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Jan Kochanowski – Threnodien und andere Gedichte.

Gedichte

Jan Kochanowski, Threnodien und andere Gedichte, Übertragen von Spiridon Wukadinovic, Als Manuskript gedruckt, etwa 1932


Threnodien

I.

 

ALL ihr Tränen, die einst Heraklit vergossen,
Klag’ und Jammer, Simonides’ Mund entflossen,
All ihr Seufzer und Gram auf dem Erdenballe
Und Leid und Weh und Händeringen: ihr alle,
Alle mögt euch in meinem Hause vereinen,
Und helfet mir mein holdes Mädchen beweinen,
Von dem der ruchlose Tod mich hat geschieden
Und jählings mir geraubt allen Trost hinieden!
So holt die Schlange aus dem versteckten Neste
Die junge Brut, dass gierig den Schlund sie mäste,
Indes die arme Mutter zwitschernd voll Zagen
Den Mörder wieder und wieder will verjagen;
Vergeblich, denn schon will er sie selber fangen,
Kaum dass sie ihm mit dem Gefieder entgangen.
Ihr andern sagt wohl, eitel sei es zu weinen?
Was will, bei Gott, nicht eitel auf Erden scheinen?
Alles eitel! Wir tasten, wo’s weicher eben,
Und allseits drückt’s: ein Irren das Menschenleben!
Was lindert mehr: im Leiden offen zu klagen,
Oder den Schmerz gewaltsam niederzuschlagen?

 

II.

SOLLT über Kinder je ich mit der Feder spielen
Und leichte Reime baun um dieses Alters willen,
Bei Gott, die Wiege hätt’ ich lieber da geschaukelt
Und seichte Lieder für die Ammen hingegaukelt,
Dass sie die Kinderchen damit in Schlummer singen
Und ihrer Pfleglinge Geschrei zum Schweigen bringen!
Mit grösserm Nutzen hätt’ ich solches Zeug gemacht,
Als nun — was heute mir mein Unglück zugedacht —
An meines holden Kinds verschwiegnem Grab zu weinen
Und ob Proserpinas grausamem Druck zu greinen.
Doch könnt’ ich beides nicht mit gleicher Freiheit tun:
Jenes verschmäht’ ich, weil dem reifen Geist es nun
Nicht reif genug erschien; in dieses stiess mit Zwang
Die Schickung mich und mein Verlust fürs Leben lang.
Und jetzt ist mir nicht leicht darüber nachzusinnen,
Ob durch mein Weinen ich einst werde Ruhm gewinnen.
Nicht wollt’ ich Lebenden, heut muss ich Toten singen
Und klagend fremden Tod, mich selbst ihm nahebringen.
Was hilft’s! Wie das Geschick verfolgt die Menschen hüben,
So wirkt es heitern Sinn in ihnen oder trüben.
O ränkevolles Recht, o flücht’ger Schattenschar
Grausame Fürstin du. unbeugsam, unnahbar!
Musst’ meine Ursula, da sie ja noch auf Erden
Zu leben nicht verstand, so früh entrafft mir werden?
Die an der Sonne Glanz sich noch nicht sattgeschaut,
Ging ach! das Land besehn, wo ew’ge Nacht nur graut.
Und lieber sollte sie nicht erst das Licht gewahren!
Was hat sie mehr denn als Geburt und Tod erfahren?
Und statt des Trosts, den sie den Eltern mit der Zeit
Geschuldet, liess sie uns zurück in schwerem Leid.

 

III.

STOLZ hast du mich verschmäht, du traute Erbin mein!
Es schien des Vaters Gut dir zu gering zu sein,
Als dass du je daran Genüge hättst gefunden.
Nie könnt’ es messen sich, ich sag’ es unumwunden,
Mit deinem frühen Geist, mit deinem holden Wesen,
Daraus dein Tugendpreis schon war vorauszulesen.
O Worte, kindlich Spiel, manierliches Bewegen,
Wie muss ich heut um euch so gross Betrübnis hegen!
Und du, mein Trost, kehrst nicht zurück in Ewigkeiten,
Und meiner Sehnsucht wirst kein Ende du bereiten.
Nichts bleibt mir da, nichts bleibt als nur dir nachzureisen,
Und deiner Füsschen Spur wird mir die Fährte weisen.
Dort seh’ ich dich, will’s Gott, und du sollst mich begrüssen
Und deinen Vater in die teuern Ärmchen schliessen.

IV.

GEWALT tatst, arger Tod, du meinen Augen an,
Dass sie mein liebes Kind vorzeitig sterben sahn.
Ich sah, wie unreif noch die Frucht hinabgeglitten,
Und solches Unglück hat der Eltern Herz zerschnitten.
Nie hätte zwar der Tod sie ohne grosses Leid
Mir jemals fortgeführt, nie ohne Bitterkeit
Und schwere Herzenspein, selbst wenn in spätem Jahren
Sie mir zur Kümmernis wär’ aus der Welt entfahren;
Doch nimmer hätt’ ihr Tod mir so viel Leid gebracht,
So grosse Qual in mir und Sehnsucht nie entfacht;
Denn sie (hätt’s Gott gewollt und ihr noch Frist gewähret)
Hätt’ meinen Augen wohl noch manchen Trost bescheret.
Inzwischen könnt’ ich doch mit meinem Leben schliessen
Und auf der letzten Fahrt Persephone begrüssen
Und hätt’ im Herzen nicht gefühlt so grosses Wehe,
Dass ich auf dieser Welt nicht seines Gleichen sehe.
Nun fass’ ich’s: Niobe, da sie den Tod gewahrte
Der lieben Kinderschar, dass sie zu Stein erstarrte.

