ngiyaw-eBooks Home


Eugenie Marlitt – Das Eulenhaus

Roman


1.

 

Die Goldregen- und Syringenbüsche in den Hofwinkeln des Geroldschen Gutes strotzten heuer von Dolden und Trauben, das Brunnenwasser stürzte, durchfunkelt von jungem Maisonnenlicht, mit kräftigem Getöse in den Steintrog, und auf den Stall- und Scheunendächern lärmten die Spatzen. Es schien, als blühe, dufte und lärme es heute stärker als je auf dem Geroldshofe, so recht wie im Gefühl der Heimatsfreude, denn die Büsche, der Brunnen und das alte Sperlingsgeschlecht in seinen liederlichen, verrotteten Nestern, sie blieben ja da, sie wurden nicht vertrieben, wie die aufgeschreckten Spinnen und Motten hinter fortgerückten uralten Schränken und Truhen im Gutshause. Ja, schlimm genug sah es aus da drinnen, fast wie im Kriege: so kahl waren die Wände und ein so wildes Durcheinander lag und stand auf den Dielen des Speisesaales!

Da war nichts von dem, was brave Hausfrauen in den Wäschespinden und Bettkammern und ihre Eheherren an Haus-, Silber- und Jagdgerät aufgesammelt hatten, das nicht in diesen Saal mußte, um sich von fremden kaltprüfenden Augen anschauen zu lassen und nachher auf weit auseinanderlaufenden Wegen zerstreut und aus aller Gemeinschaft gerissen in die Welt zu wandern.

Wie sie beleidigend durch die offenen Saalfenster herausklang, die wie mit dickem Möbel- und Bücherstaub belegte Gerichts­schrei­ber­stimme bei ihrem eintönigen »Zum ersten, zum zweiten ...«! Es war fast zu verwundern, daß nicht einer der alten Gestrengen seinen jahrhundertelangen Schlaf abschüttelte, um bei dieser Stimme protestierend aus dem unterirdischen Steingewölbe der nahen Hauskapelle herauszufahren. Da drunten zerstäubte ja so manche Männerfaust, die einst kräftig dreingeschlagen, um das, was sie an Hab und Gut erworben oder vielleicht auch sich gewaltsam angeeignet hatte, mit Mord und Totschlag zu behaupten. Aber der letzte Besitzer von Geroldshof, dem jetzt alles, was nicht niet- und nagelfest war, so vor den Augen weggeschleppt wurde, hatte gesänftigtes Blut in den Adern. Er war ein edel schöner Mann mit verschleiert blickenden Augen, mit einer Stirn, die das Sinnen und Grübeln faltete und zugleich verklärte.

Er saß in seiner stillen, just in dem Winkel gelegenen Hinterstube, wo sich das Syringengebüsch hoch bis über das Fenster hinaufreckte. Die weißen und blauen Blütentrauben klopften bei jedem Windhauch schaukelnd an die Scheiben, die, fest geschlossen, den Versteigerungslärm vom Speisesaal her ziemlich erfolgreich abwehrten.

Herr von Gerold schrieb an einem Tisch von Fichtenholz, den man ihm großmütig aus der Konkursmasse überlassen hatte. Für ihn war es offenbar nicht von Belang, daß sein Manuskript jetzt auf der weißgescheuerten Platte eines Gesindetisches lag, sein Geist, der Außenwelt abgewandt, vertiefte sich in Probleme, während die Hand kleine, weichverschwimmende Schriftzüge auf das Papier warf, und nur dann wurde sein Aufblick bewußter, und so etwas wie liebevolle Freude an einem plötzlich auftauchenden Kindergesicht glitt über seine Züge, wenn die Syringenblüten draußen ihm zunickten.

Es war aber außer ihm noch jemand im Zimmer, ein kleines, dickes, blondhaariges Mädchen, das sich in eine der Fensterecken gedrückt hatte. Dem kleinen Ding lag etwas genau so am Herzen, wie dem schreibenden Mann dort sein Manuskript — die Spielkameraden. Es hatte in dem Winkel alles zusammengeschleppt, was ihm allein gehörte, ja, ganz allein! Das schönbemalte Porzellantafelgeschirr für eine Kindergesellschaft hatte die gute Hoheit geschickt, und alle Puppen, die Schleppkleiderdamen wie die Schreikinder, waren zu Geburtstag und Weihnachten in langen Kisten angekommen, und auf die Bretterdeckel hatte Tante Klaudine allemal selbst geschrieben: »An die kleine Elisabeth von Gerold«. Der Papa hatte es ja stets dem Kinde vorgelesen. Nun saß diese kleine Elisabeth inmitten ihrer Reichtümer wie in einem Nest, das jüngste Wickelkind im Arm und die großen Blauaugen scheu und ängstlich auf die Tür geheftet, wo vorhin die bösen Männer mit den letzten Bildern und der schönen »Ticktackuhr« hinausgegangen waren.

Sie patschte leise beschwichtigend auf das Wickelkissen. Sonst aber verhielt sie sich mäuschenstill, denn der Papa machte ja immer ein so erschrecktes Gesicht, wenn sie ihn im Schreiben störte. Und es kam auch jetzt kein Laut aus ihrem Munde, als plötzlich die gefürchtete Tür lautlos aufging, aber die Wickelpuppe glitt vom Schoße auf die Erde nieder, die kleine dicke Person erhob sich von ihrem Korbstühlchen, wackelte, so schnell es die Beinchen vermochten, durch das Zimmer und hob mit glückstrahlendem Gesicht die Arme zu der Dame empor, die eingetreten war.

Ach, sie war gekommen, die Tante Klaudine, die schöne Tante, die dem Kinde vieltausendmal lieber war als Fräulein Duval, die Erzieherin, die immer zu den anderen Leuten im Hause gesagt hatte: »Fi donc, was für ein pauvres Haus! Nichts für Claire Duval! Ich gehe!« Und sie war gegangen und war gar nicht mehr gut und höflich zu dem Papa gewesen, und das Kind hatte sich nachher die Wange rein gerieben von Fräulein Duvals kaltem, häßlichem Kuß.

Ja, das war nun freilich anders, als jetzt zwei weiche Hände es sanft emporhoben und ein süßer Mund es zärtlich küßte, und dann glitt die junge Dame ebenso geräuschlos, wie sie gekommen, über die Dielen — nur das dunkle Seidenkleid knisterte ein wenig — und legte die Hand auf die Schulter des schreibenden Mannes.

»Joachim!« rief sie ihn mit sanfter Stimme an und bog sich vor, um in sein Gesicht zu sehen.

Er fuhr empor und stand sofort auf seinen Füßen.

»Ah, Klaudine!« rief er in sichtlichem Schrecken. »Schwesterchen, liebes Kind, hierher durftest du nicht kommen. Sieh, ich trag’s leicht, ich bin bereits darüber hinweg, aber du wirst bittere Schmerzen leiden unter der Zerstörung, die alles, was du lieb hattest, nach allen Winden hin zerstreut! Armes, armes Kind! Wie mir die verweinten Augen da weh tun!«

»Nur ein paar Tränchen, Joachim«, sagte sie mit lächelnden Lippen, aber aus ihrer Stimme klang noch innerer Schmerz. »Daran ist nur der Rappe schuld, unser alter Briefträger, der uns jeden Morgen die Posttasche holte. Denke dir, es erkannte mich sofort, das treue Tier, als es an mir vorübergeführt wurde.«

»Ja, Peter ist fort, Tante«, sagte die kleine Elisabeth. »Er kommt nicht wieder, der gute Peter, und der Wagen ist auch fort, und der Papa muß nach Eulenhaus laufen.«

»Er muß nicht laufen, Herzchen, denn ich habe einen Wagen mitgebracht«, tröstete Tante Klaudine. »Ich will nicht erst ablegen, Joachim —«

»Darum darf ich dich auch nicht bitten in diesem fremden Hause. Ich kann dir auch nicht einmal eine Erfrischung anbieten. Die Köchin hat uns heute mittag die letzte Kartoffelsuppe gekocht und ist dann gegangen, weil sie ihren neuen Dienst antreten mußte. Sieh, das sind lauter Bitternisse, die du erfährst, und welche du dir ersparen konntest. Du wirst lange mit dir kämpfen müssen, um nach deiner Rückkehr an den Hof das häßliche Gespenst dieser Erinnerungen loszuwerden.«

Sie schüttelte leise den schönen Kopf.

»Ich gehe nicht an den Hof zurück. Ich bleibe bei dir«, erklärte sie bestimmt.

Er prallte zurück.

»Wie — bei mir? Willst du mein — mein Bettelbrot teilen? Nie, Klaudine, nie!« Er streckte die Hand abwehrend gegen sie aus. »Unser schöner Schwan, die Augenweide, die Freude so vieler, sollte in dem Eulennest verkümmern? Hältst du mich für einen Seelenmörder, daß du ein solches Ansinnen an mich stellst? Ich ziehe mich gern, ja, erleichterten Herzens zurück in das alte Haus, in dein Haus und Erbe, das du mir großmütig zur Verfügung gestellt hast — es wird mich traut und heimisch umfangen, denn ich habe mein stilles Schaffen, das mir alles verklärt, mir das karge Brot versüßt und die alten Wände vergoldet. Aber du, du?«

»Ich habe diesen Protest vorausgesehen und deshalb allein gehandelt«, sagte sie fest und sah ihm mit ihren langbewimperten, sanften Augen in das Gesicht. »Ich weiß wohl, daß du mich nicht brauchst, du genügsamer, stiller Einsiedler. Was aber soll aus deiner kleinen Elisabeth werden?«

Er blickte wie erschrocken nach dem Kinde hin, das sich eben abmühte, einen kleinen, runden Kattunmantel, wie ihn die Thüringer Bauernfrauen tragen, zum Abmarsch überzuwerfen. »Fräulein Lindenmeyer ist ja da,« sagte er zögernd.

»Fräulein Lindenmeyer war Großmamas gute, brave Kammerfrau und ist zeitlebens treu wie Gold gewesen, aber nun ist sie alt und grau, wir können ihr unmöglich zumuten, das Kind zu behüten. Und wie denkst du dir wohl den Unterricht von Seiten der alten guten, schwärmerischen Seele?« fuhr sie lebhaft fort, während ein trübes Lächeln durch seine Züge schlich. »Nein, lasse mich gutmachen, was ich verschuldet habe! Ich durfte nicht zu meiner alten Hoheit gehen, ich mußte die Hofdamenstellung zurückweisen und bei dir bleiben, um das abwärts rollende Rad nach Kräften mit aufzuhalten. Um den Geroldshof stand es schon damals schlimm.«

»Und dein Bruder hatte sich törichterweise ein verwöhntes Weib aus Spanien mit heimgebracht, das jahrelang an dem deutschen Klima krankte, bis es der Engel der Erlösung von dem Schmerzenspfühl hinwegnahm, nicht wahr, Klaudine?« ergänzte er mit aufquellender Bitterkeit. »Dazu war er ein ganz erbärmlicher Ökonom, ein Unnützer, der die Wiesenblumen und Gräser unter dem Mikroskop studierte; ihre Schönheit besang und dabei vergaß, daß sie in erster Linie gutes Milchfutter sein müssen. Jawohl, wahr ist’s! In schlimmere Hände konnte das schon damals ziemlich abgewirtschaftete Gut nicht kommen, als in die meinen. Aber bin ich allein dafür verantwortlich zu machen? Was kann ich dafür, daß kein Tropfen des Bauernblutes in mir lebt, welches sich immer ganz gut mit dem blauen Geblüt in den Adern unserer Vorfahren vertragen hat? Ackerpflug und Viehzucht haben ja zumeist das nun in alle vier Winde verflogene Geroldsche Vermögen erworben, und ich muß mich vor dem geringsten Taglöhner im Dorfe schämen, der mit Fleiß und Schweiß seinen ererbten Kartoffelacker zu behaupten sucht. Ich nehme nichts mit als meine Feder und eine Handvoll Kleingeld, das mir und meinem Kinde Brot geben muß, bis mein Manuskript vollendet und eingeliefert ist. Deshalb schreibe ich mit jagenden Pulsen —«

Er unterbrach sich. Bitter lächelnd trat er der jungen Dame näher und legte beide Hände auf ihre Schultern. »Ja, siehst du, Kind, Herzensschwester, wir zwei, die zwei letzten, sind Schwimmvögel, die das ehrbare Haushuhn, das alte Geroldsgeschlecht, am Schluß seiner langen Erdenlaufbahn ausgebrütet hat! Wir sind schon als Kinder in ein besonderes Fahrwasser gelaufen, ich, der Träumer, der Grübler und Sterngucker, und du, die Nachtigall mit der süßen Goldkehle, die Huldgestalt mit dem sinnigen Tun und Wesen. Und nun kommst du zu dem zerstreuten Menschen und Bücherwurm, der ich bin, und möchtest dich mit ihm im Eulenhaus verkriechen.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Nicht bis zur Schwelle des alten Hauses gehst du mit, Klaudine! Fahre du nur mit dem Wagen wieder heim! Meine Beine sind steif geworden vom stillen Hocken in diesem Winkel, wohin ich mich vor dem Menschentrubel geflüchtet habe, der Marsch nach dem Eulenhaus wird ihnen gut tun, und mein Kind wird der Friedrich, unser alter, treuer Friedrich tragen, wenn die Beinchen müde werden sollten. Und nun ein kurzes Lebewohl, Klaudine!«

Er breitete die Arme aus, um die Schwester abschiednehmend zu umfangen, aber sie wich zurück.

»Wer sagt dir denn, daß ich wieder zurück kann?« fragte sie ernst. »Ich habe um meine Entlassung gebeten, und sie ist mir gewährt worden. Meine teure, alte Hoheit hat mich verstanden, und ohne daß auch nur eine Frage von ihrer Seite gefallen wäre, weiß sie genau, wie die Sachen liegen. Und so sei auch du diskret, Joachim« — ein tiefes, dunkles Rot überflutete jäh ihr Gesicht — »und lasse neben meinem Wunsche, bei dir zu sein, auch noch ein anderes Motiv für meine Heimkehr stillschweigend gelten. Nimm mich hin, wie ich zu dir komme, mit verschlossenem Mund, aber das Herz voll treuer Schwesterliebe. Willst du?«

Er zog sie schweigend an sich und küßte sie auf die Stirn.

Sie atmete tief auf.

»Schmale Kost werden wir freilich haben«, sprach sie weiter, »aber Bettelbrot ist’s drum doch nicht! Die Hoheit läßt es sich nicht nehmen, mir mein Gehalt nach wie vor auszuzahlen, und das Legat von der Großmama wirft jährlich auch eine hübsche kleine Summe ab. Verhungern werden wir mithin nicht, und mit jagenden Pulsen darfst du in Zukunft auch nicht schreiben — das leide ich nicht! In ungestörter Ruhe, zu deinem eigenen Genusse sollst du dein schönes Werk vollenden. Und nun wollen wir uns fertig machen!«

Ihre Augen glitten durch das kahle Zimmer und blieben an einem kleinen Koffer hängen.

»Ja, das ist alles, was ich von Rechts wegen mitnehmen darf«, sagte Herr von Gerald, ihren Blick verfolgend. »Just nicht viel mehr, als der letzte Stammhalter der Gerolds bei seinem Eintritt ins Leben unwissentlich beansprucht hat — die allernötigste Bekleidung eines Leibes. Doch nein — was für ein schwarzer Undank!« Er schlug sich vor die Stirn, und seine Augen leuchteten glücklich auf. »Höre, Klaudine, wie ist das doch seltsam! Besinne dich! Kennst du vielleicht einen Freund unseres Hauses, so einen, der unbedenklich zweitausend Taler mit der Rechten aus der Tasche nimmt und hingibt, ohne daß die Linke es merkt? Ich kenne keinen, wie ich auch sinne und mein Gedächtnis zermartere, keinen auf der Gotteswelt! Und da werden mir nun gestern einige Kisten hier nebenan in das Zimmer gestellt, so wie mit Fug und Recht, denn ich sollte sie ja in der Auktion durch einen Bevollmächtigten zurückerstanden haben — ich, der arme Hiob! Ich glaube, ich habe den Trägern ins Gesicht gelacht. Aber sie sind gegangen und haben sie mir absolut nicht wieder abgenommen, meine Bücher, meine kleine, kostbare Bibliothek, um die mir die Augen doch feucht geworden sind, als profane Hände sie, Band um Band, in Waschkörbe warfen, um sie zur Versteigerung hinüberzuschaffen, meine lieben Bücher und treuen Einsamkeitsgenossen! Wer sie mir aus dem Schiffbruch gerettet hat, er mußte es wissen, daß er mir geistigen Lebensodem und einen festen Stab zur Wanderung in die Wüste mit ihnen zurückgegeben hat, und dafür sei er dreifach gesegnet, der edle Unbekannte mit dem goldenen Herzen! Ja, nicht wahr, auch du sinnst vergebens, Klaudine? Gib es auf, das Rätsel lösen wir beide nicht!«

Er schob sein Manuskript in die bereitliegende Mappe, und Klaudine packte die Habseligkeiten der kleinen Elisabeth in eine Korbwanne, wobei die dicken Händchen des Kindes nach Kräften behilflich waren.

Zehn Minuten später stand auch dieser letzte Zufluchtsort des Heimatlosen verlassen und er durchschritt, das Händchen seines Kindes in der seinen und die Schwester am Arme führend, den nächsten Korridor.

Ein schöneres Geschwisterpaar ließ sich kaum denken als diese zwei Menschen, die umflorten Blickes zum letztenmal das Vaterhaus durcheilten, das heimische Nest, an dem die Gerolds Jahrhunderte hindurch gebaut und verschönert hatten, und in welches nun fremde Vögel einflogen, Vögel mit goldenen Federn, denn das Gut war um sehr hohen Preis von unbekannter Seite erstanden worden.


 

2.

 

Im Treppenhause stießen sie auf eine Dame, die aus dem Seitenflügel kam, in welchem die Versteigerung stattfand. Sie nahm eben, besorgt und sichtlich unwillig vor sich hinmurmelnd, den Saum ihres braunen Kleides auf, denn auf den Stufen lag dicker Staub, den in all den Tagen des lebhaften Menschenverkehrs kein Besen weggefegt haben mochte. Die Röte eines jähen Erschreckens färbte ihr Gesicht, als sie aufblickend die beiden vor sich sah.

»Ah, Verzeihung!« sagte sie mit einer tiefen, unbiegsamen Stimme, indem sie zurücktrat. »Ich versperre Ihnen den Weg!«

Herr von Gerold sah einen Augenblick aus, als schwebe es ihm auf den Lippen, zu sagen: »Muß ich auch noch diesen Kelch leeren?« Aber er bezwang sich und entgegnete mit einer höflichen Verbeugung: »Der Weg aus diesem Hause steht uns allzuweit offen, ein Augenblick der Verzögerung kann uns nur lieb sein.«

»Es ist ja ein ganz schauderhafter Schmutz auf dieser Treppe — nein, wirklich empörend!« polterte die Dame, als habe sie seine Antwort gar nicht gehört, und schüttelte abermals an ihren Röcken. »Ich gehe deshalb nie zu einer Versteigerung, grundsätzlich nicht — was muß man da für alten Staub schlucken! Aber Lothar ließ mir ja keine Ruhe, er schrieb mir zweimal dringend, und da mußte ich wohl oder übel herüberfahren, um das Silbergeschirr zu erstehen. Er wird sich wundern — bis zu einer erstaunlichen Summe bin ich gesteigert worden.«

»Um meiner Großmama willen bin ich deinem Bruder dankbar für den Ankauf, Beate — ihr ganzes Herz hing an den alten Erbstücken«, sagte Klaudine.

»Nun ja, wie konnte er anders? Wir haben ja die andere Hälfte dieser Erbstücke und dürfen doch nicht leiden, daß unser Wappen auf den ersten besten Protzentisch kommt«, entgegnete die Dame achselzuckend. »Aber wäre es nicht zuerst an dir gewesen, Klaudine, das Silberzeug eben um deiner Großmama willen zu retten? Wenn ich nicht irre, hat sie dir ja besonders einige tausend Taler vermacht.«

»Ja, einen Notpfennig, wie es im Testament steht. Meine praktische Großmama wäre die erste, die mir zürnte, wenn ich das Vermächtnis geopfert und Silber, aber kein Brot im Schranke hätte!«

»Kein Brot? Du, Klaudine, du, die stolze, verwöhnte Hofdame?«

»War ich je stolz?« Sie schüttelte hold lächelnd den Kopf. »Und verwöhnt? Nun ja, das will ich glauben! Am Hofe lernt man nicht arbeiten.«

»Das hast du schon vorher gekonnt, Klaudine«, fuhr die Dame heraus. »Das heißt —« suchte sie sich hastig zu verbessern, aber es kam kein Nachsatz.

»Sprich nur weiter, du hast ja recht«, sagte Klaudine gelassen. »Die Art Arbeit, die du meinst, lernt man auch im Institut nicht. Aber ich will es nunmehr versuchen, ich will Hausfrau werden in meinem alten Eulenhaus.«

»Du willst doch nicht sagen —«

»Daß ich bei Joachim bleiben werde! Allerdings. Braucht er nicht jetzt doppelt Liebe und schwesterliche Hingebung?« Sie schmiegte sich fester an den Bruder und sah zärtlich zu ihm auf.

In das bläßliche Gesicht der Dame schoß eine dunkle Blutwelle. Sie bückte sich rasch zu der kleinen Elisabeth hinab und wollte ihr die Wange streicheln, aber das Kind sah sie finster und mißtrauisch von der Seite an. »Geh fort, du —« wehrte es die Liebkosung ab.

Herr von Gerold fuhr unwillig empor.

»Ach, lassen Sie doch das kleine Ding! Ich bin es gewöhnt, daß die Kinder mich nicht mögen«, sagte die Dame mit einem harten Auflachen und streckte die Hand schützend über das blonde Köpfchen hin. »Aber was ich sagen wollte —« wandte sie sich wieder zu Klaudine. »Du wirst anfangs schweres Lehrgeld geben müssen, man braucht nur deine Hände anzusehen. Das wird elegante Toiletten genug kosten, ehe du es lernst, in der hausleinenen Schürze an den Herd zu treten und ein richtiges Essen herzustellen, das heißt —« suchte sie sich abermals zu verbessern, während ihr Blick scheu die niedergeschlagenen Augen der schönen Hofdame streifte. »Pardon, Kind! Ich mein’ es ja nicht böse, ich wollte dir nur für die erste Zeit eines meiner Mädchen anbieten. Meine Leute sind gut geschult.«

»Das ist bekannt. Ihr Ruhm als Hausfrau ist längst über das Weichbild der Geroldshöfe hinausgedrungen«, fiel Herr von Gerold nicht ohne Sarkasmus ein. »Aber wir müssen danken. Sie werden sich selbst sagen, daß wir keine Dienerschaft mehr halten können. Wie auch meine Schwester die schwierige Aufgabe anfassen wird, ich bin zufrieden und unaussprechlich dankbar. Sie ist und bleibt mein guter Engel, auch wenn ihr anfangs das >richtige Essen< mißglücken sollte.«

Er lüftete mit einer vornehmen Verbeugung den Hut und stieg mit den Seinen die Treppe hinab. Die Dame folgte stillschweigend, denn auch ihr Wagen stand ja drunten vor dem Tor des Gutshauses.

Mittlerweile hatte Friedrich, der alte Kutscher, den Koffer hinuntergetragen, und jetzt kam er, die Korbwanne mit dem Spielzeug auf den Armen, an den Hinabsteigenden vorüber. Das kleine Mädchen horchte besorgt auf das Porzellangeklirr im Korbe und reckte sich auf, um einen Einblick in ihre Besitztümer zu gewinnen, und da war in der Tat ein vorwitziger Puppenliebling eben im Begriff, über den Korbrand zu spazieren. Fräulein Beate griff über den Kopf der Kleinen hinweg schleunigst nach der Ausreißerin.

»Tu meinem Lenchen nichts mit deinen großen Händen!« schrie das Kind in demselben Augenblicke auf und zerrte die Dame am Rocke.

»Ach, das arme Würmchen, hast du es auch schon in der höfischen Zucht?« lachte Fräulein Beate kurz auf, als Klaudine die Hand erschrocken auf den Mund des Kindes legte. »Warum soll es denn die Wahrheit nicht sagen? Meine Hände sind ja groß und Komplimente werden sie nicht kleiner machen. Und ihr Ungeschick in allen zarten Dingen mag man ihnen auch auf den ersten Blick ansehen. Das kleine Ding protestiert dagegen, wie alle unsere Pensionsschwestern. Du mußt’s ja noch wissen, Klaudine!«

Mit einer linkischen Verbeugung schritt sie die letzten Treppenstufen hinab nach dem Portal und winkte ihren Wagen herbei.

Die Gestalt, wie sie so unter dem Torbogen stand, war schön und kraftvoll gebaut, aber sie hatte eckige Bewegungen, und das luftgebräunte Gesicht unter den glatt und streng aus der Stirn gestrichenen Haaren milderte den unliebenswürdigen Eindruck der Erscheinung durchaus nicht.

Herr von Gerold fuhr scheu zurück, als er aus dem Tor trat. Er wäre wohl am liebsten in den dunkelsten Winkel des Hausflurs geflüchtet, Menschentrubel war ihm verhaßt, und hier auf dem freien Platze vor dem Hause war ein Durcheinander wie auf dem Jahrmarkt. Da wurden die Plüschmöbel seines Salons auf einen Leiterwagen verladen, dort schleppten Frauen ganze Lasten Federbetten herbei, Küchengerät polterte und klirrte beim Verpacken, und dabei gingen noch einmal die gezahlten Preise von Mund zu Mund, unter Lachen und Fluchen, je nachdem man gekauft hatte.

Zum Glück hielt der Mietwagen, in welchem Klaudine gekommen war, in der Nähe des Haustores. Man stieg rasch ein. Friedrich stellte die Korbwanne mit dem Spielzeug auf den Vordersitz, dann drückte er mit einem betrübten Abschiedsblick den Schlag zu, und fort brauste der Wagen, vorüber an all dem trauten Hab und Gut des Hauses, auf welches jetzt der freie, blaue Frühlingshimmel niederschien, vorbei an den leergewordenen Remisen und Ställen, an aufblühenden Teppichbeeten, an den Springbrunnen und den weiten Rasenflächen des Obstgartens, auf welchen noch der weiße Reif abgeschüttelter Blütenpracht lag. Dann streckte sich die helle Landstraße vor ihnen hin, rechts und links noch besäumt von den Gutsfeldern und Wiesen, bis der Wald seinen Schatten über sie warf. Vorher aber zweigte nach links ein breiter Fahrweg ab, und dort fuhr die in der Sonne blitzende elegante Kutsche hin, in welcher Fräulein Beate von Gerold heimwärts fuhr.

»Mußte auch die noch deinen Leidensweg kreuzen!« sagte Herr von Gerold zu seiner Schwester mit einem unmutigen Blick nach dem dahinbrausenden Wagen.

»Sie hat mir nicht weh getan, Joachim. Ich kenne sie besser und habe nicht das Vorurteil gegen sie, wie die meisten anderen Menschen«, entgegnete Klaudine. »Beate ist verletzend derb und scheinbar schonungslos anderen gegenüber nur aus — Verlegenheit —«

»Mohrenwäsche, Kind! Die hilft dir nichts! Sie ist nicht gut, diese Beate, sie hat weder Herz, noch den Geist, den ich in der Frau anbete, den Seelenliebreiz, der unbewußt von meiner armen Dolores ausströmte und mit welchem du mich Schuldigen auch heute wieder umstrickst. Nicht ein Atom davon lebt in diesem — barbarischen Frauenzimmer.«

Der helle Sonnenschirm des »barbarischen Frauenzimmers« tauchte eben noch einmal auf zwischen den Vogelbeerbäumen des Weges, dann verschwand er hinter den Buchen, den Vortruppen des schmalen Gehölzstreifens, mit welchem das Gebiet des Geroldshofes abschloß.

Jenseits dieses Laubwaldes, weit drüben am Berge, lag auch ein Herrenhaus, ein schmuckloser Bau neueren Stils, mit hellgetünchten Mauern und weißen Rolläden. Da sprangen keine Fontänen, und von Blumenbeeten war auch nicht viel zu sehen. Dafür aber hatte das Besitztum einen Baumschmuck, der seinesgleichen suchte. Wahre Riesen alter Linden spannen um Mauern und Höfe ein heimlich grünes Dämmern, nur die Vorderfront des Wohnhauses blieb unbeschattet, und um das schöne Taubenhaus inmitten des breit hingelagerten Rasengrundes vor dem Hause spielten ungehindert Maienlüfte und die Goldlichter der Sonne.

Diese Besitzung war auch ein Geroldshof, das Rittergut der Herren von Gerold-Neuhaus.

Vor alten Zeiten waren die liegenden Gründe des weiten Paulinentales und die von da bergauf kletternden mächtigen Waldungen in einer Hand vereint gewesen. Die Gerold von Altenstein hatten unumschränkt geherrscht über Leben und Tod jeglicher Kreatur, die in meilenweiter Runde sich rührte und regte. Später, vor mehr als zweihundert Jahren, hatte ein aus langer blutiger Fehde glücklich heimgekehrter Herr Benno von Gerold um eines nachgeborenen Spätlings seines Stammes willen das Gut Altenstein zwischen diesem und seinem Erstgeborenen geteilt. So war die Linie Gerold- Neuhaus entstanden. Lange Zeit hindurch war sie die weniger begüterte und in geringerem Ansehen stehende verblieben, dann aber hatten verschiedene Male reiche Erbinnen in das Haus geheiratet, und einzelne Träger des Namens hatten sich im Kriege hervorgetan. Ihre Nachkommen rückten, Stufe um Stufe, allmählich in die höchsten Hofämter ein, und schließlich gipfelte dieses Emporkommen in der Vermählung des Jüngsten und Schönsten mit einer Prinzessin des regierenden Hauses.

Fräulein Beate von Gerold hatte mithin recht, so sicher und zuversichtlich in ihrer schönen Equipage heimzufahren, denn sie war die einzige Schwester jenes »Jüngsten und Schönsten« und verwaltete, so jung sie auch noch war, in seiner Abwesenheit als bevollmächtigte Herrin das alte Stammgut. Und das Verwalten, das Wirtschaften verstand sie aus dem Grunde. Selbst Hand und Fuß rühren, den Morgenschlaf bekämpfen und mit hellem, scharfen Blick bis in den dunkelsten Winkel des Hauses hinein scheinbar allgegenwärtig zu sein, das war zu allen Zeiten der Wahlspruch in der Hausfrauenstube zu Neuhaus gewesen. Die Leute im Dorfe sagten, es sei noch gar nicht so lange her, daß das alte Erbspinnrad mit seinem hohl ausgetretenen Trittbrett Tag für Tag im Winter am Stubenfenster geschnurrt und draußen vor dem Hause das selbstgesponnene Leinen zur Sommerzeit auf dem Bleichrasen gelegen habe. Dieser Bienenfleiß und das scharfe Regiment in Milchkeller und Vorratskammern sollten denn auch hauptsächlich den Reichtum zusammengescharrt haben. Das ließen sich die Leute im Dorfe nicht nehmen. Nun, so ganz unfehlbar war dieses Spinnstubenurteil wohl nicht.

Die Altensteiner, von denen, just in diesem Moment, die letzten im Mietwagen das Erbe ihrer Väter auf Nimmerwiederkehr verließen, konnten auch auf eine lange, ununterbrochene Reihe braver, fleißiger Hausmütter zurückblicken, es war auch in Altenstein zu allen Zeiten rüstig geschafft und gesorgt worden, aber das Gut lag tiefer als Neuhaus, und in den letzten Jahrzehnten hatte ein unglücklicher Zufall es wiederholt gefügt, daß gerade über dem Paulinental wolkenbruchartige Gewitter niedergegangen waren. Binnen wenigen Minuten hatten die stürzenden Wassermassen und der überschäumende Fluß die niedriger gelegenen Gründe überflutet, die Ernteaussichten waren vernichtet und der Grund und Boden auf Jahre hinaus verwüstet und verdorben gewesen. Damit hatte bei allem Fleiß das verhängnisvolle »Rückwärts« begonnen.

Und diese Schicksalsschläge waren just in das Leben eines Mannes gefallen, der alle Tugenden seines alten Geschlechts, die Tüchtigkeit des Landwirtes, den Soldatenmut, die Treue und Hingebung für das angestammte Herrscherhaus, und wie sie sonst heißen mögen, diese Tugenden, in sich vereinigte. Der Oberst von Gerold war ein echter Sohn seines Stammes gewesen. Nur auf einem Wege, einem unheimlichen, den alle seine Vorfahren streng gemieden, war er abseits gegangen — die Leidenschaft des Spieles hatte eine furchtbare Gewalt über ihn gehabt. Er hatte ganze Nächte hindurch gespielt und Unsummen geopfert, und wie die Gewitterniederstürze am Grund und Boden gewühlt und seinen Besitz schwer geschädigt hatten, so war jenes Laster verheerend in den alten Familienschrein eingedrungen, der seit Jahrhunderten die klingenden Schätze, die Wertpapiere und Dokumente in sich schloß. Dieses unheilvolle Leben hatte einen jähen Abschluß gefunden durch die Pistolenkugel eines Kameraden, den der Oberst infolge eines Wortwechsels am Spieltisch gefordert hatte. Wie eine ausgeblasene Flamme war es urplötzlich verlöscht und der Welt entrückt worden — »just noch zur rechten Zeit«, hatten die Leute gemeint, aber sie hatten geirrt, es war schon nicht viel mehr zu verlieren gewesen.

Die umflorten Augen der schönen Hofdame streiften das von Studium und Stubenluft blaß angehauchte Gesicht des neben ihr sitzenden Bruders, über welches sich allmählich, gleichsam mit jedem Umrollen der Räder, ein Glanz von stiller Freudigkeit verbreitete. Ja dieser, »der Träumer und Sterngucker«, wie er sich selbst anklagend nannte, der von seinem Aufenthalt in Spanien nach jener furchtbaren Katastrophe schleunigst Heimberufene, hatte retten sollen, was noch zu retten möglich war. Er hatte es nicht gekonnt, um so weniger, als das junge Weib an seiner Seite, die zarte Andalusierin, ihre schönen Augen beharrlich mit stillem Entsetzen von dem Beruf einer deutschen Hausfrau abgewendet hatte. Er hatte schließlich nur noch ihr, der Dahinsiechenden, gelebt und die letzten Geldmittel erschöpft, um ihr gegenüber die Täuschung des Überflusses im Hause aufrecht zu erhalten, bis der »Engel der Erlösung sie von ihrem Schmerzenspfühl hinweggenommen«. Dann hatte er gefaßt das Trümmerwerk des ehemaligen Wohlstandes über sich zusammenbrechen lassen.

Klaudine sah, wie in diesem Augenblick ein tiefes, erleichterndes Aufatmen seine Brust hob. Sie folgte der Richtung seines Blickes — ach ja, dort hob sich das grauschwarze Zinnenviereck des Turmes über die Waldwipfel! Dort lag das Eulenhaus, das schützende Dach, das sie beherbergen sollte! Wie hatte man bei Hofe gelächelt, wenn Klaudine alle ihre Ersparnisse hingab, um das alte Gemäuer, das Vermächtnis ihrer Großmutter, in Bau und Besserung zu erhalten! Nun kam der Segen.

Sie konnte heimgehen von dem heißen Boden des Hofes in die Kühle und Stille unter grünen Bäumen — und da war sie zu Hause! »Zu Hause!« wie das doch erlösend und beruhigend klang nach all dem Zwiespalt, den Aufregungen der letzten Monate! Und der neben ihr saß, er brauchte nicht in eine Mietwohnung zu ziehen, er blieb auf Geroldschem Grund und Boden, wenn auch nur in einem Waldwinkel, dem äußersten Zipfelchen des ehemaligen großen Besitztums. Da hatte einst das Kloster Walpurgiszella gestanden, hart an der Scheide, welche die beiden Geroldshöfe trennte. Das Kloster wurde von einer frommen Ahnenmutter des alten Geschlechts erbaut, aber im Bauernkrieg zum Teil wieder zerstört. Später hatten die Gerolds den von ihnen an die Stifterin geschenkten Baugrund wieder zurückerworben, und der kleinere Teil, das Grundstück mit den Überresten der Baulichkeiten, war denen von Neuhaus zugefallen. Sie hatten den Trümmern nie Beachtung geschenkt, was stürzen wollte, das ließen sie stürzen, und Zeitenlauf und Wetter hatten nagen und abbröckeln dürfen, so viel sie wollten. Nur ein Seitenbau, das ehemalige sogenannte Sprechhaus der Nonnen, vom Feuer ziemlich verschont geblieben, war notdürftig im Stand erhalten worden — man hatte einen Waldhüter hineingesetzt. Im ganzen aber war der entlegene wüste Besitz den Eigentümern mehr eine Last gewesen, und sie hatten sich deshalb nicht lange besonnen, dasselbe später einem Altensteiner, dem Großvater des letzten Gerold-Altenstein, gegen ein ihnen bequemer gelegenes Stück Ackerland zu überlassen. »Eine lächerlich romantische Grille!« hatten sie im stillen gemeint, als ihnen der Altensteiner mitteilte, daß seine Frau sich das malerische Fleckchen Erde wünsche. Und er hatte es dem geliebten Weibe als alleiniges Eigentum verbrieft und besiegelt geschenkt — so war das Eulenhaus an Klaudines Großmama gekommen.

Nun kam auch schon das hoch in die Lüfte ragende, freistehende südliche Portal der einstigen Klosterkirche in Sicht. Das mächtige Fensterrund droben in dem schwarz angerauchten Gemäuer füllte eine durchbrochene Steinrosette. Ja, die Großmama hatte einst ihre ganze Sparbüchse geleert, um ihr geliebtes »malerisches Fleckchen Erde« vor weiterem Verfall zu schützen, und das ehemalige Sprachhaus war mit der Zeit ein ganz wohnliches Asyl, der Witwensitz der alten Frau geworden. Da hatte sie gelebt, seit ihr Mann die Augen für immer geschlossen, und die schönsten Blumen gezogen auf dem ehemals wüsten, vermoosten Grunde neben der Kirche, dem Gräberfeld der Nonnen, dem Walpurgiskirchhof, wie ihn das Volk nannte.

Der alte Heinemann, der langjährige Gärtner des Geroldshofes, war ihr Faktotum gewesen. Er hatte unter unsäglichen Mühen das verwahrloste Grundstück wieder ertragsfähig gemacht. Der alte Mann war deshalb auch mit seiner Herrin gegangen, als sie sich in das Eulenhaus zurückzog, und bewohnte heute noch sein Stübchen im Erdgeschoß, als eine Art Kastellan, wie es die alte Dame testamentarisch angeordnet hatte. Und er wachte über jeden Mauerstein, der loszubröckeln drohte, über jeden Unkrautkeim, den der Wind von Wald und Wiesen herüberwehte. »Er zählt die Grasspitzen!« sagte Fräulein Lindenmeyer, die ehemalige Kammerfrau der verstorbenen Herrin. Auch ihr war ein Asyl im Eulenhaus für Lebenszeit zugesichert worden. Sie bewohnte das vornehmste Zimmer im Erdgeschoß, die freundliche Eckstube, wo sie mit ihrem Strickzeug und einem Leihbibliotheksroman Tag für Tag am Fenster sitzen und die drüben vorbeilaufende Landstraße überblicken konnte.

Diese zwei alten Menschen hausten einträchtig nebeneinander. Sie kochten auf einem Herd und zankten sich nie, wenn auch Fräulein Lindenmeyer oft genug heimlich empört ihre Schokoladen- und Weinsuppentöpfchen von dem aufdringlich duftenden Sauerkraut- oder Lauchgericht des Gärtners weit wegrückte.

Klaudine hatte den beiden Alten ihre und ihres Bruders Ankunft mitgeteilt und sah nun mit Genugtuung dort über den Baumwipfeln ein dünnes Rauchsäulchen aufsteigen und langsam zerfließen. Fräulein Lindenmeyer kochte jedenfalls einen guten Nachmittagskaffee. Fernherüber krähte der Haushahn, der mit seinen sechs Hennen in einem Mauerwinkel des zerstörten Kreuzgangs residierte, und hoch über dem Rauchschleier des Schornsteins kreisten Heinemanns weiße Tauben, winzig und glänzend wie Silberflitter am blauen Frühlingshimmel.

Nunmehr machte die Straße eine weite Schwenkung nach rechts, und da trat allmählich das ruinengeschmückte kleine Wiesen- und Garteneiland aus dem Waldschatten hervor. Dort lag das aus Bruchsteinen erbaute enge Haus, das einst der Brandfackel der rebellischen Bauern tapfer widerstanden, das Gemäuer rauh und rauchgeschwärzt und von einem Netz frischer Mörteladern förmlich übersponnen. Ein Adelsitz war das freilich nicht, und die grauen Röcke der in die Kirchenruinen zurückgedrängten Eulenbrut hatten jedenfalls immer besser hineingepaßt als lange Hofdamenschleppen. Immerhin! Es war trotz alledem ein gemütliches Nest für genügsame Menschenkinder, und es lag mitten im schwellenden Grün.

»Just in der allerschönsten Zeit, gnädiges Fräulein!« sagte Heinemann, den Wagenschlag öffnend. »Die Beete noch dick voll Narzissen und Tulpen und die Bauernrosen mit Köpfen zum Aufplatzen, und dazu laufen die Kinder schon mit Maiblumensträußchen im Wald ’rum!«

Er war bei Herankommen des Wagens bis auf die Straße herausgelaufen. Barhäuptig, den vollen, heißen Nachmittagsonnenschein auf seinem starren, graugelben Haarwulst, half er den Ankommenden beim Aussteigen.

»Ja gelt, da riecht’s gut, kleines Fräulein!« lachte er, indem er die kleine Elisabeth aus dem Wagen hob und für einen Augenblick auf dem Arm behielt. Das Kind sog mit sichtlichem Wohlbehagen die herüberwehende Luft ein. »Alles eitel Duft, alles ein Blühen, wohin der Mensch guckt, Kindchen! Ja, der liebe Herrgott meint es gut mit dem alten Heinemann!«

Er hatte recht. Ein wahres Gewoge von Narzissendüften und dem berauschenden Odem aus tausendfältigen Kelchen des Flieders erfüllte die Luft.

»Wollen wir nun zu Fräulein Lindenmeyer gehen?« fragte er die Kleine mit lustigem Augenzwinkern. »Dort steht sie mit ihrem allerschönsten Bandwerk auf dem Kopfe! Hat den ganzen Morgen Kuchen eingemengt und kein einziges Ei im Hause heil und ganz gelassen.«

Klaudine ging lächelnd an ihm vorüber an der Tür im Staketenzaun, wo zwischen zwei Eibenbäumchen der altmodische Kopfputz von granatroten Bändern auf Fräulein Lindenmeyers grauem Scheitel sichtbar wurde.

Dieses gute alte Mädchen hatte bei dergleichen Gelegenheiten stets ein feierliches Zitat aus Schiller oder Goethe in Bereitschaft. Heute aber zitterten ihre eingefallenen Lippen im Ringen mit der inneren Bewegung — kam doch der schöne, edle Mann da, ihr Stolz, der ehemalige Herr auf dem schönsten Gute weit und breit, und suchte Zuflucht im Eulenhaus!

Aber er nahm heiter gelassen ihre bebende kleine Rechte, die eben das Batisttüchelchen an die geängstigten nassen Augen drücken wollte, mit warmem Druck zwischen seine Hände.

»Ich möchte wissen, ob Fräulein Lindenmeyer mich immer noch so gut versteht und vertritt wie einst, wenn es galt, dem blöden Jungen bei der Großmama etwas zu erwirken?« sagte er in sanft scherzendem Ton, wobei er sich tief bückte, um in ihr Gesicht zu sehen.

Da strahlten ihre Augen auf. »Ei, nun ja, ich denke doch!« antwortete sie. »Die Glockenstube ist hergerichtet! Ach ja, himmlisch schön ist’s da oben! Ein richtiges Poetenwinkelchen! Welche fühlende Seele sollte das nicht verstehen?«

Er lächelte und drückte nochmals ihre Hand, während sein aufleuchtender Blick über den Garten hinflog. Dem südlichen Tor der Kirchenruine entgegengesetzt, wenn auch ziemlich weit abgerückt, erhob sich der Glockenturm der Klosterkirche. Die verstorbene Besitzerin hatte Turm und Wohnhaus durch einen kleinen Zwischenbau verbunden, der im Erdgeschoß zu einem Winteraufenthalt der Pflanzen eingerichtet war, im oberen Stock aber eine auf beiden Seiten von einem Geländer eingefaßte Plattform bildete, zu welcher sowohl von den Zimmern des Wohnhauses wie der gegenüberliegenden unteren Turmstube Glastüren führten. Über alles hinweg aber blinkten hoch oben die Fenster der Glockenstube, die ihren Namen behalten hatte.

Und nun hinein in den letzten Zufluchtsort der Verarmten!

Während Heinemann Koffer und Korb vom Wagen hob, schritten die anderen dem Hause zu. Einen Augenblick blieb Klaudine allein vor der Haustür stehen, sie bog sich zur Seite, anscheinend um den Duft einer ihre Schulter streifenden Fliederblüte einzuatmen, aber ihre Gedanken irrten weit ab. Über diese Schwelle war sie vor drei Jahren hinausgegangen in eine Welt voll Glanz und rauschender Freuden. Sie war auf Großmamas Wunsch und Fürbitte hin Hofdame bei der Herzoginwitwe geworden. Leicht war es ihr nicht geworden, diese Stellung, die vielbeneidete, wieder aufzugeben, nein, wahrlich nicht! Ihr abwesender Blick umschleierte sich und die Lippen zuckten. Sie war der ausgesprochene Liebling ihrer hohen Herrin gewesen und die edle Frau hatte sie insgeheim vor ihren Neidern und stillen Feinden zu schützen gewußt, so hatte sie fast nur die strahlende Seite des Hoflebens kennen gelernt. Nun lag das hinter ihr auf Nimmerwiederkehr, und ein tiefes Sehnsuchtsweh nach der milden, sanften Greisin, der sie gedient hatte, brannte ihr jetzt schon im Herzen. Und leicht war es wohl auch nicht, das neue Leben! Dem Kinde ihres Bruders eine treue Mutter zu sein, für ihn die Lebenssorgen auf die Schultern zu nehmen und mit jedem Pfennig ängstlich zu rechnen, auf daß nicht doch die Not durch das Eulenhaus schleiche, das wollte sie wagen, sie, die Unwissende, die Unerfahrene in alledem, was des Lebens Nahrung und Notdurft erheischte?

Sie legte die Hand auf das ängstlich klopfende Herz und schritt langsam über die Schwelle und die enge, aber blütenweiß gescheuerte Holztreppe hinauf. Als sie abei in das zunächstliegende ehemalige Wohnzimmer der Großmama trat, da atmete sie tief und erleichtert auf. Die kleine Elisabeth kam ihr mit einem Stück Kuchen in der Hand freudestrahlend entgegen und auf dem Sofatisch dampfte Großmamas messingene Kaffeemaschine. Die Tür nach der Plattform des Zwischenbaues stand weit offen und ließ die Blumendüfte des Gartens hineinströmen, und jenseits dieser nur wenige Schritte langen Plattform sah man durch die schmale Glastür in das untere Turmzimmer, ihr ehemaliges Logierstübchen während der Institutsferien, die sie stets bei der Großmama verlebt hatte. Mehr aber noch als dieses traute Wiedersehen beruhigte und ermutigte sie ein Blick auf ihren Bruder. Er hatte sich aufgerichtet, als habe er eine Zentnerlast von sich geworfen, und als sie später mit ihm hinaufging in die Glockenstube und er sein Manuskript auf die Wachstuchdecke eines einfachen Tisches am Fenster legte, da sagte er: »Es ist ein abgebrauchtes Bild, aber sein zutreffender Sinn bewegt mich tief in diesem Augenblick — mir ist zumute wie einem, der nach stürmischer Meerfahrt den Heimatboden betritt und niedersinken möchte, um ihn dankbar zu küssen!«


 

3.

 

Zwei Wochen waren seither verstrichen, Tage voll Mühe und Arbeit, aber auch voll befriedigenden Lohnes. Ja, es ging, wenn auch da und dort ein Brandfleck die neuangeschafften Kochschürzen verunzierte, einige Geschirrscherben den Spruch vom Lehrgeld bewahrheiteten und die weichen Hände der neugebackenen Köchin immer noch recht empfindlich waren gegen rauhe Berührung. Fräulein Lindenmeyers gutmütig angebotene Hilfe hatte Klaudine schon am ersten Tage entschieden abgelehnt. Das schmächtige, kränkliche Geschöpfchen stand auf sehr schwachen Füßen und bedurfte oft selbst der Pflege. Dafür aber war Heinemann eine tüchtige Stütze, und er ließ es sich durchaus nicht nehmen, alle gröberen Arbeiten zu besorgen.

So war allmählich die neue Haushaltung ins Geleise gekommen, und heute fand Klaudine einen freien Augenblick, um auf die Zinne des Turmes hinaufzusteigen. Die Morgensonne lag auf dem Scheitel des alten Burschen, der sich mit gelben Mauerblümchen besteckt hatte, die aus allen Ritzen und Fugen dem Tageslicht zustrebten, und so altersmürrisch er auch sonst aussah, er beherbergte doch noch gern und willig junges, aufwachsendes Leben — das Vogelvolk brütete unter seinen Simsen und Mauervorsprüngen und fand des Piepsens und Zwitscherns kein Ende. Und vom Garten herauf und von den harztriefenden Fichten, die ihre schaukelnden dunklen Bärte wie Trauerfahnen in die Ruinen des Kirchenschiffes hineinhängen ließen, kam ein traumhaftes Summen — schier unersättlich umtaumelten Heinemanns Bienen und das wilde Hummelgesindel des Waldes den süßen Saft, den Prinz Mai aus Blütenbechern schenkt.

Über ihr stand der blaue Äther, den nur dann und wann noch ein kühner Vogelflügel durchschnitt, wie zu Kristall erstarrt, dort drüben aber, am fernen Horizonte, troff sein Blau auf den welligen Bergrücken und schmolz mit ihm zusammen. — Dort weitete sich das Paulinental zur ebenen Fläche, die erst in weiter Ferne wieder jener blaubehauchte Höhenzug abschloß. Auf dem flachen Lande lag es wie feine, durchgoldete Nebelschleier. Sie deckten das Herzogsschloß. Nichts war zu sehen von seinem stolzen, hochgelegenen Bau, seinen purpurbeflaggten Türmen und marmornen Freitreppen, zu deren Füßen die Schwäne segelten und silberglitzernde Furchen durch den Teichspiegel zogen, nichts von dem Magnolien- und Orangendickicht der überglasten Zaubergärten, die mit ihrem düfteschweren Odem das Blut in den Schläfen pochen machten und das Herz angstvoll beklemmten, nichts von den türhohen, spiegelnden Fenstern, hinter denen eine junge Frau, ein Königskind, schlank und schneebleich, hüstelnd auf und ab schwankte und nach einem Blick aus den dunkelschönen Augen strebte, die mit heißem Flehen — eine andere suchten.

Klaudine trat hastig von der Brustwehr zurück, sie war erblaßt bis in die Lippen. War sie deshalb heraufgestiegen in den kühlen blauen Himmel, um sich von dem schwülen, ängstlich geflohenen Odem dort drüben her anwehen zu lassen?

Sie wandte den Blick weg von jener sonnenbeschienenen Weite und ließ ihn nordwärts in die Runde schweifen. Wald, nichts als grüner Wald, wohin sie sah! Nur dort, wo der breite Fahrweg die Wipfel auseinanderdrängte, lag in äußerster Ferne wie ein kleines Bild das Neuhäuser Gutshaus. Seine fensterreiche Fassade trat hell aus dem dämmernden Lindenkreise. Dort wehte eine rauhe, strenge, aber reine Luft unter Beates Regiment. Seit lange herrschte Spannung zwischen den beiden Geroldshöfen. Der Neuhäuser hatte öffentlich scharf über die »gottheillose« Spielwut des Obersten geurteilt, und damit war das Tischtuch zwischen den beiden Familien zerschnitten gewesen. Nicht die geringste Beziehung hatte mehr zwischen ihnen bestanden. Lothar und Joachim, die beiden gleichaltrigen Söhne der entzweiten Familien, waren sich geflissentlich aus dem Wege gegangen, und nur Klaudine und Beate, die Zöglinge ein und desselben Instituts, waren sich näher getreten.

Da war es nun allerdings nicht aufgefallen, als sich plötzlich bei Hofe zwei Gerolds gegenüberstanden, die sich gegenseitig fremd und kühl gemustert hatten, Lothar, der elegante, schneidige Offizier, und Klaudine, die neue Hofdame. Übermütig, im stolzen Bewußtsein seines errungenen hohen Zieles, eine glänzende Erscheinung, umschmeichelt und verwöhnt von der gesamten Hofgesellschaft, hatte er sie eingeschüchtert. Es war kurz vor seiner Vermählung mit der Prinzessin Katharina, der Cousine des regierenden Herzogs, gewesen. Sie hatte es ihm verargt, daß er auf seiner schwindelnden Höhe über die Tochter der verarmten Hauptlinie seines Geschlechtes achtlos hinwegsah.

Wie unglaublich schlicht und einfach erschien ihr in diesem Augenblick sein Geburtshaus da drüben neben dem Glanz des Ereignisses, welches der Höhepunkt seines beispiellosen Siegeslaufes gewesen war, neben seiner Vermählungsfeier. Sie sah ihn noch vor sich, wie er zur Seite der Prinzessin, umleuchtet von dem ganzen Glanz des Hofgepränges, an den Altarstufen stand. Das schmale Figürchen der Braut, in Spitzen und Atlasbauschen völlig versinkend, hatte sich an seine hohe Gestalt so fest angeschmiegt, als könne er ihr, dessen Besitz sie sich energisch erkämpft hatte, auch hier noch entrissen werden, und mit ihren funkelnden schwarzen Beerenaugen hatte sie unverwandt, in leidenschaftlicher Zärtlichkeit zu ihm aufgesehen. Und er? Er war totenblaß gewesen, und sein bindendes »Ja« hatte rauh, fast heftig geklungen. Hatte ihn ein Schwindel auf dem Gipfel seines Glücks ergriffen, oder war ihm plötzlich ein Ahnen gekommen, daß er dieses Glück nicht lange besitzen werde, daß sich die liebstrahlenden, schwarzen Augen schon nach einem Jahre für immer schließen würden unter den Pinien und Palmen der Riviera, wohin der Reisewagen die Neuvermählten sofort nach der Trauung entführen sollte? Ja, dort in ihrer prächtigen Villa war die Prinzessin gestorben, nachdem sie einem Töchterchen das Leben gegeben, und dort lebte der verlassene Mann noch, um das sehr schwächliche Kind in dem milden Klima zu belassen, bis es erstarkt sein würde, wie man sagte, wohl aber auch, weil es ihm schwer werden mochte, den Schauplatz seines kurzen Glückes zu verlassen. In der Heimat war er nicht wieder gewesen, und das stille, einsame Haus dort drüben mochte er schwerlich wieder bewohnen, wenn er auch wieder zurückkam — und das war nur gut und wünschenswert für den Einsiedler im Eulenhaus.

Klaudine bog sich lächelnd über die Brustwehr des Turmes und sah hinab in den Garten, der sich wie ein buntes Schachbrett mit seinen Blumen- und Gemüsebeeten drunten hinbreitete. »Eiapopai!« sang die kleine Elisabeth. Sie trug ihre Wickelpuppe im rosa Kattunmäntelchen und trabte durch den Mittelweg des Gartens. Heinemann hatte ihr einen Maiblumenstrauß auf das Strohhütchen gesteckt, und Fräulein Lindenmeyer bewachte das kleine, seelenvergnügte Ding von der Laube aus, wo sie für Heinemann Spargelpfeifen pfundweise zusammenband. Der alte Gärtner verkaufte viel Gemüse und Blumen nach der nächsten kleinen Stadt, und der Ertrag gehörte ihm kraft der testamentarischen Verfügung seiner verstorbenen Herrin.

Er kam eben mit einem Armvoll kleingespaltenen Holzes von den Ruinen her, und drunten durch die offene Glastür der Wohnstube klang die tiefe Brummstimme der großen Wanduhr herauf und schlug elfmal an. Es war Zeit, an den Herd zu treten.

»Arbeit schändet nicht!« sagte Heinemann bald darauf in der Küche mit einem Seitenblick nach der rußigen Pfanne, welche Klaudine auf den Herd stellte. »Nein, ganz und gar nicht, und ein paar Rußfleckchen verschimpfieren feine Finger auch nicht, so wenig wie es an meinen weißen Narzissen kleben bleibt, daß sie aus der schwarzen Erde gekrochen sind. Aber so vom Herzogshofe weg geradewegs ans Küchenfeuer, just so, als sollten meine schönen Gloxinien auf einmal im Holzstall oder auf dem Hühnerhofe kampieren, ach, die armen Dinger! — Dazu gehört was, es würgt mir an der Kehle, wenn ich die Plackerei so mit ansehe. Ja, wenn es noch sein müßte! Aber es muß nicht sein, absolut nicht — das weiß ich besser! Und Sparen ist auch eine schöne Sache, ei ja! Ich jage ja meine paar Pfennig auch nicht durch die Gurgel, Gott bewahre! Aber alles was recht ist, gnädiges Fräulein!« Er warf einen schelmischen Blick auf das dünne Butterscheibchen, das Klaudine in die Pfanne gelegt hatte, um ein paar Tauben zu braten. »Das ist ja wie für ’nen Kartäuser!« Er schüttelte den Kopf. »Nein, so knapp braucht’s bei uns doch nicht herzugehen, so knapp nicht! Wir haben mehr, als Sie denken, gnädiges Fräulein!«

Er sagte das letztere auffallend langsam, mit nachdrücklicher Betonung. Die junge Dame sah mit großen Augen nach ihm hin. »Sie haben wohl einen Schatz gefunden, Heinemann?« fragte sie lächelnd.

»Je nun, wie man’s nimmt«, meinte er den Kopf wiegend, und um seine Augenwinkel erschienen zahllose Fältchen, aus denen etwas wie verheimlichtes Glück lachte. »Gold und Silber freilich nicht — du lieber Gott, blind könnte sich der Mensch in dem Trümmerhaufen gucken und fände doch nicht das kleinste Flinkerchen! Nein, damit ist’s nichts! Das ist alles der Mordbrennergesellschaft von dazumal an den Fingern hängen geblieben — haben sie doch gar dem Jesukindchen das bißchen Goldsachen von seinem Seidenrock gerissen! Aber muß es denn gerade ein Spartopf oder so was wie Silberkannen oder Abendmahlskelche sein? Sehen Sie, zum Kloster hat einmal viel Land gehört. Von außen her sind Klosterjungfern eingetreten, die Hab und Gut, meist liegende Gründe, mit eingebracht haben, und das ist alles zu Klosterhöfen gemacht worden. Da hat’s Zehnten an Korn, Federvieh, Honig und Gott weiß was noch, die schwere Menge gegeben, und die Klosterhöfe sind gut bewirtschaftet worden. Dazumal ist hier in dem Trümmerwerk Milch und Honig geflossen, wie im Lande Kanaan, und die Nonnen sollen es gar gut verstanden haben, aus den schönen Sachen genug bare Batzen zu schlagen. Gar manchmal haben da die Frachtwagen vor dem Kloster gestanden und Fässer und Kisten in die Welt ’nausgefahren. Ja, dumm sind die Frauenzimmerchen von dazumal nicht gewesen, dumm gar nicht! — Heide, Himbeeren und Heidelbeeren, das beste Bienenfutter, hat’s hier und auf den Klosterhöfen genug und übergenug gegeben, und da haben sie eine Bienenzucht gehabt, wie in unserer Zeit kaum die großen Güter in Ungarn. Na ja — und da bin ich gestern abend unten im Keller — ich hatte schon lange ein paar wacklige Steine an der Mauer gesehen, aber im Frühjahr gibt’s immer viel zu tun, und dazu kam die Räumerei und das Reinmachen im oberen Stockwerk, und da verschob ich die Flickerei von einem Tag zu dem anderen. Gestern aber dachte ich doch, ich müßte mich schämen, und Sie hielten mich für einen liederlichen Hausverwalter, wenn Sie das sahen, und da hole ich mir gleich Kelle und Mörtelgelte. Wie ich aber den ersten wackligen Stein anfasse, Herr meines Lebens, da wird es doch ordentlich lebendig unter meinen Fingern! Es rückt und wankt — kein Wunder, ist’s doch auch nur in der Angst und Flucht gemacht gewesen — und ehe ich mich recht versehe, ist das liederliche Mauerwerk zusammengeprasselt, und ich gucke in ein mannshohes Höhlenloch — ja, in ein Gewölbe, von dem kein Erdenmensch mehr ’was gewußt hat! Und was war drin? — Wachs!«

Er hielt einen Augenblick inne, als schwelge er noch in der Erinnerung an den Fund. »Ja, Wachs, schönes, reines, gelbes Wachs«, wiederholte er, jedes Wort schwer betonend, »Scheibe an Scheibe, ein ganzer sommertrockener Keller voll, der gerade unter dem Turm liegt!« Er schüttelte den Kopf. »Die reine Wundergeschichte! Ich alter Kerl lese auch für mein Leben gern so Zaubermärchen, wie ›Tausendundeine Nacht‹, und da ist mir doch seit gestern zumute, als hätte ich selber in so einen Berg Sesam geguckt, denn was da unten liegt, das ist auch so gut wie ein Kasten voll Bargeld. Die Nonnen müssen lange Jahre dran gesammelt und gespart haben, lange Jahre! Es sind viele, viele Zentner, und sie haben wohl am besten gewußt, was die ganze Pastete wert ist, sonst hätten sie nicht zugemauert, ehe sie auf und davon sind! Und weiß ich’s denn nicht auch? Bin ja selbst Bienenvater und verkaufe, was das fleißige Völkchen in meine Stöcke schleppt.«

Klaudine hatte das Küchengerät in ihrer Hand unwillkürlich beiseite gestellt und folgte sichtlich gespannt der lebendigen Schilderung. Über das gute, breite, brave Gesicht des alten Mannes huschten Freude, Stolz auf die Entdeckung und Schelmerei wie in wechselnden Lichtern. »Ja, ja, so ein paar tausend Tälerchen sind’s ganz gewiß!« sagte er nach einem tiefen Atemholen mit lustigem Augenblinzeln. »Hm, so ein bißchen Heiratsgut, das die Nonnenseelchen, die ja noch umgehen sollen, ganz extra für unser gnädiges Fräulein behütet und aufgehoben haben.«

Die schöne Hofdame mußte lachen. »Ich glaube nicht, daß wir uns den Fund so ohne weiteres aneignen dürfen, Heinemann«, sagte sie dann ernst. »Die vorherigen Besitzer haben ohne Zweifel dieselben Rechte.«

Der alte Gärtner sah plötzlich ganz betreten und erschrocken drein. »I, die werden doch nicht —?« meinte er mit stockendem Atem. »Na, weiß Gott, das wär’ doch Sünd’ und Schande! Der Neuhäuser da drüben, dem fürstliches Hab und Gut nur so in die Tasche gefallen ist, der müßte sich ja doch eher alle zehn Finger abbeißen, als daß er sich an dem bißchen Armut vergriffe! Freilich« — er zuckte die Achseln mit niedergeschlagener Miene — »wer kann’s wissen! So manche von den Herren können nie genug kriegen, das erlebt man alle Tage, und da kann’s immer sein, daß der Herr Baron die Hand hinhält und nicht ›nein‹ sagt, wenn’s zum Treffen kommt. O je« — er kratzte sich voll Ärger hinter dem Ohr — »da hätt’ ich auch eher an des Himmels Einsturz gedacht, als daß uns die von Neuhaus noch ein Querholz zwischen die Füße werfen könnten! Da heißt’s nun abwarten und zusehen, wie einem vielleicht die Butter vom Brote genommen wird.« Er seufzte und ging nach der Tür. »Aber ansehen müssen Sie sich die Geschichte doch einmal, gnädiges Fräulein! Ich gehe jetzt hinunter und räume die letzten paar Steine weg, die noch im Wege liegen — muß auch erst einmal probieren, ob über dem Kopfe alles in Ordnung ist, damit kein Unglück passiert — und nachher kann’s losgehen!«

Bald darauf stieg Klaudine in seiner und ihres Bruders Begleitung in den Keller hinab.

Es war ein schönes, kühles, trockenes Gewölbe, auf welches der Schein der Laterne in Heinemanns Hand fiel. — Ja, das waren noch Mauern aus jener Zeit, wo das Bauen kein großes Loch in den adligen Säckel riß, wo der Bauer im Frondienst das Baumaterial aus den Steinbrüchen und Kalkgruben herbeischleppen mußte — glatte, festgefügte, klafterdicke Mauern, die keine Spur von Erdfeuchtigkeit durchdringen ließen. Da war es freilich kein Wunder, daß die Wachsschätze der Nonnen noch so dalagen, wie sie die längst zerstäubten Hände aufgeschichtet hatten. — Ja, da reihte sich Scheibe an Scheibe, die Rinde wohl altersbräunlich gefärbt, aber an der Bruchfläche noch so schön gelb und frisch, wie eben aus dem Schmelz- und Reinigungsprozeß hervorgegangen.

»So gut wie gemünztes Gold!« sagte Heinemann, mit ausgestrecktem Arm über die rings an den Wänden aufgestapelten Wachsscheiben zeigend. »Und das alles haben die kleinen Dinger in gelben Höschen zusammengeschleppt.«

»Und die Kelche, aus denen sie den Blütenstaub geholt, haben vor Jahrhunderten geblüht«, ergänzte Herr von Gerold bewegt. »Hätte ich über den Fund zu verfügen, so dürfte mir kein Finger daran rühren.«

»Ei beileibe!« protestierte der alte Gärtner ganz erschrocken.

»Wenn auch kein Griffel irgendwelche Gedankenzeichen auf den Scheiben verewigt hat, wie wir sie auf den Wachstäfelchen der Alten finden, so spricht doch hier ein ganzes Stück eingefangenen Klosterlebens zu uns«, setzte Herr von Gerold hinzu. »Was mag wohl durch die Seelen der Klosterfrauen gegangen sein, während ihre fleißigen Hände das, was die summenden Honigträgerinnen von draußen aus der blühenden, sündhaft schönen Welt über die Mauern getragen, in die Form gebracht haben, wie sie hier vor uns liegt! An was mögen sie gedacht haben —«

»Mit Erlaubnis, gnädiger Herr, da kann ich Ihnen ganz genau sagen — an die vielen Batzen haben sie gedacht, die drin stecken, an sonst nichts!« entgegnete Heinemann in ehrerbietigem, treuherzigem Ton, aber so verschmitzt blinzelnd, daß Herr von Gerold lachen mußte. »In den Klöstern sind sie zu allen Zeiten auf das Zusammenscharren versessen gewesen; man muß das nur in den alten Schriften lesen, da steht’s haarklein, was für lange Fingerchen die frommen Jungfern nach allem gemacht haben, was sich irgend hat erwischen lassen. Den letzten Sparpfennig und das letzte Äckerchen haben sie sich für ihr Beten von den armen Seelen verschreiben lassen, die mit Angst und Zähneklappern aus der Welt gegangen sind. Es ist dazumal nicht anders gewesen, als heute noch — der Mensch nimmt’s, wo er’s kriegen kann — na, dafür ist er eben auch nur eine Erdenkreatur, und der soll noch geboren werden, der die Engelsflügel schon in unser Zeitliches mitbringt.«

Er ließ das Licht seiner Laterne über alle Wände hinspielen. »Was das für ein schöner Keller ist! Da ist auch nicht eine Spur von der Feuersbrunst zu sehen, die doch sonst überall so fürchterlich gehaust hat. Den Keller können wir brauchen, gnädiges Fräulein. Alles andere Unterirdische ist ja total verschüttet, bis auf das klägliche Winkelchen da« — er zeigte nach dem anstoßenden kleinen Kellerraum unter dem Wohnhause — »wo kaum Platz für unsere paar Kartoffeln ist. Und deshalb muß die Pastete ’raus, gnädiges Fräulein, muß so bald wie möglich an die Luft!«

»Das geht nicht, lieber Heinemann«, entschied Klaudine. »Der Fund muß unberührt an Ort und Stelle bleiben, bis die von Neuhaus einen Einblick gehabt haben. Willst du an Lothar schreiben?« wandte sie sich an ihren Bruder.

»Ich?!« rief er mit einer Art komischen Entsetzens aus. »Liebes Herz, alles was du willst — nur das nicht! Du weißt —«

»Ja, ich weiß«, sagte sie lächelnd. »Und ich mag mit dem Herrn Baron auf Neuhaus auch nichts zu schaffen haben. Ich werde die Angelegenheit in Beates Hände legen. Mag sie selbst kommen oder einen Bevollmächtigten schicken.«

Herr von Gerold nickte. »Schaden kann es nicht, wenn die in Neuhaus benachrichtigt werden«, sagte er. »Die Welt ist schlimm, man wird von dem Funde hören, ihn vielleicht verzehnfachen und schließlich von Verheimlichung und dergleichen munkeln. Lothar wird übrigens denken wie ich. Der Wachsschatz der Nonnen ist längst herrenloses Gut geworden und gehört dem, auf dessen Grund und Boden er gefunden wird — notabene, nach römischem und gemeinem Recht nur zur Hälfte, denn der andere Teil steht demjenigen zu, der den Schatz zufällig findet, und das ist unser Heinemann.«

Der alte Gärtner prallte zurück und streckte so erschrocken abwehrend die Hände aus, als solle er geschlagen werden. »Mir altem Kerl? Mir fiele die Hälfte zu von dem, was auf Geroldschem Grund und Boden liegt? I, das wäre ja eine schöne Mode! Was kann ich denn dafür, wenn die wackligen Steine aus der Mauer fallen? Ist da etwa ein Verdienst dabei? Und brauche ich vielleicht den Mammon?« Er schüttelte energisch den Kopf. »Ich habe genug und übergenug zu leben bis an mein seliges Ende — Sorgen kenne ich nicht, und das verdanke ich meiner seligen gnädigen Frau. Nein, damit dürfen Sie mir nicht kommen, gnädiger Herr, damit nicht! ... Nicht ein Bröckchen, nicht so viel, daß man einen Zwirnsfaden damit wichsen kann, nehme ich von dem Zeug da! — Aber ich sage nun auch, gut ist’s, gleich vor die rechte Schmiede zu gehen. Mag doch einer herüberkommen und die Nase hineinstecken, da gibt’s nachher kein dummes Gerede!«


 

4.

 

Am Nachmittag des anderen Tages schritt Klaudine durch den Wald nach dem Neuhäuser Geroldshofe. Sie wollte selbst mit Beate sprechen. Sie hatte den schmalen Fußweg gewählt, der nach verschiedenen Krümmungen auf die breite, in der Nähe des Altensteiner Geroldshofes von der Chaussee abzweigende Fahrstraße mündete.

Es war ein beträchtliches Stück Weges, das sie zurücklegen mußte, aber sie ging auf weichem Moos und Gräsern wie auf Samt, und über ihr dunkelte das festverwachsene, von kräftigem Grün strotzende Geäst der Baumriesen. Sie selbst, der schöne Schwan der Geralds, wie ihr Bruder sie zärtlich nannte, wandelte in ihrem hellen Sommerkleid, mit dem weißen Strohhut über der Stirn, wie ein Lichtschein durch das köstlich kühle, grüne Dämmern, das sie umfing, bis sie die Fahrstraße betrat. Von da ging es ganz allmählich bergauf in lichter werdendem Gehölz, dann an Kleeäckern und Kornbreiten vorüber durch das ganze, weithingebreitete, segentriefende Mustergelände.

Unwillkürlich bückte sie sich, um eine Handvoll Butterblumen zu pflücken, die wie Goldaugen auf dem fetten Wiesengrase leuchteten. Nicht lange, da blinkten auch die Fensterreihen des Gutshauses auf. Es lag auf einer sanften Bodenerhebung. Kurz gehalten, samtartig legte sich der Rasen über die Abhänge.

Klaudine stieg einen der schmalen Wege hinauf, die den Rasen durchschnitten. Sie ging mit gesenkter Stirn und sah erst auf, als sie den Kies unter den Linden an der Westseite des Hauses betrat, und da schrak sie zusammen und hielt einen Moment unangenehm betroffen und unschlüssig den Schritt an. Neuhaus hatte Gäste.

Eine Dame, die offenbar promenierend im Lindenschatten auf und ab gegangen war, trat ihr entgegen, eine stattliche Erscheinung mit sehr weißem Gesicht und südlich flammenden, dunklen Augen. Ihre elegante, grauseidene Schleppe fegte den Kies, und in dem Kamme, der ihre vollen Haarsträhnen hoch auf dem Scheitel zusammenhielt, blitzten bei jeder Wendung farbige Steine auf. Sie trug ein Kind auf dem Arme, ein hageres, gelbes Geschöpfchen in weißem Tragkleid, dessen Spitzenkanten nahezu den Boden streiften.

Klaudines Blick hing wie festgebannt an dem Kindergesichtchen. Sie kannte diese großen, funkelnden Beerenaugen, das gebogene Näschen über den starkgeschwellten Lippen, die niedere Stirn, auf welcher sich die dicken, schwarzen, feuchtglänzenden Haare so eigenwillig aufsträubten — das war der Gesichtstypus der Seitenlinie des herzoglichen Hauses.

»Will haben!« stammelte die Kleine und reichte verlangend nach den Butterblumen in Klaudines Hand.

Die junge Dame wollte ihr freundlich lächelnd den Strauß in das ausgestreckte Händchen drücken, aber die Trägerin des Kindes wich so rasch zurück, als sei die beabsichtigte Berührung ansteckend. »O bitte — nicht! Ich kann das nicht erlauben!« protestierte sie, und ihr Blick streifte hochmütig den einfachen Anzug der jungen Dame. Bei dieser Weigerung erhob das Kind ein ohrzerreißendes Geschrei.

Im gleichen Augenblick bog ein Herr um die Hausecke. »Weshalb schreit denn die Kleine so häßlich?« rief er, rasch näherkommend, mit hörbarem Unwillen.

Klaudine nahm unwillkürlich die kühl ablehnende Haltung an, die ihr am Hofe Schild und Panzer gewesen war.

– Baron Lothar war nach Deutschland zurückgekehrt, und das kleine, eigensinnige Mädchen da war sein Kind.

»Will haben!« wiederholte die Kleine und zeigte nach den Blumen.

Baron Lothar drohte ihr ernst mit dem Finger, worauf sie scheu verstummte. Eine jähe Glut war in sein bärtiges Gesicht geschossen, und aus seinen Augen fuhr ein Blitz über die ernst-ruhige Erscheinung der ehemaligen Hofdame. Nichtsdestoweniger verbeugte er sich tief und ritterlich vor ihr.

»Kind«, sagte er spöttisch lächelnd zu der Kleinen, während er ihr mit seinem Taschentuch die Tränen von dem hageren Gesichtchen wischte, »wer wird Blumen begehren, die andere pflücken! Und weißt du nicht, daß Frauenhand da am liebsten verweigert, wo gewünscht wird?«

Klaudine sah ihm, diesem verzogenen, vergötterten Liebling aller Damen, mit ungläubigem Erstaunen in das Gesicht, aber sie blieb seiner Bemerkung gegenüber vollkommen unbefangen. »Durch mich soll das Kindchen da diese erste schlimme Erfahrung gewiß nicht machen«, entgegnete sie gelassen. »Auch habe ich kaum ein Recht an diese Blumen — sie sind auf Ihrer Wiese gewachsen. Erlauben Sie jetzt —?« wandte sie sich an die Trägerin des kleinen Mädchens.

Baron Lothar drehte sich rasch um und fixierte die stattliche Dame mit einem zornig erstaunten Blicke. »Jetzt?« wiederholte er. »Wieso?«

»Ich fürchtete, Leonie möchte die Blumen in den Mund stecken«, antwortete die Dame stockend. Verlegenheit und Ärger stritten in ihrer Stimme.

»Und die Wiesenblumen, die unbarmherzig zerzupft dort massenhaft neben dem Kinderwagen und auf seinen Decken liegen, wer hat ihr die gegeben, Frau von Berg?«

Die Dame schwieg und wandte den Kopf.

Klaudine beeilte sich, dem Kind den Strauß hinzureichen, denn die Szene wurde peinlich. In demselben Augenblick waren aber auch die zwei kleinen Fäuste dabei, die armen, gelben Dinger in Atome zu zerzupfen. Klaudine mußte unwillkürlich an die Mutter des Kindes, die Prinzessin Katharina, denken, von der man sich erzählte, daß sie in der ersten Zeit ihrer verschwiegenen Liebe alle vielblättrigen Blumen bei dem gemurmelten »Er liebt mich und so weiter« zerzupft habe.

Baron Lothar sah mit gerunzelten Brauen auf die kleinen Vandalenhände und zuckte die Achseln. »Ich möchte Sie übrigens bitten, die Kleine wieder in gestreckte Lage zu bringen«, sagte er zu Frau von Berg. »Sie sitzt jedenfalls schon zu lange und ist ermüdet. Man sieht es an der Krümmung des Rückens.«

Die Dame rauschte mit zurückgeworfenem Kopfe nach dem Kinderwagen, während sich Klaudine verabschiedend vor dem Herrn des Hauses neigte. Allein er blieb an ihrer Seite.

Beim Umbiegen um die Hausecke kam ihnen ein leichter Zugwind entgegen. Er erregte ein leises Blätterrauschen in den Lindenkronen über ihnen.

»Wie es geheimnisvoll raunt da oben!« sagte Baron Lothar. »Wissen Sie auch, von was die alten Bäume flüstern? Von den Montecchi und Capuletti des Paulinentales.«

Die junge Dame lächelte kühl. »Im Mädcheninstitut besinnt man sich selten auf den Familienzwist daheim«, entgegnete sie gelassen. »Man hat sich gern und fragt nicht, ob man auch darf, und wenn ich heute den von den Meinen gemiedenen Boden betrete, so gilt es eben auch nur der Pensionsschwester. Ich war schon einmal während meiner letzten Institutsferien in Neuhaus. Die alten, schönen Bäume kennen mich.«

Er verbeugte sich schweigend und ging weiter, und sie betrat den Hausflur. Sie brauchte nicht nach Beate zu fragen, denn hinter der nächsten Tür, die zu einem nach der Hofseite liegenden Gelaß führen mochte, klang in energischer Weise die gebieterische Stimme der »Pensionsschwester«.

»Geh, sperre dich nicht, kindisches Ding!« schalt sie drin. »Ich habe keine Zeit zu vertrödeln — die Hand her!« Eine momentane Pause. »Sieh, sieh, wie schön die Schnittwunde heilt! Nun können wir auch den Nähfaden wieder herausziehen!« Der leise Aufschrei einer jugendlichen Stimme erfolgte, dann war es still.

Klaudine öffnete geräuschlos die Tür. Dicker Plättdunst quoll ihr entgegen. An einer langen Tafel standen drei weibliche Personen und bügelten im Schweiß ihres Angesichts, während Beate am Fenster einer jungen Magd die Binde wieder um die verletzte Hand wickelte.

Sie sah die Eintretende nicht, wohl aber fuhr ihr scharfer Blick sofort von der geknüpften Verbandschleife über den Plättisch hin. »Luise, Naseweis, was machst du denn da?« rief sie. »Herrgott, meine allerbeste Kragengarnitur unter den unglücklichen Fäusten! Hör mal, das ist mehr als dreist von solch einem Kiekindiewelt, wie du bist!« Sie nahm dem Mädchen die Stickerei weg, besprengte sie mit Wasser und rollte sie zusammen. »Ich werde das Unheil später selbst gutmachen.« sagte sie zu den anderen, auf das kleine Bündel deutend. Dabei ging sie nach der Tür und stand überrascht vor Klaudine; und das war wirkliche, herzliche Freude, die sich plötzlich verklärend über ihre strengen Züge verbreitete. »Heißes Wasser in die Kaffeemaschine!« befahl sie kurz und bündig in die Plättstube zurück, legte ihren Arm um die Schultern der jungen Dame und führte sie in die Wohnstube, in das schöne, weite Eckzimmer mit seinen tiefgebräunten, altmodischen Mahagonimöbeln, seinen weißen, tannenen Dielen und den zierlich gefältelten Vorhangbogen.

Vor den drei Fenstern an der Südseite waren die Rollvorhänge niedergelassen, die zwei nach Osten sehenden dagegen brauchten keinen Schutz gegen das grelle Nachmittagslicht. Da dunkelten die Linden, und unter ihrem herrlichen, undurchdringlichen Schirmdach hinweg sah man ungeblendet hinaus in das blühende, sonnenglänzende Land.

»Nun mache dir’s bequem, alter, lieber Pensionskamerad!« sagte Beate und führte die Angekommene zum Niedersitzen an eines dieser Fenster. Sie nahm ihr den Hut ab und strich leicht mit der Hand über die köstliche Haarfülle. »Da ist’s ja noch, was wir alle so gern hatten, das wellige Gelock über der Stirn und im Nacken! Falsche Wülste trägst du auch nicht, und dem ›Goldschnitt‹ hat der Hoffriseur mit seinem Brenneisen auch nichts anhaben können — na, du kommst ja ziemlich heil aus — dem Babel!«

Klaudine lächelte leise und setzte sich an Beates Nähtisch. Da lag neben feiner Flickwäsche, sauber eingebunden, Scheffels »Ekkehard«.

»Ja, siehst du, Schatz«, sagte Beate, die verschiedenes zusammentrug, um den Kaffeetisch herzurichten, mit einem Blick auf das Buch gleichsam entschuldigend, »ein Menschenwesen wie ich, das täglich wie ein Gendarm hinter Trägheit und Indolenz her und dabei selbst meist ein richtiger Arbeitsbär sein muß, hält dann auch um so zäher auf seine seltene, schöne Erholungstunde, und für den Zweck trage ich mir nach und nach das Beste, was die deutsche Literatur hat, in meinem Lesewinkel zusammen.«

Dabei räumte sie das Buch und die Flickwäsche in den Nähkorb und legte eine Serviette auf den Tisch. Dann brachte sie die Zuckerdose, ein altmodisches, lackiertes Blechkästchen mit festem Verschluß. Sie schloß es auf und machte ein ärgerliches Gesicht. »Nun ja, da hat man’s! Ein Wunder ist’s freilich nicht bei dem Drunter und Drüber! Wirtschaftszucker in der guten Dose! Das ist mir auch noch nicht passiert! Aber Lothar hat mir auch einen Streich gespielt, einen Streich! Da schreibt mir der Mann als Antwort auf meinen Brief, worin ich ihm den Ankauf eures Silbers anzeige, er käme nun auch selbst zurück. Ich denke mir, frühestens im Juli, und lasse mir Zeit, und da schneit er mir vorgestern mit Sack und Pack direkt in unsere große Wäsche hinein! Es war schrecklich! Ich hatte meine ganze Fassung nötig, denn die Mamsell verlor vollständig den Kopf und machte eine Dummheit über die andere.«

Sie brannte den Spiritus unter der Kaffeemaschine an und zerschnitt ein Stück Kuchen. Klaudine mußte dabei denken, wie vorteilhaft sich doch diese hohe, kräftige Gestalt in der weiten, weißen Schürze und dem sauberen Leinenstreifen um Hals und Handgelenk in ihrer Rolle als Hausfrau präsentierte. Ihre Sicherheit war geradezu imponierend und himmelweit verschieden von dem linkischen, verletzenden Tun und Wesen, das sich neulich auf dem Altensteiner Geroldshofe so unliebsam geltend gemacht hatte an »dem barbarischen Frauenzimmer«.

»Lothar allein hätte uns nicht in Verlegenheit gebracht«, fuhr sie fort, nachdem sie auch ein Körbchen voll Früherdbeeren aus dem Wandschrank genommen hatte, »wenn er auch sehr verwöhnt ist, aber dieser Menschentroß, den er mit sich schleppen muß! Da ist die Frau von Berg, ihre Jungfer, eine Kinderfrau und verschiedenes männliches Dienstpersonal — sie alle wollten untergebracht sein. Und das Kind, das Kind! Solch ein armseliges Würmchen hat auch noch nie die Neuhäuser Wände angeschrien. Nein, noch nie! Himmel, das sollte der selige Ulrich Gerold, mein strammer Großpapa, sehen! Der würde Augen machen! ›Piepsige‹ Brut war ihm solch kleines Volk ohne Blut und Knochen. Das Kind tritt ja absolut nicht auf seine dünnen Beinchen und ist doch nahezu zwei Jahre alt. Bäder von wildem Thymian und unverfälschte Milch würden dem armen Wurm gut tun, aber an das komplizierte Ernährungsprogramm der Frau von Berg darf ja unsereins nicht rühren. Lothars Schwiegermutter, die alte Prinzessin Thekla, hat sie als Pflegerin für das Enkelchen angestellt und tut förmlich verliebt in die dicke, verdrehte Person.«

Sie zuckte die Achseln, goß den fertigen Kaffee in die Tassen und setzte sich an den Tisch. Und nun konnte Klaudine ihren Vortrag beginnen.

