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Oscar Linke – Der Knabe mit der Leuchte

Eine Urweltgeschichte

Der Verlag deutscher Phantasten, Berlin, 1894


»Tausende fassen das nicht!«

Beethoven



Viel der Menschen und Städte habe ich gesehen, wie weiland der göttliche Dulder Odysseus. Aber immer betrachtete ich die Angelegenheiten der Menschen und das Getriebe der Welt uneigennützigen Blickes von der Sonnenhöhe des Weisheitsfreundes. So kam ich bald zu der schier betrübenden Gewissheit, dass von den meisten Dingen des Lebens, mag nun ihr Echo bis zu den Säulen des Herakles oder noch weiter bis zum fabelhaften Lande der Serer verklingen, oder nur bis zur Mauer des nächsten, neugierigen Nachbarhauses, grösseres Aufheben gemacht wird, als sie wirklich verdienen.

Was ist der einzelne Mensch im grossen Weltganzen?

Ein flüchtiger Hauch, ein verwehender Klang, ein verdämmernder Strahl.

Seht ihr noch den Adler, wenn er hinaufsteigt und hineinstürzt in die unsichtbaren, zarten Lichtwellen des blauen Aethers?

Auch er gewahrt euch nicht mehr.

Für sein Auge seid ihr ein Nichts geworden.

Und wenn es Wesen auf dem Monde gäbe, sähen sie uns?

Sie erblickten nur unsere Erde, wie wir den Mond schauen.

Am Ende bilden wir Menschen uns nur ein, dass wir leben, dass wir ein Leben führen auf eigene Rechnung.

Die Erde aber, Sonne und Sterne, sind und leben von der innewohnenden Glut, die sie beseelt.

Die Erde ist ein grosses, lebendiges Wesen.

Der Mensch ist gleichsam nur eine Muskelfaser von ihr.

Wenn ich noch tiefer in meine Betrachtungen versinke, ganz auf mich niederströmen lasse die Strahlen des himmlischen Lichtes, von dem ich kaum weiss, woher es über mich kommt: dann will mir scheinen, als ob in allen Menschen, mögen sie noch so verschieden geartet sich ausnehmen, durch Sprache, Farben, Sitten und Kleidung, mögen sie zeitlich und räumlich von einander getrennt sein — dann ist mir, als ob ich im Grunde genommen immer wieder ein einziges, grosses, lebendiges Wesen erblicke.

Ja ein lebendiges, grosses, einziges Wesen, das zu nennen und zu umschreiben die menschliche Sprache nicht ausreicht.

Und beim allmächtigen Eros, mir ist es höchst gleich zu sagen, ob ein gewisser Hippias durch die Liebe unglücklich geworden ist, und ein gewisser Timaios glücklich durch die Liebe oder umgekehrt derselbe Hippias durch dieselbe Liebe glücklich und Timaios unglücklich durch die Liebe.

So sind die beiden für mich nur verschiedene Namen an einem und demselben grossen, geheimnisvollen Wesen.

Hört denn, was in diesem Augenblicke vor meinem Geiste emporzieht, sich aufrollt wie Streifen einer Papyrosrolle, die mit seltsamen Zeichen und rätselhaften Bildern bedeckt ist:

I.

Durch eine trostlos öde, grenzenlos weite Nacht wandelt ein schöner Knabe dahin. Mit seinen rosigen Fingern tappt er blindlings nach allen Seiten. Vor ihm tanzt in den Lüften, zart wie ein Lilienstengel, eine Leuchte in holder Bewegung. Ihr lieblich flammendes Häuptchen bald hierhin, bald dorthin neigend, scheint sie etwas auf dem dunklen Grunde zu suchen.

Das Licht vermag die endlos weite Schwärze nicht zu erhellen.

Es scheint, als ob der Knabe und das Licht durch einen unsichtbaren Faden aneinander gekettet sind. Der Knabe folgt immer dem tanzenden Lichte. Aber über das Licht hinaus vermag er nichts zu erkennen. Und der Raum zwischen ihm und dem Lichte zeigt ihm noch nicht, wonach er sich sehnt.

