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Louise Koch-Schicht – Der treue Buhle

Neue Gedichte

Hans Sachs-Verlag, München, Leipzig, 1913

Wo am meisten Empfindung ist,
ist höchstes Märtyrertum.
                                                           Leonardo da Vinci




Der Tondichterin
Mathilde von Kralik




Das Liedel von der Frau Not

Ich hätte gelernt und hab nicht dürfen,
ich hungerte nach alles Wissens Licht,
aus alten Bechern wollt ich Weisheit schlürfen,
ach, für ein armes Mädchen ist das nicht!
Da sprach der Schmerz: Ich will dich lehren
das Tiefste, das nicht Jedem offen liegt,
die Lieder will ich alle dir verklären, —
halt mir nur still, dein Wissen siegt!
Das Leben kicherte: In meiner Schule
sei du und sitze horchend mir zu Füßen,
Freund Schmerz, so hör ich, ist dein treuer Buhle,
sollst dich für unser Werk nicht schämen müssen!


Gefäss der Ewigkeit

Ich bin nicht ich allein.
Das Erbe tausender Geschlechter
ist in mir.
Die Stimmen aus Urwelttagen,
die stammelnden,
die Leid und Jubelschreie
Emporwachsender,
hörst du sie,
tief und dunkel, wie ich?

An allem hatt ich einmal Teil,
wie du,
wie Alle.
Könige waren wir
und Bettler,
Helden und Duldende.

Die Spuren sind verweht
der Ahnen;
aber das Tiefe in dir
hat sie aufbewahrt.
In seltnen Stunden
tauchen sie empor,
aus denen du geworden, —
tausende Geschlechter!

In dir, Ewigkeitsgefäß: Mensch!

Sonntagskind

Ich bin ein Sonntagskind, bin ein Sonntagskind,
im Lenz und Glockenklang bin ich geboren! — —
wo hab ich nur mein großes Glück,
mein Sonnenglück, wo hab ich es verloren?

Zu keinem Zauber kam mein müder Fuß,
zu keinen Wundern, die da lockend rufen
und zog ich nach den Tempeln aus —
da wiesen sie mich von den goldnen Stufen . . .

Nur Eines ward vor Andern mir
verliehn: Ich hör die Lastbedrückten weinen,
fühl ihre Tränen all in mir,
im Lärm des Tags, beim Sterne-Scheinen! — —

Bin ein Sonntagskind, bin doch ein Sonntagskind
als Lenz und Glockenklang bin ich geboren
Allen, die in Weit und Weh und Wind
die Frühlingsglocken verloren! . . . .

Das Liedel von der Frau Not

Frau Not ist eine strenge Frau
aber sicher ist sie weise —
sie jagt mich auf vor Tag und Tau
und faßt nicht zart und leise.

Sie sitzt bei mir die ganze Nacht
und gibt auf meinen Schlummer acht —
daß ich vom Glück nicht träume
und so die Zeit versäume.

Und wenn der neue Morgen blaut,
erweckt mich ihre Stimme laut:
Auf! Spanne deine Kräfte
und ordne die Geschäfte!

Auf! Um das Höchste kämpfe du,
ich laß dir nimmer süße Ruh —
hörst du die Peitsche singen?
Du mußt den Preis erringen!

Was siehst du mich so grimmig an,
ich habe Gutes dir getan!
Wer hat dich so gespornt, als ich?
Und was du bist, du bists durch mich!

Auf, Liebling, vorwärts, spute dich!!

Kind des Volkes

Ich bin ein Kind des Volkes,
mein Erbteil ist die Not!
Die goldne Hoffnungsflamme
war bald und müd verloht.

Ich bin ein Kind des Volkes,
wir ziehn in banger Hast
den schwerbeladnen Karren,
die ungeheure Last!

Ich bin ein Kind des Volkes,
das allen Jammer tragt —
sie haben ihr Schluchzen und Weinen
in meine Seele gelegt!


Kohlenbergwerk

Hau ein, spitze Haue, in Jahrmillionen hau!

Mit Pflöcken gestützt ist der letzte Schacht —
der Block kracht
und wankt.
Gedankt
sei Gott! Die Hände beben
sind wundgeschunden.
O schweißgetränktes Leben
in Nacht gebunden
und Todgefahren.

O göttliches Licht,
du sonnige Welt
da oben!
Sollt sie loben!
Euer Weg ist erhellt.
Hier unten lacht
kein Lichtstrahl herein,
mit Jahrmillionen allein
in Enge und Nacht.

Hau ein, spitze Haue, hau ein!
Oben ängstet das Weib
und die hungrigen Kinder
um Vaters Verbleib —
geschwinder!

Hau, spitze Haue, hau ein!

Die tausend Tonnen,
— sind bald gewonnen —
fassen leicht Bergmanns Leben mit ein!

Zu Abend

Sie läuten zu Abend;
sie gehen heim
mit bleichen, müden Gesichtern.
Sie sehen stumpf
die prunkende Welt
in sonneblendenden Lichtern . . .

Sie läuten zu Abend.
Die Straße stäubt,
es ist ein Lärmen und Klingen . . .
In den Ecken daheim,
gell stimmt sich die Not,
ihr Liedel zum Willkomm zu singen!

Feindliches Luftschiff über See

Mit Drachenschwingen saust es durch die Nacht
und rattert wie ein Ungeheuer
vorüber an der milden Sterne Pracht —
geheimes Feuer
in unheilvollen Schlünden bergend.

Aus Höhen wird es furchtbar sich ergießen,
geschleudert wie von eines Gottes Zorneshand
wird es, Tod speiend, auf das Fahrzeug schießen,
das krachend sinkt, aufloht im Brand
der Hölzer und der Menschenleiber . . .

Und dazu von Jahrtausenden
des Geistes Schwingen
im blutigen Ringen,
dazu, o Mensch?


Feldmesse

Ein simpler Tisch, ein weißes Tuch,
der schwelenden Kerzen Brandgeruch —
der Priester zum Sakrament geneigt:
die Krieger beten und alles schweigt.

Die Kappe an die Brust gedrückt,
die Hände verkrampft, den Blick verzückt,
sieht mancher heim, sieht Dorf und Fluren —
sie hausten fröhlich, ehe sie schwuren.

Daheim lebt das Weib, das lockige Kind,
die alte Mutter, halb taub und blind,
sie soll nur immerzu seufzen und klagen
und nach dem bedrohten Sohne fragen —

Das Glöcklein schwingt ein schöner Soldat,
wie die Heimat viele glutaugige hat,
ist für manch Einen das Grabgeläute — —
der Tod grinst und freut sich der Beute.

