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Josip Kozarac – Tena.

Novelle

aus: Slavische Romanbibliothek, IV., Südslavisches Novellenbuch, Verlag von J. Otto, Prag, 1905
Tena übertragen von Fr. Vever

I.

In ihrem sechzehnten Jahre war sie hoch aufgeschossen und schlank, als wäre sie aus dem Wasser gesprungen, und es schien, daß sie zu groß sein werde; ihre Freundinnen fingen schon an ihr verschiedene unschöne Spitznamen zu geben. Ihr Gesicht war etwas düster, von jener unbestimmten Farbe, aus der man noch nicht schließen konnte, ob sie eine blasse oder rosige Brünette werden wird. So unentwickelt, gefiel sie zunächst niemandem besonders. Wer sie aber aufmerksam ansah, der mußte bemerken, daß ihr Gesicht in jedem seiner Züge regelmäßig, die Nase gerade und klein ist, die wie eine Sichel gewölbte Stirne begann erst in der oberen Hälfte weiß zu werden, der untere Teil des Gesichtes zog sich etwas in die Länge und rundete sich allmählich erst, kein Knochen, kein harter Zug störte den zarten, regelmäßigen Einklang des ganzen Antlitzes. Das Gesicht aber war noch tot, ohne jeden belebenden Hauch; nur die dunklen, glänzenden Augen versprachen, als hätten sie sich zu früh geöffnet, ähnlich dem Dufte halbreifen Obstes, daß diese regelmäßigen Züge, bis sie ausgefüllt und geordnet sein und sich mit der Farbe der ersten Jugend beleben werden, eine Schönheit erschaffen, mit welcher die Natur nur wenige Frauen schmückt. Wer sie von der Hitze oder Arbeit erhitzt sah, der sagte ohne langes Überlegen, daß sie eine Schönheit sein werde; wer sie dagegen frierend und blau von der Kälte antraf, der betrachtete sie mit mitleidigem Auge, als sähe er eine Schwerkranke. Sie gehörte nicht zu den frühen Schönheiten, sondern zu denen, die spät, aber um so vollkommener aufblühen.

Ihre Mutter war kränklich und konnte kaum erwarten, daß Tena ihr achtzehntes Lebensjahr erreicht, damit sie sie verheirate, und wenn sie auch zwei Tage nach der Hochzeit sterben sollte. Die Mutter hatte auch allen Grund, mit Tenas Verheiratung zu eilen, denn wenn sie sie unverheiratet hier zurückließe, Gott allein weiß, was aus ihr neben solch’ einem Vater, wie Tenas Vater war, würde. Jerko Pavletić war ein träger, nachlässiger Mensch, der sich selbst und alles um sich herum der Gnade Gottes überließ, und dabei noch so ein armer, guter Kerl, welcher der Gesellschaft zulieb auch die Kappe auf dem Kopfe vertrinken würde. In dem kroatischen Slavonien sind solche Leute nicht selten. Ebenso langsam, wie er ging, dachte und arbeitete er auch; sogar beim Essen war er schwerfällig, als zwänge ihn jemand dazu. Wenn er sein Weib nicht hätte, würde es in seinem Hause weder Brot noch Geld geben; sein Weib knetete den Teig fürs Brot und tränkte die Pferde und besorgte auch noch selbst alles in der Hauswirtschaft. Nur wenn sie schon verdrießlich wurde, packte sie den Mann bei der Schulter und beutelte ihn, wie wenn er ihr Kind und nicht ihr Mann wäre: »Schämst Du Dich denn nicht vor Gott und den Menschen, daß ich, die ich so kränklich bin, für Dich und mich arbeite, und Du Dich nur streckst wie der Kater am Speck? Rühr Dich doch, das Elend soll Dich davontragen!«

Darauf hin spuckte er nur aus, schob die Pfeife aus dem einen Mundwinkel in den andern, lächelte so faul — als fiele ihm auch das zu schwer und wie wenn er nicht begreifen könnte, warum sie ihn zur Arbeit zwingt! Wenn es ihr einmal gelingt und er sich wirklich erhebt, dann hat Gott geholfen; jedesmal geht es aber nicht so, er bleibt, wo er war, nickt nur mit dem Kopfe und murmelt etwas in den Bart, und dann muß sie auch ruhig sein, denn wenn sie ihm noch ein Wort sagt, steht er auf, wie wenn er an die Arbeit gehen wollte; scheinbar tut er da und dort etwas, in Wirklichkeit aber trachtet er unbemerkt vom Hofe zu verschwinden und dann geht es geraden Weges ins Wirtshaus. Und jetzt kannst Du, mein teueres Weib, bis übermorgen auf mich warten! Das Herz hüpfte ihm vor Freude, daß er sie so drankriegte. Gewöhnlich konnte sie ihn aber nicht abwarten, sie mußte ihn selbst abholen und mit Gewalt nach Hause ziehen.

»Ihren Jerko geht sie holen!« pflegten die Leute im Dorfe zu sagen, wenn sie sie mit geraden und entschlossenen Schritten zum Wirtshause gehen sahen.

So war er schon! Und daß er so war, war nicht er allein, sondern auch sein träges Wesen schuld. Solange noch die Familien-Genossenschaft Pavletić bestand, war er Schweinehirt; während des ganzen gemeinschaftlichen Lebens tat er nichts anderes, als Schweine hüten. Als sich die Genossenschaft auflöste, war er dreißig Jahre alt und nun sollte über die Nacht aus dem Schweinehirten ein Hausherr und Landwirt werden. Er weiß nicht einmal, wie er den Pflug zu führen hat, kann den Wagen nicht auseinanderlegen, hat keine Ahnung, daß jeder Steuern zu zahlen hat. Bis jetzt träumte ihm von all’ dem nicht, er brauchte es nicht zu wissen: der Hausherr hat ihn zum Schweinehirten bestimmt und damit war ihm fast für sein ganzes Leben eine Aufgabe gegeben. Jeden Morgen bekam er seine Portion Brot und Speck, und es kümmerte ihn nicht, ob es im Speicher noch Mehl genug gibt oder nicht, es kümmerte ihn nicht, wo der Hausherr das Geld hernimmt, um im Herbst für alle Kleidung und Beschuhung zu beschaffen; es kümmerte ihn nicht, ob die Felder geackert oder gesäet waren, ob das Vieh umkam oder sich vermehrte.

War es denn seine Schuld, daß diese ganze ungeheuere Arbeit plötzlich auf seine Schultern fiel, daß sein ganzes Leben jetzt aus dem müßigen Halbschlummer aufgerüttelt wurde, daß er auf einmal ein Mann geworden war, der alles verstehen soll, alles von der Aussaat bis zur Ernte? Bis jetzt war er einer Säule ähnlich, die mit vielen anderen Säulen einen riesigen Bau stützte — der die Genossenschaft hieß — jetzt aber, nachdem man das Dach abgetragen, die Balken und Latten auseinander genommen, konnte er nicht allein bestehen, weil man ihn in dem Bau nicht so plaziert hatte, damit er allein stehen könne, sondern stets nur von andern gestützt. Kaum daß man ein wenig mit ihm rührte, fiel er auch schon um.

Ist es ein Wunder, daß dieser plötzliche Übergang seine ganze bisherige Weltanschauung verwirrte, daß dieser gesellschaftliche Umsturz ihn in einen Abgrund hinabzog, in dem er sich nicht rühren konnte und wo er sich schließlich jener leblosen Sorglosigkeit überließ, jener eisigen Apathie gegen alles, was ihn umgab?

In solchen Verhältnissen wuchs Tena auf. Dieses häusliche Leben übte aber keinen Einfluß auf sie aus; erstens deshalb, weil es nichts Außergewöhnliches im Dorfe war, und dann deshalb, weil sie nicht so feinfühlig war, um so etwas zu empfinden; sie ist ganz dem Vater nachgeraten.

»Was wird aus Dir werden, Tena, wenn ich sterbe?« bedauerte sie oft die Mutter.

»Und was sollte aus mir werden? Es wird just so sein wie jetzt,« gab sie mit einer Stimme zur Antwort, mit der sie weder die Mutter noch sich selbst bedauerte.

In ihrem siebzehnten Lebensjahre begann sie sich zu entwickeln und zwar so rasch, daß sie jeden Tag eine andere wurde, mit jedem Tage schöner. Die bis jetzt schlummernde Lebenskraft brach plötzlich aus ihr hervor; sie wuchs nicht mehr in die Höhe, ihre Formen rundeten sich nur ab, bis ihre Fülle mit der Höhe vollkommene Harmonie erreichte. Die Weiberjäger aus dem Dorfe richteten das Auge auf sie und begannen ihr nachzusteigen. Die Mutter wußte, welche Zeit für sie kam und hütete und wehrte sie, so gut sie eben konnte. Es gab auch Burschen, die ihr die Hand anboten, ihr waren aber alle gleich. Die Mutter wartete eine Zeitlang, um zu sehen, welchen sie wählen werde, da sie sich aber überzeugte, daß in ihrem Herzen für keinen der jungen Leute das Liebesfeuer entbrannt sei, wählte sie selbst den Josa Matijević für sie aus, einen ganz hübschen und ziemlich vermögenden Burschen. Tena freute sich nicht besonders darüber und wehrte sich auch nicht gegen die mütterliche Wahl. Diese ihre Kühle, in der Zeit, wo in ihr alles gähren sollte, gefiel der Mutter nicht, aber sie atmete dennoch erleichtert auf, da sie wußte, daß ihr Josa gut ist und daß auch die Matijević gegen Tena nichts einwenden.

Bald nachher starb die Mutter.

Tena weinte ihr nicht lange nach, schon deshalb nicht, weil sie nicht weinerlicher Natur war, und dann auch deswegen, weil ihr jetzt im Herzen so wie einem mutwilligen Pferde war, das sich losgerissen hatte und in die weiten Fluren und Felder, in die goldene Freiheit davongesprengt ist . . .

Tena war zu Mute, als hätte sie bis jetzt nicht mit ihrem Kopfe gedacht und mit ihrem Herzen gefühlt; ihre Führerin, die selige Mutter, verstellte mit ihrer Person, mit ihren Lehren den ganzen Ausblick vor ihr, so daß sie von der ganzen Welt nichts sah und hörte, als eben nur ihre Mutter. Und jetzt auf einmal öffnete sich eine unabsehbare Perspektive vor ihren Augen, und dies alles, was sie nicht kannte, verfloß zu einem einzigen Begriff: ich bin ich; alles, was an mir ist, ist mein! . . . Welch’ eine Wollust erfüllte sie bei dem Gedanken, daß sie nun selbst ihren Willen, ihre Gedanken, ihren Körper lenken werde . . . Und ihr schwarzes Auge erglänzte, erweiterte sich, als wollte es die ganze Welt mit seinem Blicke umfassen und sie in die üppige, junge Brust einsaugen. Sie erzitterte bei dem Gedanken, daß jetzt die ganze Welt ihr gehört.

Zu dieser Zeit besetzten die österreichisch-ungarischen Truppen das ganze Savegebiet, um im geeigneten Augenblicke in Bosnien einzumarschieren. In Jerkos Hause wurde der Zugsführer Jaroslav Beránek untergebracht. Dem jungen Manne stand fast der Verstand still, als er Tena erblickte. Der erste Gedanke, der ihm in den Kopf schoß, war der, daß er glaubte, ein Liebling der Götter zu sein, weil man ihn gerade in diesem Hause einquartiert hat. Als Soldat kam er in manche Städte und Dörfer, manchem Mädchen hat er den Kopf verdreht, in manches schöne Auge hatte er geblickt, aber so eine Schönheit wie Tena hatte er noch nirgends gefunden. Tena, dieses wundervolle Mädchen, betörte ihn gleich im ersten Augenblick und sein Herz schlug laut vor Freude, denn er war überzeugt, daß diese reizende Tena, dieses unschuldige Mädchen, die zarte Rose sei, die seine heiße Sehnsucht stillen werde. Ja, er war überglücklich, daß gerade ihm dieses Glück zuteil wurde.

Als ihn Tena zum erstenmal so geschniegelt sah, die Kappe nach Stutzerart schief aufgesetzt, eine dünne Virginiazigarre im Munde, die rote Unteroffiziers-Diensttasche auf der gewölbten Brust, wie er sie so keck und verliebt betrachtet, da hätte sie fast eine helle Lache angeschlagen und ihm am liebsten gesagt: »Da bin ich, sprich, wenn Du der richtige Mann bist!« . . .

Und die Flamme, die dabei aus ihren Augen schoß, bekräftigte ihn nur in dem Gedanken, daß sie ihm schon gehöre . . . Und er sprach sie auch tatsächlich an, und zwar so keck und lieb, wie es ihr Josa nie vermochte. Wie sie ihn mit dem ersten Blicke, so eroberte er sie mit dem ersten Worte.

Als sie Josa den nächsten Abend besuchte, verspürte sie Lust ihm zu sagen: »Und wer bist Du, und warum kamst Du?« Er kam ihr so unbedeutend, so albern vor, daß sie ihm ins Gesicht gelacht hätte. Wie könnte sie neben dem Zugsführer nur einen Augenblick an Josa denken? Der spricht mit ihr und erzählt ihr, was ihr auch alle andern Burschen im Dorfe erzählen können; er sagt ihr, daß er sie gerne habe, wird in Worten und Gedanken verwirrt, wenn sie ihm etwas schärfer in die Augen blickt, und jener erzählt ihr von wunderschönen Städten, großen Festlichkeiten, von Königen und Generalen, wirbt um sie, schießt mit seinen Blicken nach ihr, daß ihr das Blut in den Adern stockt, und sie dann verwirrt, machtlos das Gesicht nur auf seine Schulter neigt, und dann liebkost er sie.

Es war wirkliche Liebe, ihre erste Liebe. Wenn sie dem Zugsführer nicht begegnet wäre, vielleicht hätte sie in ihrem ganzen Leben nicht erfahren, was echte Liebe ist. Auf dem Dorfe, wo man sich gegenseitig kennt, wo Du von der Kindheit an mit jenen aufgewachsen bist, die zu derselben Zeit wie Du zu lieben beginnen, wo immer dieselben Menschen sind, an denen Du jede Veränderung in der körperlichen und seelischen Entwickelung von der Kindheit bis zum Mannesalter wahrgenommen hast, für diese Menschen kann das Herz nicht in der echten, göttlichen Liebe entbrennen, hier verdrängt der tägliche Verkehr die Liebe, hier bringt die Gewohnheit der Liebe den Tod. Damit sie flamme, bedarf sie einer bis dahin nicht gesehenen Person, einer unbekannten Stimme, ungewohnter Blicke, neuer Worte.

