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Artur Landsberger – Justizmord?

Roman

Artur Landsberger, Justizmord?, Sieben Stäbe Verlag, Berlin, 1928


Erster Teil.

1.

»Das Haus war vollbesetzt als Ihr Telegramm eintraf; aber die Direktion hat es dennoch ermöglicht,« sagte der Direktor des Hotels Excelsior Regina in Nizza und verbeugte sich tief vor einem Amerikaner, der in Begleitung eines französischen Ehepaares um Anweisung der von Marseille aus telegraphisch bestellten Zimmer bat.

»Also!« erwiderte der Amerikaner ungeduldig.

»Für Sie, Mister Harvey, ein Appartement mit Salon im ersten Stock . . .«

»Und für Herrn und Frau Marot?«

». . . konnte ich leider nur das Doppelzimmer Nummer elf im Zwischenstock nach dem Meer hinaus freimachen.«

»Das genügt ja für die zwei Tage«, sagte Frau Marot, die viel mehr nach Paris als nach Marseille aussah. – Sie warf schnell einen Blick in den Spiegel, der im Vestibül hing, überzeugte sich, daß sie trotz der langen Autofahrt gut aussah, trat dicht an den Amerikaner heran und sagte:

»Also gehen wir!«

»Sie nehmen natürlich meinen Salon.«

»Auf keinen Fall! Salon ohne Zofe wie paßt das zusammen?«

»Es wird das letzte Mal sein, daß Sie ohne Zofe reisen.«

»Lieber Mister Harvey! Wenn Sie die Hälfte von dem halten, was Sie in den letzten vierundzwanzig Stunden versprochen haben, bin ich zufrieden.«

Als sie vor dem Lift standen, erschien endlich Marot, der sich die ganze Zeit über mit dem Gepäck beschäftigt hatte.

Wo steckst du, Andrée!« fragte Frau Marot und erhielt zur Antwort:

»Ich sterbe vor Hunger.«

Mister Harvey bestellte bei dem Kellner, der mit ihnen im Lift hinauffuhr, ein kleines Souper – für drei Personen – in den Salon.

»Ich muß mich umziehen«, erklärte Frau Marot.

»Meine Frau bringt es fertig und macht um elf Uhr nachts noch große Toilette.«

»Bleiben Sie, wie Sie sind«, entschied der Amerikaner – und als sie den Salon betraten und Frau Marot den Hut abnahm, fügte er hinzu: »Sie sollten es einmal mit der neuen Frisur versuchen, die eben in New York Mode wird.«

»Erzählen Sie!« drängte Frau Marot und Mister Harvey weihte sie, während sie aßen, mit einem Eifer in die Mysterien der neuen Frisur ein, die Marot in Staunen setzte.

»Wenn ich mir vorstelle, wie Sie darin aussehen würden!« rief er begeistert, und Frau Marot sprang vom Tische auf, eilte zur Tür und rief:

»Die Frisur lasse ich mir heute nacht noch machen.«

Ehe Marot imstande war, sie zurückzuhalten, war sie schon auf dem Flur.

Der Amerikaner lachte über das ganze Gesicht, goß schnell noch ein Glas Wein herunter, stand auf, nahm Marot beim Arm und sagte:

»Und nun kommen Sie auf Ihr Zimmer.«

Marot fragte:

»Und Dorothée?«

»Die werden wir dort erwarten.«


2.

Der Direktor des »Hotel Excelsior Regina« ging mit der Konjunktur. Großfürsten und gekrönte Häupter, einst der Glanz dieses Hauses, hatten keinen Kurs mehr. Ein weiblicher Star der Folie Bergère zündete heute mehr als ehemals eine Kaiserin Eugénie. Da aber die weltreisenden Amerikaner, wie in Wien nach dem alten Kaiser Joseph, so in der Gegend Mentones noch immer nach der alten Eugénie fragten, so ließ man sie ihnen zuliebe am Leben und zeigte gelegentlich auf der Promenade auch mal eine alte Dame, die es sich gern gefallen ließ, für die tote Kaiserin gehalten zu werden. Aber das hatte nur noch Museumswert. Auf den Höhen der Menschheit wandelten nach Ansicht des Hoteldirektors heute allein die Amerikaner.

Mister Harvey und das Ehepaar Marot waren noch nicht im Lift, da ließ der Direktor das ganze Haus nach der Hoteldetektivin Frau Lily Turel absuchen. – Es vergingen fast zehn Minuten – da meldete sie sich endlich am Apparat im Zwischenstock.

»Liebe Turel!« fuhr er sie an. »Sie sind jung, fesch und nach Ansicht Ihres Professors, der Sie mir empfahl, ein ausgezeichneter Jurist. Aber was nützt das alles, wenn Sie nie da sind, wenn man sie sucht.«

»Lieber Direktor,« erwiderte Frau Turel, »das liegt daran, daß ich immer da bin, wo man mich braucht.«

»Das wäre in diesem Falle?«

»Im Entresol.«

»So!? – Nun, dann will ich Ihnen verraten, daß vor einer Viertelstunde der amerikanische Zeitungskönig Harvey bei uns abgestiegen ist.«

»In Begleitung seines Marseiller Korrespondenten Andrée Marot nebst Gattin.«

»Sie wissen?«

»Die Herrschaften haben sich soeben auf den Salon des Mister Harvey ein kleines Souper, bestehend aus kalter Bouillon, Forelle und kaltem Geflügel, sowie eine Flasche unfrappierten Pommery Greno pur bestellt.«

»Ja, woher wissen Sie . . .?«

»Madame Dorothée Marot . . .«

»Den Vornamen kennen Sie auch schon?«

» . . . hat sich gegen ihre Gewohnheit zum Souper nicht umgezogen, sondern ist im Reisedreß geblieben.«

»Ich bewundere Sie.«

»Sie ändern Ihre Meinung sehr schnell, Direktor. – Im übrigen, dieser Mister Harvey, der Ihnen so imponiert, interessiert mich gar nicht.«

»So? Dann scheinen Sie nicht zu wissen, daß ihm ein halbes Dutzend der gelesensten Zeitungen in Chicago gehören.«

»In denen er einen Monat lang für die Aufhebung der Prohibition, im nächsten für die Aufhebung der Todesstrafe kämpft.«

»Er soll dafür kämpfen, daß seine Leser, die mehr als zehn Millionen betragen, nach Europa reisen, Nizza besuchen und im Hotel Excelsior Regina absteigen.«

»Ich bin hier Detektiv und nicht Pressechef.« »Sie sind vor allem hübsch und gescheit.« »Als wenn Sie das beurteilen könnten.« »Vielleicht geben Sie dem Amerikaner Gelegenheit dazu – und bestimmen ihn, daß er in seinen Blättern auf unser Hotel aufmerksam macht.«

»Wenn Sie Animierdamen suchen, gehen Sie ins Kasino.«

»Frau Turel! Wie können Sie sich mit derartigen Frauen vergleichen!«

»Ich lehne jede Tätigkeit ab, die nicht mit meinem Beruf zusammenhängt.«

»Sie haften mir dafür, daß Mister Harvey während seines Aufenthaltes in Nizza weder bestohlen, noch in irgendeiner Form belästigt wird.«

»Solange er sich in Gesellschaft dieses Politikers Marot befindet, lehne ich jede Verantwortung ab.«

»Was sagen Sie? – Wo sprechen Sie denn? – Sie reden ja gar nicht in den Apparat.«

»Ich halte das Zimmer Marots unter Aufsicht – das scheint mir wichtiger.«

»Sie leiden an Halluzinationen. Schonen Sie Ihren Teint, Turelchen! Gehen Sie schlafen!«

»Nicht, bevor in Zimmer Nummer elf das Licht gelöscht ist.«


3.

»Das sieht ja hier nett aus«, sagte Mister Harvey, als er mit Marot das Zimmer Nummer elf im Zwischenstock betrat.

Koffer und Handtaschen standen offen. Auf den Tischen, der Waschtoilette, dem Bett lagen wahllos Handschuhe, Strümpfe, Wäsche und Schuhe. – Wer Dorothée nicht kannte, wenn sie ohne Zofe reiste, mußte beim Anblick dieses Zimmers denken, daß Diebe hier eingedrungen waren und die Koffer in aller Eile nach Wertgegenständen durchsucht hatten. – Dem Gedanken gab denn auch der Amerikaner Ausdruck.

Aber Marot widersprach lächelnd und sagte:

»Typisch für Dorothée! Sie hat in aller Eile ihre Bürsten, Scheren und Kämme zusammengesucht und ist damit zu dem Friseur geeilt.«

»Wo sie den um die Zeit finden will, ist mir schleierhaft.«

»Sie findet ihn! – Verlassen Sie sich darauf – und wenn wir in einer Wüste wären.«

Mister Harvey sah sich im Zimmer um. Im Hintergrunde links lag die Schlafkoje, die durch eine Portiere vom Wohnraum getrennt war. Auch hinten rechts war eine Nische, in der ein Sofa, ein runder Tisch und ein paar Stühle standen.

»Ganz gemütlich,« sagte der Amerikaner und nahm seine Handtasche, die unter dem vielen Gepäck stand, das dem Ehepaar Marot gehörte. »Ihre Gattin scheint auch meine Tasche durchsucht zu haben.«

»War sie denn nicht verschlossen?«

»Ich verschließe meine Tasche nie.«

»Dann hat sie in der Eile und Erregung gar nicht gemerkt, daß sie nicht uns gehörte.«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Fehlt etwas?«

»Aber nein!«

Er nahm einen großen Bogen heraus, hielt ihn hoch und sagte:

»Genau so lag er, als ich ihn hineinlegte. Sie hat nichts angerührt.« Dann ging er damit zum Sofa, entfaltete das Papier und sagte: »Ich wiederhole die Bedingungen.«

»Wollen Sie wirklich jetzt . . .?«

»Ja, wann denn? – Aber wenn Sie müde sind, Marot, ziehen Sie sich inzwischen ruhig aus.«

»Wenn Sie gestatten«, erwiderte Marot und nahm den Kragen ab.

Der Amerikaner setzte sich und fuhr fort:

»Sie tauschen also den Posten mit meinem Pariser Korrespondenten, der für Sie nach Marseille kommt – er genügt mir sowieso nicht mehr für Paris.«

»Sie hätten den Wechsel auf alle Fälle vorgenommen?« fragte Marot. . »Was heißt, auf alle Fälle?«

»Auch ohne den Vorfall im Office der Chicago Times in Marseille – und seine Folgen?«

»Schreien Sie doch etwas lauter oder gehen Sie lieber gleich auf den Flur hinaus. – Die Hoteldetektivin ist sowieso wie ein Spürhund hinter uns her.«

»Zu meinem Schutz.«

»Das reden Sie sich ein.«

»Hier in Nizza tagt zurzeit eine politische Organisation, die ich seit Jahren bekämpfe.«

»Ach nein!« erwiderte Harvey spöttisch.

»Sie wußten das?« fragte Marot erstaunt.

»Es ist mir ein Rätsel, Marot, daß Sie trotz Ihrem Mangel an Kombinationsvermögen ein so guter Korrespondent geworden sind.«

»Ich fange an, zu begreifen.«

»Etwas spät.«

»Deshalb sind wir also nach Nizza gefahren?''

»Fabelhaft, wie Sie das erraten!«

»Die Anhänger dieser Organisation sind Fanatiker.«

»Die vor nichts zurückschrecken.«

»Wenn sie durch einen Zufall erfahren, daß ich hier bin . . .«

»Ich bin sicher, sie wissen es längst.«

»Dann schwebe ich tatsächlich in Lebensgefahr.«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Sie sind sehr menschenfreundlich, Mister Harvey.«

»Ich kämpfe für eine Idee.«

»Für die Auflagen Ihrer amerikanischen Blätter.«

»Auch – aber das nur nebenbei.« – Er beugte sich wieder über das Blatt. »Also kommen wir endlich zu Ende. Sie erhalten den Pariser Posten – Ihr Gehalt wird verdoppelt – der Vertrag auf zehn Jahre verlängert – ich zahle Ihr Office – Ihr Auto – war sonst noch was?«

»Meine Schulden.«

»In Höhe von?«

»Dreiviertel Millionen Frank – «

»In Dollar bitte!«

»Fünfundvierzigtausend Dollars.«

»Sie sind ein Verschwender. »Wie wird das erst in Paris werden?«

»Darüber verständigen Sie sich bitte mit meiner Frau.«

Harvey sprang auf und rang die Hände: »Ich beschwöre Sie, Marot, sprechen Sie leise!«

– Dann gab er ihm ein Zeichen, die Tür zu öffnen.

Marot ging behutsam zur Tür und öffnete plötzlich. – Im selben Augenblick sah man eine Dame eilig im Hotelkorridor verschwinden.

»Die Hoteldetektivin!« sagte Marot und schloß die Tür wieder.

»Sehen Sie nun endlich ein, daß wir uns in acht nehmen müssen? – hier ist der Vertrag! – Unterschreiben Sie.«

Marot ging an den Tisch, las den Vertrag und sagte:

»Das ist ja fabelhaft!«

»Genau, wie wir es besprochen haben.«

»Es wirft mich um.«

»Ihre Frau würde es nicht umwerfen.«

»Dorothée ist Künstlerin und liebt Sensationen.«

»Wie alle Frauen.«

»Für die Aussicht, in Paris zu leben, würde sie alles unterschreiben.«

»Welche Frau täte das nicht?«

»Und wann werden Sie Frau Dorothée in die Mysterien dieses Vertrages einweihen?«

»So bald als möglich.«

»Also dann in Gottes Namen«, sagte Marot und unterschrieb.


4.

Sie kennen nicht François Robert? Wie schade! Hätten Sie nur einmal ein paar Worte mit ihm gewechselt, so würden Sie den Vorgang, der sich in der Zwischenzeit, also zwischen elf und zwölf Uhr nachts, in seinem Salon abspielte, durchaus natürlich finden.

Frau Dorothée war mit ihren Scheren, Bürsten und Kämmen die Hoteltreppe hinunter ins Vestibül geeilt, um nach einem Friseur zu fragen. Sie hatte das Office noch nicht betreten, als ein Herr im Frack und Samtkragen, weißer Künstlerschleife, weichem Hemd und stumpfem Zylinder ihr in den Weg trat, den Hut zog, sich tief vor ihr verbeugte und wörtlich sagte:

»François Robert – coiffeur pour pénibles dames, absolument discret – mein Salon befindet sich rechter Hand, im Gang, der Treppe gegenüber.«

Frau Dorothée stutzte, sah ihn an und fragte:

»Sie sind . . .?«

»François Robert – in eigener Person! Sie erinnern sich! Ich bin glücklich, Sie wiederzusehen – Mademoiselle Helène! – Sie sind jünger, schöner und vor allem – Sie sind schlanker geworden. Ich taxiere, sechshundert Gramm haben Sie abgenommen – es können auch siebenhundert sein Nur die Frisur gefällt mir nicht – Helène!«

»Sie irren – ich . . . bin Madame Marot . . .«

»Natürlich! Madame Marot! Ich entsinne mich der Ehre, Madame Marot im letzten Sommer in Deauville bedient zu haben.«

»Ich war auch nicht in Deauville im letzten Sommer.«

»Nicht in Deauville? O wie schade! Eine Frau wie Sie gehört nach Deauville. Ich erinnere mich des Grand Prix de Beauté. Die dunkle schlanke Frau, die man im Kursaal mit dem ersten Preise krönte, war Madame Marot aus dem Gesicht geschnitten.«

»So? – Wer war denn das?«

»Die Marquise de Poittiers, eine meiner treuesten Klienten. Sie kam mit einer Frisur à la Figaro aus Paris. Ich sagte zu ihr: Teuerste Marquise – unter uns, ich sagte Lolo – wenn Sie neben meiner Klientel, der kleinen Prinzessin von Wagram und der Tänzerin Ley von den Folies Bergères, bestehen wollen, so rate ich Ihnen zu einer Coiffure à la François Robert.«

»Und die Marquise?«

»Versuchte, mich für die Frisur Ihres Pariser Coiffeurs Monsieur Pasquier zu begeistern. – Sie meinen, was blieb mir anderes übrig, als sie anzuhören? Sie irren, Madame Marot.«

»In New York trägt man jetzt. . .«

»Ich weiß.«

»Die Frisur ist erst seit ein paar Wochen . . .«

». . . und trotzdem bereits überholt. Im übrigen nur kleidsam für Blondinen, die außer Mode sind.«

»Mister Harvey, der direkt aus New York kommt. . .«

». . . kann natürlich nicht wissen, mit welchen neuen Kreationen die Phantasie französischer Haarkünstler die Welt während seiner Überfahrt beglückt hat. – Kollege Pasquier ist gewiß ein Künstler in seinem Fach. Und Madame Marot, die der Marquise de Poittiers aus dem Gesicht geschnitten ist, so daß ich versucht bin, anzunehmen, hinter ihr verbirgt sich eine Dame der Aristokratie, die nicht erkannt sein will . . .«

»Aber nein!«

»Takt und Diskretion verbieten mir, weiter danach zu forschen.«

»Sie besitzen ein Bild der Marquise de Poittiers?«

»Ein halbes Dutzend.« – Er reichte ihr einen Lederband mit Photographien und sagte: »Bitte, blättern Sie ungeniert! Da Sie zur Familie gehören, so begehe ich keine Indiskretion.«

Photos schöner Frauen mit kitschigen Widmungen an den »großen Meister der Schere« und »unvergleichlichen Künstler« zeugten von einem oft innigen Verhältnis zwischen François Robert und seiner Klientel.

Und ohne daß Frau Dorothée wußte, wie sie eigentlich aus dem Hotelvestibül in den Frisiersalon geraten war, saß sie plötzlich mit einem Bubikopf à la François Robert vor dem großen Spiegel, in den sie – sehr gegen ihre Gewohnheit – während der ganzen Zeit nicht einen Blick hineingeworfen hatte.

Als sie sich jetzt sah, lächelte sie und sagte:

»Das ist zwar das Gegenteil von dem, was Mister Harvey vorgeschwebt hat. . .«

»Einem Manne wie ihm können Sie nur imponieren, wenn Sie das Gegenteil von dem tun, was er erwartet.«

». . . aber ich gefalle mir«, beendete Frau Dorothée ihren Satz, ohne François Robert eines Blickes zu würdigen.

»Es ist drei Minuten vor zwölf, teuerste Marquise. Um zwölf haben Sie, wenn ich Sie richtig verstand, Ihr Rendezvous mit dem Amerikaner . . .«

»Sie sind sehr naseweis, Monsieur François«, sagte Dorothée, die sich erhoben hatte, mit dem Gesicht dicht vor dem Spiegel stand und Rot auflegte.

»Aber verschwiegen«, beteuerte François. »Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen.«

»Lächerlich!« wehrte Dorothée ab.

»Bis neun Uhr abends wird bei mir jeder bedient, der zu mir kommt. Aber von neun Uhr ab suche ich mir die Damen aus – die ich bedienen will und von denen ich erwarten darf . . .«

»Was bin ich Ihnen schuldig?«

». . . daß Sie mehr in mir sehen als nur den Coiffeur, dem Sie Ihre Erfolge verdanken.«

»Was wollen Sie denn von mir?«

»Ich begreife durchaus, daß man einem Manne wie Herrn Marot nicht treu ist. . .«

»Was wissen Sie denn von meinem Mann?«

»Daß er einen Vollbart trägt – mehr brauche ich von ihm nicht zu wissen.«

»Sie haben uns also schon ausspioniert?«

»Es gehört zu meinem Beruf, zu wissen, wer im Hotel Excelsior Regina absteigt.«

»Ihr Interesse scheint aber bedeutend weiter zu gehen.«

»Ich leugne nicht, daß ich Sie erwartet habe – wenn auch nicht heute nacht.«

Frau Dorothée warf einen Fünfzigfrankschein auf den Tisch und stürzte zur Tür hinaus. – François sah ihr nach, schüttelte den Kopf und dachte: Da stimmt etwas nicht. So ein gutes Gewissen hat keine Frau, die im Excelsior Regina absteigt, daß sie sich leisten kann, mich vor den Kopf zu stoßen.


5.

Marot trat aus der Koje. Rock und Weste hatte er bereits ausgezogen und die Hemdsärmel hochgeschlagen. Er kramte auf einem Tisch herum und schien nicht zu finden, was er suchte.

»Dorothée ist wirklich unordentlich«, sagte er.

»Um so mehr Ordnung herrscht bei mir«, erwiderte Harvey und nahm aus einem Lederfutteral, in dem man einen Feldstecher vermutete, zwei silberne Mixbecher heraus. Dann öffnete er eine Reiseapotheke von erstaunlichem Umfang, der er eine Reihe von Flaschen in verschiedener Größe entnahm.

»Ist Ihnen schlecht?« fragte Marot.

»Im Gegenteil. Aber ich bin als Amerikaner gewöhnt, nach dem Essen einen Cocktail zu trinken. Er goß aus Flaschen, auf deren Etikett Baldriantropfen, Rhabarber, Pepsin stand, je zwei Spritzer Orange, Bitters, Maraschino und Absinth, nahm aus einer Flasche, die angeblich Rhizinusöl enthielt, ein Viertel Gordon Gin und aus der Flasche, auf deren Etikett stand Choleratropfen, ein Viertel französischen Vermouth, rührte tüchtig um, goß das Ganze durch ein Sieb in zwei Cocktailgläser und tat schließlich noch Olive hinzu. – Das alles geschah mit einer gewissen Feierlichkeit.

»So also regt die Trockenlegung die Phantasie an«, sagte Marot.

»Wollen Sie kosten?«

Marot wehrte ab:

»Ich nicht. Aber meine Frau um so lieber.«

»Für Ihre Gattin tue ich noch ein paar Tropfen Cointreau hinzu – das gehört zwar nicht hinein, aber man schläft schnell und vorzüglich danach.«

»Arme Dorothée!«

»»Werden Sie nur nicht sentimental.«

»Sie bleibt lange. Finden Sie nicht auch?«

»Ich hätte ihr vielleicht doch nicht so viel von dem neuen Haarschnitt in New York erzählen sollen.«

»Jetzt werden Sie auch unruhig.«

»In so einem Riesenhotel – was steigt da nicht alles ab.«

»Wir hätten nicht zulassen sollen, daß sie allein geht.«

»Natürlich nicht. Wer als politischer Schriftsteller verhaßt ist wie Sie, muß doppelt vorsichtig sein.«

»Meine Gegner werden ihre Wut doch nicht an meiner Frau auslassen.«

»Politischen Fanatikern traue ich alles zu.«

»Sie haben eine goldige Art, einen zu beruhigen.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich Sie beruhigen will?

– Im Gegenteil! Ich mache Ihnen Vorwürfe.« »Sie hätten Dorothée genau so gut hinbegleiten können wie ich.«

»Bin ich ihr Mann oder Sie?« Marot und der Amerikaner gingen unruhig im Zimmer umher. In entgegengesetzter Richtung.

– Mehrmals liefen sie so aneinander vorbei. Marot, der seinen Gürtel abgelegt hatte, rutschten dabei ständig die Hosen herunter, die er bei jeder Begegnung mit einer nervösen Bewegung ruckartig in die Höhe zog.

»Sie haben mir wirklich Furcht eingejagt«, stöhnte Marot, nahm die Hand seines Chefs, führte sie an seine Brust und sagte: »Fühlen Sie nur, wie mein Herz schlägt.«

»Und meins erst«, erwiderte Harvey und machte mit der Hand Marots dieselbe Bewegung.

»Meins schlägt stärker!« erklärte Marot, und Harvey erwiderte trotzig:

»Nein, meins!«

»Das können Sie doch gar nicht beurteilen.«

»So wenig wie Sie.«

»Überhaupt! wie kommt Ihr Herz dazu, meiner Frau wegen derart zu schlagen?«

»Seien Sie doch nicht kindisch, Marot.«

Sie liefen wieder um Zimmer umher.

Harvey sah nach der Uhr und sagte:

»Vor einer Stunde ist sie fort.«

Auch Marot zog jetzt die Uhr und sagte:

»Vor anderthalb!«

»Da man nicht annehmen kann, daß außer ihr noch jemand mitten in der Nacht auf die Idee kommt. . .«

»Die Sie ihr in den Kopf gesetzt haben.«

». . . einen Friseur aufzusuchen . . .«

»So muß etwas passiert sein«, vollendete Marot den Satz und stürzte zur Glocke.

»Was tun Sie?« rief Harvey und warf sich ihm in den Arm. Aber Marot hatte bereits viermal auf den Knopf gedrückt.

»Es muß doch etwas geschehen.«

»Sie bringen Ihre Frau in schlechten Ruf.«

»Ihr Leben ist mir wichtiger.«

»Sie sehen immer gleich Tote.«

»Wundert Sie das?« fragte Marot betont.


6.

Frau Turel trat ins Zimmer, blieb an der Tür stehen und sagte:

»Die Herren hatten geläutet.«

»Sie sind die Hoteldetektivin?« fragte Marot – und Harvey fügte hinzu:

»Eine so junge Dame auf einem so schwierigen Posten?«

»Glauben Sie, daß das Alter die Klugheit gepachtet hat, Mister Harvey?«

»Sie kennen mich? – Übrigens, so alt, wie Sie glauben, bin ich nicht.«

»Ich mache mir darüber keine Gedanken.«

Marot wurde ungeduldig:

»Wollen Sie der Dame nicht sagen, weshalb wir sie haben rufen lassen?«

»Gewiß! Also Fräulein . . .«

»Turel ist mein Name.«

»Fräulein Turel! wir sind beruhigt das heißt mein Freund« – er stellte ihn vor – »Andrée Marot – ist in Sorge.«

»Sie ja auch.«

»Ich gebe es zu.«

»Darf ich endlich erfahren, worüber die Herren in Sorge sind?«

»Frau Marot hat ihren Mann vor über einer Stunde verlassen.«

»Im Bösen? Nach einem Streit? Aus Eifersucht? Nach einer Untreue? Mit Gepäck? Im Auto? Hatte sie Geld bei sich? Ja, so reden Sie doch! Einen Grund wird es ja wohl haben, wenn Ihre Gattin Sie mitten in der Nacht verläßt.«

»Hat es auch«, sagte Marot. »Mister Harvey hatte ihr eine neue amerikanische Frisur in den Kopf gesetzt.«

»Dann ist sie vermutlich zum Coiffeur gegangen.«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Harvey nicht ohne Ironie. »Aber was uns beunruhigt: sie ist nicht wieder zurückgekehrt.«

»Eine gute Stunde für eine neue Frisur – das ist durchaus normal.« – Mister Harvey und Marot atmeten auf. »Im übrigen hätten Sie beim Hotelfriseur doch nur einmal anzuläuten brauchen.«

»Warum haben Sie dies nicht getan?« fragte Harvey – und Marot erwiderte:

»Weil ich so wenig daran gedacht habe wie Sie.«

»Sie gestatten«, sagte Frau Turel zu dem Amerikaner gewandt und nahm den Hörer ab.

»Selbstredend«, erwiderte Harvey, verbesserte sich schnell, wies auf Andrée und sagte: »Das heißt, das Zimmer gehört dem Ehepaar Marot.«

Frau Turel sprach bereits mit François Robert, der ihr den Hotelklatsch des Tages erzählen wollte. Die Turel wehrte ab:

»Alles das hat Zeit für später. Sagen Sie mir nur, ob vor einer Stunde eine Dame bei Ihnen war, der Sie eine neue amerikanische Frisur gemacht haben.«

»Nein!« erwiderte Robert so laut, daß die beiden Männer es hörten und verzweifelt riefen:

»Großer Gott!«

»Ich kopiere nicht!« fuhr der Coiffeur fort. »Meine Frisuren sind sämtlich eigene . . .«

»Schon gut«, fiel ihm die Turel ins Wort. »Es war aber eine Dame bei Ihnen?«

»Eine Dame? – nun ja – wie man es nimmt. Wie soll sie denn aussehen? Die Marquise von Poittiers war es jedenfalls nicht – und die Prinzessin von Wagram auch nicht.«

»Einen Augenblick«, erwiderte Frau Turel, wandte sich an Marot und sagte: »Bitte, beschreiben Sie mir Ihre Gattin.«

Marot erwiderte zerfahren:

»Sie ist. . . hübsch.«

»Schön ist sie!« verbesserte der Amerikaner.

»Was für eine Figur?«

»Figur?« wiederholte Marot und überlegte. »Sie ist nicht dick – aber auch nicht übermäßig schlank.«

»Sie hat eine auffallend gute Figur«, erklärte Harvey, »ist grazil, graziös und ' hat einen leichten schwebenden Gang.«

»Ja«, sagte Marot, »einen guten Gang hat sie – das ist mir auch schon aufgefallen.«

Frau Turel, die jedes Wort weitergab, fragte:

»Die Haarfarbe?«

»Wechselnd«, sagte Marot zögernd »das heißt. . .«

»Naturblond, voll, weich«, fiel ihm Harvey ins Wort – und Marot erwiderte:

»Woher wissen Sie, daß das Haar meiner Frau weich ist?«

»Weil ich Sie oft genug darum beneidet habe, wenn Sie ihr mit der Hand durchs Haar gefahren sind.«

Frau Turel, die sich inzwischen weiter mit Robert verständigt hatte, wandte sich wieder an Marot und fragte:

»Besondere Kennzeichen?«

»Keine!«

»Doch!« widersprach Harvey. »Einen entzückenden Leberfleck hinter dem linken Ohr.«

»Soo?« sagte Marot erstaunt – und François Robert, an den Frau Turel den Leberfleck weitergab, erwiderte in einem Ton, der niederträchtig klang und den Anschein erwecken sollte, als wüßte er um die geheimsten Dinge dieser Frau:

»Nicht nur hinter dem linken Ohr.«

Frau Turel hing den Hörer an, wandte sich an Marot und sagte:

»Ihre Gattin muß demnach jeden Augenblick hier sein.« – Dann beugte sie leicht den Kopf, sagte »Gute Nacht!« und verschwand. Als sie draußen war, sagte Harvey: »Sie kennen ja nicht mal Ihre eigene Frau.« »Sie scheinen sie dafür um so besser zu kennen«, erwiderte Marot, der die ganze Zeit über zu Frau Turels Belustigung mit seinen Hosen gekämpft hatte, ohne verhindern zu können, daß sie nun endgültig zu Boden fielen.

»Vielleicht, daß Sie das doch lieber da drin fortsetzen«, sagte der Amerikaner und wies auf die Koje – in der Marot dann auch verschwand, das Licht anknipste und sich, soweit man das durch den mattbeleuchteten Vorhang, der nicht mehr als die Umrisse erkennen ließ, verfolgen konnte, weiter auszog.

Mister Harvey setzte sich eben wieder an den Tisch, auf dem die Cocktails standen, als die Tür geöffnet wurde und Dorothée ins Zimmer trat.


7.

Dorothée sah in ihrer neuen Frisur bezaubernd aus. Da aber Mister Harvey sich darauf beschränkte, zu sagen:

»Ich bin wie erlöst, daß Sie da sind,« – so fragte sie – nachdem sie schnell noch einen Blick in den Spiegel geworfen hatte:

»Und wie gefällt Ihnen die neue Frisur? Sehe ich aus, wie Sie es sich gedacht haben?«

»Genau so,« erwiderte Harvey.

Dorothée stutzte, sagte erstaunt:

»So?« – wandte sich um und fragte: »Wo ist denn Andrée?«

Mister Harvey wies auf die Koje, hinter der man Marots Schatten sah

»Du gehst zu Bett, während du Besuch hast?« rief Dorothée ihm zu.

»Ich bin todmüde. – Im übrigen gilt Mister Harveys Besuch dir.«

»Ich hatte in der Tat den Wunsch, Ihnen noch gute Nacht zu sagen und« – fügte er zögernd hinzu und wies auf den Tisch, auf dem die vollen Gläser standen – »vor dem Schlafengehen noch einen selbstgemixten Cocktail mit Ihnen zu trinken.«

»O, wie nett!«

Harvey reichte ihr das Glas, stieß mit ihr an und sagte:

»Auf daß alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen.«

»Das hängt vor allem von Ihnen ab.«

»Auf Paris also.«

»Ich freue mich, daß Sie mich verstanden haben.«

Sie tranken in einem Zuge aus.

»Vorzüglich«, sagte Dorothée.

»Darf ich Ihnen noch einen . . .?«

»Nein! nein!« wehrte Dorothée ab. »Ich vertrage nichts. Mir ist nach dem einen Glas schon ganz schwummlig.«

»Dann trinken wir schnell noch einen Whisky hinterher – der bringt Sie wieder auf die Beine.«

»Wenn ich allein mit Ihnen wäre, würde ich es nicht riskieren.«

»Glauben Sie, ich könnte Ihnen gefährlich werden?«

»Wenn ich sehr müde bin«, erwiderte Dorothée kokett.

»Das ist kein Kompliment.«

Harvey läutete und bestellte bei dem Kellner, der gleich darauf erschien, zwei Whisky-Soda.

»Du trinkst doch mit?« rief Dorothée ihrem Manne zu.

»Ich liege schon mit einem Bein im Bett. – Aber trink' du nur, dann wirst du müde und schläfst schnell ein.«

»Haben Sie schon mal so einen langweiligen Mann erlebt?«

»In dem Sinne hat er es vermutlich nicht gemeint.«

»Verlassen Sie sich darauf, er meint es immer so.«

»Ich bin in der Tat heute zu nichts mehr fähig«, sagte Andrée – und man hörte, wie sein schwerer Körper ins Bett fiel.

»Aus!« rief Dorothée – und Mister Harvey sagte tröstend:

»Er hat Sie trotzdem lieb.«

»Andrée hat mein Leben mit zehntausend Franks versichert. Die genügen ihm, um über meinen Tod hinwegzukommen während er sein eigenes Leben mit sechsmal hunderttausend Franks versichert hat.«

»Das beweist doch, wie besorgt er um Sie ist.«

»Sie nehmen immer seine Partei«, erwiderte Dorothée und wandte sich an den Toilettentisch.

»Wünschen Sie, daß ich auf mein Zimmer gehe?«

»Haben Sie es so eilig? Wir haben doch eben zu trinken bestellt.«

»Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie gern ich bei Ihnen bliebe.«

»Andrée hat einen sehr leichten Schlaf.«

»Frau Dorothée!«

»Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich es mir bequem mache?«

»Aber nein! Ich hätte sonst das Gefühl, zu stören.«

»Erst die lange Fahrt – und dann noch dieser Cocktail, den Sie da, mit wer weiß was für Absichten, zusammengebraut haben.«

»Ich schwöre Ihnen . . .«

»öffnen Sie mir lieber das Kleid.« Der Amerikaner stürzte auf sie zu. Hinter dem Vorhang räusperte sich Marot. »Bis zu welchem Knopf darf Mister Harvey?« rief Dorothée ihrem Manne zu.

»Bis zum dritten – das weißt du doch.«

»Also bis zum vierten!« entschied Dorothée

– »da Sie unser Chef sind.«

Und als Mister Harvey vier Knöpfe geöffnet hatte, mußte er sich auf einen der Sessel am Tisch zurückziehen. Mit dem Gesicht zur Wand. – Dorothée stieg inzwischen aus ihrem Kleid. Im selben Augenblick klopfte es an der Tür.

»Der Kellner!« rief Dorothée entsetzt.

»Soll ich . . .?« fragte Harvey und wandte den Kopf.

»Nein! – Einen Augenblick! – Sagen Sie ihm

– oder lassen Sie mich! Aber drehen Sie sich nicht um!«

Sie ging entkleidet zur Tür, öffnete einen Spalt, so daß der Kellner ihr grade das Tablett mit den Gläsern reichen konnte – stand dann, das Tablett in der Hand, hilflos da.

»Ja, wollen Sie mir denn das Tablett nicht abnehmen?« rief sie plötzlich.

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Harvey, stand auf und wandte sich zu ihr um.

»Nein!« rief sie entsetzt. »Andrée! »Wirf mir mein Kimono über.«

»Unmöglich! Ich habe ein Messer in der Hand.«

»Was tust du mit einem Messer?« fragte Dorothée – während ihr Harvey in ein schwarzseidenes Kimono half.

»Au! Jetzt habe ich mich geschnitten! – Ein Stück Watte bitte!«

»Watte?« – Dorothée warf beim Suchen alles durcheinander. »Das sage ich dir, ich bin zum letzten Male ohne Zofe gereist. Wo sucht man so etwas überhaupt?« wandte sie sich an Harvey, der ihr behilflich war.

»Unter meinen seidenen Strümpfen bestimmt nicht!«

»In der Hausapotheke!« rief Andrée.

Gleich darauf rief Dorothée, die alles von oben nach unten gekehrt hatte, freudig:

»Ich hab's! Brauchst du viel?«

»Einen kleinen Tuff!«

»Ich geb' es ihm«, sagte Harvey, nahm Dorothée die Watte aus der Hand und reichte sie Andrée, der den bloßen Arm durch die Portiere steckte.

