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Eugen Kumičić – Ungewöhnliche Menschen.

Novelle

aus: Slavische Romanbibliothek, IV., Südslavisches Novellenbuch, Verlag von J. Otto, Prag, 1905
Ungewöhnliche Menschen übertragen von Fr. Vever

I.

Eines Abends, es war im Jahre 1875, Monate November, schlenderte ich auf dem Boulevard Italien. Meine Augen hatten sich schon an den Pariser Lichtglanz und das bunte Gewühl gewöhnt. Ohne Ziel durch die Pariser Gassen zu bummeln, dürfte die angenehmste Beschäftigung auf der Welt sein. Als ich genug gegangen war, überlegte ich, wie ich den Abend zubringen sollte. Im Théâtre Italien gab der berühmte Ernesto Rossi den Hamlet. Ich verließ den Boulevard und in kurzer Zeit stand ich auf dem Platze Ventadour vor dem Théâtre Italien. Sah auf die Uhr: Oho! noch eine halbe Stunde bis zur Kassaeröffnung. Auf dem kleinen Platze auf- und abgehend, drehte ich mir eine Zigarette, hatte aber kein Feuer. Da bemerkte ich einen Mann, der an ein Eisengitter angelehnt, gesenkten Hauptes rauchte. Ich trat zu ihm und bat ihn französisch um »ein wenig Feuer«. Der Mann verneigte sich und reichte mir seine Zigarre. Während ich die Zigarette anzündete, betrachtete ich ihn. Er war blaß und mager.

»Warum sehen Sie mich so an, mein Herr?« fragte er mich trocken.

»Ich? . . . Entschuldigen Sie!« gab ich etwas verwirrt zur Antwort.

»Wir kamen zu früh. Wollen Sie ins Theater?« setzte er liebenswürdig fort, mit einer schönen Aussprache des Französischen.

»Ja, mein Herr.«

»Haben Sie Rossi schon gesehen?«

»Ja, schon öfters.«

»Und Salvini?«

»Auch ihn.«

»Welcher gefällt Ihnen besser?«

»Salvini; übrigens beide sind großartig, wahre Riesen!« sagte ich lebhaft. Der Mann öffnete die Augen, sah mich mitleidig an, nickte und sagte kühl:

»Riesen! Riesen! Man sieht, daß Sie aus dem Süden Europas sind, mein Herr. Alles kann Sie begeistern. Sind Sie nicht ein Italiener?« fragte er mich italienisch.

»Nein, ich bin ein Kroate,« erwiderte ich ebenfalls italienisch.

»Sieh da, dann sind wir Brüder!« fing er kroatisch an.

»Brüder?« wunderte ich mich.

»Ja, ich bin Russe,« nickte er und reichte mir die Rechte. Ich verspürte einen starken Druck seiner Hand.

»Es freut mich!« verbeugte ich mich.

»Kennen Sie russisch?«

»Leider noch nicht.«

»Schande! Entschuldigen Sie . . . Aus welcher Gegend Kroatiens sind Sie?«

»Aus Istrien.«

»Ich kenne Istrien. Sein östliches Gestade ist schön.«

»Dort bin ich geboren.«

»Ich lebte einige Monate in Fiume.«

Ich wußte nicht, was ich mir von diesem sonderbaren Kauz denken soll. Ein sehr interessanter Mensch. Dieser Herr Russe konnte höchstens fünfunddreißig Jahre alt sein. Ein blonder Vollbart schmückte sein männliches, sehr geistreiches Gesicht. Einzelne, stark hervortretende Züge um die geschlossenen, schmalen Lippen zeugten von großen Anstrengungen, schweren Entbehrungen und vom wilden und unglücklichen Leben. In seinem ganzen Wesen lag eine große Strenge, körperliche Zähigkeit und seelische Stärke. Seine Stimme klang scharf, kurz und trocken. Sein schwarzer Anzug, bis zum Halse geschlossen, sein blasses Gesicht und die eigenartige Sprache, das alles flößte mir eine unerklärliche Scheu vor ihm ein.

Eine Zeitlang unterhielten wir uns noch vor dem Theater. Er fragte mich manches über meine Heimat, und ich überzeugte mich bald, daß ihm die »Situation« in Kroatien klarer war als mir selbst. Dies wunderte mich auch gar nicht, denn bevor ich nach Paris ging, las ich die kroatischen politischen Blätter nur sehr flüchtig. Als die Kassa geöffnet wurde, gingen wir Karten lösen.

»Nehmen Sie einen Platz im Parterre?« fragte mich der Russe.

»Nein: Ist mir zu teuer: acht Francs.«

»Entschuldigen Sie, was machen Sie in Paris?«

»Ich? . . . Besuche die Universität.«

»Haben Sie denn keine ernstere Beschäftigung?«

»Wie meinen Sie das?« wunderte ich mich.

»Nichts, nichts!« nickte er und trat an den Schalter der Kassa.

Ich wollte mir eine Eintrittskarte kaufen, er gab es aber nicht zu: »Nein, lassen Sie es, ich wünsche, daß Sie neben mir sitzen. Ich bitte Sie, erlauben Sie es mir. Ein anderesmal werden Sie die Karten besorgen.«

Ernesto Rossi spielte wie immer: wunderbar, und erntete stürmischen Beifall. Der Russe saß ruhig neben mir, die Arme über die Brust gekreuzt; er saß unbeweglich, zeitweise nur strich er mit der Hand über sein üppiges Haar. Nach dem zweiten Akte bemerkte ich, daß er mit einem leichten Neigen des Kopfes jemanden in einer Loge grüßte. Sein Gesicht heiterte sich etwas auf. Später fragte er mich plötzlich, ob meine Eltern noch leben und wie alt ich bin. Die Antwort nicht abwartend, sagte er leise: »Es ist mir angenehm, daß Sie neben mir sitzen. An meiner anderen Seite sitzt ein Franzose. Wenn Sie nicht neben mir wären, hätte es mir passieren können, daß ein Deutscher an meiner Seite säße, und in dem Falle wäre ich nervös, könnte Rossi nicht zuhören. Ich danke Ihnen!«

Als wir nach der Vorstellung auf die Gasse hinaustraten, nahm er mich unter dem Arme und sprach:

»Sie sind heute mein Gast. Wir wollen zusammen soupieren.«

»Ich danke Ihnen; leider kann ich aber Ihre Einladung nicht annehmen; ich muß nach Hause.«

»Gehen wir nur! Die Nacht ist kühl, Sie könnten sich verkühlen,« sprach der Russe und zog mich mit Gewalt mit sich fort.

