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Otto Klein – Der kommende Tag

Gedichte

Wir Verlag, Berlin, 1922


Kreise.


Sterne sind wir,
Licht und dunkel
An des Lebens
Weitem Horizont,
Leuchten ein jeder
Im eigenen Glänze
Und leuchten Andern
Auf ihrem Pfad.
Aber der Hauch,
Der uns alle bewegt,
Nach ewigem Gesetz,
Führt uns
Alle um einen
Großen, ewigen Stern.
Erst steigen wir
In stolzem Bogen zu ihm auf,
Fallen dann
In jähem Sturz herab
In dunkele Nacht –
Aber langsam,
Merkbar kaum,
Werden wir auf’s neue
In den neuen Tag gedreht.
 

Ecce Homo.


Ich weiß nicht mehr wann meine Jugend war,
Ein lichtlos Träumen in der Dämmerung,
Ich ging dahin an Freud und Freiheit bar
Und glitt bewußtlos durch die Niederung.

Und als ich so im schwarzen Frühling stand,
Die Augen richtend in die dunkle Ferne,
Da schlug hervor aus lebensloser Wand
Ein Flammenstrahl bewegungsvoller Sterne.

Dann hob ein Sturmwind auch zu toben an,
Durchwühlte meinen traumversenkten Tag,
Und ich erkannte, daß ich war ein Mann,
Daß meine Jugend schon im Staube lag.

Und wie ich so mich selber nun erkannt,
Und ratlos mich an längst Vergeßnes schlug,
Da nahm der Sturm mir alles unverwandt,
Was ich bewußtlos noch im Herzen trug.

Dann ward ich durch den dunklen Tag gehetzt
Im wilden Kampf um einmal Mensch zu sein,
So stand ich plötzlich völlig ausgesetzt,
Und mitten in der Finsternis allein.

 
Jetzt ist vorbei der rücksichtslose Sturm
Und ich bin müde und ein jammernd Nichts,
Die späte Stunde kommt vom nahen Turm,
Und aus der Ferne zielt ein Strahl des Lichts.
 

Der sterbende Utopist
an seine Freunde.


Nun schwanke ich verneint ins Grenzenlose,
Und falle ab vom letzten, was mich hielt,
Doch glaub’ ich immer an das Menschlich-Große.
Wo meinen Aweck vergeblich ich erzielt.

Wohl sind entfallen uns die blutgen Ketten
Und unser Geist durchbrach das letzte Ach,
Wir sind vereint auf neuen Menschheitsstätten,
Und dennoch ist die große Zeit nicht wach.

Ich fand Enttäuschung für mein großes Lieben,
Es sog der Mensch mich unbegriffen aus,
Doch statt er stark auf meinem Weg geblieben,
Speit er mich undurchdrungen wieder aus.
 
Es schmerzte mich wohl diese schlechte Wendung –
Doch hab ich mehr noch Menschentum geglaubt,
Verschließung ist die größte Schöpfungsschändung,
Wenn sich der Mensch den eignen Menschen raubt.
 
Doch war zu klein mein eignes gutes Schaffen,
Hatt ich mich selbst genug vor ihm gebeugt?
Es kann der Mensch genug die Kraft nicht straffen,
Die ein geläutert Menschentum erzeugt.
Ich war zu sehr am einzeln Ding gebunden,
Ich sucht in jedem eine größre Welt,
Und wie ich kaum mich in ihm selbst gefunden,
War ich an seiner falschen Lust zerschellt.
 
Der einzelne Mensch ist nur ein schwaches Wesen,
Er fürchtet sich vor seiner Endlichkeit,
Er kämpft mit ihr, sein Leben draus zu lösen,
Und steht – und fällt – mit sich und seiner Zeit.
 
Drum Freunde auf beendet alle Ferne,
Der großen Zahl ist Dieses Werk ein Spiel,
Geist, Glück und Liebe sind die neuen Sterne,
Der Mensch und wiederum der Mensch ist unser Ziel . . .
 

Stellwerke.


Hochgehoben aus den Eisensträngen
Schlagen Pulse an des Aethers Brust,
Und mit brausend überschäumter Lust
Saust das Leben in den starren Stangen.

Alle Fäden laufen hier zusammen,
Alle Fernen werden hier vereint,
Aber wenn der große Nerv versteint,
Geht der Menschheit Brücke auf in Flammen.

Bunte Lichter ringsum leuchtend blühen,
Sturmbereit Maschinenaugen glühen
In die Weite. Und ein Pfiff durchgellt

Dieser Räume heiße Einsamkeiten.
Pulse schlagen in der weiten Welt
Die den Menschen zu dem Menschen leiten.
 
 

Meine Liebe und mein Haß.


