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Artur Landsberger – Frau Dirne

Roman

Artur Landsberger, Frau Dirne, Wilhelm Borngräber Verlag, Berlin, o. J.



Erstes Kapitel.
Eine gute, aber anrüchige Gesellschaft.

»Dieser Teetisch ist nicht zu überbieten,« flüsterte Frau Olga Herzog dem Grafen Scheeler zu, an dessen Arm sie den Salon der Frau Baronin von Waltner betrat.

»Fabelhaft!« näselte der und klemmte sich das Monocle fester ins Auge.

Frau Olga wandte sich um und rief – ihre Stimme war schrill und scharf –:

»Werner, so komm' doch!«

»Schlagt den Juden tot!« grellte die Stimme eines blaugelben Papageis, den Werner Herzog auf einer silbernen Stange trug.

»Wie reizend, daß Sie das entzückende Tier mitgebracht haben!« sagte Frau von Waltner und warf dem blaugelben Papagei ein Petitfour aus Schokolade zu.

Der kreischte, flatterte auf, fing und fraß. Die gelbe Creme, mit dem das Petitfour gefüllt war, glitt auf Werner Herzogs Cuttaway.

Baronin von Waltner und Olga reichten sich die Hände.

»Sie kennen meine Tochter und meinen Schwiegersohn?« fragte die Baronin und wies auf Heinz und Ina.

Rittmeister Mertens küßte Frau Herzog die Hand und sagte:

»Aber natürlich! Wir hatten ja im letzten Frühjahr das Vergnügen . . .«

». . . in Davos,« ergänzte Frau Olga. »Ihrer Frau Tochter verdanke ich die Bekanntschaft mit dem Grafen Scheeler.«

»Ich habe zu danken,« sagte der; und Ina Mertens, die gut gewachsen, schlank und, obgleich im Verblühen und beinahe zehn Jahre älter als ihr Mann, noch immer hübsch und von eigenem Reiz war, tat, als könne sie sich nicht daran erinnern und sagte:

»In diesem Sodom und Gomorrha lernt man so viele Menschen kennen . . .«

»Aber Ina,« parierte Heinz, »erinnerst du dich denn nicht mehr, daß du von Frau Herzog sagtest, sie habe ihren Mann noch besser dressiert als ihren Papagei?«

»Sei nicht so taktlos,« flüsterte Frau von Waltner ihrem Schwiegersohne zu. Ina berührte leise ihre Mutter und dachte: »so ist er immer;« warf ihrem Manne einen Blick zu, der ihn wie spitzige Nadeln traf, verzog den Mund und sagte lächelnd:

»Daß du doch immer spaßen mußt, Heinz.«

»Nun,« erwiderte Professor Reger, ein ansehnlicher und soignierter Mann in der Mitte der fünfziger Jahre, und wies auf Werner Herzog, der mit dem blaugelben Papagei auf der silbernen Stange, ratlos und servil und mit nicht gerade klugem Gesichtsausdrucke da stand – »die Hauptsache ist, daß diese Tätigkeit ihren Herrn Gemahl ausfüllt und befriedigt.«

Frau Herzog, der man nachsagte, daß sie einst schön gewesen sei und in einer europäischen Hauptstadt ein großes Haus ausgemacht habe, empfand den Spott, lächelte und sagte:

»Alles Gute, das man meinem Papagei erweist, erweist man mir. Und Sie werden nicht so unhöflich sein, zu bestreiten, daß selbst ein anspruchsvoller und kluger Mann darin seine Befriedigung finden kann.«

Das Erscheinen der hübschen Frau Mira und ihres Gatten Doktor Rießer ersparte dem Professor eine Antwort.

Frau Ina stellte vor und goß Tee ein; Schüsseln mit kleinen Kuchen, Torten und Sandwichs, silberne Schalen mit Früchten und Kompott gingen herum; ein Diener reichte Liköre und Heinz Mertens bot Zigarren, Zigaretten und Feuer an.

Frau Ina saß neben dem Grafen.

Als sie ihm mit der Gabel ein Sandvich mit Gänseleber reichte, zitterte ihre Hand. Er nahm das Brot von der Gabel und führte es, ohne es auf den Teller zu legen, in den Mund. Das geschah von ihm aus völlig unbewußt; sie aber empfand es wie eine zärtliche Berührung, hielt den Atem an und schloß für einen Augenblick die Augen. Tausend Jahre alt waren diese Scheelers!

»Ich muß es Ihnen immer wieder sagen,« wandte sich Baronin Waltner an ihren Nachbarn, den Professor Reger, und lorgnettierte ihn mit Wohlgefallen, »wie sehr Sie mich in jeder Bewegung an den vorzüglichen Marquis d'Ormilly erinnern. Sie sollten doch einmal unter Ihren Ahnen nachforschen.«

»Aber gnädigste Baronin,« erwiderte der Professor, »die Wiege meiner Vorfahren steht in Gleiwitz. Und wenn Sie mich französisch sprechen hörten, so würden Sie sich Antiphone in die Ohren stecken.«

»In meinem Hause verkehrte früher ein Chevalier de Pontignan, der im dritten Gliede mit den d'Ormilly's verwandt war,« sagte Frau Olga.

»Sie kennen ihn gewiß?« wandte sich Ina, deren Augen strahlten, an den Grafen Scheeler.

»Im Stammbaum meiner Mutter kommt er irgendwo vor,« erwiderte der Graf gleichgültig, und Inas Augen strahlten noch heller.

»Darf man wissen, für wen?« fragte Frau Mira und wies auf drei leere Sessel, die zwischen dem Teetisch und einer schmalen Anrichte standen. Der Tonfall, der lebhafte Blick und die ganze Haltung verrieten, daß es mehr als eine konventionelle Frage war.

»Für Erdt-Brückner's,« erwiderte Frau Ina und freute sich, als sie Frau Miras enttäuschtes Gesicht sah.

»Die machen wie immer erst große Toilette,« meinte Baronin Waltner, und Frau Olga spottete:

»Was die so große Toilette nennen. Hier ein Schleifchen, da ein Schleifchen; in jeder Farbe eins.«

»Und ein paar Ketten um den Hals, um die Taille und die Gelenke . . .« ». . . die nicht einmal schön sind,« fiel Frau Mira dem Professor ins Wort und schlug die Beine übereinander, so daß man mehr als nur die schlanken Gelenke sah; während Frau Ina, die fühlte, daß der Graf Frau Miras Bewegung folgte, die Füße unter den Tisch schob.

»Wird Frau Brückner uns etwas vorsingen?« fragte Professor Reger. »Für mich ist sie trotz ihres Alters noch heute in Deutschland die Erste.«

Es widersprach niemand. Nur Frau Mira sagte:

»Der Ansicht bin ich auch. Aber, daß sie uns etwas vorsingt, glaube ich nicht. Die Tochter liebt es nicht, daß sie sich vor ihren Mann stellt.«

»Sie meinen ihn verdunkelt?« fragte Frau Olga.

»Ja!« erwiderte statt Miras der Professor. »Er hat sich trotz seines starken Könnens noch immer nicht durchgesetzt. Und es mag für einen Mann auch nicht leicht sein, im Schatten seiner Frau zu stehen.«

»Ja aber,« warf Frau Ina ein, »diese Nelly ist doch Hedwig Brückners Kind aus erster Ehe. Die Mutter müßte ihr demnach doch näher stehen als der Stiefvater.«

»Müßte,« erwiderte Frau Mira. »Tut es aber nicht.«

Baronin Waltner wies zur Tür. Im selben Augenblick stockte das Gespräch. Frau Ina gab ihrem Manne ein Zeichen. Der sprang auf.

Erdt-Brückners hielten ihren Einzug. Wie ein nach qualvollen Versuchen von einem Photographen der siebziger Jahre gestelltes Bild. Vorn die allerliebste Frau Mathilde, eine Art Bovary, jenseits des gefährlichen Alters. Mit natürlicher Freundlichkeit nickte sie allen zu. Ein wenig zurück rechts daneben Nelly, ihre Tochter. Unscheinbar, aber mit einem hübschen Gesicht, das nicht erkennen ließ, ob sie schon verblüht war oder erst zu blühen begann. Auch Nelly lächelte; aber teils aus gêne, teils um als freundlich zu gelten und zu gefallen. Mutter und Tochter übersät mit Ketten, Münzen, Troddeln und Schleifen. Links von Nelly die hohe Gestalt Wolfgang Erdts. Ein feiner Kopf mit hoher Stirn, starker Nase, gewölbten Lippen und ein Paar Augen, mit denen man nicht recht etwas anzufangen wußte. Frau Mathilde schienen sie tief und verträumt; den Kollegen, die seinen Aufstieg fürchteten, bös und verbittert, den Frauen, die er unbeachtet ließ, herausfordernd und brutal, Nelly, die an ihn glaubte, durchgeistigt und genial, dem Unbeteiligten nichtssagend und dunkelbraun.

»Grade sprachen wir von Ihnen,« sagte Baronin Waltner.

»Schlechtes natürlich,« erwiderte Nelly.

»Das wird in unserem Hause niemand wagen,« beteuerte Frau Ina. »Wir unterhielten uns von dem eigenen Geschmack Ihrer Toiletten« – dabei nahm sie eine lila Kette, die Nelly um den Hals trug und die ihr bis auf die Knie herabhing, auf und sagte: »Wie apart. Diese Münze scheint die Imitation einer Reliquienkapsel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, nur paßt sie nicht recht an diese undefinierbare Kette.«

»Wenn Sie sie Ihrer Sammlung einverleiben wollen,« sagte Nelly, die den Spott nicht spürte.

»Was denkst du!« widersprach v. Erdt, Frau Mertens stellt sich doch keine Imitationen in die Schränke!«

»Mir wäre das gleich,« erwiderte Nelly, »ich würde nur an hübschen Sachen Gefallen haben.«

»Jeder lebt seiner Kunst!« meinte Baronin von Waltner. »Sie dem Gesang, der Professor seinem Horaz, meine Tochter dem Sammeln alten Schmucks«.«

». . . und der Graf den Pferden,« ergänzte Frau Mira, die das Erscheinen Erdt-Brückners dazu benutzt hatte, ihren Platz mit einem neben dem Grafen zu vertauschen.

»Richtig!« nutzte Frau Ina die Gelegenheit und wandte sich an den Grafen, der gelangweilt zwischen den beiden Frauen saß und ein eisgekühltes Glas 1911er Menkow in den schmalen Händen hielt »mein Mann hat morgen früh Dienst; wenn Sie also seinen Schimmel reiten wollen – bewegt werden muß er – ihm erweisen Sie damit einen Gefallen.«

Der Graf vermied es, den Rittmeister anzusehen, dessen Gesicht er von ähnlichen Fällen her kannte. Dagegen dachte Frau Ina, als sie den verdutzt verlegenen Ausdruck ihres Mannes sah: wie peinlich den Anderen gegenüber, er sollte sich an derartige Fälle doch nachgrade gewöhnt haben.

Frau Mira, die Knie an Knie mit dem Grafen Scheeler saß und der im übrigen Bein Bein war, gleichgültig, ob es einem Grafen oder einem Chauffeur gehörte, hatte denn auch eine bissige Bemerkung auf der Zunge. Aber die Baronin las sie ihr von den Lippen und kam ihr zuvor, in dem sie sich laut an Professor Reger wandte und fragte:

»Nun Marquis, wie steht's mit der Theosophie? Werden wir Sie bald als den Unsern begrüßen können?«

»Ich bin ein Feind alles Halben,« erwiderte der Professor. »Man kann nicht Diener der Wissenschaft sein und sich gleichzeitig in diesem Lustgarten der Halbgebildeten ergehen.«

Die Baronin war gekränkt. Aber sie verstellte sich, stöhnte und sagte:

»Ja! ja! Ihr Protestanten!«

»Da hat Mama recht,« sprang ihr Frau Ina bei. »Die protestantischen Länder besitzen nicht die zum Glück eines wohlerzogenen Menschen unentbehrlichen Elemente: Galanterie und Frömmigkeit.«

»Dazu muß man an Gott glauben,« sagte die Baronin.

Der Professor, der alles das herbeigeholt und nicht logisch fand, stutzte. Aber als Frau Ina ihrer Mutter mit einer Geste, die beinahe feierlich war, erwiderte:

»Selbst wenn es keinen Gott gäbe, wäre die Religion doch heilig und göttlich,« da wußte er, daß man, wie so oft in diesem Hause, wieder einmal mit Bildung bluffte. Er kniff die Augen zusammen, zog die Zigarre in den rechten Mundwinkel, setzte sein sarkastisch-verbindliches Lächeln auf, sah die Baronin und Frau Ina scharf an und sagte:

»Gewiß! Gott ist das einzige Wesen, das zum Herrschen nicht einmal der Existenz bedarf.«

»Aber Sie werden doch zugeben,« erwiderte Frau Ina und senkte den Blick – »daß das Höchste im Leben, die Liebe, ohne den Glauben profan ist.«

»Was ist überhaupt Liebe?« stieß Frau Olga wie einen Seufzer hervor, und Frau Mira erwiderte prompt:

»Das Bedürfnis . . .«

». . . aus sich herausgehen,« beendigte unnötigerweise Frau Ina den Satz.

Der Rittmeister sah strahlend zu seiner Frau auf, und die Baronin sagte zu ihrer Tochter:

»Du meinst, um sich mit ihrem Opfer zu vereinigen.«

»Gewiß!« bestätigte die, »gewiß! Aber wie der Sieger mit dem Besiegten. Unter Wahrung der Vorrechte des Eroberers.«

»Siehst Du!« rief Frau Olga so unmotiviert wie möglich ihrem Manne zu, und der Papagei, der auf ihrer Schulter saß und nach dem vierten Petitfour und einem Gläschen Chartreuse fest eingeschlummert war, fuhr auf und schrie:

»Schlagt den Juden tot!«

Max Herzog sah verständnislos erst den Papagei, dann seine Frau an und sagte:

»Ich bin mir gar nicht bewußt . . .«

»Und doch,« fuhr die Baronin, ohne auf Frau Olgas Bluff zu achten, fort, »als langweilig in der Liebe habe ich immer empfunden, daß sie ein Verbrechen ist, bei dem man einen Mitschuldigen nicht entbehren kann.«

»Glänzend!« rief Frau Mira mit roten Wangen, und die Liebe, über deren Wesen und Betätigung sie Tage und oft auch die Nächte lang nicht nur nachsann, schien als Verbrechen ihr nun noch sonderbarer.

»Und wie stellt sich die Kirche zu dieser Liebe?« fragte Frau Ina, worauf die Baronin zur Antwort gab:

»Da sie nicht die Möglichkeit sah, sie zu unterdrücken, so hat sie sie wenigstens desinfizieren wollen und die Ehe geschaffen.«

»Ausgezeichnet!« rief Frau Mira. »Die Ehe als Desinfektionsanstalt. Sagen Sie,« wandte sie sich an ihren Nachbarn, den Grafen, der gelangweilt da saß, »haben Sie sie je als etwas anderes betrachtet?«

»Und doch,« beteuerte Ina und schlug die Augen zu dem Grafen auf, der indes keinerlei Notiz davon nahm, »ist die Liebe das Göttliche im Menschen.«

Der Rittmeister sah strahlend zu seiner Frau auf. Die Baronin widersprach.

»Dadurch, daß man sie Gott entzieht und auf die Menschen überträgt, entheiligt man sie. Darum sollte man in dem Menschen, zu dem es einen hinzieht, immer nur Gott lieben.«

»Das kommt praktisch ja wohl auf dasselbe hinaus,« sagte Nelly Brückner und sah verklärt Wolfgang v. Erdt an, der so gar nichts Göttliches hatte.

»Ein weites Feld, die Liebe,« meinte Mathilde Brückner, und der Professor, dem die Zeit gekommen schien, sagte breit:

»Sehr richtig! Jedenfalls ist sie mit dem Studium Bandelaires nicht erschöpft.«

Frau Ina wurde um einen Atom blasser und, um ihre Verlegenheit zu verbergen, nahm sie die schwere silberne Kanne auf und goß dem Grafen Tee ein, obgleich seine Tasse noch beinahe voll war.

Die Baronin hingegen hielt den Blick des Professors aus:

»Sie haben sich demnach auch viel mit Bandelaire beschäftigt?« fragte sie und tat unbefangen.

»Leider nicht mit dem gleichen Erfolge wie Sie,« erwiderte der. »Aber man hört ihn doch immer wieder gern.«

Frau Olga sah mit triumphierendem Lächeln Frau Ina an und sagte:

»Ach so! – Bei uns in Berlin bringt man sich jetzt seine Butterbrote mit, wenn man eingeladen ist. Man kann, scheint's, aber auch geistige Nahrungsmittel hamstern. Man steckt sie wie die Butterbrote zu sich und verzehrt sie in Gegenwart seiner Gäste, um die damit zu ärgern.

Mathilde Brückner sprang der Wirtin bei: »Ich verstehe nicht,« sagte sie, »wie eine geistvolle Unterhaltung, gleichviel ob sie aus Eigenem schöpft oder aus Fremdem, Sie ärgern kann. Schließlich bleibt es doch interessanter, zu erfahren, wie ein großer Mann über die Liebe dachte, als mit welchen hohen und höchsten Herrschaften Sie in gesellschaftlichem Verkehr stehen.«

Und Wolfgang v. Erdt, der wie alle wahren Künstler im Grunde seines Herzens materiell war – nur große Kinder sind es nicht! – setzte hinzu:

»Der Ärger, gnädige Frau, dürfte durch den Chartreuse und die Petitfour, die Ihr Liebling geschluckt hat, ausgeglichen sein.« – Und da Max Herzog daraufhin ein Fruchttortelette, das er eben in den Mund schieben wollte, auf den Teller zurücklegte, so wies Wolfgang v. Erdt mit seiner Riesentatze auf den Papagei und sagte: »Ich meinte natürlich den andern Liebling.«

Alles lachte, nur der blaugelbe Papagei, der spürte, daß er im Mittelpunkte stand, setzte sich zur Wehr und kreischte:

»Schlagt den Juden tot!«

»Kann er denn gar nichts anderes?« fragte die Baronin und glaubte damit Frau Herzog zu reizen.

Die aber hatte schon lange auf dies Stichwort gewartet.

»Reden Sie nur mit ihm!« trieb sie sie an.

»Na, Dummchen,« wandte sich die Baronin an den Papagei, »was sagst denn Du zu alledem?«

Der Papagei machte einen schiefen Kopf und beaugte mißtrauisch die Baronin.

»Nicht wahr,« fuhr die fort, »die Theosophie erschließt der Menschheit neue Wege?«

Frau Olga machte mit der Schulter eine kurze Bewegung, die niemand sah, und der Papagei kreischte der Baronin ins Gesicht:

»Quatsch nicht!«

Damit war sein Repertoire erschöpft. Doch dem tiefsinnigen Beobachter wurde klar, daß dieser Sprachschatz für die Unterhaltung in einem sogenannten besseren Salon durchaus genügte.

Der Diener kam und reichte Frau Ina eine Karte.

»Haben Sie nicht gesagt, daß Besuch da ist?«

»Wenn gnädige Frau wenden wollen.«

Frau Ina wandte die Karte und las:

»Ich habe unbedingt und unaufschiebbar mit Ihnen zu sprechen.«

»Geh!« trieb ihre Mutter, die über ihren Nachbar hinweg schneller als sie Name und Text der Karte entziffert hatte, sie an.

Ina stand auf, entschuldigte sich und ging. Als der Graf ihr lässig die Hand reichte, wurde sie rot und zitterte in den Knien; den fragenden Blick ihres Mannes ließ sie unbeantwortet, zerknitterte die Karte und ging hinaus.


* * *


Der Diener hatte den alten Katz in den vorderen Salon geführt, der von dem erlesenen Geschmack Frau Inas und ihrer Mutter zeugte und auf Generationen alten Reichtum schließen ließ.

Katz zog den abgeschabten roten Glacéhandschuh von der rechten Hand, fuhr sich mit den ungepflegten Fingern durch das ergraute Haar, kaute an seinem Zigarrenstummel, musterte mit ein paar Blicken den Salon, ging auf ein kleines Schränkchen zu, in dem allerhand alter Schmuck aufgebaut war, schloß es auf, nahm einen breiten Platinring mit glitzernden Steinen heraus und steckte ihn sich in die Tasche. Dann zog er den abgeschabten roten Handschuh wieder auf.

Ungeduldig sah er zur Tür. Nebenan hörte man Schritte. Gleich darauf betrat Frau Ina den Salon.

Katz sagte ohne sich zu verbeugen:

»Guten Tag!«

Frau Ina bewegte leicht den Kopf, wies mit ihrer weißen schlanken Hand auf einen Stuhl und sagte:

»Bitte!«

Katz setzte sich, griff in die Tasche, legte ihr ein Papier vor und sagte:

»Unterschreiben Sie!«

Dabei schob er den abgekauten Zigarrenstummel, der nicht mehr brannte, in den anderen Mundwinkel, wobei die Asche auf den Tisch, dicht neben das Papier fiel.

Frau Ina, deren Gedanken noch bei dem Grafen und Miras schönen Beinen waren, überflog das Papier, verstand es nicht und sah Stanislaus Katz, der schmutzig und aus Lodz war, fragend an.

»Worauf warten Sie?« fragte der und hielt ihr die Füllfeder hin.

»Auf das Geld«, erwiderte sie.

»Es sind die Zinsen für das schuldige Kapital.«

Er legte seine Füllfeder neben das Papier.

Frau Ina rührte sie nicht an. Sie stand auf, nahm das Papier, ging damit zum Schreibtisch, nahm ihren Halter und unterschrieb.

Katz zerbiß wütend seinen Stummel und steckte seine Füllfeder wieder ein.

»Es klebt kein Dreck dran«, sagte er.

Frau Ina erwiderte:

»Aber Sünde.«

»Mein Beruf und Frömmigkeit vertragen sich nicht miteinander.«

»Um so mehr Grund hätten Sie, zur Beichte zu gehen.«

Katz wehrte ab. Mein Beruf fordert Diskretion. Oder wäre es Ihnen lieb, wenn ich dem Probst Weidner von Ihren Beziehungen zu dem Grafen . . .«

Frau Ina wurde kreidebleich, richtete sich auf und fuhr ihn an:

»Schweigen Sie!«

»Wenn ich im Beichtstuhl säße und er die Geldgeschäfte machte – vielleicht, daß Sie dann freundlicher zu mir wären.«

»Schweigen Sie!« wiederholte Frau Ina, und ihre Stimme überschlug sich. »Sie mischen irdische und weltliche Dinge – Sie versündigen sich!«

»Wir sind allein, und ich konstatiere Tatsachen.«

»Das sind Dinge, die mit unseren Geschäften nichts zu tun haben. Wenn ich im Guten auf Sie einzuwirken versuche, so brauchen Sie nicht ausfallend zu werden.«

»Ich bin ein Mensch, der mit beiden Füßen fest auf der Erde steht und kein Ohr für das Paradiesgeklimper hat.«

»Schlimm für Sie!«

»Jedenfalls ist die Hilfe, die ich Ihnen hier auf Erden leiste, zuverlässiger als die Versprechungen, die er Ihnen auf das Jenseits macht.«

»Sie tun es nicht aus Liebe!«

»Und er nicht aus Religiosität.«

Katz war aufgestanden und lehnte sich an den Schreibtisch, der dicht neben dem Sessel stand, auf dem Frau Ina saß. Sie hielt noch immer den Halter in der Hand.

»Zerreißen Sie den Wisch«, sagte er und beugte sich zu ihr.

Sie warf den Halter hin und schob ihm das Blatt zu.

»Zerreißen Sie's!« wiederholte er mit belegter Stimme und griff nach ihrer Hand.

»Was fordern Sie?« fragte sie leise.

»Nicht mehr als das letzte Mal.«

Sie beugte sich in den Sessel zurück und schloß die Augen. Katz nahm den Stummel aus dem Mund, schob sich zwischen Sessel und Schreibtisch, stemmte die Arme auf die Lehne und drückte seine Lippen auf Frau Inas Mund. – Zwei Sekunden lang – dann schob sie ihn zur Seite und sagte:

»Genug! Mein Mann ist da.«

Katz, der außer Atem war, lächelte und meinte spöttisch:

Der kommt – doch nicht – ohne daß – Sie ihn rufen.«

Dann trat er zur Seite, atmete auf, nahm das Papier, zerriß es, warf es in den Papierkorb und sagte:

»Man ist bescheiden«, und lachte laut auf. Dann fügte er leise hinzu: »und doch nicht dumm.«

Das klang so herausfordernd, daß sich Frau Ina, die noch immer ihr Spitzentuch vor den Mund hielt und sich damit die Lippen betupfte, in ihrem Sessel aufrichtete und zu ihm umwandte.

Katz zog den Mund breit, griente, wies auf den Papierkorb und fragte:

»Was war der Schein wert?« Frau Ina fuhr auf: »Sie haben mich betrogen!«

»I Gott bewahre!« erwiderte er. »Höchstens Sie mich.«

»Was bedeutet das?«

»Der Schein war richtig ausgestellt über viertausendfünfhundert Mark Zinsen, die Sie mir schulden.«

»Nun also.«

»Aber, was war er wert? Wovon wollten Sie zahlen?« – Er sah sich im Zimmer um. »Alles, was in der Wohnung steht, alles, was Sie am Leibe haben, gehört mir. – Nur Sie noch nicht.«

Frau Ina sprang auf.

»Ich rufe meinen Mann!«

Katz schüttelte in aller Ruhe den Kopf.

»Das tun Sie nicht. Denn Sie wissen genau, der kann's nicht ändern. – Im übrigen: weiß er von alle dem was?«

»Nein.«

»Wovon glaubt er, daß das Geld für Ihren Luxus und Ihre Gesellschaften herrührt?«

»Er ist ein Kind, das nicht nachdenkt und mir blind vertraut.«

»Wollen Sie ihm nicht reinen Wein einschenken?«

»Sie sagten doch eben selbst, er kann's nicht ändern.«

»Aber am Ende muß er seine Dispositionen treffen.«

»Er tut seinen Dienst – basta!«

»Wenn Sie fallieren, wird er den Dienst quittieren müssen.«

»Ich? – Wie meinen Sie das?«

»Daß ich einzutreiben und zu versteigern gedenke.«

Frau Ina fuhr auf:

»Sie wollen mich ruinieren?«

»Das haben Sie selbst getan. Für Ihre gesellschaftlichen Ambitionen hätten Sie eine Rente von hundertundfünfzigtausend Mark benötigt. Wenn ich nicht irre, beträgt das Gehalt eines Rittmeisters aber nur sechstausend Mark.«

»Damit hätte ich in einem Gartenhaus in einer Dreizimmerwohnung verkümmern können.«

»Ich gebe zu, daß das schade gewesen wäre. – Sie waren klug und haben wenigstens ein paar Jahre lang Ihr Leben genossen.«

Frau Ina wandte sich jetzt beinahe flehend zu ihm:

»Und nun wollen Sie mich untergehen lassen?«

»Ich habe Ihnen geholfen, solange Sie mir Sicherheit boten. Die aber ist erschöpft.« – Er beugte sich wieder zu ihr und sagte flüsternd: »Sie kennen meine Liebhabereien.«

Frau Ina schloß die Augen.

»Sie sprachen mir davon«, hauchte sie.

»Ein reicher Amerikaner hat mir für die Mantelschließe des heiligen Ludwig von Frankreich, die der Probst Weidner in Verwahrung hat, über eine Million geboten.«

»Ich sagte Ihnen doch schon, die Jahreszahl 1234 fehlt; das Email ist ersetzt.«

»Beidem ließe sich abhelfen.«

Frau Ina zitterte jetzt am ganzen Körper; mit ihren Händen machte sie Bewegungen, als wenn sie einen Rosenkranz zwischen den Fingern hielte.

»Wenn Sie sich aus religiösen Bedenken scheuen, es heimlich zu entwenden,« drang Katz in sie, »mit dem Probst Weidner ließe sich schon ein Abkommen treffen.« – Frau Ina zuckte zusammen. – »Schließlich haben Sie ihn ja in der Hand. Ein Keuschheitsgelübde wiegt schwerer als ein Ehegelübde. Ihr Gatte verzeiht Ihnen; der Bischof ihm nicht. – Verschaffen Sie mir die Schließe, so gebe ich Ihnen die Mittel für weitere fünf Jahre in diesem Stil. Sie hätten Ruhe vor mir! Bedenken Sie, was das heißt! – Und die Absolution von ihm haben Sie, wenn Sie wollen, im voraus.«

Frau Ina wurde schwarz vor den Augen. Sie konnte die Gegenstände nicht mehr unterscheiden. Nur die Hände mit den abgeschabten roten Handschuhen, mit denen er vor ihrem Gesicht herumgestikulierte, empfand sie wie zuckende Flammen, die drohend vor ihr auflohten und ihr den Atem nahmen. Wie um sich zu befreien, griff sie plötzlich nach diesen zuckenden Händen, riß sie nach unten, sprang auf und rief:

»Nein! nein!! – dann werde ich lieber Ihre Geliebte!«

Katz sah eine Weile in ihr erregtes Gesicht. Sie ließ seine Hände los und stand ihm dicht gegenüber. Er kniff die Augen zusammen, schnalzte mit der Zunge und sagte:

»Ich möcht' schon. Aber den Luxus kann ich mir nicht leisten.« – Er sah sie frech an. – »Und dann: ich teil' nicht gern. Das reizt zu Vergleichen. Und ich weiß, ich bin nicht schön.«

Frau Ina glitt auf den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Dann geben Sie mir Gift!« hauchte sie.

»Unsinn!« erwiderte Katz. »Was hätte ich davon? Tun Sie mir die Liebe und werden Sie nicht sentimental. Das steht Ihnen nicht. Was mich an Ihnen so reizt, ist der Heiligenschein, mit dem Sie Ihre bewußte Gemeinheit verdecken. Sie haben Talent genug, um nicht unterzugehen.«

»Geben Sie mir Gelegenheit, es zu nutzen.«

Katz tat, als dächte er nach, dann schlug er mit der Hand auf den Tisch und sagte:

»Ich hab' etwas! – Auf den ersten Blick werden Sie sagen: nein! Aber dann wird es Ihnen eingehen; ganz allmählich. Genau, wie es mir eingegangen ist. Denn Ihre Moral, von allem religiösen und gesellschaftlichen Nimbus entkleidet, bewerte ich ungefähr gleich hoch wie meine.«

»So sagen Sie schon!« drängte Frau Ina.

Katz setzte sich, stützte den Arm auf den Schreibtisch und sagte: »Diese Art Geldgeschäfte, wie ich sie nun schon seit zehn Jahren betreibe, ohne auf den grünen Zweig zu kommen, reiben mich auf. Ich habe daher beschlossen, mein Leben auf eine solide Basis zu stellen. Sie allein können mir dazu verhelfen.«

Frau Ina sah ihn erstaunt an.

»Ja, Sie wollen doch nicht etwa, daß ich mich scheiden lasse und Ihre Frau werde?«

»Das wäre nach allem, was ich über Sie weiß, unsittlich. Aber vor allem: ich sprach von einer soliden Basis.«

»Was wäre das?«

Katz beugte sich zu ihr, sah ihr fest in die Augen und sagte bestimmt:

»Sie müssen ein Bordell übernehmen.«

Frau Ina schnellte zurück und erwiderte laut:

»Sie sind verrückt!«

»Auf die Antwort war ich vorbereitet. Sie ist weder originell, noch schreckt sie mich. – Sie werden das Bordell übernehmen, so wahr ich Stanislaus Katz heiße. Schon, weil Ihnen gar keine Wahl bleibt.«

»Ja, sind Sie toll? Weil Sie mir mit ein paar Hunderttausend Mark ausgeholfen haben, glauben Sie ein Recht zu haben . . .«

»Ich bin weder toll, noch maße ich mir irgendein Recht an. Ich weiß nur, daß Sie weder in ein Kloster, noch in ein Bureau mit Schreibmaschine und Registratur passen. Sie können auf Grund von Veranlagung und Erziehung auf das Leben nicht verzichten. Sie haben also die Wahl, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen oder Grande Kokotte zu werden. Beides keine Annehmlichkeiten. Nun fügt es der Zufall, daß mir eins der ersten europäischen Bordells an die Hand gegeben ist, aus dem sich bei geschickter Leitung Millionen herauswirtschaften lassen. Es gibt neben der Post und Eisenbahn kein sichereres und lukrativeres Unternehmen.«

»Ich wünsche Ihnen Glück! Aber was soll ich dabei?«

»Ich habe mein Lebtag niemanden betrogen. Aber ich mache Geldgeschäfte; bin also eine anrüchige Person; bekomme daher nie die Konzession. Meinen Bekannten, die besser beleumdet sind, kann ich das Geschäft nicht vorschlagen, sonst machen sie's selbst. Aber Ihr Ruf ist der denkbar beste. Bei Ihnen verkehrt die erste Gesellschaft. Und wenn man bei den Recherchen bis hinauf zum Probst Weidner gehen sollte – Ihnen sagt niemand etwas Schlechtes nach.«

»Es handelt sich demnach nur . . .«

». . . um Ihren Namen«, bestätigte Katz. »Aber ich erwarte, daß Neugier, Lust und vor allem die Chance, ein Vermögen zu erwerben,« – in Frau Inas Augen blitzte es auf – »Sie weitertreiben.«

Frau Ina fieberte in der Aussicht, ein Vermögen zu erwerben, ohne daß ihr der Graf ewig unerreichbar blieb. Aber dies Konventionelle saß in ihr so fest, daß sie ganz automatisch sagte:

»Davor schützt mich der gute Geschmack und die Kinderstube.«

»Darum gerade handelt es sich. Denn die möchte ich, um auf diesem Gebiete etwas Neues, Originelles und daher Konkurrenzloses zu bieten, dem Unternehmen dienstbar machen.«

»Und wie denken Sie sich daneben meine gesellschaftliche Position?«

»Darauf erwidere ich: das ist Ihre Sache! Denken Sie darüber nach, wie Sie es anstellen, daß Sie trotzdem Dame bleiben. In der internationalen Gesellschaft gibt es Frauen, die von Hand zu Hand gehen und doch fest im Sattel sitzen, wie es Frauen gibt, die sich durch einen einzigen Rülps Zeit ihres Lebens unmöglich machten.«

Und wie lange Zeit lassen Sie mir, über diesen grotesken Vorschlag nachzudenken?«

»Das hängt zunächst davon ab, wie lange Sie sich den Luxus gestatten können, ohne meine Zuschüsse zu leben.«

In diesem Augenblick trat die Baronin am Arme ihres Schwiegersohnes ins Zimmer.

»Du hast Gäste, Ina!« sagte sie mit leichtem Vorwurf. Ina tat, als überhörte sie und stellte Katz vor.

Die Baronin zwang sich ein Lächeln ab und sagte:

»Meine Tochter hat mir von Ihnen erzählt. Sie interessieren sich für alten Schmuck?«

»Oh, dann muß ich Ihnen unsere Sammlung zeigen«, erbot sich der Rittmeister eifrig. »Wir haben Stücke, die bis ins elfte Jahrhundert zurückgehen.«

»Herr Katz kennt sie«, sagte Frau Ina schneidend.

»Aber in welchem Zusammenhange sie mit unserer Familie stehen, wie wir mit jedem einzelnen Stücke sozusagen verwachsen sind, was uns den Besitz mit jeder Generation wertvoller macht, das wissen Sie nicht!« ereiferte sich der Rittmeister.

»Herr Katz ist kein Genealog«, unterbrach ihn Frau Ina, »er ist Sammler.«

»Ich muß deinem Manne recht geben,« sagte die alte Baronin; »ich werde nie begreifen, wie man Freude am Sammeln von Schmuck fremder Familien haben kann. Da lege ich mir denn doch lieber gleich eine Sammlung von Wertpapieren an; das ist doch wenigstens praktisch, und unpersönlich ist das eine genau so wie das andere.«

»Aber das Kennertum hat doch auch seine Berechtigung«, erwiderte Katz.

»Wenn man Geschäfte damit macht,« sagte die Baronin, »gewiß! für Juweliere. Für uns aber kommt allein der Affektionswert in Frage.« – Sie gab ihrem Schwiegersohn ein Zeichen; er trat eilfertig an sie heran und reichte ihr den Arm. »Hier zum Beispiel«, sagte sie und wies auf den Glasschrank, zu dem der Rittmeister sie führte, »sehen Sie diesen Kardinalsring, verliehen von Sixtus dem Vierten im Jahre 1475, hat ein . . .«

Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper und sie hielt sich am Arme ihres Schwiegersohnes fest; dann hob sie die weißgepuderte Hand und wies auf den leeren Platz im Schrank, auf dem die Mantelschließe gelegen hatte, wurde kreidebleich und sagte:

»Wo . . . wo . . . ist denn . . . der . . . Ring?«

Katz trat dicht an Frau Ina heran und wies unauffällig auf seine Tasche, in der das Schmuckstück war. Die begriff sogleich und sagte:

»Ich habe Herrn Katz gebeten, den einen der Steine auf seine Echtheit hin zu prüfen. Ich werde das Gefühl nicht los, daß der eine Stein während unserer letzten Reise durch einen anderen ersetzt worden ist.«

»Zeigen Sie her!« rief die Alte erregt und ging jetzt ohne Stütze auf Katz zu, der den Ring aus der Tasche zog, aber in der Hand behielt.

Die Frau Baronin prüfte genau mit der Lorgnette und erklärte:

»Ich lasse meinen weißen Kopf dafür: an diesem Stück ist alles genau so, wie es in meiner frühesten Kindheit war« – und nun erzählte sie die Geschichte dieses Ringes, so wie sie von Mutter und Großmutter ihr überkommen war.

Gerade, als sie den Ring wieder an ihre gewohnte Stelle legen wollte, meldete der Diener:

»Der Herr Graf v. Scheeler will sich verabschieden.«

Er trat zur Seite, und der Graf erschien auf der Schwelle. Er nahm von Katz keine Notiz, schritt auf die Baronin zu und ergriff ihre Hand, in der sie den Ring hielt. Er stutzte und sah Katz an.

Die Baronin erriet seine Gedanken.

»Wir waren in Sorge um die Echtheit eines Steines«, sagte sie. »Darum baten wir Herrn Katz« sie stellte ihn dem Grafen vor – »der Kenner ist, ihn zu prüfen. – Gott Lob, er ist echt« – und sie legte den Ring wieder in den Schrank.

Aber auch Katz wußte, was vorging. Der Glaube des Grafen, daß der Glanz dieses Hauses echt war, durfte nicht erschüttert werden. Er nutzte die Situation, gab Frau Ina ein Zeichen, zog ein Papier aus der Tasche, breitete es vor ihr aus, wies mit dem Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle und flüsterte:

»Bitte!«

Mit zitternder Hand griff sie zur Feder und setzte ihren Namen unter das Papier. Sie sah nicht, was sie unterschrieb, aber die Hand in dem abgeschabten roten Glacé, die das Papier hielt, ließ es sie fühlen.

Katz nahm hastig das Papier an sich und steckte es in die Tasche.

Der Graf war an Ina herangetreten, sie wagte nicht, ihn anzusehen.

»Also bis morgen«, sagte sie; ihre Stimme zitterte: »Wir reiten zusammen.«

Er nahm ihre Hand, die eben den Bordellvertrag gefertigt hatte, und küßte sie.

»Mit Vergnügen«, erwiderte er, verbeugte sich und ging. Und zu dem Rittmeister, der ihn hinausbegleiten wollte, sagte er in der Tür:

»Bitte, bleiben Sie!«

Als er draußen war, sank Frau Ina in den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Ist dir etwas?« fragte der Rittmeister besorgt.

Sie wies auf Katz und sagte schroff: »Begleite den Herrn hinaus!«

Der war keineswegs gekränkt, überzeugte sich durch einen schnellen Griff in die Tasche, daß der Vertrag darin war, und ging. Er war noch im Flur, da stürzte die Baronin auf ihre Tochter zu, riß sie aus dem Sessel, sperrte neugierig die Augen auf und fragte hastig:

»Nun, was ist? Was verlangt er? Zahlt er weiter oder weigert er sich? Was hast du da unterschrieben? Ich kann mir denken, es ist kein Glück, seine Geliebte zu sein. Aber, was willst du tun? Wir müssen leben! – Betrüg ihn! Schlag ihn! Bring ihn um! Aber handle vorsichtig und klug und mach mir keine Sorgen. – Wie ich ihm den Ring abgejagt habe! – Wer mir das gesagt hätte vor fünfzig Jahren, als ich in meiner Verliebtheit dem Herzog von Montfleury einen Korb gab, um deinen Vater zu heiraten.«

»Ach Mutter!« seufzte Frau Ina.

»Was für ein Papier hast du da unterschrieben?« drängte die Baronin.

»Ich weiß es nicht. Vermutlich einen Kontrakt.«

»Was für einen Kontrakt? – Um deinen Mann los und die Frau des Grafen Scheeler zu werden, mußt du alles vermeiden, was dich nach außen hin kompromittiert.«

Ina lachte spöttisch, sah die Baronin fest an und sagte:

»Ich werde ein Bordell übernehmen.«

»Ina!« schrie die Baronin laut auf. »Hast du den Verstand verloren?«

»I Gott bewahre! Aber in dieser Form geht es nicht weiter. Statt zu Geld zu kommen, geraten wir nur immer tiefer in Schulden. Jetzt heißt es, endlich einmal Realpolitik treiben! Biegen oder brechen!«

Die Baronin sah entsetzt ihre Tochter an.

»Und . . . auf . . . die . . . Art . . . meinst . . . du . . .?«

»Ja, Mama!« lautete die bestimmte Antwort. »Auf die Art; wenn in der Form auch etwas anders.«

»Und . . . du . . . glaubst . . .?«

»Ich hoffe!«

Der Rittmeister kam wieder ins Zimmer.

»Ein sympathischer Mensch, dieser Katz«, sagte er. »Und auf dich, Ina, hält er große Stücke.«

Aus einem Nebenzimmer ertönte hell die Stimme Mathilde Brückners.

»Allmächtiger!« rief Ina. »Wir haben ja Gäste!«

Sie trat an den Spiegel, legte Puder auf, befahl ihrem Manne, der Baronin den Arm zu reichen, und ging mit ihnen in den Salon zurück, der auf der andern Seite des Flurs lag.


* * *


Mathilde Brückner hatte ihr Lied gerade beendet, als die Drei den Salon wieder betraten.

»Ich habe versucht, Sie zu ersetzen,« wandte sich Mathilde an die Baronin.

»Solchen Ersatz werden sich unsere Gäste gern gefallen lassen,« erwiderte die, dankte Mathilde lebhaft und drückte ihr die Hand.

»Hoffentlich war die Abhaltung keine unangenehme,« fragte Wolfgang v. Erdt.

»Ja und nein,« erwiderte Frau Ina. »Es kommt, wie bei allem, darauf an, wie man es nimmt. Einer findet es katastrophal, der Andere sieht darin eine Wohltat.«

»Sehr richtig!« stimmte der Professor zu. »Das gilt ganz allgemein und uneingeschränkt; nur merken es die Menschen in den seltensten Fällen. Alles ist letzten Endes auf Zerstörung gerichtet.«

»Jeder Aufbau trägt in sich schon den Keim späterer Vernichtung.«

»Daß wir ihn nicht erkennen,« erwiderte Frau Ina, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, »liegt daran, daß man uns schon als Kinder eine Brille auf die Nase stülpt, durch die wir dann Zeitlebens alles wie durch einen Schleier sehen. Zu einer eigenen Wertung über Gut und Böse kommen wir dadurch überhaupt nicht. Das hat man uns schon vorweggenommen.«

»Und man sollte nicht imstande sein, sich diese Brille herunterzureisen und mit eigenen Augen zu sehen?« fragte v. Erdt.

»Das Resultat wäre ein Mensch ohne Vorurteile,« erwiderte der Professor. »Ich glaube nicht, daß es so etwas in unseren Kreisen gibt.«

»Und gäbe es das, was gewiß schon viel wäre,« fuhr Frau Ina fort, »wem wäre damit gedient? Dieser Ausnahmemensch würde sich ja doch nur immer in seinen Kreisen bewegen. Das Leben da, wo es unverfälscht ist, würde er doch nicht kennen lernen.«

»Und wo, meinen Sie, lernt man das unverfälschte Leben am besten und am gründlichsten kennen?« fragte Frau Mira.

»Unten im Volke natürlich,« erwiderte der Professor, »wo die Instinkte frei und ohne gesellschaftliche Rücksichten zum Durchbruch kommen.«

Frau Olga führte ihr Spitzentuch vor den Mund und sagte: »Danke ergebenst! Alle diese Menschen haben einen Odeur an sich, der mich umwirft.«

»Vor allem,« meinte Frau Ina, »ist an dieser Art Menschen nichts zu studieren. Sie sind durch die Tretmühle des täglichen Lebens so abgestumpft, daß sie kaum noch Leidenschaften haben.«

»Aber man liest doch soviel in Romanen und sieht soviel auf der Bühne . . .« brachte Frau Mira etwas zaghaft mit einem Blick auf Wolfgang v. Erdt vor.

»Das ist doch alles Phantasie,« meinte die Baronin, worauf sie ein vernichtender Blick Nelly Brückners traf. »Oder irre ich mich da?« fragte sie höflich.

»Aber sehr!« erklärte Nelly überlegen und bestimmt, sah ängstlich zu ihrem Stiefvater auf, streichelte ihn mit einem zärtlichen Blick und sagte:

»Intuition ist es! Göttliche Intuition!«

»Jedenfalls, und darauf allein kommt es an,« erwiderte Frau Ina, »weit ab von jeder Wirklichkeit. – Um die Wirklichkeit kennen zu lernen,« fuhr sie mit Pathos fort, »dazu bedarf es schon einer gewissen Größe, die von uns, die wir bis da hinauf in gesellschaftlichen Vorurteilen stecken, kaum einer aufbringt.«

»Ich schon!« widersprach Frau Mira. »Wenn Sie mir nur zusichern, daß dies Studium mehr Abwechslung bietet und weniger formal ist als unser gesellschaftliches Leben, das mit der Präzision eines tausend Meter Films abrollt, ohne – genau wie der – je eine Überraschung zu bringen, dann stürze ich mich in dies Studium, selbst auf die Gefahr hin, mich und meinen Mann zu kompromittieren.«

»Es ist ja klar,« sagte Frau Ina, »daß man den nackten Menschen – ich spreche natürlich bildlich – nur kennen lernen kann, wenn man ihn da aufsucht, wo seine Leidenschaften ungehemmt, zügellos, nackt – und jetzt meine ich es wörtlich – zum Ausdruck kommen.«

»Gibt es so einen Ort?« fragte Frau Mira voll Interesse.

»Den gibt es!« erwiderte Frau Ina.

»Nämlich?« fragte Mathilde Brückner, und die gleiche Frage stand auf allen Gesichtern.

»Ich will es Ihnen sagen.« – Sie wandte sich an ihren Mann: »Bitte, Heinz, gieße uns erst einmal allen von dem Chartreuse ein.« – Frau Olga hielt ihre mit Brillanten besäte unschöne Hand über ihr Glas – »auch Ihnen, Frau Herzog – und zwar bis an den Rand.«

»Sie lenken ab,« sagte Nelly, die vor Erregung leichenblaß war und ihre Neugier nicht meistern konnte.

»O nein!« erwiderte Frau Ina. »Ich beuge vor. – Also,« fuhr sie fort und überzeugte sich, daß alle Gläser gefüllt waren, »der einzige Ort, an dem wir das nackte Leben, das heißt, die Menschen so, wie sie sind, kennen lernen können, ist« – sie sah alle der Reihe nach an – ›das Bordell!

»Ina!« rief die Baronin entsetzt und war in diesem Augenblicke seltsamer Weise die Einzige, die sich verstellte.

»Nein!« schluchzte Nelly laut und griff wie zum Schutze nach der Hand ihrer Mutter.

»Sie scherzen natürlich,« sagte lächelnd v. Erdt, worauf hin Inas Mann, wie immer, wenn jemand einen Witz erzählte, auch wenn er ihn nicht verstand oder längst kannte, laut anfing, zu lachen.

Nelly sah sich furchtsam nach ihm um, Frau Ina fuhr ihn grob an und sagte:

»Laß das!«

Mathilde Brückner machte ein nachdenkliches Gesicht, kniff die Lippen zusammen, nickte mit dem Kopf und sagte, ohne daß sie jemanden ansah:

»Gewiß! – ich begreife. – Man muß die Menschen aufsuchen, wo sie sich gehen lassen und unbeherrscht sind – und ich kann mir denken, daß sie sich da ihrem Naturzustande am weitesten nähern. – Denn schließlich ist Moral, der zu Liebe sich der Mensch seit Jahrtausenden verstellt und der wir unsere sogenannte Kultur verdanken, ja letzten Endes nichts anderes als eine Vergewaltigung unserer Leidenschaften und somit ein menschlicher Eingriff in die Natur.« – Sie nickte wieder mit dem Kopf und wandte sich dann an Frau Ina. »Ich glaube, Sie haben recht – da ließe sich vieles herausholen – meinst du nicht auch, Wolfgang, daß es sich lohnte, da einmal Studien zu machen.«

Nelly fuhr auf.

»Papa braucht das nicht!« rief sie gekränkt. »Papa schafft von Innen.«

Wolfgang v. Erdt zog die Stirn in Falten und meinte:

»Darum kann man sich doch befruchten lassen.«

»Aber,« wandte der Professor ein, »ist die Art der Betätigung in derartigen . . . Instituten nicht ziemlich ungeistig und gleichartig?«

»O nein!« widersprach Frau Mira, die mit leuchtenden Augen dasaß und aufmerksam jedem Worte folgte: »Haben Sie denn nie etwas von dem Marquis de Sade und Retif de la Brétonne gehört?«

Der Professor lächelte und sagte:

»Gewiß! Aber wenn ich recht verstanden habe, so handelt es sich hier doch um seelische Konflikte und nicht um gymnastische Möglichkeiten.«

»Gerade die seelischen Konflikte,« erwiderte Mathilde Brückner, in der Frau Ina ganz unerwartet einen leidenschaftlichen Helfer fand, »wird man nirgends besser als gerade dort studieren.«

»Doch aber nur die weiblichen,« wandte der Professor ein.

»O nein!« widersprach Mathilde. »Wenn man die Psyche des Mannes nur einigermaßen versteht – nirgends wird er sich ungezwungener geben als hier. Und gerade weil er an solchem Ort am wenigsten Verständnis erwartet, wird er, in seiner Überraschung, es zu finden, wie ein Kind sein.«

Der Professor nickte und sagte:

»Das leuchtet mir ein. Aber was ich noch nicht verstehe: als was dachten die Damen denn in dem . . . Institut zu fungieren?«

»Das ist doch klar!« platzte Frau Mira heraus.

Eine peinliche Pause entstand. Nach einer Weile sagte Frau Ina:

»Ihre Frage ist durchaus berechtigt, Herr Professor. Denn, geben wir wahrheitsgemäß Studium als Grund an, so laufen wir in dieser heuchlerischen Welt Gefahr, falsch verstanden und kritisiert zu werden.«

»Die Befürchtung habe auch ich,« sagte Frau Olga. »Wie wäre es, wenn man ganz zeitgemäß mit diesem Studium eine soziale Absicht verbände?«

»Selbstredend!« fing Frau Ina den Gedanken auf und tat, als wenn sie ihn von Anfang an gehabt hätte. – »Wir wollen, was wir sehen und erfahren, praktisch verwerten. Dadurch, daß man von Zeit zu Zeit einen Händler oder Verführer zur Strecke bringt, kommt man dem Übel nicht bei. Man muß sich selbst überwinden und sich den Gefallenen persönlich zuwenden; man muß ihr Vertrauen gewinnen und aus ihrer Seelenverfassung und aus ihrer Lebensgeschichte das lernen, was man wissen muß, um die Bedrängten und Gefährdeten draußen vor dem gleichen Schicksal zu bewahren.«

»Ich glaube,« stimmte Frau Olga bei, »daß dies ein sehr ersprießlicher Zweck wäre, der uns auch vor übler Nachrede schützt.«

»Und wer weiß,« meinte Mathilde Brückner, »ob es uns auf die Weise nicht auch gelingt, die Eine oder die Andre wieder dem Leben zuzuführen.«

»Das Programm ließe sich dahin erweitern,« sagte der Professor, »daß man auch auf die männlichen Besucher einzuwirken sucht. Wenn man es geschickt anstellt, läßt sich auf die Art mancher Ehebruch verhindern.«

»Entsetzlich!« rief Frau Mira. »Ich hoffte, man bekäme mal etwas freiere Luft zu atmen. Aber unter Ihren Händen wird selbst das Bordell zu einer moralischen Anstalt.«

»Ausgezeichnet!« sagte Frau Ina. »Sie haben das befreiende Wort gesprochen: Das Bordell als moralische Anstalt. Halten wir an dieser Bezeichnung fest! Der Gedanke, den wir Frau Herzog verdanken, ist so kostbar, daß ich die Gründung auf der Stelle vornehmen möchte.«

»Unter welcher Rubrik?« fragte der Professor, und Frau Ina erwiderte:

»Natürlich unter der Rubrik: Wohlfahrtsverein.«

»Und wir,« sagte Wolfgang v. Erdt, »bilden den Ehrenausschuß.«

Das entsprach ganz den Intentionen Frau Inas.

»Fehlt nur noch die Anstalt selbst,« sagte Frau Olga.

»Natürlich dürfen wir keine neue gründen, sondern müssen eine bestehende übernehmen,« meinte Frau Ina, »da wir uns sonst mit unseren eigenen Waffen schlagen.«

»Aber das ist doch klar,« stimmte Mathilde Brückner zu.

»Ich glaube, einen solchen Ehrenausschuß wird sich gern jedes Institut dieser Art gefallen lassen,« sagte Wolfgang v. Erdt. »Es ist entschieden etwas Neues.«

»Und wird,« erwiderte die Baronin, »Sie werden sehen, sehr bald Nachahmung finden. Die Wohltätigkeit sucht längst ein neues Feld der Betätigung. Säuglings-, Armen-, Alters- und Genesungsheime haben abgewirtschaftet und ziehen nicht mehr. Die Leute, die ihr Geld für solche Dinge hinauswerfen, wollen auch einmal Abwechslung haben.«

»Wirken wir außerdem also bahnbrechend,« sagte Frau Olga, die sich aus Gründen, die selbst Frau Ina nicht verriet, immer mehr für das Projekt erwärmte.

»Und die Auswahl,« versicherte Frau Ina, »können wir getrost meinem Manne überlassen.«

»Mir?« fragte der und sah ganz entgeistert seine Frau an.

»Ja, dir!« wiederholte die nur um so bestimmter.

»Ich bin, so lange ich lebe, nicht ein einziges Mal . . .«

»Laß nur!« fiel sie ihm ins Wort und wandte sich wieder an die Anderen. »Wir können uns auf ihn verlassen. Und ich hoffe, Ihnen sehr bald mitteilen zu können, daß die Voraussetzungen erfüllt sind.

Ihr Mann, der völlig ahnungslos war, wagte nicht mehr, zu widersprechen. Alle sahen ihn an und dachten: das hätten wir ihm garnicht zugetraut. Aber der Blick der Baronin, an die sie sich fragend wandten, sagte: ach! wenn Sie wüßten! er ist noch viel schlimmer.

Jetzt nahm die Baronin wahr, daß Nellys Augen voller Tränen standen.

»Oh!« sagte sie teilnahmsvoll. »Haben unsere Reden Sie gekränkt? – Nun ja, mein Kind, Sie sind noch zu jung, um den Kern der Sache, der durchaus moralisch ist, zu erfassen. Sie stößt das Äußere ab. Verschönen sie es, in dem Sie es auf ein höheres Niveau heben. Tragen Sie die Kunst hinein, die alles veredelt. Sorgen Sie dafür, daß diese moralische Anstalt zugleich ein Muster des guten Geschmacks wird. Betätigen Sie sich auf diese Weise. Sie werden der Sache damit einen großen Dienst erweisen. Erlaubt ist, was gefällt. Beweisen Sie, daß der Aufenthalt in einem Bordell unter Umständen stärkere ästhetische Wirkung ausübt als der Aufenthalt in einer Kirche mit schlechtem Meßgerät.«

Nelly biß die Lippen aufeinander und erwiderte kein Wort. Frau Olga war aufgestanden und legte den Arm um sie:

»Sie sind vom Leben noch unberührt.«

Das wäre verständlich gewesen, wenn sie statt: vom Leben: gesagt hätte: vom Manne: Denn das meinte sie.

Auch die Anderen erhoben sich. Frau Olga rief dem Papagei, der in tiefen Gedanken auf einer Truhe saß, einen inartikulierten Laut zu, auf den hin er sich auf den von Max Herzog bereit gehaltenen silbernen Stab setzte und schrill rief:

»Schlagt den Juden tot!«

Wolfgang v. Erdt hatte, was nur Nelly sah, tiefe Falten in der Stirn und steckte sich, ehe er ging, noch eine Zigarre an. Mathilde Brückner seufzte, als sie der Baronin die Hand reichte und sagte:

»Die Ärmsten! selbst wenn wir ihnen helfen können, was besagt es schon. Es wird im besten Falle doch nur ein Tropfen auf einen hohlen Stein sein.«

»Jeder muß tun, was in seiner Macht steht,« erwiderte die Baronin, und Frau Ina setzte eine feierliche Miene auf und sagte:

»Vor allem sollen wir Gutes tun um des Guten willen. Dann trägt es auch Früchte.«

»Wie gut Sie sind!« sagte Mathilde gerührt und drückte ihr innig die Hand. –

Der Rittmeister begleitete die Gäste hinaus.

Als sie draußen waren, sahen die Baronin und Frau Ina sich an und lachten.

»Hätte ich, um mich zu halten, ein stubenreines Pensionat für alte Jungfern oder junge Mädchen errichtet,« sagte Frau Ina, »so wäre ich deklassiert und gesellschaftlich erledigt; nun, wo ich ein Bordell eröffne, wird man mich bewundern und sich um mich reißen.«

»Wenn es allen so eingeht, wie ihnen,« erwiderte die Baronin und wies auf den Flur, in dem noch immer die Gäste standen und sich unterhielten.

»Das laß meine Sorge sein. Worauf es jetzt ankommt, ist, daß es mir gelingt, diesem Katz das Geschäft zu entreißen.

Die Baronin erschrak.

»Du willst doch nicht etwa . . .?«

»Doch, Mama! – Dieser Katz kompromittiert das ganze Unternehmen. – Und dann: was hat es für einen Sinn, zu teilen, nun, wo wir nichts mehr zu verbergen haben.«

Der Rittmeister kam in den Salon zurück. Er schien erregt, wenigstens, soweit er dazu imstande war.

»Willst du mir nun erklären, Ina, was alles das bedeutet?« fragte er weniger zaghaft als sonst.

Frau Ina schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! – Wozu? Du würdest es doch nicht verstehen.«

»Aber du sagtest doch, daß ich die Auswahl treffen soll.«

»Das fehlte noch!« mischte sich die Baronin in das Gespräch.

Frau Ina gab ihm einen Klaps auf die Backe und sagte: »Nein! du wirst an die Kette gelegt; verstehst du? als Wachhund. Und dann auch aus Vorsicht – damit du nicht etwa auf dumme Gedanken kommst.

Das heißt: einmal, da mache ich dich vielleicht los und gebe dir freie Fahrt. Aber sei vorsichtig, mein Junge! daß ich dich nicht ertappe. Auf Ehebruch steht Scheidung.«

Strahlend sah der Rittmeister zu ihr auf:

»Ich schwöre . .« begann er und erhob die Hand.

»Ich weiß! ich weiß!« wehrte sie ab. »Und vorläufig kann auch noch keine Rede davon sein.«

Er griff nach ihrer Hand; sie zog sie zurück.

»Darf ich heute zu dir kommen?« fragte er zaghaft.

»Wie abgeschmackt,« sagte die Baronin, die am Fenster stand und den Gästen nachsah. »In meiner Gegenwart!«

»Ich bin leider nie allein mit Ina,« gab er zur Antwort.

»Soll das ein Vorwurf sein?« fragte die Baronin, und Ina schalt ihn:

»Du beleidigst Mama!«

Er trat auf die Baronin zu, küßte ihr die Hand und bat um Entschuldigung. Dann sagte er gute Nacht. An der Tür blieb er stehen.

»Worauf wartest du?« fragte Frau Ina.

»Ina!« bettelte er.

»Quäl' mich nicht!« gab sie zur Antwort.

»Gestern waren es drei ein halb Jahre, daß wir zum letzten Male . . .«

Ina trampfte mit dem Fuß auf.

»Schweig!« befahl sie ihm.

»Tyrann!« schalt die Baronin.

Er wandte den Kopf, sagte:

»Verzeih!« und ging.


* * *


Am Gartentor der Villa trennten sich die Gäste.

Frau Mathilde Brückner hing am Arm ihres Mannes.

»Diese Frau Ina hat Gemüt und Geist,« sagte sie. »Das findet man selten bei einander.«

»Schweig' Mama!« forderte Nelly mit Tränen in der Stimme. »Es ist Nordwind.« – Und sie klappte den Kragen ihrer Mutter hoch.

»Gutes Kind!« dachte Mathilde, aber Nelly's Gedanken waren bei Wolfgang v. Erdt. Wie sollte der in Ruhe und ohne Rücksicht auf äußeren Erfolg schaffen, wenn die Stimme der Mutter Schaden nahm.

Wolfgang v. Erdt fand Nellys Tränen, so lange man bei Mertens war, angesichts der zum mindesten nicht alltäglichen Unterhaltung klug, angebracht und schicklich. Aber weshalb sie auch jetzt noch schluchzte, wo sie unter sich waren, begriff er nicht. Ihm brauchte sie doch nichts vorzumachen. Und daß sie sich für die Mutter bemühte, war höchst unwahrscheinlich.

»Was hast du denn?« fuhr er sie an, da sie sich gar nicht beruhigte.

»Furcht, daß du dich verplemperst!« stieß sie wie befreit hervor.

»Laß nur!« beruhigte er sie und legte den freien Arm um ihre Taille. »Ich weiß schon, was ich tu.«

»Was denn?« fragte sie zaghaft.

»Ich mache uns unabhängig.«

»Wen?« fragte sie und sah zu ihm auf.

Er gab keine Antwort, drückte sie an sich; sie verstand ihn.

»Liebster!« las er von ihren Lippen.

»Bemüh dich nicht, Wolf«, wollte Mathilde sagen. »Für uns sorge ich.«

Aber des Nordwinds wegen schwieg sie.


* * *


»Halt die Stange gerade!« befahl Frau Olga ihrem Manne nicht eben freundlich, als sie die Allee, die der Mertens'schen Villa gegenüberlag, entlang gingen. Und der Papagei kreischte wie immer, wenn Olga ihren Mann schalt:

»Schlagt den Juden tot!«

Max Herzog führte den Befehl aus.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, aber in Beiden lebte noch die Erregung über die Vorgänge in der Mertens'schen Villa. Nach einer Weile sagte Frau Olga:

»Ich hatte schon lange das Gefühl: bei den Leuten stimmt was nicht. Wenn sie mit dem Grafen durchgegangen oder sonst auf rätselhafte Weise verschwunden wäre – nichts hätte mich überrascht. Aber diese Bordellgeschichte geht mir nicht ein.«

»Glaubst du wirklich,« fragte Max Herzog, »daß dieser Mertens Verbindungen zu anrüchigen Häusern hat?«

»Esel!« schalt ihn Frau Olga, und der Papagei kreischte in den Park hinein:

»Schlagt den Juden tot!«

»Ich habe geglaubt, er ist seiner Frau treu?«

»Ist er auch!« bestätigte Frau Olga. »Du kannst dich darauf verlassen, daß er so wenig Ahnung von einem Bordell hat wie du.«

»Ja, wenn er doch aber eins ausfindig machen soll.«

Nur mit Rücksicht auf den Papagei, der mit schiefem Kopf dem Gespräch folgte, unterdrückte Frau Olga diesmal das Wort »Esel«, das ihr auf den Lippen lag. Statt dessen hängte sie sich in den Arm ihres Mannes und sagte:

»Schäfchen,« was für den Papagei keinen Anlaß gab, sich zu echauffieren. »Das Bordell, das sie uns aufgeredet hat, ist längst da. Niemand braucht es zu suchen.«

»Ja, was will sie damit?«

»Das wüßte ich auch gern.«

»Und du hast allen Ernstes die Absicht, da mitzutun?«

»Stört es dich?« fragte sie gereizt.

