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Selma Lagerlöf – Sigrid Storråda

Novelle

Aus: Selma Lagerlöf, Die Königinnen von Kungahälla, Albert Langen Verlag, München, Viertes und fünftes Tausend, o. J.
Übertragen von Francis Maro



Sigrid Storråda

Es war einmal ein schöner Frühling. Und das war gerade der Frühling, in dem die schwedische Königin Sigrid Storråda in Kungahälla mit dem norwegischen König Olaf Tryggvason zusammentreffen sollte, um mit ihm über ihre Heirat zu beschließen.

Es war ganz wunderlich, daß König Olaf Königin Sigrid besitzen wollte, denn freilich war sie reich, schön und hochgesinnt, aber sie war die ärgste Heidin, während König Olaf Christ war und nichts anderes im Sinne hatte, als Kirchen zu bauen und die Menschen zu zwingen, sich taufen zu lassen. Aber vielleicht dachte er, daß der Herr, Gott in der Höhʼ, sie bekehren würde.

Doch noch wunderlicher war es, daß, als Storråda König Olafs Sendboten kundgetan hatte, daß sie nach Kungahälla segeln wollte, sobald das Meer eisfrei war, der Frühling sogleich seinen Anfang nahm. Alle Kälte und aller Schnee floh dahin, gerade wenn es sonst strenger Winter zu sein pflegt.

Und als Storråda davon sprach, daß sie anfangen wollte, ihre Schiffe auszurüsten, verschwand das Eis aus den Fjorden, die Wiesen begannen zu grünen, und obgleich es noch lange vor Mariä Verkündigung war, konnte das Vieh hinaus auf die Weide getrieben werden.

Als die Königin zwischen den Ostgotlands­inseln hinaus in die Ostsee ruderte, saßen Kuckucke auf den Klippen und riefen, obschon es noch so früh war, daß man kaum hoffen konnte, eine Lerche zu hören.

Und wo Storråda vorbeizog, war große Freude. All die Riesen, die unter König Olafs Regierung aus Norwegen hatten fliehen müssen, weil sie das Geläute der Kirchenglocken nicht hören konnten, kamen hinauf auf die Bergspitzen, als sie Storråda vorübersegeln sahen. Sie rissen junge Laubbäume mit der Wurzel aus und winkten mit ihnen der Königin zu, und als sie in ihre Steinhütten gingen, wo ihre Frauen in Sehnsucht und Kummer saßen, lachten sie und sagten:

»Nun, Weib, sollst du nicht mehr betrübt sein. Nun fährt Storråda zu König Olaf. Nun können wir bald wieder nach Norwegen kommen.«

Als die Königin am Kullaberg vorbeisegelte, kam der Kullamann aus seiner Berghöhle. Und er ließ den schwarzen Berg sich auftun, so daß sie sah, wie die Gold- und Silberadern dort drinnen liefen, und sie ergötzte sich an seinem Reichtum.

Als Storråda an den Hallandsflüssen vorbeifuhr, schwamm der Nöck seine Fälle und Gießbäche hinab und kam bis zu der Flußmündung und spielte auf seiner Harfe, so daß die Schiffe auf den Wellen tanzten.

Als sie an der Nidingerschäre vorüber segelte, da lagen die Meerfrauen da und bliesen in Muscheln, so daß das Wasser in hohen Schaumpfeilern emporspritzte.

Aber als Gegenwind blies, kamen häßliche Trolle aus der Tiefe und halfen Storrådas Schiff über die Wellen. Einige lagen am Steuer und schoben zu, andere nahmen Seile aus Seegras in den Mund und spannten sich vor das Schiff wie Pferde.

Die wildesten Wikinger, die König Olaf im Lande nicht dulden wollte um ihrer Arglist willen, kamen zum Schiff der Königin herangerudert, mit herabgezogenen Segeln und erhobenen Enterhaken, um Streit zu beginnen. Aber als sie die Königin erkannten, ließen sie sie unversehrt weiterfahren und riefen ihr nach: »Wir trinken einen Becher für deine Hochzeit, Storråda.«

Alle Heiden, die der Küste entlang hausten, legten Holz auf ihre Steinaltäre und opferten den alten Göttern Schafe und Ziegen, damit sie Storråda beistehen sollten auf ihrer Fahrt zu dem norwegischen König.