Auf keine Art konnte ich mich von ihm freimachen. Am Wege nannte ich ihm meinen Namen und fragte nach dem seinen.

»Peter!« antwortete er kurz.

»Peter . . .?«

»Ja, Peter. Das weitere ist nicht nötig. Zu was? Und wer fragte nach Ihrem Namen?«

»Aber . . .«

»Sie Sind lächerlich.«

»Was meinen Sie mit diesen Worten?«, fing ich ernst an.

»Daß Sie lächerlich sind, nichts anderes.«

»Herr, ich bitte Sie . . . Sie wissen — in der Welt ist es Sitte . . .« sagte ich und riß mich von ihm los.

Er faßte mich wieder an der Hand und sagte nachlässig:

»Die Sitten, das ist die dümmste Sache auf der Welt. Die ganze Fäulnis unseres Zeitalters beruht eben auf diesen Sitten. Ihr Kroaten, Ihr habt viel, sehr viel solcher nationalen Heiligtümer. Euere Toaste, Euer abscheulicher Patriotismus bei Tische, Euere Tischherren und ihre Füchse, auch das gehört zu Eueren verderblichen Sitten. Glauben Sie mir, lieber Herr, ich kenne keine andere Nation, die für ihr Vaterland so viel wie die Ihrige — trinkt. Ist dem nicht so?«

Mich brannte es im Herzen. Während dem traten wir in das glänzende Restaurant »Maison dorée« und setzten uns in eine Ecke. Das Souper war gut, der Wein vorzüglich, ich konnte aber keinen Bissen schlucken. Der Russe aß anfangs und schwieg. Einigemale bat er mich, zu essen.

»Mein Herr, die Franzosen sind große Meister im Kochen und im Aufstellen von Barrikaden,« sagte der Russe und nach einer langen Pause setzte er fort: »Sie sind also ein Kroate . . . Kroate! Nun, hören Sie, ich bedauere Sie, ja, vom Herzen bedauere ich Sie . . .«

»Sie scherzen wohl!« erwiderte ich, Messer und Gabel auf den Tisch legend.

»Ich scherze nie und es war auch nicht meine Absicht Sie zu beleidigen. Beruhigen Sie sich, lieber Herr.«

»Warum bedauern Sie mich? Erklären Sie mir das. Sie behandeln merkwürdig Ihren Gast.«

»Sagen Sie mir aufrichtig — Ja, aufrichtig, mein Herr,« sagte der Russe und sah mich mit seinen großen, lichten Augen durchdringend an. In diesen Augen bemerkte ich jetzt ein stilles Leuchten großer Gutmütigkeit, Sanftmut und Teilnahme. Der Russe nickte und setzte fort: »Ja, Ihr Volk verdient bedauert zu werden. Seine Vergangenheit, die alte Vergangenheit, ist ganz schön, wenn Sie wollen, ruhmvoll. Armes Volk!« . . . Der Russe verstummte, seine Züge waren traurig. Dann belebten sich seine Augen, er schaute mich scharf an und sprach gedämpft weiter: »Ich kenne Ihr Volk, lange Zeit war ich in Ihrer Heimat. Ihr seid vom fremden Geiste verpestet, hunderte von tiefen Wunden nagen an Euerem Körper. Von der politischen Moral habt Ihr keine Ahnung und daran trägt der abscheulichste Materialismus die Schuld, und strafbare Genußsucht. Ihr könnet nicht verachten und nicht hassen, was der Verachtung und des Hasses wert ist. Euer gesellschaftliches Leben ist zerrüttet, unmoralische Menschen wollen sich überall hervortun und finden ihre Anhänger. Was ehrlich ist, versinkt in dem Kote des moralischen Bankerottes. Ihr beschimpft Euch, wie man die Dienerschaft in einem adeligen Herrenhause schimpft, und beim Weinglase hebt Ihr Euch gegenseitig in den Himmel. Das Wort Freiheit ist in Euerem Munde meistens nur ein leerer Schall, ein falscher, empörender Schwur. Sie werden blaß! . . . Entschuldigen Sie, ich spreche so, wie ich fühle. Übrigens man kann nicht sagen, daß an all’ diesem Übel Euch allein die Schuld trifft. Ihr seid ein kleines Völkchen, durchdrungen vom deutschen Geiste, und Euere Muttersprache tut ihr selbst vernachlässigen. Euere Aristokraten, euere Beamten, ihre Frauen und Kinder, ja sogar Euere Professoren und Lehrer sprechen deutsch. Ich hörte in Ihrer Heimat, wie man dort jene Geschäftsleute, die vor zehn Jahren zu euch kamen, deshalb verachtet, weil sie keine kroatischen Patrioten sind. Wie kann man so etwas von einem Fremden verlangen, dem die deutsche Sprache Muttersprache ist, wenn so mancher intelligenter Kroate . . . Aber, genug von dem. Ich behaupte, daß Ihr der Freiheit nicht würdig seid, daß Ihr . . .«

»Mein Herr, Sie beleidigen mich. Warum sind wir der Freiheit nicht würdig? Ich bitte Sie, überlegen Sie früher . . .«

