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Marie Martin – Die Psychologie der Frau

Vortrag

Marie Martin, Die Psychologie der Frau, Vortrag gehalten am 25. September 1903 auf der Generalversammlung des deutsch-evangelischen Frauenbundes zu Bonn, Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1904

 

Die Psychologie der Frau

Bei dem leider in Frauenversammlungen ganz ungewohnten Thema »Psychologie der Frau« sind vielleicht von vornherein manche Frauen unlustig, manche Männer kampflustig geworden. Aber denken Sie nicht, ich wollte Ihnen hier ein wissenschaftlich aufgezäumtes Paradepferd in der hohen Schule vorreiten. Mich hat zu diesem Thema die herzliche Sehnsucht getrieben, an der Lösung der Frauenfrage mit meinen Kräften arbeiten zu helfen, und die feste Überzeugung, daß wir unsern Lebens- und Pflichtenkreis nicht besser verstehen lernen als nach dem Worte Kants: »Bestimme dich aus dir selbst«.

Seit die »Frauenfrage« als eine wichtige Kulturfrage umkämpft wird, ist der Begriff »Weiblichkeit« völlig aus des Unbewußtseins Frieden herausgerissen, und sein Wesensbild schwankt, von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, heut vor unsern Augen. Wir haben, wenn nicht für den Einzelnen, so doch für die Gesamtheit, die Sicherheit des Ideals verloren und suchen die unter Schmerzen und Kämpfen wieder. Was ist »Weiblichkeit«? Wie werden, wie bleiben wir »weiblich«? Denn nur, so lange wir weiblich bleiben, können wir glücklich sein und Glück bringen. Und der Deutsche denkt sich doch von jeher das Weib als Glückspenderin , als das nach oben ziehende Element der Menschheit.

In einer Welt, die Gott, welcher nicht der Toten sondern der Lebendigen Gott ist, auf unendliche Mannigfaltigkeit und unendliche Entwicklung anlegte, der er einen Kreislauf des Lebens vorschrieb, kommen wir sofort auf ein totes Geleise, wenn wir das lebendig Fließende in tote Formeln sperren wollen. Das sehen wir z. B. an der Entwicklung der pharisäischen Sittlichkeit; bis Christus kam mit seinem Lebensodem, und die starren »Du sollst«-Gebote wurden wieder grün unter diesem Frühlingswind und fingen an zu treiben und zu knospen: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!« »Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.« Das zeigt uns die Geschichte der Reformationszeit, wo die Menschen jammerten nach Freiheit und nach Frieden und beides in den starr gewordenen Gesetzen der damaligen Kirche nicht mehr finden konnten. Bis Luther das erlösende Wort sprach: »Der Christ ist ein Herr aller Dinge und niemand Untertan«, um dann weiter auf den Weg zum Frieden zu weisen: »Der Christ ist ein Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.«

Goethe spricht das in den Worten aus:

 

»Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;

Weh dir, daß du ein Enkel bist!«

 

Von jeher waren wir sterblichen Menschen mit unserm Leib von Staub, der nach kurzem Frühling wie alles Irdische trocken wird und wieder in Staub zerfallt, in der Gefahr, dem Fluch: »Du bist Erde und sollst zur Erde werden«, auch das Ewige in uns unterwerfen zu wollen. Wir bannen die Sittlichkeit, die ewigen Ideen, unsere höchsten Ideale in starre Formeln und bilden uns ein, ihnen durch diese Verkörperung Dauer verleihen zu können. Und dann werden wir an dem, was früher Leben und Glück brachte, elend und matt, blicken uns verwirrt um, wohin das sichere Ideal geflohen ist, und greifen entweder eigensinnig nach den Schatten oder stehen hilflos mit leeren Händen, Sie kennen alle Ihren Faust, der uns vorkämpft, wie der Mensch verzweifelt ringt, das Unsterbliche mit sterblichen Händen zu fassen.

»Wie,« werden Sie mir entgegnen, »soll denn dies Unsterbliche in formlosem Nebel uns gestaltlos vorschweben? Wie wollen wir es fassen und uns an ihm emporrichten? Wir müssen ein festes Wort haben, an das wir uns halten im Schwanken des Lebens! Ich stimme Ihnen zu mit Goethes Worten:

 

»Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,

Umfaß euch mit der Liebe holden Schranken,

Und was in schwankender Erscheinung schwebt,

Befestiget mit dauernden Gedanken.«

 

Das soll unsere Aufgabe sein heute in Bezug auf das Frauenideal.

Sie werden mir weiter entgegenhalten, daß wir ja offenbarte, ewige Wahrheit in der Bibel haben. »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.« Was soll die irdische Weisheit? Entweder gibt sie, was wir in der Bibel finden, – dann brauchen wir sie nicht; oder anderes, und dann ist sie schädlich.

Viele unter Ihnen werden mit Spannung horchen: wird sie mit ihren modernen Entwicklungsgedanken auch an unsrer Bibel nagen wollen? Darauf antworte ich Ihnen einfach ganz persönlich – denn wir Frauen haben ja das Recht, stets höchst persönlich sein zu dürfen –: mich hat, als ich in Gefahr war, den Glauben meines frommen Elternhauses zu verlieren unter dem Wogen der aufsteigenden Verstandeszweifel und den scheinbaren Widersprüchen des modernen Erkennens gegen die schlichte Weisheit der alten Bibel, hauptsächlich eins zu Jesu Füßen zurückgerettet: die naturwissenschaftliche Entwicklungslehre! Vor ihren ernsten Konsequenzen verflog die Unsicherheit, aus der Schöpfung leuchteten mir wieder die Augen meines Vaters im Himmel entgegen. Nun nahm ich meine Bibel mit neuem Mut zur Hand, es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich sank vor Christus nieder: mein Herr und mein Gott! Es sind ja vielleicht die kampfloser selig, die nicht sehen und doch glauben, aber ich bin glücklich, wie ich geführt bin, und tausche nicht mit ihnen. Also ist wohl das, was mir das Heiligste ist, vor meinem Mutwillen sicher. Aber das brennt mir oft auf dem Herzen, daß die Worte, die Geist und Leben sind, mit lebentötendem Buchstabeneifer ausgelegt werden. Ist es nicht schmerzlich, daß die Kulturentwicklung der Welt so oft bekämpft wird von denen, die Sauerteig und Salz der Welt sein sollten? also das Ferment wahrer Kultur? Und warum? Weil wir »Frommen« uns in den Buchstaben leichter als in den Geist des Wortes Gottes einleben, weil wir darum vor allen neuen Erscheinungen, die vor 4000 und 2000 Jahren noch nicht waren, stutzen und scheuen und sie so lange für Trug- und Lockbilder des Teufels halten, bis sie an uns vorüber oder über uns hingerauscht sind und wir dann von hinten sehen, daß es Gottes Boten waren. Dann rennen wir hinterher und wollen auch noch ziehen helfen und müssen uns vielleicht mit der schönen Rolle des Pferdes begnügen, das hinten am Wagen angebunden mittrabt. Nicht dem Worte Gottes widerspricht die Entwicklungslehre, sondern den starren Buchstabenlehren der menschlichen Ausleger, in deren alte Schläuche oft der neue Wein nicht gefaßt werden kann. »Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden; wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.« Ich bitte Sie herzlich, folgen Sie meinem Versuch, das werdende, in schwanker Erscheinung schwebende Bild wahrer Weiblichkeit in dauernde Gedanken zu fassen, und aus dem, was die Naturwissenschaft bisher über die Natur des Weibes erkannt hat, die sich aller Kulturentwicklung anschmiegenden Aufgaben der Frau zu erkennen, um sie in idealer Höhe im Worte Gottes wieder zu finden.

