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Fanny Lewald – Für und wider die Frauen

Vierzehn Briefe

Verlag von Otto Janke, Berlin, 1870


An

John Stuart Mill




Wenn ich es mir erlaube, Ihnen eine Reihe von Briefen vorzulegen, welche ich in deutschen Zeitungen und Zeitschriften, zu Gunsten der Erwerbthätigkeit und der allmählichen Emancipation der Frauen, veröffentlicht habe, so geschieht dies in der Hoffnung, daß der tiefsinnige Denker, der sich warmen Herzens und gerechten Sinnes zum Vertreter der bisher niedergehaltenen Frauen machte, Theilnahme haben müsse für jedes Streben nach dem gleichen Ziele.

Ich lebte an den Ufern des Genfersees, als ich im Frühjahr von achtzehnhundertachtundsechzig die sechs ersten dieser Briefe schrieb. Die andern sind im Laufe dieses Jahres theils hier in unserer Heimath, theils auf der Reise, durch äußere und innere Anregungen hervorgerufen worden, und erst vor wenig Tagen ist mir bei unserer Rückkehr nach Berlin Ihre großsinnige Arbeit über die Hörigkeit der Frauen bekannt geworden.

Haben Sie Dank für dieses Werk, Dank für den hoffnungsreichen Zuspruch, welchen Sie auch mir damit bereitet haben, und lassen Sie mich es Ihnen ausdrücken, wie sehr es mich erhoben hat, mich mit meinen bescheidenen Bestrebungen den großen und tiefen Gedanken eines Mannes, wie Sie, so nahe verwandt fühlen zu dürfen.

Was Sie der Eigensucht und dem Vorurtheil, was Sie den ungläubig Zweifelnden, auf dem sonnenklaren Wege Ihres Denkens deutlich und einleuchtend zu machen trachten, das habe ich, bei den verschiedensten Anlässen, an dem praktischen Beispiel darzuthun versucht — und in Ihrem Vaterlande, wie in dem meinen, haben Sie und ich einen mächtigen Bundesgenossen zu gewärtigen, an der geistigen Verkümmerung und an der leiblichen Noth, in welcher nur zu viele Frauen schmachten.

In Deutschland hat diese wachsende Noth in den letzten Jahren siegreich wie ein Aufklärer gewirkt. Sie hat Viele, die nicht sehen wollten, gezwungen, das Auge zu öffnen. Noch vor wenig Jahren wurde man von den meisten Männern, und nicht minder von den wohlversorgten Frauen, mit einem überlegenen Lächeln abgewiesen, wenn man auch nur von der Berechtigung der Frauen zur Selbstständigkeit und zu selbstständigem Erwerbe sprach; — und jetzt, in dieser letzten Woche, haben hier in Berlin eine beträchtliche Anzahl von Frauen aus allen Theilen von Deutschland, als Abgeordnete der Vereine für die Erhebung und die Gewerbthätigkeit der Frauen, eine Conferenz abgehalten, bei welcher einer unserer verdientesten Männer, Professor von Holzendorf, mit Fräulein Louise Büchner aus Darmstadt, mit Frau Scheppler Lette aus Berlin, und mit Frau Kate Doggett aus Chicago den Vorsitz geführt hat.

Die Conferenz ist würdig und für die Zukunft fördersam verlaufen, und sie würde Ihnen den besten Beweis dafür geliefert haben, daß Sie, verehrter Herr! den geistigen Standpunkt der deutschen Frauen in Ihrem Werke bedeutend unterschätzten.

Ich kenne keine Nation, die englische und die amerikanische nicht ausgenommen, in welcher das Mittelmaaß der allgemeinen Bildung unter den Frauen höher stände, als bei uns. Und wenn ich auch in den Briefen, welche ich Ihnen hiermit übersende, die gerechte Klage ausgesprochen habe, daß bei uns den Frauen eine gründliche wissenschaftliche Bildung ebenso fehle, wie eine solide Anleitung für praktische Thätigkeit, so ist doch dieser Mangel, so weit ich es erfahren und selbst beobachtet habe, heute fast noch überall vorhanden, bei Ihnen sowohl als hier bei uns — wenn wir auch hüben und drüben ehrenvolle Ausnahmen verzeichnen dürfen. Keines Falles stehen aber die deutschen Frauen auf dem Standpunkte der in Klöstern erzogenen Frauen der romanischen Stämme. Schon die freudige und verständnißvolle Zustimmung, mit welcher Ihr Werk zu Gunsten der Frauen, von so vielen meiner Landsmänninnen aufgenommen worden ist, muß Ihnen ein Beweis dafür sein, daß die deutschen Frauen sich zu denjenigen Frauen zählen dürfen, welche es verdienen, in John Stuart Mill ihren Vertreter gefunden zu haben.

Genehmigen Sie die Versicherung hoher Verehrung für Sie, und des Dankes für Ihr Werk, von einer Frau, die seit nahezu einem Menschenalter in ihrer literarischen und privaten Thätigkeit dieselbe hochwichtige Aufgabe in ihrem Vaterlande nach Kräften zu fördern, nicht ohne Erfolg bestrebt gewesen ist.

 

Berlin, 1869 am 10. November,

dem Geburtstage Schiller’s.

Fanny Lewald-Stahr.

 




Erster Brief

 

Montreux , im Frühjahr 1868.

Sie haben mir nur Gerechtigkeit widerfahren lassen, meine werthen Freunde! wenn Sie annehmen, daß der Fortgang der Hamburger Schule für die Gewerbthätigkeit der Frauen meine lebhafte Theilnahme erregen müsse. Ich darf mir sagen, daß ich zu denen gehöre, die in Deutschland vielleicht am frühesten auf die unerläßliche Emancipation der Frauen zur Arbeit hingewiesen haben, und zwar zuerst aus sittlichen Gründen.

Ich hielt es nämlich von jeher für geboten, daß man die Frauen in einer Weise erziehe und unterrichte, welche es ihnen möglich mache, sich selber ausreichend zu ernähren, um sie damit vor der entehrenden Nothwendigkeit zu sichern, sich ohne Neigung zu verheirathen, oder mit andern Worten, die die Sache bei ihrem rechten Namen nennen, sich für den Preis einer lebenslänglichen Versorgung zu verkaufen. Ich habe das, selbst noch leidlich jung, vor jenen achtundzwanzig Jahren in meiner ersten ziemlich schüchternen Dichtung, in dem kleinen Roman »Clementine« ausgesprochen; und ich bin später bei jedem Anlaß in meinen Arbeiten darauf geflissentlich zurückgekommen. Die Novelle »Die Hausgenossen« war demselben Gegenstande gewidmet, und endlich habe ich »Meine Lebensgeschichte« und die »Osterbriefe für die Frauen« nur mit der bestimmten Absicht geschrieben, es den Frauen und den Männern, Beiden, klar zu machen, was für die Erziehung der Frauen geschehen müsse, um ihnen in der menschlichen Gesellschaft den Platz und die Wirksamkeit einzuräumen, auf die jedes vernünftige Wesen einen Anspruch hat, sofern es nämlich überhaupt ein selbständiges Dasein führen kann.

Seit dem Erscheinen meiner Lebensgeschichte und der Osterbriefe habe ich nun eben durch diese Veröffentlichungen Gelegenheit gefunden, noch weit ausgedehntere Blicke als früher in die Lage der Frauen in unserem Vaterlande zu thun. Wohl an hundert Briefe sind an mich in dem Verlauf dieser Jahre aus den verschiedensten Theilen von Deutschland gerichtet worden, und in allen sprachen Frauen oder Mädchen mir ihren Dank dafür aus, daß ich mich der Sache unseres Geschlechtes angenommen hätte, und Alle verlangten Rath und Förderung für ihr Fortkommen und für ihre Lebensführung von mir.

Sie gehörten, wie ich eben jetzt bei dem Durchblättern des Buches ersehe, in welchem ich die an mich eingehenden Briefe zu notiren gewohnt bin, zumeist den bürgerlichen Mittelständen, theils aber auch den sogenannten höheren Ständen an; und wie ich mich sehr deutlich erinnere, liefen die Briefe fast sammt und sonders auf ein und dasselbe hinaus, wenngleich die Nebenumstände verschieden waren. Nur einige der Schreiberinnen waren Wittwen, die sich allein, oder sich und ihre Kinder, nicht zu ernähren vermochten. Meist waren es jüngere oder ältere Mädchen, die sich, mit ihrem Loose nicht zufrieden, die sich, wie es der Ausdruck dafür ist, »unausgefüllt« und »überflüssig« in der Welt fühlten. Häufig kamen mir auch Gouvernanten und Gesellschafterinnen vor, denen die Aussicht, »ewig in dieser Abhängigkeit zu leben«, sehr niederschlagend dünkte.

Ließ ich mich dann näher auf die Verhältnisse der Klagenden und auf ihre Beschwerden und auf ihre Wünsche ein, so kam ich — einzelne Fälle ausgenommen — meist zu dem immer gleichen Resultate. Die Einen hatten gar nichts Ordentliches gelernt und nur allerlei bunte Lectüre getrieben, aus der sie ein unbestimmtes Verlangen nach einer glückbringenden Selbständigkeit in sich aufgenommen hatten; die Anderen besaßen die eben auch nicht übermäßigen Kenntnisse, welche das Gouvernanten-Examen erfordert. Alle aber hielten, hinter mehr oder weniger verschleiernden Worten, die geheime Ueberzeugung zurück, daß sie zu Schriftstellerinnen geboren wären, daß ich sie ermuthigen würde, sich als solche zu versuchen, und daß, wenn sie nur erst ihren Namen unter dem Titel einer Novelle in irgend einem Journale gedruckt gesehen hätten, auch gleich die ersehnte Selbständigkeit und alle Genüsse des Lebens ihren Anfang nehmen und dann in immer reicherer Fülle auf sie herniederregnen würden.

Sie haben mir oft recht leid gethan, die guten Seelen, wenn ich in das feine und künstliche Spinngewebe ihrer Hoffnungen und in alle die rosigen Erwartungen, welche sie auf mich und meinen Beistand gerichtet hatten, mit der groben Frage hineinfahren mußte: was haben Sie denn gelernt? welche Fähigkeit oder Fertigkeit besitzen Sie, auf die sich die Aussicht einer ersprießlichen Thätigkeit bauen ließe? — In der Regel spielten sie Clavier und konnten, wie sie glaubten, so viel englisch oder französisch, um aus diesen Sprachen übersetzen zu können, wobei sie nur leider meist das Eine übersahen, daß ihre Kenntniß der Muttersprache unvollkommen und daß sie des deutschen Styles lange nicht in dem Grade Meister waren, um wirklich brauchbare Uebersetzungen liefern zu können.

Ging ich dann endlich noch näher in ihre Bedürfnisse und auf meine Ansicht ein, wie man diese Bedürfnisse befriedigen könne, so that sich gleich eine Kluft zwischen mir und ihnen auf, und wir waren in der Regel bald geschiedene Leute. Mündlich und schriftlich haben sie bisweilen es ausgesprochen, daß ich sie und das innerste Bedürfniß ihres Herzens und Geistes nicht verstanden hätte, daß sie sich in mir und in dem Glauben an meine Menschenliebe, wie in der Hoffnung betrogen gefunden hätten, daß ich wirklich Theilnahme für das traurige Schicksal der Frauen innerhalb unserer jetzigen gesellschaftlichen Verhältnisse hege. Sie wollten eben »auf ihre Façon selig werden« und nicht auf die meine, und ich bin ihnen immer sehr prosaisch vorgekommen, wenn ich ihnen den Rath gegeben habe, es doch mit einem bürgerlichen Gewerbe zu versuchen, da man Schriftsteller und Dichter nicht wie Graveur oder Putzhändler werden könne.

Ich fand keinen Glauben bei ihnen, wenn ich ihnen versicherte, daß ich für mein Theil mit freiem Sinne und leichtem Herzen in einem Thee- oder Wäscheladen gestanden haben würde, wenn mein dichterisches Vermögen in einer Zeit erloschen wäre, in welcher ich es noch nöthig gehabt hätte, für mein Brod und meine Zukunft zu sorgen; und während sie Alle über ihre Abhängigkeit, sei es von zu beengten Familienverhältnissen oder über die Abhängigkeit von den Familien klagten, denen sie als Lehrerinnen oder Gesellschafterinnen dienten, meinten sie, daß ich ihnen eine Selbsterniedrigung zumuthe, wenn ich ihnen den Rath ertheilte, tagüber in einem Gewerbe zu arbeiten, um Abends das unschätzbare Gefühl der Selbstständigkeit zu genießen und sich sagen zu können, daß sie sich mit ihrer Gewerbthätigkeit wohl am Ende ein sorgenfreies und völlig unabhängiges Leben erringen könnten.

Böser Wille lag in diesem Gebahren der Mädchen keinesweges. Sie waren häufig wirklich zu beklagen und sie wollten sich redlich helfen; aber sie waren durch das Vorurtheil befangen, welches bisher die Frauen der mehr oder weniger gebildeten Stände zu lebenslänglicher und oft sehr kümmerlicher Abhängigkeit verdammte.

Wir Alle sind noch auferzogen und erwachsen unter dem Banne gewisser Redensarten, die sehr gut klangen, die aber den Frauen, wenn sie in Noth geriethen, wenig oder gar nichts halfen. An allen Ecken und Enden konnte man es aussprechen hören, daß »die Frau durch ihre Natur und durch die Verhältnisse der civilisirten Staaten nur für das Leben innerhalb der Familie bestimmt sei!« — daß »die Frau fraglos die beste sei, von welcher man niemals etwas höre!« — daß »der keusche Dämmer des Hauses die eigentliche und einzige Heimath des Weibes sei!« — und wie die schönen landläufigen Phrasen alle hießen, mit welchen ein großer Theil der Männer uns von einer ehrenvollen Selbständigkeit zurückzuhalten und uns gelegentlich eben dadurch in große Noth zu stürzen, für geboten, ja für eine Art von männlichem Rechte und männlicher Pflicht erachtete.

Man hätte wirklich glauben sollen, daß in unserer europäischen und speciell in unserer deutschen bürgerlichen Gesellschaft — wie in Californien und in Australien — Tausende von Männern umherschmachteten, denen zu ihrem vollständigen Glücke gar nichts fehle als eine Frau, die sich von ihnen ernähren zu lassen die Güte hätte. Es wäre auch gegen jene Aussprüche über unsern sogenannten wahren Beruf gar nichts einzuwenden gewesen, wenn die Männer, von denen sie ausgingen, sich nur stets geneigt gezeigt, oder immer in der Lage befunden hätten, sämmtliche Frauen und Mädchen diesem ihrem eigentlichen Berufe, das hieß in ihrer Sprache, der Ehe und der Versorgung durch die Ehe, zuzuführen.

Aber von den Männern, welche es mit großer Energie behaupteten, daß »die Frau nur für die Ehe und für die Familie bestimmt sei,« stand doch eine recht beträchtliche Anzahl — und mit großem Rechte — ganz entschieden an, sich ein armes Mädchen zur Frau zu nehmen; und da zur Gründung einer Familie immer zwei Personen gehören, so sah es denn mit der »Naturbestimmung und dem durch die staatlichen Verhältnisse einzig geheiligten Berufe« für diejenigen Frauen oft gar mißlich aus, welche jene Verfechter unseres eigentlichen Berufes zu heirathen nicht gerathen gefunden hatten. Zu verdenken, ich wiederhole es, war es den Männern nicht. Denn bei all dem Herren- und Herrschaftsbewußtsein der Männer, ist es für sie in vielen Fällen keine Kleinigkeit, lebenslang eine ganze Familie ganz allein zu ernähren und mit der Sorge um ihre Hilflosigkeit noch in der Todesstunde beladen zu sein.

Man brauchte nur — und wenn ist das nicht einmal begegnet? — in ein Haus zu kommen, in welchem der Ernährer die Augen geschlossen hatte. Ob er Kaufmann, Krämer, Regierungsrath, Doctor oder Major gewesen — gleichviel! Er war der Ernährer gewesen und war gestorben. Mit Mühe, oft auch mit ungeheuren Anstrengungen hatte er die Summe alljährlich erworben, deren die Seinen zu ihrem Unterhalte benöthigt gewesen waren. Die Frau, die er als echt weibliches und ganz häuslich gewöhntes Mädchen vor jenen fünfundzwanzig oder dreißig Jahren geheirathet, hatte es wohl verstanden, das Geld, welches der Mann erwarb, zu Rathe zu halten und aus dem Thaler sogar mehr als manche Andere mit den dreißig Groschen zu machen, und man hatte von ihr auch — nach der Vorschrift — nichts gehört, als daß sie so und so viel Kinder geboren, und was sie etwa selber ihren Bekannten von ihren häuslichen Leiden und Freuden zu sagen und zu klagen für gut befunden hatte. Nun aber war der Ernährer todt; die Mutter saß da, die Töchter, die auch alle für die Ehe und für den keuschen Dämmer des Hauses erzogen worden, saßen daneben. Sie würden gern immer weiter gespart haben wie sonst, zusammengehalten haben wie sonst; es kam nur nichts mehr in das Haus, was zusammengehalten werden konnte; und der rechte, tiefe, geheiligte und reine Schmerz um den Gatten und den Vater ward entweiht durch den Gedanken, daß der Ernährer gestorben sei. Die reine Empfindung ward durch die Nahrungssorge erstickt. — Statt mit liebenden Erinnerungen sich in die Vergangenheit versenken zu können, saßen die Mutter und die Töchter beisammen und fragten sich, vorwärts blickend: »Aber was nun?«

Da bekommt man denn von diesen Frauen, von denen man allerdings bis dahin vielleicht nichts gehört, nur um so mehr zu hören, und zwar Klagen über ihre Hilflosigkeit, bittere Klagen über ihre Unfähigkeit, auch nur zehn Thaler zu erwerben; und mit dem »keuschen Dämmer des Hauses« ist es dann auch in der Regel bald vorbei. Man muß zu berechnen anfangen, was von dem Mobiliar dieses keuschen Dämmers verkauft werden soll, um die Kosten der Trauerkleider und des Begräbnisses zu bezahlen; und man ist dann immer nur zu froh, wenn man die eine der Töchter mit dem ersten besten Mann verheirathen und die andere in die erste beste Familie bringen kann, in welcher sie mit sechzig Thalern Gehalt als Gesellschafterin einer vielleicht sehr launenhaften Frau ein wenig näht und flickt und vorliest und Clavier klimpert, und nebenher mit der standesmäßigen keuschen Ungeduld Tag und Stunden zählt und immer wartet und wartet und hofft und hofft, ob sich nicht Jemand finden werde, sie — wie einst der Vater die Mutter — auch in den keuschen Dämmer des Hauses, in die Ehe und in die Versorgung einzuführen. Jedes Jahr macht sie unzufriedener, jedes Jahr wird sie weniger anspruchsvoll, und zuletzt heirathet sie im glücklichsten Falle gleichviel welchen Mann, wenn er sie zu ernähren übernimmt.

Darin, und dies Bild ist lebenstreu und nicht in seinen Farben übertrieben, darin liegt aber weder der Beruf der Frau, noch das wahre Gedeihen des Familienlebens, noch wahre Keuschheit, noch die deutsche Gemüthlichkeit oder gar die Frauenwürde und der wahre Seelenadel eines Menschen! — Oder wissen die Männer, die nur von den stillen Frauen in der heimlichen Kemnate träumten, die nur die sogenannten kindlichen Seelen in uns schätzen wollten und die von der einfältigen Hilflosigkeit des weiblichen Geschlechtes so entzückt waren, als wären wir Paradiesvögel, die nie die Erde zu berühren brauchen und von bloßem Sonnenschein leben können, wissen diese Männer es etwa anders?

Es klingt, als wollte ich spotten oder eine Satyre schreiben; aber es ist schwer, mit Gleichmuth über Dinge zu reden, über die man durch lange Jahre gegen eine hartnäckige Verblendung zu streiten gehabt hat. Und dabei läuft im Grunde Alles, was man gegen die Selbstständigkeit der Frauen vorzubringen pflegte, auf Unwahrheit und Selbstbetrug hinaus: sowohl die Hinweisung auf das Eldorado des Familienlebens, für das die Mädchen ausschließlich berufen sein sollen, als die Vorstellung von den Gefahren, welche aus der gewerbthätigen Arbeit für die Frauen erwachsen können.

Einer der gewaltigsten Aufklärer, die bittere Noth, hat in den letzten fünf, sechs Jahren Vielen die Augen über diese Zustände geöffnet, welche bisher durchaus nicht sehen und verstehen zu wollen schienen, was doch in ihrem nächsten Bereiche lag. Aber heute noch ist die Zahl derjenigen Personen nicht gering, denen man es versichern muß, daß jedes Frauenzimmer herzlich gern dazu bereit ist, in seinem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre einen braven Mann zu heirathen, der es ernährt; daß alle Mädchen es für das größte Glück erachten, einen geliebten Mann und gesunde Kinder zu haben, und daß es uns ein beneidenswerthes Loos dünkt, wenn eine Frau ganz ausschließlich und bis an ihr Lebensende für die Ihren, für Mann und Kinder leben kann. Es ist mir, so weit meine Kenntniß von dem Wünschen und Begehren des weiblichen Geschlechtes reicht, kein Mädchen vorgekommen, das nicht, selbst bei großer künstlerischer Begabung und nach beträchtlichen Erfolgen in seinem künstlerischen Berufe, bald bereit gewesen wäre, auf seine Unabhängigkeit zu verzichten, wenn sich ihm das Glück geboten hat, in ein sorgenfreies Haus als Gattin eines geliebten Mannes eintreten zu können.

Man darf allen denen, welche etwa heute noch gegen unsere Emancipation zur Arbeit eingenommen sein sollten, die tröstliche Versicherung geben, daß die Frauen in der Masse gar nicht so entsetzlich darauf erpicht sind, sich ihr Brod durch ihre Arbeit selber zu verdienen. Sie sind dazu im allgemeinen noch viel zu oberflächlich, viel zu gedankenlos! Es ist ihnen im großen Ganzen noch sehr angenehm, wenn ein Anderer das Geld zu ihren Chignons und Schleppen, zu ihren kleinen und großen, zum Theil sehr leeren, Vergnügungen erwirbt.

Aber — die Tausende und Tausende von Frauen, die überall darauf angewiesen sind, für sich selbst zu sorgen, die wollen ihr Brod haben, die müssen dieses Brod verdienen, müssen Obdach und Kleidung haben, und einen Sparpfennig in den Tagen, in denen ihre Arbeitskraft einmal erlahmt. — Wie sollen die zu ihrem Brode kommen?

Das steht freilich auf einem anderen Blatte! —





Zweiter Brief

Daß die Frauen sich selbst ernähren dürfen, wenn Niemand da ist, der sie ernährt, das hat man ihnen allerdings niemals streitig gemacht, nur über die Art, wie sie sich ernähren dürfen, hat man sich bis jetzt noch nicht allgemein verständigt, und doch kommt es mir vor, daß, die Nothwendigkeit einmal zugegeben, auf die Frage des Wie? nur mit der einfachen Antwort: »Wie sie können und wollen!« zu entgegnen ist.

Es lag und liegt hier in Bezug auf die Behandlung der Frauen eine ganz schreiende Ungerechtigkeit vor, nämlich die Beschränkung des freien Gebrauchs der angeborenen Fähigkeiten zu eigener Förderung; und von all den Tausenden und aber Tausenden von Männern, die aus vollster Ueberzeugung gegen die Unterdrückung und Beschränkung einzelner Racen oder bestimmter Culte geeifert haben, von all denen, welche ihrer Zeit die Emancipation der Katholiken in Irland, die Emancipation der Juden in Deutschland und schließlich die Emancipation der Neger in Amerika und der Leibeigenen in Rußland, als wesentliche Siege der Vernunft, als Thaten einer unerläßlichen Gerechtigkeit begrüßt und gefeiert hatten, machten die Allerwenigsten es sich klar, daß neben ihnen, in ihren Häusern, in ihren Familien, mitten in der Bildung, mitten in der Gesittung, auf welche sie so stolz waren, mitten in der von ihnen allmälig errungenen Freiheit, innerhalb des Staates, dem sie angehörten, ihre eigenen Frauen, Töchter und Schwestern unter dem Banne der Ungerechtigkeit lebten und gelegentlich litten, deren Aufhebung für die Negersclaven sie als einen Sieg der Menschlichkeit gefeiert hatten.

Man fand es furchtbar, daß ein Pflanzer einem Neger, der etwa mit schönen Anlagen für die Mechanik, mit einem ungewöhnlichen Scharfblick für die Erkenntniß von Krankheiten, mit einer großen Gewandtheit für kaufmännische Verhandlungen geboren war, sagen konnte: Du baust Zucker, Du baust Baumwolle, Du putzest in meinem Hause das Silberzeug, Du machst meine Kleider, Du fährst mich im Wagen! Man weinte über Onkel Tom in seiner Hütte, und sagte einer Tochter, die vielleicht ein medicinisches Genie oder ein großes kaufmännisches Talent war: Du strickst Strümpfe, Du lernst den Haushalt führen; Du bekommst Unterricht, der so weit langt, daß Du einsehen kannst, was für Dich wünschenswerth und zu erreichen wäre, wenn man es Dir möglich machte, Deine Fähigkeiten zu entwickeln, aber entwickeln darfst Du sie nicht — denn Du bist ein Weib. Du brauchst Dich aber darüber nicht zu beklagen, es ist Dein Beruf. So lange ich lebe, gebe ich Dir auch Obdach, Kleidung und Nahrung; findet sich Jemand, der Dich haben will, so gebe ich Dich Dem, der Dir auch Obdach, Kleidung und Nahrung geben wird; und wenn nicht — und wenn ich sterbe und es hat sich Niemand gefunden, der sich mit Deiner Ernährung belasten will — nun? — Nun? so fragten auch die Frauen; und als Antwort erfolgte dann stets ein geseufztes: Nun! so hast Du ja Allerlei gelernt und wirst Dir schon helfen! — Aber wie? aber womit? aber was habe ich denn gelernt? — —

Die Männer sahen den Balken in ihrem eigenen Auge nicht! Sie wollten ihn nicht sehen! Sie wollten es nicht sehen, daß wirklich, soweit es seinen Lebensunterhalt betraf, der Neger, den man bei dem Tode seines Herrn zu fernerer Arbeit gegen fernere Ernährung verkaufte, in gewissem Sinne besser daran war, als das weiße Frauenzimmer in den civilisirten Staaten, das seinen Ernährer verlor, keine Arbeit ordentlich verstand, und eben deshalb, da es von den Erben nicht verkauft werden konnte, nur zu oft dahin gerieth, sich je nach ihrem Stande, ein für allemal an den Ersten Besten, oder sich alltäglich zu verkaufen und in diesem letzteren Falle meist ein Ende zu nehmen, von welchem die Phantasie es aus keuscher Selbstsucht in der Regel sehr gerathen findet, das Auge abzuwenden.

Sie kennen mich, meine Freunde! und ich darf es um so eher sagen, da genug Personen leben, die das Gegentheil bezeugen könnten, wenn ich nicht die Wahrheit spräche: ich bin meinen Eltern eine gute und fleißige Tochter, meinen Geschwistern eine treue und werkthätige Schwester gewesen, und habe gegen meinen Mann und seine Kinder mit Glücksgefühl und nach meinen besten Kräften meine Schuldigkeit gethan. Ich gehöre also keineswegs zu den Frauen, deren zügellose Phantasie oder deren Selbstsucht sie gewaltsam aus den Schranken der Familie herausgedrängt hätten. Aber ich habe innerhalb meines Vaterhauses, innerhalb einer mich liebenden und von mir geliebten, jedoch nicht reichen Familie, Jahre voll so trüber Sorgen vor der uns drohenden Zukunft verlebt, daß ich noch nicht ohne Herzbeklemmung daran zurückdenken kann. Und das alles nur — weil es sich für uns sechs Schwestern, da wir Töchter eines geachteten Kaufmanns und Stadtraths waren, »nicht schicken« sollte, uns fröhlich unser Brod zu verdienen, unserem Vater, dessen liebes Haar in dem Hinblick auf die sechs unversorgten Töchter viel zu früh ergraute, das Leben zu erleichtern; und unsern zwei Brüdern, auf deren Jugend das einstige Loos von sechs unversorgten Schwestern wie ein Alpdruck lastete, eine freie Freundschaft für uns einzuflößen. Dabei waren wir gut und häuslich erzogen, waren nicht unschön und nicht unbegabt. Aber mancher junge Mann, der die Eine oder die Andre von uns vielleicht gern zur Frau genommen hätte, stand davon ab, im Hinblick auf die große nicht vermögende Familie, auf die fünf einst zu versorgenden Schwestern. Es ist dies keine Voraussetzung, keine Beispielerdichtung, sondern eine Thatsache.

Als ich dann endlich krank und müde von dem innerlichen fruchtlosen Ringen nach einem Ausweg, unfähig, mich unwürdigen Ehebanden zu fügen, in welche meines Vaters in dieser Hinsicht vorurtheilsvoller Wille mich hatte hineinzwingen wollen, mein Talent erkannt hatte, als ich zu begreifen anfing, wie ich mir helfen und daß ich auch meiner Familie damit helfen könnte, wenn ich ihr die Sorge für mich abnähme, da verlangte mein sonst so aufgeklärter Vater noch ganz ausdrücklich, daß ich dies heimlich thäte. Ich ging aus meinem Vaterhause fort, beladen mit dem Tadel aller meiner Onkel, Tanten, Cousinen; ich mußte es über mich ergehen lassen, daß man mir den Vorwurf machte, mit meinem Leben außer dem Hause mehr Geld aufzuwenden, als von meinem Vater zu fordern mir zustehe. Meinen eigenen Schwestern verbarg mein Vater es, daß ich mich selber unterhielt — weil ihm die Selbstständigkeit einer seiner Töchter als eine Ungehörigkeit erschien. Meine leiblichen Schwestern — ich erfuhr dies erst nach meines Vaters Tode — hatten bis dahin geglaubt, daß mein Vater mich zum großen Theile versorge; und der theure, sonst so wahrhafte Mann, hatte diese Täuschung aufrecht erhalten, weil, nach seiner Ansicht, die Autorität des Familienoberhauptes darunter gelitten haben würde, wenn er eingestanden hätte, daß seine dreißigjährige glücklich begabte Tochter sich ihr Brod jetzt selbst zu verdienen im Stande sei. Und das that derselbe Mann, der mir die Erlaubniß zu diesem Broderwerb gegeben, der Freude an meinen Arbeiten, der die größte Achtung vor dem Beruf des Dichters und des Schriftstellers empfand, der stolz darauf war, seine Söhne in geachteten Stellungen selbstständig zu wissen.

