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Paul Leppin – Das Haus am Ufer

Erzählung

Aus: Deutsche Arbeit, Monatschrift für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen, 17. Jahrgang, 2. Heft, November 1917, Verlag Deutsche Arbeit, Prag, 1917.



Das Haus am Ufer

Das Haus mit dem Torbild, das den Mond im Schwarme der Himmelsgestirne zeigte, stand am Rande der Moldauinsel nicht weit von den Mauertrümmern einer niedergebrannten Mühle. Es war griesgrämig und verdrießlich. Auf den hölzernen Stiegen im Innern lärmten die Katzen, fröstelnde Dünste krochen aus den Kellern und auf den winkligen Pawelatschen trocknete die Wäsche der Mieter. Die großen Robinien, die unfern wuchsen, hüllten es ganz in ihren Schatten ein, machten es armseliger und dunkler, als es ohnehin war. Nur der Mond über der Einfahrt leuchtete und schmückte das Gesimse mit den berußten Topfblumen darauf mit Glanz.

Das Fenster des Zimmers, in dem die drei Schwestern schliefen, war dem Flusse zugekehrt. In der Nacht, wenn die Geräusche verstummten, wenn der Wind den dünnen Vorhang bauschte und die kleine Lampe über dem Bette der Jüngsten schon erloschen war, fing das Wasser wunderbar an zu orgeln. Es war fast, als ob es eine Stimme bekäme, einen unablässigen Gesang, der oft minutenlang anschwoll, beten und seufzen konnte. Den größten Teil des Jahres, vom Vorfrühling bis in den Spätherbst, war das Fenster immer geöffnet. Aber noch im Winter, wenn die Kälte die Luke schloß, kam das Gemurmel von unten herauf und murrte. Oder das Tauwetter plantschte über den gefrorenen Strom, lockte unheimlich, knisterte, heulte, brach das Eis aus den Fugen, daß es schrie und die Uferbewohner mit Hoiho und Hui aus dem Schlafe scheuchte. Das Frühjahr, wenn die Schneeschmelze anhub, brachte das Hochwasser. Da brandete dann der Fluß bis zu dem Haus mit dem Torbild, schwemmte den Keller voll Unrat, nagte an seinen Gründen. Das Wasser war fürchterlich, gelbschwarz und unruhig. Es kam mit zerbrochenem Hausgeräte, abenteuerlichen Balken des Wegs, tobte gegen die Brücken, brüllte beim Wehr. Sein Gesang, düster bei Tag, grausam während der Dunkelheit, wuchs in Sturmnächten zum Orkan. Er brach aus den Tiefen, mit Gewalt überladen, mit Fanfaren gesegnet. Da kam es wohl vor, daß eine der Schwestern nicht mehr anders vermochte, daß sie mit bloßen Füßen aus dem Bette sprang und an das Fenster eilte. Da stand sie dann eine Weile, lauschte den Stimmen, die unten riefen, und ihr schreckhaftes Herz klopfte über die Maßen.

Die Jugend der drei Geschwister war früh verwaist. Die Ernsthaftigkeit, die sie als Erbteil empfingen, wollte kein Zufall beflügeln. In ihrem Gehege ohne Ausblick und Mutwillen entspann sich ihr Schicksal. Anita, die älteste, ein kraushaariges Geschöpf mit roten Lippen und lässigen Gliedern, hatte die Schneiderei gelernt. Begabt und phantasievoll, eroberte sie mühelos einen Kundenkreis und verwebte die ungeduldigen Kapriolen ihres Bluts in bunten Bändern und Seidenrüschen. Wanda, die stillste, arbeitete als Maschinenschreiberin in einer Geschäftskanzlei. Nur Käthe, das Nesthäkchen, tat noch nichts Nützliches. Sie malte und las, band vor dem Spiegel die Masche um den Zopf, haschte die Katze in den Stiegengängen, oder hätschelte, trotzig in sich gekehrt, die wehleidige Schwermut ihrer fünfzehn Jahre.

