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Sidonie Kohen – Verfehlt.

Eine Erzählung aus dem Leben

Aus: Die Dioskuren, Literarisches Jahrbuch des ersten allgemeinen Beamten-Vereins der österreichisch-ungarischen Monarchie, Zweiter Jahrgang, In Kommission bei M. Rosner, Wien, 1873, S. 116-183


Franz Hagen war der einzige Sohn des reichsten Kaufherrn in H. Er war eine höchst liebenswürdige Natur. Aus allen Dingen, in denen alltägliche Menschen nur Genuß suchen, verstand er es, das Geistige, den Duft herauszufinden. Er war im wahren Sinne des Wortes ein Schöngeist! – Seine schwärmerische Seele, der die Welt zu kalt, die Menschen meist zu prac­tisch waren, suchte Befriedigung in der Kunst. Die idealen Gestalten der Sculptur und Malerei, die glühende Sprache des Dichters und vor Allem die Musik waren das Reich, in dem seine Seele lebte. Seinem heißesten Wunsche nach wollte er Musiker werden, allein der Vater, sonst nachsichtig und gütig, hatte ihm mit unerschütterlicher Festigkeit widerstrebt. Der einzige Sohn sollte Kaufmann werden. Die glänzende Stellung, die der Vater sich unter den Kaufherren der großen Seestadt, unter diesen kleinen Königen, errungen hatte, sollte für den Sohn nicht verloren gehen.

So hatte er sich endlich dem Willen des Vaters mit schwerem Herzen gefügt. Er war auf Reisen gegangen für unbestimmte, lange Zeit. Sein Vater war mit Allem einverstanden, seit ihm die Gewißheit geworden, den Sohn schließlich doch an der Spitze der Geschäfte zu sehen! – Ein Mutterherz aber, das widerstrebt, das ihn zurückberufen hätte, das schlug für ihn nicht mehr. Er hatte es nie gekannt, nie diesen köstlichen Juwel fein genannt. – Seine Geburt hatte der Mutter, der er körperlich und geistig glich, das Leben gekostet. Jugend muß austoben, pflegte der Vater zu sagen, wenn seine Freunde sich über des Sohnes langes Ausbleiben verwunderten. – Er selbst war in seiner Jugend, wie er es nannte, toll gewesen! – Dann aber muß man zu seines Gleichen zurückkehren, zur Solidität! Der Umgang mit Künstlern, des Sohnes ausschließliche Gesellschaft, taugt dann nicht mehr. Den Sohn verkennend, verwechselte er ihn mit jenen Genußsüchtigen, die, nachdem sie alle Freuden der Jugend durchkostet, zuletzt in einer Ehe, welche ihren Interessen schmeichelt, in einem glänzenden Hause den annehmbaren Abschluß ihrer vergaukelten Jünglingsjahre finden.

In Evelinen, der Tochter eines reichen Geschäftsfreundes in derselben Stadt, glaubte der Vater gefunden zu haben, was er suchte. Sie hatte eine gute Erziehung erhalten; ihre Talente waren auf das Vortrefflichste entwickelt worden. Sie musicirte und malte. Ihr klarer Verstand urtheilte im Allgemeinen treffend und richtig. Im Verkehre mit Franz ging sie leicht in seine, ihr mitunter neuen Lebensanschauungen ein, so daß er gerne immer wieder ihre Gesellschaft suchte, und doch gehörte sie tief innerlich nicht zu ihm. – Sie hatte nichts von seiner Feuerseele. In der wohligen Treibhausluft des elterlichen Hauses groß geworden, hatte sie dasselbe noch nie verlassen. Der gedämpfte Ton des Herkömmlichen nahm ihre sanfte Seele ganz gefangen; was darüber hinausging, erschien ihr, wie dem sich ruhig am Kaminfeuer Wärmenden ein plötzliches Umsichgreifen der Flamme! Und doch fühlte sie sich durch Franzens phantasiereiche neue Sprache gefesselt, ja immer mehr zu ihm hingezogen. – Anfangs widersprach sie ihm zuweilen, doch nach und nach verlor sie gänzlich den Muth, ihre mehr nüchternen Anschauungen geltend zu machen.

Hagenʼs Vater, Evelinens Familie sahen mit großer Befriedigung die Annäherung der beiden jungen Leute.

Eveline hatte die Absicht ihres Vaters bald durchschaut und ihr Herz stimmte ihm bei. Und Franz? – Nun, er hatte sich sehr an Eveline gewöhnt, sie fehlte ihm, wenn er sie eine Zeit lang nicht sah, seine Besuche bei ihr wurden immer häufiger, zuletzt wurde er ein täglicher Gast.

Nun fing aber Evelinens Familie auch an, einer Erklärung mit einiger Ungeduld entgegen zu sehen. Franzens Vater machte ihn darauf aufmerksam, er suchte ihn zu jenem Entschlusse zu bringen, den er so sehr wünschte.

Franz dachte zum ersten Male in seinem Leben darüber nach, ob er in der That nicht in den ihm bis jetzt unbekannten Freuden und Pflichten des eigenen Hauses jene Befriedigung, die ihm bisher gefehlt hatte, finden könnte. – Franz hatte an mancher schönen geistreichen Frau Interesse genommen – nie aber wahrhaft geliebt. Das Gefühl, welches ihm Eveline einflößte, mochte er daher für Liebe halten und eines Abends – es war während eines Festes im Hause seines Vaters, er spazierte mit Evelinen im Parke an dem Ufer des kleinen künstlichen Seeʼs – ein dunkelblauer Sternenhimmel hing über ihnen, in den Zweigen rauschte es, die Musik klang leise herüber und alle Gefühlsglocken erklangen in seinem Inneren, an diesem Abende bot Franz Evelinen seine Hand an. – Beglückt willigte sie ein.

Der Jubel in den beiden Elternhäusern war groß, die Stadt sprach drei Wochen lang von der glänzenden Heirat, von der Ausstattung Evelinens. Die Zugänge zu der Kirche, in welcher das Paar getraut werden sollte, waren schon viele Stunden früher von der neugierigen Menge besetzt. Um 5 Uhr war die Trauung vorüber, die Menge hatte sich verlaufen, die Kirche wurde geschlossen und Franz war vermalt.

 Er war verheiratet und es vergingen einige glückliche Wochen, Monate, ein Jahr. – Franz hatte sich vorgenommen, nach des Vaters Wunsch ernstlich an den Geschäften des Hauses Theil zu nehmen.

Er that dieß auch endlich. Nunmehr bewegte er sich auch mehr als sonst in den kaufmännischen Kreisen, zu denen seine und Evelinens Familie gehörten.

Franzens Heirat hatte im Frühjahre stattgefunden, die schöne Jahreszeit war unter ländlichen Festen aller Art vergangen: den Winter über wechselten Bälle mit Concerten. – Franz und Eveline brachten jedoch auch manchen Abend allein zu und er fand in seiner Gattin stets dieselbe verständige, liebevolle Zuhörerin.

Sie zeigte sich einverstanden mit seinen Ansichten; sie suchte ihm zu folgen, mit ihm gleichen Schritt zu halten, auch dann, wenn er die Zügel seiner Phantasie allzu frei schießen ließ. Nie aber sprudelte ihm der reiche Born eines freien, ursprünglichen, selbstständigen Geistes entgegen. Und die Leere, die ihn so lange gequält hatte, er fühlte sie wieder, sie war nicht ausgefüllt worden.

Der Winter war vergangen und der Frühling kam, doch der Frühling brachte die alte Sehnsucht wieder, sie erwachte mächtig und schmerzlich in ihm und es zog ihn unwiderstehlich fort. Er blickte oft so sehnsüchtig hinaus in die Ferne, daß es Evelinen, die nur in ihm lebte, nicht entgehen konnte.

»Franz,« sprach sie eines Tages, »ich glaube, Du sehnst Dich fort von hier.« Das Wort war ausgesprochen und Eveline hatte keine Ahnung von dem Gefühle, welches Franzens Brust durchzog. – Es war das laute Bekenntniß, daß Franz in dem eigenen Hause nicht gefunden, was er gesucht hatte, daß er unbefriedigt geblieben war und jetzt, nachdem er noch ein zweites Wesen an sich gefesselt, das Glück wie vordem in der Ferne suchte.

Evelinen schien es so natürlich, daß dem Vielgereisten nach längerem Verweilen in derselben Stadt die alte Reiselust im Frühling wieder überkam. »Warum antwortest Du mir nicht,« frug Eveline nach längerer Pause ihren Gatten, »habe ich mich in meiner Voraussetzung geirrt? – »Nein,« erwiderte er zögernd, »ich denke in der That daran, daß eine Veränderung mir noth thut; wir wollen reisen.«

Es lag ein so schwermütiger Ausdruck in seiner Stimme, daß Eveline ihn besorgt anblickte. »Du bist doch nicht krank?« frug sie.

»Vielleicht doch,« erwiderte Franz. »Warum kann ich nicht an der Scholle haften, wie alle die Anderen« – »Du bist eben anders, als allʼ die Anderen,« rief Eveline rasch. »Und glücklicherweise kannst Du Deinen Neigungen nachkommen, Du liebst Zerstreuung, Abwechslung.« – Franz seufzte und schwieg.

Wie konnte die in sich selbst und durch Alles, was sie umgab, so harmonisch befriedigte Eveline ahnen, daß sein Unbefriedigtsein in seiner dürstenden Seele wurzelte, die geschaffen worden war von einem ernsten befriedigenden Wirken oder vielleicht von einer großen Leidenschaft ausgefüllt zu werden, die in dem monotonen Behagen des täglichen Lebens nur vegetirte. Aber Franz selbst hatte das Alles in letzter Zeit erkannt und begriffen, daß es jetzt handeln hieße, jetzt oder nie – er wollte, er mußte seine Kräfte in einer anderen Laufbahn versuchen und hatte seinen Entschluß gefaßt. – Er theilte ihn vorerst nur seinem Vater mit. – Sein Vater gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn zurückzuhalten. »Wir leben in einer für unsere Interessen sehr ernsten Zeit,« sprach er, »entziehst Du Dich uns, muß ich andere Verfügungen treffen, denn ich kann die Last nicht mehr allein tragen; ziehe ich mich aber zurück, dann wird sich Deine Zukunft kaum so glänzend gestalten, als ich gehofft hatte. Bedenke daher, überlege, ehe Du handelst.«

»Ich habe nichts zu überlegen,« erwiderte Franz, »ich passe in dieß Leben nicht hinein, so viel ist mir klar, ich kann daher auch nichts Ersprießliches leisten.«

»Also Dein Haus, Deine Frau, Deine angenehme Stellung sind Dir Nichts? Ich dachte, dieß Alles müßte Dich dauernd zufriedenstellen. Ich begreife Dich durchaus nicht, Du hast jahrelange Freiheit gehabt, ich hoffte, Du würdest jetzt gern hierbleiben und nun tauchen die alten Wünsche wieder auf.«

Franz antwortete nicht sogleich. Endlich sprach er: »Ich bin nicht zum Kaufmann geschaffen, Vater, ich habe es umsonst versucht; so stehe ich nun vor dem Schreckbilde eines verfehlten Berufes, eines verfehlten Lebens. Aber vielleicht ist es noch nicht zu spät, mich der Kunst zuzuwenden, lasse mich daher mein Glück versuchen, und wenn ich mein Ziel nicht erreiche, zürne nicht, beklage mich!«

»Und die Welt beneidet mich,« dachte der Vater, einen halblauten Seufzer ausstoßend.

»Wohin gehen wir?« frug Eveline ihren Gatten, während dieser, seine Schriften ordnend, die ersten Vorbereitungen zur Abreise traf. »Wir werden nun schöne Gegenden aufsuchen, angenehme Menschen, die Dich zerstreuen, und wenn wir recht viel gesehen haben, dann werden wir vielleicht um so lieber in unser bequemes Haus zurückkehren.«

»Ich will Dich über die Dauer unserer Abwesenheit nicht täuschen, Eveline,« erwiderte Franz. »Ich kann hier nicht leben, ich kann in diesen Kreisen nicht heimisch werden. Wir wollen uns während des Sommers in irgend einem Felsenneste niederlassen, den Wolken recht nahe. In solchen Gegenden habe ich mich immer am glücklichsten, habe ich meine Brust am freiesten gefühlt. Später wollen wir berathen, wo wir uns bleibend niederlassen.«

Eveline sah den Gatten überrascht an; das hatte sie nicht erwartet. Der Gedanke, für so lange ungewisse Zeit, was ihr lieb und gewohnt war, zu verlassen, ihr Haus, ihre Familie, war ihr schmerzlich. Doch dieß Gefühl peinlicher Ueberraschung war bald überwunden. Er wünschte es, was brauchte sie mehr. Sie war ein solchʼ treues Gemüt – nur schade, daß er seinen Flug so hoch nehmen wollte. – Ein heimliches Taubennest hätte ihr so sehr genügt.

Eveline hatte Franz vor ihrer Verheiratung geliebt – sie liebte ihn jetzt noch viel wärmer, inniger.

Sie fühlte sich seinem Geiste untergeordnet, sie mußte den kühnen Flug seiner Phantasie bewundern. Und dann mußte sie ihn doch auch wieder gleichsam in ihren Schutz nehmen; nicht nur, daß sie in vielen Dingen wie für ein Kind für ihn sorgen mußte, da er zu jenen Männern gehörte, die in keiner Weise für ihre Bequemlichkeit zu sorgen verstehen, sie mußte ihn auch gegen ihre Familie vertheidigen, und in solchen Fällen wuchs ihre Liebe und sie hatte ein Gefühl, wie es eine Mutter für ihr Kind empfindet.

Wir wollen nun über die mancherlei kleinen Ereignisse, die Vorbereitungen zur Abreise u. s. w. rasch hinweggehen und folgen dem jungen Ehepaare in die Schweiz, wo es ihm nicht schwer wurde, das von Franz ersehnte Felsennest zu finden, welches in der That hoch genug lag, um den Wolken recht nahe zu sein.

Franz war nun vor Allem froh, dem ihn beengenden Zusammenleben mit seinem Kreise entflohen zu sein; hier fühlte er sich wieder selbst. Er wollte nun ernstlich zu arbeiten beginnen, und wenn es nicht zu spät war, wenn er ein ihm vorschwebendes Ziel noch erreichen konnte? – der Gedanke durchbebte ihn feurig.

Wir haben Franzens musikalisches Talent bereits erwähnt; er hatte vordem mancherlei leichtere Compositionen geschaffen, nun wollte er sich an Ernsteres wagen! – Franz hatte bisher nie ausdauernd gearbeitet, jene trockenen Studien, die seiner beweglichen Natur widerstanden, vermieden. Nun wollte er dieß Alles überwinden.

Eveline sah dem ganzen Treiben etwas ungläubig zu. Sie dachte, es sei zu spät, fürchtete Mißlingen, eine Kette von Anstrengungen für Franz und man hätte ja auch ohne dieß Alles recht glücklich sein können.

Franz war, wie alle poetischen Naturen, etwas abergläubisch. Evelinens Zweifel galten ihm als böse Vorbedeutung. Zuweilen zürnte er ihr deßhalb, aber öfter noch hob ihn der Gedanke, wie schön der Sieg über alle Zweifel werden sollte! – Er fühlte sich auch in der That auf dem kleinen Flecken Erde allein, im Schoße der Natur, beengenden ihn niederdrückenden Beschäftigungen entronnen, wunderbar gehoben und inspirirt. Er lauschte den Naturlauten, dem leisen Gesange des Vogels, dem Brausen des Windes und dem verhallenden Donner des Wasserfalles; er lauschte ihnen und nannte sie feine Lehrmeister.

 

* * *

 

Wir finden Franz und Evelinen im Spätherbste in der Residenz wieder. Er hatte daselbst ein freundliches Haus gemiethet, und der reiche, liebenswürdige Dilettant sah sich bald von Musikern umgeben, die Franzens Haus genug angenehm fanden, um seinen Einladungen stets zu folgen, ja denen es bald als ein Vereinigungspunkt der besten einheimischen oder durchreisenden Kräfte galt.

An Lobrednern seines Talentes fehlte es ihm in diesem Kreise keineswegs, er fühlte sich daher in seinem Elemente, Eveline jedoch wurde in diesem neuen, zumeist aus Herren bestehenden Kreise nicht heimisch, und erst das Hinzukommen eines Jugendfreundes ihres Gatten befreundete sie mehr mit demselben.

Mühlberg, so hieß dieser, stand in künstlerischer Beziehung auf jener Höhe, die zu erreichen Franzens höchstes Bestreben war. Während er, die Universität verlassend, auf Reisen ging, um das Leben in vollen Zügen zu genießen, hatte Jener, durch Neigung und Verhältnisse bestimmt, seinem Ziele unermüdet entgegengearbeitet, und er zählte nun zu den bedeutendsten Musikern der Residenz.

Franz hatte erwartet, ihn sehr befriedigt und glücklich zu finden, doch bald sah er sich enttäuscht.

Eine stille Schwermuth schien dem Freunde den Genuß der besten Errungenschaften zu trüben. Er vermied es, von seinem Kummer zu sprechen, und Franz, zartfühlend, wie er war, hütete sich, mit Fragen an ihn heran zu treten.

Franz war auch von seinem neuen Streben so sehr erfüllt, daß er in Mühlberg mehr den bedeutenden Musiker, als den Freund sah und suchte. Er legte diesem seine Arbeiten zur Prüfung vor, er verlangte sein Urtheil, seinen Rath.

Mühlberg war ihm in dieser ersten Periode seines künstlerischen Schaffens von großem Nutzen. In seiner milden Art wußte er zu ra­then, zu tadeln, ohne das Selbstgefühl zu verletzen; immer schien es, wenn durch ihn verbessert wurde, als hätte er nur die schon dagewesene Idee aufgefrischt.

Er ermuthigte Franz, suchte aber auch darauf hinzuwirken, daß dieser sich nicht allzu sanguinischen Hoffnungen hingebe. In dieser Beziehung erkannte er jedoch bald die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen. Franz hatte sich der Hoffnung, in der Kunst jene volle Befriedigung zu finden, die ihm fehlte, mit so großem Vertrauen hingegeben, daß ihm jede Hindeutung auf deren mögliche Nichterfüllung unerträglich war. Diese Erkenntniß erfüllte Mühlberg mit sorgenvoller Theilnahme; er wußte aus Erfahrung, wie leicht ein Mißlingen, eine Niederlage – auch unverdienter Weife – möglich sei. Er folgte aber deßhalb auch mit um so größerer Theilnahme Franzens Arbeiten, ja allʼ den Ereignissen, die auf das Ganze Bezug haben konnten. Er hatte den Wunsch, ihm in jeder Beziehung zu nützen, und begann damit, in maßgebenden Kreisen von seiner Befähigung zu sprechen und so eine Art unschuldiger Propaganda zu machen.

Die Anwesenheit des reichen jungen Haagen war übrigens bereits in weiteren Kreisen bemerkt worden; sein Lossagen von der seit Kurzem verfolgten Carrière, sein neues, dieser entgegengesetztes Streben zog die Augen der Welt auf ihn und wurde Veranlassung zu mancherlei Urtheilen. – Ein Grund mehr, Eveline einzuschüchtern, die bisher in stolzer Zurückgezogenheit lebend, sich darin gefallen hatte, das Urtheil der Welt nicht an sich heran treten zu sehen. Sie zog es daher auch vor, keinen der Kreise, die ihr offen standen, aufzusuchen.

Mühlberg erkannte bald ihren tiefen inneren Werth mit jenem Scharfblicke, der, durch Erfahrungen gereift, das Wahre von dem Falschen unterscheiden gelernt hat; er sah, daß sie oft einsam, daß sie sorgenvoll war, und er widmete sich ihr, so oft der musikalische Kreis zusammenkam.

Er besaß die volle wohlthuende Ruhe abgeschlossener Charaktere, eine Eigenschaft, die Franzen im Allgemeinen, und jetzt vollends fehlte. Eveline ruhte in der Sicherheit, mit der er Alles beurtheilte, gleichsam von Franzens Ueberschwänglichkeit aus. – Ihr Verhältniß zu diesem hatte sich in der letzten Zeit trotz ihrer vollsten Hingebung getrübt; mancherlei an sich nicht bedeutende Vorfälle waren Veranlassung dazu.

So probirte man eines Tages eine Partie seiner Oper mit ganzer Besetzung; seine Freunde schienen entzückt. Eveline sagte kein Wort, sie war zu sehr bewegt, ja ängstlich, und ihr Urtheil daher befangen. »Du allein ermunterst mich nicht,« sagte Franz verstimmt, als die Gäste sich entfernt hatten. »Ach, und das ist es eben, was mir fehlt, denn die Begeisterung einer Fran hätte mich getragen.« – Eveline hatte eine liebliche Stimme, und Franz bat sie eines Tages, eine Arie aus seiner Oper einzustudiren, von der er sich großen Erfolg versprach; sie studirte mit Eifer, wie immer, wenn es sich darum handelte, seine Wünsche zu erfüllen. Als jedoch der Abend herankam, war sie, wol wissend, wie sehr der Erfolg von dem Vortrage abhänge, so sehr erregt, daß sie schlecht sang, und Franzen dadurch in nicht geringe Aufregung versetzte. Es verdroß ihn ganz besonders, daß sie, wie er sagte, seine Intentionen nicht auffaßte, in feine Gefühlsweise sich nicht hineindenken konnte. Diese Mißstimmung nun, die Eveline niederdrückte, sollte durch das Dazwischenkommen eines neuen Elementes für eine Zeit gemildert werden. Es handelte sich darum, eine Sängerin zu gewinnen, die bei den immer häufiger werdenden Proben die Partie der Primadonna übernehmen sollte. An eine Sängerin ersten Ranges konnte man sich nicht wagen, und eine untergeordnete Sängerin genügte Franzen nicht. – – Da kam eines Tages einer seiner Freunde und erzählte von einer angehenden Sängerin, welche er in einem Privatzirkel gehört hatte. »Ich halte sie für ein bedeutendes Talent,« sprach er, »und wenn mich nicht Alles täuscht, wird sie nicht lange unbekannt bleiben. Ich dachte dabei an Dich, und wenn sie zu kommen bereit wäre, was wol nicht zu bezweifeln ist, so wäre gefunden, was uns fehlt.«

Franz, durch diese Beschreibung angeregt, besprach sich mit Mühlberg, und dieser übernahm es, die Sache einzuleiten. Auch er hatte bereits von ihr sprechen gehört, erkundigte sich näher nach ihr und ließ sich ihr vorstellen. Er war überrascht sowol durch ihre Schönheit, als durch ihre Haltung. Nach kurzer Einleitung theilte er ihr die Ursache seines Kommens mit. Henriette nahm den Antrag, den er ihr stellte, an und versprach, die betreffende Partie zu studiren.

Am nächsten Tage hörte Franz sie singen und knüpfte sofort die besten Erwartungen an ihr Talent. Auch Eveline gestand, daß Henriette ihre Erwartung übertroffen habe, und Franz erwartete nun den ersten Abend, an welchem sie vor seinen Freunden fingen sollte, mit begreiflicher Ungeduld.

Endlich kam dieser heran. Die Freunde hatten sich eingefunden und umstanden erwartungsvoll das Clavier. Die ersten Accorde erklangen, und Henriette begann ihr Lied. Sie sang voll und rein, ihr Vortrag war hinreißend. Die Partie war auch so recht für Henriettens Stimme, für ihre individuelle Begabung, ja für ihren Charakter angemessen. Franz sah nun zum ersten Male, was er geschaffen, in glücklicher Weise wiedergegeben.

Die Gäste zeigten sich sehr befriedigt, und Franz wurde beglückwünscht.

Das waren die ersten wahrhaft glücklichen Stunden seit seinem neuen Streben; der Abend enteilte ihm wie ein glücklicher Traum. Er besprach mit Henriette die für das nächste Mal zu studirende Partie, und sie ging in seine Anschauungen mit einem Verständniß ein, als hätte sie selbst Schaffen geholfen.

Je weiter nun Franzens Arbeit fortschritt, ein desto größeres Interesse nahm auch Mühlberg an derselben, ja er hatte eine wahre Freude an dem sich ihm immer mehr offenbarenden Talente seines Freundes.

Welchʼ schöne hoffnungsreiche Zeit kam nun für Franz, welchʼ befriedigende Zukunft erschloß sich seinen Blicken! – Es war wol bedauerlich, daß er nicht in erster Jugend ernster gestrebt, allein Vieles war noch zu erreichen. Wie befriedigt, wie ausgefüllt konnte sein Leben noch werden, das ihm bisher oft so nutzlos erschienen war!

Am Tage nach jener ersten Probe hatte Eveline Henrietten zu sich bitten lassen; sie hatte, seitdem sie diese zuerst gesehen, wahre Sympathie für das Mädchen gefaßt und wünschte nun, sie näher kennen zu lernen; sie war ihr dankbar dafür, daß Henriette die Composition ihres Franz so gut verstanden, daß sie ihn gestern so froh, so glücklich gemacht hatte.

Es war ein schöner Contrast, diese beiden Frauen beisammen zu sehen. Eveline zart, sanft, ruhig und, ohne entschieden schön zu sein, durchaus keine gewöhnliche Erscheinung. Henriette, mit ihrer ernsten, bedeutenden Schönheit, ihrem feurig blitzenden Auge, ein Gegensatz in Allem und Jedem. Sie nahm Evelinens freundliche Zuvorkommenheit dankbar, doch mit der ihr eigenen Zurückhaltung auf, ein Umstand, der Evelinen noch mehr zu ihr hinzog. Sie bat das Mädchen, sie zu besuchen, frug, so gut als sich dieß mit ihrem Zartgefühle vereinen ließ, nach deren Privatverhältnissen, und als sie erfuhr, daß Henriette weder nahe Verwandte noch Freunde hätte, drückte sie ihr wiederholt den Wunsch aus, sie oft bei sich zu sehen.

Durch den Eintritt Henriettens in Evelinens Haus hatte sich ein neues Leben daselbst gestaltet. Proben folgten auf Proben; Eveline wohnte denselben mit großem Interesse bei, auch Mühlberg kam noch häufiger als sonst, griff noch ernster mit Rath und That ein, und Franz arbeitete mit erhöhtem Eifer. Er fühlte sich gehoben, sein Wesen wurde schwungvoller, elastischer, als es lange her gewesen war. Das Verständniß seiner Ideen, das er bei Henrietten in so hohem Grade gefunden hatte, das gleiche Streben, welches ihm diese Künstlernatur der seinen nahe verwandt erscheinen ließ, wirkten wie ein frischer Lebensstrom auf seine Seele.

Henriette war so, ohne es zu wissen, bald der Mittelpunkt in Franzens kleinem Kreise geworden. Ja selbst auf den Verkehr Franzens mit Evelinen wirkte sie in günstiger Weise. Evelinens Sympathie für das Mädchen, ihre aufrichtige Freude an deren Talent waren ein bedeutender Anknüpfungspunkt, ein nicht zu erschöpfendes Thema für Beide.

Seit Henriette in der Residenz lebte, hatte sie zuweilen die Stunden, welche nicht dem Studium gewidmet waren, allein oder in Gesellschaft der Familie, bei der sie wohnte, zugebracht. Der Contrast zwischen diesen und dem neuen Kreise war groß, und Henriette, die sich hier wie in ihrem Elemente fühlte, wußte nun erst, was sie bei jenen stets vermißt hatte.

Hier war sie befriedigt und glücklich. Sie machte daher von Evelinens Erlaubniß, oft zu kommen, gerne Gebrauch, und Franz fand das Mädchen manchen Abend, wenn er unerwartet heimkehrte, zu Evelinens Füßen. Henriette hatte Evelinen bald ihr Vertrauen geschenkt. Sie erzählte ihre eigene kurze Lebensgeschichte, sowie diese sie selbst betraf, daß ihre Mutter unglücklich gewesen und aus Gram gestorben sei, als Henriette erst vier Jahre zählte. Sie selbst, so jung verwaist, wurde durch fremde Wohlthäter erzogen, welche sie diese Großmuth schwer empfinden ließen. Sie hatte daher den Entschluß gefaßt, nur der eigenen Kraft zu vertrauen und dieser allein Alles zu verdanken.

