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Klabund – Die Sonette auf Irene

Gedichte

Klabund, Die Sonette auf Irene, Erich Reiss Verlag, Berlin, Frühjahr 1920


I

Ich traf den Engel von der Mondkohorte
Am Friedhofstor. Er führte mich die Pfade.
Er badete in meinem Tränenbade
Die Trauerweide, die am Grabe dorrte.

Ihr toter Leib ist noch wie Sonnengnade.
Die Blumen spriessen hell in seinem Horte.
Aus seiner weit emporgerissnen Pforte
Treten Kamelie, Rose, Dalie, Rade.

Pflück eine Blume dir von ihrem Haupte,
Das so voll blonder Sonne war wie keines,
Das nur dem Licht und nur dem Lichten glaubte,

Und flüchte in die Einsamkeit des Haines,
Der euch so oft zu zweit dem Werktag raubte.
Und auf die Blume hin: dein Herz verwein es . . .




II

Ich habe nichts als diesen Wunsch: zu sterben
Und meinem Liebling ganz im Tod zu gleichen.
Dem Fergen lächelnd beide Hände reichen,
Dem Sanften hingegeben wie dem Herben.

Ich will mit Demut um die Seele werben,
Der keine noch so schönen Seelen gleichen.
Steht sie an Wolken, Türmen oder Teichen,
Will ich geduldig ihren Schatten erben.

Ich war voll Bosheit, Niederkeit und Schlangen,
Gewürm kroch durch des Hirnes schwarze Windung,
In meinem Dom geschwänzte Teufel sangen.

Verstoss mich nicht! Und prüfe meine Bindung!
Sahst du den Mörder auch am Galgen hangen:
Sein Herz ist rein von deiner Glutempfindung.




III

Und immer, wenn die Türe ging, du lauschtest,
Ob ich nicht käme. Und ich war so weit
Und wusste nichts von deinem letzten Leid,
Und dass du mit dem Tod schon Blicke tauschtest.

Wie eine Fledermaus im Dunkel rauschtest
Du zaubrisch zwischen Zeit und Ewigkeit.
Du schriest nach mir wie eine Eule schreit,
Und immer, wenn die Türe ging, du lauschtest . .

Die Totenglocke hat um eins gebimmelt.
Ich bin verschlafen aus dem Traum geschreckt.
Ich sah mein Haupt wie einen Pilz verschimmelt

Und meine Brust mit Messern ganz besteckt.
Mit Sternen war die Nacht wie nie behimmelt.
Ich schlief, bis mich ein Donnerschlag geweckt.




IV

Es war November. Draussen stob der Föhn.
Das Lob der Heimat schien dich zu beglücken.
Wir mussten näher aneinanderrücken,
Um Donau, Ill und Oberhaus zu sehn.

Und unsre Wangen streifen sich und wehn.
Blut klopft an Blut. Wir sehn in unsren Blicken
Erfüllung glänzen, lächeln, jubeln, nicken.
Und Lippe sank auf Lippe engelschön.

Nicht suchte Hand nach Hand. Es klang kein Wort.
Die Uhr im Zimmer tickte unverdrossen.
Und unsre Herzen schlugen fort und fort

Wie Wellen, die ins grosse Meer geflossen.
Du standest auf. Das Buch lag noch am Ort.
Leis hast du hinter dir die Tür geschlossen.




V

Der beste Vers ist noch zu schlecht für sie.
Der reinste Wille unrein vor dem ihren.
Sie schritt mit Wolken, Winden, Sternen, Tieren
In ganz unwandelbarer Harmonie.

Ich bin vor ihr ein Kehricht oder Vieh,
Bestimmt im dumpfen Stalle zu krepieren.
Wenn draussen sie zum Freiheitskampf marschieren,
Vielleicht, dass ich im Traum nach ihnen schrie.

Beglänz mein dunkles Dasein mit dem Licht
Aus deinen beiden Sonnen, blonde Göttin!
Ich bin nicht schlecht, nur kenne ich mich nicht.

