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Maria Theresia May – Kranke Seelen

Novelle

Aus: Neuzeit, Blätter für weibliche Bildung in Schule und Haus, zur Förderung der Frauenbestrebungen und Vertretung der Fraueninteressen, 3. Jg., Nr. 1 und Nr.2, Korneuburg, 1892



Wie das Feuer im Ofen flackert und prasselt und mit seinem Glanze und mit seiner Wärme zu sagen scheint: »Wie gut hast Du's; sieh nur um Dich, welche Behaglichkeit Deine Lampe in dem traulichen Gemache bescheint: von dem duftenden Thee, der in dem blinkenden Glase neben Dir steht, von der malerischen Unordnung Deiner Bücher und Papiere bis zu Deinem guten Mütterchen, das Dir gegenüber, Zeitung lesend, im Lehnstuhle sitzt – ja, Du hast's wahrlich gut!« Mit dankbarem Herzen gebe ich den Stimmen recht, die im Feuer zu mir sprechen, und lausche weiter in wachen Träumen, und jetzt macht sich neben den Flüstern der Flammen das taktmäßige Plaudern des Pendels meiner Wanduhr bemerklich. Ich unterscheide jetzt ganz deutlich zwei Worte, die immer und immer gleichförmig wiederkehren: »Psychopathisch – minderwertig! . . . Psycho­pathisch – minderwertig«! . . . so geht's fort und fort im Takte. Wo habe ich denn nur diese Worte bei einer ganz besonderen Veranlassung gehört? – Ja, wo denn nur? – Ich will mich besinnen; da fällt ein Kohlenstück mit großem Geräusche auf den Rost – und merkwürdig, plötzlich steht die ganze Geschichte von der psychopathischen Minderwertigkeit lebendig vor mir.

Zehn Jahre sind es her, dass ich in K. als Lehrerin weilte. An der Bürgerschule daselbst war auch ein höchst eigenartiger Mensch angestellt, von dem trotz all' seiner Tüchtigkeit im Berufe der Director doch zu sagen pflegte: »Gott habe ihn in seinem Zorne zum Lehrer geschaffen«. Franz Gartner war nämlich von maßloser, oft durch die kleinsten Anlässe erregbarer Heftigkeit. Bei seinen Collegen und Colleginnen war Gartner nicht beliebt. Den Mitlehrern widerstrebte Gartners unausstehliche Rechthaberei und Streitsucht, sowie seine Neigung, die geistige Überlegenheit, welche er auf manchem Gebiete thatsächlich besaß, möglichst geltend zu machen. Die Colleginnen aber mieden Gartner hauptsächlich seiner aufdringlichen Hofmacherei halber, in die sich doch stets ein starker Zug von Ironie mischte. Vielleicht stieß auch Gartners Hässlichkeit ab; denn sein Kopf erinnerte an Voltaire, mit dem Gartner auch die geistreiche Rücksichtslosigkeit gemein hatte. – Zu Beginn des neuen Schuljahres wurde an der Bürgerschule als Lehrerin der französischen Sprache eine junge Französin angestellt, welche vor ungefähr zwei Jahren nach Österreich als Erzieherin in ein vornehmes Haus gekommen war.

Iza Rosée bildete den denkbar schärfsten Gegensatz zu ihrem nunmehrigen Collegen Gartner. Sie war ein liebliches Geschöpf, lebhaft, beweglich, von interessanter Schönheit und reich an Güte, aber nicht gerade hervorragend begabt. Selbstverständlich versuchte Gartner auch der jungen Französin den Hof zu machen, doch siehe da, sie wies ihn mit Energie zurück und setzte seiner versteckten Ironie eine so scharf beleuchtende Offenheit und Geradheit entgegen, dass Gartner nicht Stand zu halten vermochte. Ja, als dieser sich wieder einmal besonders rücksichtslos benommen hatte, erklärte Frl. Iza dem Director, dass er Gartner zu einem anderen Verhalten veranlassen müsse, sonst würde sie beim Bezirksschulräte Klage führen. Der Director, welcher ja längst mit großem Missfallen die unbegreifliche Verhaltungsweise Gartners im Verkehre mit seinen Amtsgenossen bemerkt, in ihm aber noch stets den außerordentlichen Methodiker in den naturwissenschaftlichen Fächern geschont hatte, stellte auf diese Klage hin Gartner energisch zur Rede, wobei der Director leider nicht verschwieg, dass Fräulein Iza Rosée sich über Gartner beschwert hätte.

