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Emil Roland (Emmi Lewald) – Das Schicksalsbuch

Novellen

Emil Roland, Das Schicksalsbuch und andere Novellen, F. Fontane & Co., Berlin, 1904.



Die Etrusker.

In der bis zum letzten Platz gefüllten Aula drängte sich Kopf an Kopf eine bunte Menge – Studenten, Damen und sonstige Zugehörige der Universitätskreise, einige hohe Beamte in goldstarrenden, ordenbesäten Uniformen, bekannte Militärs, Journalisten und andere Hör- und Sehbegierige aller Art. Als die zum weiten Vorsaal führenden Türflügel sich unerbittlich schlossen und schon von der hohen Estrade herab die feierlichen Wellen eines lateinischen Chorals in den Saal hinunterfluteten, glitt auf einen hinter der letzten Bankreihe ganz im Fensterschatten aufgestellten Stuhl, ein wenig erschöpft und atemlos vom eiligen Erklimmen der breiten Treppen, eine schlanke Frauengestalt mit blassen, nicht mehr jugendlichen, aber noch reizvollen Zügen.

Durch den Schleier, den sie bis ans Kinn über das Gesicht gezogen, schweiften zwei blaue, dunkelumränderte Augen aufmerksam zu dem erhöhten Katheder hinauf, wo vor grünem Palmenhintergrund der schöne Gelehrtenkopf des berühmten Historikers sich wie ein gemeißeltes Denkmalshaupt erhob. Zur Rechten und Linken des Redners da oben, gleichsam zu seinen Füßen, aber doch noch auf erhöhtem Podium, zogen sich die Bankreihen hin, auf denen seine Kollegen, die Mitglieder der vier Fakultäten, in ihren feierlichen, togaartigen Amtstrachten Platz genommen hatten. Von hohem Reiz hätte es für einen Physiognomiker sein müssen, alle diese Profile zu studieren, die da so aufmerksam und unbeweglich zu diesem Katheder hinauflauschten, dicht nebeneinander aufgereiht wie die Profile einer interessanten Münzensammlung. So verschieden sie auch geprägt waren, die ernsten Männerköpfe – einen gemeinsamen Zug trugen fast alle diese meist bleichen Gesichter: den Zug geistigen Vermögens, der die Linien ihrer Gesichter selbst dann adelte, wenn sie weder fein noch außergewöhnlich gezogen waren. Man sah es diesen Köpfen an, daß die, auf deren Schultern sie saßen, alle auf dasselbe ernste, ja heilige Feld des Lebens gehörten.

Die Frauen dieser Männer, die in stattlicher Zahl die Bänke in der Mitte des großen Saales füllten, verband kein gemeinsamer Zug. Sie waren von da und dort, von Ost und West, aus den Reihen der Anmut und aus den »Bildern ohne Gnade« zusammengeweht. Sie repräsentierten, wenigstens in ihrer Mehrheit, keinen bestimmten Typus. Der Zufall hatte sie jenen klugen Männern da oben in den Weg geführt, der blinde Zufall, dessen Blindheit oft gerade die Klugen am wenigsten durchschauen. Alle Arten von Frauen schienen zwischen ihnen vertreten: neben der bloßen bonne ménagére der Hausehre nach altem Stil, die elegante Modedame mit wallendem Federhut, neben der einfach Liebenswürdigen die pedantisch strenge femms savante, die eine große Brille trug, lateinisch zu verstehen schien und gewiß Zarathustra zitierte. Dann hier und da, sparsam verstreut, einige feine Frauenköpfe, in deren Linien weibliche Anmut mit ausgebildetem Verständnis für geistige Dinge und die Bedingungen geistiger Arbeit verschmolzen schien, und in deren Besitzerinnen man wohl die beglückendste Art von Gefährtinnen gelehrter Eheherren vermuten durfte.

Zwischen allen diesen Frauen, die mehr oder weniger gespannt der Rede des neuen Kollegen zuhörten, schien die Frau auf dem Stuhl hinter der letzten Bankreihe zu einer besonders indifferenten Art zu gehören.

Und doch war gerade sie die Frau des Mannes da oben, zu dem die Hunderte vor ihr verehrend aufschauten, die Frau, welche vom Schicksal begnadet war, Lebensgefährtin des Forschers zu sein, dessen Namen nicht nur der engere Kreis seiner Fachgenossen, sondern seit einiger Zeit nun auch schon die weitere Öffentlichkeit pries, und der jetzt vor kurzem in der Berufung an die erste Universität des Reiches einen verdienten Lohn seiner Lebensarbeit erhalten hatte.

Professor Werther hielt heute bei feierlicher Gelegenheit seine erste öffentliche Rede. Sie war ein Ereignis für alle, denen die Wissenschaft am Herzen lag, deren Augen erschlossen waren für die Region des Geistes, die wie mit stillen Schwingen immer über dem lauten Tagesgetriebe dahinzieht, unsichtbar für die Menge, das eigentlich Wesentliche für die Eingeweihten.

Prüfend musterten die ernsten Männer, die – einer Porträtgalerie von Herkomer oder Lenbach vergleichbar – dasaßen, mit ernsthaft abwägenden Blicken den neuen Kollegen, der da, von frischem Ruhm getragen, zwischen sie getreten war.

Wahrhaftig, die Natur hatte an dieser Persönlichkeit nicht gegeizt. Den scharfen Intellekt hatte sie ihm gegeben, der wie eine Sonde tief hineingräbt in den Schutt, unter dem das verronnene Leben vergangener Völkerschicksale begraben ist, die Divinationsgabe des Poeten, dem zwischen den lückenhaften und verblaßten Lettern der Überlieferung das blühende Leben versunkener Zeiten mit überzeugender Deutlichkeit, daß es nur so und nicht anders habe gewesen sein können, entgegenleuchtet; Schönheit der Sprache, die sich unter seinem Willen in neue, überraschende Wendungen bog – und auch äußerlich eine Erscheinung, die an edle Porträts der Goethezeit erinnerte, adelige Linien, die sich doppelt markierten in dem bartlosen Gesicht, energische und doch weich geformte Lippen, die sarkastisch und schmerzlich erschienen und wie warmes Leben aussahen, während groß und still zwei verwachte Augen über die Wirklichkeit hinausblickten.

Natürlich – ein solcher Mann war auch Liebling der Frauen, so wenig Wert er selbst darauf legen mochte.

Ihm zuliebe hatten sie sich alle erwärmt für die von ihren sonstigen Interessenkreisen weit abliegenden Gebiete seiner Forschungen, die Frauen und Mädchen der süddeutschen Universität, aus der er kam, aus deren bergumfriedeter Stille ihn kein schmeichelhafter Ruf fortzulocken vermocht hatte – bis auf den letzten, den einen, den auszeichnenden Ruf auf den höchsten Platz, den sein Ehrgeiz erstreben konnte. Ob nicht bei gar mancher von ihnen der Zauber, den sie von ihm auf sich ausstrahlen fühlte, trotz allem gebrochen wäre, wenn sie einen tieferen Blick in die Eigenart dieser Gelehrtennatur hätte werfen können? Gleichviel! Er war immer das Ideal von so vielen gewesen, ein Ideal mit stolzem Nimbus und dem Charme der Unnahbarkeit.

Über diese Tatsache hatte der eine oder andere seiner neuen Kollegen früher, wenn er davon gehört, gelächelt, heute nahmen diese alle innerlich ihr Lächeln zurück. Wie er sprach, das manchmal beinahe Dithyrambische seines Vortrags, ja, das mochte weiblichen Ohren besser gefallen als den ergrauten Männern, hinter denen das Pathos ihrer eigenen Jugend längst verklungen war, aber was er sprach, das war geschöpft aus der klaren Tiefe einer großen Anschauung, – das war historische Goldmünze, die er selbst hervorgeholt hatte aus verwittertem Erdreich durch eigne Arbeit.

Unter seinen Worten lebte es waffenklirrend wieder auf, das stolze Volk der Römer. Wie ein Schauer lief es selbst den am modernsten gerichteten, altertumsfeindlichsten jungen Studenten über die Seele. So herrlich klangen die durch seine Rede gleichsam wieder lebendig gewordenen Namen der Vorwelt in die graue Gegenwart hinein. Wie ein heiliger Schatz hob sich die alte Kultur empor in den Gedanken der Hörer – und er erschien als ihr Schatzfinder, als Herold der gewesenen Größe. Es war, als habe der Mann da oben zu Tafel gesessen mit Numa Pompilius, als habe er mitgefochten vor den Toren von Veji, am See Regillus.

Seine Rede hielt alle Hörer in Bann.

Die Würdenträger des Staates, die auf den vorderen Bänken saßen und, wenn auch mit lebhaftem Interesse, so doch überwiegend mit der Empfindung gekommen waren, eine Pflicht erfüllen zu müssen – verwundert, überrascht horchten sie auf.

Die Stimme des Redners sank. Eine kurze Pause. Dann hob das schöne Organ sich von neuem, und klangreich tönte es in den Saal:


»Das Volk der Etrusker,
das tragische Volk . . .«


Die Frau auf dem Stuhl hinter der letzten Bankreihe, die Frau des großen Mannes, zuckte nervös zusammen. Ein junger, elegant gekleideter Dozent der Medizin, der neben ihr saß und nicht ahnte, in welcher Beziehung sie zu dem Redner stand, sah sie verwundert von der Seite an; sein Staunen wuchs, als er über das bleiche Gesicht mit einem Male etwas gleiten sah, was er in diesem Augenblick und auf diesen müden Zügen am wenigsten erwartet hätte: ein Lächeln, ein seltsames, kurzes, maliziöses Lächeln.

Der Privatdozent besah sich seine Nachbarin genauer. Ihr Schleier war etwas nachlässig um den einfachen Hut geschlungen. Ihr Haar – schönes, weiches, blondes, aber schon mit grauen Fäden durchzogenes Haar – achtlos frisiert, das Kleid von einem nicht gerade uneleganten, sogar etwas phantastischen, aber doch unmodernen, an die Provinz erinnernden Schnitt.

»Gewiß eine blaustrümpfige Philologengöre in höheren Semestern,« dachte er und beachtete sie nicht weiter.

Sie sah wieder so nichtssagend aus.

Und doch zog gerade jetzt ein Sturm durch ihre Seele – ein Sturm, der heraufbeschworen war durch die Worte ihres Gatten da oben:

»Ja, das Volk der Etrusker!«

Wie ein entfesselter Geisterschwarm stürzten mit einem Male, durch diese Worte gelockt, hundert Erinnerungen über sie her.

O, sie hatte Erfahrungen gemacht mit diesen alten Völkern!

Wenn sie gewollt, hätte sie auch Bücher über sie schreiben können, andere Bücher freilich, als sonst über historische Themata geschrieben werden – Bücher ohne historischen Inhalt, nur von Wert für den Psychologen – »documents humains« sozusagen.

Da war zuerst das Volk der Latiner.

Sie war noch ein ganz kleines Mädchen gewesen, als ihre Mutter starb; einsam war sie im Hause ihres Vaters, des Geschichtsprofessors an der kleinen, weltentlegenen nordischen Universität, aufgewachsen, der, weil er immer emsig und gewissenhaft arbeitete und mit Begeisterung an seinen Studien hing, auch an seine Größe glaubte und mit jedem Brief einen glänzenden Ruf erwartete, der doch nie eintraf.

Zur Zeit ihrer Geburt hatte sich ihr Vater mit den Griechen beschäftigt. Darum war sie Helena getauft – glimpflich genug für sie, denn wäre die Wahl zufällig auf Iphigenie oder Nausikaa gefallen, so wäre sie ja vor allen Schulfreundinnen unrettbar lächerlich gewesen.

Dann wandte ihr Vater sich Arbeiten über die Latiner zu. Sobald Helena fließend schreiben konnte, wurde sie zum Mundieren seiner schwer leserlichen Manuskripte verwendet.

Jahre um Jahre kopierte sie väterliche Arbeiten über »latinische« Themata. Wahrhaftig, wenn sie an ihre Jugendzeit zurückdachte, versank alles übrige Detail vor diesem Hauptbild: sie, das heranblühende, blondzöpfige Mädchen an dem alten, eichenen Tische sitzend, vornübergebeugt, das riesige Tintenfaß vor sich – schreibend, schreibend.

Natürlich hatte sie nicht immer geschrieben; sie besann sich auf lustig durchtollte Stunden mit wilden Mädchen im schattigen Grasgarten, wo zur Herbstzeit die Äpfel gleich goldenen Bomben auf den Rasen herniederkollerten. Sie erinnerte sich, daß sie später auch Gedichte gelesen und für den Frühling geschwärmt hatte, daß ihr Herz in jedem neuen Mai so seltsam freudig zu schlagen begonnen, als erwarte es vom erblühenden Lenz etwas ganz Besonderes. Sie wurde auch zuweilen ins Theater geschickt, wenn eine Wandertruppe in der kleinen Universitätsstadt mit leichtem Volk und buntem Repertoire einrückte – natürlich nur in klassische Stücke –, aber einmal passierte es doch, daß »Julius Cäsar« im letzten Moment wegen Brutus' Erkrankung abgesetzt und statt dessen »Rosenmüller und Finke« gespielt wurde – ein Glücksfall, den Helena so von Herzen genoß, daß die Mütter ihrer Freundinnen sie halb gerührt, halb mitleidig ansahen.

Fast jeden Herbst reiste der Vater, der sich alle andern Lebensgenüsse versagte, um dieser einen großen Leidenschaft frönen zu können, nach Italien; meist, wenn es irgend anging, bis nach »Latinum«, wie er gern sagte. Sie wurde indessen zu einer kränklichen Tante in eine nahe kleine Stadt geschickt.

Und wenn der Vater wiederkam, hatte er Heimweh nach Italien und war noch einsilbiger als sonst. Und dann ging das Abschreiben aufs neue an.

Ja, trotz allem andern – ein Strom von Tinte war doch der schwarze Faden gewesen, der durch ihre ganze Jugend lief –, die Tinte und die Latiner.

Sie hatte einen Haß auf diese Latiner!

Warum waren sie herniedergestiegen von ihren schönen Campagnabergen? Warum war Rom gegründet, diese unselige Stadt, die dem Nachgeborenen so endlose Arbeit macht, die ihr das Leben verdarb, ihr junges, erwartungsvolles und immer leer bleibendes Leben?!

Sie eignete sich eigentlich so wenig zur Gelehrtentochter. Wenn auch das Zusammenleben mit dem gelehrten Vater und die äußerliche Beschäftigung mit den ihn erfüllenden Dingen ihr einen gewissen literarischen Anstrich gegeben hatten, so war der doch nur ganz oberflächlich geblieben. In Wirklichkeit erschien sie schärfer Blickenden als ein leidlich begabtes, frisches, natürliches, einfaches Mädchen mit mancherlei kleinen Talenten, viel drängender Lebenslust und nicht wenig Hang zu romantischer Schwärmerei, – im ganzen ihrer Mutter ähnlich, die aus einer braven, kleinstädtischen Juristenfamilie stamm­te.

Eines Tages wurde sie fünfundzwanzig. Zwei ihrer Schulfreundinnen hatten schon geheiratet. Ihr war der Gedanke nie recht nahe getreten. Wen hätte sie auch heiraten sollen? Papas Jugendfreund, den Zoologen, der sie oft so komisch neugierig über die scharfen Gläser seiner Brille hinweg ansah?

Bewahre, sie wartete auf einen Mondscheinprinzen, auf irgend einen lustigen jungen Fant, der im stande wäre, mit ihr die alten Latiner auszulachen. »Still und wild« hätte er sein müssen, wie es im Goetheschen Gedicht heißt das ihr einen tiefen Eindruck gemacht hatte und mit dessen ritterlichen Helden sie oft heimliche zärtliche Zwiesprache pflog.

Als sie einmal an einem Lenzabend in das Zimmer ihres Vaters trat, die Hand voll fertiger Kopien, da stand ihr Schicksal vor dem Bücherregal der Studierstube – lang aufgeschossen, eine Gestalt von nachlässiger Haltung, mit einem Anflug von Vornehmheit, einem Gesicht von edlem Schnitt und seltsam ruhigen Augen, ein Gesicht, das es ihr antat auf den ersten Blick, so wenig Ähnlichkeit es mit ihrem »still und wild« hatte.

Das war der Privatdozent Werther, der den Plan seiner ersten großen Arbeit mit ihrem Vater besprechen wollte.

Ein guter Instinkt hatte den unendlich viel bedeutenderen Schüler zu dem alten Kämpfer geführt, dessen sichere Methode und tiefgründige Gelehrsamkeit ihm schon in jungen Studentenjahren imponiert hatten.

Der Alte ging mit Feuereifer auf die Gedanken Werthers ein, dessen Genialität ihm nicht verborgen blieb. Ein fast täglicher Verkehr entwickelte sich.

Wenn Helena in nachmittäglicher Dämmerstunde zu ihnen eintrat und das Kaffeebrett neben die Manuskripte auf den Studiertisch schob, sah sie die beiden Köpfe, den alten und den jungen, oft gespannt über einen schweren Folianten gebeugt, die Gedanken weit, weit fort in einer fernen Vergangenheit.

Dann aber kam eine Zeit, wo der Privatdozent aufzublicken begann, wenn Helenas leichter Fuß das Zimmer betrat. Er hatte sich erst in die sauberen, tadellosen Kopien der Exzerpte verliebt, die das blonde Mädchen allabendlich beim Licht der Studierlampe für ihren Vater niederschrieb, und dann in die Schreiberin selbst.

Es schlug die Stunde, wo er um sie anhielt.

In ihrer Seele loderte ein Freudenfeuer. Sie liebte ihn. Der Gedanke, fortzukommen aus dem alten, dunkeln Haus in die weite, blühende Welt, zu leben, die Hüllen der Alltäglichkeit zu sprengen, die ihr Dasein gefangen hielten, die Latiner in den Armen der Liebe zu vergessen – all das durchflutete sie mit Seligkeit.

Das junge, interessenlose Mädchen mit dem fehlenden Geschichtssinn, dem blonden Haar und dem griechischen Namen war glücklich.

Sie heirateten und reisten nach Italien.

Mit Staunen sah der menschenunkundige Doktor Werther, wen er eigentlich geheiratet hatte. Schnell und heftig war die Liebe in seinem unberührten Herzen aufgeflammt. Der Gedanke, über die Eigenart des jungen Wesens, das er mit raschem Entschluß an sich gekettet, nachzusinnen und sich klar über dasselbe zu werden, war ihm nicht gekommen. Nun saß da mit einem Male eine fröhliche, warmfühlende Frau neben ihm, die das Leben, diese schwere Sache, wie einen leichten Sonnenschirm auf der Schulter zu balancieren schien!

Das befremdete ihn erst. Er hatte das Gefühl, mit einem Wesen von einem andern Planeten zu reisen – allmählich aber taute etwas in ihm auf. Ihre Frische steckte ihn an. Allerhand begann in ihm aufzuleben. Er ging wie im Traum umher und fühlte den Bann irgend eines Zaubers in seiner Nähe.

Sie blieben ein paar Tage in Florenz. Die Medici hatten ihn nie besonders gefesselt; er widmete sich ganz Helena. Diese Florentiner Tage bedeuteten für sie den Höhepunkt ihres Glückes.

Dann fuhren sie nach Perugia. Der Anblick des Trasimenischen Sees regte den jungen Ehemann heftig auf; er redete stundenlang von der Schlachtordnung der Karthager, bis sie verzweifelt ausrief: »Laß doch den alten Hannibal!«

Er sah sie erschreckt an, aber er »ließ« ihn. Sie war so hübsch an diesem Tage, selber so goldumsponnen und nun noch vergoldet vom Sonnenrahmen Italiens.

Aber wenige Morgen später schon sollte sie fühlen, wie er ihren Händen entglitt.

Sie fuhren von den luftigen Höhen Perugias hinab in das zaubervolle Tal, durch das der Tiber düster und ruhevoll nach Rom hinunterzieht.

Es wogten in der Luft tausend Düfte. Sonnumzittert blitzte Assisi aus dem Dunst. Ein Wohlgefühl strömte über die ganze Erde. Irgend etwas bewog Helena, fröhlich in die blaue Luft hinein zu jauchzen. Er hörte es lächelnd, aber doch nur mit halbem Ohr. Seine Blicke schweiften unruhig von dem jungen, blühenden Weibe an seiner Seite auf die Linke des Weges, wo ihn etwas zu hypnotisieren schien – ein weißes, niedriges Tor, das da blendend in all dem Sonnenflimmer am Wege stand.

Wie ein Tor der Verheißungen erschien es ihm. Seine Wünsche hatten ihm schon so oft diese Schwelle vorgezaubert, wenn er droben in nordischen Nächten über seinen Büchern saß – diese schmale umbrische Schwelle, über die es hinabging in das alte Grabmal der Volumnier, jenes berühmten etruskischen Geschlechtes.

Ein alter Wächter kam über den Weg geschlürft. Wie Waffengeklirr rasselte sein Schlüsselbund, Doktor Werther war es, als hörte er etruskische Schwerter zusammenschlagen, – ganz hingenommen fühlte er sich vom Schauer der historischen Stätte, die er nun betrat.

Langsam knarrte die Tür. Wie eisiger Moderduft wehte es empor aus dem Dunkel. Langsam zündete der Alte seine Leuchte an und stieg vor ihnen treppab in das kellerkalte Gewölbe, über dessen geheimnisvolle feuchte Wände das flackernde Licht seine huschenden Streifen warf.

Helena fröstelte es in ihrem leichten, hellen Gewande; schaudernd zog sie ihren Reisemantel fester um die runden Schultern. Gräßlich schien es ihr zwischen diesen uralten Gräbern, in dieser versteinerten Totenwelt, unter diesen Schlangenhäuptern, die sich als Leuchter von der Decke bogen, unter diesem marmornen, seltsam feierlichen Medusengesicht, das da oben eingemeißelt war in die Decke vor mehr als zweitausend Jahren.

Was ging sie das alte Geschlecht an, das hier zu Grabe getragen war? Was kümmerten sie die toten Volumnier neben ihrem lebendigen Geliebten?

Er aber, der lebendige Geliebte, stand wie betäubt vor der großartigen Spur dieses früh unterjochten Volkes, vor dem steinernen Memento, welches das tragische Geschick des Etruskerstammes mit einem Male so deutlich und laut in seiner Seele wachrief. Schon oft hatte es ihn gereizt, sich auf etrurische Studien zu werfen, manche Vorarbeiten waren gemacht worden. Dann hatten andre Aufgaben ihn gefesselt. Die Schauer dieses Gewölbes aber packten den vorbereiteten, kundigen Sinn gewaltig wie mit unsichtbaren Geisterhänden. In Sekundenschnelle sah er die große Aufgabe vor sich, eine Arbeit, diesem glücklosen Volke geweiht, dessen Entwicklung früh und grausam zerrieben war zwischen den mächtigern Stämmen ringsum.

Das Spiel der Liebe? Ja, das hatte ihn hingenommen, solange er keinen »Stoff« mit sich herumtrug – nun aber! . . .

Der Bann wollte nicht weichen.

Als sie emporstiegen, hielt er die Hände vor sein Gesicht, so sehr blendete ihn das Licht der warmen Erde. Am liebsten wäre er da unten geblieben bei den alten Göttern, den etruskischen Toten.

Helena las ihm den Gedanken von der Stirn.

Als der alte Wächter die Tür zu dem Gruftgewölbe schließen wollte, war noch eine halbe Minute lang die unterirdische Welt sichtbar, über deren Eingang tiefdunkelgrüne Ranken eines nie zuvor gesehenen, wie aus dem Acheron stammenden Gewächses sich zart und fein zu einem seltsamen Reigen schlangen.

Kein liebevoller Blick war es, der aus Helenas blauen Augen zu den alten Volumniern zurückflog. Sie wußte jetzt, was mit ihrer Heirat erreicht war: sie hatte nur für die Latiner eingetauscht – die Etrusker.


* * *


Unter dem schwefelfarbenen Himmel eines Frühlingsgewitters, dunkelblau gegen den gelben Horizont gezeichnet, stieg vor Helenas Augen aus der heiligen Ebene Rom empor.

Das verhaßte Rom!

Wie eine Feindin schaute es ihr entgegen, wie eine mächtige Gewalt, gleich einer unheilbringenden Sphinx hingelagert zwischen den stillen Hügeln der Campagna.

Und fern im Hintergrunde blauten tief violett die Albanerberge, die waldumrauschten, seendurchblitzten Höhen, wo die Wiege des Römervolkes gestanden, – jene Berge, die sie so gut kannte aus den Manuskripten ihres Vaters, zu denen ihr Mann mit feuchtem Auge hinübersah, ohne ihren stummen Groll zu bemerken.

Natürlich tauchte sofort ihr Vater auf.  Er sah ganz anders aus wie zu Hause – so weich und verklärt, recht wie einer, der sich in der eigentlichen Heimat seiner Seele befindet.

Und die wissenschaftlichen Gespräche schossen wie zwei Ströme, die ihrer Vereinigung zustreben, rechts und links von der schweigenden Helena dahin. Umtönt von Gelahrtheit schritt sie durch das alte Rom, verständnislos für die Worte ihrer Begleiter – und die Begleiter verständnislos für sie, die einfache Tochter Evas, der zuweilen ein flanierender Römer, von ihrer frischen, blonden Jugend gefesselt, keck und bewundernd in die Augen sah.

Sie sehnte sich nach Liebe und bekam – Belehrung.

Was ihr in Rom gefiel, das war das bunte Leben des Korso mit seinen vielen schönen Juwelierläden und promenierenden Fremden, die Früchtemenge, das Landvolk in seinen königlichen Lumpen, die Wirkung der Sonne auf all die steinerne Leblosigkeit, das Träumen unter herrlichen Zypressen des Südens, durch deren dunkles Gezweig die Glycinie sich rankte wie ein buntflatterndes Band.

Aber das Tagesprogramm lautete anders. Drei Vormittage nahm man mit ihr das Forum durch, dies so entsetzlich ordentlich gemachte Forum, das so katalogisiert dalag wie ein beliebiges langweiliges Museum unter freiem Himmel.

Warum wucherte hier kein üppiges Unkraut? Warum weideten hier keine Campagnastiere mehr, keine Kühe mit Juno-Augen wie in den Zeiten des Campo Vaccino, gehütet von einem braunen, glutäugigen Hirten – »still und wild«? Weshalb nicht lieber Fieberdünste, aufbrodelnd aus romantischem Sumpfboden, statt dieser prosaischen Ordentlichkeit, die den großen Erinnerungsplatz zu einem archäologischen Belehrungssaal herabwürdigte?

Und der Palatin . . . Ja, bei seinen knorrigen Steineichen war es schön; so sonnumwoben leuchtete die ewige Stadt dort zwischen den Stämmen herauf, so vollendet gespannt hob sich Sankt Peters bläuliche Kuppel über dem Dächermeer des Vatikan! Das katholische Element in Rom, ja, das interessierte sie: Priesterprofile und Weihrauchduft. Aber die alten Götter, die alten Kaiser, die auf dem Palatin gehaust, deren Paläste sie immer durcheinander brachte, die waren ihr gleichgültig, – mit denen hatte man sie zu früh schon überfüttert.

Als die drei nach vierzehn Tagen Rom verließen – der Vater machte den Rest der Hochzeitsreise mit –, sah sie es ohne Wehmut, aber doch mit einem gewissen Wohlwollen in der Morgenbläue verschwinden.

In ihrem Gedächtnis blieb es stehen als eine Stadt, die zwar alle Eigenschaften gehabt hätte, um hübsch und fröhlich zu sein, die Sonne und Blumen und bunte Menschengruppen und lustig plätschernde Fontänen in Fülle besaß, – die aber durch Altertumskram aller Art ruiniert und in ihren Augen beinahe ungenießbar gemacht wurde.


* * *


Doktor Werthers erste größere Arbeit hatte bereits seinen Namen rühmlich bekannt gemacht und ihm eine Professur eingetragen.

Von der blauen Ostsee her wehten frische Meeresbrisen in die stille, weltverlorene Stadt: das war in der dumpfen Atmosphäre das einzig Erfrischende.

In einem altertümlichen Fachwerkhaus mit spitzem Giebel schrieb und vollendete Professor Werther sein großes Buch über die Etrusker. Rastlos und unermüdlich war er am Werk, von früh bis spät, einen Tag wie den andern alle Gedanken gefangen durch die Arbeit, ohne Sinn für irgend etwas außer ihr.

Helena aber saß täglich stundenlang am Fenster, sah hinab auf die stille Straße, zwischen deren Pflastersteinen das Gras wuchs, und auf der sich nie etwas ereignen wollte, und fühlte sich einsam, einsam, einsam. Das Leben hatte sie enttäuscht, ihre Luftschlösser zerstört, ihren Jugendmut geknickt. Wohl empfand sie Verehrung für ihren Mann; seine Hingabe an seine Arbeit, die sich nie verleugnende stille Vornehmheit seines Wesens konnten nie ohne Eindruck auf sie bleiben. Aber daß ihre Rolle in seinem Leben sichtlich immer kleiner wurde, daß sie mit allem, was sie war und was sie geben konnte, immer weniger von ihm beachtet wurde, das brachte sie schließlich zur Verzweiflung. Ja, wenn er ihr dann wenigstens erlaubt hätte, allein ihren unschuldigen romantischen Neigungen ein wenig nachzugehen! Wie gern hätte sie öfter, wie sie es einmal gewagt hatte, einen einsamen Ausflug nach dem nahen Fischerdorf gemacht, wo die Wellen so schön an dem buchenumsäumten Strande brandeten und man über die oft so triste Mittagessensstunde zu Hause dem schweigsamen, versonnenen Manne gegenüber so herrlich hinwegträumen konnte. Aber das eine Mal war ihr schlecht genug bekommen! Den Blick, mit dem sie beim verspäteten Nachhausekommen empfangen wurde, hatte sie so bald nicht vergessen können. Mit demselben ehernen, harten Willen, mit dem er die in seinen abscheulichen Folianten gefangenen Geister der Vorzeit aus ihrem papiernen Grabe ans Tageslicht beschwor und zwang, ihm Rede und Antwort zu stehen, beugte er ihre Neigung zu kleinen Extravaganzen zu Boden und legte ihr das Joch einer immer gleichen, unerbittlichen Hausordnung auf. Jede Abweichung hätte ihn ja in seiner Arbeit gestört! In seiner Arbeit! Die hätte sie gewiß lieben und an ihr, nach ihrem Vermögen, teilzunehmen gelernt, wenn er es nur verstanden hätte, die Liebe zu ihm, zu seiner Person, in ihr wach zu erhalten. Wie alle Frauen, hätte sie die Dinge, an denen eines geliebten Mannes Herz hängt, durch das Medium der Liebe mit zu lieben gelernt. Aber so, wenn er nichts dazu tat, die Flammen der Liebe in ihr zu schüren!

Einmal versuchte sie, ihrem Mann eine Szene zu machen, warf ihm vor, daß sie unbefriedigt sei, sagte, Männer wie er täten besser, gar nicht zu heiraten. Er ließ sie ruhig ausreden, sah sie mit einem Blick an, an den sie nicht gern zurückdachte, und räumte schweigend seine Bücher zusammen, um für vierzehn Tage in das obere Stockwerk zu ziehen. Sie schämte sich vor dem Dienstmädchen und versprach sich, nie wieder eine Szene zu machen.

An der Universität sagte man: »Der arme Werther! Ein so bedeutender Mann und eine so verständnislose Frau!«

Mit der Zeit wurde Helena alles gleichgültig. Sie vegetierte nur noch.


* * *


Professor Werthers Etruskerarbeit bedeutete eine neue Staffel auf der Leiter seines Ruhmes. Man berief ihn an die hochberühmte Universität, die zwischen süddeutschen Bergen ihre ehrwürdigen Türme über altmodischen, spitzen Dächern hebt.

Frühling war's, als Helena zuerst das schlechte Pflaster der neuen Heimat betrat. Frühlingsdüfte schwebten von den Linden des Walls – blaue Berge tauchten aus der Ferne. Sie atmete auf. Es lag etwas Beruhigendes in der Luft, etwas, das sie gleichsam auferweckte aus der müden Dumpfheit, der sie da oben am Meeresstrand verfallen war.

Und die nächsten Jahre brachten ihr Glück.

Professor Werther wurde aus der Römerwelt, in der er eigentlich lebte, plötzlich in eine andere Welt geschreckt, in die Welt der Wirklichkeit, in der sich Einfach-Menschliches begibt.

Er bekam einen Sohn, – ein kleines, zappelndes Wurm, das keine Spur von Respekt bezeigte, wenn der große Gelehrte sich halb erstaunt, halb mißbilligend über seine Wiege beugte.

Neben dieser Wiege entspann sich ein heftiger Namenskampf.

Er kämpfte für Marius, Cäsar – mindestens Oktavian –, sie bestand auf Hans oder Fritz.

Sie wollte etwas Deutsches, Simples, Unoriginelles, etwas, das nach behaglichem Durchschnittstum klang . . . und sie erreichte ihr Ziel; der kleine Gelehrtensohn wurde Hans getauft.

Großes Interesse hatte der Vater nicht für das Kind. Eins aber stand fest: das Geschrei eines kleinen Cäsar oder Oktavian würde er mit mehr Geduld angehört haben, als das Kinderlallen eines banalen »Hans«. Bald schied sich der Haushalt in zwei Teile.

Oben destillierte Werther aus toten Folianten neue Gedanken, unten lachte lebendiges Menschenglück unbesorgt in die Welt hinein. Helena war wieder jung geworden durch den kleinen Gefährten, der noch nichts von Latinern und Sabinern wußte, und als sich im nächsten Jahre dem Knaben Hans noch ein Bruder Fritz hinzugesellte, fühlte sie ihr Dasein vollkommen ausgefüllt und lebte die Kinderstubenexistenz mit einem Vergnügen, wie sie es ebenso groß weder in ihrer Jugend, noch durch die Liebe – kurze Tage ausgenommen – jemals empfunden hatte.

Werthers Kollegen und namentlich deren Frauen waren ziemlich einstimmig der Meinung, daß Helena eine unbedeutende Frau sei, die, abgesehen von etwas sentimentaler Schwärmerei für Naturschönheit und dergleichen, keinen rechten Inhalt habe und über nichts Gescheites zu reden verstände; und überall, wo Professor Werthers hohe, eigentümliche Erscheinung bewundernde Blicke auf sich zog, folgte ihr wie ein Schatten, auf hundert Weisen formuliert, das Bedauern über seine nur hübsche, verständnislose Frau, die ihn gar nicht verdiente, die ihn gewiß unglücklich gemacht hätte, wenn Persönlichkeiten wie er nicht Entschädigung für jede Unbill des Geschicks in der Arbeit zu finden wüßten.

Zuweilen trug ihr jemand derartige Bemerkungen zu. Dann lachte sie – und etwas ironisch klang ihr Lachen; aber zu ihrer Rechtfertigung sagte sie kein Wort.


* * *


Und dann kam im Laufe der Jahre einmal die Stunde, die kommen mußte, in der ein scharfblickender Frauenkenner die Entdeckung zu machen glaubte, daß nicht Werther, sondern seine Frau der unverstandene Teil in dieser Ehe sei. Der Entdecker war ein vielgereister junger Balte mit schön klingendem Namen, Politiker in spe, der sich von Werthers nationalökonomischem Kollegen den letzten Schliff seiner staatswissenschaftlichen Ausbildung geben lassen wollte.

Ihm fiel in einer Gesellschaft plötzlich auf – zwischen zwei Tänzen, die er mit jungen Mädchen pflichtschuldig abmachte –, als sein Blick über einen Seitendivan flog, daß Helenas blasse Züge einen ganz besonderen Reiz besäßen, einen süßen, melancholischen Charme, der gerade dem entsprach, was zu jener Zeit als Frauenideal in seiner beweglichen Phantasie lebte.

Er lernte sie näher kennen, und eines Tages lag zum ersten Male in Helenas Leben ein Mann, um Liebe bettelnd, vor ihr auf den Knieen.

Es war ihr wie ein ganz wunderbares, fast unglaubliches Ereignis.

Aus dem offenen Fenster der oberen Etage klang monotones Geräusch in den leidenschaftlichen Ausbruch herab. Dort diktierte Professor Werther seinem Sekretär den Text zu einer Gedächtnisrede, die er morgen am Sarge eines Kollegen zu halten hatte.

Von unten tönten aus dem Garten die lachenden Stimmen von Hans und Fritz.

Und sie zwischen diesen drei Stimmen wie zwischen drei Feuern – und der auf den Knieen so jung und so flehend und mit so schönen Augen, fast wie der Mondscheinprinz, den sie einstmals erträumt.

Er verstand gar nicht recht, weshalb sie so lange schwieg: er legte es sich beinahe schon zu seinen Gunsten aus – und dann wurde er mit einem Male energisch aus seinen Himmeln gestoßen und auf Nimmerwiedersehen fortgeschickt.

Helena stand regungslos, bis sie die schwere Haustür ins Schloß fallen hörte – dann verließ sie das Zimmer. An der Treppe, die zum oberen Stock emporführte, blieb sie unschlüssig stehen. Sollte sie hinaufsteigen, den Schreiber wegschicken, ihrem Mann das Konzept aus der Hand nehmen und ihm sagen: »Hör' mich an! Ich bin noch nicht alt, und man findet mich noch begehrenswert, und dir geschähe es recht, wenn ich davonliefe, und du verdientest es nicht besser. Nun sieh, wie edel ich bin! Ich erspare dir's! Ich jage den fort, der mich tausendmal besser liebt als du . . . Nun achte mich und lerne begreifen, daß man auch, ohne gelehrt zu sein, etwas sein und auch Großes tun kann – denn das ist etwas Großes für eine Frau Ende der dreißig, die ihre letzte Eroberung zum Teufel jagt – ohne irgend welche andere Belohnung als das bißchen gutes Gewissen, über dessen Wert sich sehr streiten läßt . . .«

Aber sie zog den Fuß zurück, den sie schon auf die Treppenstufe gesetzt hatte. Ihr wurde plötzlich klar, daß sie sich selbst nur etwas vorphantasierte, etwas sagte, was gar nicht wahr war.

Sie hatte ja nicht seinetwegen so gehandelt . . .

Ja, hätte sich damals in den beiden einsamen Jahren an der Ostsee diese selbe jugendliche Gestalt vor sie hingestellt und mit denselben leidenschaftsheißen Worten zu ihr geredet, – die Sache würde anders geendet haben. Er war nur zu spät gekommen . . . jetzt waren ihre Söhne da . . .

Denen zuliebe blieb sie vernünftig – nur um derentwillen!

Und schnell entschlossen stieg sie in den Garten hinab.

Dort balgten die Knaben sich im Grase und jauchzten vor Übermut, – und als sie die Mutter kommen sahen, jauchzten sie noch lauter und sprangen ihr entgegen und hingen sich an ihre Arme und streichelten ihr die Hände, die schönen Hände, die durchsichtig aussahen im Sonnenlicht.

Da öffnete sich das obere Fenster.

»Helena,« rief eine gereizte Stimme, »wie kann ich arbeiten, wenn ihr so laut seid! Ich bitte dich, sorge für Ruhe!«


* * *


Eine Erscheinung, die sich häufig findet, begab sich: die Kinder des klugen Vaters lernten herzlich schlecht.

Nur mit Mühe kamen sie in der Schule weiter. Sie liebten frische Wälder und tauige Wiesen, die ganze »schöne Welt« umfaßten sie mit Liebesarmen, aber Stubensitzen und Klassenluft war ihnen verhaßt. So passierte es nicht selten, daß einer in der Schule ein schlechtes Zeugnis bekam. Werther begriff das nicht. Wie kam er dazu, dumme Kinder zu haben? Wie kam Helena dazu, diesen schmachvollen Umstand so gleichgültig aufzufassen, ja, fast mit einer Art Schadenfreude die Mängel ihrer Kinder zu konstatieren?

Unbegabte Kinder! . . . Mit einer Art von geheimem Entsetzen betrachtete er die beiden rotbackigen Jungen, die ihm bei Tisch gegenübersaßen, denen schlechte Zeugnisse nicht einmal auf den Appetit fielen.

»Was soll daraus werden?« fragte er wohl Helena, »was sollen die je studieren?«

»Sie brauchen ja nicht zu studieren,« versetzte sie gleichmütig.

»Nicht studieren?!« fragte er erstaunt. »Meine Söhne?«

»Pardon, meine Söhne!« berichtigte sie.

»Helena, du stichst Silben –«

»Merkst du denn nicht, daß es meine Söhne sind? Menschen wie ich, ganz wie ich? Die nichts von dir geerbt haben, bloß von mir . . . Meine Lustigkeit – ich meine die, welche ich hatte, ehe ich verheiratet war –, meine Lernscheu – ja, sieh mich nur nicht so entsetzt an! Ich war lernscheu; ich lernte nur, weil ich mußte. Und meine praktischen Talente haben sie auch geerbt – vor allem Hans. Er kann ja Techniker werden, und Fritz? Nun, wie der Junge turnt und schießt, das ist ja eine wahre Herzenslust, der ist wie geboren zum Soldaten. Mag er's denn werden.«

»Und ich soll gar nicht mitreden über meine Kinder?« fragte er empört.

»Du?« sagte sie scherzend und legte ihre Rechte begütigend auf seine Hand. »Du paßt ja überhaupt nicht in Familienbande. Du solltest frei leben ohne Frau und Kind, bloß mit deinen Büchern und deinem Tintenfaß. Menschen wie du dürften überhaupt gar nicht heiraten . . .«

Zum zweiten Male hatte sie gewagt, es zu sagen!

Und ob sie nicht wahr gesprochen hatte?

Sie hatte sein eignes Zeugnis dafür! Sie erinnerte sich eines Gespräches von ihm mit einem Freunde, das sie mit angehört hatte, und in dem er lächelnd und die Achseln zuckend, und wie sich entschuldigend von »modernem gelehrtem Mönchtum« geredet hatte. Sie war jedenfalls mit den Jahren immer fester überzeugt davon, daß eine tüchtige Wirtschafterin, die ihn ans Essen erinnerte, wenn er es über dem Arbeiten vergaß, und den Staub abwischte, ohne ihm die Bücher in Unordnung zu bringen, es auch und besser als sie für ihn getan hätte. Die hätte keine Ansprüche an seine Zeit, sein Herz, seine Teilnahme an ihren Sorgen und Freuden gemacht, wie Helena, die es nun einmal nicht einsehen wollte, daß ein großer Gelehrter nicht wie jeder beliebige Talentlose seine Zeit mit einer Frau vertändeln darf, sondern jede Minute seinen großen Aufgaben schuldet. Sie wollte ja gern zugeben, daß es auch Frauen gäbe – und sie selbst kannte solche –, die sich mit einer nur ein klein wenig durch Resignation getrübten Freude und Befriedigung in die Rolle fänden, als Frauen nur die Dienerinnen großer Gelehrten zu sein. Sie paßte jedenfalls für eine solche Rolle nicht. Was ihr Mann ihr geben konnte, war zu wenig für sie und – zu viel. Ja, auch zu viel! Denn wirklich verständnisvolle Teilnahme an seiner Arbeit – das lag nun einmal jenseits ihrer Fähigkeiten, das ging in ihre einfache Natur nicht ein, so viel Mühe sie sich auch geben mochte; mehr als einen Achtungserfolg errangen nun einmal die alten Völkerschaften nicht in ihrem Herzen und konnten deshalb auch kein Element des Glückes für sie werden. Nein, sie war nicht die Rechte für ihn – und er nicht der Rechte für sie! Und der Rechte für sie? – den hätte man nicht weit, nicht in der Elite der Geister zu suchen brauchen!

Ein braver Gutsbesitzer, Offizier oder Arzt, von männlicher Erscheinung, mit warmem Herzen, einfachem, ritterlichem Sinn und recht viel Respekt für ihre romantischen Neigungen und ihre kleinen literarischen Talente und Kenntnisse – wie grausam konnte ihr Mann bei Kundgebung der letzteren gelegentlich lächeln –, der hätte ihr vollkommen genügt: er hätte sie glücklich und selig gemacht. Ein Unstern war es, der sie Werther in den Weg geführt, dem Mann, der so wenig Talent zur Liebe besaß und höchstens in alte Pergamente verliebt war.

Mit Genugtuung sah sie ihre Söhne heranwachsen, die schlanken, kräftigen Jungen, die nichts vom Vater geerbt hatten als die feine aristokratische Gesichtslinie, die dem versonnenen Gelehrtenantlitz solch vornehmen Stempel gab, die liebend an ihr hingen und den Teufel nach den alten Etruskern fragten.

Und es war wie eine Verschwörung dieser drei gegen den einen, der sein arbeitsvolles Dasein still und einsam zwischen ihnen hinspann. Er wohnte wie ein Fremder zwischen diesen Durchschnittskindern der Wirklichkeit, – ohne den Reiz menschlich warmer Beziehungen tiefer zu entbehren, da er ihren Zauber nie gespürt.


* * *


Ja, die Etrusker!

Alle Bilder ihrer Vergangenheit, die da soeben wie auf einer Wandelbühne vor den sinnenden Augen der blonden Frau vorübergegangen waren, hatte dies eine Wort wachgerufen, das vom hohen Katheder herab so stolz und voll hingerollt war über die lauschende Gemeinde.

Nun brach der Redner ab. Donnernder Beifall durchtoste den Saal, und die Studenten im Hintergrund stampften begeistert mit den Füßen.

Der neue Stern der Hochschule imponierte allen – nur der Frau auf der letzten Bankreihe nicht, die sich so rasch als möglich aus dem Gedränge herauszustehlen suchte. Sie sah vorn an dem Katheder über dem Meer von Köpfen ihren Mann stehen, umdrängt von den vornehmsten Gästen des Saales, die ihm glückwünschend die Hand drückten. Er dankte mit jener weltfremden, träumerischen Miene, die sie so gut an ihm kannte, in die sie sich einst verliebt und die sie dann hundertmal gereizt hatte durch ihr unnahbares Rühr-mich-nicht-an.

Von rechts und links tönte aus den Unterhaltungen der Fortgehenden sein Lob an ihr Ohr, ein vielstimmiges Echo seines Erfolges. Niemand kannte sie, und doch suchten einige mit den Blicken die Frau des berühmten Professors, die sie mit Recht im Auditorium vermuteten.

»Und Frau Werther?« hörte sie jemand fragen, als sie die breite Treppe hinabstieg, »ist sie hier? Kennt jemand sie? Welches Genre mag sie sein?«

»Ach, so der übliche Professorenmißgriff!« entgegnete eine andere Stimme.

Sie lächelte, fast amüsiert, ohne Bitterkeit. Also auch hier schon das alte Lied! An der Ostsee, zwischen den süddeutschen Bergen, und nun auch in der Hauptstadt klang es unerbittlich hinter ihr her.

Ob sie auf ihren Mann warten sollte?

Er trat langsam, in ein Gespräch mit Fachgenossen versenkt, durch den Menschenschwarm aus der Bogenhalle in den Vorgarten. Er sah sich natürlich nicht nach ihr um. Es war besser, ihn nicht zu stören.

Eilig machte sie sich auf den Heimweg.

Ein Sonnenblick glitt durch den Märznebel und übergoß wie mit einem Freudenstrahl die gelblich grauen Mauern der Universität, den Garten mit seinen blütenlosen Bosketts und hellen Denkmälern – ein Vorfrühlingsblick, der die fahle Welt mit einem Male verklärt erscheinen ließ, wie emporgehoben in eine schönere Wirklichkeit.

Schnellen Schrittes eilte Helena voran, den Kopf gesenkt, die Hände im Muff ineinandergepreßt; die leicht zitternden Lippen gaben von ihrer inneren Erregung Kunde.

Bald hatte sie Stadt und Tor hinter sich und bog in die breite Allee ein, an deren Seiten die kahlen, graugrünen Baumstämme gerade und steif wie zur Parade aufgepflanzte Soldaten dastanden. Ein paar Reiter sprengten über den Weg. Die Kragen ihrer Uniformen leuchteten so fröhlich bunt. Promenierende Damen versuchten etwas vorzeitig die ersten hellen Kleider der Saison. Lustig rollten die Wagen über den Asphalt. Ja, es lag schon etwas wie Frühlingsfreudigkeit in der Luft!

Aber was war das alles ihr? Die Hoffnung auf Glück – oder doch wenigstens auf etwas mehr innere Befriedigung, die mit dem neuen Lebensabschnitt neu in ihr aufgeflammt war, die gespannte Vorfreude auf den Glanz der sich auftuenden neuen Heimat in der großen, verheißenden Stadt – auf das alles war schnell ein erstarrender Reif gefallen. Und daran waren die Etrusker schuld, die unseligen, durch die arglosen Worte ihres Mannes eben neu heraufbeschworenen Etrusker.

Wieder und wieder stieg das alte, verhaßte Bild vor ihr auf, das sie nie vergessen konnte: das Bild jener heißen, sonnbegossenen, lichtatmenden Stunde, da sie einst in ihrem jungen Glück hinabgefahren war von den Bergen Perugias in das weinduftende umbrische Tal. Sie sah das weiße Tor am Wege, durch das es hinabging in das düstere Schattenreich des Volumniergrabes, unter den Zauberbann der versteinernden Meduse, – die verhängnisvolle Schwelle, an der ihr kurzes Liebesleben, ihr eigentliches Leben so schnell zu Ende gegangen.

Der kurze, trügerische Märzsonnenblick war erloschen, schnell wie er aufgeleuchtet, und grau, kalt, feucht und scheinbar endlos sich dehnend lag der schmale Tiergartenfußweg vor ihr.

Sie wußte nun wieder, was ihre Zukunft war: das Leben würde sich weiter spinnen, Jahr für Jahr, ohne ihr je das wirkliche, immer noch heiß ersehnte Glück zu bringen. Ihren Mann würde sie wieder und wieder anklagen, sie um ihr Glücksrecht betrogen zu haben, und dazwischen würden Stimmungen kommen, wo sie selbst sich bittere Vorwürfe machte, nicht hinauf zu können in seine kühle, helle Höhe und dadurch Schatten in sein Leben zu werfen. Auch solche Stunden würden kommen, in denen sie lachen konnte und fröhlich sein mit ihren Söhnen, aber nur, damit sie bald darauf empfände, daß die ihr das Glück, nach dem ihr Herz klopfend verlangte, eben doch nicht bringen könnten. So würde ihr Leben freud- und genußlos sich aufreiben in dem Widerstreit glückloser Stimmungen!

Und so gut Helena, längst klug geworden, wußte, daß nicht ein zufälliges, äußeres Ereignis, sondern eine tiefe, unglückliche Schicksalsverkettung schuld war an der Freudlosigkeit ihres Lebens, so zweifelte sie doch nicht daran, daß bis zum letzten Augenblick wie ein roter Faden durch all ihre Empfindungen sich schlingen würde der Haß gegen die Etrusker, in deren sagenhaften Gestalten sich für sie alles verkörperte, was ihrem Glücke feindlich gewesen, – die ihr einst den Geliebten geraubt hatten mit Sirenengewalt.



Das Schicksalsbuch.

Das Vollmondlicht hing gleich zarten Silberschleiern am nächtlichen Gebirge. Wie bewegungslose Schemen stiegen vereinzelte Baumsilhouetten aus dem weißlichen Nebel und bezeichneten den schmalen Bergpfad, der sich von der Höhe herniederwand. Auf dem höchsten Felsenkegel, der von hier aus sichtbar war, hoben sich, von elektrischem Lichtglanz aus dem Dunkel gegen den Himmel gezeichnet, Mauerwände und Veranden – das Hotel des Monte Generoso, zu dem die Zahnradbahn täglich durch Tunnel und Laubwälder emporächzte, einen schrillen Ton in das Herdgeläute der Alpenwiesen tragend.

Jetzt zwar regierte die feierliche Stille der Sommernacht, in der nichts zu vernehmen war als geheimnisvolles Baumrauschen und ein rüstiger Wanderschritt.

Julian empfand das ganze Glück des Augenblicks. Immer wieder, seit er diese Fahrt gen Süden angetreten, die erste seines Lebens, staunte er über die Schönheitswunder ringsum, von denen er in seiner östlichen Garnison wohl geträumt, aber doch keine rechte Ahnung gehabt hatte. Einen starken Zug zum Reisen hatte er schon lange empfunden, ihm aber nicht nachgeben können, erstens seiner kranken Mutter wegen nicht, zweitens weil er seine Kompagnie ungern allein ließ. Er war seit einigen Jahren Hauptmann, und wenn er auch nicht zu den Ehrgeiztollen gehörte, so fand er doch, daß der Mensch in erster Linie seine Pflicht zu tun habe. Das war in der alten Familie, der er entstammte, von jeher Brauch gewesen. Als aber seine Mutter starb und das Leben ohne sie ihm die kleine Stadt noch melancholischer machte, als sie ohnehin war, gab ihm der Oberst den längeren Urlaub ungebeten. Sein Gönner fühlte, daß Luftveränderung ihm nötig sei.

Wie er diese Fahrt genoß, diesen vollen Trunk aus dem Becher des Südens! In das monotone Gewebe seines Lebens kamen endlich bunte, freudige Muster. Bisher hatte er die Welt erträglich gefunden, jetzt erschien sie ihm schön, wunderschön!

Bei der Biegung des Weges geriet er in tiefes Walddunkel. Er verirrte sich ein paar Mal auf den steinigen Wegen. Er geriet auf Wiesen, deren Grün im Mondschein lebendig erzitterte; er sah dunstige Fernen auftauchen, die weite, träumerisch hingelagerte Ebene der Lombardei, dann wieder Walddickicht, und endlich ein gastliches Licht, das lockend durch die Zweige schimmerte. Das war's, was er suchte, das Hotel Pasta, wo er zu übernachten gedachte. Wie ein großer, viereckiger Kasten lag es am Waldrand. Musik klang aus den Fenstern. Um die grünen Läden sang der kühle Höhenwind.

Ein Hauch von Wärme und Behaglichkeit wehte ihm aus dem Vestibül entgegen. Sein Gepäck, das er am Morgen von der Bahnstation vorausgeschickt hatte, lag pünktlich im bestellten Zimmer. Er liebte das Ordnungsgemäße, fühlte sich sehr befriedigt und stieg nach beendeter Toilette in den Eßsaal hinab. Eine laute Mailänder Gesellschaft tafelte an den Tischen. Er kam sich etwas verloren vor in dem lärmenden Kreis, zwischen den unbekannten Lauten einer Sprache, deren dürftigste Brocken ihm nicht einmal vertraut waren.

Da passierte Julian etwas Sonderbares, wenigstens etwas, das ihm noch nie geschehen war.

Ein weibliches Gesicht ihm gegenüber frappierte ihn mit einem Male so sehr, daß er ganz seine gewohnten guten Formen vergaß und minutenlang wie geistesabwesend hineinsah.

Der Dame tat es nicht viel, denn sie schälte eine Orange und hielt die Lider gesenkt; sie schien sich in diesem Augenblick für nichts anderes zu interessieren als für Orangen . . .

Er fühlte, wie ihm ein langsames Erröten bis tief in die Haarwurzeln stieg. Er begriff sich mit einem Male nicht mehr. Ihm war, als sei er weit herausgetreten aus dem Rahmen, der bisher sein Sein begrenzte, als habe die Fee des Südens ihre Lilienhände auf seine Schultern gelegt und gesprochen: »Du hast dich in meine Kreise begeben, nun löse ich jede Schwinge deiner Seele.«

Seit Jahren hatte er sich nicht mehr so jung gefühlt wie in dieser Stunde. Die schöne Mondscheinnacht, durch die er gewandert, war wie ein Vorspiel gewesen. Mit diesem Gesicht trat aber erst die Heldin auf die Bühne . .

Nachdem sie ihre Orange verzehrt, stand sie auf, sah ihn flüchtig an und verschwand auf der Terrasse.

Er fand nicht den Mut, ihr nachzugehen. So etwas hatte er nie getan, selbst als Leutnant nicht.

Auch den Oberkellner frug er nicht aus; das erschien ihm zu trivial . . . Aber ein heftiges Bedauern erfüllte ihn, daß sein Urlaub auf die Neige ging, daß er nicht wenigstens noch einen Tag bleiben konnte, um zum zweiten Male über den banalen Table d'hote-Tisch hinweg in dies verlockende Angesicht zu sehen.

Er hatte ziemlich ungefesselt von Weiblichkeit gelebt, seine ganze Jugend lang. Er war nie ein »homme á femmes« gewesen, und wenn er auch den Heiratsvorsatz öfters erwogen, so hatte doch der zündende Funke im letzten Moment immer gefehlt. Heute schlug es ein in seine Seele. Eine ungekannte Wärme durchzitterte sie. Lebhafte Träume umschwirrten ihn die ganze Nacht, da droben im einsamen Hotel, das der Bergwind umsang.

Wie schade, daß er reisen mußte – aber er mußte! Nachurlaub zu nehmen wäre dem Pflichttreuen undenkbar gewesen.

Sein Urlaub und sein Billett gingen rettungslos zu Ende.


* * *


Am nächsten Morgen wachte er beruhigter auf. Es war ihm gegangen wie bisher immer. Was er für eine starke Flamme gehalten, erwies sich zum Schlusse doch als Strohfeuer. Er war kein Mann der nachhaltigen Eindrücke, ja, er wünschte kaum, der Dame von gestern noch einmal zu begegnen, – wer wußte, ob sie bei Tage so gut aussah wie gestern Abend! Und um die hübsche Erinnerung wollte er sich doch nicht bringen.

In früher Stunde stand er reisefertig am kleinen Bahnhof. Der frische Geruch des Waldes umwehte ihn und machte ihm das Scheiden schwer. Es war die letzte Höhe, die er auf dieser Reise erklommen, nun ging es wieder talab und nordwärts in die öde, kleine Stadt, wo poesielose Schornsteine zu Dutzenden rauchten und solid denkende Mütter dem wohlbeleumundeten Hauptmann ihre Töchter auf dem Präsentierteller entgegenbrachten.

Er seufzte unwillkürlich. Da trat die Dame von gestern abend plötzlich aus dem Walde, einen Strauß lose zusammen genommener Blumen in der Hand, Anemonen und Bergorchideen, wie sie in üppiger Fülle auf dem Generoso wachsen.

Ihm war, als käme das volle Leben in blühender Gestalt aus dem Baumdickicht geschritten. Ein Glücksgefühl durchzuckte ihn, einer jener elektrischen Schläge, denen fast niemand entgeht.

Da knarrte die Zahnradbahn aus dem Felsentor heran. Das Gedränge der Hastenden trieb ihn vorwärts.

Er fühlte sich bei diesem Wiedersehen kühner werden und nahm neben ihr Platz.

So fuhren sie schweigend talab, während ringsum die Laubwälder im Sonnenglanz funkelten und aus der Ebene helle Seen emporgrüßten.

»Ich dachte, Sie würden länger oben bleiben, Fräulein Gade,« sagte plötzlich eine Stimme hinter Julian.

Seine Nachbarin wandte sich um, beinahe über seine Schulter weg. »Ich komme wieder zurück,« sagte sie; »ja, ich werde noch hier sein, wenn Sie bereits wieder in Brüssel sitzen; ich fahre heute nur zu Tal, um Doris Katz diese Blumen zu bringen. Sie braucht sie für ihr neues Bild, und diese Sorten wachsen nicht in Gandria.«

»Was ist Gandria?«

»Das ist die Romantik, wie sie nicht unverfälschter erdacht werden kann,« entgegnete Fräulein Gade, »ein kleines Felsennest am Luganersee, ein Gemisch von armseligen Baracken und von traubenschwersten Weingärten, ein Eldorado für Schwärmer aller Art und für Maler insbesondere. Darum hat meine Freundin auch seit kurzem ihr Atelier dort aufgeschlagen.«

»Wie gut Sie es doch haben!« seufzte die andere. »Unsereins hat seine knappen vier Wochen zum Reisen, und Sie sind frei wie der Vogel in der Luft. Sie glückliche Jugend!«

Fräulein Gade strich über ihre Blüten und sagte lächelnd: »Ja, ich verstehe zu leben.«

Plötzlich fühlte sie den unverwandten Blick ihres Nachbars, der gespannt zugehört hatte. Sie erhob die Augen, um ihm mißbilligend auf die Stirn zu sehen. Aber die Mißbilligung blieb im Keime stecken. Julian hatte Vorteil davon, daß er ein »bel homme« war, – Fräulein Gade kassierte seinen interessierten Blick mit einem duldsamen Lächeln ein und verstummte. Die Brüsselerin seufzte. »Die Lebenskunst ist die größte. Viele haben es so gut in der Welt und merken es nur nicht.«

»Und vielen geht es miserabel, und sie amüsieren sich doch,« fuhr Fräulein Gade fort, »alles ist Temperamentsache. Zum Beispiel Doris Katz. Sie hat zeitweise gehungert; sie hat anfangs nie ein Bild verkauft; sie hat lediglich vom Terpentingeruch gelebt und sich doch nicht unterkriegen lassen. Immer Kopf hoch! Das nenne ich schneidig. Solche Schneidigkeit imponiert mir.«

Julian lächelte ein wenig.