Eveline blickte in diese Verhältnisse wie in eine neue Welt. Sie dachte an ihre eigenen Mädchenjahre, wie war sie geschätzt und getragen worden in diesem Alter!

Wie so anders war die Welt ihr erschienen! Ein glänzendes, blumiges Land hatte sich ihren Blicken gezeigt, und wie war das Leben an sie herangetreten – wahrhaft liebevoll – oder schmeichelnd – aber erfreulich immer! – Und hier sah sie ein junges Wesen, das sich die Welt wie einen Feind vorstellte, gegen den man immer gerüstet sein müßte. Sie bemühte sich, Henrietten die traurigen Gedanken vergessen zu machen, sie bemühte sich, ihr etwas von jener Schroffheit zu benehmen, welche diese gegen Fremde an den Tag legte.

Und dieser Freundschaft warmer Sonnenhauch erweckte auch des Mädchens Vertrauen zu den Menschen, und der reiche Schatz ihres reinen, jungfräulichen Herzens lag vor Evelinen offen; aber auch eine Leidenschaftlichkeit im Lieben und Haffen, die sie erschreckte.

Eveline, die ja sah, wie lebhaft Franzen alle Mittheilungen über seine junge Künstlerin, wie er sie nannte, interessirten, erzählte ihm Alles, was sich auf ihren Umgang mit Henrietten bezog. Er kannte sie daher fast ebenso genau, als Eveline, ohne selbst viel mit ihr zu verkehren, denn es gelang ihm nicht, ihr, wie er es so gerne gethan hätte, näher zu treten. Ihm gegenüber war sie zurückhaltend, förmlich.

An den Abenden, die Henriette bei Evelinen zubrachte, pflegte Franz wol früher aus der Oper zurückzukehren; Mühlberg begleitete ihn dann gewöhnlich. Oft jedoch, wenn letzterer Eveline einsam wußte, widmete er ihr den ganzen Abend. In solchen Stunden hatte er Evelinen schon mancherlei aus seinem Leben erzählt. Seine Weltanschauung, seine ausgebreitete Menschenkenntniß ließen sie immer neuen Reiz in seiner Unterhaltung finden, es that ihr wohl, über ein frisches Leben zu hören, das so recht in der Welt, wie sie war, wurzelte, ohne sich dabei in der Masse zu verlieren.

Eines Abends erwartete Eveline Henriette, doch die Stunde, in der diese gewöhnlich zu kommen pflegte, war verstrichen, ohne sie zu bringen, und Eveline bereitete sich auf einen recht stillen Abend vor, als Mühlberg erschien.

»Schön, daß Sie kommen,« rief ihm Eveline entgegen, »Henriette hat absagen lassen.«

»Weßhalb kommt sie nicht?« frug Mühlberg.

»Sie muß diesen Abend studiren, um bei der morgigen Probe ihrer Sache ganz sicher zu sein. Da lesen Sie selbst,« erwiderte sie, ihm Henriettens Brief reichend. »Wie unangenehm wird ihr Ausbleiben Franz berühren,« fuhr sie fort, »er hofft so sicher, sie diesen Abend noch singen zu hören.«

»Scheint es doch, als könnten Sie Beide das Mädchen nicht mehr entbehren,« sagte Mühlberg lächelnd.

»Gewiß!« rief Eveline, »doch ist das nicht natürlich! Haben wir nicht das seit Kurzem so glücklich geförderte Fortschreiten der Composition zum Theile ihrer glücklichen Auffassung zu danken? – Ist nicht Franz heiterer, elastischer, glücklicher seit jenem unvergeßlichen Abende?«

Mühlberg sah Eveline überrascht an und schlug seinen Blick wie beschämt nieder, als er ihr freudig bewegtes, argloses Gesichtchen sah. »Sie haben sich mit Franzens neuem Streben nun vollends befreundet?« frug er dann.

»Ach, ich möchte ihn glücklich sehen, auf welche Art immer! Das ist Alles,« erwiderte Eveline.

»Er ist es,« fuhr Mühlberg fort, »denn er besitzt das edelste Weib.«

Eveline erröthete. »Nicht doch,« rief sie, den Ernst, der sich ihrer bemächtigen wollte, abschüttelnd, scherzhaft – »nicht doch, ich bin es nicht gewohnt, solche Dinge zu hören – verderben Sie mich also nicht.«

»Möchte Franz,« fuhr Mühlberg bewegt fort, »dem das Glück bis jetzt so hold lächelte, nun auch wahre, dauernde Befriedigung finden, das wahre Glück, welches mir selbst nie zu Theil wurde, kann doch nur der Besitz eines reinen, treuen, bis in den Tod ergebenen Herzens gewähren.«

»Warum,« frug Eveline theilnehmend, »warum suchen Sie nicht jenes Glück, das Sie in so vollem Maße zu schätzen wissen?«

»Ich habe es gesucht, wie das Kind die Mutter sucht, doch vergebens! Einst dachte ich, es gefunden zu haben; ich hätte mein Herzensblut gegeben, um es festzuhalten, und – habe es dennoch verloren.«

»Sie haben also gelitten?« frug Eveline theilnehmend. »Ach, ich dachte es oft und hätte Ihnen so gerne meine Theilnahme bewiesen, wenn Sie es mir nur möglich gemacht hätten! Sprechen Sie zu mir, wie zu einer Schwester, lassen Sie mich Ihren Kummer theilen!«

»Sie werden nichts Außerordentliches hören,« erwiderte Mühlberg. »Das Glück schien mir zu lächeln, ohne daß ich es erfassen konnte; doch das kann täglich geschehen, und geschieht wol auch, nur verblutete mein Herz beinahe daran. Der schöne Glaube an das höchste Glück durch ein edles Weib war für lange todt in meinem Herzen.«

»Ach, sprechen Sie,« bat Eveline innig, »lassen Sie mich Ihre Jugendgeschichte kennen!«

»Ich war zwanzig Jahre alt,« nahm Mühlberg das Wort, »stand allein in der Welt und war mittellos, und doch dünkte ich mich damals reicher als jetzt, ich hätte mit keinem Könige getauscht; denn ein Reich wollte ich mir selbst erringen, das Reich der Kunst; eine Krone hoffte ich auf mein Haupt zu setzen, die Krone des Ruhmes! Ich wohnte damals in einer Vorstadt in dem Dachstübchen eines Hauses, dessen Fenster nach einem Kärtchen gingen. Täglich kam ein junges Mädchen in dasselbe, die Gartenarbeit zu verrichten. Sie schien noch in den Kinderjahren zu stehen; so zart war ihr Wuchs, daß ich mich oft darüber wunderte, wie sie die Gießkanne so leicht von Beet zu Beet tragen, Schaufel und Hacke handhaben konnte. Seit vielen Tagen beobachtete ich sie von meinem Fenster aus, ohne daß sie mich bemerkt hatte.

»Endlich konnte ich dem Wunsche, mit ihr zu sprechen, ihr bei der Arbeit zu helfen, nicht länger widerstehen. Ich stieg eines Tages in den Garten hinab und versuchte ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Sie antwortete sehr schüchtern, aber freundlich. Ohne schön zu sein, mußte sie doch auf den ersten Blick einnehmen, besonders wenn sie ihre Augen voll aufschlug. Augen, wie ich sie seitdem nie wieder gesehen habe – doch bis vor Kurzem. Denken Sie sich Henriettens Augen, nur von sanfterem Ausdrucke, und Sie werden sich eine Vorstellung davon machen können. Hatte mich die zarte Gestalt schon aus der Ferne interessirt, wurde mein Interesse ein doppeltes, nachdem ich sie sprechen gehört hatte. Ihre Stimme hatte einen wunderbaren Klang, der bis in das Innerste des Herzens drang. Je öfter ich sie sah, desto mehr entzündete sich meine jugendliche Phantasie. Ich baute die schönsten Luftschlösser; meine ersten Lieder hatten damals eben einen kaum gehofften Erfolg errungen. Die Liebe sollte mich begeistern, noch Besseres, Würdigeres zu schaffen. Und wenn ich endlich ruhmgekrönt und reich geworden, dann wollte ich ihr Alles zu Füßen legen.

»Das Mädchen war so still und sanft, daß ich sie mit meiner Leidenschaftlichkeit, mit meinen kühnen Plänen erschreckte. Die arme Kleine traute sich ja kaum einen selbstständigen Wunsch, geschweige denn einen eigenen Willen zu haben. Die Verwandte, bei der sie lebte, eine alte, strenge Frau, hatte ihr jede Lust dazu mit Härte benommen, hatte sie streng abgeschlossen gehalten, ihr keinerlei Verkehr gestattet und so die geistige Entwickelung dieses ohnedieß schüchternen Kindes jedenfalls zurückgedrängt. Ihr Herz war noch nicht erwacht, es ruhte noch ganz in der Knospe. Wäre ich damals im Stande gewesen, das arme Kind als Gattin in mein Haus zu führen, Sie hätte mich lieben gelernt, mir treu angehängt, ich fühlte es, ihr Blick sagte es mir, ihr selbst noch unbewußt. Was mich so sehr an das Mädchen fesselte, das nur schüchterne Freundlichkeit für mich hatte, ich weiß es nicht. Wer vermag es, unsere ersten Gefühle zu definiren! Meine Studienzeit war indeß zu Ende. Ich mußte meiner ferneren musikalischen Ausbildung wegen P. verlassen, um hieher nach der Residenz zu kommen. Ich bat Marie, mich nicht zu vergessen, ich wollte in einem Jahre wieder kommen; schreiben durfte ich ihr nicht, denn ihre Verwandte hätte ihr nicht gestattet, Briefe zu empfangen; mich ihr vorzustellen, fand ich für unpassend. Welche Aufnahme konnte der arme Student, der noch unbedeutende, junge Liederdichter, von der reichen, strengen Frau erwarten?

»Ich reiste also ab, tiefe Trauer im Herzen, eine schlimme Ahnung bemächtigte sich meiner beim Abschiede.

»Als ich nach einem Jahre wieder kam, war die alte Verwandte todt, Marie war fortgezogen, Niemand wußte mit Bestimmtheit, wohin. Lächelnd erzählte man mir, ein junger, reicher Anverwandter, der im Auslande lebe, habe sie mitgenommen.

»Die wüthendste Eifersucht bemächtigte sich meiner, ich hätte den Mann getödtet, wenn er in meine Hände gefallen wäre, der, wie es schien, das Mädchen betrogen hatte. Doch was wollte ich thun, ich konnte ihr nicht wie der Liebhaber im Romane nachreisen, dazu fehlten mir die Mittel, und was hätte es auch genützt? Ich hatte fortan kein anderes Ziel, als meine Kunst, ich arbeitete fleißiger als vorher, um meinen Geist von jenem Kummer abzuziehen, doch mir fehlte die Freudigkeit, mein Herz verlangte nach dem blassen zarten Kinde mit den wunderbaren Augen.

»Keine der glänzenden Frauen konnte sie aus meinem Gedächtnisse verdrängen, keine Derer, die mir huldvoll entgegen kamen, als ich mich in einer ganz anderen Lebensstellung befand, als ich bereits an jenem Ziele angekommen war, das zu erreichen mir viel leichter geworden, als ich hatte hoffen dürfen.«

»Und haben Sie nie wieder von dem armen Mädchen gehört?« frug Eveline bewegt. – »Nie,« erwiderte Mühlberg schwermüthig, »wiewol ich sie nie vergaß, sie immer gesucht habe.«

Mühlberg hatte geendet und eine lange Pause folgte. Eveline unterbrach sie nicht.

Ein lauter Glockenzug weckte plötzlich Beide aus ihrem Nachdenken. »Das ist Franz, der aus der Oper kommt,« rief Eveline. »Wie die Stunden verstrichen sind, ohne daß ich es wahrnahm.« – Bald darauf trat Franz in das Zimmer. – »Ist die Oper schon zu Ende?« rief ihm Eveline entgegen. »Schon!« erwiderte Franz erstaunt. »Ich denke, sie hat ungewöhnlich lange gedauert.« –

Franz war sehr rasch eingetreten und hatte sich erwartungsvoll umgesehen. – »Hat Henriette Dich schon verlassen?« »Sie ist gar nicht gekommen,« erwiderte Eveline. – »Was mag die Ursache fein; hast Du nicht nachfragen lassen? Sie ist doch nicht unwohl?« »Nein, nein, fei unbesorgt, sie studirt. Sie muß den Abend zu Hilfe nehmen, wie sie mir schreibt, um bei der nächsten Probe ihrer Sache ganz sicher zu sein. Sie will morgen kommen.« – »Erst morgen?« wiederholte Franz unwillkürlich. Dann trat er an das Fenster und blickte durch dessen klare Spiegelscheiben wie träumend hinaus in die hell erleuchteten Straßen, die jetzt in der Stunde, in der die Theater eben zu Ende waren, sich wie am Tage belebt hatten. Eveline und Mühlberg erwarteten eine Zeit lang schweigend, daß er zu ihnen treten würde, dann versuchte Mühlberg ein Gespräch über ein Thema anzuknüpfen, auf das Eveline eingehen mußte, wußte er gleich, daß ihre Seele bei jenem Fenster weilte. – Plötzlich, wie aus einem Traume erwachend, drehte Franz sich um, er blickte auf die Beiden, die ganz harmlos zu plaudern schienen. Er strich sich mit der Hand über die Stirne und trat dann rasch zu ihnen. –

»Was gibt es Neues?« rief ihm Mühlberg zu, indem Franz sich in einen Fauteuil warf. »Nichts Geringeres, als daß der Intendant morgen gewiß kommt, unserer großen Probe beizuwohnen,« erwiderte Franz. »Meine Hoffnung, die Oper angenommen zu sehen, wächst mit jedem Tage; einmal zur Aufführung gebracht, müssen wir reussiren,« fuhr er fort, »denn Henriettens Partie allein könnte, von ihr gesungen, die Oper halten.« »Sei nicht zu hoffnungsvoll,« erwiderte Mühlberg; »nicht Alle haben gleiche Auffassung, so ist es auch in Bezug auf Henriette; die Primadonna hat einen großen Anhang, der sie vielleicht stets Henrietten vorziehen wird, ja ich weiß nicht,« fuhr er zögernd fort, »ob, was Dir ein Unglück schiene, nicht vielleicht für Deine Oper ein Glück wäre, ich meine, wenn etwa die einflußreiche Prima donna die Partie singen möchte.«

»Nie! nie!« rief Franz mit großer Heftigkeit. »Keine Andere kann Henriette ersetzen, sie ist das verkörperte Ideal der Heldin, die ich träumte, dem kann ich kein zweites Mal begegnen.« »Wie kannst Du Dich so ereifern,« fiel Eveline sanft ein, »Du hast ja gar keinen Grund dazu, liebster Franz! Henriette wird singen, und unseres Freundes Bemerkung soll, wie mich dünkt, Dir nur sagen, daß die günstige Aufnahme Deiner Oper nicht von dem Mitwirken einer Persönlichkeit abhänge, so verdrießlich dieß auch sei – ein Umstand, der uns ja jedenfalls wünschenswerth erscheinen muß.«

»Das weiß ich besser als Ihr,« erwiderte Franz, »und die Zukunft wird es lehren.«

Man hatte mittlerweile den Thee servirt und das Erscheinen der Dienerschaft gab dem Gespräche eine andere Wendung. Man besprach die neuesten Tagesbegebenheiten, so verging der Abend und es war spät geworden, als man sich trennte.

Am Abende des nächsten Tages, an welchem, wie wir wissen, die große Probe stattfinden sollte, erwartete Franz Henriette, die viel früher als die Uebrigen zu kommen pflegte, im Salon. Sie kam zur gewohnten Stunde. – »Wir haben Sie gestern umsonst erwartet,« rief er, ihr entgegen eilend. »O, ich hatte mir zu viel zugetraut, ich mußte noch den ganzen Abend und einen Theil der Nacht studiren, um heute bestehen zu können.«

Franz nahm ihr die Noten ab, die sie mitgebracht hatte, und führte sie zu einem Sitze nächst dem Fenster; sich gegen dasselbe lehnend, blieb er vor ihr stehen. »Sie arbeiten also Tag und Nacht für mich,« sprach er endlich in einem Tone, der scherzhaft sein sollte, dem man aber die innere Bewegung anmerkte. – »O, Sie vergessen, daß, wenn ich in Ihrer Oper gefallen sollte, mein Ziel so unerwartet schnell erreicht wird, als ich es nie zu hoffen gewagt. Und habe ich dieß dann nicht Ihnen zu verdanken? Gewiß. Sie und Ihre Frau sind vom Schicksale dazu ausersehen, in mein Leben einzugreifen.«

Es war das erste Mal, daß Henriette in diesem Sinne zu Franz sprach, sie war voll freudiger Hoffnung, ihr Herz überströmte vor Dankbarkeit.

»Sie sehen wol,« fuhr sie lächelnd fort, »daß ich für mich arbeite.« Eine Pause trat ein. – Endlich frug Franz: »Haben Sie die Skizze schon gesehen, die ich für Ihr Costüm gemacht,« und als sie verneinte, ging er, diese zu holen.

»Wie prachtvoll!« rief Henriette, als Franz ihr diese überreichte. »Wahrhaftig, schöner könnte es sich die reichste Phantasie nicht ausmalen!«

»Haben doch Sie mich dazu inspirirt. – Das Diadem von weißen und grünen Steinen wird Sie herrlich kleiden! Das Haar müssen Sie in Locken tragen.« Franz hielt inne, in Henriettens Anschauen versunken. »Doch lockt es sich, dieß weiche Seidenhaar?« flüsterte er, dasselbe leicht zurück streichend.

Henriette hatte in den letzten Minuten vergebens nach einem Vorwande gesucht, dem Gespräche ein Ende zu machen und sich von ihrem Sitze zu entfernen. Franz hielt sie gleichsam gefangen.

»Ach, Henriette!« sprach er dann, »welchʼ ein Zauber liegt in Ihrer Nähe!« Und so sprechend berührten seine Lippen ihr duftendes Haar. Jetzt erhob sie sich rasch, ihre Wangen glühten und ihr Auge flammte zornig. Franz erwachte wie ans einem Traume, er wollte sprechen, da öffnete sich die Thür und Eveline trat ein; sie eilte auf Henrietten zu, diese zu umarmen. Franz grüßte flüchtig und verließ das Zimmer.

»Was ist Franz geschehen?« frug Eveline erstaunt. »Die heutige Probe ist doch nicht etwa vereitelt? Ach, Henriette! das wäre ja schrecklich. Franz zählt in seiner Ungeduld die Stunden.«

»Nicht doch, ich denke, es soll Alles gut gehen; an mir soll es nicht liegen, wenn etwas mißlingt,« erwiderte Henriette, nun erst ihre Fassung wieder gewinnend.

»Verzeihen Sie, liebes Kind,« rief Eveline, sie an sich ziehend, »wie bin ich doch egoistisch, aber Sie haben mich so verwähnt, Franz durch Ihr Talent und Ihren Eifer in glückliche Stimmung zu versetzen, daß ich Sie gleichsam dafür verantwortlich mache, wenn er es nicht ist.« – Henriette fand kein Wort der Erwiderung, ihr war so sonderbar zu Muthe, wie Bergeslast lag es auf ihrer Brust, sie hatte sich heute kaum aus sich selbst herausgetraut und war so sehr zurückgeschreckt worden.

Wie sollte sie sich fortan betragen? – Sie wiederholte Evelinen, daß hoffentlich Alles nach Wunsch gehen würde, nur um ihr Etwas zu erwidern. Es that ihr recht weh, der ersten liebevollen Freundin, die ihr das Leben entgegenführte, ihre wahre Stimmung verbergen zu müssen. – Doch nun kam auch Mühlberg, Eveline entfernte sich von ihr, die nach und nach eintretenden Gäste zu begrüßen.

Mühlberg hatte, seit er Henrietten näher kannte, einen wahrhaft wohlmeinenden Ton gegen sie angenommen. – Sonst war ihr dieß nicht besonders aufgefallen, heute aber machte sein Wesen einen beruhigenden Eindruck auf sie. Sie fühlte sich Franz und Evelinen gegenüber plötzlich fremder als bis her, es war ihr, als bedürfe es einer Mittelsperson zwischen ihr und den Beiden, und als eine solche erschien ihr Mühlberg.

Wie wir bereits wissen, wurde der Intendant der großen Oper erwartet, um einen von tüchtigen Musikern auszuführenden Theil aus Franzens Oper zu hören.

Dieser Abend war nun in der That als ein sehr wichtiger zu betrachten. Hing auch Alles von dem Beifalle des großen Publicums ab, so handelte es sich doch vorerst darum, daß Oper und Sängerin vor dasselbe gebracht würden. Franz und Henriette aber hatten ein gleiches Interesse an dieser Probe, die Zukunft Beider hing gleichsam in erster Instanz von deren glücklichem Ausgange ab. Henriette erschien ihm durch dieß Bewußtsein verwandter als je und er dachte, auch sie müsse Aehnliches empfinden, doch er täuschte sich.

Der Intendant war indeß erschienen und Franz war nun mit ganzer Seele bei den Musikern. Die Ouverture ging vortrefflich. Evelinens Blicke hingen seit dem ersten Tone an den Zügen des wichtigen Mannes, die ihr beim Eintritte sehr streng erschienen waren, und sie fand zu ihrer Freude, daß dieselben Befriedigung ausdrückten. Die Musiker hatten in der That mit bestem Willen zum Gelingen beigetragen und mit seltener Präcision gespielt; die in der ersten Scene beschäftigten Sänger leisteten Rühmliches. Nun kam Henriette an die Reihe. Ihre Stimmung hatte gelitten, sie fühlte sich befangen und die Gegenwart des wichtigen Mannes trug noch bei, sie zu beengen. Der erste Theil ihrer Arie ging nahezu wirkungslos vorüber. Sich dessen bewußt, suchten ihre Blicke Franz. Sie sah sein Auge mit eigenthümlichem, fast zornigem Ausdruck auf sich gerichtet. – Wie rasch seine Empfindungen wechseln, dachte sie! – Während der großen Pause berührte Eveline, die dicht hinter ihr stand, Henriettens Schulter. »Sind Sie unwohl, liebstes Kind?« flüsterte sie ihr besorgt zu, »sagen Sie es mir, Sie scheinen zu leiden.« Henriette schüttelte verneinend den Kopf. Doch, als sie ihren Gesang wieder begann, da schien das liebevolle Wort den bösen Zauber, der auf ihr lag, gelöst, die Stimme klang hell und rein wie Glockenton und drang in die Herzen der Zuhörer. – »Bravo!« erscholl es zum ersten Male von den Lippen des bedächtigen Intendanten. Und sich Henrietten mit verbindlichen Worten nähernd, unterhielt er sich längere Zeit mit ihr.

Die gute Stimmung wurde im Laufe des Abends noch durch das schließliche Versprechen des Intendanten, die Oper zur Aufführung bringen zu wollen, gehoben, und so gelangte dieser bewegte, bedeutungsvolle Abend zu einem äußerst glücklichen Abschlusse.

Befriedigend für Alle, beglückend für Eveline, deren Herz sich heute zum ersten Male seit langer Zeit von drückenden Sorgen und Befürchtungen befreit fühlte.

 

* * *

 

Die Oper war endlich vollendet und ohne weitere Schwierigkeiten angenommen worden. Franz hatte jedoch in seiner Ungeduld, sie vor das Publicum zu bringen, noch lange zu warten; das Einstudiren und die Ausstattung erforderten mehr Zeit, als er es sich vorgestellt hatte. Da kamen dann auch wieder Stunden der Ungewißheit und des Zweifels, welche die glückliche Stimmung trübten. – Henriette, die ihm, je öfter er sie sah, immer theurer wurde, war ihm mit seiner Kunst, mit seinen Ruhmeshoffnungen Eines geworden; sie und seine Oper waren der Traum seiner Seele. – Er dachte an nichts Bestimmtes, kaum an den nächsten Tag, er lebte in einer wohligen Atmosphäre, er hatte Stunden, in denen er sich sagte: »Ich bin glücklich, ich weiß, wozu ich lebe« er verwunderte sich selbst, wie ihm Alles in der Welt nun so harmonisch erschien, ihm, dem die Disharmonie seines Seelenlebens und dessen, was von Außen auf ihn einwirkte, stets so schmerzlich fühlbar geworden war.

Franz glaubte oft, daß ihm nichts fehle, als mit Henrietten stets dieselbe Luft athmen zu dürfen. Er fühlte für sie eine reine geistige Liebe, die sein ganzes Wesen umsomehr durchdringen mußte, als er diese nicht für strafbar hielt. Es ist ja kein Verbrechen, sich an dem bezaubernden Duft der Rose zu erfreuen, sagte er sich oft, das lag so recht in seinem Wesen, das Göttliche einer edlen Natur herauszufühlen und es sich eigen machen zu wollen.

Durch Mühlberg stand er in immerwährender Verbindung mit ihr. Seit Henrietten Mühlberg mit aufrichtigem Vertrauen entgegen kam, besuchte dieser sie häufiger als sonst, zudem hatte er sie nun als Musiker ganz unter seinen Schutz genommen.

Franzens Seelenzustand konnte Mühlberg nicht entgehen, aber über Henriette war er nicht im Klaren, er fürchtete für das Mädchen, er kannte Franzens Macht über weibliche Herzen aus früherer Zeit, und seine edle Erscheinung machte auch jetzt einen wahrhaft siegenden Eindruck, doch er befand sich hier auch keinem gewöhnlichen Mädchen gegenüber. Eine starke Seele, Willenskraft und die höchste Verehrung für das Gute waren bei ihr ausgeprägte Charakterzüge. – Sie verrieth mit keinem Blicke, mit keinem Worte, was sie über Franz denke, ob sie seine schwärmerische Huldigung in ihrer ganzen unverkennbaren Bedeutung begriffen. Mühlbergʼs Verehrung für Eveline, die ihm als das Ideal eines Weibes, wie es sein sollte, erschien, das hohe Interesse, das er an den beiden Anderen nahm, fesselten seine ganze Aufmerksamkeit in dem kleinen Kreise, der ihm auf einem Vulkane zu stehen schien.