Bald nach diesem Vorfalle trat etwas ganz Sonderbares ein. Scheu und finster zog sich Franz Gartner nahezu von jedem Verkehre, namentlich mit den Colleginnen zurück. Hatte er es sonst nie unterlassen, in den Conferenzen sich neben eine der Lehrerinnen zu setzen und ihr ab und zu selbst eine geschmacklose Galanterie ins Ohr zu flüstern, so nahm er jetzt niemals neben einer der Damen Platz, sprach mit keiner, erschien als der letzte und gieng der erste. Uns Lehrerinnen ließ dies natürlich ziemlich gleichgiltig; nur Iza Rosée sah merkwürdigerweise zunächst mit einer Art von staunendem Schreck diesem so völlig veränderten Gebaren Gartners zu. Nach einigen Wochen aber war es, als sei Iza von einem Dämon erfasst, nämlich von dem Dämon einer alle Schranken der Vernunft sprengenden Leidenschaft für Gartner.

Auf den kalten zugigen Gängen des Schulgebäudes konnte sie bis zu halben Stunden warten, nur um Gartner aus dem Classenzimmer kommen zu sehen; dann begehrte sie meist kleine Hilfeleistungen oder Auskünfte von ihm, die ihn zwingen sollten, mit ihr zu sprechen. Gartner gewährte diese kleinen Dienste scheinbar nur widerwillig, zumeist von einem beißenden Spottworte begleitet, wie ich selbst zu bemerken Gelegenheit hatte, das der armen Iza die Thränen in die Augen trieb. Ja, es kam vor, dass Gartner Iza gar nicht beachtete und sie ungehört stehen ließ. Eine unsägliche Seelenqual malte sich dann in dem lieblichen Gesichte, und die hilflose Angst, mit der die großen Kindesaugen Gartner nachschauten, konnte einem wohl Mitleid mit Iza und zugleich Besorgnis um sie einflößen. Die Collegen ließen es nicht an sarkastischen Ausfällen gegen diese neue Auflage des Käthchens von Heilbronn fehlen, die Colleginnen äußerten offen ihre Entrüstung, und nur wenige hatten Theilnahme für das arme Mädchen. Zu diesen wenigen gehörten außer mir selbst der alte liebenswürdige Director und Frl. Hannah Frauke, eine Lehrerin, welche ich persönlich sehr hoch schätzte, ihres hellen Verstandes wegen ebenso sehr wie um ihres milden Urtheils willen. Hannah äußerte mir gegenüber die mitleidsvollste Sorge um die junge Französin, weil Frl. Franke fürchtete, die Leidenschaft Iza's würde sich zu einem schweren Gehirnleiden entwickeln. »Gottlob«, fügte Hannah hinzu, »dass in wenigen Tagen mein Bruder zu einer mehrwöchentlichen Cur herkommt« – K. war nämlich ein Badeort – »ich werde ihm sofort den Fall mittheilen, vielleicht kann er helfend eingreifen. Als Leiter des Irrenhauses von T. muss er ja Erfahrung genug besitzen und wird solche psychologischen Probleme zu lösen verstehen«.

Ich erwartete seit dieser Mittheilung die Ankunft Dr. Frankes mit Ungeduld, da Iza's Zustand immer beängstigender wurde. Sie hatte ihre hübsche bequeme Wohnung verlassen und war in eine Hofwohnung gezogen, weil man aus den Fenstern derselben zu Gartners Wohnung hinübersehen konnte. Ja, das bedauernswerte Mädchen sandte dem Manne, der nichts von ihr wissen zu wollen schien, Blumen und kleine Geschenke, die ihr, wie uns Iza's Dienerin mittheilte, nicht selten eine ungezogene Zurückweisung eintrugen. Hannah und ich machten dem armen Kinde die eindringlichsten Vorstellungen, auch der Director mahnte Iza an ihre weibliche Würde, es war vergebens! Iza erklärte unter Thränen, sie sehe alles ein, aber eine unwiderstehliche Gewalt zwinge sie zu ihrem Verhalten. »Sie sind verrückt!« rief endlich der Director ärgerlich, »ich werde auf Ihre Versetzung antragen«. Mit einem trostlosen Blicke schaute darauf Iza den alten Mann an: »Es ist möglich, dass ich wahnsinnig bin«, sagte sie leise, »ich denke es manchmal selbst«.