Die Insel, auf der sie wohnten, dünkte ihnen uneingeschränkter Besitz. Sie war ihnen Zuflucht und Kinderheimat, schloß unbeholfene Träume ein, bewahrte ihre Geheimnisse. Das Haus mit dem Mondhirten, der die Sterne weidete, hütete ihre Geburt, umfriedete Siechtum und Tod ihrer Eltern. Manchmal kam noch nach Jahren, mit den Robinienblüten, mit dem Ton einer Mundharmonika im Nachbarshause eine abgetane Freude, ein vergessener Schmerz zu ihnen. Aber das Schönste, das sie besaßen, war doch der Fluß. Der kam von weither und die Zeit konnte seinen Grimm, seine ungebändige Trauer nicht dämpfen. Anita, Wanda und Käthe bewunderten ihn sehr. Ihr Leben, das an seinen Ufern groß geworden war, blieb ihm verwandt und unentrinnbar verbunden. Es war seltsam, wie seine Leidenschaft sie erregte, sein Frieden sie beglückte, sein Kinderweinen sie aufwühlen konnte. Er hatte die Segel ihrer ersten Torheiten getragen, fuhr mit den Barken ihrer Wünsche ins Ungewisse. Und auf dem Grunde, wo die Fische über den schwarzen Schlamm und die spitzigen Steine huschten, lagen auch ihre Tränen.

Mitunter, wenn in ruhigen Nächten die Moldau draußen eintönig brauste, schien es den Schwestern, als ob ihre Mutter wieder bei ihnen wäre. Ihre andächtige Stimme rief sie an, kam schmeichlerisch näher, nannte jede bei ihrem Namen. Da ging ein Lächeln über die Gesichter der Schläferinnen. Ihre Hände zuckten, ihre Lippen öffneten sich zum Stammeln. Die Inbrunst, an der sie verbrannten, suchte im Überschwange nach einem Inhalt. Im Gaukelbilde des Traums, der sie verführte, der sie demütig in die Knie zwang, sah jede von ihnen den Mann, dem sie gehören wollten. Er stand vor Anita und sein strähniges Haar fiel ihm in die Stirne, als er sich über sie beugte. Ich bin da. Mach dich bereit! – rief er sie an und sein unbekümmertes Lachen rüttelte an ihren Sinnen. Er strich mit den Fingerspitzen über die Augen Wandas, die tief und unergründlich in die Finsternis flammten, blies ein Feuerchen in ihr Blut, überfiel sie mit schmerzhaften Küssen. Die Jüngste, unselig verwirrt, fieberte im Bette, wußte sich nicht zu helfen vor Scham, weinte sich bang und verzweifelt in einen heißen Traum hinein. O Mutter! – flüsterte sie und streckte die Arme nach dem Fenster, durch das der Geruch des Wassers in die Stube drang – o Mutter, geh, geh, ach, bring mir den Liebsten! –

 

* * *

 

Den Märzstürmen waren Abende gefolgt, in denen eine aufrührerische Süßigkeit nachzitterte. Die warmen Regengüsse der letzten Wochen hatten den Ruß von den Giebeln gefegt und die Mondscheibe auf dem alten Bilde blankgescheuert. Tagsüber war jetzt ein geschäftiges Trappeln im Hause. Die Holzstiegen knackten und die Kinderhemden an der Wäscheschnur zappelten wie rotbunte Fähnlein. Treppaufwärts, treppab turnte Käthe durchs Haus, holte Zucker und Mandelbogen vom Kaufmann, hatte eine blitzblaue Blase an und glühte. Rata – sum – rata – sum – machte die Nahmaschine. Die Nadel hüpfte, sputete sich, wollte am Abend rasten. Anita hatte die Lippen feucht und die Zimmer-luft ränderte ihre Augen. Auch Wanda kam immer ein Viertelstündchen früher von der Arbeit heim, um den Gast zu begrüßen.