So standen die Sachen, als Mühlbergʼs Interesse für Henriette durch eine zufällige Entdeckung noch gesteigert wurde. Oft hatte es ihn, der die Geschichte ihres Lebens nicht kannte, gewundert, das Mädchen nie ihre Eltern, ihre Verwandten nennen zu hören. – Er konnte diese Eigenthümlichkeit mit ihrem sonstigen Wesen nicht in Einklang bringen und so frug er sie eines Tages offen darüber. Henriette erröthete tief. »Ich trage die Erinnerung an meine Mutter,« sprach sie, »wie ein Heiligthum im Innersten meines Herzens, sie schwebt mir wie ein Engel vor, die Menschen aber waren nicht milde, nicht gerecht gegen sie, selbst dann noch nicht, als sie ausgelitten hatte, als ihr Märtyrerthum zu Ende war, das habe ich als Kind bitter erfahren, und doch war meine Mutter der Liebe aller guten Menschen werth. – Diese Ueberzeugung ist mein Talisman und gibt mir den Muth, bei sieh mir bietenden Anlässen über sie zu schweigen, wie man gerne einen Schleier über ein geliebtes Bild breitet.«

»Sie waren noch sehr jung, als Ihnen die Mutter starb?« frug Mühlberg. »Ich war kaum vier Jahre alt,« erwiderte Henriette; »meinen Vater habe ich nie gekannt,« fügte sie mit bebender Stimme hinzu. »Waren Sie doch endlich so glücklich, Menschen zu finden, die gerechter über die Ihnen so Theure urtheilten?« frug Mühlberg voll Theilnahme. »Nein!« erwiderte Henriette traurig – »nein, und diese Erfahrung hat mich schroff gemacht, ich liebte die Menschen nicht, bis ich Eveline, bis ich Sie kennen lernte. Ich hatte nur das eine Ziel vor Augen, unabhängig zu werden, die Hilfe der Menschen nicht zu brauchen, ich wollte die Menschen nicht lieben, die hart gegen meine Mutter gewesen waren.« Henriette schwieg, ihre Augen umflorten sich und die Thränen, die deren Glanz dämpften, ließen sie Mühlberg verwandter als je erscheinen. – Tiefes Mitleid für die arme Frau, die so jung aus der Welt gegangen war, die Niemand geliebt, Niemand beweint hatte, als das arme verwaiste Mädchen, ergriff sein Herz. – »Sie sind mit Recht erstaunt,« nahm Henriette wieder das Wort, »daß meine Erinnerung eine so lebhafte, mein Urtheil ein von Denen, die mich erzogen haben, so verschiedenes geworden ist; ich will es Ihnen erklären: Meine arme Mutter hat ihrem Kinde doch ein Vermächtniß hinterlassen – es war ihr Tagebuch. Die Lehren, die sie befürchtete, mir nicht selbst geben zu können, hat sie für mich niedergeschrieben in den Stunden der Nacht, den einzigen, die ihr gehörten, und in denen die Erschöpfte der Ruhe bedurft hätte, denn am Tage arbeitete sie unermüdet für unseren Lebensunterhalt. Ich war 15 Jahre alt, als ich das Tagebuch erhielt. Ihre Geschichte ist eine kurze. Ich will sie Ihnen erzählen:

»Wie ich war sie früh verwaist, wie ich fand sie Verwandte, die ihr Brot gaben, aber kein Herz für sie hatten. Sie war von Natur ein stilles, anspruchloses Kind, sanft und bescheiden, sie hatte ein liebevolles Gemüt, doch hatte sie sich, eingeschüchtert durch die Strenge einer alten Verwandten, bei der sie lebte, so sehr in sich selbst zurückgezogen, daß man sie für beschränkt hielt. So war sie groß geworden. Eines Tages – doch ich will Ihnen lieber vorlesen, was sie selbst schreibt« – mit diesen Worten holte Henriette ein Heft gelber grober Papiere aus ihrem Pulte hervor. Sie war sichtbar bewegt, als sie sich damit näherte. Mühlberg betrachtete, während sie die abgerissenen Blätter eines nach dem anderen aufschlug, mit Rührung das unscheinbare Büchlein. Ein ganzes trübes Menschenleben stieg bei diesem Anblicke vor seinem inneren Auge auf und sein Interesse war auf das Wärmste angeregt, als Henriette Folgendes zu lesen begann:

»Ich hatte mein fünfzehntes Jahr erreicht, ohne daß in meinem Leben die geringste Veränderung eingetreten wäre; die Kälte und Strenge, mit der ich behandelt wurde, hatte mich abgestumpft! Ich hatte mein Selbstgefühl verloren, es war mir so oft gesagt worden, ich sei dumm, es könne aus mir nichts werden, man könne mich nicht lieb haben, daß ich es zuletzt glaubte! Ich kümmerte mich auch um Niemanden, sah Niemanden an und man mag mich in der Zeit wol mit Recht für stumpfsinnig gehalten haben. Mein Herz war wie erstarrt, es war Winter für mich, ein langer, trüber Winter! Da kam der erste milde Frühlingshauch, der mich zum Bewußtsein brachte. Er schmolz das Eis, aber die Blumen sproßten noch nicht, der Frost hatte zu lange gewährt. Und als das Blühen kam, da war der Frühling fortgezogen, seine Zeit war um und der heiße Sommer verbrannte sie! Doch höre. Eines Tages, nachdem ich wieder gescholten worden war, was ich gleichgiltig hin nahm, ging ich an meine schwere Gartenarbeit. Plötzlich fiel ein Schatten ans das Beet vor mir, ich blickte ans und sah einen jungen Mann, der mich unbeschreiblich freundlich anblickte. Er hatte ein so gutes, edles Gesicht, wie ich es bis dahin nie gesehen hatte; das mag die Ursache gewesen sein, weßhalb ich stehen blieb, als er mich ansprach, und nicht eilends davonlief, wie es anfangs meine Absicht war. Er frug mancherlei, worauf ich ihm kurze Antworten gab, am meisten machte mich seine Bitte betroffen, ich möge ihm erlauben, mir bei der Arbeit zu helfen, da diese für mich zu schwer sei.

Warum ich immer so ernst blicke, frug er dann, in meinem Alter müsse man fröhlich sein. Ich wußte gar nicht, was ich auf diese Fragen antworten sollte. Plötzlich fiel mir ein, wenn mich meine Verwandte sähe, wie würde sie schelten; ich bat ihn also, zu gehen, da man mir nicht erlaube, mit Fremden zu sprechen. »Ich bin kein Fremder, ich wohne hier im Hause,« erwiderte er, »und ich kenne Sie schon lange.« Darauf ging er. Aber er kam täglich wieder und die erste Veränderung, die seine Freundlichkeit, sein zarter Umgang ans mich hervorbrachten, war, daß ich gegen die unfreundliche Behandlung, die ich zu erdulden hatte, empfindlich wurde und wieder Thränen vergoß, wie einst als Kind. – Ich erzählte ihm dieß eines Tages, als ich mit ihm schon etwas vertrauter war, und helle Freude glänzte in seinem Auge. »O, das ist schon etwas,« rief er; »aber verursachen Ihnen meine liebevollen Worte auch so viel Freude, als jene bösen Kummer? und sind Sie mir vom Herzen gut?« Auf diese Frage konnte ich nicht gleich antworten; ich wußte es selbst nicht, es war auch nicht immer gleich, ich hatte zu viel gelitten, ja ich war manchmal zu traurig, oder eigentlich zu sehr niedergedrückt, um mich seiner recht freuen zu können! Doch Tage und Wochen vergingen, ich wurde ihm immer mehr befreundet; ja ich fing endlich an, ihn herbei zu sehnen. – Ich theilte ihm Alles mit, was ich empfand – wie innig blickte da sein treues Auge – wenn ich später dieser Zeit gedachte, fühlte ich erst, wie treu und ehrlich er es mit mir gemeint!

»Ich weiß selbst nicht, wie lange dieser freundliche Verkehr gewährt hatte, als er mir eines Tages sagte, er müsse fort. Ich war sehr betroffen darüber, er aber war muthig und versprach, wieder zu kommen; ich möge ihn nicht vergessen, bat er. – Ach, hätte ich es doch nicht gethan! Als er fort war, fiel mir das einsame Leben doppelt schwer. Die Theilnahme, die er mir geschenkt hatte, lernte ich nur schwer entbehren. Die Gleichgiltigkeit, mit der meine Verwandte meine Dienstleistungen, meine angestrengtesten Bemühungen, ein freundliches Wort zu gewinnen, hinnahm und die ich so lange erduldet hatte, fing an, mir unerträglich zu werden. Mein Gefühl war erwacht, der Schmerz, den die neue Entbehrung erzeugte, stachelte es noch mehr an, ich sehnte mich fort, mein Herz schrie laut nach Theilnahme. – Mehrere Monate waren so vergangen, als meine Verwandte plötzlich erkrankte. Sie konnte bald das Bett nicht mehr verlassen, ich pflegte sie, so viel es in meinen Kräften stand, ohne es ihr je recht thun zu können. Eines Abends jedoch sprach sie: »Du bist erschöpft, lege Dich zu Bette,« und als ich widerstrebte, fügte sie hinzu: »Du bist gut, und ich will an Dich denken.« Dieselbe Nacht starb sie plötzlich. Am anderen Morgen, als ich erwachte und sie kalt und starr daliegen sah, kam ich mir noch viel verlassener vor als sonst und weinte heftig.

»Ihr letztes Wort war ein gütiges gewesen und dieses hatte sich tief in mein Herz geprägt.

»Wenige Tage nachher kam der Erbe alles dessen, was meine Verwandte hinterlassen hatte. Der Tod hatte sie eben, als sie die Absicht gehabt, mich zu bedenken, daran verhindert.

»Es war ihr Schwestersohn, ich nur eine entfernte Verwandte ihres verstorbenen Mannes. Man hatte es für passend gefunden, mir Trauerkleider machen zu lassen; dieß blieb meine ganze Erbschaft.

»Als der junge Mann mich zuerst sah, schien er sehr überrascht und er sprach die freundlichsten Worte zu mir. O wie gierig lauschte mein Ohr seinen Trostesworten! – Ich möge nicht so traurig sein, sprach er, die Welt sei so groß, so schön und liege offen vor mir. »Aber ich bin ganz allein,« erwiderte ich, »wohin soll ich mich wenden« und meine Thränen strömten, da ergriff er meine Hand. »Kommʼ mit mir,« sprach er, »bei mir sollst Du Deine Heimat finden!« – Ich war so sehr überrascht, mein Herz klopfte heftig, endlich blickte ich ihn an, sein Auge ruhte zärtlich auf mir.

»Einige Tage vergingen indessen, bis die Erbschaftsangelegenheiten geordnet waren. Während dieser Zeit sah ich ihn täglich und immer wurde er gütiger, kein Mensch sonst kümmerte sich um mich. – Die Testamentsvollstrecker, die mich vielleicht als ein Stück Erbschaft betrachteten, frugen ihn eines Tages, was aus mir werden sollte. Er antwortete: »Ich beabsichtige, sie zu meiner Mutter zu bringen.« Ich war nun entschlossen, ihm zu folgen, was hätte ich auch sonst beginnen sollen? Und die Macht, die er über mich ausübte, ließ mir zudem keine Wahl. ^ Wenn er mich anblickte mit seinen dunklen Augen, verwirrten sich meine Gedanken. Frug er dann: »Kommst Du?« so stand ich unwillkürlich auf, um mit ihm zu gehen; trat er zu mir, klopfte mein Herz stürmisch. Ich fühlte mich durch seine Nähe nicht beglückt und blieb doch gefesselt. Und als er mir endlich sagte: »Bereite Dich zur Abreise vor, mein Kind,« war ich bereit zu gehen. In Z . . . . angekommen, brachte er mich in ein schönes Haus; ich betrat ein so kostbar eingerichtetes Gemach, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Er entfernte sich, und als er zurückkam, sprach er: »Der Diener meiner Mutter hat mich hier erwartet, sie selbst aber ist leider nicht auf ihrem Gute, sondern seit gestern verreist. Du bleibst also vorläufig bei mir, Marie,« fügte er zärtlich hinzu; »Du wirst doch in Zukunft nur für mich leben.« »Wie? ich soll Ihre Gattin werden?« frug ich. »Ja,« erwiderte er zögernd, »sobald mancherlei Angelegenheiten geordnet sind. Marie, ich liebe Dich so sehr! Bleibe bei mir, und Du sollst es nie zu bereuen haben, denn Du bist mein höchste« Glück!«

»So blieb ich bei ihm, blieb, um das Haus, das ich mit kindlichem Vertrauen betreten hatte, in bitterster Verzweiflung zu verlassen. Ich kannte weder die Gefahr, der ich mich aussetzte, noch setzte ich den leisesten Zweifel in die Redlichkeit meines Beschützers. – Zur Klarheit, zur richtigen Beurtheilung meiner Lage wurde ich erst durch Dich, mein Kind, gebracht, erst als Du das Licht der Welt erblicktest, erwachte das Weib in mir. – Ich war wie umgewandelt, ich lernte meine Lage begreifen und forderte nun mein Recht als Gattin, forderte Deine Rechte von ihm, der, wie mir dünkte, es nun für seine erste, seine heiligste Pflicht halten mußte, Dir einen Namen zu geben. Er antwortete mir ausweichend. Anfangs glaubte ich an Hindernisse, bald aber mußte ich bemerken, daß er mich hinhalten wollte, doch mein Herz sträubte sich, daran zu glauben, ein böser Traum schien mich gefangen zu halten. Endlich hörte ich Worte, die mir keinen Zweifel lassen konnten. Was sollte nun aus mir, aus Dir werden! Da kam es eines Tages zum Schlusse, er bot mir an, mit einer jährlichen Rente in dem Hause weiter zu leben, er müsse ohnehin die Stadt verlassen, doch würde er wieder kommen! – Zum Aeußersten getrieben, warf ich mich vor ihm auf die Knie, ich benetzte seine Hände mit meinen Thränen, ich bat ihn, mich zu verstoßen, nur Dir Dein Recht zu geben, ich wollte nicht früher aufstehen! Halb gerührt, halb ungeduldig rief er endlich: »Stehe auf! Nehme Dein Schicksal in Ruhe an und verlange nicht das Unmögliche!« – »Das Unmögliche?« rief ich, ohne mich zu erheben. – »Ich bin verheiratet!« stieß er zögernd heraus.

»Ich war wie vom Blitze getroffen und hatte nichts mehr zu sagen. Ich fühlte mich plötzlich ihm gegenüber fremd – Du hattest keinen Vater! »Ich muß heute die Stadt verlassen,« sagte er dann, »bis ich wiederkehre, hoffe ich Dich ruhiger zu finden.« Er legte ein Papier in meine Hand, die Adresse des Mannes, der mir die angewiesenen Summen einhändigen sollte. Er wollte sich mir nähern; ich wich scheu zurück, und er ging. Ging, ohne unser Kind zu sehen. Die Gleichgiltigkeit, die er überhaupt gegen Dich an den Tag legte, hatte mich immer am meisten geschmerzt – Du hattest keinen Vater – mein Herz schrie es so laut, daß mir schien, als hätte man es mir zugerufen.

»Ich eilte in Dein Zimmer, nahm Dich aus der Wiege und drückte Dich so krampfhaft an mein Herz, daß Du weintest, dann bemühte ich mich nur, Dich zu beruhigen. Ich hüllte Dich ein, nahm einen Mantel um und wandte mich zum Gehen. Das Blatt, welches er mir gegeben hatte, war meinen Händen entfallen, ich ließ es liegen.

»Ich ging mit Dir zu einer armen Frau, die ich lieb gewonnen hatte, zu meiner Waschfrau; sie erschrak, als sie mich sah, und schien das Vorgefallene zu errathen. Ich theilte ihr meine Lage mit und bat sie, mich ihre Arbeit theilen zu lassen. Die gute Frau trug anfangs Bedenken, sie hatte mich ja nur in meinem traurigen Reichthume, sie hatte mich nie arbeiten gesehen – indeß willigte sie ein, mich vorderhand aufzunehmen. Tags darauf war ich bei der Arbeit, und meine neue Beschützerin war zufrieden. Ich arbeitete nun unverdrossen Tag und Nacht, doch der Harm, der an meinem Herzen zehrte, untergrub meine Kräfte; ich fühlte mich schwächer werden und wußte nicht, was mit meinem Kinde geschehen würde. Da faßte ich Muth und schrieb an eine Frau, die ich zuweilen im Hause meiner Verwandten gesehen hatte, die mir selbst weitläufig verwandt war. Sie hatte mir damals kein Interesse bewiesen, ich hoffte daher nicht viel, allein ich wagte es für Dich. Es kam lange keine Antwort, endlich erhielt ich einige kalte Zeilen, in denen sie mir sagte, ich hätte mein Schicksal verdient, und sie könne nichts für mich thun.

»Ich legte den Brief weinend zu meinen wenigen Papieren, sie hatte ja Recht, ich hatte mein Schicksal verdient. Ich durfte daher auch nicht empfindlich sein, und schrieb nochmals, schrieb, daß ich selbst wol kein Mitleid verdiene, auch keiner Hilfe bedürfe, daß es sich nur um mein Kind handle, und auch dieß nur im Falle meines Todes, den ich herannahen fühle. Sie antwortete milder, ich möge in Bezug auf das Kind ruhig sein. Gott segne sie dafür.« Hier konnte Henriette nicht weiter lesen, ihre Bewegung war zu groß.

Still schluchzte sie, und Mühlberg machte keinen Versuch, zu trösten. Endlich blickte Henriette auf. »Was ist Ihnen?« rief sie, Mühlbergʼs große Bewegung wahrnehmend.

»Henriette,« erwiderte er, und jedes Wort klang so feierlich, daß es in ihr Herz fiel, als würde es mit Demantgriffel eingeschrieben. »Henriette, ich habe Marien, ich habe Ihre Mutter gekannt, ich war jener junge Mann, der Einzige, der sie wahrhaft liebte, zu dem auch ihr Herz sprach; ich habe Marien gesucht ohne Unterlaß, und ihr Bild lebt noch heute in meinem Herzen. Wenn ich denke, wie verschieden unser Beider Schicksal geworden wäre ohne jenen Mann!« – Mühlberg hielt inne. »Henriette,« fuhr er dann fort, »Sie müssen von diesem Augenblicke an fühlen, daß Sie nicht mehr allein in der Welt stehen, daß ein Freundesauge Sie bewacht, daß ein treues Freundesherz für Sie schlägt.«

Henriette fühlte sich wunderbar gehoben. Da war ein Herz, das ihre arme Mutter gekannt, ja geliebt hatte, ihre Mutter, von der sie sich bisher selbst zu Evelinen zu sprechen gescheut hatte. Ach, und nun stand der Mann vor ihr, dem sie nichts mehr zu sagen, nichts zu erklären hatte, der sie vor ihr gekannt, der sie geliebt hatte! Treu und wahr geliebt! – Mühlberg hatte Henriettens Hand ergriffen, sie beugte sich herab und küßte dieselbe, ihre Thränen fielen heiß darauf. Als sie aufblickte und seine tiefe Bewegung sah, den heiligen Ernst, mit dem sein Auge auf ihr ruhte, wußte sie, daß sie nicht verwaist sei, so lange dieses Herz schlägt.

Es war spät geworden, als Mühlberg Henrietten verließ. Auf die Straße tretend, erblickte er Franz. »Nun kann ich ruhig sein,« dachte er, »der Mutter Andenken wird sie schuhen.« Franz trat auf ihn zu. »Ich dachte Dich bei Evelinen, da ich Dich nicht in der Oper traf.«

»Ich komme von Henrietten,« erwiderte Mühlberg.

»Du hast also Deine Besuchsstunden dort geändert?«

»Nein, ich habe sie heute nur so lange ausgedehnt.«

Franz schien überrascht. »Kommst Du jetzt zu mir?«

»Entschuldige für heute«, erwiderte Mühlberg, dessen Bewegung ihm jedes gleichgiltige Gespräch unmöglich machte, sich rasch entfernend.

Franz ging an Henriettens Fenster vorüber, der Vorhang bewegte sich leise, und er erblickte ihre Gestalt, sie sah nach der Richtung hin, in welcher Mühlberg eben entschwunden war. Folgte sie ihm mit ihren Blicken, mit ihren Gedanken? Ein ihm bisher unbekanntes Gefühl stieg in seinem Herzen auf; er litt, ein dumpfes Weh bemächtigte sich seiner. Erfühlte, was er sich nie klar gestanden, daß er Henrietten bisher als sein geistiges Eigenthum angesehen hatte. Wer durfte ihm dieses rauben! Langsam, wie träumend, ging er weiter und ließ sich auf der ersten Bank, die er auf der hier beginnenden Promenade erblickte, nieder. Er war, dem Zuge seines Herzens folgend, hierher gekommen, weil er sich nach Henrietten gesehnt hatte, unendlich, unaussprechlich!

Was sollte daraus werden, wenn sie ihm immer und überall fehlte? Sie war das Weib, das er geahnt, ehe er sie gekannt hatte, das Weib, das sein Leben in einen Paradiesestraum verwandeln konnte. Und nun, da er sie gefunden, stand sie ihm so ferne! Aber stand er nicht mit ihr in ewiger Verbindung durch die Musik? Und so wollte er ein doppeltes Leben führen, in und durch die Kunst, Ihr, seiner Muse, gehörend. Mühlbergʼs Gestalt hatte ihn heute aus diesem Traume geschreckt. Franz saß lange da; die kühle Nachtluft spielte um seine Stirne und beruhigte nach und nach sein aufgeregtes Gemüt. Andere tröstende Bilder schwebten ihm wieder vor, denn Leidenschaft und reiche Phantasie lassen die Bilder in unserer Seele rasch wechseln.

»Mühlberg ist nicht der Mann, der mir Henrietten rauben kann trotz seiner vortrefflichen Eigenschaften. Er ist zu practisch für dieses poetische Wesen. Henriette wird noch lange nur ihrer Kunst leben, sie ist stolz, sie ist kalt, sie wird nicht lieben, nein, sie wird nicht lieben!« wiederholte er erbebend, wie um sich selbst zu überzeugen. »Ach, ich könnte es nicht ertragen!« rief er dann. Unter solchen Gedanken wendete sich Franz seinem Hause zu.

Als er wieder an Henriettens Fenster vorüber kam, hörte er ihre herrliche Glockenstimme in die Stille der Nacht hinaus tönen, sie sang sein Lied, die Romanze aus seiner Oper. Da war alles Andere vergessen, jede Sorge wich aus seinem Herzen. Er horchte mit einer Freude, mit einer Spannung, als hätte er nie früher ihre Stimme, nie das Lied gehört.

Er stand noch da, als sie längst zu fingen aufgehört hatte. Als er nach Hause kam, fand er, daß es bereits sehr spät geworden war. »Ist Madame schon zur Ruhe gegangen?« frug er etwas beschämt den vorleuchtenden Diener. »Nein, Madame wartet im Salon.«

»Ist sie allein?«

»Ja, sie war den ganzen Abend allein, der Thee wurde noch nicht servirt,« setzte er zögernd hinzu. Franz trat jetzt eilends ein und wollte sich entschuldigen, so gut er konnte. Aber Eveline war ihm mit freundlichster Miene entgegengeeilt und ließ ihn nicht zu Worte kommen. – »Du bist zu gut, Eveline!« sprach er, sich neben ihr niederlassend. »Nun hast Du, armes Kind, den ganzen Abend allein zugebracht!«

»Du dachtest mich wahrscheinlich in Mühlbergʼs Gesellschaft?« frug sie lächelnd.

»Nein, das kann mir nicht zur Entschuldigung dienen, ich habe Mühlberg, von Henrietten kommend, begegnet, aber ich fühlte mich nicht ganz wohl, und die Bewegung in freier Luft war mir nothwendig.«

»Da thatest Du ganz recht, lieber Franz. Und warum bin ich deßhalb zu gut? Soll ich etwa nur wünschen, was mir angenehm ist?«

»Eveline, Du bist das beste Weib!«

»Ich möchte es sein!« rief sie warm. »Ich möchte, daß Du mir, mir allein auch stets Alles anvertraust, was Dir Kummer macht! Alles, Franz! Nichts sollte mir je zu schwer sein! Alles, Alles möchte ich Dir tragen helfen! – Versprichst Du mir, daß dieß mein Theil sein soll?« fuhr sie fort, die Pause unterbrechend, die dieser Frage gefolgt war.

»Du bist mein liebes, treues Weib!« rief Franz, ihre Hand an seine Lippen drückend, »und Deine gleichbleibende, stets nachsichtige Liebe läßt mich ahnen, wie eine Mutter mich geliebt hätte, wäre es mir vergönnt gewesen, sie zu kennen.«

Evelinens Milde gab Franz zuweilen sich selbst wieder, er fühlte sich ihr gegenüber beschämt. Ihre Gegenwart führte ihn oft aus seinen Träumen zur Wirklichkeit zurück, die ja so beglückend hätte sein können, wenn – ja wenn nur die glühende Phantasie nicht gewesen wäre, die den kühnen Flug nur mit dem Gleichbeschwingten nehmen konnte.

Ahnte Eveline, was in Franzens Herzen vorging? Hoffte sie, daß der Zwiespalt sich vereinen ließe?

Wir wollen es abwarten; das Eine wissen wir, daß Eveline stark und selbstlos liebte, wie nur die Frau zuweilen zu lieben vermag.

Seit jenem Abende, an welchem Mühlberg in Henrietten die Tochter der einst von ihm so sehr geliebten Marie erkannt und ihr dadurch näher getreten war, empfand diese einen Frohsinn, eine Herzensfreudigkeit, die ihr bisher fremd gewesen war.

Franz erkannte es zuerst, daß Henriette Mühlberg näher stand, als ihm, und trotz seines Bemühens, den Mißmuth, den diese Wahrnehmung erzeugte, zu unterdrücken, fühlte Mühlberg sich davon berührt. Hätte er es wol wirklich gewünscht, daß Henriette gegen ihn jenen zutraulichen, schwesterlichen Ton annehmen sollte, den sie für jenen hatte!?

Und lag nicht eben in ihrem Ausweichen, in ihrem Erröthen, wenn er sich ihr näherte, ein neuer Reiz für ihn?

Henriette besaß einen Talisman in der Erinnerung an ihre Mutter. Das arme Kind hatte, die Geständnisse ihrer Mutter lesend, das ganze Entsetzen dieser bei dem einzigen Worte jenes Mannes, welches ihre Hoffnungen und den Glauben an ihn für immer vernichtete, mitgefühlt: bei dem einzigen Worte: »Ich bin verheiratet!« Dieß eine Wort ließ ihr auch Franz im anderen Lichte erscheinen, als sie ihn sonst wol gesehen hätte Der mächtige Einfluß, den seine herrliche Erscheinung, sein Geist, sein Talent und die so sehr bestechende Huldigung, die er ihr darbrachte, übten, erlahmte an diesem Worte. Aber er griff doch in ihr Leben ein, er war ihr mehr, als er ihr hätte sein sollen.

Am besten und am natürlichsten wäre es nun gewesen, hätte Henriette sich ganz diesem Einflusse entziehen können; daran aber dachte sie nicht, und durch ihr Verhältniß zu Evelinen, der so viel daran gelegen war, sie in freundlicher Beziehung zu Franzen zu erhalten, kam sie auch nicht zu jener Klarheit über sich selbst, wie dieß der Fall hätte sein müssen, wäre sie Franz allein gegenüber gestanden. Unter Mühlbergʼs wohlthuendem Einflusse erstarkte indeß, was gut und edel in ihr war, ihre Liebe zur Kunst wuchs, und ihre Kenntnisse vermehrten sich unter seiner Leitung.

Mühlberg und Eveline verfolgten ein gleiches Streben, sie lebten und wirkten für Andere, ihre Naturen standen einander daher am nächsten.

Mit der Oper war man endlich dahin gekommen, die erste Aufführung für die nächsten vierzehn Tage in Aussicht gestellt zu sehen. Man sah einander nun fast täglich bei den Proben, alle anderen Interessen traten während dieser Zeit scheinbar in den Hintergrund.

So kam der große Tag der Vorstellung heran. Von unseren vier Freunden war Mühlberg der einzige, der an diesem Tage genug gesammelt war, um für manches Nöthige zu sorgen. Evelinen war zu Muthe, als handelte es sich um Tod oder Leben. Und in der That, wer konnte wissen, welche Folgen ein Mißlingen seiner Hoffnungen für Franz haben konnte? – Arme Eveline! Zweifel und Furcht quälten ihr treues Herz. Sie hatte die Nacht vorher kein Auge geschlossen. Franz befand sich selbstverständlich in höchst exaltirtem Zustande. Henriette war trotz der großen Aufregung ruhiger als die Anderen.

Wer zum Künstler geschaffen ist, der fühlt den leisen Flügelschlag des ihn umschwebenden Genius, der hat das Vorgefühl, daß er bald heimisch sein werde in dem Reiche, an dessen Schwelle er jetzt um Einlaß bittet.

Welchʼ große Macht ist aber auch der wahren Künstlernatur verliehen! Sie bringt die Freudigkeit mit sich, und alle höchsten Gefühle, die das Leben bedeuten, kann sie in uns erwecken. Ist leben anders als empfinden?!!

Der Abend war herangekommen, und das erleuchtete Opernhaus füllte sich nach und nach mit feinem Publicum. Noch hatte die Stunde des Beginnens nicht geschlagen, als das Haus schon in allen Räumen besetzt war. Man hatte bereits viel Gutes über die Oper gehört. Persönliches Interesse an dem Compositeur, Neugierde Vieler, die seine Familie kannten, die neue Sängerin – Alles wirkte zusammen, um eine ungewöhnlich große Menge anzuziehen. Franz befand sich auf der Bühne; das Gemurmel der vielen Stimmen drang wie das Wogen und Rauschen des Meeres zu ihm. Das Stimmen der Instrumente tönte dazwischen. Franz war zu Muthe, als drängen diese Wogen auf ihn ein, als stiegen sie an ihm empor; er glaubte zu ersticken, er fühlte, daß sie ihn tödten könnten, wenn sie höhnend, zischend an ihn heranstürmten.