Der Knabe

Bärtige Krieger, spitalentnommen,
sollen zurück zur Truppe kommen.
Heidi! Lachen und Klarinette
lassen vergessen das Schmerzensbette,
lassen vergessen, daß wieder zur Schlacht
sie der dämmernde Morgen gebracht —

Einer nur, ein Bürschlein, ein bleiches,
bartlos noch, ein Antlitz, ein weiches,
Augen, auflohnde, man siehts ihnen an,
daß sie Begeistrung durchglühen kann,
abseits steht es mit zuckendem Munde,
wartend auf neuen Schicksals Stunde.

Greuel hat es schreckhafte gesehen,
Menschen, blutgierge sah es erstehen,
Morden und Pest, das Knabengemüt,
dem noch ein Träumen im Herzen geblüht . . .
Jugend riß sich nach Taten vom Haus,
Lippen zucken: So sieht das aus?

Marienbild zu Sankt Stefan

Das Marienbild zu Sankt Stefan
hat eine goldene Kron,
desgleichen mit funkelnden Steinen
der kleine Gottessohn.

Hat Augen wundersame
das alte Marienbild,
tief braune, gütiggroße,
unsagbar schön und mild.

Viel fromme Beter haben
ihr Wünschen hingekniet,
dieweil ein Orgelsingen
den hohen Raum durchzieht . . .

Und haben vertraut dem Bilde
all ihr heißes Begehr,
daheim ein Krankes in Schmerzen —
Sorgen und Kummer und mehr.

Ein heimliches junges Lieben:
Maria, nimm mir die Pein!
Mit Bergstock und Rucksack ein Wandrer:
Laß mich behütet sein! . . .

 
Auf alle sieht hernieder
das liebe Mariengesicht — —
sie gehen still und warten
des Wunders voll Zuversicht!

Ein Traum vom lieben Mütterlein

Es war in einem seltsam schönen Garten,
darin ich wandelnd auf und niederging,
als hätt ich ein Geheimes zu erwarten,
das mich mit ahnungsvollem Hauch umfing —

So seltsam stille wars auf allen Wegen,
unschlüssig ging ich einen nun hinan —
da kam die liebe Mutter mir entgegen
und sah mich lang und sah mich fragend an.

Ich stürze hin, aufschreiend, ihr zu Füßen:
Du, Mutter! — — Lange, lange kamst du nicht!
Wir haben dich so schwer entbehren müssen!
und küß ihr Hände und Gesicht.

Und weißt du denn von deiner Kinder Kämpfen?
bin Josefs Frau geworden! Gibst dus zu?
Laß mich ganz nah, ich muß die Stimme dämpfen:
Ich soll nun Mutter werden, so wie du! — —

Ich will mit dir zur Erde niedersteigen,
so spricht die Gute, lächelt vor sich hin,
dir soll die Mutter sich im Tröste neigen,
ich seh, wie nötig ich noch unten bin!

 
Schon will ich jubelnd an der Hand sie fassen —
schlaff sinkt mein Arm und zögernd steh ich still
Wo soll ich nur die Mutter wohnen lassen?
Es ist kein Platz und sinn ich, wie ich will.

Nur eine Stube können wir erschwingen
und enge ists und ärmlich noch darin —
wie solls der Gatte auch für alle zwingen?
Wo leg ich nur die liebe Mutter hin?

Und stocke: Ja — was wird der Vater sagen
und reiß ich dich ins Ungewisse nicht mit mir?
du lebst hier gut in ungezählten Tagen —
so weh mirs tut: du bleibst doch besser hier!

Da ist plötzlich mir entschwunden
und alles löst in fließend Dämmer sich —
ich fühle mich ans Irdische gebunden
und wache auf — und weine bitterlich!

Drei Dichter

Der erste war voll Glut, voll Gewalt,
sein Wort war Plastik, jede Gestalt
herausgehauen ; Aufruhr und Krieg
besang er; jauchzenden Lebens Sieg!

Der zweite nahm die tiefe Legende
der alten Bibel, ewig jung,
und gab viel Schönheit, gab Worten Schwung
und hatte blasse, schlanke Hände.

Der dritte sprach wie tiefe Glocken
was Notgebeugtes gramvoll litt
und manchem wollte der Atem stocken —
er riß die Herzen Aller mit!

Ball im Versorgungshaus

Im Saal der alten Frauen
auf Nummer einhundertundzehn
ist heute Seltsames zu schauen,
ist Wunderbares zu sehn —

Man ließ sie allein die Alten
im Saale einhundertundzehn
nach Gutdünken ließ man sie schalten —
vor dem Zubettegehn.

Die Eine hat die Bibel
die nächste den Strumpf zur Hand,
die dritte vom Enkel die Fibel
und Andre flicken Gewand. —

Da klingt von Verwalters oben
ein Wiener Walzer herab,
sie tanzen heute droben,
das schleift im Takt auf und ab —

Aufhorchen die alten Leute
und Eine erhebt sich am Stock:
Faschingsonntag, Kinder, ist heute! —
und faßt sich zierlich am Rock —

 
Schon halten sich Andre umfangen
vom Rausch des Walzers gepackt —
und tanzen mit glühenden Wangen
graziös im Dreivierteltakt.

Und sehn sich in Jugend und Jubel,
dem Erwählten angeschmiegt —
vom Glanz und seligem Trubel
berauscht und eingewiegt —

Der Walzer ist oben verklungen,
noch Lachen und Stimmengewirr;
hintaumeln mit jagenden Lungen
die Alten und lächeln irr —

Und haben auf welken Wangen
die wieder fahl sind, das Rot,
das letzte Glückverlangen,
hinsinkend, für immer verloht —


Erster Geiger

Wie eine Geliebte preßt er sie
an sich in tiefster Glut —

so eine Geige hört ich nie,
die ist wie Fleisch und Blut!

Verwachsen scheint sie ihm zu sein —
er haucht ihr seine Seele ein . . .

Und sie beginnt zu klagen
von tiefdurchlittnen Tagen.

Ein Massenhaus, wie viele sind,
drin träumt ein gottbegnadet Kind.

Das Elend aber will es nicht,
verlöscht das letzte Stümpfchen Licht.

Er kämpft im Dunkeln, kämpft allein
mit Hunger und Not — die Geige ist sein! — —

Viel schöne Augen glühn im Licht,
er streicht die Geige — sieht es nicht.

Die Lider hält er geschlossen,
vom Glanz der Lichter umflossen.

Aufjubelnd wird Begeistrung kund, —
kein Lächeln erhellt den herben Mund.

Und wollten sie ihn auf den Knieen bitten
er wird nie vergessen, was er gelitten!


 




Weg zu Zweien

Vorfrühlingsnacht

Wir gingen durch die lenzmilde Nacht
in der ein Ahnen lag
vom Keimen und Blühen
und Sonnenfrüchten — —

Kühl gabst du mir die Hand
zum Abschied.