Erheb den Tiefgestürzten und verkett ihn
Dem strengen Kirchendienste deiner Pflicht.
Aus Trübsal und Verzweiflung: o errett ihn!




VI

O Eitelkeit, wenn Schmerz zum Dichter wird,
Und Verse tropfend aus den Wimpern fliessen.
Ich will ja nur dein Blumen grab begiessen,
Auf dem der Falter meiner Hoffnung irrt.

Er regt die schwarzen Flügel, bebt und schwirrt
Und seine Flüge auf und nieder schiessen.
Die Blumen schwankend ihn willkommen hiessen,
Er ist ihr milder Herr, ihr Heil und Hirt.

Wenn dann die Sonne sinkt, die Blüten sich
Der Nacht verschliessen, schwebt in edler Trauer
Er durch das Dunkel, schwarz und königlich.

Er spürt den Wind im hohen Wipfelschauer,
Vor dem er segelnd untern Grabstein wich.
Da liegt er zitternd auf des Tages Lauer.




VII

Schon sieben Tag und Nächte muss ich weinen,
Und immer wieder fliesst der Fluss der Tränen.
Und immer wieder will das Herz sich dehnen,
Sich flügelnd mit dem Ewigen zu vereinen.

Entflog es doch und fand sich bei der Einen
Als Rissen ihrem Fuss, darauf zu lehnen,
Wenn die Schalmein der schönen Engel tönen,
Zum Lob gestimmt der Einen ganz All-Einen.

O war mein Herz ihr Schemel, drauf zu ruhn,
Wenn sich das Haupt in Wolkenkissen schmiegt.
Ich will nichts wissen, wollen oder tun.

Ich will nur bei ihr sein, und leicht gewiegt
Von ihren himmlisch zarten Silberschuhn
Erbebt mein Herz, das ihr zu Füssen liegt.




VIII

Kämst du doch eine Nacht, wie ich dich kannte,
Im leichten Hemd zu mir ins Bett geschlüpft!
Die goldne Schnur der Küsse war geknüpft
Aus Sternenfaden, die Urania sandte.

Der Mond sein Licht auf unser Spiel verwandte,
Das er mit kleinem Heiligenschein getupft.
Er zitterte, wenn ich das Hemd getüpft
Und deine Brüste rot mit Küssen brannte.

In einer Nacht wie dieser ward das Kind.
Du weisst es noch und fühltest, dass es werde.
Der Schneewald sang. Die Wand zersprang im Wind.

An Schlitten klang Geläut der Nebel-Pferde.
Du sprachst: Weil wir nun eins geworden sind,
So steigt im Kind der Himmel auf die Erde.




IX

Der Regen regnet tausend Tag und Nächte,
Die Fenster sind von Graugespinst verhangen.
Im See das letzte Licht die Fische fangen,
Das Gute stirbt. Es triumphiert das Schlechte.

Wo ist der Heiland, der Erlösung brächte?
Ich höre Mordgelächter. Räuber rangen
Um Hunger, Geilheit, Goldgier, Pöbelprangen.
Der Edle schweigtJm Sumpf schwärt das Geschwächte.

Ich geh von dannen, schliesse Aug und Ohren
Und heb die Schale meiner Einsamkeit
Zu dir, Irene, Sternbild unverloren!

Wie rauh die Rotte tobt, die Meute schreit:
Werd ich in deinem Dienste neugeboren,
So bin ich gegen diese Zeit gefeit.




X

Stets sah ich nur den Tod am Horizont
Im Jägermantel übern Acker schreiten,
Die braunen Rüden an der Leine leiten,
Die breite Stirn vom Abendrot besonnt.

Ich sah ein Kind ihn auf dem Arm im Mond
Auf einem weissen Pferd vorüberreiten,
Ich sah ihn still im Kahn Stromübergleiten
Und sah das Beinhaus, wo er steinern thront.

