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Klabund – Die Heimkehr

Novelle

Aus: Das heitre Buch, Herausgegeben von Walter Jerven, Erster Band, Mit Bildern von Kasia von Szadurska, Hugo Schmidt Verlag, München, 1917, S. 385ff.


Als Moritz Jeckel aus dem Zuchthaus entlassen war und zu seiner Frau kam, dachte er sich einen guten Tag zu machen und sagte:

»Marie, zieh dich deine jute Bluse an.«

Sie stand am Waschtrog und scheuerte. Als sie ihn hörte, hob sie die rauhen roten Hände aus dem Wasser, trocknete sie am aufgekrempelten Rock und wandte ihm ihr verblühtes Gesicht zu, das noch immer ein wenig hübsch war.

»Fängste schon wieder los. Du bist woll varückt. Statt zu arbeeten, meenste, det ick et wieder tu, von wejen, allens hab ick für dich jetan, und nu . . .«

Er wurde krebsrot im Gesicht vor Wut und schlug mit seinem Knotenstock über das Waschfaß, daß es dröhnte. »Weib, ick sage dir, zieh dich deine Bluse an, mach mer nich wietend.«

Sie wagte keinen Widerspruch mehr und schlich in die Kammer. Du Luder, dachte sie, du Luder.

»Machta,« sagte sie zu einem dreizehnjährigen Kinde, das in einer Ecke über einem zerlesenen schmutzigen Buche hockte und an einer Pflaumenmusschnitte lutschte, »Machta, paß uff die Kleene uff, ick jehe wech, Vata is jekommen.«

Das Kind rührte sich nicht und leckte den linken Daumen ab. –

Sie zog sich vor einem kleinen zerbrochenen Spiegel um.

»Hörste nich, Vata is da. Willst'n nich juten Tag sagen?«

»Schon jut!« sagte das Kind. Es war ihm alles gleichgültig. Nun würde es wieder jeden Tag Prügel setzen. Moritz Jeckel wusch sich im Troge die Hände, legte sein Bündel mit dem geringen Ersparnis seiner Zuchthausarbeit beiseite und pfiff vergnügt zwischen den Zähnen:


»Wo man singt, da laß dich ruhig nieda,
Böse Menschen hab'n keene Lieda.«


Das Weib trat aus der Kammer, in dunkelblauer grüngestreifter Bluse und schwarzem Capottehute.

»Wat,« sagte er und schlang seinen dicken muskulösen Arm um ihre Taille, »ick bin doch keen böser Mensch nich, Marie?« und gröhlend begann er wieder: »Wo man singt . . .«

Sie sah ihn furchtsam an: »Du hast woll schon eenen jeschnapst?«

»Vasteht sich,« grinst er, »vasteht sich . . . Komm!«

Er zog sie mit sich fort. »Wir wollen Pölemanns Karlen abholen.«

Pölemanns Karl besohlte grade einen wenig zierlichen Damenstiefel. Er strich sich seinen strohblonden mächtigen Schnurrbart, der zu seiner schmächtigen Gestalt kurios stand, zog sich seine schwarze Sonntagsjacke an und ging mit.

»Da biste ja wieda,« sagte er und musterte Moritz Jeckel von der Seite.

»Da bin ick,« sagte Moritz Jeckel, »da bin ick.«

Sie gingen in die Destillation von Petersen Gustav. Eine sogenannte Zigeunerkapelle, zwei phantastisch auf- geputzte Mannsleute und ein Tamburin schlagendes mageres Weibsstück vollführten eine abscheuliche Musik. Die verqualmte Luft stand undurchsichtig wie eine graue Mauer.

»Seid jegrüßt ihr Völkerscharen,« Petersen Gustav machte immer ausgezeichnete Witze, heute machte er einen ganz famosen, denn er freute sich, seinen besten Kunden wiedergefunden zu haben.

Kasia von Szadurska

»Jawoll, zurück von der Wanderschaft!« Moritz Jeckel schrie, denn die Kapelle spielte fortissimo.

Pölemanns Karl schlug eine dröhnende Lache an, die man seinem kleinen Körper kaum zutraute.

»Also drei Pullen,« Petersen brachte sie schon. Moritz Jeckel stampfte zum Podium, griff dem häßlichen Weibsstück unters Kinn und gab ihr zehn Pfennig.

»Wie a pussiert,« Petersen Gustav pruschte ordentlich. Er war nie nüchtern, aus Geschäftsrücksichten.

Maries Augen stierten und glänzten. Sie hatte die Flasche halb leer. Moritz Jeckel war schon bei einer zweiten. Pölemann Karl kniff zaghaft Maries rechten Schenkel und stellte noch ganz passable Fleischmengen fest.

Moritz Jeckel bemerkte es, als er die dritte Flasche kommen ließ. Er lachte, daß das Fortissimo der Musik kläglich darin unterging.

Nach der sechsten Flasche fühlte er nach seinem Gelde: es reichte nur noch für eine.

 »Hoho,« dachte er und glotzte Pölemann Karl an, dessen breite Hand zärtlich auf Maries hinterer Rundung ruhte.

Dann packte er ihn und schob ihn vor sich her hinter den Bretterverschlag.

»Schmeißt du 'ne Runde?«

»Nee,« brummte Pölemann Karl, »ick hab ooch nich mehr so ville.«

»Aber wenn ick dir was versprechen tu, schmeißt du 'ne Runde?«

»Wat versprichste mir denn?«

Pölemann Karl rülpste.

»Wenn de mir fünf Rundn schmeißt, kannste –«

»Wat kann ick'n dann?«

Pölemann Karl wurde neugierig.

»Kannste heut Nacht – du vastehst.«

»Höh?«

Pölemann Karl klang das sehr unwahrscheinlich.

»Also du schmeißt mir noch?«

»Meinswejen,« sagte Karl. –

Moritz Jeckel soff noch vier Flaschen.

Aufgedunsen und bläulichrot lag er unter der Bank und gröhlte: »Böse Menschen – hab'n keene Lie–da . . . Lie–da . . . Lie–da.«

Pölemann Karl und Marie trappelten und torkelten Arm in Arm nach Hause. Marie fuchtelte mit der einen Hand begeistert in der Luft herum und schrie unaufhörlich: »Du juter Mann, du – juter Mann.«

Pölemann Karl blies auf der Mundharmonika, die Spitzen seines sonst stolz aufgewirbelten Schnurrbartes hingen feucht herab. Seine Augen waren zusammengekniffen und schienen oben und unten durch zwei scharfe rote Striche begrenzt.

Und er blies eine verzwickte Melodie auf seiner Mundharmonika, eine verzwickte Melodie:

»Dideldum, Di–del–dumm, di–del–dumm . . .«

Kasia von Szadurska