 

»Nach dem Gesetz, nach dem du angetreten,

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehn;

So sagten schon Sibyllen, so Propheten.

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.«

 

Sofort, im Anfang aller Untersuchung über das Wesen des Weibes, zeigt sich uns ein Irrtum, der gleich irreführend für Freunde und Gegner der Frauenbewegung ist. Er hängt eng zusammen mit der älteren dualistischen Lehre, daß Leib und Seele zwei ganz verschiedene, ja sich entgegenstrebende Wesen seien, die nur für die Zeit dieses Erdenlebens aneinander geschmiedet wurden wie Galeerensklaven. Huldigt man dieser Anschauung, so ist es nur natürlich, daß man zu dem Längsschnitt auch einen Querschnitt fügt und glaubt, daß jedes Individuum zwei verschiedene Naturen und Lebensaufgaben hätte: einmal als Mensch nach menschlicher Vollkommenheit zu streben, und zweitens, daneben als Mann oder Weib die speziellen Geschlechtseigenschaften zu entwickeln und sich ihnen entsprechend zu betätigen. Daher kommt leicht bei den Freunden der Frauenbewegung die nach Form und Inhalt falsche Forderung: wir verlangen für die Frau ihre allgemeinen Menschenrechte ; sie ist nicht bloß Weib , sie ist auch Mensch , sie hat daher ein menschliches Recht auf gleiches Wissen, gleiche Bildung, gleiche Pflichten und gleiche Rechte wie der Mann. Die große Not, uns als Weib nicht voll entwickeln und ausleben zu können, entsprechend unsrer Weibnatur, zwang uns in den Irrtum hinein. Er kann zur Wahrheit führen, wenn wir uns mit diesem Notschrei, wie es bei vielen geistig hochstehenden Frauen am Tage ist, eine vertiefte Bildung, ein reiferes Urteil und das Recht auf Pflichten erworben haben. Er kann enden in der wilden Forderung: »Wir wollen uns auf allen Gebieten ausleben, so wie wirʼs bei Männern sehen!« Und das edelste Bedürfnis des Weibes, Liebe zu geben und zu nehmen, das Bedürfnis der Mütterlichkeit, endet mit dem brünstigen Schrei des wilden Tieres: »Ein Recht auf das Kind!« Und wenn er auch da nicht endet, so bindet er doch leicht unsre natürlichen Kräfte, indem wir in einseitiger Verblendung unser Wesen absolut nach der Richtung und in der Weise entwickeln wollen, wie wir den Mann – den edeln, kraftvollen, segenbringenden Mann – sich entwickeln sehen. Daraus entsteht in uns eine nervöse Ruhelosigkeit, etwas hastend Drängendes, ein eifersüchtig kraft verzehrendes Arbeiten, das wenig Segen bringt, weil es nicht mehr aus der milden, Wärme erzeugenden Ruhe fließt, die die edelste Eigenschaft der gesunden Frau bleiben muß. Ich glaube, kaum eine von uns ist von diesem überheizten Wesen ganz frei; ich wenigstens kämpfe oft verzweifelt und doch vergeblich dagegen an, obwohl ich es genau in seinen natürlichen Ursachen und seinen Wirkungen erkenne. Wir arbeiten zu viel mit Unterbilanz und verschleudern Kraftkapital; was hilftʼs, wenn wir das zu guten Zwecken tun? Wir sündigen gegen die Natur und sündigen an der Zukunft unsres Volkes, das kraftvolle, harmonische Frauen braucht. An dieser wunden Stelle packen uns dann auch die Männer in dem Konkurrenzkampf des Berufslebens; sie, die in der Familie Befriedigten, messen unsre übereifrige Arbeit als minderwertig an der gewohnheitsmäßigen, fast gleichgültigen Ruhe, mit der viele Männer Brotstudium und Brotberuf betreiben. Sie warten lächelnd auf den Moment, wo wir Berufskonkurrentinnen elend verknackst sein und ihnen die Bahn wieder frei lassen werden.

Ich bitte alle ernsten Frauen, mit mir an die Brust zu schlagen und uns zu fragen: warum haben wir den Männern noch nicht besser gezeigt, daß wir nicht Konkurrentinnen, sondern Gehilfinnen sein wollen, nur in den neuen Formen des modernen Wirtschafts- und Geisteslebens, und nicht mehr in den Lebensformen unsrer Großmütter?

Mea culpa, mea maxima culpa!

