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Luise Koppen – Die Frau Leutnantin Sänftig

Erzählung

Aus: Luise Koppen, Kleinstadtzauber, Heiteres und Beschauliches aus meiner Heimat Trowitzsch & Sohn Verlag, Berlin, 1917.


Wir Kinder waren, wie das ja wohl allgemein üblich und der Brauch ist, entzückt von jedem Besuch, er mochte sein, wer und was er wollte, und bleiben so lange er konnte. Von den zwei angenehmen Tagen, die, wie man sagt, der Logierbesuch bringt, nämlich den der Ankunft und den der Abreise, kannten wir nur den ersteren. – Allerdings bat mein Schwesterchen beim letzten Kaffee, den eine Tante bei uns trank, einmal stürmisch um ein Stück Zucker, und als meine Mutter entrüstet sagte, daß heute kein Sonntag sei – antwortete sie mit der schönen Unbefangenheit ihrer Jugend: »Aber es ist doch ein Festtag, Tante reist ab!«

Indessen halte ich das für eine augenblickliche Begriffsverwirrung, im allgemeinen eröffnete uns jeder Besuch die angenehmste Perspektive von Sonntagshüten an Wochentagen,  von gelben Puddings mit roter Sauce zum Nachtisch, obgleich man schon Apfelbrei gegessen hatte, von Landpartien mit Einkehr, denn nur von Spaziergängen hielten wir als Kinder gar nichts, und – last not least – von weniger Erziehung seitens der Eltern.

Der Besuch wurde also von uns mit heißer Liebe empfangen. Ich wage freilich nicht hinzuzufügen, mit ganz und gar selbstloser Neigung. Einen leisen, heimlichen Hintergedanken hatten wir, und der hieß: Was bringt er mit? Da waren wir entschieden nicht rein von Fehle!

Ja, ich muß gestehen, daß mit der Größe des Koffers unsere schändliche Selbstsucht wuchs und wir nach den Zollen der Höhe und der Breite die Menge der mitgebrachten Süßigkeiten schon vorher in eifrigem Geflüster zu berechnen pflegten.

Von Amtsbrüdern meines Vaters, überhaupt von Fremden erhofften wir nie etwas, so un–bescheiden waren wir denn doch nicht, da waren wir aufs höchste und angenehmste überrascht, wenn etwa noch ein Bildchen oder eine Tafel Schokolade zum Vorschein kam. Aber Verwandte – Leute, die ganz und gar zu uns gehörten, von denen erwarteten wir, daß sich aus dem Koffer eine Düte löste, die, wenn irgend möglich und es dem Onkel oder der Tante angedeutet werden konnte, an uns persönlich abzuliefern war, ohne die verhängnisvolle Zwischenstation – Mutter genannt, – welche die für uns gesundheitlich nützliche, aber für das Gemüt empfindliche Neigung hatte, mitgebrachte Bonbons in einen Schrank zu schließen und nur in sehr homöopathischen Dosen zu verabfolgen.

Meistens rechtfertigten die Verwandten unser schönes Zutrauen. Aber ich erinnere mich noch unseres brennenden Schmerzes, als eine uns bis dahin unbekannte Tante, die mit so viel Gepäck kam, daß es uns zu den hochfliegendsten Träumen veranlaßte, seelenruhig äußerte:

»Ich hätte euch gern eine Düte Bonbons mitgebracht, aber ich wußte nicht, ob ihr sie gern äßet!«

Wir starrten uns sprachlos an: Gab es denn Menschen, die Bonbons nicht gern mochten?

Also es gehörte viel dazu, wenn wir bei der Ankündigung eines Besuches nicht in helles Jauchzen ausbrachen. Und wenn wir jemand schon kannten und so recht lieb hatten, dachten wir gar nicht viel an das Mitbringen, da war das Kommen schon Freude genug.

Wie wundervoll waren die Wochen, welche die Großmutter bei uns verlebte! Der einzige Dämpfer bestand in einer engelhaften Cousine, deren fleißiges, gebildetes, artiges Tun und Lassen mir zu Nutz und Frommen täglich so anschaulich erzählt wurde, daß nicht viel fehlte, sie wäre mir in Grund und Boden verleidet worden, bis ein gelegentlicher Besuch bei der Obengenannten mich zu meinem eigenen höchsten Erstaunen aufklärte, daß ich bei der Cousine ebenfalls in genau derselben Weise gerühmt wurde, worauf ein beide Teile befriedigendes Freundschaftsverhältnis folgte.

Wie fein waren die Besuche der beiden Großväter, von denen uns die Mädchen gesagt hatten, der eine wäre reich, der andre nicht. Das konnten wir nur bestätigen, denn der Großvater mit der großen Adlernase und der aufrechten strammen Haltung des alten Soldaten von Anno 1813 gab uns immer einen Taler, der andre, feine, kleine, lustige tat das nie, bis wir dann zu unserm grenzenlosen Erstaunen erfuhren, daß der Taler-Großvater gerade der war, dem es an irdischen Gütern mangelte.

Wenn wir also bei der Anmeldung eines Besuches erschrockene Gesichter machten, so mußte sich entschieden etwas Unerfreuliches nahen. Auch heute, wo ich die Sache von einem andern Standpunkte betrachte, muß ich sagen – leicht war der Besuch nicht. – Und doch – wie wollte ich mich freuen, das alte Original noch einmal ankommen zu sehen. – Damals schlichen wir Geschwister gebeugt einher, wenn der Brief kam, daß die verehrte Tante, Frau Leutnant Sänftig, uns ihren Besuch zugedacht hatte. Sie hatte graue Haare, und ihr Mann, der Herr Leutnant Sänftig, sogar schneeweiße.

