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Rosa Mayreder – Zwischen Himmel und Erde

Sonette

Rosa Mayreder, Zwischen Himmel und Erde, Sonette, Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1908

Ein Buch in der Hand zu halten und zu lesen, ist doch immer noch ein schöneres Erlebnis als ein eBook, darum empfehlen wir Ihnen auch:
Rosa Mayreder, Der letzte Gott, hrsg. von Tatjana Popovic, Einltg. Hermann Böhm, Böhlau, Wien 2008

Du Richter alles Tuns, der zu belohnen
Und zu bestrafen Schuld wägt und Verdienst,
Sieh an das unzerreißbare Gespinst,
Das Menschenstirn umflicht mit Dornenkronen,


Aus Wahn gewoben, aus den Illusionen,
Wie sie der tückisch holde Gott ersinnt,
Der listenreiche, dem kein Herz entrinnt,
Solang des Lebens Kräfte darin wohnen.


Er weiß den Sinn mit Masken zu verwirren;
Er kommt als Freund, er trägt ein Königskleid,
Bringt reiche Gaben, Weihrauch, Gold und Myrrhen –


Ein Feuerblendwerk, das mit hohen Flammen
Im Herzen lodernd brennt, bis es als Leid
Zu grauer Asche sinkt in sich zusammen.



ERSTES BEGEGNEN




I

Erbrause Lebensatem, Windesreigen,
Der du auf deinen Flügeln Keime trägst,
Den winterlichen Früchtebaum erregst,
Daß innen seine Säfte quellend steigen!


Noch ruht das volle Herz, wie in den Zweigen
Die Äolsharfe hängt, von Tönen schwer,
Die in die Saiten sind gebannt, bis er,
Der Brausende, sie weckt aus ihrem Schweigen.


Bist du ein Frühlingshauch, der lieblich gleitend
Den Staub der Blüten wirbelt himmelwärts –?
Wirst du in Ungewittern donnerschreitend


Die Seele brechen, der du hier begegnest?
Erwecker, Schicksal, Liebelebensschmerz,
Was du auch bringen magst, ich weiß, du segnest.



II

Es bleibt mein Blick an seinem Antlitz haften,
Nach alledem sich spähend auszustrecken,
Was schweigend seine Lippen nicht entdecken
Und nicht, wenn sie dem Schweigen sich entrafften.


In seinen Mienen, die so rätselhaften
Geheimen Widerhall in mir erwecken,
Scheint bald ein Schalk sich lächelnd zu verstecken,
Und bald die Schwermut tiefer Leidenschaften.


Wer bist du, wunderbarer Unbekannter?
Dich grüßt in mir ein dämmerndes Erinnern,
Als wärst du langvermißt mir ein Verwandter,


Als hätte ich in fernen Kinderjahren
Dich schon erblickt, um unbewußt im Innern
Ein sehnend Deingedenken zu bewahren.



III

Von der geheimnisvoll verschlossnen Pforte
Kenn ich ein Märchen aus dem Morgenland,
Die, unsichtbar an starrer Felsenwand,
Sich öffnen soll dem einen Zauberworte.


Nur wer zur rechten Zeit, am rechten Orte
Ausspricht das Wort, dringt in das Innre ein;
Da schwankt das unbewegliche Gestein,
Ein Weg wird frei zu tiefverborgnem Horte.


Du fremde, unnahbar verschlossne Seele,
Das Wort, das mich in deine Tiefe führt,
Wie sprech ich's aus, daß ich es nicht verfehle?


Ich rufe – hörst du mich? – und lausche bebend.
Ob sich nicht leis der stumme Felsen rührt,
Mit Klingen mir das erste Zeichen gebend.



IV

Schon fragt' ich mich, ob dir Empfindung fehle;
Du warst so anteilslos und überlegen,
Nach außen kalt, ein Bild, nicht zu bewegen –
Nun scheint es, daß sich Leben in dich stehle.


Dein Auge wird beredt, es strahlt die Seele
Als sanfte Flamme mir daraus entgegen,
Und innigsten Gefühles Töne regen
Sich neu und ungekannt in deiner Kehle.


Was mochte dieses Wunder wohl vollbringen?
Kein Wunder war's! Du streiftest nur die Hülle,
Die Schutz gewährt, von deines Herzens Fülle,


Wie aus den Banden, die sie lang umfingen,
Die dunkle Chrysalide in das Helle
Empor sich schwingt als schimmernde Libelle.



V

Der Hund will nicht von deiner Seite weichen,
Umsonst befiehlst du ihm, daß er sich trolle;
Denn deine Stimme ist's, die seelenvolle,
Die ihn verlockt, dir wieder nachzuschleichen.


Dem armen Schelme muß ich mich vergleichen,
Verlockt auch ich, geschehe, was da wolle,
Ob mir auch die Vernunft beständig grolle,
Den ganzen Tag um dich herumzustreichen.


Vernunft, sie ist bewundernswert vernünftig;
Ich beuge willig mich dem Spruch, dem harten,
Den sie vollzieht – doch beug' ich mich erst künftig.


Zu süß erscheint mir's, hinter ihrem Rücken
Freischweifend in der Muße Rosengarten
Den unbewachten Augenblick zu pflücken.



VI

Erzähl! Ich lausche den beredten Tönen;
Du führst mich in das Land der Hesperiden,
Wo die Natur in üppig reichem Frieden
Sich schmückt gleich einer brautgewordnen Schönen;


Du führst mich in das Land von Rurik's Söhnen
Im rauhen Norden, das die Götter mieden,
Als sie der Erde ihren Reiz beschieden –
Und nennst es schwierig, dort sich zu gewöhnen.


Ich folge auf den weiten Wanderzügen
So gern wie nach Ausoniens Blütenfluren
In unwirtliche Steppen deinen Spuren.


Sie sind's, die meiner Forderung genügen;
Sie lehren mich, wohin ich mit dir dringe,
Daß deine Gegenwart Beglückung bringe.




VII

Den Weg, besäumt vom Dorngestrüpp der Schlehen,
Geh ich mit ihm entlang der Friedhofsmauer;
Der herbstlich trübe Himmel färbt sich grauer,
Und kalt fühl ich den Wind aus Norden wehen.


Kein menschlich Wesen läßt sich weit erspähen,
Es webt ringsum des Todes ernster Schauer;
Mit heiserm Schrei in diesem Reich der Trauer
Umfitticht uns die schwarze Schar der Krähen.


Doch an Vergänglichkeit die düstre Mahnung
Kann meiner Seele Frohsinn nicht erdrücken.
O sagt, was ist das freudige Entzücken,


Das ihr, sich frei von banger Todesahnung
Zum Hochgefühl des Lebens zu erheben,
Die goldnen Flügel mag der Wonne geben?



VIII

Schon zählt' ich mich zu jenen Leidgeprüften,
Die sich in Schweigen senken, tief in sich;
Entlaubte Seelen sind sie, winterlich
Erstarrtes Leben in beschneiten Grüften.


Ungläubig fragen sie, wenn's in den Lüften
Mit mächtiger Bewegung brausend weht:
Gibt es noch etwas, das da aufersteht,
Noch Sonne, Vögel, Blumen voll von Düften?


Wie aber könnte ich mich dir verschließen,
Du linder Tauwind, heller Frühlingstag!
Es wollen alle Quellen wieder fließen,


Wo deine Sonne spielt mit warmen Blicken,
Erwachen alles, was erfroren lag,
Um sich für dich mit neuem Grün zu schmücken.



IX

Was hält noch zögernd über Wald und Auen
Des Abends blassen Schimmer festgebannt,
Und läßt den Himmel über Strom und Land
In unerloschnem Glanze niederblauen?


Es will die Nacht mit ihrem Dämmergrauen
Nicht überschatten noch dein Angesicht;
Vom Tage borgt sie sich ein letztes Licht,
Um nimmersatt ins Auge dir zu schauen.


Dich liebt die Nacht. Sie raubt von deinem Munde
In liebesdurstgem Kuß den lauen Hauch
Und trägt ihn selig durch die weite Runde.


Da regt aus ihrer Ruhe traumversunken
Sich die entschlafne Flur, und Baum und Strauch
Erschauern leis mit mir, von Sehnsucht trunken.



X

So Wort um Wort hab' ich aus deinem Munde
Unlöschlich in Erinnerung empfangen;
Sie sind, wie flüchtig sie zu mir gelangen,
Mir doch von deinem Herzen teure Kunde.


Ich rufe sie zurück in jeder Stunde;
Besorgt, ob mir gewiß kein Zug entgangen,
Mit Freude, und vielleicht manchmal mit Bangen,
Verfolg ich sie zu ihrem tiefsten Grunde.


Dem Maler gleich, der uns nur dann mit Treue
Des Vorbilds Miene wiedergibt und Haltung,
Wenn er sie prüfend stets vergleicht aufs neue,


Bemüh' ich mich, aus den bewahrten Zügen
Dein Wesen in lebendiger Gestaltung
In mir zum Bilde aneinandzufügen.


XI

In meinem Sinne schätz ich nicht den hohen
Begriff der Frauen von den Idealen
Der Männlichkeit, wie sie den Mann uns malen,
Der zu befehlen liebt und zu bedrohen.


Ich hasse Augen, die begehrlich lohen,
Und Mienen, die von Selbstbewußtsein strahlen,
Gestalten, die mit ihrer Kraft noch prahlen,
Wenn längst die Grazien beleidigt flohen.


Sie sind des Erdendaseins niedre Formen;
Als jener Gott nach seinem Ebenbilde
Den Mann erschuf, da wählt' er andre Normen.


Mich ließ das Glück sein wahres Urbild kennen –
Den Mann voll heitrer Anmut, Hoheit, Milde,
Kennst du ihn nicht? Muß ich ihn dir erst nennen?



XII

Und willst du dir auch den Beweis bedingen,
Warum ich Gottes Bild erkannt im deinen?
Du hältst das nur für ein persönlich Meinen;
Laß mich versuchen, tiefer einzudringen.


Da er vermocht, aus sich hervorzubringen
Den Mann und auch das Weib, so will mir scheinen,
Es mußte beide Gott in sich vereinen,
Sonst konnte sein Problem ihm nicht gelingen.


Er teilte so sich selbst bei seinem Werke:
Von sich gab jedem er ein Teil, ein echtes,
Dem Weib die Milde und dem Mann die Stärke.