Wo aber finden wir die Anregung zu dem Streben nach Männergleichheit? Es ist komisch zu sagen – bei den Männern! Sie, die Stärkeren, die Kulturentwicklung Leitenden, legten sich den psychologischen Irrtum anders aus. Sie füllten sich ihr Leben wohl an mit allen möglichen Gütern, sie setzten sich getrost weite, kraftvolle Ziele, denn: der Idealmensch , der Vollmensch , ist der Mann , und ihm gehören Bildung, Güter, Rechte und beglückende Pflichten. Das Weib ist eine Nebenerscheinung: für den Gemeinen ein Genußmittel, für den Rohen ein Lasttier, aber auch für den Edelsten nur eine Ergänzung seiner selbst ohne selbständige Entwicklungsziele. Je besser es sich ihm, dem selbständigen Manne, gehorsam anpaßt, um so besser erfüllt es seine Daseinspflicht. Gewiß löste die Lehre Christi das Weib aus seiner Gebundenheit, indem sie es auf sein Ewigkeitsziel hinwies, wo man nicht mehr freit, noch sich freien läßt, wo also auch das Weib notwendig selbständig Lebensinhalt haben muß. Aber selbst Christi Lehren werden doch immer nur in den jeweiligen Kulturformen wirksam. Erfüllten sie also jeden ernsten Christen mit vollster Achtung vor der Unsterblichkeit der Frauenseele, lehrten sie sicherlich dem Weibe gegenüber die Christenpflicht: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst!«, wie sie das auch dem Sklaven, dem Schwachen, dem Irrenden gegenüber lehren, so wüßte ich doch nicht, wie sie hätten eine andere sachliche Anschauung von dem Wesen des Weibes lehren können, als was sonst in Wissenschaft und Praxis erkannt war und gelehrt und befolgt wurde. Die Bibel zeigt auch in der Frauenfrage, daß sie kein Konkurrenzbuch für wissenschaftliche Lehrbücher sein will; sondern sie will, was die höchste Wissenschaft nicht kann, den Ewigkeitskern im Menschen fassen und emporleiten zu Gott, dem Urquell seines Wesens. »Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet , und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet « Also das Christentum hat diesen Irrtum weder bekämpft noch bekämpfen wollen. Aber es hat die Wirkungen des Irrtums so sehr verändert, daß da, wo christliches Leben wahrhaft blüht, dem Weibe aus dem Irrtum viel weniger Elend wächst, weil die Lebenskräfte des Christentums seinen unselbständigen Lebensinhalt adelten. Je wahrhafter eine Frau in Gesinnung und Tat Christin ist, um so sicherer wird sie sich hüten vor der jämmerlichen Lebensleere, die so viele Frauen halt- und kraftlos macht; um so später kommt ihr zum Bewußtsein, welche Kulturgüter man ihr vorenthält, denn ihr ewiges Gut konnte ihr niemand rauben. Insofern haben also die recht, die die Frauen-frage wie die Arbeiterfrage und so manche andere Frage, als einen Abfall vom lebendigen Gott bezeichnen. Nur daß dieser Abfall nicht Schuld der Frauen und nicht Schuld der Arbeiter u. s. w. ist, sondern Schuld der Christen. »Denn wo nun das Salz dumm wird, womit soll man salzen?« Hätten wir Christen nicht so oft die uns anvertraute Lehre Christi in solche Formen gegossen, in denen sie geeignete Dienerin ganz anderer Interessen war, dann hätte sie nicht nur eine andere Macht über die Gemüter, sondern hätte auch alles Leben, Wissen und Können schon ganz anders in ihren sonnigen Dienst gezogen. Wir helfen mit die Schlackenberge errichten zwischen der Sonne Christus und dem Erdenleben mit seiner Wissenschaft und Kunst Darüber sollten wir Christen sprechen: mea culpa, mea maxima culpa!

Bekanntlich hat die wirtschaftliche und soziale Entwicklung dem Frauenleben besonders große Veränderungen gebracht. Trotzdem wollte fast niemand etwas davon wissen, diesem veränderten Frauenleben nun andern neuen Inhalt zu gestatten von Gottes und Rechts wegen. Die Mißstände wurden immer größer und schreiender, das Frauenleben teils leerer, teils bedrückter. Da raffte sich die Frau auf, selbst neue Lebenswerte für sich zu erkämpfen, wo ihr die alten versagten. Zunächst mußte sie notwendig diese Güter da suchen, wo sie welche fand: bei männlichem Wissen, männlichen Berufen und männlichen Rechten und Pflichten, bis sich aus diesen neues weibliches Wissen, weibliche Berufe, weibliche Pflichten und Rechte heraus differenziert haben, und wir sehen diese treibende Entwicklung vor unsern Augen sich vollziehen. Wir können darum die heutigen Frauen in die großen Gruppen teilen, die so recht die Eigentümlichkeit unsrer Übergangszeit zeigen:

1. Die große Masse derer, die gedankenlos im alten Schlendrian leben und leben lassen und in schwächlichem Egoismus nur darauf gerichtet sind, das Leben möglichst zu genießen. Sie haben den Namen, daß sie leben, und sind tot; Gott mag sie wecken! Es sind die bequemen Frauen, die wenig nützen und scheinbar wenig schaden, die man zufrieden hält mit wenig Aufwand, und die den Mann gern zufrieden lassen.

Aus ihnen rekrutiert sich die Masse derer, die eine Last und ein Fluch für die Gesellschaft werden. Die Oberflächlichkeit schlägt in Schärfe und Bitterkeit um; der Leichtsinn wird zur quälenden Genußsucht, zur Verschwendung und zur Öde der Seele; die Pflichtenlosigkeit treibt zur Sünde bis in ihre tiefsten Tiefen, in denen die Gesundheit des Volkes sich das eigne Grab gräbt.

Aus der Masse ragt aber auch eine Zahl von Frauen, denen das Glück des natürlichen Berufes oder der Segen eines reinen Familienlebens, denen eigne sittliche Kraft, ein lebendiges Christentum das Leben noch voll füllen trotz der schwierigen sozialen Verhältnisse. Sie sind das Edelgut des Volkes und verbreiten um sich Harmonie, Friede und Glück. Die Skala von der schlichten Mutter aus dem Volke und der demütig dienenden Schwester bis zur fein gebildeten hochsinnigen Fürstin ist lang und weist alle möglichen Nuancierungen auf. Gemeinsam ist ihnen, daß eine Atmosphäre des Friedens und der Reinheit sie umgibt, nach der sich alle sehnen. Aber sie sind so vollglücklich, so in ihren Lebenskreis versunken, daß sie kaum Verständnis dafür haben und nicht daran denken, den notwendigen Fortschritt der Frauenentwicklung herbeiführen zu helfen, der doch nötig ist, um gesunde Kulturverhältnisse für die Zukunft zu schaffen. Fortschritt entsteht nur da, wo neues Lebensdrängen aus starr gewordenem Alten hervor und vorwärts will. Darum treten ihnen zur Seite