»Sie werden Ihre Berufspflichten vernachlässigen«, wandte der Director ein, von Iza's Blick und Ton entwaffnet. »O nein«, erwiderte sie mit Entschiedenheit, und der Director konnte nicht widersprechen, denn die junge Französin war in der Schule den Kindern gegenüber allerdings bisher die frühere tüchtige Lehrerin geblieben. Ja, wir meinten in der That, dass nur ihr Beruf sie vor einem völligen Sturz in geistige Nacht retten könne.

So standen die Sachen, als Dr. Franke ankam, der von seiner Schwester natürlich gleich mit der ganzen trübseligen Geschichte bekannt gemacht wurde. Der Arzt versprach, Iza sowie Gartner zu beobachten und womöglich zu helfen, nur sollte im Orte niemand erfahren, dass Dr. Franke Irrenarzt sei. Der Director wurde ins Vertrauen gezogen, und dieser vermittelte wiederholte Begegnungen Dr. Frankes mit Gartner in einem Gasthause, wo jener den Lehrer im Gespräche mit ihm selbst, sowie im Verkehre mit andern beobachten konnte. In gleich unauffälliger Weise, nämlich bei seiner Schwester, traf der Arzt mit Frl. Rosée zusammen und wusste mit seinem milden Ernste das Mädchen bald zutraulich zu machen, so dass sie gerne mit ihm sprach und ihm eine größere Offenheit zeigte, als seit lange irgend jemandem anderen. Mit lebhafter Spannung warteten nun wir Eingeweihten, nämlich der Director, Hannah und ich, auf die beginnenden Heilungsversuche bei Iza, aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt; es blieb zunächst alles beim Alten. »Ich möchte sie einmal zusammen beobachten«, erklärte der Arzt eines Tages seiner Schwester. »Du musst es einrichten, Hannah, dass ich mit beiden in irgend einer Gesellschaft zusammentreffe«.

Hannah setzte sich darauf mit dem guten alten Director ins Einvernehmen, und dieser lud den ganzen Lehrkörper gelegentlich der Feier seines Geburtsfestes zu einer kleinen Abendunterhaltung zu sich.

Ehe es zu Tische gieng, sah ich mit Iza eines der schönen Bilderwerke des Directors an, als Dr. Franke mit Gartner zu uns trat. Sofort sah die Französin ängstlich und betrübt aus und suchte, sich an Gartners Seite zu stellen. Da rief die Hausfrau zu Tische und ersuchte Dr. Franke, die Französin, Herrn Gartner Frl. Franke zu führen, und nannte dann noch die drei oder vier Paare, welche die Tischgesellschaft bildeten. Ich achtete kaum darauf, wer mich führte, weil ich mit größter Spannung Gartner beobachtete, der, als die Directorin Dr. Franke zum Tischnachbar Iza's bestimmte, diesem einen hass- und wutherfüllten Blick zuwarf. Der Arzt schien das nicht bemerkt zu haben, auch Iza nicht, welche still und blass neben dem Doctor saß, wobei sie indes fast unausgesetzt zu ihrem Vis-à-Vis Franz Gartner hinübersah. Gegen Ende des Mahles löste sich eine dunkle Rose, die Iza im Haare trug, und fiel zur Erde. Dr. Franke bückte sich schnell, hob die Rose auf und sagte lächelnd: »Ich bin dem Zufall sehr dankbar, dass er mir ein so hübsches Andenken an den heutigen Abend gewährt«, damit wollte er sich die Rose in das Knopfloch stecken.

»O, wenn Ihnen die Blume Freude macht, so will ich gegen die Annectierung«, erwiderte Iza lächelnd, »keinen Protest« – – ihr Blick fiel auf Gartner, der Iza in diesem Momente so drohend anschaute, dass ich selbst bis im innersten Herzen erschrack. Sie stockte, wurde leichenblass und sagte nach einigen Secunden zitternd: »Ich kann Ihnen die Blume doch nicht lassen, ich bitte, Herr Doctor, geben Sie mir dieselbe zurück«.

Dr. Franke verneigte sich und entgegnete ruhig, indem er ihr die Rose überreichte: »Gegen einen so bestimmten Wunsch gibt es natürlich keinen Widerspruch«.

Eine Minute später gab die Hausfrau zu meiner großen Befriedigung das Zeichen zum Aufstehen. Die Stühle wurden gerückt, die Gäste näherten sieh dankend den Wirten, und Hannah Franke schlug den Deckel des Claviers zurück. »Kommen Sie, Mademoiselle«, wandte sie sich an die Französin; »singen Sie uns doch das hübsche Lied der Baronesse Rothschild: ›Si vous n'avez rien à me dire‹, das singen Sie ja so gern«.