»Du wirst schon wissen, was du tust.«

»Verlaß dich drauf, das weiß ich. Und wenn es keinen anderen Zweck hat, als deine Brüder zu kompromittieren, dann hat es sich auch gelohnt. Jeder, der unseren Namen hört, fragt: Sind Sie verwandt mit dem Bankhaus Herzog? – Was meinst du, wenn das Bordell Herzog internationale Berühmtheit erlangt und man denkt beim Nennen unseres Namens nicht mehr an das Bankhaus, sondern an das Bordell Herzog, wie das mit einem Schlage das gesellschaftliche Niveau deiner Brüder drückt.«

»Sie werden es leugnen.«

»Aber wir werden für Verbreitung sorgen.«

»Sie werden uns die Rente entziehen.«

»Wir werden uns das Zehnfache damit verdienen. Und wenn ich es geschickt anstelle, dann werde ich mir mit Hilfe dieses Bordells meine gesellschaftliche Position zurückerobern.«

»Aber ein Bordell ist doch etwas Anrüchiges.«

Auf eine Bewegung Frau Olgas hin kreischte der Papagei:

»Quatsch nicht.«

»Das Tier ist klüger als du,« sagte sie und hing, während er nur daran dachte, daß er den Stab gerade hielt, ihren Gedanken nach.


* * *


»Nett benommen hast du dich wieder,« sagte Doktor Rießer auf dem Heimwege zu seiner Frau.

»Deine Schuld,« erwiderte die.

»Die Geilheit sprang dir nur so aus den Augen.«

»Deine Schuld.«

»Glaubst du, die Frauen haben es nicht bemerkt?«

Mir höchst gleichgültig.«

»Was hälst du von dem Gedanken?«

»Welchem?«

»Na, der heute Nachmittag so ausgiebig ventiliert wurde – verrückt was?«

»Was ist nicht verrückt?«

»Da hast du recht.«

»Glaubst du, daß daraus etwas wird?«

»Ich hoffe es.«

»Warum?«

»Aus dem gleichen Grunde wie du.«

»Du meinst . . .?«

»Natürlich!«

»Das wäre ja unter Umständen dann eine Lösung.«

»Erlösung!« verbesserte Mira.

»Wir würden dann gewiß besser miteinander leben.«

»Wenn du dort findest, was du brauchst.«

»Dafür könnte man sorgen.«

»Das nehme ich an.«

»Und du?«

»Ich ebenfalls.«

»Ohne dich und mich zu kompromittieren.«

»Ich hoffe.«

»Wir würden dann endlich einmal zur Ruhe kommen.«

»Zeit ist es.«

»Daß wir nie von selbst auf den Gedanken kamen.«

»Sonderbar!«

»Heute zum Beispiel – an einem Abend wie diesem. . .« Er faßte sie unter den Arm. »Wo wir uns in allem Anderen doch so gut verstehen; und du eine so kluge Frau bist.«

»Wenn wir erst älter sind, fällt alles das ja von selbst fort.«

»Dann wird nichts Trennendes mehr zwischen uns stehn.«

»Ich freu' mich drauf.«

»Komm', trinken wir eine Flasche Pommery!«

Sie gingen in das nächste Restaurant, tranken erst eine, dann eine zweite Flasche; und als er ihr zwei Stunden später in den Mantel half, sagte sie:

»Einen so netten Abend haben wir schon lange nicht mehr miteinander verlebt.«

»Das wird nun bald immer so sein,« erwiderte er.


* * *


Der Professor stülpte sich den Hut schief auf den Kopf, schob den Stock mit der Elfenbeinkrücke unter den Arm und ging in vergnügtester Stimmung auf einem Umweg seinem Hause zu.

Er liebte diese Art von Besuchen, nach denen er seine Freiheit um so wohltuender empfand. Und vor sich hin summte er:


Seu maestus omni tempore vixeris
Seu te in remoto gramine per dies
Festos reclinatum bearis
Interiore nota Falerni.



Zweites Kapitel.
Die Neuf d'or.

Schon am nächsten Morgen rief Katz bei Frau Ina an und fragte, wann er mit dem Verkäufer, »um den Kaufvertrag zu fertigen«, mit herankommen könne.

»Ja, was glauben Sie?« erwiderte Frau Ina, »ich werde doch nicht die Katze im Sack kaufen.«

»Sie wollten . . .?« fragte der verblüfft.

»Mir das Institut vorher ansehen.«

»Ja, Sie scheinen nicht zu wissen . . .«

»Ich weiß genau.«

»Wenn sich das herumspricht.«

»Um so besser.«

»Aber Ihr Renommee.«

Ina lachte laut in den Apparat.

»Hören Sie auf«, rief sie. »Sie als Hüter meines Renommés! Das wirkt auf mich geradezu komisch.«

»Ich habe mir stets Mühe gegeben . . .«

»Ich weiß! ich weiß!« fiel sie ihm ins Wort. »Sie haben sich stets bemüht, taktvoll zu sein. Aber Sie haben dies selbstverständliche Bemühen, das für Sie etwas Ungewöhnliches war, stets so laut betont, daß das allein schon taktlos wirkte. – Wann also kann ich die Besichtigung vornehmen?«

Katz brabbelte irgend etwas Unverständliches und sagte:

»Wann es Ihnen paßt; das heißt, natürlich nicht zur Besuchszeit. Am besten so um Mittag herum, falls Sie, was ich gar nicht begreife, wirklich die Absicht haben.«

»Und wo ist das?«

Katz nannte Straße und Hausnummer und fragte: »Ja, ist das denn Ihr Ernst?«

Statt einer Antwort erwiderte Ina:

»Sagen Sie dann den Leuten, daß ich um zwei Uhr mit meinem Manne und meiner Mutter, der Baronin, sein Institut besichtigen werde.«

Katz prallte von dem Apparat zurück.

»Ja . . . mir . . . scheint . .« sagte er und stieß jedes Wort wie abgehackt hervor, »daß . . . da ein . . . Mißverständnis . . . vorliegt. Ich sprach von dem . . .«

»Bordell!« fiel Ina ihm ins Wort. »Ich weiß! Um zwei Uhr also! Ich bitte Sie, auch dort zu sein.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, hing sie an. –

Eine Stunde später ritt sie mit dem Grafen Scheeler, der auf dem Schimmel ihres Mannes saß, auf dem Hippodrom spazieren.

»Ist das nicht wohltuend, so ein Morgen?« fragte Ina.

»Du hast mich bald so weit, daß ich die Erniedrigung nicht mehr empfinde«, erwiderte er.

»Du verdrehst die Dinge. Du siehst schief. Ich bin die letzte, die wünscht, daß du deinem Stolz etwas vergibst. Schon aus Egoismus. Denn dein Stolz ist das Einzige, woran ich mich aufrichte.«

»Es ist und bleibt eine Erniedrigung.«

»Das ist Wahnsinn. Mein Mann fühlt sich dadurch geehrt. Er hat ausdrücklich befohlen, daß man dir den neuen Sattel auflegt. Er selbst schont ihn.«

»Trottel!« sagte der Graf halblaut vor sich hin. Ina lächelte, gab dem Pferd die Schenkel und rief dem Grafen zu:

»Galopp!«

»Unhaltbar auf die Dauer!« sagte der Graf, ohne sich an Ina zu wenden. Und dann wiederholte er laut: »Trottel!«

»Warum beschimpfst du meinen Mann?« fragte Ina. »Er ist so harmlos – und bequem.«

»Mich beschimpf' ich!« erwiderte der Graf. Und wütend wiederholte er: »Mich! mich! mich!«

»Willst du nicht Rechtsgalopp reiten?« fragte Ina, warf Kopf und Oberkörper zurück, ohne daß ihr Pferd die Gangart änderte, und sagte: »Gott, ist das schön, so ein Morgen!«

»Reize mich nicht!« sagte er zornig und biß die Zähne aufeinander.

»Liebst du mich denn nicht mehr?«

»Wenn du ein junges Mädchen wärst, würde ich dein Benehmen begreifen. Aber so – eine verheiratete Frau in deinen Jahren . . .«

»O, wie unhöflich!«

»Weil ich deine erste Liebe bin, gestaltest du unser Verhältnis zu einer Backfisch- und Gymnasiastenangelegenheit. Das mag für dich seine Reize haben. Und an sich gönn' ich dir diesen Liebesfrühling gewiß, wenn nur ich nicht der Leidtragende wäre. Ich war, selbst als ich noch kurze Hosen trug, in Liebesdingen immer mehr sachlich als lyrisch.«

»Nennst du das lyrisch, wenn man sich an einem solchen Morgen auf einem Spazierritt an der Seite eines Mannes, den man liebt, glücklich fühlt?«

»Verdammt!« brummte der Graf so leise vor sich hin, daß selbst Ina, die ihn scharf beobachtete, es nicht hörte. Und in dem Gefühl, daß sie, in der Dialektik ihm überlegen, ihm wieder entwich, entglitt ihm, der nicht gewöhnt war, sich zu beherrschen, das Wort: »Aalglatt«.

Ina, die sich mehr in der Gewalt hatte, tat, als überhörte sie es. Aber sie empfand, wie schon so häufig, daß es ihm nur darauf ankam, sie zu besitzen.

»Furcht kann es doch nicht sein«, sagte er hart. »Denn wovor solltest du dich fürchten? Ich habe in der Liebe Verständnis für alles; das Wort pervers existiert für mich nicht. Aber auf dich da paßt es; denn eine leidenschaftliche Frau, die sich aus irgend einer Aversion ihrem Manne versagt und einen Kerl liebt wie mich, der in der Liebe kein Egoist, dessen Leidenschaft vielmehr, ich sage es ganz offen, die genießende Frau ist, der außerdem nicht der erste Beste, sondern ein Edelmann ist, in dessen Adern das Blut französischer Könige und eines der ältesten deutschen Fürstengeschlechter fließt, zum Teufel ja!« brauste er auf, »eine Frau mit Gefühl, die von einem solchen Manne geliebt wird und sich ihm nicht geradezu an den Hals schmeißt, die nenne ich, nimm's mir nicht übel, pervers.«

Ina senkte den Kopf; sie quälte sich ein paar Tränen in die Augen, ließ die Zügel locker; ihr Pferd fiel in Trab.

Der Graf, der alles sah, sagte:

»Aber, wie alle Frauen – die Wahrheit verträgst du nicht.«

»Ich will dir mehr geben – als nur mich«, sagte sie schluchzend.

Er tat erstaunt und wiederholte fragend: »Mehr?«

Und sie erwiderte: »Dein standesgemäßes Leben.«

»Einen Thron?« fragte er spöttisch. »Die Konjunktur dafür ist die denkbar schlechteste.«

»Du sollst erst mal deine Freiheit wieder haben. – Niemandem verpflichtet sein. – Standesgemäß leben.«

»Eine Million zweimal hundertfünfundsiebzigtausend Mark«, sagte der Graf monoton wie ein Sprechapparat. Und mit belegter Stimme fuhr er fort: »Du kennst die Summe, denn du zahlst die Zin. . .«

»Laß das !« wehrte sie ab. »Ich will, daß du frei davon wirst.«

»Dazu bedarf es nur eines telephonischen Anrufs.«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Eines telephonischen Anrufs?« fragte sie. Wo sie sich seit Monaten damit quälte und den Kopf zermarterte.

»Nun ja« erwiderte er mit der gleichgültigsten Miene von der Welt. »Ich brauche dieser Person, die mir nachstellt, nur zu telephonieren, daß ich bereit bin, eine der fünf mir offerierten Millionärstöchter zu ehelichen – und ich bin die Last los.«

»Du tauschst sie mit einer anderen, schwereren«, drang Ina lebhaft auf ihn ein. »Du gibst dich auf.«

»Das habe ich längst getan«, erwiderte er. »Was mich noch hält, bist du.«

»Du wirst dich nicht verkaufen!«

»Sondern?« fragte er und sah sie an.

»Ich mach' dich frei.«

»Das kannst du nicht!«

»Ich bin dabei. Ich habe einen Weg gefunden.«

Der Graf lächelte.

»Worüber lachst du?« fragte Ina; und er wiederholte tonlos und mechanisch; es hörte sich an, als spräche ein Apparat:

»Eine Million zweimal hundertfünfundsiebzigtausend Mark.«

»Ich kenn' die Summe.«

»Und die wolltest du . . .« – Verzeih', aber das ist doch wohl nur ein Scherz?«

»Vielleicht in ein paar Wochen schon – bestimmt aber in drei, vier Monaten.«

»Und dein Mann?«

»Mein Mann hat nichts damit zu tun.«

»Du läßt dich scheiden . . .«

»Möglich.«

»Und heiratest einen . . .«

»I Gott bewahre!«

»Du verkaufst deine Sammlung.«

»Die ist keine Fünfmalhunderttausend wert – und außerdem verpfändet!«

»Wa . . .?« – Der Graf war platt. »Ver . . .ver . . . pfändet? – Deine Sammlung? . . . ja . . . wie . . . erklärst . . . du . . . das?«

»Sehr einfach; für deine Zinsen.«

»Das hast du . . . für mich . . .?«

»Was ist dabei? Irgendwie mußten sie doch bezahlt werden.«

»Dann seid ihr also gar nicht . . .?«

»Was?« fragt Ina.

»Ich glaubte, ihr hättet ein großes Vermögen.«

»Wir haben Schulden – genau wie du. Wenn auch nur etwa den zehnten Teil. – Wir müssen herauskommen, genau wie du. Sonst sind wir aufgeschmissen.«

»Ja – wie fängst du das an?«

»Ich eröffne ein Bordell.«

»Wie?« fragte der Graf kurz – sein Pferd stand wie eine Mauer – und das Monokel, mit dem er schlafen und über Hürden ging, fiel ihm aus dem Auge.

»Und zwar noch heute.«

Der Graf glotzte sie an und sagte:

»Bor. . .«

Mehr brachte er nicht heraus.

». . . dell!« vervollständigte Ina. »Du wirst doch wissen, was ein Bordell ist.«

»Gewiß! das weiß ich. – Aber eben darum . . .«

»Du wirst dich auch daran beteiligen«, sagte sie bestimmt.

»Ich . . . mich? – an dem Bordell? – erlaub' mal! – Nee! da heirate ich lieber eine Jüdin!«

»Das tust du nicht!«

»Für 'n Besuch, dazu könnte ich mich, vorausgesetzt, daß ich unter Alkohol stehe, dir zu Liebe mal entschließen, das heißt: passiv; anders nich.«

»Du verstehst nicht, um was es sich handelt.«

»Nee – allerdings – das geb' ich zu.«

Sie griff in die Tasche und reichte ihm einen Bogen; er nahm ihn und las:


Das Bordell
eine moralische Anstalt.
Eingetragener Verein
zur
Bekämpfung der Unsittlichkeit
und des Mädchenhandels.
Ehrenausschuß:


Und nun folgte eine Reihe von Namen, darunter auch der Inas, der Baronin und des Grafen.

Als Graf Scheeler mit einem Gesicht, das nicht gerade schlau war, den Bogen gelesen hatte, fragte Ina:

»Einverstanden?«

Der Graf sah von dem Bogen auf, sie an und fragte:

»Zweck?«

»Gemeinsame Schuldentilgung und Vermögensgründung – auf wohltätiger Grundlage.«

»Du meinst . . .?« – ihm dämmerte etwas ganz fern; aber er erkannte noch nicht einmal die Konturen. Nur dies Selbstbewußte Inas und ihre Sicherheit ließ ihn glauben – ja mehr: überzeugte ihn.

»Das alles könnte ich dir verschweigen und nach Verlauf einiger Wochen oder Monate mit der fertigen Tatsache vor dich hintreten. Das wäre vielleicht wirksamer; und für das, was ich will, jedenfalls praktischer. Aber ich will dich mir nicht zu Dank verpflichten. Durch das Prestige deines Namens hilfst du mit, hebst und sicherst das Ganze, das ja immerhin ein Wagnis bleibt.«

»Zweck?« wiederholte der Graf, in dessen Unterbewußtsein, ohne daß er sich recht klar darüber wurde, langsam eine Ahnung aufstieg. Und ohne Mittlung des Verstandes, rein gefühlsmäßig, stieß er halb unbewußt hervor:

»Was dann?«

Ina stutzte einen Augenblick. Sie, die alles bedachte, hatte die Frage nicht erwartet. Sie konnte ablenken, ausweichen, irgend etwas Gleichgültiges erwidern. Sie überlegte einen Augenblick und tat von alledem nichts.

Sie schob ihr Pferd dicht an das des Grafen heran, beugte sich zu ihm, lehnte sich an seinen Arm, sah ihn zärtlich an und sagte mit vor Erregung zitternder Stimme:

»Dann, Ralf, bin ich dein – für immer.«

Der Graf dachte über die Worte nicht nach. Auf ihn wirkte der Tonfall der Stimme, ihr heißer Atem und der Duft ihres Körpers.

»Ich muß mich beherrschen,« sagte er, »daß ich dich nicht an mich reiße.«

Da sagte es Ina zum ersten Male gerade heraus:

»Erst muß ich deine Frau sein.«

Und er, nur von dem Gefühl beherrscht, diese Frau, die ihn seit Monaten hinhielt und erregte, endlich zu besitzen, erwiderte nur:

»Und dein Mann?«

»Den werde ich los,« erwiderte sie, »dir zuliebe.«

»Bald!« bettelte er.

»Aber ja!« versprach sie mit freudiger Stimme. »Nun, wo ich deine Braut bin.«

Und dem Grafen, der nicht schnell genug gefolgt war, wurde klar, daß er nun verlobt war.


* * *


Für zwei Uhr waren Ina und Katz in dem Institut verabredet.

Der Zufall oder eine Panne oder sonst irgendein Hindernis oder eine Abhaltung wollte es, daß Katz sich verspätete. Zwar hatte er dem alten Löschner telephonisch den Besuch angekündigt, und der wieder hatte für die nötige Bereitschaft des Hauses gesorgt. Seine Frau, Emilie Löschner, hatte sich von einer ihrer Schutzbefohlenen sogar ein paar Stunden früher als sonst frisieren lassen und ihr schwarzseidenes, tief dekolletiertes Abendkleid angezogen, das in der Helle des Junitages ebenso abscheulich wirkte wie die Schminke und der Puder, die sie den ungewohnten Gästen zur Ehre in doppelten Mengen auflegte. Wie denn überhaupt jede Anordnung, die sie in Erwartung Frau Inas traf, eine der Absicht entgegengesetzte Wirkung übte. Das ganze Haus setzte sie unter Moschus, mit dem sie sonst geizte. Vasen mit verstaubten künstlichen Blumen, die kaum des Abends echt wirkten, stellte sie auf Tische und Schränke. Minderwertige Felle undefinierbarer Provenienz, die sie verschlossen hielt und nur bei Besuchen beliebter Gäste hervorholte, breitete sie über Wände, Stühle und Chaiselongues. Kitschigen Nippes stellte sie auf die kleinen Tische und Wandbretter, auf denen sonst Krüge und Gläser standen. Der Gedanke, all diese Dinger abzustauben, kam ihr nicht. Und so entstand jener ekle, atembenehmende Dunst, den die Vereinigung von Staub und Moschus erzeugt. Auch ihre Schutzbefohlenen, die sich in ihren Morgenkleidern zum Teil recht nett ausnahmen, wurden mitten am Tage in dekolletierte, schwere Sammet- und Seidenkleider gesteckt, jene erste Garnituren, die Frau Löschner nur bei ganz besonderen Gelegenheiten herausgab. Dann behängte sie jede Einzelne noch mit Riesenstücken unechten Schmuckes und spritzte sie mit einer Flüssigkeit an, die sie Lodespansch nannte. Und als eine der Schutzbefohlenen sich anschickte, die lange Schleppe ihres völlig verstaubten Sammetkleides abzubürsten, fuhr sie sie an:

»Schwein! schon' den Sammet und ruinier' mir nicht meine Garderobe!«

Die Mädchen fühlten sich in den Kleidern, an die sie nicht gewöhnt waren, sehr unbehaglich. Eine Weißgepuderte, der die Schwindsucht im Gesicht, vor allem in den flimmernden Augen stand, brach fast unter der Last zusammen.

»Die feift ja man so schon auf ›es letzte Loch‹«, meinte eine andere. »Noch vier Wochen in des Tempo und se steht nich mehr auf.«

»So schont sie doch!« forderte eine andere. »Wir können es schon richten, daß sie weniger rankommt.«

»Marianne ist eben begehrt, weil sie nicht so frech und vorlaut ist«, sagte die Alte.

»Für die werden Sie schwer einen Ersatz finden«, meinte eine dritte. Und wieder eine andere sagte:

»Er muß gefunden werden. Ohne sie können wir's nicht machen. Die gegenüber haben denselben Besuch und sind achtzehn; wir nur acht.«

Die Alte fing an, laut zu jammern:

»So ein Pech! Hab ich schon mal ein nettes Mädchen, stirbt's mir an der Schwindsucht. Da bleiben mir dann wieder drei der besten Kunden weg.«

»Vielleicht, daß ich den Winter doch noch überlebe«, tröstete die blasse, schwarze Marianne, die den Körper eines Knaben und den Blick eines Rehes hatte und sich in den Hüften wiegte, wenn sie ging, die Alte.

»Du wirst sehen, du stirbst«, erwiderte die. »Bei meinem Pech!«

Die dunkle, um Jahre ältere Änne, die zuvor für Schonung plaidiert hatte, trat an Marianne heran, legte ihren Arm um sie und flüsterte ihr zu:

»Du wirst nicht sterben, Marianne. Mein Doktor wird für dich sorgen. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er tut's mir zuliebe. – Ich tue ihm leid.«

»Du – tust – ihm – leid?« fragte Marianne und sah erstaunt die ältere Freundin an. »Du hast es doch von uns allen am besten.«

»Ich nähme dir die Krankheit gleich ab, wenn ich wüßte, ich bin morgen tot«, erwiderte Änne.

»Sie ist auch erst siebzehn«, sagte eine Dritte und wies auf Marianne.

Eine schlanke Blondine, die Frau Löschner in hellrote Seide gesteckt und dadurch noch ausdrucksloser gemacht hatte, hielt sich die Ohren zu, trampfte mit den Füßen und rief:

»Hört auf! ich werde verrückt! Wir sind hier im Freuden- und nicht im Leichenhaus. Wir werden ohnedies alle früh genug krepieren.«

»Bei dem Leben!« seufzte eine Rotblonde, und Änne sagte aus tiefer Überzeugung:

»Hoffentlich!«

Die Blonde in dem hellrosa Kleid sprang auf und schrie: »Nein! nein! Ich fürchte mich vor dem Tod! Ich will nicht sterben.«

»Macht mir die Lona nicht verrückt!« befahl die Alte. »Bis der alte Geheimrat auf Reisen geht, muß sie auf dem Posten sein.«

»Nachher kannst du von ihr aus verrecken«, sagte die Rotblonde.

»Vorlautes Frauenzimmer!« schalt die Alte. »Wer sorgt denn für euch? Ich! Ohne mich säßt ihr irgendwo im Dreck. Und wenn ihr draußen verreckt, so kommt ihr in einen Armensarg. Frag' doch die Motte« – und dabei wandte sie sich an ein sehr zierliches, hübsches Persönchen – »wie ich ihre Freundin, die blonde Loni, beerdigt habe. Mit einem Berg von Kränzen und in einem eichenen Sarg.«

»Der mein Geld kostet«, erwiderte Motte.

»Ich hab's verauslagt«, sagte die Alte.

»Und vom Strumpfgeld zahl' ich's Ihnen ab. Seit vier Monaten habe ich nicht einen Pfennig für mich gehabt.«

»Du hast es ja gewollt.«

»Es tut mir auch nicht leid. Aber daß Sie sich aufspielen für meinen Sarg . . »

»Wer spielt sich auf?« schrie die Alte. »Ich vor euch? Das lohnte einen Dreck! Statt euch zu freuen, daß ihr in meinem Hause seid, lehnt ihr euch auf! Bagage! Ihr werdet's bereuen. Ich habe genug, ich zieh' mich zurück. Oder glaubt ihr, ich werde mich noch jahrelang mit euch herumplagen? Aber umsehen werdet ihr euch nach mir. Der neue Herr ist ein Pole, der wird euch mit der Knute traktieren, wie ihr's verdient!«

Die Mädel rückten zusammen und wagten nichts zu erwidern. Sie wußten: lehnten sie sich gegen die Behandlung auf, so wurde der Fraß noch schlechter und sie schikanierte sie nur noch mehr.

Aber die Alte schimpfte um so toller:

»Feiges Gesindel! Wenn ihr wüßtet, was ihr wert seid. Jahrelang mästet man euch und schafft für euch an. Alles wird teurer. Aber ihr steigt nicht im Wert. Was ihr leistet, leistet heut draußen jede anständige Frau. Die Männer brauchen sich heute nicht mehr zu uns zu bemühen. Das Handwerk übt heute jede aus. Aus Passion, und verdirbt uns die Preise. Wenn ich jung wär' wie ihr, ich erfände Neues, nie Dagewesenes, was es in keinem anderen Hause gibt. Weltberühmt machte ich die »Neuf d'or«. Aber euch anzustrengen, fällt euch nicht ein. Wozu auch besser sein als die andern? Statt Ehrgeiz zu haben und für das Renommé eures Hauses zu sorgen. Das Doppelte hätte ich verlangen können. Dazu plagt man sich siebzehn Jahre, um mit einem Dreck von Gewinn irgendwo anders neu zu beginnen. Keine von euch nehme ich mit,« kreischte sie, »nicht eine! Aber der Pole wird euch zeigen, wie man ein Bordell konkurrenzlos macht, darauf verlaßt euch.«

Unten fuhr ein Auto vor. Frau Löschner stürzte ans Fenster.

»Am Nachmittag am offenen Fenster,« sagte die rotblonde Lona, »das gibt wieder ein Strafmandat und wir haben's auszubaden.«

»Hier! hier!« schrie die Alte in großer Erregung auf die Straße.

»Auch das noch!« dachten die Mädchen und glaubten, die Alte habe den Verstand verloren.

Die beugte sich jetzt mit dem ganzen Oberkörper aus dem Fenster und kreischte hinaus: »

»Herrschaften! »Neuf d'or«! Nummer neun! Wo das goldene Schild ist!«

Das erregte die Mädchen derart, daß sie alle Vorsicht und jede Vorschrift außer acht ließen und auch an die Fenster stürzten. Alle, vornehmlich Marianne, die Ähnliches nie gesehen hatte, rissen vor Staunen die Augen auf. Eine elegante Dame mit weißem Haar, eine große, junge, schlanke Frau im Reitkostüm, die Gerte in der Hand, und ein Offizier in Uniform – ja, war das möglich? und noch dazu am hellichten Tage! – stiegen auf dem Bürgersteig gegenüber aus dem Auto und gingen auf ihr Haus, die »Neuf d'or«, zu.

Die große schlanke Dame winkte mit der Reitgerte energisch ab, die an Gehorchen gewöhnten Mädchen traten vom Fenster zurück, nur die Alte blieb stehen, fuchtelte mit den Armen und schrie noch immer:

»Hier! hier! »Neuf d'or«! Nummer neun! Das goldene Schild.«

»Weg vom Fenster!« flitzte schrill die Stimme Frau Inas durch die Luft und fegte die Alte, die erschrocken zusammenfuhr, vom Fenster fort.

»Schert euch in eure Stuben!« rief sie erregt und außer Atem den Mädchen zu. »Und wartet, bis ich euch rufe!« Dann stürzte sie auf den Flur, die Treppe hinunter und brüllte: »Emil! Mann! Sie kommen! Schick' zur Tür. – In den Salon natürlich!« –

Frau Ina hatte, um nicht aufzufallen, absichtlich ein paar Häuser früher und auf der anderen Seite halten lassen. Die Tölpelhaftigkeit Frau Löschners vereitelte die Absicht und kehrte den Zweck ins Gegenteil. So hielten Mertens und die Baronin bei dichtbesetzten Fenstern der anliegenden Häuser ihren Einzug in die »Neuf d'or«.

»Allmächtiger!« sagte die Baronin, bereits als der Hausdiener Anton die Tür des Hauses öffnete; und sie hatte, als ihr der Moschusdunst ins Gesicht schlug, das Gefühl, als müsse sie, ehe sie das Haus betrat, erst draußen einen Vorrat frischer Luft ansammeln. Sie trat auf den Bürgersteig zurück und schöpfte tief Atem. Die alte Löschner hingegen, die durch eine Türspalte des Salons den Vorgang verfolgte, kränkte es, daß die Haustür so lange offen stand. »Die ganzen Wohlgerüche ziehen aus«, dachte sie. Und was sie am schmerzlichsten empfand, war der Gedanke, daß die Konkurrenzunternehmen, die nebenan lagen, davon profitieren könnten.

»So geh doch hinein und bleib nicht auf der Straße stehen«, trieb Ina ihre Mutter an. Da die aber umständlich erst aus ihrer goldenen Tasche ihr Spitzentuch hervorzog, so ging Ina voraus und gab auch ihrem Manne ein Zeichen, ihr zu folgen. Die Baronin folgte als Letzte.

»Frage nach den Besitzern«, befahl Ina ihrem Manne. Der tat es. Und Anton, mit pomadisiertem Kaiser-Wilhelmsbart, hell karriertem Anzug und knallroter Krawatte, verbeugte sich und sagte:

»Die Herrschaften sind gemeldet.«

Noch im Flur steckte Frau Ina sich eine Zigarette an und befahl ihrem Manne:

»Rauche!«

Die Baronin nahm für einen Augenblick das Spitzentuch vom Gesicht und steckte sich einen D'Orateur in den Mund. Dann betraten sie, von Anton geleitet, die sogenannten Empfangsräume.

Frau Löschner grüßte erst durch Bewegen des Kopfes, dann, als sie die starren Gesichter und den eleganten Aufzug ihrer Gäste sah, war sie verblüfft und machte eine Art Hofknix.

Frau Ina war sofort Herrin der Situation.

»Sie sind?« fragte sie mit dem Ton des Vorgesetzten.

»Frau Löscher, wenn Sie gestatten«, erwiderte die devot.

»Vermutlich die Besitzerin?«

»Ich bin so frei.« Und schüchtern trat sie auf Frau Ina zu und zaghaft reichte sie ihr die Hand.

Frau Ina übersah es und gab durch einen Blick, auf den hin Frau Löschner ein paar Schritte zurücktrat, zu verstehen, daß es mit Absicht geschah. Den Rittmeister berührte das peinlich.

»Sie haben sich sehr dumm benommen vorhin«, fuhr sie die Alte an. »Es fehlte nur noch, daß Sie unsern Namen auf die Gasse schrien.«

»Verzeihung«, flötete Frau Löschner, und ihr Mann, der eben mit einer Verbeugung ins Zimmer trat, machte gar nicht erst den Versuch, den Rücken wieder aufzurichten.

»Ich dachte,« fuhr Frau Ina fort, »daß Diskretion und Takt gerade in Ihrem Gewerbe notwendige Eigenschaften sind.«

»Sie können sich darauf verlassen – es war nur in der Erregung . . .«, stammelte die Alte.

»Was hast du angestellt?« fragte Löschner und sah nicht eben freundlich seine Frau an.

»Spiel' dich nicht auf«, fuhr die ihn an.

Der Rittmeister sah den Alten teilnahmsvoll an und dachte: wie bei uns.

»Bitte, in unserer Gegenwart keine Familienszenen«, forderte Frau Ina. »Das können Sie nachher abmachen. Wo ist Katz?«

Das Ehepaar Löschner sah sich verdutzt an. So sprach die von dem Manne, der auf sie einen so gewaltigen Eindruck machte, der mit Hunderttausenden herumwarf und nach überall hin die besten Beziehungen unterhielt. Nicht einmal »Herr« sagte sie, wenn sie von ihm sprach.

»Herr Katz wollte . . .« sagte Frau Löschner.

»Um zwei hier sein«, fiel sie ihr ins Wort. »Er hatte von mir eine Vollmacht zum Ankauf dieses Unternehmens.«

»Ich weiß«, sagten beide und verbeugten sich.

»Sind Sie die rechtmäßigen Besitzer?«

Sie bejahten.

»Ist der Kaufakt aufgesetzt?«

Der Alte ging zu einem Tisch, schloß einen Schub auf und entnahm ihm ein Kuvert.

»Es ist alles vorbereitet.«

»Setz dich, Mama«, sagte Frau Ina zu der Baronin. Der Rittmeister schob ein paar Sessel heran. Dann ließ sich Ina das Kuvert geben und las den Vertrag. Sie tat, als wüßte sie längst, was darin stand.

»So war es mit diesem Katz besprochen«, sagte sie. »Das Haus gehört dem Unternehmer Schulz und ich trete in Ihren Vertrag, der noch fünf Jahre reicht, ein. Als Abstand zahle ich Ihnen zweimalhunderttausend Mark. – Was Katz da weiter mit Ihnen vereinbart hat hinsichtlich der Einrichtung, des Fundus und der Toiletten, die Sie mir leihweise überlassen wollten, paßt mir nicht.« – Sie sah sich im Zimmer um. »Dies minderwertige Zeug – und ich nehme an, daß die übrigen Räume und die Toiletten Ihrer Damen ebenso kitschig sind – muß heute noch aus dem Hause, Sie können damit ja irgendwo eine neue Giftbude errichten.«

»Ja, aber . . . es war doch . . . vereinbart«, sagte Löschner ganz entsetzt.

»Vereinbart war nichts, sondern nur besprochen.«

»Erlauben Sie!« widersprach die Alte, die, wenn sie auch noch nicht wieder sie selbst war, so doch begann, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

»Nein!« schnitt ihr Frau Ina das Wort ab. »Von diesem Leihvertrag kann gar keine Rede sein.«

»Unter diesen Umständen müßten wir uns doch noch mal überlegen . . .«

»Halt!« rief Frau Ina »Sie fordern als Leihgebühr jährlich zehntausend Mark. Sie sollen die Hälfte haben. Aber Bedingung ist, daß der Kram bis sechs Uhr nachmittags aus dem Hause ist.«

»Sie wollen bezahlen, ohne es zu benutzen?« fragte die Alte und glaubte, falsch verstanden zu haben.

»Es nicht benutzen zu müssen ist das Dreifache wert«, erwiderte die Baronin und lachte.

»Sie haben die Möglichkeit, Ihre Sachen unterzubringen?« fragte Frau Ina.

»Aber gewiß! Wir haben ja ein neues Haus.«

»Gut! – das geht mich nichts an. – Haben Sie Telephon?« »Selbstredend! Wir haben ja so viel Bestellungen. Das Geschäft geht . . .«

»Interessiert mich nicht. – Wieviel Räume haben Sie hier?«

»Vierundzwanzig«, erwiderte die Alte. »Wenn ich sie Ihnen zeigen darf.«

»Danke! – Vielleicht haben Sie einen Plan.«

Der Alte holte aus der Kommode den Plan und breitete ihn vor Frau Ina aus.

»Erläutern Sie!« befahl sie und zündete sich eine neue Zigarette an. Der alte Löschner, unterstützt von seiner Frau, beschrieb:

»Dies ist der Flur, dies der Vorraum, mit Kasse, in dem meine Frau empfängt; diese drei die Gesellschaftsräume, hier ein Salon für Privatgesellschaften, die kleine Kammer mit zwei Ruhebetten gehört dazu; auch der Raum hier.«

»Vermutlich ein Bad.«

»Nein. Wir haben ihn in kleine Kojen geteilt. Mit Öffnungen in der Wand. Viele Herren, besonders ältere, lieben es . . .«

»Ich weiß!« schnitt sie ihm die Rede ab und wies auf den Plan: »Was ist das?«

»Unsere Wohnräume und die Wirtschaftsräume. Hier in der ersten Etage wohnen die Mädchen.«

»Wieviel Zimmer liegen hier?«

»Sechzehn.«

»Bäder?«

»Zwei.«

»Sehr minderwertig.«

»Unsere Mädchen baden täglich.«

»Interessiert mich nicht. – Deine Füllfeder!« wandte sie sich an ihren Mann, schob den Plan beiseite und änderte den Vertrag. »Ich zahle morgen fünfzigtausend Mark an, das Übrige in monatlichen Raten von zwanzigtausend Mark. Einverstanden?«

Löschners stimmten zu.

Ina unterschrieb, schob ihnen das Papier hin und sagte:

»Unterschreiben Sie!«

Die Alte stieß ihren Mann an; der setzte seinen Namen unter den Vertrag.

»Sie auch«, wandte sich Ina an Frau Löschner.

Die zögerte und sagte:

»Mir fällt das Schreiben schwer.«

Ina stand auf, nahm das Papier und sagte:

»Also zerreißen wir den Vertrag.«

Beide stürmten auf sie ein:

»Nein! nein! ich unterschreibe!«

Ina hielt ihr den Bogen hin, wies mit der Hand auf die Stelle, an die die Unterschrift gehörte, und sagte:

»Und recht deutlich, nicht wahr?« Frau Löschner schrieb ihren Namen. – »Sehen Sie nur, was für eine schöne Handschrift Sie haben!«

Anton mit dem Kaiser-Wilhelmsbart trat ins Zimmer und meldete Herrn Katz.

»Ah!« sagten Löschners und wandten sich zur Tür.

»Sehr spät, Herr Katz,«' sagte Frau Ina, »und wenig höflich, wenn man mit Damen verabredet ist.«

»Ich hatte eine dringende Abhaltung.«

»Darf man wissen?«

»Ein Mißverständnis. Ein Telephongespräch, auf das hin ich dringend zu einem Agenten nach Westend fuhr. Draußen stellte sich heraus, daß es ein Irrtum war. Es war wohl eine falsche Verbindung; außerdem muß ich den Namen falsch verstanden haben.«

»Pech!« sagte Frau Ina, und wer genau hinsah, bemerkte einen spöttischen Zug um ihren Mund, von dem ein Argwöhnischer vielleicht abgelesen hätte, daß zwischen ihr und dem Telephongespräch irgendein Zusammenhang bestand. »Wirklich schade!« sagte sie. »Sie haben hier viel versäumt.«

»Haben Sie etwa . . .?«

»Was meinen Sie?«

»Die Lokalitäten hier einer Besichtigung unterzogen?«

»I Gott bewahre! Ich verlasse mich da ganz auf Ihr Urteil. So sehr, daß ich, ohne auch nur einen Schritt aus diesem Zimmer gesetzt zu haben, soeben den Vertrag mit den Herrschaften hier unterzeichnet habe.« – Sie wies auf den Vertrag. »Da. – Sehen Sie! Er ist noch naß.«

»Wie – Ihren Namen? –? Wo Sie mir doch Vollmacht gaben. – Das geht unter Umständen durch vieler Leute Hände.«

»Bestimmt sogar.«

»Was bedeutet das?«

»Daß ich noch heute einen Prospekt in Druck gebe, der den ersten Gesellschaftskreisen mit der Aufforderung, sich zu beteiligen, zugesandt wird, und in dem ausführlich die Übernahme dieses Hauses, deren Zweck und Ziel behandelt werden.«

»Ja, ist denn heute alles verrückt?« sagte Katz und faßte sich an den Kopf. . »Erste Gesellschaftskreise – Bordell – Beteiligung. – Sie scheinen nicht im Bilde zu sein, gnädige Frau! Sie befinden sich hier in einem Bordell und nicht in einem Säuglingsheim. Der Krieg mit seinen tausend Wohlfahrtseinrichtungen hat wohl die Begriffe verwirrt.«

»O nein! er hat sie nur erweitert. – Wenn Sie sehen wollen« – und sie zeigte ihm den Prospektentwurf, dessen Drucklegung auf feinstem Japanpapier bereits in die Wege geleitet war.


Das Bordell
eine moralische Anstalt.
Eingetragener Verein
zur
Bekämpfung der Unsittlichkeit
und des Mädchenhandels.
Ehrenausschuß:


Er las die Seite nicht zu Ende, sondern wandte um. Da stand:

»Nach einstimmigem Urteil aller Sachverständigen haben sich die verschiedenartigen Methoden, auf die man bisher die Unsittlichkeit und den Mädchenhandel bekämpfte, nicht bewährt. Ein kleiner Kreis von Leuten, die seit Jahren in ernster Arbeit diesem Problem nachhängen, glauben nun den Weg, der Erfolg verspricht, gefunden zu haben. Sie sind sich bewußt, daß ihn beschreiten, völlige Selbstentäußerung und den Bruch mit letzten Vorurteilen bedeutet. Sie sind bereit, ihn zu gehen, in der Überzeugung, der Menschheit damit einen Dienst zu erweisen.

Der Irrtum war, daß man dem Übel bisher von außen beizukommen suchte. Es muß von innen bekämpft werden. Alle, die bisher auf diesem Gebiete bessernd zu wirken suchten und denen es an gutem Willen gewiß nicht fehlte, haben sich mit der Materie, nicht mit der Psyche befaßt. Man muß das Übel an seinem Herde aufsuchen. Wer gewohnt ist, Unsittlichkeit und Armut durch Veranstaltungen von Wohltätigkeitsfesten zu bekämpfen, kann hier fernerhin nicht mehr geduldet werden. Wem es nicht darum zu tun ist, sich öffentlich herauszustellen, wem es um die Sache, nicht um sein Vergnügen geht, dessen Mitarbeit ist uns willkommen.

Wir verhehlen niemandem: die Arbeit ist hart und ungewöhnlich. Denn das Übel an seiner Quelle aufsuchen, heißt in diesem Falle: mit Dirnen Umgang pflegen, ihr Vertrauen gewinnen, ihr Innenleben bis zum letzten bloßlegen, um einmal den Heilungsprozeß von innen zu ermöglichen, vor allem aber, um mit Hilfe so erworbener Einblicke in diese uns fremde Gefühlswelt mit ihren sozialen Voraussetzungen und Begleiterscheinungen allgemein gültige Grundlagen zu ihrer Bekämpfung zu schaffen. Die bisher unbekannte Psychoanalyse der Dirne soll auf Grund praktischen Studiums gegeben werden. Die Synthese zu finden, wird dann das gemeinsame Werk derer sein, die sich der Menschheit zuliebe nicht gescheut haben, unter zeitweisem Verzicht ihrer Persönlichkeit in die Niederungen herabzusteigen und sie mitzuerleben.

Zu diesem Zweck hat der eingangs namentlich angeführte Ehrenausschuß in der Erkenntnis, daß es mit gelegentlichen Besuchen und Aussprachen nicht getan ist, beschlossen, selbständig den Betrieb eines Freudenhauses in die Hand zu nehmen. Für uns wird es eine Bildungsanstalt sein. In hingebender und ernster Arbeit soll an Ort und Stelle das Problem studiert und, wie wir bestimmt erwarten, gelöst werden. Wer Wohltätigkeit nicht nur zum Vergnügen treibt, ist uns als Mitarbeiter willkommen.

Die Studiengelder, die wohltätige Stiftungen im besten Sinne des Wortes sind und ihre Früchte tragen werden, betragen für männliche Mitglieder dreitausend, für weibliche fünfhundert Mark monatlich. Die Namen der Mitglieder werden nicht veröffentlicht. Wer also Wohltätigkeit treibt, um nach Außen zu glänzen, bleibe fern! Um ein gedeihliches Zusammenarbeiten zu ermöglichen, ist hinsichtlich der Mitglieder ein numerus clausus unumgänglich. Deren Höhe wird noch bekannt gegeben.«

»Nun, was sagen Sie?« fragte Frau Ina.

»Das ist das Raffinierteste und Tollste, was mir je begegnet ist.«

»Aber gut, nicht wahr?«

»Ein interressantes Experiment auf alle Fälle. Nur scheint mir, daß Ihre ganze Situation für derartige Abenteuer zu ernst ist.«

»Was meinen Sie damit?« fragte, beinahe herausfordernd, der Rittmeister, der fühlte, daß darin ein Affront gegen seine Frau lag.

»Laß nur,« winkte Frau Ina ab. »Wir verständigen uns schon.«

»Und wenn Ihr Experiment mißglückt?«

»Dann sind Sie durch meine Möbel und Antiquitäten noch immer gedeckt.«

Der Rittmeister folgte nur unvollkommen. Was gehen ihn unsere Möbel und Antiquitäten an, fragte er sich und legte die Stirn in Falten. Irgend etwas geht da vor, was man mir verschweigt. Als er sich bei diesem Gedanken ertappte, lachte er über sich selbst. Und zum ersten Male legte er sich die Frage vor: was verschweigt man mir nicht? Weiß ich überhaupt etwas aus dem Leben meiner Frau? Warum sitze ich hier? Keine Ahnung. Nichts weiß ich! Aber, das soll anders werden, muß anders werden. Und zum Zeichen seines Entschlusses stieß er mit seinem Säbel auf den Boden und freute sich des Eindrucks, den er damit erzielte.

»Ist dir was?« fragte die Baronin. Und Frau Ina lächelte ihm zu und sagte:

»Wie gut, daß du bei uns bist. Es gibt einem ein so sicheres Gefühl.«

Während die Worte auf den Rittmeister wie eine Liebkosung wirkten, machten sie Katz, der fühlte, daß sie unecht waren und nur der Situation galten, unsicher.

»So tief durchdacht und raffiniert es sein mag,« sagte er, – »fein ist es nicht.«

»Erlauben Sie!« rief der Rittmeister, stampfte den Säbel wieder auf den Boden und sprang auf.

Frau Ina wollte ihn zur Ruhe weisen. Als sie aber den Eindruck wahrnahm, den der Auftritt auf Katz machte, lächelte sie und schwieg.

Katz wurde kreidebleich und stierte auf den Degen.

»Sie haben meine Frau beleidigt,« rief der Rittmeister; worauf auch Löschners sich in die äußerste Ecke des Zimmers zurückzogen.

»Es war nicht meine Absicht,« erwiderte Katz. »Ich konnte nicht wissen, daß Sie – ich dachte . . .«

»Also was wollen Sie?«

»Dies Geschäft,« – und dabei wies er auf die Alten, die jetzt dicht beieinander standen – »ist das beste, das ich seit Jahren an der Hand hatte. In meiner Gutmütigkeit habe ich es Ihrer Gattin anvertraut. Und nun hat sie es mir sozusagen aus den Händen gewunden.«

»Für meine Frau stehe ich ein,« erwiderte der Rittmeister. »Was die tut, dafür verbürg' ich mich, ist korrekt.«

Frau Ina wurde unruhig.

»Dies alles hält nur auf,« sagte sie, wandte sich an Löschner und fragte mit einem Hinweis auf eine Tür, in deren Nähe sie stand:

»Kann man da hinein? Ist dort wer?«

»Es ist leer, bitte!« erwiderte der Alte und öffnete die Tür.

»Kommen Sie auf einen Augenblick hier herein!« sagte Ina zu Katz. »Wir werden uns schnell verständigen.«

Katz zögerte, sah sie mißtrauisch an und fragte:

»Wozu?«

»Bitte!« sagte sie, und Katz folgte ihr in das Zimmer.

Als sie draußen waren, wandte der Rittmeister sich an die Baronin und sagte:

»Das gehört sich nicht.«

»Aber ich bitt' dich,« erwiderte die. »Geschäfte!«

Das Telephon läutete. Im selben Augenblick war die alte Löschner nur Geschäft. Ihre Umgebung existierte nicht mehr. Sie stürzte an den Apparat und flötete hinein. In wenigen Augenblicken, während deren sie sich fortgesetzt verbeugte, war das Gespräch beendet.

Ohne von dem Besuch Notiz zu nehmen, riß sie die Tür auf und schrie mit greller Stimme hinauf:

»Marianne! – Marianne! – wird's bald? – Faultier!«

»Ja?« antwortete eine zarte Frauenstimme.

»Um fünf ein halb! verstanden?«

»Wer?« fragte die Stimme traurig.

»Geht dich nichts an.«

»Ich kann nicht . . . ich habe ja schon um ein halb vier . . .«

»Das übernehme ich!« rief jetzt eine andere Stimme, die viel klarer klang.

»Wie? Was? polterte die Alte. »Ungehorsam! Aufruhr! Bande! ich werde euch zeigen, elende Bestien!« – und fauchend stürzte sie aus dem Zimmer und lief die Treppe hinauf.

Frau Ina kam mit Katz, den sie durch die übliche harmlose Zärtlichkeit, zu der sich diesmal feierlich ein Versprechen gesellte, beruhigt und gewonnen hatte, aus dem Nebenzimmer.

»Was ist denn das für ein Lärm?« fragte sie.

Auf die Baronin und ihren Schwiegersohn hatte der Vorgang so stark gewirkt, daß sie kein Wort der Erwiderung fanden und entsetzt noch immer auf die offene Tür starrten, durch die die Alte eben hinausgestürzt war.

Der alte Löschner klärte den Vorgang auf. Frau Ina überlegte einen Augenblick. Oben wurde es immer lauter. Die kreischende Stimme der Alten übertönte das Schluchzen und Heulen der Mädchen. Man hörte Schläge klatschen und die tiefe Stimme eines Mannes, der »Feste! feste!« rief.

Frau Ina ging eilig auf eine Art Buffet zu, das an der Wand stand und bis oben hinauf voll von Gläsern und billigem Porzellan war.

»Heinz!« rief sie. »Hilf!«

Und ohne zu überlegen, was er eigentlich tat, riß er mit Ina das Buffet um, das mit tosendem Lärm auf die Erde stürzte. Kein Stück, das darin war, blieb ganz. Es war das Getöse eines Donners aus nächster Nähe, der unmittelbar einem voll einschlagenden Blitze folgt.

Im selben Augenblick brach der Lärm oben wie durchschnitten ab. Totenstille folgte. Dann hörte man auf der Treppe Schritte, die näher kamen.

»Tritt zu mir!« rief Ina ihrer Mutter zu, und ihrem Manne befahl sie: »Zieh deinen Degen!«

In der Tür stand jetzt drohend, fauchend und doch blaß vor Schreck, die alte Löschner. Hinter ihr mit hochgestülpten Ärmeln Anton mit dem pomadisierten Kaiser Wilhelmbart. Die Alte, der der Atem fortblieb, schnappte nach Luft.

»Wer?« war das einzige Wort, das sie hervorbrachte. Und voll Haß und Wut stierte sie auf die Trümmer, die auf dem Boden lagen.

»Was kümmert Sie das?« fuhr Frau Ina sie an und hielt ihr den Vertrag hin.

»Möbel und Geschirr, das im Hause bleibt, gehört mir,« sagte die Alte und ballte die Fäuste, »sind nur gepachtet.«

»Was zerschlagen wird, ist zu ersetzen, basta!« erwiderte Frau Ina. Und nun verbitte ich mir jede weitere Äußerung; sonst setze ich Sie an die Luft, samt ihrem Mann und dem Kerl da!« – Dabei wies sie auf Anton, der eine drohende Haltung einnahm.

»Wer ist hier Herr im Hause?« wandte sich Anton mit fast vor Wut zitternder Stimme an den Alten. Ehe der erwidern konnte, rief Ina:

»Ich! verstanden? – Treten Sie hier herüber! Sie gehören zum Personal, das ich mit übernommen habe.« – Anton trat ein paar Schritte von der Alten fort. »Neben meinen Mann!« befahl sie. Anton gehorchte. »Und wenn er sich rührt, schlägst du ihn nieder!«

Der Rittmeister und Anton sahen sich an. Der Rittmeister war glücklich und fühlte sich als Held. Anton beherrschte sich wie noch nie in seinem Leben. Dem Gefühle nach hätte er sich auf den Rittmeister stürzen und ihn würgen müssen, bis er keinen Laut mehr von sich gab; dann Frau Ina niederreißen, sie vergewaltigen und zu Brei trampeln; – aber, was allein noch auf diesen sogenannten Menschen wirkte: eine Gefühlslosigkeit, die absoluter war als seine, und die er, wenn auch nur im Unterbewußtsein und ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, bei Frau Ina spürte, bändigte ihn und hielt ihn zurück.

»Führen Sie mir die Mädchen vor!« befahl jetzt Frau Ina, und da Frau Löschner sich nicht vom Fleck rührte, so fuhr sie sie an: »Soll ich erst Gewalt anwenden?«

»Sie werden sich doch nicht an mir vergreifen?« sagte Frau Löschner ängstlich mit einem Blick auf den Rittmeister.

»Mein Mann an Ihnen? Nein! – Dazu ist der da!« – Und dabei wies sie auf Anton, dem diese Frau immer mehr Achtung einflößte.

Frau Löschner, die gar nicht begriff, daß Anton, statt bei ihr zu stehen, neben Frau Ina stand, fauchte:

»Der ist von mir bezahlt!«

»Ich habe ihn übernommen,« erwiderte Frau Ina, »und zwar mit dem doppelten Gehalt.«

»Anton!« wimmerte die Alte.

Da wußte Frau Ina Bescheid. Sie trat an Anton heran und besah ihn genau. »Gut! gut!« sagte sie. »Ausgezeichnet! So etwas braucht man hier. Sie heißen?« fragte sie und sah ihn fest an.

»Anton Drexler,« erwiderte er und dachte, die Frau kann mit mir machen was sie will. Für die täte ich alles.

»Nun, Anton Drexler, wir werden schon auskommen miteinander. Aber pariert wird, verstanden? Dann gibt's auch Belohnung. Von heute ab existiert für Sie keine Frau Löschner mehr! Von heute ab bin ich Frau Löschner.«

Ihm wurde ganz heiß. Sie hätte ihm jetzt befehlen können: »Mach schön!« und der Riesenkerl wäre vor ihr auf den Knieen gerutscht. So nickte er nur und sagte:

»Aber ja! aber ja!«

Und Frau Löschner, deren wegen Ina diesen Auftritt in Szene setzte, begann am ganzen Körper zu zittern. Alles andere war im Augenblick vergessen.

»Anton!« rief sie schluchzend, und die Tränen schossen ihr stromweise aus den Augen. »Schlechter Kerl! Gibst du mich so leicht auf? Vergißt du alles so schnell?« – Weiter kam sie nicht, die Tränen flossen.

Anton schämte sich vor Frau Ina und wehrte ab.

»I wat! ik weiß von nischt.«

Die alte Löschner löste sich in ihrem Schmerz auf. Die Tränen fingen sich in Puder und Schminke, setzten sich fest und machten aus dem faltigen Gesicht eine breiige Masse, die allem anderen eher ähnlich war als einem Gesicht. Die schweren, bis auf den Bauch herabhängenden Brüste schlugen infolge der Zuckungen, von denen der schmerzgequälte Körper hin und her gerissen wurde, wie Gummisäcke auf dem schlappen Leib. Sie ächzte und stöhnte und litt unsäglich.

Der alte Löschner, von dem alle erwarteten, er werde Anton oder der Alten an den Hals gehen, trat auf seine Frau zu, legte den Arm um sie und sagte zärtlich:

»Reg' dich nicht auf, Elise! so einen findest du alle Tage wieder.«

»Wie ich für ihn gesorgt hab'!« jammerte die Alte.

»Von allem ihm das Beste. Nichts hat man sich gegönnt, seinetwegen!«

Frau Ina, die ihren Zweck erreicht hatte, schlug mit der Gerte auf den Tisch.

»Das geht wohl auch ohne uns zu regeln,« sagte sie bestimmt. »Ich wünsche jetzt die Mädchen zu sehen. Und zwar auf der Stelle!«

Die Alte quälte sich zur Tür, schlug in die Hände, und im selben Augenblick begann die Treppe sich zu beleben.

Motte, Lona, Marianne, Änne, die Rothblonde und noch drei andere Mädchen traten ängstlich und steif in den Salon und blieben dicht beieinander an der Wand stehen. In ihrer steifen Unbeweglichkeit, den unmodernen, verstaubten Gewändern und den weißgepuderten Gesichtern glichen sie mehr abgestandenen Modellen eines Wachsfigurenkabinetts als lebenden Menschen.

Der Eindruck, den sie auf die Baronin machten, war so stark, daß sie wie zum Schutz die Hand ihres Schwiegersohnes ergriff und halblaut sagte:

»Entsetzlich!«

Auch Frau Ina sah man die Überraschung an. Die Welle von parfümiertem Dunst, die mit dem Eintritt der Mädchen in den Salon drang, legte sich ihr auf die Brust. Wie aus einer alten Rumpelkammer hervorgeholte Theaterrequisiten, die mit Hilfe eines unvollkommenen Mechanismus den Schein von Lebewesen vorzutäuschen suchten, wirkten sie auf Ina. Aber sie machte sich schnell von dem Eindruck frei und rief Drexler zu:

»Anton! geben Sie den Damen Stühle!« Der führte eilig den Befehl aus. Als ihm der Rittmeister behilflich sein wollte, gab sie ihm ein Zeichen und sagte:

»Laß das!«

Die Mädchen setzten sich möglichst ungeschickt und wußten nicht, wohin mit den Beinen und den Schleppen. Nur die blasse, schlanke Marianne gab sich völlig natürlich und lachte laut, als sich Lona und die Rothblonde in ihren Schleppen verwickelten.

Die Baronin erschrack, als hätte sie es für unmöglich gehalten, daß eins dieser Mädchen einen menschlichen Laut von sich gäbe.

»Meine Damen!« begann Frau Ina, und die Mädchen, die an alle Schimpf- und Liebesworte, nur an keine formale Anrede – und nun gar an diese! – gewöhnt waren, grienten teils, teils senkten sie den Kopf und schämten sich – aus einem Gefühl heraus, das Ina später verstehen lernte. »Von heute ab«, fuhr sie fort und genoß während sie sprach, die Wonnen eines Würdenträgers, der sein hohes Amt antrat, »unterstehen Sie mir. Das Ehepaar Löschner tritt zurück. Ich trete an ihre Stelle. Mehr, als das unter der bisherigen Leitung der Fall war, wird von nun ab vor allem auch für ihr seelisches Wohl gesorgt werden. Sie werden in mir und den Meinen – dabei wies sie auf die Baronin und den Rittmeister – »dies da ist meine Mutter, dies mein Mann – Menschen finden, die für alles, was Sie bewegt, Verständnis haben. Das ganze Unternehmen, das in dieser Form unwürdig und veraltet ist, wird auf eine völlig neue Basis gestellt werden.«

Von alledem verstand kaum ein Mädchen ein Wort. Nur als von der veralteten Form und der neuen Basis die Rede war, stieß die Rotblonde ihre Nachbarin, die nicht gerade die jüngste war, an und flüsterte ihr zu:

»Du fliegst!«

»Besitzen Sie außer diesen abscheulichen Kleidern nichts Anziehbares?« fragte Frau Ina.

Für die Mädchen antwortete Frau Löschner stolz:

»Die Schränke sind bis oben hin voll. Jede hat mindestens zwei Abendkleider, die meisten drei. Und Matinees über ein Dutzend.«

»Warum haben Sie sich denn so entstellt?« fragte Ina, und Löschner antwortete:

»Ihnen zu Ehren.«

Frau Ina lächelte, trat auf sie zu, gab jeder die Hand. Nur Marianne brachte es mit dieser Begrüßung in Zusammenhang, daß sie sich zuvor die dicken wildledernen Reithandschuhe überzog und dachte:

»Wie viel Ehre! das tut sie nur unsertwegen«, während der gutmütige Rittmeister peinlich berührt war und sich sagte:

»Diese Kränkung könnte sie ihnen auch ersparen.«

Einige blieben sitzen, einige standen auf, als Frau Ina ihnen die Hand reichte. Änne schien sich zu schämen und sah zu Boden. Die Anderen waren gleichgültig. Marianne war gerührt und weinte.

»Also, meine Lieben,« fuhr Frau Ina nach vollendeter Prozedur, während der sie den Atem anhielt, fort, »während der baulichen Renovationen in diesem Hause bringe ich Sie in meiner Villa unter.«

»Allmächtiger!« platzte die Baronin heraus und hielt sich an ihrem Schwiegersohne fest. Und Katz, der bisher schweigend und staunend alles mit angesehen hatte, trat an Frau Ina heran und sagte:

»Das verstößt gegen die polizeiliche Vorschrift.«

»Mit den Leuten verständige ich mich schon«, erwiderte Frau Ina und zu den Mädchen gewandt, fuhr sie fort:

»Gehen Sie nun bitte hinauf und ziehen Sie sich etwas Anständiges an; möglichst ein einfaches Straßenkleid oder Kostüm.

Die Mädchen sahen ängstlich und fragend Frau Löschner an.

»Meine Mädchen streichen nicht auf der Straße herum,« sagte die Alte herausfordernd. »Das hatten sie bei mir nicht nötig.«

Frau Ina verstand nicht gleich. Katz erklärte es ihr.

»Sie können natürlich nicht in diesem Aufzuge bei mir herumlaufen. Ich werde also in etwa einer Stunde eine Dame aus einem Modemagazin kommen lassen, damit Sie noch abends übersiedeln können. – Sie sind acht Damen. Ich werde sie also gegen Abend mit zwei Wagen abholen lassen.«

Die Mädchen, die nicht wußten, was mit ihnen vorging, staunten und schwiegen. Nur Marianne fing laut an zu weinen.

»Was ist Ihnen, mein Kind?« fragte Frau Ina.

»Ich kann nicht mit,« sagte sie schluchzend und sah ängstlich die alte Löschner an.

»Warum denn nicht?« fragte Frau Ina.

»Ich habe drei Herren.«

»Jag' sie zum Teufel!« fuhr sie Katz an, der Marianne die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte.

»Nein!« brüllte die Alte, die alles andere vergaß, sobald das Geschäft in Frage kam. »Darunter leidet der Ruf des Hauses.«

»Der Sie beide nichts angeht!« sagte Frau Ina und wandte sich an Anton Drexler. »An die Haustür kommt sofort ein Schild: »Geschlossen«, befahl sie ihm. »Sie bleiben hier und sind mir dafür verantwortlich, das alles geschieht, wie ich es befehle. Niemand betritt ohne Ausweis von mir das Haus! – Es soll Ihr Schade nicht sein, wenn Sie meine Befehle peinlichst beachten.«

»Sie ruinieren das Geschäft in Grund und Boden,« wagte die Alte sich wieder hervor. »Drei Tage geschlossen und die Kundschaft geht zur Konkurrenz.«

»Soll sie!« erwiderte Ina.

»Nein!« kreischte die Alte und hatte vor Wut Tränen in den Augen. »Ich will nicht! Kunden nach Kunden habe ich ihnen abgehetzt und war Tag und Nacht auf den Beinen. Ich bin die Gassen entlang geschlichen, bei jedem Wetter, und habe den Männern zugeflüstert: ›Geht ins Neuf d'or! Alle anderen sind verseucht‹. Manch einer hat's geglaubt. Ich habe Mädchen, von denen ich wußte, daß sie großen Zuspruch hatten, an mich gelockt, mit Gewalt zu mir geschleppt – du weißt es, Anton, wenn du auch sonst nichts mehr von mir wissen willst, denn du hast mir geholfen – und habe sie bei mir verborgen. Und wenn die Kerls kamen, habe ich ihnen draußen aufgelauert und ihnen gesagt: die Lona ist jetzt bei mir! – Dreimal habe ich mich dafür einsperren lassen und hohe Strafen bezahlt – aber kleingemacht habe ich sie doch! Drei Häuser haben Konkurs gemacht und sind geschlossen worden. Heute ist die Neuf d'or das erste Haus. Dabei habe ich nur acht, andere haben sechzehn Mädchen. Das ist mein Stolz! mein Werk! Und das laß ich mir von niemanden ruinieren! – verstanden? – auch nicht von Ihnen. – Für kein Geld! Damit die andern sich ins Fäustchen lachen und ihnen zufällt, was ich mir erarbeitet und ersessen habe. Das ertrag' ich nicht! daran geh' ich zugrunde! – Auch ihr dürft das nicht dulden!« wandte sie sich an die Mädchen. – »So viel Ehre muß jede von euch im Leibe haben, wenn ihr auch nur Dirnen seid! Mit euren Leibern habt ihr das Haus groß gemacht! die Gesuchtesten seid ihr! – Es wird heißen: Ihr seid alt und häßlich, und darum habe ich schließen müssen. – Das ertrag' ich nicht. Und wenn Sie mir das Dreifache zahlen.«

In diesem Augenblick war die Situation bedenklich. Die Mehrzahl der Mädchen war jetzt mit ihrer Sympathie bei der Alten. Das stand deutlich in ihren Gesichtern. Einige machten daraus gar keinen Hehl, sahen sie an und nickten. Was ernster war: auch Anton Drexler, in dem die Erinnerung an die gemeinsam errungenen Erfolge und erduldeten Strafen das Zusammengehörigkeitsgefühl wiederbelebte, wurde unschlüssig.« Er trat ein paar Schritte von Frau Ina fort und sagte:

»Schade is et ja! det scheene Haus!«

Katz, bei dem dank dem Eindruck, den Marianne übte, das von Ina zuvor entfachte Feuer nachließ, dachte wieder an die Möglichkeit, das Geschäft an sich zu reißen und sagte:

»Schließlich ist ein Bordell doch nicht das geeignete Objekt, um Wohltätigkeitsschwindel damit zu treiben.«

Der Rittmeister sah seine Frau an und legte die Hand an den Degen; die Baronin tat entsetzt, wehrte ab und sagte:

»Aber!«

Nur Frau Ina wahrte vollkommene Ruhe.

