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Frances Külpe – Drei Menschen

Eine psychologische Novelle

S. Schottenlaenders Schlesische Verlags-Anstalt, Berlin und Breslau, 1907


Als die Schauspielerin Nora Selden sich in Riga mit dem berühmten Doktor der Gynäkologie Hans Rehder verlobt hatte, wunderte man sich sehr.

Man wunderte sich nicht nur, man bedauerte, man tadelte, man verwarf diese Partie.

»Jammerschade – so ein Rassegeschöpf wie die Selden – und ein Arzt – das paßt wie die Faust aufs Auge – er wird sie schon bei Zeiten einkapseln – für die Bühne ist sie nun doch verloren!« sagten die Männer.

»Empörend! Unser herrlicher Doktor und eine – Komödiantin! Wer hätte das gedacht! Nun, das häusliche Unglück wird nicht lange auf sich warten lassen. Der arme verirrte Mann!« sagten die Frauen – und die gar nichts sagten und nur vielsagend die Köpfe schüttelten und schwer seufzten, zu Hause aber sich die Augen rot weinten, – das waren seine Patientinnen.

Aber nun war das Unglaubliche geschehen und man hatte daran glauben müssen.

Das Mitleid über diese »Verirrung« des Doktors, das ihm aus vielen schönen Augen mehr oder minder offen entgegensah, entgegenlächelte, entgegenweinte, war bei ihm auf eine sonderbare kühle Verständnislosigkeit gestoßen, denn Doktor Rehder wagte es, seine Frau zu lieben und sogar glücklich zu sein.

Und Nora Selden war allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz der Bühne nicht verloren, im Gegenteil, – es schien, als habe sich ihre künstlerische Kraft verdoppelt, nein verzehnfacht. Sie spielte hinreißender denn je und auch das allerschärfste Auge der allertreusten Patientin konnte sie nicht auf Abwegen ertappen, so sehr viel Mühe es sich auch gab. Man zuckte also die Achseln und sagte mit dem bekannten gewissen Lächeln: »Und sie passen dennoch nicht zueinander. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.«

Aber der Krug brach nicht. Im Gegenteil, er schwamm nun schon ganze acht Jahre auf den Wellen gegenseitiger Liebe und echten Vertrauens fröhlich und verwegen dahin.

Des Rätsels Lösung war aber einfach genug: der Doktor liebte, wie wenige Männer lieben, treu und zart, und das Wesen Noras bot ihm immer neue Überraschungen, von denen die Menge nichts ahnte.

Nora gab sich einfach und natürlich wie ein großes unbefangenes Kind. Sie war warmherzig und leidenschaftlich, eine volle Künstlernatur. Hinter ihrer täglichen rücksichtslosen Offenherzigkeit in kleinen Dingen vermutete niemand ein eigentümlich verschlossenes Wesen. Man glaubte immer die ganze Nora kennen gelernt und ersaßt zu haben, wenn sie den Menschen treuherzig und freundlich entgegenkam, und doch – gab es Tiefen in ihr, die selbst ihr Mann nie ganz erschlossen hatte. Darum blieb sie für ihn immer gleich fesselnd und interessant, acht Jahre schon. Sie hatte das offene sehende Auge eines Kindes, die Beobachtungsgabe einer Künstlerin und die schlagende Kombinationsfähigkeit, oder sagen wir den prophetischen Instinkt eines Staatsmannes, oder einer fein vibrierenden Frauenseele.

Darum sah und fühlte sie mehr wie andere. Darum sah sie oft durch die Wand konventioneller und klug berechneter Verstellung geradeswegs in die unverschleierten Herzen hinein – sie sah »um die Ecke«, wie der Doktor lächelnd behauptete – aber da sie wenig praktischen Sinn besaß, traute man ihr viel weniger zu und unterschätzte sie.

»Wie sonderbar sind die Menschen!« sagte Nora oft. »Woher sollte denn meine Seelenmalerei kommen. wenn ich Menschen nicht kennen gelernt hätte? Sie halten das für künstlerische Inspiration, was angespannteste Beobachtung und unzählige Erfahrungen mich richtig erfassen und wiedergeben ließen. Inspiration fällt nur auf sorgfältig vorbereiteten Boden.«

Der Doktor hatte heute seine Tagesarbeit früher beendet als sonst. Die letzte Patientin, eine von den vielen, die den berühmten Mann mit Angst und Bangen aufgesucht, hatte ihn mit erleichtertem Herzen und dankbaren Worten verlassen, und er trat auf den Balkon seines Hauses.

»Nora!« rief er in den Garten hinein.

Hans Rehder war ein hoher schlanker Mann mit gütigem ausdrucksvollem Gesicht und klaren blauen Augen.

Kein Wunder, daß seine Patientinnen ihn schwärmerisch verehrten und ihm nur allzu gut waren, denn der Doktor war nicht nur Arzt, er war auch Menschenfreund. Er kurierte nicht nur körperliche Leiden, sondern heilte auch seelische Gebrechen. Zwischendurch verursachte er auch solche. Er hätte eigentlich Prediger werden wollen. Die schwere Erkrankung und das jahrelange Siechtum seiner heißgeliebten älteren Halbschwester Maria, deren Leiden er nicht ruhig ansehen konnte, hatten ihn zur Wahl des Ärzteberufs bestimmt. Maria starb. Ihr war nicht mehr zu helfen, aber ihr Leiden hatte indirekt vielen Mitschwestern geholfen. Doktor Rehder war nicht nur tüchtig, er war hervorragend in seinem Beruf, und das Leiden anderer hatte seine Seele nicht abgestumpft. Er gehörte nicht zu denjenigen, die sich leicht in fremdes Leid ergeben.

Er stand auf dem Balkon, etwas vornübergeneigt, und stützte die schlanken Hände auf das Geländer. Er sah in das junge Grün, in das Gewirr der blühenden Kastanienbäume und Linden hinein, und seine etwas kurzsichtigen Augen spähten in die überlaubten Gartenwege.

»Nora!« rief er noch einmal, leiser.

Alles still.

Da wandte sich der Doktor und ging nachdenklich nach unten. Er durchschritt den Garten bis zu dem weinlaubumwucherten hohen Bretterzaun und blickte auf sein Haus zurück.

Gemütlich, frisch und sauber lugte das Haus mit seinem hohen spitzen Giebel zwischen den Kastanien und Linden hervor. Es war ein gutes kleines Haus mit einem freundlichen Ausdruck, ja es schien, als ob es lachte, und wenn man länger hinblickte, sah man deutlich, daß es lachte.

Auch der Doktor lachte. Denn nun sah er, daß sich eine hohe Frauengestalt langsam auf ihn zu bewegte. Ernsthaft und mit dem konzentrierten Ausdruck eines beschäftigten Kindes hielt sie ein Stück Brot in die Höhe, und rückwärts auf den Hinterbeinen schwänzelte ein zottiger Neufundländer vor ihr her.

»So, das hast du gut gemacht, Karo! Nimm und genieße!«

In dem weit offenen Hunderachen verschwand das Brot, und wedelnd sprang Karo an seiner Herrin empor.

»Du bist heute früher frei wie sonst,« sagte Nora und hing sich in den Arm des Doktors.

Er blickte lächelnd in das freie intelligente Gesicht. Große graue suchende Augen sahen ihn frei und ruhig an. Dunkelbraunes kurzgehaltenes Haar, eine kräftige, leicht gebogene Nase und eine gerade offene Stirn gaben dem Gesicht etwas Entschlossenes, Kühnes, der feine leidvolle Mund schien aber mehr von Noras Innerem zu verschweigen als zu sagen und nahm dem Antlitz die ernste Strenge. Es war ein Gesicht, mit dem man nicht so schnell fertig wurde.

»Geht's dir gut?« fragte Nora.

»Seit einer Minute, ja.«

Sie lachte. »Unverbesserlicher Schmeichler!«

»Willst du mich anders?«

Sie sah ihn prüfend an. »Nein, du kannst so bleiben.«

Sie gingen die Allee auf und ab. Nora schmiegte sich den langen ausholenden Schritten ihres Mannes an und schien ganz in diese Aufgabe vertieft.

Er sah sie zärtlich an und lachte.

»Nun, was haben wir heute erlebt?«

»Einen Kater!« meinte Nora lakonisch.

»Das ist verdammt wenig.«

Sie lachte kurz. »Das ist mehr als genug.« Dann fuhr sie fort, wie um die Wirkung ihrer letzten Worte abzuschwächen:

»Fürs erste steht noch für die nächste Woche die ›Magda‹ auf dem Repertoire. Morgen soll ich ›Käthchen von Heilbronn‹ spielen, da die Gerstorff erkrankt ist. Ich mag den Charakter nicht, Hans.«

»Und bringst doch das Haus zum Rasen,« sagte er stolz. »Ja, du bist mir ein abgründiges Geheimnis, Kind. Acht Jahre schon versuche ich es zu lösen, immer noch bin ich am Anfang.«

»Ich bin gar kein Geheimnis, bloß eine Doppelnatur wie alle Künstler. Ich möchte nur wissen,« sprach sie nachdenklich, »warum ich so wenig Talent zum Glücklichsein habe. Nie im Leben ist es mir so gut gegangen, nie hab' ich soviel tägliche Freude erlebt wie in diesen Jahren an deiner Seite, und doch ruht im Grunde meiner Seele eine ungestillte nagende Sehnsucht, ein leise brennendes Weh, das ich nicht los werden kann.«

»Um so mehr Talent hast du zum Glücklichmachen,«

»Ich bin vielleicht zu wenig Weib, zu sehr Mensch, ich glaube, ich habe zum Beispiel gar keine Fähigkeit zur Eifersucht.«

»Um so besser,« sagte der Doktor. »Eine eifersüchtige Frau könnt' ich am wenigsten brauchen. Weißt du,« fuhr er zärtlich fort – »du solltest nicht so viel grübeln und denken. Du hast deinen Mann und du hast deine Kunst. Deine Kunst ist mir eine Art Sicherheitsventil für deine unverbrauchte Kraft. Das hast du nötig, und du hast sie, und das ist gut so.«

»Meine Kunst ein Sicherheitsventil – Pfui!« rief Nora ehrlich entrüstet. »Möchtest du mich nicht lieber ohne meine Kunst, nur als deine Frau?« fragte sie dann.

»Ich möchte dich so, wie ich dich habe.«

Sie gingen ruhig nebeneinander her. Noras Hand hing schlaff herab. Liebkosend streifte sie einige scharlachrote Mohnblüten, die die prangende Einfassung eines Beetes bildeten.

»Du,« rief sie leidenschaftlich – »ich liebe das Leben, ich liebe die Natur! Das Herz wird mir inmitten der Natur so weit und warm, Gedanken flattern auf weißen strahlenden Schwingen zu mir herab, und reden kann ich zuweilen mit dir von meiner Seele, und doch sehne ich mich nach etwas Unbegreiflichem, Unfaßlichem, Unendlichem, Es ist eine Fülle in mir, die ich nicht bewältigen kann. Immer und immer suche ich nach dem einzig treffenden Ausdruck für meine Empfindung. Überall stoße ich auf Grenzen in der Kunst und im Leben. Ich weiß, was ich will, aber ich will mehr, als ich kann, das ist es«.

»Nimmersatt! Du lebst zu intensiv.«

»Kann man zu intensiv leben? Sind denn nicht die meisten Menschen tot oder halbtot? Laß mich leben und laß mir meine Sehnsucht, Sie ist das beste an mir. Ohne Sehnsucht kein Fortschritt!«

Sie saßte ihn fester unter den Arm, und beide gingen in das Haus hinein.

 

* * *

 

Der Mond schien hell durch die treibenden Wolkenzüge; das ganze Gärtchen des Doktors war in mildes silbernes Licht gebadet. Die Luft war lau und frühlingswarm, und scharf zeichneten sich die jungen Weinranken vom lichtumflossenen Himmel ab.

Hans hatte Noras Schaukelstuhl auf die Veranda gezogen, ihr Fußbänkchen sorgfältig daneben gestellt. Nun wartete er auf Noras Kommen aus dem Theater.

Nachdenklich blies er runde Rauchringe in die klare Abendluft und streckte sich behaglich in einem Gartensessel. Er war sehr glücklich.

Vor sein inneres Auge trat, wie so oft in den Stunden des Alleinseins, seine mühselige Vergangenheit, sein bitteres Kämpfen und Ringen, Er sah die herbe knochige Gestalt seiner verstorbenen Mutter.

Die alte Frau hatte so strenge Augen gehabt, so harte abgearbeitete Hände und ein so zähes Festhalten an ihrem Lieblingswunsch, daß er Prediger werden solle. Auf der Kanzel hatte sie ihn sehen wollen von den Leuten geehrt und bewundert, von der Kanzel sollte er alte erschütternde Wahrheiten mit jugendlichem Feuer verkünden und Licht und Trost in die Herzen der Betrübten ausströmen.

Und nun hatte er sie enttäuscht. Sie wollte und konnte es nicht begreifen, daß er einer Toten zuliebe bei seinem Beruf blieb. Sie schalt ihn einen unpraktischen Träumer, und die Fäden zwischen ihm und ihr lockerten sich unaufhaltsam. Die alte Frau litt grausam unter der Eifersucht auf ihre verstorbene Stieftochter. Sie war eine despotische Natur und hinderte es fast unbewußt, daß Hans schon als Knabe sich an seinen Vater schloß, einen milden müden Greis mit einer feinen Seele. Maria war das Licht und die Freude von Hans' Jugendjahren gewesen. Wie eine holde seltene Blume war sie in dem düsteren engen Bürgerhause erblüht und war dem Manne, den sie zu lieben glaubte, einem vornehmen Polen, gefolgt. Die Ehe war kurz und unglücklich. Ihre ganze Helle, Wärme und Innigkeit übertrug Maria, die an einem schweren Leiden erkrankt war, auf ihr Töchterchen und auf ihren jungen Halbbruder. Er sog Licht und Sonnenschein aus den Stunden des Zusammenseins mit ihr, er reifte an ihr zum Manne. –

Nun, wo sie tot war, stürzte er sich unaufhaltsam in das medizinische Studium und suchte den Schmerz durch Arbeit zu übertäuben. Er gab Privatunterricht, er arbeitete mit der gierigen Hast des Schmerzes – da starb sein Vater.

Die Mutter versuchte einen neuen Ansturm auf seine Sohnesliebe und beschwor ihn, zum Studium der Theologie zurückzukehren. Nun müsse sie es erleben, daß ein Fremder die letzten Worte über dem Sarge seines Vaters spräche, und nicht er, dem diese Pflicht am nächsten läge. Auch sie werde von fremden kalten Worten zu Grabe geleitet werden. Das habe sie nicht um ihn verdient.

Es bedurfte der ganzen Geduld, der ganzen Kraft und Energie des jungen Mannes, um fest zu bleiben, um so mehr, als in seinem eigenen Herzen eine Saite vibrierte, die ihn mächtig zur Theologie hinzog. Aber die Erinnerung an das trostlose jahrelange Siechtum seiner Schwester Maria, die Überzeugung, daß man ihr Leiden hätte lindern können, wenn man es besser erkannt hätte, half ihm alle Versuchungen überwinden. Er hatte die feste Zuversicht, auch als Arzt Licht und Trost bringen zu dürfen mit Worten und Werken. So ließ er sich nicht irre machen. Er arbeitete unverdrossen, er lebte wie ein Asket und suchte auf diese Weise seiner Mutter zu beweisen, daß die Sache seines Ernstes wert sei.

Sie mußte daran glauben, aber sie tat es mit der finsteren Resignation einer störrischen alten Frau, und an dem Tage, als er sein Schlußexamen bestanden hatte, starb seine Mutter am Schlage.

Die alte Frau lag im Sarge, die strengen Augen hatten sich geschlossen, die abgearbeiteten Hände ruhten von ihrer unermüdlichen Tätigkeit, und das graue Haar lag schlicht gescheitelt über der vergrämten Stirn, Hans konnte ihr keine Freude mehr bereiten.

Nun stellten sich Zweifel ein in der Seele des jungen Mediziners. Hatte er recht getan, seine Idee durchzusetzen? Durfte er die letzten Jahre seiner alten Eltern durch seinen Eigenwillen verbittern? War das Spiel des Einsatzes wert gewesen?

Sie waren tot, alle seine Lieben. Maria hatte er nicht mehr nützen können, und seinen Eltern hatte er schwere Enttäuschung bereitet. Den Segen, den Erfolg seiner Arbeit hatten die Seinigen nicht mehr gesehen; sie kannten nur sein bitteres Kämpfen und Ringen.

Hans Rehder wurde still und verschlossen. Seine medizinische Praxis befriedigte ihn nur zum Teil, obwohl die Erfolge nicht ausblieben. Er litt unter der selbstquälerischen Vereinsamung und tat doch nichts, um ihr zu entgehen. Wissenschaftliche Arbeit war seine Erholung, wenn er ermüdet aus der Klinik nach Hause kam. Endlich raffte er sich zu einem Entschluß auf, verließ seine Vaterstadt Riga und ging auf zwei Jahre nach Berlin.

Die neue Umgebung, die wissenschaftliche lebendige Strömung der Großstadt, das Arbeiten in den Kliniken unter hervorragenden Autoritäten gab ihm sein Gleichgewicht wieder. Gefestigt und voll reicher praktischer Erfahrungen kehrte er nach Riga zurück. Er machte einige glänzende Kuren, seine Kollegen wurden aufmerksam auf ihn, er hatte in einigen besonderen Fällen Glück, und von nun an heftete sich der Erfolg an seine Fersen. Ehe er sich dessen klar bewußt geworden, hatte er eine Stellung erobert, war er ein gemachter Mann.

Er hatte an Sicherheit des Auftretens, an Routine des Umgangs gewonnen und war dennoch zurückhaltend – das gewann ihm die Herzen der Frauen. Er behandelte alle seine Patientinnen mit Achtung und Zartheit – das machte sie zu seinen enthusiastischen Anhängerinnen, und er bevorzugte niemanden – das gab ihm einen rätselhaften Nimbus. Er kannte die weibliche Psyche und Physis, das Weib kannte er noch nicht.

Mit einem Schlage wurde das anders. Die Schauspielerin Nora Selden hatte ihn um einen ärztlichen Rat gebeten. Vor Schauspielerinnen hatte Hans eine gewisse Abneigung. Er sah in ihnen die halbwegs gebildeten, geschminkten, posierenden Damen der Halbwelt, wie er sie bisher flüchtig kennen gelernt hatte. Und nun kam ein eigenartiges interessantes Weib, eine großangelegte selbständige Frauennatur, die sich so wahr, so offen, so kindlich natürlich gab, wie er es nie unter den Frauen der Gesellschaft gefunden hatte, noch mehr – er sah in ein strebendes Menschenherz hinein, das ihn in seinem ehrlichen Ringen, in manchem feinen Zuge an seine liebe Verstorbene, Maria erinnerte. Er mußte in ihr ein Wesen von tüchtiger Bildung, voll lebendiger Interessen, kurz einen vollwertigen Menschen achten. Er staunte und bewunderte. Er beobachtete und begriff.

Er begann ein eifriger Theaterbesucher zu werden und wurde zum ersten Mal von großer Kunst gepackt. Das zurückgedämmte Leben seiner Jünglingsjahre forderte sein Recht. Im Vollgefühl seiner Kraft begann er das Leben auf sich wirken zu lassen, begann sich durchzusetzen, ohne sich zu verlieren. Es wurde wieder heiter und sonnig in ihm, und eines Tages erzählte er Nora die Geschichte seiner harten Jugendjahre.

Auch sie hatte bitter um ihren Beruf ringen müssen. Sie war aus gutem Hause und eines preußischen Beamten solide Tochter. Wie sie ihn verstand! Wie sie ihm nachfühlte! Er liebte. Und als er sich seiner Liebe bewußt geworden, sagte er es ihr. An die Tragweite seines Schrittes dachte er kaum – er setzte sich einfach durch.

So verschieden war diese Liebe von früheren flüchtigen Neigungen, daß seine Vereinigung mit Nora eine einfache Notwendigkeit war.

Nun war Nora seit acht Jahren sein Weib, und er war glücklich. Ja, er war glücklich. In einer heißen Welle stieg das Bewußtsein seines Glücks immer wieder in ihm auf.

Nora war nicht schön, aber sie war prachtvoll gewachsen und hatte ein nachdenklich ernsthaftes, etwas schwermütiges Gesicht, das ihn entzückte. Für ihn war sie schön, und ihm war sie lieb, so wie sie war. So hatte sich durch diese acht Jahre ihrer Ehe seine Liebe nur noch gesteigert und gab sich zuweilen in echt verliebten jugendlichen Torheiten kund.

Nun rollte ein Wagen vor die Haustür. Hans sprang auf wie ein Jüngling und eilte Nora entgegen. Er zog sie zu sich auf die Veranda und drückte sie in ihren Schaukelstuhl.

Nora war träumerisch und versonnen. Hans sah sie schweigend an und steckte eine neue Zigarre in Brand.

»Nun aber mußt du anfangen zu erzählen!« sagte er gemütlich.

Sie lächelte. »Woher weißt du, daß ich etwas zu erzählen habe?« »Das merke ich dir von weitem an.«

Sie gab ihrem Stuhl eine leise wippende Bewegung und verschränkte die Arme über ihrem Haupt.

»Es ist die alte Geschichte,« sagte sie – »Menschenirren und Menschenleid. Ich hab' heute eine Beichte gehört.«

»Also wieder einmal! Wie die Menschen Vertrauen zu dir fassen!«

»Ich kenne nicht einmal den Namen meines Beichtkindes . . .«

»Also grüble nicht länger, erzähl!« drängte der Doktor.

Nora seufzte. Dann begann sie:

»Ich ging heute früh in den kaiserlichen Garten hinaus, um zu memorieren, wie du weißt.«

Das rote Zigarrenende nickte zustimmend.

»Heute war aber doch noch jemand früher aufgestanden als ich. Eine rassige überschlanke Frauengestalt huschte mit heftigen Bewegungen durch die Gänge. Sie schien etwas zu suchen. Du kennst meine Vorliebe für Naturen, die sich vollkommen ihrem Wesen nach äußern. So beobachtete ich denn auch die Fremde, wie sie mit raubtierähnlichen leidenschaftlichen Bewegungen vorwärts stob, mit Entzücken, mit wahrem Hochgefühl.«

»Kann ich mir genau vorstellen,« brummte Hans.

»Wenn ich aber weiter erzählen soll, darfst du mich nicht unterbrechen. Die Geschichte ist lang und traurig, und um in dir den rechten Eindruck zu erwecken, will ich sie dir nach meiner Weise dramatisch erzählen und die Sprecherin selbst reden lassen.«

»Zu Befehl, mein Herz, ich rede ja kein Wort mehr.«

»Die Fremde wandte sich plötzlich und kam mir entgegen,« fuhr Nora fort. »Ich sah in ein gelbes verhärmtes Gesicht mit unsteten dunklen Augen.

›Haben sie etwas verloren, gnädige Frau?‹ fragte ich.

Mißtrauisch flackerte mich die Fremde an. Ein hochmütiger Zug trat um ihren Mund.

›Verloren? Ja!‹ sprach sie mit schroffem fremdländischen Akzent und fügte dann höflicher hinzu: ›Einen Brief.‹

Ich half ihr natürlich suchen.

Wir suchten. Ich sah, wie die Fremde ihren schmalen Kopf geierähnlich nach mir umwandte und die Lippen fest zusammenpreßte. So flog sie an mir vorüber. Ich folgte langsamer. Die arme unglückliche Person! Mißtrauisch und verbittert wie ein Dämon. Ja, der stand eine ganze Tragödie auf dem Gesicht geschrieben, nein, nicht nur auf dem Gesicht – in jeder ihrer Bewegungen prägte sie sich aus, armes Geschöpf!«

Nora saß eine Weile schweigend, dann fuhr sie langsam fort:

»Ich suchte mit dem intensiven Wunsch, das Verlorene zu finden, und ging sorgfältig die Haupt- und Seitenalleeen durch. Da – unter einer Bank sah ich ein weißes beschriebenes Blatt flattern – es war ein Brief ohne Kuvert.

Ich hob ihn auf und eilte der Fremden, die ich in einem Quergange heranstürmen sah, entgegen.

›Gnädige Frau, – dies ist wohl Ihr Brief!‹ rief ich von weitem und hielt den Bogen hoch.

Die Fremde blieb stehen. Ihre Lippen zitterten.

›Vielen Dank!‹ rief sie. Sie ergriff den Brief, knitterte ihn zusammen und hielt ihn krampfhaft in der geballten mageren Hand. Ihre Bewegungen waren prachtvoll – es tat mir leid, weiter zu gehen.

›Schonen Sie sich,‹ sagte ich endlich. ›Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit.‹

Mißtrauisch und unsicher blieb die Fremde stehen. Sie hatte schon ihre Schleppe zum Weiterstürmen zusammengerafft.

›Ich mich schonen?‹ fragte sie. ›Wozu? Wem liegt etwas an meiner Gesundheit? Übrigens bin ich gesund.‹

›Sie verbrauchen Ihre Kräfte zu rasch, – Sie müssen viel Schweres erlebt haben,‹ sagte ich.

Die Fremde sah mich aus weit offenen Augen an.

›Kommen Sie,‹ stieß sie plötzlich entschlossen hervor, ›wir beide werden uns wohl nie mehr im Leben begegnen, morgen noch verlasse ich Riga, kommen Sie! Sie waren menschlich zu mir – ich will Ihnen meine Geschichte erzählen.‹

Wir setzten uns auf eine Bank. Ich war gespannt, was ich hören sollte.

›Sie sprechen wohl französisch?‹ fragte sie.

›Jawohl.‹

Eh bien! So kann ich mich meiner Muttersprache bedienen. Meine Geschichte ist kurz und banal genug. Ich bin Pariserin.‹

Das überraschte mich nicht im mindesten.

›Habe meine Mutter nimmer gekannt. Mit gutem Grunde. Hatte sie mir doch nicht den Namen meines Vaters zu geben. Meine Mutter war schön, mein Vater ein grand seigneur – ich kam ihnen in die Quer.‹

Sie lachte bitter, ›'s war ja noch sehr edel von meinen sogenannten Eltern, daß sie mich in einem Kloster anständig erziehen ließen und nicht in ein Findelhaus taten oder gar einer gefälligen alten Hexe gaben zur Weiterbeförderung in die himmlischen Gefilde. Wie edel das war, habe ich so oft zu hören bekommen, bis ich schließlich daran glaubte. Ja, ich glaubte daran wie an meine eigene unsterbliche Seele. Bon.

Ich lernte gut. Ich wurde der Stolz des Klosters. Lieb gehabt habe ich niemanden, aber ich wollte meiner ›edlen‹ unbekannten Mutter Ehre machen – die Nonnen, die ganze Klosterwirtschaft haßte ich . . .

Da – eines schönen Tages kommt eine elegante Equipage herangefahren – eine wunderschöne Dame sitzt darin. Man sagt mir, es sei meine Mutter. Meine Mutter! Oh Madame, was soll ich Ihnen weiter sagen?

Ich durfte herantreten und ihr die Hand küssen. Sie sah mich prüfend an und fuhr mir leicht über die Wangen, und dann wurde ich wieder entlassen. – – Bald hörte ich lautes erregtes Sprechen und zornige Stimmen – und gleich darauf fuhr meine Mutter in der eleganten Equipage wieder davon – ohne mich wiedergesehen, ohne mich auch nur geküßt zu haben.‹

Die Französin hing den Kopf und bohrte mit der Spitze ihres Schirmes ein tiefes Loch in den Kies, Ihre Augen sprühten. Beruhigend streichelte ich die zuckende arme Hand, aber da kam ich schön an.

›Schon mitleidig, Gnädigste?‹ höhnte sie. ›Sparen Sie Ihr Mitleid für später – es kommt noch ganz anders. Also meine Mutter war fort, da wurde ich zur Oberin beschieden.

Die Oberin war falsch und glatt. Sie sagte mir, meine Mutter wäre hier gewesen, um mich ihr für ihr lasterhaftes leichtfertiges Leben abzukaufen – ich sollte auch ›so eine‹ werden wie sie. Bisher hatte ich nie davon gehört, daß meine Mutter ›so eine‹ war. Ferner gab mir die Oberin zu verstehen, daß sie mich aus liebender Sorge für mein Wohl meiner Mutter geweigert. Diese liebende Sorge habe sich sogar soweit erstreckt, daß mein Aufenthalt im Kloster ihr einige Kosten verursacht habe, und da sei es natürlich und wünschenswert, daß mir Gelegenheit geboten würde, die Pflicht der Dankbarkeit zu üben. Meine Mutter habe nichts für mich gezahlt.

Ich stand erstarrt. Die Pflicht der Dankbarkeit bestand darin, daß ich freiwillig und unentgeltlich den Unterricht in den unteren Klassen übernahm.

Ich übernahm den Unterricht. Vier Jahre arbeitete ich wie in einer Tretmühle mit einem wachsenden Groll im Herzen. Ich lernte meine Mutter verachten und Gott danken, daß ich nicht ›so eine‹ war wie sie. Da – nach vierjähriger Sklaverei – starb unsere Oberin. Ich hatte in Abwesenheit einer älteren Nonne es auf mich genommen, einen Teil ihrer Papiere zu ordnen – da fielen mir die bezahlten Rechnungen für meine Erziehung im Kloster in die Hände, und sie trugen die Unterschrift meiner Mutter!

Also betrogen! Der Toten konnte ich's nicht mehr sagen; aber meine Empörung, meinen Haß, meine Wut schrie ich in die stillen Klosterräume hinein, daß sie widerhallten, und dann schnürte ich mein Bündel und ging voll Lebenshunger nach Warschau. Paris war mir verhaßt. Heimweh kannte ich nicht. Das Heimweh, das ich als junges Kind in mir getragen – nach meiner Mutter – war zerstört. Ich nahm eine Stellung an. Man lobte mein schönes Französisch, man lobte meine eleganten Manieren, meine schmalen Füße, meinen Takt. Man war entzückt von mir und ich von den Leuten. Ich wurde Gesellschafterin einer schönen Frau. Wir waren einander in gewisser Beziehung verwandt, denn auch sie war unglücklich, und auch sie war stolz. Aber ihre Seele war weit und groß und konnte lieben. Solche Liebe, wie sie zu ihrem kleinen Sohn hatte, hatte ich nie für möglich gehalten, ich stand davor wie vor einem Wunder. Aus ihrem Manne machte sie sich nichts – aber –‹ jetzt lachte die Französin konvulsivisch – ›er machte sich etwas aus mir.

Ich glaubte ihm und liebte, liebte zum ersten Mal.

Ich liebte ihn, und wir beide betrogen die schöne Frau.

Ich hatte ein Kind. Auch ich deponierte es in Paris, wie meine Mutter getan, – ich trat in die Fußstapfen meiner Mutter. Was wollen Sie? Warum sollte ich besser sein als sie? Ich kehrte wieder in das Haus jener Leute zurück, ich begleitete sie auf Reisen. Ich lernte die Welt kennen . . . Ich fühlte mich wieder Mutter eines zweiten Kindes . . .

Da kam der Schlag; ich überraschte ›ihn‹, Sylvain in den Armen einer Kammerzofe.

Ich ohrfeigte ihn, ich züchtigte ihn wie einen Hund und verachtete ihn, wie ein betrogenes Weib verachtet . . .

Dann verließ ich das Haus.

Mein zweites Kind atmete nur eine Viertelstunde. Auch mein erstes Söhnchen war gestorben. Kluge Kinder, nicht wahr?

Ich bin wieder in Stellung bei einer polnischen Familie: wir sind auf der Durchreise durch Riga nach dem Wilnaschen auf die Güter der Familie.

Glauben Sie, daß ich lebe? Nur mein Leib zuckt und lebt, meine Seele ist längst tot. Ich habe einst in Paris ein Bild gesehen, es war der Kopf eines verzweifelten Weibes. Und dieses Weib lachte. Es lachte sich den letzten Rest von Glauben, Liebe und Vertrauen aus der wunden Seele. Solch ein Weib bin ich. Nichts Edles, nichts Echtes habe ich auf der Welt gefunden, es sei denn die Mutterliebe jener Frau, die ich betrog. Lüge und Verstellung überall. Falsch, falsch sind die Menschen. Hüten Sie sich vor ihnen, denn Sie haben noch eine mitfühlende Seele.‹

Die Fremde war aufgesprungen. Ich ergriff sie an den Händen.

›Gott helfe Ihnen!‹ sprach ich.

Ihr Gesicht war tränenüberströmt. Sie warf den Kopf zurück und bäumte sich wie eine getretene Schlange.

›Mir ist nicht mehr zu helfen,‹ sprach sie düster. ›Der Brief da ist von ihm – so viel ist er mir wert . . .‹

Sie zerriß ihn in hundert Fetzen und warf sie in den Rasen hinein.

›Leben Sie wohl!‹

Noch ein Ruck, und die geschmeidige Erscheinung verschwand hinter der Allee.«

Nora schwieg. Sie hatte ganz in der Geschichte der unglücklichen Französin gelebt.

Hans hatte gespannt zugehört. Die Zigarre war ihm ausgegangen.

»Du hast wieder die Gabe bewährt, aus Menschen das Tiefste und Innerste ihres Wesens herauszulocken.« sagte er. »Das ist nur möglich, weil sie instinktiv merken, was für ein guter, ehrlicher Mensch du bist.«

»Ehrlich – ja, aber gut – nie! Ist das etwa gut von mir, daß ich mich an dem Unglück der Menschen zu berauschen vermag, wenn sie es nur künstlerisch schildern? Ich habe daran ästhetische Freude, und wenn mein Herz auch mitblutet, erfreuen sich meine Sinne doch an ihren Äußerungen, sofern sie wahr und natürlich sind. In größerem Maßstabe tat das Nero auch. Das ist doch nicht gut. Bitte, verdirb mich nicht mit deinem Lob. Du findest nur alles gut, weil du mich so liebst.«

»Ja, das tu' ich, du mein liebster Nero.«

»Ach du Unverbesserlicher!«

Sie sanden sich in innigem Kuß.

 

* * *

 

Der Vorhang war gefallen. Einen Augenblick saß das Haus lautlos. Dann brach ein Beifallssturm los, schwoll an, blieb auf der Höhe und wollte nicht enden. Erst als Nora Selden sich wieder und wieder verneigt hatte, als sie drei Sträuße entgegengenommen, beruhigte sich das Publikum und ging schwatzend und angeregt auseinander. Der eiserne Vorhang schob sich vor die Bühne, und das Stück Leben, das sich in so ergreifender Weise vor den Zuschauern entrollt hatte, machte einer Totenstille Platz.