Ihr alle, die ihr Euch Menschen heißet,
Ich hasse Euch und Eure ganze Brut;
Und dennoch lieb’ ich Euch.
Denn meine Liebe ist es, die mich überwindet.
Ihr seid es, die mein großes Leiden schaffen,
Ihr seid es, was ich tausendmal verdammt.
Ich hasse Euch, weil ihr mich täglich knechtet
Mit Eurem qualzerriß’nen haßerfüllten Sein,
Ich hasse Euch, weil ihr mich ewig geißelt
Mit Zank und Streit und Neid in Eurer Hand,
Ich hasse Euch, da täglich ihr mich tötet,
Weil ich ein Mensch bin ebenso wie ihr.
Da ich Euch hasse,
Flieh’ ich auch mich selbst,
Und dennoch immer find’ ich Euch und mich.
Weil ich Euch liebe –;
Ich bin so sehr Euch allen eng verbunden,
Mit Leid und Not und Seelenqual und Tod,
Daß all mein Haß nur meiner Liebe dienet,
Das Leid der Welt hebt mich zu ihr empor.
Ich hasse Euch und lieb’ Euch dennoch wieder.
Und zwischen Euren Tag und Eurer Nacht
Leidet meine große, gotterfüllte Liebe . . .
 

Mein Herr und Gott.


Mein Herr und Gott, Du
Grund und Baustoff aller Welt,
Du kreist in uns und ruhest doch im All;
Du wolltest Paradies und schufst
Die leidende Erde,
Und tausendfach verneint dich diese Welt.
 
Warum muß denn Dein Werk dich täglich nun verleugnen
Warum läßt du die Welt verbluten an sich selbst?
Ist denn die Zeit noch immer nicht erfüllet?
Ist Deine Schuld noch immer nicht gesühnt?
 
Ist denn die Sünde, die Du auch erschaffen
So unvergänglich an Dein Sein verknüpft?
Ist die Vollkommenheit auch Dir, auch Dir versagt?
 
Wir glauben’s nicht. – Wir fühlen oft Dein Walten,
Dein Wesen ist uns ewig wesensfern –
Du kreist durch uns und ruhst als ewge Sonne
Am ungreifbaren Horizonte Deiner selbst.
 
Du wirst auch einst Dich selbst von Dir befreien
Und Güte stiften, Glück und ewgen Bund.
Du wirst Dein Werk von Schuld und Leid erlösen
Indem Du selbst Dich löst von Deiner Schuld.
O laß mich Herr die ersten Samen streuen.
Die ersten Strahlen tragen tief in Deine Nacht,
Erfülle mich mit aller Deiner Güte,
O mache mich zu einem reinen Tor,
Daß ich aus reiner Kraft das ewge Licht erringe
Und überwinde Leid und Finsternis.
Gib eine Stimme mir von Lieb’ und Gut’ erbrausend,
Daß aller Staub von Deiner Schöpfung fällt
Daß dieser Sang erfülle Die Jahrtausend’
Und Du befreit erfüllst die ganze Welt.
 

Entfernung.


Einmal
Gab’s eine Zeit,
In der wir beide nah zusammenschritten,
Da hatten beide wir ein Händefassen
Und eine Höhe war das gleiche Ziel.

Nun haben wir im Zeitstrom uns verloren,
Und dunkel glitt die Ferne auf den Weg,
Doch leuchtet immer noch auf blauem Bogen,
Derselbe Stern, der in uns beide fiel.
 
Und ich wie Du,
Wir gehen nun auf ganz verschied’nem Pfade,
Wir müssen beide durch der Erde Nächte,
Wir trinken beide dieser Welten Qual.

Doch eine Seele,
Die uns beiden ist,
Sie trägt in sich
Das Bild Unendlichkeit,
Und führet uns,
Bis zeitlos wir geendet
In Geist und Liebe,
In uns selbst und Gott.
 

Händefalten.


Auf allen Höhen ruht die Dämmerung,
Dumpf in der Ferne braust die Stadt.
Allein bin ich –,
Fernab vom wilden Strom
Und in mein Auge fällt der Abendstern.

In tiefe Andacht bin ich hingesunken,
Mein Ich zerfließt und fällt mit meinem Kleid,
Die Hände fallt’ ich,
Bilde eine Schale –
Und fülle mir das Herz mit Gottes Licht.
 

Trotz.


Ja - brause mich jäh nur an,
wildes Gesicht –!
Ueberdache mich mit Qual und Nacht –
Es hilft dir nichts!

In meiner Seele ist ein Klingen wach geworden,
Sterne leuchten in mir freundlich auf –,
Die schmerzdurchzog’ne Tiefe ist versunken,
Und meine Liebe jubelt laut in meine Zeit! –
 

Die Jungfrau.


In ihren Füßen zittert schon ein Schwingen,
In ihren Schritten bebt ein ferner Klang,
Der Glanz der Augen will das Sein durchdringen
Und spürt noch nicht der Sehnsucht Schöpfungsdrang.

Sie tappt noch unbewußt im eignen Herzen
Und lächelt süß, wenn sie sich selbst besieht.
Verirrend sich in ersten Täuschungsschmerzen,
Und wiederfindend ihr Erkennen blüht.

Sie tanzt vorbei an ihres Lebens Zwecken,
Der dunkle Frühling deckt noch ihren Leib.
Bis ihre Hände in den Tag sich strecken,
Ein fremder Hauch in ihr erweckt das Weib.

