Disharmonie. Aber eine solche Disharmonie läßt sich auf die Dauer nicht ertragen. Schließlich muß man einmal seine Wahl treffen und sich entscheiden, ob man die äußere Aufgabe oder die Pflichten des Familienlebens für das wichtigste hält. Dann entscheidet man sich bei den kleinen, täglichen Konflikten für die Richtung, in der man die große, lebenbestimmende Wahl getroffen hat und fühlt nicht mehr Gewissensbisse darüber, daß, was man auf dem anderen Gebiet giebt, nur von sekundärem Wert sein kann. Stellen nun die Frauen diesen Grundsatz auf: daß ihre geistige Bildung das wichtigste für die Kultur ist, dann müssen und werden ihre täglichen Entscheidungen und Gewohnheiten in dieser Richtung gehen. Und so würde allmählich die sympathische Seite ihres Lebens weniger ausgebildet werden.

Aber auf diese Weise würde ja wiederum ihre ganze Individualität nicht frei werden, sondern nur der eine Teil, während der andere unterdrückt bliebe? Welcher Teil der weiblichen Persönlichkeit ist es denn, der für das ganze Frauengeschlecht, für die Kultur der Zukunft am wichtigsten ist? Hören wir, was alle die geistvollsten Frauen des Jahrhunderts geantwortet haben: »Die höchste Form des Daseins für das weibliche Geschlecht, der stärkste Moment bei seinen höchsten Individuen ist das sympathische Leben, und nicht das geistig produktive.«

Diese Antwort klingt aus den Werken einer Madame Staël, einer George Sand, einer E. B. Browning, einer George Elliot. Die nämliche Antwort gaben nicht nur Sonja Kovalewsky, sondern auch andere reich begabte Frauen, mit denen ich in persönliche Berührung gekommen bin, wie z. B.

Magdalene Thoresen, A. Ch. Leffler, Ernst Ahlgren. In Deutschland hat Laura Marholm tiefe Worte dafür; Englands feinste weibliche Feder, George Egerton, schreibt ihre auserwählten, weiblichen Lebensbilder, um dies zu beichten. Die vorzügliche weibliche Schriftstellerin Frankreichs, Arvède Barine, betont dieses immer von neuem.


* * *


Die eigenartigen Vorzüge der großen weiblichen Dichterinnen scheinen mir unwiderleglich zu offenbaren, auf welchem Gebiete der Frauengeist die Höhe des Mannes erreicht, und auf welchen nicht. Was die Ideen betrifft, so giebt es keine geniale Frau, die dort originell wäre. Sie ist beeinflußt von diesem oder jenem Manne, dem sie geistig oder persönlich am nächsten steht. Madame Girardins witziger Einfall, George Sands Werke bestätigten die Äußerung; »le style c'est l'homme«, gilt nicht bloß von ihr, sondern von allen ihren Mitschwestern. George Elliots ganze Produktion gab den Lehren Comtes und Spencers dichterisches Leben; Madame Guyons »geistiger Sohn« war auch ihr »geistiger Vater«, Madame Staëls Erzieher war Rousseau – vor Benjamin Constant und alle den anderen! Sonja Kovalewskys Lehrer war Weiherstraß, und Bastien Le Page war Marie Bashkirtseffs. . . . Aber weshalb einzelne Beispiele aufzählen? Die ganze Geistesgeschichte der Frau ist ein einziges folgerichtiges Beispiel davon, daß ihre Originalität sich nicht auf dem Gebiete findet, wo diejenige des Mannes am kräftigsten ist. Nein, ihre Originalität ist diejenige, die Sapphos Namen durch Jahrhunderte wie eine Flamme neben dem der Heloise brennen liess; die Ursache war, daß eine Birgitta, eine Katharina von Siena, eine Santa Theresa ihr Mutterherz zu einem Altar für das himmlische Feuer umschufen; daß die Briefe einer Mutter an ihre Tochter, eine Madame Sévigné unsterblich machten; daß La princesse de Clève ein Buch ist, bei dem wir noch weinen; daß ein kleines Pfarrhofsmädchen – Charlotte Brontë – das weibliche Wunder ausführt – in Vilette – einen Mann zu schaffen, der in jeder Fiber lebt. Die Originalität der Frau ist die, welche Madame Stael zur Mutter zweier unsterblicher Töchter gemacht; George Elliot zur Mutter vieler unsterblicher Frauen, Kinder und Greise. Die Hingebung, die Zärtlichkeit, die lebendige Sympathie, die schnelle, feine Beobachtung, das innige Verständnis, alles das wird zur höchsten Kunst gesteigert in der Schilderung des Lebens auf den Gebieten, wo das weibliche Gefühl und die Intensität der genialen Inspiration eins sind.