Er war groß, grobknochig und mager. Die Haare strähnten ihm in die Stirne und er konnte den Kopf zurückwerfen und unbändig lachen. Von ungefähr war er mit seinem Skizzenbuche auf die Insel geraten, hatte ehrfürchtig das Mondbild über dem Tore betrachtet, hegte plötzlich den Wunsch, auf die vertrackte Pawelatsche zu steigen und von dort die Robinien zu zeichnen, die ganz unwahrscheinlich über den Uferrand hingen. Er liebäugelte mit dem Fenster über dem Flusse, ging entschlossen hinauf, bekam die Erlaubnis und malte eine Stunde. Es machte sich so, daß er wiederkam, Schokolade für Käthe brachte, sein Lachen vom Stapel ließ und zum Abendessen geladen wurde. Nun hatten die Schwestern einen Künstler zu Gaste. Es war einer, der aus gebenedeiten Ländern kam, der schimmernde Lügen in der Tasche hatte. Anita, Wanda und Käthe neigten sich tief vor seinem Angesichte.

Die Luft war in diesem Frühjahr besonders köstlich, klargolden und zärtlich. Die Sonne, die den Tag über nicht aufhören wollte zu scheinen, stieß alle Gespinste in die Schlupflöcher zurück und die Moldau rauschte wie eine Harfe, Reglos mit geschlossenen Augen durchwachten die Mädchen die Nächte und ihre Herzen waren verzückt.

Anita war die erste, die dem Maler verfiel. Wenn sein Lachen am Abend wie ein Wirbelwind durch die Stube gegangen war, wenn sie an seinen Lippen gehangen, geträumt, sich verzehrt und geschauert hatten, begleitete sie ihn zum Abschied über die Treppe und schloß ihm die Türe auf. Das Flurhaus war finster, die Kerze verlosch und er küßte sie. Wenn sie zurückkam, waren Wanda und Käthe schon im Bette und hatten die Decke über den Kopf gezogen. Sie wollten das Gesicht der Schwester nicht sehen, die dann noch lange im Dunkeln aufsaß ohne sich zu rühren.

Es kamen Tage, die mit Inbrunst und Licht und Hosianna verbrämt waren. Rata – sum – Rata – sum machte die Nähmaschine. Anitas Herz flog mit der Nadel und pulste unaufhörlich.– – – O du – sang es in ihr und eine sehnsüchtige Freude ließ sie erröten; »Die Insel der Seligen« – dachte sie insgeheim, umfing die Robinien draußen mit einem fröhlichen Blick, vergaß die Einsamkeit ihrer Jugend über den Frühlingsnächten in den Armen des Malers. Ja, so mußte es sein. Das war ja die Kraft des Wunders, daß es maßlos beglückte. Die Lust ist mild, mit Sternen vergittert, festlich verschleiert. Hörst du die Uhren Mitternacht schlagen? – Siehst du das Fenster drüben? – Die Schwestern schlafen und ich darf dich küssen. O du – was soll ich für dich tun? – Ich bin bereit. Soll ich dich anbeten? – Soll ich für dich sterben? Ich sah dich im Traum, wie du dich über mich neigtest. – Küsse mich! – Bin ich schön? –Gefällt dir mein Mund, mein Hals, meine Brüste? – Sag mir's du Künstler! – Wie meine Seidenstrümpfe im Mondschein leuchten! – Nicht wahr – wie die Flügeldecken des Rosenkäfers. – Aber du schaust gar nicht her, warum starrst du so nach dem Fenster? – Bist du böse auf deine Anita – Geliebter?

Ungestüm wallte der Fluß in diesen Stunden. An den Brückenpfeilern zerstob er in tausend Funken, hob Diademe vom Grund, spielte mit silbernen Ketten. In seinem Brausen, wundervoll befreit, frohlockte eine große, den Nöten entfesselte Herrlichkeit. Bis eines Nachts das Glück ein Ende nahm und die Lippen Anitas weißer wurden wie die einer Gestorbenen.