Auch er liebte sie, wenn auch nicht mit der ersten Liebe wie sie ihn, so war doch diese Liebe das mächtigste Gefühl seines Herzens. Er war ein Böhme (das ganze Regiment war böhmisch), noch unverheiratet und versprach ihr mit Bestimmtheit, daß er sie gleich nach dem Kriege heimführen werde; er wird alles verkaufen, was er besitzt und zu ihr ziehen. Er erzählte ihr, wie bei ihnen eben gewirtschaftet wird, wie gearbeitet und gespart wird; wenn er fünfzehn Joch Grund hätte, wie ihr Vater, er wäre in zwei, drei Jahren der erste Wirt im Dorfe. Er konnte sich nicht genug über die brach liegenden, fruchtbaren Wesen, über die verwahrlosten Gärten und zerstörten Stallungen wundern. Er war ganz selig bei dem Gedanken, wie er das alles herrichten, wie daß alles hier in Ordnung sein werde, wie in einem Bienenstocke . . .

Sie hörte ihm zu, aber die Bedeutung seiner Worte interessierte sie nicht im mindesten, sie lebte nur für den Klang seiner Stimme, für den Duft seines Wesens, für den Blick seines Auges. Für alles andere war sie blind und taub. Was war ihr die Zukunft, wenn er jetzt und immer bei ihr ist? Gibt es denn eine Vergangenheit, eine Zukunft, ist denn nicht dieses ganze Leben nur ein einziger süßer Augenblick? Was ist die Zukunft, was ist die Heirat, was heißt das, Mann und Weib zu sein? Wozu das alles, wenn er auch so beständig vor ihren Augen steht, wenn sie etwas an ihn fesselt, was besser und dauerhafter ist als jede Trauung, wenn sie lebhaft empfindet, daß er ein Teil ihres Lebens ist? . . . Ach, das waren schöne, glückliche Tage! Ob Nordwind blies, ob Regen fiel, das alles bemerkte sie nicht; ihr leuchtete stets die süße Sonne! Als hätte sie in diesem Glücke ihre eigene Person vergessen, bemerkte sie gar nicht, daß sie zu vollkommener Schönheit aufgeblüht ist, daß aus ihrem Antlitz der Zauber des Frühlings strahlte, daß ihr ganzer Körper das duftende, üppige Leben eines vollerblühten Rosenstockes atmete. Sie sah das alles nicht, denn ihr schien die ganze Welt schön zu sein, so schön, daß sie in dieser seelischen Schönheit ihre körperliche Schönheit gar nicht bemerkte. Sie wußte nicht, daß sie lebt, und das ist der Höhepunkt menschlichen Glückes. Ihre Tage vergingen gleichförmig, sie erlebte nichts ungewöhnliches in ihrer Liebe, alles war einfach, alltäglich, ohne jede Besonderheit, ohne Veränderung und Hindernis. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie mit ihm unter einem Dache lebte, mit ihm aus einer Schüssel aß und aus einem Glase trank. Es tadelte sie niemand wegen ihrer Liebe und niemand beneidete sie. Es wurde zwar im Dorfe bemerkt, daß sie immer schöner wird, daß ihr keine andere gleichkommt, aber zu dieser Zeit kümmerte sich niemand darum, denn so manches Weib und Mädchen hatte seinen Soldaten, seinen Geliebten, alles war zufrieden, glücklich! Auch wenn ihre Mutter noch gelebt hätte, hätte sie diese Liebe nicht hindern können, denn mit der Ankunft des Militärs fiel die Liebe über alle gleich einer Seuche, die niemand aufzuhalten vermag. Nicht nur für Tena, für das ganze Dorf waren diese Tage eine unausgesetzte Reihe von Festlichkeiten, ein einziger Festtag, ein lustiger Hochzeitsschmaus . . .

Schließlich kam die Stunde des Scheidens. Die Truppen erhielten den Befehl bei Brčka in Bosnien einzumarschieren. Jetzt begann ein Geschrei, Weinen und Wehklagen. Auch Tena jammerte; Tränen hatte sie nicht, aber die roten, unterlaufenen Augen, die blassen Wangen, der starre, irrende Blick einer Wahnsinnigen, das alles bewies, daß ihr Herz vor Schmerz blutet. Den ersten Tag war sie wie bewußtlos; sie konnte nicht essen und nicht sprechen. Erst den zweiten Tag raffte sie sich auf: den ganzen Nachmittag verbrachte sie im Dorfe und in der Nacht vor dem Abmarsche, als er schon eingeschlafen war, machte sie dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihn und band ihm ein kleines Muttergottesbild um den Hals. Und während er schlief, betete sie über ihm, und zwar solche Gebete, die in keinem Gebetbuche geschrieben stehen, die sich nur eine liebende, erschütterte Seele ersinnen kann. Es schien, als ob dieses Gebet ihr Herz erleichtert hätte; der erste sinnlose Schmerz ließ nach und sie erwartete mit klarem Blicke den Augenblick des Scheidens.

Als in aller Früh das Schlachtsignal ertönte, sprangen nicht nur die Soldaten auf, um sich für den Abmarsch zu rüsten, sondern alles, was im Dorfe leibte und lebte. Außer der militärischen Bagage lud der Bauer alles, was er gutes im Hause hatte, auf den Wagen, um noch zum letztemale den zum Kampfe ausziehenden Soldaten bewirten zu können. Hinter dem Regimente der Soldaten zog ein Regiment Weiber, alle so gekleidet, als begleiteten sie ihre Brüder zum Grabe . . .

Auf der sumpfigen Ebene unterhalb Brčka sah jedes Mädchen noch einmal ihren Soldaten, und als von dem schlanken Turme in Brčka die ersten Schüße auf slavonischem Boden fielen und als auf diesen Gruß das Uchatius-Geschütz seine erste Granate über die Save sandte und der leichte Monitor die Save zu durchkreuzen begann, in dem Augenblick, als Brčka zu qualmen und zu brennen begann, überschritten die österreichischen Truppen die Save und betraten den Boden Bosniens. Und solange die Abteilungen durch die engen Gassen von Brčka marschierten, solange begleiteten sie die letzten Blicke, begrüßten sie die Seufzer vom andern Ufer der Save . . .

»Geh mit Gott, Du meine Sehnsucht! Adieu, mein Glück! . . .«

 

 

II.

Das war um die Mitte des Sommers. Mit dem Herbste begann im Dorfe wieder das frühere Leben, es wurde wieder gesungen und getanzt, am Sonntag wurde Kolo gespielt wie sonst immer, nur hie und da erinnerte ein schwarzes seidenes Kopftuch, daß jemand jemanden noch nicht vergessen habe. Es gab nur noch wenige solche, aber unter ihnen war auch Tena: das schwarze Kopftuch war der Beweis, daß sie noch an den Zugsführer denkt. Die Matijević wollten nach dem heiligen Michael Hochzeit machen, Tena wollte aber von der Heirat nichts hören und Josa heirate aus Trotz ein Mädchen aus dem Nachbardorfe.

Zu Aller Heiligen kamen schon die Holzhändler, damit sie über den Winter die schönen Eichen — Slavoniens Stolz und Zierde — bearbeiten, die sie früher bei der Versteigerung erstanden hatten. Statt der Soldatenabteilungen strömten ganze Truppen von Arbeitern aus dem Küstenlande und aus Krain herein und zerstreuen sich wie die Ameisen in den herrlichen Eichenwäldern. Unter den Holzhändlern gab es Wiener, Bayern, Engländer und Franzosen. Der Vertreter einer Pariser Firma war Léon Jungmann, ein geborener Elsässer. Er hatte einen deutschen Namen, seiner Gesinnung nach war er aber Franzose. Er war ein junger, hübscher Mann, hatte kleine feurige Augen, eine gebräunte Hautfarbe, ein volles, dunkles Haar und einen blonden Bart. Kroatisch sprach er in kurzen, abgehackten Sätzen, manche Worte zu stark betonend, andere wieder verschluckend, so daß man sich erst gewöhnen mußte, um ihn ganz zu verstehen. Als Vertreter einer großen Firma lebte Léon nach Herrenart; für seine Kanzlei und Wohnung mietete er das größte Haus, hielt sich Pferde und einen feinen Koch. Hübsch und galant, erwarb er sich bald die Zuneigung junger Weiber und viele boten sich ihm förmlich an. Sein Auge aber fiel auf jenes schlanke Mädchen mit dem schwarzen Tuche auf dem Kopfe, das trotz allen Aufforderungen in diesem Herbste nicht den Kolo tanzte, und abseits stehend, den Tanz nur beobachtete. Das schwarze Tuch, der schneeweiße Rock und das Leibchen, die Augen wie zwei Blitze, die geröteten Wangen, ein kaum sichtbares überlegenes Lächeln, das auf den Lippen nur zitterte, ohne die vornehme Ruhe des strahlenden Gesichtes zu berühren, das alles fesselte Léon, als er sie so zum erstenmale beim Kolo sah. Er wandte das Auge nicht mehr von ihr ab, bis sie unterhalb des Tuches einen Blick ihm zuwarf, mehr aus Unwillen darüber, daß er sie so betrachtet, als aus Neugierde. Indem diese Ruhe sie noch schöner machte, reizte sie ihn immer mehr.

Er hat bald erfahren, wer und wessen Tochter sie ist. Noch denselben Abend lud er sie und noch einige der schönsten Mädchen ein, zu ihm zu kommen, damit er sie bewirten könne. Er bestellte Zigeunermusik und bereitete eine Auswahl von Leckerbissen vor . . . Alle kamen, nur Tena nicht. In den glänzend beleuchteten, mit französischem Komfort eingerichteten Gemächern tollten die Mädchen, aßen Datteln und Chocolade, tranken Tee und süße Liqueure, hängten sich Léon an den Hals, schmeichelten ihm, so schön als sie es nur kannten, nur um ihm zu gefallen; er lächelte aber nur, betrachtete sie neugierig und dachte dabei an — Tena.

Auch die folgenden Tage lud er sie ein, sie wollte aber auch jetzt nicht kommen. Die übrigen Mädchen verleumdeten sie bei Léon, daß sie eine Soldatendirne sei, daß sie ihren Zugsführer beweine; in Wirklichkeit war es ihnen angenehm, daß Tena nicht zu Léon kommt, denn sie wußten, daß sie ihre gefährlichste Rivalin ist. Es war ihnen auch nicht recht, daß sie schon dreimal bei Léon waren und noch immer nicht erkannt haben, welcher von ihnen er am besten sei.

Während die Krainer Eichen zu Pfosten bearbeiteten, legten die armen Bauern aus dem Savegebiete das kleine Eschen- und Buchenholz in Stösse zusammen; mit ihnen arbeitete auch Jerko Pavletić. Gelegentlich der Lohnauszahlung erinnerte sich Léon seines Namens und den Werkführer befragend, erfuhr er, daß er Tenas Vater sei.

»Sagen Sie Ihrer Tochter, daß es nicht schön von ihr ist, daß sie nicht zu mir kommen will. Wenn die andern Mädchen kommen können, warum könnte sie es nicht? Da, geben Sie ihr das, und sagen Sie ihr, daß ich sie nicht beißen werde, wenn sie zu mir kommt,« sagt Léon halb scherzend, halb im Ernst und reicht Jerko drei Packete mit allerlei Zuckerwerk und außerdem befiehlt er dem Koch, Jerko Wein und Schnaps zu geben.

Wie Tena in der Früh aufwachte und beim Bette diese Packete sah, war sie nicht wenig überrascht.

»Und was ist das, von wo?« fragte sie den Vater.

»Rate!«

Sie errötet, wie wenn sie jemand mit Purpur übergossen hätte, und ratet gut.

»Nun, ist es Dir vielleicht nicht recht? Eine andere wäre überglücklich, und Du tust spröde. Es wär schon Zeit, daß Du diesen Soldaten aus dem Kopfe schlägst, dem ist g’rad etwas an Dir gelegen! Siehst Du nicht, was die andern Mädeln tun? Die können den Abend kaum erwarten, wenn sie Herr Léon zum Nachtmahl einladet. Gestern hat jede ein seidenes Kopftuch bekommen, und Du gehst um sieben Uhr zu Bette, just wie eine Henne . . .«

»Bist Du verrückt geworden?«

»Verrückt oder nicht, es ist nicht gescheit von Dir, daß Du nicht gehst, wenn er Dich ruft. Wenn Du sehen würdest, wie’s bei ihm alles glänzt und strahlt, wenn Du sehen würdest, was es dort für Bilder gibt, was für Kästen, Schüsseln und Messer, und dieser Duft dort! . . .«

Und den ganzen Tag redete er ihr zu, warum sie nicht zu Léon gehe, und den ganzen Tag sprach er nur, wie gut es ihr gehen werde, wie sie nicht um Tücher und Schuhe zu sorgen hätte, wenn sie nur zu ihm hinginge.

Und sie ging. Er, der Vater, führte sie selbst hin.

Wie sie vor Léon trat, überfiel sie eine solche Scham, daß sie den Mund nicht öffnen konnte, nur mit Mühe gelang ihr ein Lächeln. Als aber ihr Blick flüchtig die nie gesehene Pracht und Herrlichkeit der Gemächer Jungmanns streifte, als sie hörte, wie er ihr Schmeicheleien sagt und ihr die Cour macht, wie er ihr bald von dem, bald jenem anbietet, da faßte sie sich bald und wurde mutiger. Die weibliche Natur überwand bald die erste Schüchternheit und in kurzer Zeit fühlte sie sich hier zu Hause. Die glänzenden Bilder mit schönen nackten Weibern, die riesigen Spiegel an jeder Wand, das niedrige, breite, eiserne Bett, bemalt mit verschiedenen Blumen, mit weißen duftenden Kissen und einer blauseidenen Decke, das alles bezauberte sie. Allmählich schien es ihr, daß alles das nur für sie geschaffen, daß sie, ihr Körper, ein Teil dieses Prunkes und Glanzes sei.

Léon betrachtete sie nur und mit Sachkenntnis analysierte er die Gefühle und Gedanken, die sie in diesem Augenblicke beseelten. Er sah ihre Zurückhaltung und Scham nach und nach schwinden, sah, wie die neuen Gegenstände auch neue Gefühle in ihr wachrufen. Das waren die Augenblicke, in welchen so manches Weib sinkt und fällt vor der Macht und dem Glanze des Reichtums. Er bemerkte es ganz gut, daß sie mehr den Glanz bewundert, als ihn selbst; er kam erst in zweiter Reihe, nur als der Besitzer von all’ dem in Betracht, er wußte aber, daß es anders nicht sein könne, da, wo die Liebe gekauft wird.

»Nun, wie gefällt es Dir?« fragte er sie, sicher, daß sie schon besiegt sei.

»Gut, besser als Du!«

Er schlug eine Lache an und küßte sie auf den Mund. Sie erschrak nur in der Seele vor diesem Kuße, aber ihr Äußeres zeigte kaum, daß ihr dieser Kuß unerwartet kam.

