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Emil Lucka – Buch der Liebe

Gedichte

Emil Lucka, Buch der Liebe, Deutsch-Österreichischer Verlag, Wien, 1912







Sieh! Welche Gnade mir durch dich gegeben:
So darf ich jede Stunde, die uns eint,
Zu späterer Freude neu für uns beleben!





Andante im Dämmerschein.

Wenn ich mein Herz in deine Hände lege,
O laß es da geborgen sein!
So voller Frieden werden seine Schläge.
Du fühlst, sie sagen alle: Dein, nur dein.

Mein Herz liegt still in seiner weißen Wiege,
Dein Auge singt ein süßes: Schlafe ein!
O senk den Vorhang deiner Finger, schmiege
Ihn um mein Herz, es kennt nur dich allein.


Du.

Du bist das Lied, das mir als Knaben einst
In einer blauen Frühlingsnacht erklang.
Ich weiß nicht, wars ein kaum geträumter Traum?
Vielleicht ein Vogel, der im Garten sang?

Im Bette saß ich mit geschlossenem Aug,
Aus Rätselfernen kam ein leises Lied /
Und ging vorbei. Ich lauschte lange bang . .
Nacht starb um Nacht, und Jahr nach Jahr verschied.

Und immer sann ich einer Frühlingsnacht,
Die mir des Sehnens dunkeln Trank gereicht
In einem süßen, traumvergessenen Lied,
Und doch so nah / ein Vogel sangs vielleicht? . . .

Da kam ein blütenweißer Morgen / Du,
Du standest tauumschimmert unterm Baum!
Ich knie stumm / du hast dich mir geneigt,
Lied meines Lebens, du mein Glück, mein Traum!


Mach mich dein.

Leucht hinab mit stillen Flammen,
Glühe meine Seele rein!
Alles Fremde laß ersterben,
Deinen Segen will ich erben /
Mach mich dein! Mach mich dein!

Gieß mit deinen milden Händen
Um mein Haupt den goldenen Schein!
Laß ihr leises Harfensingen
Tief in meine Seele dringen /
Mach mich dein! Mach mich dein!


Im Händehalten.

»Und denkst du manchmal mein?« / »Ich denke dein.«
Dies Aug verhängt sich ernst. »Doch sage: Wie?
In Liebe wohl?« / »Ich denke dein in Lieb.«
»Und werd ich stets in deinem Herzen sein?«
Das Aug wird frei: »Ich hab dich immer lieb.«
Und dann ganz leise: »Ich vergess dich nie.«

O dieses Wort / Ich hab dich immer lieb!
Mein Auge ruht in deinem Auge. Wir
Sind nichts als eine einzige tiefe Lieb.
Und eine silberleise Melodie
Geht in der Dämmerung zwischen dir und mit /
»Ich hab dich lieb« / und »Ich vergess dich nie.«


Vor dir.

Hülle ein, du Wunderbare,
In dein Zaubertuch Vergessen!
Lasse deine seligklare
Ruhe um mich sein!

Gib mir, den du hast, den Frieden!
Alle Fernen sind verrauscht,
Diese engen Schatten frieden
Schweigend mich und alles ein.


Das Gnadenbild.

So schlossen deine Hände wunderleis
Die schweren Tore meines Herzens auf
Und taten heimlich-still dein Bild hinein.
Und riegelten das Tor und preßten heiß
Und inniglich ihr süßes Siegel drauf.

So darf ich selig im verschlossenen Schrein
Des Hergens hegen dieses Gnadenbild,
Des Zauber all mein Wesen schließt und stillt.

Und matt verbleicht und schwindet, was nicht dein.


Wo du gehst.

Und wo du gehst, bleibt Glück am Weg,
In jede offene Seele säst
Du neuer Freude Samen.

Aus deiner Hand fällt Korn um Korn
Hernieder ins verklärte Land,
Und Blumen sprießen schimmernd auf im Tal.

Du bist das goldene Glück der Welt!
Du bist das Licht, das unsere Nacht erhellt!
Du bist der Liebe heilig-reinster Strahl!


In der Nacht.