Wenn ich von der »Wildheit« der Frau gesagt habe, daß sie zur Begrenzung ihres Genies wird, so meine ich damit eben diese Intensität nach der einen Richtung hin. Die Gefühle werden origineller als die Gedanken; die individuellen Gesichtspunkte reicher als die generellen; die Auffassung des Konkreten, der Mannigfaltigkeit stärker als der Sinn für Einheit und Ganzheit. Deshalb haben die Frauen auch in ihrer Produktion nur auf dem Gebiete der Lyrik, des Romans, der Essays und Briefe die Höhe des Mannes erreicht.

Tiefe und anhaltende, wissenschaftliche Forschung, das Kombinationsvermögen, welches die Thatsachen zu einem Ganzen gruppiert; die scharfe und folgerichtige Analyse; die große Synthese, die konsequente Anwendung der gegebenen Prinzipien – alles das, was den Philosophen, den Theologen, den Politiker, den Soziologen, den Gelehrten auszeichnet, trifft man in geringerem Grade bei der Frau an, ebenso den höchsten Flug der Phantasie. Auch die großen epischen und dramatischen Dichtungen, die Hauptwerke der Musik und der bildenden Kunst fordern jene Stärke, welche die Frau nicht besitzt. Der Mann holt auch seine Inspiration aus den großen Gefühlen. Er aber beherrscht sie, wenn er aus ihnen gestaltet; er dichtet sich aus in seinen Werken und befreit sich so von der alles absorbierenden Macht der Gefühle. Das männliche Genie verdoppelt sich so zu sagen beim Schaffensakt: ist zugleich Mann und Weib. Auch das weibliche Genie verdoppelt sich, aber dadurch, daß es zweimal Weib wird. Die Genialität des Genies verstärkt ihre weibliche Genialität, welche die ist: lieben zu können. Sie würde deshalb, wenn sie die Wahl träfe, die Forderungen ihres Herzens zu unterdrücken, um sich der Produktion besser widmen zu können, nicht nur an Glück verlieren, sondern an Genialität. Ihre Genialität also ist eins mit der höchsten Potenz ihres Lebens als Weib. Aber dieses intensive Leben muß ein ebenso intensives im Dienste der Idee ausschließen, denn ein begrenztes Wesen wird von einer zu großen Kraftentwicklung zersprengt.

Diese geniale Kraft ist auch die Ursache, weshalb die Frau der Assimilation so fähig ist, weshalb sie den Stoff, den die männlichen Genies ihr gegeben, in sich so gut aufnehmen und verarbeiten kann, indem sie die Werke zum zweiten Male auf der Bühne gestaltet oder sie als reproduzierende Künstlerin wiedergibt. Aber die Begrenzung dieser Genialität ist die Schuld daran, daß kein weiblicher Schauspieler ein Molière oder eine Shakespeare wurde. Dieselbe rezeptive Genialität ist es auch, welche die Größe der weiblichen Regentinnen ausmachte. Sie haben es verstanden, die hervorragenden Männer zu benutzen, die an ihrer Seite standen, und bis zum höchsten Grade die weiblichen Eigenschaften zu steigern, welche die vorzügliche Mutter und Hausfrau auszeichnen; die ordnende und stützende, die zusammenhaltende und leitende Macht.

Es ist die biegsame, geschmeidige Genialität, welche die Frauen in allen großen Kulturperioden und auf allen Gebieten ausgezeichnet hat. Sie war es, die die Frauen antrieb, sich in großen Scharen in den griechischen Philosophenschulen zu versammeln, wie später um die Kirchenväter und um die geistreichen Männer aller Zeiten: so erlangten sie eine hohe Bildung, wurden intelligent in der Auffassung, leidenschaftlich als Parteifreunde, Aber unter der Schar von Frauen, die den Lehren des Pythagoras lauschten, wurde niemand ein neuer Meister; unter den gelehrten Frauen, an die St. Hieronymus nicht weniger als fünfzig theologische Briefe schrieb, wurde keine eine »Kirchenmutter«. Alle mit Namen oder nur im allgemeinen genannten Frauen, die in der Antike, im Mittelalter, in der Renaissance und in der neueren Zeit auf dem Gebiete der Kunst hervortraten, stehen oft in Verbindung mit einem männlichen Namen – z. B. Steinbach, van Eyck – und der Ruf des Vaters oder des Bruders oder des Lehrers erhöht den Ruf der Tochter, der Schwester und der Schülerin. Die Frau hat oft mit entzückender Feinheit und Anmut gewirkt – in derselben Richtung wie die männlichen Genies, bei denen sie ihren Unterricht und ihre Inspiration holte. Zu verherrlichen, das ist ihre Stärke und ihre Größe. Der Heroenkultus liegt in ihrer Natur, er ist ihre Religion und sie huldigt ihm auch innerhalb der Religion. Als Kristina da Pizzano den Auftrag bekam, die Geschichte Karls V. von Frankreich zu schreiben, wurde ihr Werk zu einem, von feinsinnigem und warmem Verständnis durchatmetem Lobgesang, und das ist typisch. Jede weibliche Arbeit dieser Art – sei es Essay oder Kritik, Geschichte oder Memoiren – erhält ihren größten Wert durch den Enthusiasmus. Ja, der Enthusiasmus ist der speziell weibliche Wert innerhalb der Kultur, wenn die Frau nicht produktiv wirkt, sondern dort nur ihr hastig vibrierendes, mit dem Temperament des Künstlers verwandtes Wesen einsetzt, dieses »kindliche« in ihrer Natur, welches den Urgrund der Weiblichkeit bezeichnet, und vielleicht verständlicher ist als das »wilde«. Dieser wilde, kindliche und künstlerische Zug macht die Frau so leicht empfänglich für die feinsten Nuancen, giebt ihr ein starkes Bedürfnis für Glanz und Farbe im menschlichen Dasein, macht, daß sie von ihren Impulsen sicherer geleitet wird als der Mann. Er verleiht ihr etwas von der Macht des Kindes und des Künstlers dem Augenblick zu leben. Aber deshalb besitzt sie auch bei den geistigen Aufgaben nicht die starke Konzentration des Mannes. Eine Frau sinnt nicht ein ganzes Lebenlang über einen Gedanken, eine Erfindung nach. Dagegen erfaßt sie oft schnell, ahnt tief, fühlt heftig, beobachtet fein und vielseitig im Bereiche der Wissenschaft, Politik, Philosophie und ähnlichen Gebieten. Vor allem ist sie in ihrem intellektuellen Leben sympathisch und wird dadurch, nach dem Bilde Plutarchs, die Laute, welche als Begleitung zu dem Gesänge eines anderen erklingt.

