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Rosa Mayreder – Fabeleien über göttliche und menschliche Dinge

Novellen

Rosa Mayreder, Fabeleien über göttliche und menschliche Dinge, Anzengruber Verlag - Brüder Suschitzky - Leipzig, Wien, 1921



Ein Brief an den Verleger als Vorwort

Sehr geehrter Herr!


Als wir zuerst miteinander von diesen Fabeleien redeten, fragten Sie mich, was für eine literarische Gattung das nun eigentlich wäre. Ich blieb Ihnen die Antwort schuldig. Es ist immer mißlich, Fragen an den Autor zu stellen; die Antworten, die er zu geben hat, sind – eben seine Werke. Häufig sehr unzulängliche, sehr ungenießbare, sehr dunkle Antworten, ich räume es ein. Vielleicht täte er besser, statt den Umweg über die dichterische Darstellung einzuschlagen, die Sache einfach auf dem verstandesmäßigen Wege zu erledigen. Der Verstand ist ja doch im Begriff, der Herr der Welt zu werden. Hat man nicht schon die Frage aufgeworfen, ob die Dichtkunst nicht bloß ein Spiel für große Kinder sei, dessen sich die Menschheit, wenn sie einmal zum vollen Gebrauch ihrer Vernunft gelangt, entwöhnen werde –?

Mit diesem vollen Gebrauch scheint es einstweilen noch gute Wege zu haben. Ich meinesteils bin zum Beispiel mein ganzes Leben lang nicht über das Mißvergnügen hinausgekommen, mit dem ich in der Religionsstunde erfuhr, daß der liebe Gott es jetzt nicht mehr halte wie zur Zeit der biblischen Geschichte. Ach, um wie- viel schöner hatten es damals die Leute! Da gingen Engel und Teufel herum, Heilige und Propheten, und bei besonders wichtigen Anlässen erschien der Herr in höchsteigener Person. Das Herz schlug einem höher bei dem bloßen Gedanken! Warum durfte man nicht in solchen Zeiten leben, warum nicht in dieser berauschenden Erwartung, daß morgen, heute, jeden Augenblick ein Wunder geschehen konnte? Wie? Von all diesen fabelhaften Herrlichkeiten war für uns Spätgeborene nichts übriggeblieben als ein Katechet, der schlechte Noten verabreichte, wenn man nicht aufpaßte, weil man just davon träumte, ob es denn kein Mittel gäbe, den lieben Gott in seiner Abneigung gegen den persönlichen Verkehr mit dem Menschengeschlecht wieder umzustimmen –?

Und kaum ist man der Religionsstunde entwachsen, so übernimmt der Verstand im Leben die Rolle des Katecheten. Da heißt es gewaltig aufpassen, daß die Phantasie keine Seitensprünge mache. Wir müssen uns an das halten, was er predigt, und wehe, wenn wir ihm nicht aufs Wort glauben!

Das scheint auch den lieben Gott zu verdrießen; denn es ist leider Tatsache, daß er sich in die menschlichen Angelegenheiten nicht mehr einmischt. Haben wir uns schon klargemacht, was das bedeutet? Das Leben ist doch so sterbenslangweilig ohne ihn, so unerträglich zivilisiert und aufgeklärt! Wenn künftig keine göttliche Hand in diese trostlos eintönige Kette von Ursache und Wirkung eingreifen und sie von Zeit zu Zeit aufheben soll, dann möchte man sich lieber gleich dem Teufel verschreiben, um nur endlich etwas anderes zu erleben.

Und so versucht man immer wieder, in jene Welt zu flüchten, wo die alten Machthaber noch aus- und eingehen und »etwas zu bedeuten« haben, wie das An der Welt der Dichtung üblich ist. – – Aber richtig: Sie wollten von mir wissen, was für eine Bewandtnis es mit der Gattung der Fabeleien habe!

Also ohne Umschweife: Fabelei kommt von Fabulieren. Und fabulieren heißt, Wirkliches und Erfundenes vermengen. Freilich wäre dann so ziemlich alles, was der menschliche Intellekt hervorbringt, inbegriffen das Bild der ganzen Welt, nur eine Fabelei. In der Tat – was waren die Systeme aller Philosophen bisher als Fabeleien? Als spielerische Erfindungen, mit denen sie sich Antwort gaben auf die Fragen, die der Intellekt an die Welt richtet? Daß die Fabeleien der Philosophen ernst gemeint sind, daß sie, fachmännisch ausgedrückt, Anspruch auf objektive Giltigkeit erheben, gereicht ihnen nicht zum Vorzug; wer eine Reihe solcher gravitätisch ernster und meistens auch sehr umfangreicher Fabeleien kennt, weiß schließlich nicht, was er mit der objektiven

Giltigkeit so vieler ungelöster Widersprüche anfangen soll.

Lassen wir nun einmal den Ernst aus dem Spiel, indem wir ihm gestatten, sich hinter dem Spiel zu verbergen, so werden wir den Fabeleien, wie ich sie verstehe, am ehesten gerecht. Sie sind meine ganz persönliche Art, mich mit jenen Problemen abzufinden, die uns in ihrer Gegensätzlichkeit so peinlich nahe gehen. Das Menschliche und das Göttliche, Ich und Welt – wie lange schon zerbricht sich der Intellekt den Kopf darüber!

Er ist zu bedauern, dieser Kopfzerbrecher, der es sich nicht nehmen läßt, mit immer neuen Versuchen wider die uneinnehmbare Festung Sturm zu laufen. Ein leiser Anstrich von Lächerlichkeit heftet sich daran wie an alles Unzulängliche. Daher tritt ab und zu das Gefühl dieser Lächerlichkeit auf den Schauplatz der Darstellung. Auch das gehört zum Wesen der Fabelei. Daß ich es einige Male vergessen habe, müssen Sie mir zu Gute halten – wer vergäße nicht zuweilen, daß er lachen muß, um das Leben zu ertragen?


Wien, im Februar 1921


Ihre ergebene Rosa Mayreder




Drachentöter

Der heilige Georg saß auf seinem Schimmel seit fünf Uhr früh und wartete auf den Drachen. In der linken Hand hielt er den Schild und in der rechten die Lanze. Ein Harnisch von blankem Stahl bedeckte seine Brust. Grünglänzend spiegelten sich darin die hochgewölbten Buchen, und seine Beinschienen schillerten rot vom Reflex des verdorrten Laubes, das den Boden bedeckte. Während des langen Wartens war sein junges Gesicht blaß geworden und die Lider sanken ihm schwer über seine großen, rehbraunen Augen. Er wartete lange – ganz ahnungslos, wie schön er war auf seinem Schimmel, mit seinen schimmernden Waffen und seinem blaßen Gesicht unter dem Heiligenschein.

Allein der Drache ließ sich nicht blicken. Da mußte der heilige Georg wieder unverrichteter Dinge abziehen, wie schon so oft. Seit vielen Wochen stand er täglich fromm und tapfer auf dem Anstände dort, wo der Drache zuletzt gesehen worden war; dieses teuflische Wild aber besaß vermutlich eine feine Witterung und roch den Heiligen schon von weitem.

Der heilige Georg hatte nicht die Anmaßung, zu glauben, daß sein blasses Jünglingsgesicht unter dem Heiligenschein dem Drachen Furcht einjagen könnte. Woran lag es also? Waren doch so viele Andere, die durchaus nicht darauf ausgingen, dem Drachen begegnet; er hatte sie aufgefressen oder laufen lassen, je nach seiner Laune. Und der heilige Georg konnte sich nicht verhehlen, daß darunter ganz gewöhnliche Bursche waren, die gar nicht wußten, was für ein Abenteuer sie bestanden, Faulpelze, die es bloß für eine Unannehmlichkeit hielten, wenn sie das Ungeheuer erblickten und ihm ausweichen mußten, oder auch völlige Dummköpfe, die nicht einmal merkten, welche Gefahr ihnen drohte, wenn sie über seinen grauenvollen Rumpf gedankenlos hinüberkletterten wie über einen Felsengrat, der zufällig auf ihrem Wege lag. So oft aber der Drache einen zermalmte oder verschlang, entstand ein großes Wehklagen im Lande, und laut erscholl der Ruf nach dem Helden, dem es gelänge, dies schändliche Untier zu erlegen und unschädlich zu machen für alle Zukunft.

Deshalb hatte der heilige Georg in seinem ritterlichen Herzen beschlossen, den Drachen zum Kampfe herauszufordern, mutig, geradeaus, mit seinem guten Schwert, als ein Mann, der fechten kann und sich nicht fürchtet.

Aber der Drache ließ sich nicht blicken.

Da sah der heilige Georg ein, daß er auf diese Weise nichts ausrichten konnte. Er prüfte und erwog bei sich genau. Vielleicht fehlte es ihm, wenn schon nicht an Willen, so doch an Wissen? Wenn schon nicht an Glauben, so doch vielleicht an Können? Mit dem Willen und Glauben allein kann man nichts erreichen, wenn man nicht auch das Wissen und Können besitzt: so lehrten die Meister schon in den Vorhöfen.

Der heilige Georg steckte seinen schönen goldenen Heiligenschein in die Tasche und machte sich auf, um unerkannt eine Studienreise zu den berühmtesten Lehrern der Weisheit anzutreten.

Zu jenen Zeiten waren das drei Einsiedler im tiefen Wald, die wohl den Drachen lange Jahre aus eigener Erfahrung kennen und mit seinen geheimsten Schlichen und Schlauheiten vertraut sein mußten.

Der erste Einsiedler, den der heilige Georg nach dem Drachen fragte, hatte eine herrliche Stimme von großem Klang. Mit dieser Stimme hub er an, daß es weithin vernehmbar war, und die Tiere des Waldes andächtig lauschend vor der Klause stehen blieben:

»Den Drachen kenn ich wohl, mein Sohn! Niemand ist so kühn, der ihn reizen darf. Wer kann die Kinnbacken seines Antlitzes auftun? Und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen? Seine stolzen Schuppen sind wie feste Schilder; seine Augen sind wie die Augenlider der Morgenröte; aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken; und wenn er daherbricht, so ist keine Gnade da. Er achtet Eisen wie Stroh, und Erz wie faules Holz –«

Der heilige Georg, der sehr bibelfest war, harrte bescheiden, bis der Einsiedler Atem schöpfte, und sagte dann: »Ich weiß, ehrwürdiger Vater, so heißt es Buch Hiob, Kapitel 41 –«

Aber der Einsiedler hatte es nicht gerne, wenn man seine Rede unterbrach, und fuhr fort: »Kein Pfeil wird ihn verjagen; den Hammer achtet er wie Stoppeln; er spottet der bebenden Lanze. Nach ihm leuchtet der Weg, er macht die Tiefe ganz grau; auf Erden ist ihm niemand zu gleichen; er verachtet alles, was hoch ist, er ist ein König über die Stolzen –«

»Aber wo ist er zu finden?« rief der heilige Georg.

»Das steht nicht geschrieben«, versetzte der Einsiedler, ermattet von seiner großen Deklamation.

»Und habt Ihr ihn nicht gesehen, auf Euren Wegen, ist er nicht vorübergekommen vor Eurer Klause?«

»Gesehen? Nein, gesehen habe ich ihn nie! Gott hat mir immer seinen gnädigen Schutz angedeihen lassen. Und vor meiner Tür ist ein Pentagramma angebracht; da kann all das Teufelszeug nicht heran.«

Der heilige Georg empfahl sich.

Freundlich beschnupperten ihn die Tiere des Waldes; denn sie erkannten den Heiligen in ihm, obwohl er keinen Heiligenschein trug. Er kraute ihnen liebreich die Ohren, bevor er seinen Schimmel bestieg. Dann ritt er fürbaß, bis er vor die Klause des zweiten Einsiedlers kam.

Der zweite Einsiedler machte ein sehr bedenkliches Gesicht, als er von den Plänen des heiligen Georgs erfuhr.

»Den Drachen kenn ich wohl, mein Sohn«, sagte er. »Nur rate ich dir, geh ihm aus dem Wege, geh ihm aus dem Weg! Und wenn du ihn bis jetzt nicht angetroffen hast, so danke Gott dafür inbrünstiglich, und vermiß dich nicht dessen, was Gott in seiner unerforschlichen Gnade dir vorenthält. Als ich jung war und mein Sinn auch nach eitel Ehren und Waffentaten stand, habe ich mich selbst mit dem Gedanken getragen, den Kampf gegen den Drachen aufzunehmen; aber Gott hat meinen Sinn erleuchtet, und ich habe abgelassen von den Werken der Ruhmsucht. Gott liebet diejenigen, so da demütig sind und nicht trachten nach ihrem Stolz.«

»Ehrwürdiger Vater«, versetzte der heilige Georg, »ich glaube Euch versichern zu dürfen, daß es nicht eitle Ruhmsucht ist, die mich treibt, mein Werk zu vollbringen, sondern das Mitgefühl mit der Not aller derer, die der gräuliche Drache bedroht.«

Aber auch der zweite Einsiedler hatte es nicht gerne, wenn man seine Rede unterbrach und fuhr fort:

»Lieber Sohn, hüte dich vor den Fallstricken des Bösen! Er packt uns bei unserer Eitelkeit und verblendet uns durch schöne Worte. Hinweg mit den ritterlichen Beinschienen und dem spiegelblanken Harnisch! Hülle deinen Leib in ein hären Gewand und kasteie dich! Dann wirst du die Arglist des Erzfeindes erkennen lernen. Innewerden mit Zerknirschung wirst du, daß sich hinter deinen Absichten und Plänen die alte Schlange verbirgt. Denn vernimm: Alles, was opus operatum ist, führt nicht zum wahren Heile. Darum tu ab von dir alle Pläne und Absichten, und laß Gott walten! Er allein ist der Herr! Er tötet die Drachen zu ihrer Zeit und erhält sie am Leben, so lange es ihm gefällt. Glaubst du, er braucht deines Armes, um seinen Willen zu vollstrecken?«

Damit ließ der Einsiedler den heiligen Georg stehen und ging eilig von dannen; denn es war gerade die Stunde, da er das Glöcklein seiner Kapelle zu läuten pflegte.

Der heilige Georg war über diese Worte sehr betrübt. Er fühlte, wie sein tapferes Heldenherz schwer hinter dem spiegelblanken Harnisch hing und die Freudigkeit seiner Seele davonschlich, als hätte jemand mit Knütteln nach ihr geschlagen.

Dennoch ließ er nicht ab von seinem Vorsatz. Lange ritt er querwaldein, bis er den dritten Einsiedler fand.

Der dritte Einsiedler war schon uralt. Seine Stimme klang wie aus einer andern Welt, und seine Augen schienen mehr nach innen als nach außen zu blicken. Auch sein Gehör war nicht mehr ganz auf die Töne dieser Welt gestimmt; der heilige Georg hatte seine liebe Mühe, sich verständlich zu machen und mußte alles dreimal wiederholen.

»Den Drachen kenn ich wohl, mein Sohn«, begann der uralte Einsiedler, nachdem er lange medidiert hatte. »Aber wisse: hier obwaltet ein großes Mißverständnis. Du lebst in dem Wahne, daß du den Drachen in der äußeren Welt aufsuchen und töten müßtest. Es gibt aber gar keinen Drachen in der äußeren Welt – denn es gibt auch keine äußere Welt. Der Drache ist ein inneres Erlebnis; er wohnt in dir selbst. In deinem Innern mußt du ihn aufspüren, mußt du ihn jagen, mußt du ihn töten –«

»Verzeiht, ehrwürdiger Vater«, versetzte der heilige Georg, »ich meine den wirklichen Drachen, der schon so viele Unglückliche aufgefressen hat.«

Aber auch der uralte Einsiedler hatte es nicht gerne, wenn man seine Rede unterbrach, und fuhr fort:

»Ich werde dir sagen, wer dieser Drache ist. Dieser Drache, das ist dein Ich mit seinem Eigenwillen und seiner Selbstsucht. Oder, allgemeiner gefaßt: das principium individuationis, das ist der rasende, gefräßige, siebentöterische Drache, der Urheber jener Lüge, welche du die wirkliche Welt nennst. Zertritt ihm den Kopf, mein Sohn! Das heißt, verneine ihn, vernichte ihn in dir! Wenn du ihn in dir vernichtest, so vernichtest du mit ihm die sogenannte wirkliche Welt – also gesetzt auch, es befände sich unter der Summe von Täuschungen, aus denen die sogenannte wirkliche Welt besteht, eine Täuschung in der Gestalt eines Drachen, so wirst du diese Täuschung am besten besiegen, wenn du sie in dir, zugleich mit allen übrigen Täuschungen, besiegst.«

Der heilige Georg setzte sich verwirrt auf einen bemoosten Stein.

Indessen verbreitete sich der uralte Einsiedler noch ausführlicher über seine Methode des Kampfes gegen Drachen. Er schloß:

»Sieh mich an, ich bin der wahre Drachentöter! Ich habe die Welt überwunden und ihre Lüste! In mir ist ihr Wesen zur vollen Selbsterkenntnis gelangt und hat sich selbst aufgehoben durch freie Verneinung. Bald wird auch die letzte armselige Spur der Welt, dieser hinfällige Leib, ausgetilgt sein. Die Welt, sie wird erlöst mit mir in das göttliche Nichts dahinschwinden!«

Er machte eine große, weltumfassende Handbewegung, als wollte er den heiligen Georg wie einen Fleck aus seiner Sphäre wegwischen.

Bange erhob sich der heilige Georg und stammelte:

»Aber ich? Was bin denn ich? Bin ich auch nur eine Täuschung, die ins Nichts dahinschwinden wird, sobald Ihr das Zeitliche segnet, ehrwürdiger Vater?«

Auf diese Frage gab der uralte Einsiedler keine Antwort; denn er war bei dem Worte Nichts in Verzückung gefallen.

Der heilige Georg ritt weiter. Sein junges Gesicht war noch viel blässer geworden. Er dachte in seinem Sinn, daß es doch wohl leichter sei, mit Drachen zu kämpfen, als sich mit Einsiedlern zu unterreden.

Am Saume des Waldes hielt er an. Da lag die Welt so leuchtend und licht; auf dem sonnigen Himmel hingen muntere Wölkchen, vor denen die Lerchen tirilierten; in silbernem Grün standen die Saatfelder, und wenn der Wind über sie hinlief, spielten sie mit ihm in weichen, zärtlichen Wellen. Unten im Thal stieg aus den Schornsteinen wohlgemut und aufrecht ein blauer Rauch wie ein Lobgesang behaglicher Heimstätten über die Strohdächer. Ein warmer Geruch von sonnebeschienenem Wiesenheu schwebte in der Luft, die sich schmeichelnd dem heiligen Georg an die Wangen legte. Zutrauliche Schmetterlinge setzten sich auf seine Hände, geschäftige Bienen ruhten sich auf seinen Locken aus, neugierige Vögel hüpften aus den Zweigen hervor, um ihn mit glänzenden Augen in der Nähe zu betrachten.

Und den Weg herauf, der sich zwischen den Ähren schlängelte, kam ein fahrender Spielmann gegangen. Der sprach zu ihm:

»Was stehst du hier so betrübt, du lieber Gesell? Die Welt lacht dich an – willst du ihr nicht mit einem freundlichen Gesicht erwidern?«

»Ach«, versetzte der heilige Georg, »dies Lächeln der Welt schneidet mir ins Herz! Liegt sie nicht da wie ein Kindlein in der Wiege, das die Arme ausstreckt nach der Mutter, unschuldig und sonder Arg? Aber ehʼ man sichʼs versieht, kann der Drache über sie hereinbrechen und all ihre süße Seligkeit in bitteres Herzleid wandeln! Deshalb bin ich ausgezogen, den Drachen zu töten; aber der Drache verbirgt sich vor mir, und ich sehe wohl, es wird mir nicht beschieden sein, die Welt von ihm zu befreien.«

Der Spielmann betrachtete den heiligen Georg mit herzlichem Wohlgefallen. »Wohlan denn« sagte er, »nimmst du mich mit, so will ich dich die Wege führen, wo der Drache lauert. Du bist ein gar unschuldiges junges Blut; ich aber bin viel in der Welt herumgekommen, in ihren Höhen und in ihren Tiefen. Und wenn wir dem Drachen begegnen, dann fasse du dein Schwert, und ich will meine Laute schlagen. Ein tapferes Schwert, ein tapferes Lied, sollten die nicht des Drachen Herr werden?«

So zogen sie selbander hinaus in die weite Welt, den Drachen, den Drachen zu töten.



Einsame Gegend

Jäh stürzt der Berg hinunter ins Meer. Auf seinem Abhang trägt er viele bunte Steine: weiße Marmortrümmer mit verspülten Ornamenten, roten Porphyr und gelbgefleckten Alabaster, blauen Labrador, auf dem die Sonne metallische Funken entzündet, Jaspis und Achat. Alles Köstliche, an dem eine hohe Kultur sich ergötzte, liegt hier beisammen – ein Haufen schöner Scherben.

Oben, wo eine zackige Felswand den Gipfel krönt, wächst ein Feigenbaum mit Früchten, die niemand pflückt. Eine abgestorbene Aloe kauert neben ihm; sie streckt aus ihren braunen, runzeligen Blättern einen kahlen Blütenstengel hoch hinauf in die heiße Luft. Olivenbäume, kärglich befiedert mit dünnem silbernen Laub, stehen einzeln umher. Wie vom Durste gepeinigt, winden sich ihre verlechzten Stämme. Aber satt gleißen die grünen Aloen, die in breitem Gestrüpp den Fuß des Felsens umgeben. Zwischen ihren Blättern, die scharf und spitzig sind wie Schwerter, verbirgt sich ein Säulenkapitäl. Und ein Portikus mit gebrochenen Säulen erhebt sich inmitten. Er führt in die dunkle, verschwiegene Felsentiefe,

In ihrem Innern ruht ein Tempel verschollener Götter, eingeschnitten in das harte Gestein. Der Eingang ist verschüttet, durch viele Erdbeben verschüttet, die alle verwitterten Brocken des Felsengipfels heruntergegossen und die Säulen des Portikus. geknickt haben wie Rohrschäfte. Unzugänglich ragt die Felswand vor dem Heiligtum; mit trotziger Abwehr schaaren sich die Aloen herum und verbieten den Zugang.

In mondlosen Nächten, wenn der Himmel von Sternen funkelt, und spielende Delphine Krystalle über das aufrauschende Meer streuen, geht eine hohe marmorne Frau aus dem verschütteten Eingang hervor. Stilvoll geordnet fällt ihr weißes Gewand in unbeweglichen Falten an ihren Gliedern herab. Sie berührt im Schreiten mit ihren nackten Füßen den Boden, aber die Schwerter der Aloen verletzen sie nicht.

Am Strande des Meeres bleibt sie stehen und wendet sich hinaus ins Grenzenlose. Ihre rechte Hand erhebt sie ausgestreckt zum Himmel. Ist es eine Klage? Ist es eine Drohung? Ist es eine Beschwörung? Und ihre linke Hand ruht, zur Faust geballt, auf ihrer steinernen Brust, als wollte sie die starre Oberfläche zerdrücken, oder als wollte sie die starre Oberfläche verteidigen. Und ihre blinden Statuenaugen schauen hinaus in eine Welt, die jenseits ist.

Und wie sie steht und schaut, öffnen sich ihre Marmorlippen zu einem Seufzer.

Als ein tötlicher Hauch geht dieser Seufzer durch die Welt. Die Luft wird kalt, das Meer verstummt, die Delphine sinken in die schwarze Tiefe. Alles Lebendige erstarrt in eisigem Schweigen. Stille des Todes breitet sich aus. Nur in ihrer unnahbaren Höhe funkeln die Sterne, die ewigfernen Sterne.

Aber wenn aus den Morgenwolken die lärmende Sonne bricht, ist die bleiche steinerne Frau verschwunden.

Und die Sonne steigt. Brennend steigt sie herauf über die verlassene Küste. Die Felswand glüht; die Oliven werden aschfarben, der Feigenbaum welkt und seine kleinen Früchte beben vor Angst, zu verdorren.

Da kommt aus dem verschütteten Tempel die andere Gottheit hervor. Ein seltsames zottiges Wesen mit einem spöttischen Bocksgesicht und behenden Bocksbeinen. Kurze dicke Hörner wachsen über seiner braunen Stirne, die von Fett und Schweiß glänzt. Breitspurig stellt es sich zwischen den Trümmern auf und läßt mit Behagen die Sonne auf seine haarige Brust scheinen. Doch nicht lange bleibt der Gott still. Er klettert auf die Kante der Felsen und lugt neugierig hinüber in das Tal, wo die Ziegen weiden. Und wenn ein einfältiger Hirte, der sich zu weit vorgewagt hat, vor seinem Anblick erschrocken die Flucht ergreift, bricht er in schallendes Gelächter aus. Lachend jagt er mit tollen Sprüngen über den Abhang zur Küste, daß der Schutt in Staubwolken aufwirbelt und die bunten Steine hinter ihm her kollern. Unten wirft er sich in die laue Flut, stampft mit den Füßen, wälzt sich jauchzend auf einer Sandfläche und hascht nach den silbernen Fischen, die zutraulich um ihn herumschwänzeln. Dann springt er heraus auf eine Klippe, sitzt dampfend in seiner heißen feuchten Bockshaut und holt die Flöte hervor, die hinter seinem hochgespitzten Ohr steckt. Er beginnt zu blasen, Wunderliche alte Weisen bläst er, Urtöne, die kein menschliches Ohr mehr vernehmen kann.

Und während er spielt, geht eine heimliche Bewegung durch die Welt. Das Meer wird blauer, der Himmel glänzender; die Olivenbäume richten sich auf wie vom Regen belebt; die kleinen Feigen schwellen an; in dem Innern der gepanzerten Aloen gehen winzige Knöspchen künftiger Blüten auf; vertrocknete Samen, die der Westwind ans Land geweht hat, regen sich im Staube und wollen keimen.

Aber wenn die Dämmerung über das Meer streicht, ist der übermütige alte Gott in den Felsen zurückgekehrt.

Hinter dem verschütteten Eingang wohnen die beiden Gottheiten. Dort sind sie beisammen. Aber niemand weiß, wie. In dieser Tiefe ist alles Geheimnis. Hassen sich die Beiden, die so ungleich sind? Oder lieben sie sich mit jener unglücklichen Leidenschaft, mit der die Gegensätze ewig zu einander streben?



Der Schatten

Es war sehr kalt. Das Licht des Vollmondes glänzte blendend auf dem frischgefallenen Schnee. Ich watete darin bis über die Knöchel; ein feiner glitzernder Staub wirbelte beständig unter meinen Kleidern auf. Vor mir aber watete mein Schatten. Eilig lief er dahin und begleitete mich getreulich durch die ausgestorbenen schweigenden Gassen. Der Schnee verschlang alle Geräusche, von denen die Mitternacht der Städte belebt ist; ich hörte meine eigenen Schritte nicht.

Da kam mir ein Gedanke. Ich blieb stehen. Das ist zwar kein Grund, stehen zu bleiben; zu meiner Rechtfertigung muß ich aber bemerken, daß es ein ganz verblüffender Gedanke war, der mir da eben gekommen war, ein phänomenaler, schicksalsschwerer Gedanke. Die Menschheit allerdings, fürchtʼ ich, wird wenig Nutzen davon ziehen; nicht, weil sie überhaupt von allen phänomenalen Gedanken bisher wenig Nutzen zog, sondern weil mein phänomenaler Gedanke lediglich eine Privatangelegenheit meiner Person betraf. Ich befand mich nämlich damals in jenem sonderbaren und abnormen Zustand, den man gewöhnlich mit dem schwachen Worte »Verliebtheit« bezeichnet.

Als ich so stille stand, hörte ich einen gähnenden Seufzer, wie von jemandem, der nach einem tiefen Schlafe langsam erwacht. Ich sah mich um – niemand da. Alles leer, alles einsam. Hatte ich mein eigenes Seufzen für ein fremdes gehalten? Ich wollte weitergehen; da trat ich auf eine schwammige, gallertartige, elastische Masse, und eine schwindsüchtig heisere Stimme sagte:

»Au! so gib doch Acht, du trittst mir ja auf den Bauch!«

Und nun bemerkte ich, daß mein Schatten, der so klar auf der schimmernden Fläche lag, sich aufgebläht hatte und sich als dunstiger Körper vom Boden abhob. Er stützte sich halbliegend auf seinen linken Ellbogen; seine rechte Hand, die einem bläulichen Rauchwölkchen gleich sah, streckte er gegen mich aus, wie jemand, der will, daß man ihm beim Aufstehen behilflich sei.

Schleunig trat ich einen Schritt zurück, um diesen unverschämten Rebellen vermittelst der optischen Gesetze in die gebührenden Schranken zu weisen. Aber es war zu spät. Er hatte sich schon emanzipiert und allen Respekt vor den altbewährten Naturgesetzen verloren. Schwerfällig unbeweglich blieb er auf der Stelle liegen, losgetrennt von der Gestalt, mit der er fünfundzwanzig Jahre unauflöslich verbunden gewesen war.

Ich dachte, daß ihm vielleicht durch gütliches Zureden noch beizukommen wäre.

»Was fällt dir ein?« sagte ich vorwurfsvoll. »Das geht doch nicht, daß du dich auf einmal benehmen willst, als wärest du dein eigener Herr. Sei gescheit; lege dich wieder hin, wie sichʼs gehört, und laß mich weiter gehen. Habe ich nicht Kummer genug? Willst auch du mir abtrünnig werden und mich allein lassen?«

Er kehrte sich nicht an meine Worte. Mit blindem Eifer, pustend und stöhnend, suchte er sich auf die Beine zu stellen. Dabei schlotterte er am ganzen Leibe vor Anstrengung; krampfhaft klammerte er sich an die Mauer, um sich im Gleichgewicht zu erhalten.

Recht kläglich sah er aus, in die Länge gezogen, schwarzblau vom Kopf bis zu den Füßen, und ganz unausgearbeitet in den Details, nur gerade der notdürftige Umriß eines weiblichen Wesens. Er hatte sich einige Körperlichkeit gegeben, indem er sich zu einem wolkigen Dunst aufblies; aber durch seinen transparenten Leib schien die fleckige Mauer hindurch; und was er an Rundung gewonnen hatte, war ihm an Dichte verloren gegangen.

