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Ite Liebenthal – Gedichte

Gedichte

Ite Liebenthal, Gedichte, Erich Lichtenstein Verlag, Jena, 1921



EWIG DURCH DICH UND HEILIG
DURCH DIE LIEBE!



Geht der Wind um dein Haus, fürchte dich nicht:
Ich bin im Winde.
Und wenn des Dunkels sausende Stille spricht,
sing ich gelinde.

Mit meines Herzens ruhig lebendigem Schlag
bin ich im Liede:
Warte ein wenig, bald kommt der Feiertag,
bald kommt der Friede.



Von mir erbittest du entbehrte Ruhe.
Ich beuge mich und löse dir die Schuhe,
die von der Mühsal langer Fahrten reden
und frage nichts. Mir sagen stumme Zeichen
von Kämpfen, die die Stirn des Mannes bleichen.
Dein Antlitz sehe ich und weiß um jeden.

Ich kann die Stempel der durchlittnen Tage,
die tiefen Furchen niemals lauter Klage
nicht mit dem Finger von den Zügen wischen,
doch sorgen, daß sich müde Glieder strecken
und deinen Schlaf bewachen und dich wecken,
wenn Tränen sich in deine Träume mischen.



Ich hab ein Leben, das brennt wie ein Licht
in dunkler Kammer versteckt,
und leuchtet sich selbst nur und zittert und ficht
gegen Frost und Nacht, die es deckt.

Ist keiner, der es zum Leuchter hebt,
daß einen Umkreis es hellt
und seine lebendige Wärme verwebt
dem Atem lebendiger Welt?

Und wär nur ein Haupt, über Bücher gesenkt,
dem es die Stirne umhaucht
Und wär es, ein Kerzlein, dem Armen geschenkt,
ders vor dem Sterben noch braucht . . .



Ich weiß noch Wälder, in denen Gott wohnt.
Da geht er groß und gelassen im Schweigen
heiliger Bäume, die sich schützend verzweigen,
auf Wegen, die noch jeder Fuß verschont.

Und um ihn her sind nur die unschuldigen
Tiere, die träumend im Moose ruhn,
und die mit ihren stillen, geduldigen
Augen einander nichts Böses tun;

die dicht am Rand seines Kleides spielen
und doch nicht wissen, wem sie nahe sind.
Aber die Gräser und Blumen auf hohen Stielen
beugen sich ihm entgegen im singenden Wind.

Wer, du mein Freund, weist uns den Weg ins Gehege.
Ob wir in Ewigkeit wandern, wir finden ihn nie.
Und doch wartet Gott auf einen, der an sein Knie
kindlich gelehnt das Haupt in den Schoß ihm lege . . .



Heut geht der Frühling vor dir her,
und alle deine Wege blühen.
Du bist noch bleich von langen Mühen,
und deine Augen sind noch schwer.

Heb auf dein Haupt, daß Glanz dich streife,
daß deine Stirn der Hauch umspült,
der sich an jungen Wassern kühlt
und dich der Erde Lied ergreife,

das aus dem Jammer schlimmster Tage
sich wieder in die Bläue hebt
Sieh auf, mein Bruder! sieh, noch lebt
das Licht, und Jubel überklingt die Klage!

Sieh mich an deinem Wege knien.
Weck auf dein Herz! könnt ich es wecken . . .
In unsrer Welt voll Not und Schrecken
ist heut auch nicht der ärmste Flecken,
auf den nicht Gottes Sonne schien.



Nachts gehen alle Uhren lauter,
und jede Stunde schlägt mit Doppelklang.
Doch auch dein Herzschlag ist mir dann vertrauter.
Laß gehn die Zeit. Mir ist nicht bang.

In deiner Seele Brudernähe
beruhigt sich die Angst der Mitternacht.
Und wenn mir morgen bitter Leid geschähe,–
du bist bei mir! du hast mit mir gewacht.



Nun heult der Wind über die schmelzende Scholle
wie ein sterbend gehetzter Hund.
Wütend werfen die Bäche das übervolle
Wasser ihm nach in brachen, zerspaltenen Grund.