Was soll ich schlafen, wie gestorben liegen!
Das Leben ist so kurz / ich denke dein!
Zu dir will ich auf starken Schwingen fliegen /
Nur wo du bist, da kann ich ruhig sein!

Durch Sturm und Dunkel find ich meine Wege,
Vor meinem Odem stürzen Türme ein.
Wild splittern meines Herzens Hammerschläge
Das Schloß / Ich steh in deinem Kämmerlein! . . .

O Friede, der mit seinen weichen, süßen
Fingern das Haar mir rührt! Durchs Dämmern hin
Hör ich ein Atmen gehn / zu deinen Füßen
Muß ich in stummem Glücke niederknien.


Deine Hand.

O laß mir diese Hand! Muß ich sie missen,
So bin ich bang wie ein verirrtes Kind,
Das von der Mutter Seite losgerissen
Im Menschenwirbel. Seine Blicke sind

Scheu über fremde Augen, fremde Wangen
Gehuscht und sinken zaghaft. Nirgends scheint
Ein Lächeln tröstend nieder/voller Bangen
Lehnt sichs in eine Ecke hin und weint.

O laß mir deine Hand! Laß mich sie küssen!
Laß die erlösten Tränen über sie
Hinströmen in zwei hellverklärten Flüssen!
O laß mir deine Hand / nimm mir sie nie!


Ziel.

Wir gehn durch die Auen
Und haben uns lieb.
Meine Augen schauen
In deine. Gib
Deine Hände,
Laß mich niederknien /
Stille Ströme ziehn
In mich ein.

Ende
Deinen Meg, vollende
Dich im Segen dieser Stunde,
Leben!
Was du birgst im Grunde,
Ist mir hingegeben,
Ist mein.


Gnade.

Sieh, welche Gnade mir durch dich gegeben:
So darf ich jede Stunde, die uns eint,
Zu späterer Freude neu für uns beleben!
Der Strahl, der mir aus deinem Auge scheint,
Sinkt tief in meiner Seele Liebesgarten
Und schläft im Tau, der von den Bäumen weint,

Und träumt von unserem Glück, ein stilles Warten,
Bis der Erinnerung Kuß ihn süß bewegt /
Da leuchtet er in einem wunderzarten

Erglühen. Sieh! Aus seinem Innern regt
Sichs zitternd: Goldene Sonnenfaden weben
Ein Bild, das unserer Liebe Antlitz trägt /
O nimm es wieder, was dein Aug gegeben!


Du kommst!

»Und weißt du auch, daß jeder Tag
In Ewigkeit verloren ist,
Wo ich dir meine Lieb nicht sag,
Wo nicht mein Mund den deinen küßt?

Dort steht im Nebel schon der Tod!
Noch ist er fern, du schaust ihn nicht.
Ich aber weiß, er steht er droht /
O schnell dein blühend Angesicht!«

»Doch morgen / nein! Die Mutter sieht
So fragend.« / »Laß sie sehn und sei
Bei mir! In meine Seele zieht
Dein Blick und macht sie still und frei.«

»Der Vater liegt« / »Er sterbe denn!
Du aber komm! Und bist du da,
Daß meine Herzglut dich verbrenn
Mit mir! Du kommst?« / »Ich komme, ja!«


Die Tage sinken.

Die letzten Rosen, die mein Garten gab,
Seit Tagen harren sie, für dich gebrochen.
Die Muschelblättchen fallen trauernd ab,
Sie sterben bin / eh du daran gerochen.

Schon wieder starrt die Dämmerung von den Wänden,
Erlähmend folgt sie einem leeren Tage.
Und du kamst nicht! / Die welken Rosen senden
Mir todesmüde einen Blick der Klage.


Das Augenwunder.

Und diese Augen waren still und groß
Und tief wie nur das allertiefste Glück /
Ich sah die Welt in ihrem goldenen Schoß.

Und all mein Stola verging und schwand: wie Schnee
Im Frühlingsleuchten taut und tropft, so schmolz
Mein Stolz in einem süßen Tränenweh.