Ich versuchte es noch einmal mit der Güte. »Du warst ja bis jetzt ein braver, folgsamer Schatten! Oder hättest du auf einmal den Ehrgeiz, aus einem Schatten ein Geist zu werden? Da wärst du was rechtes! Kein Mensch hat mehr Achtung vor Geistern; selbst der »höchste Geist« ist in Mißkredit gekommen. Und überlege doch: hast du als ein solider, wohlversorgter Schatten, für den ich in allen Lebenslagen mit meiner Person einstehe, nicht eine angenehmere Existenz, als wenn du zum Geist würdest und etwa jedem schäbigen Medium Rede stehen müßtest –? So lange du mein Schatten bist, hat dir niemand außer mir was zu befehlen; aber als vazierender Geist hättest du keine andere Aussicht für deine fernere Laufbahn, als dich bei den Spiritisten mit Alphabetklopfen abzurackern und am Ende gar als unorthographischer Geist zum Gespötte der Ungläubigen zu werden.«

Dennoch machte er keine Miene, seinen erbgesessenen Platz wieder einzunehmen.

Nun riß mir die Geduld. Drüben auf der anderen Seite der Straße lag der Häuserschatten als ein breites, dunkles Band; ich brauchte nur hinüberzugehen, und dann mußte es sich zeigen, wie weit mein rebellischer Schalten mit seiner Selbständigkeit reichte.

Kaum hatte ich den ersten Schritt hinüber gemacht, so hing er auch schon hilflos an meinen Rockfalten.

»Halt, halt!« rief er mit seiner schwachen, unangenehmen Stimme, die klang, als wenn eine Kleiderbürste auf einem Papier gerieben würde. »Bringe mich doch nicht um, kaum daß ich das Licht der Welt erblickt habe.«

Da mußte ich lachen.

»O du Renommist! Das Licht der Welt? Hast du schon vergessen, daß zwischen dir und dem Lichte der Welt ich stehe? Und nun willst du dieses Ich, das dich gezeugt hat, in Pension setzen wie einen ausgedienten Feldwebel, um ferner ohne seine Vermittelung in Beziehung zu dem Lichte der Welt zu treten!«

Er räusperte sich langwierig; das Reden schien ihm beschwerlich zu sein. Dann sagte er mit etwas besserer Stimme in einem Tone zwischen kriechender Schattendemut und heimlichem Geisterhochmut:

»Da ich also dein Werk bin, warum redest du Dinge, die nicht hergehören? Warum verhöhnst du mich nun dessentwegen, was du selbst mit aller Gewalt herbeigeführt hast? Bin ich nicht der Triumph deiner Technik? Hast du nicht dein Ich unbarmherzig geschunden, um mich mit seiner lebendigen Haut auszustatten? Hast du mir nicht deinen Atem eingehaucht, bis ich aufgeblasen worden bin? Hast du mich nicht gefüttert mit deinem Fleisch und Blut? Hast du mir nicht eben früher dein eigenes Herz zum Fräße hingeworfen? Ich habʼ es, ich habʼ es, dein Herz, ich habʼ es und gebʼ es nicht mehr her!«

Er machte einen sonderbaren Luftsprung; dabei spaltete er sein dünnes Schattenkleid und verwandelte sich auf diese Weise in einen männlichen Schatten. Mit jedem Augenblick schien er kräftiger, selbständiger zu werden; in seinem Innern glaubte ich auf einmal einen undurchsichtigen festen Kern zu bemerken. Sollte das wirklich mein Herz sein? Mich überliefʼs; ich begann mich zu fürchten. Das ist etwas, was ich ungern eingestehe, nicht einmal mir selbst: ich tat, was man gewöhnlich tut, um eine beschämende Tatsache zu bemänteln, ich begann zu schimpfen.

»Lügner, frecher, unanständiger Lügner! Ich hätte dir mein Herz, mein gutes, volles, lebendiges Herz zugeworfen, ich dir? Aber wenn du schon mein Herz zu haben vorgibst, Elender, so zeig es her, beweise deine Behauptung. Ja, beweise, beweise, wenn du kannst!«

Da stellte er sich mit gespreizten Beinen vor mich hin. Und mitten in seiner blauschwarzen Brust, wie ein Stern durch eine Rauchwolke, schimmerte es rötlichgelb. Eilig suchte ich – denn ich bin sehr kurzsichtig – meine Lorgnette aus der Tasche. Kein Zweifel! Es war mein Herz, das er da in der .Brust trug! Es sah aus wie ein Lebkuchenherz, schön verziert mit blauen und roten Adern, und auch der Zettel ,mit dem Sinnspruch fehlte nicht. Deutlich stand darauf zu lesen:

Glaube, Hoffnung, Liebe sind die drei;

Eins wenn fehlet, breche ich entzwei.

»Gib es mir augenblicklich zurück!« sagte ich, meine Hand danach ausstreckend. »Mit einem so sentimentalen Herzen darf man keine Experimente machen, das sehe ich jetzt. Ich will es künftig in Ehren halten. Also gib her, und mit Vorsicht, hörst du?«

Er hielt sich beide Hände vor die Brust und wich zurück. Meine Angst stieg aufs Höchste.

»Räuber, Dieb, Schurke, gib mir mein Herz zurück«, schrie ich und stürzte mich auf ihn, um es ihm mit Gewalt zu entreißen.

Aber ich stürzte ins Leere. Da lag ich, schmählich zu Boden gestreckt durch mein eigenes Gewicht. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, daß mein Schatten die Flucht ergriffen hatte. Er war schon weit weg; schnell und geräuschlos glitt er an den weißen Häuserwänden entlang. Dann bog er um die Ecke.

Was blieb mir übrig, als ihm nachzulaufen? Doch als ich an die Ecke kam, war von meinem Schatten straßauf straßab keine Spur mehr zu entdecken.

Und o Schrecken! In meiner Brust rührte sich nichts. Dort, wo sonst jenes närrische, einfältige, wunderliche Ding hüpfte, das Herz, war alles still und tot; ich fühlte nur eine dumpfe Leere, eine unbehagliche Kühle an der Stelle, die es einzunehmen pflegte.

Aus der Ferne kam der Rayonposten schläfrig durch den Schnee gestapft. In meiner Ratlosigkeit ging ich ihm nach und fragte ihn, ob er nicht jemanden vorüber laufen gesehen habe.

Nein, er hatte niemanden gesehen. Wer denn vorübergelaufen sein sollte?

Jemand, der mir mein Herz gestohlen hatte.

Der Rayonposten ermunterte sich ein wenig.

Gestohlen? Jetzt eben? Auf offener Straße?

Ja, eben jetzt auf offener Straße.

Also ein Raubattentat? Das Herz samt der Uhr? Vielleicht auch die Geldbörse?

Nein, bloß das Herz.

Ein silbernes oder goldenes?

Nein, nein, mein wirkliches, lebendiges Herz, kein bloßes Uhr- oder Armbandanhängsel.

Der Rayonposten sah mich mißtrauisch an.

»Aber Sie sind ja ganz wohlauf, meine Liebe,« sagte er. »Wollen Sie sich einen Scherz mit mir erlauben? Und überhaupt, was machen Sie denn so ganz allein nach Mitternacht auf der Gasse? Das schickt sich nicht für ein anständiges Fräulein –«

Er warf einen außerordentlich scharfen Blick auf mich und schien sich auf die in solchen Fällen der Tugend der Rayonposten angemessene Grobheit vorzubereiten.

Ich beeilte mich, ihm mitzuteilen, daß ich kein Fräulein, sondern eine verheiratete Frau sei.

Die Wertschätzung des Rayonpostens befestigte sich wieder ein wenig. Er sagte mit einer Anwandlung von Galanterie:

»Hm, an Stelle Ihres Herrn Gemahls würde ich . Sie um diese Stunde nicht so allein herumgehen lassen!«

O ahnungsvoller Rayonposten! Er griff mit sicherer Hand hinein in das Gewebe schicksalsvoller Gedanken und Begebenheiten, in das ich mich während dieser Nacht verstrickt hatte. So widerstand ich nicht der Versuchung, ihm meine Leiden anzuvertrauen. Es liegt ja eine solche Erleichterung darin, sich seine Beschwerden von der Seele herunterzureden, selbst wenn es nicht die richtige Adresse ist, an die sie gelangen! Nebenbei bemerkt, war der Rayonposten wirklich ein ungewöhnlich hübscher Mann. Das weibliche Geschlecht soll zwar nach der allgemeinen Ansicht wenig Gewicht auf die männliche Schönheit legen und sich bloß an die geistigen Vorzüge halten; aber es ist anzunehmen, daß diese allgemeine Ansicht von den häßlichen Männern herstammt.

»Sie müssen wissen, ich bin noch nicht gar lange verheiratet,« sagte ich vertraulich; »heute ist es genau drei Monate und zwei Wochen her. Sind Sie vielleicht auch verheiratet?«

»Verheiratet gerade nicht,« versetzte der Rayonposten, ebenfalls vertraulich.

»Ach Gott, dann können Sie sich unmöglich vorstellen, was es heißt, drei Monate und zwei Wochen verheiratet zu sein!«

Der Rayonposten schmunzelte. »Warum nicht? Das muß eine ganz angenehme Zeit sein – das sind ja die sogenannten Flitterwochen.«

»Nein, diese Zeit bedeutet schon das Ende der sogenannten Flitterwochen. Ach das ist es ja eben! Jetzt beginnt die Zeit der Enttäuschung!«

»Na, es wird nicht so gefährlich sein!«

»Ich weiß nicht, ob Sie Schiller gelesen haben – aber selbst dieser Schiller, bekanntlich ein Idealist, sagt: Mit des Lebens schönster Feier endet auch der Lebensmai. Er verhält sich also schon gegenüber den Flitterwochen skeptisch. Hingegen bezeichnet Jean Paul dreieinhalb Monate als den Termin, an dem es für Eheleute angezeigt sei, höflich miteinander zu werden. Und gar Schopenhauer – kurzum, es ist grausam! Ich habe keine ruhige Stunde mehr. Bei jedem gleichgültigen Worte denkʼ ich: so, jetzt ist es aus! Jetzt hat er verraten, daß es schon aus ist! Es gibt Töne in seiner Stimme, Töne – ach Töne, bei denen ich glaube, das Herz steht mir still, Töne so voll Gleichgültigkeit, voll Kälte, voll Fremdheit –! Und dabei sich immer zu fragen, ob diese Töne nicht bloße Ausgeburten des Argwohns sind! Nicht bloße Selbsttäuschungen! Haben Sie schon einmal über das Kapitel der Selbsttäuschungen nachgedacht? Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, fangen Sie nie damit an! Das ist ein Labyrinth, ein Abgrund, eine unterirdische Höhlenwelt, aus der es keinen Ausweg gibt. Es ist eine verzauberte Wüstenei, in der man von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt wird. Es ist ein Fegefeuer, in dem man die Sünden der Skepsis am eigenen Leibe büßen muß. Weh dem, der die Kraft des Glaubens nicht hat! Es genügt nicht, daß man liebt; man muß auch an die Liebe glauben, glauben an seine eigene Liebe! Der Zweifel bricht uns das Rückgrat – und dann sind wir allen gemeinen Mächten ausgeliefert, ein Spielzeug unserer eigenen Geschöpfe, Sklaven unserer eigenen Sklaven –«

»Ich weiß aber noch immer nicht, warum Sie sich so spät allein auf der Gasse herumtreiben,« sagte der Rayonposten.

Er gehörte vermutlich zu jenem Publikum, das mehr auf Handlung als auf psychologische Beobachtungen Gewicht legt.

»Also daß ich es kurz sage: heute ist er zum erstenmal, seit wir verheiratet sind, wieder in den Klub gegangen. Natürlich allein, ohne mich! Konnte es ein deutlicheres Symptom geben? Ich war außer mir – aber ich ließ ihn nichts merken. Denn die Liebe ist leider eine furchtbar komplizierte Sache. Gewiß, wenn ich gesagt hätte: »Bleibe bei mir zu Hause, es kränkt mich, daß du mich allein läßt,« er wäre zu Hause geblieben. Daran zweifle ich beinahe nicht. Aber Liebe will erraten sein. Wir hätten es so leicht, wir wissen, daß sich alles fände, wenn wir nur ein Wort sagten – aber das ist es eben! Wir wollen dieses eine Wort nicht sagen, denn wir wollen erraten sein.«

Der Rayonposten räusperte sich.

»Nun, er erriet nichts. Wohlgemut wusch er sich die Hände und band eine frische Krawatte um, bevor er fortging; dann küßte er mich und fragte zerstreut – denn er war mit seinen Gedanken schon aus dem Hause –:

»Was wirst du denn machen, bis ich nach Hause komme, mein Herz? übrigens komme ich sicher noch vor Mitternacht.«

»O, ich werde mir die Zeit schon vertreiben,« sagte ich und lachte, während er fortging. Kaum aber war er fort, so rannte ich davon.

Ich hätte um keinen Preis länger zu Hause bleiben können, in diesen Wänden, die mich einst so maßlos glücklich gesehen hatten. Ich weiß nicht, wohin ich lief. Ich glaube, ich hatte die Absicht, eine lange Reise anzutreten oder auf immer spurlos zu verschwinden.

Später gab ich diese Absicht wieder auf. Ja, endlich, nachdem eine ganze Legion verzweifelter Gedanken, wer weiß wie lange, in meinem Gehirne hin und her galoppiert war, kam mir auf einmal ein neuer Gedanke, ein frappierender Gedanke, ein phänomenaler Gedanke, der meinen Fall in ein vollständig verändertes Licht setzte.

Wie, wenn vielleicht meine eigenen Empfindungen es wären, die sich schon zu verändern beginnen? Wie, wenn die Ernüchterung am Ende bei mir selber anfinge oder vielmehr schon angefangen hätte? Gerechter Gott, wenn dieser erbärmliche Argwohn, dieses widerwärtige Auflauern und Behorchen, diese feige Zweifelsucht nur Symptome dafür wären, daß ich – ich – ich diejenige bin –!«

An diesem Punkt meiner Bekenntnisse fiel mir mein Schatten wieder ein. Ich halte gänzlich vergessen, auf ihn zu achten, während ich dem Rayonposten mit jener nüchternen Tatsächlichkeit, die im Verkehr mit Rayonposten angezeigt ist, mein Schicksal erzählte.

Sollte ich fortsetzen?

Er war zwar ein schöner Mann, aber bei längerer Bekanntschaft schien es mir, als ob der Umgang mit Geistern nicht seine starke Seite wäre. Hatte er doch nicht einmal noch bemerkt, welche Bewandtnis es mit meinem Schatten hatte!

Ich warf einen geringschätzigen Blick nach der Richtung hin, wo der Schatten des Rayonpostens mit der Plattheit der gewöhnlichen Schatten auf dem Boden lag – und siehe da, ganz als wäre nichts vorgefallen, lag daneben mein eigener Schatten in friedlichem tête-à-tête mit der Pickelhaube, die sich kokett auf der blanken Schneefläche abzeichnete. Er mußte unvermerkt zurückgeschlichen sein – und wahrhaftig, da drinnen an der alten gewohnten Stelle klopfte es auch; wieder in der alten gewohnten Weise, dieses närrische, einfältige, wunderliche Ding, mein Herz, mein Herz!

Der Rayonposten sah auf seine Taschenuhr.

»Es ist dreiviertelzwei vorüber,« sagte er und gähnte. »Um zwei Uhr werde ich abgelöst; kommen Sie mit mir aufs Kommissariat, damit Sie den Vorfall bezüglich des Herzens zu Protokoll geben können –«

Dreiviertel auf zwei! Also wartete er seit zwei Stunden zu Hause, ohne zu wissen, was mit mir geschehen war! Mein Herz, wie alle verlorenen und zurückgekehrten Söhne, machte seine Hausherrnrechte geltend; ich ließ den Rayonposten im Stich und schlug spornstreichs den Weg nach Hause ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzusehen, ob mein Schatten hinter mir folgte oder nicht. Ich lauschte auf die Schläge meines Herzens, ganz selig, daß es so unverdrossen darauf los pochte.

»Poche, poche, liebes Herz,« sagte ich immer wieder voll Rührung. Es fiel mir gar nichts anderes ein; aber wie froh war ich, daß mir nichts anderes einfiel!

Erst beim Haustor kam mein Schatten mir wieder vor die Augen. Er gab kein Lebenszeichen von sich; flach und geknickt lehnte er halb auf dem Boden und halb auf dem hölzernen Torflügel.

Und während ich ungeduldig an der Hausglocke Sturm läutete, enthielt ich mich nicht, meinem Schatten zu sagen: »Du sollst mir keine Possen mehr spielen! Denn jetzt weiß ich, wie man Schatten behandelt: man muß sie ignorieren, wenn man über sie Herr bleiben will.«



Grotesk-Pantomime

Da entstand eine jener Pausen, die in einer Gesellschaft zuweilen ohne Anlaß das lebhafteste Gespräch unterbrechen.

»Ein Engel geht durchʼs Zimmer!« sagte jemand lachend.

Nein, kein Engel!

Ich wußte wohl, wer eingetreten war, noch ehe ich ihn sah.

Und schon stellte er sich mir gegenüber mit seinem weißen, kahlen Dämonengesicht und lächelte mich an. Er lächelte immer; dieses eisige, schneidende, hohnvolle Lächeln war wie eingefroren in seine Miene.

Züngelnd äugte seine Schlange aus seinem Ärmel hervor. Wie ihre klugen Augen funkelten! Er wand sie von seinem Arme los und ließ sie auf den Boden gleiten. Sie kam auf mich zu.

Die Andern setzten ihr Gespräch heiter fort. Denn sie wußten nicht, wer da war. Seine Schlange aber kroch an mir herauf und ringelte sich um mein Herz, kalt, kalt!

Dann nestelte er seinen schwarzen Talar über der Brust auf. Dort trug er seinen Spiegel wie ein breites Hohepriesterschild. Der Spiegel war verschlossen; auf dem Deckel leuchtete die diamantenbesetzte Inschrift mit fürstlichem Glänze.

Und ich las es wieder, das Wort, das dort prangte, das große, das verlockende, das tötliche Wort:

Wahrheit.

Ah der Gaukler! Wer weiß, wie dieses Juwel in seine unreinen Hände gekommen ist! Wo er diesen Talisman gestohlen hat, dessen magische Kraft er mit boshafter Lust mißbraucht! Tausendmal verflucht die törichten Künste, mit denen ich ihn zuerst heraufbeschworen habe! Tausendmal verflucht die Stunde, in der er mir zuerst erschienen ist!

Er lächelte eisig. Und lächelnd öffnete er das Schloß und schlug den Deckel zurück. Die zauberische Fläche glänzte mich an; ich konnte meine Augen nicht mehr abwenden.

Von dem goldenen Rahmen eingefaßt lag das Bild des Zimmers darin wie eine winzige Bühne. Die Anwesenden erschienen, weit in die Ferne gerückt, als zierliche Püppchen, die mit wichtigen Geberden Theater spielten. Und ich selbst war mit dabei; ich agierte wie die Andern und lief hin und her mit Gezappel und Gezeter. Aber dieses kleine Ich auf der Bühne stand in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem großen Ich. das da als Zuschauer bei Tische saß. Alle seine Sprünge und alle seine Possen, seine tragischen und seine lustigen Capriolen, sein Gelächter und seine Tränen, ich erlebte sie mit. Ich empfand alle Verantwortlichkeit für das Wesen, das sich dort herumtrieb. Wie eine Mutter, deren Tochter eben ausgepfiffen wird, saß ich im Parterre; und so oft mein kleines Ich den Mund öffnete, bekam ich vor Lampenfieber Herzklopfen.

Nun begannen die auf der Bühne jenen Tanz, genannt Ballabile der Erkenntnis. Er bestand darin, daß sie sich gegenseitig einen großen, harten, grünlichen Apfel zuwarfen, mit dem sie Ball spielten.

Ach, ich kannte dieses barbarische Spiel gar wohl und auch den unreifen Apfel, der da hin- und herflog und Beulen schlug, wohin er traf. Die andern, die wichen gewandt nach rechts und nach links; sie bogen sich vor, sie bogen sich zurück und fingen den Apfel und warfen ihn weiter mit Schalkheit und Geschick.

Nur mein kleines Ich begriff das Spiel nicht. Tölpelhaft stand es da und ließ den Apfel auf seine Brust, auf seinen Scheitel niederprallen. So oft es getroffen wurde, zog es sich schmerzhaft in sich zusammen, als war es eine Schnecke, die gern in ihr Haus kröche, wenn sie nur eins hätte. Indessen nahmen ihm die andern den Apfel vor der Nase weg und tanzten in leichtem Wirbel davon.

Ergrimmt über die Mitleidenschaft, in die ich gezogen war, rief ich meinem kleinen Ich zu: »Du Tölpel, warum spielst du da mit? Merkst du denn nicht, daß du kein Tänzer bist? Herunter mit dir! Ich kann deine dilettantischen Possen nicht länger ertragen.«

Aber mein kleines Ich war ganz toll und närrisch; je öfter es getroffen wurde, desto erpichter schien es auf den Tanz zu sein. Es stolperte und stotterte von einem zum andern in rätselhafter Verwirrung. Es machte unverständliche Gebärden, halb pathetisch und halb possenhaft; es knixte mit untertänigem Zähne- fletschen immer hinter demjenigen her, der gerade den Apfel in Händen hielt. Ich konnte mir seine Absichten nicht erklären; nur in seinem atemlosen Gesicht las ich, wie es innerlich voll Angst, voll Zorn, voll Verzweiflung war. Neben dem gleichmütigen Ballerinen- lächeln der andern nahm sich diese Miene ganz verächtlich aus.

Da geschah es, daß mein kleines Ich den Apfel einmal fing. Mit gierigen Blicken betrachtete es ihn von allen Seiten. Himmel – es sah ganz so aus, als ob ihm der Mund danach wässerte! Es wollte alles Ernstes in diesen sauren Apfel beißen!

Auch die auf der Bühne errieten den thörichten Vorsatz, mit dem mein kleines Ich umging. Sie suchten ihm den Apfel zu entlocken; und da es ihn gutwillig nicht herausgab, machten sie kurzen Prozeß. Sie waren ihrer sieben gegen einen; was half da sein Sträuben und Strampeln!

Kaum war der Apfel aus seinen Händen, so verfiel es wieder in seine täppische Untertänigkeit; es schien gewillt, das Spiel gleich von vorne zu beginnen.

Das also warʼs! Nach disem Apfel, nach diesem ungenießbaren, sauren Apfel ging sein Streben! Welchen geheimnisvollen Wert besaß dieser Apfel in seinen Augen? Dachte es vielleicht, weil einmal um eines Apfels willen ein Paradies verloren gegangen war, so könnte durch diesen Apfel ein Paradies zurückgewonnen werden? Hielt es diesen Apfel für das magische Arkanum, das man zu sich nehmen mußte, um Glück und Macht zu erlangen? »Weißt du denn nicht,« rief ich, »daß dieser Apfel nur zu einem überlegenen Spiel bestimmt ist? Weißt du denn nicht, daß man sich nur ein Magendrücken auf Lebenszeit zuzieht, wenn man sichʼs einfallen läßt, Ernst zu machen und den Apfel zu essen?«

Indes hatten die Sieben das Spiel gewechselt. Sie nahmen mein kleines Ich und stellten es an einem Ende der Bühne auf, legten ihm den Apfel auf den Kopf und geboten ihm, stillezuhalten. Und aus den Koulissen langten sie sieben Armbrüste hervor, und legten sieben Pfeile darauf und zielten – wahrhaftig, sie zielten nach seinem Herzen, statt nach dem Apfel!

Starr und steif stand mein kleines Ich, starr und steif hielt es seinen einfältigen Kopf hoch und blinzelte nicht. »Es ist ja nur ein Spiel!« sagte es mit einer Stimme, die von verhaltener Angst bebte. »Nicht wahr, es ist nur ein Spiel?«

»Nein, nein!« schrie ich verzweifelt. »Sie zielen nach deinem Herzen, diesmal ist es kein Spaß! Das Spiel hast du für Ernst genommen, den Ernst nimmst du als Spiel! Kannst du denn nicht unterscheiden?«

Sie zielten lange – und ich fühlte mein eigenes Herz schon durchbohrt von der siebenfachen Schärfe des Eisens, das von den Schäften nach meinem kleinen Ich blitzte.

Dann schössen sie ab. Der Apfel kollerte auf den Boden, unversehrt; mein kleines Ich sank in die Knie. War es zu Tode getroffen?

Es zog die sieben Pfeile aus seinem Herzen und trocknete hastig das Blut, das aus der Wunde floß. »Ich weiß, es ist nur ein Spiel!« sagte es entschuldigend. »Aber mein Herz versteht den Unterschied zwischen Spiel und Ernst noch nicht. Deshalb ist es so ungeschickt, zu bluten, wenn es getroffen wird..

»Warum antworten Sie nicht?« sagte eine laute Stimme, während eine warme Hand sich auf meinen Arm legte. »Mindestens seit zehn Minuten starren Sie auf die Tür, als wäre dort weiß Gott was zu sehen!«

O meine Freunde! Ihr seht ihn nicht, den magischen Spiegel, in dem ihr mit mir auf der Bühne tanzt! Ihr seht die Schlange nicht, die sich um mein Herz windet, kalt, kalt!



Ein Zwist

Irgend ein indischer, chinesischer oder altmexikanischer Gott mit drei Köpfen hatte soeben die Welt geschaffen. Fix und fertig stand die Maschine da. Sie war ein unerreichtes Meisterstück, ein Perpetuum mobile; der Gott brauchte nur P! zu machen, und alle die Milliarden Räder, große und kleine, gezahnte und ungezahnte, mußten laufen, zuerst eines, dann zwei, dann vier, dann acht, dann sechzehn und so fort in geometrischer Progression, bis das ganze Riesenwerk in Gang war für alle Ewigkeit.

Äonen hindurch hatten die drei Köpfe darüber nachgesonnen, und lange waren sie über das System der Konstruktion nicht einig gewesen. Den Linken verdroß es, daß das Ding, einmal fertig und angeheizt, fortschnurren sollte ohne Unterbrechung und ohne daß ein weiteres Hinzutun notwendig wäre.

»Wenn ich mich künftig gar nicht mehr einmischen soll«, wandte er ein, »wozu bin ich dann da? Seht ihr nicht ein, daß wir alle drei vollständig überflüssig sind, sobald die Maschinerie zu gehen angefangen hat?«

Die beiden anderen sahen das in der Tat nicht ein. Sie beharrten mit dem Stolze der Erfinderschaft auf dem Perpetuum mobile als der Krone aller denkbaren Erfindungen und erklärten es unter ihrer Würde, sich aus Liebhaberei mit einer weniger vollkommenen Einrichtung abzugeben.

»Sollen wir vielleicht in Zukunft«, sagten sie, »beständig dahinter her sein und täglich oder stündlich wieder aufziehen, nachheizen, einölen und dergleichen? Dieser erbärmliche Okkasionalismus würde uns ja den ganzen ästhetischen Genuß verderben!«

Und da sie in der Majorität waren, setzten sie ihre Ansicht durch.

Nun war der große Augenblick gekommen. Der Gott stellte sich an die Weltachse, eine ungeheure Röhre aus glänzend poliertem Stahl, die vom Zenith bis zum Nadir lief, und richtete seine drei Köpfe nach oben, nach unten und nach der Mitte. Dann zählte er: »Eins, zwei, drei«. Und bei drei machten sie alle nach oben, nach unten und nach der Mitte mit einem leicht nachstürzenden Hauch: P!

Da begann sich das Werk zu regen wie ein schlafendes Ungeheuer, das mit Gebrüll erwacht. Langsam setzte sich eine Transmission nach der andern in Bewegung, die Räder fingen an, sich zu drehen, und Gottes Hauch sprang wie ein elektrischer Funken von einem Nietenkopf zum andern. Bald war das Ganze in Gang, donnernd und dröhnend, schmetternd und schwirrend, rollend und rasselnd, klappernd und klirrend: in seinem Höllenlärm scheinbar ein chaotisches Durcheinander, aber für die Augen des Meisters ein Schauspiel voll Wohlklang und sinnreich klarer Mechanik, an dem er sich nicht ersättigen konnte.

Das Wunderbarste an dieser Maschine war die Drehscheibe, auf der die menschlichen Wesen befestigt waren. Jedes von ihnen hatte auf dem Kopf einen spinnwebdünnen Faden eingehakt, der jedoch, genauer besehen, sich als ein mikroskopisch feines Kettchen erwies, dessen Glieder mit denen aller anderen Wesen durch noch feinere verbunden waren. Dieses ganze Gespinst unzählbarer Fäden war in ein gewaltiges Seil zusammengedreht, das sich auf der Weltachse unten aufspulte, um oben wieder herabzulaufen und sich in einzelne Fäden zu zerteilen. Durch die Drehung der Weltachse wurde die Scheibe in gleichmäßiger Bewegung erhalten; aber die Püppchen, die auf ihr so eilfertig zappelten und strampelten, glaubten, daß sie selbst vermöge ihrer emsigen Tätigkeit sich vorwärts bewegten. Denn sie konnten den Faden auf ihrem Kopfe nicht erblicken, noch das ganze, göttliche Gewebe, in das sie hineingeknüpft waren wie Glasperlen in einen gestrickten Geldbeutel.

Die Drehscheibe bewegte sich so, daß sie aus dem Licht in Finsternis tauchte wie ein Mühlrad inʼs Wasser, und aus der Finsternis wieder inʼs Helle. Die Zeit des Lichtes nannten die Wesen das Leben, die finstere den Tod. Während sie auf der finsteren Seite waren, erstarrten sie in der langen, einförmigen Dunkelheit zu einer Art Winterschlaf, und wenn sie dann wieder in die Helligkeit kamen, erinnerten sie sich an nichts mehr. Sie waren eben recht grob und plump organisiert; und ihre geistigen Fähigkeiten reichten nicht weiter, als es für die Existenz auf einer Drehscheibe notwendig ist. Das aber war eine weise Vorkehrung des Erfinders. Hätten sie nicht immer wieder die alte Weit für eine neue Welt und sich selbst für etwas Niedagewesenes gehalten, so wäre ihnen das Leben nach einigen tausend Umdrehungen unerträglich geworden, und ihr Treiben hätte jenen possierlichen Anstrich verloren, den sich der Gott als ewige Heiterkeit des Lebens gedacht hatte.

