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Albert Londres – Der ewige Jude am Ziel.

Ein Reisebericht aus den Ghettos der Welt

Albert Londres, Der ewige Jude am Ziel, Deutsch von Alexander Benzion Phaidon Verlag, Wien, 1930
Titel der Originalausgabe: Le juif errant est arrivé.



I

Eine absonderliche Erscheinung

Die Schiffe, die zwischen Calais und Dover verkehren, heißen »malles«, Koffer.

Zu Beginn dieses Jahres, des neunzehnhundertneunundzwanzigsten nach christlicher Zeitrechnung, befand ich mich in einem solchen »Koffer«.

Er schien ziemlich gut eingerichtet zu sein, und es herrschte Ordnung darin. In der untersten Abteilung stand eine lange Reihe von Reisenden, die ihren Paß zwischen den Fingerspitzen hielten und darauf warteten, sich der Polizei zu präsentieren. Andere stellten sich nach englischem Ritus Punkt fünf Uhr beim Teekessel ein. Die Treppe war von besorgten Gemütern belagert; was würde wohl das Meer aufführen? Sollte man bis auf den Boden des Koffers hinuntersteigen oder es sich auf seinem Deckel bequem machen? Der Deckel trug schließlich den Sieg davon, und die Menge strömte auf die Brücke.

Hier war große Gepäck-Parade.

Das Schiff, das bis jetzt stumm geblieben war, begann zu sprechen. Die den Reisetaschen aufgeklebten Zettel berichteten von Fahrten und Abenteuern; eine magische Wirkung ging von ihnen aus. Scheherezade hätte nicht annähernd so viel zu erzählen gewußt. Eine Ansicht des Parthenon verkündete, daß die eine aus Athen kam. Sie hatte in einem ›Palace‹ in Rom und dann in einem ›Albergo‹ in Florenz Station gemacht. Diese da schien eine unsichere Kantonistin: hatte sie nicht dreimal in Kairo das Hotel gewechselt? Eine ganz kleine kam aus Brisbane und hatte unterwegs Colombo angelaufen. Mehrere waren in Indien gewesen.

Die Bilder der Hotels von Bombay waren hübscher als die der Hotels von Kalkutta. In einem Winkel sehnte sich eine Unglückliche nach Biskra zurück; man hatte ihr eine Palme aufgeklebt. Mentone und St. Raphaël schickten etwa zwanzig wieder nach Hause, die Schweiz ebensoviele. Aber auch anderer Länder Schnee und Sonne, die sich auf dem schönen Kalbleder verewigt hatten, setzten nun melancholisch über die Meerenge.

Plötzlich, während ich an all die ordentlich zusammengelegten wandernden Smokings dachte, die nun nach England zurückkehrten, tauchte zwischen den Gepäckstücken eine absonderliche Gestalt auf.

Weiß an ihr waren nur die Socken; alles andere war schwarz. Der Hut war wohl einmal, als sein Filz noch jung war, steif gewesen; jetzt war er eher weich. Dieser erprobte Sturmgeselle war immerhin ein europäisches Kleidungsstück – das einzige! Ein langer aufgeknöpfter Kaftan, der das Amt eines Überziehers versah, ließ einen zweiten, etwas grünlich gewordenen Kaftan sehen, um den sich in der Hüftengegend eine abgewetzte Schnur schlang. Das sonderbare Individuum trug einen wirren Bart, aber das Tollste an ihm waren zwei Haarlocken, die, sorgsam gekämmt, in der Ohrengegend unter dem prachtvollen Hut hervorkamen.

Die Engländer, diese Meister der Rasierkunst, schauten ihn betroffen an. Er ging hin und her, unbekümmert um die Menge.

Es war ein Jude.

Wo kam er her? Aus einem Ghetto. Er gehörte zu jenen Millionen menschlicher Wesen, die noch unter der Verfassung leben, die Moses auf dem Gipfel des Sinai diktiert hat.

Was ich damit meine, wird klar, wenn ich hinzufüge, daß sie gegenwärtig auch in Galizien, in der Bukowina, in Bessarabien, in Siebenbürgen, in der Ukraine und im Marmaroschgebirge so leben. Oder, besser gesagt, sie gehören zwar immer noch einzig ihrem Gott an, aber durch die Bosheit der Menschen sind sie zu polnischen, rumänischen, russischen, ungarischen und tschechoslowakischen Staatsangehörigen geworden.

Die Aufmachung, in der dieser hier ankam, hätte ihm einen Paß ersetzen können. Wahrscheinlich kam er aus Galizien, sicher war es ein Rabbi, und was er mit seiner Reise bezweckte, das ließ sich, wenn man nur ein bißchen über das Leben dieser Juden Bescheid wußte, leicht erkennen: der Rabbi begab sich nach London, um dort Chalukah (Almosen) zu sammeln.

Es dauerte nicht lange, und der große Koffer schüttete seinen Inhalt auf den Strand von Dover aus. Ich hielt mich dicht an den heiligen Mann. Mit einem Köfferchen aus gewichstem Holz folgte er der Menge. Ein policeman mit der Kopfbedeckung einer Minerva lächelte, als er ihn erblickte. Der Jude ging weiter. Bald waren wir vor den Bänken der Zollbeamten. Er stellte seine Kiste ab. In diesem Augenblick, und zum erstenmal in meinem Leben, regte sich in meiner Seele etwas von den Gefühlen eines Zollbeamten. Warum dauerte es so lang, bis man ihn seinen Kram auspacken ließ? Endlich kam er dran. Die Kiste gab ihre Geheimnisse preis. Ein weißer Schal mit schwarzen Streifen und Fransen war darin, ein Paar Socken, zwei an Lederriemen gebundene kleine Schachteln, etwas länger und doppelt so hoch wie unsere Streichholzschachteln, zwei dicke Bücher, die schon aus der Entfernung nach Talmud rochen, und einige in sonderbaren Lettern gedruckte Zeitungen.

Von früheren Besuchen osteuropäischer Synagogen wußte ich, daß der Schal ein Gebetmantel, ein Tallis war, und die beiden kleinen Schachteln Tefillin, die jeder fromme Jude sich am Morgen, wenn er Zwiesprache mit dem Herrn hält, an die Stirn und die linke Hand bindet.

Ein protestantischer Zollbeamter braucht nicht zu wissen, daß es sich um heilige Gegenstände handelt, und so verfuhr der unsere mit diesen Dingen nicht anders, als er es mit Puderdosen und einem spanischen Schal getan hätte.

Nachdem die Revision zu Ende war, ging der Rabbi auf den Bahnsteig.

Er ließ den Pullman ruhig abfahren und bestieg zehn Minuten später den Zug der vernünftigen Leute.

Natürlich nahm ich ihm gegenüber Platz.

Ich tat das keineswegs aus einer plötzlichen Laune. Dieser Mann kam mir gerade recht.

Ich reiste diesmal nicht, um eine Reise um die Welt, sondern eine um die Juden zu machen, und zuerst wollte ich Whitechapel meine Reverenz erweisen.

Ich wollte Prag, Munkacs, Oradea-Mare, Kischinev, Czernowitz, Lemberg, Krakau, Warschau, Wilna, Lodz, Ägypten und Palästina besuchen, die Vergangenheit und die Zukunft, wollte von den Karpathen bis zum Ölberg reisen, von der Weichsel bis zum See Tiberias, von den Wunderrabbis bis zum Bürgermeister von Tel-Aviv, von sechsunddreißig Grad unter Null, die mitleidslose Zeitungen bereits für die Tschechoslowakei prophezeiten, bis zur Sonnenglut, die den Orientbesucher alljährlich schon im Mai empfängt.

Aber den Anfang mußte ich mit London machen.

Warum?

Weil England – es ist nun elf Jahre her – den Juden ungefähr die gleiche Rede hielt, wie Gott vor etwas längerer Zeit dem Propheten Moses auf dem Berge Horeb: »Ich habe beschlossen, euch aus der Bedrückung Ägyptens herauszuführen und euch ins Land der Kanaaniter, der Hethiter, der Amoriter, der Perisiter, der Hewiter und der Jebusiter zu bringen, in ein Land, wo Milch und Honig fließt.«

Lord Balfour hatte sich nicht so dichterisch ausgedrückt. Er hatte gesagt: »Ihr Juden, England, das durch euer Elend gerührt und keineswegs gewillt ist, ein anderes großes Volk an einem der Ufer des Suezkanals festen Fuß fassen zu lassen, hat beschlossen, euch nach Palästina zu schicken, in ein Land, das ihm dann, dank euch, zufallen wird.«

England verteidigte seine Interessen besser als der liebe Gott die seinen. Gott hatte gleichzeitig Palästina und Transjordanien gegeben.

Lord Balfour behielt Transjordanien.

Freilich hatte in der Zwischenzeit Mohammed ein Wort mitzusprechen gehabt.

Der Zug rollte. Mein Rabbiner schlummerte ein bißchen. Sein prachtvoller Hut hatte sich etwas verschoben, so daß man das Käppchen sehen konnte, das er darunter trug. Jeder orthodoxe Jude muß nämlich zwei Kopfbedeckungen tragen. Die eine konnte ein Windstoß davontragen, oder er selbst konnte sie in einem zerstreuten Augenblick vom Kopf nehmen. Wie furchtbar, wenn dann der Name des Herrn (er sei gelobt!) vor dem entblößten Haupt eines Juden ausgesprochen würde!

In Chatham öffnete mein Gefährte seine Augen wieder. Sie waren sehr schön. Kam mein Mann aus Galizien, so kamen seine Augen von viel weiter her. Der Orient wohnte noch in ihnen. – Der polnische Untertan holte seinen Talmud aus der Holzkiste und versenkte sich in sein geliebtes Hebräisch.

Die Engländer, die im Gang promenierten, warfen einen empörten Blick auf den Reisenden. Man kann einem Volk von Weltreisenden angehören und braucht doch nicht alles gesehen zu haben. Vor allem versetzten ihnen die »Peies« (die Schläfenlocken) einen Schock. Bald wurde der Rabbi die große Attraktion des Waggons. Die, welche ihn zuerst entdeckt hatten, machten ihre Nachbarn auf ihn aufmerksam. Fortwährend gingen Neugierige mit möglichst gleichgültigem Gesicht vor unserem Abteil auf und ab. Ein gewöhnlicher Zeitgenosse wäre aufgestanden und hätte sie gefragt: »Was wünschen Sie, gentlemen?«

Kann man aber, wenn man auf dem Umweg über sonderbare Drucklettern mit dem lieben Gott flirtet, Gedanken haben für die Dummheit seiner Geschöpfe? Ruhig verleibte der Rabbi sich seinen Text ein; seine Lippen bewegten sich wie die eines knabbernden Kaninchens.

London. Der Reisende wurde erwartet. Zwei Männer in europäischer Kleidung begrüßten ihn, ohne den Hut abzunehmen. Sie grüßten ihn mit den Schultern, mit dem Hals, mit einer Bewegung der Nasenflügel, einem Hochziehen der Augenbrauen. Das Trio begann ein Gespräch, an dem natürlich ihre Körper mitbeteiligt waren. Automatisch zeichneten ihre Hände die Umrisse ihrer Gedanken. Die Geste ist in der Tat der Akzent Israels. Die Juden brauchen die Hände so nötig zum Sprechen wie die Zunge. Wenn sie armlos wären, wären sie auch halb stumm!

Um die Taxis kümmerten sie sich nicht. Sie verließen den Bahnhof und gingen zu Fuß.

Der eine der Europäer trug die Kiste. Der Rabbi hatte seinen Talmud unterm Arm. Der dritte zeichnete mit der Hand Arabesken in die Nacht.

Bald machten sie Halt. Man brauchte kein Detektiv zu sein, um zu merken, daß sie auf den Autobus warteten. Die Londoner Menge lächelte ein bißchen über sie, dann stellte sich das anmutige Fahrzeug ein. Man bestieg es. Wohin würden mich die Söhne Abrahams führen? Ich entdeckte Piccadilly, ich erriet, daß man am Anfang des Strand vorbeikam, dann schien es mir, als ob wir durch die City führen. Das Gespräch ging schneller als der Autobus und hielt keineswegs inne, wenn der Riese einen Augenblick verschnaufte. Dann war die Fahrt zu Ende. Vor einem großen Gebäude stiegen sie aus – ich bin nicht ganz sicher, aber es war wohl das »London Hospital«. Wir befanden uns bei Whitechapel Road. Das Viertel war nicht sehr belebt. Ich konnte ihnen ohne Schwierigkeit folgen. Sie gingen die Hauptstraße entlang und bogen dann in Silver Street ein und schließlich in Chicksand Street. Das war eine sehr kleine, finstere, schmierige Gasse. Nur die trüben Lichter der Läden erhellten sie ein wenig. In einem Gang des Hauses Nummer 17 verschwand das Trio. Es war ein schmutziges Ziegelhaus, dessen Erdgeschoß einen Geflügelhändler beherbergte, der schlecht gerupfte Enten und Hühner verkaufte.

Auf Wiedersehen morgen! sagte ich mir und notierte die Adresse.

Ich kehrte um. Die Häusermauern waren feucht. Hinter den Scheiben sah man Familien um ärmliche Tische. Ich kam wieder nach Whitechapel Road. Im Gehen las ich die Namen auf den Ladenschildern: Goldman, Appelbaum, Lipovitch, Blum, Diamond, Rapoport, Sol Levy, Mendel, Elster, Goldberg, Abram, Berliner, Landau, Isaac, Tobte, Rosen, Davidovitch, Smith, Brown, Lewinstein, Salomon, Jacob, Israel . . .

Und das alles auf einer Straßenseite! Da war ich mitten in meinem Stoff.



II

Nochmals in Chicksand Street

Es war Mittag. Zwei Männer suchten im Zentrum Londons ein koscheres Restaurant.

»Liegt Ihnen viel daran?« fragte der eine.

»Wir wollen es ausnützen, daß wir heute keinen großen Hunger haben«, erwiderte ich.

Ich war einer der beiden Männer, und der andere mein neuer Gefährte. Ich hatte ihn heute früh im Hause Great Rüssel Street 77, im Zentralbüro der zionistischen Organisation kennen gelernt. Man hatte mir gerade ihn mitgegeben, weil ich jemanden wollte, der Jiddisch verstand.

»Wir könnten vielleicht in einem ›Lyon‹ frühstücken«, sagte er; (das sind Restaurantbetriebe in der Art der Pariser ›Duval‹) »man ißt dort nicht koscher, aber das Unternehmen ist doch jüdisch.«

»Wir wollen heute würdige Söhne des Herrn, Ihres Gottes, sein und koscher essen!«

Am »Strand« fanden wir ein rituelles Restaurant. Es wimmelte dort von Menschen. Manche Gäste saßen mit bedecktem Kopf da, andere hatten wie gewöhnliche Christen ihren Hut abgelegt. Wir nahmen Platz.

Man kennt diese Art von Gasthäusern, die auf dem Schild hebräische Buchstaben tragen. Überall in der Welt sind sie ein Beweis dafür, wie anhänglich das jüdische Volk seinem Gesetz ist:

»Ihr sollt nicht essen, was unrein ist.

Essen dürft ihr den Ochsen, das Lamm, das Zicklein, den Hirsch, das Reh, den Büffel, den Steinbock, die Gemse, den Auerochsen und das Elen.

Ihr dürft von allen Tieren essen, deren Hufe gespalten sind und die wiederkäuen.

Nicht essen aber sollt ihr von all den Tieren, welche wiederkäuen und deren Huf nicht gespalten ist, wie Kamel, Hase, Kaninchen.

Auch das Schwein soll für euch unrein sein, denn es hat zwar gespaltene Hufe, aber käut nicht wieder.

Von allen Tieren, die im Wasser leben, könnt ihr die essen, die Schwimmflossen und Schuppen haben.«

Und solcher Gebote gibt es noch viele.

So spricht der Herr im fünften Buch Moses’.

In dieser Art essen noch immer Millionen und aber Millionen Juden.

»Sollen wir nicht Elenfleisch kosten?« fragte ich.

»Schauen Sie sich einmal die Gesichter dieser Gäste an und sagen Sie mir, ob wirklich ein jüdischer Typus existiert, wie man behauptet. Es gibt schon Juden, die dem entsprechen, was man als jüdischen Typus bezeichnet . . .«

»Meinen Sie?«

»Aber die Mehrzahl . . .«

»Nun, jedenfalls macht dieser Typus dem Stamm Ehre, und manche Köpfe sind sehr schön.«

Das Fleisch, das man uns vorsetzte, schien zwischen Löschpapier gekocht worden zu sein. Kein Tropfen Blut war mehr darin. Na, gut!

»Ich bin nicht von hier,« sagte mein Gefährte, »ich bin in Rußland geboren und polnischer Staatsbürger. Aber ich habe einen Freund beim Jüdischen Theater. Der könnte uns nützlich sein. Warten Sie, ich will mir die Adresse dieses Theaters geben lassen.«

Er erkundigte sich bei unserem Nachbar. Dieser sah eher wie ein kleiner englischer Beamter aus, als wie ein freier Sohn Abrahams. Er sagte;

»Ja, ich weiß, daß es ein jüdisches Theater gibt, aber ich geh’ nie hin.«

Dem Lächeln, mit dem er das sagte, war deutlich Verachtung beigemengt.

»Wieder ein Renegat«, sagte der Pole. »So sind sie in Frankreich, in England . . . Man merkt, daß sie keine Ahnung haben von dem, was bei uns vorgeht.«

Wir tranken ein letztes Glas ginger beer, ein Getränk, das Moses als Mann von gutem Geschmack nicht empfohlen hat, griffen nach unseren Hüten und machten uns nach Whitechapel auf den Weg.

Es liegt im Osten von London, heißt sogar East End (Ost-Ende). Zur Zeit als die Juden auf der Flucht vor den Verfolgungen im östlichen Europa sich dort niederließen, war es noch das Ende der Hauptstadt. Aber sie haben sich ja nie vor der Wüste gefürchtet! Keine Schranke ist nötig, um kenntlich zu machen, wo Whitechapel beginnt, es müssen keine Prospekte verteilt werden, um darauf aufmerksam zu machen, daß man in unenglisches Land kommt – das riecht man schon. Der Unterschied ist so fühlbar wie der zwischen einem Kühlhaus und einem Treibhaus. Die Leute, die hier wohnen, sind englische Staatsbürger oder werden es eines Tages sein, sie stimmen wie Engländer, sie sprechen englisch, aber vom ersten Haus an riecht hier nichts mehr nach England. Es ist menschlicher hier, fast hätte ich gesagt: romanischer – ohne zu bedenken, daß Lateinisch nicht Hebräisch ist! Schnitt und Ausdruck der Gesichter, die Beweglichkeit der Züge, die Sprache der Gebärden, das asketische Aussehen der einen, die dicken Bäuche der anderen, die angeborene Neugier, der Zwiebelgeruch, die deutlich zur Schau getragene Unruhe oder Zufriedenheit – das ist Israel!

Sie verstecken sich nicht. All die weltbekannten Namen, von denen Isaac noch der wenigst bekannte ist, springen einem von ihren Läden entgegen. Die Treue, mit der dieses tragische Volk an seinem Ursprung hängt, ist übrigens eine seiner schönsten Eigenschaften. Engländer? Ja, sie sind stolz darauf, es zu sein. Die Alten haben ihnen erzählt, wie teuer es ihre Väter zu stehen kam, in Rußland geboren zu sein. Gleich nach ihrem Judentum kommt sicher ihr Engländertum. Wenn man ihnen vorschlüge, England zu verlassen und nach dem Osten zurückzukehren, ja sogar, nach Palästina zu fahren, würden sie erwidern:

Wir sind Engländer!

Ihre Vorstellung aber ergeht sich noch immer mit Entzücken auf der alten hebräischen Erde, die ihren Füßen ein weicher Boden scheint. Was sieht man in den Schaufenstern und im Inneren der Läden von Whitechapel Road, von Mile End Road, von Commercial Road und dort, wo Stepney beginnt? Bilder. Das eine stellt den Kampf Davids mit Goliath dar. Auf einem anderen sieht man, wie der besiegte Saul auf dem Berg Gilboa Harakiri begeht. Dann Ansichten von Jerusalem, den Einzug des Generals Allenby in Gaza. Nebukadnezar führt die Fürsten, die Helden und die Richter in die Gefangenschaft. Lord Balfour weiht auf dem Berg Skopus die hebräische Universität ein. Ist es das Bild König Georgs V., das einen auf der ersten Seite der Jahreskalender begrüßt? Nein! Sondern das des modernen Messias, ihres großen Juden des zwanzigsten Jahrhunderts, des Papstes des Zionismus, Theodor Herzl!

Dieser Verkäufer von Herrenwäsche hat zwar keine Kragenknöpfe mit Mechanik, aber dafür hängt an seiner Wand eine Karte von Palästina! Und was findet man auf ihrer Seife, jedenfalls auf der, die ich gekauft habe? Den aus zwei Dreiecken gebildeten Stern, das Zeichen des Davidschildes!

»Wir sollen also zu Ihrem Rabbi gehen?«

»Durch diese Straße hier«, sagte ich.

Wir befanden uns wieder in Chicksand Street. Hinter den Häusern von Whitechapel wird einem nachts nicht warm ums Herz, bei Tag aber läuft es einem dort kalt über den Rücken. Der Londoner Nebel muß sich ja wohl, wenn er nicht gerade in der Luft liegt, irgendwo aufhalten: hier nun ist er! Ich habe seine Remise gefunden. Auf dem Trottoir, gegen die Mauern gelehnt, ruht er sich aus. Er hat sich klein gemacht, damit er ganz in die Straße hineingeht. Sobald er sich wieder in Form fühlt, erhebt er sich, nicht ohne Spuren zurückzulassen, macht eine kleine Runde oberhalb der Hauptstadt und kehrt dann zu den Dächern von Whitechapel zurück, wo er in sich zusammensinkt . . .

Der Geflügelhändler von Nummer 17 hatte auch heute seine Hühner sehr schlecht gerupft.

»Wie heißt Ihr Mann?« fragte mich der Pole.

»Es finden sich in ganz England nicht zwei solche Individuen. Wenn man ihn beschreibt, braucht man keinen Namen mehr.«

Der Händler, der einen Kurs im Hühnerrupfen nehmen sollte, hatte ihn nicht gesehen. Die Bewohner des ersten Stocks wußten nichts von ihm. Hinten im Hof, an einem offenen Fenster, entdeckte ich den Rabbi. Er saß in einem Sessel aus rotem Rips, das Käppchen auf dem Haupt, mit flatternden Peies, las in seinem dicken schwarzen Buch und bewegte dabei die Lippen.

Ich eilte die Treppe hinunter, aber mein Gefährte riet mir, meinen Eifer etwas zu dämpfen.

»Sie dürfen ihm nicht so an die Kehle springen. Er ist Ostjude, und seine Gedankenwelt von der Ihren verschieden. Vorsicht ist geboten.«

Als sie »Zionistische Organisation« hörten, empfingen uns die Leute mit großer Freundlichkeit. Einer von den beiden, die am Vorabend den Rabbi vom Bahnhof abgeholt hatten, bat uns, im Zimmer nebenan Platz zu nehmen. Wir erfuhren, daß der merkwürdige Reisende in der Tat Rabbiner sei, daß seine Gemeinde sich in Galizien, zwischen Tarnopol und der rumänischen Grenze befinde, der Mieter der Wohnung Chicksand Street 17 sein Großneffe sei, und daß der Mann Gottes sich nicht weigern würde, mit uns zu sprechen.

Man führte uns zu ihm.

Der Rabbiner schloß seinen Talmud. Ohne zu wissen, wer wir seien, streckte er uns die Hand entgegen und sagte:

»Schalom!«

»Schalom«, erwiderte der Pole.

Es ist der hebräische Gruß, der unser »Guten Tag« ersetzt und der bedeutet: »Friede sei mit dir!«

Ich ließ ihm sogleich verdolmetschen, daß ich mit ihm gereist sei und seine Adresse nicht aus Neugier, sondern aus einem ernsten Beweggrund zu erfahren gesucht hätte: weil ich mir nämlich vorgenommen habe, den Franzosen zu schildern, wie die Juden der ganzen Welt leben; in dieser Absicht gedenke ich, sein Land und noch einige andere Länder und auch Palästina zu besuchen, und fast scheine es mir, als wolle die Vorsehung, die mich gleich zu Beginn meiner Reise mit einem heiligen Rabbi zusammenführte, mir zu verstehen geben, daß sie meinen Plan gutheiße.

»Toda rabba!« (Vielen Dank!)

Ich ließ ihn fragen, was er mit seiner Reise nach London bezwecke.

Er erwiderte:

»Das Elend meiner Gemeinde ist groß. Die Kälte, die gewöhnlich viele Monate anhält, wird es noch verstärken. Meine Juden haben nichts zu essen und keine Kleider. Mit nackten Füßen gehen die Kinder über das Eis, und in die Häuser bläst der Wind, denn sie sind nur aus Brettern zusammengefügt, und diese klaffen oft auseinander. Ich bin nach London gekommen, um Almosen zu sammeln. Die Juden, denen es gut geht, sind verpflichtet, ihren Brüdern, die noch bedrückt werden, zu Hilfe zu kommen. Sind nicht wir Ihm (Gott) am nächsten ? Wer würde, wenn wir nicht wären, noch zu ihm beten?«

Er fuhr fort:

»Wenn das Unglück so viele Kinder Israel heimsucht, ist das nicht eben die Sühne für das selbstsüchtige Glück und die Gottlosigkeit der ändern?«

Sein Großneffe bat, wir möchten uns den Fall seines Großonkels überlegen. Im Ghetto geboren, im Ghetto lebend habe er vielleicht keine genauen Vorstellungen von den Erfordernissen des modernen Lebens. Während die Juden Galiziens sich damit begnügen könnten, Gott wohlgefällig zu sein, hätten die Juden des Westens es leider nötig, den Menschen zu gefallen.

Und man übersetzte mir, daß er seinem Verwandten sagte:

»Aber auch wir, Rabbi, wenn wir auch Engländer sind, halten den Sabbat. Morgen, Freitag, sobald der erste Stern blinkt, werdet Ihr hören, wie die eisernen Rolläden, während ganz London noch arbeitet, in Whitechapel herunterrasseln.«

Der Rabbiner erwiderte:

»Der Heilige Name sei dafür gepriesen! Aber Wahrheit ist Wahrheit. Nicht der Neid hat mir die Zunge gelöst. Wenn es bei euch Juden gibt, die dem Jahrhundert des Wohlbehagens nicht widerstehen konnten, so daß sie bloß noch Israeliten sind – sie geben wir auf. Sie halten sich für Engländer oder Franzosen. Der Geist hat sie verlassen. Sie haben den Bund zerbrochen. Alles haben sie verloren. Für uns sind sie keine Juden mehr, und für die Menschen im Westen sind sie es noch immer! Aber ich denke an dich, Samuel Gottschalk; dein Vater gehört noch zu uns, und du bist schon ein Engländer. So schnell entfernt ihr euch von den Euren. Du bist in Gefahr. Deine Kinder, auch sie werden vielleicht nur noch Israeliten sein, wie man euch hier nennt!«

Mein Pole, der mir diesen Gefühlsausbruch übersetzte, legte Wert darauf, zu betonen, daß wir es mit einem Fanatiker zu tun hätten. »Das Unglück ist,« fügte er hinzu, »daß es bei uns solche Leute zu Millionen gibt. Dadurch wird es nicht leichter, eine Lösung der Judenfrage zu finden.«

»Und der Zionismus?«

»Aber den verwerfen sie ja! Die Rabbiner, die dort alles in der Hand haben, sind seine erbittertsten Gegner.«

»Fragen Sie ihn doch, was er von der Balfourdeklaration hält.«

Der Pole fragte ihn. Der heilige Mann erwiderte:

»Balfour ist ein Lord und kein Messias.«

Der Rabbi setzte sich wieder in seinen Sessel, nahm seinen Talmud und schaute uns nicht mehr an. Er vergaß, daß Whitechapel weit entfernt ist von den Karpathen, und versenkte sich mit Leib und Seele, während schon wieder ein heiliger Schauer seine Schläfenlöckchen erzittern ließ, in die Kommentare des göttlichen Wortes.



III

Das Herz Israels schlägt noch immer

Ein galizischer Rabbiner in London, das ist schon gut, aber noch ein bißchen wenig. Er blieb nicht ganz unbeachtet in Whitechapel, aber er ging doch in der Masse der Juden unter. Er war wie ein merkwürdiges Schaumgekräusel auf einem gleichgültigen Meer.

Man weiß nicht genau, wieviel Juden es in East End gibt. Mehr als hunderttausend? Jedenfalls eine Unmenge! Und der Anker, den sie hier ausgeworfen haben, scheint ziemlich fest zu sitzen.

»Wissen Sie, wie mein Großvater nach London kam?«

»Woher war er?«

»Aus Litauen. Zwei kleine Löffel waren sein ganzes Vermögen. Und in der Familie behauptet man sogar, daß er sie ohne Wissen der Seinen mitnahm. Ich glaube es aber nicht, dazu ist er zu ehrlich.«

Die Dame, die mir das sagte, führte mich zu ihrem Geburtshaus. Nebeneinander gingen wir durch Commercial Road. Sie wohnte jetzt im Westen, im Viertel der Leute aus gutem Haus. Man weiß: je teurer die Miete, um so respektabler der Mieter! Sie war mir am Tag zuvor, auch im Westen, bei einem sehr bekannten Anwalt vorgestellt worden, der sich als Jude englischer Staatsangehörigkeit bezeichnete. Er versicherte auch, daß die Engländer, die wissen, welchen Standpunkt er einnimmt, ihn höher schätzten, als wenn er sich als Engländer israelitischer Konfession ausgäbe.

Der Großvater lebte noch. Als einziger aus der Familie wohnte er jetzt noch in Whitechapel. Seine Kinder hatten sich in einem besseren Viertel niederlassen können. Und die Kinder seiner Kinder – die wohnten gar vornehm!

»Sehen Sie,« sagte meine Begleiterin und machte vor der Auslage eines Juweliers halt, »das ist aus den zwei kleinen Löffeln aus Litauen geworden!«

Der Großvater hieß Murgraff. Als wir das Geschäft betraten, sahen wir einen Mann dasitzen, der sich über ein Kassabuch beugte.

»Da stimmt etwas nicht,« rief seine Enkelin, »da fehlt ein Shilling! Und ein Shilling, das ist viel!«

Der alte Murgraff lächelte. Vierzig Jahre England hatten der Orthodoxie seines Bartes Abbruch tun können, die Rasse aber war heil geblieben.

Die Unterhaltung kam in Gang, und bald war man mitten im interessantesten Thema.

»Gibt es nicht auch in Paris ein Judenviertel,« fragte er, »die Rue Des Roses?«

»Des Rosiers! Ja! Aber das ist nur eine Miniaturausgabe von Whitechapel!«

»Nun, ich könnte genau so gut in Ihrer Rue Des Rosiers sitzen, wie jetzt in Whitechapel. Als ich mit fünfundzwanzig Jahren hier landete, war ich nicht sicher, hier mein Brot zu finden. Ich wäre auch bis nach Paris gegangen.«

»Dann wäre ich also jetzt Französin statt Engländerin!« Und die schönste Blüte am Stamme der Murgraffs lächelte.

»Das wäre genau so ehrenvoll«, erwiderte der Juwelier; »dann würdest du jetzt beim Etoile wohnen!«

Warum Murgraff Litauen verlassen hatte? Seine Geschichte ist die Geschichte aller, ob sie nun Commercial Road bewohnen oder die Rue Des Rosiers. Und es ist dieselbe Geschichte wie vor vierzig Jahren. Und vor vierzig Jahren war es dieselbe wie vierzig Jahre zuvor.

Polen und Rumänien waren die Nachfolger Rußlands. Aber Polen und Rumänien hatten Rußland seine Vorräte an Antisemitismus abgekauft. Der Jude dort bleibt immer der Jud. Vielleicht ist er ein Mensch, auf jeden Fall aber ist er weder Pole noch Rumäne. Und wenn er ein Mensch ist, so ist er einer, den man hindern muß, zu wachsen. Von der ganzen Geschichte der Juden hat Osteuropa nur die Hiobs im Kopf behalten. »Fluch dem Tag, da ich geboren wurde, und der Nacht, da man sagte: ein Mensch ist gezeugt worden!« Bravo! erwidern unsere slawischen und romanischen Brüder. Und so halten sie es für unbedingt notwendig, daß die Nachkommen Abrahams dort sitzen bleiben, wo der andere, ich meine Hiob, zu sitzen liebte. Die Judenfrage ist kompliziert, aber mir scheint, daß man sie einfach als eine Art Luftfrage ansehen kann. Atmen oder nicht atmen. Nicht mehr und nicht weniger.

Der alte Murgraff teilte meine Anschauung. Die Enkelin, die keine andere Atmosphäre als die Londons kannte, verstand das nicht so gut. Sie hatte nicht das Gesamtbild der jüdischen Welt vor Augen. Natürlich leugnete sie nicht, Jüdin zu sein, aber sie schien beinahe zu glauben, sie sei Jüdin in England, wie andere Waliserinnen oder Schottinnen sind.

Anglikanische Kirche – katholische Kirche – Synagoge – das ging nur die Seele etwas an. Und wenn man ebensowenig in die Synagoge geht wie die Freundinnen in die Kirche, so hat der Weg, den man einschlagen müßte, um hinzukommen, keinerlei Bedeutung mehr. Heutzutage sucht eine elegante Frau weniger ihren Gott als ihren Schneider auf. Man geht häufiger ins Kino oder zu einem Tee als zum Gottesdienst. Unter demselben Dach ist man zum gleichen Vergnügen vereint . . .

Das alles versuchte die »Assimilierte« uns auseinanderzusetzen.

»Kind,« erwiderte der alte Murgraff, »du denkst wie eine glückliche Frau, die nicht weiter sieht als ihr Glück reicht!«

»Aber Sie selbst«, fragte ich ihn, »und Ihre vierzig Jahre in England . . .?«

»Bei uns englischen, französischen, belgischen Juden, bei uns Juden im Westen überhaupt gibt es zwei Stadien. Das eine stelle ich dar, das andere meine Enkelin. Ich bin ein verpflanzter Baum. Meine Sarah ist im hiesigen Klima geboren. Ich schulde England die tiefste Dankbarkeit. Diese Länder einer überlegenen geistigen Kultur haben in uns nur Menschen, und nicht weiß Gott welche bösen Geister sehen wollen. Sie haben uns nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung behandelt. An uns ist es, ihnen zu beweisen, daß sie recht daran getan haben.

Meine Ehre, nicht meine Geburt, gebietet mir, England zu lieben; es ist mir zwiefach teuer: erstens, weil es genug geistige Klarheit besitzt, um zu begreifen, daß ein Jude nicht ein Teufel mit einem Schwanz hinten ist; zweitens wegen all seiner Wohltaten. Ich bin ein treuer englischer Staatsbürger. Ich habe vor Stolz gezittert, als meine beiden Söhne in den Krieg zogen. Das Gefühl, das mich bewegte, war nicht die gewöhnliche Genugtuung, eine Schuld zu bezahlen, um sie loszuwerden, sondern das zu tun, was sich gehört. Dem Land, das mich aufgenommen hatte, meine Loyalität zu beweisen, schien mir eine leichte Pflicht.

Aber was wollen Sie, ich bin ein alter Jude. Mit der Muttermilch habe ich das Hebräische in mich eingesogen. Einer meiner Brüder, der dort geblieben ist, trägt noch Kaftan und Stiefel. Ich fühle in mir alles, was meine Rasse in mich hineingelegt hat. Es wäre ebenso würdelos von mir, wenn ich Israel verleugnen wollte, wie wenn ich undankbar gegen England wäre.«

Der alte Murgraff hob die Hand und zeigte nur das Bild Theodor Herzls an der Wand.

»Sie sind Zionist?«

»Ich bin für alles, was imstande ist, das Elend zu erleichtern, durch das ich in meiner Kindheit hindurchgegangen bin. Wer wieder aus der Grube heraussteigen konnte, soll den Strick nicht durchschneiden, an dem noch andere sich retten können.«

»Sind viele aus Whitechapel nach Palästina gegangen?«

»Zwei oder drei Familien . . . Aber sie sind wieder zurückgekommen.«

Geistig gesehen gibt es zwei Arten von Zionisten: die radikalen und die weniger radikalen.

Die Radikalen sind Apostel, die, von der Idee beschwingt, ihre Schiffe hinter sich verbrannt haben. Sie bestiegen sofort andere, in denen sie nach Palästina fuhren.

Die weniger Radikalen sind von der Art Murgraffs. Es sind Leute, deren Vernunft stärker ist als ihr Enthusiasmus.

Sie wollen denen, die über das Mittelmeer fahren, gern helfen, sie selbst aber bleiben am Ufer zurück.

So finden die Kandidaten für die Fahrt über den Atlantischen Ozean zuweilen Kommanditen . . .

Die Radikalen sind aus Rußland, Polen oder Rumänien aufgebrochen.

Es haben sich auch einige aus Belgien, Holland und England gefunden.

In Frankreich hat es gar keine »Radikalen« gegeben.

»Also«, sagte ich zu meinem Juden, »schlägt das Herz Israels nicht mehr in Whitechapel?«

»Wieso?«

»Wenn nur zwei oder drei Familien . . .«

»So? Sie glauben, das Herz Israels schlage nicht mehr in Whitechapel?«

Murgraff nahm seinen Hut von der Wand, setzte ihn auf, gab seinen Angestellten einige Weisungen und sagte dann:

»Ich werde Sie führen.«

Wir gingen.

Wieder waren wir in Commercial Road und dann – ich weiß nicht mehr wo. Die Nacht war hereingebrochen. Wir gingen zwischen zwei Wänden jüdischer Namen hindurch. Je länger wir gingen, um so mehr gab es ihrer. Sie zogen vor meinen Augen mit der Geschwindigkeit jener Bilder vorüber, die man zur Zeit der Taschenkinematographen zwischen den Fingern tanzen ließ. In Redmans Street war unser Weg zu Ende.

Es war fast sechs Uhr abend. Die Straße war nur spärlich beleuchtet. Hunderte Kinder kamen von beiden Seiten. Wie, hier gingen Kinder in einer Stunde zur Schule, in der sie anderswo aus ihr herauskamen? Wir mußten uns durch ein Gewühl von Jungens hindurchwinden. Sie sprangen, liefen und verschwanden alle in einem dunklen Gang. Es waren kleine Juden, die aus der englischen Schule kamen und in die Talmud-Thora (die jüdische Elementarschule) eilten.

»Das ist Israel!« sagte der alte Juwelier stolz.

Nachdem sie den ganzen Tag gelernt haben, was die kleinen Engländer lernen, stürzen sie sich jeden Abend in diese Schlucht, um sich deutlich einzuprägen, daß sie kleine Juden sind.

Der Anblick der Schule hatte etwas Erstaunliches für mich. Bärtige Rabbiner mit Käppchen und fliegenden Kaftanschößen bewegten sich mitten in dem Kinderhaufen mit den Jockeimützen. Sobald man die Schwelle überschritten hatte, stand man auf heiligem Boden. Zum Teufel nun mit den englischen Manieren! Keine unbedeckten Köpfe mehr! Adieu, Georg V.! Es lebe der König Israels: Gott!

Sechshundert Kinder waren in dem Gebäude. Selbstverständlich nur Knaben, denn die Töchter des auserwählten Volkes haben kein Recht auf Wissen.

Der Unterricht begann. An der Vorderwand eines jeden Klassenzimmers, hinter dem Pult des Lehrers, befand sich die Thoralade.

Die Thora ist das Gesetz der Juden. Dieses Gesetz besteht aus den fünf Büchern Moses’. Es erzählt, was sich seit der Schöpfung der Welt bis zum 2552sten und einem halben Jahr vor Christus’ Geburt zugetragen hat. Die Treue, mit der die Juden zu diesem Gesetz stehen, hat sich nie verleugnet. Es ist ihre Stammesfahne, ihre Nationalhymne, ihr unbekannter Soldat. Sie haben nicht nur Ehrerbietung für die heilige Thora, sondern ihr ganzes Herz schwingt ununterbrochen für sie. Und unter all den schönen Namen, die sie ihr geben, atmet einer den Hauch der Liebe: Gekrönte Braut.

Gegenständlich gesehen ist die Thora ein langes Pergament mit einem Holzstab an jedem Ende. Man rollt sie um diese Stäbe, und so hält sie sich aufrecht in ihrem Schrein. Um aber von den Thoraschreibern zu reden, den Kalligraphen des Gesetzes, den wundervollen Sopherim, dazu ist der Augenblick noch nicht gekommen.

Der Thoraschrein befand sich an der Vorderwand einer jeden Klasse, hinter seinem Vorhang aus grünem Samt verborgen, auf dem entweder ein Löwe oder ein Hirsch, ein Panther oder ein Adler zu sehen war, um die Kinder Israel daran zu erinnern, daß sie stark sein sollen wie der Löwe, behend wie der Hirsch, kühn wie der Panther, schnell wie der Adler. Man darf in der Verwendung dieser symbolischen Gestalten keine Ermutigung für den Kampf ums Dasein sehen; diese Eigenschaften werden den Kindern Israel nur anbefohlen, damit sie den Willen Gottes erfüllen.

Der Rabbiner stand vor dem Schrein und hatte ein dickes Buch vor sich. Auf dem Pult eines jeden Kindes lag dasselbe dicke Buch: die Thora; nicht die aus dem Schrein, sondern die Worte Moses’ hebräisch auf Papier gedruckt. Und alle lasen gleichzeitig und ganz laut, während der Rabbiner den Ton angab und auf Fehler aufmerksam machte. Mehr als hundert Schüler waren in jeder Klasse, dicht aneinandergedrängt, zusammengepreßt wie Datteln in einer Schachtel. Niemals haben die Juden viel Platz gehabt. Die Völker messen ihnen nur spärlichen Raum zu. Diese Kinder da in Whitechapel waren so eingeengt wie die Toten auf ihren Friedhöfen im Osten, wo die Grabsteine in einem furchtbaren Wirrwarr durcheinander liegen.

Was lernt man in diesen Schulen? Die Thora lesen. Zuerst müssen sie die zweiundzwanzig hebräischen Lettern buchstabieren, die einst von der Krone des Ewigen herniederschwebten.

Ist es denn wichtig, daß sie die heilige Sprache verstehen? Nein; aber die Melodie dieser Sprache soll sie aufwühlen, ihre Phantasie beflügeln und ihren Geist in das Land ihrer Träume tragen. Diese in England geborenen Kinder, deren Eltern anderswoher stammen, sitzen Ellbogen an Ellbogen und singen das Gesetz wie alte Hebräer. Und dem Thoraschrein gegenüber hängt die Karte des heiligen Landes . . . und so bewegt das Drama des Judentums schon diese jungen Seelen . . .

Sie haben recht, alter Murgraff: das Herz Israels schlägt noch immer.



IV

Theodor Herzl

In Wien, auf dem Döblinger Friedhof, befindet sich ein Grab.

Der Mann, der darin liegt, hatte ein außerordentliches Schicksal. Dreitausendzweihundertsiebenundvierzig Jahre nach Moses hat er die Nachfolge Moses’ angetreten.

Er war mehr als ein König. Er hatte mehr als ein Szepter: er hatte Flügel. Seine Mission war größer als die eines Länderbeherrschers. Sein Ruf erschütterte Grenzen. Sein Atem durchlief die Welt. Er weckte ein Volk, das seit neunzehnhundert Jahren schlief.

Er war Jude.

Das Volk war Israel.

Der Name des Mannes ist Theodor Herzl.

Er wurde im Jahre 1860 in Budapest geboren.

Man sagt, daß er ein Sephardi war, das heißt, daß er von jenen spanischen Juden abstammte, denen die Inquisition so feurig ihre Liebe bewies. Dieser Abstammung verdankte er die Schönheit seiner Züge und die Majestät seiner Haltung. »So wie Saul«, schreibt Zangwill, »überragte er an Größe seine Brüder; er hatte einen langen schwarzen Bart, leuchtende Augen und eine Gestalt wie die assyrischen Könige auf antiken Basreliefs. Seine Rede war faszinierend; er hatte eine zauberhafte Wirkung auf alle, mit denen er in Berührung kam, von Kaisern angefangen bis zu armen Juden, die stehen blieben, um den Saum seines Mantels zu küssen.«

Er war Journalist in Paris, Korrespondent der Wiener »Neuen Freien Presse«. Dieser Tätigkeit hatte er sich im Jahre 1891 zugewandt. Er war Doktor der Rechte, und hatte sich am Salzburger Gericht als Substitut im schwarzen Talar versucht. Aber der Instinkt seiner Rasse ließ ihn nicht in Ruhe. Er vertauschte den Talar mit der Reisetasche und wollte ein wenig sehen, wie die Welt beschaffen sei.

Von der Reise berichtete er den Blättern seiner Heimat einige erstaunliche Dinge, die er sah, und der Ton, den er anschlug, ließ die »Neue Freie Presse« aufmerken. Sie spürte ihm nach, stöberte ihn in Spanien auf und schlug ihm die Sache mit Paris vor.

Der unbekannte Reisende war einverstanden. Die alten französischen Parlamentsjournalisten dürften sich seiner wohl noch erinnern und unseren Mann vor sich sehen, wie er in der Abgeordnetenkammer unter der Treppe des Rotundensaals schreibt. Die auswärtigen Kollegen arbeiteten tatsächlich unter der Treppe. Seit einigen Jahren ist ein Lift an dieser Stelle. Der neue Moses unter der Treppe! Aber man kann vom Generalsekretär des Kammerpräsidenten schließlich nicht verlangen, das geheime Wissen eines Hexenmeisters zu haben!

Herzl hatte Erfolg. Er brachte ein Buch, »Das Palais-Bourbon«, heraus, das man in Mitteleuropa mit Vergnügen las. In Wien und Berlin spielte man seine Stücke. Die »Neue Freie Presse« machte ihn zum Leiter ihrer Feuilletonredaktion. Er war ein schöner Mann, und schön war sein Leben, als plötzlich . . .

Als plötzlich die Dreyfusaffaire ausbrach.

In den Pariser Straßen hörte er schreien:

»Tod den Juden!«

Bis dahin hatte Herzl als Dilettant gelebt. Man erzählt wohl, er habe als junger Bursch einmal zum Hausarzt gesagt: »Für uns Juden gibt es nur ein Mittel, um ein geachtetes Volk zu werden: wir müssen nach Palästina gehen.« – »Wer sollte uns hinbringen?« – Er soll geantwortet haben: »Ich.«

Nachher aber schien er seine Mission vergessen zu haben. Wie seine Stammesgenossen hatte er seine Bar-Mizwah (erste Kommunion) gefeiert und in der Synagoge hebräisch einen Thoraabschnitt vorgetragen. Damit hatten seine Bekenntnisse zum Judentum ein Ende. Sicher hielt er sich für einen guten österreichischen Staatsbürger.

Der Ruf »Tod den Juden!« war für seine Seele wie das Aufleuchten eines Blitzes. Er stellte sich um. »Auch ich«, sagte er sich, »bin Jude.«

Daß dieser Ruf in Frankreich erhoben wurde, das vor allem war es, was ihn umwarf.

Frankreich hatte seit mehr als 100 Jahren den Juden uneingeschränkte Menschenrechte zuerkannt. Es stand von allen Völkern dem Herzen Israels am nächsten. Wenn die Juden jetzt plötzlich keinen Boden mehr unter den Füßen hatten, wenn man alle den Verdacht entgelten ließ, der auf einem Einzelnen lastete, so war das ein Beweis, daß der Jude selbst in dem Land, das ihn am meisten begünstigte, noch nicht zu Hause war.

Und an diesem Tag fühlte Herzl, wozu er berufen war.

Er warf sein früheres Leben mitsamt seinen Erfolgen über den Haufen, er war wie im Fieber.

Zur ersten Tat seiner Reinkarnation nutzte er sein Handwerk: er schrieb ein Buch.

Ein Buch? »Gesetzband« wäre eine richtigere Bezeichnung. Den fünf Büchern Moses’ fügte er seines hinzu. Er öffnete seinem Volk die Augen und sprach zu ihm: »Schau, wie weit du es in den 1900 Jahren gebracht hast, seit du auf den Straßen der Erde einherziehst.« Und nachdem er den Juden ihre wirkliche Lage gezeigt hatte, stellte er das Problem der Rückkehr nach Palästina auf, und wie auf einer großen schwarzen Tafel, für die ganze Welt sichtbar, zeigte er den 14 Millionen der aufhorchenden zerstreuten Juden die Lösung.

Dieses Buch hieß: »Der Judenstaat«.

»Ich hatte noch nie etwas in einem solchen Zustand der Erregung geschrieben«, sagte er später. »Heine erzählt, daß er über seinem Haupt den Flügelschlag eines Adlers hörte, als er gewisse Verse schrieb. Ich hörte über mir etwas wie ein Beben.«

Dieses Buch aber war alles und nichts. Herzl hatte eine Grundlage gegeben; nun galt es, den Bau aufzuführen.

Herzl begann seinen Kreuzzug. Es gibt keinen zweiten in moderner Zeit, der gleich erstaunlich wäre. Zuerst stürzte er zum Baron Maurice von Hirsch. Wenn man kein Geld hat und einen Staat gründen will, muß man bei den Kassenschränken anklopfen. Baron Hirsch hatte hunderte Millionen geopfert, um das elende Los seiner Leute zu erleichtern. Er hatte für fünfzig Millionen Boden in Argentinien für sie gekauft. Das war ein Mann, mit dem sich etwas anfangen ließ.