»Nein, Ihr seid ihrer nicht würdig. Habt Ihr schon für sie gekämpft? Wißt Ihr, was Selbstaufopferung ist? Alle Euere Märtyrer der neueren Zeit lassen sich an den Fingern abzählen. Wie viele von Euch sind in den Gefängnissen gestorben, wie viele am Galgen? . . .«

Diese Worte machten mein Herz erschauern; meine Kehle zog sich zusammen, ich stand rasch auf und verbeugte mich kühl vor ihm. Ich war verwirrt und vernichtet. Der Russe richtete seine durchdringenden, glänzenden Augen auf mein Gesicht, nickte mir zu und sagte freundlich: »Es war mir sehr angenehm, mein Herr, daß ich Sie kennen gelernt. Adieu! Auf Wiedersehen, in voller Gesundheit!«

Mit einer leichten Verbeugung verließ ich das Restaurant und trat auf den Boulevard hinaus. Lange schlenderte ich durch das wunderbare Paris, damit es mir leichter wird, damit sich das Herz beruhige. Endlich ging ich nach Hause, legte mich nieder, hatte aber eine unruhige Nacht. Die ganze Nacht wälzte ich mich im Bette herum, der Russe stand mir fortwährend vor den Augen und jedes seiner Worte stach mich im Gehirne, keines konnte ich aus ihm herausreißen, als wären sie mir für die Ewigkeit in das Gehirn geschlagen.

 

 

II.

Es war gegen Ende Mai, als ich eines Morgens bei meinem Spaziergange auf den Platz kam, wo stolz der Turm »La Tour St.-Jaques de la Boucherie« in die Lüfte ragt. Der Turm ist beinahe in der Mitte der Staat, und steigst Du auf ihn hinauf, schwindelt Dir der Kopf vor Verwunderung. Ein herrlicher Ausblick auf die Riesenstadt! Es war ein klarer Tag und ich nahm mir vor, hinaufzusteigen. Es war acht Uhr. Der Turmwächter sagte mir freundlich: »Sie sind zu früh gekommen, Herr. Es ist noch niemand oben und laut Vorschrift darf eine Person nicht hinaufsteigen. Wenn Ihnen etwas zustoßen würde, wer sollte es mir melden? Ich bitte Sie ein wenig zu warten. Es wird bald jemand kommen.«

Ich mußte nicht lange warten. Ein junges, hübsch, aber einfach gekleidetes Mädchen trat zu dem Turmwächter und fragte ihn, ob es schon erlaubt ist, auf den Turm zu steigen. Der Wächter öffnete uns die Türe und machte uns aufmerksam, langsam zu steigen, da es bis hinauf gar viele Treppen gibt. Das Fräulein trat ein und fing an die schmalen Stufen hinaufzusteigen. Ihre Gestalt und Wuchs, im engen schwarzen Kleide, war schlank und üppig, wunderschön. Wie sie reizend hinaufstieg! Ein kleines, dunkles Hütchen bedeckte ihr goldblondes Haar, das wellenartig über den Nacken fiel. Das Haar trug sie kurz. Anfangs stieg sie rasch, in einer Weile kam sie außer Atem und sich zu mir wendend, sagte sie keuchend:

»Bin schon müde.«

»Wollen Sie ausruhen,« gab ich zur Antwort.

Sie setzte sich auf die Stufen. Durch das hohe und schmale Fenster fiel ein goldener Strahl der Morgensonne auf ihren Kopf und Schultern. Es war ein sehr schönes Mädchen, ihr Gesicht war ernst, aber sehr angenehm.

»Heute wird eine schöne Aussicht vom Turme sein,« sagte sie zu mir französisch, und fügte gleich bei: »Sind wir schon in der Hälfte?«

»Ich glaube ja.«

»Sind Sie auch schon müde?«

»Ja, mein Fräulein.«

»Wie Sie mich verwundert anschauen!« lächelte das Mädchen.

»Ich bewundere . . .«

»Wie meinen Sie? . . .«

»Ich bewundere Ihre schönen Augen,« scherzte ich.

»Wie Sie galant sind! Nein, Sie sind es nicht, denn alle galanten Menschen sind oberflächlich.«

»Sind Sie eine Russin, Fräulein?« fragte ich plötzlich, mich des Russen erinnernd, mit dem ich vor sieben Monaten im Theater war. Seit der Zeit habe ich ihn nicht mehr gesehen.

»Ja, ich bin Russin. Und Sie?«

»Ich bin ein Kroate,« sagte ich und nannte meinen Namen.

»Ich frage nicht nach Ihrem Namen. Es freut mich, daß ich an Ihnen einen slavischen Bruder kennen lerne. Ich heiße Marie. Kennen Sie russisch?« fragte sie mich liebenswürdig.

»Noch nicht . . .«

»Ihre Kinder werden russisch kennen!« sagte sie.

»Glauben Sie?«

»Wenn ich es bloß glauben würde, hätte ich gesagt: ich glaube, daß ihre Kinder russisch kennen werden. Jetzt gehen wir aber, nicht vorwärts, sondern höher!«

In einer Weile langten wir oben an. Es war ein heiterer, klarer Tag. Das bezaubernde Paris lag weit und breit vor uns: Häuser und Häuser, wohin das Auge reichte. Riesenhafte Paläste erhoben sich stolz wie Marmorinseln aus dem Häusermeere, die Façaden mit hohen Säulen geschmückt; Türme verschiedenen Stiles zeichneten sich scharf am hellen Blau des Himmels ab, vergoldete Kuppeln, majestätische Triumphbögen, das saftige Grün reizender Gärten, ausgedehnte Plätze, Reihen monumentaler Brücken, Wellen der Seine, schnelle Dampfer, starkes Gewimmel in den unabsehbaren Gassen, alles badet, lebt, glänzt, wiegt und bewegt sich im Meere goldenen Sonnenlichtes.