Vor Olims Zeiten hatte er den Abschied genommen, um sein väterliches Gut selbst zu bewirtschaften, er bewahrte auch eine Uniform vermittels Mottenpulver und Tabak auf, in die sich später allenfalls sein Arm noch einknöpfen ließ, aber sie hielt auf den Titel und vermerkte es übel, wenn jemand vermessen genug war, sie einfach Frau Sänftig zu titulieren. – Die Anrede »Gnädige Frau« war damals viel seltener. – Sie gäbe auch jedem, was ihm zukäme, meinte sie, und ich muß es ihr zur Ehre nachsagen, daß sie nach diesen Grundsätzen handelte und z. B. Frau Geheimrat Kehr stets Frau Geheime Ober-Finanzrätin nannte, und die Unterhaltung mit diesem Worte reichlicher spickte als den Rücken eines Hasen mit Speck, was meine Mutter rot und verlegen machte. –

Schon die Zeit, in der sie einzurücken beliebte, paßte uns Kindern ganz und gar nicht. Sie kam nämlich zur Herbstmesse, jener wunderbaren Zeit, in der man morgens aufwachte und vor Glück nicht wußte, wie man den Tag durchleben sollte. – Drei Tage Messe, ein ganzer Tag schulfrei – mindestens drei Groschen im Beutel – was kostet die Welt?

Karussells, Braunschweiger Honigkuchenbuden, in denen meine Mutter kaufte, und weniger vornehme, die wir umlagerten, weil es da Mäuse gab, d. i. einfache Pfeffernüsse, fünf für einen Pfennig, und ein schlangenartiges Gebilde aus Honigkuchen, Buntpapier mit Kuchenkrümeln gefüllt – drei Pfennig die Rolle. Man mußte aber sehr jung sein, um den Inhalt mit Wonne zu verspeisen, man wurde doch bald zu ästhetisch, um sich an Krümeln genügen zu lassen. Da ging man schon besser einem lieblichen Fettgeruch nach, und kam zu einer Bude, in der Waffeln gebacken wurden. Man sah das offene Feuer, den goldgelben Teig, den Schöpflöffel, der tief hineingesenkt wurde und dann in dem Eisen verschwand. Sollte man es wagen? Ein halber Groschen – das war doch keine Kleinigkeit! In Qualen des Zweifels drehte man ihn hin und her!

»Ja, ja, bitte, eine Waffel!«

In Ahnung reinster Glückseligkeit hielt ich den fettigen Schatz in den rotgefrorenen Händen und biß hinein.

»Pferdefett, Pferdefett!« höhnte ein vorübereilender Gymnasiast voller Tücke – da war meine Wonne zu Ende!

Am Morgen kam man noch ganz bequem zwischen den Budenreihen durch, am Nachmittag standen wir oft lange wie eingekeilt, denn die Landbevölkerung war inzwischen eingeströmt und blieb mit dem unsern Leuten eignen, ruhigen Beharrungsvermögen oft stillvergnügt eine Viertelstunde lang an derselben Stelle kleben. Dazu das liebliche Schlackerwetter, das mit rührender Regelmäßigkeit in diesen Tagen herrschte. – Aber alles gehörte mit zum Glück der Messe!

Und dies liebliche Bummeln störte uns die Frau Leutnant Sänftig, denn ihr Ausbleiben um diese Zeit konnte nur durch einen äußerst heftigen Gichtanfall des Herrn Leutnant a. D. Sänftig veranlaßt sein. Heute sage ich mir, nach ihrer ganzen Veranlagung konnte sie zu keiner andern Zeit so gern und freudig ihre Koffer schnüren, damals nahm ich es ihr sehr übel.

Schon ihr Einzug in unser Haus war ungewöhnlich. Daß sie mit einem Wagen kam, konnte zwar nicht auffallen, denn wir hatten ja nur die Wahl zwischen Wagen und Post. Aber die Gestalt des Fahrzeuges war seltsam und uns eigentlich im tiefsten Grunde höchst interessant. Es war hoch, wie alle Wagen der alten Zeit und dabei so langgestreckt, als ob man es an beiden Enden gewaltsam auseinander gezogen hätte – die Tiefenorter nannten es schmählicherweise den Leichenwagen. Für Frau Leutnant Sänftig war diese Form sehr angenehm, denn sie konnte nun einen kleinen Koffer und eine Fülle von großen und kleinen, viereckigen und runden Schachteln, die sämtlich leer waren und mit verknoteten Stricken ausgiebig fest verbunden waren, darin unterbringen.

»Meine wertvollen Stricke«, nannte sie Frau Leutnant Sänftig. »Elende Zuckerschnur!« wurden sie von den weniger zartfühlenden Mädchen genannt, die damals aus ganz bestimmten Gründen der Dame sehr wenig gewogen waren.