Als die Königin den Nordre Älf hinaufsegelte, kam die Seejungfer an das Schiff geschwommen, streckte ihren weißen Arm aus der Tiefe empor und reichte ihr eine große klare Perle. »Trage sie, Storråda,« sagte sie, »auf daß König Olaf bezaubert werde von deiner Schönheit, und deiner niemals vergessen kann.«

Als die Königin den Fluß eine kleine Strecke hinaufgefahren war, hörte sie ein starkes Brausen und Tosen, so daß sie vermeinte, sie kämen an einen Wasserfall. Je weiter die Königin kam, desto mehr nahm das Lärmen zu, und sie glaubte schließlich, sie würde mitten in eine große Schlacht kommen.

Aber als die Königin an der Gullinsel vorbeiruderte und in eine breite Bucht einbog, sah sie das große Kungahälla am Flußufer liegen.

Die Stadt war so groß, daß, so weit sie auch den Fluß hinaufsah, immer noch Hof an Hof lag. Alle waren sie ansehnlich und wohlgezimmert mit vielen Nebengebäuden; schmale Gäßchen liefen zwischen den grauen Holzwänden hinab zum Flusse, breite Höfe öffneten sich vor den Häusern, festgestampfte Wege führten von jedem Hause hinab zu seiner Bootshütte und Brücke.

Storråda befahl ihren Ruderern, die Ruder langsam zu heben. Sie stand hoch im Hintersteven des Schiffes und sah zum Strande. »Nie habe ich etwas ähnliches gesehen,« sagte sie.

Nun begriff sie, daß das starke Getöse, welches sie gehört, einzig und allein von all der Arbeit kam, die in Kungahälla im Frühling vor sich ging, wo die Schiffe ihre langen Fahrten antraten. Sie hörte Schmiede mit schweren Schlägeln hämmern, die Teigwalker klapperten in der Backstube, Zimmerholzplanken wurden geräuschvoll auf schwere Prame geladen, junge Burschen entrindeten Mastbäume und hobelten breite Ruderblätter.

Manchen grünen Hof sah sie, wo Mägdlein saßen und Seile für die Seefahrenden drehten, wo alte Männer mit der Nadel in der Hand hockten und in graue Friessegel Lappen einsetzten.

Sie sah Bootsbauer die neuen Boote teeren. Nägel wurden in starke Eichenplanken geschlagen. Aus den Bootshütten wurden Schiffe geschoben, um verdichtet zu werden. Alte Fahrzeuge wurden mit neugemalten Drachenbildern geschmückt. Waren wurden aufgestapelt, Leute sagten hastig Lebewohl, schwer bepackte Schiffskisten wurden an Bord getragen.

Schiffe, die schon fertig waren, stießen vom Lande ab. Storråda sah, daß diejenigen, welche den Fluß hinauf ruderten, schwere Ladungen von Häringen und Salz mit sich führten, doch die, die nach Westen dem offenen Meere zusteuerten, waren hoch bis zu den Masten mit kostbarem Eichenholz, Häuten und Fellen beladen.

Als die Königin all dieses sah, lachte sie vor Freude. Sie sagte, daß sie gerne König Olafs Gemahl sein wollte, um über solch eine Stadt zu herrschen.

Storråda ruderte zur Brücke des Königs­hofes. Da stand König Olaf zu ihrem Empfange, und als sie ihm entgegentrat, da dünkte sie ihm die Schönste, die er je geschaut.

Sie gingen selbander hinauf zum Königshof, und zwischen ihnen beiden war große Eintracht und Freundschaft. Und als sie sich zu Tische setzen sollten, lachte und scherzte Storråda mit dem König die ganze Zeit, während der Bischof das Tischgebet las, und der König lachte und sprach auch, da er sah, daß es Storråda so gefiel.

Als sie die Mahlzeit beendigt hatten und alle die Hände falteten, um dem Gebete des Bischofs zu lauschen, begann Storråda dem König von ihren Reichtümern zu erzählen. Sie fuhr damit fort, solange das Tischgebet währte. Und der König hörte auf Storråda, aber nicht auf den Bischof.

Der König setzte Storråda auf den Hochsitz, und er selbst ruhte zu ihren Füßen, und Storråda erzählte ihm, wie sie zwei Unterkönige, die es wagten, um sie zu freien, hatte einschließen und verbrennen lassen. Und der König freute sich und dachte, so sollte es allen Unterkönigen ergehen, die es wagten, um ein solches Weib wie Storråda zu freien.