Dorothée vertauschte inzwischen ihre Schuhe mit ein Paar Seidenpantöffelchen, die zu dem Kimono paßten.

»Wieso steht denn Ihr Gepäck hier?« fragte sie plötzlich und wies auf einen hohen Schrankkoffer, der in der Nähe des Fensters stand.

»Die Hausdiener haben ihn versehentlich auf Ihr Zimmer gebracht. – Stört er Sie?«

»Offen gesagt, hier steht schon genug herum.«

»Ich befreie Sie sofort davon.«

Er läutete und ließ sein Gepäck durch den Hausdiener auf sein Zimmer bringen. – Auch der Kellner erschien wieder und fragte, ob er die leeren Gläser herausnehmen dürfe.

»Leer?« sagte Frau Dorothée, »wir haben ja noch gar nicht getrunken.«

Und während ihr Harvey das Glas reichte und mit ihr anstieß, entschuldigte sich der Kellner und ging hinaus.

Auf dem Wege zur Tür sah er auf einem kleinen Tisch neben Toilettengegenständen, Taschentüchern und Strümpfen Frau Dorothées Perlenkette, Ohrgehänge und Ringe liegen. Er griff zu und verschwand damit – ohne zu bemerken, daß der Amerikaner ihn durch einen Wandspiegel beobachtete, stutzte, Miene machte, auf ihn zuzustürzen – dann aber überlegte, lächelte und ihn gewähren ließ.

Dorothée und Harvey wechselten noch ein paar Worte miteinander. Dann sagten sie sich gute Nacht.

»Bis morgen früh um neun zum Frühstück in meinem Salon«, sagte Mister Harvey und drückte Frau Dorothée die Hand.

Und als er draußen war, verschloß sie ihrer Gewohnheit gemäß die Tür.


8.

Als Mister Harvey das Zimmer des Ehepaars Marot verließ, hatte Andrée das Licht in der Koje bereits gelöscht.

»Rücksichtslos wie immer«, dachte Dorothée sprach es aber nicht aus, sondern entkleidete sich weiter und suchte unter den Stößen von Sachen, die wahllos herumlagen, Wäsche, die sie für die Nacht gebrauchte.

Plötzlich fiel in der Koje etwas um. Gleich darauf erklang Marots Stimme:

»O je!«

»Was ist denn nun schon wieder?« fragte Dorothée.

»Ich habe dein Parfüm umgegossen.«

»Du bist von einer Ungeschicklichkeit.«

»Wer hat es denn auf den Nachttisch gestellt?«

»Die Zofe jedenfalls nicht.«

»Ich werde dir morgen eine neue Flasche kaufen.«

»Das kostet dich mehr, als wenn du die Zofe mitgenommen hättest.«

»Das ganze Zimmer riecht jetzt nach dem Zeug.«

»Vielleicht wirst du davon munter.«

»Mach' das Fenster auf!« »Wir wohnen im Zwischenstock.« »Es wird uns niemand heraustragen.« Dorothée öffnete die Balkontür. Nur eine Hand breit. Im selben Augenblick hörte man gedämpfte Klänge einer Jazzkapelle.

»Unten tanzen sie noch«, sagte Dorothée und schob die Türen breit auf. – Die Musik drang jetzt laut ins Zimmer. »Wenn du fesch wärst, würdest du mit mir einen Charleston tanzen.« »Ich schlafe! Mach das Licht aus!« Dorothée gehorchte. Aber der Schein einer großen Lampe vor dem Kasino fiel ins Zimmer, das halbdunkel in gespensterhafter Beleuchtung lag.

Die Jazzkapelle tobte – und Frau Dorothée, von der man nur den Schatten an den Wänden und an der Decke sah, warf ihren Kimono ab und tanzte leidenschaftlich. Bis zur Erschöpfung. Dann verschwand auch sie in der Koje.

Im Tanzsaal unten hatte man die Fenster geschlossen. Gedämpfte Klänge eines Tangos, begleitet von melancholischem Gesang, drangen ins Zimmer.

Zwei bis drei Minuten lang. Da krachte in der Koje ein Schuß. Aus der Portiere trat hastig ein Mann – eilte zum Balkon – schwang sich über die Brüstung – verschwand. In der Koje schrie Dorothée laut auf stürzte aus dem Bett – ins Zimmer – zur Tür – und rief laut um Hilfe.


9.

Erregte Menschen stürzten auf die Hilferufe Dorothées hin in das Zimmer. Hotelpersonal und Gäste, die auf der gleichen Etage wie Marots wohnten – , ohne daß man sie in der Dunkelheit voneinander unterscheiden konnte.

»Licht an!« rief plötzlich eine Stimme. Im selben Augenblick lag das Zimmer hell. An der Portiere stand zitternd Dorothée und starrte zur Koje. Da sie in den Knien wankte und hinzustürzen drohte, eilten der Kellner und das Stubenmädchen auf sie zu und stützten sie. In der Mitte des Zimmers stand der Direktor, der, ohne zu wissen, was geschehen war, zur Tür sah und dachte: »Nur kein Skandal!« – Vor der Tür drängten sich die Hotelgäste – in Nachtanzügen und großen Abendtoiletten.

»Platz für die Behörde!« rief Frau Turel und stürzte ins Zimmer.

»Frau Turel!« sagte der Direktor aber sie eilte an ihm vorbei, warf einen Blick auf Dorothée, die zur Koje wies und hauchte:

»Mein Mann!«

Frau Turel riß die Portiere zurück, eilte in die Koje und machte Licht. Man sah Dorothées zerwühltes Bett. Man sah Frau Turel, die sich über das von der Portiere verdeckte Bett Marots beugte. Man hörte, wie sie halblaut, aber mit fester Stimme sagte:

»Herzschuß!«

Die Gäste an der Tür fuhren zusammen und gaben einen Laut von sich, als hätten sie ein Herz und eine Stimme. Dorothée verlor das Bewußtsein und hing in den Armen des Stubenmädchens, das selbst in den Knien zitterte und sich nur mühsam aufrecht hielt.

»Einen Arzt!« rief der Direktor dem Kellner zu und glaubte damit die Hotelgäste zu beruhigen. Aber Frau Turel erklärte:

»Der kann nicht mehr helfen. Rufen Sie die Polizei!«

»Die wird ihn auch nicht wieder lebendig machen«, sagte der Kellner und verließ das Zimmer.

Der Direktor war in die Koje getreten und flüsterte Frau Turel zu:

»Ich möchte auch bitten – wenn irgend möglich ohne Aufsehen.«

»Rühren Sie nichts an«, rief Frau Turel, da der Direktor sich bückte, einen Revolver aufhob und ihn ihr mit den Worten:

»Die Mordwaffe!« überreichte.

»Wie ungeschickt! Jetzt haben Sie die Spur verwischt!«

Inzwischen war bei Frau Dorothée das Bewußtsein zurückgekehrt. Sie riß sich von dem Mädchen, das sie noch immer hielt, los und machte den Versuch, sich auf das Bett des Toten zu stürzen. Frau Turel hielt sie zurück.

»Andrée!« rief Dorothée pathetisch und suchte Frau Turel zur Seite zu schieben. Es gelang ihr nicht.

»Ihnen liegt doch daran, daß man den Täter stellt«, sagte Frau Turel. Dorothée erwiderte schluchzend:

»Mir liegt nur an Andrée – an nichts anderem.«

Frau Turel führte Dorothée zu einem Sessel, auf den sie niedersank, und suchte sie zu beruhigen:

»Ich verstehe Sie, gnädige Frau. Aber Sie müssen sich jetzt zusammennehmen. Die ersten Minuten sind die wichtigsten. »Was jetzt versäumt wird, ist nicht wieder einzuholen.«

»Ich will zu ihm«, bettelte Dorothée.

»Nicht jetzt – später«, erwiderte Frau Turel – und der Direktor erbot sich, für Dorothée, für die sich die Gäste weit mehr interessierten als für den Toten, ein anderes Zimmer anzuweisen.

Frau Turel widersprach:

»Sie sind die einzige Zeugin, gnädige Frau. Fühlen Sie sich imstande, zu erzählen, wie sich der Vorgang abgespielt hat?«

»Ich . . . ich . . . kann nicht!«

»Sie schliefen?«

»Mein Mann hatte das Licht gelöscht oder ich – das weiß ich nicht mehr – jedenfalls, es war dunkel – unten spielte die Kapelle – ich tanzte – bis ich todmüde ins Bett sank.«

»Weiter!« drängte Frau Turel.

»Ich schlief – plötzlich – es können nur wenige Minuten gewesen sein – «

»Was war plötzlich?«

»Ein Schuß! – Ich fahre auf – und sehe am Bett meines Mannes« – Dorothée sank in den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Stand das Fenster offen?«

»Nein! – oder doch! – es kann sein – ja! ja! ich selbst hatte es geöffnet.«

»Was sahen Sie?«

»Eine Gestalt – einen Mann – einen Schatten

– der etwas fallen ließ . . .« »Den Revolver.«

». . . und zum Fenster stürzte.« »Konnten Sie ihn erkennen?« »Ich sah ihn nur von hinten – und nur einen Augenblick – außerdem war es dunkel.«

»Die Nacht ist sternenklar. – War er groß – klein?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Dorothée gequält –

»Ein Mann war es jedenfalls?« »Ich nehme es an.« »Hatte er einen Bart?«

Dorothée schloß die Augen und besann sich.

»Jetzt ist mir,« sagte sie halb im Traum – »als ob ich ihn vor mir sehe – an der Portiere war er – groß – und glattrasiert«.

»Also haben Sie ihn auch von vorn gesehen?«

»Von der Seite.«

»Glaubten Sie, ihn zu kennen?«

»Ich habe nichts gedacht – es war ja nur einen Augenblick und dann: ich war vor Schreck wie gelähmt.«

Frau Turel stand jetzt dicht vor Dorothée, die ihre Augen noch immer geschlossen hielt.

»Ein Bekannter Ihres Mannes vielleicht? – Rufen Sie sich das Bild ins Gedächtnis zurück.«

»Mir scheint. . . als hätte ich ihn aber nein!«

»Als hätten Sie ihn«, wiederholte Frau Turel im Tonfall Dorothées – die fortfuhr:

». . . schon mal. . .«

»Schon mal – « wiederholte Frau Turel.

». . . irgendwo gesehen.«

»Wo?«

»Das weiß ich nicht.«

»Denken Sie scharf nach – kann es heut gewesen sein?«

»Möglich ist es.«

»Heut abend?«

»Früher schon – oder auch erst heut. . . jetzt werde ich das Bild nicht mehr los« – sie hob wie hypnotisiert plötzlich den Kopf, richtete sich zum Fenster hin auf, streckte die Arme aus und schrie: »Großer Gott! was tust du!« – dann fiel sie vorn über.

Frau Turel fing sie auf.

»Nehmen Sie doch Rücksicht!« schalt der Direktor. »Sie bringen die Arme ja um den Verstand.«

In diesem Augenblick stürzte Mister Harvey, der über sein Pyjama einen seidenen Rock geworfen hatte, ins Zimmer.


10.

Er sah gar nicht Dorothée, die jetzt apathisch in ihrem Sessel saß, eilte an ihr vorbei und rief Frau Turel zu:

»Ist es wahr? man hat Marot ermordet?«

Der Direktor trat ihm in den Weg und sagte:

»Schreien Sie doch nicht so! – Nehmen Sie doch Rücksicht auf meine Gäste.«

»Auf Frau Marot vor allem«, ergänzte Frau Turel und wies auf den Sessel, in dem Dorothée saß.

Harvey schob den Direktor zur Seite, ging auf Dorothée zu, ergriff ihre beiden Hände, beugte sich zu ihr herab und sagte:

»Arme Frau Dorothée! – Verfügen Sie in allem ganz über mich!«

Dorothée hob den Kopf und sah ihn groß an.

»»Wie ist das geschehen?« fragte Mister Harvey Frau Turel, die jetzt neben ihm stand. »Hat man den Täter?«

Frau Turel wies auf die Balkontür und sagte:

»Er ist entkommen.«

»Und wie kam er herein?«

»Das ist noch ungeklärt.«

»Vermutlich doch auch . . .« sagte Harvey und machte ein paar Schritte auf die Balkontür zu. Frau Turel versperrte ihm den Weg und sagte:

»Bitte, warten Sie, bis die Polizei da ist.«

Im selben Augenblick erschien ein Polizeikommissar mit zwei Beamten in der Tür.

Frau Turel ging ihm entgegen und erklärte:

»Ein Mord – offenbar im Schlaf erschossen – hier ist die Waffe.« – Sie reichte ihm den Revolver.

Der Kommissar ging in die Koje und beugte sich über Marots Bett, das im Gegensatz zu dem Bett Dorothées noch immer von einem Teil der Portiere bedeckt war. – Frau Turel folgte ihm.

Der Kommissar fragte:

»Wann ist es geschehen?«

»Vor einer Viertelstunde.«

»So?« fragte er und schien erstaunt. »Ist das sicher?«

»Vor einer halben Stunde habe ich noch mit ihm gesprochen.«

»Und ich vor zwanzig Minuten«, erklärte Harvey.

Der Kommissar wandte sich zu dem Amerikaner um, sah ihn scharf an, beugte sich dann wieder über den Toten und sagte:

»Das Blut ist allerdings frisch.«

Es besteht gar kein Zweifel«, erwiderte Frau Turel – und der Kommissar fragte:

»Wer ist der Tote?«

»Andrée Marot.«

Der Kommissar trat aus der Koje heraus, sah Dorothée, ging ein paar Schritte auf sie zu und fragte:

»Sie sind die Gattin, gnädige Frau?«

Dorothée bewegte leicht den Kopf.

»Haben Sie auf irgend jemanden Verdacht?«

»Mein Mann hatte keine Feinde.«

Jetzt trat Harvey wieder an den Kommissar heran und sagte:

»Das weiß man oft selbst nicht.«

»Wer sind Sie?«

»Lincoln Harvey aus Chikago.«

Der Kommissar änderte sofort seine Haltung.

»Der bekannte Zeitungsverleger?« fragte er und fühlte, als Harvey mit einem gleichgültigen »Ja!« antwortete, beinahe das Bedürfnis, die Hände an die Hosennaht zu legen und stramm zu stehen. Er besann sich und beschränkte sich schließlich darauf, sich vorzustellen:

»Dubois. Assessor bei der Kriminalpolizei«, und in höflichem Tone fügte er hinzu: »Sie kannten den Toten?«

»Er war mein Freund und Korrespondent für meine Blätter in Marseille.«

»Sie befanden sich demnach auf einer gemeinsamen Reise?«

»Eine kleine Autofahrt, um auf ein paar Tage aus dem staubigen Marseille herauszukommen.«

»Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt, Mister Harvey?«

»Nein! aber ich halte einen politischen Mord nicht für ausgeschlossen.«

Dubois wandte sich an Frau Dorothée:

»Hat Ihr Gatte in letzter Zeit Drohbriefe erhalten?«

»Ich . . . glaube . . . nicht«, erwiderte Dorothée, die sich mit jedem Wort quälte.

»Sie würden es doch wohl wissen, wenn es der Fall wäre?«

»Seiner Frau hätte Marot sicherlich nichts davon gesagt, um sie nicht zu beunruhigen.«

»Mein Mann hatte vor mir keine Geheimnisse.«

Inzwischen hatten die beiden Beamten Fuß- und Fingerabdrücke am Bett und Fenster genommen, die sie jetzt Dubois zeigten. Sie erregten aber auch das Interesse des Amerikaners, des Kellners und Frau Turels – ja, selbst Dorothée, die bis jetzt teilnahmslos in ihrem Fauteuil gesessen hatte, schien interessiert, und der Hoteldirektor äußerte ängstlich:

»Am Bett bin ich auch gestanden Frau Turel kann es bezeugen – wenn darunter etwa auch meine Spuren sind, so besagt das nichts.«

»Die Fingerabdrücke an dem Fenstersims sind ganz deutlich,« erklärte Dubois. »Über den Weg, den der Mörder genommen hat, kann also kein Zweifel sein.« – Dann wandte er sich an Dorothée und fragte: »Sie haben geschlafen, gnädige Frau?«

»Ja – oder ich war im Einschlafen.«

»Haben Sie den Mann einsteigen sehen?«

»Nein!«

»Sie sind demnach erst durch den Schuß wach geworden?«

 »Ja«

»Und bis Sie richtig wach wurden, war der Kerl natürlich schon über alle Berge?«

»Ja . . . das heißt, ich sah . . .«

Frau Turel fiel ihr ins Wort:

»Mir hat Frau Marot erklärt, daß sie einen Mann, der groß und bartlos war, durch die Portiere zum Fenster eilen sah. Sie glaubt, daß sie ihn wiedererkennen würde, und halt es auch für möglich, daß sie ihm schon früher einmal begegnet ist.«

»In letzter Zeit?« fragte Dubois.

»Auch die Möglichkeit gab Frau Marot zu.«

»Ein Selbstmord scheidet demnach aus.«

»Dafür lag die Waffe auch viel zu weit vom Bett entfernt«, erklärte Frau Turel und bezeichnete die Stelle.

»Vielleicht. . . daß sie . . . doch . . . näher dem Bett zu lag«, bemerkte der Hoteldirektor zaghaft.

»Wieso nehmen Sie das an?«

»Weil dann doch Selbstmord in Frage käme.«

»Liegt Ihnen daran?« fragte Dubois erstaunt und unvermittelt – und der Direktor erwiderte:

»Außerordentlich viel. Wenn Sie es also irgend richten können, Herr Assessor. – Für den Toten spielt es ja keine Rolle mehr, ob er ermordet worden ist oder sich selbst erschossen hat. Na, und der Mörder, den wird sein Gewissen schon genügend peinigen – der hat seine Strafe weg, auch wenn Sie ihn laufen lassen.«

»Hören Sie mal, das klingt ja sonderbar.«

»Für das Renommee des Hotels aber ist es von größter Wichtigkeit, daß Herr Marot sich selbst erschossen hat. Daran stößt sich kein Gast. Denn das kann kein Hoteldirektor der Welt verhindern. Aber wenn Sie sich für Mord entscheiden, Herr Assessor, dann wird das Publikum panikartig das Hotel verlassen und der Aufsichtsrat setzt mich an die Luft.«

»Mein Mann hatte nicht den geringsten Grund, sich das Leben zu nehmen«, beteuerte Dorothée.

Aber der Direktor kämpfte für seine Position und meinte:

»Das braucht eine Frau nicht immer zu wissen.«

»Darin gebe ich dem Direktor recht«, sagte der Amerikaner und wandte sich an Dorothée, die ihn entgeistert ansah, und erwiderte:

»Ich verstehe Sie gar nicht, Mister Harvey.«

Dubois, dem es auffiel, mit welchem Eifer hier jeder, scheinbar doch Unbeteiligte, für sich sprach, wandte sich an Dorothée und fragte:

»Befand sich Ihr Gatte in finanziellen Schwierigkeiten?«

»Davon weiß ich nichts.«

»Die Hotelrechnung hatte er jedenfalls noch nicht bezahlt.«

»Zahlt man bei Ihnen die Rechnung bei der Ankunft?« fragte Dubois und fuhr, an den Amerikaner gewandt, fort: »Sind Sie über die finanzielle Lage Marots orientiert?«

Harvey zögerte – offensichtlich mit Rücksicht auf Dorothée. – Und als Dubois seine Frage wiederholte, sagte er:

»Ist es notwendig, daß Frau Marot diesem Verhör beiwohnt?« Und da Dorothée darauf bestand, zu bleiben, so fuhr er fort: »Marots pekuniäre Lage war verzweifelt.«

»Nein!« rief Dorothée entsetzt.

»Leider ist es so«, erklärte Harvey.

»Warum hat er mir das verheimlicht?«

»Weil er Sie geliebt hat und wußte, daß Sie ohne Luxus nicht leben können.«

Dorothée war fassungslos. Sie wies auf den kleinen Tisch in der Nähe der Tür und sagte:

»Gestern noch, bevor wir aus Marseille abfuhren, hat er mir diesen kostbaren Smaragd geschenkt. – Wie konnten Sie das dulden, Mister Harvey, wenn Sie wußten, daß er ihn nicht bezahlen kann?«

»Ich hatte nicht das Recht, Ihnen die Freude zu verderben.«

»Wo, sagten Sie, liegt der Smaragd?« fragte Frau Turel, die inzwischen an den Tisch herangetreten war. »Hier liegt nicht ein Stück.«

Dorothée eilte auf den Tisch zu, vergaß für einen Augenblick, daß Andrée ermordet in der Nische lag, und rief entsetzt:

»Meine Perlen! meine Ringe! alles ist weg!«

Dubois befahl den Beamten, die Flurtür zu schließen. Als das geschehen war, erklärte Harvey:

»Vor einer knappen Stunde, als der Kellner die Whiskygläser holte, lag der Schmuck noch da. Ich weiß es genau. Denn ich wunderte mich, wie achtlos Frau Marot die kostbaren Steine herumliegen ließ.«

»Wenn man ohne Zofe reist«, entschuldigte sich Dorothée.

»War außer dem Kellner noch jemand im Zimmer?«

»Der Hausdiener, um meinen versehentlich hier untergestellten Koffer zu mir hinaufzubringen.«

»Mein Personal stiehlt nicht!« beteuerte der Direktor.

»Wer war sonst noch im Zimmer?«

»Niemand!« rief der Direktor. »Ich kann es beschwören. Denn ich war der Erste im Zimmer. Von meinen Gästen hat niemand die Schwelle übertreten. Sie sind sämtlich an der Tür stehen geblieben.«

Dubois wandte sich wieder an Dorothée:

»Hatten Sie sonst noch Wertgegenstände, die Sie vermissen?«

Dorothée dachte an die hohe Versicherung – und es lag ihr schon auf der Zunge »ja« zu sagen. Aber in Gedanken an den toten Andrée bezwang sie sich und sagte:

»Es war alles«, fügte aber, als wollte sie sich damit doch eine letzte Chance sichern, hinzu: »was ich mitgenommen hatte.«

»Und Ihr Gatte?« fragte Dubois.

»Mein Mann trug eine goldene Uhr und eine Perlennadel.«

»Besaß er keine Brieftasche?«

»Eine schwarze Saffiantasche, in der er sein Geld bewahrte.«

»Wohin pflegte er die des Abends zu legen?«

»Auf den Nachttisch.«

»Hier liegt nichts«, erklärte Frau Turel, die in der Koje stand.

»Demnach muß es sich also um einen Raubmord handeln«, entschied Dubois und befahl den beiden Beamten, die Taschen des Hausdieners und des Kellners zu untersuchen.

Bei dem Hausdiener fand man außer ein paar Kasinoships, über die er sehr erstaunt tat, nichts. Aus den Taschen des Kellners aber zog man die Perlkette, das Ohrgehänge und die Ringe.

»Schuft!« rief der Direktor. »Das kostet mich meine Stellung.«

Dubois war dicht an den Kellner herangetreten und fragte ihn:

»Was haben Sie dazu zu sagen?«

Der Kellner, an allen Gliedern zitternd, erwiderte:

»Ich . . . gebe . . . den . . . Diebstahl. . . zu.«

»Und den Mord?«

»Nein! nein! damit habe ich nichts zu tun.«

»Wann haben Sie den Schmuck denn gestohlen?«

»Als ich die Whiskygläser aus dem Zimmer holte.«

»Das haben Sie sich nach den Worten des Mister Harvey zurecht gelegt.«

»Bei Gott, es ist so!«

»Lassen Sie Gott aus dem Spiel! Wo haben Sie die Uhr und die Brieftasche gelassen?«

»Ich habe weder die Uhr noch die Brieftasche.«

»Aber Sie haben sie liegen sehen?«

»Nein!«

»Sagen Sie doch die Wahrheit!«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Sie haben die Gläser herausgeräumt und, als Sie hinausgingen, den Schmuck gesehen?«

»Ja, – das ist wahr.«

»Sie haben den Schmuck aber nicht angerührt?«

Der Kellner stutzte.

»Stimmt's?« fragte Dubois.

»Ich . . . . ich . . . .«, stieß der Kellner zögernd hervor.

»Sie haben sich mit Recht gesagt, wo soviel Menschen im Zimmer sind, besteht die Gefahr, daß man Sie dabei ertappt.«

»Ich habe überhaupt nichts gedacht in dem Augenblick.«

»Ihre Vernunft hat Ihnen diese natürliche Überlegung ohne viel Nachdenken eingegeben. Sie sagten sich, wo so kostbarer Schmuck offen herumliegt, wird noch mehr zu holen sein. Sie haben den Schmuck also liegen lassen und abgewartet, bis die Herrschaften eingeschlafen waren. Dann sind Sie durch das Fenster eingestiegen – bewaffnet natürlich – denn so ein nächtlicher Besuch ist ja mit Gefahr verbunden – Sie haben den Schmuck an sich gebracht – das hat Geräusch verursacht – Herr Marot ist erwacht – Sie scheinen ein vorzüglicher Schütze zu sein – Sie haben ihn mitten ins Herz getroffen – haben schnell die Sachen vom Nachttisch genommen und sind damit davongelaufen. – Die Sache ist ja so einfach, nicht wahr? – Die Verlockung war zu groß, das wird man Ihnen bei der Strafzumessung zugute halten – auch Ihr freimütiges Geständnis wird die Richter milde stimmen – obschon ein Leugnen in einem so klaren Falle zwecklos wäre und Ihre Lage nur verschlechtern würde.«

Der Kellner hatte vor Staunen zunächst kein Wort herausgebracht. Er hatte anfangs mehrmals den Kopf geschüttelt, dann leidenschaftlich durch Gesten widersprochen – schließlich aber hatte er die Geduld verloren. Er war immer dichter an Dubois herangetreten, den er jetzt beinahe berührte, und schrie ihm unbeherrscht ins Gesicht:

»Nein! nein! Herr Kommissar! Den Diebstahl gebe ich zu. Aber den Mord lasse ich mir nicht aufschwatzen! – Ich habe das Office von dem Augenblick an, wo ich die Gläser hinausgetragen habe, nicht mehr verlassen.«

»Beweisen Sie das!« »Das kann ich nicht.« »Aha!«

»Da ich allein war.«

Frau Turel nahm sich des Kellners an und fragte:

»Ist während der halben Stunde denn niemand von Ihren Kollegen im Office gewesen oder vorbeigegangen, der Sie gesehen hat?«

»Ich glaube nicht.«

»Eins der Mädchen vielleicht?«

»Ich habe keins gesehen.«

»Sehr merkwürdig,« meinte Dubois und Frau Turel fragte weiter:

»Aber Gäste werden doch um diese Zeit nach Haus gekommen sein?«

»Eine ganze Menge – aber wer schaut denn von denen ins Office? – Und dann: ein Frack sieht aus wie der andere – wer sieht uns schon an?«

»Der Schein spricht gegen Sie,« sagte Frau Turel. »Also weisen Sie nicht jede Möglichkeit, sich zu entlasten, zurück.«

»Ich gebe zu, ich habe gestohlen. In dreißig Jahren das erste Mal, daß ich mich an was vergreife, was mir nicht gehört. Aber das Zeug lag so da, daß es einem in den Fingern juckte. Da nahm ich's eben. Vielleicht wäre mir über Nacht die Besinnung gekommen und ich hätte es morgen früh zurückgelegt – vielleicht auch nicht – denn allein die Kette hätte mich um zwanzig Jahre vorwärts gebracht.«

»Eine feine Einstellung ist das,« meinte Dubois. »So einem Menschen ist alles zuzutrauen.«

»Ich möchte noch eine Frage an Frau Marot richten,« bat Frau Turel – und Dubois erwiderte:

»Bitte!«

»Frau Marot, Sie haben unter dem ersten Eindruck der Tat erklärt, daß Sie den Mann, der vom Bett Ihres Gatten aus zur Portiere und von da zum Fenster stürzte, einen Augenblick lang gesehen haben.«

»Ja!«

»Sie hatten das Bild deutlich vor Augen. – Groß, sagten Sie, und glattrasiert.«

»Ja, das war er.«

»Der Kellner ist aber auffallend klein und trägt außerdem einen kleinen Bart. Es ist unmöglich, daß er sich den in dieser halben Stunde hat wachsen lassen.«

»Bleiben Sie bei dieser Bekundung?« fragte Dubois – und Dorothée erwiderte:

»Ja.«

»Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten,« erklärte Frau Turel.

»Nämlich?« fragte Dubois.

»Entweder Frau Marot weiß von nichts und sagt die Wahrheit – oder . . .«

»Natürlich tut sie das,« rief Mister Harvey.

»In dem Falle hat der Kellner mit dem Morde nichts zu tun.«

»Oder – ?« fragte Dubois.

»Frau Marot lügt!«

Mister Harvey sprang empört auf und rief:

»Das ist doch . . . .«

»In diesem Falle . . . .« fuhr Frau Turel fort, bestimmt und ohne den Tonfall zu ändern.

»Was ist in diesem Falle?« fragte Harvey erregt.

». . . . besteht die Möglichkeit fort, daß der Kellner der Mörder ist – oder irgendein Dritter, der dann im Einverständnis mit Frau Marot gehandelt hat.«

Dorothée richtete sich entgeistert auf und fragte:

»Wa – as? . . . ich?«

Harvey wandte sich an Frau Turel und sagte:

»Wenn Sie Frau Marot auch nur oberflächlich kennen würden, wüßten Sie, wie grotesk das ist, was Sie da sagen.«

»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit,« erklärte Dubois.

»Nämlich?« fragten Harvey und Frau Turel zu gleicher Zeit.

»Daß Frau Marot ihren Mann selbst erschossen hat.«

Dorothée sah Dubois groß an – sekundenlang – dann sank sie Harvey in die Arme. Der stützte sie, schüttelte den Kopf und sagte:

»Herr Assessor, Sie gehen wirklich über die Grenze des Möglichen hinaus.«

»Ich tue lediglich meine Pflicht,« erwiderte der, und Frau Turel erklärte:

»Da ich annahm, daß Herr Marot von seinen politischen Gegnern bedroht wird, so habe ich das Zimmer vom ersten Augenblick an unter besonderer Kontrolle gehalten.«

»Und was haben Sie festgestellt?«

»Daß kein Unbefugter vom Augenblick der Ankunft des Ehepaares Marot an das Zimmer betreten oder zuvor sich darin versteckt hat.«

»Was wollen Sie damit beweisen?« fragte Harvey.

»Daß außer Herrn und Frau Marot niemand im Zimmer war. – Ich habe ferner festgestellt, daß um ein Uhr vier Minuten im Zimmer des Ehepaares das Licht gelöscht wurde – und daß um ein Uhr acht Minuten der Schuß fiel.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Kein berufsmäßiger Verbrecher – ja, kein denkender Mensch handelt so unüberlegt und steigt, unmittelbar nachdem das Licht gelöscht ist, ein, da er damit rechnen muß, daß sein Opfer noch wach liegt.«

»Einen zeitlichen Irrtum halten Sie für ausgeschlossen?« fragte Dubois. »Vollkommen!«

»Einen Geheimzugang zu dem Zimmer gibt es nicht?«

»Es hat nur diese eine Tür, die zum Flur führt.«

Dubois wandte sich wieder an Dorothée und fragte:

»Sind Sie nach Ihrem Gatten zu Bett gegangen?«

»Er schlief schon.«

»Sie haben das Licht also gelöscht.«

»Ja.«

»Um ein Uhr vier?«

»Möglich. Ich weiß das nicht – oder doch – es schlug halb eins, – kurz bevor ich an der Balkontür stand.«

»Wieso standen Sie an der Balkontür um halb ein Uhr nachts?«

»Ich hatte sie gerade geöffnet.«

»Sind Sie gewöhnt, bei offenem Fenster zu schlafen?«

»Nein!«

»Wieso öffneten Sie es gerade an diesem Abend?«

»Mein Mann hatte mich darum gebeten.«

»Ich denke, der schlief bereits?«

»Als er mich bat, war er natürlich noch wach.«

»Und weshalb, glauben Sie, daß er gegen seine Gewohnheit gerade in dieser Nacht bei offenem Fenster schlafen wollte?"

»Mein Mann hatte mein Parfüm vergossen.«

»Es riecht jetzt noch danach,« sagte Harvey.

»Nicht mehr, als es bei einer Dame aus Paris zu riechen pflegt,« erwiderte Dubois, worauf der Amerikaner meinte:

»Frau Marot lebt in Marseille.«

»Wie kamen Sie denn dazu, das Parfüm umzustoßen?«

»Frau Marot sagte doch, daß ihr Mann es . . .«

»Ich muß Sie bitten, Mister Harvey, Frau Marot selbst antworten zu lassen. Also wer hat es umgestoßen?«

»Mein Mann!«

»Das Flakon stand aber auf Ihrem Nachttisch – es steht jetzt noch da.«

»Ich sagte ja, es war mein Parfüm.«

»Gut! Aber der Zwischenraum zwischen den beiden Betten beträgt fast einen Meter. Es ist daher beinahe unmöglich, daß Ihr Gatte von seinem Bett aus bis zu dem Flakon reichen konnte.«

»Er lag eben noch nicht im Bett, als er es umwarf.«

»Aber er schlief schon.«

»Frau Marot hat niemals behauptet, daß ihr Mann schon schlief, als das Flakon umfiel und sie das Fenster öffnete,« erklärte Harvey mit großer Bestimmtheit. Noch bestimmter aber klang die Antwort Dubois', der ihm befahl zu schweigen. Aber Harvey kehrte sich nicht daran, sondern fuhr unbekümmert fort: »Sie hat nur gesagt, daß er schlief, als sie zu Bett ging.«

»Also!« erwiderte Dubois. »Wenn sie um ein Uhr vier das Licht löschte, um ein Uhr acht der Schuß fiel, muß der Mörder spätestens ein Uhr sechs ins Zimmer gestiegen sein. Frau Marot hat also schon zwei Minuten, nachdem sie das Licht gelöscht hatte, so fest geschlafen, daß sie weder das Einsteigen durch das Fenster, noch das öffnen der Portiere bemerkt hat.«

»Ich schlief noch nicht fest – aber ich hatte die Augen geschlossen und lag im Halbschlaf.«

»Und wie hat der Mörder sich orientiert, in welchem der beiden Betten Ihr Gatte lag?«

»Das weiß ich nicht.«

»Um das und manches andre aufzuklären, muß ich außer dem Kellner auch Sie in Haft nehmen, Frau Marot.«

»Großer Gott!« rief Dorothée entsetzt und klammerte sich an Harvey. Der trat an Dubois heran und sagte:

»Herr Assessor, Sie wissen, wer ich bin. Ich hafte für diese Frau.«

Dubois überlegte einen Augenblick und erwiderte:

»Dann bin ich bereit, Frau Marot vorläufig auf freiem Fuß zu lassen – vorausgesetzt, Sie stellen eine Kaution und verbürgen sich mit Ihrem Ehrenwort, daß Frau Marot weder flieht, noch sich etwas antut.«

»Tun Sie es nicht, Mister Harvey!« rief Dorothée.

Aber der Amerikaner ging auf Dubois zu, streckte ihm die Hand hin und sagte:

»Ich stelle jede Kaution und verbürge mich mit meinem Ehrenwort!«

»Einverstanden!« erwiderte Dubois und schlug ein.



Zweiter Teil.

1.

Der Raum, in dem der Kellner aus dem »Hotel Excelsior Regina« in Nizza mit einer Hingabe, die sofort ins Auge fiel, den Frühstückstisch deckte, war kein Hotelzimmer. Nicht nur die Möbel, die Bilder an der Wand und der Flügel verrieten es. Die vielen Kleinigkeiten, für die der Franzose das hübsche Wort »les petits-riens« hat und die ein Zimmer erst wohnlich machen, zeugten von dem Charakter und dem guten Geschmack seines Bewohners.

Sicherlich war es keine Frau, die einem Gewerbe nachging oder sich gar mit Politik und gelehrten Sachen befaßte, die hier wohnte. Affen, Papageien und Skotch-Terriers aus Porzellan, Ceylon-Elefanten aus Ebenholz in allen Größen, seidene Puppen und unzählige seidene Kissen, Noten und Romane von Margueritte und Claude Anet, die überall herumlagen, ließen auf die Oberflächlichkeit eines weiblichen Bewohners schließen.

Dieser Eindruck wurde verstärkt, als die Zofe, eine bildhübsche, intelligente Person, mit einem Aschenbecher, auf dem die Reste einer nicht zu Ende gerauchten Havanna lagen, das Zimmer betrat und fragte:

»Bis wann ist Mister Harvey gestern abend wieder hiergeblieben?«

»Bis elf«, gab der Diener zur Antwort.