Sind wir noch nicht ans Ziel gekommen, ans Ende? fragt der schöne Knabe ungeduldig.

Nein, noch nicht, aber bald, mein Vater, Herr und Meister! entgegnete die schwebende Leuchte.

Ich fange an, müde zu werden, seufzt der jünglingshaft grosse Knabe.

Ich werde dich einige Male umkreisen. Dann wirst du wieder frisch und munter! ruft ihm die Lampe zu.

Sie umkreist ihn in zierlichem Schweben. Der Knabe wandelt erfrischt und gestärkt weiter.

Jetzt sind wir am Ziel, am Ende! spricht plötzlich aufjauchzend das tanzende Licht und scheint, sich im Grunde einer riesigen Höhle verlierend, auf kurze Zeit den Augen des Jünglings entschwunden.

Wie von selber aber fühlt er sich der Spur der unsichtbaren Leuchte nachgezogen.

Plötzlich berührt ihn ein seltsam warmer Hauch. Aus dem dunklen Grunde der riesigen Höhle vernimmt er ein Atmen, als wenn jemand schliefe.

Je näher der Knabe kommt, je wärmer wird dieser Hauch.

Fast ist ihm, als müsste der wärmer anschwellende Hauch die zarte Haut seines Leibes versengen.

Trotz der versengenden Glut schreitet er weiter.

Je weiter er vorschreitet, je heisser wird zwar die Glut, aber auch von eigenen Hauchen durchwallt.

Diese Glut hat etwas ungemein lieblich Berauschendes in sich.

Die Glut verwandelt sich in Duft.

Halb schon betäubt von den glühenden Düften, wandelt der Jüngling weiter.

In den glühenden Düften liegt etwas eigentümlich Lockendes.

Je stärker die Lockungen des glühenden Duftes eindringen, je vernehmbarer schier werden sie auch.

Der Duft verwandelt sich in Klang.

Widerstandslos und umzaubert von dem schier glühenden, duftatmenden Klange, wird der Jüngling fortgerissen.

Der schöne Knabe, im Dunkel der Höhle, vermag einen bestimmten, von Schranken noch dämmerhaft umgrenzten Umriss zu erkennen.

Er geht darauf zu.

Vor ihm breitet sich, üppig hingelehnt gegen die Wand der Höhle, die Gestalt eines riesigen Weibes, hin und wieder erleuchtet vom Scheine des Lichtes, das in den zerrissenen Felsenspalten huscht und flattert.

Erdfahl ist die Farbe ihres Leibes. Ihre Augen haben einen eigentümlichen Glanz. Sie scheinen zu knistern. Ist das Feuer dieser Augen nur ein Abglanz des irrenden Lichtes? Man sieht sie nicht, wann das Licht einmal in einer Grotte verschwindet.

Kaum hat dieses Weib beim aufblitzenden Scheine der Leuchte den schönen Jüngling erkannt, als es mit unendlich träger und doch wonneschmeichelnder Stimme dem plötzlich von einem Strahlenkranze purpurrosig umflossenen Jüngling entgegenruft:

Geliebter, wie lange habe ich auf dich warten müssen! Kommst du, mich endlich zu erlösen? Das kleine Licht aber, das diese Worte nicht vernommen hat oder vielleicht auch nicht vernehmen will, tummelt sich weiter hinein in die Irrgänge der gewaltigen Höhle, bald hier, bald dort ein flimmerndes Steinchen hervorbrechend und hinauftragend, um es empor in die umdunkelten Lüfte zu schleudern.

Wie in kindlichem Spiele wiederholt es sein Thun unzählige Male.

Bald zeigt es auch einem kleinen, in Nacht verlorenen Quell den rechten Pfad aus der Höhle.

Und als es nach langem Umhertummeln wieder zurückgekehrt ist zu dem, welchen es seinen Herrn, Vater und Meister genannt hat, da sieht es — und vor heftiger Erregung wäre es beinahe erloschen! — wie der schöne Jüngling die Lippen des riesigen, erdfahlen, üppigen Weibes küsst, während er auf ihrem aufwärts gezogenem Knie steht.