Als es zur Vesper läutete, erhob sich der König, um nach seiner Gepflogenheit zur Marienkirche zu gehen und dort zu beten. Aber da rief Storråda ihren Skalden vor, und er sang das Lied von Brünhild, die Sigurd Fafnisbane töten ließ. Und König Olaf ging nicht in die Kirche, sondern saß da und betrachtete Storrådas mächtige Augen und sah, wie dicht die schwarzen Augenbrauen sich abzeichneten. Da begriff er, daß Storråda Brünhild war und daß sie ihn töten würde, wenn er ungetreu war. Er dachte auch, daß sie das Weib war, sich zusammen mit ihm auf einem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. Während in der Marienkirche zu Kungahälla die Priester die Messe lasen und beteten, saß König Olaf und dachte, daß er wohl nach Walhall reiten wollte, mit Storråda vor sich auf dem Pferde.

Nachts hatte der Fährmann am Älfhügel, der die Leute in seinem Nachen über den Götaälf führte, mehr zu tun, denn je zuvor. Einmal ums andere wurde er hinüber zum andern Ufer gerufen, aber wenn er hinkam, war nie jemand zu sehen. Doch hörte er Schritte rings um sich, und das Boot wurde so voll, daß es beinahe untersank. Er fuhr die ganze Nacht hin und her und wußte nicht, was das bedeuten sollte. Aber am Morgen war der Sand am Flußufer voll kleiner Fußstapfen, und in den Fußstapfen fand der Fährmann kleine welke Blätter, die, als er sie näher betrachtete, sich als eitel Gold erwiesen. Da wurde es ihm klar, daß all die Kobolde und Heinzelmännchen, die um des Christentums willen aus Norwegen geflohen waren, nun wiederkehrten.

Aber der Riese, der im Fontinsberge östlich von Kungahälla hauste, nahm große Steinblöcke und warf Block um Block gegen den Turm der Marienkirche, solange die Nacht währte. Wäre der Riese nicht so stark gewesen, daß alle seine Steine über den Fluß gingen und weit weg in Hisingen niederfielen, hätte ein großer Schaden daraus entstehen können.

König Olaf hatte die Gepflogenheit, jeden Morgen zur Messe zu gehen, aber an dem Tage, an dem Storråda in Kungahälla war, meinte er keine Zeit dazu zu haben. Sowie er aufgestanden war, wollte er sogleich hinab zum Hafen gehen, wo sie auf ihrem Schiffe wohnte, um sie zu fragen, ob sie am Abend ihr Verlöbnis mit ihm feiern wolle.

Der Bischof hatte den ganzen Morgen über die Glocken in der Marienkirche läuten lassen, und als der König aus dem Königshof trat und über den Markt ging, da wurden die Kirchentüren weit geöffnet, und lieblicher Gesang strömte ihm entgegen. Aber der König ging weiter, als hätte er nichts gehört. Da ließ der Bischof die Glocken innehalten, der Gesang hörte auf, und die Lichter erloschen.

Das kam so plötzlich, daß der König einen Augenblick stehen blieb und zurück zur Kirche hinauf sah. Es dünkte ihn, daß die Kirche unansehnlicher war, als er je zuvor gemerkt hatte. Sie war niedriger als andere Häuser in der Stadt, das Torfdach lag schwer über den fensterlosen Wänden, das Tor war niedrig und dunkel, mit einem kleinen Schutzdach aus Tannenrinde.

Wie der König so stand, kam eine junge, zarte Frau aus der dunklen Kirchentüre. Sie war in einen roten Rock und einen blauen Mantel gekleidet und trug ein blondgelocktes Kind auf dem Arm. Ihre Tracht war dürftig, aber der König dachte, daß sie wie die edelstgeborene Frau aussah, der er je begegnet. Sie war hoch und von schöner Gestalt, und sie hatte ein holdseliges Antlitz.

Der König sah mit großer Rührung, wie die junge Frau ihr Kind an sich drückte und es mit solcher Liebe trug, als hätte sie nichts anderes Liebes und Köstliches auf der Welt.

Als die Frau in das Tor gekommen war, wandte sie das holde Antlitz und sah zurück in die dämmerige arme Kirche, mit großer Sehnsucht im Blicke. Als sie sich dann wieder zum Marktplatz wandte, hatte sie Tränen in den Augen.