»Ich mag ihn nicht.«

»Er gibt zehn Frank Trinkgeld.«

»Jeden Abend?«

»Wenn er länger bleibt, gibt er zwanzig.«

»Ein feiner Mann – ganz mein Typ.«

»Frau Marots Typ scheint er nicht zu sein.«

»Weshalb hat sie sich dann mit ihm verlobt? – Kaum daß ihr Mann unter der Erde war.«

»Das geht uns nichts an.«

»Die beiden werden wohl schon früher etwas miteinander gehabt haben – als Herr Marot noch am Leben war.«

»Schweig'! – hier haben die Wände Ohren.«

»Mir doch gleich.«

»Was weißt denn du überhaupt von dem Mord?«

»Mehr, als du glaubst. – In dem Haus wird doch von nichts anderem gesprochen.«

»Da Frau Marot noch immer unter Mordverdacht steht, so ist das ganz natürlich.«

»Mich macht es verrückt – ich schlafe keine Nacht mehr.«

»Wenn du des Nachts Furcht hast, komm zu mir.«

»Ob ich da sicher bin?«

»Du fürchtest, ich rühr' dich an?«

»Wenn's nur das wäre.«

»Wovor hast du also Angst?«

»Daß du mir aus lauter Liebe den Hals umdrehst.«

»Ich bin kein Sadist.«

»Aber vielleicht ein – Mörder?«

»Was fällt dir ein?«

»Hast du vielleicht nicht in dem Verdacht gestanden, Herrn Marot ermordet zu haben?«

»In Verdacht kommen kann jeder. Man hat sich geirrt und das Verfahren eingestellt.«

»Auf Grund mangelnder Beweise.«

»Wo hast du das her?«

»Neue Tatsachen können die Situation jeden Augenblick ändern.«

»Das ist nicht auf deinem Mist gewachsen.«

»Man hat seine Verbindungen.«

»Vom Staatsanwalt Dubois hast du das.«

»Möglich!«

»Spitzel!«

»Dieb!«

Der Kellner fuhr zusammen – dann sagte er resigniert:

»Ach so!«

»Etwa nicht?«

»Das hat man dir also auch erzählt?«

»Ein ganz schlechter Kerl bist du.«

»Komm erst mal in Versuchung – und dann red'!«

»Ich habe den Schmuck der Gnädigen alle Tage in der Hand – ich habe ihn sogar schon einmal umgelegt – und in den Spiegel geschaut – du, das hättest du sehen sollen, wie ich darin aussah.«

»Und du hast trotzdem keinen Augenblick daran gedacht?« – Er machte die Bewegung des heimlich Beiseiteschaffens.

»Doch habe ich daran gedacht.«

»Siehst du!«

»Ich habe ihn sogar schon einmal eine ganze Nacht auf meiner Kammer gehabt.«

»Aber?«

»Am nächsten Morgen habe ich ihn wieder hingelegt.«

»Tut's dir leid?«

»Ich fürchte mich vor dem Gefängnis.«

»Bist du schon vorbestraft?«

»Was fällt dir ein?«

»Dann kannst du es riskieren.«

»Wieso?« fragte die Zofe erstaunt.

»Einmal darf jeder.«

»Steht das im Gesetz?«

»Beim ersten Mal, da bekommst du Bewährungsfrist – überhaupt, wo du noch so jung bist.«

»Ist das sicher?«

»Ich hab' es ja auch bekommen.«

»Aber daß Frau Marot dich dann zu sich genommen hat – das versteh' ich nicht.«

»Sie denkt wahrscheinlich: gebranntes Kind fürchtet das Feuer.«

»Oder . . .«

»Was oder?«

» Sie steckt mit dir unter einer Decke. – Na sag's schon! Ich verrat dich nicht.«

»Du spinnst wohl! – Die Frau hat eben Gewissen.«

»Was meinst du damit?«

»Sie sagt sich: wenn sie den Schmuck damals nicht hätt' herumliegen lassen, wär' ich nicht m Versuchung gekommen.«

»Hat sie dir das gesagt?«

»Wir sprechen nicht miteinander.«

»Jetzt lügst du.«

»Wenn du keine Zofe wärst – dich könnte man für einen Kriminal halten.«

»Dann passen wir ja zusammen«, erwiderte sie – und als er erstaunt fragte:

»Wieso?« gab sie ihm einen Nasenstieber und sagte:

»Trottel!«

Draußen ging die Glocke.

»Die Post«, sagte der Diener und ging hinaus.

Die Zofe sah ihm nach. Ihr Gesichtsausdruck schien verändert. Sie sah jetzt gar nicht wie eine Zofe aus.

»Der hat Marot nicht ermordet«, dachte sie und ging an die Arbeit.


2.

Mit einem Berg von Briefen und Zeitungen kam der Diener ins Zimmer zurück. Er legte sie auf den Frühstückstisch.

»Das wird ja alle Tage mehr«, sagte die Zofe – und er erwiderte:

»Frau Marot wird auch alle Tage berühmter.«

»Nette Berühmtheit das!«

»Ob eine Dame der Gesellschaft, die aussieht wie Frau Marot, beim Reiterfest einen Rekord aufstellt, den Kanal durchschwimmt oder ihren Mann ermordet – das bleibt sich in der Wirkung gleich. In den Augen der großen Welt ist sie eine Berühmtheit.«

»Wie gescheit du plötzlich redest! Aber verraten hast du dich jetzt doch.«

»Ich wüßte nicht . . .«

»Da feststeht, daß Frau Marot weder den Kanal durchschwömmen hat, noch bei einem Reiterfest einen Rekord aufgestellt hat, so verdankt sie deiner Ansicht nach – und die ist mir in diesem Falle viel wert – ihre Berühmtheit lediglich dem Umstand, daß sie ihren Mann ermordet hat.«

»Ich rede mit dir überhaupt nicht mehr.«

»Vor zehn Minuten hast du mich noch eingeladen, dir nachts Gesellschaft zu leisten.«

»Aber nicht zum Reden – und über den dummen Mord schon gar nicht.«

Es klingelte zweimal kurz hintereinander.

»Der Herr Bräutigam!« sagte der Diener und ging hinaus, um zu öffnen.

Die Zofe trat eilig vor den Spiegel, holte Lippenstift und Puderquaste hervor, benutzte beide und brachte schnell ihr Haar in Ordnung.

Im selben Augenblick trat der Amerikaner ins Zimmer. Er schien die Zofe gar nicht zu sehen, beachtete sie jedenfalls nicht, sondern trat an den Frühstückstisch und sah sich die Post an.

Da die Zofe mit ihrem Bemühen, sich bemerkbar zu machen, kein Glück hatte, so sagte sie laut:

»Guten Morgen, Mister Harvey!«

Der erwiderte, ohne aufzusehen:

»Guten Morgen.«

»Haben Sie eine gute Nacht gehabt, Mister Harvey?«'

»Danke!«

»Ekel!« platzte die Zofe heraus.

Der Amerikaner wandte sich zu ihr um und fragte:

»Wer?«

Und da die kokett-schmollende Art, in der sie dastand und ihn ansah, keinen Zweifel über ihre Absichten und Gedanken ließ, so sagte er:

»Sie haben recht«, ging auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände und küßte sie herzhaft auf den Mund. Dann fragte er: »Ist's nun recht?«

»Sie gefallen mir«, sagte sie. »Obgleich ich Amerikaner sonst nicht leiden mag.«

Und er erwiderte mit leiser Ironie:

»Wenn Sie wüßten, wie stolz mich das macht.«

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie unsicher – »oder spielen Sie mit mir?«

Harvey küßte sie noch einmal auf den Mund. Leidenschaftlicher als ihr lieb war.

»Jetzt glaub' ich's«, sagte sie.

»Wo schlafen Sie?«

»Auf dem hinteren Flur – wenn man aus dem Schlafzimmer Ihrer Braut kommt, die dritte Tür links.«

Sie zog einen Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn Harvey.

»Hier!« sagte sie, »für den hinteren Aufgang.«

Harvey nahm den Schlüssel, steckte ihn ein und fragte:

»Und wo haben Sie heute nacht geschlafen, Louise?«

»Mister Harvey!« erwiderte sie empört.

»Beim Staatsanwalt Dubois! – Wie?«

»Was denken Sie! – Der ist stark verheiratet.«

»Aber Sie treffen sich mit ihm?« fragte er weiter. »Zu welchem Zweck?«

»Er kneift mich höchstens mal in die Waden.«

»Was tut er?« fragte Harvey überrascht.

Louise hob kokett den Rock und sagte:

»Er behauptet, daß ich schöne Beine habe.«

»Und was zahlt er Ihnen?«

»Dafür – nichts.«

»Aber für Ihre Berichte – über die Vorgänge hier im Hause was Frau Marot den Tag über treibt – wen sie empfängt – was sie im Schlafzimmer spricht – weshalb sie diesen Diener, der sie als Kellner im Hotel Excelsior Regina be-stohlen hat, in ihr Haus genommen hat – für alles das bezahlt er Sie doch?«

»Es ist Pflicht eines jeden Staatsbürgers«, erwiderte Louise mit Pathos, »zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens nach Kräften beizutragen.«

» . . . . sagt der Staatsanwalt Dubois.«

»Jawohl! und ich pflichte ihm bei.«

»Genau wie ich.«

»Sie?«-fragte Louise erstaunt.

»Ja, weshalb glauben Sie, habe ich mich mit Frau Marot verlobt?«

»Deshalb . . . .?«

»Um hinter das Geheimnis dieses Mordes zu kommen.«

»Und ich dachte, Sie und Frau Marot stecken zusammen.«

»Hoffentlich haben Sie das dem Staatsanwalt noch nicht gesagt?«

»Die sonderbaren Gespräche, die Sie miteinander führen.«

»Und die Sie natürlich belauschen.«

»Es ist Pflicht eines jeden Staats . . . .«

»Das haben Sie schon einmal gesagt«, fiel ihr Harvey ins Wort.

Im selben Augenblick erschien hinter einer Portiere Dorothée, die sich, ohne daß Louise es merkte, mit Harvey verständigte und wieder verschwand.

»Demnach hätten Sie sich nur zum Schein mit Frau Marot verlobt?« fragte Louise.

»Mein Ehrenwort!«

Sie sah ihn ungläubig an und forderte den Beweis.

»Nichts leichter«, erwiderte Harvey und zog aus der Tasche ein Schriftstück, das er ihr mit den Worten: »Hier, schöne Louise! überzeugen Sie sich!« überreichte.

Sie hielt das Schriftstück zaghaft in der Hand und fragte:

»Was soll ich damit?«

»Es Ihrem Freunde Dubois in die Hände spielen.«

Louise entfaltete das Papier, las es mit Interesse, das sich von Zeile zu Zeile steigerte und fragte schließlich erregt:

»Wo haben Sie das her?«

Harvey trat nahe an sie heran und flüsterte ihr zu:

»Das steht ja darüber.«

Die Zofe las:

»Agentur Picard. Wir haben ermittelt, daß die faszistische Partei in der Nacht, in der Marot ermordet wurde, eine geheime Sitzung in der Pension d'Argovie in der Rue de Rivoli zu Nizza abgehalten hat.« – Louise brach ab und fragte: »Was besagt das? Soviel ich weiß, ist Herr Marot nicht in der Pension d'Argovie, sondern im Hotel Excelsior Regina ermordet worden.«

»Lesen Sie doch weiter!« erwiderte Harvey, und sie fuhr fort:

»An dieser Versammlung nahm auch der italienische Faszist Minotti teil, der auf Betreiben Marots hin Ende vorigen Jahres aus Frankreich ausgewiesen war. Wir haben festgestellt, daß Minotti mit dem aus Genua kommenden Expreß urn elf Uhr sechs Minuten abends mit falschen Papieren in Nizza eingetroffen ist, die Pension d'Argovie bereits vor Mitternacht wieder verlassen hat und mit dem D-Zug, der Nizza um ein Uhr zwanzig nachts verläßt, nach Italien zurückgekehrt ist.«

»Genügt Ihnen das?« fragte Harvey.

»Sie meinen, daß dieser Faszist . . .«

» . . . um sich an Marot zu rächen . . .«

» . . . nach Nizza gekommen ist.«

»Zweifeln Sie daran?«

Die Zofe dachte nach. Dann sagte sie:

»Wie konnte er wissen, daß Marot, der sich am Morgen des vierzehnten Mai noch in Marseille aufhielt, am Abend desselben Tages in Nizza sein würde?«

»Wußten Sie es etwa nicht?«

»Ich? – nein! – Woher sollte ich es wissen?«

»Ich meinte natürlich nicht Sie, sondern die Direktion des Hotels Excelsior Regina in Nizza – bei der ich uns telegraphisch angemeldet hatte.«

»Und Sie meinen, die Direktion des Excelsior Regina steht in Verbindung mit den Faszisten?«

»Sie unterschätzen die Rührigkeit und die Intelligenz dieser Leute. – Sie sind von allem unterrichtet, was sie wissen wollen.«

»Gewiß. – Und was diese Agentur da schreibt, klingt durchaus glaubhaft. Wenn dieser Minotti die Pension d'Argovie in der Rue de Rivoli wirklich schon vor Mitternacht verlassen hat . . .«

»Das steht nach dem Bericht außer Zweifel.«

» . . . und erst mit dem Nachtzug ein Uhr zwanzig Nizza verlassen hat . . .«

»Auch das ist festgestellt.«

» . . . So hätte er gut eine Stunde Zeit zur Ausführung des Mordes gehabt.«

»Also!« rief Harvey triumphierend aber die Zofe setzte ihr süffisantestes Lächeln auf und fuhr fort:

»Aber da der Expreß Nizza bereits um zwölf Uhr zwanzig verläßt und der Mord nachweisbar erst um ein Uhr acht geschehen ist, also nachdem Minotti bereits die Stadt verlassen hatte . . .«

In diesem Augenblick trat Dorothée, die das Gespräch mit angehört hatte, aus der Portiere, sah die Zofe scharf an und sagte:

»Erstaunlich! Diese Logik für eine Zofe.«

Louise fuhr zusammen.

»Und wie Sie mit dem Kursbuch Bescheid wissen.«

»Unsereins kommt auch herum.«

»Als Zofe«, fragte Dorothée – »oder als Frau Turel?«

Louise wurde leichenblaß, stand hilflos da und sagte:

»Wie kommen Sie darauf?«

Obschon diese Entlarvung im Einverständnis mit dem Amerikaner erfolgte, tat dem Amerikaner Frau Turel, die ihm schon als Hoteldetektivin in Nizza gefallen hatte, leid.

Er trat dicht an sie heran und sagte:

»Jedenfalls kleidet Sie die Zofentracht und die veränderte Frisur vorzüglich.«

Aber Frau Turel war in diesem Augenblick so wenig darauf eingestellt, Komplimente entgegenzunehmen, daß sie wie ein enttäuschtes Kind erwiderte:

»Mich hat noch niemand in dieser Verkleidung erkannt – nicht einmal Staatsanwalt Dubois.«

»Ein Beweis, daß Sie auf das falsche Pferd gesetzt haben«, erwiderte der Amerikaner.

»Wie meinen Sie das?« fragte Frau Turel.

»Daß wir schärfer sehen als der Staatsanwalt. – Sie sollten daher mit uns gehen – statt gegen uns.«

»Ich gehe weder für noch gegen jemanden. Ich habe mir aber in den Kopf gesetzt, den Mord an Marot aufzuklären.«

»Dasselbe Ziel verfolgen wir«, erklärte Dorothée – und sah dabei Frau Turel scharf an. Die hielt den Blick aus und fragte:

»Und weshalb hat dann Mister Harvey mich auf die falsche Spur gelockt?«

»Um Sie zu zwingen, endlich Farbe zu bekennen«, erwiderte Dorothée.

Frau Turel bekam einen roten Kopf, ging auf den Amerikaner zu und sagte wütend:

»Und obgleich Sie wußten, wer ich bin, haben Sie es gewagt, mich zu küssen?«

»Das grade hat den Reiz erhöht.«

»Eine nette Blamage.«

»Dafür gebe ich Ihnen jetzt die Schlüssel freiwillig zurück.«

Frau Turel nahm die Schlüssel und sagte:

»Damit wären Sie in die Kammer Ihres Dieners geraten.«

»Wieso meines Dieners?« fragte Harvey.

»Ich nehme an, daß Frau Marot ihn mit Ihrem Wissen engagiert hat – obschon sie beide wußten, daß er ein Dieb ist.«

»Grade, weil wir das wußten, haben wir ihn engagiert«, erwiderte Dorothée.

»Wen wollten Sie damit bluffen?« fragte Frau Turel – und Harvey legte seine Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr zu:

»Wir hofften, daß Sie Ihre Kunst an ihm erproben würden, liebe Louise!«

»Ich bin nicht Ihre liebe Louise.«

»Dann also einfach: Louise!«

»Auch das nicht.«

»Sie haben sich als Zofe namens Louise bei Frau Marot verdingt.«

»Nun aber wissen Sie, daß ich Frau Turel bin.«

»Das wußten wir ja von Anfang an.«

»Dann wäre es Ihre Pflicht gewesen, mir das gleich zu sagen.«

»Jedenfalls ist Ihre Rolle hier nun wohl ausgespielt«, erklärte Dorothée.

»In diesem Hause schon.«

»Aber nein!« widersprach Harvey. »Sie haben sich für einen Monat fest verpflichtet und können erst am Fünfzehnten des nächsten Monats zum Ultimo kündigen.«

»Sie werden mir doch nicht zumuten . . .?«

»Ich mute Ihnen nicht mehr zu, als Sie sich selbst zugemutet haben.«

»»Was sollte ich jetzt noch hier?«

»Uns beobachten.«

»Das wäre wohl zwecklos – nun wo Sie wissen . . .«

»Haben Sie während Ihrer Zofenschaft mehr Material gegen Frau Marot oder gegen mich gesammelt?« fragte Harvey.

Frau Turel wandte sich an Dorothée und sagte:

»Gnädige Frau, ich bitte, lassen Sie mich gehen.«

»Wenn ich Sie jetzt gehen lasse,« erwiderte Dorothée, »so wird man es, wie alles, was ich tue, gegen mich auslegen und behaupten, ich entziehe mich einer Kontrolle, die der Staatsanwalt – über mich verhängt hat.«

»Bravo, Dorothée!« sagte Harvey.

»Im übrigen bin ich sehr zufrieden mit Ihnen.«

»Sie verhöhnen mich!«

»Und werde Ihr Gehalt am Ersten erhöhen.«

»Gnädige Frau!« rief Frau Turel wütend. »Ich habe mein Staatsexamen gemacht.«

»Ich bin stolz, eine so gebildete Zofe zu haben.«

»Ich diene nicht für Geld.«

»Wenn ich nicht irre, hatten wir hundert-fünfzig Frank Lohn vereinbart.«

»Die ich dem Verein für weibliche Strafentlassene überweise.«

»Sie gefallen mir immer mehr«, sagte Harvey – und Frau Turel erwiderte wütend:

»Es liegt nicht in meiner Absicht, Ihnen zu gefallen.«

»Lassen Sie bitte mein Bad ein!« befahl Dorothée.

»Sie können mich nicht gegen meinen Willen halten!« sagte Frau Turel verzweifelt und verließ das Zimmer.


3.

Hinter der spöttischen Art, in der Mister Harvey Frau Turel behandelte, verbarg sich offenbar Wohlwollen und Interesse.

»Das hätten wir vielleicht etwas schonender machen sollen«, sagte er, als sie gegangen war – und Dorothée erwiderte:

»Wer schont denn mich?«

»Schließlich will sie ja nichts anderes als wir.«

»Als wir?« wiederholte Dorothée und sah Harvey forschend an.

»Ja! – Als du und ich. – Du fragst so sonderbar. – Mißtraust du etwa auch mir?«

»Ich begreife heute so wenig wie vor drei Wochen, weshalb du so darauf gedrängt hast, dich mit mir zu verloben.«

»Um dich zu entlasten.«

»Alle Welt folgert daraus, daß ich mich sehr schnell über den Tod Andrées hinweggesetzt habe.«

»Im Gegenteil! Die Welt sagt: wie würde Mister Harvey dieser Frau seine Hand reichen, wenn er nicht fest von ihrer Unschuld überzeugt wäre.«

»Mir geht es jedenfalls gegen das Gefühl.«

»Vor allem kann ich als dein Verlobter deine Interessen anders wahrnehmen.«

»Gerade der Eifer, mit dem du mir beistehst, Andrées Schulden und meine Rechnungen bezahlst und mir jeden Wunsch von den Lippen abliest, ohne je etwas von mir zu verlangen – sage selbst, muß das nicht meinen Verdacht erregen?«

»Alles, was ich für dich tue, ist noch zu wenig.«

»Das ist es ja grade, was mich bedrückt – und gegen dich einnimmt.«

»Wenn ich dir versichere, daß ich alles tue, um deinen Schmerz abzukürzen.«

»Beantworte mir eine Frage.«

»Jede!«

»Seit wann kennst du Frau Turel?«

»Was soll das, Dorothée?«

»Ich habe das Gefühl – aber nein! Du mußt Nachsicht mit mir haben – der Tod meines Mannes – der sinnlose Verdacht, daß ich mit diesem Morde etwas zu tun habe.«

»Was meinst du? – Sprich dich aus.«

»Daß diese Frau Turel dir nahe steht – näher als ich.«

»Sie gefalle mir. Der Eifer, mit dem sie sich in den Fall hineinkniet – diese Zähigkeit – diese Selbstverleugnung . . .«

»Sonderbar, daß selbst ein Mann wie du die Frauen so wenig kennt.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß es nur zwei Dinge gibt, für die eine Frau sich opfert. In erster Linie natürlich für Geld – in zweiter für einen Mann – niemals aber für eine Sache.«

»Du glaubst, daß Frau Turel . . .?«

» . . . einen Mann deckt oder . . .«

»Oder?«

., . . . sich selbst.«

»Und dieser Mann wäre am Ende ich?«

»Vielleicht.«

»Dorothée!! – Das wagst du mir . . .«

»Mit dem gleichen Recht, mit dem du mich verdächtigst.«

»Ich . .'. verdächtige dich?«

»Ja, glaubst du denn, ich fühle nicht genau, daß ich diese Verlobung, diese Teilnahme, dies Interesse – ja, alle Opfer an Zeit und Geld, die du mir bringst, nur dem Verdacht verdanke, Andrée ermordet zu haben?«

»Das ist ja furchtbar, Dorothée, in was du dich da hineingeredet hast!«

Dorothée schien jetzt völlig unbeherrscht.

»Manchmal«, fuhr sie fort, »weiß ich selbst nicht mehr, hast du ihn ermordet oder ich?«

»Dorothée!«

»Wenn du mich liebtest und ihm versprochen hättest, du nimmst ihn nach Paris – es war seine Sehnsucht fast mehr als meine, und er hing an

seinem Beruf – er hätte mich freigegeben – glaubst du nicht?«

Harvey war dicht an Frau Marot herangetreten, legte seine Hände auf ihre Schultern und sagte:

lang=FR font-family: »Dorothée! Du redest irre!«

Frau Marot erschrak, wich entsetzt zurück und rief:

»Großer Gott! Was habe ich gesagt?«

»Wenn dich jemand hört!«

»Ich habe ihn nicht ermordet.«

»So wenig wie ich.«

,Jch habe ihn lieb gehabt.«

»So beruhige dich, Dorothée! Ich verspreche dir, daß alles bald ein Ende hat.«

»Und unsere Verlobung?«

»Ist im selben Augenblick gelöst, in dem die Mordaffäre geklärt ist.«

Dorothée hatte sich wieder in der Gewalt. Sie gab ihm die Hand und sagte:

»Ich danke dir – und vergiß, was ich gesagt habe.«

»Das ist längst geschehen«, erwiderte Harvey, legte den Arm um Dorothée und führte sie an den Frühstückstisch.


4.

Frau Dorothée und Harvey saßen am Frühstückstisch.

»Du trinkst doch eine Tasse Tee mit?« fragte Dorothée?

»Ich nehme einen Apfel – wenn du erlaubst.«

Er griff nach einem Caville – sie nahm ihn ihm aus der Hand und sagte:

»Ich schäle ihn dir,« – und mit einem Blick auf die vielen Briefe fuhr sie fort: »Dieser Berg von Post jeden Morgen.«

»Laß sie liegen! – Du verdirbst dir nur wieder den Tag.«

»Es kann doch mal etwas darunter sein, was einen auf die richtige Spur bringt.«

»Kannst du denn nicht zehn Minuten mal an etwas anderes denken?«

»Nicht, bevor der Mord restlos aufgeklärt ist.«

»Und wenn er, wie so viel Morde, unaufgeklärt bleibt?«

»Dann werde ich nie zur Ruhe kommen.«

Während Harvey die Morgenblätter las, war Dorothée mit der Lektüre der Briefe beschäftigt.

»Du hast recht,« sagte sie, »die Briefe werden immer verrückter. Hör' nur, was mir hier eine Frau aus Avignon schreibt: ,Eine Frau, die unter der Verständnislosigkeit, Dummheit und Roheit ihres Mannes leidet, aber nicht wie Sie, den Mut zur Tat aufbringt, drückt Ihnen bewundernd die Hand.' –– Ist das nicht toll?«

»Wenn ein Tag im Jahr bestimmt würde,« erwiderte Harvey, »an dem jede Frau in Frankreich sich ungestraft ihres Mannes entledigen dürfte – liefen in Frankreich sehr bald nur noch Witwen herum.«

»Es wird immer hübscher!« rief Dorothée, die schon beim Lesen des nächsten Briefes war. Hier schreibt ein Fräulein Adèle Raymond aus Marquise: .Nachdem Sie durch die Ermordung Ihres Gatten eine Berühmtheit geworden sind, bitte ich höflichst um Ihr Autogramm.'»

»Unglaublich!«

»Und hier wieder mal ein Heiratsantrag: ,Ihr Bild in dem heutigen Abendblatt begeistert mich derart, daß ich mich vorurteilsfrei über Ihre Tat hinwegsetze und Ihnen die Hand zum Lebensbunde reiche. Bitte, klären Sie mich umgehend über Ihre Vermögensverhältnisse auf. lang=FR W. T. 7. Marseille, post restante'»

»Siehst du nun, wie gut es ist, daß wir verlobt sind?«

»Das ist ja unmöglich!«

»Was ist denn?« fragte der Amerikaner.

»Hör« nur!« – sie las von einem lila Bogen – »Sehr geehrte Frau Marot. Ich bin der einzige Mensch, der imstande ist, Sie aus Ihren Gewissensängsten zu befreien. Wenn Sie dahinterkommen wollen, wer der Mörder Ihres Mannes, ist, so kaufen Sie eine Muskatnuß, legen Sie diese unter Ihren linken Arm, arbeiten oder gehen Sie, bis Sie tüchtig schwitzen, so daß der Schweiß in die Muskatnuß zieht, dann zerreiben Sie die Nuß, mischen Nelken und Schlagbalsam darunter, und bestreichen Sie damit des Nachts Ihre Stirn. Im Traum wird Ihnen dann der Mörder Ihres Mannes erscheinen. Das Mittel ist in unserer Gegend vielfach angewandt, ist unfehlbar und ich erlaube mir Ihnen dafür zehn Franken zu liquidieren. Mit bestem Gruß Maria Lavoisier. Ambletteuse.«

»Du bekommst es fertig und wendest es an.«

»Ganz habe ich den Verstand ja noch nicht verloren.«

»Jedenfalls bist du zur Zeit die populärste Frau Frankreichs.«

Im selben Augenblick stürzte, ohne anzuklopfen, ein Mann im Cut mit hohem Hut und weißen Handschuhen ins Zimmer und rief:

»Was heißt Frankreichs? Wollen Sie mir mein Geschäft verderben? Dorothée Marot ist heute in Amerika genau so ein Schlager wie in Europa.«

»Wer sind Sie denn?« fragte Harvey.

»Wie kommen Sie denn hier herein?« fragte Frau Dorothée empört.

»Dur* die Tür!«

»Sind Sie nicht der Direktor aus dem Hotel Excelsior Regina in Nizza?«

»Gewesen, gnädige Frau! Bis zum 15. April mittags. Als man die Leiche Ihres Gatten unauffällig aus dem Hotel geschafft hatte, setzte man mich an die Luft.«

»Was konnten denn Sie dafür?«

»Der Aufsichtsrat meinte, ich hätte statt der Polizei den Hotelarzt holen und statt Mord Herzschlag als Todesursache feststellen lassen sollen.«

»Was wäre uns alles dadurch erspart gegeblieben!« sagte Dorothée.

»Besser so! – Nie wären Sie so berühmt und ich Agent für Film und Variete geworden.«

»Ich verstehe,« sagte Harvey, »Sie wollen Frau Marot. . .?«

»Was heißt ich will? Ich habe!« Er zog ein Schriftstück aus der Tasche und rief: »Hier ist der Vertrag! Dreimonatige Tournee durch die Vereinigten Staaten. Pro Abend tausend Dollar. Die Luxuskabine auf der Lutetia ist für morgen belegt.«

»Für morgen?« fragte Dorothée – und der Direktor erwiderte:

»Heute geht leider kein Schiff mehr.«

»Sie glauben doch nicht etwa im Ernst, daß ich. . .?«

»Sie müssen!« erwiderte der Direktor, legte ihr den Vertrag vor und drückte ihr seine Füllfeder in die Hand. Dann legte er einen Schein auf den Tisch und sagte: »Hier haben Sie tausend Dollar Vorschuß.«

»Tollhaus!« sagte der Amerikaner und Dorothée erwiderte:

»So gern ich aus allem hier herauskäme – das würde ja wie eine Flucht aussehen.«

»Ich habe fünfzigtausend Franken Kaution für Sie hinterlegt. Also unterschreiben Sie!«

»Nicht eine Stunde früher, als bis der Mord restlos aufgeklärt ist.«

»Dazu ist nach Ihrer Rückkehr noch immer Zeit genug.«

»In welcher Rolle wollten Sie mich denn überhaupt dem amerikanischen Publikum zeigen?«

»Als Frau Dorothée Marot. Das ist heute ein Begriff – morgen vielleicht nicht mehr! Ziehen Sie sich an.«

»Wozu?«

»Für den Photographen, den ich um zehn Uhr herbestellt habe. – Sie können doch tanzen?«

»Wenig.«

»Das genügt bei Ihrer Berühmtheit und Ihren Beinen.«

»Was wissen Sie von meinen Beinen?«

»Im übrigen habe ich  einen Tanzmeister

engagiert, der Ihnen während der Überfahrt ein

paar Tänze beibringt.«

»Sie glauben doch nicht, daß ich im Trauerkleid vor das Publikum treten und tanzen werde?«

»Für so verrückt halte ich Sie nicht. Ich habe für zehn Uhr fünfzig Madame de Bryère mit den neusten Pariser Modellen bestellt.« – Plötzlich stutzte er, schien zu überlegen und sagte: »oder?

– Hören Sie, das ist eine Idee! das war noch nicht da! Sie tanzen als Witwe – Chopin – Beethoven

– Debussy – Meyerbeer – in schwarzen Gewändern.  Dem Toten zu Ehren.  Das schafft Ihnen Sympathien. Ich bringe Gutachten ärztlicher Autoritäten, daß Ihr Schmerz sich im Tanze löst wie bei den ändern in Tränen.«

»Sie wissen ja nicht, was Sie reden.«

»Ich stürze zu Frau Bryère und bestelle die Kostüme um« – rief er und verschwand.

»So lauf' ihm doch nach«, drängte Frau Dorothée – »und sag' ihm, daß ich nicht daran denke, diesen Wahnsinn mitzumachen.«

»Beruhige dich! Den Mann engagiere ich. Der wird Propagandachef für meine Tageszeitungen!«


5.

Der Direktor konnte kaum aus dem Hause sein, da trug Dorothée, die mit Harvey noch immer am Frühstückstisch saß, dem Diener auf:

»Ich bin weder für den Herrn, der eben gegangen ist, wahrscheinlich aber wiederkommt, noch für einen Photographen oder eine Frau Bryère – noch überhaupt für irgend jemanden, sei es wer es wolle, heute vormittag zu sprechen. Ich will, ich muß endlich mal ein paar Stunden Ruhe haben.«

Der Diener sah Frau Dorothée etwas erstaunt an und sagte:

»Aber für den Coiffeur . . . sind gnädige Frau doch . . .?«

»Was für einen Coiffeur?« »Er sieht aus wie ein feiner Herr aus Paris.«

»Was will er?«

»Er erzählt so viel. Ich bin nicht recht klug geworden.«

»Vermutlich will er dich frisieren«, meinte Harvey.

»Diese Karte gab er mir, gnädige Frau.«

Harvey nahm die Karte und las: »François Robert, Coiffeur pour péniles dames. Hotel Excelsior Regina, Nice.«

»Der hat uns grade noch gefehlt«, rief Dorothée.

»Hat der dir nicht damals in Nizza die neue amerikanische Frisur gemacht?«

»Ja! aber eine ganz andere, als du mir beschrieben hattest.«

»Und du meinst, daß er deshalb . . .?« fragte Harvey verständnislos.

»Ich meine, daß du schon damals kein Interesse für mich hattest und« – ihr kam ein Gedanke – »mir diese Frisur nur aufredetest, um mich los zu werden. Das ist sehr verdächtig, lieber Freund«.

»Du mußt wirklich etwas für deine Nerven tun.«

»Die du ruiniert hast.«

»Darf ich den Coiffeur . . .?« fragte der Diener, um sich in Erinnerung zu bringen.

»Hinaus mit ihm!« rief Dorothée aber Mister Harvey riet:

»Hör' ihn dir an, Coiffeure wissen mehr als jeder andere Mensch.«

»Also, ich lasse bitten«, sagte Dorothée, die sich wieder in der Gewalt hatte.

Und durch die Tür trat gleich darauf in Talmieleganz tänzelnd und geziert: der Coiffeur François Robert.

Er verbeugte sich devot und stellte sich vor. »Wir wissen bereits«, sagte Dorothée.

François Robert richtete sich stolz auf und erwiderte:

»Sie kennen mich? Sie erinnern sich? Ich hatte die Ehre in der Nacht vom vierzehnten zum fünfzehnten April« er sah zu ihr auf und rief beglückt: »Oh! Sie tragen die Frisur noch immer! Ich bin sehr stolz – aber Sie gestatten« – er nahm aus der Tasche einen Kamm, trat an Dorothée, ehe sie es verhindern konnte, heran, zog eine blonde Locke auf die Stirn herunter und sagte: »So ist das Kunstwerk vollkommen.« Dann zog er aus der Tasche einen Handspiegel, hielt ihn Dorothée vor das Gesicht: »Bitte!«

Dorothée sah in den Spiegel, lächelte und sagte:

»Sie haben recht.«

»Haben Sie deshalb die Reise von Nizza nach Toulon gemacht«, fragte Harvey, »um Frau Marot diese Locke in die Stirn zu ziehen?«

»Die Trauer steht der gnädigen Frau vorzüglich«, erwiderte François. »Gnädige Frau erinnern sich, daß' ich schon damals prophezeite, wie gut Sie Schwarz kleiden müsse.«

»Ihr Wunsch hat sich leider schnell erfüllt«, sagte Dorothée – und Harvey fragte:

»Also, was wünschen Sie von Frau Marot?«

François trat an Frau Dorothée heran und sagte:

»Ihnen mein Beileid zum Verlust Ihres Gatten auszusprechen.«

»Wie kommen Sie dazu?«

»Das habe ich dem Staatsanwalt auch gesagt – was geht das mich an? Aber er ist anderer Meinung.«

»Der Staatsanwalt?« fragte Dorothée und Harvey fügte hinzu:

»Hat er Sie auch in diese Mordaffäre verwickelt?«

»Darüber hätte ich gern mit der gnädigen Frau unter vier Augen gesprochen.«

»Geheimnisse zwischen dir und diesem Coiffeur?«

»Ich wüßte nicht«, erwiderte Dorothée.

»Leider ist es so.«

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß ich der Verlobte Frau Marots bin.«

François verbeugte sich und sagte:

»Sehr erfreut – immerhin: verlobt ist nicht verheiratet.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Harvey scharf.

»Daß ich nicht weiß, wie weit die gnädige Frau Sie ins Vertrauen gezogen hat.«

»Das klingt ja sonderbar.«

»Ich finde auch«, stimmte Dorothée bei – und Harvey fragte:

»Wollen Sie sich nicht deutlicher erklären?«

»Die Diskretion ist die höchste Tugend eines Coiffeurs.«

»Das ist eine Phrase – reden Sie!« forderte der Amerikaner.

Aber François erwiderte lächelnd:

»So wenig wie dem Staatsanwalt wird es Ihnen glücken, mich zum Sprechen zu bringen.«

»Dorothée! Was bedeutet das?« rief der Amerikaner – und sie erwiderte:

»Wieso fragst du mich?«

Darauf sagte François:

»Ich wußte, daß ich mich auf Sie verlassen kann.«

»Wann hast du Herrn François Robert das letzte Mal gesehen?«

»Wie sonderbar du fragst!« erwiderte Dorothée.