Beate verrührte den Zucker in ihrer Tasse und hörte schweigend zu. Bei der Hauptsache aber, dem Fund, sah sie empor und lachte überrascht auf. »Was — Wachs? Und ich sah schon im Geiste, wie dein alter Heinemann eine ganze Truhe voll Monstranzen und Gott weiß was für andere Kostbarkeiten ausräumte! Wachs! Sieh, sieh, Ben Akiba hat doch nicht recht — das ist neu! — Und diese Klosterfrauen! Nach den Lyrikern sind sie meistens weiße Rosen, die blaß und verhärmt durch das Fenstergitter in das verpönte schöne Weltleben hinausschmachten.« Sie lachte. »Dazu haben die Walpurgisnonnen sicher keine Zeit gefunden, das müssen ja die reinen Wirtschafts- und Sparteufelchen gewesen sein. Nach unserem alten Hausbuch sind ja auch zwei Gerolds unter den verjagten Nonnen gewesen. Wer weiß, ob nicht gerade sie mit Schurzfell und Mauerkelle in den Keller hinuntergestiegen sind, um den Rebellen die Beute vor der Nase wegzuschließen! Wer weiß, ich hätt’s auch so gemacht.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Eine wunderliche Geschichte! Und fast ebenso verwunderlich ist’s, daß jetzt die grundehrliche Haut da vor mir sitzt und in ernsthaftester Weise den Fund, Scheibe um Scheibe, wohlgezählt, mit uns teilen will!« Ein hübscher Zug von Humor ging durch ihr geradliniges, ernstes Gesicht. »Ei nun ja, Wachs kann man immer brauchen, und sei es auch nur, um ein Bettinlett zu wichsen oder einen Nähfaden glatt und haltbarer zu machen. Aber darin bin ich nicht die höchste Instanz, lieber Schatz, das mußt du mit Lothar besprechen.«

Damit stand sie auf und ging hinaus.

Klaudine machte keine Bewegung, sie zurückzuhalten. War ihr auch eine weitere Begegnung mit dem Baron auf Neuhaus nicht erwünscht, so mußte sie sich doch sagen, daß damit die Sache sofort erledigt würde, und deshalb erhob sie sich ruhig, als sie nach längerem Warten seine Schritte in der Hausflur hörte.

Er trat mit seiner Schwester ein. Klaudine hatte ihn am Hofe nur in seiner Rittmeisteruniform gesehen — heute war er im schlichten, grauen Zivilanzug, und sie mußte sich, wie schon vorhin unter den Linden, gestehen, daß es nicht »zumeist« der bestechende Glanz der Soldatenerscheinung gewesen war, der ihn, selbst neben dem ritterlich schönen, imposanten Herzog, zu der auffallendsten Männergestalt am Hofe gemacht hatte.

Sie verließ das Fenster und wollte sprechen, aber er hob lächelnd die Hand. »Es bedarf keines Wortes weiter«, beeilte er sich zu sagen. »Beate teilte mir bereits mit, daß Ihr romantisches Eulenhaus seine Schätze herausgegeben habe — die uralte Habe eines Klosters! Wie interessant! Jedenfalls sind es die Geisterhände der Nonnen selbst gewesen, die das Mauerwerk gelockert haben, wohl weil endlich ›die Rechte‹ gekommen ist.«

Klaudine sah unwillkürlich nach den dunkelbärtigen Lippen, die so liebenswürdig zu sprechen wußten. Das war nicht mehr dei Mann, der an der Seite der Prinzessin nie ein freundliches Wort verwandtschaftlicher Annäherung für sie gehabt, dessen verfinsterter Blick die neue Hofdame immer nur verstohlen gestreift hatte.

Beate schob sie ohne weiteres an den Kaffeetisch zurück. »Geh, tue nicht gar so feierlich, Klaudine! Wir sind nicht bei Hofe!« sagte sie. »Setze dich! Deine ›Aschenbrödelfüßchen‹ werden sich wohl gewundert haben, daß ihnen ein solcher Marsch zugemutet worden ist.«

Die junge Dame suchte errötend schleunigst ihren Platz wieder auf, und Beate setzte sich zu ihr, während Baron Lothar, die Hände auf die nächste Stuhllehne gestützt, ihnen gegenüber stehen blieb.

»Allerdings ein langer Weg durch den tiefen Wald«, pflichtete er seiner Schwester bei, »ein Weg, den eine Dame allein doch nicht wagen sollte! Fürchten Sie nicht, daß Ihnen die — Roheit begegnen könnte?«

»Ich habe keine Furcht. Im Walde bin ich früher stets zu Hause gewesen wie in unserer Kinderstube. Ich habe weit eher die Zuversicht, daß er mich beschützt wie ein alter Freund.«

»Ja, solch ein Waldläufer durch dick und dünn und Nacht und Nebel bin ich auch!« lachte Beate. »Wir sind eben Thüringer Waldkinder. Aber für deine feinen Söhlchen, Klaudine, ist der Weg jetzt doch entschieden zu anstrengend —«

»Und ein völlig zweckloses Opfer, das Sie Ihrem überstrengen Rechtsgefühl gebracht haben«, fiel ihr Bruder ein. »Denn es bedarf wohl keiner salomonischen Weisheit unserseits, um sofort zu entscheiden, daß wir auch nicht einen Schein von Recht an dem Fund haben. Das Eulenhaus ist seit langen Jahren im Besitz der Altensteiner Linie, wie kämen wir dazu, so weit in die Vergangenheit zurückzugreifen mit Ansprüchen, die uns um so weniger zustehen, als wir eigentlich ein Unrecht gutmachen müßten? Ich habe nämlich nie begriffen, wie mein Großvater auf den Tausch hat eingehen mögen, nach welchem ihm für den wertlosen Trümmerhaufen ein ausgezeichnetes Ackergrundstück zugefallen ist.«

»Der Meinung bin ich auch«, stimmte Beate mit einem energischen Kopfnicken zu. »Nun mag dein alter Heinemann beweisen, daß seine Abschätzung des Fundes richtig ist. Ein jährlicher Zuschuß zu deinem Wirtschaftsgeld wird dir nicht unwillkommen sein.«

»Praktisch wie immer, liebe Beate!« sagte Baron Lothar. »Aber ich möchte fast gegen dieses Los der Nonnenerbschaft protestieren. Wäre es nicht poetischer, wenn sich der Blütenstaub, den die Bienen vor uralten Zeiten zusammengetragen haben, in edle Steine verwandelte? Vielleicht in einen Brillantschmuck, den die Erbin bei ihrem ersten Wiedererscheinen am Hofe tragen würde?« warf er leicht hin, indem er halb abgewendet die ehemalige Hofdame über die Schulter ansah.

Sie hob die Wimpern, ihr verdunkelter Blick begegnete dem seinen. »Steine für Brot?« fragte sie. »Mir ist das Glücksgefühl, die Sorge aus meinem Heim verscheuchen zu können, mehr wert, und deshalb denke ich ›praktisch‹ wie Beate. Und was soll ich bei Hofe? Sie scheinen nicht zu wissen, daß ich meine Entlassung genommen habe.«

»Wohl, das pfeifen die Spatzen von den Dächern der Residenz. Aber geben Ihnen nicht Ihr Name und Ihre vielbeneidete Eigenschaft als Liebling der Herzoginmutter jederzeit das Recht, zu Hofe zu gehen?«

»Vom armen Eulenhaus aus?« unterbrach sie ihn mit zuckenden Lippen.

»Allerdings, die Entfernung ist groß —« gab er zu, aber seine Stimme klang dabei so hart, als habe er ein ihm verfallenes Opfer unter den Händen, das er um jeden Preis festhalten wolle. »Acht gutgemessene Fahrstunden! Nun, vielleicht findet der Hof selbst ein Auskunftsmittel — er braucht Ihnen ja nur näher zu rücken.«

»Wie wäre das möglich?« rief sie jäh emporschreckend. »Außer dem alten Birschhaus ›Waldlust‹ hat das herzogliche Haus kein bewohnbares Besitztum in unserer Nähe.«

»Und in dieser famosen ›Waldlust‹ mit ihren drei engen Stuben läuft das Wasser von den Wänden«, warf Beate lachend ein. »Der Sturm wird das verwahrloste Gerümpel nächstens über den Haufen blasen.«

Baron Lothar schwieg. Er begann, im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Ich hielt mich vorgestern auf meiner Reise nach hier einige Stunden in der Residenz auf, um der Prinzessin Thekla die kleine Enkelin zu bringen«, hob er nach einem augenblicklichen Schweigen wieder an, indem er stehen blieb. »Und da hörte ich flüchtig von einem derartigen Projekt des Herzogs.«

Er richtete plötzlich bei Nennung dieses Namens seinen Blick fest, durchdringend, auf das schöne Gesicht der ehemaligen Hofdame, über welches eine flammende Röte hinschlug. »Man zischelte da so viel durcheinander«, fuhr er fort, wobei er mit einem bitterhöhnischen Lächeln den Blick von dem erröteten Gesicht wegwandte. »Sie kennen ja das Hofgeflüster. Es kommt gehuscht wie die Motte aus dem Winkel und läßt sich schwer einfangen und festhalten, aber seine Spur bleibt an irgendeinem angenagten Heiligenschein oder dergleichen.«

Bei diesen Worten hob Klaudine das gesenkte Antlitz. »Ich kenne das Hofgeflüster«, bestätigte sie, »aber ich habe mich nie so weit herabgelassen, ihm einen Einfluß auf mein Urteil zu gestatten.«

»Bravo, alter Pensionskamerad!« rief Beate. »Du bist ja wirklich mit heiler Haut davongekommen!« Ihre klaren Augen hatten scharf prüfend die erregten Gesichter der beiden Sprechenden gestreift. »Aber nun laßt diese Hoferinnerungen ruhen!« setzte sie mit gerunzelter Stirn hinzu. »Der Klatsch ist mir in tiefster Seele verhaßt, einerlei, ob der am Brunnen und Waschtrog oder am Hofe, er hat immer und überall seine gemeine Seite. Sage mir lieber, wie du dich in deine neue Aufgabe findest, Klaudine!«

»Nun, der Anfang war schwer«, antwortete die junge Dame mit ihrem schönen, sanften Lächeln. »Hände und Schürzen tragen die Spuren der Ungeschicklichkeit beim Kochfeuer. Aber dieses erste Stadium ist glücklich überwunden, und ich finde nun auch Zeit, mich an unserem Stilleben und Joachims heiterem, zufriedenem Gesichte zu erquicken.«

»In der Tat: Er sieht Sie mit heiterem Gesicht Magddienste verrichten?« Lothars Augen sahen sie spottblitzend an.

»Glauben Sie, ich wüßte nicht zu verhüten, daß er mich beim häuslichen Schaffen sieht?« gab sie heiter lächelnd zurück. »Und dazu bedarf es wahrlich keiner besonderen Schlauheit. Joachim schreibt von früh bis spät an seinem Reisewerke über Spanien, in welches er seine schönsten Gedichte einwebt. Und bei diesem beglückenden Schaffen steht er außerhalb des wirklichen Lebens mit seinen kleinlichen Sorgen und Bedrängnissen. Er ist ein Mensch, der auf harten Dielen so gut schläft wie im weichen Bette, der ausschließlich bei Milch und Schwarzbrot zufrieden leben kann. Aber Liebe braucht sein zärtliches Gemüt, liebevolles Verstehen, und das findet er stets, wenn er aus seiner stillen Glockenstube zu den Seinen herabkommt. O ja, ich darf mir sagen, daß ich meine neue Lebensaufgabe begriffen habe — Joachim ist eine echte Dichternatur, die mir keine geringere als Frau Poesie in Pflege und Obhut gegeben hat!« Sie erhob sich und griff nach Hut und Handschuhen. »Und nun will ich heimgehen und für den Abendtisch noch Eierkuchen backen. Lache nicht, Beate«, — sie stimmte aber selbst für einen Augenblick herzlich in das Lachen der Pensionsschwester ein — »meine gute Lindenmeyer ist ganz stolz auf ’die flinke Art und Weise, wie ihre Schülerin den Kuchen auf die andere Seite zu schwenken versteht.«

»Das müßte deine alte Hoheit sehen!«

»Es würde ihr gefallen, das weiß ich. Sie ist eine deutsche Frau, und das hausmütterliche Element steckt ihr im Blute, wenn sie auch fürstlich geboren ist.«

»Ob es ihr aber gefiele, wenn das bittere Muß sie plötzlich aus ihrem Audienzzimmer an den Küchenherd versetzen würde? Der Wechsel zwischen Licht und Schatten, wie du ihn auf dich genommen hast, ist zu grell.«

»Beruhige dich, Beate!« unterbrach sie ihr Bruder mit hörbarer Ironie. »Diese Prüfung währt nicht lange. Sie ist ja nur ein Übergangsstadium, so eine Art Märchenepisode wie König Drosselbart. Ehe du dich dessen versiehst, wird ein Sonnenglanz die vermeintliche Schattenblume bescheinen, ein Sonnenglanz, um welchen sie alle Rosen von Schiras beneiden müssen.«

Die beiden Geschwister hatten bereits unbemerkt einen Blick des Einverständnisses gewechselt, und jetzt bei seinen letzten Worten verbeugte sich Baron Lothar und verließ rasch das Zimmer.

»Er phantasiert, wie es scheint!« meinte Beate achselzuckend und sichtlich verständnislos, indem sie nach der Tür schritt, die in das Nebenzimmer führte. »Einen Augenblick Geduld, Klaudine, ich will mich nur ein wenig umkleiden, denn ich möchte dich begleiten!«


 

5.

 

Klaudine trat einstweilen wieder an das Fenster zurück. Ihre Wangen brannten und die feinen Brauen zogen sich in finsterem Brüten zusammen. Was alles mochten Bosheit und Leichtfertigkeit im Herzogsschloß ersinnen, um ihr, die mutig einen ihr besseres Selbst rettenden Schritt getan, Steine nachzuwerfen! Und womit hatte sie den Mann, der eben hinausging, je so beleidigt und gereizt, daß er ihr mit anscheinend scherzhaft hingeworfenen, aber in Wahrheit verletzenden Bemerkungen das kaum beschwichtigte Herz aufregen durfte?

Da draußen, dem Fenster ziemlich nahe, stand der Wagen mit seinem Kinde. War er verbittert und ließ es andere entgelten, weil sie von ihm gegangen war, die fürstliche Frau, die seinem Dasein einen unerhörten Glanz gegeben hatte? Er mochte freilich schwer tragen an seinem Geschick. Sie war ihm für immer entrissen, und was ihm von ihr geblieben, da lag es, gebrechlich und hilflos, und der glänzende Reichtum, den die Prinzessin hinterlassen, vermochte nicht, ihrem Kinde so viel Kraft zu geben, daß es auf seinen Füßen treten konnte! Wieviel war schon um dieses winzige Geschöpfchen gekämpft und gestritten worden! Die Großmutter, die Prinzessin Thekla, die sich über den Tod ihrer Lieblingstochter nicht beruhigen konnte, war selbst in Italien gewesen, um sich das Kind zu erbitten, aber Baron Lothar hatte sie entschieden zurückgewiesen. Nun flüsterte man bei Hofe, die alte Dame verfolge den Plan, dem verwitweten Schwiegersohn die ihr gebliebene Tochter, Prinzessin Helene, als zweite Frau zu geben, damit das geliebte Enkelkind nicht in die Hände einer fremden Stiefmutter falle, und einige Kluge, die das Gras wachsen hörten, wollten wissen, daß die junge Prinzessin nicht »nein« sagen würde, da sie ja schon zur Zeit der Brautschaft ihrer Schwester eine stille Neigung für den schönen Schwager gehegt habe. Prinzessin Helene war hübscher als die Verstorbene, aber sie hatte auch die großen, unheim­lichen Funkelaugen, mit denen das Kind da draußen unverwandt hinauf in das Lindengeäst starrte, während eine alte Kinderfrau strickend neben dem Wagen saß.

Ein starkes Räderrollen erschütterte den Boden unter den Füßen der jungen Dame, und gleich darauf trat Beate, zum Ausgehen umgekleidet, wieder in das Zimmer. Sie nahm das Weidenkörbchen mit den Erdbeeren vom Tische und hing es an den Arm. »Für deine kleine Elisabeth«, sagte sie zu Klaudine, und ein roter Schimmer lief über ihr Gesicht.

Zuckerdose und Kuchenreste wurden noch eiligst im Wandschrank verschlossen, dann ging es fürbaß.

Draußen vor der offenen Haustür hielt ein Wagen mit zurückgeschlagenem Verdeck. Baron Lothar saß auf dem Bock und hielt die Zügel.

»Vorwärts, Schatz!« trieb Beate, als Klaudine wie erschreckt auf den Türstufen sichtlich zögerte eine solche Aufmerksamkeit in Neuhaus anzunehmen. »Die schmucken Kerlchen da vorn« — sie zeigte nach den Pferden, herrlichen, jungen Tieren, die sich ungestüm gebärdeten — »schnauben wie die Sonnenrosse, sie möchten uns am liebsten durchbrennen.«

Gleich darauf brauste der Wagen unter den Linden hin und die Fahrstraße hinab. Baron Lothar lenkte das feurige Gespann leicht, mit spielender Sicherheit. Und dabei musterte er von Zeit zu Zeit die Roggen- und Rübenfelder, die mit grünen Früchtebüscheln besetzten Zweige der Obstbäume zu beiden Seiten des Fahrweges. Aber nicht einmal wandte er sich nach den Insassen des Wagens zurück. Er hatte vorhin Klaudines Zögern gesehen und den Widerspruch in ihren Zügen gelesen, sie wußte es, denn ihr Blick war dem seinen begegnet, einem Spottblick, der ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte, aber wohl oder übel mußten sie nun doch zusammen fahren, »Montecchi und Capuletti« in einem Wagen, der mit seiner hellen Atlaspolsterung, seiner ganzen blitzenden und schimmernden, vornehmen Ausrüstung wie ein verkörpertes Stück Hofglanz durch das Paulinental flog.

In würzigen Feld- und Walddüften und in dem tiefen Goldglanz der Spätnachmittagssonne förmlich schwimmend, breitete sich das schöne, weite Tal hin, das der kleine, weit droben aus dem Berg quellende Fluß in fröhlichem Lauf durchschnitt. Wellenglitzernd, bald verdunkelt unter Weidengebüsch hinkriechend, bald im freien Sonnenlicht übermütig an den Uferblumen reißend, kam er daher, der Schuldige, der im Verein mit Gewitterregengüssen wiederholt zum wilden Raubtier geworden war. Wer sah es ihm an, daß er einen Teil des Geroldschen Wohlstandes verschlungen hatte?

Ringsum, wohin der Blick fiel, wurde noch rüstig vor Feierabend gearbeitet. Die Sense des Mähers fuhr mit blendendem Blitz durch das niederrauschende Wiesengras, in den Furchen der Kartoffeläcker arbeiteten ganze Reihen gebückter Frauen mit der Hacke, und auf dem Anger am Flußufer und zwischen den wilden Schlehenbüschen der rasigen Raine trieben barfüßige, im Gehen strickende Mädchen ihre Gänse und Ziegen vor sich her. Hoch vom Walde herunter aber erscholl das taktmäßige Anschlagen der Holzaxt. Treuherzig grüßende Zurufe der fleißigen Menschen flogen den Vorüberfahrenden von allen Seiten zu und wurden freundlich erwidert, und Klaudine kam zum erstenmal der Gedanke, daß sich die Insassen des stolzen Wagens nicht vor dem schweißtriefenden Arbeiterfleiß zu schämen brauchten; sie arbeiteten und schafften auch, die eine im angeborenen Tätigkeitstrieb, und die andere um die Genugtuung willen, sich die Selbstachtung zu retten, sich nützlich zu machen und damit das Wohl geliebter Menschen zu fördern.

Für einen kurzen Augenblick wurde weit drüben hinter den Baumwipfeln der Gärten das mächtige Schieferdach des Altensteiner Gutshauses sichtbar. Die Fahnenstange ragte noch kahl in die Lüfte — das schmerzlich beweinte verlorene Vaterhaus beherbergte den neuen Besitzer mithin noch nicht. Aber auf der Straße kam langsam ein schwerbeladener Möbelwagen daher, dem ein niederes Gefährt mit der Holzkiste eines Konzertflügels folgte.

»Der neue Nachbar zieht ein, wie es scheint«, sagte Beate mehr wie für sich und musterte mit scharfem Blick die vorüberfahrenden Wagen.

In diesem Augenblick wandte sich Baron Lothar rasch nach Klaudine zurück.

»Sie wissen, wer das Gut gekauft hat?« unterbrach er sein bisheriges Schweigen so urplötzlich, wie ein Richter, der seinen Angeklagten in einem unbedachten Augenblick zu überrumpeln sucht.

»Wie kann ich das wissen?« gab sie, durch seinen Ton befremdet, etwas scharf zurück. »Wir suchen zu vergessen, daß wir jenseits des Waldes zu Hause waren, und forschen grundsätzlich nicht, wer dort nach uns kommt.«

»Das weiß hier im Tal noch niemand, Lothar«, bestätigte Beate. »Unsere besten Klatschweiber im Dorfe zerbeißen sich die Zähne an der harten Nuß. Mich beschleicht manchmal die geheime Furcht, daß ein reicher Industrieller der Käufer ist, und das, was ich eben durch die Vorhanglücken des Möbelwagens gesehen habe, bestärkt mich in dem Glauben — diese Leute können es ja nie stilvoll und glänzend genug haben! Schrecklich! Qualmende Fabrikschlote in unserem schönen, luftreinen Tal!«

Baron Lothar hatte sich längst wieder umgewendet; er antwortete nicht und ließ die Peitsche auf dem Rücken der Pferde spielen. Und weiter brauste der Wagen.

»Sieh, sieh, wie hübsch sich doch dein Eulenhaus herausgemausert hat!« rief Beate überrascht, als die kleine Besitzung in Sicht kam. »Seit meinem letzten Besuch bei dir und deiner Großmama bin ich nicht wieder hierhergekommen. Es hat sich ja förmlich mit einem grünen Mantel behangen!«

Sie hatte recht. Erst in ihren letzten Lebensjahren hatte die verstorbene Besitzerin Anpflanzungen von wildem Wein am Turm gemacht. Noch vor vierzehn Tagen hatten die mit schwach entwickelten Blättchen besetzten Ranken nur wie ein dünnes, wenig sichtbares Fadennetz die Mauern umstrickt, heute aber ließ das üppige Blattgewebe nur noch ein paar Fensterbogen frei. Bis über die untere Turmstube kroch es hinauf; es umrahmte die auf die Plattform führende Glastür und hing seitwärts wieder über dem Geländer herab.

Heinemann hatte der kleinen Elisabeth eben ein Vogelnest hoch im Gebüsch gezeigt, er trug das Kind noch auf dem Arme und ging so dem herankommenden Wagen entgegen. In ängstlicher Spannung zog er die dicken, gelben Brauen in die Höhe — kamen die dort vielleicht gleich mit, um ihren Anteil zu fordern?

Der Wagen hielt. Der alte Gärtner öffnete mit einem höflichen Gruß den Schlag, aber nur seine junge Herrin stieg aus. Beate blieb sitzen und reichte dem Kinde, das er auf dem Arme behalten hatte, die Erdbeeren hin. Mit Überraschung sah Klaudine dabei ein schönes, zärtliches Lächein über das ernste Gesicht der Pensionsschwester hinfliegen, und auch das Kinderherz mochte fühlen, daß dieser Sonnenstrahl ein seltener sei, denn die Kleine reckte sich plötzlich hinüber und schlang die Arme um Beates Hals. Dann nahm sie, glückselig das Körbchen aus den »großen Händen«, die sie neulich ganz empört von ihrem Puppenliebling abgewehrt hatte, und strebte, schleunigst von Heinemanns Arm zu kommen, um nach dem Hause zu laufen.

Beate stellte »der Herrin vom Eulenhaus« ihren Besuch für die allernächste Zeit in Aussicht, »auch solch eine Ankunft auf eigenen Füßen, einen Marsch, der den Haushaltungsärger wieder einmal aus dem Blute jagt«. Gleich darauf wandte sich der Wagen und fuhr heimwärts.

Baron Lothar hatte kein Wort mehr gesprochen, aber er hatte sich mit einer tiefen Verbeugung von Klaudine verabschiedet und dem alten Gärtner ein freundliches Wort zugerufen.

»Sapperlot, alles was wahr ist! Ich bin kein Freund von den Neuhausschen — ganz und gar nicht, im Gegenteil! Sie haben mehr Glück als Verdienst, und die Altensteiner müssen vor ihnen die Segel streichen — leider Gottes!« sagte Heinemann, während er die Hand beschattend über die Augen hielt und dem fortbrausenden Wagen mit langem Halse nachsah. »Aber das muß ihm der Neid lassen, ein bildschöner Soldat ist und bleibt er, auch in dem müllergrauen Rock, dem simplen. Bin ja auch Soldat gewesen, Fräulein, und weiß die Herren Offiziere zu taxieren. Ich glaube, wenn der vor seiner Schwadron reitet, da halten sich die Kerls noch einmal so stramm und stolz auf ihren Pferden. Wie’s freilich inwendig aussieht, das weiß man ja — viel Übermut und ein krasser Dünkel auf die vornehme Heirat; und wie es mit dem da steht —« er machte mit Daumen und Zeigefinger die Geste des Geldzählens und streifte mit einem ängstlich fragenden Seitenblick das Gesicht seiner jungen Herrin — »hm, da nimmt man wohl auch, wo es zu haben ist?«

Klaudine lächelte. »Sie können ruhig sein, Heinemann, der Fund bleibt in Ihren Händen, Sie können damit tun, was Ihnen beliebt.«

»Was? Wirklich? Sie nehmen nichts, die da drüben?« Er war nahe daran, einen Freudensprung zu machen. »Ein Stein ist mir vom Herzen, ein Zentnerstein! Mir war zuletzt himmel­angst, bis Sie kamen! Na, das wäre über­standen, Gott sei Dank! Nun sollen Sie aber einmal sehen, was der alte Heinemann kann, gnädiges Fräulein! Dem Kerl da in der Stadt, dem reichen Bolz, dem die Bienenväter hierzulande nie Wachs genug schaffen können, dem will ich seine Sparpfennige aus dem Leibe pressen, daß er ach und wehe schreien soll! Wir können’s brauchen, gnädiges Fräulein, können’s gerade jetzt gut brauchen, wo wir gewiß manchmal vornehmen Besuch kriegen. Und da darf es doch nicht zu armselig im Hause sein, sind wir schon unserer guten gnädigen Frau in der Erde schuldig! Ich nehme morgen das gute Zinn gleich mit in die Stadt zum Zinngießer, es muß wieder einmal ein bißchen aufgefrischt werden. Einen neuen Sahnegießer zum Kaffeegeschirr brauchen wir auch, und wie wär’s denn, wenn wir in die gute Stube neue Vorhänge kauften? Fräulein Lindenmeyer hat nach der letzten Wäsche um all ihr Leben gestopft und geflickt, und wenn sie das auch pikfein macht, da und dort sieht man’s doch.«

»Aber, mein Gott, wozu denn das alles?« fragte Klaudine erstaunt. »Fräulein Beate —«

»Ach, wer spricht denn von der? Die flickt und stichelt ja selbst alle alten Lappen und Läppchen zusammen und hängt sie wieder an die Fenster, die ist gar häuslich und sparsam und spottet nicht über einen zugestopften Riß!« Ei zeigte mit dem Daumen über die Schulter nach Fräulein Lindenmeyers Eckstube. »Da drin sitzt sie, die Dorfklatsche, die Försterin aus Oberlauter, die alle neuen Nachrichten brühwarm aus der Residenz kriegt und sie nachher im Stricksack von Haus zu Haus trägt, bis es altbackene Semmeln sind. Wenn wir näher ans Haus kommen, da werden Sie’s riechen, gnädiges Fräulein — eitel Zimt und Vanille! Fräulein Lindenmeyer hat nämlich vor Freude über den raren Besuch Schokolade gekocht, eine steife Schokolade — der Löffel bleibt drin stecken! Und morgen wird unser altes Mamsellchen wieder einmal auf der Nase liegen und ihre allerschönsten Magenschmerzen davon haben. Na meinetwegen! Die Nachricht, die uns der brave Postillon im Weiberrock zugetrager, hat, ist am Ende so ein bißchen Schmerzen wert. Unser Herzog hat nämlich unseren lieben, schönen Altensteiner Geroldshof gekauft.«

Klaudine stand noch neben dem Eibenbaum am Eingang des Gartens. Mit einer jähen Bewegung griff sie in die Zweige des Bäumchens, als taste sie nach einem Halt. Das Blut stürmte ihr nach dem Kopf und gleich darauf überzog eine tiefe Blässe ihr Gesicht.

»Du lieber Gott, wie Sie das angreift!« rief Heinemann erschrocken. »Ich alter Tapps, daß ich auch so mit der Tür ins Haus fallen muß! Aber an der Sache ist ja doch nichts mehr zu ändern«, — er schüttelte trübe den Kopf — »kein Tüttelchen! Und ist’s denn nicht doch tausendmal besser, der Geroldshof kommt in solche Hände, als daß vielleicht ein reicher Fabrikant in den Stuben und Sälen spulen und spinnen läßt? Und Ihre schöne Jugend, gnädiges Fräulein! Fragen Sie doch die da unten«, — er zeigte auf den Boden unter seinen Füßen, den ehemaligen Kirchhof der Nonnen — »ob nicht eine jede mit tausend Freuden wieder aus dem einsamen Walde entwischt wäre, wenn sich nur ein Schlupfloch in den himmelhohen Mauern gefunden hätte! Sehen Sie, das ist ja das Schöne bei der Sache, Sie kommen wieder in Ihre Gesellschaft, in Ihr richtiges Element! Eine jede Blume will ja auch ihren besonderen Boden. Der ganze Hof zieht für den Sommer auf das Altensteiner Gut. Der Herzog will eine Milchmeierei eigens für seine junge Frau einrichten, sie soll ja an der Schwindsucht leiden, das arme Frauchen, und da soll nun die Luft im Kuhstall helfen.« Er kratzte sich hinter dem Ohr.

Die junge Dame ging langsam und schweigend tiefer in den Garten hinein. Ihre erblaßten Lippen waren wie im Krampfe geschlossen. Heinemann sah sie scheu von der Seite an. In diesem sanften, schönen Gesicht, das er kannte, seit es zum erstenmal die blauen, wundertiefen Augen aufgeschlagen hatte spiegelte sich ein Kampf ab, für welchen ihm das Verständnis fehlte.

Er sagte deshalb auch kein Wort mehr und machte sich am nächsten Gemüsebeet zu schaffen, und erst, als sie im Begriff stand, in das Haus zu gehen, kam er ihr nach und bat um Urlaub für den nächsten Tag, »von wegen des Wachshandels«. Sie nickte ihm mit einem matten Lächeln gewährend zu und ging die Treppe hinauf.

Droben, in ihrem stillen Zimmer, sank sie auf einen Stuhl und schlug die Hände mutlos vor das Gesicht. War alles umsonst gewesen? Durfte ihr wirklich die Versuchung nachschleichen, wohin sie auch flüchten mochte? Nein, nein, ihre Lage war nicht mehr so schutz- und hilflos, wie noch vor wenigen Wochen! Stand nicht ihr Bruder neben ihr? Und durfte sie jetzt nicht auch sagen: »Mein Haus ist meine Burg — ich kann und will es vor jedem verschließen, der meine Schwelle nicht betreten soll?«


 

6.

 

Am anderen Morgen wanderte Hcinemann frühzeitig nach der Stadt. Neben ihm her trabte ein Dorfjunge mit einem Handwagen, den der alte Gärtner mit jungem Gemüse für seine Kunden beladen hatte, der Handelsgang nach der Stadt sollte möglichst ausgenutzt werden. Das Zinngeschirr freilich hatte zu Hause bleiben müssen und zum Ankauf neuer Vorhänge war die Erlaubnis auch entschieden verweigert worden. Nicht ohne Besorgnis sah Heinemann dann und wann nach dem Hause zurück, bis das Baumgedränge keinen Durchblick mehr gestattete. Was er ärgerlich vorausgesagt hatte, war eingetroffen — Fräulein Lindenmeyer hatte Migräne. Sie lag zu Bett und brauchte Hilfe und Pflege. Gern wäre er zu Hause geblieben, allein er hatte schon beim Morgengrauen das Gemüse abgeschnitten, und das mußte fortgeschafft werden.

Nun war seine junge Herrin allein, denn der oben in der Glockenstube zählte nicht. Mit der Feder in der Hand war er ja nie in der wirklichen Welt. Da konnte alles um ihn her niederbrennen, wenn nur die Glockenstube stehen blieb und die Tinte nicht eintrocknete. Dieses Urteil entsprang jedoch keineswegs irgendwelcher Geringschätzung, im Gegenteil, Heinemann war voll Bewunderung, aber in seinen Augen war der gelehrte gnädige Herr einer, für den man in gewöhnlichen Dingen denken und sorgen mußte, wie für das liebe, unschuldige Ding, die kleine Elisabeth auch.

Nun, er hatte das Seine getan, um seiner jungen Herrin die Tageslast zu erleichtern, er hatte die Ziegen gemolken, frische Eier aus den Hühnernestern genommen und Zuckererbsen zum Mittagessen gepflückt. Kleingespaltenes Holz lag neben dem Herde, das Treppenhaus war sauber gefegt, und in Fräulein Lindenmeyers Eckstube stand die homöopathische Hausapotheke mit schriftlichen Anweisungen von seiner Hand — er verstehe sich aufs Kurieren wie kein anderer, versicherte Fräulein Lindenmeyer immer. Wie er dann aber tagsüber nie die Tür im Gartenzaun einklinkte, geschweige denn verschloß, so hatte er es auch heute achtloserweise unterlassen. Der am Zaun liegende Kettenhund schlug ja pünktlich an, sobald sich die Tür von außen her in den Angeln rührte, und was hätte denn aus dem Garten entwischen sollen? Das Hühnervolk hauste hinter einem absperrenden Holzgitter und die Hauskatze bewerkstelligte ohnehin ihre Waldbesuche durch die Fensteröffnungen der Kirchenruine. An das Kind, die kleine Elisabeth, hatte der alte Mann nicht gedacht. Sie war meist seine unzertrennliche Begleiterin im Garten, sie ging auf Tritt und Schritt mit ihm und plauderte unermüdlich, und während seine großen, schwieligen Hände rüstig arbeiteten, antwortete und erzählte er unverdrossen und rieb sich nur dann und wann an der Schürze die Erde von den Fingern, um dem Kinde den verschobenen Hut in die Stirn zu rücken oder der Puppe den aufgelösten Haarzopf mühselig wieder »zusammenzuwürgen«. Aber vor seinen Augen war das kleine Mädchen noch nie bis an die Tür gelaufen, und auch Klaudine wußte, daß es sich vor dem Kettenhund fürchtete. Deshalb war sie unbesorgt ihren Hausgeschäften nachgegangen, während das Kind im Garten spielte.

So war es gegen Mittag geworden. Die Tageshitze stieg. Nur selten zog eine vereinzelte segelnde Wolke träge über die Sonnenscheibe hin und warf auf den Garten einen kurzen Schatten, wohltuend und verdunkelnd, als ob ein riesiger Vogel seine Schwingen mitleidig über alle die hängenden und schmachtenden Blumenköpfchen breite Klaudine trat an ein Fenster und rief nach dem Kinde; aber sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, so lautlos still war es draußen. Nur der Hund kroch mit rasselnder Kette aus seiner schwülen Hütte und sah mit gespitzten Ohren nach dem Fenster hinauf, wo gerufen wurde. Das Kind antwortete nicht, und auch sein helles Kleidchen war weder zwischen dem Gebüsch, noch in der Laube zu entdecken.

Noch kam kein beängstigender Gedanke in Klaudines Seele. Die Kleine stieg ja oft direkt vom Garten aus hinauf in die Glockenstube, um dem Papa ein paar Blumen oder das Schürzchen voll »wunderschöner Steinchen« zu bringen. Klaudine eilte hinauf, aber in dem kühlen und durch die zugezogenen grünen Gardinen verdunkelten Turmgelaß saß ihr Bruder allein am nördlichen Fenster, so vertieft in seine Arbeit, daß er auf ihre Frage hin nur mit einem zerstreuten Blick aufsah, lächelnd den Kopf schüttelte und emsig weiter schrieb. Auch bei Fräulein Lindenmeyer war das Kind nicht, und nun flog die junge Dame angsterfüllt hinaus in den Garten.

In der Laube stand der Puppenwagen mit dem geliebten Wickelkind, das Wachsgesicht der Puppe mit der abgenommenen Kinderschürze fürsorglich zugedeckt, aber die kleine Pflegemutter war nicht da. Sie war auch nicht im Kreuzgangwinkel bei den Ziegen und Hühnern, nicht in der Kirchenruine, wo sie sich gern auf dem grünen Rasenboden tummelte und Grasblumen suchte. Alles angstvolle Rufen und Suchen war vergeblich.

Da sah sie über die Zauntür hinweg drüben auf der Fahrstraße eine rotglühende Pfingstrose liegen, und jetzt wußte sie, daß das Kind, einen Strauß in der Hand, aus dem Garten gelaufen war. Ohne sich zu besinnen, eilte sie hinaus, die Straße entlang.

Öde, totenstill streckte sich die weiße Weglinie vor ihr hin. Seit die Eisenbahnschienen in ziemlicher Nähe vorüberliefen, war diese Verkehrsader fast ganz unterbunden, nur selten unterbrach Rädergeroll die Waldstille — ein Überfahren des Kindes war mithin nicht zu befürchten. Die Kleine mochte übrigens Heinemanns Beete arg geplündert haben, jedenfalls konnte das Händchen die Blumen auf die Dauer nicht fassen, denn da und dort bezeichnete eine verstreute Nachtviole oder ein Jasminzweig den Weg, den sie genommen hatte.

Sie mußte schon seit geraumer Zeit ausmarschiert sein, wenigstens erschien Klaudine die Strecke schier endlos, die sie bereits zurückgelegt hatte, Angsttränen füllten ihre Augen und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Zuletzt fand sie den Hut des geliebten Puppenlenchen, und zwar nahe dem Dickicht, das die Fahrstraße begrenzte. Ihr Puls stockte bei dem Gedanken, daß das Kind in den Wald eingedrungen sei und angstvoll umherirre, und schon wollte sie die Stimme zu lautem Rufen erheben, als Kindergeschwätz, in das sich eine männliche Stimme mischte, zu ihr drang. Unwillkürlich preßte sie die Hände gegen die fliegende Brust und horchte. Ja, das war Baron Lothar, der eben sprach, und das Kind war bei ihm und schon nach wenigen eilenden Schritten weiter taten sich die grünen Wände vor ihr auf und sie sah die Sprechenden herankommen.

Baron Lothar führte mit der Linken sein Pferd am Zügel, und auf dem rechten Arm trug er die kleine Entlaufene. Der runde Hut hing ihr im Nacken, und das dichte Blondhaar fiel wirr und tief in die Stirn und an den erhitzten Bäckchen herab. Sie mochte ihre Heldentat bereits schwer, unter heißen Tränen, gebüßt haben, denn sie sah sehr verweint aus, aber ihr Lenchen hatte sie auch in ihrer Herzensangst und Ratlosigkeit nicht preisgegeben, sie hielt die Puppe krampfhaft fest an ihrer Brust.

Sie schrie auf, als sie die Tante so plötzlich auf sich zukommen sah. »Ich wollte der Erdbeerdame Blümchen bringen und das datierte so lange, ach, so lange! Und Lenchen hat ihren neuen Hut verloren, Tante!« rief sie ihr entgegen und löste das linke Ärmchen von ihres Trägers Nacken, als wolle sie schleunigst wieder unter den Schutz der Pflegerin flüchten, aber er hielt sie fest.

»Du bleibst jetzt bei mir, Kind!« gebot er. Sie duckte sich wie ein erschrockenes Vögelchen und sah scheu in das bärtige Antlitz dicht neben dem ihren. Der gebieterische Ton war ihr neu. »Das hast du zu verantworten, kleine Ausreißerin!« fuhr er zu dem Kinde fort, während sein Blick das tieferregte Gesicht, die tränenverschleierten Augen der schönen Hofdame ausdrucksvoll streifte. Sie stand nun vor ihnen und rang vergebens nach Atem und einem Wort des Dankes. »Und nun möchtest du mir auch noch schleunigst den Laufpaß geben und fragst nicht, ob die Arme da dich auch tragen können? Denn laufen kannst du ja absolut nicht mit deinen todmüden Beinchen! Nein, nein, lassen Sie!« wehrte er ab, als Klaudine in der Tat die Arme hob, ihm die Bürde abzunehmen. »Ist’s doch kaum, als sei mir eine Grasmücke auf den Arm geflogen! Komm, Kindchen, gib nur deinen Arm wieder her und sieh mich nicht so scheu an — hast dich ja vorhin auch nicht vor meinem Bart gefürchtet! Sieh, wie brav mein Fuchs mit mir geht und sich führen läßt! ... Und da ist ja wohl auch der unglückliche Hut, um den du so bittere Tränen vergossen hast?«

Die Kleine lachte glückselig auf, als Klaudine das Hütchen auf den Puppenkopf drückte und es wieder festband.

Baron Lothar sah unverwandt auf die zwei schlanken Hände, die in nächster Nähe vor seinen Augen hantierten. Ein breiter schwärzlicher Streifen zog sich um Daumen und Zeigefinger der Rechten.

»›Rußflecken beschimpfen nicht‹, sagt mein alter Heinemann«, stammelte sie, unter seinen Blicken errötend, und ließ schleunigst die Hände von der gebundenen Schleife sinken.

»Nein, sie beschimpfen nicht. Aber daß sie in der Tat vorhanden sind! Wäre wirklich kein dienstbarer Geist im Eulenhaus zu finden, der Ihnen diese grobe Berührung ersparte?« Ein spöttisch ungläubiges Lächeln zuckte um seine Lippen. »Muß nicht eine Zeit kommen, wo Sie die Erinnerung an diese Flecken dennoch wie einen Makel empfinden werden?« Seine feurigen Augen wichen nicht von ihrem Gesicht.

Sie sah ihn mit stolzer Entrüstung an. »Hat Ihnen das Hofgeflüster auch zugeraunt, daß ich unwahr sei und zur Komödie neige?« fragte sie bitter lächelnd zurück. »Soll ich Ihnen wirklich ausdrücklich die schmerzliche Tatsache bestätigen, daß mein Bruder, wenn auch als ehrlicher Mann — denn, Gott sei Dank, die Gläubiger sind befriedigt! — so doch bettelarm von Haus und Hof gegangen ist? — Wir können uns nicht mehr bedienen lassen, und daß dazu kein besonderer Aufwand von Entsagungen gehört, das weiß ich jetzt. Diese Flecken« — sie sah auf die geschwärzten Finger nieder — »lasse ich auch nur insofern als Makel gelten, als sie Zeugen meiner Ungeschicklichkeit sind. Aber auch das wird ja von Tag zu Tag besser.«

Jetzt lächelte sie wieder mit ihrer sanften Heiterkeit, sah sie doch eine dunkle Glut in sein Gesicht steigen. Sie durfte ihn nicht noch strenger zurechtweisen, der ihren müden Liebling auf dem Arm trug.

»Ich werde mich bald nicht mehr zu schämen brauchen, und gestern abend bei den verlachten Eierkuchen hätte ich getrost die strenge Beate zu Gaste laden dürfen —«

»Ich bin überzeugt und leiste hiermit Abbitte!« unterbrach er sie und neigte in sarkastischer Unterwürfigkeit sein Haupt. »Sie scheinen nicht bloß das Aschenbrödel, Sie sind es in Wirklichkeit. Ein Mann kann sich freilich schwer in eine solche Situation hineindenken, aber einen pikanten Reiz mag es schon haben, augenblicklich in der grauen Puppenhülle zu verschwinden, um später mit strahlenden Flügeln in Sonnenhöhe aufzusteigen.«

Sie preßte die Lippen aufeinander und schwieg, weil sie wußte, daß sie sich vor ihrer eigenen Stimme entsetzen würde, wenn sie auch nur mit einem einzigen Worte ein Thema berührte, das sie tief verschwiegen in der Brust trug, und welches er immer wieder hartnäckig, mit einer Art von Verbissenheit aufnahm.

Sie trat seitwärts, um ihm den Weg freizugeben, und er schritt weiter. Sie gingen an der Schattenseite, unter überhängenden Buchenzweigen hin. Man hörte eine Zeitlang nur die Schritte des kräftig ausschreitenden Mannes und das Hufeklappern des geduldig nebenher gehenden Pferdes, bis die kleine Elisabeth das drückende Schweigen mit einem Schmeichelnamen für den »guten, braven Fuchs« unterbrach.

»Es hat auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner brünetten, spanischen Mutter, dies kleine deutsche Blondchen«, sagte Baron Lothar, während er in das reizende Kindergesicht sah. »Sie hat die Altensteiner Augen. Wir haben in Neuhaus das Bild unserer Urgroßmutter, die bekanntlich eine Altensteiner gewesen ist. Ein so wilder Junge ich auch war und so wenig Interesse die steifen Porträts an den Wänden für mich hatten, vor jenem schönen großen Ölbild bin ich doch stets stehen geblieben, wenn unsere Staatszimmer oben einmal ausnahmsweise zugänglich waren. ›Die Lilie des Tales‹ hat sie der damalige Herzog Ulrich genannt. Aber sie ist eine scheue Frau gewesen, die nie wieder zu Hofe gegangen ist, seit ihr Seine Hoheit einmal allzu feurig die Hand geküßt hat.«

Wieder war es still und in das Knirschen des Steingerölls unter den Tritten der Dahinschreitenden mischte sich jetzt auch das Piepen und Zwitschern in einem Vogelnest über ihren Häuptern.

»Kleine Vögelchen sind auf dem Baume, ich weiß es, Heinemann hebt mich immer hoch und läßt mich in das Nest sehen«, sagte die Kleine mit einem begehrlichen Blick nach oben.

Er lachte. »Das ist zu hoch, kleiner Schelm, da hinauf können wir nicht! Aber sieh, wie die blauen Augen auch funkeln können! Ich glaube nicht, daß sich das sanfte Sternenlicht in den Augen meiner schönen Urgroßmutter je so verwandelt hat. Bei den Neuhäuser Gerolds ist der Frauenkopf mit dem aschblonden Lockenhaar nicht wieder aufgetaucht, keine der weiblichen Nachkommen hat das Gesicht geerbt, so viele Töchter auch in Neuhaus gefreit worden sind. Ich meinte deshalb immer, die Frau sei einzig in ihrer Art gewesen. Erst später, viel später überzeugte ich mich, daß jenes Gesicht Erbeigentümlichkeit der Altensteiner sei. Es war an unserem Hofe. Ich war mit dem Herzog auf der Jagd gewesen und wir kamen spät, gerade in dem Augenblick in den Salon der Herzogin-Mutter, als eine neue Hofdame an den Flügel trat, um ›Das Veilchen‹ von Mozart zu singen.« — Er bog sich vor, um ihr in das Gesicht zu sehen. — »Sie erinnern sich selbstverständlich des Abends nicht?«

Sie schüttelte mit einem lebhaften Erröten den Kopf. »Nein. Ich habe ›Das Veilchen‹ so oft singen müssen, daß sich keine besondere Erinnerung für mich daran knüpft.«

Er hatte für einen Augenblick den Schritt angehalten, aber nun ging es in beschleunigtem Tempo wieder vorwärts.

Nicht lange mehr, da schimmerte das bunte Blumenfeld des Gartens durch das lichter werdende Unterholz, und das Gebell des Hundes klang herüber. Herrn von Gerold mochte doch nachträglich das plötzliche Erscheinen seiner Schwester in der Glockenstube und ihre hastige Frage nach dem Kinde nachdrücklicher zum Bewußtsein gekommen sein, er hatte wohl auch ihr ängstliches Rufen, gehört und sich schließlich selbst aufgemacht, zu suchen, denn er kam jetzt eilenden Schrittes daher, und zwischen den Eibenbäumen des Garteneinganges bog sich scheu ein mit Kompressen umwickelter Frauenkopf in der Nachthaube — Fräulein Lindenmeyer hatte sich in ihrer Herzensangst selbstvergessen bis an die äußerste Grenze des Grundstückes gewagt, jetzt freilich rannte sie beim Erblicken der hohen, fremden Männergestalt, mit fliegenden Röcken und das Schaltuch schleunigst über den Kopf geworfen, nach dem Hause zurück.

Noch vor wenigen Tagen würde Herr von Gerold an dem Neuhäuser fremd und unberührt von irgend einem verwandtschaftlichen Gefühl vorübergegangen sein, gestern aber hatte Baron Lothar seiner Schwester einen ritterlichen Dienst geleistet und heute trug er ihm sein vermißtes Kind entgegen. Er eilte deshalb mit dem Ausdruck warmen Dankes auf ihn zu, und nach einigen erklärenden Worten von seiten Klaudines schüttelten sich die beiden Männer herzlich die Hände. Und Baron Lothar machte durchaus keine Anstalten, das Pferd wieder zu besteigen und seines Weges zu reiten, nachdem Herr von Gerold ihm die Kleine abgenommen. Er schritt im Gespräch zwischen den Geschwistern weiter und weiter bis zur Gartentür, und da nahm er Herrn von Gerolds Einladung, näher zu treten und sich den interessanten Wachsfund anzusehen, ohne Zögern, als ganz selbstverständlich an.

Klaudine eilte den anderen voraus nach dem Hause. Auf der Türschwelle wandte sie sich noch einmal zurück, sie mußte lächeln. Baron Lothar hatte von König Drosselbart und Aschenbrödel gesprochen und war sie nicht in der Tat wie im Märchen, die heutige Wandlung? Dort schritt er in schlichtem Rock und führte sein Pferd an Heinemanns für den Handel gezogenen Blumen hin, ängstlich darauf achtend, daß die Hufe keines der nutzbringenden Blütenblättchen berührten, er, dessen ritterliche Gestalt sie bei Hofe zuletzt von einem Glanz umflossen gesehen, wie er nur selten einem Sterblichen zuteil wird — und sie, das damalige sogenannte Hätschelkind der Herzoginmutter, das gleichsam wie auf Samt gegangen war und von keinem rauhen Lüftchen angeweht werden durfte, sie eilte jetzt die dunklen, ausgetretenen Steinstufen hinab, um einige der wenigen Flaschen Wein, die noch von der Großmama her im Kellerwinkel lagen, für ihn heraufzuholen.

Er führte sein Pferd in eine kühle, schattige Ecke der Kirchenruine und band es an einen starken Holunderbaum. Dann betrat er das Haus.

In den Wachskeller warf er nur einen flüchtigen Blick, man sah, die prosaische Hinterlassenschaft der Nonnen war es nicht, was ihm das Eulenhaus plötzlich in einem interessanten Lichte zeigte.

Klaudine stellte ein Tischchen mit Flasche und Gläsern und einem frischen Blumenstrauß draußen neben die Glastür, die aus dem Wohnzimmer ins Freie führte. Da stand, hart an der Mauer des Zwischenbaues, der letzte Ausläufer einer ehemaligen Allee, eine uralte Steinlinde mit nahezu abgestorbener Krone. Der einzige Ast, in dem noch der Saft flutete, reckte sich über das Geländer herein, er aber strotzte von jungem, kräftigem Laub und bildete mit einem ausgespannten schmalen Zeltdach eine schattige Ecke. Man sah von da aus zwei schlanke, einsam in die Lüfte ragende Pfeiler, die letzten der herrlichen, die einst das Mittelschiff der Kirche getragen, und hinter ihnen wölbte sich ein scheibenloses Spitzbogenfenster in der östlichen Seitenmauer. Duch die anderen Fenster zwängte der im Lauf der Jahre dicht an das Gemäuer herangerückte Wald sein Geäst, und von seinem Boden herauf kroch luftiges Geranke. Die Pfeiler und der Fensterbogen dagegen umfaßten ein schmales, umdunkeltes Stück Waldwiese draußen, ein stilles, grünes Eiland, über welches das Wild sorglos hinwandelte.

Mit verschränkten Armen trat Baron Lothar an das Geländer und sah in die reizvolle Aussicht hinein.

»Auch deutscher Wald ist schön«, sagte Herr von Gerold, der Vielgereiste, mit seiner milden, weichen Stimme neben ihm.

»Was?« fuhr der Angeredete herum. »Auch? Ich sage, nur deutscher Wald ist schön! Was frage ich nach Palmen und Pinien, was nach der weichen Südluft, die mein Gesicht widerwärtig umschmeichelt, wie die Liebkosung einer ungewünschten Hand! Ich habe mich krank gesehnt nach dem Thüringer Wald und seiner herben Luft, nach seinem tiefen Schatten und feuchten Gestrüpp, das sich trotzig gegen den Jäger wehrt — krank gesehnt nach dem Wintersturm, der feindlich durch die Äste fährt, der mich hart anfaßt und meine Kraft herausfordert. Nein, und ich gestehe, selbst auf die Gefahr hin, daß ich mich damit zum Barbaren, zum deutschen Bären stemple, auch die Kunstschätze konnten mir mein Herzweh nicht überwinden helfen, denn ich verstehe sie nicht, verstehe sie so wenig, wie die meisten der alljährlichen großen Völkerwanderung nach dem Süden, wenn sie auch verzückt tun und sich vor lauter Begeisterung nicht zu lassen wissen.«

Herr von Gerald lachte belustigt auf, Klaudine aber, die eben den Wein in die Gläßer goß, sagte mit einem Blick auf den am Geländer Stehenden: »Von der Musik verstehen Sie desto mehr.«

»Wer sagt Ihnen das?« fragte er stirnrunzelnd. Er trat an den Tisch. »Meines Wissens habe ich mein Licht nie bei Hofe leuchten lassen. Haben Sie mich je in Gegenwart der Hofgesellschaft eine Klaviertaste berühren sehen? Aber sehen Sie«, wandte er sich zu Herrn von Gerold, »weil ein dumpfes Gerücht umgeht, daß ich im stillen Kämmerlein meinen Göttern Bach und Beethoven opfere, so sucht man mich an dieser schwachen Stelle zu binden, nicht um meinetwillen — Gott behüte! Wäre mein Töchterchen nicht, so könnte ich getrost unter den Botokuden oder irgendwo leben, sie würden mich nicht holen, aber das Kind wollen sie in der Residenz haben, und deshalb mödite mich die Gnade Seiner Hoheit zum — Hoftheaterintendanten machen.« Er lachte gezwungen auf. »Eine kostbare Idee! Ich soll die Drähte der Scheinwelt von Brettern und Pappe in die Hand nehmen, soll Kulissen- und Theaterkanzleistaub schlucken, mich mit widerspenstigen Sängerinnen und Ballerinen herumschlagen — Gott soll mich bewahren! Lieber ziehe ich mich ganz nach Neuhaus oder auf mein Gut in Sachsen zurück, jage, säe und ernte, und gehe, wenn es sein muß, selbst hinter dem Pflug her, dann kann ich mir wenigstens sagen, daß ich an Leib und Seele gesund bleibe.«

Er nahm eines der Gläser von der Platte, die Klaudine ihm bot. »Nun, und Sie? Ich sehe nur zwei Gläser«, sagte er zu ihr. »Bei Hofe haben Sie es stets außerordentlich geschickt zu vermeiden gewußt, Ihr Glas an das meine klingen zu lassen — ich begriff das, standen sich doch Montecchi und Capuletti gegenüber, aber heute ist das anders. Ich stehe als Ihr Gast hier, und wenn Sie mir auch nicht erlauben werden, auf Ihr spezielles Wohl zu trinken, so möchte ich Sie doch bitten, mit mir anzustoßen in Erinnerung an eine Frau, welche wir beide lieben, auf das Wohl unserer verehrungs­wür­digen Herzoginmutter!«

Klaudine beeilte sich, ein Glas zu holen, und gleich darauf scholl der Silberton der drei aneinanderklingenden Gläser hell über den Garten hin.

»Die alten Bäume mögen sich wundern«, meinte Herr von Gerold frohgestimmt mit einem Blick nach den höchsten Eichenwipfeln. »Seit dem Gelage, das die Bilderstürmer bei den Weinfässern des brennenden Klosters gefeiert haben, ist wohl kein Gläserklang hier laut geworden. Aber er tönte so hell und rein, so glückverheißend, daß ich nochmals anstoßen möchte, und zwar auf einen, den ich sehr verehre, wenn ich ihm auch persönlich stets fern gestanden. Er ist ein edler Mensch, ein eifriger Beschützer der Künste und Wissenschaften, er liebt die Poesie — unser Herzog, er lebe!« In diesem Augenblick sprühte der goldene Rheinwein wie ein flimmernder Sonnenstrahl in weitem Bogen durch die Luft, und Baron Lothars Glas zerschellte drunten auf den Steinen.

»Ah Verzeihung, ich war sehr ungeschickt! Was für ein täppischer Mensch bin ich doch!« entschuldigte er sich mit einem erzwungenen Lächeln. »Der alte Bursche da« — er zeigte auf den Lindenast, an den sein Arm gestoßen — »ist noch gewaltig stramm, der weicht nicht aus. Nun, Seine Hoheit wird auch ohne meinen Bescheid leben!« Er zog den Handschuh der Rechten straffer und griff nach seiner Reitgerte. »Ich habe die Gastfreundschaft schlecht gelohnt, meine sofortige Selbstverbannung soll die Sühne sein. Ich wäre gern noch in diesem köstlichen Stilleben geblieben, und auch in die Glockenstube hätte ich einen Blick werfen mögen, aber das für ein andermal, wenn es gestattet ist. Und nun komm her, kleine Land­streicherin.« Er hob die kleine Elisabeth, die still auf einem Korbstühlchen am Geländer saß und mit großen Augen dem ungewohnten lauten Treiben auf der Plattform zusah, hoch zu sich empor und küßte sie. »Und da hinaus wird nicht wieder marschiert«, — er zeigte mit strenger Miene hinunter nach dem Garteneingang — »wenn du die Erdbeerdame besuchen willst, dann lasse es mir sagen, ich hole dich mit dem Wagen, so oft du magst. Hast du mich verstanden?«

Sie nickte schweigend und scheuen Blickes und strebte, wieder auf den Boden zu kommen.

»War er böse, der Onkel?« fragte sie ihren Papa, als er vom Garteneingang zurückkehrte, bis zu welchem er dem Fortreitenden das Geleit gegeben hatte.

»Nein, mein Kind, böse nicht, nur ein wenig wunderlich!« antwortete er. »Das arme Glas und der edle Rheinwein!« Er sah bedauerlich lächelnd auf die Scherben hinab. »Und der arme, verlästerte Lindenast, der es wirklich nicht getan hat!« setzte er schalkhaft hinzu. »Aber sage doch, Klaudine — war dieser Lothar nicht der ausgesprochene Liebling des Herzogs?« fragte er seine Schwester, die still und ein wenig vorgebeugt am Geländer stand, als horche sie noch auf die längst verhallten Huftritte.

»Er ist es wohl noch«, erwiderte sie mit weggewandtem Gesicht. »Du hörtest ja, daß man ihn an die Residenz zu fesseln sucht.« Ihr Ton klang unsicher und um die nervös zuckenden Lippen irrte ein erzwungenes Lächeln, als sie an dem Bruder vorüber nach der Küche ging, um das Mittagbrot fertig zu machen. Da, inmitten des Wohnzimmers, stand der bereits angerichtete Tisch mit seinen drei Gedecken. Nun ja, das waren altmodische, verbogene Zinnteller, von welchem man aß. Die Großmama hatte bei der Übersiedlung nach ihrem Witwensitz alles Silbergerät zurückgelassen — der große, herrliche Silberschatz sollte nicht zersplittert werden — und nur ihr ererbtes altes Zinn mitgenommen, »gerade recht und passend für eine einsam lebende Witwe und ihre letzten paar Erdentage«, hatte sie gemeint. — Die Bestecke neben den Zinntellern hatten schwarze, abgenutzte Holzstiele, und zur Schonung des Tischtuches lag eine Wachstuchdecke inmitten des Tisches — alles schlicht bürgerlich und ängstlich sparsam, wenn auch von blinkender Sauberkeit.

Das hatte er im Vorübergehen gesehen, und es war gut so. Da konnte von keiner Komödie die Rede sein, der ganze Zuschnitt des Hauswesens bewies ein zielbewußtes »Sicheinleben« in die gegebenen Verhältnisse. Er mußte nun wissen, daß sie es ernst gemeint mit ihrer Flucht.


 

7.

 

Das herzogliche Haus besaß verschiedene Schlösser innerhalb des Landes, schöne, altertümliche Schlösser mit herrlichen Gärten und großartigen Parkanlagen, aber sie lagen meist in der Nähe von Städten oder auf dem flachen Lande, wo die Parkwege auf weite Ackerflächen mündeten und der Wald so fern begann, daß er nur wie ein dunkler Pinselstrich den Horizont säumte. Die Vorfahren hatten die sonnige Ebene geliebt und wenn die meisten auch leidenschaftliche Jäger gewesen und um der Pirsch willen oft wochenlang in den Forsten verblieben waren, so hatten doch einige da und dort verstreute, anspruchslose kleine Jagdhäuser für Nachtquartier und ein einfach zubereitetes warmes Essen genügt.

Da war nun freilich der Altensteiner Geroldshof mit seiner Waldnähe und kräftigen Bergluft eine kostbare Erwerbung des Herzogs, der man im Lande allgemein zustimmte. Für die drei jungen, zarten Prinzen, die Söhnchen des Regierenden, und die äußerst schwache Gesundheit seiner Gemahlin war ein solch stärkender Aufenthalt im heißen Sommer nur zu wünschen, und deshalb begriff man auch vollkommen den Feuerreifer, mit welchem der Geroldshof zur Aufnahme seiner fürstlichen Bewohner hergerichtet wurde. Die junge Herzogin selbst trieb mit leidenschaftlicher Heftigkeit zur Eile. Kein Bad, kein Klimawechsel hatten ihre sinkende Kraft neu zu beleben vermocht, nun erhoffte sie alles von dem Aufenthalt im Walde. Deshalb wurden auch auf Befehl des Herzogs sämtliche Baulichkeiten nur äußerlich aufgefrischt, kein Mauerstein durfte verrückt, keine Gartenanlage verändert werden, und als man Seiner Hoheit einen Entwurf zu einem stilvollen Brunnenbecken an Stelle des zwar schön gearbeiteten, aber doch zu »dorfmäßigen« Steintroges im Hofe vorgelegt, da hatte er ihn stirnrunzelnd verworfen und befohlen, daß der Brunnen bleibe wie er sei. Geradezu erzürnt aber war er gewesen, als er erfahren hatte, daß man das Goldregen- und Syringengesträuch in den Hofwinkeln mit Stumpf und Stiel ausgerissen habe, um für die verdüsterten Zimmer der Hofdamen Licht zu schaffen, und scheele Gesichter gab es unter den Hofbediensteten auch, als der Herzog den alten Friedrich Kern, der zuletzt Kutscher, Gärtner und Diener in einer Person bei dem letzten Altensteiner Herrn gewesen war, zum Kastellan auf dem Geroldshofe ernannte. Seine Hoheit meinte mit Recht, daß solch ein treuer Diener der beste Hüter seines neuen Besitzes sei.

So war dem Geroldshofe sein Äußeres nahezu verblieben und auch im Innern war so manches wertvolle Einrichtungsstück, welches der Herzog durch dritte Hand hatte ankaufen lassen, wieder an seinen alten Platz gekommen, so die alte prachtvolle Meißener Porzellangarnitur mit ihren Armleuchtern, ihrem vielbewunderten Kronleuchter in einem der schönen Salons, so die Rokokomöbel, welche die Initialen und das Wappen der Altensteiner, in Perlmutter und Silber reich ausgeführt, auf ihren Platten und Flächen tragen.

Tag und Nacht war fieberhaft auf dem Geroldshofe gearbeitet worden, und die Bahnzüge hatten pünktlich gebracht, was Paris und Wien an Möbeln und Ausschmückungsgegenständen lieferten. So war es möglich geworden, daß der Hof zu Ende Juli in das Paulinen­tal übersiedeln konnte.

Im Eulenhaus ging inzwischen auch so manche Veränderung vor sich. Heinemann hatte ausgezeichnete Geschäfte gemacht, und eines Tages hielt ein Wagen vor der Gartentür, und das, was Bienen- und Nonnenfleiß zusammengetragen, stieg aus der Nacht der Erdentiefe an Gottes freies Sonnenlicht und ging hinaus in die Welt, um der Menschheit dienstbar zu werden. Und als danach Heinemann eine hübsche Anzahl großer Banknoten auf den Tisch vor seiner jungen Herrin niederlegte, da meinte er mit seinem treuherzigen Augenblinzeln, nun dürfe man auch die Butter auf die Bemmchen zum Tee ein bißchen dicker streichen und ein größeres Stück Fleisch in den Kochtopf tun, von den neuen Vorhängen gar nicht zu reden, die doch nun angeschafft werden müßten, weil ja jetzt so viele Augen von der Straße her nach der guten Eckstube guckten.

Die drei kleinen Prinzen waren mit Gefolge und Dienerschaft zuerst nach dem Geroldshofe übergesiedelt, und der Weg an dem Eulenhaus hin mußte ihnen wohl ganz besonders gefallen; denn täglich kamen sie vorüber. Das war nun freilich eine unbezahlbare Augenweide für das strickende alte Mamsellchen am Eckfenster, dies junge fürstliche Blut, auf schmucken Ponnys dahertrabend; und fast ebenso schön war es, wenn die prachtvolle Kutsche aus Neuhaus in Sicht kam; die konnte man sich doch in aller Ruhe und Bequemlichkeit ansehen, denn sie fuhr langsam, ganz langsam. Im Rücksitz saß die schöne Frau von Berg und hatte das arme, kleine Gespenstchen, das hinterlassene Töchterchen der Prinzessin Katharina, auf dem Schöße, und Baron Lothar fuhr sein krankes Kind selber.

Heinemann dagegen war stets eifrig mit seinen Rosenbäumen beschäftigt, wenn der Wagen sichtbar wurde; dann hörte und sah er nicht und wendete der Straße beharrlich den Rücken, denn das korpulente Frauenzimmer, das sich da auf die Seidenkissen »hinprätzelte«, als sei sie die Prinzessin selber, war ihm ein Greuel. Hatte er doch mit eigenen Augen gesehen, daß sie, als seine Herrin im weißen »Sonntagskleide«, schön wie ein Engel, am Geländer droben gestanden, den Kopf so schnell weggedreht hatte, als sei ihr eine giftige Kröte in das dicke Milchgesicht gesprungen. Und hatte sie nicht gleich beim Vorüberkommen das liebe, alte Haus da im Garten mit dem Augenglas höhnisch beguckt und ihn, den alten Heinemann, von oben bis unten hochmütig gemessen, als solle und müsse er gleich auf der Stelle seinen alleruntertänigsten Kratzfuß vor ihr machen? Ja, da konnte sie warten!

Etwas ganz anderes war’s freilich, wenn der Neuhäuser auf seinem schönen Fuchs dahergeritten kam. Da wurde die schönste Rose am Stock erbarmungslos abgeschnitten und dem Reiter, der sie stets in sein Knopfloch steckte, über den Zaun hingereicht. Und Heinemann bekannte ehrlich, er begreife seinen eigenen, alten Dickkopf nicht mehr; aber mit dem besten Willen könne er gar nicht mehr so erbost auf den Neuhäuser sein; er gucke ihm eigentlich für sein Leben gern in die feurigen, herrischen Soldatenaugen, wenn er so vom Pferd herunter über den Zaun weg mit ihm spreche.

Beate war auch schon einigemal im Eulenhaus gewesen. Sie kam stets zu Fuß und blieb auf ein Kaffeestündchen; und so verschlossen sie auch sonst war in bezug auf das, was ihre Seele bewegte, das gestand sie doch wiederholt ein, daß sie sich die ganze Woche auf diese Besuche freue. Dann saßen die beiden Pensionsschwestern bei einer Tasse Kaffee auf der »Zinne« und die kleine Elisabeth spielte und sprang um sie her. Und wenn auch Herr von Gerold sich nie entschließen konnte, hinabzugehen und den Besuch zu begrüßen — er schüttelte sich stets, wenn er an die Begegnung im Treppenhause des Geroldshofes dachte — so sah er doch von dem Fenster seiner Glockenstube aus, wie behaglich sich sein Kind auf Tante Beates Schoß schmiegte, wie es zärtlich die großen, braunen Hände streichelte und sich von ihnen ein Butterbrot streichen ließ. — Baron Lothar fuhr dann pünktlich gegen Abend vor, um die Schwester abzuholen. Heinemann mußte bei den Pferden bleiben, während der Neuhäuser die Damen auf der »Zinne« begrüßte und auch wohl in die Glockenstube hinaufstieg, um dem Einsiedler einen guten Abend zu bieten.

Nun waren die höchsten Herrschaften im Geroldshofe eingezogen, und die farbenleuchtende Flagge wehte hoch über dem First des Hauses. Die Dorfleute hatten am Wege gestanden und sich schier zu Tode gewundert über die Pracht und Herrlichkeit der vorbeisausenden herzoglichen Equipagen und »das Menschenvolk«, das in minder schönen Wagen nachkam. Da blieb doch gewiß kein Kämmerchen leer im Geroldshofe! Aber das Altensteiner Gutshaus war ein gewaltiger Bau; hatten doch alle Generationen an dem alten Stammsitz je nach Bedürfnis weitergebaut und verschönert. Seinem Umfang und den architektonischen Schönheiten nach konnte man ihm ohne Bedenken die Bezeichnung »Schloß« geben.

Die Nachmittagsonne lief schräg über seine imposante, von zwei achteckigen Türmen abgeschlossene Stirnseite und durch die hohen, weit offenen Fenster schlug die Luft, Nadelholzdüfte und kräftige Waldfeuchte im Atem, in das Haus herein — eine köstliche Luft! »Mein Gesundbrunnen! « sagte die junge Herzogin Elise inbrünstig mit ihrer leisen, belegten Stimme.

»Hier werde ich wieder dein flinkes Reh, deine muntere Liesel, gelt, Adalbert?« sagte die junge, fürstliche Frau und suchte mit zärtlichem Aufblick die Augen des schönen Mannes. Gewaltsam reckte und streckte sie die überschlanke Gestalt und mühte sich, strammen Schrittes neben ihm her zu gehen. Ja, so schattenhaft schmächtig und fahl sie auch da im weißen Hauskleide an dem deckenhohen Wandspiegel hinglitt, sie wurde hier schnell gesund, das Kraftgefühl kehrte zurück, das spitze, kleine Gesicht rundete sich und die Gestalt nahm jene zartschwellende Fülle und elastische Grazie wieder an, die man einst nymphenhaft genannt hatte! Nur zwei Monate hier in diesem kraftstrotzenden Waldodem, und alles war wieder gut!

Sie bewohnte die Zimmer des östlichen Flügels, an welche der nach dem Hofe gelegene Speisesaal stieß, und nur ein gemeinschaftliches Empfangszimmer trennte diese Gemächer von den westlich liegenden ihres Gemahls. Das letzte Zimmer der langen Flucht war sein Wohnzimmer, dessen eine Ecke in den Turmerker auslief.

Inmitten des Zimmers stand eine Treppenleiter. Der alte Friedrich, oder vielmehr der Kastellan Kern, wie er jetzt genannt wurde, hatte eine eben angekommene Ampel an die Decke gehangen und kletterte nun beim Eintreten der Herrschaften eiligst die Stufen herab.

Die Herzogin blieb unwillkürlich unter der Tür stehen.

»Ach, hier hat die arme schöne Spanierin gewohnt«, rief sie mit leise zitternder Stimme. »Und da ist sie wohl auch gestorben?« Sie heftete ihre großen, fieberisch glänzenden Augen ängstlich fragend auf das Gesicht des alten Mannes, der sich tief verbeugte.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Hoheit, hier nicht. Der gnädige Herr hatte ihr freilich das Zimmer malen lassen und es hat ein schweres Stück Geld gekostet, aber keine zwei Stunden hat sie es hier ausgehalten. Der Ökonomiehof ist zu nahe. Sie konnte keine Kuh brummen hören, und wenn ein Leiterwagen über das Pflaster rasselte und die Drescher in den Scheunen hantierten, da hielt sie sich die Ohren zu und lief durch alle Zimmer und Gänge, bis sie ein stilles Eckchen fand, wo sie sich hineindrücken konte wie ein junges, verscheuchtes Kätzchen. Ja, zur Gutsfrau paßte sie freilich nicht! Sie hat zuletzt im Gartenhause gewohnt, und wenn schön Wetter war, da wurde sie in seidenen Decken hinausgetragen und auf den Moosboden gelegt, da, wo die Waldbäume an den Garten stoßen. Ja, da war sie noch am liebsten in dem blassen Lande, wie sie unser gutes Thüringen nannte, und da ist sie auch an einem schönen Herbsttage eingeschlafen, ausgelöscht! Das Heimweh soll schuld gewesen sein.«

Die Herzogin trat tiefer in das Zimmer, und ihre Augen glitten über die Wandgemälde.

»Das Heimweh!« wiederholte sie mit leisem Kopfschütteln. »Sie hätte nicht mit dem deutschen Manne gehen sollen, denn sie hat ihn nicht geliebt. Ich würde in der fernsten Eiswüste nicht an Heimweh sterben, wenn ich bei dir wäre!« flüsterte sie innig und sah dem hohen Manne an ihrer Seite abermals unter das gesenkte Gesicht, während sie mit ihm in den Turmerker trat.

Er lächelte freundlich auf sie nieder. Sie sank auf einen der kleinen, lehnenlosen, mit violettem Samt bezogenen Sessel und sah entzückt über das sich draußen hinbreitende Landschaftsbild.

»Ein köstlicher Blick!« sagte sie und faltete die kleinen, wachsbleichen Hände im Schöße. »Die Gerolds haben sich besser auf die Wahl ihres Stammsitzes verstanden, als unser Haus, Adalbert«, sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen. »In all unseren Schlössern und Landhäusern haben wir nicht einen einzigen Ausblick wie diesen hier. Wer hat diesen Flügel bewohnt?« fragte sie den Kastellan, der eben geräuschlos die Treppenleiter zusammenschob, um sie hinauszutragen.

»Solange ich hier im Geroldshofe gewesen bin, immer nur die Damen, Hoheit«, berichtete, indem er die Leiter wieder behutsam hinstellte, der alte Mann. »Zuerst die selige Frau Landkammerrätin, bis sie ins Eulenhaus gezogen ist, und nachher die Frau Oberstin. Und zwei Zimmer weiter«, er zeigte nach der Tür, die in den Seitenflügel führte, »da hat auch unser gnädiges Fräulein ihr Stübchen gehabt.«

»Ach, die schöne Klaudine?« rief die Herzogin in halb fragendem Ton.

»Zu dienen, Hoheit, Fräulein Klaudine von Gerold. In der Stube ist sie auch geboren. Ich weiß noch, wie es uns im weißen Wickelkissen gezeigt wurde, das Engelchen.«

»Mamas Liebling, hörst du, Adalbert?« sagte die Herzogin lächelnd nach ihrem Gemahl hin, der an eines der Fenster getreten war und wie in Gedanken verloren in die Ferne blickte.

»Der Schwan, wie ihr poetischer Bruder sie in seinen Gedichten nennt, das merkwürdige Mädchen, das vom Hofe weg in die Armut gegangen ist, um ihrem Bruder eine Stütze zu sein. — Eulenhaus heißt ja wohl der Waldwinkel, in welchem Fräulein von Gerold jetzt lebt?« fragte sie den Kastellan.

Der verbeugte sich: »Eigentlich Walpurgiszella, Hoheit. Aber ›mein Eulenhaus‹ hat die Frau Landkammerrätin gesagt, als sie zum erstenmal beim Mondenschein durch die Ruinen gegangen ist, und es hat von allen Seiten geschnurrt und geschnauft und geschrieen, als ob alle Winkel voll kleiner Kinder stäken. Und beim Eulenhaus ist’s dann auch geblieben, wenn sich auch das Raubzeug nicht mehr so breitmachen darf. Im Turm, der von unten bis oben vollgesteckt hat, ist’s ganz gemütlich. Ach ja, der Turm« — er strich sich unwillkürlich über sein glatt rasiertes Kinn — »von dem alten Gemäuer spricht seit ein paar Tagen die ganze Umgegend. Es ist ein Gemurmel und Geraune von einem großen Fund, den sie im Keller drunten gemacht haben sollen —«

»Ein Geldfund?« fragte der Herzog gespannt, indem er mit fester Hand den violetten Plüschvorhang zurückschob, um dem Kastellan in das Gesicht zu sehen.

Der alte Mann zuckte die Achseln. »Ob bare Münze? Ich glaub’s kaum. Sie sprechen nur von einem unmenschlich großem Schatze, von Gold und Silber und Edelstein in Hülle und Fülle. Aber ich kenne meine Pappenheimer, ich kenne auch meinen guten Freund, den alten Heinemann, den Erzschalk, der packt denen, die ihn fragen, so viel auf, daß sie es nicht erschleppen können, und so ist vielleicht der ganze große Fund ein einziger Abendmahlskelch gewesen.«

Die großen, glänzenden Augen der Herzogin blickten staunend zu dem Alten hinüber.

»Einen Schatz?« fragte sie. Dann brach sie ab, und ihr Lächeln wich einem stolzen, kühlen Ausdruck. Unter dem Samtvorhang der gegenüberliegenden Tür war ein Herr erschienen, der näher tretend sich ehrfurchtsvoll verbeugte. Die junge Frau neigte kaum merklich das Haupt und wandte sich zum Fenster, um ihren feinen Mund zuckte es nervös. Des Herzogs Stimme aber klang wohlwollend durch den Raum.

»Nun, Palmer? Was haben Sie wieder unvorteilhaftes zu melden? Ist etwa der Schwamm in dem alten Gebälk, oder spuckt es in Ihren Zimmern?«

»Hoheit belieben zu scherzen«, erwiderte der Angeredete, »die Warnungen, die ich dem Kaufabschluß über Altenstein vorangehen ließ, gebot mir meine Pflicht als treuer Diener, und ich weiß, Hoheit haben mich nicht mißverstanden. Eben habe ich jedoch nur angenehmes melden wollen: Baron Lothar Gerold bittet um die Ehre, seinen hohen Gutsnachbar begrüßen zu dürfen.«

Die Herzogin wandte sich lebhaft um. »O, herzlich willkommen!« rief sie, und als nach ein paar Augenblicken Lothar in das Zimmer trat, streckte sie ihm die schmale Hand entgegen: »Mein lieber Baron, welch große Freude!«

Der Baron hatte diese Hand ergriffen und sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen gedrückt. Dann, sich vor dem Herzog verbeugend, sprach er: »Hoheit gestatten, mich von meinen Reisen zurückzumelden. Ich denke mich jetzt wieder hier einzugewöhnen.«

»Es war die höchste Zeit, Vetter, Sie haben uns lange warten lassen«, erwiderte der Herzog und reichte dem stattlichen Manne die Rechte.

»Aber daß Sie allein kommen mußten, lieber Gerold!« rief die Herzogin, und abermals streckte sie ihm die Hand herüber und in ihren schönen heißen Augen funkelten plötzlich Tränen. »Arme Katharina!«

»Ich habe mein Kind mit heimbringen dürfen, Königliche Hoheit«, entgegnete er ernst.

»Ich weiß, Gerold, ich weiß! Aber ein Kind — es ist ein Kind und ersetzt nur zum Teil die Lebensgefährtin!«

Sie hatte es fast leidenschaftlich gesprochen, und ihre Augen suchten den Herzog, der an einem kostbar eingelegten Schränkchen lehnte und, als habe er nichts gehört, durch die Fenster hinausschaute auf die Lindenzweige, die sich im Nachmittagssonnenschein wiegten.

Eine Pause entstand. Langsam senkte das junge Weib die Wimpern, und über ihre Wangen rollten ein paar Tränen, die sie hastig abtrocknete. »Es muß so schwer sein, im vollsten Glück zu sterben«, sagte sie noch einmal.

Wiederum eine Pause. Die drei waren allein im Zimmer, der alte Kastellan hatte sich längst mit seiner Leiter hinausgeschlichen, und Palmer, des Herzogs Privatsekretär, ein großer, vielbeneideter Günstling des regierenden Herrn, stand im Nebenzimmer hinter einem Türvorhang, unbeweglich wie eine Statue.

»Übrigens, Baron Gerold«, nahm die Herzogin jetzt lebhaft wieder das Wort, »haben Sie auch die Wundermär gehört von den Kostbarkeiten, die im Eulenhaus gefunden sein sollen?«

»In der Tat, Hoheit, das alte Gemäuer hat seinen Schatz herausgegeben«, erwiderte sichtlich aufatmend Baron Lothar.

»Wahrhaftig?« fragte der Herzog ungläubig lächelnd. »Was ist es? Altargefäße — gemünztes Gold?«

»Nichts von klingendem Wert, Hoheit. Es ist Wachs, einfaches gelbes Wachs, welches die Nonnen dort vermauerten, als der Feind im Anzug war.«

»Wachs?« rief die Herzogin enttäuscht.

»Hoheit, es ist so gut wie bare Münze, echtes, unverfälschtes Wachs. Heutzutage —«

»Sahen Sie es?« unterbrach ihn der Herzog.

»Sicherlich, Hoheit! Ich beschaute mir den Fund an Ort und Stelle.«

»So ist das Tischtuch, das so lange zwischen den Altensteinern und Neuhäusern zerschnitten war, wieder zusammengeflickt?« klang es gelassen aus dem Munde des hohen Herrn.

»Hoheit, meine Schwester Beate und Klaudine von Gerold sind Freundinnen seit ihrer Kindheit«, erwiderte der Neuhäuser ebenso gelassen.

»Ah so!« Der Herzog hatte es noch einen Ton gleichgültiger gesprochen und schaute wieder zum Fenster hinaus.

»Aber wissen Sie, lieber Gerold, ich möchte diesen Wachsfund sehen!« rief die Herzogin.

»Dann müssen Hoheit sich beeilen, denn die Händler sind dahinter her, wie die Wespen hinter reifen Früchten.«

»Hörst du, Adalbert, wollen wir nicht hinüberfahren?«

»Morgen, übermorgen, Elise, wann du willst — nachdem wir uns vergewissert haben, daß wir dort nicht stören.«

»Stören? Klaudine stören? Ich denke, sie wird sich freuen, in ihrer Einsamkeit Menschen zu sehen. Bitte, Adalbert, gib Befehl, laß gleich fahren.«

Der Herzog wandte sich um. »Gleich?« fragte er, und eine leichte Blässe trat in sein schönes Antlitz.

»Gleich, Adalbert, bitte!«

Sie hatte sich lebhaft erhoben und war zu ihrem Gemahl getreten, ihre Hand legte sich bittend auf die seine; ihre Augen, diese unnatürlich glänzenden Augen, schauten ihn an, flehend wie die eines Kindes.

Er blickte hinaus, als prüfe er das Wetter. »Aber die Fahrt zurück durch die Abendkühle?« murmelte er.

»O, in der köstlichen Waldluft?« bat sie, »ich bin ja gesund, Adalbert, wirklich ganz gesund.«

Er verbeugte sich, wie zustimmend, und zu Palmer gewendet, der eben eintrat, gab er den Befehl für die Fahrt. Dann, nachdem er noch Lothar aufgefordert hatte, mitzukommen, bot er der Herzogin den Arm, die sich, um sich für die Ausfahrt umzukleiden, in ihre Zimmer begab.

Der Neuhäuser schaute dem Paare nach mit düsteren Blicken. Was war während seiner Abwesenheit aus der Herzogin geworden, aus dieser, wenn auch zarten, doch so elastischen eleganten Frau mit dem innigen schwärmerischen Wesen, begeistert für alles Schöne? Der Frau, welche ihre Pflichten als Landesmutter mit wahrhaft fanatischem Eifer ergriffen hatte? Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst, und das Feuer, das aus ihren Augen flackerte, war Fieberglut, statt der früher so reizenden Lebhaftigkeit eine nervöse Unruhe, die das Kranke in ihr so recht zum Ausdruck brachte. Und er? Eben schlug der Vorhang hinter seiner hohen, auffallend schönen Gestalt zusammen, diesem Urbild von Kraft. Baron Lothar wußte selbst nicht, wie es kam, er mußte einer Jagd gedenken. Der Herzog hatte einen prächtigen Zwölfender gesehen, der ihm immer wieder entging. Tage-, nächtelang war er auf der Fährte des Wildes, nur von einem Jäger begleitet, und mit einer Ausdauer sondergleichen ertrug er die Strapazen der Pirsch. Seine Begleitung erblickte ihn erst am vierten Morgen wieder in schmutziger, durchnäßten Kleidung und mit kotbespritzten Stiefeln, aber den Zwölfender hatte er in der Morgenfrühe geschossen. Ja, hartnäckig, zum äußersten hartnäckig, und darum —

Der Barons Blicke hafteten noch immer auf dem violetten Vorhang, er sah erst auf, als Herr von Palmer erschien und sich ihm mit eleganter Leichtigkeit näherte.