Und er plauschte unausgesetzt, fortwährend zeigte er ihr das und jenes, liebkoste sie beständig, so daß sie nicht einmal Zeit hatte, zu sich zu kommen und recht zu bedenken, was mit ihr geschieht. Sie war ganz in seiner Macht, die Kraft ihres eigenen Willens verlor sie vollständig und es war ihr, als irrte sie auf den schönen Gefilden eines süßen Traumes . . .

Als sie diese Nacht nach Hause kam und ganz erregt sich auf dem Bette wälzte, ohne einschlafen zu können, schossen ihr Gedanken durch den Kopf, ähnlich denen, die sie nach dem Tode ihrer Mutter hegte. Wieso ähnlich? Damals war sie noch ein unerfahrenes Mädchen, das nur wie durch Nebel die Wonnen der Welt ahnte, und jetzt — angebetet, sich ihrer Schönheit bewußt, mit ruhigem Herzen, das schon tief in das Wesen der menschlichen Natur gedrungen war und eine Wonne und Freude nach der anderen gleichsam als Obst kostete. Sie kehrte in Gedanken zu den Tagen ihrer ersten Liebe zurück. Ach! Was war das für ein strahlender, seliger Glanz in ihrer Seele im Vergleich mit dem Schimmer, der heute ihre Augen blendet . . . Sie liebte jetzt einen andern Mann, aber in dieser Liebe war nicht jener überirdische Zauber, wie damals, als sie ihr Zugsführer liebkoste! Und es zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf, daß es etwas im Menschen gebe, was nicht mit Gold zu erkaufen sei, etwas Göttliches, was nur einmal das Herz beglücken kann. Dieser Gedanke vermochte sie aber nicht lange zu beschäftigen; er wurde immer bläßer, getrübt durch die Eindrücke der heutigen Erlebnisse, die noch zu neu und ungewöhnlich waren, als daß sie neben sich den alten Erinnerungen Raum gewähren könnten . . . Und ihre Gedanken und Gefühle weiter betrachtend, entschloß sie sich, ihre Entwickelung bis zu dem Zeitpunkte zu verfolgen, wo ihr die Mutter sagte, daß sie heiraten muß, sie konnte aber den Spuren dieser Entwickelung nicht folgen. Sie sah nur zwei Punkte deutlich und klar, zwei Kreuzungen, aber den geraden Weg zu ihnen konnte sie nicht finden. Der Bruch mit Josa Matijević kam plötzlich, stark, wie ein Büchsenschuß, nichts konnte ihn aufhalten, er war aber auch so natürlich, so notwendig, daß es anders nicht kommen konnte. Der zweite Fall aber, dieser zweite Seitensprung von dem Wege, auf den sie die Liebe des Zugsführers gebracht und fast ein Jahr lang geführt hatte, dieser Fall schien ihr nicht mehr so natürlich und notwendig. Sie wußte noch nicht, was sie in die Arme Léons geschleudert. War es das Zureden des Vaters, Léons Reichtum, oder jene unbegreifliche Neugierde, die am tiefsten Grunde des weiblichen Herzens verborgen ist, oder das alles zusammen? Und wenn sie früher den Zugsführer nicht geliebt hätte, hätte sie das tun können, was sie gestern getan hat? Diese Frage schien ihr noch in dem ganzen Nachgrübeln die interessanteste zu sein und sie hat sich dieselbe hundertmal mit »ja« und hundertmal mit »nein« beantwortet. Die Erinnerung an ihr erstes Zusammentreffen mit dem Zugsführer gab ihr ein entschiedenes »Nein« zur Antwort; die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Léon antwortete ihr ganz anders. Endlich erkannte sie, daß sie mit ihrer Seele und ihrem Herzen nicht im klaren sei, daß es etwas Stärkeres gebe, was sie vorwärts drängt, und daß sie sich dieser unbekannten Macht überließ wie ein Holzsplitter der Welle, die mit ihm ihr Spiel treibt und ihn jetzt dem Strande zu, dann wieder vom Strande wegträgt.

Mit diesem Gedanken schlief sie ein und als sie aufwachte, war die Erinnerung an den gestrigen Abend so süß und teuer, daß sie nicht recht wußte, was sie wirklich erlebt und was sie bloß geträumt hat. Und dies Wonnegefühl dauerte den ganzen Tag an und sie wartete mit einem unheimlich angenehmen Gruseln den Abend ab — und eilte zu Léon.

So verlebte sie den Winter; es war ein Leben, ähnlich einem glänzenden Feuerwerke, das gleich strahlend zu Anfang wie zu Ende ist. Wie damals in dem reinen Genuße seliger Liebe, die nichts anderes als nur Gegenliebe suchte, so lebte sie jetzt in der Wollust des Körpers und des grenzenlosen Sehnens. Sie hatte alles, was nur das Herz begehrte, sie kleidete sich wie kein anderes Mädchen im Dorfe, sie wußte nicht, was heute und was morgen ist. Sie wußte nicht, was Tage sind und was Nächte, sie lebte nur für die kurze Dauer des Abends, wenn sie sich so schön, als sie nur konnte, ankleidete und zu Léon ging; sie kannte nur die zügellosen Augenblicke, wenn sie seine durchwärmten, duftenden Zimmer betrat und, ihre junonische Gestalt aufrichtend, mit jenem unsagbaren Lächeln, das mehr in den Augen als auf den Lippen schwebte, in der Mitte des Zimmers stand und wie im Erstaunen leise, ganz leise lispelte: »Und wo bist Du?« . . . Und er hatte sich irgendwo versteckt, und sie mußte dann alle Zimmer abgehen, bis sie ihn fand. Dann wurde getollt und gelacht ohne Ende.

Jeden Sonn- und Feiertag brachte sie drei oder vier ihrer besten und hübschesten Freundinnen mit sich und dann feierten hier bei den Klängen der Zigeunermusik die Schönheit und der Übermut ihre Triumphe, wie sie nicht einmal die elysäischen Gefilde sahen.

Oh, du süße Zigeunermusik, sorgenlos und schelmisch, süß und ungestüm wie das ganze Zigeunerleben! Du weckst die noch schlummernden Leidenschaften, du entfachst sie zu mächtiger Lohe, halbverglommene Kohlen entfachst du aufs neue, bis sie zur Gänze durch ihre Glut verzehrt sind! Jetzt loderst du gleich einer Flamme und dann klagst du wie die Windsbraut um die frosterstarrten Lumpen des Zigeunerzeltes.

Und während die Mädchen, angefeuert durch die wilde Musik, jetzt schamlos, dann verschämt — trotzig die verführerischen Formen ihres Körpers zeigten, während die angefachten Funken ihres trunkenen Geistes sprühten, tolle Lieder sich ihren jungen Kehlen entrangen, während sie die Bilder der schönen, halbnackten Weiber auf der Wand, die von den Wänden diesen Reigen anstarrten, nachahmten und verkörperten, betrachtete Léon mit noch zwei oder drei Freunden in gesättigter Ruhe die Bewegungen dieser jungen weiblichen Körper, die vor Leidenschaft dampften und vor Erregung und Müdigkeit sich rosig färbten. Seine Phantasie versetzte ihn in die vergötterte Stadt der »armen Löwinnen«, der »Kameliendamen«, es war ihm in diesem Augenblicke, als wäre er nicht im slavonischen Walde, sondern in »Nanas Boudoir«.

Und der junge, hübsche Zigeuner Gjorgje, dem in den Augen, auf dem gelockten Haar und den Perlenzähnen eine letzte Spur der orientalischen Rasse haften blieb, geigt und geigt, als wollte er den letzten Blutstropfen seiner Geige einflößen. Wie trunken, wie verrückt hüpft er mit ihnen, rollt mit den Augen, zuckt mit dem ganzen Körper, und wenn der Kolo um ihn herum wogt, dann neigt er sich rasch und richtet sich wieder auf, so daß Du nicht unterscheiden kannst, ob er den Tanz dirigiert, oder der Tanz ihn.

Während Léon mit kühlem Blicke die Schönheit der Tänzerinnen betrachtete und fachmännisch abwog, was an der, was an jener Schönes ist — hat die Liebe Gjorgjes Augen getrübt und er sah niemanden sonst außer — Tena. Die Leidenschaft tobte in ihm und sie hätte ihn vielleicht erstickt, wenn er die Geige nicht hätte, in die er das stürmische Feuer seines Herzens goß; er wiegte sich auf der eigenen Musik, er hielt sich beim Tanze beständig in der Nähe Tenas auf, jetzt ausweichend, dann sich niederbückend, als wollte er, daß sie außer den zartesten Tönen seiner Geige auch das Flüstern seines Herzens höre:


Hör’, die Saite — wie sie klingt,
und, mein Herz, hör’ — wie es springt!


So sang und flüsterte er ihr leise zu.

Und sie hoch und stolz wie ein Hirsch, aufgeregt und rot, nach Rosen duftend, warf nur kurze Blicke Léon zu, um zu erspähen, welches der Mädchen er am liebsten betrachtet. Für sie war Léon so viel wie Gjorgje, denn sie wußte nicht mehr, was Liebe ist. Sie war in jener glücklichen Stimmung, wo sie empfand, daß sie jeder bewundert, daß sie jeder liebt, und sie niemanden zu lieben braucht. Früher, solange sie noch liebte, genoß sie die ganze Wonne und das ganze Glück der Liebe, aber auch die Qualen und Schmerzen eines liebenden Herzens; jetzt hatte sie nur das Erstere, das Letztere gab es für sie nicht mehr. Sie fühlte sich leicht wie ein Vogel; sie kümmerte sich nicht darum, daß sie so viele begehren, daß Léon öfters eifersüchtige Blicke auf sie wirft, das Gjorgje Haus und Weib verlassen hat und sie wie wahnsinnig umschwärmt.

»Seid alle so reich wie Léon, dann werde ich auch euch angehören!« So etwas Ähnliches verklang in der Tiefe ihrer Seele, wenn sie bemerkte, daß sie ein Männerauge verlangend betrachtet. So wie sie einst von keinem andern als von dem Zugsführer hören wollte, so erfüllte sie jetzt immer bestimmter das Gefühl, daß sie nicht nur einem Manne gehört, und dieser Gedanke wurde ihr täglich zugänglicher. Einem Manne anzugehören, wo sich ihr so viele anbieten, schien ihr ungerecht. Immer mehr schwand aus ihrer Seele die heilige Flamme, die das Bild des einzigen Mannes hütete, ein anderes Wesen nicht einmal in die Nähe zulassend. In ihrem Herzen, in ihrer Auffassung der Welt und des Lebens bereitete sich eine Wandlung vor, ihre Gefühle begannen in neuer Form zu kristallisieren, und diese Form schien ihr jetzt viel natürlicher als jene, da sie nur den Zugsführer geliebt hatte.

Diese neue Kristallisation ihrer Gefühle bemerkte auch Léon, denn er beurteilte nicht nur anatomisch die Schönheit ihres Körpers, sondern verfolgte auch genau die Entwickelung ihrer Gedanken und Gefühle. Obzwar sie untereinander immer vertrauter wurden, hatte er doch wahrgenommen, daß ihre Sprache immer freier wird, daß ihre Gefühle immer loser und wilder werden, daß ihr mit jedem Tage mehr jene weichen, verschämten Ausdrücke verloren gehen, mit denen das Weib die Nacktheit ihres Körpers und ihrer Seele verhüllt. Ihm lag aber nicht viel daran; er war nicht in sie verliebt, sie war nicht sein Weib, sie war ihm gleich wie jede andere, mit dem Unterschiede allein, daß die Schönheit ihres Körpers nicht nur seinen Augen, aber auch dem Geiste wohl tat. Er kümmerte sich auch darum nicht, ob sie ihn liebt oder nicht; das war für ihn das Wenigste, wenn er nur wußte, daß er sie nach Herzenslust lieben könne.

»Hast Du mich wirklich gern?« fragte er sie einst, ihren entblößten Nacken mit seiner weißen vollen Hand streichelnd.

»Was soll ich Dir nur sagen? Oft denke ich mir: schau, wie es bei ihm schön ist und wie es Dir bei ihm gut geht, und jener Soldat hat gar nichts gehabt und doch hatte ich ihn gern, ich weiß selbst nicht warum . . . Mein Gott, wie war ich damals doch dumm! . . .«

Und wenn bei diesen Worten ein kaum merkbarer mißmutiger Zug sich in seinem Gesichte zeigte, umarmte sie ihn, zog ihn an sich und flüsterte:

»Ich hab’ Dich gern; geh, blick mir in die Augen, so, schön, — nicht wahr, daß ich Dich liebe?« — Und sie streichelte ihn, wie man einen Jagdhund streichelt, küßte ihn einigemal und brach in Lachen aus, nur damit das Gespräch bald zu Ende sei.

Er wußte gut, daß sie sein Geld liebt, seine schönen Zimmer und das stürmische, tolle Leben in diesen Zimmern, das betrübte und ärgerte ihn aber nicht, er wußte, daß er nicht ein einsames Veilchen gesucht hat, das er in seinen Garten übersetzen wollte, sondern eine Rose, die er an seine Brust befestigen will, auf daß sie dufte und ihm wohl tue — wenn auch nur für einen Tag. Er hatte sie so gerne, wie das Land, in dem er jetzt lebte: er kam nicht nach Slavonien, um ewig da zu bleiben, um ein Glied dieses Volkes zu werden, um mit ihm zu atmen und auszuatmen; nein, er kam, um das auszubeuten, was schön und wertvoll in diesem Lande ist, er kam, um sich in diesem Lande zu bereichern und wenn er sich bereichert, um dann zu sagen: Adieu, du schönes Land, ich brauche dich nicht mehr, ich gehe in mein Land, unter mein Volk, um das zu verzehren, was ich dir genommen! . . . Und eben so viel bedeutete für ihn auch Tena . . .

Tena erstrahlte zu dieser Zeit in der vollen Entfaltung ihrer weiblichen Schönheit; ihre Jugend und Schönheit hatten jenen höchsten Punkt erreicht, der nie wiederkehrt. Den Reiz ihrer jungen Kräfte vermehrte noch das sorglose Leben, das ausgewählte Essen, die Reinlichkeit — sie badete jeden Tag wie Léon — und ihre Schönheit schien nie verwelken zu wollen, wie jene Blume, die jeden Morgen schöner blüht.

Gjorgje war wahnsinnig in sie verliebt; mit dem Fanatismus eines Orientalen träumte er nur von ihr; sie war für ihn »süßer als die Manna des Himmels«. Er wußte von jedem ihrer Schritte, er folgte ihr vom weiten, wenn sie zu Léon ging, und begleitete sie, wenn sie von ihm heimkehrte; wegen ihr schlug er jeden Tag sein Weib, die kleine Zigeunerin Maruša, die trotz allen Schlägen mit einer unauslöschlichen Liebe an ihm hing, an ihrem schönen Gjorgje.