Die Schachteln stellte die Frau Leutnant als allererste Tat fein säuberlich in einer langen Schlangenlinie auf den Fußboden des Gastzimmers, und verlangte stürmisch, daß sie bei allem Reinmachen genau so stehen blieben, denn »das hat alles seine Wissenschaft«, pflegte sie zu sagen. Die Mädchen behaupteten, sie ginge nicht eher fort, bis jedes Behältnis gefüllt sei, und sie überzeugten sich öfter durch Schütteln der Kasten, wie weit die Füllung vorgeschritten sei.

Dann hielt die Frau Leutnant allsogleich Umschau in Tiefenort, sie war ja aus dem Ort gebürtig, eine Hüttemann, vom alten Kreisphysikus. Da kannte sie jede Straße, jede Gasse, und dabei ging sie zu unserm Unglück doch sehr ungern allein. Ich habe in meinem Leben keinen Menschen kennen gelernt, der so viele Besuche machte und so endlose Besorgungszettel hatte, wie die Frau Leutnant. Die schönen Kaffeestunden mit einem großen Schneckenkuchen in der Mitte des Tisches, die uns sonst einen Hausbesuch so anmutig machten, fielen fast ganz weg, wir nagten mißgestimmt an unfern Butterbroten, weil Frau Leutnant auf die Fülle ihrer Besuche prompt Kaffee-Einla­dungen erwartete und auch bekam.

Sie besaß zwei sogenannte Kaffeekleider, ein lilageblümtes und ein grünkarriertes, die uns beide ganz genau gleich häßlich vorkamen. Frau Leutnant Sänftig dahingegen machte einen gewaltigen Unterschied zwischen den beiden Garderobestücken und nannte das grünkarrierte einen passenden Anzug für größere Feste, das lila dagegen wirke freundschaftlich.

So entspann sich denn mit jedem Dienstmädchen, das in blütenweißer Schürze eine Einladung überbrachte, stets ein Gespräch:

»Und sagen Sie, meine Liebe, wird der Kaffee groß?«

Eine Unschuld vom Lande antwortete mit freundlicher Miene:

»Es kommen fünfzehn Stück so zum Ver- gnügen!«

Ein andermal bekam sie sogar zu hören:

»Der erste »Schupp« hat abgesagt, und vom zweiten sind Sie die erste!«

Da wußte sie wieder nicht, wie weit sie mit der Toilettenpracht zu gehen hatte.

Das wäre ja aber alles bedeutungslos gewesen, wenn Frau Leutnant Sänftig nicht die andere Eigenart gehabt hätte, die uns Kinder stark in Mitleidenschaft zog, und das war ihre Manie einzukaufen. Mir ist etwas derartiges an Kauflust nie vorher und nie nachher wieder vorgekommen. Es war gerade, als ob sie immer eine Festung mit Haushaltungsgegenständen und Kleidern verproviantieren müsse. Und dabei wollte sie, wie gesagt, stets eine Begleiterin haben.

Meine Mutter, die ja von Gottes und Rechts wegen die Nächste dazu gewesen wäre, drückte sich, so oft es eben anging, es blieb also meistens an uns hängen, und die gute Mutter hat in diesen Besuchszeiten viele Anisplätzchen aus der Büchse opfern müssen, um uns immer wieder willfährig zu machen zu den endlosen Gängen durch alle Läden. Eigentlich konnte ich es der Mutter nicht so sehr verdenken, daß sie Arbeiten vorschob, denn es war sehr schwer, der Frau Leutnantin etwas Passendes zu ihren seltsamen Proben und Mustern zu zeigen, und sie gab dann ihrer Mißbilligung sehr unverhohlen Ausdruck.

»Vor Ihrer Auswahl in Knöpfen allen Respekt, Herr Meister, Ihre Kollektion von Bändern ist dagegen einfach miserabel!«

Meine Mutter ging in ihrer ersten vertrauensseligen Zeit einmal mit ihr zum Einkaufen, als Frau Leutnant Sänftig im Mittelpunkt eines schönen Ladens einen besonders großen Schwamm sah. Sofort blieb sie stehen und betrachtete ihn lange und aufmerksam.

»Das wäre etwas für Sänftig,« rief sie voller Freude, »denken Sie, meine Liebe, wenn der liebe Mann einen Schwamm von der Größe über seinen Schultern ausdrücken könnte! Ich möchte dem Guten mal so eine rechte Freude machen! Sie glauben ja gar nicht, wie er über die kleinen Schwämme schimpft. Er nennt sie samt und sonders Walnüsse!«

Meine Mutter betrachtete voll Besorgnis den feinporigen Schwamm, der eine vorzügliche Form hatte.

»Er wird sehr teuer sein!« wandte sie schüchtern ein.

»Für Sänftig ist mir nichts zu teuer!« antwortete Frau Leutnant und lief geradezu Sturm in den Laden hinein.

»Ich möchte den großen Schwamm im Fenster haben,« rief sie, »wieviel kostet er?«

»Drei und einen halben Taler,« sagte die Verkäuferin mit verbindlichem Lächeln und schickte sich an, ihn loszulösen.

»Ich empfehle mich!« trompetete die Frau Leutnantin, der für Sänftig nichts zu teuer war, in heller Wut und rauschte hinaus. Beschämt schlich meine Mutter hinterher und wußte es seitdem so einzurichten, daß eins von uns Kindern den lieben Besuch auf seinen Gängen begleitete.