2. die Frauen, die neue Bahnen suchen, auf denen ihr Geschlecht zu neuen Pflichten und bewußterem Leben aufsteigen kann. Auch unter ihnen gibt es in bezug auf Weltanschauung sowohl als auf sittlichen Wert und Reinheit des Herzens die größten Unterschiede; der Oberflächliche stempelt sie alle gemeinsam ab mit dem Namen, der uns ein Ehrenname geworden ist, »Frauenrechtlerin«. Woher ihnen auch die Erkenntnis gekommen ist, sei es aus Nächstenliebe, sei es aus Selbstsucht, sei es nach menschlicher Weise aus einer unlösbaren Vermischung beider: gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, daß die Harmonie des Frauenlebens gestört ist, daß ihnen kostbare Lebensgüter vorenthalten werden, und daß das Frauengeschlecht unsrer Tage nicht mehr recht lebendig im Fluß der Kultur steht, sondern hinter seiner Zeit zurückgeblieben ist, so daß es den sichern Boden unter den Füßen und den sichern Blick in die Welt und ein sicheres Ideal über sich verloren hat. Die Forderungen, die wir darum an die moderne Gesellschaft und an uns selber stellen, lauten tiefere Bildung, bewußtere Sittlichkeit, sichere Lebensinhalt! Auf welchem besten Wege ihre Erfüllung sich nähern kann, das ist das Problem, das uns alle beschäftigt, und es leuchtet ein, daß das im eminenten Sinn eine Bildungs- und Erziehungsfrage ist, die nur gelöst werden kann, wenn wir über unser Wesen und unsre natürlichen Anlagen ganz klar sind. Denn es gilt, neue Kräfte herauszubilden in dem kommenden Geschlecht und in uns selbst. Erziehen, heraus aus der Schwäche, hinauf zur Kraft; heraus aus den schönen Gefühlen, hinauf zur Pflicht, zum Willen zum Leben, zur Wahrheit! »Die Wahrheit wird euch frei machen,« sagt Christus.

Wir müssen Klarheit über zwei Fragen suchen.

Ist das Weib Vollmensch wie der Mann?

Welche Entwicklung ist der Natur und den Aufgaben des Weibes entsprechend?

Antwort kann uns nur die Naturwissenschaft geben, wenn wir über die Natur des Weibes etwas erfahren wollen.

Wo wir hinblicken in der Natur, da erkennen wir die Wahrheit der Worte:

 

»In Lebensfluten, in Tatensturm

Wallʼ ich auf und ab,

Webe hin und her!

Geburt und Grab,

Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben,

Ein glühend Leben;

So schaffʼ ich am sausenden Webstuhl der Zeit

Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.«

 

Wir schauen den im Kreislauf sich vollziehenden Vorgang der Entwicklung allen Lebens. Es bildet sich ein selbständiger Mittelpunkt, welcher Masse an sich und in seinen Dienst zieht. Dabei nimmt die Masse immer bestimmtere Formen an, zeigt immer intensivere Bewegung; das Einfache differenziert sich zum Zusammengesetzten; das Zusammengesetzte strebt immer energischer nach Beziehung zu andern Einheiten. Klärung und Verteilung der Kräfte tritt immer sicherer hervor, sie streben selbständiger auseinander, sie polarisieren sich, um mit ergänzenden Kräften andrer Einheiten, bei denen die Entwicklung um einen andern Kern stattgefunden hatte, Verbindungen einzugehen. Das Gleiche will verschmelzen durch Überwindung der Kontraste. Sofort lösen sich neue selbständige Mittelpunkte los, und das Spiel des Lebens beginnt seinen

Rhythmus von neuem in Auf und Nieder, Abstoßen und Anziehen. Hinter diesem ewigen Wechsel der Erscheinungsform aber steht das Bleibende, Ewige, unser Vater im Himmel, aus dessen Hand das Leben rollt, zu dem es zurückdrängt. Diese wundervollen Vorgänge, von denen Goethe singt:

 

»Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,

Wenn keiner sie ergründen mag;

Die unbegreiflich hohen Werke

Sind herrlich wie am ersten Tag«,

 

finden wir auf allen Stufen des Lebens in gleicher Regelmäßigkeit wieder. Es entwickelt sich dabei eine Erscheinung, die wir Bewußtsein nennen. Die verschiedenen Seiten dieser Erscheinung, rhythmisches Einnehmen und Herausgeben, Reizfähigkeit und Bewegung, sind, analog den Vorgängen der organischen Entwicklung, ebenfalls an den Lebenskern des Organismus gebunden und strahlen von ihm aus. Ihre erkennbaren Träger sind die Nerven. Bei steigender Entwicklung bleiben diese Nerven die mechanischen Reizleiter aber es bildet sich eine Bewußtseinszentrale im Hirn aus. Auf welcher Stufe das Bewußtsein beginnt, vermag niemand zu sagen. Es zeigt sich auf der untersten Stufe, die wir erkennen können, nur in der Fähigkeit, sich der Umgebung anzupassen, und aus ihr neue Masse an sich heranzuziehen zum Weiterentwickeln. Immer konzentrierter und differenzierter erscheint es in der höheren Tierwelt, bis es beim Menschen selbst einen neuen Grad erreicht hat. Von allen Bewußtseinserscheinungen finden sich bei den Tieren mehr oder weniger deutliche Spuren: Empfinden, Vorstellen, Erinnern, Kombinieren, Fühlen und ein dumpfes Wollen, nämlich der Trieb. Beim Menschen aber beginnt die Fähigkeit, sich auch seiner selbst und seines Zusammenhangs mit Gott bewußt zu werden; sein Lebenskern hebt sich zum bewußten »Ich« und erhält Ewigkeitsgehalt. Damit ist eine neue Daseinsstufe erstiegen, eine ganz neue Möglichkeit: die Unsterblichkeit . Die Verbindung mit dem Vater alles Seins ist beim Menschen persönlich geworden und sein Ziel ist, eine Persönlichkeit zu werden. Nicht Stoff und Kraft nur überdauern das individuelle Leben, sondern das Individuum selbst erhält außer dem Gattungszweck und dem allgemeinen Daseinszweck einen persönlichen Zweck: das Bild Gottes in sich herauszuarbeiten und zu wissen: »Wir sind göttlichen Geschlechts!«

Diese kurze Entwicklungsgeschichte glaubte ich Ihnen schuldig zu sein als Grundlage und Voraussetzung für meine weiteren Ausführungen. Es ergibt sich daraus die Konsequenz, daß Differenzierung eben Entwicklung ist, daß also auch die Scheidung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit immer energischer das ganze Wesen ergreifen und sich immer mehr herausbilden wird bei gesunder Entwicklung, und daß eine Angleichung nicht als Kulturfortschritt zu begrüßen wäre, sondern nur Rückbildung und Verkümmerung des Menschengeschlechts bedeuten würde. Was uns die Geschichte des Individuums nicht lehren kann, das lehrt die Geschichte der Völker und ihrer Kultur. Bei den wilden Völkern, wo der Einzelne nur mehr Teil der Masse ist, wo sich rechtes individuelles Bewußtsein noch kaum herausgebildet hat, da erhebt sich der Geschlechtsunterschied auch kaum über die körperlichen Funktionen. Es besteht da zwischen den Geschlechtern nur das quantitative Verhältnis von Stark zu Schwach mit den natürlichen Geschlechtsinstinkten.