Mein Weib und ich: wir lauschten früh der Mette,
Da riss die Türe jäh wie Spinngeweb.
Er hob mein Liebstes lächelnd aus dem Bette

Und sprach zu ihr: Mein goldner Vogel, schweb!
Ich schrie in Martern: Wo ist meine Stätte?
Er sprach: Sie ist erlöst. Du, büsse! Leb!




XI

Ich will mein einsam künftig Leben leben,
Als atmetest du neben mir im Lichte.
Wie früher lese ich dir die Gedichte,
Wenn deine Augen um die Lampe schweben.

Du bittest mich, dem armen Mann zu geben.
Du sitzest über Hochmut zu Gerichte.
Du wendest deinen Rücken, wenn die Wichte
Nach Wichtigkeit und nach Bedeutung streben.

Hier ist am Tisch ein Sessel für dich frei.
Du isst mit mir. Das Kind spielt mit den Horen.
Du flüsterst ihm von Königssohn und Fei.

Mir jagt der Winterwind durch alle Poren.
Er schlägt mit Hagel schier das Glas entzwei.
So hart sind meine Tränen schon gefroren ...




XII

Die Zeit wird niemals meine Wunden heilen:
Sie ist verfault. Sie kann sie nur vereitern.
Noch mehr das Herz zerreissen, und verbreitern
Die vielen Messerstiche; dran sie feilen

Die Genien der Verzweiflung. Hüpfen, eilen
Von Herz zu Hirn, von Hirn zu Herz auf Leitern
Aus Blutgefaser. Und gleich kleinen Reitern
Sitzen auf Blick sie und Gehör und peilen.

Die Zeit ist überreif wie eine Feige
Vom vorigen Herbst. Sie stinkt in der Verwesung,
Dass sie wie eine alte Hure zeige

Die eingefallne Brust zur letzten Äsung.
Erscheine uns, Irene, neige, neige
Dein schönes Haupt und lächle uns Erlösung!




XIII

Ich war dein Tod. Ich habe dich gemordet.
Schuld bin ich, dass das Chaos wie ein Krater
Aufbricht und Feuer speit. Ich bin der Vater
Der Anarchie, die rot uns überbordet.

Ich war dein Tod. Ich habe dich gemordet.
Vergebens warnte mich der brave Pater,
Ich schändete dich, dolorosa mater . . .
Ich habe dich mit meinem Kind gemordet.

Die Herrschaft, die du mit der Lilie übtest,
Ich stürzte sie im Fieber meiner Kaste.
Du lächeltest. Du segnetest. Du liebtest.

Ich blickte finster. Drohte. Fluchte. Hasste.
Und während du das Gold vom Staube siebtest,
Lief ich zur Wollust, grölte, soff und prasste.




XIV

Ich stehe an den Teichen von Losone,
Wo wir so oft die schönen Schlangen fingen
Und Arm in Arm in aller Nacktheit gingen
Durch Knieholz, Ginsterbusch und wilde Bohne.

Du spieltest mit den Fröschen. Gabst zum Sohne
Dem grossen Frosch den kleinen. Und in Ringen
Mussten die Schlangen um die Hand sich schlingen.
Ich dachte an ein Märchen des Padrone:

Es war einmal ein Mädchen tugendhaft,
Die lebte nur in Fröschen, Schlangen, Kröten.
Hingab sie ihre Liebe, ihre Kraft.

Sie wusste nur von ihren Freud und Nöten.
Da zwang ein Jüngling ihre Leidenschaft.
Und sie ertrug ihn nicht und liess sich töten . . .




XV

Es schaukelt unser Boot zu jenen Inseln,
Die deine grossen Blicke stets ersehnten.
Vom Fenster unsres hohen Zimmers dehnten
Sie sich im See, umspült von Goldgerinseln.

Tunesiens Bäume glichen grünen Pinseln.
Die Eukalyptuszweige Düfte tränten.
An dicken Säulen lasteten und lehnten
Steinerne Löwen im versteinten Winseln.

Das Boot legt an. Ein alter Diener schreit.
Die Fürstin steht gebückt auf der Estrade.
Sie hilft dir aus dem Boot. Ich höre Leid

Aus der Begrüssung sanfter Serenade.
Du gehst zum Schloss. Der Saal ist dunkel. Breit
Liegt eine Wachsband auf der Bücherlade.