Gjorgje konnte kaum den Sonntag erwarten, um wieder zu Léon zu gehen, um wieder zum Tanze aufzuspielen und den Kopf an Tenas Brust zu neigen, um wieder einmal die Wärme und den Duft ihres weißen, üppigen Körpers zu empfinden.

In einer warmen Aprilnacht, als sie durch die leere Gasse vom Léon nach Hause ging, erklang plötzlich hinter ihr leise und gedämpft die Geige. Es war Gjorgje; vom genossenen Wein etwas erhitzt, entschloß er sich ihr nachzugehen und begann ihr stürmische, leidenschaftliche Melodien zu spielen, solche Melodien, die er und sie bis dahin nicht gehört hatten. Geigend begleitete er sie bis zu ihrem Hause und trat mit ihr in das leere Zimmer ein, blieb in der Mitte stehen und spielte und das Instrument tollte und jubelte in seinen vom Fieber glühenden Händen, lachte und klagte von Liebe und Sehnsucht, Leidenschaft und Wehmut, und es schien, als wäre seine Geige selbst von diesem dämonischen Gefühle beseelt und hingerissen und als sehnte sie sich danach, durch Weinen und Gesang das auszudrücken, was nun das Herz in seinen Tiefen unausgesprochen birgt. Und Tena, mächtig ergriffen von dem Schwunge dieser wehmütig innigen Melodie, ließ ihren Körper und ihre Seele auf den Flügeln seiner dämonischen Musik davontragen. Das Blut stieg ihr zu Kopfe, sie zitterte wie ein welkes Blatt, bis sie endlich dem Sturme und der Leidenschaft unterlag und Gjorgje krampfhaft an sich riß, stürmisch, eindringlich, mit der ganzen Anspannung ihrer Kräfte. Die Geige schluchzte auf, wie ein aus dem Nest aufgescheuchter Vogel und entfiel seiner müden Hand . . .

Tags darauf, als Léon aufstand — er stand nie vor zehn Uhr auf — erwartete ihn schon ein Weib vor der Türe, das sich mit Gewalt in sein Zimmer drängte. Er, gut gelaunt wie stets, empfängt sie scherzend. Das Weib scheint anfangs verlegen die Worte zu suchen, mit denen sie ihm das Geheimnis anvertrauen wollte, das schon das ganze Dorf kannte, daß nämlich Gjorgje Tenas Haus verließ, als schon die Sonne ziemlich hoch stand.

»Da sehen Sie, wie sie Ihnen dankbar sind,« sagte sie, wie ein seine Ware anpreisender Verkäufer, »und Sie zahlen ihnen doch, daß der Kaiser nicht besser zahlen würde und da sehen Sie, was diese Unverschämten da auf Ihr Konto treiben! Ich komme Ihnen die Augen zu öffnen, auf daß Sie sehen, wie Ihnen diese Zigeunerin Ihre Liebe heimzahlt! . . . Statt Sie auf den Händen zu tragen, Sie wie Gold und Seide zu schätzen, treibt sie sich herum wie eine Landstreicherin. Und wenn’s noch mit jemand anderem wäre, aber mit einem Zigeuner! Na, da haben Sie halt keinen glücklichen Fang gemacht, aber wenn Sie mich hören wollten, würde ich Ihnen ein Mädel bringen — eine Perle . . .«

»Eine Perle!? . . . So wie Du eine bist und die Tena! Geh nur, von wo Du gekommen bist, meine Liebe, ich weiß schon, was Du brauchst —: Geld, Geld, alle seid Ihr gleich; alle seid Perlen, aus trübem Glas erzeugt . . .«

Und das Weib bei der Schulter nehmend, öffnet er die Tür und führt es selbst hinaus.

Wenn ihn auch die Mitteilung des Weibes nicht besonders überraschte, hörte er doch ihre geschickt berechneten Worte nicht gerne, die außer Tena auch ihn herabsetzten.

»Eine Perle — Perle! . . . Der Teufel weiß, von wo dieses Volk noch die Poesie hernimmt!

Kommt zu mir, um mir ein Mädchen zu verkaufen und nennt es eine Perle; kommt, um ein Mädchen zu besudeln, und das andere bietet es mir an; das eine ist eine »Landstreicherin«, weil es schon verkauft ist, und das andere ist eine »Perle«, weil es erst verkauft werden soll . . .«

So sprach Léon zu sich selbst. Und diese »Perle«, die ihm das Weib angeboten hatte, war ihre eigene Tochter. Es hat nicht gelogen, ihre Tochter war wirklich noch eine Perle, denn sie hat eben erst das fünfzehnte Jahr erreicht.

Als Léon abends aus dem Walde nach Hause kam, fand er auf dem Tische einen Bogen Papier. Im ersten Moment sah es aus, als hätten Kinder mit Bleistift den weißen Bogen bekritzelt, bei einiger Aufmerksamkeit aber sah man, daß es Bilder und Verse sind. Diese Bilder und Verse stellten dar und besangen zottig, spöttisch und boshaft Gjorgjes Liebe, seit dem Augenblicke, da der Zigeuner die Geige in die Hand nahm, um aufzuspielen und verlangend Tena ansah, bis zu der Nacht von gestern . . . Sowohl Bilder als Verse waren voll des boshaftesten volkstümlichen Humors, so daß Léon selbst lachen mußte.

»Da, nimm Dir das und lass’ es Dir einrahmen, als Andenken,« sagte er bissig zur Tena, als sie in das Zimmer trat.

Sie errötete, ihre Augen blicken auf und wütend packte sie mit der vollen Faust das Papier. Sie hatte schon gehört, daß sie bei Léon etwas erwarte, nur wußte sie nicht, was es sei. Auf den ersten Blick erkannte sie die Schrift jener Freundinnen, die mit ihr zusammen zu Léon kamen.

»Schau, diese Bestien! Sie wollen mich bei Dir anschwärzen, und wenn jemand über ihre Sünden schreiben wollte, würden drei dicke Bücher nicht hinreichen. Da hast Du, behalte sie Dir, wenn sie Dir lieber sind! . . . Und das Papier zusammenknitternd, warf sie es Léon zu Füßen und verließ stolz das Haus.

Nach dieser Begegnung sahen sie sich drei Tage nicht: sie wollte, daß er sie rufe, und er wieder, daß sie selbst reumütig zurückkehre. Den dritten Tag konnte sie nicht mehr widerstehen; erstens deshalb, weil sie schon zu gewohnt war den Abend bei ihm zuzubringen, und dann, weil sie sich fürchtete, daß er sie gegen eine andere eintauschen könnte. Und das kränkte sie am meisten; es schien ihr, daß sie es nicht überleben könnte, daß statt ihr eine andere alles das Gute bei Léon genieße, die schönen Stunden der Dämmerung und der Wonne in Léons Armen und sich dann rühme, daß sie sie aus den eleganten Zimmern herausgedrängt habe. Daß Gjorgje bei ihr war, das tat ihr am wenigsten leid; es war ihr, wie wenn an einem sonnigen Tage plötzlich ein Regenguß niedergegangen und sie dabei naß geworden wäre, bevor sie die Straße überschritt. Ist es denn ihre Schuld, daß sie gerade im offenen Felde war, als der Regen am heftigsten prasselte, kann sie denn dem Regen befehlen!? . . . »Ich habe gefehlt — ja, es war nicht das erstemal und nicht das letztemal,« war ihre Schlußfolgerung.

Als Léon am dritten Tage etwas später aus dem Wirtshause nach Hause kam, fand er sie in seinem Zimmer, anscheinend böse, in Wirklichkeit aber konnte sie sich kaum des Lachens enthalten und versteckte sich beständig unter die Bettdecke. Er dachte diesen Tag schon daran, daß er mit ihr brechen werde; wie er sie aber jetzt nach drei Tagen schöner als je sah, verführerisch, frisch, war ihm zu Mute wie damals, als er sie zum erstenmale sah, er vergaß alles und verlangend pflückte er heiße Küsse von ihren verlockenden Lippen, liebkoste sie stürmischer als am ersten Abend . . . Es schien ihm sogar, daß sie ihn jetzt mehr liebt, daß sie glücklicher ist als früher.

Das waren Augenblicke, von denen man sagt, daß die Sonne nach dem Regen glänzender strahle, als vor ihm. Aber auch sie währten nicht mehr lange, denn die Firma, bei der Léon angestellt war, kaufte an der Drau einen großen Eichenwald und Léon erhielt den Auftrag, so bald als möglich dorthin abzugehen.

Tena erblaßte bei dieser Nachricht, die selbst Léon ziemlich unerwartet kam. Die letzten Tage verließ sie ihn gar nicht, um nur dieses herrliche Leben zu verlängern. Bis dahin hatte er sie nicht traurig gesehen und bemerkte erst jetzt, daß ihre schlanke junonische Erscheinung die erhabene Ruhe der Trauer besser kleide, als die wilde Freude. Eine vollendete Schönheit darf nicht die Spuren alltäglichen Lächelns an sich tragen. Die feierliche Ruhe ihres ganzen Wesens rührte ihn und weckte das Bedauern in ihm; unwillkürlich kam ihm auch der Gedanke, daß dieses Wunder von Schönheit andere Hände umarmen, andere Lippen küssen werden.

»Was wird aus Dir werden, wenn ich fortgehe?«

Sie antwortet nicht, sieht ihn nur an und zuckt mit den Achseln.

»Wird es Dir leid tun, bis ich nicht mehr hier sein werde?«

Auch jetzt antwortet sie nicht, aber ihr unwiderstehlicher, träumerischer Blick sagt, daß sie es bedauern werde.

»Es wäre am besten, wenn Du heiraten würdest.«

»Das wäre wohl das Beste, wenn ich nur könnte. Wenn Du wüßtest, was das heißt, nach solch’ einem Mädchenstand zu heiraten, würdest Du mir das gar nicht anraten.«

»Du denkst doch nicht daran, immer Mädchen zu bleiben; Du wirst ja auch nicht immer jung sein?«

»Das ist eben das Böse; deshalb werde ich leben und genießen, solange ich jung bin.«

»Und wenn Du heiratest, und ich zufällig wieder herkomme — — —«

Bei diesen Worten erglüht ihr Gesicht, wie das eines Kindes.

»Dann werden wir uns sehen, werden uns treffen . . .«

»Und Dein Mann? . . .«

Tena lächelt wunderlich und zuckt mit den Achseln.

So schieden sie von einander. Beim Abschiede erglänzten Tränen in ihren Augen und sie küßte ihn dreimal auf der Schwelle, lebhaft, feurig, wie noch nie bis zu diesem Augenblicke, dann entfernte sie sich mit festen, schnellen Schritten, ohne sich noch einmal umzusehen.           

Den dritten Tag nach seiner Ankunft an der Drau erhielt Léon einen Brief von Tena, in dem sie klagt, wie sie vor Sehnsucht nach ihm verschmachte, während ihn vielleicht schon andere Hände streicheln und liebkosen. Sie schrieb ihm, so wie es beim Volke üblich ist, in Versen, sehnsuchtsvoll und zart, als sprösse ein Volkslied aus ihrem Herzen. Ihr Leid konnte sie nicht besser zum Ausdruck bringen, als durch ein wehmütiges Liedchen.

Oh! Du slavische Poesie, du weiches slavisches Herz! Wer vermöchte heute zu sagen, ob du einmal die Welt regieren wirst, oder ob du bis in die Ewigkeit über der heimischen Scholle nur von deiner Größe und Genialität träumen wirst!

So dachte Léon, nachdem er das traurige, aber herzliche und tiefempfundene Liedchen gelesen, in dem Tena all’ ihrem Leid und Verlangen, all’ ihrem Sehnen und ihren Wünschen, all’ der Trauer ihres Lebens Ausdruck geliehen . . .

 

Die ersten Tage nach Léons Abreise beschäftigte sich Tena damit, die Kleider und die Wäsche, die sie im Laufe des Jahres von Léon erhalten, zu ordnen; bis dahin wußte sie noch gar nicht recht, was sie alles besitzt.

Als sie alles geordnet und das Geld noch einmal gezählt hatte, wurde es ihr leichter ums Herz, denn sie hatte von allem für ein ganzes Jahr genug. Das war Trost für sie, die erste Entschädigung für Léons Verlust.

Auch ihr Vater kehrte aus dem Walde heim; mit Léons Abgang hörte auch sein Dienst auf, und es war solch ein angenehmer Dienst, daß sich Jerko Pavletić keinen besseren wünschen konnte. Fisolen, Kukuruzbrot und Speck gab es im Walde genug und mitunter gab’s auch Wein, Schnaps und Tabak. Jetzt begann sich Jerko in dem leeren Hause umzuschauen; die Glocke im Walde rief nicht mehr zum Essen, aus dem Herrenhause wurden keine Schüsseln mit ausgiebiger Kost mehr herübergetragen . . . An Tena hatte er schon fast vergessen und sah sie jetzt etwas mürrisch an, wie wenn sie daran schuld wäre, daß die guten Zeiten für ihn bereits aufgehört hatten. In den ersten Tagen irrte er noch wie im Halbschlafe herum; das bisherige Leben konnte er noch nicht vergessen und an das neue konnte er sich nicht gewöhnen; er zog aus einem Wirtshaus in’s andere, immer noch hoffend, daß ihm jenes gute Leben plötzlich wieder in den Schoß fallen werde. In den Wirtshäusern wurde er aufgezogen, wo sein »Schwiegersohn« sei und wie es ihm jetzt ohne »Schwiegersohn« gehen werde. Und er nickte nur niedergeschlagen mit dem Kopfe und dachte bei sich, daß es nie mehr ein solches Leben geben werde, nie mehr einen solchen »Schwiegersohn« . . . In wenigen Tagen hatte er auch den letzten Kreuzer verklopft und fing nun an, in Tena zu dringen, daß sie ihm Geld gebe. Anfangs gab sie ihm wirklich etwas, nur um ihn loszuwerden; als er aber sie täglich zu plagen begann, entzog sie ihm ihre Hand zur Gänze. Jetzt blieb Jerko nichts anderes übrig, als zu überlegen, wie er zu Geld käme. Von ernster Arbeit war bei ihm keine Rede mehr; dieser Mensch, der nicht für Weib und Haus zu sorgen hatte, wurde ganz faul und verwahrlost. Da bietet ihm sein Nachbar, ein böhmischer Ansiedler, hundert Gulden für eine Wiese von fünf Joch an. Jerko, ohne lange zu überlegen, verkauft die Wiese. Es blieben ihm noch acht Joch und das Haus. Pferde und Kühe verkaufte er gleich nach dem Tode seines Weibes. Während er bei Léon im Walde arbeitete, kümmerte er sich gar nicht um sein Feld, er ackerte und säete nicht, und das Feld wurde immer mehr von allerlei Unkraut überwuchert. Steuern hatte er schon seit drei Jahren nicht gezahlt, und da er auch jetzt nichts abzahlen wollte, so wuchs die Steuerschuld immer höher an. Solange noch etwas von den hundert Gulden vorhanden war, verließ er nicht das Wirtshaus. Außer etwas Kleidung und Beschuhung, die er sich anschaffte, hat er alles übrige vertrunken. Und als auch der letzte Kreuzer fort war, ging er selbst einen Käufer suchen, um auch noch das Feld zu verkaufen. Einen Käufer fand er, kam mit ihm zur Gemeinde, um den Kauf abzuschließen, — es wurde ihm dies aber wegen der großen Steuerschuld nicht erlaubt.