»Das ist lediglich eine Frage des Geschmacks,« erwiderte sie. »Wenn Sie Armen-, Waisen- und Altersheime geeigneter dafür halten, so ist es nur natürlich, wenn Sie sich dort betätigen. Ihre Bedenken aber,« wandte sie sich an die alte Löschner, »das mühsam von Ihnen in die Höhe gebrachte Haus könnte infolge der Übernahme durch mich an Ruf und Bedeutung verlieren, sind völlig unbegründet. Ich versichere Ihnen: die Neuf d'or wird unter unserer Leitung Weltruhm erlangen. Es wird in seiner Art mustergültig werden. In der ganzen Welt wird man davon sprechen. Nicht nur in den Herrensalons. Auch bei den Damen der ersten Gesellschaftskreise wird die ›Neuf d'or‹ der beliebteste Gesprächsstoff sein. Und da Sie den Grund dazu gelegt und ich der Ansicht bin: Ehre wem Ehre gebührt! – so soll Ihr Bild in der Mitte ihrer Damen hier im Salon hängen und darunter eine Tafel, auf der wird stehen: ›Die Besitzerin der »Neuf d'or«, Frau Elise Löschner, im Kreise der Ihren am Tage des Übergangs des Instituts an den eingetragenen Verein »Das Bordell – eine moralische Anstalt«. So wird Ihr Name unvergänglich mit dem Institut verknüpft sein.‹

Frau Elise Löschner heulte vor Rührung. Ihr gelbes, breites Gesicht, das ein Brei von Tränen, Schminke und Puder war, glich einer durchnäßten Palette. Gemeineres gab es nicht.

Frau Ina sah Anton Drexler an und ihr Blick fragte:

»Wie gefällt sie Ihnen?«

Drexler fühlte das und sah fort.

»Ist hier ein Photograph in der Nähe?« fragte Frau Ina. »Ich zahle zehnfach, wenn er rechtzeitig kommt, um dies Bild festzuhalten.«

Drexler überschlug sich fast, so eilig stürzte er aus dem Salon. In der Tür rief er:

»Dichte nebenan; ick hol' ihn.«

Daß er jetzt Tränen in den Augen hatte, entging selbst Frau Ina. Die wandte sich wieder an die Alte.

»Weinen Sie, weinen Sie, liebe Frau Löschner«, redete sie auf sie ein. »So müssen sie auf die Platte. Die große Liebe zu Ihrem Institut und den Trennungsschmerz kann kein schaffender Künstler so wahr und so echt wiedergeben, wie er Ihnen in dem noch immer schönen Gesicht steht.«

Die Tränen überstürzten sich und liefen mit Schminke und Puder in dicken breiigen Tropfen über den faltigen Hals, kullerten wie kleine Murmeln in den tiefen Ausschnitt und blieben da irgendwo kleben.

»Den Sessel in die Mitte, zwischen die Damen!« befahl Frau Ina, und der Rittmeister rückte mit Hilfe des schwachsinnigen Alten, der nicht viel von alledem verstand, einen Fauteuil heran, schob die Stühle der Mädchen im Halbkreis daneben und setzte die völlig aufgelöste Alte auf den Sessel.

Frau Ina ließ sich Schminke und Puder geben und richtete jedes einzelne Mädchen so her, daß es möglichst gemein aussah. Der einen machte sie eine Strähne los und klebte sie ihr ins Gesicht; einer anderen öffnete sie die Taille, daß die Brüste hervorquollen; wieder eine andere mußte die Beine so hoch übereinander schlagen, daß nichts verborgen blieb. Drexler, der schon nach wenigen Minuten mit einem Photographen zurückkehrte, stellte sie im Hintergrunde auf; er mußte die Arme nach rechts und links auseinanderspreizen, so daß sie fast die ganze Gesellschaft umfaßten; in jede seiner Hände steckte sie eine Peitsche.

»Freundlich!« rief sie der einen zu, »lachen!« und der andern befahl sie, zu weinen. »Denk an die Mutter, die sich um dich grämt, die womöglich starb aus Kummer um dich.« Und der Nächsten erzählte sie leise einen gemeinen Witz, so daß die geil auflachte; die dritte schlug sie mit der Gerte über die Kniekehle, daß sie laut aufschrie – das alles geschah im rasendem Tempo. »Knipsen!« brüllte sie dem Photographen zu – und das Bild, daß in diesem Augenblick auf die Platte kam, übertraf im Typischen des Ausdrucks der besessenen Dirne, in der Tollheit der Kontraste, in der Unmittelbarkeit ungehemmter Leidenschaften, die kühnsten Phantasien eines Satanisten.

Nicht einmal die Baronin ahnte, was ihre Tochter mit dem Bilde bezweckte, nur daß das, was sie angab, nicht der wahre Grund war, wußte sie – wie übrigens auch Katz, der angesichts dieser Überlegenheit Inas endgültig jeden Widerstand aufgab.

Die alte Löschner, die gar nicht wieder zur Ruhe kommen konnte, hatte von dieser Stunde an für Frau Ina geradezu freundschaftliche Gefühle. Den Vorschlag, sich auf Frau Inas Kosten zunächst einmal mit ihrem Manne ein paar Wochen an einem kleinen Badeorte zu erholen, nahm sie dankbar wie ein Kind an. – Ina lag nur daran, Ruhe vor ihr zu haben.

Frau Ina wandte sich an Katz:

»Geben Sie ihr tausend Mark!« befahl sie ihm mit einem Hinweis auf die Alte. Und leise flüsterte sie ihm zu: »Ich hafte Ihnen für das Dreifache.«

Katz griff in die Tasche und reichte der Alten das Geld. Das war von seiten Inas mehr als nur eine Geste. Denn es zeigte ihre Macht und Katz's Abhängigkeit von ihr. Und da man Katz's finanzielle Kraft hier kannte, ihn fürchtete und respektierte, so mußte man, gehorchte er ihr, auch zu ihr Vertrauen haben.

Als Frau Ina mit der Baronin, ihrem Mann und Katz eine halbe Stunde später das Bordell verließ, rief die alte Löschner mit Tränen in der Stimme ihr nach:

»Auf Wiedersehn! auf Wiedersehn!«

Und viel eingehender als den Vertrag betrachtete sie die Stelle, an der ihr Bild zum ewigen Ruhme und Gedächtnis hängen würde.

»Mir ist dadurch,« sagte sie zu ihrem Manne, »als wenn ich gar nicht herausginge, als wenn ich hier bliebe.«– Dann nickte sie mit dem Kopf, dachte an Ina und sagte: »Eine wunderbare Frau! die wird es hochbringen, die kennt sich aus!«

Nicht ganz so befriedigt waren die Mädchen. Als Frau Ina fort war, sprangen sie auf und schrien zunächst durcheinander. Sie waren, selbst wenn nichts vorging, nicht daran gewöhnt, so lange stillzusitzen und zu schweigen. Nun aber, nach so starken Eindrücken hatte jede das Bedürfnis, ihre Ansicht zu äußern. Man bekam nicht viel Bestimmtes zu hören, da immer mehrere zusammen sprachen. Am rosigsten beurteilte die schwarze Marianne den Vorgang.

»Wir werden Damen sein und in einer Villa wohnen,« sagte sie. »Bartlose Diener im bunten Frack und in kurzen seidenen Hosen werden uns bedienen. Wir werden mit offenen Haaren und leichten Gewändern in einem großen Parke spielen. Von überall her werden vornehme Herren kommen und uns die Hände küssen – ihr werdet es sehen!«

Sie schwieg. Aber mit weitgeöffneten Augen träumte sie weiter und hörte nicht mehr, was die anderen sagten. Erst als die rotblonde Lona alle überschrie und sagte:

»Quatsch! Wir werden in ein anderes Haus geschleppt! Das ist das Ganze!«

Da fand sie in die Wirklichkeit zurück, trampfte wie ein eigensinniges Kind mit beiden Füßen und sagte:

»Nein! nein! nein! Ihr werdet sehen, ich habe recht. Wir kommen alle in ein Paradies!«

Die Alte, ein Glas Madeira in der Hand, kam hinzu; sie klopfte dem Mädchen so stark, daß es husten mußte, auf den Rücken, hob das Glas und rief:

»Recht so, Marianne! es lebe die Neuf d'or! das Paradies der freien Liebe.«

Dann kreischten sie wieder durcheinander.



Drittes Kapitel.

Frau Ina hatte die zweite Etage ihrer Villa für die Mädchen herrichten lassen. Immer zwei schliefen in einem Zimmer. Die telephonisch herbeigerufene Mathilde Brückner, die mit ihrem Manne kam, brachte Blumen mit und einen Korb mit Konfekt.

»Es fehlt nur noch, daß du Ehrenjungfrauen zum Empfang beorderst«, sagte Wolfgang v. Erdt.

»Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn Nelly mitgekommen wäre. Ich war immer dafür, sie aufzuklären und alles wissen zu lassen, was sie durch andere doch erfährt.«

»Sie war eben feinfühlig genug, zu Hause zu bleiben.«

»Wenn wir uns nicht auf den Standpunkt stellen,« mischte sich Frau Ina in das Gespräch, »daß, was hier geschieht, dem tiefsten sittlichen Drang entspringt, dann sind wir erledigt. Hier gibt's nur ein Entweder – oder. Entweder ist, was wir tun, der Ausdruck höchster Sittlichkeit oder – eine Schweinerei. Ein Mittelding gibt es nicht.«

»Ganz meine Ansicht«, erwiderte Wolfgang v. Erdt. »Ich bin durchaus im Bilde und bereit, wo Ihr Mann etwa versagt, einzuspringen.« – Er sah sie prüfend an. »Vorausgesetzt, daß wir einig werden.«

»Warum sollten wir das nicht?« erwiderte Frau Ina. »Wenn ich nicht irre, haben wir manche Berührungspunkte.«

Mathilde Brückner war in die obere Etage gegangen und verteilte die Blumen und die Erdbeeren in die einzelnen Zimmer. Der Rittmeister und die Baronin standen auf der Veranda und erwarteten die Ankunft der Mädchen.

»Ich weiß nicht viel von Ihnen«, erwiderte Erdt.

»Sie sind unehrlich.«

»Ich glaube nur zu wissen, daß Sie den Ehrgeiz haben, Gräfin von Scheeler zu werden.«

»Nun also.«

»Was das aber mit dieser Gründung zu tun hat . . .?«

»Das will ich Ihnen sagen; denn irgendjemanden braucht man, mit dem man sich ausspricht.«

»Ihr Vertrauen, gnädige Frau . . .«

»Braucht Sie nicht zu ehren«, fiel sie ihm ins Wort. »Es ist weniger Vertrauen als – Gegenseitigkeit.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie verstellen sich schon wieder.«

Erdt sah sie an und fühlte sich unsicher.

»Um Gräfin Scheeler zu werden,« fuhr Frau Ina fort, »muß ich meinen Mann los sein und Vermögen haben – sonst ist es sinnlos.«

»Und das glauben Sie durch dieses . . .?«

». . . Bordell zu erreichen. Allerdings!«

»Demnach wäre dieser Glanz hier . . .?«

»Bluff, Schwindel oder was Sie sonst wollen.«

»Ich staune.«

»Ich hätte Sie für hellsichtiger gehalten. Ich glaubte, Sie durchschauten das.«

»An die Verdienstmöglichkeiten glaube auch ich.«

»Sonst wären Sie vermutlich jetzt nicht hier.«

»Warum, meinen Sie, sollte ich an den edlen Zweck nicht glauben?«

»Weil, wenn Sie daran glaubten, Sie der letzte wären, der dafür einen Finger rührte.«

»Haben Sie eine derart schlechte Meinung von mir?«

»Schlecht oder gut – wer will das entscheiden? Jedenfalls: ich kenne Sie!«

v. Erdt wurde immer unsicherer.

»Und darum wählte ich Sie für diese Aussprache. Denn haben muß ich jemanden; genau wie Sie!«

»Ich habe jemanden.«

»Ich weiß!«

»Wie können Sie wissen? – wen meinen Sie?«

»Sie sind doch verheiratet.«

»Das sagen Sie gegen Ihre Überzeugung.«

»Wenn Sie das Theater noch lange fortsetzen, brechen wir ab – und ich suche mir einen andern. – Verdienen, groß verdienen tut jeder gern.«

»Da Sie es denn erraten, das ist allerdings auch der Grund, aus dem ich mich für die Sache interessiere.«

»Aber das haben Sie doch gar nicht nötig!« erwiderte Frau Ina. »Ihre Frau verdient doch! Man schätzt sie auf hundertfünfzigtausend Mark im Jahre.«

»Ja, glauben Sie, es ist angenehm für einen Mann, von der Arbeit der Frau zu leben?«

»Finden Sie es sehr viel erhebender, von den Erträgen eines Bordells zu leben?«

v. Erdt schwieg. Frau Ina triumphierte.

»Es hat wohl doch noch einen anderen Grund?«

v. Erdt wehrte sich noch immer.

»Sie glauben doch nicht etwa, daß ich der Mädchen wegen . . .?«

Ina lachte und sagte:

»Nein! – und damit dürfte Ihr Lügenrepertoire wohl erschöpft sein. – Die Mädchen müssen jeden Augenblick kommen; ich habe also keine Zeit, mich länger von Ihnen anlügen zu lassen. Ich hatte Sie für einen Gentleman gehalten und geglaubt, Sie würden das Vertrauen, das Ihnen eine Dame schenkt, erwidern. Da ich mich geirrt habe, wird die Stelle, die ich Ihnen zugedacht habe, ein anderer einnehmen.«

»O nein!« erwiderte v. Erdt. »Mich werden Sie nicht mehr los. Ich habe mich nun einmal in den Gedanken hineingekniet und entdeckt, daß ich für den Posten eine besondere Begabung habe.«

»Für was für einen Posten?« fragte Frau Ina.

»Nach außen hin, dachte ich, daß ich als Schriftführer des Vereins fungiere; nach innen aber, daß ich die treibende Kraft bin.«

»Die bin ich!«

»Wir ergänzen uns gut. Aber den geschäftlichen Teil nach außen vertreten kann nur ein Mann.«

»Eben, das ist es!«

»Nun also! Sind wir einig?« – Er hielt ihr die Hand hin.

»Ich habe ein starkes Bedenken.«

v. Erdt sah sie fragend an.

»Um jedem Zweifel an dem sittlichen Charakter unseres Unternehmens von vornherein die Spitze zu nehmen, ist der Leumund jedes Beteiligten unbedingte Voraussetzung.«

»Das ist auch meine Ansicht.«

»Wird irgendeiner von uns in einen Skandal verwickelt, der in gar keinem Zusammenhange mit dem Unternehmen zu stehen braucht, so wirkt das auf uns alle zurück. Und ist erst mal ein Zweifel erwacht, dann ist es schwer, den rollenden Stein zum Stehen zu bringen; das Terrain ist zu schlüpfrig.«

»Alles das geb' ich zu. Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Denken Sie, Ihre Frau oder irgendein Dritter käme dahinter – die Katastrophe wäre unabwendbar! Sie und ich und wir alle wären nur noch Stoff für ein satirisches Witzblatt.«

Wolfgang v. Erdt hielt gegenüber der Bestimmtheit, mit der Frau Ina auftrat, weiteres Leugnen für zwecklos. Auf die Sache selbst ging er nicht ein; er stimmte auch nicht stillschweigend zu. Er tat, als wenn er es aufgäbe, an ihrer Überzeugung etwas zu ändern, und sagte:

»Dafür, daß es innerhalb unserer Familie keinen Skandal gibt, dafür verbürg' ich mich.«

»Ihr Wort darauf!« forderte Frau Ina und streckte ihm die Hand hin.

Er schlug ein und sagte:

»Mein Wort!«

Inzwischen waren auch Herzogs, Rießers und Professor Reger erschienen, die der Rittmeister auf Inas Geheiß telephonisch von der Fortentwicklung unterrichtet hatte.

»Wie schade,« sagte Frau Olga, daß ich das nicht miterleben konnte. Es muß doch himmlisch gewesen sein! Am meisten freue ich mich auf diesen Kraftmenschen Anton! Ich liebe solche Gewaltnaturen!«

Unwillkürlich sahen alle Max Herzog an, der mit dem Papagei auf der Stange und den eingeknickten Knien einem Gewaltmenschen sehr wenig ähnlich sah.

Auch Frau Miras Nasenflügel verrieten eine starke Erregung; sie warf Frau Olga einen haßerfüllten Blick zu und dachte: »In Ihrem Alter hat man Verzicht zu leisten.«

Frau Inas psychologischem Scharfsinn entging das nicht. Und schon des Grafen Interesse für Frau Mira ließ sie gegen sie Partei nehmen.

»Für diesen Anton Drexler beginnt die Frau erst jenseits des gefährlichen Alters,« sagte sie. »Daher eignet er sich ausgezeichnet für eine derartige Anstalt. Die Jugend ist vor ihm sicher.«

Aber was Frau Mira die Aussichtslosigkeit einer etwaigen Hoffnung zu Gemüte führen sollte, wirkte auf Frau Olga als Kränkung. Sie tat uninteressiert und sagte:

»Ich bitt' Sie, so ein Gesindel! Für so etwas kann unsereins doch immer nur ein theoretisches Interesse haben.«

»Von der Theorie zur Praxis ist oft nur ein Schritt«, erwiderte der Professor, woraufhin Frau Olga die stereotype Bewegung mit der Schulter machte und der Papagei kreischte:

»Schlagt den Juden tot!«

»Ihr Papagei sollte einen Kurs in Rassenkunde nehmen«, sagte der Professor.

»Sie kommen!« rief der Rittmeister und stürzte, ohne sich um die Baronin zu kümmern, die Treppe hinunter, die von der Veranda in den Garten führte. Alle traten an die Fenster. Mathilde Brückner, die noch im oberen Stockwerk war, zog in ihrer Erregtheit sogar das Spitzentuch aus der Tasche und winkte.

In dem ersten Wagen, der geschlossen war, saßen die Rotblonde, Lona, Änne und die schlanke Marianne; Mertens Diener öffnete den Schlag und war den Mädchen beim Aussteigen behilflich. Sie sahen im Schleier und in ihren vornehm-einfachen Kostümen jetzt wie junge Mädchen aus guten Häusern aus. Das Empfinden hatte wohl auch der Rittmeister, der die Hacken zusammenschlug und jeder mit Akkuratesse die Hand reichte.

»Heinz!« rief die Baronin entsetzt, die von der Veranda aus mit der Lorgnette den Vorgang verfolgte, und hielt sich mit der freien Hand an der Brüstung fest. Der Rittmeister fuhr erschrocken zurück, besann sich und trat, als Marianne eben als letzte aus dem Wagen stieg, ein paar Schritte zurück. Aber Marianne, die schon durch die vielen Menschen mit den erwartungsvollen Gesichtern an den Fenstern und das Tücherschwenken Mathilde Brückners vom oberen Stockwerk aus stark beeindruckt war, die dann den eleganten Diener in der blauen Livree, der so ganz anders aussah als Anton Drexler, angestaunt und beobachtet hatte, wie der Rittmeister die Hacken zusammenschlug und ihren Freundinnen die Hand reichte – Marianne, die ja an Wunder glaubte, war durch alle diese Vorgänge und die Erlebnisse am Nachmittag so restlos glücklich und unbeherrscht, daß sie sich dem Rittmeister an den Hals warf, ihn leidenschaftlich auf den Mund küßte und rief:

»Schatz! mein Prinz! ich bin ja so glücklich. Ich wußte ja, einmal kommt das Glück!«

Der Rittmeister stand wie eine Bildsäule. Die Arme hingen ihm wie gelähmt herab. Er starrte geradeaus und wagte nicht einmal das Mädchen, das ihn mit Zärtlichkeiten überschüttete, anzusehen. Aber ein wohliges Gefühl überkam ihn, den so gar nicht Verwöhnten, doch. In den Beinen fing es an und teilte sich dann dem übrigen Körper mit. Die eben noch gelähmten Arme gerieten in pendelnde Bewegung, die Knie erwiderten den Druck, die anfangs teilnahmslos geschlossenen Lippen gaben nach, und schließlich schloß er Marianne in die Arme und drückte sie an sich.

Auf der Veranda fiel die Baronin in Ohnmacht.

Frau Ina überlegte, ob sie Entrüstung heucheln, gleichgültig tun oder gar ihrer Freude Ausdruck geben sollte. Sie erwog schnell alle Möglichkeiten, deren unmittelbare Wirkung und Konsequenzen, und entschied sich schließlich, es bei einer Geste bewenden zu lassen. Sie wandte sich an Wolfgang v. Erdt, schloß halb die Augen und sagte:

»Bitte, führen Sie mich auf mein Zimmer! Mir ist übel!«

Frau Olga konnte ihre Schadenfreude nicht unterdrücken und stieß ihren Mann an.

Aber Max Herzog schielte über Frau Mira hinweg auf die Liebesszene und spürte gar nicht, daß seine Frau ihn berührte. Frau Olga, die das sah, schrie ihn an:

»Untersteh' dich!« Und der Papagei schrie:

»Schlagt den Juden tot!«

»Himmlisch, nicht himmlisch!« schrie die über die Maßen erregte Frau Mira und drückte leidenschaftlich die Hand des Professors. »Ich hätte dem Jungen das gar nicht zugetraut.«

Daraufhin kam die Baronin, die man auf eine Chaiselongue gelegt hatte und der die Neugier keine Ruhe mehr ließ, zur Besinnung, richtete sich auf und fragte:

»Was machen sie jetzt?«

»Das müssen Sie sehen, Baronin!« erwiderte Mira und lachte hell auf. »Man sollte ihnen die Gartenbank hinschieben.«

Und der Diener in dem dunkelblauen Frack wandte sich ab, sagte zu den Mädchen, für die der Vorgang nichts Besonderes hatte:

»Kommen Sie, meine Damen!«

Und führte sie in das Haus.

»Lustig fängt das an!« rief Mira. Und zu der Baronin, die jetzt neben ihr stand, sagte sie: »Was sagen Sie zu Ihrem Schwiegersohn?«

»Wir lassen uns scheiden!« erwiderte die, rot vor Wut. »Hörst du's?« rief sie dem Rittmeister zu und schleuderte in ihrer Erregung den silbernen Stab, den Herzog hatte liegen lassen, aus dem Fenster. Der Rittmeister schrie auf. Aber Marianne, die im selben Augenblick nur noch Augen für das Tier hatte, ließ den Rittmeister los, rief:

»Bunter, bunter Vogel!«

Sie griff nach ihm, drückte ihn an sich und lief mit ihm in den Garten.

Der arg zerzauste Rittmeister erstarrte wieder zur Bildsäule.

Frau Olga lief in den Garten, Marianne und dem Papagei nach.

In den Trubel hinein kam mit ihrem süßen Lächeln Nelly Brückner, die von nichts wußte und über die erhitzten Gesichter und die vielen Menschen erstaunt war.

»Was geht denn hier vor?« fragte sie den Diener.

Der zog die Schultern hoch und sagte:

»Einquartierung vermutlich. Ich kenn' mich nicht aus.«

Sie hatte beim Anblick der vielen jungen Mädchen ein unangenehmes Gefühl und fragte:

»Ist Herr v. Erdt hier?«

»Jawohl!« erwiderte der Diener. »Ihr Herr Papa ist oben.«

Sie lief schnell die Treppe hinauf und suchte die Zimmer ab.

Frau Ina war schon wieder tätig. Sie stand in dem großen Speisesaal, an dessen Wänden Riesenspiegel hingen, die bis zur Erde reichten. Der Eßtisch in der Mitte war zur Seite geschoben. Darauf türmten sich Wäsche, Kleider, Hüte und Röcke. Kleine Frisiertische standen im Nebenraum, dessen Tür offen stand. Schneiderinnen, Schustern, Wäschelieferanten, Friseuren und Manikure gab sie Anweisungen. Die Mädchen wurden hereingeholt. Man nahm ihnen Maß für Wäsche und Schuhe, probierte ihnen Kleider und Hüte an, manikurte und pedikurte sie, probierte Frisuren – kurzum: man machte äußerlich neue Menschen aus ihnen. Frau Olga, die Baronin und Wolfgang v. Erdt assistierten. Und tatsächlich: Wer die Mädchen von der »Neuf d'or« her kannte, hätte ein paar Stunden später auch nicht eine in ihrer neuen Gestalt wiedererkannt. Dabei glich keine der anderen. Marianne sah aus wie ein kleines Prinzeßchen, fast unwirklich. Das schwebend Leichte war durch Frisur und Kleidung noch gehoben. Zart und körperlos wie eine rosa-weiße Wolke glitt sie über den Boden. Änne wieder sah man an, daß sie wußte, was sie wollte; nicht Träumen nachhing, sondern der Wirklichkeit lebte. Alles das verriet Inas feinen Instinkt. Zwar hatte sie am Nachmittag in der »Neuf d'or«, ohne daß es jemand merkte, jede einzelne genau studiert; aber es waren außer dem rein Äußeren doch nur Reflexe und Gesten, aus denen sie schöpfte. Während dieser anstrengenden Stunden ließ sie Schokolade und Kuchen reichen. Die Mädchen, die eines neuen Unterrockes wegen früher tagelang Kämpfe zu bestehen hatten, waren angesichts dieser Fülle, in der man sie bescherte, so starr und ergriffen, daß sie, auch untereinander, keine Worte fanden. Nur Marianne hüpfte vor Freude und überraschte alle durch die Sicherheit und Bestimmtheit, mit der sie, ganz instinktiv, ihre Auswahl traf und Vorschläge machte. – Als Mathilde Brückner ihr ein Schleifchen ins Haar stecken und eine Kette um den Hals legen wollte, die so gar nicht zu ihrem Kostüm gehörte, wehrte sie sich und sagte:

»Nein, nein! das tut mir weh; also paßt es nicht!«

Frau Ina trat ihr bei.

»Sie hat recht!« sagte sie. »Im übrigen, beste Frau Brückner, pfuschen wir uns nicht ins Handwerk! Sie haben die schwierigste Aufgabe: sich die Liebe der Mädchen zu erringen und auf ihr Gemüt zu wirken; die Herzogin« – und dabei wandte sie sich an Frau Olga – »übernimmt die gesellschaftliche Ausbildung, und ich das Äußere. Für das Geistige sorgen der Professor und Herr v. Erdt, der mir gleichzeitig in allen Verwaltungsfragen zur Seite steht. Der Graf vertritt den Verein nach außen im Namen der Präsidentin, meiner Mutter, der Ihr Gatte, Frau Herzog und mein Mann assistieren; das Ehepaar Rießer regelt den Verkehr und Fräulein Nelly Brückner schwebt als Ehrenjungfrau über dem Ganzen.«

Wolfgang v. Erdt sprach mit der hellblonden Lona und steckte ihr einen Schildpattkamm fest. Dann wischte er ihr mit dem Zeigefinger den Puder aus den Augenbrauen.

Nelly, weiß vor Ärger, trat dicht an ihn heran, streifte ihn und sagte scharf:

»Laß das!«

Er nahm gar keine Notiz von ihr.

Nelly krampfte die Finger zusammen, die Augen traten ihr aus den Höhlen und zitternd am ganzen Körper sagte sie:

»Ich will nicht!«

»Scher, dich weg!« fuhr er sie an.

Sie quälte sich zu ihrer Mutter.

»Gib auf Papa acht!«

»Was ist mit ihm?« fragte die ängstlich.

»Die Mädchen sind hübsch und jung.«

Mathilde lächelte mütterlich.

»Er interessiert sich, scheint's, besonders für die eine!«

Mathilde streichelte sie und sagte:

»Laß nur, mein Kind! Papa ist gut.«

»So laß dich doch warnen«, drängte Nelly. »Duld' es nicht.«

Jetzt erst sah sie Nellys Erregtheit und legte den Arm um sie.

»Mein gutes Kind! So sorgst du dich um deine Mutter?« sagte sie gerührt. »Glaube mir, du kannst ganz ruhig sein. Wenn sich Papa für eines dieser Mädchen interessiert, so ist das, genau wie bei mir, rein väterlich.«

»Das ist es nicht!« behauptete Nelly bestimmt.

»Verlaß dich drauf. Ich muß es doch wissen. Papa – ja, wie bring' ich dir das nur bei? – ist darüber hinaus. Schon seit Jahren.

Nelly senkte den Kopf.

»Ich weiß, es gehört sich nicht, daß ich dir das sage. Aber ich sehe, du regst dich auf, darum erzähle ich dir die Wahrheit. Wenn er auch leider nicht dein richtiger Vater ist, so will ich darum doch nicht, daß du schlecht von ihm denkst.«

Nellys Ausdruck blieb, was Mathilde in Staunen setzte, unverändert. Dann stürzte sie unvermittelt aus dem Zimmer.

»Komm jetzt!« rief sie v. Erdt zu, der noch immer in dem Raum neben dem Eßsaal stand und sich mit der hellblonden Lona beschäftigte. Um Aufsehen zu vermeiden, gab v. Erdt nach.

»Was hast du nur?« fuhr er sie an. »Du führst dich wahrhaftig dümmer auf als diese Dirnen.«

»Danke!« sagte sie mit Tränen in den Augen.

»Also was ist?« fragte er ungehalten.

»Ich ertrage das nicht.«

»Was?«

»Andere Frauen.«

»Du vergißt ganz . . .«

Sie hielt sich die Ohren zu, fiel ihm ins Wort und sagte:

»Ich weiß! ich weiß! Ich bin nicht deine Frau. Aber ich bin mehr. Ich bin deine Kreatur.«

»Mit eigenem Willen!«

»Gewiß, gewiß! Ich habe ja keinen anderen Gedanken als dich. Ich möchte ganz in dich hineinkriechen und in dir aufgehen.«

»So tu das doch!«

»Und das Ende? – und Mama?«

»Wenn sie nicht wäre!«

»Was dann? was wäre dann?« fragte sie lebhaft.

»Dann wärst du meine Frau.«

Nelly zuckte zusammen.

»Deine Frau«, wiederholte sie. »Wenn sie nicht wäre!«

»Aber sie ist!« sagte v. Erdt. »Und mit der Tatsache mußt du dich endlich abfinden. Du richtest dich sonst zugrunde!«

»Nein! – nie, nie finde ich mich damit ab!«

»Du kannst es nicht ändern.«

»Aber du!«

»Deine Mutter würde es nicht überleben, wenn ich von ihr ginge – deinetwegen.«

»Ist deine Verantwortung größer als deine Liebe?«

»Quäl' mich nicht!«

Nelly sah ihn an, als suche sie seine Gedanken zu erraten.

»Ich will dich nicht quälen«, sagte sie und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Aber wenn du es nicht ändern kannst, ändere ich's!« – Das brachte sie wie ein Gelöbnis hervor, so ernst und feierlich, daß v. Erdt, der mit seinen Gedanken ganz wo anders gewesen war, erschrocken auffuhr und sie ansah.

»Du?« sagte er, und sie wiederholte:

»Ja! ich!«

»Wie willst du das anstellen?« fragte er.

»Ich kann, was ich will!« erwiderte sie. Und der starke Wille, der aus ihr sprach, überzeugte ihn.

Mathilde, die um ihr Kind in Sorge war, kam ins Zimmer. Nelly lächelte süß und mädchenhaft und sagte:

»Du, Mama?«

»Um nach dir zu sehen. Hast du dich beruhigt, mein Kind?«

»Aber Mama!« wehrte Nelly ab und tat verlegen.

»Nein, er muß wissen, was für ein gutes Kind seine Mutter hat. – Denk dir, Wolfgang, sie hat gezittert, daß du mich mit einem dieser Mädchen betrügen könntest.«

Nelly schlug verschämt die Augen nieder.

»Ist das nicht rührend?« fragte Mathilde und drückte ihr Kind an sich.



Viertes Kapitel.

Die nächsten Tage vergingen mit der Neueinrichtung der »Neuf d'or«. Auch nicht ein Stück der früheren Möbel blieb. Nichts erinnerte mehr an ein Bordell. Der geschäftliche und fachliche Charakter, der allen Häusern dieser Art anhaftet, verschwand ganz. Die persönliche Note kam in jedem Raume zum Ausdruck, und das Ganze glich einer Tiergartenvilla, die schon Generationen lang im Besitze ein und derselben Familie war. Nichts haftete ihr an, was den Protzen oder Parvenu verriet. Und die acht Appartements der Mädchen, die aus je einem kleinen Vorraum, Schlaf-, Ankleidezimmer und Bad bestanden, konnten ebensogut die Wohnräume einer Geheimratstochter sein.

Während dieser räumlichen Veränderungen in der »Neuf d'or« vollzog sich in der Mertensschen Villa die Metamorphose der Mädchen, die jedoch rein äußerlich blieb. Auch die Einwirkungen Mathildes, die wohl bei der einen oder anderen ein Gefühl der Dankbarkeit auslösten, gingen nicht in die Tiefe. Dazu waren die Mädchen viel zu sehr von all dem Neuen abgelenkt. Überraschung folgte auf Überraschung. Und was für Frau Ina und ihren Kreis alltäglich war – neue Hüte und Kostüme, feine Wäsche und seidene Pyjamas – das wurde ihnen zum Erlebnis.

Einige Mühe bereitete ihnen ein gemeinsam von Ina und Mathilde entworfener Fragebogen, den sie auszufüllen hatten. Nach ihrem Namen, nach der Geburt, den Eltern, deren Stand, ob sie noch lebten, von dem Schicksal der Tochter wüßten, und wie sie sich dazu stellten, wurde darin gefragt. Aber auch darauf sollten sie Antwort geben, wie sie sich in ihrem Berufe fühlten und welche besonderen Wirkungen ihre Lebensführung auf sie übte.

Die Eltern von fünf Mädchen lebten noch. Aber nur zwei standen mit ihnen noch in Verbindung. Die einen beschimpften ihre Tochter, die anderen flehten ihre Tochter an, sich von dort frei zu machen und ein neues Leben zu beginnen; aber beide klagten über die Zeiten und – baten um Geld. Lona besaß nur einen Vater, der Säufer war und sie schlug und dem sie davongelaufen war. Änne hatte noch einen Vater; die Mutter, an der sie mit großer Liebe hing, lebte nicht mehr. Mariannes Eltern waren beide tot. Sie wußte nichts von ihnen. Zu einer Trödlerin führten ihre ersten Erinnerungen, die sie mit zwölf Jahren schon an Männer verkaufte.

Immerhin wirkte die Berührung mit Menschen, die nichts von ihnen verlangten, freundlich waren und gaben, so auf sie, daß sie aus ihrer gedankenlosen Lethargie erwachten und mitteilsam wurden. So ließen es Änne und Marianne nicht dabei bewenden, daß sie die Fragen kurz mit ja oder nein beantworteten. Sie freuten sich der Gelegenheit, einmal ihrem Gefühl, für das sich ja nie jemand interessierte, Ausdruck geben zu dürfen.

Marianne schrieb:

»Solange ich denken kann, rufen sie mich Marianne. ›Mutter‹ habe ich nie zu jemandem gesagt und nie hat mich jemand ›mein Kind‹ genannt. Auch hatte ich immer viel auszustehen. In dem Trödlerladen, in dem ich aufwuchs, wimmelte es von Gesindel, das mich stieß und schlug. Und wenn was fehlte, hieß es, ich habe nicht aufgepaßt – und ich bekam Hiebe. Dabei schlugen sie mich auf die Finger und stießen mich, wenn ich was sagte. Und schrie ich, so hielten sie mir den Mund zu und banden mich fest. Denn ich durfte nicht fortlaufen, wenn die Alte nicht da war, da sie sonst alles stahlen. Das waren alles schlechte Menschen, die da kamen und sich beschimpften; und die Frauen, die sie bei sich hatten, führten sich gemein auf. Aber wir hatten auch Hunde, und die waren gut. Einmal hatte die schwarze Hündin Junge, gleich sechs auf einmal. Aber sie war zu allen gut und zärtlich und sorgte für sie. Ich denke mir, so sorgt eine gute Mutter für ihre Kinder. Und wenn die bösen Leute kamen, war sie in Angst um ihre Jungen und trug sie in eine Ecke, wo sie sich sicher glaubte. Kam trotzdem jemand und faßte eines ihrer Jungen an, stürzte sie sich auf ihn, ganz gleich, wer es war. Auch auf den Stärksten. Kroch eins fort, so lief sie mit furchtsamen Augen umher und weinte. Ich mußte dann mitweinen. Einmal hatte sich ein Junges unter die Kommode verkrochen und piepste jämmerlich. Die Mutter zerquetschte sich fast, um sich unter die Kommode zu zwängen, sie schrie dabei vor Schmerzen, versuchte es aber trotzdem immer wieder; schließlich konnte auch sie nicht mehr zurück. Da schob ich vorsichtig und mühsam die Kommode beiseite und befreite erst die Mutter, dann das Junge, das ich aufs Lager trug, während die Alte, die ganz erschöpft war, an mir hochsprang. Von dem Tage an hing die Alte an mir, während ich sie schon lange liebte, weil sie so treu und so gut war. Wie oft habe ich die Jungen um die Liebe ihrer Mutter beneidet. Aber ich freute mich doch, daß sie es gut hatten. Von nun an kam die Alte mit allem zu mir. Ich sah es schon immer an ihrem Blick, wenn ein Junges fort war. Dann suchten wir beide und fanden es auch. Und ich stahl Milch, da ich ja selbst keine hatte, und brachte sie ihr. Und wenn ich Schläge bekam, winselte die Alte und weinte. Und als die Jungen dann eines Tages an einen Händler gingen, der viel Geld dafür bezahlte – denn sie waren echt; ich wußte nicht, was das bedeutet –, da saßen wir die ganze Nacht beisammen und heulten. Die Alte ist daran gestorben – ich leider nicht. Aber ich weine noch heute; denn niemand hat mich geliebt wie sie; und ich redete mir ein, sie gleicht meiner Mutter. Die ist auch an mir gestorben – irgendwann und irgendwo – weshalb, weiß ich nicht. Und niemand kann mir etwas sagen. Aber sie starb an mir. Und vielleicht wußte es die Hündin, denn sie hatte Mitleid mit mir und ich hatte oft das Gefühl, als stände sie mit meiner Mutter in Verbindung. Wenn ich weinte und sie ganz wo anders war, so daß sie es nach menschlicher Berechnung gar nicht hören konnte, so kam sie doch, um mich zu trösten. Dann sagte ich mir: eine Mutter hört mehr als andere; denn sie hört mit dem Herzen. – Seitdem blieb ich immer bei den Tieren und habe mich um die Menschen nie mehr gekümmert. Mit allen, die in unserer Straße wohnten, schloß ich Freundschaft. Aber so wie die Mutter habe ich nie wieder eine geliebt. Aber lieb hatte ich darum doch alle, wenn auch anders. Und ich ertrug die schlechten Menschen und die Schläge und alles Böse, weil ich doch gar nicht zu ihnen gehörte und sie auch gar nicht verstand und sie mir fremd waren. Und ich begriff, daß sie mich nicht mochten, weil ich doch ganz anders wär. Eines Tages kam der Händler, der die Jungen fortgeholt hatte, wieder. Ich traute mich nicht, ihn zu fragen, was aus ihnen geworden sei. Mir war es, als hörte ich die Alte schreien; genau wie damals. Der Schrei kam aus einem Versteck, das ich nicht kannte. Ich kroch hinein. Gleich darauf kam die Trödlerin und schrie laut: »Marianne!« Ich rührte mich nicht. Die beiden zankten. Dann ging der Händler. Aber am Abend, als ich schlief, kam er wieder. Und holte mich. Auf dem Tisch lag Geld, das die Trödlerin nachzählte und zu sich steckte. Als er mich forttrug, hörte ich deutlich wieder das Winseln der Alten. Und im Hausflur, als die Tür zuschlug, war es mir, als wenn sie hin und her lief und Hilfe suchte – genau wie damals, als man ihre Jungen forttrug. Ich dachte, ich käme vielleicht auch dahin, wo die Jungen waren, und war gar nicht traurig. Ich hätte ihnen von der Mutter erzählt. Aber man brachte mich in ein Haus, das »Neuf d'or« hieß, und da hatte mein Elend ein Ende. Man war gut zu mir, sagte mir, wozu ich da sei und daß es so von anderen bestimmt sei. Und die alte Löschner sagte, sie wäre nun meine zweite Mutter. Aber das glaube ich nicht, denn meine Gefühle für sie wären sonst andere. Ich mag sie nicht. Und nach dem, was Änne sagt, glaube ich nicht einmal, daß sie gut ist. Änne lügt nicht. Eins an ihr verstehe ich nicht: sie sagt immer, ich täte ihr leid. Dabei habe ich es doch ganz gut. Nur daß mir die Tiere fehlen! Aber das meint sie nicht. Und dann behauptet sie: an ihr sei nichts verloren; aber um mich wäre es schade. – Dabei fühle ich, daß sie klüger und besser ist als wir andern. – Auf die Frage, wie ich mich in meinem Berufe fühle, kann ich schwer antworten. Frau Löschner sagt immer: der höchste Beruf einer Frau sei, möglichst vielen Männern Freude zu bereiten. Demnach müßte ich wohl sehr glücklich sein. Aber mir ist immer, als gäbe es etwas, was ich nicht kenne. Früher, wenn ich mit der Hündin im Arme saß und träumte, war alles ruhig in mir. So schlecht ich es hatte und so gut es mir jetzt geht, so wünschte ich doch, es wäre wie früher. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke. Ich glaube, ich sehne mich nach meiner Mutter.«

Ganz anders Änne. Sie schrieb:

»Ist es denn nicht sinnlos, nach den Personalien eines Menschen zu forschen, der seine Persönlichkeit aufgegeben hat und kein Mensch mehr ist? Zur Sache erniedrigt, gleich einem ausgetretenen Läufer, an dem man sich die Füße reinigt, kann es sich bei uns um keine anderen Werte als um den Marktpreis handeln. Hütet euch, an unseren toten Gefühlen zu rühren; ihr Wiedererwachen könnte euch bittere Enttäuschung bringen. Laßt die Mütter aus dem Spiel! jede von uns reagiert darauf. Sind wir noch so entwurzelt, vom Stamme, an dem wir blühten, geschnittene Blumen, die in schmutzigem Wasser welken – wie der tote Wein in den Kellern gärt, wenn man draußen den Stamm schneidet, an dem er emporwuchs, so vollzieht sich in uns fürs Leben Toten eine Wandlung, wenn man an unserer Mutter rührt. Wir sind das Bindeglied zwischen ihr und dem Kinde, das uns starb – sterben mußte – dank euch. Ihr mißbraucht uns. Aber wir betrügen euch und lachen. Ihr sucht Fülle und Leben und glaubt sie aus uns zu schöpfen. Aber wir sind leere Schläuche. Seht und fühlt ihr in uns nicht eine Kränkung der Frau, die ihr liebt oder je geliebt habt? Schänden wir nicht die Gattung? Entheiligen wir nicht das Geschlecht der Mütter? eurer und eurer Kinder? Fühlt ihr nicht die Niedertracht, die ihr begeht, wenn ihr uns nach Dingen fragt, die uns einst heilig waren wie euch; die für uns tot sind, wie wir starben für sie? Genügt es euch nicht, daß wir alle Scham ablegten und nackt herumlaufen? Glaubt ihr auch noch ein Anrecht auf unsere nackte Seele zu haben? Unsere Seele ist tot! Hört ihr? Ich sag' es noch einmal. Darum fragt nicht: ›Wie wir uns in unserem Berufe fühlen und welche besondere Wirkung unsere Lebensführung auf uns übt?‹ Wir könnten nachdenklich werden und entdecken, daß nicht alles starb; daß noch irgendwo ein Funken glüht, und euch Antwort geben! Hütet euch. Rührt nicht an Erinnerungen, tötet sie! So gewaltig könnte Totgeglaubtes an irgendeiner Stelle hervorbrechen, daß es euch mitreißt.

Es gibt nur ein Verbrechen, das man an uns begehen kann. Da, was Leben heißt, Wunsch und Wille, längst in uns starb, so ist selbst Lustmord an uns nur Leichenschändung. Aber Verbrechen ist, aus Sport oder Lust oder Neugier diesen Leichnam seelisch zu beleben, das tote Gewissen zu wecken. Oder glaubt ihr, eine von uns – ich ausgenommen – hat diesen schleppenden Tod, denn das ist unser Leben, seelisch überstanden? Ehe wir dahin kamen, wo wir heute sind, war die Seele längst tot oder sie ging irre – wie bei Marianne, diesem Traumkind, für das allein Erwachen vielleicht Rettung ist. Für alle anderen bedeutet es Verzweiflung und Raserei! Darum gebe ich auf eure Fragen keine Antwort. Hände weg von uns! Laßt die Toten ruhn! Sie brauchen keine Gesellschaft.«

Aus diesem Dokument hätte man gerade für die Zwecke, die Frau Ina und ihr Kreis angeblich verfolgten, viel lernen können. Freilich: die logische Folge wäre ein Verzicht auf das Experiment gewesen, das sie nun, wo der erste Schritt getan war, nicht mehr ausschließlich aus materiellen Gründen reizte. Hier erschloß sich einem Kreis von Menschen, denen – wie es Frau Olga faßte – »das Leben keine Surprisen mehr bot«, plötzlich ein Neuland, auf dem es Anregungen, Konflikte und Überraschungen gab, die außerhalb alles bisher Erlebten lagen. Sie empfanden daher Ännes Äußerungen als hemmend und störend und sträubten sich, sie sachlich zu prüfen.

»Ein räudiges Schaf ist in jeder Herde«, meinte die Baronin, und Frau Olga rümpfte die Nase und sagte wegwerfend:

»Sie spielt sich auf.«

»Jedenfalls ist sie renitent«, erwiderte Nelly Brückner, und der Professor ergänzte:

»Und nicht dumm.«

»Ich verstehe sie gar nicht«, gestand Frau Mira und fügte, was erfrischend wirkte, hinzu: »Aber ich gebe zu, das liegt an mir. Mir macht das viele Denken kein Vergnügen. Und mit Dingen, die mir nicht beim erstenmal Lesen eingehen, quäle ich mich nicht lange herum.«

»Aber Sie wollen doch nicht behaupten,« widersprach Frau Olga, »daß eine Dirne, die bis in ein Freudenhaus sank, geistig höher steht als Sie?«

»Warum nicht?« fragte die treuherzig.

»Weil Sie damit uns alle kränken«, erwiderte die Baronin.

»Wenn Sie einen derart geistigen Tiefstand als diesen Mädchen eigentümlich voraussetzen,« meinte der Professor, »dann weiß ich nicht, wie Sie sich vorstellen, erfolgreich auf sie wirken zu wollen.«

»Wir wollen nicht auf ihren Geist, sondern auf ihr Gemüt und ihre Seele wirken«, dozierte Frau Ina.

»Gerade dafür scheinen mir die Hinweise dieses Mädchens beachtenswert. Es hat genau so, wie Sie es beabsichtigen, durch eigenes jahrelanges Studium und Miterleben die Psyche dieser Mädchen . . .«

»Sie wollen doch nicht behaupten,« fuhr ihm Frau Ina, die seine Logik störend empfand, ins Wort, »daß dies Mädchen aus Studiumszwecken ihren Beruf ausübt.«

»Das nicht. Aber . . .«

»Nun, dann dürfte, und uns kann gewiß kein Mensch engherzig nennen, dieser Vergleich mit uns doch wohl etwas abgeschmackt sein.«

Der Professor neigte den Kopf ein wenig nach vorn und sagte:

»Verzeihung!«

»Bitte, bitte!« erwiderte Frau Ina. »Auf solche Anwürfe muß man bei unserem Wagnis eben gefaßt sein. Aber das soll uns nicht abhalten, unsere Pflicht zu tun. Auf diese Änne werden wir jedenfalls ein Auge haben müssen. Ihr Einfluß auf die Mädchen könnte verderblich sein.«

»Sie wird Ihnen noch manche Nuß zum Knacken geben«, meinte der Professor.

»Wie wäre es,« sagte Frau Olga, die die Gefahr erkannte, »wenn man sie als erste rettete?« – Alle sahen sie an; und sie fuhr fort: »Dann wär' man sie los.«

»Sie meinen, sie der menschlichen Gesellschaft zurückgewänne? Sozusagen als ersten Erfolg unserer Arbeit?« fragte die Baronin.

»Eine ausgezeichnete Idee!« meinte Nelly; aber der Professor widersprach:

»Das Tempo wird Ihnen niemand glauben.«

»Außerdem ist sie die Hübscheste«, sagte der Rittmeister, worauf ihn Frau Ina anfuhr:

»Was heißt denn das?« – Aber innerlich gab sie ihm recht und fand auch schnell einen Ausweg. »Es geht nicht!« sagte sie mit großer Bestimmtheit. »Wir wissen nur, sie geht eigene Wege und ist renitent. Ja, gibt uns denn das die Gewähr, daß sie auch wirklich die sittliche Kraft hat, um draußen neuen Versuchungen, an denen es gerade bei ihr nicht fehlen wird, zu widerstehen? Dazu wissen wir doch noch nicht genug von ihr.«

Der Rittmeister nickte mit dem Kopf, und die Baronin sagte:

»Das finde ich auch.«

Frau Olga, der das Pathos mißfiel, nahm ihrer Rede die Wirkung und sagte:

»Gewiß! Wenn sie rückfällig würde, könnte uns das schaden. Schlimmstenfalls isoliert man sie.«

»Von solchen Maßnahmen sollte man nur in den äußersten Fällen Gebrauch machen«, meinte der Professor.

»Überhaupt nicht!« ereiferte sich Mathilde Brückner. »Wir wollen doch gerade freie Menschen aus ihnen machen. Aber keine Zuchthäusler!«

»Gewiß! aber der Weg dahin ist eben verschieden«, erwiderte die Baronin. Und der Graf, der bei Mathilde Brückners Worten ins Zimmer trat, fragte:

»Ja, was wird denn, wenn der Veredlungsprozeß beendet und die Bude leer ist?«

»Dann nehmen wir die Mädchen eines anderen Hauses zu uns«, erwiderte Frau Ina. »Und so fort.«

»Für Abwechslung ist demnach gesorgt«, dachte Max Herzog, der den Geist der Gründung nicht faßte, und freute sich.

Acht Tage, nachdem die Prospekte abgesandt waren, stellte Wolfgang v. Erdt bei der konstituierenden Versammlung, an der nur die Gründer teilnahmen, fest, daß sich dreihundert Herren und hundert Damen um die Aufnahme in den Verein beworben. Da sie durchweg den ersten Gesellschaftskreisen angehörten, so hatte die Aufnahmekommission, die aus Mathilde Brückner, dem Grafen Scheeler, der Baronin und dem Professor bestand, leichte Arbeit. Es fiel niemand durch; mit anderen Worten: die monatlichen Mitgliedsgelder betrugen sechsmalhundertundfünfzigtausend Mark; oder im Jahr sieben Millionen achtmalhunderttausend Mark. Der Reinertrag versprach trotz der sehr hohen Unkosten Millionen.

Angesichts dieses Tatbestandes lehnte der Verein jedes weitere Mitgliedsgesuch ab. Die geschickte Form, in der das geschah, übte so starken Reiz, daß bald doppelt so viel Voranmeldungen vorlagen. Und eine Agitation, den numerus clausus zu erweitern, setzte im Interesse der Ziele des Vereins ein. Die Gründer waren klug und blieben fest.

»Übersicht und Wirkung bedingen Konzentration«, erwiderte der Vorstand. »So erwünscht reichliche Geldquellen sind: die finanzielle Seite ist nur von sekundärer Bedeutung. Man kann den Teufel nicht durch Belzebub austreiben; nur durch christliche Liebe.«

Und dieser Hieb gegen den Kapitalismus machte in der Öffentlichkeit einen vorzüglichen Eindruck.

»Endlich mal!« sagte man, atmete auf und dachte:

»Eine neue Zeit!«



Fünftes Kapitel.

Die Eröffnung der »Neuf d'or« wurde ein gesellschaftliches Ereignis, von dem jeder sprach. Natürlich gab es Spaßvögel, die skeptisch waren und ihre Witze machten. Aber Frau Ina setzte sich darüber hinweg und meinte:

»Es gibt eben Menschen, denen nichts heilig ist.«

Und sie entwaffnete ihre Gegner, die nach der Eröffnung plötzlich verstummten, damit, daß sie sagte:

»Ich weiß nicht, ob zum Studium über die Art, auf die man Zuchthäusler bessert, der Besuch höherer Töchterschulen gerade das Geeignete ist.«

Am Tage der Eröffnung glichen die Parterreräume der » Neuf d'or » einem Blumengarten. Die kostbarsten Arrangements waren mit viel Geschmack von Frau Ina in den einzelnen Räumen verteilt. Jeder Besucher, und es fehlte an diesem Tage von den Mitgliedern kaum eins, erschrack, als er die Pracht sah, und dachte:

»Da hätte ich ja auch Blumen schicken sollen!«

Niemand ahnte, daß diese mehr als dreihundert Blumenstücke, die jeden Besucher in seinem Gefühl von der gesellschaftlichen Legalität des Unternehmens bestärkte, von Frau Ina bestellt waren. Und da keine Karten daran hingen, so tat manch einer vor einem besonders kostbaren Stück, als wenn es von ihm wäre.

Die kostbaren Möbel, die jeder Tiergartenvilla zur Ehre gereicht hätten, gewannen noch durch die Blumen und die Art ihrer Verteilung. An den Wänden hingen wertvolle Stiche von Boucher, Fragonard und Daniel Vierge, und nicht, wie Frau Olga in Vorschlag gebracht hatte, pornographische Bilder, die künstlerisch zwar einwandfrei, aber so eindeutig waren, daß jeder Besucher sofort wußte, wo er sich befand.

»Aber, aber! Frau Herzogin!« war ihr Frau Ina entgegengetreten. »Sie sind ja gar nicht im Bilde.«

Und dann war sie zu dem ersten Kunsthändler der Stadt gegangen und hatte ihn davon überzeugt, daß es für sein Renommée als Mensch und Kunsthändler von größter Bedeutung sei, die Ausschmückung des Hauses kostenlos zu übernehmen. Der Händler bedankte sich, als Frau Ina ihn verließ, immer wieder dafür, daß sie gerade an ihn dabei gedacht hatte, und sandte ihr in die Privatwohnung, um seiner Freude einen sichtbaren Ausdruck zu geben, eine wertvolle Skizze eines berühmten Meisters.

Genau so erfolgreich operierte sie bei einem der ersten Innenarchitekten, der die vollständige Möblierung des Hauses übernahm. Ein Album mit künstlerischen Photographien sämtlicher Räume bekam jedes Mitglied am Tage der Eröffnung als Geschenk. Auf dem Deckel aus Sämisch-Leder war mit der Hand gepreßt eine große goldene Neun. Dies in zweitausend Exemplaren hergestellte Album, das nicht in den Buchhandel kam, war bald eins der gesuchtesten Stücke aller Biblophilen und wurde zu märchenhaften Preisen unter der Hand verkauft. Es enthielt nichts Anstößiges, galt vielmehr als Musterbeispiel eines modernen Wohnhauses, so daß es bald der Wunsch jeder hohen Tochter war, die in die Ehe ging, »á la Neuf d'or » eingerichtet zu werden.

Sorge bereitete den Mitgliedern beiderlei Geschlechts die Toilettenfrage. Denn, was man zu der Eröffnung eines Bordells anzog, stand in keinem Ratgeber des gesellschaftlichen Tons. Ein Freund und Regimentskamerad des Grafen Scheeler fragte einfach an:

»Erbitte Auskunft, wie man bei Eröffnung des Klubs zu erscheinen hat.«

Und er erhielt die Antwort:

»Gar nicht! Denn Sie haben eine völlig falsche Vorstellung von dem Unternehmen. Ein moralische Anstalt ist kein Klub. Sie werden bei uns also nicht finden, was Sie suchen. Wir erlauben uns daher, Ihnen das bereits gezahlte Mitgliedsgeld in Scheck wieder beizulegen.«

Das sprach sich, wohl nicht ganz von selbst, herum, machte vorzüglichen Eindruck und hatte zur Folge, daß am Tage der Eröffnung die Offiziere in Uniform, die Zivilisten im Cutaway und hohen Hut und die Damen in Teetoilette kamen.

Über den Bürgersteig war ein Zelt gespannt, das an beiden Seiten geschlossen war. Neugierige, die gerade in dieser Straße nicht der besten Gesellschaft angehörten, kamen also bei der Auffahrt nicht auf ihre Kosten. Um so mehr die Mitglieder. Denn die Besitzerinnen der umwohnenden Häuser, die primitiver und daher richtiger dachten als der vergnügungssüchtige Adel, die übersättigten Millionäre und die gelangweilten und verwöhnten Damen der Gesellschaft – diese um ihr Geschäft besorgten Weiber mit ihrer guten Witterung, standen, als die Wagen vorüberfuhren, an Türen und Fenstern und überschütteten die Mitglieder mit Schimpfworten, die wie Peitschenhiebe auf ihre gepflegten und verzärtelten Körper klatschten. Und dies Ungewohnte bereitete ihnen gleichzeitig Schmerzen und Genuß.

Um so angenehmer empfanden sie den Kontrast, als sie mit beklommenen Herzen die Empfangsräume der » Neuf d'or » betraten. Mathilde Brückner an der Seite ihrer Tochter empfing sie. Mutter und Kind, Kunst und Unschuld, dieser Kontrast zu dem Lärm der Straße übte wohltuende Wirkung. Man fühlte sich geborgen. Und von da aus war es nur noch ein Schritt, um sich wohlig und wie zu Hause zu fühlen.

Frau Ina, die an der Seite der Baronin und des Grafen die Mitglieder im mittleren Salon empfing, sagte:

»Sie haben draußen eine kleine Probe von dem Geist bekommen, dem die bedauernswerten Geschöpfe bedingungslos ausgeliefert sind. Wer wagt da noch auf die Ärmsten einen Stein zu werfen? Schwach und widerstandslos schon in dem Augenblick, in dem man sie in diese Häuser hineinschleppt, wird unter dem Einfluß dieser Hyänen natürlich die letzte sittliche Kraft in ihnen vernichtet. Gelingt uns das Rettungswerk an denen hier, dann werden wir ein Allheilmittel gegen die Prostitution in ihrer widerwärtigsten Gestalt gefunden haben. Denn erst hier, wo die freie Bestimmung über den eigenen Leib, die jeder Straßendirne bleibt, fortfällt, verlieren die Mädchen das Letzte, den Rest ihrer Persönlichkeit, und hören auf, Menschen zu sein. Das aber ist unsere Aufgabe: dem Menschlichen in ihnen und damit dem Sittlichen wieder zum Durchbruch zu verhelfen.«

Die meisten nickten zustimmend, viele schüttelten ihr die Hand. Manche waren enttäuscht, aber zeigten es nicht. Alle aber erwarteten doch etwas Besonderes.

Eine Stube weiter präsidierte die Herzogin mit ihrem Papagei und ihrem Gatten. An der Tür stand Anton Drexler in blauem Frack und seidenen Kniehosen, durch die er noch gemeiner wirkte. Überhaupt stach das Bild dieses Zimmers merklich von dem der übrigen ab. Und wenn es auch nicht gerade wie ein Übergang zu dem Milieu wirkte, dessen Geistes sie bei der Auffahrt einen Hauch verspürt hatten, so verlor man hier doch das Gefühl, sich in gleichwertiger Gesellschaft zu bewegen. Frau Olgas Mann trug zwar wie alle Besucher einen Cutaway und hatte sogar wildlederne graue Handschuhe an. Aber man stellte ihn sich, wie er so mit dem blaugelben Papagei auf der silbernen Stange neben der Herzogin stand, doch als Pendant zu Anton Drexler im blauen Frack und kurzen seidenen Hosen vor.

In diesem Zimmer wirkten außerdem Wolfgang v. Erdt und der Professor. Sie sichteten. Meist wies sie schon Stand und Name des Besuchers den richtigen Weg. Wer reinen Herzens kam, den geleiteten sie, noch bevor er mit der Herzogin und ihrem Anhang in Berührung kam, gleich in das nächste Zimmer. Die andern, von denen man annehmen konnte, daß sie Wohltäter nicht aus rein platonischen Interessen waren, überließ man der Herzogin.

Die blieb durchaus Dame; was sie sagte, war aber mehr orientierender Art; weniger ethisch als die Gesänge Frau Inas. Natürlich war es das Ziel – auch nach Frau Olga –, die Mädchen dieses Hauses, und daran anschließend die aller andern Häuser, der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben. Selbstredend! darüber war kein Wort zu verlieren. Das bedingte aber nicht Unmögliches: daß man aus Dirnen lediglich dadurch, daß man Kitsch durch wertvolle Möbel ersetzte, Engel machte. Auch dadurch, docierte sie, daß man sie aus ihrem Milieu herausrisse und zur Arbeit brächte, erzeuge man keine innere Wandlung. Sie alle würden nach Ablauf kurzer Zeit rückfällig werden und wären dann für immer verloren. Der Heilungsprozeß müsse von innen heraus, allmählich, scheinbar durch sie selbst erfolgen. Sozusagen in Ausübung ihres Berufs müsse ihnen die Erkenntnis kommen. Darum müsse der Betrieb auch aufrechterhalten werden. Aber jeder, der die Absicht habe, sich aktiv daran zu beteiligen, habe die Pflicht, diese Gelegenheit zu benutzen, um in dem Sinne der Bestrebungen des Vereins auf die Mädchen einzuwirken. Es sei eine informatorische Stelle geschaffen, deren Aufgabe es sei, den Besuchern Ratschläge und Fingerzeige zu geben. Über Einzelheiten könne sie sich natürlich nicht auslassen. Das sei nur von Fall zu Fall möglich. Jeder könnte aber das Vertrauen haben, daß man seinen Wünschen in jeder Art Rechnung tragen werde.

Soweit Frau Olga. Und wer wollte, verstand sie. Nur daß Frau Mira Rießer und Fräulein Nelly Brückner diese Instanzen sein sollten, leuchtete ihnen nicht ein.

»Wir müssen doch auch auf die weiblichen Besucher Rücksicht nehmen«, erwiderte Frau Olga auf einen Einwand. Aber der Fragesteller wurde dadurch nicht klüger. Ein Jüngling, dem der Trieb den Blick trübte oder schärfte und der trotz des gesellschaftlichen Milieus rein sachlich blieb, sagte:

»Das ist ja alles gut und schön; aber wann wird denn nu hier eigentlich der Betrieb jeöffnet?«

»Wie Sie sehen, heute!« erwiderte Frau Ina. Aber Frau Olga, die offener war, gab ihm, als er kurz darauf zwei Zimmer weiter dasselbe fragte, zur Antwort:

»Morgen Abend um sieben.«

Es folgten zwei durch Ziehen einer Wand geschaffene, kleine, intime Räume, von denen es hieß, daß sie für Informationen bestimmt waren. In dem vorderen saß Frau Mira und unterhielt sich mit dem Professor.

»Halten Sie es für einen Gewinn,« fragte sie, »wenn es uns gelingt, sämtliche Bordells in Mädchenpensionate zu verwässern?«

»Ja, schätzen Sie die Moral denn gar nicht ein?« erwiderte der Professor.

»So wenig wie die Langeweile. Eins ist so dumm wie das andere. Im Bordell amüsiert sich wenigstens der eine Teil: der Besucher.

»Sie werden doch zugeben, daß Anstalten dieser Art verbesserungsfähig sind?«

»Unbedingt! Man sollte sie mit dem raffiniertesten Komfort ausstatten und darin Künste pflegen, die einem Marquis de Sade Staunen abgenötigt hätten. Phantasie, lieber Professor, Komfort und Phantasie, darauf kommt es an in der Liebe!«

»Mir scheint doch, daß Sie nicht ganz auf dem Boden des Programms dieses Vereins stehen«, sagte der Professor und lachte laut.

»Was glauben Sie denn, daß all diesen Menschen da näher liegt,« erwiderte Frau Mira und wies auf die Gäste, die jetzt in den festlich hergerichteten Garten strömten, »soziale Fürsorge oder der Geschlechtstrieb?«

»Gewiß! Der Geschlechtstrieb ist das Primäre.«

»Ach was! ob primär oder sonst etwas. Schaffen Sie das Kinderkriegen ab und am selben Tage wird der Liebesakt das beliebteste Gesellschaftsspiel sein.«

»Jedenfalls amüsanter als das, was uns Herr v. Erdt dort vorsetzen wird«, erwiderte der Professor und wies auf den Hintergrund des Gartens, an dem eine Bühne und eine Leinwand aufgeschlagen waren. Obgleich es nicht mehr hell war, so wurde doch durch ein Querzelt, das von der Bühne aus über den ganzen Garten gespannt war, künstlich völlige Dunkelheit erzeugt. Die Mitglieder rissen sich um die Plätze, denn sie hofften, nun komme die Überraschung, auf die sie von dem Augenblick an warteten, an dem sie den Büttenprospekt mit der Aufforderung zum Beitritt in der Hand gehalten hatten.