Jammernde Scharen, des fliehenden Windes Genossen,
haben ihrem Elend kein Dach,
tragen es unter dem Himmel einher, – seine Schloßen
schlagen ins Antlitz der kläglich erduldeten Schmach . . .

Laß deine Hände mich fassen, der Zeit zu entrinnen.
Sage ein Wort, du mein Freund, daß dies nicht mehr sei! –
»Schließe die Augen und öffne nach kurzem Besinnen
stiller Bläue den Blick! Sieh, auch diesmal ward's Mai.«



Jeden neuen Tag muß ich nun bitten:
Fordre nicht den Freund! ich will dich lieben,
will dich segnen, was du sonst auch bringst
Wenn du auch die blutige Sichel schwingst:
eine Wahl ist deinem Werk geblieben,
deine Ernte fällt nicht blinden Schnitten.

Tag! er ist der letzten Edlen einer.
Schönre Blüte kann sich nicht entfalten,
heiliger Leben wächst nicht in die Welt
Über ihn ward früh ein Stern gestellt
Lösch ihn nicht! er muß sein Licht erhalten
für verwaiste Zukunft. Schone seiner!



Nicht immer, wenn dein heiliger Name
von fremden Lippen fällt, ist eine Schale
so wie mein Herz bereit ihn aufzufangen.
Auf Straßen, liegt er achtlos übergangen.
Oft las ich ihn wie eine wundersame
Bergblüte auf im dunsterfüllten Tale.

Und meine Tränen lösten ihn vom Staube.
Ich flüchtete wie mit geweihtem Raube
zur Höhe, wo die reine Sonne schien
auf frommen Bodens unversehrte Scholle,
und kniend hob ich in die andachtvolle
Stille vor Gottes Antlitz ihn.



Wüßt ich, daß ich nur zu sterben brauchte
und mein Herz, in Silber dann gefaßt,
einen Talisman für dich bedeute:
Ach, ich tötete mich heute!
Würfe gern die lang getragne Last
unfruchtbarer Freude, die verrauchte,
hin und hätte alles Glück der Welt.

Doch mir bleibt nur, daß ich weiter lebe
und geduldig wachse in mein Los,
bis es endlich sich von selbst enthülle:
daß es sich für dich erfülle!
Bis am Ende feierlich und groß
meine Stunde sich für dich erhebe,
still gereift in allem Schmerz der Welt.



Wenn ich endlich die Wüste, in die ich zu lange schon sehe,
vor dir öffne und sage: dies muß ich in Zukunft durchschreiten, –
wird mir dann, du mein Freund, deine Seele die Zuflucht bereiten,
die ich nur noch für den einsamen Tag des Abschieds erflehe?

Nimmst du einmal mein Herz in deine sanften Hände,
läßt es im vollen Licht deiner gütigen Augen blühen ?
Was wäre mehr zu wünschen, als daß es vergänglich im frühen
und doch letzten Wunder sich ganz erschließend vollende.



Ich hab meine Füße wund gegangen,
weißt du, um wen?
Und konnte doch nicht bis zu dir gelangen.
Ich hab dich nicht einmal von fern gesehn.

Ich hab meine Hände müd gerungen,
weißt du, warum?
Nicht Rufes Hauch ist bis zu dir gedrungen.
Die Welt ist allzuweit, und du bliebst stumm.

Ich hab meine Augen blind geweint,
frage nicht, wann.
Ich weiß schon lang nicht mehr, ob Sonne scheint,
der Tag sich wendete und Nacht begann.



Nur bei dir schweigt meiner Tage Angst, und gelinde
löst sich des Leides Druck in glücklicher Wehmut,
wenn ich auf deiner Stirn vertrauendes Lächeln finde
und dich geschwisterlich grüße mit Stolz und Demut.

Aber der Stunden sind viele, da blind ich in Dunkel greife,
wankend in wirbelnde Leere, – und warte vergebens
auf deiner alles erleuchtenden Liebe Erscheinung und streife
kaum mit der Hand den Schatten vergleitenden Lebens.