So ging das nun fort und fort, ganz fabelhafte Zeiträume hindurch.

Mittlerweile begann der linke Kopf Gottes allmählig, sich mißvergnügt zu schütteln. Den beiden anderen gab ihr Orbis pictus so viel zu schauen, daß sie nicht darauf achteten.

Eines Tages aber sagte er plötzlich laut: »Nein, jetzt halte ich es nicht länger aus!«

Erstaunt blickten die beiden anderen auf.

»Wie sagtest du?« fragte der Rechte höflich.

»Ich sage, ich haltʼ es nicht mehr aus. Das ewige Einerlei langweilt mich zum Sterben. Wie lange soll denn das noch dauern?«

Feierlich versetzten die beiden anderen: »Ewig«.

»Ja sagt mir, habt ihr es denn noch nicht satt? Ich muß gestehen, ich möchte beinahe lieber unten auf der Drehscheibe kleben als hier oben zusehen, wie das so eintönig fortgeht jahraus jahrein. Diese Welt hat nicht das geringste Interesse mehr für mich; ich kenne sie auswendig von Alpha bis Omega. Endlich muß doch etwas Neues geschehen!«

Nun war die Reihe des Kopfschüttelns an den beiden anderen. Sie begriffen diese Neuerungssucht durchaus nicht und blieben bei ihrer ursprünglichen Ansicht, daß diese Welt die beste aller möglichen Welten sei. Sie. ihrerseits würden des Zusehens in alle Ewigkeit nicht satt werden. Der Linke versuchte durch Argumente zu wirken; aber sie erklärten diese Argumente für subjektiv. Alles, was er erreichte, war, daß sie ihm die Freiheit einräumten, seinen subjektiven Standpunkt für sich zu behalten. Es wäre wider alles göttliche Recht, wenn er diesen Standpunkt auch ihnen aufnötigen wollte.

Nun bemächtigte sich des Linken eine wachsende Verstimmung. Hartnäckig hielt er seine Augen geschlossen. Die anderen merkten es, aber sie überließen ihn sich selbst, wohl wissend, daß solche Unterschiede in der Weltanschauung nicht durch Auseinandersetzungen zu lösen sind.

Nach einigen Jahrtausenden öffnete der Linke wieder seine göttlichen Augen. Sie funkelten unheimlich wie von verhaltenem Ingrimm.

»Ihr werdet wohl erraten, was ich vorhabe«, sagte er.

»Hast du eine neue Erfindung gemacht?« fragte der Rechte erwartungsvoll.

»Und würdet ihr sie einführen?«

»Darüber sind die Akten geschlossen«, versetzte der Mittlere bestimmt.

»Gut denn, ihr wollt es nicht anders haben. Meine Geduld ist erschöpft. Und ich sage euch, es wird dennoch etwas geschehen! Nicht verbessern will ich euer Machwerk: ich will es zerstören!«

Ungläubig lächelnd blickten ihn die beiden anderen an. Aber sie konnten sich nicht mehr darüber täuschen, daß der Linke zum Äußersten gebracht war. Eine furchtbare Veränderung hatte sich an ihm vollzogen; Blitze schössen aus seinen Augen, und sein Angesicht glühte. Sein Atem war ein schnaubender Sturmwind, seine Stimme ein heraufziehendes Gewitter. Und plötzlich ausbrechend, in rasendem Zorn, riß er sich los aus der göttlichen Einheit und sprang mit gellendem Hohngelächter hinab in die Wirbel der Welt. Donnernd zerschellte sein Haupt an der Weltachse; die Räder erfaßten die Stücke und zermalmten sie in Milliarden Atome. Und in Milliarden Tropfen spritzte Feuer aus den zerrissenen Adern und ergoß sich über die Welt und zündete, wohin es traf.

Die beiden anderen sahen zu. Unbeweglich verfolgten sie die ungeheure Tat.

»Er wird reuig zurückkehren«, meinte der Rechte.

»Er wird nicht nachgeben«, meinte der Mittlere.

Wieder vergingen ungemessene Zeiträume. Der abtrünnige Gott blieb in der Welt verschollen. Nicht spurlos aber. Der Mechanismus stockte bald da, bald dort; Nieten lockerten sich, Ketten rissen, Riemen dehnten sich, Kessel platzten, Räder liefen sich heiß, Radkränze barsten, Seile verknüpften sich.

Am schlimmsten ging es auf der Drehscheibe zu. Die artigen Püppchen waren nicht wiederzuerkennen; anstatt ordentlich fortzutrotten, eines neben dem andern, in Reih und Glied, auf den angewiesenen Plätzen, begannen sie hin und her zu reißen, einander zu drängeln und zu stoßen, einander auf die Haken zu treten oder ein Bein zu stellen, daß eines über das andere purzelte. Zugleich erhob sich unter ihnen ein mörderliches Geschrei; die einen redeten vom Sündenfall, die anderen vom Kampf ums Dasein; noch andere kamen auf einmal zur Erkenntnis, daß sie ja alle nichts als elende Marionetten seien, an unzerreißbaren Fäden durch einen unbekannten Willen gegängelt; und sie verkündeten laut, daß die angebliche Freiheit des Willens nur eine Erfindung der Polizei sei. ein windiger Vorwand zur strafrechtlichen Verfolgung unverantwortlicher Staatsbürger. Viele wollten durchaus nicht weiterzappeln, da doch die ganze Zappelei keinen Zweck habe; sie setzten sich nieder, betrachteten ihren Nabel und sagten, man müsse die Welt verneinen, das sei das einzige Mittel, um aus dieser Höllenmaschine herauszukommen. Andere wieder lehrten, daß diese jammervolle Existenz auf der Drehscheibe nur die Vorbereitung für ein besseres Jenseits sei, und daß der erhabene Ingenieur, der die ganze Anlage geschaffen habe, die Wesen, die sich auf der Drehscheibe durch ihren Wandel bewährten, nach Vollendung ihrer Laufbahn zu sich zu nehmen beabsichtige.

Alle diese Hauptmeinungen, deren es eine Unmenge gab. fanden Anhänger und Gegner und spalteten sich in immer zahlreichere Untermeinungen, so daß unter den Wesen auf der Drehscheibe allmählich eine heillose Verwirrung um sich griff. Und in ihrer groben Weise, sich die Sachen zurechtzulegen, fielen sie über einander her und schlugen sich weidlich die Köpfe blutig, alle gegen alle, alle gegen einen, einer gegen alle, wie es gerade kam. Kurz, sie maßten sich an, über sich und die Welt nachzudenken, die Narren, und merkten dabei nicht, daß, es Gottes Zorn war, der in ihnen gärte. Zuweilen witterte ein besonders feiner Kopf etwas dergleichen und predigte vom Teufel, der losgelassen sei und umhergehe wie ein brüllender Löwe. Dann wuchs die Angst und Pein der Wesen auf der Drehscheibe ins Unerträgliche; sie stellten in ihrer Gewissensqual die verrücktesten Dinge an, bis sie wieder den Teufel und seine Prediger vergaßen.

Mit der ewigen Heiterkeit des Lebens war es aus. Aber auch mit der ewigen Heiterkeit seines Schöpfers. Sorgenvoll ordneten die beiden Köpfe den widerspenstigen Mechanismus immer von neuem. Nicht mehr jedoch mit der seligen Ruhe der ästhetischen Kontemplation. Sie waren schmerzlich in Mitleidenschaft gezogen: der Gott in der Welt hatte sich nicht gänzlich von ihnen geschieden.

Endlich erhob sich der Rechte. Die Klarheit eines himmlischen Entschlusses leuchtete auf seinem Antlitz. Er hub an:

»Länger kann dieser Zustand nicht dauern. Er, der sich hinabgestürzt hat, um mit seinem göttlichen Leben die Harmonie der mechanischen Ordnung zu zerstören, er ist der Unüberwindliche für uns, die wir von außen lenken. Es muß ein Opfer gebracht werden. Ich werde in die Welt hinuntersteigen.

»Und was wirst du in der Welt tun?«

»Ich werde ihn suchen.«

»Er wird sich zur Wehr setzen.«

»Ich werde mit ihm kämpfen.«

»Welche Waffe hast du gegen ihn, der den Haß in die Welt gebracht hat?«

»Ich werde die Liebe in die Welt bringen . . .«

Und nun sind die Beiden in der Welt, suchen und fliehen einander, lieben und hassen einander. Die Welt, sie ist voll eines Gottes, der mit sich uneins ist: wer kann daran zweifeln?



Das Feenschloß

Von alters her haben die Feen eine unüberwindliche Neigung, sich mit den Menschen in Verbindung zu setzen. Der alte König gerät immer ein wenig in Hitze, wenn es geschieht, daß eine oder die andere seiner schönen, zarten Untergebenen mit der schüchternen Bitte kommt, eine irdische Angelegenheit durch ihre Einmischung beilegen zu dürfen.

Da er aber ein milder und höflicher König ist, begnügt er sich zu sagen: »Madame, sind Sie denn noch immer keines Besseren belehrt? Trotz aller schlechten Erfahrungen nicht? Was verlockt Sie denn so sehr an diesem schmutzigen, stinkenden – mille excuses! – Gesindel? Wissen Sie nicht, wie unverbesserlich und undankbar die Leute sind? Fragen Sie doch einmal . . .« Und dann zählt der alte König eine ganze Reihe von Feen auf, die sichʼs nicht hatten nehmen lassen, die Wohltäterinnen der Menschen zu spielen und dabei kläglich schlecht weggekommen waren.

Allerdings konnte er in der Regel die schönen Bittstellerinnen damit nicht von ihrem Vorhaben abwendig machen. Sie meinten, sie würden es eben klüger anstellen als ihre Vorgängerinnen.

Das widerfuhr ihm auch mit der Fee Myriadora. Er hielt große Stücke auf sie Sie war die anmutigste und unschuldigste von allen, heiter wie ein Sonnenstrahl und lieblich wie ein Tautropfen, wenn der Sonnenstrahl auf ihn fällt. Deshalb ging es ihm besonders nahe, als sie ihm eines Tages eröffnete, sie habe sich einen wunderschönen Plan ausgedacht, um diesen armen geplagten Erdengeschöpfen eine erlesene Freude zu bereiten. Er begann unverweilt von den schlechten Erfahrungen zu sprechen. Aber sie fragte mit ihrem melodischen Lachen, in dem es läutete wie von tausend silbernen Glöckchen, was denn das sei, Erfahrungen? Von etwas derartigem könne sie sich nicht die geringste Vorstellung machen.

Der alte König wußte nicht gleich, wie er das Wesen der Erfahrungen erklären sollte. Erfahrungen: je nun, das wären alle Einsichten, die man aus den Zusammenstößen mit der Welt der Wirklichkeit gewänne, wie sie auf Erden leider bestehe.

Wie herrlich! So sei die Welt der Wirklichkeit ganz anders als das Feenreich?

Ja, gewaltig anders, aber herrlich durchaus nicht.

Das wollte Myriadora nicht glauben: Daß die Erdenwelt anders war, darin lag ja das geheimnisvoll Anziehende, das von ihr ausging. Und mit den Erfahrungen würde es nicht so schlimm sein; die Erfahrungen seien wohl nur eine Art Dornenhecke, über die man leicht hinwegkäme, wenn man schweben könne.

Ei ja wohl! Nur daß es mit dem Schweben ein Ende habe, sobald man den Boden der Erde betrete.

Nun, wenn auch! Sie wisse, daß man bei einem solchen Unternehmen auf einige Bequemlichkeiten verzichten müsse. Sonst wäre es auch nichts Großes und Schönes, da hinunterzusteigen, um Freude zu bereiten.

Und als der alte König, durch diese Unbeirrbarkeit ein wenig erbost, fragte, ob sie denn glaube, daß die Menschen, diese Cretins, nur so mit offenen Händen dastünden und warteten, bis eine gütige Fee ihnen ihre Gaben bringe, bejahte sie mit Zuversicht. Ja, die Menschen sehnen sich unablässig nach Freuden, suchen sie unablässig; wie sollten sie nicht dankbar zugreifen, wenn ein höheres Wesen gesonnen sei, mit vollen Händen Freuden unter sie auszuteilen?

Der alte König dachte bei sich, daß ein konstitutioneller Monarch wie er, der nur die Ordnung aufrecht erhalten, aber die persönliche Freiheit nicht beschränken soll, doch ein verdammt schwieriges Amt innehabe. Und da seine Warnungen nichts fruchteten, erkundigte er sich vorerst einmal, auf welche Weise die Fee Myriadora als allgemeine Freudenspenderin unter den Menschen aufzutreten gedächte.

O, ihr Plan war schon gemacht, und ebenso wundervoll als einfach war er, ohne Schwierigkeit auszuführen. Sie wollte an einer Landstraße, wo Menschenkinder der verschiedensten Art- vorüberkommen, ein Haus erbauen, ein herrliches Lustschloß mit Gärten voll Götterstatuen und Springbrunnen, wo in den immergrünen Gebüschen die Nachtigallen schlugen und die purpurnen Blumen des Feenreichs mit ihren goldenen Staubgefäßen süße Melodien spielten.

Und jeder, der eintrete, würde in die selige Stimmung des Feenreichs versetzt; er brauchte nur aus der Schale am Brunnen, wo die kristallene Quelle des Feenreichs sprudelte, einen Schluck zu nehmen, und gleich würde ein gesegnetes Vergessen alles Weh der Erdenschwere in ihm auslöschen, er würde die Sprache der Vögel verstehen, den Gesang der Bäume im Wind, die Harmonie der ziehenden Wolken, er würde den Wohllaut vernehmen, von dem alle schönen Dinge in der Welt tönen. Und wenn der Glückliche nun in die rechte Stimmung versetzt sei, dann wolle sie selbst ihm erscheinen und sein Herz vollends beseligen mit Lachen und Scherzen und all den lieblichen Spielen, mit denen die Feen ihr Leben verbringen.

Da wurde der alte König ernstlich böse. Parbleu! Für diese lieblichen Spiele sei der Mensch durchaus ungeeignet; es fehle ihm einfach das Organ dafür. Überdies habe er die gräuliche Eigenschaft, daß er alles, was ihm wohlgefällt, besitzen und für sich allein haben wolle. Und so werde durch solche Zeichen der Huld eine Art Habgier und Hunger in ihm geweckt, die ihn zu ganz anderen Dingen treibe, als sie mit der seligen Stimmung des Feenreichs vereinbar wären. Für diesen Hunger hätten die Menschen, die immer das Wesen der Dinge durch Worte verdunkeln, den Namen Liebe erfunden.

Wie herrlich! Die selige Stimmung des Feenreichs könne doch durch nichts besser bewirkt werden als eben durch Liebe, das wisse Seine Majestät sehr genau.

Schon gut! Was im Feenreich Liebe heiße, und was die Menschen so nennen, das sei eben Tausend und Eins. Ihm stünden die Haare zu Berg bei dem bloßen Gedanken, daß sie, die zarte, liebliche, ätherische Myriodora, sich dieser kannibalischen Menschenliebe aussetzen wolle . . .

Allein der alte König konnte sagen was immer, die Fee Myriadora fand alles herrlich. Der Widerstand machte sie erpicht, die Warnung begierig. Nicht einmal die Drohung, selbst auf unabsehbare Zeit der seligen Stimmung des Feenreichs verlustig zu gehen, bewog die Fee Myriadora, ihren Vorsatz aufzugeben. Sie erbat sich Bedenkzeit; nicht um sich zu bedenken, sondern um den Ärger des Königs ein wenig verrauchen zu lassen. Denn das wußten sie alle, diese schönen und klugen Wesen, die sich nur auf Erden so schlecht auskannten: Wenn der alte König seine Einwendungen heruntergepoltert hatte, konnte man ihn schließlich doch zu allem haben. Er wollte nur Recht behalten, das war eine Schwäche von ihm. Sobald eine der Feen von einem mißglückten Unternehmen zurückkehrte, machte er ihr seinen Besuch, um zu hören, wie es ihr ergangen war. Und dann verfehlte er nie, mit breitem Behagen, dem er nicht einmal ein Mäntelchen höflichen Bedauerns umhängte, zu sagen: »Eh bien! Habʼ ichʼs nicht gleich gesagt?« Aber nach diesem Triumph überlegener Welteinsicht, den er seiner Stellung schuldig zu sein glaubte, schlug sein väterliches Herz durch, und er pflegte dann mit höchsteigener Hand die schönsten silbernen Gespinste auszubreiten, die er mitgebracht hatte, um die vom Erdenstaub befleckten Gewänder der Zurückgekehrten durch eine neue schimmernde Feentoilette zu ersetzen.

Als er nun Myriadora, wie alle die früheren, ganz geknickt und in sich gebückt beim Seitenpförtchen hereinschlüpfen sah, nicht gar lange, nachdem sie strahlend und schätzebeladen durchs Hauptportal ausgezogen war, machte er sich ungesäumt zu der üblichen Visite auf. Er freute sich diesmal weniger auf den Triumph des Rechtbehaltens – denn über ein so naives Gemüt wie das der Fee Myriadora zu triumphieren, schien nicht einmal dem rechthaberischen alten König genußreich –, er freute sich auf die zärtlichen Glöckchen ihres Lachens, wenn sie unter seinen Händen im Glanz ihrer neuen Ausstattung wieder aufblühen würde zur wolkenlosen Bläue des Feenhimmels, der sich in ihren Augen spiegelte.

Väterlich milde sprach er sein »Eh bien, habʼ ichʼs nicht gleich gesagt?« aus. Aber sie schüttelte unbekehrt ihr eigenwilliges Lockenköpfchen.

Wie? Das wäre! Sie hätte keine Schlechtigkeit bei den Menschen erfahren? Keinen Undank? Keine Bosheit? Und da sie nur immer stumm den Kopf schüttelte, fragte er endlich baß erschrocken: »Unglückselige Myriadora, Sie werden sich doch nicht etwa in einen dieser klebrigen Idioten verliebt haben?«

»Dazu hatte ich gar keine Gelegenheit«, versetzte Myriadora, dem Weinen nahe. Und erst nach langem Drängen und Trösten brachte der alte König mehr aus ihr heraus. Alles war aufs beste hergestellt worden; schön wie nie ein irdisches Anwesen zuvor lagen Haus und Garten bereit zum Empfang der Gäste. Aber merkwürdig: Niemand trat ein. Alle zogen sie auf der staubigen, öden Landstraße dahin, eilfertig oder saumselig, leichtfüßig oder beladen, und keinem fiel es ein, auch nur einen Blick auf die gastliche Pforte des Feenschlosses zu werfen. Warum verschmähten sie es? Warum wollten sie das Geschenk nicht annehmen, das ihnen zugedacht war? Warum gingen sie gleichgültig daran vorbei, als erwarteten sie auf ihrem Weg viel köstlichere Dinge zu finden?

Da konnte der alte König das Lachen nicht länger zurückhalten.

»Pauvre chérie!« rief er. »Der Grund ist einfach: Diese Maulwürfe haben Ihr Schloß gar nicht gesehen! Es ist ihnen unsichtbar geblieben.«

Wieder schüttelte Myriadora betrübt den Kopf. Auf diese Vermutung sei sie endlich selbst gekommen; es hätten sich aber wohl Mittel und Wege finden lassen, diesen Konstruktionsfehler, der nicht den Menschen, sondern ihr selbst zur Last fiel, zu beheben. Jedoch als sie eben daran gehen wollte, die Sichtbarkeit ins Werk zu setzen, trat ein Ereignis ein, das sie eines Bessern belehrt. Jetzt kam dieses Schreckliche, Unbekannte: die Erfahrung. Nein, nicht unsichtbar war ihr Schloß geblieben; nur als etwas ganz anderes erschien es, als etwas – nun, sie konnte nicht zweifeln: als etwas Längstbekanntes, Gewöhnliches, Alltägliches, das durchaus keine besondere Anziehungskraft ausübte. Das habe sie in dem Augenblick erkannt, als der erste Mensch die Schwelle ihres Schlosses überschritt. Gleichgültig schlenderte er durch die duftenden Laubengänge des Gartens, wusch sich am Brunnen die Hände, ohne einen Schluck aus der Quelle zu nehmen, die so wunderbare Gaben zu wirken bestimmt war. Dann setzte er sich ohne Umstände an den gedeckten Tisch in den mit Rosenholz getäfelten Saal, ergriff Gabel und Messer und rief: »He Wirtschaft! Wie lange muß man denn hier warten, bis man bedient wird?«

Dieses Auftreten war nicht gerade einschmeichelnd. Aber entzückt über die Anwesenheit eines menschlichen Wesens und noch ganz erfüllt von ihren eigenen Vorstellungen über die Wonnen, die diesem Wesen beschert werden sollten, entschloß sich Myriadora, im vollen Glanz ihrer Feengestalt zu erscheinen, um dem Ankömmling zu offenbaren, wo er sich befände.

Mit klopfenden Herzen stellte sie sich vor ihn. Sie sah, wie die blanken silbernen Teller von den Reflexen ihrer Erscheinung golden aufleuchteten und die geschliffenen Krystallprismen des Kronleuchters in allen Regenbogenfarben in dem Licht funkelten, das von ihr ausstrahlte. Ach, zum erstenmal einem sterblichen Auge sichtbar werden, das ist auch für eine Fee ein Erlebnis ohne gleichen!

Der Ankömmling blickte auf. Er stieß seine beiden Hände mit Messer und Gabel auf den Tisch und rief mit derselben groben Stimme wie vorhin: »Was stehst du und gaffst? Hurtig, hurtig! Ich will essen, ich will trinken . . .«

Und da sie, ohne zu verstehen, unbeweglich blieb, fuhr er fort: »Glaubst du etwa, daß ich deinetwegen in diese Bude gekommen bin? Da weiß ich mir andere als eine solche dürre Rockenspindel wie du. Also vorwärts, sonst mach ich dir Beine!«

Warʼs möglich? Er hielt das Feenschloß für ein Wirtshaus und sie selbst für eine Küchenmagd! Ungläubig versetzte sie: »Aber sieh mich doch an, Unglücklicher! Ich bin die Fee Myriadora. Kannst du mich denn nicht erkennen?«

»Eine Küchenfee bist du, und übergeschnappt obendrein, du Närrin«, schrie er zornig, indem er aufsprang.

Da zog sie es vor, schleunig wieder zu verschwinden. Ohne noch einen Blick auf ihr Werk zu werfen, kehrte sie in das angestammte Reich zurück, froh, mit heiler Haut entronnen zu sein.

Befriedigt ging der alte König von dannen. Nun war die Fee Myriadora gründlich von dem Wunsche geheilt, den Menschen sichtbar zu werden; er brauchte sich um sie nicht mehr zu sorgen.

Wie groß aber war sein Erstaunen, als sie nach wenigen Tagen vor ihm erschien, um neuerdings Urlaub zu erbitten. Sie sei zu voreilig gewesen; denn was bedeute es schließlich, wenn einer nicht den Erwartungen entspräche, die man hegt? Es gebe ja noch unzählige andere. Ja, unzählige Möglichkeiten gebe es: Warum sollte sie sich also durch eine einzige Erfahrung abschrecken lassen?

So kam es, daß die Fee Myriadora abermals auf die Erde hinabstieg, ihr Glück zu versuchen.

Und wieder kehrte sie ganz geknickt zurück. Aber nach einigen Tagen fand sie, daß auch zwei schlechte Erfahrungen gegenüber der Fülle der Möglichkeiten nichts zu bedeuten hätten; und das Gleiche behauptete sie nach dem dritten, vierten, fünften Mal. Der alte König mußte sich allmählich darein ergeben, daß die Fee Myriadora durch Erfahrungen überhaupt nicht klüger zu machen war. Wie oft sie auch enttäuscht wurde: immer wieder siegte ihr Glaube an die Fülle der Möglichkeiten. Denn sie trug sie in ihrem eigenen Herzen.



Die Stimme Gottes

In tiefer Verborgenheit, ganz allein mit sich selbst, lebte die einsame Seele, eingeschlossen in ihren vier Wänden, ohne Freund und Bruder, ohne Gefährten und Gespielen.

Von ferne her scholl der Lärm des Lebens in ihre Einsamkeit. Verlockend und beängstigend scholl er herauf, ein schwellendes Brausen, das Wunder verkündete und Verheißungen mit sich führte. Wie der Ruf einer Mutter scholl er herauf, die ihre Kinder um sich versammeln will. Dort, in jener Ferne, so dachte die Seele, stand das Leben gütig und herrlich und tränkte aus sprudelnden Quellen die Durstigen und teilte Gaben aus mit mütterlichen Händen an alle, die herbeikamen. O rauschender Brunnen, ich lausche deiner Verheißung; ich möchte meine Hände tauchen in deine Flut und mich forttragen lassen von dem Strome, den du aussendest. Auf deine spiegelnden Schalen möchte ich mich beugen und schöpfen aus deiner Fülle, die du in silbernen Strahlen ausgießest über die Erde.

Und während sie lauschte, schien die Stimme deutlicher zu werden und beredter, unwiderstehlicher. Sie rief die einsame Seele mit Macht, und etwas antwortete ihr aus der Verborgenheit – das war die Sehnsucht, welche die einsame Seele erfaßt hatte, die Sehnsucht nach der Gemeinsamkeit, nach der großen, verschwenderischen, seligen Gemeinsamkeit, die Wärme giebt und Stärke, die reich macht durch Geben und Empfangen.

Da sann die einsame Seele darauf, ihre Kammer zu verlassen und hinabzugehen in das Gewühl des Marktes. Aber sie erschrak, wenn sie sich vorstellte, daß sie es wirklich täte. Denn sie fürchtete sich vor lauten Stimmen und harten Fäusten, vor dem täppischen Zugreifen und dem groben Anfassen fremder Hände, sie fürchtete sich vor Blicken, die neugierig sind, und vor Bücken, die gleichgiltig sind, vor Blicken, die abweisen, und vor Blicken, die besudeln.

Doch ihre Sehnsucht war stärker als ihre Scheu; sie wollte der Stimme gehorchen, die sie rief. Und sie verhüllte ihr Gesicht in sieben Schleier, und über ihre Gestalt schlug sie sieben Mäntel, daß kein beleidigender Blick hindurch dringe und niemand sie erkenne in ihrer Verkleidung.

So ging sie hinunter auf den Markt in bebender Erwartung großer Erlebnisse. Ganz still, ganz eingezogen seilte sie sich in einen Winkel, ganz still wartete sie darauf, daß unter den Vorübergehenden diejenigen kämen, die sich zu ihr gesellten, Freunde und Gefährten, die sie mit sich fortführten zu den erschütternden Kämpfen und jauchzenden Siegen des Lebens, zu den Festen und Spielen, davon sie träumte. Sie wartete auf diejenigen, zu denen sie gehören wollte, zu den Eroberern im schimmernden Harnisch, die in ihren reinen Händen ein flammendes Schwert tragen und einherziehen mit leuchtendem Angesicht, glühend von heiligem Zorn und heiliger Liebe.

Aber niemand beachtete sie, niemand kümmerte sich um sie. Es waren lauter Fremde, die da auf dem Markte ihr Wesen trieben; kein Streiter Gottes war unter ihnen, nichts Verheißungsvolles ging von ihnen aus. Auf ihren Gesichtern lag breites Behagen oder wütender Eifer; ihre Fäuste ballten sich drohend oder öffneten sich gierig nach den schmutzigen Münzen, die unablässig von einem zum andern rollten. Immer hallte die Luft von ihrem Feilschen und Fluchen wider, von ihrem heulenden Grimm und ihrer heulenden Lust. Sie begrüßten sich, sie beschimpften sich; sie schlugen sich, sie vertrugen sich; sie schüttelten einander die Hände, sie versetzten einander Fußtritte, bewarfen einander mit faulen Äpfeln; sie wühlten im Kehricht mit gemeinen Gebärden und wälzten sich grinsend in der Gosse.

Da stand nun die einsame Seele in ihrem Winkel und betrachtete das Treiben des Marktes wie ein Zuschauer, der sieht, was auf der Bühne vor sich geht, und der nicht mitspielt in dem Stück, das auf jenen Brettern aufgeführt wird. So oft jemand sich ihr näherte, erhebte sie vor Scham und Schrecken; wenn es geschah, daß ein Vorübergehender ein flüchtiges Wort an sie richtete, zog sie sich tiefer zurück in die Verborgenheit ihrer Schleier und Mäntel, erfüllt von Widerwillen und Enttäuschung. Vergeblich horchte sie nach der Stimme, die sie vernommen hatte: kein ahnungsvolles Brausen, kein Tönen wunderbarer Geheimnisse – verschlungen von gemeinen Geräuschen das Wort der Verheißung.

Da verließ sie ihren Platz wieder; denn es schien ihr, daß sie nicht dorthin gehöre, wohin sie sich gestellt hatte. Mit leeren Händen und arm wie sie gekommen war, ging sie hinweg vom Markte.

Sie wandte sich nach dem Tempelhain, wo, der Gott Weissagungen spendete denjenigen, die auf den Stufen seines Tempels schliefen. Dort würde ihr der Weg gewiesen werden, den sie gehen sollte, so dachte sie. Deutlicher würde sie dort die Stimme vernehmen, die ihr erschollen war.

Als sie den heiligen Hain betrat, kam eine große Seligkeit über sie. Da stehen die Bäume hoch und dunkel; zu ihren Füßen schläft ein klares Wasser. Weiße Blumen trägt sein Spiegel, mit tiefen goldenen Kelchen, aus denen ein unhörbarer Gesang aufzusteigen scheint, der das Schweigen des Hains mit geheimnisvoller Wonne erfüllt. Auf Marmorfließen führt der Weg durch den Schatten hin. Er führt zum Altare, wo das ewige Feuer brennt. Hell lodert seine Flamme, und ein duftender Rauch fließt unter das schwarze Laub herein. Weit draußen im Reiche der Sonne schimmern die Säulen des Tempels, mit Gold und Purpur besäumt; ein glänzender Streifen verkündet dort das Meer, das ruhevoll in die blaue Unendlichkeit hinausweist.