In Scharen strömte das Publikum zu Fuß und zu Wagen nach Hause. Abgespannt und müde saß Nora in einem Wagen, vor sich auf dem Schoß die Blumensträuße. Sie fühlte sich ganz zerschlagen. Sie hatte ihr Bestes gegeben, und doch war sie nicht mit sich zufrieden. Weder an großen Worten, noch an großen Gesten liegt's, dachte sie – wir brauchen Verinnerlichung, Vertiefung, wir brauchen Wahrheit, wir brauchen eine große Seele! Habe ich die Wahrheit erreicht? Nein, und nochmals nein! – Sie ging in Gedanken noch einmal ihre Rolle durch. Da hat's gefehlt und da – und da – sagte sie sich.

Ihr Kopf schmerzte, ihre Augen brannten. Sie bedeckte sie mit der Hand. Da entfiel ihr einer ihrer Sträuße.

»Halt Kutscher!« rief die Künstlerin.

Der Wagen hielt. Doch schon hatte sich eine vermummte graue Frauengestalt an den Wagen gedrängt, hatte sich nach den Blumen gebückt und reichte Nora den Strauß.

»Ich . . ich danke Ihnen so,« stotterte eine alte zerbrochene Stimme. »Ich werde diesen Abend nie vergessen!«

Nora schaute in ein verwittertes Altjungferngesicht, auf dem des Lebens kleine Sorgen so manchen Zug gegraben hatten und aus dem die alten Augen so begeistert jung hervorblinzelten. Sie war reich, sie konnte geben, und die ganze Geberfreude wurde groß in ihr. Sie reichte der Unbekannten die Hand. Impulsiv bückte sich das alte Fräulein auf die lange kräftige Hand der Künstlerin und drückte einen inbrünstigen Kuß darauf.

Ein paar Schritte weiter auf den Fliesen stand eine zweite vermummte Gestalt und sah verwundert zu. »Klementine ist verrückt geworden,« flüsterte sie leise und ängstlich. »Was soll das nur?«

Das ruhige Gaslicht beleuchtete die sonderbare Szene.

Nora aber legte ihren Arm um das alte Fräulein und küßte es leicht auf die Stirn.

»Ich danke Ihnen,« sprach sie mit klangvollem Ton, »Sie gaben mir heute mehr, als Sie ahnen.«

»Ich . . . Ihnen?« stammelte die zerbrochene Stimme.

»Ja. Alle vierzehn Tage, am Dienstag von 4 bis 6 habe ich Menschen bei mir, es würde mich freuen, Sie wiederzusehen.«

»Mich . . . wiederzusehen?« Die Unbekannte schnappte wie im Traum. »Ich habe eine Schwester . . .« fügte sie zaghaft hinzu und wies auf die graue Gestalt auf den Fliesen.

»Und Ihre Schwester dazu. Grüß Gott.«

Und fort rollte der Wagen. Ganz benommen und verwirrt stand die alte Jungfer auf dem Pflaster und drückte den duftenden Blumenstrauß an ihr pochendes Herz, den ihr Nora im letzten Augenblick zugeworfen hatte.

In gehobenerer Stimmung betrat Nora ihr Heim. Der Doktor kam ihr an der Tür entgegen; an seinem Arme hing ein blasses schönes Weib in tiefer Trauer.

»Nora, mein Herz,« rief der Doktor in jubelndem Ton, »sieh hier meiner Schwester Maria einziges Kind, Rahel Witakowsky.«

Nora blieb stehen und legte ihre Hände auf Rahels Schultern.

»Herzlich willkommen!« sagte sie mit tiefer klingender Stimme.

Rahels Lippen zuckten – sie brachte kein Wort hervor. Sie sah aus, als wäre sie aus einem alten Gemälde getreten.

Tiefschwarzes Haar fiel vom schlichten Scheitel aus in Wellen über die kleinen Ohren und umrahmte die feine bräunliche Stirn. Unter geraden Brauen sahen todtraurige dunkle Augen hervor, die durch die langen schwarzen Wimpern noch dunkler erschienen. Diese seidigen Schleier senkten sich wie ein Geheimnis über eine stumme Frage. Es war ein vornehmes, herrschsüchtiges und geistreiches Gesicht, und doch thronte eine rührende Anmut über den jugendlichen Zügen.

Nora sah noch immer in das bleiche Gesicht. Eine leidenschaftliche Bewunderung für das schöne Wesen stieg in ihr auf. Sie schlang ihren Arm um Rahel und sprach leise: »Wir zwei wollen einander gut sein.«

»Ich danke dir, Nora, du bist gut.«

Schweigend traten alle drei in den Salon. Die mächtige Lampe unter dem roten Schirm strahlte gedämpftes Licht aus.

»Ich hab' mich vor drei Monaten von dem Grafen scheiden lassen, Nora,« begann Rahel in trockenem beherrschten Ton. »Mein Willy starb vor sechs Monaten. Nun hab' ich – nichts mehr. Was sollt' ich mit meinem unnützen Leben anfangen? Aus meinen Kindertagen her erinnerte ich mich an Onkel Hans, der war gut zu mir gewesen.« – Ein leuchtender Blick unter den langen Wimpern traf Hans. – »Da kam ich nach Riga. Ich bin müde, so müde. Ich will nichts mehr vom Lebe n als eine Weile Ruhe.«

Nora streichelte die seinen kleinen Hände, die Rahel gefaltet im Schoße hielt.

»Unser Heim soll dein Heim sein,« sagte die Künstlerin innig.

»So soll es sein!« rief der Doktor ermutigend und ergriff kräftig Rahels Hände.

»Du hast fortan zwei treue Freunde statt des einen Hans, und Nora, die kann Freundschaft halten, die versteht's.«

Rahel nickte und schwieg. Wieder flog ein leuchtender Blick zu den beiden hinüber, und leise sagte sie:

»Ihr müßt mir Zeit lassen. Von mir und meinem Innern kann ich nicht reden. Es ist alles so wund. Ich habe so viel erlebt in meiner sechsjährigen Ehe – zu viel.«

»Du sollst auch nicht reden –« sagte Nora liebevoll. »Ist denn das Reden nötig, damit man sich versteht? Es ist selbstverständlich, daß du uns jederzeit willkommen bist. Weißt du, du solltest für die ersten Monate ganz zu uns ziehen. Wir wollen unser Leben vor dir abrollen lassen wie sonst, in die Fäden dieses Lebens sollst mich du dich mit einspinnen, und das wird schön und gut sein.«

»Du hast viel Vertrauen zu den Menschen,« sagte Rahel lächelnd. »Ich dank' euch, ich habe schon eine Wohnung gemietet.«

»Wo denn?

»In der Antonienstraße, gegenüber dem fünfstöckigen Eckhause. Meine Möbel ließ ich schon gestern hinschaffen. Ich war heute nachmittag da.«

»Kind, Kind,« sagte der Doktor kopfschüttelnd, »die Sorge hättest du uns überlassen sollen.«

Rahel lächelte schwermütig. »Ich bin früh selbständig geworden, Hans. Auf meinen Reisen hab' ich das gelernt. Jetzt möcht' ich ausruhen dürfen und eine n neuen Lebensanfang machen, und dazu hab' ich mir Riga und eure Nähe gewählt.«

»Bravo!« rief Hans, »das hast du vorzüglich gemacht!«

Er betrachtete sie mit angespannter freudiger Aufmerksamkeit.

»Die Ähnlichkeit,« sagte er weich, »die wunderbare Ähnlichkeit! Mir ist, als wäre ich um fünfzehn Jahre zurückversetzt.«

Rahel sah auf. »Bin ich meiner Mutter so ähnlich? Das freut mich,« sagte sie einfach.

Jetzt trat das Stubenmädchen ein. »Es ist angerichtet,« meldete sie.

Man setzte sich zu Tisch.

»Eine Bitte noch,« sprach Rahel. »Soll ich mich heimisch bei euch fühlen, so beachtet mich nicht. Macht, als ob ich nicht da wäre. Das ist das Liebste, was ihr mir tun könnt.«

Nora nickte ihr freundlich zu.

»Wie war's denn heute im Theater, Herz?« fragte Hans.

»Ein volles Haus wie immer beim Sudermann. Ach, ich vergaß meine Buketts. Minna!« rief Nora dem Mädchen zu. »Stellen Sie doch die Blumen ins Wasser. – Unterwegs hatte ich ein kleines Abenteuer.«

Und Nora erzählte drollig von ihrer Begegnung mit dem alten Fräulein.

Der Doktor lachte übers ganze Gesicht.

»Das bist nun wieder ganz du,« sagte er, »klagst immer über die vielen Menschen an deinen Dienstagnachmittagen und lädst dir noch zwei alte Motten dazu.«

»Dies waren aber ehrliche Motten,« sagte Nora ernsthaft, »wenigstens die eine. So ein gutes putziges Altjüngferchen mit einem tüchtigen Rest von jugendlicher Begeisterung.«

»Wie heißen denn deine jüngsten Bewundererinnen?«

»Wie sie heißen? Darnach hab' ich nicht gefragt. Wenn sie kommen, werden wir's ja schon erfahren.«

Der Doktor lachte sein behaglichstes Lachen.

»So ist Nora einmal,« sagte er erklärend. »Sie ist und bleibt ein großes Kind trotz ihrer neunundzwanzig Jahre.«

»Wohl ihr!« erwiderte Rahel. »Kinder sind allemal die glücklichsten Wesen, denn sie haben Vertrauen zu den Menschen und sich selbst, und Kinder sehen überall Licht und Freude, wo wir im Dunklen stehen.«

Nora zuckte fröstelnd zusammen und beschattete ihre Augen mit der Hand.

»Ist dir kalt, Liebling?« fragte Hans.

Aber schon war Rahel leise aufgestanden und legte ein Cape schützend um Noras Schultern.

»Danke dir, Rahel. Mir ist nicht eigentlich kalt, aber das helle Bühnenlicht, weißt du, wirkt immer unangenehm auf meine Augen. Ich muß sie überanstrengt haben.«

Der Doktor sah scharf nach ihr hin.

»Du solltest nicht bei Lampenlicht arbeiten. Seit wann sind deine Augen so empfindlich?«

Nora lachte heiter. »Ach bitte, stell nur kein medizinisches Examen mit mir an,« rief sie. »Du weißt,« fuhr sie ernsthaft fort, »als mir im Winter das Unglück passierte, die Kulisse auf den Kopf fiel und ich ohnmächtig aus der Probe nach Hause gebracht wurde. Seitdem habe ich zuweilen ein Flimmern und Funkensprühen vor den Augen. Es ist gewiß nervös und wird sich schon geben. Bitte, mach kein so ernsthaftes Gesicht, ja?«

Der Doktor strich Nora liebevoll über die heißen Wangen.

»Na gut, daß unsere Ferienzeit bald anbricht,« sagte er. »In Oger, auf dem Lande wird aber weder gelesen, noch studiert, das bitte ich mir energisch aus, als Gatte und als Arzt.«

»Und meine Rollen?« rief Nora in komischem Entsetzen. »Ich habe drei, vier, fünf Novitäten einzustudieren.«

»Da wird sich Rat schaffen lassen,« sagte Hans lächelnd, »wozu bin ich denn da? An Zeit wird's mir nicht fehlen. Übrigens, wie wär's, wenn Rahel mitkäme und das Vorlesen übernähme?«

»Rahel! Wolltest du wirklich?« rief Nora erfreut. »Komm und bleibe bei uns!«

Rahel schüttelte langsam den Kopf und sah die beiden mit einem schimmernden Blick an.

»Ihr tut mir wohl,« sprach sie warm, »aber ich tauge vorläufig besser für die Einsamkeit. Vielleicht später. Jedenfalls will ich euch alle vierzehn Tage einmal aufsuchen in eurem Sommeridyll. Vielleicht lehrt ihr mich wieder leben!«

 

* * *

 

Die Theatersaison war zu Ende. Ganz Riga rüstete sich zum Aufbruch an den Strand, aufs Land, oder zu einer Ausspannung in ausländischen Badeorten.

Nora hatte ihr resigniertes Gesicht, denn es war Dienstag nachmittag, und da kamen alle ihre Getreuen, um sich von ihr zu verabschieden und ihr eine schöne Sommerfrische zu wünschen.

Zunächst die Kollegen mit dem Direktor an der Spitze. Alle kamen sie einzeln oder in Scharen, denn Nora war beliebt bei den Kollegen und, was mehr sagen wollte, auch bei den Kolleginnen.

»D' Selden ist halt a lieber Fratz und gönnt jedem das Seinige – a guter Schneck ist sie und steckt in a richtigen Künstlerhaut, auf die laß i nichts kommen,« sagte die Pepi Schwansteiner, die blonde Naive, und was das Peperl Schwansteiner sagte, das dachten die andern. Sie hatten Respekt vor Noras Können und Vertrauen zu ihrer Kollegialität. Großherzig war sie, verschwiegen und ungemein freigebig, und es galt als eine Ehre, sich mit ihr gut zu stehen. Sie verkehrte zwar nicht gesellschaftlich mit ihren Kollegen, trotzdem wurde sie hinter den Kulissen immer gern gesehen; denn sie tat sich nichts auf ihr eigenes Können und ihre Erfolge zugute und hatte immer ein anerkennendes Wort für die Leistungen ihrer minder glücklichen Kollegen.

Sogar die zweite Liebhaberin, Klara Schirmer, ließ Nora Gerechtigkeit widerfahren, denn sie war ihr zu Dank verpflichtet. Während einer schweren Krankheit war sie unterstützt, gepflegt und von Hans Rehder behandelt worden. Auch die Heldenmutter, die ihres großen Stils wegen »Pompadour-maman« genannt wurde, war Nora aufrichtig zugetan und ging für sie, wie sie mit einer großen Geste zu sagen pflegte, allzeit durch kaltes Wasser. Daß die Männer Nora samt und sonders gut waren, verstand sich von selbst. Namentlich hing der kleine runde Komiker Josef Wiesinger an ihr mit pudelartiger Treue.

»Ein famoser Kerl, die Nora Selden, ohne Faxereien,« sagten Mohr und Sebius, der Held und der Charakterdarsteller, die die Spitznamen »Florestan und Eusebius« aus dem Schumannschen Karneval führten und unzertrennliche Freunde waren. Und wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen – der Theaterstamm war Nora gewogen, und die neuhinzugekommenen Elemente mußten sich dem Ton des Ganzen anpassen.

»Die Selden ist riesig honett und kann was – auf die darf man sich verlassen.« Das war mit kurzen Worten gesagt Noras Renommee.

Auch Theaterdirektor Koppel war gekommen, liebenswürdig, patent frisiert und selbstbewußt, eine Rose im Knopfloch, das glatt rasierte Theologengesicht strahlend vor Wohlwollen und Güte. Es war verwunderlich, daß in seiner schönen seidenen Stimme eine vibrierende Note lag, der das gesamte Personal sich ohne Widerrede zu fügen pflegte. Das Peperl, mit der er sich vor kurzem verlobt hatte, nannte diese Eigentümlichkeit »das napoleonische Merkmal« und den Direktor darauf kurzweg »das Bonapartl«.

Da waren außerdem Noras Verehrer und Gönner. Da war der reiche Konsul Isidor Merker, der ihr mit unerschütterlicher Beständigkeit an jedem ersten Spieltage des Monats ein Bukett zu verabfolgen pflegte, gleichviel, in welchen Rollen sie auftrat.

Da waren der blonde sympathische Baron von Berg, der gründliche cand theol. Amandus Philippi, der Redakteur Theophil Müller, der sich für einen Übermenschen hielt und auf verschiedenen Gebieten schöngeisterte, ohne doch ein schöner Geist zu sein. Alte und neue Freunde waren gekommen, um Nora am Schluß der Saison ein gutes Wort zu sagen. Auch die beiden alten Schwestern hatten sich eingefunden, denen Nora an jenem Theaterabend begegnet war.

Kurz von allen Seiten kam man ihr mit Hochachtung und Wohlwollen entgegen, und dennoch fühlte sich Nora unter all diesem Getriebe nicht heimisch. Diese Welt war nicht ihre Welt. Ihr fehlte die Elastizität und der leichte Sinn, der daran Freude gefunden hätte. Auch war sie durch ihren anstrengenden Beruf geistig abgespannt und müde und freute sich wie ein Kind auf die sommerliche Stille des ländlichen Aufenthalts und die liebe Gesellschaft ihres Mannes. Rahel hatte fest versprechen müssen, alle zwei Wochen einmal auf zwei bis drei Tage ihr Gast zu sein, und Nora sah mit freudiger Spannung der Zeit entgegen, die ihr ein bewußtes Einleben mit diesem eigenartigen und schonen Geschöpf bringen sollte.

 

Der Umzug wurde energisch vollzogen, und Rehders hatten wieder Zeit füreinander und für sich selbst.

 

* * *

 

Es war schönes lichtes Sonntagswetter.

Freundlich ernsthaft rauschten die Tannen am Waldessaum, und die Birken wisperten leise mit den Linden. Die Blümchen tanzten lustig auf der sammetgrünen Wiese, und die Farnkräuter schwenkten ihre buschigen Häupter hin und her, als hätten sie etwas Ungewöhnliches vernommen. Der Kuckuck aber, der auf der höchsten Tanne saß, hatte mehr gesehen als sie alle und schrie aus Leibeskräften Kuckuck – Kuckuck – Kuckuck.

Zwei italienische breitrandige Damenhüte und der mächtige Kopf eines Neufundländers wurden auf einer Liniendroschke sichtbar. Dann tauchte ein Herrenhut auf und schließlich das vertragene Mützchen des Rosselenkers, eines vierzehnjährigen Bauernburschen. Unter den pilzähnlichen großen Sommerhüten schauten zwei angeregte interessante Frauengesichter hervor, von denen das eine wunderbar schön war – der Hut aber bedeckte das kluge Haupt des Doktors.

Kuckuck, kuckuck schrie der Vogel wieder, er meinte aber »Guck–guck« und sprach zu seiner biederen Ehehälfte.

In einem geflochtenen Korbe, den Nora umklammert hielt, waren allerlei Gerätschaften und nette eßbare Dinge untergebracht, auch, sahen drei silberhalsige Flaschen liebenswürdig und neugierig zwischen den Pfannen, Gläsern und Tellern hervor – in die grüne Waldeswelt hinein.

»Guck–guck, guck–guck!« rief der Vogel.

Und die Kuckucksfrau guckte wirklich und sah, was seit langer Zeit niemand gesehen; sie sah Rahels schmerzlichschönes Gesicht heiter und hörte sie frohsinnig lachen.

Die Kuckucksfrau war neugierig, wie die meisten Weiber sind, daher sah sie auch, wie der Doktor glücklich lächelte und Rahel strahlend ansah. Gleich darauf umfaßte er Nora und drückte ihr einen innigen Kuß auf den Mund.

»Kuckucke haben zur Zeit nur ein Weib,« philosophierte die Kuckucksfrau, »jeden Sommer freilich ein anderes, Menschen scheinen aber in einem Sommer zwei Weiber zu haben. Pfui, ein unmoralisches Volk, diese Menschen!«

Verächtlich schüttelte die Kuckucksfrau ihre Federn und flog zu ihrem Gatten, um sich mit ihm zu beraten, ob sie ihr nächstes Ei in das Nest einer Goldammer oder einer Drossel legen solle.

Sie kam zur Unzeit, wie so manche Ehefrauen. Der Kuckucksmann schien für derlei Nebensächlichkeiten kein Interesse zu haben und wiederholte nur immer sein monotones Guck–guck.

Jede Mutter ist um das Wohl und Wehe ihrer Nachkommenschaft besorgt und mit Recht. Es ist durchaus nicht gleichgültig, in welches Nest ein legitimes Kuckuckskind gerät. Diese unbestreitbare Wahrheit setzte eben die Kuckucksfrau ihrem windigen Gatten mit all dem Eifer und all der Weitschweifigkeit eines Frauenzimmers auseinander – da hielt der Wagen.

Guck–guck sagte der unaufmerksame Vogelvater.

Da flog die entrüstete Mama davon und ließ ihn allein. Und wie das der Welt Lauf – der Vogelgatte flog ihr sofort nach.

»Ich denke, hier unter dieser Eiche hätten wir ein lauschiges Plätzchen,« sagte Hans Rehder.

»Ja, hier ist es schön.« rief Rahel, »nicht, Nora?«

Nora nickte und der Neufundländer sprang laut bellend von der Droschke.

Der Doktor hob den Korb vom Wagen und Janze, der lettische Bube, schickte sich an, die Pferde auszuspannen.

Nora hatte ihren großen Hut abgeworfen und ging mit rückwärts am Haupt verschränkten Händen elastisch über das weiche junge Gras. Ihr war wohlig und köstlich frei zumut. Vor ihr lag der weite Wiesengrund, den ein junger Birkenwald begrenzte, über ihr flüsterte die mächtige Eiche, und dicht neben ihr lockte der dicht verschlungene Wald mit seinen grünen Heimlichkeiten. Sie warf sich auf ein schwellendes Moospolster und blieb ruhig liegen, den Blick in die blaue Himmelsferne gerichtet.

Der Doktor und Rahel machten sich ans Werk, Reisig zu sammeln, und Nora sah ihre Gestalten zwischen dem wildgrünen Gebüsch auftauchen und wieder verschwinden. Sie plauderten heiter, und der Ton ihrer Stimmen klang harmonisch ineinander. Nora atmete tief und ruhig und sog den erquickenden Waldesduft ein. Stolz und sicher zogen die Wolken am Firmament dahin wie weiße lichte Schwäne, und mit ihnen zogen warme freudige Bilder durch Noras Seele. Wie waren die Tage des Zusammenseins mit Rahel schön geworden! Wie hatte sie diese eigentümliche verschlossene, stolze und wahre Natur liebgewonnen!

Nora achtete und schonte die keusche Tiefe dieser Seele. Mit keinem Worte hatte sie an den Enttäuschungen in Rahels Ehe gerührt, und dennoch wußte sie mehr davon, als Rahel ahnte. Das war die Ehe, von der damals im kaiserlichen Garten die Rede gewesen. Jene unglückliche Französin, deren Leidensgeschichte Nora vernommen, hatte sie mit zerstört. Auch das stimmte, daß der geschiedene Gatte Rahels Sylvain hieß. Nicht einmal Hans hatte Nora diese Entdeckung mitgeteilt, denn sie liebte Rahel mit einer großen zarten Liebe und hätte ihr Geheimnis auch vor sich selber behütet, wenn das möglich gewesen wäre.

Nora war eine eigentümliche Mischung von modernem Wesen und begeisterungsfähigem antikem Idealismus. Ihre Liebe war durchgeistet, daher konnte die Liebe zu ihrem Manne und die Hingebung an Rahel voll nebeneinander bestehen, ohne daß die eine darunter litt.

Auch sie hätte wie Mucius Scävola ihre Hand in die Flammen gehalten, auch sie hätte wie Clölia den Tiber durchschwommen, wenn es ein ideales Gut gegolten hätte.

Wie verschieden waren diese beiden Frauennaturen. Rahel war Nora an Lebensklugheit, Bildung und Verstand überlegen, dagegen besaß Nora mehr Phantasie, Aktivität und kindliche Eingebung. Beide waren durch und durch Künstlernaturen, aber Nora konzentrierte ihre ganze Kraft auf einem Gebiet und war hier allein produktiv, während Rahel vor lauter Überfülle an Gaben keine einzige sonderlich kultiviert hatte.

Der Hauptunterschied war wohl der, daß Rahel in ihrem Unglück gereift und erstarkt war und dabei den Kinderglauben verloren hatte, Nora aber war durch ihren Beruf zu intensiv in Anspruch genommen, um scharf und methodisch zu denken, und fühlte sich in den Vorstellungen eines kindlichen Glaubens wohl. Nora erfaßte, was Rahel begriff oder nicht begriff, mit der ihr eigenen schöpferischen Intuition. Erklären hätte sie nicht können, aber sie gestaltete. Nora sprach gern in Bildern, Rahel in Pointen, Nora hatte Humor, Rahel Ironie, und jede ließ der Eigenart der anderen volle Würdigung widerfahren.

Hans hatte seine Freude an der Verschiedenheit beider und übertrug auf Rahel das warme Empfinden, das er für ihre Mutter Maria gehabt.

Mit Reisig beladen traten jetzt Hans und Rahel aus dem Waldesschatten hervor.

Mit einer graziösen Bewegung warf Rahel ihr Bündel mitten aufs Gras und sagte heiter:

»Mit Andacht gesucht, mit Sachkenntnis gefunden, mit Würde getragen und mit Freude abgeschüttelt. Zu wieviel Stimmungen uns so ein Bündel Reisig Veranlassung gibt. Nun aber will ich's mir auch wohl sein lassen!«

Sie setzte sich neben Nora. Hans drohte ihr lachend mit dem Finger.

»Oho!« rief er, »machst du schon Siesta? Jetzt fängt die eigentliche Arbeit erst an.«

»Komm her, Hans,« sagte Nora, »gib mir deine Hand.«

Hans nahm neben ihr Platz und gab ihr die Hand und einen Kuß dazu.

Nora nahm seine Hand und die Rahels, hob beide in die Höhe und sagte innig:

»Ich bin so glücklich heute, und ich hab' euch beide lieb.«

Über Rahels Züge flog ein Schatten. Sie dachte ihres toten Knaben und seufzte leise.

Hans hatte sie verstanden.

»Willy ist noch weit glücklicher als wir,« sagte er – »er ist selig.«

»Wer das doch glauben könnte!« murmelte Rahel traumverloren, »Dieses Wiedersehen nach dem Tode ist ein so schöner Glaube!«

»Man kann es glauben,« sprach Hans stark.

Rahel sah ihn lange nachdenklich an.

»Ich habe einmal gehört, daß du Prediger werden wolltest, und doch wurdest du Arzt – wie kam das?«

»Weil ich deiner Mutter und anderen Leidenden so besser zu nützen hoffte, Kind.«

In Rahels großen Augen schimmerten Tränen. »Du hast meine Mutter sehr geliebt?« fragte sie.

»Ihr Tod machte mich zum Mann,« sprach Hans ruhig, – »ich hing an ihr mit ungestümer Jünglingsliebe. Ich sah sie welken, leiden und sterben, sie war eine lichte Himmelsblume.«

»Ich erinnere mich dessen wohl,« sagte Rahel. »Ich war damals ein vierzehnjähriges Kind. Der Bruder meines Vaters, Onkel Ladislas, brachte mich nach Warschau in die Pen­sion. Er hatte grünliche Brillenaugen, sparsame graue Härchen und eine gewaltige vornehme Adlernase, unter der sich ein fürchterlich schwarz gefärbter Schnurrbart hervorschwang. Er sprach in näselndem Ton und gab mir so oft die wehmütige Versicherung, ich sei ihm lieb wie sein eigenes Kind, daß ich mit Recht daran zu zweifeln begann. Da er keine Kinder hatte, war es mir unmöglich, ihm das Gegenteil zu beweisen.

Meine Zweifel verstärkten sich, als ich Tante Bronislawa sah. Sie hatte ein langes trostloses Gesicht und eine schleppende schläfrige Stimme. Sie schien an permanenten Gähnkrämpfen zu leiden, und diese wechselten nur mit akuten Weinkrämpfen ab, wenn sie und der Onkel verschiedener Meinung waren. Sie war verbissen, fanatisch und war die hochmütigste Person von der Welt, obgleich das Wort ›Demut‹ mindestens hundertmal täglich von ihr gebraucht wurde. Es war schon so verbraucht und abgenutzt wie eine in allen Rinnsteinen zerfetzte Schleppe. Bei dieser arroganten Demut habe ich mich dort nie wohl gefühlt. Diese polnischen Verwandten sind mir immer fremd geblieben.«

»Aber wir sind dir nicht fremd!« rief Nora und umschlang Rahels Nacken.

»Nein, ihr seid mir einigermaßen bekannt,« scherzte Rahel freundlich. »Jetzt aber sollten wir uns gemeinsam um unser Souper bekümmern, sonst müssen wir mit leeren Mägen wieder abziehen, und Janze würde uns das sehr verübeln.«

Janze lag behaglich auf dem Rücken unter der Liniendroschke und schlief einen tiefen Schlaf. Die zu zusammengekoppelten Pferde weideten am Grabenrande. Ein hochbeiniger Storch stand in bedenklicher Nähe der Klepper und beobachtete tiefsinnig ihr Tun.

»Wenn diese Riesensäugetiere so andauernd fressen, muß es hier unendlich viele Frösche geben –« folgerte der würdige Vogel mit schulmeisterlicher Sachkenntnis. »Allerdings müssen sie in Anbetracht ihrer Größe den Vorrat an Fröschen bald erschöpfen, und dann bliebe für mich und meine Gattin am Ende etwas wenig übrig.«

Meister Adebor stellte sich auf ein Bein und blickte gelehrt und bekümmert auf die Mäuler der Pferde.

»Mir scheint, sie fressen Gras!« sagte er nach längerer Beobachtung sehr erleichtert und etwas verächtlich.

»Sie gehören also zur pflanzenfressenden Spezies. Nun, desto besser für mich und meinesgleichen. Hätte mich eigentlich schon früher für die Ernährungsweise dieser großen Vierfüßler interessieren sollen, die ich einigermaßen häufig zu sehen Gelegenheit habe.«

Schwapp! In diesem Augenblick hatte er ein vorwitziges Fröschlein erwischt und schluckte es bedächtig hinunter.

»Die Frösche sind heuer besonders gut geraten,« monologisierte er behaglich und spazierte unternehmend um die Pferde herum – »sie sind fleischig, saftig und elastisch – den nächsten Happen bringe ich meiner Frau,«

Jetzt schlug das eine Pferd mit dem Hinterhuf aus. Adebor sprang entsetzt zur Seite.

»Ein auffallend unhöfliches Benehmen,« fuhr er würdevoll in seinem Selbstgespräch fort – »diese pflanzenfressenden Vierfüßler, die man auch Rosse, Pferde, Klepper, Mähren und Stuten nennt, und die gewöhnlich im Dienste der Zweihänder stehen, von denen ich dort am Waldessaum soeben drei Exemplare erblicke – diese pflanzenfressenden Vierfüßler – sage ich – sind ein bösartiges Geschlecht und uns Störchen feindlich gesinnt. Sie beweisen ihre Feindseligkeit dadurch, daß sie mit einem ihrer vier Beine, in diesem Fall dem linken Hinterbeine – ausschlagen und uns, wenn sie uns nicht treffen, veranlassen, einen andern Platz zu suchen,«

In einem etwas weiteren Kreise umschritt der Storch abermals die beiden Pferde.

»Sieh nur den Storch, Hans!« rief Nora. »Wie zahm er ist und wie sein weißes Gefieder in der Sonne glänzt. Das sieht hübsch aus, wie er sich von der grünen Wiese abhebt.«

Adebor hob seinen Kopf und lauschte.

»Hm,« sprach er wohlgefällig – »ich sehe also hübsch aus und mein weißes Gefieder glänzt in der Sonne! Das hat mir meine Frau noch nie gesagt.«

Er tänzelte zierlich ein paar Schritte näher heran und wiegte den Kopf nach allen Seiten.

»Ganz wie mein alter Naturgeschichtslehrer Openchowsky!« lachte Rahel. – »Ebenso eitel und närrisch-würdevoll wie der!«

»Oh oh oh! Eitel und närrisch-würdevoll!« stöhnte der Storch. »Das werd' ich meiner Frau nicht sagen. Welch nichtsnutzige Reden!«

Im Ärger über die letzten Worte vergaß er seinen Vorsatz, einen Frosch für Frau Adebor mitzunehmen, und flog eilig und zornig davon.

Die beiden Frauen hatten das Reisig endlich zum Brennen gebracht. In der Pfanne briet ein appetitlicher Eierkuchen, und nun wurden die Vorräte an Schinken und Bratenscheiben und gekochte Kartoffelschnitte in eine andere Pfanne getan.

Hans war mit der Aufgabe betraut worden, den Tisch zu decken und das Brot zu schneiden. Gewissenhaft packte er die Teller aus und legte sie auf das grüne Moospolster unter der Eiche.

»In meinen ersten Theaterjahren,« sagte Nora heiter, »noch bevor ich Hans kannte, habe ich mir oft mein Mittagessen auf einer Petroleumküche bereitet. Das öde Restaurantleben war ich satt, Geld gab's wenig, da mußte man sich zu helfen wissen. Die ganze winzige Stube voll Rauch und Buttergeruch, und ich mitten darin umherwandelnd und Maria Stuart deklamierend.

Mein Vater, Regierungsbeamter in Königsberg, war tot. Meine Stiefmutter wollte von meiner Theaterlaufbahn nichts wissen – da bin ich ihr eines schönen Tages davongelaufen mit einer winzigen Reisetasche, die ihr gehörte. Die Reisetasche hab' ich ihr später gewissenhaft zurückgeschickt, mit Apfelsinen gefüllt. Als Empfangsquittung für die Apfelsinen erhielt ich einen bitterbösen Brief – und die Apfelsinen wären sauer, wohl ein Sinnbild meiner Künstlerinnenlaufbahn.

Na, so ganz unrecht hat meine Stiefmutter nicht gehabt, und als ich später einige Süße meines Lebens zu schmecken begann, hab' ich ihr ein zuckersüßes Marzipanherz geschickt. Darauf stand: ›Köstlich süß wie mein Leben.‹

Dieses hat sie mir aber nicht quittiert.«

»Aber als du Hans heiratetest . . .?« fragte Rahel. »Eigentlich hättest du deine Verlobungsanzeige in Begleitung solch eines Marzipanherzens abschicken sollen.«

»Ja!« Nora zuckte die Achseln. »Das hätte keinen Eindruck mehr gemacht. Meine Stiefmutter ist mit ihrem einzigen Sohn, der Privatdozent geworden ist, nach Halle übergesiedelt und schwelgt dort, wie mir eine Kollegin mitteilte, in der zukünftigen Größe dieses Sohnes. Meine Wenigkeit scheint sie vergessen zu haben und soll jeden Satz mit den Worten beginnen: Mein Sohn sagt . . .«

»Dein Mann sagt aber,« meldete Hans lachend, »daß der Tisch serviert ist und die Speisen aufgetragen werden können.«

»Sofort. Sofort,« riefen Nora und Rahel.

Behaglich saßen die drei Menschen zusammen und ließen sich's schmecken.

Auch Janze bekam sein ehrlich Teil und verzog sich wieder unter die Liniendroschke, wo er diesmal auf dem Bauche liegend seine Mahlzeit verzehrte.

»Man sollte meinen, er stamme von Griechen oder Römern,« bemerkte Nora.

»Nein, nur von praktischen Letten,« sagte Hans, »die es vorziehen, im kühlen Schatten zu speisen, und in der für ihn bequemsten Stellung dazu. Ich meine aber, jetzt wären wir so weit, daß uns die Gesellschaft der liebenswürdigen Veuve Cliquot willkommen wäre.«

»Gewiß, wir sind so weit!« riefen die Frauen vergnügt.