Sehen wir unser deutsches Volk an, so erhebt sich der Unterschied der Geschlechter zuerst auch kaum über dies natürliche Verhältnis. Da unser Volk überhaupt den Charakter herber Kraft trug, so dürfen wir stolz darauf sein, daß bei ihm auch eine herbe, sittliche Reinheit herrschte. Was die alten Sänger singen, ist frohes Naturgefühl und herzliche Frühlingsliebe zum Weibe. Aber das Suchen und Finden war leicht; denn ein rechtes, innerliches, persönliches in- und miteinander leben, wie es uns komplizierten Kindern der Neuzeit das Liebesideal ist, wird selten möglich gewesen sein. Das Höchste war die eheliche Treue bis zum Tod. An unsern einfachen Bauern von heute sehen wir noch einen Rest dieses Verhältnisses, daß sich in der Ehe einfach Geschlecht mit Geschlecht verbindet, ohne daß ein individuell bewußtes, geistiges Anziehen oder Abstoßen stattfände; es ist das Leben einer seelisch indifferenzierten, knospenhaften Reinheit und Gleichmäßigkeit; das Individuum ist noch fest an die Masse gebunden und hat noch kaum eigene geistige Struktur angenommen. Daß natürlich von jeher Individuen sich aus der Masse erhoben, und daß ebenso Fäulnis in die einfachsten Massenverhältnisse einsickern kann: wer wollte das leugnen? Dann geht es mit der Kulturentwicklung und der Entwicklung der Geschlechtseigentümlichkeiten – wie mit dem Erwachen des individuellen Lebens – ruckweise vorwärts. Es würde zu weit fuhren, wollte ich das durch die Zeiten hin im einzelnen nachweisen. Aber das kann ich noch andeuten, daß in Zeiten starker allgemeiner Vorwärtsentwicklung auch ein lebhaftes Bewußtwerden der Geschlechtseigentümlichkeiten eintrat, sei es in Verehrung, sei es in Spott. Ich brauche dabei wohl nur an die Stellung der Frau im 12. und an die im 16. Jahrhundert zu erinnern, wie sie sich in der Literatur der Zeiten zeigt. Welch anderes Gesicht hat in dieser Beziehung wieder die Wende des 18. Jahrhunderts mit seinen romantischen und starkgeistigen Frauen und der wunderlichen Rührseligkeit. Es gibt keinen edlern Genuß, als die majestätischen Wogen der Geschichte an dem geistigen Auge vorüberrollen zu sehen und sie aus einem bestimmten Gesichtspunkt zu betrachten.

So sind wir bei der Gegenwart angekommen und betrachten noch einmal das Weib im Verhältnis zum Mann als Mensch. Es ist uns kein Zweifel, daß die geistige und sittliche Herunterdrückung des Weibes, in welcher Form sie sich zeige, ein Rest des tiernatürlichen Verhältnisses von Stark und Schwach ist, einer Entwicklungsstufe angehörig, auf der die Triebe und Instinkte wenig gezügelte Herrschaft haben, mit welch klugen Worten man das auch umkleide. Und es ist traurig zu sehen, wie die feinste geistige Kultur gerade im Verhältnis der Geschlechter zueinander doch oft so wenig ändert trotz der Differenzierung des Wesens. Was in frühen Jahrhunderten ein naiv derbes sinnliches Sichausleben sein konnte, wo der heilige Geist Gottes nicht reinigend geweht hatte, das ist bei unserem viel weiter differenzierten Leben ekelhafte Fäulnis geworden, deren Giftdampf bis tief in das Familienleben zieht. Und was in früherer Zeit natürliche Folge der einfacheren Berufsverhältnisse war, aus denen gesunder Lebensinhalt vollwertig herauswuchs, die einfache Geistesbildung der Frau, das liegt heute wie ein Alp auf dem weiblichen Geschlecht, weil es in schreiendem Gegensatz, in vollständiger Disharmonie steht zu der Möglichkeit eines befriedigenden Lebensinhaltes.

Ich hoffe, wir sind zusammen zu dem Resultat gekommen, daß das natürlich harmonische Verhältnis der Geschlechter das sein soll, daß unter den wechselnden Formen der steigenden Kultur Mann und Weib sich stetig weiter und feiner entwickeln zu gegenseitiger vollwertiger Ergänzung. Je bewußter das Individuum sich von der Masse löst und sich als Persönlichkeit entwickelt, um so mehr tritt auch die bewußte Aufgabe an es heran, sich wieder zum Dienst an der Gattung hinzugeben mit allen Kräften seines Wesens. Dazu kommt das herrliche individuelle Ziel, daß das natürliche Leben von innen durchleuchtet wird durch den Strahl des göttlichen Lichts, durch das der Mensch erst wahrhaft »eine lebendige Seele« wurde, so daß, wenn unser Egoismus verklärt wird zur Nächstenliebe und unsere Sinnlichkeit zur Aufopferung, wir sagen dürfen: »Ich lebe, doch nun nicht ich; Christus lebt in mir.«