V.

WIE die Olive klein im hohen Park entspriesst
Und in der Mutter Spur vom Boden aufwärtsschiesst,
Noch hat sie Zweige nicht, noch Blätter nicht getrieben,
Selbst ist sie nur vorerst ein schlankes Reis geblieben;
Wenn reutend scharfen Dorn und wilden Nesselbast
Des Gärtners Schere die voreilig hat erfasst,
Welkt sie alsbald dahin, und ohne Lebenskraft
Sinkt sie zur Mutter Fuss, der lieben, hingerafft:
Also geschah es auch mit meinem liebsten Kinde.
Der Eltern Augen sahn es wachsen, doch geschwinde,
Kaum hob’s vom Boden sich, sank’s von der gift’gen Seuche
Des grausen Tods behaucht den Eltern, ach, als Leiche
Zu ihren Füssen hin. Böse Persephone,
Wie konntest sinnlos du zulassen so viel Weh?

VI.

FROHSAME Sängerin, slawische Sappho du,
Nicht nur mein Erdenteil kam dir als Erbe zu,
Nein, auch die Laute warst zu erben du berechtigt!
Zu solcher Hoffnung hast du selbst uns schon ermächtigt.
Du schufest Lied um Lied, es schloss sich nie dein Mündchen,
Den ganzen lieben Tag sangst du so manches Stündchen,
So wie im grünen Busch die kleine Philomele
Die ganze Nacht durchsingt mit ihrer frohen Kehle.
Zu schnell bist du verstummt, es hat dich so geschwind
Der schnöde Tod verscheucht, mein holdes Plauderkind!
Nie könnt’ mein Ohr sich satt an deinen Liedern hören,
Und dieses Wen’ge zahl’ ich jetzt mit reichen Zähren.
Selbst sterbend hast du nicht das Singen aufgegeben.
Die Mutter küsstest du und schiedest so vom Leben:
»Ich werde, meine Mutter, dienen dir nicht mehr,
An deinem lieben Tische bleibt mein Platz nun leer;
Hier sind des Hauses Schlüssel, denn ich zieh’ hinaus,
Auf ewig scheid’ ich von der lieben Eltern Haus ...«
Das war, und was gebeugt von Leid und Ungemach
Der Vater nicht mehr denkt, das Letzte, was sie sprach.
Und als die Mutter nun vernahm den Scheidesang,
Das gute Herz, dass ihr’s da nicht vor Leid zersprang!

VII.

UNSEL’GER Kleiderstaat, bei dem ich Leid empfinde,

                Von meinem liebsten Kinde!
Wozu müsst ihr auf euch die trüben Blicke kehren,

                Mein Leid noch zu vermehren?
Nie wieder hüllt in euch sie ihre zarten Glieder,

                Nein, niemals, niemals wieder!
Es hält der ew’ge Schlaf sie eisern, hart umfangen.

                Nie wieder wird sie prangen
In buntem Sommerkleid, goldfarbnen Gürteln, Bändern,

                Der Mutter Liebespfändern!
Nicht solche Lagerstatt, mein teures Mädchen, hätte

                Die Mutter dir als Bette,
Die arme, zugedacht, nicht solch ein Angebinde

                Versprach sie ihrem Kinde!
Ein Hemdlein gab sie bloss, ein schlichtgewebtes Röcklein,

                Der Vater Erdenbröcklein
Dir unters Köpfchen. Ach! Nun ruhn sie im Vereine,
                Versperrt in einem Schreine!

VIII.

WELCH grosse Öde hast du in mein Haus gebracht,
O teure Ursula, seit du dich fortgemacht!
Voll ist’s bei uns, und doch — als ob nun alles fehle,
So viel verloren wir um eine kleine Seele.
Du hast für uns geschwätzt, für uns hast du gesungen.
In alle Winkel ist dein Trippelschritt gedrungen;
Nie littst du, dass in Gram die Mutter sich verzehr’.
Noch dass des Vaters Kopf vom Denken allzu schwer,
Bald ihn, bald wieder sie hold an dein Herzchen schmiegend
Und durch dein Lachen sie, dein fröhliches, vergnügend.
Und jetzt ist alles still, im Haus ist’s öd’ und leer,
Zu spielen gibt es nichts, nichts gibt’s zu lachen mehr.
Aus jedem Winkel fasst den Menschen Leid und Schmerz,
Und, ach, vergeblich späht nach Tröstung aus das Herz.

IX.

WEISHEIT, um teures Geld man dich erkaufen müsste,
Wenn sich der Spruch bewährt, du träfest alle Lüste,
All menschlich Weh zusamt den Wurzeln auszuraffen,
Ja selbst den Menschen schier zum Engel umzuschaffen.
Der nichts von Schmerze weiss, kein sehrend Leid verspüret,
Der keinem Missgeschick erliegt, den Furcht nicht rühret.
Dir gilt der Menschen Tun für blosse Nichtigkeit,
Gleichmüt’ge Sinnesart im Glück wie auch im Leid
Trägst du in dir; dem Tod beutst du dich furchtlos dar,
So stehst du sicher da, ewig, unwandelbar.
Du misst den Reichtum nicht mit Gold und Schätzen zu.
Doch was Natur erheischt, das spendest reichlich du;
Dein Auge, dem sich nichts entzieht, das immer wache,
Erspäht den Elenden selbst unter goldnem Dache.
Dem Armen neidst du nicht, dass er sich glücklich heisst,
Wenn er dein Mahnwort nur zu hören sich befleisst.
Ich unglücksel’ger Mann, der ich all meine Jahre
Damit verbracht, dass ich die Schwelle dein gewahre:
Nun von der Treppe Fuss jählings zurückgesetzt,
Bin unter andern ich einer von vielen jetzt.