Du mir Schmerz! du mir des rufenden Glückes entweichende
einzige Stimme! mein Herz erhofft noch die Zeit
da es durch dich geläutert, in dir erlöst das erbleichende
Dasein vertauscht mit erfüllender Ewigkeit.



Ein Tag wie alle, und das Jahr fällt ab.
Ein Jahr wie alle, und das Leben endet –
So klagt ihr, daß es keinen Wechsel gab.
So grollt ihr, daß kein Wunder euch gespendet.

Ihr aller späten Weisheit träge Schüler,
ihr habt den Gott er hat nicht euch verlassen.
Ihr stumpftet eurer Sinne feine Fühler,
daß sie nur grobe Reize flüchtig fassen.

Euch ist der Hauch der Berge und der Frühe
schal – und nur Lärm die goldne Abendfeier
herbstlicher Feste nach der Ernte Mühe,
und Welt und Himmel ohne Glanz und Schleier.

Geht hin verbraucht eh euch das Leben brauchte.
Ihr steigt zu keiner Quelle stark und schlicht
In welche Glut man euer Herz auch tauchte:
die Schlacke schmilzt nicht, und ihr leuchtet nicht.



Bald wird mein junges Herz ein alt Gesicht
im Spiegel sehn und wird es nicht begreifen,
daß wenig schnelle Jahre schon die Schicht
des weichen Schmelzes von den Zügen streifen.

Noch blühte nicht die Eine Liebe ab,
die ihre Aeste weit in mir verzweigte.
Die unbemerkte Zeit entwich. Ich gab
nicht acht darauf, daß sich die Sonne neigte.

Und also ist nun sanfter Niedergang,
was Aufgang schien, und alles liegt dazwischen?
O junges Herz! ein Blütenüberschwang,
um Morgenduft in Abendtraum zu mischen.



Du schüttest alles nur in dich hinein
und bist noch nicht erfüllt zum Ueberschäumen?
Und wird in dir zu Wasser jeder Wein?
Kannst du dich nicht aus deiner Schwere bäumen?

Kennst du nicht Schrei und Loblied der Verzückten?
Sprengt seine Schalen nicht dein reifes Los? –
Du, über den das Füllhorn sich ergoß,
was gehst du mit der Miene der Gebückten,
Empfänger magrer Gaben und Bedrückten,
und wirst nicht in der Fülle frei und groß!

Werd ich dich nie, du allzu eng Gebundner,
die Arme ausgebreitet, eilen sehn?
Werd ich die Flamme endlich haftentwundner
Taten auf deinem Haupt je züngeln sehn?!



Alle ruhen aus und wandern weiter.
Winken kaum noch kurzen Dank.
Keinem, den ich hielt, daß er nicht sank,
wurde ich auf neuem Weg Begleiter.

Mit des Jahres Steigen, Fallen
gehen grüßend sie vorbei.
Stimmen höre ich verhallen.
Keiner hörte meinen Schrei.

Hab kein Kind, darin zu leben.
Hab kein Herz, darin zu sein.
Becherweis hab ich mein Blut gegeben
fremden Wandrern als der Stärkung Wein.

Ihrer Klagen lächelnd und genesen
lobten Geber sie und Trank.
Keiner fragte, was der Wein gewesen.
Gingen, winkten kaum noch kurzen Dank.



Nur zu Gruß und Lebewohl berührten
wir einander scheu mit kalten Händen.
Und es war, als ob in Feuerbränden
wir mit ölgetränkten Zweigen schürten.

Und wir sahen, wie die Flammen stiegen,
doch verrieten nicht, daß wir es sahen.
Und so fühlten wir das Ende nahen,
lächelten, verließen uns und schwiegen.