In den Augen des Barons war Herzl ein Niemand. Ein junger Mann, der ein Buch publizieren wollte. Der aber in sein Zimmer trat, war kein Bittsteller, sondern der Botschafter der Zukunft. Als der Baron, auf den eine solche Haltung Eindruck machte, anfangen wollte, mit seinem Gast zu debattieren, wehrte Herzl ab: »Wir verlieren unnütz Zeit!« Er schlug mit der Hand auf die Druckbogen seines Buches: »Da steht alles drin!« – »Und das Geld?« fragte der Finanzier. – »Ich werde eine jüdische Nationalanleihe von 10 Milliarden Mark auflegen«, erwiderte der Journalist.

Man behauptet, Hirsch habe erwidert: »Rothschild wird fünf Francs geben, und die anderen Juden überhaupt nichts.« Infolge der Erwähnung dieser 10 Milliarden wurden die Verhandlungen rasch abgebrochen. Am nächsten Tag aber schrieb Herzl dem Baron: »Ich hätte Ihnen meine Banner gezeigt und wie ich sie zu entfalten gedenke. Und wenn Sie mich ironisch gefragt hätten: ›Eine Fahne, was ist das? Ein Stofffetzen am Ende eines Stockes!‹ so hätte ich Ihnen erwidert: ›Nein, Herr, eine Fahne ist viel mehr als das! Mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, ja sogar ins Gelobte Land.‹«

Baron Hirsch starb. »Der Judenstaat« erschien. Herzl begab sich zu Zadoc-Kahn. Als Oberrabbiner von Frankreich hatte Zadoc-Kahn keineswegs Lust, nach Palästina zugehen. Schließlich war Herzl ein Ausländer, ein Österreicher, und wagte sich da an ein sehr verfängliches Problem. Herzl soll ihm gesagt haben:

»Das alles geht Sie nichts an? Gut! Sie sind israelitischer Franzose? Gut! Bei meinem Projekt handelt es sich in der Tat um eine rein jüdische Angelegenheit. Leben Sie wohl!«

Er ging nach London. Er machte dort großen Eindruck und hielt auch einige Reden. Hier, wie in Paris, ging ihm auf, daß er in der Wüste predige, und daß die armen Juden das Kreuz der reichen Juden sind, und daß es selbst im Namen eines Ideals sehr schwer sei, Leute, die gut untergebracht sind, zu veranlassen, ihre Wohnung aufzugeben.

Seine ersten Fischzüge brachten ihm nur einen einzigen Jünger: Max Nordau.

Der zionistische Gedanke aber, der von Herzl ausstrahlte, drang doch über alle Grenzen. Herzl proklamierte einen Weltkongreß. Auf dieses Signal hatten die Juden, denen an Ort und Stelle wohl war, nur gewartet, um mit ihren Angriffen loszulegen. Rabbiner aus London und Wien begannen den Sturm. Die deutschen Rabbiner denunzierten im Chor den falschen Messias. Um die Flut, die ihn ersäufen will, einzudämmen, gründet Herzl ein Blatt, »Die Welt«, und brandmarkt jene mit dem Wort: »Synagogendiener«. Die Rabbiner siegen. München, das zum Kongreßort bestimmt war, weigert sich, Herzl aufzunehmen. Er kehrt um und wählt Basel.

O, diese Basler Tage! Welch ein Schauspiel! Zum erstenmal seit zwanzig Jahrhunderten vereinigte sich Israeli, Polen, Ungarn, Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Holländer, Amerikaner, Ägypter, Mesopotamier und Jemeniten – das sind beinahe schwarze Juden, fast schon Neger. Glatzköpfe, vor allem aber Barte und wieder Barte. Und Löckchen, die um die Schläfen tanzen! All diese Brüder, die einander noch nie gesehen hatten, betrachteten verblüfft ihre Nasen! Herzl zitterte vor dieser lebenden Landkarte. Würde sein Atem diese Seelen verschmelzen können, um aus ihnen nur eine einzige zu machen?

Er bestieg die Tribüne und bevor er zu sprechen begann, sah er mit seinen wunderbaren Augen die Menge an. Da geschah etwas Übernatürliches. Völlig bezaubert erhob sich die Versammlung nach einem Augenblick des Zögerns von ihren Sitzen. Der über die Erde verstreute Stamm erblickte plötzlich vor sich das Abbild seines Stammes.

Nach einem viertelstündigen Taumel kleidete Ben-Ami das Empfinden aller in Worte, er trat Herzl gegenüber und brach in den alten hebräischen Ruf aus:

Jechi Hamelech! Es lebe der König!

Er fuhr nach Berlin zu Wilhelm II. Die Staatskanzleien hatten sich über die Basler Vorfälle aufgeregt. Der Kaiser war neugierig auf diesen sonderbaren Menschen. Er empfing ihn. Wilhelm bereitete gerade seine Palästinareise vor, bei der er sich in Konstantinopel aufhalten wollte. Also ging auch Herzl nach Konstantinopel. Hatte er nicht die Absicht, sich vom Sultan für Geld Palästina abtreten zu lassen? Wer konnte seine Sache besser vor dem Großtürken vertreten als Wilhelm? Denn wenn man auch damals in Frankreich über den Einfluß Deutschlands auf die Türkei nicht unterrichtet war – Herzl wußte Bescheid. Und Wilhelm empfing Herzl ein zweites Mal, im Yldis-Kiosk.

Diesmal wohnte Reichskanzler Bülow der Unterredung bei. Herzl wurde schon wie ein Staatsoberhaupt behandelt. Ihm fehlte nur noch der Staat! Diese Unterredungen verliefen so, daß Herzl, den eine zionistische Abordnung begleitete, beschloß, Wilhelm nicht wieder auszulassen. Wilhelm wollte nach Jerusalem gehen? So wollte auch Herzl nach Jerusalem! Er schiffte sich ein. Und als beim feierlichen Einzug des Kaisers in die heilige Stadt Wilhelm, hoch zu Pferde, Herzl in der Menge erblickte, ritt er zu ihm hin und schüttelte dem König ohne Krone die Hand. Neuerliche Zusammenkunft in Jerusalem. Enthusiasmus der Juden. Rückkehr Herzls nach London. Zehntausend Juden drängen sich, um ihn sprechen zu hören. Herzl verkündet, daß man vor der Erfüllung stehe. Ganz Osteuropa zittert und streckt dem neuen Messias die Hände entgegen.

Tage vergehen. Nichts Neues am jüdischen Himmel. Das Volk murrt.

Herzl fährt wieder nach Konstantinopel, um den Sultan aufzusuchen. Er wollte ihm einen Charter vorlegen. Die türkischen Höflinge wehren ihm den Zutritt in den Palast. Sie wollen erst etwas von jenem Gold sehen, von dem Herzl gesprochen hat. Für die Türken war dieser Mann weniger als Prophet denn als Goldmacher interessant! Aber der Prophet siegte. Abdul Hamid lud Herzl zum Selamlik. Nach der Zeremonie empfing er ihn. Dem Eindruck, den der Jude auf den Kalifen machte, gab dieser sofort Ausdruck: »Dies ist Jesus Christus!« rief er, als er Herzl eintreten sah.

Herzl verließ ihn mit einigen Hoffnungen und dem Großkordon des Medjidjeordens. Es handelte sich nur noch darum, das Geld aufzutreiben. Paris lachte ihm ins Gesicht. London versprach ihm die nötigen Kapitalien, aber zuerst wollten die Engländer die Unterschrift des Sultans unter dem Charter sehen. Der Sultan dagegen wollte erst das Geld sehen, bevor er seine Unterschrift gab.

Am Ziel angelangt, scheiterte Herzl, scheiterte daran, daß die jüdischen Bankiers ein Herz aus Gold hatten.

Er machte sich an Carnegie heran, den Mann mit den kulturellen Interessen, an Cecil Rhodes, den Mann der Geschäfte. Der Geschäftsmann schien anzubeißen. Da starb er.

Und wieder ging Herzl nach Konstantinopel . . . . Der Sultan gab ihm in Therapia Wohngemächer wie einem Fürsten, mit Ordonnanzoffizier und Karosse. Herzl und der Großvezier begannen zu verhandeln. Herzl verlangte, der Sultan solle eine jüdische Kolonisation in Palästina zulassen. Der Sultan bot andere Länderstrecken in Kleinasien an, Palästina aber sollte nicht in Betracht kommen.

Das war für Herzl so, als ob die letzte Mauer des Tempels fiele.

Er reiste nach Rußland, suchte Plehwe auf, suchte Witte auf. Der Inhalt der Gespräche mit diesen Staatsmännern wurde dem Zaren unterbreitet. Herzl erhielt den Bescheid, Rußland würde keine Bewegung dulden, welche die russischen Juden aufsässig machen könnte, wenn es sich aber darum handeln sollte, ihre Zahl zu vermindern, so würde man Herzl unterstützen.

Da wurde ihm Wilna zur Offenbarung. Bei seiner Rückfahrt machte er dort halt. Wilna ist ein Jerusalem im Schnee. Zehntausende von Juden umringten das Hotel des neuen Messias und jubelten ihm zu.

Der russische Gouverneur ließ seine Kosaken ausrücken. Die Nagaikas begannen ihren Tanz. »Was geht denn vor?« fragte Herzl. »Warum werden diese Leute geschlagen?« Man sah, er war noch nie in Rußland gewesen!

Er wurde zur Bahn geführt, Kosaken umgaben seinen Wagen. Trotz der Schläge rotteten sich die Juden zusammen, um ihn zu segnen. Peitschenhiebe und Segensworte hielten einander die Wage. »Das ist entsetzlich,« sagte Herzl, »entsetzlich!«

Es warf ihn aus seiner Bahn. Angesichts solcher Tatsachen war er zu einem Kompromiß bereit. Palästina rückte in die Ferne, man mußte eine andere Lösung ins Auge fassen. Er begann mit der englischen Regierung Verhandlungen, die sich um Ei-Arisch auf der Halbinsel Sinai drehten. Er dachte an die Insel Zypern. Er ging nach Kairo. Alles zerschlug sich, da . . . .

Da kehrte der große Chamberlain von einer Afrikareise zurück. Vor langer Zeit schon war der Engländer auf den Juden aufmerksam geworden. Chamberlain schlug Herzl vor, mit den Seinen nach Uganda zu gehen und es zu kolonisieren. Herzl sagte nicht nein.

Aber dann!

Dann gab es einen schönen Tumult auf dem sechsten Kongreß, der sich, ich weiß nicht wo, versammelte: Statt des Gelobten Landes die Negersteppe? »Die Juden«, sagt Andre Spire, »zerrissen ihre Kleider, weinten, auf die Erde gekauert, knirschten mit den Zähnen.« Jeremias schleuderte seinen Fluch gegen Herzl.

Mit bleichem Gesicht steht Theodor Herzl aufrecht da. Er spricht sanfte Worte, um die Herzen zu beruhigen. Er ein Verräter? O, meine armen Kinder! und er spricht das feierliche Bekenntnis der Liebe zum Vaterland, und alle sprechen mit ihm, wie einst ihre Väter, als sie in die Gefangenschaft zogen, mit erhobener Hand den Schwur der Hebräer:

Wenn ich dein vergäße, o Jerusalem!

Möge meine Rechte verdorren,

Möge . . . .

Der Sturm, der sich gegen Herzl erhoben hatte, legte sich nicht. Mit dem Ruf: »Tod dem Afrikaner!« wurden in Paris auf seinen Helfer Max Nordau zwei Revolverschüsse abgegeben. Herzl, schon krank, flieht doch nicht vor dem Sturm. Er reist nach Rom. Er will die Sache der Juden im Quirinal und im Vatikan vorbringen. Er geht zu Tittoni, zu Merry del Val. Er geht zum König. Er geht zum Papst!

Er kehrt nach Wien zurück und ruft das große Aktionskomitee zusammen.

»Nein, meine Kinder,« erwidert er den Verbohrten, die ihm immer wieder ›Afrikaner!‹ zurufen, »ich werde euch nicht verraten, ihr dürft mir glauben! Schaut mich an, ich bin ein Sohn Zions!«

Als die Sitzung zu Ende war, ging Herzl nach Hause. Er atmete schwer. Auf ein Blatt Papier schrieb er: »Mitten im Leben kommt der Tod.«

Er ließ das Blatt auf seinem Schreibtisch liegen und reiste ab . . . . um in Edlach zu sterben.

Er war vierundvierzig Jahre alt.

Herzl ist tot. Sein Traum lebt!



V

Die endlose Wanderung der Juden

Welch eine Wanderung haben die Juden hinter sich!

Sie stammen aus dem dritten Zeitalter der Welt; als Volk existieren sie seit dem Tag, an dem der Herr Abram zum Stammvater machte und seinen Namen in Abraham abänderte. Man nimmt an, daß sich das ungefähr im Jahre 1920 – vor Christi Geburt – zugetragen habe.

Zur gleichen Zeit verhieß auch der Herr dem Stammvater, er wolle seinen Nachkommen das Land geben, das er und die Seinen als Fremdlinge bewohnten, also das ganze Land Kanaan.

Dann wurde durch die Beschneidung der Bund zwischen Gott und den Juden besiegelt.

Als etwas später eine Hungersnot im Lande Kanaan ausbrach, führte Jakob, der Sohn Isaaks, der Abrahams Sohn war, seine Familie nach Ägypten.

Joseph, der Sohn Jakobs, war ein großer Geschäftsmann. Er wurde so reich, daß er alle Grundstücke in Ägypten aufkaufen konnte.

Jakob starb. Joseph starb. Aber die Urenkel Abrahams vermehrten sich in so unbescheidenem Maße, daß sie bald das ganze Land erfüllten.

Einen neuen Pharao beunruhigte das sehr. »Seht nur,« sagte er zu seinem Volke, »die Kinder Israel sind so zahlreich geworden, daß sie viel stärker sind als wir!«

Er gebot, sie zu unterdrücken und befahl den Hebammen, die männlichen Kinder zu töten. Das war der erste Pogrom.

Um diese Zeit tauchte Moses in seinem Binsenkörbchen im Nilschilf auf. Man weiß, was für Gespräche er mit Gott hatte – als er erwachsen war natürlich! – und wie er die Hebräer durchs Rote Meer führte, um sie ins Land Abrahams zurückzubringen.

War es denn auch das Land Abrahams?

Ich werfe diese Frage auf, weil sie von brennendster Aktualität ist.

Seit der Konferenz von San-Remo im Jahre 1920 (nach Christi Geburt), auf welcher der Oberste Rat der Alliierten England das Mandat übertrug, in Palästina eine »jüdische nationale Heimstätte« zu schaffen, haben die Araber nicht aufgehört zu schreien, man hätte sie betrogen.

Sie bestreiten, daß Palästina die Wiege der Juden sei.

Und als Beweisstücke halten sie einem Vers 3, 4 und 5 des 24. Kapitels der Genesis unter die Nase:

»Abraham war alt, und er sprach zu dem ältesten Knecht seines Hauses: Lege deine Hand an meine Hüfte und schwöre mir bei dem Herrn, daß du meinem Sohn keine von den Töchtern der Kanaaniter, unter welchen ich wohne, zum Weibe nehmen wirst.

Sondern daß du ziehen wirst in mein Vaterland und zu meiner Sippschaft, um dort meinem Sohn Isaak ein Weib zu nehmen.«

Dieses Land aber war Mesopotamien.

Also war Abraham in den Augen der Araber ein Eindringling!

Die Juden brachten aus Ägypten nur die Gebeine Josephs mit. Nachdem sie das Rote Meer durchschritten hatten, lagerten sie an verschiedenen Orten der Ebenen Moabs, die seither offenbar ihren Namen gewechselt haben. Moses starb. Auf ihn folgte Josua.

Die Zählung des Volkes hatte zwölf Stämme ergeben. Neun Stämme und ein halber setzten über den Jordan und machten sich in Palästina ansässig. Zwei Stämme und ein halber blieben diesseits des Flusses, in Transjordanien.

Und Juda folgte auf Josua. Es begann die Zeit der Richter. Und dann kamen die Könige, deren erster der Kriegsmann Saul war. Und David, der Nachfolger Sauls, zog gegen Jerusalem und entriß es den Jebusitern. Zum König über ganz Israel gesalbt, pflanzte er die Judenfahne in Zion auf, das heißt, er brachte die Bundeslade dorthin. Und Salomo folgte auf David und ließ den Tempel bauen. Und Salomo starb.

Die Spaltungen im Reiche begannen. Es kam ein wahrer Wasserfall von Königen. Von Josua bis Herodes, das heißt im Laufe von vierzehnhundertfünfundvierzig Jahren, folgt Krieg auf Krieg, die Juden wurden den Mesopotamiern, den Moabitern, den Kanaanitern, den Midianitern, den Philistern Untertan. Nebukadnezar führt sie als Gefangene nach Babylon. Der Tempel wird zerstört. Der Perser Cyrus schickt sie nach Jerusalem zurück. Der Tempel wird wieder aufgebaut. Es kam Jesus Christus. Siebzig Jahre später zerstört Titus, der als Delegierter des Völkerbundes – Verzeihung: seines Vaters Vespanian – nach Palästina kommt, nochmals den Tempel und brandschatzt Jerusalem.

Damals geschah es, daß die Juden den Wanderstab ergriffen und durch die Welt zu ziehen begannen.

Sicher meinte Titus nicht diesen Tag, als er, nach Rom zurückgekehrt, wie es seine Gewohnheit war, ausrief: »Ich habe einen Tag verloren!«

Wohin zogen sie?

Es gab welche, die das Wasser fürchteten, und welche, die es nicht fürchteten. Die ersteren waren gering an Zahl, sie zerstreuten sich in der Gegend von Babylon oder wandten sich nach Arabien. Eine kleine Schar verließ sogar niemals das Heilige Land. Ihre Nachkommen, die sich vollkommen arabisiert haben, sind noch heute in einem Dorfe Obergaliläas, namens Pékin, zu sehen.

Die große Masse aber schiffte sich ein.

Es ist anzunehmen, daß einige an verschiedenen Stellen der Küste des mittelländischen Meeres festen Fuß faßten. Die überwiegende Zahl aber fuhr bis zu den westlichen Gestaden, die wir heute als spanische und französische Küste bezeichnen. Ich würde gern erzählen, was sie dort trieben, aber ich weiß es nicht.

Vermutlich zogen sie ohne ein bestimmtes Ziel dahin, allein von ihrer Verzweiflung getrieben, und drehten sich nur um, wenn sie nach ihren Barten haschten, die der Wind nach rückwärts riß. Ich sehe sie, wie sie in vielen einzelnen Trupps den Flüssen und Strömen folgen – an ihrer Spitze ein Mann, der als einziger etwas trägt, eine Pergamentrolle: das Gesetz!

Waren sie während der ersten achthundert Jahre unserer Zeitrechnung glücklich? Ich hoffe es. Dagegen kann ich mir recht gut vorstellen, mit welcher Beklommenheit sie die Kunde vernahmen, daß der Papst Karl den Großen beauftragt habe, den Okzident zu einem Reich zu machen, in dem das Christentum herrscht.

Sicher haben die Männer an der Spitze die Thora aufgerollt und die Juden sich um das Gesetz geschart. Sie lasen es und lasen es wieder. Es war kein Irrtum möglich: ihr Gesetz widersetzte sich den Befehlen Karls des Großen. Sie befanden sich also jetzt im Konflikt mit dem Kaiser der Länder, durch die sie zogen!

Und der neue Leidensweg der Juden begann.

Das Kreuz begann sie zu verfolgen. Karl der Große starb. Die Jahrhunderte vergingen. Man schnitt Europa in Stücke. Wer immer aber auch der König der Länder war, in denen sie sich niederließen, das Kreuz, dessen Schatten unaufhörlich wuchs, drückte sie nieder.

Die Völker ringsum waren ihnen feindlich. Wohin sie auch kamen, empfing sie die Masse mit Groll. Die Thora war in Gefahr. Sie durften nicht mehr daran denken, ihr Lager unbekümmert inmitten der Fremdgläubigen aufzuschlagen. Wo sie gerade waren, dort machten sie halt, um einen Unterschlupf zu suchen. Die Furcht öffnet zwar die Augen, aber sie verengt den Horizont; und so ließen sie sich, dicht aufeinander hockend, im gleichen Viertel nieder. Das Ghetto wurde geboren, ihr Vaterland in den Vaterländern.

So war es im Mittelalter.

Aus Landstreichern, wenn man so sagen darf, wurden sie zu merkwürdigen Tieren. Am Sonntag gingen die Christen zum Ghetto, um zu gaffen, wie sie es heute vor den Käfigen der zoologischen Gärten tun.

Die Dummheit braucht niemals lang, um niederzukommen. So wurden die Juden wie irdische Dämonen angesehen. Bald bildete man sich ein, sie hätten Schwänze am Hintern, Hörner auf der Stirn und könnten Feuer speien. Niemand zweifelte daran, daß sie die widerlichsten Krankheiten hätten. Sie brauchten nur den Mund zu öffnen und die Luft war verpestet. Ihre Knochen ragten aus ihrem Fleisch hervor. Die Würmer fraßen sie bei lebendigem Leib. Die Väter heirateten ihre eigenen Töchter.

Zu bestimmten Zeiten fraßen sie Christenkinder. Und wenn die Pest ausbrach, so hatten die Juden sie gebracht!

Darum schloß man sie in den Vierteln, in denen sie sich freiwillig zusammengetan hatten, ein. Und um sie leichter zu erkennen, nähte man ihnen ein Rädchen auf den Ärmel.

Sie lebten vor allem in Spanien und in Deutschland.

Die spanische Inquisition wollte sie zwingen, der Thora abzuschwören. Viele ließen sich taufen, nicht aus Liebe zu Christus, sondern aus Angst vor Torquemada. Man nannte sie Marrannen. Schließlich wurden sie aus Spanien vertrieben. Die einen gingen in die Niederlande, die anderen fuhren über das Meer. (Diese letzteren fand Sarrail in Saloniki, als er im Weltkrieg hinkam.)

Ungefähr zur gleichen Zeit griffen auch die Juden Deutschlands wieder zum Wanderstab. Die Cholera hatte das Land heimgesucht, und man ließ sie das allgemeine Unglück entgelten. Das Ghetto zog über die Landstraßen nach Polen.

Hundert Jahre, zweihundert Jahre vergingen, da begann an einem Abend des 17. Jahrhunderts ein Stern über den schwärzesten Ghettos zu funkeln. War es das Auge des ersehnten Messias? Konnte Israel seine Zelte zusammenlegen und ins Land Kanaan zurückkehren? Wenig und doch alles fehlte dazu. Dieser Stern war ein Jude, der in Smyrna wohnte. Er hieß Sabbatai Zewi.

Die tolle Geschichte dieses falschen Propheten entfesselte im ganzen jüdischen Volk einen solchen Sturm, daß der Großtürke aus seiner Ruhe kam. Sabbatai wurde nach Konstantinopel gerufen und zog es leider vor, sich nicht hängen zu lassen. Der Vorläufer Herzls wurde Mohammedaner!

Der Sturm der Hoffnung legte sich. Und die Zeltwände der Ghettos, die sich schon freudig gebläht und gegen ihre Stützen geschlagen hatten, sanken wieder einmal schlaff über der fremden Erde zusammen.

Freilich nicht alle Juden im Westen lebten wie Herdentiere. Sowohl in Spanien als auch in Deutschland, in Polen wie in der Ukraine brachte Klugheit, die immer siegreich ist, viele bis zu den höchsten Stellungen. Die Kirche verbot ihnen zwar jede Teilnahme am Staatsleben, aber dadurch, daß sie die Juden zu dem gottlosen Geldhandel nötigte, gab sie ihnen, ohne das vorauszusehen, die Möglichkeit, Herren im Staat zu werden.

Einige wurden spanische Kanzler, andere im Geheimen Ratgeber deutscher Fürsten. Auch die polnischen Herren jener Zeit machten sich gern ihre geistige Überlegenheit zunutze. Wenn man aber den Großen dient, reizt man die Menge. Bald wurde die Verachtung der Masse zu Haß. Und so kam das erste entsetzliche Ereignis: Chmielnicki, der Hetmann der ukrainischen Kosaken, überfiel alle Ghettos und metzelte dreihunderttausend Juden nieder.

Um sich zu trösten, versenkte sich Israel in die Mystik des Sohar. Oder mit anderen Worten: der Baal Schem Tov erschien.

Baal Schem Tov lebte vor zweihundert Jahren. Er war, wie es scheint, Holzfäller in den Karpathen. Und der Herr ließ sich herab und würdigte diesen Gefährten der Wölfe seines Wortes.

Laß deine Axt, sprach er zu ihm, steig in einen Wagen, fahre durch die Karpathen und sage meinen Juden, daß sie nicht mehr wissen, wie man mit mir spricht. Ihre Seele ist traurig wie ihr Kleid. Aus Angst, meinem Blick zu begegnen, heften sie ihre Augen auf ihre Stiefelspitzen. Sie weinen und stöhnen. Die Last, die sie zu tragen glauben, drückt sie so nieder, daß sie bald auf allen Vieren kriechen werden. Dieses Volk, das fröhlich sein sollte, da ich es mir erwählt habe, sehe ich in tiefster Trauer. Das Licht verschwindet aus den Gesichtern meiner Juden und die Barte um ihr Kinn werden dürr.

Sag, daß ich ihnen gebiete, ihr Haupt zu erheben. Statt zu seufzen sollen sie singen; statt zu zittern sollen sie tanzen; statt zu fasten sollen sie sich berauschen. Genug der Tränen! Es lebe die Freude!

Baal Sehern Tov legte seine Axt hin. Er setzte sich in einen Wagen und fuhr durch Polen. Er schlug an die Tore der Synagogen und rief:

Holla! warum beugt ihr eure Stirnen zur Erde? Ich bringe euch das Wort Gottes: Steht auf und tanzt, eßt, trinkt, raucht und singt! Laßt eurem Geist Ruhe: er hat Schwielen angesetzt, so habt ihr ihn strapaziert – aber euer Herz ist jung, folget seinen Eingebungen!

Klappt den Talmud zu! Es tut euch nicht gut, euch allzuviel mit Erläuterungen von Erläuterungen unwichtiger Gebote zu befassen!

Der Sohar ist die Forderung des Tages, das herrliche Buch voll leuchtenden Glanzes!

Ein Großteil Israels hörte auf Baal Schem Tov und wandte sich der Kabbala zu. Und sie begannen tanzend, essend, trinkend, rauchend, singend zu beten. So entstand der Chassidismus. Und bald gab es Wunder bei den Chassidim. Und Baal Schem Tov, genannt Baalschem, der Holzfäller aus den Karpathen, wurde der erste Wunderrabbi. Und dann . . . .

Und dann kam die französische Revolution. Frankreich brachte der Welt bei, daß der Jude ein Mensch und kein Dämon mit einem Teufelshuf sei. Aber Europa hat zu viele Zwischenwände. Die neue Botschaft konnte nicht durch alle hindurchdringen. Mühsam kam sie bis nach Wien. Seither gibt es zwei Arten von Juden.

Die Westjuden, unsere also, kennt ihr. Nun wollen wir uns einmal die anderen ansehen!



VI

Da sind sie!

Bei 36 Grad unter Null muß man sich den Schnurrbart abschneiden. Man trägt sonst zu schwer an ihm, wird müde und hat das Gefühl, unter der Nase keine Haare mehr, sondern Eiszapfen zu haben. Je mehr man haucht, um sie zum Schmelzen zu bringen, um so größer werden sie. Der menschliche Atem ist kein geeignetes Kampfmittel gegen die Kälteproduktion Böhmens.

So ging ich denn als Schneemann in Prag herum. Den Bart kann man sich wohl abnehmen, aber eigentlich müßte man sich auch die Nase, die Ohren und die zehn Zehen abschneiden. Herr Osusky, der tschechische Minister, der mich in die hintersten Gründe seines Landes schickte und vorgab, wenn ich wirklich Juden sehen wolle, müsse ich dorthin gehen, hatte mir freilich gesagt: »Ziehen Sie sich warm an!« Herr Minister, ich hatte drei paar Wollsocken übereinander an und dazu Gamaschen und Kotstiefel. Aber die Ohren? Ich habe freilich gesehen, daß Ihre Landsleute sie unter einer Art Telephonhelm verstecken.

Ich bin aber in Frankreich erzogen und also hat man mir beigebracht, das Telephon zu verabscheuen. Und selbst wenn der Helm in zwei kleine Samtklappen endet, lehne ich ihn ab. Aber wenn ich mich auch überwunden und diesen Apparat erstanden hätte – wäre damit meiner Nase geholfen gewesen? In meinem Gepäck befand sich wohl ein Scherenetui. Aber ich wollte schließlich nicht riskieren, mich auf offener Straße festnehmen und zu den Verrückten sperren zu lassen: es wäre schade gewesen, Prag im Schnee ist ein so hübsches Mädchen!

Ich hatte soeben dem jüdischen Friedhof und der Altneuschul meinen Besuch gemacht. Sie sind in Europa die ältesten Zeugen für das Leben Israels. Am Eingang zu den Ländern des Ghetto sind sie die zwei Marksteine für Judas Messiasweg im Okzident.

Keinen Friedhof hatte ich gesehen, sondern einen Massenaufstand von Grabsteinen, ein wildes Durcheinander von Totenmälern. Man sieht – ich wollte sagen: man errät – wie die Juden einander auf die Füße treten, einander die Luft wegnehmen, nicht um zu einem Platz an der Sonne zu kommen, sondern zu einem Loch unter der Erde. So lange sie lebten, mußten sie, wie viele ihrer auch immer waren, mit dem Raum im Ghetto auskommen, und nun nach ihrem Tod mit dem auf dem Friedhof. Weder der eine noch der andere wurde vergrößert. Es war schon schön, daß man ihnen ein Fleckchen christlicher Erde überließ.

Die mit hebräischen Inschriften bedeckten Grabplatten kämpfen miteinander, sie ringen, dicht aneinander gepreßt, und suchen den Gegner aus der Erde zu reißen. Einige lehnen sich müde an die Schulter der anderen; viele sind besiegt niedergefallen, ihre wirren Haufen bezeugen, wie erbittert der Kampf war. Wieder andere haben sich, um ihren Platz sicher zu behaupten, resolut in die Erde gesenkt. Die hartnäckigsten stoßen nach allen Richtungen vor, stechen nach rechts, nach links, werfen sich erbittert über die anderen. Und dabei sprechen wir nur vom obersten Stockwerk, nur von denen, die es fertiggebracht haben, oben zu liegen – sieben oder acht Schichten von Toten befinden sich unter ihnen. Dies ist keine Ruhestätte, dies ist ein Aufruhr der Gräber.

Tauben, Löwen, Bären, Blumensträuße, eine einzelne Blume, Trauben, kleine Gefäße, gekreuzte Hände, Hähne, Wölfe, kleine Kühe machen, auf die Steine gemeißelt, den Stamm oder den Namen kenntlich.

Vor der Zeit der Kaiserin Maria Theresia hatten die Juden keine bürgerlichen Namen. Als die Kaiserin beschloß, sie in Register eintragen zu lassen, mußte man sie erst taufen, wenn man das so nennen will. Aber für die Juden wurde weder in Deutschland, noch in Böhmen, noch in Ungarn der Kalender aufgeschlagen.

War es nicht schon ein gefährliches Zugeständnis, daß man ihnen überhaupt Namen gab? Damit sie nicht übermütig würden, gab man ihnen nur Namen von Gegenständen oder Tieren. Wer arm war hatte nur Anspruch auf den Namen eines gewöhnlichen Tieres. Wer ein paar Kreuzer besaß, durfte ein edles oder ein wildes Tier zum Namenspatron wählen. Wer mit Gold gesegnet war, konnte sich einen Blumennamen leisten. So hieß der Reiche Blum, der Proletarier aber Ochs oder Kuh.

Die Glücklichsten unter all diesen Toten waren die vom Stamm Aaron. Ihr Adel untersagte ihnen, an unreinen Orten zu weilen, und so hatte man sie am Rand dieses Schlachtfelds bestattet.

Nah beim Friedhof, nur hundert Meter von ihm entfernt, liegt die Schul. Sie ist sehr klein. Aber das ist nicht das Auffälligste an ihr. Was denn? Sie sieht aus, als ob sie maskiert wäre. Sie ist nämlich gotisch. Man hat den Unglücklichen eine Synagoge gebaut, die wie eine Kirche aussieht! Der Baumeister, ein Christ, hat ihr Kreuzgewölbe gegeben, so daß die Juden Kreuze über sich haben! Und das im Tempel der Widersacher des Kreuzes! Um das unversöhnliche Zeichen unkenntlich zu machen, fügten sie später dem Kreuz noch eine Linie bei.

Es gehört keine große Einbildungskraft dazu, sich vorzustellen, wie das Elend des verfluchten Volkes diese ärmlichen Steine umkroch. Im Geist kann man sie leicht, so wie sie waren und wie sie heute an anderen Orten noch sind, in diesem Bethaus versammelt sehen.

Gehetzt, geschlagen, verhöhnt, ohne Möglichkeit, ihr Konzentrationslager zu verlassen, der Magie und der Zauberei beschuldigt, als Krankheitsbringer verklagt, in Kleidern, die mit dem Rädchen gebrandmarkt waren, so schlichen sie mit gebeugtem Rücken, bleich und hager, mit zerzaustem Bart durch die engen Gassen der damaligen Zeit, gingen mit großen Schritten und gesenktem Haupt zu dieser ihrer ersten Synagoge. Sie war ihr einziges Vaterland. Hier allein wurden ihre Herzen warm. Unter diesem Gewölbe vergaßen sie die bösen Könige ihrer Zeit und harrten mit aufgewühlten Seelen des Messias. Hier gab es für sie während einiger weniger Stunden so etwas wie es unser Gottesfriede des Jahres Tausend war, der von Mittwoch bis Montag alle Fehden untersagte. Wenn sie die Schul verließen, hoben sie ihre großen fragenden Augen und lasen von der jüdischen Uhr, deren Zeiger sich nach rückwärts drehen, die Zeit ab. Wie hätten sie selbst anders als nach rückwärts gehen können?

Dann gibt es noch den Christus auf der Karlsbrücke. Das ist der dritte Zeuge des einstigen jüdischen Lebens in Prag. Es war im Jahr 1692. Ein Jude, der über die Moldau ging, spuckte den Gekreuzigten an. Der Frevler wurde zum Tode verurteilt und das Ghetto mußte die Schmach sühnen. Die Juden vergoldeten den Christus, und seit diesem Tag trägt das Kreuz zur ewigen Buße in hebräischen Lettern die Inschrift: »Heilig, dreimal heilig der Name Jesus Christus.«

Nun werde ich in den Zug steigen. Ich verlasse die zivilisierte Welt und fahre ins Land der Ghettos hinunter. Der Hotelportier hat mir eine kleine Flasche mitgegeben, die ich in meiner Manteltasche habe. Es ist nichts zum Trinken drin, nichts, das einem einheizt, sondern etwas, um die Nase einzureiben: Petroleum. Sobald meine Nasenspitze weiß wird, ist es Zeit, mit der Einreibung zu beginnen. Aber ich habe keinen Spiegel bei mir; wie kann ich da die Farbe meines Gesichtsvorsprungs überwachen? Vielleicht werden wohlwollende Reisende mich aufmerksam machen?

Zuerst begebe ich mich nach Munkacs. Wenn man nicht wüßte, daß die Stadt nur vierundzwanzig Stunden von Prag entfernt ist, würde man glauben, sie liege im Polargebiet. Vor dem Krieg war das Land ungarisch; heute ist es das äußerste Ende der Tschechoslowakei. Dabei heißt es aber Karpathorußland. Tatsächlich handelt es sich um Ruthenien . . . .

In den ersten achtzehn Stunden ereignet sich nichts Besonderes. Aber jetzt kommen wir nach Batu. Leb wohl, schöner Schienenweg nach Bukarest! Mich nimmt jetzt ein kleiner Lokalzug auf, der mich in die Karpathen bringen soll.

Da sind sie! Da sind die Juden! Zuerst dachte ich an sonderbare Wesen, die erst am Morgen vom unerforschtesten der Planeten heruntergekommen wären; aber es waren richtige Juden. Schwarz hoben sie sich vom Schnee ab und sahen mit ihren Barten und ihren Kaftans wie Zypressen aus. Der Wind ließ Barte und Kaftans wehen – die Zypressen bebten. Maßlos erstaunt gestand ich es mir ein: niemals hatte ich mir von etwas Ähnlichem träumen lassen! Ich, der ich jegliche Art von Menschenvolk, das mit seinen Füßen die Erde tritt, zu kennen glaubte, sah, daß ich noch gar nichts wußte! Und das lebte in Europa, nur fünfundvierzig Stunden von Paris entfernt!

Unruhig (warum nur?) gingen sie auf dem Bahnsteig hin und her, ihre Augen spähten, suchten, fragten. Ich dachte an Leute während des Krieges, zu Zeiten, da feindliche Flieger über ihrer Stadt kreuzten. Diese Juden schienen nach einem Unterschlupf zu suchen und doch blieben sie im Freien. Sie trugen Bündel auf dem Rücken oder kleine Schachteln in der Hand. Man wartete darauf, daß sie, wie teppichbeladene Araber, ihre Ware feilböten. Wenn sie miteinander ins Gespräch kamen, so veranschaulichte die Marionettenbewegung ihrer Hände so deutlich ihre Worte, daß man die Illusion hatte, aus der Ferne an diesem gestikulierenden Gespräch teilnehmen zu können.

Ich nahm meinen Photographenapparat und richtete ihn auf sie. Habt ihr jemals einen Stein in eine Spatzenschar geworfen? Meine Juden stoben auseinander. Vielleicht würde ich später keine so schönen Exemplare mehr finden? Ich folgte ihnen mit gezückter Waffe. Die einen liefen davon, die anderen versteckten ihr Gesicht in den Händen, die tapfersten drohten mir mit der Faust. »Das Ding frißt euch nicht,« rief ich ihnen zu, »es tut nicht weh!« Da von den elf Sprachen, die man in diesem Land spricht, Kleinrussisch, Tschechisch, Ungarisch und Jiddisch die verbreitetsten sind, hatte ich mit meinem Französisch keinen großen Erfolg.

Sie merkten wohl, daß ich kein Kind des Herrn bin. Und wirklich, ich hatte das Gebot vom Sinai vergessen: »Ihr sollt euch kein Bild machen, noch irgend eine Gestalt von dem, was oben im Himmel ist oder unten auf der Erde . . . .«

Ich versenkte den Apparat wieder in meine Tasche. Sie kamen zurück und näherten sich den Waggons. Aber ihr Blick war voll Entrüstung.

Eine halbe Stunde lang gab es meinetwegen ein ununterbrochenes Getuschel. Sie gingen vor und hinter mir auf und ab und musterten mich verstohlen. Man konnte an ihren Augen sehen, wie sehr ich ihre Neugier erregt hatte. Sie waren völlig verblüfft. Zu welcher Art von Zweifüßlern gehörte ich wohl? Welches weitere Unheil würde sich ereignen? Sie berieten miteinander. Nicht einmal in den Dörfern im innersten Japan war ich mit so mißtrauischen Blicken betrachtet worden.

Endlich stiegen sie in die Bimmelbahn. Ich auch. Es waren ihrer neunzehn, die nach Munkacs zurückfuhren. Sie pferchten sich in zwei Abteilen zusammen. Ich betrat ein drittes, das ein durchlöchertes Blech von den beiden anderen trennte.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

In diesem Land gab es nun nur noch unseren Zug und Schnee. Die Steppen waren weiß, weithin, bis zu den fernen Bergen, und die Berge waren weiß bis hinauf zum Himmel. Plötzlich hörte ich im Nebenabteil eine Art Sprechgesang, eine schwere und ernste Tonfolge. Ich drückte meine Stirn an das Blech. Eine der menschlichen Zypressen hatte sich in einem Winkel des Verschlags aufgepflanzt. Mit geschlossenen Augen, wild fliegenden Schläfenlocken und verzücktem Gesicht gab sie einen Singsang von sich, während ihr Körper regelmäßig wie ein Pendel hin und her schwang. Auch die anderen waren aufgestanden, mit gebückten Rücken, das Haupt geneigt, die Lider gesenkt, bewegten auch sie, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, ihre Lippen.

Der Anführer der Schar geriet in Hitze. Die fromme Erregung erfüllte den Wagen. Zuerst klang es wie ein leises Bekenntnis, dann aber wurde die Stimme des Gläubigen herrisch. Jetzt bat er nicht mehr um Rat, jetzt gebot er. Und je mehr er fühlte, daß sein Gefolge Gott nahekomme, um so mehr trieb er es an.

Und auch alle anderen gerieten in Verzückung.

Mir war, als hörte ich Fragen und Antworten einer düsteren Litanei. Durch die immer noch geschlossenen Lider drang das Feuer des inneren Blickes. Die Karpathen um sie herum hätten zusammenstürzen können – sie hätten weiter gezittert, nicht wegen des Getöses, sondern zum Ruhm des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Die Sonne neigte sich zum Untergang.

Sie verrichteten das Minchagebet.



VII

Und das ist nur Munkacs!

Aber woher kommen sie?

So sehen sie also in Karpathorußland aus?

Könnt ihr euch noch beklagen, meine Augen? Seht ihr wirklich nichts Neues?

Abraham, das sind also deine Kinder?

Und das ist nur Munkacs! Was mag sich erst jenseits der Hohlwege und Bergrücken der Karpathen verbergen?

Wer hat ihnen den Weg in dieses Land gezeigt? Welcher nächtliche Engel hat sie hiehergeführt? War es Elend oder Angst? – Beides wohl.

Sie flohen aus Mähren, aus Klein-Polen, aus Rußland, die einen in alter, die anderen in neuer Zeit; es jagte sie das Gesetz, der Hunger, der Pogrom.

Wenn man kein Vaterland hat und ein Land einen vertreibt, wohin geht man da? Der Nase nach. Die letzten Flüchtlinge kamen aus Bessarabien und wollten nach Amerika. Dies hier ist ihr Amerika!

In Mähren durfte aus jeder Familie nur einer heiraten. Das war ein ganz gutes Mittel, um die Rasse auf christliche Art zu beschneiden. Der Hunger vertrieb sie von den Ufern des Dniester. Und seit 1882 haben 1500 bis 1600 Pogrome in Rußland die Überlebenden in Trab versetzt.

So sind sie hierher gekommen.

Das Land war entsetzlich arm, beinahe unbewohnt. Wenn sie die Ohren spitzten, konnten sie nur die Wölfe heulen und den Wind in den Wipfeln der Tannen pfeifen hören. Darum machten sie halt, weil sie dachten, hier würden sie niemanden stören.

Es waren keine Israeliten, sondern Juden. Ich wiederhole das, weil man es sich unbedingt klarmachen muß. Die Assimilanten in Frankreich, England, Deutschland, Holland, Ungarn usw. haben seit längerer oder kürzerer Zeit auf ein rein jüdisches Leben verzichtet. Der Westen hat mehr Einfluß auf sie als der Osten. Die Länder, die sie zu ihrer Wahlheimat machten und denen sie treue Dienste leisten, haben sie mit ihrem Geist getränkt. Und jetzt sind sie israelitische Franzosen, ungefähr so, wie andere protestantische oder katholische Franzosen sind. Ihre geistigen Kräfte vereinen sich mit unseren. Das ist alles, was darüber zu sagen ist.

Diese aus Mähren, Polen, Rußland stammenden Juden der Karpathen aber sind keine Israeliten, sondern Hebräer. Und eben ihr Leben als Hebräer hielten sie in den Karpathen für geborgen, dasselbe Leben – dessen Eigentümlichkeit sich höchstens noch verstärkt hat – wie es ihre Vorfahren seit ihrem Auszug aus Ägypten im Jahre 1500 vor Christus führten.

Wo haben sie sich denn vor der Ansteckung durch Europa geschützt? – Im Ghetto.

Das war ihre Zufluchtsstätte. Dort vergaßen sie die Kränkungen, dort kühlten sie die brennenden Wunden, die ihnen die Peitsche geschlagen hatte. Dort wurden sie nicht mehr geschmäht, verhöhnt, angespuckt. Die Herrscher des Tages hatten sie dazu gezwungen, sich zu verbarrikadieren. Seit dem sechzehnten Jahrhundert sind sie aus ihren Barrikaden nicht mehr herauskommen. Aus Tausenden von Teilchen rekonstruierten sie so das Vaterland, das sie verloren hatten, als unsere Zeitrechnung noch nicht beim Jahr Hundert angelangt war.

Wovon und wie lebten sie in diesen Ghettos? Sie lebten von Träumen. Ihr braucht sie bloß anzusehen, wenn ihr glaubt, daß ich euch falsch berichte.

Sie sind nicht mager, sondern ausgemergelt. Hohle Wangen, leere Mägen. Beklopfte man sie mit dem Finger – es klänge hohl wie ein Geigenkasten. Denn außer ihren Träumen haben sie nur Mais, wildwachsende Früchte, Dörrgemüse und die Abfälle aus den Schlachthäusern, Lunge und Kaidaunen.

Was für ein Handwerk sie treiben? – Keines. Denn das Mittelalter hatte ihnen unter dem Einfluß der Kirche nur das eine freigegeben, das den Christen untersagt war: den Geldhandel. Was blieb ihnen also übrig? Sie konnten nur Wiederverkäufer oder Vermittler sein, und da sie kein eigenes Geschäft hatten, mußten sie, vom kleinsten bis zum größten, die Geschäfte der anderen betreiben. Ein Beispiel: Ich komme in Munkacs an. Diese neue Welt bedeutet für mich eine Offenbarung. Fasziniert bleibe ich auf der Straße stehen. Ruthenische Bauern steigen von ihren holzbeladenen Karren herunter. Ein Dutzend Juden steht auf der Lauer, man sieht es ihren Barten an, wie wichtig dieser Augenblick ist. Ein ruthenischer Bauer ist nicht besonders schlau. Er hat seine Bäume gefällt und das Holz hergeschafft – was kann man mehr von ihm verlangen? Der Jude wird es für ihn verkaufen. Die Karren halten. Es gibt eine kurze Beratung zwischen dem ganz in weiße Wolle gekleideten Bauer und dem Juden im Rabengefieder. Rasch werden sie handelseinig. Der Ruthene verlangt soundsoviel. Mit weitausholenden Schritten entfernen sich meine Juden. Sie treten in die Läden ein, klettern die Treppen empor, ihre Schienbeine schlagen gegen die Kaftanenden. Einer, der nichts unversucht lassen will, kehrt sogar um und – schlägt mir das Geschäft vor!

Hätten sie aus diesem Mittelalter heraus können?

Im Jahr 1870 wollte die ungarische Regierung die Karpathen magyarisieren und verlangte von den Juden, sie sollten sich nicht mehr als ein besonderes Volk betrachten, ihr Jiddisch aufgeben, ihre Religion reformieren, unseren schönen Rock und unsere schönen Hosen anziehen, sich die Schläfenlocken abschneiden lassen. Die Intellektuellen waren einverstanden, die Masse aber weigerte sich.

Die ersteren leben jetzt in Budapest als Ärzte, Rechtsanwälte, Bankiers, Beamte, Offiziere. Sie sind wilde Nationalisten geworden und betonen hysterisch ihr Ungartum. Sie haben das jüdische Volk zuerst verleugnet und dann verraten. Sie, Juden einer bevorrechteten Klasse, haben den Ungarn geholfen, die Juden der unteren Klassen zu unterdrücken.

Diese letzteren sind Moses treu geblieben. Ungarn, das sie verworfen hatten, verwarf nun sie; ihre Leiber leben hier, aber wohin ist ihr Geist gewandert? Zum Wunderrabbi, an dessen Zauberkraft sie glauben.

Diese Wunderrabbis haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind. Sie hindern sie daran, sich zu assimilieren und auszuwandern.

Sie sagen ihnen:

Wenn ihr in die unreinen Länder geht, so könnt ihr den heiligen Sabbat nicht mehr halten. Man wird euch die Peies abschneiden, ihr werdet nicht sehen, wie die Prophezeiungen sich erfüllen, und Gottes Auge wird zornig auf euch herniederblicken. Wenn ihr eure Kinder in die neuen Schulen schickt, so werden eure Haare ausfallen, eure Söhne erblinden, eure Töchter eine Beute der Sünde werden. Wenn ihr andere Dinge lernt als das göttliche Wort (sie lernen weder Geographie noch Rechnen, nichts, gar nichts außer Thora und Talmud lesen), so wird in Jerusalem auch noch die letzte Tempelmauer zusammenstürzen, die Thora in ihrem Schrein zerstäuben und der Messias seine Ankunft hinausschieben.

Warten sie denn noch auf den Messias? – Natürlich! Darum ist ihnen ja alles Übrige gleichgültig. Ihr könnt ihnen ins Gesicht lachen, sie in besonderen Wagen zusammenpferchen, ihnen den Besitz von Erde verwehren, aber weder den Sabbat, noch die Thora, noch ihre Locken dürft ihr antasten, denn der Herr hat gesprochen:

»Beobachtet meinen Sabbat und habet Ehrfurcht vor meinem Heiligtum. Schneidet euch eure Haare nicht rund herum ab und schert euren Bart nicht.«

Auf Kilometer kommt es bei Wundern nicht an. Die beiden Wunderrabbis, die ihre Anhänger im südlichen Karpathorußland haben, wohnen in Rumänien, der eine in Vischnitz, der andere in Szigeth. Sie führen miteinander Krieg bis aufs Messer. Jeder von ihnen sieht den anderen als Scharlatan an. Mit falschen Prophezeiungen suchen sie einander zu vernichten.