X.

WOHIN nur mochtest du mir, Ursula, entschweben,
In welche Gegend dich, in welches Land begeben?
Gingst du in jene Höhn ob allen Himmeln ein
Und zählst dort zu der Schar der kleinen Engelein?
Kamst du ins Paradies? Zu sel’gen Inselauen
Wardst du vielleicht gebracht? Führt Charon dich durch Grauen

Über die bangen Seen und labet deinen Mund
Mit Lethe, dass dir nichts von meinem Weinen kund?
Legtest du Menschenleib, jungfräulich Wesen nieder
Und nahmst der Nachtigall Gestalt an und Gefieder?
Weilst du im Feuerbad, auf dass an deinem Leibe
Auch nicht das kleinste Mal von Irdischem verbleibe?
Gingst du dorthin zurück, wo deine Heimat war.
Eh mir zu schwerem Leid die Mutter dich gebar?
Wo du auch bist, lass dir mein Leid zu Herzen gehen,
Und kann ich dich schon nicht, so wie du einst warst, sehen,
Dann zeig’ dich mir zum Trost, ob du auch wirklich seist,
Als Schatten oder Traum oder als flücht’ger Geist.

XI.

EIN Nichts ist Tugend«, sprach Brutus, da er geschlagen;
Ein Nichts, wohin man blickt, ein Nichts, wohin wir jagen!
Wen hat wohl Frömmigkeit je aus der Not befreit?
Wen hat wohl Güte je vor bösem Fall gefeit?
Der Menschen Dinge mischt geheim ein feindlich Wesen,
Das nicht in Obhut hält die Guten, noch die Bösen;
Wohin sein Atem weht, wird keiner ihm entfliehn;
Ob schuldig oder nicht, wahllos erreicht es ihn.
Und wir mit unserm Kram, als ob der Weisheit wär’,
Sind vor Einfält’gen stolz und wissen doch nicht mehr.
Wir stürmen himmelauf, Gottes geheime Pläne
Dort auszuspähn, allein der Blick der Erdensöhne
Ist stumpf dazu. Uns ziehn flüchtige Traumchimären
In ihren Bann, die sich, wie’s scheint, doch nie bewähren.
Leid, was tust du mir an? so soll ich beide euch
Verlieren denn nunmehr: Trost und Verstand zugleich?

XII.

KEIN Vater hat wohl je sein Kind so sehr geliebt.
Und keiner war wohl je so sehr wie ich betrübt.
Und kaum hat jemals auch ein Kind gelebt auf Erden,
Wert von den Eltern so wie dies geliebt zu werden;
So sauber, zuchtgewohnt, von Launen weit entfernt,
Sang, sprach und reimte sie, als hätte sie’s gelernt;
Und Knix und Positur verstand sie nachzuahmen
Und trug und unterhielt sich so wie junge Damen;
Vernünftig, sittiglich, leutselig, ohne Neid,
Gutwillig, anmutreich, schlicht und voll Züchtigkeit.
Nie hätte morgens sie der Speise je gedacht,
Eh sie nicht Gott zuvor hätt’ ihr Gebet gebracht;
Ging nicht zu Bett, eh sie der Mutter sich empfohlen
Und ihrer Eltern Heil dem Lieben Gott befohlen.
Stets wenn der Vater kam, sprang sie von Schwell’ zu Schwelle
Und war mit freudigem Willkommengruss zur Stelle;
Hilfreich bei jedem Werk, war sie im Elternhaus
Der ganzen Dienerschaft bei jedem Dienst voraus.
Und solches übte sie schon in so jungen Jahren,
Da ihr nicht mehr vergönnt als dreissig Monde waren.
Doch sie bestand nicht so viel Trefflichkeit und Tugend,
Unter der Fülle brach zusammen ihre Jugend,

Eh noch die Ernte kam. — Du einz’ge Ähre mein,
Noch warst du nicht gereift, und ich, der Stunde dein
Nicht harrend, sä’ aufs neu’ dich ein, von Leid betroffen,
Allein zugleich mit dir begrab’ ich auch mein Hoffen,
Denn nie mehr gehst du auf, noch Ewigkeiten hin
Wirst du vor meinem Blick, dem traurigen, erblühn!

XIII.