Solange die Genossenschaft bestand, war es nicht schwer, 50 bis 100 Morgen Land anzubauen, als aber die Genossenschaft aufgelöst wurde, kamen 15 bis 20 Morgen Grund auf den Einzelnen und es begann allmählich der Ruin. Steuern und Nebensteuern für den ganzen Grund mußten gezahlt werden und ein einzelner Mensch konnte auch mit bestem Willen nicht einmal die Hälfte des Grundes bebauen. Der Boden blieb öde und unbebaut; die Felder überwucherte Hollunder- und Stachelbeerengesträuch, der Boden verwilderte immer mehr, und trotzdem er nichts abwarf, mußten für ihn Steuern gezahlt werden.

Und so stellte sich die Krisis ein, welche die scharenweise Ansiedelung der Böhmen in Slavonien zur Folge hatte.

Jerkos Grund kam zur Versteigerung und da er nicht verkauft werden konnte, verpachtete ihn die Gemeinde, um die Steuerschuld durch die Pacht wenigstens teilweise hereinzubringen. Jetzt hörte Jerko auf der Herr seines Bodens zu sein; er konnte ihn nicht verkaufen und auch nicht bebauen. Das hübsche Häuschen mit dem Obstgarten, in dem er und Tena aufgewachsen waren, war nicht mehr sein, er durfte keine Zwetschke und keine Birne mehr von den Obstbäumen pflücken, die seine Väter gesetzt und gepflegt hatten . . .

Tena wußte vielleicht von allem dem und vielleicht wußte sie auch nichts, sie kümmerte sich nicht darum; was geht sie denn das an, ist denn das ihre Sache? Nicht einmal die Weiber kümmern sich um die Wirtschaft, warum sollte sie, als Mädchen, es tun? Nur ihre Mutter war so närrisch, und deshalb ging sie auch vorzeitig ins Grab! . . .

Der Vater kümmerte sich nicht um sie und sie nicht um den Vater; er sah sie an, als wollte er sagen: »Ich hab’ für Dich früher gesorgt, jetzt sorge Du für mich;« und ihre Blicke antworteten ihm: ›Du bist ein Mann, kümmere Dich selbst.‹

Wenn sie sich so angesehen hatten, gingen sie schweigend auseinander, jeder seines Weges. —

Tena war’s langweilig, furchtbar langweilig. Vor kurzem noch hat sie die Nächte durchwacht und den Tag sorgenlos verschlafen, und jetzt mußte es umgekehrt sein. Etwas ging ihr ab, etwas trieb sie aus dem Hause, — wohin soll sie aber gehen? Das war nicht der Schmerz, den sie nach dem Fortgehen des Zugsführers empfunden; jener Schmerz verlangte nach Einsamkeit, auch ohne ihn lebte und sprach sie mit ihm; jetzt war’s ihr aber ganz anders. Damals, wenn sie sich lebhaft den Zugsführer und seine Liebe vorstellte, strömte eine beseligende Wonne durch ihr Herz, ihr Auge wurde feucht und ihre Seele erleichtert; und jetzt — wenn sie sich der in Léons Wohnung verbrachten Stunden erinnert, zieht ihr ein eigenartiger Schmerz das Herz zusammen, der bald in Ärger und Bosheit übergeht, und statt der Tränen fühlt sie eine Wut im Herzen, daß sie alles um sich herum zerreißen möchte. Damals hat sie himmlische Wonnen verloren, jetzt die irdischen.

Zehn Tage hielt sie diesen Kampf aus; endlich entschloß sie sich plötzlich, daß sie diese Qual betäuben muß, sei es auf welche Art immer.

»Wenn ich neben Léon den Zugsführer vergessen konnte, werde ich auch Léon neben einem andern vergessen.

Und jene ihre Empfindung, daß es nirgends geschrieben steht, daß sie nur einem einzigen Manne angehören soll, fing jetzt erst feste Wurzeln in ihr und schien ihr eine wahre Erlösung zu sein.

Aber wie, wohin? Die jüngeren Kaufleute und Geschäftsführer, die auch ihre Liebsten wie Léon hatten, begannen schon langsam abzureisen, da die Waldarbeiten mit Ende April beendet werden; über den Sommer bleiben nur einzelne Aufseher da und die sind meistens verheiratet und wohnen fast alle im Walde. Sie müßte bis November warten, wo die Waldarbeit wieder beginnt; wer weiß, vielleicht würde sie wieder einen Liebhaber, wie Léon war, finden; wie soll sie aber drei bis vier Monate warten? Sie müßte verrückt werden, bliebe sie so einsam! . . . Wohin also, wen soll sie suchen? Schwer würde es ihr nicht fallen einen Liebsten zu finden, das ganze Dorf schaut ihr ja nach, sie brauchte nur zu wählen. Aber wen? Ein armer Kerl, der selber nichts hat, der ihr nichts geben, nichts kaufen könnte, was soll ihr so einer? Dann fängt sie an, alle verheirateten Männer aufzuzählen, — die Burschen hat sie gar nicht in Betracht gezogen, denn die sind noch nicht die Herren im Hause — und da sie alle Revue passieren ließ, fand sie, daß Josa Matijević der passendste wäre. Er ist genug vermögend und sein Weib Ivka ziemlich garstig, denn er hat sie nur aus Trotz geheiratet, nur um Tena zu zeigen, daß er auch außer ihr noch ein Mädchen bekommen kann.

»Richtig!« denkt sie dann, »und Gjorgje, der in mich ganz vernarrt ist, Gjorgje, der jeden Sonntag ein hübsches Geld für sein Geigen zusammenkriegt? . . . Er ist zwar ein Zigeuner, was liegt aber daran, wenn er hübsch ist? Selbst Léon hat ihn um seine Schönheit beneidet. Ein Zigeuner ist er, aber Geld hat er . . . Und dieses Geld soll jetzt mein werden, und Maruša, die kleine Zigeunerin, soll vor Ärger springen! Ja, so wird’s am besten sein — Josa und Gjorgje! Josa wird mich aushalten und Gjorgje wird mir Geld geben!«

Und dabei lächelte sie, wie wenn sie sich des glücklichen Einfalls freuen würde. Unwillkürlich schaute sie in den Spiegel, ohne zu wollen, löste sie das Tuch am Halse und entblößte die volle, warm atmende Brust. Und wieder lächelte sie sich selbst an; von ihrer eigenen Schönheit berauscht, sieht sie sich von allen Seiten an, als hätte sie sich in die eigene rosige Haut verliebt . . . Solange sie Léon angehörte, hatte sie sich nie so in sich selbst verschaut. Damals hatte sie, was sie wollte, deshalb kümmerte sie sich nicht darum, ob sie schön sei oder nicht, jetzt war es notwendig, daß sie sich mit ihrer eigenen Schönheit beruhige, denn außer dieser hatte sie nichts anderes. Und so ihren üppigen Körper betrachtend, war sie ganz zufrieden und glücklich und begriff erst, warum sich die Burschen so verlangend nach ihr umschauen, warum Léon so oft seine Blicke auf ihren Reizen haften ließ, warum er ihren festen Nacken so gierig, leidenschaftlich biß und küßte.

Dieser wunderbare Körper wird jetzt dem Josa und Gjorgje gehören; dem Josa, den sie vor zwei Jahren nicht ansehen konnte, der ihr zuwider war wie unreifes Obst.« Ob es ihr leid tut? Warum sollte es ihr leid tun, wenn sie nach dem Zugsführer so wie so niemanden mehr liebte? Aber in der Tiefe der Seele muß sie sich zugestehen, daß ihr der feurige Gjorgje besser gefällt, als der elegante Léon. Der Unterschied der Stellung, Bildung und der Lebensweise zwischen ihr und Léon hat sie von ihm eher abgestossen, als angezogen.

Wenn sie jetzt Léon in Josas und Gjorgjes Umarmung sehen würde, was würde er sagen, ob es ihm leid täte? Nein, es würde ihn nur unangenehm berühren, gerade so, als sähe er eine Statue von Canova in einer rauchgeschwärzten Bauernküche. Er würde nicht sie bedauern, sondern nur das, was schön an ihr ist — und warum sollte sie es bedauern, sie, die besser das unbändige Feuer Gjorgjes, die einfachen Worte Josas versteht, als Léons Vergötterung »des Schönen« an ihrem Körper? Die Empfindung »des Schönen« erzittert manchmal auch in ihrer Seele, aber ihre Seele war schon ein verwilderter Blumenbusch, aus dem mehr Dornen als Blüten sprießen. Und was nützt ihr das, wenn sie den schönen Körper hütet? Wer würde sie verstehen, würde sie vielleicht jemand eher heiraten? Würden sie nicht die Leute auslachen, daß sie wahrscheinlich niemand mehr mag? Das wäre für sie ärger, als wenn sie sich lebendig begraben ließe. Sie erschauerte bis an den Grund ihres Herzens bei dem bloßen Gedanken, daß sie niemand mögen könnte. Sie erinnerte sich der triefäugigen Stana und ihrer wimperlosen Augen; und man erzählt, daß sie noch vor sechs Jahren eine bekannte Schönheit war. Sie erinnerte sich auch der Rosa Ljubić, der an der Stirne und Nase handgroße Narben nach Geschwüren blieben, so daß ihre Haut wie gespannt und vom Feuer versengt schien — und doch war sie einst die Liebste eines großen Herrn gewesen — und dann die Kaja Apić . . . Sie erbebte bei dem Gedanken, wie sich jetzt jeder von ihnen abwendet, wie sie jeden anekeln — und einst verlangte nach ihnen das ganze Dorf! . . . Ein furchtbares, unheimliches Gefühl beschlich sie, und es wurde ihr erst leichter, als sie wieder in den Spiegel geblickt hatte. Mit diesem Blicke verschwand auf einmal alles Schreckliche und in ihrer Seele erstrahlte wieder das üppige, ungebundene Leben, so üppig wie ihre ganze Erscheinung . . . Ja, aber das Gebot Gottes sagt: »Du sollst nicht begehren deinen Nächsten,« und wer ihn begehrt, begeht eine Sünde — so hat sie gelernt, als sie noch gar nicht den Sinn dieses Gebotes verstanden hat. Das war vielleicht einmal, wie die Welt noch anders geartet war, aber heute, wer möchte noch diese Sünde beachten. Heutzutage wirbt niemand mehr um seinen Liebsten oder um seine Liebste aus reiner Liebe, heutzutage sind wir nicht so glücklich wie die Himmelsvögel, die nicht um das tägliche Brot sorgen müssen; und wenn der Mensch, der Mann, auf alle mögliche Art kämpft, um ein hübsches, junges, reiches Weib zu bekommen, ein Weib, mit dem er am schönsten und am besten wird leben können, warum sollte dasselbe Recht nicht auch dem armen Weibe zugestanden werden, das nichts anderes besitzt, als ihre Schönheit? Warum sollte es nicht — wenn auch fremde Männer nehmen um sich zu erhalten? Das eine tut es so, das zweite anders, welche Gelegenheit sich dem oder jenem bietet. Das eine heiratet, denn es fühlt etwas in sich, was es dazu drängt; das andere zieht es vor, im fremden Nest zu stehlen, und wieder nur deshalb, weil ihm die Natur etwas gab, was es dazu drängt! Ivka mußte heiraten, denn wer hätte sich sonst um so ein kleines Weib geschert, mit blutlosen Wangen und von armseligem Aussehen, trotz allen Dukaten, die es um den Hals trug . . . Ja, Ivka mußte heiraten, aber ich, mit diesem Gesicht, mit diesem Körper . . . Solche Gedanken regten sich und summten der unglückseligen Tena im Herzen und im Kopfe und wie jeder, der sich in einer Zwangslage befindet, glaubte auch sie, daß ihre Gedanken die richtigen seien, daß es anders nicht möglich, daß nur darin ihre Erlösung sei. Ohne Glauben, ohne Erziehung, verwahrlost, irrte sie so furchtbar und albern.

Am Pfingstsonntag wurde vor dem Wirtshause Kolo getanzt; diesmal war der Kolo groß wie selten sonst, denn es folgten zwei Feiertage nacheinander. Gjorgje spielte wie gewöhnlich und sah beständig hinüber nach einer Gruppe von Zuschauern, in der auch Tena war. Sie war so hübsch gekleidet, wie er sie noch nie gesehen; das erhitzte Gesicht zeigte jeden Augenblick einen andern Ausdruck, denn sie konnte sich noch nicht entschließen, ob sie in den Kolo hineinspringen soll oder nicht. Solange sie Léons Geliebte war, kam sie selten zum Kolo und hatte sich schon das Tanzen abgewöhnt. Aber heute, bei der schönen Witterung und unter Gottes freiem Himmel lockte sie der Tanz und mit Freuden wäre sie mitten in den Reigen hineingesprungen, schon deshalb, weil sie sich nicht freuen konnte, daß sie dafür bei dem freigebigen Léon Entschädigung finden werde wie einst. Aber sie schämte sich und fast verdroß es sie schon, daß sie sich von den ländlichen Unterhaltungen fern gehalten habe. Sie zog es vor, die Zeit in Léons Zimmern als in der dumpfen, vom Schweißgeruche durchtränkten Atmosphäre der Tanzstube zu verbringen. Endlich entschloß sie sich doch, näherte sich dem Kolo und wartete, bis Josa Matijević in ihre Nähe kam; und wie er zu ihr kam, drängte sie sich in den Reigen und faßte seine Hand. Ihm kam das so unerwartet, wie wenn er mit bloßen Füßen auf eine Schlange getreten wäre; seitdem er verheiratet war, hatten sie sich nicht gesprochen, er konnte es ihr nicht verzeihen, daß sie ihn so betrogen und wegen eines Fremden, des Zugsführers, ihn verlassen hatte. Und jetzt hielt sie ihre Hand so plötzlich um seinen Leib umschlungen. Er erzitterte, wurde rot im Gesicht und hätte ihr am liebsten ein Schimpfwort, eine Schmähung ins Gesicht gesagt, aber der Zauber ihrer Schönheit, die Vornehmheit ihrer Erscheinung erstickte ihm das Wort im Munde und er sah sie nur mit rachsüchtigen Augen stumm von der Seite an.