Eines Tages hört man in den Karpathen, der Rabbi von Szigeth habe verkündet, an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Stunde werde kein Schnee mehr die Erde bedecken; oder: der Dibbuk (die ruhelose Seele eines Toten) werde in einen bestimmten Menschen hineinfahren. Die Anhänger des Vischnitzers verbreiten diese Gerüchte mit großem Eifer. Da nichts davon in Erfüllung geht, ist der Ruf des heiligen Mannes aus Szigeth ein wenig ramponiert. Aber die Manöver beschränken sich nicht auf das geistige Gebiet. Die Anhänger des Szigethers gießen Petroleum in den Brunnen der Verehrer des Vischnitzers, die des Vischnitzers verwüsten die Gemüsebeete der Anhänger des Szigethers. In die Maissäcke aus Szigeth dringt wunderbarerweise Sand aus Vischnitz . . . .

Aber noch weit größere Wunder geschehen! Die Thora untersagt diesen Frommen, ihre Streitigkeiten durch Ungläubige schlichten zu lassen. In diesen Gemeinden ist der Rabbiner zugleich Richter und Priester. Ich spreche von den gewöhnlichen Rabbinern. Die Wunderrabbis sind zu sehr mit dem Propheten Elia beschäftigt, als daß sie sich um gemeine Händel kümmern könnten. Die Rabbiner fällen die Entscheidungen auf Grund des Talmuds, der ihr Gesetzbuch ist. Alle Angelegenheiten des bürgerlichen Rechts gehen durch ihre Hände. Unterwirft sich jemand nicht ihrem Gericht, so wird öffentlich kundgegeben, daß er sich versündigt habe. Er wird am Sabbat in den Tempel gerufen und in den Bann getan. Bleibt er widerspenstig, dann besteigt der Rabbiner den Almemor und vor versammelter Gemeinde, die wie im Mittelalter vor Furcht und Mitleid erbebt, verkündet der Vertreter des Talmuds von seinem erhöhten Platz aus mit der Donnerstimme des Jüngsten Gerichtes die Exkommunikation. Vor Kerzen, die zum Zeichen der Trauer geschwärzt sind, sprechen die Frommen die Sterbegebete. Und in dem finsteren Tempel, der jetzt wie fanatisiert ist, brechen alle Juden, vom Geiste Jeremias besessen, in wilde Klagen aus.

Das Schicksal des Widerspenstigen ist besiegelt. Niemand wird mehr das Wort an ihn richten.

Der Rabbiner ist auch Tier- und Menschenarzt, Rechtsanwalt, Hebamme, Ehevermittler. Er kann helfen, wenn der Handel nicht geht oder wenn die Frau unfruchtbar ist. Er ist der Medizinmann Israels.

Schnee fallt auf Munkacs nieder. Die Nacht bricht herein. Die Kälte hat mich in mein Zimmer getrieben. Aber kaum war ich drin, so verließ ich es wieder; diese Juden waren ein zu herrlicher Anblick!

Und ihr Aussehen wurde immer merkwürdiger. Jetzt führten sie auf ihrem Kopf einen unvergleichlichen Hut spazieren, einen großen Fladen aus schwarzem Samt, den Kaninchenschwänze einsäumten. Diese Kopfbedeckung ließ die übrige Kleidung nicht mehr so recht zur Geltung kommen. Man sah nur noch sie. Dabei war der Samtkaftan ja auch nicht ohne! Das war die Sabbatkleidung.

Jetzt machten sie keine großen Schritte mehr. Vom ersten Stern am Freitag abend bis zum ersten Stern am Samstag abend existiert kein Handel mehr für sie – nur noch Gott. Es ist Israel verboten, zu reisen, in einen Wagen zu steigen, Lasten zu tragen, zu rauchen, ja selbst zu laufen. Die weißen ruthenischen Bauern könnten mit noch so viel Holz gefahren kommen, die schwarzen Männer würden unter ihrer Krone aus dreizehn Kaninchenschwänzen hochmütig auf die Fuhren herabschauen, mit leerem Magen wahrscheinlich, aber mit einem von Gott erfüllten Geist.

Woher stammt dieses Kostüm? Sicher nicht aus Jerusalem. Das Kaninchen ist in heißen Ländern nicht Mode. Man hat mir gesagt, daß diese Gewandung von den deutschen Kaufleuten etwa des 13. Jahrhunderts getragen wurde. Jedenfalls ist es ein Kostüm, das sich sehen lassen kann.

Jetzt ist es schon ganz finster. Wie Gespenster ziehen die Juden durch die merkwürdige kleine Stadt. In einem unglaublichen Dunkel – es sind wohl Sackgassen – verschwinden sie wie Hasen in ihrem Bau. Ich spüre zweien dieser seltsamen Gestalten nach. Sie tauchen in einem Gewölbe unter, das zu einer Art Pachthof führt, von dem ein Pfad ausgeht. Ich trete näher und schaue zwischen den Eisblumen an der Fensterscheibe hindurch. Ein phantastisches Schauspiel! Fünf Kerzen brennen in einem fünfarmigen Leuchter, und um sie herum dreißig Sabbathüte, also dreihundertneunzig Kaninchenschwänze in einer frenetischen Bewegung; aus dreißig Barten kommt ein Singsang. Es ist ein Gebethaus. Ein Zuspätkommender, der herbeieilt, überrascht mich beim Lauschen. Er fährt drei Schritt zurück. Er wagt nicht mehr, einzutreten. Wer ist dieser Fremde? Droht Munkacs ein Unglück? Mit einem Satz stürzt er plötzlich in das heilige Haus. Die Tür dröhnt, so heftig hat er sie aufgerissen. Ich entferne mich einige Schritte. Die Juden kommen auf die Schwelle und schauen mich angstvoll an. Betet in Frieden, Söhne Abrahams! der Fremdling hat nichts Böses im Sinn.

Wo bin ich? In welchem Traumland? Und wer sind jene mit den langen schwarzen Ärmeln, die weit über die Fingerspitzen reichen? Was tun diese Gespenster mit Pelzhüten, die wie Vogelscheuchen an den Straßenecken stehen? Sind sie vielleicht da, um den Schnee zu schrecken?



VIII

Die Juden in der Wildnis

Ja wo bin ich denn? Politisch gesehen in der Tschechoslowakei. Die Friedensverträge sind da, um es zu bestätigen. Ganz in der Nähe ist die ungarische, die rumänische, die polnische Grenze. Hier ist die Gegend der großen Wälder an der Südseite der Karpathen. Um es mit einem Wort zu sagen: das Marmaroschgebirge.

Geistig gesehen liegt das Land viel ferner und keinesfalls im 20. Jahrhundert. Es hat eben erst die Zeiten der Genesis hinter sich. Wir befinden uns hier in der zweiten Periode der Welt, in der Zeit des Exodus. Präsident Masaryk, der als einer der ersten erkannte, daß der Zionismus mit einem Tropfen vom Öl der Propheten gesalbt ist, weiß sehr wohl, wenn er sich nach Munkacs, nach Uzgorod, nach Hust begibt, daß nicht der Landeshauptmann allein ihn auf dem Bahnsteig empfangen wird. Eine ungeheuere Gestalt, überirdisch groß, begleitet den Beamten und hüllt ihn völlig in ihren riesigen Schatten ein. Sie reicht bis zu den Karpathen hinauf, ihr Bart fegt die Erde, die tiefliegenden Augen sind erfüllt von der langen Qual eines Volkes: es ist Moses!

Ich reise jetzt mit zwei Juden, die keinen Bart und keine Schläfenlocken tragen. Der eine stammt aus Wilna in Polen, der andere aus Siebenbürgen. Aber beide sind tschechische Staatsbürger. Sie haben es so gewollt. Die Tschechoslowakei ist das einzige Land, das den Juden das Recht zuerkennt, Juden zu sein, so wie die Slowaken Slowaken und die Tschechen Tschechen sind. Sie haben Anteil am Leben des Staates, ohne daß man sie zwingt, sich zu assimilieren. Wenn Manna vom tschechoslowakischen Himmel herabfiele, so wäre das Marmaroschgebirge ein Abbild des Gelobten Landes, und sie könnten dort warten, bis sie ins wahre dürfen.

Aber der Himmel dieses Landes ist nicht so großmütig wie die, die es regieren. Der eine meiner Freunde heißt Ben, der andere Salomon. Sie sind keine orthodoxen Juden. Das heißt, wenn sie auch allen Respekt vor den heiligen Büchern haben, so leben sie doch nicht nach ihren Vorschriften; sie haben mehr Vertrauen zur Balfourdeklaration als in die Ankunft des Messias, und der Rabbiner erscheint ihnen keineswegs als die unbestreitbare Verkörperung des göttlichen Gedankens. Nach der Auffassung Roms wären sie Freidenker, nach der Jerusalems sind sie Zionisten. Keinesfalls sind sie Israeliten. Jude zu sein bedeutet für sie die Zugehörigkeit zu einem Volk, nicht zu einer Religion.

Ben und Salomon haben mich in Munkacs aufgegabelt. Sie sind beide entsetzlich gescheit. Außerdem sprechen sie Russisch, Tschechisch, Polnisch, Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch und Hebräisch. Ihre Bekanntschaft habe ich in meinem Gasthaus in Munkacs gemacht.

Den Hut auf dem Kopf, im Mantel, dessen Kragen ich bis über die Ohren hinaufgeschlagen hatte, in Stiefeln, die mit drei Paar wollenen Socken ausgestopft waren, so aß ich eines Abends von einem Tischtuch, das einmal weiß gewesen war, das bittere Brot der Einsamkeit. Einige Russen, die im Winkel saßen, tranken nicht einmal. Schweigend spielten sie Domino, und das Geklapper der Steine klang wie ein Tanz von Skeletten. Eine Frau, die in einen Wollschal gehüllt allein an einem Tisch saß, schaute unverwandt zur Decke, als ob sie erwarte, daß der heilige Geist von ihr herniedersteige. Zwei andere Männer schlürften dampfenden Tee. Diese ganz kleine Familie genoß ihre Ruhe, als ein großer Ruthene, den seine hohe graue Astrachanmütze noch größer erscheinen ließ, eintrat, mit einer Art Kindersarg auf dem Rücken. Er stellte seine Kiste ab, öffnete sie und zog einen Papagei heraus. Er setzte den Vogel auf seinen Unterarm, nahm einen kleinen Behälter in die eine Hand und drehte mit der anderen die Kurbel seines Musik-Sarges. Es war einer jener Schneetroubadoure, die in slawischen Ländern so beliebt sind, ein Scharmankaspieler. Sobald er seine Weise zu Ende gemahlen hatte, brachte er den Papagei zu mir. Das Tier fuhr mit seinem Schnabel in das hölzerne Kästchen, zog einen Zettel heraus und ließ ihn auf meinen freudlosen Teller fallen. Auf den Zettel war in kleinrussischer Sprache mein Schicksal gedruckt. Der Mann mit dem Zuckerhut drehte ein zweites Lied. Dann brachte er das Tier wieder zu mir. Fünf Minuten später hielt er mir den Vogel noch einmal unter die Nase. Nun rief ich:

»Laß mich mit deinem Papagei in Ruhe!«

Da sah ich, wie die Teetrinker ihre Ohren spitzten und sich nach mir umdrehten. Erstaunen trat in ihre Augen, als sie Französisch sprechen hörten. Sie wechselten ein paar Worte miteinander, dann erhob sich der eine, der Rothaarige, lächelte mich an und fragte, ob ich aus Paris käme.

»Freilich!« erwiderte ich.

Er winkte dem anderen, dem Braunen. Sie entschuldigten sich wegen ihrer Neugier, aber sie hätten bisher nur einmal einen Franzosen in Munkacs getroffen, Herrn André Spire!

»Es kommen doch sogar Papageien her,« sagte ich, »also warum nicht auch Franzosen?«

Sie antworteten, Papageien seien hierzulande nicht so selten. Spaßvögel, die einen glauben machen wollen, daß in den Karpathen Papageien leben, sind gar nicht so übel. Ich bat sie, Platz zu nehmen.

»Ich bin gekommen, um die Juden zu besuchen«, sagte ich.

»Ich heiße Ben,« sagte der Rothaarige, »und mein Freund heißt Salomon.«

»Also Schalom!«

Sie erwiderten:

»Schalom!«

Ich wollte wissen, warum sie keine Schläfenlocken trugen. Sie fragten mich, ob die Juden in Frankreich damit herumliefen.

Ich fragte sie nach ihrem Beruf. Ben war Einpeitscher bei den Wahlen und Salomon Versicherungsagent. Offenbar versicherte er die Jungfräulichkeit der Barte und die Kaninchenschwänze der Hüte? – Sie stemmten ihre Ellbogen auf den Tisch und sagten mir, alles was ich in Munkacs gesehen hätte, sei gar nichts. Ich müßte die Berge durchstreifen, wo die Juden sich in der Wildnis eingenistet haben. Dort würde ich sehen, was Elend ist. Das wäre ein Land des Hungers.

Am nächsten Morgen erklomm ein Auto das Marmaroschgebirge; Ben und Salomon saßen neben mir. Von Munkacs waren wir nach Batu gekommen, von Batu nach Hust. Jetzt ging es nach . . . . nach . . . .

»Wohin fahren wir, Ben?«

»Zuerst nach Buchtina.«

Der Winter hatte das Land versteinert. Alles wurde vom Schnee erstickt. Die vereiste Straße knirschte unter den Eisenketten an unseren Rädern. Wir kamen zuerst an einem Trupp Ruthenen vorbei, die enge Hosen und eine Art Bolero, beides aus weißer Wolle, trugen. Sie sangen im Gehen. In ihren spitzen Mützen aus Lammfell sahen sie wie Kerzen mit Löschhütchen aus. Etwas weiter hob sich ein gebeugter schwarzer Rücken scharf vom Schnee ab: ein Jude. Schwarz und weiß, wie beim Damespiel, damit man die Steine nicht verwechselt!

Buchtina, das erste Nest. Den Wagen ließen wir zurück. Wir gingen auf einen unordentlichen Haufen von Hütten zu. Es war eher ein Lager als ein Dorf. Wirklich nur Hütten; Erdgeschoß mit schrägem Dach. Die Juden kamen heraus. Ihre Hände waren in den Ärmeln versteckt; es sah aus, als preßten sie ein Ofenrohr gegen die Brust. Blieben wir stehen, so umringten sie uns, als wären wir ein brennendes Kohlenbecken; plötzlich zerstreuten sie sich, als ob sie Angst hätten, sich zu verbrennen.

Was ich hier sah, waren die tollsten Köpfe, die jemals auf Schultern saßen. Man sah Neptune, Patriarchen, Rembrandtköpfe, Böcke, junge und alte Geier, Pferde mit Barten, raphaelitische Gestalten. Einige dieser Köpfe schienen aus den Wolken zu kommen, andere waren wie Springteufel, die aus einem Kästchen schnellen. Vom irdischen Paradies bis zum zoologischen Garten . . . .

»Wo ist das Haus des Rabbiners?« fragte Salomon.

Sie gingen vor uns her, hielten aber Distanz und machten uns Zeichen, ihnen zu folgen.

Eine Ecke vom Dach des Rabbinerhauses hatte der Wind davongetragen. Wir traten in einen Stall; zwei Schafe waren darin, zwei kleine Kinder, fünf größere, die schon Peies trugen, eine Frau, dürr wie ein Skelett, ein schwarzer Vogel ohne Käfig, der auf einer Stuhllehne saß und vor Kälte zitterte.

Der Rabbiner war nicht da, er war nach Rumänien gereist, um zu schnorren.

Das Elend in diesen Nestern ist so groß, daß die Hungrigen, wenn sie betteln wollen, mindestens hundert Kilometer weit gehen müssen. An Ort und Stelle kann man nicht betteln, da wäre jeder ein Bettler. Keiner hat um einen Heller mehr als sein Nachbar und der Nachbar hat nichts. Hier gibt es Gleichheit im Elend. . Dieses, eine Seele, die sich nichts vorzuwerfen hat, und ein ausgeglichener Geist ist das einzige, was sie von ihren Vorfahren geerbt haben; davon leben sie. Niemand wird ihnen dieses Erbe streitig machen. Das Testament Israels ist rechtsgültig!

Die Frau, die sich an Bens Mantel klammerte, jammerte auf Jiddisch.

»Was sagt sie?«

»Sie sagt, daß sie krank ist vor Hunger.«

Sie zeigte uns armselige Früchte, sie schälte eine: nur ein Viertel war eßbar und drei Viertel Schale. Kein Mais mehr im ganzen Land. Wenn der Rabbiner nicht morgen zurückkehre, so gebe es am Sabbat kein weißes Brot. Zwanzig Grad Kälte im Stall. Die kleinen Kinder nur mit einem Hemd bekleidet. Der Vogel hatte wenigstens Federn! Die Größeren kauerten nicht um einen Ofen, sondern um ein Buch. Die Klagen der Mutter ließen sie nicht einmal aufschauen. Um weniger vor Kälte zu beben, bebten sie, über den Talmud geneigt, aus Frömmigkeit. Infolge eines Geräusches hob der eine seinen Lockenkopf. Während er mich ansah, sprach er mit stummen Lippen die heiligen Worte weiter. Meine Erscheinung sagte ihm nichts und gleich steckte er die Nase wieder in sein Buch. Ein Greis, der am Fenster stand und in einem anderen Buch las, gab einen leisen Singsang von sich. Nicht Kälte, nicht Hunger, nicht ein schon fast verlöschtes Licht, nicht der Einbruch dreier Fremder stört einen Juden, der Zwiesprache mit seinem Gott hält.

Die Klagen der Frau über ihr Elend brachen sich an den Stimmen der Kinder und des Greises, die dem Überirdischen zugewandt waren.

Wir traten in etwa zwanzig dieser Hütten. Überall Kinder im Hemd, Talmudlesende, weinende Frauen, Barte von Gottbegeisterten und wilde Früchte, die nichts als eine Haut über dem Kern haben. Und der Gestank! Es riecht, als ob verschimmelte Kadaver in eine Zwiebelsauce getaucht worden wären. Und die Luft! Keine dieser Baracken hat einen Rauchfang. Es ist das gleiche System wie bei den russischen Isbahs. Der Rauch des Herdes verbreitet sich im Raum, so daß er in die Augen beißt und im Hals kratzt. Was für ein hungriges Elend! Ich weiß jetzt, warum die Kaftans dieser Juden so entfärbt sind: wahrscheinlich kocht man sie, wenn gar nichts anderes mehr da ist, in den Tagen der größten Not, im Topf!

Kein Mobiliar! Drei Bretter sind das Bett, dessen vierte Seite die Wand der Hütte bildet. Und der Fußboden ist aus Kot.

Bei einem unserer Besuche sahen wir noch größeres Elend. Eine Frau lag auf der Matratze, um sie herum vier Kinder. Der Jude machte, als er uns eintreten sah, eine segnende Bewegung. Er hielt mich für einen Arzt, einen Arzt aus Hust oder vielleicht auch vom Himmel.

»Er will,« sagte mir Ben, »daß Sie seine Frau, die im Sterben liegt, retten.«

Sie sah wirklich aus wie der Tod. Da ich keine Bewegung machte, zog mich der Jude am Ärmel zur Matratze hin.

»Tun Sie, als ob Sie ein Arzt wären«, sagte Ben. »Sie tun ein gutes Werk.«

Niemals hätte ich mir ein solches Lager vorstellen können. Die Kinder und die Kranke faulten auf diesem Mist. Bitterkeit erfüllte mich. Meine Augen hielten Umschau in dem Loch; zwei Nägel an einem Tisch sollten der Familie zu Brot verhelfen. Der Vater war Talmudbinder. Dies war seine Werkstatt. In guten Monaten verdiente er fünfzehn Kronen – zwölf Francs! Zwei andere Kinder, die wir noch nicht bemerkt hatten, kauerten in einem Winkel; die schönen Augen in den von Locken umgebenen Gesichtern sahen den Herrn an, der gekommen war, um die Mama zu retten.

Wir begaben uns zur Synagoge. Die Thora, die Gekrönte Braut, war nicht besser untergebracht als ihre Anhänger. Die Juden, die uns fortwährend gefolgt waren, füllten die armselige und heilige Baracke. Alle umringten uns. Die zwei »Bürger« des Ortes, ein Müller und ein Sägereibesitzer, die beide keine Peies hatten und europäisch gekleidet waren, begrüßten uns im Namen der Gemeinde.

»Sie glauben,« erklärten sie uns, »daß Sie ihnen Geld bringen.«

»Sie leiden alle Hunger«, sagte ich. »Sie haben immer Hunger gelitten.« »Wieso sterben sie nicht?« »Israel ist zäh!«

»Warum gehen sie dann nicht anderswohin?« »Dort ist es noch schlimmer!« »Sie müßten in die Städte gehen!« »In diesem Aufzug? Mit diesen Kleidern? Ohne einen Heller? Das Elend nagelt sie hier fest!« »Und Palästina?«

»Der Messias ist noch nicht gekommen.« »Erwarten sie ihn denn wirklich?« »Aber ja, Herr, gewiß erwarten wir ihn!«

Die Reden verstummten. Ein Sänger stimmte einen heiligen Vers an. Der gottbegeisterte Blick dieser ausgemergelten Juden richtete sich auf den Thoraschrein. Was lag an dem Elend zu Hause? Hier war der Schatz!



IX

Ich bin dem ewigen Juden begegnet

Ich bin dem Ewigen Juden begegnet. Er wanderte in den Karpathen, hinter dem Dorfe Volchovetz traf ich ihn. Seine Stiefel waren zerrissen und, wie man sah, auch seine Socken. Vom Hals bis zu den Fersen war er in einen enganliegenden Kaftan gehüllt. Ein breitrandiger flacher Hut, der auf seinem schwarzen Haar saß und unter dem zwei sorgsam gepflegte Schläfenlocken hervorkamen, vervollständigte die Ähnlichkeit mit der Gestalt der Sage. Über der linken Schulter trug er einen zweiteiligen Schnappsack aus kariertem Stoff. Ein Teil schlug gegen seinen Bauch, der andere gegen seinen Rücken. Mit weitausholenden Schritten, die sich tief in den Schnee eingruben, ging er seines Weges.

Ich ließ den Wagen halten. Wir näherten uns ihm. Das schien ihm bedrohlich und er beschleunigte seinen Schritt. Ben rief ihm nach. Er wollte nicht hören. Wir holten ihn ein. Ein furchtsamer Ausdruck trat in sein Gesicht. Ja, er war es: Ahasver. Seine Schuhe waren für eine neunzehnhundertjährige Wanderung nicht einmal allzusehr abgenützt. Ich war seltsam bewegt.

»Sag mir, wohin du gehst, woher du kommst. Bist du müde? Zeig mir deine fünf Kreuzer!«

»Er sagt, daß er nach Novo-Selitza geht«, bemerkte Salomon. – »Und von dort?« – »Nach Ganitz.« – »Und dann?« – »Er will nach Rumänien.« – »Und dann?« – »Er sagt, daß er den Versöhnungstag jedes Jahr beim Zaddik (dem Wunderrabbi) von Vischnitz verbringe.« – »Er lebt ganz allein?« – »Nein, er ist verheiratet, hat fünf Kinder.« – »Und sind seine Kinder auch kleine Ewige Juden?« – »Sie leben mit ihrer Mutter in einer Hütte an der tschechisch-rumänischen Grenze.« – »Sagen Sie ihm, er soll in den Wagen steigen. Wir werden ihn nach Novo-Selitza bringen.« – »Er will nicht.« – »Warum nicht?« – »Er hat Angst.« – »Er ist noch nie in einem Auto gefahren?« – »Nein.«

»Komm mit uns, Ewiger Jude, wir werden nicht schnell fahren. Du mußt mir deine Geschichte erzählen. Ich bin so froh, dich getroffen zu haben. Du hast einen so schönen Kopf, Klugheit spricht aus deinem Auge, kein Zweifel: du bist es! Komm, ich will dir neue Socken schenken!«

Man lud ihn auf. Zu viert fuhren wir nun ins Marmaroschgebirge. Wir ließen uns seinen Schnappsack zeigen und machten Inventur.

Die eine Hälfte war Laden, die andere sein Proviantmagazin. In der ersteren waren etwa zwanzig Bleistifte, drei Dutzend Kerzen, zwei Scheren, ein Kalender und etwas Tabak, der aus weggeworfenen Zigarettenresten stammte. In der zweiten zehn Zwiebeln, zwei saure Heringe, ein in Papier gewickeltes Stück Weißbrot (Sabbatbrot) und eine kleine Menge wilder Pflaumen.

Vor neun Tagen hatte er seine Hütte verlassen und ging nun von einem jüdischen Dorf zum andern. Er sagte, er habe sich auf ein falsches Gerücht hin, im Glauben, es wären in dieser Gegend Spenden aus Amerika eingetroffen, auf den Weg gemacht. Er wollte sich zuerst seinen Anteil holen und dann sein Warenhaus ausverkaufen. Trotz der Enttäuschung setzte er seinen Weg fort. War er nicht ein guter Jude? Welches Vergehen gegen den Ewigen konnte man ihm vorwerfen? Schickte er nicht seine Gebete jeden Tag zu Gottes Thron empor? Mußte ihm nicht der Herr seinen Schutz gewähren?

Er war in Cluj in Siebenbürgen geboren. Die Pogrome des Jahres 1927 hatten ihn vertrieben. Rumänische Studenten hatten ihn geschlagen, sein Haus verbrannt, die Thora auf dem Marktplatz durch den Kot gezogen; so war er geflohen. In Cluj trieb er auf den Märkten Handel. Jetzt . . . .

Ich kann nicht genug betonen, was für eine Sensation es für mich war, den Ewigen Juden in meinem Auto zu haben. Er war es wirklich. Vor Erfindung der Photographie hätte ich nicht gewagt, das mit solcher Entschiedenheit zu behaupten. Man hätte sagen können, ich phantasiere oder ich spekuliere auf die Leichtgläubigkeit meiner Leser. Aber ich habe ihn festgehalten, ich kann ihn euch zeigen. Da ist er; ihr könnt ihn sehen wie ich. Ohne daß er es merkte, heimtückisch, habe ich ihn photographiert – im Dorfe Ganitz, am Südhang der Karpathen, heuer im Winter, bei großer Kälte; Wölfe waren in der Nähe.

Er hieß Schwartzbard, wie der Klient Torres’, der in der Rue Racine in Paris den Pan Petljura niederknallte, weil Petljura im Jahr 1919 in den Steppen der Ukraine an der Spitze jener Scharen stand, die hundertfünfzigtausend Juden niedermetzelten.

Als ich den Ewigen Juden durch den Schnee stapfen sah, dachte ich nicht, daß er Bleistifte und Kerzen verkaufe – ich dachte, er sei auf dem Weg nach Jerusalem. Ich ließ ihm das sagen. Drum hielt er mich gleich für einen Chaluz, einen der Pioniere, die in Palästina am Werk sind, also für einen Ungläubigen, einen Verächter der Prophezeiungen. Und er gab zur Antwort, daß er Gott liebe und fürchte. Ich brachte die Rede wieder auf Jerusalem. Er antwortete, daß die Zeit noch nicht gekommen sei. Ich fragte ihn, woher er das so sicher wisse. Er antwortete: vom Zaddik. – Und woher der Zaddik das so sicher wisse?

– Er antwortete, der Zaddik von Vischnitz spreche mit Gott und mit dem Propheten Elia, und wenn die Stunde zur Rückkehr schlage, so würde sicher der eine oder der andere nicht verfehlen, dem Zaddik Mitteilung davon zu machen.

Ben und Salomon machten hitzige Ausfälle gegen die Wunderrabbis. Sie riefen mich als Zeugen dafür an, daß die Rabbis an der geistigen Finsternis schuld seien. Weiß man, daß zwischen dem Marmaroschgebirge und Galizien, zwischen Siebenbürgen und Bessarabien, zwischen der Bukowina und der Ukraine, zwischen Warschau und Wilna mehr als sechs Millionen Juden in einem so übeln körperlichen und geistigen Zustand leben? Wir haben gesehen, was die Wunderrabbis aus diesen Juden machen:

Ganz verlassen, nicht einmal mit einem Kaftan bekleidet, in elende Fetzen gehüllt, die sie aus den Städten geschenkt bekommen, oder in Schals wie alte Frauen, so stiegen Juden die Berghänge herab, starr vor Kälte, mit einem Päckchen unter dem Arm oder in der Hand. Was tun sie? Wohin gehen sie? Warum sind sie immer unterwegs? – Die Ruthenen, die man sieht, bleiben in der Nähe ihrer Häuser. Sie tragen weder das Bündel des Landstreichers noch einen Pilgerstab. Sie haben Wurzel geschlagen und wachsen nun.

Die Wurzeln der Juden sind in ihrem Kopf. In Gestalt von Locken dringen sie unter ihren Hüten und Mützen hervor. Ist das der Grund, daß sie sich an den Himmel und nicht an die Erde klammern?

»Heda, wohin gehst du?«

Wir hielten einen Mann im Schal an. Wie alle anderen sprach er nur Jiddisch. Er ging ins Nachbardorf. – »Was tust du dort?« – Er wollte dort übernachten. – »Und dann?«

– Er wollte nach Hust. – »Wozu?« – Um dort zu übernachten. Dann wollte er nach Munkacs, um den Rabbiner Zangwitsch aufzusuchen und ihn zu bitten, daß er Gebete sage, damit zwei seiner Geschäfte Erfolg hätten. – »Und was treibst du?« – »Beruf habe ich keinen!«

Ich wollte wissen, ob der Rabbiner Zangwitch Wunder tue.

»Nicht einmal das!« sagte Ben und stieß empört mit dem Fuß gegen das Eis.

»Hep!« rief Salomon einen anderen an.

Dieser war etwas älter. Seine Ärmel dienten ihm als Muff, sein Päckchen hing ihm am Handgelenk und schlug gegen seinen Magen.

»Wohin gehst du?« – »Ich verlasse das Dorf.« – »Warum?« – »Es gibt nichts mehr zu essen.« – »Was bist du?« – »Religionslehrer.« – »Geh in eine Stadt, zum Beispiel nach Kosich: dort wirst du Schüler finden.«

– »Das kann ich in meiner Kleidung nicht. Wenn die Polizisten uns sehen, sagen sie: Was treibt ihr da? Macht, daß ihr dorthin kommt, wo ihr hingehört!« – »Also weißt du noch nicht, wohin du gehen wirst?« – »Ich will den Rabbiner von Buchtina um Rat fragen.«

Was ist natürlicher, als daß es auf dem Lande Bauern gibt? Dieses Land aber war voll von gespenstischen exaltierten Gestalten. Man glaubte, lauter Studierenden zu begegnen, deren Studium nur die Armut unterbrochen hat. Da waren Köpfe alter Philosophen, junger Dichter, von bösen Geistern verfolgter, aber klardenkender Visionäre.

Nur in den Worten der Frauen fand das Elend lauten Ausdruck. In jedem Dorf umringten unglückliche Weiber den Wagen. Sie zupften uns an den Kleidern, und mit Gesichtern, die von Tränen schmutzig waren, brachten sie lange Litaneien über ihr Unglück vor. Wir sollten die Stub jeder einzelnen besichtigen. Sie zeigten uns die durchlöcherten Dächer, den Kot im Innern der Hütten, ihre vier, fünf oder sechs Kinder, die vor Kälte klapperten, die Dörrpflaumen, den in Petzen gekleideten Großvater, der stöhnend auf dem Ofen lag, die kleinen Mädchen, die infolge der Entbehrungen nicht wuchsen, Idioten, die lachend auf dem Mist standen, die ganz kleinen Kinder, mit nackten Füßchen auf dem Eis und nur mit einem Hemd bekleidet.

Die Mütter schlugen ihre Schals auseinander, um ihre milchlosen Brüste zu zeigen und ihre ausgezehrten Körper. Der Mann der einen hatte zweimal versucht, in die Städte hinunterzukommen, um sein Brot zu verdienen, zweimal war er unterwegs erschöpft zusammengebrochen. Die Verzweiflung hatte ihn stumm gemacht. Der Geruch in den Baracken war fürchterlich! Ich konnte es drin nur aushalten, wenn ich mit aller Kraft in mein Taschentuch biß. Dabei sagt man: Reich wie Rothschild!

In den letzten zehn Jahren hat sich das Elend in diesen Gegenden verzehnfacht. Vor dem Weltkrieg arbeiteten die Juden jeden Sommer drei Monate lang in der fruchtbaren ungarischen Tiefebene. Die Grenze trennt jetzt die Ebene vom Gebirge. Und die Ungarn verweigern ihren früheren Staatsangehörigen, die jetzt tschechoslowakische Bürger sind, das Visum. Ein Verdienst von drei Monaten genügte diesen Juden, um ein ganzes Jahr davon zu leben. Jetzt hängt ihr Leben während des ganzen Jahres von den saftlosen Früchten der Karpa­thenbäume ab!

Der Boden? – Der Boden ist schlecht und gehört den Ruthenen. Diese teilen ihren Besitz mit dem Schnee (sechs Monate lang haben sie ihn und sechs Monate lang hat ihn der Schnee). Der Jude hat nur seinen Bart, seine Peies, gelegentlich einige Holzfuhren und seine Rabbiner.

Soll ich euch einen Begriff von der Macht des Rabbiners geben?

Ben führte mich ans Ende des Dorfes. Eine Hütte liegt verloren im Schnee. Wir stoßen die Tür auf. Der Raum ist leer. Eine Matratze liegt auf der Erde. Der Mann, den wir suchen, scheint wie alle andern auf der Landstraße unterwegs zu sein. – Hier seine Geschichte: Er hat seinen Bruder getötet. Die tschechoslowakischen Gerichte haben ihn nach dem Gesetz abgeurteilt. Er war drei Jahre im Gefängnis. Nach verbüßter Strafe ist er ins Dorf zurückgekommen. Hier hat ihn das Urteil des Rabbiners getroffen. Vor versammelter Gemeinde ist in der Synagoge der Bannfluch gegen das Haupt des Schuldigen geschleudert worden. Der Rabbiner hat ihn zu fünfzehn Jahren Alleinsein verurteilt. Seitdem wohnt er hier, weit weg vom letzten Hause des Dorfes. Das ist nun fünf Jahre her. Niemand richtet ein Wort an ihn. Wenn die Juden ihm begegnen, so wenden sie sich ab. Ben sagt, er sehe aus wie ein Hund, der jedermann die Schnauze hinhält, damit man ihn vom Maulkorb befreie.

Der Ewige Jude erwies sich keineswegs als Feind der Fortbewegung mittels Benzin. Nicht ein einziges Mal verließ er den Wagen. Wir blieben vier Stunden in Ternovo und vier Stunden harrte er auf seinem Polstersitz aus.

»Ben, fragen Sie ihn doch, ob er in dieser Gegend überhaupt etwas verkaufen kann. Hier besitzt doch niemand einen Heller!«

»Er meint, es sei für einen guten Juden nicht unbedingt nötig, etwas zu verkaufen; er dürfe nur am Freitag abend, sobald der erste Stern am Himmel steht, nicht weitergehen und sich niemals gegen Gott versündigen.«

O heiliges Marmaroschgebirge!

Wir kamen nach Ganitch. Salomon und Ben versicherten mir, wir müßten den Notar besuchen. Den Notar? Mir war in diesem Lande nicht scherzhaft zumute. Aber sie zeigten mir tatsächlich sein Schild an dem einzigen Haus, das wirklich einem Haus ähnlich sah. Ein Notar im Marmaroschgebirge? Wenn ich einen Fischer gesehen hätte, der erwartete, daß seine in ein Faß saurer Heringe ausgeworfene Angel zu zucken beginne – ich wäre weniger verblüfft gewesen.

Der Mann, der uns empfing, sah recht gut aus. Er trug zwar Peies und einen Bart, aber die Peies waren ziemlich kurz und der Bart nicht überlang. Er war schwarz gekleidet, aber wie ein Mensch und nicht wie ein Bettler; sein Gesicht bleich, aber der Körper nicht ohne Kraft. Er war wohl der einzige Mann in diesen Bergen, dessen Bauch nicht hohl klang. Notar war er? Ja und nein. Er war es in Preßburg gewesen. Dann kam er eines Tages durch das Marmaroschgebirge. Das Elend hatte ihm sein jüdisches Herz zerrissen. Er war bei weitem nicht reich genug, um die Not aus dem Lande hinwegzuzaubern, aber er beschloß, sie wenigstens etwas zu mildern. Seither wohnte er hier. Er empfing die Spenden der amerikanischen Komitees und verteilte sie. Herr Rosenfeld war der heilige Vinzenz von Paul dieser Berge.

»Kommen Sie mit und sehen Sie«, sagte er und nahm ein Tierfell um. »Es ist ein Elend hier, wie Sie es sich nicht vorstellen können.«

»Ich habe es schon gesehen«, sagte ich.

Er versicherte mir, daß ich nicht alles gesehen hätte. Wir gingen. Er zeigte mir eine Hütte, die, wie die anderen aussah.

»Wieviel Menschen, glauben Sie, wohnen hier?«

»Drei.«

»Siebzehn: drei Familien. Treten Sie ein!«

Dreizehn waren da. Drei Betten! Und dabei habe ich schon betont, daß diese Betten von nicht zu beschreibender Widerwärtigkeit sind. Kein westeuropäischer Köter würde es eine Stunde darin aushaken. Kinder krochen herum wie ein Wurf junger Hunde. Die Frauen klammerten sich an Rosenfeld und stießen herzzerreißende Schreie aus. Sie sagten, daß sie es vor Kälte und Hunger nicht mehr aushielten.

»Diese armseligen Kreaturen lieben mich sehr«, sagte der Notar; »aber wenn ich ihnen einen meiner Arme gäbe, so würden sie ihn kochen, um ihn zu essen – so groß ist ihr Hunger!«

Wir verließen dieses Loch voll Menschen. Rosenfeld machte eine Bewegung nach dem Gebirge hin:

»Überall«, sagte er, »ist es ebenso oder noch schlimmer! Mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben in einem solchen Zustand! Und man kann nichts tun, gar nichts! Sie können nicht fortgehen, sie sprechen nur Jiddisch, und Sie wissen ja, daß in Wirklichkeit die Sprachen die Grenzen bilden!«

In Novo-Selitza haben wir den Ewigen Juden abgesetzt. Vorher hatten wir ihn gebeten, sein Vermögen aus der Tasche seines Kaftans herauszuholen: er besaß eine Krone vierzig Heller, genau fünfundzwanzig Goldcentimes! – Jetzt kletterte er eine ganz weiße Kuppe hinauf. Ich folgte ihm lange mit dem Blick. Er ging mit gebeugtem Rücken, sein doppelter Schnappsack lag rittlings auf seiner mageren Schulter; einsam nahm er seinen Weg wieder auf, liebte und fürchtete er Gott.



X

Das Gespenst

Jetzt verstellt uns ein Gespenst den Weg. Es ist nicht weiß, es ist rot. Es spukt in Siebenbürgen, Bessarabien, der Ukraine. Wenn es nicht wäre, könnte man die unruhigen Blicke der Juden in diesem Teil Europas nicht begreifen, nicht ihre ängstliche Haltung, ihre gebeugten Rücken, ihre Vorliebe für versteckte Gassen; nicht, warum sie in den Straßen längs der Mauern schleichen und nur leise sprechen, nicht ihre furchtsame und unablässige Neugier. Beim unbedeutendsten Ereignis schrecken sie zusammen wie ein Verbrecher, wenn man an seine Tür klopft. Und wirklich fühlen in diesen Gegenden alle eine schwere Schuld auf sich lasten: die, Jude zu sein.

Das Gespenst heißt Pogrom.

Es ist noch nicht so besonders alt. Seit dem Gemetzel Chmielnickis hatte man die Juden eher geschlagen als ermordet. Der Pogrom unserer Zeit ist in Rußland geboren, auf dem Thron Alexanders III., im Jahre 1881.

Erst wußte man nicht genau, wie er beschaffen sei. Sein Name besagte nichts. In seinen Anfängen konnte er ruhig wie ein Unbekannter seines Weges gehen. Die Erde war noch nicht so klein wie heute. Man konnte nicht, während man ruhig beim Essen saß, die Stimme der Welt aus einem Akazienkästchen dringen hören. Die Toten waren schon lange eingescharrt, wenn der Geruch des Pogroms über die Grenzen drang.

Der Pogrom ist eine Art Tollwut. Nicht Tiere werden von ihr befallen, sondern Menschen, besonders Militär und Studenten. Woher kommt sie? Bis zum heutigen Tage glaubt man: von den Regierungen. Die Regierungen, die nach Westen schauen, sind gegen das Gift immun. Denen, welche nach Osten schauen, steckt es im Blut.

Die Tollgewordenen beißen nicht jeden. Sie schnappen nur nach Juden. Der Anblick von Kaftans, Barten und Peies bringt sie außer sich.

Pogrome lassen sich wie Kriege datieren. Die ersten fanden in den Jahren 1881 bis 1882 statt. In dieser Zeit gab es ihrer siebenhundert. Ein Pogrom ist wie ein Waldbrand: der erste Baum, der aufflammt, entzündet alle anderen. So dehnten sich diese ersten Pogrome über achtundzwanzig Provinzen des früheren Rußland aus. Dann kommen wir zum Jahre 1903, zum ersten Pogrom, der einen Namen trägt: dem Pogrom von Kischinew (Bessarabien); dann die Pogrome von 1905; der große Pogrom 1918 bis 1920 in der Ukraine und im östlichen Galizien. Dann, im Dezember 1927, der rumänische Pogrom.

Ich gebe zuerst drei aufschlußreiche Zahlen:

Mehr als 150 000 Tote.

Mehr als 300 000 Verwundete.

Mehr als eine Million Mißhandelter und Ausgeplünderter.

Und das allein in der Ukraine und in Galizien in den Jahren 1918 und 1919.

Wenn man die Pogrome genauer untersucht, so lassen sich drei Formen erkennen: der unblutige, der blutige, der grausam-sadistische.

Der rumänische Pogrom vom 4. Dezember 1927 ist der Typus des unblutigen Pogroms.

Besonders seit die letzten Friedensverträge den Rumänen Gebiete zuerkannt haben, die von vielen Juden bewohnt werden, geht eine antisemitische Strömung durch die intellektuelle Jugend des Landes. Von 1922 bis 1927 ließen die Studenten kein Jahr verstreichen, ohne antisemitische Demonstrationen zu veranstalten: Angriffe auf das Studentenhaus der Siebenbürger Juden, Demolierung der Synagogen, der jüdischen Redaktionen und Friedhöfe; Juden, die man in den Zügen findet, werden aus den Fenstern herausgeworfen, die Scheiben und Schilder der jüdischen Häuser zertrümmert. Ende 1926 wird in Czernowitz der jüdische Student Falik von dem rumänischen Studenten Totu ermordet. Motiv der Tat: der eine war Rumäne, der andere Jude!

Im Dezember 1927 beschließen die Studenten aller rumänischen Universitäten ihren Kongreß in der Stadt Oradea-Mare in Transsylvanien abzuhalten. Oradea-Mare wird von Juden bewohnt. Tagesordnung des Kongresses: Kampf gegen die Juden.

Ein General, früherer Minister, und ein berühmter Arzt eröffnen die Debatte und hetzen die Studenten auf.

Die Jugend hat rasches Blut. Die Studenten warten nicht erst, bis sie auf der Straße sind. Sie haben im Saal einen Juden zur Hand, Alexander Flescher, einen Journalisten, der am Pressetisch seinen Beruf erfüllt. Das ist ein Glücksfall. Sie schlagen ihn nieder.

Dann stürzen sie auf die Straße. Es sind ihrer fünftausend. In Trupps von fünfundzwanzig bis dreißig Mann durchziehen sie die Stadt. Sie werfen die Juden aus den fahrenden Tramways. Jeder Passant, auch wenn ihn Tracht und Bart nicht als Juden kenntlich machen, wird, wenn nur irgend etwas in seinen Zügen jüdisch scheint, verprügelt. Sie durchsuchen die Cafés, die Restaurants und befördern mit Fußtritten alle Gäste, die nicht Christen sind, auf die Straße. Ein Teil, mit Hämmern und Knütteln bewaffnet, demoliert die Auslagen der jüdischen Geschäfte. Sie sind bei den Ortsbewohnern, also bei Juden einquartiert und werfen ihre Wirtsleute aus den Wohnungen heraus. Endlich stürmen sie die Synagogen. Alles wird mit Axthieben zertrümmert. Sie bemächtigen sich der heiligen Bücher, der »Gekrönten Bräute«, zerreißen und besudeln sie, tragen sie im Triumph auf die öffentlichen Plätze, zünden sie an und tanzen beglückt um das Feuer. Die Polizei, die berittene Gendarmerie sorgt dafür, daß die Saturnalien nicht gestört werden.

Als der Kongreß zu Ende ist, machen die Studenten in Klausenburg, in Ciucca, in Hucdin, in Targ-Ocna halt. Überall wird das Fest erneuert. Das nennt man dann einen milden Pogrom. Es lebe Rumänien!

Die zweite Art von Pogrom ist die, bei der man tötet und lyncht. Nehmen wir die Jahre 1918 bis 1919. In Kiew halten die Soldaten der ukrainischen Banden die Juden auf der Straße an, plündern sie aus und schießen sie nieder. Zehn Tage lang lagern die Soldaten vom Schwarzen Meer beim Bahnhof von Bobriuskaia, die von Petljuras Regiment beim Bahnhof von Sorny, die ukrainischen Kosaken bei den Bahnhöfen von Pastow, Post-Wolynskij, Romoday, Kasatin, Datschnoje und Bachmatsch . . . . Die Juden, die man in den Eisenbahnwaggons findet, werden ausgezogen, geschlagen und getötet. In Bachmatsch strömt das Blut über die Bahnsteige.

In Berditschew langt am 4. Januar 1919 die Todeskompanie an. Die Juden, die man am Bahnhof trifft, werden getötet. Die Kompanie dringt in die Stadt ein, Greise werden mit Reitpeitschen geschlagen. Bei den Kindern ist man oft unsicher; der Typus ist noch nicht so ausgeprägt; die Kameraden des Todes fragen: »Bist du ein Judenjunges?« Die Juden werden totgeschlagen, alle Häuser überfallen; man führt die Juden auf die Straße, zwingt sie zu rufen: »Tod den Juden!« und knallt sie nieder.

Von Berditschew marschieren die Helden nach Schitomir. Hier gibts denselben Tanz. Von Schitomir gehts gegen Owrutsch. Der Ataman Kosyr Syrko läßt die Juden am Bahnhof zusammentreiben. Die Kosaken bringen sie mit Nagaikahieben in Trab und zwingen sie Majofes zu singen, das alte heilige Sabbatlied. Die Judenhaufen kommen zum Bahnhof; Kosyr Syrko läßt mit Explosivpatronen in das Lied und in das zuckende Fleisch feuern. Es lebe Kosyr Syrko!

Blut wirkt auf Wilde wie schlechter Fusel. Wilde gibt es nicht nur in Afrika oder im Stillen Ozean. Nicht immer sind sie daran zu erkennen, daß sie nackt herumlaufen. Die Wilden, von denen hier die Rede ist, die Soldaten der ukrainischen Banden, waren gestiefelt, bekleidet und trugen Orden auf der Brust.

Wir kommen zu der sadistischen Form der Pogrome.

Was sich in Owrutsch abspielt, das sind noch Kleinigkeiten. Man zwingt die Juden, sich gegenseitig zu peitschen und der Peitschende muß

die Stelle küssen, die er mit Striemen bedeckt hat. Aber begeben wir uns nach Proskurow. Bisher folgte Plünderung auf das Gemetzel. Man sah sogar oft Bauern, die an dem Schlachtfest nicht teilgenommen hatten, hinterher mit Körben und Butten anrücken, um aufzuklauben, was die Kosaken übriggelassen hatten. In Proskurow aber nahm das Gemetzel den Charakter eines Weiheaktes an. Die Abschlachtung der Juden sollte nicht eine Vorbereitung zur Plünderung sein. Man wollte töten, ohne einen Vorteil davon zu haben, nur um einer Pflicht zu genügen. So läßt es Ataman Semossenko seine Gefährten auf das Banner schwören: die Hände sollen blutig werden, aber dabei rein bleiben.

Und die Kompanie setzt sich in Bewegung, mit der Kapelle an der Spitze und der Sanitätskolonne am Schluß. Sie marschiert durch Proskurow, kommt ins Ghetto und beginnt ihre Arbeit. Die Reinheit ihrer Absicht fordert, daß man mit blanker Waffe operiert. Trupps von fünfzehn Mann verschaffen sich Zugang in die Häuser, dringen von den Geschäftsräumen, ohne sich lange auf der Treppe aufzuhalten, in die Stockwerke ein und spießen alle Juden, die sie treffen, am Bajonett auf. Die Kosaken schießen nur, wenn ein noch nicht ganz toter Jude zu entkommen versucht. Alles wird durchstöbert, nicht einmal vor den Wiegen machen sie halt! Denen, die Geld anbieten, um dem Tod zu entrinnen, antworten sie: »Wir wollen nur euer Leben!« Ein Priester tritt mit dem Kruzifix in der Hand aus einer Kirche und beschwört sie in Christi Namen, das Morden einzustellen. Sie töten den Priester. Kinder werden an den noch warmen Leichnam ihrer Väter gebunden. Gleichzeitig und mit der gleichen Wut vergewaltigt man Mütter und Töchter. Fünfzehnhundert Tote zwischen drei und sechs Uhr nachmittag.