Das Weib.


Sie ist der Ausgang uns’res Leben-Wollens,
Sie trägt in sich den Ursprung allen Seins,
Wir kennen nur ihr Muß des Geben-Sollens
Und freuen uns am Glanz des goldnen Scheins.

Doch alle Kraft wird nur im Schmerz geboren
Und diese Qual beschwert das schwache Weib,
Zum stillen Tragen ist sie auserkoren,
Und nur dem Menschen dient ihr schwacher Leib.

Wenn sie dem Einzeln nur auch Ewges spendet,
Schenkt sie der Menschheit ihren Becher Weins
Und ist so groß, daß sie den Trank beendet,
Und schlürft das Bittre unsres Menschen-Seins.
 

Wir.


Ans beide trennt ein reißend schneller Strom,
An dessen Ufern wir vereinsamt schreiten,
Doch über uns im blauen Himmelsdom
Sehn wir die Seelen ineinandergleiten.

Nichts trennt uns dort – und über Raum und Zeit
Hin fassen wir uns stumm und froh die Hände,
Bis auf der Brücke wir zur Ewigkeit
Im Schwanenlied vereinigt schau’n das Ende.
 

Vorbei . . .

Von meinem Pfade zu der Liebe Glück
Stürzt’ ich herab in einem Augenblick –.
Den Schmerz, ich könnt’ ihn nicht ertragen
Mein Lieben schwand darauf mir Stück um Stück.

Aus meiner Jugend hoffnungsreichen Tagen
Die Sehnsuchtsmächte nicht mehr fort mich tragen,
Der Sinn ist Unsinn, aller Glanz ist Schein –
Von Allem Schönen ist nichts mehr zu sagen.

Erkenntnis kommt, wenn bitter wir allein,
Wenn aller Glaube in uns stürzet ein.
Wenn unsre Liebe sich entdeckt als Hassen,
Wenn wir erkannt das ewig gleiche Sein.

Wir können nicht das Selbstverwunden lassen.
Weil wir uns selber nimmer ganz erfassen –
Es ist des Lebens wechselnd Einerlei –
Und alle Liebe bleibt verborgnes Hassen.
 

Stube.


Was tragen wir nicht alles in die Wände
Die wir um unsre kleine Welt gebaut –
Und dennoch strecken wir die magren Hände
Nach jenem Himmel, der durch’s Fenster blaut.
Wir können manchmal all das Grausen wenden,
Das in den Ecken, an den Wänden klebt.
Und was von draußen in die Stube schwebt,
Das Unbegreifliche ist nimmer zu beenden.
Und manchmal scheints, daß in die kleinsten Räume
Der größte Strom von draußen uns befällt –
Die kleine Stube füllen Tränenbäume
Des ewgen Nein’s das in die Welt gestellt.
Und doch – Aus allem Dunkel dieser Wände,
In deren Arm ein warmes Bett sich wiegt,
Erblüht ein Licht, das uns mit leichten Händen
Befreit vom Fluche, der im Leben liegt.
 

Sehnsucht.

(Ein Fragment).


Ruhe dich, spreche nichts – schweige –
In der Nacht ist die Zwiefalt des Herzens groß,
Ist das Atmen der Seelen los.
Sehnsucht schwebt über dem Frieden ruhender Menschen
Treibt sie, entführt sie,
Trägt ihre Seelen in ihrem Traum –
Der alle erfüllt und doch ist im Raum,
Unerreichbar und dennoch nah.
Sehnsucht ist nicht tiefste Erfüllung,
Ist nicht Spenderin ewigen Glücks –
Sehnsucht ist die Brücke der Seelen
Ist nur ein Trank mit göttlichem Rausch.
Sehnsucht ist Weh’n der Erde zum Himmel
Stürzet herab vom ewigen Blau –
Im ewigen Kreisen schwebt Seele mit,
Drehen im Winde sich Herzen und Zweige –
Ruhe dich, spreche nichts – schweige! –
 

Meine Seele.


Mit wilden Wogen kämpften meine Sinne, –
Ein Dämon peitschte ihre tiefe Glut,
Ich konnte nichts – ich fiel zerrissen nieder, –
In allen Trümmern brauste wild mein Blut.

Ich glitt, ein Fremder, kläglich durch zwei Welten
Und stürzte zitternd an mir selbst herab, –
Doch alle Blüten, die darüberwehten,
Verwebten sich zu einem bunten Stab.

Und während ich um meine Seele kämpfte,
Hört ich in mir den schmerzgequälten Schrei,
»Warum hast Du den Himmel mir genommen?
Vom fremden Dämon mach mich endlich frei!«

Da hob sich aus dem All ein silberklarer Bogen,
Der schimmerte und jubelte und klang,
Und mit den Liedern, die ihn überschwebten
Ward meine Seele voller Himmelsdrang.

An diesen Klängen bin ich eins geworden,
Der ich noch eben qualvoll zwiefach war, –
Und was ich jetzt an innerem Glück gewonnen
Verkläret meine Seele wunderbar. – –