Der Doktor arbeitete an der Flasche.

Hopp! sprang der erste Korken mitten in die ernsten Eichenzweige hinein.

»Der kommt nicht wieder!« sagte Nora und blickte himmelwärts.

Er kam aber wieder und fiel dem Karo direkt auf die feuchte schwarze Schnauze.

Der Schaumwein perlte lustig in den Gläsern. Karo wurden alle übriggebliebenen Teller und die Pfannen zur vorläufigen Säuberung überlassen, eine Aufgabe, der er sich gewissenhaft und ausführlich entledigte.

Sommergrüne goldige Stimmung zog ein bei den dreien und nahm mitten unter ihnen Platz . . .

Hopp! Der zweite Korken sprang.

»Wir drei!« sprach Nora warm. »Wir drei sollen leben! Hoch! Und die Kunst, meine herrliche Kunst!«

Rahel sah sie groß an.

»Ich weiß nicht, wozu du die Kunst brauchst, wo du das Glück hast. Ist stilles Glück nicht größer als Kunst?«

»Nora braucht die Kunst zu ihrem Glück,« sprach der Doktor, »wie ich meine Arbeit brauche. Unsere Berufsarbeit soll leben!«

Klingklang ertönten die Gläser –

Da tauchte aus dem Waldesdunkel eine Gestalt hervor.

Es war ein Mann, ein sonderbarer Mensch.

Auf ängstlich krummen Säbelbeinen stand er und stützte seinen langen Oberkörper auf einen weitläufigen Stock, den er mit gefalteten Händen vor der Brust hielt. Steifblonde Haare hingen ihm in das träumerisch abwesende Gesicht, aus dem die wasserblauen Augen seltsam lauschend hervorblinzelten. Den großen Kopf hielt er auf die Seite geneigt, und seine abstehenden Muschelohren sahen wie zwei gläubige Fragezeichen in die Welt hinaus. Sein breiter weicher Kindermund war in unaufhörlicher leise zitternder Bewegung und eine sanfte Stimme brachte stoßweise abgerissene Worte und Sätze hervor.

Eine vergriffene, graue viel zu kleine Mütze saß schief auf dem großen schwerfälligen Haupt. Ein brauner Anzug umschlotterte seine mageren Glieder.

»Wie heißt Ihr, und was wollt Ihr:« fragte der Doktor.

Die blutlosen Lippen zitterten heftiger, und die sanfte Stimme sagte hastig:

»Jakob Schauer ruft man mich – zur Ehre Gottes.«

Die drei Menschen sahen den wunderlichen Gesellen interessiert an. Der Doktor machte eine bezeichnende Gebärde und wies mit dem Finger an seine Stirn.

»Wo kommt Ihr her?« fragte Nora freundlich. »Kommt, setzt Euch und eßt.«

Sie reichte ihm einige schinkenbelegte Butterbröte.

Der Mann wisperte unverständliche Worte vor sich hin. Dann sagte er geheimnisvoll:

»Ich komme aus dem Goldingenschen Kreise. In Hasenpoth bin ich geboren. Ich bin Schneidergesell und des Sommers muß ich wandern.«

»Warum müßt Ihr wandern?«

»Zur Ehre Gottes!« gab der Mann eilig zurück. »Zur Ehre Gottes, alles zur Ehre Gottes. Gottes Stimme sprach zu mir aus der großen gelben Tulpe: Stehe auf, Jakob Schauer, sprach die Stimme Gottes, stehe auf und wandre! Wenn die Stimme Gottes spricht, muß man gehorchen. So wandre ich. Viele viele Tage bin ich gewandert.«

»Wer gibt Euch denn zu essen?«

Der Mann sah sie kindlich freudig an.

»Gute Menschen,« sagte er – »zur Ehre Gottes. Sie gaben mir ja auch zu essen.«

Damit setzte er sich und betrachtete lüstern sein Butterbrot. Plötzlich begann er einen leisen Kirchengesang:

 

»Selig sind, die Demut haben
Und sind allzeit arm an Geist,
Rühmen sich gar keiner Gaben,
Daß Gott werd' allem gepreist.«

Dann biß er tüchtig in sein Brot und aß mit Andacht und Appetit.

Rahel reichte ihm ihr Glas Champagner.

»Zur Ehre Gottes könnt Ihr diesen Wein austrinken. Nun, schmeckt's?«

»O ja!« sagte er und schmatzte mit den Lippen.

Dann trat wieder das seltsam Abwesende in seine Züge. Er erhob sich, lüftete seine Mütze und blieb in ehrerbietiger Haltung geduldig stehen.

»Nun, worauf wartet Ihr?« fragte der Doktor.

Jakob Schauer erwachte wie aus tiefem Traum.

»Ich horche,« sagte er einfach. »Die Bäume reden.«

»Was reden die Bäume?« fragte Nora unwillkürlich gefesselt.

»Wandre heute nicht mehr . . . gute Menschen werden dir Obdach geben.«

Die drei Menschen wechselten einen Blick miteinander. Der Doktor sah ihn scharf an.

»Ein närrischer Weiser,« flüsterte Nora.

»Oder ein weiser Narr,« gab Rahel ebenso leise zurück. »Wie wollt Ihr denn zum Obdach gelangen?« fragte sie laut. »Bis Oger ist's noch weit.«

»Ich komme schon hin,« sagte der Mann kindlich unbekümmert. »Wenn die Bäume und Blumen reden, wissen sie viel mehr wie die Menschen, . . . viel, viel mehr, besonders die Blumen. Gottes Stimme spricht in ihnen, und Gottes Stimme hat immer recht.«

»Gottes Stimme spricht auch in den Menschen,« sagte Nora nachdenklich.

»Nicht immer,« sagte Jakob Schauer. »Die Menschen haben sie durch das Böse überschrien und tot gemacht. Aber in den Blumen ist immer Gottes Stimme. Die Blumen sind unschuldig, und auch die Tiere sind schuldlos.«

»Hans!« sagte Nora und legte ihre Hand bittend auf des Doktors Arm. Ihre Augen glänzten.

Er nickte. »Janze!« rief er laut. »Schirr die Pferde an!«

Janze kroch schwerfällig unter der Droschke hervor und ging nach den Kleppern.

Die Frauen schickten sich an, die Pfannen, Teller und Gläser einzupacken.

»Lassen wir die dritte Flasche springen?« fragte Hans.

»Heute nicht, jetzt nicht!« bat Nora. »Erzählt mir noch mehr von den Blumen!« wandte sie sich an den Fremden.

Der Mann bückte sich nach einer gelben Butterblume nieder und streichelte sie zärtlich mit einem Finger.

»Die gelben Blumen reden am lautesten,« sagte er freundlich, »darnach die roten. Die blauen Blumen flüstern nur, die lila auch, die höre ich nur des Nachts, aber die weißen singen. Blumen haben Seelen gerade wie Menschen.«

Karo hatte sich dem Manne genähert und leckte seine Hand.

»Sonderbar!« sagte Nora, »der Hund ist sonst gar nicht zutätig.«

Jakob Schauer lächelte. »Alle Tiere lieben mich,« – sagte er – »Tiere sind schuldlos und wissen viel. Sie wissen ganz genau, wen sie lieben müssen und wen nicht. Sie tun, was sie müssen. Es ist ein schönes Tier. Gehört es der großen Dame mit den suchenden Augen?« fragte er Rahel, die ihm am nächsten stand.

»Warum nennt Ihr die Dame so?«

»Sie hat suchende sehende Augen. Ihre Augen sehen mehr als andere, auch wenn sie nichts mehr sehen.«

»Was für Augen hab' denn ich?« fragte Rahel plötzlich.

Jakob Schauer sah ihr aufmerksam in die großen tiefen Augen.

»Wissende Augen,« sagte er, »wissende, traurige, kranke Augen.«

Rahel erschauerte und wurde blaß. »Und der Herr da?« fuhr sie unwillkürlich fort.

»Klare, mutige, gläubige Augen . . . fröhliche Augen.«

»Mir scheint, der Mann weiß mehr wie wir alle« . . . murmelte Nora.

Über die drei war eine sonderbar feierliche Stimmung gekommen.

Janze war mit dem Anspannen fertig. Der Korb wurde auf den Wagen gehoben.

»Setzt Euch zu uns!« sprach Nora zu dem Fremden und stieg auf die Liniendroschke.

Rahel und der Doktor folgten.

Jakob Schauer setzte sich auf das hintere Ende der Droschke, ein friedliches Lächeln auf den milden Zügen.

Die Sonne ging unter. Feierlich wogte und rauschte der Wald. Eine Wellenbewegung ging durch die Wipfel der Bäume. Sie senkten sich und neigten sich und hoben sich wieder wie ein wogendes Meer.

»Die Bäume singen uns einen Abschiedsgesang« – sagte Jakob Schauer. »So sehen wir euch nicht mehr, sagen sie.«

Über den weichen Wiesengrund, über knorrige Wurzeln und verschlungene Feldwege rasselte der Wagen.

So sehen wir euch nicht mehr . . . sangen und rauschten die Bäume.

 

* * *

 

Der Villenort Oger war in einen hohen Kiefernwald hineingebaut. Die ernsten rotstämmigen Bäume standen, wie sie der Herrgott gepflanzt hatte, still und friedlich nebeneinander, als lebende Säulen eines Tempels, und waren nur dort abgeholzt, wo sich eine neue Sommervilla erhoben hatte. Auch die eingezäunten Gärten und Plätze hatten die Kiefernkette nicht unterkrochen. Man hatte die Bäume ruhig stehen lassen, um den gesunden Waldesduft möglichst beizubehalten. Zwischen den in mannigfaltigstem Stil gebauten Villen zog sich die Hauptstraße bis zur Eisenbahn­station.

An der Rückseite der Rehderschen Villa stand eine schwärzlich morsche Blockhütte. Sie diente zur Aufbewahrung von Gießkannen und anderem Gartengerät und blinzelte schläfrig durch ein kleines niedriges Fenster. Hier hatte sich Jakob Schauer häuslich eingerichtet.

Er aß in der Leuteküche, und da Nora ihn liebgewonnen hatte, blieb er und führte ein harmlos friedliches Dasein.

Morgens mit der Sonne stand der wunderliche Kauz auf. Er ging zwischen den Blumenbeeten vor der Hausfront still einher. Hier richtete er eine Nelke auf, dort befestigte er eine Rose oder Lilie und hielt lange Zwiesprache mit den Blumen. Über den Zaun sah er in den Nachbarhof und verfolgte mit seinen stillen abwesenden Augen das Tun und Treiben der Nachbarsleute. Die schmucke leichtsinnige Dirne Darthe, die mit dem Hausknecht Wilze Spahring ein Verhältnis hatte, nährte widerwillig ihr kränkliches Würmchen; ihr taubstummer Bruder Christjahn, der von der lebhaften Schwester beständig herumgestoßen wurde, verrichtete Wärterinnendienste und beschützte hilflos das noch hilflosere kleine Wesen. – – Jakob Schauer sah alle diese Dinge, ohne sie eigentlich zu bemerken. Näherte sich ihm aber Nora, so leuchteten seine Augen auf, und er bemerkte jede noch so leise Veränderung in ihren Zügen, in ihrer Haltung und Kleidung.

Nora hatte sich verändert. Sie war stiller geworden, und über ihre klare Stirn huschte es manchmal wie eine trübe Wolke. Ein nagender Zweifel hatte sich allmählich in ihr festgesetzt, ein Zweifel, ob sie die Sehkraft behalten würde. Ihre großen grauen Augen sahen so sicher und ruhig in die Welt hinein, und doch flimmerte es ihr beständig vor dem Blick, sie sah rote und grüne Lichter funkeln und zerstieben, und von Zeit zu Zeit lag es an den Seiten wie ein häßlicher grauer Nebel. Sie wagte es nicht, ihre Befürchtungen Hans mitzuteilen, aber das gerade machte ihre Angst nochquälender. Sie enthielt sich nach den Vorschriften ihres Mannes der Lektüre, wie jeder die Augen anstrengenden Beschäftigung. Sie ließ sich von Hans vorlesen, bis sie ihre Rollen fest im Kopfe hatte, und genoß die ungestörten Stunden des Zusammenseins mit ihm. Wenn er aber auf Praxis ausging oder in seine Sprechstunden zur Stadt fuhr, empfand sie ihre Beschäftigungslosigkeit und ihr Alleinsein um so drückender. Da zog es sie oft zu dem sonderbaren Menschen, Jakob Schauer hin. Er lehrte sie die Blumenpflege, und wenn sie mit ihm plauderte, glänzten seine Augen, und seine phantastischen hastigen Reden wurden immer seltsamer und zusammenhängender. In seiner friedvollen Nähe fand Nora zuweilen Ruhe für ihre sorgende Seele, und doch waren es gerade seine Worte gewesen, die sie bis ins Mark erschüttert hatten. »Ihre Augen sehen mehr als andere, auch wenn sie nichts mehr sehen,« hatte Jakob Schauer gesagt. »Auch wenn sie nichts mehr sehen.« Sollte es jemals so weit mit ihr kommen? Sollte sie – blind werden? . . . Blind! Es konnte, es durfte nicht sein! Was würde dann aus ihrer Kunst, ihrem Beruf? Was sollte sie dann noch mit dem Leben anfangen? Sie hatte ja ihren Hans – gewiß – aber Hans und eine blinde Frau! Das war ungeheuerlich – das klang grausig – komisch – er – der blühende gesunde Mann sollte zeitlebens an einen Krüppel gefesselt werden? Was war Nora anders als ein Krüppel, wenn ihr das Edelste, das Licht der Augen fehlte? Er, der immer nur mit Kranken und Leidenden zu tun hatte, er hatte es so oft als ein Glück gepriesen, daß Nora kräftig und gesund war – und doch erschien ihr jede andere Krankheit als ein Kinderspiel gegenüber der Erblindung. Was war ein Frauenleiden, was waren selbst die wütendsten Schmerzen gegen diese entsetzliche hoffnungslose düstere Nacht? gegen dieses Einherwandeln wie ein abgestorbener Schatten in der blühenden, tätigen, ringenden Welt? Nein, nein, lieber den Tod, lieber ein Ende! . . .

So wurde die Welt grau und dunkel für Nora. Die rätselhaft quälenden Nebelerscheinungen vor ihren Augen nahmen beharrlich zu und hinterließen stumpfe Beklemmung und schmerzhafte Bitterkeit in ihrer Seele. Nora suchte sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie bloß nicht mehr lesen könnte, aber doch noch Gestalten unterschied. Es brauchte doch nicht zum Äußersten zu kommen: gab es denn nicht vorübergehende Augenleiden? oder eine Schwächung der Sehkraft? Mußte es denn zum völligen Versagen kommen? Blieb ihre Sehkraft nur dauernd geschwächt, so wollte Nora mit ihrem Schicksal schon fertig zu werden suchen. Dann würde sie sich eine Vorleserin halten, die ihr den Wortlaut ihrer Rollen beibrachte, eine treue Seele, die ihr zugetan war, aus die sie sich verlassen dürfte. Sie würde das alte Fräulein mit den jungen Augen – Clementine Müller hieß sie – zur Vorleserin ernennen, und sie sollte es gut haben bei ihr. Sie hatte ja die Mittel dazu, Gott sei's gedankt.

Die arme verzagte Seele Noras schwankte unruhig zwischen Furcht und Hoffnung hin und her, auf und nieder. Ihr Wesen wurde ungleich und unharmonisch, und auch äußerlich hatte sie sich zum Nachteil verändert. Der Doktor, vor dem Nora ihre quälende Angst sorgfältig verbarg, schob diese Veränderung auf körperliche Abspannung und schränkte die Lesestunden ein, die ihm selbst große Freude machten.

Um so schärfer fiel Rahel, die alle vierzehn Tage kam, die Veränderung in Nora auf. Was war aus der blühenden Lebensfülle Noras geworden? War dies nervös überreizte Wesen wirklich dieselbe Nora, die sie kennen gelernt hatte, und wo lag der Grund zu ihrer Verstimmung? So sehr Rahel auch suchte, sie fand keinen ausreichenden Grund. Sie bewunderte die Ruhe und Fröhlichkeit des Doktors, und – er tat ihr leid. Instinktiv schloß sie sich mehr an Hans als an Nora. Hans und Rahel verstanden sich so gut – beide verplauderten manch angeregtes Stündchen miteinander, und Nora, die sich unter anderen Umständen intensiv darüber gefreut hätte, und die gerade jetzt ein tiefes Anlehnungsbedürfnis empfand, sah sich mit ihrer hilflos phantasierenden Seele allein.

Dazu kam, daß Hans eine alte Jugendliebhaberei, die Ordnung einer Käfersammlung, aufgenommen hatte. Rahel hatte sich erboten, ihm dabei zu helfen, und da diese Arbeit sehr subtil war und gesunde Augen erforderte, konnte sich Nora nicht daran beteiligen. Sie durfte nur zusehen, und die Untätigkeit lastete schwer auf ihr. Es war sonderbar für Nora, zu beobachten, mit welcher leichten Eleganz Rahel alles, was sie unternahm, beherrschte und gleichsam spielend überwältigte. Rahel war durch und durch musikalisch, nein mehr, ihr ganzes Wesen war Rhythmus und Harmonie. Sie spielte alles nach, was sie hörte, und wenn sie am Klavier improvisierte, so wurde Nora von einer seltsamen Andacht ergriffen. Sie liebte es, ihr in der Dämmerung zu lauschen, wo die Gewalt der Töne so intensiv auf das Gemüt zu wirken pflegt, und ihr träumendes Herz wiegte sich in wechselnden Gestaltungen und bunten Bildern.

So auch heute. Wundersam rührend drang immer wieder eine schlichte süße Melodie durch die funkelnden Töne, todzärtlich und wie hilfesuchend – ein tiefdurchbebender Schmerz . . . mit höhnender Gewalt und Leidenschaft brauste es wie ein Herbststurm daher, und nun lebte wieder die schwermütige Weise auf wie dunkle Klage und banges Mitleid.

Sie spielt meine Seele . . . dachte Nora – und doch ist es ihre Seele, die da ringt und schluchzt und klagt.

Sie hatte Hans zu sich auf das Sofa gezogen.

Da sah er, daß Nora weinte.

»Lieb Herz!« flüsterte er zärtlich.

Nora schwieg, aber ihre Tränen flossen heftiger.

»Mir tut das Herz weh – und mir ist bange!« sagte sie stockend.

Er streichelte ihr dichtes Haar.

»Du bist überreizt, Liebling.«

Jetzt war Rahels Stimmung umgeschlagen. In tollen wirbelnden Tönen und seltsamen Harmonien ging sie auf eine polnische Mazurka über und führte sie glänzend durch. Endlich brach sie mit einem schrillen Akkord ab und stand auf.

Sie war sehr bleich. »Mir ist heute grillenhaft zu Mut,« sagte sie. »Ihr macht doch hoffentlich meine musikalischen Purzelbäume nicht mit?«

»Und wie sehr!« rief der Doktor, »Nora ist dir durch alle Höhen und Tiefen gefolgt, wie hypnotisiert.« Rahel warf einen raschen Blick auf Nora.

»Warte,« sprach sie übermütig – »jetzt sollst du sehen, wie zwei polnische Juden sich um einen Groschen zanken.«

Sie begann von neuem zu spielen.

Mutwillig winselten und klagten die Töne, immer wehleidiger, immer jämmerlicher. Man vernahm deutlich zwei Stimmen, die in komisch wirkender Verschlingung immer wieder durchbrachen – der Streit wurde immer heftiger, leidenschaftlicher – jetzt schrien die beiden Stimmen durcheinander und in drollig hüpfendem Tempo jagten die Töne auf und nieder, hin und her. Mit einem klatschenden Schlag über drei nebeneinanderliegende Tasten war der Höhepunkt erreicht, und gekränkt und unwillig humpelte es in demselben Rhythmus abwärts und erstarb in einer jammervollen komischen Klage.

Nora mußte lachen, und Rahel stand völlig ernsthaft auf.

»So!« sagte sie, »der Mendel Schilinsky hat seine Ohrfeige bekommen und den Groschen dazu, nun ist's gut, und Pinkus Adamowitsch kann sich mit der Ungerechtigkeit der Welt auseinandersetzen.«

Rahel war durchaus nicht so heiter gestimmt, wie es schien. Es war ihre Art, einen wirklich tiefen Eindruck zu verwischen, eine feine Keuschheit ihrer eigenen Seele.

»Welch große Künstlerin bist du!« sagte Nora bewundernd.

Rahel reckte ihre Arme mit einer graziös eleganten Bewegung empor und faßte sich rückwärts an den Kopf.

»Künstlerin!« sagte sie mit bitterem Lächeln. »Kunst genügt mir nicht, ich bin unbescheiden, ich fordere vom Leben mehr.«

»Was wir vom Leben fordern, ist nicht die Hauptsache,« sprach Hans ruhig – »was fordert das Leben von uns?«

»In den meisten Fällen – Entsagung!« gab sie schnell zurück, und ein stolzes Lächeln verklärte ihr schönes Antlitz.

»Arbeit und tätige Liebe ist noch nicht Entsagung,« sagte Hans zuversichtlich, »und beides kann sich der volle Mensch schaffen.«

»Wie aber, wenn er daran durch Leiden verhindert wird?« warf Nora leise ein.

»Dann wird eben die tätige Liebe zur leidenden Liebe,« sagte der Doktor, »aber Liebe bleibt sie darum doch. Der große Schrei der Menschheit ist Sehnsucht nach Liebe, und Liebe kann auch der hilfloseste Kranke geben und üben, erst recht aber empfangen.«

Die beiden Frauen schwiegen. Leise stahl Nora ihre Hand in diejenige des Doktors.

Rahels Augen brannten in düsterem Feuer. Sie hatte sich gesetzt.

»A propos,« sagte sie leichthin, »das arme Würmchen von drüben, das Kind des hübschen Mädels, schreit nicht nur nach Liebe, sondern nach gewöhnlicher Nahrung und Pflege. Es ist ein Gottesjammer, wie sie mit dem Kinde umgehen. Ich hab' schon heute der Darthe die Leviten gelesen, ohne mehr zu erreichen, als wenn dein Karo gebellt hätte. Ich hätte große Lust, ihr das Kind abzukaufen.«

Hans und Nora sahen sie erstaunt an.

»Hast du ihr etwas Ähnliches gesagt?«

»I bewahre!« rief Rahel lebhaft. »Ich hielt der Darthe nur vor, wie unrecht es sei, sein eigen Fleisch und Blut so verkümmern zu lassen, und was meint ihr wohl, was sie mir darauf sagte?«

»Nun?« fragte Nora erwartungsvoll.

»Sie setzte mir auseinander, daß sie das Kind nicht auf die Welt gebeten habe. Die Kleine habe es noch immer hundertmal besser als sie selbst, wie sie in dem Alter war. Übrigens erwarte sie ihre Mutter, die ihr bei der Pflege des Kindes helfen solle. Ein köstlicher Trost, nicht wahr?«

»In der Tat . . .«

»Das Kind soll also vom Regen in die Traufe kommen, heißt das mit anderen Worten. Und das soll ich ruhig mit ansehen?«

»Tja!« sagte der Doktor und zuckte mitleidig die Achseln. »Nimmt man dem Mädchen die Bürde ab, so ist im nächsten Sommer wieder ein neues Würmchen da, ›das sie ebenfalls nicht auf die Welt gebeten hat‹. Ich will aber morgen hinübergehen und nach dem Rechten sehen.«

Rahel nickte still vor sich hin, und alle drei erhoben sich und gingen in den Garten.

Der große runde kupferrote Mond blickte durch die Kiefernstämme nachdenklich zu ihnen herüber. In den Bäumen ächzte irgendwo ein Käuzchen, und über den Gartenzaun klang schrill die widrig keifende Stimme eines Weibes. In der Ferne verhallten die langgezogenen wehmütigen Töne eines lettischen Volksliedes, und schwerfällig knarrte ein Wagen durch die Hauptstraße. Leise rauschten und wogten die Kiefern, als berieten sie eine wichtige Angelegenheit miteinander.

Aus der Blockhütte Jakob Schauers blinkte heimlich ein Lichtstrahl.

»Wollen wir nach deinem Liebling sehen, Nora!« sagte der Doktor.

Sie traten näher an die Hütte heran und schauten in das Fenster. Ein Talglicht in einem irdenen Leuchter erhellte kümmerlich den Raum. Jakob Schauer saß vor einem rohgezimmerten Tisch, hatte die Ellbogen aufgestützt und wiegte seinen langen Oberkörper leise murmelnd hin und her. Vor ihm in einem Lehmkrug stand ein Strauß von Kornblumen und Maßliebchen. Aufmerksam betrachtete er die Blumen und strich liebkosend darüber hin; ein glückliches Lächeln erhellte seine Züge. Auf der Lehne seines Holzstuhls hockte, den Kopf unter dem Flügel, eine junge zahme Dohle mit aufgeblasenem Gefieder. Von Zeit zu Zeit erschauerte sie im Traum und stieß einen leise krächzenden Laut aus. Auf einer der Gießkannen in der Ecke thronte würdig der Haushahn, selbst im Schlaf noch ein König, und an Jakob Schauers Nacken geschmiegt, auf seiner Schulter schnurrte behaglich ein junges Kätzchen mit bandagierter Pfote.

»Stören wir ihn nicht!« flüsterte Nora. »Der Mann ist glücklich.«

Ihre schwere bange Stimmung hatte sich in milde Wehmut gelöst.

Langsam, wie die drei Menschen gekommen waren, gingen sie zurück in das Haus.

 

* * *

 

Hochsommer war's. Auf dem Fluß bei Oger schaukelte ein Kahn.

Es war noch früh am Morgen. Die Gräser hingen voll Tau, und hoch in die blaue Luft schwangen sich jubelnde Lerchen.

Rahel saß am Steuer, Nora führte energisch die Ruder. Der Sonnenglanz tat ihr weh, sie hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Lautlos glitt der Kahn durch die funkelnden hüpfenden Wellchen.

»Sie hieß Félicie Lebrun,« sagte Rahel leise, »sie war gut zu meinem Kinde, und sie tat mir leid. Übrigens hat sie mir nichts geraubt, was wertvoll für mich gewesen. Ich war schon längst mit Sylvain von Witakowsky fertig – es lag nicht mehr in seiner Macht, mich zu enttäuschen.«

Nora nickte. »Ich hab' sie gesehen und gesprochen, noch ehe ich dich kannte.«

Rahel sah überrascht auf. Ihr schönes herrschsüchtiges Gesicht wurde blaß.

»Wie?« rief sie » Félicie Lebrun?«

»Daß sie so heißt, hat sie mir nicht gesagt. Aber sie ist es gewesen – ganz gewiß. Eine dunkle, rassige Erscheinung mit heftigen, tigerähnlichen Bewegungen, wilden schwarzen Augen . . . einem höhnischen Munde . . . und einer zerbrochenen Seele.«

»Das ist sie!« sagte Rahel entschieden. »Aber warum hast du mir das nicht früher gesagt?«

Nora lächelte fein. »Wie durfte ich, ehe du mir dein Vertrauen schenktest? Ich kann schweigen, Rahel.«

In Rahel kämpften miteinander Überraschung, Zutrauen zu Nora und Freude.

»Es scheint so,« sagte sie kurz. »Hans hatte recht, als er behauptete, du könnest Freundschaft halten. Er kennt dich gut.«

»Freundschaft ist etwas Großes, ja Heiliges,« sagte Nora einfach, »namentlich selten unter uns Frauen. Sind wir Frauen aber nicht zunächst Menschen? Sollten wir nicht einer ähnlichen Treue und Größe der Empfindung, einer gleichen Ehrlichkeit und Kraft fähig sein wie Männer?«

Rahels Mundwinkel zuckten ironisch.

»Fraglich,« sagte sie. – »Wir Frauen sind in der Regel kleinlich und empfindlich. Es mag das in unserer ganzen Anlage liegen. Wir sind gewohnt, uns mit kleinen täglichen Sorgen, kleinen Enttäuschungen abzugeben, während der Mann ins Große, Ganze geht. So haben wir auch schwärmerische Freundschäftchen, keine vertrauenden großen Freundschaften. Wir brauchen beständig neue Beweise für die Liebe unserer Freunde, und wo unsere Eitelkeit verletzt wird, schütten wir das Kind mit dem Bade aus. Erfahrungsgemäß gehen Frauenfreundschaften in die Brüche, sobald der Mann, der von beiden Teilen geliebt wird, mit im Spiele ist.«

»Das ist oft leider der Fall, aber das braucht nicht zu sein. Kommt das nicht etwa auch bei Männern vor?«

»Und dann die weibliche Eitelkeit,« fuhr Rahel fort, ohne Noras Einwurf zu beachten, »welch böse Streiche spielt sie unserem Geschlecht!«

»Dagegen protestiere ich,« rief Nora warm. »Ich bin viel stolzer darauf, daß du anerkannt wirst, als auf meine eigenen Erfolge.«

»Ein leichtes Verdienst!« spottete Rahel. – »Wir treten ja nicht in Konkurrenz miteinander. Wäre ich aber gleich dir Heroine auf demselben Theater, so wäre es doch nur allzumenschlich . . .«

»Rahel!« rief Nora in schmerzlichem Tone, »da kennst du mich denn doch nicht, du hast unrecht!«

»Ich möcht' es beinah' wünschen,« sprach Rahel leise. »Du weißt, ich bin mit Liebe, was man so nennt, verwöhnt worden, und doch habe ich immer und überall viel Menschliches darin gefunden. Jetzt habe ich gelernt, allein fest zu stehen im Leben. Ich bin hart geworden.«

Sie seufzte.

»Du bist sehr stolz!« sagte Nora sinnend. »Ich habe einmal ein Wort gelesen, was mich lange beschäftigt hat: Um wahre Freundschaft zu haben, muß man ohne sie auskommen können. Du kannst das, Rahel, und darum . . .«

»Darum hast du mich lieb?« forschte Rahel.

Nora nickte. »Ungefähr so.«

»Ich hab' dich auch ehrlich lieb,« sagte Rahel wieder, »aber ich traue mir selbst nicht recht. Ich fürchte dich zu enttäuschen, du hast eine so gläubige Seele.«

Ein schöner Ausdruck flog über Noras Züge.
»Je mehr wir an Liebe geben, desto reicher sind wir. Bleibe, wie du bist, und du wirst mich nie enttäuschen.«

Sie ruderte emsig weiter und der Kahn flog längs der glitzernden Bahn. Zwischen dem dunklen Föhrengrün blinzelten die Villenhäuser Ogers ihnen entgegen.

»Weißt du, daß du eigentlich viel jünger bist als ich?« sagte Rahel nach einer Pause.

»Wieso? Ich bin ausgerechnet fünf Jahre älter.«

»Die Jahre machen's nicht, sondern die Fähigkeit zu glauben. Die hast du dir so rein bewahrt.«

»Ja, glauben an dich kann ich und will ich und muß ich – ich kann ja nicht anders.«

Rahel schwieg lange, sie kämpfte eine mächtige Bewegung nieder.

»Ich danke dir für dieses Wort,« sprach sie dann, »du weißt nicht, wieviel du mir damit gegeben hast. Also stark, fest und treu?«

»Stark, fest und treu, von ganzem Herzen,« wiederholte Nora.

Sie legte die Ruder beiseite, und die beiden Frauen schüttelten einander wacker die Hände, wie ein paar Männer und Kriegskameraden, die sich geloben, einander beizustehen auf Tod und Leben.

Soll ich ihr meine Angst um meine Augen mitteilen? dachte Nora. Nein, heute nicht, jetzt nicht, das würde sie betrüben, und helfen kann mir niemand. Wozu darüber reden?

Auch Rahel sann und grübelte.

Welch sonderbares Verhängnis, dachte sie – gerade sie bietet mir ihr ganzes gläubiges Herz – und ich – nehme es entgegen! Nun, ich bin nicht Félicie Lebrun!

Sie schüttelte sich, als hätte etwas Widriges sie berührt.

»Was ist dir?« fragte Nora erstaunt.

»Ach nichts, mir fiel nur ein unnützer Vergleich ein. Wann sprachst du Félicie Lebrun, und was sagte sie dir?«

»Ich traf sie Anfang Mai im kaiserlichen Garten. Sie hatte einen Brief verloren, und ich war so glücklich, ihn zu finden.«

Ein Schimmer des Verständnisses leuchtete in Rahels Augen auf.

»Einen Brief? Ich begreife,« sagte sie ruhig.

»Ja, ganz recht,« erwiderte Nora. »Sie zerriß ihn in kleine Fetzen und schleuderte ihn von sich, und sie erzählte mir ihre traurige Geschichte.«

»Wie sonderbar,« murmelte Rahel, »und den Rest hat sich dein kluger Kopf zusammengesponnen.«

»Nun, dazu bedurfte es keines klugen Kopfes,« sagte Nora lächelnd – »ich hatte ja noch eine Handhabe. Sie nannte den Namen Sylvain.«

»Ja so!« Rahel schwieg eine Weile. Dann seufzte sie tief auf und sah Nora liebevoll an.

»Daß du gerade Hans zum Manne hast, daß er dich so liebt, so versteht, daß du ihn glücklich machst – ist schön. Erzähle mir doch, wie du ihn kennen lerntest.«

Über Noras Gesicht zuckte es freudig.

»O Hans!« sagte sie. »Also es war vor neun Jahren. Ich hatte mich überarbeitet und war krank. Er behandelte mich. Die Sache war eigentlich sehr einfach. Er war bis dahin ein geschworener Theaterfeind gewesen. Nun sah ich ihn jedesmal, wenn ich auftrat – und ich spielte eigentlich nur für ihn und meine Kunst . . .« endete sie mit einem leichten Anfluge von Verlegenheit.

»Nun und dann?«

»Dann besuchte er mich, und wir redeten miteinander von allem Hohen und Tiefen. Wir redeten wie zwei Freunde, ja, und wir verstanden einander. Er brachte mir Bücher, und wir gingen beide ins Freie, aufs Land hinaus und waren fröhlich und harmlos wie Kinder. Dann fing das Gerede über uns an. Das wurde eine böse Zeit.«

Nora saß schweigend, in Erinnerungen versunken.

»Und dann?« fragte Rahel wieder leise lächelnd.