»Gestatten Sie auch mir, Herr Baron,« begann der kleine zierliche Mann, an dessen Schläfen sich bereits graue Haare krausten, »gestatten Sie auch mir, Sie zu begrüßen auf heimischen Boden. Sie sind in den Salons unseres Hofes zu schmerzlich vermißt worden, als daß wir nicht in der freudigsten Aufregung sein sollten, Sie endlich wieder zu haben.«

Baron Lothar sah von seiner stattlichen Höhe, ohne eine Miene zu verziehen, auf das gelbliche Antlitz des Sprechenden herab. »Ein eigentümliches Gesicht, eine Gaunerphysiognomie«, sagte er zu sich selbst, indem er die südlich gelbliche Farbe, die dunklen, dreisten Augen, von starken Brauen überschattet, und die Stirn betrachtete, die sich bereits bis über den halben Kopf erweitert hatte. »Sehr verbunden«, sagte er kühl, und seine Blicke gingen von dem Kleinen zu einem der farbenglühenden Wandgemälde.

»Wie finden Sie das Aussehen Ihrer Hoheit, Herr Baron?« fragte Palmer, indem seine Miene einen traurigen Ausdruck annahm. Und als der hochgewachsene Mann dort, in so angelegentliche Betrachtung versunken, die Frage überhört zu haben schien, setzte er hinzu: »Wir werden einen stillen Winter haben, denn sie ist eine Sterbende. Und dann —«

Lothar wandte sich jäh und sah den Sprecher an. »Und dann?« fragte er, und sein Gesicht überflog ein so drohender Ausdruck, daß Palmer die Antwort schuldig blieb. »Und dann?«

In diesem Augenblick ward gemeldet, daß die Wagen bereit seien, und Baron Lothar schritt an Palmer vorüber.

Er saß dem herzoglichen Paar gegenüber mit blassem Gesicht. Der Wagen brauste auf der Landstraße dahin, hinein in den köstlichen duftigen Tannenwald. Von dem dunkelroten, mattglänzenden Seidenstoff hob sich das Antlitz der fürstlichen Frau so gelblich krank ab, und dennoch trug es den Ausdruck der Daseinsfreude, der Sehnsucht, zu leben, zu genießen, die bleichen Lippen hatten sich geöffnet über den kleinen weißen Zähnen, unter dem einfachen, nur mit einem roten Bande geschmückten Matrosenhütchen hervor suchten die glänzenden Augen in das geheimnisvolle Tannendunkel einzudringen und ihre Brust hob und senkte sich, als müsse jeder Atemzug ihr heilsam sein.

»Jawohl, eine Sterbende!« dachte Lothar. »Und dann — dann?«

Der Herzog, der neben seiner Gemahlin in den Kissen lehnte, schien für nichts weiter Sinn zu haben, als für das Wildgatter, das sich längs des Waldes hinzog.

Und dann? Baron Gerold kannte es nur zu gut, dieses Geheimnis, das alle Welt bereits wußte, es hatte Flügel gehabt und war ihm bis zur stillen Villa am Mittelmeer gefolgt. Er hatte sich nicht gewundert, als er von der Leidenschaft des Herzogs erfuhr und er hatte die Faust geballt, als er zum erstenmal den Namen des regierenden Herrn mit dem ihren zusammen gehört.

Ihre Hoheit begann zu plaudern, sie sprach unaufhörlich von Klaudine und er mußte antworten, obwohl er ihr die Hand auf den Mund hätte pressen mögen.

Hinter ihnen rollte der Wagen, der die älteste Hofdame der Herzogin trug, die Freiin von Katzenstein. Neben dieser freundlichen alten Dame saß Palmer und lächelte süßsäuerlich; daß der Herzog heute bereits den Weg zu dem Eulenhause fand, dünkte ihn allzu eilig.

Plötzlich hielt das Gefährt. Er beugte sich seitwärts über den Schlag und das säuerliche Lächeln verschärfte sich noch Dort, in einiger Entfernung von ihnen, stand die fürstliche Kutsche, zur Seite der Straße eine andere. Es war der Neuhäuser Wagen, und jetzt stieg Baron Gerold aus und reichte der Herzogin ein weißes, mit blauen Bändern verziertes Etwas hinüber — sein Kind.

»Ah, Frau von Berg mit der Kleinen, der Prinzeß Katharina«, sagte die Freiin und nahm die Lorgnette. »Es soll ein jammervolles Würmchen sein. Die arme Berg tut mir leid!«

Herr von Palmer lehnte sich wieder zurück, er antwortete nicht.

Endlich zogen die Pferde wieder an und die Neuhäuser Kutsche rollte an ihnen vorüber. Verbindlich grüßte der kleine brünette Mann die schöne Frau unter dem buntfarbigen Sonnenschirm. Sie hielt das Kind auf dem Schoß und ihre blaugrauen Augen flimmerten zu ihm herüber.

»Sie ist noch immer schön«, murmelte die Freiin, etwas zurückhaltend ihren Gruß erwidernd, »und, mein Gott, sie kann die Jüngste auch nicht mehr sein! Warten Sie doch, Palmer, ich meine, vor dreizehn Jahren wäre sie uns zum erstenmal in Baden-Baden begegnet, als ich mit der Herzoginmutter und dem Herzog dort — es war bei der Gräfin Schomberg. Und dann kam sie mit ihrem alternden Mann nach der Residenz. Die Luftveränderung sollte ihr gut tun, erzählte sie.« Über das gutmütige Gesicht der alten Dame flog ein leiser Schalk. »Ich will ihr nichts nachsagen, es war ja eine so kurze Glanzzeit, Palmer, ein Jahr danach verheiratete sich der Herzog bereits und von dem Tage an war er ein Juwel von einem Ehemann.«

»O meine Gnädigste, Seine Hoheit bewegten sich stets auf dem Pfade der Tugend, wie auch heute, wie in diesem Augenblick noch. Wer würde daran zweifeln!«

Die alte Dame fixierte das lächelnde Gesicht ihres Nachbars und die Röte des Ärgers lief ihr über die Wangen. »Lassen Sie mich aus mit Ihren Bosheiten, Palmer!« rief sie, »was Sie meinen, weiß ich, aber nun und nimmermehr ist ein Fünkchen Wahrheit daran. Klaudine Gerold —«

»Ah! Wer sagt etwas gegen Klaudine von Gerold, die reinste unserer reinen Frauen?« entgegnete er und hob den Hut über den kahlen Scheitel.

Frau von Katzenstein wurde noch röter, biß sich auf die Lippen und schwieg. Dieser Palmer war ein Aal, nie zu greifen.

»Da sind wir«, sagte er und wies mit der fein behandschuhten Rechten nach dem Giebelfelde der Klosterruinen, deren Sandsteinverzierungen wie Spitzen auf dunklem Samt erschienen. Über dem Turm des Wohngebäudes, der aus mächtigen Wipfeln emporstieg, flatterten Heinemanns Tauben zum Himmel empor wie Silberfunken, und unter den niederhängenden Buchenzweigen leuchteten die Blumen des Hausgärtchens auf.

»Führwahr, meine Gnädige«, sprach Herr von Palmer, »es ist ein Idyll, dieses Eulenhaus, ein Winkelchen, wie geschaffen, um ungestört von künftigem Glück zu träumen.«

 

 

 


 

8.

 

Auf der Plattform des Zwischenbaues erscholl ein Lachen; es war just nicht melodisch, eher ein wenig zu laut, aber so herzhaft, so hell, daß selbst der eifrig schreibende Mann in der Glockenstube aufhorchte und ein leises Lächeln über sein anfänglich unwilliges Gesicht glitt.

Wie das klang! So keck, so ehrlich, so kerngesund! Merkwürdig, dieses Lachen — und es war Beate, das »barbarische« Frauenzimmer, das so lachte. Er schüttelte den Kopf und griff zur Feder, aber das Lachen klang immer wieder hinein in seine Gedanken. Dort unten aber, in dem Schatten der Steineiche, trocknete Beate sich eben die Tränen, welche die Heiterkeit ihr in die hellen Augen getrieben hatte.

Sie saß neben Klaudine auf der Bank, die der alte Heineihann zierlich aus Birkenstämmen zusammengefügt hatte, und erteilte Unterricht im Gebrauch der Nähmaschine. Das kleine blitzende Räderwerk stand vor ihnen auf dem grüngestrichenen Gartentische und die schönen, schlanken Hände der einstigen Hofdame bemühten sich, mit dem komplizierten Mechanismus zustandezukommen.

»Es sieht so drollig aus bei dir, Klaudine«, lachte Beate. »Aber, Herzenskind, du hast ja längst keinen Faden mehr in der Nadel und nähst mit wahrer Begeisterung! Siehst du, da ist er.«

Das schöne Mädchen im leichten, einfachen Kleide hatte dunkelrote Wangen vor Eifer.

»Nur Geduld, Beate, ich lerne es bald«, sprach sie und beschaute die Naht. »Ich werde dir nächstens noch bei deiner Näherei helfen können.«

»Na, das fehlte!« wehrte Beate ab. »Das Haus voller Frauensleute, die sich im Wege stehen, und du mir helfen, bei deiner vielen Arbeit? Die wenigen Stunden, die du erübrigst, solltest du deinem Klavier schenken und deiner Staffelei. Aber auf jemand anderen habe ich ein Attentat vor, und zwar auf die Berg. Glaubst du wohl, daß diese Person auch nur ein Strümpfchen strickt für das Kind? Und als ich ihr neulich von unserer feinsten selbstgesponnenen Wolle ins Zimmer trug und sagte: ›Hier, meine Beste, für das Kindchen kann schon immerhin zum Winter vorgesorgt werden, es ist kalt hier in den Bergen‹, bekommt sie eine kreideweiße Nase und sagt: ›Ihre Durchlaucht, die Prinzessin Thekla, würde es sich nicht nehmen lassen, die Garderobe ihres Enkelkindes bis aufs I-Pünktchen zu besorgen, und wollene Strümpfe seien überhaupt ungesund.‹ — ›So?‹ fragte ich, ›sehe ich ungesund aus? Oder der Vater des Kindes? Und wir, meine Beste, haben in der Kindheit nichts weiter auf dem Leibe gehabt als selbstgesponnene Wolle von unserer Schäferei und selbstgewebtes Leinen, und damit sind wir groß geworden.‹ Sie wagte nicht zu antworten, aber das Gesicht! Sie suchte ihren Ärger zu verbergen und bemerkte dann sehr kühl, sie habe strenge Vorschriften von der Prinzeß. Heiliger Gott! Na, warum ist Lothar so dumm gewesen! Er ist doch der Vater! Aber als ich ihm nachher die ganze Sache erzählte, zuckte er die Schultern und schwieg. Ich sollte das Würmchen nur vier Wochen haben, du würdest Wunder erleben, Klaudine, es würde ebenso frisch wie die Dicke da.« Und sie zeigte auf das Kind, das an seinem kleinen Tisch eifrig mit Täßchen und Tellerchen spielte, welche Tante Klaudine heute früh aus ihrem eigenen Puppenschrank hervorgesucht hatte. »Übrigens«, fuhr Beate fort, »auch dir bekommt die frische naturgemäße Lebensweise. Du solltest dich nur einmal sehen jetzt, deine Augen so glänzend, und dazu der leise rosige Schimmer auf den Wangen, den du am Hofe ganz verloren hattest. Ein Glück, Schatz, daß hier keiner ist, dem du den Kopf verdrehen kannst, du —’«

Klaudine hatte sich lächelnd über die Maschine gebeugt und drehte das Rädchen. Sie bemerkte das Verstummen Beates nicht, nicht den verwunderten, fast erschreckten Blick, den diese auf die Landstraße hinaus richtete. Barmherziger Gott, das waren ja die roten, goldbordierten Livreen des Hofes, die dort unter den Bäumen auftauchten!

»Du, Klaudine, ich bitte dich!« rief sie, »die Herrschaften! Wahrhaftig, sie fahren hier heran!«

Klaudine stützte sich plötzlich wie ohnmächtig auf die Lehne der Bank. Mit erschreckten Augen sah sie hinüber auf die Wagen, die eben hielten. Durch den Mittelweg stürzte Heinemann in Hemdsärmeln, bemüht, die Arbeitsschürze abzustreifen, vermutlich, um in die alte Livree zu fahren. Fräulein Lindenmeyers Fenster klirrten so hastig zu, wie noch nie, und Beate wendete sich zur Flucht. Da fiel ihr Blick auf Klaudine.

»Was hast du?« flüsterte sie und faßte das Mädchen an der Hand. »Komm, wir müssen ihnen entgegengehen.«

Aber schon hatte sich das schöne Mädchen aufgerichtet, sie eilte hinunter und schritt so sicher der Gartenpforte zu, als gehe sie bei einem glänzenden Hofball über das spiegelnde Parkett, als trüge sie statt des einfachen Kleides aus roher Seide und dem schwarzen Taftschürzchen die stolze Schleppe aus mattblauem Samt, in der sie noch vor kurzem alle Anwesenden bezaubert hatte. Beate folgte ihr mit bewundernden Augen. Wie unendlich graziös sank eben die herrliche Gestalt in tiefer Verbeugung zusammen, wie demütig neigte sie die schöne Stirn unter dem Kuß der Herzogin!

Beate bog sich vor, um die Herren zu sehen. Mein Gott, da stand ja Lothar neben dem Herzog, und eben schickten sie sich an, dem Hause zuzugehen, die fürstliche Frau am Arme Klaudines. Rasch schlüpfte sie durch die Glastür in die Wohnstube und von dort in Fräulein Lindenmeyers Zimmer. Die alte Dame stand vor dem Spiegel und stülpte die rotbebänderte Haube auf, die einen ebenso verzweifelten Eindruck machte wie ihre Besitzerin, deren Hände keine Nadel in die Haube zu stecken vermochten vor Zittern. Das alte Fräulein bot einen drolligen Anblick, sie hatte zwar schon die schwarze Kleidertaille angelegt, aber der Rock hing noch vergessen im Spinde mit den weit aufgesperrten Türen.

»Lindenmeyerchen, regen Sie sich doch nicht auf!« rief Beate belustigt, »sagen Sie mir lieber, wo die Kristallteller aufbewahrt werden, die noch von der Großmama stammen, und wo Klaudine die silbernen Löffel hat? Und dann setzen Sie sich in Ihren Lehnstuhl ans Fenster. Dafür genügt Ihre Toilette just, und betrachten Sie später in aller Ruhe die Herrschaften, wenn sie im Garten spazieren.«

Aber die alte Dame hatte so völlig den Kopf verloren, daß sie beteuerte, sie wisse sich in diesem Augenblick auf nichts, rein gar nichts zu besinnen, und wenn sie sich das Leben damit retten könnte. Lachend machte Beate die Tür zu und stieg die Treppe hinauf zu dem Träumer. Der hatte natürlich noch keinen Schimmer von der Ehre, die seinem Hause widerfuhr, und sah und hörte nichts als seine eigenen Gedanken. Sie schüttelte den Kopf und stand doch zaghaft vor der altersbraunen Tür, die in die Glockenstube führte. Ein helles Rot lag über ihrem Gesicht, als sie auf sein »Herein!« den Drücker bog, und plötzlich sah ihr Antlitz, dieses strenge Antlitz mit den starken Linien, mädchenhaft lieblich aus.

»Joachim, Sie haben Besuch«, sprach sie, »nehmen Sie Ihr köstliches Gewand und kommen Sie. Das herzogliche Paar ist unten.«

Als er den Kopf hob und sie ärgerlich und verwundert ansah, lachte sie, und das war wieder das nämliche Lachen wie vorhin.

»Aber eilen Sie doch! Die Hoheiten werden den Hausherrn vermissen. Ich komme nach mit einer Erfrischung.«

Unwillkürlich fuhr er sich in das üppige braune Haar. Das fehlte noch im Eulenhause, Allerhöchster Besuch! Was wollen sie bei dem Verarmten? Ah, Klaudine, sie wollen Klaudine wieder holen!

Mit finsterer Miene eilte er hinaus. Sie stand noch ein Weilchen in dem Gemach und sah sich um, scheu wie ein Kind, das zum erstenmal die Kirche betritt. Dann schlich das große robuste Mädchen auf den Zehen an den Schreibtisch und spähte herzklopfend mit purpurroten Wangen nach dem offenen Hefte, auf dem die Feder lag. Die Buchstaben dieser feinen leichten Schrift waren noch nicht getrocknet. Dort stand der Titel: »Einige Gedanken über das Lachen«. Sie schüttelte wie verwundert den Kopf und sah von dem Manuskript zu dem geöffneten Bücherschrank und da zuckte wieder ein Lächeln um ihren Mund, aber diesmal nicht schalkhaft, es war das Lächeln innerer herzlicher Befriedigung, und so ging sie hinunter in die Speisekammer, stellte frische, duftende Waldbeeren und Streuzucker auf einen Präsentierteller und kam, von Heinemann gefolgt, der in der längst nicht mehr getragenen Geroldschen Livree etwas wunderlich aussah, zu dem Tisch auf der Plattform, als just die Herzogin sich erhoben hatte, um den Wachskeller zu besuchen, der freilich nur noch den kleinsten Rest des Fundes barg.

Beate von Gerold war den Herrschaften bereits vorgestellt worden. Als ihr Bruder sich mit einer Prinzeß des herzoglichen Hauses vermählte, hatte sie ihre drei qualvollsten Lebenstage in der Residenz verbracht, hatte Besuche machen müssen und wieder empfangen, hatte diniert bei der Prinzeß Thekla und einen Empfang im Schlosse »überstanden«, wie sie sagte. Sie hatte einmal himmelblaue Seide, einmal gelblichen Atlas getragen und war sich sterbensunglücklich darin vorgekommen, und als sie zurück nach ihrem Altenstein gekommen, war sie mit köstlichem Behagen wieder in die dehnbare Trikottaille gefahren und hatte geschworen, lieber Steine zu klopfen, als bei Hofe zu leben. In Erinnerung hieran fiel ihre Verbeugung sehr wenig devot aus, und ihr Gesicht zeigte ganz den Ausdruck, den Joachim als barbarisch zu bezeichnen pflegte.

»Also in den Wachskeller, meine Herrschaften«, mahnte der Herzog und legte seiner Gemahlin fürsorglich das rote, golddurchwirkte Mäntelchen um die Schultern. Klau- dine nahm einen großen Schlüssel aus dem Körbchen, das neben der Nähmaschine auf dem Tische stand, und hieß Heinemann vorangehen. Joachim führte die Herrschaften. Sie selbst eilte in das Haus, um die noch immer fehlenden Löffelchen und Teller und ein Tafeltuch auszugeben.

Sie tat es mit zitternden Händen und um ihren Mund lag ein gramvoller Zug. »Warum?« fragte sie halblaut, »warum auch hierher?« Sie lehnte den Kopf an die Pfosten des alten Eichenschrankes, der das Linnen der Großmutter barg, als suchte sie eine körperliche Stütze in dem Sturme, der durch ihre Seele ging. »Nur ruhig«, flüsterte sie und preßte die Hand gegen die Brust, als wollte sie das stürmisch klopfende Herz gewaltsam zum Gehorsam zwingen. Als sie ein paar Minuten später sich anschickte, den Herrschaften in den Keller nachzufolgen, da war ihr ernstes, schönes Gesicht unbewegt wie immer.

»Halt!« sagte eine tiefe Stimme am Kellergewölbe, »bis hierher und nicht weiter! Sie haben keine Umhüllung, und dort unten ist es kühl.« Baron Lothar stand in dem dämmerigen Gewölbe und streckte die Hand gegen sie aus. »Wenn Sie Ihre Ungeduld noch ein wenig bemeistern könnten, Cousine«, fuhr er fort, und es klang fast wie Hohn, »ich höre die Herrschaften die Treppe heraufsteigen. Das war doch die Stimme Seiner Hoheit soeben? Oder irre ich mich?«

Sie hielt seinem Blicke stand und zuckte nur leicht die Schultern. Er sah sie so eigentümlich an, fast drohend.

»Es ist besser, wir erwarten die Hoheiten dort oben«, sprach er weiter, »hier —« er brach ab, denn sie hatte sich umgewandt und schritt die Stufen empor, die in den Flur des Hauses führten, und von dort, ohne sich umzusehen, auf den anmutigen Platz. Er folgte ihr und lehnte sich gegen den Pfosten der Glastür, indem er den einfach gedeckten Tisch musterte. Da erinnerte nichts an ein altes begütertes Geschlecht, es fanden sich nur einfache Glastellerchen und dünne verbrauchte Löffel. Das Silberzeug des Hauses stand ja in seinen Schränken, allein der Damast des Tischtuches zeigte das Wappen der Gerolds in den Ecken, ein Meisterstück der Webekunst. Die alte Dame hatte es ehedem mit hierher genommen auf ihren Witwensitz als eine Erinnerung an jenen Tag, da es zum erstenmal aufgelegen, an dem Tauftage ihres Sohnes.

»Unser Wappen«, sagte er und zeigte auf den springenden Hirsch, der einen Stern zwischen dem Geweih trug. »Er ist rein geblieben, dieser Schild, im Laufe der Jahrhunderte, nicht ein einzigesmal ward der Glanz des Sternes verdunkelt! Wohl kamen Unglücksfälle über das Geschlecht, wohl unterlag es der Macht des Schicksals, aber die Ehre hielten sie makellos, die Männer und — die Frauen, soviel ihrer waren bis heute.«

Das schöne Mädchen zuckte empor, als habe eine Schlange sie gebissen, und ein herzzereißender Blick aus den blauen Augen flog zu ihm hinüber, aber die Worte erstarben auf ihren Lippen, denn eben kamen die Herrschaften zurück und Lothar eilte ihnen entgegen. Der Herzog, neben Joachim gehend, folgte seiner Gemahlin, die den Arm der alten Freiin genommen hatte. Hinter ihnen schritt ein sonderbares Paar, Beate mit Palmer, den sie um Kopflänge überragte. Sie hörte mit dem Ausdruck lächelnder Verachtung auf sein eifriges Sprechen und suchte, am Tische angekommen, einen Stuhl, so weit wie möglich von ihm entfernt.

»Und der ganze große Keller war voll?« fragte die Herzogin, Platz nehmend, und ohne die Antwort zu erwarten, sprach sie lebhaft weiter: »O, Walderdbeeren, wie liebe ich sie! Wie tausendmal aromatischer duften sie, als die, welche man in den Gärten oder Gewächshäusern zieht! Weißt du, mein Freund«, wendete sie sich an den Herzog, der noch immer im Gespräch mit Joachim stand, »wir werden mit den Kindern in den Wald gehen und selbst Beeren suchen. Dabei ließe sich ein entzückendes Picknick arrangieren. Herr von Palmer, sorgen Sie dafür, daß man einen Platz ausfindig macht, wo Erdbeeren stehen, aber bald, bald! Wir wollen die schöne Zeit hier genießen.«

Man saß jetzt um den Tisch und Klaudine reichte ihren Gästen die Fruchtschale. Eben stand sie vor dem Herzog, er dankte mit kurzer Handbewegung, ohne sie anzusehen, und horchte auf Joachims Rede. Nun trat sie zu dem Neuhäuser. Auch er dankte. Sie schritt still nach ihrem Stuhl zurück und sah auf das Kind hernieder, das sich herzugeschlichen hatte und an ihren Schoß lehnte, und fuhr erst aus ihrem Sinnen empor, als die Herzogin sie anredete.

»Mein liebes Fräulein von Gerold, Sie müssen oft nach Altenstein kommen. Wir, mein Gemahl und ich, haben uns fest vorgenommen, alle Etiketterücksichten hier fallen zu lassen, wir wollen wie gute getreue Nachbarn miteinander leben, Ausflüge machen und uns besuchen. Die Neuhäuser werden wir auch über­fallen, ja, ja, Fräulein von Gerold!« wandte sie sich an Beate, »ich muß mir Ihre vielgerühmte Musterwirtschaft einmal in der Nähe beschauen und hoffe, Sie ebenfalls auf Altenstein zu sehen.«

»Es wird unserem Hause eine unendlich große Ehre sein, wenn Eure Hoheit es mit Ihrer Gegenwart beglücken, aber mich wollen Hoheit gnädigst entschuldigen«, klang Beates tiefe Stimme entsetzlich wenig verbindlich und trocken. »Meine Wirtschaft leidet nicht, daß ich mich oft und lange vom Hause entferne, es ist nur anvertrautes Gut, und ich stehe dort an Stelle der Hausfrau meines Bruders. In Vertretung einer anderen ist man doppelt gewissenhaft, Hoheit.«

Die junge fürstliche Frau sah einen Augenblick befremdet zu der Sprecherin hinüber, dann flog der liebenswürdige Ausdruck von vorhin wieder über ihre Züge.

»Die Gerolds waren alle pflichttreu«, sagte sie freundlich, »das ist gut und lobenswert und ich muß den Korb wohl hinnehmen. Aber Sie, Fräulein Klaudine von Gerold, Sie! Ganz gewiß, auf Sie rechnen wir bestimmt. Ist es nicht so, Adalbert?«

»Verzeihung! Wie befiehlst du? Ich habe nicht verstanden, Elise.«

»Du sollst mir bestätigen«, sprach sie freundlich, »daß wir sehr auf Mamas Liebling rechnen bei unserer Anwesenheit in Altenstein, daß wir wünschen, Fräulein Klaudine von Gerold oft bei uns zu haben. Nicht, Adalbert?« Einen Moment blieb es still unter der Eiche. Die Abendsonne vergoldete jedes Blättchen mit purpurnem Schein; durch die Lücken des Geästes zuckten schimmernde Lichter und die zitternden Funken machten es wohl auch, daß Klaudines Antlitz in jähem Wechsel bleich und purpurn erschien.

»In der Tat, Fräulein von Gerold«, tönte es jetzt in ihr Ohr mit einer Stimme, die den Sturm in ihrem Herzen plötzlich beschwichtigte, so ruhig und gleichgültig klang sie. »In der Tat, die Herzogin sprach davon, mit Ihnen im Altensteiner Saale zu musizieren.« Und sich wieder zu Joachim wendend, fragte er: »Ja, wie wurde es? Ist der Mann gestorben an der Wunde, oder?«

»Er lebt, Hoheit, und wildert nach wie vor.«

Wenn der Herzog von Jagd und verwandten Dingen sprach, war er einfach für anderes verloren, das wußten sie alle. Nur Palmer lächelte ungläubig und schaute Klaudine an, deren Brust sich wie befreit hob.

»Wenn Hoheit befehlen«, sprach sie leise, »aber ich habe seit langer Zeit keinen Ton mehr gesungen. Mir fehlt die Muße jetzt.«

Ein leises Hüsteln der fürstlichen Frau ließ sie einhalten. Durch die Bäume kam der erste kühle Luftzug des Abends.

Der Herzog sprang empor. »Es wird Zeit«, sprach er; »die Wagen!«

Der herzogliche Diener, der unbeweglich an der Gartenpforte gestanden hatte, erhielt von Palmer einen Wink, und in kürzester Zeit waren die fürstlichen Gäste eingestiegen, und die Wagen brausten auf der Straße hin.

»Wir müssen wohl auch an den Abschied denken, Lothar?« sagte Beate zu ihrem Bruder. Er nickte bejahend und schüttelte Joachim die Hand. Als er sich zu Klaudine wenden wollte, war sie verschwunden.

Beate, die Sonnenschirm und Hut holen wollte, traf sie anscheinend ruhig in der Küche beschäftigt, ein Tellerchen mit Erdbeeren zu füllen für Fräulein Lindenmeyer, wie sie sagte.

»Na, wo steckst du denn? Wir wollen fort, Klaudine«, begann Beate und zog die gewebten seidenen Handschuhe an. »Das war übrigens ein recht bewegter Tag heute. Ich gratuliere dir zu dem gutsnachbarlichen Verkehr, es kann ja sehr gemütlich werden. Halte dir nur immer etwas im Hause, ein paar kleine Kuchen oder dergleichen, die gnädige Frau von Altenstein wird öfter kommen, sie gefällt sich in der Rolle, wie weiland Königin Luise auf Paretz. Ach Gott, Klaudine, bei dieser Armen ist es, glaube ich, die Angst, die Todesangst, die sie alles mögliche beginnen läßt. Aber ich muß fort, die dicke Berg wird schon Hunger haben, und in die Speisekammer können sie nicht, ich habe zugeschlossen. Leb wohl, Klaudine, komm bald einmal und bringe das Kind mit.« Sie drückte ihr die Hand und eilte hinaus.

Klaudine trug Fräulein Lindenmeyer die Erdbeeren hin und fand diese noch immer im Unterrock und der rot bebänderten Haube. Sie hielt die Kleine auf den Knieen und erzählte ihr eine Geschichte von einem wunderschönen Mädchen, das einen Prinzen heiratet.

»Einen Herzog«, verbesserte die Kleine, und Klaudine erblickend fragte sie: »Darf ich noch hier bleiben, Tante?«

Aber die Tante hörte nicht, sie horchte auf das Rollen eines Wagens, das im Walde verklang.

»O Jesus, Fräulein Klaudine!« rief Fräulein Lindenmeyer, froh, endlich über das große Ereignis sprechen zu können, »was ist unser allergnädigster Herr für ein schöner Mann! Jeder Zoll ein Herzog! Und wie er da durch den Garten schritt neben unserem Herrn, da fiel mir ein, was Schiller sagt: ›soll der Sänger mit dem König gehen, sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.‹ Gnädiges Fräulein, ach, hätte es doch die Großmama erlebt, daß Sie da wie eine Familie auf der Plattform gesessen und Erdbeeren gegessen haben. Ach, Fräulein Klaudinchen!«

»Tante Klaudine, mir gefällt Onkel Lothar besser«, plauderte das Kind, »Onkel Lothar hat gutere Augen.«

Die junge Dame wandte sich plötzlich ab und schritt ohne ein Wort der Tür zu. Dann stieg sie die schmale Treppe hinauf und klopfte an Joachims Tür. Sie fand ihn, im Zimmer auf und ab gehend mit einem fast hilflosen Gesichtsausdrück.

»Ich bin völlig aus dem Sattel geworfen mit meinem Gedankengang«, klagte er. »Oh, meine schöne Einsamkeit! Klaudine, verstehe mich nicht falsch! Du weißt, wie sehr ich unsere fürstliche Familie liebe und verehre, wie stolz ich bin, daß meine schöne Schwester sie herzieht in unseren Waldwinkel. Aber, Klaudine, du bist böse, weil ich das sage?« fragte er, den Schatten in ihrem Gesicht erst jetzt gewahrend.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Joachim, weshalb wohl? Aber du tust mir leid, und wir wollen es ehrlich den Herrschaften sagen, daß du bei deiner Arbeit durch nichts — hörst du? — durch nichts gestört werden darfst.«

Er blieb stehen und strich ihr über die Wange. »Nein, Kleine«, erwiderte er, »als ehemalige Hofdame mußt du am allerbesten wissen, daß das nicht möglich ist. Es war eine hinreißende Liebenswürdigkeit von der Herrschaft, uns hier zu besuchen. Eine Abfertigung, wie Beate sie in ihrer derben Manier gab, darf sie von uns nicht hören. Diese Beate«, fuhr er fort, »benahm mir den Atem, als sie die Antwort herauspolterte. Ich verstehe Lothar nicht, der das so ruhig und gelassen mit anhören kann, mir ginge es durch und durch!«

»Aber deine Arbeit, Joachim? Sei versichert, die Herzogin würde untröstlich sein, erführe sie später, daß sie dich hinderte.«

»Sie ist ein liebes Gemüt, Klaudine, begeistert für alles Schöne, und sie ist krank, sehr krank. Hörtest du den Husten? Er schnitt mir ins Herz. So hustete sie auch, Klaudine! Oh, diese gräßliche Krankheit! Nein, nein, Klaudine, schon dieses verlöschenden Lebens wegen mag das Eulenhaus ihr offen stehen zu jeder Zeit.«

Die Schwester antwortete nicht mehr. Sie war zu dem Bogenfenster getreten, durch welches rotglühendes Abendlicht strahlte, und schaute mit bangen Augen über die Wipfel der Bäume hinweg. Nein, sie konnte, sie durfte ihm keine neue Sorge aufbürden, durfte ihn nicht beunruhigen. Vielleicht war sie auch erstorben, die blinde, alles vergessende Leidenschaft? Keiner jener heißen Blicke war ihr heute gefolgt, sein Auge hatte sie kaum gestreift. Sie nickte mechanisch mit dem Kopfe, als wollte sie einer inneren Stimme widersprechen. »Doch, vielleicht seine Ritterlichkeit, seine Großmut haben gesiegt, und der Anblick des verlöschenden Lebens —«

Der Bruder war zu ihr getreten und hatte ihre Hand ergriffen. »Macht dich die Einsamkeit traurig, Klaudine?« fragte er weich. »Heute, wo ein glänzendes Streiflicht deines vergangenen Lebens in unser Haus fiel, da erschien es mir so unsagbar armselig, da kam mir der Gedanke, es sei eine Sünde, dich hier zu fesseln.«

»Joachim«, rief sie lachend, aber ihre Augen schimmerten feucht, »wenn du wüßtest, wie gern ich hier bin, wie heimisch, wie traut mir diese Armseligkeit ist, du würdest nie wieder solche Dinge reden! Nein, ich bin nicht traurig, ich bin eigentlich so herzensfroh wie lange nicht. Und nun will ich hinunter und unser Abendessen richten. Es besteht zwar nur aus Blattsalat und weichen Eiern, aber du glaubst nicht, Joachim, wie zart Heinemanns Salat ist.«

Sie hielt ihm die Wange zum Kusse hin und ging, ihm noch einmal zunickend, aus der Tür.

Ein paar Stunden später lag das Eulenhaus schweigend und ruhig, als hätte es der Wald mit seinem Rauschen in den Schlaf gesungen. Nur aus Klaudines Zimmer schimmerte noch Licht. Seine Bewohnerin saß vor dem altmodischen Schreibtischchen, das auf lächerlich dünnen Beinchen sein Gleichgewicht behauptete und einstmals zu der Einrichtung von Großmamas Mädchenstube gehört hatte. Sie hatte mehrere Fächer aufgeschlossen und kramte in Briefen und trockenen Blumen und allerlei Kästen umher. Ja, diese stolze, schöne Hofdame mit dem tadellos kühlen Wesen, sie war doch nur ein Mädchen, wie die anderen auch, ein echtes Mädchen mit zaghaftem Herzen und heimlichem Bangen und Hoffen. Wie hätte sie sonst wohl ein kleines Streifchen Papier, darauf einige Noten geschrieben, mit so tränenschimmernden Augen an die Lippen drücken können, wie sie es eben tat? Es waren nur wenige Reihen flüchtig geschriebener Noten, und darunter standen die Worte: »Willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an.« Sie hatte es einst auf Wunsch ihrer alten Hoheit singen sollen, und die Noten hatten gefehlt, und da war einer aus dem gewählten kleinen Kreise aufgestanden, um am Nebentischchen aus dem Gedächtnis die innige Melodie niederzuschreiben, und sie hatte dann das Lied gesungen. Sie fühlte, sie hatte schön gesungen an jenem Abend. Und als sie geendet hatte, sah sie ein Paar Männeraugen, die mit unverhohlener Bewunderung an ihr hingen. Nur dies eine Mal, nie wieder! Es hatte auch kaum eine Sekunde gedauert, dieses Auge-in-Auge, dann senkten sich seine Blicke zur Prinzeß Katharina, neben deren Sessel er stand. Ein ritterlicher Kavalier, stets den Launen seiner Dame mit lächelnder Nachlässigkeit gehorsam! Und die schwarzen, dreisten Augen dieser kleinen Prinzessin hatten ihn so strahlend angeschaut, als wollten sie die Worte wiederholen, aber als Frage: »Willst du dein Herz mir schenken?«

Das war wohl längst aus seinem Gedächtnis geschwunden, sonst würde er nicht, als sie neulich von seiner Liebe zur Musik sprach, so geradezu feindselig geworden sein, und sie hatte doch diesen Abend nimmer vergessen können. Da war es ja auch, wo ein Paar andere Augen zum erstenmal mit jenen heißen, glühenden Blicken die ihren suchten, sie erschreckend bis zum Tode.

»Willst du dein Herz mir schenken?«

Sie sprang empor und ging vom Schreibtisch zum Fenster und wieder zurück in der alten qualvollen Unruhe. Ihre Augen irrten wie hilfesuchend durch das Zimmer, und dann blieb sie doch wieder vor dem Schreibtisch stehen und sah auf das kleine Pastellbild des lieben Frauengesichtes, das dort im reichgeschnitzten Rahmen hing, dessen obere Verzierung den Wappenhirsch zeigte. Der Stern zwischen dem Geweih, der aus Metall hergestellt, blitzte seltsam im flackernden Lichtschein. Ein bitterer, weher Ausdruck flog um ihren Mund.

»Meine Mutter«, sagte sie leise, »wenn du noch lebtest, und ich könnte dir alles erzählen!«


 

9.

 

Am anderen Mittag zog ein starkes Gewitter hinter den Bergen empor und entlud sich über dem Paulinental. Der alte Heinemann sah seufzend, wie seine Nelken vom Sturme zerzaust wurden und wie das Wasser auf den Beeten floß, die zarten Wurzeln der frisch gepflanzten Gemüse lockerte und wohl gar dieselben wegschwemmte.

»O Jesus!« seufzte er in der Küche, wo er die Abwäsche besorgte wie ein richtiges Küchenmädchen, »sehen Sie nur, gnädiges Fräulein, das regnet sich fest.« Und er zeigte durch das Fenster nach den tannenbewaldeten Bergen hinüber, wo an einigen Stellen eine weiße Dunstsäule aus den Wipfeln emporstieg. »Der Hirsch raucht sein Pfeifchen, vor drei Tagen hört es nicht auf zu regnen, darauf können Sie sich verlassen. Wenn’s dann nur vorbei ist! Aber mitunter regnet es sich so in aller Gemütlichkeit ein. und dann ist’s hier trübe.«

Und richtig, so kam es, ein echter Gebirgsregen begann. Auf der abschüssigen Landstraße rieselte das Wasser langsam hinunter, der kleine Waldbach drüben zwischen den Tannen glich einer schmutzigen Lehmbrühe und alle Blumen hingen die Köpfchen.

Die Kleine stand mit ihrer Puppe am Fenster von Fräulein Lindenmeyers Zimmer, drückte sich das Näschen platt an den Scheiben und fragte, wann es wieder aufhöre naß zu sein da draußen. Im Garten sei es schöner. Und die alte Dame saß eifrig strickend daneben und wandte gewohnheitsgemäß den Kopf, um durch die Scheiben nach Vorübergehenden zu spähen, aber vergeblich.

Klaudine machte in der Wohnstube Studien auf der Nähmaschine und bekam vor Freude rote Wangen, als sie die erste tadellose Naht fertig hatte. Ja, die Arbeit, auch die verachtete mechanische weibliche Handarbeit, ist doch ein Segen, sie führt über manche Stunde des Kummers hinweg. Joachim aber saß ganz vertieft über seinen Büchern. Es sei ein rechtes Wetter um zu schaffen, sagte er bei Tische, und sobald er gespeist hatte, ging er wieder an sein Manuskript und hörte und sah nichts mehr.

Am folgenden Tage regnete es noch immer, und am dritten noch mehr. Im Altensteiner Herrenhause sah es ebenso mißmutig aus wie in der Natur, die Herzogin fühlte sich matt und angegriffen und hustete. Das trübe Wetter brachte ihr trübe Zukunftsgedanken. Sie hatte versucht, dieser Stimmung Herr zu werden, indem sie an ihre Schwester Briefe schrieb, aber da waren plötzlich Tränen auf das Papier gefallen, und sie wollte doch nicht, daß die schwergeprüfte junge Witwe in dem Gedanken noch bekümmerter würde. Sie war dann hinunter gestiegen, wo in dem großen Mittelsaal ihre beiden ältesten Söhne Fechtstunde erhielten, und einen Augenblick hatte das kecke Draufgehen der schönen blondhaarigen Knaben sie mit Entzücken erfüllt, dann kam wieder die alte Schwäche über sie und Frau von Katzenstein mußte sie nach ihrem Ruhebette zurückführen. Sie ließ sich nach einem Weilchen den jüngsten Prinzen bringen, ein prachtvolles, gesundheitstrotzendes Kerlchen, das ihr durch sein Erscheinen auf dieser Welt den letzten Rest ihrer Kraft genommen hatte, und sie sah ihm mit seliger Lust in die lachenden blauen Augen. Wie glich er dem Vater, diesem über alles geliebten Manne! Und plötzlich erhob sie sich und schritt, das Kind auf dem Arme, durch das Zimmer der Tür zu.

Frau von Katzenstein und die Kammerfrau stürzten herbei und wollten ihr den kleinen Prinzen abnehmen, sie wehrte lächelnd: »Ich möchte den Herzog überraschen, bleiben Sie, bitte.« Und auf den Zehen schlich sie sich über das spiegelnde Parkett des Salons, der ihre Zimmer von den seinen trennte, und stand hochatmend vor der Tür seines Gemaches.

Es war doch schön, ihn hier in Altenstein so nahe zu haben, zu ihm eilen zu können, wie jede andere glückliche Frau, die dem Vater das Kind zuträgt. Sie nahm das Händchen des Kleinen und ließ es pochen an das Getäfel der Tür. »Papa!« rief sie, »lieber Papa, mach auf, wir sind hier, die Liesel und der Adi!«

Dort innen wurde ein Kasten zugeschoben und gleich darauf die Tür geöffnet. Der Herzog, im schwarzen Samthausrock, erschien auf der Schwelle, offenbar verwundert über diesen Besuch. Am Schreibtisch stand Palmer, er hatte Papiere in der Hand, und auf der Platte des Tisches lagen verschiedene Blätter ausgebreitet.

»O, ich störe, Adalbert?« sagte die junge Frau unter Hüsteln. Das Zimmer durchwogte ein starker bläulicher Rauch türkischer Zigaretten.

»Wünschest du etwas, Elise?« fragte er. »Entschuldige diesen Rauch, er reizt dich zum Husten. Aber komm, ich will dich hinüber geleiten, es ist hier kein Aufenthalt für dich.«

Sie schüttelte langsam das dunkle Köpfchen: »Ich wollte nichts —« und mit einem Blick auf Palmer verschluckte sie die Worte: »ich wollte dich nur sehen, dir das Kind bringen.«

»Nichts?« wiederholte er, und eine leise spöttische Ungeduld sprach sich aus in der Bewegung, mit der er ihr den Kleinen abnahm. »Aber, vor allen Dingen komm hier fort!«

Nach ein paar Minuten saß sie wieder auf ihrem Ruhebett allein. Er hatte zu arbeiten, er ließ sich jetzt einen Vortrag halten über den Bau einer neu zu gründenden herzoglichen Forstakademie in Neurode, es war so wichtig. Auf ihre Frage: »Trinkst du nicht den Fünfuhrtee bei mir, Adalbert?« war nur ein zerstreutes: »Vielleicht, meine Teure, wenn ich Zeit finde. Warte nicht auf mich«, die Antwort gewesen.

Nun schlug es fünf Uhr, und sie wartete doch, aber da rollte eben unter den Fenstern ein Wagen über den Kies der Gartenwege. Das war der Herzog. Er fuhr aus, und bei dem Wetter! O ja, sie hatte es nur vergessen, er sprach schon gestern davon, nach Waldlust zu fahren, dem alten herzoglichen Jagdschloß, das renoviert werden sollte. Traurig legte sie den Kopf zurück an die Polster. Wie öde war es doch in den fremden Gemächern mit dem rieselnden Regen vor den Fenstern, und so allein! Das Kind spielte längst in seinem Zimmer mit der Erzieherin, der Herzog wollte nicht, daß sie es länger behielt, weil dessen Lebhaftigkeit sie zu sehr angreifen würde. Freilich, der Arzt verbot ihr täglich, sich anzustrengen, aber es ist doch hart, ein solches Verbot, wenn man Mutter ist! Sie griff wieder zu dem Buche, das ihr entglitten war, aber die Augen schmerzten, sie vermochte nicht weiter zu lesen. Es war auch eine so schaurige Erzählung, und wenn man selbst so traurig ist, und wenn draußen der Regen so einförmig niederrauscht, so als ob es nimmer wieder licht werden sollte, da darf man nichts lesen, was noch trüber stimmt. Ja, wenn man eine Seele hätte, mit der man sprechen könnte, so, wie sie einst daheim mit ihrer Schwester sprach, so recht vom Herzen weg! Ja, dann ist es heimlich, wenn draußen das Wetter tobt, die Dämmerung das Zimmer umspinnt und im Kamin ein leichtes Feuer brennt.

Und auf einmal stand eine Gestalt vor ihren Augen — Klaudine von Gerold in ihrem einfachen Kleide, das Schlüsselkörbchen am Arm, anmutig waltend in der kleinen, dürftigen Häuslichkeit des Bruders. Wie ruhig sie erschien, wie glücklich und beglückend! Klaudine hatte schon immer so vorteilhaft abgestochen gegen die anderen Hofdamen. Um die Welt hätte sie nicht die kleine Gräfin H. mit dem übermütigen Wesen um sich haben mögen hier im stillen Altenstein, ebensowenig wie Fräulein von X., die fast nie die Augen aufschlug, niemals lächelte. Aber Klaudine, Klaudine Gerold! Und plötzlich ergriff sie eine förmliche Sehnsucht nach diesem stillen Mädchen mit den ernsten blauen Augen. Sie drückte auf den Knopf der silbernen Glocke, die ihr zur Seite stand, und dann ging sie zum Schreibtisch und warf in fliegender Eile einige Zeilen auf das Papier.

»Diesen Brief an Fräulein von Gerold! Ein Wagen soll hinüber, sie zu holen. Aber eilen Sie!«

Nun ergriff sie eine fieberhafte Unruhe. Eine Stunde konnte es dauern, in einer Stunde würde sie hier sein können. Sie befahl Feuer im Kamin zu machen und ließ den Teetisch herrichten in der Nähe der spielenden, zuckenden Flammen.

Dann wanderte sie im Zimmer umher, trat zuweilen ans Fenster und sah in die regennasse Landschaft hinaus. Eine Stunde verrann, noch immer kam sie nicht. Da — horch — ein Wagen! Sie trat vom Fenster zurück, als zu ihrem Erstaunen Baron Gerold gemeldet wurde, »den Hoheit befohlen«. Sie hatte das ganz vergessen. Heute? Ja, es mußte wohl so sein! Richtig, sie hatte ihn gebeten, ihr einige Nachrichten über die angeblich große Armut von Wahlerode, dem nahe gelegenen Dorfe zu bringen.

Sie freute sich, ihn zu sehen, und fragte eingehend nach allem, aber zwischendurch horchte sie immer wieder in die Ferne.

»Sie werden mich zerstreut finden, Baron. Ich erwarte nämlich Besuch«, sagte sie lachend, als sie sich inmitten einer Auseinandersetzung, den Bau eines Gemeindearmenhauses betreffend, rasch zum Fenster wandte. »Raten Sie, wen? Aber nein, raten Sie lieber nicht, dann wird es eine Überraschung für Sie. Also, mein lieber Gerold, wenn Sie sich des Baues annehmen wollen, so können Sie auf meine Hilfe völlig rechnen.«

»Hoheit sind, wie immer, die Güte selbst«, sprach Lothar und erhob sich.

»Seine Hoheit«, scholl plötzlich die Stimme der Frau von Katzenstein, und gleich darauf trat der Herzog ein.

»O, wie gemütlich, Liesel«, sagte er heiter, die zarte Frauenhand küssend, die sich ihm entgegenstreckte. »Und Sie, lieber Baron, wissen Sie, dass ich eben meinen Jäger zu Ihnen schickte? Ich dachte an eine Partie L’hombre heute. Zum L’hombrespielen just das rechte Wetter, wie?«

»Hoheit wollen über mich befehlen.«

Der Herzog verbarg ein leises Gähnen und nahm Platz am Kamin. Die alte Hofdame war am Nebentische beschäftigt den Tee zu bereiten, ein Diener ging mit behutsamen Schritten ab und zu und stand jetzt wie ein Schatten an der Tür, des Augenblicks gewärtig, wo er die Tassen reichen könne. Die Dämmerung war rasch heruntergesunken, man unterschied nur undeutlich noch die Gesichter der Anwesenden. Hier und da zuckte ein Flämmchen im Kamin empor und warf ein flüchtiges Streiflicht auf den Herzog. Er sah abgespannt aus und seine große weiße Hand strich in regelmäßiger Wiederholung durch den blonden Vollbart.

»Es ist doch sehr einsam hier an solchen Tagen«, begann er endlich, »wir sind faktisch auf dem ganzen Wege, ausgenommen Ihr Fräulein Schwester, lieber Gerold, keiner Seele begegnet. Die resolute Dame ging mit Regenschirm und Wettermantel so vergnügt auf der einsamen nassen Straße dahin, als sei es der wonnigste Maimorgen. Vermutlich steuerte sie nach dem Eulenhause, denn sie schlug den Weg nach rechts ein.«

»Sicher, Hoheit, sie lässt sich so leicht durch kein Wetter abhalten ihrer Cousine einen Besuch zu machen.«

Der Herzog nahm eben eine der wappengeschmückten Tassen. »Beneidenswert!«, sagte er halblaut und tat ein riesiges Stück Zucker in den duftenden Trank.

»Die Gesundheit, meinen Hoheit? In der Tat, die Gerolds wissen sämtlich nicht, was Nerven sind, sie haben Nerven wie Stahl und Knochen wie Elfenbein.«

»Allerdings, das meinte ich«, klang es aus dem Munde des Herzogs. Und hastig die Tasse leerend, fragte er: »Ist es jetzt Mode bei dir, im Dunkeln zu sitzen, Liesel? Früher mußtest du Licht haben um jeden Preis.«

»Fräulein Klaudine von Gerold!« sagte plötzlich die alte Hofdame, und zugleich tönte das Rauschen eines seidenen Gewandes. Durch die tiefe Dämmerung schritt eine Gestalt, und eine leicht vibrierende klangvolle Frauenstimme sprach: »Hoheit haben befohlen!«

»Ach, meine liebe Klaudine!« rief die Herzogin erfreut und winkte nach einem Sessel, »meine ungeduldige Bitte hat Sie doch nicht gestört?«

In diesem Augenblicke flammten die Lampen unter der Decke auf, und ein durch mattes Glas gedämpftes Licht erhellte das Gemach und tauchte die kleine Gruppe der am Kamin versammelten Menschen in einen milden weißen Schein.

Der Herzog hatte sich, wie auch Baron Gerold, erhoben, und beide sahen zu dem schönen Mädchen hinüber; beide mit dem nämlichen Ausdruck der Überraschung. In den Augen Seiner Hoheit blitzte es einen Augenblick auf, dann wurde der Ausdruck wieder genau so apathisch wie vorher. Auf des Barons Stirn lag eine düstere Falte, doch auch sie verschwand blitzgeschwind. Dort neben dem Sofa der Herzogin stand sie, die schwarze einfache Seidenrobe hob ihre schlanke, ebenmäßige Gestalt prächtig hervor. Sie hatte kaum einen Hauch von Farbe auf ihren Wangen und sah nach einer tiefen Verbeugung vor Seiner Hoheit mit stillem Gesichtsausdruck zu der fürstlichen Frau hinunter.

Die Herzogin wies auf einen Sessel, den man hingeschoben hatte, und sprach von einem gemütlichen Plauderabend, und ob Klaudine auch wohl sei, sie sehe so blaß aus. Und mit eigener Hand reichte sie der jungen Dame ein Kristallfläschchen: »Nur ein paar Tropfen, liebste Klaudine, etwas Arrak macht warm nach der kalten Fahrt.«

Der Herzog hatte nicht wieder Platz genommen, er lehnte am Kamin und sah augenscheinlich mit größtem Interesse auf die Bewegungen der alten Freiin, die eben mit einem Körbchen voll bunter Wollsträhne sich ihrer Gebieterin näherte und auf die abweisende Handbewegung der eifrig Sprechenden sich wieder entfernte. Mit keinem Worte beteiligte er sich an der Unterhaltung, in welche die fürstliche Frau auch Lothar hineinzog. Dieser stand hinter dem Sessel Klaudines, dem Herzog gegenüber, und antwortete mit eigentümlichem Tonfall, als ob eine Gemütsbewegung ihn am fließenden Sprechen hinderte.

»Ich meine, der L’hombretisch wird uns erwarten«, sagte der Herzog plötzlich, indem er leicht die Stirn seiner Gemahlin küßte und mit einer flüchtigen Verbeugung gegen Klaudine hinausschritt, gefolgt von Lothar.

»Liebste Katzenstein«, bat die Herzogin, »ich weiß, Sie wollen Briefe schreiben, lassen Sie sich nicht stören! Sie sehen, ich bin in der allerliebenswürdigsten Gesellschaft. Lassen Sie die Vorhänge zuziehen, die Spuren des Teetisches beseitigen und meinen Liegesessel hierherschieben. Ich finde es so behaglich am Kamin, obgleich heute der sechste Juni im Kalender steht. Und, liebste Katzenstein, die Lampen an den Flügel. Sie singen doch ein wenig?« wandte sie sich an Klaudine.

»Wenn Hoheit befehlen.«

»O, ich bitte darum. Aber zunächst plaudern wir!«

Die lebhafte junge Frau, auf dem Ruhebette liegend, versuchte durch die bezauberndste Liebenswürdigkeit ihre stille Gefährtin zu diesem »Plaudern« zu bewegen, und es lag doch wie ein Bann auf dem Mädchen. Es war ihr, als müsse sie ersticken in diesem künstlich erwärmten Raume, in den Erinnerungen an vergangene Zeiten, die sich aus jedem Winkel lösten, aus jeder Stuckarabeske auf sie herniederschwebten. Hier in diesem schönen großen Gemach war ihnen als Kindern immer zu Weihnacht beschert worden, Joachim und ihr, hier hatte die kleine Ballfestlichkeit stattgefunden, ihrem jungen achtzehnjährigen Dasein zu Ehren, hier hatte sie weinend in tiefer Trauer den heimkehrenden Bruder und sein junges schönes Weib empfangen, während dort unten im Erdgeschoß die Leiche des Vaters aufgebahrt lag. Damals war jener Erker in einen Garten verwandelt gewesen, unter blühenden Granatbäumen hatten Sessel gestan­den, damit Joachims Weib die nordische Heimat nicht gar so traurig erscheine. Die purpurroten Blüten sollten ein Gruß sein aus dem fernen Vaterlande, hatte Klaudine gemeint, und sie hatte doch nur erreicht, daß die schönen Augen der jungen Schwägerin sich mit Tränen füllten. »O, wie klein sind diese Blüten, wie sehen sie krank aus!« hatte sie geklagt. Ach, wie schwer war doch diese Zeit gewesen!

Klaudines Blicke kehrten wie aus tiefen Träumen in die Gegenwart zurück. Die Stimme der Herzogin hatte sie geweckt, und so bang und tränenschwer waren diese Blicke, daß die fürstliche Frau verstummte; aber eine zaghafte Hand griff nach der des Mädchens und hielt sie fest.

»Ach, ich vergaß, daß es Sie traurig machen muß, fremde Menschen in Ihrem Vaterhause zu sehen.«

Es klang so innig, so weich, und Klaudine wandte den Kopf, um die Tränen zurückzudrängen, die ihre Augen verschleierten.

»Weinen Sie doch, es erleichtert«, sagte die Herzogin einfach.

Klaudine schüttelte den Kopf und bemühte sich gewaltsam, ihre Fassung wiederzugewinnen, doch wollte es ihr nicht recht gelingen. Was tobte und stürmte nicht alles in ihrer Seele, und nun auch noch die Güte dieser Frau!

»Verzeihung, Hoheit, Verzeihung!« stieß sie endlich hervor. »Gestatten Hoheit, daß ich mich bald zurückziehe. Ich fühle, ich kann heute nicht die Gesellschaft sein, die Hoheit wünschen.«

»O nimmermehr, meine liebe Klaudine! Ich lasse Sie nicht! Denken Sie, ich vermöchte Sie nicht zu verstehen? Mein liebes Kind, auch ich habe heute schon geweint.« Und der erregten leidenschaftlichen Frau lief eine stille Träne um die andere über das fieberheiße Gesicht. »Ich habe einen traurigen Tag heute«, sprach sie weiter, »ich fühle mich so krank, ich muß immerfort ans Sterben denken, mir kommt das schreckliche Erbbegräbnis unter der Schloßkirche unserer Residenz nicht aus dem Sinn, und dann denke ich an meine Kinder und an den Herzog. Warum muß man solche Gedanken haben, wenn man noch so jung ist und so glücklich wie ich? O, sehen Sie mich nur an, liebste Klaudine, ich bin glücklich — bis auf meine Krankheit. Ich habe einen Gatten, dem ich über alles teuer bin, und so liebe, liebe Kinder, und doch diese schwarzen, diese schrecklichen Beängstigungen! Mir wird heute das Atmen so schwer.«

»Hoheit«, sagte das junge Mädchen bewegt, »es ist die schwüle Luft.«

»O, natürlich! Ich bin nervös, und es geht vorüber, ich weiß es. Seit Sie hier sind, ist es auch schon besser. Kommen Sie nur oft, recht oft! Ich will Ihnen gestehen, meine liebe Klaudine, ich hege, seit ich Sie gesehen, ein so großes Verlangen, Sie in meiner Umgebung zu haben. Mama war aber selbst so entzückt von Ihnen, daß sie nichts von einer Trennung wissen wollte. Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken. Der Herzog selbst bat für mich, aber sie schlug es rund ab.«

Klaudine rührte sich nicht, nur ihre Augen senkten sich, und ihr Antlitz überflog einen Augenblick eine Purpurglut.

»Es ist wunderbar, die gute Mama versagt mir sonst nichts! Ja, und nun, liebe Klaudine, komme ich zu meiner Bitte: Bleiben Sie bei mir, wenigstens für die Zeit unseres hiesigen Aufenthaltes!«

»Hoheit, es ist unmöglich!« stieß Klaudine fast schroff hervor. Und wie flehend setzte sie hinzu: »Mein Bruder, Hoheit, sein Kind!«

»O, ich lasse das gelten, aber Sie müssen mindestens einige Stunden täglich für mich erübrigen, Klaudine, ein paar Stunden nur! Geben Sie mir die Hand darauf. Nur ein paar Lieder dann und wann! Sie wissen gar nicht, wie wohl mir wird bei Ihrem Gesang.«

Das schmale fiebernde Gesichtchen der fürstlichen Frau beugte sich vor, und die unnatürlich glänzenden Augen schauten bittend in die des Mädchens. Es sprach eine so rührende Mahnung an das verlöschende Leben aus diesem Antlitz. Warum mußte diese Frau so bitten? Und was erbat sie sich von ihr? Wenn sie ahnen könnte — aber nein, sie durfte es nicht ahnen!

»Hoheit!« stammelte Klaudine.

»Nein, nein! So leicht bin ich nicht abzuweisen, ich wünsche mir eine Freundin und eine edlere, bessere, treuere als Sie, Klaudine, finde ich nicht. Warum lassen Sie mich so bitten?«

»Hoheit!« wiederholte das Mädchen überwältigt und beugte sich auf die Hand, die noch immer die ihre hielt. Aber die Herzogin hob ihr Gesicht empor und küßte sie auf die Stirn.

»Meine liebe Freundin!« sagte sie.

»Hoheit! Um Gottes willen, Hoheit!« zitterte es durch das Gemach. Aber die Herzogin hörte es nicht, sie hatte den Kopf der alten Kammerfrau zugewandt, die meldete, daß der Herzog mit den Herren im Salon neben dem Spielzimmer soupieren werde, und fragte, wo Ihre Hoheit zu speisen befehle.

»Im kleinen Salon hier oben«, befahl die Herzogin, und enttäuscht blickte sie Klaudine an. »Ich hatte mich doch so gefreut auf den heutigen Abendtisch! Wir hätten eine so nette Partie Karree gehabt, der Herzog, Ihr Vetter und wir!« Und scherzend fügte sie hinzu: »Ja, ja, meine liebe Klaudine, wir armen Frauen müssen das Herz unserer Männer immer noch mit einigen Passionen teilen, die Jagd und das L’hombre, sie haben mir schon manche Träne ausgepreßt, aber — wohl der Frau, die nicht um ein Mehr zu weinen braucht!«

Es wurde neun Uhr, bevor Klaudine die Erlaubnis erhielt heimzufahren. Als sie, von der Kammerfrau der Herzogin geleitet, die breite, wohlbekannte Treppe hinunterschritt, begegnete ihr ein Diener mit zwei silbernen wappengeschmückten Champagnerkühlern. Sie wußte, daß Seine Hoheit kleine Spielpartien liebte mit sehr viel Sekt und sehr viel Zigaretten, man saß dort oft, bis der Morgen graute. Gott sei Dank, daß es auch heute so war!

Auf leisen Sohlen huschte Klaudine vollends die mit einem Purpurteppich belegten Stufen hinuter. Am Eingang stand der alte Diener ihres Vaters, Friedrich Kern, jetzt in herzoglicher Livree, und sein ehrliches Gesicht zog sich vor Freude in tausend Falten. Sie nickte ihm freundlich zu und eilte hinaus. Mit einem erleichternden Aufatmen sank sie in die seidenen Kissen des Wagens. Sie hatte sich gefürchtet wie ein Kind, es könne ihr noch jemand auf dem Korridor, auf der Treppe entgegentreten, jemand! Nein, Gott sei Dank, sie saß allein in dem fürstlichen Wagen, und der Wagen trug sie ihrer Heimat zu. Oh, niemals hatte sie eine solche Sehnsucht nach dem einfachen kleinen Stübchen empfunden wie heute. Eine Weile überließ sie sich dem Gefühl, ohne zu denken, dann öffnete sie plötzlich das Fenster und fuhr sich über die Stim. Dieser Duft der parfümierten Wagenkissen machte alte peinvolle Erinnerungen aus der Residenz lebendig. Es war das Lieblingsparfüm des Herzogs. Sie ballte plötzlich die Hand, und alles Blut strömte ihr zum Kopfe.

Sie öffnete auch noch das andere Fenster und saß im Zugwind, den die rasche Fahrt schuf, die Lippen aufeinandergepreßt und tränenfunkelnden Auges. Sie war doch wieder über diese Schwelle gegangen, gezwungen worden, darüber hinwegzutreten! Was hatte ihr die Flucht genützt? Nichts! Gar nichts! Wollte er sein Wort wahr machen, er werde sie überall zu finden wissen?

Die Gedanken verwirrten sich hinter ihrer Stirn, sie kam sich schlecht vor. Hätte sie nicht die Hand der fürstlichen Frau zurückweisen müssen, so schroff, wie Beate es getan hatte? Ach, Beate! Wie schritt die so eben und klar ihren Weg! Und da schimmerten eben die Fenster des Neuhäuser Wohnhauses aus dem Geäste der Linden, eine plötzliche Sehnsucht nach der aufrichtigen, schlichten Weise ihrer Cousine erfaßte sie. Sie zog die seidene Schnur, die um den Arm des Dieners befestigt war, und befahl, nach dem Neuhäuser Schlosse zu fahren.

In dem weiten Hausflur kam just Beate daher, das klirrende Schlüsselbund in der Hand und hinter sich ein Mädchen, das einen Stoß frisch aus dem Spinde genommenen Leinenzeugs trug.

»Wie, du bist das?« rief Beate, daß es sich schallend an den Wänden brach. »Herr des Himmels, wo kommst du denn heute abend noch her?«

Klaudine stand unter der schwankenden, schmiedeeisernen Hängelampe. Aus dem schwarzen Spitzentuch, das sie um den Kopf trug, sah ihr Gesicht fast marmorbleich hervor. »Ich wollte dir guten Abend sagen im Vorüberfahren«, sprach sie.

»Ei, da tritt ein! Woher kommst du? Sicher aus Altenstein, deiner feierlichen Kleidung nach? Ich hatte eigentlich die Absicht, euch heute aufzusuchen, aber da begegnete mir in der Nähe eures Hauses die Berg mit der Kleinen, und rate, wer noch im Wagen saß? Herr von Palmer! Na, das machte mich neugierig, ich pfiff dem Kutscher und bat um die Erlaubnis, bei dem schlechten Wetter gleichfalls unsere Kutsche benutzen zu dürfen. Die beiden Herrschaften waren natürlich sehr entzückt, wie mir schien. Höre, Klaudine, auf Liebesgeschichten verstehe ich mich schlecht, mir fehlt jegliche Erfahrung, aber hier, ich lasse mich köpfen, die werden ein Paar.«

Sie hatte während dieser Erzählung die Cousine in die Wohnstube geleitet und in einen der steifen, mit braunem Rips bezogenen Lehnstühle gedrückt. »Aber, sag doch«, rief sie von der anderen Ecke des Zimmers her, wo sie am Nähtischchen Schere, Zwirn und Nadel suchte, »kommst du von Altenstein? Und ist der herzogliche Wagen etwa draußen? Ja? Aber, mein liebes Kind, dann schicken wir ihn doch fort! Unser Lorenz macht sich ein Vergnügen daraus, dich nachher hinüberzufahren.« Sie warf einen Blick auf die Uhr über dem Sofa, die zwischen den Bildern ihrer Eltern hing. »In fünf Minuten halb zehn. Bis zehn Uhr kannst du doch bleiben?« Und schon war sie am Glockenzug neben der Tür und rief ihre Befehle dem herbeieilenden Hausmädchen zu. »Hast du Lothar nicht gesehen?« fragte sie dann, »der Jäger des Herzogs war hier, um ihn nach Altenstein zu bitten. Dich haben sie wohl auch holen lassen?«

Klaudine nickte.

»Du machst ja ein recht erbauliches Gesicht dazu, Schatz!« sagte Beate lachend.

»Ich bin nicht ganz wohl, ich wäre lieber daheim geblieben.«

»Warum sagtest du das nicht ehrlich?«

Klaudine wurde rot. »Ich glaubte es nicht sagen zu dürfen. Die Herzogin schrieb so liebenswürdig.«

»Na, ja, Klaudinchen, eigentlich kannst du es auch so nicht«, erwiderte Beate und wichste den Faden, mit dem sie eben einen abgerissenen Henkel an ein grobes Leutehandtuch nähte. »Sie sind doch immer sehr gütig gegen dich gewesen«, fuhr sie fort, »und diese kleine Herzogin ist trotz ihres aufgeregten Wesens doch eine Seele von einer Frau, und so krank! Nein, weißt du, es wäre geradezu eine Unart, wolltest du ihr nicht ein so geringes Opfer bringen. Wenn du dir etwa Sorgen machst, daß eure Wirtschaft unter deiner Abwesenheit leide, so beruhige dich nur, Kindchen, das übernehme ich.«

Sie stand bei diesen Worten auf und machte sich wieder am Nähtisch zu schaffen, als wollte sie Klaudine nicht ansehen.

»Du bist so freundlich«, murmelte das Mädchen. Auch die Ausrede, daß sie ihre Pflicht daheim nicht lassen könne, ward ihr genommen. Es war, als ob sich alles gegen sie verschwöre.

»Aber du hast mir noch nicht gesagt, war Lothar in Altenstein?« fragte Beate zurückkommend.

»Er spielt mit Seiner Hoheit L’hombre.«

»O jemine, das soll immer sehr lange dauern! Wer sind denn die anderen Mitspieler?«

»Vermutlich der Adjutant oder der Kammerherr und — irgendeiner, vielleicht Palmer.«

»Ah — der! Richtig! Er sagte, er habe es eilig, als er sich von mir im Wagen verabschiedete. Ich bot ihm an, nach Altenstein zu fahren, aber er dankte, er sei gerade auf einem Spaziergang begriffen gewesen — bei diesem Regen, Klaudine — als er Frau von Berg getroffen habe. Er ziehe es vor zu gehen. Auch gut, sagte ich und ließ ihn laufen. Mir machte nur das Gesicht der guten Berg Spaß, als ich in den Wagen schneite. Kutscher und Kinderfrau erzählten mir nachher, Herr von Palmer sei schon öfter >zufällig< mit Frau von Berg zusammengetroffen, und die letztere fügte hinzu: ›Dann sprechen sie ja wohl Welsch‹, — womit sie ›Französisch‹ meint — ›denn ich verstehe kein Wort.‹ Aber mein Gott, da kommt ja Lothar schon! Sieh doch den Hund!«

Der prachtvolle Hühnerhund hatte sich erhoben und stand nun wedelnd vor der Stubentür. Ein rascher, elastischer Schritt näherte sich, und gleich darauf trat der Baron ein. Er sah einen Augenblick ganz bestürzt auf Klaudine, die sich erhoben hatte und ihr Spitzentuch wieder über den Kopf band.

»Ah! Meine gnädige Cousine«, sagte er, sich verbeugend, »und ich glaubte Sie noch in den Altensteiner Salons. Seine Hoheit brachen das Spiel so plötzlich ab, daß ich annahm, Sie wollten noch ein gemütliches Abendstündchen bei der Frau Herzogin verleben. Hoheit hatten übrigens entschiedenes Unglück im Spiel«, fuhr er fort, »indessen, das nahm er sichtlich für ein gutes Zeichen, er ist abergläubisch, wie alle großen Geister. Wenigstens nannte er mich mit Vorliebe heute abend ›Vetter‹, und das geschieht immer nur, wenn das Barometer sehr hoch steht.«

Er hatte bei diesen Worten den Hut aus der Hand gelegt und streifte die Handschuhe ab.

»Gib mir einen Trunk ehrlichen kühlen Bieres, Schwester«, bat er dann mit veränderter Stimme, »dieser süße französische Sekt und diese süßen Zigaretten sind mir entsetzlich zuwider. Aber wollen Sie schon fort, Cousine?«

»Bleib doch noch!« sagte Beate, und zu Lothar gewendet, fügte sie hinzu: »Sie ist freilich nicht ganz wohl, aber da die Herzogin ihr den Wagen gleichsam in die Stube schickte, blieb ihr nichts weiter übrig, als hinzufahren.«

Herr von Gerold lächelte und nahm das schäumende Glas, das ein Diener ihm brachte. »Allerdings«, sagte er und trank.

Klaudine, die während seines Sprechens aufgestanden war und das Tuch um ihre Schultern gezogen hatte, ward, als sie dieses Lächeln sah, bleich wie der Tod. Und plötzlich stand sie vor ihm, hoch aufgerichtet und stolz.

»Allerdings«, wiederholte sie mit zuckender Lippe, »ich konnte die Aufforderung Ihrer Hoheit nicht zurückweisen. Ich bin heute zu ihr gegangen und werde morgen wieder gehen und übermorgen und alle Tage, wenn Hoheit es befiehlt! Ich weiß, ich handle auch im Sinne Joachims, wenn ich einer Kranken ein paar Leidensstunden vergessen helfe, sei es nun die Herzogin oder das arme Weib, welches Taglöhnerdienste in unserem Garten versieht.«

Sie hielt plötzlich inne.

»Laß den Wagen vorfahren, Beate«, bat sie dann, »es ist hohe Zeit, ich muß heim.«

Einen Augenblick war das Lächeln von seinem Antlitz gewichen, jetzt aber zuckte es schon wieder um seinen Mund. Er verbeugte sich tief und wie zustimmend. »Gestatten Sie, daß ich Sie begleite«, sagte er nun und griff nach seinem Hut.

»Ich danke Ihnen, ich möchte allein sein!«

»Ich bedaure, daß Sie meine Gegenwart noch eine Viertelstunde ertragen müssen, aber ich lasse Sie nicht allein fahren.«

Sie faßte Beate um den Hals und küßte sie.

»Was hast du?« fragte diese. »Du zitterst ja?«

»Oh nichts, Beate.«

»Also laß es mich wissen, Klaudine, wenn du nicht daheim bist, ich hole mir dann die Kleine.«

Wieder fuhr sie in den schweigenden Wald hinein. Sie lehnte in der Ecke des Wagens, ihr Kleid hatte sie dicht an sich gezogen und mit ihrer Hand fest in die Falten gegriffen, als wollte sie irgend etwas zerdrücken, um ihre innere Empörung zu beschwichtigen. Neben ihr saß Lothar. Der Schein der Wagenlaterne streifte seine Rechte, an welcher der breite goldene Ehering blitzte. Kein Wort ward geredet in diesem lauschigen, seidengepolsterten kleinen Raum, der zwei Menschen abschloß von dem Unwetter und den Schrecken der Nacht. In dem Herzen des Mädchens wogte ein Sturm von Zorn und Schmerz. Was glaubte dieser Mann von ihr, was war sie in seinen Augen?

Sie vermochte es nicht auszudenken, denn schreckhaft klangen ihr die eigenen Worte in die Ohren: »Und morgen werde ich wieder hingehen, und übermorgen und alle Tage!«

Nun war der Würfel gefallen, was sie gesagt hatte, das tat sie, und sie tat das Rechte.

Sie beugte sich vor. Gottlob, dort schimmerte das Licht aus Joachims Fenster. Nun hielt der Wagen und der Schlag wurde aufgemacht. Baron Gerold sprang hinaus und bot ihr die Hand zum Aussteigen. Sie übersah es und ging der Pforte zu. Mit einer stolzen Wendung des Kopfes streifte sie ihn noch einmal, und da glaubte sie beim Scheine der Laterne, die der alte Heinemann mit hocherhobener Hand hielt, zu sehen, daß er ihr mit einem bekümmerten Ausdruck nachschaute. Aber das war wohl nur Einbildung gewesen.

Sie kam fast atemlos in das Haus, und hinter sich hörte sie das Rollen des Wagens, mit dem er nach Neuhaus zurückkehrte.

»Sie schlafen schon alle«, wisperte der alte Mann, indem er seiner Herrin die Treppe hinaufleuchtete, »nur der gnädige Herr arbeiten noch. Die Kleine hat bei Fräulein Lindenmeyer gespielt, und dann haben wir Erdbeeren mit Milch gegessen, es ging alles wunderschön. Das gnädige Fräulein brauchen gar nichts mehr zu tun, von Rechts wegen.«

Sie nickte ihm zu mit ihrem ernsten, blassen Gesicht und schloß die Tür ihres Stübchens hinter sich. Dort sank sie auf den ersten besten Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht. So saß sie lange, lange.

»Er ist nicht besser als die anderen«, sagte sie endlich und schickte sich an zu Bette zu gehen, »auch er glaubt nicht mehr an Frauenehre, an Frauenreinheit!«

Was hatte sie ihr genutzt, ihre Flucht? Glaubte nicht gerade er das schlimmste von ihr? Sein Lächeln, die Reden heute abend hätten es ihr gezeigt, auch, wenn sie es nicht schon längst gewußt hätte. Oh, die ganze Welt mochte denken von ihr, was sie wollte, wenn nur ihr Herz, ihr Gewissen rein blieb! Sie allein würde dafür sorgen, daß sie den Blick nicht niederzuschlagen brauchte.

Sie preßte die Lippen aufeinander. Wohl, sie würde ihm zeigen, daß eine Gerold selbst den trübsten, schlammigsten Weg zu gehen vermag, ohne sich auch nur die Schuhsohlen zu beschmutzen!

Sie erhob sich, zündete Licht an und blickte sich in ihrem Stübchen um; wie sah es hier aus! Die Spuren ihrer in Unordnung geratenen Gedanken zeigten sich erschreckend deutlich in dem sonst so zierlichen Raum, dort die Schranktür weit geöffnet, auf der Kommode Schleifen, Nadeln, Kämme in wirrem Durcheinander, verschiedene Kleider auf Betten und Stühlen, alles spiegelte so klar die Stunde der Unentschlossenheit wieder, die sie durchlebt hatte, ehe sie nach Altenstein fuhr. Sie wollte nicht, nein, sie wollte nicht gehen und fand doch nicht den Mut, sich mit einer Lüge entschuldigen zu lassen. Draußen hatten die Pferde ungeduldig gescharrt vor dem fürstlichen Wagen und eine Viertelstunde nach der anderen war verstrichen, bis Joachim zuletzt kam: »Aber, Schwester, bist du noch nicht fertig?«

Da war sie gegangen.

Sie begann aufzuräumen. Wie erleichtert atmete sie auf, als wieder Ordnung um sie herrschte. Ja, es war nun überhaupt alles geordnet, sie selbst hatte die Entscheidung getroffen in einem Augenblick des Zornes, des bittersten Wehes. Aber war es wirklich das Rechte?


 

10.

 

Frau von Berg saß in ihrem Zimmer im Neuhäuser Schlosse am Schreibtisch. Die Tür zum Nebenraum stand offen, dort wohnte das Kind mit einer Wärterin. Vor den Fenstern rauschte der Regen hernieder und winkten die nassen Zweige der Linden. Die Dame hatte sich in ein dickes wollenes Tuch gehüllt und schrieb. Die Erregung mochte wohl ihre Feder führen, denn diese jagte förmlich über das starke cremefarbige Papier und die Buchstaben waren so merkwürdig klein und flüchtig.

Sie war außerordentlich schlechter Laune, und als eben Beates laute Stimme vom unteren Hausflur bis hier herauf scholl, machte sie eine Faust und sah zornfunkelnd zur Tür hinüber. Wer stand ihr denn dafür, daß dieser Hausdrache nicht, kraft seines Amtes, wieder einmal bei ihr eindrang, um sich zu überzeugen, ob alles in Ordnung sei hier oben? Und das schlimmste blieb, daß man hier so machtlos war. Der Baron hatte ja kaum noch Augen für sein Töchterlein, und wo diese Augen waren, das wußte sie nur zu genau. Gestern abend hatte er sie ja noch bei Nacht und Nebel nach dem Eulenhause begleitet!

Sie blickte durchs Fenster, dann nickte sie, als ob ihr etwas besonderes einfiele, und schrieb weiter:

»Ich habe bereits gestern Prinzeß Thekla in meinem wöchentlichen Bericht über das Befinden ihres Enkelkindes verschiedene Andeutungen gemacht, die Prinzeß Helene in einen ihrer bekannten Wutanfälle versetzt haben werden. Es ist kaum glaublich, wie sehr diese junge Dame zur Eifersucht neigt. Nun, ich erzählte Ihnen ja öfter davon.

Übrigens, mein bester Palmer, hörte ich gestern abend im Vorübergehen an dem Wohnzimmer — ich kam aus der Plättstube, wo ich einen Wortwechsel mit dem Hausmädchen hatte — Sie glauben nicht, wie man sich ärgern muß in diesem gottbegnadeten Musterhaushalt, wenn man einmal etwas außergewöhnliches verlangt — ich hörte also im Vorübergehen, wie das Gänschen, genannt Schwan, ihrem allergetreuesten Verehrer mit erhobener Stimme erklärte, daß sie die Absicht habe, jeden Tag nach Altenstein zu pilgern! Somit hätte sich ja Ihre Prophezeiung als wahr erwiesen. Wie sagten Sie doch noch? ›Es gibt kein besseres Mittel, einen schüchternen Liebhaber um den letzten Rest gesunder Vernunft zu bringen, als ein wenig Versteck mit ihm zu spielen.‹ Sie sagen freilich, der Herzog ist abgekühlt, um so besser! Erlauben Sie mir aber, vorläufig noch einige geringe Zweifel an dieser Abkühlung zu hegen, ich glaube den Allergnädigsten besser zu kennen.

Morgen hoffe ich Sie zu sehen. Fräulein Beate hat nämlich großes Reinmachen angesagt. Sie pflegt sich dabei ein weißes Kopftuch umzubinden und mit einem langen Besen die Ahnenbilder abzustäuben. Es ist ein Festtag dann, zu Mittag gibt es Kartoffelklöße mit Backobst, ah, es ist ein idyllisches Leben hier! Lange halte ich es nicht mehr aus, mein Bester, die Versicherung gebe ich Ihnen. Sorgen Sie, daß man nicht ewig hier bleibt, dann hört auch meine Gefangenschaft auf. Lassen Sie Cholerabazillen im Brunnenwasser sein auf Altenstein, oder setzen Sie einige Dutzend Ratten und Mäuse in die Allerhöchsten Zimmer, lassen Sie den seligen Oberst oder die schöne Spanierin spucken gehen oder den Blitz einschlagen, mir ist einerlei was, wenn es nur die Einwohner hinaustreibt und ich die Dächer der Residenz wiedersehe. Ich kann in dieser Kuhstalluft nicht atmen.«

Sie brach hier wieder ab und wandte den Kopf nach dem Nebenzimmer, wo ein erbärmliches Kinderweinen erklang. Ein bitterböser Ausdruck flog über das volle weiße Gesicht der Lauschenden. »O Gott, ich wollte, daß —« murmelte sie und erhob sich.

»Frau von Berg, die Kleine ist sehr unruhig«, berichtete die Kinderfrau.

»So geben Sie ihr doch Milch, mein Gott, sie wird Hunger haben. Was ist’s denn weiter!«

»Sie nimmt nichts, gnädige Frau.«

»So tragen Sie das Kind umher, es muß sich beruhigen.«

»Ich darf das Kindchen nicht herausnehmen, solange es in dem nassen Umschlag liegt, der Arzt hat’s ausdrücklich — «

Frau von Berg schleuderte die Feder auf den Tisch und rauschte in das Kinderzimmer.

»Ruhig! Ruhig!« rief sie mit ihrer gellenden Stimme und klatschte, an das Bett tretend, in die Hände. Ihre Augen sahen so drohend aus, so geradezu wütend, daß das Kind verstummte, um nach ein paar Sekunden desto lauter zu schreien. Es klang so ängstlich, so hilfesuchend, dieses Weinen, dass die Kinderfrau von der Spiritusmaschine, wo sie das verordnete Süppchen kochte, herzustürzte, und dass draußen auf dem Korridor plötzlich Schritte erklangen und der Baron Gerold im nächsten Augenblick auf der Schwelle stand.

»Ist Leonie krank?«, war die erste Frage und seine verdüsterten Augen suchten das Kind im Bettchen, das jetzt seine Ärmchen verlangend nach ihm ausstreckte, aber auch ruhig ward.

Frau von Berg war verlegen, aber sie blieb standhaft am Fuße des Bettchens. »Nein«, erwiderte sie, »nur hungrig oder eigensinnig.«

»Aber es war nicht das Schreien eines eigensinnigen Kindes«, sagte er kurz und bestimmt.

»Nun, es ist auch möglich, dass sie sich nicht wohl fühlt«, erklärte die schöne Frau. »Es ist mir schon längere Zeit vorgekommen, als vertrage die Kleine die Luft hier nicht, man denke auch, von dem weichen, lauen Klima der Riviera nach dem deutschen Waldklima, in diese kühle, scharfe Bergluft.«

Er sah sie ernsthaft an.

»Meinen Sie?«, fragte er und dieser Tonfall trieb ihr das Blut in die Wangen. »Ich bedaure nur«, fuhr er gelassen fort, »dass das arme Kindchen da von dem ersten Arzte Nizzas direkt an diese scharfe, kühle Luft verwiesen wurde. Es muss sich nun leider schon daran gewöhnen, denn vorderhand liegt Nizza sowieso außer Frage, da sein Vater gegenwärtig gezwungen ist hierzubleiben. Im übrigen, meine liebe Frau von Berg, scheint ihm die ›kühle, scharfe‹ Luft dennoch recht gut bekommen zu sein. Gestern sah ich, wie das Kind lebhaft durch das Zimmer rutschte und sich an jenem Stuhl dort völlig allein aufrichtete.«

Frau von Berg zuckte unmerklich die Schultern.

»Was will das heißen bei einem zweijährigen Kind?« sagte sie.

»Bleiben Sie logisch, gnädige Frau. Es ist hier davon die Rede, ob das Kind Fortschritte im Befinden gemacht hat oder nicht. Ich möchte Ihnen jetzt noch eine Mitteilung machen, die Sie vermutlich interessieren dürfte. Ihre Durchlauchten, Prinzeß Thekla und Helene, werden in allernächster Zeit auf einige Wochen nach Neuhaus kommen, um sich persönlich von dem Befinden ihrer Enkelin zu überzeugen. Woher mag doch Ihre Durchlaucht wissen, daß der Reitenbacher Arzt mein Kind jetzt behandelt? Haben Sie keine Ahnung?«

Frau von Berg wechselte die Farbe. Sie blieb jedoch ruhig und zuckte die Achseln.

»In meinen verschiedenen Schreiben an Ihre Durchlaucht habe ich nichts davon verlauten lassen«, fuhr er fort und trat von dem Bette an das Fenster, »ich liebe nicht das Hineinreden in die Anordnungen, die ich treffe. Außerdem — Prinzeß Thekla ist Homöopathin und hat alle Taschen voll Kügelchen und Tropfen. Haben Sie wirklich keine Ahnung, Frau von Berg?«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine!« antwortete sie.