»Was bist Du so steif geworden, wie ein hölzerner Heiliger?« flüsterte sie ihm halb lächelnd zu.

Er wußte wieder nicht, ob er sie von sich stoßen, daß sie bis unter die Zuschauer zurücktaumeln würde, oder ob er wie verrückt aufjauchzen und aufspringen sollte.

Und während des ganzen Tanzes stichelte sie ihn mit ihren Bemerkungen, daß ihm Schweißtropfen auf der Stirne standen, das Blut sauste ihm im Kopfe und in den Füßen und er drehte sich wie betrunken im Kolo herum, ohne zu wissen, ob er allein vorwärts geht, oder ob er von dem Reigen gezogen wird.

Auch die Klänge der Geige Gjorgjes, der sich ihnen gleich genähert hatte, quitschten ihm so eigenartig in den Ohren, als würde in seinen Augen und Ohren alles, was um ihn herum war, durcheinanderfluten. Und als der Reigen zu Ende war, da wußte er nicht, ob er bei ihr stehen bleiben, oder ob er sie verlassen solle, um sie nicht mehr anzusehen.

»Ach, wie bin ich müde! Gib mir Dein Taschentuch, damit ich mich abtrockne,« sagte sie zu ihm, als wenn sie seine Schwester oder Frau wäre, und fächelte sich mit seinem Taschentuche, das sie ihm aus der Weste herausgezogen, Kühlung zu.

»Was hast Du da für ein Taschentuch?«

»Gib mir ein besseres!«

»Ich werde Dir schon eins geben . . .«

Da kam Gjorgje und bot ihr ein Bier an; sie nahm es, trank es zur Hälfte aus und die zweite Hälfte reichte sie Josa. Josa sah sie verwirrt an, dann neigte er das Glas und leerte es bis auf den letzten Tropfen.

Und seit diesem Augenblicke gehörte er ihr, als wenn er aus diesem Glase ihre Seele in sich hineingesogen hätte; er spürte auf dem Glase den Hauch ihres Lebens, aus dem Taschentuche wehte ihm der Schweißgeruch ihrer Wangen und ihres Halses entgegen, auf den Hüften brannte die Berührung ihrer Hand wie Feuer.

Als der Reigen sich auflöste, flüsterte sie ihm zu:

»Wann werden wir uns sehen?«

»Morgen . . .«

»Warum nicht schon heute?«

Und sie sahen sich noch an demselben Tag, an demselben Abend.

Am nächsten Tag bewirtete sie ihn nicht mehr mit Bier und Wein, aber er sie; und Gjorgje, als hätte er nie ihren Körper berührt, erzitterte bei jeder ihrer Bewegungen, bei jedem ihrer Worte, sie überall mit Blicken und Schritten begleitend.

Von diesem Tage an verwirklichte sich das, was sie sich in der Seele vorgenommen. Josa und Gjorgje teilten ruhig ihre Liebe unter sich, denn sie wollte es so; es schien, als wäre sie ihre Schwester, die von ihren Brüdern geliebt und beschenkt wird. Sie kannten nie jenes Gefühl, das mit unwiderstehlicher Gewalt ein Wesen nur für sich verlangt, ein solches Gefühl ist nur bei Völkern entwickelt, die sich noch in dem Stadium einer gewissen Wildheit befinden, oder aber auf einer höheren Kulturstufe stehen; jener Teil der Menschheit, der zwischen diesen zwei Polen steht, ist nicht fähig, den Zauber des absoluten Besitzes der andern Hälfte des menschlichen Geschlechtes zu verstehen. Einerseits entfernte er sich weit von jener tiefsten Stufe des menschlichen Zustandes, deren Leben sich mit jenem des Tieres berührt, und anderseits erreichte er noch nicht jenes Feingefühl, das in der Ehe etwas Erhabenes und in einem schönen Weibe einen Diamanten sieht, der nicht genug gehütet werden kann.

Josas Weib, Ivka, widersetzte sich nicht viel dem Verhältnisse ihres Mannes mit Tena; es gefiel ihr zwar nicht, aber ein solches Verhältnis war nichts neues im Dorfe, denn fast jedes Weib hatte dort ein Nebenweib, das von ihr weder für ein Hindernis noch für eine Zerstörerin des Familienglückes angesehen wurde. Es ist besser, wenn er mit Tena hält, als mit einer, die hundertmal schlimmer wäre. Dann wußte sie auch, daß Josa früher um Tena geworben hat, bevor er sie heiratete, und wußte auch das, daß sie, was Schönheit anbelangt, sich bei weitem mit Tena nicht messen könne. Überdies trug sie eben zu der Zeit ein Kind unter dem Herzen und das machte sie noch garstiger: ihre Gesichtsfarbe war gelblich, die Lippen blaß und geschwollen, die Augen und Nase schienen sich verengt und in die Länge gezogen zu haben.

Tena verbrachte die Zeit meistens bei Ivka, dort speiste sie und trank und nach Hause kam sie nur selten. Sie war die eigentliche Herrin im Ivkas Hause, denn alles mußte so geschehen, wie sie es wollte. Ivka, obwohl guter Hoffnung, mußte sie bedienen, mußte sie fragen, was heute und was sie morgen kochen solle. Josa vernachlässigte jetzt ganz sein Weib, er gab ihr verschiedene garstige Namen und Ivka mußte Tena bitten, daß sie sie vor Josa schütze und mußte auch bitten, sie möge ihn bewegen, ihr ein Tuch oder sonst was Notwendiges zu kaufen.

»Und jetzt wird noch das Kind kommen, und er kümmert sich um nichts!« seufzte Ivka.

»War das aber auch ein Einfall, ein Kind zu haben?! Jetzt siehst Du, was das für eine Plage ist!« zuckte Tena mit den Achseln.

»Ich wollte nicht, aber man hat mir gesagt, daß ich nach der Geburt stärker und voller sein werde; jetzt war ich immer so schwach und mager.«

»Wer weiß das, jetzt kannst Du noch mehr mager werden.«

»Ich glaube nicht. So hat mir wenigstens die eingewanderte Böhmin drüben gesagt. Sie war auch so mager wie ich, und schau nur, wie sie jetzt ist, und sie hat schon neun Kinder gehabt . . .«

»Gott behüte!« bekreuzt sich Tena lachend.

»Sie sagt, daß bei ihnen in Böhmen es kein Weib gibt, das nicht sechs, bis sieben Kinder hätte, und bei uns ist es schon eine Strafe Gottes, wenn das vierte kommt.«

»Und was wäre es auch sonst, als Gottesstrafe?«

»Das hab’ ich ihr auch gesagt; ich sagte, daß sie deshalb auswandern und zu uns ziehen müssen; sie sagt aber, daß es für uns eine größere Schande sei, daß wir unser Land nicht selbst bebauen können und meistens nur deshalb, weil wir keine Kinder haben.«

»Weißt Du, ein oder zwei Kinder — daraus möchte ich mir auch nicht viel machen, wenn nur dieses Gebären nicht wäre! Und wenn Du es schon zur Welt bringst, so soll’s wenigstens rasch wachsen. Aber so plagst Du Dich fünf, sechs Jahre mit dem ersten, dann mit dem zweiten, dann mit dem dritten, und auf einmal bist Du alt — was ist das dann für ein Leben? . . .«

»Dafür wird’s ihr aber auf ihre alten Tage besser gehen,« sagt die Böhmin.

»Besser, ja! Jetzt kümmern sich gerade die Kinder um ihre Eltern! Ich kann das nach mir selbst beurteilen! . . . Ich glaube, daß gerade Beránek mir einmal gesagt hat: Einer Mutter ist es leichter, zehn Kinder, als diesen Kindern, wenn sie erwachsen sind, eine einzige Mutter zu versorgen. Solange es gut geht, solange ehren die Kinder ihre Eltern und die Eltern ihre Kinder, wenn’s aber einmal schlecht wird — dann sorgt jeder für sich! Léon erzählte mir, daß auch dort bei ihnen die Weiber nicht viel Kinder gebären: zwei, höchstens drei, und das tun sie deshalb, weil sie dafür halten, daß es besser ist nur zwei Kinder zu haben und mit ihnen im Wohlstand zufrieden zu leben, als wenn man ihrer sieben und acht hat und mit ihnen betteln gehen muß. Er sagt, daß es bei ihnen keine Armen gibt; wie viele sterben, so viele werden geboren, und es bleibt immer den Kindern, was ihre Väter und Großväter erworben haben.«

So wie Ivka und Tena, so lebten auch Josa und Gjorgje gut zusammen, wenn nur Maruša nicht gewesen wäre! Sie war der Dorn, der beständig in Gjorgjes und Tenas Leben stach. Kaum daß sie Gjorgje in der Hoffnung, daß sie ihn jetzt für einen Monat in Ruhe lassen werde, durchgeprügelt hatte, war sie schon in einer halben Stunde wieder hinter ihm und Tena her, riß sich das Kleid vom Leibe und begann wie wahnsinnig zu schreien und zu klagen.

Und es konnte ihr dies auch niemand verübeln: einesteils liebte sie Gjorgje sehr, und andernteils alles, was er — ob nun durch sein Spiel oder durch sonstige Arbeit verdiente — alles gab er Tena, und sie hätte Hungers sterben können, wenn es die Verwandten und barmherzige Menschen nicht gäbe.

In den reichen Dörfern im Savegebiete siedeln sich die Zigeuner schon seit langem an: die einen als Schmiede, die andern wieder als Trogmacher, selten griff der eine oder der andere nach dem Pfluge. Ihr Handwerk betreiben sie aber nur zum Scheine, in Wirklichkeit sind sie alle wahre Spitzbuben. Daß dem so ist, erhellt schon daraus, daß sie sich nur in den reichsten Gegenden ansiedeln, wogegen sie dort, wo Armut herrscht, nicht zu finden sind. Sonst ist es eine Rasse mit einer natürlichen Philosophie wie sonst selten ein Volk begabt. Niemand hat von ihnen einen Nutzen und sie leben doch; niemand hat je gesehen, daß sie sich mit schwerer Arbeit abgerackert hätten und doch schlagen sie sich leichter durch das Leben, als mancher Wirt, der dreißig Joch Grund hat. In einer Beziehung gleichen sie den Leuten vom Schlage des Léon Jungmann: diese sowohl als jene erhält ein fremdes Land, um das sie sich nicht kümmern, für das sie nicht arbeiten, und in dem sie sich nur solange aufhalten, solange sie einen Nutzen davon haben. Slavonien gleicht dem überreifen Obst, das vom Baume fiel und jetzt nagen an ihm Wespen, Bienen und Fliegen, alle nur deshalb, weil der Slavonier zu faul war, um sein Obst selbst aufzuheben. Und soll ihn da jemand bedauern, daß der Fremde in diesem Lande im Überflusse lebt, während er mit dem, was ihm seine Väter hinterließen, nicht im Stande ist zu leben? . . .

Die slavonischen Zigeuner blieben ihren Gewohnheiten bis in die kleinste Einzelheit treu; selten weicht einer von ihnen von dem Wege der Väter ab. Zu diesen Ausnahmen zählte auch Gjorgje, der sich in jeder Hinsicht den Zigeunersitten entfremdet hatte, in der Tracht, in der Sprache und im ganzen übrigen Leben; er wurde sogar ausgelacht, daß sein Vater kein Zigeuner war, weil er nicht so schwarz wie die andern Zigeuner war. Mit den Männern im Dorfe kam Gjorgje gut aus, denn schon als junger Bursche war er in ihrer Gesellschaft und später gewannen sie ihn lieb, weil er ihnen aufspielte. Nur im Streite warfen sie ihm vor, daß er ein Zigeuner ist. Für Gjorgje gab es keine größere Beleidigung.

Deshalb war er aber bei den Zigeunern nicht beliebt; für sie war er ein Ungläubiger, ein Renegat, und wenn er nicht so hübsch, stark und geschickt gewesen wäre, wäre es ihm unter seinen Stammesgenossen schlecht ergangen. Seit der Zeit, da er sich in Tena verliebt, waren sie noch mehr über ihn erbost. Kaum ein Sonntag verging, an dem die Zigeunerinnen um Tenas Haus nicht herumgeschlichen wären, ihre Beschwörungsformeln murmelnd, um nur die Liebenden zu entzweien und einander zu entfremden; es war aber umsonst, die Liebe war stärker, Tena war schöner als Maruša.

Auf dem Stephansmarkte bekam Gjorgje über zwanzig Gulden für verkaufte Kessel und dieses ganze Geld gab er für Tena aus. Wie das die Zigeuner erfuhren, brausten sie auf; sie zischten wie die Schlangen und eine ganze Schar von Männern und Weibern umringte, wie Wölfe heulend, Tenas Fenster. »Bestie, feile Dirne« — kreischten sie durcheinander.

Und während sie so schrien und mit den Fäusten drohten, stand Tena am Fenster und zum Trotze zeigte sie ihnen der Reihe nach alles, was ihr Gjorgje auf dem Markte gekauft hatte«

»Das ist auch von Gjorgje!« und sie hob ein Paar hoher, weicher Schuhe in die Höhe.

»Ach mein Gjorgje, meine weiße Traube!« heulte Maruša.

»Die Pest soll Dich holen!« schrien die übrigen Zigeuner einstimmig.

»Und das ist auch von ihm!« Tena zeigte ein rotes Tuch.

»Auch das ist vom Gjorgje — ach meine goldene Traube!« klagt Maruša wieder.

»Der Teufel soll Dich holen!« wüteten die Zigeuner.

»Und auch das ist von Gjorgje!« zeigte Tena ein reizendes Leibchen.

»Das auch — oh, meine süße Traube!« weinte Maruša, sich das Haar raufend.

»Die Pest soll Dir die Augen ausfressen! . . .«

Und nachdem sie genug geschrien und geschimpft hatten — in der »slavonischen« und in der Zigeunersprache — kehrten die Zigeuner plötzlich, wie auf ein Kommando, um und mit den Fäusten drohend und einer nach dem andern sich gegen Tena umwendend, gingen sie, von wo sie gekommen waren; und als sie in die nächste Gasse einbogen und Tena nicht mehr drohen und zurufen konnten, fielen sie über einander her und prügelten sich aus ohnmächtiger Wut und Qual gegenseitig durch, nur damit sich ihre Wut Luft machen könne.

Was immer die Zigeuner versuchten, alles war vergebens: Gjorgje blieb Gjorgje. An einem solchen stürmischen Tage fragte eine alte Zigeunerin Maruša:

»Warum schenkst Du ihm nicht einen Sohn?«

»Schenk’ Du ihm einen, wenn ich keinen hab’!«

Da fingen die zwei zu flüstern an und flüsterten lange, lange; die Folge dieses Flüsterns war, daß von diesem Tage an Maruša und die Zigeuner Gjorgje in Ruhe ließen.