In Felchtin, in Schargorod, in Pestschanka hausen die Kosaken noch kosakischer. Sie schneiden Zungen ab, reißen Augen aus. Sie zwingen die Mütter, ihnen ihre Kinder mit ausgestreckten Armen entgegenzuhalten und schlagen den Kleinen die Köpfe ab. Man reißt den Männern die Kleider vom Leib, bindet ihre Hände aneinander, zwingt sie, zu singen, zu tanzen– dann kommandiert man Feuer.

In Bratslaw hängt man die Juden an den Händen auf und schneidet ihr Fleisch mit dem Säbel herunter. Die herabfallenden Stücke werden gekocht. Mit den Köpfen spielt man Ball.

Mütter wollen sich preisgeben, um ihre Kinder zu retten. Die Kosaken antworten: »Wir müssen die Jüdlein hindern, flügge zu werden!« Und man schnitt den kleinen Engeln den Leib auf! Männer, Frauen, Kinder wurden an den Haaren aufgehängt. Die Männer rasierte man und zwang sie, bevor man sie umbrachte, ihre Barte aufzuessen. Ein Vater mußte sich auf alle Viere niederlassen, um das Blut seines Sohnes aufzulecken. Ein Rabbiner zeigte auf siebzig Kinder und rief den Kosaken zu: »Ihr habt ihre Väter und Mütter getötet; was soll jetzt aus ihnen werden?« – »Feuert auf sie!« war die Antwort. Es lebe der Ataman!

Warum diese Pogrome? – Warum töteten die Türken die Armenier? Warum kratzt die Katze dem Hund die Augen aus? Weil die Stimme der Rasse die der Menschlichkeit übertönt. Einem Slaven liegt ein Jude immer schwer auf dem Magen. Das lange gemeinsame Leben hat sie einander nicht näher gebracht. Ein Pole, ein Russe jagen den Juden vom Trottoir, als ob der Jude, wenn er zu nahe an ihnen vorbeikäme, ihnen einen Teil ihrer Luft stehlen würde. Ein Jude ist für den Osteuropäer die Verkörperung des Parasiten.

Unglücksfälle haben ihre Ursachen. Anderswo forscht man nach diesen Ursachen mit völliger geistiger Unbefangenheit. Hier, ganz gleich, um was für ein Unglück es sich handelt, gibt man vor allem einmal dem Juden die Schuld. Es ist merkwürdig, daß gerade die Juden die Erfinder des Sündenbocks sind. Ihre Priester beluden das Tier mit allen Sünden und jagten es dann davon. Die Völker des Ostens sind von dieser Idee inspiriert worden. Sie haben den Bock durch den Juden ersetzt.

Die Grundursache der Pogrome ist der Abscheu vor dem Juden.

Dazu kommen dann allerhand Vorwände. Bei den Pogromen in der Ukraine diente der Bolschewismus als Vorwand. Die Kosaken Petljuras waren Antibolschewisten, also mußten nach der alten und seit jeher geltenden Spielregel die Juden Bolschewisten sein.

Man höre nur, welchen Ton man ihnen gegenüber anschlug. Nehmen wir zum Beispiel den folgenden, von Semossenko unterzeichneten Tagesbefehl, der am Vorabend der Massaker in Proskurow angeschlagen wurde:

»Ich fordere, daß die Bevölkerung mit ihren anarchistischen Kundgebungen aufhört. Besonders sollt ihr Juden euch das gesagt sein lassen. Ihr wißt doch, daß ihr ein Volk seid, das alle übrigen verabscheuen. Ihr sät Unruhe unter die Christen. Liegt euch nichts an eurem Leben? Habt ihr kein Mitleid mit eurer eigenen Rasse? Wenn man euch in Ruhe läßt, nun, so haltet auch ihr Ruhe! Elendes Volk, du willst ja aber das arme ukrainische Volk nie in Frieden leben lassen!«

Und wenn der Hagel die Ernte niederschlägt, so ist das natürlich auch die Schuld Israels!

So also ergeht es einem als Jude in den Ländern, in die wir nun kommen!



XI

Familie Meiselmann

Salomon ist ins Marmaroschgebirge zurückgekehrt.

Der rothaarige Ben hat sich bereit erklärt, mich auch weiterhin zu begleiten. Er hat so ziemlich überall Verwandte: in Transsylvanien, in der Bukowina, in Bessarabien, in Warschau. Ich setzte ihm auseinander, daß es schicklich sei, von Zeit zu Zeit seine Familienangehörigen zu besuchen. Und Ben hat mich sofort verstanden.

Nicht zum ersten Male stieß ich auf die Tatsache, daß ein Jude in allen Ländern Verwandte hat. In meiner Tasche waren Briefe englischer Juden an ihre Vettern in Berlin, Warschau und sogar Konstantinopel. Wenn ein Ost Jude sich mit europäischer Kleidung anfreundet, freundet er sich zugleich mit ganz Europa und Amerika an!

Wir kamen nach Oradea-Mare. Wenn Züge, statt sich an den Fahrplan zu halten, ihren Spaß daran haben, mit dem Schnee zu raufen, kommt es ihnen auf einen Tag mehr oder weniger nicht an. Mein Zug hatte sich beim Wintersport um zwanzig Stunden verspätet. Rücksichtslos setzte er uns um fünf Uhr früh in Transsylvanien ab.

Wir zwei waren die einzigen Leute, die auswaggoniert wurden, denn es war sonst niemand im Zug. Nicht immer finden sich Narren, die bereit sind, in ein Eisenbahnabteil zu steigen. Und dabei sollen die Leute, die wir in dieser Kälte besuchen wollen, aus einem heißen Land stammen!

So weit der Horizont reichte, war weder ein Jude noch ein Rumäne, weder ein Pferd noch ein Schlitten zu sehen, sondern nur ein Licht über dem Ausgang und zur Bewillkommnung ein Thermometer, das minus 29 Grad zeigte! Gut sahen wir aus!

Ben kannte Oradea-Mare ebensowenig wie ich. Wir wußten nicht einmal, auf welcher Seite sich die Stadt befand. »Ich möchte gern wissen,« sagte ich zu Ben, »was wir auf diesem Eisberg tun sollen, wenn Ihre Verwandten, was ja nicht unmöglich ist, gestorben sind!«–»Heutzutage«, erwiderte Ben, »leben die Juden überall auf einem Eisberg.« – Ich verstand gleich viel besser, warum Theodor Herzl sie nach Palästina schicken wollte.

»Halten Sie sich gerade«, sagte ich zu Ben; »die Kälte macht Sie ganz bucklig, und in einer solchen Nacht und bei solchem Schnee hat Ihre Silhouette geradezu etwas Erschreckendes!« – Aber die Kälte war an dem Buckel unschuldig; nur hatte Ben, wie jeder gute Jude, ein geheimnisvolles Päckchen bei sich. Da seine Hand klamm war, hatte er es auf den Rücken genommen, unter den Mantel, der so eng anlag, daß er es festhielt.

Wir gingen auf gut Glück der Nase nach. Solange der Mensch die Beine bewegt, weiß er, daß er noch nicht zu Tropfstein geworden ist. In das weiße Schweigen hinein sagte Ben plötzlich: »Verschaffen Sie mir doch eine Stelle in Frankreich; ich spreche dreizehn Sprachen, und hier ist es so kalt, daß ich den Mund nicht auseinanderkriege!« – »Was möchten Sie tun?« – »Mich an der Pariser Sonne wärmen!« – »Ich werde Sie einem Reisebureau als Führer auf den Montblanc empfehlen! Haben Sie Brüder, Ben?« – »Einer ist Pole geworden, ein zweiter arbeitet in New York. Ich weiß nicht, ob er Amerikaner werden wird.« – »Und warum sind Sie in den Karpathen?« – »Wegen des Präsidenten Masaryk, der uns die Freiheit gegeben hat.« – »Wissen Sie, wohin wir gehen?« – »Ja; ich spüre Schlittenspuren im Eis.«

Wir müssen beide herrlich ausgesehen haben! Besonders mein Genosse mit seinem Buckel! Wie zwei bleiche Nachtschwärmer, die nach dem ersten Wagen ausschauen! Ja, nicht alle Juden wohnen am Börseplatz!

An einem Tag, der so anfängt, kann es einem nur schlecht gehen. Kaum dämmerte es ein bißchen, da begingen wir schon einen Diebstahl. Oradea-Mare lag noch im Schlaf. An allen Türen eines jüdischen Hauses, an den Haustüren wie an denen der Zimmer, ist ein fingerlanger Zylinder aus Zink oder Kupfer schräg ins Holz geschraubt. Dieser Zylinder heißt Mesussa.

Er war mir schon in London, in Prag, im Marmaroschgebirge aufgefallen; öfters hatte ich gefragt, was er enthalte, aber man hatte mir nur vage geantwortet: »ein Gebet.« Ben gab mir dieselbe Antwort. »Wir wollen einen Zylinder abschrauben, und Sie müssen mir vorlesen, was darin steht.« Ben protestierte. Ich machte ihm klar, daß wir nur einen gewöhnlichen Diebstahl und keine Religionsschändung begingen. Daraufhin erklärte er, sich meiner Missetat nicht weiter zu widersetzen. Außerdem vereinbarten wir, den Zylinder in der Nacht wieder an Ort und Stelle zu bringen. Ich nahm also den Zinkfinger mit.

Kann es für einen Reisenden etwas Nützlicheres geben als einen Hotelier? Ich habe für Hoteliers eine unsagbare Wertschätzung. Wenn man sie auf der Straße erkennen könnte, so würde ich vor jedem von ihnen den Hut ziehen. Klingelte man an einem x-beliebigen Haus um sechs Uhr früh, so würden einem nur Schimpfworte an den Kopf fliegen. Und vereist, wie wir waren, hätte etwas an uns zerbrechen können.

Der transsylvanische Wirt aber öffnete uns freundlich seine Tür. Er war offenbar Alkoholiker, denn als Milchkaffee brachte er uns in Schnaps eingemachte Pfirsiche! Wir setzten uns an den Tisch.

Der Zylinder enthielt einen zusammengerollten Papierstreifen. Ich faltete ihn auseinander, da kam die hebräische Inschrift zum Vorschein. Zum erstenmal frühstückte ich bei hebräischen Versen Pfirsiche in Schnaps! Ben übersetzte mir:


»Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig. Gelobt sei der Name und die Macht seines Reiches über alles und ewiglich.
Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du dir einprägen in deinem Herzen.
Und du sollst sie einschärfen deinen Kindern und ihnen davon sprechen, wenn du sitzest in deinem Haus, wenn du gehst auf dem Wege, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst.
Und du sollst sie binden an deine Hand zum Zeichen unseres Bundes.
Und sie sollen dir ein Denkmal sein vor deinen Augen.
Und du sollst sie schreiben an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore.
Auf daß du und deine Kinder lange leben in dem Lande, das der Herr deinen Vätern zugeschworen hat, daß sie darin wohnen, solange der Himmel über der Erde währt.«


»Steht in allen Mesussas dasselbe?«

»Natürlich!« erwiderte Ben. Er hatte offenbar Angst, ich würde noch eine abschrauben.

Gegen Mittag ließen wir einen Kutscher rufen. Es kamen gleich zwei. Wir nahmen den einen, weil er sich geschickter anstellte. Der andere sagte seinem Kollegen die Meinung, aber ohne Zorn, eher mit Ironie. Beide waren Juden und sprachen Jiddisch, und der Pechvogel rief dem ändern zu: »Du Schuft! Du bist Rumäne und tust so, als ob du nicht Rumänisch sprechen könntest!«

Wir machten uns auf, um die Familie Meiselmann zu suchen. Von den Ladenschildern grüßten uns die gleichen Namen wie in Whitechapel. Die Geschäfte schienen Filialen von jenen des Londoner Judenviertels zu sein. Für einen Maler wären die Juden in dieser Gegend weniger interessant als die aus dem Marmaroschgebirge. Peies sind hier seltener, der Kaftan wird nicht allgemein getragen, die Barte sehen etwas manierlicher aus. Aber doch könnte man die Juden nicht mit den Rumänen verwechseln; Haare, Augen, Hautfarbe und die ganze Art, sich zu geben, sind sehr verschieden. Das Elend dieser Juden liegt nicht so offen zutage; es sind Leute in kleinen Lädchen, die, wenn es Hartgeld gäbe, eher von Kupfer- als von Silbermünzen lebten.

Ben klopfte dem Kutscher auf den Rücken. Wir stiegen vom Schlitten. Er hatte seine Leute gefunden. Auf dem Ladenschild stand »Galanterie«. Womit mochten sie wohl handeln? Ben erklärte mir: seine Verwandten, die aus Kleinpolen stammen, hätten das richtige Wort nicht genau gewußt. Sie hatten »Galanteria« schreiben wollen, das bedeute Schnittwaren. Na, macht nichts!

Spazieren wir also in die Galanterie hinein! Die jüdischen Läden, die kaum den Fassungsraum eines Wagens haben, unterscheiden sich im Prinzip nicht von den großen Warenhäusern. Alles kann man hier bekommen – allerdings findet man mehr gebrauchte als neue Sachen. Es sah aus, als wäre die ganze Familie Meiselmann versammelt: sieben Köpfe zählte ich; also mehr, als an einem Tag Kunden kommen! Die Leute schienen recht erfreut aber etwas aufgeregt, als sie Ben sahen. Dieser sagte mir:

»Sehen Sie, so ist das hier: sie fragen mich, ob ein Unglück geschehen ist!«

Hier hatte es vor vierzehn Monaten einen Pogrom gegeben. Die Schreckenstage waren noch bei allen in lebendiger Erinnerung. Papa Meiselmann, Mama Meiselmann und die Kinder erzählten Ben von nichts anderem. Ich schaute auf ihre Hände und den wechselnden Ausdruck ihrer Gesichter und vermochte so der Unterhaltung zu folgen.

Mit ihrer Mimik konnten die Meiselmanns jeden Seelenzustand, durch den sie hindurchgegangen waren, anschaulich machen. Zuerst Furcht: sie zogen die Brust ein; dann die schreckliche Wartezeit: ihre Augen weiteten sich; dann Entsetzen: ihre Hände, die eben noch durch die Luft wirbelten, waren plötzlich wie versteinert. Todesangst macht sie fast wahnsinnig: Papa Meiselmann war aufgesprungen und lief wie außer sich in dem engen Hinterzimmer hin und her. Dann ein Augenblick der Entspannung, als die Pogromwelle abzuflauen schien. Bewegungslos lauschten die Meiselmanns. Plötzlich zerschellten die Scheiben: Frau Meiselmann hämmert mit der Faust gegen ein Blechschild, das an der Wand befestigt ist, und zeigt, wie der Hammer in die Auslage hineinfuhr. Und nun stürmen die Studenten herein. Der älteste Sohn öffnet die Hintertür und deutet an, wie seine zwei Schwestern geflohen sind. Die Mutter deckt mit ihrem Leib diese Rettungstür, zwei Söhne stellen sich vor die Mutter. Diese zählt mit den Fingern die Eindringlinge: zweimal zehn! Aber die Furcht vergrößert alles: niemals wären zwanzig Studenten in dieses Lädchen hineingegangen! Auf den Vater sausen Peitschenhiebe nieder: oj, hier auf den Hals, oj, hier auf die linke Schulter! Das Unterste wird zu oberst gekehrt, die Schuhe plumpsen auf die Mützen, die Uhren werden zerbrochen, keine Schublade ist mehr an ihrem Platz – wie ein Erdbeben war es!

Am Nachmittag wurden die Erzählungen in zwanzig anderen Läden, in die Meiselmann seinen Vetter Ben führte, fortgesetzt. Man hätte glauben können, der Tumult sei gestern gewesen. Vielleicht, weil sie fürchten, er könnte sich morgen wiederholen? Die Regierung in Bukarest will nicht begreifen, daß die Juden, die doch keine Rumänen sind, nicht wie Rumänen leben, handeln, denken können. Ein Staat und eine Nation sind zwei sehr verschiedene Dinge. Die Juden wollen ja Angehörige des rumänischen Staates sein; können sie aber Nationalrumänen werden? Das, sagen sie, stehe nicht in ihrer Macht. Welch ein Dilemma! Aber auch nach Schlägen fühlen sie sich noch immer als Juden!

Es war Freitag. Bei Beginn der Dunkelheit wurden in allen Straßen die Läden geschlossen. Die Juden gingen nach Hause, um ihr Festkleid anzulegen. Ich folgte natürlich Ben zu den Meiselmanns. Wir warteten im geschlossenen Laden. Der Vater und die Söhne kamen in ihren schönsten Anzügen herunter, aber einen Sabbathut mit Kaninchenschwänzen trugen sie leider nicht. Unterm Arm hatten sie das Gebetbuch. Wir gingen. Sie wollten in die Synagoge; auf der Straße wimmelte es von Juden, die ebenfalls auf dem Weg zum Tempel waren. Ich schloß mich an und stellte mich auch zum Gottesdienst am Sabbatmorgen ein. So konnte ich sehen, daß man die im Jahr 1927 durch den Kot gezogenen und verbrannten Thorarollen durch neue ersetzt hatte. Es war ein erhebender Anblick, den Vorbeter aus der heiligen Rolle vorlesen zu sehen. Immer andere Männer stellten sich rechts und links von ihm auf und hörten mit großer Andacht den heiligen Text dieses Tages, den er aus der Thora vorlas. Ihr Glaube verklärte die Gemeinde. Wie weit weg waren ihre Gedanken in diesem Augenblick von den Studenten, den Pogromen und Rumänien!

Am Freitag abend war ich bei Meiselmanns auch zum Essen eingeladen.

Der Innenraum der »Galanterie« war nicht wiederzuerkennen. Besen und Federwisch hatten ganze Arbeit getan. So unordentlich es vorher aussah, so ordentlich war es jetzt. Ein reines weißes Tuch lag auf dem Tisch. Zwei Servietten verdeckten etwas. Ein fünfkerziger Leuchter brannte; die Mutter hatte die Sabbatkerzen angezündet und gesegnet. Stehend erwartete die Familie den Vater. Meiselmann erschien. Er hob die zwei Servietten auf, unter denen zwei weiße Brote lagen. Mit priesterlicher Feierlichkeit segnete er die Brote und schnitt sie in Scheiben, die er verteilte, und jeder tunkte sein Stück in ein Salzfaß. Der Vater sprach noch ein hebräisches Gebet und dann setzte man sich.

Am Freitag abend und am Samstag wird bei den jüdischen Familien nicht gespart. Es ist Brauch, viel zu essen und Wein zu trinken, zum Preise des Herrn. Es gab gefüllten Karpfen, entblutetes Fleisch und einen märchenhaften Berg Gebäck. Der Vater entschuldigte sich, daß er keinen Palästinawein habe. Aber es gab keinen mehr in Oradea-Mare. Alle schienen sehr glücklich. Die Sorge wegen der unsicheren Lage war vorübergehend aus ihren Herzen verbannt, die an diesem Abend zu Füßen des Thrones des Ewigen, ihres Königs, ruhten. Als das Gebäck auf getragen wurde, stimmte der Vater eines jener orientalischen Lieder an, herzzerreißend wie ein Schiff, das den Hafen verläßt.

Man erhob sich. Aber die Familie blieb um den Tisch herum stehen, und alle sangen nun gemeinsam ein anderes Lied. So stark aber war das Gefühl, das in ihnen lebte, daß ein jeder da, wo er stand, zu tanzen anfing.

Das war das berühmte »Majofes«. Gott sang durch den Mund seiner Geschöpfe. Er sprach: »Wie bist du schön, wie süß ist deine Freude, wenn du zu mir redest und ich dir lausche, o mein Volk . . .«

Und in Litauen, in der Ukraine, in Bessarabien, in der Bukowina, in Galizien, im Marmaroschgebirge ist jede Woche, am gleichen Tag, zur gleichen Stunde, Israel, ob es nun polnisches Gebiet bewohnt oder russisches, rumänisches, ungarisches oder tschechoslowakisches, kein verstreutes Israel mehr, sondern ein ewig eines.



XII

Pionier in Palästina

»Schalom!«

»Schalom!«

Ben fiel am Bahnhof von Kischinew jemandem in die Arme. Dann begannen die beiden ein Gespräch – und was für eins! Das muß man gesehen haben! Ihre Finger tanzten wie Marionetten. Wenn man von jemandem sagt, daß er errötet, so denkt man an seine Wangen; ein Jude aber müßte eigentlich unter den Fingernägeln erröten – eine solche Rolle spielen bei ihm die Hände, wenn er einem Gefühl Ausdruck geben will.

Wir sind nun in Bessarabien.

Der Mann, der uns empfängt, ist ein völlig anderer Typ als sonst die Juden in diesen Ländern. Seine Brust ist nicht eingefallen; stolz hält er sich aufrecht und läßt nicht die Schultern hängen. Wenn er durch die Straßen geht, schielt er auch nicht ängstlich nach allen Seiten und hastet nicht. Er trägt eine Mütze und eine Lederweste, und wenn er die Hände in die Taschen steckt, so spürt man, daß er kein Mensch ist, der in jedem Unbekannten einen Unglücksboten wittert. Es ist ein Chaluz, ein Pionier aus Palästina.

Wir kommen in die Stadt.

Auf den Ladenschildern stehen die gleichen Namen wie in Whitechapel, in Munkacs, in Oradea-Mare.

Der Pionier hat hier eine Mission zu erfüllen; er ist schon zwei Monate in Kischinew und wird erst in einem Vierteljahr nach Jerusalem zurückkehren. Er ist hergekommen, um Nachrichten aus der Heimat zu bringen.

Eines Tages sah die Welt die Jungtürken auftauchen, welche die alten Traditionen über den Haufen warfen; ich nun sehe jetzt den ersten Jungjuden!

Ich sage ihm, wie mich sein Anblick überrascht, und daß Menschen seines Schlages sicher eine Bresche in die jüdische Masse schlagen werden.

»Wir sind schon hundertsechzigtausend«, erwidert er stolz.

Wir gehen. Er führt uns in seine Wohnung.

»Und auch ich habe Peies getragen, lieber Herr, und bin in einer Jeschiba (jüdische orthodoxe Schule) erzogen worden.«

Wir sind im Hause des Zionisten. Über seinem Bett hängt das Bild Theodor Herzls.

Der Pionier zieht ein kleines, gut gebundenes Taschenbuch hervor und hält es Ben unter die Nase. Er schlägt es vorn und hinten auf und zeigt ihm die zwei Titelseiten. Es ist ein Paß. Die Grenzen können wieder geändert werden, er aber wird keinesfalls mehr ein russischer oder polnischer oder rumänischer Staatsangehöriger sein und auch kein ungarischer, wie noch Herzl einer war! Er ist jetzt palästinensischer Bürger.

»Jüdischer Bürger«, präzisiert er, als ob er den letzten Zweifel aus unserem Herzen verjagen wollte. »Und du,« sagt er und wendet sich an Ben, »du bist noch immer ein Untertan, ein Sklave?«

Ben verteidigt sich. Er ist auch Jude. Er gehört zu jenen 180 000 Juden der Tschechoslowakei, die sich zur jüdischen Nationalität bekannt haben.

»Bei dir duldet man nur, daß du Jude bist. Du lebst unter fremder Fahne.«

»Und«, füge ich hinzu, »er würde lieber nach Paris als nach Jerusalem gehen!«

Der Pionier versetzt ihm einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Dann öffnet er eine Reisetasche. Photographien! Albums! Eine kleine blauweiße Fahne! Ein Lied mit der Überschrift »Hatikwah«!

»Hoffnung«, übersetzte Ben. Es ist die Nationalhymne:

Solange in einem Herzen noch
Jüdisches Fühlen lebt,
Solange im fernen Osten
Unsere Augen Zion suchen,
Ist unsere Hoffnung nicht tot,
Die alte Hoffnung,
Rückzukehren ins Land der Väter,
In die Stadt, in der David herrschte.
Solange aus unseren Augen
Tränen fließen wie Regen,
Solange die Wasser des Jordan
Sich aus dem See Kineret ergießen,
Solange die geliebte Mauer
Vor uns sich erhebt,
Solange ein Auge sich feuchtet
Vor den Ruinen des Tempels . . . .
Hör, Bruder im Exil,
Auf die Stimme des Propheten:
Erst mit dem letzten Juden
Stirbt die letzte Hoffnung


Ben war seltsam erregt. Sein Blick bekam etwas Starres. Dann las er die hebräische Hymne noch einmal und legte das Blatt mit ehrerbietiger Behutsamkeit auf den Tisch.

»Und dies ist die Fahne«, sagte Alter Fischer, der Pionier.

Während wir sie betrachteten, erklärte er:

»An Festtagen weht sie von den Balkons in Tel-Aviv. Bei feierlichen Umzügen zieht sie uns voran; sie grüßt uns vom Rathaus und von unseren Gymnasien. Ich habe einen Schrei zu ihr aufsteigen gehört, den ich hier drin (er deutete auf sein Herz) immer noch spüre, einen unwahrscheinlichen Schrei, einen Schrei, wie du ihn nie gehört hast, du nicht und nicht die Millionen anderer, die dir gleich sind, einen Schrei, der zwanzig Jahrhunderte nicht mehr erklang: Hoch die Juden!«

Instinktiv schaute Ben sich um.

»Dort reißt man die Fenster auf, wenn dieser Schrei ertönt, und du –! ›Hoch die Juden!‹ – Herr, das rüttelt die Seelen auf, wenn man immer nur ›Tod den Juden!‹ in den Ohren hatte! Die Wunderrabbis können keine größere Erschütterung erleben, selbst wenn sie den Propheten Elia vom Himmel herniederfahren sehen!«

Alter Fischer war achtundzwanzig Jahre alt. In ihm schien nicht nur das Feuer des Zionismus zu brennen, das Wasser des Tiberiassees hatte auch alle Unschlüssigkeit von ihm abgewaschen. Er lächelte freudig über die eigene Wandlung. Liebevoll schlug er ein Album auf.

»Schauen Sie her: was sah man hier im Jahre 1910? Eine Sanddüne. Und was sieht man heute? Eine ungeheure Stadt.

Eine Stadt, wo einmal Düne war – sonst nichts! Und das ist Tel-Aviv! Hier ist die Herzlstraße, hier die Rothschildavenue, die Max-Nordaustraße, das Gymnasium, das Stadthaus, das Kasino, die Synagoge, deren Kuppel, weit vom Meer aussichtbar, alles überragt! Man baut ein Theater, das herrlich sein wird. O, schön ist es bei uns!«

»Und warum sind Sie hergekommen, Herr Fischer?«

»Um der Jugend diese Dinge zu zeigen. Israel hat ein Wunder vollbracht, ein sichtbares und greifbares Wunder. Ich bin einer der Künder dieses Wunders. In jeden Winkel der Erde, in dem Juden jammern, müßten Palästinenser kommen!«

Alter Fischer, der Pionier, war nicht in Bessarabien, sondern in der Ukraine geboren. 1919 war er achtzehn Jahre alt.

»Ich wohnte in Schitomir . . . .«

In der Geschichte der Pogrome ist Schitomir ein berühmter Name.

»Ich habe alles mitangesehen. Sie haben vergessen, mich zu töten, deshalb bin ich hier. Zwei Kosaken hatten wohl die Absicht, mich aufzuspießen, da tauchten vier andere Juden, die aus einem Hause flohen, vor ihnen auf. Sie ermordeten diese und verloren dabei Zeit. Ich bin auf den Friedhof gelaufen. Glücklicherweise blieb ich nicht dort. Kurze Zeit darauf wurden alle, die in die Totenkammer geflüchtet waren, niedergemetzelt.

Zu jener Zeit gehörte ich mit zum Geflügel. Hühner und Enten dürfen in der Nähe der Bauernhäuser leben. Dann fängt man sie eines Tages und schlachtet sie vor aller Augen ab. Das vergossene Blut kommt über niemanden. Es ist ein Verfahren, gegen das nichts einzuwenden ist. In Palästina hat man mir zuerst beigebracht, mich gerade zu halten. Halte dich gerade, Ben!«

In Bessarabien wimmelt es von Juden. Das zaristische Rußland, das die Juden verabscheute, hat sie an die Landesgrenzen gejagt. So wurden durch die Friedensverträge viele von Rußland getrennt. Sie sind heute Litauer, Polen, Rumänen. Aber Rußland hat doch ein wenig auf sie abgefärbt: außer dem Jiddischen sprechen sie zum Teil Russisch und tragen die kurzen russischen Stiefel. Sie bewegen sich in den Straßen von Kischinew ohne Ängstlichkeit. Ihr kleiner Handel geht sachte, sachte, aber da sie selbst nicht mit Riesenschritten gehen . . . . Kurz, an Heringen und Zwiebeln scheint es ihnen nicht zu fehlen.

Alter Fischer ist mit glühendem Eifer am Werk. Heute nachmittag begleiteten wir ihn zu einem Rabbiner, der wie die Mehrzahl der Rabbiner seinen nationalen Bestrebungen nicht grün war. Bessarabien hat dem Zionismus eine große Anhängerschaft geliefert. Die hundertprozentig Orthodoxen sind darum ziemlich aufgebracht.

Der Rabbiner empfing uns recht liebenswürdig. Er trug einen halbhohen Hut, der ihm zu klein war und etwas ins Graue spielte. Aber alle diese Juden mit ihren Gesichtern, in denen so viel Geist lebt, können sich eine Kopfbedeckung erlauben, die einen mondänen Tänzer lächerlich machen würde. Die Unterhaltung wurde hebräisch geführt. Und doch konnte ich ihr ein bißchen folgen.

Der Pionier begann in einem sehr respektvollen Ton. Als der Rabbiner, der mit der Hand seinen Bart kämmte, den Namen Tel-Aviv hörte, schüttelte er ablehnend den Kopf; beim Wort »Jerusalem« hob er den Blick zum Himmel. Der Pionier öffnete sein Album und hielt dem heiligen Mann das Panorama der neuen jüdischen Stadt vor die Augen; mit dem Zeigefinger wies er auf die Kuppel der Synagoge. Nun öffnete der Rabbiner den Mund. Er schien zu sagen: »Das wäre noch schöner, wenn es in eurem Tel-Aviv nicht einmal eine Synagoge gäbe!« Der Pionier blätterte die Seiten um und wies bei jedem Bild, das eine Kolonie darstellte, auf die Synagoge. Der Rabbiner kämmte nun seinen Bart mit der anderen Hand. Der Pionier bat ihn, die Hatikwah zu lesen. Der Rabbiner nahm seine Brille, setzte sie aber nicht auf, sondern hielt sich das Instrument mit zwei Fingern vor die Augen. Er las aufmerksam bis zu Ende und gab dann das Blatt unbewegt dem Pionier zurück; offenbar dachte er, daß ein Volk, das Moses’ Gesetz besitzt, Pauken und Drommeten nicht nötig habe. Die Gesten, mit denen der Pionier seine Worte unterstrich, wurden immer nachdrücklicher. Als er den Namen Theodor Herzls aussprach, schien mir das fast zu einer Katastrophe zu führen. Der Rabbiner lächelte einen Augenblick, offenbar gegen seinen Willen, dann wurde sein Gesicht gleich wieder ernst. Der Pionier nannte andere Namen – sicher Namen frommer Juden; dann rief er andere Rabbiner als Zeugen an: Reb Aron, Reb Keppler, Reb Siovits. Dann konnte man erkennen, daß er die Jom-Kippur-Feier in der Ebene Jesreel schildere. Der Rabbiner blieb die ganze Zeit freundlich, aber sein Interesse an den Darlegungen des braven Pioniers wurde sichtlich immer geringer. Er schaute in die Höhe – wahrscheinlich blickte er nach dem fernen Sinai aus!

Wir verließen das Rabbinerhaus.

Alter Fischer war wütend. Im Laufschritt führte er uns durch Kischinew. So wurde uns warm. »Wer hat ihnen nur den Messias in den Kopf gesetzt?« fragte er, wie wenn der Schüler der Jeschibah das nicht mehr wüßte. »Sie werden so lange auf ihn warten, bis man sie alle hinschlachtet. Sie sind wie die Bewohner von Stromboli, die warten, bis der Vulkan loslegt!«

»Herr Fischer, es gibt im ganzen etwa vierzehn Millionen von euch, von denen gut die Hälfte auf mehr oder minder erloschenen Vulkanen wohnt. Hätten denn alle Platz in Palästina?«

»Nein! Aber dazugehören sollen sie! Man könnte Millionen von Pässen gleich meinem ausstellen.«

»Die Regierungen würden eure Pässe auf den öffentlichen Plätzen verbrennen.«

»Das wollen wir erst einmal sehen!«

»Etwas später wollen wir das sehen, Herr Fischer. Jetzt kommen Sie essen! Der Magen hat auch sein Recht!«

Mein Tisch war an diesem Abend eine wahre Windrose, an der man alle jüdischen oder wenigstens ostjüdischen Richtungen ablesen konnte; es saßen um ihn herum: ein kleinrussischer Jude, zwei polnische Juden, ein rumänischer Jude, ein tschechoslowakischer Jude, ein litauischer Jude, ein ungarischer Jude und ein Jude: Alter Fischer. Wie viele Ideen wurden da entwickelt! Wie lebendig ist der Geist in all diesen Juden!

Ein unlösbares Problem kann wirklich nur ein Volk beschäftigen, das des Suchens nie müde wurde. Über alles wurde gesprochen: über Lord Balfour, über Theodor Herzl, über die Jüdische Bank.

»Glaubt mir,« sagte der Kleinrusse, »die Jüdische Bank – das ist schon eine Macht! Wenn sie nur wollte!«

Man sprach von den Rabbinern und von der europäischen Politik.

»Wir sind ein vielstaatliches Volk«, sagte Ben, der Tschechoslowak. »Eines Tages wird auch Europa eine vielstaatliche Einheit sein. Deswegen wird das Nationale doch bleiben. Wenn Europa erst eine vielstaatliche Einheit ist, dann wird es auch keine Judenfrage mehr geben!«

Das Gespräch kam auf die zionistischen Führer, auf die Araber . . . .

»Wir wollen uns mit den Arabern verständigen«, sagte der Pionier, »und wenn sie nicht wollen, werden wir sie dazu zwingen!«

England kam an die Reihe und die geheimsten Gedanken seiner Staatsmänner wurden bloßgelegt.

»England«, sagte Ben, »bedient sich eurer, und wenn ihr ihm nichts mehr nütze seid, so wird es euch fallen lassen.«

Niemand widersprach.

Man vergaß auch die assimilierten Juden nicht, die Westjuden, besonders die Juden Frankreichs, »die egoistischesten von allen«.

Ja, meine lieben Landsleute, da hättet ihr was zu hören bekommen!



XIII

Wollen Sie nach Jerusalem?

Czernowitz ist die Hauptstadt der Bukowina. Da die Bukowina rumänisch geworden ist, heißt Czernowitz heute Cernauti. Die Stadt liegt auf einer steilen Höhe; man könnte leichter im Flugzeug hinkommen als mit der Bahn, nicht deshalb, weil das Flugzeug schneller ist, sondern weil die Stadt dem Himmel näher liegt als der Erde.

Sie hat Mut, das ist nicht zu leugnen. Sie liegt mitten im Land und will trotzdem ein Meerhafen sein! Man muß schon fest auf seinen Beinen stehen, wenn einen der seltsame Anblick nicht umwerfen soll. Man denke sich ein Hamburg ohne Elbe, ein Marseille ohne Meer. Cernauti hat kein Wasser, nicht einen Tropfen, und doch findet man hier alle Schiffahrtsgesellschaften der Welt beisammen.

Die erste, auf die ich stieß, war der Lloyd Sabaudo. Zwei große Dampfer auf dem Schild luden zu Überseefahrten ein. Ich dachte zuerst, der Lloyd Sabaudo sei ein bißchen verrückt geworden, oder dieses Bild verdanke seine Entstehung einem Gelübde: vielleicht war es ein Ex-voto geretteter Schiffbrüchiger. Ich setzte meinen Weg fort und kam an einem Juden vorbei, den ich für einen Bauern aus der Moldaugegend hielt. Dann las ich in der Höhe eines ersten Stocks:

Norddeutscher Lloyd Bremen-Amerika
Wieviele Schiffbrüchige es hierzulande geben mußte! Etwas weiter: Hamburg-Amerika-Linie. Ich wollte gerade einen Einwohner anhalten und ihn bitten, mir die Sache zu erklären, aber die Schilder ließen mir keine Zeit dazu. Nacheinander tauchte die Cunard Line und der Canadian Pacific auf. Man hätte mich in diesem Augenblick sehen müssen, um eine Idee zu bekommen, wie einer aussieht, der total vor den Kopf gestoßen ist. Es handelte sich keineswegs um Ex-votos: unterhalb der Schilder befanden sich Bureauräume, schöne Bureauräume, richtige Reiseagenturen mit allem, was erforderlich ist, um einen Menschen bis ans Ende der Welt zu transportieren. An einer anderen Stelle waren drei Riesenbuchstaben über Meereswellen gemalt: NGI, das Zeichen der Navigazione Generale Italiana. Die Royal Mail Line, auf die ich etwas später stieß, machte keinen großen Eindruck mehr auf mich. Ich ging weiter und dachte, daß Frankreich immerhin vernünftiger sei. Was hat es für einen Sinn, Schiffahrtsgesellschaften auf Berggipfeln unterzubringen, von wo aus man höchstens Eismeere sieht? Gesunder Menschenverstand, sagte ich nur, ist wirklich die Haupteigenschaft der Franzosen.

Mögen uns auch manche Gaben fehlen, dafür halten wir uns doch von aller Extravaganz fern. »Holla«, sagte da Ben, der sich, ohne mit der Wimper zu zucken, meinen Monolog angehört hatte, und streckte die Hand aus. Ich las: La Transat, companie française, Brésil, Argentine, Uruguay.

Die einzig richtige Antwort auf solch eine Tollheit wäre gewesen, mitten auf dem Stillen Ozean eine Leinwand auszuspannen, auf der die Schönheit der Berner, der Lepontischen und der Bergamasker Alpen angepriesen wird!

Das Verrückteste aber war, daß diese Menschentransportanstalten keineswegs ein Faulenzerdasein führten. Eine Menge Leute hatten sich trotz der Kälte vor den Türen angestellt, ganz so wie Musiknarren bei der Komischen Oper, wenn »Manon« gegeben wird. Diese Reiselustigen waren Bergbewohner, die in derbe Hammelpelze eingemummt waren und ganz hübsche spitze Mützen aus Astrachan-Imitation trugen. Von rückwärts gesehen nahmen sie sich wie Mitglieder des Ku-Klux-Klan aus. Es waren Ruthenen, Kleinrussen, Leute aus dem Moldaugebiet, geduldig gaben sie sich vor den zauberischen Bildern der Ferne ihren Träumen von Argentinien oder Kanada hin. Die großen Geschäfte leben nicht nur von den reichen Leuten; das Elend hat diese Reisebureaus hier geschaffen. Die Länder der Armen füllen die Schiffe.

Vor dem Atlantic stand ein Jude, nagte an seinem Schnurrbart und betrachtete melancholisch die glücklichen Auswanderer. Er sah aus wie jene Bettler, die zu schnuppern beginnen, wenn Gerüche aus einer Küche zu ihnen aufsteigen. Ben fragte ihn, ob er auch übers Meer möchte. Mit einer traurigen Handbewegung wies der Jude eine so schöne Hoffnung von sich. Aber er wich nicht von der Stelle. Er machte ein Gesicht wie Chaplin, wenn er sieht, wie der Zirkus sich entfernt.

Auf 140 000 Einwohner kommen in Cernauti 80 000 Juden und auf hundert Geschäftsleute 92 Juden. Über den Türen die gleichen Namen wie in Whitechapel, Prag, Oradea-Mare, Kischinew: immer wieder Goldenberg und Landau und Wolf und Nathan und Salomon und Jakob; nur kommen hier manchmal Endungen auf -ich und -wiez hinzu, die sich noch nicht über ganz Europa verbreitet haben. Wir gingen durch die Strada Regina-Maria. Die jüdischen Ladeninhaber werfen ihren Köder in den Straßen aus; an Stangen wiegen sich Überzieher, Hüte, Schuhe, Unterhosen, Handschuhe. Die Straßen sehen aus wie offenstehende phantastische Kleiderschränke; und die Anzüge scheinen mit Hilfe des Windes ihre Flöhe auf die Passanten herunterzuschütteln.

Man glaube nicht, daß wir zwei aufs Geratewohl durch die Stadt zogen. Ben und ich, wir wissen genau, wohin wir gehen: zu der Familie Sassner. Sassners gehören nicht zum Kreis unserer Freunde; sie haben nie etwas von uns gehört und wir vor einer Stunde zum erstenmal von ihnen. Aber ich habe Ben gebeten, sich bei ihnen von seiner besten Seite zu zeigen und mich als einen ungewöhnlich liebenswürdigen Menschen vorzustellen; und so hoffe ich, daß sie uns vielleicht nicht hinauswerfen werden.

Sassners kommen aus Palästina zurück. Zum erstenmal werden wir Zionisten sehen, die die Sache sattbekommen haben.

Dies hier ist ihr Lädchen. Frau Sassner, die ich von der Straße aus sehe, friert. Sie hat sich einen Schal umgewickelt, der sie offenbar nicht wärmt. Sie verkauft Heringe und Mohnkipfel. Vor ihrem großen Abenteuer besaßen Sassners ein richtiges Geschäft in der Strada Regina-Maria und verkauften Pelzwaren. Vom Otterfell bis zur Heringshaut – welch ein Abstieg!

Frau Sassner war zuerst recht enttäuscht: wir wollten also nichts kaufen. Aber Ben ließ in seinem schönsten Schabbes- Jiddisch eine Redeflut auf sie niederprasseln.

»Sie sagt,« gab Ben mir zu verstehen, »wir sollen nicht hingehen.«

»Darum dreht sich’s ja nicht. Fragen Sie zuerst, warum sie, ihre Schwester, ihr Mann und ihre beiden Kinder hingefahren sind.«

»Sie sagt, der Mann habe es gewollt, weil er ein wenig schwärmerisch sei. Sie fügt hinzu, alle jungen Leute seien solche Schwarmgeister und man sollte die Leute, die ihnen mit Palästina die Köpfe erhitzen, durchprügeln.«

»Wo hatten sie sich niedergelassen?«

»In Tel-Aviv.«

»Ja, wenn sie dort Pelze verkauften, so ist mir alles klar!«

»Nein! sie hatten einen Friseurladen aufgemacht. Sie, die Kinder, die Schwester, der Mann – alle schnitten sie Haare und Barte; aber es gab bald ebensoviel Friseure dort wie Barte. Sie sind auch nicht die einzigen, die zurückgekommen sind. Es gingen, sagt sie, mehr wieder fort, als hinkamen. Sie meint, Palästina sei gut für sehr reiche oder für sehr arme Leute, also für solche, die nichts zu verlieren haben oder nichts mehr zu verdienen brauchen.«

»Fragen Sie sie doch, wie sie sich zum Ideal stellt.«

»Sie sagt . . . . Aber das haben Sie wohl ohne mich begriffen«, meint Ben.

Ja! Sie hatte mit der Hand auf die Heringe gewiesen: das Ideal war in der Heringsauce ersoffen!

Sassner, ihr Mann, trat nun ein. In ihm war nichts von der Bitterkeit der Frau. Palästina war gegen ihn gewesen, aber er war nicht gegen Palästina. Er wirkte wie eine Erläuterung des Wortes, daß es vor allem die Toten und Verwundeten sind, denen ein Sieg zu verdanken ist.

»Fragen Sie ihn, ob er wußte, daß die Basis des Zionismus der Ackerbau ist und nicht das Gewerbe.«

Der Ex-Friseur von Tel-Aviv wußte es wohl. Aber sein Glaube war nicht stark genug gewesen, um ihn zur Scholle hinunterzubeugen. Er hatte es mit einem Zionismus zu niedrigerem Preis versucht. Und er betonte: die Rückkehr der Familie Sassner beweise nichts gegen Theodor Herzl. Eine jüdische Frau schuldet ihrem Mann Ehrerbietung und Gehorsam, und so zuckte Frau Sassner nicht mit der Wimper.

Wir zwei Kumpane wollten nun noch andere Läden aufsuchen.

»Wir gehen hinein«, sagte ich zu Ben, »und Sie fragen ohne lange Einleitung: Wollen Sie nach Palästina gehen?«

Wir öffneten die Ladentür Jakob Islers, eines Schildermalers. Er malte gerade blaue Buchstaben auf das Schild Samuel Mandulas. Wie er so über das Brett geneigt dastand, schien es, als malte er, damit es schneller gehe, einen Buchstaben mit seinem Pinsel und gleichzeitig einen zweiten mit seinem Bart. Bens Frage kam wie aus der Pistole geschossen.

Jakob Isler richtete sich auf und antwortete zunächst gar nichts. Er warf einen besorgten Blick auf die Straße, zweifellos um zu sehen, ob wir Hilfstruppen hinter uns hätten. Dann fragte er:

»Von welcher Organisation sind Sie geschickt?«

»Wir wollen wissen, wieviele Auswanderer Cernauti liefern könnte.«

»Kommen Sie von der rumänischen Regierung?«

»Nein, es handelt sich um eine innerjüdische Angelegenheit.«

Jakob Isler erklärte, daß er sich hier wohl fühle.

»Und doch haben Sie ein Bild Theodor Herzls an der Wand hängen!«

»Aber«, sagte er aufgeregt, »das ist doch nicht verboten!«

»Sie wollen also nicht nach Palästina gehen?«

»Nein, ich bin zu alt.«

Wir verabschiedeten uns.

Jakob Isler blieb mit dem Pinsel in der Hand auf der Schwelle seiner Werkstatt stehen und folgte den mysteriösen Abgesandten lange mit den Augen.

Wir standen nun vor der Buchhandlung des Herrn Bela Polak und traten ein.

»Schalom!« sagte Ben.

»Schalom!«

Wir blätterten in einem alten Talmudband. Ich kaufte sogar der Sohar, das »Buch des Glanzes«. Dadurch kam der Buchhändler auf die Idee, daß wir Kabbalisten seien. Er selbst war auch einer. Gott wolle, daß man ihm freudig seine Liebe beweise, in der Ekstase, bei Wein, Tanz, Gesang, und nicht durch Askese. Wir versicherten ihm, das sei auch unsere Meinung.

Zusammen zogen wir über den Wilnaer Gaon her, der den Bannfluch gegen ein so schönes Buch geschleudert hatte, dann stieß ich Ben mit dem Ellbogen an. Er schnellte seine Frage ab.

Der Buchhändler wackelte mit dem Kopf, so daß er sich mit dem Bart die Brust streichelte. Er erwiderte, man müsse zwischen weltlichen und geistlichen Dingen unterscheiden. Natürlich könne man nach Palästina gehen, aber noch habe kein Zeichen die Rückkehr zur Pflicht gemacht. Noch habe die Stunde der Wiedervereinigung Israels nicht geschlagen. Er selbst wolle in Cernauti bleiben. Das Weißbrot für den Sabbat sei hier nicht allzu schwer zu verdienen. Und was die seelischen Drangsalierungen betreffe – nun, ein Jude sei von jeher an solche Dinge gewöhnt und wundere sich nicht mehr darüber.

Wir verließen ihn. –

Juda Fried war Uhrmacher. Man konnte ihn von der Straße aus sehen, er beugte sich über seinen Arbeitstisch und ging einer Damenuhr zu Leibe. Es waren an diesem Tag noch immer 26 Grad unter Null. Das Innere eines Raumes hatte etwas Anziehendes für uns und so traten wir ein.

Das Bild Theodor Herzls hing mitten unter den Uhren.

»Schalom!«

»Schalom!«

Meine Uhr ging nie richtig und so übergab ich sie dem Spezialisten. Ich bat Ben, sie ihm sehr ans Herz zu legen, weil ich eine große Reise vorhätte: nach Jerusalem.

Beim Wort »Jerusalem« hob ein zweiter Arbeiter, ein junger Bursch, den Kopf. Dann sprach er Ben an. Und der Vater mischte sich auch in das Gespräch. Juda Fried erklärte, der Zionismus habe seinem Sohn den Kopf verdreht. Er sei es, der das Herzlbild gekauft habe.

»Sagen Sie ihm, daß ich, wenn er einverstanden ist, seinen Sohn mitnehme.«

Der Vater Uhrmacher schnaufte zornig in seinen Bart. Nein, sein Sohn werde niemals dort hingehen – niemals!

»Und wenn er erwachsen ist?«

»Dann wird kein Mensch mehr an diese Sachen denken!«

Juda Fried schaute uns nicht eben freundlich an. Er hielt uns für Chaluzim. Meine Uhr wird es wohl entgelten müssen.