Wir treten an die zweite Frage heran: Welche Entwicklung ist der Natur und der Aufgabe des Weibes entsprechend? Wieder belehrt darüber kein Dogma und auch kein lebendiges Wort Christi selber, sondern nur die Naturwissenschaft. Am und im Körperleben entzündet sich das Bewußtseinsleben, und es behält seinen erkennbaren Träger in dem Nervenapparat, dieser Differenzform aus demselben Stoff, aus dem auch der Muskelapparat sich entwickelte, aus dem das Knochengerüst sich absondert. Das Leben des weiblichen Individuums entwickelt sich genau den allgemeinen Naturgesetzen entsprechend. Wann und wie sich seine Geschlechtsanlage entschied, ob in dem Moment, wo die Eizelle die Fähigkeit zur selbständigen Daseinsentwicklung empfing, ob etwas später, das gehört hier nicht her. Aus unentschiedener Knospenform entwickelt sich aber bald und immer erkennbarer das weibliche Wesen; der ganze Körper nimmt weibliche Formen an und bereitet sich auf seine Gattungsaufgaben vor, bis er nach Blüte- und Fruchtzeit zurückgeht auf allgemeine Altersformen. Das Wesentliche der weiblichen Form ist Schmiegsamkeit, Dehnbarkeit, Zierlichkeit und warme Fülle. Der ganze Organismus spannt sich gleichsam der mütterlichen Aufgabe entgegen, die die größten Veränderungen in ihm hervorbringt und ihn zum Träger und Pfleger neuen Lebens machen muß. Daß diese tiefgreifende Naturaufgabe nicht bloß Knochen, Muskeln und Gelenken die entsprechende Eigenart gibt, sondern auch den Nerven ihr besonderes weibliches Gepräge verleiht, oder besser, auch die Nerven sich darauf hin entwickeln läßt, ist selbstverständlich. Denn zwischen dem Organ und seiner Arbeit ist ja eine fortwährende engste Wechselwirkung: das Organ entwickelt sich an der Arbeit durch Übung und Gewohnheit, und umgekehrt, die Arbeit geschieht nach den Organen, die zur Verfügung stehen. Bedenken Sie nun, welche starke, innere Arbeit dem weiblichen Körper zuerteilt ist, und es ist klar, daß die Nerven ganz andere Eigenschaften annehmen müssen als die männlichen, die für starke Kraftleistung nach außen angelegt sind. Wie beweglich und anpassungsfähig, wie zäh und widerstandsfähig und doch wie erregbar und zart müssen sie werden! Die Nerven aber sind die Träger der Bewußtseinserscheinungen, der Psyche des Körpers. Nun haben auch die Nerven eine praktische Arbeitsteilung, eine Differenzierung der Arbeit aufzuweisen. Eine Reihe Hauptstränge, die sogenannten Sinnesnerven, kümmern sich weniger um die Gattungsaufgaben, sondern sie haben die Überwachung, Regelung und Besorgung des Verkehrs mit der Außenwelt aufgenommen, sie besorgen gleichsam die Einnahmen und Ausgaben des Individuums. Bei ihnen tritt der Geschlechtscharakter fast ganz zurück, ihre Aufgabe liegt eben nicht nach dieser Seite. Ebenso die Bewegungsnerven haben mit dem Gattungscharakter nicht viel zu tun, wenn sie auch, ich möchte sagen unwillkürlich, an der allgemeinen Nervenentwicklung des Körpers teilnehmen, folglich die gleichen spezifisch weiblichen Eigenschaften der Anlagen aufweisen. Die vegetativen Nerven dagegen, die das innere Körperleben regeln und versorgen, sind, so still und unscheinbar selbstverständlich sie ihre Arbeit zu verrichten scheinen, die eigentlichen Träger des weiblichen Geschlechtscharakters, wie ich ihn oben zeichnete. Der Wechsel ihrer Aufgaben in den verschiedenen Momenten des weiblichen Lebens hält sie in ewiger Erregung, und fortwährend teilen sie den Empfindungsnerven eine Änderung mit, die diese weiter in das Hirn melden. Sollte also wirklich das Urteil zutreffen, daß Frauen von Natur weniger geschlossen logisch denken, unruhiger von einem Gedanken zum andern eilen, aber dafür schneller und energischer erfassen: hier der natürliche Grund. Also: die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Vorstellungsart entwickeln sich vom innersten Wesenskern aus und bestehen darin, daß alle von außen eindringenden Reize, die zu Empfindungen, Vorstellungen, Erinnerungen und Phantasien werden, anders, eben in der weiblichen Art, die durch die Verschiedenheit der körperlichen Vorgänge bedingt ist, erfaßt und assimiliert werden. Gewiß ist auch die Art und Form dieser von außen gebotenen Reize bestimmend für die Entwicklung des Bewußtseins; jeder Mensch ist zum großen Teil das Produkt seiner Umgebung. Aber an der Herausarbeitung männlicher und weiblicher Eigentümlichkeiten haben sie wenig Anteil, die hängen nicht ab vom Dargebotenen, sondern von dem die Außenreize ergreifenden Innern .

Damit kommen wir an das innerste Innenleben der Frau, zu den Gefühlen . Ein Gefühlspsychologe hat bekanntlich gesagt: »der Eingang zu ihnen ist, wie der zum Hades der Alten, dunkel.« Wo sie erzeugt werden, in welcher Weise die Nerven ihre Träger sind, das hat, soviel ich weiß, noch keine Wissenschaft sicher erforscht. Aber das können wir sagen, daß kein Empfinden – empfinden ist in der Sprache der Psychologie die elementare Erregung durch irgend einen Reiz von außen oder innen; die Empfindungen sind die Elemente aller Vorstellungsformen, nicht, wie in dem allgemeinen Sprachgebrauch, Gefühle. Ich bitte, das bei meinen Ausführungen im Auge zu behalten – und kein Streben, kein Leben denkbar ist, das nicht auch Gefühl zeigte. Es steigt auf aus dem tiefsten Zentrum des Wesens, erregt sich an jeder Lebensregung von außen herein oder von innen heraus, und lodert hoch über Zeit und Raum von diesem seinem Erdenboden auf in Begeisterung, Liebe und Glauben. So hoch es sich auch erheben mag in ewige, göttliche Regionen, so müssen wir doch seine lebendigen Wurzeln in dem einfachsten körperlichen Leben suchen; wie die Rose auch blüht und duftet, ihre Wurzeln stecken in der dunkeln Erde. »Du bist Erde, und sollst zur Erde werden.« Wenn die einfachsten allgemeinen Lust- und Unlustgefühle, die den Stoffumsatz begleiten und an dem oben geschilderten Entwicklungskreislauf des Lebens sich erregen, die sich zu Stimmungen verdichten und als Temperament eine bestimmte Struktur annehmen, aufhören, dann sinken alle sogenannten höheren Gefühle wie welke Blätter im Winterfrost. Also: du sollst wieder zur Erde werden! und Salomo hat recht: »Der Tag des Todes ist besser wie der Tag der Geburt!« Und dann sage ich auch, für Frauen und Männer: »Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!« wenn uns die Wogen des Lebens nichts anderes als die gräßliche Vergänglichkeit in die Ohren rauschen könnten. Der Trost der »sterbenden Blume« kann mich wenig befriedigen, denn ich begnüge mich nicht damit, Teil der Menschheit zu sein.

 

»Sind sie, was ich war,

Bin ich selber es nicht mehr!«

 

und wir müßten klagen:

 

»Zerstieben und verwehen

Wie gelbes Laub im öden Raum?