So tief war noch vor achtundzwanzig Jahren das Vorurtheil auch in den aufgeklärtesten Männern der gebildeten und sogenannten höheren Stände eingewurzelt, daß der Müßiggang und die Abhängigkeit ihrer Töchter eine Ehrensache für sie sei. Sie hielten eine Pflicht, die ihnen oft sehr schwer zu erfüllen war, für ein Ehrenrecht, und opferten diesem falschen Ehrbegriff in unzähligen Fällen das Lebensglück ihrer Töchter. Sie schienen gar nicht zu sehen, was in solcher Lage Hunderte von Mädchen empfunden haben und heute noch empfinden, daß die Negersclavin, die für ihren Herren Werth hat, wenn er sie nebenbei nur gut behandelte, ein weit befriedigteres Ehrgefühl und Gewissen haben konnte als wir, die wir das Bewußtsein mit uns herumtrugen, daß wir denen, welche wir auf der Welt am meisten liebten, daß wir unsern Vätern, unsern Brüdern, eine drückende Sorge, eine schwere Last waren, und die wir, wenn wir mit Rosen im Haare durch die Ballsäle geflogen waren, umschwärmt und umschmeichelt von jungen Männern, uns, wenn wir Abends die Blumen aus dem Haare nahmen, doch fragen mußten: aber was wird aus uns, wenn keiner von diesen Männern uns zur Frau nimmt und versorgt?

In dem Glauben, Liebespflichten gegen die Töchter zu erfüllen, gaben und geben die Väter ihnen, ihrem eignen falschen Ehrgefühle zu genügen und um die Standesgenossen an einen Wohlstand glauben zu lassen, der doch nicht ausreicht, die Töchter lebenslang in müßigem Wohlleben zu erhalten, oft die gewissenloseste Erziehung von der Welt. Unser ganzes Schicksal wurde auf einen Zufall gestellt; auf den Zufall, ob unsere Liebenswürdigkeit oder unsere Schönheit einen Mann so weit zu reizen und zu fesseln im Stande wären, daß er uns zu besitzen wünschen, und sich deshalb mit der Sorge für unsern standesmäßigen Unterhalt beladen würde. Unsere Väter, sammt und sonders Männer, die sich für leichtsinnig halten würden, wenn sie ihr Haus nicht gegen Feuer- und Hagelschaden versichern, wenn sie ihr Schiff, das sie auf das Meer schicken, nicht in eine Assecuranz einschreiben lassen, die sich es zum höchsten Unrecht anrechnen würden, sich in eine Unternehmung einzulassen, deren Ende sie nicht mit ziemlicher Gewißheit berechnen können, führen uns in das Leben ein, ohne irgend voraussehen zu können, was aus uns werden wird; und während sie für ihre Söhne, für das sogenannte »starke« Geschlecht, mit Vorsicht alle Pfade ebnen, ihnen alle Mittel für einen selbständigen Lebensweg vorbereiten, geschieht für uns, für das zarte für das sogenannte »schwache« und hilflose Geschlecht Nichts von alle dem. Und doch sagt man noch: »O! ein Junge, der schlägt sich durch!« —

Von der Tochter schweigt man. Die Tochter sollte, konnte sich nicht »durchschlagen.« Was blieb ihr also? — Sie verkümmerte, wenn sie keinen Mann fand! — Und es sind ihrer unverantwortlich und beklagenswerth Viele in Entbehrungen und in still verborgenen Thränen verblaßt und verkümmert!





Dritter Brief

Wenn ich jetzt noch über die Frage sprechen höre, ob es zweckmäßig und nöthig sei, Gewerbeschulen für Frauen zu gründen, fällt mir jedesmal Sancho Pansa’s tiefsinniger Ausspruch ein: »Wenn’s ist, wird’s sein können

Wenn man sieht, daß in allen Culturländern, in den größten und aufgeklärtesten Städten, die aufgeklärten und werkthätigen Bürger die Nothwendigkeit erkannt haben, Gewerbeschulen für Frauen einzurichten, so wird man sich schließlich wohl überzeugen müssen, daß ein Bedürfniß fürsolche Anstalten vorliegt, und daß die Schulen, welche jetzt von der Privatwohlthätigkeit einzelner Bürger in einzelnen Städten errichtet werden, nur die Vorläufer der Realschulen und Gymnasien sein können, welche die Regierungen und die Stadtgemeinden in nicht zu ferner Zeit für die Töchter des Landes werden eröffnen müssen — so gewiß und so nothwendig als sie die Gymnasien und die Realschulen für die Söhne des Landes errichtet haben und erhalten.

Die erste Anstalt der Art, welche ich im Jahre 1864 in Paris zu sehen die Gelegenheit hatte, war eine École professionelle pour femmes, die unter dem speciellen Schutze von Herrn und Frau Jules Simon stand. Sie war hauptsächlich von den Töchtern der handarbeitenden Stände besucht und man unterrichtete die Mädchen dort, wie jetzt in den meisten derartigen Anstalten, in den Elementarwissenschaften, in weiblichen Handarbeiten und im Zeichnen, ausdrücklich mit dem Hinblick auf industrielle Verwerthung dieses letzteren Talentes.

Später, als ich wieder in Deutschland war, suchte mich ein Fräulein Marwedel auf, welche, wie ich höre, jetzt in Amerika ist, um mit mir den Plan einer Bildungs-Anstalt für Frauen zu besprechen, welche sie, im Beistande sehr verdienter Männer, in Leipzig zu errichten wünschte. Sie selber, einer guten Familie der gebildeten Stände angehörend, hatte einen rauhen Weg im Leben zurückzulegen gehabt, und wünschte andere Mädchen aus gleichen Lebenskreisen vor ähnlichen Nöthen und Sorgen zu bewahren.

Ihr Vorhaben war äußerst verdienstlich; denn gerade in diesen gebildeten Mittelständen, in denen die Mädchen mit mehr oder weniger hohen Ansprüchen an ein gewisses Wohlleben erzogen werden, fallen Noth und Entbehrung den davon Betroffenen oft doppelt schwer; und eben in diesen Ständen lernen die Mädchen in der Regel gar nichts, womit sich erfolgreich Brod verdienen und eine unabhängige Zukunft begründen ließe. Aber das Programm, das man für jene Leipziger Anstalt ausgearbeitet hatte, beruhte, wie es mir gleich damals vorkam, auf einer falschen Voraussetzung.

Man schien anzunehmen, daß in den wohlhabenderen Mittelständen, auf die man es mit der Leipziger Anstalt abgesehen hatte, die Neigung bereits vorhanden sei, ihren Töchtern eine gewerbliche Bildung zu geben. Man hatte, trügt mein Gedächtniß nicht, es auf einen dreijährigen Cursus angelegt; es sollten neben dem reinen Gewerbe auch Gesang und verschiedene andere Gegenstände wissenschaftlicher Art gelehrt werden; und es hatte für mich den Anstrich, als suche man diese Mittelstände für die Gewerbeschule eben dadurch zu gewinnen, daß man die Mädchen in derselben nicht nur zu Arbeiterinnen und Selbsternährerinnen zu machen versprach, sondern sie auch halbwegs als gebildete junge Damen in die Welt zu schicken verhoffte. Auch das Jahrgeld war viel zu hoch angesetzt, nicht für das, was man leisten wollte, sondern für die Leute, auf die man es abgesehen hatte; und ich machte gleich damals den Einwand, daß Familien, die circa tausend Thaler — denn ich glaube, auf eine solche Summe liefen Lehrgeld und Pension für den ganzen Cursus hinaus — an die Ausbildung einer Tochter zu wenden im Stande wären, sich bis jetzt noch nicht dazu entschlössen, sie ein »Gewerbe« treiben zu lassen.

Da ich ein paar Jahre von der Heimath entfernt gewesen bin, weiß ich nicht, was aus dem Leipziger Gewerbs-Pensionate geworden ist. Inzwischen sind in Berlin die Clément’sche Gewerbeschule für Frauen und verschiedene Schulen für gewerbliches Zeichnen für Frauen eröffnet worden, und man hat in den Lehranstalten für Kindergärtnerinnen rüstig fortgearbeitet. Auch in Hamburg hat die unermüdlich thätige Frau Wüstenfeld mit Beihilfe vermögender Gönner eine Gewerbeschule für Frauen begründet und man hat den richtigen Takt gehabt, die Zahl der Lehrgegenstände wie die Lehrzeit und das Lehrgeld möglichst zu beschränken, während man für das Fortkommen der fleißigen und fähigen Lehrlinge möglichst die Hand zu bieten versprach. Das ist sicherlich vorläufig eine Hauptsache. Denn was für die Emancipation der Frauen zur Arbeit das Unerläßlichste ist — das ist vor allen Dingen, daß man den Ungläubigen es zeige, was für die Frauen zu erreichen möglich ist; und daß man den Vorurtheilsvollen zu Hilfe komme, indem man ihnen Beispiele von dem überwundenen Vorurtheil und von den günstigen Folgen dieser Besiegung eines Vorurtheiles vor die Augen stellt. Denn der Erfolg ist noch heute wie zu allen Zeiten der Herrscher, vor dem die Masse der Menschen sich beugt, im Guten wie leider auch im Bösen.

In der Lösung aller socialen Aufgaben, und die Emancipation der Frauen zur Selbständigkeit ist unter diesen Aufgaben sicherlich eine der wichtigsten, thut das praktisch ausgeführte Beispiel immer mehr, als die gründlichst entwickelte Theorie. Entschlössen sich heute in den verschiedenen großen Städten unseres Vaterlandes eine Anzahl junger gebildeter und gesitteter Mädchen aus guten Familien, ebenso wie ihre Brüder in Comptoiren, in Magazinen und in Gewerken zu arbeiten, brächten sie es zu einem Erwerbe, zur Ersparung eines kleinen Vermögens, mit dem sie selber etwas anfangen oder das ihnen zu einer Mitgift für die Ehe werden könnte, so würden wir alle Erklärungen über die Berechtigung der Frauen zur Arbeit im Gewerbe bald kurzweg unterlassen dürfen. Denn der Uebelstand, den wir zu überwinden haben, das Mißtrauen, das auszurotten ist, begründet sich vornehmlich auch darauf, daß bisher in den Magazinen und Gewerken, in denen man sich weiblicher Gehilfen zu bedienen pflegte, häufig, ja zumeist, nur Mädchen ohne Erziehung eintraten, bei denen es denn wohl vorkommen konnte, daß der Verkehr mit Männern und die Aufsichtslosigkeit und Freihheit, zu denen ihr Leben außer dem Vaterhause ihnen Gelegenheit gab, von ihnen in einer ihnen selber verderblichen Weise mißbraucht wurden. Aber wenn man bessere Zustände erstrebt, darf man mit seiner Ansicht und mit seinem Maßstabe sich nicht an die schlimmen Zustände heften, die man ja eben abzustellen und zu besiegen hofft und beabsichtigt.

Es sind nun vielleicht sechs, sieben Jahre her, daß ich mich in einer unserer Hafenstädte bei einem aufgeklärten und wohldenkendem Kaufmanne, der dort eines der größten »Kurzwaaren-Geschäfte«1 betrieb, erkundigte, weshalb er in demselben und in seinem Comptoir nicht Mädchen beschäftige?

Ich hatte dabei den heimlichen Zweck, ein paar hübsche, wohlerzogene Töchter aus einer sehr gesitteten und gebildeten Beamtenfamilie in diese Gewerbthätigkeit einzuführen. Die Mädchen schrieben beide eine schöne Handschrift, sprachen englisch und französisch, rechneten gut, waren an Ordnung gewöhnt, und da die Familie groß, das Gehalt des Vaters nicht hinreichend war, die Familie auch nur nothdürftig zu erhalten, so war derselbe gezwungen, durch Privatstunden, die er ertheilte, das Mangelnde zu erwerben, was ihm allerdings, aber nur auf Kosten seiner Lebenskraft, gelang. Ich hatte mir also gedacht, da diese in sich sehr glückliche Familie ihre Töchter bei sich zu behalten wünschte, da die Töchter eben so lebhaft wünschten, dem Vater eine Erleichterung zu bereiten, und der Ruf dieser Familie und dieser Mädchen der bestmögliche war, so würden sie am besten geeignet sein, das Beispiel vorzuführen, um das es mir zu thun war.

Als ich mit dem Kaufmann von der Sache theoretisch sprach, war er mit mir völlig einverstanden. Er kannte in den gebildeten Ständen aus Erfahrung Fälle genug, in denen die Familienväter sich zu Tode arbeiten mußten, weil sie die einzigen Erwerber in der Familie waren; er hielt mir, da er im Stadtrath mit der Armenpflege zu thun hatte und auch sonst vielfach in der Stadt Bescheid wußte, im Gegensatze die verhältnißmäßig weit bessere Lage der weniger gebildeten Stände vor, in denen, wie bei seinem Portier und bei seinem Kassenboten, die Frau und die Töchter auch zu arbeiten und zu erwerben verständen, so daß in diesen Familien wirklich Jeder etwas zurück- und in die Sparkasse legen konnte, wovon in dem Beamtenhause nicht im Entferntesten die Rede war; und ich glaubte also, da er obenein die musterhafte Wohlerzogenheit der Mädchen rühmte, um die es sich bei dem Vorschlage handelte, meinem Ziele wenigstens von seiner Seite bereits sehr nahe gerückt zu sein, als er mir nach allen seinen Zugeständnissen plötzlich die Erklärung abgab: »daß nur leider solch ein Versuch ganz unmöglich sein würde.« »Aber weshalb denn unmöglich?« fragte ich betroffen. »Sehen Sie!« gab er mir zur Antwort, »ich würde die Mädchen unter den jungen Leuten nicht beschützen und bewahren können. Sie wissen nicht, wie unsere jungen Männer sind. Sie müßten die Redensarten hören, die sie unter einander führen! Und es geht auch sonst nicht. Ich habe früher das Frühstück und das Vesperbrod für die jungen Leute durch unser Hausmädchen in das Comptoir bringen lassen; alle Augenblicke ist da etwas vorgekommen. Bald haben die Mädchen sich über die jungen Leute beschwert, dann wieder hat meine Frau über die Intimitäten der Mädchen mit den jungen Männern zu klagen gehabt — kurz es geht nicht. Sie sehen das selber wohl ein.«

»Gar nichts sehe ich,« versetzte ich darauf, »als daß Sie einige nicht wohlerzogene Männer in Ihrem Geschäfte haben, die sich die unanständige Freiheit nehmen, sich gegen weibliche Dienstboten, die sich selbst nicht achten, unanständig zu betragen. Oder betragen sich die jungen Männer, die, wie ich zufällig weiß, zum Theil sehr guten Familien angehören, etwa auch unanständig gegen Ihre Töchter oder gegen die andern Mädchen und Frauen, mit denen sie in dem Hause ihrer Eltern oder in anderen gebildeten Häusern zusammenkommen?« — Der Kaufmann meinte, daß sei ganz etwas Anderes. Ich mußte ihm das verneinen, und zwar aus fester Ueberzeugung verneinen.

»Glauben Sie,« fragte ich ihn, »daß Ihre jungen Leute, wenn zwei junge Mädchen aus guten Familien, mit denen sie sonst in der Gesellschaft zusammengekommen wären, hier mit ihnen im Geschäfte und im Comptoir zusammen arbeiteten, sich in deren Beisein die unschicklichen Reden erlauben würden, deren Sie vorhin als eines Hindernisses erwähnten?« — »Bewahre der Himmel! ganz gewiß nicht!« versetzte der Kaufmann mit voller Zuversicht. — »Halten Sie es für möglich, daß die jungen Leute im Beisein von gesitteten und gebildeten Mädchen eine jener Unschicklichkeiten gegen die weiblichen Dienstboten Ihres Hauses begangen haben würden, über die Sie vorhin klagten?« — O!« rief er im Tone völliger Abwehr eines solchen Verdachtes. — »Besorgen Sie, daß Ihre jungen Leute sich eine Rohheit gegen gebildete junge Mädchen erlauben würden, von denen sie wüßten, daß sie aus ihres Vaters, aus eines geachteten Mannes Hause, in das Comptoir, und Abends aus dem Comptoir in ihres Vaters Haus gehen, während sie mit denselben Mädchen vielleicht zwei Stunden später auf irgend einem Familienballe in ihrem eigenen Verwandtenkreise zusammentreffen könnten?« — »Nein! ich kann nicht sagen, daß ich dies besorge!« gab er mir zu. — »Sie müssen also zugestehen,« nahm ich das Wort, »daß — und dies ist meine festeste Ueberzeugung — daß die Anwesenheit wirklich gesitteter junger Mädchen in den Werkstätten, Comptoiren und Magazinen auf die Gesittung der dort arbeitenden jungen Männer vortheilhaft einwirken, ihnen zu einem Zügel und zu einer Schranke werden würde. Weshalb also wollen Sie den Versuch nicht wagen?«

Nun denn, trotz alle dem und alle dem wurde der Versuch doch nicht gewagt. Der Kaufmann und die Eltern der Mädchen gaben Alles zu, was man irgend wollte, aber von beiden Seiten hatte man Scheu, gegen die bestehenden Vorurtheile und Gewohnheiten anzugehen, und zwei Jahre darauf hatte der wackere Beamte seine Kräfte in Ernährung seiner Familie erschöpft. Er starb an Abzehrung und es trat denn auch wieder einmal einer jener Fälle ein, deren ich in meinem ersten Briefe gedachte. Es blieb kein Pfennig Vermögen zurück, die höchst brave Frau entschloß sich, wirklich noch am Sarge ihres Mannes, eine Schule zu errichten, mit der es leider nicht recht gehen wollte; einige Monate nach des Vaters Tode heirathete die eine Tochter einen achtungswerthen und wohlhabenden Mann, der aber reichlich ihr Vater hätte sein können. Die Andere trat acht Tage nach des Vaters Tode als Gesellschafterin mit sechzig Thalern jährlichem Gehalte in eine begüterte Familie ein, in der sie sich durch zehn, durch fünfzehn Jahre, wie das immer geschieht, an jede Bequemlichkeit des Lebens, an Luxus und Ueberfluß gewöhnen wird, um dann vielleicht mit vierunddreißig Jahren eben so hilflos, eben so erwerbsunfähig, nur älter und verwöhnter, als an ihres Vaters Todestage, dazustehen und angstvoll darüber nachzusinnen, ob sich mit Unterricht in Sprachen und Musik so viel verdienen lasse, als man unerläßlich zum Leben nöthig hat.

Ich wiederhole es Ihnen hier, wie in meiner Lebensgeschichte, wie in den Osterbriefen für die Frauen, und in dem vorigen Briefe, ich kenne nichts Beklagenswertheres, als das Loos der unbemittelten Mädchen in den sogenannten »besseren Ständen«, und ich habe heute noch in meiner eigenen Familie, in welcher ähnliche Fälle und Sorgen ebenfalls nicht fehlen, so gut wie gar Nichts dazu thun können, die Eltern darüber aufzuklären, wie sie es anfangen müßten, dieser Noth und diesem Elende abzuhelfen. Im Englischen unterrichten und Clavierunterricht ertheilen, Gouvernante oder Gesellschafterin werden, darauf läuft es stets hinaus. Und doch ist in diesen Fächern das Angebot der Arbeit bereits so weit über den Bedarf derselben hinausgegangen, daß man in Berlin neben Lehrern, die zwei Thaler und mehr für die Stunde erhalten, gründlich gebildete und vorzügliche Clavierspielerinnen findet, die für sieben und einen halben Groschen eine Stunde ertheilen, wobei denn die Stunde, welche sie mitunter auf das Kommen und Gehen zu verwenden haben, stillschweigend in den Kauf gegeben werden muß. In kleinen Städten ist das Honorar natürlich oft noch weit geringer, und von dem Gehalte der Gouvernanten und Gesellschafterinnen läßt sich vollends nicht so viel erübrigen, daß ein vor Noth gewahrtes Alter damit zu erreichen wäre.





Vierter Brief

Wie ich mir es vorstelle, dürften es überall wohl zunächst die Töchter der Handwerkerfamilien, die Töchter der Krämer und der unteren Beamtenfamilien sein, welche sich die Lehre und die Vortheile der Gewerbeschule zu Nutze machen werden. Denn bei uns in Berlin z. B. hat selbst in den Familien der wohlhabenden Handwerker die Gewerbthätigkeit der Töchter immer schon bestanden und ist den Mädchen sehr zu Nutze gekommen.

Ich kenne einen vermögenden Herren-Schuhmacher, der ein eigenes sehr ansehnliches Haus besitzt, der in London und Paris für seine dort ausgestellten Arbeiten die Preismedaille erhalten hat, der seinen einzigen Sohn in Petersburg, in London und in Paris in den ersten Schuhmagazinen arbeiten läßt, und der es mir eines Tages erzählte, daß seine älteste Tochter mit der Nähmaschine doch jährlich so ein dreihundert Thaler verdiene. Ich fragte, ob sie für seine Fabrik arbeite? Er verneinte es. — »Ich mag keine Rechnerei mit meinen Kindern haben, sagte er; sie arbeitet für ein feines Mäntel- und Mantillengeschäft und ich frage nicht einmal, was sie mit dem Gelde macht, das sie verdient, besonders nicht, fügte er lachend hinzu, weil ich’s weiß und weil sie denn doch zu mir kommt, wenn sie wieder etwas zusammenhat, das ich ihr unterbringen soll. Ein Theil ihres Erwerbes geht auf ihre Kleider, aber sie ist vernünftig darin, sie macht sich auch alle ihre Sachen selber, und da sie obenein aus dem Geschäfte, was sie an Kleiderzeugen braucht, billig bekommt, so läuft’s nicht sehr in’s Geld. Sie ist nun zweiundzwanzig Jahre alt, hat so von ihrem fünfzehnten Jahre ab gespart, da hat sie nun doch an zwölfhundert Thaler liegen und es könnte und müßte eigentlich schon mehr sein. Sie hat aber vor drei Jahren eine Bekanntschaft mit einem jungen Mediciner gemacht, der sich von ganz armer Herkunft durch die Schulen und die Universität gebracht hat. Er ist ein hübscher und anständiger Mensch, so daß ich nicht dawider bin. Sie hat mich nicht gefragt, er auch nicht; er kommt aber immer in’s Haus und ich weiß, daß sie ihm seit zwei Jahren fortgeholfen hat, damit er nicht mehr so viel Privatunterricht zu geben braucht und rascher zum Examen kommen kann, in dem er nun ist, und zu dem sie wohl auch vorschießen wird. Ist’s nachher so weit, nun — eine Aussteuer und Einrichtung kann ich schon schaffen, meinte er selbstgefällig, und wenn es denn die ersten Jahre noch etwas knapp geht mit der Praxis, mögen sie der Tochter ihr Erspartes zu Hilfe nehmen. Sie ist haushälterisch und geschickt, er ist auch ein ordentlicher junger Mann, und ich hab’s immer am liebsten, wenn die Leute von Anfang an lernen, sich selber fortzubringen.«

Solcher Fälle sind mir verschiedene vorgekommen. Ein anderer hierhergehöriger begegnete mir, ehe wir im Spätsommer von 1866 Berlin verließen. Wir hatten dort einen jungen und sehr tüchtigen Buchbinder; er war armer Leute verwaistes Kind, eine wohlhabende Familie im Halberstädtschen hatte ihn erzogen und das Buchbindergewerbe lernen lassen. Als er von seinen Wanderschaften nach Berlin zurückkehrte, um sich dort niederzulassen, fand er seine Pflegeschwester, die wohl fünfzehn Jahre älter sein mochte als er, mit ihren zwei Töchterchen in großer Noth. Sie war in der Scheidung von ihrem Manne, der sich im hohen Grade dem Trunke ergeben hatte, und da sie kränklich war, konnte sie sich und die Kinder nicht ernähren. Der junge Buchbinder war also rasch entschlossen. »Ihr habt mir geholfen, nun werde ich Euch helfen!« sagte er. Die Mutter und die Kinder zogen denn gleich mit ihm zusammen, als er sich etablirte, und die Frau erlernte von ihm die Arbeit, die sonst die Lehrburschen verrichten. Bald konnte auch das älteste sehr geschickte Mädchen in die Lehre genommen werden, und in den Stunden, in denen es nicht in der Schule war, dem jungen Meister zur Hand sein. Das Gewerbe ging sehr gut vorwärts, der junge Mann war ein Muster von Fleiß, er beschäftigte bald mehrere Gesellen und Burschen. Da brach der Krieg von sechsundsechzig aus, er wurde eingezogen und mußte mit seinem Landwehr-Regimente zur böhmischen Armee. Es kam ihm hart an. Indeß die Frau hatte in den drei Jahren so viel Einsicht in das Geschäft gewonnen, daß es mit Hülfe des einen nicht zum Militär eingeforderten Gesellen und der Burschen doch fortgesetzt werden konnte, besonders da die Arbeit in der Zeit natürlich weniger stark ging. Ich war oftmals nach den verschiedenen Schlachten zu den Leuten gegangen, um zu hören, ob man Nachricht von dem Meister habe? Sie fehlte lange Zeit gänzlich und wir waren in Sorgen. Endlich mit dem Frieden kam er wieder; er war geraume Zeit krank im Hospitale gewesen. Ich suchte ihn auf, er hatte wieder zu thun, hatte guten Muth, obschon die Sorgen nicht fehlten, denn es ist keine Kleinigkeit, wenn ein Mann so plötzlich seinem Gewerbe, einer Familie so plötzlich der Haupternährer entrissen wird; aber er konnte die Arbeitsamkeit und Tüchtigkeit seiner Pflegeschwester nicht genug rühmen. »Die Frau hat’s, krank wie sie ist, durchgehalten, als wenn ich dabei gewesen wäre, und die Kleine war auch immer auf dem Fleck!« versicherte er. Das Mädchen war etwa fünfzehn Jahre alt. »Sie glauben nicht, was die für ein Geschick hat!« sagte er. »Wenn ich zuweilen faule oder langsame Arbeiter habe, so stelle ich sie zum Heften dazwischen. Ganz tüchtige Gesellen heftet sie in Grund und Boden, es fliegt ihr nur von der Hand. Wenn sie nun eingesegnet sein wird, will ich sehen, ob ich es nicht durchsetzen kann, daß ich sie beim Gewerk regulär einschreiben lasse, und dann will ich einen Buchbindermeister aus ihr machen, der sich sehen lassen kann — und die Buchführung muß sie dann auch noch lernen, denn das fehlt mir selber!«

Ich suchte ihn auf das lebhafteste in seinem Vorhaben zu bestärken, rieth ihm, sich für das Mädchen die Gewerbeschule für Frauen, die man eben damals gründete, zu Nutze zu machen, und sich nicht abschrecken zu lassen, wenn das Buchbindergewerk ihm Schwierigkeiten entgegensetzen sollte. Er begriff sehr gut, wie wichtig und folgenreich das Beispiel sein würde, das er zu geben im Begriffe stand.

Ich erwähne aller dieser Thatsachen, denen ich viele andere zugesellen könnte, nur um darzuthun, von wo aus wir, nach meiner Meinung, den Hauptanstoß zu der die Gewerbthätigkeit der Frauen fördernden Bewegung erwarten dürfen; und ich zweifle nicht, daß das zwingende Bedürfniß in diesem Falle das Seine thun wird, das Vorurtheil zu besiegen, das ganz allein und ausschließlich der Gewerbthätigkeit der Frauen in den Weg tritt. Es ging mit der Gewerbthätigkeit der Männer in gewisser Beziehung grade ebenso.

Ich erinnere mich noch sehr wohl der Zeit, in welcher ein Regierungsrath, ein Professor, ein Geistlicher, namentlich in den Städten des Binnenlandes, vor dem Gedanken zurückschreckten, einen ihrer Söhne in den Kaufmannsstand eintreten, oder gar ihn Zimmermeister oder Maurermeister werden zu lassen, und die wohlhabenden Handwerkerfamilien hatten auch keinen höheren Ehrgeiz, als ihre Kinder studiren zu lassen und sie in die Beamtencarriere zu bringen. Der Sohn eines Studirten mußte wieder ein Studirter werden und das ging so fort, bis das Angebot für die Stellen, welche von Studirten besetzt werden konnten, so übermäßig geworden war, daß der Staat selbst die Eltern davor warnen mußte, ihre Söhne auf solche Lebenswege zu führen.

Damals entschlossen sich denn die niedern Beamten, die kleinern Kaufleute zuerst, es für ihre Söhne mit dem Gewerbstand zu versuchen, und wie dann diese jungen wohl erzogenen, wohl unterrichteten und für das Gewerbe eigens herangebildeten Männer dem Gewerbe durch ihre Kenntnisse einen mächtigen Aufschwung zu geben anfingen, wie das Handwerk sich hier auf die Wissenschaft zu stützen, dort sich zur Kunst zu erheben begann und nebenher seinen Mann ganz anders ernährte als das überall nur eng bemessene Gehalt der Beamten, da war nachher mit einem Male die ganze Anschauung verändert und das Vorurtheil besiegt. Die kümmerlichen Realschulen mußten in großem Maßstabe umgestaltet werden, und die Familie eines Regierungsrathes, eines Professors schämt sich jetzt nicht mehr, wenn ihr Sohn als Zimmermannslehrling mit dem Schurzfell um die Hüften einen Handwagen voll Holz durch die Straßen zieht, oder als Gärtner die Mistkarre über die Felder führt.