Stumm vor Glück wandelte die Seele durch den heiligen Hain. Hier wollte sie bleiben. War hier nicht ihre Heimat? Kein ungeweihter Fuß konnte hier eingehen; die Einsamkeit war voll von Gottes Gegenwart.

Und sie beugte sich herab auf einen Grashalm, der einen Tautropfen trug, und sagte zu ihm: »O lieber Bruder, der du so reich geschmückt bist, laß mich neben dir wohnen. Ich will dein Leben teilen und mit dir selig sein, wenn unsere Mutter, die Sonne, uns frühmorgens mit einem Blick der Liebe begrüßt.«

Und nach den stillen Bäumen streckte sie ihre Arme aus und sagte zu ihnen:

»O nehmt mich auf wie eine jüngere Schwester, ihr Vollendeten! Ich will zu euren Füßen sitzen in schweigender Betrachtung und lauschen, wie der Atem der Welt durch eure Wipfel weht. Werdet mir Lehrer des Lebens, ihr Leidlosen, Unschuldigen, ihr Vollendeten!«

So lange es Tag war, wandelte die Seele in frommem Entzücken unter Bäumen und Blumen in den Gefilden Gottes.

Nachts aber schlief sie auf den Stufen des Tempels.

Und im Traume erschien ihr der Gott. Nicht wie ein Gott der Bäume und Blumen erschien er ihr; sein Angesicht war Feuer und seine Stimme war ein schwellendes Brausen.

»Ich habe dich gerufen, und du hast mein Rufen vernommen. Allein du bist nicht den Weg gegangen, den ich dir bestimmte. Hier ist ein Ort der Abgeschiedenen; du aber sollst unter den Lebendigen sein und vollbringen das, was ich den Lebendigen auferlege. Ich bin ein Gott, der Opfer liebt. Ich nehme nicht vorlieb, ich teile nicht, ich erbarme mich nicht.

Wer mein ist, muß mich bekennen vor allem Volk. Nicht in versunkenen Gärten soll er wohnen, nicht unter Schleiern und Mänteln darf er sich verborgen halten. Er muß Zeugnis geben für mich als mein Werk und Geschöpf; er muß hingehen und nackt auf dem Markte tanzen.«

Als der Tag anbrach und die Seele erwachte, schauderte sie vor dem Gebote, das der Gott in den Stunden der Nacht ihr auferlegt hatte. Im hellen Schein des Tages erschien es ihr unmöglich. Sie war bereit gewesen, der Stimme Gottes zu gehorchen; aber das Unmögliche konnte Gott nicht verlangen.

Und sie warf sich nieder vor dem Bilde Gottes und umfaßte den Altar mit zitternden Händen und schrie zu Gott in Angst und Verzweiflung.

»Erbarme dich! Zu schwer ist, was du mir auferlegst! Ich kann es nicht vollbringen, o Gott! Gieb mir, ich flehe dich an, gieb mir ein Zeichen, daß du Gnade willst über mich ergehen lassen!«

Aber unbeweglich blieb der Gott, und seine Augen winkten nicht.

Da kam ein Geist der Auflehnung über die Seele. Sie wollte im heiligen Hain wohnen, bis Gottes Sinn sich wende, sie wollte warten, bis er ihrem Wunsche gnädig ward.

Doch aus dem heiligen Hain war Gottes Gegenwart entwichen. Finster standen die Bäume; ihr kalter Schatten legte sich mit frostigem Schauer auf die Seele. Der Spiegel des Wassers war erblindet; als vergilbte Leichen lagen die Wasserrosen im Schlamme.

Aus dem Sumpfe stieg Modergeruch und erstickte die Luft mit giftigen Dünsten.

Weinend ging die Seele hinweg aus dem heiligen Hain.

Sie irrte lange durch die Welt. In unzugänglichen Klüften verbarg sie sich, wo der Tag in grauer Dämmerung stirbt und kein Sonnenstrahl mehr hinabdringt; durch brennende Wüsten wanderte sie, wo verdorrte Gebeine unter dem tötlichen Himmel bleichen und die Fußstapfen der Lebendigen im Sande verwehen. Über vereiste Höhen schritt sie, wo ewiger Frost die Welt in weiße Leichentücher begräbt und jeder Hauch des Lebens erstarrt.

Sie floh vor der Stimme Gottes. Aber sie war nur dem Reiche des Lebens entflohen, als sie beschloß, sich Gott zu widersetzen In dem Schweigen der Einsamkeit vernahm sie, wohin sie auch wanderte, lockend und drohend das Brausen der Gottheit, den gebieterischen Ruf, der von fernen Ufern zu ihr herüberscholl.

Und eines Tages kam sie zurück auf den Markt.

Immer noch trieben die Vielen auf dem Markte ihr Wesen wie einst, als die einsame Seele Zuflucht im heiligen Haine suchte. Aber lauter als das Geschrei des Marktes tönte jetzt in der Seele die Stimme Gottes. Jetzt war sie bereit zu vollbringen, was er ihr auferlegt hatte. Erfüllt von seinem Geiste warf sie von sich ihre Schleier und Mäntel und tanzte nackt auf dem Markte zum Preise desjenigen, der sie erwählt hatte, für ihn zu zeugen vor allem Volk.

Da ward es stille ringsumher; eine große Verwunderung ging durch die Menge. Dann aber ergrimmten die vielen gewaltig. Denn sie haßten die Nacktheit; ihre gemeinen Augen konnten den göttlichen Glanz nicht ertragen, von dem die Nacktheit der tanzenden Seele leuchtete. Und sie hoben Steine von der Straße auf und steinigten die Seele.

Unsichtbar aber stieg aus den Wolken der Gott. In seinen Armen führte er die Seele mit sich fort in die Gärten der Unsterblichen.



Von den Schätzen des alten Zauberers

Kein Haus auf der Welt konnte netter gehalten sein, als das des alten Zauberers. Schneeweiß war es getüncht, mit blauen Fensterrändern, die etwas Unschuldiges und Gemütvolles hatten; und spiegelblank blitzten die Fensterscheiben in der Märzensonne.

Der alte Zauberer stand vor der Haustür. Er war in Schlafrock und niedergetretenen Hausschuhen. Auch ein gehäkeltes Käppchen hatte er auf, dessen Quaste ihm überʼs Ohr hing. Den braunen Ulmerkopf, aus dem er schmauchte, nahm er von Zeit zu Zeit aus dem Munde, um auszuspucken. Ganz wie ein ehrsamer bürgerlicher Hausvater stand der alte Zauberer vor seiner Tür und ließ die Märzensonne auf sich scheinen.

Da kam ein Spatz geflogen, hüpfte mit raschen Sprüngen bis an seine Füße heran, piepste und flog wieder davon.

»Aha!« sagte der alte Zauberer und ging ins Haus.

Dort machte er gleich Toilette. Den Schlafrock vertauschte er mit einem pelzverbrämten Talar, das gehäkelte Käppchen mit einem schwarzen Samtbarett; er zog gelbe Schneppenschuhe an und schmückte den Zeigefinger seiner rechten Hand mit einem kostbaren alten Bischofsring. Die Pfeife verbarg er hinter dem Ofen. Auf die Räucherpfanne, die dort lag, schüttete er eine Handvoll gepulverten Thymian, dessen Geruch bieder und gelehrt zugleich ist. Dann setzte er sich ans Fenster, zog die grüne Gardine ein wenig vor, um ein vorteilhaftes Helldunkel zu erzeugen, und schlug einen großen, in Schweinsleder gebundenen Folianten mit krausen, fremdartigen Lettern und geheimnisvollen Zeichen vor sich auf. So, das Haupt auf die Hand gestützt, im vollen Ornat seiner Weisheit, erwartete er den angekündigten Gast.

Als es an der Tür klopfte, war er so vertieft in seinen Folianten, daß er weder hörte noch sah. Er wollte dem Ankömmling Gelegenheit geben, unbeachtet einzutreten und die Stimmung des Interieurs auf sich wirken zu lassen. Erst als er in unmittelbarer Nähe neben sich ein Räuspern hörte, blickte er auf.

»Gelobt sei der Gott, dem du dienst,« sagte er würdevoll.

Der Knabe, der vor ihm stand, antwortete lachend: »Um Mißverständnissen vorzubeugen – ich diene keinem.« Er sah sich mit einem Naserümpfen, das auf seiner schnippischen kleinen Nase sehr hübsch anzusehen war, in dem Räume um. »Überhaupt, verehrter Meister – pardon, aber ich pflege mit meinen Eindrücken nicht hinterm Berge zu halten – überhaupt habʼ ich mir dieses Milieu anders vorgestellt. Ich - bin überrascht, alles so braun zu finden, so dunkel, mit einem Worte: so unmodern. Sollte ich mich in der Adresse geirrt haben? Hier riecht es ja – pardon, verehrter Meister, aber es riecht hier wirklich wie bei einem Dürrkräutler!«

»Du bist also noch niemals in einer Hexenküche gewesen?« fragte der Alte, ohne seine Miene zu verändern.

»Soll das hier eine Hexenküche sein? Auch die habʼ ich mir anders vorgestellt. Hier gibt es ja nichts als Bücher, Bücher und wieder Bücher. Schweinslederne Rücken bis an die Decke! Und obendrein – pardon, verehrter Meister, aber die schweinsledernen Rücken sehen wirklich so aus, als ob sie nur aus Papiermache wären.«

Da stand der Alte auf und reichte dem Knaben die Hand. Er schüttelte sie mit einem so kräftigen Händedruck, daß dem Knaben das Wasser in die Augen trat. »Bravo, junger Mann,« sagte er mit einem Schmunzeln, das unter seinem langen, ehrwürdigen Barte wie ein wohlwollendes Lächeln hervorkam, »ich sehe, du bist über die Anfangsgründe hinaus. Du durchschaust die Hilfsmittel, mit denen man Neulinge blenden muß –«

Der Knabe nahm diese schmeichelhafte Eröffnung wie etwas Selbstverständliches hin. Er zwinkerte nur ein wenig mit seinen klugen schwarzen Augen, um das Wasser unauffällig daraus zu vertreiben.

»Da wir uns so rasch gefunden haben,« fuhr der Zauberer sehr freundlich fort, »so darf ich dich wohl bitten, mir ohne Umschweife zu sagen, womit ich dir dienen kann?«

»Ja, ich liebe die Umschweife nicht. Man verliert zu viel Zeit dabei. Und ich möchte so rasch als möglich vorwärts kommen. Ich möchte Erfolg haben, sogleich beim ersten Anlauf. Da muß man wohl ein wenig hexen können. Deshalb wende ich mich an Euch, verehrter Meister Der Ruhm Eurer Kunst, der weit über die Gaue Eures Vaterlandes reicht, hat mich bewogen –«

»Du überschätzest mich, lieber junger Freund. Ich getraue mich zwar, minderen Geistern das eine oder andere zu lehren, womit man sein Glück in der Welt machen kann – aber ein so eingeteufelter Bursche wie du, wozu braucht der einen Lehrmeister aus der alten Schule, wie mich?«

»Sollten wir nicht aufhören, uns gegenseitig Komplimente zu machen? Verehrter Meister, ich gestehe, ich würde mich wohl im Stande fühlen, meinen Weg allein zu finden. Doch wie gesagt, ich möchte keine Zeit verlieren. Ein Lehrer kann den Weg verkürzen, er kann dem Schüler Zeit ersparen. Ich habe gehört, daß Ihr eine Sammlung der besten und wirksamsten Zaubermittel besitzt, und unter Umständen nicht abgeneigt seid, etwas davon abzugeben. Nun, wenn einer dazu angetan ist, Eurer Schule Ehre zu machen, so bin ich es. Öffnet mir also ungesäumt die Pforten Eures Museums und laßt mich wählen, was mir frommt.«

Der Alte rieb sich die Nase. Dann wies er mit einer verbindlichen Handbewegung nach einem eisenbeschlagenen Pförtchen, das sich im Hintergrund zwischen die hohen Büchergestelle zwängte. Von dort holte er einen mächtigen Schlüsselbund herab und klapperte langwierig unter den zahllosen Schlüsseln, bis er den rechten fand.

Als das Pförtchen aufsprang, wollte der Knabe eilends eintreten. Aber der alte Zauberer hielt ihn zurück. »Gemach, mein Freund! Du weißt, umsonst ist der Tod – und sonst nichts. Zwar würdʼ ich gerne meine bescheidenen Schätze ohne Entgelt dem allgemeinen Wohle zur Verfügung stellen, allein –«

»Ohne Umschweife, verehrter Meister, was begehrt Ihr?« unterbrach ihn der Knabe, der an der Schwelle vor Begierde brannte. »Ich bin nicht gerade in der Lage, übermäßige Honorare zu zahlen; doch habʼ ich beschlossen, mein Erbteil an meine Ausbildung zu wenden, und wenn Ihr wünscht, daß ich im vorhinein erlege, was ich schuldig bin –«

Der Alte rieb sich wieder die Nase. Das war eine unangenehme Gewohnheit von ihm, fand der Knabe. Aber diese Regung der Antipathie ging vorüber, als er hörte, der Alte habe es durchaus nicht auf Geld abgesehen. Nein, mit Geld sei von ihm nicht das geringste zu erreichen. Das habe er gottlob nicht nötig. Er könne gottlob seinen Liebhabereien leben. Und eine Liebhaberei von ihm wären solche schöne, leuchtende, feuerfarbene Haare, wie sie dem Knaben auf die Schultern fielen. Solche feuerfarbene Haare liebe er über die Maßen. Die möchte er abschneiden und behalten –

»Nur zu!« rief der Knabe erleichtert. »Ich weiß ja doch, daß ich nicht, wie Simson, meine Kraft in den Haaren trage –«

Er hatte schon gefürchtet, noch auf der Schwelle den Zutritt zu den ersehnten Schätzen zu verlieren. Denn wie hätte er eingestehen können, daß sein ganzes väterliches Erbe in zwei beschnittenen Dukaten bestand, die er in einem Ledersäckchen auf der Brust trug? Sein Vater war ein einfältiger, alter Mann gewesen, der nichts von den geheimen Künsten verstand, mit welchen man in der Welt ein ersprießliches Fortkommen findet; da hatten seine Kinder freilich nicht viel Beschwer, als sie nach seinem Tode ihr Erbe teilten!

Der Zauberer machte sich gewandt ans Haarschneiden Ritsch, ratsch – und schon waren die langen, feuerfarbenen Strähne in seiner Tasche. Kühl wehte es dem Knaben um den entblößten Hals.

Dieser kühle Luftzug kam aus dem Pförtchen. Es führte in einen langen, finstern Gang, der so schmal war, daß der Knabe mit seiner schlanken Jugendgestalt gerade hindurchschlüpfen konnte. Ihn überliefʼs, als er sah, wie vor dem stattlichen Bauche des alten Zauberers die Wände zurückwichen, damit er Platz habe.

Der Gang mündete in ein enges Kellergewölbe, das ein spärliches Licht hoch oben von einem kleinen Fenster erhielt. In die dumpfe Moderluft mischte sich ein Geruch wie von Rauch und ausgeblasenen Kerzen; der legte sich dem Knaben beklemmend auf die Brust und verursachte ihm Herzklopfen. Um sich nichts anmerken zu lassen, sagte er nach der schon bewährten Methode lachend: »Hier riecht es ja – pardon, verehrter Meister, hier riecht es ja wie in einer Sakristei«; aber sein Lachen klang unter dieser Wölbung hohl, und er erkannte seine eigene Stimme nicht.

Zudem streifte ihn der Alte mit einem Blick aus den Augenwinkeln, bei dem sich nicht unterscheiden ließ, ob es Humor oder Bosheit war, was darin funkelte. »Gewiß, mein Freund!« sagte er. »Es ist sehr wichtig, daß man sich immer in einen angemessenen Geruch setzt. Adoratio kommt von odoratio, heißt es im Latein der Hexenküche. Zu deutsch: Man muß sich aufs Räuchern verstehen.«

Mit diesen Worten schloß er einen großen, schwarzen Kasten auf, der inwendig in unzählige Laden und Lädchen geteilt war. In dem obersten Schubfach lagen die Räucherpulver. Damit konnte man blauen Dunst jeder Art machen. Da gab es ein schwarzes kristallinisches Pulver, das erzeugte eine Atmosphäre der Frömmigkeit und der Glaubenstärke; ein rotes, körniges, das war für Freiheit und Gleichheit; ein schwarzrotgoldenes, das brachte gleich einen Geruch von Mannesmut und Überzeugungstreue hervor; ein himmelblaues, rundes, das machte einen Wind von Aufklärung, Humanität und Fortschritt; ein gelbes, scharfkantiges, das erfüllte die Luft mit Klassenbewußtsein – und viele andere Gattungen. Sie waren fein säuberlich sortiert, jedes in seinem Lädchen für sich. Beim Gebrauch nahm man eine Prise zwischen Zeigefinger und Daumen und streute sie auf eine Räucherpfanne. »Wer aber nicht geübt ist im Geisterbeschwören«, sagte der Zauberer warnungsvoll, »der verbrennt sich dabei die Finger. Auch darf ein einzelner nie zwei Sorten zugleich in Gebrauch nehmen; hintereinander kann er wohl alle abbrennen, auch in beliebiger Reihenfolge, aber da muß er schon ein ausgelernter Meister der magischen Pyrotechnik sein, sonst fliegt er mitsamt seinem Feuerwerk in die Luft.«

Hierauf ging er die Urnen und Phiolen durch. Sie enthielten alle Salben, mit denen ein Meister gerieben sein muß, Mixturen und Elixiere von großer Kraft, nach uralten, hochgeheimen Rezepten bereitet, die niemals niedergeschrieben und nur durch mündliche Überlieferung unter den Eingeweihten erhalten werden. Darunter waren so gefährliche Gifte, daß der Hexenmeister nicht einmal ihren Namen auszusprechen wagte. Der Knabe mußte sich, wie ungebärdig er sich auch stellte, mit den gewöhnlichen Tinkturen zufrieden geben. Doch waren die auch nicht zu verachten – zum Beispiel ein brauner, klebriger Saft, bitter wie Galle und ätzend wie Lauge; von dem genügte ein Tröpflein, auf einen Gegner gespritzt, um einen unaustilgbaren Fleck zu hinterlassen; oder ein anderer, gelb und ölig, mit einem zudringlichen, süßen Parfüm, der dazu diente, diejenigen einzuseifen, die man für sich gewinnen wollte; oder gar jene narkotischen Essenzen, mit welchen man sich bestrich, um sich in die verschiedensten Gestalten zu verwandeln! Das Besondere daran war, daß sie nicht bloß für die andern den Schein dessen erweckten, was man vorstellen wollte, sondern daß man, so lange ihre Wirkung vorhielt, selber glaubte, es zu sein – unschätzbare Zaubertränke, von denen der Alte nur zögernd einige Näpfchen für den Lehrling füllte.

Hingegen langte er bereitwillig eine schöngeformte, tiefgrüne Flasche herab, die dem Knaben in die Augen stach. Wundersam leuchtete ihr Inhalt mit goldenen Funken durch das dunkle Glas; sie war schwer mit blutrotem Wachs verschlossen, auf dem ein herrliches Sigillum sich rein und deutlich ausprägte.

»Das ist das Siegel Salomonis«, sagte der Zauberer nicht ohne Feierlichkeit. »Durch die unvergleichliche Gewalt seiner Magie ist ein Geist in dieses Gefäß gebannt, der dir dienstbar sein und alle Taten verrichten wird, nach denen dein Sinn steht, ein mächtiger spiritus familiaris, mit dessen Hilfe du dich von allen anderen Menschen unterscheiden und stets etwas vor ihnen voraus haben kannst.«

Die Augen des Knaben erweiterten sich vor Begier; er fand kaum Atem genug, um zu sagen: »Und diese Flasche soll mir gehören? Ich werde das Siegel Salomonis besitzen? Ein mächtiger Geist wird mir dienstbar sein?«

»Versteh mich recht«, antwortete der Alte und lächelte fein. »Ich hoffe doch, du bist nicht der Meinung, daß man das echte Siegel Salomonis so im Handumdrehen erwirbt? Ich hoffe doch, du weißt, daß dieser hohe Talisman immer nur den allerwenigsten zugänglich war, nur denen, die unter einem besonderen Stern geboren sind? Nein, mein Freund – dieses Siegel und diese Flasche hier sind eine Nachahmung. Was da drinnen so leuchtet, ist kein Geist – es ist bloß Franzbranntwein mit ein wenig Rauschgold vermengt. Für die Augen der Menge aber tut das denselben Dienst. Du mußt nur wissen, wie du damit umzugehen hast. Merke wohl auf: erzähle so viel du kannst von deinem Schatz; preise ihn laut, posaune ihn aus. Laß keine Gelegenheit vorübergehen, seine magischen Kräfte zu rühmen und die Wunder zu schildern, die du mit seiner Hilfe schon vollbracht hast. Hie und da darfst du ihn auch herzeigen – aber nur jeweils einem allein, unter der Versicherung, daß nur die ganz seltenen Menschen fähig sind, dieses Anblicks teilhaftig zu werden. Glaube mir, dein Ruhm und deine Macht werden bald so groß sein, als besäßest du den echten Talisman.«

Dennoch wurde der Knabe nachdenklich. Er betrachtete die Flasche von allen Seiten. Unentschlossen wendete er sie hin und her und schien das richtige Wort nicht zu finden Endlich fragte er: »Und wenn ich nun doch den echten Talisman erwerben wollte? Was müßte ich da tun?«

- Der Alte zuckte die Achseln. Den echten Talisman? Wozu denn? Sei etwa das Schicksal derjenigen, die ihn besäßen, so beneidenswert? Müßten sie ihn nicht mit ihrem Herzblut bezahlen, mit Entbehrungen und Leiden so grausamer Art, daß der Uneingeweihte sich gar keine Vorstellung davon machen könne? Und der Nachruhm schließlich – das einzige, was sie von den Besitzern der Imitation voraus hätten – sei doch ein recht problematisches Gut. Habe sich nicht längst eine in diesem Punkt maßgebende Persönlichkeit dahin geäußert, daß sie lieber ein lebendiger Hund als ein toter Löwe wäre –?

Während er also redete, zog er eine Lade am Fuß des Kastens auf und stöberte in dem rostigen Eisenzeug herum, womit sie gefüllt war. Unter alten Dolchen, Schwemlingen, Ketten und ähnlichem Gerümpel holte er einen zackigen Reifen hervor. Der war mit Dornen umflochten und dicke, rote Tropfen klebten reichlich daran.

»Hier hast du das Abzeichen der Märtyrerschaft,« sagte er schmunzelnd; »es wird die Wirkung deiner Flasche zu einer völlig täuschenden machen, wenn du es im geeigneten Augenblick auf deine Stirne drückst. Du brauchst dich nicht zu fürchten: die Dornen sind alle stumpf und das Blut ist mit Ölfarbe daraufgemalt. Auf diese Weise ersparst du dir die Leiden und genießest doch den Ruhm derer, die um ihres Talismans willen verfolgt und gepeinigt werden.«

Der Zauberer lachte laut; und jetzt stimmte der Knabe befriedigt ein.

»Um aber deine Ausrüstung ganz zu vollenden,« fuhr der Alte fort, »will ich dir nunmehr ein Stück vom Allerfeinsten zeigen, was die neuere Magie hervorgebracht hat.«

Er öffnete den großen Kleiderschrank. Da hingen in reichhaltiger Auswahl Gewänder für alle Posen, königliche Purpurmäntel und Hohepriestertalare, großblumige Brokate und weißseidene Flügelkleider, korrekte, wohlgebürstete Staatsfräcke, biedermännische Flausröcke und schlichte Handwerkerkittel – alle so eingerichtet, daß man sie in einem nußgroßen Futteral mit sich tragen und im Nu überwerfen konnte.

Der Knabe musterte noch unschlüssig die Garderobe, als der Alte aus einer Haselnuß ein köstliches Gewebe entfaltete. Es war ein fleischfarbenes Trikot – der erdenklich vollkommenste Überzug für eine menschliche Gestalt, mit Invisibleverschluß hinten auf dem Rücken und einem ehrbaren kleinen Feigenblatt aus Seidenstoff an der dazu bestimmten Stelle.

»Alle diese magischen Gewänder, die praktischen sowohl als die ästhetischen,« sagte er und hielt das Trikot an den Achselteilen in die Höhe, daß es in seiner vollen Länge wie eine abgestreifte Schlangenhaut herabhing, »alle diese magischen Gewänder würden ihre volle Wirkung verfehlen, wenn du nicht bei geeigneten Anlässen dein Inneres zu entblößen verständest. Nur auf diese Weise kannst du alle Konkurrenten schlagen; das wirkt noch, wenn sonst nichts mehr verfangen will. Aber es ist eine mißliche Sache um die Nacktheit. Sie kleidet nicht jeden; man muß verdammt gut gewachsen sein, um sich nicht zu blamieren. Überdies ist auch die schönste Nacktheit den Augen der Tugendhaften anstößig und beleidigt die Frommen. Wer sich nicht vorsieht, den steinigen sie, sobald sie seine Blöße erblicken. Dies Zauberkleid aber befriedigt die Schaulust, ohne den Anstand zu verletzen; es beruhigt die Gewissen, ohne die Augen zu verkürzen. Damit darfst du die kühnsten Sprünge wagen; man wird dich als einen Meister und Helden der Wahrheit lobpreisen und deinen Ruhm in alle vier Winde tragen . . .«

Reich beladen mit Schätzen solcher Art schickte sich der Knabe zum Gehen an. Sein Abschied war kurz; er konnte es kaum erwarten, in die Welt zu treten. Der alte Zauberer entließ ihn zuvorkommend durch eine geheime Öffnung, die nach dem Hofe hinaus gleich ins Freie führte.

»Da du es so eilig hast, mein Freund, erspare ich dir jeden Umweg,« sagte er. »Du weißt ja: der Weg durch die Hintertüren ist allemal der kürzeste.«

Hinten im Hofe war das Haus nicht ganz so sauber wie vorne. Schlammige Pfützen standen auf dem ungepflasterten Boden, Kehricht und Unrat lagen gehäuft, die Wände starrten von Schimmel und Schmutz. Der Knabe hob sich auf die Zehen, um sich im Vorbeigehen nicht zu verunreinigen – da stolperte er, und pardauz! lag er auch schon der Länge nach auf dem Boden. Fluchend erhob er sich. Wie war sein Wämslein zugerichtet! Bis auf den Hut war er bespritzt! Sollte er also besudelt in die Welt hinausgehen? Ein gutes Fleckreinigungsmittel, das hatte der Alte ihm mitzugeben vergessen!

Als er sich zurückwandte, um es zu fordern, sah er den alten Zauberer noch im Hofe stehen. Er schien ganz in sich versunken; er murmelte in seinen Bart hinein und seine Hände bewegten sich unheimlich in einem sonderbaren Spiel. Sie nestelten, sie knüpften, sie flochten und spannen geräuschlos und flink. Mit Unbehagen nahm der Knabe wahr, daß es seine schönen, feuerroten Haare waren, mit denen die Hände des Alten spielten. Er blieb vor ihm stehen wie angewurzelt.

Plötzlich warf der Zauberer etwas in die Luft. Zugleich spürte der Knabe ein leichtes Würgen wie von einer haarfeinen Schnur, die zusammengezogen wird. Er fuhr sich an den Hals, um die Schlinge zu zerreißen – aber es war nichts zu greifen. Da überfiel ihn ein panischer Schrecken. Im blinden Drang, zu entfliehen, machte er einen Satz – aber er fühlte sich von einer unsichtbaren Gewalt zurückgerissen und mußte auf dem Flecke bleiben. Wie eine Fliege, die blitzschnell von einer Spinne mit einem einzigen Faden umwickelt wird, daß sie sich nicht mehr rühren kann, so war er hilflos festgebannt.

Mutwillig zog der alte Zauberer den magischen Faden an, bis dem Knaben Hören und Sehen verging. Dann ließ er wieder locker und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Du Eilewind, du brennendes Füchslein, du Honigvogel!« sagte er und hielt sich den Bauch vor Lachen. »Hast du gedacht, daß du so leichten Kaufes mit meinen Schätzen davongehen kannst? Na, gehʼ nur zu! Dies härleinfeine Schnürchen wird dich nicht beschweren. Es ist gar lang; du kannst deinen Honig holen, wo dichʼs gelüstet – nur werdʼ ich dich dabei am Schnürchen haben, an diesem härleinfeinen Schnürchen werde ich dich haben, damit du künftig nicht vergißt, von wo du ausgeflogen bist.«



Der Stiefvater

Im Wald, im tiefen dunklen Wald, lebte eine Witwe mit fünf Knaben. Das waren muntere Gesellen, die immer Unfug im Sinne hatten, immer darauf aus waren, etwas zu entdecken, zu erfinden, zu veranstalten. Wenn ein Sonnenstrahl durch das Dickicht brach, wenn ein Regentropfen auf die Erde fiel, wenn ein Windstoß hoch oben durch die Wipfel strich, gleich guckten sie, gleich horchten sie, gleich wollten sie hinaus ins Freie.

Die Mutter aber hütete sie ängstlich wie eine Gluckhenne ihre Küchlein. Sie war eine Frau nach der Frauen Weise, besaß viel Herz und wenig Verstand. So konnte sie sich durchaus nicht erinnern, wie sie denn mit ihren fünf Kindern in den Wald geraten war; alles Vorhergegangene hatte sie rein vergessen. Nur verworrene und undeutliche Vorstellungen über das, was jenseits lag, waren ihr geblieben, das unbestimmte Gefühl eines großen Unglücks, eines Sturzes aus lichten Höhen, aus einem selig leidlosen Leben in Nacht und Kümmernis. Selbst die Erinnerung an den verlorenen Gemahl, der ihr die fünf Kinder geschenkt hatte, war ihr aus dem Sinn entschwunden; sie hegte aber die Überzeugung, daß sie und er von gar hoher, glorreicher Abkunft sein müßten. Und ebenso trug sie im Stillen die gläubige Hoffnung, daß sie dereinst das selig leidlose Leben in den lichten Höhen wiederfinden werde.