Aber als sie über die Schwelle gehen sollte, hinaus auf den Marktplatz, da verließ sie der Mut. Sie stützte sich an den Türpfosten und sah auf das Kind mit solcher Angst, als wollte sie sagen: »Wo, wo in der ganzen weiten Welt sollen nun wir beide ein Dach über unserem Haupte haben?«

Der König stand noch immer unbeweglich und betrachtete die Heimatlose. Was ihn am meisten rührte, war, daß er sah, wie das Kind, das ganz sorglos in ihren Armen saß, eine Blume zu ihrem Gesicht emporstreckte, um ihr ein Lächeln zu entlocken. Und da sah er, daß sie die Sorge aus ihren Gesichtszügen zu verscheuchen suchte und dem Sohne zulächelte.

»Wer ist diese Frau«, dachte der König, »es dünkt mich, daß ich sie schon zuvor gesehen habe. Zweifelsohne ist sie eine hochgeborene Frau, die in Not geraten ist.«

So eilig der König es auch hatte, zu Storråda zu kommen, konnte er doch seine Augen nicht von der Frau abwenden. Er mußte nur immer nachdenken, wo er schon früher so milde Augen gesehen hatte und ein so lieblich geformtes Antlitz.

Noch immer stand die Frau in der Kirchentüre, als könnte sie sich nicht von dort losreißen. Da ging der König auf sie zu und fragte: »Warum bist du so betrübt?«

»Ich bin aus meinem Heim vertrieben«, sagte die Frau und wies hinein in das kleine dunkle Kirchlein.

Der König dachte, daß sie meinte, sie hätte sich in der Kirche aufgehalten, weil sie keine andere Wohnstätte ihr eigen nannte. Er fragte weiter: »Wer hat dich vertrieben?«

Da sah sie ihn mit unsäglicher Betrübnis an. »Weißt du es nicht?« fragte sie.

Aber da wandte sich der König von ihr ab. Er hatte keine Zeit, wollte es ihn bedünken, hier zu stehen und Rätsel zu raten. Es hatte den Anschein, als meinte die Frau, er hätte sie vertrieben. Er konnte nicht begreifen, worauf sie hinzielte.

Der König ging rasch weiter. Er kam hinab zur Königsbrücke, wo Storrådas Schiffe verankert lagen. Unten am Hafen begegnete er den Dienern der Königin, die alle Goldstreifen an den Gewändern hatten und Silberhelme auf dem Haupte.

Storråda stand hoch auf dem Schiffe und blickte hinaus über Kungahälla und freute sich an seiner Macht und seinem Reichtum. Sie stand da und sah auf die Stadt hinab, als betrachtete sie sich schon als ihre Königin.

Aber als der König Storråda sah, dachte er sogleich an die holde Frau, die arm und elend aus der Kirche gekommen war. Was ist das, dachte er, ich meine, daß sie mich schöner dünkt als Storråda.

Als Storråda ihm nun zulächelte, mußte er daran denken, wie die Tränen in den Augen der anderen Frau geglänzt hatten.

König Olaf hatte das Antlitz der Fremden so in Gedanken vor sich, daß er Storrådas Gesicht Zug um Zug damit vergleichen mußte, und als er so verglich, da verschwand alle Schönheit Storrådas.

Er sah, daß Storrådas Augen grausam waren und ihr Mund wollüstig. In jedem Zuge ihres Gesichtes spürte er eine Sünde.

Er sah wohl noch immer, daß sie schön war, doch er fand kein Gefallen mehr an ihrem Anblick. Er begann sie zu verabscheuen, als wäre sie eine glänzende Giftschlange.

Als die Königin den König kommen sah, zog ein siegesstolzes Lächeln über ihre Lippen.

»Ich habe dich nicht so zeitig erwartet, König Olaf«, sagte sie. »Ich glaubte, du würdest in der Messe sein.«

Da überkam dem König die Lust, Storråda zu reizen und alles zu tun, was sie nicht wollte.

»Die Messe hat noch nicht begonnen«, sagte er. »Ich komme, um dich zu bitten, daß du mich in das Haus meines Gottes begleitest.«

Als der König dieses sagte, sah er, daß in Storrådas Augen ein stechendes Leuchten kam, aber sie lächelte noch immer.

