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Rosa Mayreder – Das Feenschloss

Essay

Rosa Mayreder, Das Feenschloss, Aus: Sozialistische Monatshefte 14, (16, 1910), S. 441ff.



Von alters her haben die Feen eine unüberwindliche Neigung sich mit den Menschen in Verbindung zu setzen. Der alte König gerät immer ein wenig in Hitze, wenn es geschieht, daß eine oder die andere seiner schönen, zarten Untergebenen mit der schüchternen Bitte kommt eine irdische Angelegenheit durch ihre Einmischung beilegen zu dürfen.

Da er aber ein milder und höflicher König ist, begnügt er sich zu sagen: »Aber meine Teuerste, sind Sie denn noch immer keines Bessern belehrt? Trotz aller schlechten Erfahrungen nicht? Was verlockt Sie denn so sehr an diesem schmutzigen, stinkenden – mille excuses! – Gesindel? Wissen Sie nicht, wie unverbesserlich und undankbar die Leute sind? Fragen Sie doch einmal . . .« Und dann zählt der alte König eine ganze Reihe von Feen auf, die sich's nicht hatten nehmen lassen die Wohltäterinnen der Menschen zu spielen und dabei kläglich schlecht weggekommen waren.

Allerdings konnte er in der Regel die schönen Bittstellerinnen damit nicht von ihrem Vorhaben abwendig machen. Sie meinten, sie würden es eben klüger anstellen als ihre Vorgängerinnen.

Das widerfuhr ihm auch mit der Fee Myriadora. Er hielt große Stücke auf sie. Sie war die anmutigste und unschuldigste von allen, heiter wie ein Sonnenstrahl und lieblich wie ein Tautropfen, wenn der Sonnenstrahl auf ihn fällt. Deshalb ging es ihm besonders nahe, als sie ihm eines Tags eröffnete, sie habe sich einen wunderschönen Plan ausgedacht, um diesen armen geplagten Erdengeschöpfen eine erlesene Freude zu bereiten. Er begann unverweilt von den schlechten Erfahrungen zu sprechen. Aber sie fragte mit ihrem melodischen Lachen, in dem es läutete wie von tausend silbernen Glöckchen, was denn das sei, Erfahrungen; von etwas derartigem könne sie sich nicht die geringste Vorstellung machen.

Der alte König wußte nicht gleich, wie er das Wesen der Erfahrungen erklären sollte. Erfahrungen: je nun, das wären alle Einsichten, die man aus den Zusammenstößen mit der Welt der Wirklichkeit gewänne, wie sie auf Erden leider bestehe.

Wie herrlich! So sei die Welt der Wirklichkeit ganz anders als das Feenreich? Ja, gewaltig anders, aber herrlich durchaus nicht.

Das wollte Myriadora nicht glauben: Daß die Erdenwelt anders war, darin lag ja das geheimnisvoll Anziehende, das von ihr ausging. Und mit den Erfahrungen würde es nicht so schlimm sein; die Erfahrungen seien wohl nur eine Art Dornenhecke, über die man leicht hinwegkäme, wenn man schweben könne.

Ei ja wohl! Nur daß es mit dem Schweben ein Ende habe, sobald man den Boden der Erde betrete.

Nun, wenn auch! Sie wisse, daß man bei einem solchen Unternehmen auf einige Bequemlichkeiten verzichten müsse. Sonst wäre es auch nichts Großem und Schönes da hinunterzusteigen, um Freude zu bereiten.

Und als der alte König, durch diese Unbeirrbarkeit ein wenig erbost, fragte, ob sie denn glaube, daß die Menschen, diese Tölpel, nur so mit offenen Händen dastünden und warteten, bis eine gütige Fee ihnen ihre Gaben bringe, bejahte sie mit Zuversicht. Ja, die Menschen sehnen sich unablässig nach Freuden, suchen sie unablässig; wie sollten sie da nicht dankbar zugreifen, wenn ein höheres Wesen gesonnen sei mit vollen Händen Freuden unter sie auszuteilen?