Die schöne Russin war bezaubert. »Ach, wunderbar, wunderschön!« jubelte sie und ihre klangvolle, warme Stimme flog von dieser in jene anderen Höhen voll Gold und Licht. Ihre schlanke, edle Gestalt im engen schwarzen Kleide stand wie ein reizendes Bild in dem glänzenden Sonnenlichte. Ihre Brust hob sich rasch; durch die leicht geöffneten roten Lippen schimmerte das Weiß ihrer Zähne. Die Morgenluft strömte zart über dem Turme und liebkoste ihr holdes Gesicht, ein frisches Rot auf ihre Wangen lockend, und dieses Rot stach scharf von ihrer weißen, fast durchsichtigen Haut ab. Ihre ziemlich hohe Stirne war nicht im Einklänge mit dem holden Antlitze, denn es mangelten ihr jene weiblichen, so anziehenden, so anmutigen Linien, die zu einem zarten und lieben Abglanz des Liebesgedankens verschmelzen, wenn die Mädchenseele von einer zauberhaften Welt träumt. Auf ihrer Stirne glänzte nur der kühle Verstand und es war leicht zu bemerken, daß diese Stirne scharf zu urteilen und angestrengt zu denken gewohnt war. Der liebliche Schwung ihrer Lippen, ihre feuchte, glänzende Röte, ihre ganze gesunde, feurige, brennende Korallenfarbe verriet doch das weibliche Gemüt, weibliche Empfindungen, Sehnsucht nach Liebe, nach Küssen. Ihre reizende, natürliche Schönheit und Lieblichkeit konnte der eiserne Wille und eine Art unbewußter Entschlossenheit nicht verwischen. Dieses merkwürdige Mädchen schien ein Held und gleichzeitig ein verschämtes Kind zu sein. In ihren tiefen, hellblauen Augen schienen zwei Wesen zu streiten. Einmal flammten sie feurig auf, um gleich wieder zu verlöschen, in sich selbst zu versinken, in Marias Seele, die sich dann in den ruhigen Augensternen unschuldig und zufrieden spiegelte. Die Russin mochte vielleicht zwanzig Jahre alt sein. Lange sprachen wir über die schöne Aussicht. Jeden Moment machte sie mich bald auf diesen, bald auf jenen Punkt der Riesenstadt aufmerksam. Manchmal sprach sie mit großer Begeisterung.

»Sind Sie schon längere Zeit in Paris, Fräulein?« fragte ich sie.

»Drei Tage, ich war aber früher schon einmal hier. Sehen Sie, wie dort in der Ferne die Seine funkelt. Wie schön jenes Grün ist!« rief sie, dann wurde sie nachdenklich und fuhr fort, die Augenbrauen zusammenziehend: »Herrlich sind diese Paläste, nur darf man nicht vergessen, daß sie auf den Gebeinen von Sklaven aufgebaut sind, daß jeder einzelne seine dunkle, blutige Geschichte hat. In diesem törichten Glanze gibt es ungelöschte Blutspuren von hungrigen Verzweifelten, Märtyrern. Jahrhunderte floß das Blut unter jenen goldenen Dächern, in den reizenden Sälen und unausgesetzt reizte es die Nüstern des gequälten Volkes, dann brach das Feuer aus, es kam die Umwälzung und viele glaubten, daß sich der Mensch nun seine Menschenwürde errungen habe. Manches ist eingestürzt, noch ist aber der Brandgeruch vergangener Jahrhunderte nicht verflogen, überall erheben sich noch Haufen von Lumpen, Haufen verfaulter Asche. Und wühlt man die Haufen auf, findet man in ihnen die beschmutzten Perücken verschiedener Ludwige, die schmierige Wäsche der Pompadour und die Saat von Liedern der Hofsänger. Das alles reinzuwaschen, bedarf es noch gar vielen Blutes,« schloß die Russin ruhig, als spräche sie zu sich selbst.

Sie wurde nachdenklich und senkte den Kopf. Ich beobachtete sie und bemerkte, wie in ihrem Gesichte die ängstliche Spannung der Nerven sich langsam löste. Eine süße Traurigkeit umwob ihr Antlitz mit unbeschreiblichem Liebreize, und plötzlich aus ihren Gedanken erwachend, fragte sie mich unerwartet:

»Sind Sie glücklich?«

»Warum fragen Sie?«

»Entschuldigen Sie. Jedes Weib ist neugierig.«

»Ich glaube, Fräulein, daß Sie nicht glücklich sind, daß Sie . . .«

»Ich?!« erschrak die Russin, sah mich rasch an und lächelte bitter. Ihre schneeweiße Haut rötete sich ein wenig.

»Ich sagte, daß ich glaube . . .«

»Nun gut! Kann denn jemand glücklich sein auf dieser Welt, unter Millionen von Leidenden? . . . Lassen wir das . . . Sind sie verheiratet?«

»Nein.«

»Warum nicht, scheint es Ihnen so erhaben, sich zu verheiraten? Ich sage Ihnen aber, daß es noch erhabener ist, sich verheiraten und doch ein Mädchen zu bleiben. Warum wundern Sie sich? Sie bedauern mich? . . .«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ist auch nicht nötig. Sagen Sie mir, ob Sie je geliebt haben?« fragte sie mich plötzlich und kehrte mir gleichgültig den Rücken zu.

»Wie kann Sie das interessieren, ob ich . . .«

»Was sagen Sie?« wendete sie sich plötzlich zu mir.

»Sie fragten mich . . .«

»Was weiß ich, was ich Sie gefragt habe . . .« fiel sie mir ins Wort und gleichgültig mit den Achseln zuckend, rief sie: »Wie groß der Louvre ist! Gestern war ich im Museum.«

»Wie viel Herrlichkeiten dort aufgestapelt sind!«

»Das Palais Louvre wäre ein schönes Krankenhaus.«

»Und die Bilder und andere Sammlungen?« fragte ich.