In diesem Auge lag die Welt so all,
Daß jedes andere Ding verdämmernd schwand.
Sie war ein blauer schwebender Kristall.

Lebendige Liebe wogte auf und floß
Um eine Insel on verklärter Bucht.

Ich tauchte nieder und die Flut ergoß
Sich übers Haupt mir, trug mich hin zum Strand /
Ich schaue dich, geliebtes Heimatland!


Melancholie.

So geht das Leben hin / ich harre dein!
Und wiederum wirds Nacht /
Ein Mädchen l acht
Im Flure, Kinder schrein /
Ich bin allein! Ich bin allein!

Und jeden Abend bricht der weiße Aar
Des Lichts vom Baum der Zeit den Tag /
Mit dumpfem Schlag
Fällt schwer der Tag in meiner Seele Grund
Und schlägt sie wund.

Tag fällt auf Tag, der toten Tage Schar
Füllt meine Seele bis zum Rand,
's ist wieder Nacht / und deine Hand
Hat mir die Seele nicht befreit
Von ihrer Last, von ihrem Leid.


Du bist krank.

War mirs denn nicht, als spürt ich heute leis
Um meine Stirn des Frühlings Atem gehn?
Doch nein / das graue Eis liegt noch im Teich.
Die Fenster droben stehn verhängt, und bleich
Und höhnend starren ihre Augen
Herab auf mein Zumhimmelflehn.


Dein Ring.

Du schlangst um meine Finger goldene Ranken,
Die eine wunderbare Blume tragen.
In deinem Auge las ich den Gedanken:
Sie soll dir stets von meiner Liebe sagen!

Ich kniete still, von deinem Arm umfangen,
Und fühlte, wie die Ranken Knospen trieben,
Um unsere Seelen weiche Zweige schlangen
Und eng umwuchsen unser tiefes Lieben.

Und unsere Seelen neigen sich und fließen
/ O holdes Wunder! / Zwei in Eins zusammen!
Sieh all die lichten Blüten! Sie entsprießen
Nicht diesem Ring / nein, unserer Seele Flammen!


Ganz leise.

Viele Hände pochen
An dein Haus.
Du hast nie kein' Antwort gesprochen,
Schaust nach einem aus.

In deinen Augen gehen
Viel Dinge aus und ein.
Bleiben alle stehen,
Winken mich mit hinein.

Ich weiß in einem Garten
Viel Blumen für mich blühn.
Ist ein heimliches Warten
Von Rosen im Maiengrün.


Scheiden.

So sitzen wir verstummt im Scheidewehe,
Und eng und innig pressen sich die Wangen.
Wir wissen, daß das einzige Glück der Nähe
Uns lang geraubt, und atmen voller Bangen.

Und dann / ein stilles Zueinanderneigen,
Mein Aug liegt tief in deines Auges Grunde.
Wir sind für immer eins dem andern eigen/
Das fühlen wir in dieser großen Stunde.


Morgenerwachen.

In dieser felsenwilden Einsamkeit
Nur Schnee ringsum und Stein, kein Grün, kein Tier,
Ein Dämmern zwischen Tag und Nacht und weit
Hallt drohend-dumpfes Brausen, und ich frier.

Da glüht der Gipfel feuerübergüldt!
Von allen Höhen wogt der Flammenschaum,
Schon sind die tiefen Täler angefüllt
Mit einem Meere / weicher Purpurflaum.

Die Sonne kommt und mit der Sonne du!
Das fahle Weiß / Kristall und lauteres Licht!
Nach nächtigem Bangen wundertiefe Ruh /
Der neue Tag, er trägt dein Angesicht!


Nach den Gewittern.

Das Tal ist sonnig und ich werde froh,
So ruhig-froh wie nicht seit manchen Zeiten.
Saß ich zu lang in starren Einsamkeiten?

Die Wiesen duften, und ich werde froh.
Und meine Seele tritt aus Felsenmauern,
Tut sich weit auf in neuen süßen Schauern /
Ich kehre wieder und ich bin so froh.


Das Zauberwort.