Wohin nur wirfst du mich, verworrne Seele!
Gestrüpp zerriß das Kleid, Zweige zerrten das Haar.
Der lange Schrei brach in der trocknen Kehle.
Und nun ist Nacht Und alles ist Gefahr,

und alles fremd. Kein mütterliches Haus.
Kein Freund, der des Verirrten Hände faßt
Alles sieht kalt und strengverschlossen aus.
Nirgend in aller Welt erwartet man den Gast.

Ob ich hier stehe oder irgendwo,
wer fragt danach. Und das, wovor ich floh,
ist hier wie dort, wird allerorten sein.

So lege ich den Kopf auf einen Stein
und sage Heimat zu dem kleinen Flecke,
des Gras ich mit dem müden Körper decke.



Es ist so schwer, für einen Schmerz zu danken
und Liebe glauben, wo uns Leid geschah
und Hände heiligen, in deren schlanken
und kühlen Fingern man die Geißel sah.

So fordre nicht von mir, daß ich nicht weine,
wenn mich dein Segen hart wie Fluch bedünkt,
wenn sich dem stumpfen Geist nicht gleich im Scheine
des neuen Lichtes diese Welt verjüngt.

So zürne nicht daß ich den Kranz noch hege,
den ich getragen, der noch nicht zerfiel.
Bald streu ich ihn vor dir zum Staub und lege
in deine Hände auch das letzte Spiel.



Nun bleibt nichts mehr, als entbunden
meines Amtes, meiner Treue,
einsam wirkend zu gesunden,
fernzuhalten Harm und Reue.

Lang, so lang hab ich geduldet,
da dein Wort und Blick mich streifte,
daß im Innern unverschuldet
Wunsch und Qual zur Sünde reifte.

Dich zu stützen, dich zu trösten
trug ich meine Zeit der Not,
und als letzten Dienst und größten
fordert Trennung das Gebot.

Neue Wege muß ich finden.
Dir nur ward das Haus gebaut
Wohin, Seele! die mit blinden
Augen in die Tage schaut? . . .



Du meine weinende Seele, sei still.
Weinen ist Lust Du mußt schweigen.
Wer alle Trauer durchmessen will,
dem sind nicht Tränen mehr eigen.

Tränen sind linde und lassen vergehen.
Du sollst den Jammer bezwingen.
Stumm sollst du dulden, wissen und sehn,
wie sich die Schmerzen verschlingen.



Du rufst: so weiß ich, daß ich zu dir gehe
und grüße ruhig die vertraute Nähe.
Doch wenn ich unbereitet vor dir stehe,
trifft es mich wie ein Pfeil, den ich nicht sehe,
und dem ich wehrlos bin. – Nur noch den Schaft,
den zitternden, im Herzen festzuhalten,
bleibt meinen Händen eine wehe Kraft.
Ich gehe wankend, wund bis zum Erkalten
und doch beglückt, daß dieses Unscheinbare,
ein Mensch nur! alles Große in sich reißt
und ich an ihm die Prüfungen erfahre,
die laut der Mund der heiligen Zeugen preist.



Wir gehen einer in des andern Schatten
und grüßen nicht und sind einander fremd.
Wir achten nicht, wenn neben uns mit matten,
erloschnen Augen man die Schritte hemmt.

Wenn sich mit stummen, bittenden Gebärden
ein Antlitz aus der Schar der andern löst
Wenn wir ein Lächeln, einen Blick gefährden,
die unser Hochmut kalt zur Seite stößt.

Und neben uns und hinter uns versiegen
die warmen Quellen, und der Weg wird hart
Was uns auch rief: wir haben stets geschwiegen
und auf das Ziel, das vor uns liegt gestarrt.

Wir haben uns zu keinem Kind, das jammernd
am Boden vor uns weinte, still gebückt
Wir haben keine Blume, die sich klammernd
am Saume unsres Kleides hielt gepflückt.

Und also wichen sie vor uns mit scheuen,
verschloßnen Mienen, zitternd und verstört.
Wir können nicht verwünschen und bereuen.
Uns gilt der Eine Ruf, den wir gehört!