Zu den seltsamsten Farben suchte sie Besätze und ruhte nicht, bis sie in den verborgensten Läden etwas Passendes aufgetrieben hatte. – Für solche Zwecke war bei uns ein kleiner, altmodischer Judenladen, der das Wort »Ausverkauf« nur aus der Zeitung kannte. Der war eine richtige Fundgrube für Sachen, die es gar nicht mehr gab, und für Farben, die eigentlich nicht existierten. Frau Leutnant Sänftig, deren Wahlspruch sonst das nil admirari war, fiel immer aus einem Entzücken in das andere, die Schätze türmten sich nur so vor ihr auf, und ich muß bekennen, daß ich in diesen Laden doch immer noch am allerliebsten mitging.

Drei Schwestern führten ihn, von altem, wirklich vornehmem Judenstamm, die treu am Gesetze hingen und uns die größte Achtung abnötigten. – Wie ihr Laden, so war ihr Haus, eine Fundgrube von alten, stellenweise sehr kostbaren Sachen. Als wir einmal eine kleine Ausstellung von Altertümern hatten, kamen die schönsten und wertvollsten Stickereien, uralte Jäckchen und Mützchen gerade von dieser Familie, die durchaus nicht reich war, aber jedes Anerbieten, diese alten Besitztümer vorteilhaft zu verkaufen, mit stolzem Lächeln zurückwies.

Zuerst gab es natürlich eine große Begrüßung mit der Frau Leutnant – dann kam ich an die Reihe.

»Wie du deinem Herrn Vater gleichst,« rief die eine.

»Wie du der Mutter ähnlich siehst,« sagte die andere.

»Eine angenehme Melange,« flötete die dritte.

Ich »angenehme Melange« sah mir, während unser Besuch Farben und Wirkungen prüfte und dabei von alten Zeiten sprach, mit größtem Interesse die winzigen Seidenflicken an, aus denen ich mir zwei für die Puppen auswählen durfte. Das dauerte recht lange, denn die Flicken waren zuweilen sehr klein, und eine winzige Latzschürze für ein Puppenkind mußte man doch daraus machen können.

Aber überall ging es mir nicht so gut, ich lehnte oft tödlich gelangweilt an einem Ladentisch, während meine Begleiterin einen Stapel nach dem andern vor sich tragen ließ und verwarf.

Unerreicht war sie in Ausverkäufen! Ihre Augen blitzten, wenn sie während eines Besuches in Tiefenort einen solchen großen Tag erlebte. Ihr Hauptaugenmerk hatte sie auf Kattune gerichtet. Da nahm sie die unglaublichsten Muster, die verlegensten Farben.

»Es ist so angenehm, meine Liebe,« sagte sie, »man hat immer etwas zu schenken. Jedes Mädchen nimmt gern ein Stückchen Kattun zur Schürze oder gar zum Kleide!«

»Jedes Mädchen« nahm das aber gar nicht gern. Unsere treue Jette z. B. war jedesmal zornig, wenn ihr wochenlange pflichteifrige Bedienung der Frau Leutnantin nicht einen Pfennig Trinkgeld, dafür aber einen grellbunten Kattun einbrachte, mit dem man sich, wie sie sagte, »schenieren« mußte.

Wenn schon jeder Ausverkauf ein Fest war, so war jede Auktion eine Wonne. Lange vor dem Beginn erschien sie schon – wie der Rekrut eine Stunde vor der Musterung, und ihre schrille Stimme tönte in jedes Gebot hinein.

Was sie da alles mitbrachte von ihren Rundreisen, nicht etwa in Tiefenort allein, sondern überall im Lande herum! Einmal war es eine jammervolle Dohle, die nur noch in den Federn hing und einen Flügel auf dem Boden nachschleifte.

»Aber sie hat nur sieben und einen halben Silbergroschen gekostet, und soll früher ein sehr aufgewecktes Tier gewesen sein!«

Dieser Ankauf, für den noch ein großes Bauer beschafft werden mußte, weil der »aufgeweckte« Vogel um sich biß wie ein Berserker, ärgerte übrigens Herrn Leutnant Sänftig, der ihr sonst sehr freie Hand ließ, derartig, daß er einen heftigen Gichtanfall bekam und mit Arzt und Medikamenten so etwa zwanzig Taler verbrauchte. Seine einzige Hoffnung, daß der elende Vogel nach allen Gesetzen der Naturgeschichte bald verenden müsse, erfüllte sich auch nicht. Trotz aller Verwünschungen, die täglich auf sie gehäuft wurden, lebte die Dohle hackend und beißend noch unheimlich lange.

Ein andermal kam sie mit vier Dutzend Lichtputzen, die jede auf einem besondern Ständer ruhten.

»Die ganze Geschichte zwanzig Silbergroschen! Denken Sie, meine Liebe, zwanzig Groschen!«

»Ja, aber haben Sie denn noch Lichter, die geputzt werden müssen?«

»Seit fünf Jahren, Gott sei Dank, nicht mehr,« sagte Frau Leutnant Sänftig fröhlich, »aber solch einen Kauf darf man sich doch nicht entgehen lassen!«

Eines Tages kam sie so abgehetzt zu uns, daß wir sie eiligst in einen Lehnsessel drückten. Ihr Gesicht war dunkelrot, und wir rührten ihr ein Brausepulver an. – Aber es war die helle Freude, die sie in diesen schon mehr apoplektischen Zustand brachte.