»Komm lieber hieher auf das Schiff«, sagte sie. »Ich will dir die Angebinde zeigen, die ich für dich mitgebracht habe.«

Sie nahm ein goldenes Schwert auf, wie um ihn zu locken, aber der König vermeinte noch immer die andere Frau neben ihr zu sehen. Und es dünkte ihm, daß Storråda unter ihren Schätzen stand wie ein abscheulicher Drache.

»Ich will zuerst wissen,« sagte der König, »ob du mit mir in die Kirche gehen willst.«

»Was sollte ich in deiner Kirche?« fragte sie und sah spöttisch aus.

Da merkte sie, daß des Königs Augenbrauen sich zusammenzogen, und sie begriff, daß er nicht desselben Sinnes war, wie am vorhergehenden Tage. Sie änderte sogleich ihr Betragen und wurde milde und versöhnlich.

»Geh du in die Kirche, soviel dein Sinn, begehrt,« sagte sie, »wenn auch ich nicht gehe. Um dessentwillen braucht kein Unfrieden zwischen uns zu entstehen.«

Die Königin stieg von dem Schiffe herab und kam auf den König zu. Sie hielt in der Hand ein Schwert und einen pelzverbrämten Mantel, den sie ihm zum Angebinde geben wollte.

Gerade in demselben Augenblick sah der König zufällig nach dem Hafen. In weiter Ferne sah er die andere Frau herankommen. Sie ging gebeugt, mit müden Schritten, noch immer mit dem Kinde auf dem Arm.

»Was ist es, wonach du so eifrig aussiehst, König Olaf?« fragte Storråda.

Da wandte sich die andere Frau um und blickte den König an, und wie sie ihn anblickte, glaubte er zu sehen, daß über ihrem Haupte und dem des Kindes zwei goldene Lichtringe aufflammten, schöner als alles Geschmeide von Königen und Königinnen. Aber gleich darauf schritt sie wieder der Stadt zu, und er sah sie nicht mehr.

»Was ist es, wonach du so eifrig siehst, König Olaf?« fragte Storråda noch einmal.

Aber als König Olaf sich der Königin zuwandte, da sah er sie alt und häßlich, von aller Arglist und Sünde der Welt umgeben, und er erschrak darüber, daß er in ihre Netze hätte fallen können.

Er hatte den Handschuh abgestreift, um ihr die Hand zu reichen. Aber nun nahm er den Handschuh und schlug ihn ihr ins Gesicht. »Was soll ich mit dir, du alte heidnische Hexe?« sagte er.

Da fuhr Storråda drei Schritte zurück. Aber sie faßte sich rasch und antwortete: »Dieser Schlag wird dein Fluch werden, Olaf Trygg­vason.«

Und sie war bleich wie die Hölle, als sie sich von ihm abwandte und das Schiff bestieg.

 

* * *

 

In der nächsten Nacht träumte König Olaf einen seltsamen Traum.

Was er vor sich sah, war nicht die Erde, sondern der Meeresgrund. Es war ein grünlich-gelber Boden, über dem das Wasser viele Ellen hoch stand. Er sah Fische nach Raub schwimmen, Schiffe sah er oben auf dem Wasserspiegel wie dunkle Wolken vorbeigleiten, und die Sonnenscheibe sah er matt blinken wie einen bleichen Mond.

Da kam die Frau, die er in der Kirchentüre gesehen, unten auf dem Meeresgrunde gegangen. Sie hatte dieselbe geneigte Haltung und dieselben abgetragenen Kleider, wie als er ihr zuletzt begegnet war, und ihr Gesicht war noch immer voll Kummer.

Aber wie sie auf dem Meeresgrunde ging, teilte sich das Wasser vor ihr. Er sah, wie es, gleichsam von unsäglicher Ehrfurcht getrieben, sich zu einer Wölbung erhob und zu Pfeilern zusammenschloß, so daß sie wie durch den herrlichsten Tempelsaal ging.

Plötzlich sah der König, daß das Wasser, welches sich über der Frau erhob, anfing, die Farbe zu ändern. Die Säulen und Gewölbe wurden zuerst hellrot, aber nahmen rasch eine immer tiefere Färbung an. Das ganze Meer ringsum war auch rot, als wäre es in Blut verwandelt worden.