Keimen und Blühen
und Sonnenfrüchte! — — —

Winternacht

Ich bin geschritten durch Nacht und Graus,
die Sehnsucht zog mich an starken Tauen,
und stand nun zitternd vor deinem Haus,
um zu zwei Fenstern emporzuschauen.

Die Nacht war worden kalt und klar
und hart, von glitzerndem Eis behangen —
und war so aller Hoffnung bar,
wie deine Fenster frostbefangen . . .


Entsühnung

Und hast du ihr geschworen,
dir nie ein Weib zu frein —
die sich der Tod erkoren,
sie muß es dir verzeihn!

Und hast du dich verschworen,
ich nehm den Fluch auf mich!
Was trüg nicht meine Liebe?
Und so entsühn ich dich!

Deine Augen

Traurig deine Augen sehen
wie der tiefe Waldsee,
wo die düstren Tannen stehen.

Keiner kann den Grund erlangen,
dunkles Weh fühlt er entsteigen
jenen Wassern, nachtverhangen.

Muß mich immer hinverlangen,
tief den Blick zu neigen
seinem dunklen Bangen . . .

Hochzeitstag

Aus grauen Nebeln steigt der Wintertag;
wir gehen Hand in Hand
zur Kirche. Frosterstarrt liegt Stadt und Hag,
das ganze Land.

Kein Laut ringsum. Ich halt mich fest an dir,
soll mir der Fuß nicht gleiten —
nur manchmal siehst ins Aug du innig mir,
im Schreiten.

Wir wissen: unser Weg wird diesem gleichen
ins rauhe Land —
doch was wir wollen, müssen wir erreichen —
so Hand in Hand.

Heimgefunden

Sieh, seit ich dir so ganz verbunden,
ist mirs, nach weitem Wanderweg,
als hätt ich endlich, endlich heimgefunden.

Vernarben fühl ich alle Wunden
im stillen, blühenden Geheg —
zu Jubelliedern fühl ich mich gesunden!

Zaubergeige

Meine Zaubergeige! —
Jauchzen wollt ich
Morgenlieder der Liebe,
meine Zaubergeige
nahmst du mir . . .

Die Saiten sprangen schrill.

Aus den letzten Klängen
meiner Zaubergeige
kann ich nicht formen
die Melodie . . .

Still steh ich und warte
mit gesenkter Stirn.

Bis du mir die Geige
nieder aus der Hand nimmst
mit harten Streichen
die letzten Saiten
zerreißest —

Wie eine Mauer.

Wie eine Mauer bliebst du starr und kalt,
ob ich mein Haupt todwund an dir geschlagen
und durch die Lenznacht ging ein banges Klagen —
wie eine Mauer bliebst du, starr und kalt.

Verzeih dir Gott die Schuld,
daß dieses Weh mein müdes Herz muß tragen —
ich küsse stumm die Hand, die mich geschlagen,
verzeih dir Gott die Schuld.

Die Sterne*

Die Sterne schauen zum Fenster herein,
wo bleibst du so lang —du laßt mich allein;
die Kinder sind krank und weinen im Traum —
du weißt es kaum.

Die Sorge setzt sich zu mir ans Bett;
ach, wenn ich den Mädchenschlaf noch hätt!
All meine harte Jugendzeit
war Seligkeit! . . .

Die Sterne schauen zum Fenster herein
wo bleibst du so lang? du läßt mich allein;
die Kinder sind krank und weinen im Traum —
du weißt es kaum.


* Aus dem Roman: Eines Lebens Lied.

Schwarze Raben

Schwarze Raben schreien wieder,
schwarze, düstere Gedanken!
Sturmzerrissen niedersanken
die erblichnen Blumenranken.

Und die Zauber müde sanken,
die um uns den Mantel schlugen,
und die goldnen Säulen wanken,
die den blauen Himmel trugen.

Die Schatten senken sich

O nimm mich fest in deine Arme —
ich fürchte mich!
daß mir das bange Herz erstarke.

Die Schatten senken sich —
o, nimm mich fest in deine Arme,
ich fürchte mich.




Der frühe Kranz

Ach, daß ich all den fremden Menschen,
nur dir nicht mehr begegnen soll!



Aveglocken

Nie kann ich mehr die Aveglocken hören,
ohn daß ich dein geneigtes Antlitz seh,
als lauschtest du vielsüßen Engelchören
die armen Augen nur so groß und weh.

Als seien deine Leiden schlafen gangen,
beim Sang der Abendglocken still und gut
und hättest flehend nur noch das Verlangen:
Kein neuer Tag mit neuer Schmerzen Glut!

Begräbnis

Blühten am Weg die Heckenrosen,
glänzte die Sonne auf Wiesen und Baum?
Schmetterlinge tanzten, die losen — —
ach, es war wie im Traum, wie im Traum.

Zogen die Rosse in banger Eile
deinen kränzegeschmückten Sarg;
Blumen und Sonne die kurze Weile
und dein Leben so hart und so karg.

Senkten sie dich in die tiefe Erde,
den ich geherzt und den ich umschlang —
fühl noch dein Wort, deiner Schmerzen Gebärde —
weinend das Glück, das auf immer verklang.


Die Witwe

In ein Kästchen schloß ich ein,
als du warst so schwer gestorben,
deine Uhr, nicht leicht erworben,
wie in einen Totenschrein.

Was du sonst bei dir getragen,
hier dein Messer und dein Ring,
manches dran Gewöhnung hing,
fühl ich an, mit scheuem Zagen . . .

Doch dein traurigstes Vermächtnis
ist die Glocke aus der Krankheit Zeit,
zog ich über Meere weit,
blieb ihr Hall mir im Gedächtnis.

Laß den Deckel niedergleiten;
könnt ich so mein banges Denken,
meine Tage noch die leidgeweihten
mitversenken.


Gang zum Friedhof

Die weichen Hänge sind es noch, die du geliebt,
der Blick hinab auf Dächer, Türme, Kuppen,
und auf den sanften Wiesen frohe Gruppen,
die freudig nehmen, was der Sommer gibt —
nur du nicht mehr.

Das helle Land!
Mit düstren Kleidern angetan,
so muß ich einsam durch das Prangen schreiten
und fühl den Witwenschleier niedergleiten . . .
die lieben Höhen eile ich hinan
wie einst mit dir.

Nun heimwärts still. Mit dunklen Floren sinkt die Nacht
zum Duft der Erde nieder; engumschlungen
die Liebe wandelt, sehnend aufgeklungen
ist mir das Lied, das alles Leben selig macht —
nur uns nicht mehr!