Verglimmen und vergehen,

Wie dort im West der Wolkensaum?

 

Auf uferlosem Meere

Versinken ohne Rettungsboot

Ins Nichts, ins ewig Leere? –

O kurzer Traum, o kalter Tod!«

 

Dessen müssen wir uns bewußt sein, die Naturgesetze und die Wissenschaft vom Naturleben , die können uns auch nur bis an die Ausgangspforte des Naturlebens begleiten, bis an den Tod. In wem in diesem Lebenskreise nichts Neues, Höheres geboren ist, der muß naturnotwendig als Individuum zurücksinken in die Masse, so herrlich glutvoll vielleicht sein Leben war, eben »wie die Blume auf dem Felde, und ihre Stätte kennet man nicht mehr«. Doch ist uns auch für unser Wissen und Erkennen, nicht allein für unser Hoffen und Glauben, eins erlaubt. Wenn die Sonne untergeht, läßt Gott ja auch für unsere sehnsüchtigen irdischen Augen die fernen Sterne leuchten, denn wir sind Kinder des Lichts und sollten mit der alten Mutter Nacht nichts mehr zu tun haben. Von der Gewißheit unseres Glaubens aus, mit dem wir Gott fassen und nicht lassen, mit dem wir sterbend sagen: »Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum, unsern Herrn!« von dieser Siegesruhe aus, die den mutigen Kämpfer auch im Schlachtgewühl nicht verlassen soll, spähen wir rückwärts in die Naturwelt, in der die Gesetze herrschen, die wir mit unserer Gehirnkraft denkend fassen können, ob nicht wollte ein Sternchen auftauchen, das Unsterblichkeit auch für das denkende Vorstellen herüberschimmert. Wozu quälen wir uns sonst, ein Frauenideal zu suchen, um wieder zu werden, als die da Frieden findet?

Ich sagte vorhin: in wem nichts Neues, Höheres geboren ist, der muß zurück zur Masse. Die Hölle des Nichtseins verschlingt ihn wie

 

»Alle die andern

Armen Geschlechter

Der kinderreichen

Lebendigen Erde,«

die

»Wandeln und weiden

In dunkelm Genuß

Und trüben Schmerzen

Des augenblicklichen

Beschränkten Lebens,

Gebeugt vom Joche der Notdurft.«

 

Wir sahen zu Anfang, daß alles individuelle Leben sich um einen Kern gruppiert, der in roheren und feineren Formen Masse an sich zieht und sie mit Kräften durchströmt, bis die Teile, selbständig geworden, auseinander streben, um neue Mittelpunkte zu bilden. Wir verfolgten diesen Vorgang bis zum Menschen und seinem menschlichen Bewußtsein hinauf und hatten bekannt: All dies Leben rollt aus der Hand Gottes und drängt zu ihm zurück. Während aber alles andere als ewig wechselnde Masse ihm entgegendrängt, während auch das individuelle Leben in der Gattung vorwärts eilt, differenziert sich auf dem Boden allgemeiner Gefühle, die das natürliche Leben behüten, die die Fortentwicklung der Gattung sichern, im Menschen etwas heraus, das neuen Möglichkeiten zustrebt Dies Neue wird am deutlichsten erkennbar an der Gefühlsseite unseres Bewußtseins. Das Gefühl wird klar erkannt an den Beziehungen des Individuums zur Gattung; es hat aber ein so geschlossen individuelles Gepräge, daß in ihm der Teil des Menschen uns erscheint, der reif wird für wahrhaft eigenes, also ewiges Leben.

Lückenlos kann wohl die Wissenschaft die Entwicklung der höheren Gefühle auf dem Mutterboden des Allgemeingefühls nachweisen; die ästhetischen, die intellektuellen, die sittlichen, die sympathetischen Gefühle, die Liebe selbst und der Glaube selbst lassen sich zergliedern und auf ihre Entstehung und Entwicklung prüfen. Aber immer sehen wir dabei nur den Anfang, nie das Ende, und die Wissenschaft lehrt doch ewige Fortentwicklung, der das Innerste unseres Wesens zustrebt. Der Kreislauf, der bei Gott anfängt, kann nur in Gott enden. Wir müssen nicht nur glauben, sondern uns überzeugen:

 

»Ist am Schemel seiner Füße

Und am Thron schon solcher Schein:

Ei, was wird an seinem Herzen

Erst für eine Wonne sein!«

 

Welcher Entwicklungsweg ist damit dem weiblichen Menschen gewiesen? Wohin die elementarsten körperlichen weiblichen Allgemeingefühle wachsen wollen, da winkt auch das Ziel unseres Wesens. Nur gereinigter, geklärter, alle irdischen Schlacken hinter sich lassend, immer unabhängiger von den engen Zufälligkeiten des Erdenlebens müssen unsere Gefühle werden, die unserem ganzen Sein Richtung geben. Das unentwickelte Kind ist erfüllt von naiver, vollkommener Selbstsucht; das ist das einzige Mittel, sich natürlich zur Entfaltung zu bringen. Sobald sich diese nähert, wendet sich die Kraft, erst in dumpfen Ahnungen, endlich einmal in voller Stärke der Gattungsliebe zu, die also eigentlich, wie bis dahin die Liebe zu Eltern, Geschwistern und Gefährten, nur eine Abzweigung der Selbstliebe ist. Die so aus der Selbstliebe sich entwickelnde Geschlechtsliebe erreicht beim Weibe ihre Vollendung erst mit der Mutterliebe, während sie beim Manne, seiner Natur nach, immer wieder zur einfachen Selbstliebe zurückkehrt. Und die Mutterliebe ist nun die natürliche, harmonische Erfüllung und Ausfüllung des Lebens. Wo sie sich nicht in irgend einer Form entwickeln kann, da tritt Rückbildung ein, die nur gedeckt wird durch die Ausbildung der höheren Gefühle. Das Gefühl für das Ich und für die Gattung ist die natürliche Unterlage für alle höheren Gefühle, die sämtlich irgend eine mögliche Potenzierung und Entwicklung aus diesem Lebensgefühl sind. Folglich wird kein höheres Gefühl sich beim Weibe entwickeln können, das nicht die speziell weibliche Färbung behielte, bis in die Höhe hinauf, wo die Loslösung von der Erde und ihren Entwicklungsgesetzen vollendet ist. Obwohl die Gefühle für das Schöne, Gute, Wahre sich beim Weibe an den gleichen Erscheinungen des Außenlebens wie beim Manne erregen, je kräftiger, durch Vorstellungen geklärter, um so besser: sie behalten, so lange sie gesund sind, die weibliche Biegsamkeit, Dehnbarkeit und zähe Anpassungsfähigkeit. Sie behalten sie in solchem Grade, daß sogar, wo die Natur die Unterlage versagt, wo weder Männerliebe noch Mutterglück das Frauenschicksal berührt, das Leben, dem freilich der schönste natürliche Sonnenschein fehlt, mit Liebe angefüllt und durch Liebe glücklich werden kann.