Das geistige Leben der Frau bewegt sich solchergestalt mit vielen, kleinen, kurzen Wellenschlägen auf einem in der Tiefe ruhigen Fluß; die Seele des Mannes ist ein reißender Strom, der die tiefe Furche zieht, durch die eine wissenschaftliche Untersuchung, ein Gedanke, eine Kritik bis zu ihren äußersten Konsequenzen ausgeführt werden.

Für diese intellektuelle Originalität der Frau und ihre mannigfachen Äußerungen wäre jetzt der Zeitpunkt, neue, eigenartige Formen zu finden. Aber diese Originalität ist in Gefahr, von den mißverstandenen Gleichheitsbestrebungen und der geistigen Nüchternheitsbewegung zerstört zu werden.

Und diese Originalität wurde gerade durch die viel gepredigten Rücksichten auf die Frauensache, auf ihren Nutzen oder Schaden erstickt, diese Rücksichten, die wie ein Mühlstein auf einer ganzen Frauengeneration lagen. »Wie ich diesen Druck gefühlt habe,« schrieb vor kurzem Hilma Strandberg, eine geniale Verfasserin unseres Landes, »daß die Frauenlitteratur eine gewisse Tendenz, eine bestimmte Grenze haben müsse, daß man gewisse Anforderungen an sie stellte! Wie es mich gehindert hat, mich skeptisch machte, so daß ich mich meines eigenen Pathos schämte, ja es verachtete – und es war doch das Innerste in mir, was heraus wollte – die Lyrik des Frauenwesens selber, welche der höchsten Freiheit bedarf, um zu einem hinreißenden Pathos anzuschwellen, das die Herzen mit sich reißt.«

Ich selbst habe den Eid Hannibals geschworen, diesem Drucke »um der Frauensache willen«, dieser einseitigen Beurteilung, mit Rücksicht auf den »Nutzen der Frauensache« meinen unauslöschlichen Haß zu weihen! Diese nivellierenden, verdummenden Rücksichten müssen fort, fort bis zur letzten Fiber aus jedem weiblichen Gehirn; denn nicht eher wird die weibliche Persönlichkeit von dem Zwange befreit, der jetzt vor allem dazu beiträgt die Frauen zu hindern das Einzige zu geben, was sie zu geben haben: ihr innerstes, weibliches Ich.

Nur durch die absoluteste Freiheit – von den Ketten und Banden der Gesetze, der Vorurteile der Gesellschaft, aber auch von dem Dogma der Frauensache – können die Frauen wirklich zeigen, wie hoch und weit ihr Genius sie tragen wird. Vielleicht wird es von einer Billion Frauen nur eine sein, die einen neuen Gedanken findet – aber dazu muß die ganze übrige Billion in der vollen Bedeutung des Wortes frei sein!