»Dann wurde ich eigensinnig und wollte nicht mehr mithalten,« fuhr Nora fort. »Aber da kam ich schön an. Den Kopf hat er mir gewaschen, – aber tüchtig, das kannst du mir glauben. Ob ich mich denn gar nicht schämte, das sei meiner nicht würdig – und solche Sachen mehr. Für ihn sei es Lebensbedürfnis, Ehre und Glück, mit mir zu verkehren – und ob ich mich denn etwa seiner schäme? Und denselben Tag gingen wir durch Rigas Straßen unterm Arm miteinander, und er lachte die Menschen alle an und war stolz wie ein König.«

»Weiter, weiter!« rief Rahel mit blitzenden Augen.

»Ja, und als uns der alte Medizinalrat Töpfer entgegenkam, der mit dem roten Gesicht und den runden verwunderten Augen, weißt du – da zog er ihn unter einen Torweg und sagte ihm, mir einen Kuß zu geben – ich würde in kurzer Zeit seine Frau.«

»Nun, das ließ sich der alte Herr wohl nicht zweimal sagen?« lachte Rahel.

»Er faßte sich jedenfalls sehr schnell und entledigte sich mit vieler Würde und Ausführlichkeit seiner Aufgabe – aber die Frauen, Rahel, die Frauen, die waren giftig.«

»Kann ich mir denken.«

»Na, die ersten Wochen nach unserer offiziellen Verlobung hatte Hans fast nur Armenpraxis. Dann aber kamen sie allmählich wieder, eine nach der anderen. Einen zweiten Gynäkologen von Hans' Ruf gibt's nicht in Riga.«

»Das weiß ich.«

»Anfangs war man steif und kühl gegen uns, aber als man nach unserer Verheiratung merkte, daß mir absolut nichts daran lag, Gesellschaften mitzumachen – da fing man an, uns zu überlaufen. Wir mußten uns geradezu vor Visiten und Besuchen schützen, wir nagelten eine Karte an die Tür: Zu sprechen von 1–2 – Hans und Nora Rehder. Die Visiten wurden höflich erwidert, damit schlief aber zumeist der Verkehr ein. Entweder die Arbeit oder das Vergnügen, und unsere Arbeit ist uns Freude, das sogenannte Vergnügen aber bittere Arbeit.«

»In welche Kategorie fallen denn nun aber deine Dienstagnachmittage,« neckte Rahel.

»O, die Dienstagnachmittage – das sind sogenannte Kompromisse mit der Gesellschaft, das sind Brücken, weiter nichts. Sie sind weder Arbeit noch Vergnügen, keins von beiden, und doch etwas von beiden.«

»Nun, und ich?« fragte Rahel.

»Du!«

Nora sah sie mit tiefem Blick an.

»Du bist eine Welt für sich. Du bist du selbst. Du bist ein ganzer, ein Vollmensch. Hans und ich, wir sind Zwei und doch Eins, du aber bist Eins und doch Zwei.«

»Wieso?« fragte Rahel frappiert.

»Nun, sehr einfach. Du, Rahel von Wita­kowsky, du bist mein Freund, und du bist mir zugleich die ganze weibliche Hälfte der Menschheit, die ich in dir verkörpert sehen möchte.«

»Bravo!« rief Rahel. »Also käme es, wie man's auch wendet, auf drei Menschen hinaus?«

»Gewiß, auf drei Menschen.«

»Es wäre aber doch gewiß schöner, wenn wir vier Menschen wären,« sagte Rahel wehmütig-ironisch.

»Gewiß, aber der Vierte dürfte nicht abfallen von unserem Drei-Bunde.«

»Wenn mein Willy lebte, das wäre der rechte Vierte gewesen. Sag', Nora, hast du nie Sehnsucht nach einem Kinde gehabt?«

»Für Hans wünschte ich mir eins,« sagte Nora leise. »Ich selbst habe es in den ersten Jahren heiß ersehnt, jetzt nicht mehr. Hans und du, ihr seid meine lieben großen Kinder!«

»Hans und ich!« sprach Rahel träumerisch nach, »o du Kind, du Kind!«

Sie blickte auf die zitternden Wellchen, die sich schmeichelnd an den Kahn herandrängten. Nora sah sie groß an. Sie war bleich geworden bis in die Lippen.

Ein seltsam vibrierender Klang in Rahels letzten Worten zerriß plötzlich einen Schleier vor ihrem inneren Auge. Sie hatte es mit einer intuitiven Klarheit begriffen, daß Rahel Hans – ihren Hans – liebte. Es kann ja nicht sein – suchte sie sich zu beruhigen, es kann ja nicht sein. Aber fest und klar stand es vor ihrer Seele: Es ist so. Was einer erbarmungslosen Logik nicht gelungen wäre, das wußte sie jetzt vermöge ihrer Eingebungsfähigkeit, die sie nie betrogen hatte. Seit wann? Wie lange? fragte sie sich. Ein grenzenloses, tiefes Mitgefühl füllte ihre Seele. Sie vergaß darüber ihr eigenes Leid. Wie furchtbar mußte Rahel leiden, wenn sie ihr Glück sah. Es war ja nur allzu menschlich. Neben dem Tisch der Reichen zu stehen ist ja so bitter. Und war denn Rahel nicht unglücklich genug? Eine tiefe Zärtlichkeit für Rahel ergriff ihre ganze Seele und wogte wie eine Flamme heiß in ihr auf. O, sie würde schweigen, nie sollte Rahel erfahren, daß sie ihr Geheimnis erraten hatte. Sie würde es zu schützen wissen gegen sich selbst, gegen Hans, gegen die ganze Welt. Nun galt es Freundschaft halten und bewähren. Es galt ihr leise und unmerklich die unselige Leidenschaft überwinden helfen, die – Nora war davon überzeugt – einseitig bleiben mußte. An Rahels Ehrenhaftigkeit und Selbstbeherrschung zu zweifeln fiel ihr keinen Augenblick ein. Nun verstand sie Rahels Zurückhaltung gegen sie selber. »Ich traue mir selbst nicht recht. Ich fürchte dich zu enttäuschen, du hast eine so gläubige Seele,« hatte Rahel gesagt. Nun wußte sie auch, wieviel Wert Rahels Versprechen, ihr Freundschaft zu halten, für sie hatte. Rahel kämpfte mit sich selbst – das war ihr klar, und Rahel hatte den festen Willen zu siegen.

Nora saß in schwere Gedanken verloren. Sonntagssommerstille thronte friedlich über dem gottblauen Himmel, über der ganzen Natur. Am Ufer winkte eine hohe Männergestalt.

»Halloh–ha!« tönte es in langgezogenem Bariton.

Nora zuckte zusammen. »Hans!« rief sie – ihre Wangen röteten sich – sie schwang eifrig die Ruder. Hart lief der Kahn ans Ufer.

Der Doktor sprang geschickt hinein und stieß mit Noras Ruder ab.

»Ich begegnete eben dem Doktor Meyer, dem Allerweltsmeyer,« sagte Hans vergnügt, »und der hat mir eine erstaunliche Neuigkeit mitgeteilt. Unsere nüchterne Zeit ist doch an märchenhaften Erscheinungen reicher, als man gewöhnlich annimmt.«

»Märchenhafte Erscheinungen?« fragte Nora lächelnd. »Du machst uns neugierig, Hans.«

»Es betrifft deine beiden jüngsten Protegès, Fräulein Clementine Müller und ihre Schwester.«

»Sollten sie etwa in den Hafen der Ehe eingefahren sein?« fragte Rahel.

»Das könnte noch kommen,« meinte Hans schmunzelnd, »denn sie haben eine halbe Million geerbt von einem verstorbenen Neffen in Canada.«

»Ach was!« rief Nora verwundert. Dann fügte sie leise hinzu: »Die armen Möttchen, – sie tun mir leid.«

Der Doktor zuckte die Achseln.

»Ich kenne die Damen nicht persönlich, nur aus Noras Beschreibung.«

»Ich möchte gern wissen, wie sie sich mit ihrer Erbschaft auseinandersetzen werden,« sprach Nora nachdenklich. »Die halbe Million paßt nicht zu ihnen, und sie nicht zu der halben Million.«

»Schicksal!« sagte Rahel aphoristisch. »So oder so, das Auseinandersetzen bleibt niemandem erspart.«

Nora seufzte. »Ich fürchte, sie werden nicht viel Freude davon haben,« sagte sie zerstreut.

Der Doktor legte seinen Arm um Noras Schulter. »Laß mich rudern!« sprach er.

Sie wechselten die Plätze. Das Boot flog wie ein Pfeil durch das silberglänzende blaue Wasser. Noras Herz pochte in kurzen raschen Schlägen. Die kleinen Wellchen kosten und streichelten den Kahn und wisperten heimlich mit ihren leisen Stimmchen: Schicksal! Schicksal! Auseinandersetzen, ja auseinandersetzen!

 

* * *

 

Heute hatte Rahel Hans in seiner Größe gesehen. Er war nachmittags zu einem Mädchen gerufen worden, das sich den ganzen Oberkörper verbrannt hatte. Mit Benzin war das Unglück geschehen. Nora hatte Kovfweh und hatte sich hingelegt. Um sie nicht zu stören, bat Hans Rahel ihn zu der Kranken, wo sofortige Hülfe not tat, zu begleiten.

Rahel war gegangen. Und hier, am Lager der armen verbrannten Person hatte sie die ganze Güte, den Reichtum an Liebe und Kraft in Hans kennen gelernt.

Wie zart wußte er zu lindern, wie fest zugreifend und geschickt zu helfen, wie erbarmend auf das Leiden einzugehen!

Rahel staunte. Welch ein Mensch! dachte sie immer wieder. Welch ein Mensch!

Sie kehrte nicht mit Hans nach Hause zurück – ihr Herz war voll. Sie mußte allein sein. So ging sie auf den Friedhof zu den fremden Gräbern. Da wollte sie sich sammeln, sich durch all die neuen Eindrücke durchringen, sich selbst wiederfinden.

Sich selbst wiederfinden wollte sie, denn sie hatte sich selbst verloren. Leise, allmählich war es gekommen, sie wußte nicht wann, sie wußte nicht wie . . .

Ein trüber regenfeuchter Tag hing schwer und bleiern auf den Friedhof nieder. Neben einem kleinen wild verwachsenen Hügel hatte sie sich niedergeworfen ins feuchte Gras und preßte die Stirn darauf nieder.

Gedanken flatterten wie stürmende Wolkenzüge vor ihr auf, und wie ein alles verschlingender, alles vernichtender Orgelton brauste das Bewußtsein: Ich liebe ihn – durch ihre Seele.

»Ich liebe ihn, ich liebe ihn!« flüsterte sie heiß vor sich hin. Sie hielt die Hände fest über der Brust gekrumpft, wie um das stürmisch pochende Herz da drinnen zur Ruhe zu zwingen.

Sie erinnerte sich der vielen Gespräche, die sie mit Hans geführt. Immer und überall war feine feste, klare und milde Persönlichkeit zutage getreten. Ihre Überzeugungen waren nicht die seinigen, aber aus seinem Wesen hatte sie gelernt, seine Überzeugungen zu ehren. Sie spiegelten sich in seiner Persönlichkeit, sie deckten sich mit seinem Tun, denn er war von echter Menschenliebe beseelt.

Sie hatte ja bisher nicht gewußt, was Liebe sei, nun aber war es über sie gekommen und hatte ihr geschlossenes Wesen in einen Sturm von Widerstreit und Aufruhr versetzt. Wie arm und leer war ihr Leben gewesen, jetzt durch Hans war es reich und – bitter geworden.

»Glückliche Nora!« flüsterte sie und blickte starr vor sich hin in das feuchte tropfende Gras, »Dennoch möcht' ich nicht Nora sein, sie ist ihm zu wenig. Sie wagt es außer ihm – außer ihm – ihre Kunst zu lieben. Und doch ist sie gut, ja sie ist gut, aber sie ist nicht etwas Ganzes, und solch ein Mann bedarf eines ganzen Weibes, Sie lebt mindestens eben so sehr für ihre Kunst wie für ihn. O Hans, Hans! . . . Kunst!«

Sie lächelte verächtlich. »Kunst ist die Krone des Genies. Nora ist kein Genie, sie ist ein Talent – ja, aber mein Gott, was will das sagen? Das ist wenig genug. Ich bin auch Talent, und doch . . . und doch . . . ich wäre ihm mehr!«

Hans hatte sie lieb, das fühlte Rahel, aber er liebte sie nicht, »noch nicht« sagte sie sich – und dann erschrak sie über sich selbst. War es so weit mit ihr gekommen?

Rahel bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und stöhnte.

»Was soll ich tun? Fortziehen aus Riga. Nein! nein!«

Sie stieß diese Worte laut hervor. Sollte sie wieder so einsam werden wie zuvor?

So lag sie da in dumpfem Brüten.

Ihr wilder Schmerz hatte sich gelöst, und Tränen der Sehnsucht, der bittersten Vereinsamung fingen an zu fließen, tropfenweise, spärlich . . .

Da nahten Schritte. Rahel richtete sich auf und horchte. Es war ein vielfältiges Getrappel, und durch die Büsche sah sie langsam eine Prozession sich an ihr vorüberbewegen. Schwatzende Leute, sogar Lachen tönte an ihr Ohr. Sie schlug die Zweige auseinander – ein Schauer rüttelte sie.

Sie sah ein altes häßliches Weib mit tödlichen Augen und einem Anflug von Schnurrbart um den welken, giftigen Mund – das schwatzte und sprach eindringlich auf eine junge Dirne ein. Gott, das war ja die Warthe aus dem Nachbarhof! Sie war verweint, doch über dem hübschen leichtsinnigen Gesicht lag's wie Erlösung. Neben ihr trappelte der taubstumme Bruder und trug einen Kinder­sarg. Er schluchzte bitterlich in kurzen unartikulierten Lauten. An seiner Seite ging gemessenen Schritts Wilze Spahring, mit einem nagelneuen steifen Filzhut über dem brutalen Gesicht. Vor ihnen allen her zog ein beleibter Küster, mit einem Gesangbuch in der Hand. Volk und Kinder folgten.

Rahel packte kaltes Entsetzen.

Das Kleine ist tot, sie haben es umgebracht! dachte sie zitternd.

Nun ertönte ein näselnder Chorgesang.

Die fette Stimme des Küsters, Wilze Spahrings rohes Organ und die Stimme der unheimlichen Alten verschmolzen zu einem vehementen Klang. Man sah, hier wurde mit Lust und Sachkenntnis gesungen.

Rahel lag da wie erstarrt.

»Sie haben es umgebracht – ich habe es zugelassen – ich hätte es retten können!« sagte sie laut.

Sie sprang auf und stürzte heftig vorwärts.

Sie mußte sehen und hören, so drängte sie sich an die Gruppe der Leute heran.

Das Begräbnislied war verstummt. Der Küster vollzog stumpf und gewohnheitsgemäß die Funeralien. Rahel hörte deutlich den schrecklich wohlbekannten Ton, wie die Schollen aufschlugen auf den Sarg.

Jetzt hielt sie sich nicht länger. Sie trat mit an die Gruppe heran und sah Darthe mit großem seltsamem Blick an. Eine Welt von bitterer Anklage, forschender Frage und Leid lag in ihren düsteren Augen. Die Leute starrten die elegante schöne Dame an. Wo kam sie her? Was wollte sie mitten unter ihnen? Warthe schrak zusammen: sie hielt den fragenden Blick Rahels nicht ans und schlug die Augen nieder. Die häßliche Alte wand sich dicht an ihre Tochter heran und raunte vernehmlich: »Wer ist die feine Dame? Was will sie hier?«

»Still, Mutter,« flüsterte das Mädchen ängstlich, und als sie noch immer den anklagend traurigen Blick Rahels auf sich gerichtet sah, bedeckte sie ihre Augen mit dem Umschlagetuch.

Nun intonierte der Küster den Schlußgesang. Der Chor fiel ein, und unter den Spaten der Totengräber wölbte sich rasch der kleine Hügel.

Rahel wandte sich zum Gehen. Die ganze bittere Einsamkeit ihrer ringenden Seele war über sie gekommen. Wäre dieses armselige Würmchen, das sie da eben begraben, mein gewesen, dachte sie, ich hätte es wenigstens beschützen können. Was Freunde, was Liebe und Familie – im Grunde ist doch jeder allein mit seiner Seele, allein mit seiner Schuld, allein mit Gott und mit dem Tod. Da gibt es kein Entrinnen! Wie arm und nackt bin ich! Welch fremdes schreckliches Land ist das Leben! . . .

Grübelnd ging sie weiter. Der graue Himmel hatte sich verdüstert. Farblos lag die Landschaft in grauen Nebel getaucht vor ihr. Der Regen rieselte in feinen dünnen Fäden vom Himmel.

»Jedem Leben liegt eine Idee zugrunde,« sprach Rahel plötzlich laut. »Warum erkennen wir aber die Idee des Lebens so schwer? Weil wir Lebenden am Mitleid mit uns selbst kranken? Wann werden wir es lernen, das eigene Leben so ruhig beurteilen wie ein fremdes? Hart müssen wir werden gegen uns selbst.«

Mit diesem Vorsatz war sie in eine harte Stimmung hineingeraten, die sich zunächst auf Nora übertrug.

Sie fand Nora noch zu Bett und bemerkte, daß sie geweint hatte.

Wie sonderbar! dachte Rahel. Hier wäre doch nur lauter Grund zu Dank und Jubel.

Noras Kummer reizte sie.

»Tut dein Kopf noch weh?« fragte sie beiläufig.

Nora fühlte die Gleichgültigkeit, die in der Frage lag, heraus. Sie lächelte schmerzlich. Durfte sie reden? Die Angst um ihr schwindendes Augenlicht folterte sie beständig – sie trug ihr Kreuz allein – aus Liebe für die andern. Sie sah, daß Rahel litt, und konnte nicht helfen, und daß sie – wußte, mußte sie verschweigen – aus Liebe. Was sollte sie sagen? Etwas halb tun war nicht ihre Art. So mochte man sie mißverstehen und falsch beurteilen! Was lag daran?

»Man hat einmal so seine dunklen Stunden,« sagte sie ausweichend, »aber wie ist es dir ergangen?«

Rahel erzählte von ihrem Besuch des verbrannten Mädchens mit Hans und von dem Begräbnis des Kindes. In ihren herrlichen Augen lag ein schmerzliches Staunen und die unausgesprochene Frage, was Noras »dunkle Stunden« verursacht haben könne. Sie fühlte sich ihr in ihrem eigenen Leid überlegen.

Nora las ihr ihre Empfindung mit unheimlicher Sicherheit von der schönen Stirn. Seit sie wußte, war Rahel ihr ein aufgeschlagenes Buch. Sie las in ihrer Seele Abschnitt für Abschnitt und überbrückte spielend leicht ihre widerstreitenden Gefühlsäußerungen.

»Soll ich dir vorlesen?« fragte Rahel gepreßt, »oder ist das zu viel für deinen Kopf?«

»Ich danke dir, nein, bleibe ein wenig bei mir und gib mir deine Hand.«

Rahel reichte Nora ihre energische kleine Hand mit dem bläulichen Geäder und dem zarten Handgelenk. Nora nahm sie in ihre beiden kühlen langen Hände und hielt sie zärtlich fest wie einen schutzbedürftigen kleinen Vogel. Armes leidendes Herz! dachte sie und streichelte Rahels feine Finger.

»Willst du wirklich übermorgen wieder fort?« fragte sie.

Rahel nickte.

Die Dämmerung schlich leise in das Zimmer und hüllte alle Gegenstände in gleichmäßiges mattes Grau. Und grau und düster sah es auch in den Seelen der beiden Frauen aus.

Als Hans nach Hause kam, freute er sich über seine »beiden Frauen«, wie er sie scherzend nannte, und beide lebten auf und hatten ihm allerhand mitzuteilen. Waren sie aber wieder allein, so wußten sie einander nichts zu sagen. Eine jede hütete ängstlich ihr Geheimnis vor der andern und verlor Schritt um Schritt die goldene Freiheit und Unbefangenheit. Es gab nach allen Richtungen Mauern und Wälle, an denen nicht gerührt werden durfte, und sie, die sich so viel hätten sein können, waren scheu und klug geworden wie Menschen, die sich im Dunklen zurechtfinden wollen.

Jede von ihnen fühlte die tappende Scheu, zu verletzen, bei der anderen heraus, und die gegenseitige Schonung war ein trauriges Zugeständnis der beiderseitigen Hülfsbedürftigkeit.

Frauenfreundschaft! dachte Rahel bitter. Wie recht hatte ich, als ich daran zweifelte!

Ich halte sie fest, trotz allem, nun erst recht, dachte Nora und fühlte nicht, wie Rahel ihr leise entglitt.

Sie waren beide zu feinfühlend, um den gezwungenen falschen Ton, der sich in die Harmonie ihres Zusammenseins geschlichen hatte, nicht schmerzlich zu empfinden. Sie waren beide zu stolz, um ihn bemerken zu wollen, und beide zu ehrlich, um ihn zu leugnen.

Und der falsche Ton klang fort und fort, klang hinein in Rahels Einsamkeit in der Stadt, klang und schrillte weiter in die Stunden des Zusammenseins und zitterte ängstlich durch die beiden wunden Seelen.

Es war das alte Lied und das alte Leid: Sie hatten beide vom Baume der Erkenntnis gegessen, und die Erkenntnis hatte sie ärmer gemacht.

 

* * *

 

Hans und Rahel saßen im Eisenbahncoupé einander gegenüber. Sie fuhren beide nach Riga, Hans in seine Sprechstunden, Rahel in die Einsamkeit ihrer Stadtwohnung zurück.

Nachdenklich blies Hans den Rauch seiner Zigarre in die Luft und schaute aus dem Fenster. Vor Rahels innerem Auge flogen die Tage des Zusammenseins mit Hans und Nora vorüber, und ihr Herz schlug dumpf und schwer.

»Ich habe eine Bitte an dich, Rahel,« begann Hans. Sie sah ihn mit einem raschen Blick an. »Nun?« sprach sie.

»Nora ist in letzter Zeit besonders nervös, – sie hängt an dir, – komm zu uns, Rahel, und bleibe bei uns. Du hast einen guten Einfluß auf Nora. Diese beständige Einsamkeit, die alle zwei Wochen einmal unterbrochen wird, tut dir auch nicht gut.«

Rahels Ausdruck wurde gespannt und rätselhaft.

»Meinst du?« fragte sie.

»Gewiß. Ich versichere dich, daß Nora jedesmal auflebt, wenn du da bist. Ihr körperlicher Zustand gefällt mir gar nicht.«

»Mir ist ihre Verstimmung auch aufgefallen,« sagte Rahel, »wenn ich ihr wirklich nützen kann, will ich gewiß kommen. Was aber mich anbetrifft, Hans, so tut mir die Einsamkeit gut. Sie ist mein Element.«

»Dazu ist es ein wenig früh für dich« – meinte er sarkastisch.

»Das ist Ansichtssache« – gab sie ebenso zurück. »In der Regel ist ein Erwachsener selbst imstande zu entscheiden, was zu seinem Frieden dient.«

Er sah sie mißbilligend an. »Weshalb der gereizte Ton, Rahel?«

Rahels Blicke sprühten. Sie schwieg.

»Ich bin nicht gereizt, nur logisch,« sagte sie endlich fast demütig, »was meiner Seele not tut, muß ich selbst wissen.«

»Deine Seele, Kind, bedarf aber ebenso der Anlehnung und Liebe, wie die Seelen der meisten Menschen. Eine junge Menschenseele gedeiht nicht in einsamen Grübeleien, besonders wenn sie viel erlebt hat.«

Rahel biß sich auf die Lippe, in ihrer Stirn bildete sich eine Falte. Sie war von hinreißend düsterer Schönheit.

Hans schaute sie verloren an. »Wie du Maria gleichst!« sagte er unwillkürlich – »So sah sie aus, wenn sie Schmerzen litt.«

Rahel lachte gezwungen. »Ich leide aber keine Schmerzen,« sagte sie – »das ist der Unterschied. Ich bin gesund und stark, und was ich früher gelitten, hat mich ebenso bereichert, wie das Glück, das ich erfuhr. Ich will nichts aus meinem Leben ausstreichen, nicht einmal Willys Tod . . . jetzt wo ich damit innerlich fertig geworden bin.«

»Das ist ein stolzes Wort. Wohl dir, daß du das sagen kannst, aber. . . kannst du es auch sagen?«

»Weshalb zweifelst du daran?« fragte sie fast feindselig.

»Weil diese Reife – ungewöhnlich, ja unnatürlich ist, wenn man so jung und so schön ist wie du.«

Rahel fing heftig an zu zittern.

»Doch!« rief sie, »ich nehme nichts zurück!«

Eine beklommene Stimmung lag über den beiden. Hans sah sie prüfend an. Auch er war erregt.

Rastlos flog der Zug an verschiedenen Ortschaften vorüber. Mechanisch zählte Rahel die Telegraphenstangen. Plötzlich fing sie an zu reden, wie von einer inneren Gewalt getrieben, monoton und leise.

»Vielleicht habe ich zu viel gesagt . . . Wir leiden alle mehr oder weniger an einem Zwiespalt, an einem Doppeldasein, am Doppelich. Mein erstes Ich ist dunkel, schwerverständlich, träumerisch, voll aufblitzender Wildheit, instinktiver Ahnungen und Erkenntnisse. Es fühlt sich fähig zu allem Schlechten und allein Guten, in gesteigertem Maße.

Mein zweites Ich aber ist kalt und verständig, hat grünliche Brillenaugen und zergliedert seinen Zwillingsbruder, mein erstes Ich, mit anatomischer Sicherheit und ruhigem traurigem Behagen, lernt es kennen und begreift es mit kaltem Wissenstrieb, begreift darum auch andere Menschen. Das ist das böse Gespaltensein in uns, das unter dem Selbstbewußtsein existiert, das zweite Sein, das häufig schläft und träumt.

Du nennst mich jung, Hans, aber ich versichere dich, mein zweites Ich ist alt, sehr, sehr alt, alt wie der ewige Jude. Es ist tieftraurig, ist friedlos, ist grausam und schlau. Scharfsinnig ist es und verschlagen. Es quält und zerrt das erste junge Ich und spielt Fangball mit ihm, und dabei leidet es und ist nimmer froh.

So sieht's in mir aus und so bin ich.«

»Rahel!« rief Hans betreten, »liebe, liebe Rahel, was sagst du da? Du leidest, Rahel!«

Sie sah ihn an, als erwachte sie aus tiefem Traum, dann lachte sie kurz auf.

»Es ist alles Unsinn,« rief sie, »ich leide nicht mehr und nicht weniger als X Y Z. Nur reden diese Herrschaften nicht darüber, ich bin aber aus meiner gewohnten Schweigsamkeit herausgetreten – das rächt sich immer . . . daher befremdet's dich.«

»Und jetzt« – sprach Hans fest – »jetzt bitte ich dich noch einmal um deinetwillen, – ziehe zu uns.«

Sie lächelte ein traurig-ironisches Lächeln, dann legte sie ihre kleine Hand in die seinige.

»Ich komme Hans, ich komme in acht Tagen – bist du nun zufrieden?«

Er hielt ihre Hand eine Weile fest – dann küßte er sie. »Wie sollte ich nicht?«

Sie waren in einer Station, kurz vor Riga angelangt. Auf dem zweiten Bahngleise stand ein anderer Zug, der in ein paar Minuten den Weg, den sie gekommen waren, zurück machen mußte. Hans blickte aus dem Fenster.

»Halt!« rief er, »da ist der Medizinalrat Töpfer, ein Kollege von mir, ich hab' ihm ein paar Worte zu sagen.«

Er stürzte aus dem Waggon und sprang eilig auf den Bahnsteig hinunter. Rahel sah ihn in eifrigem Gespräch mit dem älteren Arzt. Er hatte das heruntergeschobene Fenster gepackt und sprach eindringlich auf den alten Herrn ein.

»Also auf Donnerstag!« hörte ihn Rahel sagen.
»Auf Donnerstag, auf Wiedersehn, Herr Kollege!«

Der Zug setzte sich in Bewegung, und Rahel sah, daß Hans einige Schritte mitging und noch ein paar Worte in das Fenster hineinsprach.

Nun riß er sich los – aber sein Handschuh hatte sich am Handgelenk an einem Knopf oder hervorstehenden Nagel im Fensterrahmen verfangen – er kam nicht los. Das Herz stand ihr still vor Entsetzen – sie sah, wie Hans zerrte und riß, vergebens . . . immer schneller wurden seine Schritte, jetzt lief er neben dem Zuge her und noch immer hakte der Handschuh. Der Medizinalrat wollte Hans zu Hilfe kommen und ihn befreien – da hörte der hohe Bahnsteig auf . . . Rahel stieß einen gellenden Schrei aus und brach besinnungslos zusammen.

Als sie erwachte, lag sie in Hans' Armen. Er war mit besorgter Miene um sie beschäftigt. »Rahel, liebe, liebe Rahel,« murmelte er.

Verwirrt – benommen lag sie da. In ihren Ohren brauste ein furchtbares Getöse – vor ihren Augen zuckten rote Flammen.

»Du bist nicht tot . . . du lebst?« stammelte sie – »O Hans, Hans, wie ich dich liebe . . . ich liebe dich, liebe dich.«

Wie ein entfesselter Sturmwind brach das Bekenntnis ihrer Liebe hervor – unaufhaltsam . . . unwiderstehlich.

Ihre Hände tasteten an seinem Körper auf und nieder, ihre Augen traten vor schauderndem Entsetzen fast aus den Höhlen.

»Maria – Rahel – ruhig, ruhig – ich lebe Gott sei Dank, ich lebe!« sprach seine tiefe bebende Stimme, und auf einmal fühlte sie heiße Küsse auf ihren Lippen brennen.

Einen Augenblick lag sie beseligt, hingegeben – da kam sie vollends zur Besinnung. Sie stieß ihn von sich und richtete sich auf. Dann brach sie in ein wildes Schluchzen aus.

»Mein Gott, wie bin ich elend!« stöhnte sie.

Er flog am ganzen Leibe . . . und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Es war ein schwerer Traum, Rahel,« sagte er mit zerbrochener Stimme. »Nun sind wir beide erwacht.«

»Ja, nun sind wir beide erwacht« . . . wiederholte sie dumpf.

Mehrere Minuten verstrichen, waren es nur Minuten? Die Qual war nicht zu ertragen. Der Zug rollte und rollte vorwärts mit monotonem Getöse, als gäbe es keinen Stillstand, als könne er nicht zu Atem kommen.

Sie sprach zuerst. »Hans, willst du noch, daß ich zu euch komme?«

Sie harrte mit bitterem Lächeln der Antwort.

»Ja!« sprach er fest. »Wir sind beide reife zielbewußte Menschen und werden unser Doppel-ich im Zaume halten können.«

Einen herzzerreißenden langen Blick noch – dann reichte ihm Rahel still die Hand.

»Leb wohl!« sprach sie.

»Auf Wiedersehn!«

Donnernd fuhr der Zug in den Rigaer Bahnhof.

 

* * *

 

Der Sommer neigte sich leise seinem Ende zu. Statt der Nelken und Rosen hingen jetzt federige Astern die bunten Köpfe und wurden von Jakob Schauer ebenso liebevoll aufgerichtet wie zuvor die lieblichen Kinder des Frühsommers.

Es war rauhes kühles Herbstwetter, eingezogen; die Föhren sangen und rauschten ernsthaft ihre alte Weise, und gelbe dürre Blätter tanzten lustig zu dieser trüben Melodie, wie unvernünftige Kinder zu einem Schlummerlied.

Viele Bewohner Ogers rüsteten sich zur Rückkehr in die Stadt. Es wurde stiller und einsamer. Nur Hans Rehder genoß die ländliche Ruhe und kehrte immer frisch aus seinen Sprechstunden wieder. Er hielt sie dreimal wöchentlich in der Stadt.

Rahel war ganz zu Rehders gezogen. Sie beobachtete Hans mit schmerzlicher Spannung. Er hatte sein ruhiges Gleichgewicht wieder. Wie hatte er sich mit dem Erlebnis im Coupé auseinandergesetzt? Ah, ihm war es wohl nicht tief gegangen! Wußte Nora davon? Rahel erhielt keine Antwort auf diese brennenden Fragen. Sie selbst kämpfte tapfer einen bittern verzweifelten Kampf und rang um die Kraft, die sie an Hans bewunderte. War es Kraft oder Gleichmut?

Ja, es war eine unversiegbare Lebenskraft und Frische in dem Manne. Er gehörte zu den seltenen Naturen, die aus den kleinen Freuden des Lebens sich eine köstliche Seelenstimmung aufzubauen vermögen, auch einen Schatz, an dem weder Motten noch Rost nagen!

Nora schob den furchtbaren Augenblick, ihm die stetig zunehmende Trübung ihrer Sehkraft mitzuteilen, immer wieder hinaus. Sie fürchtete sich davor, ihm solch ein Leid zu tun, und wurde kraftvoll und tapfer – aus Furcht.

Der Doktor bemerkte die Schatten auf ihrer Stirn, doch hielt er sie für vorübergehende Mißstimmungen und körperliche Reizbarkeit. Er hatte ihr verboten, zu lesen, und meinte, daß sie das niederdrückte. So verdoppelte er seine Sorgfalt für Nora und sprach freundschaftlich mit Rahel. Er war froh und unbefangen, Rahel fühlte, daß er mit sich im klaren war.

Heute kam er strahlend vor Freude aus der Stadt zurück. Er fand Nora und Rahel über dem Studium der toten Stadt von d'Annunzio.

»Kinder!« rief er von weitem – »eine freudige Nachricht! Nun zeigt, ob ihr raten könnt!«

»Eine gelungene Operation!« rief Nora.

»Eine wissenschaftliche Ehrung?« sagte Rahel.

»Rahel hat's beinahe getroffen,« schmunzelte der Doktor und wurde ein wenig verlegen. »Ich bin vom Professor Nordhausen aufgefordert worden, auf dem Gynäkologenkongreß in Berlin einen Vortrag zu halten. Ich reise in den nächsten Tagen, um dort noch zu arbeiten.«

Noras und Rahels Augen strahlten.

»Aber,« sagte Nora, »woher weiß denn Professor Nordhausen?«

»Aus einigen wissenschaftlichen Mitteilungen in Fachblättern, die ich einmal verbrochen habe,« sagte Hans bescheiden. »Nun, Kinder, heute wollen wir aber wieder eine Flasche Champagner springen lassen! Nicht? So etwas erlebt man nicht alle Tage!«

»Gewiß, gewiß!« rief Nora. »Aber sag doch,« fuhr sie ängstlich fort – »bist du denn schon mit deinem Vortrag im reinen? Was wirst du eigentlich sagen?«

Hans lachte. »Siehst du, mein lieber treuer Kamerad,« sagte er – »mit Einzelheiten will ich dich nicht langweilen. Das ist alles streng fachwissenschaftlich, und nur Medizinern könnte ich das deutlich machen. Zu sagen hätt' ich genug. Es fragt sich nur, ob ich in einer knappen Stunde die Fülle meiner Beobachtungen zusammenzudrängen imstande bin. Es handelt sich um jahrelange Beobachtungen auf dem Gebiet der Krebserkrankungen in den weiblichen Organen. Notizen dazu hab' ich mir seit zehn Jahren gesammelt.«

Nora sah ihren Mann mit stolzem Blick an.