Doch wen er sich zum Liebling auserlesen,
An Leib und Geist verschiedenen Geschlechtes,
Dem gibt er göttlich ganz das eigne Wesen.



XIII

Es glänzt dein Aug in wunderbarer Helle!
Erfüllt von einem mystischen Entzücken
Such' ich geheimen Sinn in deinen Blicken
Wie in prophetisch dunkler Bibelstelle.


Sie scheinen die unüberschrittne Schwelle
Des Körperlichen leise zu verrücken,
In ein verhülltes Jenseits sich zu brücken
Zu aller Liebe ungekannter Quelle.


Doch kann ich Offenbarung nicht gewinnen;
Es wird, gemischt aus Lust halb und aus Grauen,
Der Zauber mächtiger als das Besinnen.


Und wie ich deine Blicke in mich sauge,
Fühl' ich in diesem weltvergessnen Schauen
Mein ganzes Wesen werden lauter Auge.



XIV

Der du verharrst in gramvoll düstrem Schweigen,
O möchten dir, wie schwer ich es ertrage,
Die Tränen künden, die als stumme Klage
Mir unaufhaltsam in das Auge steigen!


Mein Herz fühl' ich sich blutend zu dir neigen
In unnennbarem Mitleid, doch ich wage
Nach deinem tiefen Kummer keine Frage,
Noch meines Anteils Innigkeit zu zeigen.


Das ist kein Trost, der sich in Worte kleidet!
Es lehret mich dein Schmerz, der so ergreifend
In wehevoller Scheu den Ausdruck meidet,


Erhaben über Mitleid und Bedauern
Dem ew'gen Schweigen still entgegenreifend,
Mit dir zu schweigen und mit dir zu trauern.



XV

Vorüber sind die einzig schönen Stunden,
Nicht länger soll der holde Zauber währen.
Hab' ich nur, um es künftig zu entbehren,
Der reinsten Neigung hohes Glück gefunden?


Ich war, von allen Fesseln losgewunden,
Emporgestiegen in erhöhte Sphären,
Als sollt' ich in das Joch nicht wiederkehren,
Womit die Seele an den Leib gebunden.


Nun möchte ich mich weit und weiter wagen,
Dort, wo ich weilte, dauernd mich behaupten,
In neue Reiche wachsend aufwärtsragen.


Es wird kein Sehnender den Weg verfehlen,
Beträt' er suchend auch den unerlaubten;
Die Geister schützen ihn, die ihn beseelen.



XVI

Ich nährte noch der Menschheit alte Träume,
Der Weisen und der Seher Phantasien,
Ich glaubte noch mit Sphärenharmonien,
Von Göttern noch belebt des Weltalls Räume.


Indes ich fern in alten Tagen säume,
Ist Wissenschaft gewaltig fortgediehen;
Der Sphärenklang verstummt, die Götter fliehen,
Zerronnen sind der Metaphysik Schäume.


Nur rohe Elemente sind geblieben,
Die sinnlos sich in blindem Kampf verzehren.
Aus der entgötterten Natur vertrieben,


Ihr himmlischen Gestalten, welche Stätte
Blieb' euch, wenn, sich als Tempel zu gewähren,
Die Seele nicht ein ewig Anrecht hätte –?



XVII

Was schwärmerische Wünsche uns verkünden,
Es war ein Wahn weltflüchtiger Propheten,
Daß nicht vergebens sehnlich wir erflehten,
Einst zu erwachen ohne Leib und Sünden,


Daß unser Geist, die Liebe zu ergründen,
Geläutert wird ins Reich der Wahrheit treten,
Unsterblich einst auf schöneren Planeten
Verwandte Wesen sich in eins verbünden.


Es war ein Wahn! Die mir zurück ihn riefen,
Den ich vergessen schon seit Jugendzeiten,
Das waren deiner Augen blaue Tiefen,


Dein feuchter Blick, der wie aus Himmelsfernen,
Aus ungekannt geheimnisvollen Weiten
Mir eine Botschaft schien von jenen Sternen.


XVIII

So ist's ein Märchen nur, ein leeres Wähnen,
Daß neues Leben wir dereinst beginnen,
Daß wir erhöhtes Sein erst dort gewinnen,
Wo Tod und Nichtsein uns entgegengähnen?


Vergeblich dieses Ringen, dieses Sehnen,
Den Schranken unsres Körpers zu entrinnen!
An sein Gesetz geschmiedet mit den Sinnen,
Was wagen wir's, uns kämpfend aufzulehnen?


Wir werden nie des Kampfes Preis erhalten!
Gebeugt verführerischem Vorurteile,
Von alters trugvoll wirkenden Gewalten,


Der Hoffnung Sklaven, die an Ketten liegen,
So können wir den Wunsch nach jenem Heile,
Die eingeborne Torheit, nicht besiegen.



XIX

Ich bin allein; es ruhn die nächt'gen Gassen,
Kein Laut des frohen Lebens mag erschallen.
Schwermütiger Beklommenheit verfallen,
Fühl' ich der Ahnung trüben Geist mich fassen.


Am Himmel seh' ich meinen Stern erblassen,
Mir überm Haupt sich schwere Wolken ballen;
Die Sorge schleicht um mich; mit Geierkrallen
Will sie auf meine Brust sich niederlassen.


Der Weg ist dunkel, den ich tastend gehe,
Es ist mir nicht enthüllt, ob er zum Glücke
Geleitet, ob zu tödlich tiefem Wehe.


Noch sucht der Fuß nach rückwärts sich zu wenden –
In die Vergangenheit führt keine Brücke,
Und wahllos muß ich meinen Weg vollenden.



XX

Nun will ein Zweifel immer wiederkehren,
Mit bittrem Argwohn mir das Herz umnachten:
Wenn jene Blicke, die mich glücklich machten,
Weil sie mir heilig schienen, Lügen wären –?


Wenn ihre Huldigung, statt mich zu ehren,
Mißbrauchte Sprache war, der Unbedachten,
Die sich nicht scheute, ihnen nachzutrachten,
Verhehlter Wünsche Heimlichkeit zu lehren –?


O leuchtet mir, ihr Sternenaugen, wieder,
Daß sich in eurem klaren Himmelslichte
Des Zweifels unheilvolle Macht vernichte!


Ihn scheucht hinweg ein Winken eurer Lider
Wie düstern Nebel, der in nichts zerfließet,
Wenn sich auf ihn der Sonne Glanz ergießet.



XXI

Daß andre von ihm wissen und berichten,
Macht mich geneigt, der Welt mein Ohr zu leihen,
Ob Spuren nicht in diesen Reden seien,
Die seines Lebens Rätsel könnten lichten.


Und so von Weibern und beschränkten Wichten,
Die seinen Namen frevelhaft entweihen,
Laß ich ihn schweigend manches Schlimmen zeihen,
Verstimmt durch ihre hämischen Geschichten.


Sein Bild, das hell in meinem Innern brannte,
Eh' er beschlossen hatte, mich zu meiden,
Nun trübt es sich, wenn ihn ein Fremder nannte,


Verdunkelt langsam sich in Bitternissen.
Soll ich mich künftig ohne ihn bescheiden,
Dann wird er meiner Seele ganz entrissen.



XXII

Verbergen kann ich länger nicht mein Elend,
Es spricht beredt aus allem, was ich treibe.
Ich seufze, blicke auf des Mondes Scheibe,
An ihrem Rund der Trennung Länge zählend;


Sodann, verständigere Mittel wählend,
Wend' ich mich dem Ersehnten zu und schreibe –
Doch gleich auch fordern, daß es unterbleibe,
Bescheidenheit und Klugheit ernst befehlend.


So ohne Ruhe hin und her getrieben
Von Hoffnung zu verzweiflungsvollem Wanken,
Verzehr' ich mich in unfruchtbarem Schwanken,


Und nichts von allem Glück ist mir verblieben.
Wenn er beharrlich strebt, sich zu versagen,
Muß ich die Not der Sehnsucht schweigend tragen.



XXIII

Zur Warnung klinge mir ein ernstes Carmen:
Du atmest lustbetäubt verbotne Düfte,
Erinnerung umschlingst du, wie die Hüfte
Der Braut ein Liebender, mit glüh'nden Armen.


Doch wird sie nie an deiner Brust erwarmen;
Wenn ich dir ihren Zauberschleier lüfte,
Erkennst du sie als ein Geschöpf der Grüfte
Und wehrst sie ab mit schauderndem Erbarmen.


Die schöne Leiche der Erinnerungen
Beschwöre sie nicht, aus dem Grab zu tauchen!
Man weiht den Toten stille Huldigungen,


Doch strebt man nicht, sie wieder zu beseelen,
Mit Küssen Leben ihnen einzuhauchen,
Um sich noch einmal ihnen zu vermählen.



XXIV

Ist er's, der durch die finstre Gasse schreitet?
Erkenn' ich ihn im Lichtkreis der Laterne?
Er geht vorbei; ich folgte ihm so gerne,
Daß ihn mein Wunsch auf seinem Weg begleitet.


Die Stadt hin, die sich unabsehbar weitet,
Verfolg' ich ihn bis in sein Heim, das ferne,
Daß ich die Einsamkeit ermessen lerne,
Die ihren dunklen Fittich um ihn breitet


Da ruf ich euch, ihr stillgeschäft'gen Geister,
Ihr Ahnungen mit euren leichten Schwingen;
Euch ist es nicht verwehrt, zu ihm zu dringen.


Erhebet euch und nahet euch ihm dreister,
Gestehet ihm in eurer zarten Weise,
Daß mein Gedanke liebend ihn umkreise.



XXV

Es frage niemand mich, warum ich täglich
Dieselbe Straße gehe vor dem Walle.
Könnt' ich gestehen, daß sie mir gefalle?
Das schiene glaubhaft nicht, erfunden kläglich.


Denn sicher ist es andern unerträglich,
Daß sie von einem steten Wagenschwalle,
Vom Lärm der Eisenbahnen widerhalle;
Was tut es? Mir gefällt sie doch unsäglich.


Zwei Fenster sind es, die so freundlich blinken,
Und jene Säulenreihe, jene Pforte,
Die mir verheißungsvoll entgegenwinken.


Vor ihnen zögr' ich hoffend und geduldig;
Nur fehlt es mir an einem Zauberworte,
Denn ach, sie bleiben die Erfüllung schuldig.



XXVI

Gleich einer Pflanze ist dein Seelenleben,
Die sich zur Blüte niemals wird entfalten,
Wenn nicht vertraute Elemente walten,
Wenn Erde nicht und Sonne Nahrung geben.