Da sprangen eines Tages die fünf Knaben vor sie hin und riefen wie aus einem Munde:

»Mutter, was liegt jenseits des Waldes?«

»Jenseits des Waldes?«, sagte die Witwe erschrocken, und ihren armen Verstand wandelte gleich ein Schwindel an.

»Ja dort, woher der Wind weht und der Regen strömt und die Sonne scheint – was liegt jenseits des Waldes?«

Die Witwe besann sich gewaltig und sagte dann bange: »Jenseits des Waldes liegt die Welt!«

Als die Knaben dieses Wort hörten, jauchzten sie laut auf vor Entzücken.

»Die Welt! O Wonne und Glück! Die Welt! Wie süß das klingt! Wie das lockt und ruft! O Mutter ade! Wir gehen in die Welt, in die Welt, in die Welt!«

So sangen die Knaben und tanzten und sprangen.

»Kinder, Kinder!« rief die Witwe fassungslos. »Was fällt euch ein! Die Welt ist voll Grauen und Gefahren, habʼ ich sagen gehört; dort soll es Drachen geben, Menschenfresser und böse Feen. Kobolde gibt es dort und Wassermänner, die die Kinder zu sich hinunterziehen, und verzauberte Hunde mit Augen so groß wie Mühlenräder; und ein großer Wauwau geht herum, der steckt alle Kinder, die ihm begegnen, in seinen Rucksack –«

»Den schlagen wir tot, Mutter,« riefen die Knaben begeistert.

Und alle Einwendungen, die sie erhob, beantworteten sie mit dem gleichen weltseligen Mut, und waren nicht mehr zu bändigen vor Erwartung und Ungeduld, so daß die Witwe wohl einsah, ihre Warnungen fruchteten nichts. Zugleich war auch ihre Hoffnung lebendig geworden. Konnten nicht die Knaben in der Welt die verschollene Kunde von ihrer Vergangenheit aufspüren? Konnten sie nicht das Schloß ihrer Väter wiederfinden, die Stätte ihrer ehemaligen Glückseligkeit, wo sie alle von neuem herrlich und in Freuden leben würden?

Unter Tränen schnürte sie jedem ein bescheidenes Ränzlein; im Grunde ihres Herzens aber war sie stolz, daß sie fünf so tapfere, weltmutige Heldensöhne hatte.

Und die fünf Knaben zogen fort in die Welt.

Einsam blieb die Witwe im Walde zurück, in der tiefen, stillen, heimlichen Waldesmitte, wo ihre Hütte stand.

Eines Tages, als sie vor ihrer Haustür saß und an ihre fernen Kinder dachte, geschah es, daß jemand vorüberging. Es war der Waldsiedler, der in demselben unermeßlichen Wald wohnte, ein heiliger Mann und hochgerühmt an Gelehrsamkeit. Immer schon hatte sie darauf gesonnen, wie sie mit ihm in Verbindung treten könnte; aber eine innere Stimme verbot ihr stets, sich über den engen Bezirk ihrer Hütte hinauszuwagen.

Er blieb vor ihr stehen und sie fühlte ohne aufzuschauen, daß er seinen durchdringenden Blick auf sie heftete.

»Weib, du bist die Pforte der Hölle, weißt du das?« sagte er mit einer Stimme, die dumpf und drohend klang wie fernes Donnergrollen.

»O Verehrungswürdiger, ich bin nur eine niedrige Magd,« versetzte sie bebend, »aber wenn du mich lehren wolltest, wie man zur Pforte des Paradieses gelangt –«

»Weiberlogik!« antwortete er unwirsch und ging seines Weges.

Dieses artige kleine Gespräch machte auf die Witwe einen tiefen Eindruck. Mit wehmütiger Resignation dachte sie, daß er, der so hoch über ihr stand, wohl nicht geneigt sein dürfte, ein zweites Mal mit ihr zu reden.

Doch er kam wieder.

Täglich kam er wieder, und immer länger blieb er. Gemeinsam mit der Witwe wandelte er auf und nieder vor ihrer bescheidenen Hütte und ließ sein Licht leuchten vor ihrem bescheidenen Gemüt. Er redete und sie hörte zu. Seine Lippen troffen von dem Honigseim der Weisheit; aller Dinge Grund und Wesen war ihm offenbar, und kundig war er alles Wissens, das in Höhen und Tiefen zu finden. Sich selbst aber betrachtete er als den Mittelpunkt alles Seienden, als den Urquell aller Vortrefflichkeit, als das Erste und Letzte, neben dem nichts anderes bestehen kann.

Ehrfürchtig lauschte die Witwe seinen Worten. Sie war glückselig, daß sie ihren Herrn und Meister gefunden hatte, der sich herabließ, sie zu unterweisen und auf den rechten Weg zu leiten.

Nur in einem Punkte konnte sie zu keinem Einvernehmen mit ihm kommen. Das waren ihre fünf Kinder, die tapferen Knaben, die in die Welt gegangen waren.

Oft bebte das Mutterherz in Sorge und Ungewißheit, oder in Hoffnung und Erwartung, und dann wollte es überfließen in das Herz des Freundes, um Trost und Beruhigung von diesen gewichtigen Lippen zu empfangen.

Aber der strenge Meister duldete solche Anwandlungen nicht. Er hegte keinerlei Sympathie für die fünf Knaben. So oft die Witwe auf sie zu sprechen kam, runzelte er die Stirne; und er gähnte laut, wenn sie, wie Mütter gerne tun, von ihren lieben kindlichen Werken und Aussprüchen zu erzählen begann. Als sie aber einmal andeutete, die Knaben würden ihr vielleicht aus der Welt die verschollene Kunde von ihrer Herkunft und ihrer Bestimmung bringen, ergrimmte der heilige Mann. Denn in der Welt sei weder Wissen noch Weisheit zu holen; die Welt sei eitel Torheit und Blendwerk, ein Jammertal, ein Sündenpfuhl; dem Weisen gezieme es, sich von ihr abzuwenden und sie zu verachten. Über den verlorenen Gemahl der Witwe äußerte er sich noch viel abfälliger; er ließ durchblicken, daß der Vater solcher weltsüchtiger Rangen kein Fürst und Meister, sondern ein gleißender Verführer gewesen sei, ein Taugenichts und schlechter Kerl, dem sich die Witwe sehr zu ihrem Unheil ergeben habe. Und sie könne diesen Fehltritt nur gut machen, wenn sie ihren Sinn nicht länger an diesen Unwürdigen und seine Brut hänge, sondern sich im ausschließlichen Verkehr mit ihm zu reinigen und zu läutern strebe.

Die Witwe erschrak aufs Tiefste, und hütete sich fortan sorgfältig, von ihren Knaben zu reden. Dennoch brachte sie es nicht über sich, ihnen in ihrem Allerinnersten abtrünnig zu werden, und liebte sie wie vor und eh, selbst auf die Gefahr hin, daß ihr Vater nur ein Vagabund gewesen sein sollte.

Der Waldsiedler aber befestigte seine Herrschaft über die Witwe mit jedem Tage mehr, bis sie sich in den Gedanken zu ergeben begann, mit aller Vergangenheit und Zukunft abzuschließen, dem Waldsiedler die Hand zu reichen und Frau Waldsiedlerin zu werden.

Denn es war ihr nicht entgangen: er hatte es satt, unter den Bäumen auf dem kalten harten Boden zu übernachten, und seinen Hunger mit unverdaulichen rohen Wurzeln zu stillen; sie merkte wohl, er sehnte sich nach einer warmen Feuerstätte, nach einer guten Streu, auf die er sich hinstrecken konnte, wenn er müde war, nach einem bereitwilligen Gefäße, in das er überfließen konnte, wenn er sich mitteilen wollte, nach einem verschwiegenen Brunnen, aus dem er schöpfen konnte, wenn er leer war – ja, die Witwe merkte alles wohl, was er sich selbst nicht eingestand. Aber sie besaß zugleich die Klugheit, womit die gütige Natur die Einfältigen ausgestattet hat; und als er ihr antrug, sie »aus Gnade und Barmherzigkeit, zur völligen Errettung von ihrer dunklen Vergangenheit« zu heiraten, willigte sie ein, ohne zu fragen, ob es nicht auch andere Gründe gebe.

So schlössen die Beiden ihren frommen Bund. Der Waldsiedler zog in die Hütte der Witwe, predigte, fastete und betete und hielt seine Frau in der Zucht des Herrn.

Als nun die Witwe einmal allein zu Hause war, während ihr Gatte sich in den Wald begeben hatte, um zu meditieren, hörte sie von ferne ein helles Jauchzen und Singen wie von einem flatternden Nachtigallenchor.

Ein süßer Schreck durchfuhr sie: wer konnte so hell jauchzen und singen, wenn nicht ihre Kinder? Und sie riß Fenster und Türen auf und rief in den Wald hinaus; und als sie die Stimmen deutlicher vernahm, weinte sie vor Freude und lief den Ankommenden entgegen trotz ihrer Scheu und Schüchternheit.

Groß und schön kehrten die fünf aus der Welt zurück, voll Übermut und strahlender Lebenslust, so warm, so frisch, so blühend, daß sich die Witwe gar nicht satt sehen konnte.

»Daß ich euch nur wieder habe, Kinder, meine Kinder,« rief sie unter Lachen und Weinen. »Kommt, erzählt, wie geht es zu in der Welt? Nicht wahr, die Welt ist ganz abscheulich, ein Jammertal, ein Sündenpfuhl, aus dem weder Wissen noch Weisheit zu holen ist –?«

Da lachten die Knaben laut und riefen wie aus einem Munde:

»O Mutter, Mütterlein, die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit!«

Und der Kleinste trat hervor, breitete die Arme aus voll Entzücken und sprach:

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! Wo du sie fassest, findest du Form und Fülle; da wird dir so wohl, da wiegst du dich selig, da trinkst du das köstliche Flüssige, da atmest du wehende Lüfte, da wärmt dich die Sonne, da kühlt dich der Schatten. Die Welt, sie schwillt dir entgegen, sie umfängt dich mit schmeichelnden Händen – man muß sie erleben, man kann sie nicht schildern!«

Dann trat der Zweite hervor, breitete die Arme aus voll Entzücken und sprach:

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! Sie steht in Fruchtbarkeit und Erntesegen, sie bringt hervor unzählbare Kräuter und Früchte, und jegliche Art hat etwas Wunderbares, das nur ihr eigen ist, und das sie dir offenbart, wenn du sie in dich aufnimmst. So reich an solchen Süßigkeiten ist die Welt, daß keine Worte sie bezeichnen können. Man muß sie erleben, man kann sie nicht schildern!«

Dann trat der Dritte hervor, breitete die Arme aus voll Entzücken und sprach:

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! Und alla, was darin ist, verkündet sich und lockt dich an, wenn du dich näherst. Und wonnesame Blumen blühen überall; die hauchen ihren Atem aus gleich dem Weihrauch, der von den Altären emporsteigt zum Preise des Erschaffenen. Die Welt, sie ist ein duftender Garten; man muß sie erleben, man kann sie nicht schildern!«

Dahn trat der Vierte hervor, breitete seine Arme aus voll Entzücken und sprach:

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! Eine blaue Wölbung steht unermeßlich ausgespannt in den Höhen, und in den Tiefen unermeßlich ein silberner Spiegel, der umfaßt die dunkle Erde mit kristallener Klarheit. Und ein goldenes Licht wandelt durch die Welt, das aufgeht in Purpur und niedergeht in Scharlach; es gießt sich aus auf alle Dinge und spielt mit ihnen in tausend Farben. Sie kleiden die Welt in ein strahlendes Brautgewand, daß sie einhergeht mit Prangen als eine selige Königin!«

Dann trat der Fünfte hervor, breitete die Arme aus voll Entzücken und sprach:

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! Und alle Wesen bringen ihr einen jauchzenden Lobgesang – der Sturmwind, der einherfährt mit Brausen, und die Lüfte, die in den Bäumen säuseln, das Meer, das an den Küsten rauscht, und der Bach, der zwischen Wiesengründen rieselt, die Nachtigall, die im Gebüsche singt, und die Biene, die auf Blütenkelchen summt; doch über Sturmwind, Meer und Nachtigall erschallt der Lobgesang des Menschen. Denn er hat aus Geigen, Flöten, Harfen und Trompeten die Welt zum zweiten Mal erschaffen und kann ihr geheimstes Wesen, das stumm in ihr verborgen liegt, durch Harmonien offenbaren.«

Und sie reichten sich die Hände und schlössen singend und tanzend ihre Mutter ein.

»Die Welt ist schön, die Welt ist wunderschön, die Welt ist voll ewiger Herrlichkeit! O Mutter, Mütterlein, komm, komm mit, komm mit uns in die Welt!«

Die Witwe war bewegt. Sie hätte wirklich nicht übel Lust gehabt, mit den frischen, frohen Knaben gleich hinauszuziehen in die sonnige, wonnige, duftende Welt. Aber das ging nicht an ohne die Einwilligung des Waldsiedlers, ihres Herrn und Gebieters. Und war der nicht ein grimmiger Weltverächter?

Deshalb sagte die Witwe, als die Knaben sie immer ungestümer bedrängten, daß das ein gar folgenschwerer Entschluß sei, den sie nicht fassen könne ohne reifliche Überlegung. Denn es sei – die gute Frau wurde ein wenig verlegen – denn es sei, während sie in der Welt herumreisten und nichts von sich hören ließen, ein – ein Onkel zu ihr in den Wald gekommen, ein Mann von hohem Einfluß und Gewicht, dem alle Dinge der Welt kund und offenbar seien; der wisse genau Bescheid, und vielleicht, wenn sie ihn recht beweglich bäten –

Hier verstummte die Witwe, und das Herz wurde ihr schwer. Es schien ihr nicht ganz wahrscheinlich, daß der erhabene Waldsiedler irgend welchen beweglichen Bitten zugänglich sein könnte.

Die Knaben aber murrten: ein Onkel? Was für ein Onkel? Sie hätten ihr Lebtag nichts von diesem Onkel gehört!

»Das macht nichts«, sagte die Witwe. »Ihr habt noch gar vieles nicht gehört, was er euch lehren wird.«

»Wir brauchen aber nichts von einem Onkel zu lernen,« riefen die Knaben unmutig; »wir sind in der Welt gewesen!«

So kamen Mutter und Kinder in der Hütte an.

Da sagte der eine und horchte: »Was schnarcht hier in der Nähe so unangenehm?« und der Zweite, der die Kutte des Waldsiedlers an einem Nagel hängen sah: »Was hängt hier für ein graues Schlottergespenst und macht so griesgrämige Falten?« Und der Dritte und Vierte schnupperten mit gerümpften Nasen: »Was ist hier für eine schlechte Luft? Da riecht es so sauertöpfisch und muffig!« Und der Kleinste lief hin, befühlte die Kutte: »Was ist das für ein widerwärtiges Ding, daß einen ein Jucken ankommt, wenn manʼs nur berührt?«

In diesem Augenblick trat der Waldsiedler herein. Er war in einem hohlen Baum gestanden und hatte alles mit angehört. Ungnädig die Stirne runzelnd, blieb er unter der Türe stehen:

»Was ist das für ein unziemlicher Lärm? Was für ein Geplapper und Geplärr?«

Die Knaben rotteten sich trotzig auf ein Häuflein zusammen und starrten ihn feindlich an.

Mit den einschmeichelndsten, gewinnendsten Tönen ihrer sanften Frauenstimme stellte sie ihm die Witwe als ihre Kinder vor.

»Erhabener Freund,« sagte sie, »ich empfehle diese armen Waisen der unendlichen Huld und Gnade deines erleuchteten Sinnes! Gerade sind sie zurückgekommen und wissen gar Liebes und Schönes von der Welt zu erzählen. Sie sagen, o mein Gebieter, die Welt sei ein blühender Garten voll Duft und Licht und Wohlklang –«

»So? Sagen sie das?« versetzte der Waldsiedler ingrimmig. »Da werde ich sie gleich ins Gebet nehmen. Komm doch her, mein Kleiner –« er wollte sich den Jüngsten herbeilangen; der aber hub ein großes Geschrei an und flüchtete sich hinter die Rockfalten der Mutter, desgleichen der Zweite und Dritte.

Da zog der Waldsiedler eine schneidige Haselgerte, die er sich in wissender Voraussicht draußen geschnitten hatte, aus seiner Kutte und ließ sie durch die Luft pfeifen.

»Hei, meine Bürschlein, ich weiß, wie man euch kirre macht, ihr Ungeberdigen! Eine tüchtige Zuchtrute, das ist die beste Waffe für den, der Herr im Hause bleiben will.«

So redete der alte Waldsiedler und lachte höhnisch in seinen eisgrauen Bart.

»Ich werde euch die Annehmlichkeiten der Welt kennen lehren, ihr Prahlhänse! Dir werde ich das Röcklein ausziehen, du Kleiner, und dich nackt in die Brennesseln werfen, damit du deine Wohllüste vergißt; und dir, du Zweiter, werde ich Galle in den Mund träufeln, wenn du von den Süßigkeiten der Welt faselst; und dir du Dritter, werde ich brennenden Schwefel unter die Nase halten, wenn du die duftenden Gärten der Welt anpreisest –«

Die drei Kleinen stießen ein lautes Wehgeschrei aus; aber die zwei Größten traten hervor und riefen mutig:

»Halt ein, du Wüterich! Wenn du diese unverständigen Kinder bedrohst, hast du es mit uns zu tun, denn sie sind unsere Geschwister. Und uns – was könntest du uns beiden anhaben mit deiner Bosheit und Galle?«

»Auch ihr seid nichts als Lügenbolde und Faselanten! Höre mich, Frau, und merkʼ es dir wohl: an all dem, was diese Fünf sagen, ist kein wahres Wort! In Wahrheit ist die Welt nichts als eine finstere, ungeheuere Leere, in der ein wilder und wütender Dämon haust. Von ewig unstillbarer Wut erfüllt, sucht er rastlos nach neuen Opfern, die er auffrist, um sich die lange Weile zu vertreiben. Alles, was geboren wird, ist ihm verfallen, er zerfleischt es mit seinen Klauen. Blut und Mord, Krankheit und Tod, Leiden ohne Zahl herrschen in der Welt, die er sich geschaffen hat. Jammergeschrei und Schmerzgeheul erschallen ohnʼ Unterlaß; er fährt umher wie ein rasender Tiger und reißt der Kreatur das lebendige Fleisch in zuckenden Fetzen vom Leibe –«

»Hörʼ auf, hörʼ auf!« flehte die Witwe, die einer Ohnmacht nahe war. »Ich kann es nicht ertragen, wenn von solchen schrecklichen Dingen die Rede ist! Ich bekomme Herzweh vom bloßen Zuhören.«

»Ja, die Weiber wollen die Wahrheit nie hören,« sagte der alte Waldsiedler hart.

»Glaube ihm nicht, Mutter!« riefen die Knaben und streichelten die weinende Frau. »Er ist ein Verleumder! Die Welt ist voll Unschuld und Güte; alle Übel wiegt sie königlich auf mit Lust und Freude.«

»Aber höre nur erst die ganze Wahrheit«, fuhr der Waldsiedler fort. »Lange genug habe ich dich geschont; jetzt aber nötigst du mich, dich aufzuklären. Dieser verworfene und gräßliche Dämon ist es, von dem du dich unwissentlich betören ließest; er ist es, der aus dir diese Fünf gezeugt hat, um sie als Kuppler und Werber für seine Schandtaten zu verwenden. Und nun gehen sie herum, prahlen und flunkern, lügen und betrügen, locken mit ihren Vorspiegelungen und Gaukeleien immer neue Wesen ins Dasein hinein, und die Not der Welt nimmt kein Ende!«

»Glaube ihm nicht, Mutter, er verleumdet!« schrien die Knaben. »Komm mit uns in die Welt, wenn du froh und glücklich leben willst.«

»Glaube ihnen nicht, sie lügen!« schrie gleichzeitig der Waldsiedler. »Bleibe bei mir und meide die Welt, wenn du den Weg zum ewigen Heile gehen willst!«

Die Witwe trocknete sich den Schweiß von der Stirne.

»Lieber Mann und liebe Kinder«, sagte sie mit schwacher Stimme, »ich bittʼ euch, laßt jetzt die Welt auf sich beruhen. Es ist spät geworden, wir wollen zur Ruhe gehen. Guter Rat kommt über Nacht.«

Allein am nächsten Morgen brach der Streit gleich von neuem los. Die Knaben blieben bei ihrer Meinung, und der Waldsiedler blieb auch bei seiner Meinung, und jeder Teil wollte die Witwe für sich gewinnen. Sie besänftigte und begütigte, sie vermittelte und vertuschte – doch es half alles nichts: der Streit war nicht zu schlichten. Wenn sie mit dem Waldsiedler beisammen war, schien es ihr, daß der Waldsiedler Recht hatte; und wenn sie mit den Knaben beisammen war, schien es ihr, daß die Knaben Recht hatten – denn sie liebte diese und liebte jenen.

So trieben sieʼs, und so treiben sieʼs noch. Die Witwe aber ist übel dran!



Eine Jubiläums-Inkarnation

Die Posaune tönte, daß mir die Ohren gellten.

Ich setzte mich auf, noch ganz schlaftrunken, und rieb mir die Augen.

Wie? Schon wieder an die Arbeit? Die Zeit der Ruhe schon wieder vorbei? Und alle die seligen Träume zerstoben! Aufgewacht mit leeren Händen und leerem Kopf!

Und nun heißt es wieder leben, leben! Hinab in die Tretmühle auf siebzig oder achtzig Jahre! Ach, es war so gar nicht einladend, dieses sauere Tagewerk des irdischen Daseins! So gar nicht einladend, wieder unterzutauchen in die finstere Tiefe, in das große Vergessen, aus dem man hilflos erwacht – zu Not und Elend, zu Glanz und Glück, wer weiß es?

Melancholisch legte ich mich noch einmal nieder, um so hinzudämmern bis zum zweiten Posaunenstoß.

Aber der Schlaf war dahin; eine nervöse Unruhe, ein Prickeln in allen Gliedern, das ich nur zu gut aus langer Erfahrung kannte, verleidete mir das Liegen. Also heraus!

Ringsherum herrschte bereits große Bewegung. Die kleinen, geflügelten Monaden, meine Schlafkameraden, machten sich reisefertig; es war eine geräuschvolle Geschäftigkeit, ein Getrippel und Gewispel, ein Gähnen, Seufzen, Schwätzen wie in der Schule, bevor der Lehrer kommt. Sie reckten und streckten sich, begrüßten einander als gute Bekannte, die zusammen ihren Haschischrausch ausgeschlafen haben, und machten heimlich lästerliche Bemerkungen über die Pedanterie, mit welcher man auf die Minute, wenn nicht gar um einiges zu früh, aus den Federn gejagt werde.

Da erscholl auch schon, näher und drohender, der zweite Posaunenstoß.

Eilig stürzten wir an unsere Betten zurück, um unter den weißseidenen Kopfkissen unsere Konduitelisten hervorzunehmen. Darin standen alle Lebensläufe, die jede Monade zurückgelegt hatte, mit Nummern versehen und ausführlich beschrieben.

Alle guten und alle schlechten Taten waren gewissenhaft und unparteiisch angeführt, so ging das Gerücht; und aus der Summe von Schuld und Verdienst dieser verflossenen Lebensläufe wurde die Direktive für das kommende Leben gezogen. Leider waren diese Notizen in einer unverständlichen Chiffernschrift verfaßt, die man erst in viel höheren Jahrgängen lesen lernte.

Einige von uns blätterten in ihren Bögen mit der verzweifelten Hoffnung, vielleicht doch ein oder das andere Zeichen zu enträtseln.

Umsonst!

Nur die Nummern waren erkennbar. Aber was hatte man davon, zu erfahren das wievielte Mal man eben geboren werden sollte!

In Ermangelung anderer Kenntnisse begannen wir unsere Nummern auszutauschen.

»Wieviel hast du hinter dir?«

»Neuhunderteinundzwanzig.«

»Und du?«

»Neunhundertsiebenundachtzig.«

»Und du?«

»Neunhundertdreiundfünfzig.«

So ging es immer in Neunhunderten fort; denn wir waren offenbar nach dem Hundert sortiert.

Als die Reihe an mich kam, sah auch ich nach.

»Neunhundertneunundneunzig!«

»Wie? Was? Da kommst du ja schon in die Tausender? O du Glückliche! O du Beneidenswerte!«

Sie drängten sich um mich und warfen mißtrauische Blicke in mein Heft, ob ich nicht bloß renommiert hätte; dabei richteten sie hämische Seitenblicke auf mich und flüsterten sich spöttische Bemerkungen in die Ohren.

Es ging ganz wie auf Erden zu, wenn jemand eine Auszeichnung erhält. Wir waren eben lauter erbärmliche Erdenseelen und konnten uns auch hier nicht anders benehmen, als wirʼs unten gelernt hatten.

Einige, die meiner Ziffer zunächst standen, gratulierten mir. »O, wenn wir nur auch so weit wären«, seufzten sie dann.

»Da wäret ihr was Rechtes!« sagte ich. »Was habʼ ich denn davon? Verstehʼ ich mehr als ihr? Kann ich die Schrift entziffern? Bin ich um ein Jota wissender als ihr? Bin ich um ein Haar besser als ihr? Muß ich nicht auch hinunter ins Ungewisse?«

Das schien ihnen einzuleuchten Die neidischen Blicke verwandelten sich wieder in behaglich geringschätzige; die Seufzer beruhigten sich. Nur Nummer Neunhundertsiebenundneunzig schüttelte den Kopf.

»Sehr tröstlich ist das gerade nicht«, sagte sie. »Da rackert man sich weidlich ab, Leben aus, Leben ein, stöhnt und schwitzt in endlosen Nöten – und dann machen hundert Lebensläufe nicht einmal einen wesentlichen Unterschied? Ist das ein menschenwürdiges Avancement? Muß man bei solchen Zuständen nicht alle Lust und Liebe zum Leben verlieren?«

Diese Worte riefen einen förmlichen Aufruhr unter den Seelen hervor; eine rebellische Stimmung gewann rasch die Oberhand.

»Warum sollen wir denn alles stillschweigend einstecken? Rühren wir uns einmal! Protestieren wir! Raffen wir uns zu einer Tat auf!« schrien sie durcheinander. »Wir wollen nicht länger bloße Diurnisten der Wiedergeburt sein! Wir wollen uns nicht länger wie eine Herde unsterblicher Schafe behandeln lassen! Es muß etwas für uns geschehen!«

»Das ist alles recht schön,« erwiderte Nummer Neunhunderfünfundneunzig; »aber was soll denn geschehen? Wir haben keinerlei Rechte oder Beziehungen nach oben; wie sollen wir da unseren Wünschen Geltung verschaffen?«

»Reichen wir eine Petition ein«, meinte schüchtern Nummer Neunhundertfünfunddreißig.

»Was? Eine Petition?« sagte eine andere, die wahrscheinlich in ihrem letzten Lebenslauf Parlamentsmitglied gewesen war. »Petitionen sind für den Papierkorb. Da lassen wirʼs lieber gleich beim Alten bewenden.«

Hierauf schien sich eine erregte Debatte entspinnen zu wollen; doch Nummer Neunhundertsiebenundneunzig rief entschlossen:

»Verehrte Anwesende, wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich schlage ihnen vor: wählen sie eine Deputation, die ihre Wünsche höheren Ortes vorbringen soll –«

Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen. Aber er konnte nicht ausgeführt werden.

Der dritte Posaunenstoß erscholl in diesem Augenblick. Laut, grimmig, zerschmetternd dröhnte er durch den Himmel. Und aus der schimmernden Bläue hervor wie aus einem seidenen Vorhang trat, auf die goldene Posaune gestützt, groß und gewaltig er, der auf Erden der Tod genannt wird – der Engel der Geburt.

Mit welchem atemlosen Respekt verstummten wir da sofort! Nun erst überfiel uns das volle Bewußtsein, daß es Ernst war, daß es keinen Aufschub gab, nun erst das volle Bewußtsein, was es hieß, wieder geboren zu werden. Wie arme Sünder standen wir da – mit allen Gefühlen ohnmächtiger Furcht und ohnmächtigen Grolles, von denen die armen Sünder heimlich erfüllt sind. Der Geist der Auflehnung war spurlos ausgelöscht; niemand wagte mehr zu mucksen.

Zitternd wichen wir zurück, während der große Unbekannte vorüberschritt. Er würdigte uns keines Blickes, er sprach kein Wort, er gab kein Zeichen – er war hochmütig und unnahbar wie der Tod.

Wir schlossen uns mechanisch hinter ihm in einen bunten Haufen; langsam und lautlos wie Flocken begannen wir abwärts zu sinken. Durch dieses Schneegestöber von Seelen leuchtet unser Führer voran wie eine blutigrote Wintersonne.

Endlich drang durch die tiefe Windstille eine leichte Bewegung wie der erste Luftzug vor dem Gewitter; und ferne, fern wie das erste Rollen des Donners kam ein dumpfes Brausen herauf. Die Luft verfinsterte sich; ein düsteres Grau lagerte sich in wolkigen Schichten um uns her Daraus hervor stieg allmählich etwas wie eine schwarze Felsenkette, kahl und steil. Es war das Ufer, an dem der Strom des Lebens mit schauerlichem Getöse vorüberraste.

Als wir auf dem Felsengrund angelangt waren, sahen wir hinab in den wilden Strom. Hochauf schäumte er und überstürzte sich strudelnd in abgründlichen Wirbeln; heulend wälzten sich die purpurnen Wogen übereinander; der Felsen bebte unter der donnernden Wucht der Katarakte.

Die armen Seelen brachen in ein lautes Angstgeschrei aus.

»Da hinunter? O ewige Mächte! Erbarmen! Hilfe! Ich kann nicht! Ich will nicht! Gnade! Gnade!«

Aber kein Erbarmen, keine Gnade! Ungehört verhallte das Geschrei im Tosen der Flut. Und vergeblich jeder Versuch, sich an das nackte Gestein zu klammern; unaufhaltsam glitten wir dem Abgrunde zu, wehrlos einem fremden Willen gehorchend.

Der schweigende Führer wandte sich um. Gebieterisch wies er auf die jüngste der Seelen und wies hinab in den kochenden Gischt.

Eine gewaltige Woge türmte sich auf, schwemmte sich züngelnd ans Ufer – und weg war das Seelchen.