»Alles verbrennen. Was stellen diese Bilder dar? Meistenteils Vorurteile. Das sind Sachen für satte Menschen, für reiche Abenteurer. Ein Hungriger fühlt vor dem Rafael, Murillo und Tizian nichts anderes, als — Hunger.«

»Ich bin überzeugt, mein Fräulein, daß Sie nicht hungrig waren, als Sie gestern die Bilder jener Künstler besichtigt haben. Und haben Sie, vor Rafael stehend, in Ihrem Herzen nichts gefühlt? Hat Murillo Ihr Herz nicht gerührt, Ihre Mädchenseele nicht hingerissen?«

»Nein . . .« gab sie still zur Antwort und senkte den Kopf.

»Sie lieben also die Kunst nicht?«

»Ich liebe die Natur, die Wahrheit und die Kunst ist Lüge . . . Murillo? . . . Ja, schön ist diese heilige Familie . . . nur göttliche Eingebung kann ein solches Werk . . . was rede ich aber? Als wäre ich verrückt. Wenn mich so meine Freunde hörten! Entschuldigen Sie, mein Herr, Paris hat mich bezaubert und ich weiß nicht, was ich spreche. Glauben Sie mir, ich hasse die Kunst; nein, sie kann mein Herz nicht erwärmen. Sehen Sie, jetzt bin ich doch ganz aufrichtig? . . .«

Ihr Gesicht erblaßte, die Lippen zitterten.

»Sie sind aufgeregt, Fräulein. Vielleicht sind Sie nicht wohl?«

»Die Bläue des Himmels hat mich betäubt, dieser herrliche Tag, der eigentümliche Duft, der um mich herum weht, dieser Pariser Frühling. Ach, Sie sind glücklich, Sie können mich nicht verstehen! Haben Sie schon etwas über die Russinnen gelesen?«

»Nur wenig.«

»Und wie beurteilen Sie die Russinnen?«

»Daß sie sehr schön sind und — rätselhaft«

»Galante Menschen sind gewöhnlich oberflächlich . . . Entschuldigen Sie! Wie lächerlich seid ihr Männer! Sie zürnen mir doch nicht? Bleiben Sie gesund, mein Herr! Ich gehe nach Hause,« sagte sie und reichte mir die Hand, dann öffnete sie ihre glänzenden Augen und mich lieb anblickend, fragte sie wieder: »Sie zürnen mir nicht?«

»Nein, ich kann Ihnen nicht böse sein: im Gegenteil, es ist mir sehr angenehm . . .«

»Genug, genug!« unterbrach sie mich und sprach weiter: »Ich wohne im Hotel de Richemond, Boulevard Sebastopol, im ersten Stock, Türe Numero sieben. Wenn es Ihnen angenehm ist, kommen Sie heute abend zu mir zum Tee.«

Ich verbeugte mich, den Namen des Hotels und Boulevards wiederholend.

»Ja, so ist es richtig. Kommen Sie. Es wird auch meinem Peter angenehm sein . . .«

»Ihrem . . .?«

»Meinem Gemahl Peter.«

»Er heißt Peter? Ob es nicht . . .?«

»Über was denken Sie nach?«

»Nichts. Vor sieben Monaten . . .«

»Ach!« sie sah mir lebhaft in das Gesicht.

»Wurde ich mit einem Russen bekannt, der auch Peter hieß . . .«

»Peter Kissanow!« fiel sie mir ins Wort.

»Ich weiß nur, daß er sich Peter nannte.«

»Ihr waret zusammen im Théâtre Italien. Deshalb kommen Sie mir so bekannt vor. Ich war an jenem Abende in der Loge des russischen Gesandten und sah Sie mit Peter, Sie saßen neben ihm im Parterre. Später ginget ihr in das Restaurant »Maison dorée«. Sie sind also jener Kroate? Kommen Sie abends, ich werde Sie mit Peter versöhnen. Er hat mir alles erzählt.«

»Jener Russe ist also Ihr Gemahl?« fragte ich verwundert.

»So sagen die Leute. Kommen Sie auf jeden Fall. Adieu, mein Herr!« Sie grüßte lächelnd, wandte sich rasch um und verschwand auf den Treppen.

Einige Augenblicke hörte ich noch das Rauschen ihres Kleides, dann lehnte ich mich über die Brüstung des Turmes und wartete, um sie am Platze noch einmal zu sehen. Ich bemerkte sie gleich, sie blickte zu mir hinauf und winkte mit der Hand. In einer Weile verlor sie sich in dem Gewühl der Straße.

 

 

III.

Ich saß vor dem »Café des Princes« am Boulevard Montmartre, hielt eine Zeitung in der Hand und betrachtete das bunte Gewimmel der Menschen. Eine große Unruhe bemächtigte sich meiner, die Zeit wurde mir lang. Ich konnte den Abend kaum erwarten, um zu der Russin zu gehen. Ich dachte mir, daß sie mir sagen wird, was sie in Paris macht, daß ich in die Seele der merkwürdigen Menschen eindringe. Ich ahnte, was sie sind, konnte über sie aber nicht klar werden. Lange dachte ich über die Sache nach. Gegen drei Uhr erscheint plötzlich ein hoher Mann vor mir, nimmt meine Rechte und begrüßt mich kroatisch.

»Guten Tag, mein Herr!«

»Sie?!« erschrak ich fast, den Russen erkennend. — »Sie sind es?!«

»Nun natürlich: ich bin immer ich!« erwiderte er und nahm neben mir Platz.

»Ich hätte nie geglaubt . . .«

»Daß ich Sie hier finde? Ich sehe Sie oft. Sie wohnen im Hotel de Castille.«

»Wie wissen Sie das?« wunderte ich mich.