Da begann die Ouverture. Das Rauschen erklang, und lautlose Stille herrschte. Franzens Stimmung hob sich, als er die ersten Töne hörte; sie nahmen seine Seele gefangen, die Angst löste sich von seiner Brust. Da trat Henriette ihm entgegen. Sie war im vollen Costüm und so strahlend, so ideal schön, daß sie Franzen in seiner exaltirten Stimmung wie ein höheres Wesen erschien. Ein leichtes Silbergewebe umgab sie. Ihr kastanienbraunes, reiches, glänzendes Haar war mit einem funkelnden Diadem geschmückt. Ohne sich ihr mit einem Schritte zu nähern, ohne ein Wort zu sprechen, blickte Franz nach ihr hin. Jetzt war die Ouverture zu Ende, Beifallszeichen erschallten, doch wurde der Beifall mit einer gewissen Vorsicht gespendet; es war die Anerkennung eines verdienstlichen Strebens, die freundliche Kunstrichter aufmunternd zollten.

Nun rollte der Vorhang auf, und Henriette erschien; ein Laut der Bewunderung wurde hörbar, die größte Stille herrschte im Hause, und doch fühlte man den Eindruck, den sie durch ihre Stimme hervorbrachte. Henriette hatte bald die Befangenheit, mit der sie die Bühne betreten, überwunden, ihre Bewegungen wurden freier; je länger sie sang, desto muthiger wurde sie.

Alles trug dazu bei, sie zu heben; die milde Wärme, der Lichtglanz, die Pracht des Hauses regten sie an. Die ersten Scenen waren von Beifall begleitet; ein Duett, in welchem der Sänger, durch Henriette angeeifert, sich selbst übertraf, deßgleichen. Doch die Romanze rief einen wahren Beifallssturm hervor. So ging es während der ganzen Vorstellung, und als der Abend zu Ende war, konnte man sagen, die Oper hat gefallen, aber die Sängerin hat das Publicum im Sturme erobert.

Franz wurde wiederholt gerufen. Als er sich zurückzog, umgaben ihn seine Freunde, Glück wünschend; es war ein wahrer Jubel. Doch, wo war Eveline?

Sie mochte hier Franz nicht beglückwünschen. Während der Vorhang niederrollte, der Sieg gesichert war und der Hervorruf ihn ihr neuerdings bestätigte, hatte sie ihren verborgenen Platz verlassen und war nach Hause geeilt. Ihr Herz war zu voll. Was fehlte nun noch zu ihrem Glücke? – Franz mußte ja nun wol zufrieden sein!? Franzens Freunde waren nach der Oper bei ihm geladen; das Haus strahlte ihr daher schon in vollem Glanze entgegen; sie eilte rasch die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Mit klopfendem Herzen erwartete sie ihren Franz.

Mühlberg war indeß in Evelinens Loge getreten. Nachdem der erste Sturm vorüber war, galt ihr sein erster Gedanke. Er war erstaunt, sie nicht mehr zu finden, begriff indeß bald, was sie fortgetrieben haben mochte, und kehrte zu Franz zurück, dem er mittheilte, daß Eveline bereits das Theater verlassen habe. lind jetzt erst gedachte Franz ihrer! – Ach, dieß war das schlimmste Zeichen, wie es um ihn stand! Seines treuen Weibes in dem Momente seines Triumphes nicht zu gedenken, seines Weibes, das allʼ den Kummer mit ihm getheilt hatte – das war arg! Franz klagte sich dessen selbst an.

Ach, Henriette hatte sein ganzes Sein gefangen genommen! Seine kühnsten Träume waren nun erfüllt, und doch war seine Seele umdüstert. Henriette trat aus ihrer Garderobe, strahlend vor Freude und Glück. Wie sollte Franzens glühende Phantasie da widerstehen! Mühlberg reichte ihr den Arm, sie an den Wagen zu führen, und Franz sagte kein Wort, er stand da und ließ die Beiden an sich vorübergehen, und neigte nur fein Haupt, als sie ihm grüßend die Hand reichte. Er kam der Letzte in feinem Hause an. Als er langsam die Treppe hinauf stieg, trat ihm Eveline entgegen.

»Franz,« rief sie, »wie habe ich mich nach Dir gesehnt! Ich bin Dir entgegengekommen, um Dir nicht das erste Wort vor Fremden zu sagen.«

»Kommʼ, Eveline,« erwiderte Franz, und er zog sie nach seinem Zimmer. »Ach, Franz!« rief sie, »Du hast Dich also in Dir selbst nicht getäuscht, Du bist ein Künstler, Du hast es erreicht, was Dir vorschwebte und Dir nicht Ruhʼ noch Rast ließ. Und ich muß nun beschämt meines Zagens gedenken! Doch nun wirst Du auch glücklich sein. Damals wollte ich es nicht gelten lassen, daß Du in einem Erfolge volle Befriedigung finden könntest, jetzt wirst Du mich überzeugen!« »Still, mein Kind!« erwiderte Franz und hauchte einen Kuß auf ihre braunen Flechten; »still, Du ehrst mich zu sehr!« »Franz,« sprach Eveline leise, und das glückliche Lächeln, mit welchem sie ihn empfangen und das dem Sonnenstrahl gleich ihr Gesichtchen verschönert hatte, war schon dem gewöhnlichen ernsten Ausdrucke gewichen, »Du siehst nicht glücklich aus, bist Du leidend; die Aufregung war wol zu groß! Gewiß, Du bist blaß, ruhe aus und lasse Dich bei den Gästen entschuldigen.« Franz wehrte ab. »Laß, Eveline, es wird bald vorübergehen!« »Bist Du also glücklich,« sprach sie, sich schüchtern an ihn schmiegend, »o sage es mir nur heute; oder quält Dich noch etwas,« rief sie, als Franz schwieg, »vergiß nicht, ich habe Dein Wort, daß ich Alles mit Dir theilen darf!« Franz lächelte. »Ja, Eveline,« sprach er endlich, »ich bin glücklich!« Eveline beruhigte sich, Franzens Natur Rechnung tragend. Aber der große Moment, auf den sie sich mit klopfendem Herzen vorbereitet hatte, er war vorübergegangen und hatte ihr keine wahre Freude gebracht. »Henriette und Mühlberg warten,« sagte sie jetzt, »ich muß Dich verlassen!« »Ich folge bald!« erwiderte Franz.

Die Gäste waren bereits im Salon versammelt, als er eintrat. Er sah Henrietten umringt und so trat er auch jetzt nicht zu ihr, wie er beabsichtigt hatte. Er sprach mit mehreren der Anwesenden, die glückwünschend an ihn herantraten, und nahm dann an Evelinens Seite Platz. Er schien Henrietten nicht zu beobachten und doch war seine ganze Seele dort und keine ihrer Bewegungen entging ihm. Er sah sie in heiterem lebhaften Gespräche mit ihrem Nachbar. »Wie glücklich und befriedigt sie ist,« dachte er. »Ihr Name wird nun bald bekannt, berühmt werden. Sie wird dann vielleicht nicht lange mehr in dieser Stadt bleiben; sie wird fortziehen, um neue Triumphe zu ernten. Ob sie uns leichten Herzens verlassen könnte?« dachte Franz und sein Herz klopfte heftig. »Konnte ich nur darüber Gewißheit erlangen, o, ein Stück Leben gäbe ich darum!« Franz täuschte sich, als er glaubte, daß Henriettens Herz so leicht, daß er ihr so gleichgiltig war. Nie war er Henrietten näher gestanden, als an diesem Abende, an welchem sie seine Lieder gesungen und so ihren ersten Erfolg errungen hatte. – An diesem Abende, an welchem seine Huldigung in seinem stummen Schmerze lag. – Nie war seine Macht so groß gewesen! – Wie gerne hätte sie diesen düsteren Blick erheitert, wie gerne hätte sie ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens gerufen, als er sie so stumm au sich vorüber gehen ließ und sie so traurig angeblickt hatte. Wie gerne hätte sie den Kopf nach ihm umgewendet, aber sie wußte, daß sie nicht durfte, und sie hatte sich so ganz in ihrer Gewalt. – »Franz,« sprach Mühlberg an diesem Abende zu seinem Freunde, »denkst Du des Tages, als wir uns hier in der Residenz zuerst wieder trafen? Du nanntest mich damals den glücklichsten Sterblichen, weil Dir das Ziel, welches ich bereits erreicht hatte, noch so ferne lag; Du bist dort angekommen, was fehlt Dir nun, froh zu sein!« »Wer sagt Dir, daß ich nicht froh und glücklich bin?« »Dein Auge, Deine Mienen sagen es mir und Allen hier, die es mit Verwunderung wahrzunehmen scheinen!«

»Frage Dich selbst, Mühlberg,« erwiderte Franz ausweichend, »was die Freude nicht zu Tage kommen läßt in manchen Naturen, was war es, das mich Dich so freudlos finden ließ!« – »Ich stehe allein in der Welt,« erwiderte Mühlberg, »kein treues Herz theilt meine Freude, Du nennst das edelste Weib Dein, das ist der Unterschied zwischen uns Beiden!«

Es war ein so wahrer Schmerz, der bei diesen Worten durch Franzens Gesicht zuckte, daß es Mühlberg, welcher längst in seinem Herzen gelesen hatte, tief in die Seele schnitt. »Was ist da zu thun,« dachte er, »sollte nicht die Entfernung das Mittel sein zu heilen: vielleicht gelingt es mir, Eveline in das Einverständniß zu ziehen!« – Daß etwas geschehen mußte, war Mühlberg an diesem Abende klar geworden. Franzens leidenschaftliche Huldigung hatte ihn weniger erschreckt, als sein stummer Schmerz.

 

* * *

 

Henriette saß am anderen Morgen in der glücklichsten Stimmung an Mühlbergʼs Seite. Er hatte ihr einen Engagements-Antrag des Directors überbracht. – »Die Bedingungen sind glänzend,« sagte Mühlberg, »und ich denke, wir nehmen für die nächsten Monate au, das Uebrige wird sich finden! Doch nun wird es auch nothwendig, daß Sie diese kleine beschränkte Wohnung verlassen; kennen Sie irgend eine ältere Person, die sich entschließen könnte, in der Eigenschaft einer Gesellschafterin zu Ihnen zu ziehen. Ich erachte dieß für äußerst nothwendig!« »Dann will ich es thun,« erwiderte Henriette lächelnd, »wiewol es mir weniger nothwendig erscheint; ich fühle mich am wohlsten allein!« »Das glaube ich Ihnen,« fuhr Mühlberg fort, »aber die Welt verlangt nun einmal diese Rücksichten und jetzt sind die Augen derselben ans Sie gerichtet! Sie werden in die Lage kommen, manchen Besuch empfangen zu müssen, deßhalb schon bedürfen Sie einer Gesellschafterin!«

»Aber ich werde nicht Gefahr laufen, unwürdige Menschen kennen zu lernen, da Sie mir zur Seite stehen!« – »Gewiß! Doch versprechen Sie auch, mir stets Ihr volles Vertrauen zu schenken, dann, aber auch nur dann, kann ich als ein väterlicher Freund für Sie wirken!«

»Werden Sie morgen mit mir studiren?« frug Henriette ablenkend. »O, unfehlbar um die gewohnte Stunde, meine fleißige Schülerin!

Es schien Henrietten, als beschäftigte ihn irgend etwas, denn er war ungewöhnlich wortkarg. Nach kurzem Verweilen nahm er seinen Hut und wandte sich zum Gehen. »Henriette,« sprach er, noch einmal umkehrend, »haben Sie die Absicht, jetzt, nachdem die Proben aufgehört haben, ihre Abende wie vordem bei Evelinen zuzubringen?« »Sie hat gestern den Wunsch ausgesprochen,« erwiderte Henriette, daß dem so sei, und ich habe zugesagt.« – »Und Franz,« frug Mühlberg zögernd, »er hat nicht davon gesprochen?« – »Kommen Sie heute Abend auch hin?« »Ja, Eveline erwartet mich!« »Um welche Stunde?« »Um 6 Uhr!« »Kommen Sie später, Henriette,« bat Mühlberg, »ich habe mit Evelinen zu sprechen!«

Henriette war nicht lange allein, als sich die Thür ihres Zimmers öffnete und Franzens hohe, schlanke Gestalt auf der Schwelle erschien. Er hatte Henriette nie in ihrer Wohnung aufgesucht, sein Erscheinen verwirrte sie daher, sie trat ihm befangen entgegen. Franz war sehr blaß und ernst. Henriette bot ihm einen Platz an ihrer Seite.

»Ich will hinter den Anderen, die Sie beglückwünschten, nicht zurückbleiben,« sagte er, »Jene haben Ihnen nur einen Genuß zu danken, ich aber einen guten Theil meines gestrigen Erfolges. Sie haben mich so gut verstanden, so treu wiedergegeben! – Erst gestern wurde es mir ganz klar, wie Empfinden und Erfassen zweier Menschen in Eins zusammenfließen können; bei den Proben war es anders, erst gestern war Ihre ganze Seele frei, da haben Sie geschaffen! Ist es nicht so, Henriette?« Des Mädchens Wangen erglühten. »Ja!« rief sie, »ja so war es; aber wie konnten Sie wissen, wie mir zu Muthe war?« »Und wie konnten Sie wissen, Henriette, wie ich mir meine Heldin geträumt hatte? Ich will es Ihnen sagen,« fuhr er langsam fort, »weil unsere Seelen einander verstehen, weil sie ineinanderfließen, weil sie gleich ausströmten vom Urquell des ewigen Lichtes, um einander hier zu begegnen.«

Henriette horchte Franzens Worten, wie man einem göttlichen Liede lauschen würde.

»Wir haben einander zu spät gefunden, Henriette,« sprach er tonlos. – »O sagen Sie mir, wie es geworden wäre, hätte das Schicksal uns früher zusammengeführt? – Sprechen Sie, o sagen Sie mir, daß Sie mich geliebt hätten?« fuhr er fort, »geben Sie mir diesen einzigen Trost!

Jetzt erst erwachte Henriette aus ihrem augenblicklichen Selbstvergessen. Sie wandte sich schaudernd ab. »Und Eveline!« rief sie. Franz erhob sich rasch. »Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß, wenn mein Glück, meine Zukunft auch in Trümmer gehen, ich das Ihre zu erhalten suchen muß? Ich will ja nichts, Henriette, ich hoffe ja nichts, aber sagen Sie mir nur, daß Sie mich geliebt hätten! Und ich will zehren an diesem schmerzlichen Glücke, will mich in Träume versenken, wie es hätte werden können, wenn ich Ihnen früher begegnet wäre! O sagen Sie es mir, Henriette, Sie gießen Balsam in mein Herz!« Henriette erbebte. Sie blickte auf die hohe Gestalt, sie sah sein flehendes Auge und: »Du hättest ihn geliebt!« rief ihr Herz – aber er soll es nie erfahren, ihr eiserner Wille und das alte Gefühl, halb Schmerz, halb Zorn, ergriff sie wieder. »Nein,« rief sie, »nein!« jedes Wort langsam hervorbringend, »täuschen Sie sich nicht, wenn ich Ihnen auch früher begegnet wäre, ich hätte Sie nie geliebt!«

Franz sah ihre Blässe nicht, er nahm ihr Zittern nicht wahr. – »Wohl Ihnen, Sie werden nie wissen, was ich leide,« rief er und versuchte zu lachen, »das Herz wird Sie nie sehr quälen, wenn Sie ein solches besitzen, an Mitleid haben Sie wenigstens keinen Ueberfluß!« Er nahm seinen Hut und ging.

»Was soll daraus werden,« frug er sich, als er durch die Straßen ging, die ihn Grüßenden kaum erkennend. Und während er vorüber eilte, erregte er den Neid manches armen Menschenkindes.

»Ist mancher Mensch nicht zum Glücke geboren,« dachte ein armer Musiker, an dem Franz vorübereilte, »da geht er hin, in der Fülle feiner Jugend, schön, geliebt, reich, und der erste Wurf läßt ihn in die Reihen der Auserkorenen treten, während ich von allʼ den ersteren Gaben nichts besitze und es nicht einmal so weit bringen kann, meine Compositionen, mein Alles und Einziges auf der Welt, bei einem Verleger anzubringen.« Es war um die sechste Abendstunde, als Mühlberg bei Eveline eintrat. – Er war längst entschlossen gewesen, Eveline so zart als möglich auf die Gefahr ihres fortwährenden Beisammenseins mit Henrietten aufmerksam zu machen. Er konnte ihre Blindheit nicht begreifen, sie ahnte wol nicht, was in Franzens Herzen vorging, denn daß sie nicht sehen wollte, das konnte er nicht glauben.

Mühlberg hatte oft gewünscht, daß diese für ihn so schwere Stunde schon vorüber sein möge! Er war voll von seinem Gegenstande und fein Herz empfand für Evelinens Wohl, die ihm über allen Frauen hoch stand, so warm, daß es ihm unmöglich wurde, lange nach einer Einleitung zu suchen, sondern Evelinen, die ihr Erstaunen über seinen ungewöhnlich frühen Besuch ausdrückte, geradezu sagte, er habe über Wichtiges mit ihr zu sprechen. »Seitdem die Oper gefallen hat, ich also Franz geborgen weiß,« sprach sie lächelnd, »erschrecken mich wichtige Mittheilungen nicht mehr, zudem können Sie, mein Freund, mir nur Gutes bringen! Lassen Sie also hören.«

»Gewiß!« erwiderte er; »Sie haben recht, wir befinden uns jetzt in einem glücklichen Zustande, daß dieser eben ein dauernder bleiben möge, ist mein innigster Wunsch. Ich untersuche daher, was von den Dingen, die das gegenwärtige Glück der Freude ausmachen, wol am meisten dem Wechsel unterworfen sein dürfte, und da komme ich dann zuerst auf das Verhältniß zwischen Ihnen, Franz und Henriette! Dieses aber scheint mir nicht haltbar, früher oder später wird sie uns fehlen, es wäre daher besser, jetzt, nachdem das tägliche Zusammenkommen nicht mehr durch die Proben bedingt wird, diese enge Beziehung nach und nach zu lockern?«

»Wie?« rief Eveline, »dieß kann Ihr Ernst nicht sein, könnten Sie mir den Rath ertheilen, der Zeit vorzugreifen und aus Furcht, daß diese zerstören könne, was jetzt noch so froh besteht, das Zerstörungswerk selbst zu beginnen? Und zudem kennen Sie ja Franzens Theilnahme an Henriette, seine Freude an ihrem Talente! Jede Note, die er schreibt, schreibt er sozusagen im Hinblicke auf Das, was sie daraus machen wird. Weßhalb also dieses glückliche Verhältniß lockern?«

»Das ist es eben,« rief Mühlberg, »was mich besorgt macht; die Theilnahme an einem Wesen, das unseren Kunstsinn entzückt, kann auch zu weit gehen! Indem die Bewunderung, die wir sonst der. Kunst darbrachten, sich auf dieses allein concentrirt, überschreitet sie die Gränzen des Natürlichen, ja kann uns Gefahr bringen!« Diese letzten Worte direct auf Franz angewendet, frappirten Eveline.

»Was wollen Sie damit sagen, Mühlberg, stehen diese Worte mit Ihrer wichtigen Mittheilung in directem Zusammenhange?«

»Ja, Eveline! Ich muß es aussprechen. Die Befürchtung, die in diesen Worten liegt, ich beziehe sie auf unser engstes Verhältniß. O, zürnen Sie mir nicht,« rief er, als er sie ihr Gesicht abwenden sah; »zürnen Sie mir nicht, wenn ich der Wetterkundige, die gefahrdrohende Wetterwolke sehend, davon spreche und zur Umkehr mahne, während Sie ohne mich noch ein Stück Weges hätten harmlos unter Blumen wandeln können.

»Es ist besser so! Sie wissen, wovon ich sprechen will,« fuhr er nach einer Pause fort, »Ihre Bewegung zeigt es, verzeihen Sie mir, aber hören Sie mich an. Sagen Sie selbst, hat Sie das immer wachsende Interesse Franzens für Henriette nie nachdenklich, nie besorgt gemacht?«

»Besorgt? Nein,« erwiderte Eveline, und ihr Gesicht verschönte sich, solchʼ vertrauensvollen Ausdruck nahm es an, »nie sah ich mehr darin als es ist! Wäre Henriette eine Frau wie ich, wie viele Andere, ich würde den großen Vorzug, den Franz ihr vor Allen gibt, schmerzlich empfinden. Aber Henriette ist Künstlerin, Henriette besitzt jenen Schwung, jene Liebe für die Kunst, die ihn durchdringt. Sie war der Genius der Kunst selbst für meinen strebenden Franz! Und wenn er diesem nun seine Blicke zuwendet, sollte ich deßhalb besorgt werden? Und wenn es in meiner Macht gestanden hätte, diesen Genius für Franz herbeizurufen, ihn mit allen Opfern herbeizurufen, damals, als ich ihn muthlos und unglücklich sah, hätte ich es nicht gethan? Mit tausend Freuden gethan? O glauben Sie mir, ich weiß, was ich an meinem Franz habe, ich weiß, was wir einander sind – Henriette kann mich, ich sie nicht verdrängen, noch könnte Eine die Andere ersetzen!« –

Mühlberg fühlte, daß es auf solche Argumente keine Erwiderung gäbe, was konnte er ihr noch sagen, konnte er ihr von jenen Momenten sprechen, in denen sie Franz nicht gesehen, wie er ihn gesehen hatte, in jenen Momenten, in denen er den schmerzlichen Kampf der Leidenschaft, der Eifersucht so deutlich in seinen Zügen gelesen! – Er schwieg lange, endlich sprach er: »Und doch, Eveline, muß ich Sie bitten, mir behilflich zu sein, wenn ich Henrietten nach und nach zu entfernen suche, und mir nicht durch dringende Einladungen entgegen zu handeln – um – um Henriettens Willen selbst.«

»Sie erschrecken mich,« rief Eveline.

»Gewiß,« fuhr Mühlberg fort, »haben Sie denn nie daran gedacht, daß das Mädchen sich zu sehr an Franzens Gegenwart gewöhnt?! Sie finden es natürlich, daß er ihr wie seinem Genius huldigt. Halten Sie Henrietten wirklich für das überirdische Wesen, dem solche fortgesetzte Huldigung keine Gefahr bringen könnte!« – Eveline wollte ihn unterbrechen, doch Mühlberg hielt sie, ihre Hand ergreifend, zurück. – »Ich weiß Alles, was Sie mir sagen könnten, und allʼ das Vertrauen, welches Sie in das Mädchen, in ihren Seelenadel setzen, ist gerechtfertigt! Aber ist Franz nicht ausgezeichnet vor Tausenden Geschlechtes und ist Henriette nicht achtzehn Jahre alt, unerfahren, und ist nicht ihre Seele empfänglich und ihr Herz glühend, trotz der kalten, strengen Außenseite? Es wäre Egoismus zu nennen, wenn Niemand daran dächte, das Mädchen der Gefahr zu entziehen, der sie hier ausgesetzt wird!« »Aber Henriette ist nicht wie Andere,« erwiderte Eveline kleinlaut, »sie steht hoch über alle anderen Frauen, die ich kenne.« »Und waren Sie es nicht, die mir zuerst von ihrer Heftigkeit im Hassen und Lieben sprach,« rief Mühlberg, »sagten Sie mir nicht eines Tages, daß Sie in ihrem Wesen eine Leidenschaftlichkeit finden, die Sie für Henriettens Zukunft besorgt mache? O Eveline, täuschen Sie sich nicht! Nur Ihre Liebe zu Franz, die Sie alles Uebrige übersehen läßt, machte es möglich, daß Sie nie an die Gefahr dachten, der Henriette hier ausgesetzt ist!«

Eveline neigte ihr Köpfchen; »Ach, Mühlberg,« sprach sie, »was wollen Sie, daß ich thun soll, was wird Franz sagen, ich kann nicht gegen seinen Wunsch handeln, nicht gegen sein Wissen!« »Sie sollen nicht handeln, Eveline, Sie sollen nur nicht zur Erschwerung der Lage beitragen; mir überlassen Sie das Uebrige!«

»Wohlan denn,« sprach Eveline, »ich habe so großes Vertrauen in Sie; ich will thun, was Sie wünschen!«

Mühlberg war mit dem Resultate seiner Besprechung zufrieden. Evelinens glücklicher Charakter und ihre reine ideale Auffassung ließen ihn hoffen, die Gefahr vielleicht an ihr vorüber gehen zu sehen, ohne daß sie dieselbe in ihrem ganzen Umfange erkannt hatte. Er schied daher leichteren Herzens, als er gekommen war.

Henriette hatte das Haus, welches sie bisher bewohnte, verlassen und ein kleines Häuschen bezogen, welches in einem ruhigen Stadttheile lag. Sie hatte den Engagements-Antrag des Directors für die nächste Saison angenommen, ihre Verhältnisse erlaubten ihr daher, sich behaglich einzurichten und auch die Gesellschaften, welche Mühlberg nöthig fand, hatte sie gefunden.

Monate sind seitdem vergangen, wir finden nun Henrietten in ihrer neuen Behausung wieder. Mit dem Mädchen ist eine bedeutende Veränderung vorgegangen! Eine gewisse Rastlosigkeit, die ihr eigen war, so lange die Zukunft als etwas Ungewisses vor ihr lag, eine ängstliche Ungewißheit, besonders anderen, in glücklichen Verhältnissen lebenden Personen gegenüber, welche aus der Furcht entsprungen war, dieser zu bedürfen oder ihnen lästig zu werden, war von ihr gewichen.

Nun aber war die Gegenwart gesichert, die Zukunft lächelte ihr freundlich entgegen, sie war ruhiger geworden, trat den Menschen daher auch freier, ja vorurtheilsloser entgegen. Ihre Beziehungen zu Franz und Evelinen hatten sich scheinbar, ohne Absicht von einer oder der anderen Seite, gelockert. Eveline brachte ihre Abende seltener zu Hause zu und Henriette mußte manche Einladung bei Mühlberg befreundeten Familien annehmen.

Zur großen Verwunderung Evelinens hatte Franz, als Henriettens Besuche seltener wurden, nur eine flüchtige Frage deßhalb gestellt. Ja er war an den Abenden, an welchen sie erschien, nicht immer zu Hause geblieben, hatte nur wenig mit ihr gesprochen. – Fast that es Evelinen weh, ihn so rasch verändert zu sehen; diese Unbeständigkeit, ja Launenhaftigkeit, wofür sie es hielt, hätte sie ihm, und besonders in solchʼ ideellem Verhältnisse, nicht zugetraut.

Mühlberg sah tiefer, er nahm in Franzens Betragen etwas Erzwungenes, ja eine Gereiztheit wahr, die ihn vermuthen ließ, daß irgend etwas vorgefallen sei, doch da Henriette nicht sprach, wollte er nicht fragen. – Und höchst zufrieden, die Dinge auf diesem Standpunkte angekommen zu sehen, ließ er es am liebsten gehen, wie es eben ging.

Henrietten fiel es anfangs schwer, von Franz so kalt behandelt zu werden, sie litt gar sehr darunter. Aber sie ging ruhig und sicheren Schrittes vorwärts, sie seufzte nicht in nutzloser Sentimentalität, sie klagte sich nicht an, weil sie fühlte, daß Franz ihrem Herzen näher stand, als es hätte sein sollen, aber sie kämpfte mit allʼ ihr zu Gebote stehender Kraft gegen die sich selbst nicht eingestandene Neigung an.

Trotz der großen Aufmerksamkeit, die sie erregt hatte, war es Mühlberg gelungen, ihr überflüssige Bekanntschaften fern zu halten. Er war und blieb außer ihren Meistern der einzige männliche Besucher ihres Hauses! In der That bedurfte sie auch allʼ ihrer Zeit, um sich vorzubereiten und durch unermüdetes Einstudiren den Ansprüchen ihres Directors zu genügen.