Harvey wandte sich an François und fragte:

»Was wollte der Staatsanwalt von Ihnen wissen?«

»Was ich in der Mordnacht gesehen habe.«

»Nun und?«

»Laß uns allein!« forderte Dorothée. – Und da Harvey erstaunt, ja erschüttert schien, so fuhr sie fort:

»Du siehst doch, daß er in deiner Gegenwart nicht sprechen will.«

»Er macht sich wichtig!« sagte Harvey, sah François wütend an und ging hinaus.


6.

Als Mister Harvey draußen war, fragte Frau Dorothée den Coiffeur, ohne ihm einen Platz anzubieten:

»Also, weshalb sind Sie gekommen?«

»Um Sie zu beruhigen.«

»Ich bin nicht aufgeregt.«

»Es wird zur Hauptverhandlung kommen.«

»Möglich.«

»Sie werden auf der Anklagebank sitzen.«

»Ausgeschlossen ist es nicht.«

»Es wird der größte Sensationsprozeß der letzten Jahre sein.«

»Dafür wird die Presse sorgen.«

»Sie werden für eine Woche lang im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.«

»Grauenhaft!«

»Kein Blatt, das Ihr Bild nicht an sichtbarer Stelle bringt.«

»Ich werde so dicht verschleiert sein, daß von meinem Gesicht nichts zu sehen ist.«

»Nein!« rief François entsetzt: »Das werden Sie mir nicht antun.«

»Ja, was heißt denn das?«

»Ich habe Nächte lang wach gesessen und Ihren Kopf studiert.«

»Was haben Sie getan?« fragte Dorothée erstaunt.

»Ich werde Ihnen für die Tage der Hauptverhandlung eine Frisur machen, die Publikum und Gericht begeistern wird.«

»Und deshalb überfallen Sie mich hier am frühen Morgen?«

»Unterschätzen Sie die Bedeutung nicht, Madame. Eine schöne Frau beeinflußt ganz unbewußt Richter und Geschworene.«

»Ja, halten Sie mich denn auch für schuldig?«

»Ich erlaube mir kein Urteil. Ich weiß nur, daß ich Ihr Schicksal in diesen meinen beiden Künstlerhänden halte.«

»Wie können Sie das behaupten?«

»Sie gewinnen mit dem Coiffeur zugleich den Zeugen.«

»Was wissen denn Sie?«

»Selbst 'wenn ich nichts wüßte – man kann auch weniges so vortragen, daß es wie viel wirkt.«

»Eine Erpressung also.«

»Was für ein häßliches Wort.«

»Sie sind der zweiunddreißigste Zeuge, der mir zusetzt, obgleich er nichts weiß.«

»Ein Künstler wie ich versteht es, auch aus dem Nichts etwas zu machen.«

»Das ist ja furchtbar.«

»Ich brauche nur zu sagen, Sie seien mir an jenem Abend, als ich die Ehre hatte, Sie zu frisieren, durch Ihr Benehmen aufgefallen – Sie seien erregt gewesen, hätten sich über Ihren Mann beschwert und Drohungen gegen ihn ausgestoßen.«

»Das ist ja nicht wahr. Kein Wort von alle-dem ist wahr. Ich habe keine drei Worte mit Ihnen gesprochen – über meinen Mann schon gar nicht.«

»Wer kann das bezeugen?«

»Lump!«

François lächelte und sagte:

»Auch das wird man Ihnen nicht glauben. Denn ich habe Klientinnen, Namen von Klang, Dutzende – von denen ich so viel weiß, daß sie sich danach reißen werden, meinen Leumund zu bezeugen.«

»Schämen Sie sich denn nicht?«

François schien es zu überhören, streckte Frau Dorothée die Hand hin und sagte:

»Schlagen Sie ein, und ich werde vor Gericht bezeugen, daß die gnädige Frau an jenem Abend die Ruhe selber waren. Ich werde mich erinnern, daß ich beim Schlafengehen zu meiner Frau sagte: welch ein Glück für einen Mann, so eine Frau zu haben.«

Er ging auf sie zu, streckte die Arme nach ihr aus und sagte bettelnd:

»Dorothée!«

Die wich ein paar Schritte zurück, wehrte mit beiden Händen ab und rief wütend:

»Sagen Sie, was Sie wollen! Aber befreien Sie mich von Ihrer Gegenwart!«

François stutzte einen Augenblick, dann ließ er die Arme sinken und sagte mitleidig:

»Arme Dorothée!«

Dorothée stürzte zur Tür, rieß sie auf und rief:

»Hinaus!«

François schien durchaus nicht gekränkt. Er zog die Schultern hoch, blieb in der Tür stehen und flüsterte Dorothée zu:

»Falls Sie mich suchen – Hotel Mignon. Aber nur bis morgen.«

Dann ging er hinaus.

Sie hatte so laut gesprochen, daß Harvey erschien und fragte:

»Was war?«

»Das Übliche.«

»Erpressen also?«

»Ja!«

»Und was hast du gesagt?«

»Das hast du ja wohl gehört. Ich habe ihn hinausgeworfen.«

»Wieder ein Zeuge, der gegen dich aussagt.« »Ich will mit Erpressern nichts zu tun haben.«

»Diesen Luxus kann sich eine Frau, die unter dem Verdacht steht, ihren Mann ermordet zu haben, nicht leisten.«

»Ich habe ihn nicht ermordet!«

»Darauf kommt es nicht an.«

»Erlaube mal!« widersprach Dorothée und Harvey erwiderte:

»Ich werde es dir beweisen.«


7.

Sie hatten sich noch nicht gesetzt, da läutete es – und der Diener meldete: »Herr Staatsanwalt Dubois.« »Dubois?« fragte Dorothée entsetzt.

»Den hatte ich erwartet«, sagte Harvey, ging – als wäre er bei sich zu Haus – zur Tür, öffnete und sagte:

»Bitte, Herr Staatsanwalt!«

Auch Dubois schien über diesen Empfang erstaunt. Er trat ein, verbeugte sich – erst vor dem Amerikaner, dann vor Dorothée und sagte:

»Gnädige Frau! ich sehe mich leider genötigt, eine Haussuchung bei Ihnen vorzunehmen.«

Während Dorothée wütend die Hände ballte und scharf:

»Bitte!« sagte, fragte Harvey mit leichtem Spott:

»Etwas Neues, Herr Staatsanwalt Dubois?«

»Vielleicht, daß wir es hier finden«, erwiderte der.

»Glaubt man, ich halte den Mörder meines Mannes in meinem Hause versteckt?«

»Kaum. Aber vielleicht, daß wir hier Anhaltspunkte finden, die die Aufklärung beschleunigen.«

»Wir?« fragte Dorothée. »Sind Sie wieder von einer Eskorte Beamten begleitet?«

»Wir sind zu dritt – um so schneller werden Sie uns wieder los.«

»Und wann wird man aufhören, mich zu quälen?«

»Wenn alle, die in der Lage sind, die Aufklärung zu beschleunigen, ihre Pflicht täten«, erwiderte Dubois und sah dabei den Amerikaner an – »wir wären längst am Ziel.«

»Falls das ein Vorwurf gegen mich sein soll«, erwiderte Harvey, »weise ich ihn zurück.«

»Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß Sie in diesem Kampf der Behörde gegen das Verbrechen zum mindesten nicht auf Seiten der Behörde stehen.«

»Ich hoffe, Sie noch heute vom Gegenteil zu überzeugen.«

»Sind Sie zu mir gekommen, Herr Staatsanwalt – oder zu Mister Harvey?« fragte Dorothée.

»Zu Ihnen natürlich. Und zwar bin ich durch die Mitteilung einer Frau von Larue . . .«

»Meiner einzigen Freundin . . .«

». . . darauf aufmerksam gemacht worden, daß Sie den Kellner aus dem Hotel Excelsior Regina, der Sie in der Mordnacht bestahl und den wir zu drei Monaten mit Bewährungsfrist verurteilten, als Diener bei sich aufgenommen haben.«

»Allerdings.«

»Das muß doch einen besonderen Grund haben?«

»Das hat es auch.«

»Wollen Sie ihn mir nennen?«

»Ungern.«

»Und weshalb nicht?«

»Weil ich nicht gern unhöflich bin.«

»Am Ende bin ich gar die Ursache?«

»Erraten, Herr Staatsanwalt! Denn wenn ich zu Ihnen das Vertrauen hätte, daß Sie den Mord aufklären, so brauchte ich mich nicht zu bemühen . . .«

»Sie bemühen sich?«

» . . . und mich mit Leuten zu umgeben, von denen ich annehme, daß sie in irgendeinem Zusammenhang mit dein Verbrechen stehen.«

»Sie glauben noch immer, daß dieser Kellner . . .?«

»Ich wüßte es längst, hätten Sie mir nicht den Weg versperrt.«

»Ich Ihnen?«

» . . . und mir auf sehr geschickte Weise eine Zofe aufgedrängt . . .«

»Ich hätte Ihnen . . .?« erwiderte Dubois – , aber Dorothée fuhr unbeirrt fort:

» . . . die, statt – wie ich es wollte – mit diesem Kellner eine Liebschaft anzuknüpfen, Mister Harvey nachstellt.«

Dubois schien empört, wandte sich an den Amerikaner und fragte:

»Ist das wahr?«

»Sie geben also zu, sie zu kennen?«

»Ich finde Louise reizend«, bestätigte Harvey. – »Und wenn ich nicht mit Frau Marot verlobt wäre . . .«

»Ich bin außer mir«, unterbrach ihn Dubois.

» . . . . der soziale Unterschied wäre für mich kein Hinderungsgrund.«

»Ihr Werk! Herr Staatsanwalt!« triumphierte Dorothée – und Dubois erwiderte:

»Das Mädchen ist mir als besonders anständig und zuverlässig empfohlen worden – und da riet ich, da ich zufällig hörte, daß Sie eine Zofe suchen . . .«

»Dazu ist sie von einer Neugier«, sagte Dorothée – »ganz unausstehlich.«

»Das ist keine Neugier, das ist Interesse«, erwiderte der Amerikaner – und Dubois, der seine Sicherheit immer mehr verlor, sagte:

»Ihre Zeugnisse sind vorzüglich.«

Dorothée trat dicht an ihn heran und sagte:

»Wenn die nur nicht gefälscht sind, Herr Staatsanwalt!«

»Wie kannst du glauben,« widersprach Harvey, »darauf steht doch Gefängnis » »Mir ist sie jedenfalls unheimlich.«

»Ich glaube,« sagte Dubois zaghaft, »Sie tun ihr unrecht.«

»Kennen Sie sie so genau?« fragte Dorothée.

»Sie fragen so sonderbar.«

»Vielleicht überzeugen Sie sich selbst einmal«, sagte Dorothée und läutete. Gleich darauf erschien der Diener, dem sie auftrug: »Rufen Sie Louise!«

»Louise kleidet sich an, gnädige Frau!«

»Am Vormittag?«

»Ich wundere mich auch.«

»Wo will sie denn hin?«

»Ich weiß nicht – aber . . .«

»Was aber?«

»Ich traue ihr nicht.«

»Sie haben doch als letzter Grund, das Mädchen zu verdächtigen«, sagte Dubois – und der Diener erwiderte:

»Ich verdächtige sie nicht – aber wenn gnädige Frau nach Ihrem Schmuck sehen wollten – bevor Louise geht . . .«

Er hatte es kaum ausgesprochen, da erschien Frau Turel. Sie hatte ihre Zofentracht abgelegt und trug ein einfaches, aber geschmackvolles Kleid, darüber einen offenen Pelz, in der Hand einen Suite case. Als sie Dubois sah, stutzte sie.

Mister Harvey half ihr über ihre Verlegenheit hinweg und sagte:

»Entzückend sehen Sie wieder aus. Aber in Zofentracht gefallen Sie mir eigentlich noch besser.«

»Ich verstehe nicht, daß du in einer solchen Situation noch scherzen kannst«, schalt Dorothée.

»Es ist mein Ernst«, erwiderte Harvey, wandte sich an Dubois und fragte: »Finden Sie nicht auch, Herr Staatsanwalt?«

»Ob ich was finde?« fragte der – und Dorothée erwiderte:

»Eine gewisse Ähnlichkeit?«

»Mit wem?«

»Mit Frau Turel.«

»Soo?«

»Ich finde, Louise ist viel hübscher«, meinte Harvey – »und dann: eine Frau, die Spionage treibt, könnte mir nicht gefallen.«

Dubois, der sah, daß seine Position unhaltbar war, erwiderte:

»Sie treiben ein Spiel mit mir.«

»Wir mit Ihnen?« fragte Dorothée. »Sollte es nicht umgekehrt sein?«

»Ich tue nur meine Pflicht.«

»Ihre Pflicht wäre es jetzt, mir eine neue Zofe zu verschaffen.«

»Sie wollen uns wirklich verlassen, Louise?« fragte Harvey.

»Sie wissen genau, daß ich Frau Turel bin.«

»Ich schon – , aber der Herr Staatsanwalt scheint sich noch nicht ganz klar zu sein.«

Dubois nahm eine stramme Haltung an, trat an den Amerikaner heran und sagte:

»Mister Harvey, Sie vergessen, wem Sie gegenüberstehen.«

»Ihre Schuld, Herr Staatsanwalt, da es Ihnen gefällt, uns irrezuführen.«

»Ich sagte schon einmal: was ich tat, geschah im Interesse der Aufdeckung eines Kapitalverbrechens, wofür Sie erstaunlich wenig Interesse zeigen.«

»Das scheint Ihnen nur so«, erwiderte Harvey und sah dem Staatsanwalt fest in die Augen.


8.

Als sich Frau Turel, die sich ihrer Zofenstellung eigenmächtig enthoben hatte, mit einem kurzen Gruß zur Tür wandte, rief ihr Mister Harvey nach:

»Einen Augenblick, bitte!«

Frau Turel blieb stehen, wandte sich um und fragte in einem Ton, der nicht gerade höflich war:

»Was wollen Sie denn noch von mir?«

»Sie haben Ihr Staatsexamen gemacht?«

»Allerdings.«

»Würden Sie dann, wenn es zur Hauptverhandlung kommt, die Verteidigung von Frau Marot übernehmen?«

»Sie treiben schon wieder Ihren Spott mit mir.«

»Ich meine es vollkommen ernst – und zwar in Ihrem und Frau Marots Interesse.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie werden mit einem Schlage berühmt, wenn Sie in diesem Sensationsprozesse als Verteidiger auftreten.«

»Das ist wahr.«

»Sie werden Erfolg haben, denn die Pariser Geschworenen sind viel zu galant, um eine Frau zu verurteilen, die Sie verteidigen.«

Frau Turel stutzte, überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Ich werde die Verteidigung nicht übernehmen.«

»Ja, warum denn nicht?«

»Sie wollen sich einen unbequemen Zeugen vom Halse schaffen.«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber das wäre nur ein Grund mehr.«

»Um es nicht zu tun«, ergänzte Frau Turel den Satz. »Denn wie soll ich Frau Marot erfolgreich verteidigen, wo ich zum mindesten nicht von ihrer Unschuld überzeugt bin.«

»So wenig wie ich von Ihrer«, erwiderte Dorothée und sah Frau Turel herausfordernd an, die erwiderte:

»Das sagen Sie jetzt aus Verlegenheit.«

»O nein! Und wenn der Staatsanwalt nicht von der Idee besessen wäre, daß kein anderer als ich in Frage kommt, so säßen Sie längst hinter Schloß und Riegel.«

Frau Turel trat von der Tür aus wieder ins Zimmer, sie blieb ein paar Schritte vor Dorothée stehen und sagte:

»Das ist ja unerhört, was Sie da sagen.«

»Auch irren Sie,« erklärte Dubois, »wenn Sie annehmen, daß für die Staatsanwaltschaft als Täter nur Sie in Frage kommen.«

»Wollen Sie mich nicht gegen Frau Marot in Schutz nehmen, Herr Staatsanwalt?« fragte Frau Turel erregt – , worauf Dubois erwiderte:

»Ich habe kein Recht, Frau Marot in ihrer Verteidigung zu beschränken.«

»Gut!« erwiderte Dorothée, trat dicht an Frau Turel heran und rief: »Also sage ich Ihnen den Mord auf den Kopf zu.«

Frau Turel zuckte zusammen.

»Wie kannst du nur, Dorothée!« sagte Harvey, um den Eindruck zu mildern.

»Ist es dir lieber, daß man mich verdächtigt?«

»Was für Beweise hast du?«

»Die gleichen, die man gegen mich hat.«

»Sagen Sie, was Sie wissen, Frau Marot!« drängte Dubois.

»Erinnern Sie sich noch der Nacht im Hotel Excelsior Regina?« fragte Dorothée – und Frau Turel, die ihre Fassung wiedergewonnen hatte, erwiderte:

»Als wenn es heute wäre.«

»Sie selbst haben damals erklärt, daß es keinem Laien, geschweige denn einem Verbrecher, der auf Raub oder Mord ausgeht, einfallen würde, im selben Augenblick, in dem das Licht im Zimmer erlischt, durch das Fenster einzusteigen.«

»Das ist auch heute noch meine Überzeugung.«

»Sie haben ferner erklärt, daß Sie unser Hotelzimmer vom Augenblick unserer Ankunft an unter Kontrolle gehalten haben.«

»Das ist der Fall.«

»Sie haben sich vor unserer Ankunft davon überzeugt, daß sich niemand in dem Zimmer verborgen hielt.«

»Unter Garantie.«

»Da Sie auf dem Korridor standen und die Tür unseres Zimmers nicht aus den Augen ließen, so hätten Sie demnach sehen müssen, wenn sich jemand nach elf Uhr in das Zimmer eingeschlichen hätte.«

»Unbedingt.«

»Da aber jemand im Zimmer gewesen sein muß, können nur Sie ihn eingelassen oder zuvor darin versteckt haben.«

»Alles, was Sie da vorbringen,« sagte Dubois, »hat Frau Turel selbst vor dem Untersuchungsrichter erklärt, teils schon an jenem Abend, teils später.«

»Weil sie gescheit ist.«

»Das hätte sie doch verschwiegen.«

»Weshalb?«

»Weil es den Verdacht auf sie gelenkt hätte.«

»Hat es das getan? Weder Sie noch der Untersuchungsrichter, noch einer von uns ist darauf gekommen.«

»Da hast du recht«, sagte Harvey und Dorothée fuhr fort:

»Grade damit hat sie den Verdacht von sich abgelenkt.«

»Wieso?« fragte Dubois.

» . . und zugleich vorgebeugt – für den Fall, daß man sie stellte.«

»Inwiefern?«

»Weil sie nun sagen wird: haltet ihr mich denn für so dumm, daß ich euch alle Momente, die mich belasten, aufzählen werde, wenn ich mit dem Morde auch nur das geringste zu tun hätte?«

»Erstaunlich logisch für eine Frau«, dachte Har-vey, sprach es aber nicht aus – und Dorothée, der man es ansah, wie froh sie war, endlich gesagt zu haben, was ihr längst auf der Zunge brannte, wiederholte:

»Hätte der Staatsanwalt von Anfang an für Frau Turel das gleiche Interesse bekundet wie für mich, so hätte er erklärt: Die Fußspuren im Garten lassen darauf schließen, daß jemand aus-, aber nicht eingestiegen ist. Frau Marot konnte vom Korridor aus niemanden einlassen, ohne daß Frau Turel es sah. Frau Turel konnte genau beobachten, wann das Licht gelöscht wurde. Nur sie hatte den Schlüssel zum Zimmer – , also muß sie mit dem Täter unter einer Decke stecken.«

»Ich gebe zu – , so wie du das vorträgst, klingt es überzeugend«, sagte Harvey – und Dubois fragte:

»Aus welchem Motiv sollte Frau Turel denn gehandelt haben?'»

»Hat man bei mir nach Motiven gefragt?«

»Bei Leuten, die miteinander verheiratet sind, besteht immer ein gewisser Verdacht«, meinte Harvey – und Dorothée, die viel zu erregt war, um es als Scherz zu nehmen, erwiderte:

»Eine köstliche Begründung.«

»Bestimmt nicht, um zu rauben,« sagte Dubois, der sichtlich bemüht war, Frau Turel zu entlasten, »denn da gab es im Hotel Excelsior Regina doch lohnendere Opfer.«

»Vielleicht aus Eifersucht«, erwiderte Dorothée.

»Ihr Gatte kannte Frau Turel?«

»Mir hat er es nicht erzählt.« – Sie wandte sich an Harvey. »Aber ihm vielleicht.«

»Ich hatte erst in der Mordnacht das Vergnügen, die Bekanntschaft Frau Turels zu machen«, erwiderte Harvey – , woraufhin Dubois sagte:

»Sie nehmen den Fall scheinbar noch immer nicht ernst.«

»Sie irren, Herr Staatsanwalt. Ich habe an dem Ausgang des. Prozesses ein größeres Interesse als Sie.«

»Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich . . . » fragte Frau Turel, die sich bisher beherrscht hatte.

»Seien Sie unbesorgt«, erwiderte Dubois. »Ich

übersehe die Situation.«

»Mir scheint, Sie übersehen vieles«, sagte

Harvey.

»Jedenfalls eins nicht: daß Sie in diesem Kampf

mein Gegner sind.«

Der Amerikaner wies auf Dorothée und sagte: »Ich decke eine Frau – mehr nicht.« »Genau, wie Sie Frau Turel decken«, sagte

Dorothée – woraufhin Dubois rief:

»Was fällt Ihnen ein? Glauben Sie, ich bin auf Ihre Informationen angewiesen? Wir haben Frau Turel vom ersten Tage an unter Kontrolle gehalten.«

»Was haben Sie?« fragte Frau Turel entsetzt.

»Um Ihre Wahrnehmungen zu machen, Frau Marot – dazu gehörte kein besonderer kriminalistischer Scharfsinn. Wir aber haben darüber hinaus, was Ihnen sonderbarerweise entgangen ist, festgestellt, daß Frau Turel, die Ihr Zimmer ständig, also auch im Augenblick, in dem der verhängnisvolle Schuß fiel, unter Kontrolle hielt – als eine der letzten am Tatort erschien . . .«

»Das stimmt!« rief Frau Dorothée.

» . . . als Gäste, die am Ende des Flurs wohnten, schon längst an der Zimmertür standen.«

»Was schließen Sie daraus?« fragte Frau Turel – und Dorothée erwiderte:

»Daß sie erst fortgelaufen und dann zurückgekommen sind.«

»Zum mindesten, daß Ihnen daran lag, nicht als erster am Tatort betroffen zu werden«, ergänzte Dubois.

»Sie halten es für möglich?«

»Es ist meine Pflicht, jede Möglichkeit ins Auge zu fassen.«

»Und trotzdem haben Sie es zugelassen, daß ich als Ihre Vertrauensperson unter dem Deckmantel einer Zofe hier herumspitzelte?«

»Ich halte das System, der Tat Verdächtige, die nichts miteinander zu tun haben, zusammenzubringen, mit für eins der wertvollsten Hilfsmittel zur Aufklärung eines Verbrechens »

»Und der Erfolg – in diesem Falle?« fragte Frau Turel erregt.

»Den werden Sie erfahren. – Zunächst einmal bitte ich Sie, noch heute einen Bericht zu den Akten zu geben über die Wahrnehmungen, die Sie hier im Hause gemacht haben.«

Alle stutzten. Und Frau Turel fragte: »Als Staatsanwaltsgehilfe – oder als der Tat Verdächtigte?«

»Das erfahren Sie später«, erwiderte Dubois – und Frau Turel verließ ohne einen Gruß das Haus.


9.

Als Frau Turel gegangen war, stürzte Dorothée auf den Staatsanwalt zu – sie mußte sich beherrschen, daß sie ihm nicht um den Hals fiel – und rief:

»Sie haben die Beweise?«

»Was für Beweise?« fragte Dubois kühl.

»Daß Frau Turel meinen Mann ermordet hat?«

»Aber nein!«

»Sie sagten doch . . .«

»Ich hatte den Verdacht. – Seit heute früh habe ich ihn nicht mehr.«

»Sie sind also nicht . . . ihretwegen gekommen?«

»Mein Besuch gilt Ihnen, Frau Marot!«

»Was wollen Sie von mir? – Sie haben mir wochenlang zugesetzt. Soll die Quälerei von neuem beginnen?«

Dubois wies auf den Schreibtisch, der am Fenster stand und sagte:

»Bitte, öffnen Sie!«

»Es ist nichts drin außer ein paar Briefen und ganz persönlichen Dingen.«

»Grade die suche ich.«

»Es ist beinahe kränkend, für wie dumm Sie mich halten«, sagte Dorothée, während sie den Schreibtisch öffnete.

»Wieso?« fragte Dubois.

»Wenn ich meinen Mann ermordet hätte, glauben Sie, ich würde dann darüber mit meinen Freundinnen korrespondieren?«

Dubois setzte sich an den Schreibtisch, öffnete sämtliche Schübe, entnahm ihnen Stöße von Briefen und schnüffelte darin herum

Dorothée zündete sich eine Zigarette an.

Nach einer Weile fragte Dubois, der aus dem Schreibtisch ein Dokument herausgezogen und es schnell gelesen hatte:

»Gehört das auch zu der harmlosen Korrespondenz?«

Er zeigte Dorothée das Schriftstück. – Die warf nur einen Blick darauf und erwiderte:

»Die Lebensversicherung meines Mannes.«

»Über sechshunderttausend Frank! Wohl eines Verbrechens wert – zumal, wenn man sich wie Sie in mißlicher pekuniärer Lage befindet.«

Dorothée sah den Staatsanwalt unsicher an und erwiderte zögernd:

»Ich bin ja an die Versicherung gar nicht herangetreten.«

Und der Amerikaner bestätigte:

»Frau Marot hat sich die Summe nicht auszahlen lassen.«

»Grade das belastet Sie . . .«

»Nanu?« rief Harvey erstaunt, und Dubois fuhr zu Dorothée gewandt fort:

» . . . und zeugt von Ihrem schlechten Gewissen.«

»Ich . . . habe . . .«

»Es ist wohl noch nicht dagewesen«, fiel ihr Dubois ins Wort – »daß eine Frau, die das Leben ihres Mannes hoch versichert hat, sich nach dessen Tode die Summe nicht auszahlen läßt.«

»Ich . . . hätte . . . die Versicherung ja noch eingelöst.«

»Das ist nicht wahr!« widersprach Dubois. »Wie können Sie das wissen?« fragte Harvey. »Die Frist ist abgelaufen.«

Es entstand eine Pause, während der Dubois Frau Dorothée nicht aus den Augen ließ. Dann sagte der Amerikaner:

»Ich war es, der Frau Dorothée davon zurückgehalten hat.«

»Aus welchem Grunde?« »Ich bin mit Frau Marot verlobt.« »Das ist mir bekannt.« »Ich habe die Absicht, sie zu heiraten.« »Die hat man gewöhnlich, wenn man sich verlobt.«

»Das möchte ich bestreiten – ich jedenfalls habe sie.«

»Ja – und?«

»Das Geld wäre durch die Ehe mir zugefallen. – Das war mir, da Marot mein Angestellter war, ein peinliches Gefühl. Deshalb bat ich Frau Marot, darauf zu verzichten.«

»Das ist eine Erklärung, wenn sie auch nicht sehr glaubhaft klingt.«

Der Staatsanwalt legte das Dokument in seine Aktenmappe, sagte:

»Beschlagnahmt!« – und nahm aus dem Schreibtisch einen Stoß Briefe, in denen er herumblätterte. –

Plötzlich fragte er:

»Wer ist Andrée?«

»Mein Mann!«

»Das könnten Sie nun allmählich wissen«, meinte Harvey, und Dorothée, die sich kaum noch beherrschte, fragte den Amerikaner:

»Muß ich mir das denn gefallen lassen?« – Dann wandte sie sich wieder an den Staatsanwalt und fragte:

»Was wollen Sie bloß mit den Liebesbriefen aus der Zeit unserer Verlobung?«

»Gerade die interessieren mich.«

»Glauben Sie, ich hatte damals schon die Absicht, Marot umzubringen?«

Dubois richtete sich blitzschnell auf und fragte:

»Wann ist Ihnen die Absicht denn gekommen?«

»Nie!« erwiderte Dorothée.

»Aus der Erklärung, daß Sie damals die Absicht noch nicht hatten, geht doch deutlich hervor, daß Sie sie später ja hatten.«

»Sie treiben es noch so weit, daß ich Ihnen erkläre: ja! ich habe ihn ermordet! nur, um endlich zu einem Ende zu kommen«, rief Dorothée verzweifelt.

»Gestehen Sie's!« drängte Dubois.

»Nein!! – Und wenn ich es getan hätte – Ihnen würde ich es nie gestehen.«

»Weshalb nicht mir?« fragte Dubois.

»Weil Sie kein Herz haben.«

»Sie haben ihn also aus Liebe zu einem ändern Mann ermordet.«

»Sie sind ja wahnsinnig.«

Dubois erhob sich, sah Dorothée scharf an und fragte:

»Heißt dieser Mann vielleicht Henri Voisin?«

»Wa. . .?« entfuhr es Harvey, der leicht zusammenzuckte.

»Wer soll das sein?« fragte Dorothée – und der Staatsanwalt erwiderte:

»Ihr Geliebter!«


10.

Hätten die Aufregungen der letzten Wochen Dorothées Nerven nicht so arg mitgenommen, hätte sie sich auch nur ein wenig von dem Humor bewahrt, der ihr früher so oft geholfen hatte – sie hätte den Staatsanwalt, der ihr mit einem völlig unbekannten Geliebten – man kann nur sagen: ins Gesicht sprang, einfach ausgelacht.

Aber sie war mürbe, müde und mißtrauisch. Nicht gewöhnt, daß man jede ihrer Äußerungen wertete, deutete und so auslegte, wie es ein um die Aufklärung eines Mordes bemühter Staatsanwalt für zweckmäßig fand, hatte sie sich zu oft in die Nesseln gesetzt, um nicht vorsichtig jedes ihrer Worte auf seine Wirkung hin zu prüfen. Statt, was ihr nahelag und ihrem Gefühl entsprach, laut aufzulachen, erwiderte sie dem Staatsanwalt, der glaubte, durch die Worte: »Henri Voisin – Ihr Geliebter!« sein Opfer endlich zur Strecke gebracht zu haben:

»Sie muten mir etwas viel zu! Einen toten Mann, der kaum unter der Erde liegt, einen Verlobten« – sie wies auf Mister Harvey – »und nun noch einen Geliebten, den ich nicht einmal dem Namen nach kenne.«

Dubois ging gar nicht darauf ein, sondern fragte ruhig und bestimmt:

»Wann haben Sie Voisin das letzte Mal gesehen?«

»Ich kenne keinen Voisin.«

Dubois wandte sich an den Amerikaner und fragte:

»Kennen Sie ihn?«

»Was soll er sein?«

»Weinreisender aus Bordeaux.«

»Und woraus schließen Sie, daß Frau Marot ihn kennt?«

»Weil er mit dem Morde in Verbindung steht.«

»Wo ist der Mann?« fragte Dorothée.

Dubois erwiderte:

»Das grade möchte ich von Ihnen hören.«

Dorothée rang verzweifelt die Hände und rief:

»So glauben Sie mir doch endlich, daß ich nichts mit dem Morde zu tun habe.«

»Wie erklären Sie dann, daß dieser Henri Voisin . . .«

»Ich habe den Namen nie gehört.«

». . . am Tage vor dem Morde in einem Hotel in Marseille abgestiegen ist, spätabends das Hotel unter Zurücklassung seines Gepäcks verlassen hat und seitdem, das heißt, also seit dem Mordtage, spurlos verschwunden ist?«

»Was geht das mich an, wenn ein Weinreisender in Marseille verschwindet?«

»Vielleicht ist ihm ein Unfall zugestoßen«, sagte Harvey – und Dorothée fügte hinzu:

»Oder er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen.«

»In beiden Fällen hätte man seine Leiche gefunden.«

»Sie haben eine sehr hohe Meinung von der Polizei«, sagte Harvey – und Dubois ergänzte:

»Die Sie vielleicht teilen werden, wenn ich Ihnen verrate, daß es den Ermittlungen der Polizei gestern gelungen ist, festzustellen . . .«

»Was festzustellen? fragte Dorothée erregt – und der Staatsanwalt fuhr fort:

» . . . daß Henri Voisin weder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, noch einem Verbrechen.«

»Sondern?« fragte Dorothée.

»Daß er lebt.«

»Sie haben ihn?« fragte Harvey erregt.

»Als ihn die italienische Polizei auf unser Ersuchen hin in Rovereto festnehmen wollte . . .«

»Entfloh er?« fragte der Amerikaner und Dubois erwiderte:

»Irgendwer muß ihn gewarnt haben.«

Dorothée fragte:

»Etwa ich?«

»Vermutlich.«

Dorothée wandte sich an Harvey und rief verzweifelt:

»So sag' ihm doch, daß ich seit Tagen nicht aus dem Haus gegangen bin.«

»Vielleicht haben Sie Ihren sogenannten Diener bemüht?«

»Es läßt sich doch feststellen, ob von Marseille aus ein Telegramm nach Rovereto abgesandt worden ist.«

»Es braucht ja nicht von Marseille aus gegangen zu sein.«

»Haben Sie seine Spur verloren?« fragte Harvey.

»Leider! – Aber er floh so Hals über Kopf, daß er«, und er sah dabei Dorothée scharf an, »wichtiges Beweismaterial zurückgelassen hat.«

»Genügend, um ihn zu überführen?« fragte Dorothée.

»Ihn und Sie,« sagte Dubois.

»Mich?«

Der Staatsanwalt zog eine Photographie aus der Tasche und reichte sie Dorothée.

»Mein Bild!« rief Dorothée entsetzt, und Dubois erwiderte triumphierend:

»Man hat es in seinem Zimmer gefunden.«

»Das ist ja . . . ja wie kommt . . . dieser fremde Mensch . . .?« rief Dorothée fassungslos.

»Möchten Sie sich jetzt vielleicht zu einem Geständnis bequemen?« fragte Dubois.

Dorothée sah ihn entgeistert an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Sie werden begreifen, daß ich Sie unter der Last dieses erdrückenden Beweismaterials nicht auf freiem Fuß lassen kann.«

»Dieser Photographie wegen?« fragte Dorothée, die am ganzen Körper zitterte.

»Kann dieser Henri Voisin das Bild denn nicht gestohlen haben?« fragte Harvey.

»Innerhalb der zwei Sekunden, die er im Zimmer war und den Mord ausführte?« erwiderte Dubois. »Wohl kaum.«

»Vielleicht stand das Bild auf dem Nachttisch.«

Dorothée richtete sich auf und rief:

»Er trug es in seiner Brieftasche.«

»Wer?« fragte Dubois.

»Mein Mann! Andrée!«

»Also, Herr Staatsanwalt!« sagte Harvey und lächelte hämisch: »Da die Brieftasche gestohlen wurde, so ist es ganz natürlich, daß man bei dem Mörder auch das Bild gefunden hat.«

Auch Dorothée erlangte ihre Sicherheit wieder und sagte:

»So häßlich, daß er sich davon befreien mußte, bin ich ja schließlich nicht.«

»Ich gebe die Möglichkeit zu«, sagte Dubois betreten, und Harvey erwiderte:

»Das Gegenteil wäre konstruiert.«

»Im übrigen: woher wußte man denn, daß dieser Voisin sich in Rovereto verborgen hielt?« fragte Dorothée.

»Aus einer anonymen Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft einging.«

»Darin bestand also Ihre Tüchtigkeit?« fragte Dorothée höhnisch.

»Ich muß Sie bitten, sich jeder Kritik meiner Amtshandlung zu enthalten.«

»Kann man dies anonyme Schreiben einmal sehen?« fragte Dorothée, und Dubois erwiderte:

»Gewiss!« – griff in die Tasche und zog einen Brief heraus. Dann fragte er: »Was wollen Sie daraus ersehen?«

»Der Schreiber muß doch ganz genau im Bilde sein«, erwiderte Dorothée und nahm den Brief, den Dubois ihr reichte.

Sie entfaltete den Brief, um ihn zu lesen – fuhr beim ersten Blick, den sie auf das Schreiben warf, zusammen, sah den Amerikaner entsetzt an und rief:

»Das ist ja deine Hand . . .«


11.

Harvey fiel Dorothée ins Wort, noch bevor Dubois den Sinn ihres Ausrufes erfaßte – und fragte:

»Was haben Sie zur Festnahme des Mörders veranlaßt?«

»Ich habe einen Steckbrief hinter ihm erlassen und die Grenzen benachrichtigt.«

»Glauben Sie denn, er wird nach Frankreich zurückkehren?«

Dorothée, die noch immer das Schreiben in der Hand hielt und sich vergebens bemühte, die Zusammenhänge zu ergründen, starrte sprachlos Mister Harvey an.