»Neuf d'or« am Tage der Übernahme lautete der Titel des ersten Bildes. Und auf der Leinwand sah man Frau Löschner in der Mitte der Mädchen – jenes ekelerregende Bild, das Frau Ina am Tage ihres ersten Besuches in der »Neuf d'or« hatte aufnehmen lassen. Was man da sah, war der Ausdruck tierischster Gemeinheit. Das in Tränen, Fett und Schminke aufgelöste Gesicht der Alten, daneben die Grimassen aufgeputzter und verschminkter Dirnen, die so wenig Menschen glichen, daß es keinen Unterschied mehr machte, ob sie heulten oder lachten, sich auf die Röcke traten oder sie bis zum Bauche hochgeschlagen hatten. Es lag eine Meisterschaft in diesem Bilde, so wie es Frau Ina damals gestellt hatte.

Grausen und Entsetzen ging durch die Reihen. So also sahen die Insassen derartiger Häuser aus, dachten viele, und die Damen begriffen nicht, daß es Männer gab, die das goutierten. Die Männer wieder, die sich auskannten, schüttelten sich und dachten: bex! sie scheinen sich da absichtlich ein besonders abschreckendes Ensemble zusammengestellt zu haben; und viele bedauerten, den Beitrag bezahlt zu haben.

Aber ihr Ekel wandelte sich beim nächsten Bild in höchstes Staunen.

»Neuf d'or« acht Tage nach der Übernahme, lautete der Text. Und es gab wohl keinen, der diese Wandlung vom vertierten Menschen zur höheren Tochter selbst im Verlaufe von Jahren für möglich gehalten hätte. Nur die mittelste Person war eine andere. An die Stelle der alten Löschner war Frau Ina getreten; aber daneben saßen ungepudert und ungeschminkt, einfach frisiert und distinguiert gekleidet, die acht Mädchen; ein Bild, das in seiner Züchtigkeit als Reklame für ein erstes Pensionat hätte gelten können. Lebhafte Diskussion setzte ein. Laut wurden Zweifel geäußert, auf die Frau Ina und v. Erdt vorbereitet waren. Denn es erschienen nun beide Aufnahmen als Doppelbild nebeneinander, und es gab Merkmale, auf Grund deren v. Erdt die Identität nachwies und selbst die hartnäckigsten Zweifler überzeugte.

Und nun begann von Erdt seinen Vortrag, dessen Titel lautete: »Unser Programm«.

Er erklärte, daß es das Ziel sein müsse, der bereits erfolgten äußeren Wandlung die innere folgen zu lassen; und er bekannte, daß das für beide Teile ein dornenvoller Weg sei. Bis die Erkenntnis durchbreche, müsse man auf Eigensinn und Renitenz gefaßt sein. Denn Mädchen, die daran gewöhnt seien, den Tag über zu faulenzen, sich auf der Chaiselongue zu räkeln, Zigaretten zu rauchen und Karten zu spielen – in diesem Augenblicke hob sich der Vorhang und ein lebendes Bild, das die Mädchen stellten, illustrierte trefflich die Worte des Redners – Mädchen, die so ihre Tage verbrachten, erst mal an ein geregeltes Leben zu gewöhnen, sei an sich schon eine schwierige Aufgabe.

»Das sind sie!« waren die Worte, in denen sich die Spannung fast Aller löste. Wie ein Wunder bestaunten sie das Bild. Und die Beherrschtheit der Mädchen, die sonst keine Hemmung kannten, nun aber wie leblos dasaßen und sich nicht zu rühren wagten, war erstaunlich. Selbst Frau Ina hatte das nicht für möglich gehalten. Der Vorhang, der verabredungsgemäß erst herabgehen sollte, wenn die Mädchen unruhig wurden, war wohl drei Minuten lang hoch, als sich Frau Ina durch die Haltung der Mädchen verleiten ließ, hinter die Bühne zu kommen und ihnen zuzurufen:

»Gut! gut! ich bin zufrieden! Und nun bewegt euch, als wenn wir garnicht da wären. Gebt euch ganz ungeniert.«

Der Vorschlag entzückte von den Mitgliedern alle. Nur die Damen auf den ersten Bänken fürchteten sich vor einer Annäherung. Weniger entzückt schienen die Mädchen.

Änne, die mit dem Rücken zu dem Publikum gesessen hatte, stand einfach auf und ging, ohne sich auch nur umzusehen, hinaus. Ein Paar stießen sich an und kicherten. Andere saßen nun womöglich noch steifer als zuvor. Nur Marianne sah mit verträumten Augen die feine Gesellschaft an, und als der eine und andere sie anlächelte, nickte sie ihm mit strahlenden Augen zu. Eine distinguierte Dame in der ersten Reihe stieß ihren Mann an, wies auf Marianne und sagte laut:

»Sieh nur, Egon, wie prachtvoll, dies Kind!«

Frau Ina wiederholte ihren Ruf:

»So bewegt euch doch ungezwungen, als wenn wir nicht da wären!«

»Fällt uns nicht ein!« widersprach ein kleines, etwa vierundzwanzigjähriges Mädchen, das sich Martalotte nannte, und brüllte in den Garten: »Wir sind doch keine Schaustücker.«

Ein Goldstück flog aus einer der hinteren Reihen auf die Bühne. Martalotte fing es auf und sagte:

»Das is was andres!«

Weitere Goldstücke folgten, und nun kam Bewegung unter die Mädchen. Sie vergaßen, wo sie waren, kreischten, griffen nach dem Gold, jagten es sich ab, beschimpften sich, tummelten sich auf der Erde – nur Marianne blieb sitzen, folgte mit glänzenden Augen jedem Stück, das durch den Saal flog und strahlte über das ganze Gesicht.

Die Dame auf der ersten Reihe stand auf und warf ihr aus nächster Nähe ein Goldstück zu. Sie sah sie groß an und rührte sich nicht.

»Warum fangen Sie nicht?« fragte die Dame erstaunt.

Marianne schüttelte den Kopf und sagte:

»Es sieht viel schöner aus.«

Zwischen den Mädchen war es unterdessen zu Streit und Tätlichkeiten gekommen. Motte, die gewandter war als die anderen, hatte die weitaus meisten Stücke gefangen. Die anderen fielen über sie her und suchten, sie ihr abzuringen. Frau Inas Wunsch ging in Erfüllung; die Mädchen bewegten sich, als wenn sie unter sich wären. Freilich anders, als Frau Ina es sich dachte.

Anfangs glaubten alle, es sei so gewollt und im Programme so vorgesehen. Es erregte sie. Sie hatten das Gefühl, einer Schaustellung wilder Tiere beizuwohnen. Daß das Gitter fehlte, beängstigte sie zwar und beeinträchtigte den Genuß. Immerhin: sie hatten ihre Überraschung; der Vorgang peitschte ihre Nerven. Jetzt mußte augenblicklich der Dompteur kommen, die Bestien bändigen. Empfindsame fühlten den Knall der Peitsche schon in den Ohren.

Und wahrhaftig! Frau Ina trat auf. Die Leute klatschten. Aber statt mit der Peitsche dazwischenzufahren, schrie sie verzweifelt:

»Vorhang runter!«

Wolfgang von Erdt bemühte sich längst; der Vorhang funktionierte nicht, irgend etwas war gerissen. Alle erkannten nun ihren Irrtum und waren entsetzt. Nur Nelly Brückner, die nicht ganz unbeteiligt schien, behielt ihr süßverbindliches Lächeln.

Schon standen viele auf und drängten zum Ausgang; aber sie wandten doch immer wieder den Kopf zur Bühne, das wutentbrannte Leben da oben fesselte sie. – Da rettete Doktor Winter, der durch sein ungeduldiges Fragen nach der Öffnung des Betriebes zuvor unangenehm aufgefallen war, auf einfachste Art die Situation. Er ging, die Hände in den Hosentaschen, an die kämpfende Gruppe heran und sagte in aller Ruhe:

»Hundert Mark der, die zuerst in ihrem Zimmer ist.«

Blitzschnell stieben sie auseinander und stürzten in ihre Zimmer.

»Ausgezeichnet haben Sie das gemacht!« sagte Frau Ina und reichte dem jungen Mann die Hand. Der machte eine kurze Verbeugung, stellte sich vor und sagte:

»Winter.«

»Sie kennen sich, scheint's, aus in dem Milieu.«

»Es ist das Bequemste. Man bleibt frei und geht Unannehmlichkeiten aus dem Wege.«

»Dann dürfen wir also hoffen, Sie öfter bei uns zu sehen?«

»Alle Tage. Die Schwarze da« – und er wies auf Marianne – »gefällt mir ausgezeichnet.«

»Wenn Sie sich nur eines der Mädchen annehmen,« erwiderte Frau Ina. »Ich glaube auch, das ist die richtige Methode.

»Ich bin konservativ. Auch darin. Sagt mir, was nicht oft vorkommt, ein Mädchen zu, dann existiert keine andere für mich.«

»Ich will hoffen, daß es Ihnen gelingt.«

Winter sah Frau Ina verständnislos an.

»Ja, das sind doch keine Heiligen!« sagte er.

»Sie dazu empor zu entwickeln, wird uns auch kaum gelingen,« erwiderte Ina. »Wir müssen uns damit zufrieden geben, sie zu anständigen Gliedern der Gesellschaft zu machen.«

»Ja, wozu denn?« fragte Winter erstaunt.

»Aber haben Sie unseren Prospekt denn nicht gelesen?«

»Flüchtig! Ich habe mehr daran herumgerochen. Eine etwas bessere Aufmachung, dachte ich mir. Und die tat wahrhaftig einmal not.«

»Ja, aber wir verfolgen doch soziale Ziele.«

»Sehr lobenswert! Den armen Mädchen, die so viel Freude um sich verbreiten, das Los etwas angenehmer zu gestalten. »

»Das Schwierige ist, sie dahin zu bringen, daß sie es auch wirklich als angenehm empfinden.«

»Na ja, das ist wahr. Spaß macht es ihnen natürlich nur in den seltensten Fällen. Das liegt zum großen Teil an den Männern. Aber auf die können Sie natürlich nicht einwirken.«

»O doch!« widersprach Frau Ina. »Um des Zweckes willen scheuen wir kein Mittel. Wir haben hierfür eine besondere Stelle eingerichtet.«

»Wie spaßig! was tut die Stelle?«

»Die Damen der Gesellschaft haben das Kreuz auf sich genommen.«

»Die Damen der Gesellschaft?« wiederholte Winter und glaubte falsch verstanden zu haben.

»Ja! Frau Rittmeister Mertens, Frau Doktor Rießer und Fräulein Brückner, die Tochter der berühmten Mathilde.«

»Unmöglich! – Ja, was tun die?«

»Das bleibt ihnen überlassen. Ich denke mir, daß sie dabei ganz individuell verfahren.«

»Ja, die Damen können uns doch unmöglich Anweisungen für den Verkehr mit den Mädchen geben?«

»Gerade das ist ihre Aufgabe.«

»Das finde ich himmlisch!«

»Die Mitglieder sollen versuchen, seelisch auf die Mädchen einzuwirken.«

Winter verzog das Gesicht.

»Ob das den Genuß erhöht?« Er sagte es mehr zu sich, als daß er sie fragte. Frau Ina überhörte es denn auch und fuhr fort:

»Sie können das natürlich am ehesten, da Sie in nächste Berührung mit den Mädchen kommen.«

Winter griente und sagte:

»Das stimmt.«

»Sehen Sie!« erwiderte Frau Ina und glaubte, ihn überzeugt zu haben.

»Nur bezweifle ich, ob in diesem Falle ein Zusammenhang zwischen dem Körperlichen und Seelischen besteht. Grade, daß die Seele draußen bleibt, daß man sie sozusagen in der Garderobe ablegt, das ist's, was ich vorhin mit »bequem« bezeichnete.«

»Ein wahrhaft wohltätiger Mensch opfert eben auch seine Bequemlichkeit.«

»Gibt es das?« fragte Winter ungläubig.

»Ich gebe zu, daß es selten ist.«

»Und dann: in diesem Falle.« – Er dachte nach und schüttelte den Kopf. Frau Ina beobachtete ihn scharf. Und da sie wußte, daß Winter der Sohn eines der ersten Großindustriellen war und einen ausgedehnten Bekanntenkreis hatte, so lenkte sie ein und sagte:

»Natürlich üben wir auf niemanden einen Zwang aus. Auf die Mitglieder so wenig, wie auf die Mädchen. Sie können die Instanz umgehen. Aber wir werden Ihnen dankbar sein, wenn Sie uns gelegentlich Aufschlüsse über ein oder das andere Mädchen geben.«

»Nee!« erwiderte Winter bestimmt.

»Aus der Schule wird nicht geplaudert. Und dann: mir verdirbt's die Freude, mit dem Besuch noch so'ne Art Seelenforschung zu verbinden. Damit erweist man den Mädchen auch keinen Dienst. Denen ist am wohlsten, wenn man sie ihrer Gedankenlosigkeit überläßt. Wenn Sie wirklich den Wunsch haben, ihnen etwas Gutes zu tun, so legen Sie Mittags und Abends einen Gang ein – davon haben sie mehr. Damit, was Sie da wollen, so weit kenn' ich mich aus, tun Sie ihnen nur weh.«

Das waren im Grunde dieselben Gedanken, wie bei Änne. Hier, das erkannte Frau Ina, lag eine Gefahr für die geschäftliche Seite des Unternehmens. Wirkte man im Sinne des Programms, woran sie ernstlich nie dachte, so flog das ganze Unternehmen in die Luft. Aber geschehen mußte etwas. Nicht im Interesse der Mädchen – was lag daran? – wohl aber im Interesse der Mitglieder, die nicht waren wie Winter, denen neben der Sensation auch wirklich an einer Verwirklichung der bei der Gründung genannten Ziele lag. Und die gab es – auch wenn es Winter, dem in seinen Kreisen solche Menschen noch nicht begegnet waren, nicht glauben wollte.

Ein Umgehen der Instanz lehnte Winter ab.

»Ich muß das kennen lernen'» sagte er. »Ich bin kein Mensch, der sich durch ethische Einwände sein Recht auf Vergnügen verekeln läßt.«

»Sie gefallen mir!« sagte Frau Ina ziemlich unvermittelt, und Winter, der sie erst jetzt recht ins Auge faßte, dachte: jünger müßte sie sein. Er verbeugte sich, küßte ihr die Hand und sagte:

»Sie mir auch, Gnädige.«

»Vielleicht machen Sie uns mal das Vergnügen.«

»Gern. – Aber erst sehe ich mich mal hier um.«

Inzwischen hatte Wolfgang von Erdt seinen Vortrag, der nur als begleitender Text für die mit großer Mühe gestellten lebenden Bilder gedacht war, fortgeführt. Nun, ohne die Bilder, wirkte die Rede trocken und nüchtern. Er stellte das bisherige Faulenzerleben der Mädchen, die sich den Tag über auf den Chaiselongues herumräkelten, Zigaretten rauchten, pornographische Bücher lasen und Karten spielten, der Lebensführung gegenüber, durch die der Verein den Boden für ihre Wiedermenschwerdung vorbereite. Am frühen Morgen wurde geschwommen, geturnt, Tennis gespielt und, während sie Handarbeiten machten, aus guten Büchern vorgelesen. Sodann – und darauf legte man den Hauptwert – erlerne jede, entsprechend ihrem Wunsche und ihrer Veranlagung, ein praktisches Gewerbe, das ihr zur gegebenen Zeit ermögliche, auf eigenen Füßen zu stehen.

Erwachte dann, was von selbst und nicht unter Zwang geschehen müsse, ihr Drang zur Betätigung und zur Wiedererlangung ihrer persönlichen Freiheit, dann wäre die bisher unüberbrückbare Kluft zwischen dem Freudenhaus und dem werktätigen Leben nur noch ein Schritt. Die Gefahr des Rückfalls und der Verzweiflung während des Kampfes um die Begründung einer Existenz sei damit überwunden. Hinzu käme, und dies sei eins der wesentlichsten Momente, die Pflege des Menschlichen, worin ja die Hauptaufgabe des Vereins bestände.

Dies gewiß lobenswerte Programm interessierte kaum Einen. Sie wollten sehen und erleben. An Theorien lag ihnen garnichts. Um die Stimmung, die abflaute, zu beleben, schlug Nelly Brückner ihrer Mutter vor, man solle die Antworten auf den Fragebogen verlesen und bei dieser Gelegenheit die einzelnen Mädchen den Gästen vorstellen. Mathilde Brückner widersprach:

»Damit erreicht man das Gegenteil von dem, was wir wollen.«

»Wieso denn?« fragte Nelly.

»Wir stempeln sie damit zur Ware.«

»Das sind sie doch.«

»Wir aber wollen Menschen aus ihnen machen.«

»Einen Tag früher oder später, was macht das aus,« erwiderte Nelly.

»Wir setzen unser Prestige aufs Spiel. Gerade dadurch, daß wir ihnen vom ersten Tage an anders begegnet sind als alle anderen, mit denen sie vor uns zu tun hatten, begannen sie, Vertrauen zu gewinnen. Diese Schaustellung aber entspricht ganz dem alten System.

»Heute haben wir auf die Fremden Rücksicht zu nehmen,« mischte sich Frau Ina in das Gespräch. »Ich finde den Vorschlag Ihrer Tochter vorzüglich. Und wenn man den Leuten dann noch freistellt, Fragen an die Mädchen zu richten, so wird das ein voller Erfolg.«

»Ein Kabarett!« sagte Mathilde; Nelly erwiderte:

»Aber ein ungewöhnliches und amüsantes.«

»Unter Mißbrauch der Mädchen.«

»Die haben sich jahrelang zu Schlimmeren mißbrauchen lassen.«

»Die Folgen davon wollen wir ja gerade bekämpfen.«

»Wir sind den Mitgliedern Rechenschaft schuldig!« sagte Frau Ina. »Ihre Tochter hat Recht; sie haben einen Anspruch darauf, die Mädchen kennen zu lernen.«

»Aber nicht in der Form.«

»Die Form ist durchaus einwandfrei,« erwiderte Frau Ina, und Nelly sagte:

»Du tust ja gerade, als wenn es sich um sechzehnjährige Geheimratstöchter handelt, Mama.«

»Mensch ist Mensch,« erwiderte Mathilde. »Ich kenne darin keinen Unterschied.«

»Danke, Mama!« wehrte Nelly ab. »Ich wünsche denn doch nicht, mit dieser Art Mensch identifiziert zu werden.«

»Dann hättest du fernbleiben sollen.«

»Wären wir nur alle fern geblieben. Papa zersplittert sich, und sein Werk leidet darunter.«

»Mir hat er gesagt, es regt ihn an.«

»Nein! nein!« ereiferte sich Nelly und bekam einen roten Kopf. »Ich weiß es besser! Papa darf keine Ablenkung haben. Durch Frauen schon garnicht!«

»Oh! oh!« erwiderte Frau Ina und kniff die Lippen zusammen. »Das klingt ja beinahe wie Eifersucht.«

Nelly warf ihr einen tötenden Blick zu und sagte, indem sie stark betonte:

»Ich spreche von meinem Papa, gnädige Frau.«

Frau Ina lächelte und sagte:

»Verzeihung.«

Nelly war kreidebleich und schwankte.

»Reg' dich nicht auf, mein Kind!« fiel Frau Mathilde besorgt ein und stützte sie. »Meinetwegen zerrt die Mädel vor die Rampe! Aber ich seh mir das Schauspiel nicht mit an.«

Frau Ina nahm Nelly, als wenn nichts geschehen wäre, unter den Arm und sagte:

»Kommen Sie, das Publikum wird ungeduldig.«

Die Vorlesung der Fragebogen durch Wolfgang von Erdt und die sich daran anschließende Vorstellung der Mädchen gestaltete sich für die Mitglieder zu einer anregenden Unterhaltung. Auf die Frage, wie sie sich in ihrem Berufe fühlten, antworteten einige »gut«, andere »erträglich« oder »augenblicklich ganz wohl«. Außer Marianne und Änne, die sich, ohne auf die speziellen Fragen einzugehen, ganz allgemein geäußert hatten, waren nur die rotblonde Lona und die schlanke Motte mit ihrem Berufe unzufrieden. Motte schrieb: ›Ich habe mich an dies Leben gewöhnt; aber wenn ich an meine Eltern und an meine Kindheit denke, so tut es mir doch weh, und ich wünschte es mir anders.‹

»Wie?« fragte beim Verlesen dieser Antwort eine helle weibliche Stimme aus dem Publikum. Motte fuhr leicht zusammen, ging der Stimme nach, fand eine elegante junge Frau, die mit einem Lorgnon und roten Wangen auf die Bühne starrte, betrachtete sie genau, sah neben ihr den üblichen Ehemann, der sich über die Erregtheit und das Interesse seiner jungen Frau freute, und rief ihr zu:

»Wie Sie da unten! So wünschte ich es mir.«

Motte sah in diesem Augenblicke allerliebst aus, und mancher Ehemann, der unten saß, zog Vergleiche, die nicht zugunsten derer ausfielen, an die sie dabei dachten.

Die junge Frau empfand es als Kränkung, erschrak fast, griff nach dem Arm ihres Mannes, fühlte bei der Gegenüberstellung ihrer Person und dieses jungen Mädchens da oben die Distanz, die unüberbrückbar noch eben zwei Welten von einander trennte, sich verengen; empfand zum ersten Male, daß die da oben ja auch ein Mensch, ein Wesen, ein Weib wie sie war; ja, sogar Ähnlichkeiten, Merkmale mit Frauen, die ihr nahe standen, entdeckte sie, die nicht nur im Äußern lagen! Der Blick, mit dem das Mädchen sie ansah, verriet ihr Gefühl und ihre Gedanken. Vielleicht war auch die einmal gut und hatte Wünsche und hoffte – genau wie sie – und dann geschah irgend ein Unglück, vielleicht daß die Mutter starb oder der Vater verarmte, und sie kam zu fremden Menschen, hatte es schlecht, sehnte sich nach Haus, fühlte sich einsam, verzweifelte am Leben, dann kam der sogenannte Retter! Genau wie bei ihr! Der Mann, von dem sie alles erhoffte. – Sie erschrak, so nahe fühlte sie sich ihr und empfand fast körperlich die Berührung – was hatte sie denn erhofft? den Mann, das Wunder! die große Liebe! Alles andere, Zerstreuung, Gesellschaft, Glanz – alles das hatte sie ja zu Hause. Aber für die große Liebe war sie bereit gewesen, alles zu opfern! Und dann kam die Enttäuschung! Das Gleichmaß! Die Langeweile! Bei ihr und bei allen Frauen, die sie kannte. – Und die da oben stand, sehnte sich gewiß nach keinem Wunder, wollte nur frei sein und leben und war mit wenigem zufrieden. Aber während sie selbst, unzufrieden und enttäuscht, nach außen blieb, was sie war, mußte die da oben, die mit dem Verrat des Mannes das Letzte verlor, untergehn. Und im Grunde war doch das Leid Beider das gleiche. Nur, wer schwerer trug, das war die Frage. – Und wer war besser? Die Dirne, die sich aufgegeben hatte und sich nun wegwarf? Ihr blieb keine Wahl! Sie war ein Opfer! – Aber sie, die freie Wahl hatte, was tat denn sie? Sie warf sich auch fort. Alle Tage! nur an denselben! – Aber sie brauchte es nicht! Was hatte sie zu fürchten? üble Nachrede? einen Skandal? nicht einmal! Und selbst wenn, was war das im Vergleich zu dem, was die trug? Dabei war die ehrlich; schien nicht mehr als sie war, während sie Liebe heuchelte und die glückliche Frau spielte, die in Gedanken bei jeder Umarmung den Mann betrog. Wer also war besser? – Wo war die Distanz, die zwei Welten trennte? Verschoben zugunsten der da oben. – Die Gedanken schossen ungehemmt, ohne daß sie es wollte. Sie war machtlos. Sie richtete sich auf, rief Motte zu:

»Wie ich? nein! nein! – Wenn Sie wollen, ich nehme Sie zu mir! – Aber bleiben Sie, es ist besser! – Ich kann Ihnen ja nicht helfen.«

»Doch! doch!« erwiderte Motte fest. –

Und alle Andern standen vor einem Rätsel.

Der Ehemann wandte sich zu seiner Frau:

»Was ist Dir, Frieda? Du bist ja ganz außer Dir?«

»Komm!« sagte sie und hielt sich an seinem Arm fest.

»So beherrsche Dich! und sitze still!«

»Ich kann nicht! – Komm!«

»Stör' einem nicht jede Freude. So amüsant war's in diesem Winter in keiner Premiere.«

Die junge Frau fing laut an zu heulen, und dem Mann, so schwer er sich losriß, blieb nichts übrig, als aufzustehen und sie hinauszuführen.

Der Vorfall wurde natürlich eifrig besprochen und verschieden gedeutet. Außer Mathilde Brückner begriff ihn wohl niemand.

Viele führten sich auf, als wenn sie im Varieté wären. Es amüsierte sie, den Mädchen Fragen zuzurufen, und wenn die Antwort ihnen Anlaß zur Heiterkeit gab, so waren sie taktlos und lachten laut.

Als Marianne an der Reihe war und niemand sie fand, klopfte Frau Ina an Ännes Tür.

»Bitte!« rief eine Stimme. Und als sie eintrat, fand sie, wie vermutet, Marianne bei ihr.

»Was treiben Sie denn hier?« fragte Frau Ina.

»Ich kläre Marianne auf.«

Frau Ina lachte spöttisch und sagte:

»Sie werden die Unschuld noch verderben.«

Änne schüttelte den Kopf und sagte:

»Retten will ich sie.«

»Wovor?«

»Vor Ihnen!«

»Sie sind toll!«

»Hätte man dem Kind, das von der Welt nichts weiß, hier seine Ruhe gelassen, ich hätte nicht den Mut gehabt, ihm die Augen zu öffnen. Ich hätte sie hier verkommen lassen mit uns Allen. Sie hätte nie etwas vom Leben und der Welt da draußen, für die sie ja doch verloren ist, zu erfahren brauchen – und wäre zufrieden gewesen. Nun aber, wo Sie sich in den Kopf gesetzt haben, das Gewissen in den armen Geschöpfen zu wecken, – warum? ich weiß es noch nicht, aber ich fühle: aus guter Absicht geschieht es nicht – da beuge ich vor, um den inneren Zusammenbruch, der erfolgen muß, sobald Sie das arme Geschöpf über sich selbst aufklären, möglichst zu erleichtern.«

»Ich verstehe garnicht,« verstellte sich Frau Ina, »was wollen Sie eigentlich?«

»Marianne unempfindlich machen gegen Gefühle, die Sie wecken wollen.«

»Sie mischen sich da in Dinge, die Sie nichts angehen. Ich warne Sie! Hier gilt mein Wille! Und da Sie klug sind, so werden sie bemerkt haben: meiner allein! ich rate Ihnen also: stellen Sie sich mit mir; es liegt in Ihrem und dieses Mädchens Interesse, das Ihnen scheinbar am Herzen liegt.«

Im Gegensatz zu Frau Ina bewahrte Änne vollkommene Ruhe. Sie sah Frau Ina an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Eine Verständigung zwischen Ihnen und mir? wie wäre die möglich? Ich weiß, ich stehe Ihnen im Wege! Aber habe ich Sie gerufen? Ich war zuerst hier! Mit einem ausgesprochenen Zweck. Genau wie Sie!«

»Sie wollen damit doch nicht etwa sich mit mir auf eine Stufe stellen?«

»Sie sind Dame!« erwiderte Änne. »Ich bin Dirne! Und nie ist jemand bewußter Dirne geworden, als ich! Das habe ich voraus vor Ihnen: Ich will es sein! Das gibt mir die Macht über Sie.«

»Sie sind toll und wissen nicht, was Sie reden!«

»Ich weiß nur, daß es Ihre Absicht ist, den Mädchen, deren Gefühl dafür längst tot ist, ihre Schande wieder zum Bewußtsein zu bringen. Das ist das Ärgste, was Sie ihnen antun können.«

»Wenn es in der Absicht geschieht, zu helfen?«

»Was Sie ihnen auch Gutes antun – woran ich übrigens nicht glaube – es wird die Schmerzen nicht aufwiegen, die Sie ihnen bereiten. Und sie werden sich wieder an Hoffnungen hängen, die sich nachher doch nicht erfüllen.«

»Ich bin kein Seelsorger.«

»Sie geben also zu, daß die Wohltaten, die Sie uns erweisen wollen, nur ein Vorwand sind?«

»Es lohnt sich mir nicht, Sie zu belügen. Ja! ich verfolge ein Ziel. Und Sie, Sie sind mir nur Mittel zum Zweck!«

Änne empfand die Kränkung, die in diesem Falle darin lag, daß sie die Wahrheit sagte.

»Und wenn ich Sie verrate?« rief sie Frau Ina zu.

Frau Ina zog die Schultern hoch und lachte spöttisch.

»Wird man Ihnen mehr glauben als mir?«

Änne wies auf Marianne und sagte:

»Ich habe eine Zeugin.«

»Das genügt nicht. Und wenn sämtliche Mädchen dieses Hauses gegen mich zeugten – man wird mir glauben!«

Marianne, die von alledem nichts verstand, trat zornig vor Frau Ina hin und beteuerte:

»Änne lügt nicht!«

Frau Ina streichelte sie und sagte: »Schäfchen! Das lerne als Erstes: recht hat, wem man glaubt; nicht, wer die Wahrheit sagt. Und nur eine Frau, die gut lügt, bringt es im Leben auch weit.«

»Frau Brückner gibt sich seit acht Tagen Mühe, uns Allen das Lügen abzugewöhnen,« erwiderte Änne.

»Wie dumm!«

»Ich finde auch. – Im übrigen: Marianne lügt nicht, sie träumt.«

Draußen riefen laute Stimmen:

»Hallo, Marianne!«

Änne riß die Tür auf und fragte:

»Was ist?«

Frau Olga und von Erdt traten ins Zimmer. »Alles verlangt nach Marianne,« sagte Frau Olga.

»Wir haben ihren Lebenslauf verlesen.«

»Schändlich!« rief Änne.

»Das Publikum hat sich vor Lachen förmlich gebogen.«

»Wie gemein!«

»Also kommen Sie, Marianne,« trieb Frau Olga und nahm sie bei der Hand.

Änne fragte:

»Wohin?«

»Auf die Bühne.«

»Nein!« sagte Änne.

»Was geht das Sie an?« rief Frau Olga, und Ina sagte:

»Befehlen Sie hier?«

»Ich fühle mich für Marianne verantwortlich,« erwiderte Änne.

Sie sahen sie spöttisch an und lachten.

»Ich habe das vom ersten Tage an getan, an dem man sie hierher verschleppte.«

»Dafür, daß sie an den richtigen Mann kam, nicht wahr?« rief Frau Olga höhnisch, wandte sich an Frau Ina und sagte: »Nicht himmlisch die Moral? Wahrscheinlich muß das arme Kind dieser raffinierten Person alles abliefern, was es geschenkt bekommt.«

»Das lügt sie! das lügt sie!« rief Marianne laut und zitterte am ganzen Körper. »Sie gibt mir noch von ihrem; sie spart für mich.«

»Ein unsauberes Verhältnis also!« sagte Frau Olga.

Marianne wurde kreidebleich und sagte:

»Oh ... pfui!«

Und Änne, die mehr an Marianne, das Kind, als an sich dachte, ging vor Erregung zitternd auf Frau Olga zu, trat ganz dicht an sie heran und sagte:

»Sie verdienten, daß ich Sie ins Gesicht schlage. Denn das habe ich ja wohl vor Ihnen, der Dame, voraus, daß ich keine Formen zu wahren brauche.« – Sie standen jetzt so dicht beieinander, daß sie sich fast berührten. Frau Olga bebte vor Angst; sie hielt sich an einem Tisch fest, ihre Beine zitterten. Die Transformation rutschte, Strähnen weißen Haars fielen ihr in die Stirn. »So alt und so gemein,« sagte Änne spöttisch und maß sie mit verächtlichem Blick von oben bis unten.

Frau Olga war vor Schreck und Angst kreidebleich; sie ließ den Tisch los, ballte die Faust und kreischte:

»Dirne!«

»Das ist das einzige Schimpfwort, das hier nicht verfängt,« erwiderte Änne.

Frau Olga wankte zur Tür.

»Pack!« schalt sie. »Gesindel!« und dann noch etwas von exemplarischer Bestrafung und von wilden Tieren. – Auch von Erdt sagte jetzt:

»Durch geht das Ihnen nicht.«

In diesem Augenblick erschien Nelly, die, wenn man sie wirklich mal ohne von Erdt sah, bestimmt auch ihren Vater suchte.

»Endlich!« rief sie erlöst und warf prüfende Blicke auf Frau Ina und die Mädchen. »Was geht denn hier vor?« fragte sie lebhaft.

»Man hat sich in den Käfig begeben und eins der Tiere gereizt,« erwiderte Änne.

»Nein!« rief Nelly entsetzt.

»Und denken Sie,« fuhr Änne fort, »das gereizte Tier hat sich zur Wehr gesetzt und – gebissen.«

»Wen?« fragte Nelly besorgt und hing sich an ihren Vater. »Dich doch nicht? Ich habe Dich so gewarnt und gebeten: geh nicht allein zu den Mädchen.«

»Er hatte wohl nicht für möglich gehalten,« erwiderte Änne erregt, »daß so ein Tier sich nach so langer Gefangenschaft noch zu einer Gegenwehr aufrafft.«

»Was haben sie Dir getan?« fragte Nelly ihren Vater und sah Änne wütend an. »Ich habe es vom ersten Tage an gesagt: sie ist die Schlimmste! Man sollte sie einsperren und in Ketten legen.«

Von Erdt wies auf Frau Olga, die im Flur vor einem Spiegel stand und sich das Haar in Ordnung brachte:

»Da! sie ist das Opfer!«

»Gott sei Dank!« rief Nelly erlöst und atmete auf. Dann wandte sie sich an Änne, setzte ihr süßes Lächeln auf, reichte ihr die Hand und sagte: »Ich habe es nicht so gemeint.«

Änne kehrte ihr den Rücken und erwiderte:

»Sie sind mir unsympathisch.«

Nelly war einen Augenblick lang verletzt, legte die Stirn in Falten und verzog den Mund. Aber gleich darauf zwang sie sich wieder zu ihrem Lächeln, lenkte ein und sagte:

»Wir werden uns schon verstehen.«

»Nie!« erwiderte Änne.

»Ich liebe solche Charaktere! Ich bin im Grunde auch so. Wenn ich es auch nicht zeige.«

»Ruhe will ich!« erwiderte Änne, »und keinen Menschen sehen, der hier nicht her gehört.« –

»Kommen Sie!« sagte Frau Ina zu Marianne und nahm sie bei der Hand. »Ihre Freundin hat sich aufgeregt und braucht Ruhe.«

Marianne lächelte dankbar und ging mit Frau Ina hinaus. Sie merkte nicht, daß es nur ein Trick war, sie auf die Bühne zu bringen, auf der inzwischen Frau Mira an Stelle von Erdts die Vorstellung der Mädchen und die Verlesung ihrer Antworten fortgeführt hatte.

Als sie jetzt verkündete:

»Marianne!« auf die man so lange gewartet, klatschte alles Beifall. Jeder wollte etwas von ihr wissen.

Marianne war jedem dankbar, der mit ihr sprach. Als man sie nach ihren Wünschen fragte und wissen wollte, was ihr Freude bereite, und sie anfing, von ihren Tieren zu erzählen, lachte man sie aus.

»Aber sind Dir die Menschen denn nicht lieber?« fragte entsetzt eine vornehme Dame.

»Die Tiere haben mich immer lieb gehabt,« erwiderte Marianne.

»Was haben Sie denn davon?«

Marianne sah sie groß an, wurde nachdenklich und sagte:

»Was . . . ich . . . davon . . . habe? – Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Nun also! denken Sie nach! Wozu haben Sie denn Ihren Verstand?«

Marianne schüttelte den Kopf:

»Das hat mit dem Verstand nichts zu tun,« sagte sie. »Das fühlt man doch.«

»Das Gefühl müssen Sie ausschalten, Kind, wenn Sie sich bessern wollen.«

Marianne sah sie verständnislos an.

»Und bessern willst Du dich doch?« fragte die Dame, und Marianne erwiderte ängstlich:

»Bin ich denn schlecht?«

Viele lachten; Empfindsamere forderten Ruhe.

»Ja, geben Sie sich denn keine Rechenschaft über das, was Sie tun?«

»Ich weiß nicht. – Ich habe ja doch keinen Willen. Ich tue Niemandem Böses und alle sagen mir, daß ich gut bin.«

»Empfindest Du, was Du hier tust, denn nicht als Sünde?« fragte die Dame.

Marianne schüttelte den Kopf, lächelte und sagte:

»Nein.«

Und so wenig sie die Frage begriff, so wenig verstand sie, warum auch jetzt wieder einige lachten.

»Ja, was hältst Du denn da für Sünde, wenn nicht das?«

Viele, die das Kind in ihr sahen, duzten sie. Marianne überlegte einen Augenblick, dann sagte sie:

»Sünde ist, wenn man den Menschen Böses tut; lügt, stiehlt – oder auch nur in Gedanken schlecht ist.«

»Ein hoffnungsloser Fall!« sagte die vornehme Dame zu ihrem Nachbarn, und der erwiderte:

»Wo andre Menschen das Schamgefühl haben, hat sie nichts.«

Doktor Winter hörte es und dachte: ›der gehts wie mir.‹ Und was nicht oft geschah, er dachte nach und sagte sich: das beweist, daß das Schamgefühl nichts Primäres, vielmehr etwas durch Erziehung und Ererbung Anempfundenes ist, was durch Jahrhunderte lange Gewohnheit in fast allen Menschen zur zweiten Natur geworden ist. – Wenn das bei dieser Marianne und bei mir nicht der Fall ist, so ist das für unsere Umwelt vielleicht bedauerlich, vielleicht auch nicht. Auf keinem Fall aber spricht es gegen uns. Und er fühlte sich von diesem Augenblick an noch stärker zu Marianne hingezogen. –

Nach erfolgter Vorstellung dankte die Baronin an der Seite ihrer Tochter und des Grafen Scheeler, den sie hinaufgenötigt hatten, von der Bühne herab, den Mitgliedern für ihr Interesse. Sie schlug vor, einmal im Monat zu einer Vollsitzung zusammenzutreten, in der vom Ausschuß Bericht über Tätigkeit und Erfolge des Vereins zu erstatten sei. Sie bat, daß die Mitglieder sich aber auch in der Zwischenzeit hier im Sinne der Vereinstendenzen kräftig betätigen mögen. – Das faßte jeder auf, wie er wollte.

Im Garten wurden Schinkensandwiches und Kaviarschnitten, Himbeerlimonade und Champagner gereicht. Es bildeten sich zwei Gruppen. Auch wenn man nicht hörte, was sie sprachen, erkannte man ihre Gesinnung daran, ob sie dem Kaviar und dem Champagner oder den Schinkenschnitten und der Himbeerlimonade zusprachen.

Eine alte vornehme Dame hob ihr Glas mit Limonade und stieß auf den Vorstand des Vereins an:

»Ich habe nur noch den einen Wunsch,« sagte sie, »den Tag zu erleben, an dem dank der Tätigkeit unseres Vereins das letzte Haus dieser Art seine Pforten schließt.«

Als sie das Glas ansetzte, hatte sie, wie mancher Andere, einen Augenblick lang wohl ein etwas unbehagliches Gefühl. Aber sie überwand es, setzte an und trank.

Am andern Ende des Gartens wurde einer Magnumflasche nach der andern der Kopf gebrochen. Aus dem Kreise des Grafen Scheeler erhob ein junger Aristokrat den Sektkelch und sprach zu seinen Freunden:

»Endlich ein Klub nach unserm Geschmack, der ohne Zimperlichkeit alles bietet. Wir sind künftighin aller Sorgen und aller Langeweile behoben. Es lebe die freie Liebe! es lebe das Leben! Hoch die ›Neuf d'or‹!«

Und da er die letzten Worte laut sprach, so stimmten alle in den Ruf mit ein.

Die Baronin dankte im Namen des Vorstands.

Und am nächsten Nachmittag um sechs Uhr stand Anton Drexler wieder, wie ehemals, an der Haustür der ›Neuf d'or‹. Nur die seidenen Kniehosen, der blaue Frack und der nach schwerem Kampf gefallene »Kaiser Wilhelmsbart« kündeten den Geist der neuen Zeit.



Sechstes Kapitel.

Noch ehe die Mitgliederversammlung zum ersten Male wieder zusammentrat, lief der Betrieb in der ›Neuf d'or‹ so regelmäßige Bahnen, daß es für Eingeweihte über Charakter und Erträgnisse des Instituts keinen Zweifel mehr gab. Die Leitung war sich klar, daß sie nach Ablauf eines Jahres das Mitgliedsgeld verdoppeln und verdreifachen konnte, ohne Gefahr zu laufen, daß auch nur ein Mitglied absprang. Die Vertrauensseligen erhielten befriedigende Berichte, die sie an Freunde und Verwandte weitergaben. Geschickt in die Zeitungen lanzierte Notizen machten Aufsehen und weckten Interesse. Öffentliche Vorträge über sexuelle Themen verfolgten, ohne daß man die Absicht spürte, den Zweck, und erreichten ihn, daß die Neugier immer weitere Kreise zog. Alles deutete darauf hin, daß ein neuer Zweig der Wohltätigkeit, deren Erfolg letzten Endes ja doch immer nur von dem Wohlbehagen abhing, das die Wohltäter dabei empfanden, entdeckt war. Und diese Entdeckung versprach viel.

Frau Ina saß mit Katz in ihrem Salon.

»Machen doch wir Beide uns keinen Dunst vor,« sagte er, knöpfte den Mantel auf und zog sich, was er sonst nie tat, die abgeschabten roten Glacéhandschuhe von den behaarten Händen. »Ich durchschaue Sie.«

»Ich habe nie geleugnet, daß ich den Grafen liebe.«

Katz kniff die roten Augen zusammen, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! Sie können alles; eines können Sie nicht, und das gerade macht Sie so stark . . .«

»Was kann ich nicht?« fragte Frau Ina.

»Lieben.«

»Haben Sie die Absicht, mir einen Vortrag über die Liebe zu halten?«

»Nein. Aber ich habe die Absicht, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Ich liebe Sie« – Frau Ina zog unabsichtlich ihren Stuhl zurück – »aber ich liebe auch mein Geschäft. Je hoffnungsloser das Eine wird, um so intensiver werfe ich mich naturgemäß auf das Andere.«

»Ich sagte Ihnen doch . . .«

»Verzeihung! hören Sie mich zu Ende. Ich weiß, daß ich zur Zeit« – er betonte diese beiden Worte und machte, nachdem er sie ausgesprochen hatte, eine Pause – »keine Chance bei Ihnen habe. Daher komme ich auch nicht darüber hinweg, daß Sie mir in so raffinierter Weise dies große Geschäft aus den Händen gewunden haben.«

»Es war so respektlos und frech von Ihnen, mir ein derartiges Geschäft vorzuschlagen, daß ich nur die Wahl hatte, Sie hinauswerfen zu lassen oder – Sie hineinzulegen. Dies Letztere war wirksamer und für mich vorteilhafter.«

»Sie werden Millionen verdienen.«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Wenn Sie genug haben, um die Schulden des Grafen bezahlen und als Gräfin Scheeler standesgemäß leben zu können, wird es sich empfehlen, daß Sie sich von den Geschäften zurückziehen.«

Ina lächelte überlegen und sagte:

»O nein.«

»Es gefährdet auf die Dauer Ihre gesellschaftliche Position.«

»Im Gegenteil! es befestigt sie. – Wir werden den Konzern erweitern. Unsere Wohltätigkeit wird sich in ein paar Jahren über ganz Europa erstrecken, und ich werde als Gründerin und Präsidentin Gräfin Scheeler Weltruhm erlangen.«

»So lange der Schwindel unaufgedeckt bleibt.«

»Das lassen Sie meine Sorge sein.«

»Ich gebe zu, Sie haben es genial angestellt. Und wenn Sie erst Gräfin Scheeler sind, wird Ihnen niemand und nichts mehr schaden können.«

»Nun also.«

»Aber soweit sind Sie noch nicht! Und es gibt einen Menschen, der es verhindern könnte, daß es so weit kommt.«

»Wen?« fragte Sie lebhaft.

Katz schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte:

»Mich!«

Ina richtete sich auf, sah ihn fest an und fragte:

»Was wollen Sie tun?«

»Veröffentlichen, wodurch Sie zu dieser Gründung gekommen sind und was Sie damit bezwecken.«

»Das werden Sie nicht tun!«

»Ich werde es tun!«

»Was fordern Sie?« fragte Frau Ina und ergriff seine Hand. »Sagen Sie, was Sie fordern,« wiederholte sie und rückte – diesmal absichtlich – mit ihrem Stuhl nahe an ihn heran. »Ich will es mir überlegen« – und dabei schloß sie die Augen – »ob ich es Ihnen bewilligen kann.« – Ihre Kniee berührten sich jetzt. – Wir kennen uns lange genug. Und es ist wohl natürlicher, daß ich Ihnen etwas zu Liebe, als daß Sie mir etwas zu Leide tun.« – Sie lehnte sich in den Sessel zurück und zog seine Hand mit sich, so daß sie auf ihrem Schoß zu liegen kam.

»Ich . . . leugne . . . nicht,« sagte Katz atemlos und mit belegter Stimme, »daß . . . ich . . . ein . . . starkes . . . Verlangen . . . nach . . . Ihnen . . . habe . . .«

»Sie waren mir niemals unsympathisch,« log Frau Ina.

»Doch! . . . doch! . . .«

»Ich schwöre es Ihnen.«

»Sie schwören falsch!«

»Nein, nein!«

»Doch, doch! Das gerade reizt mich ja!«

»So einer«, sagte sie leise und lächelte.

»Du willst nicht?« fauchte er sie an und packte sie an den Gelenken.

Sie wehrte sich.

»Zuwider sind Sie mir!« rief sie. Wenn Sie wüßten, wie ich mich vor Ihnen ekle!«

»Recht so! recht so!« rief er und packte sie fester.

»Das sage ich nicht etwa, weil Sie es hören wollen. Es ist so! Hund du!« und sie stieß ihn mit den Beinen.

»Bestie!« rief er und rang mit ihr; minutenlang, bis er sie überwältigte.

Dann ließ er sie los und sagte:

»Du bist ein Weib!!«

Frau Ina fuhr sich mit der Hand über die Stirn und hauchte:

»Hilfst . . . du . . . mir . . . nun . . . zu . . . dem . . . Grafen?«

»Ja!«

»Aber . . . erst . . . muß . . . er . . . fort . . .«

»Wer?«

»Er . . . steht . . . mir . . . gesetzlich . . . im . . . Wege . . .«

»Dein Mann?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Drüben in der Reitbahn.«

»Ich gehe hinüber.«

»Was . . . willst . . . du . . . tun?«

»Überlaß das mir.«

»Du . . . bist . . . erregt. Es geht . . . besser . . . im Guten. Geh mit ihm in die »Neuf d'or ».«

»Was soll er da?«

»Schaff einen Scheidungsgrund.«

Katz lachte niederträchtig.

»Du und ich«, sagte er. »Wir gehören zusammen. – Wir wollen zusammen gehen.«

»Bis ich's erreicht hab', bleibst du mir vom Leibe.«

»Und dann?«

»Werden wir weiter sehn.«

Katz brachte sich in Ordnung. Als er die abgeschabten roten Glacés aufgezogen hatte, ging er an die Chaiselongue heran, auf der Frau Ina lag, und beugte sich über sie.

Frau Ina griff zur Peitsche, richtete sich auf und sagte:

»Rühr' mich nicht an!«

»Wehe dir!« rief Katz und suchte ihr die Peitsche zu entwinden.

Da sprang sie auf und schlug ihm die Peitsche ins Gesicht, daß er laut aufschrie – mehrmals hintereinander. Dann packte sie den in seinem ersten Schmerz fast Besinnungslosen, schlug wie eine Besessene auf ihn ein, rang mit ihm auf dem Boden, ließ ihn dann plötzlich frei, gab ihm Zeit, sich zu verschnaufen, und lief, als er wieder zur Besinnung kam, aus dem Zimmer.



Siebentes Kapitel.

Als Katz von der Reitbahn aus mit seinem Opfer, dem Rittmeister Mertens, in die » Neuf d'or« fuhr, herrschte da bereits reger Betrieb.

»Führen Sie mich ein,« hatte Katz den Rittmeister gebeten, »ich kann nicht gut Ihre Gattin darum angehen.«

Der Rittmeister erklärte sich mit Freuden bereit, meinte aber:

»Zu den Mitgliedern des Vereins zählen so viel Herren und Damen der besten Gesellschaft, daß niemand etwas dabei findet, den anderen einzuführen. Auch meine Frau hätte es sicherlich gern getan.«

»Gewiß!« erwiderte Katz. »Der edle Zweck reinigt das Mittel. Und was man bisher als schmutzig empfand und daher heimlich tat, empfindet man jetzt geradezu als eine moralische Pflicht.«

»Dasselbe sagt meine Frau. Die Mädchen dürfen die Absicht, aus der man zu ihnen kommt, nicht merken. Sie sind von Natur aus eigensinnig.«

»Sehr richtig! Sie müssen glauben, man kommt um seiner selbst willen. Zu dem üblichen Zweck. Dann geben sie sich natürlich und sind nicht mißtrauisch. Auf die Weise wirkt man am besten auf sie und hat Aussicht, sie zu läutern. Haben Sie nicht auch die Erfahrung gemacht?«

Der Rittmeister wehrte ab und erklärte beinahe feierlich:

»Ich bin meiner Frau treu.«

»Gewiß! Dem Geiste nach. Und darauf allein kommt es in an.«

»Wie meinen Sie das?«

»Daß Sie in Gedanken bei Ihrer Frau sind, selbst wenn Sie sich aus edlen Motiven mit einem dieser Mädchen beschäftigen.«

Der Rittmeister sah ihn groß an und fragte:

»Kann man das?«

»Aber ja! Es gibt Männer, beispielsweise in den Kolonien, die lediglich der Wunsch, intensiv an ihre Frau zu denken, also die Sehnsucht, anderen Frauen in die Arme treibt. Sie glauben bei ihrer Frau zu sein. Die fremde Frau ist nur Mittel zum Zweck: sie hilft ihre Phantasie anregen. Ja, lieber Rittmeister, das ist keine Untreue! Das ist das Gegenteil davon! Ein Mann, der seine Frau lieb hat, nehmen Sie an, sie ist krank, er will sie schonen, ja, der hat einfach die Pflicht, um seiner Frau nicht lästig zu fallen, zu diesem Hilfsmittel zu greifen.«

Dem Rittmeister wurde es schwarz vor den Augen.

»Das hat was für sich«, sagte er.

»Ich will es Ihnen beweisen«, fuhr Katz fort. »Es gibt Ehemänner und Ehefrauen, ja, ich glaube, es ist nach mehrjähriger Ehe die Mehrzahl – wenn es die wenigsten auch gestehen werden –, die begehen, und zwar meist aus Feigheit, materiell zwar keinen Ehebruch, aber ideell betrügen sie ihre Ehefrau bei jeder Umarmung, indem sie mit ihren Gedanken dabei bei einer ganz anderen sind! Sehen Sie, das ist, wenn auch nicht juristisch, so doch ideell: Untreue! Aber ein Mann, der, um intensiv an seine Frau zu denken, zu einer andern geht, der ist seiner Frau treu.«

»Daß ich daran noch nie gedacht habe!«

»Und die ›Neuf d'or‹ gar hat den Vorteil, daß man da nicht nur das Nützliche, sondern auch das Ethische mit dem Angenehmen verbindet.«

Das verstand der Rittmeister nun zwar nicht; aber er, dem sich seine Frau grundsätzlich und, wie es schien, unwiderruflich versagte, hielt sich nach diesen Aufklärungen als Ehemann und einer der Gründer der »Neuf d'or« für berechtigt und beinahe verpflichtet, aus der Reserve, die er sich bisher aufgelegt hatte, herauszutreten. Naiv und ehrlich sagte er zu Katz:

»Ich werde noch heute danach handeln.«

Katz, der die »Neuf d'or« für das ansah, was sie war, ließ ungeschickterweise und aus Gewohnheit schon ein paar Häuser vorher halten. Sie gingen zu Fuß die ziemlich enge Straße entlang. In den Haustüren standen die halbentkleideten Mädchen und lockten die Männer an. Fuhren Wagen vorüber, von denen sie annahmen, daß sie zur »Neuf d'or« fuhren, so riefen sie ihnen Schimpfworte nach. – Den Rittmeister, der in Uniform war, faßte eine an den Arm und sagte:

»Herzchen, geh' nicht in die Neppbude, komm zu mir!«

Eine andere griff ihn bei der Hand und sagte: »Nimm mich mit in die Nöfftohr!« Und als der Rittmeister sich, ohne sie zu beachten, losmachte, warf sie sich ihm an den Hals und bettelte: »Eh du mich wegwirfst, sieh mich an!«

Und vor dem Rittmeister und Katz stand ein blutjunges, bildhübsches Ding, das allem andern, nur nicht einer Dirne ähnlich war.

»Alter?« fragte Katz, während der Rittmeister ganz in den Anblick des Mädchens versunken war.

Sie erwiderte:

»Sechzehn.«

»Wie kommst du hierher?«

»Aus Furcht vor den Eltern.«

»Was hast du begangen, daß du dich fürchten mußt?«

»Frage! Frage!« rief das Kind erregt und wies an eine Stelle ihres Körpers, die keinen Zweifel ließ. »Da! da! Was kann ich für mein Temperament?« Aber hinterher, da traute ich mich nicht nach Haus.«

»Seit wann bist du hier?«

»Seit gestern.«

»Wer hat dich hergebracht?«

»Ich mich selbst.«

»Woher kanntest du denn die Straße?«

»Frage! Frage!« wiederholte sie. »Die kennt doch jedes Kind.«

»Und nun willst du nach Haus?«

»Nein! nie! nie! Damit sie mich totschlagen«, erwiderte sie, stutzte dann plötzlich, dachte nach und wurde unschlüssig. »Ja, wenn ihr mitkommt und mich schützt und mit dem Vater redet, dann traute ich mich schon. Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr bei mir bleibt, bis sich der Vater beruhigt hat.« – Und in ihrem Gesicht leuchtete so etwas wie eine neue Hoffnung auf.

Der Rittmeister wandte sich an Katz und sagte:

»Das sollten wir tun.«

»Sind wir die Heilsarmee?« erwiderte Katz. »Wir wollen ein Übriges tun – sie ist jung und hübsch – und sie mit in die »Neuf d'or« nehmen.«

»Willst du?« fragte der Rittmeister.

»Wenn du mit mir gehst. Du gefällst mir.«

Katz gab dem Rittmeister ein Zeichen; sie nahmen sie unter den Arm und führten sie mit sich.

Als sie in der »Neuf d'or« ankamen, sagte Katz zu Anton Drexler, der im Flur den Gästen die Garderobe abnahm:

»Ein Zimmer für den Herrn Rittmeister.«

Drexler stutzte.

Der Rittmeister und das Mädchen küßten sich inzwischen wie ein Paar Kinder ab.

»Ich habe strenge Order, alle Gäste zunächst in das Informationsbureau zu führen«, erwiderte Drexler.

»Esel!« schalt ihn Katz und drückte ihm einen Fünfzigmarkschein in die Hand. »Übrigens: wer sitzt denn in diesem sogenannten Informationsbureau?«

»Ich darf die Namen nicht nennen.«

»Mir ja.«

Drexler bog den Rücken und sagte:

»Frau Mira Rießer und Fräulein Brückner.«

»Die Sache hat Stil«, dachte Katz, und zu Drexler gewandt sagte er mit einem Hinweis auf die beiden:

»Also, wird's nun? Sie sehen doch, es leidet keinen Aufschub.«

Drexler wandte sich an den Rittmeister und sagte:

»Bitte!«

Sie folgten ihm, ohne zu merken, daß Katz in einiger Entfernung hinter ihnen herging.


* * *


»Sie sind Zeuge!« sagte Katz eine Stunde später zu Anton Drexler. Übrigens, die Kleine ist nett. Ich würde Ihnen raten, sie hier zu behalten.«

»Darüber entscheidet die Frau Rittmeister Ina Mertens.«

Katz lachte, und auch Drexler brüllte vor Vergnügen wie ein Affe.

»Ne, so ein Betrieb!« sagte er laut. »Dagegen war et hier früher wie uff'n Kirchhof.«

»Aber Sie verdienen doch besser?«

»Ick schäm' mir bald.«

»Sagen Sie, mich würde es interessieren, den Betrieb hier kennen zu lernen. Schade, daß man nicht auch die anderen Räume, ohne bemerkt zu werden, beobachten kann.«

Anton Drexler sah Katz verständnisinnig an und erwiderte:

»Det kann man – det heißt: Sie nich.«

»Wer denn?«

»Wenn ick Ihnen det anvertrau'n tu, denn muß ick wissen, wofor?«

»Ach so!« Katz griff mit der Hand in die Brusttasche.

Drexler nickte und sagte:

»Jawoll!«

»Hier!«

Er gab ihm fünfzig Mark.

Drexler kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf und sagte:

»Ne! Davor verrat ick ihr nich.«

Katz klopfte ihm auf die Schulter und erwiderte:

»Auch nicht nötig, mein Junge. Ich stehe gut mit Frau Ina . . . Frau Rittmeister Mertens«, verbesserte er schnell.

Drexler nahm eine drohende Haltung an und sagte:

»Ick och!«

Katz fuhr zurück, beherrschte sich, sah Drexler, dem die Gewalttätigkeit im Gesicht stand, an und zog, statt ihm mit Worten entgegenzutreten, noch einmal seine Brieftasche hervor. Drexlers Ausdruck wurde milder, er streckte ihm die Hand hin, griente und sagte:

»Na also!«

Katz hielt hundert Mark in der Hand, Drexler lächelte freundlich.

»Dafür müssen Sie mir alles zeigen«, forderte Katz. »Wenn Sie mir bei Frau Rittmeister nicht verraten.«

»Ich verspreche es Ihnen.«

»Unten ooch?«

»Von Anfang an.«

Sie stiegen die mit schweren Persern belegte Treppe hinunter. Drexler wies auf eine Tür, an der stand: Informationsbureau.

»Da hinein?« fragte Katz.

»Ne doch!« erwiderte Drexler und hielt ihn zurück. Dann sah er sich auf dem Flur um, schob einen großen Gobelin, der an der Wand hing, zur Seite, öffnete eine Tapetentür und schob Katz hinein. »Links anknipsen«, flüsterte er ihm zu, schloß die Tür wieder und verschwand.

Katz stand auf einem schmalen langen Gang, der sich um sämtliche Zimmer herumzog. In Abständen, die der Größe der dahinterliegenden Räume entsprachen, waren an kleinen, kaum sichtbaren Öffnungen Hörtrichter angebracht und dicht daneben die üblichen Guckkästchen, die jedoch nur aus einem Loch mit einer Linse bestanden, durch die man den ganzen Raum, der dahinterlag, beobachten konnte.

An dem Schreibtisch, auf dem ein Riesenstrauß dunkelroter Rosen stand, saß in elegantem Straßenkleid, mit Hut und langen Schweden, Nelly Brückner und kokettierte süß lächelnd mit einem alten Herrn.

»Ich wiederhole Ihnen, Gnädigste, da Sie mir gestatten, mit Ihnen darüber zu sprechen, ich würde gern die doppelten und dreifachen Beträge zahlen; aber den Mädchen fehlt die Kultur der Liebe. Sie betrachten, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Liebe zu sehr als Toilettenangelegenheit.«

»Ich verstehe – verstehe durchaus.«

»Das mag für junge Füchse das Richtige sein. Unsereins verlangt mehr. Man will – so wie drück' ich mich aus? – angeregt sein. Und wenn es nur ein Händedruck oder ein liebes Wort ist. Es erleichtert den Verkehr ungemein – und schließlich – es beschleunigt ihn auch.«

»Ich versichere Ihnen, das alles wird kommen«, erwiderte Nelly und machte sich einen entsprechenden Vermerk auf ihrem Notizblock.

»Aber wann?«

»In einigen Wochen – alles das muß ihnen erst beigebracht werden. Und zwar so, daß es auch natürlich wirkt.«

»Dann werde ich meinen Besuch also um ein paar Wochen vertagen«, erwiderte der alte Herr und machte Anstalten, sich zu erheben.

»Aber bleiben Sie doch!« bat Nelly und griff dabei, scheinbar unbeabsichtigt, nach seiner Hand.

Der Alte setzte sich wieder. Nelly ließ seine Hand nicht los, fuhr mit ihren weichen Schweden darüber hin, verstärkte den Druck und sagte:

»Ich will es den Mädchen ja beibringen, damit Sie Freude haben. So einem lieben Herrn muß man so gut sein.« – Sie sah ihn verliebt an. Er lächelte und sagte:

»Nun ja.«

Dann faßte er mit der freien Hand nach ihrer und spielte damit.

»Ziehen Sie mir doch den Handschuh aus«, bat sie und sah ihm zärtlich in die Augen.

Der alte Herr öffnete behutsam die Knöpfe, streifte bedächtig den Handschuh ab und betrachtete andächtig die zarte und gepflegte Hand, die unter dem Handschuh zum Vorschein kam.

»Streifen Sie ihn doch ganz ab«, bat Nelly und drückte dabei leicht seine Hände.

Er zog den Handschuh ganz herunter, so daß der schön geformte, weiße Arm bis zu den Ellenbogen nackt war. Und daneben legte sie jetzt den andern Arm, der mit den langen schwarzen Schweden einen anregenden Kontrast dazu bildete.

Der Alte fuhr mit zitternden Händen den entblößten Arm entlang. Nelly hob ihn ein wenig und sagte:

»Sie dürfen . . .«

Er beugte sich ein wenig nach vorn und führte den Arm an seine Lippen. Nelly legte die behandschuhte Hand auf seinen Kopf, der kahl war, fuhr darüber hin; sie fühlte, wie der Druck seines Mundes immer fester wurde. Sie stand vorsichtig auf, trat dicht an ihn heran, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf die Stirn.

Der alte Herr atmete schwer und legte die plumpen Arme um ihre Hüften. Als er den Versuch machte, weiter zu fühlen, wehrte sie sich und sagte:

»Nicht!«

»Sei– en Sie lieb! – Fordern Sie!«

Nelly drückte, ohne daß er es merkte, auf eine elektrische Klingel, die auf dem Schreibtisch stand. Zwei Augenblicke später öffnete sich eine Tapetentür und aus einem Fahrstuhl trat in seidener Pyjama und mit offenem Haar, das fast bis zu den Knien reichte, Motte.

Nelly trat geschickt zur Seite. An ihre Stelle trat Motte, die zärtlich von dem alten Herrn Besitz ergriff und ihn zum Fahrstuhl führte.

Eine Minute später war Nelly wieder allein. Kurz darauf hatte sie ein telephonisches Gespräch mit Frau Ina. Und dies wieder hatte zur Folge, daß der alte Herr am nächsten Tage beim Morgenkaffee unter seiner Post einen Brief vorfand, in dem es hieß:

Wir nehmen gern und dankbar Kenntnis davon, daß Sie zwecks Förderung der Interessen unseres Vereins von heute ab den Mitgliedsbeitrag verdoppeln werden. Im Zusammenhange hiermit ersuchen wir Sie, sich bei Ihren Besuchen auch künftighin zunächst an das Informationsbureau I wenden zu wollen.

Hochachtend und ergeben

Im Namen des Vorstandes:

Baronin Waltner. Mathilde Brückner.

Dr. Wolfgang v. Erdt.