In diesem Briefe aber stand
Ein Wort / hab ich darauf geharrt?
Hab ichs nur für des Traumes Land
Geheimer Sehnsucht aufgespart?

Und was ich suchte, was ich sann,
Wie morsches Holz im Feuer glomm,
Wie Schnee im Sonnenschein verrann
Es hin / vor diesem Wörtlein: Komm!

Mit mir der Strom, mit mir der Sturm!
Und Tal nach Tal und Waldgebraus!
Im Abendglühn / der stumpfe Turm /
Und neben ihm dein Haus, dein Haus!


Segnende Mächte.

»Mir können nie mehr von einander gehn!
Du halfst mir, meinen großen Schmerz zu tragen,
Ich habe dir die Tränen abgeküßt
Kein stärkeres Band als Leid zusammen tragen /
Wir können nie mehr von einander gehn.«

»O bindet denn die Freude nicht noch mehr?
Wenn wir nach langen bangen Meidetagen
Uns glückerstrahlend wiederum gegrüßt!
Und neue Schätze goldener Freude lagen
In unsrer Seelen unerschöpftem Meer?«

Wir wollen unsrem Schmerz und unsrer Freude,
Die so uns einen, Dank und Segen sagen!
Sie werden tief verschlungen Wurzeln schlagen,
Vereint in unsrer Liebe auferstehn /
Wir können nie mehr von einander gehn.


Sommernacht.

Wie zieht uns diese Nacht so magisch-mild
Hinaus zur alten Kirche überm See!
Lug! Durch das letzte Bogenfenster quillt
Verlorener Schein / daß uns kein Aug erspäh!

Und in der tiefen Nische eng geschmiegt
Wir beide. Fern im Silbernebelglanz
Geht unhörbar ein Schilflein, eingewiegt
Von mondbegossener Wellen Flimmertanz.

Und meine Liebe, die so lang allein
Von eigenem Sehnen kummervoll gezehrt,
Zersprengt mein Herz und strömt in deines ein,
Das süß erbebend ihr ein Tor gewährt.

Und leise schwinden Berg und Mondespracht,
Und jeder Ton versiegt im Nebelgrund.
Ein Ahnen nur zieht durch die stille Nacht /
Wir sterben hin, mein Mund an deinem Mund.


Auf dem Turm.

Balken und Bogen schwanken im Sturm,
Fahles Gewittern umflattert den Turm.

Jählings ein Schüttern, verheerend Gebraus
Glockengedröhn in die Nacht hinaus.

Dumpfer als Donner in schmetternder Näh /
Sieh! Ein Blitz sprang in den See!

Ich halt deine Hände, ich schau dein Gesicht.
Gott über uns beiden / wir fürchten uns nicht.


Abend auf dem See.

Da traf mein Glas an deines, und es sang
In diesem Kuß wie Lieb und Glück so froh,
Und Lieb und Glück aus deinem Auge drang
In meine Seele, und sie wurde so
Von allem Glanze voll und trank und trank . .

Ich warf das Glas weit in den See, und groß
Und leuchtend fiel es; und die milde Nacht
Bricht einen Stern für uns vom Himmel los /
O fleh die Glorie droben, fleh die Pracht! /
Sie wirft den schönsten Stern in deinen Schoß!


Letzter Abend.

Und wiederum die Nacht im Vollmondfrieden!
Die Grillen singen schon des Sommers Tod!
O wehes Glück! Gefunden / und geschieden!
Im Bergesschatten schaukelt unser Boot.

»Und soll ich einsam diese Nacht und bang
Durchharren, bis mich der verhaßte Tag
Mit seiner Morgenglocken erstem Klang
Ergreift und weit von dir trägt? / Sag, o sag!«

Und enger fühl ich deines Arms Umfangen
Und heißer geht dein Atem: »Laß uns hier
Noch weilen!« Innig schmiegen sich die Wangen.
Da hauch ich dir ins Ohr: »Ich komm zu dir!«
Du zitterst, und das tief erschreckte Auge:
»O laß mich! Nein!« / und greifst nach meiner Hand.
Doch süß von deinem glühenden Munde sauge
Ich mir Verheißung mit geschlossenem Auge.
Das Boot stößt an. Ich trage dich aufs Land.