Die Angst vor dem erschrecklichen Weibe hat dem Lichte schier die Besinnung geraubt. Um Leben zu schöpfen, muss es hinaus in die grenzenlose Nacht über der Höhle.

Als es wieder zurückkehrt, hört und sieht es, wie das Weib den schönen Knaben plötzlich mit gewaltsamem Rucke von sich zurückstösst, weitaus mit der riesigen Hand nach ihm zuschlagend.

Das gewaltige Weib wimmert leise vor sich hin, wie ein Kind, das eine Kupfermünze verloren hat. Dann schläft es müde ein, wie erschöpft von gewaltiger Anstrengung.

Nach einer Weile atmet es wieder. Gleich- mässig erklingen die Züge des heissen Odems, lustmüde wie die eines Berauschten.

Als aber das Licht sich hinabbeugen will über den auf dem Boden der Höhle liegenden Jüngling, erstaunt es — kein Knabe ist mehr zu finden.

Aengstlich geworden, ruft es jetzt nach allen Seiten:

O Vater, Herr und Meister, wo bist du geblieben?

Und ein Widerhall antwortet ihm nur in der weiten, umdunkelten Höhle:

O Vater, Herr und Meister, wo bist du geblieben? —

Als das Licht wieder emporflattert in die weite, grenzenlos weite Nacht und denselben Ruf erschallen lässt, hört es, wie eine Stimme spricht. Es däucht ihm aber, als spreche zugleich von allen Seiten ringsum zu ihm diese unsichtbare Stimme!

Wohl bin ich von jetzt ab unsichtbar den Augen, aber noch immer bin ich, noch immer atm’ und wandl’ ich. Was man sehen wird, das ist nur mein Schatten, welchen du von dir wirfst und niemals von dir abwerfen kannst, der sich ewig an deine Sohlen, an deine Flügel heften wird. Und du, o Licht, du musst noch weiter wandeln, immer weiter! —


II.

Und wieder hub von Neuem an zu erzählen Anaxagoras:

Einige Monde lang irrt das Licht umher in der thörichten Hoffnung, die unsichtbare Stimme zu finden, in dem eitlen Beginnen, den Schatten, den es nun zum ersten Male an sich gewahrt, von sich zu schleudern.

Und als es wieder vor die Höhle gelangt zu sein glaubt, gewahrt es keine Höhle mehr.

Auch die grenzenlose, dunkle Nacht ist geschwunden.

Kleine, zitternde Leuchten sieht es in endlosen, tiefblauen Fernen erschimmern. Blumen und Bäume sieht es aufblühen und sprossen. Und mitten in den Wäldern tummeln sich Thiere.

Dazu klingt von ferne her eine wunderbar bezaubernde Weise; Lüfte tragen sie nah und näher; es hört die ihm nicht unverständlichen Worte:

 


Wenn dein Aug’ im Farbenglühn des Lichtmeer’s
Einer Rose duftend Prangen schaut,
Die ihr höchstes und geheimstes Weben
Schuldlos wie ein Kind dir anvertraut:

 

Nimmermehr in Worte kannst du’s fügen,
Wunder bleibt es irdisch grobem Sinn,
Was zu dieser Rose Zauberdufte
Dich zieht magisch, übermächtig hin!

 

Dunkel nur im Abgrund deiner Seele,
Klar empfunden nur von ihr allein,
Klingt die ewig junge Weise wieder:
Aus uns beiden atmet gleiches Sein.

 

Die liebliche Weise verhallt; von der entgegengesetzten Richtung tönt schon eine neue, traurig, sehnsuchtvoll leise:

 

Wer könnte sagen zu dem schönen Lenze:
Gleichgiltig ist mir all dein duftend Blüh’n,
Gleichgiltig sind mir deine Blumenkränze,
Gleichgiltig deines Himmels sanftes Glühn?

            Ach, keiner kann es sagen!
 

Wer könnte sagen zur der schönen Liebe:
Ich habe dich gekos’t, an’s Herz gedrückt,
Und weil ich sah, dass sie nicht dauernd bliebe,
So hat mich nur ein flücht’ger Traum entzückt?