»Ich, singen?« sagte Fräulein Rosée zögernd; da gieng Gartner wie zufällig dicht an Iza vorüber. Ich sah, dass er etwas sagte, es konnte nur ein Wort sein, aber Iza neigte zum Zeichen der Einwilligung den Kopf. »Verzeihen Sie«, sagte sie gleich darauf zu Frl. Franke, »ich kann jetzt nicht singen; vielleicht später«, setzte sie leiser hinzu.

»O, das ist sehr schade, Frl. Rosée, ich hätte Sie so gerne singen gehört, man hat mir Ihre Stimme sehr gerühmt«, bemerkte Dr. Franke freundlich, »ich möchte nicht abreisen, ohne Sie gehört zu haben«.

»Vielleicht kann ich einmal bei Ihrer Schwester singen«, entgegnete Iza, aber sie flüsterte es fast, so dass nur Dr. Franke und ich, die wir ganz nahe standen, sie verstehen konnten. Man drang nicht weiter in die Französin, und Frl. Franke, eine treffliche Clavierspielerin, setzte sich an den Flügel und trug Weber's »Aufforderung zum Tanz« vor.

Während alles dem herrlichen Spiel lauschte, hatte sich Iza neben Gartner gesetzt und schaute ihn unverwandt an, mit einem rührenden Zug von ängstlicher Demuth in ihrem lieblichen Antlitz. Gartner sprach, aber nicht zu Iza, sondern vor sich hin mit unbewegten Mienen, und nie war mir sein hässliches Gesicht mit dem vorspringenden Kinn, den über der Nase zusammengewachsenen Brauen und den tiefliegenden Augen so abstoßend erschienen, wie in diesem Augenblick. Jetzt zog der Lehrer seine Uhr hervor und deutete auf die an der Wand hängende altmodische Pendeluhr. Iza schüttelte aber den Kopf, machte ihre zierliche Uhr vom Gürtel los und stellte sie nach der seinen. Nun schien das Mädchen ihn dringend um etwas zu bitten; er bewegte verneinend den Kopf, und als es nochmals die Bitte wiederholte, stand er unwillig auf, deutete nochmals auf die Uhr und entfernte sich von dem Mädchen. – Eben war das Musikstück zu Ende. Gartner näherte sich dem Hausherrn und empfahl sich von ihm da er heute noch zu studieren habe. Genau eine Viertelstunde nach Gartner entfernte sich auch Iza Rosée, die übrige Gesellschaft trennte sich erst viel später.

Dr. Franke und seine Schwester begleiteten mich nach Hause. Natürlich sprachen wir sofort von dem, was uns so lebhaft beschäftigte von Gartner und der Französin. »Frl. Hannah«, rief ich, »ich habe ebensowenig Ihrem Spiel zugehört, wie Ihr Herr Bruder, und ich habe ganz merkwürdige Wahrnehmungen gemacht. Ich bin jetzt überzeugt, dass Gartner sich nur stellt, als wolle er von Iza nichts wissen, und dass er im Geheimen sie auf das entschiedenste beeinflusst«.

»So ist es«! bestätigte Dr. Franke. »Wir haben hier zwei sehr merkwürdige Fälle geistiger Kränklichkeit vor uns. Gartner wie die Französin sind beide, wie wir sagen, psycho-pathisch minderwertig. Es gibt leider sehr, sehr viele solcher Personen; diese können auf bestimmten Gebieten immerhin ganz Tüchtiges leisten, verständig und selbst geistreich sein, aber in einem gewissen Punkte zeigen sie sich entweder schrullenhaft oder nervös gereizt, oder zeigen sich überreizt in ihrer Zuneigung, kurz diese geistige Kränklichkeit – ich sage nicht, Krankheit – kann auf die mannigfachste Weise zutage treten, ohne dass die sociale Verwendbarkeit der betreffenden Person eine Einbuße zu erleiden braucht. Andererseits kann aber diese psycho-pathische Minderwertigkeit leicht durch aufregende Zufälle zu gänzlicher psychischer Wertlosigkeit führen – zum Wahnsinn! Bei den meisten Individuen ist diese Minderwertigkeit auch äußerlich erkennbar, indem irgend eine körperliche, selbst geringfügige Abnormität zumeist, wenn auch nicht immer, ein Zeichen einer nicht völlig gesunden Seele ist, wie z. B. die über der Nasenwurzel zusammenstoßenden Augenbrauen, die angewachsenen Ohrläppchen und die übermäßig großen Hände bei Gartner, die verschiedenfarbigen Augen bei Frl. Rosée«.