»Früher war das Schneidigsein ein Privileg der Männer,« sagte die dünne, alte Stimme hinter ihm; »schneidige Frauen sind eine Rarität.«

»O, nein, die gab's zu allen Zeiten!« rief Fräulein Gade mit Überzeugung. »Oder war etwa Clölia nicht schneidig, als sie sich in den Tiber stürzte? Und Katharina von Bora, als sie den Sprung aus dem Klosterfenster verübte?«

»Sie eilen ja durch die Jahrhunderte auf Windesflügeln.«

»Ja, ich bin Schnelldenker.«

Julian, der das Gegenteil war, empfand etwas wie Neid. Er besaß selbst ein gutes Teil Intelligenz, aber sein Verstand ging mit langsam ernsten Schritten; rasche Gelegenheitssprünge zu machen, das vermochte er nicht.

Plötzlich leuchtete die grüne Fläche des Luganersees aus dem Tal. Wie ein herrlicher Farbentriumph lag er zwischen den ernstgeschwungenen Bergen, dehnte seine schimmernden Arme über das Land und spiegelte die morgendliche Sonne in seinem Schoß.

Julian nahm sein Opernglas hervor, sah hindurch und bot es seiner Nachbarin an. »Sie müssen es vielleicht noch stellen, gnädiges Fräulein,« sagte er ritterlich.

Dieser Anfang war nicht apart; aber dafür hatte das Wesen des Sprechers etwas von jener fast aus der Mode gekommenen Ritterlichkeit, in der die vornehmen Männer vergangener Tage exzellierten.

Fräulein Gade fühlte sich sympathisch berührt; das passierte ihr nicht allzu oft, da sie keine auf Schwärmerei gestellte Natur war, sondern sich eher für ein kühl empfindendes Wesen hielt. Während sie durch das Glas jedes Dach von Capolago, jede kleine Barke auf dem See mit handgreiflicher Deutlichkeit emporschimmern sah, konstatierte sie in Gedanken, daß ihr Nachbar jener Hauptmann aus Norddeutschland sein müsse, dessen Namen sie heute früh im Fremdenbuch gelesen hatte. Sie wunderte sich, daß ihr gestern abend diese stattliche Erscheinung nur so flüchtig aufgefallen war.

»Welch herrliches Grün dieser See hat,« bemerkte Julian.

»Nicht wahr,« versetzte sie, »diese Farbensattheit ist es, die einem im Süden so wohltut. Wenn man denkt, wie so mancher deutsche Himmelsstrich in dieser Beziehung bedacht ist, wie kärglich das Grün, wie blaßblau die Luft, wie monoton das Wasser.« Sie gab ihm das Glas zurück und wandte sich der alten Dame zu. »Freilich, solche Beleuchtung kann auch ihren Reiz haben. Nicht wahr, Madame?! Wenn ich zum Beispiel an Ihr Brügge denke, diese Märchenstadt mit graubraunen Mauern und grauen Nebeln.«

Julian drehte sich nach der Angeredeten um und sah in ein freudloses, blasses Frauengesicht, das sich trotz der Sommerwärme fröstelnd in einen Spitzenkragen verkroch.

Dennoch hatte er gleich Gelegenheit, das alte Wesen zu beneiden. Der Zug hielt am Seeufer. Fräulein Gade sprang behende aus dem Coupe und ging so sehr in Fürsorge für die kleine Belgierin auf, daß sie ihn kaum mehr zu bemerken schien.

Sie schien ihm nicht nur schön, sondern vor allem so apart. Eine frische Heiterkeit beherrschte alle ihre Bewegungen, und der lose Haarknoten hatte wahrhaft griechischen Schwung, ihre Toilette war tadellos – ja, so etwas gab es unter den Regimentstöchtern daheim nicht, unter den kleinen, blonden Gören, mit denen er die wenigen Leutnantsjahre, die ihm durch keine Familientrauer brachgelegt waren, vertanzt hatte.

Der große Salonraddampfer rauschte heran. Fräulein Gade hatte nur Augen für die Alte. Sie suchte ihr einen warmen Kajütenplatz aus. Julian stellte sich an das Steuer und sah auf die Landschaft. Sie leuchtete festtäglich in ihrer Sonnenpracht. So gigantisch pflanzte sich der Salvatore an den Seerand. Die Bergzüge über Lugano blauten verlockend, und den Zug großartiger Wildheit, den die Felsen trugen, die rechts und links in die Wellen tauchten, dämpfte die weiche Sommerschöne der blühenden Ranken überall. Luganos Häuserreihen blitzten wie weiße Tauben in der Ferne. Julian suchte den Monte Generoso mit seinen Blicken und gedachte der letzten Nacht, als er schlaflos das Fenster dort oben aufgestoßen und hinausgeträumt hatte auf die verheißende Ebene, in der, der Alpenwelt zu Füßen, Italien lag und an klaren Tagen das weiße Phantom des Mailänder Doms sich aus der herrlichen Fläche hob.

Machte denn das einsame Genießen nicht schon glücklich genug? Mußten auch Menschen dabei sein, mit denen er empfand?

Er bekam mit einem Male Lust, auch nach Gandria zu fahren. Es hatte ihm so verlockend geklungen, was sie davon gesagt.

In Lugano stieg die Belgierin aus. Fräulein Gade umarmte sie zum Abschied, verließ dann auch den Dampfer und wandte sich der nächsten Barke zu.

Vor der Barke stand jedoch bereits Julian.

Der junge Fährmann, froh, beide Fahrtgelegenheiten praktisch in eine zu vermischen, redete zu, daß man doch zu zweien die Barke benutzen solle. Der Hauptmann, der seine Rede halb, und Fräulein Gade, die sie ganz verstand, lächelten sich fragend an und stiegen beide ein.

Hinaus in den See glitt der Nachen.

»Ein Tag I a,« sagte Fräulein Gade.

Der Hauptmann stellte sich vor. Das war ein banaler Weltmißton, der in die Poesie der Stunde klang und der Dame vorübergehend die Laune verdarb.

»Lassen wir das doch,« versetzte sie kühl. »Von Mensch zu Mensch, genügt das nicht?«

»In der Welt, in der wir nun einmal leben!« entschuldigte er sich.

»Was ist die Welt, in der wir leben?« rief sie lebhaft. »›Jede Zeit ist jetzt‹, sagt Bismarck, – die Welt, die jetzt für uns in Frage kommt, die besteht aus sonnenbeglänzten Felsen, die in grünes Wasser schauen, aus Frühlingspracht und Bergeswind – Stadtformeln gelten hier nicht. Wir sind im freien Lande Schweiz, und ich bin immer das Kind des Landes, in dem ich mich gerade aufhalte.«

»Also werde ich nie erfahren, wessen Kind Sie sonst sind?«

»Niemals!« lächelte sie. »Ich bin nun einmal nicht für Personalia.«

»Wo leben Sie für gewöhnlich?« forschte er hartnäckig weiter.

»Wo es mir gerade gefällt,« brach sie, etwas ungeduldig werdend, ab.

»Ich bin auch Naturschwärmer, aber keiner von den ausschließlichen. Schließlich ziehe ich den Menschen der Natur immer vor.« Er sah sie voll Verehrung an.

»Ich nur unter Umständen,« meinte sie. Sie sah in die Ferne. Er wurde ernster und ernster; er fühlte, daß sein Herz sich irgendwo festzuankern begann, und fürchtete plötzlich, daß es in unsicherem, vielleicht auch nicht mehr freiem Grunde Anker warf.

Beide schwiegen eine lange Weile.

Die reizenden Ufer Castagnuolas schwanden vorbei. Weingärten und Ölbäume grünten am Berghang, Villen und kleine Schlösser zogen wie Märchenbilder vorüber, Villen, an deren weißen Mauern die grüne Flut lustig emporsprang, alte Steinpaläste, in deren wappengeschmücktem Gondelhafen leere Kähne traumhaft sich wiegten, als warteten sie auf ein liebendes Paar, das eng umschlungen herabgestiegen kam über die moosbegrünten Stufen. Die blauen Berge Italiens, über die der Weg nach Como ging, begrenzten in der Ferne den See, und hinter den Fahrenden lag Lugano, schon vom Mittagsdunst eingehüllt, blasser und blasser werdend, darüber der Salvatore wie ein matter Riesenschatten.

»Es ist doch der schönste See,« sagte Fräulein Gade, »wenigstens der, welcher am kräftigsten erhält, nicht so verweichlicht als die andern. Der Comersee hat vielleicht noch mehr Poesie, aber ich muß sagen, mir ist in seinen blütenduftenden Villengärten nach einiger Zeit immer halb wunderlich zumute geworden, so, als bekäme man Blumenvergiftung, und der Lago Maggiore? Die ganze Inselwirtschaft erschien mir am dritten Tag stets wie Spielerei, es hat was vom Puppentheater; meinen Sie nicht auch?«

»Ich weiß nicht, aber hier ist's allerdings am schönsten,« entgegnete er schlicht. »Schade nur, daß ich heute nacht schon über den Gotthard weiter muß. Dies ist meine letzte Reisestation.«

»Dann haben Sie wenig Zeit für Gandria,« versetzte sie gleichgültig. »Da sind wir übrigens schon.«

Ein paar Dutzend Baracken hoben sich aus dem Weingelände, ein verfallener Campanile dazwischen mit leerem Glockenstuhl, am Wasser das Wirtshaus mit luftiger Veranda, die auf Pfählen in den See hinausgebaut war; sengende Mittagsglut auf allem; der ganze kleine Ort wie in ein Sonnenbad getaucht. Gelber wilder Ginster, Rosen und Mandelblüten schauten aus Gärten und Fenstern. Bis zum Wasser herab hing das blühende Geranke und spann ein Zaubernetz über den armseligen Fischerort.

»Nun?« fragte sie.

»O, das ist, um Ort und Zeit und alles zu vergessen.«

Sie sah ihn zweifelnd an. »Ich glaube, Sie gehören nicht zu denen, die um irgend einer Sache willen jemals die Zeit versäumen; ich glaube, Sie sind unendlich korrekt.«

»Heute nicht,« dachte er und schwieg.

Fräulein Gade war vor Julian aus dem Boot gesprungen, das laut an die steinerne Treppe anstieß. Der alte Wirt kam zur Begrüßung, und auf der Veranda erschien Doris Katz, ein ältliches, sehr häßliches Wesen, das aber eine Art genialer Häßlichkeit hatte und darum keineswegs abstoßend erschien. Mit der einen Hand beschattete sie ihr Auge, mit der andern hielt sie ihre Palette.

»Natürlich wieder bei der Arbeit!« rief Fräulein Gade.

»Wozu wäre ich denn auch sonst auf der Welt!« sagte Doris. »Du bringst jemand mit – Offizier in Zivil, das sehe ich von hier aus –, Anklang an die preußische Heimat. Seien Sie mir willkommen, Motiv von daheim! Ich werde Ihnen sofort im heißesten Landwein den Willkommenstrunk kredenzen. Bitte hier rechts in mein Atelier.«

Als Julian das Atelier betrat, wurde ihm vollends zumute, als schritte er in eine andere Welt. Der dürftige Raum war mit den herrlichsten Blumenstudien angefüllt, die in fast unglaublicher Üppigkeit die Verschwendung des Südens schilderten; durch das offene Fenster herauf blitzte der schillernde See und winkten die duftzitternden Berge gegenüber, ein menschenvoller Dampfer kam von Porlezza und legte für eine Minute rauschend in Gandria an. Verwundert schauten die Vorüberfahrenden das kleine, graue Nest am Berghang an, die primitive Osteria, hinter deren Fenstern sie wohl eine andere Staffage vermutet hätten als die drei vom Zufall hier zusammengeworfenen Touristengestalten, die dem vorbeiziehenden Schiff wie einem hübschen Schauspiel zusahen.

Fräulein Gade hatte sich auf das Fensterbrett geschwungen und ließ die Sonne in ihrem Weinglas funkeln, die goldene Lichter in das purpurne Rot warf. Julian wurde immer gesprächiger, und Doris Katz sah immer wohlgefälliger zu dem stattlichen Paare hinüber, zu den beiden mondänen Gestalten, die da in ihre verzauberte Blumenwildnis hineingeraten waren. Dann aß man auf der kleinen Veranda Maccaroni, während die Honoratioren von Gandria am Nebentisch Würfel spielten. Man sprach von alledem, wovon flüchtige Reisebekanntschaften zu reden pflegen, von Land und Leuten, von Rundreisebilletts und Betrogenwerden, vom Zauber Italiens und der Stumpfsinnigkeit der Heimat. Als es kühler wurde, wanderte man durch die Rebenterrassen, über die ungepflegten Wege, auf die unzählige Rosenblätter niedergeregnet waren, an winzigen Häusern vorbei, in denen echt Rembrandtsches Helldunkel und sonst nichts durch die offene Tür zu sehen war. Und endlich, viel zu früh, tauchte in der Ferne der letzte Dampfer auf, den Julian benutzen konnte, und er wußte noch immer nicht recht, wer eigentlich Fräulein Gade war!

Doris Katz, das kleine, unheimliche Frauenzimmer, das so behende über die Treppenstraßen von Gandria sprang und ihn zuweilen so wohlwollend ansah, hatte er nicht zu fragen gewagt. Nun fragte er Fräulein Gade direkt, ob sie ihm nicht ihre Adresse geben, ob er sie nicht wiedersehen könne?

Sie überlegte. »Eigentlich haben solche Wiedersehen wenig Zweck,« entgegnete sie dann kühl. »Nun haben wir Ihnen so schön die Honneurs von Gandria gemacht, behalten Sie uns doch in diesem Rahmen in Erinnerung. Glauben Sie mir, kurze Episoden sind meist zehnmal netter als verlängerte Bekanntschaften.«

»Sie wollen mich nicht wiedersehen?« fragte er traurig.

Sie war bisher kühl gegen ihn gewesen; nun ging ihr plötzlich sein Ton zu Herzen.

Das Schiff legte an. Er sagte ihr rasch Lebewohl und stieg die Stufen neben der Veranda herab. Sie überlegte einen Moment, rief ihm ein plötzliches »Halt« nach und schnellte ihm ihre Visitenkarte zu. Er fing sie geschickt auf, an der untersten Stufe stehend, und quittierte mit einem dankbaren Blick.

Da tauchte plötzlich Doris Katz neben ihrer Freundin auf. »Damit Sie auch einen Besuchsgrund haben!« rief sie übermütig und warf ihm ein Buch zu. »Sie können es ja lesen und ihr dann wieder bringen.«

Etwas verwundert fing er die aufgedrungene Gabe auf und preßte das elegant gebundene Buch, um es nicht hinfallen zu lassen, mit einer schnellen, unwillkürlichen Bewegung an sein Herz. Die Bootsleute trieben zur Eile. Er eilte auf das Schiff. Fünfmal grüßte er noch nach Gandria zurück; dann vorsank es ihm im zarten Dunst der abendlichen Stunde.


* * *


Fräulein Gade lehnte unmutig am Geländer der Veranda.

»Doris,« sagte sie, »das war überflüssig – mit dem Buch.«

»Ich halte es für einen Dienst,« versetzte diese. Wissen muß er's doch. Denn einmal wird er dich heiraten wollen. Ich habe Blick dafür. Er ist regelrecht geliefert. Ich wette, daß er bei seinem nächsten Urlaub bei dir antritt und um dich anhält. Und ich wette, daß du ihn wirst nehmen wollen. Dein Buch kannst du ihm natürlich nicht unterschlagen. Solche Bücher sind ein Stück des Autors selbst. Also ist's besser, er liest es vorher, dann weißt du gleich sein Urteil.«

»Und glaubst du etwa, daß dies Urteil günstig ausfallen wird? Doch wohl kaum?«

Doris Katz zuckte die Achseln. »Ich habe dir immer gesagt: es ist ein tüchtiges Buch; es stiftet auch vielleicht Nutzen dank seiner guten Tendenz, aber es kam dir nicht zu, es zu schreiben. Du bist zu jung und zu hübsch dazu und auch mit dem Lieben noch nicht fertig. In dem Stadium soll man keine Bücher in die Welt senden, die allzu scharf sind. Du bist ›du‹, und wer dich ganz versteht, wird sich sagen, daß deine Persönlichkeit durchaus nicht so sarkastisch, hart und pessimistisch ist wie die Sachen, die du schreibst. Leute wie du werden aber nur selten ganz verstanden, und wer sich psychologisch nicht mit ihnen abzufinden weiß, nennt sie ›unweiblich‹ und bricht ihnen damit den Stab – wenigstens die blöde Menge. Ich halte den, der dort abdampft, zwar nicht gerade für einen aus der ›blöden Menge‹, aber immerhin doch für reichlich ›vieux jeu‹. Dich verehrt er, aber dein Buch wird er schwerlich goutieren. Was willst du machen?«

»Diesen einen Tag vergessen,« sagte Fräulein Gade. »Was gehen mich Liebesgeschichten an? Ich will gar keine . . .«

Doris sah sie scharf an. »Das glaubst du selbst nicht. ›Das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenbäume reiften‹, steht einem Mädchen deines Schlages nicht an. Du bist eine zu gesunde Natur, und daß du dich jetzt über dein Buch, auf das du bisher so stolz warst, ärgerst, beweist mir nur, daß der norddeutsche Kriegsgott nicht bloß mir, sondern auch dir gefallen hat.«

»Ich ärgere mich, daß du es ihm gegeben hast, nicht über das Buch. Was soll die ewige Verquickung von Mensch und Autor? Was man schreibt, ist Privatsache, wie Religion Privatsache ist. Ich stecke gesichert hinter meinem Pseudonym. Zu verraten brauche ich es niemand, wenn ich nicht will. In diesem Falle werde ich es nicht wollen. Folglich tut das Buch doch nichts zur Sache.« Sie brach einen Blütenzweig ab und warf ihn in den See. »Und was du von Heiraten redest, das ist Unsinn. Du weißt, damit bin ich fertig, seit –« sie murmelte einen Namen.

»Du meine Güte,« rief Doris, »wärmst du die alte Sache wieder auf! Einer Jugendliebe schließlich den Laufpaß zu geben, weil man mit erwachsenen Augen plötzlich einsieht, daß nichts an ihr war, außer etwa die Vergoldung, mit der die eigene Phantasie sie überkleidet hat, das ist doch immerhin keine Erfahrung, die zu gänzlichem Abrüsten in dieser Beziehung berechtigt. Was war daran?«

»Was daran war? Der ganze große Schmerz um ein zertrümmertes Ideal!« rief Fräulein Gade. »Und das soll nichts sein?«

Doris zuckte die Achseln. »Du bist au fond doch eine Schwärmerin. Ja, ja, du bist anders als dein Buch. Wer dich danach beurteilen will, urteilt falsch. Aber komm', wir wollen Tee trinken. Die Abendkühle beginnt. Hörst du, wie es in den Blättern schauert? Das ist die Zaubermusik von Gandria! Ich weiß jemand, der Gandria in seinem Leben nicht wieder vergißt.«

Fräulein Gade erhob sich schnell und streckte die Hand aus, als schüttle sie einen Eindruck von sich ab.

»Weißt du, Doris,« sagte sie, »andernfalls hätte ich ihn ganz gern wiedergesehen. Solche blonde Riesen sind mein Geschmack, aber daß du ihm das Buch zugesteckt hast, verdirbt mir die Lust daran. Ich will ihn nicht wiedersehen. Ich werde es energisch zu hindern suchen.«

Sie trat in das dämmerige Atelier. Zu der leeren Veranda herauf gurgelte mit süßem Wellenlaut das im letzten Abendschein bleicher und bleicher werdende Wasser des schönen Bergsees.


* * *


Julian fuhr über den nächtlichen Gotthard. Klare Mondscheinstunden waren dem heißen Tage gefolgt, und die Riesen des Gebirges standen in silberner Verklärtheit gegen den tiefdunklen Himmel.

Er öffnete das Fenster. Nach frischen Wiesen roch es da draußen, nach Bergnelken und Goldlack. Das waren noch die Düfte des Südens, die dann im Weiterfahren hinstarben in der klaren Herbheit des Höhenwindes, in dem kühlen Wassergeruch der tobenden Flüsse, die sich wie in ewiger Verzweiflung niederwarfen von den steilen Felsenkämmen des Gotthard.

Immer wieder nach Gandria zurück dachte Julian. Immer wieder nahm er die kleine Visitenkarte aus seinem Taschenbuch, auf der fein und winzig, in Kupfer gestochen, die drei Worte standen:

Ulrike Gade
Rapperswyl.

Rapperswyl – irgendwo in der Schweiz mußte das liegen, an einem jener lichten Seen, die man immer durcheinander bringt, solange man nicht selbst einmal dort war. Die neue Stadt trat in seinen Horizont wie etwas Wichtiges, Geheimnisvolles, wie etwas, das bestimmt war, eine Rolle in seinem Leben zu spielen. Vielleicht fuhr er beim nächsten Urlaub dorthin, – vielleicht? Nein, gewiß! Er lehnte sich im Wagen zurück und träumte. Das war ja alles so neu und schön und hold . . .

Erst mit dem Morgenschimmer verblaßten die bunten Farben seiner Luftschlösser. In einen grauen, regnerischen, deutschen Tag war der Zug aus dem Süden hineingebraust. Die Landschaften lagen entzaubert da; Julian fühlte, wie das Alltagsmenschentum wieder von ihm Besitz nahm und die jugendliche Schnelle seiner Empfindungen in müderes Tempo überging. Ja, wiedersehen wollte er sie noch immer, die schöne Freundin aus Gandria, aber nicht überstürzt, nicht ohne Vorbereitung, nicht ohne genaue Orientierung über ihre Person. Gründliche Erkundigungen wollte er einziehen über ihr Vorleben und ihre ganze Existenz, ehe er einen entscheidenden Schritt tat. Das ist ja so leicht heutzutage. Irgendwelche gemeinsame Bekannte hat man immer, die von dem und dem die genauesten Mitteilungen zu machen wissen. Allerhand Pläne schwirrten durch seinen Kopf.

An einer großen Fabrikstadt sauste jetzt der Zug vorbei. Dampfende Schlote, so trist aus dem Nebel steigend . . ein Häusermeer von monotonem Grau, das so verschlafen dalag und dem Auge nichts zu sagen hatte – ein Riesenbahnhof, in dem die regenmüde Menschheit verdrossen und übelgelaunt mit zu vielem Handgepäck nach gut deutscher Manier umhertobte. Ein Pfeifen, ein Knarren, ein Weitersausen in eine langweilige Ebene hinein, aus der Pappeln stumpfsinnig in die Höhe ragten.

Julian seufzte, und da er sich auf einen solch freudlosen Hintergrund das blütenreiche Bild Gandrias nicht mehr hinzuzaubern vermochte, nahm er das Buch zur Hand, das Doris Katz ihm so unmotiviert zugeworfen. Ein Roman – er war kein großer Romanleser, er gehörte zu den blinden Hassern alles Modernen, die Maeterlinck und Hostmannsthal kaum dem Namen nach kennen, grundsätzlich nichts von solchen neuen Geistern wissen wollen und sie ohne weiteres en bloc verdammen, weil sie nicht befähigt sind, sie zu begreifen.

Schon der Titel »Moderne Leiden« mißfiel ihm. Der männliche Autorname klang ihm gesucht. Von den ersten Seiten schon wehte ihm eine herbe, strenge Tendenz entgegen, ein Zugwind von Schonungslosigkeit, von zersetzender Kritik. Mit dem Gefühl, daß ein sehr unangenehmer Mann dies Buch geschrieben haben müsse, klappte er es bald wieder zu und beschloß, es nicht eher wieder zur Hand zu nehmen, als bis es ihm zu dem von Doris Katz angegebenen Vorwand dienen konnte. Doris Katz sank in seiner Achtung, daß sie solche Bücher besaß. Ulrike – in seinen Gedanken war sie bereits »Ulrike« – hatte es gewiß nicht gelesen oder sich bei der Lektüre gewiß ebenso abgestoßen gefühlt wie er.

Jedenfalls beschloß er infolge dieser Empfindung, sich mit keiner Nachfrage an Doris Katz zu wenden, sondern lieber einen andern Plan zu verfolgen.


* * *


Drei Tage später saß er, schon wieder ganz eingelebt, in der kleinen Garnisonstadt, über der schwer und geisttötend eine lähmende Hitze brütete, so daß die Menschen noch nachtwandlerischer über die schlecht gepflasterten Straßen gingen als gewöhnlich. Er tat den ersten Schritt auf der Spur Fräulein Gades. Er schrieb einer alten Tante, die in Ragaz zur Kur war, einen acht Seiten langen Brief, ein etwas linkisches Schriftstück. Wie in solchen Fällen üblich, motivierte er sein Ansuchen mit dem »Interesse eines Kameraden an der Betreffenden« und bat in den ehrerbietigsten Tönen, die er immer für das gute, alte Stiftsfräulein gehabt, daß sie doch auf ihrer Heimreise in Rapperswyl Station machen und alles auskundschaften möchte, was dort über Ulrike Gade zu erfahren sei? Er kannte die Vorliebe der Tante, die in ihrer Jugend selber mit romantischen Unternehmungen zu kurz gekommen war, für alle Dinge, die aparten Anflug hatten, und verrechnete sich nicht.

Eine Woche später etwa – er kam von einer heißen Regimentsübung staubbedeckt und müde zurück – elektrisierte ihn der Anblick eines Briefes mit Schweizer Marke. Wie viele Neffen, gewohnt, Briefe älterer Tanten erst auf der zweiten Seite zu beginnen, da die erste stets dasselbe bringt, blätterte er sofort in die Mitte.

»Was also die bewußte Dame betrifft« – sein Atem ging schneller –, »so sind meine Resultate dürftig, aber vielleicht nicht ohne Wert. Ihre Wohnung habe ich schnell gefunden. Denke dir ein längliches, viereckiges Gutshaus mit grünen Läden dicht am See; eine Reihe herrlicher Kastanien davor, unter denen steinerne Bänke stehen; ein großer, verwilderter Garten, der zwar besser gejätet werden könnte, aber nicht ohne Poesie ist. Das Haus gehörte seit Menschengedenken einem Fräulein Müller – ja, erschrick nicht! Wirklich Müller. Nach ihrem Tode im letzten Jahre hat sie es ihrer Nichte Ulrike vermacht, die zeitweise bei ihr gelebt hat, jedenfalls sehr viel mit ihr in der Welt herumgereist ist. Denn Fräulein Müller war immer nur wenige Herbstwochen in Rapperswyl, hat aber dank ihrer großen Wohltätigkeit, welche die Nichte jetzt fortsetzen soll, einen sehr guten Namen in dem kleinen Nest hinterlassen. Weißt du übrigens, daß in Rapperswyl ein Museum mit polnischen Erinnerungen ist? In einem reizenden Bergschloß, das Ulmen umrauschen; fabelhaft romantisch. Grünumrankte Tore, und die Wappen vornehmer polnischer Geschlechter an den Wänden, eine feudale Luft. Seltsam, so mitten in der Schweiz dies Denkmal der alten Polenherrlichkeit! Vielleicht hat Fräulein Müller in ihrer Jugend einen polnischen Edelmann geliebt und sich dann aus Pietät in Rapperswyl angekauft. Freilich, die Liebe konnte auch nur unglücklich sein, denn ein edler Pole kann natürlich keine Müller heiraten.«

Julian wurde etwas ungeduldig beim Lesen. Er überschlug einige Absätze, in denen lediglich von Polen die Rede war, und fand dann den gesuchten Faden wieder.

»Natürlich drang ich in das Haus ein, unter dem Vorwand, es kaufen zu wollen. Ein nettes, altes Mädchen hütet es. Sie erzählte, daß Fräulein Gade den Winter in Rapperswyl verbringen werde und schon Anfang Oktober eintreffen wolle. Sie lebe seit dem Tode der Tante ganz allein – das, lieber Julian, gefällt mir weniger und tat mir im Interesse deines Kameraden leid. Die Dame ist erst dreiunddreißig, also Selbständigkeitsberechtigung noch nicht vorhanden. Mit ihren Verwandten, den reichen Müller-Gades in Berlin, Verlagsbuchhändler oder Bankiers – das bekam ich nicht heraus, da überhaupt alle Begriffe, die sich nicht auf Rapperswyl bezogen, im Gehirn dieses Mädchens sehr ungeordnet durcheinander fielen – mit diesen Verwandten also wäre sie seit einiger Zeit zerfallen obwohl sie noch vor zwei Jahren länger im Hause derselben gewesen sei. Ihre Eltern sind längst tot, ihre Vermögensverhältnisse sehr gut, wenn auch nicht glänzend. Die alte Wirtschafterin stellte ihr und ihrem Charakter ein vortreffliches Zeugnis aus. Derselben Meinung sei auch der Pastor des Ortes. Mehr, lieber Julian, war nicht zu ermitteln. Rapperswyl selbst kannst du ja im Bädeker nachlesen. Es steht alles drin, auch Ufenau und Polenburg.

»Vielleicht besuchst du mich bald im Kloster. Du hast es ja nicht weit.«

Der Brief endete in Beteuerungen verwandtschaftlicher Zuneigung. Julians ganze Seele war bei Ulrike, die der Pastor von Rapperswyl gelobt hatte. Das wog schwer in seinen Augen, solch ein unparteiisches, geistliches Urteil; aber ehe er sich ganz in süße Sicherheit einwiegte, mußte doch noch die Familie Müller-Gade in Berlin gründlichst erforscht werden. Die etwaigen Achillesfersen und Schattenseiten dieses ihm bis dahin unbekannten Geschlechts – ermitteln mußte er sie, wenn sie da waren, und waren keine da, um so besser!

Vor seinen grübelnden Gedanken stieg das Bild eines jungen Vetters, des Grafen Fritz Travers, plötzlich empor. Dieser war auf der Kriegsakademie bereits im dritten Jahre; er hatte endlos mitgemacht in allen Kreisen, die sich ein Offizier nur erlauben konnte; vielleicht war ihm auch die Familie Müller-Gade einmal in den Weg gekommen: wenn nicht, so bürgten die gesunden Sinne, die scharfen Augen des Grafen Fritz auch in diesem Falle für eine richtige Ermittlung der Sachlage.

Julian schrieb ihm noch am selben Tage. Er fühlte eine seltsame Erregung, seit die Dinge in Gang kamen. Jede Nacht träumte er von Wellenrauschen und wußte nie, ob es eigentlich die Wellen des Luganer Sees waren oder die noch unbekannten von Rapperswyl?

Graf Fritz antwortete umgehend:


»Verehrter Vetter!

Nichts leichter als das. Bei meinen Fahrten durch Berlin, wenn ich auf Menschensuche ging, kamen mir Müller-Gades allwinterlich aufs häufigste in die Finger. Du weißt, daß wir Travers' uns nicht wenig auf unsere Vorurteilslosigkeit einbilden. Daß ich mit ihnen verkehrte, kennzeichnet sie also nicht unbedingt. Wenn ich aber sage: du könntest ohne Frage auch mit ihnen verkehren, so weißt du damit, daß die Familie einwandsfrei ist. Niemand von ihren vielen Gliedern hat je Bankerott gemacht, sich erhängt oder ist mit andrer Leute Frauen davongegangen. Sie sind sämtlich korrekt. Untereinander zerfleischen sie sich zwar gelegentlich, sagt man – aber diskret und hinter den Kulissen, so daß es Fremde unmöglich stören kann. Es ist eine richtige großindustrielle Berliner Familie mit gesellschaftlichem Ehrgeiz. Auf den Routs des Stammhauses schweben viele bemerkenswerte Namen durcheinander. Eine Menge Offiziere verkehren bei ihnen, und nicht bloß die kommandierten. Jeder nimmt seine Frau mit dahin. Ich würde es auch tun, hätte ich eine – aber mein nie erschautes Ideal schwebt noch im Weiten. Unsereins könnte ruhig in diese Familie hineinheiraten, und dein Kamerad, verehrter Vetter, wird, wenn er eine Gade heiratet, nicht weiter von seinem Kothurn heruntersteigen müssen als die meisten von uns, die lieber mit einem vernünftigen bürgerlichen Mädchen leben, als mit einer Ahnendame verhungern wollen.

So viel über die Familie im allgemeinen. Nun zu deiner speziellen Frage nach Ulrike Gade. Ich weiß nicht, wie viel du meinem Menschenurteil zutraust; jedenfalls ist es in diesem Falle ein Urteil aus eigner Anschauung, da ich Ulrike kenne. Jawohl, ich kenne sie, soweit man sich in Gesellschaften kennen lernt. Viele behaupten zwar, das sei gleich Null; ich finde, auch die flüchtigste Bekanntschaft gibt Handhaben genug, um Schlüsse zu ziehen, das heißt dem, der überhaupt Schlüsse ziehen kann. Sie erschien mir immer wie eine Extraausgabe im Vergleich zu den übrigen Familienexemplaren. Übrigens heißt sie nur Gade und nicht Müller, wie deinem Kameraden vielleicht lieb zu hören ist, falls er engherzige Tanten oder unmoderne Onkels haben sollte. Ihre Vettern führen den Doppelnamen. Sie ist die einzige Tochter des einzigen Gade, der Ideale hatte. Das ist nämlich etwas, was die andern bei ihrer phänomenalen Nüchternheit nicht kennen. Ihre Mutter starb früh. Ihr Vater war eine Art Privatgelehrter und so ideal, daß er fast sein ganzes Geld nach und nach an Ausbeuter aller Art weggab. Er reiste beständig mit der Tochter, so daß diese – sie mag dreiundzwanzig Jahre gewesen sein als er starb – niemals recht wußte, wo sie eigentlich zu Hause sei. Jedenfalls wußte sie im Archipel ebensogut Bescheid wie in den Straßen Berlins. Als sie verwaist und in beschränkter Lage zurückblieb, wurde sie in der Familie Müller-Gade von einem zum andern weitergegeben. Dann wollte ein Vetter sie heiraten; sie sagte nein, verkrachte infolgedessen mit dem Hauptbestande der Familie, lebte hierauf mit irgend einer Tante Müller teils auf Reisen, teils auf deren Besitzung in der Schweiz. Vor einem Jahre etwa starb die Tante und ließ sie in pekuniärer Selbständigkeit zurück. Ihr abhängiges Leben mag für den besonderen Geist, den sie besaß, drückend genug gewesen sein. Jedenfalls sieht sie auf keine glückliche Jugend zurück; das gab auch ihrer Art in jener Zeit, als ich sie öfters sah, ein besonderes Gepräge; sie war verschlossen, nicht für jeden liebenswürdig, ein wenig Pessimistin und einer tüchtigen Ironie fähig; sie machte immer den Eindruck eines Sklaven, der die Ketten brechen möchte. Daß sie einem reichen Vetter, dem Hauptmatador der jüngeren Generation, einen Korb gab, bewies, daß sie ein famoses Mädchen ist. Eine kleine Freundin erzählte mir damals, sie, die bewußte Ulrike, habe diesen Vetter früher sehr gerne gehabt, er sei ihr aber mit der Zeit zu materiell und nüchtern geworden, und da sie nur aus Liebe heiraten wolle, habe sie lieber dem Familienstolz des sehr selbstgefälligen Geschlechts mit einem energischen ›Nein‹ ins Gesicht geschlagen. Ich glaube, daß es so ist. Nun wird sie wohl wie eine verzauberte Prinzessin auf ihrer Burg in den Alpen sitzen, und der Ritter, der durch die Dornenhecke zu ihr möchte, wird wohl in erster Linie nicht materiell und nicht nüchtern sein dürfen, wenn er sie erlösen will. Da die Familie sie totschweigt – der Vetter mit dem Korb hat sich inzwischen anderweitig, wenn auch mit geringerer Qualität, versorgt –, dürfte es für mich schwierig sein, von ihrem jetzigen Leben etwas zu ermitteln. Ich glaube, sie stehen auch kaum mehr in Beziehung. Naturen wie diese machen, wenn sie sich gekränkt fühlen, energisch Schicht.

Wie geht es bei dir? Vielleicht kann ich mir im nächsten Herbst deine Existenz selbst einmal betrachten, da ich nach beendeter Akademiezeit wohl zu der Schwadron meines alten Regiments zurückkomme, die seit kurzem bei euch liegt. Wie ich nach den Berliner Jahren ein solches Nest wieder aushalten soll, weiß ich zwar nicht. Du hast Talent für die kleinen Städte. Vielleicht gibst du mir das Rezept.

Verehrungsvollst

Dein Vetter

Fritz Travers.«


* * *


Julian wußte, daß sein junger Vetter weder ein Schönredner war noch ein Phantast. Wenn er ihm auch im allgemeinen nicht viel Gutes zutraute, seinem gesunden Urteil traute er doch.

Er beschloß, Ulrike wiederzusehen und von dem Eindruck dieses zweiten Begegnens alles abhängig zu machen. So oft war eine Schwärmerei auf den ersten Blick bei einem Wiedersehen in ihm verblaßt. Wenn seine Gefühle diesmal die Liebesprobe bestanden, so lag ja nichts im Wege, Ulrike zu heiraten.

Die Vermögenslage beider erlaubte es ja.

Zuweilen dachte er daran, erst eine Korrespondenz mit ihr zu beginnen, aber seine Scheu vor dem Briefschreiben war zu groß. Er hatte das Gefühl, sich mit einer solchen Tintenquälerei selbst den Reiz von der Sache zu nehmen, und beschloß, es als echter Militär mit dem abgekürzten Angriff zu versuchen.


* * *


Rapperswyl lag im Abendleuchten da, festlich geschmückt vom gelben Glanze des Herbstlaubs, als Julians Dampfboot, an der stillen Ufenau vorbei, dem grauen Städtchen entgegenfuhr.

Gleich nach den Manövern hatte er einen zweiten, kurzen Urlaub erbeten, nicht ohne einige Schwierigkeit auch erhalten und war dann südwärts gedampft. Heftige Ungeduld trieb ihn. Das alte, stolze Zürich erstaunte ihn zwar eine kurze Minute, als er es so königlich ausgestreckt sah am bergumkränzten Ufer, aber lange dauerte der Zauber nicht. Ihm waren andere Dinge wichtiger, ja selbst die holden Gelände des Sees schwebten wie etwas Unwesentliches an seinem Blick vorbei. Er stand am Steuer und träumte in den Abendschein hinaus, bis endlich das dunkle Städtchen seiner Sehnsucht sichtbar wurde und über den Dächern die grüne Burg sich düster vom offenen Flammenmeer der versinkenden Sonne abhob. Und endlich sprang er ans Ufer; endlich fand er das gesuchte Haus, fand es, wie die Tante es geschildert, mit grünen Fensterläden und großen Kastanien dicht am See.

Und wenige Minuten noch, da stand er vor ihr und spielte vor ihren verwunderten Blicken seine kleine Komödie ab, die er sich hundertmal eingeübt in den langen, staubigen Manövertagen, in den ärmlichen Holzstuben der schlechten Heidequartiere da droben in den schönheitsverlassenen Gefilden seiner östlichen Provinz. Daß er zufällig hier vorbeikomme, sagte er, daß er ja noch immer Fräulein Katz' Buch habe und es nicht hätte lassen können, sich so im Vorüberfahren nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie habe zwar damals in Gandria gesagt, das Aufwärmen kurzer Bekanntschaften sei Unsinn, aber er könne das nicht finden, nein, wirklich nicht . .

Er sprach ernst und männlich, ohne Überhastung, mit der vollbewußten Würde, die er als reifer Mann und als Offizier für geboten hielt, an den Tag zu legen – und gerade das war es, was dieser Persönlichkeit, die im Grunde wenig innere Eigenart besaß, einen unbestreitbaren Charme verlieh, diese vornehme Haltung in Rede und Gebärde, dies vollkommen Männliche des Auftretens, das so harmonisch paßte zu der äußeren Stattlichkeit der Erscheinung. Und das war es auch, was Ulrikes festeste Vorsätze ins Schwanken brachte. Nein, sie hatte kein Wiedersehen gewünscht! Frei wollte sie sein, nach ihrer geknechteten Jugend das ungefesselte Leben weiterführen, das sie seit dem Tode der Tante in vollster Selbständigkeit genoß. Nun war er doch gekommen, plötzlich, ohne daß es sich hindern ließ. Sie stand am Fenster, wie eingerahmt von den Bäumen ihres Gartens, die leise an die Scheiben pochten; er neben ihr, dem gefährlichen Punkte immer näher kommend.

Sie deutete auf das Buch in seiner Hand. »Wie ordentlich Sie sein müssen,« sagte sie mit gepreßter Stimme, »daß Sie eine solche Kleinigkeit nicht vergaßen . . . Wie gefiel Ihnen denn das Buch?«

»Reden wir nicht davon,« versetzte er. »Solche Bücher sind mir schrecklich – ich hoffe, Ihnen auch. Wenn ich Ihnen etwas zu verbieten hätte, ich würde Ihnen nie erlauben, ein solches Buch zu lesen.«

Sie mußte unwillkürlich lächeln. »Jemand die Lektüre eines Buches verbieten, das man selbst geschrieben hat . . . das ist richtend für das Buch . . . und kränkend für den Autor,« dachte sie. Das heißt: solche Leute, mit denen hatte man ja nichts zu tun, mit denen verstand man sich eben nicht!

Ulrike fuhr auf. Da war Julian schon bei seiner Bewerbung. Daß er sie hätte wiedersehen müssen, sagte er, um zu prüfen, ob seine Liebe wirklich eine Liebe sei. Und er habe sich nicht geirrt, nur sie könne ihn glücklich machen trotz ihrer Verschiedenheit. Und verschieden wären sie; damals am Luganer See hätte ihre Sicherheit, ihre Selbständigkeit ihn fast erschreckt; sein weibliches Ideal sei immer viel unselbständiger gewesen. Aber das fiele nun ja alles von selber fort. Wenn sie ihn nur liebte, darauf käme alles an. Und, nicht wahr, das täte sie doch? Es wäre schrecklich, wenn sie es nicht täte. »Antworten Sie doch!« bat er. »Warum sind Sie so stumm? Warum reden Sie denn noch immer nicht?«

Sie merkte gar nicht, daß er in einem fort Fragen stellte, sie sah immer nur auf das Buch, das er achtlos auf den Tisch geworfen hatte. Wie ein roter Fleck brannte es auf der dunkeln Decke, das Buch, das er so schrecklich fand und das sie doch geschrieben . . .

Er ergriff ihre Hände. »Reden Sie doch, Ulrike, Sie martern mich!«

Sie entzog ihm ihre Finger. »Nein, Sie martern!« versetzte sie tonlos. »Wie soll ich antworten können, wenn ich die Antwort selber nicht weiß!«

»Ja oder nein, das ist doch einfach.«

»Nicht so einfach, wie Sie meinen –«

»Ulrike!« rief er erschreckt. »Sind Sie etwa nicht mehr frei?«

»Gerade, weil ich so frei bin . . . es fragt sich, ob man dies kostbarste der Güter opfern darf, wenn man es so hoch wertet wie ich . . .«

Er trat plötzlich verletzt von ihr fort. »Sie lieben mich eben nicht,« sagte er.

Da fühlte sie es mit einem Male in fast erschreckender Klarheit, daß das nicht richtig sei, daß wirklich, ihr selbst zum Staunen, ein heißes Gefühl für ihn in ihrem Herzen lebte.

»Lassen Sie mich einen Tag und eine Nacht darüber nachdenken,« sagte sie schweratmend.

»Nein, ich kann nicht warten. Lassen wir das. Entweder liebt man, oder man liebt nicht.«

»Ich werde Ihnen morgen schreiben,« sagte sie. »Jetzt kann ich nicht antworten.«

Er nahm seinen Hut und wollte gehen. Da sah sie, wie blaß er geworden war. Eine Rührung überkam sie. Er mochte irgend etwas Derartiges in ihrem Blick lesen, und ohne ein Wort abzuwarten, setzte er seinen Hut wieder auf den Tisch und ging auf sie zu.

Sie wich bis an das Fenster zurück. Das rote Buch tanzte ihr vor den Augen. Dann sah sie nur noch sein Gesicht und ließ die Dinge widerstandslos gehen, wie sie gehen wollten.

Eine Minute später war sie seine Braut.


* * *


Julians rasche Verlobung war vielleicht die erste temperamentvolle Tat seines Lebens. Seine Ahnherren, soweit es sich aus Chroniken feststellen ließ, hatten einst für berühmte Raufbolde gegolten, die von einem wohlbefestigten Schloß am Bodensee herab Krämer überfielen und besiegte Gegner hartherzig in ihren finsteren Verließen schmachten ließen, kurz, all jenen feudalen Unfug trieben, der im rücksichtsloseren Mittelalter bei adeligen Herren Sitte war. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich aber das Blut des hitzigen Geschlechts merklich verdünnt, im selben Maße wie der Kothurn, auf dem sie standen, niedriger geworden war. Die Herren von Reifenstein waren keine Raubritter mehr, sondern harmlose Beamte und brave Leutnants; sie dachten eher pedantisch als heißblütig, heirateten getrost in bürgerliche Familien, und nur die unverheirateten Reifensteins weiblichen Geschlechts schnürten sich im Hinblick auf ihre Stiftsplätze noch den Panzer eines besonderen Adelsstolzes um die Seelen.

Alle aber hatten ein schönes Erbteil aus der feudalen Vergangenheit überkommen, das war einmal eine natürliche Vornehmheit des Empfindens, die sie auszeichnete, und zweitens die Fähigkeit, bei besonderen Gelegenheiten – wenn auch nur einmal im Leben – heißblütig aufzuflammen und etwas von jener alten Raubritterenergie in sich zu entwickeln, die ihre Ahnherren am Bodensee einst so gefürchtet und berühmt gemacht hatte.

Vielleicht war es der vorteilhafteste Moment in Julians ganzem Leben, als er – hingerissen von der Situation – in dies seltene, schnelle, lebensvolle Tempo geriet; jedenfalls war es derjenige Moment, dem er Ulrikes Liebe und ihre Hand verdankte . .

In der Mitternachtsstunde, die diesem Abend folgte, ging Ulrike erregt in ihrem Zimmer auf und ab. Sie war glücklich. Sie hatte nie geglaubt, daß man es durch die Liebe werden könne. Nun wußte sie's.

Nur mit der Buchangelegenheit hatte sie sich noch abzufinden.

Sie tat es denn auch mit der resoluten Entschlossenheit einer kräftigen Natur, der eine kleine Beimischung von Solneß' »robustem Gewissen« nicht abgeht.

Sagen konnte sie Julian unmöglich mehr, daß sie der Autor war. Vielleicht, wenn er ihr Bedenkzeit gelassen, hätte sie es doch getan. Aber wozu ihm seinen Himmel zerstören, ihn wie mit feurigem Schwert aus seinem Paradiese verjagen? O, sie wußte, wie das tat, wenn einem Luftschlösser zerstört werden! Sie besann sich nur zu deutlich auf die Stunde, als sie sich einst klar darüber wurde, daß ihre ganze, lange Jugendliebe nichts als ein Mißgriff, ein Irrtum, eine Einbildung gewesen war, auf die Geburtsstunde jenes Menschenhasses und Weltschmerzes, jener stumpfen Wut auf »alles, was besteht » . . .

Und was bedeutete denn überhaupt dies eine Buch? Ein Versuch war's, ob sie auch könnte, was andre können, – sie, die man bisher immer »talentlos« genannt, weil sie keine Lust zu schlechtem Klavierspiel, keinen Hang zum »Brennen«, »Kerben« oder »Punzen« hatte. Niemand wußte von der Autorschaft dieses Buches außer Doris Katz, die ihr vorsichtshalber, damit das Geheimnis auch gut gewahrt werde, die ganze Verlegerkorrespondenz besorgt hatte. Die Autorschaft war ihr Geheimnis, durfte es bleiben. Was ist denn ein Buch heutzutage? Ein Sandkorn in der Wüste, ein Tropfen in der riesigen Bücherwelle, die jährlich den Markt überschwemmt und dann verschwindet, in nichts zurück. Vor einem halben Jahre war es erschienen; kein Kritiker hatte es beachtet. Niemand würde es vielleicht jemals beachten. Wozu also mit einer solchen Kleinigkeit ihm, den sie liebte, die Freude verderben? Nie war ihr das Buch so gleichgültig gewesen wie jetzt. Die selige Stunde, als sie in Rom mitten in der Frühlingszeit das erste Exemplar erhalten und stolz und verzückt betrachtet hatte, die war vorbei.

Jetzt interessierte sie sich nur noch für Julian, der ihr schon damals in Gandria gefährlicher gewesen, als sie sich gestand. Ja, die Liebe war doch die große Hauptsache im Leben! Die Dichter fabeln doch nicht! Nun wußte sie, was mit ihrem Leben anzufangen sei. Die ungebundene Freiheit war zwar schön gewesen, aber dies war noch schöner! Endlich etwas, worüber sich nicht ironisieren, nicht spotten ließ, etwas Ganzes, Volles.

Sie war nicht umsonst die Tochter des »einzigen Gade, der Ideale besessen hatte«. Mit Begeisterung gab sie sich dem neuen Glauben hin und genoß das Glück, das er ihr brachte, mit den vollen Zügen eines Durstigen, der noch nie von so köstlichem Tranke gekostet hat.


* * *


Der junge Graf Travers behielt mit seiner Ahnung recht. Er kam nach beendeter Kriegsakademie zu der Schwadron, die in Julians Garnison lag, und wenn er die Notwendigkeit, in einer kleinen Stadt atmen zu sollen, auch als halben Todesstoß empfand, so beschloß er doch, die Kugel, von der er fest annahm, daß er sie sich noch einmal durch den Kopf jagen würde, jetzt noch nicht anzuwenden.

Als er den ersten Abend nach der Übersiedlung von Berlin mit einem guten Bekannten aus früherer Zeit aus dem Kasino fortschlenderte, erkundigte er sich nach Reifensteins.

»Ach,« sagte der Kamerad, »die sind so glücklich, daß es gar nicht zu sagen ist.«

»O weh,« seufzte er, »je glücklicher ein Ehepaar, um so langweiliger für andere.«

Er beschloß, seinen Besuch möglichst hinauszuschieben.

Nach drei Tagen langweilte er sich aber bereits so in dem kleinen Nest, daß er doch hinging.

Er kam gerade in die Kaffeesitzung nach einem Diner herein, einem Drei-Uhr-Diner, eine Vorstellung, die ihn schaudern machte. »Wie kann man,« dachte er, »in der grellsten Stunde des Tages, in der niemand auf der Höhe seines Esprits und namentlich seines guten Aussehens zu stehen pflegt, ein Dutzend Menschen um seinen Eßtisch gruppieren, die alle im verklärenden Schein des künstlichen Lichtes zehnmal besser aussehen und gescheiter reden würden! Warum nicht den Anblick dieser Runzeln mildern, die enge Lebensverhältnisse hineingezeichnet haben in die Gesichter von Menschen, die vielleicht einst hübsch oder sorglos ins Leben schauten? Unklug und ungeschickt im höchsten Grade! Aber freilich, die ganze kleine Stadt würde Kopf gestanden haben, wenn jemand etwa um halb acht Uhr hätte dinieren lassen wollen! Dem korrekten Julian sah es ähnlich, daß er es daraufhin nicht riskierte, – aber Ulrike, die doch aus hauptstädtischem Leben stammte, hatte die etwa das Heft nicht in der Hand?

Er erregte Sensation, als er eintrat. Die Infanteriedamen führten zwar genau Buch über jeden Kavallerieleutnant, der in die Garnison verschlug, aber außer seinem Namen wußte noch keine etwas von ihm. Die ungewöhnliche Persönlichkeit frappierte. Travers sah mehr wie ein schöner Zigeuner aus als wie ein deutscher Offizier. Das unheimliche Augenfeuer innerlich rastloser, nervöser Menschen leuchtete ihm seltsam genug aus dem blassen Angesicht, dazu diese Mischung von Blasiertheit und Ironie im Ausdruck: wie der Sohn eines fremden, schönen Stammes stand er plötzlich zwischen den schwatzenden Herdenmenschen, die alle aus einem Stoff geschnitzt schienen, und denen kein höherer Gedanke von der Stirn zu lesen war.

Julian kam herzlich auf ihn zu. Die große, breitschultrige Gestalt gefiel Travers einen Augenblick, dann schien ihm plötzlich, als ob Julians Ton etwas reichlich zur Biederkeit hinüberneige. Nun ja, natürlich, in solch biederem Milieu! Das Milieu ist es ja, das wie ein Polyp mit Fangarmen alles an sich zieht und allen die Marke aufdrückt, die sie dann durchs Leben tragen, ohne es zu wissen.

Ihn schauderte, daß er hier existieren sollte. Er hätte am liebsten die Arme erhoben und gerufen: »Ihr armen Leute, wie dauert ihr mich!« aber sie würden sein Mitleid ja gar nicht begriffen, sie würden ihn entsetzt angeschaut, ihn ihrerseits bemitleidet haben, im Glauben, daß er wahnsinnig geworden sei.

Da trat – mitten in diese Gedankengänge hinein – die Hausfrau auf ihn zu.

Das war die Ulrike aus dem Berliner Salon, wie er sie vor drei Jahren kennen gelernt, aber mit einem liebenswürdigen Lächeln, das sie damals nicht gehabt.

»Wahrhaftig, sie fühlt sich wohl hier,« dachte er, als sie ihn auf die alte Bekanntschaft und die neue Verwandtschaft hin wie einen guten Freund begrüßte, »sie hält das Leben hier aus. Die hatte ich überschätzt.«

Sie wies ihm einen Platz zwischen zwei Regimensdamen an. Eine halbe Stunde lang mußte er eine Unterhaltung über sämtliche Ausflüge, die von der Stadt aus zu machen waren, erdulden. Man pries die Gegend als »lieblich«.

»Lieblich,« sagte er zu der lobsingenden Majorin, »lieblich werden immer jene Gegenden genannt, in denen die Berge zu niedrig sind, um der Rede wert zu sein, und die Reize so verschwindend, daß man sie nicht einmal mit dem Opernglas zu finden vermag. Stumpfsinnige Felder, dahinter eine schwache Hügelung, vorn ein paar Pappeln, die oben ausgehen wie alle Pappeln, – der Himmel beschütze einen vor solcher Lieblichkeit!«

Ulrike horchte scharf auf. Ihre Blicke begegneten sich, und es lag in ihnen wie eine Ahnung stummer Freimaurerei. Die andern Damen fanden seine Äußerung sehr arrogant, aber weil er so hübsch war und sie so neugierig, beschäftigten sie sich weiter mit ihm.

»Sie werden sich hier schwer einleben,« tadelte die Majorin. »Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrer Frau Cousine, die in ihren Mädchenjahren doch so viel gereist ist und solch wechselndes Leben geführt hat und sich nun in diesem lieben Städtchen so außerordentlich wohl fühlt.«

»Wirklich? » fragte er zu Ulrike hinüber. »Sie müssen mich in die Lehre nehmen und zeigen, wie man es macht.«

»Es ist leicht,« versetzte Ulrike ruhig.

Die Ehemänner kamen aus dem Rauchzimmer und warfen ihren Gattinnen rollende Blicke zu, die an Aufbruch mahnen sollten; in dem Rollen wurde bereits leicht der Zorn markiert, der ausbrechen würde, falls nicht sofort dem Gebot des Herrn Rechnung getragen würde.

Eine umständliche Verabschiedung erfolgte. Ulrikes liebenswürdiges Lächeln und ihre immer wieder hingebotene Hand waren wie ein fester Pol in dem Knäuel sich windender Gestalten. Ein paar Junggesellen blieben noch, und während Julian sich mit ihnen in das Rauchzimmer zurückzog, ließ er den Vetter bei Ulrike zurück.

Zum ersten Male vergaß Travers das Elend der kleinen Garnison. Die Zimmereinrichtung war so elegant, die Hausfrau so apart, daß er, beruhigt und tief aufatmend, seine Lackstiefel unter ihren Tisch streckte.

»Wissen Sie, wie Sie mir eben vorkamen, so im Schoße Ihres Regiments?« fragte er. »Da gibt es ein Stormsches Gedicht von einer schönen Frau, die wie ein Stern zwischen den andern steht und sich fortsehnt, aber sie sagt nicht, wohin. Nur ein Kundiger versteht es, von ihren Augenbrauen abzulesen, daß sie Heimweh hat nach einem verlassenen Strande, nach Gegenden, die anders und schöner sind als diese zum Beispiel . . . Sie sind so viel gereist, daß ich nicht begreifen würde, wenn es bei Ihnen anders wäre . .«

Ulrike sah gedankenvoll vor sich hin. Dann sagte sie mit etwas gezwungener Stimme: »Sie fassen mich zu lyrisch auf. Ich bin momentan nichts als eine brave Hausfrau, deren einziges Hoffen den ganzen Tag darauf gerichtet war, daß ihr Diner gut klappen möge, und die nun die Anerkennung ihres Mannes dafür erhofft, daß sie einigermaßen zufriedenstellend die Honneurs gemacht hat.«

»Welche objektive Gelassenheit müssen Sie besitzen, verehrte Cousine,« versetzte er etwas gekränkt, da er merkte, daß sie nicht offen gegen ihn war, »um in einem Jahre die schwere Kunst erlernt zu haben, sich in Verhältnisse zu fügen, die Ihnen im Grunde ebenso heterogen sein müssen wie mir. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch unsrer kleinen philosophischen Gespräche von früher erinnern. Damals, vor drei Jahren, als ich die Ehre hatte, Sie im Hause Ihrer Verwandten kennen zu lernen. Wir saßen damals zuweilen, wenn andere tanzten – das Tanzen langweilte Sie, und Sie hielten es für geistlos –, in einer Palmenecke des schönen Warmhauses, die an glückliche Tropenwälder, an indische Wildnis gemahnte, zusammen und redeten über die Welt und ihre Miseren, die Menschen und ihre Schwächen, und machten alles, was vorhanden war, so herunter, als wäre der ganze Globus nicht einen aus dem Kurs gekommenen Pfennig wert. Und jemand, der so energisch zu denken, so erbarmungslos zu kritisieren verstand, sollte mit einem Male so duldsam geworden sein? Ich kann nicht daran glauben! Die Schärfe Ihres Urteils haben Sie schwerlich eingebüßt, vielleicht nur die« – er hob die halb gesenkten Lider langsam auf und sah ihr forschend ins Auge – »nur die Ehrlichkeit!« schloß er dann.

Sie wurde lebhaft. »O nein, aber selbst wenn – ist diese Art der Unehrlichkeit nicht vielleicht eine Tugend? Wenn man rücksichtslos ehrlich sein will, pflegt man unliebenswürdig zu sein. Jetzt bin ich vielleicht weniger ehrlich geworden, aber liebenswürdiger. Diese Metamorphose halte ich für eine Verbesserung.«

»Sie nehmen also eine Maske vor,« sagte er mit jenem weichen Ton, den seine Stimme bisweilen annehmen konnte; »dürfte ich als Vetter Julians nicht um den Vorzug bitten, daß mit mir ohne Maske verkehrt wird?«

»O nein,« versetzte sie, »ich möchte Sie auch nicht ganz unmaskiert. Auch handelt es sich gar nicht um Masken. Es ist etwas anderes; wir müssen uns gegenseitig beweisen, daß wir seit unserer Bekanntschaft gereift sind.«

»Und glauben wir das?«

»Ich kann für Sie nicht urteilen.«

»Doch, ich bin gereift,« sagte Travers mit Entschiedenheit. »Ich habe viel gelernt in meinen Akademiejahren; ich habe bekommen, was ich vorher dank meiner Korpserziehung nicht hatte: – Interessen; ich meine weitergehende, nicht bloß für Rangliste und Pferde. Ich bin sogar unter die Literaten gegangen. Novellen, Dramen, solches Zeug habe ich geschrieben, – allerhand, was eigentlich ein Offizier nicht schreiben soll. Ich interessiere mich brennend für tausend unmilitärische Dinge. Mit einem Riesenkoffer Bücher bin ich hier angekommen; ich halte mir inkognito Zeitungen, deren Namen ich hier in Julians Hause kaum zu nennen wage. Sie sehen, ich plaudere offen alle meine Geheimnisse aus. Ich bin noch ehrlich, allerdings nicht ohne eigennützigen Hintergedanken. Ich bitte Sie,« – und er faltete seine schönen Hände, während er die Ellbogen auf die Knie stützte und Ulrike flehend ansah – »interessieren Sie sich ein wenig für mich; sehen Sie, ich bin hier wie der Fisch auf dem Sande, geschleudert aus meinem eigentlichen Element auf ein ungastliches Ufer, auf dem ich nicht leben kann. Wie Odysseus auf der Insel des Polyphem bin ich hier gestrandet. Mein Polyphem ist die Langeweile, die mich erwürgen wird, wenn mich niemand rettet. Sie können mich retten. Sie haben dieselben Interessen wie ich. Sie kennen Welt und Menschen und sind nicht wie all die andern hier, die kaum hinausgeguckt haben über die Mauern dieser Stadt oder den Zaun ihres Regiments. Lassen Sie uns zuweilen von den Dingen sprechen, die da draußen liegen, von Kunst und Literatur und Theater und Philosophie, von der Welt und ihrem Reichtum, – und wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, so seien Sie ein wenig huldvoll gegen meine kleinen literarischen Versuche, lesen Sie meine Manuskripte durch, – tadeln Sie, streichen Sie aus, verbessern Sie, wo Sie wollen, aber lassen Sie mich nicht umkommen vor Hunger nach Verständnis!«

Ulrike mußte lächeln über sein Ungestüm. Er lachte mit einem Male auch.