Er achtete auch nicht mehr darauf, sondern preßte plötzlich die Stirn an das Fensterkreuz und starrte auf die Straße, die sich wie ein weißer leuchtender Streifen am Walde dort drüben hinzog. Da kam ein herzoglicher Wagen im schnellsten Trab gefahren, ein Frauenantlitz ward einen Augenblick hinter der Spiegelscheibe des Fensters sichtbar, dann war die Kutsche verschwunden. Klaudine fuhr nach Altenstein!

Als er sich umwandte, sah er seltsam bleich aus. Frau von Berg musterte ihn mit einem bösen Lächeln um den Mundwinkel. Auch sie hatte den Wagen gesehen. Er bemerkte es nicht, er trat zu dem Bettchen des Kindes, das jetzt schlief, und betrachtete das kleine kränkliche Geschöpf lange Zeit.

Frau von Berg ging mit leisem Schritt in das Nebenzimmer. Er blieb stehen, und allmählich legte sich ein harter, bitterer Zug um seinen Mund. Die alte Kinderfrau hinter dem blauverhangenen Bettchen sah ihn starr an — der Herr mochte wohl das arme Kindchen gar nicht leiden, weil es seiner vergötterten Frau das Leben gekostet hatte? Ja, ja, es kam das öfter vor, daß so ein Würmchen es entgelten mußte! Armes Ding, ein so unschuldiges Geschöpfchen, dem es bestimmt ist, stets mit vorwurfsvollen Augen angesehen zu werden. Armes Ding!

Plötzlich wandte sich der Mann dort am Bettchen und ging mit schnellen Schritten hinaus.

 


 

11.

 

Ja, Klaudine fuhr zu Hofe. Sie saß da in dem Wagen mit dem stillen, stolzen Ausdruck, den ihre Züge gewöhnlich zeigten. Sie hatte heute früh ihren Haushalt besorgt und war dann nach Tisch aus ihrem Aschenbrödelgewand geschlüpft, um das ebenso einfache wie elegante Kleid aus dunkelblauer weicher Seide anzulegen, das sie noch einige Tage, bevor sie um ihre Entlassung gebeten, von dem Schneider zugeschickt bekommen hatte. Es war keine Eitelkeit von ihr, sie war gezwungen, dieses Kleid zu wählen; denn Ihre Hoheit hatte gestern gesprächsweise erwähnt, daß sie schwarze Kleider nicht liebe.

Als Klaudine, um Abschied zu nehmen, zu ihrem Bruder in das Turmzimmer trat, betrachtete er sie verwundert.

»Wie schön du aussiehst!« sagte er stolz und küßte sie auf die Stirn.

Und sie blickte ihn ängstlich und verwirrt an; »ich habe kein anderes Kleid, Joachim.«

»Ich mache dir doch keinen Vorwurf«, erwiderte er freundlich, »ich freue mich nur über die harmonische Wirkung deiner blonden Haare mit dem tiefen Blau. Leb wohl, Schwesterchen, geh ohne Sorgen, Elisabeth ist gut aufgehoben bei Fräulein Lindenmeyer, und ich schreibe. Was zögerst du denn noch, Liebling? Hast du Kummer?«

Sie war wie schwankend ein paar Schritte zu ihm hinübergetreten, und ihre Lippen bewegten sich leise, als wollte sie sprechen. Dann wandte sie sich rasch, murmelte ein »Leb wohl!« und ging. Ihm, dem Träumer mit dem wedchen Gemüt, durfte sie ihre Sache nicht zur Entscheidung vorlegen. Selbst handeln, das ist der einzig richtige Weg.

Aber was in aller Welt sollte sie zunächst tun? Die Herzogin rief, und sie mußte kommen. Wenn sie nicht krank lag, hatte sie keinen einzigen Grund abzulehnen, eine Lüge wollte sie nicht sagen, und die Wahrheit durfte sie ihr gegenüber nicht aussprechen. Und war sie denn nicht am sichersten neben der fürstlichen Gemahlin? In dem Gemache der Gattin durfte keiner der heißen flehenden Blicke sie streifen. Sie drückte das Batisttuch an die pochende Schläfe, als könne sie den Schmerz dämpfen, der dort schon den ganzen Tag wühlte.

Dort unten tauchten jetzt die hochgiebligen Dächer des Altensteiner Schlosses aus den Gipfeln der Bäume, und gerade in diesem Augenblick brach nach langen düsteren Regentagen der erste Goldblitz der Sonne aus den lichter gewordenen Wolken und ließ den vergoldeten Knauf des Turmes aufleuchten.

»Ihre Hoheit haben schon mit Ungeduld gewartet«, berichtete flüsternd die alte Frau von Katzenstein in dem Vorzimmer, »Hoheit wollen von Ihnen ein neues Lied von Brahms hören und haben diesen Morgen zwei Stunden an der Klavierbegleitung geübt. Sie sind schrecklich nervös und aufgeregt, liebste Gerold, es hat einen kleinen Wortwechsel mit Seiner Hoheit gegeben.«

Das junge Mädchen sah fragend in das Gesicht der Hofdame.

»Unter uns, liebste Gerold«, flüsterte diese, »Hoheit wünschten, daß der Herzog heute nachmittag den Tee bei ihr nehme, und er lehnte es rundweg und mit einer Kürze ab, die fast unfreundlich genannt werden kann. ›Wir wollen musizieren‹, sagte Ihre Hoheit schüchtern, ›und ich glaubte, mein Freund, du habest dich gerade im letzten Winter sehr für Gesang interessiert? Ich meine, du hast die kleinen musikalischen Abende bei Mama niemals versäumt?‹ Seine Hoheit antwortete darauf: ›Ja, ja, gewiß, meine Teure, aber augenblicklich — ich habe Palmer zu einem Vortrag befohlen, und da das Wetter besser geworden ist, so will ich mit Meerfeld auf den Anstand heute abend.‹«

Klaudine drehte ihr Notenheft in den Händen; sie war rot geworden und unendlich peinlich berührt durch diesen Bericht. »Wollen Sie mich Ihrer Hoheit melden?« fragte sie.

»Sogleich, liebstes Geroldchen, lassen Sie mich Ihnen nur noch erzählen. Die Herzogin wandte ihm den Rücken und sagte ganz leise: ›Du willst nicht, Adalbert!‹ Und dann ist er ohne Antwort fortgegangen, und sie ist zu tausend Tränen aufgelegt.«

Die fürstliche Frau saß an ihrem Schreibtisch, als Klaudine eintrat, und streckte ihr die Hand entgegen. »Es ist, als ob der Sonnenstrahl, der eben da draußen aufleuchtet, mit Ihnen in mein Zimmer geflogen käme, beste Klaudine«, sprach sie liebenswürdig mit ihrer matten klanglosen Stimme. »Sie glauben nicht, wie einsam man sich bisweilen fühlen kann unter Menschen, selbst unter denjenigen, die uns alles sein sollen. Ich habe vorhin in beängstigender Unruhe mein Tagebuch geholt und darin geblättert, da ist mir leichter geworden. Ich habe doch schon viel, sehr viel Glück erlebt, das tröstet mich und macht mich dankbar. Nehmen Sie Platz. Sind das die Lieder, von denen ich sprach?« Sie ergriff die Noten und blätterte darin. »Ah, richtig — Liebestreue! Sie sollen es mir nachher singen, liebstes Fräulein von Gerold, jetzt möchte ich bitten, eine kurze Spazierfahrt mit mir zu machen, ich sehne mich unaussprechlich nach frischer Luft.«

Als die Damen nach einer Stunde zurückkehrten, nahmen sie den Tee, und dann trat Klaudine an den Flügel.

Ihre schöne weiche Altstimme schwebte durch den leicht dämmerigen Raum. Sie sang mit einer traurigen Lust. Der kostbare Flügel stand merkwürdigerweise in dem nämlichen Zimmer, an der nämlichen Stelle, wo einst ihr Instrument gestanden hatte. Das volle süße Glück ihrer Jugend ward lebendig in dieser Umgehung, sie wußte nicht, wie es kam, daß Joachims Lieblingslied von ihren Lippen floß:

 

»Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar —
O wie liegt so weit, so weit,
Was mein, was mein einst war —«

Sie sang die traurige einfache Weise mit innigem Gefühl, und dann brach sie inmitten der letzten Strophe mit einem Tone ab, der wie gebrochen klang, und nach ein paar falschen Akkorden, welche die begleitende Hand noch mechanisch griff, ward es still.

Dann scholl es aber weich und leise durch das Gemach: »Adalbert, ich wußte ja, du würdest kommen!«

Klaudine hatte sich erhoben und starrte zu der hohen Gestalt hinüber, die sich eben zu einem Kuß auf die Hand der Gattin herabneigte. Nun verbeugte sie sich und faßte nach der Lehne ihres Sessels, als müßte sie sich stützen.

»Singen Sie weiter, Fräulein von Gerald«, bat der Herzog, »es ist lange her, seit ich die Freude hatte, Sie zu hören.«

Er saß im tiefen Schatten neben dem Lager seiner Gemahlin, den Rücken dem Fenster zugewandt. Klaudine sah sein Gesicht nicht, sie wußte aber, daß der letzte rosige Schein der Abendsonne sie streifte. Das machte sie noch verwirrter. Sie suchte sich gewaltsam zu fassen, aber als sie einsetzte, klang die Stimme verschleiert und kraftlos, es war, als schnüre ein Krampf ihr die Kehle zu. Sie stammelte eine Entschuldigung und erhob sich.

»Wie eigentümlich!« sagte die Herzogin. »Haben Sie schon früher daran gelitten, liebste Klaudine?«

»Niemals, Hoheit!« stotterte sie der Wahrheit gemäß.

»Es gibt derartige nervöse Erscheinungen«, bemerkte der Herzog ruhig, »vielleicht hast du Fräulein von Gerold bereits zu sehr angestrengt?«

»Oh, das wäre möglich. Verzeihen Sie, meine liebe Klaudine, und ruhen Sie sich aus«, rief sichtlich erschreckt die Herzogin. Sie winkte das junge Mädchen zu sich auf das kleine Sesselchen, von dem soeben der Herzog aufgestanden war, um fast unhörbaren Schrittes im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Setzen Sie sich so, daß ich Ihr Gesicht erblicken kann«, bat sie. »Wirklich, Sie sehen angegriffen aus, aber jetzt kommt Ihre Farbe wieder. Mein Gott, ich glaube fast, Sie haben sich vor dem plötzlichen Eintritt des Herzogs erschreckt! Adalbert!« lachte sie und bemühte sich, ihren Kopf zu wenden — er stand in diesem Augenblick hinter ihrem Sofa. »Du wirst schuld an diesem Verstummen sein. Oh du böser Mann, was richtest du für Sachen an!« Unwillkürlich hatte Klaudine die Augen zu dem Angeredeten erhoben, um sie im nächsten Augenblick tödlich erschreckt zu senken — da war er ja wieder, dieser heiße, flehende Blick! Über das Haupt der Gattin hinweg war er zu ihr geflogen, indes seine Stimme so ruhig erklang: »Es sollte mir leid tun, gnädiges Fräulein, ich kann mir aber nicht denken, daß mein Erscheinen hier etwas schreckendes, ungewöhnliches haben soll. Ich —«

»O gewiß nicht, Hoheit«, erwiderte Klaudine laut und richtete sich empor, »ich war in dem Augenblick ermüdet, ich hatte ein wenig Kopfschmerz. Es ist mir jetzt viel besser.«

»Um so besser!« lächelte die Herzogin, »und nun wollen wir plaudern. Du bist so stumm, Adalbert. Wie kam es, daß du dein Jagdvergnügen aufgabst? Erzähle! War es wirklich nur, weil du diesen Abend bei mir sein wolltest?« Sie folgte ihm, wenn er wieder an ihr vorüberschritt, mit glückseligen Augen, und ohne eine Antwort abzuwarten, plauderte sie weiter: »Denke dir, Adalbert, der Erbprinz hat ein Gedicht gemacht, seine ersten Verse, der Doktor ließ es mir heute zugehen, er hat es in seinem Lateinheft gefunden. Willst du es lesen? Liebste Klaudine, dort, auf meinem Schreibtisch unter dem Briefbeschwerer — nein, dort unter dem mit der Statuette des Herzogs. Danke sehr. Würden Sie es uns vorlesen? Es ist so kindlich geschrieben und so ernst empfunden.«

Klaudine nahm das Blatt, trat zum Fenster und las beim sinkenden Tageslicht die großen kindhaften Schriftzüge:

 

»Wenn ich ein Mann erst werde sein,
Hab’ ich ein Wörtlein mir erkoren —
Das schreibe ich ins Herz mir ein,
Daß niemals werde es verloren:
Treu will ich sein, das ist mein Wort,
Treu meinem Volk, treu meinem Gott,
Treu meinen Freunden immerfort,
Treu meiner Pflicht, mir selber treu,
Daß treu stets meine Treue sei!«

Klaudine konnte das Gesicht der Herzogin nicht erblicken, aber sie sah, wie sie die Hand nach dem Gatten ausstreckte, und hörte, wie eine leisbebende Stimme flüsterte: »Dein Sohn, Adalbert!« Und laut fragte sie: »Ist es nicht köstlich?«

Er hatte sein Umherwandern eingestellt. »Ja, es ist köstlich, Elise. Möge der liebe Gott ihn so führen, daß es ihm niemals schwer falle, die Treue zu halten.«

»Das kann nicht schwer fallen, Adalbert, niemals!«

»Niemals?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Niemals! Was sagen Sie, Klaudine?«

»Hoheit, es kann Fälle geben«, begann das schöne Mädchen, »wo es einen schweren Kampf kostet, die Treue zu halten.« —

»Aber dann ist’s keine Treue, die durch Liebe bedingt wurde«, unterbrach die fürstliche Frau und ihre Wangen wurden heiß, »dann ist es eine künstliche Treue.«

»Ja«, sagte der Herzog halblaut. Sie klang eigentümlich, diese einfache Bestätigung.

»Dann ist es eben keine Treue, dann ist es Pflichtgefühl«, erklärte die Herzogin eifriger.

»Treue in der Pflicht ist vielleicht der höchste Grad der Treue, Hoheit«, sprach Klaudine sanft.

»Ach, das ist ja ein Streiten um des Kaisers Bart, bestes Kind«, unterbrach abermals die Herzogin. »Eine Treue, die erst mit sich kämpfen muß, hat überhaupt ihre Bedeutung verloren. Wenn zum Beispiel — wenn der Herzog«, sie stockte einen Augenblick und ein schalkhaftes Lächeln glitt über ihr Gesicht, »wenn — nun, wenn er mit seinen Gedanken zuweilen — sagen wir einmal — bei Ihnen, Klaudine, wäre, dann würde doch seine Gattentreue keinen Wert mehr haben, und wäre er tatsächlich der tadelloseste Ehemann. Hörst du, Adalbert? — Dann hättest du, nach meiner Ansicht, überhaupt schon die Treue gebrochen.«

Der Herzog hatte sich umgewendet und schaute zum Fenster hinaus, Klaudine saß mit fast entstellten Zügen da. Die Herzogin bemerkte es nicht, sie lachte jetzt, es war ein so drolliger Gedanke, den sie eben ausgesprochen hatte. Und sie lachte weiter, so kindlich glücklich, wie nur der zu lachen versteht, der ein großes Glück sein eigen nennt und spielend von einem möglichen Verlust spricht, weil er sicher weiß, daß dies niemals sein kann.

»Klaudine!« rief sie dazwischen, »wie sehen Sie aus! Ängstigen Sie sich nicht, es ist kein Hochverrat. Nicht wahr, Adalbert, du weißt, wie ich oft necke? Mein Gott und nun tut mir die Brust weh — o das Lachen. — Klaudine! Klaudine!« Das Wort erstarb in einem heftigen Hustenanfall. »Wasser! Wasser!« stieß sie hervor.

Das erschreckte Mädchen war aufgesprungen und zu dem Tischchen geeilt, das stets eine Wasserflasche trug. Frau von Katzenstein, die in das Zimmer gestürzt war, hielt die nach Atem Ringende in den Armen. Der Herzog stand mit finsterer Miene neben dem Ruhebett, die Leidende hatte seine Hand wie im Krampf erfaßt.

Sie war wie geschüttelt von dem Husten und vermochte nicht zu trinken. Mit leisem Schritte kam der herbeigerufene Arzt durch das Zimmer. Klaudine trat zur Seite und gab dem alten liebenswürdigen Herrn Raum.

»Lieber Doktor Westermann!« stieß die Kranke hervor, »es wird schon besser, es geht vorüber. Oh mein Gott, ich atme wieder!«

Die allerletzte graue Dämmerung füllte das Zimmer. Klaudine hatte sich in die Fensternische zurückgezogen, sie stand wie auf glühenden Kohlen und sah, fast abwesend, auf die Gruppe inmitten des Gemaches.

Jetzt trat der Herzog zurück, und die Leidende fragte mit matter Stimme: »Habe ich dich sehr erschreckt, Adalbert? Vergib mir!«

»Hoheit müssen sich sogleich niederlegen«, erklärte der Arzt.

Der Herzog, der sich bereits der Tür genähert hatte, kam plötzlich zurück. Frau von Katzenstein stützte die Kranke, die sich gehorsam erheben wollte. Sie winkte freundlich zu Klaudine hinüber: »Auf Wiedersehen! Ich werde Sie bald rufen lassen, Liebste! Gute Nacht, mein Freund«, wendete sie sich dann zum Herzog, »morgen bin ich wieder ganz wohl.«

Der Arzt trat, nachdem die Kranke hinter dem Vorhang verschwunden war, zum Herzog.

»Hoheit, es ist nichts ängstliches, nur muß die hohe Kranke sehr geschont werden — keine aufregenden Gespräche, keine geistlichen Debatten, wie Ihre Hoheit es lieben. Das Temperament Ihrer Hoheit spielt mir ohnehin schon böse Streiche, ebenmäßig langweilig soll die Kranke leben.«

»Bester Herr Medizinalrat, Sie kennen ja die Herzogin. Eben hat sie übrigens bloß ein wenig gelacht.«

»Ich erlaube mir nur, Eure Hoheit nochmals darauf aufmerksam zu machen«, erwiderte der alte Mann sich verbeugend.

Der Herzog winkte sichtlich zerstreut und ungeduldig mit der Hand. »Guten Abend, lieber Westermann.«

Klaudine erschrak. Sie preßte sich tiefer hinein in die Dämmerung der Fensternische und blickte dem sich entfernenden Arzte mit seltsam bangen Augen nach. Sie war allein, allein mit dem Herzog. Das, was sie stets klug zu vermeiden gewußt, was er unverkennbar gesucht, heiß gesucht hatte, war geschehen. Aber vielleicht hatte er ihre Gegenwart vergessen, denn er schritt so erregt auf und ab im Zimmer. O, er würde sie nicht bemerken, das einzige Licht des Armleuchters genügte kaum, den nächsten Umkreis des Kamins zu erhellen, und sie stand geborgen hinter dem seidenen Vorhang der Fensternische.

In atemloser Angst verharrte sie, wie ein verfolgtes Reh, das dem Jäger nicht mehr zu entrinnen weiß. Sie hörte das Klopfen ihres Herzens so deutlich, wie seine gedämpften Schritte dort auf dem weichen Teppich. Dann zuckte sie empor, die Schritte näherten sich. Eine hohe Gestalt war unter den Vorhang getreten und eine Stimme, welche von einer leidenschaftlichen Aufregung seltsam klanglos gemacht wurde, nannte ihren Namen: »Klaudine«.

Sie trat furchtsam einen Schritt seitwärts, als wollte sie eine Gelegenheit erspähen, um zu fliehen.

»Klaudine«, wiederholte er und bog sich herab zu ihr, so daß sie trotz der tiefen Dämmerung den flehenden Ausdruck seiner Augen sehen mußte. »Die Szene tat Ihnen weh? Sie war nicht meine Schuld, ich möchte Sie um Verzeihung bitten.«

Er wollte nach ihrer Hand fassen, sie barg sie in den Falten ihres Kleides. Kein Wort kam aus ihrem fest geschlossenen Munde. So stand sie in stummer Abwehr, mit den schönen zornigen Augen ihn anblickend.

»Wie soll ich das verstehen?« fragte er.

»Hoheit, ich habe den Vorzug, die Freundin der Herzogin zu sein!« sagte sie dann voll Verzweiflung.

Ein trauriges Lächeln flog einen Augenblick über sein Gesicht. »Ich weiß es! Sie sind im allgemeinen nicht dafür, von heute auf morgen Freundschaft zu schließen. Indessen — Sie meinen, man müsse alles benutzen?« »So scheinen Eure Hoheit zu denken!«

»Ich? Auf Ehre nicht, Klaudine! Aber Sie, Sie haben sich mit wahrer Sturmeseile hinter die Schranke geflüchtet, die diese Freundschaft zwischen Ihnen und mir errichtet.«

»Ja!« sagte sie ehrlich, »und ich hoffe, daß Hoheit diese Schranke achten, oder —«

»Oder? Ich ehre und anerkenne Ihre Zurückhaltung, Klaudine«, unterbrach er sie. »Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen wie ein verliebter Page nachschleichen werde. Nichts soll Sie daran erinnern, daß ich Sie liebe, so leidenschaftlich, wie je ein Mann ein Mädchen geliebt hat. Aber erlauben Sie mir, daß ich in Ihrer Nähe sein darf, ohne dieser eisigen Kälte begegnen zu müssen, die Sie mir gegenüber zur Schau tragen, lassen Sie mir die — Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Sonne auch für mich scheinen wird, nur diese Hoffnung, Klaudine.«

»Ich liebe Sie nicht, Hoheit!« sagte sie stolz und kurz und richtete sich auf, »gestatten Sie, daß ich mich zurückziehe.«

»Nein! Noch ein Wort, Klaudine! Ich verlange kein Zugeständnis Ihrer Neigung, es ist weder die Zeit dafür noch der Ort. Sie haben recht, mich daran zu erinnern! Daß ich die Herzogin nicht aus Liebe gewählt habe, daß meine erste innige Liebesleidenschaft Ihnen gehört, kann ich dafür? Ich meine, das geschieht Besseren als mir! Es kommt ohne unser Zutun, ist da und wächst mit jeder Stunde, je mehr wir dagegen ankämpfen. Ich weiß nicht, ob Sie so fühlen wie ich? Ich hoffe es nur und will ohne diese Hoffnung nicht leben.« Er trat näher und bog sich zu ihr nieder. »Nur ein Wort, Klaudine«, bat er leise und demütig, »darf ich hoffen? Ja, Klaudine? Sagen Sie ja! und kein Blick soll verraten, wie es um Sie und mich steht.«

»Nein, Hoheit! Bei der Liebe zu meinem Bruder schwöre ich Ihnen, ich fühle nichts für Sie!« preßte sie hervor und wich zurück bis an das Fenster.

»Für einen anderen, Klaudine, für einen anderen? Wenn ich das sicher wüßte!« tönte es leidenschaftlich.

Sie antwortete nicht.

Er wandte sich mit einer verzweiflungsvollen Bewegung und ging zu der gegenüberliegenden Tür. Dann kam er noch einmal zurück.

»Glauben Sie denn, daß nicht allen Rücksichten der Ehre genügt werden würde? Glauben Sie, ich könnte Sie erniedrigen?« fragte er, »glauben Sie —«

»Hoheit beginnen bereits damit«, unterbrach sie ihn, »indem Sie mir in dem Zimmer Ihrer kranken Gemahlin von Liebe sprechen.«

»Wenn Sie die Sache so auffassen«, sagte er schmerzlich.

»Ja, das tue ich, Hoheit, bei Gott, das tue ich«, rief das schöne Mädchen.

»Klaudine, ich bitte Sie!« flüsterte er. Wieder schritt er hastig im Zimmer auf und ab und abermals trat er vor sie. »Sie wissen, daß mein Bruder, der Erbprinz, plötzlich starb, kurz vor meines Vaters Tode, vor nunmehr zwölf Jahren?« fragte er.

Sie neigte bejahend den Kopf.

»Nun, Sie wissen aber nicht, daß damals seitens unseres Hofes mit dem Kabinett zu X. Unterhandlungen stattgefunden hatten über das Projekt einer Heirat der Prinzessin Elise mit dem Erbprinzen, meinem Bruder. Man war fast zum Abschlüsse gelangt, das heißt, mein Bruder sollte wie von ungefähr nach X. zur Brautschau kommen — da starb er und mit den Rechten, die ich übernahm, übernahm ich auch die Pflichten. Nach beendeter Trauerzeit reiste ich nach X. und freite die Braut.«

»Es ist freier Wille gewesen, Hoheit!«

»Mitnichten! Mir war diese Heirat eine schwere Bürde mehr zu der, die mir ohnehin die Krone brachte. Prinzessin Elise, die mich ahnungslos empfing und mich mit ihren großen Kinderaugen anstarrte, war von der Bewerbung meines Bruders so wenig unterrichtet, wie von der Absicht, mit der ich ihr entgegentrat. Sie läßt sich leicht begeistern, und mit wenig Mühe gewann ich ihr Herz. Mir waren die Frauen höchst gleichgültig zu jener Zeit, ich kannte die besten nicht, die anderen schienen mir langweilig. Prinzessin Elisabeth war mir unbequem im Anfang, ich vertrage es nicht, wenn Frauen beständig in höheren Regionen schweben. Ich hasse alles exaltierte, dieses himmelhoch jauchzende, zum Tode betrübte, ich konnte anfänglich rasend werden bei ihren Tränenergüssen. Später wurde mir das, was mich anfangs abstieß, im höchsten Grade gleichgültig. Ich bin ihr stets ein aufmerksamer Gatte gewesen und von einer gewissen nachsichtigen Schwäche gegen ihre Launen, seit sie krank ist. Ich ehre und achte sie als die Mutter meiner Kinder, aber mein Herz blieb ruhig und ward immer ruhiger, je inniger ihre Neigung zu mir wurde. Ich kann nicht dafür, es wird auch nicht anders durch Betrachtungen darüber. Da sah ich Sie. Ich weiß, ja, ja, ich weiß, Sie beurteilen das vom herkömmlichen Standpunkte und flüchteten vor dieser Neigung in Ihr Waldidyll, aber mich trieb es nach im alten heißen Sehnen, und ich finde Sie unnahbarer als je, finde Sie als die Freundin der Herzogin.«

Es zuckte unsicher in seinem Gesicht. »Gut, Klaudine, ich werde für jetzt mich bescheiden«, fuhr er fort, »nur die eine Bitte noch, sagen Sie mir, lieben Sie einen anderen?«

Sie schwieg. Eine Purpurglut floß über ihr Antlitz. Stumm senkte sie das blonde Haupt.

»Sagen Sie ›nein‹!« flüsterte der Herzog leidenschaftlich.

»Hoheit wünscht, Fräulein von Gerold möge mit den Aventiureliedern von Scheffel in das Schlafzimmer kommen, um Hoheit vorzulesen«, sagte Frau von Katzenstein eintretend.

Klaudine war erschreckt zusammengefahren und sah ihn an, wie um Erbarmen flehend.

»Ja — oder nein, Klaudine, ist Ihr Herz schon gebunden?« flüsterte er.

Sie trat zurück und verbeugte sich tief. »Ja!« sagte sie fest und schritt hochaufgerichtet an ihm vorüber, in der Hand das Buch, das sie mechanisch vom Tisch genommen hatte. Vorlesen jetzt? Sie war halb betäubt.

Die Herzogin lag in ihrem mächtigen französischen Himmelbette, dessen schwere seidenen Purpurvorhänge zurückgenommen waren. Das ganze Gemach zeigte das tiefe satte Rot, die Lieblingsfarbe seiner Bewohnerin. Unter der Decke hing eine Ampel aus Rubinglas. Neben dem Bette stand ein niedriges, mit roter Seide bezogenes Tischchen, darauf eine Lampe mit ebenfalls rotem Lichtschirme; in einem zusammenlegbaren Juchtenrahmen die Photographie des Herzogs und der Prinzen. An der gegenüberliegenden Wand hing in schweren Goldrahmen eine wundervolle Kopie der Madonna della Sedia, der erste Blick der Erwachenden mußte dieses schöne Bild treffen.

Die fürstliche Frau schien sich ganz erholt zu haben, sie lag mit einer gewissen Behaglichkeit unter ihrer Purpurdecke und lächelte der Eintretenden entgegen. »Setzen Sie sich auf den Hocker hier und lesen Sie mir die Thüringer Lieder, liebe Klaudine. War der Herzog noch bei Ihnen?« fragte sie dann, »ist er sehr geängstigt über den Hustenanfall? Es tut mir so leid, wenn ich in seiner Gegenwart husten muß. War er sehr traurig?«

Die Kranke sah forschend in die bewegten Züge des schönen Mädchens, welches nicht wußte, was sie antworten sollte. Sie nahm Platz und bückte sich nach ihrem Taschentuch zur Erde, um Zeit zu gewinnen. Wie furchtbar war doch ihre Lage!

»Klaudine«, sagte die Herzogin, »ich glaube, ihr haltet mich alle für sehr krank, für kränker, als ich bin. Lesen Sie nur, ich will keine Antwort. Dort, wo das Zeichen liegt.«

Und Klaudine las mit bebender Stimme:

 

»Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet — «

»Hören Sie?« unterbrach die Herzogin, »hören Sie? Auch ich werde hier genesen! Und morgen wird die Sonne scheinen, und wir wandern hinaus in die Tannen und atmen Gesundheit, Oh meine geliebte Heimat!«

Als Klaudine abends die Treppe hinabstieg, um heimzufahren, trat ihr Herr von Palmer entgegen und begleitete sie vollends hinunter. Er gab hinter Klaudines Rücken der Kammerfrau einen Wink, die sogleich verschwand.

»Mein gnädiges Fräulein«, begann er mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Ehrfurcht — »Seine Hoheit hat mich mit dem schmeichelhaften Auftrage betraut, ein Schreiben in Ihre Hände zu legen, was ich hiermit tun möchte.«

Er hielt ihr ein Briefchen hin, mit dem herzoglichen Wappen gesiegelt. »Es betrifft Ihre Hoheit, die Frau Herzogin, und Antwort sei nicht nötig, sagten Hoheit. Darf ich bitten?«

Sie mußte es nehmen, obgleich sie die Hand des Menschen am liebsten zurückgestoßen hätte. Wie konnte der Herzog so unvorsichtig sein, ihr durch diese Kreatur einen Brief, einen verschlossenen Brief zu senden! Sie riß den Umschlag in seiner Gegenwart auf und las. Es waren nur wenige Zeilen:

 

»Klaudine!

Sie sind ein ungewöhnlicher Charakter und werden dementsprechend auch das Ungewöhnliche richtig beurteilen. Nach Ihrem letzten Wort — habe ich nur noch eine Bitte: bleiben Sie der Herzogin auch trotzdem eine Freundin, geben Sie meinem Bekenntnis nicht die Folge, Altenstein zu meiden! Sie haben es nicht nötig, Klaudine! Bei meinem Wort, Sie dürfen mir vertrauen!

                                           Adalbert.«

Sie ging rasch, Brief und Umschlag in der herabhängenden Rechten tragend, weiter. Herr von Palmer folgte ihr und half ihr dienstbeflissen in den Wagen, er ließ es sich sogar nicht nehmen, behutsam die Schleppe ihres Kleides zusammenzulegen, und trat erst mit tiefer Verbeugung zurück, als der Diener die Wagentür schloß.

»Auf Wiedersehen!« sagte er, als jetzt der Diener zum Kutscher auf den Bock sprang und die Pferde anzogen. Dann nahm er mit lächelnder Miene aus seinem rechten Ärmel ein Papier. »Man muß derartiges fester halten, schöne Klaudine«, murmelte er und überflog die Zeilen beim Scheine der Türlaterne.

Er nickte befriedigt und ging, eine Operettenmelodie vor sich hinsingend, in das Schloß zurück, um sein Zimmer im Erdgeschoß aufzusuchen. Dort zündete er sich eine Havanna an, warf sich auf die Ruhebank und überlas das Schreiben noch einmal.

»Seine Hoheit scheinen einen etwas stürmischen Anlauf genommen zu haben«, murmelte er, »und sie hat ihn in tugendhafter Entrüstung abgewiesen, gedroht, nicht wieder zu kommen. Und nun bittet er, der Herzogin wegen, diesen grausamen Vorsatz aufzugeben, und verspricht Besserung. Zeit gewonnen, alles gewonnen! denkt er. Es entwickelt sich sehr logisch, es ist gar nichts dagegen zu sagen — hm! Sie ist klug, sie wird sich nie begnügen, Seiner Hoheit die Stirn mit Rosen zu bekränzen, sie wird regieren helfen wollen. Diese Damen glauben ja alle, ihre schiefe Stellung durch sogenannte gute Taten zu sühnen, sie wollen den Unglücklichen, den sie in ihrer Macht haben, veredeln, wollen dem Volk zeigen, daß sein geliebter Herrscher keiner Unwürdigen in die Hände fiel, es soll anbetend vor ihnen auf den Knieen liegen und sie >des Landes guten Engel< nennen. Und auch die Klügsten sehen nur das, was ihnen zunächst vor Augen steht, und dieses Nächste könnte möglicherweise im vorliegenden Falle — ich sein!«

Er blies den Rauch seiner Zigarre zur Decke empor und betrachtete die Stuckgewinde dort oben.

»Sie kann mich nicht leiden«, sprach er weiter, »es geht ihr mit mir, wie es weiland dem unschuldigen Gretchen mit Mephisto erging, und es ist klar, daß sie eines Tages zu ihrem fürstlichen Faust sagen wird: ›Der Mensch, den du da bei dir hast, ist mir in tiefer innerer Seele verhaßt‹ — und so weiter. Das möchten wir am Ende doch verhindern! Ich will es nicht darauf ankommen lassen, ob der Herzog ihr glaubt oder nicht. Einstweilen freilich aufpassen! Die Berg wird helfen, sie hat eine hervorragende Begabung für Intrigen, mir selbst graut zuweilen vor diesem Weibe.«

»Das Abendessen ist bereit«, meldete der Diener. Herr von Palmer erhob sich ohne allzu große Eile, schloß sorgsam das Briefchen in einen riesigen alten Schreibtisch, dessen Täfelung das Geroldsche Wappen zeigte, ordnete vor einem großen Stehspiegel sein spärliches Haar, wusch sich mit einer wahren Flut von Kölnischem Wasser die mageren feinen Hände, gähnte herzhaft, nahm Hut und Handschuhe von dem ehrerbietig harrenden Diener, und nachdem er noch einen Blick auf die Uhr geworfen, welche die zehnte Stunde anzeigte, ging er nach dem kleinen Speisezimmer, wo die Herren, die der Herzog für seinen hiesigen Aufenthalt gewählt, bereits versammelt waren, der alte Kammerherr von Schlotbach, der Adjutant von Rinkleben, der den Rang eines Rittmeisters besaß, und der Jagdjunker von Meerfeld, ein Kerl wie ein junger Hund — wie Herr von Palmer ihn bezeichnete. Der letztere schien sich im allgemeinen der Freundschaft dieser drei Herren auch nicht besonders zu erfreuen. »Verzeihung«, sagte er zu den in einer Gruppe Versammelten, »ich ließ warten, war im Allerhöchsten Dienste beschäftigt, und ein reizender Dienst, meine Verehrtesten! Ich hatte auf Befehl Seiner Hoheit die schöne Klaudine von Gerold in den Wagen zu heben.«

»Donnerwetter, sie war schon wieder hier?« rief der Jagdjunker mit ungeheucheltem Erstaunen.

»Soeben verließ sie die herzoglichen Gemächer.«

»Sie wollen sagen: ›die Gemächer Ihrer Hoheit‹, mein Herr von Palmer«, berichtigte nicht ohne Schärfe der Rittmeister, und eine leise Röte stieg in sein Gesicht.

»Ich hatte das Glück, den schönsten Gast dieses Hauses auf dem oberen Korridor zu treffen«, erwiderte Palmer vielsagend lächelnd.

»Ah so! ›Man wußte nicht, woher sie kam, und schnell war ihre Spur verloren, sobald sie wieder Abschied nahm‹«, deklamierte der Jagdjunker lachend.

Der Rittmeister warf ihm einen unwilligen Blick zu. »Fräulein von Gerold war bei der Herzogin, hat in ihrem Salon gesungen und ist dann im Schlafzimmer ihrer Hoheit gewesen«, sagte er laut und bestimmt.

»Vorzüglich unterrichtet!« flüsterte Palmer und verbeugte sich tief. Der Herzog war soeben eingetreten. —

»Ich verstehe Klaudine von Gerold nicht«, sagte der Rittmeister ernst, als er nach dem Abendessen neben dem Jagdjunker den Gang entlang schritt, an dessen Ende sich ihre Zimmer befanden. »Es ist Mut am unrechten Platz, sie sollte die Höhle des Löwen meiden. Unglaublich, mit welcher Tollkühnheit ein Weib im Gefühl seiner Sicherheit und Tugend seinen guten Ruf aufs Spiel setzt.«

»Vielleicht macht es ihr Spaß, auf dem gefährlichen Seil zu tanzen«, erwiderte der Jagdjunker leichthin, »strauchelt sie, dann sind ja die Arme längst geöffnet, die sie auffangen, strauchelt sie nicht — um so besser. Ich denke aber, es kann ganz amüsant werden, es ist ohnehin verteufelt langweilig in diesem deutschen Aranjuez.«

»Von einer anderen würde ich vielleicht auch so denken, lieber Meerfeld, aber in anbetracht dieser Dame möchte ich doch bitten, Ihre Kritik etwas mäßigen zu wollen.«

»Na, nur nicht tragisch, Rittmeisterchen«, lachte der andere. »Lassen Sie sich den Schlaf nicht vergehen darüber, vorläufig sehen Seine Hoheit noch nicht aus wie ein Beglückter, Sie waren mehr denn schlechter Laune. Die Langeweile! Die Langeweile! Dieses Altenstein ist aber auch eine tolle Idee. Wenn man hier dumme Streiche macht, so beantrage ich mildernde Umstände.«


 

12.

 

Klaudine langte vor dem Eulenhause an, sie hatte noch immer ein zerknittertes Papier in der Hand. Der alte Heinemann, der schon lange neben seinem Laternchen vor der Gartentür auf sie gewartet hatte, erhielt kaum mehr als einen flüchtigen Gruß von seiner jungen Herrin. Sie flog förmlich vor ihm her in das Haus, und als er nachkam und die Tür verriegelte, hörte er nur noch das Rascheln ihres seidenen Kleides auf dem oberen Flur. Dann ging eine Tür und es ward still.

Auch in dem kleinen Mädchenstübchen blieb es still und dunkel, als sei niemand drinnen, und doch saß am Fenster eine Gestalt und starrte regungslos in das Waldesdunkel, das schwärzer noch als die lichtlose Nacht das einsame Haus umgab. »Was ist geschehen?« fragte Klaudine sich. »Der Herzog hat mir seine Liebe gestanden und ich wies ihn zurück, auf immer zurück. Aber um welchen Preis?« Um das Bekenntnis ihres tiefsten Geheimnisses, das sie sich selbst noch nicht zu gestehen wagte, ihr Stolz empörte sich gegen diese Tatsache, jetzt wußte es derjenige, der ihr heute mit einem beleidigenden Geständnis genaht! Ob der Herzog ahnte, wen sie liebte? Es wäre unerträglich!

Sie ballte unwillkürlich das Papier in ihrer Hand zusammen, und Tränen heißer Scham traten ihr in die Augen. Rasch erhob sie sich, zündete Licht an, faltete das Papier wieder auseinander und bemühte sich, es zu glätten. Dann stützte sie sich schwer auf den Tisch und starrte auf den zerknitterten weißen Umschlag, es war eben nur der Umschlag, — das Briefblatt fehlte! Unruhig begann sie in der nächsten Minute zu suchen auf dem Tisch, auf dem Boden an dem Fleck, wo sie gesessen, sie schüttelte den Mantel aus und die Falten ihres Kleides, sie nahm endlich den Wachsstock und leuchtete das Treppchen hinunter — auch dort nichts! Wie ein Dieb schlich sie zur Haustür, schob den Riegel zurück und leuchtete hinaus auf die Schwelle und den Sandsteintritt — auch hier nichts zu sehen. In ihrer Besorgnis ging sie, das flackernde Flämmchen mit der hohlen Hand schützend, den Gartenweg entlang bis zur Pforte, möglicherweise war ihr das Papier beim Aussteigen entfallen. Die Gittertür, die auf die Landstraße führte, knarrte, als sie von ihr geöffnet wurde, der Lichtschein flammte geisterhaft über den Weg — nichts helles glänzte ihr entgegen. Mit angstvollen Augen spähte sie unter die Weißdornsträucher zur Seite der Pforte — nichts! Und plötzlich flackerte das Licht auf und erlosch dann und sie befand sich im Dunkeln, und so tief erschien den an das Licht gewöhnten Augen die Finsternis, daß sie einen Augenblick ratlos stand und nicht zu unterscheiden vermochte, wohin sie sich wenden müsse, um wieder in den Garten zu gelangen.

Ah, richtig! Dort über ihrem Fenster leuchtete Joachims Studierlampe friedlich in die Nacht hinaus und sandte einen schmalen Streifen Helligkeit auf das Gärtchen und die Straße. Wenn er ahnen könnte, wie sie hier draußen stand, Angst und Zorn im Herzen! Sie beneidete ihn förmlich und den Frieden seiner engen Stube, in die kein Sturm von außen drang. Sein Schifflein lag im Hafen, und ihres trieb auf dem wilden Meer, und wo es einst einen Hafen finden würde, das mochte Gott allein wissen!

Plötzlich schrak sie zusammen und huschte in die geöffnete Pforte. Auf der Landstraße scholl Hufschlag, nahe schon und immer näher. Ein rascher Trab war es, und jetzt kam der Reiter dicht an ihr vorüber, und just in dem Lichtschein blieb er halten und sah zu dem Fenster des Turmes hinauf. Sie faßte auf einmal, wie nach einer Stütze suchend, in die Latten der Pforte und starrte hinüber — Lothar! Was wollte er hier? Ein fast betäubendes Glücksgefühl überkam sie. Sah sie recht? War er es wirklich? Was wollte er? Kam er wahrhaftig, um nach ihrem Fenster zu spähen? Barmherziger Gott, ein Zeichen, daß sie nicht träume!

Da wandte er das Pferd, und langsam ritt er zurück; die Dunkelheit verschlang aufs neue seine Gestalt, nur der Hufschlag klang noch lange in den Ohren des zitternden Mädchens nach, bis sie sich endlich in das Haus zurückschlich.

Sie dachte nicht mehr an den verlorenen Brief, sie konnte überhaupt nicht mehr denken, ihre Augen brannten, und ihre Lippen waren trocken, es bohrte ihr schmerzend in den Schläfen. »Ruhe! Ruhe!« flüsterte sie und barg die heiße Stirn in die Kissen. — »Ruhe! Schlaf!«


 

13.

 

Auf Neuhaus herrschte am anderen Tage ein ganz ungewöhnliches Leben. Zu ebener Erde, neben dem Wohnzimmer, links von dem großen Flur, stand in dem hohen geräumigen Speisesaal eine Tafel, die wesentlich abstach von derjenigen, an welcher gewöhnlich hier gegessen wurde. Während sie sonst mit einem blendend weißen, aber doch ziemlich derben Drelltischtuch nebst Servietten von gleicher Qualität gedeckt war, breitete sich heute schimmernder Damast darüber aus und das einfache Geschirr von gewöhnlichem Steingut mit blauen Rändchen war durch köstliches altes Meißner Porzellan verdrängt, das schon seit langer Zeit den Stolz des Neuhäuser Geschirrschrankes ausmachte, reizend geformte Tafelaufsätze, deren Platten Früchte und Backwerk trugen, hatten die Blechkörbchen ersetzt, in denen Beate für gewöhnlich den Nachtisch herumreichen ließ, mochte derselbe in Frühbirnen oder Winteräpfeln oder in kleinem Gebäck bestehen, und die sehr handfesten Solinger Messer und Gabeln mit Griffen von Hirschhorn waren den Silberbestecken gewichen, die Wappen, Namenszug der Gerolds und eine Jahreszahl trugen, welche das hohe Alter verriet, wenn es ihre schöne Form nicht bereits getan hätte.

Die Arme des mächtigen Kronleuchters aus Bergkristall über der Tafel, die übrigens nur sieben Gedecke zählte, waren mit gelblichen Wachskerzen besteckt, ebenso die zahlreichen Wandleuchter. Auf dem riesigen eichenen Kredenztische aber funkelte und blitzte es von silbernem Gerät und prächtigem Kristall, und die Sonne, die täglich um diese Zeit hier herein einen Blick tat, ließ farbige Lichter aufsprühen und streifte das braune Haar über der weißen Stirn Beates, die beschäftigt war, auf einem Tischchen Blumen in ein paar Vasen zu setzen.

»Werdet ihr gleich stehen!« murmelte sie ärgerlich vor sich hin, als ein paar Levkojen immer wieder zur Seite fielen. »So, nun geht’s.« Und sie steckte in die bunte Pracht eine rote Rose, und den zierlichen Aufbau betrachtend, reichte sie ihn dem Stubenmädchen, das daneben stand. »Trag es zur Frau von Berg, Sophie, sie soll es in das Zimmer der Prinzessin Thekla setzen, der Herr habe es befohlen. Dann bist du gleich wieder unten und wischest noch einmal Staub von allen Stühlen und schließest die Läden. Eben kommt die Sonne.«

Nun ging auch Beate noch einmal an der Tafel hinunter und blieb kopfschüttelnd vor dem Platz stehen, den sie, nach der Bestimmung Lothars, neben Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Thekla einnehmen sollte, heute abend zum erstenmal und dann täglich vier Wochen lang. Wie würde sie das nur aushaken? Da lag die Suppenkelle, das Symbol ihrer Hausfrauenwürde. Lothar hatte gewünscht, daß sie dieses Amt wie immer verwalten möge, »denn wir sind auf Rittergut Neuhaus, meine beste Beate, und nicht bei Hofe, und nichts in der Welt ist mir unangenehmer, als ein Umhertragen der gefüllten Suppenteller, sie haben so leicht überlaufende Ränder.«

Dies war aber auch so ziemlich das einzige, was in Hinsicht seines hohen Besuches von ihm angeordnet worden war, alles übrige hatte er vertrauensvoll ihrem klugen Kopf und ihren geschickten Händen überlassen und allen Fragen gegenüber nur geantwortet: »Aber du wirst es schon gut machen, tue ganz nach deinem Gefallen,«

Nun war sie auch dieser Riesenarbeit Herr geworden. Sie hatte ein weißes Tuch über ihre glänzend braunen Haare gebunden und war in Hauskleid und Wirtschaftsschürze, mit Schlüsselbund, Staubtuch und Besen im Hause umhergezogen, hatte dem Dienstpersonal »Beine gemacht«, wie sie sich ausdrückte, Möbel rücken, Vorhänge aufstecken, Teppiche auf Treppen und Gängen ausbreiten lassen und Truhen und Spinden das Feinste und Beste entnommen. Und eben war das letzte getan, sie konnte sich noch ein paar Stündchen ausruhen, ehe sie ihren Gästen als Hausfrau gegenübertreten mußte.

Das ganze obere Stockwerk hatte man für die durchlauchtigste Schwiegermutter und die Schwägerin Lothars hergerichtet, der Hofdarme war ein nettes Zimmer neben Frau von Berg eingeräumt, der Kammerherr nebst Diener im Gartenpavillon untergebracht worden und die Kammerfrau ihrer Durchlaucht in der Nähe ihrer Damen. Lothar behielt sein Zimmer rechts vom Hausflur, das liebe alte Wohnzimmer und die Schlafstube Beates sollten ganz und gar abgeschieden bleiben. Einen Zufluchtsort mußte man doch haben.

Beate war eben den Flur entlang geschritten und näherte sich der Tür ihrer Wohnstube, dann nahm sie ein Kreidestückchen aus dem Schlüsselkorb, schrieb auf die braune Täfelung »Verbotener Eingang!« und trat nun lächelnd in ihr Reich. Sie saß ein Weilchen ruhend im Lehnstuhl, dann sprang sie auf und eilte in die Schlafstube. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück, sie hatte einen großen braunen Strohhut aufgesetzt und einen leichten Umhang um die Schultern geworfen. Im Hinausgehen zog sie ein Paar Leinwandhandschuhe an und trat in die Küche, wo die Mamsell mit rotem Kopf vor dem Backofen stand und Mürbkuchen herauszog.

»Gut, Rikchen, daß ein paar fertig sind«, sagte Beate und nahm ein halbes Dutzend des zierlichen Gebäckes, »gebt etwas Papier — so — ich mache noch einen Spaziergang und bin pünktlich zurück. Begeht nur keine Dummheiten mit den Kücken und setzt die Schoten nicht zu früh an, den Rehrücken knapp eine Stunde im Ofen! — Ich sag’s Ihnen noch einmal, ich habe keine Zeit, danach zu sehen, wenn ich bei Tische sitze, und daß nur die Forellen schön blau und krumm sind und im Grünen serviert werden. Es kommt alles auf Sie, Rikchen.«

Sie nickte noch einmal und ging raschen Schrittes direkt aus der Küche, einen Seitenweg durch den Park nehmend, auf die Landstraße. Eigentlich war es nicht zu rechtfertigen, daß sie davonlief, heute, wo ihr Ruf als Hausfrau geprüft werden sollte. Wie, wenn irgend etwas mißlang?

»Auch gleich!« sagte ihr eine innere Stimme, »denn wenn die ganze Hatz hier eingezogen ist, komme ich fürs erste nicht wieder nach dem Eulenhause zu Klaudine und zu der Kleinen.«

Sie ging in wahrem Sturmschritt und nahm allerhand Richtwege. Dunkelrot glühte ihr Gesicht, als nach einer halben Stunde das Eulenhaus aus grünen Wipfeln auftauchte. Es war just drei Uhr nachmittags.

Im Schatten der alten Mauer spielte die Kleine mit ihrem Puppenwagen, nun kam sie mit wehenden Locken auf die Tante zugestürmt, und diese hockte sich an die Erde und fing das Kind mit beiden Armen auf.

»Es war gar nicht hübsch, Tante Beate«, klagte es, »immerzu hat es geregnet und Tante Klaudine ist so oft fortgefahren.«

»Aber heute scheint die Sonne und du kannst wieder im Garten spielen. Gelt, das gefällt dir?«

Die Kleine nickte und trippelte neben ihr her. »Und Tante Klaudine ist auch zu Hause«, plapperte sie, »sie sitzt in ihrer Stube und schreibt und ist so fein angezogen.« An der Haustür blieb das Kind stehen und schüttelte den blonden Kopf. »Ich gehe wieder zu Heinemann«, erklärte sie und lief eilends davon.

Beate stieg die schmale Treppe empor und klopfte an die Tür ihrer Cousine. Klaudine saß in der Tat am Schreibtisch, aber sie schrieb nicht mehr. Vor ihr lag ein fertiger Brief.

»O Beate, du?« sagte sie müde und kam der Eintretenden entgegen.

»Ei, ei!« scherzte diese. »In Weiß mit blauen Schleifen? Was ist denn los? Willst du nach Altenstein?«

Das Mädchen nickte.

»Ich hatte abgesagt heute früh, aber die Herzogin ließ es nicht gelten. Sie schrieb mir, wenn ich nicht kommen wolle, würde sie zu mir kommen. Sie will hier vorüberfahren und mich abholen.« Sie schaute dabei ergeben an Beate vorüber. »Es ist so heiß«, fuhr sie fort, »ich sehnte mich nach einem lichten Kleide. Man sagt immer, die Farbe der Kleidung habe Einfluß auf die Stimmung, nun — ich könnte ebensogut —«

»Schwarzen Flor anhaben«, ergänzte Beate und setzte sich. »Was ist dir denn? Du siehst aus, als ob du Kopfweh hättest!« und sie sah befremdet in die abgespannten Züge Klaudines.

»Mir fehlt eigentlich gar nichts, Beate.«

»Eigentlich? Na, das hast du noch vom Hofe, so eine unglückliche Hofdame muß sich immer ›wohl‹ befinden, wie ein Ballettmädel immer lächeln muß, auch wenn sie kaum noch Atem kriegt.«

»Beate, du übertreibst«, sagte Klaudine ruhig, »nein, ich bin nicht krank, aber denke — vielleicht verreise ich auf einige Zeit.«

»Du?« rief die Cousine, »jetzt?«

»Ja, ja! Schweige aber darüber. Joachim weiß es noch nicht«, erwiderte sie. Und ehe noch Beate die Frage aussprechen konnte, die auf ihren Lippen schwebte, fiel Klaudine ein: »Ist dir Joachim nicht begegnet?«

»Nein!« antwortete Beate leise.

»Ich glaube, er wollte Lothars Besuch erwidern! Du weißt, das ist ein Entschluß für ihn. Er ging vorhin erst fort, ich bin überzeugt, er braucht drei Stunden zu dem Wege, denn beim Gehen wird ihm allerlei einfallen, und da setzt er sich dann hin und schreibt und notiert und vergißt Zeit und Ort.«

»Er wird Lothar nicht antreffen«, sagte zögernd Beate. »Lothar ist nach Lobstedt.«

»Nach Lobstedt?« fragte Klaudine, »will er verreisen?«

»Nein, er erwartet Prinzeß Thekla mit Tochter. Weißt du das noch nicht? Sie will vier Wochen in Neuhaus bleiben, um ihr Enkelchen zu genießen.«

»Nein —« sagte Klaudine tonlos.

Es war so still in dem Zimmer, daß selbst das leise Ticken der kleinen brillantbesetzten Taschenuhr hörbar ward, die auf dem Schreibtischchen in zierlichem Perlmutterständer hing. Beate schaute sehnsüchtig durchs Fenster, sie wäre am liebsten gegangen. Sie dachte an ihren Hausfrauenposten, den sie heute, gerade heute treulos verlassen hatte, und dann sah sie eine Männergestalt in dem dämmerigen Flur des Neuhäuser Schlosses, wie sie vor einer Tür stand, auf der in Kreideschrift zu lesen war: »Verbotener Eingang!« Und sie sah, wie dieser Mann den Kopf schüttelte und wieder umwendete. Er durfte nicht so fort, nein, nein! Vielleicht käme er nie wieder!

Sie sprang plötzlich empor.

»Verzeih, Klaudine, ich möchte doch lieber heim, du weißt, es ist allerlei zu besorgen.« Die Lüge erstarb ihr auf den Lippen, sie war jäh errötet. »Leb wohl, mein Schätzchen!«

»Leb wohl, Beate!«

»Um Himmels willen, du bist krank, Klaudine!« rief Beate und starrte ihre Cousine an, erst jetzt bemerkend, daß deren Antlitz völlig entfärbt war.

»Nein, o nein!« wehrte diese. Und jetzt zog eine wahre Purpurglut über Stirn und Wangen. »Ich bin gesund, ganz gesund! Geh nur«, drängte sie dann, »geh, ich bin völlig kräftig, ich begleite dich hinunter. O, sicher hast du noch vieles vorzubereiten, und sage Joachim, wenn du ihn triffst, daß er gehen soll, ehe die Damen anlangen, er ist so scheu, weißt du, so sonderbar.«

»Er braucht sie gar nicht zu sehen! Ich habe mein Zimmer für mich«, murmelte Beate.

»O, da kennst du Prinzeß Helene nicht!« klang es bitter.

»So?« fragte Beate, indem sie neben Klaudine die Treppe hinunterschritt. »Na, da gib mir doch einige Winke über diese kleine Prinzessin, von Lothar ist kein Wort herauszubringen.«

»Beate — ich — weißt du, ich bin nicht unparteiisch genug, um gerecht zu sein. Sie mag mich nicht, glaube ich, und kehrt mir gegenüber stets die schnippische Seite heraus. Diejenigen, denen sie wohl will, sind entzückt von ihr. Sie ist ein Sprühteufelchen, anziehend, ohne gerade hübsch zu sein, voller Leben, launisch —« Sie stockte. »Ja, ja«, sagte sie dann leise, »sie ist sehr reizend, sehr — und nun leb wohl, Beate!«

»Willst du weinen?« fragte die Cousine, »du hast so glänzende Augen!«

»Nein«, sagte Klaudine, »ich will nicht weinen.«

»Na, dann leb wohl, Herzenskind, und denke an frische Toiletten. Lothar will ein Fest geben. Ich meine, du wirst dann selbst diese ›sehr reizende‹ Prinzessin ausstechen, und nicht wahr, du leihst mir ein wenig deinen Rat, ich hin in der Hofsitte so unerfahren wie ein kleines Kind. Leb wohl, Schatz, leb wohl!«

Klaudine eilte ins Haus zurück in ihr kleines Stübchen. Ihr war, als sei die Welt aus den Fugen gegangen seit gestern. Sie wußte ja nur zu gut, warum Prinzeß Thekla ihr zweites Töchterchen nach Neuhaus brachte!

»Verloren!« flüsterte sie, »verloren für immer! Aber — kann man denn etwas verlieren, was man nie besaß?«

Sie war nicht ärmer als bisher, und doch — seit gestern, seit diesem bunten schrecklichen Gestern hatte sich riesengroß eine Hoffnung in ihr Herz gedrängt, sie hatte wider Willen an seinen nächtlichen Ritt tausend süße törichte Gedanken geknüpft. Hoffen und Bangen hatte sie bewegt bis zum grauen Morgen.

Welche Torheit! Er war nicht gekommen, um mit liebendem Auge ihren Schatten zu erspähen, er hatte nachsehen wollen, ob sie daheim sei, wie es ehrbaren Mädchen ziemt! O, er war sehr besorgt um die Ehre seines Namens!

Sie preßte die Hände vor die Augen, so fest, daß sie Feuerfunken zu sehen vermeinte, aber mitten darin gaukelte eine zierliche Mädchengestalt. Sie ließ die Arme wieder sinken und schaute durchs Fenster. War sie überhaupt noch bei Sinnen? Durch die roten Flecke, die noch vor ihren Augen tanzten, leuchtete jenseit des Gitters die Purpurlivree des herzoglichen Dieners, und nun stürzte Fräulein Lindenmeyer bereits ins Zimmer: »Klaudinchen! Fräulein Klaudine, die Hoheiten!«

Mit schwankendem Schritt trat Klaudine vor den Spiegel, setzte das weiße Strohhütchen auf, ließ sich von Fräulein Lindenmeyer den blaugefütterten Sonnenschirm in die Hand drücken und ging hinunter. Sie sah kaum, daß auf dem hohen Bock des sehr niedlichen zweisitzigen Wagens der Herzog in eigenster Person die Zügel hielt. Mechanisch beugte sie sich auf die Hand der Herzogin, deren zartes Gesicht vor Wonne über diese Spazierfahrt leuchtete.

»O, danke, danke, meine beste Klaudine, es geht mir vortrefflich!« sagte sie mit ihrer matten Stimme, »wie soll es auch anders sein? Dieses himmlische Wetter, dieser Tannenduft, der Herzog als Wagenlenker und Sie mir zur Seite! Sagen Sie selbst, meine Beste!«

Man war stundenlang in den Wäldern umhergefahren, vor einer einsamen Mühle wurde haltgemacht und die Herzogin hatte von der jungen, ganz bestürzten Müllersfrau ein Glas kühler Milch erbeten, während der Herzog dem Diener die Zügel zuwarf und plaudernd am Wagenschlag lehnte. Den ehrerbietig herzugeeilten Müller hatte er huldvoll nach dem Gange des Geschäfts gefragt und ihn geheißen, der Frau Herzogin die drei Buben vorzustellen, die mit den kleinen Prinzen just in einem Alter standen, und die fürstliche Frau hatte die blonden sonnverbrannten Kinder gefragt, was sie werden wollten, und auf die Antwort: »Soldaten!« jedem für die Sparkasse einen blanken Taler mit dem Bilde des Herzogs geschenkt. Dann war man weitergefahren, heimwärts, denn die Abendsonne begann durch das Tannengezweig zu leuchten.

Die Herzogin tat noch immer tausend Fragen. Gewaltsam mußte Klaudine ihre wild davonflatternden Gedanken zusammennehmen.

»Neuhaus hat Gäste«, sagte jetzt die fürstliche Frau, »dort weht die Standarte unseres Hauses.«

»Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla«, bestätigte Klaudine mit matter Stimme.

»Und Helene?«

»Prinzeß Helene wird ebenfalls erwartet, Hoheit.«

»Leb wohl, du schöne Einsamkeit!« rief die Herzogin.

Die Kutsche näherte sich rasch der niedrigen Mauer des Neuhäuser Parkes, ihr entgegen rollten in scharfem Trabe zwei Landauer, die Kutscher und Diener in großer Livree. Man mußte sich unmittelbar an der Einfahrt begegnen, und in der Tat, der Herzog senkte grüßend die Peitsche, und die Herzogin winkte freundlich mit der Hand zu dem Wagen hinüber, in deren braunseidenem Rücksitz zwei Damen saßen, gegenüber Baron Lothar. Klaudine sah, wie die junge Prinzessin, im koketten Reisemantel aus hellgrauer glänzender Seide, unter dem zierlichen Strohhütchen hervor einen spöttisch verwunderten Blick zu ihr hinüberwarf, wie Prinzeß Thekla die Lorgnette bei der Verneigung, die sie der regierenden Herzogin halb widerwillig zukommen ließ, kalten Auges auf sie richtete und wie Lothar sie kaum zu beachten schien. Nach ein paar Sekunden war man aneinander vorüber.

»Dort tritt die künftige Herrin in das Neuhäuser Schloß«, sagte der Herzog, und seine blitzenden Augen streiften das bleiche Mädchengesicht.

»Du meinst wirklich, Adalbert? Welch Glück für die kleine Verwaiste!«

Er antwortete nicht. Klaudine preßte die Hände um den Griff ihres Sonnenschirmchens, sie zwang sich gewaltsam, ihre tiefe Bewegung nicht zu verraten. Ahnte der Herzog, wer es war, den sie im Herzen trug? Sie konnte nicht hindern, daß eine heiße Röte sich über ihr Antlitz ergoß, und jetzt begegnete sie abermals dem forschenden Auge des Herzogs.

»Sie ist ein verwöhntes kleines Geschöpf«, sagte die Herzogin, die jetzt wie träumerisch in dem Polster des Wagens lehnte, »möge sie Glück bereiten und finden! Unter uns, liebste Klaudine, ich glaube, Geralds Neigung wird von ihr erwidert und von Prinzessin Thekla begünstigt.«

»Ich glaube es auch, Hoheit«, bestätigte Klaudine und erschrak fast über ihre harte Stimme. Es war mit einem Male seltsam kalt und still in ihr geworden.

In Neuhaus waren indessen die fürstlichen Gäste heimisch geworden. Prinzeß Helene hatte das Kind ihrer Schwester, das Frau von Berg den Damen im weißen, überreich mit Spitzen verzierten Kleidchen entgegentrug, geküßt und dann sofort Umschau gehalten. Sie war treppauf und —ab gegangen, hatte Türen geöffnet, in die Zimmer gesehen und gefragt, wo denn ihr Schwager sein Heim habe, um stehenden Fußes auch in dessen Räume einzudringen, die mit ihren Jagdtrophäen und Waffen, mit Bilderschmuck, mit antiken Möbeln und persischen Teppichen das Muster einer eleganten Herrenwohnung boten, und hatte dort, neugierig wie ein Kind, mit ihren schwarzen Beerenaugen alles gemustert. Sie war im Garten gewesen und wieder in das Herrenhaus gekommen und hatte da plötzlich vor einer Tür gestanden, die mit großer energischer Schrift die Worte: »Verbotener Eingang!« zeigte. Sofort hatte Ihre Durchlaucht den Drücker gebogen, und ihr dunkles Köpfchen lugte neugierig in das altvaterische Wohnzimmer. Wie das gemütlich aussah! Wie traulich das Abendrot die altersbraunen Möbel überhauchte! Und wunderbar, dort am offenen Fenster saß ein schlanker Mann und las, sein feines Profil hob sich scharf ab gegen das dunkle Grün der Bäume hinter den Scheiben. Er war so tief in den alten Lederband versunken, daß er gar nicht bemerkte, wie er beobachtet wurde.

Leise machte die kleine Prinzeß die Tür wieder zu und flog die breite eichene Treppe hinauf. Oben warf sie sich in einen Lehnstuhl und wollte sich totlachen über das erschreckte Gesicht der Frau von Berg, die auf ihrem gewöhnlichen Platz eifrig schrieb.

»Was haben Sie uns denn eigentlich immer berichtet von diesem Neuhaus, liebste Berg?« fragte sie. »Da war in Ihren Briefen an Mama von weiter nichts die Rede, als von ›durchaus nicht standesgemäß‹, von ›spießbürgerlichen Gewohnheiten‹ und so weiter. Ich finde es reizend, überaus reizend hier, ich werde nicht einen Augenblick die Langeweile verspüren, die man immer zwischen Ihren Zeilen lesen mußte. Und was wollen Sie denn von der Schwester des Barons? Sie ist eine originelle Dame und sieht stattlich genug aus in ihrem grauen Seidenkleid, und was das Kind betrifft, so waschen Sie der Kleinen nur die dichte Schicht Reispuder ab, die Sie auf das arme Gesichtchen gelegt haben, wahrscheinlich um Mama zu rühren. Augenblicklich gleicht es Ihnen, liebste Berg, wenn Sie nämlich schmachtend zu erscheinen wünschen.«

»Durchlaucht!« rief Frau von Berg beleidigt und wurde rot unter der Schminke.

»Ereifern Sie sich doch nicht«, fuhr die Prinzessin fort, »geben Sie lieber derartige Versuche auf! Ich finde es nun einmal reizend hier draußen und werde das meinem Schwager sagen.«

»Da werden Durchlaucht völlig seinen Geschmack treffen.«

»Oh, was Sie meinen, Beste, das weiß ich«, erwiderte die Prinzessin, »aber das ist lächerlich, einfach lächerlich. Heraus mit der Sprache, liebstes Bergchen, wenn Sie positives wissen«, sagte sie siegesgewiß. »Sie begreifen doch, es kann mir nicht gleichgültig sein, wer die Mutter des Kindes« — sie wies nach der Nebentür — »wird.«

»Durchlaucht glauben mir ja doch nicht«, schmollte die Dame und sah vorüber an den funkelnden schwarzen Mädchenaugen.

»Mitunter nicht! Ich weiß indessen ganz genau Wahrheit und Dichtung bei Ihnen zu unterscheiden.«

»Nun, so lasse ich Ihnen die Wahl, Prinzessin«, begann Frau von Berg eifrig, »ob Sie glauben wollen oder nicht. Er —«

»Es ist nicht wahr!«

»Aber, Durchlaucht, ich sprach noch gar nicht!«

»Alice, sagen Sie nichts, es ist nicht so«, rief die Prinzessin fast drohend. »Er hat sie niemals angesehen, er ist ihr geflissentlich aus dem Wege gegangen. Sie wollten etwas anderes erzählen.«

»Gut, wie Durchlaucht befehlen. Sie —«

»Sie ist in anderen Ketten und Banden, ich habe es gesehen«, rief Prinzeß Helene. »Der Herzog —«

»Aber ich habe ja noch gar nichts gesagt«, unterbrach die Berg. »Wenn Durchlaucht so gut unterichtet sind, was soll ich dann noch sagen?«

»Sprechen Sie, Alice«, bat die Prinzessin jetzt, »ist es denn möglich? Mama ist außer sich darüber, ich sehe es ihr an, sie redet kein Wort zu mir, seit wir den Herzog mit ihr im Wagen gesehen haben, und ihre Nase ist spitz, das bedeutet Sturm. Sie wissen es, Alice.«

»Aber die Herzogin fuhr mit, Prinzessin.«

»Ach Gott«, rief diese und schlug die kleinen Hände zusammen, »die arme gute Liesel! Sie schwebt, wie gewöhnlich, in höheren Regionen und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich wette, Hoheit, meine Cousine, schreibt wieder an einem Trauerspiel, das dann im nächsten Winter zu unser aller Erbauung aufgeführt werden wird. Wissen Sie noch, Alice, vorigen Winter? Aber Sie waren ja in Nizza. Schauerlich! Schauerlich! Drei Tote waren zuletzt auf der Bühne, und ich hörte, wie Graf Windeck zu der Moorsleben sagte: »Passen Sie auf, Gnädigste, jetzt sticht gleich noch der Souffleur den Lampenputzer tot.«

Sie lachte übermütig, die kleine Prinzessin, wurde aber sofort wieder ernsthaft. »Ich bin ihr bei alledem doch sehr gut, Alice, sie ist liebenswürdig, trotz ihrer Romanideen. Arme, arme Liesel! Hätte sie nicht heute neben ihr gesessen, ich wäre aus dem Wagen gesprungen und ihr um den Hals gefallen. Sagen Sie, Alice, wie kann man einen solchen Eiszapfen, wie diese Klaudine, zu näherem Verkehr um sich haben?«

Die Tischglocke erscholl in diesem Augenblick und Prinzeß Helene ließ sich noch in aller Eile die Stirnlöckchen zurecht machen. Auf der teppichbelegten Treppe schritt eben Prinzessin Thekla am Arme des Hausherrn hinunter, als sie mit Frau von Berg und der Hofdame nachfolgte.

»Übrigens, Alice«, fragte die junge Prinzeß leise, »was ist das für ein Herr, der in dem Zimmer wohnt, wo angeschrieben steht »Verbotener Eingang«?«

»Ein Herr, Durchlaucht?«

»Nun ja, ja!«

»Durchlaucht müssen einen Geist gesehen haben.«

»Doch nicht. Ich werde mich bei Fräulein von Gerold erkundigen.« Sie tat es auch sofort, man hatte kaum Platz genommen.

»Das war mein Vetter Joachim, Durchlaucht«, antwortete Beate, und die Suppenkelle schwankte ein klein wenig in ihrer Hand.

»Der Bruder von Klaudine Gerold?«

»Ja, Durchlaucht.«

»Das Eulenhaus ist ja wohl sehr nahe, lieber Gerold«, erkundigte sich Prinzeß Thekla und nahm Salz in die Suppe.

»In einer halben Stunde zu erreichen«, erwiderte er.

»Wenn die gnädigsten Herrschaften befehlen, fahre ich vorüber an der Klosterruine. Sie ist sehenswert.«

»Danke!« unterbrach ihn kühl die alte Prinzessin.

»Danke!« betonte ebenso kühl Prinzeß Helene.

Er sah verwundert von seinem Teller auf. »Durchlaucht werden diesen Anblick kaum vermeiden können, denn unser schönster Waldweg führt an der Ruine vorbei.«

»Ich hoffe, Baron«, nahm Prinzeß Helene das Wort, »ich hoffe, Sie werden mich auf meinen Ritten begleiten. Komtesse Moorsleben ist zuweilen auch dabei.«

»Durchlaucht brauchen nur zu befehlen«, erwiderte er.

Prinzessin Thekla sprach jetzt von einer Milchkur, die sie unternehmen wolle. Sie war mit einem Male sehr liebenswürdig, scherzte mit Lothar über seine idyllische Häuslichkeit und nannte Beate ein Mal über das andere: »MeineTeure«. Niemals hatte sie so schmackhafte Forellen gegessen, und als Lothar sich erhob, das gefüllte Glas mit dem perlenden Champagner in der Hand, für die große Ehre dankend, die ihm durch den Besuch der durchlauchtigsten Großmama zuteil geworden, reichte sie ihm huldvoll die reich beringte schmale Hand zum Kuß und drückte das spitzenbesetzte Tuch einen Moment gerührt an die Augen.

Unter dem Vorwand, sie sei ermüdet, hob sie die Tafel noch vor dem Nachtisch auf und die Damen zogen sich in ihre Gemächer zurück. Frau von Berg durfte noch lange am Bette der Prinzessin Thekla sitzen, und als sie endlich ihr Zimmer aufsuchte, geschah es mit erhobenem Kopfe. Sie setzte dann noch eine Nachschrift unter den nachmittags begonnenen Brief:

 

»Es ist alles in schönster Ordnung, die Kleine brennt lichterloh in Liebe und Haß. Für wen die erstere Flamme leuchtet, wissen wir, und die letztere flackert für Klaudine.

In wenigen Tagen werden die Bäume im Walde sich eine große Neuigkeit erzählen. Im übrigen, anfangs der nächsten Woche findet hier ein Fest statt. Prinzeß Helene schwärmt von einem Tanz unter den Linden im Garten. Sie hat bei aller Bosheit eine gewisse Gutmütigkeit, so daß man sich bei ihr eines törichten Streiches wohl versehen kann und vorsichtig sein muß!

                    A. v. B.«

Sie siegelte den Brief und trug ihn hinunter. Eins der Küchenmädchen empfing ihn im Halbdunkel des Kellergeschosses und steckte schmunzelnd einen Taler in die Tasche. Frau von Berg mußte hohes Porto zahlen.

In der dämmerigen Wohnstube aber erscholl ein herzliches Frauenlachen. Als Beate hereintrat, saß da noch immer eine Gestalt in ihrem Lehnstuhl auf der Estrade und schrieb an ihrem Nähtischchen im allerletzten Tagesschein.

»Aber, Joachim!« rief sie mit ihrer klingenden Stimme, »wollen Sie sich durchaus die Augen verderben?«

Er fuhr empor, denn er hatte ganz vergessen, wo er war. »Mein Gott«, sagte er erschreckt und faßte nach dem Hut, »ich habe mich über dem alten Buche da verspätet. Verzeihen Sie, Cousine, ich räume sofort das Feld.«

»Jetzt nicht!« erklärte sie noch immer lachend, »denn Lothar wird Sie auch sehen wollen. Ihm gilt ja wohl Ihr Besuch?« Und sie drückte ihn sanft auf den Sessel zurück und suchte ihren Bruder.

Er stand in seinem Zimmer am Fenster und starrte auf die Landstraße hinaus.

»Lothar«, bat sie, »kommt herüber! Joachim sitzt noch immer dort und hat Zeit und Weile vergessen über dem alten Reisetagebuch aus Spanien, weißt du, das vom Großvater, in dem weißen Lederband.«

»Wie kam er denn eigentlich hierher, der Joachim nämlich?« fragte Lothar und nahm eine Zigarrentasche nebst Aschenbecher von dem eleganten Rauchtischchen.

»Ich fand ihn hier vor, als ich vom Eulenhause zurückkam, und da ich noch allerlei zu besorgen hatte, wie du dir denken kannst, das mich hinderte, ihm Gesellschaft zu leisten, so fiel mir das Buch ein. Du siehst, er hat sich trefflich damit unterhalten.«

Er blickte sie lächelnd an, indem er neben ihr durch die erleuchtete Halle schritt und in den Korridor einbog.

»Sage einmal, Beate«, fragte er, »hast du die Warnung an der Tür dort geschrieben, als er schon drinnen saß, oder vorher?«

»Natürlich vorher«, erwiderte sie unbefangen, und dann ward sie rot. »Ich verstehe dich nicht!« fügte sie ärgerlich hinzu.

»Nun, weißt du, Schwester«, sagte er mit einem Anflug von Schelmerei, »Verbotener Eintritt! schreibt man mitunter an Türen, die etwas verschließen, das man am liebsten ganz allein für sich behalten will.«

»O du abscheulicher Mensch«, schmollte Beate verlegen und wischte eilig mit der Hand über die Kreideschrift. Und dann saßen sie alle drei in der Wohnstube beim Glase Wein und Joachim erzählte, an das Buch anknüpfend, von seinen Reiseerlebnissen. Er sprach und Beate vergaß alles, vergaß, daß die Wachskerzen auf dem Kronleuchter im Eßsaal unnütz verbrannten, vergaß, die Reste der Tafel in die Speisekammer zu verschließen und das Frühstück für morgen anzuordnen. Vor den Fenstern flüsterten die Linden in dem Abendwind und der Duft vom frisch gemähten Gras zog in das Gemach.

Es war spät, als Lothar seinen Vetter durch den Wald nach dem Eulenhause fuhr. Auf dem Rückwege kam ihm der Wagen der Herzogin entgegen. In rasendem Tempo jagte er an dem Gefährt vorüber. Als er vor der Neuhäuser Rampe hielt, klirrte über ihm ein Fenster zu, und in dem Zimmer dort oben barg sich ein leidenschaftliches junges Gesicht wieder in die Kissen.

Prinzessin Helene hatte ihn fortfahren sehen, dort hinaus, wo das Eulenhaus lag. Gottlob, jetzt war er daheim!


 

14.

 

Im Eulenhause war eine Veränderung eingetreten. Fräulein Lindenmeyer hatte Besuch.

Es war erst ein mächtiges Hin- und Herschreiben gewesen, und dann war am Morgen nach dem Tage, als Klaudine mit der Herzogin spazieren fuhr, Fräulein Lindenmeyer mit verlegenem Gesicht in die Stube Klaudines getreten, einen offenen Brief in der Hand.

»Ach, Fräulein Klaudinchen, gnädiges Fräulein, ich hätte so eine rechte Herzensbitte.«

»Nun, meine liebe gute Lindenmeyer, dann ist sie bereits gewährt«, hatte Klaudine erwidert, indem sie für Joachims Frühstück Tee aufgoß.

»Aber Sie müssen es ehrlich sagen, gnädiges Fräulein, wenn es nicht paßt. Ich werde alles tun, damit keinerlei Störung zu bemerken ist, aber —«

»Nur heraus damit, Lindenmeyerchen«, hatte das schöne Mädchen sie freundlich ermutigt, »ich wüßte nicht, was ich Ihnen abschlagen könnte, es sei denn, daß Sie das Eulenhaus verlassen wollten, denn das würde ich nicht zugeben.«

»Ich von hier? O gnädiges Fräulein, das würde ich ja nicht überleben! Ach nein, das ist es nicht. Ich erwarte — ich soll — ich bekomme Besuch, wenn es die Herrschaft erlauben will.«

»Ei, wen denn, meine liebe Lindenmeyer?«

»Frau Försters Zweite, die Ida. Sie soll so ein bißchen Schick bekommen und feine Handarbeit lernen. Da hat sich nun die Försterin in den Kopf gesetzt, daß sie das bei mir altem Wurm am schönsten lernen würde. Ich tue es ja auch sehr gern, wenn Sie es erlauben. Sie könnte in dem Kämmerchen wohnen hinter meiner Stube, wenn —«

Die alte gute Seele hatte die Hände über ihren Brief gefaltet und ihre Augen sahen mit gespannter Erwartung zu der jungen Herrin hinüber.

»Na, das wird ja sehr hübsch für Sie«, lautete die freundliche Antwort, »lassen Sie das junge Mädchen nur bald kommen. Sie mag hier bleiben, solange es ihr gefällt.«

So stand anderen Tages, als Klaudine in die Küche trat, eine kleine runde Mädchengestalt am prasselnden Herdfeuer und wirtschaftete dort mit Tassen und Teekessel umher, als ob es gar nie anders gewesen wäre. Ein Paar schelmische blaue Augen sahen über das Stumpfnäschen hinweg zu Klaudine hinüber, und die Besitzerin dieser Augen machte einen etwas unbeholfenen Knicks, als sie die schöne schlanke Gestalt über die Schwelle treten sah.

»Aber, liebes Kind!« sprach Klaudine verwundert.

»Ach, gnädiges Fräulein, lassen Sie mich das tun!« bat das Mädchen zutraulich. »Den ganzen Tag kann ich nicht bei Tante Doris in der Stube sitzen und sticken. Ich käme um dabei, wenn ich nicht ein bißchen Wirtschaft hätte. Bitte recht sehr, lassen Sie mich!«

»Aber das darf ich nicht annehmen, liebe Ida, gewiß nicht, ich verwöhne mich nur dadurch.«

»Ida möchte so gern etwas lernen«, sagte das Mädchen und schlug die schelmischen Augen nieder.

Klaudine lächelte. »Bei mir? 0, da sind Sie schlimm angekommen, ich bin selbst noch eine Lernende.«

»Gnädiges Fräulein, dann will ich nur die Wahrheit sagen, ich kann schon etwas in der Wirtschaft, aber in so manchen anderen Dingen fehlt es mir. Ich möchte nämlich gern eine Stelle als Kammerjungfer in S. annehmen, und da dachte ich, ich könnte, hier so ein wenig wegbekommen, wie man seine Dame zu behandeln hat beim Ankleiden, und so weiter. Lassen Sie mich das bißchen Wirtschaft hier tun und sich dafür meine ungeschickte Hilfe gefallen beim Nähen, Ankleiden und Schneidern.«

Die Blicke des Mädchens hingen so freudig erwartungsvoll an Klaudines Augen und sie selbst fühlte sich so müde und traurig, aber sie antwortete nicht und ging zu Fräulein Lindenmeyer.

»Gestehe es nur, Lindenmeyerchen«, sagte sie, sich zum Scherz zwingend und das alte Fräulein duzend, wie in ihrer Kinderzeit, »du hast dir Besuch eingeladen, um die Last der Wirtschaft von meinen Schultern zu nehmen?«

»Ach, Herzenskindchen«, jammerte das gutmütige Geschöpf, »so hat es die Ida doch dumm angefangen und wir hatten es uns so fein ausgedacht! Seien Sie nicht böse! Ich kann es nicht mit ansehen, wenn Sie des Morgens mit verwachten Augen herunterkommen und so blaß sind, so blaß! Es ist so ein altes Sprichwort: ›Rosenbeet und Ackerland gedeihen nie in einer Hand.‹ Wenn Sie frisch sein wollen bei Hofe, dann müssen Sie auch Ihr Recht haben, sonst ist es bald vorbei mit Ihrem weißen klaren Teint. Heinemann sagt es auch, er hat sich mit mir um die Wette geängstigt Ihretwegen. Und, Fräulein Klaudine, die Ida hat ihren regelrechten Profit dabei. Sie könnte durch ihre Tante die Stelle bei der Gräfin Keller als Kammerfrau bekommen, aber so weg von der Waldwiese geht es doch nicht. Wahrhaftig, es ist so!« beteuerte die alte Seele.

So hatte Klaudine plötzlich eine Hilfe bekommen. Es war eine ordentliche Behaglichkeit in das Haus eingekehrt und eifriger ist wohl nie eine Herrin bedient, herzlicher nie ein Kind verwöhnt worden wie Klaudine und die kleine Elisabeth. Heinemann strahlte ordentlich, wenn er der flinken Dirne auf dem Treppchen begegnete oder sie in der Küche die alten Volkslieder mit halblauter Stimme singen hörte. Jetzt weinte auch die kleine Elisabeth nicht mehr, wenn Tante Klaudine in dem schönen Wagen der Frau Herzogin fortfuhr, und Klaudine saß nicht mehr so abgespannt bei Tische, wie bisher, ohne einen Bissen zu genießen.

»Es ist ganz vornehm bei uns!« lächelte Joachim, als Heinemann zum erstenmal die einfachen Gerichte auftrug und Klaudine ruhig an ihrem Platz verblieb, »ich bin glücklich deinetwegen, Schwester.«

Klaudine hatte ihre Reise aufgegeben. Als sie der Herzogin von ihrer Absicht sprach, war diese in leidenschaftliches Schluchzen ausgebrochen: »Ich kann Sie nicht halten, Klaudine, gehen Sie!« Und da hatte sie, erschreckt und gerührt zugleich, versprochen zu bleiben. Nun kam der Hofwagen, der sie nach Altenstein holte, täglich früher. Die Neigung der fürstlichen Frau zu dem stillen schönen Mädchen wuchs eben täglich, und sie war jetzt ruhig, ganz ruhig. Sie fuhr in der Herzogin Wagen spazieren und saß in dem Boudoir derselben, vorlesend oder plaudernd. Zuweilen freilich trat der Herzog unangemeldet und rasch ein, von einem Freudenruf der fürstlichen Frau begrüßt, aber Klaudine fürchtete seine Begegnung nicht mehr. Keiner jener heißen Blicke war ihr mehr gefolgt, keine Silbe hatte er zu flüstern versucht, sie wußte, er hielt sein fürstliches Wort. Sie kannte ihn genau durch seine Mutter. Wie manchen tollen Streich hatte die alte Herzogin gelegentlich von ihm erzählt, von den Sorgen, die er ihr bereitet, von den Gebeten, die sie im heißen Flehen um diesen Sohn gesprochen, daß er nicht untergehen möge in dem wilden Treiben seiner Jugend! »Und«, hatte die alte Dame dann hinzugefügt, »es war doch nur überschäumende Jugendlust, sein Herz blieb edel. Er war zu lenken, wenn man das richtige Wort fand.« Und Klaudine meinte, sie habe das richtige Wort gefunden. Sie gehörte zu den edlen Naturen, die nicht ruhen, bis sie das Gute in einer Menschenseele entdeckt haben, die suchen und suchen und, wenn sie das Gold gefunden haben, keine Grenzen kennen im Verzeihen.