In einem Lädchen, in dem Pferdewürste verkauft wurden, trafen wir Herrn Salomo R . . . Ein alter Mann saß beim Ofen. Das war er. Als er Französisch sprechen hörte, stand er auf und sagte:

»Ich begrüße Sie, meine Herren!« Salomo R . . . . war rasiert und ärmlich gekleidet. Das Elend und die Philosophie waren seine würdigen Gefährten. Er sagte, es mache ihn glücklich, uns in diesem so wenig besuchten Land zu treffen, denn er habe lange in Frankreich gelebt. Zadoc Kahn sei ein Freund seines Vaters, des früheren Rabbiners von Frankfurt, gewesen. Er selbst habe lange Jahre wie ein richtiger Franzose in Paris verbracht und dann in Wien gelebt. Er beschließe nun sein dürftiges Leben in Cernauti, wo die jüdische Gemeinde in der Erinnerung an die Wirksamkeit seiner Ahnen ihm eine Unterstützung gewähre. Er sagte noch einmal:

»Ich grüße Sie; und mein Gruß soll ein kleiner Dank sein für die berühmte Gastfreundlichkeit Frankreichs. Ein langes Leben liegt hinter mir, meine Herren: dreiundsiebzig Jahre; nicht als Franzose, nicht als Deutscher, nicht als Rumäne, sondern durchaus als Jude habe ich sie gelebt.«

»Möchten Sie nicht nach Palästina gehen?« »Meine Herren, ich habe dreiundsiebzig Jahre darauf verwendet, die Herzen der Europäer zu gewinnen; mögen nun andere ein Gleiches bei den Arabern tun!«



XIV

Das Lemberger Ghetto

»Nicht ewig wird mein Zorn währen.«

In Lwow aber, o Herr, wendet er sich noch immer gegen deine Tochter Israel.

Anders als das jüdische Leben, das wir schon kennen, schaut dieses hier uns an. Wiederhaben wir eine Grenze hinter uns. Wir sind jetzt in Polen, in Kleinpolen. Mala Polska. Dies hier ist Galizien.

Unter den Österreichern hieß die Stadt Lemberg. Jetzt heißt sie Lwow.

Man gibt ihr manchmal auch einen französischen Namen: Leopol.

Wir werden das erste Ghetto sehen.

In der Tschechoslowakei, in Rumänien hatten wir den Eindruck von jüdischen Zentren. Keine feste Grenzlinie schied die Juden von den Europäern. Die Bevölkerung war gemischt, und der Jude stellte das größere Kontingent. In Lwow haben die Juden nur eben ihren Anteil. Es sind ihrer achtzigtausend gegen zweihunderttausend Polen. Wenn man das Wort »gegen« im Sinn eines Kampfes auffaßt, wäre es richtiger zu sagen: zweihunderttausend Polen sind gegen achtzigtausend Juden.

Diese führen ein Höllenleben. Sie möchten alle fliehen. Zwanzigtausend sind im Jahr 1926 fortgezogen, fünfzehntausend im Jahr 1927. Aber die Vereinigten Staaten und Kanada haben jetzt ihre Pforten geschlossen. Argentinien fordert hundertfünfzig Dollar pro Kopf. Frankreich macht Schwierigkeiten. Palästina lockt nur die Jungen. So muß die Mehrzahl weiter unter einem Alpdruck leben.

Das polnische Lwow ist eine hübsche Stadt. Aber wir wollen das andere Lwow sehen. Es liegt gerade am Ende der »Allee der Legionen«, das Große Theater ist der Grenzstein. Der Hotelportier lächelte zuerst, als ich ihn nach dem Weg zum Ghetto fragte, dann sagte er:

»Gehen Sie nur geradeaus, Sie werden es bestimmt nicht verfehlen!«

»In welches Elend seid ihr gesunken! in welch furchtbares Wirrsal! Eure Häuser wurden der Erde gleichgemacht.«

Sicher meinte Jeremia das Lemberger Ghetto.

Die Häuser sind im Jahre 1918, beim letzten großen Pogrom, der Erde gleichgemacht worden. Die Kinder Israel schleichen, wie Geier ohne Flügel, Tag und Nacht durch die Gäßchen, als suchten sie nach Abfällen. Ihre Hände sind mit Stoffetzen umwickelt, die sich schwarz vom Schnee abheben, ihre Köpfe hat das Elend mit seiner Keule tief zwischen die Schultern hineingeschlagen; nachdenklich, un­tätig gehen sie herum, bleiben grundlos, allein, mitten auf einem Platz stehen, wie Propheten ohne Stimme und ohne Hörer; man kann nicht sagen, daß sie das Ghetto beleben; eher machen sie es zu einem Wald beseelter und leidender Zypressen.

Mit Reklameschildern sind Türen und Mauern der Lädchen, in denen sie untergekrochen sind, gepanzert. Infolge dieser Pflaster aus Blech oder Pappendeckel, die den Wunden ihrer Wohnungen aufgeklebt sind, sehen die Häuser so buntscheckig aus, als ob sie für lauter Harlekine bestimmt wären. Das ganze Viertel riecht nach Zwiebel und Hering. Hering – man glaube aber nicht, daß die Leute zu üppig leben: ein Hering wird in sechs Teile geteilt, die auf einer Zeitung ausgebreitet liegen und den hungrigen Besitzer von zehn Grosze anlocken. Eierkipfel, die mit Mohn bestreut sind, machen den Heringsstückchen Konkurrenz. Das ganze Ghetto ißt im Stehen. Zu Tisch setzt man sich nur am Freitagabend. Sogar im Gehen essen sie, als ob es der Geschäfte wegen nicht anders möglich wäre. Da kauft einer ein Kipfel, beißt hinein, merkt aber, daß schon die Zähne eines anderen Hungrigen sich an seinem Besitz gütlich taten, legt es wieder hin und nimmt ein anderes. Was wird von diesem Kipfel für den letzten, der vorbeikommt, übrig bleiben?

Der Markt ist das Herz des Ghettos. Ein Haufen Baracken, wie man sie nach einem Erdbeben oder dem Brand einer Stadt zusammentischlert. Aber das Erdbeben oder der Brand muß schon vor langer Zeit gewesen sein: die Baracken sind sehr wacklig. Doch das Leben geht weiter. Wenn einmal Manna vom Himmel niederfällt, so wird es hier fallen.

»Handel! Handel!« schreien alle diese Juden. Kommt her, kauft mir ab, hier ist alles zu haben! Ich verkaufe natürlich Altware, aber ist das Alte nicht ebensoviel wert wie das Neue? Nur die Seele muß schön, rein, makellos sein, damit sie dem Herrn als Spiegel dienen kann. Bedarf eine schöne Seele schöner Kleider? Schaut der Ewige auf eure Schuhe und eure Kaftans? Hier sind Strümpfe und Socken, die kein Fußteil mehr haben. Aber brauchen denn Strümpfe das, da eure Füße doch in Schuhen stecken? »Handel! Handel!« Ich verkaufe schmierige Kaftans, ihr könnt euch einbilden, daß ihr selbst sie bei denkwürdigen Festmählern beschmutzt habt! Zo Pan kupuje, was will der Herr kaufen?

Man hätte Lust, zu antworten: für zwei Groschen Elend! Es ist so reichlich vorhanden, daß man für zwei Groschen genug für sein ganzes Leben bekommen müßte! Die Kipfelverkäufer, die vor Kälte klappernd bei ihren Körben stehen, rufen unaufhörlich ihr Pientch grosze (fünf Groschen). Und sie geben ihr Ehrenwort, daß die Ware sie selbst mehr kostet.

Und doch sind die Frauen dick. Sind es ihre Lumpen, die sie so unförmig machen? Oder läßt die Kälte sie so anschwellen? Saugen sie vielleicht, wenn es der Mann nicht sieht, an der Gräte eines sauren Herings? Dick, aber fahl sind sie. Und ihr Fett ist wohl etwa soviel wert wie Hammelfett: gut genug, um Talg daraus zu machen.

Ein Markt? Eher ein Misthaufen! Alle Abfalleimer der polnischen Stadt hat man, so scheint es, hier ausgeschüttet. Die Kaninchen, deren Häute man feilbietet, muß man wohl mit Maschinengewehren totgeschossen haben. Die Felle sind nur ein Haarbrei.

»Man kann nichts verkaufen«, sagen diese Bettler.

Warum folgen sie uns nur wie Tauben, die darauf warten, daß man ihnen Körner streut? Vielleicht, weil wir keine Löcher in den Hosen haben?

Das muß hier freilich auffallen!

»Meine Herren,« sage ich zu ihnen, »Sie sollten nach Palästina gehen!«

»Puh! Dort sind schon genug schmutzige, verlauste und zerlumpte Juden!«

»Glauben Sie denn, daß Sie anders sind?«

»Das ist’s ja! Hier wie dort das Gleiche! Und dort muß man noch hart arbeiten, um Geld zu verdienen!«

»Und hier?«

»Hier? Hier wartet man ab, ohne die Malaria zu bekommen.«

»Worauf wartet man?«

»Darauf, einen Überzieher und einen Kragen zu haben wie Sie!«

»Und dann?«

Mit einer Handbewegung gaben einige die Antwort für alle. Man kennt die Geste: sie bedeutet, daß diese Menschen Kinder des Herrn sind, und daß der Gott Israels allerlei vermag.

Die Straßen sind noch gar nichts, das wahre Lemberger Ghetto ist im Innern der Häuser. Wir haben drei Tage damit verbracht, sie zu besuchen. Wenn wir Rechenschaft über diese Arbeit ablegen wollten, müßten wir eine Straße nach der anderen anführen und mit der Hausnummer 1 beginnend eine Liste dieser Art aufstellen:

Synagogengasse Nr. 1: neun Familien mit je fünf bis acht Kindern, die vor Hunger und Kälte schreien und auf dem mistigsten Mist faulen.

Nr. 2: zehn Familien. Dasselbe.

Nr. 3, Nr. 4, zu beiden Seiten der Straße bis ans Ende: dasselbe. Dasselbe in den Straßen, die ansteigen, den ebenen Straßen, den Sackgassen. Vorgestern von zwei bis sechs, gestern von neun Uhr bis Mittag, heute von eins bis sieben: dasselbe.

Am ersten Tag mußte ich einmal aus einem dieser Löcher schnell herausstürzen, weil ich sonst infolge des Gestanks erbrochen hätte. Dasselbe geschah einmal am zweiten Tag und zweimal am dritten. Die beiden Juden, die mich begleiteten, weinten; sie setzten sich am Abend zwar an meinen Tisch, konnten aber nichts essen.

In der Slonecznej Straße (Sonnenstraße) steigen wir in einen Keller hinunter. Meine Begleiter zünden ihre Kerzen an und wir kriechen vorwärts. Keine Menschenstimme ist zu hören, und doch wohnen hier unter der Erde zweiunddreißig Menschen. Wir stoßen eine Tür auf. Wo sind wir? Wir waten durch Schlamm. Eine Luke, vom Schnee verstopft, läßt ein bleichsüchtiges Licht durch. Feuchtigkeit schlägt uns entgegen und legt sich wie ein Schleier um unsere Gesichter. Wir leuchten die Höhle mit unseren Kerzen ab.

Wir erblicken zwei kleine Kinder von drei und vier Jahren, die nur mit einem Hemd bekleidet sind und mit Lumpen an Händen und Füßen – ihre Haare sind offenbar, seitdem sie das Unglück hatten, auf diesen Köpfen zu wachsen, niemals gekämmt worden; vor Kälte zitternd, stehen sie neben einer elenden Lagerstatt. Uns scheint, daß sich etwas darauf bewegt. Wir halten die Kerzen tiefer. Eine Frau liegt da. Worauf? Auf nassen Hobelspänen? Auf Streu? Ich strecke die Hand aus: es fühlt sich kalt und klebrig an. Das, womit sie zugedeckt ist, hat wohl einmal Federbett geheißen; jetzt ist es ein Brei aus Federn und Stoff; wie wenn es eine Mauer wäre, so sickert Feuchtigkeit heraus. Zwei ganz kleine Kinder, vier und fünfzehn Monate alt, liegen noch unter dem Federbrei. Das größere lächelt dem Licht zu, das wir in seine Nähe bringen.

Die Frau hat kein Wort gesprochen.

Wir haben diese Unterwelt aufgeweckt. Ihre Bewohner umringen uns im Gang.

Wir sollen in jeden dieser Verschläge treten. Trotzdem es erst Nachmittag ist, sind die Leute zu Hause, aus dem einfachen Grund, weil sie nichts anzuziehen haben, um auf die Straße zu gehen. Ein einziger von ihnen hat sich, in den Schuhen des einen und im Kaftan des anderen, auf den Weg gemacht. Wird er ein bißchen was zu Essen mitbringen?

Ein Jude mit einem langen Bart, in einen Schal gehüllt, grüßt uns im Halbdunkel. Er hatte ein Haus. Beim Pogrom im Jahre 1918 hat man es ihm verbrannt. Und er hinkt, weil man ihn aus dem Fenster des ersten Stocks heruntergeworfen hat. Seither ist er nicht mehr in die Höhe gekommen. Er lebt in diesem Keller.

Die Nasen halten wir uns mit dem Taschentuch zu, mit den Zähnen beißen wir hinein. Die Juden zeigen uns, woher der entsetzliche Gestank kommt. Die Aborte des ganzen Viertels haben ihren Abfluß in einen Kanal, der durch diese Wohnungen geht; mehr als dreitausend Juden sind so zu Kanalräumern geworden: es war nicht Schlamm, durch den wir kamen.

Die Frauen, die vor Elend heulen, klammern sich an uns, so daß wir sie, als wir wieder an die Oberwelt wollen, bis zur Treppe nachziehen müssen. Auf der Straße strecken sie uns mit flehenden Worten und mit Wangen, die von Tränen glänzen, ihre Kinder im bloßen Hemd entgegen und wollen uns so am Fortgehen hindern.

»Geben Sie ihnen nichts«, sagen mir meine Begleiter. »Eisenbahnzüge voller Zloty wären nötig, um diesem Jammer abzuhelfen. Er macht sie idiotisch, blind, bucklig. Die Kinder verfaulen. Geben Sie nichts . . . . geben Sie nichts.«

Nun?

Nun: das ist eben das Ghetto. Hier wird noch lange Resignation die Stelle einer Lösung einnehmen.

Ein wenig haben die Juden selbst dieses tragische Elend gewollt. Es ist ihr Werk. Nicht ausschließlich das der Juden von heute, sondern der Juden aller Zeiten. Der Jude will seine Unabhängigkeit bewahren. Deshalb wird er Händler. Er will verkaufen. Er würde Läuse züchten, wenn Läusehaut eine Handelsware wäre. Kann eine Stadt existieren, deren Einwohner zu fünfundneunzig Prozent Verkäufer sind?

Gewiß, Polen haßt sie. Es hat ihnen ihren Anteil an den Monopolen genommen, es hat sie in einem noch viel größeren Maß, als es einst die Zaren taten, vom Staatsleben ausgeschlossen. Aber Polen hat nur zurückgestoßen, was nicht assimiliert werden wollte. Polen will ebensowenig jüdisch sein, wie die Juden polnisch. Und da Polen der Stärkere ist, stöhnen die Juden unter dem Druck. Man zertritt sie, knebelt sie, lädt Mist über ihnen ab – aber glaubt ihr, daß sie um Gnade bitten? Horcht hin: sie stöhnen, aber was sagen sie? Sie sagen, daß sie Juden sind! Pilsudski kann aber doch nicht Moses das Feld räumen!

Ich stand in der Smoczejstraße (Drachenstraße) auf dem Trottoir und notierte mir etwas. Ein Pole mit einem Schöpfeimer geht vorüber. Er stößt mich mit dem Ellbogen in die Seite und ruft: »Przecz z drogi psie przcklentyi«

»Na?« sage ich.

»Ach, lassen Sie,« beschwichtigen mich meine Gefährten, »machen Sie keinen Skandal: er hat Sie mit uns gesehen und Sie deshalb für einen Juden gehalten.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Er hat gesagt: Wirst du machen, daß du mir aus den Augen kommst, verfluchter Hund!«



XV

Aber . . . . Warschau!

Meinen Gruß der jüdischen Hauptstadt Europas . . . . Die Polen bitte ich um Entschuldigung! Ihre Metropole ist zugleich die Israels.

Wir sind also jetzt in Warschau. Wir haben die Juden in der Wildnis des Marmaroschgebirges gesehen, die furchtsamen Juden Siebenbürgens, Bessarabiens, der Bukowina, die verprügelten und winselnden Juden Lembergs.

Hier gibt es keine Schläfenlocken mehr. Sie sind unter den Scheren der Kosaken gefallen, die von den Zaren den Befehl hatten, sie den Juden auf der Straße abzuschneiden.

Whitechapel? Ja, ganz interessant, aber schon zu europäisch. Wilna, Lodz, Krakau? Sehr aufschlußreiche jüdische Zentren. Großartige Visionen. Ein Leben, von dem die Westeuropäer keine Ahnung haben. Ein Volk mit viele tausend Jahre alten Sitten, das unter Telephondrähten und in der Nähe von Eisenbahnschienen lebt! Warschau aber ist die jüdische Königin Europas.

Wenn Saul, David, Salomo, Rehabeam, Jerobeam, Nadab einen Nachfolger hätten, so müßte der Thron des Königs der Juden in Warschau stehen.

Die größere Zahl seiner Untertanen würde freilich in New York leben, aber was sind das schon für Untertanen! Gottlose, die imstande wären, die Bundeslade zu verkaufen, wenn sie sie wiederfänden! In Warschau aber wäre David II. mitten unter den Seinen.

Es gäbe eine hübsche kleine Hauptstadt mit dreihundertsechzigtausend Nachkommen Abrahams. Gewiß würde er sie nicht alle auf den ersten Blick erkennen. Europa hat ein gut Teil von ihnen verdorben. Wenn er sie alle beisammen haben wollte, so müßte er auch in den katholischen Vierteln der Stadt Schofar blasen. Aber er würde nicht lange brauchen.

Ich sehe ihn, diesen David II., wie er in Naiewki (dem Warschauer Ghetto) seinen Einzug hält. Zuerst würde er wohl im polnischen Zentrum absteigen, zum Beispiel im Hotel Bristol. Er würde sich gut ausschlafen und dann am folgenden Morgen einen Tank besteigen, um sicher zu sein, daß er auch lebend in sein Reich gelangt. Fünf Minuten später wäre er in Naiewki und würde hier mit lauter Stimme verkünden: »Ich bringe euch den Frieden; ich bin gekommen, um dem Herrn zu opfern; reinigt euch und kommt mit mir!«

Und aus allen Straßen, wie sie auch heißen – Smotcha, Dzeka, Gesia, Stawka, Mila, Pokorna, Maranowska, Pawia, Zoliborska – aus Kellern und unterirdischen Gewölben, die noch kein Nichtjude jemals erforscht hat, würden sie hervorkommen, hundertjährige wacklige Treppen würden sie herunterstürzen, aus überdeckten Gäßchen, schmalen Durchgängen, Sackgassen und Winkelwegen würden sie hervorbrechen, aus Höfen herbeieilen, ihre Märkte und kleinen Läden verlassen, aus den Gotteshäusern würden sie, mit dem Talliß auf dem Kopf und den Tefillin an Stirn und Hand, herausströmen; dreihundertsechzigtausend Kaftans mit Halbstiefeln, glattanliegenden Haaren und fliegenden Bärten, mit Händen, die sich wie Blumen im Wind bewegen, würden sich über ganz Naiewki ausbreiten und schreien: »Jechi Hamelech! Es lebe König David II.!«

So habe ich heute wachend geträumt. Ich stand in dem furchtbaren Ghetto und wurde von geschäftigen Juden unaufhörlich von meinem Platz weggedrängt. Wirr stürzten sie durcheinander, vom Dämon einer Tätigkeit besessen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Die einen warfen mir, wenn sie an mir vorbeikamen, ein paar Worte zu und liefen, da ich schwieg, gleich wieder weiter. Sie hatten gefragt: »Herr, möchten Sie was kaufen?«

Die polnische Regierung hat sie ausgeschaltet. Alle Posten sind ihnen verschlossen. Aus dem Betrieb der Bahnen, der Trams, der Post, der Salzbergwerke hat man sie entfernt. Ein einziger jüdischer Briefträger war zuletzt noch im Staatsdienst. Er wurde entlassen. Als man den Minister deshalb interpellierte, sagte er, es sei deshalb geschehen, weil die Juden keine guten Fußgänger seien. Hörst du, Ewiger Jude? Die Gepäckträger an den Bahnhöfen haben die jüdischen Gepäckträger vom Platz weisen lassen. Den letzten großen Streik in Lodz entfesselten die sozialistischen polnischen Arbeiter, weil ihre Arbeitgeber – Juden – jüdische Arbeiter aufgenommen hatten. Da ihnen also alle Wege versperrt wurden, sind sie nach Naiewki zurückgeflutet.

Einer der Hauptprogrammpunkte der polnischen Politik heißt: Einengung der Juden. Die Parole der polnischen Gesellschaft lautet:

Alles den Polen! Der Präsident der Republik ist ihr Präsident, nicht der der Juden. Pilsudski hat sich dagegen gewehrt und wollte, daß die Bestimmungen der Verfassung, die nicht antisemitisch ist, respektiert werden. Er konnte nichts ausrichten. Es gibt dreieinhalb Millionen Juden in Polen. Die Gesamtbevölkerung beträgt mehr als dreißig Millionen. Die dreiundeinhalb Millionen Juden zahlen vierzig Prozent der Steuern; aber bei einem Budget, das drei Milliarden Zloty übersteigt, wird den Juden nur ein magerer Knochen, hunderttausend Zloty, hingeworfen. Ein Jude kann nicht der Verwaltung, nicht der Armee, nicht dem Lehrkörper der Universitäten angehören. Wie das Volk keine Anstellung, der Arbeiter keine Arbeit m den Fabriken bekommen kann, so wird der Intellektuelle von den akademischen Würden ausgeschlossen.

Und warum das alles? Weil die polnische Regierung ohnmächtig ist, sobald es sich um die Judenfrage handelt; der alteingewurzelte Haß des Volkes ist stärker als alles andere.

Die polnischen Juden erleben wieder einmal sehr böse Zeiten.

Aber das ist kein Grund für sie, ihre Lebensweise zu ändern. Ein Schalentier klammert sich um so fester an einen Felsen, je mehr man es loszureißen versucht. Und auch wer von Natur aus so geartet ist, daß das Nagen einer Maus ihn verrückt macht – auf die Dauer gewöhnt er sich doch daran. Die orthodoxen Juden, die man in Warschau Nationaljuden nennt, gehen ohne auch nur ihren Schritt zu verändern einer neuen Tragödie entgegen; die flache Mütze und der lange Rock unterscheiden sie von der übrigen Bevölkerung wie einst im Mittelalter der gelbe Fleck. Die Juden aber, die einen Kragen tragen, und die David II. in den inneren Vierteln aufstöbern müßte – die möchten nichts anderes sein als Westjuden, also Juden nur der Konfession nach. Aber sie können noch so oft sagen: »Wir wollen uns von diesen schmutzigen, räudigen Juden trennen, von diesen Rabbinern, die nichts tun als schlafen, und wir wollen keine andere Autorität anerkennen, als die polnische« – die Polen geben es doch nicht zu. Sie haben sich jetzt in ihr Schicksal gefunden, und wenn man mit ihnen bekannt ist, raunen sie einem zu: »Natürlich sind wir hier nur Fremde!«

Augenblicklich suchen die einen wie die anderen dem polnischen Fiskus, der sie scheren will, möglichst wenig Wolle zu liefern. »Warum wollen Sie durchaus nicht,« sagte ich zu einem in der Dzikastraße, »daß ich Sie photographiere?« – »Ich fürchte, daß ich dafür Steuer zahlen muß«, antwortete er mit einem Gesichtsausdruck, der allerlei Hintergedanken verriet. »Sie sind doch aber reich!« – »Ein Jude, der reich ist, ist kein Jude mehr!«

– Da sie also Fremde sind und ihnen das polnische Budget nur hunderttausend Zloty bewilligt, eine Summe, die für die Beseitigung der Abfälle nicht ausreichen würde – wie können sie da ihr nationales Leben organisieren? Sie haben eine kleine eigene Regierung, nämlich die »Gemeind«. Die Warschauer Gemeinde wird von einem Triumvirat geleitet, einem orthodoxen, einem sozialistischen und einem zionistischen Juden. Die Gemeinde zieht die jüdischen Steuern ein. Die Agenten des polnischen Fiskus holen zuerst den polnischen Anteil, dann den jüdischen. Mit diesem Geld werden ihre Spitäler erhalten, ihre Greisenasyle, ihre Schulen, ihr Friedhof.

Für ihren Handel bleiben ihnen des Sabbat wegen nur viereinhalb Tage in der Woche. Die polnische Regierung hindert sie nicht, am Freitag abend und am Samstag geschlossen zu halten, zwingt sie aber, am Sonntag zu feiern.

»Sie begreifen, daß wir es auf diese Weise zu keinem Reichtum bringen können.«

»Werden Sie doch Polen! Halten Sie den Sabbat nicht mehr!«

»Das niemals! Wir wollen auf unsere kulturelle Eigenart, die für uns alles bedeutet, nicht verzichten.«

In den Straßen werden jiddische Zeitungen ausgerufen.

Die Straßen in China sind nicht wunderbarer als die des Warschauer Zion. Freunde, denen jede Kleinigkeit Angst macht, haben mich daran gehindert, mir einen Feldstuhl zu kaufen, auf dem ich gern in Naiewki Platz genommen hätte. So war ich jeden Abend, wenn ich in die »anständigen« Viertel zurückkehrte, am ganzen Körper wie zerschlagen. Die Juden leben im Freien. Dieses Volk des Orients lebt auch wie im Orient. Im Sommer treiben sie es noch toller. Das Innere der Wohnungen wird auf die Straße geschafft. Nur gut, daß nicht auch die Kinder in der freien Luft gemacht werden. – Aber im Winter ist es auch nicht übel. Diese ewigen Wanderer treiben sich in den entlegensten Gegenden herum. Sie sind überaus zufrieden, daß sie Füße haben. Und der aufspritzende Dreck elektrisiert ihren Gang. In diesem Ghetto, in dem sie alles kennen, interessiert sie auch alles. Wie schön ist es, dem Leben zuzuschauen! Wer weiß, ob nicht auf dem Choleramarkt, der ständig am Ende der Zoliborskastraße abgehalten wird, heute nachmittag ein Schatz zum Vorschein kommt? Überall stöbern sie herum, sogar unter den Zylindern der Desinfektionsmaschinen! Einer zieht ein Paar Hosen darunter hervor, er probiert sie – sein Kaftan dient ihm dabei als Wandschirm! Ganz Ehrgeizige lehnen sich an die Baracken, ziehen ihre Schuhe aus und wollen es mit einem anderen Paar versuchen. Dabei sind die Schuhe, von denen sie sich trennen, keineswegs abgenützter als die, welche sie kaufen. Offenbar treibt sie nur ihre Liebe zur Abwechslung! Morgen werden wieder andere Juden die Schuhe kaufen, die diese da heute abgelegt haben.

Es sind noch längst nicht alle Winkel in Nalewki erforscht, nicht einmal von der Polizei. Voll Entzücken und schauernd verirrt man sich hier. Es ist nicht der Schauer der Furcht, denn Juden vertreiben sich weder mit Messern noch mit Revolvern die Zeit, es ist der Schauer vor dem Unbekannten. Sackgassen, Durchhäuser, Innenhöfe, die mit anderen Innenhöfen in Verbindung stehen, offene Märkte, die doch versteckt sind, zahllose Gänge, die zu diesen Märkten, Höfen, Durchhäusern und Sackgassen führen – dieses ganze orientalische Labyrinth erinnert ebenso an Indien wie an Damaskus und Jerusalem.

Karavansereien ohne Kamele, Khans wie von Kipling, Geschrei und Händegefuchtel wie bei Karnevalsumzügen, ein Tanz sämtlicher Namen Israels auf den Schildern, prophetenähnliche Blinde, die sich vorwärtstasten, unbewegliche Greise, deren Köpfe tief zwischen den Schultern stecken und die wie auf einem Bein schlafende Reiher aussehen, andere Alte, die langsam, langsam einer unsichtbaren Prozession zu folgen scheinen; Lädchen sogar unter den Treppen, Keller, aus denen es einem entgegenschreit: »Handel! Handel! Hier wird verkauft!« Rinnsale, durch die all diese Levis, Lews, Lewis’, Lewits, Levitans, Lewistons, Lewinsteins, die meine Gegenwart so sehr in Aufruhr bringt, waten; all diese Blicke, in denen Neugier mit Unruhe wechselt und Unruhe mit Neugier; prähistorische Pferde vor wackligen Kutschen mit Umzugsgerümpel; Studenten der Jeschibah mit Gelehrtenlocken unter den runden Hüten, die auf der Suche sind nach einem höchst unwahrscheinlichen Stück Brot für abend; hübsche Mädchen, die bald dem Händler aus Buenos-Aires folgen werden und jetzt noch Lumpen unter dem Schal und ein Säckchen heiliger Erde um den Hals haben; Träger, nach türkischer Art beladen; Feuchtigkeit, die sich an den Mauern niederschlägt und dem Menschen bis in die Knochen dringt; unzählige Augen, die wie Sterne auf diesem großartigen Trödelmarkt aufleuchten – das ist Naiewki!

Freitag abend, sobald die Sonne untergeht, senkt sich in dieser Hauptstadt der große Sabbatvorhang hernieder, der das Volk Gottes von den Christenhunden trennt. Die Straßen leeren sich. Ein paar Lümmel bleiben noch stehen und schreien ihre Orangen und Kipfel aus.

»Willst du dich wohl nach Hause scheren! Du darfst nichts mehr verkaufen: es ist Sabbat!«

Sie strecken einem die Zunge heraus, aber doch liegt nun Naiewki bald ganz still da. Das jüdische Volk ist endlich unter Dach. Die Frau bereitet den Sabbattisch vor, legt ein weißes Tuch auf, entzündet die Kerzen. Der Mann legt sein Festkleid an. Und plötzlich wird die Straße wieder lebendig. Die Männer gehen mit einem Buch unterm Arm und den Söhnen an der Hand in die Synagogen und Bethäuser, die in Naiewki so zahlreich sind wie die Bäder in Japan und die »Comptoirs« in Frankreich.

Es gibt eins in der Twardastraße im Hause Nr. 4. Ich ging vor dem Eingang auf und ab. Die Juden kamen, Sammlung lag auf ihren Gesichtern, aber doch sahen sie mich forschend an. Einer blieb sogar trotz seines frommen Eifers stehen und umkreiste den Fremdling, der ihm Besorgnis einflößte. Seine Augen waren so scharf, daß sie meine geheimsten Taschen erforschten.

»Sie können hineingehen«, sagte er mir französisch, wie wenn er durch meinen Überzieher hindurch meinen Paß gelesen hätte.

Aber ich war ja schon am vergangenen Donnerstag morgen in diesem Bethaus gewesen.

Gegen Jerusalem gewendet beteten die Juden. Ich sah sie von rückwärts. Ein weißer, schwarzgestreifter Schal, der Talliß, umhüllte sie vom Kopf bis zu den Hüften. So, sagt man, erschien Gott seinerzeit Moses. Ihre langen Barte, die unter dem Schal hervorkamen, waren dem fernen zerstörten Tempel zugewendet und zitterten. Das Gebet, das ganz leise begonnen hatte, schwoll an, wurde lauter und lauter. In frommer Ekstase wiegten sich ihre Leiber wie leere Boote auf bewegter See. Plötzlich bemerkte ich etwas Erstaunliches. Diese Männer, die ich nun von der Seite sah, waren in Einhörner verwandelt. Ein Hörn war ihnen auf der Stirn gewachsen! Es war die eine der Gebetschachteln; die andere hatten sie sich an die linke Hand gebunden, die sie an ihr Herz preßten. Das Gebet ihrer Lippen fand so, kraft eines Wunders, Eingang in ihr Herz und in ihr Hirn.

Wie fern waren wir jetzt den Zeiten Pilsudskis!

»Da der Herr ihn nahen sah, rief er: Moses! Moses! Und er erwiderte: Hier bin ich!«

Aber fast noch stärker war der Eindruck, den ich an diesem Freitag abend von den leeren Straßen empfing.

Ihr polnischen Tramways könnt noch so lange läuten, während ihr jetzt durch Naiewki fahrt: Israel ist nicht mehr da!



XVI

Die Rabbinerfabrik

Ulica St.-Jerska Nr. 18. Da bin ich. Eine Straße wie alle anderen in Naiewki: schmutzig, lärmend, erfüllt von Gesten und doch irgendwie geheimnisvoll. Ein Gebäude, so feucht wie alle anderen, mit einem Bewurf, als ob die Mauern Pocken gehabt hätten, mit einem Hof, der zum Hof eines anderen Hauses führt, und mit klebrigen Treppen.

Ich werde erwartet. Jetzt, da ich im ersten Stock bin, brauche ich nur noch die Mesussa mit zwei Fingern zu berühren, die Finger an den Mund zu führen und die Tür zu öffnen.

Ich bin auf der Schwelle der Mesibtha, des großen Seminars der Judenheit der ganzen Welt. Diese seltsamen jungen Menschen, die in Naiewki um Brot und Nachtlager betteln, diese mageren und bleichen Intellektuellen mit den runden Hüten, diese sechzehn- bis zweiundzwanzigjährigen Asketen und Schwärmer, die der Geist, dieser Moloch, verschlingt, diese Flammenträger Israels, die aus Polen, Rumänien, der Ukraine, der Tschechoslowakei und sogar aus Belgien gekommen sind – sie sind alle da. Schon auf dem Treppenabsatz höre ich sie. Ihre Stimmen schwellen an, werden leiser, erlöschen und erheben sich aufs neue. Die Rabbinerfabrik ist in vollem Betrieb.

Treten wir ein! Du zögerst? Der Geruch, der dir entgegenschlägt, ist entsetzlich? Hast du nicht schon Schlimmeres gerochen? Tu, als ob du Schnupfen hättest, halt dir dein Taschentuch unter die Nase und beiß hinein, aber geh vorwärts – du wirst dich schon dran gewöhnen!

Der Geruch ist ein spezifisch jüdischer – man könnte sagen: ein jüdisch-orthodoxer. Aus einem Kino in Czernowitz vertrieb er mich vor Schluß der Vorstellung. Es ist, als ob eine Zwiebelessenz sich mit einer Essenz aus marinierten Heringen und einer Essenz aus dampfenden Kaftans mischte – falls man von einem Kaftan, wie etwa von einem in Schweiß geratenen Pferd, sagen kann: er dampfe. Vielleicht geht von euch, ihr Herren, wenn man euch einzeln nimmt, kein übler Geruch aus; wenn ihr aber in einem geschlossenen Raum zusammen seid, so verpestet ihr die Luft.

An welch eitlen Dingen mein Geist noch hängt! Was liegt hier am Geruch? Die fünf Sinne, oder wieviel es ihrer geben mag, haben in einer Mesibtha nichts zu suchen. Nichts, das von außen kommt, kann auf diese Studenten einen Eindruck machen. Gar nichts. Sie sind nicht da, um zu essen oder zu schlafen, zu greifen, zu hören, zu sehen, zu schmecken oder zu fühlen, sondern nur um zu lernen.

Der leidenschaftliche Trieb zu lernen ist auch spezifisch jüdisch. Die Geheimnisse zu durchdringen, die Schatten zu verscheuchen, den Intellekt, der ihnen nie rasch genug ist, anzuspornen, einen Gipfel der Erkenntnis nur zu erklimmen, um zu einem anderen emporzusteigen, Spekulationen über alle Ursachen und über alle Prinzipien anzustellen, das sind die einzigen Dinge, mit denen diese unermüdlichen Theologen sich befassen.

Dieses Rabbinerseminar ist etwas ganz Außerordentliches, es ist ein Schauspiel, das man in seinem Leben nicht wieder vergißt; das gänzlich Unvorhergesehene verblüfft einen und macht sprachlos. Fünfhundertsiebenundachtzig Feuergeister in fünf engen Zimmern waren trunken, völlig trunken. Seit sieben Uhr früh berauschten sie sich, hörten sie nicht auf, Wissen, Forschung, Erkenntnis, neue Entdeckungen zu schlürfen. Die Stirn in die Hände gestützt, durchbohren sie den Talmud fast mit der Nase; zuweilen heben sie die Augen, Augen von Visionären; der runde Hut sitzt ihnen schief auf dem Kopf, ihre Schläfenlocken fliegen, mit frenetischen Bewegungen wiegen sie sich von vorn nach hinten, von rechts nach links, denn das Studium erregt sie so, daß sie nicht ruhig bleiben können, von Stunde zu Stunde wird ihre Stimme gellender, wie taube Wahrsager brüllen sie, ohne sich um ihre Nachbarn zu kümmern. Es war wie eine Versammlung von Prophetenschülern auf dem Gipfel der Begeisterung.

So arbeiten sie sechzehn bis siebzehn Stunden im Tag. Was lernen sie? Zunächst den Talmud auswendig, sogar beide Talmuds, den jerusalemischen und den babylonischen. Sie stopfen sich im wahrsten Sinn des Wortes mit allen alten rabbinischen Überlieferungen voll.

Was ist der Talmud? Ein Buch, in dem tausend Rabbis seit Tausenden von Jahren das Gesetz Moses’ erläutert haben. Die Liebe am Diskutieren ist hier bis zur Unvernunft getrieben. Die vielfältigen Ausdeutungsmöglichkeiten eines Wortes sind Gegenstand unendlicher Kontroversen. So geht man zum Beispiel keineswegs leichtfertig über das Wort Gottes hinweg: »Ein jeder bleibe am siebenten Tag an seinem Ort, keiner verlasse ihn.« Welches ist dieser Ort? Wie weit darf man am Sabbat gehen, ohne zu sündigen?

Bezeichnet das Wort Ort die unmittelbare Umgebung des Hauses? Kann das ganze Dorf als der vom Ewigen gemeinte Ort angesehen werden? Wenn ja, gilt das dann für alle Dörfer, ganz gleich, welchen Umfang sie haben? Und welchen größten Umkreis darf ein Dorf haben, auf den das göttliche Wort noch Anwendung finden kann? Und gilt, was für ein Dorf zulässig ist, auch für eine Stadt? Wo fängt eine Stadt an? wo hört sie auf? Und ist, auch wenn man ihre Grenzen genau bestimmt, die Stadt nicht zu groß, um noch als Ort angesehen zu werden? Und wenn sie wirklich zu groß ist, wie weit darf man dann am Sabbat gehen, ohne dem Gebot des Herrn entgegenzuhandeln? Und was beweist schließlich, daß die Grenzen, die man einer Stadt gibt, um sie mit dem in der Bibel gemeinten Orte in Einklang zu bringen, wirklich die richtigen sind?

O unersättlicher Geist Israels!

Unseren Studenten genügt es nicht, sich an diesen erhabenen Diskussionen zu berauschen, sie fügen noch eigene Erkenntnisse hinzu und weisen manchmal die der Alten zurück. Zuweilen gerät einer in einen fürchterlichen Zorn, wenn ihm die Anschauung eines schon seit Jahrtausenden verstorbenen Graubarts widersinnig erscheint. Dann wieder können sie in freudigste Ekstase über das scharfsinnige Wort eines anderen Alten geraten. Wie klar auch der Himmel sein mag, das Auge eines Juden findet immer noch einen dunklen Fleck an ihm. Nie ist die Wahrheit für einen Juden fein genug gesponnen. Und was diese jungen Gehirnakrobaten, die vor Lust am Denken fiebern, hier lernen, ist weniger jüdische Literatur, Ethik und Moral, als vielmehr, noch subtiler, scharfsinniger, klarer und rascher im Denken zu werden. Ein schöner Sport!

Sieben Jahre bleiben sie in dieser Atmosphäre entflammten Denkens und arbeiten bis zur Erschöpfung, bis zum Irrewerden, man kann ohne Übertreibung sagen: bis zur Halluzination. Ich schaute mir die ältesten, die im fünften und sechsten Jahr, an; ich schaute sie an, sie aber sahen mich nicht. Ich konnte vor einem stehen bleiben, als ob ich mit ihm sprechen wollte: er hatte kein Auge für mich! Vom Gegenstand seines Studiums besessen, innerlich verbrennend, durchdrungen von seinem Streben nach Erkenntnis, erhob er sich von seiner Bank, nicht um mich zu begrüßen, sondern weil die Idee, die ihn beherrschte, ihn zwang, zu schreien und zu gestikulieren.

Es war sehr schön und keineswegs lächerlich; es war ein rührendes und großes Schauspiel, Respekt einflößend wie der Wahnsinn.

Ihr körperliches Leben ist nicht weniger ungewöhnlich als ihr geistiges. Sie kommen aus den Ghettos der Karpathen, Galiziens, der Ukraine, und dasselbe Kleid, das sie mit sechzehn Jahren trugen, wenn sie kommen, tragen sie noch, wenn sie als Dreiundzwanzig jährige wieder gehen.

Und doch sind sie gewachsen. Man kann es an der Kürze ihrer Kaftanärmel sehen. Ein Glück nur, daß sie nicht dicker geworden sind! Der Kaftan wird im Lauf der Jahre zu kurz, aber nie zu eng.

Die Mesibtha, die von jüdischen Steuern und Spenden erhalten wird, läßt ihnen jeden Tag um drei Uhr eine Mahlzeit geben. Unterkunft gewährt man ihnen nicht. Wo wohnen sie? Nachts bewachen sie die Läden in Naiewki. Die Händler bezahlen ihnen nichts dafür, sie geben ihnen nur ein Loch, in dem sie schlafen können. Und was das Abendessen betrifft, so habe ich schon erwähnt, daß sie auf Höfen und Märkten herumstreichen, um es sich zu suchen. Sie treiben ein Kipfel, eine Orange, ein Stückchen Hering, eine Zwiebel auf. Israel hat immer, wie furchtbar auch seine Armut sein mag, die Gelehrten respektiert. Das ist der Luxus, den es sich leistet. Bei uns gehören die Reste unserer Tafel unseren Hunden. Israel liebt die Hunde nicht, und so bleiben die Reste für die Studenten.

Die Reinheit ihrer Sitten ist märchenhaft. Keusch kommen sie ins Seminar, keusch verlassen sie es. Alles Feuer ihrer Jugend gilt dem Talmud. Nur von ihm träumen sie, mit ihm leben und schlafen sie. Wenn die Thora die Gekrönte Braut ist, so ist der Talmud die Frau im Kranze.

Nicht alle werden Rabbiner, aber alle werden, wenn sie die Mesibtha verlassen, Schwiegersöhne. Schwiegersohn sein ist für einen jungen Juden ein Beruf, und wenn ein junger Jude noch dazu Gelehrter ist, so ehrt dieser Beruf die Familie, die ihn aufnimmt. Die Schwiegereltern sind stolz darauf, einen frommen Mann, der sein Leben dem Wissen weiht, zu ernähren. Einen Schwiegersohn zu haben, der aus der Warschauer Mesibtha kommt, das ist ein solcher Vorzug, daß die ganz frommen Orthodoxen aus Angst, sie könnten keinen bekommen, sich ihn noch aus dem Nest holen. Jede Woche empfängt der leitende Rabbiner den Besuch künftiger Schwiegereltern. Sogar aus New York kommen welche, einzig zu diesem Zweck. Das ist so wahr, daß wir sogar heute einen erwarten.

Da ist er. Er trägt weder Bart noch Kaftan. Dieser Amerikaner ist ein Europäer. Er verhandelt heute zum zweitenmal mit dem Direktor. Er erbietet sich, im voraus zehntausend Dollar als Mitgift zu deponieren. Der Scheck ist bereit. Aber die Wahl fällt ihm schwer. Der leitende Rabbiner hat ihm vier empfohlen. Von diesen vier haben zwei dem Amerikaner gefallen. Welchen soll er nehmen? Der geistige Vater der aus dieser Glückslotterie hervorgehenden Ehemänner will die Entscheidung nicht beeinflussen. Sehen wir uns einmal die Schwiegersöhne an!

Wir kommen in eine der fünf Werkstätten dieser Intellektuellenfabrik. Die Gehirne arbeiten mit ihrer höchsten Leistungskraft. Diese menschlichen Maschinen beachten den Schwiegervater und den ehestiftenden Rabbiner nicht mehr, als sie mich beachtet haben. In wahnsinnigem Tempo drehen sie sich weiter. Wird diesem exaltierten Jünger da, der so laut schreit, das schöne unbekannte Mädchen aus New York zufallen? Nein.

Diese dort sind die beiden in Aussicht genommenen Verlobten: der Kleine, der die Stirn in die Hand stützt und den Kopf hin und her bewegt wie ein Uhrpendel; und dann der Größere dort, der, wenn man seine Gestikulationen und die Bewegungen seiner Lippen richtig deutet, in einer entscheidenden Debatte mit einem der babylonischen Väter begriffen ist. Dick sind sie beide nicht. Ein Glück, daß der Amerikaner Geld hat!

Der Schwiegervater will morgen seine Entscheidung mitteilen. Ich glaube, der Kleinere wird siegen. Da das Wissen der beiden Kandidaten gleich ist, so wird vielleicht das den Ausschlag geben, daß bei dem Kleineren ein paar Zentimeter weniger ernährt werden müssen!

Um sieben Uhr abend verlassen diese merkwürdigen Studenten das Schlachtfeld. Den Talmud unter dem Arm, eilen sie mit großen Schritten den Geschäften zu, deren Wachhunde sie sind. Eine Kipfelverkäuferin, die an der Ecke der Naiewki- und der Dzikastraße ihren Stand hat, schenkt dem einen ein Kipfel. Er ißt es sofort auf.

»Sie haben Hunger?«

»Wenn man lernen will, darf man Leiden nicht fürchten.«

»Sie sehen so aus, als ob Sie nicht genügend essen würden«, sagt ihm Ben und gibt ihm Chalukkah.

»Ich bin nicht da, um zu essen, sondern um zu wissen!«

In der Dzikastraße taucht der Student unter. Dzika, das heißt: rauh . . . .



XVII

Geld oder Möbel!

Kann man sich vorstellen, daß es lustig sein soll, einen Steuereintreiber, der sich anschickt, Unglückliche zum Weinen zu bringen, auf seinem Gang zu begleiten?

Ein polnischer Beamter, den seine Funktion zu den Juden in Naiewki führte, versicherte es mir immer wieder, als wir eines Abends, während es schneite, in Warschau bei Fukieras Erben (einem berühmten Weinhaus) zusammen Tokaier tranken.

»Schweigen Sie, Sie Mann ohne Herz«, sagte ich ihm. »Die Komik eines Elends macht das Elend nur noch größer.«

Der Mann behauptete, ich spräche nur so, weil ich nicht Bescheid wüßte. Die polnischen Staatsbeamten seien zwar keineswegs königlich bezahlt, aber diejenigen, die wie er im Judenviertel zu tun hätten, dächten nicht daran, sich zu beklagen. Wenn sie auch nicht reich werden, so hätten sie wenigstens manchmal Gelegenheit, tüchtig zu lachen.

Wo es etwas zu lachen gibt, bin ich immer dabei. Dann bin ich imstande, sogar vor zwölf Uhr aufzustehen!

Am folgenden Morgen um neun Uhr konnte man also im Warschauer Ghetto zwischen den Häusern Nr. 41 und 45 der Ulica Gesia einen Mann sehen, der sich selbst in den Hintern trat, um sich wachzuerhalten.

Der Mann, der sich einer so demütigenden Behandlung unterzog, war – ihr habt es schon erraten – der Märtyrer der Landstraßen, der arme Reisende, den man nicht mehr ausschlafen läßt und den die Chefredakteure der Zeitungen bei 36 Grad Kälte in Wind und Wetter hinausjagen, als ob er ein Eskimo wäre!

An diesem Morgen waren nur noch 7 Grad Kälte, so daß man fast Lust hatte, Freudensprünge zu machen. Mit entschlossenen Schritten ging ich zwischen dem Haus 41 und dem Haus 45 auf und ab. Ich sah aus wie eine Schildwache ohne Waffe, die einen gefährlichen Auftrag bekommen hat. Daß eine solche Haltung die Ulica Gesia in Aufruhr bringen mußte, versteht sich von selbst. Die Juden standen auf der Schwelle ihrer Läden und beobachteten mich ängstlich. Seit acht Tagen sahen sie mich in ihrem Viertel herumstreifen, stehenbleiben, in ihre Höfe eindringen; meine Erscheinung beunruhigte sie. Was für eine Katastrophe würde auf diese eingehenden Untersuchungen folgen? Trug ich vielleicht eine Bombe in der Tasche? Und wenn ja, was für eine? Ging es um Politik, um die wirtschaftliche Lage, um Religion? Viele waren mir nachgegangen, um hinter das Geheimnis zu kommen. Sobald ich mich nach ihnen umdrehte, wandten sie sich weg, hoben plötzlich den Kopf und schienen mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt zu untersuchen, woher der Wind kommt. Und nun schränkte ich heute morgen mein Operationsgebiet ein!

Ich konzentrierte meine Batterien auf drei Gebäude! Unglückliche Juden der Häuser 41, 43 und 45, habt ihr euch gegen den Herrn vergangen? Wird es denn niemals Frieden für euch geben? Für euch und uns alle? Denn wer konnte sicher sein, daß ich nicht am Nachmittag auf die andere Straßenseite hinübergehen werde? Und ein Kaftan trat zum anderen Kaftan heran. An manchen Stellen wurde ein kleiner Kriegsrat gehalten. Köpfe hoben, Köpfe senkten sich, es war, wie wenn die flachen Mützenscheiben gleichzeitig der Furcht oder der Hoffnung einen Weg öffneten und verstellten.