»Nicht wahr, ich bin gleich mit schwerem Geschütz in Ihr Haus hereingefahren?« sagte er, »aber Sie wissen nicht, wie ich leide. Legen Sie ein gutes Wort für mich ein bei Julian. Ich fürchte, er ist nicht ganz zufrieden mit meiner Wenigkeit. Daß ich in die hiesige Schwadron kam, – nun, Strafversetzung ist's ja nicht gerade; es sind allerhand Unbescholtene hier unter uns, aber wer ausgezeichnet werden soll, na, dem erspart man dies. Ich, – nun, Sie als Menschenkennerin, das waren Sie doch früher? – werden begreifen, daß die Kehrseite meiner Tugenden nicht im Talent liegt, gerade ein extra musterhafter Offizier zu sein. So etwas wie ich paßt eigentlich nicht in solch einengenden Waffenrock.«

»Nein,« sagte sie, »Sie haben recht, und damit Sie sehen, daß Sie auch lyrisch aufzufassen sind, will ich Ihnen gestehen, daß mir vorhin bei Ihrem Eintritt jenes Lenausche Lied von den drei Zigeunern in den Sinn kam. Dem, der da im Abendschein liegt, ›in den Händen die Fiedel‹, und das Leben dreimal verachtet, was ihn aber nicht hindert, dabei ein ›lustiges Liedel‹ zu spielen, dem gleichen Sie. Ich glaube allerdings kaum, daß Ihre Novellen lustig sind, die taxiere ich für furchtbar ›modern‹.«

»Wenn Sie schrieben, gnädige Frau, würde wohl auch nichts Unmodernes zutage kommen!«

Sie wurde plötzlich rot. Ihr Buch fiel ihr ein, das fast vergessene, verstoßene Buch, in das sie einst das ganze Leid ihres jungen, mit so viel Bitterkeit gewürzten Lebens ausgeströmt hatte. Wie weit das zurücklag, woran sie das gemahnte . . .

Die letzten Gäste brachen auf. Travers ging mit ihnen, da Julian ihn nicht hielt. Julian war müde geworden von seinen Hausherrnpflichten und streckte sich erleichtert auf das Sofa hin.

»Nun, Ulrike,« sagte er, ihre Hand nehmend, »war's nicht nett heute?«

»Ach ja,« rief sie, »wie ein frischer Luftzug! Gott, wie wohl das tut.«

»Ja, ja,« meinte Julian, »es sind aber auch wirklich reizende Kerle in meinem Regiment.«


* * *


Julian zog sich zu einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf zurück, und Ulrike machte ihre tägliche Promenade.

Seit sie am Anfang des letzten Winters, von einem rieselnden Landregen empfangen, zum erstenmal ihre neue Heimat betreten hatte, war es ihr ein tägliches, ungestümes Bedürfnis, wenigstens eine Stunde lang mit ihren raschen, kräftigen Schritten aus dieser Stadt herauszulaufen auf der öden, pappelbestandenen Chaussee, die dem nächsten »lieblichen« Hügel entgegenführte.

Ihr war bei diesen Wanderungen, als liefe sie vor sich selber weg, und immer kehrte sie mit neuem Mut und neuen Vorsätzen zurück, tapfer in dem falschen Fahrwasser weiter zu steuern, in das sie geraten war.

Ja, sie hatte mit ihrer Verheiratung einen Mißgriff begangen, darüber war sie sich lange klar. Frauen wie sie paßten, so meinte sie, in keine Ehe, wenigstens in keine mit einem Mann, der so ausgesprochen aus der alten Schule war, der zwar alle Vorzüge des »vieux jeu« besaß, aber auch alle Nachteile!

Es hatte damit angefangen, daß er – kaum verlobt – die Tante nach Rapperswyl kommen ließ, weil er die Existenz seiner Braut zu selbständig fand . . . Ja, er liebte sie, das glaubte sie schon; aber ganz aus blödem Zufall hatte er sich in sie verliebt, ohne Sinn und Verstand, ohne abzuwägen, ob er einem Wesen wie ihr auch gerecht werden konnte. Dann, als er merkte, daß nicht alles an ihr seinem Schema entsprach, hatte er ihre Eigenart für Fehler genommen und sie auszurotten versucht. Immer die Tante zur Hilfe geholt, die Tante, die Tante!

Fort von Rapperswyl hatte er sie gezwungen, in das Damenstift hinein; dort, im Beisein der sämtlichen adeligen Fräulein, war die Trauung vollzogen. Dann in die Garnison; zur Hochzeitsreise gab's keinen Urlaub mehr.

Sie sagte sich beständig vor, daß sie ihn liebe; sie vergab ihm alles, selbst das vorzeitige Fortgerissenwerden von der geliebten schattigen Heimstätte am Züricher See. Sie glaubte es anfangs wirklich, daß es so sei, und eines Tages merkte sie doch, daß sie sich belog.

Es kam zur ersten Szene. Die Gartenmauer vor dem alten Hause in Rapperswyl war eingestürzt. Sie wollte hinfahren, nur für fünf Tage, um die notwendigen Änderungen zu besprechen. Er erlaubte es nicht; er duldete das selbständige Reisen nicht bei seiner Frau. Zur selben Zeit kam Doris Katz nach Berlin. Ulrike wollte sie einladen. Er erlaubte auch das nicht. Die seltsame Erscheinung einer Doris Katz würde im Regiment Anstoß erregen, behauptete er.

Zum ersten Male widersprach sie ihm energisch. Er hielt ihr eine lange Rede, bei der er nicht einen Augenblick die gute Form außer acht ließ, nicht einen Moment in heftige Tonart geriet. Er sagte, daß Szenen etwas sehr Häßliches und Unweibliches wären, und daß die Frauen seiner Familie sich immer vor leidenschaftlichen Ausbrüchen gehütet hätten. Sie müsse sich bemühen, diesen Frauen zu gleichen.

Dann kam statt Doris Katz die Tante zu Besuch, – zu jedem christlichen Fest die Tante. Wie ein roter Faden zogen sich die Besuche der alten Stiftsdame durch das ganze Jahr, und der Manöverurlaub wurde natürlich dazu verwendet, sich für das freundliche Kommen der Tante dankbar zu erweisen durch einen vierwöchentlichen Besuch in der Stiftsstadt.

Das war die Leidensgeschichte von Ulrikes erstem Ehejahr. Danach bemaß sich ihre Zukunftsaussicht . . .

Nach jener ersten Szene hatte sie einen Entschluß gefaßt. Die Frage: Wie lange hält man ein solches Leben aus? klang ihr tagelang in den Ohren. Endlich fand sie die Antwort: So lange, bis man es eben nicht mehr aushält!

Bis dahin aber wollte sie den Schein wahren, vor der Welt, vor sich, vor Julian.

Er liebte sie ja auch, auf seine Weise. Er tat ihr oft fast leid, daß er sich so vergriffen hatte. Sie versuchte immer aufs neue, gerecht gegen ihn zu sein. Er besaß Vorzüge, hatte gute Momente, wäre in den Augen vieler anderer Frauen ein Musterehemann gewesen. Auf ihren Promenaden im Sturmschritt betete sie sich krampfhaft alle seine Tugenden vor.

Nur heute nicht.

Heute dachte sie gar nicht an ihn. Nur an ihr altes Leben dachte sie, an die schöne Freiheit der letzten Mädchenjahre, an ihr einstiges Ich, an ihr Buch, an die warme, goldene Sonne, die über fremden, fernen Ländern schien.


* * *


Inzwischen saß Travers mit übereinander geschlagenen Beinen in der »Sympathie«, dem Biergarten des Städtchens: rechts eine grüne Planke, links ein abgeblühtes Rosenboskett.

Er rauchte seine letzten Berliner Zigaretten auf und fragte sich immer wieder:

»Wie kommt die Frau zu dem Mann?«


* * *


Zu Julians guten Eigenschaften gehörte große Gastfreiheit gegen seine Familie. Mit derselben Wärme, mit der er immer wieder die alte Tante einlud, öffnete er auch Fritz Travers sein Haus. So kam es, daß bald kein Tag verging, an dem dieser depossedierte Großstadtlöwe nicht eine Stunde wenigstens mit dem für sein Glück berühmten Ehepaar zusammensaß. Und in der ganzen Stadt merkte nur Fritz Travers, daß es mit diesem Glück nicht so gut bestellt war, wie die Leute dachten, daß die beiden Menschen, die da gemeinschaftlich einen Mißgriff begangen hatten, jenen unverdienten Ruf nur ihrem Selbstbeherrschungstalent verdankten. Er tat, als bemerke er nichts, da die Stunde noch nicht gekommen war, in der Ulrike ohne Maske mit ihm zu verkehren geruhte. Sie sprachen harmlos von ihren alten Beziehungen; er ließ sich von Ulrike trösten, wenn er sich einmal gar zu kleinstadtkrank fühlte. Mit Julian sprach er von militärischen Dingen, von Avancements und Militärstrafprozeßordnung, und so lebten die drei Menschen im besten Einvernehmen hin, ja, Travers erreichte sogar, daß er dem Ehepaar eines Abends seine neueste Novelle vorlesen durfte.

Die Novelle hob scheinbar harmlos an, ein Stimmungsbild, wie mit matten, dünnen, zarten Wasserfarben hingemalt; nur ein Kenner merkte sofort die verhaltene Glut, die unter all den stillen Worten loderte.

Julian tadelte natürlich, daß der Vetter schriftstellerische Neigungen hatte, aber sein verwandtschaftlicher Sinn war so groß, daß er dem jungen Löwen diese Untugend zu gute hielt, solange er seine Sachen nur nicht drucken ließ.

Ulrike hatte vor der schon seit längerer Zeit angekündigten Vorlesung ein ängstliches Vorgefühl empfunden. Sie fürchtete, es könne ihr wie dem Riesen gehen, der, als er die Erde berührte, die alte Kraft zu fühlen begann. Sie wollte nicht zu viel denken müssen an ihre eigenen, ehrgeizigen Stunden, da ihre Feder so rasch über das Papier geflogen war in der Gartenlaube von Rapperswyl, während durch das Zweigegewirr der See heraufblaute und die Dampfer stolz und schwer und majestätisch durch die Wellen rauschten. Sie hatte seit Jahr und Tag ihre Vergangenheit verleugnet und mochte nicht daran erinnert werden, daß sie es getan.

Es war ein Abend am Dezemberanfang. Das erste große Schneetreiben war über die Dächer gebraust, und all die winterliche Traurigkeit lag in der Luft, die so viel schwerer zu ertragen ist beim Anbeginn, wenn das Schlimmste noch kommt und man sich erst durch endlose Frosttage durchquälen muß, ehe man sich den Frühling verdient.

Travers saß neben einer grünverschleierten Lampe und begann seine Lektüre. Julian lehnte resigniert in der Sofaecke, und Ulrike hatte ihren Stuhl aus dem Bereich des Lichtes gezogen, um ihre nervöse Unruhe zu verbergen.

Julian hörte eine kurze Zeit aufmerksam zu, fing aber bald an, sich zu langweilen und schlummerte dann ein, die Hand über die Stirn gelegt, so daß die Pose auch für die eines gespannten Zuhörers gelten konnte, der die Augen schließt, um sich durch nichts Sichtbares den Genuß des Hörens stören zu lassen.

Travers Stimme wurde schneller, aber leiser, die Handlung der Novelle ereignisvoller und stürmischer. Auf dem sorgsam bereiteten Untergrund schritt, in kurzen Zügen geschildert, ein wildes Drama dahin, dessen Held Travers selber war, unverleugnet und unbeschönigt.

Hastig jagte seine Stimme über die Seiten. Er wußte, daß Julian schlief, daß er lesen konnte wie er wollte, mit der ganzen sentimentalen Ironie und dem heiseren Pathos, das in seiner nervösen Stimme lag. Er wußte auch, daß seine Arbeit so am besten zur Geltung kam, wenn er sie selber vorlas in der zuckenden, ruckweisen Manier, in der er zu schreiben pflegte.

Als er geendet hatte, legte er das Manuskript leise auf den Tisch und zog sich einen Schemel neben Ulrike.

»Nun,« fragte er, »ist noch etwas zu ändern?«

»Ja,« sagte sie in einer Erregung, wie er sie noch nie an ihr bemerkt, »der Schluß, sonst aber ist es tadellos. Es ist eine tüchtige Arbeit, so aus einem Stück, von einem ganzen Mann! Nur der Schluß, wissen Sie, der muß zusammengenommen, der muß fester herausgearbeitet werden,« und sie machte eine Bewegung mit der Hand, als preßte sie einen schweren Gegenstand mit aller Kraft zusammen.

»O, ich weiß schon!« rief er. »Ja, so herum! Ich dachte auch schon daran, aber es ging nicht. Die rechte Stunde war nicht da.«

»Soll ich es Ihnen machen?« fragte sie.

»Ja, können Sie das denn?« entgegnete er gespannt.

Sie lachte. Fast hätte sie sich verraten. »Es käme auf einen Versuch an,« sagte sie schnell gefaßt.

»Und dürften Sie denn?« Er sah nach Julian hinüber, dann zu ihr mit einem fragenden Blick, der alles wissen zu wollen schien, was in ihrer Seele vorging. »Und wenn Sie nicht dürften?« fügte er hinzu.

»Dann täte ich's auch natürlich nicht,« sagte sie kurz.

In diesem Augenblick wachte Julian auf. Er fand sich schnell in die Situation zurück und rief Travers zu:

»Daß du mir das aber nicht drucken läßt, mein Freund!«

»Ich denke nicht daran«

»Und wie urteilst du, Ulrike?« fragte er mit jener ritterlichen Höflichkeit, die er immer für seine Frau hatte und die so viele Leute über das wirkliche Verhältnis der beiden täuschte.

»Ich fühlte mich lebhaft auf den Vesuv versetzt,« entgegnete sie. »Da gibt es auch Strecken, die ganz harmlos und eintönig aussehen – ein Weinberg liegt da in der Sonne, ein kleiner blütenbeladener Obstbaum reckt sich rosig aus den Lavatrümmern heraus; man denkt, so gefährlich könne die Sache gar nicht sein; und dann mit einem Male geschieht das Ungeheure, und man sieht die Feuerlohe aus der stillen Landschaft heraus zum Himmel steigen! Das ist die Technik unseres Freundes. Erst das fein hingemalte Milieu und dann plötzlich die Tragödie wie eine Flammengarbe daraufgesetzt. Fast schade, daß Sie nicht irgendwo als hungerndes Gebirgskind geboren sind! Mit dem Talent in der Tasche könnten Sie sich die Welt erobern; so muß es brach liegen, und Sie haben nur Vorteil davon in Ihrem stummen Bewußtsein. Das ist wirklich ein Malheur.«

Travers trank begierig das Lob von ihrem schönen roten Munde. Sie war der erste Mensch, der ihn ermunterte. Seine Kameraden, denen er in Ermangelung eines anderen Auditoriums zuweilen etwas vorzulesen pflegte, wenn die Abende zu langweilig wurden, die hatten bloß dazu gelacht.

»Potz tausend,« sagte Julian und musterte die beiden, »was habt ihr zwei aber für rote Köpfe gekriegt! Nun, ich hoffe, das Abendessen kühlt euch wieder ab. Ich für mein Teil bin sehr hungrig.«

Nachdem Travers bald nach dem Abendessen gegangen war, zündete Julian sich eine neue Zigarre an.

»Ulrike,« begann er nachdrücklich, »wie findest du eigentlich Fritzens Arbeit im Ernst? Schwach? Nicht? Ich begriff nicht recht, daß du ihm solche Elogen machtest. Es ist nicht gut für ihn. Ich möchte dich bitten, es nicht wieder zu tun.«

»Ich habe ihm mein Urteil gesagt,« versetzte sie. »Die Arbeit ist nicht schwach. Ich glaube, du bist kein gerechter Beurteiler eines Autors, da für dich die Welt ebenso gut ohne Autoren sein könnte. Du brauchst die ganze Literatur nicht.«

»O bitte, ich lese doch zum Beispiel Moltke.«

»Jawohl, Moltke, das schlägt ja auch ins Fach, und zuweilen mal humoristische Sachen, aber Fritzens Genre liegt dir nicht, und darum bist du ungerecht gegen seine Arbeit.«

»Du sagst das ja fast wie einen Vorwurf!«

»Keineswegs,« erwiderte sie und dämpfte ihre etwas erregt gewordene Stimme. »Siehst du, Julian, diese Novelle von Fritz hat den ganzen zarten Timbre einer Erstlingsarbeit, jenen gewissen Schmelz, den spätere Sachen nie mehr haben können. Es liegt ein jugendlicher Zauber über dem Ganzen, wie der frische Hauch einer Kraft, die zum ersten Male ihre Schwingen prüft. Das hat einen unsagbaren Reiz für mich, und die Fabel der Geschichte tritt in meinen Augen ganz hinter diesem Vorzug zurück. Die Fabel ist ja auch wirksam, aber zum Schluß kommt eine Unwahrscheinlichkeit. Die muß heraus. Ich habe ihm gesagt, daß ich versuchen will, ihm den Schluß zu ändern. Hoffentlich hast du nichts dagegen, Julian«

Er sah sich verwundert nach ihr um, die hastig durch das Zimmer schritt.

»Du? Das verbiet' ich, Ulrike!« sagte er mit Entschiedenheit.

»Warum?« fragte sie, stehen bleibend.

»Weil ich nicht mag, daß du dich da hineinmengst. Du weißt, ich hasse literarische Umtriebe bei Frauen überhaupt, und bei der meinen will ich es nun gar nicht. Mag Fritz moderne Novellen schreiben, so viel er Lust hat, aber wenn er ansteckend auf dich wirkt, werde ich ihm verbieten, das ganze Thema in meinem Hause wieder zu berühren. Er ist ohnehin eine Persönlichkeit, die mit Vorsicht genossen werden muß. Man soll Verwandte nicht kritisieren und nicht bemängeln, aber ich möchte dich doch bitten, ihn nicht mit deinen Lobsprüchen zu sehr zu verwöhnen. Solche junge Dachse vertragen das nicht.«

Ulrike war stehen geblieben und hörte der Rede ihres Mannes mit stumpfer Ergebung zu.

»Gut,« sagte sie, »mag er sich den Schluß selber ändern. Aber sage, Julian, hast du auch etwas dagegen, wenn ich dann und wann mal ein kleines Feuilleton über irgend etwas Landschaftliches schreibe? Über römische Gebirge, die pontinischen Sümpfe oder belgische Städte?«

»Wie kommst du plötzlich auf dergleichen!« rief er. »Fritz hat dich doch angesteckt. Ja, ich habe wohl etwas dagegen! Du sollst dich mit deinem Haushalt beschäftigen, mit dem Regiment. Ich finde es ohnehin nicht richtig, daß du dich so sehr von den andern Damen zurückhältst. Ich weiß, man redet darüber. Wende deine Interessen lieber auf diese Pflichten. Ich begreife nicht, wie du plötzlich auf Schreibideen verfällst!«

Sie trat an ihn heran und legte ihre schlanke, kräftige Hand leise auf seine Schulter.

»Ist dir nie der Gedanke gekommen, Julian,« fragte sie leise, »daß mir in dieser Stadt, bei dieser Art von Leben etwas fehlen könnte?«

Sie sah ihn erwartungsvoll an, als müsse nun irgend eine Entscheidung kommen, aber die Frage glitt gänzlich an ihm ab.

»Eine ordentliche Frau hat sich nicht zu langweilen,« versetzte er ungehalten. »Nimm dir ein Beispiel an den andern Regimentsdamen, die langweilen sich auch nicht. Denke an die Majorstöchter. Den ganzen Tag lang arbeiten die Mädchen, brennen oder malen und sind tätig für irgend einen Bazar.«

»Aber Julian!« rief Ulrike. »Der Himmel behüte mich, daß ich jemals so weit herunterkomme, zu Brennapparat und Farbenkasten zu greifen und ohne Talent darauf los zu wirtschaften wie diese Majorstöchter. Verzeihe, ich habe aber durch meine Reisen zu hohe Begriffe von der Kunst bekommen, als daß ich je meine Befriedigung darin sehen könnte, Veilchen auf Zigarrentaschen zu malen und Windmühlen auf Stiefelknechte zu brennen, und noch dazu alles so verzeichnet, wie die armen Mädchen das machen.«

»Du urteilst sehr ungerecht,« erwiderte Julian. »Es hat etwas unendlich Beglückendes für ein Familienleben, wenn solche kleine Talente ausgebildet und Menschen damit erfreut werden. Ich begreife gar nicht, daß du so ungerecht denkst. Als du dir neulich die Sachen ansahst, machtest du doch ein so liebenswürdig interessiertes Gesicht dabei, daß ich mich noch über meine anmutige Gattin freute.«

»Ich bin deinetwegen liebenswürdig,« rief sie, heftiger werdend, »nur aus Rücksicht auf dich! Wäre ich aufrichtiger, so ränge ich die Hände über die Spießbürgerlichkeit des Lebens hier.«

»Ulrike!« rief er vorwurfsvoll. »Ich bitte, verschone dich und mich mit einer Szene. Warum wirfst du solche Fragen auf? Wenn du durchaus schreiben mußt, so schreibe Briefe.«

»An die Tante?« fragte sie ironisch.

»Es würde dir gar nicht schaden, öfters an die Tante zu schreiben. Sie lebt auch in Verhältnissen, die dir vielleicht spießbürgerlich scheinen. Nimm dir ein Beispiel an ihr, wie dankbar sie ihr Los trägt.«

»Ja, sie hat auch nie eine andere Art von Leben kennen gelernt. Ihre Reisen reichten nicht weit. Von der wirklichen Welt hat sie keine Ahnung.«

»Ulrike,« sagte er und warf seine Zigarre fort. »Wenn es dir so schwer war, dein bisheriges Leben aufzugeben, warum hast du mich denn geheiratet?«

Sie wollte eine rasche, vernichtende Antwort geben, aber gewohnt, sich zu beherrschen, hielt sie noch in der letzten Sekunde an sich.

»Aus Liebe,« versetzte sie statt dessen friedfertig. »Du weißt es ja. Ach, Julian,« rief sie, die Hände faltend, »laß uns im Frühling ein paar Wochen auf Reisen geben, bitte, bitte! Wir haben ja gar keinen Grund, es nicht zu tun! Und wir wollen es so genießen, du und ich! Siehst du, auf Reisen haben wir uns ja kennen gelernt! Das würde dann wie eine Rekapitulation unserer ersten Beziehungen sein. Laß uns erst nach Rapperswyl gehen in das alte, graue, liebe Haus, nach dem ich mich oft so sehne. Und dann hinunter nach Italien. Fühlst du nicht, was für ein Zauberhauch in dem bloßen Gedanken liegt, fort aus den Schneewehen und Frühlingsstürmen hinunter zu eilen in ein so beglücktes Land? Und ich bin dann dein Cicerone! Ich kenne ja alles so gut. Ich zeige dir Rom und Florenz, und dann müssen wir bis Pästum hinunter, wo die Tempel stehen. Du sollst sehen, das Herz wird dir aufgehen, und wir wollen so glücklich sein!«

»Ulrike,« wehrte er ab. »Du hättest wirklich deinen Reisefanatismus in der Ehe begraben können.«

»O, Julian,« bat sie, »sage nicht nein, ich will mich den ganzen Winter nur dem Regiment widmen. Ich will mich nicht mehr um Fritzens Novellen kümmern, wenn ich diese Aussicht habe. Laß uns reisen! Vier Wochen Urlaub bekommst du doch sicher.«

»Nein, Ulrike,« sagte er energisch, »wir reisen in diesem Frühjahr nicht. Es ist kein Gedanke daran. Ich begreife nicht, daß du dich so aufregst. Ich stehe dicht vor dem Major – ich kann nicht fort. Du hättest dir das alles vor deiner Verheiratung überlegen sollen.«

Er ging rasch aus dem Zimmer. Sie hörte die Türen schlagen, wie er in den Stall ging, um nach den Pferden zu sehen.

Sie war allein. Sie hätte sich nicht zu beherrschen brauchen, hätte aufschreien, nach Herzenslust die Hände ringen können, aber sie stand nur in stummer Verzweiflung bewegungslos da und flüsterte vor sich hin: »Ein hoffnungsloser Fall . . .«

Und diese Hoffnungslosigkeit war es, die wie ein schwerer Alp auf sie herniedersank. Ihr schönes, reiches Leben – was war daraus geworden? Eine jener geknechteten Existenzen, denen Millionen Menschen überhaupt nicht das Recht zugestehen würden, sich zu beklagen, die Fernerstehende sogar beneiden um ihr äußerlich so gutes Los, und die dennoch, wenn sie mit sich allein sind, Bergeslasten auf der Seele fühlen, unter denen sie zu ersticken glauben.

Ja, ihre Jugend war freudlos gewesen; sie hatte die Menschen niedrig bewerten gelernt dank eigner, bitterer Erfahrung, aber nachher war doch alles so gut geworden; aus vollen Bechern einer schönen Gegenwart hätte sie sich Entschädigung trinken können für alte Leiden. Und da setzte sie freiwillig den Becher von den Lippen, gab ihre Freiheit hin, opferte ihre Persönlichkeit, schmiedete ihr Dasein an eine enge, kleinliche Welt, zu der sie nicht paßte und sie nicht zu ihr, und um welchen Preis?

Ja, sie hatte Julian »aus Liebe« geheiratet, aber wieviel Dummheiten werden nicht »aus Liebe« begangen? Tag für Tag. Stunde für Stunde fallen Menschenkinder solchem Liebesirrtum zum Opfer. Freilich, sie würde ihn noch lieben, wäre er geblieben, wie er ihr damals erschienen im Rahmen des Gebirges, ein ernster, ritterlicher, sympathischer Mann, damals in jenem Nachmittagszwielicht von Rapperswyl, da er so schneidig und schnell ihr und sein Geschick in die Hand nahm. Aber er gehörte auch zu denen, die in vollster Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Umgebung sind, die wohl in einem fremden Lande, in Ausnahmszeiten, losgelöst von ihrem eigentlichen Milieu, einmal freier und rascher zu empfinden vermögen, die aber, heimgekehrt in den gewohnten Zwang, sofort wieder von der alten Horizontverengung, der alten Pedanterie befallen werden. Und loslösen wollte er sich ja nicht wieder von dem Zwang der Scholle. Er stand ja vor dem Major! Vor dieser berauschenden Perspektive mußte einstweilen jeder Wunsch seiner Frau in den Hintergrund treten.

Sie lachte ironisch auf, als ihr diese Aussicht einfiel. Ach, sie war so ganz unmilitärisch, das hatte nicht die Spur von Reiz für sie.

Dann fiel ihr ein, daß sie ja in jeder Minute dieser Art von Leben ein Ende setzen könne. Sie brauchte ihm nur zu sagen, wer der Autor jener »Modernen Leiden« war, die er so wenig goutierte. Dann kam es zur Katastrophe, so oder so.

Aber ihr ästhetisches Gefühl, ihr gutes Herz und ihr ernster Sinn sträubten sich gegen das gewaltsame, vorzeitige Herbeizerren einer so unschönen Lösung. Sie war eine sehr gerechte Natur. Sie schrieb sich weit mehr als ihm die Schuld zu, daß es mit dem Eheglück bei ihnen so mangelhaft bestellt war. Sie tat sich leid, aber er dauerte sie noch mehr, daß er in blindem Gefühlsirrtum gerade auf sie hatte verfallen müssen. Sie besaß eine große Objektivität in ihrem Urteil über ihn. Sie wußte, daß es tausend Mädchen gab, die an diesem Mann nie etwas zu tadeln gefunden hätten. Aber sie war keine vom Tausend; sie war eine von einem neuen, noch seltenen Typus, den die neue Zeit geschaffen hat, eine von den schroffen, unerschrockenen Seelen, die männliche Energie besitzen und doch in ihrer äußeren, reizvollen Erscheinung durch Weiblichkeit, Eleganz und Schönheit den Leuten ohne Menschenkenntnis gefährlich werden, jenen Leuten, die den »Blaustrumpf« nur in reizlosen, schlecht montierten Geschöpfen vermuten und seine höhere, verfeinerte Art, seine verbesserten Gegenwartsauflagen noch nicht begriffen haben.

Sie hätte zu ihm gehen mögen und sagen: »Armer Freund, du hast kein gutes Los gezogen und ein besseres verdient. Laß mich gehen, woher ich kam. Laß uns in Frieden scheiden und wir werden beide glücklicher sein.«

Aber sie wußte, daß er sich nie auf eine solche Lösung einlassen werde. Er betrachtete das Verheiratetsein als lebenslänglichen Zwang, als ein pflichtgetreues Aushaltenmüssen auch auf verlorenem Posten . . .

Das heißt, wenn er überhaupt die ganze Größe der Misere empfand! Denn oft schien es ihr, daß er ganz glücklich mit ihr war. Ihre Beherrschung, ihre erzwungene Freundlichkeit täuschten ihn. Er tadelte zuweilen dies und das, aber ein wenig Nörgeln gehört ja manchem Manne zum Leben.

Die Schuld lag also an ihr . . .

Sie seufzte tief auf. Sie sagte sich wieder und wieder, daß sie ihre Rolle weiterspielen müsse, daß sie kein Recht besitze, sich zu befreien.

Und sie nahm die Lampe vom Tisch und leuchtete ihm entgegen, als er von den Pferden kam, nachdem sie ihn schon zwei Minuten vorher den Burschen hatte schelten hören.

Er war sichtlich erfreut, daß sie ihr Unrecht eingesehen zu haben schien. Seine ärgerliche Scheltstimme verwandelte sich ihr gegenüber sofort in das galante, wohlklingende Salonorgan, und vor der Hand ging alles wieder im alten Gleise weiter.


* * *


Weihnachten kam, als Vorbote natürlich die Tante aus dem Stift.

Das alte Fräulein faßte eine schwärmerische Zuneigung für Fritz Travers, und es verging kein Tag, an dem der junge Husar nicht ein- oder zweimal die Stufen von Julians Haus emporklirrte.

Ulrike machte in dieser Zeit eine unangenehme Erfahrung, die sie noch mehr gegen die kleine Stadt einnahm. Sie bekam einen anonymen Brief, der die häufigen Besuche des schönen Löwen in einer Weise beleuchtete, die ihr noch nie in die Gedanken gekommen war.

Anonyme Briefe sollte man verbrennen und vergessen; aber das ist gerade das nichtswürdigste an diesen vergifteten Pfeilen aus dem Hinterhalt, daß doch etwas von ihrem Gift selbst an dem klügsten Leser hängen bleibt.

Sie hatte keine Freude mehr an Travers' Besuchen und fing an, ihn weniger gut zu behandeln, ja, als er eines Abends wieder mit einer Arbeit ankam, um sie ihr und der Tante vorzulesen, behauptete sie, daß sie Weihnachtskuchen zu backen habe, und ließ ihn mit der Stiftsdame allein.

Travers verzog keine Miene und ließ nichts von seiner Verstimmung merken, doch als Ulrike auf einige Minuten wieder hereinkam, flammten seine fragenden Blicke wie unheimliche Leuchtfeuer zu ihr hin. Aber mit Worten fragte er nicht.

Wenn Ulrike auch, wie mancher finden mochte, alle Nachteile ihres Genres besaß, so hatte sie doch einen großen Vorzug dieser Frauenart: Courmachereien waren ohne Reiz für sie, ein Bedürfnis nach Flirt empfand sie nicht. Sie hatte genug zu denken und zu fühlen: ihr Geist barg eine solche Fülle von Interesse für alles Große, Schöne und Wunderbare dieser Welt, daß wirklich keine jener Lücken in ihrem Innenleben vorhanden war, in die einen Courmacher hinzupflanzen andere Frauen sich gemüßigt fühlen. Sie hatte Travers immer gern gehabt, und sein starkes, eigenartiges Talent fesselte sie, aber nun ihr die Unbefangenheit genommen, verflog ihre Freude an diesem Verkehr.

Sie fing an, seine Blicke zu beobachten; sie merkte plötzlich, daß Verehrung und Liebe in ihnen geschrieben stand; das wollte sie nicht!

Wenn es doch über kurz oder lang mit Julian und ihr zu Ende ging, wegen Travers sollte es nicht sein. Nicht wegen einer Courmacherei, eines müßigen Geredes, wie es tausendfach in Romanen und im wirklichen Leben vorkommt, wollte sie aus Verhältnissen scheiden, in die sie voller Liebe eingetreten war.

Aber wie?

Was sollte werden?


* * *


Das neue Jahr brach an.

Ein trostloser Winter mit Regenschauern und Schneewehen regierte über dem deutschen Osten, all die kleinen Städte, die verstreut in ihm dalagen, in grauen Trübsalsflor einspinnend oder mit weißen Schneebergen sie umtürmend wie im alten Liede von der Gottesmauer.

In langsamer Monotonie vergingen die Monate. Der Verkehr mit der Außenwelt stockte. Nicht einmal die Zeitungen gelangten in diesem schneereichen Winter pünktlich in die vom Weltverkehr abgelegene Garnison. Ulrike stellte selbst ihre gewohnten Spaziergänge ein, weil die Erde zu häßlich und die Wege zu schmutzig waren. Aber die »Geselligkeit« blühte dafür aufs üppigste. Man tanzte bei schlechter Musik in engen Zimmern; man gab Diners, bei denen alles unfehlbar nach der Rangliste saß und jeder im voraus berechnen konnte, wer sein Nachbar sein und was der reden werde; man war unendlich vergnügungssüchtig, und mit dem Humor der Verzweiflung stürzte sich Travers mitten in das banale Treiben hinein, nur darauf bedacht, sein Löwentum vor Ulrike aufzuführen und ihr mit seinen Salonkünsten wenigstens zu denken zu geben. Sie tanzte nicht mehr, nicht einmal mit ihm. Sie wurde immer unnahbarer, und sämtliche Regimentsdamen fanden, daß man mit ihr doch »gar nicht von der Stelle komme«, »gar nicht warm bei ihr werde«, »daß sie hochmütig sei – nur nicht gegen Travers« – und natürlich klatschte man über Travers und sie.

Travers merkte das und ärgerte sich, daß so wenig Grund dazu vorhanden war. Er fing an, Julian zu hassen, den ruhigen, fischblütigen Julian, der seine Frau so schlecht zu behandeln verstand. Und doch war es Julian, der ihn immer wieder in sein Hans einlud, weil er die Tante erfreuen wollte. Julian erschien ihm fast beleidigend eifersuchtslos. Allerdings, bei einer Ulrike war Vorsicht kaum nötig; die bewachte sich selbst, dank ihrer Kälte; sie vermied ja fast, ihn anzusehen, ihm allein zu begegnen, und wenn er in Gesellschaften einmal zu lange bei ihr saß, so schickte sie ihn energisch zu den jungen Mädchen zurück.


* * *


Eines Sonntags – Travers war alle Sonntage bei seinen Verwandten zu Tisch – schien er besonders aufgeregt. Nach Tisch zog er plötzlich eine Zeitung aus der Tasche.

»Wissen Sie schon,« fragte er die Stiftsdame, »daß man ein neues Schriftstellertalent entdeckt hat? Ulrich Krieger – hörten Sie den Namen schon? Der Rezensent der literarisch einflußreichsten Berliner Zeitung macht gewaltig Propaganda für dies neue Licht, ein Rezensent, der sonst sehr kritisch und absprechend zu sein pflegt ›Moderne Leiden‹ heißt das Buch – steckt draußen in meiner Manteltasche. Mein Berliner Buchhändler schickte es mir letzter Tage schon zu, ich kam aber erst letzte Nacht zum Lesen – diensteshalber – ich jagte es in einem Zuge durch, konnte mich nicht von ihm losreißen, so famos ist es. Und heute beim Frühstück lese ich zu meinem Erstaunen in der Zeitung, daß Ulrich Krieger kein Mann, sondern eine junge Dame sein soll. Nun, wahrhaftig, eine Dame, die selbst ich fast um ihre Schneidigkeit beneide, alle Wetter! Übrigens ist dieser Fall wieder ein Beweis, wie sehr der Ruhm eines Autors vom Zufall abhängt. Seit anderthalb Jahren existiert das Buch schon, und kein Hahn hat danach gekräht. Nun fällt es einem Kenner in die Hände, der sich für das neue Talent enthusiasmiert, sich zu seinem Schildkappen aufwirft – und ich wette, binnen kurzem ist dieser junge Krieger, oder Kriegerin vielmehr, so sehr die Mode des Tages, daß die ›Modernen Leiden‹ auf jedem Tisch liegen werden.«

Er spielte mit der Zeitung, nach der es Ulrike nervös in den Fingern zuckte; aber sie beherrschte sich und schwieg.

»Und Sie, gnädigste Cousine,« fuhr Travers fort, »die Sie sich doch vorübergehend auch für schöne Literatur interessierten, wenn dies Interesse auch jetzt hinter den Freuden der Saison zurückgedrängt scheint, haben Sie denn von diesem neuen Sterne noch nicht gehört? Sie waren doch einst so au fait aller derartiger Dinge.«

Ulrike verlor ihre Geistesgegenwart, so sehr elektrisierte sie die Nähe der Zeitung, aus der es ihr wie ein erster Windeshauch von Ruhm entgegenwehte, und sie sagte unvorsichtig: »Nein«

Der Kaffeetisch wurde hereingetragen. Sie machte sich fern von den andern zu schaffen. Julian, der im Nebenzimmer rauchend auf und ab ging, trat zu ihr und half ihr die Flamme des Samowars anzünden; wie im Traum hantierte sie mit den Tassen, immer sah sie die Zeitung vor Augen, in der die Stiftstante ein wenig geblättert hatte.

»Komm, ich will dir Platz für die Tassen machen,« sagte sie und nahm das Blatt vom Tisch. »Ach, der Likör fehlt ja noch.« Ihr war, als zittere ihre Stimme, als müßten alle es merken, und endlich nahm sie den Schlüsselkorb und daneben, so unauffällig als möglich, die Zeitung in die Hand und ging aus dem Zimmer, eilte über den Vorplatz in den kleinen Salon hinein, der nach der Straße lag, in den winterlich fahl das Zwielicht hereinblaute . . .

Und da stand sie und las mit fliegendem Atem von ihrem Buch, ihrem Talent, ihrem Ruhm. Und berauschend wie feuriger Champagner strömte es ihr durch die Adern. Sie fühlte sich warm wie noch nie in dieser Stadt, wo sie immer so gefroren hatte. Sie fühlte, daß sie ein Wesen voll Leben sei von eigner Art, mit Kraft und Können.

Das Buch, das verstoßene Buch, von dem sie seit ihrer Hochzeit kein Exemplar mehr im Hause gehabt hatte, aus Furcht, es könne sie verraten, das Erstlingsbuch, an dem eine so lange Geschichte haftete von Ehrgeiz und Arbeitsstolz und Sorgen, mit einem Male trat es wieder in ihr Leben, wichtiger und bedeutungsvoller als je. Das war ihr Ich, ihre Eigenart, ihr ganzes unterdrücktes Selbst, das ihr nun wieder entgegenkam, vom Zufall in ihren Weg getrieben, die Hälfte ihres Wesens, die sie hatte loslösen wollen und die nun mächtiger als je ihren Platz in ihr verlangte.

Gelbe Streifen zeichnete draußen die sinkende Sonne über den stahlgrauen Himmel. Die schieferbedeckten Kirchtürme standen finster wie immer über den roten Dächern. Aber sie sah mit anderen Augen, eine andere Welt war's, die sich plötzlich vor ihr aufgetan.

Sie hörte nicht, daß jemand in das Zimmer trat, der mit seltsamen Blicken in ihren Zügen forschte und ihre heißen Augen so beseligt auf das Zeitungsblatt gerichtet sah.

Erst als sie ihren Namen rufen hörte, erwachte sie aus ihrem Traum.

Travers stand neben ihr.

Es arbeitete in seinen Zügen. Er riet und kombinierte; seine Gedanken eilten in Windesschnelle von einer Vermutung zur anderen.

»Sie interessieren sich ja sehr für den unbekannten Autor,« sagte er, und zum ersten Mal nahm seine Stimme ihr gegenüber etwas Herrisches an, »daß Sie die Rezension sogleich mit so durstigen Blicken verschlingen, wie man als Kind Märchen verschlang. Aber wir können Sie am Kaffeetisch nicht entbehren, Julian seinen Likör nicht, und ich die Herrin des Hauses nicht. Die Stiftstante sitzt schon über den ›Modernen Leiden‹, und Julian alteriert sich darüber, daß Frauen solche Bücher schreiben. Julian kennt das Buch nämlich und behauptet, Sie kennten es auch, es habe in Ihrer Verlobungsgeschichte eine Rolle gespielt. Entweder verwechselt das Julian oder Sie haben es vergessen. Nicht wahr, kleine Städte fallen aufs Gedächtnis?«

Ulrike blickte beunruhigt zu Travers empor. Und wie sie in seinen Augen forschte, ob er etwa einen Argwohn hegte mit bezug auf sie und das Buch, las sie erschreckt darin, daß er sie liebte, leidenschaftlich liebte.

Und dieser Mann stand im Begriff, hinter ihr Geheimnis zu kommen!

Ihr fröstelte; sie schritt eilig vorauf, als müsse sie ihm entfliehen.

Da saß die Tante, die »Modernen Leiden« in der Hand, und Julian sagte gerade: »Ich hab's gar nicht zu Ende gelesen, ich begreife nicht, wie Frauen solches Zeug schreiben mögen. Lyrische Gedichte können sie meinethalben machen, obschon eine solche Frau auch nicht mein Fall wäre – nun, Ulrike, bringst du den Kognak?«

»Aber, Cousine, verteidigen Sie doch Ihre Geschlechtsgenossinnen!« rief Travers.

»Ich streite nicht über Meinungen,« sagte Ulrike kalt, halb feindselig und nahm eine Arbeit in die Hand.

»Dann muß ich wohl Anwalt sein,« meinte Travers. »Ich sage: wer Talent hat, soll schreiben. Wer den Mut seiner Überzeugung besitzt, hat wohl das Recht, vor die Menge hinzutreten und zu sagen: ›Seht! So ist das Leben! So habe ich's gesehen mit diesen meinen gesunden Augen. Eine ernste Sache ist's, und an tausend spitzen Steinen reißt man sich beim Wandern durch das Erdental die Füße wund. Warum soll man's verschweigen? Warum beschönigen, was nicht schön ist? Jeder, der zu reden versteht, tut unrecht, wenn er schweigt. Unsere Epoche hat auch unter den Frauen gute Redner gezeitigt, wer will's leugnen? Talent entschuldigt alles, und wenn ein Frauenbuch allzu männlich ist, so chokiert's wohl die kleinen Geister, aber die großen läßt's ungeschoren. Bücher sollen beurteilt werden als Ding an sich; auf den Autor kommt's nicht an. Hat er was ganzes geschaffen, so ist er eben ein ganzer Mensch. Von einem starken Geist sind diese ›Modernen Leiden‹, das fühlt man auf jeder Seite, und das tut wohl in dieser verfahrenen Zeit.«

»Aber, Graf Fritz,« sagte die Stiftsdame und rückte an ihrer Brille. »Ihnen spukt Berlin doch noch in allen Gliedern. Sie denken ja schrecklich modern.«

»Ich bin aufgeklärt und vorurteilslos,« versetzte er, mehr nach Ulrike hinüber. »Ich sehe nicht ein, warum ich mich verstellen soll. Ich würde nicht leben können in ewiger Verstellung.«

Ulrikes Hände zitterten. Jedes Wort, das Travers sprach, war ihr aus der Seele gesprochen, und doch atmete sie auf, als er endlich aufbrach und sein kluges, aufgeregtes Zigeunergesicht nicht mehr in ihrer Nähe war. Sie wußte, daß er Verdacht zu schöpfen begann, sagte sich aber auch, daß er nichts Bestimmtes wissen könne, und beschloß, sich gegen ihn, seine Ahnungen und seine Liebe zur Wehre zu setzen mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand.

Sobald sie allein war, las sie die Zeitung wieder und wieder.

Ihr erster Erfolg – verkümmert und beschnitten – und doch Erfolg.


* * *


Travers führte, wie viele Menschen, die sich selbst ein Problem sind, ein Tagebuch.

»Wie töricht auch die klügsten Frauen sind!« schrieb er am selben Abend. »Jahrelang spielen sie gut Komödie, und dann verraten sie sich in einer Sekunde durch einen Blick! Warum sagte sie ›nein‹, als ich sie harmlos fragte? Es zitterte etwas in diesem ›nein‹, das nach Lüge klang. Das machte mich aufmerksam. Dann die nervöse Unruhe, die in die statuenhaften Formen kam, fast hätte sie sich an der Flamme des Samowar die Finger verbrannt. Und wie sie die Zeitung vom Tisch herabeskamotierte und meinte, ich sähe es nicht. Haha! Julian sieht nichts, aber ich sehe alles. Wie sie weg stürzte! Sogar die Tür schlug sie, was sie noch nie getan. Und dann am Fenster in der blassen Dämmerung . . . dies Fieber in den Augen, dies Zucken in der Hand, da wußte ich's: es war ihr Buch. Und Julian ahnt nichts davon! Sie hat ihr Geheimnis, ihren jardin secret so gut wie andere, und dabei will sie mir nicht helfen, steckt sich hinter Julians Verbot. Sie ist unglücklich, und vor mir verleugnet sie's. Sie paßt zu niemand in dem Nest hier, nur zu mir. Wir verstehen uns; wir fühlen und denken dasselbe; wir sind von gleicher Art, bloß daß sie's nicht zugeben will. Arme, schöne Frau, du bist schlimm daran. Du bist mal mariée und verschmähst dabei Trost. Willst du so weiterleben ohne Liebe? Dein Talent vergraben?

Mir helfen soll sie, ich komme allein nicht weiter. Alle meine Novellen hapern am Schluß. Wir wollen gemeinsam arbeiten, es gibt geistige Bande, die so reizvoll sind. Und dann liebe ich sie; ich kann an nichts anderes mehr denken als an sie.

»Seltsam, daß ich es war, der dem noch ledigen Julian einstmals Bericht erstatten mußte über die Verhältnisse seiner Flamme. Und wie kühl ich es tat, wie objektiv . .

»Aber sie ist auch anders geworden seitdem. Das skeptische Mädchen, das so deplaziert im Kreise reicher Biedermänner stand, nimmt sich anders aus als schöne Frau auf dem elenden Hintergrund dieses Provinznestes.

»Es ist so viel Rasse in ihr . .«


* * *


Julian geriet in dieser Zeit aus seinem Gleichgewicht. Unbedachte Menschen stampfen mit fabelhaftem Leichtsinn Gerede aus dem Nichts, und solch ein Gerede war's, das aus einem Ballgespräch, welches nicht für ihn bestimmt war, plötzlich an seine Ohren drang.

Also man sprach über Ulrike und Travers! Das »man« der kleinen Stadt und des Regiments fand den fast täglichen Verkehr eines so gut aussehenden, für prinzipienlos bekannten Husarenleutnants in Julians Hause bedenklich.

In derselben Minute, in der Julian die leise getuschelten Worte zweier Ballmütter vernahm, sah er seine Frau und seinen Vetter in der Fensterbrüstung stehen. Ihm schien, daß alle Blicke auf ihnen ruhten, daß Travers' leichtsinnige Augen seltsam glänzten und ein ungewohnter Glanz auf Ulrikens Zügen lag.

Sein Verdacht war zwar unbegründet. Ulrike schlug Travers gerade einen Walzer ab, und Travers fragte nur, welchen Grund sie eigentlich habe, ihn immer wie den letzten der Sterblichen zu behandeln. Von dem vermuteten Geheimnis schwieg er. Er hatte einen Berliner Freund beauftragt, in dem Verlag der »Modernen Leiden« um jeden Preis die Wahrheit zu erforschen, und sparte sich diesen Effekt, bis er klar sah.

Julian hatte keinerlei Grund zum Argwohn. Ulrike benahm sich durchaus korrekt, und doch war heute zum ersten Male die Brandfackel der Eifersucht in seine ruhige Seele geschleudert.

Er litt darunter, wie unter etwas Unwürdigem, aber er begann Ulrike genau zu beobachten.

Die kühle Korrektheit, die nach dem wärmeren Anfangsgefühl sein Verhältnis zu ihr gekennzeichnet, hatte er nie als etwas Störendes empfunden. Er haßte demonstrative Zärtlichkeiten und temperamentvolles Sichgehenlassen. Ulrike war ja eigentlich genau, wie er seine Frau gewollt hatte, und nur ihre plötzlich auftauchenden seltsamen Ideen, ihr Zug in die Ferne störten ihn zu Zeiten. Ihre Nachgiebigkeit, durch die sie die wenigen Szenen, die sie ihm gemacht, sofort wieder auszugleichen gesucht, hatte er als schuldigen Tribut hingenommen. Trotzdem kam es ihm zuweilen vor, als habe er sich doch eigentlich in ihr getäuscht. Dann sah er sich die Ehen in seiner Umgebung an und beruhigte sich in dem Gedanken, daß eben überall die Welt unvollkommen sei. Allzuviel über derartige Fragen zu grübeln, hatte ihm bisher auch sein anstrengender Dienst nicht gestattet.

Seinem Mißtrauen Worte zu verleihen, hielt er für unvornehm und schwieg. Ulrike merkte jedoch in den nächsten Tagen, daß irgend etwas in seinem Wesen sich geändert hatte. Sie wußte nicht, welchem Umstand das galt. Vielleicht bekam er auch anonyme Briefe, vermutete sie. Sie grübelte, ob eine gewisse kühle, von ihm zur Schau getragene Mißbilligung Travers oder dem Buche gelten könne. Der Sache, an der sie unschuldig, oder jener, an der sie schuldig war? Fragen mochte sie nicht. Sie fürchtete verhängnisvolle Explosionen.

Die Tante las sich in diesen Tagen mehr und mehr in die »Modernen Leiden« hinein. Mit dem fanatischen Leseeifer eines angehenden Backfisches beugte sich die kleine Gestalt über das rote Buch, das wie ein bedenklicher Gast immer wieder neben ihrer Näharbeit auftauchte und Ulrike stets aufs neue unter die Augen kam.

Ja, das Buch!

Es war so lange her, daß sie darin geblättert! Nun drängte es sie fast wie mit liebender Sehnsucht zu dem Werk der Vergangenheit hin, es einmal wieder zu halten und zu lesen. Sie hatte es ja fast ganz vergessen in dem letzten Jahr. Nur dunkel besann sie sich auf dies und das und wagte doch nicht recht, es zu berühren.

Mit dem dumpfen Druck, unter dem sie in diesen Tagen lebte, mit der Winterschwere und der Kleinstadtmisere da draußen kontrastierten scharf die Briefe von Doris Katz, die aus dem welschen Frühling heraufgeflogen kamen in die kalte Öde ringsum.

Ulrike schloß die Augen sehnsüchtig, wenn sie die heiteren Zeilen gelesen hatte. Sie fühlte sich dann wie auf Windesschwingen südwärts getragen, glaubte Zypressen rauschen zu hören oder das Flüstern florentinischer Brunnen: Arno-Wellen und Blumen zu riechen, all den Glanz mit halbverdursteten Blicken zu trinken.

Doris Katz verlebte den März in San Gimignano, jener weltabgelegenen Bergstadt Toscanas, in der die Geschlechtertürme des Mittelalters stumpf, absonderlich und märchenhaft in die Lüfte ragen, wo zarter Frühlingshauch duftend über beglückter Erde lag und sieghaft leuchtender Sonnenglanz auf dem uralten Gemäuer.

Das kluge Mädchen hatte längst gemerkt, daß Ulrikes Glück eine Schimäre gewesen war, im Wind zerflattert schon nach kurzer Zeit. Mit feinfühliger Sympathie tröstete sie die Freundin, indem sie ihr von Erfolg und Ruhm erzählte und von den neuen Auflagen der »Modernen Leiden«, die reißend verkauft würden.

Jeder Brief machte Ulrikes Verlangen größer, auch wieder die Schwingen zu entfalten. Sie war eine reisehafte Natur, ein Wandervogel. Sie paßte in keinen Käfig.

Und während ein Meer von Gedanken sie in die Ferne zog, mußte sie sich zum Ball anziehen, den der Oberst im Kasino gab.

Es roch nach Gas und nach Staub im heißen Saal des Kasinos, und wenn die Türen aufgingen, drang außerdem noch Küchengeruch herein. Die jüngsten Mädchen und die ganz jungen Leutnants merkten davon natürlich nichts. Ulrike aber ging es auf die Nerven.

Sie zog sich in die hinterste Saalecke zurück und setzte sich resigniert neben den Orangenbaum in grünem Riesenkübel, der der Stolz des Kasinowirts war und jedem Fest, das den Saal durchtobte, unfehlbar beizuwohnen hatte.

Müde lehnte sie sich in den Stuhl zurück und überlegte sich, wer in dieser Umgebung deplazierter sei, sie oder der Orangenbaum, als plötzlich Travers mit blitzenden Augen auf sie zukam. Er war erst eben erschienen: es zuckte etwas wie erhöhtes Daseinsgefühl in seinen Mienen, als komme er direkt von einem erfrischenden Erlebnis oder habe ein solches vor sich.

»Werden Sie heut mit mir tanzen, gnädigste Cousine?« fragte er.

»Ich tanze überhaupt nicht.«

»So erlauben Sie mir wenigstens, daß ich Ihnen zu dem enormen Erfolg der ›Modernen Leiden‹ gratuliere. Die zweite Auflage ist ja bereits vergriffen.«

Er sah triumphierend auf sie nieder.

Sie war überzeugt, daß er ihr das Geheimnis entlocken wolle. »Erfreulich für den Verleger,« sagte sie mit erzwungener Gelassenheit, »im übrigen interessiert es mich nicht sonderlich.« Dabei sah sie den eleganten Offizier, der mit so musterhafter Ritterlichkeit vor ihr stand, scharf prüfend an. Ach! er eignete sich so wenig zum Vertrauten einer vorsichtigen Frau, dies Mittelding zwischen schöngeistigem Freund und leidenschaftlichem Courmacher, der in jeder Minute bereit war, alle Grenzen zu überschreiten, sobald sie es nur gestattete.

Ihre Verstellung ärgerte Travers.

»Sie haben wirklich viel Mut, schöne Cousine,« sagte er. »Sie bleiben in der Festung ihrer Geheimnisse und geben keine Mauer preis. Selbst den Freund, den Bundesgenossen, lassen Sie nicht über die Zugbrücke. Wäre es nicht viel einfacher. Sie sagten jetzt zu mir: ›Nun wohl, ich habe das bewußte Buch geschrieben, aber, was kümmert es Sie? Sie sind zu klug, es nicht zu würdigen, zu sehr Kavalier, mich zu verraten.‹ Wäre es denn so schrecklich, ein Geheimnis mit mir zu teilen?«

»Ja, Graf Fritz,« versetzte sie mit Nachdruck, »das wäre schrecklich! Sie würden mir auf dies Geheimnis hin binnen kurzem ja doch auf Tod und Leben den Hof machen, und das will ich nicht – und was würden die Menschen dazu sagen?«

»Auf Tod und Leben die Cour machen? Aber meinen Sie denn, daß die Menschen das nicht schon jetzt von uns behaupten? Dafür ist's zu spät . . .«

»Aber die Menschen lügen!« rief Ulrike. »Wir haben unser ehrliches Bewußtsein.«

Travers drehte nervös an seinem Schnurrbart. »Ein Bewußtsein, das mir keinen sonderlichen Genuß verleiht,« lächelte er.

Ulrike stand ungeduldig auf. Der Boden brannte ihr unter den Füßen. Was wußte dieser Mann von ihrer Autorschaft? Und wenn er sie wirklich kannte, wenn seine Vermutung zur Gewißheit geworden war, was mußte er von ihrer Ehe denken, in der der Mann von seiner Frau im Grunde nichts kannte, als ihre äußerliche Erscheinung?

»Noch eine Minute,« bat Travers. »Ich möchte Ihnen den Rat geben, mit Ihrer Abendzeitung heute vorsichtig umzugehen. Ich rede natürlich nicht vom hiesigen Käseblättchen, sondern von Ihrer und meiner Berliner Zeitung. So viel ich weiß, ist sie nur in unseren beiden Exemplaren hier vertreten, so daß die kleine Notiz dem Pack hier kaum in die Hände fallen wird. Es handelt sich aber um die Stiftstante, die sich ja neuerdings zur Leseratte ausgebildet hat, und um Julian . . .«

Er weidete sich an ihrem jähen Erröten. »Ja, Sie sind anders als andere Frauen,« fuhr er fort, während er ein zusammengefaltetes Papier aus dem Ärmelaufschlag zog. »Ich hätte Sie jetzt auf Erblassen tariert und Sie wählen die Purpurfarbe. Hier ist die Notiz, wenn der Fall Sie doch interessieren sollte . .«

Sie griff wie mechanisch nach dem abgeschnittenen Zettel und las hastig.

Unter der Rubrik »Literarische Notizen« standen folgende Sätze:

»Die vielen Erkundigungen, die an unsere Redaktion in betreff des Pseudonyms ›Ulrich Krüger‹ gerichtet werden, können wir dahin beantworten, daß die Verfasserin der ›Modernen Leiden‹ die Gattin eines höheren Offiziers in der oberschlesischen Garnison St . . . . ist. Vermutlich werden wir demnächst imstande sein, den wahren Namen der Dame mitzuteilen, die ohne Übertreibung zu den ersten Talenten der modernen Literatur gezählt werden kann.«

»Ja,« sagte Travers mit überlegenem Lächeln, »wer das hier liest und seine fünf Sinne nur einigermaßen bei einander hat, dürfte wohl kaum fehlraten. Wahrhaftig, ich beneide Ulrich Krüger um seine Lorbeeren.«

Ulrike atmete tief auf.

»Ich danke Ihnen, Graf Fritz,« sagte sie und sah ihm zum ersten Mal nach langer Zeit voll und aufrichtig ins Gesicht. »Sie haben mir einen Dienst geleistet, wenn er auch vielleicht andere Konsequenzen hat, als Sie meinen. Und nun bitte ich um Ihre Hilfe weiter. Helfen Sie mir von diesem Ball fort! Sie werden begreifen, daß ich hier nicht mehr bleiben mag, während vielleicht die Tante jetzt gerade die Abendzeitung liest. Das Blatt muß in Sicherheit gebracht werden, so lange es noch Zeit ist. Das weitere muß dann später überlegt werden.«

»Ja,« entgegnete er, »Sie haben vollkommen recht. Vor allem darf die Zeitung Julian nicht in die Hände fallen. Er würde das alles ja doch nicht begreifen können, Julian mit seinem übertriebenen Abscheu gegen alles, was modern, kraftvoll, nicht nach dem alten Zopf ist. Sie brauchen ihn ja auch nicht als geistigen Berater, dafür haben Sie ja mich . . .«

»Ja, ich habe Sie,« sagte Ulrike, und über ihr lebhaft gewordenes Antlitz glitt ein Zug von Ironie, der ihm jedoch entging. »Ich verschwinde jetzt,« fuhr sie schneller fort, »unter dem alten Kopfwehvorwand, der immer neu ist. Ich bitte die kleine Kommandeurstochter, mich zur Garderobe zu geleiten. Julian wird bleiben, denn gleich beginnt seine Quadrille mit der Majorin, die er um keinen Preis wird aufgeben wollen. Ich gehe ohne Julian, und vor allem, Graf Fritz, ohne Sie. Bleiben Sie Julian unter den Augen, damit er Sie nicht auch vermißt. Man kontrolliert unsere Unterhaltung bereits von allen Seiten. Bitte, ein recht gleichgültiges Gesicht, und nun gute Nacht für« – sie stockte – »für vorläufig.«

Sie glitt davon. Er blieb in der vorsichtigsten Pose stehen, aber nachschauen tat er ihr doch. Wie schön sie war! Keine regelmäßige beauté zwar, nichts für die große Menge, – nein, der war sie zu kalt, – aber etwas für den feinen Kenner.

Und ihre Toiletten dazu, die ihn »Unter die Linden« versetzten, vor die Schaufenster von Bister oder Michaelis.

Und der Nimbus des aufgehenden Literatursterns . .

Er fühlte sich seltsam und schmerzlich erregt und doch auch zum ersten Mal wieder á son aise, seit er das schlechte Pflaster der östlichen Garnison zuerst mit seinen schmalen Lackstiefeln betreten.