»Was«! rief ich erstaunt, »das habe ich noch gar nicht beobachtet«.

»Ja, Fräulein Rosée hat das rechte Auge blau, das linke braun – Sie werden sich morgen überzeugen«.

»Aber um Himmelswillen, kann man denn gar nichts thun, um Iza dem unheilvollen Einflusse Gartners zu entziehen«? rief ich erregt aus.

»Gewiss, Fräulein! Sie und Hannah müssen sich der Französin annehmen und mit Takt und Schonung ihren Verkehr mit Gartner zu beschränken suchen. Aber zeigen Sie ihr ja kein geflissentliches Mitleid, sondern erheitern Sie das Mädchen und sehen Sie, ihr möglichst viel inhaltreiche Zerstreuung zu bieten. Wegen Gartner werde ich selbst mit dem Director sprechen«.

Hannah und ich begannen gleich am nächsten Tage unser Verhalten gegen Iza den Andeutungen Dr. Franke's gemäß einzurichten, natürlich mit aller Vorsicht. Wir veranstalteten Musikabende und luden Iza zur Theilnahme ein, was sie glücklicherweise nicht ablehnte; dann ersuchten wir sie, mit uns französische Lectüre und Conversation zu treiben, worüber die kleine Französin sogar sehr erfreut schien, da sie in K. bisher noch nicht zu reichlich Gelegenheit gehabt, sich ihrer geliebten Muttersprache im Verkehre bedienen zu dürfen. Wir betrachteten es als besonders günstig, dass Gartner der französischen Sprache nicht mächtig war.

Wir wurden plötzlich auch passionierte Fußgängerinnen – die schöne Umgebung von K. lud allerdings zu weiteren Partien ein – und Fräulein Rosée wurde eifrigst zum Mitwandern veranlasst. Zunächst hatte sie freilich mehr als einen Vorwand bereit, um sich von unseren Ausflügen auszuschließen, aber der intimere Umgang mit Hannah, dem klugen, guten, heiteren Mädchen, hatte den vortheilhaftesten Einfluss auf Iza. Sie fasste Vertrauen zu Hannah, und damit war der Bann, der auf dem armen Geschöpfe lag, nahezu gebrochen. Sie gestand, dass Gartner nach ihrer Klage beim Director plötzlich sein Benehmen gegen sie geändert; aber nur scheinbar sich gar nicht um sie gekümmert habe; denn wenn er an ihr vorübergegangen sei, habe er ihr geheimnisvolle Drohungen zugeflüstert, wie: »Ich halte Sie fest – Sie gehören mir«! – »Wagen Sie nicht, mich zu verrathen, sonst sind Sie verloren«! – »Sie müssen mir folgen, ob Sie wollen oder nicht«! – »Ich halte Ihr Dasein in meiner Hand«! – Später trat Gartner dem Mädchen plötzlich an Orten gegenüber, wo sie ihn nicht vermuthete, rief ihr dunkle, drohende Worte zu und verschwand wieder. So gerieth Iza, die nicht wagte, sich gegen jemanden zu beklagen, nach und nach in eine solche Nervenaufregung, dass sie zitterte, sobald sie Gartner nur sah. Endlich sprach er länger mit ihr, natürlich nur, wenn er sie ganz allein traf. Immer düster, räthselhaft drohend, sagte er ihr, dass sie ganz von ihm abhänge, dass sie sein Geschöpf sei und zugrunde gehen müsse, wenn sie von ihm abfalle. Bei der leicht erregbaren Phantasie der jungen Französin war es wirklich nicht zu wundern, dass sie bald dieser seltsamen Suggestion unterlag und nur noch auf den Wink und nach dem Belieben Gartners lebte. Auch der scheinbar freiwillige Wohnungswechsel Iza's war auf den heimlichen Befehl ihres Tyrannen erfolgt.