Es giebt keine Nuance einer Individualität, die nicht von Wert für uns wäre, sei sie nun die eines Mannes oder die einer Frau; und sie muß dieselbe Möglichkeit haben wie er, sich mit Leidenschaft und Erfolg jedem Angriff auf ihre besondere Gestaltungsart zu widersetzen, denn es gilt diese Eigenart bis in die geringsten Einzelheiten zu schützen, um dem rechten Zuge unseres Wesens folgen zu können. Sie kann dies mit größerem Erfolge thun als der Mann, denn das Wesen der genialen Weiblichkeit ist unter anderem Unbezwinglichkeit. Und ist das Wesen der Weiblichkeit erst befreit, werden wir ungeahnte Reichtümer gewinnen. Wir haben für alles eine Verwendung: für die glühendrote Flamme der großen Leidenschaft, die alle konventionellen Formen zu Asche verbrennt; für die große leuchtende Verzückung, in der die Seele emporsteigt, nackend und überirdisch wie der höchste Ton der Violine, den großen Rätseln des Lebens entgegen. Wir brauchen den dionysischen Rausch und die apollonische Klarheit. Wir brauchen die dämonische Macht, die eins ist mit der Schöpferkraft, ohne welche kein Werk das Gepräge der Genialität erhält! Wir brauchen die Fromme Selbstverleugnung, die große Taten vollbringt ohne genannt zu werden, und die rastlose Lebendigkeit, die ihren Namen an große Taten heftet; wir brauchen die heilige Einfalt mit dem Maiglöckchenduft eines Frühlingsmorgens auf dem Lande und dem Klang des Glockengeläutes am Abend vor dem Feste; und wir brauchen die große Rücksichtslosigkeit mit ihren Rauchwolken und ihrer Sturmglocke. Wir brauchen den großen Glauben und den großen Zweifel, die große Liebe und den großen Haß.

Wir brauchen auch die große Dummheit! Und das sagt alles in Bezug auf die unbegrenzte

Freiheit der Individualität, welche eins ist mit den unbegrenzten Zukunftsaussichten der Kultur.


XII.

Wie soll denn ein Fortschritt möglich sein, wenn wir nicht länger nach der Gleichheit mit dem Manne streben dürfen? fragen die Frauen. Ich antworte: »Dadurch, daß die Förderer der Frauenfrage sich herbeilassen, das Einfache zu verstehen und nicht das Unbegreifliche verstehen zu wollen.«

Mit anderen Worten: wenn sie einräumen, daß die Natur einfacher und auch tiefer ist, als sie glaubten. Wenn sie einsehen, daß es ein geheimnisvolles Band giebt und eine tiefe Analogie zwischen unserer Seele und unserem Körper, und daß diese Verbindung kein Zufall ist! Wenn sie erkennen, daß die Ausgleichung der geistigen Geschlechtsverschiedenheiten zu derselben geistigen Unfruchtbarkeit führen würde, wie es bei einem menschlichen Hermaphroditen auf dem physischen Gebiete der Fall ist. Wenn sie einräumen, daß die Bewahrung der geschlechtlichen Eigentümlichkeiten die Bedingung ist für die vollkommenste, schönste Entwickelung des Geistes, sowie sie es für die Entwickelung des Körpers ist.

In diesem Falle, wie in allen anderen, gilt es zuerst das Notwendige zu suchen – das durch das innerste Gesetz des Wesens Notwendige – dann kommt all das andere später von selber hinzu!

Gleich wie das männliche Geschlecht unter der Erfüllung seiner Kulturaufgabe den größten Einfluß auf die Gefühle ausübte, und es sich zeigte, daß die Gefühlswelt des einzelnen Mannes sich immer höher und reicher entwickeln ließ, so hat das weibliche Geschlecht unter der Erfüllung seiner Kulturaufgabe den größten Einfluß auf die Welt der Ideen und Künste ausgeübt, und es hat sich gezeigt, daß das intellektuelle Leben der Frau sich immer höher und reicher entwickeln ließ. Aber das Gesetz der geistigen Zirkulation scheint für den Mann vom Kopf zum Herzen zu sein, und für die Frau vom Herzen zum Kopf. Im selben Augenblick, wo der Mann es sich als höchstes Ziel setzte, sein Gefühl so zu entwickeln, daß es seine reichste Kraftentfaltung im Kinderzimmer fände; im selben Augenblick, wo das Frauengeschlecht es sich als höchstes Ziel setzte, sich so auszubilden, daß sie ihre höchste Kraftentfaltung auf äußeren Gebieten fänden, würde alles verworren werden. Das Resultat wird ebenso unrichtig, wenn wir sagen 2 x 2 = 5, als wenn wir sagen 2 x 2 = 3. Das letztere gleicht dem Irrtum vor der Emanzipation, das erstere dem Mißbrauch nach ihr. Für den, der sich der höheren Mathematik widmen will, ist nur der Satz 2 x 2 = 4 fruchtbar, und fruchtbar für den, der den Wunsch hegt, daß die Kultur immer höhere Formen erreiche, ist auch nur die Annahme, daß die Menschennatur ein unabänderliches Grundgesetz habe: Mann und Frau, ein Grundgesetz, das Svedenborg – der größte Geist, der in unserem Lande über das Geschlechtsproblem nachgedacht hat – bis in die höchsten Himmelssphären hinein erhalten sah.