Um seine Lippen spielte es wie leiser Triumph. Ich kenne die Weiber! dachte er. Sie stürzt nach Hause, um die Zeitung zu unterschlagen, damit keiner sie lese, weder die Tante, noch die Dienstboten, noch Julian. Sie würde sorgen, daß keine weiteren derartigen Notizen kämen . . Und Graf Fritz nahm dem vorbeigehenden Diener das Bowlenglas vom Teebrett und leerte es in Gedanken auf sie und – wenn es nicht anders sein sollte – die geistige Freundschaft, deren fähig zu sein er sich bisweilen einbildete.

Julian beunruhigte Ulrikes Verschwinden, aber die Majorin konnte er unmöglich mit der Quadrille im Stich lassen. Er paßte sorgfältig auf, ob nicht auch Travers verschwand, und fühlte sich wenigstens hierüber beruhigt, als er den gefährlichen Vetter flott und lebhaft von einer Regimentstochter zur anderen gaukeln sah.

Er beschloß, den Ball sofort nach der Quadrille zu verlassen. Das war er ja auch seinem Nimbus als tadelloser Ehemann schuldig.


* * *


»Wie lange hält man ein solches Leben aus?« fragte sich Ulrike, als sie durch die schweigende Nacht, von einem blöde dreinschauenden, in eine zu enge Livree gesteckten Burschen gefolgt, ihrem Hause zuschritt.

Das hatte sie sich schon oft gefragt. »Bis man es eben nicht mehr aushält! » lautete die Antwort.

Heute war sie so weit.

Sie atmete auf nach all dem Druck. Sie fühlte, daß es so nicht weiter gehen könne, daß Klarheit und Wahrheit in ihre Verhältnisse kommen müsse. Die Halbheit und innere Unwahrheit ihrer Existenz erschien ihr mit einem Male nicht mehr ertragbar.

Als sie das Wohnzimmer betrat, sah sie die Stiftstante über den Tisch gebeugt, einen Zug atemloser Spannung im runzeligen Gesicht, links die Näharbeit, rechts die »Modernen Leiden«, gerade vor ihr die Zeitung.

Ulrike kam zu spät – auch gut!

»Du bist schon zurück?« fragte die Tante, und aus ihrer Stimme klang Verlegenheit. Sie erhob sich, und wie sie so bescheiden dastand im rötlichen Licht der Lampe, schien sie äußerlich ganz der Typus der alten Jungfer der alten Generation, und doch sah es in ihrem Innern gar nicht so altmodisch aus! Da waren, seit sie Ulrike kennen gelernt hatte, Gedanken aufgelebt, vor denen sie manchmal selber erschrak. Zu einem recht persönlichen Verhältnis war es zwar bisher zwischen ihnen nicht gekommen. Ulrike hatte die Tante mit beständiger Rücksichtnahme umgeben, sie niemals kritisiert, sie hingenommen, wie sie zu sein schien, aber ohne den Herzenston wirklich liebevoller Empfindung. Sie erwartete jetzt eine Frage, einen Vorwurf; sie glaubte, daß der enge und hochmütige Sinn der Reiffensteins, welcher der Neuzeit keine Konzession machte, jetzt gegen sie ins Gefecht geführt werde . . . Kampfbereit sah sie der Tante entgegen, während die Jungfer die riesige weiße Federboa, Handschuhe und Fächer hinaustrug.

»Setz dich doch, du siehst so blaß aus,« sagte die Tante statt dessen leise und etwas befangen, »hat dich jemand geärgert? Julian oder Travers?«

»Ach nein.«

Die Tante wurde immer verlegener. Eine schwüle Pause entstand. »Weißt du,« begann dann das alte Stiftsfräulein mit plötzlichem Entschluß, »daß mir das Buch hier, die ›Modernen Leiden‹, sehr viel zu denken geben, daß sie mir wirklich imponieren und mich klar werden lassen über vieles, was auch ich zu Zeiten dunkel gedacht habe.« Sie spähte ängstlich zu Ulrike hinüber. »Verzeih! Ich will mich gewiß nicht in deine Geheimnisse eindrängen, aber, liebe Ulrike, wenn dir große Schwierigkeiten erwachsen sollten, auf mich kannst du zählen, natürlich nur, soweit es sich mit meiner Liebe zu Julian vereinigen läßt.«

Ulrike war erstaunt und gerührt.

»Du hast also die Zeitung gelesen?«

»Ja,« entgegnete die Alte fast schuldbewußt, »aber wundern tat mich die Entdeckung eigentlich nicht. Ich dachte mir immer, daß du Geheimnisse hättest, und – vergieb, ich glaubte mehr, sie hingen mit dem hübschen Travers zusammen. Weißt du, unsereins wittert überall Liebesgeschichten; das ist Brauch bei uns alten Jungfern. Und siehst du, mit Travers, das wäre unrecht gewesen gegen Julian, während du für diese Sachen –«

»Du bist sehr tolerant. Ich hätte Julian nichts verschweigen sollen. Darin liegt meine Schuld.«

Die Tante zuckte die Achseln. »Ich selber habe ja nicht viel erlebt, aber ich weiß doch, daß Dinge, die einfach erscheinen, oft die verwickeltsten sind. Ich richte ungern. Was geschehen ist, kann niemand ändern. Nur darf Julian jetzt nichts erfahren – jetzt nichts mehr . . .«

Ulrike fuhr auf. »Wie denkst du dir das? In dieser schiefen Lage soll ich weiterleben, wo du und Travers wissen, daß Julian nichts weiß?«

»Du hast den rechten Moment, es ihm zu sagen, verpaßt,« erwiderte die Tante. »Jetzt mußt du weiter. Denn denkst du, daß Julian dich sonst behält? Und darauf wirst du es doch nicht ankommen lassen wollen! Lieber nehme ich die Autorschaft des Buches auf mich!« Die kleine alte Dame legte beide Hände feierlich auf die »Modernen Leiden«.

Ulrike mußte lächeln. »Meinst du, man glaube es dir?« fragte sie.

Da ging die Haustür. Ein eiliger Schritt kam treppauf.

»Julian!« rief die Tante, »er kommt. Um Himmelswillen, lege die Zeitung weg!« Mit fast jugendlicher Schnelle stürzte sie auf den Tisch zu.

»Laß!« rief Ulrike und hielt ihre beiden Hände fest. »Heraus kommt's doch einmal, wenn nicht heut, so morgen. Und wie es kommen soll, mag's kommen. Ich verberge nichts mehr.«

Julian trat ein und musterte die beiden erstaunt. »Was ist?« fragte er beunruhigt. »Ihr seht ja aus, als wäret ihr mitten in einer Verschwörung.« Er maß Ulrike mit forschendem Blick. Etwas Kaltes schaute ihm aus ihren Augen entgegen und sein geheimer Argwohn flammte auf.

»Was für Geheimnisse habt ihr denn auf dem Tisch?« Er trat heran. »Nur die Zeitung? Ist das alles?«

Die Tante verlor alle Geistesgegenwart. »Lies sie nicht, Julian!« bat sie unvorsichtig. »Lies sie nicht. Es ist besser für dich!«

»Was ist denn los?« rief er. »Was in aller Welt?«

»Dann will ich wenigstens nicht dabei sein,« sagte die Alte, die eben noch heroisch angeboten hatte, die ganze Angelegenheit auf sich zu nehmen, und mit einem geängstigten Blick auf Ulrike stürzte sie aus dem Zimmer.

Diese stand mit verschränkten Armen am Kamin. Die elegante Gestalt in der hellen Balltoilette mit den blitzenden Diamanten und der vornehmen Haltung paßte so ganz in Größe und Art zu der stattlichen Erscheinung des blonden Offiziers im Waffenrock, der mit mühsam verhaltener Aufregung nach der Zeitung griff. Sie waren wie ein ausgesuchtes, für einander geschaffenes Paar, äußerlich – nur schade, daß das seelische Zusammenpassen von anderen Dingen abhängt.

Ulrike fühlte eine eisige Ruhe in sich einziehen, je näher der entscheidende Moment kam. Ihr war mit einemmal, als sei sie gar nicht mehr persönlich an diesem Konflikt beteiligt, als schaue sie nur mit psychologisch geschultem Kennerauge dem Ganzen zu, gespannt, wie die Personen nunmehr agieren würden.

Julian erwartete irgend etwas zu lesen, was mit Travers in Verbindung stand, etwas Unvermutetes, wovor ihm graute. Minutenlang irrte sein Blick umsonst durch die Spalten – da, endlich fiel er auf die verhängnisvolle Notiz.

Und plötzlich begriff er . . .

Ihm war, als flimmere es ihm vor den Augen, als fiele eine Binde von ihnen herab. Hundert Dinge wurden ihm mit einemmal klar. Über das letzte, vergangene Jahr, über den sommerhellen Tag von Gandria warf ihm die plötzliche Erkenntnis eine Reihe unruhiger Lichter, in deren Schein er deutlich erblickte, was ihm bisher verborgen gewesen war.

Und während seine Augen sich noch nicht entschließen konnten, zu Ulrike hinüberzuschauen, schweiften sie über die Zeitung weg auf den Tisch, und jählings blieben sie haften an dem roten Punkt auf der dunklen Decke, an dem Buch, das neben der Näharbeit seiner Tante lag.

Das waren sie, die »Modernen Leiden«.

Mechanisch nahm er sie in die Hand, und mit fast neugierigem Blicke besah er das Buch seiner Frau.

Im ersten Moment hatte er sich instinktiv wie erlöst gefühlt, weil es sich nicht um Travers handelte; im zweiten fühlte er sich so tief gekränkt, daß ihm schien, als seien mit einem Schlage alle seine Gefühle für die Täterin erstorben.

Und nun begegneten sich ihre Augen.

In beiden Menschen war in diesem entscheidenden Moment der erste Impuls, unter allen Umständen die Haltung zu bewahren, die sie einander schuldig zu sein glaubten.

»Das Buch ist von dir?« fragte er.

Sie nickte.

»Du hast mich also betrogen!« fuhr er auf.

»Wenn du es Betrug nennen willst, daß ein Mensch sich irrt,« entgegnete sie ruhig. »Ich denke aber, Julian, wir sparen uns die ›grands mots‹. Ich gestehe ein, daß alles Unrecht auf meiner Seite liegt, und ich bin vollkommen bereit, jede Konsequenz zu tragen, die du daraus ziehst.«

»Dich von mir trennen und Travers heiraten?« fragte er bitter.

Sie warf ihm einen leidenschaftlichen, gequälten Blick zu. »Wie wenig kennst du mich, Julian, um mir die Trivialität zuzutrauen, mir eines courmachenden Leutnants wegen mein Leben zu verderben.«

»Ja, ich kenne dich kaum,« rief er, »denn wenn ich dich gekannt hätte, wie ich dich jetzt kenne –« er hielt inne, über die Heftigkeit seiner eigenen Stimme erschreckt.

»Würdest du mich nicht geheiratet haben,« ergänzte sie. »Aber du glaubtest mich zu lieben, Julian, vergiß das nicht! Und ich glaubte dich auch zu lieben. Ja, Julian, und dieser Liebe zu dir brachte ich mein ganzes Selbst, all mein Streben und mein Talent zum Opfer. Ich versuchte, ein anderer Mensch zu werden – das Weib, wie du es wolltest – und ich wurde unglücklich darüber. Ich kann nicht in Unfreiheit leben! ›Geschiedene Welten sind's, daraus wir stammen‹, – und du, der du stets den glatten, vorgeschriebenen Weg gegangen bist, den deine Pflicht, wie du sie verstehst, dir vorschrieb, du kannst mir nie gerecht werden. Du vergißt immer, daß mein Leben schwieriger, verwickelter war als das deine, daß ich mehr draußen gestanden habe im großen Treiben und anders geworden bin als die Menschen um dich. Du hast mir alle geistige Freiheit beschnitten, und da ich zur Sklavin kein Talent habe, kann ich nur sagen: es ist gut, daß wir so weit sind, und daß du alles weißt.«

»Und was soll nun werden?«

»Das, was für dich und mich das Beste ist, muß geschehen,« versetzte sie entschieden. »Siehst du, Julian, ich weiß, wie du über mein Buch denkst und immer denken wirst, ja denken mußt. Und dies Buch wirst du künftig nicht mehr trennen können von mir. Und doch mußt du dich damit abfinden auf die eine oder andere Weise. Es soll dir erleichtert werden. Ich verreise für einige Zeit; jetzt wirst du mir den Urlaub nicht mehr vorenthalten. Das weitere wird sich finden, wenn wir ruhiger geworden sind – so finden, wie du es willst. Wir könnten uns jetzt viele Dinge sagen, bei denen wir ohne Zweifel bitter werden würden. Andere Menschen schelten sich einen Teil ihres Grolls von der Seele. Du bist zu ritterlich dazu, Julian, und auch ich, ich kann es nicht. Wir haben zusammen einen Mißgriff begangen und sehen das ein. Als Galeerensklaven uns weiter zu quälen, dazu sind wir beide zu gut. Und der Leute wegen Fesseln zu tragen, die uns ersticken würden, das sind wahrhaftig »die Leute« nicht wert. Du wirst bald genug wegkommen von hier, und was dann auch hier geredet wird, du hörst's ja nicht. Und ich – ach, ich –« Sie fuhr sich über die Stirn und sah träumend vor sich hin.

»Und du wirst aufatmen, wenn du fort bist,« rief er. »Verzeih, Ulrike, daß ich dich jemals für ein Weib hielt; mir scheint jetzt, du bist im Grunde nichts als eine Schriftstellerin. Wahrhaftig! Eine Ironie des Schicksals, daß das mir begegnen muß. Aber freilich! Ich muß dich wohl eigentlich um Entschuldigung bitten, daß du hier so unglücklich gewesen bist!« Er lachte bitter.

Sie trat auf ihn zu. »Sprich nicht so,« bat sie, »sei großmütig. Es steht dir so wohl an. Gönne mir die Erinnerung an jene ersten, ungetrübten Glücksstunden, die ich dir verdanke. Ich war immer pessimistisch und habe mir nie verhehlt, daß Menschenglück eine Stundenblume ist, die einem nur kurz blüht. Mit unserm Glück ist's schon seit langem vorbei.«

»Durch deine Schuld!« sagte er schroff. Es kränkte ihn tief, daß die Frau so unglücklich gewesen war, die da an seiner Seite mit dem Lächeln der Zufriedenheit durchs Leben ging. Er hatte kein Mitleid mit den sogenannten »Unverstandenen«, die in ein falsches Wasser geraten waren, in dem sie nicht zu schwimmen vermochten.

»Fühlst du denn nicht, daß ich krank bin?« rief Ulrike mit plötzlicher Leidenschaft, »daß ich Heimweh habe, Heimweh, Heimweh!?«

Sie brach, ihre Haltung verlierend, im nächsten Sessel zusammen und schluchzte krampfhaft.

Er starrte ratlos auf sie nieder.

Ja, jetzt wußte auch er, daß er mit seiner Heirat einen Mißgriff begangen hatte! An einer eisigen Kälte in seinem Innern fühlte er, daß der letzte Rest seiner Liebe hingestorben sei. Alles, was seinen festesten, seinen heiligsten Überzeugungen zuwiderlief, Dinge, die er nie verwinden konnte, das war ihre Welt! Sie war ihm unbegreiflich und fremd. Mochte sie handeln, wie sie wollte, ihm fiel nichts ein.

Er ging mit schweren, langsamen Schritten aus dem Zimmer.

Er ließ sein Pferd satteln und ritt zur Stadt hinaus, planlos in die Nacht hinein.

Der Tante hatte er sagen lassen, daß er dienstlich fort müsse und vor dem nächsten Mittag kaum zurück sein werde.


* * *


Im Morgengrauen reiste Ulrike ab.

Die Tante begleitete sie auf den kleinen menschenleeren Bahnhof und schluchzte, als der Zug herangebraust kam. Sie versprach, alles zur Versöhnung beizutragen, was in ihren schwachen Kräften stand, obgleich Ulrike mit keinem Wort um dergleichen bat. Im Hirn der Tante malte sich ja die Welt mit ganz anderen Farben als in dem ihren – mit dünnen, altmodischen Wasserfarben aus einem verblaßten Malkasten. Einen Mann aufzugeben, so lange er sich noch irgend halten ließ, schien ihr unfaßbar.

Ulrike wußte, daß man zwei Minuten vor einer Abreise, wenn man mit Gepäckstücken und Coupésuchen zu tun hat, die Weltanschauungen eines anderen Menschen nicht mehr zu ändern vermag. Sie schwieg und dachte ihr Teil. Sie hatte durchaus das Gefühl, das Rechte zu tun, so daß kein sentimentaler Gedanke in ihr aufkam. Ja, sie gönnte es Julian, daß er von ihr befreit wurde. Türen schlagen, eilige Rufe, ein langgezogener Pfiff – und dann verschwand die winkende, weinende Tante im Morgennebel des Bahnhofperrons. Neben dem dahinsausenden Zug tauchte noch einmal die kleine Stadt in ihrer ganzen hoffnungslosen Öde auf, naßgeregnet unter einem grauen Himmel, in den die Chausseepappeln schnurgerade hineinragten. Lichtlos lagen die weiten, grauen Felder wie ein blasser Gürtel in der morgendlichen Landschaft, aber eine seltsame Wärme wehte von der feuchten Erde hinauf in das geöffnete Coupéfenster, an dem Ulrike hochaufgerichtet stand, jene müdemachende Wärme eines Märztages, von dem man nicht weiß, ob er noch zum Winter oder schon zum kommenden Frühling zu rechnen ist.

Da sah sie noch einmal die Chaussee, die sie so oft in erfolglosem Grübeln entlang gestürmt war, die niederen Hügel, deren monotone Linien ihrem schönheitsdurstigen Auge so oft wehgetan hatten. Eine glühende Sehnsucht nach Sonne und Lenz überkam sie.

Plötzlich war alles vorbei, und ein Tannenwald verdeckte die Aussicht.

Sie lehnte sich in das Polster zurück und schloß die Augen. Gen Süden ging ihre Fahrt! Sie war wieder in ihrem alten Element der Freiheit! Ihr Heimweh, an dem sie winterlang gelitten, sollte gestillt werden – morgen schon . . .

In Gedanken sah sie wieder die altersgrauen Mauern am Züricher See, die mächtigen Kastanien am Ufer, die knospenden Linden, die das alte Polenschloß umstanden, und weiter hinaus blaue, lichtumwogte Berglinien, über die der Weg nach Italien ging, ins gelobte Land der Sonne, zu den lenzgeschmückten Höhen Toskanas . . .

Freiheit und Streben, Arbeit und Ruhm – in reicher Fülle lag die Zukunft vor ihr.

Nur zur Liebe schien sie kein Talent gehabt zu haben; darin war sie Stümperin geblieben.


* * *


Auf der Terrasse des Hotels »Baur au Lac« in Zürich saß in hellem Reisezivil Travers vor dem Vielliebchengeschenk einer einstigen Berliner Flamme, einer eleganten Schreibmappe, deren vordere Innenseite mit Veilchen bemalt war, – die Flamme hatte er ausgeblasen, die Gabe benutzte er noch.

Er verreiste sein erstes Novellenhonorar. Der junge Stürmer fand Absatz. Eine moderne, gutzahlende Zeitschrift hatte sich erboten, seine Sachen fast unbesehen zu nehmen. Er war also im Fahrwasser des Erfolgs und brauchte keinen Mithelfer mehr. Nicht deshalb schrieb er an Ulrike. Der Brief hatte anderen Inhalt, jener schnell hingeworfene Brief, der da, schon vorher zurechtgedacht, unter seiner eilig hinhastenden Feder entstand zwischen den Blütenbäumen des schönen Seegartens, neben der interessanten Japanerin, die sich unter der Veranda in der Hängematte dehnte und zuweilen einen müden Blick unter schweren Augenlidern hervor auf ihn richtete. Er schrieb:


»Gnädige Cousine!

»Ich weiß seit einigen Tagen, daß Ihre Trennung von Julian eine definitive ist. Seit einem halben Jahr, seit Ihrem plötzlichen Entschwinden, habe ich das Martyrium des Schweigens auf mich genommen, mit niemand von Ihnen gesprochen, weder Julian noch die Tante nach Ihnen gefragt. Ich war vorsichtig bis zur Übertreibung – Ihretwegen.

»Dann bekam Julian seine Versetzung an den Rhein. Die Tante zieht mit dem neugebackenen Major dorthin. Da hielt's mich nicht länger. Ich fragte die Tante aus sie ließ sich alles entlocken, selbst Ihre Adresse, Ihren augenblicklichen Aufenthalt!

»Verzeihen Sie, aber ich mußte klar sehen!

»Mit Mühe erlangte ich eine Urlaubswoche. Nun sitze ich mit seltsam bewegtem Gefühl an demselben See, dessen Wellen Ihr Rapperswyl bespülen.

»Warum ich Ihnen von mir rede? Ihnen, die mich seit jenem Kommandeurball, an dem ich so unmotiviert glücklich war, keines geschriebenen Wortes, keines Grußes mehr gewürdigt, die mich scheinbar mit jener ganzen östlichen Garnisonswirtschaft definitiv ad acta gelegt hat?

»Weil ich, Fritz Travers, Ihnen zu beliebiger Verwendung zur Verfügung stehe!

»Gnädigste Cousine – erhören Sie mich!

»Die Tante teilte mir mit, daß Julian und Sie ohne ausgesprochene Scheidung getrennt leben wollen, bis der eine oder andere Teil an eine neue Verbindung denkt. Julian wird es nicht; er fühlt wohl selber, daß er bei einer alten Tante besser aufgehoben ist als bei einer jungen Frau – doch ich will nicht bitter werden!

»Aber warum nicht Sie?

»Ich habe Ihren Bruch mit Julian, ohne es zu wollen, herbeigeführt. Ich bin daher berechtigt, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen – und ich liebe Sie!

»Was für eine Art Gatte ich werde, steht bei Ihnen, jedenfalls kein schlechterer als Julian.

»Antworten Sie nicht, ich hole mir die Antwort selber. In tiefster Verehrung

Fritz Travers.«


* * *


Heiße Septembertage in Rapperswyl . . .

Glutgetränkt flimmerten die Ufer, und wie ein grünes Märchen, still und verloren, schwamm die Ufenau im lichten See.

Um Ulrikes Haus blühten die Rosen, letzte Sommerrosen mit süß betäubendem Duft. Alles atmete Harmonie. Doris Katz malte, fleißig wie immer, im großen Saale, und Ulrike war wieder die alte Ulrike geworden, etwas gedämpfter vielleicht, wie Menschen, die eine Niederlage erlitten haben, aber dank angeborener Kraft auch über ein Fiasko mutig hinweggekommen sind.

Sie hatte die Krisis überstanden; sie konnte wieder arbeiten. Sie wollte sich und der Welt beweisen, daß sie mit ihrer Handlungsweise recht getan, daß sie etwas schaffen konnte, etwas noch Besseres und Abgeklärteres als die »Modernen Leiden«.

In den ersten Monaten in Italien hatte sie daran gezweifelt, sich gelähmt gefühlt. Der stille Sommer, die ruhigen Wochen im alten Rapperswyl brachten ihr Können zurück.


* * *


Und noch einmal fuhr jemand um Ulrikens willen mit hoffendem Verlangen von Zürich her über den See.

Travers war kein Minnesänger. Ohne ihr Vermögen und ihr Talent hätte er Ulrike nicht begehrt; er liebte diese Eigenschaften herzhaft mit; sein Gefühl für sie war nicht goldecht, aber immerhin von heißem, starkem Temperament.

Ungeduldig erwartete er Rapperswyl.

Die Schneehäupter von Glarus, die in der Ferne blitzenden, an denen die Blicke andrer Touristen wie hypnotisiert hingen, kümmerten ihn wenig, wenig auch der Zauber der Weingärten, deren reifende Trauben sich fast im Wasser spiegelten, die man vom Schiffsrand verheißend winken sah wie herbstliche Üppigkeit, wenn der Dampfer anlegte und das Wasser dann lauter rauschte und schwoll.

Travers war für gewöhnlich durchaus nicht verständnislos in Bezug auf landschaftliche Schönheit: nur heute interessierten ihn weit mehr als die Hügel und Seeorte die eigenen Empfindungen, die Gefühle eines in eine schöne Frau und eine gute Partie zu gleichen Teilen verliebten »décadent«.

Endlich war er am Ziel.

Plötzlich wollte er vor ihr erscheinen wie einstmals Julian.

Da sah er Ulrike im Garten stehen, unter den Kastanien, mit handbeschattetem Auge einem weißen Segel zuschauend, das wie ein riesiges Blütenblatt über die Wellen gaukelte. Er war noch nicht am Gartentor, machte aber kurzen Prozeß und sprang mit einem Satz über die niedrige Mauer, mit jenem berühmten Traversschen Sprung, den er nach lustigen Liebesmählern wohl über gedeckte Tische zu machen pflegte, ohne auch nur mit der Spitze seines schlanken Fußes ein Glas zu verletzen.

Plötzlich fiel sein langer Schatten vor Ulrike auf den Kies.

Sie erschrak weder, noch wurde sie rot – aber ein ausgiebiges Lächeln legte sich um ihre Lippen.

»Steigen Gespenster auf?« fragte sie, ihn mit einer freundlichen Handbewegung einladend, ihr auf dem schmalen Gartenpfad in der Richtung nach dem Hause hin zu folgen.

»O, ich bin sehr Fleisch und Blut! Ich will meine Antwort!«

Sie sah ihn kopfschüttelnd an. »Graf Fritz, Sie haben doch im ganzen verzweifelt wenig Verständnis für eine Persönlichkeit wie mich. Sie ahnen überhaupt nicht, um was es sich für mich bei jener schweren Katastrophe in erster Linie gehandelt hat. Sie denken immer nur an Romane und Flirt! Wenn ich mir meine Freiheit zurücknahm, tat ich es ganz und um mich nie wieder zu binden. Mag Julian für sich denken, wie er will. Sollte er noch einer Frau begegnen, die so ist, wie ich nicht zu werden vermochte, so würde ich ihm mit Freuden die Wege ebnen zu ihr. Für mich aber ist ein solcher Weg verschlossen. Ich habe mit der Liebe abgerüstet, nachdem ich mich einmal vergriffen. Wenn Sie mich zum Kritiker Ihrer Novellen brauchen, nun gut, – zum Gegenstand Ihrer Neigung – nein! Ich habe jetzt einen großen Strich unter mein früheres Leben gemacht. Gegen weitere Mißgriffe bin ich gefeit . . .«

»So, das die Antwort auf Ihren Brief. Diese Seite der Sache wäre hiermit wohl definitiv abgetan. Im übrigen, Graf Fritz, steht mein Haus jedem vorbeifahrenden Freunde, der aus Freundschaft kommt, zur Verfügung. Wenn Sie mein Gast sein wollen? Ich habe eine sehr ungewöhnliche Hausgenossin, die Ihnen gewiß menschlich und auch als Studium gefallen wird, und wer gern an blauen Wellen, unter schattigen Kastanien ausruht, für den ist mein altes Haus wie gebaut.«

Travers hatte viel Enttäuschung hinuntergeschluckt während Ulrikes gelassener Rede, aber er war der Mann, der sich aus jedem Mißerfolg heraus wieder auf den Posten eines Herrn der Situation zu schwingen vermag. Wie ein Stück fesches Menschenleben stand er in dem stillen Garten und versuchte ironisch über die Welt, sich und seine Gefühle zu lächeln.

»Ausruhen?« fragte er. »Glauben Sie, daß man so nah' dem Feuerkreise, Ruhe findet?«

Ulrike sah ihm lachend in die Augen.

»Feuerkreis? Beruhigen Sie sich! Es ist kältestes Polareis.«


* * *


Travers blieb einige Tage. Er fand es zwar seltsam, daß er bei der Eigenart ihrer Beziehungen die Gastfreundschaft seiner gewesenen Cousine genoß.

Aber schließlich warum nicht? War nicht alles eigenartig an Ulrike und ihrem Milieu? Das ganze alte Haus mit seinen aparten Ecken und Winkeln, mit seinen Bildern und Statuen, die abends so malerische Schatten über die roten Wände warfen, dies Gemisch von Kunst und Behaglichkeit, diese tiefen Fensternischen, an die der Ahorn pochte. Und die Menschen erst, die Ulrike in ihrem Haus versammelte: Doris Katz in ihrer ursprünglichen Künstlerinnenfrische, der alte Pfarrer von Rapperswyl mit seinem charaktervollen Schweizergesicht, Travers selber, der sich so ultramodern ausnahm auf diesem fein abgetönten Hintergrund, wenn er abends mit übereinandergelegten Knien am italienischen Marmorkamin saß und seine neuesten nervenzerreißenden Werke zum besten gab.

Und er lernte von Ulrike, was er noch von keinem Menschen gelernt hatte, der ihm auf dem Eitelkeitsmarkt seiner bisherigen Existenz begegnet war: daß besondere Naturen sich ihr Leben nach eigenem Geschmack zurechtzimmern können, ohne der Schablone auch nur die geringste Konzession zu machen, daß Selbsterkenntnis und Duldsamkeit starke Waffen sind in der Hand eines selbständigen Menschen, – Waffen, die aber auch alle Schärfen zu mildern vermögen, welche ein ernster Konflikt in das Leben trug. Ulrike hatte ihre Arbeit, ihr Talent, das gab ihr Befriedigung und Gleichgewicht . .

Als Travers abreiste und Ulrike und Doris Katz ihm mit weißen Tüchern von der Gartenmauer her die letzten Grüße nachwinkten, da seufzte der sonstige Herzenbrecher aber dennoch melancholisch auf.

»Abgeblitzt!« sagte er vor sich hin. »Das erste Mal! Aber ich hab' was von ihr gelernt. Frauen sind doch nicht alle blos auf den Flirt gestellt. Es gibt Ausnahmen . . . leider!«



Feierstunden.
Ein Jahr aus einem Leben.

Die Seitentür der alten Basilika Apollinare Nuovo wurde langsam geöffnet.

Mit der Glut des heißen Tages drang ein Geruch von Laub und Blumen aus dem schattigen Kreuzgang in die weihrauchherbe Kühle des Kirchenschiffes. Sonnenstrahlen, die draußen wie tausend Pfeile auf Ravenna niederschossen, zitterten durch die Türöffnung sekundenlang über die Schwelle . . . dann schloß eine feine, bedächtige Hand die Pforte, und es war still, so recht kirchenstill an der geweihten Stätte.

Der Eingetretene blieb stehen. Ihm wurde feierlich zu Mute, wie jedesmal, wenn die Mosaiken Ravennas ihren Reigen vor seinen Augen schlangen, jene Mosaiken, deren Leuchtkraft die Jahrhunderte nicht zu brechen vermochten, die so triumphierend, so unantastbar über ihren Säulen thronten – in allem Verfall ringsum, aller Vergänglichkeit immer weiter blühend wie unsterbliche Blumen – und unter ihnen die verwitterte Marmorpracht der stolzen Säulenreihen aus Byzanz.

Er trat in das Schiff, – da sah er, daß er nicht allein war.

Eine Malerin hatte ihre Staffelei vor den Hochaltar gestellt und grübelte versonnen auf eine angefangene Arbeit hinab.

Er war die »Malweiber« an allen Ecken Italiens gewöhnt. Sie störten ihn nicht, noch weniger reizten sie seine Neugier.

Diese aber, die sich in das Kircheninnere von Sankt Apollinare wagte, zwang ihm doch ein Lächeln ab, und als er in ihre Nähe kam, warf er einen verstohlenen Seitenblick auf ihr Blatt.

Sie rührte sich nicht; kaum daß sie die Nähe eines Menschen zu bemerken schien. Verzweiflungsvoll starrte sie ihre Arbeit an, die da in mattem Aquarellton auf dem englischen Papier emporwuchs. In ihren blassen Mienen stand das Vernichtungswort geschrieben: es wird nichts.

Er aber war plötzlich stehen geblieben.

Dies Blatt mit seinem weichen Duft, der Weihrauchschleier, der so mystisch über den sicheren Linien der Perspektive schwebte, die verkürzten Linien der Mosaikbänder da droben, das war alles so gut, so sicher empfunden und so persönlich dabei.

Die Malerin sah auf. Es begann sie zu stören, daß jemand so gründlich auf ihr Papier schaute, und plötzlich blickte sie in das fremde Angesicht, das sich über sie und ihre Arbeit beugte.

Feine, adelige Züge waren es, graublaue Augen, welche ein seltsames Feuer durchglomm, jenes heilige Feuer, das nur Auserwählten in den Blicken lodert, und während sie den Reiz dieses seltsamen Angesichts fast überrascht empfand, bemerkte sie zugleich voll Verwunderung, daß die hohe Stirn über diesen jugendlichen Augen von Falten durchzogen, daß das Haar an den Schläfen längst ergraut war, – ein alter Herr war es, der da so gespannt ihre Arbeit musterte.

»Das wird ja aber ganz vorzüglich,« sagte er halb entschuldigend.

»O nein!« rief sie mit Überzeugung. »Es wird nicht, wieder nicht; das ist es ja, was mich zur Verzweiflung bringt!«

Er setzte seine Brille auf, sah noch einmal das Bild an, dann das Mädchen, das hastig aufgesprungen und von ihrer Staffelei fortgetreten war.

»Verzweiflung,« sagte er dann ironisch, »wie kann man solch ein Wort gebrauchen an diesem Platz? Das Wort paßt nicht in Städte wie Ravenna. Das sollte jeder dahinter lassen, der von Faenza aus in diese Einsamkeit abbiegt. Schreitet man doch hier auf zu gewaltigen Spuren, als daß der Gedanke an persönliches Geschick überhaupt das Recht hätte, in die Erscheinung zu treten.«

Sie horchte verwundert. ›Zu solcher Resignationsphilosophie bin ich noch etwas zu jung,‹ wollte sie sagen, aber sie merkte, er hatte mehr zu sich gesprochen als zu ihr. Und es war etwas um seine Persönlichkeit, das jede Kritik zum Schweigen zwang.

»Es ist wirklich ganz vorzüglich,« wiederholte er. Sie haben nicht nur mit den Fingern gezeichnet, Sie haben Ihre Seele vollgesogen am Zauber von Apollinare Nuovo. Sie müssen sie tief empfunden haben, diese wundersame Festlichkeit des Basilikenstils, diese freudigen Hallen, in denen sich so gut heitere Götter verehren ließen.«

»Sie sind Künstler?« wagte sie einzuwerfen.

Er schüttelte den Kopf. »Kunstfreund – nur Freund! Sie sind mir voraus. Sie sitzen an der Quelle, wo die Schaffenden sitzen.«

Zum erstenmal sah er in ihr Gesicht. Er war kein Menschenkenner. Er sah in ihrem Antlitz nichts als die Blässe und das schüchterne, ehrerbietige Lächeln, das bei seinen Lobesworten zu ihm aufstrahlte.

»Sie haben gar keinen Grund, über Ihre Arbeit verzweifelt zu sein,« wiederholte er nochmals.

»Sie wird aber nicht, was sie werden sollte,« sagte sie. »Ich sollte kein Bild malen, sondern nur die Säulenstellung.«

»Ja, aber warum ›sollen‹ Sie denn das? Sie sind doch kein Architekt! Wer wird im Tal stehen bleiben, wenn er die Kraft hat, Höhen zu erklimmen? Wer, der das Zeug zum Künstler in sich fühlt, mag Handwerker sein?«

Sie überlegte einen Augenblick.

»Ich arbeite auf Bestellung,« sagte sie dann zaghaft. »Ich bin im Auftrag einer Firma nach Ravenna geschickt, um Illustrationen zu einem Werk über altchristliche Basiliken zu liefern. Dichterfreiheit ist mir dabei verboten und photographische Treue als Ideal hingestellt. Sie werden also begreifen, daß ich mit diesem Blatt hier vom Wege abgeraten bin.«

Er hatte gespannt aufgehorcht.

»Ah so, das neue Werk über altchristliche Basiliken, jawohl, ich weiß davon. Also dazu zwingt man Ihnen den ›gottgebornen Geist in Kerkermauern‹?«

Sie lächelte.

»Nein,« sagte sie, »Sie beurteilen mich zu hoch nach diesem einen Blatt. Ich gehöre zu jenen, denen zuweilen mal ein Entwurf gelingt, eine erste Anlage, die vielversprechend aussieht, solange ich sie nicht selbst durch Details ruiniere. Etwas Ganzes, Fertiges zu schaffen bin ich nicht im stande. Versucht hab ich's lang genug, – aber still davon! Wer spricht gern von geknickten Flügeln! Da sage ich mit Ihnen: solche trübe Erfahrungen gehören nicht in eine Stadt wie Ravenna.«

Seine Gedanken waren noch immer mit dem Blatt beschäftigt.

»Wenn es aber doch der Verlagsfirma in die Hände kommt, so muß die mir's ablassen,« sagte er halb im Selbstgespräch, »das wäre ein Andenken an Ravenna, dies Stück Basilikenpoesie!«

Sie sah ihn an. Sie war unvermögend, so daß sie von ihrer Hände Arbeit leben mußte. Aber großmütig und freigebig war sie ihrer innersten Natur nach, und am liebsten hätte sie die Arbeit von fünf Tagen freudig weggeschenkt an den Fremden mit den grauen Haaren und den jungen Augen, der so plötzlich zu ihr gesprochen hatte, so tröstend in ihre Schöpferverzweiflung hinein. Nur wußte sie nicht, wie sie es anfangen sollte in ihrer steifen, deutschen Ungelenkigkeit, und so schwieg sie, zornig über ihr schwerfälliges Wesen, das ihr Grenzen zog, die sie so gern übersprungen hätte.

»Sie wohnen wohl auch im Hotel Byron?« fragte der Fremde.

»Nein, ich hab' mir einen stillen Winkel ausgefunden.«

Die Unterhaltung brach ab.

»Wirklich sehr gut,« sagte er noch einmal, grüßte und ging.


* * *


Sie stand noch immer unbeweglich zwischen den Säulen von Sankt Apollinare.

Wie wohl ihr das getan hatte, dies flüchtige Begegnen mit einem fremden Menschen, ihr, die so Einsamkeit gewohnt war, der es fast wie ein Ereignis schien, daß jemand anders zu ihr gesprochen hatte im Mauerring Ravennas als nur ihre alte Hauswirtin und deren schmutzig-schöner Enkelsohn, der kleine Sigismondo.

Und sie hatte doch die Menschen so leicht entbehren zu können geglaubt. Auch nicht der leiseste Hauch des Neides vermochte sie zu erfüllen, wenn sie eine lachende Touristengruppe zwischen den leeren Palästen der totenstillen Stadt hinschreiten oder einen Wagen mit einem glücklichen Paar an sich vorüberrollen sah, hinaus zur Pineta, einem Paar, dem seine Liebe tausendmal interessanter war als alle Pinien des blassen Meeresstrandes.

Sie war seit einigen Jahren fertig mit dem Wünschen und dem Neide. Nichts vermochte ihre Pulse schneller schlagen zu machen, als etwa das Gelingen ihrer Arbeit. Und nun war ihr dies kleine Erlebnis mit einem Male wie ein großes Ereignis!

Sie räumte ihr Malzeug zusammen und schob es unter die Bank, die im Schatten der Kanzel stand. Das Blatt aber löste sie ab, rollte es vorsichtig auf und nahm es mit sich. Am liebsten hätte sie es ihm gleich nachgetragen; nur der Mut fehlte ihr. Sein Interesse hatte ihr so wohlgetan, und erst sein Lob! Das pulsierte ihr wie Wein durch die Adern.

Sie trat in die Sonne. So heiß war es. So scharf zeichneten sich die Schatten über das Pflaster. Kein Lüftchen ging. Wie in mittäglicher Geisterstunde lag die Stadt der großen Toten in ihrer Ebene.

Sie ging am Hotel Byron vorüber. Durch das offene Tor leuchtete aus dem Garten die schimmernde Marmorbüste des berühmten Lords, von blauen Blütendolden umschwankt. Die Fensterläden waren geschlossen. So ausgestorben sah der alte Palazzo aus – tot, tot wie alles in Ravenna.

Sie kam an Dantes Grabmal vorbei. Ein junger Ravennate lag auf den Stufen und schlief, seine zerlumpte Jacke unter den Kopf gelegt. Wie Bronze leuchteten die nackten Arme. So lagerte sich das Lebendige vor die Schwelle des Toten.

Nun war sie am Stadtrand.

Die alte Mauer bröckelte unter überhängendem Gezweig; hinter ihr begann das weite Gefilde; in seinem blauen Dunste erschien es wie das Meer, das weit da drüben seine Wogen wälzte – blonde Wogen der Adria, von denen es wie Lagunengeruch herüberzog.

Zwischen zwei alten Palästen, in deren verwitterten Gemächern arme Leute hausten, hatte sie in der schrägen Baracke, die wie ein verlorenes Vogelnest in der Mitte der hohen Bauten hing, Quartier bei einer Wäscherin gefunden – ein Zimmer für wenige Lire, und Polenta und Maccaroni in Fülle. »Komfortabel« war es nicht, aber billig und malerisch. Es adelte gleichsam die kleine Baracke, daß sie so im Schatten der großen Paläste stand.

Die Haustür war weit offen, niemand zu sehen, nur ein lichter, weißer Punkt droben über der Stiege – ein Brief, der vor ihrer Zimmerschwelle lag, von jenen kleinen weißen, überraschenden Briefen einer, die den Empfänger elektrisieren können, daß er sie eilig auseinanderreißt, wenn er auch noch so viel Zeit zur Verfügung hat.

Von einer Studienbekannten kam er, mit der sie einst drei Jahre lang an der Berliner Akademie zeichnen gelernt – keiner Freundin, aber einer guten Kameradin, mit der sie viel gleiche Empfindungen durchgemacht.

Der Brief freute sie, und sie las ihn, an der Stiege lehnend.

»Was werden Sie sagen, liebe Lena,« stand darin, »wenn Sie hören, daß ich anfange, auf einen grünen Zweig zu kommen? Ich, die ich meiner Finanzen halber contre coeur zur Vegetarierin wurde, trotz meiner Beefsteakpassion! – und die Sie armes Wurm letzten Frühling noch um etliche Zehnmarkstücke brachte? Mein letztes Ideal habe ich an den Nagel gehängt. Mein großer Schinken – Sie wissen ja, die Apotheose des Herostrat – steht aufgerollt in der Ecke, und ich bin eine ehrsame Anstreicherin geworden, töne Statuen und bronziere Götterköpfe. Ja, noch tiefer bin ich vom Kothurn gestiegen: ich sticke sogar! Kissenbezüge nach den Ideen eines Kunstgewerbemannes, der – denken Sie – von meiner Fingerfertigkeit entzückt ist!

»Fünf Stock hoch wohne ich. Die frische Luft, die über München streicht, fächelt mir als der ersten die Stirn. So hübsch vogelperspektivisch schau ich auf die Luisenstraße hinunter und bin glücklich.

»Ganz zufällig fiel ich dem ›Kunstgewerbier‹ in die Hände. Er wollte hier oben ein Atelier mieten und fand mich über einem etwas verrückten Entwurf, den ich dem Traum der letzten Nacht verdankte und gerade auf ein Stück gemeiner Pappe niederbannte. Er sah die Pappe und abonnierte auf mich. Dazu gefiel ihm mein getönter Donatello, der seit Wochen verlassen auf dem Kleiderschranke stand. Er schleppte sofort einen andern Kunstfritzen zu mir herauf, und ich habe plötzlich mehr Arbeit, als ich leisten kann.

»Was sagen Sie zu dieser Wendung?

»Wenn Sie auch mit den letzten Illusionen fertig sind, sollten Sie zu mir kommen und mittönen und mitsticken! Das alte Kompagniegeschäft: Freud' und Leid geteilt!

»Und meinen Gruß nach Ravenna!

»Wissen Sie übrigens, daß Hausmann dort sein soll? ›Unser‹ Hausmann, in dem wir damals in den ehrgeizigen Berliner Jahren mit roten Köpfen studierten? Na, nützen wird's Ihnen nichts. Solch ein sonderbarer alter Junggesell und notorischer Weiberfeind dazu! Aber vielleicht sehen Sie ihn, und solch ein Profil auf dem Hintergrunde Ravennas, das hat was für sich! Vor allem schreiben Sie bald! Einstweilen immer

Ihre alte Genossin Leonore.«

Hausmann!

Sie ließ den Brief sinken, und ein Leuchten flog über ihr Gesicht.

Hausmann . . . ja, wer anders konnte es gewesen sein, der in Sankt Apollinare so gütig mit ihr sprach, als er, der berühmte Gelehrte, er, der solch führende Rolle in der großen Geschichte der Kunst und der kleinen ihres eignen Lebens gespielt – damals in jenen fernen Zeiten ihrer frühen Jugend . . .

»Der Hausmann« – das bedeutete für sie drei braune Bände mit goldenen Titellettern.

Jemand hatte sie ihr zum Geburtstag geschenkt – vor sieben Jahren etwa.

Ein Tag war's gewesen im Juli, so recht auf der Mittagshöhe des Sommers, in der üppigsten Rosenzeit . . .

Während sie ganz weltvergessen noch immer am Treppengeländer der ravennatischen Baracke lehnte, fiel ihr das alles deutlich wieder ein.

Droben in ihrer Heimat geschah es, an der bayrischen Grenze, nahe dem reußischen Lande, das so still und ruhevoll im Arme seiner schönen Tannenwälder liegt, erhaben über all die schlechten Witze, die »ausländische« Zeitungen auf seine Kosten verbrechen.

Von Wipfeln umfriedet, hob sich der Berg im Saalgebiet aus grünem Waldtal, den das kleine Städtchen krönt, das oft zerschossene, zweimal niedergebrannte, winkelig wieder aufgebaute Miniaturstädtchen, das den schönen Namen Leuchtenberg trug und zahllose Wälder zu seinen Füßen hatte und das gleißende Saaleband heraufschimmern sah.

An der schlechtgepflasterten Hauptstraße, deren Häuser alle in schräger Linie standen, häßliche Häuser, die aber versöhnende Blumenkästen vor den Fenstern zeigten, da wohnte sie, die Lehrerin, die mit dem Schullehrer verlobt war – bereits seit fünf Jahren.

Ihre Eltern waren jung gestorben. Sie hatten sehr glücklich miteinander gelebt – ein Landarzt, der seine Universitätsflamme so ins Blaue hinein geheiratet hatte –, ebenso glücklich als arm.

Die älteste Tochter wurde Lehrerin, ohne jede Spur von Lust dazu, die jüngere führte dem Großvater das Haus, der Kreisarzt von Leuchtenberg und Umgegend war, ein guter alter Mann, nichts weiter.

Nach seinem Tode zogen beide Schwestern zusammen. Und an der schlechtgepflasterten Hauptstraße von Leuchtenberg brachten sie ihr Leben hin in einer gewissen Trostlosigkeit, die ihnen aber natürlich erschien.

Eines Tages hielt der Schullehrer von Leuchtenberg ziemlich unvermutet um die ältere an. Daß sie ja sagte, war ganz selbstverständlich, obwohl mehrere Jahre Wartezeit des beiderseitigen Geldmangels wegen in Aussicht standen. Sie war zwanzig Jahre alt, und er eine tadellos hübsche Romanerscheinung. Warum hätte sie nein sagen sollen?

Und die fünf langen Wartejahre schlichen dahin. Schwerer und schwerer fingen sie an, auf ihr zu lasten, und die Kleinstadtmisere lastete mit und die Schulstubenluft und das immer stärker werdende Gefühl, daß sie zu etwas Besserem geboren sei.

In ihren Mußestunden malte sie. Sie hatte es von jeher getan mit viel Fleiß und nicht ohne Begabung. Ihr Lieblingsgedanke war, eine Akademie zu beziehen und zu lernen.

Der hübsche Lehrer nahm diesen Gedanken nicht ernst und war unvorsichtig genug, ihr »den Hausmann« zum Geburtstag zu schenken, den er von auswärts lebenden dankbaren Eltern eines faulen Knaben für Nachhilfestunden bekommen hatte, und mit dem er selbst nichts anzufangen wußte.

Hausmanns Buch über die Kunst des Cinquecento war's, das berühmte Buch, dessen Ruhm nun selbst in diesen stillen Waldbergen Echo fand.

Sie sog es mit Wonne ein, wie den Duft unbekannter, nie geahnter Wunderblumen. Eine neue Welt tat sich ihr auf. Und je herrlicher ihr die Welt der Kunst erschien, um so armseliger wurde vor ihren Augen die Wirklichkeit, in der sie lebte, die Zukunft, der sie entgegenging.

Es gab Szene auf Szene mit dem Bräutigam, der in seiner engen Pedantenseele nichts von all dem begriff, was in ihr vorging. Sie wurde blaß, müde und elend.

Und neben ihr stand die Schwester, das hübsche, beschränkte Kind, das gerade in den Vollbesitz seiner Reize trat, als die ihren zu verblassen begannen, ein Wesen, das zufrieden hinvegetierte, für Leuchtenberg schwärmte – und eine beliebige Heirat für das einzig Wahre hielt.

Sie war viel hübscher als sie – so recht die landläufige Hübschheit, die bei jungen Wesen so hoch im Kurs steht. Und eines Tages kam es Helene vor, daß auch ihr Bräutigam diesen Umstand zu bemerken schien.

Dann geschah etwas, was allen Leuchtenbergern ewig unverständlich blieb. Mit einer Gelassenheit, die ans Unheimliche grenzte, trat Helene den Verlobten von fünf langen Jahren an ihre Schwester ab, die mit dem nämlichen Enthusiasmus, den sie selbst mit zwanzig für diesen selben hübschen, törichten Menschen gehabt, das Los hinnahm, das sie der Güte oder der Hellsichtigkeit ihrer Schwester verdankte.

Helene aber ging nach Berlin – Zukunftsträume im Kopf, den Hausmann als Evangelium in der Hand . . .

Vier Jahre studierte sie, bis ihre Mittel aufhörten.

Nach diesen vier Jahren wußte sie, daß trotz alles heißen Bemühens kein Genius ihr je die Stirn rühren würde.

Es schmerzte sie tief, aber eines hatte sie doch erreicht: sie hatte ihr Leben auf ein höheres Piedestal gehoben.

Den Illusionen über Ruhm und Größe sagte sie Valet und ging tapfer unter die Reihen derer, die, was sie treiben, »Kunsthandwerk« nennen, einige mit verzweifeltem, andere mit resigniertem Lächeln.

Sie tat Dinge, von denen sie sich geschämt haben würde, Hausmann zu erzählen: sie stilisierte Monogramme für Aussteuern, sie zeichnete Tischkarten, ja, sie brannte Wappen in Leder.

Und sie sank noch tiefer: sie illustrierte sogar Postkarten, einmal sogar die Reklame für ein Weingeschäft.

Das war aber auch der tiefste Tiefstand.

Allmählich fand sie eine gewisse Spezialität heraus: Architektur in Aquarell. Dazu gehörte weniger Genialität als eiserner Fleiß, und den hatte sie ja. An der Münchner Frauenkirche machte sie ihr Meisterstück, dem sie dann den Auftrag für Italien verdankte.

Und mit dem Gefühl, Ufer zu sehen nach langer, mühevoller Meerfahrt, fuhr sie alpenabwärts – mit dem Hausmann als Gefährten.

Der Hausmann war für sie, was für andere Leute Goethesche Verse sind oder Schopenhauersche Weisheit, eine Art Rettungsstation in den banalen Alltagswogen des Lebens.

Durch ihn verstand sie Italien und die Schätze des Altertums, lernte klassische Epochen der Vergangenheit begreifen und lieben. Seine Bücher waren Offenbarungen für sie.

Und nun war er ihr plötzlich selbst über den Weg gegangen.

Sie hatte zuweilen Bilder von ihm gesehen, Porträts, Radierungen, einmal eine Bronze, auf die sie sich deutlich besann. Der braundunkle Ton der Bronze hatte dem Kopf einen antiken Anhauch gegeben, der so gut zu der Persönlichkeit paßte.

Aber erkannt hätte sie ihn nach keinem dieser Abbilder.

Es war etwas in seinen Zügen, das keine Kunst wiederzugeben vermochte – ihr höchster Reiz, der des wandelbaren Ausdrucks, ließ sich in keinem Material festbannen.

Sie hatte nur einen Wunsch: ihn wiederzusehen.

Der Begriff »Hausmann«, der bisher drei braune Bände für sie bedeutete, war verflogen und ein Mensch an seine Stelle getreten – ein Mensch mit seinem Reiz.


* * *


Ravenna erschien ihr plötzlich wie verändert.

Das war nicht mehr die schlummerstille Stadt, in der der Lebende kein Recht zu haben schien und nur große Tote regierten – eine Stadt der Wirklichkeit war's, sommerlich und aufregend. Mit einem Male schien ihr das antike Pflaster nur dazu vorhanden, einem Menschen wie ihm darauf zu begegnen. Honorius' und Galla Placidias seltsame Schatten verloren ihren Vorzeitschauder für sie, nun sie vor ihren Sarkophagen ihn zu treffen hoffte.

Ihre Arbeit ruhte.

Sie wanderte stundenlang durch Ravennas bädekerbesternte Herrlichkeiten, unermüdlich wie ein Tourist, der nur wenige Stunden für Ravenna hat und genau weiß, daß er nie, niemals zurückkommen wird.

Aber sie begegnete ihm nicht, weder heute noch morgen.

Was tat er?

Sie wußte, daß man nicht nach Ravenna geht, um sich im Hotelzimmer zu vergraben, vollends nicht jemand wie er. Schließlich faßte sie Mut, nahm ihr »Kirchen-Inneres« von Sankt Apollinare zu sich und ging ins Hotel Byron.

Der alte Herr sei leidend gewesen, erzählte der Kellner, als er sie die graue Steintreppe emporwies.

Und zagend trat sie über seine Schwelle.

In dem großen Ecksaal, den er bewohnte, waren die blauen Rouleaux herabgelassen. Ein mildes, schwaches Licht glomm dämmerungszart an den roten Wänden entlang, von denen rechts Garibaldi, links Re Umberto gleichgültig und angestaubt herniedersahen.

Hausmann trat ihr entgegen, etwas unsicher, mit fragendem Blick. Es war ihr nicht klar, ob er sie und ihr flüchtiges Begegnen nicht vielleicht schon ganz vergessen hatte, ob nicht das Aquarell allein ihm die Erinnerung wachrief und gleichsam als eine Art Visitenkarte fungieren mußte.

»Ich möchte,« stammelte sie, »Ihnen diese kleine Arbeit . . .«

Weiter kam sie nicht. Es genügte auch. Er verstand und freute sich. Ja, er schien sich wirklich zu freuen, denn es glitt wie ein Lächeln über seine Züge hin.

»O, Sie kommen zu guter Stunde!« sagte er. »Denken Sie, ich empfand, was ich wohl eigentlich in meinem ganzen Leben noch nie empfand: Menschenhunger. Ich bin nämlich Patient – meiner Augen wegen,« er seufzte etwas ungeduldig. »Das kommt von all dem Sonnenglanz da draußen, und wenn man zu viel hineinschaut! Ich muß bei geschlossenen Rouleaux sitzen, darf nicht schreiben und, was ärger ist, nicht lesen –«

»O,« sagte sie. Ein geistreicheres Apercu fiel ihr zu ihrem Zorn nicht ein. Seine Klagen gingen ihr viel zu tief.

»Sie sehen, es ist ein mildes Werk, wenn man mich etwas unterhält –«

Sie schaute ihn ratlos an. Ihn unterhalten, ihn, der so weltenhoch über ihr stand? Wovon? Etwa von der Zeit, als sie Menus zeichnete, oder von der Reklame für das Moselweingeschäft, oder vielleicht gar von Kunst? Das wäre ja gerade so vermessen, dachte sie, als wenn ein junger Attaché einem Bismarck Winke in Politik hätte geben wollen.

Die Pause wurde bereits ordentlich lang. Da kam ihr ein rettender Gedanke.

»Wenn ich Ihnen vielleicht etwas vorlesen dürfte ?« fragte sie. »Ich lese sehr gern –«

»Wirklich?« rief er. »Sie wollten –«

Er sah plötzlich sehr erfreut aus.

»Mit tausend Freuden!« und sie streckte ihm ihre Hände hin. »Wo sind Bücher?« sagte sie. »Ich gehöre zu jenen Wesen mit unermüdbarer Lunge. Ich lese, wenn es sein muß, das ganze ›befreite Jerusalem‹ in mehreren Zügen.«

Er lächelte.

»Dann lesen Sie mir lieber meinen Dante in einem Zuge,« und er reichte ihr den Goldschnittband, der aufgeschlagen auf seinem Tische lag.

Sie nahm ihren Hut ab, strich mechanisch über ihr dichtes Blondhaar, das sich so hübsch an ihren Schläfen lockte, sah eine Sekunde herüber zu ihm, der sich etwas müde in seinen Stuhl lehnte, setzte sich ihm gegenüber an den Tisch und begann ohne weitere Umstände mit dem Gesang, über dem sein Zeichen lag.

Durch das dämmerige Gemach klangen voll und schön die ewigen Terzinen von ihr zu ihm . . . Und er lauschte dankbar, ganz hingenommen vom großen Zauber des Florentiners, der ihm von jeher so viel gewesen war, so daß er sich nie hatte ersättigen können an dem stolzen Zuge seiner unsterblichen Poesie.

Und sie war auch hingenommen, aber trotz aller Danteverehrung nicht allein von dem, was sie las, mehr noch von der Gunst des Zufalls, der sie so plötzlich dem großen Manne gegenübergeschoben hatte, einem langjährigen Ideal so wirklich nahe.

Und immer wieder, während sie las, flog ihr Blick sekundenschnell zu seinem Profil hinüber, das so edel und gedankenvoll auf dem blauen Zwielicht stand. Und zuweilen lächelte sie über ihn mit dem nachsichtigen Lächeln der Liebe, weil er gar nicht daran dachte, daß diese Dämmerung ihren Augen schaden könne, dieses blaue Zwielicht, in dem sie nur undeutlich die Buchstaben erkannte, weil er sie lesen ließ Stunde auf Stunde, bis endlich die Glocken von San Francesco das Avegeläut anstimmten und ihn aus seinem Sinnen aufstörten.

»Wie, schon?« fragte er, wie aus einem Traum gescheucht.

Sie schloß das Buch.

»Nun die Sonne hinab ist, dürfen Sie vielleicht doch ausgehen,« sagte sie. »Oder soll ich nach Licht klingeln?«

»Ach nein, kein Licht. Ich will noch in der Dämmerung sitzen und dem allem nachdenken – ich danke Ihnen.«

Sie wußte nicht, ob sie noch bleiben dürfe und ging – ging mit leisen Schritten, wie sie gekommen, und er, der noch ganz unter dem Bann der Danteschen Muse stand, sagte nicht einmal etwas von Wiedersehen.

Ja, ein Sonderling war er doch!

Lächelnd trat sie ins Freie.

So himmlisch kühl war es geworden nach dem heißen Tag! Sie ging mit eiligen Schritten dahin. Wanderlustig war ihr zu Mut und so beschwingt dabei, so von Glücksgefühl getragen.

Dem Stadttor eilte sie zu und ins Weite hinaus. Nebel wogten über dem Gefilde; gespenstisch lagerten sie auf den Feldern von Mais und den blauen, langschaftigen Sumpfblumen, die hie und da im Grase standen.

Bis ans Ufer des Ronco ging sie. Die blassen Wellen zogen totenstill dahin, traurig und verlassen, wie abgestorbene Flußwogen der Unterwelt.

Ihr fiel ein, daß es ja ungesund und auch sonst nicht ungefährlich sei, so allein in den ravennatischen Abend hinauszuwandern, und sie kehrte halberschrocken um, den kleinen Lichtern entgegen, die hier und da aus den Häusern am Mauerrand zu leuchten begannen.

Dort brannte auch das ihre im Hause der Waschfrau. Der schöne Knabe stand vor der Tür und streckte ihr einen Goldlackstrauß entgegen. Sie gab ihm Soldi, mehr als sie eigentlich bei ihren Verhältnissen verantworten konnte, und ging dann noch an die Arbeit, die sie tagsüber versäumt hatte.

Bis spät in die Nacht hinein zeichnete sie und hörte erst auf, als eine ferne fahle Helle den nächsten Morgen anzukündigen begann.


* * *


Eine ganze Woche lang las sie ihm nun täglich mehrere Stunden vor.

Ganz wie selbstverständlich trat sie im dämmerigen Ecksaal des Hotel Byron dazu an.

Er hatte eine sehr vollständige Reisebibliothek mit sich, in der nur seine eignen Werke fehlten. Sie las ihm deutsch, italienisch, französisch vor – ja, sie würde über Nacht Suaheli gelernt haben, wenn er etwas in der Sprache vorgeschlagen hätte.