Glutenrose.

Und heut will ich dir rote Rosen bringen!
Dein Blick hat mir sie jüngst ins Blut gesät.
Nun ist mein Herz ein prangend Rosenbeet,
Und seine Knospen, seine Blüten schlingen

Sich dir ums Haupt und kränzen deine Locken
Und schütten ihre duftige wilde Glut
Dir wiederum, woher sie kam, ins Blut.
Die Lippen beben und die Worte stocken /

Durch unsre Adern aber surren Lieder,
Verwirrend süß, die wir noch nicht gehört.
Wir lauschen bange, was uns so betört.
Die Küsse schweigen / doch sie saugen wieder,

Und alle Rosen neigen sich zusammen
Zur Glutenrose deines Angesichts /
Aus meinem, deinem Blute brichts
In unbezähmbar rauschendheißen Flammen.


Die Namen.

Der Name ist so schön und feierlich,
Der dir am ersten Tag entgegen kam
Und dich, ein Engel, in die Arme nahm
Und barg und führte / und so traf ich dich.

Elisabeth war über deinem Haupt,
Und einem schmalen Schild von Silber glich
Der Name und vor diesem Leuchten wich,
Was meinem Leben allen Mut geraubt.

Wie ist dein Name schön und feierlich!
Und so, daß er in diesen Wundertagen
Mir gar nicht glückt: Ich muß dir Lislein sagen /
Und tiefer reich ich so hinein in dich.

Mir wachsen nah und immer enger tu
Ich dir ums Herz mein warmes, weiches Lieben.
Alles verdämmert, was noch Zwei geblieben,
Und Nächte sind, / da ist nichts mehr als: Du . . .


Hochzeitstag.

Was ich schon habe, wird mir heut gegeben,
Was ich vor lange gab, verpfänd ich neu.
Und immer tiefer wurzeln unsere Leben
In Liebe ein und wachsen eng in Treu.

Zu deinen Füßen leg ich weiße Blüten
Und Perlen, daß sich eine Krone flicht
Um diese Stirne, duftend sie zu hüten /
Zu deinen Füßen leg ich mein Gedicht.

Du flehst, was ferne Meere, ferne Gärten
Für dich gesandt, doch du berührst es nicht.
Was deine eigenen Lande dir bescherten,
Erkennst du / und so nimmst du mein Gedicht.


Unser Heim.

Mir treten bebend über diese Schwelle.
Die Tür fällt au / wir sind in unserem Haus.
Lang stehn wir stummen Glücks. Dann stamml ich aus
Dem übervollen Herzen: »Froh und helle

Wie diese Blumen, die die Simse zieren,
Soll dir das Leben werden, meine Braut,
Mein Weib! Du hast in Lieb dich mir vertraut,
So will ich dich in Lieb durchs Leben führen.«

Du aber schließest heiß den Mund mir zu
Mit einem Kuß, von goldener Zukunft schwer.
Um uns wogt brausend unserer Liebe Meer,
Und dieses Flüstern hör ich: »Lieber du!«


Am späten Abend.

Die Dämmerung hat längst mit weichem Finger
Das letzte Wort von unserem Mund gepflückt,
Legt ihre Schleier über uns und inniger
Hat sie dein Haupt an meine Brust gedrückt.

Und meine Lippen atmen dich und trinken
Die Glorie, die das Dunkel süß erhellt.
O Nacht der Nächte! Deine Augen blinken
So tief in meine Seele, Glück der Welt!


Du schläfst.

Dein lichtes Haupt ruht auf der Hand.
Dicht hinterm offenen Fenster steht
Die dunkelblaue Nacht, sie spannt
Dir einen Rahmen aus und sät
Die reinsten Sterne um dein Haar /

Die ganze Welt ist nur ein Schrein,
Geschaffen, daß er dich bewahr!


Als die Dämmerung kam.