In gleicher Weise ist es hergegangen, als die Beamtenfamilien anfingen, noch bei Lebzeiten der Väter ihre Töchter Lehrerinnen werden zu lassen. Man schützte anfangs eine unüberwindliche Neigung der Mädchen zum Unterrichten vor; man gab an, daß man sie »für mögliche Nothfälle, die doch Jedem begegnen könnten,« zur Selbsthülfe fähig machen wollte; man wand und drückte sich mit lauter Verstellungen und Ausflüchten herum, an die Niemand glaubte, weil Jedermann sich sagen konnte, daß eine Familie mit so und so viel Kindern von dem Gehalte des Vaters nicht zu leben im Stande wäre, und daß die Noth, von der man als von einer fernen Möglichkeit spreche, längst eingetreten sei.

Mit den Gewerbeschulen und der Gewerbthätigkeit der Frauen wird es sich nicht anders machen. Haben nur erst die Frauen und Mädchen aus den bürgerlichen Kreisen, in welchen man seit langen Zeiten daran gewöhnt ist, sie arbeiten zu lassen, durch die Benutzung der, ihnen jetzt von der Privatwohlthätigkeit dargebotenen Gewerbeschulen Vortheil gezogen, wird man erst gesehen haben, daß die Tochter des Rendanten A. in einer Handlung vierhundert Thaler als Buchführer, die Tochter des Bäckermeister B. fünfhundert Thaler als Werkführerin in einer Wäschehandlung erhält, daß dies Mädchen als Telegraphist, jenes als Ciseleur, ein drittes als Bandagist eine gute Einnahme hat, und machen die gebildeten und wohldenkenden Familien es sich zur Pflicht, gerade solche Mädchen, sofern ihre sonstige Bildung und Gesittung dies verdienen, in ihr geselliges Leben aufzunehmen, so wird der Zudrang zu den weiblichen Gewerbeschulen in kurzer Zeit alle Erwartungen übersteigen, und es wird mit dieser Emancipation der Frauen zur Arbeit, der einzigen, von welcher vernünftiger Weise vor der Hand die Rede sein kann, gerade das erreicht werden, was man von ihr gehindert zu sehen fürchtet: eine Zunahme von Ehen und eine Vermehrung und solidere Begründung des Familienlebens.

Es handelt sich thatsächlich darum, an die Stelle von Vorurtheilen richtige Anschauungen zu setzen; wir müssen unsere Zeit, oder soll ich sagen unsere Zeitgenossen? zu der klaren Erkenntniß bringen, daß

 

1. Reichthum an und für sich keine Ehre sei; daß also

2. das Fehlen des Reichthums, die Mittellosigkeit, keine Schande ist, die man sorgfältig zu verbergen hat;

3. daß Arbeit für den Menschen, also nicht nur für die Männer, sondern auch für Frauen eine Ehre ist;

4. daß jede wohlgethane Arbeit ehrenwerth ist, und

5. daß die Frauen, deren Naturerbtheil ja eben eine besonders lebhafte Empfindungsfähigkeit sein soll, natürlich auch ein Ehrgefühl besitzen, welches durch eine zu hart lastende Abhängig keit gekränkt wird, während sie

6. eben so viel Glück als die Männer darin zu fühlen vermögen, wenn sie für sich und für die Ihren das Nothwendige erwerben, das Erfreuliche schaffen, und Versorger der Menschen sein können, die sie lieben. Mutterliebe, Tochterliebe, Schwesterliebe sind in Wahrheit nicht weniger zur Pflichterfüllung und zu großmüthigem Gewähren geneigt, als die Liebe eines Vaters oder eines Sohnes und eines Bruders.

 

Ich frage mich manchmal ganz verwundert: wie ist es nur möglich, daß man dies nicht immer eingesehen hat? daß man dies hier und da noch nicht einsehen will? — Wie geht es zu, daß die Familien sich nicht sagen: wenn unsere Töchter wie die Söhne arbeiten, werden sie froh, gesund, kräftig wie die Söhne, und wir Alle werden sorgenfreier, also glücklicher sein!

Ich kann mich, wenn ich die große Anzahl kränkelnder alter Mädchen vor Augen habe, des Gedankens nicht erwehren, daß es in gar vielen Fällen das Hoffen und Harren, das unglückliche Warten auf die Versorgung durch die Ehe ist, welches die Mädchen so häufig krank und elend macht. Warten macht ja jeden Menschen leiden. Wenn man sich einen Wagen bestellt hat und er kommt nicht, bleibt man die erste Viertelstunde ganz gelassen; dann wird man unruhig, man geht hin und her, man öffnet das Fenster, man läßt nachfragen, man wird zornig, und nach einer Stunde ist man in einer so verdrießlichen Aufregung, daß man sie in allen Nerven spürt. — Und wir Frauen sitzen und sitzen von unserm siebzehnten Jahre ab, und warten und warten, und hoffen und harren in müßigem Brüten von einem Tage zum andern, ob denn der Mann noch nicht kommt, der uns genug liebt, um sich unserer Hülflosigkeit zu erbarmen. Und durch jeden Hausfreund, der sich verheirathet, erleiden wir eine Enttäuschung, denn er hätte uns doch wählen können; und durch jede Herzensfreundin, die sich verheirathet, erleiden wir eine Demüthigung, denn sie hat besser gefallen als wir, und ist uns vorgezogen worden. Und dazu die ganzen langen Tage mit der Näharbeit in der Hand, die wenig oder nichts für die Familie einbringt, und die langsamen Stunden, jede mit ihren sechzig Minuten Zeit, immer darüber nachzudenken, daß man älter und mit jedem Jahre hoffnungsloser wird! — Die Mädchen müßten Heldinnen der Entsagung sein, wenn das ihnen nicht die Seele und das Herz bedrücken sollte, und Engel an Güte, wenn ihre aussichtslose Zukunft, ihre unverschuldete Hülflosigkeit und die damit zusammenhängende Hintenansetzung, ihr Gemüth nicht trüben und verbittern sollten.

Da, wie ich bemerkte, in dieser Angelegenheit der Widerstand nicht ausschließlich, aber doch zu großem Theile auf Vorurtheilen beruht, so können diejenigen, welche von diesen Vorurtheilen zu leiden haben, sich leider nicht allein aus ihrer eigenen, innern Machtvollkommenheit helfen, besonders, da sie zur Abhängigkeit erzogen, es nicht verstehen, eine Initiative zu ergreifen. Es ist also nöthig, daß man unterscheidet, von welchen Seiten sich wirklich Bedenken gegen die Gewerbthätigkeit der Frauen erheben lassen und von welchen Seiten der Widerstand gegen dieselbe auf bloßem Verkennen der Verhältnisse, auf unbegründeten altherkömmlichen Voreingenommenheiten beruht. Das wollen wir versuchen uns gleichfalls klar zu machen.

Vorher aber lassen Sie mich Ihnen noch bemerken, daß nicht nur zu allen Zeiten die Noth einzelne Frauen zur Erwerbthätigkeit hingeführt hat, sondern daß in besonderen Fällen verständige, den gebildetsten Ständen angehörende Väter ihre Töchter geflissentlich zu ihren Mitarbeitern bei ihrem Gewerbe und bei ihren Studien gemacht haben. Einer der würdigsten unter diesen Letztern war Philipp Daniel Lippert, der Freund und Vorläufer von Winckelmann.

Justi, der neueste Biograph Winckelmann’s und seiner Zeit, berichtet in dem Capitel, welches Lippert gewidmet ist, darüber wie folgt: »Lippert hatte etwas von den Eigenschaften, durch die sonst Bürger deutscher Reichsstädte sich ein Vermögen gründeten: eine starrköpfige Zähigkeit, eine kühne aber sicher schreitende Speculation. Nach dem Vorbild seiner armen tapfern Mutter, die mittelst eines aufgefundenen Recepts zur Färbung bunten Leders sich durchs Leben geschlagen hatte, benutzte er einige kleine technische Entdeckungen, die Frucht seiner Glaserlehrlingsschaft, zur Gründung eines Geschäftes, durch das er zwar nicht reich werden wollte (er hat es nie gehofft und wurde es auch nicht), das aber allmälig einen eigenen Handelszweig repräsentirte und in seinen Wirkungen einer großen akademischen Anstalt gleichkam. In diesem Geschäfte war er zugleich Chef, Factor, Handarbeiter und Kaufmann. Nur seine Tochter stand ihm zur Seite; von ihr sagte er: Ich habe sie als Mann erzogen und nicht als Weib; sie unterstützt mich durch ihre Arbeit und kann Alles, was ich kann.





Fünfter Brief

Als wir im vorigen Jahre in Genf einmal über die Emancipation der Frauen zur Arbeit und über die weibliche Gewerbthätigkeit sprachen, bemerkte man mir, daß in Genf die industrielle Beschäftigung der Mädchen und Frauen in den eigentlichen Arbeiterständen und auch über deren Bereich hinaus etwas Altherkömmliches sei. Für die Mädchen habe man darin keinen Nachtheil gefunden, sie hielten sich zu ihren Familien und brächten es auch zu einem Heirathsgute. Auf meine Frage, ob sich der Bildungsgrad und die Moralität der Mädchen durch die industrielle Beschäftigung, im Vergleich zu den Cantonen, in welchen dieselbe weniger üblich sei, gebessert oder verschlechtert hätten, konnte ich von meinen Bekannten keine Auskunft erhalten. Sie waren aber natürlich auch der Ansicht, daß es eine Wohlthat sei, wenn durch eine ordentliche Unterweisung der Mädchen und durch ihre zuverlässige Erwerbsfähigkeit die Möglichkeit der Ehen und der soliden Familienbegründung erhöht, und eben dadurch der Entsittlichung beider Geschlechter in ungeregelten und zügellosen Verbindungen so viel als thunlich begegnet würde. Sie äußerten sich jedoch weniger günstig über die gewerbliche Beschäftigung der Frauen, sofern diese außer dem Hause zu arbeiten genöthigt würden. Man schilderte mir es, wie die Eltern, wenn sie von der Arbeit kämen, in das Café oder das Estaminet gingen, um dort, die Kinder neben sich und auf dem Arme, nach der mühevollen Tagesarbeit ihr Abendbrod zu essen und ihr Glas Wein oder Bier zu trinken. Wie die Kinder auf den Tischen und Bänken einschliefen, die Säuglinge oft noch in der späten Abendkühle nach Hause getragen würden; wie der sonntägliche Kirchenbesuch darunter litte, wenn die Hausfrauen die eigentliche Hausarbeit auf den Sonntag zurücklassen müßten, und wie denn doch Zeiten kämen, in denen die Frau selbst nicht in Arbeit gehen könne, und andere, in welchen Krankheit der Kinder und andere unabweisliche Pflichten sie zu Hause hielten. Aber es ist damit, wie mir scheint, gegen die Gewerbthätigkeit des weiblichen Geschlechts im Allgemeinen eben so wenig etwas bewiesen als mit der Klage, die ich in Berlin sehr häufig aussprechen hörte, daß in den Familien der arbeitenden Stände der Selbsterwerb den Mädchen eine zu große Selbständigkeit gäbe. Es hieß, sie wollten dann den Eltern nicht wie sonst »pariren«, sie wollten ihren eigenen Kopf und Willen, wollten Vergnügungen außer dem Hause haben, und wohin diese sie führten, das wisse man ja!

In Bezug auf die Einwendungen, welche man gegen die außerhäusliche Beschäftigung der weiblichen Verheiratheten hegt, so ist es keine Frage, daß diese ein Uebel ist, welches, wofern es irgend möglich, vermieden werden muß. Es kommt also wahrscheinlich darauf an, die Mädchen nicht einseitig zu unterrichten, sondern ihnen so viel praktische Kenntnisse und so viel Handgeschicklichkeit zu geben, daß sie sich in gefordertem Falle leicht aus einer Art von Beschäftigung in eine andere hinüberfinden können. Gewannen sie, so lange sie Mädchen waren, als Buchführerin ihr Brod außerhalb des Hauses, so wird es sicherlich besser sein, wenn sie es nach ihrer Verheirathung in ihrer Wohnung mit Federn kräuseln oder Spitzen appliciren oder wie es sonst angeht, verdienen können; denn die gute deutsche Sitte des häuslichen Familienlebens soll ja durch die Gewerbthätigkeit der Frauen gefördert, nicht beeinträchtigt werden, und dazu eben soll die vielseitige und größere Ausbildung der Frauen in den Gewerbeschulen die Möglichkeiten bieten.

Daß Mädchen, welche sich selbst ernähren, unabhängiger werden als solche, welche dies zu thun nicht im Stande sind, ist keine Frage. Aber das Gefühl der Selbständigkeit und die Neigung zur freien Selbstbestimmung sind nur da bedenkich, wo Sittenlosigkeit und Unbildung zu einem Mißbrauch der an und für sich wünschenswerthen Selbständigkeit verleiten können. Daß dieser Mißbrauch vorgekommen ist und noch vielfach vorkommen kann, wird Niemand abzuleugnen vermögen, der das Leben und namentlich die Verhältnisse in den großen Städten kennt. Indeß auch gegen diese Uebelstände liegt die Hülfe eben nur in der besseren Erziehung der weiblichen Jugend; und vor Allem, wie mich dünkt, darin, daß man ihnen die Aussicht eröffnet, durch ihren Fleiß zu einem verhältnißmäßig günstigen Loose gelangen zu können, sei es, daß ihnen die Ehe oder die Ehelosigkeit zu Theil werde.

Schlimmer als es jetzt in den meisten großen Städten um die Zuchtlosigkeit der Mädchen aus den nicht gebildeten Klassen beschaffen ist, kann es wohl schwerlich werden; und wenn wir den Grund derselben aufsuchen wollen, werden wir in vielen Fällen darauf kommen, daß die nicht ausreichende Erwerbsmöglichkeit und das aus ihr folgende Bestreben, »sich an den Mann zu bringen«, die jungen Frauenzimmer geneigt machen, sich blindlings mit jedem Manne einzulassen, der ihnen die Hoffnung auf die Ehe eröffnet. An die ganz verwahrlosten armen Geschöpfe, die noch als halbe Kinder von ihren eigenen Müttern geradezu verkauft und der Wollust zum Opfer überlassen werden — und ich habe deren unter Augen gehabt — darf man nicht denken, wenn man sich das Herz nicht zerreißen lassen will; aber auch dagegen wird die alleinige Hilfe doch nur darin zu finden sein, daß man Mütter heranzubilden sucht, die Gewissen, Herz und Ehrgefühl genug haben, ihre Kinder nicht in das Elend und in das Verbrechen zu stoßen.

Anders als in diesen Volksklassen, in denen man es oft mit der ersten sittlichen Erhebung des weiblichen Geschlechts zu thun hat, stellt sich das Verhältniß in den gebildeten und doch für die Frauen des Selbsterwerbes bedürftigen Klassen, in denen die Mädchen, welche vielleicht nicht abgeneigt wären, sich zu ehrlicher Arbeit, zum Brodgewinn durch ein Gewerbe zu entschließen, häufig von diesem vernünftigen Vorsatze zurückgeschreckt werden, weil sie fürchten, dadurch der gesellschaftlichen Vortheile verlustig zu gehen, deren sie innerhalb ihrer Kaste bisher genossen hatten. Ich brauche das Wort Kaste ganz mit Absicht, denn unsere Gesellschaft hat in der That noch einen Kastengeist und Kastenvorurtheile, wenn sich die verschiedenen Kasten auch nicht durch ihre Kleidung oder durch sonst äußerlich in die Augen fallende Abzeichen wie in Indien unterscheiden.

»Frau Stahr!« sagte mir einmal die Tochter eines Banquiers, der obenein noch Geheimer Commerzienrath war, als ich davon sprach, eine der ersten industriellen Familien zu besuchen, die wir im Bade hatten kennen lernen, »Frau Stahr, Sie werden doch nicht zu den Leuten gehen?« — »Weshalb denn nicht?« — »Ach, die haben ja einen offenen Laden!« — Man konnte es in Bombay nicht besser verlangen. —

Diesem Kastengeiste zu begegnen, ist von Seiten derjenigen Frauen, welche nicht zur Erwerbsarbeit genöthigt sind, eine der unerläßlichsten Pflichten, wenn man dem Gewerbwesen und der Emancipation der Frauen zur Arbeit wirklich die Wege bahnen will. Ich meine damit natürlich nicht, daß man in die gebildete Gesellschaft ungebildete Frauen und Mädchen aufnehmen solle, nur weil sie sich ihr Brot erwerben und in dem oder jenem Fache geschickte Arbeiterinnen sind; aber ich meine, daß man diejenigen gebildeten Mädchen und Frauen, die sich zum Betrieb eines bürgerlichen Gewerbes entschließen, nicht um deswillen von der gebildeten Gesellschaft, in welcher sie bis dahin zu leben gewohnt gewesen sind, ausschließen soll, wie das bisher fast durchweg der Fall gewesen ist. Ich könnte auch dafür eine Menge von Beispielen anführen; aber ich will nur eines herausgreifen, weil in diesem alle Personen, die es betrifft, nicht mehr am Leben sind.

In Berlin lebte im Hause eines Seehandlungs-Präsidenten als Gesellschafterin der edeln und höchst gebildeten Frau desselben ein junges Mädchen aus angesehener Familie. Auguste war klein, reizend, geistreich, die Frau vom Hause hatte ein Vergnügen daran, sie elegant gekleidet, sie bewundert zu sehen, und sie ward in der That von ihrem achtzehnten bis achtundzwanzigsten Jahre in einer Weise von den jungen und alten Männern des großen gesellschaftlichen Kreises lebhaft gefeiert, so daß man nicht begreifen konnte, wie es zuging, daß sie sich noch immer nicht verheirathete. Sie war ein sittlicher Charakter, das gaben alle Männer zu; aber sie war an großen Luxus, an die Loge im Theater, an Badereisen u. s. w. gewöhnt, und sie hatte keinen Heller Vermögen und war doch nur »eine Gesellschafterin«, die nicht einmal mit dem Haushalte Bescheid wußte, für den eine andere Person zu sorgen hatte. Es ging denn wie es immer geht: Auguste hatte getäuschte Hoffnungen die Hülle und Fülle erlitten, ihre gute Laune, ihr Frohsinn ließen allmälig nach, die Präsidentin fand, daß ihre Gesellschafterin unliebenswürdig werde, sie war nicht mehr das Kind, mit dem alle Welt zu tändeln geliebt hatte. Es gab auch gelegentlich Mißverständnisse, die Thränen fließen machten; das verjüngte und verschönte Auguste auch nicht, und — man trennte sich endlich, weil Auguste es unerträglich fand, immerfort nur »zum Liebenswürdigsein auf dem Platze zu stehen«. Sie wollte sich nützlich machen, wissen, wozu sie auf der Welt sei, und entschloß sich als Haushälterin in das Haus eines bejahrten Mannes, eines Wittwers einzutreten, der vier, fünf erwachsene Söhne hatte und als Hoflieferant das damals berühmteste Modegeschäft von Berlin betrieb. Sie nahm sich in den sehr veränderten Verhältnissen vortrefflich, aber die »Gesellschaft«, die es ganz in der Ordnung gefunden hatte, daß sie zehn Jahre lang im Hause der Präsidentin einen ungehinderten unnützen und müßigen Verkehr mit Männern gehabt hatte, fand es »nicht in der Ordnung«, daß sie für das häusliche Behagen von sechs Männern sorgte, gegen deren Aufnahme in die Gesellschaft man übrigens kein Bedenken gehabt haben würde. In diesem Verhältniß blieb Auguste sieben, acht Jahre, und die »Gesellschaft« gewöhnte sich endlich doch daran, ihren ungewöhnlichen Schritt stillschweigend »zu toleriren«. Auguste hatte während dessen einen Einblick in die kaufmännischen Verhältnisse gethan, hatte ein Mädchen kennen gelernt, das in dem Geschäfte des Hoflieferanten lange Jahre thätig gewesen war, und da beide Mädchen etwas erspart hatten, beide sich sagen mußten, daß sie in ihren jetzigen Verhältnissen lebenslang abhängig bleiben müßten, was zuletzt doch sein Drückendes habe, beschlossen sie, sich zusammenzuthun und das Wäschgeschäft zu gründen, das noch jetzt in Berlin an der Schloßfreiheit unter der Firma Pauli und Scharrenweber besteht. Sie gingen beide mit Energie an die Arbeit, das Geschäft kam rasch in Aufschwung, ihre alten Bekannten bildeten ihnen eine gute Kundschaft; aber — mit Augusten’s gesellschaftlichen Beziehungen war es mit einem Male vorbei — oder doch nahezu vorbei; denn es waren allerdings einige Familien verständig genug, den Entschluß des Mädchens als sehr achtungswerth und von der Nothwendigkeit als geboten zu erkennen, und sie wie früher bei sich aufzunehmen, die Mehrzahl ihrer Bekannten zog sich jedoch von ihr zurück. Die Eine war gerade in den Laden gekommen, als Auguste einem Manne, den sie beide kannten, Nachthemden zum Besehen vorgelegt und angemessen hatte, die Andere hatte dabei gestanden, wie sie Pantalons und Kinderzeug verkauft! — Das war doch Alles »sonderbar« war »komisch« — kurz — »es paßte sich eben nicht«, und der größte Theil der Frauen, welche Auguste reizend und liebenswürdig und eine angenehme Gesellschafterin genannt hatten, so lange sie kein eigenes Vermögen besaß, von fremden Leuten abhing und keine Viertelstunde über sich bestimmen konnte, fanden sie ihres Umganges nicht mehr werth, seit sie zu allen ihren guten Eigenschaften noch Vermögen und Freiheit gewonnen hatte.

Sie hat sich einmal bitter genug darüber gegen mich ausgesprochen, als wir zufällig zusammentrafen und ich ihr zu ihren Erfolgen Glück wünschte, die sie leider nicht lange genossen hat, da ein plötzlicher Tod sie früh ereilte; aber von dem Verlangen, in der »Gesellschaft« zu »glänzen« und von der blinden Unterordnung unter das »Was wird man dazu sagen?« war sie gründlich geheilt worden.





Sechster Brief

Also, beharren Sie bei dem Vorsatz: was Sie können, zur Förderung der weiblichen Gewerbthätigkeit zu thun. An die Emancipation der Frauen zur Arbeit knüpft sich, nach meiner festen Ueberzeugung, eine veredelnde Neugestaltung aller unserer gesellschaftlichen Zustände; denn wir dürfen es uns nicht verhehlen, die Frauen sind hinter der Bildung der Männer ungemein zurückgeblieben. Man braucht nur darauf zu achten, mit welcher Hast sie sich zu jeder, auch zu der thörichtesten neuen Mode drängen, um zu wissen, daß das nicht die Frauen sind, welche den großen oder auch nur den ernsten Gedanken eines verständigen Mannes zu folgen, einem vernünftigen Manne die passende Gefährtin, einem heranwachsenden Geschlechte eine würdige und besonnene Führerin zu werden fähig sind.

Wir dürfen es fordern, daß man die Frauen zu Erwerb und Arbeit emancipirt, denn es steht zu erwarten, daß sie sich selber dadurch von einer Menge der Fehler emancipiren werden, die sie jetzt zu einer verständigen Auffassung des Lebens noch völlig ungeeignet machen. Es sind der Müßiggang und die Geistesleere, welche eine große Anzahl Frauen zu einem spielenden Spielzeug heruntergedrückt haben; es sind die Kenntnißlosigkeit und die Noth, welche tausend andere ins Verderben stürzten, und es giebt gewiß nicht leicht eine wahrhaft tüchtige und gebildete Frau, welche von ihrem eigenen Geschlechte so niedrig denken könnte, daß sie anzunehmen im Stande wäre, die Frauen könnten durch eben dasjenige an ihrer Gesittung und an ihrer Würde Schaden nehmen, was sich für die Männer als ein Mittel der Erhebung bewährt hat — durch Aufklärung, durch Unterricht, durch Arbeit, durch einen ausreichenden Erwerb, und durch die aus diesen Vorbedingungen erwachsende freie Selbstbestimmung.

Den Männern hingegen, welche Mißtrauen gegen die Gewerbthätigkeit der Frauen hegen, weil sie befürchten, daß wir weniger liebende Gattinnen sein könnten, wenn wir in dem Gatten nicht auch den Ernährer sehen, daß wir weniger sorgliche Mütter sein möchten, wenn wir wissen, daß wir im Nothfall unsere Kinder selbst vor Mangel schützen könnten, muß man zu bedenken geben, daß ja im Gegentheile jene Empfindungen der Liebe nur um so reiner und tiefer — und dies bei allen Bildungsgraden — hervortreten können und hervortreten werden, wenn sie nicht durch den Hinblick auf des Lebens Nothdurft und das tägliche Brod beeinflußt werden.

Wenn ein Mädchen, das sich selbst ernähren kann, sich mit einem Manne verbindet, so hat er eine ganz andere Bürgschaft für die freie Herzensneigung seiner Braut, als wenn er sich die Frage vorzulegen hat: welchen Antheil hat die Gewißheit, jetzt versorgt zu sein, an der Freude, mit der dies Mädchen mir sein Jawort giebt? — Und mit der Liebe für die Kinder ist es ganz dasselbe. Man begrüßt die Ankunft eines neuen Kindes in den Familien, deren Mittel beschränkt sind, wie Jedermann weiß, nicht mit Freuden; und ich habe manches zärtliche Frauenauge von dem neugebornen Kinde angstvoll auf den bleichen, von Arbeit niedergedrückten Gatten blicken sehen, das anders geleuchtet haben würde, hätte die Frau sich sagen können: »nun! wir sind unserer Zwei, für unser Kind zu sorgen!«

Man muß es erfahren haben, — und ich darf sagen, daß ich dies erfahren habe und noch jeden Tag erfahre, — welch ein Glück auch für eine Frau in einer wohlgebrauchten Selbständigkeit liegt, wie viel gewissenhafter die Freiheit macht, wie jede Empfindung durch sie an Reinheit und an Kraft gewinnt, um den Zweifel gegen die Emancipation der Frauen zur Arbeit als einen Frevel gegen die menschliche Natur zu betrachten.

Gehen Sie also getrost mit Ihrem höchst verdienstlichen Unternehmen vorwärts. Das Gute, das Vernünftige bricht sich immer seine Bahn, besonders wenn ihm die Nothwendigkeit, die Noth zu Hilfe kommen. Sie haben auch sicherlich, als Sie mich um meine Meinung fragten, nicht erwartet, daß ich Ihnen neue Belege, neue Beweise für die Nothwendigkeit der Emancipation der Frauen zur Arbeit beibringen könnte. Größere als ich, die bedeutendsten Denker unserer Zeit, haben sich in ihren theoretischen Werken ausführlich und so erschöpfend über dieses Thema ausgesprochen, daß für den, der diese Schriften kennt, fast nichts mehr hinzuzusetzen bleibt. Aber für die Einsicht derer, welchen jene umfassende Schriften nicht zugänglich sind, und für die große Zahl jener Andern, welche zu sagen lieben: daß dies Alles in der Theorie recht schön, in der Praxis aber nicht ausführbar sei, oder daß es in der Praxis doch anders herauskomme — für diese ist es vielleicht von Nutzen, wenn eine Frau ihnen aus dem ziemlich weit reichenden Kreise ihrer persönlichen Erfahrungen immer und immer wieder die Beispiele vorhält, welche für diese gute Sache sprechen. Mehr habe ich in diesen Briefen nicht thun können, nicht thun wollen, und ich lege sie hiermit den Zweiflern wie den Zuversichtigen an’s Herz.

Halten wir nur das Eine fest: die Gewerbeschulen, wie sie jetzt eingerichtet werden, sind die ersten unerläßlichen Anfänge für die Aufgabe, welche vor uns liegt. Die Mädchen, welche sich in diesen und durch diese Gewerbeschulen auch nur eine Stufe über den Boden ihrer bisherigen Lebensbedingungen emporschwingen, leisten nicht nur sich selber, sondern der günstigen Fortentwickelung unserer gesammten Zustände einen wesentlichen Dienst.

Diejenigen nicht bemittelten und doch den gebildeten Ständen angehörenden Familien, deren Geist frei genug ist, ihren Töchtern die Freiheit der Arbeit zu gewähren, thun ein wahrhaft verdienstliches Werk; und diejenigen jungen gebildeten und gesitteten Frauenzimmer der sogenannten höheren Stände, die sich selber zur Arbeit bequemen und durch ihr Wohlverhalten darthun, daß die Seelenreinheit und die Sittlichkeit eines Mädchens nicht die Frucht der Abhängigkeit sind, zu welcher die Erwerblosigkeit die Frauen verdammte, leisten der Menschheit einen ähnlichen Dienst, als wenn sie plötzlich einen fruchtbaren und völlig in Cultur stehenden Erdtheil für die Hungerleidenden entdeckten.

Aber — die Frauen, welche nicht arbeiten, welche sich dem Genusse einer freien Muße überlassen dürfen, diese Frauen, ich wiederhole es, haben auch das Ihrige für die Emancipation der Frauen zu leisten, die in anderem Sinne und vielleicht einst in weit ausgedehnterem Maßstabe auch ihnen in späteren Zeiten zu gute kommen wird. Die nichtarbeitenden Frauen sind den arbeitenden dieselbe volle Anerkennung schuldig, welche der nicht arbeitende Mann dem arbeitenden und gewerbtreibenden Manne entgegenbringt. Die Frauen selber müssen es anerkennen, daß die Arbeit und die Selbständigkeit jedem Geschlechte zur Ehre gereichen. Thun sie dieses nicht — nun so verdienen sie die stumpfe Glückseligkeit des Harems, aber sie verdienen es dann allerdings nicht, in einer Zeit zu leben, die endlich anfängt, jene großen Culturgedanken in sich zur Ausführung zu bringen, deren Emporkommen und Gedeihen nur zu lange durch Beschränktheit und blinde Vorurtheile zurückgehalten worden sind. Denn Sie kennen ja das Wort: plus les gens sont bornés, plus ils aiment à rire de ceux qui montrent du bon sens. (Je beschränkter die Menschen sind, um so mehr lieben sie über Diejenigen zu lachen, die gesunde Vernunft besitzen.)