XVI

Ich war bereit, Gefängnis zu erdulden,
Um eine Stunde nur bei dir zu sein.
Ich liess mich heuchelnd in Intrigen ein;
Ich gab dahin Ruf, Ruhm und türmte Schulden.

Ich wälzte mich im Dreck und lag in Mulden
Von Schlamm und war Genoss von Ratt und Schwein.
Gras frass ich, und ich lachte meiner Pein.
Ich sah den Weg zu dir: durch Schutt und Sulden.

Ich log und trog und log mich hin zu dir
Und einen Berg von Ekel überwand ich.
Ich war bei dir. Du warst bei mir.

Fühlte nur deine zarte Kinderhand ich,
War ich ein Kind wie du im Waldrevier.
Und in der Hand: Licht, Luft und Land umspannt ich . . .




XVII

Nachts steige ich mit Lampe, Hammer, Schippe
In Sturm und Regen übern Friedhofszaun.
Ich taste glücklich mich und ohne Graun
Durch alle Gräber zu der heiligen Krippe.

Ich schaufle und zerbrech den Sarg. Die Lippe
Seh ich im Scheine der Laterne blaun.
Und deine halbgeschlossnen Augen schaun
Nach innen auf den Tanz der Engelsippe.

Und meine Lippen küssen dein Skelett.
Sie neiden dem Gewürm die schönsten Brüste.
Der faule Sarg dünkt mich ein Himmelsbett.

Umarmung deines Todes: frömmste Lüste!
Ich schliesse schluchzend das gekreuzte Brett,
Und regnend spült's mich an die irdsche Küste.




XVIII

Nie wieder wird ein Sommer sein wie dieser,
Den wir gemeinsam Hand in Hand durchschritten.
Kein leises Leid und keinen Streit erlitten
Wir im Genuss des Glückes. Immer süsser

Erweckte uns der Tag noch ganz inmitten
Der Lust der Nacht. Als heitre Liebesbüsser
Bestiegen wir den Berg, des Frührots Grüsser,
Und sind wie Vögel durch die Luft geglitten.

Nie schien so jung der graue Greis von siebzig,
Nie haben junge Herzen so gebebt,
Nie hat die Sonne so in Glanz zerstiebt sich,

Nie sind so Kinder durch den Tag geschwebt,
Nie haben je die Menschen so geliebt sich,
Nie ward das liebe Leben so gelebt.




XIX

Wenn ich den Domenkranz der Stunden binde,
Ist's nur, weil ich im Jenseits dir vereinigt.
Ich bin gestäupt, gefoltert und gepeinigt,
Damit ich der Verstrickung mich entwinde.

Ich geissle blutig mich. Ich stech und schinde.
Ich geh mit blossem Fuss durchs spitze Steinigt,
Bis ich beseelt, geläutert und gereinigt
In deinem Himmel meine Heimat finde.

Die Dornenkrone thront mir auf der Stirn.
Die magren Knochen klappern dumpf und klirrn.
Das Blut tropft rot aus Achsel, Aug und Munde.

Du rufst zum Dienst das heilige Gesind.
Du bettest mich und wäschst mich wie ein Kind
Und beugst die Lippe sanft auf jede Wunde.




XX

Ich breite nachts im Halbschlaf meine Hände,
Dass sie von deinem Geist ergriffen werden.
Ich atme schwer. Und taumle nach Gebärden.
Es schwebt ein rosa Hauch durch das Gelände.

Und plötzlich seh ich Stern- und Fackelbrände.
Apostel auch mit kleinen Engelherden.
Es steigen Heilige von Flügelpferden,
Und Weihrauch schlägt sich dämmrig an die Wände.

Die Orgel dröhnt. In Sänfte naht getragen
Verschleiert eine edle Dulderin.
Und alle knien und singen oder sagen:

Maria, hohe Himmelskönigin!
Und Mönche schleppen einen leeren Schrägen.
Es ist dein Sarg. Und selig knie ich hin.