So groß die Verwirrung ist, zu welcher die Annahme führen würde, daß der Geschlechtsunterschied das niedrigere physische Gesetz sei, während die gemeinschaftliche, menschliche Gleichheit das höhere Gesetz des Geistes sei, ebensogroß ist die Klarheit der folgenden einfachen Erfahrungsschlüsse: daß auf dem geistigen Gebiete ganz dieselben Verhältnisse herrschen wie auf dem Gebiete des Körpers; oder daß neben vielen großen, gemeinschaftlich menschlichen Gleichheiten gewisse fundamentale Ungleichheiten existieren. Wie tief und groß diese sein mögen, kann nur eine in voller Freiheit fortgesetzte Entwickelung der beiden Geschlechter zeigen. Diese Entwickelung wird wahrscheinlich, wenn sie nicht von der Emanzipation in schiefe Bahnen geleitet wird, eine immer reichere Assimilierung aufweisen, von seiten beider Geschlechter in Bezug auf den Kulturfond des anderen, ohne dadurch aber eine immer reichere Differenzierung dessen, was auf beiden Seiten hervorgebracht wird, auszuschließen.

Auf diesem Wege wird die Befreiung wirklich stattfinden, sowohl für den weiblichen Übermenschen wie für die Alltagsfrau, für die Ausnahme wie für die Regel, für die typische, allgemein weibliche Begabung wie für das weibliche Genie.

Jene Befreiung aber, welche die Erreichung der geistigen Höhe des Mannes als Ziel aufstellt, hat statt dessen einen neuen ungeheuren Druck auf die Mehrzahl der Frauen ausgeübt, eine unerhörte Überanstrengung für die vielen, welche der Regel und nicht der Ausnahme angehören.

Dadurch, daß ich jahrelang fast jede Woche irgend eine Bestätigung dieses neuen Drucks, den die »Emanzipation« mit sich brachte, gesehen habe, ist es mir klar geworden: daß dieser Druck hauptsächlich daher kommt, daß die meisten Anhänger der Frauensache den Schwerpunkt ihrer Argumentation und ihrer Bestrebungen in das hineingelegt haben, was die Frau mal werden wird, in ihrer Vervollkommnung auf dem intellektuellen Gebiete, in das Streben nach der menschlichen Gleichheit mit dem Manne in jeder Beziehung.

Was war die Folge davon, daß man den Schwerpunkt dahin verlegte?

1. Daß das ganze so unendlich wichtige Studium des Lebens der Frau als Geschlechtswesen übersehen worden ist. Ja, dieser ganze Vorgang ist als etwas Niedriges aufgefaßt worden; zahllose Beobachtungen sind deshalb versäumt worden, durch welche die Tiefe und Freiheit der Frauennatur sich ebenso klar offenbaren wie in der geistigen Produktion. Eine abstrakte und ungeniale, in ihren äußersten Folgen der Kultur und dem Glücke feindliche Auffassung der Frau ist an Stelle der reichen, komplizierten, individuellen gekommen, welche die Berücksichtigung des geschlechtlichen Moments hätte herbeiführen können.

2. hat sich das Interesse der Frauenbewegung, wenigstens hier im Norden, auf die unverheiratete Frau konzentriert, während man die bedeutungsvollste der modernen Neubildungen: die Stellung der verheirateten Frau übersah.

Das Eigentumsrecht und die Mündigkeit der verheirateten Frau – das einzige Gebiet der Frauenbewegung, auf dem ich seit vielen Jahren direkt gearbeitet habe, und auf dem ich orientiert bin – wurde vor zwanzig Jahren mit lebhaftem Interesse umfaßt. Aber mit jedem Jahr ist das Interesse kühler geworden, und nun redet man sehr wenig von dieser Frage. Noch ist die schwedische verheiratete Frau gesetzlich ebenso unmündig – in betreff ihrer Kinder, ihrer Person, ihrer Arbeit, ihres Eigentums – wie die Idioten und die Verbrecher! Dieses seltsame Mißverhältnis nehmen die meisten unverheirateten Frauen ganz ruhig hin. Weshalb? Weil sie immer mehr den Blick >auf das äußere Arbeitsgebiet der Frau richten und übersehen, wo das wirkliche Machtgebiet der Frau zu finden ist, wo ihre Kräfte vor allem befreit, und entwickelt werden müßten durch das Gefühl der Verantwortung, welches nur die vollen, menschlichen Rechte den Menschen verleihen.