HOLDSEL’GE Ursula, hätt’ ich dich nicht verloren,
Ach, oder wärest du doch lieber nie geboren!
Die kurze Lust zahl’ ich mit meinen grossen Leiden,
Die mich betroffen durch dein allzufrühes Scheiden.
Du täuschtest mich so wie ein Traum in nächt’ger Zeit,
Der mit Unmengen Golds den gier’gen Sinn erfreut.
Dann flieht er jählings fort, und wenn die Nacht vergangen,
Bleibt von den Schätzen bloss Begierde und Verlangen:
So, teure Ursula, hast du’s mit mir gemacht:
Du hast im Merzen gross die Hoffnung mir entfacht,
Dann liessest du mich jäh mit meinem Leid zurück
Und nähmest mit dir fort all meinen Trost, mein Glück.
Du nahmst mir, kurz gesagt, die Hälfte meiner Seele,
Der Rest verblieb bei mir, dass stets mich Sehnsucht quäle.
Hierher, ihr Maurer, legt mir einen Quaderstein
Und meisselt mir darauf die traur’ge Grabschrift ein:
»Ursula Kochanowska liegt allhier, die Freude
Des Vaters, oder nein: der Quell von Schmerz und Leide.
Verkehrt, achtloser Tod, war diesmal dein Erscheinen:
Ich sollte ja nicht sie, sie sollte mich beweinen«.

XIV.

WO ist das Unglückstor, durch welches einst vor Jahren

Auf der Verlornen Spur Orpheus hinabgefahren?

O könnt’ auf diesem Pfad nach meinem liebsten Kinde

Doch ich auch suchen gehn, dass jene Furt ich finde.

Durch die ein Fährmann grimm mit bleichen Schatten gleitet

Und sie in traurige Zypressenwälder leitet.

Doch du verlass mich nicht, du holde Laute mein,

An meiner Seite komm bis ins Gemach hinein

Des strengen Pluto: sieh, da will ich ihn mit Tränen,

Du ihn mit Trauersang erweichen und versöhnen,

Dass er mein liebstes Kind mir doch noch wiederschenkt

Und mir das Leid verkürzt, das mich so masslos kränkt.

Entgehn kann sie ihm nicht; zu ihm gehn alle ein;

Kann ich bekommen nur das frühe Blümelein!

Wie trüg’ auch dieser Gott ein gar so steinern Herze,

Dass nichts mehr dort erbät’ ein Mensch in seinem Schmerze!

Was sag’ ich? Lieber steig’ auf immer ich hinab,

Und mit der Seele streif ich auch den Kummer ab.

XV.

ERATO goldgelockt und du auch, holde Leier,
Den Menschen als ein Trost in Leid und Sorgen teuer,
Stillt auf ein Weilchen nur mir den gequälten Sinn,
Eh eine Säul’ aus Stein ich noch im Felde bin,
Aus deren Marmel es wie blut’ge Tränen quillt.
Ein Denkmal schweren Leids, ein unglückselig Bild!
Irr’ ich, dass wenn der Mensch auf andrer Nöte blicket,
Er sich in eigenen Verlust viel leichter schicket?
Unsel’ge Mutter, (wenn dem Unglück man zu Schulden
Das buchen kann, was wir durch unsre Torheit dulden),
Wo sind die Söhne dir, die Töchter hin entschwunden?
Wohin der Trost, wohin die Freude froher Stunden?
Der Hügel vierzehn seh’ ich, und du, Leidbeschwerte,
Der wider Willen wohl so lang das Leben währte,
An kalte Gräber, ach, schmiegst, Arme, du dein Haupt,
Drin deine Kinder ruhn, so grausam dir geraubt:
So liegen Blumen, von der Sichel weggefegt,
Oder vom Regenschwall zu Boden hingelegt.
Was nährst für Hoffnung du? Was mehr erwartest du?
Was bringst du nicht dein Leid schnell durch den Tod zur Ruh
Wo sind die Pfeile schnell oder der Bogen hin,
Der nie gefehlt, Phoebus und Göttin-Rächerin?
Aus Zorn (denn sie trägt Schuld), wenn nicht aus Mitgefühl,
Setzt ihrer Qual, bei Gott, der kläglichen, ein Ziel! —

Ein neues Strafgericht brach auf die Stolze ein:
In ihrem Mutterschmerz ward Niobe zu Stein,
Und auf dem Sipylos als ew’ges Marmorbild
Steht sie, doch lebt ihr Weh auch unterm Stein verhüllt,
So dass selbst durch den Fels des Herzens Tränen fliessen
Und wie ein Sturzbach hell von oben sich ergiessen,
Draus Tier und Vogel trinkt; und sie, in ew’gen Banden,
Fusst an des Felsens Rand, wo Stürme sie umbranden.
Dies Grab deckt Toten nicht, der Tote nicht im Grab,
Doch selber ist er tot und selbst für sich ein Grab.

XVI.

DES Unglücks willen und von Leid versehret,
Das bis ans Mark fast mir im Innern zehret,
Muss Laute ich und holden Reim verlassen.

                Ja schier die Seele lassen.
Leb’ ich? Hat mich ein falscher Traum betrogen,
Der durch das Knochenfenster kam geflogen
Und wie ein wach Gespenst den Sinn uns wirret

                Und hier- und dorthin irret?
O Truggeist, Träumereien, wahnbefangen!
Wie leicht ist’s doch mit der Vernunft zu prangen.
Wenn uns die Welt gehorcht und Schicksalstücken
                Des Menschen Haupt nicht drücken.
Die Armut preisen wir — im Überflusse,
Den Kummer schätzen leicht wir — im Genüsse,
Und nichts ist uns der Tod, solang am Leben

                Die geiz’gen Parzen weben.
Doch Not und Leid, wenn die auf uns einbrechen,
Ist’s nicht so leicht zu leben wie zu sprechen,
Und dann erst ist am Tode uns gelegen,
                Wenn er schon unterwegen.
Beredter Arpinate, mit Bedauern
Gehst du aus Rom. Warum? Nicht seine Mauern,
Die ganze Welt ist ja der Sitz der Weisen.