Der Beamte kam noch immer nicht. Ich wußte, daß die Ulica Gesia nach einem Geflügel benannt sei – nach einer Gans oder einer Ente. Hatte der Mann mir eine Ente aufbinden wollen?

Ein Bauernkarren mit einem Pferd, das fern von allem Heu aufgewachsen sein mußte, hielt vor dem Haus Nr. 43. Ich begriff, daß dieser Umzugswagen vom polnischen Fiskus ausgeschickt worden war. Mit einer verhängnisvollen Aktentasche bewaffnet tauchte nun mein Mann auf. Wir schüttelten einander die Hände. Die Unruhe der Juden kannte jetzt keine Grenze mehr. Ihre Augen wurden immer größer: wir traten ins Haus Nr. 41.

Der Karren des Fiskus war ein Beweis dafür, daß das Warschauer Steueramt bis zum Äußersten gehen wolle, um die Juden gefügig zu machen. Geld oder Möbel! Wer hat nur behauptet, wenn es friere, könne es nicht feucht sein? Es war wohl ein Meteorologe, der nie einen Winter in Naiewki verlebt hat. Dieses Haus schwitzt Feuchtigkeit aus. So arm ist es, so traurig!

Und in Palästina leuchtet die Sonne so herrlich!

Wir fangen mit dem ersten Stock an. Wir klopfen. Alles bleibt still. Da schlägt der Fuhrmann, der uns begleitet, gegen die Tür. Immer noch Stille. Nun bekommt der Fiskus eine Stimme und beginnt in gröbster polnischer Tonart zu wettern. Jetzt nähert sich ein ganz kleines Kind und öffnet.

Am Fenster folgen fünf Kinder mit den Augen einem Finger, der die Zeilen eines hebräischen Buches entlang fährt. Es ist der Finger eines prachtvollen Greises. Er schaut uns an, ohne den Finger vom Buch zu heben. Der Beamte präsentiert ihm eine Quittung über dreiunddreißig Zloty. Der Greis betrachtet sie.

»Sie sind doch der Religionslehrer Isaak Goldschmitt?«

Der Beamte bewegt den Zettel, wie wenn er den ändern auffordern wollte, ihn zu nehmen.

»Ich kann nicht Polnisch lesen.«

Der Fuhrmann dient auch als Dolmetsch. Er beginnt Jiddisch zu sprechen.

»Warum soll ich zahlen?« fragt der Greis. Er zeigt auf seinen Bart: »Dafür?« Er zeigt auf die Kinder: »Dafür?«

»Wo sind die Möbel, die vor vierzehn Tagen hier waren?«

»Bei glücklicheren Leuten, ehrenwerter Herr Beamter!«

»Sie haben sie, wie immer, einstweilen bei Nachbarn untergestellt?«

Der Lehrer weist auf sein Buch und sagt:

»Sie sehen, wie abgenützt es ist! Glücklicherweise werde ich bald sterben!«

Der Pole läßt ihm sagen, er sei kein Totengräber, sondern Steuereintreiber.

Da hält der Greis ihm seinen Bart hin und bietet den an.

»Ich sollte ihn wirklich abschneiden und mitnehmen!«

»Der Herr (sein Name sei gelobt) würde Sie dafür strafen, ehrenwerter Herr Beamter!«

Man gab es auf. Wir gingen in die gegenüberliegende Wohnung.

Dort überraschen wir zwei Frauen, die einen Schal um ihre Schultern werfen.

Der Beamte setzt sich aufs Bett, um zu zeigen, daß er keine Eile hat. Eine der Frauen nimmt die Quittung und schaut zum Himmel empor.

»Vierzig Zloty!« wiederholt sie immer, »vierzig Zloty!«

Sie geht in ein anderes Zimmer. Wir warten. Sie kommt zurück und sagt:

»Hier!«

Sie hält fünf Zloty hin.

»Vierzig, Madam, vierzig!«

Sie geht wieder, kommt zurück und hat nun noch drei Zloty mehr.

»Vierzig, Madam!«

Sie setzt sich neben uns aufs Bett und beginnt zu handeln.

Der Beamte sagt ihr, es gehe hier nicht um einen Heringskauf.

Sie entfernt sich wieder, kommt zurück und bringt noch zwei Zloty.

»Tragen Sie die Stühle weg!«

Ehe der Fuhrmann sie ergreifen konnte, haben sich die zwei Frauen daraufgesetzt.

»Nehmen Sie das Büffet!«

Die Frauen ziehen die Stühle hinter sich her und pflanzen sich vor dem Möbelstück auf.

Jetzt kommt ein Mann herein:

»Herr Beamter, vor zehn Jahren sprachen wir nur Russisch. Da wir wußten, Polen wäre glücklich, wenn es die Juden Polnisch sprechen hörte, haben wir Polnisch gelernt. Ist das nicht so viel wert wie vierzig Zloty?«

»Herr Rappoport, ich werde Ihre Möbel forttragen lassen!«

Der Mann schreit erbärmlich. Der Beamte und der Fuhrmann lachen.

»Was hat er gesagt?«

»Er beklagt das Pferd. Er sagt: armes polnisches Pferd, mich und dich, du unschuldiges Tier, trifft das gleiche Unglück!«

Rappoport zieht zehn Zloty aus der Tasche seines Kaftans und sagt, wenn der ehrenwerte Herr Beamte in einem Monat wiederkommen wolle, so könne er ihm dann vielleicht mehr Geld geben, als man von ihm verlange, denn er habe ein großes Geschäft vor und werde dadurch reicher werden als alle jüdischen Wucherer, die bereits in der Heiligen-Kreuzstraße wohnen.

Der Beamte ist einverstanden.

Zweiter Stock. Hier soll es, wenn die Auskünfte richtig sind, etwas ganz Besonderes zu sehen geben. Die Quittung lautet auf hundertfünfundzwanzig Zloty. Von einer hübschen Jüdin werden wir liebenswürdig empfangen. Sie zeigt uns zwei Zimmer und sagt, sie sei allein zu Hause. Der Beamte betastet die Tapete. Die Tapetenstreifen sind ordentlich nebeneinander geklebt, aber sie scheinen schlecht an der Mauer zu haften. Man schiebt ein Möbelstück beiseite, das mitten an der Wand steht, und zieht in einer Ecke einige Nägel heraus. Die künstliche Verkleidung fällt zu Boden, man braucht nur noch eine Tür, die nun sichtbar wird, aufzustoßen. Wir sind in einer kleinen Werkstatt, in der zwei Männer vor zwei Maschinen sitzen und Strümpfe stricken.

Von vier Wohnungen hat wenigstens eine so einen versteckten Raum. Der Jude ist zugleich Industrieller und Händler. Er produziert zu Hause und trägt seine Ware in einem Korb zum Verkauf. Keine Fabrik, kein Laden, kein Geschäftsinhaber. Man arbeitet unabhängig, wie es der eigenen Wesensart, und im Verborgenen, wie es der Vorsicht entspricht.

Der eine der beiden Männer legt hundert-fünfundzwanzig Zloty auf den Tisch und nimmt dafür die Quittung in Empfang. Auf die Vorwürfe des Beamten erwidert er, an seiner Wohnung sei nichts Geheimnisvolles. Er habe sich mit seinem Sohn nur eingeschlossen, um dem Geschwätz der Weiber zu entgehen!

Das ganze Haus war nun infolge der Anwesenheit des Steuerexekutors in Aufruhr geraten.

Türen wurden auf- und zugeschlagen. Die Möbel, die man hin- und herschob, dröhnten. Auf der Treppe war ein Getöse wie bei einer Treibjagd. Zwei Frauen hatten sich auf dem Treppenabsatz postiert und versperrten den Zugang zum dritten Stock; jede hielt mit ausgestreckten Armen einen jüdischen Säugling, den sie schüttelte, und beide stießen zu unserem Empfang ein erbärmliches Jammergeschrei aus. Die erschreckten Kinder schrien so laut wie ihre Mütter.

»Sie sagen,« übersetzte der Fuhrmann, »daß die Kinder bitten, man solle ihnen ihre Wiege nicht wegnehmen!«

»Ihr Furien, wollt ihr wohl aufhören, eure Kinder so zu schütteln!«

Sie erreichten, was sie wollten; man ließ sie ungeschoren.

In der Wohnung gegenüber erwartete uns ein Greis. Seine Söhne hatten sicher an der Treibjagd teilgenommen und führten jetzt wahrscheinlich ihre geängstigten Seelen in Nalewki spazieren. Der Vater hatte eines jener wunderbaren, reinen Ghettogesichter, die gar nichts mit unserer Zeit zu tun haben, einen Kopf, wie Michelangelo ihn seinem Moses gab, nur viel älter und wie in Erwartung, daß die Verheißung der Propheten sich erfülle. Ruhig folgte sein Blick, der sich von allen weltlichen Dingen gelöst zu haben schien, dem Beamten, der die Räume durchstöberte. Da die Pfändung nichts ergeben hatte, wollten wir gehen; aber das Michelangelo-Modell streckte seine Hand aus.

»Wie? Er will jetzt sogar noch ein Almosen haben?«

»Freilich«, sagte der Fuhrmann; »er meint, daß man von einem alten heiligen Mann kein Geld verlangen darf, sondern ihm noch welches bringen müsse!«

Wir begaben uns ins Haus Nr. 45.

Ein Krämer, der Salz und Heringe verkaufte – das Salz entnahm er den Heringfässern, und man kann sich denken, was für einen Geschmack das den Suppen gab! – hob die Arme zum Himmel, als er den Beamten erblickte. Er hätte bis zum heutigen Tag die Ziegel einer kleinen Mauer, hinter der sein geheimes Zimmer verborgen war, beseitigt haben sollen. Selbstverständlich leugnete er, daß es ein geheimes Zimmer gebe. Er hätte nie etwas davon gehört, seine Frau auch nicht und sein Vater noch weniger. Wenn in der Russenzeit vielleicht frühere Bewohner ein Versteck eingebaut hatten – konnte man ihn dafür verantwortlich machen? Man wolle zehn Zloty von ihm haben, um die Bresche in die Mauer zu schlagen: wenn die polnische Regierung ihm diese zehn Zloty vorstrecke, so könne man in vierzehn Tagen so weit sein!

»Sehen Sie, so machen sie es! Wir kommen, um eine Schuld einzutreiben und zum Schluß wollen sie noch Geld von uns geliehen haben!«

Er war dem Fiskus fünfundvierzig Zloty schuldig. Von seiner Tür aus rief er Juden herbei, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihren Beobachtungsstand hatten. Sie kamen gelaufen. Jeder durchsuchte seine Kaftantaschen. Die Kollekte ergab achtzehn Zloty. Er zog zehn Zloty aus seiner Schublade hervor, faltete die Hände und stieß einen flehentlichen Schrei aus. Er bat um Nachlaß für den Rest und um Mitleid für seinen alten Vater. Dann öffnete er alle Schubfächer, um zu zeigen, daß nichts darin sei. Er ging ins Hinterzimmer, nahm ein Bild vom Nagel und brachte es uns: es war das Bild Pilsudskis. Er liebe Pilsudski. Sein Sohn rechne Polnisch, spreche Polnisch. Und er selbst sei doch ein so guter Staatsbürger!

»Bitte, noch siebzehn Zloty, Herr Jehuda Mond!«

Er zeigte auf seine Heringfässer:

»Nehmen Sie doch den Rest in Ware!« »Siebzehn Zloty, oder ich nehme die ganzen Fässer mit!«

Schon lud der Fuhrmann auf, da zog auf einmal Jehuda Mond einen Hundertzlotyschein aus der Tasche, gewann seine ganze Würde wieder und wartete mit der ungeduldigen Miene eines Gläubigers darauf, daß der Fiskus ihm das restliche Geld zurückgebe!

Vierter Stock. In einem großen Zimmer sieben Menschen, darunter drei Knaben. Mutter und Tochter in Tränen. Zwei Juden im Kaftan, bequem auf Stühlen ausgestreckt. Die drei Knaben sind so in ihr hebräisches Buch vertieft, daß sie nicht einmal unsere Ankunft bemerkt haben. Die Quittung lautet auf hundertsiebzehn Zloty. Die Leute sind seit vier Jahren mit ihren Steuern im Rückstand. Der Beamte ersucht die Frauen, die Schubfächer der Möbel leer zu machen. Die Frauen haben vierzig Zloty angeboten und auf den Tisch gelegt. Nun räumen sie jammernd die Schubladen aus. Die zwei Kaftans interessieren sich offenbar nicht für das, was vorgeht. Sie lassen die Hände vor ihren Augen tanzen und betrachten sie eingehend. Die Frauen schluchzen. Die drei Knaben wiegen sich nach vorn und nach hinten und sind völlig von ihrem Hebräisch in Anspruch genommen. Die Frauen nehmen die Verlängerungsstücke des Tisches ab. Die Kaftans sehen immer noch nichts, und die Kinder ereifern sich immer mehr über dem heiligen Buch. Der Beamte befiehlt, die Schränke zu öffnen. Die Frauen knien nieder. Und während sie laut aufschluchzen, wird auch die Stimme der lernenden Knaben immer lauter.

Der Fuhrmann hat Helfer gefunden und trägt zunächst das Büffet hinunter. Die Frauen stoßen furchtbare Schreie aus. Die zwei Kaftans rühren sich nicht. Die drei Knaben lesen lauter und lauter. Ein Schrank, der Tisch, ein Sessel werden fortgetragen. Der heilige Leuchter, der nicht pfändbar ist, wird auf die Erde gestellt und das Möbel, auf dem er stand, verschwindet auch.

Jetzt ist der Raum leer.

Nun erhebt sich der eine Kaftan. Er hat eingesehen, daß es dem Beamten Ernst ist. Mit einer noblen Geste zieht er zwei Hundertzlotyscheine aus der Tasche und sagt: »Da!«

Die Möbel werden wieder hinaufgetragen.

Die Frauen haben umsonst geweint.

Die drei Knaben haben ihr Studium nicht unterbrochen.

Der Vater hebt den siebenarmigen Leuchter von der Erde auf und stellt ihn mit frommer Gebärde wieder auf das zurückgebrachte Möbelstück.



XVIII

Beim Wunderrabbi

Freitag nachmittag stehen in Warschau, am Ende der Stadt, auf einem Platz, der Lubliner Union heißt, Autobusse und warten.

Schweine, die man auf den Markt schafft, dürften diese Vehikel nicht sehr komfortabel finden.

Es sind die Wagen von Gura-Kalvarya.

Zwanzig Meter von diesem Halteplatz steht in einem kleinen Bahnhof ein kleiner Zug. Auch der Zug wird auf seiner Fahrt in Gura-Kalvarya halten.

Auf dem Platz und am Bahnhof wimmelt es an diesem Tag von Juden im Kaftan. Sie tragen ein Päckchen in der Hand, ihre Gesichter zeigen, daß etwas Wichtiges vorgeht, die Luft ist von ihrem Jiddisch erfüllt, sie drängen sich in Waggons und Autobussen.

Sie wollen bei dem erhabenen Wunderrabbi von Gura-Kalvarya Schabbes feiern.

Gura-Kalvarya, Kalvarienberg, ist ein Dorf, dreißig Kilometer von Warschau entfernt. Zweitausend Einwohner nur, und doch ein Nabel der östlichen Judenheit. Hier sucht der berühmte Zaddik Alter, der Nachfolger jenes Baal Schem Tov, der mit dem Sohar durch die Karpathen fuhr, den Kontakt mit Gott, ganz so wie bei uns die Radioliebhaber jeden Abend schwer zu erlangende Stationen suchen. Baal Schem Tov war, wie ich schon früher sagte, der erste Wunderrabi. Und Reb Alter, Zaddik von Gura-Kalvarya und mein Freund, ist auch einer!

Mein Freund? Ich darf ihn wohl dafür halten, denn er zögerte nicht – oder nicht sehr lange – sein Gespräch mit dem Himmel zu unterbrechen, um sich mit mir zu unterhalten. Ob wohl im Jahr mehr als ein Goj einer solchen Ehre gewürdigt wird? Zutritt zu finden zu Königen, zu berühmten Persönlichkeiten, zu Kollegen, das ist nichts; aber zu einem Heiligen?

Bei katholischen Heiligen wäre es ja nicht so schwer. Die sind tot. Man braucht nur in eine Kirche zu treten und vor ihrem Bild sein Anliegen vorzubringen. Jeder, der auch nur ein paar Pfennige verloren hat, kann dem heiligen Antonius von Padua einen Besuch abstatten. Die jüdischen Heiligen aber leben. Und es ist sehr umständlich, zu erreichen, daß man ihnen die Hand drücken darf!

Das ganze jüdische Warschau bemühte sich eine Woche lang für mich. Der Oberrabbiner, berühmte Advokaten und Ärzte telephonierten nach Kalvarienberg. Am sechsten Tag hatten sich die Verwandten des Heiligen noch immer nicht mit ihm in Verbindung setzen können. Sein Leib war zwar in Gura-Kalvarya, sein Geist aber weilte fern. Er schwebte in den Wolken, die unseren Augen wohl sichtbar waren, ihnen aber den Propheten Elia verbargen, der sich gerade über dem Hause Reb Alters niedergelassen hatte, damit der Geist Reb Alters zu ihm aufsteigen könne.

»Schicken Sie ihm doch eine drahtlose Botschaft,« sagte ich zu meinem Advokaten, »das ist wohl das einzig angebrachte Mittel!«

Am siebenten Tag kehrte der Geist Reb Alters wieder in seinen Körper zurück. Elia muß wohl sehr guter Laune gewesen sein, denn der Zaddik erklärte:

»Der Fremde kann kommen!«

Am achten Tag . . . .

Ich kam in Gura-Kalvarya an.

Beim Leben Abrahams, ich kannte diese Gegend! Hier waren drei Jahre zuvor, zur Zeit von Pilsudskis Staatsstreich, hundert Geier auf meinen Wagen herabgestoßen, Geier ohne Flügel, denen die Ostjuden so erstaunlich gleichen. Heute aber fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. Im Lauf von zwei Monaten gewöhnt man sich daran, daß Barte und lange Kaftans einen umgeben. Da sind sie wieder: die einzige Straße, der kleine Dorfplatz, hinter den Fensterscheiben noch immer dieselben Frauen mit den Perücken auf dem Kopf.

»Sind Sie denn schon einmal hier gewesen?« fragte Ben; »die zwei da behaupten, sie hätten Sie schon einmal gesehen!«

Diese Juden schauen sich die Passanten so genau an, daß sie noch nach drei Jahren mit dem Finger auf sie zeigen können!

Da wären wir also im Bereich eines Zaddik. Israel hat ein Dutzend solcher Wunderrabbis. Für sechs Millionen Frommer ist das nicht viel. (Die Juden Westeuropas und Amerikas, denen das Wort der Machthaber des Tages lieblicher klingt als das des Propheten Elia, zählen wir nicht mit!) Von den zwölf Wohnorten der Wunderrabbis sind vier Stammsitze großer Dynastien: Alexandrow, Radzimen, Bels und Gura-Kalvarya; das Amt des Wunderrabbi ist nämlich erblich.

Was ist ein Zaddik? Der irdische Dolmetsch des göttlichen Willens. Er lebt von der Welt abgeschlossen und kommt so in Beziehung zum Ewigen. Ist nicht der von Kotzk (Polen), den man den großen Schweiger nennt, dreißig Jahre stumm in seinem Zimmer eingeschlossen geblieben? Die Mission eines Zaddik besteht darin, das Volk Israel zu leiten. Zaren, Könige, Diktatoren können ihren Willen kundtun, der Zaddik aber behält das letzte Wort. Er kann auch heilen. Seine Spezialität sind Nervenkrankheiten. Er vertreibt den Dibbuk (den ruhelosen Geist eines Toten) aus dem Körper des von ihm Besessenen. Seine große Kunst ist, Frauen fruchtbar zu machen. Manchmal gelingt es ihm wirklich . . . . Selbstverständlich ist jeder Wunderrabbi ein Feind der anderen Wunderrabbis.

Glücklich das Dorf, in dem ein solcher Mann geboren wird. Der Segen des Herrn ruht über ihm, ein vollkommener Segen, der das geistige und das weltliche Leben umfaßt. Könnte es jemals an weißem Sabbatbrot und selbst an Brot für die übrigen Tage in der Nähe eines Zaddik fehlen? Über den Wundertäter geht ein wahrer Regen von Gaben nieder. Eine der seltsamsten Arten, ihn zu beschenken – sie scheint mir einzig dazustehen – ist die, ihn mit Prozenten an Handels- und Industrieunternehmungen zu beteiligen. Vor jedem Geschäft geloben die frommen Juden dem Zaddik 10 Prozent vom Gewinn. Man sieht dann diese merkwürdigen Schuldner nach Gura-Kalvarya pilgern, um ihre Wunderschuld zu bezahlen. Fünfzigtausend Francs Gewinn – also gehören fünftausend dem Zaddik.

Wenn die Zeit der großen Feste kommt, im Frühjahr und im Herbst, machen sich die Juden der östlichen Länder zu diesen heiligen Männern auf den Weg. Sie gehen zu ihnen, wie die Mohammedaner nach Mekka. Zehntausend, fünfzehntausend kommen zu Ostern und zu Jom-Kippur nach Gura-Kalvarya und schlagen hier ihre Zelte auf. So wie sie sich beim Auszug aus Ägypten in der Wüste um Moses lagerten, lagern sie heute in den Ebenen Polens um das Haus des Zaddik. Und zu solchen Zeiten findet dann jenes berühmte Mahl statt, wie es seit Baal Schem Tov üblich wurde. Es gibt nichts auf der Welt, das sich mit dem Anblick der Juden vergleichen ließe, die sich in wütendem Eifer die Karpfengräten streitig machen, welche auf dem Teller des lebenden Heiligen liegen geblieben sind!

Ulica Pijarska. Wir sind sicher auf dem richtigen Weg, da es ja in Gura-Kalvarya keine andere Straße gibt. Es ist Sonntag. Die Juden, die den Sabbat beim Zaddik verbracht haben, gehen zum Bahnhof. Wenn wir gekommen wären, um den Heiligen zu ermorden, könnten sie uns nicht mißtrauischer anschauen.

»Ja,« sagt ihnen Ben, »auch wir werden ihn sehen! Und sogar berühren!«

»Sagen Sie ihnen, daß ich ihm ein Haar aus seinem Bart reißen will!«

»Schweigen Sie, sonst wird man Sie noch steinigen!«

Und nun sind wir bei seinem Schwager, dem Hofmarschall, der die fremden Botschafter einführt. Was für ein phantastisches Haus! Man hat so stark den Eindruck, geradewegs in ein Rembrandtbild zu treten, daß man unwillkürlich stehen bleibt, um die Leinwand nicht zu zerreißen. In einer Ecke sitzt an einem wurmstichigen Pult eine wunderbare Prophetengestalt, mit dem Tallis auf dem Haupt, den Tefillin an der Stirn und am linken Arm; rechts von ihm steht ein Wassereimer. Langsam malt er hebräische Lettern auf ein Pergament. Mehrere Federn und verschiedene Arten von Tinte hat er vor sich. Es ist einer der berühmten Sopherim, ein Thoraschreiber. Wir wollen keine Bewegung machen und ihn still bewundern. Jedesmal wenn er den heiligen Namen des Ewigen zu schreiben hat, hebt er den Blick, segnet Jehovah, wäscht seine Hand in dem Eimer und nimmt einen anderen Federkiel. Zuweilen, bei besonders erhabenen Stellen, verläßt er sein Pult und badet seinen ganzen Leib im rituellen Bad. Dann trocknet sich der Schreiber Gottes ab, kleidet sich wieder an, nimmt seinen Tallis, krönt sich mit seinem Horn und greift wieder zur Feder.

Der Schwager des Zaddik ist ein überaus liebenswürdiger Mann. Er läßt uns tausendjährige Talmudexemplare bewundern. Die Seiten sind so oft umgeblättert worden, daß sie abgenützt sind wie uralte Treppenstufen.

Er vertraut uns auch an, daß der Wunderrabbi nicht wie ein Einsiedler lebe . . . . Eben ist er zum drittenmal unter den Traualtar getreten, und seine neue Gattin ist lustig wie ein Vogel und süß wie der feurige Wein Zions. Zweimal ist er in Jerusalem gewesen und alljährlich begibt er sich nach Marienbad. Leute aus der ganzen Welt schreiben ihm, sogar aus Amerika; und da ich aus Paris komme, wisse ich vielleicht, wo die Rue Lamartine ist? Nun, ein Pariser Korrespondent des Wunderrabbi wohne Rue Lamartine Nr. 28.

Ich habe das mit ganz besonderem Vergnügen vernommen. In Zukunft werde ich, wenn ich einem jüdischen Freund in der Rue Lamartine begegne, immer denken, daß er 10 Prozent seiner Einnahmen dem Zauberer von Gura-Kalvarya geloben will!

Wir müssen nun die Pijarskastraße überqueren. Das Haus des Heiligen liegt gegenüber.

Es ist eine Art Bauernhaus, mit einem Hof innen. In diesem Hof stehen als Zypressen fünf unbewegliche Juden. Über zwei Stufen geht es in ein Vorzimmer, in dem wir dreißig Juden mit feurigen Augen finden – vielleicht dreißig Schuldner! Der Schwager öffnet eine Tür. Jetzt sind wir in der Privatschule des Heiligen, seiner Jeschiba. Jünglinge und Greise sind über dasselbe Talmud- oder Soharexemplar gebeugt. Das gleiche Feuer lebt in dem, der seiner Geburt, und in dem, der seinem Tod nahe ist. Es sind die ungewöhnlichsten Köpfe, die ich bis jetzt auf meiner Reise gesehen habe. Der eine gleicht dem eines Merinoschafs, ein ganz kahler dem eines alten Kondors. Man würde sich nicht wundern, wenn der eine blökte und der andere mit den Flügeln schlüge. Der Schwager öffnet eine zweite Tür. Im Hintergrund eines großen leeren Zimmers, neben einem Fenster, vor dem man einen Misthaufen sieht, steht ein ziemlich kleiner, gedrungener, gutgenährter Mann mit einer hohen Pelzmütze auf dem Kopf, in einer napoleonischen Haltung, die Unterlippe vorgeschoben, und blickt uns an.

Es ist der Zaddik.

Sein Bart ist weiß und sein Blick, der den Besucher zu mahnen scheint, sich auf sich selbst zu besinnen, hat die Härte eines Diamanten.

Kein Stuhl in diesem Thronsaal. Sein Tisch, sein Sessel, sonst nichts. Diese Macht will Äußerlichkeiten nichts zu verdanken haben.

Jetzt stehen wir vor ihm. Er richtet eine Frage an seinen Schwager. Dann reicht er mir die Hand. Ben hat nur Anspruch auf eine kurze verächtliche Berührung mit dem kleinen Finger. Wenn ich ein Hund bin, so ist Ben ein noch niedrigeres Tier: ein Jude, der sich den Bart abgeschnitten hat, ist nicht sehr weit von einem Schwein entfernt. Nachdem die Begrüßungsformeln übersetzt sind, sage ich zu Ben: »Der schaut Sie aber böse an, alter Freund!«

Der Zaddik antwortet nicht auf Bens Fragen.

Ben ist entrüstet. Er sagt mir, so ein Buddha sei doch etwas ganz Unmögliches! Und er werde jetzt hebräisch mit ihm sprechen, um ihm zu zeigen, daß er es ebensogut könne wie der Rabbi selbst.

»Da er in Palästina war, soll er uns doch sagen, wie er über den Zionismus denkt.«

Ben formuliert die Frage.

Der Klang des Hebräischen scheint auf den Heiligen Eindruck zu machen. Er antwortet. Aber Ben verzieht das Gesicht.

»Was hat er gesagt?«

»Er sagt, Hebräisch sei eine Sprache des Gebets, aber keine für ein solches Gespräch. Ich möchte ihn gern fragen, in welcher Sprache er sich denn mit dem Propheten Elia unterhält!«

»Sagen Sie ihm lieber, daß ich bei seinen Juden ein furchtbares Elend gefunden habe und gern wissen möchte, wie er über ihren Zustand denkt.«

»Er antwortet, daß man auf Gott allein zählen müsse.«

»Und auf Geld nicht?«

»Nur auf jüdisches Geld!«

»Und auf Palästina?«

Ben ist entzückt, daß ich ihm Gelegenheit gebe, noch einmal darauf zurückzukommen. Die Frage ist dem Zaddik offenbar unangenehm, er wendet den Kopf ab.

»Drauf los, Ben!«

Reb Alter, der an Gespräche mit dem Propheten Elia gewöhnt ist, kann von einem elenden kleinen Juden aus dem Marmaroschgebirge nicht lange aus der Fassung gebracht werden. Er wendet sich ihm wieder zu, schmettert meinen lieben Rotkopf mit einem Adlerblick nieder und gibt dann einen kurzen Satz von sich.

»Er sagt, daß es nicht Sache der Menschen sei, Gott zu beraten.«

Nun schaut der Rabbi mich an und schenkt mir ein Lächeln und ein paar jiddische Worte.

»Er sagt, Ihr Besuch habe ihm Freude gemacht.«

Mit anderen Worten: der Heilige hat schon genug von uns gesehen!

Da ich nicht wußte, wo ich eine Kerze hernehmen sollte, um sie beim Weggehen zu entzünden, suchte ich nach einem Opferstock, um wenigstens eine Spende hineinzuwerfen. Ich konnte aber keinen finden. So verabschiedete ich mich denn.

»Reichen Sie ihm doch zumindest einen Finger«, sagte ich zu Ben, der sich wie ein Mensch ohne Erziehung aus dem Staub machen wollte.

»Wenn er zum Himmel aufsteigen will – meine Hand wird ihn nicht zurückhalten!«

So verließen wir das Wunderhaus; ein eiserner Blick trieb uns hinweg.



XIX

Leb wohl, Ben!

Wir müssen uns trennen, mein lieber Ben. Und wenn wir auch wohl keine Tränen vergießen werden, so sind wir doch seit jenem Abend in Munkacs, an dem Du mir einreden wolltest, daß die Papageien in den Karpathen nisten, sehr gute Freunde geworden. Wie sehr haben wir zusammen gefroren! Wo wird wohl unser Ewiger Jude aus dem Marmaroschgebirge in dieser Stunde sein? Ist er ans Ziel gelangt? Und in welchem Lande? Ist er seine Kerzen losgeworden?

Weißt Du noch, Ben, wie wir – Du mit deinem Buckel – um fünf Uhr früh in Oradea-Mare ankamen? Wir haben die Mesussa nicht wieder zurückgetragen, das war nicht recht von uns. Erbeben deine Verwandten in der »Galanterie« noch immer, wenn sie der Pogrome gedenken? Vielleicht werde ich den Pionier von Kischinew in Jerusalem wiedersehen?

Weißt Du, daß der Czernowitzer Uhrmacher in seiner Wut auf die Zionisten meiner Uhr den Rest gegeben hat? Und was haben wir nicht für arme Juden in Lwow gesehen! Und erst in Krakau! Wie schade, daß sie sich nicht photographieren lassen wollten! Die schönsten Aufnahmen sind verwackelt. Und Naiewki?

Wenn sich nicht der Wunderrabbi Deinetwegen so unzugänglich gezeigt hätte, wäre eigentlich alles ganz gut abgelaufen. Und jetzt wirst Du also nach Karpathorußland zurückkehren . . . .

Wir gingen durch Warschau, Ben und ich.

»Wenn Sie in Palästina sind,« sagte er mir, »so schauen Sie sich gut um und schreiben Sie mir von dort, ob es sich lohnt, hinzugehen und einen Versuch zu machen!«

»Wie kleingläubig Sie sind!«

»Ich bin ein Jude, der seinen Weg sucht.«

»Sie haben doch in der Tschechoslowakei einen gefunden!«

»Glaubt bei Ihnen ein Alpinist, wenn er beim Aufstieg in einer Schutzhütte übernachtet, schon auf dem Gipfel des Montblanc zu sein? Für uns Juden in diesem Teil Europas liegt der Montblanc noch in den Wolken.

Ich bin ins Marmaroschgebirge geflüchtet. Andere sind in Rußland, in Polen, in Rumänien geblieben. Aber der Umstand, daß wir gegenwärtig seßhaft sind, darf Sie nicht irreführen. Keiner von uns glaubt sich am Ziel. Wir sind alle noch unterwegs und wollen auf einen unzugänglichen Gipfel.«

»Sie sprechen von sich?«

»Von uns allen! Da ist keiner, dessen Seele sich mit der Zeit beruhigt hätte!«

»Aber ich erinnere mich doch, daß mir in Whitechapel ein paar Familien sagten, sie sehnten sich nach Rußland zurück. ›Ach, hätten wir doch in Rußland bleiben können!‹ hörte ich oft.«

»Dieses Bekenntnis bedeutet noch keine Sehnsucht. Übrigens ist Sehnsucht auch nicht gleichbedeutend mit Anhänglichkeit. Man sehnt sich oft in eine Lage zurück, die einen keineswegs befriedigt hat. Die Juden in Rußland? Sie wissen, daß man ihnen jetzt so etwas wie eine Ruhepause gönnt. Der Bolschewismus brachte ihnen den Frieden. Jedes Regime, das auf den Bolschewismus folgen wird, muß ihnen wieder Krieg bringen.

Sie werden für den Umsturz zahlen müssen. Die Pogrome Petljuras werden noch überboten werden. Alle wissen das – es wird grauenhaft werden. Und in Polen? Die Lage dort ist schlimmer denn je. In Rumänien: offene Feindseligkeit. In der Tschechoslowakei: man läßt uns in Ruhe, aber man kümmert sich nicht um uns. Das ist der Rahmen, der uns umspannt! Wer möchte da nicht heraus?«

»Das jüdische Volk, mein lieber Ben . . . .«

»Das jüdische Volk ist wie alle anderen Völker. Es gibt in ihm Zufriedene und Unglückliche. Und die Zufriedenen kümmern sich nicht um die Unglücklichen. Das jüdische Volk ist gevierteilt worden, das ist der einzige Unterschied. Jedes Volk hat sein besonderes Sinnbild, Sie brauchen sich nur die Geldmünzen anzusehen. Auf einige ist ein Hahn geprägt, auf andere das Gesicht einer Frau, ein Rutenbündel, ein Adler, ein Königskopf. Die jüdische Münze müßte ein kubistisches Bild zeigen: Arme auf einer Seite, einen Kopf auf der anderen, in einem Winkel Beine, und keinen Rumpf. Die Juden, die jetzt in Amerika und Westeuropa leben, bilden den Kopf. Die sieben Millionen in Rußland, Polen, Rumänien den Rumpf, der nicht mitzählt. Die, die sich, wie ich, auf den Weg nach Ichweißnichtwohin gemacht haben, das sind die Beine.«

»Und die Arme?«

»Das sind all die Elenden, die Ihnen die Hand hingehalten haben. Der Kopf hat seinen Platz gewechselt. Es ist das größte Wunder der Chirurgie, das ich kenne. Der Kopf hat uns eines Tages verlassen, zwei Flügel haben ihn fortgetragen; auf der Fahrt hat er sich vervielfältigt und sich dann auf die Schultern Englands, Frankreichs, Deutschlands, Amerikas gesetzt. Seither nährt er sich von fremdem Blut und hat uns völlig vergessen.

Wenn der Rumpf von furchtbaren Krämpfen geschüttelt wird – der Kopf hört das furchtbare Stöhnen nicht. Wir zerfallen ganz einfach in vier Teile:


1. Die Juden bei Ihnen: die Assimilierten;
2. die Juden hierzulande: die Eingekerkerten;
3. die Juden in Palästina: die Schwärmer;
4. die Juden meiner Art.« »Die Alpinisten also?«


»Alpinisten, die bisher nur die Karpathen ersteigen konnten! Erinnern Sie sich an die berühmte Schule in der St. Georgsstraße, mit den Studierenden, die Peies und runde Hüte trugen? Auch ich habe einmal zu ihnen gehört. Sie können mich ruhig ansehen, meine Stirn wird mich nicht Lügen strafen. Auch ich habe mir in Naiewki das Brot für mein Jugendstudium erbettelt. Nachts habe ich den Laden eines Kleiderhändlers in einer Sackgasse in der Nähe der Gänsestraße bewacht. Vierzehn Stunden im Tag trank ich Talmudweisheit, und vor zehn Jahren hätten Sie mich noch trunken wie alle anderen auf einer Bank in der Mesibtha hin und her wackeln sehen können. Auch mir war es bestimmt, ein eingekerkerter Jude zu werden, gefesselt durch die Religion und durch Polen; aber man fand keine Frau für mich, und ich bin aufgewacht, als ich das Rabbineramt antrat.

Nie werde ich meine Ankunft in der Gemeinde Podosk vergessen: ein Dorf im Dreck, zwei ausgehungerte, am ganzen Leib zitternde Hunde, die irgend was zum Fressen suchen, eine polnische Bäuerin, die von innen die Scheibe ihres Fensters putzt; ein Jude schiebt eine Karre mit Hammelfellen. Strohgedeckte Holzhäuser. Dazu hatte ich also sechs Jahre lang wie ein Besessener studiert. Mein kaftanumhüllter Leib bebte. Rabbiner sollte ich sein? Ein Führer Israels! Und wo? Hier? Dreißig, vierzig Jahre lang, bis zu meinem Tod? Ich empfand mich als einen solchen Nebbich, als einen so armseligen Menschen, daß ich, während ich mich der Herde, die ich weiden sollte, näherte, zu mir selber immer wieder sagte:

Nein! Nein! Nein!

Die erste Nacht in meiner Kate wurde entscheidend für mich. Im Traum sah ich die Welt. Konnte ich, da ich kein Vaterland hatte, mir nicht eines wählen? Die großen Marksteine unserer Hoffnung tanzten mir vor Augen: London, Paris, New York, Berlin! Konnte nicht auch ich den Kaftan von mir werfen, meine Peies abschneiden und mich assimilieren?

Mein Gedächtnis war in der Mesibtha so wunderbar geschult worden, daß ich an einem einzigen Tag Französisch, Englisch, Spanisch lernen würde, die Manieren der verschiedenen Völker und wie man einen Sakkoanzug trägt. Etwas in mir kochte über und der religiöse Geist verdampfte dabei.

Eine Woche blieb ich in Podosk. Und ohne jemanden zu benachrichtigen, vom Unbekannten angelockt, bestieg ich wieder den Zug nach Warschau.

Was soll ich Ihnen erzählen: ich ging auf den Markt am Ende der Zaliborska, da, wo man die Anzüge aus dem Desinfektionsofen herausnimmt und sogleich anzieht. Ich erstand mein erstes Sakko; es war grün; meinen ersten Hut; er war grau. Und da meine Hose ins Gelbliche ging, stellte ich einen nicht eben sehr eleganten Europäer dar. Sich die Peies abschneiden, das war beinahe wie eine Gotteslästerung.

Aber es mußte sein! Ein Spiegel in Naiewki belehrte mich, daß ich in meinem polnischen Anzug nicht meinen jüdischen Kopf spazieren führen könne. Die zwei dicken Haarsträhnen, die von meinen Schläfen herunterfielen, straften Hut und Sakko, die ersten Zeichen der Assimilation, Lügen! Ein Friseur in der Panska-straße schnitt mir die Peies ab. Und da »Panska« edelmännisch heißt, machte er mir natürlich klar, daß ich für meinen endgültigen Eintritt in die Welt keine bessere Straße hätte wählen können.

Und so stand ich nun vor dem Leben. Ob mein Gewissen dagegen protestiert hat, daß ich nun nicht mehr im Einklang mit dem hebräischen Gesetz war? Wenn ich in mich hineinhorchte, glaubte ich, böse Worte zu hören. Aber ich sagte mir: ›Mein Junge, mach dir nichts draus; bisher hast du dir einen unerlaubten Luxus gestattet, du hast gelernt in einem Land zu leben, das gar nicht existiert. Wenn du auch eine Beziehung zu Moses hast – was für eine Beziehung hat die heutige Welt zu Moses?‹

Und so wurde ich Lehrer bei ungarischen Juden. In den Ferien ging ich mit ihnen nach Italien. Von dem ersparten Geld konnte ich ein halbes Jahr in Grenoble leben, um Französisch zu lernen. Spanier, die ihren Urlaub in Uriage verbrachten, nahmen mich nach Barcelona mit. Dann ging ich nach Wien. Von Wien nach Prag. Sie haben mich im Marmaroschgebirge aufgelesen. Überall habe ich schon herumgeschnuppert, meinen Knochen aber noch nicht gefunden. Mein Bruder in New York gibt kein Lebenszeichen von sich. Aus einer erhofften Reise nach Brasilien ist nichts geworden. Dreißig Jahre bin ich alt und schlafe noch immer unter dem Brückenbogen der Völker!«

»Man wird schauen, ob sich nicht ein Bett für Sie findet, Ben.«

»Glücklich die Juden bei Ihnen, die das Gefühl haben, zu Hause zu sein! Wir hier sind alle nicht zu Hause. Darum müssen wir auf jede unserer Bewegungen achtgeben, immer eine Haltung haben, als wären wir zu Besuch, und höflicher sein als irgend jemand sonst. Man sagt, wir seien unterwürfig. Wir sind eben, wo wir auch sind, nur zu Gaste.

Wenn man wirklich zu Hause ist, in seiner Wohnung, kann man tun, was man will. Wenn man Lust hat, kann man in Hemdärmeln frühstücken. Ist man aber eingeladen, so muß man korrekt sein, auch wenn man nur zur Hefe gehört wie wir. Wissen Sie, daß die Juden meiner Kategorie am allerunglücklichsten sind?

Die Frommen warten auf den Messias. Die Assimilanten werden Lords in England oder Abgeordnete in Frankreich. Für die Zionisten ist ihr Traum Wirklichkeit. Wir aber, die Deserteure des Ghetto, wir sind die wahren Ewigen Juden.

Deshalb kann mich nichts mehr aufbringen als jene Volksgenossen, die sich in ihrem Luxus so sicher fühlen. Glauben sie denn, bis ans Ende aller Zeiten in den Ländern bleiben zu können, in die der Zufall sie geführt hat? Ein Volk wie das unsere muß seinen Wanderstab immer in Greifweite haben, denn die Gesetze der Länder, die es aufnahmen, werden manchmal so drückend, daß es sich die Luft zum Atmen anderswo suchen muß. Ein solches Volk darf sein Geld nicht verschleudern, sondern muß es festhalten für die Flucht. Geld, das ist der Paß der Juden.«

Ich sah meinen Gefährten an, meinen spitzfindigen Rotkopf, der seit zwei Monaten mit seiner Intelligenz auf mir spielte wie ein Musiker auf seiner Geige.

»Was wollen Sie also eigentlich, Ben?«

»Daß Sie, wenn der Zionismus eine Zukunft hat, nicht vergessen, es mir aus Jerusalem zu schreiben. Ich gehe dann hin und werde, da ich Jude bin, auch als Jude leben. Wenn nicht, so denken Sie an mich, sobald Sie wieder in Paris sind. Ich spreche dreizehn Sprachen. Glauben Sie nicht, daß zum Beispiel eine Schiffahrtsgesellschaft mich gut brauchen könnte? Ich hätte auch nichts dagegen, Engländer zu werden, aber da Sie Franzose sind und für mich eintreten wollen . . . .«

Wir gingen durch die Marszalkowska, und zwar auf den »Bacchus« zu, ein berühmtes Warschauer Restaurant. Ben kaufte eine jiddische Zeitung und überflog sie.

»In welchem Jahr glauben Sie zu leben?« fragte er mich.

»Im Jahr 1929.«

»Wir sind im Jahr 5690.«

Und er zeigte mir die Zahl auf dem Kopf der Zeitung.

»Für die Leser dieses Blattes fängt die Welt mit Adam an. Ich bitte Sie, diesen Umstand zu beachten. Das wirft vielleicht ein Blitzlicht auf die Situation. Im Marmaroschgebirge, in Bessarabien, in der Bukowina, in Galizien, in Naiewki, noch gestern in Gura-Kalvarya waren wir im Jahr 5690. Und in vierzehn Tagen, wenn Sie in Palästina landen, befinden Sie sich im Jahr Zehn des Zionismus. Verlieren Sie diese beiden Gesichtspunkte nicht aus dem Auge.«

Wie muß man die Beine auseinanderspreizen, um gleichzeitig auf Adam und auf Lord Balfour zu fußen! – Gerade jetzt fühlte ich aber ein lebhaftes Bedürfnis nach etwas mehr Gleichgewicht, und so kam es mir sehr gelegen, daß wir an der Eingangstür zum »Bacchus« standen. Die beiden Männer, die ihre Zeitrechnung verloren hatten, traten ein, in der Hoffnung, das Jahr 1929 auf dem Grund einer Flasche wiederzufinden oder, wenn es nicht anders ging, auf dem Grund eines Fasses.



XX

Das Gelobte Land

Hier ist Sonne! In Warschau habe ich vom Jahr 5690 Abschied genommen. Jetzt gehe ich ins Jahr Zehn ein.

Vierzehn Tage sind vergangen. Ich habe eine kleine Reise hinter mir und bin über das Mittelmeer gefahren. Die Sphinx, nicht die Ägyptens, sondern die der »Messageries Maritimes«, hat gegenüber von Jaffa Anker geworfen. Ich befinde mich auf der »Sphinx«. Vor uns liegt Palästina.

»Eure Wüsten, eure Einöden und euer Land voll Ruinen werden zu eng sein für die Menge derer, die sich eines Tages dort niederlassen werden.«

So sprach Jesaia, im fünfundzwanzigsten Jahr der Regierung Osias’, im Jahr 3219 nach der Weltschöpfung.

»Die britische Regierung wird die Errichtung eines nationalen Heims für das jüdische Volk in Palästina begünstigen und alle Kräfte darauf verwenden, die Verwirklichung dieses Planes zu erleichtern.«

So sprach Lord Balfour, im neunten Jahr der Regierung König Georgs V., im Jahr 1919 nach Christi Geburt.

»Die Regierung Seiner Majestät erachtet eine Verwirklichung des Wunsches des Dr. Weizmann, Palästina solle so jüdisch werden wie England englisch ist, für undurchführbar und hat einen solchen Plan auch nicht ins Auge gefaßt. Ebensowenig und zu keinem Zeitpunkt hat sie – was die arabische Delegation zu fürchten scheint – das Verschwinden oder die Unterordnung des arabischen Volkes, der arabischen Sprache oder Kultur in Palästina im Sinn gehabt.«

So sprach Churchill, im zwölften Jahr der Regierung König Georgs V.» im Jahr 1922 nach Christi Geburt.

»Herzl, Herzl, nun ist dein Traum verwirklicht!«

So sprach Herr Isaak Cahen, Passagier des Dampfers Sphinx, angesichts des Heiligen Landes, im vierten Jahr der Präsidentschaft Dou­mergues, im Jahr 1929 nach Christi Geburt.

Nachher hat niemand mehr gesprochen.

Die arabischen Bootsleute werden noch meine Reisetasche ins Meer fallen lassen. Nicht so schnell! Drängt nicht so! Aber das sind ja Piraten! – Vor uns liegen die beiden Zwillingsstädte dieser Küste: die alte, das mohammedanische Jaffa; die neue, das jüdische Tel-Aviv. Jaffa mit Minarets, Tel-Aviv mit der Kuppel seiner Synagoge. Die neue Stadt hat über die alte gesiegt. Wie haben die Juden gearbeitet!

Vor zehn Jahren gab es nur eine Sanddüne hier, und wie groß ist Tel-Aviv jetzt schon! Die Stadt ist wie Casablanca gewachsen. Welch ein großer Tag in der Geschichte! Seit neunzehnhundert Jahren wartet ein Volk auf diese Stadt! Nun haben die Juden endlich eine Hauptstadt! Da ist sie, ich kann sie sehen, Israel ist wieder auferstanden!

Vierunddreißig polnische Juden und siebzehn Jüdinnen kommen aus dem Leib der Sphinx hervor. Wie sie so auf der Schiffsbrücke stehen, sind sie ein lebendiges Bild für das Wort des Herrn: »Von allen Seiten werden eure Söhne und eure Töchter kommen.« Acht Tage lang hatten sie im Zwischendeck ihre kurzen Mahlzeiten und ihre langen Gebetstunden. Heute morgen aber sind sie wie toll geworden. Sie schreien vor Freude und strecken die Arme aus. Sie, die bisher respektvoll einen Umweg machten, damit man nicht einmal mit ihrem Schatten in Berührung komme, treten einem jetzt auf die Füße. Sie greifen sich ans Herz, an die Stirn, packen einander an der Schulter. Ja, ihr seid es wirklich! Zweifelt nicht mehr! »Nächstes Jahr in Jerusalem«: das ist heute!

Ins Boot! Ins Boot! Die Polaken stürzen vor. Sie eilen den Schiffsteg hinunter, als ob er zur Seligkeit führe! Und die Ruder, horizontalen Palmen gleich, bringen uns freudig ins Gelobte Land.

Die Eingangspforte ist nicht sehr groß.