Die Gefühle geben dem Leben die Farbe und die Richtung. Sie erregen sich an den Eindrücken des Lebens. Aber sie werden von innen erregt durch die Lebenskraft, die wir den Willen nennen. Der Wille zum Leben ist der Atem Gottes, der individuelles Leben erregt, der es vorwärts stößt bis zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Wenn wir schon im Gefühl eine Kraft erkennen, die der Ewigkeit entgegenstrahlt und zu Gott aufsteigt, wie gewiß muß dann dieser Wille fähig sein, das Individuum von der Masse zu lösen und in ihm zu steigen, zu steigen über Berg und Tal, durch Feuer und Wasser, durch Glück und Leid, bis er als persönlich frei gewordener Wille das Bild Gottes ohne Flecken und Runzeln darstellt. Von ihm gilt das Wort des Apostels Paulus: »Nicht, daß ich es schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen möchte, nachdem ich von Christo Jesu ergriffen bin.«

Ich will Ihnen auf dem Gebiet des Willenslebens nicht noch einmal eingehend den Entwicklungsgang vorführen. Beobachten Sie selbst, wie wir ihn lückenlos in immer breiterem Strom verfolgen können von den ganz gebundenen Lebensäußerungen der Pflanze bis zu den mächtigen Trieben, die das Schicksal des Menschen bestimmen. Beobachten Sie ihn von dem weinenden Säugling, der sein erstes Tasten lernt, um der Mutter Brust zu suchen, bis hin zu allen Äußerungen gewaltiger Leidenschaften, die die Welt bewegen, und bis zu der mächtigen Willenskraft eines Luther, der sich einsetzt für seine Überzeugung. Heben wir uns nicht in dem Willen, der sich selbst bezwingt, hoch über die Naturgesetze dieses Daseins?

 

»Ich will!« das Wort ist mächtig,

Sprichtʼs einer ernst und still.

Die Sterne reißtʼs vom Himmel,

Das eine Wort: Ich will!«

 

Wie wird sich dieses Wollen und seine oft unvollkommene, von Zwang und eigner Schwäche unterbrochene Äußerung, das Handeln, in der echten Frau gestalten? Es kann nur in den Trieben begründet sein, und muß aus ihnen sich erheben und herauswachsen, bis wir, müde des Streites in der Welt und der eigenen Brust, die irdische Bürde fallen lassen:

 

»Hinauf, hinauf, die Erde flieht zurück,

Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!«

 

Aber allerdings, das Wollen muß hinauf wachsen. Sie kennen das Gleichnis vom viererlei Acker; da haben Sie die einfache Geschichte des Willens, auch des Willens in der Frauenbrust. Blicken Sie um sich, blicken Sie in sich, wie stehtʼs mit dem Hinaufarbeiten des Triebes der Selbstsucht zum Willen , zum Werden der Nächstenliebe, wie mit dem Entwickeln der sinnlichen Triebe zur reinen Mütterlichkeit, dem lebendigen Kraftquell der Zukunft? Meine lieben Schwestern, Christus sagt: »Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, und wie wollte ich, es brennete schon.« Glimmt es in unserer Brust? Sind unsere Lampen helle, oder sind wir schläfrig, weil es Mitternacht scheint?

 

 

Thesen zu dem Vortrag:

»Psychologie der Frau«.

 

1.              Der Lebens- und Pflichtenkreis einer Frau muß nach dem Worte Kants gesucht werden: Bestimme dich aus dir selbst!

2.              Das Ideal, auch das Ideal für das Frauenleben, darf nicht in einer toten Formel erstarren, sondern muß sich lebendig weiter entwickeln.

3.             Aus einer dualistischen Psychologie erwuchs der verhängnisvolle Irrtum, als sei der Mensch, Doppelwesen nach Leib und Seele, auch ein Doppelwesen als1) Mensch und 2) Mann oder Weib. Daher bei Mann und Weib falsche Ideale von »Menschentum« und von »Männlichkeit« und »Weiblichkeit«.

4.            Nicht das Wort Gottes, sondern Buchstabenauslegung des Wortes Gottes findet einen Gegensatz zwischen der natürlichen Entwicklungslehre und der Lehre Christi.

5.             Die Frauen teilen sich in die Hauptarten:

1)             die träge Masse, die gedankenlos weiter lebt; aus ihr rekrutiert sich die Masse der Unglück und Fluch bringenden Frauen; aus ihnen steigt auf das Edelgut der Nation, die glücklich befriedigten Frauen;

2)            die neuen Frauen, die nach neuen Idealen und nach neuen Gütern streben.

6.            Die Natur entwickelt aus einfachen Formen immer differenziertere, auf bestimmter Stufe des organischen Lebens entsteht die Erscheinung, die wir Bewußtsein nennen; beim Menschen hat es die Stufe erreicht, aus der individuelle, selbständige Unsterblichkeit herauswachsen kann.

7.             Das Verhältnis der Geschlechter ist Differenzierung von innen heraus; die Geschlechtsverschiedenheit ist Entwicklung, die Ausgleichung ist Verkümmerung. Die geistige und sittliche Minderwertung des Weibes ist ein Rest des tiernatürlichen Verhältnisses von Stark und Schwach.

8.            Das weibliche Wesen entwickelt sich nach allen Richtungen hin mit weiblichem Gepräge, bestimmt für den Dienst an der Gattung. Wir finden das nicht nur in der körperlichen Entwicklung, sondern alle Seiten der Bewußtseinserscheinungen haben den Geschlechtscharakter.

9.            In dem Fühlen erhebt sich der Mensch zur Unsterblichkeit, in dem Wollen drängt er Gott entgegen; nur in wem in den irdischen Daseinsformen ein Neues, Höheres geboren ist, der ist der individuellen Unsterblichkeit fähig.

10.              Die weibliche Entwicklung kann nur in der Richtung ihrer elementarsten Gefühle und Triebe vorwärts schreiten, nämlich weibliche Vollkommenheit ist mütterliche Liebe und das Leben für andere in Christi Nachfolge.