Zu Ende

Noch stehn am Schreibtisch deine Bände,
wie du sie selbst geordnet hast,
als warteten sie deiner Hände,
als weiltest du nur fern zu Gast —

Und wenn mit Briefen kommt geschritten
ins Haus der Bote, ist es mir,
als schriebst du mir, wie du gelitten,
so heimatbange sei es dir!

Und weiß doch, wie so schmerzbeklommen
das Herz mir schlägt, man grub dich ein —
und nie, nie wirst du wiederkommen . . .
und alles muß zu Ende sein.


Wenn nur die Abende nicht kämen . . .

Wenn mir die Abende nicht kämen!
die Schatten sinken und ich starr ins Land;
und wieder faßt mich dieses Grämen:

Mir ist, ich sollt dich suchen gehen
den nachtverhangnen Weg entlang,
um dich ein einzigmal zu sehen!

Ich hätt dir vieles abzubitten,
das ich als Härte einst empfand;
o, du warst krank und hast gelitten!

Und manches kann ich nun verstehen,
begreifend, wie du es gemeint,
und darf der Dinge Wurzel sehen —

Du kannst mir nicht entgegenkommen;
nichts mehr, das uns so lang vereint,
als ichs gestünde, reubeklommen. . .


Auszug

Wir müssen unser Haus verlassen —
noch einmal will ich deiner Leiden Stätte sehn,
in dich verloren, wieder bange Wege gehn,
noch einmal Glut und Glück erfassen . . .

Schon hochgetürmt harrt unser Wagen
und schwankt hinaus, bereit dem neuen Heim zu dienen;
die nach uns kommen, warten schon mit frohen Mienen,
bis wir das Letzte fortgetragen . . .

Und wissen nicht, was schon an Glück verdarb,
wie schwer hier Einer starb!


 




Sei wie der Baum . . .



Kapitän Ejnar Mikkelsen

Nichts andres seh ich
wie dein Gesicht;
Ejnar Mikkelsen!
Es sagt mir: Ich wanke und zittre nicht
vor Sturm und Nacht und Felsen.

Sagt mir; Bin aus Stein gehauen
das Menschengesicht, dem sich Tiefstes erschließt,
bin Titanenkraft, auszuschauen,
ob das Element, das wilde, mit mir sich mißt!

Föhren im Frühling

Wie Weihnachtsbäume stehn die Föhren,
den Trieb wie Kerzen aufgesteckt,
ist nicht dein Herz zu Jubelchören,
zu neuem, lichtem Sein erweckt?

Der ältste Baum mit knorrgen Ästen
hat sich mit Jugend reich geschmückt:
bereite dich zu frohen Festen,
sei wie der Baum vom Lenz beglückt!

Fronleichnam

Maiensonne und Grün und Glast,
an den Häusern Ast um Ast
vom Birkenbaum.
Grünbestreut die graue Straße
und schon klingt es aus der Gasse:
Kyrie eleïson.

Und die kleinen Mädchen kommen
tiefgesenkt den Blick, den frommen,
dort nur guckt schon eins —
Kränzlein auf den hellen Haaren,
kommen sie in lichten Scharen
frohsten Seins.

Blütenprangen

Über grünen Weiten Lerchensingen
an der weißen Straße Blütenprangen
heiliger Bäume.
Fühl ins Herz den tiefen Frieden dringen,
frohgerötet deine blassen Wangen.

Dunkler Wälder Träume
fühl im Duft herüberwehen,
zärtlich sieh Maßliebchen stehen,
und die keusche Erdbeerblüte nicken:
Will zur Stadt dir meine Früchte schicken!

Ernte

                        Im schwerreifen Korn
blüht glutroter Mohn
                        und Rittersporn.
Tiefdunkelblau
                        durch das klirrende Gelb
lacht die Kornblumenfrau . . .
                        Daneben ein Feld
schon stoppelkahl
                        wird zur Qual
mit einemmal.
                        Es droht
der Tod
                        dem Blühen im Korn
dem glutroten Mohn
                        dem Rittersporn
der Kornblumenfrau . . .
                        Bald wird es grau
und kahl
                        das Sommerland!

Lied im Herbst

Schon sammeln sich die Schwalben,
das Laub blinkt gelb und rot;
aus dem Wald, dem falben,
schreitet der Tod . . .

Muß denken wie es blühte
und klang auf jeden Baum,
auf den Wangen glühte
ein seliger Traum.

Nun ist es ausgesungen
das frohe Lied vom Mai —
schluchzend verklungen:
alles vorbei!


Der sterbende Baum

Sie hatten ihn mit Seilen gebunden,
die Säge knirschte durch seine Wunden,
es kam mir wie ein Morden vor.

Erschrocken floh der Vögel Chor
die liebe Heimat in seinen Gezweigen,
die, weithin breitend, sich zitternd neigen.

Sie sägen hart, der Stamm ist stark,
ein Beben rinnt durch Blatt und Mark
durch seine verästelten Glieder —

Ein Mahnschrei : Er fällt! Ein Krachen, ein Brausen —
und durch die Luft wie ein Kugelsausen
wuchtet er nieder!

Allerseelen

Leiser Rieselregen fällt
auf die müden Zweige;
letzten Sommers Neige
bang der Baum gefangen hält! —
und vom Berge blitzen nieder
Blinkelichtlein: Nimmerwieder!

Auf die welken Blätter tropft es,
an die dunkle Erde klopft es,
an das große Grab!
Da — bei einer Lampe Flimmern
seh am Aste Knospen schimmern,
frische, glänzendbraune!

Bange Seele sieh und staune!
Fühle, wie das Rad sich wendet,
ewiger Kreislauf sich vollendet.




Kinderhändchen

und haben die kleinen Händchen voll
mit all den Blümlein fein,
weiß nicht, was zuerst ich fassen soll,
tief in die Seele ein!



Die bleichen Mütter

Ihr bleichen Mütter mit den runden Rücken,
den sanften Mienen und der Kinderschar,
den Sorgen, die die Stirn in Falten drücken,
dem armen Leib, der schmerzzerquält gebar. . .
Ich kenne euch, ihr frühgebeugten Frauen,
gut weiß ich, Stillverhärmte, wie ihr müht —
ein stummer Gruß, ein auf die Kinder Schauen
Sind sie nicht frisch? wie Rosen aufgeblüht?!


Der Erbe

Du wirst der Erbe sein, mein lieber Sohn:
dein Vater und die Mutter waren Dichter
und trugen in den Händen Flammenlichter
und trugen Qual und bittre Not zum Lohn.

Du wirst der Erbe sein, mein lieber Sohn.
In dir wird zweifach alle Schönheit singen
und doppelt wirst du um die Wahrheit ringen —
um deinen Ton.