3. werden die Frauen zum eifrigen Wettkampf mit den Männern angetrieben, aber nicht aus persönlichem Ehrgeiz, denn persönlich ehrgeizige Frauen sind sehr selten. Sie werden von einem brennenden, ja man kann fast sagen, religiösen Eifer im Dienste der Frauensache angetrieben. Feine, empfindsame Naturen mit reicher Begabung werden .zerstört; andere, mittelmäßige, zwingen sich gegen ihre innerste Neigung zu den Studien und Berufsarbeiten, an denen sie, trotz aller Müdigkeit und Enttäuschung, festhalten – der Frauensache zuliebe! Denn sie fürchten, die Männer würden sonst die weibliche Schwäche verhöhnen. Ihre Arbeits- und Examensresultate sind später von den Fürsprechern der Frauensache verherrlicht worden als merkwürdige Äußerungen der Frauenkraft, während man es als die natürlichste Sache von der Welt findet, daß ein Jüngling ein ähnliches Resultat erreicht. Und dieses trübt den Blick des jungen Mädchens noch mehr für den wirklichen Wert von dem, was sie, dank ihrer Überanstrengung, erreicht.

4. ist die ganze Entwickelung der Frau zu wirklicher Individualität, zu geistiger Gesundheit und Kraft, durch die Studien vereitelt worden. Denn die Mädchen haben – im Interesse der Gleichheit – dasselbe leiden müssen wie das männliche Geschlecht unter dem jetzigen, wahnsinnigen Schulsystem.

5. haben die Frauen, immer mit der Gleichheit vor Augen, ohne von der Sorge für das tägliche Brot gezwungen zu sein, sich auf Arbeitsgebiete geworfen, auf denen sie nur selten das Glück einer wirklichen Kraftentwicklung gefühlt haben.

6. hat die Frauenbewegung es sich hauptsächlich zur Aufgabe gemacht, für die Frauen der höheren Stände die Möglichkeit zu geistiger Entwickelung und ökonomischem Erwerb in Konkurrenz mit dem Manne zu schaffen, aber man hat dabei ruhig zugesehen, wie die große Mehrzahl der Frauen aus den niederen Klassen unter einen immer härteren Arbeitsdruck geraten sind und für die soziale Frage und für ihre Einheit mit der Frauen frage sind die Frauenrechtlerinnen blind gewesen.

7. haben die geistig arbeitenden und mit dem Manne zusammen arbeitenden Frauen männliche Resultate für sich als Ziel aufgestellt. Daher haben sie es versäumt, ihrer eigenen weiblich-geistigen Persönlichkeit in ihrer Arbeit Ausdruck zu geben, einer Arbeit, auf die sie sich überdies oft nur geworfen haben, von dem Irrtum getrieben, daß geistige Produktion das geistige Adelszeichen sei. Dadurch ist ein trauriger Dilettantismus zu Ehren gekommen, und nicht die Arbeit an wirklich wertvollen Kulturaufgaben.

8. sind die speziell weiblichen Thätigkeitskreise, das Heim und die Familie, gering geschätzt worden, als ein niedrigeres Arbeitsfeld gegenüber den äußeren Thätigkeitsgebieten und die verheirateten Frauen haben sich immer mehr als eine Art von geistigen Armenhäuslern gefühlt.

Und schließlich – 9. um die heilige Neunzahl zu erreichen – sind einige Frauenrechtlerinnen selbst durch ihre enge Fassung der Frauenfrage dogmatisch oder oberflächlich geworden, und immer mehr geneigt, alle Probleme zu vereinfachen, um sie in ihre eigene Theorie hinein zu zwängen.

Nach meiner tiefsten Überzeugung ist das einzige, dessen die Frauensache bedarf, um aus all diesen Schiefheiten herauszuwachsen und kräftiger als je zu werden, gerade der neue Gedanke, für den ich das Verständnis erwecken möchte: nämlich, daß man ganz einfach den Schwerpunkt seiner Beweisführung für all das, was man möglicherweise in Zukunft von den Frauen noch erhoffen dürfe, auf das verlegt, was sie schon für die Kultur getan haben.

An Stelle der demütigenden Erkenntnis, daß die Frau seit Jahrtausenden in ihrer geistigen Entwickelung gehemmt ist, nicht etwa durch Verhältnisse, die für ihr innerstes Wesen entscheidend gewesen, sondern von mehr oder weniger starken und zufälligen äußeren Dingen, gewinnen wir die für unser Selbstgefühl erlösende Gewißheit: daß wir in der Tat ganz ebenso große Werte in die Kultur eingesetzt haben wie der Mann, wenn auch von anderer Art.

Und aus diesem Selbstgefühl wird eine strahlende Siegesgewißheit, eine unbezwingliche Freimütigkeit hervorgehen. Dann wird es endlich mal zu Ende sein mit der dummen Redensart »nur ein Mädchen«, die sich in so manchem Heim wie ein Frostreif auf die keimenden Seelenvorgänge des jungen Mädchens gelegt, und das quälende Gefühl von Scham und Gebundenheit hervorgerufen darüber »nur ein Weib« zu sein, dieses Gefühl, dem so viele begabte Frauen in ihren Schriften einen herzzerreißenden Ausdruck gegeben haben.