Sie verzieh dem Herzog stillschweigend die Beleidigung, die er ihr zugefügt hatte, als sie sah, wie ritterlich er seine Leidenschaft bekämpfte, wie er sich bemühte, gegen seine Gemahlin geduldiger zu sein als vordem, wie er in ihr die Freundin dieser Gemahlin ehrte. An die Herzoginmutter schrieb Klaudine, es waren dankbare, gerührte Worte, mit denen das schöne Mädchen ihr Glück pries, sich die bevorzugte Gefährtin der Herzogin nennen zu dürfen. »0, wenn Eure Hoheit wüßten«, hieß es darin, »wie glücklich ich bin in der Liebe und dem Vertrauen des edelsten Herzens, ich sinne nur darauf, wie ich dafür danken kann, daß ich die Freundin dieser liebenswürdigen Fürstin geworden. Ihre Hoheit trägt nicht nur äußerlich die Liebe für ihren hohen Gemahl zur Schau, Ihrer Hoheit ganzes Sein und Wesen ist so in diese Liebe getaucht, daß Hoheit sich verstellen müßten, wollten sie dieselbe verbergen.«

Klaudine schien lebhafter als seit langer Zeit. Sie konnte mit Ungeduld den Wagen erwarten, der sie nach Altenstein holte. Die Herzogin hatte eines Tages, schüchtern wie ein Schulmädchen, ein paar Hefte in Klaudines Hand gelegt. Es waren liebliche kleine Gedichte, von ihr verfaßt. Zuerst jubelnde Lieder der Brautzeit, dann die tiefinnerlichen Glücksworte der jungen Ehefrau, und zuletzt die Verse, die sie aufschrieb an der Wiege ihrer Söhne.

Auch einige kleine Novellen waren darunter, eigentümlich erdacht. Es gab da immer ein paar Menschen, die sich über alles lieben und getrennt werden durch den Tod, durch einen tückischen Zufall, durch ein unabweisbares Verhängnis, niemals aber durch die Schuld des einen oder anderen. Klaudine hatte gestaunt über die traurigen Abschlüsse, aber nicht gewagt, darüber zu sprechen.

So waren acht stille schöne Tage vergangen. Die Neuhäuser hatten diesen Frieden nicht gestört, wie die Herzogin anfänglich befürchtet hatte. Prinzeß Helene war einigemale wie ein Wirbelwind in den Zimmern der Herzogin erschienen, hatte aber deutlich zu erkennen gegeben, daß sie die größtmögliche Eile habe, zu dem süßen Baby ihrer verstorbenen Schwester zurückzukehren. Die alte Prinzeß lag derweilen in Neuhaus mit verletztem Fuß auf einem Ruhebett. Klaudine sah Beate nur einmal flüchtig, als diese in aller Morgenfrühe nach dem Eulenhaus gewandert war, um sich nach einigen kleinen Prinzessinnenangewohnheiten zu erkundigen und eine Menge köstlicher Kuchenstückchen und sonstiger Süßigkeiten abzuladen. Sie sprach sich anerkennend aus über die neue Einrichtung im Eulenhaus, den Besuch des Fräulein Lindenmeyer betreffende Im übrigen war sie still und gedrückt und hatte auf Klaudines Frage nur gesagt, sie wünsche weiter nichts, als vier Wochen älter zu sein. Es sei fürchterlicher, als sie sich gedacht, kein Winkelchen sei im ganzen Hause, wo man seines Lebens sicher wäre vor der Prinzeß, diesem Irrwisch, und Lothar erwidere ihre Klagen mit Achselzucken.

Klaudine hatte das Haupt gesenkt, als käme jetzt ein Blitzstrahl, der die letzte Hoffnung vernichten müßte, aber Beate war still geworden und hatte dann von etwas anderem gesprochen.

Heute, an einem echten köstlichen Sommertage, hatte die Herzogin den Tee im Parke befohlen, dort, wo die Waldbäume an den Garten stoßen, an jenem Platze, wo Joachims Weib für immer eingeschlafen war. Unter den alten Eichen schaukelte die Hängematte der Herzogin, und Klaudine, im leichten weißen Kleide, saß neben ihr auf einem bequemen, mit Leinen überspannten Sessel aus Bambusstäben und las. Vor ihr auf dem Tischchen aus kunstvoller Flechtarbeit lag die unvermeidliche Wollstickerei der Frau von Katzenstein. Diese selbst stand etwas seitwärts und bereitete den Tee. Im Schatten einer mächtigen Kastaniengruppe, von den Damen um die Breite des Kiesplatzes getrennt, spielte der Herzog Luftkegel mit den zwei ältesten Prinzen, dem Rittmeister von Rinkleben und Herrn von Palmer. Das Jubeln der Kinder, das Lachen und das Klappen der umfallenden Kegel tönte herüber und die Augen der Herzogin sahen mit glückseligem Ausdruck dorthin.

»Halten Sie ein, Klaudine«, bat sie jetzt. »Der Tag ist so schön, die Sonne so golden und diese Erzählung so düster. Heute erscheint mir das so unnatürlich. Was glauben Sie, was noch geschehen wird? Mit jenen beiden in dem Buche, meine ich.«

»Hoheit, ich fürchte, es endet entsetzlich«, sagte die junge Dame und legte gehorsam das Buch auf den Tisch.

»Er hat sich ja bereits Gift verschafft«, gab die Herzogin zu.

»Ja«, erwiderte Klaudine, »sie wird sterben müssen.«

»Sie?« fuhr die Herzogin erstaunt auf, »aber, beste Klaudine, welch entsetzliche Phantasie! Er selbst will sich vergiften, weil er fühlt, er kann mit ihr nicht leben, und ebensowenig ohne die andere.«

»Ich weiß nicht, Hoheit«, stotterte das Mädchen, »dem Gange der Geschichte nach vermutete ich —«

»Bitte, geschwind das Buch!« rief die Herzogin. Sie schlug es auf und las das Ende. »Mein Gott, Klaudine, Sie haben recht«, sagte sie dann.

»Es ist psychologisch auch nicht anders möglich, wenn Hoheit der Charakterschilderung des Mannes, gefolgt sind —«

»Es ist mir nichts besonderes an ihm aufgefallen«, unterbrach die Herzogin. »Nein, Klaudine, das ist unwahr! Wir wollen das Buch nicht weiterlesen, die Welt ist so schön und ich bin so froh, so leicht heute.«

Sie warf die seidene Decke zurück, die über ihr mattrotes Foulardkleid gebreitet war, und winkte mit der Hand hinüber zu den Kastanien.

»Sehen Sie, Klaudine, da kommt eben der Herzog. Er scheint müde vom Spiel. Mein lieber Freund, ich bin etwas zu faul heute für unsere Dominopartie, aber vielleicht übernimmt Fräulein von Gerald meine Stelle? Bitte, das Tischchen hierher«, befahl sie und wandte sich in der Hängematte herum, stützte das Haupt auf die Hand und sah zu, wie der Herzog Klaudine gegenüber Platz nahm, die Steine verteilte und die seinigen aufbaute.

Klaudines schlanke Finger begannen plötzlich zu zittern, sie neigte das schöne Gesicht tiefer über die schwarzweißen Steinchen und eine rosige Glut stieg ihr bis unter das wundervolle üppige Blondhaar. Dort drüben, jenseits des Rasenplatzes, war etwas blaues aufgetaucht, flatterte näher wie ein zierlicher Schmetterling und blieb dann mit einemmal regungslos stehen. Und hinter diesem Blauen?

»Ah, mein Kind«, sagte die Herzogin halblaut, »Sie scheinen zerstreut, der Herzog wird das Spiel gewinnen.«

»O, das ist ja eine idyllische Gruppe, das ist, als habe Watteau sie gestellt! Ich fürchte, Baron, wir stören«, rief die in hellblaues Leinen gekleidete Prinzessin und wandte sich mit einem halb spöttischen, halb ärgerlichen Ausdruck nach rückwärts, wo ihre Mutter am Arme des Schwiegersohnes ging, gefolgt von dem Kammerherrn und der Hofdame. Und sie blickte in Lothars Gesicht, das, wie aus Erz gegossen, keinen Zug veränderte.

Die alte Prinzessin nahm die Lorgnette vor die Augen und sagte, ohne eine Miene zu verziehen: »Vorwärts, mein Kind, du wünschtest Elisabeth zu überraschen, übernimm also die Anmeldung, bitte!«

Prinzeß Helene bewegte sich vorwärts, aber sie flatterte nicht mehr und ihre schwarzen Augen sahen sehr unzufrieden drein. Sie klappte geräuschvoll ihr Sonnenschirmchen zu, als sie sich näherte, und blieb dann mit einer schmollenden Miene stehen. »Verzeihung, Hoheit, wenn ich störe —«

Die Herzogin blickte auf und lachte. »Wo kommst du her, Wildfang?« Und sie streckte ihr die Hand entgegen. »Bist du über die Mauer geflogen, oder —?«

»Mit dem Neuhäuser Wagen gekommen. Mama, Baron Gerold und die anderen sind dort hinten und bitten um den Vorzug, Hoheit begrüßen zu dürfen.«

Sie verneigte sich anmutig vor dem Herzog und küßte die Hand der Herzogin. Klaudine, die neben dieser stand, schien Ihre Durchlaucht nicht zu bemerken.

Der Herzog schritt der alten Prinzessin entgegen und führte sie seiner Gemahlin zu, Lothar kam bei der Begrüßungsszene neben Klaudine zu stehen, aber vergeblich wartete sie auf ein Wort, sie erhielt nur eine stumme Verbeugung. Man nahm Platz, ein lebhaftes Gespräch entspann sich zwischen den fürstlichen Damen. Prinzeß Thekla bat um Entschuldigung, daß sie sich so unverantwortlich spät nach dem Befinden Ihrer Hoheit erkundigt habe, aber sie habe einen Unfall auf der Neuhäuser Schloßtreppe erlitten und sechs Tage lang Arnikaumschläge auf dem Fuße gehabt, auch wären Prinzeß Helenes Besuche so flüchtig gewesen, sie sei aus der Kinderstube und aus dem Neuhäuser Schlosse gar nicht wegzubringen, sie habe sich sogar von Fräulein Beate eine leinene Schürze geborgt und sei mit ihr in allen Wirtschaftsräumen umhergelaufen, auf dem Boden und in Keller und Speisekammer. »Gestern ertappte ich sie in der Küche beim Himbeereinkochen! Ja, ja, verstecke nur deine Arbeitsfingerchen!«

Die Herzogin wandte sich lächelnd an Prinzeß Thekla. »Wie befindet sich das Enkelkindchen?« fragte sie.

»Nun, es erholt sich ja«, antwortete die alte Dame widerwillig, »aber noch lange nicht genügend. Die gute Berg hat wohl die Vorschriften des Arztes etwas allzustreng befolgt — niemals Medizin, aber dafür kühle Abwaschungen und frische Luft von früh bis abends. Das Kind ist dafür viel zu zart.«

»Mein Töchterchen läuft bereits ein wenig, wenn auch noch schwankend«, fügte der Baron gelassen hinzu, »und da sie die normale Größe einer zweijährigen jungen Dame hat, klettert sie auf Sofas und Stühlen umher.«

»Noch lange nicht genug«, wiederholte Prinzeß Thekla.

»Ich bin mit diesem wenigen schon sehr zufrieden«, erwiderte er.

Klaudine hatte sich inzwischen freundlich zu Komtesse Moorsleben gewandt und fragte sie irgend etwas. Wenige Worte, wobei die lustigen braunen Augen der jungen Dame nach einer ganz anderen Richtung schauten, waren die Erwiderung.

Befremdet schwieg Klaudine. Die kleine Prinzessin ihr gegenüber im Schaukelstuhl sah sie schon eine ganze Weile mit herausfordernden Blicken an. Klaudine richtete ihre schönen blauen Augen ruhig und wie fragend auf diese dreisten schwarzen Sterne, da wandte sich der dunkle Lockenkopf und ein verächtlicher Zug flog um den fast zu vollen kleinen Mund.

»Die jungen Damen sollten eine Partie Krocket spielen «, schlug die Herzogin vor. »Die Herren dort drüben werden sich gern beteiligen. Meine liebe Klaudine, geleiten Sie die Prinzessin und Komtesse Moorsleben hinüber und geben Sie den Befehl die Reifen aufzustellen.«

Klaudine erhob sich.

»Verzeihung, Hoheit, — ich danke!« sagte Prinzeß Helene, »ich bin etwas ermüdet.« Sie legte den Kopf an die Lehne des Schaukelstuhles und wiegte sich langsam. Komtesse Moorsleben setzte sich auf die abschlägige Antwort ihrer Gebieterin sofort wieder hin. Auch Klaudine nahm ruhig Platz.

Es wurde Eis gereicht und Tee und Kaffee in kleinen Porzellantassen. Die Herren kamen jetzt vom Spielplatz herüber und gesellten sich zu den Herrschaften. Klaudine sah plötzlich zwei Herren hinter ihrem Stuhl, Herrn von Palmer und den Rittmeister von Rinkleben. Sie wandte sich zu letzterem und war bald mit ihm im Gespräch. Da sie seine jüngere Schwester aus der Pension kannte, fragte sie nach ihrem Ergehen. Er gab einen langen Bericht über ihre Heirat und das Glück, das sie gegen alle Erwartung darin gefunden. Enge Verhältnisse, schmales Auskommen, und doch sei sie heiter und zufrieden.

»O ja«, stimmte die junge Dame bei, »es läßt sich mit ein wenig Zufriedenheit das engste kleine Heim ganz köstlich ausschmücken.«

»Ein sprechendes Beispiel gibt gnädiges Fräulein selbst; Eulenhaus ist ein Idyll, ein Traum, wo Sie walten wie eine Fee des Behagens«, fiel Palmer ein. »Das Bewußtsein freilich, daß dies nur eine Episode ist, hilft wohl diesen Zauber vollenden. Es ist leicht, zufrieden zu sein, schaut man in der Ferne einen Tempel des Glückes.«

Klaudine sah ihn fragend an.

»Etwas dunkel, Herr von Palmer, ich verstehe Sie nicht«, sagte Klaudine.

»Wirklich nicht? Ah, meine Gnädige, bei Ihrer glänzenden Fassungsgabe. Es muß Ihnen doch sehr heimisch hier vorkommen«, fuhr er ablenkend fort, »hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo Sie endgültig den Sitz Ihrer Väter wieder beziehen. Die ewigen Fahrten von und nach dem Eulenhause sind doch lästig, meine ich, und noch dazu in nächster Zeit, wo die Festlichkeiten in Altenstein und Neuhaus sich jagen werden.«

»Ich habe heute Unglück, Herr von Palmer, schon wieder will mir der Sinn Ihrer Rede nicht klar werden.«

»So betrachten Sie doch die Worte prophetisch, Fräulein von Gerold!« sagte eine helle Stimme, und der Erbprinz, ein bildschöner Junge von zwölf Jahren mit den großen schwärmerischen Augen seiner Mutter, rückte mit seinem Sessel zu Klaudine hinüber, »Propheten reden ja immer dunkel«, setzte er hinzu.

»Bravo, Hoheit!« rief Herr von Palmer lachend.

»Ich wollte, Herr von Palmer hätte wahr geweissagt«, fuhr der Erbprinz fort und sah mit der knabenhaft kecken Bewunderung seines Alters auf das schöne Mädchen. »Sie könnten wohl ganz zur Mama kommen, gnädiges Fräulein. Mama sagte erst gestern zu Papa, es würde nett sein, wenn Sie nicht immer wieder fortführen.«

Herr von Palmer lächelte noch immer.

»Das kann ich leider nicht, Hoheit, ich habe daheim meine Pflichten«, erwiderte Klaudine ruhig. »Wie gern käme ich sonst nach meinem lieben Altenstein!«

»Es ist eine köstliche Besitzung«, lenkte der Rittmeister ab, »welch wundervoller Garten!«

»Er war Großpapas Steckenpferd«, bemerkte Klaudine traurig.

»Sie haben hier immer mit Ihrem Bruder und anderen Kindern >Räuber und Prinzessin< gespielt, als Sie noch klein waren?« fragte der Erbprinz, ohne einen Blick von dem Gesicht der jungen Dame zu wenden.

»Dort unten«, nickte sie und wies nach links, »an der Mauer, wo die kleine Pfortentür ist, die wurde dann zu Ausfällen benutzt.«

»Herr Rittmeister«, rief Prinzeß Helene jetzt laut, »ich möchte nun doch eine Partie Krocket machen! Kommen Sie, Isidore!«

Die Komtesse und der Rittmeister erhoben sich und eilten nach dem Rasenplatz. Prinzeß Helene zögerte noch, »Baron«, sagte sie dann zu Lothar von Gerold, »sind Sie nicht auch dabei?«

Er erhob sich und schaute sie an, während er sich zustimmend verneigte. »Haben Durchlaucht schon alle Personen befohlen, die am Spiel teilnehmen sollen?« fragte er dann.

»Warum? Sie sehen ja, wir sind zwei zu zwei.«

»Nicht mehr als vier? Ah so! Hoheit!« wandte er sich an den Erbprinzen, »Prinzeß Helene wünscht Krocket zu spielen — ich weiß, wie Sie das Spiel lieben.«

Der Fuß der kleinen Durchlaucht trat ungeduldig den Rasen.

»Ich muß bedauern«, erwiderte der Prinz ernsthaft, »Fräulein von Gerold hat soeben versprochen, mir den Platz zu zeigen, wo ich mit meinem Bruder am besten eine Festung bauen kann. Das ist mir interessanter.«

Baron Lothar lächelte. Er blieb einen Augenblick stehen und sah, wie der junge Prinz Klaudine mit einer allerliebsten Wichtigtuerei den Arm bot.

Die Herzogin folgte dem schönen Mädchen am Arm des Knaben mit erstaunter Miene. »Warum spielt Fräulein von Gerold nicht mit?« fragte sie den Baron.

»Hoheit, Prinzeß Helene wählte soeben selbst ihre Mitspieler«, erwiderte er.

»Bitte, Baron«, sagte die Herzogin liebenswürdig, aber bestimmt, »gehen Sie Ihrer Cousine nach und sagen Sie ihr, wie sehr ich bedaure, daß man sie aufzufordern vergaß, und bringen Sie sie womöglich zurück. Der Hofmeister des Erbprinzen, der dort eben kommt, wird so lange Ihre Stelle übernehmen.«

Der Baron verbeugte sich und ging, sich bei der Prinzeß zu entschuldigen und dem Hofmeister den Hammer in die Hand zu drängen. Dann schlug er langsam und auf Umwegen die Richtung ein, die seine Cousine genommen hatte.

Die Nase der alten Prinzeß war während dieses Vorganges plötzlich spitz und weiß geworden.

»Verzeihung, Hoheit«, sagte sie und setzte die zierliche Tasse klirrend auf das Tischchen, »Helene hatte sicher nicht die Absicht, zu kränken, sie meint es nur gut und sie liebt Eure Hoheit schwärmerisch. Ihr ehrliches Herz geht eben immer mit ihr durch, und —«

»Ich sehe nicht ein, was die Ehrlichkeit damit zu tun hat, liebste Tante«, erwiderte die Herzogin und ihre Wangen färbten sich purpurn vor Erregung.

Herr von Palmer sah zu dem Herzog hinüber, der von diesem kleinen Wortwechsel nicht die geringste Notiz nahm. Hoheit spielte mit seinem Augenglas, indem er ernsthaft der weißen schwebenden Mädchengestalt nachschaute, an deren Arm zutraulich der Erbprinz hing und sie nach allem möglichen befragte. Sie war schon eine ganze Weile in dem dichten Gewirre eines Jasmingebüsches verschwunden. Da wandte der Herzog langsam den Kopf zurück und begegnete den Augen der Prinzeß Thekla, die noch funkelnder aussahen als sonst, es lag ein verbissener, schadenfroher Ausdruck über ihrem mageren Gesicht.

»Er macht zeitig den Hof«, sagte der Herzog unbefangen, »der Junge ist ja Feuer und Flamme!«

»Und guten Geschmack hat er auch«, ging die Herzogin fröhlich auf den Scherz ein.

»Das hat er von seinem Papa«, schrillte die Stimme der alten Prinzessin, und das liebenswürdigste, harmloseste Lächeln der Welt verdrängte für einen Augenblick die Verbissen­heit. Sie sah aus, als hätte sie nie ein Wässer­chen getrübt, und setzte sich noch einmal so aufrecht in ihren Stuhl zurück.

Der Herzog nahm verbindlich den Hut ab und verneigte sich vor ihr.

»Ja, meine allergnädigste Tante, ich sah stets lieber eine schöne Frau, als eine häßliche, und wenn Sie meinen, der Erbprinz habe diese Eigenschaft von mir, so machen Sie mich glücklich. Ich danke Ihnen.«

In Herrn von Palmers scharfgeschnittenem Gesicht wetterleuchtete es vor unterdrückter Heiterkeit. Es war ja unbezahlbar. Wenn die Berg das hören könnte! Prinzeß Thekla zupfte nervös an den Spitzen ihres Taschentuches, die Herzogin aber warf dem Gemahl einen bittenden Blick zu, sie kannte vollauf seine Abneigung gegen Tante Thekla. — Jetzt würdigte sie Seine Hoheit keines Wortes mehr, sie wandte sich zu der Herzogin und überschüttete sie mit wahrhaft unheimlichen Freundlichkeiten, die eine mitleidige Färbung hatten, wie man zu Leuten zu sprechen pflegt, die unverschuldet einen großen, großen Kummer tragen, eine Freundlichkeit, die nervöse stolze Naturen bis aufs Blut peinigen kann.

Die Herzogin verstand sie nicht, aber sie litt unter all den Fragen und Ratschlägen und Erkundigungen, und als endlich Prinzeß Thekla seufzte: »Wenn ich nur ganz gewiß wüßte, ob Eurer Hoheit dieses Altenstein gut tun kann?« ward sie ungeduldig und bat, man möge sie hinaufführen, sie fühle sich ermüdet.

Das galt als Zeichen zum Aufbruch. In kurzer Zeit war der Platz unter den Eichen leer, lagen die bunten Kugeln verlassen auf den Wegen, und auf der Straße rollten die beiden Prinzessinnen nebst ihrer Begleitung Neuhaus zu.


 

15.

 

Klaudine war mit dem jungen Erbprinzen dem letzten Teile des weiten Parkes zugeschritten. Sie war innerlich froh, fortzukommen aus dem Bereiche von Lothars Augen, die ihr weh taten. Die absichtliche Kränkung der kleinen Prinzeß hatte sie kaum verletzt, es erschien ihr so überaus kindisch, daß sie sich nicht die Mühe nahm, weiter darüber nachzudenken. Es hatten ja stets kleine Plänkeleien von jener Seite gegen ihre Person stattgefunden, warum die Prinzessin es aber heute, sogar unter den Augen des Herzogs und der Herzogin, wagte, ihre Abneigung in so herausfordernder Weise zu zeigen, begriff sie allerdings nicht. Die kleine Durchlaucht mußte sehr schlechter Laune gewesen sein, oder — sollte sie mit dem hellsehenden, ahnenden Geist der Liebe Klaudines Gefühle für den Mann, den sie begehrte, erkannt haben? Aber doch nicht! Die Prinzessin war ja ihrer Sache sicher, so sicher, daß sie sogar Beates Wirtschaftsschürze lieh und ein wenig Hausfrau spielte im künftigen Heim.

Und auch Lothar mußte dieses wetterwendischen koketten kleinen Herzens gewiß sein; sonst würde er sich kaum erlaubt haben, sie in so ironischer Weise auf ihre Unart aufmerksam zu machen.

Klaudine runzelte plötzlich die Stirn und biß sich auf die Lippen. Was ging ihn das an, wenn ihr weh geschah? Sie wußte doch wahrlich selbst, wie weit man ihr gegenüber gehen dürfte, sie wußte sich allein zu verteidigen, sie wollte keine Bevormundung, kein Mitleid, am allerwenigsten von ihm!

Sie war mit ihrem jugendlichen Begleiter in den einsamsten Teilen des Parkes angelangt, wo schon zu ihrer Kinderzeit die Büsche und Bäume wuchsen und wachsen durften, wie sie wollten. Es war eine feuchte, moosdurchduftete Wildnis, von einem kleinen Bach durchrieselt, an dem die Farnkräuter in üppigster Pracht ihre grünen Wedel enfalteten. Unter der kleinen Brücke, aus Birkenstämmchen gezimmert, gluckste und schluchzte das Wasser noch ebenso eigentümlich wie damals, als sie, ein Kind, hier umhergestreift. Dort war das halbzerfallene Mooshüttchen, das bei ihren Spielen bald als Gefängnis, bald als Ritterburg diente. Wie oft hatte sie darinnen gesessen als gefangenes Burgfräulein! Ein wehmütiges Gefühl beschlich sie, als sie dem Prinzen davon erzählte und ihm alles zeigte. Da war auch der Grabstein, unter dem Joachims Lieblingshund lag, die kleine gelbe Dachshündin, die Lola hieß und so klug war, daß sie ihn niemals verriet, wenn die Kinder Verstecken spielten.

»Wo geht es dort hinaus?« fragte der Prinz, auf eine schmale, niedere Pforte in der Mauer deutend.

»In das Dorf, Hoheit«, erwiderte Klaudine. »Die Pforte wird benutzt zum sonntäglichen Kirchgang.«

Der wißbegierige Prinz zog das schöne Mädchen immer weiter an der Mauer entlang, sie mit allerhand Fragen bestürmend. Plötzlich erblickte er einen Häher in einem der hohen Bäume und vergaß seine Dame und seine Ritterpflicht, in dem er dem Vogel nachlief, der durch die Äste streifte, als wollte er den Knaben necken, bald hier, bald dort auftauchte und verschwand, immer weiter und weiter.

Klaudine, die, in ihren wehmütigen Erinnerungen versunken, achtlos dahingegangen war, kam erst nach einer ganzen Weile zum Bewußtsein, daß sie allein sei. Sie holte tief Atem und wischte mit dem Tuch über die Augen. Was wollte sie denn eigentlich? Es war doch nicht anders, als es eben war! Mit Kopfhängen und Tränen zwingt man doch nichts verlorenes zurück, mit Weinen und Sehnen kann man nichts erringen, was einem versagt sein soll nach Gottes Ratschluß. »Es wird die Zeit kommen, wo es nicht mehr schmerzt«, tröstete sie sich, »sie muß kommen, rs wäre ja nicht möglich, zu leben mit der brennenden Wunde im Herzen!«

Sie war stehen geblieben, es hatten sich doch ein paar große Tropfen an den Wimpern gesammelt. Jetzt, wo sie allein, wollte all das Weh hervorbrechen, das sie empfand. Sie meinte in diesem Augenblick, sie würde es nicht ertragen, ihn mit lächelnder Ruhe neben jener anderen zu sehen, als das erklärte Eigentum einer oberflächlichen unartigen kleinen Frau.

»Verzeihen Sie, Cousine«, klang plötzlich seine Stimme in ihr Ohr. Sie wandte sich mit jähem Erschrecken, und blitzgeschwind fiel ein funkelnder Tropfen aus dem Auge auf ihre Hand, die sie hastig mit der anderen verdeckte.

»Ich würde nicht gewagt haben zu stören«, fuhr er fort. »Ihre Hoheit beauftragte mich aber, Ihnen zu sagen, wie leid es Hochderselben tue, Sie verletzt zu wissen.«

»Hoheit ist wie immer gütig«, scholl es kühl zurück. »Ich bin nicht verletzt, derartiges lernt man übersehen und beurteilen nach Verdienst.«

»Es scheint, Sie haben viel gelernt in der letzten Zeit, Cousine«, sagte er bitter und ging neben ihr weiter. »Ich erinnere mich der Zeit, wo Sie noch scheu vor jedem Blick flohen, und ich dächte, das ist noch gar nicht so lange her.«

»Gewiß!« erwiderte sie. »Urplötzlich erstarkt ein schwaches Herz, sobald es fühlt, es muß allein für sich einstehen. Ich bin übrigens dreiundzwanzig Jahre alt, Vetter, und in der letzten Zeit gewaltsam aufgerüttelt aus dem sorglosen Mädchenleben.«

»Es ist etwas großes um eine stolze Frauenseele«, antwortete er ironisch, »nur schade, daß dieser Stolz beim ersten Anprall des Lebens so leicht brechen kann. Mich rührt es stets«, fuhr er fort, »wenn ich sehe, wie ein Weib, das die Welt nicht kennt, mit einem Mut sondergleichen sich auf einen unmöglichen Posten stellt. Man möchte sie zurückreißen von dem schwindelnden Abgrund und wird doch nur kalt lächelnde Zurückweisung dafür ernten.«

»Vielleicht besitzt dennoch die eine oder die andere neben dem Mut auch die nötige Stärke, auf dem Posten auszuhalten«, sagte Klaudine, bebend vor innerer Erregung.

»Möglich!« erwiderte er achselzuckend. »Es gibt Naturen, die da von sich als von einer Ausnahme denken: ›Seht, das kann ich wagen, ungestraft wagen!‹ Sie sind dann plötzlich am tiefsten zu Boden geschmettert.«

»Meinen Sie?« fragte sie ruhig. »Nun, es gibt auch Naturen, die hoch genug von sich denken, um den Weg zu gehen, den ihr Gewissen und die Pflicht sie wandern heißt, ohne nach rechts oder nach links zu sehen und ohne auf unberufene Wegweiser zu achten.«

»Unberufene?«

»Ja!« rief sie, und ihre schönen Augen blitzten in leidenschaftlicher Erregung. »Wie kommen Sie dazu, Baron Gerold, mir Ihre dunklen Weisheitssprüche, Ihre rätselhaften Sarkasmen aufzutischen, sobald Sie mich erblicken? Haben wir je miteinander so gestanden, daß Sie diese Bevormundung wagen dürfen?«

»Niemals!« antwortete er tonlos.

»Und wir werden auch niemals so stehen«, fuhr sie bitter fort. »Ich kann Ihnen aber, falls es Sie beruhigt, die Versicherung geben, daß der Name ›Gerold‹ durch mich nicht leiden wird, denn — und das ist doch wohl Ihre alleinige Sorge — ich kenne meine Pflicht.«

Er war blaß geworden.

Sie eilte jetzt schneller vorwärts, er blieb etwas zurück und holte sie dann an der schmucken Gärtnerei, in der Heinemanns Tochter mit ihrem Manne wohnte, wieder ein.

»Der Platz ist verlassen«, bemerkte er jetzt, nach vorwärts deutend, »die Herrschaften scheinen im Schlosse zu sein.«

In der Tat, unter den Eichen war es einsam, ein Diener, der dort aufräumte, berichtete, die Durchlauchten seien nach Neuhaus gefahren und Ihre Hoheit erwarte Fräulein von Gerold in ihrem Zimmer. Der Wagen von Neuhaus werde zurückkommen.

Sie wandte sich dem Schlosse zu. Die Abendsonne übergoldete die Wipfel der Bäume und ließ die zahllosen Fenster in dem altersgrauen Sandsteingemäuer in Feuergarben aufsprühen. Ein rosiger Schimmer färbte die Luft, aus dem Dorfe klang die Abendglocke des Kirchleins.

»Leben Sie wohl«, sagte Lothar stehen bleibend, »ich möchte versuchen, Seine Hoheit aufzufinden, um mich bei ihm zu verabschieden. Sie wissen ja Bescheid in diesen Gängen, können ja überhaupt des Wegweisers entbehren.«

Er verbeugte sich tief vor ihr.

Stolz neigte sie den Kopf. Sie wußte ja, daß jene schwachen Fäden der verwandtschaftlichen Rücksichten, die sie in der Abgeschiedenheit des Landlebens oberflächlich aneinander gefesselt hatten, gewaltsam zerrissen waren, eben zerrissen, als sie sich unberufene Ratschläge verbat. War sie zu schroff gewesen? Ihr Fuß zögerte einen Augenblick, bevor sie weiterschritt, dann ging sie doppelt rasch in dem überschatteten Wege dahin, der zur Hauptallee führte.

Um eine Biegung trat plötzlich der Herzog. Er nahm den Hut ab und schritt, ihn in der Hand behaltend, neben ihr. Er sprach über die Parkanlage und wies auf eine Gruppe prächtiger Blutbuchen, die sich wirkungsvoll von dem lichten Grün der dahinter stehenden Lärchen abhob. »Wo haben Sie den Baron gelassen, gnädiges Fräulein?« fragte er dann.

»Eben verließ mich mein Vetter«, antwortete sie, »wenn ich nicht irre, wollte er Eure Hoheit aufsuchen, um sich zu verabschieden.«

»Ah! Nun, er wird mich zu finden wissen. Ich habe überdies ein Attentat auf ihn vor, ich will ihn festhalten heute abend; er soll eine Partie Billard mit mir spielen. Meine launische kleine Cousine muß eine Strafe haben.« Er lächelte dabei und sah Klaudine forschend an. »Sie waren hoffentlich nicht verletzt von diesem Kinderstreich?« fragte er und trat neben ihr in die große Allee, die zum Schlosse führte.

»Nein, Hoheit!« erwiderte Klaudine, indem sie mit verdüsterten Blicken dem Schlosse entgegensah. Vor der Freitreppe standen zwei Herren im Gespräch, eben wandte sich der eine.

»Bei Gott, Rittmeister«, sagte er leise, »sehen Sie — wie weiland Ludwig der Vierzehnte, wenn er der Lavalliere seine Ehrfurcht bezeigen wollte.«

Der Angeredete schwieg, aber er sah mit einem befremdeten Ausdruck auf das Paar, das scheinbar so einträchtig daherkam.

Oben, am Erkerfenster der Herzogin, aber flatterte ein weißes Tuch und das schmale Gesicht der fürstlichen Frau lächelte hinter den Scheiben.

Die Herren ließen mit tiefer Verbeugung den Herzog und Fräulein von Gerold vorbei. Sie sah merkwürdig aus, die schöne Freundin der Herzogin, ein harter Zug lag um den sonst so lieblichen Mund. Im Schlosse angelangt, stieg sie die Stufen empor, so langsam und müde, als trage sie eine schwere Last auf den Schultern. »Nun ist alles vorüber«, sagte sie noch einmal und betrat das Vorzimmer zu den Gemächern der Herzogin.

»Klaudine«, rief diese, die am Fenster nach ihrem Liebling ungeduldig ausgeschaut hatte, und schlang die Arme um den Hals des schönen Mädchens, »Sie sind so lange geblieben! Wie Sie fortgingen, wurde ich auf einmal so ungeduldig, ich wäre Ihnen am liebsten nachgegangen, ich kann wirklich nicht mehr ohne Sie sein. Hören Sie, Klaudine?«

Sie zog die Schweigende neben sich auf das kleine Polstermöbel im Schatten der roten Vorhänge und sah in die traurigen blauen Augen.

»Armes Herz, Sie wurden verletzt vorhin, die Kleine war unartig und wird ihre Strafe bekommen. Es ist die Geschichte von dem Gänschen, das neben dem Schwan sich nur durch Geschrei bemerkbar machen kann. Klaudine«, fuhr die Herzogin fort, »ich habe doch wieder recht gesehen, wer Sie sind und wer die anderen!« Sie drückte die kühle Hand des Mädchens. »Ich habe Sie so herzlich lieb, Klaudine«, flüsterte sie weiter, »ich möchte Sie so gern >du!< nennen, wenn wir unter uns sind. Ist das unbescheiden?«

»Hoheit! Bitte«, stammelte sie.

»Nicht Hoheit, Klaudine. Denkst du, ich werde ›du‹ zu dir sagen, wenn du mich ›Hoheit‹ nennst? ›Elisabeth‹ will ich heißen und ›du‹! Ach bitte, bitte! — Nicht eine einzige Seele habe ich im Leben gehabt, die so mit mir verkehren durfte. Gönne mir doch dieses reine schöne Bewußtsein, daß du meine Freundin bist. Bitte, bitte, Klaudine, sage ›ja!‹«

»Hoheit sühnen die unbedeutende Kränkung von vorhin durch allzu große Gunst«, sprach das Mädchen erregt, »ich kann, ich darf es nicht annehmen.« Und sie sprang plötzlich empor und faßte sich an die Schläfen.

»Ich hätte dich für vernünftiger gehalten, Klaudine«, sagte die fürstliche Frau, »als daß du über eine so einfache Sache außer dir gerätst! Es ist der Inbegriff alles Vertrauens, aller Liebe — das ›du!‹ Und weil ich zufällig Herzogin bin, soll ich das entbehren? So darfst du nicht denken, und so denkst du auch nicht. Komm her, Klaudine, und gib mir den Schwesterkuß!«

Klaudine kniete vor der liebenswürdigen Frau nieder, sie wollte sprechen: »Laß mich! Laß mich! Es ist besser für dich und für mich, ich gehe fort von dir, so weit mich meine Füße tragen!« Und sie brachte es doch nicht über die Lippen unter diesen fieberglänzenden Augen, die so innig bittend in die ihren blickten. Und dann schloß ein Kuß ihren Mund. Im nächsten Augenblick fühlte sie etwas kaltes an ihrem Arm, ein schmaler goldener Reifen in Gestalt eines Hufeisens, die Stellen der Nägel mit Saphiren und Brillanten geschmückt, blitzte ihr entgegen.

»Wird Eure Hoheit — wird dich —« verbesserte sie sich weinend, »dies nie gereuen?« und ihr ernstes blasses Gesicht sah fragend zu ihrer fürstlichen Freundin auf.

»Ich habe ein feines Gefühl, Klaudine, für Menschenwert. Ich weiß, ich habe keiner Unwürdigen mein Herz angeboten.«


 

16.

 

Prinzessin Helene war in außerordentlich schlechter Stimmung nach Neuhaus zurückgekehrt. Sie hatte während der Fahrt schweigend in der einen Ecke des Landauers, Prinzeß Thekla in der anderen gelehnt, ebenso still. Komtesse Moorsleben, die in den Wagen befohlen war, wußte nur mit Mühe ein Lächeln zu unterdrücken, so ähnlich sahen sich in diesen Minuten des Verdrusses das junge und das alte Antlitz.

Erst oben, in den Gemächern des Neuhäuser Schlosses, entlud sich das Gewitter, und zwar über dem Haupt der Frau von Berg, die in das Zimmer der jungen Prinzessin befohlen ward. Die Kleine überhäufte die scheinbar schwer gekränkte Frau mit den wahnsinnigsten Vorwürfen, gerade als ob sie schuld sei, daß vor vierhundert Jahren ein alter Gerold die Idee hatte, in dieser Gegend ein festes Schloß zu bauen, das nach und nach zu diesem unausstehlichen Altenstein geworden war. Ein greulicher Aufenthalt, eine Einöde sei es, es liege ja klar am Tage, daß niemals ein vernünftiger Mensch so eine geschmacklose Erwerbung hätte machen können, wenn nicht ganz besondere Absichten damit verbunden wären.

Ob denn so etwas erhört sei, daß man öffentlich einen Verweis von Ihrer Hoheit hinnehmen müsse wegen — wegen so einer —. Sie fand in ihrem Zorn kein passendes Wort. Es habe ja gerade noch gefehlt, daß sie, Prinzeß Helene, die Hofdame Ihrer Hoheit um Verzeihung bitten solle!

»Oh!« fragte die schöne Frau, die mit gesenktem Haupt diesen Sturm über sich ergehen ließ, »um Verzeihung bitten? Durchlaucht hatten doch nichts getan?«

»Ich habe sie einfach nicht gesehen, denn ich mag sie nicht leiden«, erklärte die Prinzessin.

In Frau von Bergs Augen leuchtete es auf.

»Oh, allerdings, Durchlaucht, das war schlimm«, sagte sie sanft. »Ihre Hoheit ist wahrhaft bezaubert von dieser Freundin. Wie unangenehm mag dieser Auftritt dem Baron gewesen sein!«

»Unangenehm?« stieß die Prinzeß hervor. »Meinen Sie, Alice? Er ging nicht gerade ungern von dem Spielplatz, um auf Befehl Ihrer Hoheit seine Cousine versöhnt zurückzuführen.«

Die Prinzessin sprang nach diesen Worten aus ihrem grau und hlau geblümten Sessel empor und lief an das Fenster.

»Was sollte er denn tun, Durchlaucht?« sprach Frau von Berg. »Aber freilich, es ist nicht unmöglich, wer kennt die Männerherzen?« Und sie lächelte hinter dem Rücken der Prinzessin.

Diese wandte sich jäh, als sei sie von einer Schlange gebissen worden, sie sah noch das Lächeln um den Mund ihrer Vertrauten, im nächsten Augenblick flog etwas an dem künstlich frisierten Frauenkopf vorüber und fiel neben dem Kachelofen zur Erde. Es erwies sich zwar nur als das weiche blauseidene Arbeitsbeutelchen der Prinzessin, das eine niemals über die Anfänge hinauswachsende Stickerei Ihrer Durchlaucht enthielt, aber die Tatsache blieb bestehen: es war nach Frau von Bergs Kopf geworfen worden.

Die schöne Frau hielt sich plötzlich das Taschentuch vor die Augen und begann zu schluchzen.

»Weinen Sie nicht!« herrschte die Prinzessin sie an, »Sie wissen, daß es mich rasend macht! — Ich kenne Sie zu genau, Sie sind schadenfroh, Alice!«

»Bei Gott nicht, Durchlaucht!« beteuerte die Weinende. »Ich dachte an — man lächelt doch auch aus Mitleid.«

»Ich brauche Ihr Mitleid nicht!«

»Wer sagt denn, daß es Eurer Durchlaucht galt? Mich dauert die Herzogin! Ihre Hoheit kommt mir vor wie das Lamm, das sich den Wolf zu Gaste gebeten hat. Hoheit vergöttert ja diese Klaudine und — Durchlaucht, es ist doch traurig komisch, wenn man jemand sieht, der seinen ärgsten Feind mit Zuckerplätzchen füttert.«

Die Prinzeß antwortete nicht. Sie saß jetzt hinter dem Vorhang auf dem breiten Fensterbrett, und ihre Füße waren in hastiger Bewegung, während die Augen brennend auf die Straße starrten, die jenseits des Parkes sichtbar war.

»Was kann ich dafür, wenn die Leute blind sind«, sagte sie endlich.

»Ich glaubte, Durchlaucht liebten die Frau Herzogin?«

»Ja, sie ist gut, kindergut und hat mir immer viel Zuneigung bewiesen. Aber Mama sagt, sie ist überspannt, und das hat sie heute deutlich genug gezeigt. Ich kann ihr nicht helfen.«

Auf dem Rokokoschränkchen, dem echten alten mit blanken Messingschlössern und Henkeln, schlug die Uhr eben sieben. Die kleine Prinzessin bemerkte es ungeduldig.

»Schon so spät?« sagte sie, »der Baron vergißt, daß wir heute abend im Garten den Tanzplatz aussuchen wollten für das Fest.«

»Vielleicht befahl Ihre Hoheit ihn noch in ihren Salon«, bemerkte Frau von Berg. »Fräulein von Gerold singt jeden Abend und der Baron ist, wie Durchlaucht wissen, ein fanatischer Musikliebhaber.«

»Die Herzogin weiß aber, daß er Gäste hat!« rief die Prinzessin mit funkelnden Augen und sah ihre Peinigerin drohend an.

»Wenn aber Hoheit befehlen?« sagte diese sanft entschuldigend.

»Befehlen? Wir leben doch nicht im Mittelalter. Am Ende kann meine Cousine wohl gar noch befehlen, er soll ihren Liebling heiraten?«

Frau von Berg ging harmlos auf diesen etwas gewaltsamen Scherz ein. »Wer weiß, Durchlaucht? Wenn es der Herzenswunsch dieses Lieblings wäre?«

Das war zuviel für Prinzeß Helene. Sie lief zu Frau von Berg hinüber und faßte sie zornig an der Schulter, ihr schmales Gesicht war ganz bleich.

»Alice«, sagte sie, »Sie sind schlecht! Ich fühle es, daß Sie schlecht sind! Sie können mich bis aufs Blut peinigen, es ist entsetzlich, was Sie da sagen — aber — es ist nicht unmöglich. Alice, ich habe keine ruhige Stunde mehr, ich wollte, ich wäre tot wie meine Schwester! Die ist doch wenigstens einmal glücklich gewesen.«

»Aber, Durchlaucht, ein Scherz!«

»Nein, nein, kein Scherz — um Gottes willen, nehmen Sie es nicht als Scherz! Ich weiß nicht, was ich tun könnte vor Seligkeit, wenn sie fort wäre aus diesen Bergen! Warum ist sie nicht mit der Herzoginmutter nach der Schweiz gegangen? Warum muß sie hier sitzen?«

»Ja warum?« fragte Frau von Berg und küßte die Hand der kleinen Prinzessin.

»Armes Kind!« seufzte sie dann.

»Ach, Alice, wissen Sie keinen Weg? Nennen Sie mir einen! Ich ertrage die Zweifel nicht länger!« flüsterte das leidenschaftliche Mädchen.

»Ich, Durchlaucht? Was kann ich denn tun? Wenn da nicht ein Zufall hilft, Ihrer Hoheit die Augen zu öffnen —«

»Ein Zufall?« wiederholte die Prinzessin bitter.

»Wie denn sonst? Ihre Hoheit haben keine einzige Seele, die es gut genug mit ihr meint, um ihr einen solchen Freundschaftsdienst zu erweisen.«

»Ein schöner Freundschaftsdienst!« antwortete die Prinzeß spöttisch, »das ist schon mehr eine Henkersarbeit, denn das weiß ich, so wahr ich hier vor Ihnen stehe, Alice, daß die Kenntnis dieser Angelegenheit Elisabeths Herz brechen würde.«

»Durchlaucht würden lieber mit ansehen, wie das edelste, beste Geschöpf systematisch hintergangen wird? Ich muß gestehen, die Ansichten von Freundschaft sind sehr verschieden«, erwiderte Frau von Berg vorwurfsvoll.

»Sie haben wohl niemals einen so recht liebgehabt, Alice? So lieb, daß man eher sterben möchte, als ihn missen? Nein, das haben Sie nicht, sagen Sie es nur nicht etwa. Wo andere ein Herz haben, da haben Sie eine leere Stelle! Sehen Sie mich nicht so an, durch mich erfährt die Herzogin es nicht, Alice. Nebenbei behaupte ich nie etwas, das ich nicht zuverlässig weiß, und hier dürften vollgültige Beweise doch vorläufig fehlen.«

Frau von Berg lächelte und strich über das Haar der Prinzessin.

»Wie könnte ein so goldreines liebes Kinderherz auch an solche Schuld glauben?« sagte sie leise, »es würde selbst die Beweise nicht anerkennen.«

Die Prinzeß schüttelte die Hand ab. »Bitte, tun Sie nicht, als hätten Sie alle Taschen voll davon«, sagte sie, ärgerlich über die Berührung.

»Ich habe zwar nicht alle Taschen voll, es würde aber auch ein Beweis genügen, Durchlaucht.«

Das Gesicht des fürstlichen jungen Mädchens überzog eine flammende Röte.

»Es ist nicht wahr!« stammelte sie, »so ehrlos ist kein Weib, daß es Freundschaft heuchelt, wo es Verrat übt. Sie sind entsetzlich, Alice.«

»O Durchlaucht, Sie kennen das Leben nicht!«

Die Prinzessin faßte sich plötzlich an die Stirn und lief in ihr Schlafzimmer. Krachend flog die Tür hinter ihrer leichten Gestalt zu. Frau von Berg blieb allein in dem anmutigen einfachen Raum, sie schaute die Tür an und wieder glitt ein Lächeln über ihr Gesicht. Dann zog sie ein Notizbuch aus der Tasche und nahm ein Briefchen heraus. »Da ist es«, flüsterte sie, es liebevoll betrachtend. Einmal hatte es bereits seine Zauberkraft bewährt — da drinnen in ihrem Zimmer saß jetzt Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla und schrieb an Ihre Hoheit die Herzoginmutter einen Brief voll tugendhafter Entrüstung!

Nebenan erklang jetzt ein leidenschaftliches Schluchzen. Frau von Berg verließ das Zimmer und kam gleich darauf mit frischem Wasser und Himbeersaft zurück. Ohne weiteres betrat sie das Schlafgemach der Prinzessin. »Durchlaucht sollten sich fassen«, bat sie weich und mischte den kühlenden Trank. Sie kniete vor dem weinenden jungen Geschöpf nieder, das auf dem Sofa zu Füßen des Bettes saß, und sah sie wie um Verzeihung bittend an.

»Die roten Augen müssen fort«, sprach sie, »wenn ich nicht irre, fuhr soeben der Baron in den Hof. Auf dem Tische drinnen liegen die Maskenbilder für das Kostümfest und eine große Auswahl entzückender Stoffproben.«

Die Prinzessin erhob sich, ließ sich von Frau von Berg das Haar ordnen und die Augen kühlen. »Sehe ich sehr verweint aus?« fragte sie.

»Nein, nein, reizend wie immer!« klang es zurück.

Unten läutete jetzt die Tischglocke in vollen, lauten Tönen. Ein paar Minuten später flog die Prinzessin hinunter, als wollte sie keine Minute einer köstlichen Stunde versäumen, ihr Auge strahlte, ihr Mund lächelte. An den weit geöffneten Türen des Speisesaales, in welchem über dem blitzenden Tisch die Kerzen flammten, stand Beate in dem raschelnden grau und schwarz gestreiften Taftkleide, das sie jetzt regelmäßig bei den Mahlzeiten trug.

»Mein Bruder läßt Eure Durchlaucht bitten, seine Abwesenheit zu verzeihen, Seine Hoheit haben ihn für sich in Anspruch genommen, soeben kam der Wagen leer zurück«, sagte sie, sich leicht verneigend, mit ihrer zuweilen so hart klingenden Stimme.

Das Strahlende aus dem Gesichte der Prinzessin war verschwunden, sie saß still neben Beate. Die alte Prinzessin hatte sich mit plötzlich aufgetretenem Kopfweh entschuldigt.

Komtesse Moorsleben unterdrückte mühsam ein Gähnen, der Kammerherr sprach gedämpft mit Frau von Berg, sonst hörte man nichts, als das leise Klappern der Teller oder Beates Stimme, die laut und deutlich wie immer erscholl. Einmal redete sie die Prinzessin an, diese wandte auch den Kopf zu ihr herum, ohne zu antworten, aber noch ehe der Nachtisch kam, erhob sie sich, winkte der Komtesse, sie solle zurückbleiben, und lief wie ein trotziges Kind in den Garten hinaus. Als sie nach ein paar Stunden in ihr Zimmer zurückkam, war ihr Haar feucht vom Nachttau und die Augen verschwollen. Aber diese Augen sahen nicht das, was sich vor ihnen befand — sie sahen ein lauschiges Gemach und an dem Flügel ein schönes Mädchen, um dessen Blondhaar der Lichtschein eine Glorie wob, und einer lauschte den süßen, weichen Tönen, die sein Herz bestricken mußten wider Willen.

»Frau von Berg soll kommen«, sagte sie zur Kammerjungfer, »ich will kein Licht.«

Nach ein paar Minuten rauschte die Schleppe der schönen Frau über die Schwelle des dunklen Gemaches, und die kleine zitternde Hand der Prinzeß faßte nach der ihren.

»Den Beweis, Alice, geben Sie ihn mir!« flüsterte die bebende Stimme.

»Hier!« erwiderte Frau von Berg gelassen und legte den verräterischen Brief in die Rechte der Prinzessin. »Ich glaube, es lohnt der Mühe nicht. Werfen Sie den Zettel fort, Durchlaucht, wenn Sie ihn gelesen haben.«

»Es ist gut, Alice, ich danke. Sie können mich verlassen.«

Die Prinzessin ging in ihr Schlafzimmer und las beim Schein der rosa Ampel, die von der Decke herabhing. »Arme Liesel!« flüsterte sie.

Dann machte sie eine Bewegung, als wollte sie das Blättchen zerreißen, und hielt wieder inne. Eine heiße Blutwelle stieg ihr zum Kopf, sie holte schwer Atem. In dem Räume lag noch die Schwüle des Tages und durch das offene Fenster strömte der süße berauschende Duft blühender Linden, berauschend wie die Sehnsucht, die das Herz des Mädchens erfüllte. Sie wollte glücklich werden um jeden Preis, auch um den größten! Mit bebenden Fingern faltete sie den Brief so klein wie möglich zusammen und schloß ihn in eine goldene Kapsel, die sie am Halse trug.

»Nur für den Notfall!« flüsterte sie noch einmal und verbarg die Kapsel.


 

17.

 

Fräulein Lindenmeyer schüttelte verwundert den Kopf unter der rotbebänderten Haube. Merkwürdig, was aus dem sonst so verlassenen Paulinental geworden war! In den Waldwegen leuchteten helle Damenkleider auf und schollen fröhliche Stimmen, es schien, als habe die ganze Stadt sich gerade diese Gegend zu ihren Sommerausflügen ausgewählt. Eine Menge eleganter Wagen fuhr seit kurzer Zeit vorüber, und in Xleben war kein Ei mehr zu haben. Alles ging nach Brötterode, dem kleinen Bade, eine halbe Stunde vom Eulenhause, wo, wie die Frau Försterin sagte, die fremden Herrschaften in diesem Jahre nur so wimmelten. Jede noch so kleine Wohnung sei vergeben und der Wirt in der »Forelle« zum Platzen hochmütig geworden, er habe zwei Grafenfamilien im ersten Stock, und im Hinterhause wohne eine Frau von Steinbrunn mit zwei Töchtern, alle hätten eigene Wagen mit und das sei ein ewiges Gefahre nach Altenstein und nach Neuhaus. —

Ja, der ganze Hofschwarm war den fürstlichen Herrschaften nachgezogen, man fand in diesem Sommer in den höchsten Kreisen der Residenz die heimischen Gebirge unvergleichlich schön, es war einmal etwas anderes als die Schweiz oder Tirol, als Ostende oder Norderney. In dem einfachen Speisesaal des Brötteroder Gasthofes, wo die Bilder des Herzogs und der Herzogin in wahrhaft empörendem Farbendruck die getünchten Wände zierten, wo man auf tannenen Stühlen an schmalen Tischen saß, trockenen Rinderbraten und Backpflaumen als Kompott aß und zweifelhaften Rotwein trank, herrschte trotz alledem eine angeregte Stimmung. Hatte man doch Aussicht auf Picknicks im Walde, auf Krocket und Lawn-Tennis im Altensteiner Park. Die Herzogin sollte sogar von einem Gartenfest gesprochen haben, einem Kostümball im Mondschein unter den Eichen des Schloßgartens.

Es versprach diese Sommerfrische nach allen Seiten hin eine ganz ungewöhnliche zu werden. Außer allem anderen war es auch schon höchst interessant, diese romantische Freundschaft Ihrer Hoheit zu der schönen Klaudine zu beobachten.

»Neulich hat man sie in ganz gleichen Kleidern gesehen«, berichtete Frau von Steinbrunn.

»Verzeihung! Das ist nicht der Fall. Die Herzogin trug rote Schleifen, Klaudine von Gerold blaue«, ereiferte sich ein junger Offizier in Zivil, der seinen Urlaub anstatt in Wiesbaden hier verlebte.

»Die Herzogin soll sie ja förmlich mit Schmuck und Kostbarkeiten überhäufen, sie sind den ganzen Tag beisammen, lesend, plaudernd und spazieren gehend, wahrscheinlich dichten sie auch miteinander. Prinzeß Helene hat vorgestern zu Isidore von Moorsleben gesagt, sie nennten sich >du

»Nicht möglich! Unglaublich!«

»Die Gerolds haben eigentümliches Glück!«

»Was sagt Seine Hoheit dazu?« fragte plötzlich die kecke Stimme eines jungen Diplomaten.

Die alte Exzellenz mit weißem Scheitel und würdevollem Gesicht am oberen Ende der Tafel räusperte sich vernehmlich und schüttelte mißbilligend das Haupt.

Man sah sich lächelnd und vielsagend in die Augen, trank schweigend seinen Wein aus, reichte längst zurückgewiesene Kompottschüsseln noch einmal herum, die weibliche Exzellenz begann nach einer Pause vom Wetter zu sprechen. Ein paar Gräfinnenmütter erfaßten mit einem Blick auf die Töchter begierig das neue Thema, »ob man es wagen dürfe, auf die hohe Warte zu steigen, einen der beliebtesten Aussichtspunkte der Umgegend?« — Und als die Tafel aufgehoben war, traten die älteren Damen zusammen und flüsterten und zuckten die Achseln und hielten die Taschentücher vor den Mund und lächelten dahinter.

Bis jetzt war es noch nicht gelungen, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, denn bis zu diesem Augenblick hatten sämtliche um das Befinden der hohen Frau besorgte Herren und Damen sich damit begnügen müssen, ihre Namen in das Buch einzutragen, das in einem Saale zu ebener Erde des Altensteiner Schlosses auslag. Aber man hörte doch dieses und jenes, man vermutete, man kombinierte. Man war so neugierig auf den nächsten Donnerstag, denn daß die fürstlichen Herrschaften auf dem Feste des Baron Gerold erscheinen würden, ließ sich mit Bestimmtheit annehmen, man erwartete sogar ganz sicher, an diesem Tage eine große Neuigkeit zu hören, nichts geringeres als die Bekanntmachung einer längst erwarteten Verlobung.

Ja, es konnte interessant werden! Und während aller dieser Vermutungen, während aller dieser Erwartungen lebte man auf Neuhaus und Altenstein scheinbar in aller Ruhe weiter.


 

18.

 

Prinzeß Helene saß im Neuhäuser Garten und neben ihr stand das elegante Kinderwägelchen der kleinen Leonie. Ihre Durchlaucht spielte noch immer die zärtliche Tante in der stürmischen Art, wie sie alles auffaßte, was ihr durch das Köpfchen schoß. Sie schleppte die Kleine überall mit herum, sie bemühte sich mit unermüdlicher Ausdauer, ihr geliebtes Nichtchen das Wort »Papa« zu lehren, doch die scheuen schwarzen Kinderaugen sahen sie zwar groß an, aber das trotzige Mündchen blieb geschlossen. Sie wußte nicht, daß selbst das jüngste Kind schon in den Zügen zu lesen versteht, und die Ungeduld und Leidenschaft, die aus den Blicken der Prinzessin sprühten, machten das arme kleine Wesen furchtsam. Es fing gewöhnlich nach kurzer Zeit an zu schreien.

Und dann ward es mit Inbrunst getragen, beschwichtigt, geküßt und mit unmöglichen Koseworten überschüttet, so daß Beate in ihrem Zimmer die Hände rang und mit besorgter Miene lauschte, ob nicht jemand dem unglücklichen Würmchen zu Hilfe kommen wolle. Aber wer denn? Lothar saß wie vergraben in seiner Stube, wohin er sich nach beendeter Mahlzeit zurückzuziehen pflegte, Prinzeß Thelda lag meistens auf ihrem Ruhebett, gähnte oder schrieb Briefe, und Frau von Berg — nun, die bestärkte Prinzeß Helena noch in ihren Launen und Einfallen.

Die alte Kinderfrau, die erschreckt hinzulief, ward höchstens dazu benutzt, den süßen Liebling etwas zu beruhigen und ihn seiner fürstlichen Tante wiederzugeben. Beate, die bisher nicht wußte, was Nerven zu bedeuten haben, spürte zum erstenmal in diesen Tagen ein merkwürdiges Kribbeln in den Fingerspitzen. Das war, als Lothar vor dem Fest apathisch erklärte, ihm sei es ganz gleich, wie sie es arrangieren wolle. Da stand sie nun, die sich nie im Leben um derartiges bekümmert hatte, und sollte für Konzertprogramm, Tanzordnung und Kotillon sorgen. Sie hatte nicht übel Lust, dem, der da in seinem verdunkelten kühlen Zimmer so schweigend und brütend auf und ab schritt, die Wahrheit zu sagen: »Du bist hier der Herr vom Hause, und wenn du dir Gäste einladest, so habe auch die nötige Geduld, um die Pflichten des Wirtes zu ertragen.«

Aber ehe sie noch die Lippen geöffnet, wandte er sich um, und sie blickte in ein blasses Gesicht von so sorgenvollem Ausdruck, daß sie erschrak.

»Um Gottes willen, Lothar«, sagte sie und trat zu ihm, »du bist krank?«

»Nein, nein!«

»Dann hast du Sorgen!«

»Sorgen wie ein Mann, der sein ganzes Hab und Gut, seine Hoffnung, seine Zukunft auf ein gebrechliches Schiff lud und es vom sicheren Ufer aus Sturm und Wellen preisgegeben sieht, der dasteht, ohne retten zu können, und weiß, daß der Untergang gleichbedeutend ist mit Elend und Verzweiflung«, sagte er leise.

»Aber, Lothar!« rief Beate entsetzt. Sie war es nicht gewohnt, ihn in solchen Bildern sprechen zu hören und fast flehend bat sie: »Schenke mir dein Vertrauen, Lothar, erkläre dich deutlicher, du ängstigst mich!«

»O nichts, Beate, kehre dich nicht daran, es kam mir so unwillkürlich über die Lippen. Es wird überwunden werden — dann — wenn es wieder still und einsam ist hier auf Neuhaus. Habe Nachsicht mit mir.«

Aber die Schwester wich nicht. »Lothar«, begann sie entschlossen, »ich glaube, ihr Männer seid in manchen Sachen schwer von Begriff. Ich denke, du darfst auch diesmal nur die Hand ausstrecken.«

»Nein, mein kluges Schwesterchen, diesmal nicht«, erwiderte er. »Über meine geöffnete Hand hinweg streckt sich siegesgewiß eine andere, und als ich das sah, da habe ich die meine still zurückgezogen und zur Faust geschlossen. So, und nun frage nicht mehr und laß mich allein, Beate!«

»Du bist noch immer der törichte Junge von früher«, murmelte sie und wandte sich. »Bei Gott, sie läuft dir nach wie deine Diana da —« Und sie wies auf den Hühnerhund, der mit klugen Augen jeder Bewegung seines Herrn folgte.

Sie stand dann plötzlich in der Halle und sah mit finsterer Miene, wie Prinzessin Helene im lichten Morgenkleid, gefolgt von der Komtesse, die breite Treppe herunterkam, um im Garten zu verschwinden.

Beate schüttelte den Kopf und stieg die Treppe hinauf nach der großen Dachstube, wo die Wäschespinde und Truhen standen. War es denn ein Glück, das er ersehnte in Bangen und Verzweiflung? Dieses hochgeborene leidenschaftliche Geschöpf! War denn die erste Ehe ein Glück gewesen? Warum flogen Lothars Wünsche so hoch? Sie dachte seiner Zukunft an ihrer Seite, an das verlassene schlichte Haus seiner Väter, in welchem sie einsam und allein verbleiben würde, es hütend und beschützend wie jetzt. Er würde hinausgehen mit ihr in das bewegte Leben der Residenz, auf Reisen sein, wie mit der ersten Gattin, und mitunter würde er kommen, auf ein paar Tage — allein! Was sollte die erlauchte Frau auch hier? Ihre Anwesenheit jetzt bedeutete ja nur eine Ermutigung, ihr spielendes Interesse an dem Haushalt des Stammsitzes war nur ein Beweis, daß auch sie sich gern herablassen würde, wie einst ihre Schwester sich herabgelassen hatte.

Und wenn er dann kam, würden sich Bruder und Schwester in die Augen sehen und finden, daß sie gealtert seien, der eine in der schwülen, sengenden Hofluft, die andere in der Einsamkeit und in der Sehnsucht nach eigenem Glück.

Sie erschrak selbst über den schluchzenden Ton, der sich ihr wider Willen entrungen. Sie biß die Zähne zusammen und schloß mit umflorten Augen die Truhe auf, die ihr zunächst stand, und raffte eilig Teppiche und bunte gewirkte Decken heraus. Es waren köstliche Sachen, sie wollte damit die Halle schmücken lassen. Joachim hatte sie auf seinen Reisen gesammelt, diese Smyrnagewebe und türkischen Stoffe, und bei der Versteigerung hatte sie es erstanden mit ihren eigenen Mitteln. Und während sie die stimmungsvolle Farbenpracht der wundervollen Gewebe betrachtete, rollten ihr die Tränen unaufhaltsam über das stille Gesicht.

Was war ihr nur eigentlich? Sie kannte sich gar nicht so! Mit einer energischen Bewegung wischte sie die Tropfen ab und zwang sich, an Kotillonsträußchen und Schleifen, an unzählige Porzellanteller und Tassen, an eine Friseurin, an Eis, Mandelmilch und Gott weiß an was zu denken, und zuletzt an diese unglückliche Idee der kleinen Prinzeß, ein Kostümfest mit Tanz aus dem einfachen Kaffee machen zu wollen.

Sie eilte die Treppen wieder hinunter, gab Befehle, schickte Boten fort, sprach mit Gärtner und Mamsell, und mitten in diesen Trubel kam die Absage von Klaudine und Joachim. Auf letzteren hatte man ja kaum gerechnet, aber Klaudine? Beate suchte eilenden Schrittes ihren Bruder auf. Sie fand ihn im Garten, wo er neben Prinzeß Helene und der Komtesse auf dem Tanzboden stand, der unter den Linden hergerichtet war. Die Zimmerleute waren eben fertig geworden und ein paar Gärtnerburschen bekleideten die grob behauenen Pfähle der Einfriedung mit Tannen — grün und zogen Blumengewinde von Pfeiler zu Pfeiler.

»Lothar«, begann sie, »Klaudine sagt ab. Willst du nicht selbst hinüber und sie bitten, dennoch zu kommen?«

Er sah in diesem Augenblick noch bleicher aus. »Nein!« erwiderte er kurz.

In Prinzeß Helenes Augen blitzte es auf, sie hatte dies Blaßwerden bemerkt.

»Dann werde ich hinfahren, wenn du es erlaubst«, sprach Beate.

»So wirst du deine Schritte nach Altenstein lenken müssen. Im Eulenhause triffst du sie schwerlich.«

»Heute abend, wenn sie zurückgekehrt ist«, erwiderte Beate. »Ich komme nicht ohne ihre Zusage wieder.«

»Sie scheinen Unglück zu haben, Baron«, sagte die Prinzessin mit flackernden Augen, »wie Mama mir mitteilte, wird auch der Herzog höchstwahrscheinlich dem Feste seine Gegenwart versagen. Ihre Hoheit teilte es Mama tiefbetrübt mit.«

Auf der Stirn des Barons schwoll eine Ader. Sonst veränderte sich kein Zug seines Gesichtes, er sah gespannt den Gärtnern zu, welche rot-weiße Fähnchen an den Säulen befestigten. »Es sieht gut aus«, bemerkte er gelassen, »meinen Durchlaucht nicht auch?«

Die kleine Durchlaucht nickte.

»Warum nicht auch die Farben Ihres Hauses?« fragte sie bezaubernd liebenswürdig. »Abwechselnd das Gelb und Blau mit dem Purpur und Weiß?«

»Ich liebe diese Zusammenstellung nicht«, erwiderte er. »Es sind gesuchte Kontraste.«

Beate, die sich eben zurückziehen wollte, wandte sich erschreckt ab. Aber die Prinzessin lächelte, sie mochte einen anderen Sinn herausgehört haben als Beate.

Klaudine stand am Nachmittag dieses Tages, sich verabschiedend, am Schreibtisch ihres Bruders.

»Meine Absage ist doch besorgt?« fragte er.

Sie nickte. »Deine und meine. Leb wohl, Joachim!«

»Deine?« fragte er bestürzt.

»Ja! Ich sehne mich nicht nach derartigen Festen, sei nicht böse, Joachim!«

»Böse? Ich verstehe dich nur nicht, du wirst Beate sehr betrüben.«

Über das schöne Gesicht der Schwester flog ein leiser schelmischer Zug.

»O, ich denke, ich werde sie wieder versöhnen, Joachim, laß mich doch hier, du hast keine Ahnung, wie ich mich auf diesen Tag freue, auf den Nachmittag unter der Steineiche, auf den Abend mit dir.«

Er reichte ihr die Hand. »Wie du willst, Klaudine. Du weißt, alles ist mir recht, was du tust.«

Und Klaudine ging hinunter, küßte das Kind zum Abschied und schaute in Fräulein Lindenmeyers Zimmer. Die schlief im Lehnstuhl. Leise machte Klaudine die Tür zu und schlüpfte durch den Hausflur in den Garten hinaus, vor dessen Pforte der fürstliche Wagen hielt. Nach kaum einer halben Stunde saß sie unter den Eichen des Altensteiner Gartens und las der Herzogin vor aus Joachims Werk »Frühlingstage in Spanien«. Die Geschichte seiner Liebe war in die wundervollen landschaftlichen Schilderungen anmutig mit eingewebt.

»Klaudine«, unterbrach die Herzogin die Lesende, »sie muß sehr reizend gewesen sein, diese kleine Schwägerin! Beschreibe sie mir!«

Das Mädchen heftete ihre blauen Augen auf die fürstliche Frau. »Sie glich dir, Elisabeth«, sagte sie.

»O du Schmeichlerin!« drohte die Herzogin, »aber da bringst du mich auf eine Idee — verzeih, daß mich die interessante Lektüre zu einer Toilettefrage anregt. Wie war’s, Klaudine — ich nehme Fächer und Mantille und komme einmal >spanisch< nach Neuhaus? Es ist ein guter Gedanke, meine ich. Und du, Dina?«

»Ich habe abgesagt, Elisabeth.«

Über das Gesicht der Herzogin flog ein betrübter Zug. »Wie schade!« sagte sie langsam und nachdenklich. »Auch der Herzog hat abgesagt.«

Klaudines blasses Antlitz flammte plötzlich im Rot des Erschreckens. Die Augen der fürstlichen Freundin hefteten sich fragend auf die ihren.

»Ist dir heiß?«

»Aber weshalb will Seine Hoheit nicht teilnehmen?« erkundigte sich Klaudine ausweichend.

»Er hat mir keinen Grund angegeben«, war die Antwort.

»Elisabeth«, sagte das schöne Mädchen hastig, »wenn du es befiehlst, nehme ich meine Absage zurück, ich kann das leicht, Beate gegenüber.«

»Ich befehle es nicht, aber ich würde mich freuen«, sagte die Herzogin mit dem alten Lächeln.

»So beurlaube mich eine Stunde früher, ich möchte Beate selbst meinen geänderten Entschluß mitteilen.«

»Natürlich! So schwer es mir auch wird, dich zu missen. Aber berichte mir, warum wolltest du nicht nach Neuhaus? Ich kann mir nicht denken, Klaudine, daß du die Kleinigkeit mit Prinzeß Helene so ernsthaft genommen hast, um es deine Verwandten entgelten zu lassen.«

Die Herzogin hatte während dieser Worte die Hand der Freundin erfaßt und suchte mit ihrem Blick nach den blauen Augen.

Aber die langen blonden Wimpern hoben sich nicht und unter ihnen flammte wieder die heiße Röte auf von vorhin.

»Nein, nein!« stieß sie hervor, »das ist es nicht. Ich hatte Joachim einen stillen Abend versprochen. Ich glaubte, du würdest mich nicht vermissen in dem Glanz und Lärm des Festes.«

»Ich fühle mich nie einsamer als unter vielen Menschen«, erwiderte die Herzogin leise und hielt Klaudines Hand fest, die sie ihr entziehen wollte.

»Ich komme ja mit, Elisabeth.«

»Gern? Ich lasse dich nicht früher los.«

»Ja«, klang es zögernd und ihre Wange neigte sich gegen die der Herzogin. »Ja!« wiederholte sie noch einmal, »weil ich dich unsagbar lieb habe.«

Die Herzogin küßte sie. »Ich dich auch, Dina! Seit meiner Brautzeit habe ich nicht wieder das frohe, beglückende Gefühl gehabt wie jetzt neben dir. Und was so gut ist, in der Freundschaft kann man nicht so leicht Enttäuschungen erleben wie in der Liebe, sie gewährt ein ruhigeres Glück!«

Klaudine sah forschend in die Züge der Herzogin.

»Ja, ja, die Liebe, die Ehe bringen mancherlei mit sich, Schätzchen«, lächelte diese, »kleine Kränkungen, kleine Enttäuschungen. Denke doch, Klaudine, mit welchem Idealismus tritt so ein achtzehnjähriges Mädchen vor den Altar! Aber darum, mein Kind, bin ich doch die glücklichste Frau, denn er liebt mich. Sich geliebt zu wissen, fest auf die Liebe und Treue des Mannes zu vertrauen, darin liegt alles, was es für ein Weib gibt — und dieses Vertrauen verlieren würde für mich gleichbedeutend sein mit Sterben!«

Sie plauderte leise weiter von dem ersten Sehen des Geliebten, von jener innigen Liebe, die sie sogleich für ihn hegte, von dem Taumel, der sie ergriffen, als man ihr mitteilte, daß er um sie geworben hatte. Wie sie die Hände gefaltet und mit zitternden Lippen gefragt habe: »Mich? Mich will er?« Sie erzählte, wie sie täglich während des kurzen Brautstandes an ihn schrieb, wie sie mit einem Glücksgefühl, einem Stolz ohnegleichen nach der Vermählung mit ihm auf den Balkon des väterlichen Schlosses trat, um ihren schönen ritterlichen Gemahl den Tausenden von Menschen zu zeigen, die den großen Platz dort unten füllten, und wie sie dann so heimlich beide in dem unscheinbaren Wagen durch die Frühlingsnacht nach dem stillen Schlößchen in der Nähe der Residenz fuhren, wo sie ihr erstes junges Glück verbergen wollten.

Sie war beim Aussteigen mit der Schleppe am Wagen hängen geblieben und ihrem jungen Gatten buchstäblich zu Füßen gefallen, beide hatten sie gelacht, und weil ihr der Fuß schmerzte, hatte er sie in seinen Armen die Treppe hinaufgetragen, durch die menschenleeren Korridore, auf denen nur dämmernd die Lampen brannten, bis in ihre Zimmer, und dort hatten sie am offenen Fenster gesessen und die Nachtigallen im Parke gehört und die Lichter des Schlosses auf dem Weiher sich spiegeln sehen. Die feuchte warme Luft war voller Veilchenduft gewesen.

Die dunklen Augen der Erzählerin schimmerten in der Erinnerung jenes Glückes, und als jetzt eben die schlanke Gestalt des Herzogs im tadellosen eleganten Sommeranzug um das nächste Gebüsch bog, da flog ein wunderbar verklärender Glanz über ihr krankes, schmales Gesicht.

Er grüßte näher kommend, war aber offenbar nicht in rosiger Stimmung.

»Störe ich die Damen?« fragte er. »Ohne Zweifel werden Toiletteangelegenheiten erörtert? Tolle Idee, ein Kostümfest!«

»Mein Himmel, ja!« rief die Herzogin. »Klaudine, wo werden Sie nun in aller Eile noch eine Toilette her bekommen?«

»Ich habe ein ganzes Spind voll alter prächtiger Sachen von Großmama«, erwiderte sie, »es wird sich wohl etwas darunter finden, denke ich.«

»Die Fracks der Herren werden sich recht malerisch neben diesen Zigeunerinnen und Rokokodamen ausnehmen«, spottete der Herzog. »Natürlich, eine Laune von Helene, das ist klar.«

»Warum kommst du nicht, Adalbert? Tue es doch. Weshalb willst du Gerold diese Gunst versagen? Du hast ihn früher in jeder Weise verwöhnt«, bat die Herzogin.

Er zuckte die Achseln. »Es wird sich nicht einrichten lassen«, sagte er kurz und begann von etwas anderem zu reden.

»Nun, Klaudine, so werden wir uns miteinander trösten, ich als Spanierin und Sie?«

»In einer der unkleidsamen Trachten des Empire, Hoheit, kurze Taillen, enge Röcke und —«

»Verzeihung! Unkleidsam ist die Tracht nicht«, fiel der Herzog ein, »im Gegenteil. Aber es gehört ein tadelloser Wuchs und eine gewisse Grazie dazu. Denken Sie an das entzückende Bild der Königin Luise und an das Bild meiner eigenen Großmama, der Herzogin Sidonie, in der Galerie unseres Schlosses. Sie war reizend, diese Mode.«

Klaudine schwieg. Die Herzogin sprach noch einiges, dann empfahl er sich, und Klaudine las weiter.

 

Es war gegen neun Uhr und der letzte Tagesschein lag noch über den Bergen, als sie nach Neuhaus fuhr. Herr von Palmer stand an seinem Fenster hinter dem Vorhang und hörte das Gefährt vom Schloßhofe rollen. Er drehte seinen langen, sorgsam gefärbten Schnurrbart mit den wachsbleichen Fingern. Er wußte ja, der Pfeil lag auf der Sehne, der Bogen war gespannt, es bedurfte nur eines Anstoßes, dann war ein armes Menschenherz zu Tode getroffen — »unmöglich gemacht« nannte es Herr von Palmer. Es war nötig, es war sogar die höchste Zeit, die Freundschaft nahm überhand; die Herzogin behandelte ihn jetzt erbärmlich, noch schlechter als früher, er wußte, woher dieser Wind wehte. Wenn der Pfeil auch sie streifte — es geschah ihr recht. »Lächerlich, daß die Berg sagt, die kleine Prinzeß fürchte für Ihre Hoheit. Diese Naturen sind zähe.

Wundervoller Gedanke, die kleine eifersuchtstolle Durchlaucht auszuwählen, diejenige zu sein, die das Geschoß abdrücken sollte. »Großartig, großartig!« sagte er und ging im Zimmer auf und ab. »Das konnte auch nur ein Weiberkopf aussinnen. Es gibt einen Knalleffekt, einen riesigen, schöne Klaudine! Die Säle des Residenzschlosses sehen dich nicht wieder. Lothar denkt sowieso nicht an sie, dieser Hochmutsnarr mit seinen fürstlichen Freiereien. Wie die Berg darauf kommt, ist mir rätselhaft. Der Herzog aber mag an sie denken, so viel er will, hat Ihre Hoheit erst Verdacht, dann hilft es Euer Liebden nichts, geschieden muß sein! Wer nachher vor Euren herzoglichen Augen Gnade finden soll, das wird von mir abhängen. Die Berg ist noch schön genug und — alte Liebe rostet nicht. Sie liebt ihn auch noch immer und würde doch dabei mit dem größten Verständnis auf meine Pläne eingehen.«

Eine endlose Reihe glänzender Geschäfte entwickelte sich vor den Augen des Mannes, zunächst aber winkte der verlockende Titel »Hofmarschall«. Die alte kopfwackelnde Exzellenz von Elbenstein, die zugleich das Amt des Oberstallmeisters vertrat, und deren Geschäfte er, Palmer, bereits seit Monaten versah, konnte unmöglich noch lange leben. Seine Hoheit hatte auch bereits ein verheißungsvolles Wort gesprochen.

Er nahm seinen Hut und ging zur Tafel, wo eben der Rittmeister eine Pfirsichbowle braute, die ersten köstlichen Früchte aus den herzoglichen Treibhäusern waren angelangt.

Klaudine ließ den Wagen am Eingang der Neuhäuser Lindenallee halten, sie wollte unbemerkt ins Haus, in Beates Stube treten. Die Halle vermeidend, gelangte sie ungesehen durch die Hintertür, huschte leise durch den Flur und pochte kaum hörbar an die Wohnstube. Ein Schritt kam durch das Zimmer und die Tür wurde geöffnet.

»Ich bin es, Beat«, flüsterte sie, »störe ich dich nicht? Nur einen Augenblick.«

»Also wirklich, du!« rief die Cousine und zog das Mädchen in das noch finstere Gemach und zu einem Sessel.

»Laß nur, laß«, wehrte Klaudine, »ich wollte dir nur sagen, daß ich übermorgen dennoch komme, wenn du erlaubst.«

Beate lachte herzlich und küßte sie.

»Nun«, rief sie in die Dunkelheit hinein, »wer hat denn recht, Lothar? Mein Gang ist gar nicht einmal nötig.«

Klaudine erschrak. Am Fenster hatte sich eine Gestalt erhoben. Um ihre Stirn flatterte es heiß. »Die Herzogin befahl«, sagte sie stotternd.

»Es ist außerordentlich liebenswürdig von Ihrer Hoheit«, sprach er, und seine Stimme klang sonderbar heiser. »Soeben erwies auch Seine Hoheit mir die Ehre, die bereits erfolgte Absage zurückzuziehen.«

Klaudine griff in das Polster des Sessels, sie zitterte plötzlich, aber sagte kein Wort. Welch peinlicher Zufall!

»So setze dich doch«, drängte Beate, »man sieht und hört ja jetzt nichts mehr voneinander. Ich habe begreiflicherweise wenig Zeit, aber da du einmal hier bist, hilf mir die Tischplätze ordnen. Ich kenne ja alle diese Menschen nicht, die da eingeladen sind und zugesagt haben.«

»Verzeih, Beate, ich habe etwas Kopfweh und der Wagen wartet draußen«, sagte Klaudine ablehnend und wandte sich zum Gehen. »Laß doch losen«, setzte sie dann hinzu, als empfinde sie die Unart, Beate diese kleine Gefälligkeit zu versagen.

»Natürlich!« pflichtete Lothar bei. »Mitunter bringt der Zufall das große Los und erhört fromme Wünsche. Darf ich mir gestatten, Sie zu Ihrem Wagen zu geleiten?«

Beate schmollte wirklich ein wenig, sie blieb zurück. Lothar schritt neben dem erregten Mädchen durch die erleuchtete Halle in den Garten hinaus. Sie sprachen nicht miteinander.

Im Schlosse war die ganze Fensterreihe des ersten Stockes erleuchtet, Prinzeß Helene liebte viel Licht. Sie hatte sich früh von der Tafel zurückgezogen, um Kostüme anzuprobieren. Der Schein, der von dort herniederfiel, verbreitete sich noch bis unter das Dunkel der Bäume. Die Lindenblüte duftete betäubend, es war ein warmer feuchter Sommerabend, der Mond verbarg sich hinter dunkeln Wolken.

Sie kamen raschen Schrittes nebeneinander daher, vor ihnen huschte ein Schatten hinter einen der riesenhaften Bäume, ein zweiter folgte nach. Er hatte es wohl nicht bemerkt, Klaudine aber war unwillkürlich stehen geblieben. »Sehen Sie nichts?« fragte sie ängstlich.

»Nein!« erwiderte er.

»So war es wohl eine Sinnestäuschung?« entschuldigte sie sich.

Und nun ging sie rascher vorwärts bis zu dem Wagen, neigte den kleinen Kopf mit einem kühlen »Gute Nacht!« und schlüpfte hinein.

Das Rollen verklang in dem schweigenden Garten. Der Mann dort, der dem Wagen nachgeschaut hatte, schritt nun langsam auf dem Fußwege außerhalb der Parkmauer dahin, dem Walde zu, als wollte er sich auf einsamen Pfaden Ruhe erwandern.

»Alice«, flüsterte leidenschaftlich Prinzeß Helene und kam hinter dem Baumstamm hervor, »Alice, er ist mit ihr gefahren!«

»Durchlaucht, nur eine Ritterpficht.«

»O, ich kann das aber nicht ertragen, Alice. Was tut sie hier? Was wollte sie? Alice, so sagen Sie doch ein Wort!«

Das erregte Flüstern der Prinzeß war in heftiges Sprechen übergegangen.

»Aber, mein Gott, Durchlaucht«, begann die schöne Frau, als könne sie vor schmerzlichem Staunen nicht Worte finden, »was soll ich sagen? Ich bin selbst überrascht und fassungslos!«

Die Prinzeß eilte vorwärts bis zum Parktore. Dort stand eine alte Sandsteinbank und sie kniete hinter derselben im Dunkeln zur Erde und wartete, wartete mit fiebernden Pulsen auf seine Wiederkehr. Frau von Bergs Stimme erschallte vergeblich durch den dunkeln schwülen Garten. Sie ging endlich hinauf und lächelte in ihren großen Stellspiegel, indem sie um ihr volles Haar das kokette Tuch schlang, das sie übermorgen tragen wollte als Italienerin. Die Prinzessin kam erst nach Stunden zurück, mit bleichem Gesicht und verweinten Augen. Sie schlief nicht einen Augenblick in dieser Nacht.


 

19.

 

Das Fest in Neuhaus war auf seinem Höhepunkt angelangt. Der warme Sommerabend, ohne jede Zugluft, machte es selbst der leidenden Herzogin möglich, im Freien zu bleiben. Die Purpurvorhänge des Zeltes, das unter den Linden unfern des Tanzplatzes stand, waren weit zurückgenommen. Sie lehnte dort im bequemen Sessel, umgeben von einem dichten Kreis von Damen und Herren. Das wunderbare Licht, welches Dämmerung, Mondschein und Hunderte von farbigen Laternen schufen, ließ ihr schmales Gesicht unter der schwarzen, mit Brillantnadeln befestigten Spitzenmantille noch blässer erscheinen als sonst, und die Augen größer noch und glutvoller. Sie trug ein granatrotes kurzes Kleid mit dem Spitzensaum und das schwarze goldgestickte Jäckchen der Andalusierin. Auf den schmalen schwarzen Atlasschuhen blitzten Brillantschnallen.

Prinzeß Thekla in grauem Atlaskleid saß neben ihr.

Vor ihnen breitete sich das reizvollste Bild aus unter den Zweigen der hundertjährigen Linden, deren Blätter smaragden schimmerten in dem Lichte zahlloser Flammen. Eine Fülle von Jugend und Schönheit wogte dort, die Gruppen dieser phantastischen, wie aus dem Feenreiche entstammenden Gestalten waren umschmeichelt von dem betäubenden Duft der Lindenblüte, umrauscht von den prickelnden Klängen eines Straußschen Walzers.