An der alten Clara, so hieß ihre Gesellschafterin, hatte sie eine vortreffliche Wahl getroffen, denn diese wachte über ihr wie eine Mutter und wendete ihr allʼ die Empfindungsfähigkeit zu, deren ihr armes Herz, dessen Liebe nie Jemand verlangt hatte, fähig war.

Clara sah es nicht gerne, wenn ein Mann sich Henrietten näherte, selbst Mühlberg erregte eine Art Eifersucht in ihr. Einmal mißtraute sie durchgehends allen Männern, sie waren für sie etwas Fremdartiges – Feindliches, sie sah durchaus nicht die in gleicher Weise fühlenden Wesen in ihnen, wie Gattinen, Mütter oder Schwestern sie sehen. Für Clara waren sie etwas ganz Anderes. Ein Mann! Dem muß man unter jeder Bedingung mißtrauen! Das war das Glaubensbekenntniß des alten Fräuleins, die eigentlich nie einen Mann kennen gelernt hatte!

Clara hatte, seit sie in Henriettens Hause lebte, nur den einen Wunsch, ihre junge Freundin zufrieden zu stellen! Sie hatte das Häuschen eingerichtet, sie wollte es gerne allein in Ordnung halten, den ganzen Tag arbeitete sie und so lange noch etwas zu fehlen schien, kam sie nicht zur Ruhe.

Saß sie endlich still, so war es ihre größte Freude, sich mit Henriettens Garderobe zu beschäftigen und dabei auf deren Gesang zu horchen.

Die Anwesenheit und sichtbare Zufriedenheit der guten Alten hob Henriette, denn das Bewußtsein, das Glück eines Menschen, und sei er noch so gering, zu gründen, ist ein so schönes Gefühl, daß es unserem Herzen die größte Befriedigung gibt!

Clara war bald von allʼ den jungen Männern gekannt, die sie mit Henrietten auf deren täglicher Promenade sahen, und wenn sie nun allein ausging und von vielen Seiten freundlich gegrüßt wurde, lächelte sie still vor sich hin. – »Es soll Euch nicht gelingen, die Bekanntschaft der alten Clara zu machen,« dachte sie dann, »und wenn Ihr den Hut noch so tief vor mir abzieht!«

In ihrem Wesen war auch eine große Veränderung vorgegangen, sie war hier so nothwendig. Henriette sagte ihr dieß so oft als möglich. Was das arme alte Herz wol schon durchgelitten haben mußte, sich immer und überall überflüssig zu sehen. – Wer, der stets in glücklichen Verhältnissen gelebt hat, kann sich in dieß trübselig vegetirende Pflanzenleben ganz hinein denken? Ein Pflanzenleben, aber nicht an geeigneter Stelle, nicht in passendem fruchtbaren Boden, nein, ein Pflanzenleben an ungeeigneter Stelle, festgebannt am trübseligen Orte! – Mich ergreift es stets, sehe ich einen Baum, eine Pflanze in dieser Weise verkümmern! – Wenn ich Knospen entstehen und wieder welken sehe aus Mangel an jener reinen Atmosphäre, in der sie zu voller Blüthe hätten kommen können, ergreift mich tiefe Wehmut! – Und nun erst der Mensch? Ach, wie viele Herzens-, wie viele Geistesblüthen müssen so verkümmern! Clara war in solchem Vegetiren alt geworden, doch als ihr Haupt sich schon dem Alter beugte, da kam noch ein warmer Sonnenstrahl und sie richtete es wieder empor; das Glück kommt nie zu spät, und wäre es auch nur, um die letzten Tage eines duldenden Menschen zu verschönern, um so kostbarer ist ja die Freude, je kürzer sie währen kann!

Wir haben vorhin von Franz gesagt, daß er Henrietten anfangs als sein geistiges Eigenthum betrachtet und in diesem Gefühle glücklich gewesen war. Aber endlich war dieses Gefühl mächtiger geworden, als er selbst, es beherrschte ihn ganz, er konnte sich selbst nicht überwinden.

Er konnte Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden. Er liebte zum ersten Male tief, innig, leidenschaftlich, gränzenlos! Und das Weib, das er liebte, stand ihm ewig ferne! Seitdem er zu Henrietten gesprochen und jene trostlose Antwort von ihr erhalten hatte, glaubte er oft, sie zu hassen. »Das kalte herzlose Geschöpf,« rief er, »sie ist es nicht werth, meine glühenden Lieder zu singen! Die Heuchlerin!« dachte er dann wieder, »hat mich nicht ihr Betragen an manchem Abende zu der Annahme berechtigt, daß ich ihr nicht gleichgiltig sei?« – Traf er sie in dieser Seelenstimmung bei Evelinen, so behandelte er sie mit kalter Geringschätzung, doch bald darauf trat die Reaction ein und er sah wieder das himmlische Wesen, den Genius seiner Kunst in ihr. –

Das herrliche, starke Weib, welches ihrem Herzen Gewalt anthat und das Wort in der Brust verschloß zu seinem eigenen Besten!

Dann aber drohte sein Herz zu zerspringen, so groß wurde seine Sehnsucht nach ihr. Traf.er sie in solchen Stunden, so war es ihm unmöglich, ihr flüchtig, oberflächlich zu begegnen., Er sprach dann nicht mit ihr; ja, er würdigte sie kaum eines Blickes, wie die Anderen glaubten.

Henriette fühlte sich an solchen Tagen oft verletzt und gekränkt und dachte, er wolle sie mit Absicht demütigen, und doch war er ihr an solchen Tagen am nächsten, und doch liebte er sie an diesen Tagen am meisten. Und hätte sie sehen können, mit welchem Ausdrucke gränzenloser Leidenschaft sein Auge auf ihr ruhte, in Momenten, in denen er sich unbeobachtet sah, sie würde ihn verstanden haben. Aber es war ja besser, daß dem nicht so war. Sie war jetzt auch sehr fleißig, sehr beschäftigt, und bemühte sich, ihr Denken ausschließlich ihren Studien zuzuwenden. Ja, sie war oft so sehr in Anspruch genommen, daß sie des Abends am liebsten ausruhte. Es traten daher in ihrem Verkehre mit Evelinen immer größere Pausen ein. Sie suchte in Mühlbergʼs treuer Freundschaft Ersatz zu finden, und wären nicht neue Ereignisse eingetreten, der Kampf, welcher ihr Herz so schwer bewegt, wäre vielleicht von selbst zum Abschlusse gekommen.

 

* * *

 

Franz hatte seiner Familie gegenüber eine große Genugthuung erlebt, die sämmtliche Anverwandtschaft, die ihn bisher mit einer Art mitleidigen Lächeln betrachtet hatte, gestand nun mit Stolz ein, daß ein Talent aus ihrer Mitte entsprossen sei.

Während einige der jüngeren Mitglieder gekommen waren, um sich an seinen Erfolgen zu erfreuen, drangen die Eltern, vor Allen sein Vater, wiederholt in ihm, nach der Vaterstadt zu kommen und daselbst womöglich seine Oper zur Aufführung zu bringen. Das Letztere widerstrebte Franzen; er hätte es höchstens um seines Vaters Willen gewünscht.

Die Oper mochte dort aufgeführt werden, doch nicht während seiner Anwesenheit. Unmöglich aber konnte er den Bitten seines Vaters widerstehen, überhaupt nach der Vaterstadt zu kommen. So wurde denn auf wiederholtes Drängen die Abreise endlich festgesetzt. Eveline traf mit wahrer Herzensfreude die Vorbereitungen dazu. Sie hatte die Ihrigen, Vater, Bruder und Verwandte so lange nicht gesehen, sie kam unter solch glücklichen Verhältnissen wieder.

Sie war voll munterer Laune. Nur die mehrwöchentliche Trennung von Mühlberg, den sie nun täglich zu sehen gewohnt war, von Henrietten, fiel ihr schwer, sie bat ihn, den letzten Abend vor ihrer Abreise mit ihr und Franz zuzubringen und auch Henrietten zu bitten, sich für diesen Abend wenigstens frei zu machen, ihr denselben zu schenken.

Henrietten kam die Nachricht unerwartet, und sie war sehr betroffen darüber, denn hatte sie Eveline auch in der letzten Zeit selten gesehen, so war ihr doch das Bewußtsein, die Freundin in der Stadt zu wissen, ein wahrer Trost; es war ihr im ersten Augenblicke, als sie von der Abreise hörte, zu Muthe, wie in den vergangenen Tagen, in welchen ihr die Residenz so überaus öde und fremd erschienen war. Sie war nun vor der anberaumten Stunde zu Evelinen geeilt.

Henriette war in herzlichster Stimmung gekommen, um Abschied zu nehmen; es drängte sie, Evelinen und Franzen zu danken, ihnen ein herzliches Lebewohl zu sagen. Sie hatte Evelinen in traulicher Herzensergießung tief bewegt gesagt, was ihrem Herzen geworden sei, wie schwer ihr der Abschied falle. Dadurch trat die gute alte Stimmung wieder ein; nur Franz fehlte, Eveline wünschte ihn herbei und wunderte sich über sein langes Ausbleiben. Endlich kam er, aber er benahm sich so gemessen und förmlich, daß auch Henriettens beabsichtigte Herzlichkeit nicht zu Tage kommen konnte.

»Ich werde Sie sehr vermissen, liebste Henriette,« sprach Eveline warm, »und auch sie bedauert unser Weggehen tief, Franz.« Eveline hatte längst in ihrem Inneren Mühlberg für einen Schwarzseher erklärt, der ohne Ursache das schöne Freundschaftsverhältniß gestört hatte.

»Bedauert sie es wirklich, daß Du fortgehst?« erwiderte Franz mit einem leisen Anflug von Ironie. »Sie hat das in letzter Zeit aber nicht bewiesen, und«, sprach er, sich lachend zu Henrietten wendend, »unsere Abwesenheit wird nicht länger währen, als die Pausen, die Sie eintreten ließen, um die Freundin zu sehen Sollte man da nicht ein wenig an der Aufrichtigkeit dieses so tiefen Bedauerns zweifeln dürfen?« Henriette, tief verletzt, fand kein Wort der Erwiderung und verabschiedete sich bald darauf.

Sie unterdrückte mühsam ihre Thränen, als Franz ihr kalt und förmlich Lebewohl sagte; Eveline, die sie begleitete, zog, in der Vorhalle angekommen, Henriette die kleine Treppe hinauf bis in ihr Zimmer. »Sie müssen ein Andenken von mir mitnehmen,« rief Eveline, das Mädchen umarmend, »damit Sie täglich meiner gedenken,« und bei diesen Worten schlang sie ein feines Goldkettchen, an welchem ein kostbares Medaillon hing, um den Hals. »Es enthält mein Haar, versprechen Sie mir, es zu tragen.« – »Henriette,« fügte sie dann hinzu, »ich glaube, Franzens Abschied hat Sie verletzt. Er ist ungerecht. Verzeihen Sie ihm um meinetwillen!

Henriette fuhr in Mühlbergʼs Begleitung ihrem Hause zu. Sie konnte ihrem Herzen nicht länger gebieten und beklagte sich bitter über Franz.

»Ich wußte, daß es so kommen würde,« erwiderte Mühlberg, »seine frühere Stimmung war unnatürlich, da bedurfte es bei seinem Charakter nur eines Anstoßes, um in das andere Extrem umzuschlagen. Uebrigens ist, glauben Sie mir, dieß gewiß die beste Wendung, die Franzens Betragen gegen Sie nehmen konnte. Und hoffentlich wird, wenn auch sie sich gleich bleiben, bei der Zurückkunft unserer Freunde die allseitige richtige Stimmung und ein passendes Verhältniß eintreten.«

Henriette war nicht dieser Ansicht; sie widersprach jedoch nicht und blieb nachdenkend, bis sie, vor ihrer Wohnung angekommen, sich von ihm verabschiedete.

»Könnte Franz mich jemals hassen?« dachte sie schaudernd, als sie allein geblieben war. »O, besser doch, als – er liebte mich! Ja besser, besser,« rief sie, »und sollte ich auch noch tausendmal mehr leiden, als ich schon durch bittere Worte und kalte Geringschätzung von ihm litt,« und sie preßte bei diesen Worten das Medaillon Evelinens an ihre Lippen.

Sie öffnete das Fenster, eine balsamische Luft strömte herein^ Die blühenden Bäume der gegenüber liegenden Gärten hatten die Luft mit ihren Wohlgerüchen erfüllt, kein Lüftchen regte sich, kein Laut unterbrach die Stille. Henriette saß lange unbeweglich am Fenster, sie kam sich wieder recht einsam und verlassen vor, und ihre Gedanken weilten bei der glücklichen schönen Vergangenheit. Da plötzlich schien es ihr, als hebe sich eine Gestalt von der dunklen Gartenmauer ihrem Häuschen gegenüber ab. Sie blickte genauer hin, und eine heiße Röthe ergoß sich über ihre Wangen. Eine unbedachte, unendliche Freude zuckte durch ihr Herz – es war Franz! Franz, der gekommen war, einen anderen herzlichen Abschied zu nehmen, einen Abschied, von dem Niemand, sie selbst nichts wissen sollte. Der Mond fiel hell auf seine Züge. Ach, welchʼ schmerzlichen Ausdruck sie trugen! Wie blaß er in dem fahlen Mondlicht aussah.

Er konnte Henrietten nicht sehen, denn der leichte Vorhang entzog sie seinen Blicken. Er stand lange da und blickte nach ihrem Fenster, endlich wandte er sich zum Gehen. Als er um die Ecke bog, streifte ein Blüthenzweig sein Haupt. Noch ein Mal blickte er zurück, dann pflückte er von den herabhängenden Zweigen eine Blüthe – einem Erinnerungszeichen gleich von dem Grabe der Geliebten – drückte sie an feine Lippen und verbarg sie an seiner Brust.

Nachdem das erste unwillkürliche Gefühl der Freude vorüber war, nachdem das in lautem Jubel klopfende Herz sich beruhigt hatte, erschrak Henriette vor sich selbst. Sie preßte ihr Gesicht in ihre Hände, und heiße Thränen netzten es.

»Mutter!« rief sie, »Mutter! schütze Dein Kind!« Sie wußte nicht, wie lange sie da gesessen, ob sie geschlummert oder gewacht hatte, als sie sich sanft berührt fühlte. Erschrocken fuhr sie auf; es war nur die gute Clara, die gekommen war, nach ihr zu sehen und nun die Fenster schloß. Sehr unwillig darüber, daß Henriette sich der Nachtluft ausgesetzt, ruhte sie nicht eher, bis ihre Herrin sich zur Ruhe begab. 

 

* * *

 

Franz und Eveline traten ihre Reise in der günstigsten Zeit, in der herrlichsten Frühlingszeit an. Eveline jubelte vor innerer Seligkeit; es war keine geringe Befriedigung für sie, nach dem Erfolge, den Franz errungen hatte, mit ihm zu ihrer Familie zurückzukehren. Zu ihrer Familie, die an ihm gezweifelt, die ihn getadelt hatte. Franz hatte beschlossen, die Reise zu Wagen zu machen, da der Weg durch eine herrliche Gegend führte. Sie waren sehr zeitlich ausgefahren, und rasch ging es durch duftende Wiesen und Felder dahin, während diese noch im Morgenthau glänzten.

Eveline wurde nicht müde zu plaudern und Franzen bald auf diese, bald auf jene Schönheit des Weges aufmerksam zu machen.

Er lag in dem bequemen Reisewagen zurückgelehnt und beantwortete ohne besondere Theilnahme ihre heiteren Bemerkungen. Einem Fremden hätte der schwermütige Ausdruck in seinen Zügen wol auffallen und zu der Frage bewegen müssen, was dem jungen Manne fehlen möge, der an dem lieblichen Sommermorgen an der Seite der heiteren jungen Frau in die schöne Welt hinausfahren und doch so traurig sein konnte.

Eveline jedoch war nun schon an seine Art gewöhnt.

Als sie bei der ersten Poststation ankamen, mußten sie auf frische Pferde warten und benützten diese Verzögerung, um einen kurzen Spaziergang durch das Dorf zu machen.

Es war Sonntag. Geputzte Bauernmädchen und Kinder kamen ihnen entgegen; eines derselben trug einen Strauß frisch gepflückter Feldblumen, es reichte ihn Evelinen und wurde von dieser reichlich beschenkt.

Als sie zum Posthause zurückkehrten, stand die freundliche Wirthin, eine junge, blasse Frau, sie erwartend und lud sie ein, das eben bereitete Frühstück zu nehmen.

An das Haus stieß eine Wiese, und dort hatte sie den Frühstückstisch in offener Laube gestellt. Während des Mahles bediente die Wir­thin, Evelinen mit großem Wohlgefallen betrachtend. Sie ging und kam öfter als nöthig gewesen wäre, und schien etwas auf dem Herzen zu haben. Endlich sprach sie schüchtern: »Ich hätte eine große Bitte.«

»Sprechen Sie dieselbe nur aus,« erwiderte Eveline ermuthigend.

»Wir haben morgen Kindstaufe, mein armes, kleines Mädchen, das so schwächlich zur Welt kam, daß wir es erst morgen (schon vier Wochen alt) taufen können, ist so zart und fein, als wäre es vornehmer Leute Kind. Die schöne, junge Frau hier hat gewiß einen recht vornehmen Namen, ich möchte sie bitten, mir ihn zu nennen und zu erlauben, ihn meinem Töchterchen als Taufnamen beizulegen.

Eveline berührte diese Bitte sehr angenehm, und sie nannte der Frau mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit ihren Namen. »Kann man Euer Töchterchen nicht sehen?« frug sie die dankende Wirthin.

»Gewiß!« rief die Frau erfreut und lief schnell fort, das Kind zu holen. Mittlerweile war der Wagen vorgefahren, und die Frau ließ noch immer auf sich warten. Endlich kam sie eilends, ihr Töchterchen im Arme, letzteres sehr herausgeputzt, was das lange Ausbleiben erklärte. Aber aus den vielen Krausen und Bändern schaute ein so zartes, liebliches Gesichtchen heraus, und ein Paar schwarze Augen, die das Kind jetzt aufschlug, blickten so klar, daß Eveline sich von dem Kinde kaum trennen konnte. Sie hatte es der Wirthin abgenommen und erschien nun selbst so lieblich mit dem zarten Kinde am Arme. Franz stand am Eingange der Laube gelehnt und blickte hinüber. Er blickte so ernst auf das liebliche Bild! Er mahnte nun zum Aufbruche, und Eveline, die das Kind noch eilends beschenkte, versprach, auf der Rückreise ihr Pathchen, wie sie es scherzend nannte, zu besuchen.

Unsere Reifenden stiegen nun in den Wagen, den die kleine Dorfjugend gaffend umstand, auch die Wirthin, das Kind im Arme, begleitete sie; sie stand da, bis der Wagen abfuhr, und blickte ihm nach, bis die Posthornklänge nur noch aus der Ferne herübertönten.

Eveline aber dachte noch lange der blassen, jungen Mutter und des lieblichen Kindes, das ihren Namen tragen sollte. Sie lehnte sich etwas ermattet in den Wagen zurück und war im Begriffe einzuschlummern, als sie plötzlich Musik und fröhlichen Gesang vernahm. Sie beugte sich vor, zu sehen, wer in der Mittagshitze so frisch zu singen vermochte.

Sie erblickte einen Trupp Zigeuner, hübsche, junge Leute, die sich bereits dem Wagen genähert, nun bemerkend, daß Eveline nach ihnen blickte, mit der ihnen eigenen Zudringlichkeit rasch an diese heran kamen. Gewohnt, von den Meisten auf den ersten Andrang verjagt zu werden, hörten sie sich zu ihrem Erstaunen von Franz freundlich angeredet.

»Was spieltet Ihr vohin?« frug er den jungen Burschen, der, die Violine in der Hand, dicht an den Wagen herantrat, während zwei Andere, gleichfalls im Besitze von Violinen, ihm folgten. Die Weiber hielten sich in etwas größerer Entfernung.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte jener, seine weißen Zähne zeigend.

»Du weißt es nicht?«

»Ich habe mir das so zusammengesetzt.«

»Spiele es mir wieder vor, und ich schenke Dir dieß,« und Franz zeigte ihm einige Geldstücke.

Die Augen des Burschen funkelten, er faßte seine Violine, und bald strich er lustig darüber hin, doch nur der Anfang glich dem vorhin Gehörten, denn er ging bald, wie ohne es selbst zu wissen, in andere Weisen über. Die Uebrigen spielten nicht immer zugleich mit dem Ersten; sie folgten ihm versuchend und fielen dann doch stets wieder voll mit ein.

Franz fühlte sich durch dieses Concert auf offener Landstraße gefesselt; er horchte voll Interesse.

»Es war dasselbe und doch auch wieder nicht,« sprach Eveline, als sie geendigt hatten.

»Ja, Noten kennt der Zigeuner nicht, er spielt, wie es ihm aus der Seele bricht,« sprach Franz. Er hat sie verstanden, diese wandernden Söhne des Südens, die nirgends Rast noch Ruhe finden; er hat sie verstanden, der unglückliche Dichter der drei Zigeuner.

»Aber sie scheinen glücklich und froh,« rief Eveline, »ja, das sind sie wol auch, sie scheinen mir beneidenswerth.«

»Sie sind auch Künstlernaturen, diese herumziehenden Musiker, sie wissen nichts von unseren Sitten und Gebräuchen, unseren Leiden, frei leben sie, wie die Vögel in der Luft.«

Der Violinspieler trat jetzt heran, um sein Geschenk in Empfang zu nehmen. Ein blutjunges Zigeunerweib, ihr Kind am Arme, drängte sich hinzu und streckte ihre Hand Evelinen entgegen. »Legt einen blanken Thaler darauf, und ich will Euch wahrsagen, hohe Frau,« rief sie.

»Ja, mein Weibchen versteht die Zukunft zu lesen, wie keine sonst,« rief der Violinspieler dazwischen.

Eveline reichte ihr freundlich die Hand, auf die Franz den begehrten Thaler legte. Das Weibchen las sehr aufmerksam die Linien in Evelinens Hand. Endlich sprach sie: »Nehmt Euch vor schwarzen Augen in Acht, sie bringen Euch Unglück.

Eveline lachte. »Ja,« sprach sie, »da irrst Du Dich, denn bis jetzt haben mir schwarze Augen nur Glück gebracht,« und sie sah demütig in die schwarzen Augen des geliebten Gatten.

Der Trupp setzte sich nun in Bewegung, denn Franz bedeutete dem Kutscher, weiter zu fahren.

»Welchʼ herrliche Freude gewährt das Reisen!« rief Eveline. »Es wundert mich nicht, daß es Dich immer und immer wieder fortzog. Wie in einem Panorama ziehen die lebenden Bilder an uns vorüber. Doch was sinnst Du? Hat die Zigeunerweise Dir einen musikalischen Gedanken gegeben? Wirst Du ein Lied componiren?«

»Ja, für Dich, Eveline,« sprach er freundlich, doch so rasch, als wollte er etwas gut machen, einen Gedanken vielleicht.

Der Nachmittag verging schnell. Die beiden Reisenden, durch die mehrstündige Fahrt ermüdet, ruhten bequem im Wagen und gaben dem behaglichen Gefühle Raum, das die Sonntagsstille erzeugt.

Kein Laut war zu hören, nur die summenden Bienchen unterbrachen die Stille, welche, so oft auch verjagt, doch immer wiederkehrten, um den süßen Nektar aus den Feldblumen, die im Wagen lagen, zu sangen. Manch mal kam auch ein schöner, bunter Schmetterling daher, sich leicht in der Luft wiegend, schwebte er von Blume zu Blume und flatterte bald wieder davon.

Franz blickte nach Evelinen, die mit halbgeschlossenen Augen und lächelnder Miene ausruhend dem Spiele zusah. Süßer Friede lag auf ihren milden Zügen.

Franz blickte sie lange an, ohne daß sie es bemerkte. »Wie glücklich sie aussieht!« dachte er – »und ich – ach, wie beneide ich sie um diesen Frieden!« – Franz litt unaussprechlich, es schien ihm, als müßte er wieder umkehren. Er fühlte seine Lage immer unerträglicher werden. Da durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke, ob das Leben denn getragen sein müßte, aber das währte nur einen Augenblick, dann schämte er sich seiner Schwäche.

Der Tag neigte sich zu Ende, als sie bei dem Gasthause ankamen, in welchem sie übernachten wollten. Es war ein schönes, freundliches Haus, sonst eines der besuchtesten Gasthäuser, war es seit dem Bestehen der Eisenbahn ziemlich verödet.

Eveline fand zwei behagliche Zimmer mit dem Blick auf den See, an dessen Ufern das Haus lag, zu ihrer Verfügung. Sie eilte an das offene Fenster, und die herrlichste Aussicht entfaltete sich vor ihren Blicken. Entzückt beugte sie sich aus dem Fenster und sog die frische Seeluft mit Wonne ein, ließ die trunkenen Blicke aus dem herrlichen Wasserspiegel ruhen, der in den Strahlen der untergehenden Sonne roth und golden erglänzte.

Sie gönnte sich den Genuß nicht allein und rief Franz, der sich ermüdet auf das Sopha hingelehnt hatte. »Laß mich ausruhen,« erwiderte dieser, »ich kenne das schöne Bild, das Dich so sehr entzückt, aus früherer Zeit.«

»Es ist einer der schönsten Punkte, die ich kenne,« rief Eveline.

»Ich muß mit Dir nach Italien gehen, Eveline, Du hast noch zu wenig von der Welt gesehen.«

»Ach, wie herrlich!« rief sie, »wann gehen wir dahin?«

»Im nächsten Jahre, Eveline, wenn ich lebe,« fügte er hinzu.

»Franz!« – Mit diesem Ausrufe stürzte Eveline auf ihn zu. »Franz, wie kannst Du solchʼ grausame Worte aussprechen!« und die Thränen traten ihr in die Augen.

Franz entschuldigte sich, so gut er konnte. »Kind,« sagte er, »nehme es nicht so ernst und verzeihe mir; ich weiß in der That selbst nicht, wie das Wort mir einfiel.«

Franz wußte es wirklich selbst nicht, aber er fühlte sich müde; der. Monate lange Kampf hatte ihn erschöpft, doch Henriettens Nähe hatte ihn bisher aufrecht erhalten. Je weiter er sich von ihr entfernte, desto abgespannter fühlte er sich, desto gleichgiltiger wurde ihm das Leben. Lange hatte ihn der Gedanke gequält, was sein Leben an Henriettens Seite hätte werden können, und dieser Schmerz, an dem er so sehr gelitten, war doch leichter zu tragen gewesen, als die Abgespanntheit, die sich heute seiner bemächtigt hatte. – »Es gibt kein Glück in der Welt,« sagte er sich, »Alles nur eitles Kämpfen und Haschen.«

Franz zwang sich nun, heiter zu erscheinen, er bedauerte das unbedachte Wort um Evelinens wie um seinetwillen, denn er fühlte, wie unerträglich sein Zustand erst werden müßte, falls Eveline aus ihrer Ruhe aufgeschreckt würde.

Er machte einen Spaziergang an den Ufern des Sees mit ihr, er erzählte ihr von Italien, und sie hing glücklich an seinem Arme.

Als Eveline am anderen Morgen erwachte, hatte Franz bereits das Zimmer verlassen. Er war mit Sonnenaufgang ausgegangen, so sagte ihr die Kammerfrau, und wollte um die Frühstücksstunde wieder zurück sein.

Franz hatte wenig geschlafen und war hinausgeeilt, um in der Schönheit, in der Weihe der erwachenden Natur seine Seele zu baden. Der See lag noch im Schatten, nur die Spitze des Berges war von der Sonne beleuchtet.

Franz empfand Sehnsucht, den Berg zu erklimmen und von da aus weit hinaus zu schauen und zurück in das Land. Er stieg langsam den etwas mühsamen Bergpfad hinan. Alles war ruhig, füll um ihn her; die Natur schien erst aus ihrem Schlummer zu erwachen. In dieser Ruhe und Stille, in der Alles zu schlummern schien, und doch auch wieder lebte, fühlte er sich wohl und genoß eines friedlichen Momentes, wie er ihm feit lange nicht zu Theil geworden war.