Der alte König dachte bei sich, daß ein konstitutioneller Monarch wie er, der nur die Ordnung aufrecht erhalten, aber die persönliche Freiheit nicht beschränken soll, doch ein verdammt schwieriges Amt innehabe. Und da seine Warnungen nichts fruchteten, erkundigte er sich vorerst einmal, auf welche Weise die Fee Myriadora als allgemeine Freudenspenderin unter den Menschen, aufzutreten gedächte.

O, ihr Plan war schon gemacht, und ebenso wundervoll als einfach war er, ohne Schwierigkeit auszuführen. Sie wollte an einer Landstraße, wo Menschenkinder der verschiedensten Art vorüberkommen, ein Haus erbauen, ein herrliches Lustschloß mit Gärten voll Götterstatuen und Springbrunnen, wo in den immergrünen Gebüschen die Nachtigallen schlugen und die purpurnen Blumen des Feenreichs mit ihren goldenen Staubgefäßen süße Melodieen spielten. Und jeder, der eintrete, würde in die selige Stimmung des Feenreichs versetzt; er brauchte nur aus der Schale am Brunnen, wo die krystallene Quelle des Feenreichs sprudelte, einen Schluck zu nehmen, und gleich würde ein gesegnetes Vergessen alles Weh der Erdenschwere in ihm auslöschen, er würde die Sprache der Vögel verstehen, den Gesang der Bäume im Wind, die Harmonie der ziehenden Wolken, er würde den Wohllaut vernehmen, von dem alle schönen Dinge in der Welt tönen. Und wenn der Glückliche nun in die rechte Stimmung versetzt sei, dann wolle sie selbst ihm erscheinen und sein Herz vollends beseligen mit Lachen und Scherzen und all den lieblichen Spielen, mit denen die Feen ihr Leben verbringen.

Da wurde der alte König ernstlich böse. Parbleu! Für diese lieblichen Spiele sei der Mensch durchaus ungeeignet; es fehle ihm einfach das Organ dafür. Überdies habe er die gräuliche Eigenschaft, daß er alles, was ihm wohlgefällt, besitzen und für sich allein wolle. Und so werde durch solche Zeichen der Huld eine Art Habgier und Hunger in ihm geweckt, die ihn zu ganz anderen Dingen treibe, als sie mit der seligen Stimmung des Feenreichs vereinbar wären. Für diesen Hunger hätten die Menschen, die immer das Wesen der Dinge durch Worte verdunkeln, den Namen Liebe erfunden.

Wie herrlich! Die selige Stimmung des Feenreichs könne doch durch nichts besser bewirkt werden als eben durch Liebe, das wisse Seine Majestät sehr genau.

Schon gut! Was im Feenreich Liebe heiße, und was die Menschen so nennen, das sei eben Tausend und Eins. Ihm stünden die Haare zu Berg bei dem bloßen Gedanken, daß sie, die zarte, liebliche, ätherische Myriadora sich dieser kannibalischen Menschenliebe aussetzen wolle . . .

Allein der alte König konnte reden, solange er wollte, die Fee Myriadora fand alles herrlich. Der Widerstand machte sie erpicht, die Warnung begierig. Nicht einmal die Drohung selbst auf unabsehbare Zeit der seligen Stimmung des Feenreichs verlustig zu gehen, vermochte die Fee Myriadora ihrem Vorhaben abwendig zu machen. Sie erbat sich Bedenkzeit; nicht um sich zu bedenken, sondern um den Ärger des Königs ein wenig verrauchen zu lassen. Denn das wußten sie ja alle, diese schönen und klugen Wesen, die sich nur auf Erden so schlecht auskannten: Wenn der alte König seine Einwendungen heruntergepoltert hatte, konnte man ihn schließlich doch zu allem haben. Er wollte nur recht behalten, das war eine Schwäche von ihm. Sobald eine der Feen von einem mißglückten Unternehmen zurückkehrte, machte er ihr seinen Besuch, um zu hören, wie es ihr ergangen war. Und dann verfehlte er nie mit breitem Behagen, dem er nicht einmal ein Mäntelchen höflichen Bedauerns umhängte, zu sagen: »Eh bien! Hab' ich's nicht gleich gesagt?« Aber nach diesem Triumph seiner überlegenen Welteinsicht, den er seiner Stellung schuldig zu sein glaubte, schlug sein väterliches Herz durch, und er pflegte dann mit höchsteigener Hand die schönsten silbernen Gespinnste auszubreiten, die er mitgebracht hatte, um die vom Erdenstaub befleckten Gewänder der Zurückgekehrten durch eine neue schimmernde Feentoilette zu ersetzen.