Eins nach dem andern spülte der Strom so mit sich fort.

Ich sah zu wie ein Verurteilter, an den erst die Reihe kommt, bis die Köpfe seiner Mitschuldigen gefallen sind.

Nun war ich allein übrig. Schon erhob der Schreckliche seine unerbittliche Hand – da schrie ich auf, verwegen vor Verzweiflung:

»Höre mich! Ich will leben und sterben, wie es sein muß, ohne Widersetzlichkeit! Aber wer seine Jahre treu und redlich gedient hat, bekommt schließlich eine Belohnung. So sage mir heute: ist dies irdische Tagewerk nicht vergeblich? Gibt es einen Fortschritt, gibt es ein Ziel? Zum tausendsten Mal tret ich das Leben an, und bin doch so gering, so schlecht, so unwissend wie jene, die um viele Leben hinter mir sind!«

Da schwoll ein unsterbliches Gelächter über die Brandung:

»Du hältst dich nicht mehr für besser als deinesgleichen – was murrst du da über deine Fortschritte, unzuvergnügender Sterblicher?«

Und hui! war ich versunken.



Erster Versuch

Täglich im Morgengrauen, lange bevor die Sonne aufging, verließ der Prophet seine Höhle und wanderte weit durch die Wüste zur Quelle, aus der er trank. Dort grub er nach Wurzeln und sammelte die Früchte der Palmen, um seinen Hunger zu stillen. Die großen braunen Affen, welche die Oase bewohnten, taten ihm nichts zu Leide. Sie behandelten ihn wie ihresgleichen; und wenn sie in den Palmenkronen saßen und die vollen Datteltrauben lärmend plünderten, warfen sie wohl im Übermute der Schwelgerei angebissene Früchte herab. Von diesen Abfällen ihrer Mahlzeiten nährte sich der Prophet. Er befand sich sehr im Nachteil gegenüber den Affen; er besaß kein zweites Paar Hände zum Klettern und war mit einem nachdenklichen Kopfe beschwert.

Neunmal neunmal und abermals neunmal neunmal – der Prophet konnte nur bis neun zählen – wechselte der Mond, während der Prophet in der Wüste wohnte. Tagsüber saß er in seiner Höhle, die Beine kreuzweise ineinander verschlungen, die Hände über dem Hinterhaupt gefaltet, den nackten Rücken an eine scharfe Felskante gelehnt, und dachte, dachte, dachte nach.

Für ihn war das keine kleine Aufgabe; denn er gehörte zu den ersten Menschen, die sich mit Denken beschäftigten. Vielleicht war er der erste. Er konnte sich an keine Tradition halten; keine Autorität kam ihm zu Hilfe; er mußte sich seine Welt völlig aus dem Nichts schaffen. Aber schon er hatte sein entscheidendes Grunderlebnis gehabt, wie alle Propheten seither, das Erlebnis, das sein Schicksal war, und das er in Gestalt seiner Gedanken auf die Nachwelt vererbte, wie alle Propheten seither.

Über die Natur seines eigenen Denkens hatte er eine Theorie erfunden, auf die er seine Weltanschauung gründete. Er dachte, daß in seinem Kopf eine Fledermaus wohne, die mit dunklen Flügeln darin umherfliege und wandelnde Schatten in sein Inneres werfe. Keine andere Annahme schien ihm geeignet, die rätselhaften Zustände zu erklären, die ihn bewegten. Lächelt nicht, ihr späten Enkel des Propheten! Könnte es nicht geschehen, daß auch eure späten Enkel über die Theorie lächeln werden, auf die ihr eure Weltanschauung gründet – – –?

Es war schon lange her, seit die Fledermaus sich das erste Mal im Köpfe des Propheten geregt hatte. Als er noch ein Knabe war und seines Vaters Schafe hütete, geschah es.

Einst fand er bei der Heimkehr seine Sippe in Aufregung. Die Weiber kreischten, der Vater brüllte. Er hatte aus irgend einem Grund eine der Frauen gezüchtigt. Sie lag auf dem Boden mit weitaufgerissenen Augen und rührte sich nicht.

Eben befahl der Vater einem Sklaven, sie an einen bestimmten verrufenen Ort, den niemand betreten durfte, zu tragen. Dort sollte sie bleiben, preisgegeben den Geiern und Hyänen.

Er wußte den Ort; heimlich stahl er sich hin, als er den Sklaven zurückkommen sah.

Auf den brennenden Felsen hingestreckt, starrte sie mit ihren weitaufgerissenen Augen in den Himmel. Er rief sie an, aber sie gab keine Antwort; er faßte ihre Hand, aber ihre Hand war steif und kalt. Senkrecht über ihr kreiste hoch oben ein schwarzer Punkt in der blendenden Bläue.

Und er stand und schaute. Er gedachte der verflossenen Nächte, als er an das Zelt geschlichen war, in dem sie schlief. Hinter dem Vorhang hervor drang Geflüster. Er wußte, was das Geflüster bedeute, und hatte in kommenden Nächten auch mit ihr flüstern wollen. Und nun lag sie hier, stumm, kalt, tot. Ja tot, tot! Was war das: tot? Sie war noch hier und war doch nicht mehr hier; sie war es noch ganz und war es doch nicht mehr.

Er kniete nieder und beugte sich lauschend über sie. Kein Hauch ging aus ihrem Munde aus und ein; sie war stille, ganz still. In seiner Brust, dort, wo es innen klopfte, zog sich etwas schmerzhaft zusammen, und aus seinen Augen fielen heiße Tropfen auf ihr unbewegliches Gesicht. Und schluchzend stürzte er sich mit ausgebreiteten Armen über sie.

Am nächsten Abend eilte er noch einmal zu ihr. Rot glühte der Himmel wie in Flammen. Die Sonne hing als eine blutige Scheibe über dem Rand der Wüste; ihm deuchte, nie sei sie so groß und so rot gewesen.

Auf der Brust der Toten saßen zwei Geier und hackten rote Streifen aus dem schönen, jungen, weißen Leib. Er verjagte sie mit seinem Stabe; widerwillig flogen sie auf und setzten sich auf den Absturz nebenan.

Und er betrachtete die Tote mit wachsendem Leide. Er sah aus ihrer zerfleischten Brust ein rötlich weißes Gerüst hervorragen und darunter rätselhafte, grauenvolle Gebilde, wie wenn ein Lamm geschlachtet worden ist und die Eingeweide herausgenommen werden sollen. Ihr Gesicht aber war seltsam; sie schien zu lachen, mit einem fürchterlichen, grinsenden Lachen; denn die Oberlippe fehlte, und alle die weißen, rundlichen glänzenden Zähne zeigten sich wie bei einem fröhlichen Menschen, der von Herzen in ein lautes Gelächter ausbricht. Ihre Augen schienen noch weit mehr aufgerissen; aber nichts weißes war mehr daran sichtbar, sondern nur zwei große schwarze Höhlen.

Und während er sie so anstarrte, von Grauen geschüttelt wie vom Fieber, öffneten sich ihre Kinnbacken, und etwas, das aussah wie ein rotes Mäuschen, lief heraus.

Da sträubten sich seine Haare, und mit einem lauten Schrei rannte er davon.

Viele Tage lang dachte er nicht mehr daran, wieder an jenen Ort zu gehen; er hätte es nicht gewagt aus Furcht vor dem roten Mäuschen. Und doch fürchtete er sich vor nichts auf der Welt, nicht einmal vor seinem Vater, dem mächtigen Herrn so vieler Schafe, Weiber, Pferde, Rinder und Kamele. Aber einmal in der Nacht erwachte er jählings. Der Mond schien ihm in das Gesicht, hell wie der Tag. Er sprang auf. Mit festem Schritte ging er zwischen seinen Brüdern hindurch aus dem Zelt. Die Wächter sahen ihn nicht; er schlich an ihnen vorbei in die Wüste hinaus. Das Geheul der Schakale und Hyänen drang an sein Ohr, aber er kehrte sich nicht daran. Er wollte die Tote noch einmal sehen, trotz ihrer leeren Augen und ihres gräßlich lachenden Mundes. Er wollte sie anrufen, sie bei der Hand nehmen und ihr sagen, daß er gekommen sei ihretwegen – vielleicht nützte das. Vielleicht konnte sie dadurch wieder lebendig gemacht werden. Er vergaff ihre schrecklichen Wunden, er vergaß ihren langen Todesschlaf – er empfand nur eine alles verzehrende Sehnsucht nach ihr. Also mußte sie noch irgendwo sein und vielleicht nicht unerreichbar für ihn.

Die Wüste glänzte wie Silber. Und in ihren blinkenden Sand halb eingebettet lag ein weißes Gebein, gewölbte Stäbe über einer zerfallenen Kette von kleinen viereckigen Gliedern, und oben ein schöngerundetes Gefäß mit zwei großen Öffnungen und einer kleineren, darunter zwei Reihen Zähne. Das war alles, was von ihr übrig geblieben war.

Da schwand seine Hoffnung, daß sie zurückkehren könnte, für immer. Und mit seiner gebrochenen Stimme, in der die Männlichkeit ihre ersten rauhen Töne anschlug, hub er eine schwermutvolle Klage an. Laut scholl sein Rufen durch die mondhelle Wüste und vermischte sich in den lauen Lüften mit dem Heulen der nächtlichen Tiere.

»Wohin bist du gegangen, du Schöne, du Geliebte! Wohin bist du gegangen, daß du nicht mehr zurückkehren kannst zu dem, der durch die Nacht wandert nach dir! Wo sind deine Haare, die um dein Gesicht hingen wie die Mähne des schwarzen Pferdes, das auf den Triften weidet? Wo sind deine Wangen, die lieblich waren wie die Wolken, die gegen die Morgensonne gewendet stehen? Wo sind deine Augen, mit denen du mich angesehen hast wie eine Gazelle, vor deren Blick das Herz des Jägers erzittert, daß er den Pfeil nicht abdrücken kann? Wo sind deine Arme, deine Brüste, deine Hüften, die ich begehrt habe wie ein Mann ein Weib begehrt? Ach, es ist alles dahingegangen; du bist dahingegangen in deiner Schönheit und Jugend, und ich werde dich nicht wiederfinden, nicht an den Weideplätzen, die am Strome liegen, und nicht dort, wo alles Land sich in das große Wasser stürzt. Wehʼ mir, ich werde dich nie wiederfinden!«

Von dieser Stunde an hatte er kein Verlangen mehr nach Weibern; wenn sie ihm winkten oder mit den Augen blinkten, begann die Fledermaus in seinem Kopfe zu kreisen, und dann fragte er wohl: »Weißt du, wohin du gehst, wenn du tot bist?« Aber die Schönen verstanden nicht, was er meinte; sie lachten über ihn, oder sahen ihn scheu an mit furchtsamen Lämmeraugen.

Und als die Zeit gekommen war und er unter die Männer aufgenommen werden sollte, trat er vor die

Ältesten seines Stammes und fragte: »Wißt ihr, wohin die gehen, die tot sind?«

Aber auch die Ältesten verstanden nicht, was er meinte; sie schüttelten ihre kahlen Köpfe über seine Frage. Der Allerälteste und Weiseste räusperte sich und sagte:

»Wer weiß nicht, wohin die Toten gehen? Sie gehen in das Feuer, in dem sie verbrannt werden. Das ist jedem offenbar, der es gesehen hat. Du aber hebe dich hinweg mit deiner eitlen Frage; willst du uns zum Besten haben, du Narr?«

Hierauf ergrimmten die Ältesten und hoben Steine auf, um ihn zu steinigen.

Er aber entfloh in die Wüste. Dort konnte er ungestört seiner Frage nachhängen; die braunen Affen verstanden sie zwar auch nicht, doch steinigten sie ihn wenigstens nicht deswegen.

Und der Bart wuchs ihm lang und länger, und die Nägel wuchsen ihm lang und länger, und er dachte, dachte, dachte nach.

Schwer war das Denken, unsäglich schwer; eine so gewaltige Arbeit war es, daß man sie mit keiner anderen vergleichen konnte. Der Prophet ließ nichts unversucht, um sich in dieser Arbeit zu fördern. Stundenlang schüttelte er den Kopf, als es ihm zum Bewußtsein kam, daß der Kopf der Sitz jenes widerspenstigen Wesens war, welches Gedanken hervorbrachte. Oder er drehte den Oberkörper mit diesem sonderbaren Kopfe unter beschwörendem Klagegeheul so lange im Kreis herum, bis er ohnmächtig hinfiel, oder bis er sich in Krämpfen auf dem Boden wälzte.

Anfänglich hatte er in der Oase gewohnt; allein er fand bald, daß dieses liebliche Wohlleben seinen Bestrebungen nicht zuträglich war. Wenn er in angenehmer Sattheit auf dem kühlen Rasen lag und dem besänftigendem Murmeln der Quelle lauschte, indes die Palmen im Abendwind säuselten, bemächtigte sich seines Gemütes eine solche Zufriedenheit, daß seine Gedanken einschliefen und nicht wieder erwachen wollten. Er aber liebte seine Gedanken mehr als das Wohlleben; deshalb ging er hinaus in die Wüste und peinigte sein Fleisch.

So saß er in seiner Höhle, einsam, als wäre er allein auf der Welt, und so dachte er nach, neunmal neun Monde lang und nochmals neunmal neun Monde lang.

Da begab sich in einer Vollmondnacht etwas unerhörtes. Ferne am Saum der Wüste tauchte eine breite dunkle Schlange auf, eingehüllt in eine helle Staubwolke. Und als die Schlange sich näherte, sah der Prophet, daß es eine große Horde Menschen war, die da einherzog mit Pferden und Eseln und fremdartigen Tieren, deren Nasen bis an die Erde reichten, mit hochgeschnürten Bündeln und mannigfachen Gerätschaften.

Neugierig ging der Prophet dem Zuge entgegen. Er war ein primitiver Weiser und betrachtete Neugierde noch nicht als etwas, das ein Mann sich nicht eingestehen darf. Ja sein Herz schlug höher bei dem langentwöhnten Anblick menschlicher Gestalten; freundlich begrüßte er die ersten, die in seine Nähe kamen. Allein sie antworteten ihm nicht; scheu und ängstlich wichen sie vor ihm zurück, wie vor einem wilden Tiere. Sie sahen traurig aus und matt bis zum Tod.

Gern hätte der Prophet gewußt, woher sie kämen, wohin sie gingen; er redete lauter und eindringlicher zu ihnen, damit sie doch vielleicht Vertrauen zu ihm gewännen. Endlich blieb ein alter Mann, der wohl der Anführer sein konnte, vor ihm stehen und sagte: »Wir haben seit drei Tagen nicht getrunken, wir sind dem Tode nah. Der du hier lebst, weise uns die Quelle, aus der du trinkst!«

Das zu hören, war dem Propheten nicht lieb. Wenn diese ganze, große Menschenmenge in seine Oase kam, würden sie die Quelle zertrampeln und die Palmen kahl fressen. Wie sollte er dann sein eigenes Leben fristen?

Indes der Prophet solchergestalt klüglich überlegte, begann aber die Fledermaus, dieses wunderliche, fremde, höhere Wesen, in seinem Kopfe zu kreisen. Und es schien ihm plötzlich, daß auch er ein Dürstender unter Dürstenden sei; und er beschloß, daß er seine Quelle denen schenken wolle, die da durstig waren. Seine gebeugte Gestalt richtete sich auf, seine schwarzen Augen erglühten. Hoch erhob er seine abgemagerten Arme und rief mit starker Stimme: »Heil ist euch widerfahren; denn ich will euch weisen den Weg, der zur Quelle führt«.

Und die Horde zertrampelte seine Quelle und fraß seine Palmen kahl. Schreiend entflohen die braunen Affen; das älteste Männchen sprang im Vorübereilen auf den Propheten los, zauste ihn weidlich und ohrfeigte ihn. Der Prophet empfand die volle Berechtigung dieses Grimmes; denn hätte er, ohne seine innerliche Fledermaus, selbst anders gedacht als der erfahrene alte Affe?

Als sich alle gesättigt hatten, kam der Führer und erzählte das Schicksal seines Volkes. Sie wohnten an den Niederungen des großen Stromes, in dem fruchtbaren und gesegneten Streifen Landes, der zwischen den Sümpfen und der Wüste liegt, reich und glücklich, ein zahlreiches Volk, bis von den Sümpfen her ein giftiges Wehen entstand und sie mit einer grimmen Seuche heimsuchte, die gewütet habe viele Monde lang und dahingewürgt fast alles Volk. Da hätten die Oberlebenden beschlossen, um dem großen Sterben zu entrinnen, auszuwandern aus dem Lande ihrer Väter und sich eine neue Heimat zu suchen, wo das große Sterben sie nicht mehr ereilen könnte. Aber die Furcht des Todes sei über sie gekommen und wandere mit ihnen; und alle Oberlebenden seien ergriffen von großer Trauer und Unruhe.

Der Prophet hörte gedankenvoll zu. Dann stellte er seine große Frage:

»Wißt ihr, wohin die gehen, die tot sind?«

»Wir wissen es nicht,« sagte der Führer; »aber wenn du es weißt, so sage es uns. Denn wir waren ein großes und mächtiges Volk, und jetzt sind wir ein Haufen verlorener Flüchtlinge, verlassen von unseren Weisen und Mächtigen; die Seuche hat sie uns hinweggeführt, wir wissen nicht wohin.«

Da erkannte der Prophet, daß seine Zeit gekommen war.

Er hieß den Führer, sich einen zu wählen aus seinem Volk, der für ihn zeuge. Und als es Nacht war, führte er die beiden Männer in seine Höhle und befahl ihnen, niederzuknien auf die spitzen Steine und die Arme auszubreiten und den Kopf auf die spitzen Steine niederzubeugen und in dieser ehrfurchtsvollen Stellung den Morgen zu erwarten.

Der Prophet bereitete sich auf das Kommende. Noch einmal durchlief er alle seine Methoden und Systeme des Denkens; er schüttelte den Kopf und drehte sich wie ein Kreisel um sich selbst; er schlang sich die Beine um den Rumpf in wilden Verknüpfungen und zog sich die Zunge heraus bis auf die Brust; er heulte, er stöhnte, er brüllte, und der Schaum stand ihm vor dem Munde.

Die beiden Profanen hörten es schaudernd. Zuweilen hoben sie ein wenig die Köpfe, um nach ihm hinzuschielen. Dann sahen sie, wie er sich mühte in ungestümem Eifer, und senkten ihre Köpfe wieder schleunig auf die spitzen Steine. Am liebsten wären sie davongelaufen; allein sie fühlten, daß dieser außerordentliche Mann sie festbannte mit unbegreiflicher Macht.

So kam der Morgen heran.

Der Prophet warf sich zwischen seine Auserwählten auf den Boden hin und hieß sie sich aufrichten auf den Knien. Und sie erhoben ihr Angesicht. Da stand der Himmel vor dem Höhleneingang in rotem Feuer; und über dem dunkelblauen Rande der Felsenhügel schwebte ein flammender Streifen, der langsam wuchs und sich zu einer ungeheuren Scheibe wölbte.

Und in Schauern der Ergriffenheit bebend, hub der Prophet an:

»Das ist sie! Das ist sie! Sehet hin und schauet! Das ist die Mutter alles Lebendigen! Das ist der heilige Schoß, der alles gebiert, was da lebet! Das ist der Quell, aus dem das Leben träufet! Das ist das Urlicht, das die Strahlen aussendet, das sind die Strahlen, welche die toten Gehäuse in lebendiges Fleisch verwandeln! Und abermals ist es der heilige Schoß, der alles wieder aufnimmt, was da gelebt hat! Der Quell, in den das Leben zurückträufet! Das Urlicht, in das die Strahlen zurückkehren, wenn die Nacht einbricht!«.

Die beiden Andern starrten ihn erschrocken mit großen Augen an. Er sah, daß sie ihn nicht verstanden hatten, und daß er sich deutlicher ausdrücken mußte.

»Also vernehmet und höret mich an: Das ist die große Urmaus, die große Muttermaus, die Gebärerin aller einzelnen kleinen Mäuse! Denn wisset: was im Menschen sich regt und macht, daß er hierhin schreitet und dorthin, daß er aufsteht und sich niedersetzet, daß er Wohlgefallen empfindet und Schmerz, Freude und Zorn, daß der Hauch aus seinem Munde geht und die Sprache aus seinem Halse, dies alles bringt ein Wesen hervor, das in ihm wohnet in Gestalt einer kleinen roten Maus. Täglich früh, wenn die große Urmaus glanzvoll über den Rand der Welt heraufsteigt, sendet sie auf ihren Strahlen die kleinen roten Mäuse aus. Die laufen einher auf dem goldenen Wege wie hurtige Wiesel und laufen hinein in die Leiber der Kinder, die an diesem Tage geboren werden, und bleiben wohnen in ihnen, bis sie tot sind. Und allabendlich, wenn die große Urmaus schlafen geht hinter den Rand der Welt, laufen die kleinen roten Mäuse aus den Leibern der Verstorbenen zurück auf dem goldenen Wege in den seligen Schoß der großen Urmaus. So lebt der Mensch, so stirbt der Mensch. Von wannen er kommt, wohin er geht, ihr habt es gehört, ihr habt es gesehen.«

Da fielen die beiden Andern vor ihm nieder auf ihr Angesicht und küßten den Staub von seinen Füßen. Jetzt hatten sie ihn verstanden.

»Auf, künde unseren Brüdern die Botschaft des Heils,« schrien sie begeistert. »Du sollst hinfort unser Herr und Hort sein, unser Führer und Fürst!«

Und die Menge huldigte dem Propheten. Er führte das Volk über das große Gebirge hinab in fruchtbare Täler und siedelte es dort an, und gab ihm den Anführer als König und dessen Zeugen als Oberpriester. Er selbst zog sich wieder in die Einsamkeit zurück. Denn er liebte die Regierungsgeschäfte nicht; er hatte zuviel nachgedacht in seinem Leben.

Als er aber zu sterben kam, berief er zu sich den König und den Oberpriester, und sprach zu ihnen:

»Meine Freunde, ich habe nicht alles mitgeteilt, was ich weiß. Jetzt in der Stunde, da ich scheide, will ich aussprechen, was mein eigen war als das Süßeste und als das Bitterste meines Lebens. Vernehmt denn: es gibt Menschen, in denen wohnt nicht ein gewöhnliches rotes Mäuschen, sondern ein Mäuschen, das Flügel besitzt. Flügel, meine Freunde, versteht mich wohl! Und das geflügelte Mäuschen flattert in ihrem Kopfe herum und erhebt sich überall dorthin, wohin die gewöhnlichen roten Mäuschen nicht laufen können. Die Menschen der geflügelten Mäuschen aber, das sind die Auserwählten; daran sollt ihr erkennen, wer ein König und Herr ist unter den Menschen, und ihnen Ehre erweisen und sie heiligen vor allem Volk.«

Nachdem er also gesprochen hatte, sank er zurück und schloß die Augen.

»O, Erhabener, deine Rede sei gepriesen,« sprach der König; »aber woran sollen wir denn erkennen, ob in einem Menschen ein gewöhnliches Mäuschen oder ein geflügeltes wohnt?«

Darauf gab der Prophet keine Antwort mehr. Der Oberpriester beugte sich über ihn und horchte an seinem Munde. Nach einer Weile sagte er erschüttert: »Sein Mäuschen ist entschwebt!« – – –



Mein Traum

Ich pflege selten zu träumen. Aber wer kann sich ganz ohne Träume durchʼs Leben schlagen? Kaum nickt der Kutscher ein wenig ein, so geht der Hippogryph durch; und das arme liebe Ich, das ahnungslos wie ein reisender Engländer hinten im Wagen sitzt, sieht sich plötzlich fortgerissen über Stock und Stein, aus allen Geleisen heraus, in die Hölle oder in den Himmel, ohne daß es um seine Wünsche und Absichten gefragt würde.

Auf diese Weise kam ich jüngst in den Himmel. Vorher war ich ganz vulgär menschlich in einem irdischen Garten herumgegangen und hatte über irgend etwas nachgedacht. Ich glaube, über die Unzulänglichkeit der Weltregierung, die unbefriedigenden Fortschritte der Menschheit, oder dergleichen müssige Dinge. Es mußte lange schlechtes Wetter geherrscht haben, denn eine kleine Lücke in dem bewölkten Firmament über mir, durch die der blaue Himmel hereinschien, machte mir einen besonderen Eindruck. Und mit der überraschenden Logik der Träumer dachte ich: Holla! Warum sollte man nicht einmal versuchen, durch diese Lücke hineinzugelangen? Zuversichtlich entschlossen schöpfte ich tief Atem, blies die Backen auf – und in der Tat, ich begann wie ein Luftballon senkrecht in die Höhe zu steigen, höher und immer höher. Ich fand dies nicht im geringsten erstaunlich; ich wunderte mich sogar flüchtig darüber, daß die Menschen nicht längst auf dieses einfache Mittel, das langweilige Gesetz der Schwere zu überwinden, verfallen waren.

Oben an der Wolkendecke stieß ich mit dem Kopf unsanft an, denn ich konnte die Öffnung nicht gleich finden. Ich versuchte es ein zweites, drittes, viertes Mal. Glücklicherweise stammen meine Vorfahren aus dem Lande ob der Enns; solche Schädel halten einen Puff aus. Schließlich traf ich doch ins Schwarze; und ich schlüpfte durch einen engen Schlot, der nach Geräuchertem roch wie ein ländlicher Kamin, aufwärts.

Als ich glücklich draußen war, befand ich mich in einem unermeßlich großen Treppenhause, in dem nach allen Seiten hin krystallene Stufen und goldene Geländer in zahllosen Wendungen zwischen wolkenfarbenen Marmorpfeilern emporführten.

Bei diesem Anblick dachte ich gleich an die biblische Himmelsleiter; und da die Menschheit seit den Tagen der Patriarchen wenigstens auf den Gebieten der Technik und des Komforts unleugbare Fortschritte gemacht hat, schien es mir ganz angemessen, daß sich die primitive Leiter des Erzvaters indessen in solch ein herrliches Treppenwerk verwandelt habe. Von den auf- und abwandelnden Engeln hingegen bemerkte ich nichts. Alles war leer und still; kein himmlischer Portier fragte den Ankömmling, wohin er wolle; kein beflügelter Lakai nahm ihm seine Visitkarte und seine Überkleider ab. Aber mit einiger Anstrengung erspähte ich doch vereinzelte, geisterhafte Gestalten, die sich in größerer oder geringerer Ferne von einander fortbewegten. Schwach schimmerten sie durch die weltweiten Räume wie Sterne auf einem nebeligen Winterhimmel. Nirgends gingen ihrer zwei zusammen; es schien mir, daß jede für sich einen der unzähligen Treppenarme benützte, die sich wohl erst weiter oben, in einer Höhe, in die mein Blick nicht hinaufreichte, vereinigten.

So entschloß ich mich auf gut Glück, die Stufen, die mir zunächst lagen, zu betreten. Wenn ich nur immer tapfer aufwärts stiege, konnte ich ja, so dachte ich, das Ziel nicht verfehlen.

Viele hundert Jahre lang ging ich fort auf den breiten schimmernden Stufen. Von ihnen schien das Licht auszuströmen, das diese Räume mit reiner Klarheit erhellte und alle Schatten in Glanz auflöste. Unersättlich weidete ich mich an der Pracht, die mich umgab. Geschoß auf Geschoß erhob sich herrlich und herrlicher; in immer neuen Perspektiven reihten sich Säulen, Bogen, Wölbungen übereinander; die goldenen Geländer schlangen sich aufwärts ohne Ende – unter mir, neben mir, über mir Stufen und Stufen bis in die blaue Ewigkeit.

Von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick nach hinten, ob nicht jemand nachkäme; aber es kam niemand nach. Auch hoffte ich im Stillen, eine jener Gestalten einzuholen, die ich früher wahrgenommen hatte; aber ich holte niemanden ein. Im Gegenteil: ich erblickte weit und breit keine Spur mehr von ihnen; sie hatten sich in den ungeheuren Entfernungen dieses glanzvollen Labyrinthes verloren, und ich war mutterseelenallein auf meinem Wege.

Eine große Stille herrschte, eine völlige Lautlosigkeit, wie sie auf Erden auch in den schweigsamsten Mondnächten nicht besteht. Ich hörte nur meine eigenen Schritte mit einem knappen, trockenen Ton auf die Stufen schlagen – tapp, tapp, tapp, eintönig fort.

Allmählig begann das scharfe, kalte, klare Licht mich in den Augen zu schmerzen; die empfindliche Kühle dieser marmornen Hallen durchfröstelte mich bis ins Innerste.

Und in meinem Gemüt regte sich ein Zweifel, ob ich denn auf dem rechten Wege sei. Vielleicht gelangte man nach dieser Richtung hin gar nicht in die bewohnten Räume des Himmels? In die Appartements des lieben Gottes, wo die neun Chöre der Engel musizieren und die Muttergottes mit den Heiligen Cercle hält? Vielleicht führte dieser Treppenarm nach jenen Teilen des Himmels, die, vorläufig unbenützt, erst zum Aufenthalt für die Seelen kommender Jahrtausende bestimmt sind? Und ich mußte dann zur Strafe dafür, daß ich den Mund vollgenommen und mich mit einer voreiligen Umgehung der Naturgesetze in den Himmel eingeschlichen hatte, all die lange Zeit hindurch einsam und verlassen harren, bis jene späten Gäste ankämen? Bis die Überzüge von den Möbeln entfernt, die Jalousien aufgezogen und die Flügeltüren geöffnet werden, weit auf, daß der strahlende Glanz und die unsterbliche Musik jener anderen Sphären hereinfluten können –?

Mit einem Male hatte sich die Umgebung ganz verändert. Verschwunden waren die unabsehbaren Fernen mit ihren endlosen Reihen leuchtender Stufen; undurchsichtige kalkige Mauern engten den Gesichtskreis ein, die Wölbungen senkten sich niedriger herab, die Stufen wurden schmal, steil, dunkel, und bald unterschied sich mein Weg kaum mehr von der kahlen Treppe, die in eine von armen Handwerkern und dürftigen Witwen bewohnte Mansarde hinaufführt.