Er hatte beinahe die Hälfte des Berges erklommen, als er frohe Menschenstimmen hörte. Bald lichtete sich der Wald, und er betrat eine Wiese, auf welcher ein Bauernhaus stand. Die kleine Familie, die es bewohnte, schickte sich eben an, in die Arbeit zu gehen, ein junges Ehepaar und ein Kind von etwa vier Jahren, das sie mit sich nahmen.

Sie sahen alle froh und glücklich aus. Franz grüßte die Leute freundlich. Die Frau bot ihm einen Ruheplatz auf der Bank vor dem Hause und ein Glas Milch an. Die Milch sei noch lauwarm und die beste, die er haben könnte, besser, als unten im Dorfe, sagte sie. Franz nahm das freundliche Anerbieten dankend an.

Der junge Bauer setzte sich darauf in Bewegung. »Ich gehe voraus,« rief er. »Komm bald nach, aber gehʼ nur hübsch langsam,« fetzte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu, »Du weißt weßhalb.« Die Frau nickte bejahend und erröthete.

»Du, Kleine,« sagte er dann noch lachend, »gib mir auf die Mutter Acht, daß sie den Berg hinunter langsam geht!«

Die Kleine schaute ganz ernsthaft drein und versprach Acht zu haben. Franz interessirte und zerstreute dieses kleine Intermezzo.

Als der Mann fort war, brachte die Frau rasch die Milch im reinlichen Glase auf buntbemaltem Teller. Franz hatte auf der hölzernen Bank vor dem Hause, die ein Apfelbaum überschattete, Platz genommen. Die Milch war köstlich. Er dankte der freundlichen Wirthin und ließ ein Silberstück in die Hand des Kindes gleiten, da die Frau keine Bezahlung annehmen wollte.

»Wir habens nicht nöthig, Herr,« sprach sie, »wir haben die schönsten Kühe oben auf der Alm und wohnen hier nur bis das Jahr zu Ende geht.« Und sie erzählte nun, daß sie, des reichen Müllers einziges Kind, vor fünf Jahren den armen Waldbauer geheiratet habe. Anfangs fei es freilich recht knapp gegangen, der Vater habe nichts hergeben wollen, denn die Heirat sei ihm nicht recht gewesen. Der Vater, der konnte freilich nicht begreifen, daß sie gestorben wäre ohne ihren Liebsten, und er ohne sie. »Wir haben es auch nie bereut, denn wir waren immer froh und glücklich,« fuhr sie fort.

»Im letzten Jahre da hat den Vater der Friede und das Glück da oben denn doch gefreut, und er hat schon vielerlei heraufgeschickt, aber wir waren darum nicht froher. Jetzt ist er todt,« fügte sie traurig hinzu, »und wir sind reich geworden. Aber wir bleiben doch noch bis der Pacht zu Ende geht, wir sind so glücklich hier!«

Also hier in dieser ärmlichen Hütte wohnte das Glück und ein besseres Verständniß des Lebens, als er es gehabt hatte. Franz dachte an seine eigene kühle überlegte Werbung. Seine kurze Ruhe war dahin; er stand ans und grüßte die Frau, welche die rasche Veränderung in seinen Zügen wahrnehmend, ihm kopfschüttelnd nachsah.

Er stieg immer höher empor und bemerkte es kaum, daß die Sonnenstrahlen sich immer brennender auf seinen Scheitel senkten. Er dachte, indem er so durch den stillen, duftenden Wald empor stieg, welchʼ namenloses Glück sein Theil geworden wäre, wenn er Henriette seine Braut genannt hätte, er erinnerte sich deutlich jenes stillen, freundlichen Gefühles, mit dem er Eveline an jenem Abende an den kleinen künstlichen See – ach, es war doch viel künstlich dabei gewesen! – in seine Arme geschlossen hatte, er frug sich, welchen Antheil die Familie, die Verhältnisse an seiner Werbung gehabt, und jetzt wieder dachte er sich frei, unten am dunklen See oder hier oben, ferne von den Menschen und Henriette an seiner Seite. Er sah sie vor sich, die hohe Gestalt, und er dachte, wie es geworden wäre, wenn er sie hier seine Braut genannt hätte. Und heiße Glut erfüllte sein Herz; die Ahnung unnennbarer Seligkeit durchbebte ihn selbst jetzt, wo der Schmerz um ein verlornes Lebensglück doch fein Herz so ganz erfüllte.

»Vorbei! unwiederbringlich verloren, für immer!« Dieser Schmerzensruf entrang sich seinem gequälten Herzen, und wie bewußtlos ging er nun vorwärts. Er hatte den Gipfel erstiegen und wußte kaum, wie er hinauf gelangt war. Das Bild, das sieh plötzlich vor seinen Blicken entrollte, entriß ihn momentan seinen Träumen. Bis gegen die Residenz zurück konnte man sehen und weit hinaus in das angränzende Land. Unter ihm aber lagen Felder und Wiesen in wechselnden, braunen, grünen und bunten Farben, und dazwischen funkelte und glänzte der See, wie ein großes, herrliches Auge. Der würzige Wald, aus dem sich die lustige Vogelschaar erhob, streckte seine grünen Wipfel hoch in die Lüfte. So klein aber erschienen die Häuser da unten im Dorfe, die Menschen wie Punkte. Franz stand lange da, den Blick sehnsüchtig nach der Richtung gewendet, in welcher die Residenz lag, dann blickte er nach dem Dorfe hinunter. »Wie groß ist die Natur in ihrer Schönheit und mit ihren Schrecken!« dachte er, »aber um wie viel größer muß das Menschenherz sein, das so viele bittere Leiden in sich schließen, eine Hölle – und einen Himmel erfassen kann! O, müßte ich nie wieder zu den Menschen zurückkehren und lächeln mit blutendem Herzen, sprechen mit abwesendem Geiste und heucheln! Hier könnte ich wenigstens athmen, weinen, meinen Schmerz hinausschreien in den Wind.«

Franz warf sich auf den grünen Boden nieder und preßte sein Antlitz in den Rasen. Duftende Blumen mit weichen, zarten Blüthen legten sich schmeichelnd an sein Angesicht. Eine Lerche erhob sich aus dem Busche dicht neben ihm und schwebte trillernd hoch empor in den blauen Aether. Franz lag lange da, der brennende Schmerz beruhigte sich endlich, und es wurde still in seinem Herzen.

»Da war allʼ mein Erdenleid wie ein trüber Traum vergangen, süße Todesmüdigkeit hielt die Seele nur umfangen.« Er fühlte sie mehr, als er sie dachte, diese Worte des Dichters.

Als er sich endlich erhob, stand die Sonne schon hoch, er trat daher den Rückweg an. Allein, er hatte auf den Pfad im Hinaufsteigen nicht geachtet und suchte nun vergebens nach der Lichtung und dem freundlichen Bauernhause. Er merkte bald, daß er den Weg verfehlt habe, und erst nach langem Umherirren kam er am Fuße des Berges an.

Eveline war indeß sehr besorgt. Kaum war die bestimmte Stunde verstrichen und Franz noch nicht zurückgekehrt, als sie sich auch schon zu ängstigen anfing. Es könnte ihm etwas zugestoßen sein, er konnte den Weg verfehlt haben; mit jeder Minute wuchs ihre Sorge. Sie entschloß sich endlich, ihm einen Mann aus dem Hause entgegen zu schicken. Sie selbst ging den See entlang, ihn zu suchen. »Ach, was würde aus mir, ohne meinen Franz!« dachte sie, als sie klopfenden Herzens am See-Ufer vorwärts eilte. »Bin ich doch wie eine Braut, ich könnte die Trennung von ihm nicht ertragen!«

Als sie in das Gasthaus zurück kam, war der Mann, den sie ausgeschickt hatte, noch nicht wieder gekehrt.

So verging noch eine qualvolle Stunde, bis endlich Franz müde und erschöpft heimkehrte. – Eveline warf sich in seine Arme. »Was habe ich gelitten!« rief sie. Franz blickte sie erstaunt an. »Du!« rief er, »Du, mein sonst so ruhiges Kind, was ficht Dich an?« Eveline verbarg ihren Kopf an seiner Brust. – »Ach, Franz!« rief sie »ich kann ohne Dich nicht leben, ich zittere immer für Dich!« –

Die Reise ging während dieses Tages gut und ruhig von Statten, es ereignete sich nichts Besonderes und am Abende des nächsten Tages schloß Evelinens Vater sein Kind beglückt in die Arme.

Franz wurde mit lautem Jubel bewillkommt und es war kein kleiner Kreis, der die Ankommenden erwartet hatte; der größte Theil der Familie war erschienen, diese zu begrüßen. – Eveline, die nach langer Abwesenheit zum ersten Male die Räume wiedersah, in denen sie ihre glückliche Mädchenzeit verlebt hatte, fühlte sich tief ergriffen, als sie in das kleine freundliche Zimmer trat, in welchem ihr Leben so still und friedlich verstrichen war.

Nie hatte hier ein unbefriedigter Wunsch die Ruhe ihres Gemütes gestört! Franz war ihre erste Liebe gewesen und so hatte die Rückkehr in diese Räume nur angenehme und heitere Erinnerungen.

Eine alte Dienerin, die schon mit Evelinens Mutter in das Haus gekommen und von Evelinen bis zu deren Hochzeit nie getrennt gewesen, empfing die junge Frau mit Freudenthränen. »Ach, wie traurig war es hier ohne Sie!« rief die treue Seele, »der Herr Vater haben immer nach Ihnen gebangt und gar oft seinem Unmuthe gegen den jungen Herrn Luft gemacht!«

An dem Tone ihrer Stimme konnte man erkennen, daß die gute Alte auch nicht zu Franzens besonderen Freunden gehöre. Eveline ließ sie reden, sie mußte es ja der langjährigen Treue zugute halten.

Auch wünschte sie zu erfahren, wie man nun in der Familie gegen Franz gestimmt sei, der sich ja durch sein Fernhalten, durch sein sichtbares Unbehagen an dem Familienkreise Feinde geschaffen hatte. – Die gute Alte meinte, es sei eben keine besondere Aenderung in der Stimmung eingetreten.

Franz bezog einen Flügel in dem Hause seines Vaters, den dieser mit allem Comfort für den Sohn hatte herrichten und mit Gegenständen, die diesem sonst gefällig, ausschmücken lassen.

Der Vater hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn für die Zeit feines Besuches bei sich zu haben und Franz war gerne damit einverstanden. Hatte er doch außer an dem Vater, an Niemanden Interesse in der Stadt, und wenn ihre Ideen auch auseinandergingen, so mußte er doch selbst aus allʼ den seinen Wünschen entgegenstrebenden Handlungen die väterliche Liebe herausfühlen. Und so zeigte es sich auch jetzt, denn an der Freude des Vaters hatte die Eitelkeit den geringsten Theil. »Daß ich Dich nur endlich befriedigt sehe,« sprach er, »beglückt mich mehr als der Erfolg, der Deinen Namen so rasch bekannt machte. Ich hatte sehr gefürchtet, daß es zu spät sei, daß Du Dich in Dir selbst täuschest. Doppelt schmerzlich aber sind die Täuschungen in einem Alter, in welchem man nicht wieder aufʼs Neue zu hoffen anfangen kann! Ich bin daher befriedigt, auch wenn Du nichts Neues mehr schaffen solltest!«

Evelinens Bruder war anderer Ansicht, er meinte, Franz habe durch das Heraustreten, durch das Losreißen von seinem früheren Berufe gleichsam die Verpflichtung übernommen, sein Talent durch fruchtbares Schaffen zu bewähren, sein erstes Debut sei nur die Anweisung auf Weiteres.

Gerne hätte Franz sich ganz dem Vater gewidmet, allein bei den Festen, welche die Familie dem Gefeierten gab, durfte er nicht fehlen. Bei solchen Anlässen nun entging es den Anwesenden nicht, daß er während seiner Abwesenheit nicht heiterer, sondern tiefsinniger geworden. Dieß gab zu Combinationen Anlaß, die Evelinen peinlich berührten.

Franz entzog sich, sobald er konnte, allem Verkehre, denn auch in der Künstlerwelt seiner Vaterstadt hatte er weniger Wohlwollen gefunden, als er erwartet. Bei seiner früheren Anwesenheit hatte man in ihm nur den kunstliebenden, reichen Dilettanten gekannt und gesucht, der Compositeur traf schon auf Mißgunst. Kritiker wollten geschmeichelt sein, Compositeure, die ihre Opern nicht zur Aufführung bringen konnten, schrieben seinen Erfolg zum großen Theile seinen glänzenden Mitteln zu, diese Ansichten aber fühlte er heraus und litt darunter.

Eveline hingegen war im elterlichen Hause unter Verwandten und Jugendgespielinen in ihrem Elemente, sie hätte sich glücklich geschätzt, für immer unter ihnen bleiben zu dürfen und bedauerte das rasche Zurückziehen Franzens, welches auch ihr Zurückhaltung auferlegte.

»Ich wollte, Eveline,« sagte ihr Bruder eines Tages, nachdem er sich ziemlich heftig über diesen Umstand ausgelassen, »Du hättest eine andere Wahl getroffen, als Deinen glänzenden Franz, denn bei allem Stolze, den Du als seine Gattin zu empfinden scheinst, wird Dir doch nicht jenes Glück zu Theil, welches Deiner friedlichen, reinen und anspruchslosen Natur am meisten zugesagt hätte. Du kommst nie zu Ruhe bei Franzens leicht erregbaren phantastischen Charakter und zudem wäre es so herrlich gewesen, Dich immer bei uns zu behalten.«

Es ist nicht zu leugnen, daß Eveline in letzter Zeit zuweilen mit einer gewissen Wehmut darüber nachdachte, wie beglückend es gewesen wäre, ihr Haus in der Weise ihres Bruders einrichten zu dürfen. Der feine, elegante Ton, die heitere Stimmung und der ergebene Freundeskreis machten sein Haus zu einem schönen Asyle für ruhige Menschen.

Eveline mußte sich selbst gestehen, daß sie mit großem Kummer erkauft waren, die Freuden, die ihr an Franzens Seite zu Theil wurden, und von Verwandten um jenen glücklichen ersten Erfolg befragt, um die Freude, welche sie selbst empfunden haben müßte an jenem für Alle so bedeutungsvollen Abende, mußte sie es sich wiederholt sagen, daß ihr nicht jene Freude geworden war, welche sie erwartet hatte. Aber – was bedeutete dieß Alles gegen das Glück, von ihm geliebt zu werden, von ihm, der alle Anderen so hoch überragte!

Und Evelinens Bedenken machte bald wieder dem Gefühle unbeschränktester Hingebung Raum.

Ihrem Vater entging es indeß auch nicht, daß das Verhalten Franzens gegen sie viel zu wünschen übrig ließe. – Er war wol immer. freundlich und gütig, aber es lag doch in seinem Wesen jene Gleichgiltigkeit, die nicht unbemerkt bleiben konnte. – Ihr Kommen und Gehen schien er kaum zu bemerken, er frug nicht nach ihr, auch wenn sie ungewöhnlich lange ausblieb. – Trat sie dann unerwartet ein, so hatte Franz freundliche Höflichkeit, doch keine freudige Begeisterung für sie.

Und Eveline nahm es hin, wie eine unabänderliche Nothwendigkeit; doch wenn dann Franz plötzlich einmal wieder der Alte war, seine Mienen sich belebten, wenn das liebe Lächeln um seine Lippen spielte, das ihn so unwiderstehlich machte, wenn die Geistesfunken sprühten, ach, wie glücklich und entschädigt fühlte sie sich dann wieder.

Und wenn sie seiner dachte, und dieß geschah in allen Stunden, in denen sie einsam war, während er arbeitete oder weite einsame Spaziergänge machte, wenn sie dann seiner dachte, sah sie ihn doch nur immer so, wie sie ihn einst gekannt hatte, in feinem glänzenden Lichte.

 

Henriette hatte, wie wir wissen, die Abreise ihrer Freunde schmerzlich empfunden und einen harten Kampf gegen sich selbst zu bestehen gehabt. Nach und nach aber kehrte ihre Ruhe wieder und die Nothwendigkeit, jede Stunde ihren Studien zu widmen, wollte sie den an sie gestellten Ansprüchen Genüge leisten, trat dringend an sie heran.

Mühlberg war den in der That zu weit gehenden Ansprüchen der Direction nicht fremd. – Er half ihr aber auch das fast Unmögliche zu leisten, indem er mit ihr studirte, sie anzueifern verstand. Er hatte sich so sehr in den Gedanken, sie hätte ihm Tochter sein können, hineingelebt, daß sie ihm nur als solche erschien.

Manchen freien Abend verkürzte er ihr durch Mittheilungen aus der Vergangenheit oder anregende Gespräche, die ihre Anschauungen hoben, ihr Denken läutern mußten. Zuweilen begleitete er sie in die Oper. Nie aber ließ er einen Tag verstreichen, ohne sie zu sehen.

Henriettens zweites Auftreten hatte einen eben so großen Erfolg gehabt, als ihr erstes, und sie wurde rasch der entschiedene Liebling des Publicums. Trotz ihrer Beliebtheit aber lebte sie nach wie vor zurück gezogen und nahm selbst die freundlichen Einladungen vornehmer Familien nicht an oder beschränkte sich auf einen flüchtigen Besuch.

Eines Tages theilte ihr Mühlberg seine Absicht mit, ihr seinen Universitätsfreund, Professor Ullrich, der erst seit wenig Monaten in der Residenz lebte, vorzustellen. Professor Ullrich war ein Mann, der die Gesellschaft nicht suchte, der Natur oder seinen Studien lebte und so auch in der bewegten Residenz allein geblieben war. Als ein Verehrer des Gesanges hatte er bald von Henrietten gehört, sich von ihrer Kunst gefesselt gefühlt und endlich Mühlberg ersucht, ihn derselben vorzustellen.

Mühlberg hielt den Contact mit ernsten gediegenen Menschen, wie Professor Ullrich, für Henriette als äußerst wünschenswerth.

Der Professor war keineswegs eine liebenswürdige Erscheinung. Sein Aeußeres konnte auf den ersten Blick nicht eben anziehend genannt werden, auch fehlte ihm jene Leichtigkeit im Umgange, die nur durch Uebung erlangt wird. Allein, wer sich an seine Art gewöhnt und seinen geistreichen Verkehr kennen gelernt hatte, konnte nicht leicht darauf verzichten. Sein Herz war des zartesten Verständnisses, des innigsten Mitgefühles fähig, sein Geist strebte nach den höchsten Zielen. Keine Arbeit war ihm zu mühsam, zu trocken, wenn es galt, eine Wahrheit zu erforschen, Nichts aber auch zu gering, wenn es einen Anhaltspunkt für menschliches Interesse bot. –

Henriettens ernstes Wesen, ihr Verhalten hatten Eindruck auf ihn gemacht und ihn zu dem für ihn außerordentlichen Entschlusse gebracht, sich bei ihr einführen zu lassen.

Wir finden ihn nun eines Nachmittags mit Mühlberg bei Henrietten, deren einfache bequeme Häuslichkeit den guten Eindruck noch erhöhte.

Henriette war sehr begierig gewesen, den Mann kennen zu lernen, den Mühlberg ihr so warm geschildert hatte. – Sie kam ihm herzlich entgegen und so überwand er rasch die Scheu, die er fremden Damen gegenüber stets empfand, und sagte ihr geradezu, daß nicht nur ihr Gesang und ihre Erscheinung, sondern auch die Art ihres zurückgezogenen Lebens den Wunsch in ihm rege gemacht hätten, sie kennen zu lernen.

»Ich kann von Menschen, die immer umgeben sind und in fortwährendem Verkehre leben, nicht viel erwarten,« sprach er, »man versplittert sich auf diese Weise zu sehr, um dann noch ein frisches Ganzes in Denken und Empfinden bieten zu können. Nichts geht über ein gesammeltes Leben und dieß sollte, wie ich meine, Solchen, die sich der Kunst widmen, um so nothwendiger sein, ihnen aber auch um so leichter werden, als sie sich ja schon in ihren Leistungen der Welt gleichsam mittheilen; zersplittern sie noch die wenige Zeit, die ihnen gehört, im leeren Verkehre, was bleibt ihnen dann – um als bessere Menschen sich selbst anzugehören?«

»Und eben bei Künstlern habe ich diese Anschauung selten gefunden. Doch aber scheint mir geselliger Verkehr für den darstellenden Künstler auch wieder fördernd,« erwiderte Henriette. »Das Beste schöpft er aus sich selbst« meinte Ullrich, »sein Talent muß ihm den rechten Weg zeigen; er muß eins werden mit der Gestalt, die er darstellen will, sonst sehen wir aber nur etwas Gemachtes. Wenn wir mächtig ergriffen werden, dann ist die Individualität des Künstlers in seiner Schöpfung aufgegangen.«

Ullrich wiederholte seinen Besuch sehr bald und Henriette sah ihn gerne kommen, ja sehnte sich bald nach seinen belehrenden, erfrischenden Gesprächen. Denn mochte man von dem Unbedeutendsten sprechen, er wußte eine Seite herauszufinden, die ernst genug war, um zu interessiren.

Und so fand Henriette in dem Umgange mit ihrem alten Freunde und dem neuen Gelehrten ein glückliches Gegengewicht für ihren Kummer.

Ullrich konnte von besonderem Glücke erzählen, sogar die alte Clara sah ihn gerne.

Er hatte ihr Zutrauen eingeflößt, und sie pries ihn Henrietten als das Muster eines Mannes.

Es war natürlich, daß Franz und Eveline gar oft in den Gesprächs kreis unserer Freunde gezogen wurden. Ullrich hatte sich nach und nach ein Urtheil über Franz gebildet; da jedoch Franzens Gegenwart, seine persönliche Liebenswürdigkeit dazu gehörten, um ihn ganz richtig beurtheilen zu können, ja, um mancherlei auch nur natürlich zu finden, was eben nur ihm angemessen war, so hatte er sich kein wahres Bild von ihm geschaffen.

Mühlberg war mittlerweile zu einer neuen Auszeichnung gelangt, er war zum Musikdirector erwählt worden, eine Anerkennung von großer Bedeutung in der streng kritischen Stadt, in welcher man sich lange über die Wahl eines solchen nicht hatte einigen können.

Seine Zeit war nun aber auch durch die bindenden Verpflichtungen, welche ein festes Amt auferlegt, weit mehr in Anspruch genommen als zuvor.

Es war ihm daher nur erfreulich, den würdigen Ullrich sich Henriettens ernstlich annehmen zu sehen. Wäre Franz nach dieser Periode nicht mehr zurückgekehrt, Henriette hätte wahrscheinlich in friedlicher Ruhe weiter gelebt und jenes ersten Kampfes ihres jungen Herzens nur wie eines schmerzlichen Traumes gedacht.

Die Ruhe und Zufriedenheit, die sie in des Professors Umgang genoß, machte sie besser. Was sind sie uns für ein Trost, diese edlen, tiefen, ehrlichen Menschen! – Der Einfluß, den sie auf uns nehmen, ist wie der Segen Gottes, er erhebt und kräftigt uns im Guten und läßt uns zur Erkenntniß unserer selbst kommen.

Professor Ullrich hatte indessen dem Umgange mit Henrietten auch Manches zu verdanken. Er fing an, etwas mehr ans sein Aeußeres zu halten und es ist immer erfreulich, wenn Menschen von großem inneren Werthe auch durch ihre äußere Erscheinung einen freundlichen Eindruck hervorbringen.

»Liebe Henriette,« sagte er eines Tages lachend, nachdem Mühlberg eine scherzende Bemerkung über diesen Umstand gemacht hatte, »glauben Sie wol, daß diese Veränderung bei mir ganz unvermerkt eingetreten ist, so unvermerkt etwa, wie Sie nach und nach Geschmack gefunden haben an jener Lectüre, die Ihnen anfangs zu ernsthaft schien! – Ich habe,« fuhr er fort, »nach und nach das Bedürfniß zu empfinden angefangen, keine allzugroße Disharmonie durch meine vernachläßigte Erscheinung in Ihre nächste Umgebung zu bringen.«

Mittlerweile nahten die Ferien und Mühlberg schlug Henrietten vor, ihre freie Zeit auf dem Lande zu verleben. Professor Ullrich meinte, daß auch er nichts Besseres thun könnte, und so geschah es, daß, als man Henriettens kleines Haus geschlossen sah, eine ähnliche Wahrnehmung an dem Hause des Professors Ullrich zu machen war, ein Umstand, der freilich nicht von so Vielen bemerkt wurde.

Henriette zog nach dem Schwarzwalde. Sie miethete eine kleine, reizend gelegene Wohnung und fühlte sich, umgeben von einer herrlichen Natur, glücklich und froh.

Der frühe Morgen fand sie stets im Freien. Umrauscht von duftenden Tannen, umtönt vom Gesange der Vögel, sog sie in vollen Zügen die reinsten Freuden, die Freuden, welche die Natur uns bietet, ein.

Nie, seit ihrer frühesten Kindheit, hatte sie sich so sorgenlos und glücklich gefühlt. – Franzens Bild dämmerte wol in ihr Leben herein, aber wie ein stiller Schmerz, der nur im tief verschlossenen Herzen weiter leben darf.

So vergingen die ersten Tage. Eines Morgens sah sie einen Wagen ankommen, der Professor Ullrich brachte.

Bald nachher erschien er selbst bei ihr. Er sah viel besser und frischer aus, als gewöhnlich, denn die Freude spiegelte sich in seinen Blicken.

»Das nenne ich Luft!« rief er aus, »da wird das Athmen Genuß! Sie glauben nicht, wie ich mich darauf freue, ein paar Wochen hier zu bleiben! – Sie sehen vortrefflich aus, beste Henriette, es war ein köstlicher Gedanke, hierher zu gehen!«

Auch Henriette drückte ihm unbefangen ihre Freude über seine Ankunft aus. – Clara hatte indeß ein ländliches Frühstück bereitet, welches in gemütlichster Stimmung eingenommen wurde.

Der Professor wurde feit diesem Tage Henriettens treuer Begleiter auf ihren weiten Spaziergängen; schon des Morgens wartete er gerüstet in der Nähe des Hauses, bis sie erschien.

Auf diesen Spaziergängen gab es vielerlei Interessantes zu besprechen. Henriette kehrte stets geistig erfrischt zurück.

»Sie erhalten einen zweifachen Unterricht,« pflegte Ullrich zu sagen, »den einen ertheile ich Ihnen, den anderen die Vögel. Ich sehe an Ihren Mienen, daß Sie mit beiden Lehrmeistern zufrieden sind.«

»Ich wollte, es wäre gegenseitig,« erwiderte Henriette scherzend. »O, zweifeln Sie nicht daran; der Eine, welcher der Sprache mächtig ist, kann Sie dessen versichern, und die Anderen beweisen es, indem sie sich des Morgens auf den Bäumen vor Ihrem Hause versammeln und aufmerksam zuhören!«

»Sie sind zu nachsichtig und zu gut gegen mich,« pflegte Henriette zu sagen, wenn Ullrich kleine Aufsätze, die sie spielend über ihr Mitgetheiltes machte, lobte.

»Gewöhnlich sagt man dieß nicht von mir, ich war es auch sonst nicht, war überhaupt nicht so heiter und gesprächig, als ich jetzt bin. Sie wissen vielleicht nicht, wie viel Sie dazu beitragen!«

Dieses friedliche Leben wurde durch nichts unterbrochen, bis eines Tages ein Schreiben Evelinens Henrietten aus ihrem Gleichmute aufschreckte. Eveline schrieb in liebevollster Weise, wie sehr sie seit ihrer Trennung die Freundin vermißt habe.

Sie sprach ihr von dem Glücke, das sie im Schoße ihrer Familie empfinde, wie sie dieses jedoch nicht rein genießen könne, da Franz, sich derselben wenig nähernd, meist still im Hause seines Vaters lebe, und trüber gestimmt sei als je! Eveline wünsche nur aus vielen Gründen Franzens Oper in seiner Vaterstadt zur Aufführung kommen zu sehen. Sie glaubte, ihm selbst könnte daraus Erfreuliches erwachsen und auch der Familie willen wünschte sie es sehr. Dieser Wunsch scheine sich ihr zu erfüllen, denn Franz gehe daran, die Partitur dem dortigen Director unter der Bedingung zu überlassen, daß die Oper bis zu einer gewissen Zeit zur Aufführung käme. Es handle sich nur noch darum, zu wissen, ob Henriette sich entschließen könnte, nach H. zu kommen, um durch ihre Mitwirkung den Erfolg zu sichern.