Und immer enger wird das enge Zimmer,
Und immer heißer pressen sich die Hände.
Aus deinem Auge nur der blanke Schimmer
Durchflockt das Dunkel, zündet zitternd Brände

Mir in der Brust. Und Atemzüge fachen,
Die schwer aus deinem Mund in meinen rauschen,
Die rote Lohe an. Im Blut erwachen
Gebieterische Flammen, flackernd tauschen

Sie deinem Glühn ihr Heischen und ihr Sengen.
Du wehrst erbebend, aber beide Gluten
Umzucken uns mit immer wilderem Drängen /
Bis wir erschauernd in einander bluten.


Tage und Nächte.

Wie ist das Leben jetzt so wunderbar!

Und jeder Tag ein sonnig stiller See,
Der mich vom morgendlichen Ufergrün
Der Liebe trägt. Das breite Schwingenpaar,
Das die Erwartung auftut, führt mein Boot
so leicht dahin / o du! Ich seh im Rot
Das Abendufer unserer Liebe glühn! /
Und mich begrüßt ein Glück, wie nie eins war.

Spät rüstet deine Liebe mir den Kahn
Ins dunkle Traumland und dein Aug erhellt
Den Meg als mein Gestirn. Ein Lächeln schwellt
Das Segel und ein letzter Kuß berührt
Die Stirne weich. Dein Segenswunsch bestellt
Mir einen lichten Engel auf die Bahn,
Die mich in einen neuen Morgen führt.


Flammen.

Die stammenden Gewalten,
Die uns umbrandet halten,
Durchsingen unsere Seelen
In brausenden Chorälen.
Und alle Nächte münden
In ihren Purpurschlünden /
Laß uns umschlungen sein!


Weihnacht.

Deine Hände wecken
Licht um Licht,
Engel streifen
Ihre Arme dir vom Baum entgegen.

Du stehst im Schimmer /
O Weihnachtssegen!
Unser kleines Zimmer
Ist die Welt!


Geheimes.

»O denk doch, wenn wir nun ein Kind,
Ein Kindchen, ganz für uns allein,
Bekämen.« / »Nein, o schweige, nein!«

Und lange Stille. Atem geht
Von mir zu dir, von dir zu mir,
Bis wiederum ein Flüstern rinnt:

»O denke doch, ums Köpfchen weht
Dein weiches Haar dem kleinen Kind!
Es trägt den frohen Sinn von dir.

Ich schenk ihm meinen Ernst dazu /
O denk doch, unser schönes Kind!
Wir hättens lieb!« / »Ja!« lispelst du.


Vorfrühling.

1.

Du stehst an unserer niedern Gartenmauer
Und hilfst den Stauden, die der Winter brach,
Mit weichem Bast. Denn heute ward ein lauer
So lang von uns ersehnter Lenzwind wach.
Jetzt bückst du dich / im Grase winkt ein blauer
Versteckter Veilchengruß, der leise lacht /
Du bringst mir froh, doch wie mit scheuem Schauer
Des Frühlings erste Blüte ins Gemach.

2.

Sieh! Rosengoldig sprühts aus Nebeln nieder,
Nach langem Regnen ward der Abend lind.
Hoch oben flimmern Lerchenstimmen wieder,
Die heute süß, wie nie am Abend sind.
Von fernen, alten Glocken kommen Lieder,
Geschmiegt in einen leisen Abendwind.
Und um dich her in duftigem Blühn der Flieder /
Mein Frühling du, der in den Abend sinnt!


In tiefer Nacht.

Schließ wiederum das Aug und lausch,
Wie 's draußen im Hollunder singt!
Wie 's durch die silberblaue Nacht
Von unserer Liebe Wunder klingt!

O laß uns schlafen / Traum und Sang
Gehn Hand in Hand um unser Land
Und Schleier eng an Schleier spannt
Sich schimmernd unsern Schlaf entlang.


Zwiegesang.