»Ein Fest, wie zu Goethes Zeit in Tiefurt«, sagte die Herzogin.

»Besonders, wenn man die schöne Gerold sieht. Bitte, Hoheit, betrachten Sie diese Gestalt — wahrhaft klassisch!«

Der Sprechende, dessen schmales Gesicht eitel Entzücken verriet, stand hinter dem Stuhl Ihrer Hoheit und seine Blicke deuteten auf Klaudine.

»O ja, mein lieber Graf«, erwiderte die Herzogin und betrachtete ihren Liebling mit leuchtenden Augen, »sie ist, wie immer, der Stern des Abends.«

»Hoheit sind allzu bescheiden«, sagte Prinzeß Thekla und ihre kalten Augen blickten vernichtend nach der bezeichneten Richtung.

Klaudine stand außerhalb des girlandenumschlungenen Tanzplatzes auf dem Rasen. Der alte Herr hatte nicht zuviel behauptet, nie war wohl ihre eigenartige Schönheit mehr zur Geltung gekommen, als an diesem Abend in der Tracht der Urgroßmutter. Sie trug das prachtvolle Blondhaar zu einem antiken Knoten am Hinterkopf zusammengebunden, ein schmales Diadem, in dessen Mitte ein Brillantstern funkelte, krönte den schönen Kopf. Die kurze Taille zeigte wundervoll geformte Arme und Schultern, nur leicht von einem seidenglänzenden Flor umhüllt. Ein kurzes enges Unterkleid aus weißem, durchsichtigem Seiden­gewebe, am Saum mit breiter Silberstickerei verziert, ließ kleine rosa Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern sehen. Und dieses duftige Kleid ward vervollständigt durch eine mattrosa Schleppe aus schwerer Seide, ein Strauß frischer Zentifolien schmückte die Brust. — Aus den Falten dieses Gewandes wehte noch heute ein feiner Lavendelduft, das Parfüm jener geistesvornehmen, lebensvollen, sprühenden Vergangenheit.

Es mochte wohl Seine Hoheit förmlich berauschen, denn der Herzog stand bereits seit einer Viertelstunde vor dem schönen Mädchen, das, die schweren Falten der Schleppe in der Hand, wie fluchtbereit mit unruhigen Augen an ihm vorüberspähte, als suche sie nach einer Gelegenheit zu entschlüpfen. Man hatte einen förmlichen Respektkreis um sie und den Herzog gebildet, als wollte man Seiner Hoheit Gelegenheit geben, unbelauscht mit der schönen Gerold zu plaudern, und dennoch, während man dort, scheinbar mit sich selbst beschäftigt, fragte, plauderte, neckte, waren aller Augen verstohlen auf jenes reizende Mädchen gerichtet, welches von herzoglicher Huld und Gnade so auffallend ausgezeichnet ward.

Prinzeß Helene, die als Griechin gekleidet mit dem Adjutanten Seiner Hoheit in einen Reigen eingetreten war, sah es mit heimlicher Freude. Sie wandte ihr dunkles Köpfchen energisch herum, sie mußte doch sehen, wie der Baron dieses Beisammensein vor aller Augen beurteilte. Eben stand er noch an jenen Baumstamm gelehnt, ein Glas eisgekühlten Sekt in der Hand, mit dem er einige Kelche berührt hatte, die ihm zwei oder drei Herren entgegenhoben. Jetzt war er verschwunden. Blitzschnell drehte sich das Köpfchen nach jener Seite, wo Klaudine stand, und ihre Lippen preßten sich aufeinander — denn jetzt schritt Baron Lothar auf das Paar zu.

»Verzeihung, Hoheit! Ihre Hoheit die Frau Herzogin wünschen Fräulein von Gerold zu sprechen. Darf ich bitten, Cousine?«

Klaudine verbeugte sich tief und legte ihre Fingerspitzen auf Lothars Arm, der sie langsam dem Zelte der Herzogin zuführte.

»Treten Sie einen Augenblick zu Ihrer Hoheit«, sagte er ruhig, »es möchte sonst auffallen. Nachher —«

Sie blieb stehen und sah ihm in das unbewegte Gesicht. »Ich denke, Ihre Hoheit will mich sprechen?«

»Nein«, erwiderte er gelassen, »ich sah nur, daß Sie wie auf Nadeln standen, und erblickte hundert lauernde Augen auf Sie gerichtet. Überhaupt«, fuhr er fort, »da ich Sie doch einmal hier sehen muß heute abend, würde ich Sie am liebsten in der Nähe Ihrer Freundin bewundern. Ich denke, Sie in Ihrer blonden Schönheit neben der Andalusierin würden das reizvollste Bild des Abends sein — gönnen Sie es uns!«

Sie zog die Hand von seinem Arm zurück. Die Erleichterung, mit der sie seiner Aufforderung gefolgt war, wich einer heißen Empörung, aber sie vermochte nicht mehr zu erwidern, schon stand sie vor der Herzogin.

»Kiaudine«, sagte diese und reichte ihr die Fingerspitze, »warum tanzen Sie nicht? Ich möchte Sie in diesem Reigen sehen, ich glaube, in jener Gruppe fehlt noch das vierte Paar. Herr von Gerold, bitte!«

Sie konnte sich nicht weigern, mechanisch nahm sie seinen Arm. Lothar blieb schweigend, es war ein merkwürdig stummes Paar, gleichwohl das schönste von allen. Kaum war die Schlußverbeugung des Tanzes geschehen, so fragte sie: »Wo ist Beate?«

»Sie wird im Schlosse sein«, erwiderte er.

Sie dankte und schlug eilig den Weg dorthin ein. In der großen Halle hatte man für einige wenige Auserkorene die Tafel gedeckt. Die mächtigen Flügeltüren waren zurückgeschlagen und ließen den Blick in den erleuchteten Garten frei.

Beate stand an der Tafel und wiederholte ihre Anordnungen einem halben Dutzend Dienern zum soundsovieltenmal. Sie schlug fröhlich in die Hände, als sie Klaudine erblickte.

»Wahrhaftig, Herzenskind«, rief sie, »du bist unheimlich reizend heute in deinem vorweltlichen Kleide da. Und wie gut sich der Urgroßmutterstaat erhalten hat, nicht einmal das Silber ist schwarz geworden!«

Sie klopfte der Cousine die Wange, und auf die Tafel zeigend, die blitzte und funkelte, fragte sie: »Ist’s recht so, Klaudinchen? Von dort oben, wo Ihre Hoheit sitzt, kann man das Feuerwerk am besten sehen. Du kommst hier etwas weiter unten her, diese zwölf Gedecke sind für die Prinzessinnen und ihre Herren. Die anderen müssen sich an allen den kleinen Tischen im Garten oder im Saale verteilen, wie das Geschick sie zusammenführt. Dort stehen die Körbchen mit den Losen, ich habe deinen Rat befolgt.«

»Ich bitte dich, Beate, laß mich von der herzoglichen Tafel weg«, rief Klaudine flehend, »ich sitze irgendwo anders lieber.«

»Damit mir deine Hoheit den ganzen Abend ein böses Gesicht zieht! Nein, mein Schatz, daraus wird nichts, beiße nur in den sauren Apfel. Wer dein Nachbar wird, weiß ich allerdings nicht. Aber verzeih, ich muß noch einmal zu der Mamsell.«

»Beate!« rief Klaudine, aber diese war schon hinter dem Teppich verschwunden, der den Flur heute von der Halle abschloß. Zögernd schritt sie dem Ausgang zu. Am liebsten wäre sie noch in dieser Minute auf den dünnen Sohlen die steinigen Waldwege entlang gewandert nach ihrem friedvollen, weltabgeschiedenen Heim. Drüben klangen jetzt die Töne eines Walzers, ihr war so bitter zumute. Sie wußte sich frei von Schuld, und dennoch wich ein beklemmendes Gefühl nicht von ihr. Sie wußte, daß der Herzog deshalb noch zugesagt hatte, weil die Durchreise des Großherzogs von Z., den zu begrüßen er nach der nächsten Bahnstation hatte fahren wollen, abgemeldet worden war. Und dennoch, auf all diesen Gesichtern hatte sie einen so sonderbaren Ausdruck gelesen, man war so beflissen gewesen zurückzutreten, als Seine Hoheit sich näherte, und er hatte sie aus der Nähe des Herzogs entfernt mit einer Bemerkung, so unartig, so unritterlich wie möglich! Sie preßte die Lippen aufeinander.

Plötzlich hob sie den Kopf. Ein eigentümlicher Laut, der grell über der gedämpften Musik schwebte, ließ sie aufhorchen, sie wußte nicht, kam er aus der Halle oder von draußen. Es klang wie der ängstliche Schrei eines Tieres. Aber jetzt — nein, das war eine Kinderstimme — angstvoll, gellend scholl sie herunter von dort oben. Im nächsten Augenblick flog Klaudine die Stufen empor, eilte durch den breiten oberen Flur und trat in die weitgeöffnete Tür, aus der die Klagetöne erschollen.

Der rosa Schein der leise schwankenden Ampel erhellte nur matt das Gemach. Zunächst sah Klaudine nichts als den großen weichen Spielteppich der Kleinen mit durcheinander geworfenen Puppen und anderem Spielzeug, und das leere Bettchen, dessen Vorhänge weit zurückgeschlagen waren. Das Weinen war verstummt, nichts rührte sich. Klaudines Blicke forschten umher, dann trat sie einen Schritt näher und ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. Dort im weit geöffneten Fenster, nicht mehr auf der inneren Fensterbank, nein, auf der Steinbrüstung außen kauerte das Kind! Sein langes Nachtkleid hatte sich hindernd um die Beinchen gewickelt, es saß da ganz frei, den Rük- ken nach der Tiefe gewendet, und starrte mit tränenerfüllten Augen die unerwartete Erscheinung der fremden Dame an. Die geringste Bewegung — und das Kind mußte hinunterstürzen.

Atemlos stand das junge Mädchen einen Augenblick, blitzschnell kreuzten sich die Gedanken hinter ihrer Stirn. Würde das Kind erschrecken, wenn sie näher trat? »Barmherziger Gott, hilf mir!« flüsterte sie.

Über ihr starres Gesicht glitt plötzlich ein Lächeln, mit raschem Griff hatte sie ihr Armband abgenommen und drehte es spielend und lockend hin und her, während sie einen Schritt vorwärts tat, und noch einen und noch einen. Jetzt erfaßte sie das lange Kleidchen, ein schwacher Schrei entrang sich — der kleine Körper schlug rückwärts, aber kraftvoll griff die zweite Hand nach, und im nächsten Augenblick kniete sie auf dem Teppich, das zu Tode erschreckte Kind im Schoß. Die zitternden Knie hatten ihr den Dienst versagt, halb ohnmächtig sank ihr Kopf gegen den Pfeiler eines Spiegeltisches, während ihre blauen, großen Augen wie erloschen aus dem kreideweißen Antlitz blickten.

Es kniete jemand neben ihr, genau so erschreckt, so blaß, so zitternd. Zwei heiße Lippen preßten sich auf ihre Hände und auf des Kindes Gesichtchen.

»Lothar!« murmelte sie und strebte zitternd empor.

Er nahm ihr das Kind vom Schoß, trug es ins Bettchen und trat dann zu ihr, die hochaufgerichtet dort stand und nun mit schnellen Schritten an ihm vorüberstrebte.

»Klaudine!« scholl es bebend, und seine Gestalt vertrat ihr den Weg.

»Es war beinahe zu spät«, sagte sie und versuchte zu lächeln.

Er faßte ihre Hand und führte sie zu dem Bettchen. Die Kleine saß aufrecht darin und lachte. Er hob sie empor und hielt des Kindes Gesicht an die blasse Wange des Mädchens.

»Bedanke dich!« sagte er mit seltsam bewegter Stimme, »dein Vater darf es nicht.«

Klaudine sah, wie die Hände, die das Kind hielten, zitterten. Sie küßte flüchtig die kleine Wange.

»Ich war vorher sehr zornig auf mich«, sprach sie kühl, »daß ich Ihre Einladung doch noch annahm, Vetter — ich darf mir jetzt wohl verzeihen.«

Eine schwüle Pause entstand. Die Kleine hatte jauchzend nach dem Stern in dem blonden Haar gegriffen, Klaudine mußte den Kopf neigen, um die Fäustchen zu lösen. Draußen flog eben mit zischendem Laut eine Rakete empor, das Zeichen für den Beginn des Mahles. Musik, Lachen, plaudernde Stimmen drangen deutlicher herauf, und ein glutroter Schimmer brach durch die Fenster.

Sie war vor den Spiegel getreten, um die zerzausten Löckchen etwas zu ordnen. Sie sah nicht den leidenschaftlichschmerzlichen Blick der dunklen Männeraugen, die ihr folgten, wie sie nicht gesehen hatte, daß vor ein paar Minuten in der weit geöffneten Tür eine zierliche Gestalt im blaßblauen Seidenröckchen wie hingeweht gestanden hatte, um gleich wieder zu fliehen, als sei dort in dem dämmernden Zimmer etwas entsetzliches zu erblicken gewesen, während es doch das entzückendste Bild war, ein schlankes Mädchen an der Seite des schönen Mannes, der sein spielendes Kind auf den Armen hält.

»Ich werde veranlassen, daß die Wärterin kommt«, sagte Klaudine jetzt im Hinausgehen, »die kleine Unternehmungslustige möchte sich sonst zum zweitenmal aus dem Bettchen entfernen.«

In diesem Augenblick erschien zwar nicht die unzuverlässige Kinderfrau, wohl aber Frau von Berg.

»Sie werden die Güte haben, Frau von Berg, an Leonies Bett zu bleiben, bis die Kinderfrau, die Sie übrigens vortrefflich unterrichtet zu haben scheinen, zur Stelle ist. Ich möchte nämlich nicht gern, daß die Kleine noch einmal in die Gefahr kommt, dort hinauszustürzen.«

Klaudine war rasch auf den Flur getreten, sie konnte nicht mehr das namenlos bestürzte Gesicht der schönen Italienerin erblicken, die auf ein paar verzweiflungsvoll geflüsterte Worte der Prinzeß Helene über das befremdende Schauspiel kraft ihres Amtes einmal in der Kinderstube nachschauen wollte. Klaudine schritt schon am Ende des Ganges, als Lothar sie einholte. Nebeneinander betraten sie die Treppe, die in die Halle führte.

Es ging wie staunende Bewunderung einen Augenblick durch alle die Menschen, die den Raum füllten oder draußen vor der Halle standen. Die Herzogin aber winkte mit ihrem Granatstrauß empor.

»Klaudine«, sagte sie, als das Mädchen vor ihr stand, »wir haben beschlossen, mitzulosen. Warum sollten sich der Herzog und ich nicht auch einmal dem Zufall anvertrauen? Unsere liebenwürdige Wirtin hat noch rasch unsere Namen hineinwerfen müssen.«

Und als jetzt Komtesse Moorsleben in einem blumigen Rokokokostüm mit zierlichem Knicks Ihrer Hoheit die silberne Schale darbot, welche die goldgeränderten Zettelchen mit den Namen der Herren enthielt, griff die schmale Frauenhand keck hinein und entnahm eine der kleinen Rollen. Prinzeß Thekla dankte. Die Hand der Prinzeß Helene, die einen Schritt hinter Ihrer Hoheit stand, zitterte, als sie den kleinen Zettel nahm.

»Liebste Klaudine«, sprach die fürstliche Frau, »Ihr Schicksal winkt«, und die Angeredete ergriff nun auch eines der Zettelchen.

»Noch nicht lesen!« sagte die Herzogin. Ihre großen, dunklen Augen glänzten freundlich, sie stützte sich leicht auf Klaudines Arm.

Das weiß gepuderte Köpfchen der hübschen Hofdame war hin und wieder aus der Menge aufgetaucht. Jetzt hielt sie das geleerte Silberkörbchen in die Höhe, und im nämlichen Augenblick begann die Kapelle den Hochzeitsmarsch aus dem »Sommernachtstraum«.

Die Damen sollten die ihnen durch das Los zugeteilten Herren zur Tafel führen. So war es von Prinzeß Helene bestimmt. Lachen, Ausrufe wurden laut.

Ihrer Hoheit Augen leuchteten. Sie hatte den Namen eines blutjungen, schüchternen Leutnants auf ihrem Zettel gefunden.

»Nun, Klaudine?« fragte sie, indem sie in das Papier der Freundin blickte. »Oh!« machte sie dann, »Seine Hoheit!«

Klaudine war bleich geworden, der Zettel in ihrer Hand bebte. »Eigentümlicher Zufall!« flüsterte eine leise Stimme hinter ihr.

Die Herzogin wandte sich langsam um und maß Prinzeß Helene mit einem kühlen Blick von oben bis unten. Aber aus ihren Augen war plötzlich die harmlose Freude gewichen. Stumm legte sie ihren Arm in den Klaudines und zog das Mädchen vorwärts durch die suchende, wogende Menge, die ehrerbietig zurückwich.

»Hier, mein Freund«, sagte sie zu dem Herzog, der noch immer neben Palmer stand, »deine Tischnachbarin, die dir ein gütiges Geschick bestimmte. Mein Herr von Palmer, bringen Sie mir den Leutnant von Waldhaus, er wurde mir durch das Los zugeteilt.«

Herr von Palmer flog davon. Die fürstliche Frau stand, das Antlitz lächelnd in dem Granatstrauß geborgen, neben Seiner Hoheit und Klaudine. Dann kam atemlos, dunkelglühend, ein schlanker, blonder Husarenoffizier und verneigte sich tief vor Ihrer Hoheit.

Der Herzog wandte sich mit Klaudine dem Garten zu und deutete auf das Dunkel der Linden. »Es ist schwül hier in der Halle«, erklärte er. Auf den Stufen der Treppe blieb er stehen und blickte in das von peinvoller Verwirrung unsagbar liebliche Mädchengesicht.

»Um Gottes willen, gnädiges Fräulein«, sagte er erschreckt und mitleidig, »was glauben Sie? Ich bin weder ein Räuber noch ein Bettler, und Sie haben mein Wort. Mißgönnen Sie mir doch diese harmlose Freude nicht!«

Sie ging mechanisch neben ihm die Treppe hinunter zu einem der kleinen Tische unter den Linden, der nur vier Gedecke trug. Ihre lange rosa Schleppe lag noch im silbernen Mondlicht auf dem Rasen, sie selbst stand im Dunkeln hinter ihrem Stuhle, hochaufgerichtet jetzt.

»Eh!« rief der Herzog plötzlich, »Gerold, hier ist noch Platz!«

Der Baron war mit seiner Dame, der jungen, harmlosen Frau des Landrats von N., die Stufen herabgeschritten, er kam nun im völligen Sturmschritt auf den Tisch des Herzogs zu; die niedliche Frau an seiner Seite vermochte kaum ihm zu folgen.

»Hoheit haben befohlen«, sprach er.

Es war, als hole er tief Atem, während er seiner Dame den Stuhl hielt, als sie Platz nahm. Und er winkte dem Diener, der die Platte mit Speisen trug.

Der kleinen Prinzeß war Herr von Palmer durch das Los zugefallen. Sie saß in der Halle an der Tafel Ihrer Hoheit, ebenso Prinzessin Thekla. Baron Lothar erhob sich einmal, trat auf die Treppe und brachte das Hoch auf die Hoheiten aus. Der Herzog ließ die Damen leben. Die Augen der Prinzeß Helene hingen mit wahrhaft dämonischem Ausdruck an jenem Tisch dort unten im Garten, man schien sehr heiter dort, das tiefe Lachen des Herzogs scholl deutlich in ihr Ohr. Zuweilen wandte sie das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen nach der Herzogin und sah mit stiller Befriedigung, wie auch sie ihre Blicke unablässig dorthin sandte, eine bange Frage schienen sie zu enthalten, obgleich ihr Mund lächelte, obgleich sie so heiter schien, wie seit langer Zeit nicht.

Zum Nachtisch, als die Knallbonbons mit den Raketen draußen wetteiferten, saß Prinzeß Helene plötzlich neben der Herzogin, sie hatte Herrn von Palmer gebeten, den Stuhl mit ihr zu tauschen, worauf er eifrigst einging. Ihre Hoheit hatte sowieso kein Wort für ihn gehabt, nur für ihren jungen Kavalier. Die kleine Prinzessin blieb anfänglich stumm. Trotz ihrer besinnungslosen Eifersucht klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken an das, was sie tun wollte. Sie trank gegen alle Hofsitte ihren Sektkelch einigemal rasch aus, Herr von Palmer wußte ihn immer wieder unbemerkt füllen zu lassen.

In ihrem tollen, leidenschaftlichen Köpfchen sah es erbarmungswürdig aus an diesem Abend. Das rebellische, durch den Wein erhitzte Blut stieg ihr verwirrend zum Kopf.

»Hoheit«, flüsterte sie besinnungslos und beugte sich zu ihr, die eben nach Fächer und Strauß griff. »Hoheit! Elisabeth, um Gottes willen, Sie vertrauen zu viel!«

Hatte es die Herzogin nicht gehört? Sie erhob sich langsam und würdevoll. Das Zeichen zur Aufhebung der Tafel war gegeben, Stühle wurden geschoben, und draußen unter den dunklen Bäumen flammte ein verschlungenes A. E. auf mit der Herzogskrone. Alles flutete zurück in den Garten, zum Tanz.

»Prinzeß Helene!« befahl die Herzogin ihrem Kavalier. Sie setzte sich nicht mehr, der Befehl für die Wagen war bereits gegeben. Nur der Herzog stand noch unter den Linden, mit Klaudine plaudernd.

Prinzeß Helene flatterte eilfertig daher, auf ihrem heißen Gesichtchen lag eine Art verzweifelten Trotzes.

»Erklären Sie sich deutlicher, Cousine«, sprach die Herzogin laut zu ihr. Es war jetzt niemand weiter in dem kleinen, von rosiger Dämmerung erfüllten Zelte, vor dessen zurückgeschlagenen Vorhängen das Fest im Mondlicht wogte.

»Hoheit!« rief das leidenschaftliche Mädchen heftig, »ich ertrage es nicht, zu sehen, wie Sie hintergangen werden!«

»Wer hintergeht mich?«

Noch einmal gewann alles Vornehme, alles Gute in diesem Mädchenherzen die Oberhand. Sie sah diese so schwer nach Atem ringende Frau, sie wußte, was das nächste Wort bedeute für dieses Leben.

»Nichts! Nichts!« stieß sie hervor. »Lassen Sie mich gehen, Elisabeth, schicken Sie mich fort!«

»Wer hintergeht mich?« fragte die Herzogin noch einmal bestimmt, mit Aufbietung aller Kräfte.

Die kleinen Hände der Prinzessin falteten sich und ihr Blick wandte sich zu Klaudine, die dort noch immer von dem Herzog festgehalten wurde. Die Augen der Herzogin folgten ihr, eine erschreckende Blässe breitete sich über ihr Gesicht.

»Ich verstehe nicht«, sagte sie kühl.

Das Herz der Prinzessin pochte wie wahnsinnig gegen die Kapsel, in der sie den Brief des Herzogs verwahrte. »Hoheit wollen nicht verstehen«, flüsterte sie, »Hoheit wollen die Augen verschließen!« Sie hob die noch immer gefalteten Hände empor und preßte sie auf das blauseidene Jäckchen. »Klaudine von Gerold!« stieß sie hervor.

Sie vollendete nicht, die Gestalt der Herzogin wankte; mit einem leisen Schreckensruf hielt die Prinzessin sie umfangen, aber nur einen Augenblick, die Herzogin war schon wieder Herrin ihrer selbst.

»Es scheint, als ob die schwüle, betäubende Nacht Fieber erzeugte«, sagte sie mit einem Lächeln um den blassen Mund. »Gehen Sie zu Bette, Cousine, und trinken Sie kühle Limonade. Sie reden irre! Rufen Sie Fräulein von Gerold, liebe Katzenstein«, wandte sie sich dann an die alte Hofdame, die herbeigeeilt war und unter ihrem Spitzenhäubchen hervor besorgt in das blasse Gesicht der Herzogin schaute.

Und als das schöne Mädchen kam, sagte sie freundlich und so laut, daß auch die Außenstehenden es hören mußten, indem sie das trauliche »Du« gebrauchte: »Führe mich zum Wagen, Dina, und vergiß nicht, daß du morgen an einem Krankenbett sitzen wirst. Ich fürchte, für meine Kräfte ist dieses schöne Fest zuviel geworden.«

Sie stützte sich fest auf Klaudines Arm und schritt, begleitet von dem Herzog, von Baron Lothar und dem Gefolge, nach allen Seiten freundlich grüßend, der Freitreppe zu, wo die Wagen hielten. Sie übersah dabei die tiefe Verneigung der Prinzessin Helene. — Als Klaudine an der Seite Lothars zurückkehrte, trug sie den Granatstrauß der Herzogin in der Hand.

Sie weilte noch einige Augenblicke unter all den Menschen, die plötzlich kein Auge mehr für sie zu haben schienen, aber sie bemerkte es nicht, sie sehnte sich nach Ruhe. »Gute Nacht, Beate, ich möchte heim.«

»Wie sonderbar die Herzogin war beim Abschied!« sprach Beate, als sie neben Klaudine dem Wagen zuschritt. »Sie sah dich an, als wollte sie bis auf den Grund deiner Seele schauen, und doch, als hätte sie dir etwas abzubitten. Wie lieblich die Art und Weise war, als sie dir den Strauß noch zuletzt aus dem Wagen reichte und: ›Meine liebe Klaudine‹ sagte, als könnte sie dir nicht liebes genug tun.«

»Wir haben uns sehr lieb«, antwortete Klaudine einfach.

Prinzeß Helene tanzte weiter in dieser Nacht. Dann meinte sie plötzlich, die innere Unruhe, die Herzensangst nicht mehr aushaken zu können, warf sich im Dunkel eines Gebüsches auf eine Bank und preßte ihre glühende Wange an das kalte Eisen der Lehne. Frau von Berg stand mit finsterer Miene vor ihr.

»Mein Gott«, sagte sie, »wenn jemand Eure Durchlaucht so sähe!«

»Kommt der Baron?« fragte die Weinende, rasch die Augen trocknend.

Die Berg lächelte.

»O, doch nicht, er spricht mit dem Landrat von Besser über Feuerversicherungen.«

»Haben Sie gesehen, Alice? Die Gerold wurde von der Herzogin beim Abschied noch mit dem Strauß begnadet, das war« — hier lachte die Prinzessin — »das Ergebnis meiner gutgemeinten Warnung.«

Frau von Berg lächelte noch immer.

»Durchlaucht verzeihen, die Herzogin konnte nicht anders! Auf ein bloßes Gerücht hin läßt ein so vornehmer Charakter seine Freundin nicht fallen. Ich habe geglaubt, Sie kennen Ihre Hoheit besser. Sie bestanden ja selbst so dringend auf Beweisen!«

Die Prinzessin fuhr mit beiden Händen an die Ohren, als wollte sie nichts mehr hören.

»Beweise!« wiederholte Frau von Berg noch einmal, »Beweise, Durchlaucht!«


 

20.

 

Die Herzogin hatte sich gleich nach der Rückkehr in ihr Schlafgemach zurückgezogen und sich zur Ruhe begeben. Sie hatte ihr kühlendes Himbeerwasser getrunken und lag, die Arme unter dem Haupt, in ihrem stillen Zimmer. Zuweilen hustete sie und ihre Wangen begannen zu glühen.

Es war zuviel gewesen für sie, dieses rauschende Fest, sie hätte im Krankenzimmer bleiben sollen, wo sie hin gehörte — aber es ist doch so hart, so jung noch und schon so gebrechlich! Ob es je besser wird?

Sie griff an ihre linke Seite, sie fühlte da einen sonderbaren dumpfen Schmerz. »Merkwürdig, was kann es nur sein?« Wie lähmende eiskalte Angst kroch es durch ihre Adern und legte sich betäubend auf ihr Denken.

»Unmöglich!« flüsterte sie. Sie wußte plötzlich, woher der dumpfe Schmerz kam. »Unmöglich!« Sie richtete sich energisch im Bette auf und schaute um sich, als wolle sie sich vergewissern, daß sie wach sei, daß kein schwerer Traum sie quäle.

Die Herzogin ergriff einen elfenbeingefaßten Handspiegel und schaute hinein. Zwei tief eingesunkene Augen, ein mageres, gelbliches Gesicht sahen ihr in der mattrosigen Beleuchtung entgegen. Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und legte sich zurück, ein qualvolles Erschrecken auf ihren Zügen. »O du lieber Gott!« flüsterte sie. Und sie nahm das Bild des Herzogs vom Tischchen neben ihrem Bette, starrte das schöne, stolze Gesicht an und drückte es dann leidenschaftlich an ihre Lippen.

Oh, sie wußte am besten, wie sehr man diesen Mann lieben mußte!

Das Bild an die Brust gedrückt unter ihren gefalteten Händen, blieb sie liegen, die Blicke unverwandt ins Leere gerichtet. Klaudines hinreißende Erscheinung, wie sie dieselbe vor ein paar Stunden gesehen hatte, gaukelte vor ihren Augen, sie sah sie neben dem Herzog bei Tische, beim Tanz unter den Linden — das Mädchen hatte so oft die Farbe gewechselt. — Wie war sie nicht stets befangen, wenn Seine Hoheit ins Zimmer trat! Sie wollte immer so ungern singen, wenn er zugegen war!

»Arme Klaudine! Eine schöne Freundin, die hier an dich denkt, die dich erst mit aller Gewalt herangezogen hat, um dann an dir zu zweifeln!«

Nein, sie zweifelte gar nicht. Unerhörter Klatsch! Die kleine Prinzessin war bisweilen nahezu unbegreiflich!

Die Herzogin lächelte, und dennoch standen plötzlich perlende kalte Schweißtropfen auf ihrer Stirn, und durch das summende Geräusch des aufgeregten Blutes in ihren Ohren war ein heller unbarmherziger Glockenton, die Stimme der Prinzessin, gedrungen — »Hoheit wollen nicht sehen, Hoheit wollen nicht verstehen!« — so bestimmt, so entsetzlich unabweisbar. Die heißen Hände drückten das Bild fester gegen das unruhige, laut klopfende Herz. Ihre Lippen flüsterten: »Lieber tot, als das erleben — laß mich sterben, guter Gott, laß mich sterben!«

Ihr ganzes Eheleben zog vor ihren Augen vorüber. Sie selbst hatte den Altar ihres Glückes verschwenderisch mit Rosen geschmückt. Sollte sie übersehen haben, daß er ohne das ein recht schmuckloser gewesen? Daß sie allein davor gebetet hatte?

Wie kam sie nur darauf? Nein, sie hatte sich nicht hineinphantasiert in dieses Glück, sie besaß es wirklich! Er war doch stets so freundlich, so nachsichtig, so ritterlich gewesen, besonders jetzt, wo sie krank war.

Freundlich? Nachsichtig? Ist das alles, was die Liebe geben kann? Sie stöhnte auf, es schien ihr plötzlich, als sei ein Schleier von ihren Augen gerissen und lasse sie in eine grenzenlose Nüchternheit und Ärmlichkeit schauen.

Aber niemals hatte er ihr doch einen Grund zur Eifersucht gegeben, dieser bürgerlichen Leidenschaft, wie Prinzeß Thekla sagte, die einer Fürstin unwürdig sei.

»Ich kenne diese Leidenschaft nicht«, hatte sie damals geantwortet, »ich habe noch, Gott sei Dank, keine Gelegenheit dazu gehabt.« In diesem Augenblick aber fühlte die regierende Herzogin, die königliche Prinzessin, daß auch sie dieser Leidenschaft verfallen war in furchtbarem Grade, daß auch sie auf dieser Folterbank liegen werde, ohne Rettung.

Wieder blickte sie in den Spiegel, dann schlug sie die Hände vor die Augen. War sie denn blind gewesen? Was konnte sie ihm noch sein, sie, die Kranke, dem Grabe Zuwankende? Nichts, nichts als eine Last.

Aber konnten sie nicht warten, bis sie tot war? Wie lange würde es denn noch dauern? »Ach, nur Schonung, Mitleid so lange, nur so lange! Erbarmt euch!«

Sie sank zurück in einem ohnmächtigen Zustande, unfähig sich zu bewegen und doch fühlend, daß sie wache, daß es entsetzliche Wirklichkeit sei, daß ihr Schicksal die lächelnde Maske abgeworfen hatte, um sein wirkliches Antlitz zu zeigen, ein trostloses, verzweiflungsvolles Antlitz.

Der kalte Schweiß rieselte ihr über die Stirn, mit einer entsetzlichen Anstrengung schnellte sie endlich empor und riß in wilder Verzweiflung an der Klingel. Erschreckt stürzte die Kammerfrau herzu.

»Die Fenster auf!« stöhnte die Herzogin, im Bette sitzend, »ich ersticke!«

Die Kammerfrau eilte zum Fenster, raffte die Vorhänge zurück und da brach der erste funkelnde dunkelglühende Strahl der Morgensonne in das Gemach und traf das geängstigte fieberhaft erregte junge Weib auf seinem Lager.

Sie starrte wie fragend hinaus in diese wunderbar schöne Welt, über die im Morgenwind zitternden Wipfel der Bäume des Parkes hinweg zu den blaugrünen tannenbewaldeten Bergen. Sie atmete die reine, frische Luft, sie hörte das Zwitschern der Vögel im Geäst und sie brach in Tränen aus, in Tränen der Scham über ihre Verzweiflung, über ihr Mißtrauen.

Lange noch lag sie schluchzend und schlief endlich ein. Als sie erwachte, saß Klaudine an ihrem Lager.

Sie ordnete einen Strauß Rosen, die sie von Heinemanns Stöcken erbeten hatte, und war damit so lautlos emsig beschäftigt, daß sie nicht merkte, wie die Augen der Herzogin schon eine ganze Weile auf ihr ruhten. Als sie aufblickte, ging ein froher Zug über ihr sorgenvolles Gesicht.

»O, du!« rief sie und kniete an dem Bette nieder mit ihren Rosen. »Wie hast du mich erschreckt, Elisabeth! Was fehlt dir? In aller Morgenfrühe ließ mich Frau von Katzenstein schon holen. Ist dir das Fest gestern nicht bekommen?«

Die Herzogin hatte den Kopf schwer auf die Hand gestützt und unverwandt in das schöne Antlitz, aus dem Angst und Betrübnis so deutlich sprachen, geblickt. Dann strich sie wie liebkosend über das duftige Blondhaar. »Mir ist schon besser«, sagte sie leise, »wie gut, daß du gekommen bist!«

Sie blieb stumm während des ganzen Vormittags, aber sie folgte Klaudine immerwährend mit den Augen. Gegen Mittag wollte sie aufstehen, aber sie taumelte wie eine Trunkene und mußte wieder zu Bette.

»Bleib bei mir, Klaudine«, bat sie.

»Ja, Elisabeth.«

Die Kranke machte die müde zugesunkenen Augen auf, und als wundere sie sich über diese rasche Zusage, fragte sie: »Du kannst doch ohne Sorge fort von daheim?«

»Sprich davon nicht, Elisabeth. Selbst wenn es dort eine Lücke gäbe, ich würde dennoch kommen. Ich schreibe ein paar Worte an Joachim und lasse mir einiges notwendige holen. Ängstige dich nicht!«

»Erzähle mir etwas«, bat die Herzogin gegen Abend. Sie hatte den Tag über fast regungslos mit geschlossenen Augen gelegen.

»O gern, Elisabeth, aber was?«

»Aus deinem Leben.«

»Ach Gott, da ist wenig zu berichten. Ich meine, Elisabeth, du kennst das alles.«

»Alles?«

»Ja, meine liebe Elisabeth!«

»Hast du niemals eine Neigung gehabt, Dina?«

Über des Mädchens Gesicht flog ein glühendes Rot; langsam neigte sie den Kopf.

»Laß das, Elisabeth«, bat sie mit erstickter Stimme; »frage nicht weiter — ich —«

»Kannst du es mir nicht sagen?« sprach die Herzogin leise und dringend. »Schenke mir dein Vertrauen, Dina, schenke es mir. Du weißt doch alles von mir.«

In diesem Augenblick meldete die Kammerfrau den Herzog, und fast verstört erhob sich das schöne Mädchen und trat mit einer Verbeugung an ihm vorüber in das Nebenzimmer.

»Klaudine! Klaudinel« rief die Kranke, und als sie zurückeilte, deutete die Herzogin auf den Sessel neben ihrem Bette. »Bleib hier!« sagte sie herrisch. Es war zum erstenmal, daß sie so zu ihr sprach.

Gehorsam setzte sich Klaudine. Sie hörte, wie teilnehmend der Herzog mit der Kranken redete, wie er hoffte, daß sie morgen doch wieder an dem Fest im Garten teilnehmen könne, daß sicher auch Mama erscheinen werde.

»Ich will mir Mühe geben, gesund zu werden«, erwiderte sie.

»Das ist prachtvoll, Liesel! Gib dir Mühe«, lachte der Herzog. »Wenn alle Kranken so dächten, gäbe es weniger Patienten. Der Wille tut wirklich etwas zur Genesung, frage nur den Medizinalrat.«

»Ich weiß es, ich weiß es«, sagte sie hastig.

»Ich meine, du hast dich einfach erkältet, mein Kind«, sprach der Herzog weiter. »Du mußt durchaus mehr geschont werden, Nachtluft ist nichts für dich. Zum Winter gehst du auf jeden Fall nach dem Süden.«

»Zum Winter!« dachte sie bitter und sagte laut mit völlig ungewohntem Trotz: »Ich will mich aber nicht mehr schonen!«

Seine Hoheit schaute verwundert auf das sonst so fügsame Geschöpf. »Du bist in der Tat angegriffen«, erwiderte er, und sich zu Klaudine wendend, sagte er, dem Gespräche eine andere Wendung gebend: »Ihr Vetter hat gestern aber in Wahrheit ein reizendes Fest veranstaltet. Welch geschmackvolle Anordnung und welch eigenartige Trachten! Die Ihrige zum Beispiel, gnädiges Fräulein, einfach großartig! Nicht, Elisabeth?«

»Ich kann das Sprechen nicht ertragen, Adalbert, bitte — geh«, sagte die Kranke mit nervös zuckender Lippe. Und als er mit einer ungeduldigen Bewegung zurücktrat, reichte sie ihm ängstlich die Hand, während ihre Augen in Tränen schimmerten: »Verzeiht mir!« Und dann faßte sie Klaudines Hand, und sie mit ihrer heißen Rechten haltend, legte sie sich zurück und schloß die Augen.

Er war gegangen.

Der Himmel hatte sich indessen mit schweren dunklen Wolken bezogen, gewitterschwül und beängstigend war die Luft. In der trüben Regenbeleuchtung sah das Gesicht der Herzogin aus wie das einer Toten. So lag sie unbeweglich, und so saß Klaudine neben ihr, stundenlang.


 

21.

 

Die Nachricht, daß die Herzogin krank sei, war bereits überall verbreitet.

»Sie sah so merkwürdig bleich zuletzt aus«, bemerkte Prinzeß Thekla, als man im Neuhäuser Speisesaal beim Abendessen saß.

»Meine Cousine wurde schon in aller Morgenfrühe hingeholt«, erzählte Beate, der man keine Spur von Müdigkeit ansah, obgleich sie gar nicht zu Bette gegangen war, um sämtliche Spuren des Festes beseitigen zu lassen. Da befand sich jede Silbergabel wieder an ihrem Platz, jede Tasse, jedes Möbel, nichts erinnerte mehr an das Feenmärchen der letzten Nacht. »Sie schreibt mir soeben«, fuhr Beate fort, »daß sie die Herzogin pflegt und ganz nach Altenstein übersiedelt ist.«

»Welch rührende Freundschaft!« rief die alte Prinzessin, die sehr schlechter Stimmung war, denn heute früh hatte Baron Lothar die Kinderfrau knall und fall entlassen, und Frau von Berg war schon in aller Morgenfrühe ein Schreiben an das Bett gebracht worden, das sie just in einem beglückenden Traum störte. Es enthielt die Entlassung von ihrer Stelle als Erzieherin »meiner Tochter« in aller Form, zwar unendlich artig gehalten, aber es war so, wenn auch liebenswürdigerweise der Baron am Schlusse die gnädige Frau bat, sie möge über die Gastfreundschaft in seinem Hause verfügen.

Sie hatte nur ein Morgenkleid übergeworfen und war gegen alle Hofsitte in das Schlafzimmer der Prinzessin Helene gestürzt. Die kleine Durchlaucht hatte elend ausgesehen, mit dunklen Ringen um die Augen, als habe sie während der Nacht mehr geweint als geschlafen.

»Was ist da weiter?« war der verdrießliche Trost gewesen. »Sie kommen dann zu Mama, Alice, ich werde mit ihr sprechen. Die Moorsleben geht ja ohnehin zu ihren Eltern zurück.«

Mama hatte dann auch wirklich sogleich die teure Alice aufgefordert, zu ihr zu kommen. Es war ja unerhört, einer »Dame« zu kündigen, als sei sie eine Erzieherin, einer Dame, die sie eigens ausgesucht hatte. Und sie hatte dennoch nicht gewagt, Gegenvorstellungen zu machen, man mußte ihr, die beinahe die fahr­lässige Tötung des geliebten Enkelkindes verursacht hatte, sogar scheinbar zürnen.

Frau von Berg saß, blaß wie ein unschuldig gekränkter Engel, in ihrem Gemach, äußerlich voll edler Fassung, innerlich voll Zorn. Das Kinderzimmer war nach unten verlegt, dicht neben die alte gemütliche Schlafstube Beates, nach dem weiten luftigen Hofe hinaus, wo es Pferdchen, Kühe und Hühner zu sehen gab — die nämliche Aussicht, die schon den Vater des Kindes und Tante Beate entzückt hatte, und dieselbe treue Hand, die jene einst gehütet, hielt jetzt das Kindchen auf dem Arme, eine saubere, etwa fünfzigjährige Frau mit den freundlichsten Augen der Welt unter der schwarzen Bauernhaube. Lothar hatte sie heute früh persönlich aus dem schmucken Häuschen am Ende des Dorfes zu seinem Kinde geholt.

»Die Herzogin ist öfter leidend, wie wir alle wissen, Mama«, sagte Prinzeß Helene, die Lothar nicht aus den Augen ließ.

»Natürlich! Vielleicht hat sie sich über irgend etwas aufgeregt«, meinte die alte Prinzessin. »Übrigens, diese Schwüle ist erdrük­kend, ich hätte nie geglaubt, daß es in den Bergen hier so heiß sein kann, ich muß beständig an die kühle, wogende Nordsee denken. Herr von Pausewitz,« wandte sie sich an den Kammerherrn, »haben Sie Nachricht aus Ostende, ob wir die Zimmer in unserem Hotel bekommen werden?«

Beate schaute verwundert ihren Bruder an. Die ungeheuren Koffer, welche die durchlauchtigsten Damen nach Neuhaus brachten, hätten auf einen längeren Aufenthalt schließen lassen.

Herr von Pausewitz machte eine bedauernde Bewegung. »Durchlaucht, der Wirt depeschiert, daß leider meine Bestellung zu spät kam, glaubt aber, in einem anderen Hotel —«

»Sie werden uns hoffentlich begleiten, lieber Lothar«, unterbrach Prinzessin Thekla den alten freundlichen Herrn und wandte sich zu Baron Gerold. »Die Erinnerung an unsere teure Verewigte wird Sie ebenfalls dorthin ziehen, wo Sie die kurzen Wochen der Brautzeit miteinander verleben durften.«

Lothar verbeugte sich. »Verzeihung, Durchlaucht ich sehe Plätze, an welche sich Erinnerungen knüpfen, die für mich so traurig sind, nicht gern zum zweitenmal. Aber abgesehen hiervon, ich habe in letzter Zeit bemerkt, daß meine Anwesenheit in Neuhaus mehr als nötig ist; auch für meinen Besitz in Sachsen dürfte es gut sein, wenn das Auge des Herrn einmal wieder sorgend auf ihm ruht.«

Die Prinzeß warf einen verzweiflungsvollen Blick durch das Fenster, der ebensogut den drohenden Wolken da draußen gelten konnte, wie der Starrköpfigkeit ihres lieben Schwiegersohnes.

»Eine Frau, eine Mutter faßt das Angedenken an die Heimgegangene natürlich anders auf«, sagte sie kühl, »weniger heroisch. Verzeihung, Baron!«

»Durchlaucht«, erwiderte er mit Wärme, »es wäre schlimm, würde es anders sein! Die Frauen haben das holde Vorrecht, Kultus zu treiben mit den äußeren Zeichen der Trauer wie der Freude. Sie sind es, welche Blumen streuen zum fröhlichen Fest, sie sind es, die das Grab bekränzen. Welcher Schimmer würde dem Leben fehlen, wenn sie ›heroischer‹ wären!«

Prinzeß Helene ward dunkelrot. Wie kam ihre Mutter auf den Einfall, von hier fortzugehen — jetzt? Die Gabel in ihrer Hand zitterte, sie mußte sie hinlegen.

Komtesse Moorsleben rief: »Um Gott ..., sind Durchlaucht nicht wohl?«

»In der Tat — ich bin — mir ist so schwindlig plötzlich«, stammelte die Prinzessin. »Verzeihung, wenn ich —«

Sie hatte sich erhoben und, das Tuch vor die Augen gedrückt, schritt sie hinaus. Sie flog die Treppe förmlich hinauf und in Frau von Bergs Zimmer.

»Alice!« rief sie fassungslos, »Mama spricht vom Abreisen! Es ist schrecklich — es ist alles verloren!«

Frau von Berg, die im hellblauen Morgenkleide im Zimmer auf und ab schritt und ihr Riechsalz zuweilen mit halbgeschlossenen Augen an die Nase führte, hielt inne und vergaß für einen Augenblick ihre Krankenrolle.

»Gerold hat Mama seine Begleitung abgeschlagen«, fuhr die Prinzessin erregt fort, indem sie an ihrem Taschentuch zerrte, daß die feinen Spitzen zerrissen. »Er schwärmt plötzlich von seinen Wäldern, wie ein erbgesessener Bauernsohn, dem man zumutet, nach Amerika auszuwandern. Was soll ich in Ostende? Und noch dazu wenn ich weiß, Sie sind nicht mehr hier, Alice! Ich ertrage es nicht«, beteuerte sie und warf sich auf das Sofa, »ich springe unterwegs aus dem Zuge, ich stürze mich von der Mole in die See — ich —«

Das weiße Gesicht der Prinzessin leuchtete kaum noch kenntlich aus der schnell hereinbrechenden Dunkelheit herüber zu der unbeweglich dastehenden Frau.

»Ach Gott, es ist ja alles verloren!« rief sie, als diese schwieg. »Ich gehe, und sie bleibt!« Und sie begann leidenschaftlich zu weinen, indem sie aufs neue den Kopf in die Kissen barg. »Ich fühle es, Alice, ich fühle es, er liebt sie!« schluchzte sie.

Frau von Berg lächelte. Sie hatte keinen Grund mehr zur Schonung, seit ihrer heutigen Niederlage haßte sie alle diese Menschen.

»Prinzessin, jetzt keine unnötigen Tränen«, sagte sie kühl, »jetzt müssen Sie handeln. Vor allen Dingen, meine ich, müßte der Herzogin bewiesen werden, daß Durchlaucht keineswegs gestern abend ›im Fieber‹ redeten. Alles andere würde sich dann finden.«

Frau von Berg sah im Geiste schon die ganze Gesellschaft in die Luft fliegen, ihretwegen auch dieses kindische unentschlossene Geschöpf.

»Aber ich kann es ihr nicht sagen, ich kann es nicht!« flüsterte die Prinzessin, »ich habe einmal sehen müssen, wie sie ein Reh krankgeschossen hatten, und ebenso blickte sie mich gestern an. Ich kann es nicht! Ich habe die ganze Nacht deshalb nicht geschlafen.«

Frau von Berg zuckte die Achseln. »So gehen Durchlaucht nach Ostende, die Idylle hier wird sich dann ungestört entwickeln.«

Draußen warf der Wirbelsturm, der vor dem Gewitter daherbrauste, Sand und Blätter gegen die Fenster und zerzauste wütend die Äste der Linden, dann fuhr der erste grelle Blitz hernieder und streifte das spöttisch verzogene Gesicht der schönen Frau, die am Fenster lehnte und in das Toben hinausschaute.

»Ich will ihr schreiben«, sagte jetzt die Prinzessin, und nach einer Pause, während welcher ein Donnerschlag das Haus erbeben machte: »Ich bin es ihr schuldig — ja, ja, ich bin es ihr schuldig, Sie haben recht, Alice! Kommen Sie in mein Zimmer, ich fürchte mich.«

Frau von Berg zündete eine Wachskerze auf dem Schreibtisch an und leuchtete der Prinzessin über den Flur nach ihrem Zimmer. Auf dem weißen runden Frauen- gesicht lag ein Zug höchster Befriedigung. »Endlich!« dachte sie und ballte heimlich die Faust. Wie hochmütig sie an ihr vorübergeschritten war, als Baron Gerold sie — Frau von Berg, — maßregelte, sie, deren Vorfahren mindestens so alt waren wie die ihren.

»Was meinen Sie, Alice«, unterbrach die Prinzessin ihre Gedanken, »wie soll ich schreiben?«

Die zierliche Gestalt der kleinen Durchlaucht saß vor dem Rokokoschreibtischchen, vor sich ein wappengeschmücktes Briefblatt. Vorläufig stand nichts weiter darauf als: »Geliebte Elisabeth!«

»Irgend so etwas, Durchlaucht, wie — daß die Sorge um das Glück Ihrer Hoheit Sie veranlasse, die gestern hingeworfene Bemerkung näher zu begründen, Durchlaucht könnten es vor Ihrem Gewissen nicht verantworten und so weiter, und hier sei der Beweis —«

Die Prinzessin wandte den Kopf und schrieb. Draußen tobte das Wetter, und wenn ein Donnerschlag das Haus erschütterte, hielt die schreibende Mädchenhand inne. Zuweilen fuhr sich die Prinzessin ängstlich über die Stirn, dann flog die Feder aufs neue über das Papier, und endlich reichte das Mädchen der bewegungslos inmitten des Zimmers stehenden Frau das Schreiben.

Diese trat zu der kleinen Kerze und las. »Wie immer gefühlvoll«, sagte sie, »rührend! Und nun das Briefchen Seiner Hoheit, Durchlaucht«, und ihre Augen schimmerten wie die einer beutegierigen Katze.

Die Prinzessin zog das Kettchen unter ihrem Kleide hervor, zögernd nahm sie den Brief aus der Kapsel und schloß dann die Hand zur Faust darum. Ein letzter Kampf rang in ihrem Herzen. Frau von Berg lehnte an der Wand neben dem Tische. »Übrigens«, sagte sie langsam, »großartig sah sie aus, gestern, diese Klaudine. Sie haben einen eigenen Reiz, diese blonden Frauen mit den feuchten blauen Augen —« aber sie bemerkte doch, daß die Prinzessin bereits mit zitternden Fingern die Adresse schrieb.

In diesem Augenblick erschien die Komtesse, um ihre junge Gebieterin zu der Mutter zu rufen. Die alte Prinzessin hatte Nervenanfälle und war in jener krankhaften Verfassung, wo sie Sachen zerschlug und Stoffe zerriß. Auch heute tobte sie wie das Wetter draußen. Mit verweinten Augen kam die Prinzessin nach einer halben Stunde zurück in ihr Gemach, sie hatte mit stummem Trotz die ganze Flut der Vorwürfe hingenommen. Auf dem Schreibtisch flackerte noch das Wachslicht im Verlöschen, die hastig hingeworfene Feder lag neben dem Schreibzeug, aber — die kleine Hand fuhr nach der Stirn — der Brief? Wo war der Brief?

Eine zitternde Angst überfiel sie, sie stürzte durch den Flur nach Frau von Bergs Zimmer.

»Alice!« schrie sie in die Dunkelheit hinein, »der Brief! Wo haben Sie den Brief? Ich will ihn noch einmal lesen!«

Keine Antwort.

»Alice!« rief sie heftig und trat mit dem Fuße auf.

Alles blieb still.

Sie lief die Treppe hinunter. Durch die halbgeöffnete Tür der Halle drang wundervoll erfrischende Luft herein, es hatte aufgehört zu regnen. Draußen auf den Steinfliesen glitt ein Schatten auf und ab.

»Alice!« rief die Prinzessin zum drittenmal und eilte hinaus. »Der Brief! Wo ist der Brief?«

»Durchlaucht, ich habe ihn pünktlich besorgt.«

Ein halberstickter Schrei kam aus dem Munde der Prinzessin.

»Wer hat Ihnen befohlen, den Brief abgehen zu lassen?« stammelte sie zornig und faßte die Schulter der Dame.

»Nun, Durchlaucht«, erwiderte diese, nicht im mindesten aus der Fassung gebracht, »ich fand just Gelegenheit.«

Aber die Prinzessin beruhigte sich nicht. »Und was soll ich sagen, woher ich dieses entsetzliche Briefchen habe?« fragte sie, die Hände ineinander windend.

»Gefunden!« erwiderte die Berg.

»Ich lüge nie!« rief das fürstliche Mädchen und ihre zierliche Gestalt wuchs förmlich. »Von Ihnen wisse ich es, werde ich sagen, so wahr mir Gott helfe, und ich spreche die Wahrheit damit, Alice!«

»Wie Durchlaucht darüber denken — dann habe ich das Briefchen gefunden«, erwiderte sie. »Ich gab es dem Reitknecht mit, den der Baron an Fräulein von Gerold nach Altenstein sandte, er soll es an Frau von Katzenstein abgeben; ich schrieb ihr ein paar Worte, daß sie den inliegenden Brief Eurer Durchlaucht morgen früh Ihrer Hoheit überreichen solle.«

Die Prinzessin war still geworden. Sie hielt sich an dem im blassen Mondlicht schimmernden Türklopfer von Bronze, den der sterngeschmückte Hirsch krönte. Sie konnte nicht mehr klar denken, sie fühlte sich unsäglich elend.

Frau von Berg wußte ganz genau, daß es ein Brief Beates war, den der Reitknecht forttrug, aber warum das sagen? So wurde das Feuer noch mehr geschürt.

Die Prinzessin wandte sich nach der Halle zurück und dort stand sie still. Es war eine Furcht, ein unnennbares Grauen über sie gekommen.

Beate trat eben aus dem Zimmer Lothars, das Schlüsselkörbchen am Arm. »Prinzessin!« rief sie erschreckt, »wie sehen Sie aus!«

Da kam es wie Leben über sie. Sie eilte die Treppe hinauf und in ihr Zimmer, und da wühlte sie die Hände ins Haar und lag angekleidet auf ihrem Bette die Nacht hindurch, halb bewußtlos, und fürchtete, daß es Tag werden möchte.


 

22.

 

Die Herzogin hatte beim Ausbruch des Wetters ihre Kinder holen lassen; das jüngste schmiegte sich an sie, die, von Kissen unterstützt, im Bette saß. Der Erbprinz stand mutig am Fenster und schaute in die blitzdurchzuckte Nacht hinaus, und den zweiten Prinzen hatte Klaudine auf dem Schoß.

Neben dem Erbprinzen stand der Herzog und horchte auf das Prasseln des Hagels und betrachtete die Wassermassen, die der Sturm an die Scheiben warf. Die Herzogin plauderte mit dem Kleinsten; im Nebenzimmer befanden sich Frau von Katzenstein, die Erzieherin der Prinzen und die Kammerfrau.

Als der Donner sich entfernte und der Regen nachließ, wurden die fürstlichen Kinder in ihre Zimmer entlassen. Der Erbprinz sah Klaudine einen Augenblick in das Gesicht.

»Haben Sie sich gefürchtet?« fragte er.

Sie schüttelte freundlich den schönen Kopf.

»Das gefällt mir«, sagte der schlanke Junge, »Mama fürchtet sich immer gleich.«

Die Mutter zog ihr Kind an sich.

»Fräulein von Gerold gefällt dir überhaupt?« forschte sie mit trübem Lächeln.

»Ja, Mama«, antwortete der Knabe, »wenn ich groß wäre, würde ich sie heiraten.«

Niemand lachte über dieses Kindeswort. Die Herzogin nickte: »Schlaft wohl, ihr lieben, lieben Kinder, Gott behüte euch!«

Als das Getrappel der kleinen Füße verhallt war, sagte sie leise: »Ich bin recht müde, Adalbert.«

Auch der Herzog empfahl sich. Er küßte seine Gemahlin auf die Stirn und verließ das Gemach. »Erwache gesund morgen!« sagte er noch.

»Ich verspreche es dir!« erwiderte sie freund­lich.

Klaudine wollte sich mit Frau von Katzenstein in die Nachtwache teilen. Sie ging in das Zimmer, das man ihr angewiesen hatte, und zog sich ein bequemeres, wärmeres Kleid an. Dann kehrte sie zurück und saß neben dem Bette, still und geduldig.

Die Herzogin lag mit geschlossenen Augen. Die kleine Nachtuhr tickte leise. Das Bildnis der Madonna leuchtete matt herüber, des Mädchens Augen blieben hängen an diesem holden Antlitz und wanderten dann zu dem bleichen der Kranken. Dann sank ihr Kopf an das Polster, sie schloß die Augen und dachte nach.

Sie war wohl müde von der gestrigen Nacht. Ein leises traumhaftes Dämmern kam über sie, sie sah sich mit seinem Kinde auf dem Arme und fühlte seinen Dankeskuß auf der Hand und sie lächelte im Schlaf. Dann schreckte sie empor, und ein Grauen schlich durch ihren Körper. Sie sah in die Augen der Herzogin, die mit einem unheimlich forschenden Ausdruck auf sie gerichtet waren, so seltsam starr!

»Elisabeth«, fragte sie unter leisem Frösteln, »kannst du nicht schlafen?«

»Nein!« war die kurze Antwort.

»Soll ich dir vorlesen?«

»Nein, ich danke!«

»Willst du plaudern? Soll ich dir das Kopfkissen zurechtlegen?«

»Gib mir die Hand, Klaudine. War ich sehr unleidlich heute?«

»Ach, Elisabeth, das kannst du gar nicht sein!« rief das Mädchen und kniete neben ihr.

»Doch, doch! Ich fühle es. Aber dann — dann ist mein Herz krank und du mußt verzeihen.«

»Sag, Elisabeth, geschah dir ein Weh?«

»Nein. Ich dachte nur ans Sterben, Klaudine.«

»Oh denke das doch nicht!«

»Du weißt ja, Klaudine, daß wider die Liebe und den Tod kein Kraut gewachsen ist! Ich glaube, ich fürchte auch nicht den Tod, ich habe eher Angst vor dem Weiterleben.«

»Du bist überaus angegriffen, Elisabeth!«

»Ja, ja, und ich bin so müde. Du sollst auch schlafen, es ist besser, ich bleibe allein, bitte, geh! Die Kammerfrau wacht nebenan. Geh! Ich muß dich immer ansehen, wenn du hier sitzest.« Klaudine beugte sich betrübt über die fieberheiße Hand und zog sich zurück. Gegen Mitternacht schlich sie sich im Nachtkleide nach dem Krankenzimmer und lauschte hinter dem roten seidenen Vorhang, ob die Herzogin wohl schlafe. Es war alles still, aber als durch ihre Bewegung die Falten leise rauschten, wandten sich langsam die großen dunklen Augen der Kranken mit dem nämlichen starren fragenden Ausdruck wie vorhin zu ihr herüber. »Was willst du?« fragte sie.

Klaudine trat vor. »Ich ängstige mich um dich«, sagte sie, »verzeih!«

»Sage mir«, sprach die Herzogin völlig unvermittelt, »warum wolltest du anfänglich nicht nach Neuhaus?«

Klaudine war betroffen. Sie trat näher. »Warum ich nicht nach Neuhaus wollte?« wiederholte sie erglühend. Dann schwieg sie. Es war ihr nicht möglich zu sagen: weil ich Lothar liebe, und weil er mich kränkt, wo er mich sieht — weil er mir mißtraut, weil —

Die Herzogin wandte sich plötzlich um. »Laß, laß, ich will keine Antwort. Geh, geh!«

Ratlos wandte sich das Mädchen der Tür zu.

»Klaudine! Klaudine!« scholl es hinter ihr, herzzerreißend und bang. Die Kranke saß im Bette und breitete die Arme nach ihr.

Sie kam zurück, setzte sich auf das Bett und nahm die zarte bebende Gestalt in die Arme.

»Elisabeth«, sagte sie innig, »laß mich bei dir bleiben!«

»Verzeih mir, ach, verzeih!« schluchzte die Herzogin, das Mädchen küssend, ihr Kleid, das lange blonde Haar, das lose auf den Rücken herniederfiel, und ihre Augen. »Sage mir«, flüsterte sie, »sage es ganz laut, daß du mich liebhast!«

»Ich habe dich sehr lieb, Elisabeth«, sprach Klaudine und trocknete die großen Tropfen, die über das heiße erregte Gesicht der Kranken liefen, wie eine Mutter ihrem Kinde tut. »Du weißt überhaupt nicht, wie sehr, Elisabeth.«

Erschöpft sank die Herzogin zurück. »Ich danke dir — ich bin so müde!«

Klaudine saß noch ein Weilchen, dann, als sie glaubte, die Kranke schlafe, wand sie leise ihre Hand aus der der Freundin und verließ auf den Zehen das Gemach. Ein seltsames Grauen schlich ihr nach. Was war es mit der Herzogin? Dieses Anstarren, diese Kälte, diese leidenschaftliche Zärtlichkeit?

»Sie ist krank!« sagte sie sich.

Sie stand vor dem Spiegel, um das gelöste Haar zu befestigen — ein mißtrauischer Gedanke kam ihr, die Hand, welche die Schildpattnadel hielt, sank herunter. Dann schüttelte sie stolz die goldene Flut in den Nacken zurück. Weder sie noch die Herzogin waren kleinlich genug, an Klatsch zu glauben.

Eine jener ahnungsvollen unbegreiflichen Ideenverbindungen ließ blitzgleich die Erinnerung an das verschwundene Briefchen auftauchen. Ein dumpfes, ängstliches Herzklopfen überfiel sie im Augenblick. Dann lächelte sie — wer konnte wissen, in welchem Waldeckchen es vermoderte im Regen und Tau?

Sie nahm das kleine Gebetbuch, aus dem ihre Mutter schon allabendlich ihr Sprüchlein gelesen, und schlug irgend eine Seite auf: »Behüte mich, Herr, vor böser Nachrede und wehre meinen Feinden! Laß kein Übel mir und den Meinen begegnen und keine Plage unserer Wohnung sich nahen —« las sie und ihre Gedanken flogen nach dem friedlichen Hause, aus dessen Turmgemach die Studierlampe des Bruders in den Wald hinausschimmerte. Und von dort wanderten sie an das Bettchen des mutterlosen Kindes in Neuhaus. »Beschirme es auch ferner, lieber Gott, wie du es gestern behütet hast!« flüsterte sie und senkte die Augen wieder auf das Buch. »Erbarme dich der Kranken, die schlaflos auf ihrem Lager nach Linderung schmachten«, las sie weiter, »und aller Sterbenden, denen diese Nacht die letzte sein soll.«

Das Buch entglitt ihren Händen, eine eiskalte Furcht erfaßte sie — das entstellte Antlitz der Herzogin schaute sie plötzlich an.

Erst nach einer langen Weile richtete sie sich auf und hüllte sich fröstelnd in die Decken. Und sie ließ die Lampe brennen auf dem Tischchen, sie mochte nicht im Dunkeln bleiben.


 

23.

 

Der andere Morgen war so golden, so klar, von so köstlicher Frische. Die Sonne funkelte in Millionen Tautropfen auf den weiten Rasenflächen des Altensteiner Parkes, wo eine Schar Arbeiter die Vorbereitungen zu einem Feste traf. Wie lustig und bunt das alles erschien! Eine Stange hatten sie errichtet mit einem buntgemalten Vogel daran, ein Karussel aufgestellt, dessen Pferdchen purpurrote Decken trugen, ein Kasperletheater und ein rot und weiß gestreiftes Zelt, von dessen Dache lustig eine Menge Purpurfähnchen und Wimpel wehten. Im Schatten der Bäume befand sich ein Aufbau für die Musikanten und ein gedielter Platz zum Tanz, alles für kleine Leute berechnet.

Der Erbprinz feierte heute seinen Geburtstag, und dies war die Überraschung seiner Großmama väterlicherseits, außer dem reizenden kleinen Schimmel, der gestern abend heimlich in den Pferdestall geführt wurde.

Die Herzoginmutter wurde gegen Mittag erwartet laut einer Depesche, die in aller Morgenfrühe eingetroffen war. Um zwei Uhr sollte die Familientafel stattfinden, und zum Nachmittag war eine Menge Einladungen ergangen. Selbst die kleine Elisabeth aus dem Eulenhause und Leonie, Baronesse von Gerold, waren mittels großer feierlicher Karten befohlen.

Das Unwohlsein der Herzogin, dazu das gestrige Unwetter, hatte mancherlei Bedenken erregt. Würde das Fest stattfinden können? Aber, Gott sei Dank, die gefürchtete Absage war nicht erfolgt, Ihre Hoheit befanden sich wohler, und das Wetter war unvergleichlich. Man durfte sich ungetrübt auf den Nachmittag freuen als auf eine Fortsetzung von neulich.

Im Schlosse war es heute schon früh lebendig. Das zierliche Stubenmädchen, das auf einen Druck der elektrischen Klingel in Klau­dines Zimmer trat, brachte einige Briefe mit.

»Weiß man schon, wie Ihre Hoheit sich befinden?« fragte Klaudine.

»Oh, außerordentlich gut! Hoheit sollen ja schön geschlafen haben und wollen um elf Uhr dem Erbprinzen im roten Saal bescheren.«

»Gott sei Dank!«

Als Klaudine fertig angekleidet war, erbrach sie Beates Brief.

»Ich komme mit zwei Nichten zum Hofball«, schrieb sie, »wie klingt das ehrwürdig — und wie drollig ist es in Wirklichkeit. Gott gebe, daß Hoheit wohler ist, wenn Du diese Zeilen erhältst. Lothar ist bereits mit den Durchlauchtigsten zur Tafel befohlen. Ich wollte, Klaudine, wenn er denn einmal durchaus eine Prinzessin freien will, er machte die Sache klar. Dies lange Schmachten ist mir fremd an ihm, er ist doch sonst ein so entschlossener Mensch. Vielleicht jetzt, wo die alte Durchlaucht abreisen will? Ach, Klaudine, ich hatte mir meine Schwägerin einmal anders vorgestellt. Auf Wiedersehen!«

Dann klopfte es und das gutmütige Gesicht der Frau von Katzenstein schaute herein. »Darf ich?« fragte sie, und gleich darauf stand sie vor Klaudine. »Hoheit wachten so fröhlich auf«, erzählte sie. »Sie wollten selbst den Geburtstagstisch aufbauen. Sie nahmen das Frühstück im Bette ein und verboten noch besonders, Sie, liebste Klaudine, zu wecken, damit Sie ausschlafen könnten. Die Kammerfrau mußte für die Mittagstafel ein rotseidenes Kleid zurechtlegen, und nun —«

»Ist Hoheit kränker?« fragte Klaudine atemlos und tat einen Schritt nach der Tür.

»Bleiben Sie, liebstes Kind, ich muß Ihnen noch weiter erzählen. Die Herzogin bekam Briefe heute früh, und plötzlich — ich hatte die Umschläge aufgeschnitten — höre ich vom Nebenzimmer aus einen sonderbaren Ton, wie einen schweren Seufzer, und als ich zurückkomme, liegt die Herzogin mit geschlossenen Augen in den Kissen. Ich bemühte mich um sie, und da sagte Hoheit auf einmal mit eigentümlich schwerer Zunge: ›Gehen Sie hinaus, liebe Katzenstein, ich will allein sein.‹ Ich ging widerstrebend, und als ich vorhin in meiner Angst hinein wollte, hatte die Herzogin sich eingeschlossen. Seine Hoheit hatten schon zweimal geschickt, um sich anzumelden, der Erbprinz vergeht vor Ungeduld, im Garten steht die Kapelle und wartet auf den Befehl zum Beginn des Ständchens, und noch rührt sich nichts in dem Zimmer der Herzogin.«

»Mein Gott, sie bekam doch keine schlimmen Nachrichten von ihrer Schwester?«

Die alte Hofdame zuckte die Schultern. »Wer kann es wissen?«

»Kommen Sie, liebste Frau von Katzenstein! Hoheit war gestern schon so sonderbar, so aufgeregt!« Das schöne Mädchen mit dem sorgenvollen Gesicht stand an der kleinen Tapetentür, die in das Schlafzimmer der Herzogin führte, und lauschte. Kein Ton zu hören. »Elisabeth!« rief sie leise und angstvoll.

Dort innen wurde der Ruf gehört. Vor ihrem Bette kniete die Herzogin und hob den Kopf, ihre starren Augen wandten sich nach jener Richtung, aber ihre Lippen preßten sich nur noch fester aufeinander. In der Hand hielt sie ein kleines, vielfach gebrochenes Briefchen. Das Zweifeln, das Bangen war vorüber, mit der Gewißheit war Ruhe über sie gekommen, eine schreckliche starre Ruhe, und mit ihr der Stolz, der Stolz der königlichen Prinzessin. Niemand durfte es ahnen, wie arm sie geworden war!

Nur diese kurze Rast noch, nur diese eine Stunde, um das todeswunde Herz zu beschwichtigen, zu betäuben! Gönnte man ihr auch das nicht?

»Elisabeth!« klang es wieder. »Um Gottes willen, ich sterbe vor Angst!«

Die Herzogin erhob sich plötzlich. Sie trat einen Schritt auf die Tür zu, die Fäuste an die Schläfen gepreßt wie verzweifelt. Dann ging sie und öffnete.

»Was wollen — was willst du?« fragte sie kühl.

Klaudine war eingetreten und blickte in zwei starre, glühende Augen, auf eine hochaufgerichtete Gestalt. »Elisabeth«, fragte sie leise, »was ist dir? Bist du krank?«

»Nein! Rufe die Kammerfrau!«

»Kämpfe nicht so dagegen an, Elisabeth, lege dich. Du siehst fiebernd aus, du bist leidend«, stammelte Klaudine, die furchtbare Veränderung gewahrend.

»Rufe die Kammerfrau und bringe mir ein Licht!«

Klaudine tat schweigend, wie ihr befohlen. Die Herzogin hielt ein Papier in die Flamme, sie ließ es erst zur Erde fallen, als das Feuer um ihre schmalen, durchsichtigen Finger spielte, und trat dann mit dem Fuße darauf.

»So!« sagte sie, indem sie die Hand auf die Brust legte und tief Atem holte. Ein Zucken flog dabei über ihr Gesicht, als empfinde sie lebhaften körperlichen Schmerz.

Sie ließ sich ankleiden, sie ließ alles mit sich tun, als aber die Kammerfrau eine Rose im Haar befestigte, riß die Herzogin ungestüm die Blume herunter und warf sie zur Erde.

»Rosen!« sagte sie mit unbeschreiblicher Betonung. Wie in tiefen Gedanken stand sie dann vor dem Spiegel, Klaudine etwas hinter ihr mit bekümmertem Ausdruck.

Endlich begann die Herzogin zu lachen. »Kennst du das Sprichwort«, fragte sie: »›Alles verstehen, ist alles verzeihen‹« Und ohne die Antwort abzuwarten, wandte sie sich an die Kammerfrau: »Melden Sie Seiner Hoheit, daß ich bereit bin.«

Sie winkte Klaudine und schritt mit ihr durch ihr eigenes Zimmer in den roten Saal. Das reiche Gemach war von Blumenduft erfüllt. Auf einem Seitentisch hatte man die Geschenke geordnet, Spielsachen, Bücher, ein prachtvolles kleines Gewehr.

In diesem Augenblick öffnete ein Diener die Tür, und der Erbprinz trat herein, gefolgt von dem Herzog, der den jüngsten Prinzen auf dem Arme trug und den zweiten an der Hand führte. Jubelnd wollte der Prinz zu seiner Mutter hinüber, aber sein Schritt stockte, ebenso wie der Herzog stehen blieb und auf die Frauengestalt schaute, die dort so seltsam starr und fremd am Tische stand.

Sie sah ihrem Gemahl in die Augen, als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen. Unten begann eben das Ständchen, durch das offene Fenster scholl es feierlich: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren.«

Einen Augenblick schien es, als könne sie die Fassung nicht bewahren, sie schwankte und preßte ihr Gesicht in das Haar des Erbprinzen.

»Mama, gratuliere mir doch!« bat der Knabe ungeduldig, denn er durfte erst nach dem Handkuß zu seinen Gaben.

»Gott segne dich!« flüsterte sie und setzte sich in den Stuhl, den ihr der Herzog jetzt herzurollte.

Klaudine hatte sich zurückgezogen, als dieser eingetreten war, sie mußte es tun, es war Familienfeier im engeren Kreise und niemand hatte sie gebeten zu bleiben. Sie stand im Nebenzimmer am Fenster. Das Jubeln der fürstlichen Kinder vermischte sich mit dem lustigen Marsch, der von unten herauftönte. »Was, um Gottes willen, war es mit der Herzogin?« fragte sie bang.

»Die Großmama! Die Großmama!« scholl es jauchzend. Ein freudiger Schreck durchfuhr das Mädchen, ihre geliebte, verehrte Herrin, die immer Gütige, war gekommen. Es zuckte ihr in den Füßen, sie hätte hinfliegen mögen, um ihr die Hand zu küssen. Und jetzt klang die milde Frauenstimme herüber, aber bebte sie nicht seltsam schmerzlich heute?

»Mein liebes Kind, meine gute Elisabeth, wie geht es dir?«

Lange blieb es still dort drüben. Dann sprach dieselbe schmerzbebende Stimme: »Altenstein scheint dir nicht gutgetan zu haben, Elisabeth. Ich nehme dich mit nach Bayern.«

»Oh, ich bin ganz gesund«, erwiderte jetzt die Herzogin laut, »so gesund! Du glaubst nicht, Mama, was ich ertragen kann!«

Die lärmende Musik draußen verschlang die fernere Unterhaltung.

Klaudine stand wie auf Kohlen. Fragte denn Ihre Hoheit nicht nach ihr? Sie wußte doch, daß sie bei der Herzogin weilte, sie hatte es ihr ja selbst geschrieben. Freilich, eine Antwort hatte sie nicht erhalten, es fiel ihr erst jetzt bedeutungsvoll auf. Jene unerklärliche Bangigkeit von heute früh kam wieder über sie.

Dort innen war es allmählich still geworden, die Herzoginmutter mochte sich entfernt haben, um nach der langen Fahrt zu ruhen. Die Kinder waren in ihre Gemächer zurückgekehrt. Man hörte nur die Schritte Seiner Hoheit, der ungeduldig im Zimmer auf und ab ging.

»Klaudinel« rief die Herzogin. Sie wollte es ertragen lernen, die beiden zusammen zu sehen. Und als die Gerufene erschien, blickte sie von ihr zu dem Herzog hinüber. Wie gut sie sich in der Gewalt hatten! Seine Hoheit streifte dieses schöne Mädchen kaum mit einem Blick.

Sie mußten sich tüchtig eingeübt haben im Verstellen! Ach nein, sie hatten so leichtes Spiel ihr, der vertrauenden gläubigen Törin, gegenüber! Einen Augenblick kam eine brennende Eifersucht über sie, eine Lust, diejenige, die jetzt neben ihr stand, mit einem Schlage zu vernichten.

»Reichen Sie Seiner Hoheit jenes Glas Wein, Klaudine«, sagte sie. »Seine Hoheit vergaß, daß ich es ihm vorhin anbot.«

Klaudine tat, wie ihr geheißen.

Die Herzogin hatte sich währenddem erhoben und war hinausgeschritten.

»Was ist’s mit der Herzogin?« fragte der Herzog und runzelte die Stirn, indem er den Wein austrank.

»Hoheit, ich weiß es nicht!« erwiderte Klaudine.

»Gehen Sie der Herzogin nach!« sagte er kurz.

»Ihre Hoheit befinden sich im Schlafzimmer und wollen nicht gestört sein und wünschen, Fräulein von Gerold in einer Stunde im grünen Zimmer zu sehen«, berichtete die Kammerfrau, die eben eintrat.

Klaudine schritt zu einer anderen Tür hinaus und begab sich nach ihrem Zimmer.

Im Schlafgemach der fürstlichen Frau waren die Vorhänge niedergelassen, und in dieser Dämmerung lag die Herzogin auf ihrem Ruhebette. Sie wußte Klaudine mit ihm allein. Jetzt würde er ihr die Hand küssen und sie an sich ziehen, ihr sagen: »Ertrage die Launen, mein Lieb, sie ist eine kranke Frau, ertrage sie meinetwegen!«

Und in beider Augen würde die Hoffnung schimmern auf eine bessere Zukunft, dann wenn da unten im Gewölbe der Schloßkirche ein neuer Sarg —

Sie schauerte nicht bei diesem Gedanken, sie lächelte nur, es ist ja gut, daß man weiß, es kommt ein Ende!

»Es ist so tröstlich, daß es ein Vergessen gibt und Schlaf — wenn es nur nicht so lange mehr dauert, dies Wachen, das man Leben heißt! Wenn nur die Kinder nicht wären!«

Nun, sie würden die kränkelnde, leidende Mutter kaum vermissen und — es sind ja Buben. Wie gut das ist! Keine arme, beklagenswerte Prinzessin!

Ach, und da draußen die Welt! Ob man es dort wußte? Ob man lächelte und flüsterte über die verratene Frau, welche die Geliebte ihres Mannes für eine Freundin hielt? Sie stöhnte schmerzlich auf, der Druck auf der Brust wurde immer schwerer.

Wäre der Tag erst vorüber! Wäre die Nacht da, wo sie allein sein und weinen durfte!

Unten rollten Wagen in den Hof, auf dem Flur erklangen Schritte geschäftiger Diener, Schleppen rauschten, die Gäste verfügten sich nach dem Zimmer vor dem alten Geroldschen Bankettsaal, der in einem Zwischenbau lag, welcher die beiden Flügel des Schlosses verband.

Auch Klaudine, die in ihrem Zimmer regungslos in einem Sessel saß, hörte es. Sie wandte bei jedem Tritt ihr Haupt, und wenn er vorüberging, lief eine flüchtige Röte über ihr Gesicht. Warum befahl die Herzoginmutter sie nicht? Warum kam nicht wenigstens Fräulein von Böhlen, ihre Nachfolgerin bei der alten Hoheit, sie zu begrüßen? Es war doch üblich, daß die Damen sich besuchten. Und bei Frau von Katzenstein hatte die blasse junge Dame mit dem rötlichblonden Haar und den unzähligen Sommersprossen schon vor einer halben Stunde angeklopft.

Vor ihr auf dem Tischchen lag die Uhr. Um dreiviertel auf zwei mußte sie hinübergehen nach dem grünen Zimmer, wo die Herzogin sie erwartete, um dieselbe von dort zu den Gästen zu begleiten. Es war Zeit zum Gehen.

Auf dem Flur traf Klaudine mit Fräulein von Böhlen zusammen, die augenscheinlich in das Zimmer ihrer Gebieterin wollte. Die Damen kannten sich von den Hoffestlichkeiten her, Fräulein von Böhlen war namentlich oft bei der Herzoginmutter im kleinen Kreise gewesen.

Aber Fräulein von Böhlens rotblonder Kopf war vermutlich von einer Art Krampf in den Nacken zurückgezogen, sie schien ihn mit aller Gewalt nicht zu einem Gruß beugen zu können. Klaudine, die in ihrer vornehmen, stillfreundlichen Art ihr die Hand entgegenreichte, stand plötzlich allein. Die cremefarbige Schleppe der jungen Dame war ohne Aufenthalt an ihr vorübergerauscht und verschwand in einer der hohen altersbraunen Flügeltüren am Ende des Ganges.

Gelassen wandte sich Klaudine und trat in das kleine Vorzimmer zu den Gemächern der Herzogin. Frau von Katzenstein machte ein so seltsames Gesicht, so gutmütig, mitleidig und so verlegen.

»Hoheit hat noch kein Lebenszeichen von sich gegeben«, stotterte sie, dann ward sie still, die Herzogin war auf die Schwelle getreten. Ihr erster Blick streifte die Freundin, Klaudine sah vielleicht nie schöner aus, als in dem leichten mädchenhaften Kleid.

Die Herzogin neigte leise den Kopf und schritt durch das Gemach der gegenüberliegenden Tür zu. Man vernahm dort innen die gedämpfte Stimme des Herzogs und das kalte Organ der Prinzeß Thekla.

Die Herzogin war stehen geblieben. »Gib mir deinen Arm, Klaudine«, sagte sie dann fast heiser, und so traten sie nebeneinander unter dem roten Türvorhang hervor, welchen die Diener zurückrafften. In dem Zimmer, wo sich ungefähr zwanzig Personen befanden, herrschte augenblicklich eine lautlose Stille.

War das noch die Herzogin?

Eine kleine zierliche Gestalt, dort hinter den Fächerpalmen halb verborgen, griff wie nach Halt suchend in den Purpursammet der Vorhänge, die zitternden Knie versagten fast den Dienst bei der tiefen Verbeugung. Prinzeß Helene trat auf den Wink der Mutter ein paar Schritt vor, aber ihr dunkler Kopf senkte sich vergeblich, der Kuß der fürstlichen Cousine unterblieb heute.

Man setzte sich nicht. Plaudernd stand man umher. Baron Gerolds Augen hingen an Klaudine. Der Arm der Herzogin lag noch immer in dem des Mädchens. Ihre Augen waren auf die Mitteltür gerichtet, und jetzt ging die Röte der Freude über ihr schönes Gesicht — die Herzoginmutter war eingetreten.

Auf diesem gefurchten gütigen Antlitz, unter dem silberweißen Scheitel, lag heute eine ungewöhnliche Härte. Aber Klaudine sah es nicht. Auf des Mädchens Arm gestützt schritt die Herzogin ihrer Schwiegermutter entgegen und beugte sich auf die Hand der alten Dame nieder, während Klaudine sich tief verneigte. Die Augen des jungen Mädchens sahen erwartungsvoll freudig in das Antlitz der fürstlichen Greisin.

»Ah, Fräulein von Gerold, ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen. Sagten Sie mir nicht, daß Sie Ihrem Bruder unentbehrlich seien?«

Die alte Dame hatte die Hände fest übereinandergelegt, bei den letzten Worten sah sie zu Frau von Katzenstein hinüber, als wäre Klaudine nicht anwesend.

Stolz trat Klaudine zurück, und einen einzigen Augenblick trafen ihre Blicke die des Vetters. Atemlos still war es, nur die alte, jetzt so milde Frauenstimme sprach freundlich weiter mit der ›lieben‹ Katzenstein.

Klaudine sah sich nicht um, es war ein lähmendes Entsetzen über sie gekommen, sie wollte sprechen, aber in diesem Augenblick wurden die Türen geöffnet, der Erbprinz, der heute die Ehre hatte, seine Großmama zur Tafel zu geleiten, trat feierlich vor die alte Dame mit seiner kleinen Person, und schon im nächsten Augenblick rauschte die silbergraue Schleppe der durchlauchtigsten Mutter über den Teppich.

»Gestatten Hoheit, daß ich mich zurückziehe«, stammelte Klaudine zu der Herzogin gewendet, »meine heftigen Kopfschmerzen —«

Einen Augenblick regte es sich in dem Herzen der unglücklichen Frau wie Mitleid mit dem Mädchen, dessen geisterhaft blasse Züge eine furchtbare Gemütserregung verrieten.

»Nein!« erwiderte sie flüsternd, denn eben kam Seine Hoheit herüber. »Ich selbst bin krank und kämpfe. Kommen auch Sie —«

Klaudine schritt mit den anderen den Flur hinab und trat neben Lothar hinter den Herrschaften in das Empfangszimmer. Die Hoheiten begrüßten ihre Gäste, der Erbprinz nahm Glückwünsche entgegen, dann öffneten sich die Türen zum Speisesaal. Klaudine fand ihren Platz Lothar gegenüber. Sie hatte keine klare Vorstellung, wie das Essen vorüberging, sie antwortete wohl auf die Fragen ihres Nachbarn, sie aß, sie trank, aber es war wie im Traume. Prinzeß Helene, neben Baron Lothar, sprach auffallend hastig und saß dann wieder stumm, zuweilen schauten ihre schwarzen, funkelnden Augen zu Klaudine hinüber, und wenn die seltsam abwesenden Blicke Klaudines sie trafen, ward sie rot und fiel in ihre gezwungene Lebhaftigkeit zurück.