Auf dem Meeresgrunde, über den die Frau schritt, sah der König zerbrochene Schwerter und Pfeile, gesprungene Bogen und Lanzen. Zuerst waren ihrer nicht viele, aber je weiter sie in das rote Wasser wanderte, desto dichter lagen sie gehäuft.

Der König sah bebend, wie die Frau vom rechten Wege abwich, um nicht auf einen toten Mann zu treten, der auf dem grünen Tangbett ausgestreckt lag. Der Mann trug einen Harnisch, er hatte ein Schwert in der Hand und eine tiefe Wunde im Kopfe.

Dem König schien es, daß die Frau die Augen schloß, um nichts zu sehen. Sie strebte einem bestimmten Ziele zu, sonder Zögern und Angst. Aber er, der träumte, konnte die Augen nicht abwenden.

Er sah den ganzen Meeresgrund mit Trümmern übersäet. Er sah schwere Schiffsanker, dicke Seile krümmten sich wie Schlangen, Schiffe lagen da mit geborstenem Bugspriet, die goldenen Drachenköpfe, die den Steven geziert hatten, blickten ihn aus roten, drohenden Augen an.

»Ich möchte wohl wissen, wer hier eine Schlacht zur See gekämpft und all dies der Vergänglichkeit zum Raube gelassen hat,« dachte der Träumende.

Überall sah er Tote, sie hingen über die Schiffsgeländer hinab oder lagen in dem üppigen Tang versunken. Aber er hatte nicht viel Zeit sie zu betrachten, weil er der Frau nachsehen mußte, die noch immer weiter wanderte.

Endlich sah der König sie vor einem toten Manne stehen bleiben. Er hatte einen roten Leibrock, einen blanken Helm auf dem Haupte, der Schild war auf den Arm gezogen, und ein bloßes Schwert hielt er in der Hand.

Die Frau beugte sich über ihn und flüsterte, als wolle sie einen Schlafenden wecken: »König Olaf,« flüsterte sie, »König Olaf!«

Da sah der Träumende, daß der Mann auf dem Meeresgrunde er selbst war. Er erkannte es deutlich, daß er der Tote war.

»König Olaf,« flüsterte die Frau noch einmal, »ich bin die, die du vor der Kirche in Kunga­hälla sahst. Kennst du mich nicht?«

Als der Tote noch immer unbeweglich lag, warf sie sich neben ihm auf die Kniee und flüsterte ihm ins Ohr:

»Nun hat Storråda ihre Flotte gegen dich ausgesandt und Rache an dir genommen. Bereust du, König Olaf?«

Noch einmal fragte sie: »Nun leidest du des Todes Bitterkeit, weil du mich wähltest und nicht Storråda. Bereust du es? Bereust du es?«

Da schlug der Tote endlich die Augen auf, und die Frau half ihm, sich emporzurichten. Er stützte sich auf ihre Schulter, und sie wanderte langsam mit ihm fort.

Wieder sah König Olaf sie wandern und wandern, durch Nacht und Tag, durch Meer und Land. Endlich vermeinte er zu sehen, daß sie weiter gekommen waren als die Wolken und höher als die Sterne.

Sie wandelten in einem Lustgarten, wo der Boden leuchtete wie weißes Licht und die Blumen klar waren wie Tautropfen.

Der König sah, daß die Frau, als sie in den Lustgarten eintrat, den Kopf erhob und daß ihr Gang leichter wurde.

Als sie ein Stück weiter hinein gekommen war, begannen ihre Kleider zu strahlen. Er sah, wie sie von selbst durch Goldstreifen begrenzt und von Farben erleuchtet wurden.

Er sah auch, daß ein Ring von Strahlen um ihren Scheitel aufflammte und ihr Antlitz beglänzte.

Aber der Gefallene, der sich auf ihre Schulter stützte, hob den Kopf und fragte: »Wer bist du?«

»Weißt du es nicht, König Olaf?« antwortete sie da, und unendliche Hoheit und Herrlichkeit umgab ihr Wesen.

Aber der König ward dabei im Traume von großer Freude darüber erfüllt, daß er es erwählt hatte, der holden Himmelskönigin zu dienen. Das war eine Freude, wie er sie nie zuvor erfahren, und sie war so stark, daß sie ihn erweckte.

Als er aufwachte, fühlte er Tränen sein Antlitz benetzen, und er lag da, die Hände zum Gebet gefaltet.