»Hörst du, wie in diesen Nächten
Ströme, wunderbar verschlungen,
Aus verborgenen fernen Schächten
Dumpf zu uns heraufgesungen?«

»Tone strömen, Quellen ziehn,
Erdedunkles Wasserwogen.
Durch die Gartenstille hin
Fühl ich, wie 's in mich gezogen.«

»Aus dem finstern Tiefeleben
Steigen Fluten, die umkreisend
Keime tragen, Träume heben,
Glimmende Bereiche weisend.«

»Fühlst du, wie in meinem Schoße
Alles wogt und alles mündet,
Ebbend aus dem Stromgetose
Sich ein Neues heimlich kündet?«

»In geweihten Werdenächten
Träufeln der Kristalle Gluten.
Aus den tiefsten Erdeschächten
Quillts, die Welt zu überfluten.«

»Magst in meinem Schoße liegen,
Lauschen, wie die Träume sprießen.
Bist mein Kind, ich will dich wiegen,
Dir ins Herz vergessen gießen.«

»Von den weißen Gipfeln gehn
Nebel leuchtend in die Weiten.
Und ein wundertiefes Wehn
Zu gestirnten Ewigkeiten.«


Uns ist verheißen.

Du birgst Geheimes und so suchst du Plätze,
Die ganz von Bäumen eingeschlossen sind,
Und schaust durch Quell und Rasen lang hinab
Verwandten Blicks / und trägst doch so wie blind
Die Bürde, die dir meine Liebe gab.

Du bist jetzt Hüterin aller unserer Schätze
Und voll Verheißung, wie ein heiliges Grab.
Den Sinn verlor, was unsere Augen sehen,
Wir hoffen ja ein Auferstehen
Von tief Verborgenem, das dir meine Liebe gab.


Unser Kind.

Doch sag, wie hast du 's denn gemacht,
Daß unser Kind so freundlich lacht?
/ Ich weiß es nicht.

Brachst du die weichen Ringel hier
Von deiner Schläfe? Sag es mir!
/ Ich hab sie noch!

Und dieses Auge / ists nicht dein?
Wie lang, wie tief hab ich hinein
Geschaut! / Mein-dein!


Dunkelheit.

Du hast um deine Seele Schatten getan
Und graue Schleier vorgespannt,
Daß ich nicht mehr hineinschaun kann /
Fremde Blicke gehn in dir um.

Deine Augen streifen weit im Land,
Ich finde nicht mehr zu ihnen hinein.
Sie sprechen dort draußen und sind mir stumm.
Ich muß still sein und möchte schrein.

Die Nacht lang gräbst du alle Blumen aus,
Die für uns beide gewachsen sind.
Du trägst sie durch die Nebel vom Haus,
Du bindest sie um einen großen Stein,
Du senkst sie in das Wasser ein /
Vom Sterben redet der Wind.


Scheiden.

Da sprachest du / ich sagte: Nein! /
Du aber sprachst: »Die Liebe starb.
Wie kann ich ohne Liebe sein
Mit dir?«

Du beugst dich und du trägst dein Kind
Von mir / ich bebe: Nein!
Ich höre fallen Tür um Tür
Und bin allein.


In jeder Nacht.

Wer ruft? Wer ruft?
Ich hör eine Stimme durch die Nacht.
Reden? Singen? / Ich weiß es nicht.
Kann nichts verstehn,
Und fühl doch alles, was sie spricht.

Was horchst du noch?
Und reißest deine Seele Nacht
Für Nacht entzwei und schlürfst und trinkst?
Du weißt es doch /
Die Stimme weint.


Warten.

Ich bin an diesen Ort gebannt und muß
Her warten, bis die letzte Nacht aufrauscht
Und ihre brennend-schwarzen Flügel bauscht
Und alles Licht auftrinkt in ihren Kuß.

Ich muß hier warten und mein Marten ist
Bluten im Schnee, und jede Stunde dreht
Sich um die Uhr so müd, wie ein Planet,
Der sich ein Jahr auf seinem Weg vergißt.

Warten! / Die Fenster stehn weit auf, spähn aus!
Doch niemand, nur der Nachtwind schlüpft ins Tor.
Die Erde ist so wegwirr / wo verlor
Sich denn der Schritt, der einst genaht dem Haus?


Herbste.