»Der letzten Meldung nach,« sagte Dubois, »hat er den Riviera-Expreß benutzt.«

»Dann wäre ja alles in bester Ordnung.«

»Willst du mir nicht erklären, in welchem Zusammenhange du . . .« fragte Dorothée und wies auf den Brief.

»Erinnere dich, was ich dir damals im Hotel Excelsior Regina versprach.«

»Ich erinnere mich nicht.«

»In drei Monaten, versprach ich dir, ist alles überstanden.«

»Das sagtest du, um mich zu beruhigen.«

»Ich habe noch nie etwas versprochen, was ich nicht gehalten habe.«

Dubois, der am Schreibtisch saß und die Briefe zu einem Haufen türmte, erklärte mit einer gewissen Feierlichkeit:

»Die gesamte Korrespondenz wird beschlagnahmt.«

Dorothée, die glaubte, endlich aus jedem Verdacht heraus zu sein, stürzte.

»Ich denke, Sie kennen den Mörder?« fragte sie – und Harvey fügte hinzu:

»Und seine Verhaftung steht unmittelbar bevor?«

»Was wollen Sie dann noch von mir?«

»Der Verdacht, daß Sie den Weinhändler Henri Voisin zu dem Morde angestiftet, zum mindesten aber ihm Beihilfe geleistet haben, be steht fort.«

»Stellen Sie mich diesem – Voisin doch gegenüber!« rief Dorothée verzweifelt – und Dubois erwiderte:

»Dazu müssen wir ihn erst haben.«

»Also morgen,« sagte Harvey – »vielleicht schon heute nachmittag.«

»Wieso?« fragte Dubois erstaunt.

»Ich nehme an – da Sie ihn dank diesem anonymen Schreiben doch gestellt haben und hinter ihm her sind.«

Dubois wandte sich an Dorothée und sagte:

»Führen Sie mich in die anderen Räume. Vor allem in Ihr Schlafzimmer.«

»Suchen Sie den Weinhändler etwa in meinem Bett?« fragte Dorothée spöttisch.

»Sie werden in Ihrem Zimmer vermutlich ein Safe oder sonst verschließbare Gegenstände haben, in denen Sie Ihnen wichtige Papiere aufbewahren.«

»Ich besitze keine mir wichtigen Papiere – es sei denn, daß Sie Interesse an unbezahlten Rechnungen haben.«

»Ich muß Sie bitten, mir den gleichen Ernst entgegenzubringen wie ich Ihnen.«

»Und ich erkläre Ihnen,« erwiderte Dorothée nervös, »daß Sie ein Menschenleben auf Ihr Gewissen laden, wenn Sie nicht endlich aufhören, mich zu quälen.«

»Ich tue meine Pflicht und bin bemüht, die Untersuchung mit möglichster Schonung zu führen«, erwiderte Dubois und wandte sich zur Tür.

»Wenn es dir recht ist, Dorothée, so führe ich den Staatsanwalt durch die Wohnung.«

»Ich wäre dir dankbar! – Aber mein Schlafzimmer betritt weder er noch du.« »Ist das Zimmer verschlossen?«

»Da ich auf Ihren Besuch nicht vorbereitet war: nein! Andererseits hätte ich es verbarrikadiert! Darauf können Sie sich verlassen.«

»Sie werden begreifen, daß man eine Untersuchung wegen Mordes nicht unter Beobachtung gesellschaftlicher Formen führen kann.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Dorothée, wies zur Tür und sagte zu Harvey: »Bitte!«

Harvey öffnete, wandte sich an Dorothée und sagte:

»Sie gestatten, daß ich vorausgehe.«

Dann gingen beide hinaus.

Dorothée rief den Diener und trug ihm auf, nachzusehen, ob Louise das Schlafzimmer in Ordnung gebracht hatte.

Gleich darauf läutete das Telephon.

Frau Marot nahm den Hörer ab und fragte:

»Wer ist da?«

»Die Kriminalpolizei.«

»Ja, bitte!«

»Und zwar Frau Turel.«

»Was wollen Sie?« fragte Dorothée unfreundlich.

»Rufen Sie bitte Herrn Staatsanwalt Dubois an den Apparat.«

»Der soll seine Gespräche von wo anders ausführen.«

Dorothée sah nicht, daß in diesem Augenblick jemand behutsam die Flurtür ins Zimmer schob, daß ein Mann, bartlos, ungepflegt und in schlechter Kleidung ins Zimmer trat und scheu, fast furchtsam in unmittelbarer Nähe der Tür stehenblieb.

Dorothée hielt noch immer den Hörer in der Hand.

»Was sagen Sie? – Sie sind dem Mörder auf der Spur? – Er hält sich in unserer Stadt auf? Wo hat man ihn gesehen? Am Place . . . . Das ist ja in unserer unmittelbaren Nähe.«

In diesem Augenblick sagte der Mann an der Tür – leise, aber mit einer Stimme, die tiefes Gefühl verriet:

»Dorothée!«

Frau Marot wandte sich um, sah den Mann, ließ den Hörer fallen und schrie:

»Andrée!«

Es ratterte in dem Apparat.

Marot tat ein paar Schritte, blieb dann stehen und fragte:

»Bist du allein?«

Dorothée sah ihn entgeistert an. Sie schien sich noch nicht klar, ob, was sie sah, Halluzination oder Wirklichkeit war.

»Andrée!« wiederholte sie – »du lebst?«

»Wir haben es dir verschwiegen.«

»Was habt ihr?« fragte sie verständnislos.

»Harvey meinte, es sei besser, du erfährst es nicht.«

»Aber . . . wir haben dich doch . . .« sie führte die Hände vor das Gesicht – »der Sarg, die Blumen und die vielen Menschen . . .«

»Das war nicht ich.«

»Nicht du?« – Sie quälte sich mit jedem Wort. – »Und im Hotel? . . . im Bett . . . der Tote . . .?«

»Harvey wird dir alles erklären.«

Dorothée stand regungslos. Plötzlich zuckte sie jäh zusammen. Ein Gedanke kam ihr. Sie wehrte sich. Aber er hielt sie fest – ergriff Besitz von ihr.

»Andrée!« rief sie. »Ich begreife!«

»Leise, Dorothée!« flüsterte er.

Aber Frau Marot versagten die Kräfte. Sie krampfte die Hände um den Stuhl, an dem sie stand und sagte:

»Ihr habt einen anderen umgebracht.«

»Bei Gott im Himmel, nein!« erwiderte Marot und hob den Arm, als wenn er Dorothée, die weit von ihm entfernt stand, stützen wollte.


12.

So standen sie beide – unbeweglich – als durch die offene Flurtür Frau Turel trat und, ohne Marot zu sehen, eilig auf Dorothée zuging.

»Sie schrien plötzlich am Apparat. . .«

Jetzt sah sie die Veränderung, die mit Dorothée vorgegangen war. Blaß wie der Tod stand sie da und stierte zur Wand.

Frau Turel wandte sich um – und sah Marot

– zog einen Steckbrief aus der Tasche – und verglich. Halblaut vor sich hin sagte sie:

»Ein Meter achtundsechzig – dunkles Haar

– hohe Stirn – blaue Augen – gewölbter Mund – «

Sie trat an ihn heran. – Marot rührte sich nicht. – Sie griff in seine Tasche und zog eine Brieftasche daraus hervor, zeigte sie Dorothée und fragte:

»Kennen Sie die Tasche?«

»Sie gehört . . .« erwiderte Dorothée zögernd.

»Dem ermordeten Marot«, sagte Frau Turel. »Erkennen Sie sie wieder?«

Dorothée erwiderte leise:

»Ja«

Frau Turel griff ein zweites Mal in Marons Tasche.

»Die Uhr Ihres Mannes«, sagte sie und zeigte sie Dorothée.

Dorothée nickte. –

»Nach Ihnen, Herr Staatsanwalt!« hörte man den Amerikaner im Nebenzimmer sagen. – Gleich darauf traten Dubois und Harvey durch die Tür.

»Wen haben Sie denn da?« fragte Dubois und wies auf Marot.

»Herrn Voisin!« erwiderte Frau Turel. »Den Mörder Marots.«

»Ausgezeichnet!«

Frau Dorothée stand verzweifelt. Aber Harvey verzog keine Miene. – Auch jetzt, als Dubois auf Marot zuging, ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte:

»Henri Voisin! Sie sind verhaftet«, sagte der Amerikaner nur:

»Herr Staatsanwalt, mein Kompliment!«



Dritter Teil.

1.

Die Voruntersuchung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Marot war durch die Papiere, die er bei sich trug, als der Weinreisende Henri Voisin identifiziert. Auch das Bild auf dem Paß ähnelte ihm. Die Kleider, die er trug, stammten aus Bordeaux. Die Briefe, die man in seinen Taschen fand, waren an Henri Voisin gerichtet. Er selbst bestritt auch gar nicht, der auf Grund anonymer Anzeigen Gesuchte zu sein. Den Mord an Marot begangen zu haben, leugnete er hartnäckig und wich allen verfänglichen Fragen mit der Erklärung aus:

»Die Beweislast haben Sie.«

An seine Mutter, die alte Voisin, nach Bordeaux zu schreiben, lehnte er ab, mit der Begründung, es sei nach Ansicht des Staatsanwaltes und Untersuchungsrichters doch alles klar, und er wolle den Fall nicht unnützer Weise komplizieren. Im übrigen möchte er der alten Frau die Unbequemlichkeiten der Reise und die mit einem Besuch im Untersuchungsgefängnis verbundenen Aufregungen ersparen.

Auch für die Motive des Raubmordes fanden die Behörden genügendes Material. Voisin hätte für seine Firma in Bordeaux größere Summen einkassiert und unterschlagen. Auch war er, wenn auch unerheblich, schon einmal vorbestraft. – Dafür, daß er sich nach der Tat in Italien verborgen gehalten hatte, wußte er ebensowenig einen Grund anzugeben wie für die belastende Tatsache, daß man Brieftasche und Uhr des ermordeten Marot bei ihm gefunden hatte.

Was dem Untersuchungsrichter und vor allem Dubois besonders am Herzen lag, war die Feststellung: wie war Voisin gerade auf Marot verfallen?

Auch die Frage glaubte der Untersuchungsrichter geklärt zu haben. Marots hatten den Abend, bevor sie ihre Autoreise nach Nizza antraten, mit Mister Harvey im Palais de la Bouillabaisse auf dem Chemin de la Corniche zu Abend gespeist. Voisin leugnete nicht, am gleichen Abend dort gesessen zu haben. Die Anklage nahm also an, daß Voisin an einem Tisch in der Nähe des Ehepaares und des Amerikaners gesessen, deren Gespräch, das sich um die Reise nach Nizza drehte, belauscht hatte und dadurch erst auf den Gedanken gekommen war – zumal Frau Marot zu ihrer Abendtoilette sämtlichen Schmuck angelegt hatte – ebenfalls nach Nizza zu fahren und dort die Tat auszuführen.

Vermutlich hatte er die Absicht gehabt, noch in der gleichen Nacht nach Marseille in sein Hotel zurückzukehren, was durchaus möglich gewesen wäre. Die Frage, weshalb er das nicht getan hatte, ließ er wie so viele andere Fragen unbeantwortet. Die Anklage nahm an, daß er sich scheute, nach Ausführung des Mordes den erleuchteten Bahnhof in Nizza zu betreten. Auch rechnete er vielleicht damit, daß nach Bekanntwerden des Mordes die Bahnhöfe sofort unter Kontrolle standen, und zog es daher vor, die Nacht über in der Stadt zu bleiben. Angeblich war er dann am nächsten Morgen, ohne irgendwelche Vorsicht zu üben, über die Grenze gegangen.

Somit blieb nach Ansicht des Untersuchungsrichters nichts ungeklärt. Aber die Phantasie der Südfranzosen, die ungern sah, daß aus einer cause célèbre erster Ordnung ein ganz simpler Raubmord wurde, klammerte sich an alles, was die anfangs schwerbelastete Ehefrau des Ermordeten, Dorothée Marot, auch jetzt noch verdächtig erscheinen lassen konnte.

Auch der Staatsanwalt Dubois ging dieser Spur nach. Er stellte Frau Dorothée dem Angeschuldigten gegenüber. Sie erklärte sich bereit, zu beschwören, Henri Voisin nicht einmal dem Namen nach gekannt zu haben. – Voisin selbst gab die Möglichkeit zu, im Palais de la Bouillabaisse in Marseille Frau Marot gesehen zu haben. Auf die Frage, wo er sich in der Nacht vom 14. zum 15. April aufgehalten habe, erwiderte er:

»Es gibt Dinge, über die ein Mann von Welt nicht spricht, selbst wenn er sich dadurch dem Verdacht eines Mordes aussetzt.«

Der Untersuchungsrichter wußte nicht recht, ob der Angeschuldigte das ernst meinte oder sich über ihn lustig machte. – Jedenfalls gestand der Angeschuldigte trotz des erdrückenden Beweismaterials den Mord nicht ein. Die Voruntersuchung wurde abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft stellte Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens – und die Beschlußkammer faßte den Eröffnungsbeschluß.


2.

Kurz nach der Verhaftung des Angeschuldigten hatte Mister Harvey, der für die Außenwelt noch immer mit Frau Dorothée verlobt war, Frau Turel aufgesucht.

Sie bewohnte eine kleine Dreizimmerwohnung in der Rue Sylvabelle, die trotz ihrer Einfachheit von dem erlesenen Geschmack ihrer Bewohnerin zeugte. Sie empfing ihn ungezwungen und lud ihn ein, sich zu setzen. Ja, entgegen der beinahe schroffen Art, in der sie ihm bisher begegnet war, bot sie ihm Zigaretten und schwarzen Kaffee an und sagte auf sein erstauntes Gesicht hin:

»Sie wundern sich? – Ja, Herr Amerikaner« – diese Anrede klang etwas schnippisch – »außeramtlich bin ich umgänglicher und verträglicher. Aber in Ausübung meines Berufes – zumal, wenn man mich nicht ernst nimmt – kann ich unausstehlich sein.«

»Leider führt mich auch heute wieder diese unselige Marot-Affäre zu Ihnen.«

»Ich hätte eigentlich Frau Marot erwartet.«

»Zu welchem Zweck?«

»Als Triumphator!«

»Sie haben sich gegenseitig beschuldigt – haben also einander nichts vorzuwerfen.«

»Frau Marot fühlte sich durch mich beleidigt und hat diese Beleidigung zurückgezahlt – nicht sehr glücklich, aber immerhin mit Verstand.«

»Ich komme nicht Frau Marots wegen.«

»Sondern?«

»Um Sie zu bitten, die Verteidigung Herrn Voisins zu übernehmen.«

Frau Turel war überrascht.

»Voisin? – Ja, was geht Sie denn der an?«

»Ich bin in diese Mordaffäre hineingeraten – ich weiß selbst nicht, wie.«

»Sie mußten sich ja mit Frau Marot verloben«, entfuhr es Frau Turel – sehr gegen ihren Willen – und sie suchte die Wirkung abzuschwächen, indem sie sagte: »Da der Ermordete Ihr Marseiller Korrespondent war, so ist Ihr Interesse durchaus verständlich.«

»Sie finden es also auch begreiflich, daß ich mich für Voisin einsetze?«

»Nein! ich finde es sonderbar, verrückt, amerikanisch!«

»Ich habe das Wild dem Staatsanwalt in die Arme gehetzt. . .«

»Sie haben . . .?«

». . . und fühle ihm gegenüber jetzt eine Art Verantwortung.«

»Er ist ein Mörder.«

»Er ist es nicht.«

»Wie können Sie angesichts der Beweise auch nur einen Augenblick lang zweifeln?«

»Kennen Sie ihn?«

»Ich habe ihn nur einen Augenblick lang bei Frau Marot gesehen.«

»Ihr Eindruck?«

»Ich konnte mir in dem Augenblick kein Urteil bilden. – Aber woher kennen Sie ihn?«

»Ich habe ihn mit Erlaubnis des Untersuchungsrichters aufgesucht. Ich bin, als ich noch Reporter war, mit Dutzenden von Mördern zusammengekommen.«

»Ja, und . . .?«

»Ich kenne die Psyche der Verbrecher. Dieser Voisin ist ein harmloser Mensch.«

»Und wie erklären Sie sich das ihn belastende, ja erdrückende Beweismaterial?«

»Alles das ist natürlich nicht zu widerlegen.«

»Nun also!«

»Liebe Frau Turel! An einen solchen Fall muß man ganz anders herangehen. Gegen die Beweise, die Herrn Dubois für die Schuld des Angeklagten zur Verfügung stehen, kommen Sie nicht an – weder mit Logik noch mit juristischen Spitzfindigkeiten.«

»Womit denn?«

»Mit Sentiments. – Und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß Sie sich mit dem Panzer des Juristen nur deshalb so ängstlich umhüllen, weil Sie fürchten, man könnte den weiblichen Instinkt und das warme Herz, das dahinter schlägt, entdecken.«

»Wie soll ich mir nur das Interesse erklären, das Sie an meiner Person nehmen?«

»Grad' heraus: Sie gefallen mir.«

»Und was sagt Ihre Braut, Frau Marot, dazu?«

»Sie wissen, daß diese Verlobung nur erfolgt ist, urn Frau Dorothée ihren Verfolgern gegenüber – zu denen auch Sie gehörten – eine Position zu geben.«

»Und was wollen Sie von mir?«

»Ich sagte es Ihnen ja, Sie sollen Voisin verteidigen. Ich biete Ihnen ein Honorar von fünftausend Dollar – möchte aber nicht. . .«

»Mir fehlt jede Routine. Außer in ein paar belanglosen Zivilprozessen bin ich noch niemals als Verteidiger aufgetreten.«

»Es genügt, daß Sie da sind – und unter Ausschaltung alles Juristischen einfach als Frau wirken.«

»Man wird Voisin zum Tode verurteilen – und das Resultat meines ersten öffentlichen Auftretens wird mir die Karriere erschweren.«

»Jetzt, liebe Turel, sage ich: pfui, wie amerikanisch.«

Frau Turel errötete leicht, reichte Harvey die Hand und sagte:

»Ich nehme an.«

Er nahm ihre Hand, führte sie zum Mund und erwiderte:

»Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir gefallen.«

Dann erhob er sich und schrieb einen Scheck aus.

»Aber das eilt doch nicht«, sagte Frau Turel. »Im übrigen nehme ich das Honorar nur an, falls ich Voisin freibekomme.«

»Auf die Bedingung gehe ich nicht ein. Aber ich schlage Ihnen vor: falls Voisin verurteilt wird, müssen Sie mir einen Wunsch erfüllen.«

»Nämlich?«

»Sie wissen, ich führe seit Jahren einen Kampf gegen die Todesstrafe. Versprechen Sie mir, falls Voisin verurteilt wird, mich in diesem Kampf zu unterstützen?«

»In welcher Form?«

»Sie sind sehr vorsichtig, Frau Turel.«

»Muß ich das nicht einem Amerikaner gegenüber – noch dazu einem wie Sie?«

»Also darüber sprechen wir noch. Zunächst einmal. . .« – er reichte ihr den Scheck.

Frau Turel zögerte und sagte:

»Jetzt verstehe ich Sie!«

»Inwiefern?«

»Sie glauben an Voisins Unschuld?«

 »Ja!«

»Also wünschen Sie, daß er verurteilt wird – um Stoff für Ihre Propaganda zu haben.«

»Aber nein!«

»Da Sie fürchten, einem mit allen Hunden gehetzten Anwalt könnte es womöglich gelingen, Voisin durch irgendeinen Trick freizubekommen, so übertragen Sie mir, der Unerfahrenen – «

»Sie irren!« widersprach Harvey lebhaft – aber Frau Turel ließ sich nicht verblüffen. Sie wies den Scheck zurück und sagte: »Ich übernehme die Verteidigung! Es ist meine erste – und es wird meine letzte sein, falls es mir nicht gelingt, Voisin freizubekommen.«

»Bravo!« rief der Amerikaner. . .Wenn Sie wüßten, wie sehr das meinen Absichten entspricht.«

Er gab Frau Turel die Hand, verbeugte sich und ging.


3.

Frau Turel suchte den Angeklagten auf. Wenige Tage vor der Hauptverhandlung, die überraschend schnell angesetzt war. – Er war noch immer in der abgerissenen Kleidung, in der er seinerzeit verhaftet worden war.

Wenn es wahr war, daß der Amerikaner nicht nur für die Verpflegung Voisins während der Untersuchungshaft sorgte, sondern ihm auch Wäsche und alle möglichen Toilettengegenstände sandte – weshalb, fragte sich Frau Turel, ließ er ihn dann in diesem Anzug, in den er ihrer Ansicht nach nicht einmal richtig hineinpaßte?

Voisin schien von ihrem Besuch nicht sonderlich erbaut. Als sie ihm den Grund ihres Kommens nannte, sagte er nur:

»Machen Sie es kurz.«

»Sie müssen mir, wenn ich Ihnen helfen soll, die volle Wahrheit sagen.«

»Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu helfen.«

»Ich oder ein anderer – einen Verteidiger stellt man Ihnen auf alle Fälle.«

»Ich habe Marot nicht ermordet.«

»Wo waren Sie in der Nacht vom vierzehnten zum fünfzehnten April?«

»Bei einer Frau!«

»Endlich! – Weshalb haben Sie das nicht dem Untersuchungsrichter gesagt?«

»Weil dann seine nächste Frage gewesen wäre: bei welcher Frau? – und darauf hätte ich ihm die Antwort verweigert.«

»Aber mir sagen Sie's?«

»Wenn Sie mir schwören, daß Sie es für sich behalten.«

»Darf ich mich wenigstens mit der Dame in Verbindung setzen?«

»Nein!«

»Glauben Sie, daß sie sich von selbst melden wird?«

»Ich habe ihr Ehrenwort, daß sie es nicht tut.«

»Sie ist verheiratet?«

»Ja.«

»Kennt Mister Harvey sie?«

»Ich bitte Sie, den Amerikaner aus dem Spiele zu lassen.«

»Ich werde ihn als Zeugen laden und falls er sich durch seine Aussage nicht selbst einer strafbaren Handlung, in diesem Falle also der Anstiftung oder Beihilfe, bezichtigen würde, so muß er den Namen der Dame nennen.«

»Schwören Sie mir, daß Sie das nicht tun werden.«

»Ich habe den Eindruck, daß Ihnen Mister Harvey große Versprechungen gemacht hat.«

»Ich wüßte wirklich nicht, wie er dazu kommen sollte.«

»Mir hat er sie auch gemacht. Er scheint an dem Ausgang des Prozesses irgendwie interessiert zu sein.«

»Können Sie schweigen?«

»Ich muß es, wenn Sie es von mir fordern.«

»Sie haben Marot damals gesehen?«

»Ich war als Erster bei dem Toten.«

»Und den lebenden haben Sie nie gesehen?«

»Kurz vorher – aber nur für einen Augenblick. Er hatte Augen wie Sie aber er war größer und trug einen Vollbart.«

»Sie beobachten scharf.«

»Wie sind Sie in das Zimmer gekommen? – Man hat nur Spuren Ihres Ausstiegs gefunden.«

»Alles das hat mich der Untersuchungsrichter auch gefragt.«

»Es ist auch von Bedeutung.«

»Für meine Schuld. – Sie aber wollen doch meine Unschuld nachweisen.«

»Dann sagen Sie mir, wie ich Ihre Verteidigung führen soll.«

»Wenn ich das wüßte, brauchte ich Sie nicht.«

»Welchen Grund haben Sie, mir die Wahrheit zu verbergen?«

»Nehmen Sie an, mir läge daran, eine Frau nicht zu kompromittieren.«

»Frau Marot.«

»So! und nun wissen Sie alles. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Sie haben nur eins erreicht, mich zu verwirren.«

»Ist das nicht viel – wo Sie vor einer halben Stunde noch fest von meiner Schuld überzeugt waren?«

»Allerdings – jetzt zweifle ich.«

»Sehen Sie!«

»Aber nicht Ihrer Worte, sondern der ganzen Art wegen, mit der Sie Ihre Verteidigung führen.«


4.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags. Um neun Uhr hatte die Hauptverhandlung gegen den Weinreisenden Henri Voisin aus Bordeaux wegen Mordes, begangen an dem Zeitungskorrespondenten Andrée Marot, begonnen. Um halb ein Uhr hatte der Vorsitzende eine Mittagspause von vierzig Minuten angeordnet. Man verhandelte also bereits über sieben Stunden. Der große Schwurgerichtssaal war überfüllt. Die Luft unerträglich. Damen der besten Gesellschaft in den neuesten Frühjahrstoiletten saßen neben niedrigen Dirnen, die ihre Freunde studiumhalber mitgenommen hatten. Denn bei so einem Mordprozeß gab es allerlei zu sehen und zu hören, was man später vielleicht einmal verwerten konnte.

Auf der Zeugenbank saßen Mister Harvey und Frau .Dorothée; ferner der Kellner und der ehemalige Direktor des Hotels Excelsior Regina, die bereits vernommen waren. – Der Angeklagte wurde von Frau Turel verteidigt. Neben ihr saß der von der Verteidigung geladene medizinische Sachverständige, namens Dr. Berrujer.

Die Beweisaufnahme hatte alles bestätigt, was der Untersuchungsrichter mit Hilfe des Staatsanwaltes an belastendem Material zusammengetragen hatte. – Immer wieder hatte der Vorsitzende versucht, den Angeklagten zu bestimmen, unter Hinweis auf die erdrückenden Beweise ein Geständnis abzulegen. Immer wieder hatte sich der Angeklagte, der auch am Tage der Hauptverhandlung in seiner abgerissenen Kleidung erschien, dann erhoben und erwidert:

»Ich habe Marot nicht ermordet.«

Einmal hatte er wohl mehr aus nervöser Überreizung als aus religiösem Gefühl oder aus Überzeugung hinzugefügt:

». . . so wahr mir Gott helfe!« und der Vorsitzende, der sonst beherrscht und loyal war, hatte ihn daraufhin angepfiffen:

»Lassen Sie Gott aus dem Spiel! Der hat für Sünder wie Sie nichts übrig.«

Diese Entgleisung hatte Frau Turel auf den Plan gerufen, die dem Vorsitzenden ein kleines Kolleg über den Geist des Christentums hielt und ihn belehrte, daß der Herr Jesus Christus sein Ohr gerade den Sündern leihe – was sie mit einer Reihe von Bibelstellen zu belegen wußte.

Das schuf für Augenblicke eine dem Angeklagten günstige Atmosphäre, die aber der Staatsanwalt schrill unterbrach, indem er rief:

»Dem reuigen Sünder – aber nicht dem verstockten!« – und an die Geschworenen gewandt fügte er hinzu: »Ich stelle im übrigen mit Vergnügen fest, daß sich endlich auch die Verteidigung zu der Schuld des Angeklagten bekennt.

Denn wie käme sie sonst dazu, von ihm als von einem Sünder zu sprechen.«

»Sie wissen sehr gut,« fuhr ihn Frau Turel an, »daß ich nicht von mir, sondern von der Einstellung des Vorsitzenden gegenüber dem Angeklagten gesprochen habe. – Indem der Herr Vorsitzende den Angeklagten einen verstockten Sünder nennt, greift er dem Urteil vor und beeinflußt die Geschworenen in unerlaubter Weise.«

»Ich verbitte mir . . .«, sagte der Vorsitzende – aber Frau Turel fuhr fort:

»Ich beantrage, meinen Protest zu protokollieren.«

»Bravo!« sagte der Amerikaner – so laut, daß die Umsitzenden es hören mußten.

Der Vorsitzende schwang die Glocke und rief:

»Mister Harvey! wenn Sie noch einmal die Verhandlung stören, verlassen Sie den Saal.«

Der Amerikaner erhob sich und erwiderte:

»Ich versuche lediglich zu verhindern, daß hier ein Justizmord verübt wird.«

»Das ist Sache der Geschworenen und geht Sie gar nichts an.«

Damit endete diese kleine Episode eine von vielen dieses Prozesses, in denen regelmäßig Frau Turel das ethische Moment gegen das rein formale vertrat – ohne damit auf irgendeinen Prozeßbeteiligten, es sei denn auf Mister Harvey, Eindruck zu machen.

Der Amerikaner gab dann seiner Freude über Frau Turel so lauten Ausdruck, daß der Staatsanwalt schließlich eine Ordnungsstrafe von hundert Francs wegen Ungebühr vor Gericht gegen ihn beantragte.

Mister Harvey zog sein Scheckbuch aus der Tasche, riß ein Blatt heraus, legte es auf den Richtertisch und sagte:

»Bitte! Die Summe füllen Sie wohl am Schluß der Sitzung selber aus, falls ich etwa noch öfter gegen die Ordnung verstoßen sollte.«

»Unerhört!« rief der Staatsanwalt und der Vorsitzende, der sich inzwischen mit den Beisitzern verständigt hatte, erklärte: »Dazu werden Sie keine Gelegenheit mehr haben.« »Was soll das heißen?« fragte Harvey erstaunt. Der Vorsitzende erhob sich und verkündete: »Das Gericht hat den Zeugen Harvey wegen Ungebühr in eine Geldstrafe von . . .« – er machte eine Pause und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: – »dreihundert Francs genommen und ihn für die Dauer der Verhandlung des Saales verwiesen.«

»Ich zahle das Doppelte, wenn ich bleiben darf«, rief der Amerikaner, worauf der Vorsitzende in gereiztem Tone erwiderte:

»Sie sind hier nicht an der Börse, wo gehandelt wird.«

»Das Zehnfache!« rief jetzt Harvey, und als der Vorsitzende brüllte:

»Hinaus!« schüttelte er mitleidig den Kopf und sagte, während er zur Tür ging, halblaut vor sich hin:

»Diese Europäer werden es nie lernen, Geld zu machen.«


5.

Gegen sechs Uhr abends, als das Licht im großen Schwurgerichtssaal anging und die Gerichtsdiener die Gardinen vor die hohen Fensterscheiben zogen, sagte der Vorsitzende endlich:

»Dann sind wir wohl soweit und können die Beweisaufnahme schließen. – Oder ist noch etwas ungeklärt?« fragte er und wandte sich an den Staatsanwalt.

»Ich verzichte auf jeden weiteren Zeugen«, erwiderte Dubois.

»Und die Verteidigung?«

»Besteht auf deren Vernehmung«, erwiderte Frau Turel.

»Was versprechen Sie sich eigentlich noch?« fragte der Vorsitzende. »Wir verhandeln jetzt beinahe neun Stunden, ohne daß auch nur eine dem Angeklagten günstige Aussage erfolgt ist.'*

»Außerdem scheint der Angeklagte sich ja mit seinem Schicksal abgefunden zu haben«, meinte Dubois.

»Ganz und gar nicht!« erwiderte Frau Turel.

»Ich habe nicht gehört, daß er etwas zu seiner Verteidigung vorgebracht hat.«

Der Angeklagte erhob sich und erklärte:

»Ich habe mit dem Morde nichts zu tun, habe also auch keinen Grund, mich dazu zu äußern.«

»Der Angeklagte ist durchaus in seinem Recht«, erwiderte Frau Turel, wandte sich an Dubois und sagte: »Die Beweislast haben Sie!«

»Sie ist mir niemals leichter gefallen«, erwiderte der Staatsanwalt, erhob sich und sagte: »Meine Herren Geschworenen!«

»Noch nicht!« wehrte der Vorsitzende ab. »Die Verteidigung verlangt, daß wir in der Beweisaufnahme fortfahren. Da ist zunächst ein Coiffeur aus Nizza namens Robert Potin.«

»Hat die Verteidigung ihn geladen?« fragte Dubois.

»Er hat sich selbst gemeldet und behauptet, daß er wichtige Aussagen zu machen habe«, erwiderte der Vorsitzende und gab dem Gerichtsdiener ein Zeichen, den Zeugen hereinzuführen.

Der Gerichtsdiener öffnete die Tür und rief laut auf den Flur hinaus:

»Der Zeuge Robert Potin!«

Da niemand sich meldete, so rief er noch lauter:

»Herr Potin!«

Daraufhin erschien in der Tür ein Mann in Talmieleganz, festanliegendem Gehrock, hohem Hut und hellen Handschuhen. In vollendeter Pose stand er da und fragte:

»Meinen Sie vielleicht den Haarkünstler François Robert aus dem Grand Hotel Excelsior Regina?«

»Potin meine ich«, erwiderte der Gerichtsdiener. Aber der Vorsitzende rief ihm zu:

»Kommen Sie endlich herein!«

Potin tänzelte, sich nach allen Seiten verbeugend, in den Saal. Viele Damen erwiderten den Gruß.

»Hierher!« befahl der Vorsitzende und wies auf den Platz vor dem Richtertisch.

Potin wandte sich erschrocken um.

»Verzeihung«, erwiderte er, wandte sich zum Publikum, verbeugte sich tief und sagte: »François Robert Coiffeur pour pénibles dames, Nice, Hotel Excelsior Regina.«

»Hier steht doch Potin!«

»Sehr wohl, Herr Président! François Robert ist mein Künstlername, sozusagen mein nom de guerre.« – Dann kehrte er dem Gerichtshof wieder den Rücken und fuhr fort: »Meine Damen! Ich habe die Ehre, mich Ihnen vorzustellen. Meine Klientel, die sich aus den ersten Kreisen der internationalen Gesellschaft zusammensetzt, ist jederzeit bereit, Zeugnis über meine Künstlerschaft und Diskretion abzulegen.«

»Reden Sie zu mir!« unterbrach ihn der Vorsitzende.

Potin verbeugte sich vor dem Publikum, sagte:

»Verzeihung,« wandte sich um, griff in die Tasche und holte einen Stoß Photographien, hervor. »Hier das Bild der Komtesse de Lafontière mit eigner Widmung.«

»Das interessiert uns nicht.«

»Juliette Lafontière, die eleganteste Frau Südfrankreichs, interessiert Sie nicht? Ihr Bubikopf ist im vorigen Winter die Sensation in ganz Ägypten gewesen.«

»Das gehört nicht hier her. – Kennen Sie eine Dame namens Dorothée?«

Potin tat geheimnisvoll und sagte:

»Oh, oh! ich kenne viele Dorothées.«

»Dorothée Marot?«

Er zog einen Lederband mit eingepreßter Krone aus der Brusttasche, verbeugte sich vor dem Buch und fragte:

»Marot, sagten Sie? Baronesse? Komtesse? Marquise?«

»Einfach Marot!«

Potin steckt das Buch hastig weg, holt aus der hinteren Hosentasche mit viel weniger Ehrerbietung ein anderes Buch hervor, das nur in Leinen gebunden war und sagte beinahe frech:

»Die Bürgerlichen!« – Er blätterte und flüsterte vor sich hin: »K . . . L . . . M . . . Ma . . . – Marot – Dorothée, gab mir zum ersten Male in der Nacht vom vierzehnten zum fünfzehnten April des Jahres die Ehre.«

»Sie erinnern sich also?«

Potin las weiter:

»Gute, schlanke Erscheinung – feines schmales Gesicht – brünett – blaue Augen – zarter Teint – ein Leberfleckchen hinter dem linken Ohr – sehr zugeknöpft – weicht jeder Annäherung aus – entzückender Fuß, den sie bei erster Berührung schamhaft zurückzog – also Provinz.« »Sie hatten demnach Frau Marot nie vorher gesehen?«

»Ich hatte in dieser Nacht zum ersten Male das Vergnügen.«

»Inwiefern Vergnügen?«

»Wenn Sie nicht Gerichtspräsident wären, sondern das Glück hätten, Haarkünstler zu sein, wüßten Sie, welchen Genuß es bereitet, Damen dieser Art nahe kommen zu dürfen.«

»Sie meinen damit, sie frisieren zu dürfen – oder?«

»Herr Präsident! Ein Bubikopf à la François Robert ist keine Frisur, sondern ein Kunstwerk.«

»Sie sind nicht hier, um für sich Reklame zu machen.«

»Ohne Kontakt des Künstlers mit seinem Objekt kommt kein Kunstwerk zustande.«

»Und Sie haben diesen Kontakt zu Frau Marot gefunden?«

»Nein! Frau Marot kam meinem künstlerischen Ehrgeiz in keiner Weise entgegen.«

»Hat sie Ihnen von ihrem Manne erzählt?«

»In meiner Gegenwart sprechen die Damen nicht gern von Männern, am wenigsten von den eigenen.«

»Frau Marot hat sich Ihnen gegenüber also ablehnend verhalten?«

»Verständnislos.«

»Inwiefern?«

»Ich hatte die ganze Zeit über den Eindruck, daß Frau Marot mit ihren Gedanken ganz wo anders war.«

»Ist das so ungewöhnlich?«

»Ungewöhnlich? Ich bitte Sie! Eine Frau, die sich eine neue Frisur machen läßt, mag fünf Minuten vorher einen Mord begangen haben, sie wird darum doch mit ihren Gedanken bei mir und ihrer Frisur sein.«

»Machte Frau Marot auf Sie einen besonders erregten Eindruck?«

»Sie zitterte.«

»Weil Sie ungeschickt waren«, rief Dorothée.