Also getrost vorwärts! und empfangen Sie meine besten Wünsche für das Gedeihen aller Ihrer Bestrebungen.





Siebenter Brief

Berlin , 8. Mai 1869.

Als ich in diesen Tagen in der »Kölnischen Zeitung« den Artikel über die gelehrte Geologin und Naturforscherin Mrs. Somerville las, trat mir äußerst lebhaft die Zeit in die Erinnerung, in welcher ich die edle Frau zu wiederholten Malen gesehen und gesprochen hatte Es war in Rom im Winter von Eintausend achthundert fünf und vierzig auf sechs und vierzig. Damals hatte die nun schon lange verstorbene Kölnerin Frau Sibylle Mertens-Schaaffhausen im großen Palazzo Poli, durch dessen Mauern die Aqua Virgo ihre Wasserfluthen in das Riesenbecken der Fontana Trevi ergießt, an jedem Dienstag einen Empfangsabend, und es kam dort eine Gesellschaft zusammen, wie sie sich eben nur in den großen Mittelpunkten des Weltverkehrs begegnen kann.

Frau Mertens war selbst eine gelehrte Archäologin, war von großer allgemeiner Bildung, in hohem Grade musikalisch und besaß dabei ein Talent des Erzählens, das geradezu unvergleichlich war. Wer sie nicht in einsamen Stunden am Clavier phantasiren, wer sie nicht hatte mit überwältigender Klarheit die verwickeltsten Lebens- und Staatsverhältnisse auseinandersetzen und vielleicht gleich darauf mit echt niederdeutschen Humor die drolligsten Geschichten im Kölner Volksdialecte erzählen hören, der kannte sie nicht in ihrer ganzen Wesenheit. Dabei war sie die Gastfreiheit selbst, und nie habe ich eine Frau die Gesellschaft in einem Salon besser zusammenhalten und unscheinbarer leiten sehen, als sie.

Neben ihr fanden sich in jenem Winter noch eine Anzahl von bedeutenden Frauen in ihrer Gesellschaft: Frauen, die alle als Künstlerinnen ihre Stellung in der Welt behaupteten. Irre ich nicht, so wird Frau Somerville die Aelteste unter Ihnen gewesen sein. Sie war mittelgroß, eine Engländerin in jedem Zuge ihres Aeußern, ruhig, selbstbewußt, aber freundlich und zwanglos im Verkehr. Sie hatte zwei Töchter mit sich, große, junonische Gestalten, die immer zur Rechten und zur Linken der Mutter, mit dem entschiedenen Schritt der Engländerinnen, die Arme über einander gelegt, den Fächer in der Hand, in den Saal zu treten pflegten. Es waren ebenfalls sehr gebildete Frauenzimmer. Jahre hindurch hatte ich nichts von ihnen allen gehört, als daß sie sich in Italien aufhielten. Im Frühjahr von 1867, als wir in Neapel waren und den Vorsatz hegten, dort vielleicht einen längeren Aufenthalt zu machen, sprachen wir mit dem in Neapel ansässigen vortrefflichen Arzte Dr. Pincoffs von den Vorzügen und Nachtheilen, welche das Klima von Neapel während der kälteren Jahreszeit für den Leidenden darbiete, und erfuhren bei der Gelegenheit, daß Frau Somerville sich eben damals dauernd in Neapel niedergelassen habe, um den Abend ihres Lebens mit ihren Töchtern, die noch bei ihr lebten, in dem Süden von Italien zuzubringen. Wir dachten zu ihr zu gehen, sie zu fragen, ob sie sich unserer erinnere, — indeß es kam nicht dazu, denn wir mußten aus Gesundheits-Rücksichten schnell von Neapel fort — und ich habe Frau Somerville nicht mehr gesehen.

Außer ihr waren noch Frau Ottilie v. Goethe, Adele Schopenhauer, die Sängerin Adelaide Kemble, damals schon von der Bühne abgetreten und mit einem Herrn Sartoris verheirathet, und ihre schöne Schwester Fanny Kemble-Buttler, die als Vorleserin berühmt war und in Newyork ein Journal redigirte, häufig in dem vorhin erwähnten Salon; und die Malerin Elisabeth Jerichow-Baumann und ich waren die beiden Jüngsten unter dem verhältnißmäßig sehr beträchtlichen Contingent, welches die damalige Fremdengesellschaft in Rom als Beweis für die Entwicklungsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes aufzustellen vermochte. Frau Somerville war ein gelehrter Astronom und Geologe, Frau Mertens Archäologe, Adele Schopenhauer hatte sich als Dichter versucht, war vollendete Meisterin im Vorlesen und Künstlerin im Ausschneiden und Zeichnen von Arabesken. Adelaide Kemble componirte Lieder und war als Bühnensängerin ein Stern erster Größe gewesen; Fanny’s Talente habe ich erwähnt; meine Freundin Elisabeth Jerichow ist Mitglied der kopenhagener Academie und Besitzer so und so vieler goldener Preismedaillen — und ich? — Nun, den Satz ergänzen Sie!

Aber es geht uns Frauen eigen! Wir müssen noch immer wie die Neger es besonders darthun, daß wir, wie ich es vorhin nannte, entwicklungsfähig sind. Rahel Varnhagen sagt einmal in irgend einem ihrer Briefe: »Häßliche Frauenzimmer und Jüdinnen sind immer übel daran. Sie müssen erst immer beweisen, daß sie liebenswürdig sind.« Im Großen und Ganzen genommen, befinden sich alle Frauen mit ihrer geistigen Begabung in der gleichen Lage. Man streitet ihnen die Befähigung für diesen und jenen Zweig des Wissens ab und bedenkt nicht, daß ihnen bisher fast jede Gelegenheit versagt war, sich in den Wissenschaften auszubilden. Wir sollen schwimmen und haben es nicht gelernt! Und nun man an die Möglichkeit zu glauben anfängt, daß wir so gut wie die Männer vorwärts kommen könnten — verfällt man wieder in den alten Fehler, für uns ausnahmsweise ganz besondere Unterrichtswege einzuschlagen oder vorzubereiten.

Das ist mir lebhaft entgegengetreten, als man hier in Berlin vor etwa einem Vierteljahre das Victoria- Lyceum eröffnet hat, und fällt mir immer wieder ein, wenn man davon spricht, eine Universität für Frauen zu errichten.

Gegen das Victoria-Lyceum ist gar nichts einzuwenden. Frl. Archer, die es zu Stande gebracht hat, ist eine verständige, Deutsch sprechende und sehr unterrichtete Engländerin, die Schwester eines recht tüchtigen Malers, die seit Jahren hier in Berlin als Lehrerin der englischen Sprache lebt und auch die Kinder des kronprinzlichen Paares im Englischen unterrichtet.

Ihre Königliche Hoheit die Frau Kronprinzessin wohnte denn auch der Eröffnung des Institutes bei. Die Herren, welche das Comité oder das Protectorat desselben bilden und eine beträchtliche Anzahl von Frauen und Männern aus den gebildeten Ständen waren ebenfalls dort; es wurde eine schickliche Eröffnungsrede gehalten, und statt der fünfzig, sechzig Theilnehmerinnen, auf die man im Ganzen sich für die verschiedenen Curse Rechnung gemacht hatte, ließen sich gleich Anfangs mehr als die doppelte Zahl als Zuhörerinnen einschreiben. Jeder Cursus — man lehrt Geschichte, Geographie, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte der verschiedenen lebenden Sprachen u. s. w. — ist auf sechszehn Stunden angelegt und wird mit drei Thalern bezahlt. Unter den Zuhörern befinden sich Frauen aller Lebensalter: Matronen, junge Frauen und Mädchen.

Fragt man sich nun, was dieses Lyceum, dessen Lehrgegenstände man, wie Frl. Archer mir sagte, wenn es gefordert wird, zu vermehren und dessen Lectionszahl man eben so nach Bedürfniß für jede Wissenschaft auszudehnen denkt, für die allgemeine Bildung des weiblichen Geschlechtes leisten könne, so dünkt mich, daß es eine Organisirung des Privatunterrichtes ist, den gebildete und begüterte Frauen sich gelegentlich zu verschaffen pflegten, und der auf diese Weise von guten Lehrern gemeinsam und weit billiger gegeben wird, als man ihn sich bisher ermöglichen konnte. Das ist etwas sehr Dankenswerthes, eine große Annehmlichkeit für eine Menge von Frauen. Es kommt auch denen zu Statten, die als Lehrerinnen und Gouvernanten ihr Brod verdienen sollen; aber solche Institute sind nicht der Hebel oder das Mittel, welches den ganzen Culturstand und damit die Stellung der Frauen in der Staatsgesellschaft verbessert und erhöht.

Ich muß oftmals lachen, wenn ich davon sprechen höre, daß man jetzt schon Universitäten für Frauen in Deutschland gründen will, da es doch noch keinem Menschen eingefallen ist, Universitäten für Tertianer zu gründen; und die Arbeitssolidität und das wirkliche positive Wissen der großen Masse unter den Frauen werden doch bis jetzt schwerlich mit einem soliden Tertianer, der für die Secunda reif ist, eine erfolgreiche Concurrenz aushalten können. Es ist immer dasselbe verderbliche System der Ausnahmestellung, das die Frauen zu keiner gründlichen Ausbildung und deshalb zu keiner vollständigen Entwickelung ihrer Fähigkeiten gelangen läßt. Das aber: die vollständige Entwickelung und der dadurch allein mögliche freie Gebrauch der Fähigkeiten, das ist die wahre Emancipation (zu Deutsch Befreiung aus dem Sclavenbande) des weiblichen Geschlechts, wenigstens wie ich diesen so vielfach gemißbrauchten Ausdruck verstehe.

Das Victoria-Lyceum ist, ich wiederhole das ausdrücklich, ein sehr gutes Institut, aber es ist im gewissen Sinne ein Luxus-Institut. Was uns fehlt, ist jedoch nicht die Thurmspitze, sondern ein ordentliches Fundament. Wir brauchen Schulen, Realschulen für die Frauen wie für die Männer. Nicht ein Comité von wohlwollenden und hochgebildeten Männern kann hier mit seinem Protectorate und mit seinem guten Willen helfen, sondern die Städte und der Staat, denen wir Frauen von jedem Thaler, den wir selbständig erwerben, in ganz gleichem Maßstabe wie die Männer unsere Steuern zahlen müssen, sind uns diese Bildungs-Anstalten schuldig.

Es muß den Eltern möglich gemacht werden, ihre Töchter von ihrem siebenten bis zu ihrem achtzehnten Jahre ganz eben so wie ihre Söhne, durch alle Classen einer Bildungs-Anstalt durchgehen zu lassen, die sie für weitere gründliche Studien vorbereitet, wenn in den Töchtern der Trieb und die Befähigung für diese letzteren vorhanden sind. Das wird es nicht hindern, daß man die Mädchen, wie es ja auch mit den Knaben geschieht, je nach dem Lebensberuf, welchen man sich für sie vorgezeichnet hat, von der Tertia oder von der Secunda in das Vaterhaus zurücknimmt, sie in eine Lehre für den Erwerb, sie in eine Stelle unterzubringen, für welche die Kenntnisse eines Tertianers oder Secundaners ausreichen, oder sie im Haushalt der eigenen Familie zu verwenden; und ich bin fest überzeugt, daß keinem Frauenzimmer die mehrjährige strenge Disciplin einer ordentlichen Lehranstalt, daß ein folgerechtes Arbeiten ihm schaden, daß es die Frauen weniger geeignet machen kann, ihren Pflichten innerhalb des Hauses und der Familie vorzustehen. Gerade im Gegentheil.

Was den Frauen fehlt, ist ja nach der Männer Urtheil eben die nachhaltige Tüchtigkeit. Man sagt uns, unser Wissen sei oberflächlich, und man hat vollkommen Recht — aber die Art, in der wir in den »höheren Töchterschulen« (der bloße Titel ist schon eine Abgeschmacktheit) unterrichtet werden, ist darauf angelegt, uns oberflächlich zu machen. In wenig Jahren, mit mäßiger Mühe sollen wir erlernen, wozu man dem jungen Manne ruhig seine zehn, zwölf Jahre vergönnt, und daneben sollen wir von unserm achten bis in unser fünfzehntes Jahr, wo möglich noch Claviervirtuosin werden, Englisch und Französisch und Italienisch lernen, nach der Natur zeichnen, in feinen Handarbeiten und in häuslichen Handarbeiten bewandert und geübt sein, und Tanzen gelernt haben. — Da das nun eine reine Unmöglichkeit ist, so bringt man uns von dem allem ein klein Bischen bei, und wir kommen aus den Schulen, wie man von einem der Diners mit fünfzehn Gängen aufsteht: überfüttert und im Grunde doch nicht satt; voll Einbildungen, voll Selbstüberschätzung und mit einem wahren Schrecken über unsere Unwissenheit, wenn eines schönen Tages die harte Wirklichkeit der Lebensnoth an uns herantritt und uns mit ihrem blassen, ernsten Antlitz zuruft: Mein elegantes Fräulein! Meine reizende Salon-Erscheinung! Hilf dir jetzt einmal gefälligst durch das Leben und durch die Welt!

Wer wirklich ein Befreier des weiblichen Geschlechts werden will, muß daher vor Allem dazu thun, es von seiner unheilbaren Sonderstellung zu erlösen. — Der Schneider klagt: kein Frauenzimmer kann ein solides Knopfloch machen! — Natürlich! ein Frauenzimmer lernt in sechszehn Stunden schneidern; der Schneiderlehrling hat eine Lehrzeit von drei Jahren. — Die Kritik sagt: Gründlichkeit ist nicht der Frauen Sache! — und selbst mein eigener Mann sagt mir hundertmal: auf Deine Jahreszahlen und Thatsachen verlasse Dich lieber nicht, sondern sieh immer gründlich nach! — Und Alle, die uns diese Fehler vorwerfen, und wir Alle, die der Masse der sogenannten guten Hausfrauen kleinliche Vorurtheile, schwere Zugänglichkeit für bessere Einsichten und Gott weiß es, welche Schwächen vorwerfen — haben Alle Recht. Aber die Frauen sind an ihrer Oberflächlichkeit nicht schuld.

Man hält die geistigen Anlagen der Frauen für weniger groß, als die der Männer, und wir werden behandelt, als wären wir lauter Genies, und obenein, als fände das Genie ohne Mühe, ohne Fleiß und ohne ordentlichen Unterricht seinen Weg. Behandelt uns wie Männer, damit wir tüchtige Frauen werden können — und — dies kann ich aus Erfahrung betheuern, wir werden demüthiger werden, wenn wir ermessen können, welche Arbeit für den Mann dazu gehört, einer Familie das Brod zu schaffen, und wenn wir so viel, nur so viel wirkliches Wissen in uns aufgenommen haben werden, daß es uns nicht wie bis jetzt gleich ganz und gar verschwindet, sobald die Sorge für das Haus und für das Wohlbefinden der Familie an uns herantritt. Sind denn die Gelehrten, die Beamten, sind denn die gebildeten Männer alle, die einen Beruf in der Welt erfüllen, schlechte Gatten? unzärtliche Väter? üble Haushalter? unordentlich und unhäuslich? Und es sollte für uns allein unmöglich sein, den einfachen Beruf in unseren Familien zu erfüllen, wenn wir die Bildung erhielten, die jetzt kaum noch einem Manne fehlt? —

Es hat noch Zeit mit der Frauen-Universität; aber Realschulen haben wir zu fordern — da wir Steuern zahlen wie die Männer — und wir müssen anfangen, sie zu fordern, und nicht aufhören, sie zu fordern, bis wir sie erlangen.

Es ist keine Wohlthat, die man uns zu erzeigen hat, es ist ein Recht, das man uns einräumen muß und wird; aber die Machthaber, und die Männer sind uns gegenüber Machthaber, sind in der Regel geneigter, Wohlthaten zu erweisen, als Rechte anzuerkennen. So hat man denn auch hier in Berlin eher an die Asyle für die obdachlosen Frauen als an solide Realschulen für uns gedacht — und freilich waren die Asyle dringend nöthig. — Ich schreibe Ihnen nächstens, was ich davon gesehen und erfahren habe.





Achter Brief

Berlin , Juni 1869.

Es sind nun sechs Monate her, daß man hier in Berlin das erste Asyl für obdachlose Frauen errichtet hat, und die Sache ist so einfach und so zweckmäßig als möglich angefangen worden. Das Comité, welches sich diesem guten Werke unterzog, hatte nur über geringe Mittel zu verfügen, man konnte also nicht daran denken, ein eigenes Haus für das Asyl zu erwerben, sondern mußte froh sein, daß man in den alten Gebäuden ein Unterkommen fand, welche, an der Ecke der Dorotheenstraße, zunächst der Weidendammerbrücke, gelegen, bis dahin, wie ich glaube, zu Artillerie- Werkstätten benutzt worden waren.

Man hatte zu der Eröffnung des Asyls eine Anzahl Einladungen ausgesendet, aber die Zahl der herbeigekommenen Personen war gering, und es waren, mich ausgenommen, nur Männer anwesend. Ich weiß nicht, ob den anderen Frauen, die ihres Obdaches sicher sind, das Unternehmen nicht so segensreich und so nothwendig erschien, als mir, aber ich war von dem Mangel an Theilnahme von Seiten der Frauen überrascht, da die Berlinerinnen wohlthätig und auch rührig und neugierig sind und bei solchen Anlässen sonst nicht leicht zu fehlen pflegen. Zu sehen und zu hören war dabei freilich nicht viel — im Sinne einer schaulustigen Gesellschaft.

Die Gebäude sind alt und unansehnlich, der Flur und die Treppe, die zu dem Asyle führen, abgenutzt und niedrig; sie führen ja aber auch zu keinem Vergnügungsorte! Den Frauen, die hier Zuflucht suchen, genügt es, unter Dach und Fach zu sein; und die ganze Einweihung ging denn auch in phrasenloser, erquicklicher Einfachheit von Statten. Man nahm den großen wohlgeheizten Raum in Augenschein, in welchem eine Anzahl — ich meine, es waren einige zwanzig — eiserne Betten aufgeschlagen waren. Jedes hatte eine Decke über dem Netzwerk, eine andere zur Bedeckung. In einer kleinen Nebenstube standen einige bequemere Betten mit Matratzen und weichen Kissen für kranke Ankömmlinge vorsorglich bereit, und mir gaben die offenbar aus den verschieden­sten Haushaltungen stammenden Bettzeuge und Steppdecken zu denken, denn ich sah im Geiste all’ den Ueberfluß vor Augen, der sich als »alte Sachen« als »eine wahre Last« in den Häusern aller nur einigermaßen Begüterten unablässig aufstapelt und mit dessen bloßer Fortschaffung aus unseren Häusern in die der Armen, noch so wesentlichen Bedürfnissen abgeholfen werden könnte, wenn wir nicht auch dazu oft zu träge und zu achtlos wären.

Ein altes, gut aussehendes Ehepaar, das die Aufsicht in dem Asyle führt und die Reinigung der Zimmer wie die Beköstigung besorgt, zeigte uns die Küche. Die Kochgeräthschaften, die Näpfe zum Essen, die Waschapparate waren zweckentsprechend. Kleiderrechen, Pantoffeln zum Wechseln der nassen Fußbekleidung fehlten nicht, und auch die Hausordnung war wohl bedacht. Dem Reglement nach sollten nach zehn Uhr keine Personen mehr aufgenommen werden und nach neun Uhr Morgens Niemand mehr in dem Asyle verweilen. Jedem sollte beim Kommen und beim Gehen eine warme Suppe verabreicht werden, Jedem das Recht fünfmaliger Wiederkehr gestattet und Niemand genöthigt sein, seinen Namen oder sein Herkommen anzugeben, sofern er nicht darauf ausging, von den Vorstehern des Asyles Hülfe für sein Unterkommen zu begehren. — Nur eine Einrichtung schien mir gleich damals nicht zweckmäßig. Man wollte nicht gestatten, daß die Ankommenden ihre Kleider ablegten — während man doch mit Nähgeräthschaften versehen war, um ihnen Gelegenheit zum Ausbessern ihrer Sachen zu gewähren. Die Ankömmlinge Nacht über in staubigen oder schmutzigen und nassen Kleidern zu lassen, war eine Härte gegen sie und ein Nachtheil für die Luft und Reinlichkeit im Asyle; und das hat sich denn auch als ein Fehler und ein Uebelstand herausgestellt.

Von den dort anwesenden Comité-Mitgliedern kannte ich persönlich nur Eines, den Banquier und Reichstags-Abgeordneten Consul Gustav Müller, und wir sprachen mit antheilvoller Neugier davon, ob das Asyl sofort und von welcher Art von Frauen es zunächst benutzt werden würde.

Es war am dritten Januar und in den Tagen feuchtes, nebliges Wetter, bald etwas Frost, dann thauender Schnee und eine böse Naßkälte. Abends, als ich vor Schlafengehen noch nach dem Thermometer sah, blickte ich in die Straße hinunter und dachte: wie gut ist’s, daß das Asyl jetzt da ist; vielleicht hätte irgend ein armes Weib heute in diesem Wetter auf irgend einer schmutzigen, nassen Thürschwelle, hungernd und vor Kälte zitternd, die Nacht in aller seiner Noth und Sorge durchwachen müssen, das nun in dem Asyle gesättigt und von der Wärme eingeschläfert, doch für ein paar Stunden aller seiner Noth vergessen kann; und mir fielen im Gegensatze ein gut Theil der mir befreundeten Frauen ein, die gar nicht genug Mitgefühl und Theilnahme dafür bekommen können, wenn sie nach arbeits- und sorgenlosen Tagen, mit sanftem Mittagsschlaf, auf ihren weichen Pfühlen in der Nacht nicht so viel schlafen können, wie sie gern möchten! — Ich war eingeschlafen mit dem Gedanken an das Asyl und wachte damit auf, denn man braucht den Blick nur einmal fest und ausschließlich auf irgend eine Stelle der allgemeinen Noth zu richten, um es mit Erschrecken inne zu werden, mit welcher Sorglosigkeit, ja, mit welchem Leichtsinn wir an alle den Abgründen des Elends vorbeigehen, von denen wir umgeben sind.

Die Zeitungen brachten nach einigen Tagen eine Nachricht über den Besuch des Asyles. Die Zahl hatte in den ersten Tagen zwischen eins und fünf geschwankt, dann war sie schnell gestiegen. Im Monat April haben nach dem letzten Ausweis achthundertvierundachtzig Personen in dem Asyle Zuflucht gesucht; am ersten sechsundzwanzig, am zweiten achtundzwanzig, am dritten neunundzwanzig, am vierten fünfunddreißig. Das Bedürfniß dafür ist also im hohen Grade vorhanden und man denkt jetzt auch bereits an die Vermehrung dieser Anstalten für Berlin — so für Frauen als für Männer.

Da die Comité-Mitglieder es sich zur Pflicht gemacht haben, abwechselnd die Aufsicht in je einer Nacht zu führen, hatte ich meinen vorhin erwähnten Freund gebeten, mir gelegentlich Auskunft über die Verhältnisse der Personen zu verschaffen, die sich zuerst in das Asyl flüchten würden. Einzelne dieser Angaben, wie die Hausverwalter sie erfahren und angegeben haben, setze ich hierher, um dem nur zu verbreiteten Vorurtheile zu begegnen, daß es in der Regel nur selbstverschuldetes Elend sei, welches den Menschen bis zur Obdachlosigkeit hinunter bringen könne.

Eine der ersten Obdach suchenden Frauen war eine fünfundsiebenzigjährige Greisin. Sie hatte keine Angehörigen mehr und hatte sich mit Stricken, das sehr schlecht bezahlt wird, eben nur vor dem Verhungern schützen können. Eines Abends, als sie ausgegangen war, ihre Arbeit abzutragen, war sie auf der Straße ausgeglitten und gefallen und man hatte sie, da sie sich schwer beschädigt, in die Charité gebracht. Dort war sie sechs Wochen lang geblieben und endlich als geheilt entlassen worden. In ihrer ehemaligen Schlafstelle angekommen, hatte sie diese bereits an eine andere Frau vermiethet gefunden und nun nicht gewußt, wo sie sich bergen und wo sie bleiben sollte, da sie zu schwach war, sich nach einer anderen Schlafstelle umthun zu können. Man hatte sie über fünf Nächte in dem Asyle beherbergt, da sie nur mühsam und langsam gehen konnte und also Tage und Tage gebraucht hat, bis sie Leute fand, die sich mit einer so alten und so hinfälligen Person beladen wollten. Denn wer zahlt die Miethe, wenn sie plötzlich stirbt? Wer giebt ihr zu essen, wenn sie nichts mehr hat?

Ein ander Mal meldeten sich ein paar derbe junge Mädchen, die Beide von Auswärts nach Berlin gekommen und mit sehr guten Zeugnissen über ihr bisheriges Wohlverhalten ausgerüstet waren. Sie hatten »in der großen Stadt ihr Glück versuchen wollen, wo man doch eher etwas vor sich bringen könne«, hatten gute Sachen und Kleider mitgebracht, und da sie frisch und »reputirlich« aussahen, hatte sich gleich auf dem Bahnhofe eine Frau zu ihnen gefunden, die sich als Vermietherin ausgegeben und sie für das Erste mit zu sich genommen hatte. Die Sachen der Mädchen waren von der Frau ebenfalls in Obhut genommen, sie war mit ihnen durch viele Straßen gegangen, endlich war man in einem Keller angelangt, da hatten Männer beim Bier gesessen, geraucht und Karten gespielt. Die Frau hatte die Mädchen aufgefordert, es sich bequem zu machen, es war ihnen auch zu essen und zu trinken gegeben worden und sie hatten kein Arg gehabt, bis ihre Beschützerin ihnen gesagt hatte, sie möchten sich doch nicht so in die Ecken drücken, sie betriebe eine Gastwirthschaft, es wären lauter anständige Herren, die bei ihr verkehrten, sie sollten sich denen doch angenehm zu machen suchen, dann könne sie sie vielleicht selbst in ihrem Dienst behalten. Die anständigen Herren wurden dann auch gesprächig und — zudringlich; und die beiden armen jungen Dinger liefen in ihrer Herzensangst davon, ohne zu wissen, wie die Frau geheißen, die sie angelockt, ohne auch nur zu ahnen, in welchem Stadttheil deren Wohnung gelegen hatte.

Dann kamen ein ander Mal um Mitternacht zwei junge Näherinnen. Obschon die Stunde des Reglements vorüber war, bat der in der Nähe stationirte Schutzmann selbst für sie um Aufnahme, da er sie nicht für absichtliche Nachtschwärmerinnen hielt, und sie weinten und flehten so sehr, daß man ihnen nachgab, besonders, da sie ehrlich gestanden, daß sie für diese Nacht durch ihre Schuld auf der Straße geblieben wären. Es war Sonntag, sie waren in einen Verein zum Tanz gegangen, hatten beim Tanze die Zeit verpaßt. Hausschlüssel gab (sehr vernünftiger Weise) ihr Hauswirth ihnen nicht, einlassen wollte er sie um die späte Stunde nicht — oder man hörte ihr Klopfen und Rufen wohl auch nicht — so war es tief in die Nacht geworden. Der Gedanke, auf der Straße zu bleiben, der Polizei in die Hände zu fallen, für immer verdächtigt zu werden, hatte sie ganz außer sich gebracht; und man sagte mir, sie wären am Morgen wie Kinder, dankend und wieder dankend, aus dem Asyle fortgegangen.

Da war ferner eine polnische Jüdin mit einem Kinde, die ihrem Manne hatte, ich weiß nicht, wohin, nachgehen wollen und unterwegs erkrankt war; eine andere Näherin, die durch Krankheit in ihrem Erwerbe zurückgekommen war und deren Hauswirth, während sie außer dem Hause auf Arbeit ausgegangen war, zum Ausgleich für die fällige Miethe ihre wenigen Sachen fortgenommen und sie Abends nicht mehr in das Haus gelassen hatte. Dann kam ein junges hübsches Frauenzimmer aus Potsdam, das man listig aus seinem Dienst fortzugehen überredet und das noch in viel bedenklichere Lage als jene ersterwähnten Mädchen gebracht worden war; kurz, Noth und Verlegenheit und Hülflosigkeit von aller Art — und das Alles hatte sich gleich in den ersten acht Tagen so herausgestellt.

Seitdem hat der »Asyl-Verein« sich fest begründet und seine Statuten veröffentlicht; aber von der Gründung eines Männer-Asyles hat man vorläufig noch abstehen müssen, da das Frauen-Asyl erweitert und, wie es voraus zu sehen war, Vorrichtungen für Bäder und Kleider-Desinfection eingerichtet werden müssen. Es ist nur zu wünschen, daß dies gute Unternehmen Theilnahme und damit Hülfe findet, denn das Asyl kann in Hunderten von Fällen zu einer wahrhaften Lebensrettung in körperlicher wie in moralischer Beziehung werden. Es ist auch eine sehr gute Einrichtung, daß man die sämmtlichen Mitglieder des Vereins, und man wird Mitglied schon durch den bescheidenen Jahresbeitrag von fünfzehn Silbergroschen, so weit ihre Zeit und ihre Kräfte es gestatten, der Reihe nach zu einer Nachtwache in dem Asyle heranziehen will; denn ein Mal im Jahre das wirkliche Elend in seiner harten Unerbittlichkeit vor Augen zu haben, ist uns Allen in der Regel heilsam, wie es überhaupt höchst wichtig ist, daß die Menschen aus den verschiedenen Lebensbereichen in möglichst anspruchsloser Weise mit einander in Berührung gebracht werden, und wichtig vor allen Dingen für diejenigen, die es gewohnt sind, ihr Auge von dem Elende ihrer Mitmenschen abzuwenden und sich mit der Geldgabe, die ihnen oft nicht schwer fällt, von dem Anblick, ja, von dem Gedanken an die Noth und an das Unglück frei zu kaufen, das nur zu oft die Unterlage des Gebäudes ist, in welchem sie sich die Tempel ihres Genusses errichten. Wie viele menschliche Existenzen eine große Stadt alljährig unter ihre Füße tritt, das ist sicherlich schwer zu berechnen — aber die Zahl muß groß, sehr groß sein — und die Gegensätze sind oft furchtbar grell, daß man davor erschrickt. Hungernde, frierende Kinder vor den hellerleuchteten Speisehäusern; sind noch nicht das Schlimmste!