* * *


Ein talentvolles Mädchen, dachte Katz, als Nelly nach dieser für ein junges Mädchen der Gesellschaft immerhin ungewöhnlichen Leistung ihren Roman, der aufgeschlagen auf dem Schreibtische lag, wieder zur Hand nahm und, als wäre nichts geschehen, darin zu lesen begann. Er wollte eben weitergehen, als er in dem Hörrohr ein Geräusch vernahm. Er blieb stehen, sah wie Nelly den Hörer abnahm und in den Apparat rief:

»Wer, bitte?« fragte sie. Und auf die Antwort, die ihr wurde, erwiderte sie: »Was für'n Kommerzienrat?« – Dabei stellte sie mit der freien Hand den Handspiegel auf, brachte Hut und Frisur in Ordnung, legte Puder auf und nahm das kleine Fläschchen von Houbigeant aus dem Schreibtisch. – »Ah so!« rief sie in den Apparat, »jetzt verstehe ich, also kein Kommerzienrat – ja, ja! ich höre – der Konsistorialrat und Theologieprofessor Schröder – freilich, das ist etwas ganz anderes. – Einen Augenblick, dann sagen Sie ihm, ich lasse bitten.« –

Sie hing den Hörer an, riß den Hut ab, klappte den Spiegel zusammen, fuhr sich mit dem Spitzentuch über das Gesicht und wischte den Puder ab, legte den Roman beiseite, zog aus dem Schreibtisch ein Buch heraus, das dem Format nach die Bibel war, streifte sich den langen Schweden vom linken Arm und zog sich die Ärmel, die durch einen Trick mühelos zu verkürzen waren, bis über die Gelenke herunter. Dann drückte sie auf einen Knopf, und ins Zimmer trat im hochgeschlossenen Gehrock, den Zylinder in der Hand, der Konsistorialrat und Theologieprofessor Schröder.

Als der sich der jungen Nelly Brückner gegenübersah, stutzte er einen Augenblick und sagte:

»Verzeihung, ich weiß nicht, ob man mich hier an die richtige Stelle verwiesen hat.«

Dabei kroch er noch tiefer in seinen langen Rock hinein, stülpte sich den Zylinder auf und sah sich ängstlich in dem Zimmer um.

»Darf ich fragen, was Sie suchen? » fragte Nelly. Und der Konsistorialrat, der es mißverstand und wörtlich nahm, während sich die Frage nur auf den Grund seines Besuches bezog, sah sich zunächst weiter im Zimmer um, atmete erleichtert auf und sagte:

»Ich suchte es nicht – im Gegenteil! Ich bin sehr froh . . .« und dabei trat er näher an den Schreibtisch heran.

Katz mußte lachen, während Nelly ernst blieb.

Aber beide wußten, daß er in dem Glauben, sich in der Etage geirrt zu haben, nun froh war, weder Bett noch Chaiselongue im Zimmer vorzufinden. Auch den hohen Hut nahm er wieder ab.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Konsistorialrat?«

»Gewiß; nur weiß ich noch immer nicht . . .«

»Ich bin die Tochter von Mathilde Brückner und Mitglied des Vorstandes. Mir ist vor allem das persönliche Wohl der Mädchen anvertraut.«

»So, so! dann stimmt es ja. Ich stieß mich an Ihrer Jugend und an Ihrem Äußern . . .«

»Ich bin älter, als ich aussehe«, erwiderte Nelly. »Aber ich mache mich absichtlich jung, um das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen. Mit den alten Vorstandsdamen schließen sie schwerer Freundschaft; daher war es nötig, daß ein jüngeres Mädchen das Opfer brachte. Leicht fällt es mir nicht. Aber dem edlen Zweck zuliebe tut man schließlich viel.«

Der Konsistorialrat war plötzlich wie umgewandelt. Er ging auf sie zu, reichte ihr die Hand und sagte:

»Ich beglückwünsche Sie zu diesem Opfer, das Ihnen zur Ehre gereicht.«

»Das Bewußtsein, Gutes zu wirken, läßt mich alles Häßliche überwinden.«

»Man begegnet heutzutage selten edlen Menschen. Um so größer ist die Freude, wirklich mal einen zu finden.«

»Dabei bin ich überzeugt, es denken nicht einmal alle wie Sie, Herr Konsistorialrat«, erwiderte Nelly. »Auf einem so exponierten Posten bin ich sicherlich übler Nachrede ausgesetzt.«

»Schlechte Menschen!« suchte der Konsistorialrat sie zu beruhigen. »Wer Herz hat und sehen kann, der wird Ihnen nur mit Hochachtung begegnen.«

Nelly, die jetzt nicht mehr süß lächelte, sondern ein ernstes, fast feierliches Gesicht machte, das sie älter und weniger hübsch erscheinen ließ, sagte:

»Wenn doch alle so dächten, man arbeitete noch mal so gern.«

»Sie dürfen nicht dem Beifall der Menschen nachgehen, sondern müssen suchen, Gott zu gefallen.«

Nelly schloß die Augen, senkte den Kopf ein wenig und hauchte:

»Das tue ich.« – Und nach einer Pause: »Sonst hielte ich es hier nicht aus.«

»Die Begegnung mit Ihnen, mein Fräulein,« fuhr der alte Konsistorialrat fort, »bestärkt mich in meiner Absicht, derenwegen ich hier bin.«

»Darf ich fragen?«

»Gewiß! Ich habe, wie wohl viele andere, seinerzeit einen Prospekt über die Ziele Ihres Vereins erhalten. Ich muß gestehen, ich konnte einen bittern Beigeschmack trotz allem Verständnis, das ich den Bestrebungen entgegenbringe, nicht unterdrücken. Ich habe zu trübe Erfahrungen gerade auf dem Gebiete der Wohltätigkeit gemacht. Was hat man nicht alles zu diesem Zwecke mißbraucht? Aber ich bin den Gedanken doch nicht losgeworden. Vielleicht, weil er so ungewöhnlich ist. Und bei dem vielen Denken ist mir da eine Idee gekommen, die es mir als Seelsorger geradezu zur Pflicht machte, mich an Sie zu wenden.«

»Wenn es den von uns erstrebten Läuterungsprozeß beschleunigt – und dafür bürgt in diesem Falle Ihre Person –, so dürfen Sie bestimmt bei uns auf Verständnis rechnen.«

»Es fragt sich, ob dieser Läuterungsprozeß schon genügend vorgeschritten ist, um meine Arbeit mit Aussicht auf Erfolg zu beginnen. Ich will nicht mehr und nicht weniger, als diesen armen gefallenen Mädchen Religion beibringen.«

Nelly stutzte einen Augenblick lang, hob dann den Kopf hoch, sah den Konsistorialrat strahlend an und sagte:

»Das ist ein erhabener Gedanke!«

»Es freut mich, daß ich bei Ihnen auf Verständnis stoße.«

»Erlauben Sie mir, einen Augenblick darüber nachzudenken?«

»Bitte sehr.«

Nelly stützte den Kopf auf und zog die Stirn in Falten.

»Je länger ich es erwäge, um so mehr leuchtet es mir ein,« sagte sie nach einer Weile. »Ja, ich sehe darin eine so gewaltige Förderung dessen, was wir erstreben, daß ich – Sie merken es mir wohl an – meine Rührung nicht mehr unterdrücken kann.« – Und wirklich hatte Nelly jetzt Tränen in den Augen.

Der Konsistorialrat sah sie beglückt und teilnahmsvoll an und sagte:

»Ich freue mich sehr.«

»Mir scheint, daß damit der Erfolg unserer Mühen gesichert und gekrönt wird. Denn das sagte ich mir als gläubiger Mensch oft: ohne Religion geht es nicht!«

»Wie gern – und wie selten hört man das heutzutage.«

»Und Sie würden selbst . . .«

»Auch ich würde es als Krönung und als den würdigsten Abschluß meine seelsorgerischen Tätigkeit betrachten.«

»Ich wünschte, wir könnten gleich zu einer festen Vereinbarung gelangen.«

»Das ist nach meiner Aussprache mit Ihnen auch mein Wunsch. Ich hatte, als ich kam, zwar nur an eine Anregung gedacht; ich wollte mich zunächst mal orientieren. Nun, da das geschehen ist, sind all meine Bedenken behoben.«

»Wenn ich auch nicht selbständige Entscheidungen treffen kann, so glaube ich doch, Ihnen jedes Gehalt, das Sie für den Religionsunterricht beanspruchen, zusichern zu können.«

Der Konsistorialrat wehrte mit beiden Händen ab.

»O nein! Geld nehme ich dafür nicht. Ich werde wie jeder andere den Mitgliedsbeitrag entrichten und, so dachte ich es mir, außer den Einzelstunden, je nach Bedarf, den Mädchen zweimal wöchentlich gemeinsam Unterricht erteilen.«

»Da wage ich natürlich nicht zu widersprechen, zumal ich es selbst so halte.«

»Dann können Sie mir also auch die nötigen Aufschlüsse über die Charaktere und Veranlagung der Mädchen geben.«

»Bis ins Kleinste.«

»An einen systematischen Unterricht denke ich dabei natürlich nicht. Es wird sich in diesem Falle in erster Linie natürlich darum handeln, seelisch auf die Mädchen einzuwirken.«

»Ich verstehe. Sie wollen den göttlichen Funken, der ja in jedem Menschen schlummert, wecken. Damit wäre dann freilich schon viel getan.«

Der Konsistorialrat nickte.

»Sie verstehen mich vollkommen. Es wäre da wohl das Beste, ich beschäftige mich erst einmal eine Stunde lang einzeln mit jedem Mädchen und sehe, wieweit ein gemeinsamer Unterricht überhaupt möglich ist.«

»Das scheint auch mir das Richtige.«

»Und wann, meinen Sie, könnte ich damit beginnen?«

»Wenn Sie mich fragen, Herr Konsistorialrat; am liebsten morgen.«

»Das gefällt mir! Das Gute soll man nicht hinausschieben, sondern gleich tun.«

Er stand auf.

»Wir dürfen Sie somit als unser Mitglied betrachten?«

»Jawohl!«

Auch Nelly erhob sich.

»Ich möchte Sie doch noch mit Mama bekanntmachen. Sie kann Ihnen besser noch als ich Aufschluß über die Veranlagung jedes der Mädchen geben.« – Sie drückte auf einen elektrischen Knopf; gleich darauf erschien Anton Drexler, mit dem sich Nelly durch einen einzigen Blick verständigte.

»Wo hält sich meine Mutter augenblicklich auf?«

»Bei Fräulein Lona.«

»Sie sehen,« wandte sich Nelly an den Konsistorialrat, »wir tun alle, was in unsern Kräften steht. Mama vernachlässigt der Sache zuliebe sogar ihre Kunst.«

Der Konsistorialrat bedankte sich immer wieder, verabschiedete sich und drückte Nelly die Hand. Dann ging er mit Drexler hinaus.

Als er draußen war, unterrichtete Nelly durch das Haustelephon ihre Mutter. Sachlich und ohne Kritik.

Was sie sagte und antwortete, ergab, daß Mathilde Brückner aufrichtig froh über die Hilfe war, die ihr durch die Teilnahme des geistlichen Herrn wurde.

Lebhafter war das folgende Gespräch, das Nelly mit Frau Ina führte. Den tätigen Beitritt des Konsistorialrates schätzten beide höher ein als die Verdoppelung der Mitgliederzahl. Sie beschlossen seine sofortige Aufnahme in den Vorstand und einen Neudruck aller Prospekte. Da sollte sein Name an erster Stelle neben dem der Baronin prangen. In dem Gebäude, das Frau Ina so kunstvoll errichtet hatte, war dies die stärkste Säule, die den Bau festigte und den letzten Zweifler mundtot machte.


* * *


Hier kann man die menschliche Komödie studieren, dachte Katz und kam sich gegenüber dem, was sich ihm hier erschloß, zum ersten Male in seinem wechselreichen Leben wie ein anständiger Mensch – er unterbrach sich in seinen Gedanken, machte ein verdrießliches Gesicht und verbesserte – wie ein Stümper vor.

Nelly schien nach diesen Vorgängen etwas erschöpft; sie lehnte sich in ihren Sessel zurück, nahm aus einer Porzellandose ein paar Pralinés und aß sie, während sie sich gleichzeitig eine Zigarette anzündete. Katz ging weiter. Im nächsten Zimmer saß in einem tiefen Ledersessel Frau Mira Rießer und legte sich Rot auf.

Anton Drexler meldete, daß die rotblonde Lona sie zu sprechen wünsche. Ohne aufzusehen oder sich in ihrer Arbeit stören zu lassen, erwiderte Frau Mira:

»Bitte!«

Lona kam in eleganter Matiné, offenem Haar, in Tränen aufgelöst:

»Menschenskind, wie laufen Sie denn schon wieder herum! Das geht nicht! – Was ist Ihnen denn?«

»Ach Sie!« erwiderte Lona vorwurfsvoll.

»Ich? – Wieso?«

»Sie wissen es genau. – Sie sind mir eine Schöne!«

»Ja, was wollen Sie denn?«

»Gerade der! – Alle anderen an Sie! geschenkt! mit Kußhand! – Aber Willy gehört mir!«

»Was für 'n Willy?«

»Der Blonde!« – Und unter Tränen schluchzte sie: »So ein lieber Kerl. Und so schöne braune Augen hat er; wie ein Reh; so treu!«

»Liebes Kind!« suchte Frau Mira einzulenken.

»Nein, nein!« fiel ihr Lona ins Wort. »Da gebe ich einen Dreck drauf, ob Sie mich liebes Kind schimpfen oder Hure; Sie meinen ja doch dasselbe. Ich will meinen Willy haben. Alle Mädchen wissen es. Keine rührt ihn an. Auch wenn ich besetzt bin. Willy wartet. Willy will nur mich. So ein lieber Junge! Und wenn er sein Abitur gemacht hat, ist er selbständig und nimmt mich mit nach München.« – Plötzlich schlug ihr Ton um. – »Willy liebt mich! Verstehen Sie? Lassen Sie sich das gesagt sein! Wer mir den Willy anrührt, der bekommt's mit mir zu tun.«

»Ja, wer sagt Ihnen denn, daß ich . . .«

»Meinen Sie, ich bin so blöd? Schon das letztemal hab' ich's gemerkt, wie er verändert war – ganz anders war er, und nur immer von Ihnen hat er gesprochen. Ich hab' ne Nase dafür. Na, und heut, da ist er überhaupt gar nicht erst heraufgekommen. Eine Schöne sind Sie! Aber ich sag's, Frau Mathilde, die hält zu uns; die wird Ihnen schon heimleuchten.«

»Also, Kind, seien Sie vernünftig! Sie sollen Ihren Willy ja für sich haben. Ich verspreche es Ihnen. Aber lassen Sie Frau Mathilde aus dem Spiel.«

»Wirklich?« fragte Lona. Und es schien, als könnte sie es gar nicht glauben.

»Hand darauf!« erwiderte Frau Mira.

Lona ergriff ihre Hand und küßte sie. Die Tränen schossen ihr aus den Augen.

»Ich habe den Willy ja so lieb«, schluchzte sie. »Die ganze Woche freu' ich mich nur auf ihn.«

»Das wußte ich natürlich nicht.«

»Und Sie? – Lieben Sie ihn denn nicht auch?«

»Ich? – Nein! – Wie kommen Sie darauf?«

»Weil Sie ihn doch immer bei sich behalten.«

»Darum?«

»Ja, warum tun Sie das dann, wenn nicht aus Liebe? wo Sie es doch gar nicht brauchen und niemand Sie dazu zwingen kann.«

»Das verstehst du nicht, Kind«, erwiderte Mira und steckte ihr ein Praliné in den Mund. »Also den Willy sollst du haben. Aber wie steht es mit deinen anderen Freunden? Zum Beispiel mit dem Baron Escher?«

»Wer ist das?« fragte Lona.

»Aber Kind, das mußt du doch wissen.«

Lona schüttelte den Kopf.

»Der Lange, Schmale, Glattrasierte, mit den vielen Schmissen?«

»Ach Poldi – der ist Baron?«

»Weißt du das denn nicht? Ich denke, er kommt schon lange zu dir?«

»Ja! – Freunde habe ich viele; aber die Namen kenne ich darum doch nicht. Nur Willy, der hat ihn mir gleich gesagt; schon am ersten Tage, und mich auch gefragt, wie ich mit Vatersnamen heiße; das fragt sonst keiner.«

»Also an Poldi liegt dir nichts?«

»An keinem liegt mir – außer an Willy.« – Plötzlich kamen die Tränen wieder.

»Ja, warum weinst du denn noch, wo ich dir doch versprochen habe . . .«

»Aber wer weiß, ob Willy . . .«

»Was ist mit ihm?«

»Wenn nun er nicht will. Sie gefallen ihm vielleicht besser; weil Sie klüger sind. Aber ich bin jünger. Und hübscher bin ich auch.«

»Ich werde es ihm sagen.«

»Das tun Sie gewiß nicht.«

»Doch, doch! Mir liegt nichts daran. Ich bin gar nicht so entzückt von ihm.«

»Von Willy?« erwiderte Lona gekränkt. »Na, dann kennen Sie ihn nicht. So ein lieber Mensch. Manchmal, da spricht er nur nett mit mir und rührt mich gar nicht an.«

Frau Mira vergaß sich und sagte:

»Das ist es ja.«

»Nicht wahr, wenn er nur kommt, um mich zu sehen und mit mir zu sprechen, dann liebt er mich doch.«

Frau Mira, die dieser durchaus richtigen Psychologie Lonas nicht zu folgen vermochte, sagte, um ihr nicht weh zu tun:

»Gewiß!«

In diesem Augenblick erschien Drexler in der Tür und rief:

»Fräulein Lona« – die Anrede Fräulein, an die er sich so schwer gewöhnte, entsprach dem Paragraphen 3 der neuen Hausordnung – »der Komponiste fragt nach Sie.«

»Ach, das lustige Luder!« rief Lona und schien plötzlich alles andere zu vergessen. »Schnell noch ein Praliné«, bat sie, nahm es sich aber, ohne Frau Miras Antwort abzuwarten, selbst aus der Dose, steckte es in den Mund und lief damit hinaus.

Katz schien es, als wenn in dem Blick, mit dem Frau Mira ihr nachsah, Neid lag. Sie lehnte sich in den Sessel zurück, seufzte:

»Ach ja!«

und schloß die Augen.


* * *


Im nächsten Zimmer sah Katz Frau Olga, die im Hause von allen nur die Herzogin genannt wurde. Und es gab Besucher, die sie daraufhin Durchlaucht oder Hoheit nannten, was sie gern und ohne Widerspruch hinnahm. Katz wußte, daß die Herzogin die Instanz für persönliche, in diesem Falle also diskrete Anliegen war.

Wer auf Grund vorhergegangener Korrespondenz zur Herzogin kam, benutzte einen Geheimweg über den Hof einer parallel laufenden Straße. An einer kleinen Tür empfing ihn dort Max Herzog, der zwar nicht, wie Anton Drexler, einen blauen Frack und seidene Hosen trug, trotz gutsitzenden Cutaways und fein gebügelter Hose aber doch wie ein Zwitter von Hausknecht und Konfektionär aussah. Er geleitete die Gäste in geschmackvoll eingerichtete kleine Räume, in denen jeder für sich und zwar so lange blieb, bis die Herzogin ihn durch ihren Mann rufen ließ.

Als Katz seine Aufmerksamkeit dem Zimmer der Herzogin zuwandte, war sie gerade im Gespräch mit einer tiefverschleierten Dame.

»Ihnen kann natürlich geholfen werden,« sagte die Herzogin, »und ich will durchaus nicht indiskret sein. Aber Sie begreifen, die Rücksicht auf das Renommé des Hauses verlangt, daß die Damen, die man bei uns trifft, jung und hübsch sind.«

»Ich bin beides.«

»Um so weniger begreife ich Ihre Zurückhaltung.«

»Die Stellung, die mein Mann im öffentlichen Leben bekleidet, macht es mir unmöglich, aus meiner Reserve herauszutreten.«

»Wenn ich Sie versichere, daß die höchsten Herrschaften mich ihres Vertrauens würdigen.«

»Ich glaube das gern.«

»Meine Diskretion ist sozusagen der Kredit des ganzen Unternehmens.«

»Das seh ich ja ein.«

»In diesem Falle heißt es: Vertrauen gegen Vertrauen.«

»Ich wäre gezwungen, Ihnen dann allerlei Erklärungen zu geben. Vor allem über meinen Mann. Das widerstrebt mir.«

»Die Notwendigkeit besteht durchaus nicht. Ich setze ohne weiteres voraus, daß Ihr Herr Gemahl im Unrecht ist. Das ist ja doch wohl immer der Fall.«

»Das beruhigt mich sehr.«

»Die Verantwortung dafür, daß Sie aus irgendeinem Grunde gezwungen sind, hierher zu kommen, trägt er; die Verantwortung, daß Ihnen keinerlei Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, tragen wir. Sie allein tragen weder Schuld noch Verantwortung.«

»Sie beruhigen mich sehr.«

»Treue, du lieber Gott, das ist ein Gebot für kleine Leute. Wir Intellektuellen lachen darüber.«

»Und hat mit Liebe nichts zu tun!« warf die Dame, die graziös und schlank war, lebhaft ein.

»Nicht das Geringste.«

»Ich liebe meinen Mann nämlich sehr.«

»Man freut sich stets, so etwas zu hören.«

»Aber schließlich: gegen seine Natur kann man nicht an.«

»Und man soll es auch nicht; man täte damit ein Unrecht; gegen sich selbst und letzten Endes auch gegen seinen Mann. Denn gegen seine Natur ankämpfen, erzeugt Launen. Und unter nichts leidet ein feinnerviger Mann mehr als unter den Launen seiner Frau.«

»Das finde ich auch«, erwiderte die Dame und begann bereits, an ihrem Schleier zu nesteln. »Demnach hätte man ja geradezu die Pflicht, seinem Manne gegenüber . . .«

»Wenn man ihn lieb hat und er es verdient, unbedingt!« fiel ihr Frau Olga ins Wort.

»Wenn eine so kluge und hohe Frau mir das sagt, wie Sie, Frau Herzogin, dann schwindet natürlich jedes Bedenken.« – Sie zog den Schleier jetzt völlig herunter und das feingeschnittene, schmale Gesicht einer noch jungen Frau kam zum Vorschein.

Frau Olga kannte es vom Sehen, ohne gleich zu wissen, wer sie war. Im Theater war sie ihr irgendwann, wenn sie nicht irrte, sogar öfters, begegnet, an der Seite eines Herrn, der distinguiert aussah; aber alt, also ihr Mann, war.

»Nun, wo ich den Vorzug habe, Sie zu sehen,« sagte Frau Olga, »macht es mich geradezu glücklich, Ihnen helfen zu können.«

»Uns sieht und hört hier niemand?« fragte sie ängstlich.

»Ganz ausgeschlossen. – Und wenn ich mir nach dem, was Sie mir zuvor erzählt haben, ein richtiges Bild mache, dann wäre es Ihr Wunsch, am Montagabend einer jeden Woche . . .«

»Montags hat mein Mann nämlich . . .«

»O bitte!« fiel ihr Frau Olga ins Wort. »Es bedarf keiner Erklärung. Ihr Fall steht nicht vereinzelt da. Wir haben eine ganze Reihe junger und auch älterer Damen der Gesellschaft, die bei uns verkehren.«

»Das beruhigt mich sehr.«

»Einige, die es wie Sie aus edlen Motiven tun.«

»Aus edlen Motiven?« fragte die junge Frau erstaunt.

»Nun ja! Der Sache und nicht des Geldes wegen.«

»Des Geldes wegen? Das gibt es auch?« fragte die junge Frau entsetzt und legte sich den Schleier wieder um.

»Es ist die Mehrzahl! Was tut eine eitle Frau nicht, deren Mann nicht in der Lage ist, ihr schöne Kleider und kostbaren Schmuck zu kaufen.«

»Das ist verächtlich!« sagte die junge Frau empört.

»Ich habe für alle menschlichen Schwächen Verständnis.«

»Ich täte das nie!«

»Sie haben das glücklicherweise auch nicht nötig«, erwiderte Frau Olga mit einem verständnisvollen Blick auf ihre Perlen.

»Ich verzichtete gern darauf, wenn ich dafür einen wirklichen Mann hätte, keine Attrappe! Aber des Geldes wegen?« – Sie schüttelte sich. – »Lieber ginge ich nackt.«

»Ich auch«, erwiderte Frau Olga. »Und wir wollen uns beide freuen, daß wir es nicht nötig haben«.

»Am nächsten Montag also!«

»Sie sagten um neun?«

»Ja, aber wie dachten Sie sich das?«

»Sehr einfach, ich stelle Ihnen ein paar der Herren, die bei uns verkehren, vor.«

»Die werden mich doch aber sehen wollen.«

Frau Olga verstand sie nicht.

»Sehen? – Ja gewiß!«

»Das ist natürlich ganz ausgeschlossen.«

»Sie fürchten einen Bekannten?«

»Erstens das! Und dann: ich schäm' mich zu Tode.«

»Ja, aber wie dachten denn Sie sich das Zusammensein?«

»Selbstverständlich verschleiert.«

»Darauf lassen sich unsere Herren schwerlich ein.«

»Müssen es denn Ihre sein?«

»Ach so! Ich verstehe.«

»Das wäre, da es vermutlich durchweg Herren der Gesellschaft sind, taktlos meinem Manne gegenüber.«

Frau Olga konnte sich nicht verkneifen, zu sagen:

»Und schließlich wohl auch gefährlich.«

»Nein, nein! Das tue ich meinem Manne nicht an!« erklärte sie mit aller Bestimmtheit.

»Ich begreife durchaus. Und diese Rücksicht macht Ihnen alle Ehre. Zumal doch Ihr Gatte der schuldige Teil ist.«

»Ganz gleich!« erregte sie sich. »Das verbietet meine Kinderstube.«

»Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau.«

»Das Materielle spielt natürlich dabei keine Rolle.«

»Da muß nun ich widersprechen. Wir sind kein gewerbsmäßiges Unternehmen, sondern eine moralische Anstalt. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Sie haben mir mit der nötigen Offenheit Ihren Fall vorgetragen, wir billigen ihn und sind um Ihres ehelichen Friedens willen bereit, Ihnen zu helfen.«

»Das kann ich nicht annehmen.«

»Es bleibt Ihnen unbenommen, unserm Verein Zuwendungen zu machen, vorausgesetzt, daß Sie seine Bestrebungen billigen. Andernfalls müßten wir es ablehnen.«

»Ich stehe ganz auf dem Boden des Programms, das ich kenne, und ich finde die großzügige Art, in der Sie es auslegen und ausführen, geradezu vorbildlich.«

»Dann wird es mich freuen, wenn Sie dem durch eine Stiftung Ausdruck geben. Wir werden es jedenfalls an nichts fehlen lassen.« –

Das funktioniert in dem Betrieb, dachte Katz und ging eine schmale Treppe hinauf, die zu den oberen Etagen führte.

In dem Eßraum hatten die Mädchen eben zu Abend gegessen. Ein paar, die frei waren, saßen noch beieinander. Es war sauber gedeckt; Obst und eine Karaffe mit Wein standen auf dem Tisch.

»Ein anderes Leben ist das schon, als früher bei der Alten«, sagte eine.

»Wo steckt der Unterschied?« fragte Motte. »In dem verwässerten Wein? Ich habe andere Marken früher getrunken.«

»Und dafür holen sie jetzt das Dreifache aus uns heraus.« – »Das Zehnfache«, verbesserte eine Andre.

»Wir bleiben doch, was wir sind.«

»Nur, daß wir es mehr fühlen. Früher haben wir darüber nicht nachgedacht.«

»Jetzt quält man uns damit.«

»Und ändert doch nichts.«

»Wir hatten längst vergessen, daß ein Leben, wie wir es führen, Sünde ist.«

»Ein Dreck ist es, das fühle ich alle Tage.«

»Mir ist alles gleich. Ich pfeif' drauf.«

»Und in zehn Jahren, was tust du dann?«

»Dann pfeif ich noch immer.«

»In einem Grünkramkeller oder als Abortfrau.«

»Besser als hier.«

»Du hast gut reden. Du hast die Schwindsucht und stirbst früh.«

»Sterben möchte ich nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Vor dem Tod fürcht' ich mich.«

»Leben wir denn?«

»Was denn sonst?«

»Prost! Mir gefällt's!«

»Ich ekle mich vor den Männern.«

»Ich mich auch. Aber vor den Weibern noch mehr.«

»Die kamen früher nicht. Wir hatten an den Männern gerade genug.«

»An die hatte man sich gewöhnt.«

»Da wußte man doch, woran man war. Aber die Weiber!«

»Wenn ich einen Mann hätte, der mir gehörte, ich täte das nicht.«

»Ich wäre ihm treu.«

»Ich auch.«

»Aber uns nimmt keiner.«

»Vor vier Jahren, da hätte ich noch heiraten können.«

»Lüg' nicht!«

»Als Kellnerin hatte ich Chance. Dreimal kurz hintereinander.«

»Du warst einmal hübsch. Das sieht man noch.«

»Der eine war Ober und hat heute ein Hotel; wie hieß er doch? Franz, glaub' ich. Der andere lernte Apotheker und soff und hatte reiche Eltern und einen Schmiß, der ging ihm über den ganzen Kopf. Darum soff er, sagte er. Und der dritte war Lehrer, der war so schüchtern und wurde rot, wenn er mir die Hand gab. Der meinte es ehrlich. Ehrlich meinten es alle. Jeden Tag stand auf meinem Serviertisch ein Strauß; – sehr dürftig, und meist hatte er selbst die Blumen gepflückt. Er sagte es nie, aber ich wußte, sie waren von ihm. Er hatte immer die Zeitung vor sich. Aber er tat nur so und las sie nie, sondern sah mich an. Und wenn ich mir eine Blume ansteckte, dann war er ganz glücklich. Manchmal vergaß ich's. Dann war er traurig, stand auf und ging. Eines Tages kam er mit einer alten Frau. »Das ist meine Mutter!« sagte er. Die Alte gab mir die Hand und bat mich, sie zu besuchen. Ich habe es nie getan. Dann blieb er fort. Einmal noch kam er und brachte Blumen mit einem Brief, darin schrieb er: ›Lina, kommen Sie doch zu meiner Mutter, ich hab' Sie lieb!‹ – Aber ich kam nicht.«

»Weshalb gingst du nicht?«

»Das ist es ja,« sagte sie; »ich war verliebt.«

»In wen?«

Lina senkte den Kopf.

»In einen Offizier, der kam jeden Freitag und sagte: ›Lina, morgen kommst du zu mir!‹ – Samstag hatte ich Ausgang. – Und jeden Samstag ging ich zu ihm und freute mich die ganze Woche darauf.«

»War er lieb?«

Lina schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein. Aber ich hatte ihn lieb.«

»Weißt du, wieso?«

»Nein!«

»So ging es mir auch.«

»Eines Tages merkte ich, ich bekam ein Kind.«

»Erzähle!«

»Ich war so froh!«

»Froh warst du?«

»Es war der glücklichste Tag meines Lebens.«

»Und er? – der Offizier?«

»Ich tauschte mit einer Freundin und machte mich frei und stürzte zu ihm. Ich glaubte, er würde sich freuen.«

»Das glaubtest du?«

»Ja! – Ich war achtzehn!«

»Und er?«

»Er hörte mich an und sagte: ›Dann komme nicht mehr!‹ – Ich fiel in eine tiefe Ohnmacht. Als ich erwachte, war ich zu Haus und lag auf meinem Bett, und neben mir auf dem Nachttisch lag ein Kuvert – wißt ihr, was darin war? Wißt ihr's? Glaubt ihr's? – Nein! Ihr glaubt es nicht!«

»Was denn? was denn?« fragten die Mädchen.

Lina zitterte vor Erregung:

»Zweihundert Mark!«

»Pfui!« riefen die Mädchen.

»Ich habe sie zerrissen, meine Stellung verloren, mein Kind zur Welt gebracht und mich so gegrämt, daß ich krank und schwach wurde, zu schwach zur Arbeit. Und meinem Kinde zuliebe, damit ich dafür sorgen kann, daß es lebt und ein guter Mensch wird, bin ich – hierher gegangen.«

»Und der Schuft?«

»Das ist das Schlimmste: ich liebe ihn heute noch; genau, wie ich ihn damals liebte. Und ich werde ihn immer lieben. Nicht nur, weil er der Vater meines Kindes ist.«

»Was ist aus ihm geworden?«

»Ein großer und geachteter Mann. Er hat Frau und Kind und tausend Ehrenämter.«

»Und du hast dich nie an ihn gewandt?«

»Des Kindes wegen einmal.«

»Und er?«

»Hat mich auf die zweihundert Mark verwiesen und sich jede weitere Korrespondenz verbeten.«

»Und trotzdem liebst du ihn noch immer?«

»Ja! – Und darum ist es auch gut, daß ich hier bin und nicht wo anders. Ich muß mich selbst verachten, dann komme ich am ehesten darüber hinweg und kann ohne Haß an ihn denken. Solange ich Stolz hatte, sträubte sich was in mir. Und oft war es mir, als wenn ich ihn nicht mehr liebte. Das ist nun vorüber. Ich weiß nun, die Liebe bleibt mir.«

»Und dein Kind?«

»Für das bin ich tot, und es darf nie etwas von mir erfahren.«

Die Mädchen schwiegen eine Weile, dann sagte eins:

»Die armen Menschen.«

»Wenn sie besser wären, brauchte man sie nicht zu bedauern.«

»Können sie denn dafür, daß sie so sind?«

»Ich weiß es nicht.«

»Mathilde Brückner sagt, wenn sie wollten, könnten sie alle gut sein.«

»Sie wollen nicht.«

»Frau Brückner sagt, dazu muß man sie erziehen. Auch uns will sie dahin bringen.«

»Für wen sollen wir denn gut werden? Etwa für das Gesindel, das uns besucht?«

»Die sind noch schlimmer als wir.«

»Wir sollen gegenseitig aufeinander einzuwirken suchen«, sagte Lona, aus der wieder die Stimme Mathilde Brückners sprach.

»Als ob die uns ernst nehmen. Die lachen uns aus.«

»Was nützte es uns denn auch, gut zu werden? Wir verkommen ja doch.«

»Dann wollen sie uns helfen.«

»Wer?«

»Der Verein.«

»Etwa diese Nelly, die uns haßt? Oder ihr sogenannter Vater, der uns verachtet und nur an das Geschäft denkt?«

»Die einzige, die es ehrlich mit uns meint, ist Mathilde Brückner, aber der tanzen sie auf der Nase herum.«

»Ich wüßte auch gar nicht, wie man uns helfen kann! Mich in die Fabrik stellen und mich von den andern beschimpfen lassen von wegen hier – da bleib' ich lieber.«

»Sie meinen freie Berufe. Aber dazu müßten wir erst energisch werden. Und das sind wir nicht, weil wir uns des freien Willens begeben haben, als wir in solch Haus gegangen sind.«

»Gegangen worden sind«, verbesserte Motte.

»Bei mir war es freiwillig; und bei Änne auch.«

»Aber was vorausging, das war schuld daran, daß ihr gingt.«

»Wenn wir nicht geboren wären, wären wir nicht hier.«

»Und wenn wir reich geboren wären, auch nicht.«

»Wenn ich nur eine Mutter gehabt hätte, der hätte ich das nicht angetan.«

»Das sagt man so. Nachher, da ist doch alles ganz anders.«

»Ich hätte im Geschäft bleiben können. Ich verdiente ganz gut.«

»Ich auch.«

»Aber der Chef, das Ekel! Ich war noch Jungfer und dachte wunder, was das für eine Begebenheit wäre. Und sträubte mich und flog.«

»Mir haben sie auch so Angst gemacht zu Hause.«

»Ich hätte bleiben sollen; ich wäre in eine höhere Stelle gerückt und der Chef hätte mich bald übergehabt. Dann wäre es mir gut gegangen; es wäre ein anderer gekommen, der hätte mich dann geheiratet. Und wenn der nicht, dann der Nächste.«

»So ging es mir auch. Hätten meine Eltern nicht so eine große Begebenheit daraus gemacht, ich hätte mich nicht geschämt und zugrunde gerichtet und wäre bei ihnen und in meiner Stellung geblieben.«

»Wenn sie helfen wollen, sollen sie da helfen. Und es nicht erst so weit kommen lassen.«

»Mathilde Brückner sagt, jede von uns kann, sobald sie für reif und mündig befunden wird, selbst wählen.«

»Ich wünsch' mir ein Kind!«

»Ich auch!«

»Das meint sie nicht. Sie meint eine Beschäftigung.«

»Ein Mann und ein Kind und Arbeit. Denn sonst fängt ja der Leidensweg von vorn an. Denn draußen hat sich ja doch nichts geändert.«

»Wir haben abgeschlossen mit draußen, und man hätte uns hier in Ruhe und uns selbst überlassen sollen.«

»Das wäre besser gewesen.«

»Änne sagt es auch.«

»Früher haben wir gar nicht darüber nachgedacht, und jetzt reden wir immerfort davon.«

»Die Männer kommen mir viel dümmer vor seitdem; früher habe ich gar nicht darauf geachtet, sie kaum angesehen.«

»Sie reden nur Unsinn – und lügen, wie wir.«

»Das alles regt einen so auf. Ich kann am Tage schon gar nicht mehr schlafen.«

»Früher hatte man bis drei Uhr hier seine Ruhe. Heute wird es überhaupt nicht mehr still.«

Das Haustelephon knatterte.

Lona, Motte und Lina wurden nach unten befohlen.

»Ekelhaft!« sagte Motte

»Früher machte einem das nichts.«

»Ich geh' nicht.«

»Wir müssen.«

»Wir wollen erst nachseh'n.«

»Wer, das ist mir ganz gleich.«

»Manchmal ist es ganz furchtbar.«

Durch das Telephon rief eine Stimme:

»Wo bleibt ihr?«

Lona erwiderte:

»Wir kommen!«

»Nein!« schrie Motte und trampfte mit dem Fuß auf. Sie standen erregt, in Erwartung, und sahen zur Tür.

Frau Olga und Nelly Brückner erschienen. Beide schrien gleichzeitig:

»Was bedeutet das?«

Motte nahm Lona bei der Hand und sagte:

»Ich kann nicht!«

»Was fehlt Ihnen?« fragte Frau Olga.

»Ich weiß nicht – aber mir fehlt die Stimmung.«

»Launen!« – schrie Frau Olga. »Das könnte mir passen.« Sie wandte sich an Lona. Die sah ängstlich auf und sagte:

»Mir geht es auch so.«

»Und Ihnen?« fragte sie, zu Lina gewandt:

»Ihnen auch?«

Lina nickte.

»Also eine Revolte!«

»Man sollte sie mit einem Gummischlauch hinüberpeitschen«, sagte Anton Drexler, der gerade hinzukam.

»Ich habe das Gefühl, ich kann nicht«, erklärte Motte, und Lina fragte schüchtern:

»Wer ist es?«

»Ach so! wählerisch sind die Damen!« rief Nelly höhnisch.

»Wir werden Ihnen künftighin immer erst eine Photographie mit Lebenslauf einreichen!« spottete Frau Olga.

»Man hat doch auch mal eine menschliche Regung«, sagte Motte.

»Sie?« fragte Nelly, zog die Schultern hoch und lachte.

»Ja, ich!« erwiderte Motte.

»Moralische Anwandlungen in einem Freudenhause? Das glaubt Ihnen niemand.«

»Es ist aber so.«

»Durch wessen Schuld?« fragte Nelly, und Motte erwiderte:

»Durch Ihre!«

»Meine?« fragte Nelly.

»Die Ihrer Mutter. Warum läßt sie uns nicht zufrieden?«

»Undankbare Gesellschaft!« schalt Frau Olga. »So lohnt ihr das Gute, das man euch tut.«

»An euch vergeudet!« verbesserte Nelly.

»Ihr versteht uns nicht!«

»Ihr quält uns nur!«

»Wir können nicht heute so und morgen so. Entweder – oder.«

»Erst werdet einmal Menschen!« sagte Nelly. »Dann wird man weiter sehen. Wie, das ist unsere Sache!«

»Also vorwärts!« trieb Anton Drexler die Mädchen an. Die drängten sich eng aneinander und schlüpften an Frau Olga und Nelly vorbei zur Tür.

Als sie draußen waren, heulten die andern.

»Laßt das!« schalt Frau Olga. »Wenn das jemand hört, glaubt er, er sei in einem Trauerhause.«

Und Nelly dachte:

»Überall ist Mama im Wege.«


* * *


Als Katz den Gang weiter entlang schritt, begegnete ihm der Schriftsteller Bender mit Papier und Füllfeder in der Hand. Bei der absichtlich schlechten Beleuchtung stießen sie beinahe aneinander.

»Das bedarf noch der Veränderung,« sagte Katz, »damit man sich nicht derartig hier in die Arme läuft.«

»Mich stört's nicht«, erwiderte Bender.

»Aber andere. Ich persönlich bin völlig uninteressiert. Aber Sie« – und dabei wies er auf das Papier, das Bender in der Hand hielt – »scheinen doch vom Bau zu sein.«

»I Gott bewahre. Ich studiere.«

Katz lächelte.

»Fertigen Sie Zeichnungen für ein pornographisches Buch an?«

»Ja und nein; das kommt darauf an, ob Sie es wörtlich nehmen.«

»Hoffentlich sind Sie einer von den ganz Modernen.«

»Warum wünschen Sie das?«

»Im Interesse der Betroffenen; damit die sicher sind, daß man sie nicht erkennt.«

»Ich zeichne keine Porträts.«

»Sondern?«

»Höchster menschlicher Empfindung suche ich Ausdruck zu geben.«

»Ich verstehe. Es kommt Ihnen demnach nur auf Intuition an, um das höchste Gefühl symptomatisch wiederzugeben.«

»Nicht ganz. Ich gebe ein Buch heraus.«

»Sie schreiben?«

»Ich schreibe ab.«

»Von wem?«

»Was ich hier höre. – Meine Tätigkeit ist eine rein manuelle.«

»Die Unterhaltung, die man hier pflegt, bietet meines Erachtens nichts Anregendes.«

»Ich halte mich ausschließlich an den weiblichen Teil.«

»Ob das in diesem Falle das geistige Niveau in günstigem Sinne beeinflußt, scheint mir zweifelhaft.«

»Es kommt mir weniger auf das Geistige als auf das Sinnliche an.«

»Das dürfte kaum eine Abwechselung bieten. Die Unterhaltung, soweit man dabei überhaupt von einer Unterhaltung im üblichen Sinne reden kann, bewegt sich ja doch wohl immer in denselben ausgetretenen Bahnen.«

»Auf die kommt es mir nicht an.«

»Ja, was anderes gibt es doch nicht.«

»O doch. Denken Sie nur an die Dadaisten.«

»Laute?«

»Naturlaute! Unbeherrschte, von der Leidenschaft erzeugte.«

»Um sie in Musik zu setzen?«

»Aus Liebhaberei. Und zwar nur, was die Frau im Augenblicke der höchsten Glücksempfindung äußert – oder besser: lallt.«

»Und zu welchem Zweck?«

»Für ein Buch mit dem Titel: ›Les cris des femmes‹, mit Zeichnungen von Bayros. Ein Privatdruck in 500 Exemplaren. Das Exemplar zum Preise von fünfzehnhundert Mark.«

Bender griff in die Tasche, holte einen Bogen hervor und sagte:

»Hier ist die Liste der Subskribenten!«

»Wenn Sie mich dann bitte notieren wollen.«

Katz reichte ihm seine Karte und Bender sagte:

»Mit Vergnügen.«

»Die Idee ist vorzüglich. – Ich bin äußerst begierig auf das Buch.«

»Die Psyche der Frau spiegelt sich darin wieder. Denn wenn irgendwann, dann verrät sie in diesem völlig unbeherrschten Augenblick ihr wahres Wesen.«

»Ich denke mir, daß in dem Moment doch alle Frauen das gleiche empfinden.«

»Auf die Art, wie sie es zum Ausdruck bringen, kommt es an. So wird man von einer Frau, die auch in diesem höchsten Augenblicke noch immer an den Mann und nicht an sich denkt, ohne weiteres behaupten können, daß sie selbstlos ist.«

»Gibt es das?«

»Eine einzige ist mir begegnet.«

»Und was sagte die?«

»›Excusez‹ hauchte sie – ist das nicht rührend?«

Katz mußte lachen.

»Sie lachen«, sagte Bender. »Aber zeigt sich in diesem einen Wort nicht ihr ganzer Charakter?«

»Es ist fast anzunehmen.«

Plötzlich ließ er ihn stehen und ging eiligen Schrittes den Gang entlang. Katz hatte nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich von ihm zu verabschieden. Der Mann interessierte ihn. Er wandte sich nach ihm um und sah, wie er sich, in derselben unauffälligen Form wie zuvor mit ihm, jetzt mit einem alten Herrn bekannt machte, der, interessiert und nicht unfreiwillig, einem Vorgang folgte, der sich hinter der Wand abspielte. Sie wechselten ein paar Worte, dann zog Bender einen Bogen aus der Tasche, und die Liste der Subskribenten war um einen Abnehmer bereichert. Katz erfuhr später, daß Bender ständiger Gast auf diesen Gängen war und im Auftrage Frau Inas handelte, die die Mutter dieses verlegerischen Gedankens war.


* * *


Doktor Winter war ein Tatsachenmensch, der sich nicht gern bei der Vorrede aufhielt. Er war ohne Ideale und sachlich. Er besaß Millionen, und da jeder seinen großen Reichtum kannte, so kam es, daß man seinen Verkehr nur des Geldes wegen suchte; zumal die Frauen. Sie verliebten sich in sein Geld, und da das ihr Denken völlig in Anspruch nahm, so blieb ihnen keine Zeit, sich in seine Person zu verlieben. Er fand das dumm, zumal er die Wahrnehmung machte, daß andere Männer, die auch nicht anregender und bedeutender waren als er, geliebt wurden. Und so beschloß er eines Tages, obgleich er eben erst dreißig war, künftighin sein Inneres Frauen zu verschließen und auch die Liebe nicht mehr persönlich zu nehmen. Ersatz suchte und fand er im Sammeln alter Bilder und begriff bald nicht mehr, wie er ein Jahrzehnt lang Zeit und Geld und vor allem Gefühl an Dinge verschwendet hatte, die ihn nun völlig kalt ließen.

Schon am Tage nach der offiziellen Eröffnung war er als einer der ersten zur Stelle und hatte sich zu Marianne führen lassen. Den Umweg über das Informationsbureau, auf den ihn Anton Drexler verwies, hatte er vermeiden wollen.

»Nur das erstemal«, hatte Drexler gesagt, obschon ihm Winter einen Fünfzigmarkschein anbot. Sonderbar, dachte Winter; wer hat denn ein Interesse, mehr zu bieten? Schon um das festzustellen, gab er nach und saß in dem Bureau kaum fünf Minuten Frau Mira gegenüber, als er es auch schon wußte.

»Wenn ich Ihnen kurz ein Bild von dem Charakter Fräulein Mariannes entwerfen darf«, hatte Frau Mira begonnen, und er hatte erwidert:

»Nein! das dürfen Sie nicht!«

»Nur damit Sie wissen, wie Sie am wirksamsten auf sie Einfluß üben.«

»Bin ich ihre Gouvernante?«

»Sie legen also keinen Wert auf . . .«

»Auf Charakter und seelische Einwirkung? nein! im Gegenteil! ich finde, das stört in Ausübung des Berufes; jedes Berufes! ausnahmslos!«

Frau Mira lachte.

»Wenn alle so dächten!«

»Dann wäre die Welt weniger kompliziert und man sparte viel Zeit.« – Er stand auf, zog eine Mitgliedskarte hervor und sagte: »Also bitte! die schwarze Marianne.«

»Sie gefällt Ihnen?«

»Ist das Bedingung?«

»Nein! Ich meine nur, sie ist so unentwickelt wie ein Knabe. Ein Mann wie Sie sieht doch auf Formen« – und dabei lehnte sie sich in den Sessel zurück und dehnte sich, als wenn sie auf einer Chaiselongue läge.

Doktor Winter verstand. Er überlegte, prüfte, fand sie nicht übel. Und er war schon im Begriff, Frau Miras Werbung zu folgen, als er daran dachte: eine verheiratete Frau hat für gewöhnlich einen Mann; so ein Mann sieht es manchmal nicht gern – die Folge sind Unannehmlichkeiten – im besten Falle Rücksichten. Höflichkeiten – danke! nein! – Er tat also, als sähe oder verstände er die Geste nicht und sagte:

»Ist Marianne nicht frei?«

Frau Mira war gekränkt, setzte sich wieder zurecht und sagte:

»Dazu bin ich nicht da! – Ich kupple nicht. Fragen Sie draußen. Ich habe über das seelische Wohl der Mädchen zu wachen!«

»Quatsch!« sagte Winter, ging hinaus und schlug hinter sich die Türe zu. –

Als er vor Mariannes Türe stand, stutzte er einen Augenblick, blieb stehen, war unschlüssig und dachte, was er nie tat, wenn er zu einer Frau ging, nach. Warum hatte er diese Frau, die jung, reizvoll und, wenn er es recht bedachte, eigentlich sein Geschmack war, verschmäht? – Weil Marianne ihm vor Augen stand? – Er lachte. – I Gott bewahre! Dies kleine Mädchen konnte neben dieser Frau doch keine fünf Minuten leben. Und geschlechtlich reizte es ihn gar nicht. – Wozu also ging er zu ihr? Er wußte es selbst nicht. Und doch fühlte er, daß nichts ihn bestimmen könnte, umzukehren und zu verzichten. Also war es Neugier! Wenngleich das keine Erklärung für die Hemmung war, die ihn jetzt festhielt. Als er eben an die Tür klopfen wollte, ertappte er sich bei einem Gefühl, das ihm noch bedenklicher schien. Ihm kam der Gedanke: wenn jemand bei ihr wäre und sie riefe: ich bin nicht allein; ich kann nicht! – Er fühlte, daß ihn das kränken würde. Nicht aus Eifersucht. Er kannte sie ja gar nicht. Und sie wußte nichts von ihm. Eigentlich, dachte er, müßte sie rein sein; das stände ihr gut. Als Mädchen in solchem Hause wirkt sie unnatürlich, wenn nicht grotesk. Wenn jemand ein Plakat der »Neuf d'or« zeichnen ließe und auf den Gedanken käme, als Symbol der käuflichen Liebe dies Mädchen als Modell zu verwenden, so würde jedermann lachen.

Irgendwer huschte den Gang entlang. Im selben Augenblick klopfte Doktor Winter an die Tür. Aber statt eine Antwort von drin zu erhalten, rief hinter ihm mädchenhaft eine Stimme:

»Ich komme.«

Winter wandte sich um.

Marianne, in leichtem Gewande, schwebte den Gang entlang.

»Sei nicht böse«, sagte sie mit kindlicher Zärtlichkeit und legte den bloßen Arm auf seine Schulter. »Wir waren beim Essen und haben uns verplaudert. Wartest du schon lange?«

Winter nahm sie bei der Hand und sagte:

»Nein!«

»Ich freue mich, daß du gekommen bist.«

»Kennst du mich denn?«

Sie sah ihn an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein – aber du gefällst mir.«

»Du mir auch.«

Sie gingen ins Zimmer. Marianne strahlte. Sie stand, die Arme auf seine Schulter gestützt, sah ihm in die Augen und sagte:

»Wie jung du bist.«

»Und du erst.«

»Ich werde im Herbst siebzehn.«

»Ein Kind bist du.«

»Magst du das?«

»O ja.«

»Ich wünschte, ich wäre schon älter.«

»Warum wünschst du dir das?«

»Weil ich dann so klug wäre wie Änne.«

»Ist das deine Freundin?«

»Ich habe sie lieb.«

»Wo ist sie?«

»Hier.«

»In diesem Hause?«

»Erschreckt dich das?«

»Hast du denn sonst niemand?«

»Doch! Sie sind alle gut zu mir.«

»Ich meine nicht hier. Ich meine draußen.«

Sie sann nach, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! – draußen habe ich niemand.«

»Aber früher – ehe du herkamst – da warst du doch irgendwo.«

»Ich war nie irgendwo«, sagte sie verträumt.

»Bei Menschen nie.«

»Irgendwer muß dich doch erzogen haben!«

»Erzogen hat mich niemand. Da, wo ich war, gab es wohl Menschen, aber sie gehörten nicht zu mir.«

»Dann fühlst du dich wohler hier?«

»Hier habe ich Änne. Und die Mädchen. Und auch von den Herren, die zu mir kommen, sind viele gut zu mir.«

»Dann wünschst du es dir gar nicht anders?«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

Winter fuhr ihr mit der Hand durchs Haar und küßte sie auf die Stirn.

»Warum tust du das?« fragte sie und hielt ihm den Mund hin. »Küßt du gern?«

»Nicht jede.«

»Aber mich? – Gefall' ich dir?«

Er nickte, sah sie gütig an und sagte:

»Ja, sehr!«

»Dann küß mich doch!«

Sie führte ihr Gesicht dicht an seines; und da er unbeweglich stand und sich nicht rührte, so schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund. Daß er sich leicht wehrte, spürte sie nicht.

»Magst du das?« fragte sie ihn.

Er lächelte, nahm sie bei der Hand und sagte:

»Komm, Marianne, wir wollen uns setzen.«

»Du kennst meinen Namen?« fragte sie freudig.

»Und warst doch noch nie bei mir. Wer hat dich hergeschickt? Die Herzogin?«

»Ich bin von selbst gekommen.«

»Kanntest du mich denn?«

»Ich habe dich gestern zum erstenmal gesehen.«

»Und da bist du gleich heute . . .?« – Sie konnte ihre Freude nicht unterdrücken.

»Am liebsten wäre ich gestern schon zu dir gekommen.«

»Und nun, wo du bei mir bist, bereust du's?«

»Ganz und gar nicht.«

Sie hatten sich gesetzt. Marianne war ganz dicht an ihn herangerückt und hatte den Arm um ihn geschlungen.

»Du bist so ernst«, sagte sie und fuhr ihm über die Stirn. »Bist du nicht froh?«

»Bist du es denn?«

Das hatte sie noch nie jemand gefragt.

»Ich?«

»Wirkt denn das nicht alles auf dich?«

»Ich kenne es nicht anders.«

»Du machst einen keuschen Eindruck, Marianne.«

Sie lächelte, wurde rot und senkte den Kopf.

»Wirklich, glaub' es mir.«

»Ich bin es aber nicht.«

»Du bist es!«

»Das weiß ich doch. Ich bin es nicht.«

»Nicht so, wie du es meinst, Marianne; anders.«

»Gibt es das?«

»Ja, das gibt's.«

Er nahm ihre Hand.

»Sieh, du bist trotz allem rein geblieben.«

»Manchmal denk ich das auch. Aber dann kommt irgendwer und ist roh, und dann, siehst du, dann fühl' ich es deutlich, daß ich es nicht bin.«

»Gerade dies Gefühl beweist, daß du es bist.«

»Du meinst, andere fühlen das nicht?«

»Bestimmt nicht.«

»Das sagt auch Änne immer.«

»Was sagt sie?«

»Ich sei rein.«

»Du bist es.«

»Und woher glaubst du, kommt es, daß ich es fühle und die andern nicht?«

»Weil irgend etwas in dir lebt, was in ihnen tot ist.«

»Die Sehnsucht!«

»Wonach sehnst du dich?«

Sie sah ihn mit traurigen Augen an und sagte:

»Nach meiner Mutter.«

»Ist sie tot?«

Er drückte ihr die Hand. Sie legte den Kopf an seine Schulter.

»Sie hat nie gelebt. Für mich nie. Ich habe sie nie gekannt. – Und doch wird meine Sehnsucht alle Tage größer.«

»Dann ist es das Gefühl, das dich zu deiner Mutter treibt, Marianne, das bewirkt, daß du rein bleibst.«

»Ich weiß es nicht. Aber das mag schon sein.«

»Ich habe meine Mutter auch verloren.«

»Hast du sie lieb gehabt?«

»Sehr, Marianne.«

»Es tut so wohl, wenn du Marianne sagst.«

»Jetzt, scheint mir, weiß ich, was mich zu Dir zieht!«

»Was? sag mir, was?« drängte sie.

»Die Mutter!«

»Das versteh' ich nicht.«

»Das gleichstarke Gefühl. – Ich werde oft kommen, Marianne, bei dir sitzen, deine Hand halten und an meine Mutter denken.«

Sie sah ihn an und sagte:

»Ich bin schuld, daß du jetzt traurig bist.«

»Du irrst, Marianne. Ich bin nur nachdenklich.«

»Du sollst froh sein! Und ich will dich nie wieder mit meinen Dingen quälen.« – Sie sprang auf, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Komm!«

»Wohin willst du?« fragte er.

»Verzeih, daß ich dich so lange mit meinen persönlichen Dingen aufgehalten habe.«

Sie trat ans Bett und deckte es auf.

Er erschrak, als er es sah.

»Steht dir der Sinn danach?« fragte er sie.

Sie wandte sich zu ihm um und fragte erstaunt:

»Mir? – Es kommt doch nicht auf mich an.«

»Doch! nur auf Dich kommt es an.«

Marianne hielt die aufgeschlagene Decke noch in der Hand.

»Nun?« fragte er.

Sie senkte den Kopf und sagte leise:

»Ich schäme mich!«

Froh, als habe sie das erlösende Wort gesprochen, rief er:

»Marianne!«

Sie wußte nicht, was er meinte. Aber sie fühlte, daß etwas in ihr erwachte; wie ein Schleier, den man ihr von den Augen riß, so wirkte sein Ruf: »Marianne!« Sie trat von dem Bett weg, gab ihm

die Hand und sagte:

»Nie wieder!«

Und er ergänzte:

»Darf zwischen Dir und mir davon die Rede sein.«

War es die Liebe oder nur die Scham, die er in ihr erweckt hatte? – Er griff in die Tasche. Marianne erschrak.

»Nein! nein!« wehrte sie ab.

Er verstand sie nicht. Aber als er die Angst und Scham und Freude in ihren Augen sah, erriet er ihre Gedanken.

Sie hatte gefürchtet, er werde ihr ein Geldstück in die Hand drücken.

Er schüttelte den Kopf und sagte nur:

»Nein!«

»Bring mir Blumen mit, wenn Du wieder kommst,« bat sie ihn.

Er trat an sie heran, ergriff ihre Hand, küßte sie auf die Stirn und sagte:

»Ja, Marianne.«

Dann ging er.

Als Änne eine halbe Stunde später zu ihr ins Zimmer kam, saß sie glückstrahlend auf ihrem Bett und weinte.


* * *


Die nächsten Räume boten das in diesen Häusern übliche Bild. Programmäßig, unpersönlich, sachlich und daher unerfreulich. Katz, den mehr die kaufmännische Seite des Unternehmens interessierte – aus Gründen, die er vorläufig noch für sich behielt, – sagte diese geschäftsmäßige Abwickelung des Verkehrs weit mehr zu als die psychologischen Exzesse – als solche empfand er sie – Mariannes und Doktor Winters. Daß gerade hier Elementarstes zum Ausdruck kam, fühlte er nicht. Und fand es sogar ungehörig, daß dieser gebildete Mensch aus guter Familie, statt auf den Friedhof zu gehen, um intensiv an seine tote Mutter zu denken, zu diesem Mädchen ging. Vom Standpunkt des Unternehmens aus sah er darin nichts anderes als eine Störung des Betriebes, mit dem er sich durch Frau Ina irgendwie verwandt fühlte. Und verurteilte es daher. Denn wenn der Schein, der den äußeren Erfolg bedingte, zur Wirklichkeit wurde, dann blieb nicht viel mehr als das Renommee, mit dem allein man keine Geschäfte machte.

Aber es war ein Irrtum, wenn er den Fall Winter-Marianne auf das Konto Mathilde Brückners buchte. Die hatte den Weg zwar schon zu vielen der Mädchen gefunden und sich deren Vertrauen erworben; indeß: gerade Marianne gegenüber, die anders war als die Anderen, tastete sie sich, um nichts zu verderben, behutsam vor.

Immerhin interessierte es ihn, Mathilde Brückner bei der Arbeit zu sehen. Er suchte die Räume ab und fand sie in lebhaftem Gespräch mit Änne.

»Also nochmals, liebe Frau Mathilde,« – so wünschte sie, daß man sie nannte – »obschon ich weiß und fühle, daß sie die Einzige sind, die es wirklich gut mit uns meint, die uns versteht: wenn Sie Allen helfen können, mir nicht!! Und alles, was Sie mir erzählen, und was gewiß auf die Anderen wirkt und Eindruck macht, gerade das bestärkt mich in meinem Willen, zu bleiben, was ich bin!«

»Was Sie nie sein werden!«

»Ich zwinge mich dazu, und es gibt Tage, an denen ich ohne Widerspruch und Hemmung alles ertrage – genau wie die Andern.«

»An was Sie auch glauben mögen, an Gott, an die Menschen, an eine Mutter . . .«

»An nichts! an nichts!« fiel ihr Änne lebhaft ins Wort.

»Dann an sich selbst!«

»Längst nicht mehr! – Dafür kämpfe ich ja! Alles, was sich an Eigenem mir entgegenstellt, zu unterdrücken; jedes Denken auszuschalten, um eine Sache, um gemein zu werden!«

»Das ist ja furchtbar!«

»Furchtbar seid Ihr!«

»Aber Änne! wo ich es doch so gut mit Ihnen meine!«

»Sie ja! Aber die Andern! die Herzogin, diese geborene Kokotte, die ihren Beruf verfehlte und versehentlich eine anständige Frau wurde. Nelly, dieser Zieraffe, die mit ihrem blöden Lächeln ihre Charakterlosigkeit und Leere zu verdecken glaubt.«

»Änne!« rief Frau Mathilde entsetzt. »Nelly ist meine Tochter!«

»Verzeihung! daran dachte ich nicht. – Aber einerlei: ich sage die Wahrheit, jedem! mich schont auch keiner.«

»Gerade das falsche Bild, das Sie sich von meiner Tochter machen, die ganz anders ist, als Sie sie sehen, zeigt mir, wie nötig es ist, daß Sie Ihre Gedanken, die Sie, ich möchte fast sagen, in ein Programm zu zwängen suchen, einer Revision unterziehen müssen.«

»Das ist so einfach und klar. So entsetzlich klar, daß jeder Irrtum ausgeschlossen ist.«

»Wir reden um die Dinge herum. Daher ist es auch schwer, Ihnen beizukommen.«

»Ich rede um die Dinge herum? Ich glaube, keiner nennt sie so beim richtigen Namen wie ich. Für mich gibt es nur zwei Kategorien: Menschen und Schweine! Daß die ersten selten sind, ist nicht meine Schuld.«

»Um so mehr sollte sich jeder bemühen, Mensch zu sein.«

»Das tue ich ja.«

»Indem Sie sich immer mehr in dies Leben hier hineinfühlen?«

»Menschen sind nur die, die nicht heucheln.«

»Zugegeben! Aber ist es etwa keine Heuchelei, wenn Sie sich zwingen, etwas zu sein, was Ihrer Natur widerspricht?«

»Es entspricht meinem Wunsch und Willen. Begreifen Sie das? Gefühl und Verstand sagen mir: du mußt!«

Mathilde dachte nach – dann fragte sie:

»Aus Protest?«

»Ja! auch das. Vielleicht sogar in erster Linie. Dann aber auch aus Überzeugung: aus Reinlichkeitsgefühl – so grotesk es klingen mag.«

»Sie hatten doch eine so schöne Kindheit. Sie haben es mir selbst erzählt.«

»Wollen Sie mein Märtyrium durchaus mit durchleben?«

»Ich möchte Sie verstehen.«

»Es ist Kitsch – und läuft für jeden Unbeteiligten ab wie ein Film.«

»Ihr Vater war einer der angesehensten Bürger.«

»Er ist es noch. – Obgleich Mutter tot ist und ich hier bin.«

»Ihm muß doch daran gelegen haben, Sie glücklich zu sehen.«

»Glücklich? – Er hatte keine Zeit, sich um mich zu kümmern. Er kannte mich nicht. Wie sollte er wissen, wo mein Glück lag?«

»Und ihre Mutter?«

Änne krampfte die Hände, zitterte und sagte:

»Schweigen Sie!«

»Quäl' ich Sie, Änne?«

»Ja! – Denn meine Mutter – sehen Sie, das ist es! – Mutter war gut.« – Sie schloß die Augen. – »Und Mutter kannte mich.«

»Sie ist früh gestorben?«

»Sie starb für mich – oder durch mich. Wie Sie wollen. Aber schuld war Vater. Vater allein hat sie auf dem Gewissen.«

»War sie krank?«

Änne lächelte; und die Schatten um den Mund zeigten, daß sie litt.

»Ob sie krank war?« wiederholte Änne. »Ihr fehlte nichts – nur ich, ich fehlte ihr – und daran starb sie.«

»So waren Sie damals schon . . .«

Änne schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein! – aber in Vaters Augen, da war ich wohl schon damals – wenn auch nicht das – so doch dasselbe.«

»Sie lebten nicht bei Ihren Eltern?«

»Ich lebte bei ihm – bis er starb.«

Sie beugte den Kopf nach vorn und hielt sich mit beiden Händen an dem Sessel fest.