XXI

Das Auge sucht nach Brüdern und nach Schwestern.
Die hohe Stirn glänzt wie die ewige Leuchte.
Der Mund ist halb geöffnet. Und mich deuchte,
Er spräche: Liebster, heute so wie gestern!

Das dichte Blondhaar ringelt sich in Nestern
Von Kolibris, die dein Gespräch nicht scheuchte.
Die Hände sind mit Tau besprengte feuchte
Lotos, die ewig der Vergängnis lästern.

An diesem goldnen Halsband hielt ich mich,
Wenn ich in Liebe zu ertrinken drohte.
In dieses Ohr sprach mein Gelübde ich.

An dieser Aprikosenwange lohte
Ich fiebernd. Diesen Nacken küsste ich
Und wusst es nicht: ich küsste eine Tote . . .




XXII

Ich danke Gott mit Macht aus tiefstem Herzen,
Dass er dich mir geschenkt ein göttlich Jahr.
Der Mutter dank ich, welche dich gebar.
Den Schwestern im Spital, die mit den Kerzen

Am Sarge schritten. Und die mir dein Haar
Mit kleiner Schere abgetrennt. Den Schmerzen
Des Hundes Ri. Dem Priestergreis, der erzen
An deinem offnen Grab errichtet war.

Und sollt ich hundert Jahre Qual erleiden,
In denen stündlich ich dich neu verlöre:
Einmal war doch das Paradies uns beiden!

Einmal erbrausten Harf- und Zymbelchöre!
Und muss ich einst von dieser Erde scheiden,
Spring lachend ich in Charons Fährenföhre.




XXIII

Dich kannte niemand ausser Gott und mir.
Dein wahres Wesen war der Welt verborgen.
Sie gehn ja nur nach Guldenglück und sorgen
Sich nicht um Wolke, Nelke, Mond und Tier.

Du warst Geschwisterwesen diesen vier:
Wind, Sonne, Schmetterling und Frühlingsmorgen.
Du sahst ins finstre Antlitz aller Gorgen,
Dass sie zu Stein verendeten vor dir.

Weit schweifend wie der Wind, und wie das Licht
Der Erde Fruchtbarkeit und Wärme lebend.
So wie der Falter Strahl an Strahlen flicht.

Ein Frühlingsmorgen, Pfirsichblüten schneend,
Und hell getönt wie Dantesches Gedicht.
So warst du: gehend, stehend, wehend, sehend.




XXIV

Wie Schmetterlinge zahllos sind die Küsse,
Die wir versunken ineinander tauschten.
So wie des Ozeanes Wogen rauschten
Die Wogen unsres Blutes. Unsre Küsse

Waren wie Grillen, die einander lauschten
Und wechselseitig zirpten. Unsre Küsse
Lagen wie Wölk an Wolke. Unsre Küsse
Sich wie die Pfauen bunt im Dunkel bauschten.

Und keiner von den Küssen ist vergangen.
Sie sind lebendig, wo ein Knabe lächelt.
Und wo sich Lerchen in die Lüfte schwangen.

Und wo ein Mädchen Sehnsucht strickt und hechelt.
Und wo zwei Welten feurig sich umschlangen.
Und wo der Wind auf deinem Grabe fächelt.




XXV

Damit ich diese brachen Strophen schriebe –
War's nötig, dass du starbst? Sie sind's nicht wert.
Ich schwanke ohne Heimat, ohne Herd
Von neuem in das Wanderschaftsgetriebe.

Wo soll ich hin? Wo wünscht ich, dass ich bliebe?
Ich bin mit einem Marmorstein beschwert,
Den muss ich mit mir tragen, denn er ehrt
Mit goldnen Lettern deine goldne Liebe.

Der Stein mein Herz. Es zittern meine Füsse.
Der Wind pfeift durch das hohle Hosenbein.
Die Raben senden ihre ersten Grüsse,

Bald wird es Winter und Verzweiflung sein.
Ach schlief ich, überhaucht durch eine süsse
Sternnacht, am nächsten Strassenrande ein.