Und wie es kam, wer mag es ergründen? Es schwebte in der Luft, es perlte in den Sektkelchen, es sagten es sich Blicke und Mienen, ein jeder an der Tafel wußte es: dort oben in den fürstlichen Gemächern war etwas vorgefallen, die Herzoginmutter war gekommen, um dazwischenzufahren. Mit dieser idealen Freundschaft hatte es ein Ende, die schöne Gerold saß dort zum letzten Male.

Es lag wie lähmend auf allen diesen anscheinend so fröhlich plaudernden Menschen, gleich einem Gewitter, dessen Ausbruch jeder herbeisehnt und doch fürchtet.

Endlich, endlich erhob sich die Herzogin. Der Kaffee wurde im anstoßenden Zimmer gereicht.

»Ihre Hoheit hat sich zurückgezogen und wünscht Sie zu sprechen«, flüsterte Frau von Katzenstein Klaudine zu.

Das Mädchen flog die Stufen empor und den Flur entlang. Nur Gewißheit wollte sie — was hatte sie denn getan, verbrochen?

Die Herzogin saß auf ihrem Ruhebett, den Kopf gegen die Lehne gestützt.

»Ich will dich fragen«, begann sie mit verzerrtem Gesicht — dann schrie sie auf. »Jesus — ich — Klaudine!« und ein Blutstrom ergoß sich aus ihrem Munde.

Das junge Mädchen hielt sie in ihren Armen, sie zitterte nicht, sie sprach kein Wort, während die Kammerfrau fortstürzte, um Hilfe zu holen. Der Kopf der Herzogin lag an ihrer Brust, sie war völlig bewußtlos.

In der nächsten Minute erschien der Arzt, der Herzog und die alte Herzogin. Die Kranke wurde aufs Bett getragen. Klaudine mit ihrem vor Schreck entstellten Gesicht, mit ihrem blutbefleckten Kleide stand unbeachtet dort. So oft sie auch die Hand ausstreckte zu helfen, niemand beachtete es, niemand schien es nur zu bemerken.

»Ist irgend etwas geschehen, was Ihre Hoheit beunruhigte?« fragte der Arzt.

Der Herzog wies auf Klaudine. »Fräulein von Gerold, Sie waren zuletzt bei ihr. Wissen Sie —«

»Ich ahne es nicht«, antwortete sie.

In diesem Augenblick traf der Blick der alten Herzogin das Mädchen, streng und feindlich. Sie hielt ihn aus, diesen Blick, sie senkte nicht schuldbewußt das Haupt. »Ich weiß nichts!« wiederholte sie noch einmal.

Dort unten begann wieder das Konzert. Der Herzog verließ hastig das Krankenzimmer, um den Fortgang des Konzerts zu verbieten — da stand er Prinzeß Helene gegenüber, noch atemlos von raschem Lauf. Sie war im Garten gewesen, als man ihr die Schreckenskunde zuraunte. Ihre angstvollen Augen sprachen deutlicher, als Worte es vermochten.

»Hoheit«, sagte der Arzt, der dem Herzog gefolgt war, »es wäre besser, nach H. zu telegraphieren an Professor Thalheim. Ihre Hoheit sind sehr schwach.«

Der Herzog sah ihn groß an, er war bleich geworden.

»Nicht sterben! Um Gottes willen nicht!« flüsterte Prinzeß Helene, »nur das nicht!«

Entsetzt wich sie zurück, als Klaudine mit blutbeflecktem Kleide heraustrat.

In ihrem Zimmer traf Klaudine Beate.

»Herrgott, wie schrecklich!« rief diese, »paß auf, Schatz, nun ist unser Fest schuld daran. «

»Ach nein«, sagte das Mädchen leise beim Ablegen der Kleider.

»Ängstige dich nicht so, Klaudine, du siehst ja entsetzlich aus! Dort unten«, fuhr Beate fort, »stiebt alles auseinander. Ich habe die Kinderfrau mit Leonie und Elisabeth tiefer in den Park hineingeschickt. Die Prinzen sind in ihrem Zimmer, der Erbprinz weint zum Gotterbarmen. Wer hätte das auch gedacht!«

»Willst du so freundlich sein und mich in deinem Wagen mitnehmen?« fragte Klaudine.

Beate, die ihren Hut vor dem Spiegel aufsetzte, wandte sich hastig um. »Du willst doch jetzt nicht fort, Klaudine? Das kannst du nicht!«

»Doch, ich kann, ich will —«

»Ihre Hoheit wünscht Fräulein von Gerold zu sprechen«, flüsterte die Kammerfrau durch die Tür.

»Nun, siehst du, Klaudine, du kannst nicht fort«, sagte Beate und band die blaßgelbe Schleife ihres Hutes.

In der Krankenstube war es still und dunkel. Man hatte alle entfernt, nur im Vorzimmer ging der Herzog mit unhörbaren Schritten auf und ab. Klaudine saß auf einem Stuhl zu Füßen des Lagers, wohin eine Handbewegung der Kranken sie gewiesen hatte. Mit schwachem Flüstern hatte dieselbe sie gebeten, hier zu bleiben, weil sie wichtiges mit ihr zu besprechen habe.

Unten in dem Zimmer des Erbprinzen hockte Prinzeß Helene neben dem schlanken Jungen auf dem Teppich, sie weinte nicht, sie hatte nur die Hände gefaltet, als ob sie bete oder jemand um Verzeihung bitten wolle. Prinzeß Thekla befand sich in den Gemächern der Herzoginmutter. Die alte Dame saß völlig erschüttert in einem Lehnsessel, sie hörte kaum auf das, was Ihre Durchlaucht mit leiser Stimme vortrug. Sie war entsetzt, in welchem Zustande sie ›die Liesel‹ gefunden.

»Ja, derartige Gemütsbewegungen —« seufzte die alte Prinzessin, »es ist auch kaum zu fassen, sie ist eine Intrigantin, diese sanfte Klaudine.«

»Meine liebe Cousine«, erwiderte die greise Herzogin, »es ist eine alte Erfahrung, den Mann trifft stets die größere Hälfte der Schuld in solchen — vergessen wir das nicht, bitte!«

»Aber warum duldet man sie noch länger hier?« ereiferte sich die gereizte Prinzessin.

»Wollen Sie sich gefälligst erinnern, daß Seine Hoheit hier allein befiehlt, meine Teure?«

»Allerdings — Verzeihung — aber es ist sonderbar, wenn man denkt —«

»Ja, aber es gibt Fälle, wo man besser tut, man denkt nicht, Cousine«, klang seufzend die Antwort.

»Baron Gerold bittet um die Gnade, Ihre Hoheit in einer wichtigen Angelegenheit sprechen zu dürfen«, meldete Fräulein von Böhlen.

Die alte Hoheit bejahte augenblicklich. Im nächsten Augenblick stand Lothar im Gemach. Prinzeß Thekla lächelte ihm liebenswürdig zu und erhob sich. »Eine geheime Audienz? Gestatten Hoheit?«

»Es würde Eurer Durchlaucht Gegenwart in keiner Weise hinderlich sein, meine Bitte zu Füßen Ihrer Hoheit zu legen, um so weniger, als Durchlaucht sicher ein gewisses Interesse an diesem meinem Anliegen nehmen werden.«

Die alte Hoheit warf einen forschenden Blick unter ihrem Blondenhäubchen hervor. »Sprechen Sie, Gerold«, sagte sie.

Fräulein von Böhlen, die sich langsam zurückzog, wußte aus der müden Art ihrer sonst so ratbereiten liebenswürdigen Gebieterin, daß ihre Gedanken sich nur ungern von dem Krankenbette der Herzogin losrissen.

Dort innen in dem Gemache der Herzoginmutter war es still. Einigemal nur erhob sich des Barons Stimme, dann ein schrilles, helles Lachen der Prinzeß Thekla, und im nächsten Augenblick stand die hagere Gestalt Ihrer Durchlaucht vor der erschreckten Hofdame.

»Prinzeß Helene! Suchen Sie die Prinzessin!« stieß sie mühsam hervor.

Fräulein von Böhlen flog davon. Atemlos kam die Prinzessin herauf.

»Wir fahren nach Neuhaus! Wo ist die Komtesse?« schallte es ihr entgegen.

»Um Gottes willen, Mama, was ist geschehen?« Prinzessin Helene kannte so gut die Stimmung, die sich auf dem Gesichte der alten Durchlaucht abspiegelte.

»Komm!« war die Antwort.

»Nein, Mama, liebste Mama, laß mich hier, ich halte es vor Angst in Neuhaus nicht aus!« flehte die Prinzessin.

»Wer sagt dir, daß du es aushalten sollst? Wir fahren heute abend mit dem Schnellzug nach Berlin. Komm!«

»Nein, ich kann nicht!« klang es zurück von den blassen Lippen. »Zwinge mich nicht, ich laufe dir unterwegs davon — ich kann nicht fort von hier!«

Die alte Dame übermannte der Zorn, sie ergriff mit ihren knöchernen Händen den zierlichen Arm. »Vorwärts! Wir haben nichts mehr hier zu tun!« zischte sie.

Aber die Prinzessin-Tochter riß sich los. »Ich tue, was meine Pflicht ist!« rief sie außer sich und floh aus dem Zimmer.

Prinzessin Thekla fuhr mit Komtesse Moorsleben allein nach Neuhaus. Vor ihnen rollte der Wagen mit Beate und den Kindern.

Die Komtesse stand dann mit blassem Gesicht vor Frau von Berg, die eiligst herbeigekommen. Das junge Mädchen war außer sich über die Behandlung, die Ihre Durchlaucht während der Fahrt ihr hatte angedeihen lassen.

»Oh, ich reiste am liebsten auf der Stelle zu Mama!« rief sie, »was kann ich dafür, daß Ihre Hoheit einen Blutsturz bekam?«

Frau von Berg lächelte noch immer, aber sie war plötzlich blaß geworden. »Einen Blutsturz?« fragte sie.

»Ja, und zwar recht schlimm. Sie haben nach H. telegraphiert.«

»Und Prinzeß Helene?«

»Sie wollte nicht mit, sie tut, als möchte sie sich am liebsten auf die Schwelle des Krankenzimmers legen.«

»Und wo ist der Baron?«

»Bei Ihrer Hoheit der Herzoginmutter. Wenigstens war er da, als wir wegfuhren. Die Böhlen sagte, er habe bei der alten Hoheit um eine Unterredung bitten lassen.«

»Nun, und Fräulein von Gerold?«

Die hübsche Komtesse zuckte die Achseln. »In aller Leute Mund«, erwiderte sie. »Sie tut mir leid. Man sagt, die Herzogin habe die Untreue ihres Gatten entdeckt. Seine Hoheit sieht aus, als wolle er die Welt in Brand stecken.«

»Mein Gott, einmal mußte doch dieser Skandal ans Licht kommen«, sagte Frau von Berg achselzuckend. »Aber wo in aller Welt ist sie denn nun? Sitzt sie im Turm des Eulenhauses und lugt erwartungsvoll nach Altenstein hinüber, oder ist sie in den Schloßteich gelaufen, die stolze Klaudine?«

Komtesse Moorsleben sah in das Antlitz, das so wenig seine Genugtuung zu verbergen verstand. Die wilde Freude flackerte nur so aus den schwarzen Augen.

»Gnädige Frau«, sagte die niedliche Komtesse boshaft, »ich habe mich schon den ganzen Morgen besonnen — von wem ist das Wort: ›Wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen‹?«

»Ich fragte Sie, Komtesse, wo Fräulein von Gerold nach dem klaren Beweis von Ungnade geblieben ist?« betonte die Dame zornesrot.

»Ich verstehe Sie nicht, liebe Frau von Berg«, antwortete die Komtesse so sanft, als ihr möglich war. »Sie wissen mehr als ich — Ungnade? Fräulein von Gerold sitzt am Krankenbett Ihrer Hoheit.«

Frau von Berg schnappte nach Luft und rauschte in das Zimmer Ihrer Durchlaucht, von wo soeben ein wahres Sturmgeläute ertönte.


 

24.

 

Die Herzogin schlief, im ganzen großen Gebäude herrschte Todesstille.

In dem Zimmer des Rittmeisters von Rinkleben saß Baron Gerold, er hatte den liebenswürdigen Offizier gebeten, sich hier aufhalten zu dürfen, er wolle die nächste Nachricht von dem Befinden Ihrer Hoheit abwarten. Er hatte ein Buch genommen, aber ihm fehlte die Ruhe zum Lesen. Eine finstere Sorge lag über seinem Gesichte und eine qualvolle Unruhe ließ ihn unaufhörlich hin und her wandern.

Herr von Palmer hatte seine Stube verriegelt, er befand sich in der denkbar schlechtesten Laune. Ein netter Tag, der heutige, wahrhaftig! Als er diesen Morgen zum Vortrag in das Arbeitszimmer Seiner Hoheit trat, war ihm der Herzog mit einer ziemlich verwunderten Miene und einem offenen Briefe entgegengekommen. Es war ein vertrauliches Schreiben des Prinzen Leopold, seines Vetters, und enthielt die Frage, wie es zugehe, daß das Hofmarschallamt seit nahezu drei Jahren der Firma C. Schmidt in R. am Rhein keinerlei Zahlung mehr geleistet habe. Der Chef der Firma habe nun des Prinzen Vermittlung erbeten, da auf direkte Anfragen zwar stets neue Bestellungen, aber immer nur ausweichende Antworten betreffs der Rückstände eingetroffen seien. Ja, in dem letzten Schreiben sei mitgeteilt, daß bei fernerem Drängen die Lieferungen dem Hause entzogen werden würden. Herr von Palmer hatte gelächelt und gesagt, es liege ein grobes Mißverständnis vor, Seine Hoheit aber hatte sehr energisch den Wunsch ausgesprochen, diese Angelegenheit so bald wie möglich und bestens geordnet zu sehen.

Es war sehr unangenehm, sehr! Als ob solch Krämerpack nicht borgen müßte bis in alle Ewigkeit, wenigstens so lange bis Herr von Palmer nach einigen Jahren in der Lage sein würde, mit aller Ruhe irgendwohin abzureisen! Es war doch ein Trost, diese Berg zur Seite zu haben. Wie glänzend hatte sie dieses »Unmöglichmachen« in Szene gesetzt, am Geburtstage des Prinzen! Die alte Herzogin hatte Klaudine fallen lassen, das war ja unbezahlbar! Der Mutter gegenüber würde selbst Seine Hoheit nicht den Mut finden, dieses Schäferspiel weiter zu treiben. Wundervoll! Ganz wundervoll!

Durch das hohe, breite Fenster im Schlafzimmer der Herzogin fielen die letzten Strahlen der scheidenden Sonne.

»Klaudine!« flüsterte eine matte Stimme.

Das Mädchen, das in tiefen, schweren Gedanken gesessen, erhob sich und kniete neben dem Bette der Kranken. »Wie geht es dir, Elisabeth?« fragte sie.

»Oh — es geht — es geht besser. Ich fühle, daß das Ende kommt —«

»Elisabeth, sprich nicht so!«

»Ist jemand hier, der uns hören könnte?« fragte die Herzogin.

»Nein, Elisabeth, Seine Hoheit ist hinuntergegangen zu den kleinen Prinzen, die Kammerfrau ist mit der Krankenschwester im Nebenzimmer und Frau von Katzenstein bei der Herzoginmutter.«

Die Kranke lag ganz still und folgte mit den Augen dem glühendroten Sonnenfleck auf dem Bilde an der Wand, der unmerklich höher und höher glitt, zuletzt noch auf dem Blattwerk des Goldrahmens funkelte und dann erlosch.

»Warum hattest du kein Vertrauen zu mir?« fragte sie plötzlich mit trauriger Stimme, »warum sagst du mir nicht offen alles, alles?«

»Elisabeth, ich hatte dir nichts zu verbergen.«

»Lüge nicht, Klaudine!« rief die Herzogin feierlich, »eine Sterbende soll man nicht belügen!«

Klaudine hob stolz den Kopf. »Ich habe dich nie belogen, Elisabeth.«

Ein bitteres Lächeln flog über das bleiche, abgezehrte Gesicht der Kranken.

»Du hast mich belogen mit jedem Blick!« sagte sie entsetzlich klar und kalt, »denn du liebst meinen Gatten.«

Ein wahrer Aufschrei unterbrach sie, und schwer lag Klaudines Kopf auf der roten Seidendecke des Krankenbettes. Was sie gefürchtet, was sie bis zur Gewißheit gefühlt hatte, das sagte ihr jetzt der Mund der Frau, die sie so treu, so innig liebte.

»Ich mache dir ja keinen Vorwurf, Klaudine, ich will nur, daß du mir versprichst, nach meinem Tode —«

»Barmherziger Gott!« stöhnte das Mädchen und richtete sich wild empor. »Wer hat dieses entsetzliche Mißtrauen in dir geweckt?«

»Mißtrauen? Wenn du noch fragtest: wer öffnete dir die Augen, um die entsetzliche Wahrheit zu erkennen? Und er — liebt dich — er liebt dich!« flüsterte die Herzogin weiter. »Ach Gott, es ist ja so natürlich!«

»Nein! Nein!« rief Klaudine außer sich und rang die Hände.

»Ach, schweige doch«, bat die Kranke müde, »oder laß uns ruhig sprechen. Ich habe noch so viel zu sagen.«

Klaudine war aufgestanden, ihr schwindelte. Was sollte sie tun, um zu beweisen, daß sie unschuldig sei?

Auf den Wangen der Kranken schimmerte es wieder so rot, sie atmete so schwer.

»Elisabeth, nur dieses eine Mal noch glaube mir, vertraue mir«, flehte das Mädchen.

Die Kranke richtete sich plötzlich auf.

»Kannst du schwören«, fragte sie ruhig, »kannst du schwören, daß nie zwischen dir und dem Herzog von Liebe die Rede war? Schwöre es, schwöre es bei dem Andenken an deine Mutter, und wenn du das kannst im Angesicht meines letzten Lagers, so will ich dir glauben, daß meine eigenen Augen falsch gesehen haben!«

Klaudine stand wie leblos. Ihre Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus, und plötzlich neigte sie den Kopf wie vernichtet.

Die Herzogin sank in die Kissen zurück. »Den Mut hast du doch nicht!« murmelte sie.

»Elisabeth«, rief Klaudine jetzt, »glaube mir! Glaube mir! Mein Gott, was soll ich nur tun, daß du mir noch einmal glaubst! Ich wiederhole es dir, du bist im Irrtum —«

»Sei still«, sagte die Herzogin mit verächtlichem Lächeln.

Seine Hoheit war eingetreten. »Wie geht es dir, Liesel?« fragte er herzlich und beugte sich über sie, indem er ihr das feuchte Haar aus der Stirn zu streichen versuchte.

»Fasse mich nicht an!« stieß sie hervor, und ihre Augen wurden angstvoll groß. »Es ist ja bald vorbei«, flüsterte sie dann.

Klaudine lehnte fassungslos an der Tür. Der Herzog trat zu ihr und fragte leise und besorgt: »Phantasiert Ihre Hoheit?«

Klaudine, der Verzweiflung die Brust zu zersprengen drohte, preßte den schluchzenden Schrei, der sich ihr entringen wollte, mit dem Tuch zurück und wankte in das Nebenzimmer.

Er folgte ihr ängstlich. »Was ist geschehen?«

Die Augen der Kranken richteten sich auf die Tür, durch welche jene beiden verschwunden waren. Der ganze furchtbare, gewaltsam zurückgedrängte Schmerz durchrüttelte sie und verwirrte ihre armen Gedanken. Sie lag mit geballten Fäusten und glühenden Augen. Wie, nicht einmal der Sterbenden wollte sie bekennen? Und sie hatte es so gut gemeint, sie wollte in ihrem letzten Willen bestimmen, daß sie sich angehören sollten, die beiden, für das Leben. Das sollte die Rache sein für ihr gebrochenes Glück. Und sie, sie — welch ein Abgrund von Schlechtigkeit mußte dieses Geschöpf in sich bergen, das auch jetzt noch den Himmel anrief als Zeugen seiner Unschuld!

Eine wahnsinnige, erstickende Angst legte sich auf ihre schmerzende Brust. Ihr Gemahl kam eben wieder herein, er trat an das Fußende des Bettes und blickte sie seltsam forschend an. Klaudine, die sich gewaltsam gefaßt hatte, trug ein Glas in der Hand. »Trinke, Elisabeth«, bat sie, während sie sich niederbeugte und ihren Arm unter den Kopf der Kranken schob. »Trinke, dir ist so heiß. Es sind die Tropfen, die dir immer so gut bekommen.«

Bewegungslos lag die Herzogin, mit fest zusammengepreßten Lippen. Ihre großen Augen hingen mit unheimlicher Starrheit an dem blassen Gesicht des Mädchens und wanderten zu ihrem Gatten hinüber. Das Glas in Klaudines Hand begann zu zittern. »Oh, trinke doch!« bat sie mit versagender Stimme.

Dann ein schriller Aufschrei, und das Glas ward aus Klaudines Hand geschleudert.

»Gift!« schrie die Herzogin gellend und richtete sich im Bette hoch mit dem Ausdruck einer Wahnwitzigen, die Hände verzweiflungs­voll ausgestreckt. »Gift! Hilfe! Geht es euch denn noch nicht schnell genug?«

Dann sank sie erschöpft zurück und ein erneuter Blutstrahl überschwemmte das weiße Gewand und das Bett.

Klaudine, die in die Knie gesunken war, sprang empor. Auch sie sah aus wie eine Irrsinnige. Mit übermenschlicher Kraft nahm sie sich zusammen, ging zur Glocke und half dann die Kranke emporrichten und an die Brust des Herzogs lehnen, in dessen bleichem Gesicht eine tiefe Erschütterung sich ausprägte.

»Liesel«, murmelte er, »aber Liesel — großer Gott!«

Sie lag mit geschlossenen Augen wie eine Sterbende.

Und nun ward es lebendig im Zimmer. Mit besorgter Miene stand der alte Medizinalrat vor der Patientin, dann sah er nach der Uhr, fühlte den matten Pulsschlag und schüttelte den Kopf. »Um neun Uhr kann er hier sein, Hoheit«, flüsterte er der weinenden Herzoginmutter zu, »doch bis dahin nur Ruhe, Ruhe, keine Angst zeigen. Es ist am besten, Hoheit bleiben in der gewohnten Umgebung. Ich werde mich einstweilen im Nebenzimmer aufhalten.

»Klaudine!« flüsterte die Kranke, »Klaudine!«

Die Herzoginmutter sah sich nach der Gerufenen um. Sie war verschwunden. In ihrer Angst ging die alte Dame auf den Korridor hinaus und fragte nach dem Zimmer des Fräuleins von Gerold. Aber die Tür war verschlossen und drinnen regte sich nichts.

Klaudine war in ihrer Stube zusammengebrochen. Einen klaren Gedanken hatte sie nicht mehr. Dahin war es gekommen, dahin! Die Welt hielt sie für eine Gesunkene, für die Geliebte des Herzogs, sein eigenes Weib starb in diesem Wahne!

Oh, diese törichte Vermessenheit ihres wahnsinnigen Stolzes! Und wenn sie die Sterne vom Himmel herunterholen könnte als Zeugen ihrer Reinheit, niemand würde ihr glauben, niemand, die Sterbende nicht und die Lebenden nicht, und jener eine nicht, den sie zurückstieß, als er sie warnte! Gott allein wußte es, aber Gott tut keine Wunder mehr. Verloren! Verloren! Der Schandfleck ihrer Familie war sie geworden, das ganze Land würde mit Fingern auf sie weisen: »Seht, seht, das ist die, um derentwillen unserer armen Fürstin das Herz brach!«

Wer sollte sie retten? Der Herzog? Er konnte nicht für sie in die Schranken treten, sie hätten alle getan, als ob sie ihm glaubten, und hätten gelacht hinterher.

Wenn sie sterben könnte! Sie nähme damit den Schimpf nicht von sich, aber sie wäre doch tot, sie würde nichts mehr fühlen. Der kleine Weiher dort unten im Park. — Es ist so still dort und so kühl — so kühl. Dort fände man sie dann vielleicht, und die Menschen würden sagen: »Sie hatte doch noch Ehrgefühl, diese Klaudine, sie konnte nicht leben mit der Schuld auf dem Herzen!« Und nur einer vielleicht würde sprechen, wenn er an den Sarg trat: »Meine Schwester, mein reiner, stolzer Liebling, ich glaube an dich!«

Und dort drüben in Neuhaus würde ein kleines, dunkles Mädchen seinen Kopf an die Schulter des schönen Mannes schmiegen und eine süße Stimme würde sagen: »Was geht es mich an, Lothar, daß eine deines Stammes auf den Namen Gerold Schande häufte? Vergiß es, ich liebe dich dennoch!«

Ein paar harte Schläge an die Tür ließen sie emporfahren.

»Fräulein von Gerold«, rief die spitze Stimme des Fräuleins von Bohlen, »die Herzoginmutter erwartet Sie!«

Mechanisch schritt sie hinaus, vergessend, daß ihr das Haar gelöst auf den Rücken herabhing und die goldigen Strähne ihr über die Stirn fielen, vergessend, daß sie nur in dem losen Hauskleide war. Wie eine Irre trat sie ein in das noch nicht erhellte Gemach, auf dessen bunten Teppich der Mondschein in zwei breiten schimmernden Streifen lag.

»Klaudinel« klang es mild vom Fenster her.

Sie kam herüber und verneigte sich.

»Setzen Sie sich, Klaudine.«

Aber sie machte keine Bewegung, sie blieb wie gelähmt. »Die Herzogin stirbt?« fragte sie heiser.

»Es steht in Gottes Hand, Klaudine.«

»Oh, durch mich, durch mich!« murmelte das Mädchen.

Die Herzogin antwortete nicht. »Ich habe eine Frage an Sie zu richten«, begann die alte Dame endlich, »sie ist so seltsam in dieser Stunde, Klaudine, wo der Todesengel vor der Pforte des Hauses steht, aber der, für den ich fragen soll, hat mir zur Pflicht gemacht, es gleich zu tun. Baron Gerold bittet Sie, Klaudine, seinem verwaisten Kinde die Mutter, ihm die Gattin ersetzen zu wollen.«

»Hoheit!« schrie Klaudine auf. Sie trat einen Schritt zurück und stützte sich schwer auf den Marmorsims des Spiegels. »Ich danke«, sagte sie dann, »ich verlange kein Opfer von ihm.«

»Gut!« erwiderte die alte Hoheit streng. »Sie hatten es jetzt in der Hand, mit einem Schlage alle Lästerzungen verstummen zu lassen, Sie hatten es in der Hand, ein entfliehendes Leben für kurze Zeit zu erhalten, damit es in Frieden scheiden konnte.«

»Hoheit!« stöhnte Klaudine.

»Meine arme, unglückliche Tochter!« seufzte die Fürstin.

»Hoheit, mein Leben für die Herzogin«, flehte das Mädchen, »nur diese Demütigung nicht!«

»Ihr Leben? Nun, das sagt sich ja leicht, Klaudine —«

»Oh, daß ich es beweisen dürfte!« rief sie dann und trat mit gefalteten Händen vor den Stuhl der Fürstin. Sie stand in dem vollen Mondesstrahl, und der zeigte die halberloschenen Augen, das ganze verzweiflungsvolle Bild des Mädchens.

Die Herzogin erschrak. »Klaudine! Aber Klaudine!« sagte sie begütigend.

»Glauben Hoheit denn wirklich, daß ich eine Ehrlose bin?« fragte sie.

»Nein, mein Kind, denn eine solche würde Baron Ge- rold nicht zum Weibe begehren!«

Sie wich zurück. »Darum, nur darum!« stammelte sie.

»Es ist mir sehr schwer geworden, dem Geflüster Glauben zu schenken«, fuhr die Herzogin fort. »Aber, Kind, ich kenne das Leben, ich kenne meinen heißblütigen Sohn, kenne seine Macht über die Herzen der Frauen — und dich, die du vor ihm geflohen, dich weiß ich plötzlich täglich in seiner Nähe! Kind, Kind, ich glaube es dir, daß du nur die Freundin der Herzogin bist, aber du hast dich vermessen, freventlich mit deinem Ruf zu spielen, du hast nicht verstanden, den Schein zu meiden, und darum erfasse die Hand, die sich dir entgegenstreckt«, setzte die Herzogin dringend hinzu. »Keiner wird es wagen, zu behaupten, daß Lothar von Gerold ein Weib an sein Herz zieht, das nicht rein ist wie die Sonne. Und mein Sohn — niemals würde sein Blick wieder diejenige suchen, die eines anderen Eigentum ist.«

»Ich bin fassungslos, Hoheit«, sagte Klaudine.

»Du mußt dich fassen, mein Kind, er wartet unten in Bangen und Hoffen.«

»Hoheit«, bat Klaudine, »er liebt mich nicht — es ist ein Opfer, das er der Ehre unseres Namens bringt. Ich kann es nicht annehmen. Haben Hoheit Erbarmung mit mir!«

»So bringt ein Opfer!« rief die Fürstin, gereizt durch den Widerspruch. »Ist es die Ehre nicht wert, ein Opfer zu bringen? Ist es die nicht wert, die dort drüben mit dem Tode ringt?«

»Hoheit«, flüsterte Klaudine, und ein Gedanke flog durch ihr gemartertes Hirn, »ich will mit Baron Gerold sprechen.«

Die Herzogin hatte Erbarmen mit dem verzweifelten Mädchen. »Beruhige dich, dann mag er kommen«, sprach sie mild und führte die Zitternde zu einem Sessel.

»Der Herr Medizinalrat!« sagte Fräulein von Bohlen eintretend. Ihr auf dem Fuße folgte die kleine Gestalt des Arztes.

»Hoheit verzeihen mein ungestümes Eindringen«, begann er hastig. »Ich erachte es jedoch für Pflicht, Eurer Hoheit mitzuteilen, daß die erlauchte Kranke sich in größter Lebensgefahr befindet. Hoheit sind durch den Blutverlust vollständig erschöpft, bis auf den Tod. Professor Thalheim schlägt eine Transfusion vor, ich bin nicht abgeneigt, man soll nichts unversucht lassen. Seine Hoheit ist entschlossen, das erforderliche Blut zu geben, jedoch — da es immerhin keine gleichgültige Operation ist — sie kann Folgen haben, die das Leben gefährden, wie Blutvergiftung und dergleichen — so müssen wir von der Person Seiner Hoheit absehen, da auch das Hausgesetz ausdrücklich —«

Er stockte. Klaudine war von dem Sessel emporgesprungen und streckte die Hand gegen ihn aus. »Herr Medizinalrat, ich bitte, diejenige sein zu dürfen, die —«

»Sie?« fragte der alte Herr und schaute verwundert in das blasse Mädchengesicht, aus dessen bewegten Zügen ein inniges Flehen sprach, »wahrhaftig, Fräulein von Gerold? Nun, dann kommen Sie, aber rasch! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Doch — halt — meine Gnädige, ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam, daß wir Ihnen die Pulsader öffnen müssen.«

»Ach, lieber Herr Doktor!« sagte Klaudine mit einem Achselzucken, das bedeutete: wenn es weiter nichts ist! Und sie eilte ihm voraus, in der Angst, ein anderer könne ihr zuvorkommen.

Die alte Hoheit hatte kaum recht verstanden. Transfusion? Was ist die Transfusion? Als sie in das Vorzimmer der jungen Herzogin trat, waren die Ärzte bereits um die Kranke beschäftigt. Vor Klaudine stand eine Kranken­schwe­ster, die den Ärmel von des Mädchens weißem Kleide zurückstreifte. Die alte Dame legte ihrem Sohne die Hand auf die Schulter.

»Adalbert«, fragte sie leise, »Adalbert, was ist das eigentlich? Der Medizinalrat sagte, sie schneiden ihr die Pulsader auf, um ihr Blut in Lisels Adern zu leiten?

Er nickte zerstreut und wandte kein Auge von dem traurig lächelnden Mädchenantlitz.

»Um Gottes willen, Adalbert«, fuhr die alte Hoheit fort, »sollen wir erlauben, daß Fräulein von Gerold — es scheint doch eine gefährliche Sache —«

Jetzt sah er sie groß an. »Nicht wahr«, fragte er leise und bitter, »das erfordert etwas mehr Mut, als dazu gehört, aus sicherem Versteck den Pfeil zu schleudern, der ein armes Weib tödlich verwundet oder den Ruf eines schuldlosen Mädchens in den Kot zieht? Ich kann es nicht verhindern, daß sie sich zu diesem Opfer versteht«, sprach er achselzuckend weiter, »ich am allerwenigsten. Man könnte ja sonst sagen, ich sei mehr für ihr Leben besorgt, als für das meiner Gemahlin.«

Die Schwester schloß jetzt die Vorhänge, nur Klaudines weiße schöne Gestalt sah man noch einen Augenblick inmitten des Zimmers. »Von Arm zu Arm, Kollege«, klang eben des Professors Stimme, »es ist sicherer.«

Aber der Herzog sah und hörte es nicht mehr, er hatte schon das Zimmer verlassen. Er durchmaß in furchtbarer Erregung das Zimmer der Herzogin, das nämliche, in welchem er Klaudine von seiner Neigung gesprochen. Er hätte Jahre seines Lebens in diesem Augenblick gegeben, um jene Stunde ungeschehen zu machen. »Armes Mädchen, armes Weib!« Das hatte er nicht gewollt! Er hatte nach diesem Glück gestrebt mit dem Verlangen eines Menschen, der gewohnt ist zu siegen. Für die schöne Hofdame seiner Mutter hatte er eine aufrichtige starke Neigung gefühlt, sie wies ihn zurück, und er ließ sich zurückweisen. Zum erstenmal beugte er sich vor einem charaktervollen Weibe, und sein Vergehen wurde zum Verhängnis. Wer um Gottes willen mochte Klaudine bei der Herzogin verleumdet haben?

Über die Stirn Seiner Hoheit rann kalter Angstschweiß.

»Nur noch so viel Frist«, sagte er halblaut, »um ihr alles zu erklären, nur so viel, daß sie nicht sterben muß in dem Glauben, ich sei schuldig.«

Sie hatte ihn vergöttert trotz aller seiner Fehler, trotz aller Kälte, aller Gleichgültigkeit. Er glaubte ihre Augen auf sich gerichtet zu sehen mit dem alten innigen Leuchten, von dem er so oft ungeduldig den Blick gewandt. Sie hatte immer so still dahingelebt, so dankbar für jeden Liebesbrocken, den er ihr zuwarf, so selig über ein zärtliches Wort, so bescheiden in ihren Ansprüchen. Ihre kleinen Fehler, ihre Schwächen, wie gering erschienen sie ihm in dieser Stunde!

Er stand am Fenster still und dachte an den Tag heute vor elf Jahren. Auch damals hatte man um ihr Leben gebangt, Er sah sich an ihrem Lager, an der Wiege seines Erstgeborenen, sie hatte so blaß dagelegen, nur ihre Augen hatten gestrahlt, trotz aller Mattigkeit hatte sie so stolz gelächelt. Er hatte damals nur kurze Dankesworte gehabt für sie, sein ganzes Interesse war dem Kinde zugeflogen, dem Erben. Sie hatte ja nur ihre Pflicht erfüllt.

Er lehnte plötzlich den Kopf an die Scheiben und wischte sich heimlich über die Augen. Wollte man noch nicht berichten, wie es dort drüben stand?

Das ganze Schloß lag wie unter einem unheimlichen Banne. Auf den Gängen brannten die Lampen trübe und standen die Diener mit verstörten Gesichtern, unten saßen die Herren des Hofes beisammen, aber sie sprachen nur flüsternd miteinander. In den Räumen der fürstlichen Kinder blickten sich die Erzieherin und die Wärterin des kleinen Prinzen traurig in die Augen und im Erdgeschoß wisperte die Dienerschaft und erzählte sich grausige Geschichten.

Alle wußten, daß noch ein letzter Versuch unternommen wurde zur Rettung der Kranken, der Name des Fräuleins von Gerold war in aller Munde.

In Herrn von Palmers Zimmer saß Frau von Berg. Sie war von der durchlauchtigsten Mama geschickt worden, die Prinzessin zu holen. Da hatte sie denn die Gelegenheit benutzt, dem Freunde »Guten Abend« zu bieten, nach dem Stand der Dinge zu fragen und zu vermelden, daß der Baron in Gegenwart der Prinzeß Thekla bei der Herzoginmutter um seine Cousine angehalten habe.

Die schöne Frau war einfach fassungslos. »Wenn ich nur die Prinzeß erst glücklich im Wagen hätte!« klagte sie in dem Gemache auf und ab schreitend, während Herr von Palmer sich nervös im Schaukelstuhl wiegte, »sie macht noch die größten Tollheiten in ihren Bußanwandlungen.«

Ja, die Prinzessin, wo war die Prinzessin?

Die alte Leinenschließerin hatte die weiße Frau gesehen. Es war die kleine Prinzeß gewesen; und daß sie so schwer und gebückt ging, das machte die Seelenangst bei der Nachricht, daß es mit Ihrer Hoheit zum Sterben komme und daß auch Fräulein von Gerold in Gefahr sei. Sie hatte es den abgerissenen Worten der alten Kammerfrau entnommen, als sie aus dem Garten zurückkehrte, in den die Angst sie getrieben, weit, weit dort unten, wo man nichts mehr sah vom Schlosse, in welches das Unglück eingezogen war durch ihre Schuld.

Als sie dann mit wankenden Schritten in eins der Gemächer der Herzogin hinging, da hatte der Herzog am Fenster gestanden, und als er sich umwendete, hatte sie in der trüben spärlichen Beleuchtung auf dem schönen, sonst so kühlen, unbewegten Gesichte desselben eine tiefe Erschütterung gesehen, und an den Augen Tränenspuren. Das war mehr, als sie ertragen konnte!

In undeutlicher, verworrener Weise, fast schreiend, klagte sie sich an und gestand alles, indem sie vor ihm auf den Knien lag, seine Hand in der ihren. Er unterbrach sie mit keinem Worte, er tat nur eine Frage, als sie erschöpft schwieg.

»Den Brief, Helene? Wie, um Gottes willen, kamen Sie zu dem einzigen Brief, den ich je an Klaudine geschrieben und der offenbar von der Herzogin völlig falsch verstanden worden ist?«

»Hoheit baten darin, daß Klaudine trotzdem eine Freundin Ihrer Gemahlin bleiben sollte.«

»Trotzdem ich Fräulein von Gerold beleidigt hatte — allerdings!«

»Vetter, Vetter, bestrafen Sie mich!« rief die Prinzessin außer sich, »sagen Sie, was ich tun soll, um wieder gutzumachen —«

Er zuckte die Schultern. »Wie kamen Sie zu dem Briefe?«

»Frau von Berg —« stammelte die Prinzessin und sank wie gebrochen zusammen. Der Herzog hob sie empor und geleitete sie zum nächsten Sessel. Dann wandte er sich kurz ab und verließ das Zimmer.


 

25.

 

Die Operation war vorüber. Die Herzogin hatte Farbe bekommen und ihr Puls schlug kräftiger. Das gesunde Lebensblut Klaudines schien ihr neue, frische Kraft verliehen zu haben, es war wie ein Wunder. Sie lag sanft schlafend, wahrend in das geöffnete Fenster der duftige Hauch der Sommernacht wehte und eine tiefe Stille in dem Gemach herrschte. Regungslos saß die Schwester im Schatten des Bettvorhanges, so daß man nur die sanften regelmäßigen Atemzüge der Kranken hörte.

Klaudine stand in ihrem Zimmer mit verbundenem Arm. Sie fühlte sich matt. Das war aber nicht allein die Folge des fehlenden Blutes, die ganze Aufregung des Tages machte sich geltend. Ihre Füße wollten sie kaum noch tragen, und dennoch wies sie mit einer an Eigensinn grenzenden Hartnäckigkeit die Aufforderung, sich zu legen, zurück. Sie habe noch mit Baron Gerold zu sprechen, sagte sie, und wünsche dann sofort nach Hause zu fahren.

Die alte Herzogin, die ihr vom Bette Ihrer Hoheit in überströmendem Dankgefühl nachgefolgt war, bat wie eine besorgte Mutter, doch heute von dieser Unterredung abzusehen, nach der Operation müsse sie sich schonen, allein Klaudine blieb bei ihrem Verlangen. »Ich tue nichts halb!« erklärte sie mit ungewöhnlicher Ruhe.

Der Professor, den man zu Hilfe rief, wurde fast unangenehm. »Gut«, sagte der durch sein strenges Wesen bekannte Herr, »so mag denn diese Unterredung stattfinden, aber die Fahrt muß unterbleiben. Und nun trinken Sie ein Glas Wein!« Er hielt ihr mit einer Miene, die keinen Widerspruch zuließ, das Glas an die Lippen. Widerstrebend nippte sie ein wenig. Als sie aber Schritte auf dem Flur hörte, wandte sie das Antlitz der alten Herzogin zu: »Hoheit wollen mir gestatten, allein mit meinem Vetter zu reden!«

Die alte Hoheit zog sich kopfschüttelnd und betrübt zurück. Frau von Katzenstein und der Professor folgten ihr.

»Alles Glück mit Ihnen, lieber Baron«, flüsterte die Herzogin draußen dem blassen Manne zu, der sie beim Vorübergehen mit einer tiefen Verbeugung grüßte.

Fast ungestüm trat er ein. Er war zuletzt ruhelos im Parke umhergewandert, wo ihn der suchende Diener gefunden hatte. Seine erschreckten Blicke fielen auf die Binde, in der Klaudines Arm hing, auf das lose weite Morgenkleid, auf die halbgelösten Haare und das farblose, entstellte Gesicht des schönen Mädchens.

Was ging hier vor? fragten seine Augen, aber über seine Lippen kam kein Wort, er deutete nur stumm auf den Verband am Arme.

»Eine Kleinigkeit«, erwiderte sie, indem sie auf einen Stuhl wies, »nichts weiter als eine winzige Wunde, entstanden durch das Instrument des Arztes, der etwas Blut für die Herzogin brauchte. Kommen wir nun zur Sache, Baron!«

»Und das sagen Sie, als ob es so gar nichts wäre?« rief er außer sich. »Wissen Sie, daß das gleichbedeutend sein kann mit dem Tode?«

»Sie vergessen, daß eine Autorität die Operation leitete, und — wenn auch —«

»Sie haben freilich auch so gar niemand auf der Welt, dem Sie Schmerz bereiten würden, keinen, den Sie vorher fragen mußten: ›Darf ich es tun? Habe ich das Recht, meine Gesundheit, möglicherweise mein Leben, aufs Spiel zu setzen?‹«

»Doch«, erwiderte sie, »einen habe ich — Joachim — aber es war keine Zeit dazu.«

»Joachim!« wiederholte er mit der nämlichen Bitterkeit. »Ich, der ich eben um Ihr Leben gebeten hatte für mich, für mein Kind, ich war Ihnen keines Gedankens wert!«

Ihr war es plötzlich, als erfasse sie ein Schwindel, und sie ließ sich erschöpft in den Sessel nieder, neben dem sie gestanden hatte.

»Ich wollte ja mit Ihnen darüber reden«, begann sie wieder und sah an ihm vorbei, »ich versprach es der Herzoginmutter. Es soll nicht lange dauern. Sie sind so unsagbar großmütig, Vetter — ich weiß in der Tat nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich könnte es eigentlich nur, indem ich Ihre Großmut zurückweise und —«

Er stand unbeweglich und sah sie an.

»Und das würde heißen«, fuhr sie fort, »ein Mittel zurückweisen, welches einer Schwerkranken das Leben etwas verlängern könnte. So sagt die Herzoginmutter. Ich darf es also nicht. Vergeben Sie mir! Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag: verlobt sein, heißt nicht verheiratet sein. Wenn die Herzogin genesen sollte, so — so gehen wir auseinander, wenn sie sterben sollte — natürlich ebenfalls, es gilt ja nur ein Beruhigungsmittel, es ist ein wenig gewaltsam, ich weiß, aber — eine Verlobung ist nur ein Versprechen, und bekanntlich werden nicht alle Versprechen gehalten. Gott weiß, wie oft es geschehen mag, daß zwei sich trennen vor der Ehe, es ist keine Schande — ich — ich —«

Sie hatte rasch und immer rascher gesprochen. Jetzt lehnte der blonde Kopf schwach und mit geschlossenen Augen an den Polstern. Er war näher getreten, in seinem Gesichte zuckte es seltsam.

»Ich«, begann sie wieder, »ich werde nicht fort können von hier, aber Sie, Lothar, Sie sind frei. Sie finden nach der leider nicht zu umgehenden Veröffentlichung der Verlobung leicht einen Grund, um in irgendeinen fernen Weltwinkel zu gehen, bis —« und sie richtete sich plötzlich empor — »ich spreche dies nicht für mich, bei Gott nicht! Was liegt an mir? Mein reines Gewissen genügt mir vollkommen — aber die Ärmste dort drüben — begreifen Sie, Lothar?«

»Wir sollen also ein wenig Komödie spielen?« fragte er.

»Nicht lange! Nicht lange!« flüsterte sie, während ihre Augen ihn, wie um Verzeihung bittend, ansahen.

Er ergriff plötzlich ihre Rechte mit einer ungestümen leidenschaftlichen Bewegung.

»Es sei«, sagte er, »aber Sie sind krank, und vor allem, ehe die Komödie beginnt —«

»Lassen Sie sie gleich beginnen«, bat sie, »gehen Sie zur Herzoginmutter und melden Sie, daß ich Ihnen mein Jawort gab. Indessen rüste ich mich zur Heimfahrt. Ich bin so müde, so sterbensmüde.«

»Ich werde gehen«, sagte er ruhig, »und Sie werden sich legen, Sie werden nicht nach Hause fahren.«

»Ich werde es doch!« rief sie heftig, »vergessen Sie nicht, daß es eben nur eine Komödie ist, daß Sie sowohl wie ich unseren eigenen Willen vollkommen behalten!« Er bezwang sich und ging.

Klaudine starrte ihm nach wie im Traume. Sie fühlte ihre Kräfte schwinden, fühlte sich so schwach und gedemütigt! Am liebsten hätte sie sich den Verband vom Arme gerissen und ihr Leben mit dem Blute dahinfließen lassen. Es ward ihr so sonderbar mit einemmal vor Augen, so rot wie Blut, so schwebend und so wogend, als ob ihr Stuhl zu wanken beginne. Sie wollte sich an der Lehne festhalten und griff in die Luft. »Halt ein!« flüsterte sie, aber in rasendem Wirbel drehte es sich um sie, sie fühlte sich wie hochgehoben, dann empfand sie nichts mehr.

Die Schwester, die auf Befehl des Arztes hinübergeschlichen war, fand Klaudine bewußtlos. Mit der lautlosen Sorgfalt ihres Berufes holte sie Hilfe und legte die Ohnmächtige auf den Liegestuhl, wo sie bald wieder zu sich kam.

»Es ist nur Erschöpfung, Herr Baron«, sagte der Medizinalrat, den Lothar geholt hatte. »Nichts weiter. Lassen Sie die Kranke ganz ungestört, morgen wird sie wohl und frisch sein. Ich bitte Sie, bei solcher Jugend und Kraft! Fahren Sie ruhig nach Neuhaus, lieber Baron!«

Herr von Gerald schärfte der Kammerjungfer ein, die Schwester zu rufen, falls ihr bei dem gnädigen Fräulein irgend etwas bedenklich erscheine. Dann bat er auch Frau von Katzenstein, die Kranke zu beaufsichtigen.

Die alte Dame wollte eben noch einmal zu Klaudine hineingehen, um ihm Nachricht von ihr zu holen. Er stand wartend im Flur. Jetzt hörte er Klaudine drinnen sprechen — mit wem wohl? Deutlich konnte er jedes Wort verstehen.

»Vergeben Sie mir!« scholl laut die Stimme der Prinzeß Helene, aber es klang nicht flehend, es klang wie befehlend. Lothar runzelte die Stirn, er hatte Mühe, an sich zu halten, um nicht sofort hineinzugehen.

Frau von Katzenstein kam zurück. »Durchlaucht ist bei Fräulein von Gerold«, flüsterte sie.

»Seine Hoheit haben mir befohlen, Sie um Verzeihung zu bitten, Fräulein von Gerold«, klang es abermals da drinnen. »Ich bitte also hiermit um Verzeihung. Haben Sie es gehört?«

Außer sich trat der Baron über die Schwelle des matt erleuchteten Zimmers. Über das weiße Mädchengesicht dort in den Kissen des Liegestuhles ergoß sich Purpurglut, als sie ihn erblickte.

»0 mein Gott!« stammelte sie und machte eine abweisende Bewegung mit der gesunden Hand.

Es hatte sie nicht befremdet, daß er hier eindrang, sie dachte weiter nichts, als daß jetzt ein vernichtender Schlag auf dieses trotzige Geschöpfchen fallen müsse, das da so hochmütig an ihr Lager getreten war, um auf höheren Befehl »abzubitten«.

Die Prinzessin hatte ihn nicht bemerkt, sie stand da wie der verkörperte Trotz. Ihre Zerknirschung verwandelte sich, angesichts der Verhaßten, in Empörung.

»Sie wollen wohl nicht?« fragte sie. »Ich habe nicht lange Zeit zu warten, ich muß nach Neuhaus, Mama hat Frau von Berg nach mir geschickt, ich fahre aber nicht mit ihr, ich will nicht. Ich werde Baron Gerold um seinen Wagen ersuchen. Also zum drittenmal — ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein von Gerold!«

»Prinzessin, ich weiß zwar nicht, wofür eine Verzeihung erbeten wird — aber von Herzen gern«, erwiderte Klaudine mit bebenden Lippen.

»Durchlaucht, auf diese Weise eine schwer Gekränkte und Leidende um Verzeihung zu bitten, ist neu«, scholl jetzt Lothars erregte Stimme.

Die Prinzessin wandte sich, wie von einem elektrischen Schlag getroffen. Klaudines Augen sahen mit flehender Angst zu den seinen hinüber. Sie hielt den Atem an — oh sie wußte ja aus eigener Erfahrung, wie furchtbar sie wirken kann, die Gewißheit, den geliebten Mann verloren zu haben!

»Es gehört die ganze große Güte und Selbstlosigkeit meiner Braut dazu, um Eurer Durchlaucht die so eigentümlich erbetene Verzei­hung zu gewähren.«

Totenstille herrschte im Gemach. Klaudine sah wieder jene rote heiße Flut vor ihren Augen. Wie? Konnte ein Mann so schonungslos verfahren mit der, die er liebte, um die er geworben hatte, seit Wochen schon? War es ein Akt der Verzweiflung, weil er sie aufgeben mußte?

Sie streckte die Hand aus. »Prinzessin«, sagte sie matt, als wollte sie um Verzeihung bitten.

Aber die zierliche, weiße Gestalt schwankte nicht, wie Klaudine gefürchtet hatte, sie schüttelte das dunkle Köpfchen mit dem kurzen Gelock stolz in den Nacken zurück. »Meinen Glückwunsch«, sprach sie kurz. Einzig in der erzwungenen lauten Stimme erkannte Klaudine die furchtbare Erschütterung des Mädchens, dessen glühende Liebe soeben den Todesstreich empfangen hatte.

Die Prinzessin übersah die Hand, die sich ihr bot. Stolz neigte sie den Kopf. »Begleiten Sie mich, Baron!« sagte sie befehlend und ging voran.

Lothar faßte statt ihrer die dargebotene Hand und führte sie an die Lippen. Klaudine entzog sie ihm hastig und unwillig.

»Wozu?« fragte sie und drehte den Kopf nach der Wand, »das ist überflüssig bei unserem Abkommen.«

Sie waren gegangen. Klaudine klingelte und ließ sich bei der Nachttoilette helfen und die Lichter löschen. Frau von Katzenstein schlich behutsam durch das dämmernde Gemach dem Bette zu — es rührte sich nichts hinter den Vorhängen, die Kranke schlief wohl schon den Schlummer der Erschöpfung? Als Frau von Katzenstein aber genauer hinsah, erblickte sie das Mädchen im Bette sitzend.

»Aber Klaudine, Sie ruhen noch immer nicht?« flüsterte die freundliche alte Dame besorgt und drückte einen Kuß auf das schöne Antlitz. »Eben erfahre ich von Ihrer Verlobung«, setzte sie bewegt hinzu, »Gott segne Ihren Herzensbund, meine liebste Gerold!« Dann ging sie still hinaus.

Klaudine griff sich wild an die Stirn. »Herzensbund!« sagte sie bitter, »welch furchtbarer Hohn!«

Sie grübelte und grämte sich bis über Mitternacht hinaus, bis sich ihre Gedanken verwirrten. Der schrecklichste Tag ihres Lebens war vorüber. Was würde ihm nun noch folgen an Qual und Herzensleid?


 

26.

 

In der Frühe des folgenden Tages ward Klaudine durch einen Boten der Herzoginmutter, welche ihr einen köstlichen Blumenstrauß nebst einem Brillantring sandte, aus schwerem bleiernem Schlaf geweckt.

Es tat ihr weh, sich auf das Gestern besinnen zu müssen, und nur mit Anstrengung konnte sie sich erheben. Die Kammerfrau der Herzogin erschien, als sie eben angekleidet war, und beschied sie in das Krankenzimmer.

Mit müden Schritten trat sie über die Schwelle. Das ganze purpurrote Gemach war von Sonnenglanz erfüllt, am Lager seiner Gemahlin stand der Herzog mit den kleinen Prinzen, die beiden jüngsten hielten Rosen in den Händen, der älteste etwas anderes, das funkelte und blitzte. Der Herzog schritt ihr entgegen und küßte ihr die Hand.

»Nehmen Sie meinen und meiner Söhne innigsten Dank für Ihren freudigen Opfermut«, sprach er, indem er sie zum Bette führte. »Sehen Sie selbst, gnädiges Fräulein, er hat großes vollbracht!«

Die Herzogin streckte ihr die Hände entgegen, während der Erbprinz sich jubelnd an sie hing. »Ich habe ja immer gewußt«, sagte er, »Sie haben Mut, Fräulein von Gerold, und dies geben wir Ihnen, ich und mein Bruder, weil Sie Mama wieder gesund gemacht haben.«

Er reichte ihr ein kostbares Schmuckstück und die Händchen der anderen hielten ihr stumm die Rosen entgegen.

»Klaudine«, flüsterte die Herzogin.

Sie kniete in alter Gewohnheit am Bette nieder, aber der Kopf legte sich nicht wie sonst zutraulich an die Wange der Freundin, sie verharrte wie eine jener gemalten Beterinnen in der Schloßkirche, mit niedergeschlagenen Augen und unbeweglicher Miene. »O, warum denn Dank! Ich tat ja nichts«, sagte sie.

Die Herzogin gab, von ihr ungesehen, ihrem Gemahl ein Zeichen, sich zu entfernen. Leise trat er hinaus, die beiden ältesten Prinzen folgten ihm, nur das Kleinste blieb auf dem Bette sitzen und spielte mit den Rosen.

»Dank, Klaudine, tausendfachen Dank! Und nimm auch meinen treuesten Glückwunsch zu deiner Verlobung. Ich erfuhr sie vorhin durch Mama. Es hat mich überrascht, Klaudine. Warum sagtest du mir nie davon, daß du ihn liebst?«

Klaudine blieb stumm, dann erschrak sie. Wenn sie ihre Rolle so schlecht spielte, dann war ja die ganze Komödie vergeblich! Hier galt es also vor allen Dingen, sich mutig zu zeigen.

»Mir wurde es so schwer, darüber zu sprechen«, stammelte sie, »ich wußte ja nicht, ob er mich wiederliebt.«

Die Herzogin drückte ihr die Hand.

»Klaudine«, flüsterte sie, »weißt du — der Herzog dauert mich, denn er liebt dich!«

»Hoheit, nein!« rief das Mädchen, »er liebt mich nicht!«

»Doch, Klaudine«, versicherte die Kranke, »sieh, ich hatte ja einen Brief von ihm in den Händen — an dich.«

Klaudine fuhr empor. »Einen Brief? Ich habe nur einen von Seiner Hoheit erhalten, und der —«

»Pst!« flüsterte die Herzogin. »Ganz recht! Ich verstand ihn gestern nicht, heute erklärte mir Adalbert seine Bedeutung selbst. Er hat mir alles gesagt, es ist ihm nicht leicht geworden. Ich weiß alles, Klaudine, und er dauert mich, weil du ihm nun verloren bist.«

»Elisabeth!« stotterte das Mädchen, dem fast die Sprache versagte. »Es ist ein Irrtum Seiner Hoheit, und welcher Mensch —«

»Ja, ein Irrtum! Oh, ich verstehe, ich kann es begreifen, aber hier innen ist’s so öde, so still geworden, Klaudine.« Sie legte einen Augenblick eine Hand auf die Brust und strich dann schmeichelnd über Klaudines Arm, der in der Binde hing.

»Elisabeth«, sprach diese, »du bist immer eine so fromme Natur gewesen, du richtest sonst so mild die Handlungen der Menschen. Willst du hier ein harter Richter sein?«

Die Herzogin schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe verziehen. Die kleine Spanne Zeit, die mir noch bleibt, soll freundlich verfließen. Ach, Klaudine, zum ersten Male, seit ich sein Weib bin, hat er heute früh mit mir gesprochen, wie ich es immer ersehnt habe, wachend und träumend. Herzlich und aufrichtig, mild und gut hat er gesprochen. Es kommt zu spät, ja, ja — aber es ist so schön, so süß, und deshalb habe ich ihm verziehen. Es ist nur noch ein Rest, so ein Rest dummer Eitelkeit in mir. Weißt du, ich wollte ihm immer gefallen und bedachte gar nicht, daß ich ein so elendes, krankes Geschöpf bin. Da habe ich mir rasch den Spiegel hier genommen und hineingeschaut, es tat ein bißchen weh zuerst, aber dann —«

Sie verstummte, und in ihren Augen schimmerte es feucht, während sie sich zum Lächeln zwang.

Klaudine konnte es nicht hindern, ihr rollten ein paar große Tränen über die Wangen.

»Er dauert mich so«, sagte die Herzogin noch einmal, »ich will gut und geduldig und liebevoll gegen ihn sein. Und wer mir noch leid tut«, fuhr sie fort, »das ist Helene — sie liebt deinen Bräutigam.«

»Ja!« hauchte das Mädchen.

»O du schönes, von Gott begnadetes Geschöpf du«, sagte die Kranke, »dem aller Herzen sich zuneigen! Wie mag es wohl sein, wenn man so geliebt wird?« Es klang so traurig, so hoffnungslos.

Klaudine stand auf und wandte sich zum Fenster. Sie durfte nicht zeigen, wie weh ihr war.

»Ich will dich nicht länger zurückhalten, Klaudine«, fuhr die Herzogin fort, »du hast so viele, viele Pflichten heute. Du mußt dich Mama als Braut vorstellen und deinem Kindchen als Mutter, und ihr werdet so viel zu sprechen haben, du und er. Geh, Klaudine, geh mit Gott!« Sie lächelte. Der kleine Prinz hatte ihr jauchzend das Spitzenhäubchen von dem dunklen Haar gezagen und brachte seinen geöffneten Mund an ihre blassen Lippen. Hastig wandte sie das Gesicht. »Mein Liebling«, hörte Klaudine sie flüstern, »Mama darf dich ja nicht küssen, Mama ist krank.«

Das erregte Mädchen vermochte kaum mit Fassung die durchsichtige Hand zu küssen und ruhig hinauszugehen. Sie sank in ihrem Zimmer auf einen Sessel und barg die weinenden Augen in den Händen. Verwundert schaute das Kammermädchen sie an. Das sollte eine Braut sein? Eine reiche, glückliche Braut, die da so blaß und finster saß? Die Zofe bückte sich und nahm ein Kästchen auf, das eben achtlos von dem Schoß ihrer Dame geglitten, es war beim Fallen aufgesprungen und den überraschten Augen der Dienerin sprühte es buntfarbig entgegen, ein wunderbares Halsband aus Brillanten. Klaudine beachtete es nicht, sie fühlte nur eines, sie würde die Verstellung, welche nun beginnen sollte, nicht ertragen.

Gedankenlos kleidete sie sich endlich um. Da das Kleid von gestern verdorben war, war sie genötigt, ein schwarzes Spitzenkleid anzulegen, welches sie mit ein paar Rosen aufputzen wollte. Diese aber, farblos wie ihr Gesicht, machten das dunkle Kleid nicht freundlicher, ebensowenig wie die weiße Armbinde, welche sich grell von dem Schwarz des Anzugs abhob. So ging sie am Arme Lothars in die Gemächer der alten Herzogin, wo beide dann be einem Frühstück, zu dem das Brautpaar von Seiner Hoheit befohlen wurde, die Glückwünsche des kleinen Hofstaates entgegennahmen.

Am frühen Nachmittag fuhr Lothar mit ihr in seinem Wagen nach Neuhaus. Die ganze Dienerschaft des Gutes war auf der Freitreppe versammelt und rief dem jungen Paar ein schallendes Hurra! entgegen. Beate stand mit ausgebreiteten Armen, in der rechten Hand einen Rosenstrauß, auf der Schwelle, neben ihr die alte Dörte, welche die Kleine im weißen Kleidchen auf ihren Armen tanzen ließ. Über Beates großes, lachendes Gesicht liefen die hellen Freudentränen.

»Dina, Herzenskind«, rief sie, das Mädchen an sich ziehend, »wer hätte das gedacht!« Und sie riß das Kind von dem Arm seiner Wärterin: »Da hast du eine Mutter, du Wurm! Und was für eine!« jubelte sie.

Lothar wehrte der allzu lauten Freude mit einem Blick auf die stumme Klaudine.

»Sie kann Leonie ja nicht halten, Beate«, sagte er und gab das Kind der Wärterin zurück, um gleich darauf seine Braut in das nächste Zimmer zu führen. »Du quälst mir Klaudine heute nicht mit Fragen, sorgst jetzt für eine Erfrischung, Schwesterchen, und dann machst du mit uns eine Spazierfahrt nach Brötterode.«

»Aber, Lothar, da ist ja heute großes Konzert vor dem Kurhause.«

»Gerade deshalb, liebe Beate!«

Die Schwester ging kopfschüttelnd, ihre Befehle zu geben, und während sie sich rasch fertig machte, murmelte sie, ganz gegen ihre Gewohnheit, vor sich hin: »Ich denke, Brautleute sitzen immer am liebsten in einer einsamen Laube, und die, welche sonst von Natur nicht zu solchem Trara neigen, fahren am ersten Verlobungstage mittenhin unter die Lästermäuler!«

Sie begriff überhaupt heute noch nicht alles, ihr war noch von der geräuschvollen Abreise der durchlauchtigsten Damen ganz wirbelig zu Sinne, sie hatte auch in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan. Als gestern abend spät Lothar mit der Prinzessin allein angefahren kam, stand ihr vor Schreck das Herz einen Augenblick still. Ihre Blicke hatten zwar nur flüchtig des Bruders Gesicht gestreift, aber sie hatte es doch gewußt, der ist Bräutigam! Es lag so ein eigener Glanz darauf. Und die Prinzessin lief so eilends die Stufen empor.

»Die berichtet der Frau Mama jetzt ihr Glück«, hatte sie sich gedacht. — Und da rief Lothar sie in sein Zimmer, und als sie hereinkam, lehnte er an seinem Gewehrschrank. »Schwester Beate«, sagte er, »ich habe mich verlobt.«

Sie hatte ihm die Hand gedrückt und ihn herzlich auf den Mund geküßt. »Ich gratuliere dir, Lothar.« »Und du freust dich gar nicht, Beate?«

»Lothar«, hatte sie gesagt, »man denkt immer, wenn ein Bruder heiratet, man müsse eine Schwester bekommen, aber —« und sie hatte gutmütig gelächelt, »du kannst dir doch unmöglich deine Beate neben der Prinzessin als Schwester vorstellen? Wir würden nebeneinander sein wie so ein gutes, braves Haushuhn und ein Goldfasan, gelt? Aber das ist Nebensache, wenn du nur glücklich wirst.«

»Ich habe die Absicht, es zu werden. Und wenn auch ein Schwan nicht besser passen mag zum Haushuhn als ein Goldfasan, so hoffe ich doch, daß sich diese beiden, ins Menschliche übertragen, ganz leidlich füreinander schicken werden. Ich habe mich nämlich mit Klaudine verlobt, du kluge Schwester.«

Mit Klaudine! Nun, da ließ sich ihrer Klugheit doch wahrlich nicht spotten, wenn man es so heimlich anfing! »Gott sei gedankt!« hatte sie gesagt, als sie sich von dieser Überraschung allmählich erholte. »Da setze dich hin und erzähle!«

Er hatte auch erzählt, alles mögliche — von der Operation und der Gefahr der Kranken, von Klaudines Mut und Opferwilligkeit — alles, nur nicht das, was sie hören wollte. Und sie hatte nicht weiter geforscht.

Nun holte sie ihren allermodernsten Hut hervor, und dachte, indem sie ihn aufsetzte, an die Abreise heute früh und an die schreckliche Szene in der Kinderstube. Die kleine Leonie lag nach dem Bade schlafend im Bettchen. Da war Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla erschienen, fix und fertig zur Abreise, hinter ihr Frau von Berg, und hatte nichts mehr und nichts weniger verlangt als das Kind! Die alte Dörte hatte sich darauf mit ausgebreiteten Armen vor das Bettchen gestellt und erklärt, das müßte der Herr ihr erst selbst sagen, daß die Kleine mit der Großmutter abreisen solle! Durchlaucht vergaßen sich aber in diesem Augenblick so weit, daß sie die alte Bäuerin höchst eigenhändig an die Seite zu schieben versuchten. Allein so ein derbes Weib steht fest an seinem Platz.

»Das mag Gott mir verzeihen«, hatte die Alte gesprochen, indem sie den fürstlichen Händen energisch wehrte, »daß ich so den Respekt vergesse gegen eine, die zu unserem durchlauchtigen Herzogshause gehört! Aber er wird mir verzeihen, ich tue meine Pflicht, ich lasse meinem Herrn nichts stehlen.«

»Einfältige Person«, hatte Frau von Berg gescholten, »wer will denn stehlen? Ihre Durchlaucht ist die Großmutter des Kindes.«

»Mein Herr mag’s mir selbst sagen!« war die Gegenrede gewesen.

»Ihr Herr ist ja nicht zu Hause, nehmen Sie Vernunft an!«

Aber auch das half nichts, Dörte hatte den Ellenbogen in die Seite gestemmt und war auf ihrem Posten geblieben. Plötzlich war es ihr gelungen, den altmodischen Glockenzug zu erwischen — manch ungeduldiges Läuten mochte von dort schon erklungen sein, aber so wie heute wohl noch nie.

Die Kinderstubenklingel war im ganzen Hause bekannt. In diesem Zimmer hatten der alte Herr und die Frau krank gelegen und waren hier gestorben — kein Wunder, daß alle Welt dachte, es sei ein Unglück geschehen, und daß Lothar, der eben von seinem morgendlichen Ritt in die Felder zurückgekommen war, allen voran den Flur entlang gejagt war, Beate hinter ihm drein, und daß von allen Seiten die Dienerschaft hinzustürzte.

»Was geht hier vor?« war seine erste Frage gewesen. Er schien seinen Augen nicht zu trauen, als er Ihre Durchlaucht erblickte, die sich beim Frühstück wegen ihrer Kopfschmerzen hatte entschuldigen lassen und die nun dort stand mit hochrotem Gesicht und mit gebieterischer Stimme sprach: »Ich wünsche meine Enkelin mit mir zu nehmen, und diese Person —«

»Ah! Durchlaucht glaubten, ich sei so versunken in mein Bräutigamsglück, daß ich die Stunde der Abreise vergessen würde? Oder vielmehr, Durchlaucht wollten mein Nachhausekommen nicht abwarten und mit einem früheren Zug abreisen? Deshalb die Wagen vor der Auffahrt? Und Durchlaucht wünschen die Enkelin mitzunehmen« — seine Stimme hatte geklungen wie fernes Wettergrollen — »ohne meine Erlaubnis vorher einzuholen? Mit welchem Rechte, wenn ich fragen darf?«

»Sie ist das Kind meiner Tochter!«

»Und das meine! Das Recht des Vaters dürfte doch wohl etwas über dem Recht der Großmutter stehen, Durchlaucht.«

»Nur auf wenige Monate, Gerald«, hatte die Prinzessin eingelenkt, die jetzt wohl zu der Einsicht kam, daß sie in ihrem Groll eine Torheit begangen hatte.

»Nicht auf eine Stunde!« rief er, und eine auffallende Blässe hatte sich auf sein Gesicht gelegt. »Dies Kind will ich bewahren vor dem Gifthauch, der da draußen weht und die reinsten Blüten aussucht, um sie zu verderben. Meine Tochter soll erzogen werden, wie es einst Sitte war im Hause meiner Vorfahren, einfach, natürlich und vornehm denkend. Und hier wird es geschehen, hier in Neuhaus, Durchlaucht, unter meiner und meiner künftigen Gattin eigener Aufsicht!« Und er hatte rasch die Vorhänge des Bettchens zurückgeschlagen, in dem die Kleine mit erschrockenen Augen lag. »Wenn Durchlaucht Abschied nehmen wollen?« — hatte er kühl hinzugesetzt.

Die Prinzessin war einen Augenblick zu der Wiege getreten, die Stirn des Kindes mit ihren Lippen berührend, und dann ohne ein weiteres Wort durch den Flur nach der Halle hinausgerauscht, wo Prinzeß Helene, mit der Hofdame und dem Kammerlierrn, der Mutter harrte. Die alte Durchlaucht war eingestiegen, mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen, Beate, die sich tief verbeugte, hatte aber doch kaum ein herablassendes Kopfneigen für ihre wochenlange Gastlichkeit bekommen. Lothar saß den Durchlauchten gegenüber, wie damals, als er sie holte. Als die Pferde anzogen, war aus zwei dunklen Mädchenaugen ein langer Blick über das alte Haus geglitten, so voll bitterer Enttäuschung, so voll schmerzlicher Reue, daß Beate trotz aller Erleichterung vor Mitleid das Herz geschwollen war. Arme, kleine, trotzige Prinzessin!

Beate ertappte sich darüber, daß sie da noch immer vor dem Spiegel stand und an den Hutbändern knüpfte. Sie seufzte tief auf. Gottlob, es war Friede im Hause! Dort oben wehte die kräftige Waldluft den letzten Hauch von dem durchdringenden Parfümgeruch aus dem Zimmer der Frau von Berg, und die Hausmädchen hatten längst die Scherben eines kostbaren Kristallglases fortgeräumt, das die alte Prinzessin in ihrem Jähzorn gegen den Kachelofen geschleudert hatte. Auf dem Rasenplatz wurden die Betten gelüftet. Morgen würde alles sein wie früher — gottlob!

»Verzeiht mir«, sprach sie mit heller Summe, als sie ein paar Minuten später in das Wohnzimmer trat, wo Klaudine durch das Fenster blickte, während Lothar gedankenvoll vor dem Bilde seines Vaters stand, um die ganze Zimmerlänge entfernt von seiner Braut. »Verzeiht, ich komme etwas spät. Man hat euch doch den Kaffee gebracht? Nun, ich wäre bereit zur Fahrt!«

Lothar ging erst jetzt gemessen auf seine Braut zu und bot ihr den Arm wie auf einem Hofball: »Eine Fahrt in der freien Luft wird Ihnen gut tun, Klaudine.«

Wie? Sie nannten sich nicht einmal »du!« Beate fing an, sich wirklich zu ärgern über diese förmlichen Menschen.

»Bitte, Lothar«, erwiderte Klaudine, »geben Sie Befehl, nach der Fahrt am Eulenhause zu halten. Ich sehne mich nach Ruhe — ich fühle mich noch matt.«

»Ja, natürlich! Wir müssen doch noch Joachim einen Brautbesuch machen«, war die Antwort.

Es war eine recht stille Fahrt. Als der Wagen den Abhang hinunterrollte dem Tale zu, aus dem die roten Dächer dss kleinen Badeortes schimmerten, lehnte sich Klaudine seufzend zurück. Auch das noch! Sie hatte es geahnt, er wollte sie zeigen — als seine Braut.

Von dem Kurhause schallten die Klänge eines Walzers herüber, als sie in die Allee einbogen. Auf dem freien Platze, in dessen Mitte der Musiktempel sich erhob, standen zahlreiche Tischchen, mit rot und weißen Decken belegt. Die ganze vornehme Kurgesellschaft saß dort plaudernd an einer riesigen Tafel, die der Oberkellner mit Argusaugen hütete, damit ja kein Unwürdiger sich an ihr niederlasse.

Heute war keiner der Sitze leer, und die Unterhaltung, so lebhaft wie lange nicht, betraf die gestrigen Ereignisse in Altenstein. Die Mär von der Ungnade der Herzoginmutter gegen ihren früheren Liebling war auf aller Lippen, natürlich entstellt, nicht zum Wiedererkennen vergrößert und verschlimmert. Nach der einen Lesart sollte die alte Herzogin Klaudine geboten haben, sofort das Schloß zu verlassen, die andere wußte von zurückgezogener Pension, ein dritter behauptete, die schöne Gerold habe es zu erzwingen gewußt, daß sie noch bei Tafel erscheinen durfte, und betont, daß der Herzog der Regierende und der allein Befehlende sei.

Oh, unglaublich! Und dazu der Blutsturz der Herzogin! Die arme Frau, die arme Frau! Vor Kummer und Aufregung natürlich!

Dem Herzog konnte man ja schließlich das Abenteuer nicht einmal übelnehmen, wenn Klaudine so leichtsinnig war. Man zuckte die Achseln und lächelte über die arme, betrogene Frau, die geglaubt hatte, eine Freundin an ihr zu besitzen.

»Oh, schauderhaft!« klagte eine ältere Baronin. »Wie es wohl herausgekommen ist?«

»Wie nur Baron Gerold diese Sache auffaßt? Er sah aus wie eine Leiche, als die alte Herzogin die Gerold so abfallen ließ.«

Ein Gewirr von Stimmen erhob sich auf diese Worte. Aber auf einmal ward es still, irgendwer hatte gesagt: »Das ist ja der Neuhäuser Wagen!«

Man gab sich den Anschein, als ob man über irgend etwas anderes angelegentlich spräche. Die Damen wandten sich zu einander und bewegten die Fächer, aber aller Augen waren dorthin gerichtet, wo das Gefährt sich näherte. Die schönen Rappen vor dem Wagen tänzelten unter den Klängen des Walzers daher, Kutscher und Diener auf dem Bock leuchteten in tadellosen blaugelben Livreen, und da im Rücksitz?

An der langen Tafel flogen plötzlich sämtliche Hüte von den Köpfen, die Herren waren aufgesprungen, die Damen grüßten und nickten liebenswürdig.

Was, um Gottes willen, Klaudine von Gerold — den Arm in der Binde, neben Fräulein Beate? Und ihr gegenüber der Baron? Langsam, sehr langsam fuhr jetzt der Wagen vorbei und hielt vor der Tür des Kurhauses.

Zwei Herren der Gesellschaft stürzten herbei, ein junger Husarenoffizier und der schwermütige Gesandtschaftsattaché. Der Leutnant wollte sich nach dem Befinden der Herzogin erkundigen, seiner hohen Tischnachbarin von dem Neuhäuser Feste, und da er wohl annehmen dürfe, Fräulein von Gerold sei am besten unterrichtet, so — und so weiter. Der Gesandtschaftsattache hatte andere Absichten, er kam auf den geflüsterten Wunsch Ihrer Exzellenz: »Man müsse doch wissen, was das zu bedeuten habe —«

»Die Herzogin befindet sich besser«, erwiderte Klaudine freundlich.

»Aber, gnädiges Fräulein scheinen verletzt?« fragte der Attache und drehte den Schnurrbart.

»Eine kleine, unbedeutende Verletzung, Herr von Sanders«, nahm Lothar das Wort. »Ich denke, meine Braut wird den Arm bald wieder — O Verzeihung! Ich vergaß zu sagen, daß Sie hier ein nagelneues Brautpaar vor sich sehen. Wir verlobten uns gestern abend. Eine Überraschung, nicht wahr, meine Herren?«

Er drückte sich mit den Herren die Hände, und Glückwünsche und Dankesworte flogen hin und her. Klaudine trank indes und gab das Glas zurück.

»Weiterfahren!« befahl jetzt Lothar, zog den Hut vom Kopf und, verbeugte sich gemessen gegen die Herrschaften um den Tisch. In den nächsten Minuten hatte der jetzt rasch dahinrollende Wagen den einsamen Waldweg erreicht.

Dort an dem Tische vor dem Kurhause schwiegen plötzlich sämtliche Zungen. Erst ganz allmählich faßte man sich. Oh, wie das jetzt anders klang!

»Nun«, erklärte die alte Exzellenz würdevoll, »ich habe es ja gleich gesagt, an all dem Gerede war nichts!«

»Ach Gott, es wird so viel gesprochen«, seufzte die gefühlvolle Baronin. »Wer hat es denn eigentlich aufgebracht?«

»Antonie von Bohlen hat es mir heute geschrieben«, sagte eine der hübschen Komtessen Pausewitz, »doch ich sollte nicht darüber sprechen.«

»Aber so erzähle doch!« rief die Gräfinmutter, ärgerlich über diese Diskretion.

»Klaudine Gerold hat sich die Pulsader aufschneiden lassen, weil die Herzogin dem Verbluten nahe war, und da ist ihr Blut in die Adern der Herzogin geleitet worden«, berichtete die Komtesse. »Antonie schreibt, ohne das wäre die Herzogin gestorben. O Gott, o Gott, es ist schauderhaft, ich hätte es nicht gekonnt.«

»Himmel, wie schrecklich!« riefen sämtliche Damen.

»Wie mutvoll! Das ist Rasse!« sagte der kleine Offizier mit funkelnden Augen.

»Tausend Wetter, das ist zum Verlieben!« rief Seine Exzellenz und bekam dafür einen verweisenden Blick von seiner Frau Gemahlin.

»Sie sah wunderbar schön aus«, flüsterte der Schwermütige noch melancholischer als gewöhnlich. »Dieser beneidenswerte Gerold!«

»Er hat übrigens seinen Abschied eingereicht«, erzählte der Husarenoffizier, »er will seine Güter selbst bewirtschaften.«

»Was hast du noch, Lolo?« ermunterte die Gräfin ihre Tochter.

»Oh, sie hat so viele Brillanten bekommen«, erzählte eifrig die Komtesse, »und die alte Hoheit hat sie gepflegt wie eine Tochter und sie geherzt und geküßt.«

»Ah, reizend!«

»Wann sie wohl heiraten werden?«

»Sie leben jedenfalls im Winter in der Residenz.«

So ging es weiter. Im innersten Herzen gönnte keines dieser Klaudine das Glück, aber keines wagte, mit einem Wörtchen den Ruf von Baron Gerolds Braut anzutasten. Es rauschte so ganz anders jetzt in den Bäumen der Waldfrische, und die Damen beschlossen einmütig, der jungen Braut einen prachtvollen Blumenkorb zu spenden als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Rettung der geliebten Herzogin.

Indessen war das Brautpaar vor dem Eulenhause angelangt. Gärtchen und Gebäude lagen friedlich im Abendsonnenschein und die durchbrochenen Rosetten der Klosterruine schimmerten rosig angehaucht. Klaudines schönes Gesicht ward plötzlich von einer peinvollen Angst belebt. Dort war ja die alte, rundbogige Haustür bekränzt mit Girlanden aus Spargelkraut und Rosen!

»Lothar«, flüsterte sie und berührte leicht seinen Arm beim Aussteigen, »ich bitte, nein, ich verlange von Ihnen — kehren Sie heim mit Beate, ich will Joachim erst vorbereiten. Ich kann hier nicht Komödie spielen, es geht über meine Kräfte.«

Er kämpfte sichtlich mit einem Entschluß, aber ein Blick in die verzweifelten blauen Augen hieß ihn nachgeben. Er erwiderte kein Wort, er wandte sich nur und bat Beate, sitzen zu bleiben. Bis zur Haustür, wo die kleine Elisabeth ihr jubelnd entgegenlief, begleitete er sie und küßte ihr die widerstrebende Hand.

»Wann wünschen Sie den Wagen nach Altenstein, heute abend?« sagte er. »Sie gestatten selbstredend, daß ich Sie hinüberbegleite?«

Sie drehte sich eben in der Haustür um und nickte Beate abschiednehmend zu.

»Ich danke Ihnen, Lothar«, klang es nun leise, aber bestimmt, »ich kehre nicht nach Altenstein zurück, ich bleibe hier. Ich werde die Herzogin hiervon benachrichtigen. Sie glauben es nicht?« fuhr sie müde lächelnd fort, »ich versichere Sie, ich habe tatsächlich nicht die Kräfte zu diesem Spiel. Ich versuchte ja heute tapfer meine Pflicht zu tun, nicht wahr? Haben Sie Mitleid mit mir!«

Sie neigte ernst den Kopf und ging ins Haus.

Fräulein Lindenmeyer kam ihr entgegen. Die Alte fiel in freundlicher Hast beinahe über ihre Stubenschwelle. Sie hatte die rotbebänderte Haube auf und breitete beide Arme aus.

»Ach, gnädiges Fräulein, welch ein Glück!« rief sie weinend vor Freude. »O, wir wissen es schon, wir wissen es! Des alten Heinemann Enkelin war da, sie hat es brühwarm hergebracht. Warum kommt der Herr Bräutigam nicht mit?«

Klaudine mußte sich umarmen und küssen lassen, dem herbeigeeilten Heinemann die Hände schütteln und Idas Glückwünsche entgegennehmen. Ganz betäubt stieg sie endlich die Treppe empor. Wie schwer war doch dies alles!

Joachim sah von seinem Hefte auf, als sie eintrat. Er brauchte erst ein paar Sekunden, um in die Wirklichkeit zurückzukehren. Dann sprang er auf, trat rasch zu ihr und hob ihren Kopf in die Höhe. »Meine tapfere kleine Schwester — und als Braut? Sieh mich an, mein Liebling«, bat er.

Aber sie hob die Wimpern nicht, von denen jetzt große Tropfen fielen. »Ach Joachim, Joachim!« schluchzte sie.

Er streichelte ihr über das weiche seidige Haar.

»Weine nicht«, sagte er, »sprich lieber, was haben sie dir getan da draußen?«

Und da brach er los, der Sturm der Verzweiflung, schrankenlos, unaufhaltsam. Sie schonte sich nicht, sie verhehlte, bemäntelte nichts von der Demütigung, die erbarmungslos über sie gekommen war, gegen die ihr Stolz sich ohnmächtig auflehnte. »Und Joachim«, schluchzte sie wild auf, »das schrecklichste ist, daß ich ihn liebe, liebe, wie nur ein Mädchen lieben kann, seit Jahren schon! An dem Tage, da er neben Prinzeß Katharine am Altar stand, habe ich gemeint, ich könne nicht weiterleben, und jetzt wirft mir das Schicksal hohnlachend das ersehnte Glück in den Schoß und sagt: »Da — aber behutsam! Es ist nur Goldschaum, der darauf klebt, es ist nicht echt. Da hast du, um was du gebetet und geweint hast, jahrelang!« — Glaube mir, er hat mich an sich genommen, so etwa wie er das Silbergeschirr auf der Versteigerung erstand, um jeden Preis, weil er lieber sterben würde, ehe er duldete, daß an dem Namen Gerold ein Makel haftet. Er hat mich an sich gezogen — der Familienehre halber, um weiter nichts, nichts!«

Sie schwieg erschöpft, aber das bittere leidenschaftliche Schluchzen dauerte fort.

Joachim antwortete nicht. Noch immer lag seine Hand auf ihrem blonden Haar. Endlich sagte er mild: »Und wenn er dich doch liebte?«

Sie stand plötzlich auf den Füßen.

»O mein Gott!« sprach sie, und auf ihrem verweinten Gesicht drückte sich etwas wie Mitleid aus. »Nein, du argloser guter Mensch, er liebt mich nicht!«

»Aber wenn er es doch täte! Er ist niemals einer von denen gewesen, die Gefühle zu heucheln verstanden. Du weißt, er hätte sich von je lieber die Zunge abgebissen, ehe er ein unwahres Wort redete. Immer war er so, Klaudine.«

»Ja, gottlob!« rief sie flammend und richtete sich hoch auf, »das hat er auch nicht gewagt! Du denkst, Lothar hätte um mich geworben mit Liebesheucheln? O nein, unwahr ist er nicht. Und als ich ihm die Komödie vorschlug, da fiel es ihm nicht ein, zu beteuern, daß er etwa sehr betrübt sein werde, wenn wir uns später trennen. Nein, ehrlich ist er — bis zum Verletzen ehrlich!« Sie schien sich plötzlich zu fassen. »Du Armer«, sagte sie weich, indem sie des Bruders Hand ergriff, »so störe ich deine Arbeit mit meinen bösen Nachrichten. Ertrage mich, Joachim, ich werde ruhiger werden, ich will nun wieder dein Hausmütterchen sein, dein guter Kamerad. Daß ich doch nie hinausgegangen wäre! Und allmählich werde ich alles, alles überwinden, Joachim!«

Sie küßte ihn auf die Stirn und ging in ihr Stübchen, dessen Tür sie hinter sich verriegelte.