Auch Mathilde schwieg und war ergriffen.

Nach einer Weile sagte Änne mit verhaltener Stimme:

»Und dann . . . dann war es aus. – alles!«

Mathilde sagte sanft:

»Sie armes Kind!«

Änne setzte sich hoch, riß die Augen auf, stierte vor sich hin, bewegte den Kopf und sagte:

»Das Kind! – Ja, das Kind! – das war es!«

»Sie waren Mutter?«

»Das Kind ist tot!« – Sie streckte die Hände hoch und spreizte die Finger auseinander. »Ich . . . habe . . . es . . . umgebracht . . . das . . . Kind.« – nach einer Weile fügte sie hinzu: »Unser Kind! – Denn es gehörte ihm und mir. Und da er tot war, als es kam, so gehörte es mir allein . . . nur mir . . . keinem sonst.«

»Änne!« rief Mathilde entsetzt.

Und Änne, die in Gedanken alles noch einmal durchlebte und kaum noch fühlte, daß jemand bei ihr saß, fuhr auf, sah erstaunt Mathilde an und sagte:

»Es war blind, das Kind.«

»Entsetzlich!«

»Ich hatte zu viel Tränen, als ich es trug . . . Die Ärzte lächeln darüber. Aber ich weiß, daß es so ist.«

»Sie Ärmste!«

»Ja! ich arme Mutter!« sagte Änne schwer, »Wohl nie hat eine Mutter mit solcher Sehnsucht ihr Kind erwartet. Mir war, als würde ich mit dem Kinde ihn wiederhaben.«

»Und Ihr Vater?«

»Ist, wie Sie sagten, heute noch einer der angesehensten Bürger. Obschon sein Kind vor den Geschworenen stand.«

»Man sprach Sie frei?«

»Trotz seines Zeugnisses.« »Ich sehe ihn noch da sitzen, als wenn es heute wäre. Erst kam meine Mutter, gebrochen, gütig, voller Liebe für ihr Kind. ›Ich spreche die Wahrheit‹, sagte sie, ›mein Kind ist gut‹. – ›Mutter!‹ rief ich ihr von meinem Platz aus zu. Sie sah mich mit ihren guten Augen an, lange sah sie mich an, dann hob sie die Hand, die liebe Hand, die mich so oft gehalten und gestreichelt hatte, und sagte: ›Ja, mein Kind! ich weiß, es geschieht Dir nichts.‹ – Da war ich ganz ruhig und wußte, trotz Vater, daß mir nichts geschehen würde.«

»Und er? – Er desavouierte Ihre Mutter?«

»Ich habe mich von meiner Tochter längst losgesagt,« begann er – »sie ist aus der Art geschlagen. – Ich weiß gar nicht, wie ich zu solch einem Kinde komme.« Da fuhr Mutter auf und sagte: ›Durch mich.‹ – Vater sah Mutter an und sagte: ›Das muß wohl sein. Mir ähnelt sie jedenfalls nicht.‹ – »Erzählen Sie den Hergang!« sagte der Richter, und Vater erwiderte: »Das ist schnell geschehen.« – Er erzählte von meiner Kindheit, wie er mich verwöhnt habe und wie ich dann sein Vertrauen schmählich mißbrauchte.«

»Was taten Sie?« fragte Mathilde.

»Ich verliebte mich.«

»In wen?«

»In einen jungen Maler, der nichts war und nichts hatte. Und das war in Vaters Augen ein Verbrechen. Denn er wollte hoch hinaus mit mir. Das sagte Vater den Richtern aber nicht. Nur, daß ich fort von Hause und in eine Pension kam. – Und da setzt mein Unrecht ein. Er schrieb mir, und ich konnte nicht von ihm lassen. Unser Bitten half nichts. Vater blieb fest und erklärte: ›Nie!‹ Als auch ich auf seine Forderung, zu entsagen, antwortete: ›Nie!‹ steckte er mich in eine strengere Anstalt, in der ich schlecht behandelt und wie eine Gefangene überwacht wurde. Es gelang uns nur selten, uns brieflich zu verständigen. Wir waren verzweifelt, sahen keinen Ausweg und, wie junge Menschen sind, wir beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Ich floh. Wir waren zwei Tage und zwei Nächte zusammen. Dann nahmen wir Gift. Er starb. Ich Ärmste wurde gerettet. Als ich wieder zu Haus war, sagte Vater höhnisch: ›Das war die beste und einfachste Lösung.‹ Wäre ich gesund gewesen, nicht eine Stunde länger wäre ich zu Hause geblieben. Aber erst war ich krank und dann, als das behoben war, fühlte ich, daß ich Mutter wurde. Ich war glücklich: ein Kind von ihm! Aber Vater geriet in Wut und beschimpfte mich und den Toten, und das Kind – kaum, daß ich es empfangen hatte. Ich machte mir nichts daraus. Mein Glück war zu groß. Ich merkte, wie ihn das kränkte, ›statt Dich zu schämen; scheinst Du noch stolz zu sein!‹ schalt er mich; ich richtete mich vor ihm auf und sagte: ›Ja, Vater! stolz und glücklich!‹ – ›Entartet!‹ sagte er und sprach von der Schande. Und eines Tages brachte er einen baumlangen Kerl mit, der wie eine Karrikatur aussah, dumm, arrogant, blasiert und, wie ich später erfuhr, bis da hinauf verschuldet. –'Er wird Dich heiraten', sagte Vater. ›Er weiß alles, auch von dem Kind. Dein Sündenfall kostet mich fünfmalhunderttausend Mark!‹ – ›Danke!‹ sagte ich; ›ich verzichte und lasse mich nicht verkaufen, geschweige denn mein Kind. Es hat seinen Vater und wird nie einen anderen haben!‹ – Da geriet er in Wut. ›Du trägst meinen Namen,‹ rief er, ›einmal habe ich Dir verziehen, ein zweites Mal nicht –‹. Ich war ganz ruhig. ›Du wirst mir nie mehr etwas zu verzeihen haben, Vater,‹ erwiderte ich; –'Du nimmst den Mann!' rief er. ›Sei froh!‹ – ›Nie!‹ erwiderte ich; ›es wäre Betrug und Heuchelei!‹ – ›Spiel Dich nicht auf, Du hast es nicht nötig! Zum letzten Male: Ja oder nein?‹ – Er stand drohend vor mir, ich zitterte nicht. Fest sah ich ihn an und wiederholte: ›Nein –‹ – ›Dann bist Du tot für mich!‹ – ›Vater!‹ rief ich. Er wies zur Tür und sagte: ›Geh!‹ – Ich ging.«

»Wohin?« fragte Mathilde.

»Wohin sollte ich gehen? Ich trug ein Kind und hatte nichts gelernt. – Wäre ich damals ins Wasser gegangen! – Aber ich ertrug alles und war noch glücklich, so freute ich mich auf mein Kind. Mutter sorgte für mich hinter Vaters Rücken. Sie litt sehr, kam fast täglich zu mir, und war so traurig, daß ich stundenlang saß und weinte, wenn sie fort war. – Und dann, ja, dann kam das Kind – ein Junge!« – Sie sank wieder in sich zusammen und beugte den Kopf nach vorn.

»Lassen Sie!« sagte Frau Mathilde. »Sie regen sich auf. Sie schaden sich!«

»Sie haben recht; Tränen und Kummer machen häßlich. Das schädigt meinen Beruf.«

Das klang sehr bitter.

»Dann war alles aus. Das wußte ich. Aber ich war doch ruhig, als das Kind tot war. Den Prozeß wollte ich noch erleben. Mir schien, ich wäre dem das schuldig, dem ich das Kind verdankte. Dann wollte ich – was gehörte nach Allem dazu? – Schluß machen.«

»Sie wollten sterben?«

»Ich war ja tot. Damals schon fühlte ich nichts mehr. Aber dann kam der Prozeß! Vater als Zeuge! Mutter, die zaghaft war und nur wenig sprach, saß auf dem Zeugenstuhl. Einmal sprang sie auf und trat vor und rief laut: ›Durch mich!‹ – das war, als Vater sagte, ›Ich weiß gar nicht, wie ich zu solch einem Kinde komme!‹ – Dann saß sie wieder auf dem kleinen Stuhl, die Hände auf dem Schoß gefaltet und sah Vater an; nicht einmal senkte sie die Lider; ich las in ihrem Gesicht, was er sagte. Ganz starr wurde ihr Ausdruck; einige Male suchte sie ihn zu unterbrechen. Sie öffnete die Lippen und mühte sich sehr – aber ihre Stimme versagte, dann wurde sie aschfahl, die Augen standen still, sie hob den Arm – und dann sehe ich noch, wie sie ganz steif plötzlich da stand, die Finger krallte und wie ein Brett nach vorn überschlug. – Vater wandte sich um, ein Gerichtsarzt beugte sich über sie, fühlte den Puls, schüttelte den Kopf und sagte:

»Sie lebt nicht mehr!«

Der Mörder stand jetzt neben ihr, ich stürzte aus der Anklagebank; der Posten, der mich bewachte, hielt mich nicht, Richter und Staatsanwalt traten zur Seite und machten mir Platz – nur Vater – verflucht dies Wort für diesen . . .«

»Kind! Kind!« suchte Mathilde sie zu beruhigen.

»Er allein trat mir entgegen und verwehrte mir den Weg zu meiner toten Mutter!«

»Grausam ist das!«

»Und als ich versuchte, gegen seinen Willen zu ihr zu gelangen, da packte er mich bei den Gelenken, zwang mich zu Boden, schleuderte mich von sich wie ein Stück Vieh und sagte mit einer Stimme, die mich noch heute schmerzt: ›Weg, Dirne!‹ – In dieser Stunde schwor ich, beim Tode meiner Mutter, sein Wort wahr zu machen!«

»Furchtbar ist das!«

»Und jeden, der zu mir kommt, frag' ich: Kennen Sie meinen Vater? Nenne seinen Namen und trage ihm Grüße für ihn auf. Und wenn der Besuch von mir geht, dann rufe ich ihm nach: Aber sagen Sie ihm auch, wie Sie mit mir zufrieden waren! – Darum muß ich hier sein und leben, solange mein Vater lebt! – Eine Stunde nach seinem Tode bin ich frei, gehöre wieder mir!«

»Und dann?«

»Das fragen Sie? nach diesem Leben hier? Was kann es dann für mich wohl anderes geben, als die verdiente Ruhe.«

»Den Tod etwa?«

Änne stand auf, trat vor Mathilde hin und fragte:

»Wissen Sie was anderes?«

Mathilde sah sie an, nahm ihre Hand, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein.«

Änne erwiderte den Druck der Hand, legte den Kopf auf ihre Schulter, schloß die Augen und sagte:

»Danke! – Nun weiß ich, daß ich einen Menschen habe.«–

Nach diesem Erlebnis fühlte Katz ein Unbehagen und brach seinen Rundgang ab.



Achtes Kapitel.

Die Baronin und Frau Ina empfingen, wie an jedem Mittwoch nachmittag, zum Tee. Seitdem das Bordell, eine moralische Anstalt zur Bekämpfung der Unsittlichkeit und des Mädchenhandels, bestand, hatte sich der Bekanntenkreis Frau Inas und ihrer Mutter verbessert und erweitert. Kreise, die ihnen bisher unerreichbar gewesen waren, erschlossen sich ihnen. Und es schadete auch nichts, daß Frau Ina, worüber sie mit jedem sprach, gegen ihren Mann, den Rittmeister, die Scheidungsklage angestrengt hatte. Er hatte das Haus der Frau und der Schwiegermutter verlassen und wohnte, wie als Junggeselle, wieder in der Kaserne.

Er hatte die Ehe in der ›Neuf d'or‹ mit einer Dirne gebrochen und war dabei ertappt worden. Also war er der schuldige Teil, hatte die Unterhaltungspflicht der Ehefrau auch nach der Scheidung und bekam auch die Riesenlast von Schulden, von denen er bis dahin keine Ahnung hatte, aufgebürdet. Es war nur natürlich, daß der Mann, und gar ein Offizier, die Kosten des gemeinsamen Haushalts bestritt. Daß sie sein Gehalt um mehr als ein Zehnfaches überstiegen, war seine Sache.

Manche munkelten, daß dieser Scheidungsgrund Frau Ina gar nicht so unwillkommen sei und prophezeiten eine Ehe mit dem Grafen Scheeler. Zu ihren Ungunsten aber legte es keiner aus.

Nur eine vornehme alte Gräfin, die gesellschaftlich eine erste Rolle spielte und lange gezögert hatte, bis sie den Verkehr mit Frau Ina aufnahm, stieß sich daran, daß Frau Ina vor Freunden von diesen Dingen sprach. Der gesellschaftliche Takt ließ sie das freilich nur in umschriebener Form zum Ausdruck bringen.

»Ich mochte Ihren Mann, den ich dem Aussehen nach schon von den Concours Hippiques her kannte, immer sehr gern.«

»Ich auch,« erwiderte Frau Ina, die abwartete, worauf die Gräfin hinauswollte.

»Er erinnerte mich in seiner chevaleresken Art vor allem Frauen gegenüber immer an die gute alte Zeit, an die heute sonst leider nur wenig noch erinnert.«

»Er war der artigste Ehemann, den man sich denken kann,« sagte Frau Ina.

»Und dabei machte er einen gütigen Eindruck.«

»Er machte nicht nur den Eindruck, er war es auch. – Ich werde ihn sehr vermissen, und Mama auch.«

»So einen Schwiegersohn gibt es zum zweiten Male nicht,« bestätigte die Baronin, zog ihr Spitzentuch hervor und trocknete eine Träne, oder tat doch so.

Und die Gäste dachten: Welch eine vornehme Gesinnung spricht doch aus diesen Frauen. Eine andere würde ihren Mann schlecht machen und sich ins Recht zu setzen suchen. Nur die Gräfin machte Einwendungen und sagte:

»Ob Sie nicht doch zu streng mit ihm ins Gericht gehen, beste Frau?«

Frau Ina seufzte tief auf und erwiderte:

»Ginge ich meinem Gefühl nach, ich wüßte, was ich täte.«

»Darf man indiskret sein?«

»Ich fiele ihm um den Hals und ginge auf ein paar Monate mit ihm auf Reisen.«

»Aber Ina!«

»Das täte ich!«

»Und Sie täten recht,« sagte die Gräfin.

»Aber sind wir denn frei?« fragte Frau Ina. »Darf von uns auch nur ein Einziger tun, was er will und nach seinen Gefühlen handeln? Ich will gar nicht von gesellschaftlichen Rücksichten sprechen, obschon die uns überall trennend und beengend in den Weg treten. Hier stehen höhere Interessen auf dem Spiel. Das Prestige des Unternehmens, dem ich mein Gefühl, meinen Verstand, meine Kraft, kurz mein Leben verschrieben habe.«

Viele nickten. Nicht alle verstanden gleich.

»Wenn ich als leitende und verantwortliche Stelle in moralischer Hinsicht mir auch nur die geringste Blöße gebe, so muß das von schädigendem Einfluß auf unser Institut sein. Das mußte auch mein Mann sich sagen. Ich bin kein Blaustrumpf und nichts Menschliches ist mir fremd, obschon ich von der Ehe eine zu hohe Auffassung habe, um die Untreue zu verteidigen, mögen die Umstände, was hier nicht einmal der Fall ist, eine noch so milde Beurteilung zulassen. Hier aber sind die Begleitumstände fast noch wesentlicher und schwerwiegender als der Fall selbst. Mein Mann wußte, daß ich Zeit, Geld, Leben dieser Aufgabe opfere, und es geschah mit seinem Einverständnis. Alles das hat ihn nicht gehindert, gerade den Ort zum Schauplatz seiner Tat zu machen, der uns allen heilig ist.«

»Doch nicht etwa . . .?«

Frau Ina, die wünschte, daß die Gräfin den Satz vollendete, schwieg.

»Die ›Neuf d'or‹?« fragte die Gräfin.

»Ja.«

Die Gäste, obwohl sie es sämtlich wußten, gerieten in große Bewegung und gaben ihrem Erstaunen und Befremden beredten Ausdruck.

»Sehen Sie,« fuhr Frau Ina fort, »das ist es, was mich kränkt.«

»Wir verstehen.«

»Und was es mir vor allem unmöglich macht, mag mein Herz sich noch so stark dagegen wehren, Geschehenes ungeschehen zu machen.«

»Es ist sozusagen ein Schulbeispiel, an dem die Mädchen lernen können,« sagte Frau Olga.

»Und wenn vielleicht auch nicht das,« erwiderte Frau Ina, »so hieße es, alles, was bisher in mühevoller Arbeit erreicht wurde, in Frage stellen, wenn die Mädchen – so etwas bleibt natürlich nicht verborgen – erfahren, daß wir es mit der Ehe, die wir ihnen mit Recht als das Erhabenste und Höchste hinstellen, nicht genau nehmen.«

»Das leuchtet mir ein,« sagte jetzt auch die alte Gräfin. »Aber ich kann mir nicht helfen, leid tut es mir doch.«

Frau Ina sagte:

»Mir tut's weh.«

»Sie sind ein Opfer Ihres Berufes,« sagte Wolfgang von Erdt. »Aber höher als Persönliches muß uns die Sache stehen.«

»Ich habe mich in der Qual meines Herzens an den Vorstand gewandt, in dem ja durchweg Menschen sitzen, die mir und auch meinem Manne wohl wollen. Leider konnte auch er mir nicht helfen. Die Sache verlangte es und so blieb mir keine Wahl.«

»Fand wirklich niemand einen Ausweg?« fragte die Gräfin.

»Nur Frau Mathilde Brückner sprach sich gegen die Scheidung aus.«

»Sie ist Künstlerin und denkt daher anders,« sagte die Baronin.

»Oh nein,« erwiderte Mathilde, »ich habe mich dafür verbürgt, es den Mädchen, ohne der Wahrheit Gewalt anzutun, so darzustellen, daß sie keinen Nachteil, sondern noch Vorteil daraus gezogen hätten.«

»Sie haben einen zu guten Glauben von den Mädchen,« sagte Frau Olga.

»Hätte ich den nicht, glauben Sie, ich würde ihnen meine Zeit widmen?«

»Sie können zu viel Güte nicht vertragen,« meinte von Erdt. »Ich habe gefunden, man kommt ihnen mit Strenge besser bei.«

»Wie bei allem, liegt die Wahrheit auch hier in der Mitte,« vermittelte Frau Ina. »Jedes zu seiner Zeit.«

Und alle fanden, daß sie recht hatte.

Nur Nelly glaubte, dem nicht zustimmen zu dürfen.

»Jedenfalls würde ich mein Amt trotz der inneren Befriedigung, die es mir gewährt, und der bisher erzielten Erfolge, auf die ich stolz bin, niederlegen, wenn jemand, der sich eine derartige Verfehlung zu Schulden kommen ließe, auch nur vierundzwanzig Stunden lang im Vorstand bliebe.«

Frau Mira war während dieser Worte an den blaugelben Papagei, der auf Frau Olgas Schulter saß, herangetreten und hatte die der Herzogin abgesehene Bewegung mit der Schulter gemacht, woraufhin der Papagei den Kopf zur Seite legte und Nelly ins Gesicht kreischte:

»Quatsch nicht!«

Das wirkte fatal. Die Gräfin klopfte dem Papagei auf den Rücken und sagte:

»Ein liebes Viecherl bist du, aber schlecht erzogen hat man dich.«

Und nun geriet das Tier außer Rand und Band. Und so oft jemand der Moral das Wort redete, den sittlichen Tiefstand der Mädchen in der ›Neuf d'or‹ beklagte, kreischte er, trotz aller Beschwichtigungsversuche Frau Olgas, seine beiden Worte, bis Max Herzog den Störenfried auf die Stange – die inzwischen vergoldet war – setzte und hinaustrug.

»Jetzt sind wir das enfant terrible los,« polterte Frau Mira, als er draußen war. Und die Gräfin meinte:

»Sorgen Sie nur, daß er nicht noch mehr hinzu lernt.«

»Und ich wollte gerade anregen,« erwiderte der Professor, »daß man ihn statt meiner in den Vorstand wählt. Er hat ein scharfes Urteil und leistet entschieden mehr als ich.«

Alle lachten; dachten aber, wie taktlos!

Und als man sich eine Stunde später trennte, flüsterte Frau Ina der Herzogin ins Ohr:

»Lassen Sie das Tier künftighin zu Haus; es kompromittiert uns.«



Neuntes Kapitel.

Der Graf schlüpfte in Ännes Zimmer. Die Spalte der Tür war so schmal, daß er sich kaum hindurchzwängen konnte. Dabei suchte er ängstlich noch einmal den Gang ab, um sicher zu sein, daß niemand ihn sah. Aber kaum war er im Zimmer, da hatte er auch schon seine Sicherheit wieder. Er ging auf Änne, die gerade ein Buch las, zu und sagte:

»Na, Puppe, wie geht's?«

Änne klappte das Buch zu, stand auf und erwiderte:

»Danke, und Ihnen?«

»So förmlich heute?«

Änne betrachtete ihn genau.

»Heute?« wiederholte sie. »Ich wüßte nicht, daß wir schon einmal zusammen gewesen wären.«

»Du oder eine Andere; das kommt in dem Fall doch auf eins heraus.«

»In der Sache schon.«

»Und in der Person auch. Ihr gleicht Euch doch wie ein Ei dem anderen.«

»Haben Sie sich schon einmal die Mühe gegeben, uns kennen zu lernen?«

»Ne! Ich habe mich im Verkehr mit euch bisher auf andre und angenehmere Art beschäftigt.«

»Dies Angenehme ist doch wohl bei allen Frauen, ob draußen oder hier, das Gleiche.«

»Wie denn? Was denn?« fragte er. – »Ob du oder eine andre« – und er dachte dabei an Frau Ina – »das sollte gleich sein? Das glaubst du doch wohl selbst nicht?«

»Ja, worin besteht denn da der Unterschied?«

Der Graf suchte eine Antwort.

»Worin? – Na erstens mal spricht da das Gefühl mit – wenigstens meistens. Manchmal tut man's ja auch aus Eitelkeit, weil es einem schmeichelt, mit einer Frau, die gesellschaftlich oder sonst wie eine Rolle spielt – selbst wenn sie einen nicht sonderlich reizt . . .«

»Um zu renommieren also?« fragte Änne.

»Jewiß, ich geb' das zu. – Oft natürlich auch, weil man nicht anders kann – sozusagen aus Artigkeit.«

»Das versteh' ich nicht.«

»Na, nimm mal an, man verkehrt wo; ist ständig Gast im Hause und eines Tages – ich kann mit dir ja offen reden – also eines Tages, da wirft sich einem die Frau des Hauses an den Hals – das kommt vor, – oft sogar. Liegt sie einem, so ist es gut; man macht mit. Oft aber liegt sie einem gar nicht. Was soll man da tun? Man kann nicht ungezogen sein. Sämtliche getrüffelte Poularden, die sie einem im Laufe der Zeit vorgesetzt hat, eine endlose Reihe 1911er Mouton Rothschild, der man in ihrem Hause den Hals gebrochen hat, defilieren in solchem Moment sozusagen vor einem vorüber. Man fühlt sich verpflichtet. Na, es kam ja auch früher mal vor, daß ein Gang, der auf den Tisch kam, einem weniger zusagte. Der Wirtin zuliebe ließ man ihn trotzdem nicht vorübergehen. So auch hier. Man würgt den Jang herunter, sterben tut man für jewöhnlich ja nicht daran.«

Änne hörte aufmerksam zu.

»Das leuchtet mir ein,« sagte sie.

»Na siehste. Du sollst überhaupt gescheit sein.«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Die Sängerin – na, wie heißt sie gleich?« Er kam nicht auf den Namen, und Änne, die wußte, wen er meinte, hatte keine Lust, ihm zu helfen.

»Herr des Himmels!« quälte er sich, »ganz bekannt; als was hab' ich sie bloß mal gesehen? Als Isolde, glaub' ich. Jibt's das?«

»Sie meinen doch nicht die berühmte Mathilde Brückner?«

»Ja! ja!, die mein ich. Die hat mir Wunderdinge von Ihnen erzählt.«

»Sehr unrecht von ihr. Sie sollten das nicht glauben.«

»Tu ich auch nicht. Du hättest einen Bombencharakter, sagt sie. Ich bitt' dich, so etwas bindet man mir doch nicht auf. Entweder eine Frau hat einen Bombencharakter, dann ist sie überall, nur nicht hier. Oder, was ja denkbar wäre, sie taumelt jung und unerfahren in diesen – na, ich will dich nicht kränken, sonst würde ich sagen: in diesen Saustall hinein und kommt zur Besinnung: Na, dann bleibt sie eben nicht, sondern rettet sich ins Leben zurück.«

»Vorausgesetzt, daß das Leben draußen nicht auch ein Saustall ist – nur mit dem Unterschied, daß an der Pforte, die hineinführt, ›Salon‹ steht.«

»Das ist hübsch gesagt,« erwiderte der Graf.

»Drin aber begibt sich genau dasselbe. Nur daß hier die Heuchelei fortfällt und jeder sich gibt, wie er ist.«

»Na ja. Draußen, da bewahrt man eben Haltung. Das ist aber schon allerhand und oft genug eine verdammt schwere Sache.«

»Den meisten Menschen fällt das Lügen und die Verstellung leicht. Wem es schwer fällt, der fühlt sich wohler hier. Ist er darum minderwertig?«

»Eine anständige Frau sieht eben auf gute Behandlung.«

»Wer die Menschen verachtet, dem ist es auch gleichgültig, wie sie einen behandeln.«

Der Graf dachte nach und sagte:

»Ach so!«

»Und eine Frau, die sich Ihnen an den Hals wirft und die Sie, wie Sie sagten, nur aus Gefälligkeit nehmen, ist verächtlicher, als jede von uns hier, die Sie immerhin doch nur nehmen, weil sie Ihnen gefällt.«

»Das stimmt.«

»Wenn Sie das für die Frau zugeben, müssen Sie das auch für den Mann gelten lassen.«

»Inwiefern?«

»Insofern, als auch der Mann verächtlich ist, der eine Frau durch Geld zwingt, ihm gefällig zu sein; ja, verächtlicher noch als jene Dame, die sich den Mann durch alten Bordeaux und getrüffelte Poularden verpflichtet.«

Der Graf machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte halb noch in Gedanken und mehr zu sich:

»Demnach wären ja die Männer, die diese Häuser aufsuchen, verächtlicher als die Frauen, die darin sind.« – Dann riß er sich gewaltsam aus seinen Gedanken los, wandte sich zu Änne und sagte: »Wie?«

Änne, die ihn genau beobachtet hatte, nahm kein Blatt vor den Mund:

»Ich habe jedenfalls das Gefühl,« erwiderte sie, »daß an den Männern, die zu uns kommen, nicht viel dran sein kann.«

»Was fällt dir ein?« rief der Graf gekränkt, bei dem der Verstand wieder aussetzte, Männerstolz und Standesbewußtsein wieder in Tätigkeit traten.

»Die ganz Jungen und die ganz Alten ausgenommen,« schränkte Änne, nicht eben zugunsten des Grafen, ihr Urteil ein, »denn die haben draußen keine Chance.«

»Frech bist du,« reagierte der Stolz des Grafen.

Doch der Verstand sagte: »Aber Du hast nicht ganz unrecht. Und ich verstehe mich selbst nicht.«

»Das geht den Meisten so.«

Der Graf, der darin einen neuen Affront sah, erwiderte:

»Jedenfalls ist Deine Art nicht die richtige, der ›Neuf d'or‹ Freunde zu werben.«

»Das ist auch nicht mein Wunsch.«

»Wenn das Hans verdient, verdienst Du doch auch.«

»Ich mache mir nichts aus Geld.«

»Also aus den Männern.«

Änne schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein – in der Allgemeinheit schon gar nicht.«

»Warum bist du dann hier?«

»Auf Wunsch meines Vaters.«

»Was?«

»Wenn es Sie interessiert, so gebe ich Ihnen ein paar empfehlende Zeilen an meinen Papa, und er sagt es Ihnen.«

Der Graf war verwirrt. Nie hatte ein Mädchen dieser Art so mit ihm gesprochen. Überhaupt – fragte er sich – wann je hätte er sich in Gespräche, die nicht zur Sache gehörten, eingelassen? Ärgerlich über das persönliche Interesse, das er an ihr nahm, sagte er:

»Wer erst einmal so weit ist, daß er es hier aushält, sollte sich überhaupt das Denken abgewöhnen.«

»Ich gebe mir alle Mühe, meist gelingt es mir.«

Je mehr der Graf fühlte, daß er Interesse nahm, umso ungehaltener wurde er.

»Jedenfalls ist der Aufenthalt hier nicht für Gespräche über Moral geeignet. Das ist ja grotesk! – Und wenn Sie mit Vielem auch recht haben, das Nachdenken führt zu nichts. Und an den feststehenden Begriffen ändert's auch nichts. Schließlich kommt man doch nicht hierher, um sich verwirren zu lassen. Jeder hat an dem Ort, an dem er steht, seine Pflicht zu tun.«

Das klang fast wie ein Befehl, und Änne sagte:

»Verzeihung, ich dachte, Sie wären einer der üblichen Besucher. Hätte ich gewußt, daß Sie als Lehrer und Erzieher bei uns angestellt sind . . .«

Der Graf fuhr auf.

»Wie – was – angestellt! ich! – bei Ihnen? als Lehrer und Erzieher? –«

Änne, erfreut über die Wirkung, fuhr fort:

»Nicht speziell bei mir. Überhaupt in der ›Neuf d'or‹.«

Der Graf war ganz ratlos und sagte:

»Ja, also dieser Gedanke ist so absurd, daß ich mich – obschon das nicht meine Art ist – geradezu gezwungen sehe, mich zu dekuvrieren und Ihnen zu sagen, wer ich bin.«

»Entbunden!« erwidere Änne. »Ersparen Sie sich diese Erniedrigung!«

»Erlauben Sie mal! Das sagen Sie doch gegen Ihre Überzeugung!«

»Durchaus nicht!« erwiderte Änne nicht ohne Spott. »Ich halte mich nur an feststehende Begriffe. Einer Dirne nennt man seinen Namen nicht.«

»Wenn man sich aber schon einmal, wie wir, in derartige Gespräche eingelassen hat . . .«

»Man muß konsequent sein.«

»Da haben Sie recht« erwiderte der Graf und machte ein hilfloses Gesicht.

»Ich bitte Sie,« drängte ihn Änne, nachdem sie einmal erwirkt hatte, daß er das freche Du aufgab und sie respektierte, »besucht man eine Dirne, so zieht man seine Persönlichkeit draußen aus und stellt sie vor die Tür wie ein Paar Stiefel.«

Der Graf, der den Spott nicht fühlte, erwiderte:

»Das mag ja alles sein. Jedenfalls verträgt es sich nicht mit meiner Ehre, daß Sie glauben, ich wäre an einem Institut wie diesem . . .«

»Ich bitte Sie, was eine Dirne glaubt . . .«

»An sich, gewiß, aber in diesem Fall . . .«

»Ich meine, das kann Ihnen, und wenn Sie der minderwertigste Schieber wären, doch gleichgültig sein.«

»Wie – wa – ?! Der minderwertigste . . .« Er brachte das Wort nicht über die Lippen. »Erlauben Sie mal! Das wird ja immer ärger!«

»Es kann nie so arg werden, um die Distanz zwischen Ihnen und mir zu verwischen. Mögen Sie sein, wer Sie wollen.«

»Ich bin aber nicht der erste beste!«

»Ich begreife gar nicht, wie Sie an einem Ort, wie diesem, Wert darauf legen können . . .«

Der Graf, den die Person den Ort vergessen ließ, fiel ihr ins Wort und sagte:

»Und wenn ich Stiefelputzer in Kairo wäre, so bliebe ich darum doch immer Bolto Graf und Reichsgraf von Scheeler!«

»Ich kann mir auch dabei nichts Besonderes denken.«

»Wobei?«

»Daß Sie als Graf und Reichsgraf von Scheeler Stiefelputzer in Kairo wären. Das ist doch ein durchaus ehrliches Gewerbe!«

»Erlauben Sie mal! Graf und Stiefelputzer, dahinter steckt doch immer eine verunglückte Existenz.«

»Pech kann jeder haben.«

»Es ist nicht immer Pech.«

»Auch jugendlicher Leichtsinn ist entschuldbar.«

»Aber verteufelt kostspielig. Manch einer bleibt an den Folgen zeitlebens im Dreck stecken.«

»Man muß den festen Willen haben, herauszufinden. Sonst gerät man immer tiefer hinein.«

Der Graf sah sie groß an.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich denk' mir das so«, erwiderte Änne.

»Eine reiche Ehe wäre natürlich das einfachste.«

»Gewiß; aber mehr Befriedigung hat man wohl, wenn man es aus sich selbst heraus zu etwas bringt.«

Der Graf war nachdenklich, nickte mit dem Kopf und sagte:

»Wenn man das könnte.«

Änne ließ ihn zunächst nicht merken, daß er sich vergaß und persönlich wurde.

»Wenn man nicht selbst stark genug ist, so bedarf man einer Stütze«, sagte sie.

»Eben die ist es, der ich mich immer tiefer verpflichte, die immer bedingungsloser Besitz von mir ergreift.«

»Im Guten doch?«

»Nein, aus Egoismus! aus gesellschaftlicher Eitelkeit und mit schlechten Mitteln!«

Änne stand auf und trat vor ihn hin:

»So wehren Sie sich!« sagte sie bestimmt.

»Sie ist mir überlegen.«

»Es bedarf nur eines Entschlusses!« redete sie ihm zu. »Fassen Sie ihn! Es geht! Sie werden es sehen.«

»Es ist zu spät dazu.«

»Hat sie Ihr Wort?«

»Sie hat mehr. Sie hat mich mit Haut und Haaren, kann mit mir machen, was sie will.«

»Sie lieben sie?«

»Ich kann nicht lieben.«

»Ist sie Ihnen wenigstens sympathisch?«

»Ja und nein! Heute habe ich das Gefühl, ich müsse ihr dankbar sein, denn ohne sie wäre ich längst nicht mehr. Und morgen hasse ich sie und sehe in dem völligen Zusammenbruch das kleinere Übel. Ich bin ja doch nicht mehr ich selbst. Sie hat völlig Besitz von mir ergriffen. Automatisch tue ich, was sie will. Früher, als ich noch versuchte, mich aufzulehnen, zählte sie mir all die Mittel auf, durch die sie mich an sich gekettet hatte. Allmählich habe ich mich daran gewöhnt, in ihr mein Schicksal zu sehen. Ich denke nicht mehr nach, ich wehre mich nicht mehr. Ich tue, was sie will. Aber ein Leben ist das nicht.«

»Es gibt ein Mittel, diese Macht zu brechen.«

»Das gibt es nicht!«

»Ich will es Ihnen verraten. Handeln Sie wie ich, dann werden Sie wieder Ihr freier Herr.«

»Wie Sie?«

Erst jetzt kam dem Grafen zum Bewußtsein, wo und wem gegenüber er sich befand. Aber ehe er noch einen Schluß daraus zog, war Änne schon an ihn herangetreten.

»Sagen Sie sich folgendes,« redete sie auf ihn ein:

»Ich, Graf und Reichsgraf von Scheeler, bin durch meinen Leichtsinn und die Intrigen einer Frau so weit gesunken, daß ich Ekel vor mir selbst empfinde. Genau, wie ich im Duell einen Gegner ablehne, der keine Ehre hat, so kann auch eine Kugel, die ich mir vor den Kopf schieße, mich nicht rein waschen. Ich kann nur durch Arbeit meine Selbstachtung zurückgewinnen. Ich will ein neuer Mensch werden. Dazu ist nötig, daß ich den alten ablege, vergesse, untergehen lasse. Erst wenn ich ein anderer geworden bin, bin ich wieder freier Herr meiner Entschlüsse. – Wenn Sie sich zu diesem Entschluß durchgerungen haben, dann gehen Sie in das erste beste Hotel, in dem man Sie nicht kennt und wo Sie bisher noch nicht in Frack und weißer Weste soupiert haben. Lassen Sie sich bei dem Direktor melden und sagen Sie ihm: Ich bin Wilhelm Schulze, lechze nach Arbeit. Stellen Sie mich dahin, wo es am meisten und härtesten zu tun gibt. In den Stall, zu den Pferden, oder als Hausknecht, der die Koffer trägt und die Stiefel putzt. – Der Mann wird Sie anstellen, und Sie werden gerettet sein. Aber tun Sie nichts halbes, was die Wandlung nur erschwert, etwa als Empfangschef oder Chauffeur, wo alles Sie an Ihre Vergangenheit erinnert. Die muß ausgelöscht sein ein für allemal. Ein Graf von Scheeler existiert nicht mehr.«

Der Graf schwieg.

»Ich gäbe nichts auf,« erwiderte er nach einer Weile, »denn der Graf von Scheeler hat in Wirklichkeit längst aufgehört zu existieren.«

»Also!« sagte Änne freudig und streckte dem Grafen die Hand hin.

Er griff danach, führte die Hand an seine Lippen und sagte:

»Ich danke Ihnen!«

Dann verbeugte er sich und ging hinaus. –

Wozu, wozu? fragte sich Änne, als er draußen war. Ein Schuft weniger. – Sie lächelte verächtlich. Ist das ein Gewinn? Für wen? Für die Welt? – Gott bewahre! – Und für ihn? – Vielleicht – aber wie schwer erkauft er ihn. Ist das meine Mission? Wenn ich über mich nachdenke, komme ich dahinter, daß ich ein moralischer Mensch bin! – Sie erschrak, als sie es ausgesprochen hatte, und führte schnell die Hand vor den Mund. Wenn das nur keiner gehört hat! Sonst riskiere ich, daß man mich auf die Straße setzt, wo ich dem Schoße meiner Familie entschieden näher bin als hier. Hörst du, Papa? Deine Tochter ist Dirne! Dir zur Schande! Manchmal fällt sie zwar aus der Rolle, wie eben heut; dann zieht sie, statt sich, ihre Besucher aus, bis sie mit nackter Seele vor ihr stehen, die Jammerbolde, deren Umgang du dir zur Ehre rechnest. Denk dir, Papa, ein veritabler Graf aus ältestem Geschlecht, der sich vor einer Dirne schämt! Das gibt es. Und überhaupt so viel, wovon du gar nichts weißt. Du müßtest deine Sommerferien einmal bei deiner Tochter verbringen, wie es sich gehört; ich glaube, das wäre für deine Geschäfte ganz einträglich. Du würdest den Menschen bis auf den Grund ihrer Seele sehen und vieles lernen. Zu mir kommen viele nur aus Neugier, weißt du, deinetwegen. Um sich zu überzeugen, ob ich's auch wirklich bin. Du könntest mich gut als Mittel zum Zweck gebrauchen. Mir verraten sie alles, wenn ich sie an ihrer empfindlichen Stelle nehme. Das würde dir Geld tragen, Vater! Wie wär's? Das wäre ja wohl die einzige Basis, auf der eine Verständigung mit dir möglich wäre! Daß du Geld durch mich verdienst. Mörder! – Dann schrie sie, wie oft, laut nach ihrer Mutter, und wie immer setzte sich der Ruf von einem zum andern Zimmer fort. Wie das Armesünderglöckchen das Herz des abgefeimtesten Verbrechers trifft, so traf das Wort »Mutter!« die abgestumpften Herzen dieser Mädchen, so daß sie – ganz gleich, ob sie allein oder in Gesellschaft waren – laut aufschluchzten und an ihre Mutter dachten. –

Der Graf fand sich, als er wieder auf dem Flur stand, nicht gleich zurecht. Was war denn vorgegangen? Rein aus Neugier hatte er diese Änne aufgesucht, weil Mathilde Brückner ihm so viel von ihr erzählt hatte. Und statt einer vergnügten, anregenden Stunde, die er weiß Gott nötig hatte, was hatte er da erlebt? Seit seine Mutter tot war, hatte kein Mensch mehr so eindringlich und teilnahmsvoll mit ihm gesprochen. Das ganze Leben war in Äußerlichkeiten dahingegangen; als sein Vermögen vertan war und er nicht weiter wußte, hatte sich diese Frau Ina in der Pose des rettenden Engels an ihn gehängt, um den Preis der Ehe. Aber daß sie selbst von fremdem Gelde lebte, hatte sie ihm verschwiegen. Als sie sich ihm eröffnete, war es zu spät, gab es keine Umkehr mehr. Er war ihr verfallen, wenn – ja wenn er sich nicht zu einer Tat aufraffte, wie diese Änne sie entwickelte. Das war die Rettung! die einzige!

In Gedanken und ohne darauf zu achten, was um ihn herum vorging, stieg er die Treppe hinunter und sah auch nicht, daß unten im Vestibul Frau Ina im Gespräch mit Mathilde Brückner stand. Erst als ein überraschtes und entsetztes

»Nanu?«

Frau Inas ihn traf, fuhr er auf, blieb auf der Treppe stehen und sagte erstaunt:

»Ach du!«

»Sie träumen, Graf!« fuhr ihn Frau Ina an. »Sie sind nicht mehr da, wo man sich duzt. Ich wußte gar nicht, daß Sie hier auch Studien treiben.«

»Ich?« erwiderte er verwirrt und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Ach so! richtig! Verzeihen Sie, gnädige Frau . . .«

»Sie scheint es ja mächtig gepackt zu haben.«

»Wieso?«

»Weil Sie gar nicht in die Wirklichkeit zurückfinden.«

Der Graf stand jetzt neben ihr. Er reichte Mathilde Brückner die Hand und sagte:

»Ich habe Ihren Rat befolgt.«

»Waren Sie bei der Änne«?« fragte Mathilde voller Interesse. »Nun, was sagen Sie?«

»Das sehen Sie ja« erwiderte Frau Ina spöttisch. »Dieses Frauenzimmer hat ihn, scheint's, verhext – ich finde sie übrigens ziemlich reizlos.«

»Ich habe sie nicht auf ihre Reize hin untersucht«, erwiderte der Graf.

»Ach so! Ich wußte nicht, daß Sie mit den Mädchen dieses Hauses gesellschaftlichen Verkehr pflegen.«

»Diese Änne ist eine grundgescheite und anregende Person«, sagte Mathilde.

»Um so verächtlicher, mit den Anlagen Dirne zu werden.«

»Sie ist es nicht!« erwiderte Mathilde.

»Sondern?« fragte Frau Ina spöttisch. »Glauben Sie, der Graf hat mit ihr Schach gespielt?«

»Das könnte sein«, erwiderte Mathilde. »Sie spielt vorzüglich.«

»Dann soll man sie in einen Schachklub stecken. Sie übt überhaupt einen ungünstigen Einfluß auf die Mädchen aus.«

»Das ist wahr!« bestätigte Mathilde. »Sie will durchaus verhindern, daß in den Mädchen, die sie für rettungslos verloren hält und die sich völlig gedankenlos ihrem Berufe hingeben, das Gewissen erweckt wird. Sie meint, ihnen ist wohl, sie haben den Prozeß der Entmenschlichung hinter sich; wühlt man tote Gefühle neu in ihnen auf, so treibt man sie in einen Gewissenskonflikt, aus dem sie sich doch nicht mehr herausretten können. Jetzt gehen sie tanzend durchs Leben; lehrt man sie wieder denken, so verfallen sie dem Trübsinn und der Schwermut.«

»Wir werden uns doch von einer Dirne nicht unser Verhalten vorschreiben lassen, liebe Frau Brückner!« wandte sich Ina an Frau Mathilde, obschon alles, was sie sagte, dem Grafen galt. – »Ich muß es Ihnen noch einmal sagen: Sie sind zu nachsichtig und lassen sich von den Mädchen beschwatzen. Mit dieser Sorte Menschen muß man energisch verfahren, sonst tanzen sie einem auf der Nase herum. Alles, was nicht zur Sache gehört, ist auszuschalten. Sie mißbrauchen doch nur jede Freiheit, die man ihnen läßt.«

»Ich bin nicht Ihrer Meinung. Ich glaube im Gegenteil, daß man ihnen nur mit Güte beikommt.«

»Dieser Änne jedenfalls nicht. Und um dem Ärgernis ein Ende zu bereiten, werde ich dafür sorgen, daß sie aus dem Hause kommt. Sie stört den Betrieb und beeinflußt, wie Sie selbst sagen, unsere Bestrebungen in ungünstigem Sinne.«

»Aber nein!« widersprach Mathilde entsetzt. »So habe ich es nicht gemeint. – Wo soll sie denn hin? Hier ist sie eingewöhnt.«

»Da die Tätigkeit in derartigen Häusern nicht voneinander abweicht, so wird sie sich auch anderswo schnell hingewöhnen.«

»Sie wollen sie doch nicht in ein Freudenhaus stecken?«

»Ja, glauben Sie, daß die Vorbildung, die sie hier genossen hat, sie für ein höheres Töchterpensionat befähigt?«

»Ja«, erwiderte Frau Mathilde aus voller Überzeugung. »Das glaube ich allerdings!«

»Ich auch«, stimmte der Graf bei.

Frau Ina lachte laut auf und maß den Grafen mit einem spöttischen Blick.

»Nehmt's mir nicht übel,« sagte sie, »aber ihr seid verrückt!« und kehrte ihnen den Rücken.



Zehntes Kapitel.

»Lieber Freund,« sagte der Professor zu einem jungen Dozenten, der ihm zaghaft sein bisher keusches Herz enthüllte, »wenn Sie mich nach den besten Jahrgängen Falerner Weines fragen, so werde ich Ihnen Rede und Antwort stehen. Aber auf die Frage zu antworten: ob Fräulein Nelly Brückner die richtige Frau für Sie ist, fühle ich mich nicht kompetent.«

»Sie verkehren doch jahrelang miteinander«, erwiderte der Dozent.

»Im gesellschaftlichen Verkehr lernt man den Menschen nicht kennen.« Und als der junge Dozent ihn nicht eben klug ansah, fuhr er fort: »Wenigstens nicht den komplizierten. Ihnen freilich sieht man mit einem Blick auf den Grund Ihres verliebten Herzens – denn das geben Sie doch zu; verliebt sind Sie!«

Der Dozent errötete und der Professor sagte:

»Na also!«

»Ist sie denn so kompliziert?« fragte der Dozent schüchtern.

»Ja, in was haben Sie sich denn eigentlich verliebt, bester Freund? In das hübsche Gesicht? In ihr Wesen? In ihren Charakter?«

Der Dozent seufzte und sagte:

»In alles!«

»Und bei welcher Gelegenheit ist Ihnen das Unglück zugestoßen?«

»Welches Unglück?« fragte der Dozent.

»Ich meine, wann haben Sie zum ersten Male wahrgenommen, daß das klare Denken bei Ihnen aussetzte?«

»Dessen bin ich mir nicht bewußt.«

»Ich bitt' Sie, die Liebe hat immer den Zusammenbruch der Vernunft zur Folge. Daher sollten verliebte Menschen immer erst heiraten, wenn nachweisbar der Verstand bei ihnen wieder einsetzt – die meisten Verlobungen würden dann heilbar sein und nicht in Ehe ausarten.«

»Ich bin außerstande, Ihnen zu folgen, Herr Professor!«

»Durchaus begreiflich in Ihrem Zustand. Was ich Ihnen heute sage, wird Ihnen erst in der Ehe aufgehen. Denn man braucht Sie nur anzusehen, und die Diagnose ist nicht mehr zweifelhaft. Sie müssen, um gesund zu werden, die bittere Pille schlucken und heiraten.«

»Das will ich ja!«

»Bei der außergewöhnlichen Schwere Ihres Falles ist es wahrscheinlich, daß der Heilungsprozeß sehr lange dauert. Aber erfahrungsgemäß heilt die Ehe selbst die hartnäckigste Liebe. Ich nehme an, daß der Fall Sie mindestens zwei Jahre in Ihrem Berufe zurückwirft.«

»Fräulein Brückner ist kein gewöhnlicher Mensch.«

»I Gott bewahre!« spottete der Professor.

»Sie ist für eine Frau ungewöhnlich klug; sie wird mir beistehen und meinen Geist beflügeln.«

»Schluß!« befahl der Professor. »Wenn ich solche Phrasen aus dem Munde eines meiner bisher hoffnungsvollsten Schüler höre, überläuft's mich kalt. Lassen Sie sich meinetwegen Flügel, Hörner oder sonst etwas von diesem Fräulein Brückner ansetzen; aber verschonen Sie mich damit.«

Der Dozent senkte den Kopf und schwieg.

»Sie sind ein vornehm denkender Mensch, haben ein weiches Herz, verfügen über ein großes Vermögen, somit sind alle Vorbedingungen, um sich von einer Frau ruinieren zu lassen, erfüllt.« – Der Professor stand auf, reichte dem Dozenten die Hand und sagte: »Friede Ihrer Asche!«

»Ich hätte mir die Aussprache ersparen können.«

»Sie wird Ihnen noch einmal ins Gedächtnis treten, und vielleicht, daß Sie dann aus ihr die Kraft schöpfen, sich loszureißen.«

Als der junge Dozent schon an der Türe stand, fragte der Professor:

»Übrigens: wo haben Sie Fräulein Brückner eigentlich kennengelernt?«

Der Kopf des Dozenten schob sich in den hohen Kragen – wenigstens sah man kaum noch sein Gesicht, das er durchaus verbergen wollte.

»Aber!« sagte der Professor.

»Ich bekenne,« erwiderte der Dozent, »daß ich auf falschem Wege war.«

»Nanu!«

»Aber sie hat mir die Augen geöffnet!« – Und der Kopf des Dozenten wuchs in seiner ganzen Größe wieder aus dem Kragen empor. – »Die keusche Scham, mit der sie mir ins Gewissen redete, der hohe Sinn, mit dem sie die Liebe predigte, aus der allein der Mann das Recht des Besitzes einer Frau herleite, hat mich emporgehoben.«

»Leider ohne den Stil Ihrer Sprache zu verbessern«, erwiderte der Professor. »So verkitscht die Liebe selbst den ernsten und nüchternen Mann.«

Der Dozent wandte sich um:

»Sie haben nie geliebt!« fuhr er den Professor an und ging.


* * *


Nelly Brückner wußte, daß der junge Dozent kommen würde. Nur sein Tempo hatte sie unterschätzt. Er machte einen so bedächtigen Eindruck; es hatte den Anschein, als wenn er jede Handlung, die ihn aus seinem Gleichmaß riß, zehnmal überlegte und sie dann – unterließ.

»Wer?« fragte Mathilde Brückner, als das Mädchen Nelly die Karte reichte.

Nelly tat geheimnisvoll und sagte:

»Das kann man noch gar nicht wissen.«

»Was heißt das? Du kannst doch lesen.«

»Der Name besagt gar nichts. Dr. phil. Edmund Keller, Privatdozent an der Universität.«

»Was will er?«

»Mich!«

»Kennst du ihn?«

»Ja.«

»Ich habe nie den Namen gehört.«

»Es ist möglich, daß er dir sehr geläufig werden wird.«

»Willst du damit etwa sagen . . .«

Nelly wies zur Tür und sagte:

»Bitte, Mama, laß uns allein. Dein Stichwort ist noch nicht da. Im ersten Auftritt spielen nur er und ich.«

»Wie leicht du so ernste Dinge nimmst.«

»Das scheint nur so.«

»Darf ich den Herrn einlassen?« fragte das Mädchen.

»Ich gehe«, sagte Mathilde Brückner und hatte einen roten Kopf. An der Türe wandte sie sich nochmals um und sagte: »Mach' nur nichts Falsches.«

»Verlaß dich auf mich.« – Und zu dem Mädchen sagte sie: »Ich lasse bitten.«

Doktor Edmund Keller trat herein. Um eine Nuance verlegener noch als beim Professor. Er verbeugte sich und sagte:

»Sie werden erstaunt sein.«

»Aber nein! Ich freue mich.«

»Ich bin so stark beeindruckt von Ihnen, mein Fräulein. Und ich möchte den Anlaß, dem ich unsere Bekanntschaft danke, so gern ungeschehen machen. In welchem Lichte muß ich Ihnen erscheinen.«

»Sie haben der Versuchung widerstanden.«

»Ich schwöre Ihnen, ich werde nie . . .«

Nelly wehrte ab:

»Ich fühle mich durchaus nicht qualifiziert, derartige Erklärungen entgegenzunehmen. Im übrigen, Herr Doktor: ich bin hier nicht in Ausübung meines Berufes. Sie befinden sich hier in der Wohnung meiner Eltern, nicht in der »Neuf d'or«. Gespräche, wie sie im Interesse unserer Bestrebungen dort notwendig und erlaubt sind, gehören hier nicht her.«

»Ich bewundere Sie immer mehr«, gab er zur Antwort.

»Leider bin ich selbst sehr unzufrieden mit mir.«

»Befriedigt Ihr Beruf Sie nicht?«

»Wären alle wie Sie!«

»Das macht mich froh.«

»Aber leider – die wenigsten kehren um.«

»Sündige Welt.«

»Mir fehlt wohl die – ja, wie soll ich sagen? – die Erfahrung. Ich begreife zu wenig, was die Männer treibt, um ihren Einwänden mit wirksamen Argumenten zu begegnen.«

»Ich finde es einen äußerst glücklichen Gedanken, Sie als Symbol der Reinheit vor das Tor der Sünde zu stellen! Wer sich den Glauben an das Weib bewahrt hat, der wird, wo Sie schützend Ihre Arme ausbreiten, kapitulieren und der Frau und sich selbst die Erniedrigung ersparen.«

»Wenn alle so dächten! Ich könnte, statt mich für meine Schwestern zu opfern, an mich selbst denken.«

»Das sollten Sie jedenfalls tun: Sie werden doch nicht Zeit Ihres Lebens . . .«

»Wirklich, Herr Doktor, sprechen wir von was anderem. Glauben Sie mir, ich bin so furchtbar uninteressant.«

»Erlauben Sie, daß ich widerspreche. Ich habe mich in Gedanken jedenfalls sehr intensiv mit Ihnen beschäftigt.«

»Mit mir? Ich wüßte gar nicht, wie das möglich wäre. – Sie haben Ihren ernsten Beruf.«

»Seitdem ich bei Ihnen war, bin ich zu keiner ruhigen Arbeit mehr gekommen.«

»Das bedaure ich sehr. Ich habe viel zu viel Respekt vor der Wissenschaft, um bewußt Ihre Arbeit zu stören.«

»Es liegt bei Ihnen, mein Fräulein, sie zu beflügeln.«

»Sie überschätzen mich! glauben Sie mir! Was Sie meinem Einfluß zuschreiben, hat irgendein gutes Gefühl in Ihnen bewirkt.«

»Möglich, daß es in mir war. Aber geweckt haben Sie es. Und nun wirkt es in mir fort und wird nie mehr erlöschen.«

»Es macht mich glücklich, im Guten auf einen Menschen zu wirken.«

»In Ihrer Hand liegt es, mich ganz gut und ganz glücklich zu machen.«

»Wenn ich das wirklich kann, ich würde mich dem nicht verschließen.«

»Sie würden, wenn ich Sie bäte . . .?«

»Tun, was in meiner Kraft steht.«

»Nun denn: erwidern Sie mein Vertrauen! Ich gehöre Ihnen.«

»Ja . . . ich weiß gar nicht . . . das trifft mich so überraschend . . . wenn ich Sie recht verstehe, so . . . wollen Sie . . .«

Der Dozent trat auf sie zu, nahm ihre Hand und sagte: »Ich will Sie zu meiner Frau machen.«

Nelly senkte den Kopf.

»Und Mama?« fragte sie schüchtern. »Sie hat es mir verschwiegen . . .«

»Ihre Frau Mutter?«

»Sie hat mir nichts davon gesagt.«

»Ja, ich muß gestehen,« erwiderte der Dozent betroffen. »Sie haben recht, ich hätte wohl, bevor ich mit Ihnen sprach . . .«

»Mama weiß von nichts?« fragte Nelly und tat entrüstet. »Und dann sprechen Sie so mit mir?«

»Weil Sie einen so selbständigen Eindruck machten.«

»Ich hätte das gerade von Ihnen nicht erwartet. – Sie haben mich da in eine Situation gebracht . . .«

Der Dozent, der bisher über seine Haltung gestaunt hatte, wurde unsicher und verwirrt.

»Das war ein Fehler – ich gebe es zu – es war nicht schlecht gemeint – ich dachte mir nichts dabei – das müssen Sie doch einsehen – wo ich doch nur den einen Wunsch habe, Ihnen alles zu Liebe zu tun.«

Nelly war von ihm fort und zur Tür getreten.

»So bleiben Sie doch,« bat er sie.

Nelly hielt jetzt die Hand an der Tür, öffnete sie und glitt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, hinaus. Er sah ihr nach, stand hilflos da und wußte nicht, was er davon halten sollte. Einen faux pas hatte er gemacht, das war ihm klar. Aber sollte der über einen Entschluß entscheiden, der doch dem ganzen Leben galt? Er war noch im Unklaren, was er tun sollte. Das Richtige war vielleicht, er ging und wiederholte die Werbung in anderer Form. Während er noch darüber nachdachte, hörte er draußen Schritte; gleich darauf öffnete sich die Tür und Mathilde Brückner trat ins Zimmer.

Der Dozent verbeugte sich.

»Meine Tochter sagt mir, daß Sie mich zu sprechen wünschen, Herr Doktor,« sagte Mathilde und gab ihm die Hand. Er verbeugte sich und sagte:

»Keller, Doktor Edmund Keller, Dozent an der Universität.«

»Ich weiß,« erwiderte Mathilde freundlich, lächelte und forderte ihn auf, sich zu setzen. Sie wollte es ihm möglichst leicht machen. »Meine Tochter hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Der Dozent strahlte und sagte:

»Wirklich?«

»Und ich kann Ihnen verraten, daß sie nur Gutes von Ihnen sprach.«

»Wann . . . darf ich . . . wissen, . . . wann . . . Ihr . . . Fräulein Tochter . . . Gutes . . . über . . . mich . . . gesprochen . . . hat?«

»Heute und gestern und überhaupt.«

»Ich bin sehr glücklich.«

»Ich hoffe, Sie werden es – und mein Kind auch.«

Der Dozent strahlte.

»Ja, das hieße ja, daß Sie meine Werbung . . .«

»Ich bitte Sie, Herr Doktor, was haben wir Eltern denn heute noch für einen Einfluß auf unsere Kinder? Die stellen uns vor eine Tatsache, und wir müssen froh sein, wenn sie uns, wie in diesem Falle, einen Schwiegersohn präsentieren, der nach unserem Geschmack ist.«

»Sehr gütig,« erwiderte der Dozent.

»Und da meine Tochter, die ein kluger Mensch ist und weiß, was sie will, glaubt, mit Ihnen glücklich zu werden, so gehören Ihnen von vornherein meine Sympathien.«

Der Dozent vermochte auch jetzt nicht ganz zu folgen.

»Wenn ich recht verstehe,« sagte er eckig und ungeschickt, »so hat Ihr Fräulein Tochter also bereits einen Entschluß gefaßt?«

»Aber ja!« erwiderte Frau Mathilde erstaunt. »Sie ist es ja, auf deren Geheiß ich hier mit Ihnen spreche. Eben kam sie zu mir und sagte: ›Geh vor, Mama, sieh dir deinen Schwiegersohn an und sage mir, ob er dir gefällt‹.«

»Ja, das heißt ja wohl . . .«

»Ich meine auch, daß das deutlich zeigt, was sie will.«

»Aus ihrem Verhalten mir gegenüber ging das nämlich nicht mit dieser Deutlichkeit hervor.«

»Ja, habt ihr euch denn nicht verlobt? Ist sie Ihnen denn nicht um den Hals gefallen?«

»Sie war ja gewiß sehr freundlich – aber von alledem ist nichts geschehen.«

Frau Mathilde öffnete die Tür und rief laut:

»Nelly!«

»Mama?!« klang es zurück, und im selben Augenblick trat Nelly auch schon ins Zimmer und sagte:

»Nun?«

»Das frage ich – oder besser: wir,« erwiderte Frau Mathilde und wies auf den Dozenten.

»Hat Herr Doktor Keller denn nicht mit dir gesprochen?«

»Gewiß, hat er das. Das heißt, eigentlich habe ich mehr mit ihm gesprochen.«

»Aber der Gedanke geht ja doch wohl mehr von ihm aus.«

»Durchaus!« bestätigte der Dozent. »Ich habe im Gegenteil aus Ihrer Zurückhaltung schließen müssen . . .«

»Was?« fiel sie ihm ins Wort.

»Daß meine Werbung Ihnen überraschend kam; während Ihre Frau Mutter . . .«

»Mama hat die Gewohnheit, jedem zu sagen, was er zu hören wünscht. Indem ich die Entscheidung in Mamas Hand legte, habe ich es Ihnen also leicht gemacht.«

»Das entscheidende Wort, Kind, mußt Du sprechen.«

Der Dozent nickte und sagte:

»Das mein' auch ich.«

»Denn schließlich sollst du ihn heiraten; nicht ich.«

Nelly schoß ein verrückter Gedanke durch den Kopf. Wenn sie den Dozenten mit der Mutter zusammenkuppelte. Dann wurde Wolfgang von Erdt frei – für sie. Toll! toll! dachte sie und sah Frau Mathilde an, aus der nur die um das Glück ihres Kindes besorgte Mutter sprach.

»Natürlich ich,« sagte sie. »Du hast ja deinen Mann. Und ich – das wissen Sie am Ende gar nicht, lieber Doktor – bin beinahe vierundzwanzig; älter sind Sie auch kaum.«

»Es kommt nicht auf die Jahre an,« erwiderte der Dozent.

»Das mein' ich auch; mein Mann ist acht Jahre jünger als ich, und unsere Ehe ist mustergültig.«

»Nun gut!« sagte Nelly und trat an Doktor Keller heran. »Da du die Werbung unterstützt, Mama, und Sie mir gefallen« – diese Worte sprach sie langsam und betonte sie – »so habe ich keinen Grund, Sie abzulehnen.«

Das klang nicht gerade nach himmelstürmender Liebe, genügte dem Dozenten aber, um auf einen Wink Mathildes hin den Arm um Nelly zu legen und sie auf den Mund zu küssen. Nelly hatte dabei das Gefühl, als wenn ihr jemand mit der Serviette über den Mund fuhr. Daher kam es wohl auch, daß sie, statt von Liebe zu sprechen,

»Danke!«

sagte. Der Dozent deutete es falsch und dachte:

»Wie ein Kind! Dabei ist sie doch in anderen Dingen so reif und gescheit.«

»Nun sind wir also verlobt!« sagte sie. »Jetzt müssen wir Champagner trinken, Mama, und vergnügt sein.«

Sie klingelte und bestellte den Wein.

»Ja, und dann,« fuhr sie fort, »müssen wir am Ende auch Papa benachrichtigen.«

Mathilde lachte auf.

»Nein! daß wir das vergessen konnten.«

»Schnell! schnell!« trieb Nelly das Mädchen an und half ihr, den Champagner einzugießen.

»Rufen Sie Herrn von Erdt.«

Als Wolfgang von Erdt ahnungslos ins Zimmer trat, ging Nelly ihm mit zwei vollen Gläsern entgegen. Eins reichte sie ihm. Er nahm es und sah sie erstaunt an.

»Stoß an!« rief sie ihm zu.

»Worauf?« fragte er; seine Hand zitterte.

Nelly wies auf den Dozenten, sah von Erdt scharf an und sagte:

»Ich hab' mich verlobt.«

Wolfgang von Erdt zuckte zusammen, das Glas fiel ihm aus der Hand und ging in Scherben.

»Das bringt Glück!« rief Nelly laut und warf sich dem Dozenten an den Hals.

Wolfgang von Erdt glitt auf einen Stuhl.

»Was ist dir?« fragte Mathilde besorgt.

Wolfgang von Erdt sprach kein Wort. Er starrte Nelly und den Dozenten an.

Mathilde begriff ihn nicht.

»Wie auch ein freudiger Schreck den Menschen umreißt,« sagte sie.

»Das mußte doch eines Tages kommen,« sagte Nelly übermütig und küßte den Dozenten auf den Mund.

Der war ganz selig.

»Wir wollen sie allein lassen,« sagte Mathilde und nahm Wolfgang von Erdt beim Arm. Der mühte sich mit letzter Kraft auf und schleppte sich an Mathildes Arm aus dem Zimmer.

Kaum war er draußen, da hörte man einen dumpfen Schlag. v. Erdt war bewußtlos zusammengebrochen.

Nelly ließ den Dozenten stehen und stürzte hinaus.

Der Dozent blieb allein und genoß sein Glück.