»Ich weiß, wer Sie sind. Sehr gut kenne ich Sie. Oder glauben Sie, daß ich mit Ihnen sprechen würde, wenn ich wüßte . . .? Nein, Sie schickte niemand nach Paris, daß Sie mich beobachten.«

»Nein.«

»Eine Russin, Namens Marie, sagte mir, daß sie Ihnen heute zufällig begegnete. Marie bat Sie heute abends zum Tee, ich bitte Sie aber, nicht zu ihr zu gehen. Wir wollen es aufschieben. Etwas Unerwartetes, was ich Ihnen nicht sagen kann . . . Entschuldigen Sie! Gefällt Ihnen Marie?«

»Was soll diese Frage?«

»Marie ist ein verständiges und kühnes Mädchen.«

»Ist sie nicht Ihre Frau?«

»Ja und nein. Sie heiratete mich, weil sie für die Sache begeistert ist, die die größte Aufopferung verlangt. Sie wissen nicht, was die Welt ist. Ich und einige meiner Freunde brauchen Marie, denn sie ist, wie Sie gesehen haben, ein wunderschönes Mädchen. Sie ist bereit, für ihre und unsere Ideale alles zu opfern, ihre Jugend und ihr Leben, wenn es notwendig ist. Sie verstehen mich doch?«

»Ich verstehe. Habe gelesen, daß es Russinnen gibt, die manchen Russen als Mittel . . .«

»Ruhe! Ich spreche aufrichtig mit Ihnen, weil ich glaube, daß es Ihnen vom Vorteile sein kann, daß Sie manches lernen können . . .«

»Nie, denn Euer Treiben ist mir verhaßt; Ihr seid ein Unglück Eueres Vaterlandes, Sie und alle Ihre Gleichgesinnten. Euere Arbeit führt nicht zur Freiheit. Ihr seid nur Waffen in fremder Hand, ohne es vielleicht zu ahnen.«

Der Russe lächelte und fragte mich:

»Fürchten Sie den Tod?«

»Wieder eine besondere Frage!«

»Der Mensch übergeht in die vierte Dimension, ohne es zu merken.«

»Ich glaube.«

»Heut’ sind Sie schlechter Laune. Haben Sie sich vielleicht in die Marie verliebt! Armes Mädchen! . . . Hören Sie, ich glaube, daß es der höchste Genuß auf der Welt sein muß, das geköpfte Haupt eines Mädchens zu sehen, das für die Freiheit des Vaterlandes fiel. Herr, die Welt wird noch vieles von Russinnen hören! Ihr Kroaten lebt in der Nähe der Türkei, deshalb sehen viele von Euch in dem Weibe ein untergeordnetes Geschöpf. Bei Euch, in Eueren armseligen Salons findet alles Beifall, was das Weib spricht, und wenn es auch der größte Unsinn ist. Ihr lachet dazu wie zu einem Kindergeschwätz und dadurch erniedrigt Ihr das Weib, weil Ihr ihm nicht gestattet, daß es mit Euch über vernünftige Dinge spricht.«

»Waren Sie lange in Kroatien?«

»Ein Jahr lebte ich unter Euerem Volke. Euer Volk ist schön, gutherzig und sehr gastfreundlich, die Gastfreundschaft aber ist keine Tugend. Euer Volk ließe sich noch erleuchten, es wird aber schwer gehen, denn die Gebildeten töten in ihm alle edlen Empfindungen. Ganz natürlich, denn Euere gebildete Klasse ist durch die Anschauungen des goldenen Internationalismus vergiftet, der in seinem Dienste alle deutschen Blätter hat. Diese Zeitungen sind für Euch Kroaten die heilige Schrift, sie haben euch ganz überflutet. Sie wissen das nicht? Ach, mein Herr, ich spreche in den Wind hinaus? Bleiben Sie gesund!« nickte der Russe, lächelte schwermütig, stand auf, drückte mir die Hand und entfernte sich.

 

 

VI.

Von der Montmartre-Höhe wehte ein angenehmes Lüftchen über die große Stadt, strömte zwischen den großen Palästen und fiel sanft auf die Seine. Am Fenster angelehnt, atmete ich gierig die frische Morgenluft, horchte dem Getöse, jenem riesigen, dumpfen Gemurmel zu, und blickte über die unabsehbaren Dächer, die in der Morgensonne glänzten. Ich wohnte im vierten Stocke des Hotels de Castille, an der Ecke der Rue de Richelieu.

Jemand klopfte an die Türe meines Zimmerchens. Ich öffnete und rief überrascht: »Sie?!« — Vor mir stand Marie, die schöne Russin. Marie reichte mir trüb lächelnd ihre schöne Hand und sagte leise:

»Ja, ich bin es!«

»Gnädige Frau, Fräulein . . . diese Ehre? . . .«

»Ach, ich bitte Sie!« winkte sie mit der Hand und setzte sich. — »Sie wundern sich? . . .«

»Bin überrascht . . . Ist was geschehen?« fragte ich sie, denn ich bemerkte ihre auffallende Blässe.

Marie seufzte, sah mich scheu und bittend an, dann erhob sie sich, drückte mir die Hand und sprach mit fester Stimme:

»Mein Herr, erlauben Sie mir, bis zum Abend in Ihrem Zimmer zu bleiben. Ich werde ruhig sein, werde Sie nicht stören, wenn Sie beschäftigt sind.«

»Bitte . . .« verbeugte ich mich.

»Abends reise ich ab, nach London. Wie wunderlich es zugeht auf dieser Welt. Vorgestern bat ich Sie, mich zu besuchen . . . Sie werden es mir nicht verübeln. — Wie unglücklich ich bin!«

»Ihnen etwas verübeln? Nie, mein Fräulein.«

»Seit vorgestern ist manches geschehen . . . Soll ich Ihnen etwas sagen? . . .«

»Wie Sie wünschen.«

»Vorgestern erfuhr ich von meinem Manne, daß mein Bruder nach Paris gekommen sei. Wir ahnten, daß er kommen wird, wenn er erfährt, daß wir hier sind. Der Bruder kam, und dann . . .«

»Sie sind nicht wohl? . . .«

»Dann, der Tod meines Mannes.«

»Was?! . . .«

»Mein Bruder tötete ihn . . .«

»Fräulein!«

»Tötete ihn gestern im Bois de Vincennes.«

Ich wurde verlegen.