Als er nun Myriadora, wie alle die früheren, ganz geknickt und in sich gebückt beim Seitenpförtchen hereinschlüpfen sah, nicht gar lange, nachdem sie strahlend und schätzebeladen durchs Hauptportal ausgezogen war, machte er sich ungesäumt zu der üblichen Visite auf. Er freute sich diesmal weniger auf den Triumph des Rechtbehaltens – denn über ein so naives Gemüt wie das der Fee Myriadora zu triumphieren, schien nicht einmal dem rechthaberischen alten König genußreich –, er freute sich auf die zärtlichen Glöckchen ihres Lachens, wenn sie unter seinen Händen im Glanz ihrer neuen Kleider wieder aufblühen würde zur wolkenlosen Bläue des Feenhimmels, der sich in ihren Augen spiegelte.

Väterlich milde sprach er sein Eh bien, hab' ich's nicht gleich gesagt? aus. Aber sie schüttelte unbekehrt ihr eigenwilliges Lockenköpfchen.

Wie? Das wäre! Sie hätte keine Schlechtigkeit bei den Menschen erfahren? Keinen Undank? Keine Bosheit? Und da sie nur immer stumm den Kopf schüttelte, fragte er endlich baß erschrocken: »Unglückselige Myriadora, Sie werden sich doch nicht etwa in einen dieser klebrigen Idioten verliebt haben?«

»Dazu hatte ich gar keine Gelegenheit«, versetzte Myriadora, dem Weinen nahe. Und erst nach langem Drängen und Trösten brachte der alte König mehr aus ihr heraus. Alles war aufs Beste hergestellt worden; schön wie nie ein irdisches Anwesen zuvor lagen Haus und Garten bereit zum Empfang der Gäste. Aber merkwürdig: Niemand trat ein. Alle zogen sie auf der staubigen, öden Landstraße dahin, eilfertig oder saumselig, leichtfüßig oder beladen, und keinem fiel es ein auch nur einen Blick auf die gastliche Pforte des Feenschlosses zu werfen. Warum verschmähten sie es? Warum wollten sie das Geschenk nicht annehmen, das ihnen zugedacht war? Warum gingen sie gleichgültig daran vorbei, als erwarteten sie auf ihrem Weg viel köstlichere Dinge zu finden?

Da konnte der alte König das Lachen nicht länger zurückhalten.

»Pauvre chérie«, rief er. »Der Grund ist einfach: Diese Maulwürfe haben Ihr Schloß gar nicht gesehen ! Es ist ihnen unsichtbar geblieben.«