                Wie du uns willst erweisen.


Warum beweinst du so der Tochter Sterben?
Hälts du doch nur die Schande für Verderben,
Und alle andern Übel soll und Plagen

                Man fast mit Freude tragen.
Der Tod, sagst du, sei Schrecken nur dem Bösen,
Was flohst du ihn, an Tugenden erlesen,
Da deine Rede dich, die zornentfachte.

                Ums Haupt beinahe brachte?
Du hast die andern, nicht dich selbst beraten,
Auch dir sind Worte leichter, scheint’s, als Taten,
Du Engelsfeder, stark das Leid zu tragen.

                Das ja auch mich geschlagen.
Es ist der Mensch nicht Stein, und wie die Karten
Fortuna stellt, so wird den Sinn uns arten
Das leid’ge Glück: die Seel’ es schlimmer spüret.

                Wenn wer die Wunden rühret.
Zeit, Mutter des Vergessens, so willkommen.
Was der Verstand nicht trifft und nicht die Frommen:
Heil’ meinen Trübsinn, und die bittern Schmerzen
                Verdräng’ aus meinem Herzen.

XVII.

DIE Hand des Herrn hat mich berührt,
Hat alle Freude mir entführt;
Kaum fühl’ in mir die Seel’ ich doch,
Und die, heisst’s, muss ich geben noch.

                Ob hell die Sonn’ im Aufgang steht,
                Ob sie verlöschend untergeht,
                Mir blutet immer gleich das Herz,
                Und nimmer wird gestillt sein Schmerz.
Das Auge wird nie trocken mir,
So muss ich weinen für und für,
So muss ich weinen, Herre mein,
Wer kann vor Dir verborgen sein?

                Schwimmt nur aufs hohe Meer hinaus,
                Verweilet nur im Schlachtgebraus,
                Das Unglück, überall schlägt’s ein,
                Mag’s noch so unwahrscheinlich sein.
Mein Leben so bescheiden war,
Dass mich kaum jemand ward gewahr
Und Missgunst nichts und Missgeschick
Anhaben mochten meinem Glück.

                Allein der Herr, der sieht und wacht
                Und ob der Menschen Fürsicht lacht,
                Traf mich mit umso härterm Stoss,
                Je sicherer mir schien mein Los.


Und der Verstand, der frei von Leid
Klug sprach von Widerwärtigkeit,
Heut weiss er selber kaum von sich:
So stützt’ er in der Krankheit mich.

                Zuweilen lenkt’ er gern wohl ein,
                Will mich von schwerem Leid befrein:
                Doch so ihr auf die Wag’ ihn legt, —
                Das Leid bleibt unten, unbewegt.
Es irrt der Mensch, dass Schaden man
Nicht Schaden nennen soll und kann;
Und wer gar lacht, wenn Leid ihn drückt,
Der, möcht’ ich sagen, ist verrückt.

                Doch wer gering das Weinen hält,
                Ich hör’ es wohl, was der erzählt:
                Nur wird davon das Leid nicht klein,
                Nein, grössres noch dringt auf ihn ein.
Denn wem ein Weh die Seele sticht,
Muss weinen, willig oder nicht,
Was wohl nicht Ehre bringt; zum Schmerz
Versehrt dann Schmach ihm noch das Herz.
                Schwer ist, bei Gott, die Medizin
                Für einen kummervollen Sinn;
                Wer meines Wohlseins Freund will sein,
                Dem falle doch was Leichtres ein!


Drum lass’ ich meinen Tränen Lauf,
Gab ich doch alle Hoffnung auf,
Dass mich sollt’ retten der Verstand;
Das liegt allein in Gottes Hand.

XVIII.

WIR , Herre, Deine unfolgsamen Kinder
                Gedenken Deiner minder
                In unsres Glückes Zeiten
Und lassen nur von eitler Lust uns leiten.
Sehn nicht, dass Deine Gnad’ es uns verliehen,
                Und schnell wird’s auch entfliehen,
                Wenn wir nur Undank haben,
O Herr, für Deine wohlgeneigten Gaben.
Halt uns im Zaum, dass uns nicht üppig mache
                Die Erdenlust, die flache;
                Dass wir Dir Ehre zollen —
In Strafe, wenn wir nicht in Liebe wollen.
Doch mit des Vaters Masse straf’ uns Schlimme,
                Denn wir vor Deinem Grimme
                Taun wie das Schneegefilde,
Wenn es die Himmelssonne wärmt, die milde.
Schnell stösst Du uns ins Elend, ew’ger Herre,
                Wenn Deine Hand, die schwere,
                Auf uns will niedergleiten,
Schon Deine Ungnad’ muss uns Qual bereiten.
Doch ewig bleibt Dein Mitleid rühmlich stehen,
                Eh wird die Welt vergehen,
                Eh Du dem Demutvollen,


War er auch lang abtrünnig, wolltest grollen.
Du siehst vor Deinem Richterthron mich Armen,
                Doch lässt Dein Allerbarmen,
                Den Zorn sich nicht entfalten:
Lass heut, Herr, über mich Dein Mitleid walten!

XIX.