            Ach, keiner kann es sagen!


Wer könnte sagen zu dem schönen Leben:
Nun fahre wohl! Der Becher bleibe leer!
Gleichviel, ob schön der Kelch und echt die Reben,
Für immer fahre wohl, ich will nicht mehr?

            Ach, keiner kann es sagen!


Ach, Keiner kann es! Liebe, Lenz und Leben
Umzaubern Augen, Ohren, Geist, Gemüth:
Solang noch Schleier diese Welt umweben,
Weiss keiner, ob ein schöneres Leben blüht —

            Ach, keiner kann es sagen!

Noch umfangen von den bezaubernden Klängen und erstaunt über den ungewohnten Anblick — die kleinen, blitzenden Steinchen da oben scheinen ihm so bekannt! — sieht das Licht einen wunderschönen Jüngling auf sich zukommen.

Das Licht weiss nicht, weshalb es sich plötzlich zu dem wunderschönen Jüngling hingezogen fühlt.

An den rosig schwellenden, frischen Lippen möchte es sich festsaugen für immer. In seine Augen möchte es sich hineinstürzen. Der Jüngling aber, sowie er näher gekommen ist und das tanzende Licht vor sich erblickt, fragt:

Weshalb bist du so lustig?

Weshalb soll ich nicht lustig sein?

Ich aber bin traurig, entgegnet der Jüngling, die Augen voll Wehmut oder Sehnsucht zu Boden senkend.

Du aber bist traurig? wiederholt das Licht. O, so bin ich auch traurig geworden. Und kannst du nicht froh werden? fragt es den schönen Wanderer nach einer Weile von Neuem.

Ich könnte wohl wieder froh werden, entgegnet der Jüngling, wenn ich den Pfad nur wüsste, der zur Rose hinführt.

Zur Rose ?

Zur Rose!

Ha, diesen Pfad kenne ich, spricht begeistert und jauchzend das Licht. Schon seit Jahren! Ich weiss nicht mehr, seit wie vielen Jahren ich diesen Pfad kenne. Folge mir nach, leuchtender Knabe!

Und das Licht führt den Jüngling, voranschwebend auf den unsichtbaren Wogen des Aethers, aus welchen es seine Nahrung saugt. Es führt ihn zur Rose, die im tiefsten Waldesgrunde in einem gold- und silberstrahlenden Palaste thront.

Das Licht bleibt schwebend an der goldenen Eingangspforte zurück.

Viele tausend Male danke ich dir, sagt der Jüngling, nun kannst du vorschweben.

Ich will warten, bis du wieder herausgekommen bist, entgegnet das Licht. Dann wollen wir unsere Pilgerfahrt fortsetzen. Ich habe an dir Gefallen gefunden. Ich weiss nicht, weshalb. In meiner Seele flammt ein Meer von leuchtenden Erinnerungen. Haben wir uns nicht schon einmal irgendwo gesehen?

Ich wüsste nicht, erwidert der Jüngling. Aber warum willst du vergeblich hier draussen auf mich warten? Das Ziel meiner Sehnsuchtsfahrt habe ich erreicht. Ich suchte nur die schöne Rose. Oder glaubst du —

Ich glaube gar nichts!

Oder weisst du —

Ich weiss auch nichts!

Warum —

Ei, was bekümmert mich dein Warum, spricht übermütig um ihn hertänzelnd das Licht. Lass mich nur warten! Ich habe doch nichts Rechtes zu thun. Mein Leuchteleben ist nur ein schöner Müssiggang. Und hier und dort, überall fühle ich mich so, wie ich bin. Was kümmere ich mich um mich selber?

Das Licht wusste nicht, wie lange, wie oft es den Rosenpalast umflatterte, um sich die Langeweile zu kürzen. Einmal hörte es aus seinem geheimnissvollen Inneren eine Weise erklingen, ein wenig schulmeisterlich trocken; das Licht hatte die Empfindung dabei, als sähe es durch die Rosenwolken des Abendhimmels einen Elephanten fliegen, plump, ungefüge, mit grossen langen Ohren, mit grauen Flügeln und mächtigen Klumpfüssen. So aber klang es:

 

Beten soll ich, feige mich selbst verdammen,
In den Staub vor Bildern und Gold hinsinken?
Kann ich’s noch? O steinige mich, doch nimmer
            Beug’ ich den Nacken.