»Wie lange willst du fortbleiben?« fragte sie.

»Etwa drei Wochen denk' ich, ich will zugleich die Gelegenheit benutzen und mich ein wenig in den Berliner Kliniken umsehen.«

»Das ist großartig, Hans!« sagte Nora. »Wie ich mich freue!«

Nach dem Essen saßen sie beim Sekt.

Es wird vielleicht der letzte glückliche Abend meines Lebens, dachte Nora. Mein armer Liebling, die trübe Wahrheit kann ich dir doch auf die Dauer nicht ersparen.

Eine wilde bacchantische Lustigkeit hatte sie ergriffen.

»Laßt uns trinken und fröhlich sein,« rief sie erregt, und ihre Wangen röteten sich fieberhaft, »denn morgen sind wir vielleicht tot!«

Staunend sah Rahel sie an. Was war mit ihr vorgegangen? Sie begriff sie nicht.

Die arme zuckende Seele Noras berauschte sich an ihres Mannes Freude. Sie wollte vergessen, auf eine kurze Stunde vergessen dürfen um jeden Preis.

Hans suchte sie zu beruhigen. Er mochte solche Ausbrüche nicht. Ruhig schenkte er den Frauen ein, dann sich selbst, erhob sein Glas und sprach herzlich:

»Auf unsern Dreibund! Ich erneuere heute unsern Trinkspruch, den Nora uns damals im Walde hielt: Wir drei Menschen sollen leben und fest zusammenhalten in Freud und Leid!«

»Sollen wir?« fragte Rahel zögernd.

»Wir sollen,« sprach Hans fest.

»Wir sollen,« wiederholte Nora. Ein Schleier lag wieder dicht vor ihren Augen, Sie stieß fest zu aufs Geratewohl – Rahels Glas zersprang.

»Ein böses Omen!« murmelte sie.

»Unsinn, Kinder!« rief der Doktor. – »Wie kann man so abergläubisch sein?«

Er stand auf, um für Rahel ein neues Glas zu bringen.

Schweigend und prüfend sahen die beiden Frauen einander an. Es war ein geheimes Abwägen, ein Schätzen ihrer beiderseitigen Kräfte.

Wie Feinde vor dem Kampf! dachte Nora schmerzlich. Mein Gott, wie ist das bitter.

»Mir scheint, Hans überschätzt uns beide!« sagte Rahel leise.

»Vielleicht,« gab Nora ebenso zurück. »Ein Grund mehr, daß wir ihn nicht enttäuschen dürfen.«

Sie waren beide traurig und niedergeschlagen. Da kehrte Hans wieder.

Er füllte das Glas bis an den Rand und reichte es Rahel.

»Glück auf zu deiner Reise!« sprach sie mit funkelnden Augen.

»Frei sein ist alles!« sagte er ruhig.

Nora grübelte über diese rätselhaften Worte, da küßte er sie und gleich darauf Rahel.

Rahel preßte die Lippen zusammen. Nora fühlte, wie Rahel der Atem aussetzte.

Nicht denken, nicht denken heute, dachte sie, nur leben, glücklich sein, sich freuen! Sollte ich, die Halbblinde, wirklich die einzig Sehende unter euch sein?

Sie trank ein Glas um das andere; eine zweite Flasche wurde gebracht. Nora war in einer gesteigerten Gefühlsverfassung, von sprühend schmerzlicher Lustigkeit.

Welches ist nun die echte Nora? dachte Rahel, die von gestern und all diesen Tagen oder die heutige? Sie fand sich nicht mehr in ihr zurecht.

Nora sah und fühlte jede Gefühlsphase in Rahel. Der tolle wehe Übermut der Gefangenen hatte sie ergriffen, denen eine armselige Stunde Freiheit vergönnt ist, und die nicht wagen, nach der unerbittlichen Uhr zu blicken, aus Furcht, die Stunde sei abgelaufen. Sie überbot sich selbst an geistreichen Einfällen und humorvollen Paradoxen, und sie wußte, daß der Kerkermeister mit dem rasselnden Schlüsselbund hinter ihr stand und ihr bald die enge Zelle öffnen werde.

»Ist es nicht so, Hans,« fragte sie, »daß alle Ideen, die man bis zu ihrer äußersten Konsequenz durchdenkt, sich in ihr Gegenteil verkehren?«

»Wie kommst du darauf?« fragte der Doktor.

»Es fiel mir so ein. Sehende können blind sein und Blinde sehend in einem tieferen Sinn. Lebende können tot sein, und wer da recht stirbt, der hat das ewige Leben, lebt also eigentlich. Die Ersten werden die Letzten sein und umgekehrt. Nur der besitzt in Wahrheit, der bereit ist, nicht zu besitzen. Nur der ist Künstler, der sich in Demut nicht dafür hält, und so weiter und so weiter.«

»Halt, halt!« rief Hans, »das ist ja ein wahres Kreuzfeuer! So schnell geht das nicht,«

»Mir scheint, der Champagner tut seine Wirkung an dir, Nora,« sagte Rahel mit kühlem Lächeln. »Wer viel redet, ist eigentlich schweigsam, und wer schläft, hat das beste Teil erwählt. Darum, denke ich, werde ich mich allerseits empfehlen. Gute Nacht.«

Sie erhob sich und reichte ihnen die Hände.

»Das war ein fremder Ton!« sagte Hans.

Nora lachte nervös, »Ach, das ist nichts, die Art kenne ich an Rahel,«

Hans hatte Rahel verstanden. Er schwieg nachdenklich. Hatte er ihr zu viel zugemutet?

Völlig ernüchtert ging Nora zu Bett. Die qualvoll enge schreckliche Zelle mit dem ewigen Rundlauf derselben folternden Ideen hatte sich hinter ihr geschlossen.

Nach zwei Tagen verreiste der Doktor. Nora hatte ihn auf den Bahnhof begleitet. Wie sehe ich dich wieder? fragte sie sich, immer von neuem. Wird es schlimmer um mich stehen? Werde ich die Kraft haben auch ferner zu schweigen? Wird Rahel überwunden haben?

Sie schien ruhig, ja heiter. Sie sprach unbefangen mit Hans von der schönen Zeit, die ihm bevorstände, sie nahm herzlichen Abschied von ihm, aber als sich der Zug in Bewegung setzte, als Hans sich noch grüßend hinauslehnte, da war es mit ihrer Kraft zu Ende. Ein Ausdruck namenloser Qual verstörte ihr Gesicht, und ein großer verlorener Blick, so dürstend, so sehnsuchtsvoll, sah dem Doktor nach, daß er erschrak. Er beugte sich weiter vor aus dem Fenster und warf ihr einen Handkuß zu. Da lächelte sie wieder. Hans hatte sich sicher getäuscht. Beruhigt schob er das Coupéfenster zu und zündete eine Zigarre an.

Er war mit sich im reinen, darin hatte Rahel richtig gesehen. Er liebte Nora fest und treu, aber Rahels siegreiche Schönheit und Rahels Liebe, die sich ihm wie ein Blitzlicht offenbarte, hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, hatte ihn überwältigt, war er sich doch einen Moment kaum klar gewesen, ob er Maria, ob er Rahel vor sich hatte. Er war seinem augenblicklichen Impulse gefolgt und war Nora die volle Wahrheit schuldig, das war ihm klar, aber zuerst sollte noch einige Zeit darüber hingehen, zuerst sollte sich Rahels Leidenschaft geschwisterlicher zu bewußter hoher Freundschaft abklären. Würde das geschehen? Er wußte es nicht. Seine Abwesenheit könnte dazu beitragen, gewiß, und dann nach seiner Rückkehr würde es sich erweisen, ob sie alle drei in Frieden und Harmonie beieinander bleiben könnten oder nicht. Er wünschte es um Noras, um Rahels, ja auch um seinetwillen – er war Rahel von Herzen gut.

Welcher Mann wäre der Liebe eines schönen Weibes gegenüber jemals völlig gleichgültig gewesen? Hans Rehder war ein hochstrebender guter Mensch, aber er war eitel, und unwillkürlich beschäftigten sich seine Gedanken mehr mit Rahel, als er, streng genommen, Nora gegenüber verantworten konnte.

Vor allem sollte Nora vorläufig nichts von diesen Dingen erfahren. Sie sollte Ruhe haben. Er nahm sich vor, Nora täglich zu schreiben und seine Sinne, die einmal mit ihm durchgegangen waren, fest im Zaume zu halten. Nie wieder sollte es zu solch einem Ausbruch kommen, nein, nein, nie wieder!

Nora war noch einige Minuten auf dem leeren Bahnsteig stehen geblieben.

Nun wandelte sie langsam und ruhig den Hauptweg entlang. Über ihr schwankten und rauschten die Föhren, und ihre roten Stämme leuchteten im Abendsonnengold.

Sie fürchtete sich vor dem Alleinsein mit Rahel, und das Herz war ihr schwer.

Ein allgemeines Gespräch, an dem beide ein gleiches warmes Interesse hatten, kam jetzt nicht mehr auf?

Überall stieß man auf Mauern und Wälle, die nicht sichtbar, nicht greifbar, aber nichtsdestoweniger vorhanden waren, um so mehr, je zartfühlender veranlagt die beiden Frauen waren.

Noras dramatische Kunst betrachtete Rahel als unberechtigten Eindringling in ihr Eheglück. Das war ihr geradezu unsympathisch, und Nora fühlte das instinktiv.

Über ihr schönes Verhältnis mit Hans wagte Nora nicht zu sprechen. Wie sollte ein Reicher neben dem Armen von seinen Schätzen reden, der Schiffbruch gelitten hatte? Wie sollte Rahel überwinden, wenn Nora über Hans und das Glück, das er ihr gab, sprach? Oft schon hatte Nora Rahel bitten wollen, ihr von ihrem verstorbenen Knaben zu erzählen, dessen Bild Rahel immer bei sich trug, aber sie fürchtete damit einen wunden Punkt unsanft oder unzeitgemäß zu berühren. Über Religion empfanden die beiden zu verschieden. Nora war Religion Herzenssache, Rahel verhielt sich ablehnend kritisch dazu. Gemeinsame Bekannte hatten sie nicht. Noras Kollegen interessierten Rahel nicht. In der Literatur hatte Rahel ein weit umfassenderes Verständnis und eine ganz ausgesprochene Geschmacksrichtung. Die Humoristen wie Charles Dickens, an denen sich Nora herzlich erfreute, schalt Rahel sentimental; kurz, welches Thema sie auch anschlagen mochten, überall versagte die so wohltuende gleiche Auffassung, und dennoch waren sich die beiden Frauen von Herzen gut, dennoch waren alle diese Dinge nichtig und belanglos, wenn nur die Grundtöne ihres Wesens harmonisch gestimmt gewesen wären wie zuvor. Namentlich Nora liebte Rahel mit zärtlicher Bewunderung und Hochachtung.

Es blieb ihr nichts weiter übrig, als Rahel ihre Freundschaft in tausend zarten Kleinigkeiten immer wieder zu zeigen, und die stolze Natur Rahels litt unter diesem Reichtum. Sie, die es noch immer wagte, trotz der bittersten Kämpfe Noras Eigentum zu lieben, sie wollte nicht von Nora geliebt und verwöhnt werden. Im tiefsten Grunde hatte sie selbst Nora weit lieber, als es schien. Nora verstand sie auch darin und fand es natürlich, daß Rahel sich ablehnend zu ihr verhielt. So war es auch natürlich, daß sich nichts änderte.

Und der fremde falsche Ton zitterte fort und klang ängstlich durch die beiden wunden Seelen.

 

* * *

 

»Ich will meiner Augen wegen zum Arzt,« sagte Nora eines Tages leichthin zu Rahel. »Kommst du mit zur Stadt?«

Rahel warf einen raschen Blick auf Nora, »Geht's dir schlechter, hast du Schmerzen in den Augen?«

»Schmerzen nicht gerade, aber gut steht's mit meinen Augen nicht, trotzdem ich sie so gewissenhaft geschont habe! Kommst du mit?«

»Ach nein!« sagte Rahel lässig. »Ich habe einige Briefe zu schreiben. Übrigens, wenn ich dir irgendwie behülflich sein kann . . .«

»Danke, ich brauche nichts, und speisen kann ich im Restaurant. Auch denke ich in fünf bis sechs Stunden zurückzusein. Auf Wiedersehen also.«

»Auf Wiedersehen.«

Rahel sah kaum von ihrem Buche auf.

Kaum war indessen Nora gegangen, so legte sie es nachdenklich aus der Hand.

Es muß ihr doch weit schlechter gehen, da sie sich dazu entschließt, einen Arzt zu konsultieren, noch dazu in Hans' Abwesenheit. Sie hat gegen medizinische Dinge eine große Abneignung. Ob ich sie nicht noch einhole?

Sie blickte aus dem Fenster und sah Nora im Gespräch mit Jakob Schauer an der Gartenpforte stehen. Sie war sehr bleich und knitterte heftig ihr Taschentuch zusammen.

Rahel setzte ihren Hut auf, steckte ihre Handschuhe zu sich und trat wie von ungefähr in den Garten.

»Gebt mir ein gutes Wort mit auf den Weg, ich fahre in die Stadt,« hörte sie Nora sagen.

»Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hülfe in den Nöten, die uns getroffen haben,« sprach Jakob Schauer laut und sah sie verklärt an.

Da geschah etwas Sonderbares: Nora schluchzte heiß und trocken auf und küßte den wunderlichen Gesellen rasch auf die Stirn. Dann schritt sie eilig davon.

Rahel war erschüttert stehen geblieben.

Sie wagte nicht zu folgen. Verträumt sah Jakob Schauer der hohen schlanken Gestalt nach. Um seinen breiten Kindermund spielte ein glückseliges Lächeln.

Schüchtern, wie es nicht ihre Art war, ging Rahel auf ihn zu. Sie mußte wissen, was Nora ihm gesagt hatte. Sie faßte sich ein Herz und sah ihn unbefangen an.

»Wißt Ihr, wohin Frau Rehder gegangen ist?« fragte sie.

Er sah sie verloren an. »Sie wollte . . . in die Stadt fahren,« sagte er hülflos.

»Aber wozu? Wozu?« drängte Rahel ungeduldig. Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Sollte sie Nora noch einholen oder nicht?

»Sie hat mir nichts gesagt . . .« erwiderte Jakob Schauer, »sie hat aber großen Kummer, ja großen Kummer . . .«

»Woher wißt Ihr?«

»Ich weiß,« sagte er mit ruhiger Bestimmtheit. »Ihre Seele ist zerschlagen und liegt am Boden und ringet mit dem Herrn – schon lange . . .«

Seine hellen Augen sahen mit seltsamem Glanz weit in unbekannte Fernen hinaus – er schien Rahel vor sich nicht zu bemerken.

»Und . . . wer ist schuld daran?« fragte sie zitternd.

»Wer ist schuld daran?« wiederholte er wie im Traum. »Ich will es dir sagen,« fuhr er geheimnisvoll fort und näherte sein Gesicht dem ihrigen auf Spannweite – »auch du bist schuld daran, auch du . . . schöne Dame . . .«

Rahel wurde bleich. Was sagte der Mann? Er war ja irrsinnig. Einen Irrsinnigen hörte sie an – und er duzte sie . . . Sie kehrte sich heftig ab von ihm, lachte bitter und ging in das Haus zurück.

Sie verbrachte qualvolle Stunden voller Seelennot und Grübeleien. Wenn das wahr wäre, wenn Nora irgendwie durch sie litt, so mußte sie fort. Sie mußten sich trennen. Hier gab es nur ein Entweder – Oder. Sie war nicht dazu da, um Nora wehe zu tun, sie hatte nicht das Recht dazu. Nora war ihr liebevoll entgegengekommen, sie hatten einander liebgewonnen, sie hatten sogar Freundschaft miteinander geschlossen, und dennoch waren sie nicht froh. Das geheime Bewußtsein, daß sie Hans noch immer liebte, verletzte Rahels Stolz. Nach außen hin verbarg sie es unter einer schroffen Art sich zu geben. Dabei war sie noch immer überzeugt, Nora kenne die Ursache ihrer Schroffheit nicht. Da sie sich aber mit ihr darüber nicht verständigen durfte, gab es nur einen Ausweg – Flucht. O, ihr fiel das nicht leicht, sie hing mit allen Fasern ihres heimatlosen Herzens an den beiden Menschen, aber gerade aus Freundschaft zu Nora mußte sie fliehen. Sie mußte und sie wollte. Mochte Nora sie herzlos schelten, mochte sie mißverstanden werden, sie wußte, was sie zu tun hatte, und sie würde gehen. Gerade jetzt, gerade in Hans' Abwesenheit. Ihr Entschluß stand fest. Noch heute würde sie ihn Nora mitteilen. Jakob Schauer war ein wehrloser irrsinniger Dummkopf, aber in einer Hinsicht hatte er recht: sie quälte Nora durch ihre Art, sich zu geben oder vielmehr nicht zu geben, und so mußte sie gehen.

Als sie Jakob Schauer am Nachmittag begegnete, saß die zahme Dohle auf seiner Schulter und krächzte. Er zog höflich grüßend seine Mütze und bot Rahel einen Strauß Feldblumen. An seinem abwesenden Blick sah sie, daß er den ganzen Vorgang vergessen hatte.

Nora saß allein. Sie hatte sich still in die Polster des Eisenbahncoupés gedrückt und überließ sich ihren stürmenden Gedanken.

Heute im Dunkel der Nacht, in den vielen schlaflosen Stunden verzweifelter Angst und Qual, hatte sie den Entschluß gefaßt, zum Augenarzt zu gehen und ihr Urteil zu holen, es möge lauten, wie es wolle. Diese Ungewißheit war nicht länger zu ertragen. Sie wollte dem Feind tapfer ins Auge sehen und vielleicht – die Hoffnung hatte sie ja immer noch – vielleicht war ihre Angst umsonst gewesen. Wer gab ihr dann all die verlorenen Stunden wieder?

Sie betrachtete nachdenklich ihre langen eiskalten Hände. Heute sah sie so klar wie jemals und unterschied scharf und deutlich das blaue Geäder, und die geringsten Zeichnungen der weißen schimmernden Haut. Ihr Herz tat einen großen Schlag der Erleichterung. Gewiß, der Doktor würde sie auslachen wegen ihrer Ängstlichkeit, und sie wollte sich gern auslachen lassen. Wie herrlich sollte dann die Rückfahrt werden! Ihr wurde weit und warm ums Herz. Sie wollte Rahel eine Freude machen und ihr die Werke Dostojewskys, die sie sich wünschte, mitbringen. Sie würde ihr Blumen bringen, einen ganzen Korb voll, und dem Jakob Schauer würde sie einen neuen Anzug kaufen und ihrer treuen Minna eine Jacke. Sie malte sich den Spaß aus, den sie dabei haben sollte – ja wenn Rahel sich nur ein klein wenig freute, so war sie selbst königsfroh – es war ja solcher Vorzug, schenken zu dürfen!

Sie zündete eine Zigarette an und rauchte in Gedanken verloren. Ihr Herz klopfte ruhiger – sie schloß die Augen und spann die silbernen Gedankenfäden weiter. Und wenn alles gut ging, dann würde sie auch Fräulein Klementine Müller und ihre Schwester aufsuchen und ihnen Glück wünschen zur Erbschaft. Sie lächelte. Sie konnte sich die beiden alten Jüngferchen durchaus nicht als reiche Erbinnen denken; auch das Reichsein und Befehlen will geübt und gelernt werden.

Rahel – ja die war eine geborene Herrschernatur. Nora konnte sie sich nicht vorstellen in ärmlichen Verhältnissen . . .

Wenn Rahel in einer Dachstube wohnen und sich irgendwie ihr Brot verdienen müßte, es käme jedem doch nur wie eine zeitweilige Maskerade vor -– ebenso ungehörig wie die Reichtumsapanage bei den beiden alten Schwestern.

Nora öffnete wieder die Augen, Ihr wurde eisigkalt: da lag wieder der schwere dicke Nebel in den Ecken ihres Gesichtsfeldes. Sie sah nur ein ganz kleines Eckchen der grünen vorbeifliegenden Sommerwelt vor sich im Rahmen des Coupéfensters.

Ihr Herz klopfte wild und rasch, und ein lähmender Schrecken kroch langsam und dumpf durch ihre Glieder. Sie zog den Schleier dicht herab und starrte verzweifelt vor sich hin. Jetzt . . . jetzt war's wieder vorüber . . . sie atmete erleichtert auf. Rigas Türme blinkten.

Der Zug fuhr in die Bahnstation ein. Nora eilte rasch durch die sich drängenden Menschen. Einen Augenblick später saß sie in einer Droschke und nannte dem Kutscher die Adresse: »Doktor Braunschweig, Thronfolgerboulevard, 6.«

Sie stieg die vornehme Treppe hinauf und trat in den Wartesalon.

Ein Knabe mit roten entzündeten Augen saß stumpf auf einem Stuhl neben der Tür und baumelte mit den Beinen.

Zwei junge Mädchen, von denen das eine arg schielte, besahen lustig plaudernd ein Album, Bei Noras Eintritt erhoben sie sich und grüßten artig. »Nora Selden,« flüsterte die eine der andern vernehmlich zu und beide wurden mäuschenstill.

Nora nahm auch ein Album zur Hand und begann zu blättern. Sie konnte die Bilder nicht unterscheiden, der schwammige Nebel verhüllte alles.

Nun ging die Tür zum Kabinett des Arztes auf, und ein einfacher Mann, der offenbar an Trachomen litt, kam heraus. Er hielt die Hand schützend über den Augen.

Die schielende junge Dame wurde hineingebeten. Nach fünf Minuten kam auch sie wieder, und der Knabe folgte.

Eine bange Viertelstunde verging. Der Wartesalon hatte sich inzwischen wieder gefüllt.

Nun war nur noch das eine junge Mädchen im Kabinett, und Nora fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Die nächsten fünf Minuten sollten über ihr Schicksal entscheiden. Sollte sie . . . wirklich dableiben? War die Ungewißheit nicht doch noch erträglicher als völlige Hoffnungslosigkeit?

Nora blieb sitzen wie betäubt. Warum marterte sie sich mit so entsetzlichen Vorstellungen? Ein vorübergehendes Augenleiden brauchte doch nicht hoffnungslos zu sein . . .

Wieder öffnete sich die Kabinettür, und die Stimme des Arztes ertönte hell und scharf:

»Bitte, wer ist jetzt an der Reihe?«

Schwankend erhob sich Nora. Mit einer übermächtigen Anstrengung setzte sie ihr konventionell liebenswürdiges Gesicht auf und ging zur Tür.

»Ah meine liebe verehrte gnädige Frau – habe ich auch einmal das Vergnügen, Sie zu sehen! Nun, was macht der Herr Gemahl? Ist auf dem Kongreß in Berlin, hab' schon gehört – na, der ist auch der würdigste Vertreter seines Fachs in den Ostseeprovinzen!«

Lächelnd und liebenswürdig stand der Doktor vor Nora. Er hielt noch immer ihre Hand.

»Sie sehen ein wenig angegriffen aus, gnädige Frau.«

»Mir geht's seit einiger Zeit nicht gut mit meinen Augen, lieber Doktor,« sagte Nora mühsam, – »ich hab' sie zwar den ganzen Sommer äußerst geschont, aber besser ist's nicht geworden.«

»So, so so?« sagte der Doktor, »ja, das Rollenstudium greift freilich an, Sie sind vielleicht ein wenig kurzsichtig geworden. Na, wir wollen gleich sehen.«

»Mir ist einmal vor längerer Zeit eine Kulisse auf den Kopf gefallen,« ergänzte Nora, »seitdem fingen die Augenbeschwerden an.«

Er nahm den Augenspiegel zur Hand und prüfte aufmerksam und gründlich.

»Bitte ein wenig mehr zur Seite,« sagte er – »so, danke.«

Wieder prüfte er Noras Augen mit äußerster Sorgfalt. Sein gutes joviales Gesicht wurde sehr ernst.

Nora setzte der Atem aus. Die Veränderung in seinem Mienenspiel war ihr nicht entgangen.

»Bitte, Doktor,« sagte sie heiser, – »sagen Sie mir die volle Wahrheit: was fehlt meinen Augen? Ich bitte Sie dringend um die volle Wahrheit.«

»Sie haben periodische Nebelerscheinungen, ein Flimmern und Funkensprühen – nicht wahr?«

»Ja, ja!« rief Nora.

»Seit wie lange?«

»Seit etwa drei Monaten! Ich bitte um die Wahrheit, Doktor!«

»Es wäre mir lieber, wenn ich mich zuerst mit meinem Kollegen, Ihrem Herrn Gemahl auseinandersetzen könnte.«

»Doktor,« sprach Nora in gurgelndem Ton – »foltern Sie mich nicht länger – muß ich blind werden . . .?«

Sie war aufgesprungen, sie stand da weiß bis in die Lippen.

Der Arzt sah sie traurig an. »Ja!« sprach er endlich leise. »Es ist eine ausgesprochene Atrophie des Sehnervs.«

Nora mußte sich setzen. Ihr Haupt hing ihr kraftlos hintenüber. Sie atmete schwer.

»Wieviel Zeit geben Sie mir noch?«

Der Doktor reichte ihr ein Glas Wasser. Ihre Zähne schlugen an das Glas wie im Fieber. Sie trank hastig.

»Wieviel Zeit geben Sie mir noch?« wiederholte sie.

»Das kommt darauf an. Wenn Sie Aufregungen vermeiden, kann es ein, kann es zwei Jahre dauern, sonst früher,«

»Und ist keine Rettung, keine Operation möglich?«

Er zuckte schweigend die Achseln.

»Liebe gnädige Frau – ich bitte Sie . . .«

Das Herz tat ihm weh.

Nora blieb noch einige Minuten sitzen, Ihr war, als ob alles Leben in ihr langsam zu Stein erstarrt wäre. Endlich erhob sie sich und machte einige Schritte.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie, »aber ich bitte Sie um Ihr ärztliches Ehrenwort, die Sache zu verschweigen.«

»Selbstverständlich, gnädige Frau. Aber nein, noch können Sie nicht gehen, ich bitte Sie, strecken Sie sich eine Viertelstunde lang auf meine Couchette hier aus. Bitte, gnädige Frau.«

Nora legte sich nieder.

»Ich hätte manchem starken Manne die Seelenstärke gewünscht, die Sie soeben gezeigt haben,« sagte der Doktor.

Er beugte sich über Noras eiskalte Hand und küßte sie.

Nora schwieg. Einige Minuten verstrichen.

»Gott sei mir gnädig!« sprach sie endlich laut.

Ihr war so still zumut, als läge sie tief unten im Meeresgrunde, als hörte sie das Brausen der dunkelgrünen Wogen über sich in endloser Ferne, als sei sie längst von allen Lebensstürmen abgeteilt und fern.

»Mir ist, als sei ich versunken!« sagte sie mit erstorbenem Ton – »mein armer, armer Mann . . .«

Sie lag noch einige Minuten still. Dann stand sie auf.

»Ich will Sie nicht länger aufhalten, Doktor, ich danke Ihnen, daß Sie mich der Wahrheit wert hielten.«

Sie reichte ihm beide Hände und schritt langsam zur Tür.

»Soll ich Ihnen nicht eine Droschke besorgen?« fragte der Doktor teilnahmsvoll.

»Ich danke. Noch sehe ich genug, um meinen Weg zu finden.«

Sie durchschritt das Wartezimmer, sie ging die Treppe hinunter und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Nun stand sie auf der Straße. Mit einer gewissen dumpfen Neugier sah sie sich um.

Also so sah die Welt aus, die sich bald in ewiges Dunkel für sie hüllen würde?

Die Augustsonne schien warm in die Straßen und beleuchtete liebevoll die hohen Häuserreihen.

Nora ging mit zitternden Knien einige Schritte vorwärts. »Also blind!« sagte sie mehrmals halblaut vor sich hin. »Warum nicht lieber tot?«

Sie wurde von einigen Passanten höflich gegrüßt.

»Wißt ihr, meine guten Herren,« murmelte sie leise, »daß Nora Selden nächstens blind wird? Blind! Das klingt so ungeheuer einfach, nicht wahr? Es spricht sich so leicht aus – und ist doch ungeheuerlich! . . . Würdet ihr die blinde Nora Selden auch grüßen? Ach nein, das lohnt sich nicht – Gestorbene grüßt man nicht mehr. Merkwürdig – tot sein und doch lebendig – mehr tot als lebendig! Blind sein und sehend . . . es ist eine kuriose Welt. Meine Paradoxen sind schrecklich wahr . . .«

Sie schritt schneller vorwärts.

Dort gegen den blauen Himmel erhob sich leuchtend das Theatergebäude, inmitten grüner Parkanlagen.

Wer wird dann an Nora Seldens Stelle auf den Brettern stehen? Wem wird nun das Publikum zujubeln? dachte sie mit einem seltsamen dumpfen Erstaunen. Nun, ich werde es ja sehen, nein, hören, verbesserte sie sich. Meine liebe heilige Kunst, mein bist du und mein bleibst du, wenn ich dich auch nicht mehr ausüben darf. Tote Künstler sind auch noch Künstler . . . oder sind sie es nicht?

Sie dachte angestrengt nach. Ich werde leben, tot für die Kunst, aber lebendig in der Kunst. Sie bleibt dennoch mein und ich ihr eigen. Aber Hans? . . Aber Rahel?  . . . flackerte es wieder durch ihren Sinn. Solange mich Hans liebt, lebe ich – – »Ja, ich lebe!« sprach sie heiß, energisch vor sich hin.

Da kam ihr eine graugekleidete kleine muntere Dame geschäftig entgegengeflattert.

»Nein, aber welche Freude!« rief eine wohl bekannte Stimme, »Meine liebe Frau Nora Selden, entschuldigen Sie, Frau Doktor Rehder.«

Es war Fräulein Klementine Müller.

In der Erinnerung, selbst noch nach vielen Jahren blieb dieser Augenblick wie ein geller Mißton in Noras Gemüt haften. Die Anstrengung, die sie jetzt machte, gab ihr einen Riß durch die wunde Seele.

»Liebes Fräulein Müller,« sagte Nora mit zuckenden Lippen, »ich habe Ihnen zu gratulieren. Sie haben eine große Erbschaft gemacht.«

»Eine halbe Million!« rief Fräulein Klementine emphatisch. »Und denken Sie nur, zweimalhunderttausend Rubel haben wir schon ausgezahlt bekommen. Ich kann mich noch gar nicht fassen! O, Sie kommen doch heute zu uns, nicht wahr? Sie müssen uns durchaus besuchen. Unser neues schmuckes Quartierchen müssen Sie doch sehen – wir wohnen jetzt Parterre, wissen Sie, in demselben Hause, ach und die Menschen überlaufen uns alle Tage mit Bittschriften und Betteleien. Dem dicken Portier zahlen wir schon wöchentlich ganze fünf Rubel Trinkgeld, nur damit er uns die vielen Menschen vom Leibe hält! Nein aber, Sie kommen doch gleich mit, nicht wahr? Fuhrmann!«1 rief Fräulein Klementine mit spitzer kreischender Stimme. »Wir fahren gleich hin – Mein Gott, was macht mir jetzt eine Droschke aus?«

Sie war ganz außer Atem.

»Ich danke Ihnen herzlich, liebes Fräulein,« sagte Nora – »ich bin sehr eilig, ich muß noch heute zurück nach Oger. Ich werde erwartet.«

Fräulein Klementinens Gesicht wurde lang. Die Droschke war inzwischen angerasselt.

»Nein, nein!« rief sie und winkte hastig ab – »es ist nicht nötig.«

Der Kutscher fing an zu schimpfen.

»So? nicht nötig?« wiederholte er grob. »Weshalb haben Sie mir denn gewinkt?

Fräulein Klementine suchte aufgeregt nach ihrem Portemonnaie.

»Ach Gott,« sagte sie weinerlich, »ich habe bloß große Scheine drin.«

Nora zog rasch ihre Börse, »Bitte, verfügen Sie über meine Tasche.«

»Nein, aber wirklich, das ist mir äußerst peinlich!« jammerte Fräulein Klementine.

Endlich nach langem Suchen zog sie ein Zehnkopekenstück und reichte es dem Kutscher. Er steckte es brummend ein. Einige Menschen waren lachend auf dem Trottoir stehen geblieben.

»So machen Sie mir wenigstens die Freude und speisen Sie mit mir bei Kroepsch!« rief Fräulein Klementine von einer neuen glänzenden Idee beseelt. »Oder im Hotel de Rome, oben? Wir frühstücken dort alle acht Tage, ja und einmal haben wir sogar Champagner getrunken!« kicherte sie vergnügt.

»Was essen Sie gern? O es ist da fein!« rühmte Fräulein Klementine andächtig. »Hummern gibt's da – nicht eingemachte, nein ganze – so groß« – Klementine zeigte die Größe der Hummern an ihrem nagelneuen grauseidenen Sonnenschirm – »und Kaviar und Meloneneis und Ananas und weiß Gott nicht was noch.«

»Ich danke Ihnen wirklich, liebes Fräulein Müller,« sagte Nora, »ich habe keinen Appetit, und mein Kopf schmerzt.«

»Oh!« Fräulein Klementinens Stimme drückte tiefes Mitgefühl aus. »Da sollten Sie sich aber ein Weilchen bei uns ausruhen, wir haben so ein schönes weiches rotseidenes Couchettchen, ich werd' es Ihnen ganz dunkel machen, so recht gemütlich, wissen Sie . . . Es ist eigentlich jammerschade, daß Sie uns in unserem Dachstübchen nicht gekannt haben, dann erst würden Sie deutlich sehen, wie sehr wir uns verbessert haben. Sie tun mir die Liebe und kommen, nicht wahr?«

»Hilf Himmel und gib Geduld!« flehte Nora in ihrem Herzen. Laut sagte sie:

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Fräulein Müller, ich komme ein andermal ganz sicher. Heute bin ich etwas abgespannt.«

Endlich ließ das unermüdliche Fräulein Klementine nach und schickte sich nach vielem Händeschütteln und nochmaligem Bedauern zum Weitergehen an. Nach ein paar Schritten kam sie aber wieder zurückgelaufen und rief: »Von nun an gehören wir zu den regelmäßigen Theaterbesuchern. Wir haben eine Loge abonniert, denken Sie nur, und wir freuen uns riesig, Sie so oft als möglich spielen zu sehen.«

Nora gaben diese harmlosen Worte einen scharfen Stich ins Herz. Nach nochmaligem intensiven Händeschütteln war sie endlich wieder allein.