Bin ich müde? kaum begann das Gehen.
Noch ist nicht das erste Ziel zu sehen,
und ich bin vom Blühen und Verdorren,
das ich traf zu Anfang silier Wege,
so erschöpft, daß ich auf einem Knorren
alter Wurzeln meine Schläfe lege
und die Augen vor den Sternen senke,
die sich heiter wandelnd immer gleichen.
Daß ich meine Hände fest verschränke
um ein wenig Halt, der sich in weichen
Büscheln Grases an die Finger schmiegt. –
Kann sich dem, was schreitet, jagt und fliegt,
meine Müdigkeit gesellen?
Ach, im sanften Fluß der großen Wellen
möcht ich gleiten, schlafend zugewiegt
einem Ziel, das willig mich empfängt
Doch die Straße harrt, die Stunde drängt
daß ich Schritte, die mir zugezählt
gehe, bis der letzte nicht mehr fehlt.



Der Winter ist so lang und voller Mühen,
daß ich die Hoffnung schon vergaß, ich werde
noch einmal mit der lieben Erde blühen,
noch einmal singen mit der lieben Erde.

Ich lege mit der Kälte mich aufs Stroh
und stehe müd und frierend auf vor Tag
und finde mich im Dunkel irgendwo
und fremd dem schlechten Bett, auf dem ich lag.

Und gehe fort zu einem fremden Tun,
das mir den Tag so kalt läßt, wie das Lager
die Nacht. Und fühl in ausgetretnen Schuhn
und fadendünnem Kleid erstarrt und mager

mein armes Leben. – Könnte ich die Garben
des Sommers wieder aufeinander heben!
Könnt ich noch einmal froh in bunten Farben
auf kranzgeschmücktem Erntewagen schweben!



Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet
aus Worten und Gebärden – die noch keiner
gedeutet hat wie ich! – weil ich vermied,
an dir zu rätseln und dich so viel reiner

begriff in deinem Abgeschlossensein,
brach über mich in einem Traum herein:
da sah ich, wie du bist, wenn du dich gibst
Und deine sanfte Hoheit wenn du liebst,

war still und spendend über mich geneigt
Die Schale war ich, die empfängt und schweigt. -
Nun kenn ich dich! Was du mir nie gegeben,
nie geben wirst ist doch in meinem Leben!

Und ist – ich stahl nicht hab es nicht erschlichen!
als hätte ich's geraubt und wär entwichen,
und straft mich schwer, wie Heiliges ergrimmt
das freche Hand von seiner Stätte nimmt.

Und ward mir doch gereicht und offenbart
als meine Seele dalag unbewahrt
und ungewarnt – und hilflos, tagvergessen
hinnahm, was ihrem Los nicht zugemessen.



Einfache Worte gib mir zum Gebet
und sanfte, starke Töne für mein Lied,
daß ich nur sage, was vor dir besteht,
nur singe, was mit deinen Winden zieht

bis an dein Ohr wie lobendes Geläut.
Und lügt mein Mund vor dir, leg eine Pein
hart auf mein Herz, bis sich die Lippe scheut,
der Welt zu Dienst und dir nicht treu zu sein.



Nun schlafen die Gärten; die Teiche schlafen.
Wetter verziehen; die Winde sind still.
Auf Wegen, wo unsere Spuren sich trafen,
liegt Schnee, der die Zeichen begraben will.

Am einsamen Fenster, von Blumen verdunkelt,
die frostiger Anhauch zum Blühen gebracht,
erwart ich den Stern, der allein mir noch funkelt
am ruhigen Himmel in schlafloser Nacht.

Doch heut ziehen Nebel, und Wolken umgleiten,
gespenstige Schiffe, den frierenden Mond,
verstoßne Gestalten verlorener Zeiten,
die nun keines Lächelns Erinnerung lohnt.

Und wie von zerrissenen Segeln und Fahnen
fliehn zitternde Schatten vorüber der Welt
Doch sieh, es öffnen die ferneren Bahnen
sich leuchtend vom einzigen Lichte erhellt.



Die grauen Tage gehen schnell zur Rüste.
Nacht folgt auf Nacht sternlos mit frühem Eise.
Dich aber weiß ich auf der frohen Reise
in glücklichem Geleit an warmer Küste.