Dann werden sowohl die alltäglichen Frauen wie die genialen Frauen, alle vereint, hervortreten und dem Manne mit stolzer Zuversicht sagen:

Unser Einsatz in die Kulturarbeit ist die Humanisierung des Gefühls gewesen. Dieser Einsatz ist ebenso unentbehrlich gewesen für die Kultur, wie der männliche Einsatz. Um diese Aufgabe immer würdiger zu erfüllen, brauchen wir Bildung und Arbeitswahl wie der Mann, und wir verlangen deshalb das Recht zu denselben Möglichkeiten für eine individuelle Entwickelung, ganz das nämliche Recht, mündig zu sein, ob wir verheiratet oder unverheiratet sind; ganz das nämliche Recht, teilzunehmen an der Abfassung der Gesetze, die auf die ganze Gesellschaft ihre Wirkung ausüben und daher auch auf unsere speziellen Aufgaben. Wir haben das nämliche Recht ganz auf unsere eigene Verantwortung zu leben; unsere eigenen Wege zum Glück und zur Harmonie zu gehen. Daß uns, weil unsere Aufgabe eine andere war, der Zutritt zum vollen männlichen Kulturbesitz abgesperrt wurde, war ebenso töricht und zu ebenso großem Schaden für das Ganze, als wenn dem Manne der Zutritt zum weiblichen Kulturbesitz versperrt gewesen wäre. Für das frische Weitergedeihen der beiden Lebensgebiete, für die volle Aneignung der beiderseitigen, verschiedengearteten Kulturvorräte durch beide Geschlechter, ist vollkommene Freiheit für beide Teile die unabweisbarste Lebensbedingung.

Spricht die Frau in dieser Weise mit inniger Überzeugung und beharrlicher Ausdauer, so wird der Mann ihr auch schließlich Gehör schenken. Denn dann hat sie das Zeugnis der ganzen Weiblichkeit für sich, und alle die tausend Stimmen der Erfahrung werden den Klang ihrer eigenen verstärken. Spricht sie so, wird sie schließlich alles gewinnen, was sie wünscht, und das viel eher, viel leichter, als wenn sie das Hauptgewicht auf eine intellektuelle Gleichheit der Geschlechter legt, welche nur als eine sehr zweifelhafte und ferne Zukunftsmöglichkeit existiert.


* * *


Die Rückkehr zum eigenen Ich, zur Urnatur, zu dem Großen, Geheimnisvollen, das unsere Lebensquelle ist – diese Rückkehr ist der bedeutungsvollste Zug am Schluß des Jahrhunderts.

Nur durch ein tiefes Eindringen in alle jene Erscheinungen im Leben des Weibes, welche mit der Thatsache zusammenhängen, daß ihr ganzes Wesen nicht nur als Individuum existiert, sondern in sich das Menschengeschlecht der Zukunft einschließt, wird man endlich wirkliche Offenbarungen darüber erhalten, was die Natur des Weibes ist, als Individuum und als Geschlecht. Aus unserer innersten geheimnisvollen Naturbestimmung bildet sich nämlich das Individuum heraus. Die allgemeinen Kenntnisresultate, die allgemein gültige Art und Weise des Menschengeschlechts, das Dasein zu ordnen, thun der Originalität beständig Eintrag. Das geniale Schaffen ist immer ein Ausbruch, der geordnete Resultate stört, und dasselbe ist der Fall bei gewissen Äußerungen der Urnatur. Genialitat und Verbrechen, Individualität und Abnormität, Möglichkeitsfülle und Begrenzung, alles quillt aus derselben Quelle: dem organischen Leben. Was der Mensch, losgelöst von diesem organischen Leben, ist, wissen wir nicht. Daß der Mensch in diesem Dasein eins ist mit seinem Organismus und durch ihn bestimmt wird – das wissen wir. Aber erst in unserer Zeit fängt dieses Wissen an, vom toten Buchstabenglauben zum lebendigen Glauben überzugehen. Und je inniger das Zusammenwirken wird zwischen der Biologie, der Psychologie, der Soziologie, der Ethik und Ästhetik, das jetzt begonnen hat, desto reichere Formen wird nicht bloß die Kultur, sondern auch das individuelle Leben annehmen.