So lenkt verschwiegner Glaube mein Bestreben,
In meinem Kreis dich innig festzuhalten,
Aus deiner Einsamkeit, der dunklen, kalten,
Zu Licht und Wärme dich emporzuheben.


Ich bin ein Teil von deiner eignen Seele;
Sie wird zu ihrer unbewölkten Klarheit
Gelangen nicht, solange ich ihr fehle.


Ihr Wesen ganz kann ich allein verstehen:
Willst du es sehn in seiner höchsten Wahrheit,
Mußt du's im Spiegel meiner Seele sehen.



XXVII

Mit dir die Stunden traut hinwegzulachen,
Die stets erfüllten, was sie uns verhießen,
Die Lotosfrucht des Glückes zu genießen,
Die wir im Garten froher Muße brachen –


Das war ein Traum. Und müssen wir erwachen,
Wir wollen uns mit gutem Mut entschließen.
Das Leben ruft; es darf uns nicht verdrießen,
Wenn sich das tägliche will geltend machen.


Soll denn ein zartes Glück darin verderben?
Wenn es der Zufall gab, so mag es enden,
Bewähre sich, was wir uns selbst erwerben!


Getrost, mein Freund! erfasse nur dein Leben,
Dein Glück mit reinem Sinn, mit starken Händen,
Und neugestaltet wird es sich erheben.



IN DEN HÖHEN




GASTFREUNDSCHAFT

Wir leben beide in verschiednen Welten;
Beschaulich meine, stillem Garten gleich,
Die deine lärmend und gefahrenreich,
Ein Markt, umtobt von Feilschen, Drohen, Schelten,


Wo alle ränkevollen Künste gelten.
Dort seh ich dich gewandt und siegreich stehn,
Doch scheinst du gerne nicht den Weg zu gehn,
Auf den dich früh des Lebens Mächte stellten.


Deshalb aus dem banausischen Gewühle
Entflieh zu mir, tritt in das andre Reich
Zur abendlichen Rast nach Mittagsschwüle.


Im Dufte seiner Blumen liegt der Garten,
Die Quelle rieselt in den Silberteich –
Hier sei mein Gast, hier will ich dich erwarten.



EINKEHR

Ein Kleinod wird seit grauem Altertume
Vererbt geheimnisreicher Brüderschaft,
Ein Edelstein von unermeßner Kraft,
Der reich an Glück macht und erlesnem Ruhme.


Und Sage geht von einer Wunderblume
In nie betretner Bergeseinsamkeit,
Die alle Erdenschatze dem verleiht,
Der suchend sie gewann zum Eigentume.


Vergebens bist du in die Welt gezogen,
Den Sinn auf solche Wunder hingelenkt;
Der Suchende, dort sieht er sich betrogen.


Nun hast du dich ganz in dich selbst verschlossen,
Ganz in die eigne stille Welt versenkt –
Da leuchtet es, da wollen Wunder sprossen.



ERWÄHLUNG

Verfolge nur den unscheinbaren Faden,
Der auf dem Grunde sich im Dunklen spinnt;
Er führt dich aus des Lebens Labyrinth
Ins Reich der Sonne auf geheimen Pfaden.


Wenn diese Strahlen deine Stirne baden,
Genesest du von allem Erdenleid,
Dein Sinn wird ruhig und dein Auge weit,
Du fühlst dich nah dem Borne aller Gnaden.


In seiner Nacht mag wohl ein Blindgeborner
Den Schimmer leugnen, der den Tag verheißt;
Du aber bist des Lichtes Auserkorner,


Der das empfing, was alles Andre spendet:
Ein großes Herz und jenen stolzen Geist,
Der sehnend sich zu höhren Sphären wendet.



ERSTER SCHRITT

Es gilt als Frevel oder eitle Narrheit
Der Menge, was in jene Tiefe weist;
Du bist allein, sobald du dich befreist
Aus des Gesetzes und des Glaubens Starrheit.


Ein ewiges Geheimnis ist die Wahrheit!
Sie muß erraten sein, sie laßt sich nicht
Wie eine Frucht, die man vom Baume bricht,
Zerlegen in des Tages kalter Klarheit.


Aus deinem Innern wird sich Licht verbreiten,
Das dir des Suchens dunklen Weg erhellt,
Beginnest du, ihn mutig zu beschreiten,


Und harrest aus auf deinen eignen Bahnen.
Wenn niemals auch der Schleier gänzlich fallt,
Du findest doch ein weltumfassend Ahnen.



GLEICHNIS

Es flutet ew'gen Sinkens und Erhebens
Vom Aufgang bis zum Niedergang das Meer,
Wälzt brüllend Wog' um Wog' ans Ufer her,
Als mühte sich's und mühte sich vergebens.


Doch Zeugenschaft gibt des verborgnen Strebens
Der Grund, den es in Urzeit aufgedämmt.
So strebt es fort – und jede Woge schwemmt
Ein Sandkorn an die Stätte künftigen Lebens.


Wo Kraft und Kräfte immer sich vereinen,
Da wächst heran, was lange wachsen muß;
Vergeblich kann, es kann nichts unnütz scheinen,


Was zu lebendgem Dasein ist geboren.
Das Werden ist des Lebens höchster Schluß,
Und keine Wirkung geht ihm je verloren.



ANDEUTUNG

Beachte wohl das Werden und Vergehen,
Den Sinn des Lebens, das von Tod sich nährt,
Wie es im Tiefsten unaufhörlich gährt,
Nach Neuem ringt in wechselndem Geschehen.


Das Altern und das Sterben sind die Wehen
Des neuen Lebens, das sich machtvoll hebt,
Das aus der Hülle, die sich ausgelebt,
Schon weiterdringt zu künftigem Entstehen.


Dies ungeheure Streben, welterhaltend
Und weltbedeutend, das sich üb'rall regt,
Erkenn es auch in deinem Busen waltend.


Die Unbefriedigung, sie ist die Sendung
Zu höhrem Dasein einstens, und sie trägt
Die heilge Botschaft kommender Vollendung.



DER ADEPT

Es kann nur, wer durch Feuer ist gedrungen,
Die Göttin wecken, die im Schlafe ruht;
Was sie bewahrt in unnahbarer Hut,
Hat leidenlos kein Sterblicher errungen.


Dem dunklen Grund, dem alles Licht entsprungen,
Entlodert auch die Flamme, die verheert,
Erwählten leuchtend, daß sie unversehrt
Durchschreiten Fegefeuer-Läuterungen.


Das Schicksal leitet uns wie Neophyten,
Wir folgen ihm, wir wissen nicht, wohin.
So hast auch du in trüber Zeit gelitten


Und sahst kein Ziel auf dornenvollen Wegen –
Blick auf I Es ist ein ewiger Gewinn,
Dem du durch Leiden wandeltest entgegen.



RELIGION

Natur, die uns das Dasein hat gegeben,
Ich weiß, daß sie uns ganz umschlossen hält;
Sie ist in uns, wir sind in ihr – es fällt
Aus ihrem Arme kein erschaffnes Leben.


Doch immer will die Frage sich erheben:
Was wolltest du mit uns, da du uns schufst?
Was ist das Amt, zu dem du uns berufst?
Was soll in uns dies unstillbare Streben?


O laß mich glauben, wenn in uns ein Willen
Nach aufwärts zielt und immer höher greift,
Wenn Kräfte, die aus unsrem Innern quillen,


Zum Lichte des Gedankens mächtig dringen,
So ist's dein Werden, das in ihnen reift,
Nach der Erkenntnis ist's dein eignes Ringen.



GLAUBENSBEKENNTNIS

Was ist, das ist für alle Zeit errichtet!
Dem Stoffe, der in ew'ger Gegenwart
Durch alle Formen Einer stets beharrt,
Kein Sonnenstäubchen wird ihm je vernichtet.


Des Todes Schrecken hat ein Wahn erdichtet,
Der mit gestaltreich wandelbarem Sein
Hüllt die vergängliche Erscheinung ein,
Bis sich das Wesen dem Erkennen lichtet.


Zum Tode sinkt nur dein Bewußtsein nieder,
Mit ihm die Lust und Qual, die es erlitt:
Dein Wesen kehrt in neuer Jugend wieder,


Um strebend immerdar voranzuschreiten.
Denn was du lernst, das Weltall lernt es mit,
Erworbnes bleibt erworben allen Zeiten.



KOSMOSOPHIE

Wenn dich des Firmamentes Sternenreinheit
Mit Schauern der Unendlichkeit durchbebt,
In ihre Größe fühlst du da verwebt,
In sie ergossen deine eigne Kleinheit.


Da ahnest jenseits die erhabne Einheit
Des Allebendigen, die ewig ist
Und grenzenlos, der du entflossen bist,
Ein Tropfen aus dem Meer der Allgemeinheit.


Und wie dein Blick von Stern zu Sternen gleitet,
Wirst du ein Mitgenoß der Ewigkeit;
Zum Weltsein wird dein eignes Sein erweitet.


Was du erlangen magst mit deinen Sinnen,
Das bist du selbst, gebannt in Raum und Zeit:
Es kommt von außen nicht, es kommt von innen.



WELTSCHÖPFUNG

Das über ew'gen Finsternissen schwebte,
Das in der Tiefe der Gewässer lag,
Als sich das Chaos schied in Nacht und Tag,
Als sich das Ungewordene belebte


Im Werdehauch, der durch das Weltall bebte –
Das Wort der Schöpfung, jenes Wort des Lichts,
Das Wort war Gott! Ein Gott, der aus dem Nichts
Sich selbst die Hülle der Erscheinung webte.


Die hohe Kraft, die, wie sie angefangen,
So jetzt als einst das Wort der Schöpfung spricht,
Zum Eigentume hast du sie empfangen.


Nichts Wirkliches kann ohne dich entstehen;
Es spricht ein Gott zur Welt: »Es werde Licht«,
Wenn du dein Aug' erhebst, sie anzusehen.



NOTWENDIGKEIT

Nach ehern unbewegten Konsequenzen
Besteht das Reich, das die Natur erhält,
Und was geschehen mag von Welt zu Welt,
Steht unverrückbar fest nach allen Grenzen.


Es wird ein wundersames Weiß erglänzen,
Wenn Farbe ihre Farbe sich erwählt,
Zum Bunde wird die Kraft der Kraft vermählt,
Wenn die bestimmten Pole sich ergänzen.