Der Traum

MEIN Leid liess lang zur Nacht mich nicht die Augen schliessen

Und den erschlafften Leib der Ruhe nicht geniessen.

Kaum eine Stunde vor dem Morgengraun umfingen

Mich des saumsel’gen Schlafes schwärzlich-düstre Schwingen.

Derweil erschien leibhaftig mir die Mutter da

Und hielt im Arme meine holde Ursula,

Wie sie so ums Gebet zu mir zu kommen pflegte,

Sobald aus ihrem Bett sie in der Früh’ sich regte.

Ein weisses Hemdlein hatte sie, gekraust das Haar,

Die Backen rot, und schelmisch lacht das Augenpaar.

Ich seh’ was weiter wird, da sprach die Mutter dann:

»Schläfst, Jan, du, oder tut’s dein täglich Leid dir an?«

Da seufzte schwer ich auf, und mich bedeucht’ es eigen,

Als sei ich aufgewacht. Und sie, nach kurzem Schweigen,

Nahm wiederum das Wort: „Dein ungestilltes Weinen,

Mein Sohn, liess mich in euern Gegenden erscheinen

Aus weit entlegnem Land, und deine bittern Zähren

Gelangten selbst bis zu der Toten dunkeln Sphären.

Ich brachte dir im Arm das holde Mädchen dein,

Dass du sie noch magst schaun und deine Herzenspein

Im Zaume hältst, die so an deinen Kräften zehret

Und die Gesundheit dir, die schwache, so verheeret,

Wie an dem dürren Docht in stundenlangem Mühn

Das Feuer zehrt, dass er zu Zunder muss versprühn.


Haltet ihr denn uns Tote für Verlorne schon,

Und denen ewiglich der Sonne Licht entflohn?

Nein, umso voller leben wir das Leben droben,

Als übern plumpen Leib der edle Geist erhoben.

Staub kehrt in Staub zurück, und sollte denn verschwinden

Der Geist, das Himmelskind, und nicht die Heimstatt finden?

Drob härme du dich nicht und lass die Zweifel sein

Und glaube fest, es lebt dein liebstes Ursulein.

Und hier nun kam sie dir in der Gestalt entgegen,

Dass sie die Augen Sterblicher erkennen mögen;

Doch unter Engeln und der ew’gen Geisterweit

Glänzt sie als holder Stern, und für die Eltern hält

Sie ihr Gebet, so wie sie es bei euch verstand,

Ob sie da gleich noch nicht die rechten Worte fand.

 

So dir daraus auch Leid erwächst, dass ihren Jahren

Abbruch geschehen ist, noch eh sie könnt’ erfahren

Die Freuden dieser Welt: o jämmerlich und schal

Sind eure Freuden und von solcher Art zumal,

Dass sie mehr sehrend Leid und Trübsal mit sich führen!

Das kannst du selbst an dir am ehesten verspüren:

Hast du dich je an deinem Kind so sehr gefreut,

Dass dein vergnügter Sinn und jene frohe Zeit

Wettmachen könnten heut dein sorgenschweres Los?

Du sagst es nicht, ich seh’s. So halte davon bloss,

Wie du’s erfahren, und verzehr’ dich nicht, dass dein

Dir liebstes Kind so früh des Todes musste sein.


Nicht vom Genuss schied sie, sie schied von Mühsamkeit,
Von Arbeit und von Harm, von Tränen und von Leid,
Davon die Welt so viel besitzt, dass, wär’ auch eben
Dem Menschen etwas lieb in diesem Erdenleben,
So grosser Zusatz den Geschmack ihm nehmen muss,
Aus Furcht schon, dass gewiss Verrat folgt auf dem Fuss.
Warum weinst du, bei Gott? Was kam ihr denn abhanden?
Dass für die Mitgift sie sich keinen Herrn erstanden?
Dass Drohungen sie nicht gehört und Fremder Schmähen?
Dass sie nicht mitgemacht schmerzhafte Kindeswehen?
Noch sagen kann, was ihre Mutter schmerzbewegt
Erfuhr: was grössre Qualen zu bereiten pflegt,
Sie zu gebären oder zu begraben? Ist
Doch das der Schmack, womit ihr euch die Welt versüsst.

 

Im Himmel reine Freuden und für ew’ge Zeit,
Von jedem Makel frei und aller Fährlichkeit.
Hier herrschen Sorgen nicht, Arbeit ist unbekannt,
Unglück und Missgeschick hier keine Stätte fand.
Hier sieht man Krankheit nicht, hier gibt es Alter nicht,
Hier hält der tränensatte Tod nicht sein Gericht.
Wir leben zeitlos, stets von heiterm Sinn erfüllt,
Die Gründe aller Dinge sind vor uns enthüllt.
Die Sonne scheint uns stets, der Tag will nie sich neigen
Und führt die finstre Nacht nicht hinter sich im Reigen.
Den Schöpfer sehen wir in seiner Majestät,
Was ihr, in euern Leib gebannt, umsonst erspäht.
Dorthin lenk’ deinen Sinn beizeit und wahre dich,
Mein Sohn, für diese Freuden, reich und stetiglich.
Du weisst nun, was die Welt dem, der sie liebt, bescheret,
Drum sei dein Sorgen besser Wicht’germ zugekehret.