Da ist es denn nicht genug zu würdigen, daß vielfachem Hunger durch die außerordentliche Energie der Frau Lina Morgenstern in einer höchst wirksamen Weise mittelst der »Berliner Volksküchen von 1866« entgegen gearbeitet wird. Frau Morgenstern hat die Geschichte der Entstehung dieser Küchen und die Grundsätze, nach denen sie verwaltet werden, in einfacher und klarer Weise in der Broschüre »Die Berliner Volksküchen« dargestellt, die es in hohem Grade verdient, von allen denen gelesen zu werden, welchen es um wirkliche sociale Verbesserungen Ernst ist. »Ende Mai 1866, als der Krieg bereits vor der Thüre stand, als Handel und Gewerbe schon darnieder lagen,« wurde der Plan zur Eröffnung der Volksküchen von der hülfreichen Frau gefaßt; verschiedene warmherzige Männer und Frauen boten die Hand zu dem Unternehmen, man brachte fünftehalbtausend Thaler zusammen, der Fabrikant Jaques Meyer, der bei keinem gemeinnützigen Unternehmen fehlt, errichtete auf seinem Grundstücke in der Köpnickerstraße ein Gebäude zur Volksküche, das er dem Verein überließ und deren Verwaltung er selber übernahm; der Fabrikant Heckmann schenkte sechs kupferne Kessel, jeden zu hundert Quart; und da in diesem Augenblicke, noch ehe der Bau der ersten Küche vollendet war, die Cholera sich in ungewöhnlicher Schnelle in Berlin verbreitete, erlangte Frau Morgenstern die Erlaubniß, zunächst die Küchen der städtischen Armenspeisungs-Anstalt zu benutzen, welche nur im Winter ihre Almosen vertheilte. In fünf Tagen war, mit Hülfe der verwitweten Frau Anton Gubitz, das Unternehmen im Gange. Am neunten Juli wurden die ersten hundert Portionen Suppe, nicht als Wohlthat, aber für den genauesten Kostenpreis und in vorzüglicher Güte vertheilt — und heute, da ich dieses schreibe, beköstigen sich aus den zehn über Berlin vertheilten Volksküchen täglich achttausend bis zehntausend Personen mit einer so reichlichen, kräftigen und wohlthätigen Kost, daß sie auch der Gutgewöhnte mit Behagen essen und die der Einzelne unter keiner Bedingung für den Preis von einem und einem halben Groschen auch nur annähernd gut herstellen könnte.

»Die Volksküche hat den Zweck,« sagt Frau Morgenstern in ihrer kleinen Schrift, »gute, nahrhafte und reichliche Speise zu so billigen Preisen zu liefern, als der Einzelne oder die Familie sie zu beschaffen außer Stande sind.«

»Ihr Ziel ist Selbsterhaltung, ihre Grundlage freiwillige, uneigennützige, auf jede Geldspeculation verzichtende Verwaltung und Controle der Unternehmer.«

»Daher kann die Volksküche nur gedeihen, wenn sie von einem Verein von Humanisten, nicht von einzelnen Speculanten ausgeht; Ausnahmefälle, wo Einzelne Unternehmer einer Volksküche sein können, sind: Fabrikanten, die zum Wohle für und in Uebereinstimmung mit ihren Arbeitern, anschließend an ihre Fabrik, eine Volksküche anlegen.«

Nach diesem Grundsatze besteht das Personal jeder Küche nur aus wenigen besoldeten Frauenzimmern: der Markenverkäuferin, der Wirthschafterin, der Köchin und so vielen Hülfsfrauen, als für jedes Lokal eben unerläßlich sind. Die Cassenverwaltung, die ganze Controle der Anstalt, ja, selbst die tägliche Vertheilung der Speisen wird von den Männern und Frauen, welche das Unternehmen aufrecht halten, unentgeltlich besorgt. In jeder Küche theilen täglich vier Damen die Speisen aus, und bisher hat ihre bloße Anwesenheit genügt, die Ordnung in dem Lokale aufrecht zu erhalten, und hier und da vorkommende Streitigkeiten zwischen den Speisenden mit ruhiger Zurede zu beschwichtigen. Als ich in der Volksküche in der Kochstraße war, fand ich eine bejahrte Frau, zwei junge Frauen und ein ganz junges Mädchen aus unseren Lebenskreisen, mit dem Vertheilen, das heißt mit dem Verkauf der Speisen beschäftigt, welche sie den Gästen gegen die von denselben am Eingange erstandenen Blechmarken je in ganzen oder halben Portionen aushändigten. Es war ein sehr heißer Tag und obschon die Volksküche in einem Souterrain gelegen, war es drückend heiß. Die Tische waren dicht mit Männern besetzt: Arbeiter in besserer und schlechterer Tracht, einige Soldaten, verschiedene Leute, die wie niedere Beamte aussahen, Dienstmänner, einige Knaben und hinter einem Verschlage eine kleine Anzahl älterer und jüngerer Frauenzimmer. Die Männer, die ich die Treppe hinunter kommen sah, rauchten zum großen Theil, thaten aber die Cigarren fort, so wie sie in die Speiseräume traten, die nicht anders, nicht besser und nicht schlechter eingerichtet sind, als jene »Keller,« in denen diese Classen sonst für den doppelten Preis nicht halb so gut zu essen pflegten. Es ging still und anständig bei dem Essen her, die Leute gingen fort, so wie sie sich gesättigt hatten; aber die aufgebenden vier Frauenzimmer sahen doch mehr oder weniger angegriffen aus, was sie zu ihrer Ehre jedoch nicht abhält, ihr Amt mit Freuden zu verrichten. Sie leisten damit auch mehr, weit mehr, als vielleicht manche von ihnen deutlich weiß und übersieht. Für jeden Wochentag sind in jeder Küche dieselben Frauen thätig, für Aushülfe ist gesorgt, am Sonntage aber tritt noch ein besonderer Wechsel ein, damit nicht immer dieselben Personen ihrer Sonntagsruhe verlustig gehen.

Es ist lehrreich und zugleich erhebend zu lesen, wie man Anfangs Mühe gehabt hat, die Arbeiter an die Benutzung der Volksküchen zu gewöhnen, weil ihr Ehrgefühl sich dagegen sträubte, in das Local der Suppen-Anstalten zu gehen, in welchem bisher nur Almosen gegeben worden waren. Ich dachte dabei an die armen an den Klostertreppen von Rom den Küchenabhub vor aller Welt Augen verzehrenden Bettlermassen und freute mich, daß es bei uns anders ist. Auch die Einrichtung, nach welcher man Anfangs in den Küchen die Speisen nur zubereitete und sie aus der Küche abgeholt werden mußten, sagte dem Bedürfniß und der Gewohnheit des Volkes nicht zu, und erst seit man die Volksküchen zugleich in Speisehäuser verwandelt hat, in denen Jeder, ohne alle Ausnahme Zutritt hat, der am Eingange seine Marke für eine ganze oder halbe Portion eingelöst und bezahlt hat und aus denen eben so ein Jeder sich so viel Portionen, als er will, in seine Behausung holen lassen kann, erst seitdem sind die Anstalten dasjenige geworden, was sie jetzt sind: eine unschätzbare Erleichterung für den Unbemittelten, der billig und zugleich kräftig zu essen wünscht; und daneben eine der heilsam verbrüdernden Ketten zwischen den mehr und weniger Begüterten, zwischen den mehr und weniger Gebildeten. Ich habe, wie gesagt, eines der Speisehäuser besucht und die Speisen gekostet; viele meiner Bekannten haben das zu anderen Zeiten gethan, aber überall und immer ist die Haltung der Gäste gut und immer sind die Speisen so vortrefflich gewesen, daß auch ein verwöhnter Gaumen sie mit Lust genießen konnte. Der alte Grundsatz, das »l’union fait la force!« bewährt sich denn auch hier und bestärkt mich in meiner alten Ueberzeugung und in meinem oft gethanen Ausspruche, daß unsere ganze jetzige Art des bürgerlichen Haushaltens für alle nicht eben wohlhabenden Familien eine eben so thörichte als unverantwortliche Verschwendung ist; die mit jedem Jahre für die Mehrzahl unmöglicher werden und eben dadurch ihr Ende nehmen wird.

Die eigene Küche ist in zahlreichen Fällen ohne alle Frage ein sehr unersprießlicher Luxus, und es ist bei mir seit langen Jahren eine feste und wohlbegründete Ueberzeugung, daß eine große Anzahl von Familien weit besser essen, zweckmäßiger wohnen, ihre Kinder mehr in die Luft führen und besser erziehen könnten, wenn sie auf das sogenannte Glück des eigenen Heerdes verzichten wollten, das oft nur in der Idee ein Glück und im alltäglichen Leben der unbemittelten Familien, die gute brauchbare Dienstboten nicht bezahlen können, häufig eine Quelle von immer neuen Verdrießlichkeiten ist. Ich habe die Unzweckmäßigkeit eines eigenen Heerdes oftmals an dem Beispiele eines Hauses erklärt, in welchem auch wir früher acht Jahre eine Wohnung inne gehabt haben. Das Haus hatte im Vor- und Hinterhause zusammen sechszehn Wohnungen von je drei kleinen Stuben, einem Cabinet und einer Küche. Es waren Wohnungen für kleine Familien, für Leute, die nicht eben viel auszugeben wünschten, und in keiner dieser Wohnungen war die Familie über vier Personen stark. Die Meisten waren kinderlose Leute, ein paar unverheirathete Damen, ein alter Junggeselle, so daß die Zahl der zu Bedienenden in dem Hause sicherlich nicht über fünfundfünfzig Personen betrug. Aber damit diese fünfundfünzig Menschen bedient wurden, ihre fünfundfünfzig Tassen Kaffee, ihren Mittag von Suppe und Fleisch, und Abends ihren Thee hatten, standen sechszehn Köchinnen, die mindestens vierhundertundachtzig Thaler Lohn erhielten, in sechszehn Küchen an sechszehn Heerden und brannten sechszehn Feuer drei, vier Mal am Tage, während eine einzige Köchin bei einem Feuer, mit mäßiger Hülfe, eine solche Beköstigung für fünfzig Menschen vollkommen so gut, ja, besser hätte liefern können. Und dabei würde jede dieser Familien durch Ersparung des Küchenraumes ein viertes Zimmer und jede der sechszehn Mägde die Zeit gewonnen haben, in dem Haushalt einen großen Theil der Verrichtungen zu übernehmen, denen sich jetzt die Hausfrau auf Kosten des Verkehrs mit Mann und Kindern unterziehen mußte. Abgesehen aber davon, wird und muß jede erfahrene Hausfrau es einräumen, daß man in einem Haushalt von wenig Menschen, mit gleichem Geldaufwande, theurer und schlechter ißt, als in einem großen Haushalt. Man kann keine großen Fleischstücke verbrauchen, und die kleinen sind oft schlecht; man kann einen großen Braten nicht verwenden, und vollends die Abgänge zu benutzen, ist in kleinem Haushalte nicht möglich. So behaupte ich denn ganz entschieden, daß ein sehr großer Theil unserer Mittelstände mit vierfachem Geld-, Zeit- und Müheaufwand lange nicht so gut ißt und essen kann, als der Arbeiter es jetzt für einen und einen halben Groschen in der Volksküche bekommt; und es sind theils die Unbildung mancher Frauen, die ein heimliches Bewußtsein davon haben, daß sie ihrem Manne nichts sein können, als Haushälterinnen, theils falsche Romantik, theils träges Vorurtheil, die vor dem Gedanken zurückschrecken, die oft recht ärmliche eigene Küche gegen allgemeine Kochanstalten zu vertauschen, die aber, gerade so wie die Volksküchen, von einer wohlgeleiteten Association von Frauen besorgt und überwacht werden müßten.

Ich höre aber, während ich dieses schreibe, auch schon alle die Einwendungen erheben, die man bei diesem Vorschlage mündlich gegen mich erhoben hat. Die Poesie des Familienlebens soll darunter leiden — wenn man nicht jährlich so und so viel Thaler unnöthig für Feuerung, für Abnutzung der Kochgeräthschaften u. s. w. bezahlt, wenn die Hausfrau nicht täglich so und so viel Zeit mit ihrer Magd am Heerde zubringt, sondern statt dessen ihre Kinder in die Luft führt oder für den Erwerb arbeitet. — Das nicht im Hause gekochte Essen soll nicht so schmackhaft sein! — Aber gerade die unbemittelten bürgerlichen Familien gehen, wenn sie sich eine Güte thun wollen, in eine Gastwirthschaft, und viele Reichen lassen bei Anlässen, in denen sie recht gut speisen wollen, ihre Mahlzeiten bei den Köchen außerhalb ihres Hauses zubereiten! — Das Gasthausessen soll nicht so nahrhaft sein als das Essen — aller der Registrator-, Lehrer- und Rathsfamilien mit dreihundert bis Tausend, bis Fünfzehnhundert Thaler Gehalt, deren armen, bleichsüchtigen und scrophulösen Kindern man die dürftige Ernährung ansieht! — Es wäre zum Lachen mit diesen Einwendungen, wenn es nicht ein Elend wäre! — Aber es ist nicht schwer, der Quelle dieser falschen Vorstellungen nachzukommen. Den Hausfrauen schweben die »Menage-Küchen« vor, aus denen man sich das Essen, in kleine Schnipsel zertheilt, für fünf, sechs, sieben Silbergroschen à Person nach Hause bringen läßt und von deren Gewinn sich ein armer Mann zum Hotelbesitzer und Rentier emporschwingen will. Sie begreifen es noch nicht, daß sie mit halb so viel Zeit, als sie jetzt auf ihren kleinen Haushalt wenden, Haushälterinnen für die Gesammtheit werden und dabei die Ihren viel besser ernähren, den Männern und sich das Leben erleichtern und — nebenher in Ausnahmefällen, wenn ihr Herz sie dazu drängt — zu Hause doch noch backen und kochen könnten, was sie immer wollten; denn einen Kochofen kann man in jeder Stube leicht placiren. Und sie werden es vielleicht auch nicht begreifen, bis der steigende Lohn der Dienstboten, die steigenden Preise der Wohnungen und der Feuerung sie zu ihrem eigenen und zu ihrer Kinder Heil zu einer rationelleren Haushaltung zwingen werden.

Ich? — nun, ich liebe meinen eigenen Heerd, weil ich die Küche verstehe (was bei den Frauen und namentlich bei den jungen Frauen gar nicht immer der Fall ist, denn »das Süppchen«, das sie dem geliebten Manne bereiten, ist oft herzlich schlecht), und wir können den Luxus des eigenen Heerdes zufällig bezahlen. Aber wir haben in Rom von einem Speisewirthe, bei dem ich die Speisen wählte, thatsächlich feiner, besser und billiger gegessen, als ich es mir für zwei Menschen in unserem Hause herstellen kann, und unser Beisammensein, unsere Häuslichkeit und unsere Zufriedenheit haben niemals einen Abbruch erlitten, wenn ich oft halbe Jahre lang auf Reisen keinen Kochtopf und kein Wiegemesser und keinen Heerd mit Augen gesehen habe.

Es drängt uns Alles zur Association auch nach dieser Seite hin; und dabei ist in diesem Briefe noch nicht einmal hervorgehoben, wie für die Armen, die Anspruchslosen, noch besser gesorgt werden kann, wenn der Haushalt der Begüterten im Großen geführt wird. — Vorurtheile besiegt man indessen immer langsam; aber anbohren und immer wieder bohren und dagegen arbeiten, das muß man eben deshalb! — Und eben deshalb — schrieb ich diesen Brief!





Neunter Brief

Karlsbad , im Juni 1869.

In der Bürger’schen Leonore heißt es: »die Todten reiten schnell,« aber die Lebendigen sind auch schnell geritten in unserer Zeit, und es ist oft originell, zu sehen, in welcher Weise die gegenwärtige Woche die Fragen, die Voraussetzungen und die Bedenken der ihr vorangegangenen Woche beantwortet.

Es wird kaum vier Wochen her sein, daß ich in der Kölnischen Zeitung die Nachricht las, wie in dem oder jenem englischen Kirchspiel den Frauen das Stimmrecht in den kirchlichen oder Kirchspiels-Angelegenheiten (ich habe das Blatt leider nicht mehr zur Hand) bewilligt worden sei, und der Berichterstatter fügte die Bemerkung hinzu, in Deutschland werde eine solche Emancipation der Frauen wohl noch eine Weile auf sich warten lassen. Kaum 14 Tage später aber fand sich ebenfalls in der Kölnischen Zeitung die Mittheilung, daß man auf verschiedenen deutschen Universitäten die Frage erwogen habe, ob man nach den gegenwärtig bestehenden Gesetzen Frauen in die Reihen der auf den Universitäten studirenden Männer aufnehmen könne? und irre ich nicht, so hatte die Universität Königsberg den Ausspruch gethan, daß dieser Aufnahme kein bestimmtes Gesetz entgegenstehe. — Damit ist denn plötzlich ein großer Schritt für die Emancipation der Frauen zur geistigen Arbeit vorwärts gethan; und gerade deshalb ist es vielleicht mehr als je an der Zeit, darüber nachzudenken, auf welchem Standpunkte geistiger Entwickelung die Frauen sich, z. B. bei uns in Deutschland, gegenwärtig befinden; jetzt, wo die Stimme sehr verdienter Männer fast in allen Ländern die Gleichstellung der Frauen mit den Männern anzubahnen und vorzubereiten anfängt.

Seit dem Anfange dieses Jahrhunderts sind in der Menschheit große Thaten der Gerechtigkeit vollzogen worden, und man ist rüstig fortgeschritten auf dem Wege, den Rousseau in dem Contrat social betreten hatte. Man hat die Leibeigenschaft und Hörigkeit in ganz Europa, sogar in dem halb asiatischen Rußland aufgehoben, man hat in Deutschland die Juden, die Katholiken in Irland, und jenseit des Oceans die Neger emancipirt, und alle diese Erhebungen unterdrückter Menschen sind von denen vollzogen worden, welche thatsächlich die Macht zu einer fortgesetzten Unterdrückung noch in Händen hatten. Sie waren also recht eigentlich Werke freier Einsicht zur Befreiung der Unterdrückten; und es ist kaum noch ein Zweifel daran möglich, daß ein gleiches Werk der Befreiung in nicht all zu ferner Zeit auch an den Frauen ausgeübt werden wird, denn man kann von allen Vernünftigen voraussagen, daß es sich folgerichtig fortsetzen muß, wenn schon es nicht immer möglich ist, es voraus zu bestimmen, wann und in welcher Gestalt die Entwicklung vor sich gehen wird. — Ueberall jedoch, wo eine solche Befreiung geschehen, ist von Seiten der Niedergehaltenen vorher das Begehren nach dieser Erhebung vorhanden gewesen und ausgesprochen worden, denn Wohlthaten pflegen selten aufgedrängt zu werden, und mich dünkt, es lohnt der Mühe, einmal zuzusehen, in wie weit also eben bei uns in Deutschland die Frauen selber ihre Emancipation begehren und in welcher Weise sie selber sich auf die Gleichstellung mit den Männern vorbereitet haben.

Wenn ich hier im Allgemeinen von »den Frauen« rede, so kann ich damit natürlich nicht jene verhältnißmäßig noch immer kleine Zahl von Frauen meinen, die sich an geistiger Reife, an sittlichem Ernst, an charakterfester Gesinnung und Ueberzeugungstreue, wie an beharrlicher Arbeitsamkeit über die große Masse ihrer Mitschwestern erhoben, und sich den Männern zur Seite gestellt haben. Daß diese Minderzahl für ihre Einsicht und Thatkraft die nothwendige Freiheit der Bethätigung begehrt, das versteht sich ganz von selbst. Die große Masse der Frauen ist aber bei uns noch fast durchweg gegen die Emancipation der Frauen eingenommen, und sie giebt, man muß dies zugestehen, durch ihr Thun und Treiben denjenigen Männern vielfach Recht, welche die Emancipation der Frauen vorläufig oder überhaupt als eine Thorheit, als ein Unheil, oder als eine Unmöglichkeit bezeichnen.

Da aber jetzt kaum eine Woche vergeht, in welcher dieser Gegenstand nicht in dem einen oder dem andern Zeitungsblatte zur Erwähnung oder zur Erörterung kommt, und da ich nun doch durch meine regelmäßigen Briefe in der »Kölnischen Zeitung« mit vielen Tausenden von Frauen und Männern, die ich nicht persönlich kenne, in einen Zusammenhang gekommen bin, der denselben, wie man mir zu meiner großen Genugthuung versichert, ein erwünschter ist, so will ich in den nächsten Briefen, welche ich der Zeitung sende, mich ausschließlich auf die Erörterung dieses Gegenstandes beschränken und meinen Lesern die Gedanken mittheilen, die sich in mir bei Anlaß jener beiden vorhin erwähnten Zeitungsnachrichten auf das Neue geregt haben.

Die Erhebung der Frauen zur geistigen und bürgerlichen Selbständigkeit ist ein Gedanke, der nicht aufgehört hat, mich zu beschäftigen, seitdem ich überhaupt selbständig zu denken angefangen habe, und es ist vielleicht nicht ungerathen, eine Strecke in die Vergangenheit zurück zu blicken, um es den jüngeren Personen darzustellen, wie wir Aelteren die Frage der Frauen-Emancipation in unseren Gesichtskreis haben treten sehen und wie sie, vielfach entstellt und eben deshalb fortdauernd zurückgewiesen, doch endlich ihren Platz unter den berechtigtsten Forderungen eingenommen hat, den sie nun auch sicherlich behaupten wird, bis sie ihre vernunftgemäße und gerechte Erledigung gefunden haben wird.

Es war bald nach der Juli-Revolution, als man innerhalb unserer gebildeten bürgerlichen Gesellschaft zuerst von der Frauen-Emancipation zu sprechen anfing. Die Vorstellung wie die Bezeichnung kamen aus Frankreich, zum größten Theile aus französischen Romanen zu uns herüber und fielen mit der Theorie von der sogenannten Emancipation des Fleisches zusammen, welcher damals in verschiedenen deutschen Romanen, leichtfertigen Andenkens, das Wort geredet wurde. Die einen wie die anderen Romane waren in ihrem tiefsten Innern unsittlich, und wie uns Jüngere der Reiz der Darstellung und die einzelnen Züge von Wahrheit in den französischen und deutschen Dichtungen auch blenden und über ihre Begriffsverwirrung täuschen konnten, hatten die reifen Köpfe in der Nation vollkommen Recht, wenn sie ihr Verdammungsurtheil aussprachen gegen diese dichterische Verklärung der Frauen-Emancipation und der Emancipation des Fleisches, welcher der St. Simonismus vorgearbeitet hatte; da Beide im Wesentlichen nichts Anderes predigten, als die Schrankenlosigkeit des sinnlichen Genusses zwischen Mann und Weib. Es galt deshalb auch, als ich jung war, beinahe für unanständig, von der Emancipation der Frauen überhaupt nur zu sprechen, denn man dachte dabei vor Allem an jene französischen Romane, welche die Franzosen selber ein Jahrzehnt später als l’apothéose de la courtisane bezeichnet haben, und in denen unter Anderem eine der »großen unverstandenen Seelen« in irgend einem Schlosse ihre vier Kinder erzog, von denen jedes einen anderen Vater gehabt hatte. — Das war allerdings nicht erbaulich und nicht nachahmenswerth, und es leben sicherlich noch Viele, die sich im Hinblick auf jene Zeiten und auf jene Art der Dichtungen, eben so wie ich mich selber, fragen werden: »wie haben wir das lesen können? wie ist es zugegangen, daß wir in dem Idealismus unserer Jugend nicht beleidigt und zurückgestoßen worden sind von demjenigen, was wir jetzt belächeln oder widerwärtig finden, wenn wir es lesen?«

Dann aber kam der Ernst der neuen Revolution über unsere Zeit und über uns Alle. Das Verlangen des Einzelnen nach Befriedigung seiner persönlichen Willkür, das Suchen des Einzelnen nach seiner eigenen Freiheit und nach seinem eigenen ausschließlichen Glück, ging auf in dem Bestreben einer verhältnißmäßigen Befreiung der Gesammtheit. Die subjective Romantik ward von der Einsicht zum Schweigen gebracht, daß das Wohl des Einzelnen nur in dem Wohlbefinden der Gesammtheit möglich sei, und der Ruf nach der Emancipation der Frauen ertönte nun auch in einer anderen und würdigeren Gestalt.

Jene Hunderte von weiblichen Handarbeiterinnen, welche ich im März des Jahres 1848 in Paris in Masse über die Boulevards ziehen sah, um sich nach dem Hôtel de Ville zu begeben, verlangten von dem eben dort versammelten Gouvernement provisoire nicht etwa »den idealen Mann«, oder gar die Erlaubniß, sich nach eigenem Ermessen in freier Liebe heute dem und morgen jenem Manne überlassen zu dürfen; sie forderten vielmehr nichts als Erhöhung ihres Arbeitslohnes auf die Höhe des Arbeitslohnes der Männer, um sich durch den Ertrag ihrer Arbeit anständig ernähren, für sich und die Ihren mit ihrer Hände Arbeit sorgen zu können, ohne sich gelegentlich aus bitterer Noth zur Prostitution erniedrigen zu müssen.

Mit diesem Verlangen der Frauen nach gerechtem Lohn für gute Arbeit war die Frage der Gleichstellung der Frauen in ihre rechte Bahn geleitet. Von da ab konnte man mit Ehren von der Emancipation der Frauen zu Arbeiterinnen und Staatsbürgern sprechen, besonders da sie — ich wiederhole diese neulich in einem meiner Briefe gemachte Bemerkung ganz absichtlich — dem Staate von dem Ertrage ihrer Arbeit so gut wie die Männer Steuern zu entrichten hatten und haben; und es war thöricht und kleinlich, daß man sich gerade in Deutschland so leidenschaftlich gegen die Emancipation erbitterte, weil ein paar, in eben jener Revolutions- und Reactionszeit oftmals genannte Frauen, durch ihr kurz geschnittenes Haar, durch das Rauchen von Cigarretten, durch ihr Erscheinen an öffentlichen Orten und vielleicht auch durch manche Ausschreitungen in sittlicher Beziehung Anstoß erregt hatten. Man that, als ob gegenüber diesen zwei, drei Frauen nicht innerhalb der sogenannten besten Gesellschaft ebenfalls Frauen nachzuweisen gewesen wären, die zwar lange und sogar falsche Haarflechten trugen und keine Cigarretten rauchten, auch nicht allein in männlichen Versammlungsorten erschienen, die aber in Ausschreitungen gegen ihre beschworenen Pflichten und gegen die Sitte, jenen sogenannten emancipirten Frauen sicherlich nichts nachgaben, ohne daß man deshalb den allgemeinen Untergang von Zucht und Sitte befürchtet hätte, und ohne daß man die unbescholtene und wackere Gesammtheit jemals hätte entgelten lassen wollen, was Einzelne sich zu Schulden kommen ließen.

Jene nicht eben fördersamen Vorkämpferinnen der Frauen-Emancipation, sind vom Schauplatze unseres öffentlichen Lebens bald und schnell verschwunden; nur das Schreckbild der »emancipirten Frau« ist als ihr Nachlaß spukhaft unter uns stehen geblieben, und wirft noch heute seinen Schatten auf alle jene Frauen, die sich die Freiheit nehmen, ihre Talente auszubilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sich furchtlos und ihrer selbstgewiß in dem Leben und in der Welt zu bewegen, sich selbst zu ernähren und für sich selber einzustehen — wenn kein Anderer da ist, welcher sie dieser Mühen überhebt.

Jetzt, da fast ein Menschenalter seit jenen Tagen vergangen ist, denke ich oft mit Lächeln und mit Bedauern daran zurück, wie mühsam wir dem Vorurtheile Schritt für Schritt den Boden haben abgewinnen müssen, auf dem jetzt alle Frauen unbefangen stehen, und wie wir für uns selber erst haben erringen müssen, was Alle jetzt in sorgloser Sicherheit genießen. Was war nicht Alles anstößig in früherer Zeit! Was war nicht ungeziemend für eine Frau, und vollends für ein Mädchen! Ein Mädchen durfte keine Statue ansehen, welche den Menschen nackt darstellte, und mußte vor einem Bilde mit nackten Figuren das Auge abwenden und, wenn es irgend möglich war, erschrecken und erröthen; ein Mädchen durfte allein nicht die kleinste Reise unternehmen und mußte selbst bei einer Fahrt von vier Stunden noch begleitet werden; ein Mädchen durfte schicklicher Weise nicht in ein fremdes Haus gehen, um bei einem Handwerker eine Bestellung auszurichten; selbst ein nicht mehr junges Mädchen durfte einen bedeutend älteren kranken Freund ihrer Familie nicht pflegen gehen, ihn nicht an seinem Krankenbette allein besuchen, wenn er zufällig nicht verheirathet war; und eine selbständige Meinung oder Theilnahme für das Allgemeine an den Tag zu legen, das war vollends nicht mädchenhaft und auch nicht weiblich. Wir sollten gar keine eigene Meinung haben, und es galt für ein Gebot der Weiblichkeit, jeden Satz ausdrücklich mit »ich glaube« oder mit »man sagt« anzufangen, um damit jeden Schein der Selbständigkeit, die an und für sich als eine Anmaßung angesehen wurde, von uns abzulehnen.