»Meine Freunde teilten mir mit, daß mein Mann im Duell gefallen ist und befahlen mir nach London zu flüchten.«

»Zu flüchten? . . .«

»Ich bitte Sie, schicken Sie um die heutigen Zeitungen.«

Ich verließ das Zimmer; als ich zurückkehrte, sagte mir leise die Russin: »Wir alle bedauern Peters Tod. Er war ein kühner und sehr gescheidter Mann. Ich liebte ihn nicht, nein, nie . . .«

Nachdem sie die letzten Worte gesprochen, runzelte sie finster die Stirne, ein bitteres Lächeln glitt über ihre Lippen. Ich sah sie verwundert an.

»Beruhigen Sie sich, Fräulein . . . gnädige Frau . . . ich weiß nicht, wie ich sagen soll . . .«

»Ach, das ist gleichgültig. Ich bin schon ganz ruhig. Ich ahnte es, daß wegen mir Blut fließen wird. Es floß. Peter hat sich zu sehr auf seine Fechtkunst verlassen. Ich sagte immer, daß wir auf eine andere Art unseren Gegner vernichten sollten.«

»Gegner?«

»Ja, meinen Bruder,« sprach Marie und erblaßte.

»Das ist gräßlich!« schrie ich auf und trat einen Schritt zurück.

»Gräßlich? Was bin ich in Ihren Augen? Ein Scheusal, ein Tier! Gräßlich? Und das Leiden eines großen Volkes? . . .«

Die letzten Worte sprach sie mit trockener und bitterer Stimme. Ihre Finger zitterten, plötzlich drang ihr das Blut vom Herzen unter die schneeweiße, durchsichtige Haut des Gesichtes. Sie sah mich scharf an und senkte den Kopf. Da brachte der Diener die Zeitungen; Marie riß sie ihm aus der Hand, zeigte auf eine Stelle und sagte mir, ich möge mit ihr lesen. Ich las: Der Heger N. N. in Bois de Vincennes hörte gestern gegen 7 Uhr abends in einer Waldecke Waffengeklirr. Er lief hin und sah einen Mann tot, mit einer tiefen Stichwunde in der Brust, im Grase liegen. Der Heger zeigte seine Entdeckung beim nächsten Polizei-Kommissariate an. Der Tote liegt seit gestern, unbekannt, in der Morgue. Es folgte die Personsbeschreibung des Toten.

»Nach der Beschreibung: Peter . . . Schade!« seufzte Marie.

»In der Zeitung heißt es, daß der Mann unbekannt ist . . . Menschen sehen sich ähnlich. Vielleicht ist es gar nicht . . .«

»Peter?«

»Möglich. Sie kennen ihn, würden Sie sich nicht nach der Morgue bemühen?«

»Wenn Sie es wünschen?«

»Ich bitte Sie darum.«

Ich stand auf, ging hinaus und nahm eine Droschke. In kurzer Zeit war ich in der Morgue. Unbekannte Tote werden dort neben einander hinter Glasscheiben ausgestellt. Ihre Kleidungsstücke hängen an der Wand. Wenn jemand einen Toten erkennt, meldet er es dem Sicherheits- Kommissär, wenn er will. Auf den Marmorplatten lagen zwei Tote: ein junges Weib, ganz blau, weil sie wahrscheinlich schon längere Zeit in der Seine gelegen war, und Peter. Das schwarze Haar des Weibes war mit Flußsand bedeckt.

Ich verließ Morgue und wandelte am Ufer auf und ab. In diesem traurigen Hause, das schon durch den strengen Stil, in welchem es erbaut ist, seinen Zweck bekundet, liegen die Toten, hängen die blutigen und beschmutzten Kleider und vor mir, längs der Ufer der Seine erheben sich majestätische Paläste, schimmern Kuppeln, glänzen wunderbare Brücken im Sonnenlichte. Ich war erregt, bedurfte der Ruhe; ich fühlte das ganze Paris um mich herum, alle seine Liebe und seinen Haß, all’ sein Vergnügen und all’ sein Elend. Es bemächtigte sich meiner jenes unbeschreibliche, mehr wonnige als schmerzhafte Pariser Fieber, la fièvre parisienne. Wenn ungewöhnliche, große Ereignisse das Herz erschüttern, wenn Du mit jener schönen und rätselhaften Russin gesprochen und die blutigen Toten gesehen hast, wenn hinter Dir die furchtbare Morgue und vor Dir am anderen Ufer der Seine der herrliche Louvre ist, wo in prächtigen, stillen, riesenhaften und lichten Galerien der Geist großer Genies wandelt, wo die Venus von Milo lächelt: dann empfindest Du das erwähnte Fieber, die ganze Riesenhaftigkeit dieser Stadt, da durchströmt Dich eine eigenartige Warme, weil Du im Herzen der Welt, im Herzen der Menschheit weilst. Und wenn Du noch des Ruhmes des französischen Volkes gedenkst, alles dessen, was dieses edle Volk für die Menschheit getan, dann empfindest Du in Deinem Herzen ein neues Gefühl und wirst erkennen, daß der gute und geistreiche Massimo d’Azeglio der Welt eine Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß jeder gebildete Mensch zwei Heimatländer besitzt, zuerst das seine und dann Frankreich.