Sie las sehr gut. Ihre Stimme war so weich und – was er eines Tages dankend hervorhob – so durchaus dialektlos. Dabei fiel ihm aber gar nicht ein, daß die Frage so nahe lag, auf welchen Dialekt sie denn eigentlich Anspruch zu erheben hätte? Persönliches sprachen sie überhaupt nicht miteinander. Sie fühlte, daß er tief verstimmt war durch die Wiederkehr seines Augenleidens und die Verbannung aus dem Sonnenlicht, kaum daß sie zu fragen wagte, wie es ihm gehe.

Jedes Mal, wenn sie ihn verließ, reichte er ihr dankend die Hand, und ein Zug der Ritterlichkeit lag dann plötzlich über seinem ganzen Wesen, auch etwas aus verklungener Zeit – so ein Echo von einst. Und wenn sie ihn dann ansah – trotz der Falten auf der Stirn, der tiefen Gedankennarben, trotz des tief pessimistischen Zuges um die Lippen –, konstruierte sie sich zuweilen sein Jugendbild zurecht und beneidete dann wohl die Mädchen jener Zeit, die ihm einst hatten begegnen dürfen und nun alte Frauen waren, grauhaarig und müde wie er.

Spät abends wanderte sie dann noch durch die düsteren Straßen von Ravenna.

Einmal begegnete sie ihm, plötzlich, an der Ecke des erzbischöflichen Palazzo, in dem blauschwarzen Schatten, den das riesige Gebäude warf. Er erkannte sie natürlich nicht. Die Blicke, mit denen er das nächtliche Städtebild betrachtete und genoß, gehörten nicht unter die Rubrik jener Blicke, mit denen der Tourist Passanten mustert – sie hatte nicht den Mut, ihm ihre Gesellschaft aufzudringen und glitt leise vorbei wie ein Schatten.

Ein anderes Mal sah sie seine Silhouette unter den Loggien, die das Monogramm Theodorichs wie einen alten Adelsbrief an der Stirn tragen. Sie war froh, daß er sie nicht entdeckte, denn einer jener schrecklichen jungen Leute verfolgte sie gerade, solch ein profanes Exemplar italienischer Menschheit mit Gigerlanstrich und umgekrempelten Beinkleidern, wie sie selbst im heiligen Ravenna unvermeidlich sind und allen blonden Ausländerinnen professionsmäßig nachlaufen, wenn es sein muß, bis zur Pineta hinaus.

Seitdem wagte sie nicht mehr, Hausmann auf seinen abendlichen Wegen aufzuspüren, so großen Reiz es auch für sie hatte, den feinen Gelehrtenkopf minutenlang auftauchen zu sehen auf dem Hintergrund der südlichen Sommernacht. –

Als sie am Ende der Woche zu ihm kam, fand sie ihn wie aufgelebt, bei halb offenen Rouleaux, fast genesen.

»Wie haben Sie es nur ausgehalten mit solch altem Brummbär all die Tage?« fragte er. »Ja, derartige Mißgeschicke machen einsilbig, und es gehört schon eine sehr nachsichtige Freundin dazu, die da nicht erlahmt! aber nun bin ich wieder auf dem Posten, und daß Sie mich nicht allzusehr als unmanierlichen Griesgram taxieren, werde ich morgen etwas sehr Gesellschaftliches tun und Ihnen einen feierlichen Danksagungsbesuch abstatten für all Ihre Güte – vielleicht so ums Aveläuten herum –«

Sie erschrak fast.

»In meiner Hütte –«

»Deren topographische Lage Sie mir genau beschreiben müssen, und dann lesen wir einmal nicht, sondern plaudern. Sind Sie einverstanden?«

Ob sie einverstanden war!

Aber ein Reif fiel in der nächsten Minute auf ihre Freude.

Er reichte ihr ein illustriertes Journal, das ihm zugeschickt worden war – eine Serie Bilder moderner Malerei –, schöne Sachen: Liebermann, Israels, Uhde, aber alle das Elend darstellend und die Armut.

»Solch ein Journal,« sagte er, »das einem da plötzlich in den Weg geschleudert wird und peinliche Gefühle in einem erweckt, wirkt auf mich geradezu wie ein Mißton. Was kümmern mich hier im zaubervollen Ravenna diese Schlagschatten modernen Jammers. Diese Arme-Leute-Malerei! Ich weiß, es ist nicht gut von mir und auch nicht christlich, aber ich habe einen Widersinn gegen alle Armut. Armut wirkt auf mich so unästhetisch – im Leben wie in der Kunst.«

›Was wird er zu meiner Behausung sagen?‹ dachte sie verzweifelt.


* * *


Es war kurz vor dem Sonnensinken.

Helene hatte die beiden Fenster ihrer niederen Stube weit geöffnet und schaute prüfend hinaus.

O, sie konnte sich beruhigen! Die Aussicht wenigstens war ersten Ranges, wert, vor Hausmanns Blicken dazuliegen, so heilig ernst, vom roten Abendhimmel farbenzauberisch überspannt, die ganze Ebene bis weit über Classe hinaus umflammt vom Rosenlicht des scheidenden Gestirns.

Solch ein Sonnenzauber über dem Gefilde von Ravenna, das mußte ihn belohnen für die Steilheit der schrecklichen Stiege, die durch die Armseligkeit des elenden Hauses hinaufführte zu ihr.

O diese Stiege, diese morsche Leiter! Wie sie sie verwünschte, nun sein Fuß sie beschreiten sollte, des Mannes Fuß, der mit seinem künstlerisch empfindlichen Sinn solch ein Feind unästhetischer Armut war!

Oben bei ihr freilich sah niemand mehr die Häßlichkeit der weißgetünchten Wand. Sie hatte ihre Skizzen über den Kalk genagelt, eine stolze Reihe schöner Kirchenbilder, eine Symphonie von Säulen und Mosaikbändern, ein gemaltes Ravenna mitten im wirklichen.

Und Blumen hatte sie in hellen Haufen heut Mittag in ihr Zimmer getragen. Lichte Scharen von Rosen, Orchideen und dunkelglühendem Goldlack drängten sich in den Ecken, und die alten Küchenkrüge, in denen sie standen, wurden so stilvoll durch die blühende Last; diese waren im Lauf der Zeiten wieder modern geworden mit ihrem etruskischen Anflug.

Und sie selbst! Ja, über sich selbst mußte sie lächeln.

Ein weißes Gewand fiel in schweren, weichen Falten an ihr hernieder, halb wie eine Kutte, halb wie das Kleid einer Präraffaelitin. Den Stoff hatte sie einmal in Florenz in einem kleinen, armseligen Laden gekauft, so aus Mitleid im Vorübergehen – derselbe Stoff war's, aus dem die Karthäuser des schönen Bergklosters droben im Elmotal ihre Kutten trugen – Mönchsgewand. Heut früh hatte sie sich's zusammengeheftet mit ein paar Künstlerstichen, und ein bunter Gürtel vom Ponte vecchio, ein gleißendes Ding für zwei Lire, schimmerte wie königliches Geschmeide aus dem weichen Weiß.

Sie besah sich im Spiegel.

Der heiße Septembertag hatte ihre Wangen gerötet. Wirklich, so blaß und müde wie gewöhnlich sah sie heute gar nicht aus! ›Was wohl die Leuchtenberger dazu sagen würden?‹ dachte sie, ›die Schwester, die so zufrieden schien mit ihrem hübschen Schulmeister? Und dieser selbst, der »abgeschobene« Verlobte ihrer Jugendjahre?‹

Wie anders doch ihr Leben geworden war, als sie einstmals geglaubt. Jahre der Arbeit – Arbeit – Arbeit, und nun plötzlich ein paar Feierstunden des Daseins, etwas, das beneidenswert war, selten, ein Glücksfall . . .

Da hörte sie ihn kommen durch die weitoffene Haustür. Nun betrat er den Hausflur, und das Zwielicht tat ihr den Gefallen, alles Unschöne mit jenem versöhnenden Dämmerscheine zu umhüllen, der das Gemeine adelt.

An der Treppe stand ein großer Kübel mit Apfelsinenzweigen, und im Kampf mit dem ewigen Polentageruch, der sonst das Haus durchzog, hatte der Orangenduft so sehr den Sieg davongetragen, daß Hausmann ihn mit Entzücken einsog und die Schrecklichkeit der steilen Stiege kaum bemerkte.

Helene stand oben vor ihrer offenen Tür und, beinah zu ihrem Ärger, fiel ihr ein altes, allzuoft gebrauchtes Zitat ein, dessen Richtigkeit sie aber unabweisbar empfand, denn es war »Glanz, der in ihre Hütte kam«!

Hausmann hatte, seit er seinen Besuch in Aussicht gestellt, dieses Versprechen bereits heftig bereut – Visitenfeind, der er war. Nur seufzend hatte er sich zum Ausgehen gerüstet und sich ein wenig geärgert, daß es einen gewissen Zwang selbst in Ravenna gab.

Aber plötzlich fing die Situation an, ihm zu gefallen.

Die alte Wäscherin mit ihrem Sybillengesicht und der schöne Knabe, die vor dem Hause saßen und neugierig den Fremden musterten, riefen die Freude in ihm wach, die er von jeher an dem Typus der welschen Rasse gehabt. Und der Orangenduft, wie er ihn liebte, diesen reichen, vollen, süßen Atem des üppigen Landes! Und dort droben das weiße Mädchen mit dem Hintergrunde des offenen Fensters, durch dessen Rahmen das Tal des Ronco so seltsam schimmernd heraufblaute . . .

»Nein!« rief er aus. »Wie raffiniert Sie aber wohnen, Fräulein Helene! Nun begreife ich Ihre Stadtmauerpassion! Das ist ja der poesievollste Winkel in ganz Ravenna!«

Er trat über ihre Schwelle.

Noch nie in ihrem Leben war sie so stolz gewesen als jetzt. Ja, sie war auch nicht arm; sie hatte ja die Kunst, die jeden Mangel ihres Lebens zu adeln vermochte, die Blumen werfen konnte auf kahle Wände und schlechte Stiegen.

Er trat ans Fenster und schaute hinaus. Die Sonne war hinab. Nichts blendete. Alles weiche Harmonie. Der Glockenturm von Classe hob sich wie ein schlanker Schaft fernab aus dem Blau.

Mit verzückten Augen blickte er lange hinaus, und sie sah wieder das in seinem Gesicht, was sie so sehr frappiert hatte, damals bei ihrem ersten Begegnen in der kühlen Basilika: diesen Blick, der nicht das alltäglich Wirkliche suchte, sondern mit aufgeschlossenem Sinn alles seltsam Große, dieser Blick, der ihm die Wunder Italiens aufgetan hatte, daß er zu ihrem Propheten werden konnte, zum Vermittler, zum Dolmetscher ihrer großen, schwer zu enträtselnden Sprache.

Er sprach kein Wort. Nichts war hörbar in dem kleinen Gemach, nur durch die weiche Abendluft zitterte das Avegeläut von allen Türmen Ravennas.

Sie wußte, er hatte jetzt sie und alles andere vergessen – ja, als er sich endlich umwandte, schien er fast erstaunt, daß da jemand stand. Und dieses Erstaunen war schuld, daß er sie zum ersten Male genau betrachtete, mit menschlichem Interesse.

»Ravenna wird vielseitig,« begann er dann mit leisem Lächeln, »ich glaubte alle seine Nuancen zu kennen, das Großartige, das Tote, das Zeitentrückte, das Schaurigernste, und nun hat es plötzlich sogar einen Winkel aufzuweisen, der ästhetisch ist – das letzte, was ich jemals hier erwartet hätte! Sie sind eine Zauberin . . . Oder sind Sie vielleicht der Geist der Galla Placidia?« fuhr er lebhafter fort, »der hier noch in der Abendstunde umgeht? Dann will ich mich nur hüten, Sie zu berühren! Sie könnten ja bei einem Händedruck in Staub zerfallen. Übrigens« – er stockte plötzlich und strich sich über die Stirn – »wer sind Sie nur eigentlich?«

Sie erschrak ordentlich bei dieser direkten Frage.

»Eine von vielen,« versetzte sie nach kurzem Zögern.

»Das sind wir doch alle –«

»Sie zum Beispiel nicht!«

»Wie wollen Sie das wissen? Sie wissen doch gar nicht, wer ich bin. Im Hotel Byron gibt's gottlob keine Fremdentafel.«

»Ich weiß es aber doch,« sagte sie schuldbewußt, »oder meinen Sie, ich würde es andernfalls versäumt haben, in unsern Lesestunden die Werke Hausmanns als Lektüre vorzuschlagen?«

»So, so,« brummte er, ein wenig mißbilligend. »Aber, wie merkten Sie's denn? Ich dächte, ich sorgte gut genug für mein Inkognito?«

»Sie konnten ja niemand anders als Hausmann sein!«

»Freilich, das ist unumstößlich. Das ist, wie wenn jemand sagt: jeder Mensch kann nur ein Alter haben, das, was er hat. Aber das ist Weisheit von der Straße.«

»Verzeihen Sie,« sagte sie lächelnd.

Da fiel sein Blick auf ihre Skizzen.

»Freilich,« entgegnete er, »wie sollte man Ihnen nicht alles verzeihen, wenn man diesen Extrakt ravennatischer Herrlichkeit sieht, den Sie da an die Wand gebannt haben. Und Sie wollen eine von den vielen sein? Wenn dem so wäre, würde ich Respekt bekommen vor den vielen – wahrhaftig! Und wie Sie selbst in Ihren Rahmen passen, Sie mit Ihrem weißen Gewande! Sehen Sie, ich finde eigentlich alle Damenkleidung so scheußlich, daß mir oft die schönste Gestalt dadurch verleidet ist, – aber diese Toga gefällt mir. Ja, Sie sind wirklich raffiniert, Fräulein Helene! Bekommt man solche Stoffe in Ravenna?«

»Es ist Stoff von den Mönchskutten der Certosa bei Florenz.«

Er sah sie förmlich bewundernd an.

»Wer sind Sie eigentlich nur?« fragte er nochmals.

»Eine, die Tee bereiten wird!« und sie zündete ihre kleine Maschine an, die blankgeputzt zwischen zwei Blumensträußen stand. Der Schein des Lichtes glomm magisch über die Rosen, die Skizzen und in das Dunkel hinaus, das immer tiefere Schatten zu breiten begann.

Hausmann setzte sich auf den Diwan, den sie künstlich mit ein paar römischen Abruzzendecken zusammendrapiert hatte. Er genoß das Hübsche des Anblickes vor ihm und wunderte sich immer aufs neue über das weiße Mädchen, das da so anmutig und leise mit dem Tee hantierte.

Frauen hatten stets nur eine geringe Rolle in seinem Gelehrtendasein gespielt. Bis auf einen verblichenen Jugendtraum war nichts derart in der Erinnerung des alten Mannes geblieben. Für marmorne Göttinnen oder ausgegrabene Karyatiden hatte er sich stets zu begeistern vermocht, für lebendige Wesen fast nie. Gewundert hatte er sich über keine.

Aber diese machte ihn staunen.

»Also eine Schwester der Karthäusermönche bei Florenz,« sagte er, »nur ohne Gelübde und Sandalen! Sie dürften nur nicht Helene heißen. Das ist zu häufig! Theodosia vielleicht oder Konstantia! Diese alten Namen sind so gewichtig, so geschichtlich aufregend. Finden Sie nicht auch, daß in manchen Namen ein Zauber liegt, der gleich eine ganze Bilderreihe entfesselt? Zum Beispiel Theodorich! Da liegt so etwas Weltbeherrschendes in dem Klange der beiden O, nur muß man ihm das zweite O nicht streichen wollen, wie viele es tun. Wenn ich an seinem Grabmal stehe, höre ich diese beiden O immer in den Lüften rauschen.«

»Aber die beiden O von Kaiser Otto, der dort draußen in Classe Buße tat, die haben nichts Phantastisches. Da rauscht nichts in den Lüften. Höchstens etwas mitleidige Verachtung.«

»Sie sind aber gut bewandert für eine Dame!« sagte er erfreut.

Sie stellte ihm eine Tasse Tee hin.

»Ich habe auch nicht umsonst mein Lehrerinnenexamen gemacht,« versetzte sie.

»Sie und Lehrerin?« rief er halb enttäuscht. »Das kann ich mir aber nicht zusammenreimen. Wann denn, wo denn? Am Ende haben Sie gar in dieser weißen Toga unterrichtet, den schönen Goldgürtel um, und die Kinder kamen wohl in Holzpantinen, mit Flecken auf den Schürzen, und Sie lehrten sie die drei Ottonen!«

»Es ist wirklich wahr. Es ist nur die Antwort auf die Frage, wer ich eigentlich bin.«

»Und wo denn?«

»In meiner Heimat. In einem Nest an der bayrischen Grenze.«

»Und wo liegt denn das Nest, wie sieht es aus?«

Es liegt auf einem Waldberg über einem Meer von Tannen. Und nahe dabei fließt die Saale vorüber, und eine Burg spiegelt sich in ihr, solch ein viereckiger Raubritterkasten. Und an der andern Seite des Städtchens geht eine lange Chaussee in endlose Felder hinaus, eine Chaussee mit Vogelbeerbäumen, die zuweilen im Herbst so stark Früchte tragen, daß es aussieht, als hingen alle Korallen sämtlicher Meeresgründe an ihren Zweigen. Und diese Chaussee ist die alte Poststraße, über die einst die Nürnberger Kaufherren ihre Ware nordwärts brachten. Eine Stunde weiter kommt man dann ins Land Reuß, und die blauen Berge gegenüber sind weimarisches Gebiet. Kurzum, so ein echtes Stück Deutschland mit Proben von allerhand Ländern; ein paar preußische Enklaven dazwischen, alle Stunde fast neue Farben an den Wegweisern und Chausseesteinen –«

»Saaleland,« sagte er nachdenklich. »Aber das muß doch sehr hübsch sein. Thomasche Landschaft –«

»Und langweilig. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und ging auf eine Malakademie.«

»So, Sie entdeckten Ihr Talent?«

»Nein, ich hatte Hausmanns Bücher gelesen. Die schlossen mir neue Welten auf. Bücher können so viel in einem umwerfen.«

»Wirklich?« fragte er ganz erstaunt.

»Ja, sie können zuweilen ein Leben umwerfen.«

»O, das freut mich,« sagte er, »wahrhaftig, das freut mich, selbst wenn es nur halbe Wahrheit ist,« und er reichte ihr die Hand, die sie zaghaft ergriff. »Lehrerin, Künstlerin,« fuhr er nachdenklich fort, aber beides doch bloß zum Vergnügen?«

Sie sah ihn von der Seite an, diesen Feind der unästhetischen Armut.

»Ja, nur zum Vergnügen,« sagte sie leichthin.

»Wirklich! Es tut mir sehr leid, daß ich morgen reisen muß, nicht nur um Ravennas willen, auch Ihrer Gesellschaft halber. Mit Ihnen läßt sich gut reden, und wie Sie vorlesen! Sie haben viel Talente, Fräulein Helene!«

»Morgen? Sie reisen morgen?«

»Ja, ein junger Freund ruft mich nach Vicenza. Ich müßte ohnehin schon zurück sein. Mein Verleger drängt mit Korrekturen, und man ist ja nun einmal der Sklave dieser Herren. Auch für meine Augen muß ich zurück – ach, und so viele andere Dinge . . .«

Morgen! Wie ein Schmerz fuhr dies Wort durch ihre Freude.

»So bald schon?« sagte sie, »kaum gegrüßt, gemieden!«

»Und Sie?« fragte er. »Wohin werden Sie gehen?«

»Meine Arbeit hier wird wohl erst in einigen Wochen fertig sein.«

»Dann schreiben Sie mir einmal von hier!« rief er. »So etwas liebe ich sehr, wenn man so ganz festgelebt war an solch wundersamem Ort und dennoch scheiden mußte – dann ein Brief, der den Namen solcher geliebten Stadt an der Stirn trägt, das ist solch phantastisch-lebendiges Band.«

»Ich werde schreiben.«

Er stand auf und sah sich noch einmal in dem blütenreichen Raume um. Sie zündete einen Leuchter an, und schärfer wallten die Schatten der Menschen und der Blumenstengel über die Wand – sein Profil minutenlang so klar gegen die Mauer gezeichnet, daß sie es dort hätte fesseln mögen mit schnellem Kreidestrich – eine Silhouette zu ewigem Erinnern.

»Sie sind zu beneiden, daß Sie noch bleiben können,« sagte er. »Ja, Sie haben es gut im Leben, Fräulein Helene! Solche Wohnung, solche Arbeiten und solches Talent, guten Tee zu bereiten! Sie sind wahrlich sehr vielseitig. Jenseits der Alpen werde ich noch manchmal an Ihre Blumen und Ihren Tee denken.«

So ritterlich ergriff er ihre Hand zum Abschied und sah sie an mit seinen alten, schönen Augen, die einen Zug von Müdigkeit trugen, der ihr weh tat.

»Morgen mit dem Frühzug?« fragte sie.

»Ja – aber, bitte, kein Bahnhofsadieu, nur das nicht! Ich bin so eigensinnig auf dem Punkt . . .«

»Ich schwöre, nein!« sagte sie und versuchte zu lächeln.

Aber als er dann ging und sie ihm die Stiege herableuchtete, den alten römischen Leuchter in der Hand, der so aussah, als habe er mehrere Jahrhunderte im Tiber gelegen – als Hausmann von unten noch einmal heraufwinkte zu ihr und dann in die aufsteigende Nacht verschwand, da empfand sie es mit dumpfer Resignation: die Feierstunden ihres Lebens waren ausgeklungen.

Am nächsten Morgen sah Helene den Zug davonfahren, der sich langsam vom ravennatischen Bahnhof in das Nebelblau hineinwand, das in jenen Sumpfgegenden so oft über dem feuchten Boden hängt wie Tausende von Schleiern.

Vor Theodorichs Grabmal stand sie in ihrem grauen Arbeitskleid, bleich und müde und ein wenig freudlos, – so unlustig selbst zur Arbeit, nachdem die holde Gewohnheit der letzten Zeit sie so verwöhnt hatte.

Und doch mußte sie fleißig sein, um die Schlendertage einzuholen, die unberechtigten Ferien, die sie sich gemacht. Zum Dante-Lesen war sie nicht nach Ravenna gekommen!

Allmählich sezierte sie ihr Gefühl.

Grenzenlose Verehrung war's, – Begeisterung für etwas, das hoch über einem steht. Aber auch platonische Gefühle können heiß sein, wie alle Begeisterung heiß zu sein vermag.

Mehr als vier Jahrzehnte lagen zwischen ihnen. Es wäre lächerlich gewesen, hätte sie für ihn schwärmen wollen.

Und sie schwärmte auch nicht . . . und doch dachte sie, während sie Ravenna und seinen Kirchen wieder entgegenschritt: ›Wer kann es mir verwehren, wenn ich mein schönstes Erlebnis in der Erinnerung einregistriere mit all dem wunderbaren Etwas, wodurch es verlockend wird, selbst die tiefste Kluft zu überspringen?!‹


* * *


Professor Hausmann saß mit seinem Schüler und Freunde Albrecht Reinhart vor einer kleinen Trattoria auf dem Monte Berico.

Reinhart, der bekannte Literaturprofessor, der in seinen heimischen Kreisen zwar für zukunftsvoll und bedeutend, aber auch für reichlich eitel galt, – Frauen bestritten letzteres zwar, alle Männer behaupteten es aber zuweilen steif und fest –, Reinhart hatte Hausmann gegenüber jenen liebenswürdigen Ton aufrichtiger Pietät, der auch bedeutenden Männern weit besser ansteht, als sie selbst es wissen. Er saß einst in jenen fernen Jahren, als Hausmann an der kleinen, weltentlegenen Hochschule einem begnadeten Kreise zuerst die Pforten seiner neuen Gedanken aufschloß, dem damals Vierzigjährigen zu Füßen, der, auf der Höhe seines Schaffens stehend, den Anblick einer Persönlichkeit bot, die andere, ohne es zu wissen, beeinflussen und ihrem ganzen Leben Richtschnur sein konnte.

Reinhart verdankte Hausmann eigentlich alles, auch seine Soi-disant-Berühmtheit. Er wußte, daß Hausmann ihn ausersehen hatte, dereinst seinen Nachlaß herauszugeben, – und wenn es Reinhart zuweilen unklar war, wodurch er sich später zu weiteren Leistungen und weiterem Renommee verhelfen sollte, so segelte ihm eine Hausmannbiographie immer als Rettungsschifflein durch die Zukunftspläne.

Der alte Gebrauch, daß er Hausmann »Sie«, dieser ihn »du« nannte, hatte sich durch die Jahre erhalten, und diese pronominale Eigentümlichkeit, wie Reinhart sagte, schien beiden nur natürlich.

»Ja,« sagte Reinhart und rührte in seinem Absinth, »das waren noch Villenbesitzer von edlem Geschmack, jene Zeitgenossen Palladios! Ich muß sagen, immer wieder imponiert mir's, hier um Vicenza herum und weiter in die Euganäischen Berge hinein, wenn ich diese Villenjuwele sehe, die Palladio baute und Veronese mit Bildern schmückte. Wo gibt es so etwas in der heutigen Zeit! Vielleicht daß einmal jemand so um Anno sechzig herum sich von Böcklin etwas al fresco an die Wand malen ließ, um dem armen Schlucker etwas zu verdienen zu geben –, und ein Vierteljahrhundert später kommt er erst dahinter, was er eigentlich für einen Schatz besitzt. Aber dann paßt das Haus nicht zu den Fresken. In modernen Wohnhäusern sieht göttliche Kunst oft so deplaciert aus, wie im Kellerschen Gedicht die arme Medicäerin, die in ›Gips, Porzellan und Zinn auf Schreibtisch, Ofen und Kommode‹ steht.«

»Das ist richtig,« versetzte Hausmann. »Auch hat es mir immer unendlich imponiert an jenen Mäcenen des sechzehnten Jahrhunderts, daß sie Palladio nie hereingeredet haben in die Grundrisse zu ihren Villen. Jene Menschen müssen so durchdrungen gewesen sein von der Unantastbarkeit der Gesetze, die Palladios feurige Seele als richtig erkannt hatte, daß sie lieber weniger bequem wohnten, wenn sie dafür das Gefühl haben konnten, zwischen lauter tadellosen Linien zu sein und in den denkbar schönsten und richtigsten Verhältnissen. Dieser hohe Sinn für Ästhetik hat für mich immer etwas so Wohltuendes gehabt, und daher ist es bei mir nie schwer ins Gewicht gefallen, daß diese selben Menschen, die in ihren Villen den Geist der Antike neu beleben ließen, vielleicht zur selben Zeit ihre Gegner vergifteten oder sogar Anverwandten etwas Schädliches in den Becher gossen. Ihre Untaten sind vergessen, aber ihre Landhäuser erfüllen uns noch heute mit Genuß. Und nirgends mehr als hier in Vicenza.«

Beide ließen den Blick bergab schweifen in das grüne Tal, wo die Rotonda wie in Festguirlanden dalag.

»Ich weiß,« sagte Reinhart, »Vicenza war immer Ihre besondere Liebe.«

»Ja, nur nicht für allzulange. Tage mag ich hier verträumen, – nicht Wochen. Dafür ist mir zum Beispiel Ravenna lieber. Dort ist alles stiller, feierlicher – und touristenloser.«

»Wenn man aber, wie Sie, in Ravenna Patient war, scheint einem doch meist die schlechteste Gesellschaft besser als keine!«

»O, einen liebenswürdigen Ausnahmstouristen findet man ja immer, wenn man ihn braucht.«

»Ja – Sie, weil jeder, der mit Hausmann reden darf, das nachher als besonderen Effekt in sein unvermeidliches Reisetagebuch einschreiben kann.«

»Nicht nur aus solchem Grunde,« wehrte er ab. »Da war zum Beispiel jetzt in Ravenna ein junges Mädchen, eine Malerin. Die kam – so aus lauter Gutherzigkeit – neun Tage lang fünf Stunden täglich zu mir und las mir vor – ununterbrochen. Und dann ging sie, leise, wie sie gekommen, und fühlte immer, wenn ich nicht zum Reden aufgelegt war, – und quälte mich gar nicht mit meinen Büchern, – und war wie ein guter stiller Geist.«

»Ein junges Mädchen,« sagte Reinhart, »und Sie, der Frauenverächter?«

Er schüttelte das Haupt.

»Ich bin ein alter Mann, und die jungen Mädchen von heute – das ist eine Generation so weit, weitab von der meinen, wie von andern Sternen, – die stören mich gar nicht.«

»Eine Schönheit?« fragte Reinhart.

»Laß doch! Darauf verstehe ich mich nicht, – wenigstens an einem antiken Haupt eher als an einem modernen. Aber ihre Stimme war schön und ein weißes Kleid, das sie trug, – und sie malte wirklich gut. Ich gehe mit dem Gedanken um, sie zu bitten, mir nächsten Winter mal all meine Briefschaften zu ordnen. Das liegt so herum bei mir seit Jahren, und man kann ja nur sehr diskrete Menschen zu so etwas gebrauchen.«

»Lebt sie denn in München, die Weißgewandete?«

»Wenigstens nächsten Winter.«

»Schade! Ich hätte Ihnen zu demselben Zweck gut einen jungen Menschen empfehlen können, der das gewiß auch aufs beste verstehen würde, – einen Halbneffen von mir, der den empfehlenswerten Namen ›Hans Sachs‹ trägt, sonst allerdings wenig vom poetischen Schuster an sich hat. Das ist so ein Menschenkind, das eigentlich alles kann und immer erheiternd und anregend wirkt. Als ich nach Königsberg verschlagen war und die ostpreußische Eisigkeit der ganzen Sphäre mir so auf die Nerven fiel, daß ich mit meinem Buch über das Parthenon gar nicht mehr aus der Stelle kam, da zitierte ich für einige Zeit Hans Sachs zu mir – damals war er Obersekundaner –, also in einem Stadium, in dem doch die meisten Jungen ungenießbar wie grüne Äpfel sind; dieser junge Wicht aber mit der dunkelbraunen Lockenfülle und der frischen Heiterkeit hat mir da wirklich die Nerven kuriert. Ihm zuzuhören wirkte ebenso angenehm und beruhigend, als etwa dem Gemurmel eines Thüringer Waldbachs zu lauschen, und da derartige Naturgenüsse vom Königsberger Wintersemester aus unerreichbar waren, so genoß ich diese Art von Ersatz doppelt.«

»Und worin bestehen die sonstigen Qualitäten dieses Nervenverbesserers?« fragte Hausmann etwas ungläubig, da er mit Reinharts Geschmack für Menschen nicht immer übereinstimmte.

»Erstens in seiner Harmlosigkeit! Ein harmloser Mensch ist in dieser Zeit, wo alle, auch die Jungen schon, beständig Hintergedanken haben, schon an sich eine Freude. Und dann kann dieser Juvenil alles, vom Höchsten zum Tiefsten, du sublime au ridicule. Er balanciert mit derselben Routine Stühle auf der Nase, springt vor jedem Frühstück erst ein paarmal über den gedeckten Tisch –«

»Das könnte mir fehlen,« lächelte Hausmann, »solch ein Akrobat als Hausgenosse! Wenn die andern Ruhmestitel nicht verlockender klingen . . .«

Reinhart blies die Asche von seiner Zigarette. »Ich fange absichtlich mit den geringeren Empfehlungen an. Nun kommen also die ernsthaften Vorzüge: er spielt meisterhaft Klavier, wenn es sein muß, ebensoviele Stunden in einem fort, als Ihre ravennatische Freundin zu lesen vermochte, – und was sein Lesen betrifft, so ist auch das tadellos, zumal Lyrik. Da er Sprachtalent hat, beherrscht er auch eine ansehnliche Reihe der lebenden Sprachen, – die selbstverständlichen toten nicht zu vergessen. Dabei scheint er recht tüchtig in seinem Fach. Er ist, wie alle in meiner Familie, Philologe, – dies ›alle‹ sogar auf die weiblichen Mitglieder bezogen, da eine Cousine von mir kürzlich in Zürich promovierte und eine andere jetzt in Berlin ihr drittes Semester darin beginnt. Hans Sachs denkt sich in München als Privatdozent niederzulassen, – allerdings, da er augenblicklich um die Welt reist, wohl erst im nächsten Jahr, – etwa Februar, – dann wäre er also bequem zu Ihrer Verfügung, und da Sie wissen, welch innigen Anteil ich daran nehme, daß die äußere Behaglichkeit Ihres Lebens nicht verliert, und trotz Ihrer alten Frau Winter, die Ihre Tür so heldenhaft gegen Autographensammler und derartiges Gelichter verteidigt, möchte ich etwas Menschenumgang doch in Ihr Leben bringen. Goethe hat ja nun einmal ewig recht mit seinem Harfnerspruch von der ›Pein der Einsamkeit‹.«

»Immer dieselben Ermahnungen!« sagte Hausmann, angenehm berührt durch den warmen Ton herzlicher Sorge, der aus den Worten des kleinen, mageren Gelehrten sprach. »Nun, wer von dir kommt, soll mir dadurch wahrhaft empfohlen sein, und wenn ich auch für Stühlebalancieren kaum jemals Verwendung haben dürfte, so leuchtet mir das mit dem Klavierspiel sehr ein. Ja, solch armer Invalide wie ich« – und er strich sich langsam über die Augen –, »der muß zeitig auf Hilfsmittel sehen.«

»Aber Sie sind doch, scheint mir, wieder ganz in Ordnung?« fragte Reinhart tröstlich.

»Ganz?! Solch optimistisches Wort! Als wenn sich die durchwachten, durchlesenen Jugendnächte nicht rächten! Das sind alte Schulden, die ich, der einst so Unvorsichtige, erbarmungslos zu zahlen habe. Aber fort mit solchen Gedanken! Die Welt und ihre Pracht, – wo könnte man sie besser genießen als auf einem italienischen Berge, den beim Sonnensinken erste bläuliche Schatten wie Nachtvögel geisterhaft umkreisen, – einem Kloster gegenüber, in dessen Refektorium Veronese solch glänzendes Papstgelage gezaubert hat, – über einer Stadt, in der Tausende von Steinen eines Palladio Ruhm verkünden! Wir werden wohl beide im nordischen Wintergraus dieser Stunden voll heißen Rückverlangens gedenken. Ich kenne das. Solche Momente spuken oft jahrelang in einem nach.«

»Und dann erschrickt man zuweilen über die Deutlichkeit, die solche Erinnerung haben kann,« bestätigte der andere, »zum Beispiel: Santa Maria Novella! Unter einem Gewitterhimmel sah ich sie einmal, schwefelgelb umleuchtet, Fassade und Campanile taubenweiß. Zuweilen, wenn ich nachts plötzlich aufwache, steht sie so vor mir, immer in diesem Licht, – so handgreiflich, daß ich Geläut vom Campanile und Donner über Florenz zu hören meine.«

»Und es ist gut, daß es so etwas gibt,« sprach Hausmann, »überhaupt: Phantasie! Wer vermöchte die Schwere dieses Lebens zu ertragen ohne dies holde Gegengift? Ich nicht!«

Und er stand auf und zog seinen Mantel fester um sich.

Singende Gruppen kamen bergan geschritten, Arbeiter mit Sensen auf den Schultern und Frauen mit Körben auf dem Haupt, – Körbe, in denen die blaue Last reifer Trauben üppig schwankte.

Vor den Reliefs der Heilandsgeschichte, die abendlich aus den Stationskapellen am Wege schimmerten, bekreuzten sie sich, gedankenlos ihre muntere Rede fortsetzend.

Hausmann und Reinhart sahen ihnen zu, wie sie so leicht dahinschritten, die jungen Kinder Italiens, durch all die Schönheit, die sie nicht als solche zu empfinden vermochten, weil sie nichts anders kannten als das . . .

»Ihnen gehört das Land, sie schneiden seine Garben,« sagte Hausmann, »aber wir müssen erst über die Alpen kommen und Bücher über ihre Schätze schreiben, sonst bleiben sie ungehoben . . . wir sind die Eindringlinge, und doch haben gerade wir aus dem Norden das Gefühl, daß Italien unsre wahre Heimat ist. Wir würdigen es, und darum ist es eigentlich mehr unser Land als das seiner Bewohner!

Denen gibt es Sonne und Polenta, – uns Schönheit und Kunst.«


* * *


Ein Luradella Robbia – eine betende Madonna, weiß auf blauem Grunde, – und um diesen blauen, himmelfarbenen Grund gespannt ein schwerer, wie aus vollen Gärten zusammengepflückter Früchtekranz, aus Gärten, wo die Bäume fast brechen unter der Last ihrer Früchte, und jede Frucht zu ihrer vollkommensten Schönheit ausgereift ist unter den Segensblicken einer gnadenreichen Sonne . . .

Helene saß über den Robbia gebeugt, den Pinsel in der Hand, und vollendete den Früchtekranz, ganz sich fortträumend in das Land, wo das alles blühte, während der graue Münchener Himmel, durch das große Atelierfenster hereinsah, das, fünf Stock hoch, einen riesigen Wohnhauskasten an der Luisenstraße krönte.

So kommodenartig stand das große Haus auf seinem Platz. Es war mit viel unruhigen Lebensschicksalen angefüllt: unten große Manufakturläden, ein gesuchter Nervenarzt in der ersten Etage, darüber ein namhafter Rechtsanwalt, im dritten und vierten Stock die große Pension, deren Schild unten am Hauseingang so stolz zwischen Rechtsanwalt und Nervenarzt prangte: »Platzmajorin Baderschneider, Pension b. G.« Das »b. G.« war eigne Erfindung der Platzmajorin auf dem Gebiet lapidarischen Stils und bedeutete »beiderlei Geschlechts«. Es war eine »gemischte« Pension.

Den ganzen Tag hetzte und wogte es im ganzen Hause. Die Käufer, Klienten, Patienten und Pensionäre hatten förmliche Senkungen in die steinernen Treppen hineingetreten. Still war es nur hoch oben, wo Helene sich malend über ihren Robbia beugte.

Ihr gegenüber saß Lenore, die alte Bekannte vom Dornenpfad, ein lustiges Malweib, das sich den Teufel um alles Zukünftige kümmerte, sich grundsätzlich alle Sorgen aus dem Sinn schlug und dankbar war für jede bescheidene Freude, welche die Gegenwart brachte. Sie war ein Münchener Kindl, Malerstochter, früh verwaist, und hatte sich mit einer staunenswerten Robustheit in Empfindung und Gesundheit durch ihr nicht leichtes Leben hindurchgearbeitet. Sie besaß jenen seltenen beneidenswerten Mut, der hinter jeder Enttäuschung sofort seine Flagge neu aufzupflanzen vermag und sich am Schicksal rächt, indem es seine Tücken souverän ignoriert.

Zur Kameradin war sie vortrefflich geeignet, mehr verlangte Helene nicht; sie hielt ihre Seele gern inkognito, und Lenore merkte nicht, wie viel ihr verschwiegen wurde. Lenore in ihrem Reformkleid, mit den frischroten Backen, die sie dem Hinausradeln in jede Morgenfrühe verdankte, suchte durch ihre geschickten Hände zu ersetzen, was ihr an Genie gebrach, und in seltsamem Gegensatz zu der fast grotesken Schmucklosigkeit ihrer Erscheinung lagen die gelben seidenen Rollen eines fast märchenhaften Stoffes über ihren Knien, in den sie jene langgezogenen Arabesken zauberte, die eben als Neuheit im Kunstgewerbe aufgetaucht waren.

Während sie mit staunenswerter Regelmäßigkeit Stich auf Stich machte, den Kopf bald auf die rechte, bald auf die linke Seite gelegt, plauderte sie halb für sich, halb für Helene lustig vor sich hin.

»So,« sagte sie, »nun habe ich Ihnen die vierte Scheidungsgeschichte aufgetischt. Nun ist's genug für heute, und morgen wird schon wieder ein Paar auseinandergelaufen sein.«

»Solch unheilige Geschichten,« entgegnete Helene, während ich eine Heilige bemale!«

»Gut, ich will von Höherem reden. Gestern also, wie ich in die Pension herunterkomme, ist die Platzmajorin in größter Aufregung. Es hatte nämlich ein Fremder an der Klingel gezogen, der Einlaß begehrte. Ein Zimmer war zwar nicht mehr frei, aber selbstverständlich sagte sie Ja und komplimentierte ihn hinein. Ich kam zu folgender Sentenz: eine Frau wie die Platzmajorin nimmt á tout prix alles, was ihr in den Weg kommt. Ist kein Zimmer mehr frei, so gibt sie das ihre und zieht nachts in die Badewanne. Kommt noch einer, so opfert sie sogar die Badewanne und schläft stehend im Flur. Keine Gelegenheit wird versäumt. Ein Leutnant war's aus Zittau, mit mehrmonatlichem Urlaub in der Tasche, sollte eigentlich nach Arco, bleibt aber einstweilen hier hängen, sieht auch ganz gesund aus, durstet enorm nach geistiger Anregung. Er will viel ins Theater gehen und berühmte Leute kennen lernen. Ich saß bei ihm, solange die Platzmajorin ihren Umzug in die Badewanne bewerkstelligte. Ich glaube, ich kam ihm sehr sonderbar vor, denn er sah mich mehrfach schaudernd an. Da aber Schaudern ja der Menschheit bestes Teil ist, spricht das ja blos für ihn. Ob man in München leicht an die Berühmtheiten herankäme? fragte er? ›Je nachdem! Sie müssen die Subskriptionsbälle mitmachen.«

»›Treffe ich da alle?‹ inquiriert er eindringlich.

»›Das kann ich nicht wissen. Ich bin sehr abgehärtet gegen Berühmtheiten und laufe keiner nach. Ich interessiere mich lediglich für mich selbst.‹

»›Wohnen Sie ständig hier?‹

»›Treppe höher, im obern Stockwerk des Lebens.‹

»›Sie gehören wohl einer Sekte an? Sie sind so eigentümlich kostümiert?‹

»›Allerdings.‹

»›Wie heißt denn Ihre Sekte?‹

»Struggle-for-lifeurs,« sagte ich.

Es imponierte ihm sichtlich, obwohl er's nicht verstand. Währenddem hatte er aus seinem Notizbuch einen Zettel genommen, lang und schmal wie ein Rezept. Darauf standen die Namen aller derer, die er kennen lernen wollte. Eine geistige Größe von Zittau hatte ihm mit Hilfe des Konversationslexikons das Verzeichnis gemacht.

»Obenan stand Hausmann.

»›Wie komme ich an den heran?‹ fragte er.

»›Gar nicht. Der lebt unnahbar wie der Gott in der Wolke.‹

»›Geht nicht aus?‹

»›Horstet in seiner Villa in Schwabing und läßt nur geistige Kapazitäten, die so klug sind wie er, zu sich herein, – ich weiß nicht, ob Sie –‹, und ich besah ihn etwas malitiös.

». . . Er guckte mich scharf an. ›So dumm, verehrtes Fräulein, wie Sie mich zu taxieren scheinen, bin ich gottlob nicht!‹

»Dabei sah er allerliebst aus. Wirklich ein netter Mensch!

»Die Platzmajorin kam, und ich ließ sie mit der neuen Trouvaille allein. Sie strahlte. Einer mehr – plötzlich und zufällig! Er hatte ihre Adresse in der Eisenbahnzeitung gelesen, die man ihn in Treuchtlingen in den Zug warf. Sie segnete sichtlich die Bahneinrichtungen und Treuchtlingen.«

»Die Pension wird nachgerade Ihr Steckenpferd,« sagte Helene.

»Ja, und warum auch nicht? Etwas wünschen, hoffen und sorgen muß der Mensch! Das wäre sonst ja alles so stagnierend in unserm Dasein! Immer nähen und malen, das geht doch nicht! Solche Pension ist ein so lebendiges Moment, – solch ergötzliche Menschenmosaik. Da sitzen sie so familiär nebeneinander, die aus Manchester und Görlitz, aus Göttingen und Lyon, die Dummen und die Schlauen, die Alten und die Jungen. Alle gleichsam auf Gastrolle. Was und woher sie sind, – die genaue Wahrheit, meine ich, bleibt dunkel. Sie lügen und renommieren, und es entwickelt sich so ein gewisses Pensionslatein, das niemand kontrollieren kann. Die Platzmajorin glaubt alles – oder tut so – und rackert sich ab den ganzen Tag und flattert wie ein scheuer Vogel von hinten nach vorn, begießt in dieser Minute das Roastbeef, bemuttert in der nächsten die Engländerin, der ein Singlehrer Besuch macht, – ja, die Platzmajorin ist wahrhaft groß in ihrem Genre! Wollen wir nicht auch eine Pension gründen, Helene?«

»Ich mache es wie der aus Zittau: ich schaudere!«

»Ja, Sie haben es auch gar nicht nötig! Sie besitzen ja ein Äquivalent gegen alles Öde und Obskure in unserm Leben.«

»Ich?« fragte Helene erschreckt. »Wie meinen Sie das?«

Lenore lachte sie über die Arbeit weg an. »Ich weiß gar nichts,« sagte sie. »Aber ich vermute, daß Sie etwas Gutes in Ihrem Leben haben, etwas, das Sie seit Ihrer Rückkehr aus Italien so zufrieden und so weich gemacht hat. Und dann frage ich mich wohl zuweilen, wo Sie nur in jenen Nachmittagstunden sein mögen, in denen Sie regelmäßig verschwinden wie jene Prinzessinnen aus altdeutschen Volksmärchen, die achtzehn Stunden vom Tage dem Leben angehören und sechs einem andern, – oder wie es nun ist bei Musäus und den Leuten. Sie tauchen dann aus der Wirklichkeit unsers Daseins in den abendlichen Nebel hinein, und wenn Sie wiederkehren, sehe ich Ihnen immer an, daß Sie irgendwo mit Göttern getafelt haben in ewigen Festen, an goldnen Tischen. ›Aber Sie sollen‹ nicht geängstigt werden,« fügte sie gutmütig hinzu, »Sie wissen ja, ich spioniere nie. Ich nehme an, Sie haben irgendwo eine alte Tante ausgegraben, die Ihnen schönen Tee kocht und Novellen für höhere Töchter vorliest, – eine Tante, die sehr eigen auf Toilette sein muß, denn Sie kleiden sich seit einiger Zeit wie eine Milliardärin. Sie sehen so prinzessinnenhaft aus, Helene. Wir sind rechte Gegensätze.«

»Sie sind die beste Kameradin, Lenore,« sagte Helene warm.

Von unten schallte Getöse, lautes Scharren, Gezwitscher wie aus einem Vogelbauer.

»Die Pension rückt zum Lunch ins Eßzimmer,« sagte Lenore aufhorchend. »Und nun geht das Schwatzen los und das Lügen und das Renommieren! Ich wette, der aus Zittau lügt auch!«


* * *


Um vier verließ Helene das Haus und ging eiligen Schrittes der Ludwigstraße entgegen. Weit und still lag sie da, der schöne romantische Umriß der Kirche in Dämmerung gehüllt, noch mehr in Dämmerung verschwimmend der prächtige Triumphbogen, dem Helene zuschritt, der wie ein Phantom dort unten stand am Rande der Stadt und in Helene stets aufs neue Sehnsucht erweckte nach seinen stolzen Brüdern am Forum Romanum.

Es wehte eine kalte, spröde Dezemberluft, jener rauhe Gebirgsatem, der München so verrufen für Erkältungen macht und so nordisch eisig um die Schläfen haucht. Jenseits des Triumphbogens empfand man ihn weit mehr. Die niedrigen Häuser von Schwabing ließen die Winde dicht über die Straße ziehen. Alles sah unbewohnt aus, denn in vielen Häusern brannte der Übergangsstunde wegen noch kein Licht, aber aus dem Haus, das sie suchte, blinkte es ihr schon von weitem traulich hell entgegen.

An einer Seitenstraße lag es, fast verdeckt in den Nachbargärten, die ihre hohen Mauern wie einen Gürtel um die kleine Villa zogen. Sie hatte keine Palladioschönheit, diese Hausmannsche Villa, nur einen Portikus, der den schlichten Mauern ein edleres Gepräge gab. Erst jenseits der Haustür tat sich eine schöne Welt auf.

Das alte Faktotum, das seit seiner Schwester Tod den berühmten Gelehrten allein versorgte, öffnete ihr. Sie nickte der Kommenden herablassend und wohlwollend zu. »Er wartet schon,« sagte sie mit Gönnerton und nahm Helene Hut und Mantel ab.

An den beiden Wänden des Korridors hingen in langer Reihe Piranesische Stiche wie im Goethehaus zu Frankfurt – das Rom von einst mit seiner unzerstörten Tiberinsel, ohne modernen Anhauch –, das Rom, um dessen Metamorphose jeder archäologische Tränen weint, der es noch so gekannt.

Hausmann trat ihr auf der Schwelle seines Zimmers entgegen.

»Sie finden einen Ungeduldigen,« sagte er. »Heut ist der kürzeste Tag vom Jahr, der sonnen- und lichtloseste; kein Tag wird mir immer so lang als dieser, den man den kürzesten nennt.«

Er reichte ihr die Hand. »So kalte Hände, Fräulein Helene? Ist's denn wirklich so kalt draußen? Ach, solch ein armer Patient wie ich muß die Kältegrade schon an den Händen seiner Besucher fühlen, sonst hat's kein Interesse für ihn.«

»Hausarrest bei so schönen Kaminflammen ist gar nicht so schlimm,« sagte sie und streckte ihre Finger über die rote Lohe. »Es ist überhaupt so behaglich bei Ihnen, Herr Professor, ja, ich möchte fast sagen, Ihr Zimmer ist der behaglichste Winkel in ganz Mitteleuropa.«

Er lächelte. »Sie sind leicht zu befriedigen, – aber denken Sie an Schiller! Der wußte wohl, trotzdem er sie nie sah, daß der Bettler an den Engelspforten prächtiger wohnt als wir Nordgeborenen alle! – Aber ich vergesse ganz, Ihnen zu danken, Fräulein Helene! In vierzehn Tagen haben Sie mir einen Waschkorb alter Korrespondenzen aufs musterhafteste geordnet. Schade, daß wir nicht auf dem Kapitol sind! Ich würde Sie sonst für diese Leistung krönen wie Petrarka.«

»So, ist's gut gemacht?« fragte sie freudig.

»Ich hätte es nie gekonnt – und es mußte doch sein. Man soll Ordnung schaffen in seinem Hause. Wissen Sie, warum das Kaminfeuer heute so besonders lodert? Ich habe eine Menge alter Briefschaften verbrannt, – allerhand Wertloses.«

»Aber doch nichts von Ihrer Hand?« fuhr sie auf.

»Beinahe auch so etwas. Nachher ließ ich's aber doch. Da auf dem Tische liegt's. Jugendbriefe sind's, an meine Schwester, Briefe von meiner ersten Italienfahrt. Sehen Sie dies vergilbte Band? Es sieht fast aus wie eines jener Bänder, die damals die Mädchen in den Locken trugen. Vielleicht ist's auch so eins; ich weiß es nicht mehr.«

Er nahm das Päckchen in die Hand. »So leicht wiegt es und enthält doch so viel Erinnerung. Ich habe mir gedacht, vielleicht freut es Sie, die Briefe zu lesen. Und dann, wenn Sie genug davon haben, werfen Sie sie ins Feuer – statt meiner.«

Sie sah dankbar zu ihm auf. »Mehr als Freude macht's mir.«

»Aber das mit dem Verbrennen vergessen Sie nicht!« und er drohte mit dem Finger. »Das ist strenge Bedingung! Abgemacht! Und nun möchte ich Sie um ein paar Kapitel Virgil bitten. Seit Morgengrauen sehne ich mich schon danach.«

Sie wußte, wo das Buch lag, setzte sich ihm gegenüber und las . . .

Dicht neben ihr stand ein altmodischer Damenschreibtisch. Von den Säulchen des Holzgeländers waren einige herausgebrochen: so unbenutzt sah das alte Möbel aus; man sah gleich, daß es nur als Erinnerung dastand.

Es hatte Hausmanns Schwester gehört.

Vor sieben Jahren war sie gestorben. Sie hatte ihn sehr geliebt und ihn oft gequält. Als sie starb, war ihm zu Mut gewesen, als könne er nicht existieren ohne sie, – und dann war es doch gegangen, ganz gut sogar.

Er war vielleicht zu alt, zu sehr hingenommen von der Welt seiner Gedanken, um Menschlich - schmerzliches andauernd zu empfinden.

Auf der Schreibtischmitte stand zwischen all den veralteten Sächelchen einer früheren Zeit das Bild eines jungen Mannes, – eine Kreidezeichnung, genial hingeworfen, als habe ihr Künstler den, den sie darstellte, völlig durchschaut und verstanden.

Es war Hausmann mit vierundzwanzig Jahren.

Ein Freund hatte das Bild gemacht, ein geistreicher Dilettant, der frühe starb – »verlodert wie schwüler Blitzesschein« –, der unbewußt die genial skizzierende Technik einer späteren Art vorahnend in den Fingern trug.

In dem Jugendgesichte Hausmanns war noch all die sanfte Weichheit, die ein längeres Leben wegzustreichen pflegt, – ein kühnes Hoffen stand in seinem Blick und etwas von siegender Gewißheit. Den feinen Mund umflog ein Lächeln, übermütig fast und so anmutig dabei, so besonders. Es war ganz das Gesicht, das sie kannte, nur verjüngt!

Wenn Helene das Bild ansah, was zuweilen während des Lesens geschah, und dann ihn, so konnte es sich ihr wohl sekundenlang heiß zum Auge drängen, so rührend schien ihr das müde Profil des alten Mannes neben diesem blühenden Bilde der Jugend.

Ja, alle Pein des Denkens, der ganze harte Kampf des Geistes hatte ihm Furchen ins Antlitz gegraben, sein Haar gebleicht, die schöne Linie seines Profils scharf gemacht und das Lächeln des Übermuts in ein resigniertes Lächeln verwandelt.

Und das alte Bild machte eine späte Eroberung an ihr. Sie war förmlich verliebt in dies junge Gesicht, – und dies Gefühl ging einträchtiglich nebenher in ihr – neben dem andern für den alten Gelehrten, der da so müde lauschend im Sessel lag.

Es war überhaupt, als wenn zwei verschiedene Geister in Hausmanns Zimmer herrschten.

In der Fensternische stand auf dunklem Postament der vatikanische Eros und neigte sein schwermütiges Haupt melancholisch - lyrisch zur Seite; so sanft fiel ihm das ambrosische Gelock über den Hals, und alles Leid der Liebe schien über ihn ausgebreitet, alle Schmerzen der verliebten Welt auf seinen Schultern zu liegen.

Und an der andern Zimmerseite über Hausmanns Schreibtisch sah finster und verdrossen das bronzene Antlitz des mythischen Schlafgottes von der Wand herab, jenes geflügelte Haupt mit dem leichten Lockenband, das aus Praxiteles Werkstatt sich nach Italien in die umbrische Erde verloren hat, aus der es einst beim Graben der Schätzesucher unvermutet ans Licht stieg.

Der Eros und der Hypnos, der Gott der Liebe und des Schlummers, der schöne und der seltsame, wohnten in Hausmanns Hause zusammen wie brüderliche Penaten.

Als Helene einige Stunden später in ihre Wohnung kam, löste sie das vergilbte Band von dem kleinen Briefpaket.

Sie war allein. Lenore machte eine Theaterpremiere mit – wie immer vom Galerieplatz herab für fünfzig Pfennig –, aber mit mehr Genuß, als die blasierten Damen des Proszeniums, als die bewegungslosen Prinzengestalten in den vergoldeten Hoflogen.

Eine behagliche Wärme durchflutete das ganze Atelier. Durch das hohe Fenster blinkte eine lichte Sternennacht milde in den hohen Raum, den das Licht der kleinen Lampe nur teilweis erhellte. Die schöne Robbiasche Madonna hob die blassen Hände so lebensvoll vor dem himmelblauen Hintergrund empor, und üppig leuchteten Zitronen und Orangen aus dem Zwielicht.

Helene war zufrieden.

Wieder eine Feierstunde! So viele schon seit denen in Ravenna, die sie die letzten geglaubt.

Und nun solch ein Vertrauensbeweis! Jugendbriefe, die er keinem andern gönnte als ihr, ehe sie auf sein Geheiß zu Asche werden sollten.

Solch ein Duft wehte aus den gelben Blättern, ein welscher Frühling von Anno vierzig, so long, long ago . . .

Damals stieg der junge Hausmann zum ersten Male nieder in das gelobte Land, unberühmt noch und unbewußt seiner selbst.

Und so anders klang alles, was er damals geschrieben, als das, was später in seinen Büchern stand. Die waren so abgeklärt, so großartig objektiv, – aus diesen vergilbten Briefen aber sprach das subjektive Gefühl der Jugend, so persönlich warm klang das alles. . Kein weiser Gelehrter hatte diese Zeilen geschrieben, sondern ein junger Mensch, dem alles Schöne direkt an die Seele griff, der mit romantischem Sinn, ja fast mit sentimentalem Empfinden die aufgehäuften Schätze des Südens betrachtete, der sich hinter die herabgelassenen Jalousien venetianischer Paläste schöne, rotblonde Frauen hinphantasierte und selbst vor den Türen Ghibertis nicht versäumte, sich nach der jungen Florentinerin umzuschauen, die im Spitzenschleier mit einem Lionardo-Lächeln an ihm vorüberglitt.

Also auch er hatte der Jugend seinen Tribut gezahlt!

Und der Schwester plauderte er das alles vor wie einem Kameraden, und immer wieder in jedem Brief fragte er sie nach einer Freundin, einem Mädchen aus St. Goar, das Marie hieß und mit der er auf Studentenbällen getanzt hatte.

Ihr war, als habe sie nie etwas gelesen, das sich an Zauber hätte messen können mit diesen verblaßten Jugendbriefen, über denen es noch jetzt wie jene Sonne lag, die vor mehr als einem halben Jahrhundert auf den Schreiber niedergelacht hatte.

Und diese Briefe waren jetzt ihr Besitz! Über den Vernichtungstermin hatte er nichts gesagt, ihrem Gefühl vertrauend, daß es gewiß zur richtigen Zeit geschehen werde.

So stolz fühlte sie sich in diesem plötzlichen Besitz. Ja, jetzt lohnte es sich, für sie zu leben. Sie war die alte Pessimistin nicht mehr. Sie glaubte nun an ihren guten Stern und liebte das Dasein.


* * *


Am heiligen Abend brachte sie ihm ihr Buch – jenes Werk über die Basiliken, das ihre Zeichnungen in vollendeten Reproduktionen wiedergab.

Festgebannt in dem frischen tadellosen Exemplar, auf die glatten, reinen Blätter, war der ganze ravennatische Zauber, all die helle Freudigkeit jenes wundersamen Tempelstils, der so weit, so weltenweit verschieden ist von gotischer Schwermut oder romanischer Ruhe, der wie hohe Hallen erscheint zum Festefeiern und zum Verehren fröhlicher Götter.

Niemand hätte Hausmann etwas Besseres zum Feste schenken können als sie. Er war nicht wohl gewesen, trübe gestimmt, »unjung und nicht mehr ganz gesund«, – die alte Tragik!

Da brachte sie diese Reminiszenz an Italien, und seine Stimmung erheiterte sich.

Selten hatte sie ihn so lebhaft gesehen. Ein Blatt nach dem andern besah und genoß er.

Plötzlich schlug er Sankt Apollinare Nuovo auf.

›Ob er sich wohl darauf besinnt, daß wir uns dort zuerst sahen unter diesen Mosaikbändern der Säulen von Byzanz?‹ dachte sie.

Aber nein – mit keinem Gedanken besann er sich. Sie war so geräuschlos, so unvermerkt in sein Leben getreten, erst allmählich zu einer Person von Wichtigkeit darin geworden. Einzelheiten hatte er nicht behalten – die waren in nichts zerflossen.

Sie mußte lächeln. Das war so charakteristisch für den alten Mann!

»Fräulein Helene,« sagte er plötzlich, »wissen Sie was? Bleiben Sie doch diesen Abend bei mir! Ich lasse Sie so ungern fort, und daß ein paar Freunde von mir oder vielmehr Bekannte kommen, stört Sie am Ende nicht.«

Sie schwieg zaudernd.

»Ich erwarte Loßton und Herzog. Vielleicht machen Ihnen die Literaturgrößen Spaß. Und außerdem will mich mein alter Schüler Reinhart heut abend überfallen.«

›Wie er sich das nur denkt?‹ grübelte sie. ›Wie er mich hier motivieren will? Als Sekretärin? Stenographin? Und was sie wohl denken würden, diese klugen Literaturgötter, wenn da plötzlich solch unberechtigtes Exemplar vom andern Teil der Menschheit auf Hausmanns Teppich stünde?‹

»Nun?« fragte er.