Vergib mein Sohn,
Vielleicht wird dich das Leben krönen
und deiner Mutter Leiden so versöhnen
auf deinem goldnen Thron!

O Mai, du musst verzeihen!

In Zügel will ich legen,
mein junges Blut;
die Kinder will ich hegen
mein höchstes Gut!

Und will ihn niederringen
den Locketraum —
der Lenz will wieder singen?
Ich hör es kaum.

Ich habe viel zu schaffen,
Maiglöckchen blühn?
Ich hab nicht Zeit zu gaffen,
hab ander Mühn.

Vier Mäulchen: Mutter! schreien
auf Schritt und Tritt —
o Mai, du mußt verzeihen,
ich kann nicht mit!!


Lied der Mutter

Es hat am Goldhaar mein Töchterlein
ein Ringelblumenkränzelein
sie ist die Schönste von allen.
Es steht anstaunend die Kinderschar,
sie ist wie ein Königskind fürwahr
und kann einem Prinzen gefallen!

Mädlein tanzt

Ringel ringel reihe
singt mein Kind zum Ringeltanz,
dreht sich in der Sonne Glanz,
Schühlein mit den Bändchen
frohe Patschehändchen
ringel ringel reihe.

Ringel ringel reihe,
tanz mein Mädlein, tanze nur,
tick tack geht die schnelle Uhr,
ändert bald die Zeiten
Kinderseligkeiten.

Ringel ringe! reihe . . .
um mein süßes Herzenskind
wirbt die Liebe wunderlind,
Frühling auf der Heiden,
Sommer dann und Leiden.

Mühst dich wie dein Mütterlein,
wirst wie sie bald müde sein
Lebens Glück zu wagen,
Frauen los zu tragen —
ringel ringet reihe . . .

Dante

Mein Mädlein steht vor des Großen Statue
längere Zeit
und hängt den Blick an seine Doktorhaube
voll Überlegenheit.

Und buchstabiert dann mühsam: Dante
und schüttelt den Kopf, mit den Zöpflein kraus,
betrachtet noch einmal die Hackennase:
Na, meine Tante sieht anders aus!

Erich

Hab ein Bübchen mit flachsblondem Haar,
Ringellocken wunderbar.

Niedlichen Höschen bis über Knie,
traurig ist mein Bübchen nie.

Händchen in Taschen, wie ein großer Mann,
guckt er von allen Seiten dich an.

Wiegt das Köpfchen: Du, kennst du mich?
Weißt, ich bin der Erich, ich!!

Walter

Wenn man dann im Grabe liegt, so tief, Mama?
was geschieht den armen Menschen da? — —

Weißt du nicht? — Es stehen schöne Blumen drauf,
wachsen alte aus den Toten auf . . .

Und mein Junge sinnt — und lächelt dann:
Du Mama?
Wie man sich davor nur fürchten kann?

Erster Schulgang

Septembermorgen und Sonnenschein;
mit meinem jungen zur Schule gegangen.
Nun füg dich, mein Liebes, ins Leben ein.

O, schau nur Mama, wie groß ich schon bin! — —
Die wehen, wehen Stimmen sangen:
die sechshalb Jahre, wie bange dahin!

Die Leiden, die Mühen um dich mein Kind!
Hab deinen Vater begraben müssen,
die tiefsten Jahre gegangen sind.

O werde mein Junge, wie er, ein Mann!
Gesegnet von deiner Mutter Küssen
fang mir dein tapferes Leben an!

Erste Schulstunde

In den Bänken saßen die Knirpse bang
und die Mütter standen und sahen entlang.

Eine Jede suchte ihr Kind zu sehn
und wollte am liebsten bei ihm stehn.

Eine Jede dachte: Wie litt ich um dich —
nun bist du allein und ohne mich.

Da rief die Glocke: Ihr Mütter hinaus!
Nun sind sie unser! — Geht hübsch nach Haus!

Die Verlassenen

Abends in den Betten hangen
Mädlein zwei und Bübchen,
Wangen glühen traumbefangen,
süße Lachegrübchen.

Auch ein Tränlein will noch blinken
kummertief geboren —
doch die Wimpern müde sinken
leid und lustverloren.

Alle Lieder, die ich wußte,
sind nun ausgesungen,
alle Leiden, die ich mußte,
habe ich bezwungen.

Zeigt der Mond mit müdem Scheinen
was ich Liebes hab, —
will ersticken tief mein Weinen —
schimmernd liegt ein Grab.

Spieldose

Kling, klang,
lieb klingt der Dose Klang,
die Stube ist im Dämmerlicht,
durchs Fenster nur ein Lichtstreif bricht
nun Kinder still!

Kling, klang!
Wie wird das Herz mir bang.
Die Bäume stöhnen laut im Wind
und über die Scheiben ein Regnen rinnt,
nun Kinder schlaft!

Kling, klang.
Die Sonne schlafen ging,
und auf die Blumen schauert Schnee —
mir tut des Liedes Klang zu weh —
nun still!




Traumgärten

Laßt mich still, laßt mich still
meine Wege gehn;
wie ich will, wie ich will
nach den Sternen sehn.
 
Stört mir nicht, stört mir nicht
tiefgeheime Kraft,
die ans Licht, die ans Licht
alle Wunder schafft.
 
Laßt mich still, laßt mich still
meine Wege gehn ;
wie ich will, wie ich will
nach den Sternen sehn!




Unheimliche Stadt

Viel Lichter funkeln am Berge auf
sieh hinauf!
Zu der Stadt am Berg, der unheimlichen Stadt,
die so viel erloschene Augen hat.

Erloschne Sterne hinter den Mauern sind,
der Irren Augen,
die nimmer zu Fron und Mühsal taugen
und doch so unselig sind!

Und hätte gar mancher gewünscht einmal
zu hausen so schön über Qualm und Tal,
so hoch und frei in duftender Luft —
und ist nun wie in schauriger Gruft.

Viel Lichter funkeln am Berge auf —
sieh hinauf!

Kirchlein im See

Draußen im See ein Kirchlein liegt,
das grüne Wasser wogt und wiegt —

Auf starrem Felsen das schlanke steht,
ein rotes Flatterfähnchen weht.

Ein Nachen fährt zum Kirchlein hin
den Herrn, den Knecht, die Bettlerin.

Es geht von alters im Land die Mär,
daß im See ein Wunsch zu erläuten wär!

Nur einer! Und Jeder sinnt voll Pein:
Wird der gewählte der beste sein?! . . .

Viel Stufen führen zum Kirchlein hinan,
am Tor lehnt stumm der müde Kaplan.

Stumpf und müde vom Glocken schlag,
der gellt und schellt den ganzen Tag.