Hannah drang nun darauf, dass Frl. Rosée ein Zimmer beziehe, welches neben der Wohnung Frl. Franke's gerade leer geworden war. Die Freundschaft Hannahs, an welcher die junge Französin einen starken moralischen Halt fand, gab dieser den Muth, ohne Gartner etwas zu sagen, der Forderung Hannahs nachzukommen und deren Nachbarin zu werden. Gartner war darüber, wie Iza erzählte, natürlich wüthend. Er verlangte, dass sie augenblicklich die Sache rückgängig mache, aber – der Zauber war schon halb gebrochen; so große Furcht Iza auch noch vor Gartner empfand. Gartner schien indes gerade dadurch, dass man seinem Einflusse auf Frl. Rosée so große Hindernisse in den Weg legte, aufs höchste erregt zu werden. Er betrachtete das junge Mädchen wirklich als sein Eigenthum, und um sie sich ganz zu sichern, machte er ihr – einen Heiratsantrag. Iza hatte Fassung genug, zu erklären, dass sie die Sache reiflich überlegen wolle; zu Hause schrieb sie dann, allerdings zitternd vor Angst, eine Ablehnung. Nach Erhalt derselben stürzte Gartner in die Wohnung der Französin und machte ihr eine entsetzliche Scene, so dass Hannah, welche einen Ausbruch von Tobsucht bei Gartner befürchtete, ihren Bruder rief, damit ein Unglück verhütet werde. Doch da stürmte Gartner schon fort. »Du wirst's büßen«! rief er noch zurück.

Hannah und Dr. Franke traten sofort bei der Französin ein, welche halb ohnmächtig im Sopha lehnte. Als sie Hannahs ansichtig wurde, brach sie in einen Weinkrampf aus. Nach langer Zeit erst gelang es den Bemühungen des Arztes und seiner Schwester, das arme Mädchen einigermaßen zu beruhigen. Immer wieder rief sie verzweifelt aus: »Er wird mich tödten, er hat's geschworen, er wird mich tödten!« Dr. Franke überließ Iza, als sie etwas ruhiger geworden war, der Pflege seiner Schwester und begab sich zum Director, um anzufragen, ob der von ihm schriftlich beim Bezirksschulrathe eingebrachte Antrag auf Versetzung Gartners zur Begutachtung an den Director gelangt sei. Dr. Franke hatte so dringlich sich geäußert, dass eine sich gerade bietende Gelegenheit benützt und vom Bezirksschulrathe die Versetzung Gartners genehmigt werden konnte. Die betreffende Zuschrift war diesem bereits eingehändigt worden. Mit seiner Ernennung war gleichzeitig seine Enthebung aus seiner jetzigen Stellung angeordnet worden. »Es wird das wohl die letzte Stelle sein, die Gartner antritt«, sagte Dr. Franke bedeutungsvoll. »Es kann vielleicht noch einige Jahre sich hinziehen; aber in seinem Auge lauert der Dämon, welcher über kurz oder lang zur Herrschaft kommen wird«.

Gartner verabschiedete sich von niemanden als vom Director. Iza Rosée aber athmete auf. Sie wurde fast wieder so frisch und heiter, wie sie zur Zeit ihres Stellen-Antrittes gewesen war, nur wollte sie nicht mehr in Österreich bleiben, sondern in ihre Heimat zurückkehren. Sie reichte um ihre Entlassung ein, und am Schlusse des Schuljahres begleiteten wir alle mit recht schwerem Herzen das liebe Mädchen, das uns allen wert geworden war zur Bahn, wo sie den Zug bestieg der sie nach Lille, ihrer Vaterstadt, führte. – Wir, d h. Hannah und ich sind, in lebhaftem Briefwechsel mit ihr geblieben, aber schon seit mehreren Jahren adressieren wir unsere Briefe an Madame Iza Chapentier; Iza Rosée hat nämlich einen braven Baumwollhandler, Jaques Chapentier, geheiratet und ist eine glückliche Frau geworden, bei der wohl von einer psycho-pathischen Minderwertigkeit nichts mehr zu spüren ist. »Sie hat sich ausgeheilt«, sagt Dr. Franke.

Der arme Franz Gartner machte nun freilich Dr. Franke's Prophezeihung nur zu bald wahr. – Nach einem aufregenden Verdruss mit dem Vater eines Schülers, den Gartner in seiner Heftigkeit geschlagen hatte, ward er thatsächlich geistesgestört. Er lebt nun schon zehn Jahre als Pflegling Dr. Franke's in dessen Anstalt zu T. – Mein Mütterchen ist längst über ihrer Zeitung eingeschlafen, aber hell flackert noch das Feuer, und im Takte bewegt sich nach wie vor der geschwätzige Pendel der Uhr, noch immer höre ich: »Psycho-pathisch minderwertig! – Psycho-pathisch minderwertig!« – Behüte uns Gott davor!