»Dein Leib ist mir zu süß,« sagte der Maler zu ihr. – »Aber deine Schwester hat Augen, die im Dunkeln flackern.« –

Anita vergaß keine Tränen. Aber wenn sie in sich blickte, zerbiß sie die Zunge im Ekel und sie erschrak. Ihr geplündertes Herz schlug nicht schneller, wenn abends der Gast ins Haus kam, wenn er wie sonst mit ihnen bei Tische saß und das Lampenlicht auf seinen Stirnhaaren tanzte. Aber mit einem ungeheuren Entsetzen sah sie in die Augen der Schwester hinein. Unweigerlich, wie im Horoskop, sah sie darin die Verkündigung. Die führte durch süßes Verderben, unheilige Wirrnis zickzack in den Tod. Sie wollte warnen, aber die Bitterkeit, herb wie ein Giftkraut schloß ihr den Mund.

Wanda ging ohne Widerstand, mit dein Lächeln der Schlafwandlerinnen, in ihr Schicksal. Sie trug seine Gnaden, seine Prüfungen, seine Beschwernisse. Ihre Schweigsamkeit, in die sie sich eingrub mehrte sich täglich und wurde zur Stummheit. Ihr Gesicht, holdselig gewandelt, erstrahlte in einer lieblichen, schwermütigen Fremdheit, die niemand vorher an ihr kannte. Am Abend, wenn sie aus ihrer Schreibstube loskam, wenn die ersten Laternen in den Straßen blinkten, hing über den Dächern noch immer ein Streifen einer bräutlichen Glut. Sie hob ihre Augen auf und nahm den Glanz, der ihr begegnete, mit sich nach Hause. Sie seufzte am Morgen und erwachte beseligt in einer Welt, die mit Vogelgesang und Wundern bis zum Rande gefüllt war. Es kam vor, daß sie die Hände der Bettler, die am Wegrand nach ihrem Mantel haschten, mit überströmenden Tränen benetzte. Sie senkte nur den Kopf, als der Maler sie nicht mehr mochte. Sein unbekümmertes Lachen gab ihr das Geleite und löschte den Himmel aus.

»Dein Leib ist geduldig. Aber deine junge Schwester ist eine wilde Katze.«

Geraden Wegs, ohne sich umzusehen, ging sie heim zu Anita. Heute war kein Gast bei ihnen, als sie die Türe öffnete.

»Schwester!« hauchte sie leise, und Anita verstand sie.

»Schwester!« antwortete sie, und dann saßen sie wortlos bis es ganz finster geworden war.

»Sieh nur, der Mond,« sagte Wanda und deutete nach dem Fenster. Das Bild überm Torweg fiel ihr ein und ein Gefühl tollblütig wie Heimweh machte ihr Herzeleid.

Anita schwieg, schmiegte sich an sie und lauschte. Tiefstimmig wie ein Choral, in dem eine feierliche Orgel triumphierte, klang das Rauschen der Moldau.

»Komm!« sagte Wanda. Eine Sehnsucht, die sie seit Jahren vergessen hatte, fing an, sich zu rühren. Die Holzstiegen krachten, als sie beide das Haus verließen. Unter den Robinien blieben sie einen Augenblick stehen und sahen nach den Giebeln hinüber, die sich schwarz in der Dunkelheit wölbten. Dann gingen sie Hand in Hand miteinander ins Wasser. Mit mütterlichem Geraune empfing sie der Fluß, sang ihnen zärtlich ein Wiegenliedchen zum Sterben.

 

* * *

 

Zur selben Minute lief Käthe, heiß und zerwühlt, in einer haltlosen Angst über die Brücke. Ihr Gesicht, das ein unbegreifliches Grauen plötzlich verstörte, wandte sich den Sternen zu, die den Himmel vergoldeten. Und zwischen Trübsal und Tod, vor dem sie ahnungsvoll zitterte, stieg in ihrer Seele ein Lichtlein auf, das sie nicht kannte, das schwärmerisch war und zum Weinen schön, das höher und höher blickte und aufwärts flog, eine lodernde Leiter, ein feuriger Dornbusch, daß sie geblendet die Arme breitete und sich dem Brand überließ, der unwiderstehlich ihr Leben verzehrte, der wunderbar und gewaltig war, groß wie die Sonne, heilig wie Gott – – Halleluja – der Liebe.