»Sehen Sie selbst, meine Liebe, diese Schuhe, diese Schuhe!«

Es waren ein Dutzend Paar Gesellschaftsschuhe, Goldkäferfarbe, sehr spitz, sehr schmal und mit ungeheuer hohen Absätzen.

»Für ein Spottgeld, wirklich geradezu für ein Spottgeld!«

Meine Eltern betrachteten kopfschüttelnd die Aschenbrödelschuhe, die vielleicht für den Fuß einer Polin oder Pariserin gepaßt haben könnten.

»Zwölf Taler die ganze Menge! Es ist unglaublich,« jappte die Frau Leutnantin.

Das war ja an sich nicht viel Geld, aber die Schuhchen sahen auch sehr unsolide aus.

»Wer soll sie denn tragen?«

»Ich weiß es noch gar nicht,« antwortete sie freundlich und warf einen schnellen Blick auf ihre Schuhe, Nummer 42.5, »aber das findet sich ja dann!«

Ich war damals in dem richtigen Stadium der erwachenden Mädcheneitelkeit, die ja meistens höchst grundlos ist, bei mir besonders, und dann zählte ich noch dazu erst elf Jahre. Im Verein mit meiner Freundin Emma, die an all meinen Jugendstreichen ebenso tätigen wie liebevollen Anteil nahm, bohrten wir uns Löcher in den Saum unserer Unterröcke und zwängten Weidenruten hinein, um Crinolinen, die wir weder besaßen, noch besitzen sollten, den Tiefenortern vorzutäuschen. Heute befiel mich zum allererstenmale eine wilde Lust, etwas von den Einkäufen der Frau Leutnant zu profitieren. Der Glanz der Goldkäferschuhe stach mir blendend in die Augen, ich näherte mich ihr, sobald die Mutter aus dem Gesichtsfelde war, und machte es leider ganz genau so, wie jener Junge, der bleich aus einer Gesellschaft heimkehrte und dem besorgten Vater auf die strenge Frage, ob er auch nicht um immer mehr Kuchen gebeten habe, die Antwort gab: »Nein, aber gierig geguckt!«

Ich also guckte auch gierig, und so schnell sonst die Frau Leutnant mit dem Verstauen ihrer Einkäufe bei der Hand war, diesmal war es ihr bei dem Anblick der Schuhe selbst nicht ganz wohl, und sie sagte, was bisher noch nie vorgekommen war:

»Du, zum Beispiel, würdest dich doch über ein Paar dieser wunderhübschen Schuhe sehr freuen?«

Ein feuriges »Ja!« erklang. –

Die Frau Leutnant überreichte mir einen Kasten, und meine Schnürschuhe flogen blitzartig schnell von den Füßen. Ich schob, ich drängte, ich zwängte! Aber leider erging es mir genau wie Aschenbrödels Schwestern, ich hätte entweder die Hacke oder die Zehen opfern müssen, und dazu konnte ich mich denn doch nicht entschließen.

Tiefbetrübt und still setzte ich die Goldkäferschuhe wieder vor Frau Leutnant Sänftig, die mir angstvoll zugesehen hatte, und schweigend packte sie die Kartons fort.

Sie nahm die Schuhe dann mit auf ihr Gut, und erst viel später haben sie ihre Bestimmung gefunden!

Auf dies Gut, auf ihr Haus und ihre Einrichtung war die gute Dame sehr stolz. Es war überaus schwer, ihr zu imponieren. Sie ließ sich nicht blenden durch den Spiegelsaal des Schlosses, dem der Fürst damals eine ganz neue Einrichtung geben ließ. Sie war nicht, wie wir, überwältigt von der Goldtapete bei Kammerdirektors, auch nicht einmal durch eine Badeeinrichtung, auf die wir selbst unbändig stolz waren.

Tiefenort hatte noch keine Kanalisation, Gasbadeöfen gab es nicht, und unsere Freunde lobten es aufrichtig, daß wir durch ein Stück Röhre, das mit dem Brunnenrohr verbunden wurde und durch ein Loch der Wand in die Badewanne geleitet war, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit ein Bad bereiten konnten, das durch einen prasselnden Kohlenofen kräftig erwärmt wurde. Wir konnten es manchmal kaum erwarten, Besuchern, die sich dafür interessierten, das Zimmer zu zeigen, die Wanne, die Fliesen, die blauweißen Tapeten und den dicken, karierten Badeteppich.

Frau Leutnant Sänftig wurde bei ihrem nächsten Besuch sobald wie möglich vor das achte Weltwunder geführt, aber sie blieb gefühllos wie ein Stein.

»Ein Badezimmer habe ich auch zu Hause,« sagte sie höchst ungerührt. Nun pflegten wir ihr hie und da einen Besuch zu machen, der aber nie länger als einen Tag dauerte. Wir kamen also in die Lage, das Badezimmer zu sehen. –

Frau Leutnant Sänftig schätzte kleine Rundgänge durch ihr Haus sehr und ließ sich selten dazu nötigen.

»Wo ist denn das Badezimmer?«

»Hier! Wir sind gerade mitten darin!«

Wir sahen uns forschend um.

»Mitten darin? Wieso?«

An den Wänden ragten große Kleiderschränke, standen dickbauchige Kommoden und große Obsthorden zum Trocknen der Zwetschen, sonst keine Wanne, kein Badeofen, kein Teppich, nichts!