Und ich? So bin auch ich nur hingetrieben?
Blind wirkende Gewalt von Anbeginn
Hat ihr Gesetz in meine Brust geschrieben?


Wo Elemente ungebändigt schalten,
Da werde ich zunicht, da schwind ich hin,
Nichts Eigenes kann ich für mich behalten.



FREIHEIT

Wir sind nicht hilflos preisgegebne Knechte,
Die blinde Willkür bindet und begräbt:
Der Geist ist frei, der nach der Freiheit strebt!
Denn als die Botschaft seiner höchsten Rechte


Beglaubigt sich's dem menschlichen Geschlechte,
Daß in dem Wissenden ein Wille lebt,
Der über allen Kräften siegreich schwebt,
Ein Herr der Erden- und der Himmelsmächte.


Ihn kann nur eigenes Gesetz bewegen;
Wie in die heilge Schlacht sich stürzt ein Held
Wirft er dem Schicksal kämpfend sich entgegen.


Zerschmettern kann's ihn nicht, kann ihn nicht beugen,
Er lebt, wenn auch die flücht'ge Form zerschellt,
Und neu geboren werden seine Zeugen.



DEM SKEPTIKER

Zuletzt errat ich es aus deinen Fragen:
Du teilst den Glauben meiner Seele nicht,
An das verborgne Reich die Zuversicht,
Wohin uns Wunsch und Sehnsucht heimlich tragen.


Durch Leiden hast du standhaft dich geschlagen,
Du suchst nicht leichtgewonnenen Genuß,
Du beugst dich willig einem innern Muß,
Das dich bewegt zu herrlichem Entsagen.


Und läugnest du, was sich so klar betätigt,
Weil es nicht faßbar wird dem äußern Sinn,
Dem innern nur sich ahnungsvoll bestätigt?


Dein Läugnen aber widerrufst du handelnd
Und findest einen edlen Stolz darin,
Ungläubig doch den Weg des Glaubens wandelnd.



AUSLEGUNG

Und fragst du, wo er sei, der Ungenannte –
Wo war' er nicht? In Farbe, Form und Schall
Ist er, in dir, in mir, ist überall,
Wohin er sich als Lebensregung bannte.


Wenn du erkennen willst das Unerkannte,
Nicht bleibe außen stehn, verstandeskühl;
Allwissen gibt dir nur das Allgefühl,
Das liebend Erd und Himmel ganz umspannte.


»Ach niemals wird mir also Gott begegnen,
Fehlt mir, ihn wahrzunehmen, das Organ«,
Sprichst du darauf; »und doch will ich ihn segnen,


Und will lobpreisend dankbar zu ihm beten;
Da er sich selber mir nicht geben kann,
Gab er mir dich als lockenden Propheten.«



LIEBESMUT

Auf meine Hand laß deine Tränen fließen,
Auf diese Hand, die ich, im Innersten bewegt,
Vertrauend in die deinige gelegt,
Den wunderbarsten Liebesbund zu schließen.


Ob wir das Reich des Möglichen verließen,
Das frag ich nicht! Und war es auch ein Wahn,
Der uns in solche Höhen führt – wohlan,
Laß uns der Seele schönsten Wahn genießen!


Ich will mich deines Wesens ganz bemeistern,
Mit Lachen und mit Tränen, Spiel und Ernst
Zu diesem Mut der Liebe dich begeistern;


Und über Erdgewalten, die uns binden,
Trägt uns, wie du's in dir entfalten lernst,
Empor vergöttlichendes Allempfinden.



GOTTESDIENST

Die gnadelos des Friedens Weihe stören,
Verbanne alle Wünsche aus der Brust,
Willst du das Göttliche, das unbewußt
In deiner Tiefe liegt, heraufbeschwören.


Geheimnisvolle Stimmen wirst du hören,
Die leis erheben mystischen Gesang;
Sie tönen, schwellen, steigen, bis ihr Klang
Dein Herz erfüllt mit vollen Jubelchören.


So trittst du aus der Straße lautem Treiben
Benommen in die Kirche ein. Da quillt
Ein goldnes Dämmerlicht aus Purpurscheiben,


Die Wölbung schwebt auf Orgelfeiertönen;
Und aus dem Borne der Musik gestillt,
Bringst du dich dar zu himmlischem Versöhnen.



FÜLLE DER LIEBE

Ist es ein Leid, das mir im Herzen blutet,
Ist es ein Übermaß der Seligkeit?
Verschmolzen so in Eines Lust und Leid,
Ein Name nennt es nicht, was mich durchglutet.


Aus deiner Seele in die meine flutet
Ein Strom von Feuer, lösend wunderbar,
Was schwer in mir und unbeweglich war:
Zu neuem Dasein bin ich angemutet.


Es ist ein Hauch von jenem ew'gen Leben,
Das aus der Brust des Weltenschöpfers floß,
Als er dem Staub Empfindung wollte geben,


Das sich als ein beseligendes Werde
Erweckend in die starre Form ergoß
Und zum Gefäße Gottes schuf die Erde.



BERUF

Die Liebe treibt mich, rastlos auszuspähen
Nach dem Verborgnen, das du in dir hegst;
Ich horche, wenn du kaum die Lippen regst,
Als könnt' ich, eh' du redest, dich verstehen.


Dein ganzes Leben möcht' ich rückwärts gehen,
Zueignend mir dein Dasein und Geschick,
Daß nichts unkenntlich bliebe meinem Blick,
Und mir gelänge, deinen Grund zu sehen.


Werd' ich verstehend erst dich voll umfassen,
Erfüll' ich liebeheiligen Beruf;
Durch mich sollst du dich selbst dir deuten lassen,


Dem Spiel des Lebens tiefen Sinn verleihen;
Denn wenn ein Gott mein Wesen planvoll schuf,
So war's, um es als Spiegel dir zu weihen.



LIEBESBLICK

Ob Jugend noch in braungelockten Haaren,
Auf deiner Stirne weilt, ob sie schon flieht –
Sprich nicht von Abstand, nicht von Unterschied,
Weil du mir überlegen bist an Jahren.


An unsren Herzen magst du es erfahren:
Ein wesenloser Schleier ist die Zeit,
Die Ewiges uns hüllt in Endlichkeit,
Daß wir's mit Augen können nicht gewahren.


Den Schein, der alles Sinnliche umkleidet,
Durchdringt die Liebe, und die Hülle fällt,
Die mich von deinem wahren Wesen scheidet.


Ich sehe es, wie es ein Gott erdachte,
Eh du Erscheinung wurdest in der Welt,
Als schaffend er dein reines Urbild machte.



WIEDERGEBURT

Du duldest es nur immer widerstrebend,
Daß meinem Wunsche sich dein Herz enthüllt.
Ich harre dein, bis sich die Zeit erfüllt,
Und, ganz in ihrem Liebeswillen lebend,


Mir deine scheue Seele, nackt und bebend
Als stünde sie vor Gott, nichts mehr verwehrt,
Für sich als Eigentum nichts mehr begehrt,
Der Liebe all ihr Hab und Sein hingebend.


Dann lebst du neugeboren in den Reichen
Der Liebesgnade; über deinem Haupt
Wölbt sich das Zelt, gestirnt mit Himmelszeichen,


Du trägst das Band, die schimmernden Gewänder,
Und jenen Kranz, mit Gold und Grün umlaubt –
Geweihten Lebens wundertätige Pfänder.



FRÜHLINGSSTIMMUNG

Wenn Frühlingswärme mit dem linden Weste,
Der kosend um erwachte Knospen webt,
Die Brust der jungen Erde schwellend hebt,
Verschwenderisch, als reichbeschenkte Gäste,


Lädt sie uns ein zu ihrem Liebesfeste.
Und gläubig öffnet sich, an Hoffnung reich,
Die Seele, dem erblühten Baume gleich,
Der rosig streckt zum Himmel seine Äste.


Dir gut mein Liebesfest! Du bist die Sonne,
Ein Baum bin ich, der ganz in Knospen glüht
Und überschwillt in des Erblühens Wonne,


Um in der Liebe Licht sich einzutauchen,
Das lebenspendend dir im Auge sprüht,
Wenn Deine Lippen Frühlingswärme hauchen.



GEMEINSAMKEIT

Könnt es geschehn, daß Liebe Lieb' verletze,
So war's, nennst du den Geber stets nur mich,
Der dich beschenkt, und den Empfänger dich.
Denn nach der Liebe seligem Gesetze


Vertauschen immerfort wir Amt und Plätze.
Willst du nicht nehmen, was ich geben muß,
Dann bin ich arm in meinem Überfluß,
Und nichtig meines Lebens größte Schätze.


Zum Reichtum vielgestalter Harmonien
Sind unsre Seelen übereingestimmt;
So wie du mir, so bin ich dir verliehen,


Wir sind der Liebe Harfenspiel geworden.
Beglückt, wer von uns Beiden gibt, wer nimmt:
Vereint nur werden Töne zu Akkorden.



VERSCHMELZUNG

Ich weiß von Nehmen nicht und nicht von Schenken;
Wie in den Strom ein andrer sich ergießt,
Möcht ich von dir empfangen sein! du bist
Das Ziel, nach dem sich meine Schritte lenken,


Das Land, in das sich meine Wurzeln senken.
Du atmest, lebst, du hast dich mir gesellt,
Du bist bei mir – vollendet ist die Welt;
Beschlossen ruht in dir mein Sein und Denken.


Und alle Liebeskraft und Glut, besäße
Ich sie, wenn sie aus dir nicht überfließt?
In deiner Seele göttlichem Gefäße


Vermischet sich mit deinem Wesen meines;
Sie reicht mir, ein Pokal von Amethyst,
Mein Leben wieder als ein neues, reines.



LIEBESWUNDER

In früher Jugend schon, als ich erwachte
Aus jenem lichten Traum, der Kindheit heißt,
Da haderte ich grollend mit dem Geist
Des Schöpfers, daß er mich zum Weibe machte.


Durch Fesseln so, in denen ich verschmachte,
Ward schmerzlich Seele mir und Leib entzweit
In unlösbarem Zwiespalt, dem die Zeit,
Die ich verlebte, keine Heilung brachte.


Und soll ich niemals die verhaßten Schranken,
Soll niemals überflügeln meinen Leib ?
Nur einem Wunder könnt' ich es verdanken.