Eine Zeitlang irrte ich herum, betäubt und in Gedanken versunken, dann ging ich nach Hause. Vor meinem Zimmer begegnete ich einer jungen Dame, schlank und schön, so viel ich unterscheiden konnte; sie verließ eben meine Wohnung. Ich trat in das Zimmer; Marie stand blaß und zitternd neben dem Sopha.

»Haben Sie ihn . . .?«

»Ja, ich habe ihn gesehen. Er liegt dort neben einem Weibe. Schrecklich!«

»Ich fürchte nicht den Tod . . . ich wünsche mir ihn, ich will sterben, darf aber nicht. Ach, wenn Sie wüßten! . . .«

»Beruhigen Sie sich.«

»Ich bin sehr unglücklich!« seufzte sie und bedeckte das Gesicht mit ihren zitternden Händen.

»Fräulein . . .«

»Jetzt bin ich Witwe, ja, Witwe . . . und Mädchen!« rief sie mit gedämpfter Stimme und Tränen traten ihr in die Augen. — »Mein Herz,« setzte sie fort, »es möchte heute nicht so bluten, wenn ich nicht in den Verband der edlen Verzweifler getreten wäre. Ich vernichtete mein Glück, ich zertrat mein Herz, riß alle süßen Gefühle aus ihm heraus . . . Wie er mich liebte! . . . Ja, ich liebte einen edlen Mann, vergiftete mir das Leben durch meine Untreue, und er lebt, liebt eine andere, er hat geheiratet und ist glücklich, selig, weil er mich wahrscheinlich vergessen hat . . . Alles opferte ich unserem großen Ideale, alles, alles. Die Jugend, die Liebe, das Leben. Die Eltern sind früh gestorben, ich blieb allein mit meinem Bruder; meine heutigen Genossen zogen mich in ihren Kreis, damit ihnen meine Jugend, wie sie sagten, als Mittel zur Erreichung ihrer großen Ziele diene. Ich heiratete Peter, um Mädchen zu bleiben, um mich frisch und jung zu erhalten, und so manche Menschen leichter verführen, betören zu können: unsere Henker und Spione. Wenn ich Kinder hätte, sagten sie, möchten meine Wangen verwelken und ich möchte nur an die Kinder denken. Peter heiratete mich, weil er glaubte, daß ich ihn verraten könnte, wenn ich Mädchen bliebe. Ich bin nicht allein . . . Ach, gräßlich!« seufzte sie mit bebender Stimme.

Sie zitterte, ihre Augen blickten scheu und ängstlich, die Wangen glühten in Fieberhitze und so sprach sie, abgebrochen, wie im Fieber, als spräche sie zu sich selbst. Ich stand beim Fenster, überrascht und traurig. Marie schwieg eine Weile wie in Gedanken versunken und nickte verzweifelt mit dem Kopfe. Plötzlich preßte sie die Hände gegen die Stirne und schrie schmerzhaft auf: »Und mein Bruder! Gräßlich, mein Bruder, auch er muß sterben! Dieser blinde Gegner der Freiheit dürstete nach dem Blute Peters, er wollte mich an Peter rächen. Ach, Ivan, geliebter Bruder! Was sollen deine Kinder, dein Weib — in einigen Tagen Witwe? Fluch fiel auf meinen Kopf. Sie, Olga, meine einstige Freundin, sie muß ihn vernichten! Olga ist schön, und mein Bruder leichtsinnig, sie wird ihn verführen und vernichten. Ach, warum mußtest Du nach Paris kommen, Ivan?! Bist schon zum Tode verurteilt, ja, meine Genossen haben Dich verurteilt, und Dein Henker ist — Olga . . . Olga . . . Gräßlich!«

»Beruhigen Sie sich, Fräulein.«

»Gräßlich, gräßlich, Olga war bei mir, sagte mir, daß sie meinen Bruder . . . er ist verurteilt . . . nein, nein, sie darf ihn nicht töten . . . das ist entsetzlich . . . ich gehe zu ihr, sie war vor einer Weile hier, wie Sie nach Hause kamen . . .«

»Jene hohe Dame?« erschrak ich.

»Ja, sie wird meinen Bruder . . . ich gehe zu ihr . . . ich gehe . . . furchtbar . . . ich gehe . . .«

Verzweifelt stand Marie auf und eilte gegen die Türe, dann hielt sie plötzlich, erzitterte und fiel rücklings zu Boden. Ich sprang auf und kniete neben ihr nieder. Sie war totenblaß, die Augen hielt sie geschlossen. Ich bespritzte ihr Gesicht mit Wasser, hob sie auf den Divan und öffnete ihr das Kleid am Halse, um ihr das Atmen zu erleichtern.

Als sie wieder zum Bewußtsein kam, sah sie mich verwundert an. Tränen traten ihr in die Augen und sie weinte still bis gegen Abend. Dann stand sie auf, reichte mir die Hand, richtete ihre noch tränenfeuchten Augen auf mein Gesicht und sprach mit zitternder, warmer Stimme:

»Jetzt muß ich zur Bahn und fort, nach London. Wie soll ich Ihnen danken? Heute habe ich die letzten Tränen vergossen. Jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren auf der Welt; mein Herz ist für alles tot, nur für das Vaterland nicht. Die Russen haben eine große, schwere Aufgabe; sie müssen vieles für sich und für die Menschheit tun. Die große französische Umwälzung versetzte die Welt in Staunen . . . doch war dies nur ein Versuch, nur der Anfang. Das russische Volk, groß, gut und edel, wird das begonnene Werk zu Ende führen.«

»Sind Sie davon so fest überzeugt?«

»Ja, ich bin dessen sicher.«

Hier brachen wir das Gespräch ab. Ich begleitete sie im geschlossenen Wagen zur Bahn. Bevor sie in das Coupé einstieg, drückte sie mir die Hand, sah mich traurig an und sagte leise:

»Nochmals: besten Dank! Adieu! Vielleicht sehen wir uns noch einmal — wenn ich nicht gehängt werde.«