Nelly litt inzwischen Todesangst um von Erdt. Erst als der Arzt erklärte:

»Eine starke Ohnmacht. Sie sehen« – und er wies auf den Kranken, der die Lider wieder bewegte – »es geht schon vorüber,« überließ sie ihn der Mutter und kehrte zu dem Dozenten zurück.

Der ging ihr freudig und mit ausgebreiteten Armen entgegen.



Elftes Kapitel.

In der ersten Sitzung, die der gesamte Vorstand abhielt, gab es kaum eine Frage, über die unter den Mitgliedern Einmütigkeit herrschte. Wenn es trotzdem zu keinen lauten Gegensätzen kam, so lag das daran, daß letzten Endes doch alle der Wunsch einte, ihre soziale Position nicht zu gefährden. Da hierfür aber Voraussetzung war, daß keiner den andern desavouierte, so glättete guter Wille und kluge Einsicht schließlich alle Gegensätze. Wenigstens nach außen hin. Innerlich fand sich zum Beispiel Frau Olga durchaus nicht damit ab, daß sie aus dem Dispositionsfonds, in den alle Einnahmen flossen, noch nicht die Hälfte von dem schöpfen durfte, was man Frau Ina zugestand. Und Wolfgang von Erdt wieder mißgönnte Frau Mira einen Gewinn, dem er jede innere Berechtigung absprach.

»Wozu?« fragte er; »jetzt, wo uns wöchentlich mehr als hundertzwanzig Damen der Gesellschaft ihr Vertrauen schenken und wir schon alle Mühe haben, ihren Wünschen gerechtzuwerden.

»Wir wollen die Frage nicht weiter erörtern,« vermittelte die Baronin und wandte sich an Frau Mira. »Unsere verehrte Freundin wird sich, wie ich sie kenne, künftighin etwas mehr Zurückhaltung auferlegen. Damit dürfte der Fall erledigt sein.«

»Ich will Ihnen mal etwas sagen,« erwiderte Frau Mira. »Der eine bereichert sich, der andere vergnügt sich; mir scheint, es wäre klug, über das eine so stillschweigend hinwegzugleiten, wie über das andere. Ich fühle mich in moralischer Hinsicht Ihnen jedenfalls überlegen.«

»Aber so lassen wir das doch!« wehrte Frau Ina ab. »Das gesellschaftliche Leben besteht eben aus Kompromissen. Man spricht nicht aus, was sich häßlich anhört. Das ist Kultur! und die, denke ich, besitzen wir alle.«

»Meine Tochter hat recht,« stimmte die Baronin bei. »Diese deutsche Gründlichkeit erregt in der ganzen Welt Anstoß. Wir müssen das lernen, was der Franzose nennt: glissons.«

»Um so eingehender können wir uns mit allem befassen, was außerhalb unserer Personen liegt,« fuhr Frau Ina fort; und Frau Mira sagte:

»Zum Beispiel?«

»Mit dieser Änne. Ich kann Ihnen mitteilen, daß sich durch ihr Verhalten selbst Frau Mathilde Brückner in ihrer Arbeit gehemmt und beschwert fühlt.«

»Wenn das der Fall ist,« erwiderte der Professor, und Frau Ina fiel ihm ins Wort und sagte:

»Ich verbürge mich dafür.«

»Dann bin auch ich dafür, sie zu entfernen. Nur scheint's mir nicht logisch. Denn Sie und Frau Brückner wollen doch verschiedenes. Frau Brückner hat das Wohl der Mädchen im Auge; Sie das Geschäft.«

»Wir hatten uns doch vorgenommen,« fiel ihm Frau Olga ins Wort, »über Dinge, die das Lautsein nicht vertragen, hinwegzugleiten.«

»Um so mehr,« stimmte Frau Ina bei, »als in diesem Falle sowohl das Wohl der Mädchen, als auch der Betrieb der Neuf d'or – und darauf wollen Sie ja wohl hinaus, Herr Professor? – unter dem Einfluß Ännes leiden.«

»Machen wir doch nicht soviel Wesen wegen so einer Bagatelle. Wenn das Mädchen im Wege ist, wird es eben durch ein anderes ersetzt,« sagte Wolfgang v. Erdt.

In diesem Augenblick erschien Nelly Brückner und entschuldigte das Fernbleiben ihrer Mutter, die eine dringende Abhaltung habe. In Wirklichkeit lag der Fall so, daß Mathilde Brückner sich längst nicht mehr um die Struktur und Verwaltung der Neuf d'or kümmerte, sich vielmehr auf den Verkehr mit den Mädchen beschränkte und darin eine tiefe Befriedigung fand.

»Wir sind gerade im Begriff,« orientierte sie Frau Ina, »den Ausschluß dieser Änne zu verfügen.«

»Das wird Mama kaum billigen,« erwiderte Nelly. »Denn obgleich diese Änne ihr bei den Mädchen Schwierigkeiten macht . . .«

»Da hören Sie's!« wandte sich Frau Ina an den Professor, und Nelly fuhr fort:

»So schätzt sie ihre menschlichen Qualitäten doch hoch ein.«

Die Baronin sprach das entscheidende Wort:

»Das Wohl der Gesamtheit darf nicht unter dem einer Einzelnen leiden.«

Dem stimmten alle zu.

»Dennoch,« fuhr die Baronin fort, »dürfen wir auch gegenüber einer einzelnen der unserer Obhut Unterstellten den wohltätigen Zweck nicht aus dem Auge verlieren. Ich schlage daher vor, daß man sich bei der Unterbringung dieser Änne in einem anderen Hause ausbedingt . . .«

»Wer übernimmt die Unterbringung?« fragte Wolfgang von Erdt. »Das muß ein für allemal festgelegt werden.«

»Am besten wohl Sie!« meinte der Professor.

»Ich bin bereit!«

»Nein! nein!« widersprach Frau Olga lebhaft. »Das besorgen wir! Mein Mann übernimmt das! – Nicht wahr, Max?« wandte sie sich an ihren Mann, und der erwiderte:

»Gewiß! wenn du meinst, Olga!«

Niemand begriff den Eifer, mit dem sich Frau Olga zu diesem Amte drängte.

»Also übertragen wir's der Herzogin,« stimmte Frau Ina bei, wandte sich an die Baronin und sagte: »Du wolltest vorhin noch etwas sagen, Mama.«

»Das wollte ich allerdings. Aber Herr von Erdt ließ mich nicht zu Ende sprechen.«

»Ich? wieso ich?« fragte der erregt.

»Herr von Erdt,« mischte sich der Professor in die Debatte, »ich muß der Baronin recht geben. Sie lassen heute die Ruhe vermissen, die wir sonst an Ihnen so schätzen.«

»Mag sein! Ich bin nervös. – Sie verzeihen, Baronin?«

»Aber ja! Ich wollte anregen, daß man sich bei der Leitung des Hauses, in dem man diese Änne unterbringt, ausbedingt . . .«

»Richtig! das sagten Sie!« bestätigte von Erdt.

»Daß sie unserer Einwirkung, in diesem Falle also der Einwirkung der Frau Brückner, unterstellt bleibt.«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Frau Ina. »Das nehmen Sie bitte in das Sitzungsprotokoll auf, lieber Professor, daß der Vorstand sich im Interesse des Wohles der anderen Mädchen schweren Herzens zwar zu dem Ausschluß Ännes entschließen mußte, aber einstimmig den Entschluß faßte, sie nur an einen Ort zu verbringen, wo sie weiter unter unserem Einfluß bleibt. Und zwar – vergessen Sie ja nicht, das in das Protokoll aufzunehmen, Professor – ohne Rücksicht auf die damit verbundenen erheblichen Kosten.«

»Ausgezeichnet!« sagte Frau Olga und machte sich eifrig Notizen.

»Sodann liegt eine ganze Reihe von Beschwerden vor,« sagte von Erdt. »Es wird von den Besuchern darüber geklagt, daß die Mädchen nicht mehr, wie ehedem, bei der Sache seien. Besonders charakteristisch ist der Brief des Oberlehrers Otto Lassmann, der schreibt:

»Ich glaube als regelmäßiger Besucher Ihrer Anstalt und überzeugter Anhänger Ihrer Bestrebungen das Recht und die Pflicht zu haben, auf folgende Mängel hinzuweisen und deren baldmögliche Abstellung zu fordern:

a)

Mir ist aufgefallen, daß die Mädchen im Gegensatz zu früher, wo sie bescheiden nur auf die an sie gestellten Fragen Antwort gaben, jetzt ihrerseits die Besucher mit Fragen, oft rein persönlicher Natur, belästigen. So hat mich die blonde Lona aus Zimmer Nummer vier bei meinem siebenten Besuch am 26. März, nachmittags zwischen drei und vier Uhr, ganz unvermittelt gefragt: ›Liebling, was bist du eigentlich in deinem privaten Leben?‹ – Ich brauche als Oberlehrer wohl nicht zu betonen, daß ich ihr zu Intimitäten dieser Art niemals Anlaß gegeben habe. Ich suchte der Ursache dieser Neugier – wozu ich als verheirateter Mann und Familienvater allen Grund habe – auf die Spur zu kommen und erhielt als Antwort: ›Bist du nicht Lehrer?‹ – Ich erschrack und glaubte, meine Frau habe ihre Hand im Spiel und fragte entsetzt: ›I Gott bewahre! Wieso glaubst du das?‹ – Sie wies auf mein Notizbuch, das auf dem Nachttisch lag und sagte: ›Darum! Weil du mir Zensuren gibst. Ich habe, als du eingeschlafen warst, darin geblättert.‹ – Denken Sie, wie peinlich! Ich führe als gewissenhafter Mensch über alles Buch. Schon um mir Rechenschaft zu geben. Die blonde Lona steht an dritter Stelle; zwischen meiner Frau, die natürlich an erster Stelle steht, und der schlanken Motte. Während ich der Lona dreimal eine Zwei und vier Einsen geben konnte, stand bei meiner Frau dreimal eine Vier. Ich brauche kaum zu sagen, daß diese Noten nicht für die Augen dieser Mädchen bestimmt sind, und muß daher darauf dringen, daß sie meine Sachen, wenn ich, was vorkommt, mal ein Viertelstündchen einschlummere, unberührt lassen.

b)

Als ich drei Tage später auf Zimmer neun bei der schlanken Motte bin, sagt sie plötzlich: ›Papsy, du bist heute zerstreut.‹ – Sie begreifen, daß solch ein Vorwurf einen Lehrer besonders hart trifft. Ich frage: ›Wieso?' – ›Du hast die Röllchen, die Jägerjacke und das Vorhemd falsch aufgestellt.‹ – Ich richte mich hoch und sehe, daß tatsächlich die Röllchen über dem Vorhemd und das Vorhemd über der Jägerjacke liegt. Das ist unlogisch und verwirrt beim Anziehen. Zu Haus besorgt das meist meine Frau, die trotz jahrelanger Übung die Sachen auch heute noch hin und wieder falsch placiert. Ich muß also wie auf Zimmer vier bei Lona auch auf Zimmer neun bei Motte wiederum an meine Frau denken und frage Sie, ob der Zweck meiner Besuche in der ›Neuf d'or‹ nicht illusorisch wird, wenn ich dabei ständig gerade an das erinnert werde, wovon ich für ein paar Stunden Vergessenheit suche.

c)

Am 4. April bin ich auf Zimmer elf bei der blassen Lene. Natürlich habe ich auch ihr gegenüber mein Inkognito nie gelüftet. Vielmehr bin ich für sie seit jeher der Staatsanwalt Alexander Wlach. Das ist ein Freund von mir. Und da der aus Prinzip in kein öffentliches Haus geht, so sind für mich Weiterungen aus diesem Pseudonym ausgeschlossen. Sie können sich also mein Entsetzen denken, als Lene unter dem Eindrucke meiner Persönlichkeit plötzlich aufschreit: ›Otto, hast du mich denn auch lieb?‹ – ›Wie? was?‹ rufe ich und reiße mich los. ›Von was für'n Otto ist denn hier die Rede? ich heiße immer noch Alexander!‹ – Die blasse Lene wird noch blasser, entschuldigt sich und sagt: ›Verzeih! ich mußte an meinen Otto denken.‹ – ›Was für'n Otto?‹ wiederhole ich wütend. Sie schlingt ihre Arme um meinen Hals und sagt: ›Sei nicht böse, Alexander! Für mich bist du eben trotz deiner Glatze Otto!‹

– Ich ersuche Sie zu eruieren, wer Otto ist. Sollte ich es sein, so wollen Sie die blasse Lene auf Zimmer elf vom Gegenteil überzeugen.

Hochachtungsvoll

Dr. phil. Otto Lassmann,

Oberlehrer.«


Graf Scheeler, der während der Verlesung in den Saal getreten war, lachte laut auf. Nelly Brückner hielt sich beide Ohren zu und vertiefte sich in ein Buch, das aufgeschlagen vor ihr lag.

»Weiß denn niemand, wer Otto ist?« fragt Wolfgang von Erdt.

»Natürlich!« erwiderte Frau Olga. »Der kleine Flieger.«

»Und den liebt sie?«

»Das ist eins der Erziehungsresultate Mathilde Brückners,« sagte Frau Ina. »Bei der völligen Abgestumpftheit war das Vortäuschen von Gefühl für die Mädchen bisher etwas rein Mechanisches. Etwa wie ein Musikapparat, der sich in Bewegung setzt, sobald man ein Geldstück hineinwirft. So ein seelenloser Mechanismus ist die Voraussetzung für jede Frau dieser Art. Nun hat Frau Mathilde Brückner den Mädchen Gefühl eingeblasen. Das geht, da es nicht von innen heraus entsteht, natürlich nicht in die Tiefen, sondern ist ein Strohfeuer, das sich beim ersten besten entzündet. Das hat zur Folge, daß der Mechanismus versagt und jeder Gedanke nur noch dem Geliebten gehört. Daher Otto statt Alexander. So etwas stößt natürlich ab. Der Trottel von Oberlehrer wertet es freilich anders.«

Ohne von ihrem Buche aufzusehen, sagte Nelly:

»Sollte man bei diesem Oberlehrer nicht einmal ein Exempel statuieren?«

Ein Paar verstanden und lächelten.

»Bei einem Oberlehrer könnte man das schon riskieren.«

»Es würde am Ende ängstlich machen.«

»Und andere abhalten.«

»Man müßte es in eine Form kleiden, aus der jeder Eingeweihte erkennt, daß der Oberlehrer und nicht der Tatbestand uns veranlaßt haben, einzuschreiten.«

»Klug sind Sie, Kind!« sagte die Baronin.

»Etwa so«, entgegnete Nelly.

»Herrn Oberlehrer Doktor Otto Lassmann.

Aus Ihrer uns übermittelten Beschwerde entnehmen wir, daß Sie ein Wüstling sind. Der Mißbrauch, den Sie mit der Mitgliedschaft bei unserer moralischen Anstalt treiben, ist so beispiellos, daß der Vorstand einmütig Ihren sofortigen Ausschluß bestimmt hat. Getreu den Tendenzen unseres Vereins sehen wir uns veranlaßt, dem Staatsanwalt Wlach und Ihrer vorgesetzten Behörde je eine beglaubigte Abschrift des an uns gerichteten Schreibens zu übermitteln. Die bisher an uns gezahlten Mitgliedsbeträge gehen Ihnen mit gleicher Post wieder zu.

Im Namen des Vorstands

Baronin Waltner – Wolfgang von Erdt.«

Man muß diesen Brief auf alle Fälle schreiben,« entschied Frau Ina. »Es ist ja gar nicht ausgeschlossen, daß das ganze ein Bluff ist, um uns auf die Probe zu stellen. Zweifler und Neider gibt es immer. In diesem Fall dürfte die Antwort überzeugen. Oder aber, wofür die Wahrscheinlichkeit spricht, der Brief ist ernst gemeint, dann liegt in der Stellung, die wir dazu nehmen, eine Propaganda ersten Ranges. Es sei denn . . .« – sie zog die Stirn in Falten und lächelte.

»Was?« fragten die andern.

»Daß der Herr Oberlehrer mit uns verhandelt.«

»Dann wird sich ja zeigen, was zweckmäßiger ist.«

Man beschloß den Brief abzusenden, dann aber, bevor man den Fall propagandistisch ausbeutete, abzuwarten, wie er reagierte.

Als charakteristisch verlas dann Frau Ina noch folgendes beim Vorstand eingegangene anonyme Schreiben:

»Zwei in der Ehe Enttäuschte suchen, was sie beieinander zu finden glaubten, aber nicht fanden. Er: ein dämonisches Weib; sie: einen brutalen Mann. Gibt es das überhaupt? Und falls ›ja‹, bietet Ihr Institut die Möglichkeit, es zu finden? Antworten unter A. F. postlagernd.«

Wieder war es Nelly Brückner, die mühelos eine Antwort fand, durch die man sich in keinem Falle etwas vergab. Sie lautete:

»Die von Ihnen gesuchten Vorbedingungen für eine glückliche Ehe glauben wir schaffen zu können.«

Es folgte eine Reihe von Briefen, in denen sich die Einsender darüber beklagten, daß ein durchaus überflüssiger Gefühlsballast auf seiten der Mädchen den Verkehr kompliziere, während wieder andere die Wahrnehmung gemacht haben wollten, daß es noch immer Elemente gäbe, die lediglich aus unsauberen Motiven die ›Neuf d'or‹ besuchten.

Nelly saß, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die Ohren wieder mit den Händen bedeckt, in ihr Buch vertieft da und tat teilnahmslos. Als aber die Beschwerden und Wünsche in den von Frau Ina und von Wolfgang von Erdt verlesenen Briefen gar zu eindeutig wurden, klappte sie ihr Buch zu, stand auf und ging aus dem Zimmer.

»Wohin?« rief von Erdt ihr nach.

Ohne sich umzuwenden oder eine Antwort zu geben, schloß sich hinter ihr die Tür.

»Wir haben wohl auch genug?« fragte von Erdt.

»Ich verstehe gar nicht Ihre Unruhe,« erwiderte die Baronin. »Sie sind doch sonst für Gründlichkeit. Ihr Fräulein Tochter begreif' ich. Sie stößt sich trotz guten Zwecks und Aufgeklärtheit eben doch am Sachlichen. So sehr wir sie hier entbehren – ihrer Weiblichkeit macht das alle Ehre. Sie sind aber schließlich kein junges Mädchen.«

»Und Ihre Dramen und Romane zeugen auch nicht gerade von übertriebener Zimperlichkeit in erotischen Dingen«, trat der Professor der Baronin bei.

»Ich muß doch bitten, nicht persönlich zu werden«, forderte von Erdt in gereiztem Ton.

»Wenn Sie so erregt sind,« meinte Frau Ina, »geben Sie den Vorsitz vielleicht besser an die Herzogin ab.«

Von Erdt sprang auf, schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte:

»Machen Sie, was Sie wollen!«

»Oh, wie unbeherrscht!« rief die Baronin vorwurfsvoll.

»Mag sein!« erwiderte von Erdt. »Aber schließlich verliert man eben die Geduld.« – Und er nahm von den Eingängen, die noch unerledigt waren, das oberste Blatt, warf wütend noch einmal einen Blick darauf und zerriß es. Dann schob er sämtliche Papiere Frau Olga hin und sagte:

»Bitt', gnädige Frau!« verbeugte sich und stürzte aus dem Zimmer – seiner Tochter nach.

Als er draußen war, fragte die Baronin:

»Was hat er nur? Er ist doch sonst so höflich.«

Frau Ina setzte mit feinem Instinkt das Papier zusammen, daß er, ehe er hinausgegangen war, zerrissen hatte, und sagte:

»Sollte etwa das der Grund sein?«

»Was ist es?« fragten alle.

Frau Ina beugte sich über das Blatt und las:

»Soweit ich es entziffern kann, steht hier:

Eingabe an den Vorstand, zu Händen des Herrn

von Erdt.

Ich beantrage, meinen Verlobten, den Privatdozenten an der Universität, Herrn Dr. phil. Edmund Keller, in den Vorstand des Vereins aufzunehmen, da ich sonst gezwungen wäre, aus dem Vorstand und damit auch aus dem Verein, auszuscheiden.

Hochachtungsvoll

Nelly Brückner.«

»Sie ist verlobt?« fragte Frau Olga.

»Das ist doch nicht möglich!«

»Daher seine Erregung!«

»So etwas gibt man doch bekannt.«

»Soviel ich weiß, erst seit gestern.«

»Das mag ihm schon nahe gehen.«

»Ich bitt' Sie, Kellers sind, wenn auch nicht adlig, so doch eine der ersten Familien.«

»Immerhin.«

»Man munkelt ja allerlei.«

»Diese Frau Brückner ist ja eine große Künstlerin . . .«

»Und ein vorzüglicher Mensch.«

»Gewiß! aber als Frau für Herrn von Erdt doch wohl etwas zu alt.«

»Und zu philiströs.«

»Die Kleine hat es jedenfalls hinter den Ohren.«

»So mimosenhaft, wie sie sich gibt, ist sie jedenfalls nicht.«

»Das heißt doch nicht etwa, daß sie und Herr von Erdt . . .«

»I Gott bewahre!«

»Wie können Sie denken!«

»Heutzutage ist nichts unmöglich.«

»Aber nein!«

»Bestimmt nicht!«

»Immerhin . . .«

»Gewiß! das sah man ihm an.«

»Und ihr auch.«

»Sie waren ja unzertrennlich.«

»Nah' mag es ihm schon gehen.«

»Wenn es nur in Ruhe abgeht.«

»Und keinen Skandal gibt.«

»Alles andere kann uns gleich sein.«

»Und kümmert uns nicht.«

»Er war jedenfalls sehr erregt.«

»Vielleicht, daß Sie ihm nachgehen und ihn beruhigen.«

»Unter welchem Vorwand?«

»Auf Grund dieses Schreibens.«

»Um seine Meinung zu hören?«

»Da es ja schließlich ihn angeht.«

»Wenigstens seine Familie.«

»Und wir von der Verlobung nichts wissen.«

»Er hat das Papier aber doch zerrissen.«

»Bei seiner Erregtheit kann man ihm einreden, er habe ein anderes zerrissen.«

»Das ginge!«

Frau Ina nahm einen Bogen und zerfetzte ihn.

»Etwa den.«

»Also gehen Sie!« trieb der Professor.

Frau Ina stand auf und ging.

Und die Baronin dachte: »Die Mädchen machen uns weniger zu schaffen, als wir uns untereinander.« –

Nelly war kaum in dem kleinen Empfangssalon, als Wolfgang von Erdt, der drei Stufen mit einmal nahm, die Tür öffnete und eintrat.

»Also hier!« sagte er. »Endlich! Seit vierundzwanzig Stunden versuche ich, dich ein paar Minuten lang allein zu sprechen. Du weichst mir aus.«

»Genau wie du.«

»Inwiefern?«

»Du bist zwei Jahre lang meiner letzten Frage ausgewichen.«

»Das ist nicht wahr!«

»Du hast mich vertröstet. Ist das nicht dasselbe?«

»Um unseren Zusammenschluß zu ermöglichen, braucht es Zeit.«

»Hast du die Zeit etwa genutzt?«

»Gewiß! – Du weißt genau, daß deine Mutter längst nur noch dem Namen nach meine Frau ist.«

»Du hattest bis heute nicht den Mut, die letzten Konsequenzen zu ziehen.«

»Ich hatte bis gestern den Willen, es zu tun; ich hatte ihn die ganze Zeit über. Nur wollte ich, daß diese Loslösung schonend vor sich geht.«

»Die Ausführung eines solchen Entschlusses verlangt eine Tat; und deren bist du leider nicht fähig.«

»Weil ich ein Gewissen habe, zögerte ich.«

»Sonderbar! Vor mir hat dein Gewissen nicht haltgemacht.«

»Wollen wir uns gegenseitig Vorwürfe machen? Mir widerstrebt's jedenfalls, zu untersuchen, wen von uns beiden mehr Schuld trifft.«

»Schuld nennst du das? Wenn die Liebe zwei Menschen zusammentreibt ohne Rücksicht und ohne Hemmung?«

»Nenn' es, wie du willst, du wirst zugeben, daß unser Fall zum mindesten ungewöhnlich ist.«

»Es kommt nicht auf den Fall, sondern auf die Liebe an! Und auf die Menschen, die es angeht. Ehe du mich gewannst, tratst du in der Rolle des Helden auf; ich glaubte an dein Heldentum und ließ mich erobern. Als du mich besaßt, hattest du deine Rolle ausgespielt; es stellte sich heraus, daß du kein Held warst, sondern ein Feigling!!«

»Nelly!«

Sie zog die Schultern hoch und sagte:

»Du siehst es ja.«

»Du glaubst doch nicht, daß ich in diese Verlobung willige?«

»Als was willst du Protest erheben? – Mein Vater bist du nicht; mein Vormund auch nicht. Etwa als mein Geliebter?«

»Nelly!«

»Deine Einwände sind nicht sehr überzeugend.«

»Du weißt, daß ich es hindern kann.«

Sie lächelte gleichgültig, schüttelte den Kopf und sagte:

»Wie?«

Wolfgang von Erdt fuhr auf: »Indem ich . . .«

»Schrei nicht so. – Was du sagen willst, ist Blech. Denn: sagst du es ihm, so sag' ich's ihr! Du ziehst also allemal den kürzeren.«

»Du willst es ihr . . .? – das brächtest du fertig? – deiner Mutter . . .?«

»Für mich ist sie in erster Linie das Hindernis, das meinem Glück im Wege steht; dann erst meine Mutter. Für dich ist sie erst die Frau und dann – ja, dann vielleicht eine nicht einmal unangenehme Ausrede, mit der du mir gegenüber deinen Wortbruch entschuldigst.«

»Wenn einer von uns beiden sein Wort brach, bist du's! – Ich habe, seitdem ich dich liebe, keine Frau angerührt; hätte nie eine angerührt – auch wenn du dich mir verweigert hättest – bis wir am Ziele waren.«

»Und wie dachtest du dir's, an dies Ziel zu kommen?«

»Als wenn du das nicht wüßtest! als wenn wir das nicht hundertmal miteinander besprochen hätten.«

»Sobald du finanziell unabhängig von ihr warst, wolltest du mit ihr reden. Du bist es längst; aber du hast bis heute den Mut nicht aufgebracht.«

»Soll ich ihr sagen, woher das Geld stammt? daß es stinkt? daß wir sie getäuscht und sie da hineingetrieben haben, nur, um los von ihr zu kommen? Du weißt, wie ich, daß sie an den edlen Zweck des Instituts glaubt, sich da hineingekniet hat mit einer Hingabe und Leidenschaft, als gelte es, eine Mission zu erfüllen; daß der Glaube an ihre Tätigkeit sie so ausfüllt, daß sie den Mädchen zu liebe ihren Beruf, der ihr, man kann wohl sagen, bis dahin heilig war, vernachlässigt. – Ja, fühlst du denn nicht, daß, ihr diesen Schleier herunterreißen, gleichbedeutend mit einem Morde ist? – So grausam kann ich nicht sein!«

»Also!« sagte sie verächtlich. »Du gibst ja zu, daß du ein Feigling bist. Ein Mann, der eine Frau liebt, begeht auch einen Mord für sie.«

»Nelly!« rief von Erdt entsetzt.

»Den Einwand kenn' ich nun. – Und dich auch. Und darum eben werf ich mich diesem Dozenten an den Hals. Denn das ist die einzige Art, in der ich mich an dir für deine Feigheit rächen kann.«

»Du willst es uns für immer unmöglich machen?«

»Ich will dir eine letzte Gelegenheit geben.«

»Du setzt mir die Pistole auf die Brust. Auf mich fällt die Verantwortung. Unser Glück ist uns sicher. Aber nur, wenn wir nichts übereilen. Dann wird es uns eines Tages wie ein Naturereignis, das kommen muß, von selbst in den Schoß fallen.«

»Ich will, daß wir es erzwingen! Ich will, daß es heut' geschieht! Warten in der Liebe macht alt und häßlich und launenhaft. Wir werden keine Freude mehr haben, wenn wir unser Glück noch zehn Jahre lang wie ein Verbrechen vor der Welt geheim halten. Mich ekelt es an, noch weiter die alberne Rolle des jungen Mädchens mit dem verschämten Lächeln zu spielen. Die Grimasse, zu der ich nun schon jahrelang mein Gesicht verzerre, färbt allmählich auch auf mein Inneres ab. Ich rate dir: handle! Treibe mich nicht zur Verzweiflung! Diese Verlobung ist mein letzter Versuch, dich wachzurütteln!«

»Dann ist sie also nicht ernst gemeint?«

»Feierlich ernst, das schwör ich dir! Zwingst du mich, die Frau dieses reizlosen Menschen zu werden, so ruinier' ich dich.«

»Nelly!«

»Mit diesem ewigen ›Nelly‹ bringst du mich noch zur Verzweiflung.«

»Ja, liebst du mich denn nicht?«

»Jetzt kommst du mir vor wie ein Schulbub.«

»Antworte!«

»Lieben?« – Sie schüttelte den Kopf. »Das riecht so nach Romanen. Wenn ich das Wort ›Liebe‹ höre, stelle ich mir immer eine Mondlandschaft vor; im Vordergrund möglichst kitschig, wie hingeklext, ein Riesenbaum und darunter eine Bank im Dunkeln, auf der ein Soldat seine Braut abtastet.«

»Diese Vergleiche!«

»Du bist es, der sie mir aufdrängt, indem du solche Fragen an mich richtest.«

»Ja, wenn es nicht Liebe ist, was verbindet dich dann mit mir?«

»Der Glaube an dich! an dein Werk! Fühlst du denn nicht, daß das tausendmal mehr ist! Ich fühle in mir den Willen und die Kraft, dich zu immer Höherem emporzureißen. Ich ertrage nicht, daß deine Kunst an der Seite einer Frau verflacht, für die ein beifallklatschendes Parkett der Inbegriff alles Erhabenen ist. Für sie ist der Publikumserfolg alles. Und sie wird es noch dahin bringen, daß du dich zum Possendichter und Tantiemenschreiber erniedrigst.«

Wolfgang von Erdt machte ein nachdenkliches Gesicht und sagte:

»Auf dem Wege bin ich freilich.«

»Ich verachte dich!«

»Und du meinst,« fragte er zaghaft, »ich hätte das nicht nötig? ich könnte mehr?«

»Alles kannst du, wenn du jemanden hast, der deinen Glauben stärkt.«

Wolfgang von Erdt war überzeugt; und zwar von sich. Er wuchs in diesem Glauben förmlich empor. Erhobenen Hauptes trat er an Nelly heran, nahm ihre Hand und sagte:

»Du bist die einzige, die mich versteht.«

»Die dich immer verstanden hat,« erwiderte Nelly. »Und darum schrecke ich auch vor keinem Mittel zurück, wenn ich sehe, daß du dich selbst verlierst.«

Er legte seinen Arm um sie und sagte:

»Das soll der Abschluß meines alten Lebens und zugleich der Beginn eines neuen sein.«

»Habe ich dich endlich wach gerüttelt?«

»Und du?«

Sie sah ihn an und fragte:

»Ich? – Das weißt du doch.«

»Und der Dozent?«

Sie lachte auf.

»Was wirst du ihm sagen?«

»Ins Gesicht werde ich ihm lachen und ihn fragen: ›Das konnten Sie glauben? daß ich Sie liebe? einen verstaubten Bücherwurm? wo ich seit zwei Jahren ihm gehöre, dem ewigen Leben!‹

Sie schlang die Arme um seinen Hals und sagte zärtlich:

»Weißt du, daß du mich in letzter Zeit vernachlässigt hast?«

»Ich wußte . . . ja . . . nicht . . .«

»Was, Lieber, wußtest du nicht?«

»Daß du so fest an mich glaubst.«

Und dabei drückte er sie mit aller Kraft an sich.

»Beweis' es mir!« bat sie ihn.

»Meine Liebe?« fragte er, und sie gab zur Antwort:

»Deine Kraft!«

Und als er ihr diesen Wunsch erfüllte, gestand sie ihm:

»Denn die ist es, die ich am meisten an dir liebe.«

»Wolfgang von Erdt ließ sie los, sah sie entgeistert an und sagte mit zitternder Stimme:

»Ich denke, es ist dein Glaube an meinen Dichtergenius, der dich zu mir treibt.«

Er sah nicht, daß Nelly spöttisch lächelte.

»Und das hast du geglaubt?« lag es auf ihren Lippen; aber sie sprach es nicht aus, setzte sich hoch, fuhr ihm zärtlich durch's Haar, sah ihn groß an und sagte feierlich:

»Gewiß, Wolf! Ich glaube an dich! Ganz fest glaube ich an dich!«

Wolfgang von Erdt strahlte. Er wollte sie eben wieder an sich reißen, als draußen eine Stimme laut »Nelly« rief.

»Der Dozent!« sagte Nelly entsetzt.

Wolfgang von Erdt ließ sie los und fragte:

»Was nun?«

»Reiß' die Tür auf! stürze aus dem Zimmer!« drängte sie.

Wolfgang von Erdt folgte. Und als er auf dem Gang war, rief sie laut:

»Hilfe!«

Dr. phil. Edmund Keller, Dozent an der Universität, der seine Braut suchte, ging dem Schrei nach, stieß erst auf den verstörten Wolfgang von Erdt, glaubte an einen Überfall, stürzte an ihm vorbei, fürchtete, seine Braut sei in Gefahr, sah die offene Tür, stürmte ins Zimmer, erblickte Nelly, zerzaust, wimmernd, mit offenem Haar, eilte zur Chaiselongue, rieß sie hoch, schrie:

»Lebst du?«

»Ja, Geliebter!« hauchte sie.

»Gott sei Dank! – Ich kam zur richtigen Zeit.«

»Was war?« fragte Nelly und schlug die Augen auf.

»Man hat euch überfallen.«

»Uns?«

»Dich und deinen Vater!«

»Wo ist er?«

»Hinter ihnen her.«

»Waren es viele?«

»Ja, weißt du das denn nicht?«

»Ich . . . hatte . . . vor . . . Schreck . . . das . . . Bewußtsein . . . verloren.«

Ein furchtbarer Gedanke kam ihm.

»Ich . . . weiß . . . nur . . . noch . . . man . . .stürzte sich . . . auf . . . mich – riß . . . mich . . .auf . . . die . . . Chaiselongue.«

Der Dozent sank auf einen Stuhl und schloß die Augen.

»Mehr . . . weißt – du . . . nicht?«

Sie hauchte:

»Nein.«

Plötzlich fuhr sie auf, riß die Arme hoch und schrie laut:

»Edmund!«

Der Dozent erschrak. Nie hatte sein Name mit solcher Kraft sein Herz getroffen.

»Was ist dir?« fragte er entsetzt.

Wie eine Wahnsinnige stierte sie ihn an, und der Dozent glaubte, sie habe den Verstand verloren.

»Geht! geht!« rief sie und zuckte am ganzen Körper.

»Ich bin es ja! dein Edmund!«

»Rührt mich nicht an!« schrie sie, »Banditen!«

Er streichelte sie. Sie schüttelte den Kopf und wiederholte leise:

»Edmund«, dann sank sie auf die Chaiselongue zurück.

»Was haben sie dir getan?« fragte er und beugte sich über sie.

Sie sah ihn verzweifelt an, drückte ihre Hand an seine Stirn und sagte:

»Nun ist alles aus.«

»Aber nein!« redete er ihr zu. »Du gehörst mir und niemand wird uns trennen.«

Sie schüttelte den Kopf, schloß die Augen und sagte:

»Geschändet!« Dabei hatte sie das Gefühl: sehr wirksam.

»Soll die Schandtat irgendeines Buben unser Glück zerstören?« fragte der Dozent. »Für mich bist du rein.«

Das erlösende Wort war gesprochen.

Nelly schlang ihre Arme um den Dozenten und zog ihn zu sich auf die Chaiselongue.

»Du, Guter, du!« sagte sie.

Das ganze Haus lief zusammen. Draußen ging das Gerücht von einem Lustmord in der ›Neuf d'or‹. Und der Vorstand des Vereins verbreitete diskret:

»Ein Opfer ihres Berufs.«



Zwölftes Kapitel.

»Sie sind ein verrückter Kerl,« sagte Frau Ina zu Anton Drexler, dem der neue Ton des Hauses so wenig wie der dunkelblaue Frack und die seidene Kniehose behagte.

»Ick kann mer nich helfen: früher war's hier reeller. Da wußte jeder, wo er war, wenn er hier rinkam; und unsereins wußte Bescheid, was er wollte. Heute muß man die Kundschaft erst beriechen. Wer früher nur zum Schmusen kam, wurde rausjesetzt.«

»Das hat alles seine Gründe.«

»Kann ick mer denken.«

»Sie werden sich schon gewöhnen, Anton.«

»Ne! – nie!« lehnte er ab. »Zwölf Jahre so und immer reelle Leute; und denn plötzlich, de soziale Note rauskehren, wie die Baronin sagt. Ne! da kommt nischt bei raus; det bleibt wat Halbes. Auf es Klavier können se nich flöten, det is zum klimpern. Und so is et mit die Mächens hier och. Die wer'n se keene Kirchenlieder beibringen. Die sind da, wozu se da sind. Zu nischt anderm. Aus Flaumenmus können Se keene Erdbeerbowle pressen, und 'n Hering wird keen Lachs, und wenn Se'n noch so zureden. Und ick bleibe ick, und wenn Se mir von oben bis unten in Seide wickeln.«

»Es kommt am Ende nur auf den Schein an«, erwiderte Frau Ina.

»Det strengt an.«

»Was?«

»Wenn man immer so tut als wenn – und im Jrunde is man janz anders. Det tun viele. Ick nich. Mir muß man verbrauchen wie ick bin.«

»Na ja, bei Ihnen, Anton, ist das was anderes.«

»Aber auf die Herzogin, da jeben Se Acht; det is nich koscher. So um mir rum, da kommt se noch nich recht raus mit de Sprache; aber ick brauchte mir nur mal mit se einzulassen, janz harmlos natürlich; aber doch so, daß se denkt, man hat for sie Interesse. Die will mir weg haben.«

»Weg? wohin?«

Anton Drexler zog die Schultern hoch.

»Ick weeß ja nich, was se vorhat; aber vor hat se was. Den ollen Döskopp von Mann sollten Se sich mal vorknöppen, der wees et, mit dem tuschelt se immer – na, und der is dof, der quatscht et aus.«

»Versuchen Sie's doch mal.«

»Jewiß! det will ick. Mit dem sein Kopp könn' Se Fußball spielen, der merkt es nich.«

»Gut, Anton, horchen Sie ihn aus. – Und nun rufen Sie mir die Änne.«

»Änne?«

»Ja! sie soll sofort zu mir herunterkommen.«

»Die sag ick nich jern was Unanjenehmes.«

»Sie wissen doch gar nicht, was ich von ihr will, Anton.«

»Det fühl' ick. Sie und die Änne . . .«

»Was ist mit uns?«

»Nischt is. Es kann jar nischt sein. Die is janz anders.«

»Wie denn?«

»Ick weeß nich. – Aber for die jenier ick mir.«

»Was? vor so einem Mädchen! lächerlich!«

»Ne! ne! die is anders.«

»Das reden Sie sich ein. Was soll da für ein Unterschied bestehen. Eine ist wie die andere!«

»O ne!« widersprach er lebhaft. »Det is nich wahr. Jede is anders. Und die schon gar!«

Frau Ina, die sich sonst so gut verstellte, konnte ihren Ärger nicht mehr unterdrücken. Gab es etwas, was ihre Wut gegen Änne noch steigern konnte, so war es das; dies instinktive Gefühl Antons für Ännes Qualität, die sie so reizte.

»Sie reden Unsinn!« schalt sie.

Anton schüttelte den Kopf und sagte:

»Nee!«

»Wenn ich es Ihnen sage!«

»Nee!« wiederholte Anton.

»Ich kenne sie.«

»Ick kenn' ihr länger.«

»Das ist alles Verstellung.«

Anton schüttelte den Kopf und sagte:

»Bei die nich.«

»Du liebst sie wohl?«

»Da trau' ick mir nich ran.«

»Stellst du sie etwa höher als mich?«

»Darüber habe ick noch nich nachjedacht.«

Frau Ina zitterte. Sie biß die Lippen aufeinander und sagte leise zu sich:

»Es ist die höchste Zeit!«

»Wollen Sie nu, daß ick ihr rufe?«

»Ja! – oder hast du Angst vor ihr?« fragte sie höhnisch.

»I Gott bewahre,« erwiderte er.

»Ick steh' mir sehr jut mit sie. Ick lüg' ihr auch nich an. Das weeß sie. – Also,« wandte er sich zur Tür – »ick jehe.«

›Ekelhaft!‹ dachte Frau Ina, als er draußen war. ›Schließlich wird der auch noch sentimental.‹ – Dann überlegte sie, wie sie Änne gegenübertreten sollte. Sie überlegte Derartiges sonst nie; verließ sich immer auf ihren Instinkt und täuschte sich selten. Dieser Frau gegenüber fühlte sie sich unsicher und, wenn sie ehrlich gegen sich selbst war, geniert. Aber sie hatte es sich kaum gestanden, da belog sie sich auch schon. ›So ein Wahnsinn!‹ sagte sie sich. ›Ich, die geborene Baronesse Waltner, der jedes Haus offensteht, ich, in meiner gesellschaftlichen Position, fühle mich unsicher gegenüber einer Dirne?‹ – Sie lachte laut auf. – ›Die Ehe mit dem Grafen Scheeler muß so schnell wie möglich betrieben werden. Den Dispens bekomm' ich. Ich fühle, ich fange an, nervös zu werden. Dabei habe ich endlich wieder Boden unter den Füßen. – Lächerlich!‹ redete sie sich zu, richtete sich hoch auf, warf den Kopf zurück und sagte sehr von oben herab: »Endlich!« als Änne ins Zimmer trat. Dann setzte sie sich, ohne Änne aufzufordern, es auch zu tun.

»Sie werden bemerkt haben,« begann Frau Ina, »daß ich, im Gegensatz zu Frau Brückner, mit der Sie sich ja angeblich gut verstehen, vermeide, mit Ihnen und Ihren Kolleginnen in persönliche Berührung zu kommen.«

»Ich finde, man beschäftigt sich mehr als genug mit uns.«

»Ich glaube kaum, daß Sie qualifiziert sind, ein Urteil abzugeben. Im übrigen: ich kann Ihnen verraten: Freude macht es keinem. Wir tun es aus Gründen, für die Ihnen vorläufig noch das Verständnis fehlt.«

»Die Gründe interessieren mich auch nicht. Mich interessiert nur die Wirkung. Die Mädchen haben nie so viel geweint, wie in letzter Zeit, wo sie unter dem Einfluß der Frau Brückner stehen.«

»Darin sehe ich den Beweis, daß ihr Gewissen zu erwachen beginnt.«

Änne sah Frau Ina scharf an.

»Ein Freudenhaus ist keine Trauerhalle.«

»Vom ethischen Standpunkt aus schon.«

»Ethik und Bordell sind Gegensätze.«

»Wir wollen aber die Ethik in die Bordells tragen.«

»Das ist ungefähr dasselbe, als wenn Sie versuchten, eine Blindenanstalt in eine Malschule zu verwandeln oder aus einem Menschen, der unmusikalisch und taub ist, einen Instrumentenstimmer zu machen.«

»Sie maßen sich da ein Urteil an . . .«

»Durchaus nicht. Aber wenn ich nicht irre, so wollen Sie mit uns Geschäfte machen . . .«

Frau Ina sperrte den Mund weit auf und sagte:

»Wa . . .?«

»Ich glaube, daß ich Ihnen da manchen guten Rat geben kann. Vorbedingung ist, die Mädchen bei Stimmung zu halten. Ein Tete-a-tete mit einer melancholischen Dirne ist dasselbe wie ein Walzer ohne Musik.«

Frau Ina überlegte. Stellte dies Mädchen ihr eine Falle? Sie hatte sie rufen lassen, um ihr zu sagen, daß sie die Anstalt zu verlassen habe, weil sie einen schlechten Einfluß auf die Mädchen übe. Statt dessen erteilte ihr dies Mädchen Ratschläge, auf welche Weise sich die Einnahmen der Anstalt heben ließen. Im Grunde stimmte sie mit den Anschauungen dieser Änne ja überein. Zu fürchten war der Einfluß Mathilde Brückners; das sah auch sie. Und sie war entschlossen, ihn auszuschalten. Was für den Augenblick aber wesentlicher war: diese Änne interessierte den Grafen.

Daß sie auf Änne eifersüchtig war, gab sie nicht zu. Aber schon, daß sie in irgendeinen Zusammenhang mit diesem Mädchen trat, kränkte sie. Und es war ihre Absicht, statt Ratschläge von ihr entgegenzunehmen, sie die Distanz fühlen zu lassen, die sie voneinander trennte.

»Sie sollten sich um nichts kümmern, was außerhalb Ihres Berufs liegt. Denn Sie sind klug genug, um sich zu sagen, daß jemand, der sich wie Sie eigenwillig des Rechtes begibt, als vollwertiger Mensch zu gelten, keinen Anspruch hat, in der Beurteilung derartiger Fragen ernst genommen zu werden.«

Änne wehrte mit beiden Armen ab.

»Ich will gar nichts!« sagte sie. »Sie wollen von mir etwas. Quälen lasse ich mich nicht. Also bitte: warum haben Sie mich rufen lassen?«

»Sie vergessen, daß ich hier Herr im Hause bin!« fuhr Frau Ina sie an.

»Den Rang mache ich Ihnen nicht streitig«, erwiderte Änne nicht ohne Spott.

»Aus welchem Grunde ich dies Opfer bringe, geht Sie gar nichts an.«

»Ich sagte schon einmal: es interessiert mich nicht.«

»Da Sie aber den Bestrebungen, die wir verfolgen, hinderlich sind, und wir keine Lust haben, uns in unserer Tätigkeit von Ihnen stören zu lassen, so haben wir beschlossen, Sie zu entlassen.«

Änne stutzte, und ohne daß sie es wollte, entfuhr ihr die Frage:

»Wohin?«

Frau Ina lächelte überlegen und sagte:

»Die Wahl dürfte weder groß noch schwer sein.«

Änne dachte einen Augenblick nach und sagte:

»Sie haben recht.«

»Wir haben bereits ein Engagement für Sie in einem der ersten Häuser Hamburgs.«

Änne senkte den Kopf und sagte leise:

»Hamburg« – in einem der ersten Häuser? – nein! – nein! das geht nicht! – aber das verstehen Sie nicht – wie sollten Sie auch?«

»Ich finde das lächerlich; als ob die Stadt eine Rolle spielte. Die Männer sind hier wie da.«

»Mich interessiert nur einer – und der ist hier!«

Frau Ina zuckte zusammen und dachte: »Der Graf!« Sie trat an Änne heran, musterte sie verächtlich und sagte:

»Aber Sie nicht ihn!«

»Was wissen denn Sie?« erwiderte Änne. »Und wenn Sie es wüßten, Sie verständen es nicht. Sie nicht!«

»Größenwahn!« fuhr Frau Ina sie an.

Änne schüttelte den Kopf und sagte mit überlegener Ruhe:

»Nein! – vielleicht Charakter! vielleicht Trotz! vielleicht auch Wahnsinn; oder – wenn ich daran denke, wie ich darunter leide – möglicherweise auch eine Dummheit!«

»Das scheint mir auch!«

»Wie wollen Sie das beurteilen, wo sie doch gar nicht wissen . . .«

»Ich weiß.«

»Hat Ihnen etwa Frau Mathilde . . .?« – Etwas in Änne wehrte sich, das zu glauben.

»Ich habe Augen. Ich sehe, was hier vorgeht. Dies ewige ›Frau Mathilde‹ steht mir schon bis da hinaus.«

Änne war beruhigt. Sie wußte, Mathilde hatte geschwiegen.

»Wenn Sie sich auch verstellen,« sagte Frau Ina, »mir täuschen Sie nichts vor. Oder glauben Sie, ich habe nicht längst bemerkt, daß Sie sich an den Grafen hängen?«

Änne war nicht gleich im Bilde.

»An dem Grafen?« sagte sie. »An Ihrem Grafen?« Sie schüttelte den Kopf. »Für mich existiert er nicht.«

»Es ist zwecklos! Lassen Sie es sich gesagt sein! Es ist absurd! – Jedenfalls: es bleibt dabei, daß Sie das Haus verlassen.«

»Hat Frau Mathilde in diesen Entschluß eingewilligt?«

»Schon wieder diese Frau Mathilde! – Hier herrsche ich!!«

»Sie haben Furcht vor mir?«

Frau Ina zwang sich und lachte laut.

»Ich Furcht vor Ihnen? Kind, Sie sind naiv! Sie haben hier, scheint's, jeden Begriff für die Wirklichkeit verloren. Es wird Ihnen guttun, mal in eine andere Umgebung zu kommen.«

»Sie wissen, daß Sie mich nicht zwingen können.«

»Ich wüßte nicht, welche Wahl Ihnen bliebe. Es sei denn, daß Sie die Straße vorziehen.«

Änne zuckte zusammen.

»Sie wissen ja gar nicht. – Ich bin nicht so! – Sie können das nicht begreifen. Ich würde sonst versuchen, es Ihnen zu erklären. Es fällt mir schwer, Sie zu bitten. – Aber wenn ich Ihnen verspreche, daß ich den Grafen, der nur einmal bei mir war – nicht wie Sie denken –«

»Lächerlich! Sie wollen mir vorlügen, daß Sie hier wie eine Heilige leben.«

»Sie brauchen es nicht zu glauben. Ich gebe zu, es klingt sehr unwahrscheinlich. Aber es handelt sich ja nicht darum. Ich bin keine Heilige! will es nicht sein. Es gibt Menschen, die sind nicht, was sie scheinen; im guten und bösen. Ich bin nicht schlecht. Ich bin verzweifelt; und muß hier leben; muß! glauben Sie's! Sperren Sie mich ein! lassen Sie niemanden zu mir! Und wenn der Graf kommt, so sagen Sie, ich sei krank, fort, tot! was Sie wollen! – Bin ich wo anders, so findet er mich am Ende. Aber hier haben Sie die Macht, ihn von mir fernzuhalten.«

Frau Ina lächelte und überlegte. Es tat ihr wohl, daß Ännes Stolz gebrochen war. Sie war klein, bat, bettelte. Und was sie über den Grafen sagte, leuchtete ihr ein. War Änne wo anders, fand sie tausend Möglichkeiten, sich ihm zu nähern. Hier war sie! war Drexler! hier ließe es sich richten, daß man sie abschloß und überwachte.

»Es handelt sich nicht um den Grafen,« log Frau Ina, »sondern um Ihren Einfluß auf die Mädchen. Aber Sie tun mir leid! und darum will ich es mir überlegen. Separiert werden Sie, das muß sein, im Interesse der andern. Ob ich Sie hier behalte, weiß ich noch nicht. Jedenfalls wissen Sie nun, daß Ihr Wille nicht gilt, und daß Sie sich zu fügen haben.«

Änne wußte, daß es nicht Mitleid war. Dennoch sagte sie:

»Ich füge mich!«

Aber auch das ließ Frau Ina nicht gelten. Sie mußte den Triumph voll auskosten, und so sagte sie denn:

»Ich wüßte auch nicht, was Ihnen sonst übrigbliebe.«

Während des Mittagessens erzählte Änne den Mädchen von ihrer Unterredung mit Frau Ina.

Marianne wurde tieftraurig; dicke Tränen standen ihr in den Augen, sie schmiegte sich fest an Änne an, drückte ihr die Hand und sagte nur immer:

»Bleibe!«

Seit jenem Tage – das lag nun weit zurück! –, an dem die Hündin aus Kummer über den Verlust der Jungen eingegangen war, hatte Marianne diesen Schmerz nicht mehr gespürt.

»Und wenn du gehst,« sagte sie, »so komme ich mit dir.«

»Ich auch!« rief eine andere; und schließlich stimmten sie überein und sagten:

»Wir alle!«

»Das geht nicht,« redete Änne ihnen zu, »wo sollen wir hin? Wir sind unfreie Menschen, die man einfängt wie wilde Tiere und in Ketten legt.«

»Warum?« fragte Marianne; »warum tut man das? – Wir sind doch Menschen und tun niemandem etwas zuleide.«

»Das ist nun einmal so,« erwiderte Änne, »und wir können's nicht ändern.«

»Traurig ist das,« sagte Marianne. »Ich wußte nicht, daß das Leben so schwer ist.«

»Warum sollst du fort?« fragte Motte.

»Euretwegen.«

»Unsertwegen?« fragten sie erstaunt.

»Sie glauben, daß ich einen schlechten Einfluß auf euch übe.«

»Das lügt sie!«

»Gerade das Gegenteil ist der Fall!«

»Du beruhigst uns.«

»Und redest uns zu, wenn wir traurig sind.«

»Du denkst mehr an uns als an dich.«

»Wir sind nicht gemein, solange du bei uns bist.«

»Du bist die einzige, die für uns eintritt.«

»Wer soll an deine Stelle, wenn du fort bist?«

»Frau Mathilde!«

»Die ist gut, aber sie versteht uns nicht.«

»Und wir sie nicht.«

»Aber du kennst uns.«

»Und verstehst uns.«

»Ohne dich sind wir hilflos.«

»Und schlecht.«

»Bleibe!«

»Bleibe!!«

Marianne lag jetzt vor ihr auf den Knien, hatte den Kopf in ihren Schoß gelegt und weinte bitterlich.

»Wenn du fortgehst, bring' ich mich um!« sagte sie schluchzend.

»Und wir Frau Ina!« drohte eine andere.

»Die soll uns kennenlernen!«

»Was haben denn wir zu verlieren!?«

»Das dreckige Leben!«

»Ich pfeif' drauf!«

»Ich auch.«

»Sie soll uns kennenlernen.«

»Wir können auch anders!«

»Wir stecken die ganze Bude in Brand!«

»Und binden sie fest!«

»Die ganze Bagage!«

»Du bleibst!«

»Wir lassen dich nicht!«

»Was wollt ihr tun?«

»Wir wehren uns.«

»Man kann uns nicht zwingen.«

»Und zu einem Skandal lassen sie es nicht kommen.«

»Wo ist Frau Ina?«

Motte riß die Tür auf und schrie:

»Frau Ina!«

»Seid ihr verrückt?« brüllte Anton Drexler, der im Flur stand. »Für euch ist sie die gnädige Frau.«

»Und für dich?« fragte Lona.

»Das geht dich einen Dreck an!«

»Frau Ina!!« schrien sie nur noch lauter.

»Ruhe!« befahl Drexler und drückte die Tür zu.

Aber die Mädchen stemmten sich dagegen. Nur Änne half nicht mit. Sie lehnte am Fenster, betrachtete die Mädchen und war bewegt.

Drexler unterlag.

»Ich werde euch mir einzeln vornehmen«, sagte er wütend.

Änne trat auf ihn zu und sagte:

»Das wirst du nicht.«

Er sah sie groß an und fragte:

»Warum nicht?«

»Sie tun's für mich.«

»Für dich?« fragte er erstaunt.

»Weil ich hinaus soll.«

»Wer sagt das? – Frau Ina?«

»Ja!«

»Du bleibst!«

»Hilf uns!«

Frau Ina und von Erdt erschienen im Flur.

»Was ist das hier für ein Skandal?« fragte Frau Ina.

Drexler wies auf Änne und sagte:

»Ihretwegen.«

»Schon wieder? – Es ist die höchste Zeit; sie muß hinaus.«

Ein Lärm brach los.

»Sie bleibt!«

»Hütet euch!«

Und die Mädchen drangen drohend auf Frau Ina ein.

Von Erdt zog einen Revolver. Drexler schlug ihn ihm aus der Hand.

»Sie bleibt!« sagte auch er jetzt mit einer Stimme, die weithin dröhnte.

Frau Ina erschrak.

Drexler stand jetzt dicht vor ihr.

»Oder . . .!« sagte er drohend.

»Wir lassen niemanden zu uns!«

»Wir wehren uns!«

»Zwang gibt es nicht!«

»Wie kommt denn dies Leben in die Gesellschaft?« fragte von Erdt.

»Fragen Sie Frau Mathilde! das ist ihr Werk!« erwiderte Frau Ina.

Drexler stand noch immer drohend vor Frau Ina. Die suchte wenigstens eine moralische Rettung, sie sah verächtlich zu Änne, zog die Schultern hoch, wies auf Drexler und sagte:

»Freilich, wenn es so ist. Ich will sie Ihnen nicht rauben. Ihretwegen mag sie bleiben.«

»Ne!« erwiderte Drexler, »von wegen, was Sie denken, das is nich. Ick bin sie noch nie zu nahe jekommen; weder ick, noch en anderer. Dafor leg' ick die Hand ins Feuer.«

»Man kennt das!« sagte Frau Ina spöttisch.

»Sie nicht! Sie kennen dat nich! – Aber die kann's! – und die bleibt! unter unserm Schutz!«

»Sind wir denn machtlos?« fragte von Erdt.

»Da kommt unsereins nicht mit,« erwiderte Frau Ina. »Bedenken Sie doch, daß uns eine Welt von der Art Menschen trennt.« – Sie gab ihm einen Wink und sagte: »Kommen Sie!«

Er reichte ihr den Arm und sie gingen. Als sie auf der Treppe waren, ließ sie ihn los und sagte:

»Feigling!«

Er fragte erstaunt:

»Wieso?«

»Warum haben Sie ihn nicht niedergeknallt? Der Kerl ist im Wege – und gefährlich!«

»Sie haben recht,« erwiderte von Erdt. »Das nächstemal.«

Oben herrschte große Freude. Die Mädchen umringten Änne, hoben sie auf die Arme und trugen sie triumphierend in ihr Zimmer.



Dreizehntes Kapitel.

Als Nelly des Abends ihr Bett aufdeckte, fand sie auf ihrem Kopfkissen einen verschlossenen Brief, den sie hastig öffnete. Es waren die Schriftzüge Wolfgang von Erdt's:


Nelly!

Ich bewundere die Kunst, mit der Du mich jahrelang glauben ließest, daß ich der treibende Teil unserer Liebe sei. Oft schien es mir, als seist Du eine Kreatur von mir, außerstande, ohne mich zu leben oder nur zu atmen. Mit einer Hingebung, die den freien Willen ausschloß und sich bedingungslos mir unterwarf, schienst Du unter Aufgabe Deiner Persönlichkeit an mir zu hängen. Ich fühlte mich für alles, was Du tatst, verantwortlich, weil Du, seitdem Du mir gehörtest, ein anderer Mensch zu sein schienst. Ich hatte mich daran gewöhnt, für Dich zu denken und zu handeln, und es war ein väterliches Gefühl, ganz unabhängig von Mathilde, durch das mir unsere Liebe oftmals sündig schien.

Nelly! seit gestern weiß ich nun, daß Du es warst! Du wecktest mein Gefühl, leitetest meine Gedanken, bestimmtest mein Handeln. Ich war Dir untertan, und während Du mir gehorsam wie ein Kind zu folgen schienst, ging, was ich wünschte und befahl, von Dir aus. Je mehr ich darüber nachdenke, um so klarer wird mir alles. Oft erkannte ich mich nicht wieder und staunte über mich selbst und wußte nicht, wie ich zu diesem und jenem Gedanken kam. Heut weiß ich es.

Und wie mein väterliches Gefühl und Deine Willenlosigkeit mich oft bedenklich stimmte, so daß ich nicht wußte, wie ich zu Dir stand, kommt jetzt, wo Du Dein wahres Herz enthülltest, alles, was ich für Dich fühle, elementar zum Durchbruch. Es gibt in dieser Stunde für mich keine Überlegung und keine Hemmung mehr. Ich glaubte mich Deiner sicher, der ich Dich einer selbständigen Handlung nicht für fähig hielt. Das Gefühl der Sicherheit aber ist der Liebe Tod. Der Gedanke, Dich zu verlieren, kam mir nie; den Gedanken, Dich aufzugeben, wies ich von mir, da ich glaubte, daß mein Verlust für Dich den Tod bedeute.

Heute bekenne ich: die Rollen sind vertauscht. Ich hänge von Dir ab; ich bin kein Mensch ohne Dich; ich kann keinen Gedanken ohne Dich fassen. Ich fühle, daß ich, was ich in den letzten Jahren war, tat, dachte, durch Dich war, dachte und tat, und daß ich ohne Dich auch in Zukunft nichts denken und nichts schaffen kann. Ich bin in Dir, wie ich von Dir glaubte, daß Du in mir seiest. Und wie ich Dich nicht aufgab, weil ich wußte, daß es Dein Tod sein würde, so verlange ich nun auch von Dir, daß Du mich leben läßt. Bestimme! Ich unterwerfe mich.

Dein

W. v. E.


Nelly las den Brief zweimal und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Dann setzte sie sich an den Schreibtisch, stützte den Kopf auf, sann nach, lächelte und schrieb:

Herrn Privatdozenten Dr. Edmund Keller.

Mein Herr!

Erschrecken Sie nicht! Ich habe eine furchtbare Entdeckung gemacht! Denken Sie, ich habe mich geirrt. Sie waren gar nicht der Mann, den ich liebe. Es liegt da eine Verwechslung vor, die Sie bitte entschuldigen wollen. Im Vertrauen, lieber Doktor: Sie verlieren an mir nichts. Ich bin sehr ungezogen – ich weiß es! Aber ich bin nun mal verliebt und daher übermütig. Seien Sie froh, daß Sie nicht der Betroffene sind. Und behalten Sie in guter Erinnerung

Ihre Ihnen ergebene

Nelly Brückner.


Diesen Brief tat sie in ein Kuvert und schrieb dann weiter:


Wolfgang!

Es ist nicht ganz so, wie Du es siehst; aber so ähnlich. Lies beiliegenden Brief! Wie ich mein Hindernis beseitige, so beseitige Du Deins! In der Liebe gibt es keine Kompromisse; da heißt es: biegen oder brechen.

Nelly.



Vierzehntes Kapitel.

Auf Mariannes Tisch standen jetzt jeden Morgen Blumen. Alle fünf Minuten ging sie an die Vase heran, roch an den Blumen, fuhr mit den Händen darüber hin und küßte sie.

Doktor Winter war mit Mathilde Brückner in regen Verkehr getreten.

»Marianne ist noch gar nicht verdorben,« sagte er.

»Also brauchen Sie sich auch nicht zu bemühen, sie zu bessern. Sie soll nur bleiben, wie sie ist.«

»Aber dies Leben, das sie führt«, erwiderte Mathilde, und Doktor Winter fiel ihr ins Wort und sagte:

»Führt sie unbewußt. Im übrigen, ich habe mich mit Frau Ina . . .«

»Sie meinen Frau Rittmeister Mertens?«

»Verzeihung! Natürlich! – Man nennt die Dame so allgemein Frau Ina . . .«

»Sie hat es nicht gern.«

»Durchaus verständlich. Jedenfalls: ich habe für Marianne bei ihr einen Urlaub erwirkt.«

»Sie nehmen sie mit sich?«

»Nein! Ich bringe sie zu meiner verheirateten Schwester.«

»Als was?« fragte Mathilde erstaunt.

»Als Marianne.«

»Und Ihre Frau Schwester?«

»Ist ein guter Mensch.«

»Sie weiß?«

»Alles! – Auch, daß ich Marianne liebe.«

»Doktor!«

»Erschreckt Sie das?«

»Doktor!« wiederholte Mathilde und ergriff seine Hand. »Sie sind ein edler Mensch!«

»I Gott bewahre! Ich bin ein Egoist und denke an mein Glück dabei.«



Fünfzehntes Kapitel.

Ännes Vater war einer der bedeutendsten Großindustriellen der Stadt. Wenn er seine Tochter nicht verstand und sie verurteilte, so lag das an den gesellschaftlichen Vorurteilen, denen er unterworfen war. Als Änne schließlich, wie er es sah, immer tiefer sank, war sie für ihn tot. Es durfte über sie nicht mehr gesprochen werden. Sie hatte seinen guten Namen geschändet. Gründe, die das rechtfertigten, konnte es nicht geben. Aber es fraß doch an ihm; und es wurde schließlich bei ihm zur fixen Idee, daß Menschen, die ihm nicht wohl wollten und sich von ihm schlecht behandelt glaubten, sich durch seine Tochter an ihm rächten. Darum hatte er auch wiederholt durch Dritte auf sie einzuwirken versucht. Er wollte ihr Leben sicherstellen; sie sollte einen anderen Namen annehmen und irgendwo, möglichst weit fort, wo niemand sie und ihre Geschichte kannte, leben. Änne hatte das regelmäßig abgelehnt.

Eines Sonntags vormittag meldete der Diener den Grafen von Scheeler. Ännes Vater empfing. Der Name bürgte für die gesellschaftliche Qualifikation.