Sie war ordentlich befangen geworden; doch nahm sie sich zusammen und sagte in möglichst leichtem Ton: »Sie werden mich allzu weltklug schelten, Herr Professor, wenn ich jetzt mit meiner Theorie komme, wie man eine außergewöhnliche teure Beziehung handhaben muß, um die andere einen beneiden würden, falls sie davon wüßten. Ich huldige in dieser Hinsicht dem Prinzip des Verschweigens. Von den Menschen, mit denen ich verkehre, weiß niemand, daß ich das Glück habe, Ihnen ein wenig helfen zu dürfen – und das ist gut! Denn andernfalls würden mich alle um Autographen von Ihnen bitten oder, schlimmer, um Audienzen bei Ihnen. Sie würden mich ausfragen, mit ihrer Neugier quälen – der eine oder andere sogar, der feuilletonistische Begabung hat, ein Interview daraus zusammenstellen –, und welch schlechter Dank wäre das für die Gastfreundschaft, die ich in Ihrem Hause, zwischen Ihren Büchern und Gedanken genieße.« Sie stockte um nicht wärmere Worte zu sagen, er horchte so aufmerksam, wie auf eine neue Weisheit. »Außerdem,« fuhr sie fort, »kenne ich auch den Professor Herzog, wenn auch nur flüchtig. Bei all seinen großen Vorzügen, die ich so aufrichtig an ihm bewundere, besitzt er doch eine Tugend nicht – die der Diskretion! Er würde morgen bei jedem jeur, jedem afternoon - tea erzählen, daß ich Ihre Briefe ordnen darf – und ich mag eins vor allem andern nicht: nicht beneidet werden, denn das ist unheimlich . . .«

»Ja, Sie sind weltklug, Fräulein Helene, klug wie die Schlangen!« sagte er fast bewundernd, »aber recht mögen Sie haben, und aus Ihrer Vorsicht ziehe ich den größten Nutzen, denn so sicher wohnt es sich unter dem Schatten Ihrer klugen Diskretion . .«

Als Helene gegangen war, schritt er noch länger sinnend in seinem Studierzimmer auf und ab. Zum ersten Male dachte er ganz persönlich nach über diese Helene, die mit den Regeln der Menschenklugheit ebensogut umzugehen wußte wie mit der Perspektive marmorner Säulenhallen und den Mosaikbändern altchristlicher Kunst.

Er kam dabei zu keinem rechten Resultat, nur eins wurde ihm klar: daß die Mädchen zu seiner Zeit ganz anders gewesen waren, sowohl seine Schwester, die jede blaustrümpfige Anwandlung einer weiblichen Bekannten von jeher aufs schärfste zu verdammen pflegte, als auch seine einstige Studentenliebe am Rhein, die sich lediglich damit beschäftigt hatte, blaue Bänder in ihre blonden Zöpfe zu flechten und die Nelken am Fensterbrett pünktlich zu begießen.


* * *


Das alte Jahr ging zur Neige.

Durch die Straßen Münchens tobte Silvesterlustigkeit. Festliche Lichterhelle schimmerte aus den Häusern.

Von den schönen Türmen der großen Stadt klang der Schlag der zwölften Stunde mit feierlicher Mystik weithinschallend durch die klare Nacht, über all die Wohnungen der Menschen.

Helene horchte auf, als der Zwölfuhrschlag erklang, – dann das Neujahrsgeläut, das »schwellende Gedröhne« in den Lüften, die Ouvertüre zu dem neuen Stück, das die Zeit aufzuführen begann.

Sie saß schreibend an Hausmanns Tisch. Er schritt auf und ab und diktierte.

Am Silvesterabend war er über ihn gekommen, der holde Dichterzwang, der mit einem Male zu neuen Taten drängt. So lange hatte er diese Schöpferlust nicht mehr gefühlt, sich stumpf geglaubt, über die Empfindung des Altseins resigniert den Kopf geschüttelt.

Lang aufgespeichertes Material lag in seinem Gedächtnis. Der Ton war fertig; er brauchte nur zu bilden. Monatelang hatte er umsonst auf die Muse gewartet.

Nun überraschte sie ihn an der Jahreswende und leitete ihn sicher über alle Anfangsschwierigkeiten. Er war wie verjüngt, und während er ganz mit jedem Gedanken in der Welt der Antike lebte und alte hellenische Romantik beschwor, merkte er gar nicht, daß während seines rastlosen Diktierens die große feierliche Wandlung sich vollzog und ein scheidendes Jahr dem werdenden Platz machte.

All das Geläute da draußen überhörte er. Die Schreiberin lächelte und schrieb ruhig weiter ins neue Jahr hinein.

Einmal blieb er stehen, ganz versonnen, und sah sie an. Aber sie wußte, das war kein Blick, der ihr als Menschen galt – der träumerische Blick eines Suchenden war's, der irgendwo Rast hält und mit nach innen gewandtem Auge an einem beliebigen Gegenstand sich festbohrt –, sei's nun ein Stuhlknauf oder ein Menschengesicht.

Sie konnte ihn ruhig betrachten, ohne ihn zu stören, und während sie das tat und sich mit aller Leidenschaft ihrer Schwärmerei festtrank an den feinen Dichterzügen, die ihr so teuer waren, dachte sie immer wieder dasselbe wie einen wiederkehrenden Refrain zum Glockenklang da draußen:

›Wenn es nur so bleibt –, wenn es nur so bleibt . . .‹


* * *


Zwei Stunden später kam sie in ihre Wohnung zurück.

In jeder Etage des Hauses regierte noch die Silvesterbowle. Lachende Stimmen tönten aus den Tiefen der Zimmer auf die Treppe hinaus, die sie langsam mit ihrem Wachsstreichholz emporschritt.

Das war alles so lärmend und banal nach der vornehmen Stille des Gelehrtenheims!

Im Atelier brannte Licht. Lenore war bereits von ihrer Silvesterfeier in der Baderschneiderschen Pension zurückgekehrt und lag lachend im Sessel.

»O Helene,« rief sie, »was haben Sie versäumt! Die lustigste Jahresneige war's, zum Totlachen! Ach, wie das wohltut!« Und sie warf die Arme in die Luft.

»Wenn es doch immer so bliebe!« sagte Helene vor sich hin.

»Jawohl, ein lustiges neues Jahr! Auf daß es so bleibe!« Und Lenore fiel ihr um den Hals. »Wissen Sie, Helene, göttlich war's! Die ganze Pension in voller Glorie, alle um den Punsch und die Spritzkuchen herum. Selbst die Hamburger Damen traten aus ihrer Reserve. Die Brikettfabrikantin verbrüderte sich mit dem Freifräulein aus der Uckermark, und der lange Mister aus Liverpool fand sich mit der alten Tante aus dem Haag in der Entdeckung einer gemeinsamen Bekannten. Und wie sie alle so lebhaft dasitzen und ihre Wangen immer punschröter werden, fängt plötzlich der aus Zittau an, die Uckermärkerin zu fixieren.

»›Um des Himmels willen, er hypnotisiert!‹ ruft der Zwiebackfabrikant aus Güstrow; die Uckermärkerin bekommt einen Heidenschreck. Er reckt die Arme aus, spreizt die Finger, rollt die Augen um den ganzen Tisch herum. Alles schweigt vor Entsetzen. Als er mit den Augen an mich kommt, tue ich ihm den Gefallen, jappe laut auf und falle hintenüber. Großer Erfolg! Da sie's nicht sind und bloß ich's bin, interessiert's alle. Ich liege anmutig gegen die Chaiselongue gelehnt und lalle unverständliche Worte. Der Zittauer drückt mir beifällig und dankbar die Rechte.

»›Dieser Puls,« sagt er‹, ›sie ist in kompletter Hypnose, ein Medium Ia.‹

»›Kann sie auch Geister beschwören?‹ fragte die Uckermärkerin atemlos.

»›Gewiß,‹ sagt er, ›aber dann müssen wir alle klopfen. Allein kann sie's nicht; sie ist noch zu sehr in den Anfängen.‹

»Und er rückt einen Tisch zurecht und arrangiert die Hände auf der Platte. ›Wen befehlen die Damen?‹ fragt er galant. Die jüngere Hamburgerin bittet um Vater Homer.

»›Den gab's ja gar nicht!‹ ruft Doktor Hühnerbein.

»›Das werden wir sehen. Gibt's ihn, so kommt er.‹

»Alle machen mit. Natürlich tanzt der Tisch bald wie wahnsinnig, da der Zittauer den Tischbeinen beständige Stöße versetzt. – Unmenschliche Aufregung herrscht.«

»Plötzlich schlägt's zwölf.

»›S–s–s–s–‹ macht der Zittauer. ›Die günstigste Stunde im Jahr –, nur noch wenige Minuten –‹

»Alle arbeiten weiter. Die Platzmajorin ist in großer Sorge um ihren guten Tisch – aber ein wirklich erschienener Geist würde ja die beste Reklame für die Pension sein – und so klopft sie ruhig mit. Der Tisch fliegt nachgerade wie ein Kreisel. Ich kann ruhig blinzeln, denn mich haben sie ganz vergessen. Da – im höchsten Affekt – stürzt Aurelie herein, punschrot, einen Pfannkuchen in der Hand. ›Alle guten Geister!‹ ruft sie. ›Frau Platzmajorin, der Herr kommt!‹

»›Welcher Herr?‹

»›Herr Platzmajor.‹

»Alles schreit auf. Sogar der Zittauer bekommt einen leisen Schreck. Der tote Platzmajor? Den es angeblich gar nicht mehr gibt?

»Ein dröhnender Schritt kommt näher. Die Tür wird aufgerissen. Ein riesiger Kerl in Lodenanzug mit rotem Schnurrbart steht auf der Schwelle.

»Jetzt bekomme sogar ich es mit der Angst. Sollte Vater Homer wirklich in dieser Gestalt . . .

»›Joseph!‹ ruft die Platzmajorin empört und tritt ihm gebietend entgegen. ›Joseph, du gehörst nicht hierher! Du gehörst nach Straubing!‹

»Die Brikettfabrikantin, die halb in Ohnmacht gefallen ist, wacht vor Neugier wieder auf. ›Aber Sie gaben sich ja als Witwe aus!‹ ruft sie entrüstet. Und da kommt's zutage! Getrennt ist sie von ihm, und aus Angst, daß das der Pension schaden könne, hat sie ihn nominell totgemacht. Er ist Privatier in Straubing, das heißt, bezieht ein Jahresgehalt von ihr. Aus alter Anhänglichkeit macht er eine Neujahrsvisite.

»Die Platzmajorin ist außer sich. Der Zittauer lacht, die Hände in den Taschen, daß ihm die Tränen über die Backen laufen. Die Hamburgerinnen sind tief pikiert, trinken ihr Glas aus – jede ergreift noch einen Pfannkuchen, und fort sind sie. Der Raum leert sich allmählich. Auch Aurelie wird durch eine befehlende Handbewegung zu den Herdpenaten zurückgescheucht, und das Paar bleibt allein. Der Zittauer rennt in sein Zimmer, da er nebenan wohnt und dort alles weitere am besten hören kann. Und ich hab' mich hier oben ausgelacht – o, so gelacht! Nein, ist das Leben lustig!«

Helene hörte geduldig zu. Wie aus einer andern Welt klang das alles, wie aus einer Sonntagsposse – etwas vulgär und etwas burlesk –, aber Sonntagspossen haben ja auch ihr Publikum.

»Ach, Helene, ich könnte Sie fast bedauern! Sie haben ja auch gar keinen Humor!« rief Lenore, »weiß der Himmel, wo Sie waren! Gewiß in der Kirche?«

»In einer Kirche – vielleicht, – sagte Helene leise, nahm ihr Licht und ging.

Lenore fing aufs neue an zu lachen, denn aus der untern Etage des leichtgebauten Hauses tönten deutlich wie monotones Meeresrauschen immer noch die Vorwürfe der Platzmajorin herauf, die der Privatier aus Straubing für seinen inopportunen Silvesterbesuch bekam.


* * *


Helene wurde Ende Januar telegraphisch zu ihrer erkrankten Schwester nach Leuchtenberg gerufen.

Die Schwester . . . sie hatte sie in der letzten Zeit vernachlässigt, nicht oft an sie gedacht. Zu ihrer Hochzeit vor zwei Jahren war sie für einen Tag in Leuchtenberg gewesen. Ihre Situation bei diesem Fest hatte etwas Sonderbares, das las sie aus den Gesichtern der Gäste, auch aus dem des Schwagers . . .

Der Schwager machte bald nachher eine kleine Erbschaft. Die Schwester war also gut geborgen, brauchte sie nicht, entbehrte sie nicht.

Nun rief sie nach ihr. Helene reiste sofort ab. Sie konnte sich nicht einmal mehr von Hausmann verabschieden, nur eine Fülle weißen Flieders zu ihm senden, der Januar-Novität großstädtischer Blumenläden.

In rauhen Winterschnee fuhr sie hinaus, in einen grauen, melancholischen Morgen, aus dem dann langsam eine blasse Sonne aufstieg.

Und im matten Schein dieser bleichsüchtigen Wintersonne sah sie nach langstündiger Fahrt ihr Heimattal liegen: wohlbekannte Berglehnen, entlaubte Wälder, schiefergedeckte Häuser und ein paar blaue Fernen, die der einzige Farbenklang waren in dieser Stille von Grau und Weiß.

Der Bahnzug schnob von dannen. Sie stieg in den Schlitten, der neben dem roten Stationsgebäude stand. Der Kutscher hatte einen Brief für sie mit tröstlicher Nachricht und Wiedersehensfreude.

Sie war beruhigt.

Der Schlitten sauste über die Chaussee, unter den Vogelbeerbäumen hin, die im Herbst so starke Frucht getragen, untrügliche Vorboten kalter Winterszeit.

Und mit einem Male lag Leuchtenberg bei einer Windung des Weges vor ihr da. Die Saale blitzte auf, und sie erkannte die Tannen mit den schneebeladenen Ästen, die sie als Kind so oft gezählt.

Und eine warme Freude auf die kleine Schwester erfüllte sie. So treulos erschien ihr die Gleichgültigkeit der letzten Jahre, und sie beschloß durch doppelte Wärme alles Versäumte zu sühnen.

Helene blieb drei Wochen in Leuchtenberg.

Die Schwester war selig und erholte sich wunderbar schnell unter ihrer Pflege. Ja, krank war sie gewesen, aber doch nicht allzu schlimm! Daß sie die Schwester so schnell herbeisprengte, daran trug ihr Menschenhunger die größte Schuld.

Es war so tödlich einsam in Leuchtenberg! Niemand glaubte, wie sehr, der nicht die winterliche Weltversunkenheit kannte, in die solch ein kleiner Saalewinkel während der Schneewehen zu geraten vermag. Wie auf einer Hallig war's dann, wie auf einer verlassenen Meeresinsel, und wenn zuweilen ein Sommertourist von der Schönheit und Nervenruhe fabelte, die der Winter in solchen Weltecken doch gewiß haben müsse, so hätte man wohl hohnlachen mögen! Als ob man von einer malerischen Schneelandschaft jemals geistig satt werden könnte!

Die Schwester hatte zwar ihren Mann. Der war so weit ganz gut. Es gab sogar Leuchtenbergerinnen, die sie um diesen tüchtigen, braven, gut aussehenden Lehrer beneideten. Aber er hatte zwei Fehler. Er war unendlich pedantisch und vom Spleen befallen, sich einzubilden – und das auch seiner Frau vorzuwerfen –, daß sie ihm geistig nicht genüge.

Er hatte sie geheiratet auf ihr hübsches Gesicht hin und wegen ihrer Fähigkeit, gedankenlos zu allem ja zu sagen und beifällig zu jeder seiner Behauptungen zu nicken. Dieser Qualitäten wegen verliebte er sich in sie. Helene hatte einstmals nicht zu allem ja gesagt und das Talent des beifälligen Nickens á tout prix nur mäßig verstanden.

Und nun nach mehrjähriger Ehe verlangte er plötzlich geistige Anregung von seiner Frau.

Sie fand das einfach empörend, gerade als wenn man ihr zugemutet hätte, Sterne vom Himmel zu holen. Daraufhin hatte sie doch nicht geheiratet!

Sie flehte Helene an, ihrem Mann den Kopf zurechtzusetzen; da aber der Schwager sichtlich jedes Tete-a-tete mit der Schwägerin vermied, war die Bitte schwierig zu erfüllen.

Er trug Helene gegenüber noch immer die alte Mißbilligung zur Schau, die er seit dem Tage ihrer Entzweiung für ihr Tun und Denken zu haben schien. In der ersten Woche war diese Mißbilligung aufrichtig; in der zweiten schlug sie in das alte Interesse um, das er einst für sie gehegt: in der dritten bat er Helene, doch zu ihnen zu ziehen. Und die Schwester bat mit.

So ungeheuerlich erschien ihr der Gedanke, sich hier in dem Tannenwinkel einkerkern zu sollen, aber die zwei wußten ja auch nicht, was sie da draußen aufgegeben hätte, und während sie an die Größe dieser Zumutung dachte, stieg zugleich eine brennende Sehnsucht in ihr auf nach dem Leben, das sie verlassen, dem Leben, in dem allabendlich ihre Feierstunden schlugen.

»Ihr wißt ja gar nicht,« entfuhr es ihr – und ihre Stimme klang fast vorwurfsvoll –, »was mich da draußen hält.«

Der Schwager schnellte empor und verließ das Zimmer.

»Was denn?« fragte die Schwester naiv. »Sag' mal, hast du Courmacher? Hast du Heiratsaussichten?«

Helene wurde ungeduldig. »Als wenn immer nur das – nur das beglücken könnte! Trude, wie man nur so klein und eng denken kann!«

Trude brach in Tränen aus. »Nun genüge ich dir geistig auch nicht!« jammerte sie.

Helene streichelte den hübschen, beschränkten Kopf. »Ich werde dir mal eine Ladung guter Bücher schicken. Das reinigt die Gedanken. Du solltest fleißig lesen.«

»Das greift mich so an.«

»Oder besuche mich mal in München.«

»Das erlaubt Albert nicht. Weißt du, wie er das nennt, was du führst?«

»Nun?«

»Bohême-Existenz.«

Helene brach in ein herzliches Lachen aus. »Herr des Himmels!« sagte sie. »Ihr mit euren Scheuklappen!«

»Laß das Albert nicht hören,« versetzte Trude vorwurfsvoll.

Helene schürzte sich das Kleid zum Ausgehen.

»Du gehst aus?«

»Zur Post. Ich möchte sehen, ob Briefe für mich da sind.«

»Helene, das solltest du nicht! Der Postsekretär hat gestern schon zu Albert in der Harmonie gesagt, es sei beinah auffallend, wie oft du nach Briefen frügst. Und du weißt doch: was in der Harmonie geredet wird, ist das Maßgebende für die ganze Stadt.«

»So . . .« Helene schwieg krampfhaft – dann sagte sie seufzend: »Gut, so will ich auf den Briefträger warten lernen! Zwar, so langsam, wie der bei euch läuft . . .«

»Es ist ein alter, verdienter Mann! Sein Vater war schon Briefträger und sein Großvater auch. Man hat hier eben nicht solchen Menschenverbrauch wie in euren Großstädten.«

»Ihr seid ein Musterstaat.«

»Du hast immer was an Leuchtenberg auszusetzen gehabt.«

»O bitte,« sagte Helene versöhnlich, »eins habe ich immer anerkannt. Das sind die schönen Blumenbretter vor den Fenstern. Und daß diese Mode durch den ganzen Ort geht – weißt du, daran hab' ich oft gedacht, wenn ich im Süden so übervolle Blütenbüsche sah – an die hübschen, vollen Blumenranken Sommers vor den Leuchtenberger Fenstern.«

»Albert hält nichts von Italien,« warf Trude schnöde ein.

»So? warum nicht?«

»Er sagt, es verschiebt den Standpunkt.«

»Darin hat er vollkommen recht!« rief Helene und ging, der Schwester freundlich die Wange streichelnd, – und im Gefühl, etwas sehr Gescheites vorgebracht zu haben, blieb Trude zurück.

Helene stürmte in den kalten Nachmittag hinaus. ›Gottlob!‹ dachte sie immer wieder – ›gottlob, daß ich hier nicht leben muß!‹ Und so heftig trat sie das schlechte Pflaster, als ob sie ihm weh tun möchte zur Strafe für das öde Leben, das es über sich duldete.

An einem kleinen, einstöckigen Haus kam sie vorbei mit fünf Fenstern nach der Straße, im Garten eine Kegelbahn, aus der rauhe Bierstimmen und das Rollen der Kugeln klang. Über der Tür prangte ein Schild mit dem Wort: Harmonie.

Das war der Areopag für die guten Renommees von Leuchtenberg!

Sie hatte eigentlich keine ironische Ader, aber heut mußte sie doch über manches lachen, und so lachte sie denn auch über das geistige Zentrum der Honoratioren dieser Stadt.

Die Häuser blieben hinter ihr zurück. Sie stieg zur Tannenhöhe hinauf, wo die schöne Aussicht war: hinüber ins Land Reuß und hinunter zur holden Saale, über der die alte Burg am Berge hing, romantisch wie im alten Liede.

Sie beschloß abzureisen, baldmöglichst; ihre Pflicht hatte sie getan.

Da knirschte neben ihr der Kies. Plötzlich stand der Schwager an ihrer Seite. Eigentlich war die Situation etwas wunderlich, denn ihr fiel in diesem Augenblick ein, daß der Platz, an dem sie standen, ja ihr einstiger Verlobungsplatz gewesen – und ihm sah sie mit plötzlicher Klarheit denselben Gedankengang an.

»Kennst du noch, Helene,« begann Albert mit tragisch vorwurfsvollem Ton in der Stimme, »die Bank dort?«

»Ich finde diese Reminiszenz etwas deplaciert. Die ist doch entschieden zu jenen abgetanen Erinnerungen zu rechnen, von denen man nicht spricht und an die man nicht denkt.«

»Hast du sie denn wirklich vergessen?«

»Absolut!« sagte sie energisch.

»Ich dächte, dazu wäre jener Moment doch zu wichtig gewesen!«

»Verzeih! Der Moment unsrer Entlobung war für mich weitaus wichtiger!«

»Auf den besinnst du dich doch also noch?«

»Ja, als auf den Anfang meiner Freiheit.«

Er trat ärgerlich mit dem Fuß auf den festgefrornen Schnee. »Wie schlagfertig du geworden bist und – wie hochmütig!«

»Diese Entdeckung machst du als erster.«

»Wirklich? Danach müßte ich fast annehmen, daß sich dieser Hochmut auch nur gegen mich wendet. Verachtest du mich vielleicht?«

»Nicht die Spur – wie kommst du auf dergleichen?«

»Weil du doch immer zu deiner Schwester hältst gegen mich.«

»Zu meiner Schwester? Zu deiner Frau – willst du sagen!«

»Zu der Frau, die du mir zugewiesen hast.«

»Du vergißt, daß sie dir besser gefiel als ich. Sie war sehr hübsch; ich sah blaß und müde aus damals – und du hieltest immer sehr aufs Äußere!«

Er zuckte die Achseln. »In ganz Leuchtenberg war man stets der Meinung, ich hätte dich aufgegeben. In Wahrheit war es jedoch umgekehrt! Du gabst mich auf. Du ›schobst mich ab‹. Damals hast du selbst diesen Ausdruck gebraucht! Und deine Schwester schobst du mir zu, obwohl du hättest wissen können, daß sie mir auf die Dauer geistig nicht genügen würde.«

»Geistig?« rief sie. »Hast du denn jemals irgend etwas getan, sie geistig zu bilden? Hast du ihr je ein Buch in die Hand gezwungen? Ihr etwas Wissenswertes erzählt? Niemals! Wie unter einer Glasglocke hast du sie gehalten, – und so hat sie nicht anderes gelernt als Blumenpflegen.«

»Sie ist nicht entwicklungsfähig.«

»Hast du das nicht auch bei mir geglaubt? Und hab' ich nicht bewiesen, daß ich dennoch entwicklungsfähig war?«

»Leider!«

»So? Du hältst also die besten Errungenschaften meines Lebens für bedauerlich! Fürwahr, die Abgründe sind tief, die unsre Auffassungen trennen!«

»Ich hatte gehofft, Helene,« sagte er leise mit zitternder Stimme, »du würdest eines Tages wiederkommen, satt vom Leben da draußen und dankbar für einen Platz an unserm Herde.«

»Mit geknickten Flügeln, meinst du? Um ein ›Glück im Winkel‹ zu suchen? Um dir den Genuß zu verschaffen, mich hochherzig als reuige Weltflüchtige verzeihend aufzunehmen? So meinst du?«

»Das wäre mir allerdings Genuß gewesen.«

Sie wurde zornig. »Daß auf so stillen Bergen solch krasser Egoismus wachsen kann!« rief sie empört. »Du bist ja eine fast erstaunliche Reinkultur von dieser Sorte. Aber hoffe nichts. Dieser Genuß entgeht dir!«

»Sage mir nur eins,« rief er flehend. »Du hast Freunde da draußen? Du hast eine Liebe irgendwo?«

Ihre Geduld war zu Ende. Sie wandte sich wortlos ab, schickte sich an, bergab zu gehen, und sah ihn nicht mehr an.

Er folgte schnell. »Sage mir nur das eine,« bat er, »nur Antwort auf diese Frage!«

Sie bogen in die Gasse des Städtchens ein. Knirschend bebte der Schnee unter ihren Tritten. Blaugrüne Dämmerung umwehte die kahlen Kronen der Gartenbäume.

»Sage mir das eine!« flehte er.

»Gut denn,« rief sie – »ich will dir antworten. Alle Baumeister aller italienischen Dome sind meine Freunde, und in sämtliche Maler des Cinquecento bin ich verliebt!«

Er betrachtete sie zornig. Sie war ihm so fern, so unverständlich. Ihre spöttische Antwort reizte ihn. Er ließ sie gehen und wandte sich um, der Harmonie zu, wo der Postsekretär bereits mit dem Kreisarzt kegelte.

Noch am selben Abend reiste Helene ab. Die Unterredung mit dem Schwager war ihr ein willkommener Vorwand, früher zu entfliehen.

Trude schüttelte staunend den Kopf.

»Wie konntest du es aber auch wagen, einen Mann wie ihn zu reizen?« fragte sie, halb bewundernd.

»Laß nur,« sagte Helene und umarmte die Schwester zum Abschied, »deine Aktien werden jetzt wieder steigen –, paß auf! Ich bin heut eine gute Folie für dich gewesen!«

Lautlos fast sauste ihr Schlitten durch die stille, dunkelblaue Nacht davon, an den schlafenden Wäldern vorbei, die winterlich einsam über menschenlosen Tälern rauschten.

Ihr war so wohl zu Mut.

Was sie hinter sich ließ, das wäre beinahe ihr Leben geworden, eine Existenz, der sie einst noch zu rechter Zeit entgangen war, die sie jetzt gesehen hatte, so wie der Reiter über den Bodensee die überwundene Gefahr vom sicheren Ufer aus schaudernd erblickt.

Sie hatte etwas Besseres aus ihrem Dasein gemacht – etwas Höheres, Edleres.

Und dankbar fuhr sie ihrer eigentlichen Welt wieder entgegen.


* * *


Und endlich stand sie aufs neue an der Schwelle seines Hauses.

Die vertraute Abendstunde mit ihrer Lampenhelle umfing sie so wohlig. Wie alte Freunde grüßten die schönen römischen Stiche sie von den Wänden.

Frau Winter nickte ihr mit Gönnermiene zu – sie war kein Mensch von vielen Worten und sättigte ihr Redebedürfnis gewöhnlich mit unverständlichem Gebrumm.

Heute aber brachte sie es doch zu einem längeren Satze.

»Übrigens,« sagte sie knurrend, »sitzt natürlich wieder der junge Mensch oben.«

»Welcher junge Mensch?« fragte Helene verwundert.

»Der Doktor – so einer, dünn wie ein Licht – er ist jetzt alle Abende beim Herrn.«

Und mit mißbilligender Miene öffnete sie die Tür von Hausmanns Arbeitszimmer.

Und richtig, als Helene in den Bereich der Lampe trat, fuhr hinter Hausmanns Arbeitstisch wirklich ein junger Mensch empor.

Frau Winter hatte recht. Er war wie ein Licht, so dünn und schlank und lang – und es ging auch ein Leuchten von seinem Gesicht aus, ein helles Leuchten, gemischt aus Jugendlichkeit und Unverfrorenheit. Seine Blicke gehörten zu der Sorte jener gewissen pietätlosen Blicke, die nie auf ein Ding fallen, das ihnen imponiert. Seine Erscheinung hatte etwas Studentenhaftes und dazu einen entgegengesetzten Zug von Philistertum, den vielleicht nur der Kneifer verschuldete, der ihm auf der geraden Nase ohne Schnur balancierte. Der Schnurrbart war dünn, aber das Haupthaar auffallend dicht gewellt und braun, ein kastanienfarbener Reichtum, der das gesunde Gesicht wie ein dunkler Rahmen umgab.

»Doktor Sachs,« stellte er sich mit eiliger Verbeugung selbst vor. »Bitte, mein Fräulein, seien Sie nicht enttäuscht, mich hier zu finden statt des alten Herrn. Er schlägt gerade in der Bibliothek eine Stelle im Äsop nach und muß gleich in die Erscheinung treten. Wir arbeiten nämlich fleißig an seinem neuen Opus.«

Sie war stehen geblieben, von einer tiefen Trauer erfaßt. Der Platz, den sie unvorsichtig verlassen hatte, war ausgefüllt. Eine fremde Gestalt hatte sich in ihr Heiligtum gedrängt und stand mit festen Füßen darin, so recht wirklich und überzeugend wie nur denkbar.

Hans Sachs hatte Hausmanns Manuskript ziemlich achtlos beiseite geworfen und war hinter dem Tisch hervorgetreten.

»Sie sehen ja aus wie eine Frühlingsgöttin mit Ihren Blumen da!« sagte er galant – »oder wie ein Botticelli mit Lilienstengeln! Natürlich sind Sie die Lektrice des alten Herrn, von deren phänomenaler Lunge er mir mehrfach anerkennend erzählt hat. Übrigens habe ich auch die Ehre gehabt, zweimal Briefe von ihm an Sie diktiert zu bekommen nach – wie hieß doch das Nest? Leuchtenberg, da oben in Bayern. Ich schlug es, wißbegierig wie ich bin, gleich im Atlas nach, wo es aber nicht stand – also wohl ein sehr kleines Nest –, ein Nazareth, bei dem man sich fragt, wo etwas so Gutes wie Sie herkommen kann?«

Alles das plauderte er sehr gutmütig in einem leichten, nachlässigen Ton – einem Ton, der gar nicht in dies Gemach paßte, das stets ein Sitz strenger Musen gewesen war.

Mit Mühe antwortete sie irgend etwas Gleichgültiges.

Da trat Hausmann ein und mit einem Male war alles gut!

So warm begrüßte er sie – so sehr freute er sich an ihren Blumen – so eifrig holte er ein paar schöne Kunstblätter herbei, die er kürzlich bekommen und gleich für sie zurückgelegt hatte.

Und während sie neben ihm stand und ihre Wangen sich röteten aus Freude über den so lang entbehrten Genuß des Verkehrs mit ihm, da fühlte sie noch einmal das Glück ihrer Feierstunden – bis zufällig ihr Auge über den Tisch schweifte und sie mit einem Male Hans Sachsens Blick auf sich gerichtet sah, der sie so erstaunt und kritisch, so überlegen und keck musterte.

Nein, es war die alte Freude nicht mehr!

Und sie kam auch nicht, den ganzen Abend nicht – das störende Element war da.

Sie empfand, wie bitter es ist, jenes Wort: »daß da, wo einst dein Stuhl gestanden, schon andere ihre Plätze fanden« – sie sah, wie eingebürgert der andere sich benahm, wie er ganz der wohlbekannte Gast war, der die Lampe rückte, jede Eigenheit des großen Freundes kannte – der hier das Zepter einer harmlosen Tyrannei schwang, als sei er Herr über das ganze Haus, auch über den alten Mann im Lehnstuhl.

Und zum ersten Male geschah es, daß Hausmann Helene nicht vorzulesen bat – eine andere Zerstreuung war in die Mode gekommen.

Hans Sachs ging an das Instrument, das wunderliche, kleine Spinett aus alter Zeit, und jagte über die Tasten mit seinen raschen, unruhigen Fingern und entlockte ihnen Töne, wehmütige, wunderliche Töne, die wie vergessene Volkslieder klangen und in Hausmanns Gedächtnis Erinnerungen wachriefen, die ihm wohltaten – an Jugend, vergangene Sommer, und wer weiß was alles.

Und plötzlich verfiel Hans Sachs in ein anderes Tempo und spielte etwas sehr Lustiges – und dann klang es mit einem Male wie Wagner oder Mascagni.

Solch ein Greuel war ihr dies Klavierspiel! Die Töne taten ihr weh.

Aber ihm gefiel's, dem alten Hausmann – nach den arbeitsreichen Stunden war es ihm wie Ruhe an einer Oase.

Sie las es in seinen Zügen. Sie wußte, daß sie verdrängt sei, aus ihren Rechten herausgespielt durch den Klaviervirtuosen dort – und sie begann ihn zu hassen, den jungen Gesellen, der da so seelenvergnügt seine Weisen spielte und dann und wann sogar versuchte, über das alte Spinett und den alten Gelehrten hinweg mit ihr, der Jungen, zu kokettieren.

Das fehlte auch noch hier in Hausmanns Hause – zwischen dem schwermütigen Eros und dem so verdrossen dreinschauenden Hypnos solch ein banales Augenspiel!

Sie brach auf, sobald er die erste Pause machte. Hausmann ließ es geschehen; er sagte auch kein Wort von Wiedersehen, so hingenommen war er von der erinnerungsreichen Stimme des alten Klaviers.

Hans Sachs begleitete sie auf den Vorplatz. Er zog ihr, ohne daß sie es wehren konnte, den Mantel an; instinktiv fühlte sie, wie er jetzt ihre Finanzen abtaxierte nach der Güte seines Atlasfutters, ihres Huts – ja, sogar ihren Schirm faßte er mit solch sonderbarer Bewegung an, als wollte er Inventar aufnehmen über ihre Sachen.

»Eigentlich möchte ich Sie nach Hause bringen!« sagte er.

»Das wäre wenig rücksichtsvoll gegen Herrn Hausmann,« versetzte sie mit leisem Vorwurf.

»Ja, ja, solch alte Herren sind leicht empfindlich – rohe Eier –« und er öffnete die Haustür.

Im Hintergrund brummte Frau Winter einen inhaltreichen Monolog ohne Worte.

Helene eilte dahin. Das rasche Ausschreiten tat ihr wohl. Es kochte in ihr. Dieser junge Mensch, dies robuste Kind der Wirklichkeit, hatte ihm scheinbar alles ersetzt, was er an ihr gehabt.

So unpersönlich also dachte er, daß es ihm ganz gleichgültig war, ob sie ihm vorlas oder ob der andere über die Tasten jagte – ob sie seine Manuskripte schrieb oder ob er die Schreiberdienste tat, die sie in diesem Winter wochenlang mit so viel Seligkeit getan.

Aber freilich, er war alt – ein »alter Herr«, wie Hans Sachs ihn mit der Überlegenheit seiner eignen grünen Jugend mitleidig nannte.

Ja, für Hans Sachs war er vielleicht nur ein »alter Herr« – für sie ein Abgott, ein ewig junger, dem irdischer Jahreswandel nichts anzuhaben vermochte, weil er über allem Kalendermaß stand in der Glorie seiner Größe!

Und nun hatte man sie entthront, aus ihren Himmeln gestoßen – und was nun noch auf sie wartete, das war das resignierte graue Dasein, das sie vor seiner Bekanntschaft geführt.


* * *


Es wurde ihr schwer genug, hinabzusteigen in das einförmige Grau.

Der Abend in Hausmanns Hause mit dem grellen Mißton hatte einen bittern Nachgeschmack für sie; je mehr sie über ihn grübelte, um so mehr wurde er zur Kluft, die sie von den alten Freuden trennte. Sie konnte sich nicht entschließen, zu ihm zu gehen, wieder die Überflüssige zu sein.

Aber so langsam schlichen die Tage ohne Feierstunden! Zwischen Lenores Witzen und dem Lärmen der Pension quälten sie sich hin, und der Tauwind, der von den Alpen wehte und die Luft so beunruhigend durchtoste, hatte nicht den aufrührerischen Reiz für sie, mit dem er glücklichere Gemüter erfüllte.

Dazu kamen gemeine Sorgen.

Sie hatte seit Ravenna mehr Geld verbraucht als sie eigentlich gesollt. Sie hatte Kleiderluxus getrieben, so viele Blumen für Hausmann gekauft, so viele Bücher, die er zu lesen ihr geraten.

Zum ersten Male zählte sie nach, wie viel dieser schöne Traum eigentlich gekostet hatte an Geld und Zeit.

Das konnte so nicht weiter gehen. Sie mußte strammer arbeiten, besser haushalten, ihre Tage mehr mit Stundengeben und Skulpturentönen ausnutzen.

Da kam nach einer Woche ein Brief von Hausmann, ein diktierter Brief, von Hans Sachs mit seiner korrekten, ausdruckslosen Schrift geschrieben, die so verwunderlich war bei seinem oft so inkorrekten Gebaren.

Warum sie so lange fernbleibe? Sie wäre doch nicht krank? Ob sie nicht des Abends in alter Weise kommen wolle? Er hätte auch eine kleine Überraschung für sie.

Natürlich schwanden gleich alle ihre Vorsätze, fern zu bleiben – und sie ging hin. Diese Stimme rief nicht vergebens.

Hausmann war in besonders guter Stimmung, ja, er schalt sie sogar über ihr Ausbleiben. Ob sie solchen Reiz darin finde, entbehrt zu werden? Ob nicht der Reiz des Zusammenseins aber doch der größere sei – schon in Anbetracht der Kürze dieses Lebens? – »Freilich, Sie beiden Jungen,« fügte er hinzu, »wie sollten Sie schon dazu kommen, über seine Kürze nachzudenken.«

»Ich hab' das Gefühl, vor mir liegen noch Äonen,« sagte Hans Sachs. Er war die ganze Zeit zugegen, aber stiller als gewöhnlich. Und doch machte er Helene nervös durch sein Herumschlendern im Zimmer, sein Stehenbleiben in den dämmerigen Ecken, die das Licht der Lampe nur schwach erreichte, so daß man fast nichts von ihm sah als die Kneifergläser, die immer wieder in ihre Richtung blitzten. Dabei hatte er beständig die Hände in den Taschen seines kurzen Jacketts, und das beinahe Jockeyhafte dieser ganzen Pose machte sie von Minute zu Minute gereizter.

Hausmann reichte ihr lächelnd ein blaues Heft, die Nummer einer bekannten Kunstzeitschrift – eine lange Besprechung des Buchs über die Basiliken stand darin und ein glänzendes Lob ihrer Bilder, in jenen feingeformten Wendungen gefügt, wie er sie in Vollendung zu brauchen verstand.

Ob sie das freute! Kam es doch von ihm!

Dann bat er sie zu lesen – Verse von Carducci.

Sie tat es – aber unsicher, denn aus der dunkeln Ecke schimmerten unaufhörlich Hans Sachsens Kneifergläser so indiskret zu ihr herüber. Sie fühlte, wie er sie betrachtete, ihr Alter abschätzte, ihr Quantum Intellekt. Sie las unsicher, ohne Feuer, ohne Lust. Plötzlich brach sie ab und entschuldigte sich mit einer Erkältung. Sie wußte, daß sie diesen Zustand zu dreien nicht mehr lange aushalten würde.

Ohne Umschweife kam Hans Sachs auf sie zu, sah sie mit überlegener Miene an, nahm ihr den Carducci aus der Hand und fing an, die welschen Verse mit einer Suade zu lesen wie ein Improvisator von den Straßen Roms.

Hausmanns Gesicht erhellte sich, so wohl tat ihm der welsche Wohllaut.

Für sie war das Zuhören ein Martyrium, und sobald Hans Sachs den rotgebundenen Band schloß, brach sie auf. Sie war froh, daß sie gehen konnte.

Er begleitete sie nicht auf den Vorplatz. Frau Winter half ihr.

Diese primitive Seele hatte eine geringe Fähigkeit, Sympathien zu empfinden. Helene gehörte zu den wenigen, die einen Schimmer von Wohlwollen in ihrem dürren Herzen wachriefen. Der anfängliche Argwohn, den sie gegen dies erste Exemplar weiblicher Jugend hegte, das bei Hausmann verkehrte, war längst verflogen. Gegen Hans Sachs aber empfand sie Mißtrauen. Er machte Witze mit ihr. Das verstand sie nicht und nahm es übel.

»Ja, das ist nun so,« brummte sie, da kommt der junge Mensch alle Tage und redet so lange um Herrn Professor herum, bis Herr Professor selber munter wird. Und der Doktor sagt, das wäre sehr gut. Aber ich weiß nicht – er ist man so wie ein Licht – und ob's ganz recht mit ihm ist – na, das ist nun so –«

»Wenn es dem Herrn Professor nur wohltut, sagte Helene gepreßt, »das ist ja doch die Hauptsache.«

»Herrn Professor tat's auch wohl, als Sie blos kamen,« brummte Frau Winter.

Helene ging. Ihre Augen standen voll Tränen vor Eifersucht und Schmerz und Zorn auf sich selbst und ihre mangelnde Fähigkeit, Antipathien niederzukämpfen.

Sie war ungefähr beim Triumphbogen angelangt, als ein Schatten neben sie fiel.

Hans Sachs befand sich an ihrer Seite.

»Es beunruhigt mich doch zu sehr, Sie so allein auf der Straße zu wissen,« sagte er und lüftete seinen Hut. »Ich muß ohnehin in Gesellschaft; da hab' ich mich lieber gleich gedrückt.«

»Und Herr Hausmann?«

»Der kann auch mal warten. Alte Herren brauchen nicht immer den Vorrang zu haben vor jungen Damen.«

Helene blieb stehen. »Herr Sachs,« sagte sie energisch, »wenn Sie meinen in letzter Zeit etwas angegriffenen Nerven wohltun wollen, bitte, so reden Sie in einem etwas respektvolleren Tone von einem Mann, der so hoch über uns beiden steht, daß wir unserm Geschick für jede Stunde noch extra danken sollten, in der es uns mit ihm zusammenbringt.«

»Hm, hm – das ist ja die richtige Philippika! Übrigens, so hoch über uns? Sie wissen ja gar nicht, was noch mal aus mir werden kann!«

»Möglich, daß noch mal etwas Leidliches aus Ihnen wird – aber ein Hausmann nie!«

»Übrigens,« fuhr er ungekränkt fort, »ich verehre den alten Herrn gerade so gut wie Sie. Nur ist es meine Art, Gefühlsschwelgereien grundsätzlich zu vermeiden und alle Dinge ins Heitere zu ziehen. Wer scherzt nicht manchmal gern!«

»Aber empfinden Sie denn gar nicht, daß Witze, die an etwas Allzuhohes gehängt werden, deplaciert, ja wie Majestätsbeleidigungen wirken?«

»Verehrtes Fräulein,« sagte er lachend, »Sie haben da eine facon de parler mit mir, die fast danach klingt, als hätten Sie gegen mich, den bescheidensten aller Staubgeborenen, so etwas wie eine Aversion – sind Sie etwa eifersüchtig?«

Ob sie es war! Aber sie hütete sich wohl, es zu gestehen. Sie lachte bloß mit ein bißchen Geringschätzung.

»Na, dann nicht. Übrigens bringt mich das auf mein Thema. Ich habe nämlich etwas Ernstliches mit Ihnen zu besprechen. Darum bin ich Ihnen auch so durch Nacht und Nebel nachgestürmt. Ich bin unter allen Umständen für offene Karten. Die Sachen liegen so: wir beide haben den seltenen Vorzug, bei dem als Menschenfeind verschrienen alten Hausmann aus- und eingehen zu dürfen. Ich verdanke diese Auszeichnung der Empfehlung eines Onkels – Sie den Vorzügen Ihrer Person. Wie Sie eigentlich an ihn herangekommen sind, ahne ich nicht. Mit Fragen ist bei ihm nicht viel zu holen. Nun, ich hoffe, Sie erzählen es mir gelegentlich selbst einmal. Etwas anderes wüßte ich aber gern schon heute. Was suchen Sie eigentlich in seinem Hause?«

»Wie meinen Sie das?« fragte sie kalt.

»Nun, man handelt doch nie ohne einen gewissen Plan. Man hat doch bei allem, was man tut, Gründe . . Zwecke . . .«

Verständnislos sah sie zu ihm auf.

»Ich sehe, ich muß Ihnen zu Hilfe kommen,« fuhr er munter fort. »Bitte, gestatten Sie mir Offenheit dabei. Wenn ich Sie wäre, so würden drei Möglichkeiten für mich in Frage kommen. Eine Möglichkeit rangiere ich zwar gleich wieder aus, obwohl sie mir natürlich zuerst einfiel. Beerben wollen Sie ihn nicht. Dazu sind Sie erstens zu edel, zweitens scheinbar selbst in zu guter Assiette.«

Sie erstarrte fast vor Zorn. »Weiter!« sagte sie bebend.

»Aber wie steht's mit der zweiten Möglichkeit? Wollen Sie ihn heiraten?«

Ganz harmlos fragte er es hin.

»Sie schweigen. Na, so abnorm wäre der Gedanke doch nicht! So was kommt doch vor. Vielleicht sind Sie seine Ulrike von Levetzow, bloß energischer und – vernünftiger als diese. Meinethalben können Sie es auch ruhig tun. Ich hätte nichts dagegen, vorausgesetzt, daß Sie mich nicht aus dem Hause würfen und ich im Bunde der Dritte bleiben dürfte.«

Helene blieb abermals stehen. »Ahnen Sie eigentlich,« fragte sie atemlos, »wie brutal Sie sind?«

Er lachte. »Wie theatralisch Sie gleich werden, Fräulein Helene – um so ein paar harmlose Fragen!«

»Bitte, gehen Sie! Ich rate Ihnen, daß Sie gehen,« rief Helene außer sich. »Ich gehöre ja wohl zu den Sanftmütigen – aber nur, solange ich nicht zu stark gereizt werde. Wenn ich losbreche, so stehe ich für nichts. Gehen Sie!«

»Bis zu Ihrem Haus. Bester Himmel, ich habe Sie ja gar nicht aufregen wollen. Was Sie für ein rohes Ei sind! Nun, ich glaub's Ihnen ja! Dann wollen Sie ihn also nicht heiraten? Eilen Sie doch nicht so! Sie sind ja ohnehin gleich am Ziel – und ich muß doch noch meine dritte Frage stellen.«

»Ich bitte Sie, verlassen Sie mich!«

»Daß Sie Malerin sind, weiß ich,« fuhr er ganz sachlich fort –, »sicher auch Schriftstellerin. Das sind ja alle Mädchen heutzutage. Oder wenn Sie's noch nicht sind, so wollen Sie's jedenfalls werden! Und dann gehen Sie wohl darum so gern zu Hausmann, weil Sie später mal ein Buch über ihn schreiben wollen? Sie sammeln Stoff? Sie wollen ihn literarisch ausschlachten, wie man das nennt.«

»Ach!« rief Helene. Sie war am Ende ihrer Beherrschung. Sie konnte nicht mehr vor Zorn. Sie hob ihre Rechte krampfhaft wie zu einem Schlage empor.

Was als Möglichkeit auf der Schneide der nächsten Sekunde schwebte, trat jedoch nicht in die Erscheinung, denn Hans Sachs griff lachend nach Helenens Handgelenk.

»Sie sind aber schneidig!« rief er, »alle Achtung!«

Sie entwand ihm ihre Hand und verschwand aufatmend in der Haustür.

Hans Sachs stand im Mondenlicht wie festgebannt. Dergleichen war ihm noch nicht passiert.

Schade fast, daß er den Druck ihrer weichen, weißen Hand nicht auf seinem Angesicht gespürt hatte, apart wäre es gewesen.

Und eine Liedstrophe fiel ihm ein:

»Was kümmert einen Helden

Ein Taubenflügelschlag?!«

Er begriff nicht, warum seine Fragen sie in dem Maße aufregten. Er hätte ja in allem nichts Schlimmes gefunden – im Heiraten nicht, noch im Beerben oder Ausschlachten.

Sie faßte es als Beleidigung auf. Hans Sachs war einmal an die Unrechte gekommen.

Helene hatte ihm vom ersten Begegnen an gefallen. Ein junges Mädchen war ihm an sich natürlich weit lieber als ein alter Herr. Von diesem Abend an war er in sie verliebt.

Vergnüglich trällernd schlenderte er durch die Nacht davon.


* * *


Helene sah fortan keine Möglichkeit mehr, zu Hausmann zu gehen.

Sie fühlte: ihr Heiligtum war für sie versunken.

Zweimal kamen Briefe von ihm, Hans Sachs diktiert. Nachträgerisch schien der junge Mann nicht zu sein.

Sie entschuldigte sich mit einer starken Erkältung und ging nicht hin.

Was waren auch die Feierstunden noch, wenn dieser ewige Mißton in ihnen erklang?!


* * *


Eines Morgens saß Lenore weinend über ihrer Stickerei. Tränen bei Lenore waren etwas sehr Ungewohntes.

»Was haben Sie?« fragte Helene geängstigt.

»Sie sind keine Freundin,« schluchzte die Weinende.

»Sie verschweigen mir so viel – und ich sage Ihnen alles, schenke Ihnen mein ganzes Vertrauen, und so wenig zahlen Sie es heim!«

»Ich verstehe Sie nicht!«

»All die Zeit haben Sie bei Hausmann verkehrt – und ich wußte nichts davon! Nun hab' ich's zufällig gehört. Der aus Zittau hat mir's erzählt. Die ganze Pension lachte mich aus, daß ich nichts davon gemerkt hab'!«

»Und woher weiß es der aus Zittau?«

»Im Cafe Luitbold hat er Bekanntschaft gemacht mit einem Herrn, einem jungen Doktor Sachs. Der hat's ihm gesagt. Und da der aus Zittau doch so gieprig auf große Leute ist, hat Doktor Sachs ihm versprochen, ihn mal zu Hausmann mitzunehmen. O Helene, Sie sind so hinterhaltig!«

Und sie brach in einen neuen Tränenstrom aus.

Helene stand mit verschränkten Armen ratlos da.

»Sie haben recht,« sagte sie, »ich war nicht sehr offenherzig – aber glauben Sie mir, wenn ich Sie mit dem Geheimnis belastet hätte, würde die Pension es noch früher erfahren haben. Man darf Ihnen in der Hinsicht nichts zumuten.«

»So halten Sie mich wohl für sehr indiskret!«

»Ich halte die Pension für sehr neugierig.«

»Übrigens wird Doktor Sachs auch zur Platzmajorin ziehen. Der Kottbuser reist ab. So ist eine Stube frei.«

»So,« sagte Helene bitter, »das ist ja für mich eine erfreuliche Konstellation.«

»Ist es Ihnen unangenehm?«

Helene seufzte. »Ja und nein. Das heißt, eigentlich ist's gleich für mich. Es verfrüht eben nur meinen Abreisetermin.«

»Sie wollen fort? Und davon weiß ich auch nichts?« zürnte Lenore.

»Der Plan ist erst von neuem Datum; gestern schrieb mir der Verleger vom Basilikenbuch – Sie wissen ja! – er möchte italienische Dome in derselben Art von mir haben – Florenz, Siena, Orvieto. Eine schöne Aufgabe, nicht wahr? Aber sie bedingt mindestens ein halbes Jahr Abwesenheit von hier, und bis jetzt – sehen Sie, Lenore, ich will vertrauensvoller sein – wäre mir das Scheiden zu schwer geworden. Nun aber, so unter der täglichen Kontrolle von Doktor Sachs . . .«

Lenore staunte. »Solch famoser Auftrag!« fragte sie, »und Sie springen nicht deckenhoch? Das ist gewiß auf Hausmanns Kritik hin. So was nützt eben enorm.«

»Das wissen Sie auch schon?«

»Ja, die Kritik zirkuliert jetzt in der Pension. Doktor Sachs hat sie dem Zittauer geliehen. Alle da unten fühlen sich jetzt enorm gehoben, daß solch ein Lumen wie Sie über ihnen wohnt. Passen Sie auf, Sie werden noch ein Hauptclou in der Baderschneiderschen Reklame!«


* * *


Seit Helene wußte, daß Hans Sachs zur Platzmajorin ziehen werde, stand ihr Plan fest, das Anerbieten des Verlegers anzunehmen.

Warum auch nicht? Warteten doch im Süden schmerzlindernde Mittel auf sie. Manches Leid, das einem im trüben Norden geschieht, läßt sich vergessen im bläulichen Schatten jener himmelansteigenden Dome, die dort unten ragen auf etrurischen Felsen, an heiligen Flüssen.

Und auch das wußte sie: ihre alte Schwärmerei für Hausmann würde reiner wiederkehren, wenn sie in der Ferne war. Jetzt zürnte sie ihm – aber sie fand sich lächerlich, weil sie ihm zürnte. Wer rechtet mit einem bald Achtzigjährigen! Sie hatte kein Recht, von dem müden Alten zu verlangen, was von einem dreißigjährigen Verehrer zu fordern gewesen wäre.

Durfte sie ihm zürnen, wenn er Hans Sachs' Gesellschaft der ihren vorzog? Wer wußte denn, ob er es überhaupt tat? Sie war ja vom Kampfplatz abgetreten und ließ dem Rivalen freiwillig die Strecke frei. Sie gehörte zu den Empfindsamen und er zu den Robusten – wie hätte sie da auch einen Kampf aufnehmen sollen, der von vornherein verloren war?

Die Robusten siegen ja immer!


* * *


Lenore war am nächsten Sonntag so seltsam befangen. Sie ging wie von schlechtem Gewissen belastet umher und warf zuweilen scheue Blicke zu Helene hinüber, die ein paar rosige Tulpen kopierte.

Wie wundervoll sie waren, diese Tulpen in ihrer stilvollen Steifheit!

Während Helene die schlanken Blumenformen studierte, fiel ihr ein, was sie vor kurzem irgendwo gelesen – von einem Weltverächter, der gesonnen war, sich das Leben zu nehmen, bis ihn der Anblick eines feingegliederten maurischen Bogens mit der Erde versöhnte. Ein Triumph des Schönen . . .

»Solche Tulpen könnten auch versöhnen!« dachte sie.

Da schlug es zwölf Uhr.

»Um Gotteswillen,« rief Lenore, »nehmen Sie mir's nicht übel, liebste Helene, aber gleich kommen sie und machen Besuch, der Zittauer und Doktor Sachs. Sie haben mir beide so schrecklich zugesetzt, gestern bei der Punschbowle, daß ich's erlauben sollte – und damit es Sie nicht allzusehr überrascht, sage ich es lieber erst jetzt. Schließlich ist's ja auch keine Hinrichtung.«

Ehe Helene antworten konnte, stand das Paar bereits auf der Schwelle.

Als kämen sie direkt aus einem jener eleganten Herrengeschäfte an der Maximilianstraße, sahen sie aus, beide so blankgebügelt, so gutbestiefelt und so frisch beschlipst. Der aus Zittau so recht wie ein hungriges Provinzhuhn, das alles dankbar in sich saugt, was die große Stadt an Genüssen und Erlebnissen bietet, – Hans Sachs so fabelhaft blühend und frisch – Farben wie ein mit Milch und Eiern reichlich genährtes Landmädchen –, etwas Verlegenheit im Gesicht, was zu dem ganzen Grundton seines Ausdrucks sehr wenig paßte und gerade darum anziehend war.

Er avancierte sofort in Helenens Ecke.

»Ich bitte, mein Eindringen zu verzeihen,« sagte er in harmlosestem Konversationston. »Als demnächstiger Mitbewohner habe ich allerdings fast das Recht, eine Antrittsvisite zu machen, komme aber heute nicht allein darum, sondern im Auftrag des Herrn Hausmann, der sich über Ihr Fernbleiben beunruhigt.«

»Wirklich?« fragte sie kalt. »Es ist sehr liebenswürdig von ihm, mich zu vermissen, während ich doch so durchaus ersetzt bin.«

Lenore trat zu ihnen und stellte den Zittauer vor: »Herr Leutnant Häslein –«

Häslein verneigte sich vor Hausmanns Freundin fast bis auf den Boden. Dann zog er sich mit Lenore in die andere Ecke des Ateliers zurück.

»Wie begabt Sie sind!« rief Hans Sachs, auf die Tulpen blickend. »An allen Ecken haben Sie Talente. Kirchensäulen und Blumen – was Ihnen nur unter die Finger kommt, wird prima Sorte nachgezaubert. Gewiß machen Sie auch Verse – solche, die wie Mondschein auf Waldwiesen wirken – hypnotisierend – symbolistisch –«

Er nahm seinen Kneifer ab und putzte ihn.

Helene warf ihm einen großen Blick zu. Sie staunte über die Schnelligkeit, mit der er vergessen, wie schroff sie ihn abgefertigt hatte.

»Ich lese Ihre Gedanken,« entgegnete er. »Sie denken jetzt: empfindlich ist der nicht – er, der da vor mir steht. Daß er mir einen Quittungsbesuch macht für beinah erhaltene Zahlung, scheint mir in diesem speziellen Fall beinahe allzu großdenkend. O, bitte, genieren Sie sich nicht – Sie dürfen es ruhig denken. Aber ich denke mir auch mein Teil. Ich bin fest überzeugt, daß Ihre Schroffheit Ihnen hinterher selber leid getan hat, ja, daß Sie sie innerlich bereits längst zurückgenommen haben.«

»Nicht im mindesten. Sie ist unumstößliche Tatsache.«

»Meinetwegen. Dann gestatten Sie mir, nur noch zu sagen, daß selbst ein wirklicher Schlag von Ihnen mir ein außerordentliches Vergnügen gewesen wäre.«

»Sie haben eine eigentümliche Auffassung von Vergnügen.«

»Allerdings. Ich bin überhaupt keiner vom Dutzend und anders wie andere.«

Helene hatte sich ergeben auf ihren Stuhl gesetzt, denn sie sah ein, daß sie den Besucher nicht sobald wieder los sein würde.

Lenore stieß ihm aus der andern Ecke einen Rohrstuhl zu, der auf Rollen ging und wie ein Blitz durch das Gemach schoß.

»Wann also,« fragte Hans Sachs, »werden Sie wieder zu Hausmann kommen?«

»Wenn ich einmal sicher bin, ihn allein zu treffen.«

Er biß sich auf die Lippe. »Fräulein Helene,« sagte er bekümmert, »Sie mögen mich nicht. Sie sind böse. Wenn ich neulich ein bißchen geradezu war, verzeihen Sie mir doch – ich nehme ja alles zurück. Sehen Sie, es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich mit meiner Art bei jemand sozusagen ›angeeckt‹ bin.«

»Ihre früheren Bekannten müssen ungewöhnlich unempfindliche Leute gewesen sein.«

»Möglich. Ich kann nicht leugnen, daß meine bisherigen Bekannten mich immer sehr verwöhnt haben. Überhaupt kann ich mit Strachwitz singen: ›Mir ist im Leben wenig quergegangen.‹ Als Kind verhätschelt und verzogen von allen Seiten. Immer riesig gesund. Famos durch sämtliche Examina geglitten. Als junger Mann stets wiedergeliebt worden da, wo mir's drauf ankam. Stets mehr Geld, als ich verbrauchen konnte – na, so was verwöhnt natürlich. Da denkt man denn, es müßte einem auch alles glücken. Begreifen Sie das?«

»Nein,« entgegnete sie, »ich begreife es absolut nicht, denn ich kann mich in solche Situationen zu wenig hineindenken. Und wenn ich's auch begriffe, so bliebe mir immer noch das eine ein Rätsel, was ein Mensch wie Sie denn bei Professor Hausmann sucht. Weshalb Sie sich mit solchem Elan auf den ›alten Herrn‹ stürzen, wie Sie ihn zu meiner geringen Freude zu nennen belieben.«

»Das ist sehr einfach,« versetzte er offenherzig. »Ich möchte Karriere machen, etwas Besonderes werden. So blos Privatdozent, das paßt mir nicht; das ist ja nichts. Aber Schüler von Hausmann, der Unentbehrliche seiner letzten Jahre – das gibt ein Prestige – das kann mir zeitlebens nützen.«

»Und schließlich werden Sie ein Buch über ihn schreiben?« fragte sie mit flammendem Blick.

Ihre Erregung freute ihn. »Natürlich – wenn mir Professor Reinhart das überläßt –«

»Also ›literarisch ausschlachten‹ wollen Sie ihn, um mich Ihrer geschmackvollen Wendung zu bedienen – dasselbe, was Sie bei mir voraussetzten.«

»Ja – und ich finde darin nichts. Außerdem hindert es keineswegs, daß ich den alten Herrn auch persönlich sehr ins Herz geschlossen habe und immer mit Stolz und Freude sehe, wie wohl er sich in meiner Gesellschaft fühlt. Ihm gefalle ich weit besser als Ihnen.«

Sie spielte mit ihrem Bleistift. Er hatte etwas Entwaffnendes in seiner schrankenlosen Offenheit, etwas Empörendes in der praktischen Prosa seiner Gesinnung.

Ihre Lippen bewegten sich.

»Sie wollen etwas sagen!« ermunterte er.

