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Lisbeth Lindemann – Frühlingswind

Märchen

Aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1. Jahrgang, Nr. 3, 1896, S. 43



»Die haben sich lieb, die haben sich lieb!« sagte ein Maiglöckchen und wiegte sich hin und her.

»Ja, sie haben sich lieb«, sagte die alte Eiche, und grüsste mit ihren Zweigen wohlwollend herab zu dem jungen Paar, das zu ihren Füssen sass. Und der Frühlingswind, der verliebte Geselle, hauchte so warm und liebkosend auf die Wange des jungen Mädchens, dass es erschrocken aufsah, weil es meinte, ihr Gefährte beuge sich so nahe zu ihr, um sie zu küssen. Aber so weit waren sie noch nicht; sie blickten sich nur zärtlich in die Augen und sprachen hie und da ein liebes, verwirrtes Wort.

»Freilich haben sie sich lieb«, sagte der Wind befriedigt; er hatte mit seinem leisen Wehen einen Strom von Frühlingsduft hineingetragen in das enge Städtchen, und so die Beiden herausgelockt; er wusste wohl, warum. Nun jagte er ein paar Schmetterlinge zu den kleinen Frühlingsblüthen, »weil sie gar zu neugierig hinüberschauten.« Das konnten sie jetzt nicht mehr, denn sie hatten mit sich selbst zu thun.

Langsam sank die Sonne und umfing Alles umher mit ihrem Glorienschein.

Er nahm seinen Hut, den sie mit einem Blätterkranz geschmückt hatte. »Wie gut Du bist!« sagte er und küsste ihre Hände. Dann legte er mit stiller Bewegung den Kopf auf ihren Schooss.

Sie wagte sich nicht zu rühren; der alte Baum meinte, ihr Herz klopfen zu hören. –

– »Wir müssen heim«, sagte sie endlich. Als sie den Hügel hinuntergingen, kam die Mondsichel über den Bäumen hervor.

»Sing' mir ein Lied«, bat er.

»Was für ein Lied?«

»Ein schönes!«

Er legte den Arm um sie und fasste ihre Hand. Lang­sam schritten sie über die Wiesen und durch die stille Frühlingsdämmerung bebte ihr weiches Stimmchen:

»Ach, wie ist's möglich dann,
Dass ich Dich lassen kann« – – –

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Feierlich standen die Bäume und lauschten.

»Du hast die Seele mein
So ganz genommen ein« – – –

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Als sie fertig war, sagte er leise:

»Wir wollen diesen Abend nie vergessen!«

»Nein, nie!«

Sie waren nicht weit von der Stadt; schon leuchteten die Fenster auf und zwinkerten wie schelmische Menschen­augen zu ihnen her­über.

Plötzlich stiess er einen kurzen, jauchzenden Laut aus, hob sie auf seine Arme und stürmte mit ihr vorwärts. Sie wollte sich wehren: »Was thust Du – was thust Du?» Er drückte sie nur fester an seine breite, junge Mannesbrust.

Nun liess er sie los, blieb schwerathmend stehen, fasste ihr Gesichtchen mit beiden Händen – und küsste sie auf Stirn und Augen, dazwischen sprechend:

»O, Du! Du kleines Du liebes –. Und Deine guten Augen! Siehst Du, die werde ich nicht vergessen, wenn ich da draussen bin; die werde ich immer vor mir sehen – und werde immer an Dich denken müssen – immer – immer –«.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

»Jetzt lass' mich ein wenig in Ruhe mit Deinem Ge­tändel«, sagte die alte Eiche zum Frühlingswind, der in ihren Blättern spielte. »Ich will nachdenken«.

»Nachdenken?« lachte der Schelm und zupfte sie noch mehr.

»Jawohl! Davon verstehst Du natürlich nichts.« Sie schüttelte ärgerlich die Zweige. – »Ich muss immer an das junge Menschenpaar denken, das da einmal im Frühling vor mir sass. Zehn Ringe habe ich derweilen angesetzt, das sind Jahre für die Menschen. Und ich denke nun darüber nach, warum sie nicht zu mir gekommen sind.«

»Ich will Dir den Gefallen thun und nachspüren«, sagte der Wind.

Husch! war er im Städtchen. Er hatte es leicht, in die Häuser zu schauen, die Fenster waren fast überall geöffnet. Er suchte und suchte und fand – sie. Einen Brief in der Hand haltend, blickte sie in Gedanken verloren vor sich hin.

»Marie!«

Sie fuhr auf, als hätte sie geträumt, legte das Blatt aus der Hand und folgte dem Rufe. Offen lag der Brief da:

Verehrte, gnädige Frau!

In den nächsten Tagen führt mich mein Weg durch meine Vaterstadt. Ich werde nicht verfehlen, Ihnen und Ihrem werthen Gatten meine Aufwartung zu machen. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen; dann wollen wir von vergangenen Tagen reden und lachen –  –  –

»Lachen« –  –, das Wort hatte sie veran­lasst, so vor sich hinzustarren. –

Im Nu war der Wind bei der Eiche und erzählte ihr, was er nun wusste.

»Ich begreife das nicht«, meinte diese.

»Ich komme mehr unter die Leute«, sagte der Wind. »Er hat es gemacht, wie die Andern auch. Weisst Du, wie sie das nennen? Jugendeselei! Und sie lachen dabei und zucken die Achseln über sich selbst.«

»Das ist abscheulich!« sagte der alte Baum.

»Ich finde es sehr lustig«, rief der Wind und eilte davon.



Lisbeth Lindemann – Frühlingswind.