Es befremdete mich, daß es im Himmel hergehen sollte wie in irdischen Häusern, wo die Treppen desto schlechter werden, je weiter man sich von der Beletage entfernt. Zugleich drückte mich das Bewußtsein nieder, daß ich allem Anschein nach auf die Dachbodenstiege des Himmels geraten war, und also wirklich den rechten Weg verfehlt hatte. Denn man stellt seiner Intelligenz immer ein schlechtes Zeugnis aus, wenn man einen Weg verfehlt.

Ich überlegte, ob ich nicht lieber umkehren sollte. Aber der Gedanke an Umkehr erweckte in mir eine seltsame Traurigkeit, eine schmerzliche Wehmut, so daß ich mich an die Mauer lehnte und, überwältigt von unerklärlichen Gefühlen, den Tränen, diesem Universalheilmittel der weiblichen Natur, freien Lauf ließ.

Da war mirʼs, als hörte ich durch die tiefe Stille schwache, verlorene Töne dringen. Sie schienen aus der Höhe zu kommen; je länger ich lauschte, desto deutlicher vernahm ich sie. Es war eine alte, schlichte, einfältige Weise; sie erinnerte mich an eine Melodie, die ich in meiner Kindheit gehört und längst vergessen hatte. Aber ein wundersamer Trost ging von ihr aus; mit neuem Mute kletterte ich noch eine erkleckliche Zahl von Stockwerken aufwärts, bis ich bei einem hölzernen, leiterartigen Treppchen anlangte, das in einen engen Gang mündete. Von dort her kamen die Töne.

Da stand ich nun vor einer armseligen, niedrigen Dachbodentür, auf welcher ich mit Staunen die Inschrift: »Zum Paradies« entzifferte. Ich hatte mir freilich unten, in den wunderbaren Hallen des Treppenraumes, ein anderes Ziel vorgestellt – aber gleichviel! Es war ein Ziel nach langer Wanderschaft; und wer so lange kein Ziel gesehen hat, der weiß Ziele erst zu schätzen.

Ich klopfte an und trat ein.

Inmitten eines kleinen Stübchens stand ein alter Mann. Vor sich auf einem Gestelle hatte er einen altmodischen Leierkasten stehen, der mit einem primitiven Gemälde, die Erschaffung von Adam und Eva, geziert war. Er orgelte mit friedlicher Gelassenheit, ohne sich durch meinen Eintritt stören zu lassen. Sein Bart war eisgrau, sein Gesicht voll Runzeln; aber aus seinen Augen strahlte eine wahrhaft himmlische Verklärung, und um seine Lippen lag ein Zug von gütiger Heiterkeit, wie ich ihn noch bei keinem menschlichen Wesen wahrgenommen hatte. Er lauschte mit so frommer Ergriffenheit der Musik, die er hervorbrachte, daß die Würde seiner Persönlichkeit durch die einfältige Beschäftigung, der er sich ergab, nicht beeinträchtigt wurde.

Auf meine Bitte, mich einen Augenblick niedersetzen zu dürfen, nickte er mit seinem weißen Kopfe und spielte immer zu.

Wie einladend war dieses Stübchen! Am Fenster blühten Geranienstöcke, und frischgewaschene Musselingardinen hingen davor. Ein geschweifter Kasten mit blinkenden Messingbeschlägen stand an der blendend weiß getünchten Wand; das Kanapee, auf dem ich saß, war mit geblümtem Kattun überzogen, und auf dem Tisch daneben lag die Bibel aufgeschlagen. In der Ecke erhob sich ein gebuckelter, grüner Kachelofen, von dem eine milde Wärme ausging; über der Eingangstür hing ein Kruzifix mit einem Palmkätzchenzweig dahinter.

Mich plagte die Neugier, zu erfahren, wer denn der Alte sei, der hier in dieser Mansarde des Himmels das Gnadenbrot genoß und sich die Zeit mit einer Drehorgel vertrieb.

Um ein Gespräch einzuleiten, sagte ich: »Eine freundliche Wohnung, aber ein wenig hoch gelegen!«

»Freilich wohl,« versetzte er mit einer sanften, schwachen, alten Männerstimme. »Es kommt auch selten jemand da herauf, liebes Kind.«

»Und wohnen Sie hier in diesem Trakte so ganz allein?«

»Was soll man machen, wenn man alt wird? Dann finden die Kinder, daß man ihnen den Platz wegnimmt. Der Mensch oder ich – für uns beide,

ist in der Welt kein Raum, heißt es jetzt. So habe ich mich hieher zurückgezogen.«

Da ich diese Antwort nicht recht verstand, fragte ich mit himmlischer Höflichkeit – denn warum sollte man im Himmel nicht auch mit einem Leiermann höflich sein? –

»Dürfte ich vielleicht fragen, mit wem ich die Ehre habe?«

Er lächelte geheimnisvoll. »Ich bin«, sagte er nicht ohne Schalkhaftigkeit in seinen wundervollen Augen, »ich bin derjenige, den du dir vorstellst, mein Kind.«

»Woher wissen Sie, wen ich mir unter Ihnen vorstelle?«

Er vergaß im Anhören seiner kindlichen Musik zu antworten. Und in dieser einsamen Verlassenheit schien er mir so uralt, so hinfällig und so hilfsbedürftig; es kam mir vor, als schwanke er vor Müdigkeit auf seinen gebrechlichen, alten Beinen. Er dauerte mich: »Wollen sie sich nicht ein wenig zu mir aufʼs Kanapee setzen?« fragte ich ihn. »Sie müssen ja schon müde sein vom vielen Stehen?«

»Das wäre!« versetzte er mit seinem rätselhaften Lächeln. »Ich darf nicht aufhören zu spielen.«

»Warum denn nicht?«

»Weil sonst die Welt aus den Fugen ginge.«

In seinen Augen blitzte es – von Göttlichkeit oder von Wahnsinn.

Jetzt begann ich zu begreifen: statt in den Himmel, wie ich dachte, war ich ins Fegefeuer geraten, wo die armen Seelen ihre irdische Qual so lange mit sich schleppen, bis sie gänzlich gesäubert sind.

Und mein Verdruß wuchs, als ein peinlicher Argwohn in mir aufstieg, der Argwohn, daß ich vielleicht zur Strafe meiner Sünden verurteilt sei, eine unbekannte Anzahl Jahrtausende den eintönigen Leierkasten anzuhören und als Gesellschafter nur diesen kindischen Greis zu haben. Ich erinnerte mich mit Unbehagen, daß ich während meiner Erdentage wenig Vorliebe für die Alten und Schwachen gehabt hatte, namentlich, wenn sie immer dieselben Stücke leierten.

Und nun war ich in eine Zelle zusammengesperrt mit einem solchen Leiermann! Ich warf einen bösen Blick auf meinen Zellengenossen. Dabei sah ich, daß er mich aufmerksam und gespannt beobachtete.

Um seines lieben, arglosen Gesichtes willen verschluckte ich meinen Unmut und sagte leutselig: »Setzen sie sich nur nieder! Wenn es sein muß, kann ja ich indessen das Spiel in Gang erhalten, damit die Welt nicht aus den Fugen geht.«

Da brach der Alte in ein großes Lachen aus. Es war ein so herzliches, unwiderstehliches Lachen, voll ewiger Heiterkeit und göttlichem Behagen, daß ich nicht ärgerlich werden konnte, sondern gleichfalls zu lachen begann, obwohl ich nicht einsah, was denn so Lächerliches an meinem Anerbieten war.

»Weißt du denn nicht«, fragte er und lachte noch immer, »daß dazu fünf Stücke erforderlich sind?«

»Sie spielen doch die ganze Zeit nur ein- und dasselbe Stück, so viel ich höre?«

Er lachte weiter. Und dann stellte er fünf Fragen an mich.

»Hast du den festen Willen?«

»Hast du die Aufopferung?«

»Hast du das Wissen?«

»Bist du als Mensch geboren?«

»Bist du ein Mann geworden?«

»Nun, bei Gott! Dazu werden doch die geistigen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechtes hinreichen?«

»Mein Kind, bisher ist die Mannheit eines der unerläßlichen fünf Stücke gewesen, und ich habe strenge darauf gehalten. Soll ich nun anfangen, Ausnahmen zu machen? Übrigens, warum nicht? Ich bin nie ein Pedant gewesen. Also komm her, mein Kind.«

Ich stand auf und trat zu ihm.

»Eines aber müssen Sie mir erlauben«, sagte ich, schon im Begriff, ihm die Kurbel aus der Hand zu nehmen. »Ich kann Ihnen nicht verhehlen, dieses Stück, das Sie schon so lange spielen – es Ist ja ein ganz nettes, altes Lied – aber nehmen Sie mirʼs nicht übel, immer dasselbe, das halte ich nicht aus. Deshalb möchte ich ein neues Register aufziehen, wenn ich beginne.«

»Das wird sich finden,« versetzte er, indem er meine Hand ergriff.

In diesem Augenblick verwandelte sich das Spiel des Leierkastens in ein Brausen wie von tausend Orgeln; das Stübchen fiel auseinander wie eine zerschnittene Pappschachtel, und eine ungeheure Weite, von blendender Helligkeit erleuchtet, dehnte sich ins Grenzenlose aus. Millionen farbiger Strahlen flössen in kreisenden Wirbeln vor meinen Augen ineinander und schienen sich in unendlicher Ferne in einem strahlenden weißen Punkte zu vereinen. Und dieses weiße Licht traf meinen Blick mit unerträglichem Glanz, und das Brausen schwoll immer gewaltiger an, als dröhnten schon die Donner des jüngsten Gerichtes an mein Ohr . . .

Überwältigt schlug ich die Augen auf. Da schien mir die Morgensonne hell ins Gesicht, und unten im Hofe wurde mit aller Macht ein Teppich geklopft.



Eine Unterredung

Gabriel ging kopfschüttelnd aus der Werkstatt. Da wurde von Tag zu Tag schlechter gearbeitet; wohin sollte das führen? Alle Hände voll zu tun, Arbeit, daß man nicht genug Gehilfen anstellen konnte – aber was dabei herauskam, war Dutzendware, schleuderhaft ausgeführtes Zeug ohne reine Prägung, ohne Schwung in der Linienführung, ohne Originalität der Erfindung, nur so in Eile und Oberflächlichkeit aus den verbrauchten und verschmierten Gußformen herausgestanzt. Je größer die Stückzahl, desto geringer der Wert.

Und dabei, wenn man hinunterhorchte in das Getriebe, stieg der Wert des Besonderen und Eigenartigen mit jedem Tage, ganz in dem Verhältnis wie es seltener wurde. Immer lauter scholl der Ruf nach dem, was da unten Individualität oder Persönlichkeit genannt wurde, als stünden alle diese Großen und Herrlichen schon vor der Tür und warteten nur darauf, bis das Zeichen zum Einlaß gegeben würde, um die Erde mit neuem Glanz zu erfüllen. Nächstens schon würden sie eintreten, so schien man zu glauben, nächstens schon würden sie da sein, die Heilsboten, die Gottgesandten, die Erlöser, die triumphierenden, lachenden, gewaltigen Herren der Erde, von denen man sich einstweilen alles versprach, was den Gegenwärtigen fehlte. Die guten Kreaturen! Wie grimmig täuschten sie sich wieder einmal! Wenn sie einen Blick in diese Formgießerei hätten werfen können, dann wäre es ihnen wohl aufgedämmert, daß ihre festlichen Preislieder nicht den Kommenden galten, sondern – den Gegangenen. Die Schatten der Vergangenheit waren es, die sie für die Schatten der? Zukunft hielten.

Kopfschüttelnd ging Gabriel aus der Werkstatt. Und in seinem großen, milden Erzengelsherzen reifte, während er so die mißlichen Aussichten des Menschengeschlechtes überdachte, ein Entschluß. Was war denn der Grund, daß die Sachen auf Erden täglich geistloser und gewöhnlicher wurden? Wenn diesem Übelstande abgeholfen werden sollte, dann gab es nur ein Mittel: neue Modelle, neue Gußformen! Weg mit dem alten Gerümpel! Dem Schlendrian ein Ende machen!

Aber das konnte nur Er!

Wo war Er? Wo war der Schöpfer und Meister? Seit langer Zeit hatte er die Werkstatt nicht mehr betreten, keinen Blick mehr auf seine Erfindung geworfen. Er überließ die Durchführung den dazu bestellten Geistern. Alles war ausgedacht, angeordnet, festgesetzt; der Betrieb mußte von selber gehen. Und es ging – aber so wie es geht, wenn die Geister zweiten Ranges das Regiment führen.

Gabriel seufzte. Er meinte sich selbst unter den Geistern zweiten Ranges. Ihm war die Leitung der Herstellung übertragen, und er besorgte sie gewissenhaft, mit allem Fleiß und Eifer bemüht, den Ansprüchen der täglich wachsenden Vermehrung gerecht zu werden. Aber Ideen: nein, Ideen hatte er nicht. Die hatte nur Er, der Schöpfer und Meister.

Deshalb wollte er versuchen, eine Privataudienz bei ihm zu erlangen. Denn in den großen Empfängen, wenn Er, dessen Name unaussprechlich ist, sich im Glanze seiner Herrlichkeit dem versammelten Hofstaat zeigte, wenn die blauesten Fernen des Himmels vom blendenden Licht seines Angesichts strahlten und alle Höhen widerhallten vom Brausen der Jubelgesänge, die seine Stimme erweckte, da war nicht Zeit, solche Fragen mit ihm zu besprechen. Vielleicht aber wollte es diesmal das Glück, daß er ihn erreichte und geneigt fand, ihm Gehör zu schenken.

Lange suchte Gabriel. Er wagte sich aufwärts in Höhen, die sein Fuß noch nie betreten hatte. Wo in Nebelballen neue Planeten eingewickelt lagen und aus dem Dunkel formloser Massen neue Sonnensysteme ihre ersten Strahlen entfalteten, in dem ungeheuren Chaos werdender Welten stand der Herr wie ein Künstler in seinem Atelier. Als er den Ankömmling erblickte, schien er ihn nicht gleich zu erkennen; dann aber winkte er ihn näher herbei.

»Du hier, Gabriel?« fragte er mit einiger Überraschung. »Ich fürchte, es wird dir hier nicht ganz behaglich sein, alter Freund!«

Gabriel fand keine Worte; überwältigt von dem Gefühl des Abstands, schlug er die Augen nieder und beugte sich tief.

»O Herr, erhabener Meister«, stammelte er, »du, dessen Name als ein ewiger Lobgesang von den Lippen der Engel tönt . . .«

»Nicht so feierlich, lieber Gabriel! Du bist noch aus der guten alten Schule; aber da sich mittlerweile viel geringere Leute als du auf einen ganz anderen Fuß mit mir gestellt haben, warum solltest du es nicht auch tun? Hast du ein Anliegen, so sprich ungescheut!«

Da nun Gabriel sah, daß er den Meister in so leutseliger Stimmung angetroffen hatte, faßte er sich ein Herz und sagte:

»Es ist . . . ich komme . . . es ist die Menschheit . . .«

»Ach so!« sagte der Meister und machte eine geringschätzige Handbewegung. »Die Menschheit? Eine Jugendarbeit! Offen gestanden, sie hat kein Interesse mehr für mich . . .«

»O Herr, das eben ist ihr Unglück! In den Tagen, da du noch unter den Menschen wandeltest, war es besser um sie bestellt!«

»Ja, ich habe lange nichts mehr von ihnen gehört. Was treiben sie immer? Sie verstehen wohl noch immer nicht, was ich mit ihnen meinte?«

»Weniger denn je, fürchtʼ ich.«

»Sie gehen nicht auf meine Absichten ein, das verdrießt mich an ihnen so sehr!«

»O Herr, verzeih! Sie können auf deine Absichten nicht eingehen, weil . . . Darf ich offen sprechen?«

»Ich weiß, ich weiß! Du willst einwenden, daß sie eben nicht klüger und besser sind, als ich sie geschaffen habe. Ganz richtig! Es ist eine verpfuschte Arbeit, reden wir nicht weiter davon!«

Eine Wolke legte sich über die Stirn des Meisters, er wandte sich ab.

Gabriel versuchte einzulenken.

»Du sagtest, o Herr, sie gingen auf deine Absichten nicht ein. Gäbe es nicht vielleicht Mittel ihnen diese verständlich zu machen, sie ihnen gewissermaßen zu verdolmetschen, da doch ihre Fassungsgabe so gar nicht ausreicht?«

»Also eine Art Kommentar zu meinen Absichten meinst du?«

»Du sprichst es aus, o Herr.«

»Ist es dir denn nicht bekannt, daß seit einer Reihe von Jahrtausenden eine ganz erkleckliche Anzahl solcher Kommentare auf Erden erschienen ist?«

»Und hat nicht jeder die Menschheit um einen Schritt vorwärts gebracht?«

Der Meister sah den Erzengel über die Augengläser hinweg mit einem lächelnd vielsagenden Blick an. Gabriel begriff und errötete.

»Verzeih, o Herr! Was ich da sagte, klingt in deinen Ohren wohl als Phrase . . .«

»Lieber Freund, ist es nicht eben die Unverbesserlichkeit des Menschengeschlechts, die dich hergeführt hat? Diese ewig sich gleichbleibende Mittelmäßigkeit und Stumpfsinnigkeit?«

»Ja! Wenn du meine Stimme hören willst, so glaube mir, Herr, es ist Zeit, daß du wieder etwas für die Menschen tust! Zieh deine Hand nicht länger von ihnen ab! Schlage sie mit deinem Zorn, wenn es sein muß; das wird sie zur Besinnung bringen. Aber wenn sie weiter so dahinleben, täglich mehr und täglich geringer, werden sie in ihrer Stumpfsinnigkeit bald jede Möglichkeit verlieren, sich zu dir wieder in ein Verhältnis zu setzen. Sie wollen durchaus nicht mehr glauben, daß ihr Dasein nur jenen Sinn und Zweck haben kann, für den du sie geschaffen hast.«

»Was war das nur gleich, lieber Gabriel? Es ist so lange her, daß ich mich nicht mehr genau entsinnen kann.«

»Daß sie dich suchen sollten, o Herr, um dich zu lobpreisen und in deinem Anblick selig zu sein.«

»Hm! Damit haben sich wohl immer nur die wenigsten beschäftigt. Aber wenn mir recht ist, so war es nicht eigentlich das, was ich mit den Menschen vorhatte.«

Gabriel senkte betreten sein lockiges Haupt, »Deine Ratschlüsse sind unerforschlich, o Herr«, murmelte er entschuldigend. »Was könnte es Höheres für sterbliche und unsterbliche Geister geben als deines Anblicks teilhaftig zu werden?«

»Vielleicht gibt es etwas Höheres. Vielleicht hatte ich den Menschen etwas Höheres zugedacht, damals, als ich sie schuf und mir so viel von ihnen versprach, wie man sich immer von dem Werk verspricht, mit dem man eben beschäftigt ist. Ja! Damals hatte ich etwas ganz Besonderes im Sinne: ein Experiment, das glücken oder mißglücken konnte. Das warʼs, was ich damals brauchte. Wagnis, Ungewißheit, Hoffnung! Ach Gabriel, es gibt Stunden, in denen die Allwissenheit sich selbst unerträglich wird und sich nach dem sehnt, was ihr Gegensatz ist, weil es ihr Gegensatz ist! In einer solchen Stunde geschah es, daß ich die Menschheit schuf. Das heißt . . . vorher hatte diese Stimmung oder Verstimmung etwas anderes bewirkt. Laß mich ein wenig weiter ausholen.«

Von Erinnerung ergriffen ließ sich der Meister auf einen Nebelballen nieder, und lud Gabriel mit einer Handbewegung ein, sich auf die nächste Haufenwolke niederzusetzen.

Nach einem kleinen Schweigen fuhr er mit einem Seufzer fort:

»Schöne Zeiten! Zeiten der Liebe und des Vertrauens! Damals liebte ich den, der mir am nächsten stand, den Ersten der Engel, jenen geheimnisvollen Luzifer . . .«

Bei diesem Namen verhüllte Gabriel sein Gesicht mit den Händen.

»Der Verruchte, der Furchtbare, der sich wider dich erhob!«

Aber das Angesicht des Meisters hatte sich nicht verfinstert.

»Glaubst du denn, Gabriel«, sagte er lächelnd, »daß es einen Geist gibt, der sich ohne meine Einwilligung wider mich erheben kann?«

»Herr, wie soll ich das verstehen?«

»Was ich dir jetzt mitteile, ist das große Geheimnis oder, wenn du willst, das große Rätsel der geschaffenen Welt. Es zu lösen sollte die Aufgabe der Menschheit sein, jene Aufgabe, die sie nie begriffen hat. Als ich den Menschen schuf, wollte ich nichts Geringeres zu seiner Bestimmung machen als Freiheit. Freiheit, Gabriel, verstehst du, was das sagen will? Sein Leben sollte sein Werk sein, frei sollte er sein von meinem Willen, sein eigener Schöpfer und Überwinder: er sollte werden wie Gott!«

»O Herr, das sind die Worte seines Erzfeindes, die Worte der Verführung!« murmelte Gabriel mit geängstigten Augen.

Aber wieder lächelte der Meister.

»Da liegtʼs eben! Daß sie sich nie in das rechte Verhältnis zu diesem vermeintlichen Erzfeind und Verführer zu setzen vermochte, das ist das Mißglückte an der Menschheit. Damit hat sie meinen Plan vereitelt, meine Absichten verkannt. Immer hat sie getrachtet, den Gegensatz zwischen den beiden Mächten, denen sie ihr Dasein verdankt, bis zum Äußersten zu vergrößern anstatt ihn zu versöhnen; immer hat sie getrachtet, es mir allein recht zu machen, ohne Verständnis für den Geist der Auflehnung, der sie den Weg ihrer wahren Bestimmung weisen wollte, den Weg der Freiheit und Unabhängigkeit«.

»Verzeih, o Herr, wenn ich es wage dich zu erinnern: Hast du nicht selbst gleich zu Beginn jenes erste Paar, das sich vermaß, deinem Gebot zu trotzen und der Stimme des Verführers zu folgen, mit deinem schwersten Zorn gestraft?«

»Ganz richtig! Gab es denn ein anderes Mittel, den Menschen die Freiheit zu schenken? Aber wie haben sie das mißverstanden! Wie falsch haben sie diesen herrlichen ersten Akt ihrer Geschichte ausgelegt! Was für kurzsichtige Vorwürfe haben sie dem großen Adam nicht gemacht, weil er sich durch seinen Ungehorsam den müssiggängerischen Aufenthalt im Paradies verscherzte! Und was haben sie nicht alles der Eva nachgesagt, diesem göttlichen Weibe, das mehr Freiheitsmut und Erkenntnistrieb besaß als ihre ganze männliche Nachkommenschaft! Ach, der Anfang war so groß, so vielversprechend! Und das Werk war mit einem so ungeheuren Opfer erkauft! Wahrlich, die Menschheit ist meine Strafe; die Strafe dafür, daß ich dies ungeheure Opfer annahm. Aber was tut man nicht alles, um eine Idee zu verwirklichen, die man einmal ausgeheckt hat! Und wenn es auf Leben und Tod geht, die Idee muß heraus! Ideen kosten immer Opfer, lieber Gabriel. Hast du das bedacht, als du herkamst, um eine neue Idee für die Menschheit von mir zu verlangen? So oft ich etwas für die Menschheit getan habe, ist ein Opfer gefallen: das größte, als sie ins Leben treten sollte. Das Opfer aller Opfer war der Preis ihrer Erschaffung, die Bedingung ihrer Entstehung.«

»Wie das, o Herr? War nicht das Opfer aller Opfer, von dem du sprichst, der Preis ihrer Erlösung von dem Erbübel, das ihr anhaftete?«

Der Meister war in tiefes Nachsinnen versunken. Er schien diese Frage überhört zu haben.

»Als er, der Vertraute meines Herzens, der Erste unter denen, die mir nahe sind, den Plan erfuhr, mit dem ich umging, erschrak er; denn er begriff ihn. Ein Geschöpf, das frei sein sollte, über sich zu entscheiden, mußte sich mir auch widersetzen, sich von mir abwenden können; es mußte wählen können, es mußte mißraten und entarten können um seiner Freiheit willen. Freiheit: das war die Wahl zwischen mir und meinem Gegensatz. Also mußte, damit ich dem Menschen Freiheit geben konnte, erst mein Gegensatz in die Welt treten. Wer aber sollte dies ungeheure Amt übernehmen? Wer sollte den Mut haben, äonenlang den Schein meines Zorns auf sich zu laden und die odiose Rolle des Gottesfeindes zu spielen? Aber während ich noch darüber mit mir zu Rat ging, hatte er, der wie ein Teil von mir selbst war, mich schon verstanden. Er war bereit, sich selbst um meines Werkes willen zum Opfer zu bringen. Aus Hingebung wählte er Auflehnung; indem er sich mir widersetzte, gehorcht er mir im Tiefsten!«

»Deine Worte sind dunkel, o Herr« murmelte Gabriel.

»Freilich dachte er nicht, daß diese Trennung ewig währen sollte. Sobald der Mensch seine Aufgabe begriffen hatte, mußte er das Schöpfungsrätsel des Gegensatzes lösen: Gott und Teufel konnten wieder eins werden, das neue Reich war gegründet, ein Werk ohnegleichen vollbracht! So einigten wir uns, daß er sich gegen mich erheben und ich den guten Haudegen Michael beauftragen würde, ihn hinunterzustürzen in die Tiefe, die das Gebiet seines künftigen Wirkens sein sollte. Ihr alle, dir Ihr Zeugen dieses furchtbaren Schauspiels wäret, sähet wohl, wie nahe es mir ging. Ach, teurer ist nie ein Werk erkauft worden als die Menschheit! Und doch so mißlungen! Nein, reden wir nicht weiter von ihr; ich habe keine Lust mehr, auch nur das Geringste für sie zu tun.«

Es entstand ein langes Schweigen. Gabriel dachte mit Anstrengung nach, was er noch vorbringen könnte, ehe der Meister sich wieder an seine Arbeit machte und ihm sein Ohr verschloß.

»Möge ich deiner Gnade würdig bleiben, o Herr, und das Licht deiner Weisheit mir ewig leuchten! Aber noch eine Bitte sei dem Geiste gestaltet, den du mit der Fortführung deines Werkes betraut hast. Betritt noch einmal die Werkstatt, gib uns eine neue Form, nach der wir weiterarbeiten können, einen neuen Geist, der die träge Masse der Unzähligen wieder in Bewegung setze, den Gottesboten mit dem Funken, der die Herzen in Flammen setzt, daß sie dir wieder entgegenlodern, leuchtend vom Feuer eines höheren Lebens, glühend von der Wärme der Liebe, die erhöht und verklärt . . .«

»Gemach, mein Sohn! Hast du auch bedacht, was du verlangst, du unschuldig Grausamer? Wieder soll ein Opfer fallen? Wieder ein Auserwählter hinuntergestoßen werden in die gräuliche Masse, die sich über ihn hinwegwälzt und ihn zermalmt? Der Boden der Menschheit ist gedüngt mit dem Herzblut der Auserwählten: Sollen immer neue hingeschlachtet werden, damit die hoffnungslose Saat der Unzähligen weiter wuchern kann? Wenn du es dir vor Augen hältst, das Los dieser Auserwählten, hast du dann wirklich das Herz, ihrer noch einen von mir zu begehren?«

»Sie fühlen, daß dein Geist in ihnen lebt: das ist ein Preis, der jedes Opfer aufwiegt. Nie hat einer dieser Auserwählten dem göttlichen Funken geflucht, an dem er verbrannte, um voranzuleuchten. Die Kinder Gottes gehen freudig in den Tod!«

»Lieber Gabriel, ich fürchte, du bist in diesen Dingen zu sehr Idealist. Ich, der ich Herzen und Nieren prüfe, kann deiner Auffassung nicht unbedingt beipflichten. Sollte das mit dem freudigen Tod nicht eine Mythe der Unzähligen sein, mit der sie ihr Gewissen beschwichtigen, wenn sie zu spät erkennen, daß sie wieder einmal einen ihrer Wohltäter gesteinigt oder gepfählt haben? Aber wie es auch sei: selbst wenn ich wollte, ich könnte deinen Wunsch nicht erfüllen.«

»Wie, o Herr? Du könntest nicht?«

»Ich habe dir ja eben angedeutet, lieber Gabriel, daß die Menschheit nicht von mir allein gemacht worden ist, daß dabei noch ein anderer mitgewirkt hat. Ohne seine Hilfe kann ich mit der Menschheit nichts vornehmen. Glaubst du denn, wenn das Los der Menschheit von mir allein abhinge, ich hätte ihrem trostlosen Treiben so lange ruhig zugesehen? Aber er, der ein so großes Opfer für dieses Werk gebracht hat, mag es noch immer nicht verloren geben, wie es scheint. Von Zeit zu Zeit kommt er in meine Sphäre heraufgestiegen: dann geschieht allemal ein Neues unter den Menschen. Denn das Neue, Gabriel, das geht eben aus dem Wettstreit zwischen mir und ihm hervor. Will er nicht mit mir ringen, so kann nichts Neues auf Erden geschehen. Und nun ist es schon lange her, daß er sich nicht mehr blicken ließ. Du verstehst, ich muß ihn ganz nach seinem Willen gewähren lassen, ich bin es ihm schuldig, das Werk so lange fortzuführen, als er seines Anteils daran nicht überdrüssig wird. Das scheint nun keineswegs der Fall zu sein, sonst hätte er sich schon gemeldet. Warten wirʼs ab, lieber Freund! Das Einfachste wäre wohl, du würdest einmal selber mit ihm reden. Aber dazu könntʼ ich dir nicht raten. Denn er ist ein verteufelt feiner Kopf und man kommt schwer gegen ihn auf: das weiß ich aus eigener Erfahrung!«



Die Wanderer und das Ziel

Seit vielen hundert Jahren waren die heiligen drei Könige schon auf der Rückreise. Sie suchten den Weg, der sie wieder nach Hause führen sollte, in das Land ihrer Heimat. Seit vielen hundert Jahren suchten sie ihn. Als sie gekommen waren, hatten sie nicht auf den Weg geachtet, verloren in den Anblick des himmlischen Führers, der ihnen ein seliges Ziel verhieß. Und dort in Bethlehem, auf Knien vor dem Kinde, das sie als den König der Welt grüßten, wie hätten sie an die Zukunft denken sollen? Zukunft und Vergangenheit flößen ineinander zu einem einzigen höchsten Augenblick. Nichts höheres konnte mehr geschehen; Himmel und Erde standen still und knieten mit ihnen vor dem König der Welt.