Dabei war es aber auffallend genug, daß alle diese Anforderungen an eine besondere Weiblichkeit sich nur auf die Töchter und Frauen der wohlhabenden und der mehr oder weniger gebildeten Stände bezogen. Man gab damit entweder ohne Weiteres die weiblichen Tugenden der armen und nichtunterrichteten Frauen Preis, was eben nicht besonders christlich, sondern grausam war; oder man nahm an, daß die armen und ununterrichteten Frauen ihre Weiblichkeit in der Berührung mit dem Leben besser zu behaupten verständen, als die Gebildeten. Denn unsere ärmeren Mitschwestern durften und mußten auf unseren Befehl uns unbegleitet nachkommen, wenn wir ihrer Dienste auf der Reise irgendwo benöthigt waren; sie mußten bei Tag und Nacht die Straße unbeschützt betreten, wenn wir es ihnen geboten; sie mußten in die Häuser gehen, in die wir sie schickten; sie mußten an dem Krankenbette von Männern die nothwendigen Hülfsleistungen übernehmen, und die Frauen der arbeitenden Stände waren von jeher sammt und sonders in der Lage, auf ihren Broderwerb zu denken; ihnen standen, weil die Nothwendigkeit dies forderte, keine wesentlichen Hindernisse oder Vorurtheile dabei im Wege. Sie waren Näherinnen, Wäscherinnen, Putzmacherinnen, Krankenwärterinnen, Hebeammen; sie trieben allerlei Kleinkram und Handelsgewerbe, hausirten mit Lebensmitteln und mit anderen Dingen und Niemandem fiel das auf, Niemand hatte ein Arg daran, Niemand bedachte es, daß diese Frauen in Bezug auf Freiheit der Bewegung und des Erwerbes mit den Männern fast auf gleichem Fuße standen. Dieser Theil ihrer Emancipation erschien durchaus natürlich, weil die Nothwendigkeit ihn forderte. Es schickte sich eben für diese Frauen alles, was geschah, weil es geschehen mußte, und es war und ist noch heute interessant, jene feine Grenzlinie der beginnenden Wohlhabenheit aufzusuchen, hinter welcher die Arbeit für den Erwerb und die freie Bewegung als etwas den Frauen nicht Gebührendes, als etwas der wahren Weiblichkeit Entgegenstehendes, als etwas für die Frauen Unschickliches bezeichnet werden.

Ich habe oftmals die folgenden Sätze aufgestellt: die Frau eines Briefträgers darf mit Posamentierwaaren handeln, die Frau eines Controleurs darf Hebeamme werden, die Tochter eines Oberlehrers darf in fremde Häuser gehen und dort Knaben und Mädchen unterrichten; die Tochter eines unbemittelten Kaufmannes darf als Haushälterin in das Haus eines kranken einsamen Mannes eintreten; die Frauen durften lange schon, wenn sie sich dafür vorbereitet hatten, als dramatische Künstler als Sänger, als Tänzer, als Musiker vor allem Volke auftreten, so gut wie die Männer; man ist jetzt auch bereits daran gewöhnt, sie als Dichter und Schriftsteller neben den Männern erfolgreich und oftmals die Gesammtbildung fördernd, wirken zu sehen. Welches also sind die Bereiche, die den Frauen im Interesse des Gemeinwohls und ihrer eigenen Würde, nach der Ansicht derjenigen verschlossen bleiben müssen, von denen die unbedingte Emancipation der Frauen zur Arbeit, denn an diese habe ich vorläufig hier zunächst gedacht, als eine Ungehörigkeit betrachtet wird? — Oder welche Eigenschaften der Frauen sind es, die durch eine gründliche Bildung, durch ernste Beschäftigung mit ernsthaften Dingen gefährdet werden könnten, während Bildung und ernstes wissenschaftliches Bestreben die Eigenschaften des Mannes schön entwickeln?

Man ist mir auf diese Fragen die Antwort in der Regel schuldig geblieben; denn es stehen doch nicht viele verständige Leute mehr auf dem Standpunkte jenes protestantischen Pfarrers, der einem unserer ausgezeichnetsten mir befreundeten Physiologen, neulich hier in allem Ernste die Frage vorlegte, »ob denn mit mir wirklich gut zu verkehren sei, da der Herr diejenigen Frauen, welche er mit gewissen Talenten ausstatte, meist mit Unliebenswürdigkeiten dafür zu strafen pflege!« — Welch eine Vorstellung von dem Wesen, das sie den Gerechten nennen! Zu solcher Höhe der Bildung und Erkenntniß wird sich freilich nicht jede weibliche Intelligenz emporzuschwingen vermögen! Aber ich breche für heute ab, um in dem nächsten Briefe diese Erörterungen weiter fortzusetzen.





Zehnter Brief

Karlsbad , im August 1869.

Ich nehme ohne weitere Einleitung die neulich begonnenen Erörterungen über die Emancipation der Frauen wieder auf. Sieht man der Frage der Frauen-Emancipation fest in das Auge, so zerfällt sie in verschiedene Abtheilungen. Es handelt sich erstens um die gleichmäßigen Bildungsmittel für die Frauen wie für die Männer, zweitens um die Freiheit, die angeborene Begabung und das durch Unterricht und Bildung erworbene Können und Wissen, gleich den Männern, zu eigenem Vortheil und zum Besten der Gesammtheit zu verwerthen, und endlich um das Recht, gleich den Männern bei der Gesetzgebung innerhalb des Staates, dessen Genossen die Frauen sind, einen Einfluß und eine Mitwirkung zu haben. Aber ehe wir die Bedeutung dieser einzelnen Punkte erörtern, ist es nothwendig, noch einmal auf die gegenwärtige Stellung der Frauen zurückzukommen, um denjenigen zu begegnen, deren Schiboleth der sogenannte »häusliche Beruf des Weibes« ist — und unter dieser großen Zahl von Bekennern finden sich reichlich so viel Männer als Frauen — aus den begüterten Ständen.

Ich habe es in einem der früheren Briefe ausgesprochen: kaum in einer anderen wichtigen Angelegenheit hat man sich bisher so gedankenlos dem Vorurtheil überlassen, sich so gedankenlos mit landläufigen Phrasen abgefunden, als in der Beurtheilung der socialen und politischen Stellung der Frauen; und schlimmer noch als das gedankenlose Vorurtheil der Männer steift sich das hochmüthige Vorurtheil jener begüterten Frauen gegen die Emancipation der Frauen auf, an welche der Ernst des Lebens und die Noth des Lebens mit ihrer herzbedrückenden Sorge niemals herangetreten sind.

Es hat mir oft das Herz empört, wenn ich eben die Frauen jener Stände das Lob des häuslichen Heerdes singen hörte, an dem sie nie in ihrem ganzen Leben gestanden hatten; wenn ich sie, die sich aus Eitelkeit und Zerstreuungssucht nur zu häufig fast allen ihren häuslichen Pflichten zu entziehen wissen, von dem Beruf der Gattin und der Mutter salbungs- und gefühlvoll predigen hörte, während eine bezahlte Haushälterin ihr Haus versah, ein bezahltes entehrtes Frauenzimmer ihre Kinder nährte, eine bezahlte Gouvernante ihre Kinder überwachte und erzog; während sie selber die Morgen in ihren Equipagen auf der Promenade und die Abende am Toilettentisch mit dem Friseur, und danach mit oder ohne ihre Männer im Theater oder in der Gesellschaft zubrachten, weil sie mit sich selber nchts anzufangen und ihrem Manne den einsamen Abend in dem eigenen Hause nicht auszufüllen wußten. Ich habe einmal neben einer solchen Frau gesessen, die für Alles und Jedes lebte, nur nicht für die Familie, deren Heiligkeit sie stets im Munde führte, und habe sie klagen hören, wie die Sorgen für die Kinder, welche unter der Obhut einer guten Wärterin wohl aufgehoben waren, doch recht groß und vielfach »absorbirend« wären. Und neben uns stand ein unschönes alterndes Mädchen, die Musiklehrerin der ältesten Kinder des Hauses. Sie hielt den jüngsten Knaben der Familie, einen schönen, zweijährigen Jungen, auf dem Arm; sie war den ganzen kalten Wintertag in Schnee und Regen umhergelaufen, um ihre Lehrstunden an den vier Enden der großen Stadt zu geben, und den Knaben an ihr Herz drückend und küssend, sagte sie zu mir, während ihre seelenvollen Augen leuchteten: »Gott! wenn man sich solch ein Kind kaufen könnte, wie wollte man dafür arbeiten!« — Wo war in diesem Falle die wahre Weiblichkeit, bei der Gattin und Mutter, die ihre Muße für Nichtigkeiten verwendete, oder bei dem armen emancipirten Mädchen, das wie ein Mann um des Lebens Nothdurft kämpfte, das früh und spät zu Fuß und unbegleitet durch die entlegensten Straßen gehen mußte, das von seiner schweren Arbeit dem Staate seine Steuer redlich zahlte und das in aller seiner Arbeit und Sorge noch das Herz hatte, für ein Kind arbeiten und leben zu wollen?

Es ist lächerlich und widerwärtig, wenn man jene reichen und müßigen Frauen immer wieder davon sprechen hören muß, »daß mit der Gewerb- und Erwerbthätigkeit der Frauen der wahre weibliche Nimbus von den Frauen abgestreift würde«; und eben so widerwärtig ist es, wenn man Männer behaupten hört, Frauen, die etwas Ordentliches gelernt hätten, die selbst etwas Rechtes wären, verlören die Fähigkeit der wahren Hingebung an den Mann.

Ich habe jene Frauen oft gefragt: »Worin besteht der sogenannte besondere Nimbus, der den Frauen durch die Arbeit verloren gehen soll?« und sie sind niemals im Stande gewesen, mir dies geheimnißvolle Etwas deutlich zu erklären. Freilich, die Weichlichkeit und die Geziertheit müssen daran gegeben werden, wenn eine Frau nicht in der Lage ist, Andere für sich arbeiten zu lassen. Wer arbeiten muß, darf sich am Morgen nicht fragen, ob die leise Wolke, die auf seinem Gehirne liegt, wohl eine Migräne werden könnte? und darf nicht im weichen, mit Gardinen verhängten Lotterbette warten, ob die Migräne kommt. Mit den glasklaren, krallenartig zugespitzten Nägeln, welche am Morgen eine halbe Stunde Zeit hinnehmen und denen man es ansieht, daß nichts als Filet und Tapisserie damit gemacht werden können — nicht einmal ein rechtschaffenes Kinderhemdchen mit einer ordentlichen Kappnath läßt sich mit diesen chinesischen Nägeln nähen — kann man im Hause und für sich selbst nichts schaffen; und auf die Toiletten, für deren tadellose Falten und Schleifen man den Tag über Rücksicht zu nehmen hat, müssen wir anderen arbeitenden Frauen freilich auch verzichten. Aber was hat das Taschentuch für fünfundzwanzig Thaler, was hat das Kleid, dessen bloßer Schneiderlohn vielleicht noch mehr beträgt, was haben alle die tausend Schnällchen und Flacons und Fächer und Blumentische und Goldfische und Schooßhunde, mit denen die reiche höhere Weiblichkeit sich selbstgefällig zu umgeben liebt, mit der herzlichen Achtung vor dem Manne, dem man angehört, zu schaffen? Was haben sie mit der Liebe für ihn, mit der hingebenden Sorge und Aufopferung für die Familie gemein, als deren Mutter und Mitbegründerin die Frau da steht? Mir ist, so weit meine Kenntniß von dem Wünschen und Begehren des weiblichen Geschlechtes reicht, und sie ist ausgedehnt genug, kein Mädchen vorgekommen, das nicht, selbst bei großer künstlerischer Begabung und nach beträchtlichen Erfolgen in seinem künstlerischen Berufe, gern bereit gewesen wäre, auf seine Unabhängigkeit zu verzichten, wenn sich ihm das Glück geboten hat, als Gattin eines geliebten Mannes in ein von ihm versorgtes Haus eintreten zu können. Caroline Ungher-Sabatier, Jenny Lind, Clara Schumann, die Malerinnen Wichmann, Baumann-Jerichau und die verstorbene Frau Stielke, ich selbst und eine recht große Zahl von anderen Schriftstellerinnen, haben unseren Männern und unseren Familien nicht Anlaß gegeben, sich darüber zu beschweren, daß wir in einem selbständigen Berufe wie die Männer gearbeitet haben und arbeiten. Und wenn wir auch vielleicht weniger Zeit und nicht die Mittel, und nicht mehr Sinn als nöthig gehabt haben, uns der Eleganz und Mode in dem Grade zu befleißigen, wie die reichen müßigen Gegnerinnen der Frauen-Emancipation, so ist sicherlich das Empfinden, mit dem wir irgend ein für unser Haus und die Unseren von dem Ertrage unserer Arbeit erkauftes Stück von Hausrath oder sonstigem Bedarf, bei schlechtem Wetter und in sehr gewöhnlicher Kleidung über die Straße selbst nach Hause getragen haben, ganz gewiß nicht weniger weiblich, nicht weniger hoch und nicht weniger beglückend und ehrenwerth gewesen, als die lächelnde Heiterkeit, mit welcher die reichen und müßigen Frauen auf Kosten ihrer Männer ihr Haus versorgen.

Ich bin keine neidische Feindin des Reich­thums und der Reichen, ich habe auch keinen Grund irgend einer Art dazu; aber ich lehne mich auf gegen das Vorurtheil der begüterten Frauen, das die wahre Weiblichkeit im Müßiggang und in der Sorgenfreiheit sucht — ja! sie bis zu einem solchen Grade in dem Müßiggange sucht, daß ich im großen Ganzen nirgend weniger wahre Bildung, nirgend weniger Lust sich zu unterrichten, weniger Theilnahme an dem Geistigen und Allgemeinen gefunden habe, als in den Kreisen der reichen bürgerlichen Frauen. Die Oper, das Clavier, ein bischen Gesang und der englische und französische Roman, darüber geht es nur zu häufig nicht hinaus. Die Frauen der alten adeligen Familien, die Frauen der Gelehrten, der weniger bemittelten Familien in den kleinen Städten, in den Provinzen, in den Pfarrhäusern, sind in Betracht ihres wahren Werthes jenen Anderen in der großen Masse vielfach überlegen, und doch ist der Einfluß des reichen Bürgerstandes ein so großer; doch finden die Männer desselben in der gewinnbringenden Arbeit ihre Ehre. Und für die Frauen dieser selben Stände sollte die Arbeit etwas Erniedrigendes sein? Welch’ eine wunderbare Logik! Sie ist eben so falsch, wie die vorhin erwähnte Behauptung vieler Männer, daß geistig entwickelte und selbständige Frauen keiner wahren Hingebung fähig seien.

Ich möchte umgekehrt fragen: Was hat Euch eine Frau, die kein eigenes Geistesleben führt, die nichts Rechtes weiß und nichts Rechtes kann, was hat sie Euch hinzugeben als eben ihren Körper? Und begehrt Ihr von der Ehe nichts als Befriedigung Eures sinnlichen Verlangens? Bedürft Ihr nicht der ernsten Erzieherin für Eure Söhne, der vorsichtigen Beratherin für Eure Töchter, der klugen Verwalterin Eures Erwerbes? — Kam die Stunde der Entmuthigung nie an Euch heran, in der Ihr an Eurem Weibe mehr zu haben wünschtet, als ein hülfloses Wesen, das rathlos Euer Leid und Eure Sorge beweinte und dessen ohnmächtiger Kummer Euch das Herz noch mehr belastete? Ist niemals Krankheit über Euch hereingebrochen, die Euch die Todesstunde in Euren Gesichtskreis rückte, und habt Ihr dann nicht die Sehnsucht gefühlt, Euch sagen zu können: die Frau ist da, die Mutter ist da! Sie wird Rath schaffen, sie kann arbeiten und erwerben, wenn es Noth thut; sie wird führen und leiten und erziehen und Brod schaffen, wenn ich es nicht mehr kann.

Sehen wir aber von den Familienvätern ab und wenden uns zu jenen Männern, die trotz aller ihrer Tüchtigkeit, wie die Verhältnisse in unserem Vaterlande einmal liegen, oftmals nicht daran denken können, sich einen eigenen Heerd zu gründen, weil ihr Erwerb zum Unterhalte für eine Familie nicht ausreichend ist. Ich bin sicher, unter den Lesern dieser Zeitung finden sich Hunderte und Hunderte von Männern, von jungen Lehrern, Assessoren, Docenten u. s. w., die in der Lage gewesen sind, sich ein oder das andere Mal zu sagen: »Dieses Mädchen wäre eine Frau für dich, mit diesem Mädchen würdest du ein glückliches Leben führen können; aber du bist arm, sie ist es auch, mit deinen drei-, vier-, fünfhundert Thalern Einnahme kann in unseren Ständen eine Familie nicht bestehen, und das gute Mädchen kann nichts als eben haushalten und sparen — aber mit Haushalten und Sparen ist hier nichts gethan.« Was folgt daraus? Das »nur für die Familie erzogene Mädchen« kommt nicht dazu, die Mitbegründerin einer Familie zu werden, es bleibt unverheirathet trotz aller seiner guten Eigenschaften, es verfehlt seinen eigentlichen weiblichen Beruf, weil es sich nicht bei Zeiten zur Arbeit und zum Erwerbe emancipirt hat.

Denn halten Sie es fest: die Emancipation der Frauen zu Arbeit und Erwerb ist das sicherste Mittel zur Beförderung der Ehe, zur Erhebung und Versittlichung des Familienlebens überhaupt.





Elfter Brief

Karlsbad , im August 1869.

Ich stellte Ihnen neulich die Behauptung auf, die Emancipation der Frauen zu Arbeit und Erwerb sei das sicherste Mittel zur Beförderung der Ehe, sie ist aber eben so und noch weit mehr ein erhebendes Element für die große Zahl jener Frauenzimmer, welche in unserer Staatsgesellschaft immer unverheirathet bleiben werden.

Man hat das alte Sprüchwort: »Viel Töchter sind kein Gelächter!« und dieses Sprüchwort ist innerhalb der nicht begüterten gebildeten Familien des Mittelstandes nur zu wahr. Man denkt es sich lange nicht genug aus, welchen Einfluß es auf die Töchter in solchen eben nur wenig begüterten Häusern üben muß, wenn sie von der einen Seite unablässig von dem »einzig naturgemäßen Beruf der Frau« sprechen hören, und wenn sie auf der anderen Seite sehen, wie ihr Dasein, ihr Unterhalt und vollends der Gedanke an ihre einstige Versorgung nicht nur ihren Eltern, sondern ihren Brüdern, ja, selbst der ganzen Familie ein Gegenstand schwerer, unablässiger Sorge ist; und wie herzlich zufrieden und erfreut man sich bezeigt, wenn sie sich auch nur erträglich gut, sogar auf Kosten ihrer wahren Neigung verheirathen, d. h. versorgen. Welch’ eine Herzenskränkung für ein Mädchen darin liegt, als eine Last für seine Familie betrachtet zu werden, das übersieht man leichtsinnig oder auch geflissentlich; und doch ist dies thatsächlich der Fall. Denn »was fängt man mit der dritten oder vierten Tochter an?« — Alle können sie doch nicht das Feuer am Heerde überwachen und die Zimmer aufräumen und Wäsche nähen und im Hause helfen! —

Kommt nun ein zur Thätigkeit, zum Handeln angelegtes und geneigtes Mädchen in diese üble Lage, so ist es ganz unmöglich, daß es unter dem Druck und Unsegen derselben nicht schwer leiden, daß es sich nicht unglücklich über die Nutzlosigkeit seines Lebens fühlen und es nicht bitter empfinden sollte, ein Mißgeschick zu tragen, das im Grunde eben in seinem Dasein besteht. Ich habe, wie ich schon in einem der früheren Briefe gesagt, nur um ein solches Lebensbild hinzustellen, nur um das Schicksal des einzelnen Mädchens in einer töchterreichen und nicht begüterten Familie zu schildern, vor einer Reihe von Jahren »Meine Lebensgeschichte« geschrieben und darf zur Erklärung meiner heutigen Behauptungen getrost auf sie verweisen. — Man gefällt sich darin, von dem »Zartgefühl des weiblichen Herzens« zu sprechen, und sagt sich nicht, welch eine Verletzung jeder Empfindung, der Lebenslust, der Kindesliebe, des Ehrgefühles für die Mädchen in töchterreichen Familien darin liegt, sich nicht darüber täuschen zu können, daß sie den Jahren weit mehr ein Gegenstand der Sorge als eine Freude sind. — Und weshalb das Alles? — Weil das kurzsichtige Vorurtheil sich in den sogenannten gebildeten Ständen — ich muß dies immer wiederholen — gegen die Erwerbthätigkeit der Töchter auflehnt so lange der Vater lebt, während sie zu derselben von der Noth gezwungen werden, sobald der väterliche Ernährer seine arbeitsmüden Augen schließt.

Daß die Frauen sich selbst ernähren dürfen, wenn sie es müssen, d. h. wenn Niemand da ist, der sie versorgt, das hat man ihnen freilich selbst in jenen Ständen nicht streitig machen können, welche man füglich die höhere Klasse der verschämten Armen nennen dürfte. In den Reihen der Handwerkerfamilien, der untersten Beamten u. s. f. haben die Frauen und die Töchter zu allen Zeiten Gewerbe und Erwerb getrieben, nur in unseren Kreisen schreckt man noch davor zurück; und wenn man schließlich bei der wachsenden Theuerung des Lebensbedarfes es jetzt bereits zuzugeben genöthigt ist, daß die Töchter gebildeter Familien sich selbst ernähren dürfen und sollen, eben weil die Noth sie dazu zwingt, so wird doch immer noch die Frage aufgeworfen: Wie sollen und dürfen sie sich selber helfen? — Nun, mich dünkt, darauf wäre die Antwort nicht eben allzu schwer. Gerade wie die Männer, nach ihren Anlagen und Kenntnissen, d. h. wie sie wollen und können!

Und damit sind wir wieder zu der ersten Vorbedingung der Emancipation der Frauen zurückgekommen: zu der Nothwendigkeit gleicher Bildungsanstalten für die Frauen wie für die Männer, in den Lebensjahren, in welchen die Vorbereitungen für die eigentlichen Berufsstudien gemacht werden müssen.

Ich habe es nicht einmal, nein viele hundert Mal von Männern wie von Frauen ernsthaft — und wie das Vorurtheil sich immer äußert — mit Leidenschaft aussprechen hören, daß die wissenschaftliche Befähigung der Frauen nicht eben so groß sein könne, als die der Männer, da man bisher von weiblichen Geschichtsforschern, weiblichen Mathematikern, weiblichen Philosophen, weiblichen Componisten und Tragödiendichtern nichts gehört habe. Es klang dies wirklich, als erwartete man, daß dem Weibe durch irgend eine Offenbarung oder Eingebung ganz von selber kommen solle, was der Mann durch ein eifriges, lebenslängliches Studium mühevoll erlangt. Man hat den Frauen bisher alle Möglichkeit, ja, selbst die Berechtigung verweigert, sich in den Wissenschaften auch nur einigermaßen gründlich auszubilden; und statt sich darüber zu verwundern, daß sich doch noch überall Frauen gefunden haben, die trotz dieses Mangels an geistiger Förderung sich aus eigener Kraft so weit emporgebracht haben, daß sie sich bedeutenden Männern ebenbürtig an die Seite stellen dürfen, spricht man ihnen vielmehr die Befähigung ab, unter günstigeren Verhältnissen mehr als bisher, ja, vielleicht in mannigfachen Bereichen eben so viel als der Mann zu leisten. Man giebt es zu, daß jede Thierrace durch fortgesetzte Cultur ihrer Fähigkeiten, schon durch die bloße Vererbung der cultivirten Fähigkeit sich veredelt und verfeinert — und man vergleicht die Fähigkeiten der Männer, die durch eine dreitausendjährige Bildung von Geschlecht zu Geschlecht sich haben steigern können, mit denen der Frauen, welchen diese Gunst durchaus nicht zu Theil geworden ist; und man wundert sich nicht darüber, daß diese uncultivirten Mütter doch noch eigene geistige Begabung genug besaßen, bedeutenden Söhnen und Töchtern das Leben und die ersten Elemente der Bildung zu geben. — Erst wenn man wenigstens drei, vier Generationen gut und gründlich gebildeter, wohl unterrichteter, in Seelenfreiheit und vor dem oft bitteren Drucke häuslicher Kränkung und Noth bewahrter Frauen zu beurtheilen haben wird, erst dann wird es vernünftig sein, einen Vergleich zwischen den Fähigkeiten der beiden Geschlechter anzustellen.

Bis jetzt ist alles, was über die geringere Begabung der Frauen ausgesprochen wird, unüberlegt und ungerecht. Denn fast in allen Ländern ist die Bildung der Frauen in vielen Klassen noch so weit zurück, daß das Bedürfniß nach wirklichem Wissen, nach geistiger Entwicklung, nach Selbständigkeit, bestimmt kaum von einem Zehntheil der ganzen weiblichen Bevölkerung wirklich lebhaft und dringend empfunden wird.

Es sind zumeist nur schwere Lebenserfahrungen und bittere Noth, ehrenwerthe Ausnahmen natürlich zugestanden, welche bisher in Deutschland das Verlangen nach geistiger Bildung, nach Emancipation zur Arbeit, oder gar nach Antheil an den staatlichen Berechtigungen in denjenigen Frauen hervorgerufen haben, welche die Emancipation, die Freigebung aus Sclavenfesseln, ersehnen und sie fordern. War es aber etwa anders mit den Negersclaven? war es anders mit den Leibeigenen in Rußland? — Und doch rief die ganze aufgeklärte Männerwelt; Befreiung der Negersclaven! Aufhebung der Leibeigenschaft! Auch wenn die Neger noch wer weiß wie weit hinter den Weißen zurückgeblieben sind! Auch wenn die Leibeigenen ihren wahren Vortheil noch so schlecht verstehen, daß Tausende von ihnen vor der Freiheit zurückschrecken, in welcher sie für sich selbst zu sorgen und einzustehen haben werden! — Hat doch der strenge Gott der Juden Sodom und Gomorha vor der Zerstörung verschonen wollen, wenn sich unter den Tausenden von Sündern auch nur zehn Gerechte fänden; und die christliche Menschheit sollte Bedenken tragen, Tausenden von Frauen ihrer Menschenwürde gemäß den freien Gebrauch ihrer Fähigkeiten zuzuerkennen, weil es allerdings noch Hunderttausende von Frauen giebt, deren Fähigkeiten unvollständig ausgebildet sind, und eben so viele Hunderttausende, die nicht Lust und nicht die Neigung haben, von ihren mehr oder weniger gut entwickelten Fähigkeiten einen verständigen Gebrauch zu machen, weil sie sich mit Recht äußerst zufrieden und glücklich fühlen in der bequemen Häuslichkeit, in dem Genuß des Wohllebens, das ihnen von der Arbeitsamkeit und Großmuth ihrer Männer vorbereitet wird!

Wer aber denkt denn auch nur im entferntesten daran, diese Art von Frauen, die unter die eifrigsten Gegner der Emancipation zu rechnen sind, zu einer anderen als der ihnen zusagenden Thätigkeit, zu einer Aenderung ihrer Lebensgewohnheiten zu nöthigen oder gar zu zwingen? Wer zwingt denn die Männer zur Arbeit als das Bedürfniß? Wer zwingt die Väter, ihren Söhnen eine gründliche Bildung zu geben? sie zum Erwerb und für den Staatsdienst und für den Gebrauch ihrer Staatsbürgerrechte zu erziehen? — Es leben ja auch Männer genug, die nichts Rechtes gelernt haben, die ihr Leben zwischen dem Club und dem Café und dem Opernhause, wohl frisirt und parfumirt und gut behandschuht, in ungestörtem frohem Müßiggang verbringen, wenn sie die Mittel dazu haben. Niemand nöthigt ihnen irgend ein Amt auf, Niemand zwingt sie, an die Wahlurne zu treten — und es wird sicher keine Frau gezwungen werden, auf ihr sanftes Haremsleben innerhalb unserer europäischen reichen und schönen Welt zu verzichten; wenn auch jene anderen Frauen, deren Sinn ernster, deren Entwickelung höher, deren Geldbesitz geringer ist, und die Niemand haben, der für sie arbeiten, sorgen und erwerben kann, den Ruf erheben: Es ist Zeit, daß man uns den freien Gebrauch der Fähigkeiten verstatte, die wir besitzen, sei es, daß sie uns angeboren sind, oder daß wir sie erworben haben! Das können, das müssen wir verlangen, nicht mehr, nicht weniger! — Es wird sicherlich mit der Frauen-Emancipation für diejenigen Frauen, die in ihren jetzigen Lebensgewohnheiten und Ansichten und Thätigkeiten bleiben wollen, nicht das Mindeste geändert werden. Es wird sie Niemand anhalten mehr zu sein, mehr zu leisten, freier zu werden, als sie und die Männer es wünschen, in deren Obhut und Fürsorge sie sich wohl befinden.