Dein Kind hat (glaube mir) ein gutes Los genommen

Und hat in ihrem Fall sich eben so benommen

Wie einer, der aufs Meer zum erstenmal sich schickt,

Und da er dorten grosse Fährlichkeit erblickt,

Die Rückkehr vorzieht; andre, die auf ihren Schiffen

Die Segel hissten, scheiterten an Felsenriffen;

Der brach, vom Frost besiegt, vor Hunger der zusammen,

Nur wen’ge, die auf einem Brett zur Küste schwammen.

Dem Tod entging sie nicht, und wär’ ihr auch hienieden .

Mehr noch als der Sibylle Lebenszeit beschieden.

Was später sollte sein, das zog sie vor zu meiden,

So weniger erfuhr sie dieser Erde Leiden.

Die liebsten Eltern müssen andre überdauern

Und dann ihr Waisentum in schwerer Not vertrauern;

Die stösst man aus dem Haus, mit einem Mann zu leben,

Und ihre Habe bleibt weiss Gott wem preisgegeben.

Die raubt man mit Gewalt, und selbst die eignen Leute,

Doch wird ein grosser Teil wohl auch der Horden Beute,

Wo in der Sklavenfron der Heiden ihre Tränen

Sie trinken und den Alleskürzer Tod ersehnen.

Davor braucht deinem holden Kind nicht mehr zu bangen,

Da sie so jung schon in den Himmel eingegangen,

Und ohne erst die Not der Erde zu erfahren,

Könnt’ ihre teure Seele sie vor Sünde wahren.

Gut also ging’s ihr, Sohn, auf ihres Lebens Wegen,

(Dran zweifle nicht), drum brauchst kein Leid du drob zu hegen.


Was du verloren hast und was dir fehlgeschlagen, —

Vergiss nicht, dass Vernunft und männliches Betragen

Von grösserm Werte sind; drin zeig’ dich doch als Herrn,

Und fühlst du allen Trost von dir auch noch so fern.

Der Mensch ward nun einmal in solchem Recht geboren,

Dass allem Ungefähr zum Ziel er ist erkoren.

Schwer ist es, dem entgehn: was du auch immer tust,

So du aus freiem Willen nicht magst gehn, — du musst.

Was alle gleich bedrückt, weshalb denn dir allein,

Ich weiss es nicht, mein Sohn, soll es am schwersten sein?

Sterblich so wie auch du war ja dein Kind allhie,

Wie lang ihr Ziel bestimmt, so lange lebte sie,

Kurz zwar, allein darüber herrscht der Mensch nicht frei,

Und auch nicht leicht zu sagen ist, was besser sei.

Verborgen ist des Herren Ratschluss; wie er falle,

Am allerbesten ist, dass er auch uns gefalle.

Tränen sind wertlos; wenn dem Leib die Seel’ entfährt,

Vergeblich ist’s zu harren, dass sie wiederkehrt.

Jedoch der Mensch begibt sich nicht des Rechts auf Glück,

So dass die Schäden nur gewöhnlich merkt sein Blick

Und er nicht sehen will und dessen nicht gedenkt,

Was sich zuzeiten auch nach seinem Wunsche lenkt.

So waltet dir Fortuna, mein geliebter Sohn,

Dass wir nicht so sehr klagen, wenn uns was entflohn,

Als danken sollen, dass trotzdem verblieb ein Rest,

Denn all das hielten ja des Unglücks Hände fest.

Und so auch du, der allgemeinen Satzung treu,

Verwehr’ den Weg zum Herzen deiner Grübelei


Und halt im Auge, was des Unglücks Hand entglitten,

Nenn’ das Gewinn, worin du Schaden nicht erlitten.

 

Und nun, wozu die Kosten nur, die du getragen,

Wozu die Arbeit nur in deinen Lebenstagen,

Die du fast alle über Büchern zugebracht,

Nur wenig auf die Lustbarkeit der Welt bedacht?

Jetzt solltest du die Früchte, die du zogst, geniessen
Und retten die Natur, die sich als schwach erwiesen.
Du brachtest vordem andern Trost in solchen Schmerzen:
Geht fremder Schaden mehr als eigner dir zu Herzen?
Jetzt, Meister, heil’ dich selbst! Die Zeit ist Arzt für jeden,
Doch wer verschmäht die Bahn für alle zu betreten,
Mag füglich auf so späte Arzenei verzichten,
Durch die Vernunft soll er, was sonst die Zeit heilt, schlichten.
Und welches Mittel hat die Zeit? Die frühern Plagen
Verdrängt durch frische sie, die leichter teils zu tragen,
Teils auch der gleichen Art; doch der vernünft’ge Mann
Sieht sie voraus und klammert, dies bedenkend, an
Vergangenes sich nicht, des Künftigen gewärtig,
Und macht das Herz für Glück wie auch für Unglück fertig.
Dran halte dich, und menschlich Missgeschick, mein Sohn,
Trag menschlich: Einer ist Herr über Leid und Lohn«.

Da schwand sie, ich erwacht’, — obgleich nicht voll in Klarheit,
Ob ich’s im Traum vernommen, oder ob es Wahrheit.



Andere Gedichte

An die Musen

JUNGFRAUN, die Ihr bewohnt den mächtigen Parnass
Und Eure Haare netzt mit Hippokrenes Nass,
Wenn ich zeitlebens Euch standhaft die Treue hielt
Und ewig mich von Euch zu trennen nicht gewillt;
Wenn ich den Königen nicht Gold und Perlen neide
Und Tugend mir weit mehr als Geld gereicht zur Freude;
Wenn ich nicht will, dass Ihr wem Schmeichelein verzettelt
Oder für mich bei undankbaren Leuten bettelt:
Lasst meine Reime nicht mit mir zugleich vergehen.
Und wenn ich sterbe, lasst sie rühmlich fortbestehen!