Aber der Augenblick ging vorüber. Die ruhelose Zeit nahm die heiligen drei Könige mit sich fort, weit hinweg von dem göttlichen Kinde, auf den alten Wegen der Hoffnung und der Entbehrung, von denen niemand weiß, wohin sie führen. Sie gingen, gingen, gingen immerzu. An jedem Kreuzweg blieben sie stehen und berieten über die Richtung, die sie einschlagen sollten, um wieder nach Hause zu kommen. Aber welchen Weg sie auch wählten, sie mußten sich doch nach kürzerer oder längerer Zeit eingestehen, daß sie in die Irre gingen. Und immer mehr verloren die heiligen drei Könige ihren guten Mut. Niedergeschlagen schritten sie fürbaß, müde der endlosen Wanderschaft und heimlich voll Zweifel über ihre Sendung.

Zuweilen, wenn sie während der Mittagsschwüle im Schatten rasteten, weinte der heilige Melchior und sagte gramvoll: ,,Ach, warum habe ich das Land verlassen, das mich geboren hat? Ihr Gärten meiner Heimat, in denen ich ein glücklicher und geliebter König war, werde ich euch nie wiederfinden? Werde ich ewig in der Fremde irren müssen, ungeehrt und ungekannt, ein Wanderer nach einem Land, von dem niemand Kunde weiß?«

Nachts, wenn die beiden anderen schliefen, wachte der heilige Balthasar, der in den Beobachtungen des Himmels gelehrt war, und fragte das Firmament um Rat. Da kniete er, faltete seine Hände in Andacht vor dieser unzugänglichen Sternenwelt, kniete und betete um ein Zeichen. Erst wenn es Morgen werden wollte, legte er sein Haupt zur Ruhe. Dann seufzte er: »O Gott, warum versagst du mir das Zeichen, auf das ich harre? Warum läßest du die Sterne ihre Bahn wandeln herauf und hinab und führest uns nicht aus der Irre? Oder stehet dein Wille geschrieben in diesen ewigen Zeichen, hast du die Schrift deiner Weisheit leuchtend auf den Himmel gesetzt, und es sind nur meine Augen blind und mein Verstand reicht nicht, daß er die Sprache deiner Zeichen verstehe?«

Am besten hielt der heilige Kaspar in diesen Wirrnissen sein Gemüt aufrecht. Er war der jüngste der drei Könige, und seine Einfalt war so groß wie seine Weisheit. Die Sonne hatte ihm das Gesicht verbrannt, daß er aussah wie ein Mohr, weshalb auch der Leumund, der sich immer an den Anschein hält, ihm nachsagte, er sei ein Mohrenfürst. Wohin er kam, pries er die Herrlichkeit der Welt und dankte dem Herrn, der solche Wunder erschaffen hat. Wenn er die beiden Anderen so niedergeschlagen sah, sagte er: »Warum doch trauert ihr, meine Brüder? Sehet an die Welt und ihre Herrlichkeit; ist es nicht gut sein allerorten, wo die liebe Sonne scheint und die wunderbaren Werke des Lebens wirkt?«

Darüber staunten Melchior und Balthasar; denn es deuchte sie, Kaspar habe der alten Heimat vergessen und vergnüge sich leichtherzig in der Fremde an Dingen, an denen sie vorübergehen sollten, achtlos und ungerührt, ein höheres Ziel treulich vor Augen. Wenn sie ihm das vorhielten, meinte er wohl, die alte Heimat, die sei ein gar wonniges Ziel; aber da nun der Weg dahin ihnen noch nicht offenbar und sie bemüssigt wären, zu wandern durch alle Reiche der Welt vielleicht bis ans Ende ihrer Tage, warum sollten sie sich da nicht an dem ergötzen, was ihnen unterwegs Schönes und Holdseliges begegnete?

Und so bildete sich allmählich jeder seinen stillen Glauben für sich: Der heilige Balthasar, daß sie in ein neues Reich fern von der alten Heimat berufen seien, der heilige Melchior, daß sie unbeirrt durch alle Hindernisse und Irrwege in die alte Heimat zurückfinden sollten, der heilige Kaspar, daß sie ohne Ziel und Absicht lobpreisend durch die Welt zu ziehen hätten, so lange es dem lieben Gott gefiel.

Als sie aber dieser Meinungsverschiedenheit inne wurden, erschraken sie in ihren guten königlichen Herzen gar sehr. Deshalb hielten sie eines Tages noch einmal Rat miteinander, und nach reiflicher Erwägung beschlossen sie, wieder nach Bethlehem zurückzukehren, an den heiligen Ort, von dem sie ausgegangen waren, weil es doch wohl möglich wäre, daß sie den Weg von Anbeginn verfehlt und eine falsche Richtung eingeschlagen hätten.

Es war Nacht, als sie in Bethlehem anlangten. Schwarz hing der Himmel von Wolken. Nur zuweilen fuhr ein Blitz grell durch die Finsternis und zerriß für einen Augenblick den undurchdringlichen Schleier. Dann glaubten die heiligen drei Könige die Wunderstätte wieder zu erkennen, an der ihnen einst Heil widerfahren war; und sie erwarteten in ihrer frommen Zuversicht nichts anderes, als daß sich die Türe des gebenedeiten Stalles wie damals öffnen werde, um ihnen den himmlischen Anblick des Kindes zu enthüllen, das lichtumflossen auf dem Schoß der Jungfrau spielte. Und wie damals wollten sie vor dem Kinde knien und von seinem strahlenden Angesicht die Offenbarung empfangen, nach der sie sich sehnten.

Sie warteten freudig in der Finsternis. Aber die Tür öffnete sich nicht. Beim Grauen des Morgens wagte es der heilige Balthasar, mit schüchternem Pochen Einlaß zu begehren. Dreimal klopfte er; da fiel die morsche Tür aus den Angeln und stürzte polternd in den inneren Raum. Und mit Schrecken sahen die heiligen drei Könige, daß er leer war. Kein Dach bedeckte ihn; fahl schien der Himmel herein und warf einen grauen Schein auf die Trümmer, die umher lagen.

Aus dem dunkelsten Winkel aber stieg drohend und furchtbar wie ein Gespenst eine schwarze Gestalt herauf. Es war ein alter Mann mit einem wilden Bart, der ihm bis auf die Lenden fiel. Sein Blick war böse, sein Mund war bitter. Er wandte sein Angesicht ab, als er an den heiligen drei Königen vorbeischritt.

Der heilige Kaspar hielt ihn an.

»Wer du auch seiest, der du hier wohnst,« sagte er gütlich, »vergib, daß wir hier eingedrungen sind; vielleicht kannst du uns Bescheid geben –«

»Ich bin keiner, der Bescheid gibt,« versetzte grollend der Mann aus seinem Barte.

Der heilige Kaspar, also abgewiesen, trat zurück. Da stellte sich der heilige Balthasar dem düsteren Fremdling in den Weg:

»Vernimm: Wir sind die heiligen drei Könige! Wir sind gekommen, das Kind anzubeten, das hier geboren ward, das Kind Gottes, das die Welt mit Freude und Frieden erfüllen und uns den Weg und das Ziel weisen wird –«

»Ich weiß von keinem Kinde,« versetzte der Mann und ging vorbei.

Aber getrieben von der Sehnsucht seines Herzens, faßte der heilige Melchior nach dem Zipfel seines Mantels. »O du Unbarmherziger,« rief er schmerzlich, »siehst du denn nicht, daß wir müde sind von vergeblichem Hoffen und Harren? Seit undenklichen Zeiten wandern wir durch die Welt, nun hat unser Glaube uns hieher zurückgeführt. Sollen wir wieder unbelehrt von dannen ziehen? Sollen wir wandern in alle Ewigkeit?«

Da blieb der Fremdling auf der Schwelle stehen und wandte sich um. Sein böses Auge fiel schadenfroh auf die bestaubten Kronen und die abgeschabten Purpurmäntel der heiligen drei Könige. Er sagte mit höhnisch klagvollem Lachen:

»Hei, ach hei! Also wandern auch die, so da glauben, ziellos durch die Welt, und nicht nur der, so da zweifelt? Wandert nur weiter, ihr heiligen drei Könige, wandert in alle Ewigkeit! Das ihr suchet, das Ziel, das werdet ihr nimmer finden. Ich, der ich wandere solange wie ihr und kenne die Reiche der Welt von Aufgang bis Untergang, ich weiß es und sagʼ es euch!«

»Wenn du die Reiche der Welt kennst, Fremdling«, sagte der heilige Melchior, »dann vermöchtest du wohl auch uns den Weg zu weisen, der uns in die alte Heimat zurückführt, wo wir wieder einträchtig nebeneinander regieren wollen, wie einst in lange vergangenen Tagen –?«

Der Fremdling stieß seinen hohnvollen Klageruf aus. »Hei, ach hei! Ihr törichten Könige, warum habt ihr das Land verlassen, das eure Heimat war? Dieweil ihr nach neuen Zielen in der Welt umherschweifet, sind eure Reiche zerfallen, die alte Ordnung ist umgestürzt, Aufruhr hat die Eurigen ergriffen und zwischen ihnen wütet der Krieg. Wo du herrschest, Balthasar, ist ein falscher König auf den Thron gestiegen und duldet keinen anderen König neben sich und hat sich angemaßt, allein zu verrichten, was euch Dreien zugehört, und dein Reich, Melchior, hat er unterjocht und nimmt den Deinen das Brot und läßt sie darben, und sie müssen ihm dienstbar sein und haben nur Ansehen, soweit sie sich ihm beugen. Die Deinen aber, Kaspar, sind ganz verachtet und in die Sklaverei verkauft; sie werden angespien und mit Füßen getreten von denen Balthasars, und sollen ausgetilgt werden mit Feuer und Schwert als Widersacher Gottes und Gehäuse des Teufels. Dafür rotten sie sich bei Nacht zusammen und empören sich heimlich, und wo sie können, rauben und morden sie und brennen nieder die Werke derer von Balthasar und Melchior.«

Als die heiligen drei Könige diese Worte vernahmen, weinten sie bitterlich. Dann sagte der heilige Balthasar aus seinen Tränen:

»Wohl ist es wahr; unsere Untertanen sind niemals friedfertig gewesen, sondern haben in Hader und Zank gelebt und sich übernommen gegeneinander und waren jedes ein zorniges Volk, schwer zu regieren und voller Gebrechen. Deshalb sind wir ausgezogen, dem Sterne nach, der uns den neuen König der Welt verhieß. Diesen König haben wir angebetet, in seine Hände haben wir unsere Szepter gelegt. Er sollte herrschen in unseren Reichen und sie erfüllen mit seinem Licht und seiner Gnade. Ja, haben ihn gesehen, den König der Welt, das Kind der Verheißung, das Gotteskind! In ewiger Herrlichkeit spielt es auf dem Schöße der Jungfrau, die es geboren hat. Wer vor ihm kniet, von dem wird alle Last und Pein genommen, aller Fragen wird er ledig, aller Unrast wird er frei. Wir wollen in das Reich ziehen, das es gegründet hat, das soll unserer Wanderschaft Ziel sein. Wenn du ein Genosse unseres Schicksals bist und mehr weißt als wir, so gib uns Kunde, wohin das göttliche Kind entschwunden ist und wo sein Reich sich befindet, das gebenedeite Reich des Gotteskindes!«

Der Fremdling richtete sich hoch auf. Sein schwarzer Bettlermantel flatterte um ihn wie eine Gewitterwolke. Sein Blick war Unheil, seine Gebärde Verzweiflung.

»Hei, ach hei! Ihr törichten Könige, das Ziel, das ihr suchet, ihr werdet es nimmer finden! Wandert in alle Ewigkeit, ihr törichten Könige! Das Reich des Gotteskindes ist nicht gegründet, die Erlösung ist nicht gekommen, die Welt läuft ihre Bahn ohne Ende und Ziel wie vor und eh. Wisset: das Kind, das hier geboren ward, das ist ein Mann geworden und der Mann hat der Welt die Erlösung bringen wollen und hat sich um seiner Botschaft willen ans Kreuz schlagen lassen. Ich habe ihn gesehen, als er nach Golgatha geführt ward. Ich stand vor meiner Tür, da kam er vorbei. Er trug auf der Schulter das Kreuz, an das er geschlagen werden sollte. Henkersknechte und gemeines Volk gingen hinter ihm her. Und er blieb vor mir stehen und sagte: »Siehe, ich bin der Sohn Gottes, der gekommen ist, durch seinen Opfertod die Welt zu erlösen; gewähre, daß ich raste auf der Bank vor deinem Hause.« Ich aber trieb ihn hinweg und sagte: »Gar viele sind hier den Weg zur Richtstätte gegangen, doch keiner von ihnen hat die Welt erlöst. Und würdʼ ich so alt wie die Welt, nie würdʼ ich glauben, daß einer ihr Erlösung brächte!« Da setzte er seufzend seine Schritte weiter fort. Aber schon im Gehen wandte er sich noch einmal nach mir um, und ich hörte die Worte: »So wandre denn durch die Welt, bis du es glaubst!« Ich blieb in meiner Türe stehen und sah von Ferne zu, wie er gerichtet ward. Und als er am Kreuze hing, verfinsterte sich die Sonne, die Erde wankte unter meinen Füßen, der Himmel wurde schwarz wie ein Sarg. Da verließ ich mein Haus und ging. Ich ging vom Morgen bis zum Abend, tagaus tagein, ich ging ohne Rast und Ruh. Ich ging durch alle Reiche der Welt, zu sehen, ob die Erlösung über sie gekommen wäre. Als ein Zuschauer ging ich, der nicht verstrickt ist in ihre Qual und nicht verblendet von ihrer Lust. Ich ging als einer, der prüfen und betrachten kann. Und wohin ich kam, fand ich die alte Qual, die alte Lust, unabänderlich und unerlösbar das Getriebe wie von Anbeginn. Aller Wandel ist nur Schein. Die Welt, sie bleibt sich ewig gleich, sie läuft in einem Kreise ihre Bahn und immer wieder muß sie dahin zurückkehren, von wo sie ausgegangen ist.«

Seine harten, verdorrten Hände ballten sich gegen den Himmel.

»Du Tor, der du dein Leben an eine vergebliche Verheißung gesetzt hast, höre mich, ich schrei es dir entgegen wie vor tausend Jahren: Die Welt ist nicht erlöst, die Welt wird nie erlöst werden! Wenn du ein Lebendiger bist in den Höhen, wenn der Blitz dir gehorcht und die Gewalt des Donners, wenn du sitzest zur rechten Hand dessen, der die Wege kennt und das Ziel bestimmt, dann zerschmettere mich! Zerschmettere mich auf der Schwelle, von wo du ausgegangen bist zu dem vergeblichen Werk! Zerschmettere mich, damit ich nicht länger mitansehen muß, wie die Welt ziellos durch die Nacht der Ewigkeit irrt!«

Er starrte in den Himmel, gleich als erwarte er ein Zeichen. Aber der Himmel blieb grau und stumm.

Da stieß er seinen hohnvollen Klageruf aus und ging.

Und wie er sich entfernte, schien er zu wachsen; sein schwarzer Bettlermantel verfinsterte die Dämmerung des Morgens, und seine Gestalt glich in der Ferne den zerklüfteten Felsenbergen, die weit draußen die Wolken berührten.

Bebend standen die heiligen drei Könige beisammen, noch lange, nachdem er verschwunden war.

»Wer war das?« murmelte der heilige Kaspar schaudernd.

»Warum wurde uns dies Zeichen gesandt?« fragte der heilige Melchior bange.

Der heilige Balthasar schwieg. Er fühlte, daß er es war, der seinen Gefährten Antwort geben mußte, wenn sie nicht in Verzweiflung fallen sollten. Und plötzlich kam die Erleuchtung über ihn.

»O liebe Brüder, erkennt ihrʼs nicht? Solange dieser unselige Wanderer durch die Welt irrt, sollen auch wir unseren Weg fortsetzen, und sollen verkünden, wohin wir kommen, daß das göttliche Kind geboren ist, das Kind, das die Welt erlösen wird. Auf, meine Brüder und fasset Mut! Das Kind hat uns zu Zeugen erwählt, lasset uns hingehen und der Welt die Botschaft verkünden: das Kind ist geboren das Kind ist gekommen, das Kind ist der König der Welt!«

So ziehen die heiligen drei Könige durch die Welt, und immer, wenn das Jahr sich erneut, verkünden sie die Geburt des göttlichen Kindes, das in die Welt gekommen ist, um Friede und Freude zu bringen. Nur wenn jemand sie fragt, woher sie kommen, wohin sie gehen, da schütteln sie die Köpfe, da bleiben sie stumm –.



Der Wiedergeborene

Der Fremde setzte sich in einen Beichtstuhl, um zu lesen, was in seinem Reisehandbuch über die Kirche geschrieben stand. Sie war auf den Trümmern eines von den Christen zerstörten Minervatempels errichtet; ihre besondere Sehenswürdigkeit bildete der auferstandene Christus, der in der Hand das Kreuz hält. Mit zwei Sternen hatte ihn der Verfasser des Reisehandbuches ausgezeichnet; das ist, als wenn ein Fürst das Großkreuz eines Ordens verleiht. Dennoch versagte er sich einige kritische Glossen nicht; er bemerkte, daß in dieser Statue mehr das Heldenideal eines Humanisten als der leidende Weltheiland dargestellt sei, nicht die Sanftmut, Duldsamkeit, Ergebung des christlichen Erlösers, sondern die Verkörperung siegreicher Kraft und stolzer Selbstherrlichkeit. Zugleich machte er darauf aufmerksam, daß der Bronzeschurz, den die Marmorfigur um die Lenden trägt, später angebracht worden sei, um ihre anstößige Nacktheit zu bedecken, während der metallene Schuh an ihrem linken Fuße gegen die Abnützung durch gläubige Küsse dienen soll.

Der Tag neigte sich schon zum Abend. Vielleicht war es ebensosehr die Müdigkeit, als das Reisehandbuch, was den Fremden überwältigte; die Augen fielen ihm zu, er versank tief in Schlaf.

Als er erwachte, herrschte Nacht. Die Kirche war in schwarze Finsternis gehüllt. Nur vor dem Hochaltar brannte das ewige Licht und warf aus der roten Glasschale glühende Funken auf das kleine silberne Kruzifix, das zwischen weißen Blumen auf der Platte des Altares stand. Wie in Blut getaucht schimmerte der Leib des Gekreuzigten und das Gewand der Muttergottes, die als ein zierliches Figürchen zu den Füßen des Kreuzes angebracht war. So klein waren die silbernen Gestalten, daß sie in eine unendliche Ferne entrückt schienen, durch die Finsternis wie durch ein abgründliches Meer von dem Diesseits getrennt. Undurchdringlich wogte dieses Meer der Finsternis in das Schiff der Kirche hinaus, eine uferlose Welt für das Auge, das, noch befangen von den Bildern des Schlafes, ratlos in sie hinausstarrte.

Aber schon begann die tote Finsternis sich zu beleben. Der uferlose Raum erfüllte sich mit einem farbigen Nebel, der von den Fenstern herzuströmen schien. Und wie das formlose Gewoge sich dichter ballte, schied es sich in zwei deutlich getrennte Schichten. Die eine stieg aufwärts, erhellte sich zu einem duftigen Blau und ordnete sich strahlenförmig um den fernglänzenden Punkt des Kruzifixes. Durchsichtig unkörperliche Gestalten, nebelhaft zerflossen, schwebten darin, goldene Flügel breiteten sich aus, schillernden Gewänder flatterten in stilvollen Falten, von einem immerwährenden Zephir leicht aufgebauscht. Dazwischen ragten, zahllos gestuft, verklärte Leiber von Männern und Frauen, allerlei Geräte lieblich vergoldet neben sich, über dem Haupt einen mild leuchtenden Reifen. In feierlich lautloser Stille blickten sie gegen den Mittelpunkt und regten sich nicht.

Die untere Schichte aber wälzte sich tosend in unförmlichen Haufen über den Fußboden hin; mißfarbige Streifen und Flecken stiegen darin auf, ungeheuerliche Blasen, die sich wie Polypen mit irr um sich greifenden Fangarmen reckten; trübe Lichter schwammen auf dem fettigen, schmutzig braunen Dunst und versanken in seine bodenlose Tiefe. Als die Nebelmassen näher strudelten, ließen sich wimmelnd ineinander gewühlte Menschenleiber erkennen, zahllos, und winzig gleich den Würmern in den Gespinsten an Hecken, oder den Ameisen in einem zertretenen Erdhaufen.

Aus diesem chaotischen Wirbel lösten sich einzelne Ungetüme heraus, schrumpften zusammen und nahmen Gestalt an. Es waren die Götter des Olymps die sich entpuppten. Aber nicht in der strahlendet Schönheit ihres ambrosischen Daseins. Von Alter entstellt, durch Elend entwürdigt, zerlumpte, geflickte, verlotterte Gestalten, trieben sie in der Tiefe ein geräuschvolles Wesen, das dröhnend von den Kirchen- wänden widerhallte. Mars, vom Scheitel bis zu den Zehen in Eisen starrend, rasselte so laut mit seiner Rüstung, daß er bisweilen Alle übertönte; Venus, geschminkt und frech, triefend von Aussatz, den ihr Flitterstaat notdürftig verhüllte, kreischte gellende Zoten dem betrunkenen Bacchus ins Ohr, der schmutzbesudelt auf dem Boden lag; Juno zählte Geld und trieb einen geschwätzigen Handel mit Merkur, der neben ihr auf einem mit papiernem Geld ausstaffierten Tronstuhl saß, während Jupiter als zahnloser, zittriger Greis im Hintergrund stand, offenen Mundes wie ein Schwerhöriger vor sich hinbrütend. Seine Tochter Minerva, der Aegis beraubt, ausgemergelt und vergilbt, schrie ihm unablässig Befehle und Weisungen ins Ohr, die er nicht verstand, und um die sich niemand sonst kümmerte.

Jeder der olympischen Götter hatte eine unabsehbare Gefolgschaft unter sich, zuchtlose, wilde Rotten, die sich in wüstem Toben gegenseitig bekämpften. Der Boden verschwand unter dem Gewimmel dieser Masse, aus der ein erderschütternder Lärm aufstieg, Wutgeschrei, Schmerzgestöhn, Flüche, Gelächter, Gebrüll trunkener Männer, Gekreisch zerstampfter Weiber und Kinder – unnennbare Laute des Zornes, der Angst, der Gier, der Verzweiflung.

Feierlich und lautlos aber schwebte in himmlischer Bläue die Glorie der Heiligen und Engel oben an der Decke, hoch über dem grimmigen Getöse des Irdischen, das nicht zu ihr hinaufreichte.

Da tönte aus der unendlichen Ferne ein Stimmchen zart und silbern, als wenn in einer Regennacht Tropfen auf die Saiten einer Aeolsharfe fielen. Es war die kleine silberne Maria am Fuße des Kruzifixes, die sagte:

»O mein Sohn, wie lange willst du in deiner Langmut diesem Treiben noch zusehen? Steige herab und sprich ein Wort, auf daß dein Wille wieder Gehör erlange auf Erden!«

Unbeweglich hing der kleine silberne Jesus an seinem silbernen Kreuze; sein Haupt blieb auf die Brust gesunken, als wäre er entschlafen. Aber aus dem Lichtkern, der von seinem Herzen ausstrahlte, tönte ebenso zart und melodisch in einem tieferen Tonfall eine Stimme, die sagte:

»Ich bin für die Menschen gestorben – mehr kann ich für sie nicht tun. Für sie zu reden, das haben andere übernommen auf Erden!«

»O mein Sohn, so heiße diejenigen schweigen, die unnütz das Wort führen! Rede du, auf daß deine Macht wieder offenbar werde auf Erden!«

»Mein Wille ist nicht auf Macht gerichtet gewesen, und so habe ich auch keine Macht erlangt auf Erden.«

»O mein Sohn, dann rede, damit sie deiner Stimme lauschen und verstehen lernen dein Wort, das noch nicht verstanden worden ist auf Erden!«

»Habe ich nicht alles gesagt, was not tut? Aber sie haben keine Ohren, um zu hören. Oder –« der silberne Jesus stockte; dann setzte er hinzu: »Wisse: der Lärm ist zu groß, und wir sind zu ferne. Die Menschheit muß ihren Weg gehen, sie muß gehen, gehen, immer gehen; wir aber bleiben in der unbeweglichen Abgeschiedenheit des Ewigen. Deshalb verlangt das göttliche Gesetz, daß der Erlöser in bestimmten Zeiträumen wiedergeboren werde auf Erden.«

Ein Flimmern lief über die Gestalt der silbernen Maria wie ein Erbeben des Schreckens. »Wiedergeboren werden?« flüsterte sie tonlos. »Noch einmal das Leben auf dich nehmen? Das Gleiche noch einmal erleiden auf Erden?«

»Ein anderer wird kommen – ich werde als ein Anderer kommen, um das Reich zu zerstören, das ich gegründet habe. Denn die Form muß untergehen, wenn das Wesen sich erneuen soll auf Erden!«

»Dein Reich zerstören? Du selbst? Und doch ein anderer auf Erden?«

»Gegen mich selbst werde ich aufstehen, auf daß ausgetilgt werde, was mein Irrtum und meine Ohnmacht war auf Erden. Ich habe die Mächte der Welt nicht gekannt, und so sind die Mächte der Welt über mich Herr geworden. Die Menschheit konnte den Weg nicht gehen, den ich ihr gewiesen habe; und so sind die Sünder die Erben des Lebens geworden. Das Leben hat mir nicht gehorcht; denn ich bin nur ein Herr des Todes gewesen. Wo ist er, der das Leben bezwingen wird, wie ich den Tod bezwungen habe? Ich höre aus dem Getümmel schon den Preisgesang, der ihn verkündet; ich sehe ihn kommen in der Gestalt, in der er zum ersten Mal geschaut worden ist, den Herrn des Lebens, der Gewalt haben wird, wo mein Irrtum und meine Ohnmacht war auf Erden.«

Das Getümmel stieg immer mehr an; wütendes Geheul und Gekreisch übergellte die schwache silberne Stimme aus der unendlichen Ferne. Gleich der sturmgepeitschten Brandung an einer Felsenküste bäumten sieb die Massen gegen die Region des Kruzifixes, in tobendem Strudel aufschäumend, als sollte das alte Chaos wieder hereinbrechen, das in der Welt herrschte, ehe das Wort der Schöpfung gesprochen war.

Mit einem Male erklangen durch den Lärm andere Töne. Eine selige Melodie flatterte zwischen den jagenden Geräuschen auf, zuerst von ihnen verschlungen, dann deutlicher, klarer, sieghafter. Dazwischen hell und metallen ein Klang, als ob eine Kette zur Erde klirrte, dann der Schall von rhythmisch beflügelten Schritten. Und eine Stimme, triumphierend wie eine Glocke, die alle Laute um sich her verstummen macht, rief herrlich gebieterisch ein schwellendes Wort herein.

Da legten sich die Wogen, die Laute des Grimmes und der Verzweiflung verstummten, das Gewimmel stob auseinander, die ineinander geknäulten Massen reihten sich in geordneten Scharen an den Wänden entlang.

Und mit rhythmisch beflügelten Schritten, unter denen die Marmorfliesen wie Cymbeln erklangen, trat aus dem Dunkel im Glänze seiner marmornen Nacktheit der neue Gott hervor. Er hatte den metallenen Schuh gesprengt, der ihn an dem Postament festhielt, und das erzene Kleid zerrissen, das seine wahre Gestalt verhüllte. Noch hielt er das Kreuz in der Linken; aber aus dem steinernen Pfahl waren Rosen hervorgebrochen, von denen ein Licht ausstrahlte wie Sonnenaufgangsröte.

Er streckte die Rechte mit einer Geberde, die Auferweckung und Richterspruch war, gegen die düstere Tide – und sieh! Das Götzengewühl erhob sich im Scheine der Verklärung, die von dem neuen Gott ausging; die besudelten Lumpen fielen von den Gliedern, auf den entstellten Gesichtern glätteten sich die Runzeln; die verzerrten Mienen leuchteten im Glanz des Glückes, und mit brausendem Jubel scholl aus ihrer Mitte der Ruf: »Evoe Apollo!«

Dann streckte er seine Rechte aufwärts gegen die verblauende Höhe – und sieh! Die Wölbung senkte sich, bis die Wolken die dunkle Schichte des Irdischen berührten, und die Engelstimmen vernehmbar wurden, die sangen: »Hallelujah Jesus!«

Und wie die Stimmen aus der Höhe sich mit den Stimmen der Tiefe vermischten, ordneten sie sich zu einem einzigen Chor, der die selige Melodie aufschwellen ließ zu einem niegehörten Hymnus. Harmonien wie aus ersten Paradiesestagen tönten mit feierlichem Wohllaut ineinander; Freude! jauchzten die Stimmen aus der Tiefe, Freude! jauchzten die Stimmen in der Höhe und vereinigten beim Klang der Harfen und Posaunen die Namen Jesus und Apollo. »Evoe dem Gott des Lebens! Hallelujah dem Erlöser aus Sünde und Zwiespalt! Evoe dem, der gekommen ist, Himmel und Erde zu vermählen! Hallelujah dem Bringer der Einheit, der die getrennten Welten zum neuen Bunde ruft! Evoe Hallelujah dem Herrn des dritten Reiches, Jesus Apollo, Jesus Apoll!«

Am andern Tage fand der Kirchendiener einen Kranz roter Rosen um das Kreuz der Statue geschlungen. Ärgerlich holte er ihn herunter und sah nach, ob die Figur des Heilands bei der Anbringung des unberufenen Schmuckes keinen Schaden genommen hatte. Aber der Metallschuh hielt seinen Fuß noch fest umklammert, und das erzene Gewand verhüllte nach wie vor das Geheimnis seiner Nacktheit. style='font-size:14.0pt;