Aber merkwürdig genug habe ich gerade unter diesen Frauen sehr häufig und meist ohne allen vernünftigen Anlaß ein ganz plötzliches Aufblitzen von Freiheitsdurst bemerkt. In den Jahren, in denen ich noch unverheirathet war und auf meinem einsamen Lebenswege hart um des Lebens Nothdurft zu kämpfen und mir jedes Jahr den unerläßlichen Bedarf des Jahres zu erarbeiten hatte, nahm ich einmal Abschied von einer reichen Frau, als ich für die Erweiterung meiner Anschauungen meine Reise nach England anzutreten auf dem Punkte stand. — Ach! rief die Dame, sie war bedeutend älter als ich und machte sich und ihrem Manne das Leben herzlich schwer, ach! wenn ich Ihre Lebensfreiheit hätte! — Was wollten Sie denn mit derselben machen? fragte ich. O, es muß doch ein Glück sein, so frei wie Sie kommen und gehen zu können, wie man Lust hat! — Nehmen Sie Sich doch die Freiheit, Ihr Mann wird Sie nicht daran hindern! versetzte ich. — Sie zuckte die Schultern. Man kann das doch nicht. Allein reisen, ohne Bedienung, ohne Begleitung, wenn mein Mann mich auch gehen ließe, ich bin das nicht gewohnt! — Sehen Sie wohl, bedeutete ich, Ihre Gewohnheiten sind mächtiger in Ihnen als Ihr Freiheitsbedürfniß; also bleiben Sie ruhig bei Ihren Gewohnheiten und gönnen Sie mir die Freiheit, die ich nothwendig haben muß, um ehrenvoll und nützlich durch die Welt zu kommen. — Und dies sei auch allen den zahlreichen guten und besten Frauen zum Troste zugerufen, welche sich vor der Freiheit, die wir brauchen, scheuen, weil sie derselben nicht bedürfen.

»Im Uebrigen,« so schloß der alte Cato jede seiner Reden, »bin ich der Ansicht, daß Karthago zerstört werden muß!« — »Im Uebrigen,« so möchte ich jeden meiner Briefe schließen, »bin ich der Ansicht, daß wir zunächst Realschulen für die Frauen, und wenn diese reichlich besucht werden, dann auch Gymnasien für die Frauen haben müssen — damit das Werk der Emancipation, wie jeder andere verständige Bau, auf einem soliden Fundamente aufgerichtet werde.«





Zwölfter Brief

Karlsbad , im August 1869.

Eben jetzt habe ich zwei Zuschriften von gewerbtreibenden Frauen erhalten, welche sich zustimmend über die erste Reihe von Briefen geäußert haben, die ich unlängst über die Gewerbthätigkeit der Frauen veröffentlicht.2 Die eine derselben, eine Schweizerin, schreibt mir u. A.: »Wir wissen wohl, was uns noch alles zu einer vollständigen Ausbildung fehlt, doch bewegen sich die Frauen in der Schweiz schon verhältnißmäßig leicht und frei, und namentlich ist den Bernerinnen im Privatrecht schon viel freierer Spielraum vergönnt. Wir haben an den Primärschulen gesetzlich patentirte Lehrerinnen für die unteren Klassen, wir haben Seminare zur Heranbildung derselben, und es sind viele Frauen bei uns im Post- und Telegraphendienste angestellt. Andere treiben Gewerbe wie ich selbst, die den ganzen Tag im Verkaufslocale steht und selbständig ihren Weg durchs Leben findet. Die freie Zeit reicht gerade noch aus, dem Dienst des Allgemeinen in Hülfsvereinen aller Art einen Tribut zu zahlen. Als Mittel zu diesem Zwecke wird von uns wohl ein Wort in der Tagespresse gewagt. Ueber Politik haben wir Alle von Kindheit an reden gehört und über alle öffentlichen Fragen disputirt man überall. So greifen wir denn auch ein, wo es Noth thut, und gehen mit unseren Petitionen, wenn es sein muß, direct an die Regierung des Cantons und an den Bundesrath! Nach dem Stimmrechte trachten wir schweizer Frauen nicht. Wir verlangen sociale Gleichberechtigung, so weit sie mit der Sitte verträglich ist; wir wollen freie Entwickelung unserer Fähigkeiten, freie Bewegung. Wenn ein Mädchen Medicin studiren will, so soll sie’s thun und zur Praxis zugelassen werden; wenn es sich in der Kunst auszubilden wünscht, so mag es seine Kräfte versuchen. An der Stimmurne haben wir nichts zu thun, weil wir auch nicht Militärdienst thun. Allerdings bleiben wir nicht müßig, wenn unsere Heimath vom Kriege bedroht wird; aber unser Platz ist dann in den Spitälern, an den Ambulancen, bei den kleinen Kindern und überall da, wo die Männer fortgegangen sind, die im Felde stehen!«

So weit die Schweizerin. Der andere Brief, der mir aus St. Louis zugekommen ist, geht in seinen Forderungen weiter, als die knappe, einfach die Thatsachen anführende Bernerin. Meine amerikanische Correspondentin sagt mir, daß sie verheirathet sei, sieben Kinder und eine Anzahl Enkel habe, und sie schreibt mir vornehmlich, um mich zur schriftlichen Betheiligung an der Womans suffrage Association of Missouri (Verein zur Erlangung des Stimmrechtes für die Frauen) aufzufordern, welche am 6. und 7. October in St. Louis abgehalten werden soll. »Wir betrachten«, schreibt sie mir, »das Stimmrecht nur als ein in einer Republik unentbehrliches Mittel, um die Stellung der Frauen zu verbessern und ihnen in der Gesetzgebung die zu diesem Zwecke nöthige Repräsentation zu verschaffen. Wie die Sachen jetzt stehen, hat der roheste irländische und deutsche Auswanderer, hat der eben erst freigelassene stumpfsinnige Neger das Recht, über alle die Gesetze abzustimmen, welchen die Frauen eben so sehr unterworfen sind als die Männer, und von denen sie, wie im Ehe- und Erbrecht, in den Schul- und Strafgesetzen, in der Taxation und den Schutzzöllen, häufig noch härter betroffen werden als die Männer. Es ist aber doch eine Widersinnigkeit, daß z. B. eine Frau, die an der Spitze eines Geschäftes steht, die — wie es hier oftmals vorkommt — ihre hundert Arbeiter beschäftigt, nicht das Recht haben soll, über die Einfuhr- oder Schutzzölle ihre Stimme abzugeben, während jeder von ihren Arbeitern dies thut. Hier in St. Louis z. B. ist eine Summe von vierzehn Millionen Dollars im Besitze von Frauen, welche Taxen davon zahlen, ohne dafür eine Repräsentation zu haben. Es besteht hier noch in allen Staaten, mit Ausnahme von New-York, Kansas und Illinois, wo die Beredsamkeit der Frau Stanton eine Aenderung der drückendsten Gesetze veranlaßte, das english commonlaw. Diesem zufolge geht die Frau ganz in dem Manne auf und alles, was sie besitzt und erwirbt, gehört ihm, damit zu schalten und walten nach Belieben, und sie selber ist mit Leib und Seele sein persönliches Eigenthum. Der Trunkenbold kann seiner Frau, die vielleicht mit Waschen oder Nähen ihre Familie ernährt, jeden Abend ihr sauer verdientes Geld rechtlich und gesetzlich abnehmen, sich dafür betrinken, sie prügeln und ihre Kinder mißhandeln. Klagt sie darüber, so wird er von dem Gerichte zu einer Geldstrafe verurtheilt, die er mit dem von ihr erworbenen Gelde zahlt, und dann bekommt sie am nächsten Tage doppelte Prügel. Solche Beispiele finden sich in den ungebildeten Klassen bei uns häufig — in den gebildeten Klassen treten die Ungerechtigkeiten in anderen Formen auf.«

Ich gebe nur dieses Bruchstück aus dem Briefe der Amerikanerin und überlasse die beiden Mittheilungen ohne alle Bemerkung von meiner Seite Ihrem Nachdenken und Ihrer vergleichenden Ueberlegung; denn von dem Guten, das die Schweizerin von ihren Verhältnissen zu rühmen weiß, besitzen wir selber Aehnliches bis zu einem gewissen Grade, und von den Uebelständen, über welche die Amerikanerin sich beklagt, sind viele auch bei uns vorhanden.

Gehen wir aber von der ersten vorbedinglichen Forderung gleicher Unterrichtsmittel für beide Geschlechter zu der Frage über, welche Hindernisse z. B. bei uns in Norddeutschland dem Gewerbebetriebe der Frauen entgegenstehen, so müssen sie immer zu überwinden gewesen sein, da ja in gewissen Zweigen des Handels und Gewerbes seit langen Jahren Frauen als Inhaberinnen von Handelsfirmen, wie im Putz-, im Weißwaaren und im Blumen- und Federhandel, und neuerdings als Photographen etablirt gewesen sind. Es hat dazu von Alters her den Wittwen von Kaufleuten und Handwerkern frei gestanden, die Geschäfte ihrer Männer — allerdings mit Zuziehung männlichen Beistandes — weiter fortzuführen, und es ist von diesem Rechte in der Kaufmannswelt wie im Handwerkerstande vielfach Gebrauch gemacht worden. Mich dünkt also, daß rechtlich dem Gewerbebetriebe der Frauen seit Einführung der Freizügigkeit und Gewerbefreiheit vollends nichts im Wege stehen kann, da ich mich nicht entsinne, daß etwa in diesen Gesetzen die Frauen ausdrücklich von den gewährleisteten Rechten ausgeschlossen worden sind, sofern sie nicht überhaupt unter väterlicher oder eheherrlicher Gewalt, und also an und für sich abhängig von fremdem Willen, und damit vor Allem der Zustimmung derjenigen bedürftig sind, in deren Händen ihr Wollen sich befindet.

Abgesehen aber davon hing, so viel ich weiß, für die Frauen die Möglichkeit ein Gewerbe, ein Handwerk, namentlich zu erlernen, zunächst davon ab, ob ein innerhalb des Gewerkes arbeitender Meister ein Mädchen als Lehrling annehmen und es in das Gewerk einschreiben lassen wollte und konnte, so daß es als Gesell und endlich als Meister aus demselben hervorgehen und in dasselbe eintreten konnte. Noch vor drei Jahren, vor dem Kriege von Eintausend achthundert sechsundsechzig, hielten ein Buchbinder, ein Korbmacher und ein Schuhmacher für Frauenschuhe, mit denen ich davon sprach, es für unzulässig, und ein Berliner Industrieller, mit dem ich in diesen Tagen über diese Angelegenheit berieth, meinte, daß sich in der Gewerbeordnung Bestimmungen fänden, welche die Aufnahme von Frauenzimmern als Lehrlinge auch jetzt noch hinderten.3 Wäre das der Fall, so wären auch in diesem Punkte die Frauen mit der einstigen Aenderung dieses Gesetzes auf den guten Willen der männlichen Gesetzgeber angewiesen, und wer von dem guten Willen Anderer in diesen wichtigsten Angelegenheiten abhängt, ist eben ein Unfreier und ein Höriger, und thatsächlich, darin hat die Amerikanerin Recht, weniger gut gestellt, als der freigelassene stimmberechtigte Neger. Da es jetzt aber jedem Manne, ich spreche hier wieder von dem Handwerker, freisteht, sich, ohne daß er von dem Gewerke das Meister-Diplom erlangt hat, selbständig niederzulassen und sein Gewerbe zu betreiben, so kommt es mir ganz undenkbar vor, daß die Gewerbethätigkeit der Frauen jetzt noch an das Belieben des Gewerkes gebunden sein sollte, und es ist somit die Frage, ob irgend ein Hinderniß und welches Hinderniß einer Frau entgegenträte, die sich als Tapezierer, als Schuhmacher, Korbmacher, Buchbinder, Decorateur, Uhrmacher, Speisewirth, Conditor, oder in einem der anderen zahlreichen Gewerbe selbständig niederlassen wollte, zu denen die Kraft und Einsicht der Frauen so gut ausreichen würden, wie die der Männer. Es wäre dankenswerth und wichtig, wenn ein der Gewerbethätigkeit der Frauen geneigter Mann, der zugleich ein gründlicher Kenner dieses Theils der Gesetzgebung wäre, den Frauen Aufschluß darüber geben wollte, worauf sie unter den bestehenden Gesetzen und Verordnungen mit ihren Bestrebungen zu rechnen und zu fußen haben.

Unter den Frauen der schon länger gebildeten und mehr besitzenden Stände hat sich in verschiedenen Ländern Europa’s eine Neigung zum Studium der Medicin gezeigt, und es sind in Zürich einige Frauenzimmer nach beendeten Studien und wohlbestandenen Prüfungen zu Doctoren der Medicin mit der Berechtigung zur Praxis promovirt worden. Ueber die Aufnahme der Frauen als Studenten an den Universitäten hat man neuerdings auch in Deutschland Anfragen und Berathungen veranlaßt. Mit der Zulassung zum Studium ist aber das Recht zur Praxis noch keineswegs verbunden; indeß auch hier zeigt sich ein Hoffnungsstrahl für die Thätigkeit der Frauen. In der letzten Session der Volksvertretung haben wissenschaftlich und politisch bedeutende Männer, die obendrein Mediciner waren, Männer wie Virchow, Löwe (Calbe) u. A., den Vorschlag vertreten, die Berechtigung zur Ausübung des ärztlichen Berufes nicht mehr von der Ablegung der bisher vom Staate geforderten Prüfungen abhängig zu machen, sondern Jedem die Freiheit zu gewähren, nach eigenem Ermessen über die Befähigung, über das Können und Wissen derjenigen Personen zu entscheiden, von denen er sich heilen oder nicht heilen zu lassen die Neigung hegt. Geht dieser Vorschlag früher oder später als Gesetz bei uns durch4, so öffnet er natürlich dem wunderthuenden Charlatan, der quacksalbernden Kräuterfrau Thür und Thor, aber er führt dann auch diejenigen Frauen an das Ziel, welche auf Gymnasien oder Realschulen gehörig vorbereitet, auf Universitäten ihre medicinischen Studien vollbracht, ihre Prüfungen vor der betreffenden Facultät abgelegt, und das Diplom einer vollständigen Durchbildung für ihren Beruf gewonnen haben.

Man hat mir eingewendet, daß das gemeinsame Studium der Medicin für Frauen und Männer seine Schwierigkeiten habe, weil — ja, man sträubt sich fast, dies zu sagen — erstens eine Menge Professoren der Medicin sich gegenüber ihren männlichen Schülern in »cynischen Witzen gehen ließen, mit denen sie sich und ihre Zuhörer amusirten«, und zweitens, weil in den gemeinsamen Studien eben auch wieder der »gewisse weibliche Reiz, die wahre weibliche Schamhaftigkeit,« von den Frauen abgestreift werden müsse. Beides scheinen mir aber keine stichhaltigen Einwände zu sein. Wie schlecht man auch von manchen heruntergekommenen Männern, und deren giebt es in allen Bereichen, denken mag, für so niedrig, so ehrlos halte ich keinen Mann, daß er aus bloßer Lust an der Gemeinheit unbescholtene, ehrbare, einem ernsten Streben hingegebene Frauenzimmer geflissentlich im Beisein von Männern durch unschickliche Witze beleidigen könne. Gab und giebt es Professoren, die sich in solcher Weise gegen die Wissenschaft vergehen, so würde die Anwesenheit von Frauen in ihren Collegen ihnen das elende Handwerk des Possenreißens sicher legen, oder man würde sie von dem Katheder zu entfernen haben, dessen Würde sie zu nahe treten. Der andere Grund ist nicht gewichtiger. Denn jene weibliche Schamhaftigkeit, die darin besteht, vor dem nackten menschlichen Körper zurückzuschrecken, als ob die Kinder in Kleidern geboren würden; jenes Nichtwissen macht nicht die wahre, seelische Reinheit des Weibes aus. Wo bliebe sonst der Zauber und die Würde der Weiblichkeit, welche die greise Gattin, die Mutter zahlreicher Kinder noch im grauen Haar umschweben? oder wie wäre es mit der erhabenen Jungfräulichkeit aller jener zahlreichen barmherzigen Schwestern und Diaconissinnen bestellt, die ohne Zaudern allein hingehen, wohin die Pflicht sie ruft, wohin ihr Kloster sie entsendet, und die ihre Jungfräulichkeit und ihre wahre Weiblichkeit nicht gefährdet glauben, wenn sie im Krankenhause und im Feldlazareth dem fremden Manne jene Dienste leisten, die er in dem gewöhnlichen Laufe des Lebens kaum von seiner Tochter anzunehmen wagt.

Und hier ist es denn wohl auch am Orte, es einmal auszusprechen, auf welcher doppelt unklaren Vorstellung jene Forderung nach »besonderen Universitäten für die Frauen« beruht, die man jetzt wohl gelegentlich erheben hört. Abgesehen davon, daß man, wie ich es Ihnen in dem Briefe über das Victoria-Lyceum aussprach, gewiß etwas Unvernünftiges unternehmen würde, wenn man eine Universität für Frauen gründete, ehe man Realschulen und Gymnasien für sie errichtet hat, ist es sonderbar, besondere Universitäten für die Frauen in dem Augenblicke zu begehren, in welchem man sie in das thätige Leben eintreten lassen will, in welchem man ihre Gleichstellung mit den Männern anstrebt. Es mag zweckmäßig sein, die Lehranstalten für die beiden Geschlechter während jenes Alters zu trennen, in dem man ihnen noch keine gefesteten Grundsätze zuzutrauen hat, während die Anreizungen der Sinne sich doch bereits geltend machen. Ich und hundert Andere mit mir haben freilich ihre ganze Schulbildung von unserem sechsten bis zu unserem vierzehnten oder sechszehnten Jahre in einer streng disciplinirten Schule erhalten, in welcher wir mit Knaben gemeinsam unterrichtet wurden, ohne daß jemals der kleinste Anlaß vorgekommen wäre, diese Einrichtung zu beanstanden. Trotzdem will ich dieser Gemeinsamkeit der Schulen das Wort durchaus nicht reden; aber diejenigen Frauen, welche sich zu Arbeit und Gewerbe neben die Männer stellen wollen, noch von den Männern abzusondern, das hat keinen Sinn. Die Wissenschaft ist für die Frauen keine andere als für die Männer. Es war schon schlimm genug, jenes System der Frauenbildung, dem wir die zahlreichen »Weltgeschichten für höhere Töchterschulen«, die Literaturgeschichten und Philosophien »für die Frauen« zu verdanken hatten, und bei denen es darauf hinauslief, uns eben so viel ungefähres Wissen von den Dingen beizubringen, daß wir mit dem Anschein des Wissens von denselben, über dieselben mitsprechen konnten. Soll dieses System auf den Universitäten für die Frauen seine Fortsetzung erfahren? Oder sind es auch wieder Gründe der sogenannten Sittlichkeit, welche die Gründung besonderer Universitäten für die Frauen nöthig erscheinen lassen? Mich dünkt, wenn die Frauen emancipirt zu werden wünschen, müssen sie ihrer selber vor allen Dingen sicher sein, und es sich zutrauen, ihre Würde selbst zu wahren. Können und wollen sie dieses nicht, können sie sich nur im Theater, nur im Gesellschafts- und im Ballsaale, nur unter ihrer Mütter, Väter, Männer und Brüder Augen anständig behaupten, so müssen sie eben unter deren Aufsicht bleiben; aber es kann denn auch von ihrer Emancipation die Rede nicht mehr sein. Wer frei sein will, wer nach eigenem Ermessen handeln will, darf keinen Beistand, keine Vorrechte begehren, muß sich selbst genug sein, und tragen und leisten, was seine Mitgenossen leisten. Ich meine, nicht ein Jota von dem Wissen und Können, das der Staat von den Männern verlangt, die er in dem Dienste für das Allgemeine verwendet, soll den Frauen erlassen bleiben, die in gleicher Weise verwendet zu werden wünschen; denn Nachsicht und Bevorzugung sind eben auch nicht Gleichstellung, und nur die wirkliche Gleichstellung ist haltbar und förderlich, weil sie allein die Sicherheit gewährt, daß nur tüchtige und befähigte Frauen in die Reihen der arbeitenden Männer treten.

Ich glaube nicht, daß bei uns in Deutschland der Zudrang zu Emancipation, zu Handel, Gewerbe und Wissenschaft von Seiten der Frauen auf weit hinaus ein so großer sein wird, daß man darüber zu klagen haben dürfte; das hindert jedoch nicht, daß es gerecht und nothwendig ist, die Schranken fortzuräumen, welche die Frauen bisher davon zurückhalten konnten. Meine Schweizerin hat in ihrem Brief Recht: »mögen sie sich versuchen!« Und ich füge noch hinzu: Hat man den Frauen die Gleichberechtigung gewährt und sie verstehen sie nicht zu benutzen, so hat sie keine Gefahr für das Allgemeine gebracht, sondern nur denjenigen Recht gegeben, welche die Frauen der Emancipation für unwerth halten. Bewähren sich aber die Frauen in der Gleichstellung — um so besser für die Gesammtheit und für sie. Es kommt übrigens, wie ich es in diesem Briefe angedeutet habe, jeder Fortschritt, welchen die Gesetzgebung auf dem Wege der Freiheit macht, den Frauen auch jetzt bereits zu Hülfe und zu Nutzen; und es fragt sich eben deshalb, in wie weit es möglich oder statthaft und gerathen sei, den Frauen irgend einen Antheil bei der Wahl jener Männer zugestehen, welche in den Parlamenten die Gesetze berathen, denen — wie meine Amerikanerin es sehr richtig bezeichnet hat — die Frauen gerade so unterworfen sind als die Männer.





Dreizehnter Brief

Karlsbad , im August 1869.

Wenn und wenn und wenn! — Das ist eigentlich kein sehr geistreicher Briefanfang, aber er giebt in diesem Falle, wie die Vorzeichung auf einem Notenblatte, die Tonart an, aus welcher das Musikstück geschrieben ist; und was ich Ihnen in diesem und dem Schlußbriefe noch zu sagen habe, beruht denn auch in der That auf einer Reihe von Voraussetzungen, die noch nicht erfüllt sind, die sich aber früher oder später erfüllen werden; denn die völlige Emancipation der Frauen ist nur noch eine Zeitfrage. Sie geschieht einst so gewiß, wie alle die anderen Emancipationen, die wir unter unseren Augen haben zur Ausführung kommen sehen, und die am Ende des vorigen Jahrhunderts reichlich für eben so unberechtigt und unmöglich angesehen worden sind, als die Emancipation der Frauen jetzt den meisten Menschen gilt.

Wenn man vor achtzig Jahren der großen Masse der Deutschen es hätte sagen können, welche Aemter und Würden achtzehnhundert und neunundsechzig in Deutschland von Juden eingenommen und zur Zufriedenheit und mit Zustimmung der Gesammtheit von diesen Juden verwaltet werden würden, so würden damals die Leute daran eben so wenig geglaubt, und eben so viele anscheinend ganz plausible Unmöglichkeitsgründe dagegen aufgestellt haben, als jetzt gegenüber den Voraussagungen über die Frauen-Emancipation gang und gebe sind. Der Zweifel unterdrückt aber glücklicher Weise die nothwendige Entwickelung eines vernunftgemäßen Processes nicht — selbst wenn er sie vielleicht in ihrem Gange aufhält. Also mag man zweifeln, bis man in zwanzig, in dreißig oder in achtzig Jahren, den vollendeten Thatsachen gegenüber nicht mehr zweifeln können, und sich mit dem Spruche des ehrlichen Sancho Pansa: »Wenn’s ist, wird’s sein können«, beruhigen wird.

Daß Frauen, die eben so wie die Männer unterrichtet sind, die eben so wie die Männer für sich selber und für Andere arbeiten, die mit ihrer Arbeit der Gesammtheit nützen (schon indem sie für sich selber sorgen) und die von dem Ertrage dieser ihrer Arbeit dem Staate, wie die Männer, Steuern zahlen, eben so wie die Männer fragen dürfen und fragen müssen: »was machen die Verwaltungsbehörden des Landes, in welchem wir leben, mit dem Gelde, das wir steuern?« — das ist, dünkt mich, sonnenklar. Denn, wie ich es neulich dem Vereine der Frauen in Missouri schrieb, der unbestreitbare Grundsatz: »gleiche Rechte, gleiche Pflichten!« hat gar keinen Sinn, wenn neben ihm nicht als Zusatz der Grundsatz festgehalten wird: »gleiche Pflichten, gleiche Rechte!« — und meine Berner Corerspondentin irrt, wenn sie den Gedanken ausspricht, daß die Frauen nicht an die Wahlurne zu treten haben, weil sie nicht, wie die Männer, mit den Waffen in der Hand ihre Kriegsdienste leisten, sondern nur in den Lazarethen und an den Ambulancen thätig sind. Jeder leistet Kriegsdienste in dem Lande, das vom Kriege heimgesucht wird, und in einem Lande, das, wie das unsere, die allgemeine Wehrpflicht hat, leisten die Frauen, weiß Gott, ihre Kriegsopfer nicht minder als der Mann. Denn erstens tragen wir Frauen, die wir Steuern von unserem Erwerbe und Einkommen bezahlen, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, die erhöhten Steuern und die Einquartierungslasten gerade so gut wie die Männer; und mich dünkt, die Gattin, die Mutter, die ihren Mann, die ihre Söhne in das Feld ziehen, die den Ernährer verstümmelt, arbeitsunfähig und krank zurückkehren sehen, die vielleicht lebenslang mit schweren Sorgen die Folgen eines solchen Krieges nachzufühlen haben — des Herzeleids gar nicht erst zu denken — zahlen dem Staate die Blutsteuer eben so wie der Mann, und sind vollkommen eben so bei der Entscheidung über Krieg und Frieden betheiligt, wie der Mann, der sich mit seiner Brust dem Feinde direct gegenüber stellt. Ich könnte Ihnen dieses, wenn ich wollte, in sehr ergreifenden Bildern vor das Auge führen, aber der Raum, über den ich in diesen Blättern zu verfügen habe, ist immer nur ein beschränkter, und es werden unter den Lesern und Leserinnen dieser Briefe leider nur zu viele sich die Erläuterungen zu diesem Texte aus eigener trauriger Erfahrung machen können. Es ist keine der Siegesnachrichten während des letzten Krieges in unser Haus gekommen, ohne daß mir die Worte Theodor Körner’s:

 

Alle die Lippen, die für uns beten,
Alle die Herzen, die wir zertreten,
Tröste und schütze sie, ewiger Gott!

 

als eine Jugenderinnerung im Geiste erklungen sind; und ich werde nicht die Einzige gewesen sein, der dies geschehen ist.

Es giebt überhaupt keine Erscheinung in dem Leben eines Volkes, einer Nation, bei der die Frauen nicht eben so betheiligt wären, wie die Männer, da sie nicht außerhalb der allgemeinen Lebensbedingungen, nicht außerhalb des allgemein gültigen Gesetzes stehen; und es giebt Gesetze, bei deren Berathung man nothwendig die Meinung der Frauen hören müßte, wie es Verbrechen giebt, bei deren Beurtheilung ebenfalls Frauen zu Rathe gezogen werden müßten. Ich denke z. B. an die Ehescheidungsgesetze, an die Gesetze über Errichtung von Findelhäusern, an Verbrechen wie der Kindesmord u. s. w. Man spricht beständig von den ganz besonderen Feinheiten und Eigenthümlichkeiten der Frauennatur und unterwirft diese so besonders fein organisirten Wesen den Gesetzen, welche das weniger fein organisirte Männergeschlecht nach seinem gröberen Empfinden — und man kann in vielen Fällen sagen, sehr zu seinem persönlichen Vortheil — ausgearbeitet hat. Das ist nicht gerecht und wird darum nicht immer also bleiben.

Ganz ebenso verhält es sich auch mit den Gesetzen über die Selbständigkeit der Frauen in der Ehe, in Bezug auf ihren ererbten Besitz und auf ihren Erwerb. Es sind diese bei uns in den verschiedenen Provinzen, so viel ich weiß, verschieden, und ich meine, bei uns in der Mark ist die Gemeinschaft der Güter und des Erwerbes ausgeschlossen, wo sie nicht besonders festgestellt wird. Trotzdem bleibt die Frau unter einer gewissen Vormundschaft des Mannes, und es bedarf eines eigenen freilassenden Actes von Seiten des Letzteren, um der Frau ein selbständiges Handeln in ihren Geld- und Geschäfts-Angelegenheiten zu ermöglichen. Die geistvollste, bestunterrichtete Frau hat sonst für die Vollziehung gerichtlicher Acte einen männlichen Beirath nöthig; während ihr Hausknecht dieselben Acte selbständig, und wäre es mit Unterzeichnung von drei Kreuzen, auszuführen berechtigt ist.

Und mit Erwähnung des Hausknechts — kommen wir denn auch auf geradem Wege wieder an die Wahlurne zurück.

Man sagt überall und immer: »Die Politik ist nicht Sache der Frau, die Politik ist Sache des Mannes!« Es giebt keinen noch so beschränkten und unwissenden Mann, der diesen Satz nicht mit angeerbter Geläufigkeit und mit wundervollem Selbstgefühle auszusprechen verstände, und nur eine Anzahl bedeutender Männer, die nicht an diesen landläufigen Grundsatz glauben, weil Männer und Frauen nicht Collectivbegriffe sind, wie Wasser, Mehl, Sand u. s. w., bei denen ein Tropfen und ein Korn so ziemlich dem anderen Tropfen oder Korne gleich ist. Elisabeth von England, Maria Theresia, die Herzogin von Weimar, die Königin Victoria von England und die Modethörin, die ihrem Schooßhunde ein blaues Band in den Behang knüpft, wenn sie ein blaues Kleid trägt, und ein rothes, wenn sie ein rothes anzieht, sind sammt und sonders Frauen; aber es hat, weil diese Letztere eine Närrin ist, Niemand an der Regentenfähigkeit jener königlichen Frauen gezweifelt. Die Bourbons in Frankreich und in Italien hinwiederum waren Männer, und es hat diese geschlechtliche Eigenschaft so wenig einen ausreichenden Einfluß auf ihre politische Einsicht und ihre Herrschertugenden gehabt, daß die Völker sich ihrer überall entledigen mußten, um bestehen und gedeihen zu können. Und wie wir in unseren Staatsgesellschaften Männer haben, deren geistiger Gesichtskreis nicht eben weit über ihren Bart hinausgeht, so ist auch unser Vaterland nicht arm an Frauen, deren Verstand stark und ausgebildet genug, deren Blick scharf und weittragend genug ist, sich mindestens mit einer sehr großen Anzahl der stimmberechtigten und der wählbaren Männer messen zu dürfen.