Stolz hinwandelnd trag’ ich so tief im Herzen
Deinen Gluthauch, göttliches Licht! Auf Erden
Lebt nur ein Gott, eine Gewalt, dein Zauber,
            Menschliche Seele!

Weiter noch, o göttliche Seele, lebst du!
Ueberall in Allem! Es flammt nur ein Geist.
Was geschieht, wir wollen es selbst nach eig’nen,
            Ew’gen Gesetzen!

Das lauschende Licht sagt:

Welch himmlischer Hochmuth! Und doch — das beste hat er noch nicht vergessen, unterwegs verloren!

Dieselben Worte wiederholt es, als später eine andere Weise ertönt, bei denen es die Empfindung hat, als sähe es einen in allen Farben des Regenbogens schillernden Riesenschmetterling über eine sonnenbrandheisse, grauschwarze, steinige Wüste dahinsegeln:

 

O du Nachtigal im dunklen Busche,
Deinem Jauchzen hör’ ich schweigend zu;
Und ich denke träumend: Möglich war es —
O wie kam’s, dass ich nicht ward wie du?
 

Purpurrose, Königin der Blumen,
Dir auch seh’ ich lange träumend zu,
Und ich denke: Nicht unmöglich wär’ es —
O wie kam’s, dass ich nicht ward wie du?
 

Und im Bund der Nachtigall und Rose,
Holdes Mädchen, Allerschönste du:
O was seid ihr? — Nichts! — In meinem Herzen
Schwebt ihr lebend erst dem Ew’gen zu!
 

In den Rosenpalast selbst konnte das Licht niemals eindringen, um vielleicht einmal die beiden zu belauschen; denn es brauchte nur die Duftarome der Rose einzuatmen, ohne sie von Angesicht zu Angesicht zu schauen, so fühlt es sich plötzlich abgestossen, wie weggeschleudert.

Diese Duftarome der Rose gemahnten so erinnerungssüchtig an den glühenden Hauch des erdfahlen Riesenweibes in der umdunkelten Höhle.

Das Licht bekam den Schnupfen und musste sich in der Stille der Zurückgezogenheit wieder erholen.

Ich bin kein Feind der Rose, spricht es dann wohl seufzend, aber weshalb kann mich die Rose nicht ausstehen? Weshalb sucht sie mich zu vergiften mit ihren tödlich berauschenden Duftpfeilen?

Und wie die schöne Rose geahnt hatte, schon nach einigen Jahren sah sie den Jüngling ihren Palast wieder verlassen. Die Augen des Jünglings waren verschleiert. Er keuchte ein wenig. Die Haltung seines Leibes war nach vorn über gebeugt. Die Knie schlotterten, auf den Lippen bebte ein Zittern. Die Haut war gelb und schlaff geworden, der Locken goldner Kranz hatte sich in silbernen Schnee verwandelt.

Wo ist die Rose geblieben? fragte theilnahmevoll ihn das Licht. Gefällt es dir nicht mehr bei ihr? Indessen was seh’ ich: Du selber bist verwandelt — was ist dir widerfahren? Durch wessen Schuld bist du gealtert?

Ach, entgegnete schwer seufzend der Jüngling mit den silberweissen Haaren, zuerst gefiel es mir sehr wohl bei der schönen Rose. Die Augenblicke waren Ewigkeiten. Wir selber fühlten uns wie ein Wesen. Bald aber, allmählich langsam, trennten wir uns wieder, flossen gleichsam auseinander. Ich blieb ich, die Rose war Rose geblieben. Mit diesem Gefühle schlich sich auch in uns eine gegenseitige Erkältung, Entfremdung ein. Ich war ihrer überdrüssig geworden. Sie aber verwünschte mich im Namen irgend eines grossen Weibes und klagte laut, dass sie selber für immer durch mich nun verwelken und verwehen müsste.