»Es fällt mir einigermaßen schwer,« begann der Graf, »den Anfang zu finden. Ich bin kein Redner – zumal in einem Falle wie diesem, fällt es mir schwer, zu sagen, was mich bewegt.«

»Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen.«

»Es geht auch nicht anders, als daß ich persönlich werde und von mir spreche. Ich bin verschuldet und stand im Begriff, eine – sagen wir ruhig – Gemeinheit zu begehen.«

»Durch eine Ehe vermutlich?«

»Ja! Nach außen, was die soziale Stellung anbelangt, passabel, aber innerlich faul.«

»Und wie kommt es, daß Sie das mir, einem Menschen, der Ihnen völlig fremd ist, anvertrauen?«

»Ich hatte das Glück, Ihre Tochter kennenzulernen.«

Der Alte wich einen Schritt zurück.

»Ihr verdanke ich es, daß ich mich zu mir zurückgefunden habe.«

»Meiner Tochter?« fragte er verblüfft und schüttelte den Kopf.

»Ich begreife durchaus Ihr Erstaunen. Ich weiß, Sie haben jeden Zusammenhang miteinander verloren.«

»Wir hatten ihn nie.«

»Das dürfte, soweit es die frühe Jugend Ihrer Tochter betrifft, dann wohl Ihre Schuld sein.«

»Ich habe alles an ihre Erziehung gewandt.«

»Auch Herz?«

Der Alte stutzte.

»Nun, ich kann Sie versichern,« fuhr der Graf fort, »daß trotz allem, was geschah, der Charakter Ihrer Tochter intakt ist.«

»Sie werfen mich von einer Verblüffung in die andere, Herr Graf! Ja, wissen Sie denn nicht . . .?«

»Ich weiß alles!«

»Auch daß sie . . .?«

»Auch das weiß ich. Und kenne auch den Grund, aus dem es geschah. Mich hat ein Zufall mit ihr zusammengeführt. Ich war im Begriff, mir durch eine Ehe, die mir gegen das Gefühl ging, emporzuhelfen. Sie hat mir ins Gewissen geredet und mir das Unsittliche, das darin und in der ganzen Art meines Lebens lag, klargemacht.«

»Ich glaube noch immer, wir reden aneinander vorbei. Meine Tochter heißt Änne und ist, soviel ich weiß . . .«

»In der Neuf d'or.«

»Und von der Stelle aus übt sie einen sittlichen Einfluß auf die Besucher aus?« fragte der Alte nicht ohne Spott.

»Gestatten Sie, daß ich Ihre Tochter gegen Ihren Spott in Schutz nehme. Hätten Sie sich die Mühe gemacht und wären Sie, was gewiß leicht war, nicht nur ihrem äußeren Leben nachgegangen, so würden Sie mit mehr Achtung von ihr sprechen.«

»Sie werden mir glauben, daß ich glücklich wäre, wenn ich Grund dazu hätte. Leider ist das nicht der Fall. Und ehe sie anderen den Weg weist, sollte sie an sich denken.«

»Darum eben bin ich hier. Weil ich ihr zu so großem Dank verpflichtet bin. Und da ich annahm, daß Sie als Vater auch ein Interesse daran haben . . .«

Wäre es nicht der Graf Scheeler gewesen, der Alte hätte, wie schon vielen zuvor, erwidert: Meine Tochter ist tot für mich. Ich rühre für sie keinen Finger. – So aber zeigte er schon des äußeren Eindrucks wegen Interesse.

»Wissen Sie einen Weg?« fragte er.

»Mir scheint alles davon abzuhängen, daß man ihr eine moralische Genugtuung gewährt.«

»Wie? – man ihr? – Habe ich sie etwa in dies Leben hineingesetzt?«

»Da Sie mich danach fragen, so sage ich: Ja!«

Der Alte fuhr auf:

»Herr Graf!«

»Etwas mehr Herz, etwas weniger Konvention, und Sie alle könnten heute glücklich sein.«

»Das sagt man so; aber ich möchte den Vater sehen, der auf seinen Namen hält und anders gehandelt hätte.«

»Mein Vater hätte sein Kind nicht preisgegeben. Ein Kind kann den Namen seines Vaters schädigen, gewiß! Aber ein Vater, der sein Kind preisgibt, gibt seinen Namen preis. Und hätte ich einen Mord begangen – mein Vater hätte den Gründen nachgespürt, ehe er mich preisgab. Und wäre irgendwo ein Anhalt gewesen, um die Tat moralisch zu rechtfertigen, so hätte er sich hinter seinen Sohn gestellt und ihn verteidigt. Ein Kind ist erst verloren, wenn die Eltern es aufgeben.«

»Meine Tochter hat sich selbst aufgegeben.«

»Ich kenne ihr Leben.«

»Durch sie.«

»Sie lügt nicht!«

»Dann werden Sie auch nicht alles billigen, was sie getan hat.«

»Zwischen nicht billigen und verdammen liegt ein weiter Raum.«

»Ich gebe zu, man denkt mit den Jahren milder. Was aber hier noch zu retten wäre, sehe ich nicht.«

»Schreiben Sie ihr ein paar Zeilen. Aber wie ein Vater an sein Kind. Wie Sie sagten: Sie dächten heute anders und bedauerten. Regen Sie sie an zu etwas Gutem! Sie sollte sich frei machen von allem und ihrem Leben einen edlen Zweck geben. Sie stellen ihr die Mittel dazu zur Verfügung.«

Der Alte machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Das ginge,« sagte er. »Wenn nicht jeder um sie wüßte. Wer wird sich ihr heute noch anvertrauen. Nehmen Sie an – sie hatte immer Vorliebe für Kinder – man gründete eine Art Kinderheim, ja, glauben Sie, daß ein Vater oder eine Mutter ihr sein Kind anvertraute? Täten Sie's?«

»Ja! – da ich sie kenne.«

Dem Alten schoß ein Gedanke durch den Kopf.

»Ich will es mir überlegen,« sagte er, »und bin Ihnen für Ihre Anregung dankbar. Und da Sie für mein Kind so viel Interesse zeigen, so gestatten Sie vielleicht, daß auch ich mich Ihnen zuwende.«

»Bitte!« sagte der Graf.

»Darf ich ganz offen sein?«

»Ich bitte darum.«

»Eine Rehabilitation meiner Tochter ist nur denkbar durch eine Ehe. Könnten Sie mir dabei irgendwie behilflich sein?«

»Ihre Tochter wird niemals einen Mann heiraten, den sie nicht liebt.«

»Das ist in diesem Falle ja einfach Wahnsinn.«

»Ich erlaubte mir schon zu sagen: sie ist intakt geblieben.«

»Wenn auch – und obschon mir das nicht recht eingeht –, nach dem, was sie sich geleistet hat, wird sie wohl oder übel auf eine Liebesheirat verzichten müssen.«

»Ich glaube auch nicht, daß sie daran denkt.«

»Und Sie – Sie würden auch nicht daran denken?«

»Ich?« fragte der Graf verdutzt. »Wie meinen Sie – ja, wie kommen Sie darauf?«

»Da Sie sie für durchaus honorig halten.«

»Das tue ich!«

»Nun also – Ihre Schulden wären Sie los, und für einen standesgemäßen Unterhalt würde ich Sorge tragen.«

»Wenn das nicht wäre mit dem Geld«, sagte der Graf erregt.

»Wie? – Was?« fragte der Alte.

»Wenn ich unabhängig wäre, ich besänne mich nicht einen Augenblick.«

»Ich mache Sie vorher unabhängig.«

»Das wäre Betrug.«

»Wem gegenüber?«

»Ihrer Tochter.«

»Wir dürfen es in diesem Falle eben alle nicht so genau nehmen.«

»Wenn ich wüßte, sie willigt ein, ich zögerte keinen Augenblick.«

»Fragen Sie sie! Sagen Sie ihr, daß Sie bei mir waren: daß ich mich mit ihr freuen werde; mit ihr und mit Ihnen.«

»Ich versuch's«, sagte der Graf.

Der Alte streckte ihm die Hand hin; er schlug ein.



Sechzehntes Kapitel.

An einem der nächsten Tage rief Frau Ina schon am frühen Vormittag die Mädchen in den kleinen Saal. Das war so ungewöhnlich, daß sie sofort wußten: etwas Besonderes mußte passiert sein. Die feierlich-ernste Miene, mit der Frau Ina sie empfing, das schwarze Kleid der Herzogin, die sonst immer in den Farben ihres Papageis ging, und der forciert traurige Ausdruck ihres Mannes, der im Cutaway und mit gefalteten Händen dastand, zeigten, daß ihre Vermutung zutraf.

»Meine Lieben,« sagte sie und tat gerührt, »ich habe die traurige Pflicht, euch von dem Tode der Frau Mathilde Brückner in Kenntnis zu setzen.«

Die Mädchen fuhren erschreckt zusammen; Marianne griff nach Ännes Hand und weinte.

»Mit ihr«, fuhr Frau Ina fort, »verliert ihr eine eurer besten Freundinnen. Keine meinte es so gut mit euch, wie sie. Wir werden zu ihrem Andenken noch eine besondere Feier abhalten. Für heute schickt es sich, daß ihr durch würdigen Ernst, ohne zu lärmen, eure Trauer zeigt.«

Diesen Rat konnte Frau Ina sich ersparen. Denn alle Mädchen fühlten instinktiv, daß mit Mathilde der einzige Mensch, der es außer Änne gut mit ihnen meinte, von ihnen gegangen war. Jede ging in ihr Zimmer, setzte sich da hin, dachte nach und weinte. Nur Änne und Marianne blieben beieinander.

»Sie wird uns allen sehr fehlen,« sagte Änne. »Aber du, Liebling, weißt ja, wo du hingehörst. Du bekommst einen guten Mann und wirst glücklich sein.«

»Nur, wenn ich dich nicht verliere, Änne.«

»An mich mußt du denken, wie an eine Tote; hörst du? Und alles, was vorher war, mußt du vergessen. Du hast geträumt die ganze Zeit über. Nun bist du erwacht! Die Welt erschließt sich dir, und du wirst anfangs Mühe haben, dich in ihr zurechtzufinden.«

»Du mußt mir helfen, Änne!«

»Dazu ist dein Mann da und . . .« sie hielt inne. .

»Was wolltest du sagen?« fragte Marianne.

»Ich dachte an Frau Mathilde. Aber die lebt nicht mehr.«

Marianne schüttelte den Kopf und fragte:

»Glaubst du, daß sie gestorben ist?«

»Aber Kind, wie kannst du zweifeln?«

»Ich glaub' es nicht.«

»Ja, was heißt denn das?«

»Gestern noch war sie bei mir, eine Stunde lang. Und wir haben alles miteinander besprochen. Auch von dir sprachen wir.«

»Das hättet ihr nicht tun sollen.«

»Doch! Du mußt hier fort; sie sagte es auch; deinetwegen und auch für mich. Ich bat sie, mit dir zu sprechen. Sie sagte es zu.«

»Sie war nicht bei mir.«

»Sie wollte heute kommen. Gestern mußte sie nach Hause; zu ihrem Mann, der ihr sein neues Buch diktierte. Er kann nur dichten, wenn sie bei ihm ist.«

»Sonderbar!«

»Ich finde das schön.«

»An sich gewiß. Aber in diesem Falle . . .« –

Sie machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Und nun soll sie gestorben sein – warum? woran? Ich glaub' es nicht.«

»Wir wollen's zu erfahren suchen.«

Änne stand auf und ging zur Tür.

»Wo mag Anton stecken? Der weiß es gewiß.«

Auf dem Flur standen Frau Ina, die Herzogin und ihr Mann. Änne öffnete behutsam die Tür, gab Marianne ein Zeichen, still zu sein und horchte dann.

»Mir leuchtet das ein,« sagte Frau Ina. »Und so sollten es alle Künstler machen, die fühlen, daß es mit ihnen bergab geht.«

»Ich fand, sie hatte dazu noch keinen Grund.«

»Sie wußte es besser. Wenn erst das Publikum es merkt, ist's zu spät. So starb sie als die göttliche Mathilde. Ein Jahr später hätte in den Nachrufen vielleicht gestanden: die einst gefeierte Mathilde Brückner.«

»Hat sie das denn als Beweggrund angegeben?« fragte Frau Olga.

»Aber ja. Doktor von Erdt hat es mir gezeigt. Sie schrieb: ›Ich habe den Wunsch, auf der Höhe meines Ruhmes zu sterben; da ich fühle, daß es mit mir bergab geht, so gehe ich freiwillig und leicht aus dem Leben, das so schön war‹.«

»Und sonst hat sie nichts hinterlassen?«

»Ich finde gerade die Form schön und würdig.«

Änne schloß behutsam die Tür.

»Was hast du gehört?« fragte Marianne, und da Änne betroffen und bestürzt schien, so stand sie auf, legte den Arm um sie und fragte: »Ist sie wirklich gestorben?«

Änne schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Ich wußte es!« jubelte Marianne laut.

»Gestorben ist sie nicht – aber tot ist sie.«

»Gibt es das?«

»Ja, das gibt es.«

»Das versteh' ich nicht.«

»Und sie hat gestern mit keinem Wort vom Sterben gesprochen?«

»Aber nein.«

»Auch nicht besonders ernst und feierlich Abschied genommen, als sie ging?«

»Wie immer, herzlich.«

»Und gesagt, daß sie wiederkommen wolle?«

»Ja. Heute wollte sie dich besuchen und mit dir reden.«

»Sonderbar.«

»Sie hatte so große Freude mit mir und sagte: Wenn sie auch nur ein wenig zu meinem Glück beigetragen habe, dann sei das ein Erfolg, den sie höher einschätze als sämtliche Erfolge während ihres Lebens.«

Änne sah Marianne fest an und sagte:

»Am Ende hat sie sich umgebracht.«

»Nie und nimmer!« erwiderte Marianne bestimmt.

»Du hältst das für ausgeschlossen?«

»Vollkommen! – Und wer das sagt, der lügt.«

»Und wenn es nun auf einem Papier steht, das sie hinterlassen hat?«

»Dann lügt das Papier.«

»Du würdest es auch dann nicht glauben?«

»Keinem Papier der Welt! – Denn, nicht wahr – sie saß doch da, wo du jetzt sitzt. Gestern noch. Und lebte, wie du lebst. Und wollte leben, das sah ich, und sie sagte es auch. Alles in ihr war ja auf das gerichtet, was noch kommen sollte. Auf mich und mein Glück und deine Zukunft.«

»Und von ihrer Kunst sprach sie nichts?«

Marianne dachte nach.

»Auch davon sprach sie.«

»Was?« fragte Änne lebhaft.

»Daß sie jetzt, wo ihr Leben einen, ich glaube, sie sagte ethischen Zweck bekommen habe, den doppelten Genuß an ihrer Kunst empfinde.«

»Du bist dir sicher, daß sie das sagte?«

»Ganz gewiß – als sie von mir ging und sah, wie froh ich war, sagte sie: An einem Tage wie diesem klingt meine Stimme noch mal so schön.«

»Dann hast du recht,« sagte Änne. »Dann ist sie nicht gestorben – dann hat man sie umgebracht!«

»Änne!« rief Marianne entsetzt.

»Welch ein Gedanke! Wer sollte das tun? So beruhig' dich doch! Das ist ja nicht möglich.«

»Unter diesen Menschen ist nichts unmöglich.«

»Dann ist sie also doch tot.«

»Ja, Marianne, mit der Tatsache müssen wir uns abfinden. Ob wir uns aber auch mit der Ursache ihres Todes abfinden, ist eine andere Frage.«



Siebzehntes Kapitel.

Katz saß im Salon der Herzogin, die ihm mit großer Verbindlichkeit Tee einschenkte und Rum anbot.

»Es gibt natürlich verschiedene Wege«, sagte sie.

»Gewiß! Ich gebe zu, es hat viel für sich; Platz und Bedürfnis für ein weiteres Unternehmen dieser Art ist bestimmt vorhanden.«

»Und es ist lächerlich, mit dieser Frau Ina zu teilen – und wie zu teilen! – wo man die Möglichkeit hat, es allein zu verdienen.«

»Auch das leuchtet mir ein.«

»Es ließe sich natürlich auf friedlichem Wege machen. Man stellt die Bedürfnisfrage.«

»Frau Ina wird die nicht anerkennen und gegen jede Zersplitterung sein, sofern ihr keine materiellen Vorteile daraus erwachsen.«

»Diese Mehrheit ließe sich finden.«

»Aber die Gefahr, daß in diesem Konkurrenzkampf Vorsicht und Vernunft außer acht gelassen und damit der wahre Charakter des Unternehmens enthüllt wird, ist nicht von der Hand zu weisen.«

»Für Frau Inas Klugheit und Besonnenheit nach der Richtung hin bürge ich.«

»Und für die Ihre?«

»Zweifeln Sie daran?«

»Ich habe leider nicht das Vergnügen, Sie so genau zu kennen, wie ich Frau Ina kenne.«

»Das liegt an Ihnen – ich bin bereit, Ihnen jede Möglichkeit zu geben, die Sie wünschen, um mich kennenzulernen.«

»Sehr freundlich«, erwiderte Katz und unterzog auf diese Einladung hin die Herzogin ganz ungeniert einer genauen Betrachtung, deren Ergebnis war: vor zwanzig Jahren hätte ich der Frau begegnen müssen. In der jetzigen Verfassung vermochte sie auf seine Entschlüsse jedenfalls nicht einzuwirken.

»Ich will es mir ausrechnen,« sagte Katz. »Die ›Neuf d'or‹ hat nun mal ihr Renommee, und ich fürchte, eine Neugründung wird selbst bei aller Großartigkeit immer nur als Nachahmung gelten. Von den mehreren hundert Personen, die sich um die Mitgliedschaft bei der ›Neuf d'or‹ bewerben, wird die Mehrzahl vermutlich lieber noch ein paar Monate lang warten, ehe sie sich dem neuen Unternehmen zuwendet.«

»Man müßte neue Reizmittel finden!«

»Erfinden,« erwiderte Katz, »denn die vorhandenen dürften in der ›Neuf d'or‹ zu haben sein.«

»Ich glaube, Ihr Mangel an Vertrauen liegt an Ihrer Anhänglichkeit an Frau Ina.«

»Ich bin in erster Linie Geschäftsmann.«

»Wenn ich Ihnen nun ein festes Einkommen zusicherte?«

»Das müßte sehr hoch sein.«

»Darüber ließe sich wohl eine Verständigung erzielen.«

»Und dann – worin bestände meine Tätigkeit?«

»Du lieber Gott, ich brauche doch einen Mann.«

»Soviel ich weiß, haben Sie einen.«

Die Herzogin zog die Schultern hoch und sagte spöttisch:

»Mann nennen Sie das?«

»In gewissem Sinne doch wohl.«

»Sie sind ein Kerl, ein Schuft, ein Halunke!«

»Ihr Vertrauen ehrt mich.«

»Gerade das, was ich für den Zweck gebrauche.«

»So wollen Sie also auch Ihren Mann los sein, wie Frau Ina?«

»I Gott bewahre! Er stört mich nicht. Und dann, mein Papagei ist so an ihn gewöhnt, daß er ihm fehlen würde.«

»Dann allerdings!«

»Im übrigen, die Figur, die Drexler macht, macht er auch.«

»Nur eine Nuance zu fein.«

»Diese Nuance habe ich ihm mit vieler Mühe beigebracht. Sie ihm wieder abzugewöhnen, wird leichter fallen.«

Katz trank seinen Tee aus und stand auf. Mit vollem Munde sagte er:

»Also, schöne Frau . . .«

»Quatschen Sie nicht!«

Katz sah sich um. Am Fenster hing der Papagei.

»Nein, diese Ähnlichkeit!« sagte er.

»Also?« fragte Frau Olga.

»Überlegen Sie, was Sie mir als Fixum geben können. Und dann die Höhe der Gewinnbeteiligung.«

»Sie lehnen also nicht ab?«

»Aber nein. – Und hat Ihr Institut schon einen Namen?«

»Ich dachte an Charitas.«

Katz lachte.

»Im Ernst!« sagte Frau Olga.

»Auf deutsch?« fragte er. Und sie erwiderte:

»Das Heim der kranken Seelen.«

Katz schüttelte den Kopf und meinte:

»Das könnte man mißverstehen.«



Achtzehntes Kapitel.

»Also?« fragte Frau Ina.

»Es ist so!« erwiderte Katz.

»Sie wird sich schneiden!«'

»Immerhin. Sie ist gerissen.«

»Wie du. Klug sein ist mehr.«

»Ich gebe zu: du bist beides.«

»Auch taktvoll«, erwiderte Frau Ina und sah ihn an. Er verstand und sagte:

»Verzeihung, Sie haben recht. Hier sind wir nicht in der ›Neuf d'or‹.«

»Ich würde diese Herzogin, die mir nichts nützt, ja ruhig gewähren lassen, wenn sie klug wäre. Sechs solcher Anstalten könnten bestehen.«

»Wenn es sechs Inas gäbe!«

»Sehr richtig. Aber wenn eine sich verrät, so sind alle sechs verloren. Allein diese Nelly Brückner wäre imstande, mich zu ersetzen.«

»Ein junges Mädchen! Ich bitte Sie!«

»Frau Mathilde ist tot – die Bahn ist frei!«

»Ich glaube, daß die Gesellschaft sich daran stoßen würde – im übrigen, Sie wissen doch, daß diese Änne sich schon wieder mal etwas Besonderes leistet.«

»Inwiefern!«

»Sie behauptet, Frau Mathilde habe sich nicht das Leben genommen.«

»Sondern . . .?«

»Es sei ihr genommen worden.«

»Sie ist verrückt!«

»Frau Mathilde war ein paar Stunden, bevor sie aus dem Leben ging, noch bei Marianne, hat mit ihr geplaudert und Pläne für die Zukunft entworfen. Daraus schließt Änne, daß sie nicht an Sterben gedacht habe.«

»Und wissen Sie, was ich daraus schließe? Daß diese Änne sich das mit Marianne zurechtgelegt, es ihr suggeriert hat.«

»Zu welchem Zwecke?«

»Um einen Skandal zu provozieren und die Anstalt in Mißkredit zu bringen.«

»Fähig dazu ist sie.«

»So etwas Lächerliches! Wo Frau Mathilde es schwarz auf weiß hinterlassen und die Gründe angegeben hat.«

»Sie meint, der Zettel könne gefälscht sein.«

»Von wem?«

»Das hütet sie sich, zu sagen.«

»Man sollte sie dazu bringen, daß sie sich äußert. Hören Sie, Katz, das wäre eine bequeme Lösung. Man muß es ihr insinuieren. Wer, das ist gleich.«

»Zu welchem Zweck?«

»Nehmen Sie an, sie verdächtigte Sie oder mich oder sonst einen Dritten des Mordes; ja, würden Sie das ruhig hinnehmen?«

»Ich ließe sie verhaften und wegen Verleumdung einsperren.«

»Daß Sie auch immer eine Lösung haben!«

»Wollen Sie sich der Mühe unterziehen?«

»Was täte ich nicht Ihnen zuliebe?«

»Das würde den Grafen am Ende von seiner Verirrung heilen.«

»Besteht die Verbindung tatsächlich noch immer?«

»Fester denn je.«

»Und was gedenken Sie dagegen zu tun?«

»Ich könnte den Wahnsinn sich austoben lassen. Das wäre bequem und vielleicht auch richtig. Aber ich bin eine zu aktive Natur. Und dann: dazu habe ich nicht jahrelang gekämpft und mich in Schulden gestürzt, um ihn jetzt, wo ich endlich so weit bin, an eine Dirne zu verlieren.«

»Das kann ja doch nur eine Eskapade sein.«

»Die ich mir nicht bieten lasse!«

»Bravo! – Sie sollten Ihren Stolz zeigen!«

Frau Ina schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich lasse ihn fallen.«

»Ina!« rief Katz beglückt und breitete die Arme aus.

»Nicht doch!« wehrte sie ab. »Sie mißverstehen mich. Ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, die Gräfin Scheeler zu werden, und Sie sollten mich gut genug kennen, um zu wissen: was ich will, setze ich durch!«

Katz ließ enttäuscht die Arme fallen und sagte resigniert:

»Leider weiß ich das.«

»Ich habe die Macht, ihn zu ruinieren. Ich treibe ihn, wenn ich will, in acht Tagen in den Konkurs. Denken Sie! einen Grafen von Scheeler. Vierundzwanzig Ahnen würden sich in ihren Gräbern umdrehen.«

»Was hätten Sie dann?«

»Er wird seinen Ahnen die Mühe ersparen. Er hat ihnen zuliebe auf mehr verzichtet als auf so ein Mädchen.«

»Soll ich mit ihm reden?«

Frau Ina dachte nach:

»Das wäre am Ende noch nicht das Dümmste. Wenn er mit einer Dirne Freundschaft schließt, kann er auch mit einem Agenten über Liebe diskutieren. Ich habe ihm einen Brief geschrieben« – sie wies auf den Schreibtisch – »lies ihn!«

Katz nahm den Brief aus dem Kouvert heraus und las:


Mein Lieber!

Du gehst daneben. Ich weiß es und bitte Dich, das zu unterlassen. Wenn ich erst Deine Frau bin, wirst Du Deine Freiheit haben. Bis dahin unterstehst Du meiner Kontrolle. Ich bin nicht kleinlich und gönne Dir jedes Vergnügen. Aventuren, sofern sie Niveau hielten, habe ich stets geduldet und habe nie versagt, wenn standesgemäße Rücksicht Opfer und Zeit verlangte.

Alles durftest Du tun, nur eins nicht: geschmacklos werden. Es gibt Dinge, die ein ästhetischer Mensch nicht einmal mit den Fingerspitzen anrührt. Wenn finanzielle Nöte uns zwangen, in Niederungen herabzusteigen, die wir zuvor kaum dem Namen nach kannten, so blieb dabei doch immer der Mensch draußen und hielt sich rein. Der bloße Gedanke einer persönlichen Berührung flößte jedem von uns Ekel ein. Mich widert es an, auch nur davon zu sprechen. Dein Verhalten beweist, daß Du robust und wenig empfindsam bist. Auf Schonung hast Du demnach keinen Anspruch. Man darf deutlich werden. Und so muß ich Dir denn sagen, daß ich nach den Opfern, die ich Dir gebracht habe, nicht daran denke, derartige Geschmacklosigkeiten, in denen zugleich eine Kränkung für mich liegt, weiterhin zu dulden.

Führst Du sie fort, so zwingst Du mich, daß ich mich gegen Dich wende. Bedenke, was das für Dich, Deinen Namen, Deine Zukunft bedeutet. Ich schäme mich für Dich, daß Du mich zu diesen Zeilen erniedrigst. Du hast viel gutzumachen! Vollziehe Deine Reinigung! Aber gründlich! Dann erst erwarte ich Dich – und dann soll, was war, vergessen sein.

Ina.


»Nun?« fragte Frau Ina, und Katz erwiderte:

»Sehr wirksam.«

»Und Antwort soll er geben.«

Katz zögerte.

»Worauf warten Sie?«

»Ich meine, wenn Sie sich doch derart aufs hohe Pferd setzen – ob es da am Ende logisch ist, wenn gerade ich . . .?«

»Schätzt du dich so tief ein?«

Katz lächelte.

»Als wenn es darauf ankäme. Ich halt' mich draußen, denk' mir meinen Teil und lache. Aber die andern, wie die mich einschätzen, darauf kommt es an. So ein kleiner Agent, noch dazu ein Jud' – und dann: meine Abhängigkeit von Ihnen . . .«

»So schick' ich einen Boten; es ist ja ganz gleich. Ich dachte nur, wenn er Sie sieht, daß ihm deutlich die Gefahr vor Augen kommt, in der er schwebt.«

»Ich verstehe,« sagte Katz.

»Daß ich ihm die Gurgel zudrücke, soll er fürchten.«

»Wenn auch nicht gerade das.«

»Doch, doch, ich weiß schon« – er stand auf, sah Frau Ina an und sagte: »Ich gehe.«

Sie streckte ihm den Arm hin. Er nahm die Hand und küßte sie.

»Höher!« sagte Frau Ina. Er schlug ihren Ärmel hoch und preßte die Lippen auf ihren Arm. Ina zuckte zusammen und zog den Arm zurück.

»Auf Wiedersehen!« sagte Katz und ging.

Als er draußen war, zog Frau Ina ihr Spitzentuch hervor, zerknitterte es in der Hand, warf es dann auf den Boden und sagte:

»Bex!«

Baronin Waltner trat aus der Portiere, in der sie, schien's, schon einige Sekunden gestanden hatte, zog ihrer Tochter den Ärmel herunter und sagte:

»Armes Kind!«

»Nun könnte alles so schön sein«, sagte Ina.

»Liebst du ihn denn?«

»Mein Leben ist ein Programm,« erwiderte Ina. »Im Mittelpunkte steht der Graf. Was habe ich alles für ihn getan! Ich fühle mich ja nicht erst seit heute als die Gräfin Scheeler. Seit Jahren denke und fühle und handle ich nur in der Idee. Davon komme ich nicht mehr los, und will es auch nicht.«

»Und brauchst es auch nicht«, beruhigte sie die Baronin. »Alles gibt dir einen Anspruch darauf. Dies kleine Hindernis, das sich dir am Ziel noch in den Weg stellt und das du überschätzt, wird auch überwunden werden.«

»Ich hoffe es, denn sonst . . .«

»Was ist sonst?« fragte die Baronin.

Ina sah ihre Mutter an und sagte:

»Nichts!«



Neunzehntes Kapitel.

»Sei ohne Sorge, ich tue dir nichts«, sagte der Herr, der in Ännes Zimmer neben ihr auf der Chaiselongue saß.

»Darf ich Ihnen also eine meiner Freundinnen holen?«

»Danke, auch das nicht.«

»Was wollen Sie dann?«

Der Herr stand auf, trat vor Änne hin und erwiderte:

»Das will ich Ihnen sagen.« Er zog einen Brief aus der Tasche, hielt ihn Änne hin und fragte:

»Haben Sie das geschrieben?«

Änne warf einen Blick darauf und sagte:

»Ja.«

»Nun, da will ich Ihnen auch verraten, wer ich bin.«

»Der Staatsanwalt?«

»So ähnlich. Jedenfalls die zuständige Instanz. Um jedes Aufsehen zu vermeiden – denn es wäre im höchsten Maße bedauerlich, wenn die hochherzigen und edlen Bestrebungen, die mit dieser Anstalt verknüpft sind, unter einem Skandal leiden würden –, lediglich aus diesem Grunde bin ich, statt Sie zu mir zu zitieren, unter der Maske eines Besuchers zu Ihnen gekommen.«

Änne strahlte und sagte:

»Gut, gut, daß Sie da sind.«

»Sie werden begreifen, daß ich von vornherein jeder Äußerung, die aus Ihren Kreisen kommt, skeptisch gegenüberstehe.«

»Wir in unserer Abgeschlossenheit und ohne jede Ablenkung haben für viele Dinge vielleicht ein feineres Gefühl als andere.«

»Mag sein. Jedenfalls in diesem Falle befinden Sie sich auf dem Holzwege, und ich wäre der Sache, die sonnenklar ist, auch gar nicht nachgegangen, wenn Fräulein Brückner, der ich von Ihrem Schreiben Kenntnis gab, sich durch Sie nicht beschwert fühlte.«

»Das bedaure ich, ohne es ändern zu können.«

»Sie werden es ändern!« sagte der Herr mit großer Bestimmtheit. »Sie werden den in Ihrer Eingabe ausgesprochenen Verdacht mit dem Ausdruck des Bedauerns als unbegründet widerrufen.«

»Ich lüge nicht! Nie in meinem Leben habe ich gelogen!«

»Sie werden widerrufen!«

»Nein – im übrigen begreife ich zweierlei nicht: Ich habe keinen verdächtigt. Wie kommt es also, daß Fräulein Brückner sich getroffen fühlt? Und dann, selbst wenn ich einen Namen genannt hätte: kann ich denn überhaupt jemanden beleidigen?«

»Sie irren! Fräulein Brückner hat lediglich ein Interesse daran, daß der Name ihrer toten Mutter nicht durch derart wahnsinnige Gerüchte beschmutzt wird.«

»Das ist mir nicht klar.«

»Daran liegt auch nichts – Sie suchen sich auf Kosten unserer Zeit zu unterhalten und interessant zu machen. Das ist grober Unfug.«

»Ich weiß noch immer nicht: Sind Sie der Vertreter Fräulein Brückners oder vertreten Sie ein öffentliches Interesse?«

»Ich vertrete das Recht.«

»Das ist eine Phrase.«

»Ich werde Sie abholen lassen und einsperren.«

»Ob ich hier eingesperrt bin oder wo anders – was liegt daran!«

»Wollen Sie mir sagen, was Sie mit Ihrer Eingabe für einen Zweck verfolgen? Es kann Ihnen im Grunde doch höchst gleichgültig sein, wie diese Mathilde Brückner gestorben ist.«

»Und Ihnen?« fragte Änne.

»Mir natürlich nicht.«

»Also! Dann haben Sie ein Interesse an der Feststellung der Wahrheit und sollten jedem dankbar sein, der Ihnen dabei behilflich ist.«

»In diesem Falle erübrigen sich weitere Feststellungen.«

»Ist erwiesen, daß es Frau Mathildes Handschrift ist?«

»Ja.«

»Durch wen?«

»Jeder Laie ist dazu imstande. Die Handschrift Frau Brückners ist derart charakteristisch, daß jede Nachahmung sofort festzustellen wäre.«

Er zog einen Zettel aus der Tasche, zeigte ihn Änne und sagte:

»Überzeugen Sie sich.«

Änne sah sich den Zettel an und erwiderte:

»Das hat sie geschrieben.«

»Also – sind Sie nun bereit, die verlangte Erklärung abzugeben?«

Änne dachte einen Augenblick nach und sagte dann:

»Für wen ist die Erklärung bestimmt?«

»Für die Akten.«

»Wessen Akten?«

»Meine.«

»Wer sind Sie?«

»Der Vertreter des Rechts.«

Änne stutzte, sperrte den Mund weit auf und sah den Herrn scharf an. Der verzog keine Miene.

»Rechtsanwalt also!« sagte sie laut.

»Was tut das zur Sache?«

»Viel! Unendlich viel!«

»Ich wüßte nicht . . .«

»Aber ich weiß!« fiel sie ihm ins Wort.

»Was wissen Sie denn?«

»Sie wollten, daß ich Sie für einen Vertreter der Anklagebehörde halte.«

»Durchaus nicht. Im übrigen spielt das keine Rolle, da der Fall klar ist und es sich nur darum handelt, unnötigen Skandal zu vermeiden.«

»Betrachten Sie den Versuch als mißglückt.«

»Ich kann Ihnen nur raten . . .«

»Als Vertreter der Familie Erdt-Brückner bitte ich Sie, Ihre Ratschläge dort zu erteilen.«

»So nehmen Sie doch Vernunft an! Das Ganze ist ja doch eine fixe Idee von Ihnen!«

»Ich will Ihnen etwas sagen«, erwiderte Änne.

»Hier handelt es sich weder um eine Idee, noch um die Sucht, Skandal zu machen, noch um Rache oder sonst Ähnliches. Hier handelt es sich um das Bewußtsein eines unendlich feinfühligen Menschen, der ein paar Stunden vor der Katastrophe mit Frau Mathilde zusammen war. Diesem überaus sensiblen Menschen sagt das Gefühl, und zwar mit aller Bestimmtheit: Frau Mathilde hat sich das Leben nicht genommen! – Mehr weiß man nicht. So viel aber steht für mich fest: Diese gefühlsmäßige Überzeugung Mariannes ist zuverlässiger als sämtliche Indizien, die Sie mit Ihrer Logik und Ihrem Juristenverstande zusammentragen.«

Der Herr zuckte spöttisch die Achseln, lächelte überlegen und sagte:

»Bordellphilosophie!«

Dann ging er zur Tür und verschwand ohne ein Wort des Abschieds. –

»Marianne!« rief Änne laut, als er draußen war. Und unter dem ersten Eindruck dieser Begegnung erzählte sie der Freundin, was sich ereignet hatte.

Marianne hörte mit geschlossenen Augen zu. Als Änne geendet hatte, schwieg sie eine Weile, dann sagte sie mit leiser Stimme:

»Sie hat es geschrieben; das mag sein. Vielleicht unter Zwang, vielleicht auch freiwillig.« – Dann öffnete sie die Augen und sagte laut: »Du lieber Gott! Sie hat so viel geschrieben. – So viel!«

Da schoß Änne ein Gedanke durch den Kopf; sie nahm ihre Freundin bei der Hand und rief laut:

»Marianne!«



Zwanzigstes Kapitel.

Katz ließ sich beim Grafen Scheeler melden. Und als der Diener die Antwort überbrachte:

»Herr Graf bedauert, er erinnere sich nicht, einen Herrn namens Katz zu kennen«, da sagte er:

»Ich komme im Auftrage der Frau Rittmeister Ina Mertens.«

Der Bescheid, den der Diener daraufhin überbrachte, lautete:

»Sie möchten die Bestellung mir ausrichten.«

»Ist der Graf verrückt?« brauste Katz auf.

»Er war nie gesünder«, erwiderte der Diener, der eisgrau und schon seit über einem Menschenalter im Hause war.

Katz übergab ihm den Brief und sagte:

»Ich warte!« –

Während der Graf die Antwort schrieb, dachte Katz über Frau Ina nach. So also ließ sie sich von einem Menschen behandeln, der von ihr lebte; zum mindesten aber sich durch ihre Hilfe über Wasser hielt. Er haßte und beneidete den Grafen und bewunderte ihn doch. –

Der Diener brachte die Antwort. Der Brief brannte Katz zwischen den Fingern. »Wenn ich doch wüßte, was da drin steht!« sagte er sich immer wieder und wußte doch selbst nicht, was er wünschen sollte: daß der Inhalt Inas Erwartungen entsprach oder sie enttäuschte und ihm eine Hoffnung ließ. Frau Ina riß ihm den Brief aus der Hand, öffnete und las:


Liebe Frau Ina!

Sie haben es mit sich und wohl auch mit mir gut gemeint und unendlich viel für mich getan. Aber jede Wohltat, die Sie mir erwiesen, um mich an sich zu fesseln, war für mich, vielleicht ohne daß Sie es wollten, eine Erniedrigung. So bin ich im Laufe der Zeit plangemäß in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Ihnen geraten, das alles andere – und darauf legen Sie ja so großen Wert –, nur nicht standesgemäß war. Über alles das mit Ihnen zu reden, war meine Absicht. Ich versprach mir davon Gewinn für beide. Denn mir scheint, auch Sie bedürfen der Heilung und Belehrung. Daher bitte ich Sie, mir nicht Briefe zu schreiben, die diese notwendige und erwünschte Aussprache erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Wäre der Spott, mit dem Sie meinen einwandfreien Verkehr mit dieser Änne bedenken, echt, so würde ich Sie bitten: Nehmen Sie sich die Mühe und lernen Sie das Mädchen kennen. Der Aufwand, den Sie auf die Sache verschwenden, die schlecht verborgene Erregung, die aus jeder Ihrer Zeilen spricht, verraten mir aber, daß Sie wissen, wes Geistes Kind sie ist. Und ich tue Ihnen und mir Ehre an, liebe Freundin, wenn ich, unter der Voraussetzung völliger Gleichwertigkeit, eine Aussprache zu dritt erbitte. Das wird für alle drei Klärung, Wohltat und Befreiung sein.

Ihr sehr ergebener

Scheeler.


Frau Ina stürzte an den Schreibtisch, nahm Tinte und Papier und schrieb:

Du bist verrückt! Und solltest das Bordell mit einer Irrenanstalt vertauschen!

Ina.

Vorwärts!« trieb sie Katz an. »Auf eine Antwort verzichten Sie – oder besser: bestellen Sie ihm . . .«

»Er empfängt mich nicht.«

»Dann sagen Sie's seinem Diener! Das ist noch besser! – Er soll ihm sagen: er irrt, aber er wird mich kennenlernen! Gründlicher, als ihm lieb ist! Und wenn er nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden bei mir war, dann zünde ich ihm das Dach über dem Kopf an! Ich kann's! – Ich war gescheiter als Sie, Katz. Ich habe Akzepte, in acht Tagen ist er eine Leiche!«

»Sie lieben den Grafen nicht?«

»Ich hasse ihn!«

»Hätte ich Sie nicht lieb – glauben Sie, ich hätte Ihnen ohne Wechsel geliehen?«

»Mit Ihnen ist nichts mehr los, Katz. Sie sind sentimental geworden.«

»Das haben Sie aus mir gemacht!«

»Früher gefielen Sie mir besser.«

»Ich will versuchen, mich zu ändern – nun, wo der Graf ausfällt, besteht ja wohl für mich wieder eine Chance.«

Frau Ina lachte laut auf.

»Sie sollten mich besser kennen, Katz. Was ich will, das setze ich durch, und was ich habe, das behalt' ich! Der Graf gehört mir! Ausschließlich mir! Und ich möchte den sehen, der sich zu dem Wahnsinn versteigt, ihn mir zu nehmen!«

Katz machte ein verzweifeltes Gesicht und wandte sich mit dem Brief in der Hand zur Tür.

»Bleiben Sie!« rief ihm Ina zu. »Dies Bitten ist mir zu dumm. Ich hol' ihn mir selbst!«

Sie rieß ihm den Brief aus der Hand und verschwand.

Katz stand verdutzt, sah ihr nach und sagte:

»Das ist ein Weib!«



Einundzwanzigstes Kapitel.

Eine sonderbare Werbung, dachte der Graf und fühlte doch, daß er innerlich bewegt war. Als der alte Diener, den er von frühester Kindheit an duzte und mit dem er alles besprach, den Cutaway und den hohen Hut hinlegte, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Das geht doch nicht.«

»Ich meine, sie verdient es schon.«

»Den Dank will ich ihr in anderer Form abtragen.«

Der Diener trug die Sachen in den Schrank zurück, und mit dem großen Strauß lila Orchideen wagte er sich erst gar nicht hervor. Eine einzige Orchidee reichte er dem Grafen, der sie sich gewohnheitsgemäß ins Knopfloch steckte.

»Für die Gnädigste«, sagte der Diener zaghaft. Und der Graf folgte, wie als Kind vor dreißig Jahren, zog die Blume wieder heraus und sagte:

»Ach so – natürlich – du hast ganz recht –!«

Änne empfing den Grafen wie einen guten Freund. Eine gewisse Feierlichkeit fiel ihr an ihm auf, obwohl er wie sonst gekleidet war.

»Nachdem Sie meine Rettung vollzogen haben,« begann er gleich nach der Begrüßung, »trieb es mich, auch Sie aus einem Milieu zu reißen, in das Sie nicht hineingehören.«

»Lieber Graf, das wäre vergebliche Mühe.«

»Mir fehlte bisher jede Initiative; aber jetzt hat mich mein Selbstbewußtsein, das ich durch Sie zurückgewonnen habe, handeln lassen.«

»Was haben Sie getan?«

»Ich war bei Ihrem Vater.«

»Graf! Das durften Sie nicht!«

»Ich mußte hin – er ist menschlicher als Sie denken. Vieles tut ihm leid; manches bereut er.«

»Kommt ihm also die Einsicht?« fragte sie teilnahmsvoll. »Dann wird er viel durchzumachen haben.«

»Ich habe ihm alles erzählt.«

»Was konnten denn Sie ihm erzählen? Wo er doch alles weiß und alles verschuldet hat.«

»Er hatte sich ein völlig falsches Bild von Ihnen gemacht.«

»Wozu taten Sie das?« fragte sie vorwurfsvoll. »Was zwischen meinem Vater und mir vorgegangen ist, das steht so unverrückbar, daß weder Einsicht noch Reue es je vergessen machen können.«

»Sie haben doch Ihre Mutter lieb gehabt.«

»Habe ich Ihnen das denn nicht erzählt?«

»Gewiß – aber in was anderem kann sich die Liebe der Kinder für die Eltern äußern, als darin, daß sie ein Leben in ihrem Sinne führen.«

Änne senkte den Kopf.

»Ihre Mutter hätte Ihrem Vater verziehen – schon um Ihretwillen.«

»Was nützt heute noch die Verzeihung?«

»Ich habe ganz offen mit ihm gesprochen. Von mir und von Ihnen. Nicht etwa, als hätten Sie mich geschickt. Aber mein Gefühl für Sie, das gewiß mehr als nur Hochachtung und Dankbarkeit ist, hat ihn sichtlich beeindruckt. Es war neben der Einsicht, in vielem gefehlt zu haben, ein väterliches Gefühl, das reagierte, als er sah, was ein anderer für sein Kind empfindet. Es ist keine Phrase, kein unwahres Wort gefallen. – Glauben Sie mir also, Änne, wenn ich Sie bitte, mir Ihr Vertrauen zu schenken, daß ich es grundehrlich mit Ihnen meine.«

»Gern und gewiß glaube ich das. Aber was haben Sie vor?«

»Sie glücklich zu machen.«

»Und wie sollte das geschehen!«

»Wenn wir beide den Willen und die Kraft haben, auszulöschen, was hinter uns liegt, könnten wir, wenn vielleicht auch in einer anderen Stadt, ein Leben führen wie andere Menschen unseres Standes.«

»Wie andere Menschen unseres Standes?« wiederholte Änne.

»Und das nennen Sie ein neues Leben? Rehabilitiert von Vaters Gnaden? – Lieber Graf, ich habe Sie überschätzt. Ich dachte, Sie überzeugt zu haben, daß Sie um Ihrer Selbstachtung willen sich Ihr neues Leben selbst erringen müssen.«

»Ich hätte es getan. Mein Wort darauf! Aber welche Aussicht böte sich mir dann, Sie zu erringen?«

»Wenn es Ihnen ernst um mich ist, dann nur auf dem Wege, den ich Ihnen wies! – Gewiß: es wäre so einfach und so bequem, Vergangenes zu vergessen; bequem für alle! Ich wäre vor der Welt rehabilitiert, Sie wären schuldenfrei und könnten standesgemäß leben. Papa hätte einen Schwiegersohn aus einem der ältesten Adelsgeschlechter. Der übliche Schluß eines Dramas. Das Publikum wäre befriedigt, der Erfolg gesichert. – Aber das Leben, Graf, ist anders. Was hinter uns liegt, läßt sich mit einem Händedruck und braunen Lappen nicht fortwischen. Das haftet tiefer als nur im Gedächtnis. Das sitzt da!« – und sie wies auf ihr Herz. – »Der geringste Anlaß – und das alte Bild stiege in unserer Erinnerung auf! Was das für ein Glück gäbe, können Sie sich denken. – Was ich, was Sie durchlebt haben, muß ausgebrannt werden; überstreichen läßt es sich nicht. Das aber vermag nur das Leben. Und Leben, Graf, ist in diesem Falle gleichbedeutend mit Arbeit. Arbeit allein kann uns dazu verhelfen, daß wir wieder an uns selbst glauben!«

»Sie haben recht, Änne, mit jedem Wort. Und ich glaube auch, daß es nur Flickwerk wäre, wenn wir Ihrem Vater folgten. Mir wäre jede Arbeit recht, wenn ich nur wüßte, was aus Ihnen wird.«

Änne trat auf ihn zu und sah ihn lange an.

»Ich glaube an den guten Kern in Ihnen, Graf. Daher glaube ich auch an uns.«

»Änne!« rief Graf Scheeler und streckte den Arm nach ihr aus.

»Arbeiten wir! irgendwie, irgendwo. Zwei Menschen wie wir kommen durch, und es findet sich immer etwas. Sie wissen in der Landwirtschaft Bescheid, ich bin auf dem Gut meines Vaters groß geworden. Wenn wir nur den Glauben an uns haben, dann trägt man alles.«

Der Graf hielt bewegt ihre Hand.

»Was ich bisher für eine Phrase hielt: ›alles fällt von einem ab‹, das erlebe ich jetzt an mir. Ich fühle, wie ich körperlich und seelisch ein neuer Mensch werde! – Jetzt, Änne, mag kommen, was will: ich stehe! – Endlich, nach Jahren, zum ersten Male fühle ich, daß ich wieder Boden unter den Füßen habe.«

»Und dafür, daß Sie diesmal feststehn, will ich sorgen!«

»Tu es! Änne!«

Jetzt erst schlug sie ein und sagte:

»Halte mich!«

»So fest, wie mein Leben!«

»Wir werden es schwer haben!«

»Und wünschen es uns auch nicht anders.«

»Das war das befreiende Wort! Je härter, um so besser; dann werden wir so feststehen, daß nichts mehr uns umstoßen kann!«

In diesem Augenblicke riß jemand hastig die Tür auf; Frau Ina trat ins Zimmer und sagte, als sie Änne Hand in Hand mit dem Grafen sah:

»Ist es zu glauben, diese Idylle in einem Freudenhaus?«

»Geben Sie sich keine Mühe, Frau Ina«, erwiderte der Graf. »Hier ist mit Intellekt nichts mehr auszurichten.«

Frau Ina zwang sich zu einem schelmischen Lächeln und sagte:

»Eine eigentümliche Liebhaberei, Graf, die ich nie an Ihnen verstanden habe. Beinahe pervers.«

»Was meinen Sie?«

»Mit den Seelen von Dirnen Schindluder zu treiben.«

»Gnädige Frau!« fuhr der Graf sie an. »Ich möchte Sie bitten, diese Dame . . .«

Frau Ina lachte laut auf und sagte:

»Göttlich sind Sie!«

Und der Graf fuhr fort:

». . . die meine Braut ist . . .«

»Hören Sie auf! ich ersticke!« rief Frau Ina, und sie bog sich vor Lachen; aber es klang nicht echt. »Das ist der beste Witz, Graf, den Sie sich seit langem geleistet haben.«

»Es ist mein voller Ernst, und ich verbiete Ihnen . . .«

»Sie . . . verbieten . . . mir . . . Hahaha! . . . in Gegenwart Ihrer . . . Braut . . . nein, Graf! wirklich! ich kann nicht mehr – Sie müssen aufhören – ich ersticke sonst tatsächlich – im übrigen: dies Mädchen steht unter meinem Schutz – so lustig die Geschichte ist – ich darf es nicht dulden – sie nimmt es am Ende ernst – die Mädchen sind so – sie verstehen keinen Spaß – und nachher gibt es Tränen – und sie werden alt und häßlich – das darf nicht sein – also hören Sie auf – kommen Sie, lassen Sie die Kleine in Ruh! – Trinken Sie eine Tasse Tee mit mir!«

»Ich bitte Sie, Frau Ina,« sagte der Graf. »Ersparen Sie sich und uns Allen dies unnötige Theater. Es tut mir ja leid, ja weh, daß ich Sie kränken muß; aber bedenken Sie, wohin Sie mich geführt haben. Wenn es der Änne doch gelänge, auch Sie zu überzeugen . . .«

Frau Ina, die einsah, daß ihr Trick nicht verfing, machte jetzt ein ernstes Gesicht, ging auf den Grafen zu und sagte:

»Allen Ernstes, Graf, Sie sind krank. Tun Sie was für Ihre Nerven! Aber eilen Sie! Ich fürchte, es wird sonst zu spät. Ich habe Ihren Fall mit allen Details einer Kapazität vorgetragen und sie überzeugt, daß Sie gefährlich sind.«

»Das bringen Sie fertig.«

»Ich habe es fertiggebracht! Es war unklug, sich mit mir einzulassen. Ich habe Sie gewarnt. Leider haben Sie nicht gehört. Sie allein tragen die Schuld, wenn man Sie einsperrt.«

Änne fuhr auf.

»Das wird Ihnen nicht gelingen!« rief sie.

»Natürlich! Sie werden die Kapazität widerlegen!« erwiderte Ina spöttisch. »Sie können ja alles! Einen Grafen einfangen, einen Selbstmord in einen Mord verwandeln; es fehlt nur noch, daß Sie aus sich selbst eine Ehrenjungfrau machen.«

»Wer hat hier das Hausrecht?« fragte der Graf.

Änne schüttelte den Kopf, und Frau Ina sagte herausfordernd:

»Ich!«

Der Graf nahm Änne unter den Arm und sagte:

»Dann gehen wir.«

Frau Ina beherrschte sich mühsam. Als sie an der Tür waren, rief sie ihnen nach:

»Sehen Sie sich vor, Graf! Laufen Sie nicht den Wärtern in die Arme!«

»Was hat sie vor?« fragte Änne.

Der Graf schlang seinen Arm um Änne und sagte:

»Nun fürchte ich nichts mehr!«

Und als Frau Ina in ihrer Wut die Tür von Ännes Zimmer laut hinter ihnen zuschlug, da durchzuckte es Änne und sie dachte:

Ich gehe hinaus, und sie ist da, wo sie hingehört.



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Marianne, die in Begleitung Doktor Winters vor dem Untersuchungsrichter erschien, um auf Ännes Drängen hin ihre Aussage zu machen, erklärte:

»Ich kann es nur immer wiederholen: ich habe weder ein Interesse an der Toten, noch will ich jemanden verdächtigen; ich glaube auch nicht, daß die Handschrift gefälscht ist; es ist Frau Mathildes Hand. Ich sehe es deutlich und kann es nachfühlen, daß sie es geschrieben hat. Frau Mathilde hat viel geschrieben, besonders in letzter Zeit. Vielleicht ist es aus dem Zusammenhang gerissen; vielleicht ist es nur der winzige Teil eines Ganzen!«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Richter, der ihr nur widerwillig folgte.

»Wie ich es sage!«

»Was verstehen Sie unter einem Ganzen?«

»Einen Brief  –  einen Roman  –  eine Novelle –«

»Sie verwechseln Frau Brückner mit Herrn von Erdt. Sie war Sängerin und hat weder einen Roman geschrieben noch eine Novelle.«

»Aber er.«

»Sie sagten doch selbst, es ist ihre Handschrift.«

»Die Handschrift ist etwas Äußerliches.«

»Inwiefern?«

»Es kann sein Geist sein.«

»Wir sind keine Spiritisten.«

»Was ist das?« fragte Marianne.

»Darüber lassen Sie sich anderswo belehren – Sie sehen nun jedenfalls ein, daß Sie sich und uns zwecklos bemüht haben.«

Marianne achtete nicht auf ihn; sie schloß die Augen und sagte:

»Irgendwo fehlt das Stück.«

Der Richter zog die Stirn in Falten, sah nach und fragte:

»Wie kommen Sie auf den Gedanken?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie träumen.«

Marianne schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Sie bringen mich da auf einen Gedanken – versprechen tue ich mir nichts davon; aber ich werde ihm nachgehen.«

Marianne stand auf und ging. Doktor Winter wartete auf dem Flur auf sie.

»Nun? Hast du etwas ausgerichtet?« fragte er sie.

»Einen Augenblick lang schien es mir, als wenn wir dasselbe dachten; aber ich glaube doch nicht, daß wir uns verstanden haben.«

»Man sollte sich nicht um Dinge kümmern, die einen nichts angehen. Man hat schließlich davon nur Unannehmlichkeiten und Scherereien.«

»Es liegt ja doch nicht an uns, was wir tun und denken; oder hast du die Kraft, dich gegen deine Gedanken zu wehren?«

»Das mußt du lernen«, erwiderte Winter. Marianne schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich glaube nicht, daß ich das kann.«



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Baronin Waltner präsidierte die Vorstandsitzung der ›Neuf d'or‹. Nur Graf Scheeler fehlte. Frau Ina hielt eine kurze Gedächtnisrede auf Mathilde Brückner. Dr. von Erdt stützte den Kopf in beide Hände und tat bewegt. Nelly Brückner zog das Spitzentuch hervor und weinte. – Das Programm für eine groß angelegte Trauerfeier wurde entworfen, an dem alle Mitglieder und auch die Mädchen teilnehmen sollten. Das künstlerische Niveau sollte die Gewähr geben – und darauf kam es Frau Ina an –, daß die Presse gezwungen war, von der Feier Notiz zu nehmen.

Auch die Eheschließung des reichen und geachteten Doktors Winter mit Marianne sollte für die Zwecke des Vereins benutzt werden. Es war der erste große, sichtbare Erfolg. Ein Fest, das Willkommen und Abschied zugleich ausdrückte, wurde geplant und Frau Ina beauftragt, das Einverständnis Doktor Winters hierfür zu erbitten.

Der Professor äußerte gerade Bedenken und meinte, daß der Abschied so geräuschlos wie nur möglich erfolgen müsse; es sei in einem Falle wie diesem unklug, taktlos und bedenklich, an dem zu rühren, was hinter einem liege; vielmehr müsse man in der Erinnerung der Scheidenden alles hier Erlebte auszulöschen suchen.

Frau Ina widersprach.

Wie man die Genesung von einer teuflischen Krankheit feiert, so könne man auch den Abschied aus der ›Neuf d'or‹ als den Tag der Genesung feiern. Ja, mit noch größerer Berechtigung; denn es sei mehr als das, es sei die Wiedergeburt eines von der Mitwelt aufgegebenen Menschen.

Zu einer weiteren Diskussion hierüber kam es nicht. Unangemeldet und ohne anzuklopfen erschien ein Herr mit einem Aktenbündel unter dem Arm und sagte:

»Ich muß Sie unterbrechen.«

»Wer sind Sie?« fragte Frau Ina.

Er breitete auf dem Tisch ein Manuskript aus, wandte sich an von Erdt und sagte:

»Ich habe hier Ihren Roman: ›Das tote Herz‹.«

Von Erdt sprang auf.

»Bleiben Sie sitzen!« befahl der Herr und fuhr fort:

»Sie haben die ersten hundert Seiten selbst geschrieben; von Seite 104 an haben Sie den Roman Ihrer Frau in die Hand diktiert. Geben Sie das zu?«

Von Erdt schwieg.

»Auf Seite 125 fehlt ein Stück! – Sie wissen das?«

Von Erdt war kreidebleich und schwieg.

Der Herr fuhr fort:

»Es ist dasselbe Stück, das in der Hand der toten Frau Mathilde Brückner gefunden wurde.«

Irgendwer sagte halblaut:

»Mord.«

Und Frau Olga rief laut:

»Dann sind wir alle erledigt.«

Auf einen Wink hin folgte von Erdt dem Herrn zur Tür. Nelly saß unbeweglich, wachsbleich und sah nicht auf.

Als die beiden draußen waren, sagte der Professor:

»Ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, daß wir innerhalb einer Woche auch nicht ein Mitglied mehr haben.«

»Und das erste, was folgt, wird sein,« meinte Frau Olga, »daß man die Geschäftsbücher beschlagnahmt.«

»Das fehlt uns!« rief Frau Ina.

»Und den Betrieb hier schließt!« ergänzte der Professor.

»Mit einem Wort,« gestand die Baronin Waltner, »wir alle sind ruiniert, und der ganze Aufwand war zwecklos.«

»Retten wir, was zu retten ist«, sagte Frau Mira, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken. Frau Ina stimmte ihr bei und sagte:

»Sie haben recht! Für die Welt erledigt sind wir auf alle Fälle. Was vielleicht zu retten geht, ist das Geschäft.«

»Pfui!« sagte der Professor.

»Sie haben gut reden,« erwiderte die Baronin. »Sie bleiben, wer Sie sind. Aber wir!«

»Wir haben es begonnen, Mama, und wußten von vornherein, es war ein Wagnis! Es ist mißglückt. Nicht durch unsere Schuld. Aber wir müssen die Folgen tragen. Und wir wollen es tun. Aber nicht halb! – ganz !!«

»Was willst du tun?« fragte die Baronin.

»Was zu tun allein noch übrigbleibt.«

»Nämlich?«

»Den Verein auf der Stelle auflösen, mit der Begründung, daß er durch die Würdelosigkeit eines seiner Mitglieder seine Existenzberechtigung verloren hat. Wer sein Mitgliedsgeld zurückhaben will, den fordern wir auf, es zu sagen.«

»Wovon sollen wir es zurückbezahlen!« fragte die Baronin, und Frau Ina fiel ihr ins Wort und sagte:

»Niemand wird es verlangen; denn wir werden über die zurückgezahlten Beträge öffentlich Rechnung legen. Jeder wird den Wunsch haben, ungenannt zu bleiben. Das bleibt er aber nur, wenn er verzichtet.«

»Ich bewundre Sie immer mehr«, sagte der Professor.

»Mit dieser Bereitwilligkeit«, erklärte Frau Ina, »fällt dann jeder Grund für ein behördliches Einschreiten fort. – Das Unternehmen wird wieder, was es vorher war: ein Bordell! – weiter nichts!«

»Ja, und du?« fragte die Baronin; »was tust du?«

»Ich bleibe!«

»Wo?«

»Hier!«

»Als was?«

»Als Nachfolgerin der Frau Löschner, die ich – wenn wir endlich aufhören, uns selbst zu belügen – ja von Anfang an war.«

»Ina!« rief die Baronin entsetzt.

»Für draußen sind wir ja doch erledigt.«

»Und der Graf?«

»Der verbringt irgendwo mit Änne seine Flitterwochen.«

»Der Undankbare!«

»Er wird es schwerer haben, als wir«, sagte Frau Ina.

»Schwerer als ich kann es niemand haben«, jammerte Nelly und sah verzweifelt die Baronin an.

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte die.

Frau Ina dachte an die Lücken, die Ännes und Mariannes Fortgang riß, und sagte:

»Bleiben Sie!«

Nelly war verdutzt, dann überlegte sie einen Augenblick, senkte den Kopf und sagte:

»Es ist wohl das einzige, was mir übrigbleibt.«

»Und wie steht es mit Ihrer Scheidung?« wandte sich Frau Ina an Mira.

»Ich habe mich für die ›Neuf d'or‹ aufgeopfert. Jetzt wird mir aus jedem Fall ein Strick gedreht. Das Gericht erklärt mich für den alleinschuldigen Teil und befreit meinen Mann von jeder Alimentationspflicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich aufzuhängen.«

»Wie wäre es, wenn Sie sich hier zuvor noch etwas auslebten?« fragte Frau Ina.

Mira überlegte nicht lange.

»Sie haben recht!« sagte sie. »Sich umzubringen hat man immer noch Zeit.«

Frau Ina streckte ihr die Hand hin. Mira schlug ein und sagte:

»Abgemacht!«

Der Professor wandte sich an Frau Olga und ihren Mann.

»Dann bleiben ja nur wir drei noch übrig«, sagte er.

»Machen Sie sich um uns keine Sorgen.« erwiderte Frau Olga. »Wir haben vorgebeugt.«

»Inwiefern?« fragte Frau Ina.

»Wir machen uns selbständig. Und zwar in Ihrer nächsten Nähe.«

»Ich fürchte Ihre Konkurrenz nicht«, erwiderte Frau Ina. Der Baronin war es, als ähnelte die Stimme ihrer Tochter plötzlich der Stimme der alten Löschner am Tage, da sie zum ersten Male die ›Neuf d'or‹ betraten.

In diesem Moment ging die Tür auf; Stanislaus Katz stürzte ins Zimmer.

»Ist es wahr?« rief er erregt. Und ehe noch jemand eine Antwort gab, fragte er:

»Was soll nun werden?«

»Was du dir von Anfang an gewünscht hast«, erwiderte Frau Ina.

Er sperrte den Mund weit auf und sah sie an.

»Du hast dein Spiel gewonnen,« sagte sie. »Ich bin bereit!«

Jetzt erst riß er sich den Hut vom Kopf, stürzte auf sie zu und ergriff ihre Hand.

Sie stand an den Tisch gelehnt, schloß die Augen und sagte:

»Und die ›Neuf d'or‹ bringe ich dir mit in die Ehe.«



Epilog.

Einmal noch, nach Wochen, trieb die Neugier den Professor in die Gasse. Die ›Neuf d'or‹ war hell erleuchtet. Der Professor blieb stehen. Die Erinnerung hielt ihn fest. Im selben Augenblick öffnete sich auch schon die Tür, und auf der Schwelle stand der hellhörige Anton Drexler, dem der Kaiser-Wilhelm-Bart wieder zu wachsen begann.

Der Professor wandte sich blitzartig um und ging auf die andere Seite.

»Jehen Se nich da rin in die Spelunke!« rief ihm Drexler zu, der ihn nicht erkannte.

Aber der Professor stand schon vor dem Hause auf der anderen Seite. Über dem Portal prangte als Wappen ein Riesenpapagei. Dunkel stieg eben die Erinnerung in dem Professor auf, als das Portal von innen geöffnet wurde. In der Tür stand in blauem Frack und gelber Hose Frau Olgas Mann, verbeugte sich und sagte:

»Bitte treten Sie näher!«

Da schob sich der beleibte Professor den Stock unter den Arm und begann zu laufen. Aus allen Haustüren schollen ihm Kose- und Schimpfworte entgegen. Und als er eine Stunde später bei seinem Schoppen Wein saß, sagte er zu seinen Freunden:

»Ich könnte euch eine Geschichte erzählen, – toll! toll!!, aber ihr würdet sie mir nicht glauben. – Und darum schweig' ich.«