Wieder schüttelte Myriadora betrübt den Kopf. Auf diese Vermutung sei sie endlich selbst gekommen; es hätten sich aber wohl Mittel und Wege finden lassen diesen Konstruktionsfehler, der nicht den Menschen sondern ihr selbst zur Last fiel, zu beheben. Allein als sie eben daran gehen wollte die Sichtbarkeit ins Werk zu setzen, trat ein Ereignis ein, das sie eines Bessern belehrte. Jetzt kam dieses Schreckliche, Unbekannte: die Erfahrung. Nein, nicht unsichtbar war ihr Schloß geblieben; nur als etwas ganz anderes erschien es, als etwas, nun, sie konnte nicht zweifeln: als etwas Längstbekanntes, Gewöhnliches, Alltägliches, das durchaus keine besondere Anziehungskraft ausübte. Das habe sie in dem Augenblick erkannt, als der erste Mensch die Schwelle ihres Schlosses überschritt. Gleichgültig schlenderte er durch die duftenden Laubengänge des Gartens, wusch sich am Brunnen die Hände, ohne einen Schluck aus der Quelle zu nehmen, die so wunderbare Gaben zu wirken bestimmt war. Dann setzte er sich ohne Umstände an den gedeckten Tisch in dem mit Rosenholz getäfelten Saal, ergriff Gabel und Messer und rief: »He Wirtschaft! Wie lange muß man denn hier warten, bis man bedient wird?« Dieses Auftreten war nicht gerade einschmeichelnd. Aber entzückt über die Anwesenheit eines menschlichen Wesens und noch ganz erfüllt von ihren eigenen Vorstellungen über die Wonnen, die diesem Wesen beschert werden sollten, entschloß sich Myriadora im vollen Glanz ihrer Feengestalt zu erscheinen, um dem Ankömmling zu offenbaren, wo er sich befände. Mit klopfendem Herzen stellte sie sich vor ihn. Sie sah, wie die blanken silbernen Teller von den Reflexen ihrer Erscheinung golden aufleuchteten und die geschliffenen Krystallprismen des Kronleuchters in allen Regenbogenfarben von dem Licht funkelten, das von ihr ausstrahlte. Ach, zum erstenmal einem sterblichen Auge sichtbar werden, das ist auch für eine Fee ein Erlebnis ohne gleichen.

Der Ankömmling blickte auf. Er stieß seine beiden Hände mit Messer und Gabel auf den Tisch und rief mit der selben groben Stimme wie vorhin: »Was stehst du und gaffst? Hurtig, hurtig! Ich will essen, ich will trinken . . .«

Und da sie, ohne zu verstehen, unbeweglich blieb, fuhr er fort: »Glaubst du etwa, daß ich deinetwegen in diese Bude gekommen bin? Da weiß ich mir andere als eine solche dürre Rockenspindel wie du. Also vorwärts, sonst mach ich dir Beine!«

War's möglich? Er hielt das Feenschloß für ein Wirtshaus und sie selbst für eine Küchenmagd! Ungläubig versetzte sie: »Aber sieh mich doch an, Unglücklicher! Ich bin die Fee Myriadora. Kannst du mich denn nicht erkennen?«

»Eine Küchenfee bist du, und übergeschnappt obendrein, du Närrin«, schrie er zornig, indem er aufsprang.

Da zog sie es vor schleunig wieder zu verschwinden. Ohne noch einen Blick auf ihr Werk zu werfen, kehrte sie in das angestammte Reich zurück, froh mit heiler Haut entronnen zu sein.

Befriedigt ging der alte König von dannen. Nun war die Fee Myriadora gründlich von dem Wunsch geheilt den Menschen sichtbar zu werden, er brauchte sich um sie nicht mehr zu sorgen.

Wie groß aber war sein Erstaunen, als sie nach wenigen Tagen vor ihm erschien, um neuerdings Urlaub zu erbitten. Sie sei zu voreilig gewesen; denn was bedeute es schließlich, wenn einer nicht den Erwartungen entspräche, die man hegt? Es gebe ja noch unzählige andere. Ja, unzählige Möglichkeiten gebe es: Warum sollte sie sich also durch eine einzige Erfahrung abschrecken lassen?

So kam es, daß die Fee Myriadora abermals auf die Erde hinabstieg ihr Glück zu versuchen.

Und wieder kehrte sie ganz geknickt zurück. Aber nach einigen Tagen fand sie, daß auch zwei schlechte Erfahrungen gegenüber der Fülle der Möglichkeiten nichts zu bedeuten hätten; und das gleiche behauptete sie nach dem dritten, vierten, fünften Mal. Der alte König mußte sich allmählich darein ergeben, daß die Fee Myriadora durch Erfahrungen überhaupt nicht klüger zu machen war. Wie oft sie auch enttäuscht wurde: immer wieder siegte ihr Glaube an die Fülle der Möglichkeiten. Die trug sie in ihrem eigenen Herzen.