Sie preßte ihre Hand aufs Herz und stöhnte: »Zuviel! Großer Gott, zuviel!«

 

* * *

 

In aufgeregter Erwartung flossen für Rahel die Stunden dahin. Zwanzigmal wohl war sie ans Fenster getreten, um zu sehen, ob Nora denn noch immer nicht käme. Ihr Entschluß, in den nächsten Tagen abzureisen, stand unweigerlich fest, aber sie fand keine Ruhe in dem bloßen Bewußtsein, daß sie gehen wolle, sie mußte den schweren Stein, den sie immer wieder in Gedanken mühsam den Berg hinaufwälzte, auch Nora gegenüber festlegen, damit er nicht wieder ins Rollen kam. Sie mußte Nora ihren Entschluß sagen – sie wußte, daß sie dann dabei bleiben würde.

Endlich kam Nora. Mit ruhigem müdem Ausdruck trat sie durch die Gartenpforte und kam auf das Haus zu. Rahel war aufgesprungen, setzte sich aber wieder – ihr Herz klopfte gar zu unbändig.

Nora trat ins Zimmer. Ihr Gesicht war seltsam still. Rahel erhob sich und trat auf sie zu.

»Was hat der Arzt gesagt?« fragte sie.

Nora antwortete nicht. Sie legte die Arme um Rahels Schultern und sah sie mit tiefem, weichem Blick an.

»Wie bist du schön, Rahel! Laß mich dich ansehen, lange, lange, damit ich mir deine Züge für alle Zeit einpräge.«

Rahel mußte sich sammeln. Auf solch eine Ansprache war sie nicht gefaßt gewesen. In ihren Zügen arbeitete und zuckte es.

»Kind,« sagte sie wehmütig, »wir beide haben uns gegenseitig gequält, ich hab' dir wehe getan, ach wie oft! Das darf nicht sein, dazu bist du mir zu lieb, verstehst du? Nun, um es kurz zu sagen,« fuhr sie entschlossen fort – »ich will morgen abreisen, mein Entschluß steht fest.«

»Du willst . . . fort . . . von uns?« sprach Nora leise.

Sie hatte sich gesetzt und nahm ihren Kopf fest in beide Hände. Sie sah elend und verstört aus. Der Anblick schnitt Rahel ins Herz.

»Es ist besser so« – sagte Rahel – »ich bin eine unruhige, stolze sensitive Natur, wir verstehen uns in manchen Punkten nicht, ich tu' dir oft weh – hab' liebkosend in ihre Hände. Sie streichelte sie wie eine Mutter ihr krankes Kind.

»Ich danke dir für dein großes Vertrauen und für deine Liebe,« sagte sie endlich.

Nora hob den müden Kopf. »Du wirst nicht mehr fort . . .?«

Rahel stieg es heiß in die Augen. »Wie kannst du fragen? Meine Augen gehören fortan dir, Nora.«

So war das Eis gebrochen. Ein großes Unglück, das die eine traf, hatte die beiden Frauen einander endgültig und ganz genähert. Ein großes Unglück war wie ein Wirbelsturm verheerend in unebenes Land eingebrochen, hatte geglättet und geebnet. Es hatte einen anderen Maßstab gebracht. Was früher groß und bedeutend erschien, war nun klein und nichtig. Ein großes Unglück überbrückte wie eine große Liebe alle Verschiedenheiten und Ungleichheiten ihres Wesens und bereicherte beide. Es liegt Segen und Glück in solch großem Unglück. Es schärft das innere Auge und Ohr und weitet die Seele, nicht plötzlich, aber langsam, allmählich und sicher, und wer Ohren hat, der lernt fein hören und die tiefe Sprache des Unglücks verstehen.

Die vornehme großmütige Seele Rahels wuchs und weitete sich mit der zunehmenden Trübung von Noras Augen, und Nora lernte eine seltsame Lektion: daß das Nehmen ebenso natürlich und selig werden konnte wie das Geben, wenn das Geben, wie hier, mit der stillen zarten Anspruchslosigkeit des Nehmens gab.

So waren die beiden Frauen erst jetzt im eigentlichen Sinne Freunde geworden. Diese Freundschaft aber war unzerreißbar, fest und stark wie der Tod. Beide sahen sie mit der gleichen angstvollen Spannung der Rückkehr von Hans entgegen.

Noras Körperkraft hielt den seelischen Stürmen, die sie durchgemacht hatte, nicht mehr Stand. Sie sah zum Erschrecken bleich und durchsichtig aus und verbrachte viele bittere Nächte schlaflos. Rahel war zu ihr ins Zimmer gezogen und versuchte ihr über die qualvollen Stunden des einsamen Grübelns hinwegzuhelfen. Sie war glücklich, wenn sie Nora am Tage zum Schlafen bringen konnte, und auch heute war es ihr gelungen.

Von Hans kamen täglich Postkarten oder Briefe, und zu Donnerstag – heute war Mittwoch – hatte er seine Rückkehr angemeldet. Nora tat ihr möglichstes, um sich körperlich zu schonen und zu erholen. Hans durfte keinen so schrecklichen Eindruck von ihr erhalten. Er sollte sie gefaßt und ruhig finden.

Rahel hatte sie in den Schlaf gelesen, nun saß sie mit ihrem Buch in der Hand im Nebenzimmer und horchte aus Noras leise Atemzüge. Die Tür zu Noras Zimmer war nur angelehnt.

Da ertönten energische Tritte auf dem Gartenkies. Rahel blickte rasch durchs Fenster und wurde bleich. »Hans!« rief sie im Flüstertone. Aber schon trat Hans ins Zimmer.

Ihrer Sinne kaum mehr mächtig, streckte ihm Rahel abwehrend beide Hände entgegen.

»Leise, leise!« rief sie flüsternd. »Nora schläft!«

»Nun, so will ich sie wecken!« rief Hans mit der ihm eigenen Frische.

Sie fiel ihm in den Arm. Er mißverstand die Bewegung und schloß sie mit einem herzhaft brüderlichen Kuß in die Arme.

»Liebes Kind,« sagte er. – »Du siehst blaß und abgespannt aus!«

»Still!« flüsterte sie. Wie sollte sie ihm die gräßliche Wahrheit beibringen? »Wir erwarteten dich erst morgen . . .«

»Ich hielt es ja nicht länger aus,« sagte er – »aber wo ist . . .«

Sie ließ ihn nicht ausreden. Ihre weitgeöffneten Augen starrten ihn mit dem Ausdruck des Entsetzens an. Er wollte in Noras Zimmer – sie hielt ihn zurück.

»Einen Augenblick noch!« bat sie. Sie mußte sich am Tisch halten.

Er sah, daß sie schwankte, und fing sie in seinen Armen auf. Die Szene im Eisenbahncoupé stand wieder vor seiner Seele. Nein, er sollte sich nichts mehr vorzuwerfen haben.

»Aber Kind, Kind,« sagte er liebevoll-gehalten. »Was ist denn?«

»Nora geht es nicht gut . . .« sprach Rahel mühsam weiter. »Sie war beim Augenarzt.«

»Nun und?« fragte er.

»Ihre Sehkraft ist sehr getrübt.«

So. Nun war es heraus. Rahel sah ihn mit einem erloschenen Blick an.

Er stand da, als hätte er einen Schlag erhalten. Vor seiner Seele rissen nebelhafte Schleier und die heiße Sonne seiner echten großen Liebe brach strahlend hervor.

»Nora, Nora, mein Lieb,« rief er – »wo bist du?« Da trat ihm Nora entgegen mit seltsam suchendem Ausdruck voll weher Seligkeit.

»Hans!« jubelte sie auf – »Bist du endlich da?« Der Rest erstarb in leisem Schluchzen.

Sie lag an seinem Halse.

Er preßte sie an sich.

»Ist das wahr?« keuchte er. »Ist das wahr, Liebling?«

Sie nickte still. »Du wirst bald eine blinde Frau haben, Hans!« flüsterte sie. – –

Rahel war leise aus dem Zimmer geglitten.

 

* * *

 

Es war ein kühler trüber Herbsttag. Naßkalte gelbe Blätter rieselten unaufhaltsam von den Syringenbüschen über den Gartenkies. Es tröpfelte stetig vom grauen Himmel und gedämpft rauschten die Kiefern.

Rahel war zur Stadt gefahren, um an Noras Stelle den Umzug zu leiten. Die Tage des Landaufenthalts hatten sich ihrem Ende zugeneigt. Morgen schon sollten Rehders nach Riga ziehen.

Hans und Nora saßen beieinander auf der Veranda. Er hielt ihre Hand.

»Mir ist, als ob ich schon gestorben wäre,« begann Nora leise. »Worauf kann ich noch hoffen? Ich möchte dann gern auf einem einsamen hellen Stern sein und auf euch herabschauen dürfen, wie sich euer Leben weiter gestalten würde.«

»Gib dich nicht mit solchen Gedanken ab, Herz,« sagte Hans – »sie sind unfruchtbar.«

»Es könnte doch sein, daß ich früher dahinginge, Hans,« fuhr sie fort. »Weißt du, was mir dann ein lieber Gedanke wäre?«

»Nun?« fragte er.

»Wenn du Rahel heiraten würdest!«

Da war es heraus, das Ergebnis ihrer qualvollen krankhaften Grübeleien, die Entsagung, zu der sie sich in dem unnatürlich gesteigerten Seelenzustande in so vielen schlaflosen Nächten hindurchgerungen hatte.

Hans stand hastig auf und begann mit langen Schritten auf und abzugehen. Wie kam Nora auf diesen Gedanken? Hatte er es an Liebe fehlen lassen? Ahnte sie etwas von jenem momentanen unbeherrschten Ausbruch?

»Deine Frage ist verletzend, Kind,« sagte er. »Weißt du nicht, daß ich dich liebe, dich, dich und nur allein dich?«

Er hatte sich wieder neben sie gesetzt.

»Ach Hans,« begann Nora wieder und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Ich bin ja nur noch halb für dich da, und das wird noch schlimmer werden. Da habe ich mir denn gedacht, daß ich auf den Tod nicht zu warten brauchte – nein, laß mich ausreden,« fuhr sie fort, als er sich heftig bewegte – »sieh, ich hab' dich lieb genug, um zurückzutreten und in deinem Glück glücklich zu werden. Dein Leben an meiner Seite ist fortan nur Qual. Ich kann das nicht ertragen, Hans. Ich bitte dich, ich flehe dich an – gib mich frei!«

Er sah sie mit schmerzlichem Vorwurf an.

»Und heirate Rahel? Nicht wahr?« fuhr er bitter und gehalten fort. »O Kind, Kind! Und das nennst du Liebe?«

»Das ist Liebe!« sprach sie stark.

Er beugte sich über sie und nahm ihren Kopf zärtlich in seine beiden Hände.

Verdient, verdient! mußte er sich sagen. Jetzt durfte er, jetzt mußte er reden. Und er erzählte, treu und ehrlich, wahrheitsgemäß ohne zu beschönigen, noch zu entschuldigen.

»Das war meine Schuld, Nora!« schloß er, »und vielleicht war es auch noch Schuld, daß ich Rahel trotzdem bat, zu uns zu ziehen.«

Nora hatte still zugehört. Ihr war, als sähe sie schon von dem glänzenden Stern auf das Tun und Treiben ihrer Lieben herab, an dem sie keinen Teil mehr hatte. Die Wogen des Lebens brausten von ferne, erreichten sie aber nicht mehr.

»Ich finde alles so natürlich, so begreiflich, so selbstverständlich,« sagte sie müde – »von Schuld kann kaum die Rede sein.«

»Doch!« sprach er weich. »Soll denn der Mensch von vornherein auf Kampf verzichten? Aber auch deine Seele ist auf Irrwege verfallen. Lieb!«

»Auf Irrwege?« Nora schlug die Augen groß und weit auf. »Ist denn mein Vorschlag so unsinnig, Hans?«

»Ganz unsinnig und schwächlich dazu. Stelle dir doch den umgekehrten Fall vor: Ich würde blind und ich bäte dich, dich von mir zu trennen und einen anderen zu heiraten . . . Was würdest du tun?«

»Das ist etwas ganz anderes,« rief Nora aus ihrer Apathie erwachend. »Rahel ist aber nicht gleich viel wer, Rahel ist eben Rahel. Sie liebt dich – sie würde dich glücklich machen!«

Hans war bleich geworden. Noras Beharrlichkeit tat ihm weh.

»Ja, Rahel ist das A und O meiner Gedanken! spottete er bitter.

»Noch nicht, aber sie könnte es werden, wenn ich nicht im Wege stände!«

Wenn ich nicht im Wege stände! War es so weit gekommen in Noras kranker, wunder Seele?

Tiefes Schweigen. Leise rieselte der Regen nieder und aus der vollen Dachrinne plätscherte es klatschend in einen Blecheimer. Nora hörte ihr Herz pochen.

»Wir reden über diese Angelegenheit nie wieder,« sprach Hans mit zitternder Stimme. »Ich will dir aber eins sagen: Nicht du stehst unserm Glück im Wege, sondern Rahel, wenn du bei solchen Gedanken bleiben kannst.«

»Rahel? O nein!« rief Nora erschreckt.

»Dein armer kluger Kopf hat sich eine schöne Theorie ausgeheckt – sie stimmt aber nicht. Wir sind hier nicht auf dem Theater, Nora, sondern stehen im wirklichen ernsten Leben. Nicht Großmut hat dir diesen Gedanken eingegeben, sondern Kleinmut, das glaube mir.«

»Ich kann aber eure Großmut nicht ertragen!« weinte Nora.

»Siehst du wohl! Großmut nennst du einfache Liebe! Gibt es etwas Größeres und Einfacheres und Selbstverständlicheres als Liebe? Liebe will lieben, will geben – weiter nichts. Liebe denkt weder an Opfer noch Großmut, weil sie entgegenzunehmen oder zu üben etwas Selbstverständliches ist, Liebe ist frei, Liebling. Du aber bist unfrei. Werde frei!«

»Das wollt' ich ja doch!« klagte Nora.

Er lächelte. »Mein armes, armes, geliebtes Kind, wir müssen alle noch viel lernen vom Leben, wir sind Anfänger der großen Lebenskunst, aber wir sind ehrlich strebende Menschen. Wenn ich dich, Nora Selden, nicht liebte, sieh, dann könntest du von Großmut und Opfern reden, dann würde auch ich die Großmut deines Vorschlages bewundern – so aber . . .«

»Ja, liebe ich dich denn nicht?« rief Nora fassungslos.

»Ja, du liebst mich – aber du liebst mich nicht so sehr, daß du völlig eins mit mir bist. Wenn du ganz eins mit mir wärst, könntest du dich nicht von mir reißen wollen, denn damit reißest du mich selbst eben auseinander.«

Nora schlug die Hände vors Gesicht. Ihr schwindelte. Langsam flossen ihre Tränen. Sie schmiegte sich dicht an Hans. Wie viel hatte sie noch zu lernen!

Ja, sie hatte noch viel zu lernen. Sie war noch am Anfange der großen Lektion, daß Liebe alle Gegensätze ausgleicht. Was sie als Kraft des Entsagens in sich empfand, das war im Grunde – Schwäche. Zur rechten Kraft mußte sie sich noch durchringen. Viele Meilensteine gab es zu passieren, viele Stationen zu erreichen. Zu einem großen Opfer, das wie ein Einschnitt ihr Leben plötzlich veränderte, dazu war sie bereit. Wer daß das größte Opfer in dem täglichen Aufgeben aller Ansprüche besteht, auch des Anspruchs auf Eingriffe in ihr Schicksal – das hatte sie noch zu lernen.

Sie weinte heiß und still vor sich hin, und Hans hielt sie fest umschlungen.

Eine Gestalt verdunkelte den Eingang zur Veranda. Jakob Schauer stand da und zupfte schweigend an seiner Mütze.

»Was wollt Ihr?« fragte Hans freundlich.

»Ich kann nicht fort von hier,« murmelte Jakob Schauer, »ich möchte gern hier bleiben.«

»Das geht aber nicht, lieber Freund,« sagte Hans. »Wir ziehen morgen zur Stadt.«

»Dann möchte ich mit nach Riga,« sagte Jakob Schauer hülflos – »ich hab' die Frau Nora lieb . . . ich muß sie sehen.«

»Was wollt Ihr denn in Riga?«

»Die Minna hat mir gesagt, daß der Herr Doktor einen Garten hat, den könnt' ich bestellen, und im Winter könnt' ich das Schneiderhandwerk wieder treiben.«

»Ja aber, lieber Freund,« sagte der Doktor – »wo wollt Ihr denn wohnen? Wir haben in der Stadt keinen Platz für Euch.«

»Die Minna hat mir gesagt, daß Sie eine Waschküche haben, da könnt' ich wohnen,« fuhr Jakob Schauer hartnäckig fort, und seine Lippen zitterten. »Ich hab' die Frau Nora lieb . . . wenn sie mich anschaut, reden alle Blumen lauter.«

Hans sah Nora an. Sie lächelte wehmütig.

»Nun so kommt mit,« sagte er. »Aber im Garten muß rechtschaffen gearbeitet werden. Frau Nora liebt keine Unordnung.«

»O ja!« sagte Jakob Schauer strahlend. »Ich will schon arbeiten, und die Dohle und die lahme Katze nehme ich auch mit.«

Damit machte er kehrt und ging seelenvergnügt davon.

»Halt!« rief Hans. »In der Stadt müßt Ihr Euch anständiger kleiden. Ich hab' da einen getragenen Anzug von mir, den müßt Ihr ein wenig ändern, dann wird er Euch passen.«

Schauer kam wieder zurück und sah die beiden freundlich an.

»Will ihn schon tragen – zur Ehre Gottes,« sagte er feierlich.

Er beugte sich vor und sah Nora tiefsinnig an.

»Alles, was wir tun, sollen wir zur Ehre Gottes tun,« sprach er, »leiden und lieben, und sich freuen und preisen und danken.«

Dann ging er.

»Der Mann hat recht,« sagte Hans ernst, »und wie recht! Da siehst du vor allem ganz klar, wie tauglich du bist, denn er liebt dich von Woche zu Woche mehr und so rein, so blumenrein, daß ich mindestens eifersüchtig werden müßte,«

Nun mußte Nora lächeln, unter Tränen lächeln, Sie starrte in die regengraue Ferne, wo die rauschenden Föhren sich leise auf und nieder bewegten.

In dieser Nacht hatte Nora einen seltsamen Traum.

Sie steht am Meeresufer. Die Luft ist schwer und dumpf. Schweres schwarzes Gewölk ballt sich am Horizont zu phantastischen Formen zusammen, und wie eine heiße Bleiplatte liegt unbeweglich das Meer. Nur ein fahler orangegelber Streif am Horizont und im Wasser kündet, daß die Sonne untergegangen ist. Und sie fühlt ein Sausen und Dröhnen in der Luft – in der Erde – überall, ein Dröhnen und Erzittern, als ob etwas Furchtbares sich vorbereitet . . .

Und das Furchtbare – es kommt – es kommt.

Eine Woge, riesengroß und breit wie ein Wall – bis in den Himmel hineinragend – zeigt sich am Horizont und saust mit erschreckender Geschwindigkeit über das unbeweglich brütende Wasser . . . sie saust heran mit grausigem Geheul, und Nora steht wie gebannt – immer näher, immer gewaltiger türmt sich die furchtbare zackige Wasserwand – und nun packt sie das zitternde Menschenkind und wirbelt es mit sich empor in die schäumende Flut und trägt es auf ihrem Rücken dahin, und eine Posaunenstimme dröhnt mit weithin schallendem Ton: Liebe ist frei. Du aber bist unfrei! Werde frei!

»Ich will, ich will!« schreit Nora und ist erwacht.

Und sie sieht Licht schimmern in der Kammer und fühlt Hans' beruhigende Liebkosung und hört seine angstvolle zärtliche Stimme: »Mein einzig teures süßes Lieb!«

Und Nora weint, wie sie noch nie geweint hat, und schläft endlich wieder ein wie ein hilfloses kleines Kind.

 

* * *

 

Solange Nora noch sehen konnte, wollte sie ihrer Kunst angehören.

Nie war ihre Kunst größer gewesen als jetzt, wo Nora täglich Abschied von ihr nahm. Sie spielte wie eine gottbegnadete Künstlerin, spielte eigenes Leid aus sich heraus und spielte sich in fremdes Leid hinein. Sie spielte nicht mehr – sie lebte ihre wunde Seele aus, und ihre Darstellungen wurden von unheimlich packender Lebenswahrheit. Grillparzers Es­ther, Hebbels Judith, Ibsens Frau vom Meer und Nora und Maeterlincks Monna Vanna waren ihre Lieblingsrollen, und immer klarer prägte sie sich als große Tragödin aus. Nie hatte Riga unter den ständigen Bühnenkräften eine glänzendere Vertreterin des tragischen Fachs gehabt.

Rahel begleitete sie jetzt alle Abende ins Theater und wurde von der Gewalt ihres Spiels fast wider Willen ergriffen. Gerade weil Nora es lernen mußte, sich von den äußeren Einwirkungen abzuschließen, erlangte ihr Spiel Vertiefung, Verinnerlichung und eine fast dämonisch wirkende Kraft. Rahel fühlte es selbst bei Noras leise gesprochenen Worten eiskalt über den Rücken rieseln, und besonders das Grauen vor dem unabänderlichen herannahenden Schicksal und die siegreiche Gewalt einer alle Hindernisse beherrschenden Liebe wußte Nora meisterlich darzustellen. Die Einfachheit und Größe ihrer Empfindungen hatten Nora mit einer Skala von mannigfachsten Mitteln bereichert; sie lernte sie durch Vertiefung und Verinnerlichung ihres Wesens wie von selbst gebrauchen und instinktiv in große Wirkungen umsetzen. Sie lernte begreifen, daß im ungesuchten Wechseln der Empfindungen Kraft und Größe liegt, daß die Kraft des Ausdrucks in der Einfachheit - und in solchem Wechsel, – in der Kontrastwirkung ruht. Die Keuschheit ihres künstlerischen Empfindens schützte sie vor Übertreibung – so bewahrte sie sich das rechte künstlerische Maß.

Ihren Kollegen konnte es kein Geheimnis mehr bleiben, daß Nora an den Augen litt, aber niemand ahnte nur entfernt, daß sie ihre Sehkraft allmählich ganz einbüßte. Nora beherrschte die Situationen so völlig und klagte nur zuweilen über vorübergehende Sehstörungen, daß alle Kollegen ihr in jeder Weise liebenswürdig entgegenkamen, ohne viel Gewicht darauf zu legen. Die größte Aufmerksamkeit wandte sie der Stellung der Möbel und Kulissen zu, die sie nur noch mühsam in einem schwimmenden Nebel unterschied.

So blieb allen verborgen, wie schlimm es um sie stand, und die Abende brachten immer neue glänzende Überraschungen. Nora rang mit ihrer Kunst, mit der Sehnsucht und der Ekstase des Trennungsschmerzes, und die Kunst segnete sie. Man staunte über Noras Spiel, man berauschte sich an der Wahrheit und Größe ihrer Auffassung, und man wußte nichts von der selig bitteren Qual ihres Kämpfens und Leidens.

Auf der Straße wie überall war Rahel Noras treue Begleiterin. Sie hatte ihre Augen völlig in Noras Dienst gestellt, und Nora nannte sie in wehmütigem Scherz ihre »objektive Sehkraft«.

Rahel hatte ein Stichwort erfunden, um Noras Aufmerksamkeit zu erregen, falls sie gegrüßt wurde, und Nora verdankte Rahels wachsamer und geschickter Fürsorge, daß sie es lernte, sich mit einiger Sicherheit zu bewegen.

»Nun hab' ich doch einen Lebenszweck,« sagte Rahel zu Nora – »du großes Kind bist setzt in Wahrheit mein Kind, und in gewissem Sinne bin ich die Großmutter deiner Kunst!« fügte sie scherzend hinzu.

»Wenn die Rigenser das wüßten!« seufzte Nora. »Jede einzelne Rolle verdanke ich jetzt dir. Ich kann ja bald nichts mehr ohne dich.«

»Du kannst das Größte, was ein Mensch erreichen kann,« sprach Rahel ernst – »du kannst groß leiden und groß lieben, und beides völlig ohne mein Zutun.«

Noras Lippen zuckten. Sie wußte wohl, daß sie noch viel zu lernen hatte, ehe sie »groß liebte und litt«. War sie nicht noch vor wenigen Wochen bereit gewesen, auf Hans zu verzichten, zum Teil weil sie sich dem »Nehmen« nicht gewachsen fühlte? Sie wußte, was ihr fehlte, hatte sie es doch oft ausgesprochen: wir brauchen Verinnerlichung und Vertiefung, wir brauchen Wahrheit, wir brauchen eine große Seele.

In dieser ehrlichen Selbsterkenntnis aber dehnte sich ihre zitternde zaghafte Seele und nahm zu an Kraft und Schwung, und sie allein merkte es nicht.

Hans und Rahel aber sahen mit freudigem Staunen, wie Noras Kraft wuchs und sich entfaltete, und beide traten einander in der sorgenden Liebe um Nora näher als je. Leise und unmerklich war Nora das Band geworden, das die beiden fester vereinigte, als jemals eine Leidenschaft gekonnt, und aus der siegreich bezwungenen Liebe Rahels zu Hans wuchs still und mächtig eine andere Liebe empor – die treue und zarte Freundschaft einer starken Frauenseele.

Rahel war in den Irrtum geraten, daß sie selbst Hans mehr sein könnte als Nora – nun aber waren ihr die Augen aufgegangen – sie hatte ihren Irrtum erkannt. Sie hatte verstehen gelernt, daß Noras Liebe zu Hans, anders geartet als ihre eigene, nichtsdestoweniger tief und groß war. Sie hatte erkannt, daß Nora durch ihre nahende Erblindung an innerer Schönheit gewonnen hatte; sie fühlte deutlich, daß Nora auch als völlig Blinde Hans bereichern und beglücken würde, denn sie besaß in Wahrheit eine große Seele. Das hatte Rahel den stolzen Frieden wiedergegeben.

So wurden die drei Menschen Freunde im schönsten und edelsten Sinne. Jedes von den dreien trug mit an dem Leid und der Last der beiden andern, und jedes erstarkte in dieser Gemeinsamkeit und empfand das eigene Kreuz leichter.

Herbsttage waren gekommen. Der rauhe Oktoberwind strich durch die Straßen und fegte die letzten wirbelnden Blätter von den Bäumen. Noras Dienstagabende, die zweimal monatlich stattfanden, hatten den Kreis ihrer alten Freunde um sie versammelt, und Rahel hatte sie alle kennen gelernt, den wehmütigen Konsul mit dem Pergamentgesicht, Isidor Merker, den Übermenschen Redakteur Theophil Müller, den gründlichen Kandidaten der Theologie, Amandus Philippi, und den liebenswürdigen Naturburschen Baron Berg.

Auch die beiden Fräulein Müller, das gewichtig gewordene Schwesternpaar, hatte Rahel kennen gelernt; ihr angeborener Hang zur Ironie fand reichliche Nahrung in dem Verhalten dieser Herrenwelt zu den grauen Möttchen, die so ganz ohne ihr Zutun zu goldstrotzenden Schmetterlingen geworden waren.

Ungezwungen und natürlich verhielt sich nur Baron Berg zu den beiden alten Dämchen. Alle übrigen waren mehr oder minder von dem Umschwung in ihren Verhältnissen beeindruckt und äußerten das in ihrer Weise. Konsul Isidor Merker würdigte die Fräulein Klementine und Nadine Müller besonders wehmütiger Versicherungen seiner Hochschätzung: der Redakteur Theophil Müller vergaß ihnen gegenüber sein Übermenschentum und stellte sich ihnen als Namensvetter und Viertelverwandten vor, und Amandus Philippi leistete sich ein korrektes Satzgefüge wohlklingender Phrasen, die seine Ergebenheit ausdrücken sollten.

Die alten Schwestern wurden zum erstenmal in ihrem stillen Altjungserndasein von der Männerwelt bemerkt und ausgezeichnet und fanden das außerordentlich interessant und belustigend.

Sie schwammen in einem Meer von Seligkeit und Wohlwollen und versanken dabei in einem Teich von Weltunkenntnis und Harmlosigkeit.

Die arme halbblinde Nora und die allzu scharfsichtige Rahel hatten ihren Spaß daran. Das alte Schwesternpaar schwärmte in jugendlicher Weise für Nora und Rahel und brachte es durch wiederholte Bitten dahin, daß die beiden Damen einst ihren Besuch in Aussicht stellten.

Immer aber wenn Nora mit Fremden in Berührung kam, fühlte sie, daß sie zu ihnen nicht eigentlich hinpaßte. Sie war im Verkehr mit Fremden nicht sie selbst, nicht die offene zugängliche Natur, als welche sie sich zu Hause Hans und Rahel gab. Sie war stolz und verschlossen und behielt ihr Bestes für sich und in sich. Zu Hause aber blühte sie auf in Wärme und Innigkeit, wie eine schöne und seltene Blume, in deren dunklem geheimnisvollen Kelch das Wunder einer leise reifenden Innerlichkeit schwieg und träumte.

 

* * *

 

Die goldene Sonne lachte herzlich vom blauen Himmel in die weiße verschneite Stadt hinein.

Geschäftig sausten Einspänner und zweispännige Schlitten mit dem lustigen Schellenton durch die Straßen, und überall hasteten paketbeladene Menschen mit vergnügten Gesichtern vorbei. Das Weihnachtsfest war gekommen.

»Ob ich den Kerzenglanz noch sehen werde?« hatte Nora gefragt.

Hans und Rahel überboten einander in geheimnisvollen Vorbereitungen zum Fest. Nora, ihr geliebtes gemeinsames Sorgenkind, wenn auch nur auf Augenblicke froh zu sehen, war ihr einziger Gedanke. Nora war still und weich und ließ alles über sich ergehen. Es war, als schwebe ihr eine heimliche Frage auf den scheuen Lippen.

Was wußte die graue altkluge Welt von dem Leben dieser drei Menschen? Sie lebten ein eigenes stilles Liebesleben dahin, voll sehnender Träume, voll bitterschmerzlicher Wirklichkeit, voll ahnender liebender Angst. Sie waren der Welt und ihrem lauten Treiben fremd geworden.

Und nun brannte der Weihnachtsbaum.

»Noch sehe ich die Kerzen leuchten,« sprach Nora wehmütig, »aber den Baum selbst kann ich kaum unterscheiden.«

»Liebling, mein Liebling!« flüsterte Hans.

»Und doch bin ich heute fast glücklich,« fuhr Nora fort. »Mir ist so feierlich still zumut. Ich ahne den Frieden von ferne, Hans, der aus dem Überwinden entspringen kann. Ich habe Augenblicke, wo meine Seele leicht und mächtig sich über all unser Leid emporschwingt wie ein freier wilder Vogel. Das ungeheure Lebensmeer liegt dann wogend und dennoch überwunden unter mir, und ich beginne es zu fassen und zu begreifen.«

»Nora!« rief Hans. Seine Stimme brach.

»Ich bin mit Heimweh geboren,« fuhr Nora träumerisch fort. »Meine zerpflückten Tage, meine ruhlose zerbröckelte Vergangenheit, die nackte Einsamkeit meiner dunklen Stunden lehren mich das. Es gibt eine tiefere heiligere Sehnsucht als die nach der Kunst, Hans, die Sehnsucht nach freiem Menschentum, und die kann mir die Blindheit nicht rauben, Ihr lieben zwei, fühlt ihr mir das nach?«

Rahel schlang ihren Arm um Nora. In ihren schönen Augen schimmerten Tränen. Ein feiner Schmerz und eine stolze Freude hatten sie gepackt.

»Du meine süße Schwesterseele, mein ganzer Freund,« flüsterte Nora.

»Die Kunst wird mir genommen und ein anderes Heiligtum dafür gegeben,« fuhr sie fort. »Bin ich solchen Schatzes wert? O Leben, Leben, wie spielst du Fangball mit deinen Geschöpfen!«

Die drei Menschen hielten einander fest umschlungen.

Die erhabene heimliche Heiligkeit, die innige Feier, die verklärte wehmütige Stille dieses Weihnachtsfestes leuchtete und strahlte in den Herzen der drei. Sie fühlten sich einander unauflöslich verbunden.

In der Tat war es ein eigentümlicher Weg, den Nora zurückzulegen hatte. Die fertige Künstlerin erlitt durch den Segen des Leides die Entwicklung zum reifen Weibe. Die blinde Künstlerin war ein sehender Mensch geworden. Mit dem inneren Auge des Geistes sah sie über abgrundweite Tiefen hinweg in die strahlenden Fernen der Unendlichkeit hinein, und Liebe erleuchtete ihren dunklen Pfad.

Es lag in Noras Natur, ernste Dinge ernst zu nehmen. Sie hatte sich entschlossen, ihre Laufbahn am Theater aufzugeben, und Hans billigte diesen Entschluß.

»Nur noch so lange will ich auftreten, bis der Direktor einen Ersatz gefunden hat. Nora Selden hat ausgespielt.«

»Freiheit und Kraft zur schweren Lebensaufgabe, Nora – Rehder!« sprach Hans feierlich.

Doch nicht immer war Nora in Frieden mit sich. Abschied zu nehmen und Abschied für immer, ist ein bitter schmerzliches Ding. Nora sprach nicht viel, doch Nächte lang lag sie ruhelos, und ihre Seele flog in wachen Träumen über die Lande, über die Sterne, in die Unendlichkeit hinein. Sie rang und kämpfte mit sich, todesmutig, und immer wieder packte sie ein dumpfes Staunen, was denn Gott, an den sie glaubte, noch mit ihr vorhabe. Weshalb gab ihr Gott mit der einen Hand so viel, um mit der andern zu nehmen? Warum? Zu welchem Zweck? Es kamen Tage, wo sie das nicht fassen konnte.

Ihre Künstlerschaft hing so innig bei ihr mit ihrem Menschentum zusammen, daß sie die beiden Begriffe voneinander kaum trennen konnte. Ihre Kunst war Teil ihres Wesens – sie lebte – und die Kunst sollte sterben. Ja, was war sie denn in dem großen Weltall ohne diese Kunst? Ein schwacher blinder elender Mensch, dem neue Aufgaben auf die gebrochenen Schultern getürmt wurden. Ein verwundeter Ikarus, ohne Flügel.

Aber sie war zunächst Mensch. Ihrem Menschentum wurde durch ihre Erblindung nichts von seiner Würde genommen. Wußte sie das nicht? Sie konnte sich vertiefen, verinnerlichen, eine große Seele bewähren! Meinte es der große Gott im Himmel nicht gut mit ihr? Hatte sie nicht Grund zu danken und ihr Kreuz fröhlicher zu tragen?