Wäre der Undankbare, hauchte sie im Verscheiden, doch niemals meiner Verborgenheit genaht. Wer führte ihn her? Ohne ihn wäre ich ewig geblieben, was ich war!

Und wie sie regungslos dalag, erwachte in mir das alte, warme Gefühl. Wieder hätte ich mit ihr eins sein mögen; aber ihre kalte Starrheit zeigte mir, dem Schaudernden, dass wir es nicht mehr sein konnten. Nun bin ich wieder hier draussen.

Und was gedenkst du jetzt zu thun? fragte das Licht, neubegierig und voller Mitleid sein verwettertes Antlitz betrachtend.

Ich bin müde, müde, rief er, mir wird so

seltsam zu Mute, ich möchte mein Haupt hinneigen und langsam . . . .

Er schwieg eine Weile; dann klang es von seinen Lippen:

 

Wenn ein ew’ger Lenz voll Frieden
Ueber jenen Sternen glüht,
Wenn nur Seligkeit und Liebe
Dort in jenen Fernen blüht,
     Deren Zauberpracht
     Leuchtet jede Nacht,
O wer hiesse nicht den Tod
Seines Lebens Morgenroth,
     Um befreit zu schweben
     Auf ins ew’ge Leben?
 

Wenn ein ew’ger Lenz voll Frieden,
Ueber jenen Sternen glüht,
Wenn kein Hassen, wenn nur Liebe
In geliebten Fernen blüht,
     Deren Wunderraum
     Wach ruft Traum auf Traum,
O, wer risse sich nicht los
Von der Erde Mutterschoss,
     Um den Erdetagen
     Lebewohl zu sagen?
 

Wenn nur Liebe, Lenz und Liebe
Ueber jenen Sternen blüht,
Wenn kein Auge, mordgierlüstern,
In geträumten Fernen glüht,
     Die wir nie geseh’n,
     Die wir nie verstehn, —
O wer spräche dem den Fluch,
Der zerriss sein Lebensbuch,
     Um in jenes Leben
     Rasch befreit zu schweben?
 

Noch nicht, noch nicht! sprach das Licht und umtanzte ihn in der Runde.

Und während das Licht ihn von allen Seiten umtanzte, fühlte der schon seitwärts zu Boden hingeneigte Jüngling sich wundersam gestärkt. Langsam erhob er sich wieder.

Nach einer Weile sprach das Licht von Neuem, vor den Augen des Jünglings ein wenig stille haltend:

So, nun bist du wie früher! Wie ist dir jetzt zu Muthe?

Mir ist, entgegnete er, mein holdes Licht, als hätte ich einen Traum gehabt so wunderschön, so rosendurchduftet — doch in ein Meer von rosigen Schimmern verzittert Alles. Ich kann mich auf nichts mehr besinnen.

Und was möchtest du nun beginnen? fragte das Licht.

Mich ein wenig ausruhen.

So ruhe!

Während der Jüngling im Waldesgrunde unter schattenden Bäumen auf dem duftigen, blumendurchwirkten Grasteppich lag, umschwebte ihn das Licht in schier nimmer endenden, zierlichen Bewegungen.

Als es glaubte, genug dieser zierlichen Kreisbewegungen gemacht zu haben, stellte es sich zu Häupten des schlummernden Jünglings hin.

Im selben Augenblicke, wo das Licht ruhte, erwachte der Jüngling.

So, sprach heiter das Licht, nun bist du wieder stark und kraftvoll wie einer.

Was wollen wir jetzt beginnen? fragte der Jüngling.

Das ist sehr schön und sehr weise von Dir gesprochen, erwiderte das Licht, dieses: Was wollen wir jetzt beginnen. Zunächst lass uns aufbrechen von diesem abscheulichen Orte.

Von diesem abscheulichen Orte? rief der Jüngling erstaunt. Ich weiss nicht, weshalb. Keine Stelle möchte in späteren Jahren meiner Erinnerung lieber und theurer erscheinen!