Aber Frau Leutnant Sänftig ließ sich nicht verblüffen. Sie deutete auf eine kleine Holz­wanne, in unserer Gegend »Stunz« genannt, die einsam zwischen einer gelben und einer roten Kommode lehnte und allenfalls für ein Fußbad ausreichen mochte.

»Hier!« rief sie triumphierend, indem sie den »Stunz« hervorzog, »ist die Wanne! Ein kräftiges Bettuch als Badelaken ist bald beschafft! Und nun wollen wir weiter gehen!«

Und wir gingen weiter durch das Haus, das eine lebendige Illustration der Worte war:

»Als ich Abschied nahm, waren Kisten und Kasten schwer.«

Kommoden und Schränke waren zum Brechen voll, und selbst ein Weihnachtsfest schlug nur vorübergehend eine Bresche – es hieß nie:

»Als ich wieder kam, war alles leer!«

Mit bewundernswertem Mute und Humor fand sich Herr Leutnant Sänftig in die Eigentümlichkeiten seiner Gattin.

»Sie ist sonst eine kreuzbrave Frau,« hat er meinem Vater einmal gesagt, »und da lasse ich sie eben kramen. Eine ganz bestimmte Summe jedes Jahr habe ich für die ›Allotrias‹ ausgesetzt! Darüber gibt's nichts, und mehr gibt sie auch nicht aus. – Leider, leider haben wir's ja dazu. – Sie wissen's!«

Mein Vater nickte ernst. Ja, er wußte es, wußte, wo der Schlüssel zu suchen war für die eigentümliche Unrast der Gutsherrin.

Ob ich das Schicksal des Ehepaares damals schon wußte und, nach Kinderart nur in der Gegenwart und Zukunft lebend, wieder vergessen hatte, weiß ich nicht. Später hörte ich öfter davon reden. –

There ia a skeleton in every family!

Auch die anscheinend so heitern Sänftigs hatten ihr Skelett im Hause, und wenn sie es auch tief, tief in ihre Schränke verpackt hatten, es war doch da, und sein weißer, harter Finger pochte – pochte durch das ganze Haus.

Es war einmal viel voller im Gutshause gewesen, obgleich damals die Kisten und Kasten leerer waren. Ein Junge war jauchzend und lachend durch die Zimmer, die Gärten und die Felder gelaufen, ein Junge mit krausem Haar und noch viel krauserem Sinn. – Damals bewahrheitete sich das alte Wort: Die Generationen folgen sich, aber sie gleichen sich nicht!

Sänftigs sahen in ihrem einzigen Sohn Albrecht den Erben des alten Familiengutes, und wünschten, daß er nach dem Austritt aus der Schule den Eingang in die Landwirtschaft feiern würde. Albrecht sah das Gütchen an, wie ein Falke den Käfig betrachtet. – Die Welt war ihm ja noch viel zu klein, was sollte er auf der Scholle? Später – natürlich später, wenn er alt geworden war, mochte man ihm damit kommen, jetzt wollte er seine Flügel spannen, hinaus, nur hinaus! –

Die Eltern waren anfangs geneigt, die ganze Sache scherzhaft zu nehmen nach der Melodie: Der Peter will nicht länger bleiben, er will durchaus fort in die Welt. –

»Du schlägst wohl auf den Urahn,« sagte Frau Leutnant, die zu dem Geschlechte Engelbert Kempfers, des kühnen Weltreisenden, gehörte, »bleib daheim, Junge. Reisen kannst du genug, ich reise auch gern!«

Aber bald lachte sie nicht mehr! Es ging hart zu in jenen Monaten auf Erlenhof! Jeder blieb bei seiner Meinung! Die Eltern ärgerten sich über die scheinbare Lieblosigkeit des Kindes, der Sohn über die sogenannte Engherzigkeit seiner Eltern – und das Ende war doch, daß er nach Amerika ging. Nicht im Unfrieden, aber doch mit dem wehen Gefühl der Enttäuschung auf beiden Seiten.

In jener Zeit wuchs sich das lebhafte Temperament der Mutter zur Ruhelosigkeit aus, und der Vater wurde rasch ein alter Mann.

Albrecht schrieb jubelnde Briefe, er war vorerst auf einer großen Pflanzung in Mittelamerika, deren Besitzer ein guter Bekannter des Vaters war. Und dann kam eines Tages der Brief, der eine schreckliche, an den die Eltern heute noch nicht denken konnten, ohne einen kalten Schauder, ohne die ewige bange Frage: Was war recht?

An sich war das Schreiben ganz harmlos! Er teilte mit, daß sich ihm in Südamerika ganz unverhofft eine äußerst günstige Gelegenheit böte, eine Strecke Land »groß wie ein deutsches Fürstentum« billigst zu erwerben. Land, das er immer wieder mit hohem Gewinn verkaufen könne. »Das ist etwas für mich,« schrieb er, »kein eingeteiltes Gut, auf dem schon Generationen die Ackerscholle gewälzt haben, nein – königliches Land ist es, unberührt vom Schöpfungstage an. Da will ich die Hände rühren, da soll mir nichts zu viel sein. Gebt mir das Geld, ich will's euch ewig danken!«

Wieder heiße Tage auf Erlenhof!

»Da liegt des Jungen schönes Erbe, und er will in die Wildnis! Dann ist er uns verloren – unser einziges Kind!«

Die Antwort ging ab! Es war ein festes »Nein«, um so entschiedener vielleicht, je mehr heiße Elternliebe sich hinter den Worten verbarg.