»Ja, folgendes! Sehen Sie dies große Atelierfenster. In klaren Nächten stehe ich da öfters und betrachte mir das Flimmern der Sterne am Firmament – keine sehr aparte Beschäftigung, die ich mit vielen Tausenden teile. Und dann denke ich zuweilen – was auch weiter nicht apart ist –, wie wohl die Geschöpfe sein mögen, die auf jenen fernen Planeten hausen? Und das Resultat ist: himmelweit verschieden von mir . . . Aber, Herr Sachs, doch nicht so himmelweit getrennt fühle ich mich von den unbekannten Bewohnern der Sterne – als von Ihnen! Zwischen uns liegt mehr als Himmel und Erde. Wir werden uns füglich auch nie verstehen . .«

Sie stand auf und ging zu Lenore und dem Zittauer hinüber. Es half ihm nichts: sie »schnitt« ihn hartnäckig bis zum Schluß.

»Und was soll ich Hausmann sagen?« fragte er im Gehen.

»Ich schreibe ihm selbst,« versetzte sie gelassen.

Hans Sachs' Augen funkelten. So etwas machte ihm diebischen Spaß – Meinungsverschiedenheiten mit einer so hübschen Partnerin! Den großen Ernst, der für sie unter dem allem lag, ahnte er nicht.

Als sich die Tür schloß, sahen Helene und Lenore sich an.

»Häslein ist wirklich recht nett,« sagte Lenore etwas verlegen, »und der andere au fond auch.«

Helene setzte sich und stützte den Kopf in die Hand.

»Also übermorgen reise ich,« sagte sie.

»Sobald schon?«

»Ja. Wenn Hans Sachs einzieht, ziehe ich aus. Ich mag keinen Detektiv neben mir. Ich will nicht, daß er dahinterkommt, wie arm ich bin, wie schwierig meine Existenz ist. Ich will nicht, daß er hier von meinen Sachen Inventur aufnimmt und mir beständig auf meinem Lebensweg herumläuft.«

»Aber er ist doch ganz nett. Ich weiß gar nicht, was Sie gegen ihn haben.«

»Zweierlei, daß Sie's wissen! Meine Feierstunden hat er mir zerstört, die ich so sorgsam gehütet habe wie ein Geheimnis – und noch eins! Der Kontrast, in dem er zu uns steht, fällt mir auf die Nerven. Er besitzt alles, was uns abgeht – Glück und Geld und Chancen! Und er pocht noch darauf wie auf ein Verdienst. Und das bringt mich um mein Gleichgewicht. Darum will ich fort – je eher, je besser.«

»Und wohin?«

Helene zögerte. Lenore eine Adresse zu geben, war zu gefährlich. »Italien hat so viele Städte –«

»Aber dann kommen Sie ja auch um Hausmann?«

»Allerdings. Aber glauben Sie mir, Lenore, Erlebnisse besonderer Art verwöhnen unermeßlich. Und man will lieber keine Fortsetzung als eine, die mäßig ist, unvollkommener als der Anfang. Wer aus goldnen Bechern getrunken hat, dem schmeckt es aus zinnernen Krügen nicht mehr.«

»Wie schade um unser schönes Zusammensein!« rief Lenore.

»Ich werde Ihnen eine andere Kameradin suchen! Wer weiß, vielleicht bekommen Sie jemand, der mehr Interesse für die Pension hat als ich.«

Lenore war einige Minuten aufrichtig betrübt. Dann fiel ihr ein, daß sie sich ja zu einer Radelpartie verabredet hatte, und sie stürmte mit getrockneten Tränen von dannen.

Helene sah ihr nach. ›Hätte ich doch deinen glücklichen Optimismus!‹ dachte sie, ›diese Bescheidenheit in Bezug auf die Qualität der Menschen! Aber mir ist er nun mal in die Wiege gelegt, der anspruchsvolle Grundsatz: lieber gar keine Menschen, als minderwertige.‹

Und mit einem Seufzer kehrte sie zu ihren Tulpen zurück.


* * *


Helene hatte vor ihrer Abreise noch viel zu tun.

Zuerst trieb sie eine Kameradin für Lenore auf, ein junges, aus Norddeutschland an die Isar verschlagenes Malmädchen, das in eine allzu lustige Pension geraten war, vor deren abenteuerlichen Insassen es in beständiger Angst schwebte. Sie »tönte« und »stickte« auch bereits und ergriff mit Wonne die Idee, Helenens freigewordenen Platz einzunehmen und neben Lenore, die in ihren Augen die witzigste Person des Jahrhunderts war, atmen zu dürfen.

Das war also besorgt.

Dann ging Helene zu ihrem Verleger.

Der kluge, freundliche alte Herr empfing sie mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. Seit der Hausmannschen Besprechung über das Basilikenwerk war Helene für alle, die irgendwie zum Fach gehörten, in eine ganz andere Beleuchtung gerückt.

Er zeigte sich sehr befriedigt, daß sie mit den neuen Arbeiten so schnell ans Werk gehen wollte, und machte ihr recht gute Bedingungen.

›Man bezahlt mir die Hausmann-Beziehung!‹ dachte sie. ›Die Welt ist wunderlich, wenn sie ihre Hochachtung vor irgendetwas mit naiver Offenheit in »bar« ausdrückt.‹ »Es soll dem Herrn Professor jetzt ja so viel besser gehen,« sagte der alte Herr, an seiner Brille rückend. Ich habe nämlich denselben Arzt wie er und weiß, daß dieser am Anfang des Winters recht besorgt um unsern berühmten Mitbürger war. Der junge Mensch, der jetzt so viel bei ihm verkehrt, soll ja Wunder an ihm tun. Mein Arzt traut ihm sogar zu, daß er dank der sanften Energie, mit der er Hausmann, den so Ungläubigen gegen alles, was medizinische Regeln heißt, zu Vorsicht und Schonen bringt, ihm einfach das Leben verlängern könnte.«

Die alte Eifersucht packte sie bei seinen Worten so sehr, daß sie es fast wie einen körperlichen Schmerz empfand.

»Sie kennen ihn doch auch, diesen jungen Wundertäter?«

»Ja, ein wenig.«

»Er hat für meinen persönlichen Geschmack etwas – nun ja, wie soll ich sagen, ›Allzudreistes‹. Wir alten Herren aus der alten Schule lieben die jungen Leute etwas weniger selbstzufrieden. Aber gerade die kecke Frische dieses jungen Mannes, aus der die gewisse Dreistigkeit allein resultieren mag, wirkt so wohltuend auf den seltsamen alten Herrn wie eine Art Hypnose, meint mein Doktor. Solch eine einsame Größe blos von einer alten Wirtschafterin, die noch dazu recht schrullig sein soll, versorgt – das ist für die alten Tage nichts.«

Helene erhob sich. Noch nie hatte sie es so deutlich gefühlt, wie sehr sie Hans Sachs haßte!

Der freundliche Alte geleitete die Schweigende zur Tür.

›Wie einsilbig sie ist,‹ dachte er, als sie gegangen war. ›Man sollte fast denken, sie wäre etwas einfachen Geistes, nur mit großem Stilgefühl für Kircheninterieurs und Domkuppeln begabt. Und ihre Beziehungen zu Hausmann – sie macht so wenig daraus. Sie bringt sie gar nicht zur Geltung. Eine andere würde das in jede Unterhaltung einflechten – sie stellt ihr Licht einfach unter den Scheffel.‹


* * *


Es war Nachmittag geworden.

Helene hatte von Lenore gehört, daß Hans Sachs und der Zittauer täglich beim Arkadenputscher einen ausgiebigen Vier-Uhr-Kaffee zu trinken pflegten.

So konnte sie hoffen, daß Hausmann um diese Stunde allein war.

Beim flackernden Kaminfeuer, dessen warme malerische Glut der frostige alte Mann so besonders liebte, saß er, die Dämmerstunde mit jener Ruhe genießend, zu der ein fleißig durcharbeiteter Vormittag ihm das Recht gab.

Die blassen Farben des zur Neige gehenden Märztages füllten die Fenster. So vertraut mutete sie das Bild an, als sie eintrat – und doch nicht mehr so heimatlich wie einst.

»Fräulein Helene!« rief er erfreut – »endlich! Sie sind mir ja ganz treulos geworden! Wenn ich nicht gestern meinen jungen Freund als Noahtaube nach Ihnen ausgesandt hätte, Sie wären vielleicht noch nicht hier.«

»Ich hatte viel zu arbeiten,« sagte sie entschuldigend.

»Sie glückliche! So in der Fülle zu sein – und jung dazu! Sie wissen gar nicht, wie gut Sie es haben!«

Er seufzte.

Nein, sie wußte es allerdings nicht, wo das lag, was sie Gutes hatte. Sie fand alles sehr schlecht in diesem Augenblick.

»Und dann möchte ich Abschied nehmen.«

»Abschied nehmen?«

»Ja, ich fahre morgen nach Florenz. Sie haben vielleicht gehört – mein neuer Auftrag.«

»Richtig! richtig! Und was für ein beneidenswerter Auftrag das ist! Die Madonna Maria del Fiore, diese Schönste der Schönen – und Siena, nicht wahr? mit seinem marmornen Wunder – und Orvieto mit all den hochgelegenen Herrlichkeiten. Das nenne ich einen Reiseplan – und so ins Frühjahr hinabzugleiten und all das Blühen mitzuerleben!«

»Ja, es ist beneidenswert,« sagte sie mechanisch.

»Und uns umfängt indes der ›grauliche Tag droben im Norden!‹ Aber tatenlos sind wir auch nicht. Denken Sie, ich habe in den letzten Wochen wieder einmal gearbeitet wie in meinen besten Zeiten.«

»An dem neuen Werk?«

»Ja, an demselben, das ich in der Neujahrsnacht begann – oder beginnen konnte dank Ihrer Güte. Denn ohne Ihre hilfsbereiten Hände wäre es damals nichts geworden. Und ich Undankbarer hatte das total vergessen, bis mir heute früh beim Durchblättern des Manuskripts die ersten Seiten wieder in die Hand fielen mit Ihrer Schrift, Ihren leichten, raschen, so sicher schwebenden Buchstaben. Sehen Sie, so ist das Manuskript inzwischen gewachsen!«

Er nahm es vom Tisch und reichte es ihr.

Ja, das war ihre Hand am Anfang – vielleicht auf einem Zehntel der Seiten – und dann gleich dahinter, Satz an Satz, die fremde Schrift des andern, die deutlichen, etwas banalen Buchstaben von Hans Sachs.

»Es ist seltsam,« fuhr Hausmann fort, »wie sehr doch Arbeit Nervensache ist und an Zufälligkeiten hängt. Im Januar damals verließ mich plötzlich jede Energie – der Stoff schien mir so unheimlich groß wie ein Berg, dessen Gipfel man doch nie erklimmen wird – und aus Feigheit ließ ich die Arbeit ruhen. Da kam Doktor Sachs. Der hat die verschütteten Quellen wieder aufgedeckt, hat mich mit sanfter Gewalt zum Diktieren gezwungen, mich ausgefragt, mir keine Ruhe gelassen, bis es wieder ging. Etwas Kommando tut wirklich gut, wenn man alt ist. Schade, daß Sie ihn nur so flüchtig kennen – er ist für mich wie ein Stück Jugend. Er macht so frisch – und wie er Klavier spielt!«

Frau Winter kam mit einer Lampe und schloß die schweren Vorhänge. Die beiden schwiegen. Helene wußte nicht, ob sie es über sich ergehen lassen müsse, noch länger Hans Sachsens Lob anzuhören, oder ob sie gehen sollte. Sie hatte die eine Hand auf den Kaminsims gelegt und ließ die andere müde herunterhängen. So stand sie sinnend da und sah ihn unverwandt an – ihn, der seinerseits träumend in die Flamme sah und an den Süden dachte.

»Ich habe auch Pläne, begann er dann. »Sogar weite – bis Sicilia. Professor Reinhart und Doktor Sachs wollen mich begleiten. Wer weiß – vielleicht treffen wir uns da unten.«

»Vielleicht –«

»Wie in Ravenna –«

Sie freute sich. Also dachte er doch noch daran.

»Ich möchte so gern noch einmal von Girgenti nach Afrika hinüberschauen. Noch gestern bekam ich einen Brief von dort – von Frau Lucia Helmstetter. Sie kennen sie doch?«

»Ja, wenigstens dem Namen nach.«

»Eine seltsame Dame, aber sehr klug dabei – und so enthusiastisch! Übrigens geht sie jeden Sommer ein paar Wochen nach Siena. Soll ich Ihnen eine Empfehlung an sie geben?«

Mehr aus Höflichkeit bat sie darum. Frau Lucia Helmstetter, diese absonderliche Weltreisende, nötigte ihr nur geringes Interesse ab.

»Ich werde ihr schreiben, daß sie Sie recht ordentlich unter ihre Fittiche nehmen soll.«

Da ging die Haustürklingel. Helene fuhr zusammen. Hans Sachs' Stimme klang auf dem Korridor.

»Leben Sie wohl,« sagte sie und streckte ihm die Hand hin.

»Warum so schnell?«

»Weil ich – mir scheint, es kommt Besuch. Ich möchte nicht stören –« »Nur Doktor Sachs –«

»Ja – eben –«

»Das klingt ja fast, als möchten Sie meinem jungen Freunde nicht begegnen.«

»Nein,« sagte sie, »das will ich auch nicht.«

»Aber warum?« fragte er gänzlich verständnislos. »Mögen Sie ihn denn nicht?«

»Nein!« sagte sie rasch, »ich mag ihn nicht.«

Er hatte sie erst ganz erstaunt angesehen, dann zog eine Wolke des Unmuts über seine Stirn.

»O Fräulein Helene!« sagte er fast vorwurfsvoll. »Sie sind mir die ganze Zeit, seit ich Sie kenne, immer wie ein vernünftiger Mensch vorgekommen. Nun scheint es mir zum ersten Male, daß Sie doch auch nur ein Frauenzimmer sind!«

Sie hätte sich die Lippe zerbeißen mögen, daß ihr das rasche Wort entfahren war.

»Sie haben recht,« versetzte sie offenherzig, »ich bin auch nur ein Frauenzimmer – ein launisches –, der Süden muß mich wieder auftauen und die Sonne.«

Sie griff nach seiner Hand.

»Nicht den Empfehlungsbrief vergessen,« sagte er freundlich, »die Bekanntschaft wird Ihnen schon Freude machen.«

Seine Hand lag kalt und schlank in der ihren. Sie hätte sie am liebsten geküßt; aber sie fürchtete, er hielte dann das »Frauenzimmer« auch noch für überspannt.

So ließ sie seine Rechte ruhig fahren und ging.

In der Tür wandte sie sich nochmals nach ihm um.

Er saß bereits wieder am Kamin, und die rote Glut warf einen warmen, lebensvollen Schimmer auf die edle Gestalt und die schönen, gedankenvollen Züge.


* * *


Auf dem Vorplatze stand Hans Sachs.

»Ich friere hier fast zu Eis,« sagte er, »aber ich wollte Ihr ersehntes Tete-a-tete doch beileibe nicht stören. Sie sollten Ihren gestrigen Wunsch erfüllt haben, damit Sie um so eher wiederkommen.«

Sie sah ihn gar nicht an.

»Ist es übrigens nicht sehr loyal von mir, daß ich Sie drinnen gar nicht ein bißchen – na, wie sagt man doch gleich? – ›angepetzt‹ habe? Bin ich nicht ein edler Charakter sans reproche?«

Seine warmen, lachenden Augen leuchteten stolz auf sie nieder.

»Wissen Sie, was man heut in der Pension Baderschneider erzählt hat?« fragte er weiter, als sie noch immer schwieg. »Daß Sie bald nach Italien wollen – in irgendeinem sehr ehrenvollen Auftrag. Ist das wahr? Aber doch nicht allzubald? Nicht für allzulange –«

»Ich weiß noch nicht,« murmelte sie.

»Wie blaß Sie sind – und wie hübsch sie Ihnen steht, diese blasse Couleur! Ja, so ändert sich der Zeitgeschmack! Früher wollte man die Frauen rosig, rund, mit dicken, weichen roten Backen –, jetzt ist man für's Ätherische, Präraffaelitische, interessant Bleiche –«

Bis an die Haustür geleitete sie sein Wortschwall. Er ahnte nicht, daß sie sobald schon ihm entgleiten wollte, und rief ihr ein gedankenloses »auf Wiedersehen« in die Dämmerung nach.

Sie ging traurig ihres Weges.

Die Lichter aus Hausmanns Fenstern verblaßten hinter ihr im Abendnebel.

Nicht einmal der Abschied war ohne Mißklang verlaufen. Weshalb konnte sie nicht schweigen über ihre Gefühle zu Hans Sachs? Oft ist es so töricht, ehrlich zu sein!

Hans Sachs –, ja, er war vielleicht ein Glück für den einsamen Mann da droben . . .

Aber für sie war er keins.


* * *


Der Hochsommer kam mit seinen langen, trockenen, heißen Tagen.

Aus den großen Städten diesseits und jenseits der Alpen flüchtete, wer nur irgend konnte, ins kühle Gebirge oder an die kühlen Gestade der See.

Selbst über die Italiener kam der Reisedrang. Sie flüchteten nach Madonna del Campiglio oder Martino di Castrozza, in jene schönklingenden, schöngelegenen Gebirgswunder –, die Mailänder auf den Monte Genaroso, von dem aus sie an klaren Tagen wie eine ferne, weiße Morgana ihren Zauberdom leuchten sahen.

Wie Heuschreckenschwärme ergossen sich die Menschen aus den Niederungen auf die luftigen Höhen der Berge.

Die größeren Städte Oberitaliens sahen wie entvölkert aus. Die touristenlose Zeit war für sie angebrochen.

Aber Italien ohne Touristen war erst das eigentliche Italien, so unverfälscht und unentstellt. Die Städte lagen in der Sommerglut wie »entsühnt vom Tritt des Fremden« da – nur das Landvolk und die Armut bewegte sich auf den Straßen, und die wenigen, die dennoch trotz alles Sonnenglühens sich hinabgewagt hatten in die saison morte dieses bereistesten Landes der Welt, die sahen staunend, wie raffiniert der Zufall sie gelenkt hatte, wie bestrickend die Herrlichkeit des welschen  Sommers war!

Florenz zwar erschien wie versengt in diesem heißen August –, einer betäubten Schönheit gleich schien es unter all seinen Blumen hinzuschlummern beim einförmigen Gemurmel müder Brunnen . . .

Aber Siena! Auf dem Thron seiner drei schöngeschweiften Hügel ragte es frisch und königlich über den versengten Tälern empor. Da gab es Morgen- und Abendwind. Da wiegten sich die Rosen hin und her, und die Oliven schüttelten die Zweige. Da war nicht alles leblos und tot.

Die Mittagsstunden freilich konnte man zu nichts gebrauchen als zum Ausruhen hinter geschlossenen Jalousien.

Aber welche Morgen waren es, die über die grünen Hügel heraufstiegen! So zart und blau, so lind und weich! Wie verzaubert stand das ganze toskanische Gefilde auf dem Hintergrund dieser aufglimmenden Helle. Romantisch und kühn hob sich das hochgebaute Siena in den Äther, umwunden von dem üppigsten Blumengerank, welches das Jahr zu geben vermochte, überblitzt vom marmornen Licht des Domes, vom blaugrünen Farbenzittern der Kuppel.

Und welche Abende gab es in Siena!

Hinter den Hügeln mit ihren Klöstern und Karthausen verglomm das Tageslicht. Durch die alten Tore mit den schicksalsvollen Namen strömten die Menschen ins Freie, an den Stadtmauern entlang, die ihren schützenden Gürtel um die Häuser und Kirchen schlangen. Turm neben Turm ragte über den Dächern –, über allen aber hob der Dom die große Silhouette empor, der stolze Gebieter der Stadt. Bergauf, bergab führten die Straßen Sienas winklig und krumm. Dazwischen plätscherten herrliche Brunnen, ragten offene Loggien, strahlend in der Schönheit ihrer schlankgewölbten Bogen, und über allem lag der zwiefache Nimbus: für den einen war es die Stadt der heiligen Katharina, für den andern die Stadt Soddomas, des großen Meisters.

An einem lauen Augustabend war Helena nach Siena gekommen.

Es leuchteten keine Farben mehr auf dem Städtebild, nur die Konturen waren sichtbar: Palastfassaden und Arkadenbogen, und plötzlich die seltsame Piazza, die dem Dom zu Füßen liegt, zu der man auf Stufen hinabsteigt wie in eine alte Arena.

Sie fühlte sich plötzlich befreit.

Florenz war ihr zuletzt auf die Nerven gegangen mit seiner Glut, seiner Dürre, dem trägen Dahinschleichen seines Arno!

Sie hatte dort auch zu viel gearbeitet in den langen Monaten. All ihren Groll hatte sie niederzuarbeiten gesucht – und immer erfolglos. Sie mußte doch beständig nordwärts denken. Und immer aufs neue peinigte sie das eine Gefühl: sie gönnte es Hans Sachs nicht, daß er um »ihn« war!

Sie schrieb einige Male an Hausmann, aber der Gedanke, daß Hans Sachsens indiskrete Augen gewiß ihre Zeilen studieren und kritisieren würden, hemmte jede Freiheit der Aussprache in ihr, und sie begriff kaum, wie sie es fertig brachte, so indifferente Schriftstücke überhaupt abzusenden.

Jedes Mal kam eine umgehende Antwort aus München, halb in Hausmanns Auftrag, halb Privatergüsse von Hans Sachs. Und je heißer der Sommer wurde, um so wärmer wurde auch der Ton in diesen Briefen. Zuletzt waren es echte, rechte Flirtbriefe geworden.

Das bekam sie satt und brach die Korrespondenz ab. Ihre Adresse für Siena verriet sie nicht einmal an Lenore.

Sie wollte einmal für sich sein, ganz inkognito.

Hausmanns Sizilienfahrt war in den September verschoben. Zuweilen baute sie Pläne darauf.

Sie hätte so gern einmal mit ihm von Girgenti aus nach Afrika hinübergeschaut!

Sie malte sich aus, wie schön es sein könne, aber selbst in diesen Phantasien trat im letzten Augenblick immer Hans Sachs vor die Aussicht.


* * *


An der Piazza del Campo standen, aufgereiht wie die stolzen Kulissen eines vergangenen großen Schauspiels, schöne Paläste, zinnengekrönt, mit jenen grünen Fensterläden, die so gut zu dem Grau alter Gesteine passen.

In dem einen fand Helene ganz zufällig ein fürstliches Quartier. Der zweite Stock stand leer. Im ersten wohnte eine Industriegröße oder ein Manufakturritter, und da dieser mit seiner Familie in Viareggio war, machte die Portiersfrau das Geschäft auf eigene Hand.

So zog Helene in einen großen Saal mit verblaßten Fresken und einem Marmorkamin, in den das Wappen Sienas, die Wölfin, zwischen zwei schwebenden Figuren gemeißelt war.

Der Kamin gab ihrer Phantasie weiten Spielraum. Es machte ihr Freude, wenn sie die Mittagstunden neben ihm verträumte, sich die Gestalten derer auszumalen, die einst seine Glut beschienen.

Vielleicht waren es Peruzzis gewesen, große, prachtliebende Männer mit tyrannischen Rassegesichtern – oder vielleicht hatte Sodoma an diesem weißen Marmor gelehnt –, oder Pisano, der Meister der Domfassade.

Sie hätte Hausmann so gern von diesem Kamin berichtet, auch von dem einlullenden Geplätscher des Fonte Gaja, der vor ihren Fenstern kristallklares Wasser in sein marmornes Becken sprudelte, oder von dem schwarzblauen Riesenschatten, den der Palazzo publico zuweilen so gigantisch auf die leere Piazza warf . . .

Aber sie schrieb doch nicht. Was ging das alles Hans Sachs an!


* * *


Heiß waren die Tage, aber kühl war es im Dom, zwischen all dem Marmorglanz zu Häupten und zu Füßen, in der Fülle der Kunstwerke, die in Stein und Farben, in Erz und Silber die langen Schiffe schmückten.

Helene ging freudig an die Arbeit.

Nicht daß er ihr Lieblingsdom gewesen wäre, der von Siena.

Es war etwas in ihm, das sie zuweilen störte, etwas allzu Festsaalmäßiges, das von den bunten, unruhigen Marmorstreifen herrührte und keine rechte Kirchenstimmung groß werden ließ. Selbst das Hochamt erschien manchmal wie ein Marionettenspiel, wenn sie es feiern sah mit seinem Weihrauchgepränge, wenn sie die andächtige Menge niedersinken sah auf dem berühmten Fußboden, den meist riesige Wachstücher schützend bedeckten.

Ein Raum aber war in diesem Dom, der ihr als der schönste erschien, den je ein Architekt ersonnen und ein Maler geschmückt, in dem es ihr so wohl ums Herz wurde, so frei und leicht! Das war die Libreria, die berühmte Dombibliothek, in die Pinturicchio seine besten Fresken gemalt hat, Fresken, in denen man Raffaels Hand zu erkennen glaubte.

Aeneas Sylvius, der geistreiche Papst aus dem Hause Piccolomini, hatte sich hier ein Denkmal gesetzt, ein freudig leuchtendes, hoch auf den Bergen von Siena, unter dem Dache des Wunderdoms, in dem er so oft den Segen erteilt und einstmals die Wundertäterin Katharina heilig gesprochen hatte.

Im Dom und in der Libreria spielte sich Helenens Leben ab, und sie war mit diesen Kulissen zufrieden.

Oft genug sahen ihr Leute von Siena, Chorknaben oder Landfrauen über die Schultern, wenn sie arbeitete.

Das störte sie nicht. Sie hatte eine Vorliebe für das italienische Volk und sprach gern mit seinen Kindern – für dies so viel gelästerte Volk, dessen sprichwörtliches Gauner- und Faulenzertum die fleißigen Biedermänner oberhalb der Alpenkette so oft in moralische Entrüstung versetzt. Ihr schien diese Art von Volk die einzig mögliche, die hinpaßte unter diesen oft so glühenden Himmel, vor die Kirchentüren der großen Meister, neben die erhabenen Werke bildender Kunst. Sie vergab diesem Volke alles, weil sie so malerisch waren, diese Schönheiten in Lumpen, diese fürstlichen Gestalten, die mit dem Stolze blaublütiger Granden um Soldi zu betteln wußten.

Sie fand es lächerlich, diesem Volk seinen wirtschaftlichen Tiefstand als Verachtungsmoment anzurechnen, diesem Volk, dessen Urahnherren einst die Welt unterjocht hatten. Wie gleichgültig überhaupt erschien ihr alles politische Getriebe, ihr, die in jenem Riesenschatten lebte, welchen die Kunst vergangener Epochen über alle Zeiten wirft, und in den die Kundigen hineinfliehen wie in einen Schutzmantel gegen das Gemeine und Alltägliche.

Und dann kam der Tag, in dem Siena aufwachte aus seinem trägen Sommerschlaf.

Vom Mosaikboden des Domes wurden die häßlichen Wachstücher entfernt, und wie ein neuerschaffenes Weltwunder leuchteten die berühmten Graffitos in das Kirchenzwielicht hinein.

Die Brunnen schienen lebhafter zu plätschern, die Menschen eilten rascher durch die sonst so stillen Straßen.

Und das »Palio« begann, das große, alljährliche Pferderennen, jene alte Spezialität von Siena, die eine Reminiszenz an die prachtglänzenden Zeiten der großen Herren ist. Von jenen prunkvollen Bildern, die im Italien des Mittelalters so oft dem staunenden Volke gezeigt wurden, zog wieder einmal eins zur Wirklichkeit empor – es war, als würde in den alten, stolzen Kulissen noch einmal Theater gespielt.

Bunte Scharen, lachend, malerisch, viele grotesk und viele fabelhaft schön in der unbewußten Grazie ihrer Bewegungen, zogen durch die Straßen. Überallhin ergoß sich die Lustigkeit; bis zum schlichten Wohnhaus der Katharina von Siena, in das Brunnenplätschern des Fonte Gaja, zu den stillen Sodomas der Kapellen erklang die Luft.

Und am prächtigsten war's in diesen festlichen Stunden auf der Piazza del Campo, gerade unter Helenens Fenstern.

Aus den Nachbarstädten Toskanas waren Schaulustige herbeigeströmt und so gut klangen die Bewunderungsrufe der Menge zu dem Getrappel und Gewieher der Rosse, die in der alten Arena im neuen Sport daherjagten. Und welch eine Menge war es! Da leuchteten Priesteraugen gerade so begierig wie die des Betteljungen vom Domportal – neben der alten Frau mit dem Enkel auf dem Arm stand der Sieneser Offizier in seinem kleidsamen blauschwarzen Waffenrock. Und diese »Fülle der Gesichte« auf dem Hintergrunde so stolzer Bauten, so adliger Paläste in einer Stadt, die für gewöhnlich dem Traumgott verfallen schien, hatte etwas lebensvoll Bezauberndes, etwas von einem Farbentriumph nach dem Alltagsgrau. Es war, als habe vor den Toren der Stadt, an den grünen Hängen des Apennin, der ghibellinische Herr von Siena wieder einmal die Welfen besiegt, als feiere man Siegesfeste, stolz und lustberauscht.

Helene mischte sich unter das Treiben. Sie genoß es mit ihren schönheitsdurstigen Augen und teilte die allgemeine Daseinsfreude, die so überzeugend in der Luft lag.

Nur etwas störte sie. Das war der Anblick, der heutzutage nie und nirgends fehlt, kaum in der Wüste, kaum im fernsten Asien.

Vor der Tür von San Giovanni, dem gotischen Torso, dessen Unfertigkeit fast melancholisch anmutet in aller Pracht ringsumher, stand ein photographischer Apparat aufgerichtet, plumpbeinig und unschön, ein Diener rechts, ein Diener links, dazwischen eine Dame mit männlichen Zügen und einem alten Tirolerhut, der gar nicht nach Siena paßte.

Helene mußte mühsam an der Gruppe vorbeilavieren, an dem großen Kasten vorüber, der auf den Stufen von San Giovanni stand, und gedankenlos las sie den Namen, der auf dem Deckel prangte:

»Lucia Helmstetter.«

Hausmanns wunderliche Freundin! Da hielt sie doch inne und besah sie näher.

Bei genauerer Betrachtung schien sie sogar fesselnd originell und klug. Nur, daß ihr Siena, das gerade so en beau war, nicht stand.

Anmutig war sie keineswegs mit den groben, großen Zügen – und dann dieser Fanatismus beim Photographieren, der sich in jeder ihrer Bewegungen kundgab, – diese Wichtigkeit, als hinge das Heil der Welt von jeder Platte ab!

Helene trat in die Kirche zu dem Taufbrunnen des Jacopo della Quercia. Kühl und mystisch dunkel war es über dem Marmor und den Bronzen. In allen Ecken hing noch Weihrauchduft. Wie in einem Grabe war's – jedoch durch die offene Pforte sah man das Stück helles Leben, hörte die Rosse jagen und die Menschen rufen.

Und der Apparat mit seinen plumpen Beinen ragte vor Helenens Blick unerfreulich, wie der Eiffelturm über Paris, über das Schauspiel des schönen Campo.

Nein, sie wollte ihren Empfehlungsbrief doch lieber vorderhand für sich behalten.

Die Dame schien denn doch zu unharmonisch, um sie in Italien zu goutieren.


* * *


Die Sienesen hatten Glück mit ihrem »Palio«.

Nachdem sie seinen Zauber voll genossen hatten, zog ein schweres Gewitter herauf, und Blitz und Donner führten nun ihrerseits ein Schauspiel in den Lüften auf, das an Großartigkeit das Pferderennen bei weitem übertraf.

Helene war in ihre Wohnung geflüchtet, die große Piazza erschien wie gefegt. Kein Mensch sichtbar. Nur vor San Giovanni stand unentwegt Frau Lucia Helmstetter. Sie schien jetzt die Blitze zu photographieren – so lange bis der niederprasselnde Regen auch sie vertrieb.

Und um den Reiz dieses italienischen Tages vollzumachen, kam nachher ein Abend, so rein und düfteschwer, so lind und kühl, daß es wie ein Aufatmen über die ganze Stadt ging, daß das Aveläuten wie ein Jubelklingen über die Berge tönte und die Welt wie in erster Schönheit dazuliegen schien.

Helene ging in den Dom, wo ihre Staffelei bei der Kanzel des Pisano stand.

So träge war sie heut gewesen, keinen Strich hatte sie getan, sich Ferien gegönnt.

Da hörte sie Stimmen an der andern Seite der Kanzel – deutsche Laute.

Zwei Fremde waren es, die mit Hilfe ihres Handbuchs den Marmorzauber zu begreifen suchten, ein älterer Herr und ein jüngerer, beide sehr andächtig und etwas müde, jenes Gemisch, das jeder Italienfahrer kennt, wenn er einmal zu viel hintereinander »besehen« hat.

Der jüngere las einen Passus über die Kanzel vor – ein Bädeker-Zitat, dem Werk eines berühmten Kunstgelehrten entnommen.

»Wer sagt das?« fragte der ältere .

»Hausmann.«

»Hausmann, Hausmann!« rief der erste erregt. »Daß ich's vergessen konnte, dir zu erzählen! In der ›Tribuna‹ las ich's – vorhin, während du Briefe schriebst –, Hausmann ist gestorben – vorgestern in München.«

»O wie traurig!« rief der jüngere, »o, ist das traurig!«

Und sie gingen. Langsam verklangen ihre Schritte in der großen Kirche, bis die beiden irgendwo stehen blieben und weiterlasen.

Helene blieb ganz ruhig. Sie glaubte es einfach nicht.

Das konnte ja gar nicht sein!

Sie war wie im Traum stehen geblieben – minutenlang, bis sie eine seltsame Kälte in sich aufsteigen fühlte. Ihre Hand hatte einen marmornen Löwenkopf umklammert, den Kopf eines jener herrlichen weißen Tiere, die so sicher und stolz die berühmte Kanzel von Siena tragen.

Und die Marmorkühle war's, die sie so seltsam erschauern machte.

Oder konnte es etwas anderes sein?

Sie eilte aus dem Dom.

Vor der Fassade standen die beiden Fremden und schauten durch ihre Operngläser am Wunderbau hinauf. Sollte sie sie fragen?

Aber nein, sie konnte es nicht von fremden Lippen bestätigt hören.

Sie eilte durch die Straßen, der »Aquila nera« zu.

Dort, wußte sie, lag im Lesezimmer die »Tribuna«.

Sie kannte den kleinen Gasthof. Wenn ihre Wirtin einmal zu träge zum Kochen war, hatte sie dort zuweilen gegessen in der kühlen, kleinen Stube, wo für gewöhnlich wenig Verkehr herrschte.

Heut aber drängten sich Menschen in allen Zimmern. Laut und unbehaglich war's. In der einen Ecke saß Frau Lucia Helmstetter, aß Weintrauben und sah sehr belustigt auf das ganze Treiben. Überall Menschen. Helene suchte und suchte. Da endlich sah sie die »Tribuna«, die ein junger Offizier in der Hand hielt. Sie streckte mit einem bittenden Blick ihre Rechte nach der Zeitung aus; sie hatte alles sonst vergessen. Der junge Leutnant reichte ihr das Blatt, halb erstaunt, mit einem raschen, frauenkundigen Blick die blasse Erscheinung musternd.

Zitternd suchte Helene in den Blättern – da – die Telegramme aus Deutschland – und da – ja! da stand's. Schwarz auf weiß – viel niederschmetternder als gesprochene Worte.

Es war also wirklich so.

Mitten aus einer neuen Arbeit sei er abgerufen, von der Influenza jäh dahingerafft . . ja, aus der Arbeit, deren Anfangskonzepte sie geschrieben!

Sie legte die »Tribuna« langsam auf den Tisch zurück. Der junge »Tenente« sah sie mitleidig an; er las es von ihren schmerzverzogenen Lippen, daß sie etwas sehr Trauriges erfahren haben mußte.

Wie ein Schatten entschwand Helene aus dem menschenvollen Hause.

Es trieb sie ins Freie, irgendwohin an den Stadtrand, wo die Straßen und Häuser sie nicht mehr erdrückten.

Und sie fand eine Stelle, wo es still und schön war, wo eine Bank unter Oliven stand und eine weite Aussicht auf ruhevolle Berglinien sich auftat, deren Anblick ihre Seele wie mit weichen Händen streichelte.

Es klang ihr in den Ohren wieder, was der junge Mensch im Dom so aufrichtig betrübt ausgerufen hatte. »Das ist aber sehr traurig –;« so schlichte, unbedeutende Worte waren es, aber der Tonfall, in dem es von den jungen Lippen kam, hatte die Worte geadelt.

Und sie murmelte sie vor sich hin – immer wieder.

Dann kamen ihr andere Gedanken.

Sie war auch nur ein Mensch, und von dem, was man im landläufigen Sinn »vortrefflich« nennt, hatte sie nicht mehr als die meisten.

Und deshalb fiel plötzlich wie Balsam auf ihren Schmerz der Gedanke: nun hat Hans Sachs ihn auch nicht mehr!

Hausmann war hinweggegangen aus allen irdischen Beziehungen, hochentrückt nun über das Getriebe der Menschen, über allen persönlichen Anteil.

Er war nun wieder »ihr« Hausmann, an dessen Werken sie, bevor sie ihn kannte, ihr ganzes Kunstgefühl gebildet, der Hausmann ihrer Feierstunden, jener ungetrübten, ehe Hans Sachs kam.

Ja, er war nicht mehr . . . aber sie kannte seinen Pessimismus, der ihn so oft hatte sprechen lassen: »Nicht geboren zu sein ist der Wünsche größter!« Und sie gönnte es ihm, daß er nun jenseits aller Erdenschmerzen stand.

Und doch vermochte die Erinnerung nicht ganz, sich frei von den Schlacken loszulösen.

Es war so viel Bitternis darin. All die versäumten Stunden, all die Schmerzen des Winters – das waren brennende Wunden in ihr, die selbst in ihren reinen Kummer einen Mißton brachten, das waren egoistische Leiden, in denen die alte Eifersucht nachzitterte, der alte Groll auf den Rivalen.

Und sie zürnte sich selbst ob der eigenen Kleinlichkeit, die sie auch in dieser Stunde nicht verließ.

Es wurde dunkel über Siena. Die Umrisse der Kirchen standen wie düstere Riesenlinien über den Dächern. Der Sternenreigen begann über Toskana zu blitzen, und silbern wiegte sich in Lüften die schlanke Sichel des werdenden Mondes.

Sie ging langsam nach Haus in ihren alten, riesigen, stillen Palazzo und las die ganze Nacht durch beim Schein ihrer Kerzen in den vergilbten Blättern, die Hausmann ihr gegeben, die nur für sie noch da waren in ihrem ganzen Zauber von Jugendglanz und Sonnenlicht.


* * *


In Hausmanns Arbeitszimmer schien das grelle Licht des Tages.

Die Gardinen, die früher so malerische Schatten warfen, waren weit zurückgezogen, und in der blendenden Helle, nüchtern und poesielos, gleichsam unerbittlich hineingezerrt in das allzustarke Leuchten, standen der Eros und der Hypnos. Das einst so stimmungsvolle Gemach war wie entgöttert, und an dem großen Schreibtisch, über den der Gelehrte so oft sein feines, edles Haupt gebeugt, saßen die Söhne der praktischen Wirklichkeit, die Lebenden, die »das Recht hatten« Reinhart, der fingerfertige Literaturmann, der gekommen war, um Hausmanns Nachlaß zu sichten, und Hans Sachs, der mißmutig zusah, wie der andere alles, was sich »edieren« ließ, unbarmherzig an sich nahm.

Reinhart befand sich wie in einem seligen Traum.

In seinem Leben war sehr vieles, was anders besser gewesen wäre. Er hatte sich verheiratet, ohne an die Rechte gekommen zu sein, hatte Kinder, die er nicht verstand und nicht zu lenken vermochte, und einen Durst nach Ruhm, der größer in ihm war als die Fähigkeit, ihn zu erlangen.

Viel Ärgernisse lagen auf seinem Wege. Zuweilen griffen ihn Kollegen aufs schärfste an, wenn sich einmal eine seiner Hypothesen falsch erwies, eine Diagnose, die er einem ausgegrabenen Götterbild gestellt hatte. Wäre nicht der große Nimbus der Hausmann-Freundschaft um ihn gewesen, würde manch schonungsloser »Freund« ihn noch energischer angegriffen haben.

Und nun stand er plötzlich vor Hausmanns Nachlaß, und die ausgeschüttete Fülle des Materials erschien ihm wie ein fabelhaftes Goldland, dessen Schätze zu heben er als erster bestimmt war.

Die besten Stunden seines Gelehrtendaseins sollten ihm nun erst zu teil werden, und seine Finger zuckten nach all den Heften und Seiten, die noch keiner kannte.

Hans Sachs durfte ihm nur zur Hand gehen. Selbständige Rechte hatte er nicht.

Und doch brannte derselbe Ehrgeiz in der Brust des einen wie des andern.

Die Luft in Hausmanns Hause, das stete Empfinden der fremden Berühmtheit, die mannigfachen Ehrungen von den höchsten Stellen herab, die Hausmanns Begräbnis zu einer lauten, großen, pomphaften Feier gemacht hatten – so widerspruchsvoll für diesen stillen, alten Mann und doch unvermeidlich am Grabe eines Berühmten –, all das hatte in Hans Sachs mehr und mehr das Bewußtsein gesteigert, daß ein Mensch nichts ist und nichts bedeutet, solange er nur seine fünf Sinne beisammen hat, etliche kleine Talente ausübt, nur jung, frisch und vermögend ist, – daß erst andere Dinge in die Wagschale fallen müssen, um ihn zu erheben über das Niveau der Alltagsmenschen.

Die Sehnsucht brannte in ihm, etwas Aufsehenerregendes zu schreiben, einen geistvollen Essay über Hausmann, der den großen Gelehrten in ein neues Licht gerückt hätte; aber was gab es wohl, das Reinhart ihm nicht vorweg nahm?

Und dann quälte ihn noch ein anderes. Er wußte, daß er gar nicht produktiv war, daß er keine Phantasie besaß, aus der er eigene Gedanken hätte schöpfen können. Wenn nicht ein direktes Material vorlag, ein schon vorhandener Stoff, so brachte er es nicht fertig, selbst das kleinste Feuilleton zu schmieden. Er hatte kein ganzes Talent – nur viele kleine Salontalente für die Oberfläche. Er war ein »Blender«, weiter nichts. Und da er sich das bei diesem wichtigen Anlaß mit dem gewohnten Freimut gestand, litt seine sonst so glänzende Laune zum ersten Male in seinem Leben ernstlich Schiffbruch.

Er hatte außerdem Hausmann aufrichtig lieb gehabt. Wenn auch öfters die seltsame Konstellation eintrat, daß er sich im Vollgefühl seiner physischen Jugendstärke dem alten Großen gegenüber überlegen vorkam, so waren doch auch Augenblicke gewesen, in denen selbst er, der lachende Leugner alles Erhabenen, der so gern Alltagswitze an hohe Ideale hing, etwas wie Schauer der Ehrfurcht halb widerwillig empfand.

Und ein Hochgenuß war es ihm gewesen, zu sehen, wie wohl sich Hausmann unter seiner Pflege fühlte, wie er es jedem aussprach, der an sein letztes Krankenbett trat! Er hatte ihn eben zu nehmen verstanden, den alten, eigenartigen Sonderling, ihm wohlgetan mit seiner Heiterkeit, seiner Energie. Und alle – der Hausarzt, die Kollegen, die da kamen, zuletzt selbst die ungastliche Frau Winter, hatten es bewundernd eingestanden, daß Hans Sachs neben all seinen kleinen, spielenden Talenten eine hohe Gabe in der Vollendung besaß – die des Samariters.

Bei Hausmanns Tode stand er wie in einer Aureole. Und diesen Nimbus wollte er festhalten, koste es, was es wolle. Er mochte nicht wieder hinabtauchen in den Schwarm unbekannter Dozenten.

In dem stillen Hause, aus dem der gelehrte Mann so schnell und leise fortgegangen war, kämpften nun Geister des Ehrgeizes rastlos um den Nachlaß des Großen.

Hausmann war gewohnt gewesen, Tagebücher zu führen, nicht regelmäßig, aber er hatte immer eine kleine Jahresagenda auf dem Tisch liegen, in die er hin und wieder eine Notiz eintrug, meist in Abkürzungszeichen, die nur er selbst verstand.

Eines Morgens geriet Reinhart an das kleine Buch des letzten Winters und saß grübelnd vor den Hieroglyphen, zu denen ihm der sichere Schlüssel fehlte. Es half ihm nichts – diesmal mußte er Hans Sachs zu Rate ziehen, so ungern er auch andere Menschen an den Nachlaß heranließ.

»Wußtest du,« fragte er, »daß Briefe von Hausmanns erster italienischer Reise vorhanden waren, die er verbrannte oder verbrennen ließ?«

Hans Sachs trat hinter Reinharts Stuhl.

»Hier unter dem einundzwanzigsten Dezember steht: ›Die Briefe an meine Schwester wiedergefunden – von der ersten Reise nach I. – an Fräulein H. gegeben – zu gelegentlichem Verbrennen.‹ Wer kann ›Fräulein H.‹ sein? Etwa das Mädchen von dem Herzog und der Verleger Hantlin neulich erzählten – die Aquarellistin, die im Winter so viel bei ihm war? Wenn sie die Briefe noch hätte, wären sie ja von unschätzbarem Werte für mich. In Hausmanns Jugendzeit sind mir noch so viele Lücken.«

Hans Sachsens Stirn erhellte sich.

»Freilich kann es nur die sein. Wenn du aber dies bewußte Fräulein Helene so gut kenntest wie ich, würdest du fest überzeugt sein, daß solche Wesen Briefe, die ihnen zu dem Zweck gegeben werden, gleich nach der ersten Lektüre verbrennen. Dafür garantiere ich.«

»Das wäre ja schrecklich!« rief Reinhart und fuhr sich durch die ergrauten Locken. »Obgleich ich's kaum glauben kann! Wer schleudert so ohne weiteres solche Wertgegenstände in die Flammen!«

»Du oder ich zwar nicht, aber diese Helene ist ein sonderbares Gewächs. Der Verleger Hantlin sagte neulich was von einer ›Stillen im Lande‹. Das stimmt. Und aus der Stillen kriegt man nichts heraus.«

»Aber ob sie sich nicht doch wenigstens einmal gründlich interviewen ließe?« beharrte Reinhart. »Sie muß doch allerhand kleine Züge von ihm wissen – geistreiche Apercüs des letzten Winters. Mein Gott, wem solch eine Riesenbekanntschaft in den Schoß fällt wie diesem Mädchen, der macht sich doch klar, daß solche Erlebnisse nicht Privatbesitz sind, daß auch die Mitwelt ein Recht auf sie hat.«

»Von diesem Recht der Mitwelt wirst du dieses Mädchen nie überzeugen.«

»Als ich Hausmann im letzten Herbst in Vicenza traf, hatte er sie gerade kennen gelernt. Er sprach von ihr – etwas unpersönlich natürlich, wie immer – aber doch mit einiger Wärme. Wenn ich nicht irre, diktierte er ihr auch den Anfang seines letzten Werkes, das du das Glück hattest weiterzuführen, dank meiner Empfehlung. Sie muß ja doch allerhand wissen!«

»Sie ist höllisch zugeknöpft. Aus der bekommst du nichts heraus«

»Das heißt – am Ende verarbeitet sie ihre Beziehungen zu ihm auf eigene Hand?«

»Gut, daß sie dich nicht hört!« rief der Neffe. »Sie würde dir sonst sofort eine Ohrfeige anbieten.«

Reinhart zuckte die Achseln über den geschmacklosen Scherz, der ihm höchlichst mißfiel.

»Du tätest mir trotzdem einen Gefallen, mir ihre Adresse zu verschaffen,« fuhr er mit gezwungener Freundlichkeit fort. »Hausmann und die Frauen – das ist auch ein Kapitel, bei dem ich noch ziemlich im Finstern tappe. Das heißt, eine Charakteristik der Schwester habe ich bereits seit sechs Jahren liegen. Im ganzen glaube ich zwar: er hatte den Sinn für Frauen gar nicht. Sie störten ihn im Arbeiten. Und doch besinne ich mich, wie er mir einmal erzählte, daß er sich bei seinem ersten Aufenthalt in Italien täglich genau so viele Male verliebt habe, als schöne Mädchen an ihm vorbeigegangen wären. Hätte ich nur die Jugendbriefe! In denen schlummert gewiß ein mir ganz unbekanntes Stadium seiner Psyche.«

»Möglich, sagte Hans Sachs leichthin, »möglich, daß ihm Frauen ziemlich egal waren, aber ganz umsonst wird er sich wohl den da« – und er klopfte dem Eros etwas unsanft auf den gesenkten Hals – »nicht als Hauspenaten angeschafft haben! Aber du entschuldigst wohl, wenn ich mich drücke! Ich hab' eine Verabredung. Und zu helfen ist doch wohl nichts mehr!«

»Bitte, denke an die Adresse von Fräulein Helene! Ich muß sie haben!« rief der Onkel ihm nach.

Hans Sachs schloß die Tür. »Nein, ich muß sie haben!« rief es leidenschaftlich in ihm.

Im Vestibül sah es unwirtlich aus. Frau Winter war gleich nach dem Tode des Herrn zu ihren Angehörigen ins Gebirge zurückgekehrt. Niemand wischte den Staub. Auf den Rahmen der Piranesi lagerte er wie eine graue Schicht.

Frostig war es im Hause, trotz der Augusthitze, die über der Welt lag.

Hans Sachs dachte an Helene, wie er ihr einst in diesem Vestibül den Mantel umgetan.

Sie hatte die Korrespondenz mit ihm schroff abgebrochen, ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß seine Briefe nur darum Wert für sie hatten, weil sie Nachricht von Hausmann brachten.

Schließlich war er ärgerlich geworden über ihren Eigensinn.

Nach Hausmanns Tod erwartete er Nachricht von ihr, Bitten um ein Bild, eine Erinnerung oder dergleichen. Nichts davon! Sie hüllte sich beharrlich in Schweigen da unten bei ihren italienischen Bergen.

Auch in der Pension Baderschneider wußte niemand etwas von ihr, nicht einmal Lenore, das heißt: die fingierte vielleicht, nichts zu wissen!

Er beschloß, Lenore aufzusuchen und sie einmal gründlich zu blockieren.


* * *


Lenore saß seelenvergnügt in ihrem Atelier und gab dem Zittauer Zeichenstunde.

Während der »Menschensalat« in der Pension Baderschneider im übrigen ziemlich gewechselt hatte, war Leutnant Häslein noch immer hängen geblieben, teils von den Kunstgenüssen gefesselt, teils vom Münchner Bier, teils von Lenorens Lustigkeit. Er ging mit der Idee um, den Waffenrock endgültig auszuziehen und unter die Literaten, Maler oder Mimen zu gehen. Über jedes bängliche Gefühl etwaiger Unsicherheit in Hinsicht auf die neue Berufswahl hob ihn die Überzeugung hinweg, daß er zu jeder dieser Karrieren ausnehmend befähigt sei. Und die gutmütige Lenore ließ ihn bei dieser Illusion, obgleich allein der Anblick seiner Zeichnungen ihr Kunstgefühl schmerzlich verletzte.

Sie aßen Eis und schwatzten. Das Zeichnen ging nur ganz nebenher.

Hans Sachs fühlte sich sogleich aufgemuntert, als er lachende Gesichter sah.

»Gottlob,« rief er, »daß ich das griesgrämige Onkelprofil für einige Zeit los bin! Es macht mir nun mal absolut keine Freude, da hineinzusehen! Wie eine triste Regenlandschaft wirkt's auf mich. Da lob' ich mir den hellen Himmel, der so ungehindert bei Ihnen hereinscheint, wenn er auch Ihr Atelier zur venetianischen Bleikammer macht!«

»O, Hitze ist so gut!« sagte Lenore. »Sich mal so ordentlich aussonnen! Vorrat für den Winter!«

»Ich muß Ihnen übrigens etwas erzählen, was Sie interessieren wird,« fuhr Hans Sachs fort, während er, die Hände in den Taschen, auf- und ablief und hie und da mit dem Fuß gegen ein Möbel stieß. »Von einem verrückten Engländer nämlich, der ein Geschäft machen möchte. Sie wissen, diese Albionsöhne sind oft wie toll auf Autogramme. Nun habe ich einen in petto, der durchaus Handschriftliches von Hausmann haben will. Aber ›s ist nichts vakant. Vom Nachlaß wird vorderhand kein Stück vergeben, und der Mensch hat's eilig. Da hat man mir nun mitgeteilt, daß Ihre verschwundene Freundin Helene alte Hausmannbriefe in Besitz haben soll. Bitte, tun Sie sich doch mal danach um, ob das richtig ist. Der betreffende Engländer will ein kleines Vermögen dafür geben, also wäre die Anfrage unter allen Umständen zu erwägen! Fräulein Helene hat zwar früher immer den Eindruck einer wohlsituierten Lady auf mich gemacht, nach ihrer ganzen mise en scene zu schließen. Das Wohnen hier oben beim Himmel hielt ich mehr für einen kleinen exzentrischen Sport. Nach dem, was ich aber neulich aus ihrem Verleger herausfrug, kann sie doch nur eine ›Scheinreiche‹ gewesen sein, ohne festes Kapital dahinter. Gewöhnlich hat so jemand ja auch noch eine alte Mutter zu versorgen.«

Der Zittauer sah Hans Sachs bewundernd an. Er hatte längst gemerkt, daß jene Helene etwas wie eine Achillesferse für den kecken Freund gewesen war, und staunte nun über die prosaische Sachlichkeit, mit der er dies Thema so souverän behandelte. Es war ihm hochinteressant, Stoff für die Münchner Memoiren, die er im geheimen schrieb.

Lenore schwieg beharrlich.

»Sie, die sonst so Redebegabte, verstummen?« fuhr Hans Sachs ironisch fort. »Verzeihen Sie, wenn ich konstatiere, daß Sie par ordre schweigen. Sie wissen sehr wohl, wo Fräulein Helene ist, und können mir auch genau sagen, ob sie ein kleines Kapital brauchen kann oder nicht. Aber Sie sind vereidigt von ihr!«

»Wenn das der Fall ist, werde ich wohl auch den Mund halten,« versetzte Lenore.

»Aber es verstößt ja wohl nicht gegen den Schwur, das Angebot dieses wunderlichen Engländers an Fräulein Helene gelangen zu lassen – und dann die Antwort an mich?«

In Lenorens Ohren tönte es immer wieder, was er von kleinem Kapital gesagt. Wäre sie nur im Besitz von Autogrammen gewesen – sie hätte sie sämtlich für gutes Geld an den Meistbietenden losgeschlagen. Helene sollte nur ja nicht zu prüde sein. Natürlich war es ihre Pflicht, ihr diese Mitteilung zu machen.

Wenige Tage später hielt Lenore die Antwort in Händen.

»Liebe Lenore!

»Sagen Sie, bitte, Ihrem Engländer, daß ich allerdings Jugendbriefe von Hausmann bekommen habe, jedoch mit dem Vorbehalt, sie nach der Lektüre zu verbrennen.

»Wäre übrigens diese Klausel nicht, so würden mir auch dann diese Briefe für alles Geld der Welt nicht feil sein.

»Ihr Engländer hätte also unter keinen Umständen Chancen gehabt.

»Im übrigen, liebe Lenore, hat mich Ihr Brief mit seiner warmen Anteilnahme sehr gefreut, und ich zürne mir fast, daß ich so lange Ihnen gegenüber schwieg. Dafür werde ich Ihnen nun von der neuen Wendung in meinem Leben erzählen, zugleich als Antwort auf Ihre Fragen in betreff unsrer nächsten Zukunft.

»Ich gehe für zwei Jahre nach Kleinasien und vielleicht weiter.

»Begreifen Sie, daß mich das verlockt?

»Sobald ich in Siena mit meiner Arbeit fertig bin, was in den nächsten Tagen der Fall sein wird, steche ich von Brindisi aus in See.

»Klingt das nicht fast wie nach Kolumbus? Ich hoffe auch eine neue Welt zu entdecken! Die alte hat wenig Verlockendes mehr für mich, seit mein geliebter Freund nicht mehr lebt.

»Mein Münchner Verleger war so gütig, mir Orvieto und Sankt Peter vorläufig zu erlassen. Vielleicht wird's ein andrer malen – wohl besser als ich, denn mit meiner Stimmung ist's vorbei.

»Und wissen Sie, wem ich diese asiatische Wendung verdanke? Ihm, Hausmann! Das ist das beste dran!

»Er gab mir, als ich München verließ, eine Empfehlung mit an Frau Lucia Helmstetter, die Sie – oder deren Reisebeschreibungen vielmehr – ja auch kennen. Sie kam bald nach mir nach Siena. Schwerfällig, wie ich im Anknüpfen neuer Beziehungen bin, behielt ich den Empfehlungsbrief erst längere Zeit im Koffer. Aber eine Woche nach Hausmanns Tode trieb mich der Wunsch, mit jemand über ihn zu sprechen, doch zu ihr. Und diesem Brief von ihm, der nun von einem Verstorbenen kam mit der Bitte, daß sie mich unter ihre Fittiche nehmen möchte, verdanke ich ihre Gunst.

»Sie reist mit einer ganzen Karawane von Dienern, Photographen und dergleichen. Ich gehe als Aquarellistin mit für jene Gegenden, deren Reiz der Apparat nicht genügend zu interpretieren vermag.

»Und ich träume schon jetzt von stillen, hellen Seen, an deren Ufern die Sykomore rauscht und in deren Tiefe sich Berge mit Pellegrinoformen spiegeln.

»Ich bin unendlich begierig auf das östliche Land und dankbar und frei für jeden großen Eindruck.

»Vielleicht komme ich dann später einmal in unser Atelier über Pension Baderschneider zurück, wenn Sie noch dort sind und die Gäste unter uns gewechselt haben.

»Leben Sie wohl – aber nicht bis dahin. So weit es illustrierte Karten gibt und darüber hinaus, sollen Sie hören

von Ihrer wanderlustigen

Helene.«

Kein Wort, ihre Adresse noch weiter zu verschweigen, stand in dem Brief.

Natürlich ließ Lenore ihn sich in der nächsten Zeichenstunde vom Zittauer abschwatzen, der ihn wie eine Trophäe Hans Sachs beim Baderschneiderschen Mittagessen überreichte.

Die Platzmajorin wunderte sich sehr, daß Hans Sachs trotz seines gewöhnlichen kräftigen Appetits schon vor dem »großen Fleischgericht«, wie in der Pension die piéce de résistance hieß, aufbrach und in seinem Zimmer verschwand.

Am Schreibtisch, auf dem Hausmanns Bild zwischen den Photos lachender Mimen stand, las er ihn, den Kopf in die Hand vergraben, mit einer ihm unbekannten Anwandlung von Melancholie.

Was zum Teufel hatte dies Mädchen an sich, daß sie imstande war, ihn sentimental zu machen!

Was erdreistete sie sich, ihm jedes Mal, wenn er an sie dachte, einen Stich ins Herz zu geben! Ob es nicht das einfachste war, sie zu heiraten? Dann hatte er beides: erstens sie, zweitens die Briefe.

Sie war zwar beträchtlich älter als er, vielleicht fünf oder sechs Jahre, aber was tat das! Solch kleine Mißverhältnisse können eine Ehe nur um so eigenartiger machen.

Sie war arm – aber er hatte ja Geld für zwei.

Der Brief erschien ihm tapfer und rührend zugleich. Er imponierte ihm in seiner gewissen schlichten Einfachheit. Er hätte der Schreiberin die Finger küssen mögen, dieselben Finger, die ihm einst ins Gesicht hatten schlagen wollen in jener fernen, interessanten, angenehmen Winterstunde.

Plötzlich sprang er, unter dem Zwang einer blitzschnellen Eingebung, auf und langte mit turnerartiger Behendigkeit vom hohen Bücherbrett, das an altmodisch gestickten Bandeaus an der Wand hing, einen gelben, broschierten Band herab.

Es war das Kursbuch.


* * *


Der Septembertag kam, an dem sich Helenes Begegnung mit Hausmann jährte – jene stille Stunde in der alten, kühlen Basilika Ravennas.

Sie hatte sich gefürchtet vor diesem Tage. Die ganze Qual des Zurückdenkens an ein verlorenes Glück, das unwiederbringlich ist, peinigte sie, und wenig empfand sie von der Wonne des Leides.

Das letzte Jahr hatte sie reich gemacht, ihr einen höheren Begriff von sich selbst und ihrem Können gegeben, sie gewissermaßen eingereiht als tüchtige Künstlerin in den Augen der vielen, denen Hausmanns Urteil als maßgebend galt.

Aber durch alles, was ihr das neue Jahr gebracht, dessen Silvestergeläut damals so verheißend in ihre Feierstunde klang, zog sich jener Mißton, der nur schärfer wurde in der Erinnerung. Es quälte sie, daß sie noch immer eifersüchtig war – um eines Toten willen!