So laß ein Wunder denn für mich geschehen:
O liebe mich! Dann werden Mann und Weib
In einem Tausch der Seelen untergehen.



NIEDERGLEITEN




I

Die Zeit nicht länger tändelnd zu verschwenden,
Versuch ich es, vom Fleiß dazu gemahnt,
Der mühsam Wege der Erkenntnis bahnt,
Von dir mein Sinnen endlich abzuwenden.


Denn aufgespeichert hier in dicken Bänden
Ruht mir ein Schatz von Wissen mancherlei;
Ich wähle kurz, schon bin ich ganz dabei
Und greife zu mit lernbegiergen Händen.


Allein gleich trifft die emsigernst Bereite
Ein Wort, ein Nichts, das sich mit dir verknüpft;
Das bricht mit seinem klingenden Geleite


In meines Eifers Bannkreis ein gewaltsam,
Und durch die kleine Bresche wieder schlüpft
Zu dir mein ganzes Denken unaufhaltsam.



II

Ich lieb' es, unverwandt dich anzuschauen;
Ein holdes Rätsel ist dein Angesicht,
Das unverständlich immer zu mir spricht,
Als sollt' es ein Geheimstes mir vertrauen.


Erobrerglück verkünden stolze Brauen,
Genossne Gunst dein Mund, ein Rosenblatt
In goldner Schale, der so lächelnd satt
Der Küsse scheint, gereicht von andern Frauen.


In deinen Augen aber liegt von Trauer
Ein Widerschein, der ihren Glanz umflort,
Wie Himmelsblau, gesehn durch Regenschauer.


Das ist dein Innres, das blieb ungenommen!
Ein tiefes Unbewußtes dämmert dort,
Das nie berührt ward, ehe ich gekommen.



III

Mein Freund, du hast unzählige Gestalten;
Ein Proteus, unerschöpflich wandelbar,
Erscheinst du mir, und staunend nehm ich wahr,
Wie viele Formen sich an dir entfalten.


Bald zeigst du dich bedächtig wie die Alten,
In unversiegter Jünglingsfrische dann,
Bald bist du weiblich mild, bald stolzer Mann,
Erwärmst dich jetzt, um wieder zu erkalten.


Und tiefer Ernst und Übermut des Scherzens
Und jede Regung, der du Untertan,
Verkündiget den Adel deines Herzens;


Denn was in allem Wechsel sich bewahret,
Es ist der Anmut göttliches Arkan,
Das schönen Seelen nur sich offenbaret.



IV

Allein und krank in dumpfer Stubenenge,
Indes der Frühlingstag vom Himmel blaut,
Begeb ich mich, der Phantasie vertraut,
Auf ihrem Flügel in das Weltgedränge.


Und wie ich Wirklichkeit und Traum vermenge,
Stets weiter fühl' ich mich hinweggelockt;
Der leichte Fluß der bunten Bilder stockt,
In Fernen schon verhallen jene Klänge.


Wo keine Zeit ist, fern von jedem Orte
In tiefer Einsamkeit erkenn' ich dich.
Sind's Blicke, sind's gehauchte Liebesworte?


Nicht Ohr vermag, nicht Aug' dich wahrzunehmen,
Als Wunsch umgibst du mich, unkörperlich
Und lebend doch, aus meinem Blut ein Schemen.



V

Von dunklen Künsten hört ich viel berichten,
Von mächtgen Wollens unerforschter Kraft,
Die, losgebunden von des Körpers Haft,
In Ahnungen sich äußert und Gesichten.


Könnt' ich zu meinem Dienste sie verpflichten?
Nie wurde heißre Sehnsucht ausgesandt,
Als ich nach seiner Gegenwart empfand –
Nun denn, so mag ihr Wunder sich verrichten ...


Ach, keine Wirkung übte sie ins Weite!
Sie führte ihn, den ich so sehr begehrt,
Aus seiner Ferne mir nicht an die Seite.


Doch ist vielleicht die Qual in meinem Herzen,
Die brennend mich und unstillbar verzehrt,
Ein magisch Echo seiner eignen Schmerzen.



VI

Schilt nicht ein rätselhaftes mein Betragen!
Das Unaussprechliche, das mich erfüllt,
In schützendes Verbergen eingehüllt,
Kann sich's nicht an die Oberfläche wagen.


Bald möcht ich jauchzen, bald möcht ich verzagen
Ein Flammenelement dringt in mich ein,
Entfacht mit wechselvollem Flackerschein
Die Wunder, die in meinem Herzen tagen.


Wie Blumen sind sie, in entfernten Zonen
Dem heißren Sonnenlicht geboren, die
Der rauhe Hauch des Nordens muß verschonen.


Was ich nicht dir, nicht mir darf eingestehen,
Magst du im Sonnenlicht der Poesie
Enthüllt in blühender Entfaltung sehen.



VII

In deine Hände, diese milden Hände,
Verberg ich tiefbekümmert mein Gesicht.
Was mich erschüttern mag, o frage nicht,
Wenn ich so ratlos stumm zu dir mich wende,


Errat es nicht, durchschau es nicht, und sende
Für mich nur still zum Himmel ein Gebet;
Wenn deiner Liebe Inbrunst darum fleht,
Gewährt er dir, daß dieses Leiden ende.


Es legt ein Heiliger dem armen Kranken
Die gnadenvollen Hände liebreich auf,
Und mit der Kraft gesammelter Gedanken,


Stark durch die Liebe, mächtig durch den Willen,
Tut er sein Werk. Da hält in ihrem Lauf
Selbst die Natur, ein Wunder zu erfüllen.



VIII

»Mein Kind!« Holdseligster der Liebesnamen,
Der in dem Buche unsres Lebens steht!
Er spricht der Liebe, die wie ein Gebet
Für dich aus meiner Seele dringt, das Amen.


Wie sie von deinen Lippen bebend kamen
So schlicht und innig tief, zwei Worte nur,
So werden sie gebenedeit ein Schwur,
Den gute Götter hilfbereit vernahmen.


Sie können jetzt nicht treulos uns verlassen,
Die uns zuerst beseelt mit Himmelskraft;
In ihre Arme werden sie uns fassen,


Und uns auch als Erwählte ihrer Gnade
Aus dem bewegten Meer der Leidenschaft
Emporziehn an ein rettendes Gestade.



IX

Bei jenem Glück, das wir vereint genossen,
Ein Glück, das paradiesisch wunschlos war,
Als ich dich mir gewann und morgenklar
Der Neigung erste Strahlen dich umflossen –


Bei jenen Tränen, die du einst vergossen,
Beredte Zeugen einer heilgen Wahl,
Als sich vor deinem Blick zum ersten Mal
Die Tiefe meiner Liebe aufgeschlossen –


Laß uns, die dunklen Mächte abzuwehren,
Die aus dem Bann sich reißen, der sie hielt,
Das Werk des lichten Reiches zu verheeren –


Wie fromme Seelen weihen Opferkerzen,
Entzündet vor der Himmelsliebe Bild,
Laß uns als Opfer weihen unsre Herzen!


X

Daß ich nur Freundschaft immer dir verheißen,
Als fromme Lüge mußt du es verzeihn.
Pflegt nicht der Himmel gnädig ihr zu sein,
Wenn sie entsprang aus redlichem Befleißen –?


Die Heilige dem Unglimpf zu entreißen,
Die Liebeswerk geheim vollbringen geht,
Ließ er die Gaben der Elisabeth
Im Korb zu Rosen werden, rot- und weißen.


Und es ereignen Wunder sich und Zeichen
Auch heute denen, die im Geist verstehn.
Wer ihm ergeben ist, wird es erreichen,


Daß sich das alte Wunder neu beweise;
Ein Gott gewährt dem gläubigen Erflehn
Noch heilge Rosen statt der irdschen Speise.



XI

So tröst' ich mich mit alter Märchen Kunde,
Die weltentrückt ein schönes Herz ersann;
Indes erweitert sich der Liebesbann,
Der mich bestrickt, zur unheilbaren Wunde.


Und schaudernd seh ich kommen schon die Stunde,
Die mir den Freund auf immerdar verliert,
Wenn erst der Fluch der frommen Lüge wird
Vollzogen sein an unserm Freundschaftsbunde.


Gelingen mag es uns wohl eine Strecke,
Zu täuschen jene finstre Allgewalt,
Die uns tyrannisch opfert ihrem Zwecke;


Erbarmen aber ist nicht ihre Weise,
Und sie verwandelt unerbittlich bald
Die heilgen Rosen uns in irdsche Speise.



XII

Warum verfolgst du mich mit deinen Blicken
Und ängstigst mich mit ihrem stummen Flehn?
Ich furchte mich, dich wieder anzusehn,
In ihren Bann mich tiefer zu verstricken.


Schon ward es Zeit für mich, dich wegzuschicken;
Es ist spät in der Nacht, gehst du nicht fort?
Es ist so still – versiegt Gespräch und Wort –
Es ist so dumpf – die Luft will mich ersticken.


Und still und immer stiller! Ohne Regung
Verharrt er neben mir und lebt nur mehr
Durch seiner Brust hochatmende Bewegung.


Vor meinen Augen seh ich Funken steigen,
Es lagert Dunkelheit sich um mich her –
Mein Gott! Was soll dieß fürchterliche Schweigen?



XIII

Das ist die Stunde, da ich seiner harrte,
Die Stunde der Erfüllung ach nicht mehr!
Jetzt meine Feindin, Zeugin jetzt, wie sehr
Betrogne Hoffnung eine Seele narrte.


Ich horche, ob die Eingangstür nicht knarrte,
Ob draußen sich kein Laut, kein Schritt verrät;
Mit jeder Fiber horche ich, es steht
Mein Atem still: ich warte, warte, warte.


Und immer nichts! O Marter ohne Ende!
Ein Tag geht wie der andre, fort und fort,
Und jeder hat für mich nur leere Hände,


Läßt mich erschöpft, verloren, unbeachtet
Wie einen Zweig, der' abbricht und verdorrt,
Wie eine Pflanze, die im Staub verschmachtet



XIV

So breche denn hervor aus seinen Schranken,
Was zornvoll ist in meiner Brust und hart;
Euch geb ich frei, die ihr gebunden wart
Durch fromme Scheu, abtrünnige Gedanken!


Ich will an den Arzneien nicht mehr kranken,
Durch die das Mitleid Heilung uns verspricht,
An jenem Gift der Güte länger nicht,
Daraus wir unsre schlimmsten Übel tranken.