»Das ist eine Infamie!«

»Mäßigen Sie sich!« befahl der Präsident – und Dorothée fuhr fort:

,Jedesmal, wenn ich auf sein Geschwätz . . .«

»Geschwätz!« rief Potin entsetzt.

» . . . nicht einging, berührte mich dieser ungeschickte Mensch mit der Brennschere.«

»Um Sie auf andere Gedanken zu bringen.«

»»Wo war Ihrer Ansicht nach Frau Marot denn mit ihren Gedanken?«

»Ich hatte den Eindruck, daß sie etwas bedrückte und daß sie entschlossen war, sich von diesem Druck zu befreien.«

»Meinen Sie damit, daß sie sich von ihrem Manne befreien wollte?«

»Von einem Manne jedenfalls – , ob dieser Mann ihr Gatte war, kann ich nicht sagen.«

Dorothée bekam einen roten Kopf, sprang auf und rief:

»Sie sind also der Ansicht, daß eine Frau, die sich mit der Absicht trägt, um ein Uhr nachts ihren Mann zu ermorden, um zwölf Uhr einen Friseur aufsuchen wird, um sich eine neue Frisur machen zu lassen?«

»Vielleicht, um ihre Unruhe vor ihrem Manne zu verbergen«, meinte Dubois – aber Potin widersprach, wandte sich zum Publikum, und erklärte:

»Aber nein! Weil es für nervöse Damen nichts Beruhigenderes gibt, als eine Kopfmassage à la François Robert.«

Dabei hob er die Hände und spreizte sämtliche Finger, als wenn er mit einer Massage beschäftigt wäre.

»Woher wußten Sie denn, daß es Frau Marot war, die Sie bedienten?« fragte Trau Turel. »Man nennt dem Friseur doch nicht seinen Namen.«

»Mir ja!«

»Wieso Ihnen?«

»Ein kleiner Geschäftstrick, den ich ungern verrate.«

»Sie müssen als Zeuge alles sagen.«

»Eine Dame, die ich nicht kenne, begrüße ich wie eine alte Bekannte und sage: Bon soir, Mademoiselle Charlotte! – In neunundneunzig Fällen erwidert sie: Sie irren, ich bin Madame Larue, oder wie sie nun gerade heißt. – Natürlich! Madame Larue! erwidere ich, ich entsinne mich der Ehre, Madame im vorigen Sommer in Deauville bedient zu haben. – Damit ist das Eis gebrochen. Deauville hört jede Frau gern, und wenn sie nicht dort war, ist sie zum mindesten neugierig, zu erfahren, mit wem ich sie verwechselt habe.«

»Sind das die wichtigen Angaben, die Sie zu dem Morde zu machen haben?« fragte Dubois spöttisch.

»Ich halte sie für wichtig«, erwiderte Potin.

»Kam Ihnen die Zeugin sonst irgendwie verdächtig vor?« fragte der Präsident.

»Hatten Sie den Eindruck, daß es Frau Marot in Wirklichkeit gar nicht um die Frisur zu tun war?« drang Dubois auf ihn ein.

»Daß sie vielleicht nur zu Ihnen kam, um nicht mit ihrem Mann Zusammensein zu müssen?«

»Oder, um sich ein Alibi zu schaffen?«

»Oder gar, um sich unbemerkt mit einem fremden Manne ein Rendezvous zu geben?«

Auf diesen Sturm von Fragen, der seitens des Präsidenten und Staatsanwalts niederprasselte, erwiderte Potin ganz frech:

»Jawohl, all' die Eindrücke hatte ich.«

»Aha!« sagte Dubois und machte sich eifrig Notizen.

Frau Turel fragte:

»Wenn Ihnen die Frau verdächtig schien, wieso sind Sie ihr dann nicht nachgegangen?«

»Weil ich keiner Frau nachlaufe«, erwiderte Potin stolz.

»Sie waren nur wütend, daß ich auf Ihren Klatsch nicht eingegangen bin,« erklärte Dorothée und erzählte von dem Besuch, den Potin ihr am Tage der Verhaftung Voisins gemacht hatte. Erschütterte das auch seine Glaubwürdigkeit, so setzte der Präsident die Vernehmung doch fort und fragte:

»Kennen Sie den Angeklagten?«

»Persönlich nicht.«

»Aber vom Sehen.«

»In dem Hotel Excelsior Regina wechselt das Publikum schnell.«

»Ausgeschlossen ist demnach nicht, daß Sie ihn dort gesehen haben?«

»Möglich ist es schon.«

»In Gesellschaft von Frau Marot?«

Potin sah den Angeklagten an und sagte:

»Ähnlich sah er ihm.«

»Wem?«

»Dem Mann, der damals gegen Abend an meinem Geschäft vorüber die Hoteltreppe hinaufging.«

»Mit Frau Marot?«

»Mit Frau Marot«, erwiderte Potin und fügte, den Blick noch immer auf den Angeklagten gerichtet, hinzu: »Je länger ich ihn ansehe, um so wahrscheinlicher wird es mir.«

»Sie wären bereit, das zu beeiden?« fragte Dubois.

»Sagen Sie, haben Sie nicht damals einen Vollbart getragen?« fragte Potin, der kein Auge von dem Angeklagten ließ.

»Er verwechselt vermutlich den Angeklagten mit meinem Mann«, erwiderte Dorothée, noch ehe Marot eine Antwort gab.

»Ihr Gatte trug einen Vollbart?«

»Leider.«

»Wenn ich Sie mir mit einem Vollbart und einer andern Frisur vorstelle – und dann an den Mann denke, mit dem Sie sich damals vor meinem Geschäft unterhielten . . .«, sagte Potin.

»Was ist dann?« fragte Dubois erregt.

»Dann komme ich zu der Überzeugung und wäre bereit, es auf meinen Eid zu nehmen, daß der Angeklagte und der Herr von damals ein und derselbe ist.«

»Das ist ja interessant!« rief Dubois triumphierend.

»Demnach hätte also auch der Mörder einen Vollbart getragen«, sagte Frau Turel. »Nach Aussage Frau Marots war der Mörder aber glattrasiert.«

»Einen Bart abnehmen, geht schneller, als ihn wachsen lassen«, erwiderte Potin.

»Der Zeuge Potin ist ein scharfer Beobachter«, erklärte Dubois.

»Wieso?« fragte Frau Turel.

»Weil meiner festen Überzeugung nach der Angeklagte, als er den Mord beging, tatsächlich einen Vollbart getragen hat.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Weil es auffällig ist, daß jemand, der wie Voisin unter der Anklage des Mordes steht, vom Tage seiner Verhaftung an keine andere Sorge kannte, als sich seine Bartstoppeln entfernen zu lassen.«

»Die Männer sind bekanntlich eitel«, sagte Frau Turel.

»Diese sogenannte Eitelkeit ging so weit«, fuhr Dubois fort, »daß er auf einen Besuch des Friseurs mehr Wert legte, als auf den des Verteidigers.«

»Das ist mir noch nicht vorgekommen«, beteuerte der Präsident – , worauf sich Frau Turel erhob und erklärte:

»Wenn der Herr Staatsanwalt das natürliche Reinlichkeitsgefühl des Angeklagten derartig auslegt, und der Herr Vorsitzende ihm darin folgt, so beantrage ich Vertagung. – Diesen Worten folgte allgemeiner Widerspruch. Dessenungeachtet fuhr Frau Turel fort: »Der Angeklagte wird sich inzwischen einen Vollbart wachsen lassen, und falls der Zeuge Potin ihn auch dann noch mit derselben Bestimmtheit wiedererkennt als den Mann, den er am Mordtage im Gespräch mit Frau Marot gesehen hat, so wird der Staatsanwalt ja nicht umhin können, die Anklage auch auf Frau Marot auszudehnen.«

Zur allgemeinen Überraschung erklärte jetzt Dorothée:

»Ich habe ja noch gar nicht bestritten, mit dem Angeklagten gesprochen zu haben.«

»Sie haben doch erklärt,« erwiderte Dubois, »nicht einmal zu wissen, ob Sie den Angeklagten überhaupt kennen.«

»Ebensowenig weiß ich, ob ich mit ihm gesprochen habe. Bei den vielen Menschen, die mein Mann mir im Laufe einer Woche vorgestellt hat, ist das ganz unmöglich.«

»Wenn wir Sie aus guten Gründen auch nicht vereidigt haben«, sagte der Präsident, »so müssen Sie doch die reine Wahrheit sagen.«

»Ich sage weder, daß ich ihn kenne, noch daß ich ihn nicht kenne«, erwiderte Dorothée.

Der Staatsanwalt widersprach dem Antrag der Verteidigung auf Vertagung und erklärte:

»Das vorhandene Beweismaterial reicht zur Verurteilung des Angeklagten vollkommen aus. Ich bin daher bereit, auf die den Angeklagten belastenden Bekundungen des Zeugen Potin zu verzichten.«

Das Gericht lehnte den Antrag der Verteidigung ab und entließ den Zeugen Potin. – Der verbeugte sich vor dem Präsidenten, wandte sich dann an das Publikum und sagte mit erhobener Stimme:

»Wenn die Herren von der Presse vielleicht den Wunsch haben sollten, eine Photographie von mir zu bringen, bitte!« – Im selben Augenblick warf er ein paar Dutzend Reklamekarten mit seinem Bild unter das Publikum.

Der Präsident nef wütend:

»Sie befinden sich hier an Gerichtsstelle und nicht in einem Reklamebüro.«

Potin wandte sich um und sagte:

»Excusez, Monsieur – , aber Geschäft ist Geschäft!« dann eilte er, um einer Ordnungsstrafe zu entgehen, zur Tür und verließ den Saal.


6.

Frau Dorothée hatte von dem Tage an, an dem sie wußte, daß ihr Gatte Andrée lebte, trotz des Widerspruchs Harveys ihre Trauerkleidung abgelegt. Aber nicht nur äußerlich war sie eine andere geworden. Sie hatte ihren Humor und ihren leichten Sinn, den sie für immer verloren glaubte, zurückgewonnen. Gewiß hatte sie der Verlust Andrées schwer bedrückt. Aber mehr noch litt sie unter der Furcht vor dem Staatsanwalt, der – wie sie es nannte – mit Passion Jagd auf sie machte.

Nun, wo sie wußte, daß Andrée lebte, nun, wo sie durch Harvey in die Mysterien dieses mehr als sonderbaren Falles eingeweiht war, fürchtete sie nichts mehr. Ihre Traurigkeit und Furcht, plötzlich ihrer Ursache enthoben, wandelten sich in Heiterkeit und eine kaum zähmbare Lust, sich an dem Manne zu rächen, der sie fast bis zum Selbstmord getrieben hatte. Es bedurfte der Überredungskunst und des Einsatzes der Autorität Harveys, um Dorothée zu bestimmen, daß sie bei der Stange blieb. Die Gefahr aber, daß ihr Temperament mit ihr durchging, bestand fort.

Als durch die Aussagen des Coiffeurs Staatsanwalt und Verteidigung Miene machten, erneut auf sie zurückzugreifen, da war sie nahe daran, den Prozeß auffliegen zu lassen und zu rufen:

»Ja! Ich kenne den Angeklagten! Ich liebe ihn. Ich habe ihn immer geliebt. Und nun macht mit mir, was Ihr wollt!«

In diesem kritischen Augenblick sagte der Präsident:

»Es ist noch eine Zeugin von der Verteidigung geladen, Frau Juliette Voisin, die Mutter des Angeklagten.«

Diese Gegenüberstellung reizte Dorothée. Sie wollte sie miterleben. Infolgedessen verhielt sie sich ruhig und schwieg.

Der Staatsanwalt fragte:

»Was soll die Zeugin bekunden?«

Frau Turel erwiderte:

»Daß der Angeklagte von Jugend an ein außerordentlich guter, fleißiger und verträglicher Mensch gewesen ist, der bis zum Tage der Mordtat in aufopfernder Weise für seine Mutter gesorgt hat.«

»Derartiges bekunden alle Mütter zumal, wenn es, wie hier, um den Kopf ihres Sohnes geht«, widersprach der Staatsanwalt.

»Eine Mutter kennt ihren Sohn jedenfalls besser als der Staatsanwalt den Angeklagten.«

»Vielleicht auch nicht. Denn ich bezweifle, daß ihr die Vorstrafen ihres Sohnes bekannt sind.«

»Sie werden der unglücklichen Frau doch nicht das Sündenregister ihres Sohnes vorhalten?«

»Ich werde tun, was ich für richtig halte.«

In diesem Augenblick erhob sich Marot und sagte:

»Ich möchte bitten, von der Vernehmung dieser Zeugin Abstand zu nehmen.«

»Aha!« entfuhr es dem Staatsanwalt.

»Ihre Mutter wird Sie nicht fallen lassen, auch wenn sie von Ihren Vorstrafen hört«, redete Frau Turel dem Angeklagten zu.

»Ich möchte verhüten, daß der Staatsanwalt das Bild zerstört, das sie von« – er zögerte – »ihrem Sohne hat.«

»Da sehen Sie, meine Herren Geschworenen, was für ein guter Mensch der Angeklagte ist«, sagte Frau Turel – während Dubois meinte:

»Das kann man auch anders auslegen.«

»Sie hören, Voisin, was der Staatsanwalt sagt«, drang Frau Turel in den Angeklagten. »Ich rate Ihnen, verzichten Sie nicht auf die Vernehmung Ihrer Mutter.«

»Ich wünsche, daß man ihr die Tortur erspart.«

»Und das soll ein Mörder sein«, rief Frau Turel theatralisch.

»Also . . .?« fragte der Vorsitzende ungeduldig.

Frau Turel erklärte:

»Ich muß auf der Vernehmung bestehen.«

»Wenn der Angeklagte doch nicht will.«

»Der Angeklagte hat während der ganzen Verhandlung allen Anträgen widersprochen, die darauf hinausgingen, ihn zu entlasten.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß ich allmählich den Eindruck gewinne, daß der Angeklagte aus irgendeinem Grunde seine Verurteilung geradezu herbeizuführen sucht.«

»Aus welchem Grunde sollte er das tun?« fragte der Präsident erstaunt – und Dubois erklärte spöttisch:

,.Ich habe schon gehört, daß Menschen sich für eine Hinrichtung interessieren – aber nicht für die eigene.«

Der Vorsitzende hatte sich mit den Beisitzern verständigt und verkündete:

»Das Gericht beschließt, die Zeugin zu vernehmen.«

»Das kann ja nett werden«, dachte Dorothée – und sah, wie sich im selben Augenblick, in dem der Gerichtsdiener die Tür öffnete, um die Zeugin Voisin aufzurufen, Harvey in den Saal schob und gleich darauf neben Frau Turel vor dem Angeklagten stand.

»Da ist ja dieser Amerikaner schon wieder!« rief der Staatsanwalt – und als der Vorsitzende eben den Mund aufmachte und ihn hinausweisen wollte, rief Harvey:

»Verzeihung, Herr Präsident, ich hatte meine Zeitungen vergessen!«

Im selben Augenblick hielt Dorothée einen Stoß amerikanischer Blätter in der Hand und ging damit dem Amerikaner entgegen.

»Was wird?« flüsterte sie ihm zu und er erwiderte:

»Ich habe der Turel einen Zettel in die Hand gedrückt.«

Er hatte kaum ausgesprochen, da stand Frau Turel schon auf und sagte:

»Der Angeklagte bittet, für die Dauer dieser Vernehmung aus dem Saal geführt zu werden.«

Der Vorsitzende – und wohl die meisten im Saal – empfanden diesen Wunsch als Beweis, daß der Angeklagte doch noch Scham und einen Rest von Gewissen besaß – gleichzeitig aber nahmen sie es als stummes und unfreiwilliges Geständnis seiner Schuld. Denn nur im Fall eines schlechten Gewissens konnte diese Begegnung für ihn eine Qual sein. Hatte er mit diesem Morde aber nichts zu tun, so mußte es sein Wunsch, ja ein Bedürfnis für ihn sein, die Mutter zu sehen, ihr an den Hals zu fliegen und ihr seine Unschuld zu beteuern. – Daß er sie nicht sehen wollte, war ein Triumph für den Staatsanwalt.

Während der Angeklagte durch die eine Tür hinausgeführt wurde, trat durch die gegenüberliegende Tür Frau Juliette Voisin, ein altes Mütterchen, der Typ kleinbürgerlichen, südfranzösischen Provinzlertums.

Gericht und Publikum schienen für sie nicht da zu sein. Sie ging mit ausgebreiteten Armen auf die Anklagebank zu und rief schluchzend:

»Henri! Mein Junge!«

Auch wer Sensation oder Kolportage erwartet hatte, hielt den Atem an, als die alte Voisin vor der leeren Anklagebank stand und auf die Erklärung des Vorsitzenden hin, daß ihr Sohn sie nicht sehen wolle, langsam die Arme sinken ließ und erwiderte:

»Mein Sohn . . . will mich . . . nicht . . .? – das glaube ich nicht!«

»Er fürchtet wohl,« sagte Frau Turel, »daß der trügerischen äußeren Anzeichen wegen auch Sie ihn für schuldig halten könnten.«

»Das glaubt er nicht!« erwiderte die Alte überzeugt.

»Wenn Sie ihm das sagen würden! Es wäre ein großer Trost für ihn.«

»Rufen Sie ihn!« bat Frau Voisin aber schon stand der Staatsanwalt auf und widersprach:

»Ich protestiere! – Die Verteidigung hat die Zeugin auf sehr geschickte Weise mit wenigen Worten derart zugunsten des Angeklagten beeinflußt, daß ihre Aussagen völlig wertlos sind.«

»Ja, haben Sie erwartet, ich werde gegen meinen Sohn aussagen?« fragte Frau Voisin.

»Es wäre ja möglich, daß Sie die Wahrheit sagen.«

»Die werden Sie sagen,« erklärte der Präsident – »auch wenn ich Ihre Vereidigung zunächst aussetze.«

»Natürlich werde ich die Wahrheit sagen.«

»Sie können als Mutter die Avissage verweigern.«

»Ich will aussagen.«

»Wann haben Sie zum letzten Male von Ihrem Sohne gehört?«

»Aus Marseille.«

»Wann war das?«

»Am 13. April.«

»Das war ein Tag vor dem Morde?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was schrieb Ihr Sohn Ihnen?«

Sie kramte aus der Tasche einen Brief heraus, den sie seinem Aussehen nach schon ein dutzendmal gelesen hatte und sagte schluchzend:

»Es war sein letzter.«

»Obgleich seine Verhaftung erst ein paar Wochen später erfolgte«, stellte der Staatsanwalt fest – und der Vorsitzende fragte:

»Pflegte Ihr Sohn Ihnen regelmäßig zu schreiben?«

»Zweimal die Woche – das war das mindeste.«

»Waren Sie nicht beunruhigt, als Sie solange nichts von ihm hörten?«

»In großer Sorge war ich.«

»Aber als Sie von seiner Verhaftung erfuhren, da wußten Sie – oder vermuteten wenigstens, weshalb er so lange nichts von sich hatte hören lassen.«

»Ich war zunächst einmal froh, zu wissen, daß er lebt.«

»Und daß man ihm einen Mord vorwarf das berührte Sie weniger?«

»Natürlich – hat mich das berührt. – Aber ich dachte, bei Gericht, da muß es sich herausstellen.«

»Was, meinen Sie, müsse sich bei Gericht herausstellen?«

»Daß mein Sohn ein Mensch ist, der . . . nun, vielleicht ein bißchen leicht Geld ausgibt – auch Schulden macht . . . aber ein schlechter Mensch ist er nicht – und ein Mörder schon gar nicht.«

»Wenn ich Ihnen nun erzähle, daß Ihr Sohn wegen Körperverletzung vorbestraft ist?«

»Er wird einen Streit gehabt haben.«

»Sehr richtig!« rief Frau Turel »er hat in der Notwehr gehandelt.«

»Hat man denn die Pflicht, sich totschlagen zu lassen?« fragte die Alte.

»Diese Frage richten Sie am besten an Ihren Sohn«, entgegnete Dubois.

»Wo ist er? Ich werde ihn fragen und wenn er es getan hat – wird er mir die Wahrheit sagen.«

Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener, den Angeklagten hereinzuführen.

Frau Voisin sah unruhig zur Tür und fragte:

»Bevor ich ihn sehe – wollen Sie mir da nicht sagen, woraufhin Sie meinen Sohn verdächtigen?«

»Ihr Sohn ist Weinreisender der Firma Boucher & Co, in Bordeaux.«

»Seit sieben Jahren.«

»Er hat Anfang März in Toulon und später in Marseille versucht, sich von Wucherern größere Summen Geldes zu verschaffen.«

»Der arme Junge!«

» . . . die er seiner Firma in Bordeaux unterschlagen hat.«

»Verspielt wird er sie haben.«

»Das ist dasselbe.«

»Der Junge hat nun mal die Leidenschaft.«

»Der letzte Versuch bei einem Wucherer in Marseille erfolgte am dreizehnten April. Auch er schlug fehl.«

»War die Summe denn groß?«

»Dreißigtausend Franken.«

»Mein Gott!« rief die Alte und führte die Hände vor das Gesicht.

»Nach diesem vergeblichen Versuch ist Ihr Sohn in sein Hotel nicht mehr zurückgekehrt, ließ vielmehr seine Sachen im Stich . . .«

»Was mag er ausgestanden haben?«

». . . und hat« – der Präsident erhob seine Stimme – »am fünfzehnten früh, also am Tage nach dem Morde, eine Postanweisung in Maschinenschrift über neuntausendvierhundert Franken . . .«

Frau Voisin begriff. Sie wankte in den Knien, hielt sich am Richtertisch fest und rief:

»Nein! nein!«

». . . auf dem Postamt in Marseille an seine Firma in Bordeaux aufgegeben.«

»Gott sei meinem Jungen gnädig.«

»Von dem Augenblick an war er verschwunden.«

»Bis ihn die Findigkeit der Polizei zur Strecke brachte«, ergänzte Dubois.

»Wenn der Schein auch gegen Ihren Sohn ist,« sagte Frau Turel – »so klar, wie das Gericht es hinstellt, sind die Zusammenhänge nicht.«

Die alte Voisin, die unter den Worten des Präsidenten wie unter Keulenschlägen zusammengebrochen war, richtete sich auf, wandte sich an Frau Turel und flehte sie an:

»Sie werden ihn retten?«

»Irgendein Geheimnis steckt hinter dem Ganzen, dem wir noch nicht auf den Grund gekommen sind«, erwiderte Frau Turel – und der Vorsitzende fragte erstaunt:

»Ein Geheimnis? Der Fall ist Ihnen scheinbar zu einfach, daß Sie glauben, ihn komplizieren zu müssen.«

»Ich werde das Gefühl nicht los,« erwiderte Frau Turel mit erhobener Stimme und hielt den Zettel, den der Amerikaner ihr zugesteckt hatte, in der Hand – »daß der Angeklagte aus irgendeinem Grunde die Schuld für einen andern auf sich nimmt.«

»Wie kommen Sie denn auf den Gedanken?« fragte der Vorsitzende erstaunt.

Im selben Augenblick trat der Angeklagte, von zwei Wärtern eskortiert, wieder in den Saal.

Das Publikum hatte sich vor Erregung erhoben.

Die alte Voisin ging ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Plötzlich blieb sie stehen, ließ die Arme sinken und sagte:

»Das. . . ist. . . ja . . . nicht. . . mein . . . Sohn!«

»Wer soll es denn sein?« fragte der Vorsitzende – und Frau Voisin, die noch immer vor dem Angeklagten stand und ihn entgeistert ansah, wiederholte – halblaut vor sich hin:

»Wer . . . soll. . . es. . . denn . . . sein? – Sie haben recht.«

»Sie wollen vermutlich zum Ausdruck bringen, daß Sie sich von Ihrem Sohne lossagen?«

Die Alte hörte gar nicht, was er sagte. Sie dachte nach. Ihr Blick ging von dem Angeklagten zu Frau Turel. Sie überlegte. Dann wiederholte sie – betont und langsam – die Worte Frau Turels:

»Vielleicht, daß er aus irgendeinem Grunde die Schuld eines anderen auf sich nimmt.«

»Der Ansicht bin ich«, bestätigte Frau Turel.

»Es könnte also auch ein anderer,« sagte die alte Voisin leise vor sich hin, »die Schuld für meinen Sohn auf sich nehmen.«

Ein Leuchten ging über ihr Gesicht. Sie begriff plötzlich – atmete befreit auf.

»Ist es denn nun Ihr Sohn?« fragte Dubois.

»Aber ja!« erwiderte sie fest, ging auf den Angeklagten zu, ergriff seine Hand und küßte sie leidenschaftlich.

Einen Augenblick lang herrschte Totenstille im Saal. Ohne zu ahnen, was im Innern der alten Voisin vorging, empfand jeder, daß er in dieser Stunde das Schicksal einer Mutter miterlebte.

Diese Stimmung nutzte der Präsident, beugte sich weit vor, sah den Angeklagten beinahe väterlich an und fragte:

»Wollen Sie nun nicht ein Geständnis ablegen?«

»Lassen Sie ihn!« widersprach Frau Voisin leidenschaftlich, nahm eine Kette, die sie um den Hals trug, ab und drückte sie dem Angeklagten in die Hand. Dann wandte sie sich an die Richter, sagte mit lauter Stimme: »Er ist ein Held!« und ging erhobenen Hauptes aus dem Saal.


7.

Es war spät am Abend, als endlich die Beweisaufnahme geschlossen wurde. Vorher hatte noch der medizinische Sachverständige sein Gutachten abgegeben. – Er erklärte, den Erkrankungen in der Familie des Angeklagten mit großer Gewissenhaftigkeit nachgegangen zu sein und festgestellt zu haben, daß eine Großkusine mütterlicherseits an schwerer Neurasthenie gelitten habe und ein Großvetter väterlicherseits Alkoholiker gewesen sei. Außerdem habe sich eine Schwester seiner Mutter wiederholt dadurch strafbar gemacht, daß sie in dem Bestreben, ihre stark entwickelten Sexualtrieb durch Morphium zu verdrängen, Rezepte gefälscht habe.

»Was hat das mit dem Morde zu tun?« fragte Dubois.

»Es besteht,« erwiderte der Sachverständige, »ein Kausalzusammenhang zwischen dem Morde und den angeführten krankhaften Trieben in der Familie des Angeklagten. Aus ihm läßt sich die Wahrscheinlichkeit des Mordes, mit anderen Worten, der krankhafte Zwang errechnen, unter dem der Täter bei Begehung der Tat stand und der in diesem Falle bis hart an die Grenze des Paragraphen einundfünfzig geht, ohne sie jedoch ganz zu erreichen.«

»Wenn ich Sie recht verstehe, so verneinen Sie, daß der Paragraph einundfünfzig auf den Angeklagten Anwendung findet?« fragte der Vorsitzende, und der Sachverständige erwiderte:

»Sie haben mich ausgezeichnet verstanden.«

Dorothée, die die Ausführungen des medizinischen Sachverständigen grotesk fand und sich wunderte, daß Gericht und Publikum sie ernst nahmen, dachte, daß, was sie bisher stets als Qual und Belastung empfunden habe, nämlich eine große Verwandschaft, auch sein Gutes habe. Denn selbst, wenn man kritisch war, unter einem Dutzend Geschwistern, Onkeln, Tanten, Vettern und Kusinen war mindestens einer, den man selbst bei wohlwollender Einstellung nicht als normal bezeichnen konnte. Sie zählte im Augenblick allein in ihrer Familie vier – und in der ihres Mannes waren es bestimmt noch mehr. Wie herrlich, daß man die – , und zwar gerade die unsympathischsten – im Augenblick der Gefahr für sich ins Treffen führen konnte. Also, berichtigte sich Dorothée, ist die Familie doch zu etwas gut.

Schließlich kam der Sachverständige auf den Angeklagten selbst zu sprechen. Er hatte ihn, während er in Untersuchungshaft saß, wiederholt besucht und konnte an ihm alle typischen Krankheitserscheinungen eines Weinreisenden feststellen: Flatterhaftigkeit, Mangel an Konzentration, Nervosität, Unaufrichtigkeit, kolerische Zustände, abwechselnd mit melancholischen und völliger Resignation. – Wie man das bei den meisten Weinreisenden finde, so habe sein Organismus stark unter dem übermäßigen Genuß alkoholischer Getränke gelitten. Aber auch psychisch sei er ein Opfer seines Berufs geworden. Denn es zeuge nicht grade von geistiger Stärke, daß ihm der Angeklagte auf seine Frage, ob er sich schuldig fühle, erwidert habe, er wolle der Entscheidung des Gerichts nicht vorgreifen.

Das Publikum quittierte die Äußerung mit Lachen, das der Vorsitzende rügte.

Endlich erhob sich der Staatsanwalt und hielt sein Plaidoyer. Er führte aus:

»Nachdem der Herr Sachverständige so überzeugend nachgewiesen hat, daß der Angeklagte für seine Tat verantwortlich ist, bleibt mir nur übrig, zu beweisen, daß er die Tat auch wirklich begangen hat. – Selten ist mir dieser Beweis so leicht gemacht worden wie in diesem Falle, wo die Indizien deutlicher sprechen, als es selbst ein Geständnis des Angeklagten täte. Der Herr Vorsitzende wird hier eine kleine Abschweifung gestatten. Ich kann es mir bei dieser Gelegenheit nämlich nicht versagen, meiner besonderen Genugtuung Ausdruck zu geben, daß sich unter den interessiertesten Zuhörern dieses Prozesses der bekannte amerikanische Zeitungsverleger Lincoln Harvey befand. Mit einer Leidenschaft ohnegleichen bekämpft er seit einem Jahrzehnt in seinen amerikanischen Blättern eine Institution zum Schütze der menschlichen Gesellschaft, die ich ohne Übertreibung als eines der vielen Fundamente eines jeden Rechtsstaates bezeichne: den Indizienbeweis. Ich gehe wohl in der Annahme nicht fehl, daß auch die europäische Reise dieses fanatischen Bekämpfers des Indizienbeweises den Zweck hat, diese Propaganda über die Grenzen Amerikas hinaus auch nach Europa zu tragen. Ich betrachte es daher als einen ganz besonderen Glücksfall, daß Mister Harvey Zeuge dieses Prozesses war, der sämtliche in Zeitungsartikeln und Broschüren gegen den Indizienbeweis zusammengetragenen Argumente entkräftet und geradezu ein Schulbeispiel dafür ist, daß ein lückenloser Indizienbeweis oft überzeugender die Schuld des Angeklagten aufzeigt als der Eid von Tatzeugen, ja, unter Umständen überzeugender selbst als ein Geständnis, das durch Zwang erzeugt, durch Widerruf erschüttert werden kann, während sich handgreifliche Indizien durch keinen Widerruf und keine Dialektik wegdiskutieren lassen. Ich gebe mich daher der Hoffnung hin, daß dieser Prozeß nicht nur den Täter seiner verdienten Strafe zuführen, sondern zugleich einer Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen wird, die dank der Persönlichkeit eines Mister Harvey eine Gefahr für die Grundlagen unserer Rechtsprechung bedeutet. – Diesen Indizien gegenüber ist die Verteidigung hilflos und weiß sich, da sie außer Stande ist, sie zu entkräften, nicht anders zu helfen, als daß sie zu der ebenso phantastischen wie weit hergeholten Behauptung greift: Der Angeklagte habe die Tat eines andern übernommen. Das kann man natürlich immer behaupten. Bisher war der große Unbekannte das Reservat und primitivste Hilfsmittel geistig armer Gewohnheitsverbrecher, über das sich selbst der jüngste Kriminalbeamte mit einem Lächeln hinwegsetzte. Wie muß es um eine Verteidigung bestellt sein, die, vor eine unlösbare Aufgabe gestellt, zu diesem Hilfsmittel greift? – Es hieße Sie kränken, meine Herren Geschworenen, wollte ich annehmen, daß Sie sich die durch nichts belegte Behauptung auch nur einen Augenblick lang zu eigen machen. Der Angeklagte war klüger als die Verteidigung. Unter dem Druck des Belastungsmaterials hat er es, statt das Hohe Lied vom großen Unbekannten anzustimmen, vorgezogen, zu schweigen. Kalt und berechnend hat er diese Verteidigungsmethode bis zum Schluß durchgeführt, kalt blieb er auch der Mutter gegenüber. Diese Szene, die selbst mir altem Kriminalisten ans Herz ging ihn hat es nicht berührt, geschweige denn erschüttert. Einem Menschen mit so robustem Gewissen wäre ein Mord auch dann zuzutrauen, wenn er dank glücklicher Zufälle denn nur um Zufälle könnte es sich dann handeln – noch nicht vorbestraft wäre. Aber der Angeklagte hat nicht nur fremde Gelder unterschlagen, er ist auch wegen Körperverletzung vorbestraft.«

»Es handelt sich um eine Überschreitung der Notwehr,« unterbrach ihn Frau Turel, »die fünfzehn Jahre zurückliegt.«

»Gut!« erwiderte Dubois überlegen. »Ich komme der Verteidigung entgegen und lasse das Argument, der Angeklagte sei ein Mann, dem man nach Charakter und Vorstrafe die Tat wohl zutrauen könne, fallen und komme zu dem Motiv der Tat. Die Verhandlung hat ergeben, daß die finanzielle Lage des Angeklagten eine verzweifelte war. Aus der bei ihm beschlagnahmten Korrespondenz geht hervor, daß er als Weinreisender für eine Firma in Bordeaux Beträge in Höhe von etwa dreißigtausend Franken einkassiert, aber nicht abgeliefert hatte. Der wegen Körperverletzung vorbestrafte Angeklagte sah also seiner Bestrafung wegen Unterschlagung entgegen wenn es ihm nicht gelang, sich die veruntreute Summe anderswo zu verschaffen. Alle dahingehenden Versuche scheiterten, wie die Korrespondenz ergibt. Also verfiel er auf den üblichen Ausweg: ein Verbrechen durch ein anderes zu verdecken. Die bequemste Art, sich widerrechtlich Gold, Schmuck und sonstige Wertgegenstände anzueignen, bietet fraglos ein Luxushotel, in dem die große Welt verkehrt. Als Weinreisender kannte der wegen Körperverletzung vorbestrafte Angeklagte das Leben und Treiben in derartigen Hotels genau. Er wußte, daß Damen, die ihren Schmuck zu Haus sorgsam in einem Tresor bewahren, auf Reisen leichtfertig damit umgehen, daß Herren, die zu Haus nur das für den Tag nötige Geld bei sich zu tragen pflegen, auf Reisen große Summen bei sich führen. Also beschloß er, den Gästen eines derartigen Luxushotels einen Besuch abzustatten. Er ist dabei klug zu Werke gegangen. Denn in der Tat trug die damalige Frau Marot, die er bereits in Marseille beobachtet hatte, einen Halsschmuck, der allein zur Deckung der von ihm unterschlagenen Summe ausgereicht hätte. Er mußte damit rechnen, daß man ihn auf frischer Tat ertappte. Für diesen Fall hatte er nicht die Absicht, zu fliehen oder gar, sich verloren zugeben. Er hielt in der Hand vielmehr den fünffach geladenen Revolver, hatte also vor, sein Opfer, sofern es sich ihm in den Weg stellte, niederzuschießen. Er handelte also mit Überlegung und Vorbedacht. Die Lage der Leiche hat ergeben, daß Marot im Schlaf erschossen wurde. Ein Kampf hat auf keinen Fall stattgefunden. Der Angeklagte hat es dazu nicht kommen lassen, sondern hat sein Opfer im Augenblick des Erwachens – vielleicht sogar, ohne daß es erwachte – der eigenen Sicherheit wegen – einfach über den Haufen geschossen. – So weit die Tat als solche und ihre psychologischen Merkmale, auf Grund deren der Angeklagte als der Tat verdächtig erscheint. Aber niemals würde ich auf Grund dieser Indizien seine Verurteilung von Ihnen fordern, wenn ich nicht beweisen könnte, daß der Angeklagte der Täter sein muß, daß kein anderer als er die Tat begangen haben kann. Meine Herren Geschworenen! Der wegen Körperverletzung vorbestrafte Angeklagte ist einen Tag vor dem Morde zum letzten Male gesehen worden.«

»In Marseille, nicht in Nizza«, warf Frau Turel ein.