Eveline zweifelte nicht, daß ihre Freundschaft sie dazu bestimmen werde.

Den Urlaub von der Direction zu erhalten, nehme Franz auf sich und so wäre wol Alles in der Ordnung.

Wie ein elektrischer Schlag erschütterte Henriette die Nachricht, daß Eveline, daß Franz sie riefen, daß sie ihn wiedersehen sollte.

Professor Ullrich, der eben anwesend war und Henrietten, während sie den Brief las, beobachtete, bemerkte staunend den ungeheuren Eindruck, den der Brief auf sie machte.

»Nun, Henriette!« rief er, als sie ihm dessen Inhalt mitgetheilt hatte, »ich sehe nichts Außerordentliches dabei; Sie werden natürlich gehen, um Ihre Freunde zu verbinden und – um neuen Ruhm zu ernten.« – »Ich weiß nicht, ob ich einwilligen darf,« sprach das Mädchen erregt. »Und weßhalb, wenn ich fragen darf? – Franz dürfte sich wol mit Recht über Sie beklagen, falls Sie nicht gingen.« »Franz,« erwiderte Henriette, »er hält mich für keine treue Freundin,« und ihre Stimme zitterte, als sie so sprach.

»Sie keine treue Freundin? Da thut er Ihnen ja bitteres Unrecht! Was kann ihn dazu veranlaßt haben?« frug jetzt Ullrich mit gesteigertem Interesse.

Henriette schwieg. Die lebhafte Erinnerung an das Erlebte machte ihre Pulse fliegen, Blässe und Rothe auf ihren Wangen wechseln, und sie schlug die Augen nieder, als sie Ullrichs prüfendem Blicke begegnete.

Ullrich erinnerte sich jetzt auch mancher auf Franz bezüglicher Aeußerungen und die er wol harmlos hingenommen, aber nicht vergessen hatte.

Eine Wolke zog über feine Stirne und seine Mienen nahmen unwillkürlich einen strengen Ausdruck an, den Henriette nie an ihm gesehen hatte.

Sie befand sich in peinlichster Verlegenheit, da sie seine Fragen nicht beantworten konnte, und sein Erstaunen natürlich finden mußte.

So kam die unbefangene Stimmung für heute nicht wieder und Ullrich verließ Henrietten früher, als gewöhnlich.

Der Professor machte einen langen Spaziergang, ohne viel auf die Umgebung zu achten, er war in Gedanken versunken und mitunter schien, was er dachte, ihn heftig zu erregen, denn er ging dann rascher, zog die dichten Augenbrauen zusammen und sah finster vor sich hin.

In seine Wohnung zurückgekehrt, setzte er sich an das Fenster des Häuschens, welches dicht auf den Berg ging und wo keine Menschenseele passiren konnte; er zündete seine Pfeife an und blieb dort unbeweglich sitzen, blaue Rauchwolken zum Fenster hinaus dampfend, die sich langsam gegen das grüne Blätterdach hinzogen.

»Ich werde doch kein Narr sein,« sagte er endlich zu sich selbst, »mich in das Mädchen zu verlieben! – Und wenn dieß nicht der Fall ist, was bedeutet dann dieser Zorn, dieser brennende Schmerz? – denn daß es nicht der moralische Widerwille, von der Erkenntniß erzeugt, daß dieser Franz ihr mehr ist, als er ihr sein sollte, allein ist, muß ich mir doch eingestehen!«

Und er versank wieder in Nachdenken und dampfte noch stärker, als zuvor.

Endlich beruhigte sich sein aufgeregtes Gemüt und das schöne Gleichgewicht seiner Seele kehrte wieder.

»Ich werde ja sehen,« dachte er, »sei dem wie immer, Henriette ist ein edles Mädchen, dieß sei mir genug. Ich selbst aber will strenge mit mir sein, und keine Wünsche hegen, deren Erfüllung nicht zu hoffen ist. Aber klar will ich sehen und Klarheit über sich selbst will ich ihr geben. Und wachen will ich, wachen über ihrem Glücke, ihrer Zukunft!«

Als Ullrich am nächsten Tage Henriette wieder sah, benahm er sich, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre.

Er schien ihre Befangenheit nicht zu bemerken und machte den Vorschlag, einen Ausflug nach der nahen, romantisch gelegenen Ruine zu machen.

Henriette ging gerne darauf ein und machte sich auch sogleich auf den Weg. Sie war anfangs still und nachdenkend, allein die Beredsamkeit des Professors übte den gewohnten Einfluß und beide kamen in guter Stimmung bei der Ruine an. Während Clara sich zuerst nach einem geeigneten Plätzchen umsah, das später als Speisesaal dienen konnte, eilte Henriette die Ruine hinauf. Der alte Thurm, obgleich durch mächtige Risse gespalten, war ohne Gefahr zu besteigen. Er stand als letzter Ueberrest eines mächtigen Schlosses, dessen Prachtbau sich einst hier erhoben hatte.

Während des Hinaufsteigens frug Ullrich: »Kennen Sie die Geschichte dieses Thurmes?« Henriette verneinte. »Soll ich sie Ihnen erzählen?« »Gewiß!« erwiderte sie, »ich wäre begierig, zu erfahren, was sich hier begeben, als statt der Mauerreste das stolze Schloß noch stand. Was die Menschen, die vor langen Jahren hier gelebt, bewegt hat, welches Schicksal so mächtig an sie herangetreten war, um noch nach Jahrhunderten erzählt zu werden.«

Sie hatten jetzt die Plattform des Thurmes erstiegen, woselbst für Ruheplätze gesorgt war. Henriette ließ sich auf einen derselben nieder, den Blick über die Thäler schweifend, welche wie ein lachendes Panorama vor ihnen ausgebreitet lagen. Nach der anderen Seite fiel der Fels jäh ab; da konnte der Blick nicht in die Tiefe dringen, indem vorspringende Felsstücke und Gebüsch es verhinderten.

»Der letzte Besitzer dieses Schlosses,« erzählte der Professor, »war ein Mann, den man wol einen Liebling des Schicksals hätte nennen können, wäre sein Sinn so ruhig gewesen, als die reichen Gaben, mit welchen ihn die Natur ausgestattet hatte, glänzend waren.

»Seine Kraft und Tapferkeit waren so groß, daß er im Turniere nie überwunden wurde. Seine Gestalt war so herrlich, daß kein weibliches Herz ihm widerstand. Was Wunder also, daß der Ritter, als er endlich nach langem Wählen die reichste Erbin aus der Umgegend – eine Waise, der nur ein Bruder in der Ferne lebte, heimführte, sich nicht für immer durch diese allein gefesselt fühlte, zumal die Augen der schönen Frauen und Jungfräuleins nach wie vor, wenn auch noch verstohlener als vorher, auf dem schönsten und tapfersten aller Ritter ruhten.

»Eines Tages jedoch erschien in der Gegend ein herrliches Mädchen, sie war mit ihrem Vater weit gereist, nachdem sie im ferneren Lande erzogen worden, und die Fama erzählte, daß ihr an Schönheit und Bildung keine Andere gliche. Diese nun zog bald aller Augen auf sich, sie war die Gefeierte bei allen Festen. Diese Einzige aber schien den siegreichen Ritter nicht zu bemerken, so sehr er auch darnach strebte, von ihr beachtet zu werden.

»Der Ritter jedoch, der ihresgleichen nie vorher gesehen hatte, faßte die heftigste Leidenschaft für sie, und des Fräuleins Gleichgiltigkeit fachte seine Liebe nur mehr und mehr an.

»Er wagte es nun freilich nicht, ihr seine Gefühle offen zu gestehen; allein seine Augen sprachen lauter, als tausend Worte es vermocht hätten, und so verstand ihn das schöne Fräulein endlich auch, aber sie wich ihm aus: es gelang ihm nicht, sich ihr zu nahen.

»Da wollte der Zufall, daß auf der Jagd ihr Pferd scheu wurde und sie pfeilschnell davontrug, dem nahen Abgrunde zu. Der Ritter war ihr zunächst gewesen, es gelang ihm, sie einzuholen, das Pferd zurückzureißen, sie zu retten. Sie war ferne mit ihm von der Jagdgesellschaft allein im stillen Walde, da faßte er Muth und schilderte ihr seine Liebe, seine Qual.

»Ihr Mund blieb stumm, doch in ihrem Auge las er die Entgegnung. Mit flammenden Worten malte er ihr das Glück wahrer Liebe, beschwor sie, ihm zu folgen. Doch vergebens!

»Sie wolle, so sprach das Fräulein, da sie nicht Sein werden konnte, keinem anderen Manne gehören, in ein Kloster gehen, um dort für ihn, der so sündhaften Gedanken Raum gab, die Vergebung des Herrn zu erflehen.

»So trennten sie sich! Da grollte er dem Geschicke und sann auf Abhilfe.

»Er faßte den verzweifelten Entschluß, sie mit Gewalt zu entführen, weit fort in ein fernes Land!

»Nach langem, vergeblichen Bemühen gelang es ihm endlich, sie allein zu finden, doch, durch seine Heftigkeit erschreckt, erkannte sie die Gefahr und entfloh.

»Seit diesem Abende verließ sie ihr Haus nicht mehr, und jede Hoffnung mußte endlich schwinden. Da gab er sich, von nutzlosem Schmerz und Zorn erschöpft, dem tiefsten Kummer hin. Er jagte nicht mehr, zog nicht zum Turnier; ja, er mied die Menschen, wurde täglich kränker und des Lebens überdrüssiger. Und eines Tages kehrte er unerwartet in sein einsames Schloß zurück.

»Sein treues Weib hatte meist daheim gelebt, sie war daher vielleicht die Einzige, der des Ritters Liebe unbekannt geblieben. Sie erschrak, ihn so sehr verändert zu finden, überzeugte sich jedoch bald, daß nicht Krankheit, wie er anfangs geglaubt, sondern tiefer Gram an seinem Herzen zehre.

»Den Grund seines Kummers kennen zu lernen, diesem abzuhelfen, war nun Tag und Nacht ihr Sinnen. Doch vergebens bemühte sie sich, sein Vertrauen zu gewinnen. Da faßte sie endlich den Entschluß, den Grund seines Kummers um jeden Preis, selbst gegen sein Wissen, kennen zu lernen. Sie hatte ihn oft stundenlang über ein Kästchen gebeugt gesehen, dessen sie sich nun bemächtigen wollte. Lange bemühte sie sich vergebens, endlich aber gelang es ihr. Mit klopfendem Herzen öffnete sie es, es enthielt – das Bild der Geliebten und die heißesten, wildesten Klagen seines Kummers.

»Da war es dem armen Weibe, als verdunkle sich die Welt vor ihren Blicken. Was war sie ihm, der ihr die Welt bedeutete, gewesen?

»Eine Last, ein Geschöpf, welches den Mann, den sie über Alles liebte, verhinderte, glücklich zu werden. »Fort! fort!« schrie das arme, gebrochene Herz; »ans dem Wege gehen!« war ihr einziger Gedanke. Sie setzte sich in den Besitz eines Giftes, welches ihr Gatte in einem Schränkchen aufbewahrte, und von dessen Existenz außer ihm nur sie und ihr alter Diener wußten.

»Die Kälte und Lieblosigkeit des Gatten, welche von Tag zu Tag wuchs, brachte ihren unglückseligen Vorsatz zur Reife. Sie war allein in der Welt, mußte stumm ihr Leid tragen. In einer bösen Stunde führte sie ihr Vor haben aus, und man fand sie eines Morgens todt auf ihrem Lager.

»Da die Leiche auffallend schnell Zeichen der Verwesung zeigte, begrub man dieselbe rasch. Kaum aber war die kurze Leichenfeierlichkeit vorüber, als der Ritter die Burg verließ; denn die Stimme seiner Leidenschaft übertönte die Mahnungen der Vernunft und Schicklichkeit. – Er eilte nach der Residenz.

»Als er in der Welt, in welcher seine Geliebte lebte, wieder erschien und schon ein halbes Jahr später um die Hand des Mädchens, die ihn so ganz beherrschte, warb, erhoben sich tadelnde Stimmen gegen ihn, welche lauter wurden, als er, ehe das Trauerjahr zu Ende war, mit ihr am Traualtar stand. Mittlerweile war in dein alten Diener der furchtbare Verdacht auf gestiegen, daß seine junge Gebieterin keines natürlichen Todes gestorben sei. Die entsetzliche Gleichgiltigkeit des Herrn und dessen überstürzte Abreise hatten seinen Verdacht hervorgerufen.

»Wie von einer Ahnung getrieben, öffnete er den Schrank, in welchem jenes Kästchen mit dem unheimlichen Inhalte sich befunden hatte und fand letzteres offen, als hätte man in hastiger Eile sich nicht Zeit genommen, die geheime Feder zuzudrücken. Er untersuchte es, der Inhalt war verschwunden.

»Es begab sich nun, daß um dieselbe Zeit der Bruder der Verstorbenen zurückkehrte. Die Sehnsucht, seine einzige Schwester endlich wieder zu sehen, hatte ihn in die Heimat zurückgeführt. Schon an der Gränze des Landes hörte er die Trauerkunde von ihrem Tode und eilte nach dem Schlosse, um an ihrem Sarge zu beten, den Schmerz ihres Gatten zu theilen.

»Er fand das Schloß verlassen, ungeschmückt das einsame Grab der Schwester. Der alte Diener, der das Schloß hütete, empfing ihn.

»Und vordem erschütterten, tief gekränkten Bruder kam sein furchtbarer Verdacht zum ersten Male über des Alten Lippen. Er klagte den Gatten der Verstorbenen als deren Mörder an.

»Der entsetzte Bruder verlangte nach Gerechtigkeit. Die Leiche der Unglücklichen wurde untersucht und die Art ihres Todes entdeckt. Der Verdacht des Dieners schien nun bestätigt, und als der Ritter mit seiner Gemalin gegen das Schloß seiner Väter zog, wurde ihm ein unheilvoller Empfang. Die Anklage, die der Bruder am Sarge der Todten gegen ihn erhob, schmetterte ihn nieder; denn wiewol er an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig war, klagte ihn doch sein Gewissen an, sein armes, liebendes Weib durch seine Kälte und Härte in den Tod getrieben zu haben.

»Je unvermutheter der Schlag ihn traf, die fürchterliche Anklage gegen ihn erhoben wurde, die ihm wie eine Strafe des Himmels für sein sündhaftes, heftiges Wünschen nach Freiheit erschien, desto schwerer fiel es ihm, sich zu vertheidigen.

»In diesen Thurm, auf welchem wir uns befinden, wurde er in sicheren Gewahrsam gebracht.

»Hier nun wäre ihm, der Volkssage nach, der Schatten seines Weibes erschienen und hätte ihn in den Abgrund gejagt. Wol aber mögen sein erwachtes Gewissen, die Erkenntniß, daß sein Weib sich selbst den Tod gegeben, der entsetzliche Verdacht, von dem er sich umstrickt sah und von dem zu rechtfertigen ihm so schwer werden mußte, ihn in den Tod getrieben haben.«

Professor Ullrich hatte längst seine Erzählung beendet, und noch hatte Henriette kein Wort gesprochen; sie saß wie betäubt da, den Blick dem Abgrunde zugewendet, in welchen, der Volkssage nach, der unglückliche Ritter den verhängnißvollen Sprung gethan hatte.

Der Professor hielt seine dunklen Augen auf sie gerichtet; endlich sprach er: »Was geht in Ihrem Herzen vor, Henriette? O, vertrauen Sie sich mir an!« Seine Stimme wurde weich, als er so sprach, und in seinem Auge glänzte etwas, wie unaussprechliche Menschenliebe.

Da kam ein unbegränztes Vertrauen über das Mädchen, ihr Herz, das so lange verschlossen geblieben war, sehnte sich nach Mittheilung, sie sehnte sich zu sprechen, und alle Kämpfe, die sie durchgemacht hatte, und alle Leiden ihm anzuvertrauen. Sie hatte so lange geschwiegen, doch jetzt brach der Damm, und es that ihr wohl, ihren tiefen Kummer auszusprechen.

Während Henriette sprach, sah Ullrich still und ernsthaft vor sich hin, er ließ sie zu Ende kommen. »Henriette,« sprach er dann, »liebe Henriette, nun begreife ich Alles. Nun aber kann kein Zweifel mehr walten, Sie dürfen dem Rufe Evelinens nicht folgen, Sie müssen hier bleiben, sonst ist es um Sie geschehen. – Sie lieben jenen Mann,« fuhr er dann nach langer Pause fort, und seine Stimme klang rauh, »jenen Mann, den ich verachte.«

Henriette zuckte zusammen.

»Ja, den ich verachte,« fuhr Ullrich mit erhobener Stimme fort, »wie Alles, was nicht in der Moral wurzelt! Und kann ich es etwa anders als Selbstsucht nennen, wenn jene Menschen Sie fest in ihren Kreis ziehen, Ihnen das Herz aus der Brust nehmen, und jene Eveline, die Sie so hoch verehren, Sie noch jetzt ruft?! Was soll aus Ihnen werden unter diesen Menschen? – O, Henriette, reißen Sie sich los von diesen Freunden! Sie dürfen dem Rufe Evelinens nicht folgen, und wenn Ihre ganze Zukunft davon abhängen würde. Ja, wenn Sie meinem Rathe folgen, sehen Sie Franz nie wieder.

Henriette hatte sich bei diesem letzten Worte erhoben. Ullrich sah, daß ein merkliches Zittern über ihren ganzen Körper lief.

»Kommen Sie,« sagte er, ihr den Arm reichend, »wir wollen diesen düsteren Thurm verlassen. Versuchen Sie es, ruhig zu sein, und fassen Sie später einen heilsamen Entschluß.«

Sie schlugen nun den schmalen Feldweg ein, der sich in den Wald verlor; Keines sprach ein Wort. Je weiter sie vorwärts schritten, desto feierlicher wurde die Stille, welche sie umgab.

Sie waren lange gegangen, als Henriette, das Schweigen brechend, sprach: »Ich werde nicht gehen, ich werde nicht hingehen!«

Ullrich drückte ihr die Hand und sah sie wohlwollend an, sprach jedoch rein weiteres Wort.

Nun kam eine Zeit, in der Henriette das friedliche Leben, welches sie bisher geführt hatte, fortzusetzen schien. Ihre Macht, sich zu beherrschen, war so groß, daß selbst Ullrich ihr die innere Unruhe nicht anmerkte.

Die Ferien gingen zu Ende und der Professor mußte in die Stadt zurückkehren.

Henriette blieb allein. Die letzten Tage waren ihr daher in ungestörtem Kummer über den Verlust der geliebten Menschen verflossen.

»Wer ist die Sängerin, ohne welche die Oper nicht zur Aufführung gelangen kann?« frug Evelinens Bruder mit jenem Anfluge von Spott, den er nie vermeiden konnte, wenn es sich um eine von Franzens »für ihn stets absonderlichen« Ideen handelte. Eveline erzählte ihm kurz, was sich auf Henriette bezog.

»Ich würde sehr wünschen, sie hier zu sehen,« sprach er, langsam betonend. »Wende Deinen ganzen Einfluß an, sie zu bestimmen.«

Die abschlägige Antwort Henriettens, welche Eveline in einigen Tagen später mittheilte, schien ihn zu überraschen, gab aber seinem Mißtrauen nur neue Nahrung.

Franz, der indeß die ersten Vorbereitungen zur Aufführung seiner Oper mit großem Interesse überwacht hatte, ließ diese nun wieder fallen, und eine größere Apathie und Traurigkeit als bisher bemächtigte sich seiner. Er hatte kein Wort gesagt, als Eveline ihm Henriettens Brief vorgelesen und ihre Entrüstung darüber offen ausgedrückt hatte, – nur sehr kalt und stolz hatte er geblickt.

»Jetzt ist es aus,« dachte sie, »er wird Henriette nie wieder bei uns sehen wollen.« Und auch ihr eigenes Wohlwollen für das Mädchen verkehrte sich in Aerger.

Aber dieser hochmütige Zorn Franzens währte nicht lange.

Die Ueberzeugung, daß nur die Hoffnung, sie wieder zu sehen, seine Lebensgeister wieder erfrischt hatte, und ohne sie für ihn Alles zu Ende gehe, drückte ihn zu Boden.

Eveline sah mit tiefem Kummer ihre schöne Hoffnung, längere Zeit im Schoße der Familie zu weilen, sich nicht erfüllen. Denn wiewol Franz mit einer ihm sonst ungewöhnlichen Selbstverleugnung nicht von der Abreise sprach, sah doch Jeder, daß es nicht lange so bleiben konnte.

Eines Tages machte er Evelinen den Vorschlag, noch einige Wochen bei dem Vater zu bleiben, während er in den Kreis seiner Freunde, zu seinen Arbeiten zurückkehren wolle.

Eveline sträubte sich anfangs dagegen, sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn allein zu wissen, sie fand sein Aussehen leidend. Wie, wenn er erkrankte, wenn er ihrer bedürfen sollte?

Franz versicherte indeß, daß ihre Befürchtungen ganz unbegründet wären, da er körperlich vollkommen wohl sei, nur Arbeit und Zerstreuung bedürfe, die ihn auch unfehlbar erheitern würden.

Evelinens Vater wieder bestand so lebhaft darauf, sein Kind noch einige Zeit bei sich zu behalten, und Eveline glaubte Allen recht zu thun, wenn sie endlich Franzens Antrag annahm.

Und so geschah es, daß Henriette, als sie eines Tages an dem wolbekannten Hause vorüber ging, die Fenster offen sah und das Hans jenes gemütliche Aussehen zeigte, welches nur bewohnten Häusern eigen ist. Henriette erschrak so freudig, daß sie wie festgebannt stehen blieb. Aber bald darauf erinnerte sie sich an das Vorgefallene, daß man sie keiner Antwort mehr gewürdigt habe, und sie ging, ihre Thränen mühsam niederkämpfend, rasch weiter. Da fiel ihr ein, daß auch Mühlberg von der Ankunft der Freunde nicht unterrichtet gewesen sei, sonst hätte er es ihr ja wol mitgetheilt. Vielleicht handelte es sich um eine Ueberraschung. Sie eilte nun, von neuer Hoffnung belebt, nach Hause.

Sie wollte an diesem Tage nicht mehr ausgehen, um eine mögliche Nachricht nicht zu versäumen. Die Stunden vergingen in fieberhafter Erwartung nach einer solchen; jeden Augenblick hoffte sie Evelinens Diener eintreten zu sehen; doch der Tag verging, und Niemand kam.

Am nächsten Tage erst erschien Mühlberg. Ihr erstes Wort galt den Freunden.

»Franz ist allein zurückgekehrt,« erzählte dieser.

Also Eveline war nicht gekommen? Nun blieb ihr ja noch die Hoffnung, daß das alte Verhältniß nicht ganz zerstört sei, daß man ihrer denken, sie rufen würde, wenn diese käme.

Sie suchte sich nun mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß Franz anwesend sein könnte, ohne mit ihr im Zusammenhange zu stehen, und beruhigte sich einigermaßen.

In dieser Zeit hörte sie kaum von ihm sprechen, denn auch Mühlberg erwähnte seiner nicht.

Endlich kam Franzens Oper wieder auf das Repertoire, und so sah sie ihn nach langer Trennung zuerst bei der Probe wieder. Hier trat er ihr entgegen, als hätten sie nie Abschied genommen, als wäre nichts vorgefallen, erwähnte ihres vortrefflichen Aussehens, der guten Fortschritte, die sie gemacht; er habe sie wiederholt in der Oper gehört und sich davon überzeugt.

Henriette fand kein Wort der Erwiderung, sie glaubte zu träumen. Sie bemerkte, daß Franz sehr verändert aussah, er war blasser, seine Augen lagen tiefer, und ein schmerzlicher Zug um den Mund zeigte, daß er leide. Er war nicht mehr der glänzende Franz – aber für Henrietten unendlich gefährlicher – für sie hatte er etwas unaussprechlich Rührendes. Der Stolz, die Festigkeit, mit denen sie sich gewappnet glaubte, schmolzen bei seinem Anblicke.

Als die Probe zu Ende war, sah sie sich vergebens nach ihm um, er war fortgegangen, ohne sie zu grüßen. Sie sah ihn erst bei der nächsten Probe wieder, und auch dieses Mal begrüßte er sie wie alle Uebrigen, ohne ein weiteres Wort an sie zu richten, und so blieb es, so oft sie einander begegneten.

Eines Tages jedoch war Franz bei Beginn der Probe noch nicht anwesend. Während Henriette sang, siel ihr Blick zwischen eine Coulisse – sie erblickte ihn. Er sah unverwandt nach ihr, und es schien ihr, als ständen Thränen in seinen Augen. Als sich jedoch ihre Blicke begegneten, nahm seine Miene den Ausdruck gereizten Stolzes an.

Ach! diese Thränen fielen Henrietten brennend auf das arme verrätherische Herz, denn sie galten ihr! Seit diesem Tage aber hielt Franz sich noch ferner als vordem.

Sie hörte von Mühlberg, daß er die meiste Zeit in feinem Hause zubringe und nur mit den Musikern verkehre, daß feine neue Arbeit jedoch sehr langsam vorwärts schreite. Auch Ullrich sah sie seltener, da er trotz seiner eng freundschaftlichen Beziehungen zu ihr und Mühlberg nie von der Erlaubniß, den Proben beizuwohnen, die Letzterer ihm verschafft hatte, Gebrauch machen wollte.

Eines Abends jedoch, es war, während Franzens Oper gegeben wurde, kam Ullrich während der Vorstellung selbst, in sehr angeregter Stimmung. Er kam, um ihr feine Freude über ihre Leistung auszudrücken. Es war das erste Mal, daß er ihr solchʼ begeistertes Lob spendete.

Als Franz ihn sich Henrietten nähern sah, blieb er wie festgebannt. Er hörte jedes Wort, welches sie sprachen, Ullrichs begeistertes Lob und Henriettens herzliche Erwiderung. Als Ersterer sich zum Gehen wandte, trafen die Blicke der beiden Männer einander und drückten unverkennbares Mißfallen aus. Man konnte sich auch in der äußeren Erscheinung wie im Wesen in der That keinen größeren Gegensatz denken.

Franz hatte schon von Ullrich gehört, ihn jedoch bisher nicht gesehen, und, langsam nur gewann er seine frühere Fassung wieder. Er hielt sich in der Coulisse verborgen, durch welche Henriette abgehen mußte. »Er wollte sie heute noch ein Mal sehen, allein ohne jenem Manne, den er haßte, an ihrer Seite.«

Da trat sie heraus. Er stand so nahe, daß ihr Kleid ihn streifte. Er ergriff ihre Hand und blickte sie an. Er war todtenbleich, nur seine Augen glühten. »Henriette!« flüsterte er in einem Tone, den sie mehr fühlte, als hörte. »Henriette, ich sterbe!«

Ihre Hand zitterte so heftig, daß Franz sie fahren ließ. »Was fürchten Sie, weßhalb sind Sie so erschrocken?« sprach er traurig.

Sie erwiderte nichts, aber was ihr Mund verschwieg, verrieth ihr Auge.

Ein Ausdruck des Entzückens flog über seine Züge. »Henriette,« flüsterte er, »Sie lieben mich! – Vergebens wollen Sie es leugnen! Unsere Seelen sind die Schwesterseelen, die auf dieser Erde so lange suchen, bis sie einander finden.«

 

* * *

 

Henriette saß in ihrem Zimmer allein. Sie dachte der schönen entschwundenen Zeit und verglich sie mit der Gegenwart, die einem heißen Tage glich, voll betäubender Düfte. »Ich werde diese Stadt verlassen,« dachte sie, »ich will weit fort gehen. Ich will ihn nie wiedersehen.« Und dabei strömten ihre Thränen.