Wie frisches kühles Quellwasser wirkte die Ruhe dieses eigenen kleinen Heims auf ihre Seele. Sie ging von Möbel zu Möbel, als müsse sie jedes einzelne begrüßen, und stand endlich still vor dem Bilde der Großmutter.

»Du warst eine so kluge alte Frau«, flüsterte sie, »und welch törichte Enkelin hast du erzogen! Sie bezahlt die zu spät erworbene Klugheit mit ihrem Lebensglück!«

Dann legte sie mühsam das Spitzenkleid ab, hüllte sich in ein einfaches graues Hauskleid, setzte sich still ans Fenster in den alten Lehnstuhl und schaute in den dämmerigen Abend hinaus.

 

Unten in der Wohnstube schlich inzwischen die kleine Elisabeth betrübt um den freundlich gedeckten Tisch, er sah doch schön aus mit der rosengefüllten Porzellanschale in der Mitte, den kunstvoll gebrochenen Servietten und den rosenumkränzten Stühlen für das Brautpaar. Und gar der schöne Kuchen, von Ida selbst gebacken! Der dicken Wachspuppe hatte die Kleine ein neues blaues Kleid angezogen. Wo blieben sie denn nur alle so lange?

Sie lief hinunter in Fräulein Lindenmeyers Stube. »Wann ist denn endlich Hochzeit?« fragte sie ungeduldig. Sie hatte gemeint, die festliche Vorbereitung bedeute schon die Hochzeit.

»Ach, mein Liebling«, seufzte das alte Fräulein und sah kopfschüttelnd zu Ida hinüber.

War das auch ein Brautpaar, das am ersten Verlobungstage nicht einmal zusammenblieb? Oder sollte das eine neue Mode sein? Zu ihrer Zeit war das anders gewesen, da mochte man sich gar nicht trennen und saß beieinander und sah sich in die Augen. Sie seufzte.

»Räume ab, Ida«, flüsterte sie, »die Wespen kommen in die Stube nach dem Kuchen, er wird nur trocken. Ach, unsere duftigen Kränze! Das ist das Los des Schönen auf der Erde! Ida, Ida, mir ist ganz unheimlich zumute!«

»Elisabeth möchte Kuchen haben«, sagte die Kleine und trippelte hinter dem Mädchen hinaus.


 

27.

 

Der erste Schnee in den Bergen! Dort oben fällt er früh. In der Ebene fliegen vielleicht noch die Sommerfäden, da flimmert und stiebt es schon hier oben und liegt duftig weiß und glitzernd auf den Tannen. Dann ist es behaglich in den Häusern der Menschen, die großen Kachelöfen tun ihre Schuldigkeit und die Fenster sind mit grünem Moos umkränzt, daß der kalte Wind keine noch so kleine Öffnung findet, ins Innere zu dringen. Köstlich ist es dann besonders abends, wenn die Lampe über dem Tische schaukelt und ihr Licht auf spiegelndes Teegerät fällt.

Aber so heimlich warm, so wohnlich, so altväterlich behaglich war es doch nirgends in dem ganzen Gebirge, wie in der Wohnstube des Neuhäuser Schlosses. Draußen flimmerte und stiebte es, hier innen brannte die Lampe auf der Platte des altmodischen Schreibtisches.

Beate schrieb:

»Also, dies wären die Wirtschaftsfragen gewesen, Lothar, jetzt zu den Herzensangelegenheiten! Ich war vorhin im Eulenhause und traf Klaudine in der Wohnstube, sie gab der kleinen Elisabeth Unterricht. Ich möchte Dir ja gern etwas besonders gutes schreiben diesmal, aber es ist immer das nämliche. Sie spricht nie von Dir, und wenn ich davon anfange, so erhalte ich keine Antwort, wenigstens keine, die mich befriedigt. Sie zeigt nur ein Interesse, und zwar das an dem Befinden der Herzogin. Sie lebt wie eine Nonne und sieht bleich aus zum Erbarmen, ihre einzige Abwechslung sind stundenlange einsame Spaziergänge. Joachim, der Egoist, scheint es nicht zu bemerken oder will es nicht sehen. Ich habe ihm aber heute den Star gestochen. Er brachte gerade wieder ein dickes Manuskript, das Klaudine abschreiben sollte, ich nahm es ihr vor der Nase weg und sagte: »Wenn Sie erlauben, besorge ich das, Sie überbürden ja das arme Mädchen« — Du weißt, sie hat die Ida abgeschafft und tut alles allein, kocht, näht und plättet, und nicht etwa schlecht! Da soll sie nun neben den Haushaltungsgeschäften noch wie ein Bogenschreiber fronen und ihre Augen vollends verderben. Als ob die nicht vom Weinen genug gelitten hätten!

Weiß Gott, man sieht sie ja kaum anders, als mit eigentümlich geröteten Augenlidern, wenn sie auch zehnmal auf meine Frage: »Hast du geweint?« antwortet: »Ich? Weshalb sollte ich denn weinen?«

Joachim sah mich ganz erstaunt an, er hat mir nicht zu widersprechen gewagt, es hätte ihm auch nichts geholfen, denn er ist einer von denen, die man mittels Energie gefügsam machen muß.

Aber verzeihe, ich schreibe so lange von Joachim, und Du willst von Klaudine hören. Du hast mich gefragt, ob sie den Verlobungsring trägt. Es tut Dir gewiß weh, aber lügen kann ich einmal nicht, Lothar — der goldene Reif fehlt an ihrer Hand. Ich fragte sie darum, da wurde sie verlegen und antwortete nicht. Sie hat einen so herben Zug um den Mund, es schmerzt mich, sie anzusehen. Du hättest wohl anders um sie werben sollen, aber freilich, wie die Sachen lagen —

Manchmal denke ich, sie hat vielleicht doch den Herzog — Nein, nein, Lothar, ich will dich nicht ängstigen, ich bin so dumm in solchen Dingen, ich weiß ja nicht, was zwischen euch steht, und ich will mich nicht in euer Geheimnis drängen. Gott gebe, daß sich diese Wolken verziehen! Aber eines weiß ich, wenn sie sich nicht bald verziehen, so werdet ihr sterbensunglücklich. Zuweilen packt es mich, ich möchte dann eintreten und fragen: Liebt ihr euch, oder liebt ihr euch nicht, was? Aber Du hast es ja verboten.

Frau von Katzenstein schrieb neulich an Klaudine, daß Prinzeß Helene bei der Herzogin in Cannes sei, sie soll sich fast aufopfern und mit unermüdlicher Geduld um die Kranke sein. Auch die Herzogin lobt sie in ihren Briefen an Klaudine. Ihre Hoheit schreibt fast täglich, und Klaudine antwortet pünktlich, aber die Korrespondenz scheint ihr keine Freude zu machen. Die hohe Frau erkundigt sich nämlich in jedem Briefe: »Wann ist Deine Hochzeit, Klaudine? Warum schreibst Du nichts von Deinem Bräutigam, von Deinem Glück?« Und zuweilen liegt eine Orangenblüte zwischen den Blättern. Was Klaudine antwortet, weiß ich nicht, vermute aber aus der immer wiederkehrenden Frage, daß sie gar nichts darauf erwidert.

Herrgott, ist das ein langer Brief geworden! Und ich will noch mehr schreiben heute, ich beginne nämlich Joachims Manuskript zu kopieren. Ich habe schon darin geblättert, es ist das zweite Heft der spanischen »Reiseerinnerungen«.

Was willst Du sonst noch wissen, Lothar? Frage nur, ich antworte aufrichtig. Laß Dir die Zeit auf Deinem einsamen Schlosse in Sachsen nicht allzu lang werden. Gott gebe im Befinden der Herzogin einen erfreulichen Fortgang! Die arme Kranke, sie soll so unruhig sein, so große Sehnsucht haben nach ihrer deutschen Heimat und nach den Kindern. Gestern schickte sie Rosen an Klaudine. Vor mir duftet eine der armen weitgereisten Blüten im Wasserglase und schaut verwundert in das Schneetreiben vor den Fenstern. Es wogt und tanzt ganz unermüdlich in der farblosen Dämmerung des beginnenden Abends. Ich lege Dir eine Locke bei von unserer Kleinen.

Prinzeß Thekla hat in der Tat Frau von Berg bei sich, weißt Du das? Und wußtest Du, daß der Herzog Herrn von Palmer nicht mit nach Cannes nahm? Es ist auffallend, er konnte sonst nicht ohne ihn sein.«

Sie adressierte den Brief und stand eben im Begriff, nach dem Kinderzimmer zu gehen — es war die Zeit, wo die Kleine ihr Abendsüppchen verspeiste, — da ward ihr Heinemann gemeldet.

»Nun«, fragte sie, als der Alte eintrat, »was ist bei euch passiert?«

»Gott sei gepriesen, nichts! Aber wir haben ein Telegramm bekommen, das gnädige Fräulein muß noch mit dem Nachtzuge fort. Sie läßt Fräulein von Gerold um einen Schlitten bitten, der sie nach der Bahn fahren kann.«

Beate befahl in aller Seelenruhe das Anspannen und schenkte eigenhändig dem Alten ein Gläschen Branntwein ein.

»Ich werde mitfahren«, sagte sie, »und Sie können hinten aufsitzen.«

»Ja, darum ließ das gnädige Fräulein auch herzlich bitten, ich hatte es vergessen«, murmelte der Alte.

Beate fuhr nach kaum einer Viertelstunde in den schnee- hellen Wald hinaus. Was in aller Welt mochte geschehen sein?

Das Eulenhaus hob sich grau aus den verschneiten Tannen und rötlich schimmerten die erhellten Fenster in die Nacht. Fräulein Lindenmeyer kam ihr im Hausflur entgegen. Sie sah beängstigend feierlich aus und ihre Augen schwammen in Tränen. Sie hatte die Hände gefaltet und flüsterte der erschreckten Beate zu: »Mit der Herzogin geht es zu Ende!«

Beate flog die Treppe empor nach Klaudines Zimmer. Die packte eben eilig ein Köfferchen. Sie wandte ihr ein trübes Antlitz zu.

»Um des Himmels willen«, rief die Eintretende, »du reisest nach Cannes?«

»O nein«, erwiderte Klaudine, »nur nach der Residenz. Die Herzogin will zu Hause sterben.«

Und sie legte die Hände vor das vergrämte Gesicht und weinte.

»Sie bringen sie zurück? Ach Gott! Meine gute Klaudine, weine nicht, liebe, einzige Klaudine, du mußtest ja doch wissen, daß es nur eine Frist sein konnte, dieses scheinbare Besserwerden!«

»Da die Depesche von Frau von Katzenstein, Beate, die Herzogin erwartet, mich in der Residenz zu finden. Morgen abend kommen sie an. Die Depesche ist schon aus Marseille. Ich wollte dich bitten, Beate, sieh zuweilen nach der Kleinen«, fuhr Klaudine fort, »Joachim ist so in der Arbeit und Fräulein Lindenmeyer zuweilen schon recht vergeßlich. Ich hatte gedacht, an Ida zu schreiben, aber die Lindenmeyer erzählte mir, sie habe schon eine Stelle angenommen.«

»Was redest du denn so lange darum?« sagte Beate und half der Cousine den Mantel anziehen, »das ist doch selbstverständlich. Mach dich gut warm, und —«

»Aber laß das Kind hier im Eulenhause«, unterbrach Klaudine sie, »Joachim ist es gewöhnt, daß Elisabeth in der Dämmerung heraufkommt und auf seinen Knien sitzt und sich Märchen erzählen läßt.«

»Versteht sich«, erwiderte Beate. »Aber, was ich sagen wollte, Klaudine«, — sie stockte — »vergiß den Verlobungsring nicht.«

Klaudine wandte sich erschreckt um. »O ja, du hast recht«, sagte sie traurig und suchte den Ring aus einem kleinen Kästchen hervor.

Fräulein Lindenmeyer stand weinend neben Beate im Hausflur, während Klaudine von Joachim Abschied nahm.

»Ach Gott, so jung noch und schon sterben müssen!« schluchzte das alte Fräulein, »von Mann und Kindern fort, und so weit da draußen in der Welt! Gott gebe es, daß sie noch lebend die Heimat erreiche!«

»Gott gebe es!« wiederholte wie unbewußt Klaudine und fuhr neben Beate in die Schneenacht hinaus. Beate ließ es sich nicht nehmen, ihre Cousine bis an den Zug zu geleiten, und als die erleuchtete Wagenreihe in der Nacht verschwunden war, fuhr sie mit ernsten Gedanken heim. Die Schlittenglocken klingelten seltsam feierlich im Walde, es war so lautlos still ringsumher. Sie dachte an den Schnellzug, der durch das Land jagte und die kranke Herzogin mit sich führte. Und sie dachte an Klaudines Weinen. Welch Wiedersehen zwischen den beiden!

Auch Klaudine dachte an ihre fürstliche Freundin, als sie so ganz allein dahinfuhr. Es reist sich schrecklich mit solchem Ziel. Düster stand die Zukunft vor des Mädchens Seele, düsterer als die Nacht da draußen.

Sie hatte zunächst nur eine kleine Strecke zu fahren, dann aber in Wehrburg zwei Stunden Aufenthalt. Da schimmerten schon die Lichter von Wehrburg, der Zug fuhr langsamer und hielt endlich. Sie stieg aus und ging durch die zugige erleuchtete Halle nach dem Wartesaai Sie hob den Schleier nicht, als sie eintrat, und nahm still in einer Ecke Platz.

Nicht weit von ihr saßen flüsternd ein Herr und eine Dame, die letztere gleich ihr unkenntlich durch einen dichten Schleier, nur die Bewegung des Kopfes schien Klaudine bekannt. Von dem Herrn hatte sie bis jetzt nur das stark angegraute, kurz gehaltene Haar gesehen. Er trug einen kostbaren Pelz, sein Hut lag neben ihm. Er beugte sich über ein Kursbuch, und wenn er eine Seite umschlug, so zuckte das Leuchten eines großen Brillanten zu ihr herüber. Es ist ein trauriger Aufenthalt während einer Winternacht in einem schlecht geheizten und schlecht beleuchteten Wartesaal. Unwillkürlich beobachtet man seine Leidensgefährten und überlegt: Was mögen die vorhaben, wohin reisen sie, welche Bande verknüpfen sie untereinander? Ist es ein Ehepaar? Sind es Vater und Tochter?

Klaudine in ihren trüben Gedanken starrte ebenfalls auf das einzige Paar Menschen, das, außer dem schlaftrunkenen Kellner, den Raum mit ihr teilte. Die Dame sprach leise und eifrig, ihr Kopf war dicht zu dem Herrn geneigt. Dieser rückte fast ungeduldig auf dem Stuhle hin und her.

»Unsinn!« hörte Klaudine ihn jetzt in französischer Sprache sagen, »ich habe es tausendmal erklärt, ich gehe bis Frankfurt und komme dann zurück.«

»Ich glaube Ihnen nicht«, flüsterte die Dame heftig, »es bleibt bei dem, was ich gesagt habe — betrügen Sie mich, so wissen Sie, wie ich mich rächen werde.«

»Nun, das würde Ihnen auch nicht zum Heil gereichen, meine Beste!«

»Das tut dann auch nichts mehr«, erklärte sie lauter, als es ihre Absicht sein mochte, und ihre kleine Hand schlug, zur Faust geballt, auf den Tisch. Besänftigend legte der Herr seine Rechte darüber und sah sich erschreckt um.

Klaudines Schleier war so dicht, er verbarg völlig ihre Züge und ihre erstaunten Augen. Das war ja, mein Gott, das war Herr von Palmer, und, natürlich, so zischte nur Frau von Berg, wenn sie gereizt wurde. Das war ihr üppiges Haar, ihre volle Gestalt. Was in aller Welt —?

»Ich bitte dich«, sagte er jetzt schmeichelnd, »was sollte ich ohne dich da draußen? Sei doch vernünftig und erfülle meine Bitte!«

Eben brauste ein Zug in den Bahnhof, nun ertönte die Glocke und der Beamte rief in das Zimmer: »Einsteigen in der Richtung nach Frankfurt am Main!«

Eilig erhob sich Herr von Palmer. »Bleibe hier«, sagte er heftig.

»Ich werde mir doch nicht nehmen lassen, Sie bis an den Zug zu geleiten«, erwiderte sie höhnisch. »Wer weiß, wie lange ich Ihre Gegenwart entbehren muß«!

Er antwortete nicht und stürmte hinaus, die Dame rauschte hinterdrein.

Klaudine erhob sich unwillkürlich und trat ans Fenster. Sie sah Palmer eilig in ein Abteil erster Klasse verschwinden. Die Dame stand davor, fest in ihren Pelz gewickelt. Dann setzte sich der Zug in Bewegung und die Zurückbleibende kam wieder ins Wartezimmer. Sie sah einen Augenblick die verschleierte Klaudine scharf an, dann schlug sie den Schleier zurück und bestellte sich Tee und Zeitungen.

Richtig, dieser Seidenflor hatte das geschminkte Gesicht ihrer Feindin verhüllt.

Herr von Palmer mochte wohl den Herrschaften entgegenreisen, was aber veranlaßte die schöne Frau zu Besorgnissen?

Und endlich kam ihr Zug. Klaudine wartete ab, welches Abteil Frau von Berg nehmen würde, es waren nur zwei erster Klasse im Zuge. In das eine stieg Frau von Berg, so schritt sie auf das andere zu, das der Schaffner ihr sofort öffnete. Einen Augenblick überlegte sie noch. Dort saß ein Herr — sollte sie zweiter Klasse fahren?«

»Ist das Nichtraucherabteil zweiter Klasse frei?« fragte sie.

»Nein, es sind fünf Herren drinnen und eine Dame, und im Frauenabteil eine Familie mit Kindern.«

Sie stieg ein und nahm am Fenster Platz. Der Herr dort in der Ecke schlief, es war nichts von ihm zu sehen, als Mütze und Pelz und eine dunkelviolette Reisedecke. Nun, lange dauerte ja die Fahrt nicht mehr, zwei Stunden höchstens. Sie legte den blonden Kopf mit dem dunklen Pelzmützchen an die Kissen, sie war so müde, aber die rastlos weiterarbeitenden traurigen Gedanken ließen sie nicht schlafen. Die Herzogin würde sterben, dann hatte sie ein treues Herz verloren und ihre Freiheit gewonnen. Sobald am Begräbnistage die letzte Fackel gelöscht war, würde sie Lothar den Ring in die Hand legen und aufatmen. Ihre Brust hob sich, aber schon der Gedanke an dieses Aufatmen tat ihr weh. Ach, das Leben, das dann kommen würde! So farblos, so einförmig, das Leben eines armen adligen Fräuleins, das allmählich zur einsilbigen alten Jungfer wird. Und wenn Joachim sich nun wieder verheiratete? Wenn zu all der Freudlosigkeit auch noch das Bewußtsein des Überflüssigseins käme? Wenn dereinst Beate einem Mann folgte, fort aus dem stillen Paulinental? Ach nein, Joachim blieb ihr, mußte ihr bleiben. Wie sollte er in seiner Zurückgezogenheit, in seinem arbeitsvollen Dasein Zeit finden, um zu freien? Joachim blieb ihr und sein Kind. Sündhafte Mutlosigkeit war es, so zu denken. Sie hatte noch so viel, viel mehr als andere!

Sie setzte sich hoch, kerzengerade, und sah auf die flimmernden Eisblumen der gefrorenen Fensterscheiben. Dann zuckte sie tödlich erschreckt zusammen. In dem Rollen und Kreischen des Zuges, der eben kurz vor einer Haltestelle gebremst wurde, hatte sie nicht gehört, daß der Herr dort aufgestanden und herübergekommen war. Erst als sie fühlte, daß etwas ihren Mantel streifte, hatte sie aufgesehen — vor ihr saß Lothar.

»Also wirklich?« klang es herzlich. »Trotz des Schleiers erkannt! Aber, was spreche ich denn? Es gibt ja nur einmal dieses goldige Haar. Und Sie wollen auch nach der Residenz?« Es lag ein Ausdruck freudigster Überraschung in seinen Zügen. Unwillkürlich hatte seine Rechte gezuckt, als wollte sie eine dargebotene Hand erfassen.

Klaudine saß da, wie versteinert. Sie hatte sich merkwürdig rasch gefaßt.

»Ja«, erwiderte sie kurz, die Hand übersehend. Sie hielt die beiden ihrigen ineinandergeschlungen im Muff, als wollten sie sich gegenseitig festhalten. »Der Kammerherr von Schlotbach telegraphierte mir, daß die Herrschaften morgen eintreffen, und da habe ich mich gleich aufgemacht.«

»Aber, sagen Sie, wie geht’s im Paulinental?« fragte er dann.

»Gut!« antwortete sie.

»Und meine Kleine?«

»Sie ist gesund, glaube ich.«

»Glauben Sie?« fragte er mit bitterer Betonung.

Eine Weile schwiegen beide. Der Zug hielt. Draußen knirschte der Schnee unter schweren Männertritten, irgendeine Tür wurde zugeschlagen, dann läutete die Glocke und schrillte die Pfeife und weiter rollte die Wagenreihe.

»Klaudine«, begann er zögernd, »ich habe vorgestern an Sie geschrieben. Der Brief wird heute früh im Eulenhause anlangen —«

Sie neigte flüchtig den Kopf, ohne ihn anzusehen.

»Ich war in einer furchtbaren Stimmung«, fuhr er fort, »stellen Sie sich vor, wie ich in dem alten, spärlich eingerichteten Schlosse hause, zwei Stunden von der nächsten Stadt, völlig eingeschneit. Ich bin vielleicht, naß wie eine Made, eben von einem Pirschgange zurückgekehrt, sitze neben einem rauchigen Kamine, der kaum wärmt, der Schneesturm tobt vor den Fenstern, und so allein bin ich, so furchtbar allein in dem öden Gebäude! Dazu habe ich dann zuweilen förmliche Visionen. Ich sehe die Neuhäuser Wohnstube, sehe meine Kleine drinnen spielen, höre ihr Jauchzen und meine ordentlich den Geruch von Bratäpfeln zu spüren, die um diese Jahreszeit nie in der Röhre des Kachelofens fehlen.« Er stockte einen Augenblick. »Und da denke ich, mein Gott, wozu sitzest du eigentlich hier in so trübseligen Gedanken? In einem solchen Augenblick stand ich vorgestern auf, holte meine Schreibmappe und schrieb, um Sie auf der Stelle zu fragen, ob —«

Sie fiel ihm fast heftig ins Wort.

»Weshalb fragen? Ich kann Sie nicht zwingen, Ihr Versprechen zu halten, habe auch wahrhaftig niemals verlangt, daß Sie nach Schloß ›Stein‹ gehen. Sie wußten ja sonst Berlin und Wien zu finden, oder Paris oder irgendeine große Stadt noch weiter entfernt.«

Er hatte sie ausreden lassen.

»Ich wollte Sie in dem Briefe fragen«, sprach er ruhig weiter, »soll denn die Komödie noch kein Ende nehmen, Klaudine? Es ist doch frevelhaft —«

Sie fuhr empor. Sprach er im Ernst?

»Das sagen Sie mir jetzt?« rief sie empört, »jetzt, wo die Entscheidung so nahe ist? Die Arme lebt vielleicht keine vierundzwanzig Stunden mehr! Haben Sie es so eilig, Ihre Freiheit wiederzuerlangen?«

»Sie sind sehr verbittert, Klaudine!« erwiderte er unwillig und doch klang es wie Mitleid aus seiner Stimme. »Aber Sie haben recht, angesichts der traurigen Tage, denen wir entgegengehen, sollte man nicht von diesen Dingen sprechen. Indessen —«

»Nein, nein! Sprechen Sie nicht davon!« pflichtete sie ihm aufatmend bei.

»Indessen kann ich nicht anders«, fuhr er unerbittlich fort. »Das neueste ist nämlich, daß Ihre Hoheit sich direkt an mich wandte.« Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte ihr ein Schreiben. »Es ist besser, Sie lesen selbst.«

Klaudine machte eine abwehrende Bewegung.

»Es ist ein eigenhändiges Schreiben der Herzogin«, betonte er, ohne das Briefblatt zurückzuziehen, »die arme Frau verbittert sich ihre letzten Tage mit Sorgen. Wenn Sie gestatten, Cousine, lese ich es Ihnen vor.«

Und das blasse Mädchengesicht kaum mit dem Blicke streifend, begann er:

»Mein lieber Baron! Diese Zeilen schreibt Ihnen, nach langem innerem Kampf, eine Sterbende und bittet Sie, ihr nach Möglichkeit in einer überaus zarten Angelegenheit zu helfen.

Sagen Sie mir die Wahrheit auf eine Frage, deren Indiskretion Sie mir, die ich bald nicht mehr unter den Lebenden sein werde, verzeihen wollen. Lieben Sie Ihre Cousine? Wenn es nur ein Akt der Klugheit und Großmut war, ihre Hand zu erbitten, dann, Baron, geben Sie dem Mädchen die Freiheit zurück und seien Sie überzeugt, daß Sie dadurch die Zukunft zweier Menschen, die mir über alles teuer sind, glücklich gestalten werden.

Elisabeth.«

Die blauen Augen Klaudines starrten wie verzweifelt auf das kleine Briefblatt. Barmherziger Gott, was sollte das sein? War die Herzogin noch immer in dem alten schrecklichen Wahn, daß ihr Gatte sie liebe oder sie ihn? Oder hatte Prinzeß Helene sich ihr anvertraut, und die Herzogin wollte vermitteln zwischen Lothar und ihr?

»Und Sie?« klang es endlich gebrochen von ihren Lippen.

»Ich bin auf dem Wege, Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen, Klaudine. Sie wissen selbst, hoffe ich, daß es von der Herzogin unnötig war, die Wahrheit zu fordern. Ich habe immer offen gehandelt während meines ganzen Lebens, nur einmal beging ich eine Täuschung, weil ich aus Zartgefühl nicht den Mut hatte, zu sprechen, weil ich glaubte, ein einmal gegebenes Wort einlösen zu müssen, und sollte es auf Kosten meines Lebensglückes geschehen. Lassen wir das, es ist begraben. Niemals haben mich seitdem irgendwelche Rücksichten gehindert, der vollsten Überzeugung gemäß zu handeln. Ich werde Ihrer Hoheit kurz erklären, daß —«

Ein leiser Schrei unterbrach ihn, flehend streckte Klaudine ihm die Hand entgegen, und ihre Augen starrten angstvoll in die seinen.

»Schweigen Sie, ich bin nicht die Herzogin!« stammelte sie.

Er hielt inne vor diesem verzweifelten Gebaren. Das Mädchen sprang empor und flüchtete nach der anderen Seite des Abteils.

In diesem Augenblick huschten Lichter vor dem Fenster vorüber, der Zug fuhr langsamer. In der trüben Dämmerung des Schneemorgens erkannte der Baron den Bahnhof der Residenz. Über der Stadt erhob sich grau die alte herzogliche Feste.

Klaudine war ausgestiegen, ehe er hinzuspringen konnte, um ihr behilflich zu sein. Ein fürstlicher Diener erwartete sie und ein Hofwagen. Als sie eilig hineinschlüpfte, stand Lothar am Schlag. In dem grauen, kalten Morgenlicht sah sein Gesicht ganz anders aus als vorher, es schien Klaudine, als wäre er seit den paar Monaten um Jahre gealtert.

»Ich bitte, Cousine, nennen Sie mir die Stunde für eine Unterredung«, forderte er mit höflicher Bestimmtheit.

»Morgen«, erwiderte sie.

»Morgen erst?«

»Ja!« entschied sie kurz.

Er trat, sich verbeugend, zurück, nahm wenige Minuten später in einem Gasthauswagen Platz und fuhr mit dem schwerfälligen Omnibus durch das Südertor, welches eben der fürstliche Wagen mit Klaudine in Windeseile passiert hatte.

»Wie«, dachte er, durch ihr sonderbares Benehmen geängstigt, »wenn die Herzogin dennoch recht hätte, wenn sie den Herzog wirklich liebte? Wenn ich selbst ihr gleichgültig wäre, wirklich gleichgültig?«

Sie war indes den steilen Schloßberg hinaufgefahren und stieg an dem Tor des Flügels ab, den die Herzogin-Mutter bewohnte. Die aufgehende Sonne tauchte eben die verschneiten spitzen Giebeldächer, die Türmchen und Mauern in Purpurglut, und in demselben Augenblick entrollte sich das herzogliche Banner auf dem Hauptturm der Stadt, die unten noch in grauer Dämmerung lag, ein Zeichen, daß die Herrin heimkehre, ja — heimkehre, um zu sterben.

Klaudine fand im zweiten Stockwerk ein paar gemütliche Zimmer zu ihrer Verfügung und ward noch im Laufe des Vormittags zur alten Hoheit beschieden. Die freundliche Dame hatte verweinte Augen, sie saß an dem bekannten Erkerfenster und blickte über die Dächer ihrer guten Stadt hinweg, weit in das verschneite Land hinein. Oh, wie oft hatte Klaudine hier vor ihr gesessen, in dem lauschigen Zimmer mit den steifen kostbaren Möbeln und den vielen Bildern an den Wänden, und hatte sich mit ihrer Gebieterin der herrlichen Aussicht gefreut. In der gegenwärtigen Stunde hatten sie beide kein Auge für diese Schönheiten. Sie sahen dort hinaus, wo der Schienenstrang aus dem Walde hervortrat, auf dem der Zug daherkommen sollte, der die arme Kranke brachte.

Die Herzogin hatte in Cannes einen neuen Blutsturz gehabt. Sie wollte nur noch eines — ihre Kinder wiedersehen und verschiedenes ordnen vor ihrem Sterben. Die kleinen Prinzen waren daheim geblieben, sie sollten der Mutter nicht zuviel Unruhe machen, der Arzt hatte es so gewünscht, obgleich sie dagegen gekämpft: »Herr Doktor, ich sterbe vor Sehnsucht!«

Die alte Hoheit schüttelte nur immer leise das greise Haupt, während sie dies alles erzählte: »Es ist hart, es ist besonders hart für Adalbert, denn sie hatten sich ganz und vollständig gefunden, sie waren auf dem besten Wege, ein glückliches Paar zu werden. Er schreibt so liebevoll von ihr, und nun?« Sie seufzte.

Die Herrschaften hatten sich jeden Empfang verbeten, aber die alte Hoheit wollte doch mit dem Erbprinzen hinunterfahren zum Bahnhof und befahl Klaudine, sie zu begleiten. Gegen zwei Uhr fuhren sie den Schloßberg hinab, ein trüber Novemberhimmel hing über der Stadt und sandte große, dicke Schneeflocken hernieder. Aber trotz des schlechten Wetters standen Hunderte von Menschen in der Straße, die zum Bahnhof führt.

Der Landauer der Herzogin hielt dicht vor der Rampe des fürstlichen Wartezimmers. Die Schutzleute bemühten sich, der Menge zu wehren, die sich stumm herzudrängte. Alle standen denn auch ruhig in weitem Bogen um die Kutschen. Auf dem Bahnsteig befanden sich einige Herren, der Schnellzug, der die herzogliche Familie bringen sollte, war bereits gemeldet. Endlich brausten die Wagen unter die Halle, es entwickelte sich plötzlich ein buntes Treiben auf dem Bahnsteig. Der Herzog war zuerst ausgestiegen, er küßte seiner Mutter die Hand, dann hob er selbst die leidende Gemahlin aus dem Wagen. Aller Augen waren auf ihr bleiches, schmales Gesicht gerichtet, dessen große Augen den Erbprinzen suchten. Sie umarmte die alte Herzogin und küßte ihr Kind mit einem traurigen Lächeln. »Da bin ich wieder«, flüsterte sie matt. Kaum vermochte sie die paar Schritte zum Wartezimmer zu gehen. Der Erbprinz und der Herzog stützten sie. Freundlich müde erwiderte sie die Grüße. Prinzeß Helene und ihre Hofdame, Frau von Katzenstein und die Kammerfrau, die Herren vom Gefolge, alle hasteten durcheinander.

Als sie Klaudine sah, zuckte es in ihrem Gesicht. Sie winkte mit der Hand und deutete auf den Wagen.

Das schöne Mädchen eilte hinüber. »Hoheit«, stammelte sie ergriffen und beugte sich über die Hand der Herzogin.

»Komm, Dina!« flüsterte diese, »fahr mit mir, und du, mein Herz«, wandte sie sich an den Erbprinzen. »Adalbert wird mit Mama fahren.« Während sie durch die schweigende Menge fuhr, sagte sie: »Grüße, mein Kind, grüße sehr freundlich! Die Leute wissen alle, wie krank ich bin.«

Sie selbst bog sich mit Anstrengung ein wenig vor und wehte matt mit dem weißen Tuche.

»Das letztemal! Das letztemal!« murmelte sie. Dann faßte sie des Mädchens Hand. »Wie gut, daß du da bist!« Oben am Schloßtor entließ sie die Freundin: »Wenn ich geruht habe, so lasse ich dich rufen, Dina.«

Klaudine suchte ihr stilles Zimmer auf und schaute in den winterlichen Schloßhof hinab. Kutschen fuhren ab und zu, die Wache zog auf und die großen Gepäckwagen kamen langsam den Berg herauf. Dort unten läuteten die Glocken der Marienkirche, hier und da blitzten schon Lichter auf, trotz der frühen Nachmittagsstunden, und es schneite, schneite immerzu.

Stunden vergingen. Man brachte Klaudine den Tee in ihr Zimmer. Sie dachte an Lothar und wie er ihr seine Einsamkeit und Sehnsucht auf dem verlassenen Schlosse in Sachsen geschildert. O ja, es ist schwer, allein zu sein mit den marternden Gedanken, der schrecklichen Ungewißheit. Ungewißheit? Sie war fast zornig auf sich, ach Gott, sie wußte es ja nur zu gewiß!

Prinzessin Helene hatte gut ausgesehen, ihr Gesicht hatte einen etwas anderen Ausdruck gezeigt. Das Leidenschaftliche, Unruhige war von ihr gewichen, sie hatte wohl Hoffnung, begründete Hoffnung!

Was wollte nur die Herzogin von ihr selbst? Ach, es war ja klar! Sie würde, nachdem sie Lothars Antwort erhalten hatte, zu ihr sagen: »Klaudine, sei großmütig, gib du ihm sein Wort zurück! Er fühlt sich gebunden.«

Freilich, das wußte sie, er würde die Verlobung nicht lösen, nie! Er war auf ihre Großmut angewiesen. Ein heißer, leidenschaftlicher Trotz erfüllte sie. »Und wenn ich jetzt nicht will? Und wenn ich lieber elend an seiner Seite werden will, als elend ohne ihn? Wer kann mich hindern?« Sie schüttelte den Kopf. »O nimmermehr! Nein!«

Die altmodische Uhr auf dem Spiegeltisch schlug neun. Es fror sie plötzlich in dem dunklen Zimmer, im Kamin glühte nur noch ein schwacher roter Schein. Sie begann umherzuwandern. Bis zehn Uhr wollte sie noch warten, dann zur Ruhe gehen. Vielleicht konnte man ja schlafen. Aber gegen zehn Uhr kam doch die Kammerfrau und beschied sie hinunter.

Sie ging die Korridore entlang und über verschiedene Treppen und Treppchen, bis sie in die wohldurchwärmte und hellerleuchtete Halle vor den Gemächern Ihrer Hoheit gelangte, empfand sie auch heute wieder den eigentümlichen Zauber dieser prächtigen Räume. Überall dieses satte Rot auf Wänden, Teppichen und Vorhängen, überall das gedämpfte Licht rötlich verschleierter Ampeln und Lampen, überall Gruppen üppiger fremdländischer Pflanzen und überall prächtige, farbenglühende Gemälde in breiten, funkelnden Goldrahmen.

Die Herzogin lag in ihrem Schlafzimmer, in dem niedrigen mit schweren roten Vorhängen umgebenen Bette, deren Falten oben an der Decke ein vergoldeter Adler in seinen Klauen hielt. Auch hier eine rötliche Beleuchtung, die das bleiche Gesicht mit trügerischen Rosen überhauchte.

»Es ist spät, Dina«, sagte die Kranke mit verschleierter Stimme, »aber ich kann nicht schlafen, fast nie mehr, und ich kann nicht allein sein, ich fürchte mich. Ich habe mir darum einen Vorhang des Bettes so legen lassen, daß ich die Tür nicht sehe. Mich erfaßt mitunter eine unerklärliche Angst, es möchte etwas schreckliches über die Schwelle kommen, unser Hausgespenst, die weiße Frau, die mir melden will, was ich ja schon weiß: daß ich sterben muß. Ich lag sonst so gern im Dunkeln. Erzähle, Klaudine, erzähle mir alles, ich meine, oft wird es nicht mehr sein, daß ich dir zuhören kann. Wie erging es dir, Dina? Sprich!«

Klaudine meinte, sie müsse hinauseilen aus diesem reichen Zimmer mit seiner vergoldeten Decke und dem betäubenden Maiblumenduft, der vom Wintergarten herüberzog.

»Mir geht es gut, Elisabeth, ich bin nur traurig, daß du leidest«, sagte sie und nahm zur Seite des Bettes Platz.

»Klaudine«, begann die Kranke, »ich habe noch so vielerlei zu schreiben und zu ordnen, und wenn erst mein Vater hier ist und meine Schwestern — sie werden bald eintreffen — und wenn ich die Angst wieder bekomme, die erstickende Angst, dann ist es zu spät. Hilf mir ein wenig dabei.«

»Elisabeth, du regst dich unnötig auf.«

»Nein, o nein, ich bitte dich, Dina!« Und sie wandte ihr abgemagertes Gesicht um und blickte das Mädchen mit den großen glänzenden Augen an, als wollte sie in das Herz der Freundin schauen. »Du bist eine so seltsame Braut, Klaudine«, begann sie nach einer Weile flüsternd, »und seltsam ist auch Euer Brautstand. Er dort, du da. Klaudine, gestehe, es war ein frommes Opfer von dir, als du an jenem gräßlichen Tage deine Hand verschenktest! Sprich, Klaudine, du liebst ihn nicht?«

Mit wahrhaft verzehrender Angst hingen ihre Blicke an dem nassen Antlitz des Mädchens.

»Elisabeth«, sagte dieses nach einer Pause und legte die Hände auf ihre Brust. »Ich liebe Lothar, ich habe ihn geliebt, als ich noch nicht wußte, was Liebe ist, als halbes Kind habe ich ihn schon geliebt!«

Die Herzogin schwieg, aber sie atmete rasch.

»Glaubst du mir nicht, Elisabeth?« fragte Klaudine leise.

»Ja, ich glaube dir, Dina. Aber liebt er dich? Sage, liebt er dich auch?« flüsterte die Herzogin.

Sie senkte die Wimper. »Ich weiß es nicht«, stammelte sie.

»Und wenn du wüßtest, er liebt dich nicht, würdest du trotzdem sein Weib werden wollen?«

»Nein, Elisabeth!«

»Und du würdest dich nie entschließen können, einem anderen deine Hand zu schenken, der dich unsäglich liebt?«

Das schöne Mädchen saß wie ein Steinbild, ohne zu antworten.

»Klaudine, weißt du, weshalb ich gekommen bin?« fragte die Herzogin leidenschaftlich erregt. »Um mit der letzten Lebenskraft demjenigen, der mir am teuersten ist auf dieser Welt, ein heißersehntes Glück zu retten. Als ich fortging nach Cannes«, sprach sie weiter, »da kämpfte noch meine törichte Schwachheit, mein verwundetes eitles Herz mit der besseren Einsicht. Klaudine, der Herzog liebt dich — mich hat er nie geliebt. Er liebt dich mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, deren sein edles Herz fähig ist. Ich habe während der Jahre unserer Ehe in jedem Zuge seines Gesichts lesen gelernt — er liebt dich, Dina! Und er wird dich nie vergessen. Sitze nicht so stumm da, um Gottes willen, antworte!«

»Du irrst dich!« rief Klaudine angstvoll und streckte abwehrend ihre Hand gegen die Herzogin aus. »Du irrst dich, Seine Hoheit liebt mich nicht mehr, es ist ein Wahn von dir! Du darfst nicht über solche Hirngespinste grübeln, du durftest deshalb nicht kommen.«

»O, glaubst du, Dina, daß man die Liebe auszieht wie ein Kleid?« fragte die Herzogin bitter, »daß man sich vornehmen kann, etwa als wolle man einen Spaziergang machen: von heute ab wird nicht mehr geliebt — Punktum? So ist das Herz nicht beschaffen.«

Klaudine schwieg. »Ich werde mich nie verheiraten«, sagte sie dann leise und bestimmt, »wenn nicht beider Herzen sich einander zuneigen, nie! Verzeihe, Elisabeth, ich darf dir keine trügerischen Versprechungen machen. Verfüge über alles, alles! Über mein Leben, wenn es sein muß, nur verlange das nicht!«

Die Herzogin blickte mit weinenden Augen an Klaudine vorüber. Ein Weilchen blieb es ganz still im Gemach.

»Armer Mann! Ich hatte es mir so schön gedacht für dich«, sagte sie dann mehr zu sich selbst. »Es soll nicht sein!« Und etwas lauter: »Welche Verwirrung — du liebst Lothar, und er — arme kleine Prinzessin!«

»Elisabeth!« schrie Klaudine auf und ihre erblaßten Lippen zitterten. »Ich will ja sein Glück nicht hindern — was denkst du von mir? Nie! Nie! Erweise mir eine Liebe«, fuhr sie hastig fort, »gib ihm in meinem Namen seine Freiheit zurück. Ich weiß, du sprichst mit ihm über diesen Punkt.«

»Morgen«, sagte die Herzogin.

»So gib ihm das!« Sie zog heftig den Brautring von ihrem Finger. »Hier ist das Glück der Prinzessin, nimm es und laß mich meine eigenen Wege gehen, allein, fern von allem, was mich an ihn erinnert!«

Sie sprang empor und ging zur Tür hinüber.

»Klaudine«, bat die Herzogin mit ihrer schwachen Stimme, und ihre kranken Hände umschlossen den Ring, »Dina, geh nicht so von mir! Wer ist die Ärmere von uns beiden? Hilf mir lieber, daß noch etwas Segen aus all dem werde.«

Klaudine kam zurück. »Was soll ich noch tun?« fragte sie geduldig.

Die Herzogin bat um Wasser. Dann hieß sie Klaudine ein Kästchen bringen, öffnete dieses und reichte dem Mädchen ein Stück Papier.

»Es ist ein Verzeichnis der kleinen Andenken, die ich nach meinem Tode verteilt wissen will. Bewahre es, es ist eine Abschrift, das Original hat der Herzog.«

»Du sollst dich nicht so aufregen, Elisabeth.«

»O, ich werde ruhiger sein, wenn alles geordnet ist, Dina. Lies noch einmal laut, ob ich auch nichts versäumte. Es soll niemand sagen: Sie vergaß mich!«

Mit bebender Stimme las Klaudine. Zuweilen machte ein Tränenflor ihren Augen die Schrift unleserlich, es war alles so zart ausgewählt, es zeugte jedes einzelne von einem so innigen tiefen Gemüt.

»Meiner lieben Klaudine gehöre der Schleier aus Brüsseler Spitzen, den ich als Braut getragen —«

Eine flammende Röte schlug über des Mädchens vergrämtes Gesicht. Sie wußte, was die Herzogin gemeint hatte.

»Nimm es zurück, nimm es zurück!« schluchzte sie und kniete am Bette nieder.

»O wie schlimm! O wie schlimm!« sagte die Herzogin, »du und er — unglücklich. Ihr, meine beiden liebsten Menschen!«

Klaudine küßte die heißen Hände der Kranken und eilte hinaus. Der Schmerz tobte zu heftig in ihr. Im Wintergarten unter den Magnolien und Palmen weinte sie sich aus. Nach einigen Minuten war sie so weit gefaßt, daß sie ruhig »Gute Nacht!« wünschen konnte. Als sie durch die seidenen Vorhänge hinüberspähte zu dem Bette, lag die Kranke anscheinend im Schlummer, einen gramvollen Zug um den Mund.

Im Vorzimmer traf Klaudine den alten Medizinalrat, der sie freundlich begrüßte.

»Ist es denn wirklich so nahe, das Ende?« fragte das erschütterte Mädchen.

Er reichte ihr zutraulich die Hand. »Solange noch Atem ist, gnädiges Fräulein, ist auch Hoffnung. Aber nach menschlichem Ermessen — Hoheit wird auslöschen wie ein Licht, wird eines Tages vor Erschöpfung einschlafen.«

Klaudine deutete unwillkürlich nach ihrem Arme. »Herr Rat?«

»Ach, gnädiges Fräulein«, sagte der alte Mann gerührt, »das hilft nicht mehr. Hier ist es vorbei, hier!« Und er deutete auf die Brust. »Ich will noch zum Herzog, um von dem Befinden Ihrer Hoheit Nachricht zu bringen«, sprach er leise, indem er neben der jungen Dame den Flur entlang ging. »Seine Hoheit hat übrigens gleich eine sehr unerfreuliche Überraschung hier vorgefunden. Sie wissen doch schon? Palmer ist verschwunden und hat eine große Unordnung hinterlassen.«

»Er fuhr die vergangene Nacht nach Frankfurt«, sagte Klaudine betroffen, »er wollte vermutlich den Herrschaften entgegenreisen. Ich sah ihn auf dem Bahnhof in Wehrburg.«

»Dieser Schuft«, murmelte der alte Herr, »er ist längst jenseits der Grenze. Entgegengefahren? Wer hat Ihnen das vorgefabelt, gnädiges Fräulein?«

»Ich hörte, wie er zu Frau von Berg davon sprach.« Klaudine stand still, das ganze merkwürdige Erlebnis wurde ihr plötzlich klar.

»Die passen füreinander«, lachte der Arzt, »ich will es aber doch beiläufig Seiner Hoheit erzählen. Da werden wir morgen die Nachricht erhalten, daß auch die Gnädige verreist ist, mit Hinterlassung von allerhand merkwürdigen Sachen. Man soll nicht schadenfroh sein, aber Ihrer Durchlaucht gönnte ich es. Sie hat auf eine wunderbare Art die Dame beschützt. Gute Nacht, gnädiges Fräulein!«

Es war so. Am anderen Morgen erfuhr man im Schlosse, daß Frau von Berg plötzlich verschwunden sei. Sie hatte nichts weiter hinterlassen als ein Päckchen Briefe, an die Herzogin gerichtet, und einen Brief an Seine Hoheit. Aber der Schutzengel, der an der Schwelle des Krankenzimmers in Gestalt der Frau von Katzenstein Wache hielt, ahnte sofort, daß der Inhalt des Päckchens nicht geeignet sei für Ihre Hoheit, sie übergab es daher sogleich dem Herzog. Die alte Dame kam in dem Augenblick, als Seine Hoheit mit der Zornader auf der Stirn einen Haufen Papiere durchstöberte. Der Polizeidirektor war ebenfalls anwesend.

Der Herzog mochte glauben, Frau von Katzenstein bringe ihm Nachrichten von Ihrer Hoheit. Statt dessen reichte ihm die alte Dame nun ernsthaft ein mit himmelblauem Seidenbande umwundenes Päckchen Briefe hin, dessen oberster, unverkennbar von der Handschrift Seiner Hoheit, die Adresse der Frau von Berg trug.

Der Herzog ward blaß.

»Und das sollte man Ihrer Hoheit übergeben?« fragte er und sah schier fassungslos die Zeugen einer lustigen Junggesellenzeit an, von damals, wo man so gern abends bei Herrn und Frau von Berg saß und in dem blauen, koketten Gemach der schönen Frau Whist spielte. Dieses Weib, das niemals in einem Raume mit der Frau, deren Lebenszeit nur noch Tage zählte, hätte atmen dürfen, dieses Weib wagte es, noch an den Frieden des Sterbebettes zu rühren?

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau!« sagte der Herzog erschüttert. Und er nahm die Briefe und warf sie in den Kamin, und jene anderen Papiere warf er ebenfalls nach. Unwillkürlich wischte er sich hinterher die Finger an dem Batisttuch. »Lassen Sie den Schuft laufen, Herr von Schmidt«, sagte er dann verächtlich und machte eine liebenswürdig verabschiedende Bewegung zu dem Polizeidirektor.

Der Herzog ging, nachdem jener sich entfernt hatte, sehr erregt im Zimmer auf und ab. Einer der Briefe, ein kleines Kärtchen, war da vor dem Kamin liegen geblieben. Der Herzog bemerkte es erst nach einer Weile und hob es auf. Es war Herrn von Palmers wohlbekannte Handschrift.

»Gestern abend«, las er, »habe ich der schönen Klaudine ein Briefchen des Herzogs überreichen müssen. Ich stahl es ihr, als ich ihr beim Einsteigen half. Anbei übergebe ich Ihrem großartigen erfinderischen Sinn das wertvolle Blättchen zu beliebiger Verwendung. Nun, mein Schätzchen wird die Mine so geschickt zu legen wissen, daß die kluge, uns beiden so freundlich gesinnte Dame in die Luft fliegt —«

»Also Palmer auch hierin schuldig!« Er lächelte bitter und dachte an das heißblütige, dunkeläugige Geschöpfchen, dem man die Zündschnur zu dieser Mine in die Hand gab. Die Mine war explodiert, das erste Opfer lag da drüben, und die Verbrecher waren entkommen.

Dieser schlaue Mensch hatte sich wenigstens vorgesehen, hatte es verstanden mit lächelnder Natürlichkeit zu betrügen. Es war kein Bediensteter unter dem gesamten Personal des Hofhaltes, der nicht rückständigen Lohn zu fordern hatte, kein Hoflieferant, welcher Art es sei, der seit zwei Jahren einen Pfennig bekommen hätte. Im herzoglichen Rentamt drängten sich die Leute mit Forderungen, nachdem die Flucht Palmers bekannt geworden war.

Die in Geldsachen sehr peinliche Herzoginmutter war darüber empört, einen Landauer zum zweiten Male bezahlen zu müssen, und ertrug dennoch nur mit Mühe den Gedanken, daß sie in eben diesem Wagen ganz ruhig an dem Hause des Fabrikanten vorübergefahren sei, der so oft untertänige Mahnbriefe an Palmer geschickt hatte.

Klaudine erfuhr dies alles durch die Zofe, es erregte kaum flüchtig ihr Interesse. Sie dachte nur an das, was das Heute ihr bringen würde, an die Entscheidung ihres Schicksals. Die Nachrichten über das Befinden der Herzogin lauteten nicht schlechter, sie hatte einige Stunden geschlafen, aber noch nicht die Gegenwart der Freundin gewünscht.

Klaudine stand am Fenster und sah hinaus in den grauen Novemberhimmel. Es schneite noch immer, so düster lag die Welt vor ihren Blicken, so tot. Eine dunkle Röte überzog plötzlich ihr Antlitz — ein Wagen rollte in den Hof und hielt vor dem Tor des Flügels, den die Herzogin bewohnte. Da ihr Zimmer in dem Mittelbau lag, in dem die Prachträume sich befanden, konnte sie deutlich sehen, wer dem Wagen entstieg und das Schloß betrat. Er war es. Eben verschwand Lothars hohe Gestalt hinter den spiegelnden Glasscheiben der inneren Tür. Er kam, Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen!

Sie mußte sich fest aufstützen, so stürmte es auf ihre Seele ein. Was wollte der törichte Hoffnungsstrahl noch immer in ihrer gequälten Seele? Er liebte sie nicht, nein, nein! Einmal, einmal hatte ihr Herz töricht in Wonne geklopft, das war in jener dunklen Sommernacht, als er dahergeritten kam, um nach ihrem Fenster zu lauschen — einen Augenblick, einen einzigen süßen, herzverwirrenden Augenblick. Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße.

Sie wandte sich vom Fenster weg und ging zu dem Tische, auf dem noch das Frühstück stand. Sie ergriff die winzige Karaffe, mit Sherry gefüllt, und goß sich ein halbes Glas ein. Sie liebte diesen Wein sonst nicht, sie fühlte sich nur so erbarmungswert schwach in diesem Augenblick. Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie das Glas hinsetzen, noch ehe sie ausgetrunken. »Herein!« sagte sie so tonlos, daß der Außenstehende es unmöglich hören konnte, aber Frau von Katzenstein öffnete trotzdem die Tür und kam freundlichernst über die Schwelle. Sie hielt ein Körbchen, mit weißem Seidenpapier verdeckt, in der Hand.

»Meine liebe Gerold«, sagte sie herzlich, »Ihre Hoheit beauftragt mich soeben, Ihnen dieses zu überreichen.« Sie stellte den Korb auf einen Seitentisch und trat Klaudine näher. »Die Herzogin erwartet Sie in einer halben Stunde««, fügte sie hinzu und drückte dem Mädchen die Hand. »Verzeihen Sie nur, wenn ich nicht verweile, ich kann die Kranke nicht verlassen.«

»Wie geht es ihr?« brachte Klaudine über die zitternden Lippen.

»Sie klagt heute nicht, sie sagt, es sei ihr leichter und freier auf der Brust«, erwiderte die alte Dame.

»Oh, und Sie bemühen sich selbst«, sprach Klaudine zerstreut, aber Frau von Katzenstein ging schon wieder zur Tür hinaus. Klaudine dachte kaum an das Körbchen. In einer halben Stunde sollte sie erfahren, ob er ihren Ring genommen hatte. Man würde ihr doch die Wahrheit sagen?

Sie begann unruhig umherzuwandern, obgleich die Füße sie kaum trugen. Dann trat sie ans Fenster. Die Wache hatte »Heraus!« gerufen, der Herzog fuhr eben im Jagdschlitten über den Schloßhof. Zwei andere Schlitten folgten, er suchte wohl dem Kummer und der Sorge zu entfliehen? Auch sie fühlte den Drang in den Park hinunterzulaufen und in der Schneeluft die heiße Stirn zu kühlen, sich müde zu gehen, Schlaf und Vergessen zu finden. Mechanisch war sie vor dem Körbchen stehen geblieben, das die Herzogin ihr schickte. Ein Reisegeschenk vermutlich — die hohe Frau versäumte ja nie, Freude zu bereiten.

Sie hob das Papier ein wenig auf. In einigen Minuten mußte sie hinunter, sich zu bedanken, man wollte doch wissen, wofür? In dem mit hellblauer Seide gefütterten Körbchen lag auf kostbarem, echtem Spitzengewebe ein Zweig blühender Myrte, und dieser Myrtenzweig war durch ihren Verlobungsring gezogen.

Das bleiche, heftig atmende Mädchen befand sich plötzlich auf der Treppe. Sie durcheilte die Korridore, und erst im Vorzimmer der Herzogin fühlte sie, daß die Füße sie nicht mehr tragen wollten. Dort stand der Medizinalrat und flüsterte mit Frau von Katzenstein. Die alte Dame deutete mit der Hand auf eines der Nebenzimmer und legte den Finger auf den Mund. »Hoheit schlafen eben ein wenig«, sprach sie leise.

Klaudine ging wie im Traume nach dem sogenannten Arbeitszimmer der Herzogin. Es war ein kleines, zu halber Höhe mit kostbarer Holztäfelung versehenes Gemach. Goldbedruckte Ledertapeten bekleideten die Wände, Bücherschränke und ein Schreibtisch aus dunklem Eichenholz, schwere Vorhänge und Teppiche, und die Büsten von Goethe, Shakespeare und Byron bildeten die Einrichtung. Es war fast dunkel hier an diesem grauen Tage. Durch eine der Türen, deren Vorhang halb zurückgenommen war, sah man in den Wintergarten, und dort stand in dem vollen Tageslichte, das durch die Glaswände hereinströmte, Lothar. Er hatte den Rücken hierher gewendet und betrachtete scheinbar mit Interesse einen Strauch blühender gelber Rosen.

Unwillkürlich trat Klaudine in den Schatten der hohen Bücherschränke. Sie sah ihn nicht mehr, sie wollte und konnte ihm jetzt nicht begegnen. Mit furchtbarem Herzklopfen lehnte sie in dem schützenden Winkel. Sie wollte auch den Ring nicht, der ihr als eine Gabe des Mitleids erschien, wußte sie doch, daß er ihn zurückgab, weil er sein Wort nicht brechen wollte, und sie durfte, konnte ihn nicht behalten. Plötzlich blickte sie sich um, ob sie nicht entfliehen könne, denn sie vernahm die harte Stimme der Prinzeß Thekla.

»Nun, Baron, fragte diese, »also endlich sieht man Sie? Wissen Sie, daß ich Ihnen ganz böse bin? Sie sind seit gestern hier und haben sich im roten Schlößchen noch nicht blicken lassen!«

»Es ist unrecht, Durchlaucht, allerdings! Ich fand aber hier so vielerlei zu tun, und außerdem macht man doch nicht gerade Besuche an seinem Hochzeitstage.«

»Hochzeitstage?« schrillte lachend die alte Dame. »Ich finde, Sie wählen die Zeit zu Ihren Scherzen recht eigentümlich. Die Herzogin ist todkrank! Wirklich, Lothar, Sie sind jetzt zuweilen sehr sonderbar. Wissen Sie, daß Ihre Hoheit noch heute sterben kann?«

»Ach, Durchlaucht nehmen an, ich erlaubte mir einen unpassenden Scherz? Nichts würde mir ferner liegen. Ich selbst bin durch die Nachricht überrascht worden. Indes, die Herzogin wünscht, daß unser Bund noch heute geschlossen wird — wenn meine Braut einwilligt, natürlich.«

»Meinen Glückwunsch, Baron! Weshalb sollte Ihre Braut nicht einwilligen?« klang es spöttisch, »sie willigte doch so rasch in die Verlobung, und naturgemäß pflegt dieser doch die Hochzeit zu folgen. Sonderbare Laune übrigens von Ihrer Hoheit!«

»Sonderbar? Ist es so sonderbar, wenn die Herzogin, noch ehe sie stirbt, das Glück zweier Menschen, sozusagen, in den sicheren Hafen flüchten möchte, aus allen Ränken und Schlichen hinaus, denen es preisgegeben ist, solange sie nicht verbunden sind? Ich gestehe, ich finde es so eigentümlich nicht, ich nehme dankbar diese ›sonderbare Laune‹ an.«

»Sie waren doch sonst nicht so schutzbedürftig, Gerold. Seit wann fühlen Sie sich so schwach? Sie wußten doch meine Einwilligung zu ertrotzen, als ich Ihnen die Hand meiner Tochter verweigerte? Seit wann überhaupt fürchten Sie das Recht des Stärkeren — sagen wir das Recht des Mächtigeren, oder —«

»Ich fürchte keinen ehrlichen Feind,« erwiderte er langsam. »Durchlaucht wissen ohne Zweifel aus der Fabel schon, daß der Löwe immer großmütig ist, ihn fürchte ich nicht als Gegner, ich fürchte die Schlangen, die da unbemerkt heranschleichen und Unschuldige mit ihrem Gifte bespritzen. Ich kann die, welche meine Gattin werden soll, nicht vor boshafter Verleumdung schützen, bevor sie nicht wirklich mein Weib geworden ist, denn ich kämpfe hier mit ungleichen Waffen. Mir ist trotz meines jahrelangen Hoflebens die Intrige ein unbekannter Boden geblieben, und, Durchlaucht, ich fürchte, ich würde es nie lernen, auch nicht durch das hervorragendste Beispiel.«

Aber die Prinzessin schien nicht verstanden zu haben. »Oder«, wiederholte sie, unbeirrt in ihrer Rede fortfahrend, »ängstigen Sie sich, daß Sie der Treue Ihrer Braut erst dann sicher werden, wenn Sie dieselbe, sozusagen, hinter dem Riegel des Gelübdes wissen?«

»Durchlaucht haben zum Teil recht«, erwiderte er höflich. »Ich ängstige mich indes nicht um die Treue und Festigkeit meiner Braut, ich ängstige mich, weil ich noch nicht weiß, ob meine Braut mir verziehen hat, daß ich mich mit der Dreistigkeit der Angst an ihrem Wege aufstellte, um ihr das ›Ja!‹ gleichsam abzuzwingen.«

Die alte Prinzeß lachte kurz auf. »Man könnte auf den entsetzlichen Gedanken kommen, lieber Baron, daß, falls Ihr Fräulein Braut nicht verzeiht, Sie sich das Leben nehmen oder sonst etwas schreckliches tun werden.«

»Das Leben nehmen? Nein! Denn ich habe ein Kind, dem mein Leben gehört, aber ein unglücklicher, einsamer Mann würde ich sein, Durchlaucht, denn ich liebe meine Braut!«

Klaudine war hervorgetreten, sie tat ein paar Schritte nach jener Tür zu, dann blieb sie stehen. Sie sah die Prinzessin dort in dem schwarzen seidenen Pelzmantel, sie sah, wie die Fächerpalme über ihrem Samthute leise schwankte und wie das gelbliche, magere Antlitz von der Röte unliebsamer Überraschung sich färbte. Sie mußte sich an dem geschnitzten Löwenkopf des Bücherschrankes festhalten, denn die Stimme der alten Durchlaucht sagte in unbeschreiblich verächtlichem Tone: »Daß Sie diese Dame lieben, Baron, ist mir noch keine Gewähr für die Charaktereigenschaften derjenigen, welche die Stiefmutter meiner Enkelin werden soll.«

»Durchlaucht«, erwiderte er schneidend, »wollen vermutlich noch einmal von mir hören, daß ich für mich ganz allein das Recht beanspruche, Leonies Erziehung zu leiten. Auf welche Weise das geschieht? Nun, ich übernehme mit Freuden die Verantwortung! Diejenige, welche Mutter des Kindes sein wird, ist in meinen Augen das edelste, das beste, das selbstloseste Wesen der Erde! Niemals sind auch nur ihre Gedanken von dem Pfade abgewichen, den Sitten und Ehre dem Weibe vorzeichnen, nie, das weiß ich. Meine Braut mag in ihrer Liebe für die kranke Freundin vergessen haben, daß tausend hämische, neidische Zungen bemüht waren, an ihrem Tun und Lassen zu deuteln und zu drehen. In meinem Herzen steht sie darum nur höher. Vor den Augen der Welt die Ehrbare zu spielen, das ist sehr leicht, Durchlaucht, aber allein, gestützt auf den Mut eines guten Gewissens, der Welt zu trotzen, die uns vernichten möchte, fest zu bleiben in dem, was man für Recht erkannt, und doch zu wissen, man wird falsch beurteilt, fest zu bleiben, indem man unter allen Umständen die Pflicht erfüllt, die man aus ehrlicher Zuneigung übernahm, und wäre es auch nur die von vielen angezweifelte Pflicht der Freundschaft, dazu gehört Seelenreinheit und ein starker Charakter, Eigenschaften, die ich bis jetzt vergeblich in–«

»Lothar!« schrie Klaudine auf. Vor ihren Augen schwankten das Kuppelgewölbe von Glas, es war, als ob der Boden, auf dem sie stand, zu wogen beginne. Dann fühlte sie sich umfaßt, und »Klaudine!« scholl es in ihr Ohr.

»Sei nicht so hart,« flüsterte sie, »sei nicht so hart! Er ist so schwer, der Gedanke, andere grollend zu wissen, wenn das Glück so allmächtig auf uns hereinbricht!«

Sie waren allein. Sie sah ihn jetzt an mit ihren blauen, in Tränen schimmernden Augen. »Kein Wort«, sagte sie und legte ihm die kleine Hand auf den Mund, »kein Wort, Lothar — jetzt ist es nicht Zeit, glücklich zu sein. Ich weiß genug und — dort drüben sitzt der Tod.«

»Aber du wirst dem Wunsche der Sterbenden nicht widersprechen?« bat er demütig.

»Ich werde nicht widersprechen.«

»Und wir fahren heim in unser stilles Neuhaus, Klaudine?«

»Nein«, erwiderte sie bestimmt, »o nein! Ich gehe nicht von ihr, die so schwer um mich gelitten, hat, solange sie am Leben ist. Ich fürchte mich nicht mehr, denn ich weiß jetzt, daß du und ich zusammengehören für immer, daß du mir vertraust und an mich glaubst, immer, ohne Wanken. Und du, du reisest indes. Noch einmal gebe ich dir Urlaub, und dann, wenn du zurückkehrst, wenn mein Herz sich wieder freuen kann, wenn ich glaube, das Recht zu haben, glücklich zu sein, dann komme ich zu dir.«


 

28.

 

In den Gemächern der Herzogin hatte gegen Abend eine Trauung stattgefunden. Sie wußten es alle im Schloß, von der Leinenschließerin in der netten Mansardenwohnung bis zum Küchenjungen im Erdgeschoß, man wußte, daß der junge Ehemann gleich nach der Trauung abgereist war und daß Frau Klaudine von Gerold ihren Platz am Krankenbett der Herzogin eingenommen hatte.

Die hohe Frau befand sich sehr schwach heute abend. Bei der Feier war sie zugegen gewesen, sie selbst hatte mit zitternden Händen den Brautschleier über das schöne, blonde Haupt des Mädchens gelegt. Seine Hoheit, die Herzoginmutter und Frau von Katzenstein waren die anderen Trauzeugen gewesen. Noch im Beisein der Herrschaften hatte das junge Paar Abschied voneinander genommen.

Und nun saß neben Klaudine am Fußende des Himmelbettes eine kleine, zierliche Gestalt, und beide hatten verweinte Augen. Die Herzogin war nach der Trauungsfeierlichkeit ohnmächtig geworden, und der Medizinalrat hatte sich zum Herzog begeben und ihn flüsternd auf das Unabweisliche vorbereitet.

Da draußen waren die Schneewolken zerrissen, und die Sterne blitzten herab auf die winterliche Erde. In den Zimmern der Prinzen schien die Ampel auf schlummernde, blonde Köpfchen. Sie ahnten nichts. Sonst wachte alles in dieser Nacht. Die Lichter des Schlosses flimmerten hinaus in die Schneelandschaft, und dort unten in den Häusern der Stadt betete man für die allzeit hilfsbereite Herrin, die auf ihrem Sterbebette lag.

Im Vorzimmer ging der Herzog auf und ab. Zuweilen warf er einen Blick in das Schlafgemach seiner Gemahlin. Dann hörte er eine leise Stimme: »Adalbert, ist Klaudine fort?« — Und die junge Frau rückte geräuschlos an die Seite des Bettes. »Du bist noch da?« fragte die Kranke.

»Laß mich bei dir bleiben, Elisabeth,« bat Klaudine, »Gerold hat noch verschiedenes zu ordnen, bevor ich nach Neuhaus kommen kann.«

Die Herzogin lächelte schwach.

»Du verstehst ja nicht zu lügen, Klaudine, ich weiß, weshalb du bleibst! Armes Kind, welch traurige Hochzeit! — Ruf Adalbert!« stieß sie dann hervor. »Ist Helene da?«

Die Prinzeß kam. Dicht nebeneinander standen Klaudine und sie.

»Gebt euch die Hand«, bat die Herzogin.

Prinzeß Helene faßte die Hand der jungen Frau. »Vergeben Sie mir!« sagte sie leise weinend.

»Und nun ruft Adalbert!« forderte die Kranke.

Er kam, setzte sich auf den Rand ihres Bettes, und sie drückte ihm stumm die Hände.

»Wenn ich leben könnte, dich zu trösten, mein armer Freund!« flüsterte sie. »Es ist so schwer, entsagen zu müssen, ich weiß es. Aber — sie liebten sich nun einmal, und du, du gehst so leer aus, so leer! Ach, wenn es in meiner Macht gestanden hätte, wie glücklich solltest du werden!«

»Sprich nicht so«, sagte er. »Ich werde nur unglücklich, mein Liesel, wenn du mich verläßt!«

»Sag noch einmal ›mein Liesel‹«, bat sie und sah ihn an, und die fast erloschenen Augen flammten noch einmal in dem alten innigen Liebesschein.

»Mein Liesel!« flüsterte er mit versagender Stimme.

Sie drückte seine Hand.

»Nun geh, Adalbert, ich will schlafen, ich bin so müde — küsse die Kinder — geh!« drängte sie.

Und sie schlief.

Die junge Frau saß treu wachend an ihrem Lager. Nur einmal war es, als lege sich minutenlang eine zwingende Müdigkeit auf ihre Augen. Kaum eine Minute mochte es gewährt haben, da raffte sie sich auf, von einem Schauer erweckt. Die Herzogin lag so seltsam ruhig da, ein Lächeln auf den Lippen, die Hände gefaltet.

Klaudine faßte ihre Hand. »Elisabeth!« sagte sie angstvoll.

Sie hörte es nicht mehr.

Auch die Prinzessin trat näher und sank schluchzend vor dem Bette nieder. Der Herzog kam und der Arzt, die alte Hofdame —

Es war so still, so beängstigend still in dem hellen, prächtigen Raum.

Dann gingen sie alle, nur der Herzog und Kiaudine blieben zurück. Sie saßen am Bette der Toten, und durch die geöffneten Fenster des Nebenzimmers schollen die tiefen Klänge der Kirchenglocken herein, die an diesem kalten, dunklen Wintermorgen dem Lande verkündeten, daß seine Fürstin schlafe, den langen, ewigen Schlaf.

So hielten sie Totenwache, die beiden, die ihr die liebsten Menschen gewesen.


 

29.

 

Im Garten des Eulenhauses blühten Leberblümchen, und gelbe, blaue und weiße Krokusse lugten aus der schwarzen Frühlingserde hervor. Der alte Heinemann schaffte emsig an seinen Rosenstöcken, nahm ihnen die Winterhülle und band sie an die frisch gestrichenen Pfähle. Die Sonne hatte über Mittag schon heiß auf die alten Grabsteine geschienen, und die jungen Blättchen regten und dehnten sich, sie sehnten sich nach Luft und Licht.

Hinter den blitzblanken Fensterscheiben tauchte Fräulein Lindenmeyers freundliches Gesicht auf. Zuweilen wandte sie redend den Kopf in das Zimmer zurück, dort stand die kleine, runde Ida und legte Wäsche. Die Ida war wieder hier, auf Verlangen der jungen Frau von Gerold, weil diese doch über kurz oder lang nach Neuhaus übersiedeln wollte. Wann? Ja, das wußte niemand. Der Herr Baron war noch immer auf Reisen, und seine junge Gattin trug noch tiefe Trauer um die Herzogin.

Merkwürdig, was heute die schmalen Frauenfüße für eine Unrast entwickelten. Die gnädige Frau war im ganzen Hause umhergestiegen mit dem klappernden Schlüsselbund, hatte in alle Schränke und Spinde geschaut, des Herrn Wäscheschrank nachgesehen und die Kleider des Kindes, sie hatte das Wirtschaftsbuch nachgerechnet und die kleine Haushaltungskasse. Nun schüttelte sie über sich selbst und ihre Unruhe den Kopf, sie begriff sich heute nicht. Sie hatte weder die nötige Sammlung, zu schreiben, noch konnte sie sich heute entschließen, ihr Feierstündchen am Klavier zu halten, worauf sie sich sonst den ganzen Tag schon freute. Sie meinte endlich, es sei am besten, wenn sie einen Spaziergang mache. Da sie ohnehin seit mehreren Tagen Beate und die Kleine in Neuhaus nicht gesehen hatte, beschloß sie, dorthin zu wandern. Vielleicht wußte Beate auch näheres über Lothars Reisepläne. Seine letzten Nachrichten hatte sie aus Mailand empfangen.

Sie hatten sich nicht geschrieben, Klaudine und er, die junge Frau wollte es nicht. »Wir können uns ja mündlich alles erzählen«, hatte sie gebeten, »es ist das so viel schöner. Ich erfahre ja von Beate, ob du gesund bist und wo du weilst.«

Sie band sich den Mantel um, schlug das Spitzentuch über den Kopf und ging hinauf, um sich von Joachim zu verabschieden.

»Wo willst du hin?« fragte er.

»Zu Beate, Joachim.«

Er war aufgestanden und sah sie liebevoll an. »Wie bald wird die Zeit kommen, wo du ganz fortgehst!« sagte er.

»Ich komme mir bei dem Gedanken, daß ich dich eines Tages verlassen werde, schon ganz treulos vor.«

»O mein Liebling, du ahnst nicht, wie froh ich bin, dich glücklich zu wissen!« Und er begleitete sie hinunter bis zur Gartenpforte.

Es senkte sich schon die Dämmerung über die Bäume, die Wolken zogen rasch dort oben am Himmel, aber der Wind, der sie trieb, war lind und weich, und er wehte den Schleier zurück von der weißen Stirn der jungen Frau und beugte die knospenden Äste zueinander, er fuhr über das junge Gras am Wegesrand und erzählte von kommender Herrlichkeit, von Blütenpracht und Sonnenglanz. Mit eiligen Schritten kam sie daher, so schwebend und leicht, als habe sie Flügel. Sie sah bald in die Wellen des Baches, der ihr zur Seite rauschte, das letzte Schneewasser von den Bergen führend, bald in die Wolken hinauf, und Lächeln und Ernst gingen in beständigem Wechsel über ihr Gesicht. Es war ihr so eigen zumute, und einmal sagte sie halblaut: »Wenn er schon da wäre?«

Am Eingang des Neuhäuser Parkes blieb sie stehen. In der Lindenallee rauschte der Wind durch die Äste und das Schloß lag so still und so dunkel. Einen Augenblick wollte mädchenhafte Scheu ihre Füße lähmen, herzklopfend und erglühend lehnte sie an dem Sandsteinpfeiler und wagte nicht, den Fuß in den Garten zu setzen. Wieder kam es wie Ahnung über sie: »Wenn er schon hier wäre?« Noch hatte niemand sie gesehen, das war gut! Sie meinte plötzlich, sie müsse umkehren.

Dann drückte sie sich ängstlich zur Seite, die Allee entlang kam ein Reiter in raschem Trabe. Sie erkannte ihn trotz der tiefen Dämmerung, sie wußte, wohin er reiten würde, und ein unaussprechliches Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer. Aber er durfte sie nicht sehen. Dann schrie sie leicht auf, der Jagdhund, der in tollen Sprüngen das Pferd umkreiste, hatte sie erkannt und stürmte auf sie zu. Im nämlichen Augenblick stand das Pferd, sein Reiter warf sich aus dem Sattel und hielt die junge Frau umfaßt.

»Endlich!« sagte er. »Und du bist hier — hab Dank!«

Sie konnte nicht antworten, sie weinte nur. Und als sie langsam dem Hause zuschritten, da sagte sie endlich: »Ich habe gefühlt, daß du hier bist. Wann kamst du, Lothar?«

»Vor einer Viertelstunde, mein Lieb.«

»Wo wolltest du eben hin?« fragte sie, und ein schelmisches Lächeln, das dem ernsten Antlitz wunderbar gut stand, flog um ihren Mund.

»Zu dir, Klaudine«, erwiderte er einfach.

Sie lächelte ihm glückselig zu. »Und nun sollst du auch wissen, Lothar, ich habe dich schon immer geliebt. Gott sei Dank, daß er dein Herz mir zuwendete!«

»Dir zuwendete?« fragte er bewegt. »Ich habe dich geliebt seit dem Tage, wo ich dich so unerwartet im Zimmer der Herzoginmutter traf. Weißt du noch, du sangst das ›Veilchen‹ von Mozart?«

»Und nachher: ›Willst du dein Herz mir schenken‹. Oh, ob ich es weiß! Aber, Lothar, wenn du mich damals schon liebtest —«

»Frage nicht, Klaudine«, wehrte er, »es liegen so schwere, düstere Zeiten dazwischen, Jahre, in denen ich mehr gelitten habe, als ich sagen kann.«

Sie schwieg, sah wieder zu den Wolken empor und drückte sich fester an seinen Arm. Ihr zur anderen Seite ging der Hund, hinter ihnen folgte das Pferd, dessen Zügel Lothar um den Arm geschlungen hatte.

»Nur noch eines«, flüsterte sie zaghaft und sah ihm bittend in das bewegte Antlitz. »Lothar, wenn du mich liebtest, warum hast du mit schneidenden Worten mir weh getan, wo du konntest, mich vor mir selbst erniedrigt, daß ich fast verzweifeln wollte?«

Er blickte sie lächelnd an. »O du Törin, weil ich von Angst und Eifersucht gehetzt war, weil mein Herz krank war vor Sehnsucht nach dir, und weil ich sah, was kommen mußte, weil ich die Welt kannte und ihre Schlechtigkeit und wußte, daß du zu Boden geschmettert sein würdest, wenn sie hereinbrächen über dich, die Verleumdung, die Gemeinheit, weil du, trotziges Kind, es mir so namenlos schwer machtest, über dich zu wachen, endlich, weil du mich nicht verstehen wolltest. — Laß, Klaudine! Die Zeiten liegen hinter uns. Ich habe dich und darf dein Wegweiser sein auf allen Pfaden von dieser Stunde an. Gottlob!«

»Gottlob!« sprach sie ihm leise nach.

Das Pferd ging allein mit gesenktem Kopf zu den Stallungen hinüber. Die beiden stiegen die Freitreppe empor, Baron Gerold öffnete die Tür.

»Tritt ein in dein Haus, Klaudine«, sagte er bewegt, »es soll unsere Heimat bleiben, nicht die Welt da draußen, wenn du es willst!«

Sie lachte unter Tränen: »Ob ich will? Vertraust du mir noch immer nicht? Nichts will ich weiter auf der ganzen Welt!«


 

30.

 

Drei Jahre sind vergangen. Im Arbeitszimmer Joachim von Gerolds sitzt Frau Beate in der Dämmerung eines Winterabends und plaudert mit ihrem Gatten.

»Wo ist Elisabeth?« fragt er.

»Aber, Schatz, du wirst immer zerstreuter! Wo soll sie wohl sein? In Neuhaus natürlich. Sie kann doch nicht leben ohne ihre Tante Klaudine, sie bettelte so lange, bis ich sie mit Heinemann hinunterschickte. Es sei so schön in der Neuhäuser Kinderstube, und so etwas süßes wie Klaudines Kindchen gebe es nicht wieder. Sie muß übrigens bald zurückkommen.«

»Hast du die Zeitung heute gelesen?« fragte sie dann. »Nein? Nun, da hast du viel versäumt. Höre zu, Joachim, ich will dir erzählen: also, erstlich steht da, daß das Gerücht von der Verlobung unseres Herzogs mit Prinzeß Helene immer mehr Glaubwürdigkeit gewinne. Ich fände es übrigens ganz passend, Joachim, denn in der Kleinen steckt neben aller Launenhaftigkeit ein guter Kern. Sie hat damals in Cannes so rührend die Herzogin gepflegt, und gegen Klaudine ist sie seitdem doch wahrhaft erfinderisch in Freundlichkeiten. Sie möchte alles gutmachen. Ich bin überzeugt, daß es keine Neigungsheirat sein würde, denn ich vermute, sie hat Lothar noch nicht vergessen, sie heiratet aber den Herzog, weil sie glaubt, eine Pflicht zu erfüllen.«

»Ich will es auch Seiner Hoheit wünschen«, sagte Joachim behaglich. »Es ist furchtbar öde, ein Leben ohne ein Paar freundliche Augen und eine weiche Frauenhand.« Und er griff nach Beates Rechten und küßte sie.

Frau Beate lacht, es ist das frische, silberne Lachen, das ihn einst betörte. Er begreift überhaupt gar nicht mehr, wie er sie mit ihrem kinderguten Herzen jemals als »barbarisch« bezeichnen konnte.

Er hat es ihr aber einmal gestanden, und da hat sie erst recht gelacht und gesagt: »Ich fühle mich zu weiter nichts gut als zur Wirtschaft, und du sahst so geisteshochmütig auf mich herunter. Ich hatte dich damals schon lieb, dich und deine Gedichte, hatte damals schon Durst nach allem herrlichen, was das trockene Leben verschönt. Aber keiner wollte es mir glauben. Da ward ich ein richtiger Wirtschaftsteufel, rechthaberisch und allzu strenge.«

Ein Weilchen blickte sie wie träumend vor sich hin.

»Gottlob, das ist vorüber. Aber nun höre weiter!« Und sie fuhr fort in ihren Neuigkeiten. »Dann steht auch noch darin, Joachim, daß Lothar Altenstein zurückgekauft hat. Der scharfsinnige Zeitungsschreiber sagt: ›Vermutlich wünscht Baron Gerold das alte Stammgut der Familie seinem zweiten, ihm vor einigen Monaten geborenen Sohne dereinst zu übergeben. Wie wir hören, wird vorderhand Baron Joachim von Gerold das einst ihm zugehörige Schloß bewohnen.‹ — Wie klug die Leute sind! Wir werden uns doch hüten, Joachim — mich bringst du nicht heraus aus dem Eulenhause, ich bin zu glücklich hier geworden.«

»Ja, ja!« sagte er rasch, »wir bleiben hier, Beate, wir haben ja völlig Platz, seit angebaut worden ist. Und es ist so still und friedlich. Hoffentlich denken die Neuhäuser nicht daran, das von uns zu verlangen.«

»O behüte, Joachim! Die denken an nichts als an sich selbst«, lächelte Beate. »Aber das soll kein Vorwurf sein, wir machen es ja auch nicht besser. Weißt du auch, Schatz, daß heute unser Verlobungstag ist?« plauderte sie. »Siehst du, wie du alles vergißt? Ja, heute sind es zwei Jahre, da saßen wir am Bettchen Elisabeths und wußten, das schwerkranke Kind ist gerettet, es schläft den Schlummer der Genesung. Und da sprachen wir flüsternd vom Tode, vom Seelenleben und von der Unsterblichkeit. Du lasest mir das Gedicht vor, das du auf den Tod deiner Gattin gedichtet, und klagtest, wie einsam du seist, nun auch Klaudine gegangen, und wie verlassen das Kind, und —«

»Und dann fragte ich dich, Beate —«

»Und ich sagte ›ja‹.«

»Und da kam es dann auch zur Sprache, wer mir damals heimlich meine Bibliothek zurückkaufte.«

»Freilich!« lachte sie, »ich hatte eben von jeher ein gefährliches Mitleid mit dem Träumer, dem unpraktischsten, hilfsbedürftigsten Menschen auf Gottes weiter Welt.« Und sie küßt ihn und nimmt ihr Schlüsselkörbchen. »Ich muß noch die alte Lindenmeyer besuchen«, entschuldigte sie ihr Fortgehen. »Sie hat nach mir verlangt, und sie sitzt da so geduldig in ihrem Lehnstuhl, die gute Alte, und strickt Kinderstrümpfchen für Klaudine. Sie muß wahrhaftig schon einen ganzen Scheffel voll haben.«

Und während sie hinuntergeht, fliegt die Haustür auf, und ein Kind, ein Mädchen, kommt an des alten Heinemann Hand über die Schwelle, um sich im nächsten Augenblick von ihm loszureißen und jubelnd der stattlichen Frau entgegenzufliegen. Die ist im Flur stehen geblieben und fängt das Kind lachend in ihren Armen auf.

»Wildfang!« sagt sie mütterlich stolz und nimmt das rosige Kindergesicht zwischen ihre beiden Hände. »War es schön bei Tante Klaudine, Töchterchen? Was habt ihr gespielt? Und war Onkel Lothar daheim?«

»Ja! Aber Onkel war böse, und Tante Klaudine auch«, sagt das Kind und sieht plötzlich ganz bekümmert zu Heinemann hinüber.

Der alte Mann hatte einen ganz verschmitzten Ausdruck in den Augen.

»Grausam hat sie sich gezankt, die Herrschaft«, bestätigt er ernsthaft und blinkt Frau Beate zu, »und gar vor mir. Just als ich hineinkam, um unserem Kind das Mäntelchen umzutun, weil der Schlitten vorgefahren war, sagte der Herr: ›Du wirst das Kleid anziehen, Klaudine, das ich dir kürzlich geschenkt habe, und mit mir nach der Residenz fahren zur Hochzeit Seiner Hoheit. Ich möchte wirklich einmal versuchen, ob ich noch immer eifersüchtig sein kann‹ — hat er gesagt.«

»Und da«, fiel die Kleine ein, »war Tante Klaudine traurig und sagte: ›Wie du willst, Lothar.‹«

»Freilich!« nickte schmunzelnd der Alte. »Und da ging’s los. — ›Nein, wie du willst!‹ rief der Herr Baron. — ›Nein, wie du gesagt hast, Lothar.‹ — ›Nein, bitte, du hast recht, Dina, was sollen wir auch da, wir bleiben daheim.‹ — ›Wenn ich nun aber gern möchte, Lothar?‹ — ›Das kenne ich schon, Dina, wir bleiben hier.‹ — So haben sie sich gezankt, gnädige Frau, eine Viertelstunde lang, endlich — — —«

»Nun?« unterbrach Beate lächelnd, »und wer behielt recht?«

»Gnädige Frau, wer allemal recht behält, wenn sich ein Ehepaar zankt«, erwiderte der Alte schelmisch. »Die Frau Baronin natürlich. Sie lassen einen schönen Gruß bestellen an die gnädige Frau, und an dem Tage, wo unser Herzog heiratet, wollten sie und der Herr Baron zu einem gemütlichen Teestündchen herüberkommen und von alten Zeiten plaudern.«

 

ngiyaw-eBooks Home