»Bleibe bei dem Freunde, reise, wenn du willst, aber mach dich nicht seßhaft!«

Er schrieb kurz und hart zurück.

»Gut! So ziehe ich ohne Geld in den Wald hinein und will mir mein Lebensglück selbst zimmern. Es hat's so mancher getan, es wird auch mir gelingen! Dann sollt Ihr von mir hören!«

Das war viele Jahre her und war das letzte Wort von ihm gewesen.

»Er ist tot,« sagte die Mutter. »Sein Herz war weich, er hätte es nicht ausgehalten ohne jede Nachricht!«

»Er ist trotzig,« entgegnete der Vater. »Wäre er tot, hätten wir irgend eine Kunde erhalten. So spurlos geht doch auch da unten kein Mensch hinweg. Der Lebende kann sich uns verborgen halten – den Toten verraten seine Papiere!«

Alle Nachforschungen des väterlichen Freundes, seine Aufrufe usw. blieben vergeblich. – Es war als ob die Erde den bleichen jungen Mann verschlungen hätte, der mit zusammengebissenen Zähnen trotzig und finster im Morgengrauen die Pflanzung in Mexiko verlassen hatte. Da glaubte mit der Zeit auch der Vater an seinen Tod! Der wilde Schmerz verlor seine Schärfe, äußerlich waren beide wieder ruhig, scheinbar zufrieden, aber meine Eltern, die tiefer sahen, wußten, wie sie beide litten, und hatten gerade deshalb so viel Geduld mit den Eigentümlichkeiten der Frau.

Im Herbste, wenn die Stürme brausten und die schwanken Zweige der alten Bäume an das Schlafzimmer pochten, fuhr die Mutter empor aus schweren Träumen: – Kommt er? Aber der Sohn blieb fern.

Und dann holte sie ihren Koffer – und reiste und kaufte – kaufte und reiste.

Und dann – eines Tages kam eine Kunde von ihm, bitterschwer, und doch – nur wer die Pein, die Ungewißheit jahrelang ertragen hat, weiß, daß selbst eine schwere Gewißheit das klopfende Herz zu beruhigen vermag.

Albrecht war nicht mehr unter den Lebenden, als die Eltern zitternd und weinend seinen Brief in den Händen hielten.

»Ich wollte nicht eher wieder schreiben, ehe ich etwas Rechtes geworden war, nicht ehe ich Vater beweisen konnte, daß er wohlgetan hätte, mir damals das Geld zu schicken. Meinen Namen habe ich geändert, als Neumann habe ich gearbeitet und gestrebt. Nicht ganz ohne Erfolg, aber das Rechte sollte erst noch kommen. Es hat nicht sein sollen – ich hätte es fertig gebracht. – Nun ist alles aus! Eine tückische Krankheit saugt mir das Lebensmark aus, entstanden aus einer kleinen Verletzung, die ich verlachte. – Nun lacht sie über mich, bis sie mich erdrosselt hat.

Vergebt, wenn Ihr könnt! Das Leben hier macht hart und rauh, ich bin es auch geworden. Aber zwei weiche Stellen hab ich doch noch. Die eine fühle ich, wenn ich an Euch denke und an die Heimat, die ich so lang gering achtete, die andere hab ich für mein Kind, für mein kleines Mädchen. Seitdem ich sie habe, bin ich ein anderer Mensch geworden. Seitdem weiß ich auch, daß ich Euch um Vergebung zu bitten habe – glaubte bis dahin, es sei umgekehrt. –

Nicht meine Frau ist es, an die ich jetzt denke. Sie ist das Leben an meiner Seite bald leid geworden. Ich hatte der Spanierin zu wenig zu bieten. Sie ging zu ihren Eltern zurück, ist wohl längst wieder verheiratet – was weiß ich? Aber wie ein Löwe habe ich gekämpft um meine kleine Isabella. Sie blieb dann bei mir, und nun soll ich sie verlassen!

Einen guten Freund habe ich hier gefunden einen treuen Deutschen. Er und seine Frau wollen sich des Kindes inzwischen annehmen, es auch gern ganz behalten. – Aber ich – ich frage Euch doch: Wollt Ihr die Kleine nehmen? Ich denke manchmal, Ihr tut's, und dann wäre es mir leichter zu sterben. Könnt oder wollt Ihr es nicht, so bleibt Isabella bei Traegers. Kosten verursacht sie ihnen nicht. Wenn alles hier verkauft wird, bleibt genug für ihre Erziehung. Lebt wohl! Ich grüße Euch und die deutsche Heimat.«

Damals hat der alte Leutnant Sänftig für eine ganze Reihe von Tagen vergessen, daß er ein Mann war, der sein gichttrankes Bein zu schonen hatte. – Er wollte durchaus verreisen, dem Kinde entgegenzufahren, bis Hamburg, ja bis New-York seinetwegen. – Was tat denn das! Und ob sie die Kleine haben wollten, die jetzt schon die heißen Tränen um den Sohn mit ihren kleinen Kinderhänden trocknete, jetzt schon, wo man sie noch gar nicht hatte, nur an sie dachte!