Jaffa hat keinen Hafen. Diese kleine Enge zwischen zwei Felsen, gegen die das wütende Meer schäumend anstürmt, dient als Einfahrt. Ich begreife, warum die Juden so lange gewartet haben, ehe sie in ihr Land zurückkehrten: Der Zugang ist nicht sehr einladend! Die Polaken gestikulieren nicht mehr. Sie haben sich im ersten Boot zusammengepfercht. Ihre Rücken zeigen plötzlich wieder den altererbten Buckel. Ein Mann im Fez springt auf die Klippen; die Ruderer stoßen Schreie aus, um die Furcht zu verjagen. Hopp! Hopp! Ob wir durchkommen? Sicher! man kommt immer durch. Die Gefahr ist vorbei und die Juden richten sich wieder in die Höhe. Sie stehen im Boot auf und singen. Sie möchten, daß ihnen die Erde entgegenkäme, wie sie der Erde entgegenfahren, um sie früher küssen zu können. Vom Ufer blicken Mohammedaner uns an. Sie sehen nicht so aus, als ob sie uns die Arme entgegenstrecken wollten! Ihr, die ihr vor den Pogroms Europas flieht, werdet ihr denen des Orients entrinnen?

»Schalom!« heißt doch »Friede mit dir!« Aber wo immer ihr Juden euer Grußwort sprecht, antwortet man euch mit Krieg!

Wir legen an. Hier ist heiliger Boden. Die Juden knien nieder und küssen ihn. Doch wir wollen unsere Zeit nicht verlieren:

»Arabadji! direkt nach Tel-Aviv!« Und der arabische Kutscher fährt mit mir davon. Staub umwirbelt meinen Wagen und scheint ihn zu tragen wie Wolken den Wagen des Herrn. Hat denn der Orient noch immer nicht den Geschmack daran verloren, Unschlittkerzen in der Pfanne zu braten? Aber schweigen wir vom Geruch! Als wir Jaffa hinter uns haben, bin ich ganz durcheinandergerüttelt. Nun verbreitert sich die Straße, wir fahren auf geteerter Bahn, die Staubwolke senkt sich. Ich bin schon auf der Tel-Aviv-Road.

In Whitechapel, in Prag, im Marmarosch-gebirge, in Siebenbürgen, in Kischinew, in Czernowitz, in Lwow, in Krakau, in Wilna, in Lodz, in Warschau haben die Eigennamen ihre Schilder verlassen und sind mir vorausgeflogen. Goldman, Apfelbaum, Lipovitch, Blum, Diamond, Rapoport, Levy, Mendel, Elster, Goldberg, Abram, Berliner, Landau, Isaak, Tobie, Rosen, Davidovitch, Smith, Brown, Loevenstein, Salomon, Jakob, Israel – von neuem grüße ich euch! Ich bin übers Meer gefahren, aber meine Familie habe ich wiedergefunden!

Herzl, der Boulevardprophet, wie ihn Jérôme und Jean Tharaud ohne besondere Hochschätzung nennen, hatte in einem seiner Träume die erste jüdische Stadt sanft vom Ufer des Mittelmeeres aufsteigen und wie ein Frühlingshügel aller Blicke auf sich lenken gesehen. Tel-Aviv, der Frühlingshügel – da ist er!

Auch Jesaia hat diese Stadt vorausgesagt:

»Deine Fundamente werden aus Saphir sein. Deine Wälle werde ich aus Jaspis erbauen, deine Tore aus ziselierten Steinen und die Mauer, die dich umgibt, aus erlesenem Gestein.«

Man sieht: Jesaia lebte völlig in geistigen Regionen und pflegte keinen Verkehr mit den Herren vom Baufach! Man kann ein recht guter Prophet sein und braucht deshalb noch keinen Entwurf machen zu können.

Herzl kommt der Wirklichkeit viel näher. Der Jaspis ist leider Eisenbeton geworden!

Tel-Aviv! – die einzige Stadt der Welt, die zu hundert Prozent von Juden bewohnt wird!

Ich habe mich vom Arabadji getrennt. Wenn man mit rechtem Genuß staunen will, muß man zu Fuß gehen. Eine Revolution hatte sich vor meinen Augen vollzogen. Wo sind meine Kaftans, meine Barte, meine Peies geblieben? Meine Juden hier sind barhäuptig, rasiert, sie gehen mit festen Schritten, mit geöffnetem Kragen und freier Brust. Nein wirklich, die schleichen nicht mehr an den Mauern entlang! Mit militärischem Tritt gehen sie mitten auf dem Trottoir und denken nicht mehr daran, einem Polen, einem Russen oder Rumänen Platz zu machen.

Ein Wunder! ihr gekrümmtes Rückgrat hat sich aufgerichtet. Die Schultern aller haben die unsichtbare Last, die dieses Volk trug, von sich geworfen. Ich mache gar keinen Eindruck mehr auf sie.

Kein Auge mustert mich verstohlen. Jetzt bin ich es, der stehenbleibt und forschend um sich schaut. Mit stolzen und kalten Blicken gehen sie ihres Weges. Manchmal taucht ein sonderbares Wesen auf mit einem Kaftan, einem Bart und Peies! Die anderen zucken, wenn sie an ihm vorüberkommen, unmerklich die Achseln: was ist das für ein Gespenst?

Und die Frauen? Sie haben ihre Perücken in die Abfalleimer geworfen, ihre Haare kurz geschnitten und geben ihre Brust dem Winde preis!

Welch eine Verwandlung!

Herzl-Avenue! Boulevard Edmond-de-Rothschild! Max-Nordau-Straße! Die fast beendete Synagoge, der Zentralbau der Stadt, ist wie ein Symbol, sie ist die Fahne, die über diesem Lager weht. Die einzige und unbestrittene Fahne.

Kein Kreuz ragt in ihrem Schatten, kein Minaret. So war einst in Jerusalem der Tempel vor der Grabeskirche und vor der Omarmoschee da.

Zuerst glaubt man, dieses junge Tel-Aviv könne nur aus einer kleinen Häusergruppe bestehen und sei eine Siedlung, die sich mit dem Blick leicht umspannen läßt. Je mehr man sich aber umsieht, um so überraschter ist man. Dort wo man meint, daß die Welt ein Ende habe, fängt ein neuer Boulevard an. Häuserreihen folgen auf Häuserreihen. Und wenn es ein Lager ist, so ist es doch kein fliegendes Lager. Man hat Bäume angepflanzt!

Den Grundriß des »Frühlingshügels« hat man keineswegs monoton gestaltet, er hat nicht das Schachtbrettartige amerikanischer Städte. Die Straßen, die Plätze, die Boulevards, die Avenuen sind phantasievoll angeordnet. Alles ist hell, weit, sonnig, alles ist weiß. Lustig sieht es aus. Man merkt, daß alles aus dem unbedingten Willen hervorgegangen ist, das Ghetto zu vergessen. Man staunt beinahe, daß nicht alle Juden mit offenem Mund auf dem Trottoir stehenbleiben, um selig die Luft der Freiheit zu trinken.

Wieviele Zahnärzte es gibt! In jedem Stockwerk einen.

An den Haustüren sieht man fast ebensoviele Gebisse wie Klingeln.

Das kommt davon, armes Volk, daß du dich fast zweitausend Jahre lang von Abfällen ernährt hast!

Und gar Friseure! Wer in Tel-Aviv ein Haar im Gesicht behält, muß schon ein sehr widerspenstiger Bock sein! Alle drei oder vier Häuser lauert ein Friseur auf Kundschaft. Es herrscht eine wahre Revolte gegen das Bibelwort. »Ihr sollt euren Bart nicht scheren«, hat der Herr gesprochen. Ach was!

Kommt herein, ihr Juden aus Galizien, Wolhynien, Litauen und Bessarabien, ihr Bürger aus Berditschew und allen übrigen -ews und -ows! Ich rasiere, meine Frau rasiert, meine Kinder rasieren, meine Schwiegermutter rasiert. Und wenn der Tag zu kurz sein sollte, um alle zu rasieren, so rasieren wir auch in der Nacht. Ihr braucht euch nicht zu genieren, selbst um drei Uhr früh könnt ihr an der Nachtglocke läuten! Seit den Tagen Moses’ habt ihr euch nicht rasiert! Wie wollt ihr die verlorene Zeit einbringen?

Und Advokaten? Mein Gott, kaum seid ihr Juden im Heiligen Lande versammelt, so habt ihr schon an allen Straßenecken Händel miteinander? Denn alle diese Advokaten essen doch, und wenn sie zu essen haben, so beweist das, daß ihr miteinander streitet! Es sind euer vierzigtausend, die Tel-Aviv bewohnen, vierzig-tausend Juden ohne einen einzigen Goj, und ihr braucht so viele Advokaten?

Und ihr, ihr Ärzte? Ganz Tel-Aviv geht es ausgezeichnet. Die Ghettoflüchtlinge haben ihre Spitalsgesichter in den Karpathen gelassen. Keinen Kranken sieht man auf den Straßen, und aus den Häusern tönt Gesang. Was tut ihr Ärzte hier? Wartet ihr auf den nächsten Pogrom, um Arbeit zu bekommen?

Ein Mensch, der eben die Söhne Abrahams in den Karpathen oder an der Weichsel verlassen hat und sie vierzehn Tage später am Oststrande des Mittelmeers in Söhne Theodor Herzls verwandelt findet, hat wohl das Recht, verblüfft zu sein! In diesem Augenblick handelt es sich nicht darum, den Volkswirtschaftler zu spielen, eine Handelsbilanz aufzustellen, sich mit der Geste eines Buchhalters über die Stirn zu fahren. Wer so lange über Statistiken hockt, bis er vor Erschöpfung ganz blaß wird, weiß nicht, wie schnell die Statistiken selbst verblassen. Und ist denn das überhaupt die wichtigste Präge: ob all diese Zahnärzte, Friseure, Advokaten, Ärzte, Kaufleute und Stiefelputzer Geschäfte machen? – Ein Jude hatte eines Tages einen Traum. Er sah, wie seine armseligen Volksgenossen ihre Ketten zerbrachen, über das Meer flogen und, völlig verwandelt, sich auf der Scholle ihrer Ahnen niederließen. Sklaven waren sie, nun sind sie frei geworden.

In ihre Seelen trat Stolz an Stelle der Scham, Zuversicht an die Stelle der Furcht. Jeder von ihnen kann jetzt an sein Fenster treten und rufen: »Ich bin Jude und stolz darauf, es zu sein!« ohne daß er damit riskiert, sofort an den Schwanz einer wilden Stute gebunden zu werden. Öffnet nur die Augen, der Traum wird nicht zerrinnen, in Tel-Aviv hat er Gestalt gewonnen!

Der hebräischen Sprache haben sie neues Leben eingehaucht!

Aus dem Grab des Talmud ist sie auferstanden, den Strand von Gaza bis Akkon ist sie entlang gelaufen, vom Berg Thabor fliegt sie bis zum Ölberg, von Jericho bis nach Tiberias, sie ist heimisch geworden in der Ebene Jesreel. Hebräisch ruft das Kind nach seiner Mutter, belügt der Verliebte sein Mädchen, lockt Lichtreklame den Passanten an.

Die geweihten Buchstaben, die geradewegs von Gottes Krone sich herabsenkten, blitzen heute über den Türen auf.

Die Stadt ist erstanden.

Hier ist das Gymnasium, hier das Palace-Hotel, hier das Rathaus, hier das große Theater, hier der Wasserturm, hier die Post, hier das Sanatorium, hier das Krankenhaus.

Da ist der Strand und das Kasino.

Da die Bierlokale, die Kinos und Dancings.

Da Zinshäuser und Privatvillen.

Im Jahr 1908: kein einziges Haus; 1920: zweihundertundvierzig; 1921; eintausendsieben; 1926: dreitausendfünfzig; 1929: fast fünftausend!

»Du wirst errichtet werden!« ist der Wahlspruch dieser Stadt.

Der Araber aber hat schon am Tag, als der erste Grundstein gelegt wurde, geantwortet:

»Du wirst zerstört werden!«



XXI

Der Blutpreis

Es ist nichts Ehrenrühriges, zu gestehen, daß man im Dezember 1919 in Haifa spazieren ging. Es ließ sich hier so gut sein wie anderswo, und an irgend einem Ort muß man sich ja aufhalten. Aber hier war es sogar ganz gemütlich. Daß Regenzeit war, störte uns gar nicht. Ich schaute in die Weite, zum anderen Vorsprung der Bucht bei Akkon. Ich dachte an Napoleon, der dort kein Glück hatte, an die Moschee, die zur Erinnerung an seinen Mißerfolg errichtet wurde, und deren Kuppel eine der wunderbarsten Wölbungen unter dem Himmel des Orients ist. Ich fühlte mich so unbeschwert, atmete so mühelos, als ich plötzlich Araber, von denen jeder einen Knüttel in der Faust hatte, den Karmel herunterkommen sah.

Gegen wen zogen sie?

Gegen mich doch sicher nicht, denn wessen Unschuld konnte klarer zu Tage liegen als meine? Gegen die englischen Soldaten? Die waren überhaupt nicht zu sehen. Mit der Fahne des Propheten an der Spitze zogen die Araber an mir vorbei. Ich ging ihnen nach. Am Ufer des Meeres machten sie gerade im letzten Augenblick, ehe sie auf den Wassern hätten weitergehen müssen, halt.

Beim Landungsplatz schaukelte ein Schiff.

Und gegen dieses Schiff hatten es die Araber. Sie schwangen ihre Prügel und bedrohten es. Auf dem Deck des Dampfers aber erklang ein leidenschaftlicher Gesang. Es waren die ersten Zionisten, die ankamen.

Hatten denn die Araber in Palästina noch niemals Juden gesehen? Doch!

Aus dem zaristischen Rußland hatten die bösen Zeiten schon einige tausende Unglücklicher in dieses ebenso berühmte wie unbekannte Land getrieben: das war im Jahre 1882 gewesen. Ruiniert durch die Pogrome und nur mit dem nackten Leben davongekommen, hatten diese Bessarabier, diese Ukrainer, die mit biblischer Literatur vollgestopft waren und ihr bisheriges Leben gründlich satt hatten, den Namen Chowewe-Zion, Liebende Zions, angenommen; wie in den Zeiten der Bundeslade verankerten sie ihre Hoffnung in dem heimatlichen Boden.

Das Land gab weniger her, als man nach den Worten der heiligen Thora hätte glauben sollen. Es floß weder Milch noch Honig, sogar das Wasser tröpfelte nur. Und die einzige Musik, die zu hören war, bestand im Summen der Moskitos. Aber gibt es für einen Liebenden, für einen jungen Liebenden Hindernisse?

Er erklettert den Balkon bis zu dem Tag, an dem der Balkon unter ihm zusammenbricht. Ähnliches geschah hier. Ruiniert, geschlagen, leidend, blutleer schleppten sich die Chowewe nach kurzer Zeit enttäuscht und malariakrank durch das Land, das Moses selbst für so viel freigebiger gehalten hatte.

Alle wären sie zugrunde gegangen, da schwebte ein Engel vorüber! Er warf Geld, Chinin, Milch und Honig vom Himmel herab.

Mit den Türken führte er die Sprache der Scheckbücher. Wie es ein Staat bei einer neuen Kolonie zu machen pflegt, so schickte er einen Residenten, einige Verwalter, ein Sanitätskorps. Er gründete Schulen und Spitäler. Er zahlte Schulden. Er gewährte Vorschüsse. Er sprach zu Israel: »Steh auf und wandle!« Und Israel stand auf und wandelte. – Dieser Engel war der Baron.

In Palästina hatte es Propheten, Richter, Helden und Könige gegeben; aber es gab nur einen Baron.

So wie in Italien nur einen Duce.

Der Baron Palästinas ist Edmond de Rothschild. Er ist der einzige Privatmann der Welt, der eine Kolonie besitzt.

Das will noch etwas anderes heißen, als wenn sich Leute einen Rennstall zulegen!

Grüßen wir ihn und kehren wir zu unserem Gegenstand zurück.

Weder die Liebenden Zions noch die Kinder des Barons erhitzten die Gemüter der Araber.

Gewiß, wenn sich ein Anlaß geboten hätte, die Juden am Bart zu zupfen, so hätten die Araber das mit besonderem Vergnügen getan. Aber es ging auch ohne solchen Zeitvertreib. Die Araber duldeten die frommen Juden Jerusalems, und so war es für sie auch keine Staatsaffäre, wenn ein paar Unglückliche, die aus Bessarabien kamen, vom Baron Rothschild in goldenen Armen gewiegt wurden.

Allah war über diese Dinge erhaben.

Da kam der Krieg. Die Türkei, von der Palästina verwaltet wurde, war in dem einen Lager, das andere umschmeichelte mit Hilfe des Intelligence Service, der im Dienste Seiner Majestät des Königs von England stand, die Araber. Die Engländer versprachen, wenn sie siegten, ein arabisches Königreich zu errichten, ein Königreich, groß und herrlich wie im Märchen.

Und nun kam der Sieg. England blähte seine Backen und blies. Das arabische Königreich wurde weggeblasen. Israel trat an die Stelle Arabiens.

Das Studium der Dokumente ist hier nicht weiter wichtig. Ob man die Niederlassung der Juden in Palästina als nationales Heim oder als jüdischen Staat bezeichnet, das ändert nichts an der Tatsache. Und Tatsache war: diesmal kamen die Juden nicht als Bettler, sondern als Bürger. Sie baten nicht mehr um Gastfreundschaft, sie nahmen den Boden in Besitz. Sie wollten nicht mehr geduldet, sondern gleichberechtigt sein. Und Abraham strahlte, während Mohammed sein Gesicht verhüllte.

Eine Geschichte wird diese Metamorphose anschaulicher machen. Sie ereignete sich an dem Tag, an dem General Allenby in Jerusalem einzog. Ein Jude klopft an die Tür eines Arabers. Der Jude und der Araber sind zwei alte Freunde. Ihre gegenseitige Liebe muß schon sehr groß sein, da sie sich von Tempel und Moschee nicht hat antasten lassen. Der Araber öffnet dem Juden.

»Ich verfluche deinen Vater,« sagt der Jude zu ihm, »fünf Mal verfluche ich ihn.«

Das ist in diesem Land die unverzeihlichste Beleidigung. Der Araber steht einen Augenblick versteinert da. Dann fragt er:

»Warum? Was habe ich dir getan?«

»O mein Freund,« erwidert der Jude, »du wirst mich verstehen. Bis heute früh war ich dein Sklave. Wenn ich einen solchen Fluch ausgestoßen hätte, so hättest du die Polizei herbeigerufen, und ich wäre ins Gefängnis geschleppt und geschlagen worden wie ein Hund.

Gestern noch war ich ein Hund. Heute bin ich ein Mensch. Ohne etwas zu riskieren kann ich dir dasselbe sagen, was du mir sagen konntest, ohne etwas zu riskieren. Neunzehnhundert Jahre der Bedrückung haben sich in diesem Aufschrei Luft gemacht. Ich konnte ihn nicht zurückhalten. Vergiß ihn, vergib mir, und laß dich umarmen . . .«

Der starke Wein der Unabhängigkeit stieg nun den jungen Juden zu Kopf. Eine heroische Epoche begann. »Die von Ehre, Freiheit, Glück besonnte Zukunft«, die Herzl angekündigt hatte, hob an.

Nun sah man etwas Herrliches: das Ideal, das über den gemeinen Nutzen siegte. Die Juden, die jungen Juden Palästinas machten vor den Augen aller Völker der Menschheit Ehre.

Mit feurigen Seelen kamen sie ins Land. Zehntausend, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend. Sie waren das letzte Beispiel dafür, was für große Bewegungen Ideen in der Geschichte hervorrufen können.

Der Glaube, nicht an das Göttliche sondern an die Erde, verklärte sie. Sie kamen, um das Recht zu erringen, die zu sein, die sie waren. Ein schönes Schauspiel! Ärzte, Lehrer, Advokaten, Maler, Dichter nahmen den Kampf mit der Wildnis auf, griffen zu Hacke und Schaufel. Und wenn man auch zugibt, daß die Araber seit Jahrhunderten und Jahrhunderten das Land bewohnten, so muß man doch betonen, daß sie die Arbeit nicht zu Ende geführt haben. Sie lebten hier wie schöne freie Tiere im Dschungel.

Gewöhnlich geht im Leben der Ehrgeiz von der Handarbeit zur geistigen Arbeit. Der Arbeiter, der seinem Sohn einen freien Beruf ermöglicht, glaubt, ihn auf der sozialen Stufenleiter vorwärts gebracht zu haben. Die neuen Juden verfuhren umgekehrt. Der Doktor Juris wurde Erdarbeiter, der Student Bauer. Dieser Steinklopfer hatte in Moskau Bilder verkauft. Dieser Kuhhirt war in Prag Geiger gewesen. Dieser Friseur aus Tel-Aviv war in Lwow wegen seiner glänzenden Plaidoyers geschätzt. Diese Bäuerin hatte im Großen Theater in Warschau gesungen. Und dieser Alte, einst Religionslehrer in Wilna, hütet jetzt bei Nazareth Schafe. Ein jüdischer Schafhirt? Und bis zum heutigen Tage hatte man uns immer nur von jüdischen Bankiers erzählt, die ihre Klienten schoren!

Man muß schon ein zäher Realist sein, um es beim Idealismus auszuhalten! Sie aber waren solche Realisten, die schufteten, schwitzten . . . starben. Diese Weißhäute unternahmen einen Kreuzzug gegen die Moskitos, diese Intellektuellen legten Sümpfe trocken, dieser Bibliothekar sprengte Felsen, dieser Städtebummler lagerte in der Wüste von Judaea. Wo eine Düne war, da erstand eine Stadt. Aus steinigem Boden wuchs die Orange empor. Die Distel floh vor dem Getreidehalm. Nicht länger lag Palästina wie eine Mumie da – langsam, langsam erhob es sich!

Kolonien – so nannte man die Dörfer – folgten auf Kolonien. Bald war das Land mit ihnen bedeckt. Aus den Namen, die man ihnen gab, sang die Hoffnung: Tel Or, Hügel des Lichts; Daganjah, Getreide Gottes; Nachlath Jacob, Erbe Jakobs; Mischmar Hajarden, Wacht am Jordan; Tel Chaj, Hügel des Lebens; Menorah, die Leuchte!

Die kleinen Mädchen hießen nicht mehr Esther, sondern Karmela (nach dem Berg Karmel), Hermona (nach dem Berg Hermon), Jardena (nach dem Jordan), Sarona (nach der Ebene Saron), Herzlia (nach Theodor Herzl).

Zwanzig Jahrhunderte hatten sie im Exil verbracht und sprachen achtzehn Sprachen: Russisch, Kleinrussisch, Polnisch, Rumänisch, Tschechisch, Bulgarisch, Ungarisch, Deutsch, Holländisch, Spanisch, Englisch, Italienisch, Türkisch, Yemenitisch, Arabisch, Persisch, Jiddisch, die Sprache des Ghettos, und Französisch, die Sprache der eleganten Leute; nun aber zogen sie aus der Tiefe der Zeiten die hebräische Sprache hervor und machten sie in den Schulbüchern und auf den Straßenschildern heimisch. Aber das sind ja Dinge, die man weiß.

Nicht alle Kämpfer freilich waren Helden. Es gab auch welche, denen das Herz in die Hosen fiel, Hasenfüße, Männer, deren Glaube dürftig war und die nicht wagten, fest aufzutreten. Es gab auch Frauen von der Sorte, die das Leben unerträglich finden, wenn keine große Schneiderin in der Nähe ist, wenn es keine Fünfuhrtees und keine Bogenlampen gibt. Infolgedessen kam es zu einem Auszug in entgegengesetzter Richtung. Das Leben im Gelobten Land lohnte sich für diese Leute nicht.

So kam es zu einer Krise in Tel-Aviv.

Die Engländer waren entzückt. Habt ihr etwa auch nur einen Augenblick lang geglaubt, sie hätten die Juden nach Palästina gebracht, um ihnen einen Gefallen zu tun? Die Juden waren für sie Steine im Spiel und sie benützten sie, um die Partie zu gewinnen. Wenn aber das Spiel gewonnen ist, legt man die Steine wieder in die Schachtel zurück. England stürzte sich auf die Krise und hatte nur Angst, sie sei vielleicht nicht ernst genug. Mit Freuden ließ es die weg, die es selbst ins Land gebracht hatte, und schloß die Tür vor denen, die gern kommen wollten.

Das war die Zeit, in der die Leute ohne Ideal alles verloren glaubten. Man vergaß, was wesentlich war für dieses Unternehmen. Man sprach vom Zionismus, als ob es sich um ein kurioses und schon gescheitertes Experiment handelte. Die Zeitungen druckten mit Behagen lächerliche Berichte über das Kinderdorf und die kommunistischen Kolonien. Als ob es sich darum gehandelt hätte!

Der Zionismus ist niemals ein Experiment gewesen, sondern immer eine Idee.

Und dies war seine Idee: wenn nur ein Jude existiert, der es satt hat, Franzose, Engländer, Österreicher zu sein, nur ein Jude, der frei als Jude leben will – wird sich dieser Jude dann nicht mit aller Kraft an das Stück Erde klammern, auf dem er sich als Jude bekennen darf?

Er wird sich daran klammern.

Entgegen dem Wunsch Englands und trotz der Gleichgültigkeit der durchschnittlichen Juden kauften die neuen Juden mit dem Geld, das aus New York und anderswoher kam, ein Stück Palästina nach dem ändern. Und sie errichteten Fabriken, bauten Mühlen, pflanzten Weizen, Wein, Gerste, Mais, Tabak, Orangen, Bananen, Zitronen und zwangen mit Hilfe kühner Anlagen den Jordan, ihnen Licht für die Nacht zu geben.

So ging die Krise vorüber.

Die Unruhe der Araber wurde immer größer.

Die kleinen Judenmassakers schüchterten die Juden nicht mehr ein, und wenn die Araber einen Juden töteten, so töteten die Juden zwei Araber, und für zwei Juden vier Araber! Und wenn ihr mich fragt, was die Engländer zwischen den zwei Parteien machten? Aus dem Staub machten sie sich! Man sah sie nicht mehr. Sie waren sehr stolz auf diese Leistung. Frankreich brauchte eine Armee, um Syrien zu halten. Die Engländer aber? Sechs Mann zu Pferd, und Palästina war in ihrer Hand.

Palästina? Siebenhunderttausend Araber waren auf der einen Seite, hundertfünfzigtausend Juden auf der anderen; die Araber hatten das ihrige getan, und die Juden träumten nun davon, zu zeigen, was sie konnten.

»Dreihunderttausend, fünfhunderttausend der Unseren werden ins Land kommen!« rief am Jaffaer Tor der Jude Jabotinsky, der Führer der Extremisten.

»Wir lassen euch nicht landen!« erwiderte der Araber Nashashibi – Ragheb Bey Nashashibi, der Bürgermeister von Jerusalem.

»Wir werden hier regieren«, sagte mir Jabotinsky.

»Sie werden nicht regieren«, gab mir Nashashibi zu verstehen. »Wir werden ihnen das Land nur zu dem Preis abtreten, den wir selbst dafür gezahlt haben!«

»Und welches ist dieser Preis, Ragheb Bey?«

»Der Blutpreis, mein Freund.«



XXII

An der Klagemauer

Ich ging durch Jerusalem, an der Innenseite der Mauern entlang. Es war an einem Freitag, am späten Nachmittag. Mit Kaninchenfellhüten auf dem Kopf und in ziemlich mitgenommene Seiden- oder Samtgewänder gekleidet, deren Farben noch nicht so verblichen waren, daß man nicht hätte merken können, die Kleider seien einmal lila, wassergrün, kanariengelb, amarantfarben, taubengrau oder blau gewesen, wie der Himmel nach einem Gewitter – so schlichen die Juden, Moses’ alte Juden, wie etwas ramponierte Magier durch die überwölbten Gäßchen dieses heiligen Labyrinths. Die einen führten ein Kind an der Hand; die anderen schritten, einzeln oder in kleinen Gruppen, in würdiger Haltung dahin, als ob eines Königs Hand sie berührt hätte; alle begaben sich zur Klagemauer.

Dieses Bröckchen der alten Tempelmauer ist alles, was von der Herrlichkeit eines Volkes übrig geblieben ist. Der fünfzig Fuß lange und dreißig Fuß hohe, in einem Winkel der Stadt verborgene Mauerrest entfesselt wilde Stürme in der Seele Israels. Sobald die Juden ihn erblicken, werfen sie ihm Küsse zu. Aber wir wollen ihnen folgen. Da sind sie. Sie gehen nun rascher. Sobald sie an der heiligen Stätte sind, berühren sie sie mit den Lippen und liebkosen sie mit der Hand. Die ganz Alten haben Stühlchen mitgebracht, auf die sie sich setzen. Tränen der Verzückung treten ihnen in die Augen. Der rechte Teil, etwa drei Viertel der ganzen Mauer, ist für die Männer bestimmt; das letzte Viertel, links, ist für die Frauen. Eine unaufhörliche Klage, die aus den Klagen Aller zusammenströmt, eine unharmonische, erschütternde Klage krönt die alte Mauer mit einem tönenden Strahlenkranz.

Schauen wir einmal: weint diese junge Frau da wirklich? Sind es wirklich Tränen, die, Tropfen um Tropfen, auf die Steinplatte niederfallen? Ja, es sind Tränen. Sie ist hübsch, und sie weint. Sie weint im Freien, vor Unbekannten, nicht über vernichtetes Liebesglück, sondern über den Verfall ihres Volkes.

Über ein heiliges Buch gebeugt, wiegen sich Männer hin und her. Dem Wind Judäas geben sie ihre herzzerreißenden Gebete mit. Wie unglücklich muß man sein, um so zu stöhnen! Wenn sich ihre Körper nicht mehr nach vorn und rückwärts beugen, so treten sie mit den Füßen auf derselben Stelle; einige, die nur den einen Fuß bewegen, sehen aus wie Scherenschleifer. Laut und schallend wird die Mauer geküßt. Andere wieder küssen sie so zart, als ob sie einen Toten umarmten. Seht euch diese beiden Juden da an, sie halten die Augen so krampfhaft geschlossen, daß ihr ganzes Gesicht sich in Falten legt. Sie heben sich auf die Fußspitzen und beginnen zu zittern, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Und jener dort? Mit gerungenen Händen fleht er die Mauer an, wie wenn die Mauer ein Mensch wäre, von dem das Glück seines Sohnes abhängt. Und jener andere dort? Er legt plötzlich den Kopf in seine rechte Hand und gebärdet sich so verzweifelt, daß ich am liebsten Zu ihm hinginge und ihn fragte: »Was haben Sie, mein Freund? Kann ich etwas für Sie tun?« Mit drohender Faust weist ein hagerer, in einen tabakfarbenen Kaftan gekleideter Mann zum Himmel, während sein Nachbar den Kopf Zurückgeworfen hat und Grimassen schneidet, daß man meinen könnte, er gurgle mit Cayenne-Pfeffer. Mit langen zitternden Fingern fahren andere über die Quadern, als wären es die Tasten eines Klaviers. »Israel! Israel!« schreit plötzlich ein Greis und drückt seine Nasenflügel heftig zusammen, wahrscheinlich um nicht aufschluchzen zu müssen. Erschöpft lassen jetzt alle ihre viel zu schwere Stirn an den vertrauten Steinen ruhen.

Die Nacht brach herein. Die Juden . . .



XXIII

Hallo! Europa!

So weit war ich, nach Frankreich zurückgekehrt, mit meinem Bericht gekommen, als an einem schönen Abend ein Freund meine Tür aufriß und mir zurief:

»In Jerusalem schlägt man deine Juden tot!« Ich sprang von meinem Tintenfaß auf. Der Freund hielt mir eine Zeitung hin. Man schlug sie tot! Man schlug sie sogar einige Monate vor der angekündigten Zeit tot.

Ich warf meinen Federhalter in die Ecke, nahm meinen Hut, einen Zug, dann einen Dampfer.

Wieder fuhr ich ins Gelobte Land. War es zu glauben, daß England völlig taub sei? Ein Kind, ein ganz kleines Kind hätte bei einigem guten Willen in der letzten Zeit das Fieber im Lande Kanaan messen können. Hatten wir nicht im vergangenen April, als wir drei – ich zwischen dem Araber Ragheb Bey el Nashashibi, dem Bürgermeister der heiligen Stadt und Führer der Bewegung, und dem englischen Gouverneur der gleichen heiligen Stadt – es uns nach einem Diner am Vorabend der Nebi Mussafeier (die Araber haben den Propheten Moses adoptiert) auf dem Diwan bequem machten, erwogen, wie es mit der Aussicht auf Ruhe und insbesondere mit der Aussicht auf Unruhen stehe? Ragheb Bey el Nashashibi hat nicht die Gewohnheit, mit seinen Gedanken hinterm Berg zu halten. Bei der ersten Gelegenheit werde er die Juden davonjagen. Das sagte er dem ehrenwerten Vertreter Seiner britischen Majestät ins Gesicht. Und Seine Majestät hatte nur hundertvierzig Soldaten für Palästina übrig?

Aber dies ist nicht der Augenblick zu langen Erörterungen. Kommen wir zu den Tatsachen und fangen wir mit Jaffa an.

Ein kleiner Sturm. Dann günstiger Wind. Dann wieder große Hitze. Acht Tage sind vorüber. Da sind wir.

Gehen wir ans Land.

Die Zollrevision habe ich hinter mir. Der Boden brennt. Ich rufe einen Arabadji.

Der Kutscher kommt herbei.

»Tel-Aviv, Hôtel Palatin«, sage ich ihm.

Der Arabadji macht eine ablehnende Kopfbewegung und entfernt sich.

Die arabischen Kutscher fahren nicht mehr in die Judenstadt. Die jüdischen Kutscher kommen nicht mehr in die Araberstadt. Was tun? Muß ich hier auf der staubigen Straße stehen bleiben, ohne etwas anderes zu sehen als meine schweinslederne Reisetasche, meine treue Gefährtin?

Mir fällt ein, daß die Agentur der »Messageries Maritimes« mir wohl aus der Patsche helfen kann. Ich mache mich also auf den Weg zu ihr. Ich könnte sagen, die Straßen riechen nach Aufruhr. Aber das wäre purste Literatur. Es riecht nur nach Hammelfett, ich gehe, aber in einem einzigen Augenblick, während ich mir die Stirn trockne, hat sich der Anblick Jaffas plötzlich verändert. Leute laufen und suchen sich im eigenen Haus oder bei Bekannten in Sicherheit zu bringen. Eiserne Rollläden rasseln herunter. Hölzerne Fensterläden werden krachend zugeschlagen.

Die Droschken verlassen ihren Standplatz und jagen unter Peitschengeknall davon. Eine echt orientalische Panik durchläuft die Stadt. Was ist los?

Ich komme ins Büro der »Messageries«.

»Was geht denn vor?« – »Wir wissen es nicht.«

Ein Mann kommt herein und sagt:

»Ein Araber ist durch die Straßen gelaufen und hat geschrien: Khalas!« – »Was heißt: Khalas?« – »Es ist geschehen! Es ist vollbracht!« – »Was denn?« – »Niemand weiß es!«

Palästina ist heute eine sehr empfindliche Membran. Niemand wußte etwas, weil nichts geschehen und nichts vollbracht war. – Erst eine Stunde später kehrten Vernunft und Ruhe zurück.

Was hat denn dieses Land seit meiner Abreise erlebt, daß es so aufgewühlt ist? – Folgendes ist geschehen:

Seit dem 27. Juli ist die Luft um die Klagemauer immer dicker geworden. Die Mohammedaner haben die palästinensische Regierung dazu gebracht, die Entscheidung, wonach der Status quo aufrecht erhalten werden sollte, aufzuheben, und haben dann links von der Klagemauer eine Wand, unter dem Vorgeben, sie sei baufällig, erhöht und im Hintergrund des Gäßchens ein Tor durchgebrochen.

Dieses Tor entsprach einem dringenden Bedürfnis, nämlich dem, den Juden das Leben sauer zu machen. Die Araber fingen an: zur Stunde des Gebets kommen sie durch das Gäßchen. Und da die Araber oft mit Eseln herumziehen, gehen die Esel ihnen nach, und da die Esel gescheit sind, so unterlassen sie es nie, ein Klagegeschrei zu erheben, wenn sie an der Klagemauer vorbeikommen.

Die jüdische Presse ist aufgebracht. In diesen Tagen halten die Juden gerade einen Kongreß in Zürich ab. Es werden Telegramme nach Zürich geschickt. Der Kongreß delegiert zwei seiner Mitglieder nach London, damit sie dort Beschwerde führen.

Der 15. August ist ein jüdischer Trauertag. Es ist der Jahrestag der Zerstörung des Tempels. Am Vorabend sind die Juden in feierlichem Zug zur Mauer gekommen. Am 15. halten sie im ganzen Land Zusammenkünfte ab, um gegen die Haltung der Araber zu protestieren.

Aber am 15. fand noch ein bemerkenswertes Ereignis statt. Etwa vierhundert Junge Juden sind von Tel-Aviv nach Jerusalem gezogen und haben sich, von Polizisten eskortiert, stolz zur Mauer begeben. Hier trat einer von ihnen vor und hielt eine Rede. Ein anderer entfaltete die blauweiße Fahne, das neue Banner der jüdischen Erde.

Das war die unpolitischeste, die unbedachteste Handlung der Juden seit ihrer Rückkehr nach Palästina. Man gab so den Arabern zu verstehen, daß sie es jetzt nicht mehr mit den alten Peies-Juden zu tun hätten, sondern mit den Jungen, den Bartlosen und Breitschultrigen, den stämmigen Burschen im Schillerkragen!

Die Ungeduld, der Hochmut dieser jungen Mannschaft gab den Feinden die erwünschte Gelegenheit.

Und die Feinde ergriffen sie beim Schöpf.

Je mehr sich die Position der Juden in Palästina festigte, um so mehr waren die Feudalrechte der arabischen großen Herren bedroht, Daher war für sie die Zeit gekommen, der jüdischen Invasion Halt zu gebieten.

Zu diesem Zweck mußten sie ihre Fellachen (ihre Hörigen) aufstacheln, deren Lebensweise von den Juden nicht sonderlich beeinträchtigt wurde. Schon früher hatte man begonnen, die Fellachen mit erfundenen Nachrichten zu bearbeiten.

Wie schon im Mittelalter klagte man die Juden an, scheußliche Krankheiten zu verbreiten. Es war ein Gerücht im Umlauf, daß sie vergiftete Bonbons und Früchte unter die mohammedanischen Kinder verteilten. Wurde nicht sogar behauptet, daß sie sich an verschleierten Frauen vergriffen? Aber es fehlte an Beweisen. Religiöser Fanatismus allein war imstande, die Massen aufzuwiegeln.

Jetzt hatte die Stunde geschlagen. Die Batterien waren bereit. Der Großmufti, ein sehr anmutiger junger Mann, trat in Aktion. Kleine Schriften wurden in Eile gedruckt und an die Imams der Dörfer verschickt. Die Imams lasen sie den versammelten Fellachen vor. In ihnen stand, die zionistische Fahne vor der Klagemauer sei für die Juden ein Signal, die heiligen mohammedanischen Stätten anzugreifen.

War denn nicht die Klagemauer selbst eine dieser heiligen Stätten? Mohammed hatte sein Pferd Burak an sie angebunden, ehe er es bestieg, um in den Himmel emporzufliegen. Es war höchste Zeit. Schon schickten sich die Juden an, die Omarmoschee und die Al-Aksamoschee zu zerstören. Gefälschte Bildchen, die die zionistische Fahne über der Omarmoschee zeigten, gingen von Hand zu Hand. Die geistlichen Häupter öffneten beschwörend den Koran: »O Gesetz unserer Väter, das wir zu verteidigen schworen, zeige uns unsere Pflicht!«

Mehr brauchte es nicht.

Am 16. August, dem Muludtag, an dem die Geburt des Propheten gefeiert wird, versammeln sich zweitausend Araber aus Jerusalem am Moscheenplatz und dringen in die enge Gasse ein, deren eine Seite die Klagemauer bildet. Sie zertrümmern den alten Holztisch des Mauerwärters, zerfetzen und verbrennen die Gebetbücher, reißen aus den Mauerfugen die kleinen Zettel heraus, auf denen die Juden naive Gebete aufgezeichnet haben. Unterwegs verprügeln sie alle alten Seidenkaftans, die ihnen begegnen.

Am 17. August spielen im Bucharaviertel Junge Juden Fußball. Dabei fällt, wie es scheint, der Ball auf ein mohammedanisches Grundstück. Die Fellachen greifen die Juden an und verwunden mehrere. Einer von diesen stirbt. Man begräbt ihn am 21. August. Die Juden verlangen, daß man den Toten am Jaffator vorbeiführe, wie es Brauch ist, wenn man einen Toten besonders ehren will. Die Polizei widersetzt sich. Es gibt einen Zusammenstoß. Zwanzig Juden werden verwundet.

Der Großmufti ersucht das französische Konsulat um ein Visum, weil er einige Zeit in der gesunden Luft des Libanon verbringen möchte. Es wird ihm abgeschlagen.

Immer noch sind nur hundertvierzig Soldaten Seiner Majestät in Palästina!

Freitag, den 23. August – es ist das Datum des Bartholomäustages – dringen beim Morgengrauen Araber in großen Massen in Jerusalem ein. Sie marschieren in Trupps, jeder einzelne hält einen Stock oder einen blanken Dolch in der Hand. Während sie in die heilige Stadt einziehen, singen sie:


Der Glaube Mohammeds
Schützt mit dem Schwert sein Recht.
Dich schützt unser Schwert,
O Prophet Mohammed!


Der große Tag ist da. Die Schriften, die der anmutige junge Mann über das ganze Land ausgestreut hat, haben ihre Wirkung getan. Dolche schwingend und mit Stöcken fuchtelnd ziehen die Frommen zum Damaskustor. Sie ziehen an den französischen religiösen Instituten, am Hospiz und an Notre-Dame de France vorbei:

Der Glaube Mohammeds

Schützt mit dem Schwert sein Recht.

Heute, Kinder Christi, braucht ihr nichts zu fürchten: heute sind die Juden dran . . . Dem Damaskustor gegenüber erhebt sich ein großes Gebäude im Stil einer Burg; hier befinden sich die Büros des hohen englischen Kommissariats.

Eine Gruppe von sechs Jungen Juden steht davor. Sie täten besser daran, sich zu entfernen und der fanatisierten Menge das Feld zu räumen. Aber sie bleiben, die sechs symbolisieren die empörte neue jüdische Seele. Oft genug haben sie zu hören bekommen, daß der Jude nichts könne als sich ducken. Ihr Stolz, der sich zu lange beugen mußte, läßt sie vergessen, daß Heroismus und Vernunft nicht immer übereinstimmen.

Einer von den sechs, ein österreichischer Journalist, Dr. von Weisl, weigert sich, vor der anrückenden Schar auch nur einen Meter weit zurückzuweichen. Ein Mohammedaner geht auf Weisl zu. Die Beiden umschlingen einander. Weisl hat die Oberhand.

»He!« ruft er den vier englischen Soldaten und den Polizisten zu, die, Gewehr bei Fuß, vor den Amtsräumen stehen, »ein Mann hat mich angegriffen, ich halte ihn fest, verhaften Sie ihn!«

Die berufenen Schützer des Gesetzes rühren sich nicht. Zwei Araber treten herzu und stoßen Weisl ihren Dolch in den Rücken.

Die Vertreter des Rechts sehen sich das Schauspiel an; sie zucken nicht einmal mit der Wimper. Warum sollte man sich also genieren? Und die Mohammedaner stürzen sich auf die Juden. Wer hier vorübergeht, geht auch hinüber . . .

Wie viele Juden man auch tötet – die Polizei schaut ruhig zu. Das hohe englische Kommissariat ist nicht da, es ist verreist und atmet Höhenluft wie ein Zeppelin. Wenigstens muß man das vermuten, da seit drei Wochen niemand etwas von ihm gehört hat!

»Tod den Juden!«

»Die Regierung ist auf unserer Seite!«

So schreien die Söhne des Propheten, die, mit dem Dolch in der Faust, durch Jerusalem stürmen.

Sie werfen sich gegen die Viertel Talpioth, Gedud, Haawodah, Beth-Hakerem, Beth-Wegam, Romena, Gibeat-Schaul, San-Hedris und Mahanaïn.

Sie töten. Sie singen.

Zwei Engländer, Studenten aus Oxford, die das heilige Land besuchen, stürzen sich unter die Tobenden. Es soll nicht heißen, daß kein Engländer versucht habe, den Tanz zum Stillstand zu bringen. Sie beschwören die Mohammedaner. Aber sie sind jung und verstehen nichts von Politik!

Und jetzt werden die Judenviertel in Hebron und Safed in Brand gesteckt.

Tel Joseph, Gerdi, Nahalal in der Ebene Jesreel haben sich gegen Angriffe zu verteidigen.

Arabische Handarbeit ist entschieden billig: die Mörder haben pro jüdischen Kopf nur Anspruch auf zehn Zigaretten!

Hallo Europa, in Palästina wird gemetzelt!

Die »nationale Heimstätte« wird zur internationalen Schlachtbank!



XXIV

Die Soldaten des Großmufti

Es muß erzählt werden, was in Hebron und was in Safed geschah.

Hebron liegt in Judäa, also mitten in den Felsen. Achtzehntausend Araber und tausend alte Juden – nicht alle alt an Jahren, aber doch alle alt: Juden aus vergangener Zeit, mit Peies und Kaftan.

Wir sind in Hebron. Man kann einem Reisenden nichts Orientalischeres zu sehen geben. Straßen wie für Kinodramen. Schön! Aber das alles ist arabisch. Wo ist das Judenviertel? Ihr schaut euch um und seht es nicht. Und doch hat man euch gesagt, es sei hier, in diesem überwölbten Bazar, zwischen dieser Straßenkreuzung und dieser niederen Moschee. Kein Ghetto ist zu sehen! Auch kein Jude!

Ihr geht zurück, um euch nochmals zu erkundigen. Dann gibt man euch einen Führer mit. Der Führer bringt euch wieder zu dem gedeckten Bazar und macht zwischen der Bude eines Pantoffelhändlers und einem Verkäufer geschlachteter Schafe Halt. Da – ein Loch in der Mauer: es ist der Eingang, der Eingang zum Judenviertel.

Um hindurchzukommen, müßt ihr euch bis zur Erde bücken; wenn ihr euch dann wieder in die Höhe richtet, seht ihr etwas, wovon ihr euch nie auch nur träumen ließet. Und sehen ist noch nicht alles, man muß das, was man da sieht, auch glauben, denn eigentlich ist der Anblick unglaublich.

Dieses Ghetto ist ein Häusergebirge, ein wahres Gebirge, mit einem Kamm, mit Engpässen und Hohlwegen, ein kleines verunglücktes, wüst aussehendes Gebirge ohne einen Quadratzentimeter Erde: alles, alles ist mit Häusern bedeckt! Um zum Erdgeschoß des zweiten Häuschens zu kommen, muß man auf das Dach des ersten steigen. Das dritte liegt in gleicher Höhe mit dem Dach des zweiten. Und so geht es weiter. Wo sind die Straßen? Ja, wo sind sie nur? Es gibt keine Straßen! Und doch gehe ich, und nicht immer bloß auf Dächern! Nein! Aber ich klettere über Stiegen, winde mich durch einen Gang hindurch, verliere mich in einem Labyrinth. Ich glaube auf einem Platz herauszukommen und gerate in ein Schlafzimmer. Wenn sich ein etwas großer Jude vor seiner Tür ausstreckt, so ist er mit dem Kopf zu Hause, mit den Füßen beim Nachbar, einem Nachbar, mit dem er vielleicht nicht gut steht; ein Arm ist weiß Gott wo, und der andere in der Synagoge! Drei Synagogen, die mit einander in Verbindung stehen, krönen dieses verrückte Gemeinwesen. Etwas Tolleres bekommt die Sonne auf der ganzen Erde nicht zu sehen!

Hier leben tausend Juden.

Keine von denen, die vor der Klagemauer ihre Fahne entrollten; nicht tausend kräftige Burschen aus Tel-Aviv; auch keine von den derben und resoluten Siedlern der Ebene Jesreel. Tausend Juden, die nicht von einem Schiff aus, sondern von einer Wiege das heilige Land zum ersten Mal erblickten – tausend Ewige Juden. Eine Familie, eine einzige, war unlängst aus Litauen hinzugekommen, um in Heiligkeit, und nicht als Eroberer, im Lande der Väter zu leben. Zu welcher Tragödie war sie gekommen!

Waren das hier Araberfreunde? Beinahe. Jedenfalls keine Feinde. Sie kannten einander alle, sogar beim Namen, schon zehn Jahre lang, immer schon grüßten sie einander. Das jüdische Hebron war berühmt, nicht wegen seiner nationalen Einstellung, sondern wegen seiner Talmudschule.

Die Araber aber griffen nicht Tel-Aviv an, sondern Hebron . . . Hebron und Safed. Ich weiß wohl, daß Ragheb Bey El-Nashashibi, aufrichtig wie das Schwert, als Entschuldigung vorbringt: »Krieg ist Krieg. Man tötet nicht wen man will, sondern wen man kann. Das nächste Mal müssen alle daran glauben, die jungen wie die alten.« Für Ragheb Bey sei hier ausdrücklich betont, daß wir das nicht anführen, um ihn aufzufordern, sein Wort wahr zu machen. Er wäre es imstande. Aber heute sprechen wir nicht von der Zukunft.

Am 23. August, dem Tage des Großmufti, werden zwei Talmudstudierende abgeschlachtet. Sie hielten keine politischen Reden, sie suchten mit ihren Blicken den Sinai, in der Hoffnung, dort den Schatten Gottes zu erkennen.

In der Morgenfrühe des folgenden Tages gaben mehrere Araber ihrer Sorge um das Schicksal der Juden Ausdruck. Nicht alle Araber sind Fanatiker. Es gibt glücklicherweise auch im Land des Islam Menschen, die denken können.