Willkommen sei der Spott mir, der beherzte,
Der Hohn, der keinen Anblick zagend flieht;
Sie sind allein die kalt entschlossnen Ärzte,


Die leisten, was man ihnen zugemutet:
Vom Rumpf zu trennen das erkrankte Glied,
Das unheilbare, wenn's auch zuckt und blutet.



XV

Gestückelt ist aus leichtzerrissnen Stoffen
-- Almosen, die der Zufall uns verleiht –
Erfahrung, dieses schlechte Bettlerkleid,
Womit wir unser Herz zu schützen hoffen.


Und blieb auch nicht die kleinste Lücke offen,
Kein Panzer ist's, der vor Enttäuschung feit;
Wir sehn sie nicht, wir glauben sie so weit,
Und sind beim nächsten Schritt von ihr getroffen.


Wie der Bandit, der tödtet, um zu rauben,
Wählt sie als ihre Opfer jene sich,
Die reich an goldner Hoffnung sind und Glauben;


Und fühl ich brennen alle tiefen Narben,
Die sie mir schlug, so frag ich seufzend mich,
Ob es nicht besser wäre, gleich zu darben –?



XVI

Was treibt uns mächtig an, uns loszuringen,
Was drängt in jene Höhen uns hinan,
Gewagten Flug, wie Ikarus getan,
Vom Mut des Glaubens trunken, zu vollbringen?


Wir tragen so auf unerprobten Schwingen
Ins fremde Element des Körpers Last,
Wir schweben, bis die Erde nach uns faßt,
Sich auftut, um uns wieder zu verschlingen.


Beglückt, wer auf der erdgebundnen Scholle
Genügsam lebt, der Grenzen sich bewußt,
Ob auch der Himmel sich vor ihm entrolle!


Und doch! Gesellt zu Heiligen und Toren,
Ihm will ich gerne gleichen, dem die Lust
Nach jener Sonnennähe eingeboren.



XVII

Nachtwandelnd durch die dunkle Welt der Dinge
Bin ich verdammt, am Abgrund hinzugehn;
Das Licht, das wecken kann, darf ich nicht sehn,
Nicht lauschen, ob ein Ruf von aussen klinge.


Ach unerlösbar in dem Mauerringe
Des eignen Ichs verzaubert festgebannt,
Streckt ich, vergessen des Geschicks, die Hand
Verlangend aus nach dem, der zu mir dringe.


In meinen Träumen – horch! Ein süßes Locken,
Ein Liebeston! Ich schlug die Augen auf.
Da brauset es um mich wie Morgenglocken,


Vom Himmel fallt's wie Sonnenfeuerregen,
Ein Bild, ein Gott steigt aus der Glut herauf –
Und todbereit stürz ich mich ihm entgegen.



XVIII

Nicht in der Erde Schoß will ich verderben,
Im kalten, ungeliebten Element!
Die Flamme, die in meinem Busen brennt,
Soll nur in Schwesterflammen einstens sterben.


Ihr sollt mit heißem Atem um mich werben,
Dir Töchter wilder Glut; im Liebestod
Will ich euch, wenn ihr festlich mich umloht,
Die Hülle meiner Lebenskraft vererben.


Ein Leben flüchtiger Verklärung weckend
Aus dunklem Erdenstoffe, der euch band,
Zum Himmel sehnend feur'ge Arme streckend,


So seid ihr mir verwandt! Und so verzehrte
Vergeblich lodernd mir in ew'gem Brand
Die Leidenschaft das Herz, das sie ernährte.



XIX

Mir ist, als wäre ich auf einer Reise
Von fernen Ufern her, zu fernen hin;
Denn Zeit und Land, da ich geboren bin,
Sie gaben mir nicht ihre Art und Weise.


Ich gehe einsam abgelegne Gleise;
Gefährten hab ich nicht, der Heimat Laut
In meinem Munde klingt mir nicht vertraut,
Und fremd bin ich im angestammten Kreise.


Erwartend seh ich, wie zu Kampf und Spielen
Des Lebens Fülle Mensch an Menschen drückt:
Ich wag's und trete näher. Von so Vielen


Bin ich allein nicht länger ausgeschlossen.
Verfehlter Mut! Ich bleibe doch entrückt,
Als war ich andrem Element entsprossen.



XX

Ich bin so müde, meine Sohlen brennen,
Ich geh und geh – weiß nicht, wohin ich geh.
Zu wissen glaubt ich es – wüßt ich es je?
Das Ziel ist dunkel, wie wir es auch nennen.


Ich weile nur, um ewig mich zu trennen,
Und Abschied bringt mir jeder neue Schritt:
Was ich geliebt, ich nehme es nicht mit,
Es bleibt zurück, ich darf es nicht mehr kennen.


Der Weg ist weit, von Einsamkeit beschattet,
Die Wolkenwände hängen tief herab –
Weh dem, der vor dem letzten Ziel ermattet!


Er kann nicht vor, nicht mehr zurück sich wenden,
Vor ihm und hinter ihm ein offnes Grab.
Der Weg ist weit. Wann werd ich ihn vollenden?



XXI

O daß ich schon der Welt entflohen wäre,
Und nichts mich bände mehr an ihr Bereich!
Gottsuchenden Anachoreten gleich
Geschieden aus dem menschlichen Verkehre,


Entronnen aller Schmach und aller Ehre,
Möcht' ich, unstörbar mit mir selbst allein,
Behaust in Bergeshöhen einsam sein,
In unzugänglich wilder Felsenleere.


Dann lauscht' ich ruhevoll dem leisen Stöhnen
Des Windes, der um Föhrenwipfel kreist,
Und hörte fern die Wasserfalle dröhnen,


Die in die Nebelschlucht hinunter schäumen,
Und bliebe regungslos, mit reinem Geist
Von einer Welt, die jenseits ist, zu träumen.



XXII

Vor mir mit ausgestorben stillen Räumen
Tut sich die altersgraue Kirche auf,
Entfremdet längst mir in der Zeiten Lauf –
Was mahnt mich jetzt, noch einmal hier zu säumen?


Hier webt wie unter tausendjähr'gen Bäumen
Geheimnisvolles Dunkel, grabeskühl,
Einladend Gram und Lust, das Wehgefühl
Des Lebens, sich in Andacht zu verträumen.


Und wie ich weile, hör ich Stimmen flüstern:
Ihr sprecht, Geschlechter der Vergangenheit,
Um die des Todes Schatten lange düstern,


Und ihr, die, in der Zukunft Schoß verschlossen,
Des Lebens harrt. Es spricht die Ewigkeit
Und nimmt die Seele hin, die ihr entflossen.



XXIII

Gespenstisch seh ich aus dem Dunkel ragen
Des Leidens grauenvollste Vision:
In seiner Todesnot den Gottessohn,
Der schuldlos hat die Schuld der Welt getragen.


Auf seinen Lippen namenlose Klagen,
In seinem Aug die Qual der Kreatur,
An seinem Leib der Marter blut'ge Spur,
So hängt er sterbend an das Kreuz geschlagen.


Und hier, welch unabsehbares Gewimmel
Auf Knien vor ihm! Sie beten, stammeln, schrein,
Sie suchen ihn hoch über sich im Himmel.


Ist er denn auferstanden, wie sie sagen?
Die Welt, sie schreit in unerlöster Pein,
Und der Erlöser bleibt ans Kreuz geschlagen.



XXIV

Vertrieben aus des Glückes Königreichen,
Gebrochen und zerstört, wie er den liebt,
Dem der Gekreuzigte den Glauben gibt,
Beb' ich, daß seine Macht mich wird erreichen.


Und drohend kündet mir des Kreuzes Zeichen:
Ein göttlich Wesen stirbt an diesem Pfahl;
Die Welt der Zeugung ist die Welt der Qual,
Was sie erschafft, es muß dem Tode weichen.


Nicht dieses Bild, das meinen Weg vernichtet!
Ein andres tritt aus Fernen schon hervor:
Noch ist das alte Zeichen aufgerichtet,


Doch wundersam in morgenrotem Glänze
Schwillt um das dunkle Holz ein Rosenflor
Und schließt es blühend ein mit einem Kranze.



XXV

Am Horizont, wo braune Dünste kleben,
Des Erdreichs Atem sich zu Wolken ballt,
Lichtlos erglüht als düstre Ungestalt,
Will sich des Mondes blut'ges Haupt erheben.


Von schattenschwerer Finsternis umgeben,
Ringt er sich los aus dem Bereich der Nacht;
Er steigt empor, bis er in reiner Pracht
Auf seiner Höhe wird entschleiert schweben.


O Erdgenosse Mond, als stumme Frage
Wie oft hab ich den Blick auf deine Bahn
Gerichtet in dem Wirrsal junger Tage!


Werd ich den Nachtgewalten unterliegen,
Die mich bedrohn mit unheilvollem Wahn?
Werd ich im Lichte meiner Höhe siegen?



XXVI

Soll ich das Künftige entschleiert lesen,
In das Vergangne wend' ich meinen Blick;
Was mir auch widerfuhr, als mein Geschick
Enthüllet sich darin mein eignes Wesen.


Von meinen Leiden werd' ich nie genesen!
Die alte Torheit glaubt' ich abgestreift,
Nach langem Irren mich herangereift –
Nun finde ich mich, wie ich stets gewesen.


Durch Rat und Lehre wird kein Mensch geadelt;
Ein schlechter Freund, wer gute Lehren gibt!
Ich will, gepriesen nicht und nicht getadelt,


Erfüllen, was ich bin, und statt zu klagen,
Dem Leben mich vertraun. Du, der mich liebt,
Willst du mich trösten, hilf mir, es ertragen.



XXVII

Zwiespältig Herz, du liebeirres, wähne
Nicht länger eigensinnig, daß dein Los
Mit ihm beschlossen sei! Die Welt ist groß;
Sie birgt noch tausend Hoffnungen und Pläne.


Ach, alle Hoffnungen für diese Träne,
Für diesen Liebesgram geb' ich sie hin,
Will wissen nur, daß ich nicht glücklich bin,
Ist er mir fern, daß ich nach ihm mich sehne.


Denn wie ein Kranker, der nach Leben lechzet
Und nicht nach der verheißnen Seligkeit,
Wenn er auch lebend unter Schmerzen ächzet,


So dürst' ich nach der Liebe Vollempfindung,
Und Liebe will ich ohne Maß, bereit
Zu ihrer schwersten Leiden Überwindung.