»Nizza ist in wenigen Stunden von Marseille zu erreichen. Der Angeklagte ist seit der Mordnacht in sein Hotel nicht zurückgekehrt. Er hat vielmehr seine Koffer preisgegeben und sich verborgen gehalten, nachdem er – wie dilettantisch – am Morgen nach dem Morde auf dem Postamt in Nizza an seine Firma in Bordeaux einen erheblichen Teil des für sie einkassierten Betrages mit einer Postanweisung in Maschinenschrift abgesandt hatte. – Hier könnte ich aufhören und Ihrem gesunden Menschenverstand die Beurteilung überlassen, ob der Angeklagte der Mörder ist. Aber damit nicht genug! Man hat bei dem Angeklagten, von dem wir nach den bisherigen Indizien bereits wissen, daß er der Mörder ist, die Brieftasche und die Uhr des Ermordeten gefunden – identifiziert von dessen eigener Gattin. Überführter war während meiner Praxis kein Angeklagter. Und nur, weil es meine Pflicht ist, alle Momente zusammenzutragen, füge ich hinzu: Die Fingerabdrücke und die Fußspuren unterhalb des Fensters im Hotel Excelsior Regina sind identisch mit denen des Angeklagten. Ich würde Sie kränken, meine Herren Geschworenen, wenn ich es Ihnen nicht selbst überließe, aus diesen Tatsachen den allein möglichen Schluß zu ziehen.«

Das Publikum gab, ohne Beifall zu äußern, seiner Zustimmung Ausdruck. Obwohl es immer und überall Sensationen suchend, hinter der Art, in der sich der Angeklagte verteidigte – oder besser: nicht verteidigte, ein Geheimnis suchte und gern einen Zusammenhang mit Frau Dorothée konstruiert hätte, war doch wohl keiner im Saal, der sich der schlüssigen Beweisführung des Staatsanwalts zu entziehen vermochte.

Frau Turel hatte daher einen schweren Stand, als sie begann:

»Meine Herren Geschworenen! Ich beschränke mich darauf, Sie zu warnen, lediglich auf Indizien hin den Kopf des Angeklagten dem Henker auszuliefern. Schon oft waren die Belastungsgründe so überzeugend wie hier . . .!«

»Noch nie!« rief Dubois dazwischen, und Frau Turel fuhr mit erhobener Stimme fort:

»Schon oft – der Staatsanwalt weiß es so gut wie ich – schloß sich die Kette der belastenden Momente so lückenlos, daß jeder logisch denkende Mensch sich sagte: er muß es gewesen sein. Das Urteil wurde gefällt. – Nach Monaten, oft erst nach Jahren, stellte sich dann heraus, meist durch das Geständnis, das der wahre Täter auf dem Totenbette ablegte – daß das Urteil falsch gewesen war. In dem vom Staatsanwalt selbst oder von den Angehörigen veranlaßten Wiederaufnahmeverfahren wurde der damals zum Tode Verurteilte hinterher freigesprochen, die ihm seinerzeit aberkannten Ehrenrechte wurden ihm wieder zuerkannt, nur den abgeschlagenen Kopf konnte man ihm nicht wieder aufsetzen. – Richter und Staatsanwalt, so nachdenklich Fälle dieser Art sie stimmten, gerieten nicht in Gewissensnot, denn nicht sie waren es gewesen, sondern die Herren Geschworenen, die das falsche Votum »schuldig« abgegeben und damit den Staatsanwalt und das Gericht gezwungen hatten, die Todesstrafe zu beantragen und auszusprechen. – Wenn Sie mich fragen, was mich treibt, Sie zu bitten, die Schuldfrage zu verneinen, so erwidere ich Ihnen: mein Gefühl! – Auch ich war anfangs von der Schuld des Angeklagten überzeugt – eben, weil alle äußerlichen Merkmale dafür sprachen. Aber schon die Tatsache, daß der Angeklagte am Morgen nach der Tat auf der Post in Nizza das seinem Opfer geraubte Geld an die geschädigte Firma abgesandt haben soll. . .«

»Abgesandt hat!« rief der Staatsanwalt, und Frau Turel fuhr fort:

». . . machte mich stutzig. Sie müssen daran erkennen, daß so dumm nicht einmal ein Geistesschwacher handeln würde es sei denn, er will die Spur auf sich lenken.«

»Weshalb?« fragte Dubois, und Frau Turel erwiderte:

»Vielleicht, um sie von dem wahren Täter abzulenken. Es besteht somit die Möglichkeit – und sämtliche vom Staatsanwalt, teilweise mit meiner Hilfe zusammengetragenen Belastungsmomente widersprechen dem nicht – daß der Angeklagte nur das Werkzeug Dritter war.

»Jetzt verdächtigen Sie Mister Harvey!« fragte Dubois – und Frau Turel erwiderte:

»Ich mache mir nur Ihre Beweisführung zu eigen. Auf Grund des Tatsachenmaterials könnten Sie als Staatsanwalt mühelos den Beweis führen, daß Mister Harvey der Anstifter, ja der intellektuelle Mörder Marots ist. – Andrée Marot war Marseiller Korrespondent der Harvey-Presse in Amerika. Diese Stelle war nicht besonders hoch dotiert.«

»Sie reichte kaum für meine Toiletten aus!« bestätigte Dorothée.

»Frau Marot verstand es – anfangs vielleicht nur, um ihrem Mann vorwärts zu helfen – , Mister Harvey zu fesseln.«

»So klug ist jede Frau«, erwiderte Dorothée.«

»Mister Harvey verliebte sich in Frau Marot. Der Liebe stand die Ehe mit Andrée im Wege. Was lag näher, als dies Hindernis zu beseitigen? Möglich, ja wahrscheinlich, daß Mister Harvey es anfangs mit der Autorität des Chefs gegenüber dem Angestellten versucht hat, Marot zu einem Verzicht zu bringen, Marot aber liebte seine Frau. Er verzichtete nicht auf sie. Also kam nur eine gewaltsame Lösung in Frage. Der« – sie ahmte die Stimme des Staatsanwalts nach – »wegen Körperverletzung vorbestrafte Henri Voisin hatte seiner Firma dreißictausend Franken unterschlagen. Er mußte mit schwerer Strafe rechnen. Was liegt näher, als daß er sich dieser Strafe durch eine Flucht nach Amerika zu entziehen suchte. Er befand sich in Marseille. Um sich zu orientieren, suchte er als vorsichtiger Mann statt des amerikanischen Konsuls, den Vertreter der Harvey-Presse, Marot, auf. Zufälligerweise befand sich an diesem Tage Mister Harvey selbst im Office der Redaktion. Er empfing Voisin. Seiner bekannten Gewandtheit, mit Menschen umzugehen, gelang es, Voisins Vertrauen zu gewinnen. Voisin erzählte, legte ihm ein Geständnis ab. Mister Harvey, gewöhnt, schnell zu denken, sagte sich: Das ist mein Mann! Er versprach, ihn mit nach Amerika zu nehmen, ihn in einem seiner Betriebe unterzubringen, vorerst aber sollte ihm Voisin noch einen kleinen Beweis seiner Zuverlässigkeit geben, indem er jenes Hindernis beseitigte, daß der Vereinigung und der gemeinsamen Reise Harveys mit Frau Marot im Wege stand. Voisin hatte zu wählen: zwischen dem Zuchthaus auf der einen und der Sicherheit, Freiheit und Stellung in' Amerika auf der anderen Seite. Genau, wie Frau Marot die Wahl hatte, als Gattin Mister Harveys in Amerika eine glänzende gesellschaftliche Rolle zu spielen, oder in dem langweiligen Marseille neben dem verschuldeten Marot ihre Jugend und Schönheit zu vergeuden. Mister Harveys Plan war schnell gefaßt. Ein harmlos anmutender Ausflug nach Nizza, der sich völlig programmäßig abwickelte. Nur der Scharfsinn des Staatsanwalts, der Frau Marot verdächtigte, verzögerte die gemeinsame Ausreise nach Amerika.«

»Und die Fußspuren, die wohl aus dem Hotel heraus, aber nicht hineinführten?« fragte Harvey, der nach beendeter Beweisaufnahme wieder im Saale war und förmlich an dem Munde Frau Turels hing.

»Richtig! diese Fußspuren!« rief Frau Turel. »Wissen Sie, meine Herren Geschworenen, was es damit für eine Bewandtnis hat? Mister Harvey führte einen mannshohen Schrankkoffer mit sich, der aus Versehen natürlich – statt in sein Zimmer, in das des Ehepaares Marot geriet. In ihm war Voisin, dieser schwachsinnige Mensch, der nicht als Täter, sondern nur als Werkzeug in Frage kommt, verborgen.«

»Fabelhaft!« rief Mister Harvey.

»Mithin könnte ich Sie, meine Herren Geschworenen, gestützt auf diese Indizien, die genau so stichhaltig sind wie die, auf Grund derer der Staatsanwalt den Kopf des Angeklagten von Ihnen fordert, bitten, Mister Harvey wegen Mordes, Frau Marot wegen Beihilfe zu bestrafen, Voisin aber, als schwachsinniges Opfer, einer Irrenanstalt zu überweisen.«

»Soll das ein Plädoyer sein?« fragte der Vorsitzende.

»Allerdings«, erwiderte Frau Turel. »Es soll zeigen, daß man mit Indizien Anklagen aufbauen kann, die verstandesgemäß jeden überzeugen. Ich glaube natürlich weder an eine Schuld Mister Harveys, noch Frau Marots, so wenig wie ich an die Schuld des Angeklagten glaube. Mein Gefühl – und dies Gefühl, meine Herren Geschworenen, ist mehr wert als alle Indizien, die unser Verstand zusammenträgt – sagt mir: der Angeklagte ist kein Mörder.«

»Wer denn?« fragte Dubois – und Frau Turel erwiderte:

»Hier endet meine Weisheit!«

»Aha!« rief Dubois spöttisch – und Frau Turel fuhr fort:

»Wer auf Grund von Indizien belastet erscheint, ist noch lange nicht überführt. Möglich, daß gegen den wirklichen Mörder überhaupt keine Indizien sprechen, möglich, daß es sich hier überhaupt um keinen Mord, sondern um eins der vielen menschlichen Mysterien handelt, für die wir keine Erklärung haben, möglich auch, daß die Erklärung zu einfach und zu primitiv ist, als daß wir mit unseren verstandesgemäßen Konstruktionen darauf kommen. Jedenfalls bitte ich Sie, meine Herren Geschworenen, mir zu glauben und die Schuldfrage zu verneinen.«

Trotz des offensichtlichen Eindrucks, den diese Rede auf die Geschworenen und das Publikum machte, erwiderte der Staatsanwalt:

»Ich glaube, daß wir uns, bei allem Respekt vor dem Mitgefühl einer Frau, die sich in ihrer Sensibilität bereits alle Schrecken einer Hinrichtung ausmalt, als ernste Männer die Pflicht haben, uns auf den Boden der Tatsachen zu stellen, den die Verteidigung einfach beiseite geschoben hat. Würden wir – wie es die Verteidigung will – nur noch auf Grund eines Geständnisses verurteilen, so dürfte es sehr bald überhaupt kein Geständnis, und damit keine Verurteilung mehr geben. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

Da Frau Turel auf eine Replik verzichtete, so erteilte der Vorsitzende dem Angeklagten das letzte Wort. Der erhob sich und sagte:

»Ich bin unschuldig – ich habe Marot nicht ermordet – ich kann ihn garnicht ermordet haben.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte einer der Geschworenen – und der Angeklagte erwiderte mit fester Stimme:

»Daß Marot lebt!«

»Ist das alles, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben?« fragte der Präsident.

»Ist das nicht genug?« fragte der Angeklagte erstaunt, – »ich sagte: Marot lebt!«

Der Staatsanwalt beugte sich über sein Pult und rief dem Angeklagten spöttisch zu:

»Am Ende behaupten Sie noch, selbst Marot zu sein.«

»Der bin ich auch,« erwiderte der.

Das Publikum lachte.

Der Staatsanwalt wandte sich triumphierend an den Präsidenten und rief:

»Was habe ich gesagt?«

Unter stürmischem Gelächter, in das jetzt auch die Richter, Geschworenen und Dubois einstimmten, schloß der Vorsitzende die Verhandlung und erteilte den Geschworenen die Rechtsbelehrung.



Vierter Teil.

1.

Unmittelbar nach der Verurteilung des Angeklagten suchte Frau Turel den Amerikaner in seinem Hotel auf. Sie wurde trotz einer Menge von Menschen, die – zum Teil schon stundenlang – auf ihn warteten, sofort vorgelassen und in den Salon geführt, in dem ein mit besonderer Sorgfalt für zwei Personen gedeckter Teetisch sie erwartete.

Mister Harvey empfing Frau Turel sehr höflich. Aber er war so ruhig, als wenn sich in den letzten zwölf Stunden nichts, was ihn irgendwie interessierte, ereignet hätte. Frau Turel hingegen war in großer Erregung. Die lange Verhandlung hatte an ihre Nerven Anforderungen gestellt, die durch ihre innere Anteilnahme wesentlich verstärkt wurden. Wenn sie sich auch über den Ausgang des Prozesses keinen Illusionen hingegeben hatte, so war sie von der Verurteilung schließlich doch erschüttert.

In ihrer Erregung fiel es ihr nicht auf, daß man sie allen Wartenden gegenüber bevorzugte. Auch verriet ihr der gedeckte Teetisch, an dem sie auf die Aufforderung Harveys hin Platz nahm, nicht, mit welcher Bestimmtheit sie der Amerikaner erwartet hatte.

»Ich muß Sie – dringend – sprechen, Mister Harvey!« waren ihre ersten, erregt hervorgestoßenen Worte.

»Gewiß! Aber erst nehmen Sie mal eine Tasse Tee und ein paar Sandwiches. Sie sind ja völlig erschöpft.«

»O nein! Ich bin erregt. Und ehe ich nicht Gewißheit habe, bringe ich keinen Schluck herunter.«

»Gewißheit?« fragte Harvey und tat erstaunt. »Ja, die haben Sie doch? – Oder wollen Sie etwa die gräßlichen Sachen noch einmal aufrollen und Revision anmelden? Ich rate Ihnen ab. Denn der Enderfolg wäre derselbe und Sie würden Ihrer heutigen Niederlage, die man schnell vergessen wird, mit großer Wahrscheinlichkeit eine zweite hinzufügen. Im übrigen haben Sie sich nichts vorzuwerfen. Sie haben getan, was Sie konnten. Ihre Verteidigung war gescheit und umsichtig. Ihr Name ist heute in aller Munde. Sämtliche Blätter bringen Ihr Bild. Ich werde auch in Amerika dafür sorgen, daß man erfährt, wer Frau Turel ist.«

»Woran mir gar nichts liegt«, erwiderte Frau Turel – und der Amerikaner rief erstaunt.

»Nanu?«

»Wenigstens in diesem Augenblick, in dem es sich nicht um mich, sondern um den Kopf Voisins handelt.«

»Wenn Sie mit jedem Ihrer Klienten innerlich derartig mitgehen, werden Sie sich sehr schnell verbraucht haben.«

»Sie sprechen schon wieder von mir. Ich bin aber zu Ihnen gekommen, um Sie zu fragen: in welcher Verbindung stehen Sie mit Voisin?«

»Mit Voisin – in gar keiner.«

»Es wäre meine Pflicht gewesen, Sie in der Hauptverhandlung zu stellen. – Als Sie mich vor der Vernehmung der alten Voisin veranlaßten, den Angeklagten zu bestimmen, aus dem Saal zu gehen und der alten zu insinuieren, daß Voisin die Tat für einen anderen auf sich genommen habe, da hatte ich keine Zeit, nachzudenken, sondern folgte meinem Gefühl – oder besser wohl Ihrer Einwirkung. Die Folge war, daß die Vernehmung der einzigen, dem Angeklagten günstigen Zeugin, wirkungslos verpuffte.«

»Wahrscheinlich war das meine Absicht.«

»Ich bin davon überzeugt. Ich habe mich bluffen lassen. Zu spät kam mir die Erkenntnis, daß Ihr sehr geschicktes Manöver gegen Voisin gerichtet war. Mein eigentlicher Gegner in diesem Prozeß war nicht der Staatsanwalt – waren Sie!«

»Es macht Ihnen alle Ehre, daß Sie mich durchschaut haben.«

»Damit ist dem Verurteilten nicht geholfen.«

»Was also gedenken Sie zu tun?«

»Die Wiederaufnahme zu betreiben.«

»Die hierfür notwendigen neuen Momente?«

»Daß die Verteidigung sich in einem der kritischsten Augenblicke der Verhandlung in unverantwortlicher Weise von dem Zeugen Lincoln Harvey hat beeinflussen lassen.«

»Sie müßten auch angeben, welche den Angeklagten nachteiligen Folgen durch das Verhalten der Verteidigung entstanden sind.«

Frau Turel erhob sich, sah dem Amerikaner fest in die Augen und sagte:

»Daß ein von Ihnen bestochener Mensch sich für Voisin ausgab und an seiner Stelle verurteilt wurde.«

Der Amerikaner verzog keine Miene und erwiderte vollkommen ruhig:

»Ähnliches haben Sie, wenn ich nicht irre, ja schon in Ihrem Plädoyer gesagt.«

»Als Hypothese! – Denn vor zwei Stunden glaubte ich es selbst nicht. – Instinkt und Phantasie gaben mir diese Konstruktion ein, die nur als Gleichnis für das, was der Staatsanwalt vorbrachte, gedacht war. Hinterher erst, als ich mir die Haltung der alten Voisin ins Gedächtnis zurückrief, wurde mir klar, daß ich ganz unbewußt die Wahrheit gesagt hatte.«

»Hatten Sie da nicht noch immer Zeit, sich zu berichtigen?«

»Ich wollte Sie nicht angeben, ohne es Ihnen zuvor gesagt zu haben.«

Harvey erhob sich und trat an Frau Turel heran, und es war deutlich, daß die Angelegenheit ihn erst jetzt zu interessieren begann. Er sagte:

»Aus welchem Gefühl heraus?«

»Das darf Ihnen gleich sein,« erwiderte Frau Turel und sah zur Seite.

»Wissen Sie, daß mich das, was Sie mir da sagen, sehr glücklich macht?«

Frau Turel hob trotzig den Kopf und sagte:

»Glauben Sie, ich kann einen Mörder lieben, der noch dazu einen anderen für sich büßen läßt?«

»Haben Sie eine andere Erklärung?«

»Mitleid – vermutlich«, erwiderte Frau Turel. Und als Mister Harvey lächelnd schwieg, fuhr sie in echter Weiblichkeit fort: »Überhaupt – Sie lieben ja Frau Marot – derentwegen Sie zum Verbrecher wurden.«

»Aber nein!« rief Harvey froh, und ergriff ihre Hände. »Wissen Sie, was ich jetzt möchte? Sie in die Arme schließen und nicht mehr loslassen.«

»Dann müßten Sie mir erst erklären . . .« entgegnete Frau Turel. Aber der Amerikaner fiel ihr ins Wort und sagte:

»Nein, Turel, Sie müssen mich so lieben, wie ich bin – ohne daß ich Ihnen irgendeine Erklärung gebe.«

»Ich könnte das – aber in diesem Falle – Sie selbst haben mich veranlaßt, die Verteidigung zu übernehmen – Sie haben es getan – zu Ihrem Schutz – weil Sie fühlten, daß ich Ihnen . . .«

»Nein!« rief Harvey bestimmt. »Halten Sie mich meinetwegen für einen Mörder, aber sagen Sie mir nichts, was meine Gefühle für Sie verletzt.«

»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. – Als ich zu Ihnen kam, war ich mir ganz klar, und fest entschlossen . . .. meine Pflicht zu tun.«

»Das sollen Sie! Niemand hält Sie davon zurück. Aber ich bitte um eins: lassen Sie mir zwei Wochen Zeit. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sich bis dahin alles geklärt hat.«

»Und wenn Voisin bis dahin . . .«

»So schnell richtet man in Frankreich niemanden hin. – Im übrigen haben Sie ja in letzter Stunde immer noch Zeit, Ihre Angaben zu machen und die Vollstreckung des Urteils zu verhindern.«

»Seien Sie ein Mann, Harvey! Gehen Sie mit mir zum Oberstaatsanwalt! Gestehen Sie! – Ich werde Sie verteidigen – mit mehr Glück, ich fühle es, als ich diesen armseligen Menschen heut verteidigt habe.«

»In vierzehn Tagen – ich verspreche es Ihnen.«

»Bedenken Sie, was für den Ärmsten jeder Tag und jede Nacht bedeutet.«

»Ich werde Ihnen die Mittel in die Hand geben, ihn für alles zu entschädigen.«

»Und wenn ich es nicht tue«, fragte Frau Turel, obschon sie fest entschlossen war, zu warten.

»Dann werden Sie sich nicht gegen mich durchsetzen – und das Urteil wird vollstreckt werden.«

»Ich warte!« versprach Frau Turel, gab Harvey die Hand und ging.


2.

Die Verteidigung legte keine Revision ein. Der Verurteilte weigerte sich, ein Begnadigungsgesuch einzureichen. Er forderte sein Recht, keine Gnade. Der Justizminister empfahl dem Präsidenten der Republik, dem Recht freien Lauf zu lassen. Der Präsident bestätigte das Todesurteil. Die Vollstreckungsbehörde setzte den Termin der Hinrichtung fest.

Es waren erst zwölf Tage vergangen, da überführte man den Verurteilten in die Mörderzelle.

Auf Vorstellungen Frau Turels hin erklärte Mister Harvey, der die ganze Zeit über geschäftlich bald in Paris, bald in London zu tun hatte, sie möge sich nicht beunruhigen, und im übrigen sich an ihr Wort gebunden halten.

Auch Dorothée hatte der Amerikaner so sicher gemacht, daß sie ihm nach Paris gefolgt war und dort über die Einrichtung der neuen Wohnung, die sie mit Marot nach dessen Freilassung beziehen wollte, über Einkäufen in den großen Magazinen, über Theater, Modetees und sportlichen Veranstaltungen – kurz über den faszinierenden Schimmer, mit dem Paris sie blendete und völlig in Bann hielt, gar nicht Zeit fand, darüber nachzudenken, daß ein zum Tode Verurteilter sich auch dann noch in Gefahr befand, wenn er unschuldig war, und ein reicher und einflußreicher Amerikaner es übernommen hatte, seine Unschuld an dem ihm geeignet erscheinenden Zeitpunkt nachzuweisen. Ihre Beziehungen zu Harvey – den sie im übrigen, da er in Claridges, sie in Meurice wohnte, kaum zu sehen bekam, waren wenn möglich noch formellere, als sie es unter dem Schein der Verlobung in Marseille gewesen waren. Sie war überzeugt, daß eines Tages die Tür aufgehen würde und Andrée mit ausgebreiteten Armen auf der Schwelle stände. Ihr Ehrgeiz war es, bis dahin nicht nur die Wohnung fertiggestellt, sondern sich selbst in eine so echte und vollkommene Pariserin verwandelt zu haben, daß Andrée sie im ersten Augenblick gar nicht wiedererkennen würde. Ja, manchmal, wenn sie beim Tee im Riz oder bei der Modenschau der Madame Agnes entdeckte, daß sie in einigen, für die Pariserin so charakteristischen Modedingen doch noch nicht ganz auf der Höhe war, dann wünschte sie wohl, Andrée möge sie nicht gar zu schnell überraschen. Die Vorstellung, unter welchen Verhältnissen er als zum Tode Verurteilter lebte, kam ihr in diesem Falle so wenig wie der Gedanke, daß der in der Politik aufgehende Andrée für diese Art des Glanzes und des Luxus ja gar kein Verständnis hatte. Sie hatte dieselben Gefühle, wie manche junge Frau sie im Krieg hatte, deren Mann eine Zeitlang verschollen war, sich dann wieder angefunden hatte und nun auf den langersehnten Urlaub in die Heimat wartete.

Ganz unberechtigt war das nicht, wenn man bedenkt, daß selbst Marot, der doch ständig das Schwert des Damokles über sich fühlte, nicht einen Augenblick lang an der Zuverlässigkeit des Amerikaners zweifelte. Auch jetzt noch nicht, a\s man ihn von der bevorstehenden Vollstreckung des Urteils in Kenntnis setzte und im Anschluß daran in die Mörderzelle überführte.

Der Raum für die letzte Nacht war unbehaglich genug. Das schwer vergitterte Fenster, das auf den Hof ging und kaum Licht in die Zelle ließ, drückte unheimlich auf den kleinen Raum, in dem vorn rechts nur eine Pritsche, und im Vordergrund ein kleiner Holztisch mit ein paar Schemel standen.

Marot saß auf einem der Schemel, während der Wächter unter dem Fenster stand und ihn beobachtete.

»Warum stieren Sie mich so an?« fragte Marot.

»Vorschrift«, erwiderte der Wächter.

»Haben Sie Furcht vor mir?«

»Ich habe Waffen.«

»Worauf passen Sie also auf?«

»Daß Sie keinen Selbstmord begehen.«

»Wozu soll ich mich um etwas bemühen, was ich in einigen Stunden sicher und sehr viel bequemer habe?«

»Sie haben gar keine Furcht?«

»Interessiert Sie das?«

Der »Wächter hob ein Heft hoch und sagte:

»Wir führen ein Buch über die Hinrichtungen.«

»So? – was schreiben Sie denn da hinein?«

»Ob der Deliquent während der letzten Nacht Haltung bewahrt oder schlapp gemacht hat.«

»Wen interessiert denn das?«

»Auch seinen letzten Wunsch – was er gegessen und getrunken hat.«

»Der Mensch in der Nacht vor seiner Hinrichtung – das muß ein grausiges Buch sein. Ich werde mir als letzten Wunsch die Lektüre dieses Buches ausbitten.«

»Da machen Sie höchstens schlapp. Bestellen Sie sich lieber ein Filetbeafsteak und eine Flasche Wein – da haben Sie mehr von.«

»Ich verlange das Buch.«

»Das kriegen Sie doch nicht. Aber wenn Sie es hören wollen – ich weiß so ziemlich, was drin steht.«

»Wer hat als letzter vor mir in dieser Zelle gesessen?«

»Ein gewisser Henri Lavoisier. Maschinist. Einundzwanzig Jahre alt.«

»Und wen hatte er umgebracht?«

»Er hat des Nachts seine Braut erdrosselt.«

»Aus welchem Grunde?«

»Nach seiner Aussage aus Eifersucht und im Streit. Aber man hat es ihm nicht geglaubt, weil er ihr die Barschaft in Höhe von drei Franken und siebzig Centimes und eine Brosche geraubt hat.«

»War er gefaßt?«

»Er hatte unsagbare Angst und rief fortwährend: Ich will nicht sterben! – Er bestellte Wein und Zigaretten. Aber er rührte nichts an. Um zwei Uhr früh forderte er Briefpapier, um an seine Mutter zu schreiben. Aber vor Angst und Schluchzen kam er über die Überschrift: Mein armes, gutes Muttchen! nicht hinaus. – Als man ihn um fünf Uhr früh zum Richtplatz führen wollte, saß er noch immer vor dem Brief und war vor Angst schon halbtot. Aber er kritzelte noch schnell hin: Dein treuer Sohn Henri – , so daß der Brief nur eine Überschrift und Unterschrift hatte.«

»Grauenhaft!«

»Ich hab's gewußt. – Soll ich Ihnen also das Beefsteak und die halbe Flasche Wein bestellen?«

Marot sah den Wächter an und sagte:

»Ach so – wenn Sie Appetit darauf haben.«

»Den hätte ich schon«, erwiderte der und schnalzte mit der Zunge.

»Meinetwegen.«

Der Wächter ging zur Tür, öffnete und rief einem seiner Kollegen, der draußen Wache hielt, zu:

»Die Henkersmahlzeit! – wie üblich! – Aber sie sollen die halbe Flasche Wein nicht vergessen es kann auch eine ganze sein – der Deliquent ist verflucht schlapp.«

Dann schloß er die Tür wieder und trat in die Zelle zurück. Aber statt ans Fenster zu gehen, stellte er sich jetzt an den Tisch, an dem Marot saß.

»Sind Sie bei den Hinrichtungen auch dabei?«

»Immer nicht. Aber bei Staatsanwalt Dubois habe ich Aussicht, daß er mich zusehen läßt.«

»Das ist wohl sehr interessant?«

»Unsereiner hat sonst keine Zerstreuung. – Höchstens mal ins Kino. Aber das kostet Geld.«

»Ich fürchte, daß ich Sie enttäuschen werde.«

»Auf Sie kommt es da nicht mehr viel an. Das besorgen die anderen.«

»Oder auch nicht.«

Der Wächter stutzte:

»Was soll das heißen?«

»Daß ich noch nicht recht an meine Hinrichtung glaube.«

»Na, dann wird es aber Zeit.«

»Kaum!«

»Hoffen Sie auf ein Wunder?«

»Wunder? Nein! Das geht alles mit ganz natürlichen Dingen zu.«

»Sie haben sich mit Ihrem Schicksal also abgefunden?«

»Was ist da viel abzufinden – jetzt, wo ich es hinter mir habe.«

»Das Ärgste steht Ihnen noch bevor.« »Nein, Freundchen!« Er klopfte dem Wächter, der ihn erstaunt ansah, auf die Schenkel, atmete tief auf und erhob sich. »Wir haben es geschafft! – Einfach war es nicht.«

»Was reden Sie denn da?«

»Jetzt bin ich ein gemachter Mann mit Wohnsitz in Paris – rue La Fayette treize, Office der Chicago Times und der ihr angegliederten Blätter Mister Harveys.«

»Ach so! Sie spielen verrückt! – Na, man zu.«

»Nein, mein Lieber!« – Er trat an den Wächter, der ängstlich zur Tür wich, heran und fuhr fort: »Aber merken Sie sich! Nur in Paris kann es ein Politiker zu etwas bringen. In zwei Jahren bin ich Deputierter – vorausgesetzt, daß ich mich bis dahin für eine Partei entschieden habe.«

»Sie glauben wohl, Sie werden amnestiert?« »Das Opfer wird meine Frau mir nie vergessen. Wir sind unsere Schulden los – statt in einer Taxi in den staubigen Straßen Marseilles werden wir von nun ab in einem eleganten Buik in den Champs Elysées von Paris spazieren fahren und uns in den Nachtlokalen auf dem Montmartre die Zeit vertreiben.«

»Geben Sie sich keine Mühe, Voisin! An solch Theater ist der Gerichtsarzt gewöhnt. Der fühlt Ihnen einfach den Puls und sagt: in Ordnung.«

Marot, der mit den Händen in der Tasche in der Zelle auf und ab gegangen war, überlegte, blieb stehen und sagte:

»Eigentlich müßte er schon hier sein.«

»Wenn Sie durchaus den Arzt haben wollen – aber ich sage Ihnen gleich, es nützt Ihnen nichts. Sie verlängern damit Ihr Leben nicht um fünf Minuten.«

»Ich will keinen Arzt, ich fühle mich vollkommen gesund.«

»Dann werden Sie es ja auch gut überstehen. Manche sind schon halbtot, bevor der Scharfrichter sie überhaupt in die Hand bekommt.«

Marot schüttelte sich und sagte:

»Das kommt für mich gar nicht in Frage«, und mit einem ruhigen Blick zur Tür hin fuhr er fort: »Wo bleibt er bloß?«

»Werden Sie nur nicht unruhig.«

»Für wann ist die Hinrichtung angesetzt?«

»Wie üblich – auf halb sechs Uhr.«

»Und jetzt ist es?«

»Halb fünf vorbei.«

»Ich begreife gar nicht. . .«

Der Wächter suchte ihn zu beruhigen und sagte:

»Das geht alles so schnell vorüber.«

»Wenn er sich nun im Tage irrt – oder in der Zeit?«

»Das gibt's nicht. – Bei uns klappt alles auf die Minute.«

»Ich spreche von dem Amerikaner.«

»Was für ein Amerikaner? – Ah so! der große Unbekannte! Von so einem gescheiten. Mann wie Sie hätte ich doch mal was Neues erwartet.«

»Die Erwartung wird sich hoffentlich erfüllen.«

»Sie wollen doch nicht etwa einen Fluchtversuch machen?«

»Das habe ich nicht nötig.«

»Oder rechnen Sie damit, daß man Sie gewaltsam befreit?«

»Gewaltsam nicht – aber befreien wird man mich.«

»Sie glauben, daß wir uns bestechen lassen?«

»Aber nein!«

»Das müßte dann schon – wirklich ein Amerikaner sein.«

»Davon ist gar keine Rede.«

»Ich möchte wissen, woraufhin Sie sonst freikommen sollten.«

»Vielleicht durch den Nachweis, daß ich Marot bin.«

»Sie! mit dem Unsinn hören Sie auf! Damit haben Sie sich schon in der Hauptverhandlung lächerlich gemacht.«

»Ich schwöre . . .«

»Schwören können Sie schon nicht.«

»Wieso denn nicht?«

»Weil man Ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt hat.«

»Und da meinen Sie . . .« – Marot stutzte, ihm kam ein furchtbarer Gedanke – »ich könnte sagen, was ich will – es würde mir doch niemand glauben!«

»Das sowieso!«

Marot entfärbte sich und rief:

»Wenn dieser Amerikaner ein falsches Spiel mit mir treibt?«

»Jetzt haben Sie es schon wieder mit diesem Amerikaner. Sagen Sie mal, wenn Sie Marot sind, wer war denn der Ermordete?«

»Es ist überhaupt niemand ermordet worden.«

»Und der Tote, der im Bett lag?«

»Das war Voisin!«

»Nun werde ich aber doch den Arzt holen.«

»Ich will keinen Arzt!« rief Marot. »Ich will Harvey.«

Draußen schlug die Uhr. – Marot horchte entsetzt – laut zählte er die Schläge:

»Eins – zwei – drei – «

»Ein Viertel vor fünf«, sagte der Wächter. Sie haben noch drei Viertelstunden Zeit!« Dann ging er zur Tür und meinte: »Wo nur das Essen bleibt!«

»Er läßt mich sitzen!« rief Marot erregt.

Im selben Augenblick hörte man, wie draußen jemand den Schlüssel ins Schloß schob. Marot atmete auf, stürzte zur Tür und rief:

»Da ist er!«

Durch die geöffnete Tür trat der Anstaltsdirektor.

Marot wich entsetzt zurück.

Der Wächter legte die Hände an die Hosennaht und stand stramm.


3.

Der Anstaltsdirektor war es gewöhnt, daß der Verurteilte zusammenfuhr, wenn er die Mörderzelle betrat. Er gab sich Mühe, jovial zu erscheinen, trat an Marot heran, klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter und fragte:

»Guten Morgen! – na, wie fühlen Sie sich?«

»Ist es denn schon soweit?« fragte Marot ängstlich.

Der Direktor sah nach der Uhr und erwiderte:

»Dreizehn Minuten vor fünf.«

»Hat denn niemand nach mir gefragt?« fragte Marot den Direktor erregt.

»Doch! dieser aufdringliche Amerikaner.«

Marot atmete auf und sagte:

»Gott sei Dank!«

»Dreimal hat er mich schon des Nachts im Schlaf gestört.«

»Ja – und?«

»Ich habe ihn abgewiesen.«

»Abgewiesen?« wiederholte Marot entgeistert.

»Und ihm sagen lassen, er soll sich zum Teufel scheren!«

»Wenn er doch aber– «

»Es ist eine Frechheit, mich des Nachts anzurufen.«

»Wenn es doch um das Leben eines Menschen geht.«

»Meine Besuchszeit ist vormittags von elf bis eins. So ein Amerikaner denkt, wenn er pfeift, tanzt unsereiner.«

»Aber morgen um elf bin ich doch längst. . .« – Er schüttelte sich vor Entsetzen.

Der Direktor klopfte ihm abermals auf die Schulter und sagte:

»Seien Sie tapfer, Voisin!«

»Der Amerikaner kommt in meiner Angelegenheit. Es ist etwas Wichtiges.«

»Ich kenne das. Zehn Minuten vor Toresschluß fällt den Leuten plötzlich was ein.«

»Ich beschwöre Sie, hören Sie ihn an!« rief Marot erregt, und der Direktor erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen:

»Vermutlich will er zusehen, wie man Sie köpft – um eine Sensation für seine amerikanischen Blätter zu haben. Dazu gebe ich Sie nicht her.«

»Er will mich retten!«

»Ein Befreiungsversuch?«

»Es kann Ihr Glück sein.«

»Gar eine Bestechung? – So einem Amerikaner traue ich alles zu.«

»Er wird Ihnen alles aufklären.«

»Aufklären?« erwiderte der Direktor und schien enttäuscht. »Dazu hatte er wochenlang Zeit. – Wenn ich alle anhören würde, die mich unter richtigem oder falschem Namen in der Nadu vor einer Hinrichtung sprechen wollen, um mir Märchen zu erzählen und die Vollstreckung hinauszuziehen, brauchte ich den Hörer überhaupt nicht aus der Hand zu legen.«

»Aber in diesem Falle . . .«

»Jeder hält da seinen Fall für einen besonderen. Aber zu etwas Wichtigerem: Lehnen Sie den Zuspruch des Geistlichen noch immer ab?«

»Das hat doch Zeit, wenn es soweit ist.«

»Es ist soweit!«

»Das ist nicht wahr!« rief Marot entsetzt, stürzte auf den Wächter zu und rief: »Was ist die Uhr?«

Der fuhr erschrocken auf und wiederholte:

»Die Uhr?« – Dann sah er nach und sagte:

»Drei Minuten vor fünf.«

Der Direktor stellte fest:

»Demnach fehlen noch eine halbe Stunde und drei Minuten.«

». . . und Harvey ist noch nicht da!« rief Marot verzweifelt.