Lied

DIE Sonne brennt, das Land will schier in Asche gehen,
                Vor Staub ist nichts zu sehen;
                Seicht ziehn die Flüsse weiter,
Und Regen flehn vom Himmel die verdorrten Kräuter.

 

Kinder, den Krug zum Brunnen; und unter der Linde
                Schatten den Tisch geschwinde,
                Dass vor des Sommers Hitze
Ihr Laub in Dankbarkeit des Wirtes Haupt beschütze.

 

Du, meine Laute, komm, dass deine holden Saiten
                Dem Herzen Trost bereiten
                Und Sorgen, die mich drücken,
Auf schnellen Winden hinters Rote Meer verschicken.

Lied

WAS willst Du von uns, Herr, für Deine reichen Gaben?
Was für die guten Werke, die kein Ende haben?

 

Die Kirche fasst Dich nicht, voll ist von Dir die Welt,
Der Abgrund und das Meer und Erd’ und Himmelszelt.

 

Auch Gold begehrst Du nicht, ich weiss: all das ist Dein,
Was immer auf der Welt der Mensch auch nennet sein.

 

Dankbaren Herzens drum wir, Herre, Dich bekennen,
Da wir sonst schicklicher kein Opfer bringen können.

 

Du bist des Weltalls Herr, Du hast erbaut den Himmel
Und schön darauf gestickt das goldne Sterngewimmel.

 

Du hast der Erde Fundament weithin gestreckt,
Und hast mit Kräutern ihre Nacktheit zugedeckt.

 

Du winkst, — das Meer steht still in seiner Ufer Breiten,
Aus Furcht, die festen Grenzen nicht zu überschreiten.

 

Reichlich und unerschöpflich ist der Flüsse Lauf,
Der helle Tag, die dunkle Nacht ziehn wechselnd auf.

 

Deintwillen prangt der Lenz in bunter Blüten Glänze,
Deintwillen zeigt der Sommer sich im Ährenkranze.

 

Der Herbst bringt Äpfel dar verschiedner Art und Wein,
Dann zieht ins Fertige der faule Winter ein.

 

Du lässt den Nachttau sich auf matte Kräuter legen,
Und die erhitzte Saat erquicket leicht der Regen.

 

Aus Deiner Hand geht jedem Tier die Nahrung zu,
Und voll Freigebigkeit beköstigst jeden Du.

 

Gelobt sei immerdar, Herr, der allewig ist,
Die Gnade Dein und Güte währt zu jeder Frist.

 

Hak uns, so lang Dir’s liebt, auf dieser niedern Erden,
Nur lass uns stets beschirmt von Deinen Flügeln werden.

Die Linde

GAST, unter meinem Laub kehr’ ein und pfleg’ der Ruh,
Die Sonne kommt dich hier nicht an, ich sag’ dir’s zu,
Mag sie zuhöchst auch stehn und ihrer Strahlen Glühn
Unter die Bäume die durchschossnen Schatten ziehn.
Hier wehn die Winde kühl vom Felde jederzeit,
Hier singen Nachtigalln, hier Stare hold ihr Leid.
Aus meiner Blüte Duft ziehn arbeitsame Bienen
Den Honig, der als Zier am Herrentisch wird dienen.
Und durch mein leises Lispeln weiss ich’s leicht zu lenken,
Dass auf den Menschen sanft sich süsse Träume senken.
Zwar Äpfel trag’ ich nicht, doch schätzt der Herr mich ein
So wie den reichsten Stamm im Hesperidenhain.


 

Auf mein Haus in Czarnolas

 

HERR, dieses ist mein Werk, es ruht in Deinen Händen,
Geruhe Deinen Segen fürderhin zu spenden!
In marmornen Palästen mögen andre leben,
Die Wände ausgeschmückt mit echten Goldgeweben:
Mich, Herr, lass wohnen in der Väter Neste hier
Und schenk’ Gesundheit und ein rein Gewissen mir,
Ein redlich Brot, der Menschen Wohlgewogenheit,
Friedliche Sitten und ein Alter ohne Leid.

An die Berge und Wälder

IHR hohen Berge, drauf sich Wälder breiten,

Wie gern blick’ ich auf euch, und meine Zeiten

Der Jugend ruf ich wach, die hier geblieben,

Wo Stetigkeit die Menschen wenig lieben.

Wo war ich nicht, was probt’ ich nicht seither?

Ich bin gesegelt übers tiefe Meer,

Ich war in Frankreich, Deutschland, Welschland Gast,

Ich hielt in der Sibylle Grotte Rast.

Heut ruhiger Schüler, morgen an der Seite

Des Ritters Schwert, unter Höflingen heute

Im Herrnpalast, morgen im Domkapitel

Ein Priester still, doch nicht im Ordenskittel,

In grauem Kleid mit doppeltem Talar;

Und das warum nicht, da ich Abt doch war?

Dem Proteus gleich, der bald ein Ungeheuer,

Bald Regen, farbige Wolke war, bald Feuer.

Was weiter? — Silbern ist das Haupt bereift, —

Ich halt’s mit dem, der was beizeit ergreift!