Ich diente dir. O Freude, dir zu dienen,
die tief verschwiegen niemals enden sollte,
wenn auch kein Wort mir Dank und Liebe zollte
und nicht ein Lächeln mein in deinen Mienen.

Doch daß du gingest und den Blick nicht wandtest,
die Stätte vieler Stunden zu umfassen,
betrübt mich so, daß ich alleingelassen
nicht weiß, warum du Freund mich nanntest.



Der Sturm steht über meinem Haupte still.
Die Wolken öffnen sich. Und über Flächen
frostdürren Feldes, das gebären will,
ergießt sich Glanz in heißen, breiten Bächen.

Geliebtes Licht, ich bin ein Stück der kahlen,
zerrißnen Scholle, die der Sturm zertrat
Wie sie empfang ich offen deine Strahlen,
und auch in mir harrt deiner gute Saat.

Schon rinnen die erlösten Quellen wärmer.
Schon leben Lied und Duft im frühen Schein.
O Licht! o Bläue! niemals war ich ärmer,
wie kann ich nun so sehr gesegnet sein? . . .



Warte, bis der Weg sich leert
und auch die Letzten in Dämmerung schwinden,
bis von den Sternen unversehrt
Funken zu uns die Pfade finden.

Sprich oder schweige, – doch laß uns warten,
bis wir unter dem Himmel allein,
bis von den Blicken, die auf uns starrten,
unser Antlitz erlöst und rein.



Ihr schlaft noch, stille Straßen? Warum springen
die Steine nicht aus den bedrohten Mauern!
Laßt ihr die Zeit in euren Winkeln kauern,
wenn wir dem Sieg ins Todesantlitz singen?

Der Frieden lügt, den eure Giebelbogen,
den eure Dächer auf uns niederdämmern.
Wir werden euch aus eurer Ruhe hämmern! . . .
Ihr saht die andern, die vorüberzogen,

und öffnet euch vor uns noch wie die Gassen,
durch die der Sonntag ging mit Festgebärden.
Wacht auf! ihr seid der Weg zur Schlacht! wir werden
dröhnende Spur auf euren Steinen lassen!



Wie der sanfte Abend alles weitet
Aufgelöst und selig hingebreitet
liegt im Dämmerlicht das liebe Land.
Flüsternd küßt der Fluß die Uferränder,
die der alten Brücke Steingeländer
mit gewölbtem Bogen überspannt.

Ferner, stiller ruhn die Höhn und schmiegen
an den Himmel sich, und friedlich liegen
alle Häuser in vertrauter Hut
Fenster öffnen langsam goldne Blicke.
Und die Schatten schwerer Weltgeschicke
schwanden mit des Tages trüber Glut.

Still! ach still! Die Brände lohn und schwelen,
die Versehrte Leiber, wunde Seelen
in den Frieden unsrer Heimat warfen.
Und wir mußten stumme Kreuze stecken,
Gärten über großen Jammer decken, . .
Sanfter Abend, hebe deine Harfen.



Nun hängen die Saiten im Winde und weinen.
Ich rühre sie nimmer. Den schlafenden Steinen
und klagenden Vögeln sind sie gesellt.
Ich ziehe von dannen und werde nicht sehen,
wie erster Fröste vernichtendes Wehen
die jammernde Leier am Boden zerschellt.
 
Geschlossenen Mundes, die Blicke erhoben,
vollbring ich die Wallfahrt, bis endlich von oben
zum Worte mich fordert, der keinen verstößt.
Und führt bis zur Schwelle die schweigende Buße:
Ich weiß, daß die Güte dem jubelnden Gruße
des liebreich Empfangnen die Zunge dann löst.



Still kehr ich heim von langen Wanderfahrten.
Noch decken Nebel meine liebe Küste,
als ob ein Freund mir langsam erst mit zarten
Trosthänden diese Welt enthüllen müßte.