Vom frühen Tag, bis die Sonne sänkt,
die kleine Glocke schwingt und klingt . . .

Der Menschheit Weh zieht schwer am Strang —
horch! Hoffnung tröstet: — Glockenklang!

Das alte Schloß

Im dunklen Park die weißen Mauern
umschließen es zu keuscher Ruh;
die Tannen atmen stummes Trauern,
der Epheu rankt die Fenster zu.
Mit leisen Schritten zu der Brüstung
drängt mich der Wunsch, hinabzusehn,
der stahlne Ritter in der Rüstung
mag drohend auch daneben stehn.
Ich sehe Erker und Balkone
mit Männerbildern aus Gestein,
die toten Grafen und Barone,
die mögen wohl darunter sein.
Und unten tief äst grüner Boden,
der Schloßhof ward zum Wiesenland,
doch keine Hand mag Pfade roden
dem Frieden hier, kühl abgewandt . . .

So sollt ihr Säle, niemals wieder
vom Glanz der Feste, Schmuck der Fraun
erstrahlen, herrlich anzuschaun? — —
Da kommt mit einmal jene Sage,
die nie verklungne, mir zu Sinn,
sie stehen auf die fernen Tage . . .

Mir ist, sie lief die Stufen nieder
die letzte Schloßfrau; wo soll sie hin?
Ich kann ihr bleiches Antlitz sehen,
so jugendschön, so leidenstarr —
und harte Augen seh ich spähen,
nachschleicht der Graf, der finstre Narr . . ,
und keuchend hör ich seine Stimme:
Du stehst mir Red! Den Buhlen nennst du!
— Ich habe keinen! — Ha! Das lügst du!
Mir ward die Botschaft! — stirb! — So stoße zu!!

der Stein wird rot von Blut . . .
                                           hab ichs geträumt
still rings, das Schloß epheuumklommen
von hoher Mauer streng umsäumt.
Und wie zurück aus schmalem Bogen
das Haupt ich wieder wenden will,
das Herz von Wehmut vollgesogen,
was rauscht dort? — lauschend halt ich still:
Ein Reh! Es bricht sich horchend Bahn
und äugt mich an!

Mutter des Schiffsjungen

Am Tage hat sie zu schaffen genug,
für den Mann und die Kinder schafft sie klug.

Nur wenn sie der Nacht in der Stube lauscht,
hört sie, wie das Wasser rauscht . . .

Sieht sie ein Schiff mit hohem Mast,
ihr armer Junge erklettert ihn fast!

Da wirds ihm angst — sie hört den Schrei!
und Keiner eilt ihn zu retten herbei!

Er schwankt — und stürzt in die Wasser hinab,
in sein frühes, kaltes, entsetzliches Grab . . .

Sie drückt in die Kissen das bleiche Gesicht,
der Mann und die Kinder hören sie nicht.

Erstickt den Wehruf, die Tränenflut:
O hätt ich dich hier, wie ruhtest du gut!

Hätt ich dich nimmer ziehen lassen,
wär ich dir nach durch die fremden Gassen.

 
Hätt ich dir können ins Auge sehn
tröstend, wies mußte in Angst vergehn! . . .

Der Mann und die Kinder hören sie nicht,
in die Kissen drückt sie das Tränengesicht.

Einsamhaus

Ich träum es so:
Auf lichter Höhe, wo die Tannen stehn,
kann ichs geschlossnen Auges deutlich sehn,
viole Lichter hüllen sanft es ein,
die grelle Sonne muß versunken sein . . .

Am Tor lehnst du;
gesenkt das Haupt, umwallt vom dunklen Haar,
beflügelt von der Träume Silberschar,
ein Vogelruf in sehnsuchttiefer Zeit —
sonst Einsamkeit . . .

Ich komm zu dir,
— nur scheu will mir das Wort vom Munde gehn,
ich kann dich, Lieber, nicht so einsam sehn,
mit leisen Schritten will ich um dich sein
und teilen deiner Höhen Lust und Pein —

Wo träum ich hin?
Das Bild zerrinnt, die Lichter löschen aus,
tief in mein Herz versinkt das Einsamhaus . . .

Wolfi

Einen Friedhof weiß ich hoch und einsam stehn
Berg und Wald von seinen Mauern kann ich sehn.

Sonntags, durch der Gräber Reihen ging ich hin,
las vom Stein die Namen mit beklommnem Sinn.

Las von mancher Jugend, die früh mußt vergehn,
seltsam doch ergriffen, blieb ich plötzlich stehn.

Blinkt ein Obelisk, ein weißer, schlanker her,
trägt den Kindernamen: Wolfi, — sonst nichts mehr.

Die ihn hier begruben, wissen Tag und Zahl,
haben eingegraben jener Daten Qual

tief ins Herz, dem süße Hoffnung hier zerfällt — —
frag nicht, Fremder, — geh zurück in deine Welt!


Der grosse Sohn

Und Mutter - morgen seis gewagt!
Ich habe alle Propheten befragt,
es scheinen günstig die Zeichen! —
Ich habe so böse Träume, Kind,
die immer warnende Boten sind —
erst heute träumt ich von Leichen!

Ach, was ihr Mutter altweibisch seid!
Was wart ich? War im Kleinbubenkleid
und hab schon am Luftschiff gesonnen.
Die Andern gingen zu Lust und Tanz,
ich habe die Glückszeit verbastelt ganz —
ist leise wie Sand verronnen —

Und Andre haben das Glück errafft,
haben sich üppige Krippen verschafft —
wir haben gehungert, wir Beide!
Aber warte Mutter, morgen fliegt
mein Schiff und es siegt, es siegt!
Und ich jauchze und hüll dich in Seide!

 
Und führe die Menschheit die stolze Bahn
über Straßengrüfte zur Höhe hinan!
. . . . Von der wartenden Menge bestaunt und begafft
wird am Morgen das Schiff aus der Scheune geschafft, —
es hebt sich — es steigt in der Sonne Blinken!
Begeistrung rüttelt die Menge auf:
Hurrah! Wie er lenkt! Nun rechts! Nun hinauf!
Und Tücher und Hüte winken! — —

Unten im Kämmerlein bang und still
die Mutter die Hände falten will:
O sei mir bewahrt vor Schaden!
Nun ist er oben, nun ist er geweiht —
und ist von mir so weit — so weit!
Schütze ihn, Herr, in Gnaden.
— — — — — —
Man hat ihn vergessen; bis man liest,
daß ein neues Luftschiff gestrandet ist
in fernen, fremden Landen.
Der Fahrer tot . . . Die Mutter blickt starr
und weiß, wie es Marien war,
als sie unterm Kreuze gestanden . . .