So ohne weiteres vergeben und vergessen, das konnte sie nicht.

Sie hätte es ihm so gern noch einmal laut ins Gesicht gerufen, dem Rivalen, der sie verdrängt hatte, daß sie ihn haßte dafür, – haßte für all die nichtgenossenen Stunden in Hausmanns Nähe, die er ihr verscherzt hatte, er allein!

Um ihre höchsten Freuden hatte er sie gebracht, lediglich um sich ein paar gute Chancen für seine Karriere zurechtzumachen.

Immer wieder kreisten ihre Gedanken voll Bitterkeit um diesen einen Punkt. Sie hatte niemand, mit dem sie sich aussprechen konnte. Weder ihre Schwester noch Lenore waren dazu geeignet, und auch vor Frau Helmstetters scharfen Augen hätte sie nie den Mut oder die Lust gehabt, diese törichten Gefühle zu gestehen.

Ihre Arbeit war fertig. Auf der Staffelei in dem kühlen Palazzosaal stand sie, mit Heftzwecken auf das Reißbrett gebannt. Sie war gut geworden, diese Arbeit, trotz allen Kummers, der in die Marmorfarben hineingemalt war.

Helene saß am Fenster und schaute auf den hellen Domplatz hinab. Es hatte in der Frühe gewittert. Wie erste Herbsteskühle wehte es über die Berge. Sie fror beinahe und stand auf, um sich wärmer anzuziehen. Da fiel ihr zwischen ihren Sachen das weiße Gewand der Karthäusermönche in die Hand, das sie damals in Ravenna getragen, als Hausmann über die elende Stiege zu ihr kam.

›Auch das Gewand wird sich bald jähren,‹ dachte sie. Da fiel ihr ein, daß sie es doch heute am Erinnerungstag eigentlich anlegen müsse. Sie hatten ihm ja so gefallen, die weißen Mönchsfalten!

Der Gürtel vom Ponte Vecchio lag auch noch da, – all die Erinnerungen so sorgsam beieinander, als schönste seine italienischen Briefe, die sie noch immer mit sich führte als kostbarsten Besitz.

Sie war froh, daß sie an diesem Tage allein sein konnte. Frau Helmstetter traf die letzten Reisevorbereitungen in Rom. Erst in Brindisi sollte Helene sie treffen.

Diese letzten Tage in Siena hatte sie noch einmal ganz für sich, ehe es dann mit der großen Karawane meerüber nach dem fernen Osten ging.

Da stand sie nun in ihrem weißen Kleide.

Aber sie fror dennoch, trotz des weichen, warmen Stoffes. Sie ließ die Portiersfrau kommen und Feuer anlegen im schönen Marmorkamin. Das prasselte so lustig unter den herrlichen Reliefs des Simses, zwischen den leichtgeneigten Genien, die das Wappen von Siena hielten.

Und wie dieser Anblick sie erinnerte an jene roten, lodernden Kaminflammen droben in München, an denen Hausmann sich so oft die blassen, schlanken Hände gewärmt hatte.

So deutlich stand seine Erscheinung vor ihren Augen – etwas durcheinandergeraten mit dem Jünglingsbildnis vom Schreibtisch der Schwester –, ein weicher Hauch von Jugend darüber gebreitet.

Der Begriff »Hausmann«, der früher drei braune Bände für sie bedeutet hatte, war nun zum verklärten Ideal für sie geworden.

Da ging nach schnellem, kaum vernehmbaren Klopfen plötzlich die Tür, und es stand jemand auf der Schwelle.

Helene fuhr aus ihren Träumen empor und starrte den unerwarteten Gast erschrocken an.

Es war Hans Sachs.

Auch er stand einen Augenblick wie gebannt.

Der große, weite, dunkle Saal, das helle Mädchen und die roten Flammen, das alles hatte etwas so Phantastisches, Unerwartetes, daß es selbst ihn, den Nüchternen überraschte.

»Sie wohnen ja hier wie die Herrin von Siena,« sagte er etwas unsicher, »oder wie eine Ghibellinenfürstin! – Verzeihen Sie mein plötzliches Eindringen,« setzte er hinzu, als sie schwieg, »aber mit den gutgeschulten Portiersgattinnen deutscher Mietskasernen hat Ihre pittoreske alte Parze da unten wenig gemein. Sie hat mich ohne Anmelden eigenhändig hier in den zweiten Stock geschoben.«

»Wie kommen Sie denn nach Siena?« fragte Helene gelassen. Sie staunte über sich selbst, daß das Wiedersehen sie so kalt ließ.

»Mir wurde gesagt, daß Frau Helmstetter hier sei, die ich in gewissen Angelegenheiten zu sprechen habe. Nun erfuhr ich aber im Hotel, daß sie bereits abgereist ist, und dabei erfuhr ich – zufällig – auch Ihre Adresse.«

Helene warf ihm einen großen Blick zu.

»Das heißt, Sie sehen mir an, daß ich lüge,« fuhr er fort. »Ich kam um Ihretwillen.«

»Ich glaube, Sie lügen wieder,« sagte Helene scharf. Sie kamen nicht meinetwegen, sondern um gewisser Briefe willen, die mein sind. Aber bitte, setzen Sie sich, wir können das ja in Ruhe besprechen.«

Sie deutete auf einen Polsterstuhl, dessen Lehne prachtvoll geschnitzt und dessen Seidenbezug zerrissen war.

»Wie schön es hier ist!« rief er. »Und wie schön Sie! Marmor – Marmor – das ist die Devise von Siena, und Sie in Ihrer weißen Toga sehen auch wie Marmor aus, wie ein von einem Relief herabgestiegener Donatello oder Rossellino.«

»Nun, wollen Sie nicht zur Sache kommen?«

»Sache? Was für ein trockenes Wort das ist für die Sache, die ich meine. Die Sache sind Sie. Ich weiß zwar, daß Sie mir nie das Recht gegeben haben, mich um Sie und Ihre Angelegenheiten zu kümmern. Aber Rechte, die kann man ja nicht nur bekommen, die kann man sich ja auch nehmen. Glauben Sie mir, es ging mir durch und durch, als ich hörte, daß Sie für einige Jahre so in die blaue, ungewisse Ferne wollen, und ich möchte nur eins fragen dürfen: tun Sie es gern oder blieben Sie lieber?«

Sie sah ihn erstaunt an. ›Ich möchte wissen, was Sie das angeht?‹ stand in ihrem Blick.

»Nämlich, falls Sie es nicht gern tun, sondern um irgend eines praktischen Grundes willen, – falls Sie vielleicht unter gewissen Bedingungen doch lieber blieben, so hätte ich einen Vorschlag zu machen.«

»Nun?«

»Es ist doch nichts Kleines, das Vaterland so für Jahre zu verlassen, mit einer Fremden in die Fremde zu gehen . . . Wenn Sie sich nun zum Beispiel im Vaterlande verheirateten?«

Sie wurde immer erstaunter. »Und mit wem?« fragte sie verständnislos.

»Nun, – mit jemand, der imstande wäre, Ihnen ein recht gutes ›sort‹ zu bieten. Vergeben Sie, daß ich etwas in Ihre Privatangelegenheiten eingedrungen bin, – aber ich weiß, Sie sind kein Krösus und haben es nicht leicht, sich durchzuschlagen.«

»Ich verstehe Sie wirklich nicht! Sie tauchen da plötzlich in Siena auf und machen mir aus blauer Luft Vorschläge, die klingen, – nun, ich will nicht sagen, wie! Was steckt dahinter? Sie haben mir im letzten Winter öfters versichert, daß Sie nichts ohne Zweck tun.«

»Nein, das tue ich auch nicht,« sagte er und beugte sein knabenhaftes Antlitz näher zu ihr herüber mit einem beinahe hilflosen Ausdruck, der all die sonstige Keckheit zu verleugnen schien, »ich sage das alles nur, um zu sondieren, ob vielleicht ich selbst es wagen dürfte, Ihnen jenes ›sort‹ von dem ich sprach, anzubieten.«

Sie sprang hastig auf. Er ebenso. So standen sie Aug' in Auge vor den Flammen des Kamins.

Gänzlich starr und sprachlos schaute sie ihn an. Und mit einem Male fühlte sie es wie eine Befreiung, daß all ihr eifersüchtiger Groll von ihr abfiel, daß er ihr gleichgültig war, – weiter nichts.

Und sie schüttelte den Kopf und lachte leise.

»Mich verlangt nach keinem andern ›sort‹ als dem, das ich mir selbst zurechtzimmere,« sagte sie mit Nachdruck.

Er trat mit der spitzen englischen Stiefelette seines rechten Fußes nervös auf die Marmordiele, dann lief er durch das Gemach.

»Es ist ein Unsinn für jemand wie Sie, sich drei Jahre in Japan zu begraben!« rief er. »Was wollen Sie da? Heiß ist's und unkomfortabel und langweilig dazu. Ich halt's für Wahnwitz.«

»Das steht Ihnen frei.«

»Und wenn Sie wiederkommen, was werden Sie dann tun?«

»Weiter arbeiten, wie bisher.«

»Arbeiten und sich einschränken und sich abplagen! Ist das ein Genuß?« Und er trat vor sie hin und stand da im vollen Bewußtsein seines guten ›sorts‹ – er, der es so leicht hatte im Leben.

»Ja,« entgegnete sie, »wohl ist es ein Genuß, – sobald man in seinem Dasein ein paar Erinnerungen hat, die so wertvoll sind, wie die meinen an Hausmann.«

»Aber von dem haben Sie doch nichts mehr! Er ist doch tot!«

Sie schüttelte den Kopf. »Gerade weil er tot ist, habe ich ihn nun wieder. Jetzt können auch Sie ihn mir nicht mehr nehmen. Das Bewußtsein allein ist Wohltat.«

»Sie haben mich gehaßt?« fragte er. »Sie waren doch eifersüchtig auf mich?«

»Ja,« rief sie, »eifersüchtig, und noch gestern war ich's und heute noch! Aber jetzt nicht mehr und nie wieder . . . denn ich weiß, ich besitze ihn mehr als Sie, ich vermag besser Erinnerungen zu hüten. Ja, ich bin reicher als Sie trotz Ihres Mammons und meiner Armut. Für Sie war die Beziehung zu ihm doch nichts als ein Mittel, Literatenruhm zu ernten . . .«

»Ja,« sagte er, »ja, ja! Aber ein Mann darf eben anders als Frauen denken. Männer sind ehrgeizig. Unter Umständen verzehrt der Ehrgeiz sie . . .«

Und plötzlich, während er sprach, fiel sein Blick auf die Staffelei, von der das Kirchenschiff des stolzen Sieneser Doms in weichen und doch leuchtenden Farben in den dämmerigen Saal hineingrüßte. Und fast wie Neid überkam es ihn auf das Können dieses Mädchens, das da so blaß und schlicht neben seiner Arbeit stand. Er wußte: sie brauchte nur zu wollen, so hätte sie jenes Buch auch zu schreiben vermocht, auf das sein ohnmächtiges Streben hinsteuerte, und von einer plötzlichen Idee erfaßt, rief er aus:

»Helene, sagen Sie mir eins: was wollen Sie mit Ihren Erinnerungen an Hausmann machen? Sie werden sie doch einmal verwenden!«

Sie sah ihn fast geringschätzig an.

»Nie,« sagte sie. »Sie sind mein – nur mein. Ich werde sie hüten wie die Vestalin ihre Flamme, – ›daß sie brenne rein und ungekränkt‹.«

»So denkt auch nur eine Frau!« rief er. »Sie haben kein Recht, Schätze, die Ihnen der Zufall gab, andern vorzuenthalten.«

»Wenn ich's nicht hätte, so würde ich's mir nehmen, – gerade wie Sie sich Rechte zu nehmen pflegen!«

»Helene,« rief er mit funkelnden Augen, »Helene, geben Sie mir die Briefe von ihm – die Jugendbriefe!«

»Sie wären imstande, mich zu heiraten, blos um dieser Briefe willen!« versetzte sie spottend.

»Helene, verlangen Sie dafür von mir, was Sie wollen, – aber geben Sie mir die Briefe!«

»Sie sind verbrannt,« sagte sie.

»Verbrannt?« schrie er auf. »Das haben Sie getan?«

»Auf seinen Wunsch. Die Briefe waren nur für mich bestimmt, für kein Auge sonst. Sie waren nie mein Eigentum, – nur geliehen auf kurze Zeit.«

»Das konnten Sie tun? Die Welt um solchen Schatz betrügen?«

»Wäre es denn besser, ich hätte ihn betrogen?«

»Ja,« rief er, »ich hätte anders gehandelt!«

»Das glaub' ich,« sagte sie, »Sie Skrupelloser.«

Sie ging an den alten Eichenschrank in der Ecke und suchte etwas.

Er folgte ihr mit brennendem Blick. Er fühlte wieder die Empfindung, die er jedes Mal ihr gegenüber gehabt – ein Gefühl des Gefesseltseins, ein Interesse, das weit stärker war als landläufige Verliebtheit. Er hätte sie an sich reißen mögen – auch ohne die Briefe . . .

Aber sie wollte nicht. Er wußte, sie würde niemals wollen.

Sie kam zu ihm zurück und hielt etwas in der Hand, ein kleines Päckchen, das er kaum beachtete.

»Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?« fragte sie mit trauriger Stimme. »Der Tag, an dem ich vor einem Jahr ihn kennen lernte. Ich feiere heute Totenmessen. Verzeihen Sie, wenn ich ungastlich bin, aber meine Gedanken sind nicht hier.«

»Das heißt, ich soll gehen!«

»Nicht gleich. Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Eigentlich nicht Ihnen. Aber irgend einem Menschen überhaupt.«

Sie strich sich über die Schläfe.

»Jemand habe ich immer begriffen – den großen Kaufmann nämlich, der, ›ungerührt um des Rialto Gold und Königen zum Schimpfe, seine Perle dem tiefen Meere wiedergab, zu stolz, sie unter ihrem Werte loszuschlagen‹.«

»Er war wahnsinnig,« sagte Hans Sachs.

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, er war sehr klug, und ich habe von ihm gelernt. Solche Briefe wie jene sind ein eigner Besitz. Hausmann hat mir gesagt, ›gelegentlich‹ sollte ich sie verbrennen. Das ist kein bestimmter Termin, und ich weiß, ich könnte dies ›gelegentlich‹ bis zu meinem Tode ausdehnen. Nur daß das Leben nicht leicht ist für arme Mädchen, wie ich eins bin, daß doch einmal die Stunde kommen könnte, wo Not und Entbehrung allzu laut an meine Tür pochen oder daß irgend eine Versuchung da wäre, jemand, den ich gern hätte, der mich allzu flehend um diese Briefe bäte . . . Darum ist's besser, sie sind rechtzeitig verbrannt, und da ich heute ganz in der Stimmung bin, Totenopfer zu bringen –«

Er hörte gespannt zu, und ebenso gespannt betrachtete er sie dabei, ihr feines Haupt und den Leidenszug um die Lippen.

Und plötzlich sah er, wie sie das kleine Päckchen, das sie in der Hand hielt, in die hohen, prasselnden Flammen warf.

Nun erst begriff er.

Er schrie zornig auf, stürzte an den Kamin und wollte hineingreifen in die Flammen. Sie aber nahm seine Hände und hielt sie fest mit einer Kraft, die er diesen schlanken Fingern nicht zugetraut hätte.

Gierig züngelte die Lohe um das alte, vergilbte Papier. Noch einmal schwebte das blaue Band empor, das blaue Haarband von einer Jugendliebe. Zwischen dem brennenden Rot wehte es hin und her und versank endlich . . .

Da gab sie seine Hände frei.

Er stöhnte auf vor Zorn. »Barbarin! Vandalin!« rief er und stürzte außer sich von dannen.

Sie aber setzte sich aufs neue an den Marmorkamin, still, mit verschränkten Händen, und sah träumend zu, wie die letzten Blätter verkohlten.

Sie war ruhig geworden, der Mißton verklungen . . .

Aus jenen Flammen dort hatte sie sich die Erinnerung an Hausmann, rein von allen Schlacken, gerettet.



Erdgeruch.

»Hinter den Gittern schlafgebannt
Rauschen im Traum meiner Jugend Gärten . . .«


Er war viele Jahre im Ausland gewesen. Da draußen hatte er sein Glück begründet und an ägyptischen Ausgrabungen seinen guten Stern und seine Philologenfindigkeit erprobt.

Jetzt las er an der Berliner Universität über die großen geheimnisvollen Dynastien, die in den Pyramiden der Wüste schlummern.

Sein Leben stand auf hohem Piedestal. Er hatte ein bedeutendes Buch geschrieben und sich einen guten Namen gemacht. Seine ganze Tätigkeit hing mit Kunst und Weltgeschichte zusammen. Wenn andere sich erst mühsam in den knapp bemessenen Feierstunden ihres Lebens auf die Oase des Erhabenen flüchten mußten – ihm war sie Heimat – sein Fach sozusagen. Sein Beruf brachte all das Große und Schöne mit sich – er hatte es gut im Leben . .

Am Anfang des Sommersemesters reiste er von Berlin aus zu einer jener niederländischen Ausstellungen, bei denen fast unwahrscheinliche Schätze in glänzender Reihe die Welt daran erinnern, daß aus diesem flachen, pedantischen Lande Epochen von Kunst aufgestiegen sind, die nichts zu überflügeln vermag.

Auf der Route nach Amsterdam – nicht an der großen Straße, aber mit einem kleinen Bogen nach rechts bequem zu streifen – lag in weiten Heidestrecken verloren, von einem fernen Kranze dunkler Wälder bewacht, jene Stadt, die er über den bunten, glänzenden Bildern seines Daseins treulos vergessen hatte – seine Heimatstadt.

Ja, er stammte aus einer kleinen deutschen Stadt! Er hätte es viel stilvoller gefunden, in einer bedeutenden Metropole oder an der heißen Küste Kleinasiens oder in Island oder in Korfu geboren zu sein – zuweilen verschwieg er sogar den Namen der Stadt . . . wozu auch ihn nennen, diesen Namen ohne schöne Klangfarbe, der doch keinerlei angenehme Suggestion in irgend jemandem wachrufen und nur an enge Horizonte, an hausbackene Gedankenreihen, an Spione vor den Fensterscheiben gemahnen konnte!

Es spöttelt sich ja so bequem über die kleinen Welten! . . .

Aber wiedersehen wollte er sie, diese Stadt, nun sie ihm am Wege lag, um der angenehmen Sensation willen, die es bereitet, wenn man mit dem Gefühl, etwas geworden zu sein, wieder zwischen die Kulissen tritt, die einst den Werdenden umstanden . . .

»Haben Sie Ortssentimentalität?« hatte ihn ein Kollege lächelnd gefragt, als er von seinem Reiseprogramm sprach mit der wohltemperierten Stimme, die so sympathisch klang, wie weiche Hände sich anfühlen.

»Ihre wahre Heimat ist doch die antike Welt und nicht ein kleines norddeutsches Nest!«

Und er hatte sehr erhaben dreingeschaut bei dem Vorwurf der Sentimentalität, der ihn so wenig traf.

»Ich denke nicht daran, Vergangenheit zu simpeln,« hatte er mit abwehrender Geberde gesagt – »nur meine Visitenkarte will ich dort abgeben – en passant, wie man es wohl bei einer alten Geliebten macht.«

»Oder besser nicht macht,« erwiderte der Freund, und die beiden Lebenskünstler lächelten sich verständnisvoll an, wie Auguren lächeln.

Und nun tauchte sie in der Ferne vor seinen Blicken auf, die kleine Stadt.

Der Zug ging durch Moor und Heide – er beugte sich aus dem Fenster und sah ganz deutlich das wohlbekannte Häuserprofil, die blaugrauen Konturen auf dem lichten Himmel des Sommertages . . . kein Turm fehlte und keiner war hinzugekommen – an derselben Stelle das alte Bild, mochte in der übrigen Welt, im Rollen der Begebenheiten, noch so viel großes Schicksal hingegangen sein.

Ach, er ahnte schon – da war nichts verändert – da war man stehen geblieben, wenn auch alles weiterging. Da wollte man sich ja gar nicht entwickeln – konservativ bis in die Fingerspitzen war man dort, heute wie gestern.

Und er lachte über die Stadt, während er ihr näher kam und das erst so ferne Bild groß und größer wurde, bis aus dem bläulichen Neutralton heraus einzelne Farben zu leuchten begannen: sattes Grün der Linden, braune Mühlenflügel am Fluß, langsam bewegt vom müden Sommerwinde – das Rot des Kirchturms und das blitzende Weiß der Häuserfronten.

Dann verschwand alles, und der graue Schatten des Bahnhofs nahm den Zug auf.

Der Bahnhof war neu. Er erschien dem Aussteigenden äußerst indifferent. Der Name der Stadt sah in großen Lettern von der Wand über dem Wartesaal herab. Er starrte ihn an, dieser Name, er hatte etwas von einer Grabinschrift, fand er.

Neue Häuser an der Bahnhofstraße – stattliche, wohlhabende Bauten Vermutlich war die Stadt in jenem Emporblühen begriffen, das so furchtbare banale Neubauten zu zeitigen pflegt, jenem unkleidsamen Aufschwung, der seinem Künstlerauge immer so wehe tat und den er jederzeit hingegeben hätte für eine einzige, frisch zusammengestürzte Baracke an einem welschen See.

Seine Anschauungsweise war – und er wollte sie nicht anders – nur ästhetisch.

Nun bog er um die Straßenecke. Da sah er, daß nur der Anfang der Stadt neu war wie ein aufgeklebter Gürtel – das Innere schien geblieben.

Ja, ganz wie einst . . .

Da lag der Fluß . . .

Er flutete nicht. Er strömte nicht. Man merkte überhaupt kaum, daß die dunkelbraunen Wellen weiterzogen – er »lag« eben. Aber es war Reiz in seiner Trägheit. Man merkte es an seiner Müdigkeit, daß er aus Heidesteppen kam, wo das Bienensummen um lila Blüten einschläfernd durch die Stille klang . . und an seiner dunklen Farbe merkte man, daß er durch lange Strecken unbewohnten Moores gezogen war, das stumm und verlassen dalag und nur erzitterte, wenn ein einsamer Wanderer darüber hinging oder ein langsames Gefährt; man sah es dem Wasser an, daß sich Wälder in ihm gespiegelt haben mußten, die anders waren als andere Wälder, denn auf seinem dunklen Grunde schwamm es wie geheimnisvoller Schatten aus weltentlegenem Erdenwinkel, wie wilde Urwälder, die fast vorsintflutlich alt in die Lüfte ragten und feierlich dastanden, als wären sie Wotan heilig oder einer andern längst entthronten Gottheit.

Und weil er in dem Heidemoor, aus dem er kam, so seltsamen Verkehr gepflogen hatte, zog dieser Fluß gleichsam wie ein verirrter Fremdling durch die Stadt und suchte auf dem kürzesten Wege aus ihr herauszukommen, am Schloßgarten vorüber, der sich am Rande der Stadt in Sommerfülle dehnte.

Ja, der Schloßgarten! Der Fluß zog die Gedanken dessen, der an seinem Ufer stand, mit dorthin . . .

Vielleicht war da die Stimmung zu finden, die angenehme Sensation, auf die er sich gefreut – statt all der Unlustgefühle, die dies Wiedersehen bisher in ihm erweckt.

Durch schmale Gassen mit alten Fachwerkgiebeln ging er – sie hätten gewirkt auf ihn, diese Giebel, wie ein Anklang von Mittelalter, dem man so gern in deutschen Städten begegnet –, aber sie waren so sauber und neu aufgemalt, so renoviert, so poliert, daß es ihn schmerzte in dem Teil seiner Seele, wo sein Stilgefühl wohnte – nur die bläulichen Schatten, die die Giebel warfen, wirkten schön – aber freilich! an Schattentönen konnten sich auch Menschenhände nicht versündigen!

Da wurde um die nächste Straßenecke das Theater sichtbar.

Wie er ihn geliebt hatte diesen Bau, der die erste Begeisterung seiner Jugend in sich verschloß!

Und jetzt blieb er kritisch stehen und entsetzte sich.

Nein! Der Geist Michelangelos schwebte nicht über dieser Kuppel. Sie war ein Mittelding zwischen Käseglocke und Jockeymütze. Sie verdarb den Abendhimmel über sich.

Das also hatte er schön gefunden als Primaner, ehe er durch Sankt Peters ideale Linien und die göttliche Wölbung von Maria del Fiore gegen solche Architekturmißgriffe grausam geworden war? . . .

Wie falsch sie doch sehen konnten, die Jugendaugen! . . .

»Warum nur überall und zu aller Zeit so viel Aufhebens gemacht wird um diese Lebensepoche?« fragte er sich. Als ob es ein Genuß ist, die Dinge der Welt falsch zu sehen, das Häßliche verklärt und das Schiefe gerade? Und Idealismus wird dieser Sehfehler genannt, dieser Mangel an Urteil – und die richtig Abwägenden werden als nüchterne Realisten gebrandmarkt . . .«

O ja – auch er war sehr jung gewesen – er empfand eine hochmütige Verachtung rückwärts gegen sich selbst . . .

Nun ging er die Hauptstraße herunter, an der die besten Läden der Stadt lagen in Häusern mit unscheinbaren Fassaden, aber von altem Renommee . . .

Auch hier war nichts verändert.

Ja, diese Läden! Namen, an die er niemals mehr gedacht, standen auf den Schildern, sonderbare Namen mit Lokalfarbe, fremdartig, handfest wie ostfriesischer Knüppelkuchen . . . Namen wie Puttfarken und Tailsiefje . . .

Im Bäckerladen lagen genau dieselben Kuchen auf den buntgeränderten Tellern, an denen sein Schülerhunger sich einst gesättigt – die Arten hatten sich unwandelbar weiter erhalten, gerade als ob jeder Lehrling sie als Geheimnis vom Vorgänger übernommen hätte . . . selbst in den Verzierungen waltete noch dieselbe Phantasie, was Zuckerschnörkel und aufgesetzte Kirschen betraf . . .

Noch nichts hatte ihn in der alten Heimat so angeheimelt wie diese Erinnerungen aus der hungerreichsten Zeit seines Lebens!

Fast verlockte es ihn, in den Laden hineinzugehen, um alte Erinnerungen in Makronenform zu genießen – aber er tat es doch nicht – er fürchtete, sie könnten ihm schlechter schmecken als einstmals – und plötzlich, aus einem unverständlichen Grunde, scheute er die Enttäuschung . . .

Ihm war mit einem Male ein wenig schwül zu Mut geworden . .

Er ging ja über ein Pflaster, auf dem er viele tausend Jugendschritte getan hatte – er ging den Weg, der einst sein Lieblingsweg gewesen – er sah die Wipfel des Schloßparks über das alte Gemäuer schwanken – ein Gittertor stand offen, flügelweit – am Fluß entlang führte der Pfad hinein in die Schattengründe alter Buchen.

Die ewige Romantik der Natur hatte diesen Garten weiter blühen und wachsen lassen, Jahr für Jahr, in seiner grünen Üppigkeit, unter den segnenden Händen jedes Sommers.

Der Rasen war noch ungeschnitten. In seinen langen Halmen und Unkrautstauden standen Baumbosketts wie hohe Inseln. Zum Fluß herab neigten sich die Weiden – am andern Ufer blaute die Dämmerung umhüllter Fernen – auf dem Parkteich schwammen Wasserrosen. »Der Schwan glitt auf dem Weiher« – Heinesche Verse und Leistikowsche Bilder fielen ihm ein . . . und da stand noch die alte Bank unter der Blutbuche.

Wie selbstverständlich sank er hin auf diese Bank – und mit einem Male, ganz unvermittelt, fragte er sich, wie es denn nur möglich gewesen sei, daß er so lange nicht mehr hier gesessen? Gehörte er denn nicht hierher? Konnte ihm jemals ein Tempel von Memphis oder eine Säulenreihe in Segesta das Gefühl erdberechtigter Zugehörigkeit geben, das ihn mit diesem Boden verband?

Er erschrak über diese Fragen – was wandelte ihn denn an? Etwas Schmerzliches? Er sondierte seine Gefühle – er wäre sofort aufgestanden und fortgegangen, wenn er Schmerz empfunden hätte – denn unnötige Schmerzen zu vermeiden, Gedankenleiden klug zu umgehen, war ja ein Hauptprinzip seiner Lebenskunst . . .

Aber nein, Schmerz war es nicht – etwas schmerzlich Süßes nur, das wie eine wehe Lust durch seine Nerven zitterte – ihm neu und unbekannt – und fesselnd zu studieren . . .

Und er lehnte den Arm auf die Lehne der Bank und den Kopf ein wenig zurück aus dem Bereich der niedergehenden Sonne, die wie gelbes Gold durch die dunkelroten Buchenblätter flammte.

Der genius loci dieses Schloßgartens gewann Gewalt über ihn – hier war der Schauplatz seiner Jugendgeschichte, einer kleinstädtischen Durchschnittsgeschichte, eines von tausenden – und wenn er auch später ein Ausnahmemensch geworden mit einem Ausnahmelose, so blieb die Tatsache doch bestehen, daß seine jungen Leiden, ganz allgemeine Jugendleiden, sich hier abgespielt hatten im Bannkreis dieses erlebnisreichen Gartens.

Jenseits des Teiches, zwischen den zarten Wipfeln der Akazien ragte ein spitzes Dach – das Haus seines Großvaters, in dem er geboren und erzogen worden war. Hinter den beiden Mittelfenstern hatte er gewohnt – dort hatte er gearbeitet und gerast – dort hatte er gejubelt und geweint – wilde Kämpfe gekämpft mit lauter eingebildeten Schicksalstücken – denn eigentlich ging es ihm sehr gut – Großvater war ein toleranter Mann und die Hausdame verzog ihn sehr. Seine Eltern, die jung gestorben, hatte er nicht gekannt und nicht entbehrt – daß er keine Geschwister besaß, war dem jungen Egoisten nur bequem – er wurde auch – das wichtigste für eine Schülerseele – da wiedergeliebt, wo er liebte. Aber unglücklich war er trotzdem – er fand es uninteressant, glücklich zu sein – er sehnte sich nach der Sensation des Unglücks . . . zufriedene Menschen fand er unästhetisch, robust . . . schon damals lag in seiner Seele ein Widersinn gegen allgemeingültige Auffassung – was viele fühlten, erschien ihm abgegriffen – er wollte für sich sein – und weil seine Kameraden zufrieden und fidel waren, posierte er auf Mißvergnügen und Daseinsschwere.

Er ging immer allein und lange Zeiten lebte er nur seiner Liebe. Sein Tageslauf bestand dann aus einem beständigen Durchqueren der kleinen Stadt, einem strategisch ausgeklügelten Herumsausen, um »ihr« zu begegnen. Und wenn er sie auch fünfmal gesehen und gegrüßt, so war das immer noch nicht genug für seine unersättliche Seele. Er kannte ihren »Wechsel«. Und wenn der Augenblick kam, wo er ohne unliebsames Aufsehen von seiten der Mutter dem Paar nicht ein sechstes Mal in die Flanken brechen konnte, dann durchstürmte er wie ein aufwärts zuckender Blitz Großvaters Haus. Im Fluge ging's über die Treppen, über den Boden fort, mit dem Kopf zur Dachluke hinaus. Gottlob! da sah er sie wieder, die lange bindfadenartige Gestalt mit dem leichtblödsinnigen Ausdruck im niedlichen Gesicht. Trunken hing sein Blick aus schwindelnder Höhe an ihr, die tief unten hinwanderte wie ein dünner Strich. Über seine leidenschaftsblassen Wangen ging der Mittagswind rein und frisch – seine Primanermütze trug einen Ton von Zinnober in das dunkle Dach aus grünem Schiefer – kein Ton war hörbar als das Rascheln der obligaten Bodenmäuse, die in dieser Stadt ein beschauliches, unangefochtenes Dasein führten, da die Fallen der Hausbewohner niemals funktionierten – und neben diesem Rascheln vernahm er noch das Pochen des eignen Herzens, und ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, wenn er dachte, daß er sie vielleicht doch nicht besitzen würde.

Und jeden Nachmittag ging im Schloßpark das Hasten und Jagen wieder an.

Der Schloßpark war überhaupt die Arena des Flirts. Er war nicht der einzige, der wie ein gehetztes Wild auf Begegnungen auslief. Überall sah man junge Gestalten, die ein gleicher Wunsch beseelte, die atemlos aufgeregt, etwas Geistesabwesendes im Blick, an ihren nächsten Verwandten vorbeistürmen konnten – immer nur irgend einem blonden oder braunen Gelock nach, von dem hypnotische Gewalt auf sie auszugehen schien. Der Schloßpark war verhängnisvoll angelegt – man konnte sich ebensogut in ihm begegnen als verfehlen. Die große Frage war: rechts oder links herum? Wer einzeln wanderte, ging natürlich auf stumme Verabredung oder aus Seelensympathie unfehlbar richtig, aber in den höheren Ständen dieser korrekten Stadt herrschte ein Gesetz, daß junge Töchter nicht allein diesen süß gefährlichen Garten betreten durften, nur von Eltern oder Tanten eskortiert. Und diese jungen Töchter wußten, wie schwer es ist, einen Vater, hinter dem die Tage der Rosen weit zurückliegen, der nur seine Fälle im Kopf hat oder seine Patienten, nach Wunsch zu dirigieren – wie schwer, eine Tante, die ahnungslos ist oder tückisch, nach rechts zu lancieren, wenn sie nach links will. Und dabei entschied diese Wahl über das Glück des ganzen Tages . . . und Durchblicke gab es zwischen den Bäumen, qualvolle schöngezeichnete Lichtungen, durch die ein Teil zuweilen den andern sah, ohne ihn zu erreichen – unwiederbringlich war dann die Chance verloren – wenigstens für die höheren Töchter, die nur »einmal herum« durften.

Ja, es wohnte Tragik in diesem Garten, und nicht zu verwundern war es, daß einige seiner verschwiegenen Laubwinkel beliebte Asyle wurden für Lebensmüde. Der frühe Spaziergänger, der nüchtern seinen Dauerlauf im Morgentau machte, konnte einen ersten Tageseindruck haben, der nicht angenehm war – aber der Reiz der Schauerlichkeit, den solche Katastrophen dem Garten gaben, stand ihm ebensogut wie seine Azalienbosketts und der uralte Efeu, der die vom Blitz gespaltenen Eichen umklammerte.

An all dies dachte der Wanderer auf der Bank – auch an die kleine Milchstation dachte er, wo ganze Geschlechter harmlos die Milch tuberkulöser Kühe kuhwarm und ungekocht getrunken hatten – an die weggestorbenen Leute, denen er einst jeden Tag hier begegnet – immer zur selben Zeit – immer an derselben Stelle – Menschen, von denen er nicht nur Namen, Stand und Alter wußte, sondern auch was sie dachten, was sie ärgerte und freute, woher sie kamen, wohin sie gingen. Menschen, die unendlich viel Zeit hatten, die niemals hetzen mußten, deren Leben keine Jagd war, sondern ein gemächliches Hinschlendern auf den kiesbestreuten Schattenwegen dieses Gartens, der wie eine Insel der Schönheit zwischen den engen Kleinstadtstraßen lag, eingegittert wie ein geweihter Bezirk, von den dunkelbraunen Flußwellen bespült, die alte Druidengesänge zu murmeln schienen.

Er hörte Schritte. Eine Familie ging langsam vorbei, von einem Hunde geleitet, den der pater familias sanft an der Leine zog.

Er fuhr ordentlich zusammen.

Wahrhaftig! Da waren sie ja alle noch, alle Gristedes, genau wie einst. Keiner gealtert, vom Vegetieren konserviert – nur der Hund war dicker geworden, was ihm besonders schlecht stand – denn er war ein Windspiel. Es lag wie Altersbürde auf ihm – er hatte nichts Feingliedriges mehr, nichts Leichtbewegliches . . . er trabte dahin, wie Gristedes trabten, schwerfällig, etwas vornübergebeugt, ohne Anmut, aber mit Würde. Hund und Familie waren sich mit der Zeit ähnlich geworden, wie man sagt, daß das zuweilen in Ehen der Fall sei, oder bei Wirt und Stammgästen.

Ihm fiel all die Erregung ein, die einst geherrscht hatte vor mehr als einem Dutzend Jahren, weil Gristedes plötzlich mit einem Windspiel durch den Schloßpark gingen.

Wozu brauchten Gristedes einen Hund? Und wenn, warum dann nicht Spitz oder Pudel? Das wäre unauffällig, bürgerlich gewesen. Ein Windspiel hatte etwas direkt Provozierendes. Hunde müssen zu den Leuten passen, die sie haben. Windspiele gehören auf Veroneses Bilder in englische Schlösser. Sie fordern malerische Umgebung. Und Gristedes waren nicht malerisch, sie waren bieder – und wie der landesübliche Ausdruck für eine bestimmte Seelenverfassung lautete: dröge. Sie hatten kein Recht, ein so bewegliches Tier neben sich herlaufen zu lassen – und dumm war es auch. Denn in diesem Kontrast zeigte sich so besonders deutlich, wie wenig grazil sie selber waren. Sollte etwa die Tochter einen stilvolleren Anflug bekommen von dieser Begleitung? Wollten sie tun, als verständen sie etwas von Turf und Sport? Warum hatten sie bei der Wahl der Rasse niemanden gefragt? Und das Tier mußte einem so leid tun, es fühlte sich sicherlich schrecklich ungemütlich bei Gristedes – es hatte auch etwas entschieden Melancholisches, wenn es so an der Leine von Gristedes durch den Schloßpark gezerrt wurde.

Aber natürlich gaben Gristedes ihren Mißgriff niemals zu – sie machten der öffentlichen Meinung kein Zugeständnis. Die Tochter ließ zwar andeutungsweise durchblicken, das Tier sei ein Geschenk eines auswärtigen Vetters, aber als bei der Post nachgefragt wurde, entpuppte sich Zahna als direkte Bezugsquelle . . . es war klar – nur Fräulein Gristede empfand die schiefe Situation, in die das unglückliche Windspiel sie gebracht hatte.

Viele Jahre schon wanderten sie täglich über diese Pfade – und dem Mann auf der Bank erschien dieser Augenblick fast wie Spuk. Die seltsamsten Tiere hatte er gesehen – Schakale bei den Tempeln von Karnak, riesige Fledermäuse, aufgescheucht aus Königsgräbern des Ramses oder Psammenit – die römische Wölfin und die Knochen des berühmten missing link – aber nie hatte ein Tier ihn so zu erregen vermocht wie jetzt dieses müde alte Windspiel, das da gleichsam aus seiner Vergangenheit heraufgetrottet kam und diese mehr verdeutlichte als jede Erinnerung sonst.

Dieser Fall Gristede, der so typisch war für tausend Fälle, die sich in dieser Stadt begaben, zeichnete so deutlich die Anschauungskreise vor ihm hin, in denen er seine Jugend verbracht – und wie Schaudern überlief ihn der Gedanke, daß er sich vielleicht nicht daraus gerettet hätte, daß auch seine Seele dem herrschenden Geiste verfallen wäre, der hier sein despotisches Zepter schwang.

Hier stand das Leben still in ewiger Unveränderlichkeit – die großen Jagden, die auswärts geritten, die Geistesschlachten, die auswärts geschlagen wurden – hier merkte man wenig von ihnen.

Es gab ein Schema in dieser Stadt, wie der korrekte Mensch sein mußte. Wer gegen dieses Schema verstieß – wehe dem.

Und sein Großvater hatte ihn einspannen wollen in den Dienst der Heimatstadt – ein Schulmann sollte er werden – wie sein Vater gewesen, und er wollte auch – es erschien dem Primaner als das durchaus gegebene – er kannte ja nichts von der Welt als diese Stadt – er wollte schnell auf die Universität, dann wiederkommen und heiraten.

Mit dem Heiraten hatte er es sehr eilig damals!

Nach bestandenem Abiturium war er zu »ihr« gegangen, abends, als die Mutter ihr Whistkränzchen hatte – leise war er an ihr Fenster geschlichen, die Lampe leuchtete damals grünverschleiert aus dem Zimmer, das fast ebenerdig über dem Garten lag.

Er hielt um sie an – mit heiligstem Ernst – auf fünf Jahre Wartezeit.

Schülerverlobungen gab es häufig in dieser Stadt – und Mädchen gab es, die erbarmungslos die Jugendschlinge zuzuhalten wußten; taub gegen alle Wandlungen, die in den Seelen der jungen Toren vor sich zu gehen pflegten, die verblüht und verärgert nach grämlicher Wartezeit ihr Opfer dennoch vor den Altar zwangen und das waren, was man »Klette« nennt, »Bleigewicht« oder »Crampon«.

Hier jedoch gestaltete sich der Fall anders.

Er hatte in der vermeintlich unglücklichsten Stunde seines Lebens seltenes Glück.

Es war nämlich jemand aufgetaucht am Wege dieser törichten Jungfrau, jemand, der ihr auch sechsmal am Tage begegnete, der auch ihretwegen durch die Büsche des Schloßparks brach und den Mangel jeglicher Anmut durch geeignetes Alter und sichere Lebensstellung glänzend wett machte.

Sie hatte eine Partie in Sicht – einen Zahnarzt.

Als er in jener Nacht betrübt nach Hause ging, litt er doppelte Qual – erstens durch ihr Nein – dann durch den Umstand, daß sie ihn gerade eines Zahnarztes wegen aufgab, daß sein süßer Roman, den die Jasminbüsche des Schloßparks so hold umduftetet hatten, allen Zaubers entkleidet wurde durch diesen Mißton.

Er reiste ab, wie mit einem Heineschen Schlußakkord in der Seele – den Treubruch vergab er ihr – denn er nannte es Treubruch, weil sie doch durch drei Jahre täglich sechsmal die Augen ermunternd in seine Richtung gerollt hatte – er stellte mit grimmigem Spott eine Tabelle in seinem Notizbuch auf, in der er 365 mit 6 multiplizierte.

Zwei Jahre später starb sein Großvater.

Zum letzten Male war er damals durch die Straßen der Stadt gegangen zum Kirchhof hin.

Die Fremde hatte sein eigentliches Ich wachgerufen, der Schmerz sein läuterndes Teil dazu beigetragen – er war ein anderer geworden in den zwei Jahren.

Nun rüstete er ganz ab mit der Heimat. Am Stammtisch fand man, er habe Großvaters Haus allzu schnell verkauft und verlassen.

Überhaupt herrschte Mißtrauen gegen ihn. Er trug so sonderbare Krawatten, und seine Blicke schweiften hochmütig in die Ferne, als verlohnten sich die nahen Dinge nicht für sie – er gab den andern ohne Worte zu verstehen, daß er sie für Spießbürger hielt, daß er die kleine Stadt als Milieu unmöglich fand.

Er war nicht liebenswürdig. Er war kalt und kritisch, denn er stand mitten in einer Entwicklungsperiode.

Auch »ihr« begegnete er. Eine alte Dame mit Krückstock hing ihr am Arm. Gutmütig war sie immer gewesen.

Einen flehenden, fragenden Blick warf sie ihm zu. Mit dem Zahnarzt war es schließlich doch nichts geworden – der hatte eine reiche Bauerntochter aus dem Lande heimgeführt.

Es regnete in Strömen vom herbstlichen Himmel.

Das stand der Stadt nicht – und dem Mädchen auch nicht. Nüchtern und kahl schien ihm seine Jugendwelt geworden, der Schloßpark, wo die welken Blätter müde über die feuchten Wege taumelten, schien ihm entgöttert . . leichten Herzens reiste er ab; er, der im Kultus antiker Schönheit stand, hatte nichts mehr in diesem Weltwinkel zu suchen, der wie ein verregnetes Worpswede dalag.

Und er machte einen endgültigen Strich unter das alles.


* * *


Das letzte Sonnengold war in den Zweigen der Blutbuche verglommen – vom Teich, auf dem die fahlen, großen Blätter schwammen, wehte es kühl – und als mit einem Male die Turmuhr mit altbekanntem Klange anschlug, erhob er sich instinktiv, da ihm einfiel, daß ja der Schloßpark gleich nach acht unwiderruflich geschlossen wurde.

Und wie ein Schlafwandler ging er die alten Wege zum Gittertor hinaus.

Er wollte den Reiz der Heimat nicht mehr unterschätzen – er wollte ihr gerecht werden heute. Das hatte er bereits gemerkt: mit einem bequemen Achselzucken kam er jetzt nicht davon.

So viel Kleinliches ist in solch kleiner Stadt! dachte er – so viel engherzig Quälendes, sie züchten immerfort Haß, Neid und Streit, und alles ist deshalb so schlimm, weil es sich auf so engem Raum abspielt – aber die Kulissen sind schön! Diese Bäume stehen da, als sagten sie: »Wir sind unschuldig an dem Treiben der Menschen – wir sind Gärten, die wachsen und blühen und duften, und zuweilen riecht es in uns nach Hesperidenäpfeln. Wir sind Gärten für Jugendträume und erste Liebe – wir neigen unsere Zweige in den Fluß, der still und schwermütig an uns vorüberzieht, und wenn die Abendschatten länger werden wie gerade jetzt und gelbrote Lichter fern über der Heide verglimmen, dann kann unsere Schönheit ruhig den Wettbewerb eingehen mit allen Wundern der Welt.«

Und während er so dachte, traf sein Blick ein paar hohe Fenster gegenüber an der andern Seite des Flusses – sie schienen einem Dornröschenschlosse anzugehören, so dicht waren sie umwuchert von Efeu und wildem Wein und großen Blütenbüschen.

Es waren die Seitenfenster des Museums, dessen Front nach einer andern Straße lag – jene Säle, in denen seit langen Jahren die Gipsabgüsse standen, eine ganze Korona nachgemachter Herrlichkeit.

Gips fand er schrecklich, besonders den ungetönten, blauweißen, den mit den Nähten, die so unbarmherzig über die schönen Lippen eines Apoll oder die zarten Arme einer Rike gehen können.

Und doch war jene verstaubte Göttergesellschaft aus Gips, die da oben thronte, der erste Wegweißer für ihn gewesen in die Sphäre der Kunst!

Ganz zufällig zusammengeraten, Hellas und Italien untereinander, standen die berühmten Gestalten auf grauen Postamenten und sahen mit großen Götterblicken ruhevoll und unnahbar in die fremde Welt, damals wie jetzt – und als er nun hinüberspähte, mit etwas feuchtem Auge, weil es ihn so seltsam rührte, daß sie noch immer dastanden, so gefangen, so entthront, – da war es ihm, als wende die Venus vom Kapitol ihr flechtengekröntes Haupt aus der Ferne ein wenig zu ihm herüber, als winke die Nike von Brescia mit ihrer weißen Hand.

So oft hatte er sich dort hinaufgestohlen in Schülertagen – auf der schmalen Fensterbank hatte der kleine Junge andächtig gesessen, die bunte Klassenmütze in der Hand, die jedes zweite Jahr eine neue Farbe bekam, und die Seele ließ er sich rühren von der Nähe der Gottheit.

Es war immer so leer gewesen in diesem Olymp. Die Altertümer in den andern Sälen zogen viel mehr. Aus dem heimatlichen Boden herausgegraben, riefen sie wunderliche Vermutungen über Römerzüge wach; rostige Schwerter mit Königsnamen, Münzen mit Cäsarenprofilen, Helme, auf denen in getriebener Arbeit der Sonnenkultus des Konstantin dargestellt war, lagen sorgsam mit Daten versehen, ordentlich abgenutzt, seltsam romantisch hinter Glas und Rahmen – sie verlockten ihn zwar auch – er dachte gern an dergleichen – er glaubte damals auch ganz bestimmt, daß Velleda dem Drusus am Ufer jenes braunen Flusses entgegengetreten sei, der da unten die dunkle Straße zog – er hatte sogar Verse darauf gemacht, kunstvolle Hexameter, die er »ihr« in der Tanzstunde zusteckte.

Ach ja – »sie« . . .

Er hatte einmal zu ihr gesagt: »Es gibt hier eine geschlossene Gesellschaft, die zugleich die beste Gesellschaft der Stadt ist.«

»Die Konkordia?« hatte sie gefragt – dies war ein »Klub Eintracht«, dem alle »Honoratioren« angehörten, auch ihr Vater.

»Oh nein,« hatte er milde abgelehnt, »ich meine die Gipsfiguren im Museum.«

Er flehte sie an, einmal dorthin zu kommen, ob es sie nicht gelüstete, mit Göttern umzugehen?

Aber sie kam nicht. Die Gipse »hatten zu wenig an« – so war sie.

Ja . . . sie –

Er wandte sich nach links – er tat alles hier gewohnheitsgemäß – nun wollte er Fensterparade machen bei ihr.

Die Straßen waren abendlich leer. Man sah nur ein paar alte Damen, die in ihre Kränzchen wanderten.

Richtig! es war ja Donnerstag – ihre Mutter mußte also beim Whistkränzchen sein.

Er sah das einst geliebte Haus auftauchen, da kam auch die Mutter schon durch vom Vorgarten, von ihrer Rieke geführt, der unentbehrlichen Rieke, um deren Gunst er früher mit den devotesten Verbeugungen gebuhlt, welche in gar keinem Verhältnis zu Riekes sozialer Stellung standen – aber alles, was mit »ihr« zusammenhing, war ihm heilig gewesen.

Es wunderte ihn gar nicht besonders, die Mutter gerade jetzt ausrücken zu sehen. Das Windspiel hatte ihn noch gewundert – aber nun wußte er schon, daß eben alles beim alten geblieben war. Die Menschen wurden sehr betagt in dieser Stadt, zuweilen hundert Jahre – nur daß sie an diesem Geburtstag die Ziffer nicht erfahren durften, weil sie sonst gleich gestorben wären vor Schreck über sich selber. Es gab hohe Neunzigerinnen, die sich lustig machten, wenn jemand erst achtzig wurde, die nur das Zählen verlernt hatten, aber sonst gänzlich frisch waren und unter Umständen noch tanzten auf eines Urenkels Hochzeit. Etwas äußerst Konservierendes lag hierzulande in Luft und Leben.

Nun stand er vor ihrem Haus.

Der Vorgarten duftete in der Dämmerung. Große Blütenstauden drängten sich auf den Beeten, seltene Rosenarten auf dem Rasen – denn es war ein Wettbewerb unter den Nachbarfamilien, wer am meisten zu leisten verstand auf botanischem Gebiet. Verschnittene Taxusbäume dienten als Gartenzaun – hier war eine Kugel ausgeschnitten – dort ein Huhn, ein großes dunkles Zweighuhn, das behäbig in dem Abendhimmel saß, vermutlich Linchens besonderer Geschmack.

Im ebenerdigen Zimmer wurde Licht gemacht. Ja, da stand sie und zündete gerade die Lampe an.

Die Rouleaux zu schließen fiel niemandem ein. Wozu auch? Man hatte ja nichts zu verbergen – das Leben, das man führte, konnte offen daliegen vor jedermann.

Er lehnte am Taxus und lächelte. Ja, das war sie! Die grünliche Lampenhelle stand ihr besser als der Regen vom letzten Male. Das süße Blumengesicht mit der großen Beschränktheit darin, da war es wieder! Vielleicht sah sie bei Tag gealtert aus – jetzt erschien sie ihm kaum anders als zu der Zeit seines Antrages.

Sie nahm ein Häkelarbeit zur Hand und setzte sich an den runden Tisch. Es schien ein Muster vor ihr zu liegen, nach dem sie arbeitete, denn zuweilen zählte sie mit der Nadel auf dem Tischtuch. Dann kam minutenlang eine leidenschaftliche Wärme in ihr Antlitz und dann häkelte sie weiter, geduldig, befriedigt, im schönen Bewußtsein erfüllter Pflicht.

Warum warf sie keinen Blick hinaus in die wunderschön aufsteigende Sommernacht? Warum stieß sie nicht das Fenster auf und lehnte sich seufzend in die süße Schwüle? Warum schluchzte sie nicht vor Einsamkeit? Warum schrie sie nicht auf vor Unverstandenheit?

Ach Gott – sie war ja gar nicht unverstanden – sie war ja zu Gedanken solcher Art viel zu korrekt! so wie sie heute dasaß, konnte sie sitzen allabendlich, bis sie hundert Jahre alt wurde. Die ganze Verwandtschaft behäkeln, Blumen begießen, durch den Schloßpark wandern – damit war ihr Leben ausgefüllt! Linchen dankte ihrem Schöpfer, wenn sie nur Ruhe hatte, ihre Häkelarbeit, reichlich Nahrung und Achtung der Mitmenschen – vielleicht noch jedes zweite Jahr eine Reise zur Porta Westfalika, dem südlichsten Punkt, an dem sie gewesen.

Sie war nicht von Ibsen angekränkelt und nicht durch Nietzsche verdorben. Sie häkelte viel zu viel, um Zeit zum Lesen zu haben. Sie war Reinkultur einer gewissen Mädchengattung, die anderswo im Aussterben begriffen ist und nur in Winkeln noch in der Vollendung gedeiht.

Er überlegte, ob er schnell entschlossen durch die Verandatür bei ihr eindringen solle. Rieke war noch nicht zurück und sie allein.

Aber er ließ es – wozu sie aufregen! Sie hätte sich ja verhäkeln können.

Ob sie seiner noch gedachte?

Vielleicht zuweilen – aber gewiß viel mehr gedachte sie des verlorenen Zahnarztes! Der Mann lebte ja in der Stadt – um die nächste Straßenecke herum plombierte und zog er »schmerzlos«, wie in seinen Anzeigen stand – und alle Nachmittage begegneten sie sich vermutlich im Schloßpark, immer an derselben Stelle – und sahen aneinander vorüber und grüßten sich kaum.

Nein, der Mann am Gartenzaun empfand keine Sehnsucht, Linchen aus ihrer Ruhe aufzustören – aber nach etwas anderem sehnte er sich, nach den »ungebändigten Trieben, dem tiefen, schmerzenvollen Glück«.

Linchen war nichts für ihn gewesen als die zufällige Erweckerin einer Naturform des Gefühls – eine dürftige blecherne Schale, in die er die frühreifen goldnen Früchte seiner jungen Liebe gelegt hatte.

Aber die Nächte, die er an dieser Taxushecke verträumt, in denen die Sternenwelt des nördlichen Himmels hoch und fern über ihm gefunkelt und die Heimaterde jenen feuchten, modrigen Geruch ausgeströmt hatte, der diesem Küstenboden eigen, – diese Nächte waren doch die herrlichsten gewesen, die das Glück ihm zugezählt! Herrlicher als jene, da er die Sterne glitzern gesehen über den traumschweren Landen am Nil – besser als jene, da er den neu ausgegrabenen Riesenhäuptern ägyptischer Herrscher in die großen mondscheinblanken Steinaugen geblickt.

Denn sein Leben war ein unpersönliches geworden – er hatte in kühlen Höhen mit Riesengestalten der Vorzeit verkehrt, die alltäglichen Formen des Menschenglücks verachten gelernt.

Hier aber lagen die heißen Quellen seiner Jugend, seiner Titanenschmerzen – hier hatte er die Skala der Leidenschaften durchlaufen, so weit es seiner kühlen Seele möglich gewesen – ob der Gegenstand seine Freuden und Leiden wert war, das fragte er jetzt nicht – er dachte nur an eins, an das »tiefe, schmerzenvolle Glück«, das er hier in vollen Zügen genossen.

So versonnen stand er da, bis der Schlag der Kirchturmuhr, dieser dunkle, lange nachzitternde Schlag, ihn plötzlich erinnerte, daß seine Zeit um war.

Und er wandte sich hastig zum Gehen.

Der Gedanke beängstigte ihn, daß er den Zug verpassen könne, daß er zwangsweise eine Nacht hier verträumen müsse auf diesem gefährlichen Boden, der immer heißer unter seinen Füßen wurde – daß er noch die nächste Sonne müsse aufleuchten sehen über den grauen und roten Dächern der Stadt.

Nur fort . . . denn so hatte er es nicht gemeint! Eine reizvolle Stimmung hatte er kosten wollen, flüchtig, zwischen zwei Zügen – in kühler Selbstbeobachtung, rein psychologisch – und nun gingen die Erinnerungen über seine Nerven hin wie Bleistift über Schiefer.

Er eilte den Bahnhofsweg hinab.

Wie oft er diesen Weg mit Großvater gegangen war! Der grüne Mützenschirm, den Großvater wegen eines Augenleidens trug, fiel ihm so deutlich ein. Großvater war sehr neugierig gewesen. Meist hatte er an seinem Fensterspion gesessen und auf die Vorübergehenden gesehen, aber wenn ihn einmal Lust nach internationalem Treiben ergriff, so ging er mit dem Enkel zum Bahnhof und nahm den vollen Badezug ab, aus dem die braungebrannten Gesichter der Nordseefahrer, frisch von jenem ersten Reiselack, der acht Tage anhält, herauslugten.

Und der Enkel, der lieber Linchen nachgelaufen wäre, hatte oft genug gemurrt über diese Wege – und das fiel ihm jetzt plötzlich ein und er sagte sich, daß er nie gut genug gewesen war gegen die alte Seele, daß er sich stets über ihn erhoben hatte kraft der Arroganz der Jugend . . . und Reue überfiel ihn und er sehnte sich danach, noch einmal neben dem alten Mann diesen Weg gehen zu können.

Ja, so weit war er gekommen!

Auf der Flußbrücke blieb er einen Augenblick stehen. Ihm war, als riefe jemand – aber nur die Flut schlug an die Planken des Bootes, das schaukelnd im Wasser lag.

Aus den nahen Vorgärten duftete es stark nach Lilien.

Er ging eilig weiter – es klang, als schelte der Heimatfluß hinter ihm her.

Befreit atmete er auf, als der Zug in seine Gedanken pfiff. Eilig durchstürmte er den Bahnhof, denn er hatte fast zu lange gesäumt – und der Expreßzug nach Holland hielt natürlich nur eine Minute in der kleinen Stadt. Schnell sprang er in einen Wagen, blitzschnell schloß sich die Tür hinter ihm.

Und nun wurde er davongetragen – mitten durch bekannte Straßen ging's, an Plätzen mit Jahrmarktserinnerungen vorüber, an Häusern, in denen Schulgenossen gewohnt, an Bäumen, die ihn einst entzückt hatten durch die feste Pracht ihrer uralten Stämme.

Und als die Stadt verschwand, als die letzten, verstreuten Häuser vorübergeflogen waren, da sah er den Silberglanz des hellen Mondes verklärend über einer Landschaft stehen, die ihm einst wie ein Paradies erschienen: dunkle Gehölze an nebelumflimmerten Wiesen, seltsam schlammige Bäche, in die freiliegende Baumwurzeln tief hineinfaßten wie gespenstische Fangarme, die da etwas Versunkenes suchen wollen – schmale Fußwege, von Brombeerhecken umsponnen, von blanken Disteln und hohen Farnen – schlängelnde Pfade, die sich zwischen hundertjährigen Eichen verloren oder in niederen, strohbedeckten Bauerngehöften mit dem Storchnest auf dem First und der Herdflamme auf der Diele.

Und er glaubte allerhand so deutlich zu spüren, heraufgeweht aus alten Tagen: den faden Geruch der Fliegenpilze, die wie Rubinen aus dem Moose glühten, und den süßlichen Vanilleduft des Geisblatts, das sich so heimisch fühlt auf norddeutschem Boden und die zarten, feinen Glieder weich und liebevoll um die dornigsten Hecken schlingt.

Und ihm war, als ob aus all den Sommern, die über das Land gegangen, ein Extrakt von Blüten und Erde und Waldlaub gebraut sei, der ihm nun entgegenwehte in das weitgeöffnete Coupéfenster des Zuges, der ihn den Atem des Heimatbodens fühlen ließ und stärker zu seiner Seele sprach als alles, was sonst mit seiner Jugend zusammenhing.

Jetzt wurden ihm die Augen feucht, die sonst so klaren Augen des glücklichen Egoisten, und er merkte, daß er mit diesem Wiedersehen eine große Torheit begangen hatte, daß er zur falschen Jahreszeit hierhergekommen war.

Eine verregnete Landschaft – das wäre das Richtige gewesen – das hätte seine ironische Stimmung erhalten und die Rückerinnerung bequem gemacht, weil er sich dann hätte einbilden können, hier regne es immer und alles sei ewig grau in grau.

Nun aber nahm er ein blühendes Sommerbild mit aus den Gärten seiner Jugend – und er wußte, daß es bei der Schärfe seines Gedächtnisses für immer in seiner Erinnerung stehen bleiben werde, vom heißen Zauber dieser Nacht umsponnen, unversehrt von allen Versuchen, seinen Reiz abzuschwächen, und daß dies Bild von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchen würde aus seinen Gedanken, triumphierend und vorwurfsvoll, ein blühendes Phantom, das darüber lächelte, weil es ihm doch den Tribut abzugewinnen wußte, den er dem, was er »abgegriffene Gefühle« nannte, so ungern zollte.

Die Heimaterde hatte Rache an ihm genommen . . .