Nimm fort das Tuch! Ich weiß: in weiter Fläche
dehnt sich das Land zur Ferne. Seine Wunder
sind dunkle Wälder, stille, breite Bäche
und Gärten unter Birken und Holunder.



Alle Abendwolken wandern
still hinab durchs goldne Tor.
Lächelnd tritt nun aus dem andern
die verhüllte Nacht hervor.

In den Falten ihres Kleides
komm ich zu dir, tief versteckt
Alle Zeichen meines Leides
hat ihr Leuchten zugedeckt.

Und sie neigt sich auf dein Lager,
während sie dein Traum begrüßt.
Hab ich heimlich und mit zager
Liebe deine Hand geküßt?



Ich zähle meine Tage nicht. Ich lebe!
Und fühle sie doch nachts mit Bangen.
Ich schlafe nicht mehr, wirr vor Furcht und hebe
die Augen auf. – Und alles war vergangen,
solang in meinem Traum noch Frühling war. –
Und deutlich hör ich eine Stimme: geize
mit jeder künftigen Stunde, denn sie geht
Bewache deine unverbrauchten Reize,
behüte deine Wangen und dein Haar!
Denn schon ganz nah, in naher Zukunft steht
ein Tag, der unerbittlich nach dir greift
Du zitterst in den Klammern seiner Hände.
Und er befiehlt: sieh rückwärts ... Im Gelände,
durch das dein Blick nicht bis zum Anfang schweift
liegt deiner Jugend Weg. Du bist am Ende.



Deinem Fenster ist der Himmel nah.
Der verworrne Lärm bleibt in der Tiefe.
Oft war mir, als ob ein Engel riefe,
wenn ich in die hohe Bläue sah.

Und die schönste Ferne ist nicht weit
Schien mir doch, als führte hinter diesen
Dächern wohl ein sanfter Weg durch Wiesen
menschenfremd in nahe Einsamkeit.

Gottes Blitze aber zucken dicht
über deinem Haupt mit größrer Helle,
und es ist, als ob vor deiner Schwelle
aus den Flammen mir der Mahner spricht.



Ich sah dich schon in anderer Gestalt.
Ich fühlte dich. War es als Kind, da ich
vom Meere aufwärts stieg zum Dünenwald,
wo unbegriffner Trauer Druck entwich,

wo sich in weiter Stille aufgelöst
der Geist zu früher Sehnsucht Flug gerührt?
Du hast die erste Kraft mir eingeflößt,
dich hab in heller Ferne ich gespürt.



Ich wartete auf deinen Ruf: ich komme!
Ich wartete, bis mir das Licht verging.
Und warte nun im Dunkel wie der Fromme,
der seines Heiles Botschaft früh empfing.

Aus träumelosem Schlaf, in dem ich liege,
dem Ewigkeit wie eine Nacht vergeht,
erwach ich, daß ich dir entgegenfliege,
der rufend an des Himmels Eingang steht.



Einmal, mein Freund, wirst du mich sehen,
wie Gott mich kennt, der mich erschuf;
An jenem Tage, da sein Ruf
mich heißt an dir vorbei zu ihm zu gehen.

Auf diesem Wege, dem du nicht das Ziel,
darf auch vor deinem Blick sich offenbaren,
was das Gewand verhüllte, das dann fiel
Und du wirst wissen, wie die Schmerzen waren

und großen Freuden, die ich froh ergeben
an dir vorüber ihm entgegentrage,
der zu mir sprach durch dich und dieses Leben,
durch dich gesegnet bis zum letzten Tage.



Mehr als mich wirst du die Erinnerung lieben,
wenn das lebendige Bild hinter den Schleier entweicht,
wenn nur der schwebende Hauch verwehender Worte geblieben,
wenn dich der letzte Sinn versunkener Blicke erreicht
Dann werd ich ganz dein alterndes Leben umschließen,
Einsamster unter den Menschen, daß nie deine Seele verdirbt
All meine inneren Quellen, die heut noch verborgen dir fließen,
münden gestillt in dein Herz, und alles Leiden stirbt.