Vor etwa fünfzehn oder sechszehn Jahren, als ich meinen Roman »Wandlungen« veröffentlicht hatte, ließen die Journale der Dichtung, die einen politischen Hintergrund hatte, wie denn im wahren Sinne des Wortes jede Lebensäußerung eines Volkes diesen Hintergrund hat und auf ihm beruht, mehr oder weniger Gerechtigkeit widerfahren, je nach ihrem Parteistandpunkte; aber man gab es mir doch von der und jener Seite zu bedenken, und ernstlich zu bedenken, »daß Politik nicht die Sache der Frau sei und daß eine Frau von Politik nichts verstehen könne«. Natürlich habe ich nichts darauf erwidert, denn die Kritik, und namentlich die, die sich nicht nennt, ist stets unfehlbar. Aber ich habe mir doch in aller der mir zustehenden Bescheidenheit gesagt: Zugegeben, daß meine politische Einsicht nicht so groß ist, als die der königlichen Frauen, die das Regieren freilich auch nicht auf besonderen Universitäten erlernt hatten, so groß wie die Einsicht des Droschkenkutschers, des Stiefelputzers, des kleinen Bierwirthes oder des Schuhflickers, deren Tage in der immer gleichen Arbeit und deren Abende in dem Bierhause hingehen, bis sie eines schönen Morgens ihre Beschäftigung für drei Stunden liegen lassen, um an die Wahlurne zu treten, so groß ist meine Einsicht ganz gewiß. Und wenn ich dann die langen Register all der kleinen Beamten, kleinen Kaufleute und kleinen Gutsbesitzer, der Kreisschreiber, Kreisrichter und geistig niedergehaltenen Schullehrer und Dorfgeistlichen gelesen habe, die ich aus den entlegensten Provinzen der Monarchie als Wahlmänner, oder gar als welt- und lebensfremde Deputirte aus den Wahlen habe hervorgehen sehen, so habe ich oftmals in dem großen Kreise bedeutender Frauen umhergeblickt, mit denen mein Leben mich in unserem Vaterlande und außerhalb der Grenzen desselben in Verbindung gebracht hat, und ich habe mich gefragt: diese niedrigstehenden ununterrichteten Wähler, diese beschränkten weltfremden Wahlmänner, diese nur als Stimmen bedeutenden Deputirten haben sammt und sonders Rechte, die ihnen ihrer Einsicht nach nicht zukommen und die sie nur besitzen, weil sie Männer sind; und diese gleichen Rechte werden, mit Ausnahme der fürstlichen Frauen, auch den geistig befähigtsten, sowie den durch ihre Arbeit unabhängigen Frauen vorenthalten, nur weil sie Frauen sind. Ist das ein Grund? Ist das gerecht? Und wird und muß das immerfort so bleiben? — Fühlten die Frauen auf den Thronen sich nicht so hoch über uns Andere erhaben, daß sie nicht darauf verfallen, sich in die Schranken der Allgemeinheit hineinzudenken, so müßten gerade sie es sein, welche für die Emancipation der Frauen einträten, und vielleicht ist es der edlen königlichen Frau, die jetzt auf Englands Throne sitzt, noch einst vorbehalten, die Parlamentsacte zu unterschreiben, welche den Frauen Englands das Stimmrecht zuerkennt. Denn in England ist die Bewegung zu Gunsten der Frauen-Emancipation bereits sehr lebhaft und es stehen große Namen, große Staatsmänner an ihrer Spitze.

Die jetzige staatliche und gesellschaftliche Stellung der Frauen ist aber auch eine wahre Musterkarte von Widersprüchen. Es wird zugegeben, daß die körperliche und geistige Entwickelung — ich brauche diese Bezeichnung, weil sie der Mehrzahl der Menschen die geläufigste ist — der Frauen eine schnellere ist, als die der Männer. Tritt nun das sehr unzulänglich unterrichtete Mädchen mit sechszehn Jahren in die Gesellschaft ein, so ist es mit einem Male in einer Weise emancipirt, von der für den gleichaltrigen, besser unterrichteten jungen Menschen keine Rede ist. Es spricht mit über Alles und Jedes; und weil der Mund frisch ist, mit dem es seine Nichtigkeiten sagt, und die Zähne weiß sind, die es zeigt, wenn es endlich einmal gezwungen wird, seine eigenen Dummheiten zu belachen, so lassen die Männer sich diese Albernheiten wie die Zudringlichkeiten eines kleinen Hundes mit spielendem Leichtsinne und aus Geringschätzung gefallen, ohne zu bedenken, daß sie damit die schlimmsten Fehler in dem Charakter der Frauen groß ziehen: die Selbstüberschätzung und die Nichtachtung vor der Bedeutung und dem besseren Wissen der bestunterrichteten Männer. Ich habe einmal dabei gesessen, als ein neunzehnjähriges Mädchen seine Ansicht über Goethe und die Goethe’schen Romane mit großer Entschiedenheit geltend zu machen suchte, während Heinrich Simon, Adolf Stahr und Johann Jacoby das Thema durchsprachen und ihr aus Höflichkeit das Mitsprechen nicht versagten, bis endlich meine Bemerkung: »wo drei solche Männer sprechen und ich zuhöre, um zu lernen, könntest Du wohl still sein!« die kleine alberne Person zum Schweigen brachte.

Unsere jungen Mädchen, unsere jungen Frauen haben in der Masse ein außerordentlich starkes und bis jetzt völlig unberechtigtes Selbstgefühl, das in gar keinem Zusammenhange mit dem von ihnen beliebten Grundsatze steht, daß die Frau in der Ehe ganz in ihrem Manne aufzugehen habe. Diesen Grundsatz hält bei uns die Sitte sogar bis auf den Namen der Frauen fest. Die deutsche Frau verliert ihren Familiennamen an dem Tage ihrer Trauung. In der Schweiz fügt der Mann häufig den Familiennamen seiner Frau dem seinigen hinzu, wie das bisweilen auch bei uns geschieht, aber nur, wenn die Frau gerade einer Familie angehört, zu welcher sich rechnen zu dürfen dem Manne Ehre oder Vortheil bringt. Und alle jene Mädchen, die sich als Mädchen anmaßend genug den Männern gegenüber geltend zu machen wissen, haben bei uns doch noch nicht Selbstachtung genug, auch nur ihren Namen beibehalten zu wollen, wenn sie aus der Hand ihrer Väter in den Besitz ihrer Männer übergehen; denn mehr als einmal habe ich, wenn ich den Frauen meiner Bekanntschaft den Rath ertheilte, daß sie doch ihren eigenen Familiennamen neben dem ihrer Männer führen sollten, den Bescheid erhalten: »Ich bin nur eine schlichte Frau, und will nichts sein, als meines Mannes Frau!«

Das klang sehr bescheiden, konnte sogar rührend klingen; indeß viele dieser »schlichten Frauen« machten sich, eben weil ihnen das Verständniß für die Bedeutung ihrer Männer völlig abging, in der Ehe in einer Art und Weise zu Herren und Meistern ihrer Männer, die nicht zu begreifen und nicht zu erklären gewesen wäre, ohne die Unwissenheit und Unbedeutendheit der Frauen, und ohne den thörichten Glauben der Männer, daß sie von unbedeutenden Frauen nichts für sich und ihre Selbständigkeit zu fürchten haben, sondern der Unterordnung ihrer Frauen sicher sein dürfen. Sehen Sie aber um Sich, lieber Freund, und fragen Sie Sich selber: wie groß ist die Zahl von unbedeutenden Frauen, die ihren bedeutenden Männern gegenüber wahrhaft bescheiden sind? Und blicken Sie Sich um in den Ehen, in welchen bedeutende und selbständige Frauen neben tüchtigen Männern leben — ich glaube, Sie werden in diesen letzteren Ehen weit mehr ehrliche, freiwillige Unterordnung unter jedes bessere Wissen des Mannes, weit leichteres und freudigeres Verzichten auf eine Menge von Ansprüchen finden, als im ersteren Falle. Halten wir deshalb vor Allem nur das Eine fest und für immer fest: Wissen und Bildung, freie Einsicht in die Verhältnisse des Lebens, freie Entfaltung aller Kräfte, Theilnahme und Mitwirkung an dem Allgemeinen, die den Mann erheben und veredeln, müssen die gleiche Wirkung auch auf die Frau ausüben; und mit der allmählich wachsenden Emancipation der Frauen werden die Beispiele für diese meine Behauptung fraglos wachsen.

Leider ist aber bei Weitem nicht das Wichtigste damit gethan, daß man die Frauen durch Gesetze emancipirt, so lange sie sich nicht von sich selber und ihren bisherigen Gewohnheiten emancipiren. Und mit der Erklärung, was ich mir unter diesen Worten denke, schließe ich in meinem nächsten Briefe über dieses Thema für das Erste ab.





Vierzehnter Brief

Karlsbad , im August 1869.

Eigentlich müßte dieser Brief schlechtweg die Aufschrift führen: »An die Frauen«, denn was ich jetzt in diesem Schlußbriefe noch zu sagen habe, hat mit der Zustimmung der Männer nichts zu thun, obschon es wahrscheinlich auf dieselbe rechnen darf; es liegt ausschließlich in der Einsicht und in dem Belieben der Frauen selber, was sie davon zur Ausführung bringen wollen und was nicht.

Ich habe in allen den vorhergehenden Briefen der allmählichen Gleichstellung der Frauen mit den Männern aus vollster Ueberzeugung das Wort geredet, wenngleich ich mir, wie ich Ihnen sagte, wohl bewußt war, daß ich in diesem Augenblicke damit keineswegs die Ansichten und die Verlangnisse aller Frauen ausgesprochen habe. Denn, wenn ich mir die Frauen ansehe, denen ich in den Straßen unserer Städte, in den Badeorten, in den Theatern, und in den Sälen unserer Gesellschaften begegne, so frage ich mich freilich selber unwillkürlich: Kann man denn wirklich ernsthaft an die Emancipation der Frauen denken?

Nicht etwa, als ob die fehlende Körperkraft der Frauen oder ihre gelegentlichen Kränklichkeiten mir diesen Zweifel einflößten! Es ist ja mit der Emancipation der Frauen nicht gesagt, daß sie nun Alle Gewerb und Erwerb treiben, oder daß sie Grobschmiede und Locomotivführer werden sollen. Dazu giebt es, beiläufig bemerkt, auch viele kränkliche, von Nervenleiden, von Migränen, von allen möglichen kleinen und großen Unbequemlichkeiten schwer geplagte Männer, die eben so wenig wie die Frauen Grobschmiede oder Locomotivführer werden, die um ihrer Kränklichkeit willen auch diesem und jenem Amte nicht vorstehen können, ohne daß man deshalb es für nöthig erachtet hätte, diese Männer von der Gleichberechtigung mit den anderen stärkeren und robusteren Männern auszuschließen. Virchow, Humboldt, Rauch, Meyerbeer und Cornelius sind und waren stimmberechtigt so gut wie jeder Steinklopfer und Zimmermann.

Meine Bedenken liegen auf einer anderen Seite; und ich möchte eine große Anzahl von Ihnen, meine Leserinnen, fragen: Glauben Sie, daß ein verständiger Mann Ihnen irgend eine ernsthafte Bedeutung zutrauen kann, wenn er Sie auf Stelzenschuhen, in einer Kleidung, die von hinten und von vorn in ihren Aufbauschungen aussieht, als wäre ein altes Gardinenbett Ihr Schönheits-Ideal und als ließen Sie Ihre Kleider bei dem Tapezierer machen — glauben Sie, daß man Ihnen einen ernsthaften Gedanken zutrauen kann, wenn man sieht, wie es keine Abgeschmacktheit in Kleidung und Frisur mehr giebt, die Sie mitzumachen und wo möglich noch zu übertreiben, nicht sofort beflissen wären, um durch diese Uebertreibung die Blicke der Männer auf Sich zu ziehen? Kann ein Mann Sie in diesen »Costümen« oder in Ihren Salon-Toiletten, die in allen Farben des Regenbogens schimmern, wirklich für seines Gleichen halten? — Ich versichere Sie, es fällt das selbst verständigen Frauen und Mädchen häufig schwer genug.

Man sagt freilich: andere Zeiten, andere Sitten, und die Frauen haben seit den letzten dreißig, vierzig Jahren viel an Freiheit des Beliebens gewonnen; aber Sie wollen doch Alle mehr oder minder festhalten an den alten Herkommnissen der deutschen Zucht und Sittsamkeit; wie ist es Ihnen also möglich, in den Straßen zu erscheinen, wie Sie es thun? — Ich traf neulich bei einem Besuche, den ich in einer angesehenen Familie zu machen hatte, eine dem Adel angehörende Frau mit ihrer Tochter, die ebenfalls eine Visite in dem Hause abstatteten; und die Unterhaltung der Mütter und der im neuesten Geschmack oder besser Ungeschmack gekleideten Töchter beider Familien wendete sich nach wenig Augenblicken auf die wachsende Sittenlosigkeit und Zudringlichkeit der jungen Männer aus den gebildeten Ständen. Es hieß: ein Mädchen könne nicht mehr unbegleitet durch die Straßen gehen, ohne von den unehrbaren Anträgen der Männer beleidigt, ohne von ihnen verfolgt zu werden u. s. w. — Ich hörte ruhig zu und dachte an so manches junge Frauenzimmer, dessen bescheidene Tracht es vor ähnlichen Erfahrungen bewahrt; aber des Zornes und der Empörung unter jenen Frauen war kein Ende, bis ich endlich die Bemerkung machte: »Aber wenn Sie Sich so auffallend und noch auffallender kleiden, als die Frauenzimmer, für die Sie nicht gehalten sein wollen, so können Sie Sich doch nicht darüber wundern, daß man Sie für solche Frauenzimmer hält?« Sie sahen mich sammt und sonders an und schwiegen; nur die eine der beiden Mütter gab mir Recht.

Sie tragen Bänder um den Hals, die weit hinter Ihnen her flattern, diese Bänder heißen in der Sprache der Modisten »suivez-moi«, und Sie wundern Sich, daß man Ihnen nachgeht! Sie tragen Cocarden hinten mitten auf den Röcken, die den Namen führen »protegez-moi«, und sind erstaunt, wenn man sich gemüssigt fühlt, Ihnen diesen Dienst zu leisten! Ihre ganze jetzige Tracht, von Ihren kürbißförmigen Frisuren bis zu Ihren chinesischen Schuhen, ist die Erfindung der verrufensten französischen Frauengesellschaft, und Sie setzen Ihren Stolz darin, es dieser gleich oder noch gar zuvorzuthun. Sie würden es vielleicht unschicklich finden, vielleicht Bedenken tragen, neben ernsthaft arbeitenden oder studirenden jungen Männern zu den Füßen eines Lehrers als Lernende zu sitzen, und Sie reizen durch Ihre auffallende, Ihre Gestalt völlig Preis gebende Kleidung auf der Straße die Begehrlichkeit jedes Vorübergehenden, und erschrecken dann wie die Kinder, und klagen wie die Kinder über die nothwendigen Folgen Ihres eigenen thörichten Thuns! Sie fürchten, ernstes Arbeiten neben ernsten Männern könne jenen mysteriösen Hauch der zartesten Weiblichkeit von Ihnen abstreifen, und Sie setzen ihre wahre Weiblichkeit und Würde alltäglich ganz freiwillig wahrhaft kränkenden Berührungen und Beleidigungen aus.

Aber nicht genug, daß die jetzigen Trachten fast durchgehends schamlos sind, sie sind neben ihrer völligen Unzweckmäßigkeit — ich denke nur an Ihre sogenannten Hüte — auch von einer Kostbarkeit, welche die Mittel der meisten Familien um ein Bedeutendes übersteigt; und es wird aller Orten an traurigen Beispielen nicht fehlen, in denen die Putzsucht und der Luxus die Töchter in Schande gestürzt, die Väter zu Ausgaben verleitet haben, an denen sie zu Grunde gegangen sind. Als in ... der Bank-Director wegen Cassen-Defecte in das Gefängniß wandern mußte, schob man sein Verschulden schließlich auf den Luxus seiner Frau und Töchter; und ganz neuerdings sagte mir in einer Gesellschaft ein Banquier, während eine Dame in Brillanten starrend vor uns stand: »Die Brillanten und die points d’Alençons, welche diese Frau heute an sich hat, sind weit mehr werth, als ich ihrem Manne borgen würde!

Es ist geradezu lehrreich und dem Auge wohlgefällig, wenn man einmal die Mode-Journale vom Anfange der vierziger Jahre unseres Jahrhunderts in die Hand nimmt, um sie mit den jetzigen Trachten zu vergleichen. Wir liebten es damals auch, uns zu schmücken, wir suchten in den Sälen, in denen wir uns in einer uns bekannten Gesellschaft bewegten, eben so wie Sie, zu gefallen und durch die Eigenartigkeit unserer Toiletten aufzufallen, aber alte und junge Frauen der gesitteten Gesellschaft hielten an dem Grundsatze fest, daß es für eine Frau, die sich selber achte, nicht anständig sei, in der Straße durch Kleidung aufzufallen. Sah man in der Straße eine auffallende Tracht, so wußte man, was man von ihrer Trägerin zu halten habe. Jetzt — nicht einmal, nein, alltäglich — fragen wir uns bei unseren Spaziergängen, ob das wohl anständige Frauenzimmer sind, und wir sind oft ganz verwundert, wenn man dies bejaht. — Die frühere Straßenkleidung war bescheiden, die jetzige ist frech. Jene Kleider hatten eine schickliche Länge; sie reizten nicht durch ihre Kürze und ärgerten nicht durch das Herumzerren der kostbaren Stoffe durch den Straßenkoth. Die Farben waren durchweg anspruchslos, die reichlichen Falten der Röcke fielen, sich dem Körper anpassend, von der Taille nieder, die Garnirungen waren mäßig, die Hüte saßen auf dem Kopfe und rahmten das Gesicht ein; und man würde das Frauenzimmer für wahnsinnig, ganz entschieden für wahnsinnig gehalten haben, das ohne Shawl oder Mantille, das ganz unverhüllter Gestalt, oder vollends mit einem Thurmbau von falschen Haaren, wie er jetzt beliebt ist, durch die Straßen gegangen wäre. Dabei fragt man sich noch obendrein ganz unwillkürlich: Wen wollen Sie denn täuschen mit dem Haarschmuck, den wir Alle, die Männer sowohl als die Frauen, fix und fertig, mit Chignon und Kamm und Cavalierlocken, zu so und so viel Thalern an dem Fenster jedes beliebigen Friseurladens zum Kaufe hängen sehen? Es taxirt ja jede Frau die Herrlichkeit dieses Ihres Haarwuchses bei Heller und Pfennig richtig ab — und es leben doch ein gut Theil verständiger junger und älterer Männer unter uns, die sich die Frage aufwerfen: Wie viel Tage, wie viel Monate muß der Mann arbeiten, wie viel Waare muß er umsetzen, wie viel Artikel muß er schreiben, ehe er die Mittel zur Bekleidung eines solchen Frauenzimmers herbeizuschaffen vermag?

Neben diesen verständigen Männern geht nun, um das Unheil voll zu machen, auch noch die ganze große Zahl aller der unbemittelten Männer und Frauen durch die Straßen, die mit ihrer schweren Arbeit kaum des Lebens Nothdurft für sich und die Ihren zu erwerben fähig sind. Glauben Sie, daß diesen Menschen bei Ihrem Anblick und wenn sie an den Schaufenstern die Preise Ihrer Kleidungsstücke und Frisuren lesen, nicht alltäglich und allstündlich der Gedanke kommen muß: Mit dem Gelde, das eine solche Schärpe, ein solcher Haaraufsatz kosten, könnte ich meine Kinder kleiden, könnte ich mit den Meinen mehr als eine Woche leben; mit dem Geldwerthe dieses Schleppkleides und dieser weißen Röcke, die den Straßenkehricht fegen, wäre dir für Monate geholfen und deine kranke Frau könnte sich einmal in Ruhe auscuriren lassen!

Es fällt mir nicht ein, und wird keinem vernünftigen Menschen einfallen, daß diesem Zuschautragen der Verschwendung jetzt, so wie in früheren Zeiten, durch eine den Luxus beschränkende Kleiderordnung entgegengearbeitet werden könne; aber man hat in England sehr wohl daran gethan, gewisse Arten von Luxus sehr hoch zu besteuern, und ich sehe das geflissentliche Zurschautragen einer sinnlosen Verschwendung in den Straßen niemals ohne den Gedanken an, daß dies recht eigentlich das Verbrechen »der Aufreizung der Stände gegen einander ist«, welches unsere Gesetze schwer bestrafen, wo es mit dem gedruckten oder dem gesprochenen Worte, und nicht, wie durch Ihren Luxus mit der That geübt wird. Kann irgend etwas die Arbeiter herausfordern, mit Recht eine Lohnerhöhung zu verlangen, so ist es sicherlich die jetzige Verschwendungssucht der Frauen aus den sogenannten besitzenden Ständen; und es ist wirklich an der Zeit, daß die ernsthaften und gutdenkenden Frauen sich zusammenthun, um durch ihr Beispiel diesem ihr eigenes Geschlecht mehr und mehr herabziehenden Gebahren entgegenzuarbeiten. Wir haben nicht nöthig, zu Quäkerinnen zu werden, wir brauchen nicht auf das Vergnügen zu verzichten, in schönen Stoffen und in edlem Schmucke so vortheilhaft für unsere Gestalt als immer möglich zu erscheinen; aber wir verdienen es nicht, die Achtung, welche man den deutschen Frauen um ihrer Zucht und Sitte willen zollt, fernerhin für uns zu heischen, wenn wir nicht aus freier Erkenntniß ausüben, was sonst das Gesetz gebot, wenn wir uns nicht von der Nachahmung einer fremdländischen und sittenlosen Frauenwelt emancipiren, in der Alles hohl und Alles leer und Alles käuflich ist, wie jene Frauenzimmer selber.

Beginnen Sie also vor allem Anderen mit diesem Werke der Selbstemancipation — oder der Emancipation von Sich selbst und von Ihrer Eitelkeit und Putzsucht —; Sie alle zunächst, denen es um die wirkliche Erhebung unseres Geschlechtes Ernst ist. Glücklicherweise zählt unser Vaterland der besonnenen Frauen und Mütter noch genug, hat es noch Mädchen genug, die einen sittlichen Idealismus in sich tragen. Beginnen Sie also das Werk dieser Emancipation, und Sie werden sicherlich dafür in Ihren Familien, von Ihren Vätern, Ihren Brüdern, Ihren Männern des Dankes nicht entbehren. Wenden Sie nur den dritten Theil des Geldes und der Zeit, die Sie jetzt an Ihren und Ihrer kleinen und großen Töchter Putz verschwenden, auf gute Bücher und auf deren Lesen, und Sie werden Sich und ihren Männern und Ihren Vätern das Leben verschönern und die Last und die Sorgen des Alters erleichtern. Sie werden dann auch sicherlich in wenig Jahren den Vorstellungen sehr geneigt werden welche ich Ihnen in diesen Briefen gemacht habe; und wollten Sie einen Verein begründen, der dem sinnlosen Kleideraufwand, als ein neuer Mäßigkeitsverein, entgegenträte, so würden Sie wirklich etwas Gutes stiften. Es sind oft große Dinge aus kleinen Anfängen hervorgegangen; und da jetzt bereits edle, hochgesinnte Männer für die Emancipation der Frauen thätig sind, ist es da nicht an den Frauen selber, jenen Männern durch ihre Selbsterziehung soweit als immer möglich vorzuarbeiten? Ist es nicht die Pflicht der Frauen, jenen Männern entgegenzu gehen, um sobald als möglich die hülfreiche Hand ergreifen zu können, die ihnen von dem männlichen Gerechtigkeitsgefühle dargeboten wird?

Es ist erhebend, wie der großherzigste Vertheidiger der Frauenrechte, wie John Stuart Mill, in verschiedenen seiner Schriften für die Frauen eintritt, und es ist rührend, die Worte zu lesen, mit welchen er seine gesammelten kleinen Schriften dem Andenken seiner verstorbenen Gattin weiht. »Sie brachte jeder Gesellschaft,« so sagt er von ihr, »in welcher sie erschien, in ihrer Person Licht und Leben und Anmuth mit, und doch war der Grundzug ihres Wesens ein gewaltiger Ernst, der aus dem Zusammenwirken der stärksten und tiefsten Gedanken und der erhabensten Empfindungen entsprang. Alles, was einzeln in Einzelnen gefunden, Bewunderung erregt, schien sich in ihr vereint zu haben: ein zartes und gesundes Gewissen, eine nur durch ihr Gerechtigkeitsgefühl beschränkte Großmuth, die trotzdem oftmals über ihre Absichten, doch niemals über die der Anderen hinausging; ein so großes und liebevolles Herz, daß Jeder, der nur die kleinste Entgegnung zu gewähren vermochte, zehnfach wiederempfing, was er geboten hatte. Dazu eine Stärke und Wahrheit der Einbildungskraft, eine Feinheit der Wahrnehmung, eine Genauigkeit und Bestimmtheit der Beobachtung, denen durch die Tiefe ihres speculativen Geistes und durch ein fast unfehlbares Urtheil in allen praktischen Dingen das Gleichgewicht gehalten wurde. Die Erhabenheit ihres Geistes war so groß, daß die höchsten Ausdrücke der Dichtkunst, der Beredtsamkeit und der Künste überhaupt, neben ihr nur als etwas Natürliches, ihrem ganzen Wesen Angemessenes erschienen etc.«

Nicht wahr? Es ist etwas Erstrebenswerthes für ein Weib, ein ähnliches Anerkenntniß, ein ähnlicher Nachruhm von den Lippen eines edeln, großen Mannes! Es ist auch etwas Großes um das Wort von Abraham, Lincoln, der sicherlich kein Freund der Phrase war: »Nächst Gott sind es die Frauen, denen unser Land seine Errettung verdankt!« Mich dünkt, solche Lobsprüche sind am Ende doch wohl mehr werth, als das widerwillig gethane Zugeständniß der weiblichen Modewelt, daß man die eleganteste Frau des Ortes, oder wie die Pariser von ihrer Kaiserin sagen, die eleganteste Frau der Zeit gewesen sei.

Und nun zum Schlusse, mit meinem Gruße an die mir geneigten Leser, nur noch die Versicherung, daß nichts auf der Welt diesen Briefen ferner gelegen hat, als etwa ein Kämpfen oder ein Erringenwollen für mich selbst, als ein Plaidoyer in eigener Sache; denn die Emancipation, die ich den Frauen wünsche und für sie erhoffe, habe ich für meinen Theil, so weit sie mir für mich irgend begehrenswerth erschien, vollständig erreicht. Ich bin seit siebenundzwanzig Jahren mit meinem Leben und Lebensunterhalte einzig auf mich selbst gestellt gewesen, ich bin rechtlich frei, kann über meinen Erwerb und Besitz verfügen nach Belieben, und ich besitze einen Wirkungskreis, wie er meinen Fähigkeiten entspricht, meinen Neigungen gemäß ist. Ich habe die Wirksamkeit und Thätigkeit in unserem Hause und in unserer Familie wie jede andere Hausfrau und jede andere Familienmutter, ich habe Einfluß in einem großen Freundeskreise und besitze in der Presse das Mittel, meiner Ueberzeugung — dichtend oder rein didaktisch — Ausdruck zu geben, um derselben wo möglich Geltung zu verschaffen. Eine andere öffentliche Thätigkeit und Wirksamkeit habe ich für mich niemals angestrebt, ja, ich habe sie abgewiesen, so oft man mich auch aufgefordert hat, mich an die Spitze von Vereinen zu stellen, in Vereine einzutreten, oder gar öffentliche Vorträge zu halten. Ich bin nicht in der Gewohnheit eines solchen persönlichen Heraustretens erzogen, und es würde mich dieses eine Ueberwindung kosten, die mir aufzuerlegen ich keinen zwingenden Anlaß sehe. Das schließt aber nicht aus, daß anders erzogene oder begabtere und gelehrtere Frauen als ich ihren Platz auf dem Katheder einer Universität oder auf einer anderen hervorragenden Stelle sehr wohl behaupten könnten. Wie unsere Verhältnisse jetzt liegen, genügt es mir, die nicht mehr jung ist, wenn ich aus der Ferne, ohne daß Sie mich mit Augen sehen und mit Ohren hören, zu Ihnen sprechen kann. Ich würde es aber als ein großes Glück für mich erachten, wenn ich mit meinen Erörterungen Eindruck auf Sie machte, wenn ich Sie auf die Wege führen könnte, die Sie zu Ihrer Selbsterhebung einzuschlagen haben; ja, die Sie nothwendig werden gehen müssen, wenn Sie Sich nicht selber Ihrer Menschenrechte entäußern und, um mich eines Ihnen Allen geläufigen Ausdruckes zu bedienen, es nicht selber etwa anerkennen wollen, daß »Gott nicht den Menschen, sondern nur die Männer nach seinem Ebenbenbilde geschaffen habe,« wovon in der Bibel, in dem Buche, auf dessen Aussprüche Sie Sich mit Ihrem Glauben wie mit Ihrem Hoffen stützen, wahrlich nichts geschrieben steht.

Und somit für diesmal Lebewohl, und möchten diese Briefe eine gute Stätte bei Ihnen finden!





Fußnoten

1 Eisen-, Posamentier- und Quincaillerie-Waaren.

2 Es sind die sechs ersten dieser Sammlung.

3 Es wird in der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes (§ 106) nur gefordert, daß »bei der Beschäftigung der Lehrlinge gebührende Rücksicht auf Gesundheit und Sittlichkeit genommen werde.« Ist hiefür genügende Vorkehr getroffen, so steht der Aufnahme von Frauenzimmern als Lehrlinge durch das Gesetz jetzt nichts mehr entgegen.

4 Der Vorschlag ist schon Gesetz geworden.