XXVI

Dein Name sei als Turm gesetzt, Irene!
Ich taufte dich am Quell in unsrem Garten.
Du musstest niederknien und lächelnd warten,
Bis ich die Stirne dir genetzt, Irene.

Du hast das Banner Krieg zerfetzt, Irene.
Wie Bauern wir in Frieden Erde karrten.
Wir lachten derer, die uns meckernd narrten.
Den Hund hab ich auf sie gehetzt, Irene.

Durch alle Sphären jubilier dein Name!
Er seufze süss aus jeder Kantilene.
An seinem Klange krücke sich der Lahme.

Der Taube selbst in seinem Ohr ihn wähne.
Aus jedem Acker spriesse er als Same.
Und jedes holde Echo sing: Irene!




XXVII

Nur dir soll künftig meine Flöte klingen,
Und jedes Wort soll lieb- dich und lobpreisen.
Ich will in zarten und in wilden Weisen
Ein Echo deiner in die Reime zwingen.

Ich will dir kniend meine Bücher bringen
Und mit dem Vogel Bülbül zu dir reisen.
Er soll an deinem Grab mit holdem leisen
Gezwitscher deines Todes Anmut singen.

Ich bin nur selig, weil es du ja bist.
Ich bin nur glücklieb, weil in meinem Arm
Du's warst. In der Erinnerung hock und nist

Ich wie ein armer Kauz, verweht und warm,
Und warte bis zur Auferstehungsfrist,
Wo du mich rufst zum süssesten Alarm.




XXVIII

Und immer wieder graut durch blasse Scheiben
Ein trüber Morgen. Immer wieder pfeifen
Fabriken. Und die armen Menschen schweifen
Und lassen sich zu Frohn und Elend treiben.

Und wieder muss ich meine Wimpern reiben,
Dran noch der Nacht verträumte Tränen träufen.
Und immer wieder geht's zu Kram und Käufen.
Und Feuer muss ich zünden. Tränke seiben.

Wozu dies alles? Dass mein müdes Herz
Ein Dutzend Jahre länger Steine pocht,
Ein Dutzend Jahre mehr ich meinem Schmerz

Die Myrtenkränze der Erinnrung flocht?
Die Flamme lodert höll- und himmelwärts.
Nur russig brennt mein angeschwelter Docht.




XXIX

Ich möchte sterben mittags in der Sonne.
Die Spatzen werden krähn. Die Pferde blinken.
Am Brunnen wird ein armer Ziehhund trinken.
Ein Kind geht tändelnd an der Hand der Bonne.

Ein Käfer schwirrt in Auferstehungswonne.
Zwei Liebende seh ich einander winken.
Es zacken trotzig sich des Domturms Zinken;
Im blauen Äther lächelt die Madonne.

Das Leben lebt. Ich hör es, seh es, fühl es!
Ob ich dabei, was schiert sich's drum? Es lebt.
Im leichten Tanz des ewigen Gewühles

Die Brust der Erde auf und nieder bebt.
Ich fühle an der Stirn ein klares kühles
Gewölk – Irene, die mich aufwärts hebt.




XXX

Der erste Monat, seit du starbst, ist um.
Ich schrieb an jedem Tag dir ein Sonett,
Und bracht es abends an dein Himmelbett.
Du lauschtest ihm, die Augen zu und stumm.

Und glaubt ich, dass es dich ermüdet hätt,
Verscheuchte ich des Bienenvolks Gesumm.
Du schliefst. Dein Schlaf war mein Martyrium.
Und dein Erwachen wird mein Amulett.

Und wen sein Mensch verliess am Wanderstab,
Dem reich ich ein Sonett zum kargen Trost.
Den tausend Tränen, die er weinte, gab

Die Schale ich. Die Gottheit wägt und lost.
Das höchste Glück sinkt in das tiefste Grab.
Der Strom der Ewigkeiten stürmt und tost.




Geschrieben im November 1918
auf Monti della Trinità