Da tönte plötzlich die Glocke. Sie hörte die Treppe heraufkommen. Das mußte Ullrich sein, der zu kommen versprochen hatte – die Thür öffnete sich, und Franz stand vor ihr. Sie saß an derselben Stelle, von welcher aus sie ihn vor Monaten an jenem letzten Abende gesehen hatte. Es schien ihr, als wäre Alles, was sich seitdem begeben, ausgelöscht – sie wußte nur, daß er vor ihr stand.

»Henriette,« sprach er, »meine Henriette! hören Sie mich ruhig an, ein Mal noch, zum letzten Male; sehen Sie mir in das Auge und sagen Sie dann, ob Sie an mich glauben wollen. Urtheilen Sie selbst, und dann antworten Sie mir.«

Henriette blickte ihn an, sie suchte nicht zu widerstreben, sie machte keine Erwiderung; sie fühlte den Ernst dieser Stunde. Sie wußte, daß ein Moment gekommen sei, der einen oder den anderen Weg führen mußte, die schmalen blumigen oder dornigen Pfade, die um diesen herum führten, waren zu Ende. Sie blickte ihn an und wußte, was er gelitten hatte.

»Henriette,« sprach er, als er sich neben ihr an dem Fenster niedergelassen hatte, »wie ist es so friedlich hier! Könnte ich in diesem kleinen Raume an Ihrer Seite mein Leben verträumen!«

Er blickte nach dem gegenüberliegenden Garten. Vielleicht erkannte er die Stelle, wo er den Blüthenzweig gebrochen hatte.

»Es ist lange her,« sprach er dann, »als ich eines Abends dort stand. Ich hatte mich damals mit Bitterkeit von Ihnen, gewendet, ich war von Ihnen geschieden ohne ein freundliches Wort. Damals glaubte ich, daß ich nicht elender werden könne, und doch weiß ich heute, daß ich erst am Anfange jener herbsten Schmerzen stand, die ich ferne von Ihnen erduldet habe Ich bin elender heute, denn mein Muth ist gebrochen, der lange Kampf ist zu Ende. Mein Leben geht zur Neige!«

Henriette bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Franz erfaßte ihre Hand. »Sind Sie ruhig,« sprach er, »Sie haben zu entscheiden. – Gehen Sie mit mir,« fuhr er langsam fort. »Ich weiß, ich verlange viel von Ihnen, aber wenn Sie mich lieben, so wird jede andere Rücksicht schwinden – und Sie lieben mich!«

Henriette wollte sprechen, Franz unterbrach sie. »Eveline wird mich vergessen, sie wird im Schoße ihrer Familie glücklicher sein, als jetzt,« rief er, als hätte er das Wort errathen, welches auf Henriettens Lippen schwebte.

»Ich führe Sie weit fort von hier, ich will ein neues Leben mit Ihnen beginnen,« fuhr er fort. »Das Räthsel meines Lebens löst sich in meiner gränzenlosen Liebe zu Ihnen, die mich durchdringt, wie die Liebe Gottes das All. Nehmen Sie mir diese Liebe, und mein Leben sinkt in Vernichtung. Sagen Sie mir nichts von Herkommen und Recht. Was könnten Sie mir sagen, daß ich nicht durchgeführt, durchgekämpft hätte! Ich bin nicht wie Andere. Ob besser, ob schlechter, mag dahingestellt bleiben, nur messen Sie mich mit meinem eigenen Maßstabe. – Wenn Sie mit mir kommen, Henriette,« und seine Stimme klang weich und schmelzend wie Musik, »wenn Sie mit mir kommen, will ich an Gottes Gnade glauben, will ihn anbeten, wie einst in einer fernen, lichten Zeit!«

Henriette konnte nicht antworten, ein unaussprechliches Gefühl durchschauerte sie; das Gefühl, so geliebt zu werden – betäubte sie. Die Wirklichkeit entschwand ihren Blicken, und sie sah nur diese Seele, die nach ihr strebte. »Darf ich ihn gehen lassen?« sprach das verrätherische Herz.

Franz war vor ihr niedergesunken und sah erwartungsvoll zu ihr auf. Sein Blick hatte etwas Sonderbares, als wäre er nicht von dieser Welt. Und in der That hatte seine Seele sich von Allen losgelöst, und nur durch Henrietten hing er mit der Welt zusammen; riß dieses Band, so sank er.

Da beugte sie sich nieder zu ihm und sprach: »Gott vergebe mir! aber ich kann nicht anders, und ich will Ihnen folgen.«

Franz stieß einen langen Schrei aus. Er nahm ihre kleine, weiße Hand und legte sie auf seine brennende Stirne.

So blieb er vor ihr auf den Knien und betrachtete sie lange, und schwere Thränen – Thränen, wie nur ein Mann sie weint, flossen langsam.

Endlich erhob er sich feierlich und ernst. »Henriette,« sprach er, »mit diesen Worten haben Sie mich für ewig an sich gekettet, aber Sie haben sich auch losgerissen von Allem, was zu Ihnen gehörte. Der Entschluß muß nun rasch ausgeführt werden, diesen Abend noch.«

Als Franz diese Worte ausgesprochen hatte, öffnete sich die Thür langsam, und Ullrich stand ihm gegenüber. Er sah Henriette nicht an, sondern wendete sich zu Franz.

»Sie sind ein Elender!« sprach er dumpf. »Die Künstlerin steht zu hoch, um Ihre Geliebte zu werden!«

Franz war todtenbleich geworden, wie ein Tiger wollte er sich auf ihn stürzen; ein lauter Aufschrei Henriettens brachte ihn zur Besinnung. Er faßte sich gewaltsam. »Folgen Sie mir!« rief er mit wutherstickter Stimme.

Hätte der Blitz plötzlich zu ihren Füßen eingeschlagen, Henriette hätte nicht mehr niedergeschmettert sein können. Das Entsetzen raubte ihr die Sprache, und sie blieb wie gelähmt auf ihrem Platze, während die beiden Männer das Zimmer schon verlassen hatten. Was sollte sie thun? Sie wollte Clara rufen, aber ihre Füße versagten ihr den Dienst. Clara war den beiden Männern begegnet, als sie das Haus eben verließen. Franz war an ihr vorüber geeilt, ohne sie zu sehen.

Sie trat verwundert in Henriettens Zimmer, und wie erschrak sie, als sie deren Zustand sah. »Was ist geschehen?« rief die gute Alte. »Um Gottes willen, Sie zittern ja wie Espenlaub!«

Henriette brach in krampfhaftes Weinen aus. »Eile, laufe,« rief sie, »benachrichtige Mühlberg, bringe ihn hierher, ich beschwöre Dich, wo immer Du ihn findest!«

Clara sah wol, daß es sich um ernste Dinge handle, darum gehorchte sie, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Franz und Ullrich hatten indeß auf des Ersteren kurze Hindeutung ihre Schritte nach einem abgelegenen Theile des Parkes gewendet. Hier standen die beiden Männer einander Aug im Aug gegenüber. Franz, todtenbleich und bebend, hielt die Hand krampfhaft auf sein Herz gedrückt und leistete Uebermenschliches, um sich zu bemeistern.

Ullrich nahm zuerst das Wort. »Sie wollen sich mit mir schlagen,« sprach er, »und ich muß Ihre Herausforderung annehmen, wenn Sie darauf bestehen, aber ich bitte Sie, dieselbe zurückzunehmen, denn ich würde Sie unfehlbar tödten, wenn Sie sich in dem Zustande, in welchem Sie sich jetzt befinden, schlagen. Unser Duell lautet auf Leben und Tod, Sie werden verstehen, daß nach dem Vorgefallenen nur Einer von uns zurückkehren kann.«

Seit Ullrich in Franzens schmerzerfülltes Antlitz geblickt hatte, war eine Umwandlung in ihm vorgegangen.

Es war unmöglich, Franz an diesem Tage zu sehen und den Kampf seiner Seele mißzuverstehen. Es war unmöglich, ihn mit jenen Menschen zu verwechseln, die, von vergnüglicher Leidenschaft überwältigt, alle Bande brechen, um an ihr Ziel zu gelangen. Ullrich versuchte es noch ein Mal persönlich zu sprechen.

»Bestimmen Sie die Waffen,« rief Franz, »bestimmen Sie, oder ich tödte Sie!«

Er sah nun wol ein, daß es keinen Ausweg gäbe, er wählte Pistolen und entfernte sich, um Waffen und seine Zeugen zu holen, mit welchem er sich in einer Stunde an bezeichneter Stelle einfinden wollte.

Franz war mit seinem Secundanten zuerst auf dem Platze. Sein Zustand war entsetzlich. Der Gedanke, Henrietten verloren zu haben, die Beleidigung, die er erduldet hatte, machten seinen Seelenzustand zu einer Hölle. Nur Ullrichs Tod oder seine eigene Vernichtung schienen ihm ein Ausweg. Endlich kam Ullrich. Die gewöhnlichen Anstalten wurden getroffen.

Ullrich hatte den ersten Schuß, er schoß in die Luft und Franz durch diese Schonung von seinem Todfeinde nur gereizt, hätte sich gern mit der Pistole in der Hand auf ihn gestürzt. – Sein Schuß ging fehl.

Ullrich zielte nun in der Absicht, Franz zu verwunden und so das Duell zu beenden, doch er streifte nur seinen Arm.

»Genug!« riefen die Secundanten. Doch Alles war umsonst. Franzens nächste Kugel pfiff hart an Ullrich vorbei; um ein Haar breit, und es wäre um ihn geschehen gewesen. Auch er erhitzte sich nun, zielte mit Sicherheit und traf; ach, traf besser, als er gewollt, denn Franz machte nur einen Schritt vorwärts und stürzte dann lautlos zu Boden.

 

* * *

 

Eveline hatte mittlerweile im Schoße ihrer Familie nicht jene Freude gefunden, welche sie erhofft. Franzens Briefe kommen zu selten, und ihr eigenes Herz war zu unruhig! – So waren Wochen vergangen, und ihre Sehnsucht nach ihm wuchs mit jedem Tage, dennoch hatte sie es bisher nicht gewagt, den Wunsch auszusprechen, vor der anberaumten Zeit zurückzukehren.

Eines Tages jedoch gab ihr Bruder selbst Gelegenheit dazu. – »Wie ich höre, wird Franzens Oper in B. wieder gegeben,« sprach er, »und ich habe mich entschlossen, dahin zu gehen, um einer dieser Vorstellungen beizuwohnen! ^ Was soll ich dort für dich bestellen?« Eveline erröthete in freudiger Ueberraschung. »Nimm mich selbst mit! – Vater, verzeihe mir,« sprach sie dann, diesen umarmend – »aber meine Sehnsucht nach Franz ist zu groß!« – »Er hat Dich nicht gebeten, die Trennung abzukürzen,« fiel der Bruder ein, »wie kannst Du den Vater, den Deine Gegenwart so glücklich macht, noch früher verlassen, als zwischen Euch verabredet war!«

Der Vater jedoch fühlte, wie eben nur ein Bajerherz empfindet. Er hatte längst ihre Unruhe bemerkt. Er sprach daher auch in gütigem Tone: »Gehe, meine Tochter, folge Deinem Herzen und ich werde es möglich machen, im Herbste ein paar Wochen bei Dir zu verleben!«

Eveline hatte nun so große Eile, die Anstalten zur Abreise zu treffen, daß man daraus schließen konnte, wie schwer ihr das ruhige Ausharren geworden sein mußte. Sie war auch längst zur Abreise bereit, als der Bruder das ersehnte Wort: »Morgen reisen wir!« aussprach. Ein eigenthümlicher Zufall brachte es mit sich, daß Eveline auch dießmal einen kleinen Theil der Reise zu Wagen machte. Ihr Bruder wollte seine in dieser Gegend liegenden Fabriken besichtigen und so machte er ihr am Abende des ersten Tages den Vorschlag, auf der Hälfte des Weges zu übernachten und am nächsten Tage ein paar Stunden mit dem Wagen weiter zu reisen. Eveline willigte gerne ein, denn sie gedachte dabei ihres kleinen Pathens, sie hatte das blasse Gesichtchen mit den ausdrucksvollen Augen nicht vergessen und war begierig, die Kleine wiederzusehen.

Im Laufe des Tages brachte ihr Bruder das Gespräch öfter auf Henriette und stellte mancherlei Fragen bezüglich dieser. Er war während der Schwester Aufenthalt im elterlichen Hause nie so viel, ruhig und allein in ihrer Gesellschaft gewesen als während dieser Reise. Der Ton des Mißbehagens, in welchem er von dem Mädchen sprach, konnte Eveline nicht entgehen. Ein ihr selbst unerklärliches Gefühl ergriff auch sie. Sie wünschte heftig, die Stunden möchten zu Minuten werden, wünschte schon in Franzens Nähe zu sein. – Ihre Stimmung war getrübt und nichts trug dazu bei, diese zu erheitern.

Auch dieses Mal begegneten ihr Zigeuner, aber es waren zerlumpte, schmutzige Leute, die nichts mit jenen Zugvögeln, wie Franz sie damals genannt, gemein hatten. Und ihr Anblick erinnerte sie zumeist nun an den Ausspruch jenes Weibes, das ihr ein Unglück durch schwarze Augen prophezeit hatte.

Indeß näherten sie sich dem Gasthofe, in welchem Eveline einige frohe Stunden verbracht, und hier sollte ein unerwartetes Ereigniß ihre Gedanken von sich selbst ablenken, so daß sie nicht bei Vergangenem noch Zukünftigen weilen konnte, sondern sich dem Gegenwärtigen zuwenden mußte. Das Haus, vor dem sie hielten, schien wie ausgestorben, denn Alles war aus dem Felde beschäftigt, nur eine alte Magd stand an der Einfahrt, die Fremden zu empfangen.

Eveline eilte an ihr vorüber nach der Laube auf der duftenden Wiese – die Wiese war abgemäht und kahl und die Laube entblättert. Eveline wurde ganz sonderbar zu Muthe. Die Magd, die indeß einen Knecht aufgesucht hatte, um die Pferde zu versorgen, kam jetzt langsam herbei, nach den Befehlen der Herrschaft zu fragen.

Evelinens Bruder hatte das Haus schon verlassen und einen Feldweg eingeschlagen, der zu seiner Fabrik führte. Sie selbst verlangte vor Allem nach der Wirthin. – Die Alte wischte sich die Augen. »Die ist hinüber gegangen,« sprach sie, »sie hat den plötzlichen Tod ihres Mannes, der vor zwei Monaten starb, nur wenige Tage überlebt.« – »Und das Kind?« frug Eveline kleinlaut. »Das Kind!« rief die Magd erfreut, »Ihr fragt nach dem Kinde? Wäret Ihr vielleicht die vornehme Frau, von welcher die Arme noch kurz vor ihrem Tode sprach? Sie bedauerte es so sehr, weder Eueren Familiennamen, noch Wohnort zu kennen, sonst hätte sie Euch die Kleine an das Herz gelegt! Ach, die arme Kleine!« fuhr sie traurig fort. »Wo ist sie?« frug Eveline rasch. »Bei einem armen Weibe im Dorfe unten; der Hof hier ist in andere Hände übergegangen, denn der Wirth stand schlecht, ohne daß man es wußte, und nachdem seine Schulden in der Stadt gezahlt wurden, blieb für die Waise nichts übrig. Eine arme Verwandte hat sich ihrer erbarmt und sie einstweilen zu sich genommen. Aber das Kind scheint mir recht elend!«

Evelinenʼs Herz wurde von dem traurigen Schicksale des unschuldigen Kindes tief gerührt; sie eilte, von der Magd geführt, einen Feldweg entlang nach der bezeichneten Hütte, die außerhalb des Dorfes stand. Dort fand sie das kleine Wesen in feuchter, rauchiger Stube, so verkommen, daß nur die schönen Augen noch an das erinnerten, was es vor wenig Monaten gewesen war. Unendliches Mitleid erfüllte ihr Herz. Sie nahm das Kind aus der unreinen Wiege, in der es schlummerte, auf, und drückte es an sich. Es schlug die Augen auf und blickte klug und freudig nach Evelinen. »Ich will die Mutter sein, keine Namensschwester,« sprach diese leise und eine schöne Thräne glänzte in ihrem Auge.

Das Weib küßte Evelinens Hand und dankte, daß sie sich der Verwaisten annehmen wollte. Sie sei nicht Schuld daran, daß die Kleine so abgenommen habe, es sei die Armuth, sagte sie. Und in der That, ein Blick in die Hütte und auf die zahlreichen, kaum bekleideten Kinder der Frau genügte, um sich davon zu überzeugen. Eveline leerte ihre volle Börse in die Hand der Armen und bat sie, ihre Kinder zu bekleiden. Sie ließ sich dann die Kleine von ihr in den Gasthof bringen und schickte die Frau nach dem Nöthigen aus, um dieß in schicklicher Weise mitnehmen zu können. Als der Bruder wiederkehrte, sah er mit Staunen die vergrößerte Reisegesellschaft. Er stimmte jedoch Evelinen bei und schien sich sogar ihres Entschlusses zu freuen. Des Bruders Geschäfte in der Fabrik waren nun beendet und die kleine Reisegesellschaft setzte sich wieder in Bewegung. Eveline ließ die Kammerfrau, welche das Adoptivtöchterchen übernommen hatte, zu sich in den Wagen steigen und hatte ihre Freude an dem kleinen Wesen. Sie entwarf schon einen ganzen Plan für ihre Zukunft, zu welchem sie Franzens Zustimmung zu erhalten hoffte. Sie war fortwährend besorgt, ob das Kind die ungewohnte Bewegung des Fahrens gut vertragen würde, und nahm es zuletzt auf ihren Schoß, um es gegen mögliches Ungemach zu schützen. So beschäftigt, war die frühere Ungeduld von ihr gewichen und leichteren Herzens fuhr sie in die Residenz ein.

Nun näherte sie sich dem Haufe, in dem das Unglück über sie hereinbrechen sollte, in welchem ihr Herz von den herbsten Schmerzen zerrissen werden mußte. Als Evelinens Wagen vor dem Hause hielt, fiel es ihr auf, daß das Thor weit offen stand. Sie trat ein und sah eine ungewohnte Bewegung der Dienerschaft. So sehr sie dieß überraschte, überkam sie doch noch keine Ahnung eines möglichen Unglückes. Sie schritt durch die Vorhalle und wollte die Treppe hinauf eilen, da hielt der Bruder sie zurück.

»Bleibe, ich bitte Dich!« rief er hastig, »und laß mich voraus gehen. Es scheint mir passend, Franz von Deiner Ankunft zu benachrichtigen,« fügte er hinzu, sie zurückhaltend. Es war zu spät. Ein Diener, den Eveline kannte, kam eben die Treppe hinunter und erblickte sie. Er starrte sie an, als sähe er ein Gespenst, dann eilte er ans sie zu: »Ich sollte doch die Depesche erst befördern,« rief er, auf ein Blatt Papier blickend, das er in der Hand hielt, »und nun sind Sie schon hier! Wie gut, daß Sie gekommen sind,« fügte er kleinlaut hinzu, »es könnte sonst zu spät geworden sein!«

Eveline blickte ihn an, wie ein erschrecktes Reh, das der Schuß des Jägers aufscheucht. – »Was wollen Sie damit sagen, was könnte zu spät geworden sein?« Und als er nicht sogleich antwortete, blieben ihre Augen auf dem Blatte heften, welches er in Händen hielt. Sie entriß es ihm. Ein Blick auf dieses an ihren Vater gerichtete Blatt sagte ihr Alles, belehrte sie, daß Franz in Gefahr sei. – Welches Elend faßten diese wenigen Worte in sich! Nein! nein! es war unmöglich, wie hätte sie denn noch kurz zuvor so heiter und ahnungslos sein können?

Eveline stand oben, ehe ihr Bruder die halbe Treppe zurückgelegt hatte. Sie durcheilte die Gemächer, bis in Franzens Arbeitszimmer. Dort fand sie Mühlberg. – Kaum zwei Stunden waren seit jenem schrecklichen Moment verflossen, und die Aerzte glaubten, daß er nur wenige Stunden noch zu leben habe. Mühlberg eilte Evelinen entgegen, der aufrichtigste Schmerz malte sich in seinen Zügen, sein Herzblut hätte er hingegeben, um dieser reinen Seele den Jammer zu ersparen, der ihrer wartete. Aber so gerne er sie wenigstens beruhigt hätte, er konnte ihr nichts Tröstliches sagen, die Zeit, die sie doch enttäuschen mußte, war zu nahe.

Eveline trat in das Krankenzimmer. Franz lag mit geschlossenen Augen da. Sie kniete an seinem Bette nieder. Todtenstille herrschte. Doch bald darauf schlug seine Stimme an ihr Ohr – er war im heftigsten Fieber. Wilde Phantasien schienen ihn zu beherrschen, dann wurde er wieder ruhiger und sie hörte ihn Henrietten rufen. Eveline empfand keine Bitterkeit in dieser furchtbaren Stunde. Wenn er genas, so wollte sie fort von ihm, sie wollte «erborgen vor aller Welt leben – nur leben sollte er und glücklich sein. Was lag an ihr! –Sie kannte die Veranlassung seiner tödtlichen Lage nicht. – Im Begriffe, auf die Jagd zu gehen, habe sich durch ein unglückliches Ungefähr die Waffe in seiner Hand entladen – so sagte ihr Mühlberg. Franzens Zustand dauerte während der ganzen Nacht fast unverändert fort. Erst gegen Morgen wurde er ruhig; das Fieber hörte auf. Aber eine große Schwäche trat nun ein und seine Kraft nahm von Minute zu Minute ab.

Nachdem er lange mit geschlossenen Augen dagelegen hatte, schlug er sie plötzlich auf, groß, klar und freundlich, wie einst in seinen besten Tagen. Er richtete sich im Bette auf und sein Blick fiel auf Eveline, er lächelte ihr zu, er schien gar nicht erstaunt, sie an feinem Bette zu sehen.

»Ich wußte wol, daß ich Dich sehen würde, Eveline,« sprach er, »wie könnte mir der sanfte Schutzengel meines Lebens, der mich umsonst zu retten versucht hat, in meiner letzten Stunde fehlen! – Eveline, reiche mir Deine Hand und sage, daß Du mir vergeben hast,« fuhr er dann fort, »Dein junges Leben liegt noch frisch vor Dir! – Es mußte so kommen! Was sollte die zarte Blume aus dem Wiesenthale auf dem Felsen, der den Sommerabend liebt! – Und ich habe sie geliebt,« sprach er wie träumend, »die glühend versengende Sonne! – Und doch habe ich auch um Dich gelitten, meine Blume! – Ach, Eveline, kannst Du mich verstehen? Siehst Du, mein Theil war nicht von dieser Welt! Und dann soll es Dir keinen Kummer machen, mich fallen zu sehen, wie die Eiche, die der Blitz trifft! – Ich wurde geliebt und gehaßt und oft bitter getadelt, doch verstanden hat mich Keiner, denn ich war nicht aus dem Stoffe, den diese Welt braucht!« Eveline küßte die theure Hand, sie lag im Schmerz aufgelöst an seinem Bette. – Der Arzt, der mittlerweile hinzugekommen war, bat ihn, nicht zu sprechen – so lag er scheinbar ruhig da. Aber Eveline bemerkte, daß er oft wie suchend im Zimmer umherblickte und bei dem leisesten Geräusche erwartungsvoll nach der Thür sah. Da neigte sie sich zu ihm hin. »Henriette?« frug sie leise. »Sie wird nicht kommen!« erwiderte er, und sein Auge drückte die bange Angst aus, daß es zu spät werden könnte. – »Ich bringe sie Dir!« sprach Eveline und erhob sich. Sie ging und wußte kaum, wie ihre Füße sie trugen, sie fühlte den Boden unter ihren Füßen wanken! Sie hatte von Menschen gelesen, die von überirdischen Wesen geführt, über Berge und Thäler gingen und nicht wußten, wie es geschah. Und so war ihr zu Muthe, denn ihr Fuß berührte die Treppe kaum und im nächsten Augenblicke stand sie am Hausthor. Sie hatte dem Diener gewehrt, zu folgen.

Sie rief nach einem Wagen und stieg in denselben. Sie hielt vor Henriettens Hause und ging die Treppe hinauf – und das schwere Gefühl wich nicht von ihr. Da öffnete sich die Thür und Henriette stand vor ihr. – Wie hatte die schreckensvolle Nacht das Mädchen verändert. – Als sie Evelinen erblickte, stieß sie einen Schrei aus und wollte entfliehen. Von Evelinens Brust aber löste sich bei Henriettens Anblick die Schwere, die ihr Herz wie eine Eisenhand zusammengepreßt hatte; sie sah den ganzen gräßlichen, vorwurfsvollen Kummer des Mädchens und wußte, was sie gelitten hatte.

»Henriette, komm!« sprach sie, »er will Dich sehen!« Kein weiteres Wort wurde zwischen ihnen gewechselt und sie fuhren stumm dem Hause zu, in welchem der Sterbende lag.

Franz hatte die Secunden gezählt und sein Blick war fortwährend nach der Thür gerichtet gewesen. Da traten sie ein. Aus Franzens Blick und Mienen war allʼ die schmerzliche oder zornige Ungeduld gewichen, welche in letzterer Zeit von dem Sturme gezeigt hatte, der in seinem Inneren wüthete.

Die Nähe des Todes hatte die Kämpfe gelöst. Ein neues, unbekanntes Land erschloß sich vor seinen Blicken, ein lichtes Jenseits, in welchem die Schwesterseelen einander finden müssen, in welchem es keine Täuschung gibt – kein verfehltes Leben! Er blickte in sein vergangenes Leben zurück, er hatte geirrt und gefehlt, doch seine ungestüme Liebe, seine glühende Leidenschaft hatten ihn verwirrt und ihm konnte vergeben werden, denn er hatte so heiß geliebt und so schwer gelitten! Er blickte mitleidsvoll in Henriettens bleiches, verändertes Antlitz und seine Stirne umwölkte sich.

»Henriette,« sprach er, »ich bin wie der sengende Blitz über ihr junges Leben hingegangen – können Sie mir vergeben?«

Henriette beugte sich über die Hand, die er ihr reichte, und ihre Thränen fielen heiß darauf. »Eveline hat mir versprochen, sie zu stützen, ihnen Schwester zu sein,« fuhr er langsam fort; ich werde bald vergessen sein, und mir wenn Sie meine Lieder singen, taucht die Erinnerung an mich auf.

»Ich hatte gehofft, Vieles zu schaffen – das ist nun vorbei. Das Licht der Augen, die mich belebten, ihr Glanz, der mir leuchtete, fehlten zuletzt! Ton und Farbe, Licht und Glanz hatte sie allen Anderen genommen und in sich allein vereint. Darum war es finster um mich her geworden, ich sah nicht – und ich hatte die Töne nicht mehr in meiner Gewalt!«

Franzens Gedanken schienen wieder abzuschweifen und er erkannte die Anwesenden nicht mehr.

Nach langem Delirium hatte er vor seinem Tode noch einen lichten Augenblick. Sein Auge blickte befriedigt, als er Henriette zwischen Mühlberg und Eveline gleichsam in deren Schutze an seinem Bette sah.

Er ging ruhig hinüber. Das Räthsel seines unbefriedigten Lebens löste sich sanft mit dem Tode, diesem einzigen wahren Freunde jener Naturen, die ewig sehnen und ewig bangen.

Jener Menschen, von denen man wähnen könnte, sie hätten schon ein Mal auf einem anderen Sterne gelebt, und diese Erde nur betreten, um zu wünschen, sie wieder zu verlassen!

Man verwechsle sie ja nicht mit echten Künstlernaturen, voll Kraft und Ausdauer, voll Schaffenstrieb, bei klarer Erkenntniß ihres Zieles. – Sie sind wie Aeolsharfen, die nur erklingen, wenn der Hauch des Schmerzes sie berührt! Jenen ist das Schaffen in der Kunst Ziel und Zweck! Diesen ist es nur der Ausfluß einer unbefriedigten Seele, deren Aufschrei dem Klagen der verwundeten Nachtigall gleich die Herzen trifft.