Lieber und theurer erscheinen? fiel wie spottend das Licht ein. Lieber und theurer erscheinen? Ha und deiner Erinnerung?

Spotte nicht! entgegnete halb unwillig der Jüngling. Weisst Du nicht, dass dort, dort das Liebste meines Herzens begraben liegt, die Rose?

Ach so! sprach wie gelangweilt und gähnend das Licht. Das — vergass ich völlig! Aber wohin wollen wir?

Was dir gut scheint, soll auch mir gut dünken, erwiderte er.

Auch dies war wieder sehr schön und sehr weise gesprochen, meinte das Licht. So folge mir denn!                                                      

Und das Licht führte den Jüngling zu einem anderen Walde. Sie kamen an einen grossen, unendlich weiten See, dessen Fläche wie ein einziges, himmelleuchtendes Auge erschien.

Das Licht hiess den Jüngling hinabschauen. Selber aber blieb es hinter ihm stehen.

Und auf dem klaren, heiteren Spiegel des unendlichen Wassers schaute er das Schönste, was sich seine Phantasie erbauen konnte. Das Lieblichste bekamen seine Ohren zu hören; das Angenehmste empfand sein Herz.

Im Anblick dieser Bilder, im Hören dieser Klänge schwelgte er so lange, bis er sanft entschlummerte.

Ein schmeichelnder Klang bethörte ihn und sprach,. wie eines Vögleins Schwingen im Fluge seine Lippen berührend:

Ich will dich umschweben!

Und ein würziger Duft hauchte ihn an und flüsterte ihm heimlich zu:

Ich will dich umhüllen!

Und eine versengende Glut umflammte ihm singend die Schläfen:

Ich will dich tragen!

Als der Jüngling die Augen wieder aufschlug, sah er sich zu Häupten nur das — Licht. Er blieb liegen und fragte, aufwärts blickend zum Lichte:

Hast du etwas gesprochen, während ich schlief?

Ja, sagte das Licht, einmal habe ich gesprochen: Ich will dich umschweben. Weiter aber kein Wort! Dann habe ich nur ein Mal tief aufgeatmet, und schliesslich habe ich einmal etwas heftig nach rechts und links mich bewegt.

Während der schöne Jüngling noch sinnend im Grase lag, sah er plötzlich am Himmel in endloser Ferne einen einzigen, schimmernden Stern aufleuchten. Er betrachtete den Lauf des Sternes, welcher auf der gewölbten Himmelsbahn langsam heraufkam.

O, rief der Jüngling und streckte beide Arme weit aus, sehnsüchtig nach oben, könnte ich dies liebe Auge küssen und an mein Herz drücken! Wie sehnt es sich nach ihm empor und hinauf! Hier hält es mich nicht länger; ich muss!

Dieses Muss? Sehr weise und schön gesprochen!

Was hindert dich, fragte nach einer Weile das Licht wie erstaunt, dem Sterne da oben entgegenzufliegen? Folge mir, ich fliege voran!

Und während er emporschwebte, hörte er des Klanges Schmeicheln:

        Ich umschwebe Dich!
hörte er des Duftes Flüstern:
        Ich umhülle Dich!

hörte er die Glut singen:

        Ich trage Dich! —

 

Intermezzo.

 

Sieh den reizvoll prangenden Kelch der Rose
Mit dem andachtfrommen Gemüt des Beters,
Und du schaust ein Wunder: des schönen Lebens
            Ewig Geheimniss.
 

Ihrem Dufthauch, ehe sie wieder hinsinkt,
Neige dann dein lauschendes Ohr: was hörst du
O wie trostvoll? Atmen das leichgelös’te
        Rätsel des Todes!


III.

Und so schloss Anaxagoras:

Nachdem der Jüngling den Stern umarmt und geküsst, wurde ihm überschwänglich zu Mute, als ob er in seinem ungestümen Liebesdrange den Stern verschluckt hätte. Er fühlte sich mit einem Male unendlich selig.

Schon wusste er nicht mehr zu unterscheiden, ob er auf Erden oder im Himmel weilte.