»Rettet euch!« sagen sie den Juden.

Einige bieten den künftigen Opfern eine Zufluchtsstätte bei sich an. Ein Araber, der Freund eines Rabbiners, ist sogar die ganze Nacht unterwegs, um sich schützend vor das Haus seines Freundes zu stellen. Er wehrt den Tollgewordenen seines Volkes den Eintritt.

Nun aber hört:

Etwa fünfzig Juden und Jüdinnen hatten sich in die außerhalb des Ghettos gelegene Anglo-Palästinabank geflüchtet, deren Leiter der eine von ihnen, der Sohn des Rabbiners Slonin war. Sie hatten sich in einen Raum eingeschlossen. Die Araber, die Soldaten des Großmufti, stöbern sie auf. Es war Samstag, den 24., um neun Uhr vormittags. Die Araber sprengten das Tor der Bank . . .

Aber machen wir’s kurz: sie schnitten Finger und Hände ab, sie hielten Köpfe über einen glühenden Rost, sie rissen Augen aus. Ohne sich von der Stelle zu rühren, empfahl ein Rabbiner die Seelen seiner Juden Gott: man skalpierte ihn, sein Gehirn nahm man mit. Nacheinander setzte man sechs Jeschibaschüler der Frau Sokolov, die man leben ließ, auf den Schoß und schlachtete alle sechs. Man verstümmelte die Männer. Dreizehnjährige Mädchen, Mütter und Großmütter schleuderte man in die Blutlachen und vergewaltigte sie.

Frau X . . . befindet sich in Jerusalem im Spital. Man hat ihren Mann vor ihren Augen getötet, dann ihr Kind in ihren Armen abgeschlachtet. »Du, du sollst am Leben bleiben!« sagten ihr diese Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts!

Nun schaut sie mit starrem Blick und ohne Tränen aus dem Fenster.

Auch der Rabbiner Slonin, dunkel wie ein Bild von Velasquez, ist da.

Er sagt:

»Sie haben meine beiden Söhne, meine Frau, meinen Schwiegervater, meine Schwiegermutter getötet.«

Er sagt das ganz ohne Pathos, mit der Stimme eines Schreibers, der ein Protokoll verliest.

Als er aber die folgenden Worte spricht, weint er:

»Im Jahr 1492 haben die aus Spanien vertriebenen Juden eine Gesetzesrolle, eine heilige Rolle, eine unvergleichliche Thora nach Hebron gebracht. Die Araber haben meine Thora verbrannt.«

Und Rabbiner Slonin wischt sich zwei Tränen von seinen bronzenen Wangen.

Dreiundzwanzig Leichen gab es in jenem Zimmer in der Bank. Noch klebt Blut wie eine dicke Gallertschicht am Boden.

. . . Der Glaube Mohammeds

Schützt mit dem Schwert sein Recht.

Und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie anmutig, jung, sanft, charmant der Großmufti mit seinem klaren Gesicht aussieht . . .

Safed in Obergaliläa erhebt sich tausend Meter hoch in die Lüfte. Drei Bergkegel sind mit Häuschen bedeckt, kalkgetünchten, bunten Häuschen – blau, rosa, gelb oder weiß. In der Ferne, in einer Senkung, zweihundert Meter unter der Meeresfläche ein Spiegel in Form einer Leier: der Tiberiassee. Ein Spiegel, eine Leier, zarte Farben . . . Aber wartet!

Wie die Juden von Hebron sind die von Safed Juden der alten Zeit, deren Denken dem – Sohar gilt. Es sind alte Chassidim, die singen und tanzen, um den Herrn zu ehren. Diejenigen, die überdies noch ein Lädchen im Ghetto haben, halten es seit sechs Tagen geschlossen. Man schreibt den 29. August. Sie wollen die Araber, die seit dem 23. nur in Zügen herumspazieren, Dolche und Knüttel schwingen und schwören, bald alle Juden umzubringen, nicht weiter reizen. Seit sechs Tagen? Ja, und die Engländer? Auf Anfragen antworten sie von Jerusalem aus, alles gehe gut. Wir kommen zum 29. August . . .

Hier die Geschichten, die man mir in den Ghettostraßen des Luftkurorts Safed erzählt:

»Gestatten Sie mein Herr, ich bin der Sohn des persischen Vizekonsuls . . .«

»Freut mich!« erwidere ich dem jungen Mann. »Ihr Haus ist ja gut zugerichtet worden!«

»Ich verbrachte die Ferien bei meinen Eltern. Ich studiere bei den französischen Patres in Antura in Syrien. Seit zehn Tagen hatten die Araber . . .«

»Ich weiß. Und dann?«

»Am 29. befanden wir uns alle Zuhause. Wir hören klopfen. Mein Vater geht zum Fenster. Er sieht etwa fünfzig Araber. ›Was wollt ihr, Freunde?‹ fragt er sie. – ›Komm herunter! Wir wollen dich und deine Familie umbringen!‹ – Mein Vater kennt sie fast alle. »Wie? Ihr seid meine Nachbarn; ich sehe einige meiner Freunde unter euch. Seit Zwanzig Jahren schütteln wir einander die Hände. Meine Kinder haben mit euren Kindern gespielt.« – »Aber heute mußt du umgebracht werden!«

Mein Vater schließt das Fenster; im Vertrauen auf die Festigkeit der Tür zieht er sich mit der Mutter, meinen beiden Schwestern, meinem kleinen Bruder und mir in ein Zimmer im ersten Stock zurück.

Bald dröhnen Axthiebe gegen die Tür. Ächzend gibt sie nach. Mein Vater sagt: ›Bleibt ruhig, ich will noch einmal mit ihnen sprechen.‹ Er geht hinunter. Der Araber, der als erster eingedrungen ist, ist ein Freund von ihm. Mein Vater geht auf ihn zu, will ihn umarmen und sagt: ›Du wenigstens wirst mir und den meinen nichts Böses tun!‹

Der Araber zieht sein Messer aus dem Gürtel und schlitzt meinem Vater mit einem einzigen Streich die Schädelhaut auf. Ich war hinter ihm heruntergekommen, konnte mich nicht zurückhalten und zerschmetterte einen Stuhl auf dem Kopf unseres Freundes.

Mein Vater brach zusammen. Der Araber beugte sich über ihn und versetzte ihm elf Dolchstiche. Dann betrachtete er ihn, glaubte, er sei tot, und ging zu den anderen, die das Zimmer nebenan ausplünderten.«

»Und dann?«

»Als sie mit dem Plündern fertig waren, steckten sie das Haus in Brand. Ich holte die Mutter, die Schwestern und den kleinen Bruder, die im Schrank versteckt waren, heraus. Wir wollten den Vater aus den Flammen ziehen, da kamen die Wüteriche zurück. Als sie auf der Treppe Blut sahen, riefen sie: ›Die anderen haben ihn geschlachtet, wir wollen seinen Körper suchen!‹ Da wandte ich mich an meine große Schwester und schrie in arabischer Sprache: ›Gib mir den Revolver, Ada!‹ Es war eine List. Wir hatten keinen Revolver.

Meine Schwester tat so, als ob sie ihn hole, da bekamen sie Angst und machten sich davon.«

Ein Greis kommt und schluchzt in seinen weißen Bart. Er will mir berichten. Salomon Yua Goldschweig heißt er, ist zweiundsiebzig Jahre alt, in Safed geboren, hat niemals jemandem etwas Böses getan – man ist bei ihm eingedrungen, hat seine Frau getötet und auch ihn ermorden wollen: vier seiner Nachbarn, die er gut kannte, waren die Täter. Und mich fragt er: »Warum?«

Ein junger Mann erscheint: Habib David Apriat.

Sein Vater war Lehrer der hebräischen, französischen und arabischen Sprache. Drei frühere Schüler seines Vaters sind gekommen, ins Haus eingedrungen, haben den Vater getötet, die Mutter getötet und der Schwester, die auf der Mutter lag und sich tot stellte, die Finger abgeschnitten.

Und David Apriat stürzt davon. Wohin? Er kommt mit seiner Schwester zurück, der zwei Finger fehlen, und beide schauen mich an, und der junge Mann wiederholt ständig:

»So war es! So war es!«

Ein anderer kommt.

»Ich heiße Abraham Levy und bin französischer Bürger, Algerier. Ich bin der Schulportier der ›Alliance Israélite‹.« Ich habe alles mitangesehen. Als sie in die Schule eindrangen, sagten sie: ›Abraham gehört zu unseren Freunden, wir wollen ihn nicht töten, wir wollen ihm bloß die Hände abhacken!‹ Ich hatte mich auf das Dach geflüchtet. ›Abraham,‹ schrien sie, ›wo bist du? Du bist unser Freund, wir wollen dir bloß eine Hand abhacken!‹

Ich kannte sie alle. Alle waren sie früher gute Kameraden. Es gelang mir, zu flüchten.«

Wo aber ist der Oberrabbiner Ismael Cohen?

Als ich vor drei Monaten durch das Ghetto von Safed kam, hatte ich den Greis besucht. Seit zehn Jahren hatte sein Fuß die steile Treppe, die aus seinem steinernen Nest herunterführte, nicht mehr berührt. Er war ein großer Talmudforscher, vierundachtzig Jahre alt und hatte einen herrlichen Kopf.

Auch ihn haben sie hingeschlachtet!

Ich suchte das Haus wieder auf, in dem er gewohnt hatte, und stieg die Treppe hinauf. Die Tür war nicht mehr verschlossen. Auf dem Diwan, auf dem er damals, als er mich empfing, gesessen hatte, lagen blutige Lumpen. Eine Lache getrockneten Blutes – es sah aus wie die rote Rückseite von Spiegelscherben – bedeckte den Fußboden. An der Wand der Abdruck seiner blutenden Finger.

»Herr Oberrabbiner,« so hatte ich ihm an dem gleichen Ort gesagt, »erlauben Sie doch meinem Freund Rouquayrol, eine Skizze von Ihnen zu machen!«

»Meine lieben Besucher,« hatte er erwidert, »das Gesetz Moses’ verbietet das, aber Ismael Cohen sieht nicht mehr gut, er wird es sicher nicht merken!«

Und er streckte uns seine weiße Hand entgegen.

Seine Hand ist auch heute noch da – rot an der Wand.

Und das nennt man dann eine nationale Bewegung!



XXV

Auf Wiedersehen!

Was sagen die Araber?

Zehn von ihnen haben sich heute vormittags in Jaffa versammelt.

Fünf mohammedanische Araber: der Scheik Monafar, Omar Bihar, der Vorsitzende des islamitisch-christlichen Comités, Mahmud Abuk-hadra, der frühere Gouverneur von Jaffa und jetzige Bürgermeister von Gaza, Hilini Abuk-hadra, Ismael Nashashibi.

Drei katholische Araber: Nasri Thalamas, Nikolas Beruti, Edmond Roch.

Zwei griechisch-orthodoxe Araber: I. D. Elissa, Anton Malak.

Sobald sie vollzählig waren, stieg einer von ihnen, Edmond Roch, in ein Auto, fuhr nach Tel-Aviv und stoppte vor dem Hôtel Palatin. Er kam mich holen.

Ich ging mit ihm.

Energisch steuernde Bewegungen führten uns in etwas nervöser Fahrerei durch Tel-Aviv. In der Hauptstraße von Jaffa hielt das Auto. Wir stiegen aus. Edmond Roch ging mir voran, eine Treppe hinauf. Wir kamen zu einer Tür, die wir öffneten. Ein großes Zimmer. Die Araber sind da. Die Atmosphäre ist mit Elektrizität geladen. Hände werden geschüttelt, Blicke getauscht. Elf Stühle. Wir setzen uns.

So viel haben sie zu sagen, daß der große Raum, der – abgesehen von den Stühlen – leer ist, von ihren Forderungen ganz ausgefüllt wird. Die Zehn sind wie Lokomotiven, die es nicht erwarten können, in 100 km-Ge­schwindigkeit loszustürmen. Wir wollen die Bahnschranken schließen und dem Zug folgen.

Alle schauen den Scheik Monafar an.

Ein weißumränderter Tarbusch, das Kennzeichen seines heiligen Amtes, bedeckt das Haupt des Scheiks. Er hat die gegerbte Haut der Wüstenbewohner.

Er ergreift das Wort und sagt:

»Das Land Palästina ist ein arabisches Land; die Araber waren lange Zeit vor den Juden hier.«

Zustimmendes Gemurmel der neun ändern.

»Die Juden haben gelegentlich im Lauf der Geschichte einige Punkte Palästinas besetzt, niemals aber das ganze Land! Was haben sie während ihrer Herrschaft geleistet? Sie haben keine Zivilisation zurückgelassen. Was für ein Zeichen ihrer Herrschaft ist noch zu sehen? Ein Mosaik! Die Römer haben sie vertrieben. Sie sind verschwunden. Nichts von ihnen ist im Land lebendig geblieben.

Fünfhundertsechzig Jahre nach ihrer Vertreibung triumphierte der Islam. Unsere Väter nahmen das Land wieder in Besitz und gaben ihm sein altes nationales Leben zurück. Seit damals waren wir hier die Herren.« »Auch unter den Türken?« »Nun, immerhin waren wir fast unter uns. So ging es bis zum Weltkrieg. Während des Krieges haben sich die Nationen auf sich selbst besonnen, und wir Araber auch. Über die Meere hin haben wir unseren Wunsch kundgetan, unser altes Königreich wieder aufleben zu lassen. Wir erhielten auch diesbezügliche Versprechungen von England und Frankreich.«

»Zu wiederholten Malen!« ruft der eine der Zehn.

»Während der Türkenherrschaft . . .« Er hat wohl gesehen, daß ich lächle, denn er fährt fort:

»Gewiß war die Türkenherrschaft hart, aber wir hatten doch Vertreter im Parlament und Minister in Konstantinopel. Dennoch verlangten wir ständig mehr Freiheit. Arabisch war die offizielle Sprache. Und doch, obwohl wir mit den Türken eine religiöse Einheit bildeten, haben wir uns der Freiheit wegen gegen sie gewandt und uns in der Hoffnung auf völlige Unabhängigkeit mit den Alliierten verbunden. Die Alliierten siegen. Unser Blut ist für diesen Sieg geflossen. Das große arabische Königreich erscheint in greifbarer Nähe. Plötzlich geht alles in Dunst auf. Es ist, als ob wir nur geträumt hätten.

Früher war alles eine Einheit: Syrien, Palästina, Mesopotamien . . .«

»Das ist ein anderes Problem.«

»Zugegeben. Aber hier im Land leben doch siebenhunderttausend der Unsern, nicht wahr? Ich denke, man kann schon sagen, daß wir ein nationales Heim bilden. Um uns aber zu belohnen, schickt Lord Balfour uns die Juden, damit auch sie ein nationales Heim hier bilden. Ein nationales Heim innerhalb eines anderen nationalen Heims – das bedeutet Krieg!«

Lärmend stimmt die Versammlung zu.

»Sie wollen also keine Juden?«

»Das ist ein Irrtum! Wir wollen kein jüdisches nationales Heim. Sie wissen, daß es drei Arten von Juden in Palästina gibt. Die alten frommen Juden, die hieherkommen, um zu sterben . . .«

»Dazu haben Sie ihnen verholfen!«

»Nicht wir haben mit den Massakers angefangen! Nicht wir!« schreien die zehn Muselmänner. »Der erste, der bei den Unruhen getötet wurde, war ein Araber, Sidi Akache, den ein Jude in Jerusalem, im Viertel Scheik Zorah, umbrachte!«

»An welchem Tag war das?«

Sie überlegen und sagen: am 26. August. Die Unruhen haben am 23. begonnen. Vielleicht irren sie sich im Datum? – Sie beruhigen sich, und Scheik Monafar fährt fort:

»Dann die Juden vor 1919, die Juden des Barons. Sie haben Land gekauft, haben Ackerbau getrieben und keine Politik. Schließlich die Juden Lord Balfours, die Zionisten. Wir haben nichts gegen die frommen Juden einzuwenden, auch nichts gegen die Juden des Barons, die können in Frieden bei uns leben. (O Orient! du weißt also schon nicht mehr, daß du gerade die frommen Juden massakriert hast!) Gegen die anderen aber führen wir Krieg!«

»Was werfen Sie ihnen vor?« Wieder erhebt sich ein Stimmengetöse:

»Sie sind ein Abschaum, der Kehricht von ganz Europa! Sie wollen uns vertreiben! Sie behandeln uns, als wären wir Eingeborene niedrigster Art! . . . Sagen Sie, weiß man denn in der Welt nicht, daß siebenhunderttausend Araber hier leben? . . . Ihr wollt es wohl machen wie in Amerika? Geniert euch nur nicht, tötet uns, wie ihr die Indianer getötet habt und macht es euch hier bequem! . . . Wir erheben Klage gegen England! Wir erheben Klage gegen Frankreich! . . .«

»Ich möchte Tatsachen hören!« »Erstens werfen wir den Juden vor, daß sie uns zugrunde richten. Ein Beispiel: die Gemeindeverwaltung von Tel-Aviv hat infolge größenwahnsinniger Ausgaben hundertfünf-tausend Pfund Schulden gemacht. Die Verwaltung von Palästina hat diese Schuld aus der Staatskasse gedeckt, und dieses Geld haben wir durch unsere Steuern aufgebracht. Ein anderes Beispiel: überall in Palästina werden große Arbeiten unternommen. Man erkennt das Land nicht wieder.

Wir haben nicht das mindeste Bedürfnis nach diesen Umwandlungen. Wozu Elektrizität? Wozu diese neuen Straßen? Man legt Straßen an, um die jüdischen Arbeiter ernähren zu können. Der jüdische Arbeiter arbeitet acht Stunden, der arabische zwölf. Und dabei bekommt der jüdische Arbeiter dreimal so viel gezahlt wie der arabische. Die Regierung, die wir uns gefallen lassen müssen, ist keine Regierung, sondern eine Wohltätigkeitseinrichtung für Landesfremde.

Zweitens werfen wir den Juden vor, daß sie uns zurückdrängen. Die Gesetze des Landes sind von einem Engländer verfaßt, einem Juden namens Bentwitch. Diese Gesetze sind gegen die Araber und für die Juden. Für das gleiche Vergehen bekommt der Jude eine Strafe von zwei Pfund, der Araber zwei Monate Gefängnis.

Drittens werfen wir ihnen vor, daß sie uns aus unserem eigenen Land vertreiben. Das Land heißt Palästina, sie haben es Erez-Israel (Land Israels) benannt! Die einzige Sprache hier war das Arabische, sie haben dem Hebräischen Gleichberechtigung verschafft. Sie kaufen unseren besten Grundbesitz auf. (Aber warum verkaufen ihn denn die Araber?) Sie sagen: ›Wenn ihr nicht zufrieden seid, so nehmt die Gebeine eurer Propheten und geht!‹

Soll denn an die Stelle des Ewigen Juden der Ewige Araber treten?«

»Meine Herren, unter welchen Bedingungen verpflichten Sie sich, die Juden nicht mehr niederzumetzeln?«

Tobender Lärm! Sie haben die Juden nicht niedergemetzelt! Nein! Oder, wenn ich recht verstehe: sie haben sie nicht niedergemetzelt, um sie niederzumetzeln, sondern nur, um die Augen der Welt auf das Schicksal der Araber zu lenken.

»Unsere Bedingungen«, beginnt der Scheik wieder, »sind folgende:


1. Wortlaut und Anwendung der Balfour-de­klaration müssen annulliert werden;
2. Wahlen nach allgemeinem Stimmrecht und Bildung einer arabischen Regierung;
3. Einschränkung der jüdischen Einwanderung;
4. Abschaffung der Gesetze, durch welche die Juden und ihre Betätigung begünstigt werden.«


»Glauben Sie, daß die zweiundfünfzig Völker, welche die Balfourdeklaration unterzeichnet haben, ihr Wort zurücknehmen können?«

»Das geht uns nichts an!«

Und wirklich, als Volk scheint für sie nur das dreiundfünfzigste und das vierundfünfzigste in Betracht zu kommen: das arabische und das jüdische!

»Meine Herren, ich habe in Jerusalem Ihre beiden Führer gesprochen, den Großmufti und Ragheb Bey El-Nashashibi. Ich habe den Großmufti gefragt: ›Werden die Massakers aufhören?‹ Der Großmufti, der trotz seiner Jugend nicht unvorsichtig ist, hat in die Hände geklatscht. Wir befanden uns auf seiner Terrasse, von der aus man die Omarmoschee sieht. Abenddämmerung lag über dem Ölberg. Alles um uns atmete Frieden. Auf seinen Ruf eilten Diener herbei. Der Nachkomme des Propheten ließ sich Papier bringen. Ich borgte ihm meinen Bleistift. Er antwortete mir schriftlich: hier ist das Dokument.«

Ich las vor:

»Eine wirkliche und dauerhafte Besserung in Palästina, eine ständige Sicherheit, eine allgemeine Beruhigung und wohlwollende Beziehungen zwischen den Bewohnern des Landes sind nicht zu erwarten,


1. solange man nicht die ungerechte und zur wirklichen Lage in Widerspruch stehende Politik aufgibt, die sich auf die Balfourdeklaration gründet und es auf die Knechtung einer Mehrheit durch eine Minderheit abgesehen hat;
2. solange man nicht ein Regime der Gerechtigkeit und Billigkeit einführt. Dieses Regime müßte in der Bildung eines demokratischen Staates bestehen, an dessen Leitung alle Palästinenser, ob Araber oder Juden, ihrer Kopfzahl entsprechend, beteiligt wären.


Sind Sie einer Meinung mit Ihrem Großmufti?«

«Ja!«

»Nach dieser Unterredung, meine Herren, habe ich das alte Jerusalem verlassen. Welche Stille! Welches Kältegefühl im Rücken!

›Achtung!‹ schrie ich jedesmal, wenn ein Schatten auftauchte, »schlitzen Sie mir nicht den Bauch auf, ich komme aus Paris und nicht aus Tel-Aviv.«

Ich ging ins Rathaus. Ragheb Bey El-Nashashibi empfing mich. Ragheb Bey, der ein Held ist, hatte im Blick eine noch größere Offenheit als vor drei Monaten.

»Nun, Herr Bürgermeister,« sagte ich, »›hat man Ihnen jetzt bezahlt?‹’ ›Nur zum Blutpreis!‹ sagten Sie mir im vergangenen Mai; jetzt ist Blut geflossen!«

Ragheb Bey schaute mich erstaunt an. Er sagte mir, solange die Balfourdeklaration gelte, sei man noch nicht am Ende; sobald die englischen Truppen abzögen, würde es von Neuem losgehen.

»Ist das auch die Meinung des Bürgermeisters von Jerusalem?«

»Ja!«

»Schön; aber Sie können doch schließlich nicht alle Juden umbringen«, versuchte ich Ihrem Führer klar zu machen. »Es sind ihrer Hundertfünf- zigtausend. Das würde Sie zu viel Zeit kosten!«

»Aber nein«, erwiderte er mit der sanftesten Stimme, »zwei Tage!«

»Fünfundsiebzigtausend pro Tag?«

»O ja!«

Ich fragte die Zehn, ob sie der Ansicht Ragheb Beys seien.

»Das sind wir!«

»Dann bitte ich Sie, meine Herren, so freundlich zu sein und mir zu telegraphieren, wenn sich die englischen Truppen einschiffen. Ich glaube, daß Sie Ihre Kraft überschätzen.

Die Neuen Juden werden sich nicht abschlachten lassen. Ich bin sogar überzeugt, daß sie Ihnen zu schaffen machen werden. Es wird eine wilde Schlacht geben. Hier haben Sie meine Adresse. Vergessen Sie nicht, mich rechtzeitig zu benachrichtigen.

Ich möchte gern zurückkommen, um Sie an der Arbeit zu sehen. Auf baldiges Wiedersehen!«



XXVI

Das Glück, Jude zu sein

Ich habe Judäa, Samaria, Ober- und Nieder-galiläa durchforscht. Vergeblich erstieg ich den Berg Karmel, den Berg Thabor und die Berge Gilboas; vergeblich ließ ich in der Ebene Jesreel meine Stimme erschallen; vergeblich ruderte ich auf dem Tiberiassee. »Hallo! ich möchte einen Juden sehen,« rief ich nach allen Seiten, »einen einzigen Juden aus Frankreich; ich verlange keine zwei: ein einziger würde mir genügen, und wenn er auch ganz klein wäre!« Aber meine Stimme blieb ohne Echo. Kein einziger Jude ist aus Frankreich gekommen, um das Reich Davids wieder aufzubauen.

Aus England ist einer gekommen. Einer mit einer edlen Seele, die aus seinem sanften Gesicht spricht. Über seinem Schreibtisch in Jerusalem hängt ein Bild Fochs, auf das der Marschall eine Widmung geschrieben hat. Dieser Engländer war Oberst in der englischen Armee. Eines Tages kam ihm zum Bewußtsein, daß er Jude sei. Er legte seinen Offiziersrock und seine Nationalität ab. Ohne alles fand er sich in der Stadt seiner Väter ein. Jetzt brennt er in der Kuppel des zionistischen Tempels gleich einem Ewigen Licht. Immer noch nennt man ihn Oberst Kisch.

Auch aus Holland ist einer gekommen: ein Staatsbeamter aus Amsterdam. Sein Name ist Van Vriesland. Er ist holländischer Konsul in Palästina. Und ist ein Weltmann, der Zigarren leidenschaftlich liebt, sich aber zu der Idee bekennt, daß im Garten der Menschheit die Blumen ihre natürlichen Farben behalten sollen. Er glaubt, es nütze niemandem, daß eine Blume, unter dem Vorwand, sie wolle sich assimilieren, auf einmal genau so aussieht wie eine andere Blume. Ihm scheint es richtig, daß der Jude wieder daran denkt, sich unter seinen Feigenbaum zu setzen.

Die Tschechoslowakei hat Lehrer geschickt, Belgien Landwirte, Deutschland Architekten, Amerika reiche Palästinafreunde. Wenn man in Tel-Aviv die Herzlstraße absperrte, so könnte man gut hundert Leute anhalten, von denen jeder eine wunderbare Geschichte hat. Einer ist, um als Jude leben zu können, durch Rußland, Sibirien, die Mandschurei, China gereist – und zwar zu Fuß! Und wenn er auch nicht den kürzesten Weg nehmen konnte, so ließ er sich doch ebensowenig aufhalten wie ein abgeschnellter Pfeil. Andere kamen aus Kanada, aus Chile.

Der Duft des Gelobten Landes steigt nicht nur armen Schluckern in die Nase. Schaut euch einmal diese Herren an, die mit Seelen, in denen das Unterste zu oberst gekehrt ist, das Land durchstreifen: es sind Millionäre. Der eine kommt aus Polen; es ist der große Lodzer Fabrikant, der zwölftausend Arbeiter in seinen Diensten hat: Oskar Kohn. Sehen Sie nur, wie bewegt er ist. Er war für vierzehn Tage hergekommen, aber das Land läßt ihn nicht mehr los. Er sucht Wasser. Er will Wasser finden. Dann wird er seine Spinnereien hieher verpflanzen. Wie seltsam das ist: der jüdische Traum macht einen mächtigen Industriellen trunken! Die Brüder Polak aus Moskau, gleichfalls Industriemagnaten, hat dasselbe Lied bezaubert: bei seinem Klang mahlen sie ihr Mehl.

Schriftsteller, Musiker, Maler, Schauspieler . . . Aber die Kerntruppe kommt aus der jüdischen Masse in Litauen, der Ukraine, Bessarabien, der Bukowina und Galizien.

Sind sie glücklich? Wie leben sie? – Wollt ihr etwas von ihnen hören?

Sie sind glücklich. Vielleicht glaubt man, daß ich es leicht habe, so etwas zu behaupten. Aber ich bin durch ganz Palästina gekommen. Ich habe diese Juden mit der Hand am Pflug gesehen. Im Vorbeigehen habe ich ihnen »Schalom!« zugerufen und einen Blick in ihre Häuser geworfen. Und als ich feststellte, daß ein jeder sein Bett habe, auf dem er sich nachts ausstrecken kann, sagte ich mir: »Gut so!« Ich sah ihre Getreideschober und daß ihre in Gemeinschaft erzogenen Kinder prachtvoll gedeihen. Ich sah, daß diese seltsamen Bauern, wenn sie am Abend von der heißen Feldarbeit zurückkehrten, einen Bücherschrank öffneten.

Die Bücher, die sie lasen, waren Bücher für Intellektuelle. Ich sah auch Frauen in harter Arbeit über den Erdboden gebeugt; wenn sie sich erhoben und auf einen zukamen, waren es auf einmal Damen. Da wischte ich mir die Stirn und sagte wieder: »Schalom!« ließ sie bei ihrer harten Arbeit und zog meines Weges. – Ist das Glück?

Drei Monate später kam ich wieder. Wieder streifte ich durch Esdrelon, Tiberias, Haiffa. Nichts hatte sich verändert. Sie ackerten, wie eben Bauern ackern: ohne Getue.

»Nicht wahr,« fragte ich sie, »die Araber haben euch angegriffen?«

»Ja.«

»Ihr habt nicht von eurem Boden weichen wollen?«

»Nein.«

Und fern von dem Land, in dem sie geboren sind, droschen sie ihr Getreide weiter; ihre Gewehre lagen neben ihnen. – Ist das Glück?

Ich habe sie in Jerusalem gesehen, in den Vorstädten, die sie erbaut haben. Ihre alten Brüder hatten um ihretwillen ihre Kramläden im Inneren der Stadt geschlossen. Man sah sie nicht mehr hastig durch das Häuserlabyrinth gleiten. An der Klagemauer wurde keine Träne mehr geweint. Keine seidenen Kaftans mehr, keine wunderbaren Hüte. Die frommen Juden waren nicht mehr zu erblicken! Und spitzten nicht sogar die Jungen, die Musketiere Theodor Herzls, die Ohren? Was war das für ein Lärm? Wen würde man heute abend umbringen? Der Chauffeur zögerte, ehe er sich in eine Straße wagte. Dieser überragende Bau links vom Ölberg ist das hohe englische Kommissariat. Seine Beamten waren alle für die Araber.

War das vielleicht sehr ermutigend? Konnte man in diesem Land wenigstens zu Geld kommen? Keineswegs! –War das Glück?

Jetzt wird es etwas heller, etwas anheimelnder. Man spürt pulsendes Leben: Tel-Aviv! Die Gewerbetreibenden sollen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Man sieht aber trotzdem keine versorgten Gesichter. Jetzt, abends, kommt die ganze Stadt – die ganze Stadt – langsam von einem Fußballmatch zurück, bei dem die Makkabäer gesiegt haben. Vierzigtausend Menschen sind im Freien, wie wenn sie zeigen wollten, welch eine Arbeit die Araber an dem für das große Gemetzel bestimmten Tag zu leisten hätten. – Ist das Glück?

Herr Diesenhof, Sie haben Tel-Aviv geschaffen und den Traum Theodor Herzls in Beton gegossen. Während Sie uns die Pläne zeigen, die aus Tel-Aviv eine Hauptstadt mit hunderttausend Einwohnern machen sollen, hören wir es an die Tore der Stadt klopfen; es sind Ihre Nachbarn, die Mohammedaner, die Ihnen zu verstehen geben, daß sie Ihr Werk bald niederreißen werden. Sind Sie glücklich?

Herr Ruttenberg, Sie haben dem Land Ihrer Väter Licht gegeben.

In Rußland, wo Sie früher tüchtige Arbeit leisteten, hätte man Sie dazu, daß Sie die Dunkelheit vertrieben, beglückwünscht. Hier klagen die Araber Sie an, ihnen ihr Wasser gestohlen zu haben. Mißvergnügt schauen die Christen den Mann an, der es gewagt hat, den Jordan anzurühren. Sie täten gut daran, Ihre kühnen Anlagen mit Stacheldraht zu umgeben. Sind Sie glücklich?

Herr Tolkowski, Sie sind Belgier. Nicht das Elend ist es, das Sie nach Palästina geführt hat. In Ihrem Haus ließ sich ganz gut leben. Im Jahr 1921 haben Sie in Jaffa, bei den ersten Pogromen, einen Ihnen teueren Menschen verloren. Sie waren gerade in Talpioth, als die Araber die Kolonie angriffen. Sie zählten Ihre Kugeln: eine für Ihre Frau, drei für Ihre Kinder, eine für eine Verwandte, und eine für sich selbst. Neun Patronen hatten Sie im ganzen, es blieben Ihnen also drei zur Verteidigung. Ihr Entschluß war gefaßt. Indes brachten die Araber in der Nähe von Tel-Aviv Ihren Schwager, den jungen Goldberg, um, der zwei in einer Orangenpflanzung isolierten Juden zur Hilfe eilte. Als ich Sie wiedersah, waren Sie ein wenig bleich; aber Sie bedauerten nicht, palästinensischer Bürger geworden zu sein. Sind Sie glücklich?

Und ihr dort auf dem flachen Land, ihr Litauer, Ukrainer, Bessarabier, Bukowiner und Galizier, welchen Grund solltet ihr haben, euch zurückzusehnen? In der Ebene Esdrelon zu ackern ist sicher nicht der Gipfel der Glückseligkeit. Es ist furchtbar heiß dort, die Fliegen fressen euch auf, Hoffnung, auf Gold zu stoßen, habt ihr auch keine – aber woher kamt ihr denn? Wart ihr unter dem Joch der Europäer glücklicher?

Tel-Aviv ist ein weniger guter Handelsmarkt als New York, London, Konstantinopel oder Paris? Welch fabelhafte Entdeckung! War Lemberg vielleicht ein besserer Markt? Oder Kowno? Machtet Ihr in Berditschew, in Schitomir, in Tarnopol, in Kischinev immer nur gute Geschäfte? Ihr seid hier genau so arm wie dort? Möglich! Aber was suchen denn die Juden in Palästina? Geld? Nein, ein Land!

Darüber kann kein Zweifel sein. Es sind Juden, die die jüdische Heimat im Herzen hatten.

Was man »Zionismus« nennt, ist nur eine Krankheit der jüdischen Seele. Nicht alle Juden befällt diese Krankheit, aber über die, die sie befällt, bekommt sie Macht. Man wird nicht aus Überlegung Zionist; der Zionismus ist sogar, glaube ich, das Gegenteil von Vernunft.

Zionist ist man aus Instinkt. Es ist eine Leidenschaft, und tagtäglich sieht man eine große Anzahl von Menschen, die dieser Leidenschaft nicht widerstehen können.

Ein Mensch aber, der sich seiner Leidenschaft überlassen kann, ist glücklich:

Oberst Kisch, Konsul Van Vriesland, Bürgermeister Diesenhof, Ingenieur Ruttenberg, der Landwirt Tolkowski, der Extremist Jabotinsky, der glaubt, daß in dreißig Jahren vier Millionen Juden im Land der Väter sein werden, die tschechoslowakischen Bibliothekare, die deutschen Ärzte, der Maler Rubin, zwanzig andere Maler, die hebräischen Dichter, die Bäuerinnen mit den weißen Händen, die ekstatischen Chauffeure, die hübschen Studentinnen aus Amerika, die jungen Pärchen, die sich an den Straßenecken mit Mismus vergnügen! Mismus – so hat man das Wort Flirt ins Hebräische übersetzt! Hebräisch flirten!

Der Zorn der Rabbiner gegen diese Jungen Juden ist offenbar nicht so ganz unbegründet! Die Männer an der Pflugschar, die Kaufleute ohne Kundschaft, die Träumer und die Brutalen, sie alle haben, was sie wollten. Sie sind Zionisten, und sie leben in Zion. Die schlechten Zionisten haben das Land verlassen, nur die Idealisten sind dortgeblieben.

Ob sie glücklich sind? Restlos glücklich darüber, Juden zu sein. Überall sonst in der Welt ist ein Jude, der eine Missetat begeht, kein Franzose, kein Deutscher, kein Belgier, kein Engländer mehr, sondern Jude!

Macht aber ein Jude eine große Entdeckung, also der Menschheit Ehre, dann ist er kein Jude mehr, dann ist er Deutscher, Belgier, Engländer oder Franzose.

Jedermann sieht Einstein als Deutschen, Bergson als Franzosen an. Hierzulande erklären alle Juden, daß sie es satt haben, am Wachsen der englischen, russischen, französischen, deutschen oder amerikanischen Kultur mitzuarbeiten. In Palästina wird ihr Ehrgeiz befriedigt. Hier bleibt ein Jude, ob er nun der gemeinste Schurke oder ein Genie ist, immer ein Jude.

Sicher ist das Leben in Paris oder London schöner als das Leben in Palästina. Aber kann das Leben dort schöner sein als ihr Traum?

Die Massakers? Für Leute, die an ein friedliches Leben gewöhnt sind, wären sie eine ungeheuere Sache gewesen. Für sie aber . . .

Als Adam am Abend des ersten Tages die Sonne untergehen sah, da jammerte er sehr. Der Tag war so schön! Am nächsten Morgen kam die Sonne wieder, und wieder zog Freude ein in das Herz des ersten Menschen. Als die Sonne wiederum entschwand, da sang er, denn er hatte begriffen, daß dieser Wechsel währe. Er hörte auf zu trauern und sagte: »Wir wollen leben!«

Lebet denn also, ihr Juden! von Massaker zu Massaker . . .



XXVII

Ewiger Jude, bist du am Ziel?

Ewiger Jude, bis du am Ziel?

Als ich ihn diesen Winter durch die Karpathen stapfen sah, dachte ich, er sei auf dem Weg nach Palästina, für ihn hätte sich die Sonne wieder über dem Lande Kanaan erhoben. Nach dem Worte Zephanjas, des Sohnes Chusis, des Sohnes Gedaljas, des Sohnes Amarjas, des Sohnes Hiskias, sang nun wohl Zion Freudengesänge, jubelte Israel, und erfüllte Jauchzen Jerusalem, hatte der Herr endlich seine Feinde vertrieben und den Spruch der Verdammnis ausgelöscht.

Beinahe in allen Staatskanzleien Europas und Amerikas hörte ich sagen, daß England, der Stimme Gottes gehorchend, den so lange Verbannten wieder in sein Land zurückführe und seinen Namen, der zum Schimpfwort geworden war, wieder zu Ehren bringen wolle.

Ich freute mich über sein Glück.

Wenn die Erde nur aus Frankreich oder Amerika, aus Deutschland oder England bestünde, gäbe es keinen Zionismus. Die Stimme der Propheten, die die Rückkehr verkünden, würde tauben Ohren predigen. Könnte Nehemia nach Paris, London, Berlin oder New York kommen und sprechen:

»Gehe nach Judäa, in die Stadt der Gräber deiner Väter, und baue sie wieder auf.«

Die Gräber der Väter sind jetzt auf dem Pere-Lachaise. In unserer prosaischen Zeit erscheint der Zionismus, wenn man ihn vom Börseplatz aus betrachtet, als das Werk eines üblen Spaßvogels. So sieht ihn Israel-Paris an. Ich bin nicht seiner Meinung. Ich weiß freilich, daß in gewissen Fällen das Ideal keinen praktischen Nutzen bringt. Man ißt ja auch die Blumen nicht, die man auf den Tisch stellt!

Aber wir wollen doch die Tatsachen richtig sehen. Die Juden, die um den Atlantischen Ozean herum wohnen, sind keine Juden Zions mehr. Man könnte sehr gelehrt darlegen, warum ihre Seele unter dem Bogenstrich Theodor Herzls nicht zu tönen begann. Aber es genügt wohl, wenn man sagt, Jude sein heißt noch nicht: Dichter sein. Nicht alle Christen waren Zur Zeit Gottfrieds von Bouillon Kreuzfahrer. Wenn Juden-Franzosen ihren Blick auf Palästina richten, sehen sie es aus sehr großer Entfernung; sie schauen durch das kleine Loch eines mächtigen Teleskops.

Fassen wir also die Judenfrage dort, wo sie eine ist: in Polen, in Rußland, in Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn. Dort irrt der Ewige Jude umher.

Der Jude dieser Länder ist für die anderen Menschen das, was der tolle Hund der afrikanischen Bleds für die anderen Hunde ist. Man weist ihn von den Häusern hinweg. Er streift umher und sucht etwas zum Fressen. Wenn er es wagt, sich der Stadt zu nähern, so legen die Einwohner auf ihn an.

Sehen wir also ein wenig über unsere Grenzen. Frankreich oder Deutschland ist noch nicht die Welt. Es gibt ein Drama in unserer Zeit, ein altes Drama, das plötzlich wieder aktuell geworden ist, ein packendes Drama: das Drama des jüdischen Volkes.

In Rußland leben die Juden in der Erwartung, daß man sie umbringen wird. An dem Tag, an dem die Sowjetherrschaft zu Ende geht, kann das Rote Kreuz seine Sanitätswagen bereit halten.

Die arische Meute wartet nur darauf, den Juden die Hauer in den Leib zu schlagen.

Man haßt sie in Polen, man haßt sie in Rumänien. Es ist ein solider Haß, der wie eine Gruftplatte über ihnen liegt – Zeit ihres Lebens! Im Marmaroschgebirge, in den Schlünden der Karpathen, aus denen sie mit ihren zerschundenen Nägeln nicht wieder in die Höhe klimmen können, herrscht wüstes Elend.

Dort, in diesen Ländern, hat eines Tages auf den tief herabhängenden Himmel eine Laterna magica das Gelobte Land projiziert. Ein neues Gelobtes Land, nicht mehr das alte, graue Moses’, sondern ein modernes Gelobtes Land, ein farbiges – eines in den Farben des Union Jack! Der Ewige Jude stand plötzlich still. Wie schön war das Land, das man ihm zeigte! Sonne! Orangen! Holz, um ein Haus zu bauen!

Wie einst Sanballat, zur Zeit des Artaxerxes, rief er: »Was tut ihr, ihr armen Juden? Baut ihr wirklich Jerusalem wieder auf? Könnt ihr aus diesen Haufen Staubes die Steine, die einst verbrannten, neu schaffen?«

»Es wird geschehen«, erwiderte ein weißhaariger Engländer.

»Bist du Artaxerxes, den man den Langhändigen nennt?« fragte der Jude.

»In unserer Zeit«, erwiderte der weißhaarige Mann, »muß nicht die Hand, sondern der Arm lang sein. Ich bin Balfour, den man den Langarmigen nennt.«

Da sprach der Ewige Jude zum Lord:

»Wenn es den Lord gut dünkt, und wenn dein Diener Gnade gefunden hat in deinen Augen, so schicke mich nach Judäa.«

»Hier, mein Jude, sind Briefe,« erwiderte der Lord, »Briefe für die Herren, die jenseits der Flüsse und Berge herrschen, auf daß sie dir freien Durchzug gewähren in das Land, das meine Laterna magica dir gezeigt hat.«

Und der Ewige Jude folgte der Richtung, die der lange Arm des englischen Lords ihm wies, und gelangte so vor zehn Jahren in das Land Palästina.

Bald merkte er, daß mehr als Hunderttausend anderer ihm gefolgt waren. Da sprach er zu ihnen: »Wir wollen uns aufmachen und bauen!«

Aber rings um sie waren Feinde und wachten.

Ihr habt begriffen, daß es sich um die Araber handelt. An der Stelle, auf die der Arm Lord Balfours hingewiesen hatte, befanden sich Araber. »Macht nichts!« sagten die Juden, die aus Galizien, Bessarabien, der Ukraine, der Bukowina kamen, »wir werden mit der einen Hand arbeiten und in der anderen das Schwert halten, wie unsere Väter es taten, als sie im Frühling des Jahres 537 vor Christus zurückkehrten, wie jetzt wir!«

Und wie sie es gesagt hatten, so taten sie auch.

Sie kauften hundertdreizehntausend Hektar Boden. Sie legten hundertundeine Kolonie an. Sie hatten es nicht nötig, die Mauern um Jerusalem neu aufzurichten, weil sie seit langem nicht mehr zerstört worden waren, und ebensowenig, die Tore mit Türflügeln, Schlössern und Riegeln zu versehen; dafür aber errichteten sie ansehnliche Vorstädte vor den Mauern der heiligen Stadt.

Diesenhof erbaute den Frühlingshügel. Ruttenberg verband den Jordan mit dem Jarmuk. Tolkowski pflanzte Orangen. Wunderbar! Aber, Ewiger Jude, woher nahmst du denn das Geld zu all dem?

Aus der ganzen Welt.

Als deine zerstreuten Brüder sahen, wie resolut du den Wanderstab nahmst und schnurstracks von den Karpathen bis zum Jordan marschiertest, da waren alle Blicke auf dich gerichtet. Du schienst ihnen ein Nationalheld, und so warfen sie in kleine blaue, mit dem Davidstern geschmückte Sammelbüchsen, die über alle Länder, in denen deine Leute leben, verbreitet sind, jeden Tag, zu jeder Stunde und unter jedem möglichen Vorwand Markstücke, Dollars, Shillings, Peseten und Gulden.

Und dann fingst du an, Dummheiten zu machen.

Dein alter Vagabundenstock gebärdete sich so stolz wie eine Hellebarde. Unbedenklich stießt du ihn den Arabern auf den Fuß; gerührt und rührig, wie du warst, glaubtest du, ein Gedanke genüge, um zwanzig Jahrhunderte hinwegzufegen. Du kamst nach Hause zurück wie einst die Emigranten im Gefolge Ludwigs XVIII., ohne dich darum zu kümmern, wer nach deinem Wegzug dein Haus gekauft hatte. Keckheit kann ganz gut sein, aber dann muß sie sich gegen die Großen wenden!

Du hattest es satt, dich treten zu lassen. Jedermann wird begreifen, wie angenehm es ist, sich einmal in die Höhe zu richten. Wenn man aber wie Hans Guckindieluft einherstolziert, dann sieht man nicht, was neben einem vorgeht. Ewiger Jude, der englische Lord hatte seinen Arm zurückgezogen!

Du warst rasiert, sauber geschoren, deinen Kaftan hattest du in die Nesseln geworfen, dein Hals fühlte sich in seinem Schillerkragen wohl, und so spaziertest du stolz durch das gemeine Pack hindurch.

Leugne nicht. Ich habe dich gesehen. Hinter einer Fahne zogst du wie der Kapitän einer Fußballmannschaft einher und hieltest dich aufrecht wie ein erprobter Feuerwehrmann! Wenn man so lange Mitleid eingeflößt hat, ist die Versuchung groß, nun Respekt einflößen zu wollen. Während man sich aber häutet, mein Freund, stellt man sich nicht auf seinen Balkon: man holt sich sonst schwere Krankheiten.

Du aber standest an das Geländer gelehnt und riefst jedem, der vorüberkam, deine Geheimnisse zu. Du warst ein Befehlshaber, der seine Feldzugspläne ins feindliche Lager schickt. In diesem Jahr wolltest du eine Million Pfund mehr als im vorigen sammeln und den Berg Karmel kaufen! »Hört, ihr Araber,« sagtest du, »ihr wollt wissen, was mein Ziel ist?

Nun denn: ich will hier eine jüdische Mehrheit schaffen! Wißt ihr, was ich in diesem Sommer in Zürich mache? Ich sichere mir nicht mehr und nicht weniger als ganz Palästina.

Die Jewish Agency, meine lieben Araber, die der Kongreß soeben geschaffen hat, wird mir gestatten, alle in ihren Ländern fest ansässigen Juden für den Kauf des schönen Landes zu interessieren. In zehn Jahren wird es mein sein. In zwanzig Jahren werde ich fünf hunderttausend meiner kleinen Brüder zu mir ins Land gebracht haben. Der weißhaarige Lord, den man den Langarmigen nennt, wird mir die Rechte gewähren, die Kanada und Australien besitzen. Ich werde das sechste Dominion sein! Achtung! Musik!«

Und dann ließest du die Hatikviah spielen! Was tat dein Nachbar, der liebe Araber? Zuerst schaute er sich um. Sieh da, der Lord mit dem langen Arm hatte den Schauplatz; verlassen. Dann begann er, zu zählen. Ihr wart noch nicht Fünfhunderttausend, also konnte man handeln.

Er schlich sich auf Zehenspitzen heran, und während du zu deinem eigenen Ruhm sangst, versetzte er dir mit seinem Knüttel einen tüchtigen Hieb ins Genick. Ewiger Jude, wie geht es dir jetzt? Na, es geht ihm nicht allzu schlecht. Man hätte glauben können, ihn nach dem Aderlaß in einer übleren Verfassung zu finden. Er ist wohl etwas bleicher, seine Stimme etwas weniger fest, seine Bewegungen etwas unsicherer, aber ins Bett hat er sich nicht gelegt. Und vor allem – und das ist das neue und sensationelle Ereignis im Leben des Ewigen Juden – er hat sich nicht einen Augenblick geduckt!

Um diese Zeit und nach all diesen Vorgängen befand ich mich eines Tages am Strande von Tel-Aviv.

Es war Rosch-Haschanah, der erste Tag des jüdischen Jahres. Juden standen am Ufer entlang und benahmen sich sehr merkwürdig: es war, als ob sie mit ihren Händen ihre Brust durchwühlten und etwas Widerstrebendes herausreißen wollten. Endlich schwangen sie ihre Arme in der Richtung auf das Mittelmeer zu – sie schleuderten ihre Sünden ins Meer!

So ist es gut, sagte ich mir; endlich haben sie verstanden. Wenn sie nur nicht vergessen, auch das, was sie an Stolz zu viel haben, mitzuertränken, dann wird schon alles gut werden.

War das ein prophetisches Wort?

Ist der Ewige Jude am Ziel?