XXVIII

Wenn durch mein dunkles Innere die wilde,
Ingrimmig tobende Verzweiflung braust,
Zertrümmernd blindlings mit geballter Faust
Des Glaubens leichtumhegte Traumgebilde,


Da fällt dein Blick mit seiner tiefen Milde,
Dein sanftes Wort so licht in meine Qual
Als nach dem Sturm der Sonne erster Strahl
Auf die gewitterdüsteren Gefilde.


Und wie des neuen Glückes Regenbogen
Sich leuchtend über meinen Tränen spannt,
Kommt auch die alte Götterschar gezogen,


Und aus den Trümmern neuerstanden schimmert
Entgegen ihr das Schloß am Himmelsrand,
Das meine Liebe in die Wolken zimmert.



WANDLUNG UND ENDE





I

Beirrt vom kalten Geiste der Erfahrung,
Der mit des Zweifels Pein die Seele plagt,
Hab ich mir deine Nähe lang versagt,
Und nahm vor dir mein Auge in Verwahrung.


Aus deinem Anblick schöpft die Liebe Nahrung;
Ich sehe dich, der Glaube kehrt zurück,
Der alten Träume wonnevolles Glück:
Dein Angesicht ist ihre Offenbarung!


Die adelige Linie deiner Glieder,
Die rein vom Scheitel zu den Sohlen fließt,
Der sanfte Mund, das Auge, das die Lider


In nachdenklichem Sinnen leicht beschatten –
Sie preisen dich, wie du im Innern bist,
Wie meine Träume dich verkündigt hatten.



II


Wie einen Vorwurf fühl' ich deine Klage,
Daß freudenlos und karg das Leben sei,
Das du vollbringst, ein traurig Einerlei
Von dumpfer Ruhe und erneuter Plage.


Und wieder stell ich mir die bange Frage,
Was ich mit meiner Liebe geben kann ;
Und Leid und Lust, die ich dir angetan,
Leg ich noch einmal prüfend auf die Wage.


Doch wägend bin ich Ärmste schon betrogen;
Das Leid ist schwer, das Glück ist federleicht:
Wie wird da nach Gerechtigkeit gewogen?


Nicht wäge denn, was kostbar ist und selten,
Den Augenblick des Glücks, der Perlen gleicht –
Die herrlichsten, mein Freund, sind die gezählten.



III

Vermöcht ich doch, dir alles zu erzählen,
Was tief im Grund mein Innerstes enthält!
Daß du mich kenntest wahr und unverstellt,
Nicht Schuld und Fehle würd' ich dir verhehlen.


Nur weiß ich nicht zu dir den Weg zu wählen;
Stehst du vor mir, so klingt die Sprache fremd,
Das Wort versagt, es ist der Schritt gehemmt;
Die Brücke scheint mir zwischen uns zu fehlen.


Und dennoch kann ich mich dir nicht verschließen!
Es schwillt die Flut im Herzen mächtig an,
Sich als ein Strom von Versen zu ergießen.


O glaube ihnen! Treu mir selbst geblieben,
Hab' ich erfindend nichts hinzugetan;
Mit meinem Blut ist jedes Wort geschrieben.



IV

Die unser Teil in Schicksalstagen waren,
Erlebnisse, die unser Los gebracht,
Was wir gelitten haben und gedacht,
Das ist ein Schatz, den wir zusammensparen.


Beschenke mich mit allem Wunderbaren,
Du kannst mir geben nichts, was mir gefallt,
Gibst du mir nicht geschenkt das Bild der Welt,
Wie du nach deiner Art es hast erfahren.


Und scheinen dir die letzten Liebesgaben
An mich verschwendet unbelohnt, so sprich –
Was immer du begehrst, du sollst es haben.


Muß ich wie er, der Labans Tochter freite,
Geduldig dienen sieben Jahr um dich:
Bedenk, wie lange ich mich schon bereite!



V

Erschwere nicht mit tausend Hindernissen
Die Frage, die auf meinen Lippen glüht!
Um Antwort dien' ich dir so heiß bemüht,
Als wär's ein einzig Heil mir, sie zu wissen.


Und läßt du länger noch sie mich vermissen,
Du lehrst mich, wie ich sie erkaufen muß;
Mit Liebesfinten, Schmeichelwort und Kuß,
In meinen Armen sei sie dir entrissen!


Verlornes Spiel! Dein Mund bleibt unentsiegelt,
Dein Herz für immer ein verschlossnes Buch.
Es rächen, unbesonnen aufgewiegelt,


Verräterische Mächte mein Beginnen
Im Aufruhr wider mich – und kein Versuch
Hilft mir fortan, das Spiel zurückgewinnen.




VI

So müssen Stolz und Liebe sich bekriegen?
Ist Stolz der Hüter, der das Schloß bewacht
Der Seele vor der Liebe Obermacht?
War es nicht rühmlich dann, zu unterliegen?


Und schwächer stets nach schwer errungnen Siegen
Seh' ich unschlüssig bang dem Kampfe zu.
Nicht länger herrscht mein Ich, nun herrschest du;
Ein neuer König hat den Thron bestiegen.


Ich rufe alle Feinde zu den Waffen,
Stolz, Eigenwillen, Zweifel, klugen Rat,
Um mich zum Sieg noch einmal aufzuraffen;


Da trifft mich tief dein Blick, scheint mich zu fragen,
Warum mein Herz sich dir verschlossen hat –
Und meine Heerschar ist aufs Haupt geschlagen.



VII

Wenn deine Hände sich um meine legen,
Nimmst du zu eigen mich in solche Haft,
Daß meines ganzen Lebens Halt und Kraft
Entschläft in diesem zärtlichen Umhegen.


Von innen aber zückt ein neu Bewegen;
Erglommen heiß in der Berührung Rausch,
Fühl ich zu ungemessnem Liebestausch
Des Blutes Welle fluten dir entgegen.


O Hände voll der Gaben, mir so teuer,
Der Lust geheimstes Wunder tut ihr kund!
Es fließt von euch zu mir ein magisch Feuer,


Verschmelzend ungekannte Elemente,
Die lebend werden erst durch ihren Bund
Und tot sind, wenn sich eins vom andern trennte.



VIII

Zu mächtig hast du mich an dich gezogen!
Laß denn, was meine Liebe will, mich tun,
In trunken tiefer Stille laß mich ruhn,
Den Arm an deine Schulter hingebogen,


Und lauschen, wie in leichtbewegten Wogen
Dein Atem leise auf und nieder schwillt;
Das Leben, das aus deinem Busen quillt,
Ich habe es von dir in mich gesogen.


Du unergründliches Geheimnis, Leben!
Ich fasse, halte dich, ich fühle dich
In meinen Händen glühen und erbeben,


Du strömst mit süßem Schauer auf mich nieder,
Und reicher, voller als du warst, geb ich
Aus mir erhöht dem Gebenden dich wieder.



IX

Ein Opfer will ich ihrer Macht geloben:
Es hat in finstern Stunden mich die Nacht
Mit zauberischem Gifte krank gemacht,
Den Sinn mit Spukgestalten mir umwoben.


In meiner Brust hat sich ein Sturm erhoben,
Der Rauch und Flammen aus dem Blute facht,
Und böse Geister sind darin erwacht,
Die unheilstreuend durch die Adern toben.


Durch Opfer wird kein Nachtgespenst beschwichtigt!
Dich ruf ich an, o Tag, des Lichtes Gott,
Vor dem der wirre Taumel sich verflüchtigt.


Du steigst empor, an deinem Himmelsbette
Verkündet tröstlich dich ein Morgenrot,
Zu dem ich betend meine Seele rette.



X

Der du mich durch das Leben leitest, zünde,
Du Gott, mir wieder deine Leuchte an,
Damit in ihrem Lichte eine Bahn
Sich meinem ungewissen Schritt verkünde.


Hinschreitend blicke ich in finstre Schlünde,
In wehevolle Tiefen bang hinab,
Und vor mir wie ein offnes Flammengrab
Tut sich ein Abgrund auf der Schuld und Sünde.


Dämonen recken sich herauf und lauern
Mit gier'gen Armen, mich hinabzuziehn.
Leb' ich denn noch? Von Fiebertodesschauern


Bis in das Mark verzehrt, wank' ich entkräftet
Durch schwarze Reiche der Verdammnis hin,
Auf jenes Licht mein Auge starr geheftet.



XI

Vor Tag, als nächtlich noch die Stunden schliefen,
Lag ich erwacht und doch entrückt in Traum;
Da fühlt' ich weichen unter mir den Raum,
Ich fiel, ich fiel in bodenlose Tiefen.


An Sternen, die in ihren Kreisen liefen,
Stürzt ich vorüber, ein gefallner Stern.
Schon waren Erd' und Menschen weltenfern,
Verschollen Freundesstimmen, die mich riefen.


Durch ungeschaute Weltallsnächte schwirrend
Reißt mich der Flug mit sich – hinab, empor?
Ich weiß es nicht, im Grenzenlosen irrend.


Muß ich gleich einem Meteor entschwinden,
Das ohne Spur ins Dunkel sich verlor?
Soll ich den Weg auf neuen Bahnen finden?



XII

Im lichtbeglänzten Saal, der heiterprächtig
Zu Spiel und Tanzen Mann und Weib vereint,
Wie lieblich zeigt sich Eros dir! Er scheint
Ein sanfter Knabe, keines Arges mächtig.


Er ruft dich leis, du folgst ihm unbedächtig,
Auf leichtem Fittig gaukelnd lockt er fort.
Eh' du es merkst, verwandelt sich der Ort,
Das Licht erlischt, der Weg wird mitternächtig.


Aus jener lächelnden Gestalt entbindet
Dämonisch riesengroß sich ein Gespenst,
Das dich zu seinen Füßen niederwindet;


Es faßt nach dir, begierergrimmten Strebens,
Ein Schauder weht dich an – und du erkennst
Den unbarmherzgen Schöpfer alles Lebens.



XIII

Im kleinsten Raum, im unermessnen hausend,
Aus Nichts gezeugt, zu Nichts verflüchtigt auch,
In ew'gem Wechsel ewig Eins, ein Hauch,
Und doch dem Sturmwind gleich die Welt durchsausend,


Ein Strom, vom Quell zum Meere rastlos brausend,
Aus Nacht zum Licht, vom Lichte in die Nacht,
Das ist das Leben. Und aus seiner Macht
Verjünget sich Jahrtausend um Jahrtausend.