Wie während eines Wetterleuchtens wechselten lichte Helle und nachtdunkle Finsternis ab in Noras Seele. Ja, sie wollte fröhlicher, selbstloser werden. Sie wollte ihrem Hans danken für seine Liebe, indem sie sich selbst erneuern ließ. Sie wollte sich von der Sonne seiner Liebe erwärmen und durchstrahlen lassen, und sie betete heiß um Kraft, Vertrauen und einen fröhlichen Geist.

So spann sie beständig an dem Kreislauf ihrer trüben und lichten Gedanken.

Es ist viel leichter, besonders für energisch veranlagte Naturen, Taten zu tun, als sich eine harmonisch geklärte Seelenstimmung zu erhalten. Aus solcher Stimmung heraus reifen Handlungen und Willensäußerungen wie von selbst – sie ist der Boden, auf dem solche feine Blüten erwachsen. Sie ist der Schild, mit dem wir allem Unglück, mit dem wir unserm Schicksal gewachsen sind. Das Unglück beugt uns, aber es bricht uns nicht. Die Wogen schlagen über uns zusammen, aber wir versinken nicht. Dieses Wundermittel, das uns arme Menschen so hoch hinaushebt über uns selbst, über unser Leid und über das Leben, ist nichts Neues, nichts Erfundenes, nichts Entdecktes – es ist das alte, alte große Lied mit der alten, alten neuen Wahrheit für den Einzelnen –: es ist das kindliche Vertrauen zu Gottes Liebe.

Nora war Künstlerin, und jetzt wurde sie Weib.

Nora war ein gut veranlagtes Weltkind, und nun entwickelte sie sich langsam, langsam zu einem demütig vertrauenden Menschenkind.

Der Weg war schwer und mühsam, und Nora war oft kampfesmüde.

Ein geringfügiger Anlaß diente dazu, ihr einen neuen Aufschwung zu geben.

Jakob Schauer, der in der Rehderschen Waschküche seine Werkstatt aufgeschlagen hatte, benützte jede Gelegenheit, um Nora zu sehen. Einst führte er einen blinden Knaben zu ihr herein, den er auf der Straße gefunden hatte.

Das Kind war etwa zwölf Jahre alt und hatte erloschene, hellblaue Augen. Ein sanftes erwartungsvolles Lächeln spielte um seinen etwas großen Mund.

Der Knabe hielt eine jämmerliche Fiedel an sich gepreßt.

»Soll ich Ihnen aufspielen?« fragte er.

»Ja, mein Junge,« erwiderte Nora.

Mit Kennermiene setzte das Bürschchen geschäftig die Fiedel an, und nach mehreren unreinen Tönen spielte er eine russische Weise gar nicht so übel herunter.

Nora hatte ergriffen zugehört.

»Bravo, mein Sohn!« sagte sie.

Jakob Schauer stand mit verzückter Miene daneben.

»Alles zur Ehre Gottes!« sagte er. Mit strahlendem Blick sah er bald Nora, bald seinen Schützling an, als wollte er sagen: Seht, nun sollt ihr Freude haben aneinander.

»Wie heißt du, mein Kind?«

Der Knabe hob seine lichtlosen Augen zu ihr empor.

»Walter Schwarz.«

»Wo kommst du denn her?

»Aus Kurland bei Libau. Vater war Steuermann, nun ist er ertrunken, und Mutter ist auch tot.«

»Und bei wem lebst du?«

»Bei Großmutter.«

»Hast du's gut bei ihr?« »Großmutter ist wohl gut, aber wir hungern beide manchmal.«

»Hungern sollst du nicht mehr. Bist du schon lange blind, mein Kind?«

Des Knaben Lippen zitterten.

»Schon zwei Jahre,« war die Antwort.

Nora streichelte ihn sanft über die Wangen.

»Wie kam das?«

»Nach dem Scharlach.«

»Kannst du es denn ertragen?«

In Noras Frage lag verhaltene Spannung.

Das Kind sah sie mit den toten Augen freundlich-ernsthaft an.

»Man muß doch. Das Weinen hilft nichts, da bin ich lieber froh!«

»Zur Ehre Gottes!« warf wieder Jakob Schauer frohlockend ein.

Welch einfache Philosophie!

»Das Kind bringe ich in eine Blindenanstalt!« sagte sich Nora.

Reich beschenkt ging der Knabe.

Das Bewußtsein einem ärmeren Menschenkinde helfen zu dürfen, gab Nora Trost und Freude.

»Das Weinen hilft nichts – da bin ich lieber froh!« wiederholte sie leise.

D'Annunzios »tote Stadt,« für Riga eine Novität, wurde gegeben.

Nora hatte bereits beim Direktor ihren Abschied eingereicht. Nur noch vier Spieltage bis zur Ankunft ihrer Nachfolgerin hatte sie zugesagt. Dem Direktor war Noras Abgang ein harter Schlag. Den Kollegen hatte sie heute ihren Entschluß mitgeteilt. Alle miteinander wetteiferten, um Nora in den letzten Tagen noch allerhand Liebes zu erweisen.

Flohr Und Sebius, die beiden Freunde, bedauerten mit Noras Abgang heimlich noch etwas anderes. Sie waren beide sterblich in die schöne Rahel verliebt, die nun nicht mehr kommen würde, um Nora in die Proben zu begleiten. Beide hatten einander kein Wort von ihren Gefühlen für Rahel gesagt, und doch kannten sich beide viel zu genau, um nicht zu wissen, wie es um den andern stand. Nora waren beide freundschaftlich ergeben. Sie war ihnen eine Art Sicherheitsventil für die unverbrauchte Liebe, die sie für Rahel hegten, und mit gemütlichem Hohn betrachtete Flohr, der erste Held und Liebhaber, die Bemühungen Sebius', des Charakterdarstellers, der wiederum mit überlegenem Sarkasmus um den feingeschnittenen Mund sich über seinen Freund amüsierte. So befanden sich diese beiden in der gar nicht so seltenen Rolle, die für den Dritten stets von besonderem Reiz ist, gegenseitig aufeinander herabzusehen.

Ganz ohne Nebengedanken, ganz ehrlich und echt war die Verzweiflung des Komikers Josef Wiesinger.

Die Hände in den Hosentaschen lief er rastlos auf und nieder, schnitt ein vergrämtes Gesicht und stieß immer wieder hervor: »Ach ne, ach ne, Norel, das ist nit schön von dir! Also unwiderruflich? Du gehst – wirklich?«

Pompadour maman, die bereits im Kostüm der Amme dastand, erhob mit einer großen Geste ihre Arme und rief im tragischen Ton: »Nicht fassen kann ich's, noch glauben! Nun stürzt alles in Trümmer!«

Dabei rollten ihr ehrliche Tränen über die runden geschminkten Wangen.

Auch Klara Schirmer in der Rolle der lebensvollen Bianka-Maria war betrübt, und das Peperl, des Direktors liebreizende kleine Frau, war vor der versammelten Gesellschaft Nora geradeswegs in die Arme gelaufen und rief schelmisch: »Wenn du noch a plausiblen Grund hättest nit aufzutreten wie i« – sie machte eine wiegende Bewegung – »aber mit den Augen da steht's ja gar nit schlimm. Das bißchen Nebel vergeht ja wieder und deine herzigen Guckerl schaun so brav und glänzend in d' Welt hinaus.«

»Meine Augen sind gar nicht brav, liebes Peperl,« sagte Nora schwermütig. »Du siehst, ich hab' mir zur Erleichterung ja die Rolle der Blinden gewählt.«

»Und wie sie sie spielt!« rief Wiesinger enthusiasmiert. »Grad wie ein Blindgeborenes!«

»Na, der neuen Kollegin, der Scheveninger, machst das Debüt schwer genug!« riefen die Schauspieler durcheinander. »Was du kannst, bringt die im Traum nicht fertig! Armes Hascherl!«

»Alles, was sie mir tun kann, ist, daß sie mir leid tut!« murmelte Wiesinger achselzuckend.

»Liebe Kollegen und Kolleginnen,« begann Nora bewegt – »ich dank' euch allen herzlich – von ganzem Herzen dank' ich euch für all' die Freundschaft und Liebe der vielen Jahre!«

Sie streckte ihnen allen die Hände entgegen. »Ich werde diese schöne Zeit des Zusammenwirkens nie vergessen.«

Ihre Stimme brach.

Man sah sie erstaunt an. War das die zurückhaltende Nora, die für andere immer ein teilnehmendes Wort bereit hatte, nie aber den Schauspielern gegenüber ihre eigene Seele bloßlegte?

Das Glockenzeichen ertönte.

Man begab sich auf die Bühne.

Ein südländischer Himmel glutete über der toten Stadt. Weit hinaus sah man Trümmerfelder und Ruinen.

Die Blinde, Bianka-Maria und die Amme saßen auf dem Alkoven. Eine schwüle todtraurige Stimmung webte über der Szene.

Welch trostlos müde Akzente fand Nora für ihre Rolle! Wie klangvoll von tiefem Weh durchzittert war der Ton ihrer Stimme!

Und nun entwickelte sich das ganze düstere Drama: Bianka-Maria, das lebensdurstige junge Weib, wird von dem Gatten der Blinden, wird von ihrem eigenen Bruder geliebt, und die Blinde sieht und fühlt alles mit den Augen der Seele – ach, hatte denn Nora nicht alles, alles erlebt?

Wer so spielen konnte, – der war nicht nur ein gottbegnadeter Künstler, der, ja der kannte alle die Nuancierungen, die leisesten Schwingungen eines ähnlichen Seelenzustandes.

Das Haus war lautlos still. Rahel saß in ihrer Loge und folgte mit angehaltenem Atem Noras Spiel. War denn das noch Spiel?

Aus einsamen dunklen Tiefen stieg es empor, das feine Gewebe seelischer Geheimnisse – das Bewußtsein des eigenen hoffnungslosen Zustandes, der tiefe Schmerz um die verlorene Liebe des Gatten, das Erbarmen mit der jungen Bianka-Maria, die ihren Kopf in den Schoß der Blinden vergräbt, das bewußte Zurücktreten vor der siegreichen jungen Lebenskraft, das Zurücktreten in Schatten und Dunkel mit zuckendem Herzen, das ahnende sehnsüchtige Schauergefühl der Seele wie aus tiefem, tiefem Schlafe erwachend – ja welche Töne! Was hatte Nora nicht alles für Töne!

Ob sie gewußt hat? fragte sich Rahel erschüttert. So hat sie doch noch nie gespielt! . . . Ob sie gewußt hat? Gott sei Dank, daß sie jetzt alles wissen darf!

Nach dem zweiten Akte wurde die Pause etwas lang. Unruhe auf der Bühne.

Zu Rahel hinein kam der Logendiener.

»Sie möchten zu Frau Nora Selden kommen, Frau Gräfin, – sie ist ohnmächtig geworden.«

Rahel stürzte in Noras Ankleideraum. Da lag Nora, totenblaß mit geschlossenen Lidern. Der Theaterarzt war um sie beschäftigt.

O, warum war Hans nicht da? Hans hatte kommen wollen, war aber im letzten Augenblick von einer schwer erkrankten Patientin gerufen worden.

Nora schlug die Augen auf.

»Bitte . . . einen Augenblick allein!« sagte sie leise. »Rahel bist du da?«

Rahel faßte ihre Hände.

»Rahel,« flüsterte Nora – »mein Verhängnis – ist eingetroffen. Ich sehe nichts mehr . . . nur ist so kalt, so grausig kalt . . . an Leib und Seele, schwarze, schwarze Nacht um mich her . . . Schweig, um Himmels willen schweig!«

Der Theaterdirektor war inzwischen vor das gefüllte Haus getreten. Da stand das Bonapartl würdig, frisiert, korrekt.

»Ich bitte um ein wenig Aufschub,« verkündete er, »unsere geschätzte Künstlerin, Frau Nora Selden ist unwohl geworden.«

Tiefe lautlose Stille, dann wie ein Gemurmel des Mitleids.

Noras Tür war von Freunden und Bekannten belagert. Es wurde niemand vorgelassen.

Zehn Minuten vergingen.

»Die Künstlerin hat sich erholt« – hieß es endlich. »Das Stück kann seinen Verlauf nehmen.«

Nun trat wieder auf die Bühne.

Sie war totenbleich, und sie sprach weiter. Ihre Worte waren so voll Weh, daß sie wie spitzige Schwerter eindrangen in die Herzen der Zuschauer. Eine seltsame seelische Größe lag über ihrer Erscheinung.

Das Schicksal Bianka-Marias interessierte die Zuschauer nur nebenher. Aber Nora – was war mit Nora? Die Blinde wuchs und wuchs vor ihren Augen, die Blinde strahlte aus von ihrer Seelenreinheit und Güte– durch jedes ihrer Worte zitterte und glühte es wie ein heißes feuriges Licht unter Staub und Asche – – die Zuschauer lauschten hingerissen.

Rahel in ihrer Loge hielt sich an die Brüstung geklammert. Sie hatte alles rings um sich her vergessen. Ein Gedanke beherrschte sie: Nora war blind, und Nora hatte gewußt. Nora hatte um ihre Liebe zu Hans gewußt, und hatte vergeben . . .

Eine Szene um die andere aus den leuchtenden Sommertagen in Oger stieg vor ihrer Erinnerung auf: die Bootfahrt auf dem Flusse, der Abend, an dem sie zu Nora vom Friedhof zurückgekehrt war, die vielen kleinen Mißhelligkeiten und Verstimmungen, ihre Fahrt mit Hans, Hans' Abreise nach Berlin und die sonderbar schwüle Stimmung beim Champagner vorher, Noras Entschluß zum Arzt zu gehen, wie sie sie hatte allein gehen lassen . . . ja allein hatte sie sie gelassen in ihren Kämpfen und ihrem Leide – und ganz verreisen hatte sie gewollt . . . und dann Noras Wiederkehr und wie sie ihr, Rahel, die grauenvolle Gewißheit mitgeteilt hatte. Und dennoch hatte Nora damals nur die Hälfte ihrer furchtbaren Qual ausgesprochen – die andere Hälfte lag tief, tief verborgen in ihrer wunden Seele, in ihrem großen Kinderherzen, und sie selbst hatte nichts geahnt. Ja, Nora hatte gewußt, sie hatte gewußt!

Rahels Tränen rannen heiß und verdunkelten ihren Blick. Nur unklar sah sie die Bühne vor sich. Der Vorhang war gefallen.

Einen Augenblick saß das Publikum lautlos. Dann brach es los – wie ein Sturm. »Nora Selden, Nora Selden!« tönten einzelne Rufe . . vergessen war das eigenartige Stück mit seinem abstoßenden Schluß: der Bruder hatte in Liebesraserei seine Schwester ermordet, um sie nicht verbrecherisch lieben zu müssen, – aber Nora Selden, die Blinde, in ihrer ergreifenden Gestalt, die hatte über das Stück hinausgeleuchtet wie ein Stern, sie hatte durch ihre Persönlichkeit dem Drama Weihe und Kraft gegeben!

»Nora Selden, Nora Selden!« schrie und jauchzte die Menge.

Ein Toben der Begeisterung erhob sich – Kränze und Sträuße wurden in das Orchester hinabgereicht – »Nora Selden, Nora Selden!«

Der Vorhang ging auf – Nora trat vor die Rampen, bleich, ein ekstatisches Lächeln auf den Lippen. Es war das letzte Mal, daß sie hier stand. Sie wußte es wohl.

Rahels Herz klopfte zum Springen. Was würde nun werden? Ein prachtvoller Kamelien­strauß wurde jetzt zu Nora hinaufgereicht. Sie sah ihn nicht. Instinktiv trat sie einen Schritt näher – der Strauß streifte ihr Kleid – unsicher tappte sie darauf zu – nun hatte sie ihn ergriffen.

»Bravo, bravo, hoch!« klang es aus dem Publikum – ein Korb mit Orchideen wurde hinaufgereicht – Nora schien ihn nicht zu sehen. Das Publikum wurde stutzig, ein Gemurmel erhob sich – jetzt ergriff sie ihn ungeschickt unten, statt am Henkel.

»Sie ist krank!« hörte Rahel eine Stimme aufgeregt und klagend sagen – es war Isidor Merker. Der Angstschweiß trat Rahel auf die Stirn. Die Schwestern Klementine und Nadine Müller klatschten frenetisch Beifall, von ihnen stammten wohl manche Blumenspenden. Und nun folgte Strauß auf Strauß, und Nora wurde sechsmal, achtmal vor die Rampe gerufen.

Immer wieder trat sie mit dem totenblassen starren Antlitz hervor, mit den klaren Augen, die alles zu sehen schienen und nichts sahen, und mit rätselhaftem wehen Lächeln auf den halbgeöffneten Lippen.

Nora Selden hatte ausgespielt.

Rahel lief, so schnell als sie die Füße trugen, nach unten in Noras Ankleideraum.

Von allen Seiten umringte man Nora und schüttelte ihr die Hände.

»Du hast gottvoll gespielt!« schluchzte Pompadour maman – »nie im Leben werd' ich das vergessen!«

»Aber was ist dir denn nur heute, liebste Kollegin?« rief der besorgte Sebius. »Du bist ja ganz versteinert!«

»Ich fühl' mich nicht gut, lebt wohl, lebt wohl, ihr Lieben, alle!«

Nora drückte ihnen allen die Hände und ging von Rahel geführt an ihren Wagen.

Nun waren die beiden allein.

Rahel hatte Noras Hand gefaßt und streichelte sie leise. Sie rang nach dem rechten Wort.

»Nora Selden hat ausgespielt!« sprach Nora dumpf. »O was wird Hans sagen?«

Da hielt Rahel sich nicht länger.

»Nora,« sagte sie mit ersticktem Tone, »Nora, sag', hast du's gewußt? Du hast's gewußt, Nora, sonst konntest du so nicht spielen!«

Noras Lippen zuckten.

»Ich hab's einmal gewußt,« sagte sie leise, »jetzt . . . weiß ich's nicht mehr.«

»O Nora!«

Rahel küßte die armen kalten Hände.

»Was hast du gelitten!« schluchzte sie. »Das vergeh' ich dir nie! Nie!«

 

* * *

 

So war denn Nora völlig erblindet. Und seltsam – vor der eingetretenen unwiderruflichen Tatsache hielt sie still. Sie sah ihr ruhig mit den armen toten Augen in das dunkle geheimnisvolle Antlitz, und sie schauderte nicht mehr davor zurück.

Das mächtige Tor hatte sich hinter ihr geschlossen – für immer, und nun mußte sie es lernen, ihrem neuen Schicksal gewachsen zu sein.

Die Kraft, nach der sie monatelang so bitter gerungen, nun war sie da – und hielt und trug sie und bewahrte sie vor Angst und Verzweiflung.

»Ich muß es lernen, mich in der neuen dunklen Welt zurechtzufinden,« hatte sie mit einem eigenen friedvollen Lächeln gesagt.

Zunächst aber verlangte sie nach Ruhe. Sie war müde, so müde. Sie legte sich zu Bett und ließ sich nur von Hans und Rahel pflegen. Das Verhältnis zwischen ihr und Hans war zu einer Innigkeit aufgeblüht wie nie zuvor. An dem leisesten Vibrieren seiner Stimme, an der Klangfarbe seines Tones hörte Noras geschärftes Ohr seine Stimmungen mit unfehlbarer Sicherheit heraus, und auch Rahels liebvertraute Stimme verriet ihr mehr als ihre Worte.

Welch ein Irrtum war es von mir, diese Seele meistern zu wollen, dachte Rahel. Immer noch die alte Tyrannei, die Menschen nach unserer eigenen Fasson selig werden zu lassen, statt nach der ihren.

In das Publikum war die traurige Kunde nicht gedrungen, wohl aber die Nachricht vom Austritt Noras wegen körperlichen Leidens. Bekannte und Freunde strömten zusammen, ein jeder wollte persönlich sein Bedauern über ihr Scheiden ausdrücken. Rahel empfing statt Noras die Gäste. Sie lavierte mit so wunderbarer Geschicklichkeit zwischen all den Fragen und Erkundigungen einher, daß niemand etwas Rechtes erfuhr und alle doch befriedigt fortgingen.

Rahel war hier, war da, war überall tätig. Sie verdoppelte ihre Fähigkeiten, und jetzt fühlte es Nora tief, jetzt wurde sie von Rahel geliebt, wie sie es sich nie hatte träumen lassen.

Zwei Tage war Nora zu Bett geblieben. Eine tiefe innere Wandlung war mit ihr vorgegangen. Sie hatte den steilen Berg erklommen, den Berg der demütigen Ergebung und des großen Vertrauens. Sie hatte ein persönliches Verhältnis zu dem Schöpfer der Welten gewonnen, und was er tat, siehe, es war alles sehr gut. Aus diesem großen Vertrauen heraus war leise, leise die schlummernde Liebe des Menschenkindes zu dem Weltengeiste erwacht, und Nora hatte den großen Frieden gefunden, den Frieden der Überwindenden. Jetzt war sie ihrem Schicksal gewachsen, aber es war ihr nur dunkel bewußt.

Am dritten Tage stand sie auf. Rahel war ihr beim Ankleiden behilflich.

»Hilf mir nicht zu viel, Liebling,« hatte Nora lächelnd gesagt. – »Ich muß lernen selbständig werden. In meinem Zimmer weiß ich schon ganz gut Bescheid. Drei Schritt vom Bett bis zum Toilettentisch, fünf Schritt von da bis zum Waschtisch – zwei Schritte weiter der Kleiderschrank. Siehst du, es geht. Nur meine Kleider mußt du mir handgerecht aufhängen, daß ich mich nicht vergreife. Jetzt muß ich besonders auf meine Kleidung acht geben, nicht wahr? Daß die Gräfin Rahel auch noch Kammerjungferdienste verrichten sollte,« versuchte sie zu scherzen – »wer hätte das gedacht?«

Das war zu viel. Rahel brach in Tränen aus. Nora blieb lauschend stehen.

»Nicht weinen, Schwesterherz,« sagte sie sanft, »nicht weinen. Sieh, mir ist friedvoll und stille zumut, wie an einem schönen Frühlingsabend. Ich sehe weiße lichte Wölkchen vor mir herschwimmen in dem weiten grünlich blauen Himmelsraum, ich sehe belaubte Baumäste sich traumhaft neigen – ach, ich hab' alles gut behalten, ich kann davon zehren auf meiner lichtlosen Lebensreise. Und während ihr hier in Schnee und Eis lebt, gaukele ich mir die lieblichsten, lichtesten Sommerbilder vor. Das ist ein raffinierter Genuß.«

Rahel führte Nora in Hans' Zimmer. Sie setzte sich in seinen Lehnstuhl.

»Wie wird er sich freuen, wenn er nach Hause kommt!« sagte sie mit einem wehen Lächeln. »Ich komme mir vor, wie eine blutjunge Frau, weißt du, Rahel, die auf ihren Liebsten wartet und nichts anderes zu tun hat. Halt, gib mir doch die Zigaretten, die kann ich auch im Dunklen kunstgerecht stopfen.«

Nora begann emsig zu stopfen, ein stilles herzzerreißendes Lächeln spielte um ihren Mund. Ein paar Hundert waren bald fertig.

»Wenn das so weiter geht,« scherzte sie, »so will ich den Ausfall durch meinen Austritt von der Bühne schon decken. Zigarettenstopfen ist eine ganz prächtige Beschäftigung.«

Hans fand die beiden Frauen im traulichen Gespräch. Er kniete vor Nora nieder und barg sein Haupt in ihrem Schoß.

»Mein trautes Lieb, mein armes Kind, mein Weib!« rief er.

Rahel war leise hinausgeschlüpft. Sie mußte sich ausweinen.

Nora schlang ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit den lichtlosen Augen ernsthaft an.

»Hans,« flüsterte sie, »Hans, ich liebe dich!«

Der Mann zu ihren Füßen wurde von einem tiefen wehen Glücksgefühl durchschauert. Ihm war, als sei seine Seele zu klein, um all die sommerwarme götterreiche Liebe zu fassen, die darin wogte und jubelte.

»Gott und du!« sprach er erstickt. – »Ihr seid meines Lebens Centren. Gott und du!«

Und Nora hatte eine spontane Eingebung.

»Dein Leben ist wie ein starker mächtiger Strom,« sprach sie, »der ruhig und sicher dahinfließt durch blühende Ebenen und schattige Wälder und fruchtbare Wiesen. Überall bringst du Freude und Segen mit dir. Spielend trägst du schwere Lasten, du löstest dich in deinem Lauf nicht beirren. Segen bringst du vielen, und Kraft der einen Blinden, Hülflosen, die dich braucht. Für Halbheit und Zweifel hat deine Seele keinen Raum. Meine lichtlosen Tage verwandelst du in sonnige lichtdurchströmte Sonntage, Hans, ich brauche dich . . . ich liebe dich! Meine Blindheit hat mir die Augen aufgetan!«  – – –

Das Leben floß äußerlich ruhig und gleichmäßig dahin. Die Welt der drei Menschen war eine kostbare kleine Welt für sich, die sie ängstlich vor unverständigen Eindringlingen zu hüten suchten, in die kein Mißton von außen hereindringen sollte. Nora hatte in ihrem Hause allmählich gelernt sich mit vollkommener Sicherheit zu bewegen, und niemand, der ihr in die klaren ernsten Augen sah, konnte sie für blind halten.

Mit Hans' Hülfe hatte sie sich dran gemacht die Blindenschrift zu lesen – es ging überraschend schnell. Rahel spielte Nora oft stundenlang vor und wiegte ihre Seele in waches Träumen. Regelmäßig wurden auch die dramatischen Lesestunden eingehalten, an denen auch Hans sich, soweit es seine Zeit erlaubte, beteiligte. Die Verschiedenheit der Auffassung der beiden Frauen wirkte nun nicht mehr trennend wie früher, sondern anregend. Nora erhielt sich auf dem Laufenden in der schönen Literatur, und mehrmals war sie mit Rahel im Theater gewesen, um ihre Nachfolgerin spielen zu hören. Hans fürchtete diese Erregungen für Nora. Sie ließ sich zuweilen hinreißen und flüsterte die bekannten Rollenpartien leise mit, aber im ganzen und großen riß sie nichts mehr aus ihrem wunderbaren Frieden.

Der Märzwind wehte lind und lau, und Rahel und Nora machten weite Spaziergänge miteinander. Rahel wußte es immer so einzurichten, daß Nora rechtzeitig einen Gruß erwiderte und bei Begegnungen mit Bekannten ein schickliches Wort fand. Das Mitleid Fremder war Nora unerträglich.

»Was wäre ich ohne dich, du meine objektive Sehkraft, du meine geliebte rechte Hand!« sagte sie.

Eines Morgens waren sie über die Pontonbrücke, die die Stadt Riga mit dem ländlicheren Hagensberg verbindet, hinausgegangen. Die Sonne schien hell und lustig; in tausend glitzernden Goldlichtern spielte der mächtig breite Dünastrom. Russische Barken und Kähne, Segelboote, kleine Dampfschiffe und größere Dampfer belebten das imposante Flußbild, und Rahel wurde nicht müde, Nora mit immer neuen Worten den eigentümlichen Zauber dieses Panoramas vor die Seele zu bringen.

In helles warmes Licht getaucht lag hinter ihnen die Altstadt, die ragenden Kirchtürme, das altertümliche Schloßgebäude mit dem vorspringenden runden Turm – links der imposante netzartige Brückenbau, der die Eisenbahnen nach Thorensberg, der Vorstadt Rigas, führte, vor ihnen das kleinstädtische Hagensberg mit seiner neuen russischen Kirche, und auf der andern Seite weitete sich der Strom nach Dünamünde hin, um sich schwer und gewaltig ins offene Meer zu ergießen.

»Das Wasser ist tintenblau, Nora, weißt du,« sagte Rahel, »und ein wenig bewegt; auf jedem Wellchen tanzt und spielt ein koboldartiges, neckisches Lichtchen. Über den breiten blauen Himmelsraum fliegen weiße leuchtende Wolkenzüge in phantastischen Formen, wie sonderbare Fabelwesen, die einander greifen möchten und . . .«

Rahel hielt plötzlich inne und zuckte zusammen. Eine seltsame Frauengestalt schwankte ihnen auf der belebten Brücke entgegen.

»Mein Gott!« flüsterte Rahel – »Félicie Lebrun, aber in welchem Aufzuge!«

Félicie Lebrun war's, die mit dem Ausdruck einer Irrsinnigen an ihnen vorüber hastete.

»Red' sie an!« raunte Nora.

»Mademoiselle Lebrun« . . . begann Rahel leise.

Die Französin blieb stehen wie gebannt.

»Au nom de Dieu!« schrie sie auf – »laissez-moi!«

Sie stand zitternd vor den beiden.

Sie war in verwahrlostem Zustande. Ihr Kleid hing schlapp und unordentlich an ihr herum, ihr Haar war verwirrt, die Augen traten fast aus den Höhlen, das Gesicht gelb und verzerrt. Nun erkannte sie auch Nora . . . .

»O Madame, Madame!« schrie sie mit herzzerreißendem Ton, dann stürzte sie vorwärts und lief wie von Furien gehetzt die Brücke entlang.

»Das unglückliche Mädchen,« sprach Rahel angstvoll, »ich eile ihr nach, Nora, bleib' hier stehen.«

– – – »Mademoiselle,« rief sie, »mademoiselle, permettez que . . .«

Aber in immer eiligeren Sätzen jagte die Französin vorwärts.

»Haltet die Dame auf!« schrie Rahel einem Schutzmann zu – »Sie ist krank!«

Breitspurig stellte sich der Gendarm der Fliehenden entgegen. Sie sah sich wild nach allen Seiten um – ein Auflauf hatte sich gebildet. Plötzlich schwang sie sich übers Brückengeländer und sprang mit einem gellenden Schrei ins Wasser.

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« schrie Rahel – »Rettet sie!«

Einige Sekunden verstrichen. Ein Gewirr von ratlosen Menschen – sie schrien und gestikulierten durcheinander. »Ein Boot!« hieß es, »Schnell, ein Boot!«

Stangen wurden in Bewegung gesetzt, Ketten rasselten, endlich, endlich wurde ein Boot flott gemacht. Atemlos harrte die Menge. Rahel erschrak vor den sensationslüsternen Gesichtern. Da schob sich ein sonderbarer Mensch die Brücke entlang: Steifblonde Haare hingen ihm in das träumerisch abwesende Gesicht, aus dem die wasserhellen, blauen Augen seltsam hervorblinzelten. Es war Jakob Schauer.

»Schauer!« schrie Rahel in verzweifelter Angst – »eine Frau ist ins Wasser gesprungen. Helft! Rettet!«

»Zur Ehre Gottes!« sprach Jakob Schauer, warf seinen Rock ab und stieg ohne die mindeste Eile übers Brückengeländer.

Er warf sich in den tiefen Strom wie in ein Schwimmbassin – mit unerschütterlichem Gleichmut. Er tauchte, verschwand, kam wieder hoch.

»Da ist sie nicht!« sagte er prustend.

Ein Hurraruf empfing ihn.

Jetzt verschwand er wieder unter den tanzenden, sich lustig kräuselnden Wellchen.

Er blieb lange fort – jetzt, jetzt kam's schwer und massig empor – etwas Schwarzes – es war Félicie Lebruns Kleid, daneben ein totenblasses Gesicht mit steifblonden Haarsträhnen – und nun sank es kraftlos zurück in die Flut. Bootshaken krallten sich in das Kleid der Ertrunkenen, jetzt hatte man auch ihren Kopf über Wasser.

Sie wurde auf die Brücke gehoben. Eine Viertelstunde später holten die Bootsleute auch Jakob Schauer herauf. Er war steif und tot.

Rahel kniete neben den beiden nieder. Angstvoll starrte sie in die beiden stillen Gesichter.

Ein eiligst herbeigeholter Arzt riß Félicies Kleid auf und tastete nach ihrem Herzen. Ab und zu ein matter Herzschlag. Belebungsversuche wurden angestellt.

Verwirrt schlug Félicie die Augen auf.

»Sie lebt!« schrie Rahel – »Und er?«

»Er ist tot,« entschied der Arzt nach einer abermaligen genauen Untersuchung. Rahel warf ihren Mantel um die Verunglückte. Der Polizist hob sie in eine Droschke. Der Arzt stützte die schwankende Gestalt und setzte sich neben sie, und auf Rahels Befehl ging es in sausendem Trab nach Noras Wohnung.

Rahel folgte mit Nora in einer zweiten Droschke.

Die Leiche Jakob Schauers wurde auf einer Bahre getragen.

 

* * *

 

Félicie Lebrun lebte. Sie lag in warme Decken gehüllt auf Rahels Bett, doch war sie nicht bei klarem Bewußtsein. Der fremde Arzt und Hans hatten sich beinahe eine Stunde mit ihr beschäftigt. Rahel flößte ihr alle fünf Minuten ein paar Tropfen Kognak über die blutlosen Lippen.

Endlich schlug Félicie die Augen auf. Verständnislos starrte sie Rahel in das schöne, stolze Gesicht.

»C'est un rêve!« murmelte sie und schloß wieder die Augen. Sie war müde, so müde.

»Gerettet!« sprach Hans mit einem Seufzer der Befriedigung und schüttelte seinem Kollegen die Hand. »Ich überlasse sie nun deiner Fürsorge, Rahel. Ich muß nach Nora sehen. Ein tüchtiger Schlaf wird das gestörte Gleichgewicht wieder herstellen.«

Nora saß still und in sich gekehrt in ihrem Schaukelstuhl. Sie war sehr blaß. Tränen liefen langsam über ihre Wangen.

Dem Doktor schnitt ihr Anblick ins Herz.

»Mein Lieb,« sagte er weich und küßte sie.

»Ich bringe gute Botschaft: die Französin ist gerettet.« Nora schlang die Arme um seinen Nacken.

»Mir ist's so leid um Jakob Schauer!« weinte sie. »Ich hab' ihn lieb gehabt, Hans.«

»Ich weiß, ich weiß,« murmelte er.

»Das unglückliche Wesen,« fuhr Nora fort – »war sie das Opfer seines Lebens wert?«

»Es wird unsere Aufgabe sein, sie dieses Opfers wert zu machen. Geduld müssen wir dabei haben, Nora, ich hoffe viel von deinem Einfluß, Kind.«

Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag – trat Nora in Rahels Zimmer.

Félicie Lebrun lag in Rahels Bett und sah Nora mit großen furchtsamen Augen an.

Nora streckte ihr die Hände entgegen.

»Ich freue mich, daß Sie gerettet sind, Mademoiselle,« sagte sie – »wie geht's Ihnen?«

Félicie Lebrun wand sich unter dem blicklosen Blick der großen ruhigen Augen.