Der Direktor wandte sich an den Wächter und fragte:

»War er die ganze Zeit über so aufgeregt?« »Herr Direktor brauchen sich keine Sorgen zu machen,« erwiderte der Wächter, um den Direktor zu beruhigen – »ich sorge schon dafür, daß er nicht schlappmacht.«

Der Direktor wandte sich wieder an Marot und fragte:

»Wie ist es mit Ihrem letzten Willen? Haben Sie ein Testament gemacht?«

»Lassen Sie es nicht dazu kommen aber wenn . . .«

In diesem Augenblick schlug es draußen, um die volle Stunde anzudeuten, erst kurz viermal – es herrschte Totenstille – sie zählten alle drei mit -– dann langsam fünfmal hintereinander.

»Fünf Uhr!« sagten sie gleichzeitig.

»Ich werde verrückt!« rief Marot und der Direktor fragte vollkommen ruhig:

»Also wie ist es mit Ihrem letzten Willen?«

»Alles gehört Dorothée!«

»Wer ist Dorothée?«

»Meine Frau!«

»Was für eine Frau?«

»Frau Marot natürlich.«

»Frau Marot vermachen Sie Ihr Letztes. Es wird ja nicht viel sein – immerhin, es kommt einem Geständnis gleich und zeugt von Reue, daß Sie mit Ihrem letzten Gedanken bei der Frau Ihres Opfers sind,« erwiderte der Direktor und fuhr, zu dem Wächter gewandt, fort: »Vergessen Sie nicht, es zu notieren.«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Es wird ein gutes Licht auf Sie werfen, wenn es morgen in den Zeitungen steht.«

»Nach meinem Tode?«

»Ein guter Ruf ist auch nach dem Tode etwas wert.«

»Führen Sie mich zum Staatsanwalt!« verlangte Marot.

»Den werden Sie in einer halben Stunde draußen treffen.«

»Gerechtigkeit!« schrie Marot, der jetzt wie verwandelt schien: »Ich habe ein Geständnis abzulegen.«

»Endlich!« sagte der Direktor – sofort verändert im Ton, und trat nahe an ihn heran. »Also, mein lieher Voisin, Sie haben Marot ermordet?«

»Nein! machen Sie mich nicht verrückt.«

Draußen an der Tür wurde geschlossen. – Marot fuhr zusammen. – Der Direktor sah nach der Uhr und sagte:

»Es ist ja erst drei Minuten vor viertel sechs.« Dann fuhr er zum Wächter gewandt fort: »Sehen Sie mal nach, wer da ist.«

Der Wächter ging zur Tür, die eben von außen geöffnet wurde. Auf der Schwelle stand Frau Turel.

»Ihr Verteidiger«, sagte der Direktor, wandte sich zur Tür, grüßte Frau Turel und flüsterte ihr zu: »Ich lasse Sie mit ihm allein. Er ist sehr aufgeregt. Vielleicht gelingt es Ihnen, ihn zu beruhigen.«

Dann ging er hinaus.

Frau Turel erwiderte den Gruß kaum, trat an Marot heran und drückte ihm die Hand.

»Sie haben sich große Mühe mit mir gegeben«, sagte Marot.

»Ich habe nur meine Pflicht getan leider ohne Erfolg.«

»Wenn ich Sie in Ihrer Verteidigung unterstützt hätte. . .«

Frau Turel fiel ihm ins Wort und fragte:

»Warum haben Sie es nicht getan? Sie haben geschwiegen – auch auf die Fragen, die Sie entlasten konnten.«

»Ich hatte meine Gründe.«

»Die Sie mir bis heute verschwiegen haben.«

»Weil Sie mir nicht helfen können.«

»Von wem erwarten Sie noch Hilfe, wenn nicht von mir?«

»Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen« er trat dicht an Frau Turel heran und flüsterte ihr zu: »von Mister Harvey.«

»Auf den setzen Sie Ihre Hoffnung?« erwiderte Frau Turel und schüttelte den Kopf.

»Ja«

»Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie verraten sind.«

»Verraten?« rief Marot erregt.

»Er hat den Staatsanwalt auf Ihre Spur gelockt.«

»Ach so!« erwiderte Marot – und war im selben Augenblick schon wieder ruhig.

»Sie wissen das?« fragte Frau Turel erstaunt – und Marot erwiderte kurz:

»Ja!«

»Aber daß er sich in mein Vertrauen schlich und mir in der Hauptverhandlung Direktiven gab, die Ihre Verurteilung herbeiführten, wissen Sie nicht.«

»Weshalb sind Sie ihm denn gefolgt?« fragte Marot vollkommen ruhig.

»Weil er mir glaubhaft machte, daß er Ihnen beistehen will.«

»Sehen Sie!«

»Die Folge war Ihre Verurteilung zum Tode.«

»Wenn Sie ihm glaubten, wie können Sie sich dann wundern, daß auch ich ihm glaubte?«

»Ich bin seiner Suggestion erlegen.«

»Genau wie ich.«

»Ich bin eine Frau – und dann: es war meine erste Verteidigung!«

»Genau wie es meine erste Anklage wegen Mordes war.«

»Er hat auch noch nach Ihrer Verteidigung auf mich eingewirkt.«

»Was hat er getan?«

»Er hat mich veranlaßt, auf die Einlegung der Revision zu verzichten.«

»Mit welcher Begründung?«

»Er hat es verstanden, mir klarzumachen, daß ich damit Ihre Qualen nur verlängern würde.«

»Hat er nicht recht?«

»Wenn es nur darauf ankam, Sie so schnell wie möglich vom Leben zum Tode zu befördern, dann hätten Sie sich am besten selbst geholfen, indem Sie sich eine Kugel in den Kopf jagten.«

Marot richtete sich auf und sagte:

»Ich will aber leben!«

»Das sagen Sie eine Viertelstunde vor Ihrem Tode.«

Marot fuhr zusammen und wiederholte tonlos:

»Eine Viertelstunde . . .« Dann raffte er sich auf und fragte:

»Und wo ist Mister Harvey jetzt?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Frau Turel.

»Aber er ist in Marseille?« fragte Marot und schien beruhigt.

»Ich glaube nicht.«

»Suchen Sie ihn!« drängte Marot.

»Wo soll ich ihn suchen? – Wenn er Ihnen helfen wollte, wäre er hier.«

»Sie . . . wissen . . . ja gar nicht!« rief Marot in großer Erregung – und Frau Turel trat dicht an ihn heran und sagte eindringlich:

»Rechnen Sie nicht auf ihn.«

»Ich muß.«

»Vertrauen Sie sich mir an! – Ich weiß, hinter dem Mord steckt ein Geheimnis. – Reden Sie endlich.«

»Ich habe mein Wort gegeben.« »Denken Sie jetzt an sich.«

»Mein Ehrenwort!« rief Marot in höchster Erregung.

»Von dem Sie Gott angesichts des Todes entbindet.«

Marot schien zu überlegen. – Einen Augenblick lang schien es, als wenn er reden wollte. – Dann aber rief er plötzlich laut und bestimmt:

»Nein! nein! nein!«

als wenn er sich gegen eine innere Stimme wehren wollte, die ihm zurief, eine Erklärung abzugeben.

»Sie müssen vor allem Zeit gewinnen!« beteuerte Frau Turel.

»Zeit?« wiederholte Marot und sah sich in der Zelle um. Dann fuhr er resigniert fort: »Als wenn ich noch Herr meiner Zeit wäre.«

Frau Turel griff in ihre Aktentasche und holte ein Schriftstück heraus.

»Ich werde die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen«, sagte sie.

»Wie wollen Sie das begründen?« fragte Marot. »Sehr einfach!« erwiderte sie, entfaltete hastig ein Aktenstück, blätterte um und las:

»Auf Grund dieser neuen Tatsachen ergibt sich folgendes Bild: Mister Harvey verliebte sich in Frau Dorothée. Der Liebe stand die Ehe mit Marot im Wege. Was lag näher, als dies Hindernis zu beseitigen? »Das stimmt ja alles nicht!« »Aber es könnte stimmen – und wir gewinnen Zeit.«

»Von einer Liebe«, rief er empört, »zwischen Harvey und meiner – . Er stutzte, besann sich und führte die Hand zum Mund.

»Was wollten Sie sagen?« drängte Frau Turel fragend auf ihn ein: »Zwischen Harvey und Ihrer . . .?«

»Nichts!« erwiderte Marot und wehrte ab.

»Wenn es Ihre war, dann ist Frau Dorothée also Ihre Geliebte – und Sie haben Marot umgebracht, weil er Ihnen im Wege war.«

»Denken Sie, was Sie wollen.«

Frau Turel wies auf das Aktenstück und fragte:

»Und was soll mit diesem Gesuch geschehen?«

»Lassen Sie es mir«, bat Marot und nahm es ihr aus der Hand. Dann sah er sie groß an und fuhr fort: »Falls Mister Harvey nicht kommt. . .«

»Er wird nicht kommen.«

»Was dann?«

In diesem Augenblick drehte sich draußen der Schlüssel im Schloß. Marot gewann sofort seine Haltung zurück.

»Das ist er!« rief Marot – und Frau Turel erwiderte:

»Wenn Sie sich nur nicht täuschen!«


4.

Aber statt Harvey, wie Marot erwartet hatte, trat abermals der Direktor in die Tür und fragte:

»Voisin! Wollen Sie Frau Marot sehen?«

Marot, enttäuscht und doch zugleich erfreut, fuhr leicht zusammen und erwiderte:

»Gewiß – will ich – Frau Marot sehen.«

»Es zeugt von Christenliebe und großer Selbstüberwindung, daß die Frau Ihres Opfers noch den Wunsch hat. Ihnen Trost zu bringen«, sagte der Direktor – und ließ Dorothée, die nicht mehr in Trauer, sondern in eleganter Straßentoilette war, an sich vorbei.

»Darf ich hinein?« fragte Dorothée und der Direktor erwiderte:

»Bitte sehr!«

Frau Turel wandte sich zur Tür. Und als sie an Frau Dorothée vorüberging, maß sie sie mit einem langen Blick und sagte:

»Was Sie wohl herführen mag?«

Dann ging sie eilig hinaus, gefolgt von dem Direktor, der dem Wächter noch zurief:

»Passen Sie auf, daß er sich der Dame gegenüber gesittet benimmt. – In vier Minuten bin ich wieder da.«

»Zu Befehl, Herr Direktor«, rief der Wächter ihm nach und wollte eben die Tür schließen, als ein Gerichtsdiener ein Tablett mit dem Essen brachte.

Schon die ganze Zeit über war der Wächter in Erwartung des Weines und der Mahlzeit, wie der Tiger vor der Fütterung in seinem Käfig, unruhig und mit langen Schritten an der Tür auf und ab gegangen. Jetzt riß er dem Gerichtsdiener das Tablett aus der Hand, eilte damit an den Tisch und stürzte sich über das Essen.

Der Gerichtsdiener schüttelte den Kopf und schloß die Tür. Der Wächter saß mit dem Rücken zur Wand – und ganz dem Genuß des Essens und des Weines hingegeben, sah und hörte er nichts mehr von dem, was hinter ihm vorging.

Als der Gerichtsdiener die Tür geschlossen hatte, eilte Dorothée auf Marot zu und warf sich ihm an den Hals. – Marot umschlang sie mit beiden Armen.

»Wo ist Harvey?« war seine erste Frage.

Dorothée ließ ihn los, sah ihn entsetzt an und fragte:

»Er war nicht hier?«

»Nein!«

»Und er hat nichts von sich hören lassen?«

»Er hat den Anstaltsdirektor angerufen.«

»Wann?«

»Heute nacht.«

»Er ist in Marseille?«

»Von Paris aus.«

»Was hat er dem Direktor gesagt?«

»Der Direktor hat sich nicht an den Apparat bemüht.«

»Andrée!«

»Und hat ihm sagen lassen, seine Sprechstunde sei vormittags von elf bis eins.«

»Morgen vormittag? Andrée da bist du ja . . .«

»Das fürchte ich allmählich auch.«

»Nein! nein! Harvey liebt Sensation. Er wird im letzten Augenblick . . .«

»Dieser letzte Augenblick ist da.«

»Du glaubst doch nicht, daß er . . .?«

»Was meinst du, Dorothée?«

»Er treibt sein Spiel zu weit. Es hat nicht jeder die Nerven wie er.« – Sie stutzte. »Oder!« rief sie. Ihr schoß ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf.

»Was ist dir?« fragte Marot.

»Wenn es gar kein Spiel ist?«

»Dorothée!«

»Wenn er es ernst meint und das Ganze nur in Szene gesetzt hat, um dich aus dem Wege zu schaffen.«

»Ja – wo – bin ich ihm denn – im Wege?« fragte Marot erstaunt.

»Bei mir!« erwiderte Dorothée.

»Bei – dir?«

Dorothée sah Marots entsetztes Gesicht. Leichenblaß stand er da und quälte sich, zu begreifen, was Dorothée meinte.

Marot begriff.

»Du!« rief er.

»Aber nein!« erwiderte Dorothée und versuchte, ihn zu beruhigen. »Das war nur so eine Idee von mir – die mir einen Augenblick lang durch den Kopf schoß.«

Aber Marot wehrte ab und rief:

»Doch! doch! – du hast recht! – so ist es – jetzt verstehe ich alles.«

»Du irrst, Andrée! – Mister Harvey liebt Frau Turel.«

»Zum Schein – und nur, solange ich lebe – in einer Stunde wird er es dir selber sagen.«

Dorothée sah ihn ängstlich an:

»Du sprichst im Fieber, Andrée! Das Milieu und die letzten Wochen haben dich krank gemacht.«

»Der Gedanke kam von dir!« rief Marot – und Dorothée erwiderte:

»Ich habe ihn längst verworfen.«

»Aber ich nehme ihn auf!« – Er trat dicht an sie heran und sagte empört: »Dorothée!«

»Was ist dir?«

»Wenn Frau Turel . . .«

»Was ist mit Frau Turel?«

Er faßte ihre Gelenke und rief drohend:

»Wenn Frau Turel recht hat?«

»Was behauptet sie?«

»Daß Harvey und du . . .«

Dorothée rief empört:

»Andrée!«

Marot hielt noch immer ihre beiden Handgelenke fest umspannt und sagte:

»Du hintergehst mich!«

Dorothée riß sich los, wich ein paar Schritte zurück und rief:

»Du weißt ja nicht, was du sprichst.«

Marot drang auf sie ein:

»Sage die Wahrheit!«

»So komm doch zu dir!« bettelte Dorothée.

»Sein Geld – seine Stellung – , du warst immer für ein Leben im großen Stil.«

»An deiner Seite!«

»Er hat dich überredet!«

»Nein!« rief Dorothée wütend.

»Er hat sich mit dir verlobt!«

»Das weißt du ja!«

»Er wollte dich heiraten.«

»Nie war davon die Rede!«

»Lüg' nicht!«

»Du brauchst einen Arzt!«

»Für den habt ihr gesorgt!«

»Wir?« fragte Dorothée.

»Harvey und du!«

»Ich verstehe dich nicht!«

Marot wies zum Fenster und rief:

»Der Arzt steht draußen.«

»Wo?«

»Die Guillotine!«

»Andrée!« rief Dorothée und wandte sich an den Wächter, der eben seine Mahlzeit beendet hatte und sich mit beiden Händen den Mund abwischte: »So holen Sie doch den Arzt! Sie sehen doch, daß er den Verstand verliert.«

Der Wächter blieb vollkommen ruhig, stand auf, sah sich Marot an und sagte:

»Das bißchen?« – Da sind wir hier an ganz anderes gewöhnt.«

»Ich will keinen Arzt«, sagte Marot und der Wächter erwiderte:

»Der ist vernünftiger als Sie!«

»Ich beschwöre Sie!« rief Dorothée verzweifelt.

Marot hob den Kopf und sagte:

»Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden.«

»Bravo!« erwiderte der Wächter. »So vernünftig hat hier noch keiner fünf Minuten vor seiner Hinrichtung gesprochen.«

Dorothée führte die Hände vor das Gesicht und rief:

»Ich werde wahnsinnig!«

»Mir scheint auch eher, Sie brauchen einen Arzt«, sagte der Wächter.

Marot trat einen Schritt vor und fragte:

»Ist es noch nicht soweit?«

Der Wächter sah nach der Uhr und erwiderte:

»Wir können uns schon immer fertig machen.«


5.

Dorothée verlangte immer dringender, daß man einen Arzt holte. Aber der Wächter lehnte es ab und erwiderte vollkommen ruhig:

»Ich darf mich hier nicht wegrühren.«

»Es geht um ein Menschenleben.«

»Ich weiß. – Aber wenn Sie jetzt noch was wollen, dann müssen Sie sich schon an den Scharfrichter direkt wenden.«

Dorothée konnte sich nicht länger beherrschen. Sie trat an den Wächter heran und sagte laut:

»Also ich will es Ihnen gestehen!« Sie wies auf Marot: »Er ist mein Mann!«

»Seh ich so blöd' aus, daß Sie glauben, mir das einreden zu können?«

»Sag' du es ihm!« rief sie Marot zu.

»Quälen Sie den Mann doch nicht«, sagte der Wächter.

»Andrée!« bettelte Dorothée – und Marot, dessen Nerven versagten, und der völlig teilnahmst los dastand, erwiderte:

»Ich kann – und will nichts mehr denken.«

»Würde ich ihm denn sagen, wer ich bin, wenn ich mit Harvey im Komplott wäre?«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht. Ich weiß ja nicht, was du damit bezweckst. – Ich will auch nichts mehr wissen.«

»So raff dich auf!« rief Dorothée ihm zu. »Wenn Harvey uns verraten hat – es geht um deinen Kopf!«

»Hetzen Sie den Mann nicht auf!« befahl der Wächter – und da im selben Augenblick draußen an der Tür geschlossen wurde, so sagte er: »Da sind sie!« – trat dicht an Voisin heran, legte die Hand auf seine Schulter und redete ihm zu: »Jetzt Kopf hoch, Voisin!«


6.

In die Zelle traten Staatsanwalt Dubois, der Anstaltsdirektor und zwei Beamte.

Dorothée stürzte auf Dubois zu und rief:

»Herr Staatsanwalt, ich will alles gestehen!«

»Dann sind Sie also beteiligt?«

»Nein! – Aber der Mann« – und sie wies auf Marot – »den Sie hinrichten wollen, ist nicht Henri Voisin.«

»Sondern?«

»Mein Mann!«

»Was bezwecken Sie mit einer so sinnlosen Behauptung?«

»Es läßt sich beweisen.«

»Es ist bewiesen, daß der Verurteilte Voisin ist.«

»Durch wen?«

»Durch die eigene Mutter, die alte Voisin, die in der Hauptverhandlung als Zeugin aufgetreten ist.«

»Sie hat nicht gesagt, daß es ihr Sohn ist.«

»Sie hätte es bestrittcn, wenn es nicht ihr Sohn gewesen wäre. Sie hat ihn geküßt und ihm ihre Kette um den Hals gelegt.«

»»Weil Frau Turel ihr suggerierte, daß der Angeklagte aus irgendeinem Grunde die Schuld für einen andern auf sich nahm. Frau Voisin glaubte natürlich: für ihren Sohn. Um ihn zu retten, klärte sie den Irrtum nicht auf.«

»Wissen Sie, daß Sie damit abermals Frau Turel verdächtigen?«

»Ich behaupte, daß sie ein bezahltes Werkzeug Mister Harveys ist.«

»So! – Und wenn Frau Turel den Irrtum nicht aufklärte, warum haben Sie es dann nicht getan? – und zwar schon früher?«

»Weil ich damals noch an Mister Harvey glaubte.«

»Und weil er sein Wort nicht gehalten und Sie nicht geheiratet hat, versuchen Sie nun aus Rache, ihm den Mord aufzuhalsen.«

»Harvey hat mir niemals die Ehe versprochen.«

»Sie waren doch verlobt.«

»Das hatte andere Gründe.«

»Verlangen Sie im Ernst, daß ich Ihnen das glaube?«

»Es ist so! Ich beschwöre es!«

Dubois kehrte Dorothée den Rücken und wandte sich an Marot.

»Was haben Sie zu diesem mehr als phantastischen Märchen, das uns Frau Marot da auftischt, zu sagen?«

Es herrschte Totenstille, als Marot völlig teilnahmslos erwiderte:

»Nichts!«

Noch einmal versuchte es Dorothée. Sie trat an Marot heran und bettelte:

»Andrée! Sage die Wahrheit!«

Marot sah nicht einmal zu ihr auf und der Staatsanwalt sagte zu Dorothée, die schluchzend auf einen Schemel sank:

»Begeben Sie sich in ärztliche Behandlung, Frau Marot. – Ihre Nerven haben den Aufregungen der letzten Wochen nicht standgehalten.«

Draußen schlug die Uhr kurz zweimal hintereinander.

Atemlose Stille herrschte in der Zelle. Nur das unterdrückte Schluchzen Dorothées brach hin und wieder durch.

Als es ausgeschlagen hatte, sagte der Staatsanwalt:

»Es ist so weit.«

Der Wächter, der neben Marot stand, flüsterte ihm zu:

»Jetzt könnten Sie es schon hinter sich haben.«

»Wie ist es mit einem Geistlichen?« fragte Dubois – und der Direktor erwiderte:

»Er hat ihn abgelehnt.«

Der Staatsanwalt gab den Beamten ein Zeichen. Sie faßten Marot am Arm, und der traurige Zug setzte sich in Bewegung.


7.

Sie waren eben im Begriff, durch die Tür zu treten, als Frau Turel in die Zelle stürzte und rief:

»Setzen Sie die Hinrichtung aus!«

Alle wandten sich gespannt zu Frau Turel.

»Was bedeutet das?« fragte Dubois.

»Ich beantrage Wiederaufnahme des Verfahrens.«

»Auf Grund welcher neuen Tatsachen?«

Frau Turel erklärte mit großer Bestimmtheit:

»Harvey ist der Mörder!«

»Ihre Beweise?«

»Sein eigenes Geständnis!«

Marot, der die ganze Zeit über völlig teilnahmslos dagestanden hatte, hob den Kopf und rief:

»Das ist nicht wahr!«

Frau Turel wandte sich zu ihm um und erwiderte:

»Und Sie sind Marot!«

»Ich sagte es ja«, rief Dorothée, die schnell wieder zu sich kam.

»Sie haben sich für den Amerikaner geopfert!« fuhr Frau Turel fort.

»Glauben Sie ihr!« bettelte Dorothée.

»Ihre Beweise!« wiederholte Dubois.

»Ich hatte Voisin – das heißt Marot«, verbesserte sie schnell, »eben verlassen, fuhr nach Hause und fand diesen Zettel« – erst jetzt sahen die andern, daß sie ein Stück Papier in der Hand hielt – »den Harvey, da er mich nicht antraf, zurückgelassen hatte.«

»Harvey ist da!« rief Marot beinahe übermütig.

»Was steht auf dem Zettel?« fragte Dubois. lang=FR Frau Turel las:

Liebe Turel!

Da mir an Ihrer Karriere liegt, so will ich Ihnen verraten, daß sich in dem Schrankkoffer, den wir von Marseille nach Nizza mit uns führten, die Leiche Henri Voisins befand. Alles Weitere überlasse ich Ihrem bewährten Scharfsinn.

Ihr

Harvey.

Unbewußt betonte Frau Turel die beiden letzten Worte.

»Die Leiche Voisins?« fragte Dubois verständnislos und sah den Direktor an, der ungläubig lächelte und den Kopf schüttelte.

»Ganz klar«, erwiderte Frau Turel. »Voisin ist von Harvey in Marseille getötet worden Vermutlich im Streit. Vielleicht auch aus Notwehr. – Die Art, die Tat zu verbergen und von sich abzulenken, ist echt amerikanisch. Er arrangiert einen Ausflug mit dem Ehepaar Marot. Unter dem Gepäck befindet sich der Schrankkoffer mit der Leiche Voisins. Die wird im Hotel Excelsior Regina in Marots Bett gelegt. Die Ähnlichkeit Voisins und Marots, die ihn gewiß erst auf den Gedanken brachte, ist unverkennbar. – Marot gibt des Nachts den Schuß ab – und verschwindet als Voisin, als der er später verhaftet und verurteilt wird.«

»Und aus welchem Grund hat Marot sich zu dieser Rolle hergegeben?«

»Harvey wird ihm große Versprechungen gemacht haben.«

»Haben Sie seine Verhaftung veranlaßt?«

Frau Turel wies auf Marot und sagte:

»Mir war es wichtiger, erst einmal dies Leben hier zu retten.«

»Und Harvey?«

»Der befindet sich vermutlich in einem Flugzeug schon über dem Ozean.«


8.

Frau Turel hatte ihren Satz noch nicht beendet, da erschien Mister Harvey und sagte:

»Aber nein! – Ohne Frau Turel? – ausgeschlossen!«

Der Staatsanwalt trat vor ihn hin und fragte:

»Sie stellen sich freiwillig?«

Harvey tat erstaunt und erwiderte:

»Wie – bitte?«

»Sie leugnen doch nicht, Voisin getötet zu haben?«

Der Amerikaner zog einen Stoß Zeitungen aus der Tasche und fragte:

»Ja, haben Sie denn die Nachtausgabe der in Paris erscheinenden »Chicago Times« noch nicht gelesen?«

»Das ist doch Ihr Blatt?«

»Allerdings! Und ich bin stolz darauf, daß man in Paris bereits um drei Uhr nachts wußte, was sich jetzt um halb sechs Uhr früh hier in Marseille abspielt.«

»Sie treiben ein gewagtes Spiel!« sagte Dubois drohend.

Harvey reichte jedem der Anwesenden ein Exemplar der »Chicago Times« und sagte zu Frau Turel:

»Bitte, lesen Sie dem Herrn Staatsanwalt vor!« Jeder entfaltete seine Zeitung. Frau Turel las. die übrigen lasen halblaut mit:

»Ein Justizmord in Toulon in letzter Minute verhindert! – Am dreizehnten April erschien im Office des Marseiller Korrespondenten der »Chicago Times« ein Weinreisender, namens Henri Voisin, der seiner Firma in Bordeaux Gelder unterschlagen hatte, und bat, ihm die Flucht nach Amerika zu ermöglichen. Er bot dafür ein amtliches Zertifikat über die Einfuhrerlaubnis von Spirituosen nach den Vereinigten Staaten. Der zufällig anwesende Zeitungsverleger Mister Harvey stellte sofort die Fälschung des Zertifikats fest. Im Augenblick, in dem er mit Hilfe seines Korrespondenten Marot die Festnahme Voisins veranlassen wollte, zog Voisin einen Revolver und erschoß sich.«

»Demnach hätte Voisin sich also selbst erschossen«, sagte Dubois – und Frau Turel fuhr fort:

»Mister Harvey, der sich seit Jahren auf der Jagd nach Sensationen für seine Blätter befand, kam sofort auf den Gedanken, diesen Vorfall für die »Chicago Times« auszubeuten. – Er rief einen Arzt und einen Notar, der den Tatbestand an Ort und Stelle aufnahm – und dem er alles genau so voraussagte, wie es sich dann später in Nizza und in Marseille bis zum Morgen der geplanten Hinrichtung abgespielt hat.«

Harvey zog ein Schriftstück aus der Tasche und sagte:

»Hier ist das beglaubigte Dokument!«

Dubois, dem man die Empörung schon während der Lektüre deutlich vom Gesicht lesen konnte, fuhr den Amerikaner an:

»Sie haben der französischen Justiz einen bösen Streich gespielt.«

»Aber nein!« erwiderte Harvey. »Sie haben sämtlich pflichtgemäß gehandelt. Es liegt auch nicht ein einziger Verstoß gegen das Gesetz vor. Daß sie trotzdem im Begriff standen, einen Unschuldigen hinzurichten – gerade damit habe ich die Todesstrafe ad absurdum geführt.«

»Während alle stark beeindruckt schienen, wandte sich der Staatsanwalt an Harvey und sagte:

»Sie werden sich wegen groben Unfugs und Beiseiteschaffung einer Leiche zu verantworten haben.«

»Das, denke ich, werde ich überstehen«, erwiderte Harvey. Dann trat er an Frau Turel heran, streckte ihr die Hand hin und sagte: »Nicht wahr, Frau Turel, Sie werden mich doch verteidigen?«

»Herzlich gern!« erwiderte die und schlug ein. – »Ich bin ja so froh, daß Sie nun doch ein anständiger Mensch sind.«

Aber Marot, der sich vollkommen wieder in der Gewalt hatte, fragte den Amerikaner:

»Wenn Sie nun nicht doch zur Zeit gekommen wären, Mister Harvey?«

»Dann hätte der Notar, der draußen auf dem Richtplatz steht und ein Duplikat hat, im letzten Augenblick interveniert.«

Marot ging auf Dorothée zu, nahm ihre beiden Hände und sagte:

»Ich habe dir unrecht getan ! – Verzeihst du mir?«

Dorothée schlang ihre Arme um Marots Hals und sagte:

»Längst vergeben!« – Dann rief sie übermütig: »Aber, was viel wichtiger ist: wann geht der nächste Zug nach Paris?«

Dubois, der das Buch der Hingerichteten in der Hand hielt und gerade darüber nachdachte, wie man diesen ungewöhnlichen Fall registrieren sollte, erwiderte:

»Ein Kursbuch führen wir in der Mörderzelle noch nicht. – Aber vielleicht, daß die neue Strafprozeßreform . . .«

Er führte den Satz nicht zu Ende.

Aber der Wächter, der nahe an ihn herangetreten war, fragte ängstlich:

»Herr Staatsanwalt, wer zahlt denn nun die Henkersmahlzeit ?«

Dubois vergaß über diese neue Schwierigkeit für einen Augenblick das Wesentliche und erwiderte:

»Sie haben recht! Eine schwierige Frage! Ich werde sofort ein Aktenstück darüber anlegen.«  –

Ende des Kriminalfalls.

Was vorausgegangen war.

Mister Lincoln Harvey, dem außer der »Chicago Times« noch ein halbes Dutzend Tageszeitungen mit einer Million Auflage gehörten, saß an seinem Schreibtisch und drückte wie ein rasender Klavierspieler auf die Tasten seiner elektrischen Klingelanlage. Innerhalb weniger Sekunden alarmierte er zwei Dutzend seiner Redakteure, die aus ihren Zimmern stürzten, auf den engen Korridoren mit den Köpfen zusammenrannten und sich neugierig und ängstlich zuraunten:

»Was will der Alte?«

Gleich darauf standen sie vor ihrem Chef – dicht zusammengedrängt – wie ein massiger Körper mit unzähligen Köpfen, die bald emporschössen, bald sich duckten und in ständiger Bewegung waren.

Auf dem breiten Schreibtisch Mister Harveys lagen die Hauptblätter der heutigen Tageszeitungen ausgebreitet. Der Anblick stimmte die Herren Redakteure nicht heiter.

»Meine Herren!« begann Harvey und wies auf die Zeitungen: »Zehn Blätter und keine Sensation! Ich bin kein Vampir, der seinen Lesern das Geld aus der Tasche zieht, ohne ihnen etwas zu bieten.«

Ein paar Köpfe schössen in die Höhe die große Mehrzahl aber verschwand hinter den breiten Rücken der Kollegen.

»Reden Sie nicht!« fuhr Harvey fort noch ehe einer der Herren es gewagt hätte, den Mund aufzutun. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Das alte Lied! Es passiert nichts. Die Ozeanflüge interessieren nicht mehr. Die Gesellschaftsberichte unserer Milliardäre schüren das Feuer der Bolschewisten. Die Eheskandale in Hollywood hängen dem Publikum zum Halse heraus. Die Prohibition ist ein zu Tode gehetztes Thema. Mord und Totschlag verursachen längst keine Schrecken mehr. Revolutionen in Europa sind abgestandene Themen. Erdbeben, bei denen nicht mindestens ein Weltteil von der Erdoberfläche verschwindet, üben auf das Publikum keinen Reiz mehr aus. – Das sind Ihre Entschuldigungen! Aber es sind keine. Denn Sie sind keine Reporter, sondern hochbezahlte Redakteure. Sie sollen nicht berichten, sondern erfinden. Um in meinen Zeitungen zu lesen, was in der Welt vorgeht und was die Telegraphenagenturen an Millionen Blätter berichten, dazu brauche ich Sie nicht! Von Ihnen verlange ich Dinge, die ich in anderen Blättern nicht finde.«

»Ich hatte mir erlaubt«, erwiderte ein schlanker hagerer junger Mann.

»Wahnsinn waren die Vorschläge, die Sie mir unterbreitet hatten. Unter der Überschrift: Die Welt aus den Fugen! wollten Sie innerhalb einer Woche die Nachrichten bringen: Umsturz in Rußland. Rückkehr der Romanows Die Großfürstin Anastasia besteigt den Thron ihrer Väter. – Attentat eines Schimpansen auf Professor Voronoff. Die Affen protestieren gegen ihre Menschwerdung. – Wilhelm der Zweite verläßt Holland und übernimmt den Oberbefehl über die chinesische Armee. – Der Dichter d'Annunzio plant einen Flug in die Hölle, um die Schilderungen Dantes nachzuprüfen. – Es war noch mehr. Die anderen Verrücktheiten habe ich Gott sei Dank vergessen. Auf die Art geht es natürlich nicht.«

»Ich war der Ansicht, es solle eben etwas ganz Ungewöhnliches sein.«

»Gewiß! Aber nicht Dinge, die sich sofort nachprüfen und widerlegen lassen. Ihr Weg ist falsch! Es genügt nicht, Ideen zu haben. Man muß sie auch in die Tat umsetzen. Dazu gehört ein starker Wille und unter Umständen der Mut zu einem Verbrechen.«

Die Herren Redakteure wichen verängstigt zurück.

»Es kommt weniger auf das Was an, weit mehr auf das Wie. Wen interessiert heute ein Mord? Aber wenn man ihn mit einem Geheimnis umgibt, die Neugier der Leser erregt, sie nötigt, Stellung zu nehmen, und sie auf die Folter spannt, dann kann man aus einem gewöhnlichen Mord mehr herausholen als aus einem Flug nach der Hölle.«

»Aber ein Mord bleibt doch immer . . .« »Sensationen, die sich im Augenblick ihres Eintritts auswirken, sind zu vermeiden. Die Wirkung eines politischen Bombenattentats zum Beispiel ist im Moment des Geschehens und mit Feststellung der Zahl seiner Opfer erschöpft. Ob der Attentäter Anulli oder Trevesti heißt, ob er tot oder noch lebend gefaßt wird – wen interessiert das noch? – Aber einen Mord kann man mit einem Geheimnis umspannen, das die Leser wochenlang in Atem hält, – Meine Herren, Sie haben mich hoffentlich verstanden. – »Wie Sie wissen, fahre ich heute abend nach Europa. Sollte sich mir drüben die Möglichkeit bieten, Ihnen an einem Beispiel zu demonstrieren, was ich meine, so werde ich der Gelegenheit nicht aus dem Wege gehen. Auch wenn sie Gefahren in sich birgt. Ich erwarte von Ihnen hier das gleiche. Auf Wiedersehen, meine Herren!«

Er machte eine Handbewegung. Die Herren waren entlassen. – Draußen auf dem Flur ballten sie sich noch einmal zusammen. Ganz dicht. Ihre Köpfe berührten sich fast.

»Der Alte hat den Verstand verloren«, sagte der schlanke, hagere junge Mann.

Aber die Feststellung genügte nicht. Sie brachte keine Entspannung.

»Er verlangt von uns, daß wir Verbrechen begehen«, erklärte ein anderer.

»Bei dem Gehalt!«

»Und den Aussichten!«

»Das soll er man selbst besorgen.«

Am Abend desselben Tages trat Mister Harvey seine Reise nach Europa an. Sie führte ihn über London nach Paris an die Riviera.

Genau drei Wochen später ereignete sich, was auf den vorstehenden Seiten geschildert ist.