Einige Monate später wurde es unter den Zigeunern bekannt, daß sich Maruša Mutter fühlte, zum erstenmale nach fünfjähriger Ehe. Von jetzt an nicht nur daß sie Tena und Gjorgje nicht störte, sie befreundete sich sogar mit Tena, so wie Ivka. Tena war nicht bösartig und auch nicht scharfsichtig genug, um diese plötzliche Freundschaft der Zigeunerin verdächtig zu finden. Sie dachte von den Weibern so, wie von den Männern, daß alle nur ihrer Schönheit huldigen. Ihr Charakter war in seinem Kern sorglos und weich; einen schärferen, bedeutenderen Zug gab es in ihrer Seele nicht. Daß die Zigeunerin anders denkt und anders handelt, fiel ihr nicht im Traume ein. —

 

 

IV.

So kam der Winter und nach ihm das Frühjahr. Tena hielt sich noch immer an Josa und Gjorgje, man erzählte aber im Dorfe, daß sie im Winter auch öfters in den Gasthauszimmern gesehen wurde. Sie wehrte sich zwar dagegen, die Holzhändler sagten aber von ihr untereinander, daß »nichts an ihr sei, daß sie eine wohl schöne, aber leblose Statue sei«.

Gegen Ende des Faschings wurde Ivka Mutter, das Kind aber, schwächlich wie sie, starb nach einem Monate. Es schien, als hätte Josas Liebe zu Tena während dieser Zeit etwas nachgelassen; die Vaterpflichten, denen auch er sich nicht entziehen konnte, trübten für eine Zeit das Gefühl, das ihn an Tena fesselte. Das, was ihn zu ihr hinzog, war nicht die wahre Liebe, sondern das sinnliche Verlangen nach ihrem schönen Körper, dieses egoistische Gefühl, daß dieser Körper ihm gehört — und sie wußte diese seine Leidenschaft stets zu schüren. Die wahre Liebe hatte er nie gekannt; sein Wesen war zu seicht, um jenes erhabene Gefühl zu erzeugen, welches das ganze menschliche Leben erbeben macht. Die Liebe und die Liebelei sind sehr entfernte Schwestern, oft sind sie überhaupt gar nicht verwandt . . .

Maruša sah ihrer Entbindung um Georgi entgegen; wird es ein Sohn sein, so wird er Gjorgje heißen . . . Dem Zigeuner erglänzte die Welt in einem anderen Lichte, als er das erstemal hörte, daß er ein Kind haben wird, das seinen Namen tragen werde, denn der Zigeuner liebt sein Kind mehr, als alles auf der Welt. Die Liebe zu dem Kinde ist umso größer, je tiefer die Kulturstufe ist, auf der der Mensch steht; sie ähnelt der Liebe des Tieres zu seinem Jungen. Diese Liebe rührt davon her, daß mit ihr keine Sorge verbunden ist: diese Leute sorgen und kümmern sich nicht darum, woher sie die Mittel für die Erziehung des Kindes nehmen werden, was aus ihm werden soll, ob es brav sein wird oder nicht, ob es gesund bleibt, oder in der schönsten Zeit sterben wird — diese Fragen existieren für das Tier und auch für den Zigeuner nicht; ihre Liebe wird nicht von der Ungewißheit des morgigen Tages getrübt.

Wie in ganz Slavonien, so trieben sich die Zigeuner auch in Bosnien herum, um dort Geschäfte zu machen und Betrügereien zu verüben. Marušas alte Nachbarin ging schon vor acht Tagen nach Bosnien, verkaufte Spindeln, legte Karten aus und wahrsagte. Eines Tages kehrte sie zurück und eilte geradenweges zu Maruša.

»Ich hab’s gebracht,« sagte sie geheimnisvoll. »Schön wie für eine Kaiserin; ich packte es gut ein, damit der Dunst sich nicht verflüchtigt; einen ganzen Tag hat es Ljuba Bogdanov angehabt, dort sind alle krank geworden: die Bogdanov, Vasilković und Jovanović. Eine Bogdanov ist sogar gestorben . . . Ich gehe gleich, um es ihr zu geben, damit sie’s anzieht und dann soll geschehen, so Gott und die Mutter Gottes will . . .«

Und beide Zigeunerinnen fingen an fanatisch die Hände zu ringen, als wollten sie die Gnade Gottes für sich erflehen . . .

»Da, mein Gold, mein Täubchen, Maruša hat’s Dir gekauft, in ganz Bosnien gibt es nicht so ein Tuch und so ein Leibchen; zieh’ es an, mein Täubchen, damit die alte Zigeunerin Dich sieht, und wenn sie dann gleich sterben sollte,« sprach die Zigeunerin zu Tena.

Und Tena lächelte gutmütig und zog die Sachen an; die alte Zigeunerin fand nicht genug Worte des Lobes, wie gut es ihr stehe: schöner war sie als ein Pfau, schöner als Mond und Sonne! . . .

Und Tena, von ihrer eigenen Schönheit berauscht und gegen jedes tiefere Gefühl abgestumpft, frug auch nicht im Geiste danach, warum ihr Maruša so schöne Sachen kauft, warum ihr die alte Zigeunerin schön tut, während sie doch noch vor kurzem sie am liebsten vergiftet hätten.

Am nächsten Tag beklagte sich Tena bei Ivka über Kopfweh; es komme ihr vor, als wenn sie Fieber bekommen sollte. Den zweiten und dritten Tag fühlte sie sich unwohl und das Fieber stellte sich wirklich ein; trotz aller Anstrengung konnte sie nicht vom Bette aufstehen. Am vierten Tag zeigten sich in ihrem Gesichte und auf der Stirne rote, runde Flecke. Am fünften Tag konnte sie nicht mehr zweifeln, daß sie an Blattern erkrankt sei.

Sie erschrak, wurde bestürzt, als sie zum erstenmale das Wort hörte. Dieses schöne Gesicht, dessen Teint feiner als Perlmutter war, werden die Blattern aufwühlen, durchfurchen für immer! Aus der Schönsten wird sie die Häßlichste werden; ebenso wie bis jetzt alle die Augen ihrer Schönheit wegen auf sie hefteten, so werden sie jetzt wegen ihrer Häßlichkeit mit dem Finger auf sie zeigen. Werden sie Josa und Gjorgje auch so noch gerne haben, wird sie so verunstaltet noch jemand heiraten wollen? Oder wird sie arbeiten und dienen müssen, um sich durch das Leben zu schlagen? . . .

Sie weinte so heftig, wie sie seit ihren Kinderjahren nicht geweint hatte; dann nahm sie den Spiegel in die Hand und sah sich den ganzen Tag an, um sich noch einmal an ihrer Schönheit satt zu sehen. Wenn sie wenigstens dieses Bild in dem Spiegel zurücklassen könnte, damit sie denen, die sie verspotten werden, zeigen könne, wie sie einst aussah! So hatte sie also von der Mutter am Grabe, von ihrem Liebsten, als er in den Kampf zog, Abschied genommen, und jetzt wird sie auch Abschied von sich selbst nehmen. — In zehn Tagen wird sie gesund sein, sie wird zwar leben, das wird aber nicht mehr die schöne Tena sein, sondern eine ganz andere, ihr bis jetzt noch unbekannte Tena. Sie wird sich selbst fremd sein, sie wird sich erst bekannt machen müssen mit ihrem neuen Gesichte, wird sich mit sich versöhnen, wird sich an sich selbst gewöhnen müssen. Das wird der Anfang eines neuen, aber gräßlichen, schwierigen Lebens sein . . .

Am sechsten Tag konnte sie das Bett nicht mehr verlassen und konnte fast nicht mehr sehen. Ivka bediente sie, aber Maruša ließ sich nicht mehr bei ihr blicken. Nur die alte Zigeunerin erschien einmal in ihrer Türe und kaum, daß sie die wie leblos daliegende Kranke gesehen, verschwand sie sofort wieder.

»Jetzt sind wir gerächt!« sagte die Alte halb singend, halb weinend mit einem eigentümlichen Feuer in den Augen zu Maruša, die im ersten Augenblicke nicht zu unterscheiden vermochte, ob es ein Blitz der Freude oder des Schreckens über die vollbrachte Tat sei. »Sie wird nicht mehr so sein, wie sie war. Nicht einmal ein räudiger Zigeuner schaut sie mehr an!«

Gjorgje arbeitete im Walde und kam gewöhnlich erst Samstag nach Hause. Er wußte nichts von dem allen und wunderte sich nicht wenig, als Maruša vor ihm niederkniete und ihn bat, er solle um Gotteswillen nicht zur Tena gehen, da auch er Blattern bekommen und noch sterben könnte, und wer würde dann für den kleinen Gjorgje sorgen? Und der kleine Gjorgje wird auf einmal da sein, heute, morgen . . .

Gjorgje kam das alles etwas lächerlich und dumm vor, wie wenn er träumen würde, und er ging zu Josa, um bei ihm zu erfahren, was mit ihrer Tena, was mit ihrer duftigen »Hyazinthe« sei. Josa bestätigt ihm, daß alles so sei, wie er schon zu Hause gehört hatte, und fügte noch bei, daß er sie auch seit ihrer Erkrankung nicht gesehen habe und daß Tena selbst durch Ivka sagen ließ, daß man sie nicht besuchen solle, solange sie krank sei.

Nachdem sie einander versichert, daß die ganze Woche keiner von ihnen bei Tena gewesen war, gingen sie schweigend auseinander, jeder im entschlossen, daß er sobald als möglich, zu Tena gehen werde, damit sie sehe, wer sie mehr in sein Herz geschlossen.

Inzwischen verschlimmerte sich fortwährend Tenas Leiden. Den ganzen Tag allein und verlassen, auf ihrem sitzend, gleich einer Statue, litt sie seelische und physische Schmerzen. Jeder fürchtete sich vor dieser schrecklichen Krankheit und außer Ivka kam sie selten jemand besuchen. Tena fragte die Ivka jeden Tag, ob noch jemand im Dorfe erkrankt sei. Sie hätte leichter ihre Qualen ertragen, wenn noch ein anderes Mädchen von diesem Unglück betroffen worden wäre, aber außer ihr erkrankte niemand, nur dort drüben über der Save in Bosnien wütete die Krankheit, wie man erzählte.

»Mein Gott, mein Gott, was habe ich verbrochen, daß Du gerade mich so furchtbar strafst!« klagte Tena.

»Manche sagen, daß Du krank geworden bist, weil Du Dich mit Zigeunern abgegeben hast, und andere sagen wieder, daß Dich Gott strafte, weil Du stolz auf Deine Schönheit warst,« antwortete ihr Ivka, zugleich sie bedauernd und sich auch ein wenig des Unglückes ihrer Nebenbuhlerin freuend.

»War es denn eine Sünde vor Gott, daß ich schön war? Er hat mich doch erschaffen . . .« weinte Tena.

»Gott hat gegeben, Gott hat genommen!«

»Ach, wenn ich nur nicht allzu verunstaltet werden würde! Hast Du im Dorfe nachgefragt, was ich machen soll, um die Narben auszuglätten, damit sie nicht so groß sind?«

»Überall frage ich, aber niemand weiß einen Rat zu erteilen; einige sagten, daß Du Dich mit Milch waschen solltest, bis die Krusten verschwunden sein werden.«

»Und wie sehe ich jetzt aus? Bin ich sehr garstig?« fragte Tena, denn sie hatte sich schon seit einigen Tagen nicht im Spiegel gesehen.

»Was soll ich Dir sagen? Du weißt doch, wie der Mensch aussieht, wenn sein Gesicht voll Blattern ist.«

»Und was sagen die Leute? Wird mir auch das Haar ausfallen?«

»Dort, wo die Krusten sind, sagen die Leute.«

»Sag’ mir aufrichtig, werde ich so ausschauen wie Rosa Ljubić?«

»Wer könnte das jetzt schon wissen?«

»Ach, ach, für mich gibt es keine Hoffnung mehr! Ach, mein lieber, weißer Körper . . .«

Als Tena noch gesund war, gab ihr Ivka ihre Dukatenschnur, damit sie sie am Halse trage. Im Dorfe ist es Sitte, daß junge Weiber, die es nicht mehr nötig haben sich zu schmücken, ihre Dukaten an ärmere Mädchen abgeben, die keine haben, damit sie mehr gefallen. Tena war’s zwar nicht um das Gefallen zu tun, es wäre aber doch eine Schande gewesen, wenn sie keine Dukaten am Halse hätte. Seitdem sie erkrankt war, begann Ivka um ihre Dukaten zu fürchten und entschloß sich, sie zurück zu nehmen. Sie fand sie im Kasten, in Papier eingewickelt. Froh, daß sie wieder zu ihrem Eigentum kam, trug sie die Dukaten nach Hause und öffnete vorsichtig das Packet. Als sie die Dukaten ansah, schienen ihr einige dunkler, andere wieder lichter zu sein; sie nahm also ein Tuch, um sie abzuwischen und glänzen zu machen. Jetzt erst bemerkte sie, daß die dunklen keine echten Dukaten sind, sondern falsche, »lumpige Dukaten«, wie sie im Dorfe genannt werden. Fünf echte, fünf falsche! Tena hatte sie betrogen, sie verlumpte die fünf echten und ersetzte sie durch falsche!

Ivka war dem Weinen nahe; aber das, was sie während der ganzen Dauer der Krankheit Tenas ermutigte, daß sie sie sogar in der schrecklichen Krankheit bediente, irgend eine unbestimmte Hoffnung auf eine bessere Zukunft, linderte ihren Schmerz und mit ruhiger Seele verschmerzte sie den Verlust der fünf Dukaten. Jetzt wußte sie nur nicht, ob sie Josa etwas davon sagen solle oder nicht, denn sie wußte nicht, was in seinem Herzen vorgeht: ob er noch weiter Tena nachlaufen oder ob er sie für immer satt bekommen werde, bis er sie wieder zum erstenmale gesehen haben wird. Wenn sie wüßte, daß das Zweite der Fall sein wird, würde sie ihm von den Dukaten erzählen; ändert er sich aber nicht und bleibt, so wie er war, dann ist es besser, wenn sie davon keine Erwähnung machen wird, denn, wie er schon einmal ist, könnte er sie noch deswegen schlagen, daß sie Tena die Dukaten weggenommen hat.

Während sie über die Sache nachdachte, unschlüssig, wofür sie sich entscheiden sollte, kam Josa, noch unschlüssiger als sie, nach Hause. Gewöhnlich brummte er, wenn er nach Hause kam, warf Ivka das und jenes vor, und trat als ein Mensch auf, dem man Gehorsam schuldig ist — obzwar nichts an ihm diesen Wunsch rechtfertigen konnte, doch heute war er still und schweigsam.

Ivka saß beim Fenster und strickte, er setzte sich zum Herd und zog seine nassen Opanken aus; verstohlen sah er sie und sie ihn an, als wollten einer des anderen heimlichste Gedanken erraten.