Oben und Unten war ihm dasselbe geworden.

Von überall her war ihm Alles gleich fern.

Von überall her war ihm Alles gleich nahe.

Das gleich Ferne war ihm das gleich Nahe geworden.

Erwache noch einmal aus deiner Seligkeit! sprach das Licht.

Diesmal aber tönte die sonst so liebefreundliche Stimme des Lichtes wie boshaft spöttisches Kichern, wer — hätte das von dem guten, freundlichen Lichte erwartet! Allein es ist eben unbegreiflich in dem, was er vorhat.

Und jetzt langte das Licht einen kleinen Spiegel hervor und hiess den in namenlose Seligkeiten versunkenen Jüngling in dem Spiegel sein eigenes Abbild betrachten.

Der Jüngling erstaunte, er schüttelte das goldene Lockenhaupt.

Er sah hin, und er sah wieder hin.

Was hatte er so Befremdliches erblickt, dass er erstaunte und die goldenen Locken abwehrend schüttelte, als hätte er etwas geschaut, das unmöglich war, das unmöglich ein Spiegel ihm in seiner glänzenden Stummheit sagen konnte?

Seines eigenen Leibes Gestaltung sah er sich aus dem Spiegel entgegenleuchten, aber — mit verbundenen Augen. Zugleich gewahrte er neben sich stehen wie einen Zwillingsbruder, ihm gleich an Schönheit und Bildung, einen anderen Jüngling, und an der Seite mit ihm verwachsen. Die unverhüllten Augen dieses sehenden Jünglings erfüllte ein überirdisch ruhiger Himmelsglanz. Hätte ein anderer in diese Augen gesehen, dieser überirdische ruhige Himmelsglanz würde ihn geblendet, wahnsinnig gemacht, in Staub und Asche verwandelt haben.

Den Jüngling schauderte vor dieser Verkettung seines Leibes mit einem anderen Wesen. Zugleich wusste er sich nicht zu deuten, wie es kam, dass seine Augen in dem eigenen Abbilde als verbunden, schleierumhüllt erschienen.

Er fasste sich vor die Augen: er fand die Binde, den Schleier nicht . . .

Das Licht aber, hinter ihm stehend, fragte den Jüngling, welcher sich gar nicht umsah:

Du möchtest wohl von einem der beiden frei sein? Wen von beiden ziehst du vor? Nicht deine Seele mehr, nur dein Verstand kann noch wählen! Sprich, sprich das Wort! Den mit verbundenen Augen oder —

Natürlich, fiel ihm der Jüngling heftig in’s Wort, ohne sich umzusehen, diesen da! Der andere mit den offenen Augen muss ich ja sein, wie ich mich soeben durch meine eigene Hand überzeugt habe.

Durch deine eigene Hand? Haha . . .

Das Licht kicherte leise und sprach dann mit unendlich erhabenem Ernste:

So sei denn von jetzt ab der Jüngling mit den offenen Augen, ohne Binde vor den Augen!

So sprach das Licht, der Spiegel wieder verschwunden.

Der schöne Jüngling sank zu Boden, noch einmal tief aufatmend.

Nur ein seelenloser Leib lag auf dem bunt- beblümten, vom silbernen Mondschein überhauchten Wiesengrunde.

Nun ist er todt! jauchzte das Licht und tanzte um ihn herum.

Es setzte sich sodann auf seine Stirn nieder. Und sowie es, dem Anscheine nach, aus dem Munde des leblosen Jünglings etwas Unsichtbares hervorgezogen hatte und lüstern hastig in sich hineingeatmet, zerfiel der schöne, blühende Leib in Asche; die Asche zerstiebte in alle vier Winde; und auf der Stelle, wo noch eben der Jüngling gelegen, blühten wie zuvor Gräser und Blumen.

Sobald aber das Licht das Unsichtbare von den Lippen des Jünglings in sich hastig lüstern hineingeatmet hatte, verzitterte es plötzlich in unsichtbare, unzählige, unendlich kleine Theilchen, ringsum die Thäler und Höhen mit seinem unsagbaren Geschimmer und Geflimmer erfüllend.