Gärtchen am Fenstersims

Großstadthäuser in Reih und Glied
nüchtern, ohne Unterschied,
gleiten vorüber,
Fensteraugen eng und schmal
immer gleiche, hundertmal
querüber.

Trostlos solche Häuserzeilen
gleich und gleich vorübereilen —
Menschenkäfige! muß ich denken
ah! und die Erde hat allen zu schenken!

Da — auf einem Fenstersims
lachend meines tiefen Grimms
blüht ein Gittergärtlein zierlich
rankt manierlich
sich hinauf und noch hinüber.

Vorüber . . .
Doch das Grün und farbig Blühen
schien am Grau ein Wunden glühen,
schien ein schmerzgehegter Rest
an die Mauerwand gepreßt —

Menschensehnsucht
traumerwacht,
die an verlorne Gärten gedacht . . .

 




Arme, liebe Kleine!

Dem entflohnen Seelchen.

O helf mir Gott,
daß ich nicht immer sehen muß
den schmalen, weißen Sarg
mit Silberpapier
überklebt.
 
Mein armes Kind
liegt tot darin
Blauaugen starr —
 
O helf mir Gott!



Was hab ich dir getan!

O liebes Kind, was hab ich, unwissend, dir getan,
sieh mit den klugen Augen mich nicht so fragend an!

Ich hätte treffen müssen für dich ganz andre Wahl,
so sinkst du, ärmstes Opfer, in unverdienter Qual!

Ich hätte geben müssen zum Vater dir den Mut,
eines kraftvollen Zeugers gesundes, frohes Blut!

O sieh, ich hab den Geist, den Geist allein gesucht
und ohne Kraft des Leibes ist Geist verrucht —

O, liebes Kind, was hab ich, unwissend dir getan!

Der Tod und die Mutter

Tod bist du? Und bist schon wieder da
Liebstes mir hinwegzureißen?
Dieses nicht! Nur nicht ein Kind! Gebühren
soll ihm Leben! Hast du nicht erküren
können den Greis, den müden, weißen?
Komm nicht jungem Leben nah! —
der Tod schweigt.

Nein! Ich geb dirs nicht! Ich habs geschaffen,
mit meinem Blut genährt, gestaltet,
Teil ists von mir, ist meiner Schöpferkraft
Zeugnis; rang sich aus dunkler Sehnsucht Haft
ans Licht, um groß zu werden, aufzuraffen,
neuzubeleben, was uns müd erkaltet . . .
der Tod schweigt.

Sieh mich dir hingesunken, umklammernd deine Füße,
nichts weiß ich mehr, bin nur ein todgeängstet Weib,
laß lebend mir dies Kind, das liebe, süße,
mich nimm! Reiße das Herz mir aus dem Leib! —
der Tod schweigt.

Mein Kind stirbt

Verschlungen halte ich die Hände,
verkrampft ans wehe Herz gedrückt, —
o, daß ich mit dir, liebes Leben, schwände,
das sich der Tod zu dieser Stunde pflückt —
mein Kind stirbt! —

Muß dich zur Dunkelheit entgleiten lassen
und kann dir nicht mehr Trost und Hüter sein;
die süßen Lippen weh! erblassen! —
Ich kanns nicht sehen! — nehmt mir diese Pein! —
mein Kind stirbt.

Nein, laßt mich! laßt mich letztes Zucken fühlen
des Lebens, das ich doch erschuf —
die Händchen wärmen noch die kühlen,
Gebilde meiner Sehnsucht Ruf —
mein Kind stirbt! —

Aufschwinge dich zu höhrem Leben,
schwing Flügelseelchen sternenwärts — —
Es ist dem All zurückgegeben.
— — —
Du brichst nicht, Herz?!

Das Kind im Sarg

Muß dich sehen liegen, ganz, ganz
bleich; auf dem Blondhaar den kleinen Kranz,

blau von Vergißmeinnicht, von Rosen umhüllt.
Wehe, o wehe! Leben unerfüllt

früh abgebrochen, wie mein süßes Kind,
die jungen roten Rosenknospen sind. —

Traute! hieß sie, Blumen, war so zart,
lieblich schön, wie ihr, von eurer Art —

ach, daß man Knospen zusammen nun begrabt! —
Mein Kind hat euch ihr Blumen so lieb gehabt!

Der Puppenwagen

Du lieber kleiner Puppenwagen,
wo sind die Händchen, die dich stolz geführt,
wie soll ich dieses Weh ertragen,
dich still zu sehn und unberührt?

Weißt du, die lieben kleinen Händchen,
so zärtlich und so schmiegsam weich;
sie schmückten dich mit blauen Bändchen —
du warst des Kindes liebstes Reich!

Wie sie die Puppen alle hegte!
das Schlummerliedchen sang sie so:
— rasch guckend, ob sich keines regte —
Eia popeia, was raschelt im Stroh?

O lieber kleiner Puppenwagen,
nie mehr singt sie die Püppchen ein —
mein süßes Kind ist fortgetragen
und du und ich, wir sind allein.

Weihnacht des toten Kindes

Wollte ach! so gern ein Bäumlein stellen
auf dein Grab, mein Kind;
sah die Lichter schon die hellen
flackern im Wind —

Aber ach! der Sorgen harte Lasten
sanken wie Reif auf dieses Wunsches Traum —
mußt zur Stadt, zur grellen, weithin hasten,
schmücken dem Leben den Lichterbaum.

Nur im Herzen, Kind, im klammen,
glüht die Sehnsucht, brennt das Leid
zu dir hin mit Loheflammen:
deines Grabes Weihnachtskleid!

Die Sonntagskleidchen . . .

Ach, hält ich früher dies, mein Kind, gewußt,
daß du so bald, so bald wirst sterben müssen,
ich hätte hingebreitet dir zu Füßen,
woran du bittend mich gemahnt —

Du standest täglich vor dem Schrein,
nach Sonntagskleidchen langtest du mit Händen
mit zarten. Nein! Wer wird denn so verschwenden!
Komm, in das alte schlüpf hinein!

O, wie mir heut dies Sparen wehe tut!
Nun liegen sie die Kleidchen alle sauber
vor mir; nutzlos in ihrem Duft und Zauber
und heiß benetzt von meiner Tränen Flut!

Mütter, die ein Kind begraben . . .

Ich drückte gerne dir die bleichen Hände
und weinte heiß mit dir und zügellos —
vielleicht — es wäre unser Leiden minder groß.

Und wenn das tobend Herzweh also etwas schwände,
ich sagte leise: Viele Mütter, fasse dich,
beweinen ihr versargtes Kind, wie du und ich . . .




Bleiche Ruh.

Du lerne leiden!