Er war soeben bei Tena gewesen und hatte sie durch das Hoffenster gesehen.

»Gott behüte uns!«

Das waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte, als er Tena gebückt im Bette sitzen sah. Der größte Teil ihres Gesichtes war eine einzige dunkle Kruste, nur unter den Augen und um die Lippen herum schimmerte weiß die menschliche Haut hindurch. Sie schien ihm einer Schildkröte ähnlich zu sein.

Ist denn das wirklich sie, Tena?

Josa erbebte im tiefsten Innern, seine ganze physische und seelische Kraft wankte bei diesem Anblicke; das war eine solche Enttäuschung, wie wenn man sich anschickte ins laue Wasser zu springen und plötzlich in eiskaltes Wasser fiele. Er blieb einen Augenblick ganz starr, erschüttert, gedankenlos; und als er sich nach einer Weile wieder aufraffte, wendete er sich ab und ging, ohne ein Wort gesprochen zu haben, nach Hause. Auch zu Hause konnte er sich noch nicht recht fassen.

»In einer Woche wird Tena wieder gesund werden,« sagte Ivka, um doch endlich Gewißheit zu erlangen, was mit ihm sei.

Josa sah sie nur verwundert und stumpf an und mit dem Kopfe schüttelnd, schlug er sich mit der linken Hand dreimal in die Brust.

Jetzt wußte Ivka, daß er Tena gesehen hat.

»Die Ärmste, wie sie garstig ist . . .«

»Gott behüte uns!« antwortete er kaum hörbar.

Ivkas Seele erbebte freudig. Sie brachte die Dukaten und zeigte sie Josa.

»Schau sie an.«

Josa sah die falschen Dukaten an und sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr.

»Ich hab ihr kein Wort gesagt, es soll ihr verziehen sein. Sie hat genug gelitten, die Ärmste . . .«

Josa sah Ivka an. Noch immer schwebte vor seinem Auge das abstoßende Bild Tenas; im Vergleiche mit ihr erschien ihm Ivka schön wie ein Engel. Und sie ist in der letzten Zeit wirklich hübscher geworden; nach der Geburt wurde sie voller, das Gesicht bekam eine lebhaftere, hellere Farbe, und wenn sie eine an strengendem Arbeit verrichtete, begann es sich auch schon zu röten.

Josa sah sie von der Seite an, als wollte er fragen: ja, Weib, bist Du es wirklich?

In seiner Seele ging eine Veränderung vor sich, sein Weib erschien ihm von einer Lieblichkeit umflossen, die er bei ihr noch nicht bemerkt.

In diesem Augenblick kam Gjorgje hereingestürzt.

Maruša hatte ihm einen Sohn geboren, und die listige Zigeunerin, die gut wußte, wie Tena jetzt aussieht, schickte Gjorgje zu ihr, damit er ihr die freudige Nachricht bringe.

Als Gjorgje Tena von der Krankheit so furchtbar entstellt sah, lief er ebenso wie einige Augenblicke vorher Josa davon.

Die Freude, die feierliche Stimmung in seinem Herzen, daß er einen Sohn hat, war mit dem furchtbar entstellten Gesichte Tenas nicht in Einklang zu bringen. Diese Freude und Tenas Antlitz zertraten mit einem Schlage die Erinnerung an die engelschöne Tena von einst. Wenn Tena nicht erkrankt wäre, hätten jetzt in Gjorgjes Herzen zwei Liebesgefühle gestritten, und wer kann wissen, welches zum Schluße der Sieger geblieben wäre. Und hätte ihm Maruša in dieser Zeit nicht einen Sohn geboren, dann hätte sich in Gjorgjes Herzen — wenn er sein Ideal so verunstaltet gesehen hätte — ein stilles Bedauern geregt, jene schmerzvolle ideale Liebe, die langsam, aber sicher erstorben wäre. So aber entsteht in Gjorgjes Herzen eine wüste Leere, die schon im nächsten Augenblicke mit der Liebe zu seinem Kinde ausgefüllt wird.

»Was ist los, Gjorgje?« fragt Ivka.

»Einen Sohn hab’ ich! Dick wie ein Fasserl, schön wie die Sonne, sprechen kann er schon, nur weiß ich nicht, was er spricht! . . .« prahlte Gjorgje, der in der Erregung seine prahlerische Zigeunernatur nicht verleugnen konnte.

»Trinken will er, das ist’s, was er spricht!« belehrt ihn Ivka.

»Jetzt wirst Du zwei Hyazinthen haben: den Sohn und Tena!« meinte Josa.

»Schweig, sprich nicht! Ich hab’ sie gesehen . . .« sagt Gjorgje, mit den Händen ringend und die Augen rollend.

»Da, schenke Deinem Sohn diese Dukaten; sag’, daß sie ihm Dein zweites Weib schickt . . .« spottet Ivka und legt die fünf falschen Dukaten vor Gjorgje.

Der Zigeuner erkannte sofort das »Lumpen«-Gold.

Darauf hin ringt er wieder in komischer Verzweiflung die Hände und schüttelt mit dem ganzen Körper.

»Gott soll Euch allen Glück geben . . . Mein kleiner Gjorgje, meine süße Traube!« singt der Zigeuner und eilt hinaus.

»Willst Du mich als Paten für Deinen Sohn?« schreit ihm Josa scherzend nach.

»Du kannst nicht, Du bist eines andern Glaubens,« antwortet Gjorgje ernst und geht, ohne sich umzusehen, nach Hause.

Er schlug einen Umweg ein, nur um bei Tena nicht vorbei zu müssen.

Sein kleiner Gjorgje, Tena, die falschen Dukaten, das alles wirbelte ihm durch den Kopf und er lief, als hätte er etwas gestohlen.

»Sie hat sie betrogen . . . »lumpige Dukaten« . . . die echten haben wir zusammen vertrunken..

Der Zigeuner lachte und lallte, er lachte über die falschen Dukaten und wußte nicht, daß auch sein kleiner Gjorgje falsch ist, daß er nicht der Vater des kleinen Gjorgje ist. Maruša betrog ihn und die Tena.

Ist es eine Sünde, daß sie ihn mit der ganzen Kraft ihrer Seele liebte während er eine andre liebte? Ist es eine Sünde, daß sie ihn von Tena abwenden wollte und es nicht anders konnte, als mit einem Kinde unter dem Herzen? Ist es eine Sünde, daß sie sich einen Augenblick einem andern Manne hingab von dem Schmerz, den ihr der Gedanke bereitete, daß sie mit Gjorgje nicht ein Kind haben kann, betäubt? Ist es eine Sünde, wenn sie eine Untreue beging, um den treulosen Mann in ihre Umarmung zurückzuführen? Ist es wirklich eine Sünde?! Die Zigeunerin, Maruša, glaubte, daß die Sünde nicht allzu schwer sei . . .

Ob Marušas Betrug eine Sünde war oder nicht, sie erreichte mit ihrer Sünde den guten Zweck und auf der Stirne ihres Kindes stand ebenso wenig wie auf jener vieler anderen Kinder geschrieben: der falsche Gjorgje. Und zu gleichen Resultaten gelangte in ihren Erwägungen auch die alte graue Zigeunerin.

 

* * *

 

Ebenso wie Jerkos Haus, verfielen auch viele andere Häuser. Schon seit einem Jahr bot das Steueramt einige hundert Joch Gründe und etwa zwanzig Häuser zum Verkaufe an, alle waren ihm wegen der stets anwachsenden Steuerschulden verfallen. Obzwar der Preis niedrig angesetzt war, blieb doch viel Land unverkauft; darunter war auch Jerkos Besitz; das Haus samt den Feldern bot das Steueramt um 200 Gulden feil, es fand sich aber kein Käufer. Zu der Zeit kamen viele Böhmen herein und kauften alles bis auf die letzte Ackerscholle auf. — Eines Tages kamen etwa zehn eingewanderte Böhmen zum Steueramte und fragten nach den Häusern und Feldern, die zu kaufen waren. Der Anführer dieser Einwanderer war ein junger Mann mit einer Soldatenkappe auf dem Kopfe und einarmig, der rechte Arm fehlte bis zur Achsel; er sprach kroatisch und diente den andern als Dolmetsch. Der Steuerbeamte begann ihnen die Hausnummern und ihren Kaufpreis aufzuzählen. Unter andern wurde auch das Haus des Jerko Pavletić erwähnt.

»Jerko Pavletić, Haus Numero 40?« fragt der Dolmetsch.

»Ja, Nummer 40, Woher wissen Sie es?«

»Ich war vor der Okkupation dort. Könnte ich den Grund kaufen?«

»Sofort, Sie brauchen nur 200 Gulden zu erlegen.«

In freudiger Stimmung schlägt er den Weg gegen die Save ein, denselben, auf dem er vor drei Jahren in den Kampf marschierte. Damals ging er in den Tod und fand seine Liebe, fand die schönsten Tage seines Lebens, und jetzt geht er daran, ein neues Leben zu beginnen. Was erwartet ihn wohl dort? . . . Das liebe Haus, in dem er sie zum erstenmale gesehen, gehört jetzt ihm, wem aber mag sie gehören? Wird sie ihn jetzt sehen wollen, jetzt, da er nur einen Arm hat? Wenn er gewußt hätte, daß dieses teuere Haus einmal ihm gehören werde, er hätte sie benachrichtigt, so aber, da er selber nicht schreiben konnte, wozu sollte er sie durch andere wissen lassen, daß er den Arm verloren, wozu sollte er vor sie treten, denn, was kann er ihr sein, er, ein armer Krüppel, ihr, der Schönsten unter den Schönen? Jetzt aber, da er so unverhofft Eigentümer des Hauses geworden ist, blitzte in ihm eine stille, ferne Hoffnung auf, daß er auch sie dort finden werde. Und er fand sie.

Er erzitterte am ganzen Körper, als er sie vom weiten am Fenster, über eine Stickarbeit gebeugt, erblickte. Sie hatte ihn also erwartet, zwei lange Jahre erwartet, zwei Jahre geliebt, ohne jede Nachricht, ohne Hoffnung! Was wird sie jetzt sagen, wenn sie ihn so verkrüppelt sehen wird, vielleicht wird er sie anekeln, vielleicht läuft sie vor ihm davon. Bei diesem Gedanken blieb er stehen; er wußte nicht, ob er weiter gehen, oder umkehren soll.

Die Füße trugen ihn aber weiter.

Sie saß noch immer über die Stickerei gebeugt und bemerkte gar nicht, daß er in den Hof kam.

Da tritt er in die Stube; sie fährt auf, einen unbekannten Mann erblickend, mit herabhängendem leeren Ärmel, ziemlich schlecht gekleidet, ungewaschen und vom weiten Weg ermüdet, mit blondem Vollbart, und denkt, daß es ein Bettler ist.

»Geh nur, woher Du gekommen bist. Ich habe selbst nichts,« war ihr Gruß.

Bis zu dem Augenblick, da sie zu sprechen begann, wußte er nicht recht, ob es Tena sei oder nicht; erst jetzt erkannte er sie und wird noch trauriger . . . Er sah zwei Tenas vor sich: die eine, die er vor zwei Jahren geliebt, war schön, die andere häßlich. Das Bild der schönen Tena strahlte in seiner Seele, das Bild der zweiten stand vor ihm. Das Bild in seiner Seele war stärker, mächtiger, und das andere — das garstige — war, als sähe er es im Traume. Das war im ersten Moment, je weiter aber, begann sich das Bild in der Seele immer mehr zu trüben und zu verblassen, hüllte sich gleichsam in Nebelschleier, während das andere immer deutlicher und bestimmter wurde. Und immer schwand das alte schöne Bild, bis es endlich ganz entschwunden war und Tena stand vor ihm so, wie sie wirklich war. Über seinem Kopfe schwebte wie Fata Morgana das frühere wunderbare Antlitz, dessen Lippen Segenswünsche sprachen, als er in den Kampf zog . . .

In diesem Augenblicke begann auch ihr das Bild des Zugsführer Beránek vor den Augen zu schweben. Wie wenn Du aus einem Traume erwachst und Deine Gedanken die Wirklichkeit zu fassen beginnen, so gingen auch ihre Gedanken nur ungern von dem einstigen Geliebten, einst sorgfältig rasiert in enganliegender Uniform, zu diesem Manne über, der wie ein Bettler vor ihr stand. Zunächst jauchzte in ihr eine süße Erinnerung auf, später überflutete ihre Seele eine ungewisse Leere und dann . . . wieder sein liebender Blick, die Augen, die im selben Augenblicke die Schlucht ihrer Ungewißheit überbrückten und das frühere Bild des Zugsführers mit dem des Mannes, der jetzt vor ihr stand, verbanden.

Das Blut schoß ihr in die Wangen. Sie sah in diesem Augenblicke ihr ganzes Leben vor sich, von ihrer Trennung bis zum heutigen Tage. Und was war das für ein Leben? Ist er vielleicht gekommen, um mit ihr abzurechnen, um sie zu fragen, wo jener Schatz ist, der sein war und niemandes andern? . . . Diese Fragen aber waren bald verklungen, und vor ihrer Seele verloren sich, versanken die zwei Jahre, als wären sie nicht gewesen, und es blieb nur der letzte Punkt, jener Augenblick, als sie sich bei Brčka zum letztenmale gesehen hatten . . . Es schien ihr, daß dieser Moment auch jetzt weiter andauert und daß alles das, was zwischen jenem Augenblicke und dem heutigen Tage war, nur Lüge, ein leerer Traum ist . . . Die Empfindung jener Zeit erfüllte sie ganz und überschwemmte, verwischte alles, was später geschehen war; diese Empfindung war bei beiden so stark, daß sie, sich umarmend, beim Zuschlagen des Fensters erschraken und glaubten, daß es der Donner des Geschützes bei Brčka ist . . .

Sprechen konnten sie nicht; statt der Lippen sprachen die Augen und diese Augen sahen ihr verunstaltetes, dunkelrotes Gesicht, das in eine Blässe ohne Glanz und Ausdruck zu übergehen anfing; diese Augen sahen den herabhängenden Ärmel, der zitterte und bebte, als wenn etwas Geheimnisvolles in ihm lebte, etwas, was gerne umarmen, liebkosen möchte, aber diese Umarmung stockte, erstarrte und nur der Ärmel erzitterte schmerzlich . . .

Das sahen ihre Augen und was sie sahen, war nicht schön; wenn es aber in das Herz drang, verwandelte es sich in jene engelgütige Barmherzigkeit, aus der eine Perle entsprang, die Träne in ihren Augen, die Träne aus der ein glänzender Strahl einer besseren Zukunft schimmerte, einer Zukunft, die das Haus des Jerko Pavletić wieder heben, die verwilderten Felder wieder verjüngen und dem neuen Geschlechte einen besseren Weg bahnen wird . . .