»Warum rettete man mich?« grollte sie bitter. »Mein Leben war nutzlos und verloren – warum ließ man mich nicht sterben?«

»So dürfen Sie nicht reden, Mademoiselle,« sprach Nora mit schmerzlichem Ernst. »Der Mann, der Sie rettete, ist ertrunken. Er war mir teuer. Er gab sein Leben willig hin für das Ihre. Durch Ihr künftiges Leben müssen Sie beweisen, daß er sein Opfer nicht umsonst gebracht hat.«

Félicie Lebrun schluchzte bitterlich.

»Sehen sie mich nicht so streng an, Madame,« schrie sie, »ich kann Ihren Blick nicht ertragen. Bin ich daran schuld, daß der Mann ertrank?«

»Schuld sind Sie nicht, aber Ursache seines Todes sind Sie« – sagte Nora sanft. »Übrigens brauchen Sie sich vor meinem Blick nicht zu fürchten – ich sehe nichts. Ich bin ganz blind.«

»Bl–lind?« stotterte Félicie entsetzt. »Und das sagen Sie so ruhig?«

»Ich bin ruhig – geworden. Immer war ich's nicht, . . . und so wird's auch Ihnen gehen. Auch Sie werden einst ruhig auf das Zerrissene in Ihrem Leben zurückblicken, wenn Sie ein neues glücklicheres Leben, wenn Sie den Frieden erlangt haben werden.«

»Niemals!« rief die Französin wild. »Niemals. Mein Leben war eine Kette von Täuschungen und Enttäuschungen – wie sollte ich das je überwinden?«

»Fühlen Sie sich kräftig genug und sind Sie aufgelegt, mir zu erzählen, wie es Ihnen seither ergangen ist?« fragte Nora freundlich.

Die Französin warf mit einer leidenschaftlichen Gebärde ihre Arme über ihr Haupt zurück.

»Ob ich kräftig genug bin, fragen Sie? Seit Jahren fragte mich niemand, wie mir zumute sei. O gnädige Frau, seien Sie nicht gut zu mir, ich kann Güte nicht mehr vertragen!«

Nora tastete nach dem armen abgehärmten Gesicht da auf den weißen Kissen und streichelte die eingefallenen Wangen.

»Armes Kind,« sagte sie, »Sie haben schwer gelitten!«

Ein verzweifeltes Schluchzen tönte ihr aus dem Bett entgegen. Nora fühlte ihre Hand ergriffen und heftig an die Lippen gepreßt.

Mehrere Minuten verstrichen.

»Wie kommt die Gräfin Witakowsky zu Ihnen, gnädige Frau?« fragte Félicie, nachdem sie sich gewaltsam gefaßt hatte. »Ich irre mich doch nicht – es war die Gräfin, die ich auf der Brücke mit Ihnen gehen sah? Es schien mir auch, daß sie es war, die mich pflegte . . . oder hab' ich nur geträumt?«

Nora nickte. »Es war die Gräfin Rahel, und Sie liegen in ihrem Bett. Gräfin Rahel ist die Nichte meines Mannes.«

Félicie hatte sich aufgerichtet. Auf ihren blassen Wangen brannten kreisrunde rote Flecke, ihre Augen traten aus den Höhlen. Verzweifelt griff sie nach Nora.

»So muß ich fort« – schrie sie, »lassen Sie mich fort, gnädige Frau, erbarmen Sie sich, – wo sind meine Kleider? Das kann ich nicht ertragen!«

Ruhig drückte sie Nora wieder auf ihr Lager zurück.

»Was können Sie nicht ertragen? Daß Gräfin Rahel Ihnen längst vergeben hat?«

Félicie schlug die Hände vors Gesicht und blieb regungslos liegen.

»Zu viel!« stöhnte sie. »Zu viel!«

Nora stand auf. »Die Gräfin soll's Ihnen selber sagen. Ich bringe sie Ihnen. Sie wartet ja nur darauf, Ihnen ein gutes Wort zu geben.«

Nach einigen Minuten kehrte Nora mit Rahel wieder. Félicie saß kreidebleich in ihrem Bette. Wirr hing das blauschwarze Haar um ihre Wangen. Flehend streckte sie die gefalteten Hände Rahel entgegen.

»Komtesse!« schrie sie, »grâce, grâce!«

Rahel beugte sich zu ihr nieder und küßte sie auf die Stirn.

»Félicie,« sagte sie freundlich, »seien Sie vernünftig, es ist alles vergeben und vergessen!«

Die Französin ergriff Rahels Hände, ergriff den Saum ihres Kleides und drückte heiße stürmische Küsse darauf.

Dann fiel sie erschöpft zurück in die Kissen. Sie war ganz und gar gebrochen.

»Zu viel,« wiederholte sie heiser, »viel zu viel.«

Rahel erhob sich und brachte ein Glas Zuckerwasser.

»Trinken Sie!« gebot sie ruhig, »und seien Sie brav und vernünftig. Wollen Sie?«

»Je veux, je veux bien!« rief Félicie mit zuckenden Lippen. »Oh mon Dieu!«

Gewaltsam zwang sie sich zur Ruhe und richtete sich in ihrem Bette auf. Krampfhaft hielt sie ihre Knie umklammert. Endlich begann sie – suchend, – unsicher:

»Als ich Ihnen im kaiserlichen Garten begegnete, gnädige Frau, war ich bei einer polnischen Familie. Meine Zöglinge erkrankten am Scharlach. Man bedurfte meiner Dienste nicht mehr. Gleichzeitig bot man mir eine Stellung im Hause eines russischen Fürsten an.

Ich war mit dem Wechsel zufrieden und zog leichten Herzens von den Polen fort. O ich ahnte ja nicht, was meiner wartete. Die Fürstin war eine kränkliche eingeschüchterte Dame mit einem niedergeschlagenen Gesicht. Sie sprach immer nur im Flüstertone und schien in beständiger Angst zu leben. Der Fürst – meine Damen – das war kein Mensch, – das war der Teufel.«

Félicie starrte mit glühenden Augen vor sich hin ins Leere – dann fuhr sie heiser fort:

»Glatt, aalglatt war er, brutal und grausam. Auf rotem büffelstarkem Nacken saß ein glattrasiertes feistes Nerogesicht, mit langfleischig herabhängendem Unterkinn und tödlich kalten lüsternen Augen. Mein Zögling war ein kleines schmächtiges Mädchen: ein graues, altkluges Gesichtchen und große, verängstete, fromme Augen – aber ach, die Kleine war verwachsen. Sie wissen, Gräfin, daß ich Kinder liebe. Ich liebte die arme Kleine vom ersten Moment an, und das Kind klammerte sich an mich mit der ganzen Inbrunst seines armen Herzchens.

Wir waren schnell Freunde geworden.

Eines Tages klopfte es an meine Tür. Es war der Fürst.

Ich erschrak, denn vom ersten Augenblick an war der Mann mir widerwärtig.

Er nahm einen Stuhl und begann ohne Umschweife: ›Mademoiselle, Sie haben Sinaide liebgewonnen, scheint's mir.‹

›Certainement,‹ sagte ich. ›Ich weiß nicht, wie das anders möglich wäre.‹

Ich war befangen, was sonst nicht meine Art ist, und fühlte die kalten bösen Augen auf mir ruhen.

›Gut, daß ich das weiß,‹ sagte er. ›Von Ihrem Verhalten zu mir soll also ferner abhängen, wie sich Sinaidens Los gestalten wird. Ich erwarte Sie heute abend in meinem Zimmer.‹

Damit ging er und machte mir eine höhnisch elegante Verbeugung.

Mesdames, was ich da gelitten habe – ich kann es nicht sagen! Ich habe viel gefehlt in meinem Leben, ich habe betrogen und bin selbst betrogen worden, aber mich fortschleudern – ohne Liebe – niemals!

Ich verlasse diesen Platz augenblicklich, dachte ich und schlief verängstigt und von quälenden Träumen geschreckt ein.

Am nächsten Morgen kam mir der Fürst mit bösem Lächeln entgegen. ›Sie haben meinen Wink nicht verstehen wollen,‹ sagte er, ›gut, so tragen Sie die Konsequenzen.‹

›Ich habe keine Konsequenzen zu tragen. Fürst,‹ sagte ich kalt. ›Ich bitte um meine Entlassung und um meinen Paß.‹

Er lachte und sah mich tückisch an. ›Ihren Paß wollen Sie, Mademoiselle? Da beruhigen Sie sich. Der ist in guter Hut, den bekommen Sie nicht.‹

Und nun begann eine furchtbare Zeit für mich und meinen Zögling. Der Unhold verfolgte mich unablässig. Bald hier, bald da tauchte sein tückisches dunkles Gesicht vor mir auf und erschreckte mich, auf Spaziergängen, im Park, im Walde, auf düsteren Treppengängen, nirgends war man sicher vor ihm. Bald stürzte er mit boshaftem Grinsen plötzlich hervor, bald zischte er mir aus irgend einem dunklen Winkel sein ›Vous y penserez‹ entgegen. In meinem Waschkruge fand ich einst eine halbtote Schlange, unter meinem Bett hatte sich ein mächtiger Kerl eingeschlichen, den der Fürst gedungen hatte, um mich zu erschrecken. Pistolenschüsse knallten oft in nächster Nähe auf halbdunklen Gängen und Korridoren, die ich passieren mußte – der Fürst behauptete Ratten schießen zu müssen – kein Wunder, daß ich im höchsten Grade nervenkrank wurde. Wer auch das Kind mußte mit mir leiden.

Ich war selbst auf meinem Zimmer nicht mehr sicher vor widerwärtigen Überraschungen.

Einmal trat der Fürst mir als Gespenst entgegen in weiße Bettlaken gehüllt, eine glühende Kohle zwischen den Zähnen.

Da hielt ich mich nicht länger, ich ging direkt zur Fürstin und erzählte ihr alles.

Sie hielt sich die Ohren zu. ›Ich weiß, ich weiß,‹ jammerte sie, ›er ist ein Unmensch. Sagen Sie mir nichts, ich kann nichts ändern.‹

So ging es nun alle Tage. Ich forderte meine Entlassung, ich bestand darauf. Es war, als spräche ich zu den Wänden.

›Verklagen Sie mich, bei wem Sie wollen, mein Fräulein,‹ sagte mir der Teufel mit seiner galantesten Verbeugung – ›es glaubt Ihnen doch niemand. Zwanzig Werst im Umkreise hier ist mein Gebiet, ich bin hier Alleinherrscher, verstehen Sie!‹

In einer Nacht bin ich entflohen. Von dem Kinde bin ich heimlich fortgegangen, ohne Abschied zu nehmen, von dem einzigen Wesen, das mir gut war. Ich entfloh also ohne Paß, ohne Mittel, ohne meine Sachen. Zwei Tage lang irrte ich auf der Landstraße des fürstlichen Gebiets umher und suchte, sobald sich ein Mensch näherte, mich zu verstecken. So hab' ich mich durchgebettelt bis Minsk.

Hier machte ich den Behörden Anzeige. Man erklärte mich für irrsinnig.«

Félicie weinte leise vor sich hin.

»Sie konnten nicht anders handeln, Félicie,« sagte Nora.

»Sie haben recht getan, zu fliehen!« rief Rahel.

Dankbar blickte Félicie von der einen zur anderen.

»Ich wurde krank,« fuhr sie müde fort, »und kam in ein Hospital. Wegen meines mangelnden Passes gab es endlose Schwierigkeiten. Ich erhielt endlich einen zeitweiligen Aufenthaltsschein. Russisch verstand ich nicht. Endlich wies man mich an den französischen Konsul in Riga. Eine Kollekte wurde von den Ärzten des Minsker Hospitals veranstaltet, und so kam ich hierher. Mein Geld war zu Ende. Ich hatte mich bei kleinen Leuten in einer Kellerwohnung eingemietet, – in dem Aufzuge konnte ich nicht zum Konsul, ich suchte Stunden zu erteilen. Niemand hatte Vertrauen zu mir – so bin ich Ihnen begegnet.

Das ist das Ende.«

Erschöpft sank Félicie auf ihr Lager zurück.

 

* * *

 

Zwei Wochen waren vergangen.

Félicie Lebrun, die in einem Kostüm Rahels sehr schick aussah, war still und zurückhaltend und machte sich so unbemerkbar wie möglich. Sie suchte sich auf jede Weise im Hause nützlich zu machen, sie nahm der treuen Minna Arbeiten ab, so viel sie konnte, und einmal fand Rahel sie in ihrem Zimmer, wie sie hochgeschürzt eben dabei war, den Fußboden zu scheuern.

Für Rahel wie für Nora hatte sie eine große Verehrung. Es war nicht herauszufühlen, wen von beiden sie lieber hatte. Am allermeisten aber verehrte und liebte sie Hans, doch ging sie ihm immer scheu aus dem Wege. Das harmonische Zusammen- und Ineinanderleben dieser drei Menschen war für Félicie Lebrun etwas durchaus Unverständliches, kaum Glaubliches, noch nie Dagewesenes. Es war ein Wunder für sie, das sie nicht zu fassen vermochte, und dennoch vollzog sich dieses Wunder so einfach, so natürlich, mit einer solchen Selbstverständlichkeit vor ihren Augen, daß sie davon überwältigt wurde.

Daß Rahel Hans lieben mußte, war für Félicie das Allernatürlichste von der Welt, und sie hätte sich durchaus nicht gewundert, wenn Hans die Liebe der schönen Rahel erwidert hätte. Nun aber schienen beide, Hans und Rahel, ganz in der hülflosen Nora aufzugehen, und Nora, das fühlte Félicie deutlich heraus, vertraute den beiden grenzenlos und schien die Möglichkeit eines Funkens von Mißtrauen gar nicht zu verstehen. Das hatte Félicie nicht für möglich gehalten. Sie empfand geradezu eine ehrfurchtsvolle Scheu vor diesen Menschen, in deren gesunder seelischer Atmosphäre sie sich nicht zu bewegen wußte. Sie konnte sie nicht begreifen und durfte doch an ihrer Ehrlichkeit nicht zweifeln.

Daß Rahel und Nora ungewöhnliche Naturen waren, hatte sie geahnt, aber nun lernte sie zum erstenmal in ihrem Leben einen Mann kennen, der den beiden Frauen gewachsen war, noch mehr, einen Mann, der ihnen in seiner unerschütterlichen frohen Festigkeit überlegen war. Das war etwas ganz Neues. Félicie kannte die Männerwelt nur von jener traurigen Seite, die sie in Gegensatz zu dem unterdrückten, betrogenen und verkäuflichen Weibe stellt, – hier war zum erstenmal ein Mann, der Mensch sein wollte, und in dem Weibe nicht zunächst das geschlechtlich von ihm unterschiedene Wesen sah, sondern ebenfalls den Menschen schätzte, und dieser Mann war dabei noch Frauenarzt.

So ging ihr ein neuer Gesichtspunkt auf, und was sie von diesem Punkte aus erblickte, wertete alle für sie vorhandenen Werte um. Damit war eine durchgreifende Veränderung in Félicies Wesen eingetreten.

Ihre Verbitterung löste sich in anbetende Bewunderung für den einen Mann auf, den sie als Ausnahmewesen kennen gelernt hatte, und zugleich tönte in ihrem Innern die leise Frage, ob das, was sie bisher als das normale Leben kennen gelernt hatte, in Wahrheit normal war. Sie liebte Hans, aber sie fürchtete ihn fast noch mehr. Richtete Hans einmal im Laufe des Tages ein freundliches Wort an sie, so lebte sie geradezu auf und ging einher, als sei sie aus einem Dornröschenschlaf erwacht, und dennoch zitterte sie vor ihm und fürchtete sich vor seiner Meinung.

Ob er wußte, daß sie ihre Ehre verloren hatte? Wußte er, daß sie Mutter von zwei Kindern gewesen? Dieser Gedanke marterte sie bis zu Verzweiflung. Wenn er, der reine starke Mann das wußte, wie konnte er so freundlich mit ihr umgehen? Wie durfte er sie in seinem Hause dulden? Fürchtete er denn nicht sein makelloses Haus durch sie zu beflecken?

Ihre leidenschaftliche Natur wand sich unter der Ungewißheit. Sie wollte und würde und mußte klar sehen können.

Eines Tages trat sie unvermutet in des Doktors Sprechstunde.

Verwundert zog er die Augenbrauen in die Höhe.

»Nun,« sagte er scherzend, »in einer Hausgenossin eine Patientin zu finden, die mich konsultiert, – das ist mir ein seltener Fall.«

»Herr Doktor,« begann Félicie mit zitternder Stimme – »ich bin keine Patientin, ich bin bloß zu Ihnen gekommen, weil ich nicht unter falscher Flagge in Ihrem Hause segeln will. Sie sollen die ganze Wahrheit über mich wissen.«

Sie war totenblaß. Ihre nervösen Finger zupften krampfhaft an einem Taschentuch.

Hans sah sie prüfend an: »Weshalb setzen Sie voraus, daß ich die Wahrheit nicht weiß?«

Wenn ein Blitz vor ihr in den Boden gefahren wäre, so hätte das Félicie weniger außer Fassung gebracht, als die ruhige Selbstverständlichkeit dieser Frage. Sie starrte ihn an wie eine Erscheinung.

»Ich bin ein uneheliches Kind« . . . fuhr sie heraus.

»Das ist traurig für Sie, doch nicht Ihre Schuld.« »Ich bin von einem verheirateten Manne, dem Grafen Sylvain Witakowsky verführt worden, nein, ich habe mich ihm freiwillig hingegeben,« fuhr sie in einem brutalen Selbstvernichtungstriebe fort – »und hätte er mich nicht schmachvoll verlassen, ich würde meine Tat nicht bereuen. Ich habe zwei Kinder von ihm gehabt. Sie sind beide tot,« schloß sie mit verlöschendem Tone.

»Sie sagen mir bis auf den Namen nichts Neues,« – sagte Hans ernst.

»Ja, aber, verachten Sie mich denn nicht?« stieß Félicie beklommen hervor.

Er ergriff ihre kalte Hand.

»Ich beklage Sie von ganzem Herzen – Sie haben ein bitter schweres Leben hinter sich.«

Félicie sank in sich zusammen. Sie atmete in kurzen schweren Stößen.

»Wie konnten Sie mich in Ihrem Hause dulden?« rief sie leidenschaftlich. »Ich bin ja nicht wert, die Luft zu atmen, die Sie und Ihre Damen teilen!«

»Hören Sie,« sagte Hans ruhig, »Sie sind wirklich krank, mein liebes Kind. Ich will Ihnen etwas verschreiben.«

Sachgemäß und ein wenig umständlich schrieb er ein Rezept auf.

»Dreistündlich davon einzunehmen,« gebot er.

»Seien Sie hübsch vernünftig und merken Sie sich eins: Sie sind hier nicht im Hause eines Inquisitors, der Ihnen alle Ihre Schäden nachzurechnen hat, sondern Sie sind bei sündhaften und schwachen Menschen, wie Sie selbst einer sind. Haben Sie Ihr Leben für verfehlt erkannt, und gewiß, Sie haben gefehlt, – so fangen Sie ein neues Leben an. Das ist mein ehrlicher, wohlgemeinter Rat. Wir alle bedürfen eines barmherzigen Gottes, und wir haben ihn.«

Félicie saß sprachlos und zitternd da. Sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen.

»Könnte ich, o könnte ich das Geringste für Sie tun!« flüsterte sie.

»Verzweifeln Sie nie wieder an Gott und den Menschen!« sagte er freundlich und reichte ihr wieder die Hand.

Sie stand auf. Ihre Knie knickten unter ihr ein. Schwer atmend lag sie zu seinen Füßen. Sie versuchte es seine Hand zu küssen. Er entzog sie ihr rasch. Dann erhob er sich und kehrte mit einem Glas Madeira wieder.

»Trinken Sie,« sprach er bestimmt, »und stehen Sie auf. Ich hatte da einen Plan, aber wenn Sie so nervös sind, werde ich ihn vor der Hand nicht verwirklichen können.«

»Einen Plan? Mit mir?« wiederholte sie.

Sie traute ihren Ohren nicht.

»Jawohl, mit Ihnen. Ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, den Schwesternkursus des roten Kreuzes durchzumachen und mir später bei meinen Patientinnen behülflich zu sein?«

Sie sah ihn an – staunend, ungläubig, mit einem so selig verklärten Ausdruck, daß er unwillkürlich lächelte.

»Halten Sie mich dessen für würdig?« Ihr war, als hätte sie eine Offenbarung vernommen.

»Sonst würde ich es Ihnen nicht vorschlagen« – sagte er freundlich. »Wer augenblicklich halte ich Sie dessen nicht für fähig. Dazu bedarf man gesunderer Nerven, als Sie sie haben.«

Félicie stand vor ihm. Ihr Gesicht flammte in wilder Energie auf.

»Ich werde sie haben,« sprach sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Darf ich nach einem halben Jahre wieder vorfragen?«

»Ich würde es wünschen,« versetzte Hans. »Vorläufig aber müssen Sie sich schonen und kräftigen, – ein Jahr lang, denk' ich.«

Félicie sah ihn mit einem heißen verlöschenden Blick an. Alles um sie begann zu kreisen.

»Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« sagte sie mit ersterbender Stimme.

Sie ging hinaus. Die Seligkeit dieser Aussicht war zu viel für sie. Vor der Tür ihres Zimmers seufzte sie schwer auf.

»Um solcher Menschen willen lohnt es sich zu leben . . . Mein Gott, nun habe ich ein Lebensziel!« murmelte sie.

Sie brach ohnmächtig zusammen.

 

* * *

 

Nora und Rahel hatten für Félicie ein Angebot französischer Stunden in die Zeitung gerückt. Auf mehrere Zeitungsannoncen hin hatten sich einige Personen gemeldet. Eines Tages erschienen auch Fräulein Klementine und Nadine Müller.

»Liebste Frau Nora, Frau Gräfin, wie freuen wir uns, Sie so wohlauf zu sehen!« begann Fräulein Klementine. »Wie bedauern wir, Sie nicht mehr spielen zu sehen! Ach, das Theater hat ja ganz seinen Reiz für uns verloren, seit Sie fort sind. Sagen Sie, liebste Frau Nora, man hat uns mitgeteilt, daß Sie nicht gut sehen, das ist doch nicht möglich.! Ihre Augen sehen ganz gesund aus.«

»Man hat Ihnen viel weniger als die Wahrheit gesagt« – sprach Nora – »ich sehe gar nichts mehr.«

Fräulein Klementine erschrak so heftig, daß sie kreideweiß wurde.

»Nein . . . aber,« stotterte sie. Dann begannen beide Schwestern bitterlich zu weinen.

Rahel winkte ihnen mit den Augen. Sie nahmen sich gewaltsam zusammen.

»Wie ist das schwer!« stammelte Fräulein Klementine und streichelte mit zitternden Händen über Noras Kleid hin – »mein Gott, wie muß das schwer sein!«

»Es gibt größeres Unglück zu tragen, liebes Fräulein Müller,« sagte Nora freundlich.

Nach einer langen Pause fuhr sie fort: »Ich freue mich herzlich, daß Sie gekommen sind. Ich möchte Ihnen so gern eine Bitte vortragen.«

»Eine Bitte? Uns?« riefen die beiden Schwestern atemlos.

»Könnten Sie uns nicht helfen, unserer neuen Hausgenossin Mademoiselle Lebrun eine feste Stellung zu verschaffen?«

»Aber ja, gewiß, aber selbstverständlich,« riefen die alten Fräulein. »Wir waren ja auch der Dame wegen gekommen,« erklärte Nadine Müller schluckend. »Sie hatte französischen Unterricht annonciert. Wir dachten aber, sie müsse sich in der Adresse geirrt haben.«

»Die Adresse ist ganz richtig,« sagte Rahel, und in kurzen Worten erzählte sie den aufhorchenden Schwestern von Félicies Sturz ins Wasser und ihrer Rettung.

Mit offenem Munde hörten Klementine und Nadine zu.

»Aber das ist ja ein ganzer Roman!« sagten sie.

»Gewiß und ein sehr tragischer dazu. Nun fragt es sich, wie und wo wir das arme Mädchen unterbringen können.«

»Frau Nora, Frau Gräfin,« jauchzte Klementine von einer spontanen Eingebung beseelt – »Geben Sie sie zu uns! Wir haben ja Platz vollauf, und Mademoiselle Lebrun soll unsere Gesellschafterin werden!«

»Ach ja, prächtig!« rief Nadine. »Wir wissen oft nicht, was wir mit dem langen Tag anfangen sollen,« gestand sie. »Da wollen wir Französisch lernen. In unserer Jugend fingen wir einmal damit an, haben's aber schon wieder vergessen!«

»Großartig!« sprach Klementine aufgeregt und wichtig. »Französisch lernen wollen wir. Im nächsten Herbst machen wir eine Reise nach Paris,« fügte sie verschämt hinzu, »und ohne Französisch geht das doch nicht gut. Französisch gehört nun einmal zur Bildung, und lernen können wir auch.«

»Wollten Sie wirklich Mademoiselle Lebrun zu sich nehmen, meine Damen?« fragte Nora. »Ja, das wäre mir große Freude!«

Klementine hüpfte hochrot vor Entzücken in die Höhe. »Ihnen eine kleine Freude zu machen, liebste Frau Nora – was kann ich mir Schöneres denken? Wo ist das Fräulein, können wir sie nicht gleich mitnehmen?«

»Es ist da nur etwas zu bedenken,« sprach Nora, » Félicie Lebrun hat viel Schweres erlebt, ist viel in der großen Welt herumgewesen. Sie ist sehr nervös und'leidenschaftlich. Auch hat sie sich ein Ziel gesetzt, das sie, sobald es ihre Gesundheit ermöglicht, verwirklichen will. Es handelt sich also höchstens um ein Jahr Aufenthalt bei Ihnen. Sie will nämlich Schwester des roten Kreuzes werden.«

»Schwester des roten Kreuzes – nein, wie interessant!« riefen Klementine und Nadine wie aus einem Munde.

»Wir wollen sie pflegen,« riefen sie wieder einander überhastend – »als ob sie unser eigenes Kind wäre. Nein besser, viel besser!«

»Rahel,« sagte Nora, »bitte, rufe doch Félicie herein!«

Gespannt sahen die Schwestern Félicies Eintritt entgegen. Da kam sie. Sie verbeugte sich mit vollendeter Grazie. Ihre schwarzen Augen strahlten vor großem tiefem Glücksgefühl.

»Ich habe in diesem Hause drei Menschen kennen gelernt,« sagte sie, »zum erstenmal in meinem Leben. Was diese drei Menschen für recht halten, das will ich tun, und ich hoffe, sie werden mit mir zufrieden sein.«

Klementine und Nadine Müller starrten Félicie nach diesen rätselhaften Worten verblüfft an und begannen sich sofort nach dem hygienischen Regime zu erkundigen, das Félicie einhalten müsse. Sie hielten sie offenbar für geisteskrank.

In der Folge ihres Gesprächs aber sagte Félicie: »Wenn ich vorhin ›drei Menschen‹ sagte, so heißt das, daß die übrigen Menschen, mit denen ich zu tun hatte, nur halbe oder Viertelmenschen waren. Sie standen tief unter der wahren Menschlichkeit, die ich in diesem Hause dreimal vertreten fand.«

Klementine blickte Nadine entzückt an.

»Nun werden wir uns ganz verstehen, Fräulein Lebrun,« rief sie impulsiv. »Sie haben völlig recht, und Sie haben das so wunderschön gesagt!«

 

* * *

 

Drei Jahre sind dahingeströmt. Drei stille ruhige Jahre voll inneren Friedens und Wachstums, voll reicher Entwicklung, voll Leid und voll großer und kleiner Freuden.

Hans Rehder stand auf dem Balkon seines Hauses, etwas vornübergeneigt, und stützte seine schlanken Hände auf das Geländer. Seine Tagesarbeit war vollbracht, und Félicie, seine zuverlässige Gehilfin, war soeben gegangen. Er sah in das junge Grün, in das Gewirr der blühenden Kastanienbäume und Linden hinein, und seine etwas kurzsichtigen Augen spähten in die überlaubten Gartenwege. Vogelsang tönte lockend von Baum zu Baum.

Ein sonniges Lächeln flog über des Mannes freundliche Züge. Die Zweige teilten sich, und dort hinter den Syringenbüschen trat Nora hervor. Lauschend blieb sie stehen, ein leises friedliches Lächeln auf den Lippen.

»Hans!« rief sie mit halblauter Stimme, »Hans, bist du da?«

»Ja mein Liebling, ich komme sofort.«

Wie ein Jüngling stürmte er ihr entgegen.

Sie faßte ihn unter den Arm, und beide gingen miteinander auf und nieder. Nora schmiegte sich den langen ausholenden Schrit­ten ihres Mannes an.

»Wie geht's dir, Herz?« fragte er.

»Wie du nur fragst!« lächelte sie. »Ich bin glücklich, Hans!«

Dem Manne wurden die Augen feucht.

»Ich glaube, ich habe erst zu leben gelernt, seit ich blind bin,« fuhr Nora nachdenklich fort. »Früher, weißt du, war ich so voller Unruhe, so voller Ziele und Zielchen. Meine Kunst trieb mich rastlos von einer Etappe zur anderen. Ich hatte keine Zeit mehr für meine Seele. Mich vertiefen wollt' ich, mich verinnerlichen, meine Seele erweitern, alles um der Kunst willen. Ich langte nach dem reinen Golde, um dafür Silber einzutauschen. Damit versündigte ich mich cm meiner Seele, denn ich machte meine Seele zum Mittel für einen Zweck und strebte das Größere an, um des Kleineren willen. Jetzt hab' ich gelernt, daß, wie groß die Kunst auch sei, es noch ein größeres Ziel gibt, nämlich das, unsere Seele groß und weit zu machen und so zu leben, daß wir das Leben zwingen, uns zu dienen. Diese große freie Möglichkeit bietet das Leben einem jeden. Seligkeit wie tiefstes Leid, beides kann uns in gleichem Maße bereichern, das hab' ich an nur erfahren. Wir lernen die Leiden lieben, die uns innerlich befreien, Hans! Reif sein ist alles.«

»Lebenskünstlerin!« rief Hans überwältigt.

Sie lächelte. Ein freudig lichtvoller Ausdruck verklärte sie und machte sie schön.

»O du!« flüsterte Hans hingerissen, »du Süße, Herrliche! Ja, du bist glücklich, denn du hast es erreicht, in Harmonie mit deinem Wesen zu sein, in Einklang mit dir selbst.«

»Zweifeltest du daran?« fragte sie und sah ihn mit den stillen lichtlosen Augen freudig an. Ihr Antlitz strahlte von ungeahnter Daseinsfülle.

»Ich bin überwältigt, bin dankbar, bin unaussprechlich beglückt durch dich, mein Lieb.«

»Ohne dich und Rahel, ohne eure sanften, liebenden treuen Hände aber wäre ich nimmer so weit gekommen,« gestand Nora demütig. »Mit Rahels Eintritt in unser Haus fing meine Selbsterziehung an, Hans. Neben diesem herrlichen schönen Geschöpf mit der vornehmen Seele und den reichen Geistesgaben wurde mir erst klar, wie viel mir noch fehlte. Bis dahin lebte ich nur halb unbewußt dahin. Sie ist uns beiden mehr als Schwester geworden, sie hat mit gebaut an unserem reinsten Glück. Wir brauchen sie beide, Hans, nicht wahr?«

»Und wie sehr!« rief Hans freudig. »Da kommt sie – mit Baron Berg.«

»So gehen wir ihnen entgegen!«

In der Tat kam Rahel über den Gartenkies geschritten, neben ihr Baron Berg, mit dem sie in den letzten Jahren in freundschaftliche Beziehungen getreten war.

Sie war heute strahlend schön. Ein sanftes Licht spielte in ihren großen dunklen Augen.

»Gräfin, Gräfin – und Ihre Antwort? . . .« rief Baron Berg mit zuckenden Lippen.

Sie wies auf Nora.

»Da ist meine Antwort. Ich bin Ihnen von Herzen gut, Baron, aber mehr als Freundschaft können Sie von mir nicht erwarten . . . Das da ist auch Freundschaft, aber eine ältere, folglich hat sie auch ältere Rechte,« sagte sie mit lieblich stolzem Lächeln.

»Haben Sie denn nie geliebt?« fragte er zögernd.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

Es zuckte wehmütig über ihr schönes Gesicht.

Jetzt hing sie sich in Noras Arm. Der Baron küßte Nora die Hand, er hatte sich gewaltsam gefaßt.

»Gnädige Frau,« sagte er, »ich komme als Vertreter einer Kommission zu Ihnen; alle Ihre alten Freunde, Konsul Isidor Merker, unser Überredakteur, Pastor Philippi und noch andere, haben mich zum Sprecher erkoren: es handelt sich um eine Wohltätigkeitsvorstellung zum Besten der hiesigen Armen. Wollen Sie die Gnade haben, uns auf der Soiree durch Rezitation von Andersenschen Märchen oder Richard Dehmels zwei Menschen oder etwas Dramatischem zu einem vollen Hause zu verhelfen? Wir alle können den Eindruck Ihrer Rezitation am Neujahrsabend bei Ihnen nicht vergessen. Bitte, bitte, sagen Sie zu, gnädige Frau!«

Nora war blaß geworden. Sie lebte so intensiv wie noch nie, und auch ihre Kunst lebte in ihr – das wußte sie.

»Sie wissen nicht, was Sie verlangen, Baron, wecken Sie nicht das schlummernde Kind, meine Kunst, in mir. Ich hab' es mit Schmerzen zur Ruhe gewiegt.«

Hans schlang seinen Arm liebevoll um Nora.

»Ich wußte längst von dem Plane der Herren,« sagte er, »und ich habe mich wie ein Kind darauf gefreut. Glückauf, Nora, mein Herz! Hinein in die alte neue Kunst! Hast du nicht selbst gesagt, daß du reif geworden bist, reif sein, heißt frei sein!«

Sie umfaßte ihn mit dem einen Arm und Rahel mit dem andern. In ihrem Antlitz leuchtete eine große ernste Freude.

Sie nickte still.

Abseits stand der Baron. In seinen guten Augen zuckte ein rasches Verständnis auf. »Drei Menschen,« flüsterte er vor sich hin, »die darf kein Vierter auseinanderreißen. Drei große gute Menschen!«

So standen sie da, eine Gruppe innigen Familienglücks, Säulen einer starken großen Menschlichkeit, eng verbunden durch die Selbstverständlichkeit einer großen Liebe, der Liebe, die nimmer aufhört! –



1»Fuhrmann«, Bezeichnung für Droschkenkutscher in den Ostseeprovinzen, Provinzialismus.