Mißmutig hatt ich immer wieder
das Blatt von mir geschoben und saß still:
Ich kann sie schreiben nicht die Lieder,
wie sie mir klingen, wie ich sie sagen will!

Da fühl ich noch die dunklen Augen
der Mutter groß auf mir; Wie jäh du bist!
O warte nur, sie werden taugen — —
wenn deine Mutter gestorben ist!

Du lerne leiden! wollte sie sagen,
den großen Schmerz erleiden und dann sprich! —
Wir haben sie hinausgetragen
gar bald und alles kleine Weh verblich . . .

Die reichen Jahre aber kommen
und bringen Glück und Müh und Sorgenzeit
und haben Vieles noch hinweggenommen
und haben mich dem tiefsten Schmerz geweiht.

Nun ist mein Herz vom Weh zerrissen,
mir ist, als ström sein Blut in Liedern hin —
o Mutter, was habe ich leiden müssen,
bis ich, wie dus gemeint, geworden bin!!

Frühmorgen im Winter

Glutroter Himmel über Bergen,
die fern und einsam sind;
der schlanke Kirchturm will mir scheinen,
wie ein hilfloses Kind.

Noch schläfrig liegt die blanke Straße,
so starr, als fröre sie;
der Früh schein spiegelt weit die Sonne —
mir ist, als kam sie nie!

Es weht mich an . . .

Es weht Grauabendkühle
so kalt mich an;
der Tag mit seiner Schwüle
war bald vertan . . .
will auf die weißen Pfühle
gern sinken hin —
daß ich zur Nacht nicht fühle,
wie bang ich bin!

Geschwister

Verrauscht die schweren, bösen Jahre
da heißer Groll uns hart geschieden —
und müde stehn wir an der Bahre
der Liebe, die wir schroff gemieden.
Des Blutes Stimme rief zur Seele,
aus Nebeln tauchen Kindheitbilder —
und was an dir an Trug und Fehle —
ich seh es menschlich, seh es milder.

Und weißt du noch? O süße Reinheit!
Ein Lächeln will sich scheu verbergen,
noch trennte uns nicht Groll und Kleinheit,
noch kamen wir nicht von den Särgen
des Lebens, das uns Runen Beiden
ins Angesicht so scharf gezogen,
von nützen und unnützen Leiden,
vom Haß — den wir uns vorgelogen!


Das rote Band

Was habe ich doch gelöst das rote Band,
und las sie wieder die Briefe von deiner Hand?

Da steht von deiner Sehnsucht um mich darin,
daß ich dir das Liebste auf Erden geworden bin.

Vom Flammentalar der Liebe seist du umhüllt,
die Nacht der Melancholie sei dir Sternen erfüllt . . .

Nun ruft die Stimme: Erinnrung, in mir so weh,
o daß ich in allen den Leiden gewiß vergeh . . .

Was habe ich gelöst das rote Band? . . .

Die Säulchenuhr

Stadtmüd, bei meiner alten Tante,
bin ich zu Gast nach langer Zeit
und finde manches Liebbekannte
von einst, erinnerunggeweiht.

Doch nichts, was tiefer widerhallte
in mir der Kindheit seige Spur —
als dort am Schrank die liebe, alte,
die unverdrossne Säulchenuhr.

Nun tickt sie die zweihundert Jahre,
— zur Hochzeit ward der Ahne sie —
und tickte weiter an der Bahre
der Eigner und versagte nie.

Wie oft bin ich davorgestanden,
bestaunend ihre seltne Zier,
in meiner Kindheit Zauberlanden
war diese Uhr Vertrautes mir.

Wie vieles hatt ich sie zu fragen!
Ach, liebe Uhr, erzähltest du,
was du an Leid und Glück geschlagen
den Ahnen, bis zur dunklen Truh —

 
Und in die Zukunft wollt ich dringen:
Sag, welche Stunden schlägst du mir? —
Bis wieder mich der Jugend Singen,
der Sehnsucht Ruf vertrieb von ihr.

Und nun, nach Jahren und Geschicken,
schlägst du mir wieder, alte Uhr,
hör ich, wie eh, dich fröhlich ticken —
wir Suchenden sind müde nur.

Sternlein

Sternlein blitzt herein
schlaflosen Augen zu,
mit liebem, lichtem Schein.
Ist vom toten Mütterlein
das liebe Auge
im milden Licht —?

Sternlein blitzt herein —
so blank und licht.
Ist vom toten Liebsten
ein Gruß im Schein
so blank und licht —?

Verhüllt ist das Sternlein
blinkt noch ganz schwach
scheint nicht mehr . . .
Wird mein tot Kindlein sein,
das ach! verlöschen mußt,
so lieb und licht!

Nun schweigen alle Wünsche

Nun schweigen alle Wünsche,
die ich vom Einst geträumt,
nichts bin ich, wie der Tropfen,
der mit ins Weltmeer schäumt.

Nichts bin ich, wie der Tropfen,
der in die Lüfte steigt — —
und schwer vom neuen Leben
zur Flut sich wieder neigt!

Dunkle Macht

Für alles kommt die Büßerstunde
das du im Leben irrend hast verfehlt,
und hast dus noch so lange dir verhehlt —
mit einemmal merkst du die Todeswunde.

Das Wort: Zu spät! schlug dir mit harten Krallen
ins stolze Herz, das nun verbluten will —
es wird ganz leer und wird ganz still
ein müder Rest zusammenfallen.

Was aber ließ michs zögernd nicht erfassen,
was säumt ich, als das Glück gewinkt,
so wie ein Weiser, der durch Irrnis blinkt —

Was riß mich fort, was hieß mich Licht verlassen?
Die dunkle Macht, die Wegziel gibt und nimmt.
Weiß ichs, wozu sie mich bestimmt?

Bleiche Ruh

Nun will sich eine bleiche Ruh
ins tiefste Herz mir neigen;
die Sehnsucht wird mir immerzu
schweigen.

Zog all die Irrfahrt Jahr um Jahr
im Kreise;
nun kehr ich heim — gebleicht das Haar —
und kenn die Weise.


Genezareth

Verträumtes Wasser Genezareth,
Mauern, verfallen an deinem Rande,
Hirten im Gebet
verbergen das Haupt im Gewande.

Bist dus, Bethsaida, verfallene Stadt?
Steine nur sagen von Wundern und Schöne,
Herden trinken am Ufer sich satt —
wo, Bethsaida, sind deine Söhne?

Berge der Seligpreisungen
sehen in stille Wasser nieder,
scheinen von Trauer durchdrungen:
Schritte des Großen, kommen sie wieder?

Sieh, von seiner Göttlichkeit
ist nicht ein Hauch hangen geblieben?
Stadt und Geschlechter verlöschte die Zeit —
ewig blieb ein großes Lieben!