War ein Herbst / war ein Tag / und der Wald stand im Gold.
Und das Gold / nur ein Lehn deines Haars.
Und der Wald hat gelbduftende Schätze gezollt
Deinem Schoß / ein Regnen von Golde wars!

Und ein Schweigen so voll / ich stand am Stamm.
Und die Sonne / mit letzter, mit leuchtender Pracht.
Und dein Auge zu mir / ein Lichttropfen dran /
Da haben wir beide ans Sterben gedacht.

War ein Herbst / war ein Tag / wo ist Glanz, wo ist Gold?
Der Sturm würgt die Bäume, sie schwanken kalt.
Alle Schätze verscharrt, alle Tränen verrollt/
Nebeltiere gehn grau durch den Wald.


Traum.

Du saßest und ich grub mit wunder Hand
Die Erde auf und manchen glühenden Stein,
Rot, grün und perlengleich, den ich da fand,
Legt ich um deines Halses Silberschein.

Dann blicktest du hinauf: der goldene Kranz
Der Sterne flocht sich durch das schwarze Land.
Ich reckte meine Arme und ich wand
Stern dir um Stern durch all den Erdenglanz.

»Nun leuchtet nichts mehr so, wie dieser Kranz!«
Du aber sahst die Glut, der jede wich:
Da schnitt ich tief ins Leben / Flamme ganz
Bot ich mein Herz dir hin: ich segne dich.


Auf der Flur.

Ein Veilchen hab ich gefunden,
Der Schnee liegt noch im Tal.
Ist denn der Minter verschwunden
Mit einem Mal?

Laues Wiegen geht
Mir durchs Haar,
Und ein Duft weht,
Der mir so lieb einst war.

Sein Veilchenauge hebt
Der Frühling auf /
Ein blaues Auge steht
Wieder vor meiner Seele.


Das ist der Weg.

Du bist so fern. Ich möchte dir zu Seiten
Unsichtbar gehn und deine Wege weihn.
Du bist so fern. Ich will dich heimgeleiten,
Heimat ist: Ich und du zusammen sein.

Mir gehn den Weg, den wir einmal gegangen.
Rechts in der Wiese steht ein Baum / du weißt!
Wir gehn den Weg, wo alles angefangen
Und staunen, wie das Leben uns umkreist.

Ein blaues Märchen stand in Morgengluten,
Nun schläft es unter schwerer Tage Last.
Du bist so ferne / Nebel überfluten
Die Welt, die du gesegnet hast.


Deine Herrlichkeit.

Du bist der Silberkelch, der alle Süße
Der Welt bewahrt als ein verschlossenes Lehn!
Du bist das Rosenblatt, dem sich die Grüße
Der Elfen neigen, die vorüberwehn!

Du bist der Frühling, bist die Flammenkrone,
Die jeden Tag in seiner Wiege schmückt!
Der Engel bist du, der zu Gottes Throne
Einst meine Seele von der Erde pflückt!


Hast du vergessen?

Hast du vergessen, wie es war?
Der Frühling gab dich mir!
Mit Blumen flocht ich
Dir meine Küsse ins Haar.

Hast du vergessen, wie lang
Das Schweigen gewesen ist,
Da meine Seele in deine
Bebend versank?

Mein ganzes Lieben
Liegt in deiner Seele versenkt.
Ich habe dir alles geschenkt,
Mir ist nichts blieben.


Am Ende.

Wie ein Traum, der noch einmal in sterbender Pracht
Alle Wunder des Tals, alle Sterne der Welt
Vor die dürstende Seele erschauernd gestellt,
Eh der Tag sein Erbleichen ans Fenster gebracht /

Wie ein Singen voll Glück, das am Abend im Wald,
Wenn das Schweigen den Blumen mit segnendem Kuß
Schon die Lider verschloß, übern glühenden Fluß
Durchs Gezweig in ein fernes Verdämmern hinschallt /

So hast du alle Schatten von Trauer und Tod
Durch dein Bild überstrahlt, durch dein Lieben versöhnt.
So hast du meinen schwindenden Herbsttag bekrönt,
Eh die Welt mir erstarrt, eh das Leben verloht.