Weh uns! Erkennest du, was in uns waltet,
Aus unsrem Blute wachsend sich entringt?
Gestalt erstrebt es, selbst noch ungestaltet,


Es hält sich herrisch fest, es will entstehen;
Und was so wild uns zueinander zwingt,
Sind seines Werdens ungestüme Wehen.



XIV

Nie werde ich Erfüllung dir bereiten!
Der Fremdling, der an meinen Schritten hängt,
Er ist's, der zwischen dich und mich sich drängt,
Gespenstisch gegenwärtig allezeiten.


Vermocht es doch dein Kuß, mich wegzuleiten!
Von solcher Überredung gern besiegt,
Zu weltvergessnen Träumen eingewiegt,
Versänke ich mit dir in Seligkeiten.


Durch meine Wonneschauer aber zittert –
Hörst du es nicht? – ein ewiges Warum.
Aus deinen Armen wend' ich mich erschüttert,


Zerrissen fühl' ich die geliebten Bande:
Der Fremdling starrt mich an, der kalt und stumm
Hinausweist in die grauen Nebellande.



XV

»Frönst du wie andre Frauen eitlem Hange,
Treibst du mit mir ein frevlerisches Spiel?
Du lockst mich an, wenn ich entfliehen will,
Du weichst zurück, wenn ich nach dir verlange.


O Weib, o Weiber! Auge, Lippe, Wange,
Der ganze holde Leib – ein Paradies,
Das Gott dem einfältigen Manne ließ,
Darinnen eure Seele wohnt als Schlange.


Zuweilen möcht' ich gläubig vor dir knien,
Dann wieder möcht' ich mit Gewalt, mit List
Dir endlich vom Gesicht die Maske ziehen.


In Haß und Liebe ist mein Herz zerrissen!
Ob du ein Engel oder Dämon bist,
Du rätselhaftes Weib, das will ich wissen!«



XVI

Ach, wer ich bin? Im sterblichen Gewände
Des Körpers, den ich trage, der mich trägt,
Was ist es, das da rätselhaft sich regt,
Mit Lebenseifer an des Grabes Rande –?


So frag' ich, wie an unbewohntem Strande
Schiffbrüchig ein verlorner Fremdling steht
Und ruft – die Welle kommt, die Welle geht,
Bringt Antwort nicht vom jenseitigen Lande.


Bin ich ein Tier, in dessen dunkle Seele
Gestaltend fiel des Lichtes erster Strahl,
Damit es aus dem Staub empor sich quäle?


Bin ich ein Gott, der, aus des Himmels Sphären
Gestürzt in diese Welt voll Schmach und Qual,
Nach seiner Heimat strebt zurückzukehren?



XVII

Willst du dies Herz in seinem Grund verstehen,
Wie es, durch heiße Leidenschaft bedrängt,
Beweglich zwischen Gut und Böse hängt,
Von Leid und Lust ein Kommen und ein Gehen,


Von Schwach und Stark ein wechselndes Geschehen,
Bald in das niedrig Irdische verstrickt,
Bald in das selig Himmlische entrückt –
Du brauchst nur in die eigne Brust zu sehen.


Bin ich mit dir nicht gleicher Art entsprossen,
Nicht so wie Menschen menschlich sind –? Umsonst!
Ich rede, doch es bleibt dein Sinn verschlossen.


Was treibt dich an, erbittert uns zu trennen?
Weil du den gleichen Körper nicht bewohnst,
Kannst du die gleiche Seele nicht erkennen ?




XVIII

Warum ach kann ich nicht zu dir gelangen!
Wie nah du bist, es führt kein Weg zu dir,
Wie nah du bist, du bist doch fern von mir,
Ich halte dich und hab dich nicht umfangen.


Was meine Sinne je von dir errangen,
Das ist ein Teil von dir, das bist nicht du,
Nicht deine Seele neigte sich mir zu,
Wenn meine Arme sehnlich dich umschlangen.


Dem Leibe fluchend, der feindselig trennend
Sich zwischen uns erhebt, verfolg' ich sie,
Demütig flehend bald und bald entbrennend –


Und auf der Schwelle seh' ich sie entweichen,
Die ewig Unzugängliche, und nie
Wird sie mir ihre Hand zum Bunde reichen.



XIX

Und so geschieht mit uns, was unabwendlich,
Wo Mann und Weib erwachen, sich begibt,
Der Täuschung Spiel, die das Geschlecht verübt,
Im Anfang töricht und am Schlüsse schändlich.


Du hast schon oft geliebt – erkenn es endlich,
Der Mann, das Weib, sie sind einander feind;
Ob Körper auch dem Körper sich vereint,
Sie bleiben doch einander unverständlich.


Nur ein Mysterium kann sie verbünden,
Das sie erlöst aus des Geschlechtes Bann:
Es muß ein heil'ges Feuer sich entzünden,


Und wenn, den Opferflammen hingegeben,
Geschmolzen ist darin so Weib als Mann,
Dann mag ein neues Wesen sich erheben.



XX

Ich weiß, du bist dir immer gleich geblieben,
Hast nicht für mich mehr als du kannst getan;
Auf jener Stufe hielt dein Wille an,
Die er von Anbeginn sich vorgeschrieben.


Doch ich, von Sehnsucht aus mir fortgetrieben,
Nach dir streckt' ich mich aus; mit will'ger Hand
Zerbrach ich, was mich an mich selber band,
Und schritt darüber weg, um dich zu lieben.


So fordert es der Liebe tiefstes Leben;
Sie muß empfangen können, was sie gab,
Und was sie will empfangen, muß sie geben.


Kommst du ihr nicht mit deinem Wunsch entgegen,
Du bleibst allein, als lägest du im Grab;
Es wird dein Innerstes sich nie bewegen.



XXI

Mit Tränen hab ich lange nachgesonnen –
Was war es, sag, das zwischen uns geschah?
Hielt ich dich nicht, warst du mir denn nicht nah?
Hatt ich mir nicht zu eigen dich gewonnen?


O Traum der Seele, allzu rasch zerronnen!
Ich glaubte ganz in dich verwebt zu sein,
Wie du in mich. Und sieh, ich war allein
In meiner Liebe Wahnsinn eingesponnen.


Du kamst vorbei; mit deines Wesens Blüte
Halb unbewußt hast du mein Herz berührt,
Da sprang es auf, frohlockte, jauchzte, sprühte,


Geblendet von den eignen Farbenspielen.
Dich aber hat es nicht zu sich verführt;
Stumm gingst du fort nach vorbestimmten Zielen.



XXII

Laß in Betrachtung so mich still versinken,
So Hand in Hand, von Abschiedsweh erfüllt.
Sprich nicht! Das Herz, das sich in Schweigen hüllt,
Darf dann noch einmal deine Nähe trinken.


Ich sehe andre Tage trüb erblinken,
Die Wellen auf dem Strom, der abwärts fließt,
In blumenlose Lande sich ergießt,
Wo keine Kränze mehr der Liebe winken.


An deine Ufer führte mich die Welle,
Ein Fremdling dir, du wußtest nicht woher.
Nun treibt sie mich von der geliebten Stelle,


Nach kältren Meeren wieder fortzuschiffen;
Noch bin ich nah – und bin es doch nicht mehr,
Die Strömung hat mich trennend schon ergriffen.



XXIII

Ein grenzenloses Ineinanderweilen,
Getrennt, um eins zu sein, geteilt erst ganz,
So war für mich in eng verschlungnem Tanz
Der Nähe Glück ein Nehmen, Geben, Teilen.


Für dich war es nur ein Vorübereilen;
Du wußtest nicht, wie nah ich war – da schlug
Die Hand, die ich zu meinem Herzen trug,
Im Ungestüm die Wunden, die nicht heilen.


O bliebe mir zuletzt das Glück der Ferne!
Wie ein Erwachter, den der Gram bedrückt,
Hinwandelt einsam durch die Nacht der Sterne,


Nach ihnen, die in Weltenfernen kreisen,
Mit wunschlos schwermütiger Sehnsucht blickt,
Soll meine Seele Treue dir erweisen.



XXIV

Willst du erlöschen, Flamme, die du Beiden
Ein Reich der Träume vorgezaubert hast?
Die Träume schwinden hin, das Bild verblaßt,
Das sie in königlichen Purpur kleiden.


Das Bild und ihn – nun lern ich unterscheiden!
Der Purpurmantel fällt, ein fremder Mann
Sieht mich aus der zerrißnen Hülle an,
Und was er zu mir spricht und tut, ist Leiden.


Den wunderbaren Freund der ersten Tage,
O Schicksal, daß ich ihn verlieren soll!
Muß es geschehen, daß ich ihm entsage?


Ich stehe noch, die Hände ausgebreitet
Nach dem betörend herrlichen Idol –
Und fühle weinend, wie es mir entgleitet.



XXV

Eh noch die holde Wärme ganz verglühte,
Ja, laß uns scheiden! Frei, aus eigner Wahl!
Nicht soll, verschüttet durch gemeine Qual,
Das Glück ersticken, das aus ihr erblühte.


So bleibst du mir in unverlorner Güte,
Es bleibt der Bund besiegelt, wie er war,
Geschenk des Schicksals, von mir untrennbar,
Das ich als Kleinod meiner Seele hüte.


Mein Freund, du hast in der Verblendung Tagen,
Da mich bedrohte tiefstes Menschenleid,
Gefahr und Not getreu mit mir getragen,


Den Blick in Lebensweiten mir entschleiert;
Und was ich je erleben mag, geweiht
Durch Stunden ist's, die ich mit dir gefeiert.



Erreichbar nicht mehr Wünschen, Klagen, Bitten,
Gingst du dahin – du hast den Weg vollbracht.
Und gleich dem Wanderer, der in die Nacht
Hinaushorcht nach verhallend fernen Schritten,


Eh' sie ins ewig Stille sind entglitten,
Denk ich dir nach in die Vergangenheit.
Blieb nichts von dir zurück aus jener Zeit,
Von Weh und Wonnen nichts, die wir erlitten?


In meinen Händen halt' ich eine Schale
Und hebe sie ans Licht, daß sie erglüht,
Ein Weihgeschenk aus farbigem Opale.


Das Blut der Schmerzen, ungesehn vergossen,
Der Tränen Glanz, in Lust und Qual versprüht,
Lebt unvergänglich in ihr eingeschlossen.

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