Gustav Steffen hat vor kurzem etwas geschrieben, welches so mit diesem Gedankengange übereinstimmt, daß ich es hier mitteile:

»Die Berührung mit wilder Natur in und außer uns ist die unentbehrliche Voraussetzung für jede gesunde, dauerhafte Zivilisation. Das Problem der Kultur ist, die Wildheit durch die Zivilisationsmittel: Gesetz, Staat, Ehe, Moral, Industrie u. s. w. zu harmonisieren. So wird die Kultur zur Kunst. Daher müssen die obengenannten Zivilisationsmittel der Wildheit untergeordnet sein – denn der Geist ist mehr als die Formen. Und daher ist die große Gefahr in der Kulturentwicklung die, daß die unumschränkt fortschreitende Entwickelung der Zivilisationsmittel, ihrem eigenen Gesetze zufolge, die Wildheit in uns ersticke, abschwäche, korrumpiere, zu stark bezähme und beschneide. Die Moral darf unser gutes Gewissen, »unmoralisch« zu empfinden, zu denken und zu handeln, nicht zerstören – wie würde sonst die Moral selber imstande sein sich zu entwickeln?

Das Gesetz und der Staat dürfen unsere Kraft zur Revolte nicht brechen. Die Industrie darf uns nicht so fleißig, so arbeitshungrig, ökonomisch besonnen und ordentlich machen, daß wir nicht mehr faulenzen, nicht mehr leichtsinnig die Sorge um Brot und Obdach verachten, nicht mehr, statt es utilitaristisch zu bearbeiten, das Dasein müßiggängerisch beschauen und genießen können. Und diese Gefahr existiert! Möge das Weib den Mann davor schützen und der Mann das Weib! Das ist eine der tiefsinnigen Absichten der Natur, weshalb sie zwei Geschlechter schuf. Deshalb muß man als erste und letzte Losung für jede Frauenemanzipation fordern, daß der höchste- Ehrgeiz des Weibes sei, zu bleiben was sie ist, zu werden was sie ihrer Natur zufolge ist.«

Dieser Essay über »Mißbrauchte Frauenkraft« ist ein Versuch gewesen, aus der ersten und allgemeinsten Wesensbestimmung der Frau heraus, aus dem, was sie ihrer Urnatur zufolge ist – Mutter – die Ursachen ihrer Schwäche in gewissen Richtungen, ihrer Stärke in anderen herzuleiten, und daraus wieder Schlüsse zu ziehen in Bezug auf die Gebiete, wo sie, wenn ihre besonderen Kräfte voll entwickelt und befreit worden sind, Aussicht hat, für die Kultur von immer größerer Bedeutung zu werden.

Ich denke, daß meine Betrachtungen indirekt ein Beweis sind für die Überlegenheit der männlichen Intelligenz, denn ohne die Anregung, welche ich durch männliche Denker erhalten – bekanntlich sind ja alle die ersten philosophischen, psychologischen und biologischen Arbeiten über die Frau von Männern geschrieben! – hätte ich sie nicht anstellen können. Aber andererseits denke ich sind sie wieder ein direkter Beweis für die weibliche Überlegenheit. Das ewig Weibliche vermag innerhalb der Gefühlssphäre dasselbe, wie das ewig Männliche innerhalb der Intelligenzsphäre: außerhalb seines eigenen Ichs einen Punkt zu finden, von dem aus das Dasein sich heben läßt. Ich habe diese Überlegenheit die Mütterlichkeit genannt. Und in diesem Essay ist sie in das Mitgefühl umgesetzt für alle die jungen weiblichen Wesen, deren Glück ich reicher und tiefer haben wollte.

Ich glaube freilich, daß diese Äußerung, wie die meisten anderen geistigen Äußerungen der Mütterlichkeit, nur eine gewissermaßen kurze Lebenszeit haben wird. Ehe das Gras auf meinem Grabe wächst, wird sie schon lange vergessen sein, und keine Zukunftsfrau wird das Büchlein in einer Bibliothek finden können, wenn sie ihre Geschichte über »Die Frauenfrage im 19. Jahrhundert« schreibt, denn die papiernen Flügel, die solche Eintagsfliegen tragen, werden heutzutage schnell zu Staub! Aber mittelbar wird dieser Einsatz von Mütterlichkeit doch unvergänglich sein, wenn nur ein einziges junges Herz dadurch von einem tieferen Lebensgefühl durchbebt und erweitert worden ist, einem Gefühl, das späterhin mal fortgepflanzt wird von einer Generation auf die andere.

Daß ein stärkeres Lebensgefühl nur Glück verleihen wird – das kann ich nicht versprechen.

Mit meinen eigenen Worten will ich daran erinnern :


Ein seelenvoll gelebtes Leben ist ein Schmerz.
Aber Leben, in Schmerz oder Seligkeit, ist Kraftentfaltung, ist Genuß, ist das Gegenteil von Stillstand und Tod.


Stockholm 1896.

Ellen Key.




1 Hier rede ich natürlich vom großen Durchschnitt

2 Ein Andersensches Märchen.

3 Laura Marholm: Wir Frauen und unsere Dichter.

4 Max Dressler: Preussische Jahrbücher. Jan. 1895.

5 Einer der bedeutendsten Geister Schwedens aus der romantischen Periode.

6 Geijer, schwedischer Dichter.

7 Siehe Adam Bede und Silas Marner.