Der treue Freund des Vaters in Mexiko, bei dem Albrecht zuerst gewesen war, lebte nicht mehr, aber seine Söhne, die sich schon an den Nachforschungen beteiligt hatten, besorgten alles. – Traegers gäben die Kleine ab, sobald sich gute Reisegelegenheit nach Deutschland fände, hieß es. –

Und während Herr Sänftig fast jeden Tag in Gedanken seinen Koffer packte und im Hause herumfuhr wie ein Irrwisch, saß seine Frau, die allezeit Reiselustige, still in der Fensternische und strickte Strümpfchen von der haarfeinen Wolle, die sie einmal in großen Paketen erworben hatte, zur größten Freude des Händlers, dem sie kein Mensch abnehmen wollte. – Mit Mottenpulver hatte sie die Ballen seitdem mühsam und kostbar gebrauchsfähig erhalten.

Sie strickte sehr geduldig, und die dünnen Nadeln, die mit Sandpapier mühsam blank gescheuert waren, weil sie schon ein ehrwürdiges Alter hatten, klirrten leise. Sehr selten fiel einmal eine Masche, eigentlich nur, wenn sie einmal gar zu lange hinausschaute, ob der Bote ihr noch immer keine Nachricht bringen möchte aus dem fernen Lande. –

Und dann war sie eines Tages da, die kleine Isa, denn man ließ bald das – bella weg, weil sie, wie ihr Großvater leise sagte – gar zu »bella« war, ein feines kleines Geschöpfchen mit tief gesenktem Köpfchen und einer sehr drolligen Mischung von spanischen und deutschen Sprachkenntnissen.

Das Köpfchen hat sie aber sehr bald gehoben, und das Spanisch hat sie vergessen. Dafür entwickelte sich aber bei ihr ein sehr bestimmter Wille und ein ausgesprochenes Schönheitsgefühl. Letzteres war wohl spanisches Erbteil, denn in der Familie Sänftig war das ja bis dahin nicht gerade Mode gewesen. Der feste Wille war schon mehr Sänftigsche Übertragung, aber daß er nicht allzusehr in sein Zerrbild – den Eigensinn ausartete, dafür sorgte die rührende, zärtliche Liebe, mit der das Elfchen an den Großeltern hing. Nein, betrüben wollte es sie nicht, und deshalb durfte es doch auch nicht unartig sein, oder wenn das doch vorgekommen war, sich bald wieder auf den Weg der Pflicht und Tugend besinnen.

Zu Großmutters Einkäufen schüttelte Isa aber sehr energisch den Kopf. Die alte Dohle freilich fütterte sie treulich, obwohl sie wirklich kein liebenswürdiger Pflegling war. Doch als die Näherin für langen Besuch kam, um ihren kleinen Körper mit deutscher Gewandung zu umkleiden, als die Kattune und die Wollstoffe aufgestapelt auf dem großen Ausziehtisch lagen, tippte Isas Fingerchen einen Ballen nach dem andern an, und dann sagte sie von der Gesamtheit ruhig und deutlich:

»Is ßeußlich!«

Die Näherin sah bleich vor Entsetzen die Frau Leutnant Sänftig an – so etwas dachte man doch nur und sagte es nicht. Die alte Dame schob die Stoffe eine Weile hin und her – betrachtete sie aus der Nähe, ging ein Stück vom Tisch weg und sah sie von ferne an. Dann siegte die Großmutter in ihr über den Schreck, den die Leutnantin empfand, sie fragte ganz sanft:

»Was magst du denn gern leiden, Isa?«

»Dir,« antwortete die Kleine und umschlang die alte Frau. –

»Nein, jetzt meine ich die Kleider, Kind!«

»Will ich dich gleich zeigen!«

Eilig lief sie von dannen und kam mit einem ihrer alten weißen Kleidchen wieder. Ein blaues Band lag darüber. –

»So weiß mit bißchen blau bei, is ßön, sehr ßön, Großmutter!«

Die Großmutter lachte, und ließ durch Vermittlung meiner Mutter weißen Stoff kommen und einen hübschen blau und weißgestreiften noch dabei. Sie selbst könne nicht kommen, schrieb sie.

Ob Frau Leutnant Sänftig vielleicht ein Findelhaus mit ihren Vorräten beglückt hat, weiß ich nicht, aber ich weiß, wenn wir später hinkamen, waren Kisten und Kasten gar nicht mehr so voll und die Dienstmädchen trugen hübsche helle Leinwandkleider, die Isa nach Proben ausgesucht hatte. Die Großmutter rief sie immer zu solchen Auswahlsendungen, denn »das Kind versteht wirklich etwas davon, meine Liebe! Wir suchen alles zusammen aus!«

Nur einmal haben wir Frau Leutnant Sänftig unrecht getan, das war, als wir den Kauf der kleinen Goldkäferschuhe einen verunglückten nannten. Isa passen sie prachtvoll, und sie hat sie, allerdings in unglaublich kurzer Zeit, sämtlich aufgetragen.

Das hat der Großmutter Selbstbewußtsein doch in etwas wieder hergestellt – da hat sie sich doch geradezu als weitausschauend, mit prophetischem Blick begabt, erwiesen.

Um so leichter wurde es ihr nun, was Auktionen und Ausverkäufe betrifft, zu verzichten. – In dieser Hinsicht war sie jetzt ganz a. D. – Nur zur Messe regte sich noch des alten Renners edles Blut. – Aber nur um Isas willen kam sie da für einen Tag zu uns, natürlich nur um des Kindes willen!